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Lioba Werth · Beate Seibt

Jennifer Mayer

Sozialpsychologie –
Der Mensch in sozialen
Beziehungen
Interpersonale und Intergruppenprozesse
2. Auflage
Sozialpsychologie – Der Mensch in sozialen Beziehungen
Lioba Werth
Beate Seibt
Jennifer Mayer

Sozialpsychologie –
Der Mensch
in sozialen
Beziehungen
Interpersonale und Intergruppenprozesse

2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage


Lioba Werth Beate Seibt
Fachgebiet Wirtschafts- und Department of Psychology
Organisationspsychologie University of Oslo
Universität Hohenheim Oslo, Norwegen
Stuttgart, Deutschland

Jennifer Mayer
Zentrum für Soziales und Ökonomisches
Verhalten (C-SEB), Universität zu Köln
Köln, Deutschland

Zusätzliches Material zu diesem Buch finden Sie auf http://www.lehrbuch-psychologie.


springer.com

ISBN 978-3-662-53898-2 ISBN 978-3-662-53899-9 (eBook)


https://doi.org/10.1007/978-3-662-53899-9

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V

Geleitwort zur 1. Auflage

Lioba Werths und Jennifer Mayers Einführung in die Sozialpsychologie vereint gute
Lesbarkeit mit thematischer Breite und wissenschaftlicher Sorgfalt. Von den Grund-
lagen der Informationsverarbeitung und Urteilsbildung über das Wechselspiel von
Fühlen und Denken bis zu klassischen Themen der Einstellungsforschung bietet der
erste Teil des Buches eine ausgezeichnete Einführung in den derzeitigen Forschungs-
stand zur sozialen Kognition. Der zweite Teil wendet sich dann interpersonellen Pro-
zessen zu und behandelt Themen des sozialen Einflusses, Beziehungen in und zwischen
Gruppen sowie Aspekte des prosozialen und antisozialen Verhaltens. Besonders beein-
druckend ist die Fähigkeit der Autorinnen, sozialpsychologische Grundlagenforschung
in alltagsrelevanter Weise zu präsentieren. Dieses Buch zu lesen ist eine Freude – es
wird vielen Studierenden den ersten Zugang zur Sozialpsychologie erleichtern.

Norbert Schwarz
Charles Horton Cooley Collegiate
Professor of Psychology
University of Michigan
Vorwort

Was bringt Sie dazu, dieses Buch zu lesen? Möglicherweise hat ein Dozent es zur
Pflichtlektüre gemacht. Vielleicht haben Sie auch Gutes darüber gehört oder ein Ver-
käufer hat es Ihnen empfohlen. Dies sind Beispiele für sozialen Einfluss, bei dem
andere Menschen beeinflussen, was Sie tun und welche Ziele Sie verfolgen. Sozialer
Einfluss funktioniert dabei immer nach den gleichen Prinzipien, unabhängig davon, ob
Ihnen jemand bei Ihren Vorhaben helfen oder Sie beispielsweise zu einem Spontankauf
überreden will, den Sie hinterher bereuen. Wenn Sie Regeln befolgen und im Sinne
des Allgemeinwohls handeln, etwa wenn Sie nach dem Picknick Ihren Müll wieder
mitnehmen, unterliegen Sie ebenfalls sozialem Einfluss und beeinflussen wiederum
andere. Welche Prinzipien dabei zum Tragen kommen, erfahren Sie in 7 Kap. 2.

Möglicherweise tauschen Sie Notizen zu diesem Buch mit anderen Studierenden


aus, gehen in eine Vorlesung, in der menschliche Beziehungen und Interaktionen
besprochen werden, oder lesen Wikipedia-Artikel zu dem einen oder anderen Thema.
In diesen Beispielen haben Sie ebenfalls Beziehungen mit anderen – Studierenden,
Dozenten und Artikelverfassern. Das Hauptmerkmal dieser Beziehungen ist, dass sie
hilfreich oder kooperativ sind. Sie kommen durch die Hilfe anderer Personen schneller,
besser oder überhaupt erst an Ihr Ziel. Tauschen Sie Notizen aus, helfen Sie sich gegen-
seitig. Haben Sie unter den Mitstudierenden Freunde oder einen festen Partner, so ist
es naheliegend, von diesen eine solche Hilfe zu erwarten. Gegenseitige Unterstützung
ist ein Hauptmerkmal vieler überdauernder sozialer Beziehungen, auf die in 7 Kap. 1
genauer eingegangen wird.

Eine Dozentin, die Ihnen hilft, Theorien und Befunde zu einem Thema zu verstehen,
erhält Gehalt aus Steuergeldern, da Ihre Ausbildung für die Gesellschaft ein wichtiges
Anliegen ist. Kooperation und Hilfe sind also in modernen Gesellschaften in institutio-
nelle Zusammenhänge eingebettet, die weit über das gegenseitige Helfen hinausgehen.
Gerade deswegen sind sie beeindruckende Beispiele für die Kooperationsbereitschaft
und -fähigkeit von Menschen. Der Wikipedia-Artikelschreiber schließlich erhält nicht
direkt etwas von Ihnen, kann aber darauf bauen, dass andere auch Artikel schreiben,
von denen er wiederum profitiert. Man könnte dies als eine ausgedehnte Form von
Gegenseitigkeit bezeichnen. In 7 Kap. 6 erfahren Sie mehr darüber, wann Menschen
bereit sind, anderen zu helfen oder sich auf andere Art kooperativ zu verhalten.

Beziehungen können allerdings auch das Gegenteil sein: Wir können uns gegen-
seitig behindern, bedrohen oder beschädigen. Eine solche von Rivalität geprägte
Beziehung reicht vom sportlichen Wettbewerb bis zum blutigen Krieg. Gemeinsam
ist solchen Beziehungen, dass die Ziele des einen den Zielen des anderen zuwider-
laufen. In einem festen Rahmen und mit klaren Spielregeln, wie beim Fußballspiel
oder bei der Konkurrenz um einen Job, haben viele Menschen Spaß an Wettbewerben,
bei denen sie die eigenen Fähigkeiten unter Beweis stellen können. Hat allerdings
eine Person die Absicht, eine andere zu schädigen, so wird dies im Fußball als Foul
gewertet. Auch außerhalb des Fußballs ist die Schädigung anderer durch aggres-
sive Handlungen ein grober Verstoß gegen die sozialen „Spielregeln“. Da Aggression
VII
Vorwort

ein zwischenmenschliches Verhalten ist, das viel Leid verursacht, beschäftigt sich die
Sozialpsychologie damit, wie Personen- und Situationsmerkmale aggressives Verhalten
vorhersagen. Ziel ist es, Aggression besser zu verhindern oder zumindest einzu-
dämmen. In 7 Kap. 5 erfahren Sie mehr über diese Forschung.

Nicht nur Beziehungen zwischen Einzelpersonen können belohnend und von


Zusammenarbeit geprägt sein oder im Gegenteil von Rivalität und Aggression, auch
Beziehungen innerhalb von Gruppen und zwischen Gruppen haben diese Merkmale.
In 7 Kap. 3 erfahren Sie, welche sozialpsychologischen Phänomene bei Beziehungen
innerhalb von Gruppen wirksam sind. 7 Kap. 4 thematisiert Beziehungen zwischen
Gruppen. Als wichtige Bausteine zum Verständnis dieser Beziehungen hat sich dabei
herausgestellt, wie wir über Gruppen nachdenken, welche Gefühle diese in uns aus-
lösen und wie sich beides in unserem offenen Verhalten widerspiegelt. Wird dieses von
Mitgliedern einer Fremdgruppe als negativ wahrgenommen, so kann sich daraus unter
bestimmten Bedingungen eine Eskalation bis hin zu feindseligen Auseinandersetzungen
ergeben.

Insgesamt ist damit ein durchgehendes Thema dieses Buchs die Bedeutung sozialer
Beziehungen für die Erreichung lebenswichtiger Ziele, entweder in Kooperation oder
in Konkurrenz miteinander. Befunde der Evolutionsforschung zur Entstehung von
kooperativem und feindseligem Verhalten zwischen Individuen und Gruppen legen
nahe, dass sowohl Kooperation und Hilfeverhalten als auch Konkurrenz und feind-
seliges Verhalten eine angeborene Komponente haben, weil sie die Fitness steigern und
daher selektiert wurden. An vielen Stellen dieses Buchs werden die angenommenen
Mechanismen näher beschrieben. Ein weiterer Befund dieser Forschung ist, dass es
nicht eine optimale genetische Ausstattung gibt, sondern dass verschiedene Personen-
merkmale und die damit verbundenen Verhaltensstrategien soziale „Nischen“ aus-
füllen und so die Fitness ihrer Träger positiv beeinflussen können. Um es plakativ
zu machen: Menschen, die sehr großzügig sind, gewinnen damit Freunde, auf die sie
häufig auch bauen können. Damit ist Großzügigkeit eine fitnesssteigernde Strategie.
Geraten sie aber an jemanden, der sie ausnutzt, kann dies ihren Ruin bedeuten und
ihre Fitness deutlich schmälern. In manchen sozialen Umwelten haben daher großzü-
gige Menschen einen Fitnessvorteil, in anderen hingegen haben ihn geizige oder gar
ausnutzende Personen. Da im Durchschnitt betrachtet die verschiedenen möglichen
Strategien alle für sich häufig genug erfolgreich sind, ist keine davon ausgestorben.

Als empirische Wissenschaft hat die Sozialpsychologie es sich zum Ziel gesetzt,
menschliches Miteinander mithilfe von Theorien zu verstehen und zu erklären und
diese Theorien in der Praxis zu überprüfen. Sozialpsychologen überprüfen ihre
Theorien mit einer Reihe von Messmethoden, u. a. Selbstberichten, Verhaltens-
beobachtungen und physiologischen Messungen. Ende des 20. und Anfang des
21. Jahrhunderts haben zwei methodische Entwicklungen die Untersuchung von
Beziehungen stark beeinflusst. Zum einen hat die Neurowissenschaft enorme Fort-
schritte gemacht. So gelingt es inzwischen beispielsweise, die Synchronisation von
Hirnaktivitäten zwischen Personen zu messen, etwa zwischen einer Erzählerin und
ihren Zuhörern, zwischen zwei in eine Art Telefongespräch vertieften Personen
VIII Vorwort

oder auch zwischen Gitarristen beim Duett.1 Andere Beispiele sind zwei in 7 Kap. 1
beschriebene Studien, die die Aktivierung von Angstarealen in Abhängigkeit von
nonverbaler sozialer Unterstützung maßen. Zum anderen sind Menschen global
zunehmend medial vernetzt, und zwar sowohl durch stationäre Computer als auch
besonders durch mobile Smartphones mit zahlreichen Sensoren. Dies verbessert die
Erhebungssituationen u. a. dahingehend, dass nun Folgendes möglich ist:
5 Häufiges Messen von Gedanken, Gefühlen, Handlungen oder Interaktionen mit
Smartphone-Apps, als Selbstbericht, physiologische Messung (beispielsweise Herz-
ratensensor) oder Verhaltensstichprobe (z. B. Bewegungssensor, kurze Tonauf-
nahmen, Nutzungsdauer sozialer Medien). Insbesondere können auf diese Weise
auch Beziehungspartner gemeinsam teilnehmen, und so zu Erkenntnisgewinnen
hinsichtlich beispielsweise der Dynamiken zwischen Partnern beitragen.
5 Die Erhebung großer Stichproben online, was zu einer genaueren Schätzung der
Effektgrößen und zu größerer Generalisierbarkeit der Ergebnisse führt.
5 Die Auswertung komplett anonymer Daten, sog. Big Data, wie beispielsweise die
Vernetzung von Menschen bei sozialen Medien oder die Eingabe bestimmter Such-
begriffe in Suchmaschinen.

Die Erfassung großer Mengen Daten im Alltag statt im Labor führte auch zur
Notwendigkeit der Entwicklung neuer Auswertungsmethoden. Diese erlauben die
Verwendung komplexerer Versuchspläne, wie beispielsweise das Testen mehrerer ver-
mittelnder Prozesse in der gleichen Analyse. Aufgrund dieser methodischen Ent-
wicklungen sowie ihrer gesellschaftlichen Relevanz sind die Themen dieses Werks nach
wie vor Gegenstand intensiver Forschung.

z Übersicht über die Kapitel dieses Buchs


Für das vorliegende Buch haben wir Teil II des einbändigen Werks Sozialpsychologie
(Werth und Mayer 2006) erweitert und aktualisiert. 7 Kap. 1 ist neu hinzugekommen,
und die anderen Kapitel wurden um neue Themen und Befunde ergänzt. In Exkursen
und Illustrationen skizzieren wir außerdem, wie die besprochenen Prozesse ein Licht
auf aktuelle politische und gesellschaftliche Fragen werfen. Teil I des Werks erscheint
unter dem Titel Sozialpsychologie – Das Individuum im sozialen Kontext: Wahrnehmen –
Denken – Fühlen (Werth et al. 2020). Verweise darauf finden Sie im vorliegenden Werk
als „7 Sozialpsychologie I“.

Im Fokus dieses Buchs steht das Individuum in Interaktion mit anderen. In sechs
Kapiteln erhalten Sie Antworten zu unterschiedlichen Themen innerhalb dieses
Forschungsgebiets:

1 Quellen in der Reihenfolge der Beispiele im Text: Stephens, G. J., Silbert, L. J. & Hasson, U. (2010).
Speaker-listener neural coupling underlies successful communication. PNAS, 107, 14425–14430.
Pérez, A., Carreiras, M. & Duñabeitia, J. A. (2017). Brain-to-brain entrainment: EEG interbrain synchro-
nization while speaking and listening. Scientific Reports, 7, 4190. Sänger, J., Müller, V. & Lindenberger,
U. (2012). Intra- and interbrain synchronization and network properties when playing guitar in
duets. Frontiers in Human Neuroscience, 6, 312.
IX
Vorwort

5 Kap. 1 – Beziehungen: Verwandte, Freunde, Kollegen, Partner – in unserem All-


tag verbringen wir die meiste Zeit in relativ stabilen sozialen Beziehungen. Wie
prägen uns diese Beziehungen? Welche Faktoren entscheiden darüber, ob wir eine
Beziehung als unterstützend oder im Gegenteil als belastend erleben? Worauf ach-
ten wir bei der Partnerwahl? Was sind typische Schwierigkeiten in Partnerschaften,
und welche Lösungen hierzu ergeben sich aus der Forschung?
5 Kap. 2 – Sozialer Einfluss: Anschließend befassen wir uns mit dem Einfluss, den
andere – beabsichtigt oder unbeabsichtigt – auf uns ausüben. Wie kann es sein, dass
die Anwesenheit eines Publikums einmal bewirkt, dass ein Akteur das Beste aus
sich herausholt, und ein anderes Mal, dass er völlig versagt? Wieso fällt es uns in
Gruppen manchmal so schwer, unsere eigenen Ansichten zu vertreten, wenn diese
von der Mehrheitsmeinung abweichen? Wie schaffen es andere Menschen immer
wieder, uns dazu zu bringen, etwas zu tun, was wir eigentlich gar nicht wollten?
5 Kap. 3 – Gruppen: Wichtige Teile unseres Lebens verbringen wir nicht alleine,
sondern als Mitglieder verschiedenster Gruppen. Wie beeinflusst es uns, wenn wir
Entscheidungen nicht allein, sondern gemeinsam mit anderen treffen? Hat eine
Gruppe, der wir angehören, Einfluss darauf, welches Verhalten wir zeigen? Wie wird
unsere Leistung davon beeinflusst, wenn wir in der Gruppe statt alleine arbeiten?
5 Kap. 4 – Vorurteile: In engem Zusammenhang mit Gruppen steht das Thema
Vorurteile, d. h. negative Einstellungen gegenüber Angehörigen aufgrund deren
Gruppenzugehörigkeit. Woher kommen Vorurteile, und wie wirken sie sich aus?
Wir finden immer wieder Bestätigungen unserer Vorurteile – heißt das, dass sie
richtig sind, oder spielt uns unsere Wahrnehmung einen Streich? Wieso halten sich
Vorurteile selbst dann hartnäckig, wenn es genug „Gegenbeweise“ gibt? Sind Men-
schen mit weniger Vorurteilen davor gefeit, diskriminierend zu handeln?
5 Kap. 5 – Aggressives Verhalten: Aggressionen treten in allen Gesellschaften auf, und
alle Gesellschaften setzen sich damit auseinander, wie Aggressionen im menschlichen
Zusammenleben eingedämmt werden können. Entsprechend dieser Bedeutung von
Aggressionen für das menschliche Zusammenleben handelt es sich dabei um ein
klassisches Thema der Sozialpsychologie. Woher kommen Aggressionen? Welche
Rolle spielen biologisch-physiologische Faktoren für aggressives Verhalten? Welchen
Einfluss hat das soziale Umfeld auf das Ausmaß aggressiven Verhaltens? Wie wirken
sich gewalttätige Medien auf die Aggressionsbereitschaft aus?
5 Kap. 6 – Prosoziales Verhalten: Ein weiteres Kennzeichen menschlichen
Zusammenlebens ist gegenseitige Hilfe, d. h. prosoziales Verhalten. Es wird
beschrieben, warum wir anderen helfen und warum Hilfe unterlassen wird. Welche
Rolle spielen situative Faktoren für unterlassene Hilfeleistung? Welche Motive
stehen dahinter, dass wir Zeit und Energie für andere aufbringen – möglicherweise
sogar unser Leben riskieren? Helfen wir bestimmten Personen eher als anderen?

Wir haben den Begriff „soziale Beziehungen“ damit bewusst weit gefasst, um deutlich
zu machen, dass soziale Prozesse zu einem großen Teil in überdauernden Beziehungen
stattfinden, d. h. zwischen Menschen, die sich kennen und wiederholt miteinander
interagieren (7 Kap. 1). Die jeweils beleuchteten Prozesse können aber genauso auch
zwischen Fremden ablaufen. Themen wie Medien und Aggression, Hilfeverhalten oder
sozialer Einfluss wurden sogar überwiegend zwischen Fremden untersucht. In die-
sem Buch, wie auch in 7 Sozialpsychologie I, legen wir Wert auf die Erläuterung und
X Vorwort

Erklärung grundlegender sozial-kognitiver Prozesse. Wir beschreiben beispielhaft die


Forschung, die diese Prozessannahmen bestätigt, Anwendungsbeispiele aus der Pra-
xis und gesellschaftliche Problemfelder. Auch jene Prozesse werden dabei erläutert,
die ebenfalls Gegenstand von 7 Sozialpsychologie I sind. Damit ist die Lektüre von
7 Sozialpsychologie I keine Voraussetzung, um dieses Buch zu verstehen.

Wir danken Gelieza Kötterheinrich, Ida Pallin, Anni Jonesdatter Voll, Olivia Pich,
Henning Rognlien, Kamilla Steinnes und Karl Henrik Storhaug Reinås für die Hilfe bei
der Fertigstellung des aktuellen Werks. Thomas Schubert danken wir für hilfreiche Dis-
kussionen und Markus Denzler für die konstruktive Zusammenarbeit.

Lioba Werth
Beate Seibt
Jennifer Mayer
XI

Lernmaterialien zum Lehrbuch Sozialpsychologie – Der


Mensch in sozialen Beziehungen, 2. Auflage im Internet –
www.lehrbuch-psychologie.springer.com

- Zum Lernen, Üben und Vertiefen – das Lern-


center: Zum Lernen und Selbsttesten – und

-
diversen Extras
Für die Lehre – fertig zum Download:
Abbildungen und Tabellen für Dozentinnen
und Dozenten zum Download

Weitere Websites unter www.lehrbuch-psychologie.springer.com

-- Glossar mit über 400 Fachbegriffen


- Vollständige Kapitel im MP3-Format zum

-- Zusammenfassungen der 15 Buchkapitel


Karteikarten, Verständnisfragen und Antworten
-- kostenlosen Download
Karteikarten: Prüfen Sie Ihr Wissen

- Kommentierte Weblinks
Dozentenmaterialien: Vorlesungsfolien,
Abbildungen und Tabellen -- Glossar mit über 100 Fachbegriffen
Verständisfragen und Antworten
Foliensätze sowie Tabellen und Abbildungen für
Dozentinnen und Dozenten zum Download
XIII

Inhaltsverzeichnis

1 Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
1.1 Bedeutung sozialer Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.1.1 Arten von Beziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
1.1.2 Beziehungen und psychisches Wohlbefinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
1.1.3 Beziehungen und physische Gesundheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
1.1.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
1.2 Anziehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
1.2.1 Nähe, Vertrautheit und Ähnlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
1.2.2 Körperliche Attraktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
1.2.3 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
1.3 Paarbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
1.3.1 Was ist Liebe? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
1.3.2 Der Verlauf von Paarbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
1.3.3 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
1.4 Kapitelzusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69

2 Sozialer Einfluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
2.1 Die Anwesenheit anderer beeinflusst die individuelle
Leistung – Soziale Erleichterung und soziale Hemmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
2.1.1 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
2.2 Schwimmen mit oder entgegen dem Strom – Der Einfluss
von Mehr- und Minderheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
2.2.1 Wenn der Strom uns mitreißt – Der Einfluss von Mehrheiten
(Konformität) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
2.2.2 Wenn wenige die Strömung ändern – Der Einfluss von
Minderheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
2.2.3 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
2.3 Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
2.3.1 Soziale Einflussnahme mithilfe situativer Gegebenheiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
2.3.2 Soziale Einflussnahme mithilfe von Beziehungsmerkmalen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
2.3.3 Sozialer Einfluss durch Auslösen eines Verpflichtungsgefühls
beim Gegenüber. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
2.3.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
2.4 Kapitelzusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146

3 Prozesse in Kleingruppen – Intragruppenprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157


3.1 Wodurch zeichnet sich eine Gruppe aus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
3.1.1 Was verstehen wir unter einer Gruppe? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
3.1.2 Wozu bilden Menschen Gruppen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
3.1.3 Welche Kriterien sind bei Gruppenauswahl und Gruppenbildung
bedeutsam? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 162
XIV Inhaltsverzeichnis

3.1.4 Welche Strukturelemente bilden das Grundgerüst einer Gruppe


und welchen Einfluss haben sie auf das Verhalten der Mitglieder? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
3.1.5 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
3.2 Leistungsverhalten in Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
3.2.1 Aufgabenarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
3.2.2 Wenn wir in der Menge untergehen – Soziales Faulenzen und
seine Varianten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
3.2.3 Wenn uns die Gruppe zusätzlich motiviert – Soziale Kompensation
und Unverzichtbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
3.2.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
3.3 Wie beeinflusst die soziale Situation Gruppe Meinungsbildung und
Entscheidungen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
3.3.1 Wenn wir nicht sagen, was nur wir wissen – Der Effekt des
gemeinsamen Wissens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
3.3.2 Gemeinsam sind wir extrem – Gruppenpolarisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 206
3.3.3 Gemeinsam in die Katastrophe – Was man unter dem Begriff
Gruppendenken zusammenfasst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209
3.3.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
3.4 Kapitelzusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215

4 Vorurteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
4.1 Wodurch zeichnen sich Vorurteile aus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
4.1.1 Was genau versteht man unter einem Vorurteil? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
4.1.2 Welche Gruppen sind Gegenstand starker Vorurteile?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
4.1.3 Wie lassen sich Vorurteile messen?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
4.1.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
4.2 Wann und wie kommen Vorurteile zur Anwendung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
4.2.1 Stereotypaktivierung und ihre Auswirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
4.2.2 Wann kommen aktivierte Stereotype zur Anwendung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
4.2.3 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
4.3 Woher kommen Vorurteile? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
4.3.1 Wir und die anderen – Soziale Kategorisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
4.3.2 Wir gegen die anderen – Intergruppenwettbewerb . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
4.3.3 Kontakt als Mittel zur Reduktion von Vorurteilen – Die
Kontakthypothese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 274
4.3.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
4.4 Welche kognitiven Mechanismen tragen zu Vorurteilen bei? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
4.4.1 Wenn wir Zusammenhänge sehen, die gar nicht bestehen –
Illusorische Korrelationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
4.4.2 Was nicht ins Schema passt, wird rekategorisiert – Subtyping . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
4.4.3 Mit verzerrten Ursachenzuschreibungen Vorurteile
rechtfertigen – Attributionale Verzerrungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283
4.4.4 Sich selbst erfüllende Erwartungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
4.4.5 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
4.5 Kapitelzusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301
XV
Inhaltsverzeichnis

5 Aggressives Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323


5.1 Die biologische Grundlage von Aggression und Gewalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
5.2 Einfluss von Gefühlen auf die Entstehung von Aggression . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 334
5.2.1 Provokation und Zurückweisung als Auslöser von Aggression . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335
5.2.2 Frustration als Auslöser von Aggression . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339
5.2.3 Wenn aversive Bedingungen negative Gefühle bewirken –
Der Einfluss situativer Bedingungen auf Aggression . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 341
5.2.4 Aggressionsverschiebung und Katharsishypothese – Kann
„Frust ablassen“ Aggressionen reduzieren? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343
5.2.5 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
5.3 Die Bedeutsamkeit von Normen und sozialem Lernen für
Aggression . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 347
5.3.1 Auswirkungen von Belohnung und Bestrafung auf aggressives
Verhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 348
5.3.2 Auswirkungen sozialer Modelle auf aggressives Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352
5.3.3 Wichtige Quellen der Sozialisationserfahrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 353
5.3.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358
5.4 Situative Einflüsse auf aggressives Verhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358
5.4.1 Deindividuierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 358
5.4.2 Hinweisreize . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 360
5.4.3 Oberflächliches Denken und eingeschränkte Selbstkontrolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363
5.4.4 Fehlattribution (Misattribution) von Erregung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365
5.4.5 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 367
5.5 Einfluss der Medien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 368
5.5.1 Auswirkungen von Gewalt in Film und Fernsehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369
5.5.2 Auswirkungen gewalthaltiger Pornografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373
5.5.3 Auswirkungen gewalthaltiger Videospiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375
5.5.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
5.6 Kapitelzusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 379
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 380

6 Prosoziales Verhalten – Wann und warum wir anderen helfen . . . . . . . . . . . 399


6.1 Warum Hilfe unterlassen wird – Situative Determinanten
von Hilfeverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 403
6.1.1 Stufe 1: War da nicht was? – Auf einen möglichen Notfall
aufmerksam werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 404
6.1.2 Stufe 2: Ein Notfall oder nicht? – Ereignis als Notfall interpretieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 407
6.1.3 Stufe 3: Bin ich gemeint? – Verantwortung übernehmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 411
6.1.4 Stufe 4: Wie könnte ich helfen? – Das Wissen, wie Hilfe zu leisten ist . . . . . . . . . . . . . . . . 416
6.1.5 Stufe 5: Schaffe ich das? – Frage der Handlungsinitiierung
(sich entscheiden zu helfen, einzugreifen und Hilfe anzubieten) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 417
6.1.6 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 422
XVI Inhaltsverzeichnis

6.2 Warum wir grundsätzlich hilfsbereit sind – Motive prosozialen


Verhaltens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423
6.2.1 Biologische Grundlage – Erhöhung der biologischen Fitness durch
prosoziales Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423
6.2.2 Gefühle als Motiv – Empathie und Stimmungsverbesserung als
Gründe für Hilfeverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 428
6.2.3 Prosoziale Normen als Motiv – Wenn wir helfen, weil es sich so gehört . . . . . . . . . . . . . . 438
6.2.4 Zusammenfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448
6.3 Kapitelzusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449
Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 450

Serviceteil
Glossar. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462
Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 485
1 1

Beziehungen
1.1 Bedeutung sozialer Beziehungen – 3
1.1.1 Arten von Beziehungen – 3
1.1.2 Beziehungen und psychisches Wohlbefinden – 22
1.1.3 Beziehungen und physische Gesundheit – 24
1.1.4 Zusammenfassung – 28

1.2 Anziehung – 28
1.2.1 Nähe, Vertrautheit und Ähnlichkeit – 29
1.2.2 Körperliche Attraktivität – 31
1.2.3 Zusammenfassung – 40

1.3 Paarbeziehungen – 40
1.3.1 Was ist Liebe? – 42
1.3.2 Der Verlauf von Paarbeziehungen – 57
1.3.3 Zusammenfassung – 65

1.4 Kapitelzusammenfassung – 66
Literatur – 69

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020


L. Werth, B. Seibt, J. Mayer, Sozialpsychologie – Der Mensch in sozialen Beziehungen,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-53899-9_1
2 Kapitel 1 · Beziehungen

? Was bringt’s? Die sozialpsychologische Perspektive auf


1 1. Welche Bedeutung haben Beziehungen thematisiert u. a., warum Men-
Beziehungen für uns und unser schen Beziehungen eingehen, wie sich diese
Wohlbefinden? unterscheiden, wie sie zu Gesundheit, Glück
2. Welche Faktoren spielen bei der Wahl und Wohlergehen beitragen können und
von Freunden eine Rolle? wie man sie verbessern kann. Antworten
3. Welche Rolle spielt Bindung in auf diese Fragen werden sowohl universelle
Paarbeziehungen? menschliche Bedürfnisse und Reaktionen
4. Welche Rolle spielt körperliche widerspiegeln als auch kulturspezifische
Attraktivität für die Partnerwahl? Gegebenheiten. Da sich die globale Mobili-
5. Was sind typische Stadien von tät enorm erhöht hat und dadurch mehr
Paarbeziehungen? interkulturelle Beziehungen entstehen, sind
6. Wie lassen sich zwischenmenschliche kulturelle Unterschiede in sozialen Nor-
Krisen überwinden? men für Beziehungen ein aktuell bedeut-
samer Forschungsbereich. Gleichzeitig sind
Wann haben Sie sich zuletzt verliebt? Wie
Kulturen nicht statisch, vielmehr verändern
häufig hatten Sie schon Liebeskummer? Hand
sich Bedingungen und Normen für soziale
aufs Herz: Über wen haben Sie sich in den
Beziehungen innerhalb einer Kultur über die
vergangenen Wochen am meisten aufgeregt,
Zeit hinweg. Die Forschung zu Beziehungen
über Ihren Freund/Ihre Freundin, einen Mit-
ist entsprechend immer auch vor dem
bewohner oder Ihre Eltern? Oder auch einen
Hintergrund ihrer Entstehungszeit zu inter-
Dozenten, einen Sporttrainer oder einen
pretieren. Das heißt jedoch nicht, dass sie
Kommilitonen? Ob Liebes-, Arbeits-, Wohn-
wertlos wird, wenn sich manche Rahmen-
beziehung – soziale Beziehungen bestimmen
bedingungen ändern. Beispielsweise gibt es
unseren Alltag. Denn wir verbringen ihn mit
keinen Grund anzunehmen, dass eheähn-
Menschen, mit denen uns, ob gewollt oder
liche Partnerschaften grundsätzlich anders
nicht gewollt, Beziehungen verbinden: Wir
funktionieren sollten als Ehen, auch wenn
haben Freunde, Verwandte, Vorgesetzte, Part-
eine Forschungsarbeit nur Ehen im Blick
ner, manchmal auch Geliebte und zuweilen
hatte. Zwei Fragen ziehen sich daher durch
auch ein paar Feinde.
das ganze Kapitel: Welche psychologischen
Was aber ist eine Beziehung aus sozial-
Aspekte von Beziehungen sind eher bio-
psychologischer Sicht? Unter sozialen
logisch und welche stärker kulturell geprägt?
Beziehungen verstehen wir die Interaktion
Welche bleiben eher stabil und welche ändern
zwischen Menschen, wobei sie sich in ihrem
sich?
Erleben und Verhalten gegenseitig beein-
In diesem Kapitel erfahren Sie, was
flussen. Begeistern Sie sich für eine YouTube-
Beziehungen unterschiedlicher Art aus sozial-
rin, die aber nichts von Ihrer Existenz weiß,
psychologischer Sicht charakterisiert und
so fehlt die Gegenseitigkeit (parasozialer
welche Bedeutung Beziehungen für unser
Kontakt). Hinterlassen Sie einen Kommentar
Wohlbefinden und unsere Gesundheit haben
zu ihrem Video und sie antwortet Ihnen, so
(7 Abschn. 1.1). Anschließend lesen Sie, wel-
haben Sie eine soziale Beziehung.
che Faktoren die Aufnahme einer Beziehung
wahrscheinlicher machen (7 Abschn. 1.2).
Soziale Beziehung
Sie lernen darüber hinaus die sozialpsycho-
Eine soziale Beziehung besteht dann, logische Sicht auf die Thematik „Liebe“
wenn Menschen miteinander interagieren kennen sowie typische Verläufe von Paar-
und wenn sie sich in ihrem Erleben und beziehungen, Forschung zum Umgang mit
Verhalten gegenseitig beeinflussen. Krisen in der Partnerschaft und zu Aus-
wirkungen von Trennungen (7 Abschn. 1.3).
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
3 1
1.1 Bedeutung sozialer dem Beziehungspartner verhalten sollten (wäh-
Beziehungen rend es für einen entfernten Bekannten mög-
licherweise in Ordnung gewesen wäre, dies zu
„Die Hölle, das sind die anderen“ heißt es tun/zu lassen, wäre ein solches Verhalten für
bei Sartre (1991, S. 59). Wenn Sie sich mal eine beste Freundin hingegen unhaltbar). Klas-
wieder so richtig über jemanden ärgern, so sisches Beispiel für die mit einer Beziehungsart
möchten Sie dem vielleicht sogar zustimmen. verknüpften Rollenerwartungen sind die Leh-
Allerdings können „die anderen“ auch der rer- oder die Elternrolle (7 Abschn. 3.1.4). Im
Himmel auf Erden sein. Welche Arten nachfolgenden Abschnitt werden Beziehungs-
von Beziehungen (Verwandte, Bekannte arten vorgestellt, welche sich in zahlreichen
etc.) unser Leben auf welche Weise prä- Kulturen als bedeutsam erwiesen haben.
gen, ist Gegenstand von 7 Abschn. 1.1.1. Im
Besonderen wirken sich soziale Beziehungen, 1.1.1.1 Eltern-Kind-Beziehung
verglichen mit dem Alleinsein, posi- Die Eltern-Kind-Beziehung spielt in allen
tiv auf unser psychisches Wohlbefinden bekannten Kulturen eine wichtige Rolle (For-
(7 Abschn. 1.1.2) und unsere physische tes 1969). Dabei tragen normalerweise beide
Gesundheit (7 Abschn. 1.1.3) aus. Eltern materiell und/oder praktisch zur Auf-
zucht ihrer Kinder bei. Dies ist notwendig, da
menschliche Kinder ausgesprochen „unfertig“
1.1.1 Arten von Beziehungen geboren werden. Über viele Kulturen hinweg
werden Heranwachsende daher erst mit 18
Sprechen wir über soziale Beziehungen, bis 20 Jahren „produktiv“, d. h., erst dann tra-
so spezifizieren wir meist sehr genau, um gen sie mehr zur Ernährung der Gruppe bei,
welche Art von Beziehung es sich han- als sie selbst verbrauchen (Kaplan et al. 2000;
delt. Wir sagen nicht einfach „mein sozialer Kaplan und Robson 2002). In Deutschland
Beziehungspartner“, sondern beispielsweise fällt es insbesondere den Eltern zu, Kinder
„meine Schwiegermutter“, „ein entfernter zu erziehen und ihr grundlegendes Bedürfnis
Bekannter“, „meine beste Freundin“, „meine nach menschlicher Nähe zu erfüllen.
Mitbewohnerin“ und „mein Dozent“. Mit die- Wie Eltern diese Aufgabe erfüllen und
sen Formulierungen übermitteln wir unserem wie Eltern-Kind-Beziehungen damit konkret
Gegenüber weitere relevante Beziehungsaspekte ausgestaltet sind, ist abhängig von den kultu-
wie Beziehungsnetzwerke (die Mutter mei- rell vorherrschenden Normen. Große Unter-
nes Partners), emotionale Nähe (Freund oder schiede finden sich dabei nicht nur zwischen
Bekannter), Rangordnung (beste oder zweit- verschiedenen Kulturkreisen, sondern auch
beste), Geschlecht (Mitbewohnerin ist eine innerhalb eines Kulturkreises über die Zeit
Frau) und beruflich begründete Beziehungen hinweg. So hat beispielsweise in Deutschland
(Dozent). Um verstanden zu werden und zu in den letzten 100 Jahren die Zahl der Kinder
verstehen, ist es in allen Kulturen der Welt pro Paar abgenommen, Frauen sind häufiger
(Fortes 1969) wichtig, soziale Beziehungen berufstätig, Kinder werden häufiger außer-
genau zu beschreiben (nicht nur „Jemand hat halb der Familie betreut, die Haushaltsgröße
das und das gemacht“, sondern „Ein entfernter hat abgenommen, Männer engagieren sich
Bekannter versus meine beste Freundin“). mehr bei der Hausarbeit (wobei Frauen dies-
Dies ist darauf zurückzuführen, dass mit der bezüglich immer noch mehr tun), die Zahl
Beziehungsart kulturell geteilte Erwartungen der Scheidungen und Patchworkfamilien
verbunden sind, beispielsweise darüber, wel- haben zugenommen, ebenso die Zahl der
che Aufgaben und Rechte wir in der jeweiligen interkulturellen Familien. Auch die sozia-
Beziehung haben, welche Funktionen diese len Normen haben sich verändert, und zwar
Beziehungen haben und wie wir uns gegenüber hin zu mehr Fokussierung auf Kindeswohl
4 Kapitel 1 · Beziehungen

und Rechte von Kindern. Wie sich diese Ver- Illustration: Der Rückgang der
1 änderungen auf die Eltern-Kind-Beziehung Prügelstrafe in Deutschland
auswirken, wird im Folgenden beleuchtet. In Deutschland fanden Erhebungen an natio-
nal repräsentativen Stichproben große Rück-
z Die Rolle von Erziehung in der Eltern- gänge vor allem in den schwereren Formen
Kind-Beziehung körperlicher Bestrafung (Bussmann 2004).
Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Vater Der Anteil Jugendlicher im Alter von zwölf
mit seiner Tochter im Supermarkt. Der bis 18 Jahren, der angab, die folgenden For-
Vater erklärt, dass es heute keine Süßigkei- men von Gewalt durch ihre Eltern schon
ten gibt. Die Tochter schnappt sich einen einmal erlebt zu haben, sank zwischen den
Schokoriegel und beginnt, ihn zu entpacken. Jahren 1992 und 2002:
Wie sollte der Vater auf diese „Ungezogen- 5 Leichte Schläge ins Gesicht: Von 81 % auf
heit“ reagieren? Die einhellige Meinung 69 %
lautet hier, dass körperliche Strafen weder 5 Schwerer Schlag ins Gesicht: Von 44 % auf
notwendig noch hilfreich und dass sie mora- 14 %
lisch falsch sind. Seit dem Jahr 2000 ist die 5 Schläge auf den Hintern mit einem Stock:
körperliche Bestrafung von Kindern in Von 41 % auf 5 %
Deutschland unzulässig. Dies war jedoch 5 Geschlagen bis zur Entstehung blauer
nicht immer so. Die aktuell in Deutschland Flecken: Von 31 % auf 3 %
lebende ältere Generation wuchs in einer
Zeit auf, in der auch schwere Prügelstrafen Das Beispiel der Prügelstrafe zeigt eindrück-
noch häufig vorkamen (. Abb. 1.1). West- lich, wie soziale Normen – sowohl deskriptive
europa steht hier an der Spitze eines welt- als auch injunktive (7 Abschn. 2.3.3) – Stan-
weiten Trends zu weniger Gewalt in der dards für Beziehungsrollen darstellen, die
Kindererziehung (Pinker 2011). die Qualität dieser Beziehungen tiefgreifend

. Abb. 1.1 Die körperliche Bestrafung von Kindern durch das Schlagen mit einem Stock auf die Hand war
bis ins 20. Jahrhundert hinein sowohl zu Hause als auch in der Schule üblich. Auch „Tatzengeben“ genannt,
wurde diese Form der Bestrafung als sinnvolle pädagogische Maßnahme in der Schule betrachtet, und erst in
den 1970er Jahren wurden körperliche Strafen in der Schule in der Bundesrepublik generell verboten. (© Klaus
Eppele/stock.adobe.com)
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
5 1
verändern. Denn auch wenn man eine liebe- wurde noch lange nicht zu allen Zeiten so
volle Eltern-Kind-Beziehung nicht gesetz- vertreten, geschweige denn praktiziert. Bei-
lich verordnen kann, so ist es aus Sicht des spielsweise galt es im viktorianischen 19. Jahr-
Kindeswohls auf jeden Fall ein Fortschritt, hundert und bis in die 1950er Jahre hinein als
eine weitgehend furchtfreie Beziehung zu Erziehungsfehler, Babys und Kleinkinder zu
seinen Eltern haben zu können. Der Rück- „verhätscheln“ (also ihnen Zuwendung, Auf-
gang der Prügelstrafe im 20. Jahrhundert merksamkeit und Zärtlichkeit zu geben), ins-
ging einher mit einer Abnahme autoritärer besondere Jungs (. Abb. 1.2). Diese Ansicht
Erziehungsziele (Erziehung zu Gehorsam und wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts
Unterordnung) und einer Zunahme demo- auch von einigen Psychologierichtungen
kratischer Erziehungsziele (Erziehung zu geteilt (Bigelow und Morris 2001), z. B. dem
Selbstständigkeit und Eigenverantwortung; Behaviorismus, welcher zunächst nur auf
vgl. Fuß 2006, S. 118). Diese Änderungen des materielle Belohnungen und Bestrafungen
Erziehungsstils wirken sich positiv auf die fokussierte. John B. Watson (1928), ein füh-
Eltern-Kind Beziehung aus: Sowohl Eltern als render Vertreter des Behaviorismus, gab jun-
auch Kinder schätzten ihre Beziehung noch gen Müttern folgenden Rat: „Umarme oder
nie so gut und emotional warm ein wie gegen- küsse sie [die Babys] niemals, lass sie nie auf
wärtig (Fuß 2006, S. 118; Krieger et al. 2012, deinem Schoß sitzen. Wenn du musst, küsse
S. 47). Im nächsten Abschnitt geht es darum, sie einmal auf die Stirn, wenn sie Gute Nacht
warum ein emotional warmes Verhältnis in sagen. Begrüße sie morgens mit Handschlag.“
der Eltern-Kind-Beziehung wichtig ist. Dass sich das wissenschaftliche Denken und
die empfohlene Praxis der Kindererziehung
z Das Bedürfnis nach Nähe in der radikal verändert haben, verdanken wir u. a.
Eltern-Kind-Beziehung der Erforschung des tierischen Bindungs-
Was, glauben Sie, brauchen Babys? Liebe und verhaltens (Harlow und Zimmermann 1959;
Milch? Stimmt, doch diese einfache Tatsache 7 Beispielstudie 1.1).

. Abb. 1.2 Babys zu küssen und zu umarmen, galt im 19. Jahrhundert als Erziehungsfehler. Heute setzen viele
Eltern auf Tragetücher und Tragegestelle, um viel Körperkontakt zu ihren Babys zu halten, und sein Kind zu
küssen, ist erlaubt! (© STUDIO GRAND WEB/stock.adobe.com)
6 Kapitel 1 · Beziehungen

Beispielstudie 1.1
1
Bindung als Voraussetzung für die Emotionsregulation
Als Harry Harlow in den 1950er Affenbabys konnten zwischen zur Stoffmutter ließ. Sie
Jahren in guter Behavioris- diesen „Müttern“ wählen und verbrachten auch Zeit auf ihr,
mus-Tradition ein Tierlabor verbrachten den Großteil ihrer fanden aber keinen echten
eröffnete, um etwas über Zeit bei der Stoffmutter. Nur Trost: Bei Bedrohung rannten
menschliches Verhalten zu um zu trinken, kletterten sie sie weg oder hockten hilflos
lernen, entschied er sich zur Drahtmutter oder beugten in der Ecke, stereotype
anstelle der sonst üblichen sich zu ihr hinüber. Diese Bewegungen machend.
Ratten für Affen. Als er die Beobachtung widersprach den Harlows Forschung veränderte
Babys von ihren Eltern trennte Vorhersagen behavioristischer die Sicht auf Eltern-Kind-Be-
und sie einzeln in Käfige setzte, Theorien – nach diesen ziehungen bei Menschen
beobachtete er etwas, das hätte die Verstärkung durch nachhaltig. Bei Psychologen
nicht in das behavioristische Nahrung zu einer klaren und in der amerikanischen
Konzept jener Zeit passte: Bevorzugung der Drahtmutter Gesellschaft setzte sich
Die Tierbabys krallten sich an führen müssen. die Erkenntnis durch, dass
ihre Stoffwindeln, wenn diese Weitere Experimente zeigten, körperliche Nähe und
gewechselt werden sollten. dass die Affenbabys in neuen Verlässlichkeit der Eltern die
Als er diesem Phänomen und in angsteinflößenden psychosoziale Entwicklung von
nachging, entdeckte Harlow, Situationen besonders schnell Kleinkindern, insbesondere die
dass die Affenbabys eine klare zur Stoffmutter rannten und Fähigkeit zur Stressregulation,
Präferenz für Stoff anstelle sich an ihr festklammerten. entscheidend beeinflussen.
von Draht hatten. Er bastelte Diejenigen, die ganz ohne Diese Erkenntnisse
zwei Puppen, eine gab „Mütter“ großgezogen mündeten u. a. in größeren
Milch und war aus Draht, die wurden, hingegen reagierten Anstrengungen, Waisenkinder
andere gab keine Milch und anders, selbst wenn Harlow in Adoptivfamilien zu
war mit Stoff überzogen. Die sie nach acht Monaten vermitteln.

Harry Harlows Arbeiten sowie seine Bindungssystem


eigenen Beobachtungen in der Psycho- Das Bindungssystem ist ein
therapie von Kindern und Erwachsenen Motivationssystem, welches durch
legten den Grundstein für John Bowlbys Trennung von der Bindungsperson sowie
Bindungstheorie über die Beziehung zwi- durch Bedrohung, Schmerz und Gefahr
schen menschlichen Kleinkindern und ihren aktiviert wird, um Schutz und Sicherheit
Bezugspersonen (Bowlby 1958, 1969). Danach bei der Bindungsperson zu suchen und
hat das Bindungssystem bei menschlichen damit Angst und Stress zu regulieren.
Kindern die gleichen drei Funktionen wie bei
den Affenkindern (vgl. auch Ainsworth et al.
1978; Cassidy 1994; Contreras et al. 2000; Zur Überprüfung der theoretischen Annahmen
Cooper et al. 1998; Kerns et al. 2007; A. N. Bowlbys entwickelten Ainsworth und Kollegen
Schore 2001; J. R. Schore und Schore 2008). ein Paradigma, den Strange-Situation-Test, in
Diese sind 1) körperliche Nähe zur Bezugs- dem sie Bindungsverhalten von Kleinkindern
person durch Bindungsverhalten wie Augen- beobachten konnten. Dabei fanden sie, dass die
kontakt, Annäherung und Weinen suchen, 2) Kleinkinder unterschiedlich auf die experimen-
Trost von der Bezugsperson erhalten und sich telle Situation reagierten (7 Beispielstudie 1.2).
bei ihr beruhigen und 3) die Bezugsperson als Die Forscher teilten diese Reaktionen in drei
eine sichere Basis benutzen, von der aus man Bindungsstile oder Bindungsmuster ein: sicher,
die Umgebung erkunden kann (vgl. auch Fra- ängstlich-ambivalent und vermeidend. Die
ley und Shaver 2000). sichere Bindung wurde als die ideale Bindung
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
7 1
Beispielstudie 1.2

Strange-Situation-Test
In den Studien von Ainsworth Mutter wieder herein. Die auch auf die Mutter zu, wurde
et al. (1978) wurden Kinder reagierten dabei sehr aber dann sehr anhänglich und
Kleinkinder zwischen zwölf unterschiedlich. Ein Großteil klammerte sich an die Mutter.
und 24 Monaten mit ihren der Kinder rannte auf die Ein Erkunden der Umgebung
Müttern in einen Raum Mutter zu und umarmte sie, war für diese Kinder nach
voller Spielzeug gebeten. sichtbar froh und erleichtert. der Aufregung schwierig
Dort trennte sich die Mutter Nach einer Weile wandten sich (ängstlich-ambivalente
vom Kind, welches mit einer diese Kinder dann wieder dem Bindung). Andere Kinder
fremden Frau allein gelassen Spielzeug zu und erkundeten ignorierten die Mutter, als sie
wurde (und in einer zweiten ihre Umgebung. Dieses wieder ins Zimmer kam, und
Phase ganz allein), was viele Reaktionsmuster nannten die taten so, als hätte ihnen das
Kinder mit Weinen und Protest Forscher sichere Bindung. Ein Ganze gar nichts ausgemacht
quittierten. Dann durfte die kleinerer Teil der Kinder rannte (vermeidende Bindung).

angesehen, da sie hilft, den Stress des Klein- et al. 2007)2. Trennung der Eltern sowie
kinds zu regulieren, und ihm ermöglicht, die Krankheit oder Tod eines Elternteils sind
Welt zu erkunden. Die anderen Bindungs- häufig belastend für Kinder, u. a. weil sie
typen ergeben sich, so Ainsworth et al. (1978), die Gelegenheiten für körperliche Nähe zu
vor allem aus schwankenden oder fehlenden einem Elternteil reduzieren (Amato 2000;
Bindungsangeboten der Bezugsperson. Spendet Bowlby 1988). Allerdings gibt es auch große
die Bezugsperson nicht regelmäßig und ver- Unterschiede, wie gut die Anpassung gelingt
lässlich Trost in Stresssituationen, so entwickelt (Amato 2000). Umgekehrt sind auch Eltern
sich bei dem Kind ein ängstlicher Bindungsstil. an ihre Kinder gebunden. Starke Gefühle
Durch übermäßiges Festhalten versucht es, die elterlicher Liebe sowie Trauer bei Verlust
Gefahr, im Stich gelassen zu werden, zu mini- eines Kinds weisen auf eine biologische Kom-
mieren. Reagiert hingegen die Bezugsperson im ponente der elterlichen Bindung, während
Allgemeinen abweisend auf die Annäherungs- viele konkrete Verhaltensweisen elterlicher
versuche des Kinds, so lernt das Kind, dass es Fürsorge in der jeweiligen Kultur gelernt wer-
keinen Trost erhalten kann. Der Erwachsene den (Bowlby 1988, S. 5). Die wechselseitige
verliert seine Funktion als sicherer Hafen, ein Bindung zwischen Eltern und Kindern bleibt
vermeidender Bindungsstil entwickelt sich. auch im Erwachsenenalter häufig erhalten.
Ängstlich-ambivalente und vermeidende Bin- Insbesondere die heute 20- bis 30-Jähri-
dung werden manchmal auch zusammen- gen (Emerging Adulthood) haben sehr enge
fassend als unsichere Bindung bezeichnet.1 Beziehungen zu ihren Eltern, zum Teil aller-
Neben dem elterlichen Bindungsverhalten dings auch, weil Karriere und Familien-
beeinflussen auch genetische Determinanten gründung sich nach hinten verschieben
den Bindungsstil von Kindern (Costa et al. und mit mehr Unsicherheit belastet sind
2009; Gillath et al. 2008). (besonders bei Studierenden), wodurch die
Für Kinder, die mit beiden Eltern auf- Eltern auch weiterhin als schützender Hafen
wachsen, sind normalerweise beide Eltern und sichere Basis gefragt sind (Seiffge-Krenke
Bindungspartner (Bowlby 1988, S. 11; König 2017).

1 Ein vierter Bindungsstil, das unsicher-des- 2 Allerdings lag der Forschungsschwerpunkt lange
organisierte Bindungsmuster, wurde später von Zeit auf der Mutter-Kind-Bindung, wie beispiels-
Main und Solomon (1986) eingeführt. weise in 7 Beispielstudie 1.2.
8 Kapitel 1 · Beziehungen

Exkurs
1 Kitas
Mit der zunehmenden Kinderbetreuung, wobei auch Beziehung leidet dabei nicht
Berufstätigkeit von Frauen immer mehr Kinder bereits unter der temporären Trennung
und dem gleichzeitigen vor ihrem dritten Lebensjahr und der Verfügbarkeit weiterer
Rückgang der Großfamilie eine Kindertagesstätte Bindungspersonen, wenn die
im 19. Jahrhundert wurde besuchen (52 % der Kinder elterliche Bindungsperson in der
die Kinderbetreuung in in Ostdeutschland und 28 % verbleibenden Zeit einfühlsam
Deutschland mehr und in Westdeutschland; BMFSFJ und zugewandt ist (Ahnert und
mehr institutionalisiert. Der 2017). Insgesamt wurden im Lamb 2004).
erste Kindergarten (damals Jahr 2016 93,7 % der Kinder Damit findet weder die
Kleinkinderbewahranstalt zwischen drei und fünf Extremposition „Eine gute
genannt) wurde bereits Jahren in Westdeutschland in Mutter darf ihre Kinder nicht
in der ersten Hälfte des Kindertagesstätten betreut und weggeben“ noch das andere
19. Jahrhunderts gegründet rund 95,3 % in Ostdeutschland. Extrem „Es ist kein Problem,
(Buchenau et al. 2014). Während diese Entwicklungen schon sehr junge Kinder in
Nach Ende der Nazidiktatur durch wirtschaftliche und die Betreuung zu geben“
wandelten sich Kindergärten ideologische Faktoren bedingt empirische Unterstützung.
zunehmend von bloßen waren, begann man in den Vielmehr legt die Forschung
Aufbewahrungsanstalten zu letzten 20 Jahren verstärkt nahe, dass Eltern und Kind
Bildungseinrichtungen, die damit, psychologische dann von der Betreuung
die frühkindliche Entwicklung Forschungsergebnisse am meisten profitieren,
der Kinder fördern sollten. bei der Ausgestaltung wenn die optimale Form
Hierbei bestanden allerdings der Kinderbetreuung zu der Betreuung im richtigen
große Unterschiede in den berücksichtigen. Eine Alter mit kompetenten
konzeptuellen Grundlagen von wichtige Erkenntnis hierbei Betreuungskräften zur
Kindertagesstätten in Ost- und war, dass Kinder eine stabile Verfügung steht und wenn
Westdeutschland. Während und sichere Bindung zu ihrer auch die Eltern Unterstützung
in der Bundesrepublik in den Betreuungsperson aufbauen finden können, beispielsweise
1960er und 1970er Jahren der können und dass diese durch Beratungsangebote
demokratische Leitgedanke wichtig für ihr psychisches oder ganz praktisch durch
zentral war, nach welchem Wohlbefinden ist (z. B. Ahnert flexible Arbeitszeitregelungen.
sich Kinder zu selbstständig 2010). Dies gelingt jüngeren Verbringen kleine Kinder
denkenden Persönlichkeiten Kindern bis etwa 24 Monate allerdings viele Stunden
entwickeln sollten, beruhte mit Tagesmüttern leichter als täglich in großen Gruppen
das Konzept der Krippen und in Kinderkrippen (Ahnert et al. mit zu wenigen oder zu wenig
Kindergärten in der DDR auf der 2006) und bei kompetenten einfühlsamen Betreuungs-
Ausbildung der „sozialistischen Betreuungspersonen besser personen, so steigt das Risiko
Moral“ der Kinder, die sie zu als bei weniger kompetenten späterer Probleme durch
guten DDR-Bürgern machen (Ahnert et al. 2006; aggressives oder riskantes
sollte (Buchenau et al. 2014, Pierrehumbert et al. 2002). Auch Verhalten und Impulsivität
S. 12). Da in der DDR deutlich eine flexible Eingewöhnungszeit (McCartney et al. 2010;
mehr Frauen berufstätig (Ahnert et al. 2004) und kleine Vandell et al. 2010). Die
waren, existierte dort ein Gruppen (Ahnert 2007) helfen, Forschung unterstreicht die
flächendeckender Ausbau der Stress ab- und Bindungen Wichtigkeit der Eltern-Kind-
Kleinkinderbetreuung mit einer aufzubauen. Gelingt dies, so Beziehung, zeigt aber
Auslastung von beinahe 100 %. können Kinder in Kitas im auch, dass Kinder bereits in
Hierdurch ist es zu erklären, Spiel mit Gleichaltrigen und jungen Jahren von engen,
dass es auch heute noch eine in Gruppenaktivitäten neue kontinuierlichen Beziehungen
höhere Betreuungsquote in Kompetenzen aufbauen (z. B. zu anderen Erwachsenen
den neuen Bundesländern im Ahnert und Lamb 2004), und die und Gleichaltrigen
Vergleich zu Westdeutschland Nachteile unsicherer Bindung im profitieren können. Im
gibt. Heutzutage steht in Elternhaus können ausgeglichen Sinne der Bindungstheorie
Kindergärten bundesweit werden (Egeland und Hiester zeigt sich auch, dass diese
die frühkindliche Bildung 1995; Pierrehumbert et al. 1996; Beziehungen die Grundlage
im Vordergrund der . Abb. 1.3). Die Eltern-Kind- für Kompetenzerwerb sind.
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
9 1

. Abb. 1.3 Kitas waren in Deutschland lange ein ideologisch aufgeladenes Thema. Während sie in Ostdeutsch-
land der Erziehung zum sozialistischen Staatsbürger dienten, gab es in Westdeutschland vielerorts Vorbehalte
gegen Fremdbetreuung. Die aktuelle Forschung dazu zeigt, dass sich die Investition in gute Kitas lohnt. Sehr gut
ausgebildete Fachkräfte, kleine Gruppen und moderne pädagogische Konzepte helfen beim Aufbau sozialer
und kognitiver Fähigkeiten, ohne die notwendige enge Bindung an Bezugspersonen zu vernachlässigen. (©
dglimages/stock.adobe.com)

Nicht in jeder Kultur haben die Eltern Eltern-Kind-Beziehungen von biologischen


einen so prominenten Platz als Bindungs- Bedürfnissen (z. B. dem Bedürfnis nach fes-
partner ihrer Kinder. Stattdessen wachsen ten und verlässlichen Bindungspersonen),
in vielen Kulturen Afrikas, Südostasiens sozialen Normen (z. B. bezüglich körper-
und Lateinamerikas Kinder mit zahlreichen licher Züchtigung) sowie wirtschaftlichen
Bezugspersonen auf, sodass Kleinkinder und kulturellen Rahmenbedingungen (z. B.
mehr Zeit mit Geschwistern, Verwandten der Berufstätigkeit der Mütter) geprägt
und anderen Frauen im Dorf verbringen als sind. In der Forschung hat sich immer wie-
mit den eigenen Eltern (Keller 2011; Vicedo der die Bedeutung von engen und verläss-
2017). Entsprechend sind bei diesen Kindern lichen Beziehungen (Bindung) im Kindesalter
die Bindungsfunktionen anders organisiert, gezeigt. Daneben zeigte sich auch, dass Kin-
und es existieren andere Normen hinsichtlich der nicht nur zur Mutter, sondern auch zu
des optimalen Bindungsverhaltens von Klein- weiteren Personen Bindungen eingehen kön-
kindern (Keller 2013). In westlichen Ländern nen, die für ihre psychosoziale Entwicklung
wurde die Bedeutung von außerelterlicher wichtig sind. Dazu zählen Bindungen zu
Bindung für die Fremdbetreuung in Kinder- Vätern, anderen Verwandten, Tagesmüttern,
tagesstätten untersucht, wobei sich zeigte, Erziehern und – besonders in nichtwestlichen
dass Kinder unter guten Bedingungen sichere Kulturkreisen – anderen Dorfbewohnern.
Bindungen zu ihren Betreuungspersonen auf-
bauen und dass diese Bindungen zentral für 1.1.1.2 Paarbeziehung und Ehe
die psychische, soziale und kognitive Ent- Eine weitere kulturübergreifend bedeut-
wicklung des Kinds sind (7 Exkurs: Kitas). same Beziehung ist die Partnerschaft inner-
Anhand der in diesem Abschnitt halb oder außerhalb einer Ehe. Dieser
betrachteten Beispiele lässt sich ablesen, dass Beziehungstyp ist gleichzeitig eine sexuelle
10 Kapitel 1 · Beziehungen

und soziale Gemeinschaft zwischen zwei belegen. Die sozialpsychologische Forschung


1 oder mehr Menschen. In fast allen Kul- zu Paarbeziehungen weist für homo- und
turen hat sich die Ehe als Institution ent- heterosexuelle Paare vergleichbare Befunde
wickelt, und Hochzeiten sind kulturell auf, allerdings ist die Datenbasis für homo-
vielfältige und universell wichtige Zeremonien – sexuelle Paare deutlich kleiner (7 Abschn. 1.3).
unabhängig davon, ob es sich um mono- oder Dies gilt auch für die Forschung zur Rolle von
polygame Verbindungen handelt (eine Aus- Bindungsstilen in homo- und heterosexuellen
nahme bilden die Mosuo in Südchina, bei Paarbeziehungen (Ridge und Feeney 1998),
denen Ehe selten und verpönt ist; Stacey 2008; um die es im nachfolgenden Abschnitt geht.
. Abb. 1.4).
Die sozialen Normen bezüglich gleich- z Bindung in Paarbeziehungen
geschlechtlicher Partnerschaften haben sich Oben genannte Bindung im Sinne von
in vielen Ländern seit der Jahrtausendwende Bowlbys (1958) Bindungstheorie spielt in
deutlich verändert. 2001 konnten erstmals Paarbeziehungen eine bedeutsame Rolle.
gleichgeschlechtliche Paare in den Nieder- Auch Lebenspartner suchen körperliche
landen heiraten, und seither ermöglichten Nähe zueinander, fühlen sich gestresst, wenn
zahlreiche Länder die Eheschließung oder sie unangenehme Situationen allein meistern
das Eintragen der Partnerschaft, verbunden müssen, suchen und spenden sich gegen-
mit Rechten wie Erbrecht oder gemeinsamer seitig Trost und trauen sich mehr, wenn sie
Adoption. Allerdings gibt es nach wie vor eine zuvor Nähe und Unterstützung von ihrem
Reihe von Ländern, die Homosexualität mit Partner erhalten haben (Hazan und Shaver
empfindlichen Strafen bis hin zur Todesstrafe 1987; Hazan und Zeifman 1994; Shaver et al.

. Abb. 1.4 a–d Hochzeiten sind interkulturell wichtige Zeremonien. Ob die Brautleute sich gegenseitig
wählen oder ob die Verwandtschaft für sie wählt – eine Hochzeit hat traditionell immer Auswirkungen auf
eine ganze Gemeinschaft, da sie die Beziehungen der Freunde und Verwandten untereinander und zu den
erwarteten Kindern regelt. Da aktuell in Westeuropa die Kultur von Independenz geprägt ist, sind auch diese
Auswirkungen geringer und die Rollen der Verwandtschaft weniger festgelegt. Manche Paare betrachten Hoch-
zeit daher als Privatsache und geben ihrer Familie erst nach vollzogener Trauung Bescheid. (a: © goodluz/stock.
adobe.com, b: © Kadmy/stock.adobe.com, c: © TheFinalMiracle/stock.adobe.com, d: © Patrick Ebi Amanama/
africamediaonline/picture alliance)
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
11 1

. Abb. 1.4 (Fortsetzung)

. Abb. 1.4 (Fortsetzung)


12 Kapitel 1 · Beziehungen

. Abb. 1.4 (Fortsetzung)

1988). Normalerweise ist die Bindungs- Ein Großteil der Forschung zur Bindung
beziehung zwischen Lebenspartnern sym- bei Erwachsenen diente der Aufdeckung der
metrisch: Die Partner geben und erhalten Unterschiede zwischen sicher und unsicher
gegenseitig Trost und Unterstützung (Miku- gebundenen Erwachsenen. Es lassen sich
lincer und Shaver 2007). Die Bindungsstile, diesbezüglich zwei bedeutende Erkennt-
die Menschen in Paarbeziehungen zeigen, nisse festhalten: Zuerst und in Überein-
können – analog zu den oben beschriebenen stimmung mit der Bindungstheorie bitten
frühkindlichen Bindungsstilen – in die drei
Kategorien sicher, ängstlich/ambivalent und vermeidend (Bartholomew und Horowitz 1991;
vermeidend eingeteilt werden (z. B. Hazan Fraley et al. 2000). Die Dimension Bindungsangst
und Shaver 1987). Dabei sind, ähnlich wie beinhaltet Sorgen, abgelehnt und verlassen zu
bei den kindlichen Beziehungsmustern, etwa werden. Ein Beispielitem lautet: „Ich habe Angst,
60 % der Erwachsenen in Paarbeziehungen die Liebe meines Partners/meiner Partnerin zu
verlieren.“ Bindungsvermeidung, die zweite
sicher gebunden und je 20 % ängstlich/ambi- Dimension, betrifft den Grad, in dem man es
valent und vermeidend.3 unangenehm findet, von anderen abzuhängen
und anderen emotional nahe zu sein. Ein Bei-
spielitem ist: „Ich ziehe es vor, meinem Partner/
3 In neuerer Forschung werden Bindungsstile meist meiner Partnerin nicht zu nahe zu sein“ (Ehrenthal
anhand zweier Dimensionen gemessen: hoch et al. 2009). Ein sicherer Bindungsstil zeichnet sich
oder niedrig ängstlich und hoch oder niedrig durch niedrige Werte auf beiden Skalen aus.
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
13 1
sicher gebundene Erwachsene ihre Part- Personen mit hohen Werten für Vermeidung
ner häufiger um Unterstützung als unsicher investieren am wenigsten in ihre Beziehungen,
gebundene, wenn sie verängstigt sind. leiden am wenigsten unter Trennungsschmerz
Umgekehrt sind sie auch eher bereit, ihren und zeigen die geringsten Werte in Commit-
verängstigten Partnern Unterstützung zu ment (7 Abschn. 1.3.1) und Beziehungs-
bieten. Damit dient sicher gebundenen zufriedenheit (Mikulincer und Shaver 2007).
Erwachsenen ihr Lebenspartner als eine Dies gilt auch für gleichgeschlechtliche Paar-
sichere Basis, um Herausforderungen zu meis- beziehungen (Elizur und Mintzer 2003; Rami-
tern (z. B. Fraley und Davis 1997; vgl. auch rez und Brown 2010; Ridge und Feeney 1998),
Collins und Feeney 2000; 7 Beispielstudie 1.3). wobei hier die Unterstützung und Akzep-
Dies wurde beispielsweise in einer Studie tanz des sozialen Umfelds für die Beziehung
gezeigt, in der junge Frauen gefilmt wurden, eine wesentliche Voraussetzung für die Ent-
während sie gemeinsam mit ihrem Partner wicklung eines sicheren Bindungsstils dar-
auf eine angsteinflößende Aufgabe warteten. stellen (Elizur und Mintzer 2003).
Sicher gebundene Frauen baten häufiger um
Körperkontakt und emotionale Unterstützung z Stabilität des Bindungsstils
und erhielten auch häufiger unterstützende Eine Annahme Bowlbys (1969) war, dass
Kommentare als unsicher gebundene (Sim- der in der frühen Kindheit erworbene
pson et al. 1992). Bindungsstil eine Art „Arbeitsmodell“ dar-
Zweitens verschlimmern die Attributio- stellt, welches Beziehungen das ganze Leben
nen (Ursachenzuschreibungen; 7 Sozial- lang prägt. Er nahm also an, dass Kinder
psychologie I, Kap. 5), die unsicher gebundene entweder lernen, bei einer Bezugsperson
Personen hinsichtlich des Verhaltens ihres Trost und Unterstützung zu suchen und zu
Partners während und nach schwierigen finden, oder stattdessen eine Variante des
Situationen in der Beziehung machen, ihre unsicheren Bindungsstils erlernen. Danach
Unsicherheiten noch mehr, anstatt sie zu lin- würde man erwarten, dass Bindungsstile
dern (Collins 1996; Simpson et al. 1996). So über das Leben hinweg relativ stabil blei-
empfanden ängstlich-ambivalent gebundene ben. Empirische Untersuchungen dazu
Personen ihre Partner und ihre Beziehung zeigen gemischte Ergebnisse, mit einer
nach einem schwierigen Konfliktgespräch durchschnittlichen Stabilität von r =  0,27
als weniger liebevoll, engagiert, respektvoll zwischen dem Bindungsstil im Alter von
und offen, verglichen mit sicher gebundenen einem Jahr (gemessen mit dem Strange-Si-
Personen (Simpson et al. 1996). Die für tuation-Test; 7 Abschn. 1.1.1.1) und im Alter
einen ambivalenten Bindungsstil typischen von etwa 19 Jahren (gemessen mit Frage-
Ängste und Zweifel führten also zu nega- bögen). Die einzelnen Effekte sind allerdings
tiven globalen Einschätzungen, die diese heterogen und variieren zwischen r = −0,14
Befürchtungen scheinbar bestätigten (obwohl und r = 0,50 (Fraley 2002). Der Strange-Situ-
diese Einschätzungen vom Partner und von ation-Test wird normalerweise mit Müttern
Beobachtern nicht geteilt wurden). durchgeführt, da Babys und jüngere Klein-
In der Folge sind sicher gebundene kinder in vielen Kulturen, Deutschland ein-
Erwachsene in ihren Beziehungen eher zufrie- geschlossen, die stärkere Bindung zu ihren
dener als unsicher gebundene Erwachsene. Müttern haben.4 In einer Studie in Bielefeld
Sicher gebundene Personen sind vertrauens- über die ersten 16 Lebensjahre wurde der
voller und engagierter in ihren Beziehungen, Bindungsstil der Jugendlichen nicht durch
haben positivere Erwartungen an die
Beziehung und sind zufriedener damit als 4 Eine gleich starke Bindung an beide Eltern oder
unsicher gebundene Personen (z. B. J. A. Fee- eine stärkere an den Vater sind jedoch genauso
ney et al. 1994; Hirschberger et al. 2009). gut möglich.
14 Kapitel 1 · Beziehungen

Beispielstudie 1.3
1
Der Partner als sicherer Hafen: Unterstützung erhält vor allem der, der darum bittet
Heterosexuelle Paare (N = 93) umso mehr wurde ihm die ihre Beziehung sehr positiv
zwischen 17 und 33 Jahren oder ihr auch geholfen: sahen, eine Wahrnehmungs-
wurden ins Labor eingeladen durch Zuhören, Trösten, verzerrung auf: Sie nahmen
(Collins und Feeney 2000). Erteilen von Ratschlägen, mehr Unterstützung wahr, als
Ein Partner wurde gebeten, Zeigen von Verständnis tatsächlich gegeben worden
in Anwesenheit des anderen und Aufmerksamkeit. Dies war.
über ein persönliches Problem wiederum verbesserte Damit zeigt diese Studie vor
zu sprechen, welches nicht die Stimmung der allem zwei Dinge:
die Beziehung betraf. Die Hilfesuchenden. 1. Man erfährt insbesondere
Gespräche wurden auf Bindungsstile spielten in dann mehr Trost und
Video aufgenommen und dieser Studie ebenfalls Unterstützung von
anschließend das verbale eine Rolle: Während ein seinem Partner, wenn
und nonverbale Verhalten vermeidender Bindungsstil man deutliche Signale der
ausgewertet. Es zeigte des Hilfesuchenden zu eigenen Hilfsbedürftigkeit
sich, dass diejenigen, die mehr indirekten Versuchen, sendet.
angaben, deutlich unter Unterstützung zu erhalten, 2. Hohe Beziehungs-
ihrem Problem zu leiden, führte, zog eine ängstliche zufriedenheit führt
von ihrem Partner mehr Bindung des Unterstützers an dazu, dass man die
Unterstützung einforderten, den hilfesuchenden Partner Unterstützung des
z. B., indem sie das Problem eine schlechtere Unterstützung Partners als besonders
genau schilderten, ihre nach sich (ein starker Fokus unterstützend erlebt.
Gefühle offenbarten, um auf ihre eigenen Bindungs- Beides stellt vermutlich
Unterstützung baten, bedürfnisse schränkte eine Aufwärtsspirale dar,
weinten oder ein trauriges vermutlich ihre Aufmerksamkeit da eine solch erlebte
Gesicht machten. Je mehr für die Bedürfnisse des Unterstützung wiederum
der Hilfesuchende ein Partners ein). Schließlich die Zufriedenheit mit der
solches Verhalten zeigte, wiesen die Hilfesuchenden, Beziehung erhöhen sollte.

den Strange-Situation-Test mit der Mutter, 1.1.1.3 Geschwisterbeziehungen


sondern vielmehr durch das unterstützende Geschwisterbeziehungen zählen zu den
Verhalten des Vaters im freien Spiel im Alter längsten und prägendsten zwischenmensch-
von zwei Jahren vorhergesagt. Diese Befunde lichen Beziehungen (Conger und Little 2010;
legen den Schluss nahe, dass Bindungsstile . Abb. 1.5). Da Geschwister einen Großteil
sich verändern und unter dem Einfluss neuer ihrer Kindheit und Jugend miteinander ver-
Beziehungserfahrungen weiterentwickeln bringen, formen sich zwischen ihnen oft tiefe
können. Beziehungen, die über die Kindheit und Jugend
Zusammenfassend lässt sich festhalten: hinaus bis ins späte Erwachsenenalter bestehen
Bindungsstile sind für Paarbeziehungen bleiben können. In den meisten Kulturen neh-
wichtig, denn sicher gebundene Partner men Geschwister bedeutende Rollen im Leben
geben sich gegenseitig Unterstützung und ein, wie beispielsweise als Vertraute, Vorbilder
Trost und gehen konstruktiver mit Kon- oder Rivalen (Cicirelli 1995). Diese Rollen neh-
flikten um. Nicht nur Eltern-Kind- und men jedoch in unterschiedlichen Lebensphasen
Paarbeziehungen sind Bestandteile von unterschiedliche Formen an (Whiteman et al.
Kernfamilien (Eltern und Kind oder Kinder), 2011), wie nachfolgend beschrieben wird.
sondern darüber hinaus auch Geschwister, Vor allem in der Kindheit sind die Ver-
um die es daher im nächsten Abschnitt haltensstrukturen und die Kommunikations-
gehen wird. dynamik innerhalb der Familie von großer
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
15 1
Bindung zu ihren Müttern hatten (Volling
2001). Konflikte zwischen Geschwistern kön-
nen auch von anderen Faktoren beeinflusst
werden, z. B. dem Altersabstand und der
Geschlechterkonstellation (Cicirelli 1995).
Diesbezüglich sind Beziehungen zwischen
Geschwistern mit geringem Altersabstand
und desselben Geschlechts häufiger von Kon-
flikten und Rivalität geprägt (Whiteman et al.
2011).
Das Verhältnis zwischen Geschwistern
verändert sich oft mit Beginn der Puber-
tät (Whiteman et al. 2011). Geschwister,
die in ihrer Kindheit eine gute Bindung
zueinander hatten, entwickeln meist eine
noch tiefere, freundschaftliche Beziehung,
u. a. auch deswegen, weil sie zunehmend
soziale Kreise und Erfahrungen miteinander
teilen. Jugendliche Geschwister, deren Kind-
heitsbeziehung von vielen Konflikten geprägt
war, entfernen sich während der Pubertät
meist noch weiter voneinander (Neyer 2002)
und nutzen die von der Identitätsfindung
geprägten Jahre der Pubertät dazu, sich deut-
. Abb. 1.5 Geschwisterbeziehungen sind häu- lich von den eigenen Brüdern oder Schwes-
fig sowohl besonders liebevoll als auch besonders tern abzugrenzen (Arnett 2004). Vor allem
konfliktreich. (© Grischa Georgiew/stock.adobe.com) in westlichen Kulturen ist das Verlassen des
Elternhauses eine wichtige Demarkations-
linie im Übergang zum Erwachsenenalter.
Wichtigkeit für die Qualität des Verhält- Abhängig von der Art des Geschwisterverhält-
nisses zwischen Geschwistern (Milevsky nisses kann diese Phase von Verlust geprägt
et al. 2005). Geschwister, deren Eltern wäh- sein oder auch als Erleichterung erfahren
rend ihrer Kindheit häufiger Konflikte aus- werden (im Falle einer konfliktreichen Vor-
trugen, beschreiben ihre Beziehung im jungen beziehung; Cicirelli 1995). In letzterem Fall
Erwachsenenalter als weniger eng und herz- kann die räumliche Trennung helfen, das
lich als Geschwister, deren Eltern eine har- Geschwisterverhältnis zu entspannen und
monischere Beziehung hatten (Milevsky die Qualität der Beziehung zu verbessern.
2004). Da die frühkindliche Bindung zu den Im mittleren Erwachsenenalter, das meist
Eltern das spätere Bindungsverhalten eines von Beruf, Partnerbeziehungen und Kindern
Individuums auch weiterhin prägt, ist die geprägt ist, nehmen der Austausch und die
Beziehung zu den Eltern während der Kind- emotionale Nähe zwischen Geschwistern häu-
heit ein wichtiger Faktor für die (auch lang- fig ab, und der Kontakt beschränkt sich nur
fristige) Geschwisterbeziehung (Bowlby noch auf besondere Anlässe wie Feiern oder
1969). So war die Beziehung von Geschwister- Geburtstage (Wagner und Schütze 2018).
paaren, die einen unsicheren Bindungsstil Neben dem mehr spezifischen familiä-
zu ihrer Mutter hatten, im Jugendalter deut- ren Kontext spielt auch der breitere kulturelle
lich mehr von Konflikten und Feindselig- Kontext eine entscheidende Rolle für das
keiten geprägt als bei Kindern, die eine sichere Verhältnis von Geschwistern untereinander
16 Kapitel 1 · Beziehungen

(Cicirelli 1995). Geschwisterbeziehungen in haben Eltern gegenüber ihren Kindern und


1 westlichen Kulturen sind meist von Auto- Geschwister untereinander viel Freiraum zur
nomie und Gleichheit (z. B. Gleichbehandlung Beziehungsgestaltung. So können Eltern jedes
durch die Eltern, gleiche Rechte und Pflichten, Kind gleich behandeln, oder sie können Erst-
gleicher Status) geprägt. In anderen Kulturen geborene zur Betreuung ihrer Geschwister
hingegen sind die Beziehungen und sozialen heranziehen oder Brüdern und Schwestern
Rollen innerhalb des Familienkontexts stärker unterschiedliche Aufgaben geben. Nicht-
reguliert. Statt Autonomie stehen hier meist westliche Kulturen haben häufig stärker
gegenseitige Verpflichtungen im Vordergrund. bindende soziale Normen in Bezug darauf,
Da diese Norm- und Rollenerwartungen die welche Rollen Geschwistern in Abhängig-
Form des Geschwisterverhältnisses vorgeben, keit von Geburtsreihenfolge und Geschlecht
z. B. die Rechte und Pflichten eines älteren zukommen.
Bruders gegenüber einer jüngeren Schwes-
ter, sind Beziehungen zwischen Geschwistern 1.1.1.4 Verwandtschafts-
in nichtwestlichen Kulturen oft weniger beziehungen
von offenen Konflikten geprägt (Nuckolls Über die Paar- und die Geschwisterbeziehung
1993). Eine kulturpsychologische Studie, die hinaus spielen auch andere Verwandtschafts-
die Beziehungen zwischen amerikanischen beziehungen eine große Rolle für mensch-
und mexikanischen Geschwisterpaaren mit- liche Gesellschaften. Zum einen sind vor
einander verglich, zeigte, dass ältere Schwes- allem in nichtindustrialisierten Gesellschaften
tern in mexikanischen Familienkontexten oft Beziehungen sowohl zur eigenen als auch
mehr in die Familie eingebunden waren als zur angeheirateten Familie, abhängig vom
in amerikanischen und hierbei die Rolle einer Verwandtschaftsverhältnis, mit besonderen
Vertrauens- und Bezugsperson für ihre jünge- Aufgaben, Pflichten und Rechten belegt (oft
ren Geschwister einnahmen (Updegraff et al. unterliegt besonders die Beziehung gegen-
2005). Schwestern und Brüder in mexikani- über der Schwiegermutter strengen Regeln
schen Familien hatten daher oft eine engere und Vorschriften; Fiske und Fiske 2007). Zum
Bindung und verbrachten mehr Zeit mit- anderen nimmt durch die steigende Lebens-
einander als amerikanische Geschwisterpaare. erwartung die Zahl der Familien, die drei oder
In vielen arabischen Ländern hingegen haben gar vier Generationen umfasst, immer mehr
ältere Brüder die Rolle eines Beschützers zu (vor allem in industrialisierten Gesell-
und übernehmen die Aufgabe, die Ehre ihrer schaften; Roberto und Stroes 1992). Hier-
Schwestern zu verteidigen (Joseph 1994). durch gewinnen vor allem Großeltern eine
Geschwisterbeziehungen sind also vor zunehmend wichtige Rolle innerhalb des
allem in Kindheit und Jugend eine wichtige Familienkontexts, und die Beziehungen zwi-
soziale Ressource.5 In westlichen Ländern schen Großeltern, Eltern und Kindern wer-
den stetig differenzierter, wie nachfolgend,
beschrieben.
5 Allerdings sind Geschwister auch eine Konkur- Familien waren in vorindustriellen Zei-
renz um die Aufmerksamkeit, Zuwendung und ten vor allem wirtschaftliche Institutionen –
Unterstützung der Eltern. Im Schnitt und nach
Kontrolle für Variablen wie sozioökonomischen
zusammengeschmiedet von der Notwendig-
Status ergeben sich für Einzelkinder im Vergleich keit, gemeinsam das Land zu bewirtschaften
zu Kindern mit Geschwistern kaum Unterschiede und sich davon zu ernähren. Eheleute, deren
(Lubbers et al. 2006; Trent und Spitze 2011), in zahlreiche Kinder und viele Verwandte wie
einigen Studien aber Vorteile bei Leistungstests Großeltern, Geschwister, Onkel und Tanten
und Nachteile bei sozialer Kompetenz mit Gleich-
altrigen (Downey und Condron 2004; Kitzmann
lebten zusammen und waren existenziell auf-
et al. 2002; für einen Überblick vgl. Mancillas einander angewiesen (Finkel et al. 2014). Wäh-
2006). rend in traditionellen Familienkontexten klare
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
17 1

. Abb. 1.6 Familien, in denen mehrere Generationen unter einem Dach leben, sind in Deutschland selten
geworden. Aber weiterhin spielen die Großeltern häufig eine wichtige Rolle im Leben ihrer Enkel. (© Monkey
Business/stock.adobe.com)

Rollenverteilungen bestanden, die die Auf- Eltern nur relativ geringen Kontakt zwischen
gaben der Großeltern und die Beziehungen Großeltern und Enkeln zulassen, haben die
zwischen den verschiedenen Familien- Großeltern kaum Einflussmöglichkeiten, weil
mitgliedern innerhalb der Großfamilie klar in unserer Gesellschaft das Erziehungsrecht
definierten, bestehen in heutigen westlichen üblicherweise bei den Eltern liegt. Generell ist
Familiensystemen eine Vielzahl von ver- die Beziehung zwischen Enkeln und Großmüt-
schiedenen Beziehungskonzepten. In manchen tern mütterlicherseits am engsten, wodurch
Familien spielen Tanten, Onkel, Cousinen und diese Großmütter oft eine besonders wich-
Cousins eine große Rolle in der Erziehung und tige und prägende Rolle im Leben ihrer Enkel
Betreuung, aber auch als Freund, Ratgeber einnehmen (Hartshorne und Manaster 1983;
oder Unterstützer, und das emotionale Ver- 7 Exkurs: Warum sterben Frauen nicht nach der
hältnis kann sehr eng sein. Dies ist allerdings Menopause?).6
in Mitteleuropa nicht (mehr) der Normal- Somit lässt sich festhalten: Verwandt-
fall. Großeltern hingegen spielen weiterhin schaftsbeziehungen in westlichen Ländern
eine wichtige Rolle (. Abb. 1.6). Während sind, obwohl wenig festgelegt, doch vielfach
manche Großeltern aktiv an der Sozialisie- sehr eng und wichtig. Am konsistentesten
rung ihrer Enkel beteiligt sind, haben andere
ein mehr distanziertes oder formelles Ver-
hältnis (Roberto und Stroes 1992). Hierbei
6 Evolutionstheoretische Erklärungen für diese
wird das Verhältnis zwischen Großeltern und Befunde führen an, dass Großeltern durch das
Enkeln von einer Vielzahl von individuellen Investieren in ihre Enkel ihre inklusive Fitness
und situationsspezifischen Faktoren beein- steigern und dass Großmütter mütterlicherseits
flusst, z. B. dem Alter der Großeltern und der sich ihrer genetischen Verwandtschaft besonders
sicher sein können – ganz nach dem umgangs-
Enkelkinder, der räumlichen Distanz, aber
sprachlichen Motto „Mother’s baby, father’s
auch dem Verhältnis zwischen Großeltern maybe“ (Jamison et al. 2002; Voland und Beise
und Eltern (Roberto und Stroes 1992). Wenn 2002).
18 Kapitel 1 · Beziehungen

Exkurs
1 Warum sterben Frauen nicht nach der Menopause?
Besagt nicht die Anthropologen und kulturellen Kontexten
Evolutionstheorie, dass die Evolutionsbiologen konnten Großeltern die Aufgabe
biologische Fitness an der in gemeinsamer Forschung übernehmen, zentrale
erfolgreichen Weitergabe der zeigen, dass die Beiträge, Werte und Normen an ihre
eigenen Gene in die nächste die Großeltern zum sozialen Enkelkinder weiterzugeben
Generation hängt? Wenn und materiellen Erfolg ihrer (Bengtson 1985), und dass sie
keine solche Weitergabe mehr Enkel leisten, für diese einen einen wichtigen Beitrag zu
stattfinden kann, worin liegt Fitnessvorteil bringen, den materiellen Ressourcen,
dann der adaptive Vorteil was unsere Langlebigkeit zum sozialen Fortkommen
eines langen Lebens trotz evolutionär gesehen adaptiv und zur Betreuung ihrer Enkel
nachlassender Fruchtbarkeit macht. Dies zeigt sich leisten (Georgas 2003; Kaplan
beider Geschlechter? darin, dass in den meisten und Robson 2009).

ist dies für Beziehungen zu Großeltern der Situation erleben lässt (Cohen et al. 1986). Da
Fall. In nichtwestlichen Kulturen spielen Ver- die Definition von Freundschaft je nach Studie
wandtschaftsbeziehungen ebenfalls eine wich- sehr unterschiedlich ist und Befragte das Wort
tige Rolle, sind aber stärker festgelegt. Neben „Freund“ je nach Kontext und Kultur unter-
Familien und Verwandten haben die meisten schiedlich benutzen, lassen sich nur schwer
Menschen auch einen mehr oder weniger aus- Angaben über die durchschnittliche Zahl der
gedehnten Freundeskreis. Auch dieser erfüllt Freundschaften machen. In den Niederlanden
bedeutsame psychologische Funktionen, wes- gaben Erwachsene im Schnitt an, drei bis vier
halb im Folgenden die wichtigsten Befunde Freunde zu haben (Kalmijn 2003), wobei die
dazu kurz vorgestellt werden. Zahl der Freunde gemäß einer Metaanalyse
mit Datensätzen aus 28 Ländern innerhalb
1.1.1.5 Freundschaft der letzten 35 Jahre abgenommen hat (Wrzus
Im sozialpsychologischen Sinne sind Freund- et al. 2013; . Abb. 1.7).
schaften (damit sind nicht diejenigen auf
Facebook gemeint) freiwillige, auf Gegen- Freunde
seitigkeit beruhende Beziehungen, die wir Freunde sind Menschen, die man mag,
als belohnend empfinden (Wright 1969). deren Gesellschaft man genießt, mit
Genauer gesagt, sind Freunde Menschen, die denen man Interessen und Aktivitäten
man mag, deren Gesellschaft man genießt, mit teilt, die hilfreich und verständnisvoll sind,
denen man Interessen und Aktivitäten teilt, denen man vertrauen kann, mit denen
die hilfreich und verständnisvoll sind, denen man sich wohlfühlt und die emotionale
man vertrauen kann, mit denen man sich Unterstützung gewähren.
wohlfühlt und die emotionale Unterstützung
gewähren (Argyle und Henderson 1990). Für
Menschen jeden Alters sind enge Freund- Mit wem freunden wir uns an, und wel-
schaften ausgesprochen wichtig, sowohl für che Freundschaften bleiben erhalten? Viele
die psychische als auch physische Gesund- Faktoren, die hierfür eine Rolle spielen, wie
heit (Sherman et al. 2000). Freundschafts- physische Nähe, Vertrautheit, gegenseitige
beziehungen haben einen positiven Effekt Sympathie und Ähnlichkeit, sind die glei-
auf das Selbstwertgefühl und bieten soziale chen, die auch für die Partnerwahl wichtig
Unterstützung, die uns resistenter gegen Stress sind (7 Abschn. 1.2). So wurde die Dauer
macht, indem sie uns mehr Kontrolle über die von Freundschaften in einem vierjährigen
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
19 1

. Abb. 1.7 a, b Freunde sind eine wichtige Quelle der Unterstützung, und das weltweit, für beide Geschlechter
und in jedem Alter. Allerdings neigen wir dazu, diese zu vernachlässigen, wenn wir eine festere Partnerschaft
eingehen. Forschungsbefunde sprechen dafür, dass es sich lohnt, besonders in dieser Phase „am Ball zu blei-
ben“. (a: © lassedesignen/stock.adobe.com, b: © diego cervo/Fotolia)

Längsschnitt von der erlebten Unterstützung und das Kontrollerleben, zwei wichtige soziale
und Nähe sowie von der Kontakthäufigkeit Motive (Fiske 1991; 7 Abschn. 1.1.2). Aller-
vorhergesagt. Darüber hinaus wurde die Nen- dings ist nicht jeder in der Lage, Freund-
nung als bester Freund durch das Gefühl vor- schaften zu knüpfen und zu pflegen, die auch
hergesagt, dass diese Person unsere Identität soziale Unterstützung bieten. Vielmehr sagt
bestätigt und anerkennt (Weisz und Wood eine Reihe persönlicher Fertigkeiten wie der
2005). Dies unterstreicht die wichtige Rolle Mut, auf andere zuzugehen und sich ihnen
von Freundschaften für das Selbstwertgefühl gegenüber zu öffnen, oder die Bereitschaft, für
20 Kapitel 1 · Beziehungen

andere da zu sein, vorher, wem dies besonders Teil ihrer Zeit mit Kollegen und Mitarbeitern
1 gut gelingt (Cohen et al. 1986). und teilen wichtige berufliche Interessen
In der Kindheit und Jugend sind Freund- und Ziele. Dies ist oft die Grundlage für die
schaften äußerst bedeutsam für die Inter- Entstehung enger und lang anhaltender
nalisierung von sozialen Normen und Regeln. Freundschaften (Sias und Cahill 1998). Hierbei
Das ständige Feedback, das Kinder durch können Freundschaften am Arbeitsplatz die
Freunde erhalten, hilft ihnen, ihre Selbst- Zufriedenheit mit dem Arbeitsumfeld deut-
wahrnehmung zu entwickeln und eine eigene lich erhöhen und die Produktivität in Teams
Identität zu formen (Sherman et al. 2000). steigern (Berman et al. 2002). Andererseits
Freundschaften wirken auf Kinder intellek- können Freundschaften am Arbeitsplatz auch
tuell stimulierend (Asher und Parker 1991) zu Problemen führen, da sich persönliche
und stärken ihr Selbstwertgefühl (Sherman und professionelle Rollen vermischen. Wenn
et al. 2000), weil man anerkannt und gemocht Freundschaften am Arbeitsplatz durch Kon-
wird. Dies kann auf zwei Wegen passieren: flikte belastet sind, kann dies in emotionalem
Entweder der Freund oder die Freundin ist Stress und Frustration resultieren und in eini-
besonders empathisch und sozial kompetent gen Fällen gar die Aufgabe der Stelle nach
und deswegen ein guter Freund, oder er oder sich ziehen (Sias et al. 2004).
sie ist besonders populär, sodass der eigene Wie im privaten Bereich bestehen auch bei
Selbstwert dadurch steigt, dass man mit einer Freundschaftsbeziehungen am Arbeitsplatz
beliebten Person assoziiert wird (Lansu und einige bedeutende Geschlechtsunterschiede.
Cillessen 2012; Meuwese et al. 2017; Poorthuis Demnach suchen und finden Frauen in
et al. 2012). Freundschaften am Arbeitsplatz mehr emo-
In der Jugend verändern sich Freund- tionale Nähe und soziale Unterstützung, wäh-
schaftsbeziehungen meist und sind mehr rend für Männer funktionale Unterstützung
als in der Kindheit durch Vertrautheit und in arbeitsrelevanten Aufgabenbereichen und
emotionale Intimität geprägt (Sherman et al. Karrierevorteile durch Freundschaften an
2000). Durch die zunehmende Autonomie der erster Stelle stehen (Morrison 2009). Dies hat
Jugendlichen steigt die Bedeutung von Freun- zur Folge, dass Frauen mehr unter Konflikten
den und Freundescliquen, sodass Jugendliche und der Beendigung von Freundschaften am
im Durchschnitt die meiste Zeit mit Gleich- Arbeitsplatz leiden als Männer und aufgrund
altrigen verbringen. Die Unterstützung von dessen häufiger ihre Stelle kündigen. Dies
Freunden im Übergang zum Erwachsenen- kann auch (zumindest teilweise) erklären,
alter ist besonders wichtig und hilft, die nega- warum für Männer die Anzahl der Arbeits-
tiven Effekte von Stress und Unsicherheit in freundschaften einen wichtigen Faktor in der
dieser Lebensphase auszugleichen. Jugend- Jobzufriedenheit darstellt, für Frauen aber
liche Mädchen haben hierbei im Durchschnitt nicht.
mehr intime Freundschaften zu anderen Mäd-
chen als gleichaltrige männliche Jugendliche Im Laufe des Erwachsenenlebens nehmen
zu anderen Jungen (Lempers und Clark-Lem- die Anzahl der Freunde und die Häufigkeit
pers 1992). der Kontakte ab. So hatten junge Singles im
Schnitt 13 bis 14 Kontakte mit Freunden pro
Illustration: Freundschaften am Monat, während die Eltern erwachsener Kin-
Arbeitsplatz der gerade einmal noch fünf bis sechs hatten.
Neben dem privaten Bereich ist auch der Besonders der Beginn einer Paarbeziehung
Arbeitsplatz eine Umgebung, in der Men- und der Zeitpunkt des Zusammenziehens
schen in vielen verschiedenen Kulturen wich- mit einem Partner sind mit einem Verlust der
tige Freundschafsbeziehungen aufbauen. Anzahl der Freunde und der Kontakthäufig-
Viele Berufstätige verbringen einen großen keit mit diesen verbunden (Kalmijn 2003).
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
21 1
Dies bedeutet einen Wegfall der wichtigen Freundschaft bis dato durch Blutsbruderschaft
Funktionen, die Freundschaften aufgrund besiegelt. Auch Beziehungen innerhalb einer
einer Konzentration auf Partnerschaft und bestimmten Altersgruppe, die innerhalb einer
Familie erfüllen. Dies kann zu einer Über- Zeitspanne initiiert wurden (d. h. gemeinsam
frachtung der Partnerschaft oder Ehe mit ein Ritual durchliefen, welches sie in den
psychologischen Bedürfnissen – der Part- Kreis der Erwachsenen aufnahm), sind oft
ner als emotionale Stütze, zur Steigerung durch enge Freundschaft geprägt (Fiske und
des Selbstwertgefühls und für persönliches Fiske 2007). Zum Beispiel halten diese Per-
Wachstum – und damit zu Partnerschafts- sonen engen Kontakt zueinander, helfen sich
konflikten führen (Finkel et al. 2014). gegenseitig und besprechen gemeinsam wich-
Im Alter wird zunehmend deutlich, dass tige Entscheidungen.
Freundschaften auch eine wichtige Ressource Freundschaften sind universell und
für die Gesundheit sind. Schon in jungen gerade aufgrund ihrer Freiwilligkeit wichtige
Jahren stellen Freunde einen Puffer gegen soziale Beziehungen. Wir wählen Freunde,
Stress dar (z. B. Holtzman et al. 2017). So die uns guttun und die wichtige soziale
kann die Anwesenheit eines Freundes in einer Motive wie dasjenige nach Zugehörigkeit,
Stresssituation die Kortisolausschüttung als Selbstwertbestätigung, Vertrauen und Kon-
physiologische Stressreaktion abschwächen trolle befriedigen (7 Abschn. 1.1.2). Freund-
(Heinrichs et al. 2003). Entsprechend gehen schaften sind über die ganze Lebensspanne
auch Freundschaften im Alter mit besserer hinweg wichtig für unser Wohlbefinden und
psychischer und physischer Gesundheit ein- besonders im Alter auch für unsere physische
her (Adams und Blieszner 1995; Adams und Gesundheit (7 Abschn. 1.1.3). Da Freund-
Taylor 2015; Fiori et al. 2007; T. Li und Zhang schaften symmetrische Beziehungen sind,
2015; Litwin und Shiovitz-Ezra 2011; Litwin ist eine wichtige Voraussetzung dafür, gute
1998). Während ein Teil dieses Effekts dar- Freunde zu haben, anderen ein guter Freund
auf zurückzuführen ist, dass fittere Ältere zu sein.
Freundschaften besser pflegen können (T. Li
und Zhang 2015), weisen zahlreiche Befunde 1.1.1.6 Bekannte
darauf hin, dass Freundschaften durch ihre Neben echten Freundschaften hat jeder
emotionalen und instrumentellen Funktionen Mensch auch einen mehr oder minder
(7 Abschn. 1.1.3) auch kausal die Gesundheit umfangreichen Bekanntenkreis. Kenn-
beeinflussen (z. B. Berkman et al. 2000). zeichnend für Bekanntschaftsbeziehungen
Freundschaften haben in allen Kultu- ist, dass sie als sog. schwache Verbindungen
ren einen hohen Stellenwert. Bei den Jäger- (Weak Ties, Granovetter 1973) gelten, da
und Sammlerstämmen Agta und Bayaka in man mit jedem einzelnen Bekannten (z. B.
Afrika und Südostasien hat jeder Erwachsene einem Nachbarn) relativ wenig Zeit ver-
eine bis vier enge Freundschaftsbeziehungen bringt, die Beziehung emotional nicht inten-
neben seinen engen Verwandtschafts- siv und wenig intim ist und man sich wenig
beziehungen, was eine effiziente kulturelle verpflichtet fühlt, sich gegenseitig zu hel-
Wissensweitergabe sicherstellt (Migliano et al. fen. Das Aufrechterhalten einer immer
2017). Freundschaften können je nach Kultur größeren Anzahl von Bekanntschaften
entweder spontan entstehen oder durch Tra- wird durch soziale Medien sehr erleichtert.
ditionen festgelegt sein. So ist in katholischen Diese zunehmende Vernetzung im Web
Ländern traditionell die Beziehung zwischen 2.0 („jemanden zu kennen, der jemanden
dem Paten und den Eltern des Patenkinds, kennt“), ermöglicht nicht nur den Austausch
Compadrazgo, eine wichtige Freundschafts- sehr nützlicher Informationen, sondern
beziehung. In vielen afrikanischen Kulturen, zunehmend auch den Austausch von Gütern
aber auch anderen Teilen der Welt, wird enge und Dienstleistungen (bekannt geworden als
22 Kapitel 1 · Beziehungen

Sharing Economy7) sowie das heute gerade Sicherheit sowie eine sichere Basis finden
1 im Berufsleben wichtig gewordene Net- und Zuneigung erfahren. Beide Beziehungs-
working (Röll 2008). Insbesondere bringt die- arten werden zudem von gesellschaftlichem
ses Netzwerk Personen zusammen, etwa für Wandel beeinflusst. So hat die heute selbst-
Beziehungen, Karrieren und Informations- verständlichere Berufstätigkeit von Frauen
austausch, z. B. im Sinne von: „Die Tochter eine Reihe von Auswirkungen sowohl auf
einer Bekannten sucht einen Praktikumsplatz Eltern-Kind- als auch auf Paarbeziehungen,
in deiner Branche. Kennst du vielleicht wie beispielsweise eine stärkere Bindung auch
jemanden?“ So zeigten Angestellte, die mehr junger Kinder an ihre Väter und an außerfa-
Kollegen hatten, mit denen sie Ratschläge miliäre Betreuungspersonen sowie flexiblere
und Information austauschten, eine höhere Rollen in Paarbeziehungen. Darüber hinaus
Arbeitsleistung als solche, die weniger sozial ließ sich nachweisen, dass Geschwister oft
eingebettet waren (Sparrowe et al. 2001). ein Leben lang wichtige Beziehungspartner
Bekanntschaften verknüpfen Men- sind und dass unter den übrigen Verwandten
schen auch innerhalb von Gemeinschaften, insbesondere die Großeltern eine Beziehung
Clubs, politischen Bewegungen, z. B. die zu ihren Enkeln aufbauen und wichtige Auf-
Kirchengemeinde, die Dorf- oder Stadtteil- gaben bei der Kindererziehung übernehmen.
gemeinschaft oder eine Interessenvertretung Zudem zeigte sich, dass Freunde weltweit
Transsexueller. Damit stärken Bekannt- eine große Rolle spielen, da sie unser Selbst-
schaften soziale Identitäten und Gruppen- bewusstsein stärken, wir viel von ihnen ler-
zugehörigkeit (Ashmore et al. 2004; Kingsley nen und auf vielfältige Weise unterstützt
und Townsend 2006; 7 Abschn. 3.1.2). Dies werden. Nicht zuletzt sind auch Bekannt-
wiederum kommt den Gemeinschaften inso- schaftsbeziehungen wichtig, da sie Menschen
fern zugute, als eine große soziale Vernetzung, in ein Beziehungsgefüge einbetten, welches
auch Social Capital genannt, eine größere verschiedene Funktionen erfüllt.
Ressource für ihre Mitglieder darstellt, um
gemeinsam Ziele zu verfolgen und Unter-
stützung zu erhalten (Pretty 2003). Das feh- 1.1.2 Beziehungen und psychi-
lende Eingebettetsein in Gemeinschaften ist sches Wohlbefinden
ein Aspekt von Einsamkeit (7 Abschn. 1.1.2)
und geht damit mit schlechterem psychischem Sicherlich haben Sie schon an sich selbst
Wohlbefinden einher (Chipuer 2001; Pflum beobachtet, wie eine gute Party, ein gutes
et al. 2015). Diese Funktionen können durch Gespräch oder gemütlich zusammen auf
Begegnungen oder medial vermittelten Kon- der Couch zu sitzen, Ihre Laune verbessert.
takt (z. B. soziale Medien) oder eine Kombi- Menschen sind allgemein besser gelaunt,
nation daraus verwirklicht werden (Riedl et al. wenn sie mit anderen Menschen zusammen
2013). sind (z. B. Berscheid und Reis 1998; Kahn-
Zusammenfassend zeigt die sozial- eman et al. 2004). Des Weiteren führen ein
psychologische Forschung zu Eltern-Kind- größeres soziales Netzwerk sowie häufigere
Beziehungen und Paarbeziehungen, dass Sozialkontakte zu mehr Lebenszufrieden-
Bindung sowohl als Kind als auch später heit (Kawachi und Berkman 2001; Powdt-
als Partner eine bedeutsame Rolle spielt, havee 2008). Dies ist allerdings nur der Fall,
da wir bei geglückter Bindung Schutz und wenn man diese Personen auch regelmäßig
trifft, da man sich nur dann Freunden und
Familienmitgliedern nahe und von ihnen
7 Der Begriff Sharing Economy bezieht sich auf unterstützt fühlt (Lima et al. 2017). Negative
eine geteilte Nutzung von ganz oder teilweise Sozialkontakte (z. B. Menschen, die einen aus-
ungenutzten Ressourcen. nutzen oder verärgern) wirken sich hingegen
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
23 1
nachteilig auf das Wohlbefinden aus (Rook Einsamkeit
1984). Einsamkeit ist ein negatives Erleben
Kurzum: Gelingende Beziehungen steigern des Alleinseins oder der Stress sozialer
das psychische Wohlbefinden. Doch auch der Isolation. Einsam fühlen sich Menschen,
Umkehrschluss gilt: Einsamkeit stellt einen wenn sie gern mehr oder andere soziale
Risikofaktor für das Auftreten depressiver Beziehungen hätten, als sie tatsächlich
Erkrankungen dar, und depressive Symptome haben.
führen zu mehr Gefühlen von Einsamkeit (J.
T. Cacioppo et al. 2006). Einsam fühlen sich
Menschen, wenn sie gern mehr oder andere Wenn sowohl die Quantität als auch die
soziale Beziehungen hätten, als sie tatsächlich Qualität sozialer Kontakte gemessen werden,
haben (Peplau und Perlman 1982). Einsam- hat wiederum die Qualität einen stärkeren
keit ist ein negatives Erleben des Alleinseins Einfluss auf Gefühle der Einsamkeit als die
oder der Stress sozialer Isolation, welches sich Quantität (J. T. Cacioppo et al. 2000; Green
zwar auch dann einstellen kann, wenn man et al. 2001; L. C. Hawkley et al. 2005; Louise
mit anderen zusammen ist, in der Regel aber C. Hawkley et al. 2003; Pinquart und Sorensen
eher im Falle fehlender Sozialkontakte vor- 2003; Wheeler et al. 1983). Dies weist darauf
liegt (S. Cacioppo et al. 2015). Einsamkeit hin, dass Interventionen in jedem Lebensalter
beeinträchtigt sowohl das psychische Wohl- und jeder objektiven Lebenssituation Einsam-
befinden als auch die physische Gesundheit keitsgefühle reduzieren können, wenn sie die
und löst Prozesse aus, die die Einsamkeit noch Qualität von Beziehungen verbessern helfen
verstärken können (J. T. Cacioppo et al. 2017; (7 Exkurs: Soziale Beziehungen am Arbeitsplatz
Layden et al. 2017, 2018). Damit ist das Vor- und psychisches Wohlbefinden). Zu beachten
handensein oder Fehlen sozialer Kontakte ein ist allerdings, dass Einsamkeit subjektiv defi-
wichtiger Prädiktor für Einsamkeit. So waren niert ist, da sich Personen in ihren Kontakt-
beispielsweise kinderlose Ältere einsamer und bedürfnissen unterscheiden; bei gleicher
depressiver als jene mit Kindern (bekannte Kontakthäufigkeit und -qualität kann sich eine
Einflussfaktoren wie Ehestatus oder Gesund- Person einsam fühlen und eine andere nicht.
heit wurden kontrolliert; Hongkong; Chou Die Forschung wiederum zeigt, dass es diese
und Chi 2004) und Verheiratete weniger ein- Gefühle sind und nicht die objektiven Krite-
sam als Unverheiratete (2.795 erwachsene rien, welche negative Auswirkungen auf das
Schweden; Tornstam 1992). In weiteren Stu- Gesamtwohlbefinden haben.
dien erwies sich das Alleinsein als bedeut- Warum fühlen sich die meisten Menschen
samster Prädiktor für berichtete Einsamkeit wohler, wenn sie mit anderen zusammen
(554 erwachsene Niederländer; de Jong-Gier- anstatt allein sind? Um das zu verstehen,
veld 1987; vgl. auch Henderson et al. 1986) hilft ein Blick auf die Evolutionstheorie
sowie innerhalb der Gruppe der allein leben- (7 Abschn. 6.2.1). Menschen und verwandte
den älteren Bürger der Mangel an Telefon- Primaten sind soziale Wesen: Wir brauchen
kontakten mit anderen (208 US-Amerikaner; Gruppen zum Überleben. Soziale Grup-
Fees et al. 1999). Schließlich beugt auch ein pen arbeiten zusammen und schützen vor
guter Kontakt mit Nachbarn Einsamkeit vor; Gefahren. Daher müssen Menschen an das
entsprechend sind Kontaktmöglichkeiten Leben in Gruppen angepasst sein, wir müs-
besonders im hohen Alter wichtig, da Einsam- sen innerhalb von Gruppen überleben. Soziale
keit mit dem Alter zunimmt (Mullins et al. Emotionen (wie Ärger; 7 Kap. 5) und soziale
1991; Prince et al. 1997; Victor et al. 2002). Motive (gemäß der Core-Social-Motive-Theorie
24 Kapitel 1 · Beziehungen

Exkurs
1 Soziale Beziehungen am Arbeitsplatz und psychisches Wohlbefinden
Ein Scoping Review8 Zusammenfassend findet sich und verminderter
von Drössler et al. (2016) ein deutlicher Einfluss sozialer Arbeitszufriedenheit
untersuchte Einflüsse sozialer Beziehungen am Arbeitsplatz einhergeht, erweist sich
Beziehungen am Arbeitsplatz auf die mentale Gesundheit, im Speziellen Mobbing
auf mentale Gesundheit, das psychische Befinden, auf als Risikofaktor für eine
psychisches Befinden, psychische Störungen sowie die beeinträchtigte psychische
psychische Störungen Motivation, Arbeitszufriedenheit Gesundheit sowie für
sowie auf Motivation, und Leistung. Dies gilt eine Reduktion von
Arbeitszufriedenheit für Männer wie Frauen Leistung, Engagement und
und Leistung. Es wurden und für unterschiedliche Arbeitszufriedenheit. Soziale
123 Längsschnitt- und Berufsgruppen. Während Beziehungen am Arbeitsplatz
Interventionsstudien sowie fehlende soziale Unterstützung rücken daher zunehmend in
systematische Reviews von am deutlichsten mit einem den Fokus der betrieblichen
2005 bis 2015 einbezogen. erhöhten Burnout-Risiko Gesundheitsförderung.

Zugehörigkeit, Verstehen, Kontrolle, Selbst- sozialen Motive befriedigen. Die Sorge, nicht
werterhalt und Vertrauen; Fiske 1991) haben gemocht oder ausgeschlossen zu werden,
sich als Anpassungen an das Leben in Grup- kann allerdings unser Wohlbefinden in sozia-
pen herausgebildet. Soziale Motive lassen sich len Situationen beeinträchtigen und damit der
in sozialen Situationen befriedigen, was zum Erfüllung der sozialen Motive oftmals ent-
Aufsuchen solcher Situationen motiviert, in gegenstehen (Gable 2006, 2015).
der Situation selbst dann zur Aktivierung von
Belohnungszentren führt und als belohnend Soziale Motive
erlebt wird (Depue und Morrone-Strupinsky Menschen suchen soziale Situationen auf,
2005). Dies wiederum verstärkt das Sozial- um durch Sozialkontakte ihre sozialen
verhalten, das die Belohnung herbeiführte. Motive zu befriedigen.
Mit anderen Worten: Weil wir uns auf der
Party, beim Mannschaftssport oder beim
gemeinsamen Kochen zugehörig, anerkannt
und verstanden fühlen, wollen wir dies wie- 1.1.3 Beziehungen und physische
der tun. Kurzum, wir fühlen uns insbesondere Gesundheit
in sozialen Situationen wohl, welche unsere
Die Auswirkungen von sozialen Beziehungen
8 Scoping Reviews liefern eine deskriptive
auf psychisches Wohlbefinden haben Sie
Zusammenfassung der Literatur (in der Regel vielleicht nicht besonders erstaunt. Ver-
ohne Anspruch auf Qualitätsbewertung der blüffender sind da schon die beträchtlichen
Studien). Sie gelten als Vorstufe zum systemati- Auswirkungen, die soziale Beziehungen auf
schen Review und unterscheiden sich von ihm die physische Gesundheit haben: Beziehungen
u. a. darin, dass sie Forschungsfragen weit fassen,
Ein- und Ausschlusskriterien im Nachhinein fest-
sind lebenserhaltend! So hatten beispiels-
legen sowie Parameter und Lücken in der Literatur weise Menschen mit einer Herz-Kreislauf-Er-
identifizieren (Armstrong et al. 2011). Im Unter- krankung nach fünf Jahren eine 30 % höhere
schied zum Scoping Review ermöglichen sog. Überlebenswahrscheinlichkeit, wenn sie in
Metaanalysen (▶ Sozialpsychologie I, Abschn. 2.3) einer Paarbeziehung statt allein waren (R.
Aussagen über die Größe eines Effekts und resul-
tieren in einer gesamtstatistischen Auswertung
B. Williams et al. 1992). Auch die Qualität
(Schmidt und Hunter 2015). der Paarbeziehung spielt eine wichtige Rolle:
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
25 1
Beispielstudie 1.4

Soziale Einbindung und Lebensdauer


In einer Untersuchung Verwandte, Kirchenmit- mit den am besten integrierten
unter 6.928 kalifornischen gliedschaft sowie informelle Männern, und für die Frauen
Erwachsenen waren diejenigen und formelle Gruppenmit- eine 2,8-mal höhere. Die
mit mehr Sozialkontakten gliedschaften ein. Während Beziehung zwischen sozialer
nach neun Jahren mit größerer schwach integrierte Personen Integration und Sterblich-
Wahrscheinlichkeit noch eher wenige oberflächliche keitsrate blieb auch dann
am Leben als diejenigen mit Kontakte aufwiesen, waren bestehen, wenn die Forscher
weniger Sozialkontakten stark integrierte Personen für soziodemografischen
(Berkman und Syme 1979). durch Familie, enge Freunde Status, Übergewicht, Rauchen,
Die Forscher teilten die und zahlreiche Bekannte Sport und Gesundheits-
Befragten in vier Gruppen gekennzeichnet. Die prävention kontrollierten.
von wenig bis stark integriert Ergebnisse zeigten für die am Diese Studie zeigt, dass ein
ein. In die Kategorisierung schlechtesten integrierten erfülltes Sozialleben dazu
gingen Sozialkontakte wie Männer eine 2,3-mal höhere beiträgt, die Gesundheit zu
Ehe, enge Freunde und Sterblichkeitsrate, verglichen erhalten.

Von den glücklich verheirateten Personen Instrumentelle Unterstützung bedeutet, dass


waren vier Jahre nach einem Herzinfarkt 30 % eine Person einer anderen praktisch hilft.
gestorben, von den unglücklich verheirateten Für den Gesundheitsbereich ist hier bei-
Patienten hingegen über die Hälfte (Coyne spielsweise relevant, dass ein Beziehungs-
et al. 2001). Darüber hinaus haben nicht nur partner den anderen an die Einnahme seiner
Paarbeziehungen, sondern das gesamte soziale Medikamente erinnert, zu einer Vorsorge-
Netzwerk Auswirkungen auf die Gesundheit untersuchung fährt, den Krankenwagen ruft
(7 Beispielstudie 1.4). Ein großer Freundes- oder zum gemeinsamen Joggen animiert.
kreis auf Facebook bringt allerdings keine bes- Diese Unterstützung ist ein selbstverständ-
sere Gesundheit (Lima et al. 2017), da diese licher Teil des Großziehens von Kindern wie
„Freunde“ nicht die gleichen psychologischen auch der Altenpflege.
Funktionen erfüllen wie Freunde, die man Emotionale Unterstützung bedeutet, dass
regelmäßig trifft (7 Abschn. 1.1.1.5). eine Person eine andere tröstet, beruhigt, in
den Arm nimmt und ihr zuhört, sie versteht,
z Soziale Unterstützung mit ihr mitfühlt und verlässlich für sie da ist.
Die deutlichen Befunde in 7 Beispielstudie 1.4 Damit kann emotionale Unterstützung die
legen die Frage nahe, warum soziale Ein- gesundheitlichen Auswirkungen von Stress
gebundenheit die Gesundheit beeinflusst. abfedern (für einen Überblick vgl. Uchino et al.
Eine wichtige Rolle für den Einfluss von 1996). So hatten ältere Amerikaner, die keine
Beziehungen auf Gesundheit spielt die soziale Quellen emotionaler Unterstützung nennen
Unterstützung, die wir in diesen Beziehungen konnten, eine fast dreimal höhere Sterblichkeit
erfahren (Atkins et al. 1991). Soziale Unter- in den sechs Monaten nach einem Herzinfarkt
stützung heißt, dass eine Person die Bedürf- als diejenigen, die mindestens eine Quelle hat-
nisse einer anderen sieht und darauf eingeht ten (Berkman 2000). Eine Quelle emotiona-
(Cutrona 1996; 7 Abschn. 1.3.1.3: Beziehungs- ler Unterstützung kann, besonders für ältere
modelle). Menschen, auch medizinisches und psycho-
Dabei werden häufig instrumentelle und logisches Personal, wie Ärzte und Pflegekräfte,
emotionale Unterstützung unterschieden. sein (Neuling und Winefield 1988).
26 Kapitel 1 · Beziehungen

Soziale Unterstützung durch andere Belastungen wie beispielsweise


1 Ein Beziehungspartner geht auf die durch Schmerzen oder durch die Angst vor
Bedürfnisse eines anderen ein. Man Schmerzen (Cole et al. 2015; Eisenberger
unterscheidet: et al. 2003, 2007; Hawkley und Capitanio
5 Instrumentelle Unterstützung: Eine 2015; Holt-Lunstad et al. 2015; Layden et al.
Person hilft einer anderen praktisch. 2017; K. D. Williams et al. 2000; K. D. Wil-
5 Emotionale Unterstützung: Eine liams und Nida 2011; für einen Überblick
Person tröstet, beruhigt und ermutigt vgl. Cacioppo und Cacioppo 2018; Hawkley
eine andere Person, freut sich mit ihr, und Cacioppo 2010; . Abb. 1.8).
hört ihr zu und signalisiert Verständnis,
Nähe und Verlässlichkeit. Illustration: Zur Wirkung sozialer
Netzwerke
In einer erstaunlichen Demonstration zur
z Social-Baseline-Theorie Wirkung sozialer Netzwerke wurden knapp
Die Idee, dass Menschen im Grunde ganz 300 Probanden für sechs Tage in Quaran-
gut alleine zurechtkommen und nur bei täne genommen und mit Erkältungsviren
Stress oder außerordentlichen Belastungen angesteckt. Diejenigen, die vorher in ihrem
andere brauchen, lag vielen Untersuchungen Alltag mehr unterschiedliche Arten von Sozial-
zu sozialer Unterstützung zugrunde (für kontakten hatten, entwickelten daraufhin deut-
einen Überblick vgl. Cohen und Wills lich seltener einen Schnupfen als diejenigen
1985). In letzter Zeit aber mehren sich die mit weniger Arten, auch bei Kontrolle der vor-
Befunde, die darauf hindeuten, dass feh- bestehenden Immunität gegen diese Erreger
lende Sozialkontakte allein schon ein Stres- und anderer Variablen (Cohen et al. 1997).
sor sind. Durch Einsamkeit und sozialen
Ausschluss werden im Körper und Gehirn Die Social-Baseline-Theorie trägt diesen
ähnliche Stressreaktionen ausgelöst wie Befunden Rechnung und stellt damit die

. Abb. 1.8 Werden wir von anderen ausgeschlossen, so fehlen uns nicht nur die Unterstützung und
Zuwendung, sondern wir sind auch in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, was beispielsweise zu Gereiztheit,
Impulsivität und Schlafproblemen führen kann. (© Christian Schwier/stock.adobe.com)
1.1 · Bedeutung sozialer Beziehungen
27 1
Welt quasi vom Kopf auf die Füße. Statt zu Social-Baseline-Theorie
fragen, was es mit uns macht, wenn uns Die Social-Baseline-Theorie nimmt an, dass
jemand die Hand hält, sollten wir gemäß unser Organismus an das Zusammensein
dieser Theorie eher die Frage stellen, was es mit anderen angepasst ist. Alleinsein
mit uns macht, wenn uns niemand die Hand versetzt damit Menschen in erhöhte
hält (7 Beispielstudie 1.5). Der kleine Unter- Alarmbereitschaft und vergrößert die
schied in der Fragestellung zeigt eine wesent- Bedrohlichkeit zahlreicher Gefahren. Es
liche Neuerung. Die Social-Baseline-Theorie führt zu einer Abweichung von normalen
besagt, dass sich der normale Funktions- und adaptiven Regulationsprozessen,
modus unseres Gehirns (also die Base- und soziale Unterstützung bringt den
line) dann einstellt, wenn wir mit anderen Organismus in seinen Ausgangs- oder
zusammen sind. Dann reagieren wir relativ Standardzustand zurück.
gelassen auf Stress und Bedrohungen, weil
wir auf soziale Unterstützung hoffen. Sind
wir getrennt und allein, so ist das Gehirn Gute Beziehungen sind also Ressourcen, die
schon allein aufgrund dieser Tatsache in die Umwelt weniger gefährlich erscheinen
erhöhter Alarmbereitschaft. Bedrohungen lassen, weil man sich aufeinander verlassen
und Stress führen dann zu besonders starken und die Herausforderungen gemeinsam
Angstreaktionen (Beckes und Coan 2011). bewältigen kann. Nicht nur die tatsächliche

Beispielstudie 1.5

Berührung beruhigt und reduziert Stress


Viele greifen intuitiv die Schocks an. Dabei hielten und noch weiter reduziert,
Hand ihres Kinds, wenn es im die Frauen in einem Drittel wenn sie die Hand ihres
Zahnarztstuhl sitzt. Häufig der Durchgänge jeweils Ehemanns hielten.
sind es auch die Kinder selbst, entweder die Hand ihres 5 Darüber hinaus sagte
die um die Hand bitten, wenn Ehemanns, die Hand eines auch die selbstberichtete
sie sich vor etwas fürchten. ihnen fremden Versuchsleiters Beziehungsqualität die
Aber wie sieht es bei uns oder keine Hand, während Gehirnantwort auf das
Erwachsenen aus? Sind wir ihre Gehirnaktivität gemessen Gefahrsignal vorher:
weniger gestresst, wenn uns wurde. Frauen, die mit ihrer
jemand die Hand hält, während Die Ergebnisse: Beziehung hoch zufrieden
wir in einer angsteinflößenden 5 In der Allein-Bedingung waren, zeigten geringere
Situation sind? Und ist es dabei fanden sich zahlreiche bedrohungsbezogene
wichtig, wer uns die Hand hält? Gehirnregionen, die auf Gehirnaktivitäten als
Diese Fragen untersuchten das Gefahrsignal hin jene, die etwas weniger
Coan et al. (2006) mithilfe von signifikant stärker aktiviert zufrieden waren. Wirklich
funktioneller Magnetresonanz- waren als nach dem unzufriedene Paare waren
tomografie (fMRT). Sicherheitssignal. Diese von vornherein nicht in
16 glücklich verheirateten Regionen entsprachen die Studie aufgenommen
Frauen wurden zwei solchen, die bereits worden.
unterschiedliche Schlüsselreize in früheren Studien
gezeigt, während sie mit negativem Affekt, Zusammenfassend zeigt diese
im Scanner lagen. Ein Schmerzerwartung oder Studie, dass Stresssituationen
Gefahrsignal( ) kündigte an, Bedrohung assoziiert unser Gehirn weniger in
dass mit 20 %iger Wahrschein- waren. Alarmbereitschaft versetzen,
lichkeit ein Elektroschock am 5 Die Zahl der aktivierten wenn wir uns dabei von
Fußgelenk folgen würde. Regionen war reduziert, jemandem, am besten aber
Ein Sicherheitssignal( ) wenn die Frauen die Hand von einer geliebten Person,
kündigte das Ausbleiben eines eines Fremden hielten, unterstützt wissen.
28 Kapitel 1 · Beziehungen

Hilfe verringert den Stress, schon das Ver- rer machen, sein Leben zu bewältigen und froh
1 trauen auf zukünftige Hilfe bewirkt eine und zufrieden zu sein, sondern auch damit,
Stressreduktion. Entsprechend führen die dass der Einzelne etwas für andere tun kann
objektiv gleichen Stressoren bei Aussicht (Cole et al. 2015), da dies eine wichtige Quelle
auf soziale Unterstützung zu weniger star- unseres Lebenssinns ist (Schnell 2009).
ken Stress- und Angstreaktionen. Dies kann
erklären, warum bei Menschen in dauer-
haft guten Beziehungen stressbezogene 1.1.4 Zusammenfassung
Erkrankungen seltener auftreten (Uchino
et al. 1996). Auch lassen sich Menschen, Soziale Beziehungen sind der Grundstein aller
deren soziales Umfeld in der Kindheit von menschlichen Kulturen. Wir sind ein Leben
Vertrauen und Kooperation geprägt war, als lang existenziell auf soziale Beziehungen
Erwachsene leichter durch soziale Unter- angewiesen, denn sie sichern in Kindheits-
stützung beruhigen (Coan et al. 2013). Wenn tagen unser Überleben, lassen uns Glück und
die gesamte soziale Umgebung eher unter- Zufriedenheit als Erwachsene erleben und
stützend als bedrohlich ist, lernt man leichter, ermöglichen, dass wir uns von ernsthaften
sich auf andere zu verlassen. Gesundheitsproblemen erholen. Eine aktive
Sie haben nun erfahren, welche förder- Rolle in mehreren unterschiedlichen Gruppen
lichen Auswirkungen gelungene Beziehungen (z. B. Sportteams, beruflichen Teams, Nach-
haben – was jedoch, wenn die Beziehung eher barschaft, Freundschaftscliquen, Theater-
konfliktreich als glücklich ist? Konfliktreiche gruppen) zu spielen hilft, unterschiedliche
Beziehungen sind nicht nur keine Ressource, soziale Motive zu befriedigen. Mindestens
sondern können sogar Stress und Angst ebenso wichtig sind das Vorhandensein und
hervorrufen. Eine gesundheitliche Auswirkung die Qualität enger Beziehungen wie Partner-
häufiger ehelicher Konflikte kann eine Störung schaft und Freundschaften. Vermittelnd
des Immunsystems sein (für einen Überblick für diese persönlichen Funktionen von
vgl. Kiecolt-Glaser und Newton 2001), wobei Beziehungen wirkt das Bindungssystem,
eine schlechte Ehequalität eher die Gesund- welches uns ermöglicht, Ängste und Stress
heit von Frauen als diejenige von Männern mithilfe von Bezugspersonen zu regulieren,
beeinträchtigt. In einer Studie mit fast 2.000 indem deren Nähe und Trost beruhigend auf
US-Amerikanern sagte eine schlechte Ehe- uns wirkt. Wer in der Lage ist, diese Unter-
qualität die spätere Mortalität der Frauen, stützung aktiv zu suchen und Vertrauen in die
aber nicht die der Männer vorher (Hibbard Verlässlichkeit der Bezugsperson zu haben,
und Pope 1993). Da Konflikte wiederum auch kann hiervon im Besonderen profitieren.
aus gesundheitlichen Belastungen resultieren Wie aber finden wir enge Bezugs-
können, können gesundheitliche Probleme personen? Wonach richtet sich, wer ein enger
und Partnerschaftskonflikte einen Teufelskreis Freund oder Partner wird und wen wir links
bilden. So erhielten Frauen, die vier Monate liegenlassen? Welche Rolle spielt dabei das
nach der Diagnose psychisch stark unter ihrer Aussehen des Gegenübers? Und teilen andere
Brustkrebserkrankung litten (hier wurden Personen, wen ich attraktiv finde? Diesen Fra-
Angst, Ärger und Depression als psychische gen widmet sich der nächste Abschnitt.
Symptome zusammengefasst), in der Folge
weniger Unterstützung von ihrem Partner
als Frauen, die weniger darunter litten (Bol- 1.2 Anziehung
ger et al. 1996). Schließlich sind gesundheit-
liche Auswirkungen von sozialen Beziehungen Bevor wir mit jemandem eine Beziehung ein-
nicht nur damit zu erklären, dass Beziehungs- gehen, müssen wir ihm zunächst begegnen,
partner es dem Einzelnen leichter oder schwe- mit ihm in Kontakt kommen und dann
1.2 · Anziehung
29 1
sukzessive eine Beziehung aufbauen. In unse- links liegen. Dabei tut es uns durchaus gut, auch
rer Kultur wählen wir unsere Freunde und in solchen Situationen ins Gespräch zu kom-
Partner selbst aus (während z. B. in Indien men: In der U-Bahn oder im Bus eine Unter-
nach wie vor die Eltern in den meisten Fäl- haltung mit einem wildfremden Menschen
len die Ehepartner bestimmen). Dabei stel- anzufangen, kostet zwar etwas Überwindung,
len sich die folgenden Fragen: Wen erwählen hebt aber bei den meisten Menschen die Laune,
wir? Wovon hängt es ab, mit wem wir uns und die meisten empfinden diese Gespräche
zusammentun wollen und wem wir lieber auch als sehr angenehm, im Vergleich zu dem
aus dem Weg gehen? Die Antworten auf üblichen Aus-dem-Fenster oder Aufs-Telefon-
diese Fragen lassen sich grob in zwei Themen Starren (Epley und Schroeder 2014). Wenn also
unterteilen: in Vertrautheit und in Attraktivi- die meisten zufällig ausgewählten, wildfremden
tät. Zum einen fühlen wir uns von denen Menschen angenehme Gesprächspartner für
angezogen, die uns irgendwie vertraut sind, uns sind, so kann man sich gut vorstellen, dass
sei es, weil sie uns ähnlich sind, sei es, weil wir es gar nicht so unwahrscheinlich ist, bei wieder-
ihnen häufig begegnen (7 Abschn. 1.2.1). Zum holter Begegnung und wiederholten Inter-
anderen fühlen wir uns von denen angezogen, aktionen Freundschaften mit zufällig räumlich
die wir attraktiv finden. Als Erstes fällt uns nahen Personen zu schließen, beispielsweise sei-
dabei die körperliche Attraktivität ins Auge, nem direkten Nachbarn.
die daher unsere Wahl besonders stark beein- In einer klassische Studie dazu wurden
flusst, wenn wir die Person noch nicht gut die Kontakte von Bewohnern eines neuen
kennen. Später sehen wir auch die inneren Wohnkomplexes für Studenten des Massachu-
Werte und können jemanden attraktiv fin- setts Institute of Technology (MIT) und ihre
den, der beispielsweise besonders freundlich, Familien untersucht (Festinger et al. 1950).
humorvoll und verständnisvoll ist, der uns Die Wohneinheiten wurden 1946 bezogen,
also in anderen Bereichen (wie menschlichen und im selben Jahr begann die über zehn
Werten) anziehend und wohltuend erscheint Monate hinweg laufende Studie. Alle Woh-
(7 Abschn. 1.2.2). nungen waren für verheiratete Studenten,
von denen ungefähr die Hälfte Kleinkinder
hatten. Die Befragungen wurden ausschließ-
1.2.1 Nähe, Vertrautheit und lich mit den Ehefrauen durchgeführt, die ent-
Ähnlichkeit weder zu Hause waren oder arbeiten gingen,
während ihre Männer studierten. Auf die
Sie kennen sicher den Ausdruck „Jemand Frage „Welche drei Personen in dieser Wohn-
ist mir ans Herz gewachsen“. Damit ist keine heimsiedlung sehen Sie in Ihrer Freizeit am
Liebe auf den ersten Blick gemeint, sondern häufigsten?“ wurden mit der größten Wahr-
ein allmähliches Mögenlernen, das Entdecken scheinlichkeit die direkten Nachbarn genannt,
von Vorzügen am anderen, vielleicht auch dann die Nachbarn zwei Türen entfernt und
von liebenswerten Schwächen. Menschen äußerst selten schließlich die in entfernteren
immer wieder zu begegnen, ist tatsächlich Wohnblocks. Die Ergebnisse zeigen, dass die
eine gute Voraussetzung, sie auch schätzen zu meisten Menschen mit anderen, ihnen relativ
lernen (7 Abschn. 4.3.3, Sozialpsychologie I, ähnlichen Menschen in einer ähnlichen Lage
Abschn. 5.1.2: Vertrautheit). Es erhöht außer- recht gut auskommen, sodass sie gern Zeit
dem die Chance, dass wir uns irgendwann mit ihnen verbringen und sich wortwörtlich
trauen, sie anzusprechen. Die meisten Men- mit den nächstbesten Personen anfreunden
schen, denen wir nur flüchtig begegnen, z. B. auf (7 Beispielstudie 1.6). Dieser Befund wurde als
einer Busfahrt, lassen wir nämlich buchstäblich Effekt der räumlichen Nähe bekannt.
30 Kapitel 1 · Beziehungen

Beispielstudie 1.6
1
Räumliche Nähe führt zu Sympathie und Freundschaft
An der Universität Leipzig Ergebnisse zeigten, dass die Ergebnisse, dass räumliche
wurde eine Studie mit Studierenden einen besseren Nähe einen Einfluss darauf
Studienanfängern der ersten Eindruck von anderen hat, wen wir sympathisch
Psychologie durchgeführt, in ihrer Sitzreihe, besonders finden und mit wem wir uns
die ebenfalls in der Situation von ihren direkten Nachbarn, anfreunden. Auch hier wurden
waren, sich gegenseitig hatten als von weiter entfernt die vermittelnden Prozesse
nicht zu kennen, und die sitzenden Kommilitonen. nicht mit gemessen. Man
offen für neue Kontakte zu Dieses Muster zeigte sich kann sich aber gut vorstellen,
ihren Mitstudierenden waren auch nach einem Jahr noch: dass räumliche Nähe hier
(Back et al. 2008). In einer Die direkten Nachbarn und eine Voraussetzung war,
Vorstellungsrunde wurden in geringerem Maße auch die miteinander ins Gespräch zu
die Studierenden einzeln in Studierenden aus derselben kommen, sich gegenseitig
die Mitte gebeten, um sich Sitzreihe mochten sich immer genauer wahrzunehmen
vorzustellen, während die noch mehr als andere und und vielleicht auch zu
anderen 53 in Stuhlreihen waren häufiger miteinander unterstützen, und dass
saßen und zuhörten. Dabei befreundet als jene, die diese Aspekte wiederum zu
ging immer der ganz rechts weit entfernt voneinander größerer Sympathie führten.
Sitzende nach vorn, und die gesessen hatten. Wie die in Der Zufall hat also durchaus
anderen rückten nach, sodass diesem Abschnitt berichtete seine Hand im Spiel, wenn es
man sich wieder ganz links Studie von Festinger et al. darum geht, mit wem man
in seiner Reihe hinsetzte. Die (1950) zeigen auch diese sich anfreundet.

Effekt der räumlichen Nähe nur etwas engerer Kontakt während einer Ein-
(Proximity- oder Propinquity-Effekt) führungsveranstaltung zu mehr Vertrautheit
Der Effekt der räumlichen Nähe mit der anderen Person, was den anderen eben-
bezeichnet den Umstand, dass Menschen falls sympathischer erscheinen lässt, sogar dann,
die sich häufiger begegnen, sich wenn man sich nicht bewusst an eine Person
gegenseitig sympathischer finden und erinnern kann (z. B. Moreland und Beach 1992;
häufiger Freundschaften knüpfen als 7 Sozialpsychologie I, Abschn. 5.1.1 und 7.2.4).
Menschen, die sich seltener begegnen. Ein ähnlicher Effekt ist auch in sozialen Medien
zu beobachten, wo die häufige „Begegnung“ mit
Beiträgen anderer ebenfalls zu einem Gefühl
Warum ist räumliche Nähe ein guter Prädiktor der Vertrautheit und der Zugänglichkeit führt,
für Freundschaft? Zum einen hat eine Person einem Effekt, der Ambient Awareness genannt
eher die Chance, sich mit Menschen zu unter- wird (Levordashka und Utz 2016).
halten, die sie öfter sieht oder die sie unter lau-
ter Unbekannten schon mal ein bisschen kennt.
Dadurch entdeckt die Person leichter Ähnlich- Warum mögen wir jene mehr, die uns
keiten und gegenseitige Sympathie (s. unten). räumlich näher sind?
Hat eine Person mit jemandem einmal, wenn 5 Das Kennenlernen ist erleichtert
auch nur flüchtig, ein paar Worte oder Blicke und damit die Chance, sich
gewechselt, so ist leicht „das Eis gebrochen“, und näherzukommen.
sie traut sich auch mal, um eine Gefälligkeit, 5 Interdependenz entsteht: Man braucht
eine Auskunft oder einen Rat zu bitten. Damit sich gegenseitig.
entsteht Interdependenz, ein Schlüsselmerkmal 5 Vertrautheit entsteht, welche
von engen Beziehungen (Berscheid et al. 1989). wiederum zu Sympathie führt.
Daneben führt häufiges Begegnen oder auch
1.2 · Anziehung
31 1
Beispielstudie 1.7

Die Beziehung zwischen Attraktivität und Ähnlichkeit beim und nach dem Kennenlernen
In einer Studie in den das beobachtet hatten? nett und einem selbst ähnlich
1950er Jahren in den USA Newcombs Daten zeigten gehalten. Mit besserem
untersuchte Newcomb (1978) weder das eine noch das Kennenlernen näherten sich
den Kennenlernprozess in andere. Stattdessen beruhte die Fremd- und Selbstwahr-
zwei Gruppen von jeweils 17 der erste Eindruck vor nehmungen einander an:
männlichen, heterosexuellen allem auf der körperlichen Die Studierenden sahen die
Studierenden. Diese nahmen Attraktivität der Studierenden, anderen realistischer und
an wöchentlichen Treffen während mit zunehmendem bildeten Freundschaften mit
teil und lernten sich so über Kennenlernen die Sympathie anderen, die ihnen ähnlich
mehrere Monate hinweg stärker von Ähnlichkeiten waren, unabhängig von der
sehr gut kennen. Würde der geprägt wurde. Der Attraktivität.
erste Eindruck die weiteren erste Eindruck beruhte Diese Studie zeigt, dass
Beziehungen prägen? Oder also auf einem Halo- Attraktivität Menschen
würden sich vor allem Effekt („Heiligenschein“; anfangs ähnlicher erscheinen
Nachbarn zusammentun, 7 Sozialpsychologie I, Kap. 5). lässt, während Ähnlichkeit sie
wie Festinger et al. (1950) Schöne Menschen wurden für später attraktiver macht.

Ist es dann reiner Zufall, mit wem wir unsere Dauer von Beziehungen ist (Bryan et al. 2011;
Zeit verbringen, ja gar, in wen wir uns ver- Buss et al. 1990; N. P. Li et al. 2002). Dem Effekt
lieben? Dann gäbe es sicher nicht so viele liegt zugrunde, dass freundliche, mitfühlende
Partnervermittlungen. Stattdessen würden Menschen uns das Gefühl geben, gemocht zu
wir den nächsten freien Nachbarn des pas- werden, und wir diejenigen mögen, die uns
senden Geschlechts in unserer Altersklasse mögen (Curtis und Miller 1986).
heiraten. Schaut man sich ein paar Partner- Den in diesem Abschnitt geschilderten
gesuche durch, wird schnell klar, dass die Befunden zufolge erhöhen also räumliche Nähe,
meisten sich nach einem schönen, liebevollen Vertrautheit, Ähnlichkeit und Freundlichkeit die
Partner sehnen, mit einem ähnlichen Hinter- Chancen für eine Beziehungsaufnahme. Wäh-
grund in Bildung, Religion und sozialem Sta- rend wir die Ähnlichkeit und Freundlichkeit
tus. Sozialpsychologische Forschung hat sich von Menschen zwar schnell, aber nicht immer
mit der Rolle von Ähnlichkeit für Freund- sofort beurteilen können, fällt uns die körper-
schaften und Paarbeziehungen beschäftigt. liche Attraktivität eines Menschen unmittelbar
Der Hauptbefund dieser Forschung für ins Auge. Wie in 7 Beispielstudie 1.7 geschildert,
hetero- wie homosexuelle Paare (Boyden et al. spielt daher die körperliche Attraktivität für
1984) ist: „Gleich und gleich gesellt sich gern“ das anfängliche Interesse an Personen eine
(7 Beispielstudie 1.7). Dies trifft nicht nur große Rolle, was sicherlich viele Nutzer der
für Ähnlichkeiten in Bereichen, die für eine Kennenlern-App Tinder aus eigener Erfahrung
Beziehung relevant sind, wie ähnliche Hob- bestätigen können. Der Frage, wann wir Men-
bys, Werte und politische Einstellungen, zu, schen schön finden, widmet sich der nächste
sondern auch für irrelevante Dimensionen, Abschnitt.
wie ähnliche Initialen (J. T. Jones et al. 2004;
7 Sozialpsychologie I, Abschn. 5.1.1).
Aber selbst unfreundliche Menschen finden 1.2.2 Körperliche Attraktivität
es angenehmer, mit freundlichen, mitfühlenden
und entgegenkommenden Menschen zu inter- Haben Sie sich schon einmal gefragt, was
agieren, weshalb Verträglichkeit (Agreea- denn Ihre Freundin oder Ihr Freund für einen
bleness) in zahlreichen Kulturen ein guter Männer- oder Frauengeschmack hat, weil Sie
Prädiktor für Interesse an Beziehungen und die selbst einen ganz anderen Typ bevorzugen?
32 Kapitel 1 · Beziehungen

Liegt Schönheit also „im Auge des Überblick vgl. Rhodes 2006). Welche Merkmale
1 Betrachters“, wie das Sprichwort behauptet, sind es dann also, die so übereinstimmend für
oder herrscht doch eher große Einigkeit dar- Attraktivitätsbeurteilungen herangezogen wer-
über, wer besonders schön ist und wer weni- den? Laut Forschung sind es insbesondere die
ger? Wie nachfolgend zu sehen ist, trifft beides nachstehend ausgeführten fünf Aspekte: Sym-
zu. Zunächst einmal zeigen Forschungsergeb- metrie, Durchschnittlichkeit, geschlechtsspezi-
nisse große Einigkeit darüber auf, welche fische Merkmale, ein jugendliches Aussehen
Menschen wir, sogar über Kulturen hinweg, sowie eine freundliche Ausstrahlung.
als schön empfinden. Nicht nur das, wir gehen
sogar davon aus, dass diese schönen Men- z Symmetrie
schen auch viele andere gute Eigenschaften Zunächst einmal bevorzugen wir sym-
mitbringen (vgl. auch 7 Sozialpsychologie metrische Gesichter, d. h. jene, bei denen
I, Abschn. 5.1.1). Nachfolgend geht es daher beide Gesichtshälften möglichst gleich sind
zunächst darum, wovon unser Attraktivi- (Perrett et al. 1999; Thornhill und Gangestad
tätsurteil abhängt, was universell als schön 1993). Diese Bevorzugung lässt sich mit dem
empfunden wird. Dann wird dargestellt, dass allgemeinen Prinzip erklären, dass leichter
Schönheitsideale ebenso davon beeinflusst zu verarbeitende Reize (wozu Gleiches und
werden, was in einer (Sub-)Kultur gerade „in“ Symmetrisches gehören) mehr gemocht wer-
ist, welche Körperformen, Frisuren, Haut- den (Enquist und Arak 1994; Reber 2002;
farbe, Make-up, Schmuck und Kleidungsstile Reber et al. 1998, 2004). Allerdings sprechen
mit Erfolg, Wohlstand und Macht assoziiert auch einige Befunde dafür, dass es sich hier-
und deshalb angestrebt werden. Schließlich bei um eine spezifische Adaptation handelt,
finden wir diejenigen besonders schön, die deren fitnesssteigernder Effekt darin besteht,
wir sehr mögen. Die innere Schönheit färbt dass sie die Wahl eines gesunden Partners
also umgekehrt auch auf die Wahrnehmung fördert und damit die Wahrscheinlichkeit
der äußeren Schönheit ab. Und das ist auch gesunder Nachkommen erhöht (Grammer
gut so. Denn es wäre traurig, wenn wir alle und Thornhill 1994; Rhodes et al. 2007; Sim-
denselben hochattraktiven Menschen hinter- mons et al. 2004). Der Einfluss von Sym-
herjagen würden und alle anderen links liegen metrie auf die eingeschätzte Attraktivität
ließen. Befunde zu diesem Aspekt werden am von Gesichtern ist dabei nicht auf poten-
Ende des Abschnitts vorgestellt. zielle Geschlechtspartner beschränkt. Viel-
mehr stimmen Beurteiler unterschiedlichen
1.2.2.1 Universelle Schönheits- Geschlechts und Alters darin überein, dass
merkmale symmetrische Gesichter schöner sind und
Bittet man Menschen, Porträtfotos von ihnen gesünder wirken.
unbekannten Mitmenschen nach Attraktivi-
tät zu bewerten, so stimmen sie in ihren Ein- z Durchschnittlichkeit
schätzungen weitgehend überein. Je nach Studie Attraktive Gesichter werden als überdurch-
und konkreter Art der Messung finden sich schnittlich schön wahrgenommen. Wie kön-
Korrelationen von .60 bis .909 zwischen den nen sie dann gleichzeitig durchschnittlich
Bewertern. Ähnlich hohe Übereinstimmungen sein? Mit Durchschnittlichkeit (Average-
finden sich sogar, wenn man Menschen aus ness-Effekt) ist in diesem Zusammenhang
verschiedenen Kulturkreisen fragt (für einen nicht gemeint, dass die Person gewöhn-
lich aussieht oder durchschnittlich schön
ist, sondern vielmehr, dass ein Gesicht den
9 Hinweis: Ein Korrelationskoeffizient von .00 Prototypen einer Gruppe darstellt. Man
bedeutet keine Übereinstimmung, 1.00 eine kann diesen Prototypen am Computer her-
100 %ige Übereinstimmung. stellen, indem man mehrere Gesichter
1.2 · Anziehung
33 1
durch Morphen in einem Bild verschmilzt. Effekt von Durchschnitt-
Dadurch werden die Gemeinsamkeiten lichkeit (Averageness-Effekt)
betont und treten in dem resultierenden Die Tendenz, mehrere gemittelte
Bild besonders deutlich hervor, während Gesichter schöner zu finden als die
individuelle Besonderheiten und Asym- einzelnen Gesichter, aus denen sich das
metrien maskiert werden. Das Ergebnis ist gemittelte Gesicht ergibt.
ein sehr symmetrisches Gesicht mit glat-
ter Haut und Gesichtszügen, die das jeweils
Typische für ein Geschlecht, eine ethnische Auf diese Art hergestellte Porträts, die dann
oder eine altersbezogene Gruppe wider- dem fotografischen Durchschnitt mehrerer
spiegelt. . Abb. 1.9 zeigt eine solche Durch- Individuen entsprechen, sind zugleich sym-
schnittsbildung mit acht Gesichtern. Je mehr metrischer als die ursprünglichen Porträts.
Gesichter in den Durchschnitt einbezogen Deshalb wurde in der Forschung untersucht,
werden, als umso schöner wird das Resul- ob der Averageness-Effekt auf die Erhöhung
tat wahrgenommen (Langlois und Roggman der Symmetrie zurückzuführen ist. Die Ergeb-
1990; Rubenstein et al. 2002). nisse sprechen jedoch dafür, dass es sich um
zwei unterscheidbare Effekte handelt und dass
beispielsweise der Durchschnitt aus mehreren

. Abb. 1.9 Das unten rechts abgebildete Gesicht ist der Durchschnitt der acht weiblichen Gesichter.
(© Thomas Schubert)
34 Kapitel 1 · Beziehungen

perfekt symmetrischen Gesichtern ebenfalls fundene Konfiguration noch um 50 % extre-


1 als schöner eingeschätzt wird als einzelne, mer, so fanden die Versuchsteilnehmer diese
perfekt symmetrische Ausgangsgesichter extreme Variante noch attraktiver (Perrett
(Fink et al. 2006; Grammer und Thornhill et al. 1994). Damit stellt sich die Frage, welche
1994; Rhodes et al. 1999). spezifischen Gesichtsmerkmale die Attraktivi-
Wie schon für den Effekt von Sym- tät beeinflussen.
metrie, so wird auch für den Effekt von
Durchschnittlichkeit als Erklärung heran- z Spezifische Gesichtsmerkmale
gezogen, dass durchschnittliche Gesichter Gesichter transportieren eine Vielzahl von
auf gute Gene und optimale Entwicklungs- Informationen. Manche davon, wie Sympa-
bedingungen hinweisen, sodass die Gesichts- thie und Freundlichkeit, können willentlich
züge ihre „normale“ Entwicklung nehmen beeinflusst werden, andere, wie Alter und
konnten (Grammer und Thornhill 1994; Geschlecht, eher nicht. Wie beeinflussen sol-
Langlois et al. 1991). Allerdings sind durch- che willkürlichen und unwillkürlichen Infor-
schnittliche Gesichter zugleich auch mationen Einschätzungen von Attraktivität?
prototypischer, vertrauter und leichter zu ver- In einer Befragung Tausender Personen
arbeiten (7 Sozialpsychologie I, Abschn. 7.2.4) aus 37 Ländern sollten Männer und Frauen
als ungewöhnliche Gesichter, was ebenfalls angeben, was sie an einem Beziehungs-
zu einer Bevorzugung führen sollte (Reber partner attraktiv finden. Über Kulturen und
et al. 1998). So gaben Studienteilnehmer Geschlechter hinweg wurden Freundlich-
an, dass die gemittelten Porträts vertrauter keit, Verlässlichkeit, Humor und eine warme
schienen als die Originalporträts (Langlois Ausstrahlung als die wichtigsten Merkmale
et al. 1994). Eine experimentelle Studie, in genannt (Buss et al. 1990). Entsprechend
der die Teilnehmer zunächst 500 computer- ist ein weiterer Befund der Attraktivitäts-
generierte Porträts sahen und anschließend forschung, dass wir jene Gesichter schön
die Attraktivität neuer Porträts beurteilten, finden, die eine warme, freundliche Aus-
zeigte, dass die neuen Porträts umso attrakti- strahlung haben. Eine solche Ausstrahlung
ver erschienen, je näher sie am Durchschnitt wird besonders durch einen freund-
der zuvor gezeigten Porträts lagen (Dotsch lich-lächelnden Gesichtsausdruck vermittelt.
et al. 2016). Dieser Effekt spricht eher dafür, Eine Person, die uns anlächelt, wirkt in unse-
dass die Leichtigkeit der Verarbeitung (Flu- rem Gehirn als Belohnung und damit als
ency; 7 Sozialpsychologie I, Abschn. 5.1: Ver- Verstärker für weitere Kontakte (Heerey und
trautheit) zum Averageness-Effekt führt, und Crossley 2013; Niedenthal et al. 2010; Sims
nicht eine spezifische Adaptation zur Steige- et al. 2012). Bei gleichem Gesichtsausdruck
rung der reproduktiven Fitness. können aber auch unterschiedliche Gesichts-
Symmetrie und Durchschnittlichkeit züge als mehr oder weniger freundlich
scheinen also universell als attraktiv empfun- wahrgenommen werden (Engell et al. 2007;
den zu werden. Das heißt aber nicht, dass der Oosterhof und Todorov 2008, 2009; Tod-
Durchschnitt von möglichst vielen Menschen orov 2008). Und es ist kein Scherz: Dies gilt
am attraktivsten empfunden wird. Es ist bei- sogar für die „Gesichter“ von Autos (wobei
spielsweise so, dass der Durchschnitt der 15 Kühlergrill und Frontscheinwerfer als Mund
attraktivsten Menschen aus einem Set von 60 und Augen wahrgenommen werden; Land-
Fotos als attraktiver beurteilt wurde als der wehr et al. 2011; . Abb. 1.10)! Neben Lächeln
Durchschnitt aller 60 Porträts. Ermittelten die empfinden wir auch große Augen und mitt-
Forscher nun wiederum den Unterschied zwi- lere bis große Pupillen als attraktiv, da sie
schen den Merkmalen des attraktiven Durch- Aufmerksamkeit und Interesse signalisieren
schnitts und des allgemeinen Durchschnitts (Cunningham 1986; Tombs und Silverman
und machten diese als besonders schön emp- 2004) – dies ist darauf zurückzuführen, dass
1.2 · Anziehung
35 1

. Abb. 1.10 Studien (Landwehr et al. 2011) zufolge wird das in a abgebildete Auto als ärgerlich wahr-
genommen, während das in b abgebildete Auto als fröhlich angesehen wird. Die menschliche Expertise im Inter-
pretieren von Gesichtsausdrücken ist so ausgeprägt, dass ein stilisierter Mund mit zwei Augen darüber genug
sind, um ein Objekt als fröhlich (im Falle hochgezogener Mundwinkel) oder ärgerlich (Mundwinkel nach unten
und Augen zu einem Schlitz verengt) wahrzunehmen. (Originalaufnahmen aus Studie, © Jan Landwehr)

es bei Paarbeziehungen nicht nur um Fort- Männer, nicht aber Frauen, jüngere Partne-
pflanzung (und bei manchen Paaren über- rinnen. Diese Präferenz nahm in anderen Stu-
haupt nicht um Fortpflanzung) geht, sondern dien mit dem Alter der Männer zu, was mit
auch darum, gut miteinander auszukommen. Geschlechtsunterschieden in der Lebenszeit-
Wie bereits besprochen, besagt die entwicklung der Fruchtbarkeit (eine abruptere
evolutionstheoretische Sichtweise auf körper- Abnahme bei Frauen) und einer damit einher-
liche Attraktivität, dass sich heterosexuelle gehenden Evolution geschlechtsspezifischer
Menschen von denjenigen Personen des ande- Fortpflanzungsstrategien erklärt wird (Kenrick
ren Geschlechts besonders angezogen fühlen, et al. 1995; Kenrick und Keefe 1992).
bei denen die Aussicht auf viele, gesunde Nach- Weitere Signale für Fruchtbarkeit sind
kommen besonders groß ist (Deuisch et al. geschlechtstypische Merkmale in den
1986; Henss 1991; Mathes et al. 1985; Milord Gesichtszügen. Entsprechend werden femi-
1978). Nach dieser Logik sollten es nicht nur nine Gesichtszüge bei Frauen als attraktiv
auf Gesundheit hinweisende Merkmale sein, wahrgenommen (für einen Überblick vgl.
die Menschen attraktiv machen, sondern auch Rhodes 2006). Für die Einschätzung männ-
Merkmale, die auf die richtige Altersspanne licher Gesichter aus Sicht der Frau ergab eine
und eine geschlechtstypische Entwicklung hin- Untersuchung, dass Frauen eine moderate
weisen. Ein Merkmal, das auf sexuelle Reife Ausprägung von Maskulinität bevorzugen,
hindeutet, sind hohe Wangenknochen. Tat- während sie sehr wenig und sehr stark mas-
sächlich werden hohe Wangenknochen bei kuline Gesichter weniger attraktiv fanden
beiden Geschlechtern als besonders attrak- (Cunningham et al. 1990). Der Grund könnte
tiv empfunden. Außerdem sind geschlechts- sein, dass sehr maskuline Gesichtszüge zwar
reife, junge Menschen fruchtbarer als ältere als erwachsen und gesund, aber auch als sehr
Menschen, entsprechend werden jüngere dominant wahrgenommen werden, und damit
Erwachsene allgemein als schöner empfun- als bedrohlich (Scott et al. 2014).
den als ältere Erwachsene. In allen 37 von Buss Zusammenfassend betrachtet werden
(1989) untersuchten Ländern bevorzugten symmetrische, durchschnittliche, junge und
36 Kapitel 1 · Beziehungen

freundliche Gesichter und bis zu einem Körpergewichts durch Essen, Hungern oder
1 gewissen Grad auch geschlechtstypische Bewegung. Schmuck, Kleidung und andere
Gesichter als schön empfunden. Obwohl uni- Accessoires wie Sonnenbrillen oder Hand-
versell hohe Übereinstimmung darin besteht, taschen werden ebenfalls eingesetzt, um die
was als schön angesehen wird, gibt es auch Attraktivität zu steigern.
deutliche kulturelle Unterschiede, um die es Alle Kulturen haben ein Repertoire an sol-
im nächsten Abschnitt geht. chen Verzierungen entwickelt. Die kulturelle
Bedeutung dieser Verzierungen reicht von
1.2.2.2 Kulturelle Determinanten der Markierung der Zugehörigkeit zu einer
von Schönheit bestimmten Gruppe, über die Markierung
Was als schön empfunden wird, ist von von Status und Rolle innerhalb einer Gruppe
Kultur und Zeitgeschmack abhängig. Als oder einer Religion, bis zur Markierung des
attraktiv können dabei permanente Körper- Beziehungsstatus. Bei dieser letzteren Kate-
modifikationen, vorübergehende Körper- gorie spielen die kulturelle und die biologische
modifikationen sowie Kleidung und Evolution sich ergänzende Rollen, um das
Accessoires empfunden werden. Zu den Erkennen potenzieller Beziehungspartner
permanenten Körpermodifikationen zäh- zu erleichtern. So waren bis vor Kurzem ein
len beispielsweise gefeilte Zähne, Ringe, die Ehering bzw. Witwenkleidung in westlichen
den Hals strecken, Tätowierungen, Piercings, Kulturen Indikatoren des Beziehungsstatus.
Narbenmuster, Schönheitsoperationen oder In manchen afrikanischen Kulturen wer-
das Kleinhalten der Füße, wie es bei chinesi- den Narbenmuster oder Piercings und Ohr-
schen Frauen lange üblich war (. Abb. 1.11). läppchendehnung verwendet, um kulturell
Nichtpermanente Körpermodifikationen sind bedeutsame Lebensstadien zu markieren, wie
Frisuren, Rasuren, Make-up und normaler- den Eintritt ins heiratsfähige Alter, die Hoch-
weise auch das Bleichen und Bräunen der zeit oder das erste Kind.
Haut sowie Bleichen oder Färben der Haare, Wenngleich viele dieser Modifikationen
ebenso wie das Aufbauen von Muskulatur. willkürlich erscheinen, so lassen sich doch
Semipermanent ist die Modifikation des für einige Schönheitsideale auch Erklärungen

. Abb. 1.11 a, b Der Gebrauch von Körpermodifikationen ist universell, aber der Geschmack an bestimmten
Modifikationen ist kulturell erworben. (a: © hecke71/stock.adobe.com, b: © Andrey Zametalov/stock.adobe.com)
1.2 · Anziehung
37 1
finden. So wurde das Schönheitsideal für Schönheitsideale immer mehr medial ver-
Frauen in westlichen Kulturkreisen im Laufe mittelt, und die Werbungs- und Medien-
des 20. Jahrhunderts immer schlanker, wäh- industrie gibt Unsummen dafür aus, die
rend gleichzeitig die verfügbare Nahrung dargestellten Models digital „nachzubessern“,
immer reichlicher wurde (Voracek und Fisher um die Fotos noch mehr dem aktuell vor-
2002). Schlankheit war in der ersten Hälfte herrschenden Schönheitsideal anzugleichen.
des 20. Jahrhunderts meist ein Zeichen von Dies führt häufig zu Kontrasteffekten der-
Armut (ein negatives Merkmal), während sie gestalt, dass normale Menschen nach der
in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Betrachtung solcher Idealbilder als weniger
einem Zeichen erfolgreicher Selbstkontrolle attraktiv eingeschätzt werden (Kenrick et al.
wurde (ein positives Merkmal). Dadurch 1989). Problematisch ist daran allerdings,
wurde Schlankheit immer positiver bewertet. dass man nicht nur andere, sondern auch sich
Ein weiteres Beispiel für die Kontext- selbst mit solch unrealistischen Models ver-
abhängigkeit von Schönheitsidealen ist die gleicht und dabei schlecht abschneidet, was zu
Hautfarbe. Während früher eine sonnen- Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und
gebräunte Hautfarbe für Europäer und letztendlich zu einem reduzierten Selbstwert-
europäischstämmige Gruppen andernorts gefühl führen kann (Bissell und Rask 2010;
ein Zeichen für eine „niedrige“ Tätigkeit im Groesz et al. 2002; Hargreaves und Tigge-
Freien war (nur wer viel im Freien arbeiten mann 2004; N. Hawkins et al. 2004; Kim und
musste, hatte gebräunte Haut; wer hingegen Lennon 2007; Yu 2014).
nicht arbeiten musste oder intellektuellen Was können Sie tun, um sich hier selbst-
Tätigkeiten im Büro nachging, behielt eine wertdienlich zu verhalten? Nun, das Ergeb-
zarte, helle Haut), so ist sie heute ein Zeichen nis eines Vergleichsprozesses hängt davon
für Strandurlaube, Skifahren und Bräunungs- ab, ob man eher nach Gemeinsamkeiten oder
studios. Europäischstämmige Personen wur- nach Unterschieden sucht: Diejenigen, die
den auf 7 hotornot.com (einer Webseite, nach Gemeinsamkeiten zu hochattraktiven
bei der Besucher die Attraktivität von foto- Standards gesucht hatten, hatten anschlie-
grafierten Personen einschätzen) überwiegend ßend eine geringere Motivation, ihr Äußeres
attraktiver eingeschätzt, wenn ihre Haut per zu ändern (Häfner 2004; 7 Sozialpsychologie
Bildbearbeitung nachgebräunt wurde (Chung I, Kap. 6). Neben der Möglichkeit, nach
et al. 2010). Anders verhält es sich allerdings Gemeinsamkeiten mit sehr schönen Men-
für afrikanischstämmige Gruppen: Diese schen zu suchen, können Sie auch auf
haben in Gesellschaften wie den USA oder eine andere Dimension ausweichen: So kön-
Brasilien einen niedrigeren Status, weshalb nen Frauen sich bei sehr schönen, dünnen
für sie eine dunkle Hautfarbe eher mit nied- Models sagen, dass sie vielleicht nicht ganz
rigem Status assoziiert sein sollte. Genau dies so feminin, aber dafür wesentlich sportlicher
wurde auch in Studien gefunden. Afrikanisch- sind als das Model, und so ihren Selbstwert
stämmige Models wurden in einer Labor- aufrechterhalten (Häfner et al. 2008). Eine
studie am attraktivsten eingeschätzt, wenn die Reihe von Studien hat dementsprechend auch
Hautfarbe nachbearbeitet worden war, sodass gefunden, dass die Betrachtung idealisierter
sie mittelbraun erschienen, verglichen mit Frauenkörper in der Werbung nicht zwangs-
einer blasseren und einer dunkleren Haut- läufig zu einem schlechteren körperbezogenen
farbe der gleichen Personen (Frisby 2006). Selbstwertgefühl bei Frauen führt, sondern
Vor Aufkommen des Fernsehens orien- dass dies von Randbedingungen abhängt, die
tierten sich die meisten Menschen an den sich auf einen solchen Vergleich auswirken
Standards, denen sie im Alltag begegneten, können, wie etwa die wahrgenommene Ähn-
um ihre Attraktivität einzuschätzen und zu lichkeit zu den Modellen (Bluemke et al. 2013;
verbessern. Mittlerweile jedoch sind unsere Mills et al. 2002; Myers und Biocca 1992;
38 Kapitel 1 · Beziehungen

Papies und Nicolaije 2012) oder wie sehr man Symbolfunktion, indem sie Gruppenzuge-
1 dazu neigt, sein Äußeres mit anderen zu ver- hörigkeit, Lebensphase oder Rolle markie-
gleichen (Bissell und Rask 2010). ren. Schönheitsideale werden in unserem
Selbstverständlich bestünde auch die Kulturkreis durch Medien vermittelt, deren
Option, dass Werbe- und Modeagenturen rea- Betrachtung man sich nur schwer entziehen
listischere, d. h. durchschnittlichere Models kann. Solche medialen Darstellungen können
sowie nicht nachbearbeitete Bilder ein- die Zufriedenheit mit dem eigenen Körper
setzen. Die Forschung zeigt allerdings, dass reduzieren. Um den eigenen Selbstwert zu
einerseits gerade Frauen die so beworbenen schützen, kann man selbstwertdienliche Ver-
Produkte zwar explizit (bewusst) positi- gleichsprozesse gezielt einsetzen.
ver bewerten als die mit unrealistischen Kurzum, welche Personen wir als körper-
Supermodels beworbenen Produkte (Aage- lich attraktiv wahrnehmen, hängt von evo-
rup und Scharf 2018; Häfner und Trampe lutionären, psychologischen und kulturellen
2009; Wan et al. 2013; Yu 2014), aber dass Faktoren ab. Um soziale Beziehungen zu
auf einer unbewussten, assoziativen Ebene verstehen, ist es nicht nur wichtig zu ver-
die Verknüpfung eines Produkts mit einem stehen, wann wir Menschen als attraktiv
schönen Menschen dennoch zu besserer wahrnehmen, sondern auch, welche Rolle
Produktbewertung führen kann (Häfner und dieses Urteil für unsere Vorlieben und Ent-
Trampe 2009; Wan et al. 2013). Der Effekt auf scheidungen spielt: Wählen wir letztlich den
die letztendliche Kaufentscheidung sollte sich netten Kerl mit der schiefen Nase oder den
also u. a. danach richten, wie bewusst sich eine etwas einsilbigen Schönling? Darum geht es
Frau mit der entsprechenden Werbung aus- im nächsten Abschnitt.
einandergesetzt hat und ob die abgebildeten
Models ihrem Schönheitsideal entsprechen. 1.2.2.3 Bedeutung von Schönheit
So hatten nur jene Frauen, für die extreme für Beziehungen
Dünnheit Teil des Schönheitsideals war, eine Wie schon in 7 Sozialpsychologie I,
höhere Kaufabsicht für Produkte, die mit ext- Abschn. 5.1.1 besprochen, wirkt sich
rem dünnen statt normalgewichtigen Models Attraktivität auf zahlreiche Urteile und in
beworben waren (Roberts und Roberts 2015). vielen Lebensbereichen aus, sodass attrak-
Zusammenfassend lassen sich kultu- tive Menschen eine Reihe von Vorteilen
relle Schönheitsideale als sich wandelnde haben (z. B. ein höheres Einkommen oder
Moden charakterisieren, die zum Teil durch Bevorzugungen in der Schule). Ebenso spielt
ihre Zusammenhänge mit Faktoren wie Sta- körperliche Attraktivität bei der Partnerwahl
tus und Lebensstil erklärt werden können. eine Rolle (für einen Überblick vgl. Eastwick
Manche dieser Ideale haben zusätzlich eine et al. 2014b; 7 Beispielstudie 1.8).

Beispielstudie 1.8

Körperliche Attraktivität sagt Interesse vorher


In einer klassischen Studie Tanzen Fragebögen aus, und ausgehen wollte, war für beide
arrangierten die Forscher vier Beurteiler schätzten ihre Geschlechter die körperliche
einen Tanzabend in der körperliche Attraktivität ein. Der Attraktivität des Partners. Weder
Begrüßungswoche an der mit Abstand beste Prädiktor Persönlichkeit noch Intelligenz
Universität, bei dem sie Daten dafür, ob die Partner weiteres noch die Passung zwischen
von 327 per Zufall zusammen- Interesse an der anderen der eigenen Attraktivität und
gesetzten Tanzpaaren erhoben Person zeigten und den der des Partners spielten in
(Walster et al. 1966). Diese anderen tatsächlich fragten, dieser Studie eine Rolle für das
füllten vor und nach dem ob er oder sie noch einmal bekundete Interesse.
1.2 · Anziehung
39 1
Die Befunde in der Studie bedeuten nicht, sozialen Medien zum Kennenlernen hoher
dass nur die schönsten Menschen einen Part- Beliebtheit. Dies erhöht die Möglichkeiten,
ner finden. Vielmehr bilden sich häufig Paare jemanden kennenzulernen, vor allem weil
von vergleichbarer Schönheit (Feingold 1988). die Suche nicht örtlich begrenzt ist, weil
Eine häufig herangezogene Erklärung für die- man wesentlich mehr potenzielle Partner
ses Phänomen ist das Prinzip von Angebot sieht und weil eine Vorselektion möglich ist.
und Nachfrage oder das Marktprinzip, bei Die Gefahr ist allerdings, dass Faktoren, die
dem sich die Passung dadurch ergibt, dass für die Anziehung wichtig sind, besonders
jeder einen Partner haben will, der so attrak- der körperlichen Attraktivität, ein zu hoher
tiv wie möglich ist. Allerdings ist die Passung Stellenwert beigemessen wird, und Faktoren,
für körperliche Attraktivität mit einer Kor- die für die langfristige Zufriedenheit wich-
relation von .30 bis .40 (Feingold 1988) nicht tig sind, besonders der Ähnlichkeit, ein zu
sehr hoch, sodass noch andere Faktoren eine geringer. Vergleichbares gilt für das ebenso
Rolle spielen müssen. Die Ursache scheint verbreitete Speed-Dating als Kennenlern-
darin zu liegen, dass Menschen zwar beim möglichkeit (. Abb. 1.12). So zeigte sich in
ersten Kennenlernen zunächst die körper- einer Studie zu Speed-Dating, dass das Inter-
liche Attraktivität als sehr hoch bewerten, esse an weiteren Begegnungen allein von der
diese aber mit der Dauer der Bekanntschaft Attraktivität des Gegenübers vorhergesagt
an Bedeutung abnimmt. Hat man erst mal das wurde (Asendorpf et al. 2011).
musikalische Talent, den Humor, die Empa-
thie, die Selbstlosigkeit oder den scharfen Die bisher vorgestellten Befunde legen den
Verstand einer Person kennengelernt, so wer- Schluss nahe, dass interindividuell eine große
den diese Eigenschaften wichtiger, und die Übereinstimmung in Attraktivitätsurteilen
körperliche Attraktivität wird unwichtiger. herrscht. Nichtsdestotrotz sprechen auch
Hinzu kommt, dass für den einen das musika- einige Befunde dafür, dass Schönheit im Auge
lische Talent, für jemand anderen der Humor des Betrachters liegt. So sehen Personen, die
und für einen Dritten der scharfe Verstand mit ihrer Paarbeziehung zufrieden sind, ihren
besonders anziehend wirken, sodass mit län-
gerer Bekanntheit die Einigkeit darüber, wer
der attraktivste Partner ist, deutlich abnimmt
(Eastwick und Hunt 2014). Entsprechend
zeigte eine Studie, dass die Übereinstimmung
der von den Forschern eingeschätzten körper-
lichen Attraktivität eines Paars hoch war,
wenn sich das Paar vor der Beziehung nur
kurz kannte. Kannte sich das Paar hingegen
ein Jahr oder länger, bevor sie eine Beziehung
eingingen, so korrelierte die Attraktivität
des einen Partners nicht mit der des ande-
ren (Hunt et al. 2015). Mit der Dauer der
Bekanntschaft wurden andere Werte wichtig.
. Abb. 1.12 Speed-Dating ist eine tolle Möglichkeit,
Illustration: Attraktivität und in möglichst kurzer Zeit möglichst viele potenzielle
Partnerbörsen Partner kennenzulernen. Damit erhöht sich theore-
tisch die Chance, „den Richtigen“ oder „die Richtige“
Während noch bis vor Kurzem Tanzbälle, Dis-
zu treffen. Allerdings legt die Forschung nahe, dass
kos und Partys typische Orte zum Kennen- wir dabei zu oft nach dem Äußeren gehen und so
lernen waren, erfreuen sich in jüngster Zeit vielleicht die falsche Person wählen. (© Sangoiri/stock.
Partnervermittlungen in Internet, Apps und adobe.com)
40 Kapitel 1 · Beziehungen

eigenen Partner als schöner an, als er oder Welche Dynamiken sich dabei entfalten
1 sie von anderen gesehen wird (Eastwick und und wie man die Herausforderungen meis-
Hunt 2014). Auch erkennen wir uns wort- tern kann, soll Gegenstand des nächsten
wörtlich gern in unseren Partnern wieder: Abschnitts sein.
Das Gesicht des eigenen Partners wird am
attraktivsten wahrgenommen, wenn es dem
eigenen Gesicht durch Morphing am Compu- 1.3 Paarbeziehungen
ter etwas ähnlich gemacht worden war (Laeng
et al. 2013). Dies kann damit zusammen- Zahlreiche Menschen sehnen sich nach einer
hängen, dass wir uns zu ähnlich aussehenden Partnerin oder einem Partner, andere leben in
Personen hingezogen fühlen (7 Abschn. 1.2.1), einer Beziehung, wieder andere betrauern das
oder der Effekt kann über die Fluency oder Ende einer Beziehung, ein paar Wochen oder
Leichtigkeit der Verarbeitung vermittelt sein, gar Jahrzehnte lang. Selbst eingeschworene
da den meisten ihr eigenes Gesicht sehr ver- Singles verlieben sich ab und zu; nur etwa
traut ist. 1 % der Bevölkerung gab in einer britischen
repräsentativen Befragung an, dass sie sich
noch nie von jemandem sexuell angezogen
1.2.3 Zusammenfassung gefühlt hätten (Bogaert 2004). Kurzum, das
Thema Liebe und Partnerschaft betrifft frü-
Wir fühlen uns insbesondere zu Perso- her oder später alle. . Tab. 1.1 gibt exempla-
nen hingezogen, denen wir öfter begegnen rische statistische Kennzahlen zum aktuellen
oder die uns aus anderen Gründen vertraut Beziehungsverhalten in Deutschland wieder.
erscheinen, die uns ähnlich sind und die Seit Urzeiten wird die Liebe besungen, z. B.
ein attraktives Wesen sowie ein attraktives im Hohelied der Liebe in der Bibel (1. Korin-
Äußeres haben. Was dabei als attraktiv wahr- ther 13), ebenso wie ihr auch Opern, Schau-
genommen wird, scheint teilweise universell, spiele, Lyrik seit Jahrhunderten gewidmet
zu einem großen Teil aber auch kulturell sind. Liebe ist vielleicht der größte Quell
geprägt zu sein. Die Bedeutung von körper- von Freud als auch von Leid im mensch-
licher Attraktivität für unser Interesse an lichen Leben. Warum das so ist und was man
einer Paarbeziehung ist anfangs hoch. Mit der tun kann, um möglichen Schwierigkeiten zu
Dauer der Bekanntschaft wächst jedoch der begegnen, davon handelt dieser Abschnitt.
Einfluss von Ähnlichkeit und angenehmer Zunächst soll es um die verschiedenen Facet-
Persönlichkeit auf die Entscheidung, sich zu ten von Liebe gehen (7 Abschn. 1.3.1) und
binden. Ob Freundlichkeit, Ähnlichkeit oder anschließend um den Verlauf von Partner-
körperliche Attraktivität den Ausschlag geben, schaften (7 Abschn. 1.3.2). Auch wenn dabei
meist beginnen ernsthaftere Paarbeziehungen überwiegend von heterosexuellen Paaren die
in unserem Kulturkreis mit einer Phase der Rede sein wird, so legt die bisherige Forschung
Verliebtheit, welche uns das Gefühl gibt, dass doch nahe, dass die Erkenntnisse sich auch
diese Beziehung die richtige ist. Entscheiden auf homosexuelle Partnerschaften übertragen
wir uns dann dafür, tritt die Beziehung in ein lassen (z. B. Duffy und Rusbult 1986; Kurdek
neues Stadium ein: Man lebt in Partnerschaft. 2004; Roisman et al. 2008).
1.3 · Paarbeziehungen
41 1
. Tab. 1.1 Exemplarische statistische Kennzahlen zum Beziehungsverhalten (basierend auf Statistiken
und Umfragen in Deutschland)

Trauungen 2017a Anzahl 407.500


Scheidungen 2017a Anzahl 153.500
Darunter Ehescheidungen mit minderjährigen 77.000
Kinderna
Begründung von gleichgeschlecht- Zwischen Männern 3.727
lichen Lebenspartnerschaften 2016a
Zwischen Frauen 4.006
Ehedauer bei Scheidung 2017a Durchschnitt 15 Jahre
Scheidungsanträge 2016a Vom Mann 41 %
Von der Frau 51 %
Gemeinsam 8%
Altersunterschied innerhalb des 0 Jahre 10 %
Paarsa
1–3 Jahre 47 %
4–9 Jahre 35 %
Über 10 Jahre 8%
Orte des Kennenlernens eines Über Freunde 40 %
Paarsb
In einer Bar, Kneipe, Disko 27 %
Bei der Arbeit 25 %
Auf einer Party 23 %
In der Schule 18 %
Über eine Partnerbörse im Internet oder eine App 12 %
Im Urlaub 11 %
Über soziale Netzwerke 8%
An der Universität 6%
Über eine Zeitungsanzeige 6%
Beim Sport 6%
Beim Einkaufen 5%
In öffentlichen Verkehrsmitteln 3%
Bei einer Hochzeitsfeier, Verlobung oder Taufe 2%
Online-Dating-Industrie, 2017 Umsatz 211 Mio. EUR
(ohne Graumarkt)c
Ausgaben der Männer für Für Dating-Seiten mit weniger als 10 % Fakes 150 Mio. EUR
Dating-Seiten, 2017c
Für Dating-Seiten mit mehr als 90 % Fakes 100 Mio. EUR

(Fortsetzung)
42 Kapitel 1 · Beziehungen

. Tab. 1.1 (Fortsetzung)


1
Monatliche Singlebörsennutzer c Anzahl 8,6 Mio.
Frauenanteil insgesamt 43 %
Frauenanteil in Seitensprungagenturen 11 %
Frauenanteil in Singlebörsen für Alleinerziehende 78 %
Singles, die zufrieden sind ohne Anteil 63 %
Partnerd
Anteil der Befragten in hetero- Unter den Frauen 58 %
sexuellen Beziehungen, die
Unter den Männern 8%
angaben, mehr zum Haushalt bei-
zutragen als ihr Partnere
a Statistisches Bundesamt 2018
b Drösser und Geißler 2017, S. 68 f.
c Langbein et al. 2018
d Inhoffen 2017
e Gesis 2016

1.3.1 Was ist Liebe? ergeben: die drei Grundbausteine allein und
jede Kombination daraus.10
Der Aufgabe, „Liebe zu definieren“, haben sich
bereits Philosophen, Psychologen, Künstler Illustration: Leidenschaft in der
und viele andere gestellt. Dabei herrscht unter Weltliteratur
Wissenschaftlern weitgehend Einigkeit, dass Der prominenteste und universellste Plot
es sich bei Liebe nicht um etwas Einheitliches in der Weltliteratur ist vielleicht die Tren-
handelt, sondern dass verschiedene Kompo- nung zweier Liebender, ihre Verzweiflung
nenten zu unterscheiden sind. über die scheinbare Endgültigkeit der Tren-
Die in der Psychologie wohl bekannteste, nung und schließlich entweder ihr tragisches
weil auch sehr eingängige und veranschau- Ende oder ihre Wiedervereinigung gegen
lichende Sichtweise auf Liebe ist die von
Robert Sternberg. Nach Sternberg (1988)
setzt sich Liebe aus drei Facetten zusammen:
10 Diese Aufteilung nach Sternberg (1988) ist natür-
Leidenschaft, Intimität und Commitment. lich nur eine unter mehreren möglichen. Zwar
Leidenschaft kennzeichnet dabei die Erregung konnte gezeigt werden, dass fast alle Aspekte
und sexuelle Anziehung, die Sehnsucht und von Paarbeziehungen zu einem der drei Faktoren
das Verlangen nach dem anderen. Intimi- passen (Aron und Westbay 1996), doch heißt
tät bezeichnet die Vertrautheit miteinander, dies nicht, dass andere Aufteilungen nicht noch
geeigneter sein könnten. Eine Aufteilung nach
das gute Gespräch, die Empathie, Zärtlichkeit den adaptiven Funktionen Sexualität, Fürsorge
und Unterstützung füreinander. Commitment und Bindung (Shaver und Hazan 1988) oder Lust,
schließlich steht für die Entschlossenheit, Anziehung und Bindung (H. Fisher 2006) hat
beim anderen zu bleiben und die Beziehung beispielsweise den Vorteil, dass man begründete
aufrechtzuerhalten. Nach Sternbergs Theorie Annahmen zum evolutionären Ursprung der
Komponenten machen (beispielsweise, dass sich
können die drei Komponenten in jeder Kom- Fürsorge und Bindung aus der elterlichen Für-
bination vorkommen, woraus sich insgesamt sorge und Bindung entwickelt haben) und diese
sieben unterschiedliche „Arten von Liebe“ empirisch überprüfen kann.
1.3 · Paarbeziehungen
43 1
alle Widerstände (Hogan 2003). Dass es für oder nicht (Shaver et al. 1996). In diesem grö-
Romeo nichts anderes gibt als den Freitod, als ßeren Kontext wird deutlich, dass die drei
er (fälschlicherweise) erkennt, dass seine Julia Komponenten nicht zusammengehören müs-
tot ist, und dass dann Julia ihrerseits ohne zu sen (z. B. wird die Liebe zwischen Eltern und
Zögern ihrem geliebten Romeo in den Tod Kindern von Intimität und Commitment,
folgt, ist eine Folge ihrer großen Leidenschaft. nicht aber von Leidenschaft geprägt sein)
Ein jüngeres Beispiel dieses romantischen und dass es noch andere Facetten geben kann
Prototyps ist der Film Titanic, in dem sich der (Hendrick und Hendrick 1986, 1989; Lomas
Held für seine Geliebte aufopfert. In beiden 2018; Shiota et al. 2017).
Plots ist die Liebe riskant und von den Eltern Die drei Sternberg’schen Komponenten
sowie der gesellschaftlichen Etikette nicht sollen im Folgenden dazu dienen, die wich-
gewollt, was sie besonders intensiv macht. tigsten sozialpsychologischen Forschungs-
befunde zum Themenbereich „Liebe und
Untersuchungen von Paarbeziehungen mit Partnerschaft“ zu strukturieren.
dem dazugehörigen Messinstrument, welches
die drei Facetten operationalisiert, ließen sich 1.3.1.1 Intimität
zwar statistisch mit einer Dreifaktorenlösung Haben Sie sich schon einmal gewünscht, dass
abbilden, allerdings zeigten viele Items Ladun- Ihnen jemand tief ins Herz blicken kann?
gen auf mehreren Faktoren, und die Faktoren Ihre Sehnsüchte, Gefühle, Gedanken voll-
korrelierten deutlich miteinander (Acker und kommen verstehen kann? Ihr Seelenver-
Davis 1992; Hendrick und Hendrick 1989; wandter ist? Mit diesem Wunsch liegen Sie
Sternberg 1997). Dies bedeutet, dass sich intuitiv richtig, denn es tut Menschen in der
die meisten Personen in Paarbeziehungen Regel gut, sich anderen gegenüber zu öffnen.
in westlichen Kulturkreisen offenbar wenig Einen Vertrauten zu haben, mit dem man
in der Liebesform unterscheiden, sondern seine Geheimnisse teilen und offen über seine
mehr in der Ausprägung: Fühlen sie Leiden- Gedanken und Gefühle sprechen kann, ist
schaft für ihren Partner, so erleben sie mit nicht nur für die Psyche, sondern auch für die
hoher Wahrscheinlichkeit auch Intimität und körperliche Gesundheit wichtig (Pennebaker
Commitment; fehlt eine dieser Säulen, wan- 1997). Allein schon das Gefühl zu haben,
ken wahrscheinlich auch die anderen. verstanden zu werden, spendet Trost. Dem-
Anzumerken ist allerdings, dass sich der entsprechend gibt es einen engen Zusammen-
Begriff „Liebe“ nicht nur auf Paarbeziehungen hang zwischen (emotionaler) Empathie, dem
in westlichen Kulturkreisen bezieht (Stern- Verstehen der Gefühle anderer, und Sympa-
berg 1995) und dass andere Kulturen andere thie oder Mitgefühl, der sich sorgenden und
Vorstellungen von Liebe in Paarbeziehungen tröstenden Zuwendung, um das Leid eines
haben. In unserer eigenen Kultur wird der anderen zu mildern (Davis et al. 1994; Eisen-
Begriff „Liebe“ ebenso verwendet, um eine berg und Fabes 1991). Den Partner etwas
nahe Beziehung beispielsweise zu Gott, zu ähnlicher wahrzunehmen, als er eigentlich
den eigenen Eltern oder zur Lieblingsband ist, stärkt das Gefühl, verstanden zu werden,
zu beschreiben. Emotionstheoretiker haben und ist daher durchaus gut für die Beziehung
unterschiedliche Ansichten darüber, ob es (Murray et al. 2002a).
sinnvoll ist, all die unterschiedlichen Ver- Viele haben mehr als eine Bezugsperson,
wendungen des Begriffs „Liebe“ in einem der gegenüber sie sich öffnen können, bei-
psychologischen Konstrukt zu fassen, oder spielsweise gute Freunde, die Mutter, den
ob es angemessener ist, von unterschiedlichen Partner. Die wahrgenommene Intimität hängt
Phänomenen zu sprechen. Ebenso herrschen nicht nur davon ab, wie viel Persönliches man
unterschiedliche Meinungen darüber, ob es in einem solchen Gespräch preisgibt, sondern
sich bei Liebe um eine Grundemotion handelt auch davon, ob der Gesprächspartner das
44 Kapitel 1 · Beziehungen

Beispielstudie 1.9
1
Intimität in 45 min
Stellen Sie sich vor, Sie sind zu Experimentalbedingung (Self-Disclosure oder
einer psychologischen Studie einander sehr viel näher als Selbstenthüllung). Das ist
eingeladen. Ihre Aufgabe diejenigen in der Kontroll- spannend und aufregend,
ist es, sich 45 min lang mit bedingung. Dies wurde u. a. schafft Nähe und Vertrauen
einem Mitstudierenden mit einem Item erfasst, bei (Aron et al. 1997).11
zu unterhalten und dabei dem die Nähe zwischen Derselbe Fragenkatalog
einen Fragenkatalog von zwei Personen durch die wurde in späterer Forschung
36 Fragen abzuarbeiten, zunehmende Überlappung erfolgreich eingesetzt,
die Sie sich gegenseitig zweier Kreise repräsentiert um sowohl Freundschaft
stellen sollen. Die Fragen wird –eine Person, die sich zwischen Studierenden
beginnen mit persönlichen, einer anderen nahe fühlt, wird lateinamerikanischer und
aber noch nicht sehr intimen also ihre Beziehung in einer europäischer Abstammung
Fragen wie „Wärest du gern Grafik repräsentiert sehen, in an der UC Berkeley, USA, zu
berühmt? Auf welche Art?“, der sich die Kreise weitgehend fördern (Page-Gould et al.
später aber sollen Sie sich überlappen (. Abb. 1.13). Was 2008) als auch um Paaren
erkundigen: „Ergänze den ist der Prozess? Die Fragen zu helfen, sich mit anderen
Satz: Ich wünschte, ich hätte waren darauf ausgelegt, sich Paaren anzufreunden. Dabei
jemanden, mit dem ich … gegenseitig ein bisschen nahm nicht nur die Nähe
teilen könnte.“ Diese Aufgabe von dem zu enthüllen, was zwischen den Paaren zu,
gaben Aron et al. (1997) der einem als Person wichtig sondern die Partner fühlten
Hälfte ihrer Studienteilnehmer ist, was einen ausmacht: sich auch untereinander näher
(Experimentalbedingung). In Werte, Gefühle, wichtige (Slatcher 2010).
der Kontrollbedingung blieben Erinnerungen, wichtige Diese Studie zeigt, dass
die Fragen auf der Oberfläche, Beziehungen. Die Teilnehmer eine kurze Sequenz von
wie beispielsweise „Beschreibe konnten miteinander ehrlich Fragen zunehmender
dein letztes Haustier“. sein und sich trauen, sich Intimität Nähe und sich
Im Ergebnis fühlten sich zu offenbaren, auch über anbahnende Freundschaft
die Teilnehmer in der ihre Beziehung zueinander bewirken kann.

Geäußerte akzeptiert, versteht, Zuwendung Kernmerkmalen von Intimität, nonverbal z. B.


und Mitgefühl zeigt (Laurenceau et al. 1998; durch Berührungen und Blickkontakt, verbal
Reis und Shaver 1988). Entsprechend ist für oder tatkräftig durch soziale Unterstützung
das Gefühl von Intimität entscheidend, sich (7 Abschn. 1.1.3; zusammenfassend vgl. Bau-
teilnahmsvoll verstanden zu fühlen, wobei meister und Bratslavsky 1999). Intimität wurde
neben dem verbalen Austausch normalerweise häufig auch definiert und gemessen als „sich
auch das Beobachten des Partners im Alltag jemandem nahe fühlen“ (7 Beispielstudie 1.9).
und bei Unternehmungen zu einem besse- In Paarbeziehungen steigt die Intimität anfangs
ren Verständnis des anderen beiträgt. Dieses rasch an (Acker und Davis 1992), bleibt ins-
Verständnis sollte von einer wohlwollenden besondere bei zufriedenen Paaren weiter-
Einstellung und positiven Gefühlen begleitet hin hoch, steigt aber nicht ins Unermessliche.
sein, mit dem Wunsch, den anderen zu unter- Die Bedeutung von gegenseitigem, besonders
stützen. Schließlich gehört auch die Kom- emotionalem Verständnis für Intimität
munikation gegenseitiger Zuneigung zu den scheint allerdings eine eher neue Entwicklung
innerhalb westlicher Gesellschaften und für
Frauenfreundschaften größer als für Männer-
11 Gesellschaftsspiele wie Der wahre Walter, Wahrheit
freundschaften zu sein (Jamieson 2007). In
oder Pflicht, Ego, Privacy, Therapy, Ich habe noch nie … traditionellen Gesellschaften stehen stattdessen
oder Wer im Raum … basieren darauf, dass sie Selbst- eher Informationsweitergabe und tatkräftige
offenbarung legitimieren oder „einfordern“. Hilfe im Vordergrund (Migliano et al. 2017).
1.3 · Paarbeziehungen
45 1

Mein Mein Mein


Ich Ich Ich
Partner Partner Partner

Mein Mein Mein Mein


Ich Ich Ich Ich
Partner Partner Partner Partner

. Abb. 1.13 Grafische Skala zur Messung der wahrgenommenen Nähe zu einer anderen Person. Ähnliche
Items werden häufig auch zur Messung der Identifikation mit Gruppen verwendet. Eine typische Instruktion
lautet: „Welche Abbildung beschreibt Ihre Beziehung am besten?“

Intimität sich im Laufe der Zeit immer mehr dem Ideal-


Intimität ist eine Facette von Liebe, die bild annäherten, das der Partner von ihnen
durch gegenseitiges wohlwollendes gezeichnet hatte (Murray et al. 2000; Murray
Verständnis, positive, warme Gefühle und Holmes 1993, 1997). Andere Forscher
füreinander sowie die Kommunikation haben dieses Phänomen als Michelange-
von Zuneigung (durch Worte, tatkräftige lo-Phänomen bezeichnet, da die Partner sich
Unterstützung und nonverbale Signale) gegenseitig modellieren und den anderen zu
geprägt ist. dem idealen Menschen machen, den sie in
ihm sehen, so wie Michelangelo Steine zu den
idealen Statuen machte, die er in dem noch
Da Paare sehr viel Zeit miteinander ver- unbehauenen Stein bereits „erkannt“ hatte
bringen und sich häufig auch sehr gut ken- (Drigotas et al. 1999). Positive Illusionen über
nen, können sich die Partner auch mehr als den Partner hatten also einen positiven Ein-
andere gegenseitig beeinflussen. Dies kann fluss auf die Beziehungszufriedenheit und
zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen -stabilität (Murray et al. 1996a, b, 2011).
führen (7 Abschn. 4.4): Gute Beziehungen Umgekehrt ergab sich aber auch: Personen
sind dadurch geprägt, dass die Personen posi- mit niedrigem Selbstwert interpretierten das
tive Illusionen über ihre Partner haben. Bei- Verhalten ihres Partners negativer als jene mit
spielsweise schätzten Personen mit hoher hohem Selbstwert und fühlten sich deshalb
Beziehungszufriedenheit ihre Partner positiver weniger geliebt, was ihre Befürchtungen feh-
ein, als sie selbst oder enge Freunde dies taten, lender Akzeptanz durch den Partner scheinbar
oder sahen Schwächen als Nebenprodukte bestätigte (Murray et al. 2002b). Als Reaktion
von Stärken und damit nicht wirklich als darauf zogen sie sich ihrerseits vom Partner
Schwächen an. Man könnte nun meinen, zurück – eine ungünstige Dynamik entstand.
dass diese positiven Illusionen irgendwann Fassen wir zusammen: Intimität ist ein
zu Ernüchterung führen, wenn man fest- Fundament für Paarbeziehungen und auch in
stellt, wie der Partner wirklich ist. Dies war anderen nahen Beziehungen wichtig. Intimi-
aber nicht der Fall. Vielmehr ergaben Längs- tät entsteht durch wechselseitige Selbstent-
schnittstudien, dass die idealisierten Partner hüllung, also das Preisgeben persönlicher
46 Kapitel 1 · Beziehungen

Gefühle und Informationen, sowie durch z Sich verlieben


1 gemeinsame Erlebnisse. Wichtig ist dabei der Sie sind verliebt – was bedeutet dies psycho-
wechselseitige Ausdruck von Wohlwollen und logisch, was geschieht dabei in Ihnen?
Zuneigung, damit man sich beim anderen Berscheid und Walster (1974) zufolge ist Ver-
auch „gut aufgehoben“ fühlt. Eine besonders liebtheit als Emotion zu sehen, die wie andere
wohlwollende Einstellung zum Partner kann Emotionen auch aus zwei Komponenten
zu positiven Illusionen führen, welche im besteht: aus einer physiologischen Erregung
Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophe- sowie aus einer Ursachenzuschreibung (Attri-
zeiung dem anderen helfen, die vom Partner bution; 7 Sozialpsychologie I, Kap. 5) die-
bewunderten Stärken noch zu entwickeln. ser Erregung. Damit folgen sie einer von
Intimität ist allerdings keine Voraussetzung Schachter (1964) entwickelten Emotions-
für gegenseitige Anziehung: Manchmal reicht theorie, die davon ausgeht, dass der Körper
schon ein erster Blick, und man hat sofort auf einen emotionalen Reiz, beispielsweise
Schmetterlinge im Bauch und setzt alle Hebel den Anblick des geliebten Menschen, mit
in Bewegung, um den anderen so bald wie unspezifischer körperlicher Erregung (Arou-
möglich wiederzusehen. Eine solche Liebe sal) reagiert. In einem zweiten Schritt wird
auf den ersten Blick hat mit einer weiteren dann diese Erregung wahrgenommen und
Liebeskomponente zu tun – der nachfolgend die Ursache dafür gesucht (7 Sozialpsycho-
beschriebenen Leidenschaft. logie I, Abschn. 6.2.2). Bei dieser Ursachen-
zuschreibung liegen wir meistens richtig; es
1.3.1.2 Leidenschaft und können aber auch Fehler passieren, wenn
Verliebtheit wir die wahre Ursache für die Erregung nicht
Leidenschaft ist schillernd, mal verführerisch, erkennen und die Erregung damit auf eine
ekstatisch, das höchste Glück auf Erden, andere Ursache fehlattribuieren. Eine physio-
mal zur Verzweiflung bringend. Das Sprich- logische Erregung kann z. B. auch durch
wort „Die Leidenschaft, die Leiden schafft“ Sport, Koffein oder Furcht hervorgerufen
bringt es auf den Punkt: Auf das unmittel- werden (Schachter und Singer 1962).
bare Glück folgt leider oft Unglück – sei es, Dies zeigten Dutton und Aron (1974)
weil man es kaum aushält, von der oder dem in einem cleveren Experiment, in wel-
Angebeteten getrennt zu sein, sei es, weil er chem Erregung durch das Überqueren einer
oder sie die Liebe nicht erwidert oder die hohen, wackelnden Brücke erzeugt wurde
Normen und Umstände einem Ausleben aller (7 Sozialpsychologie I, Abschn. 6.2.2). Die
Gefühle entgegenstehen. Leidenschaft ent- Passanten attribuierten die durch Furcht
facht oft ein Verlangen, das unstillbar scheint. erzeugte Erregung fälschlicherweise auf die
In fMRT-Studien zeigte sich entsprechend Attraktivität der Interviewerin. In ähnlichen
eine erhöhte Aktivität in dopaminreichen12 Studien wurde Erregung durch Sport, grau-
Belohnungszentren des Gehirns, wenn Ver- same oder witzige Hörgeschichten oder eine
liebte an ihre Geliebten erinnert wurden Achterbahnfahrt erzeugt, was in der Folge
(Aron et al. 2005; H. E. Fisher et al. 2006). zu erhöhtem erotischem Interesse an Perso-
Leidenschaft ist also ein wichtiger Aspekt von nen des anderen Geschlechts führte (Meston
Verliebtheit, um die es im Folgenden geht. und Frohlich 2003; White et al. 1981). Diese
Befunde zeigen, dass wir physiologische
Erregung als ein Signal interpretieren, dass
wir eine Person begehren. Aber Verliebtheit
12 Dopamin fungiert im menschlichen Gehirn
umfasst noch viele weitere Komponenten,
unter anderem als ein Botenstoff in Motivations-
systemen, die Willen, Anstrengung und wie im Folgenden beschrieben wird.
Annäherungsmotivation regulieren (Nutt et al. Subjektiv erleben wir Verliebtheit als
2015). ein Gefühl der Zuneigung, verbunden mit
1.3 · Paarbeziehungen
47 1
Sehnsucht und Verlangen nach der anderen Reihe von Gründen für Sex, aber die mit
Person. Wir fühlen uns von ihr angezogen, Abstand wichtigsten waren sexuelle Lust und
besonders körperlich, und wollen sie Nähe zum Partner (Cooper et al. 1998). Feh-
kennenlernen und unsere Gefühle mit ihr lende sexuelle Lust ist umgekehrt auch ein
teilen. Wir suchen ihre Nähe und richten Hauptgrund für das Nachlassen sexueller
unsere ganze Aufmerksamkeit auf sie. Wir Aktivität (Traeen und Stigum 2010). Diese
beschäftigen uns gedanklich intensiv mit ihr, Befunde legen nahe, dass Sex beim Men-
häufig, ohne dass wir das wollen. Dabei nei- schen eine Adaptation ist, die sowohl direkt
gen wir dazu, sie zu idealisieren. Insgesamt der Fortpflanzung als auch der Paarbindung
fühlen wir uns voller Energie, reagieren aber und damit indirekt der Fortpflanzung dient,
auch mit intensiven negativen Gefühlen, indem sie die Kooperation beider Eltern bei
wenn die andere Person „nichts von uns der Kinderaufzucht fördert. Sie könnten
wissen“ will (Aron et al. 2005; Hatfield und jetzt einwenden: Wenn Sexualität direkt und
Sprecher 1986; Tennov 1998). Verliebtheit ist indirekt der Fortpflanzung dient, warum gibt
normalerweise eine vorübergehende Phase es dann Homosexualität? Dieser Frage wid-
von Wochen bis Monaten. Dabei können die met sich der 7 Exkurs: Homosexualität und bio-
Symptome bisweilen so stark werden, dass logische Fitness. Hetero- und Homosexualität
sie als unkontrollierbar erlebt werden und sind Bezeichnungen für sexuelle Präferenzen.
negative Begleiterscheinungen wie Schlaf- Neben sexuellen Präferenzen bestimmen
losigkeit hervorrufen (H. Fisher 2006). Ver- auch andere Faktoren, wie Menschen ihre
liebtheit führt oft zum Wunsch nach Sex, um sexuelle Identität erleben, wie im nächsten
den es daher auch im Folgenden geht. Abschnitt kurz skizziert wird.
Weder das biologische Geschlecht noch
z Sexualität die Geschlechtsidentität sind strikt dichotom.
Menschen haben aus vielen unterschied- Die Mehrheit der Deutschen sehen sich ent-
lichen Gründen Sex (Meston und Buss 2007). weder als Mann oder Frau (Geschlechtsrolle)
Zwei Gründe, die vermutlich die Evolution und haben das dazu passende biologische
unseres Sexualverhaltens geprägt haben, Geschlecht. Außerdem fühlen sie sich sexuell
sind die Fortpflanzung und die Paarbindung. zum anderen Geschlecht hingezogen, sie sind
Ein Sexualtrieb ist ohne Zweifel adaptiv für also heterosexuell. Nicht wenige hingegen
die reproduktive Fitness. Aber ein sexuelles haben biologische oder soziale Geschlech-
Verlangen außerhalb der fruchtbaren Phase ter, die sich nicht mit diesen Kategorien
dient nicht direkt der reproduktiven Fitness, beschreiben lassen, oder sie haben ein anderes
sondern vielmehr der Paarbindung (Eastwick biologisches als soziales Geschlecht, oder sie
2009; Grøntvedt et al. 2017). Dies ist durch fühlen sich sexuell (auch) zum eigenen bio-
mindestens zwei Mechanismen vermittelt: logischen Geschlecht hingezogen, sind also
Im Sinne einer evaluativen Konditionierung bi- oder homosexuell. All diese Varianten füh-
(7 Sozialpsychologie I, Abschn. 7.2.2) wird ren zu Identitäten oder Selbstbeschreibungen
der Partner als Quelle sexueller Glücks- als beispielsweise lesbisch, schwul, bisexuell13,
gefühle zu einem belohnenden Reiz. Darüber
hinaus geht menschliche Sexualität mit einer
Oxytocinausschüttung im Gehirn einher,
einem Neuropeptid, das die Paarbindung för-
dert (Blaicher et al. 1999; Carmichael et al.
13 Bisexuelle Menschen fühlen sich sowohl zu Män-
1987, 1994; Prause 2011).
nern als auch zu Frauen sexuell hingezogen oder,
In einer Untersuchung unter Jugend- anders gesagt, zu Menschen unabhängig von
lichen fanden sich entsprechend eine ganze deren Geschlecht.
48 Kapitel 1 · Beziehungen

Exkurs
1 Homosexualität und biologische Fitness
In der gesamten Tierwelt beizutragen scheinen? Einige als man annehmen könnte:
kommt homosexuelles Erklärungen der Vererbbarkeit Wenn angeborene leichte
Verhalten vor, meist in Form homosexueller Präferenzen homosexuelle Neigungen
von Bisexualität, aber auch schlagen vor, dass Gene für bei den meisten nicht
strikter Homosexualität homosexuelle Neigungen ausschließlich homosexuellen
(für einen Überblick vgl. in hetero- oder bisexuellen Menschen die Fitness eher
Savolainen und Hodgson Individuen die Fitness steigern (beispielsweise
2016). Sexuelle Präferenz steigern, beispielsweise weil sie soziale Vorteile
oder Orientierung wird durch weil diese homosexuelle bringen), so führt dies zu einer
Umweltfaktoren beeinflusst Handlungen zur Selektion dieser Neigungen.
(laut einer Schätzung gehen Allianzbildung nutzen. Andere Nur in strikt homosexuellen
bei Männern 70 % der Variation Theorien gehen davon aus, Individuen erschweren diese
auf nichtgenetische Einflüsse dass diese Gene nicht an sich Gene dann die Reproduktion.
zurück). Der genetisch Homosexualität verursachen, Diese Erklärung geht davon
bestimmte Anteil teilt sich sondern nur in Kombination aus, dass sexuelle Präferenz
auf viele verschiedene Gene mit anderen Prozessen – ein Kontinuum von strikter
auf, von denen jedes einzelne ein sog. epigenetischer Heterosexualität bis hin zu
die Wahrscheinlichkeit Einfluss (Faktoren, die strikter Homosexualität ist.
homosexueller Präferenzen die Aktivität von Genen Anthropologische Studien
nur minimal beeinflusst. beeinflussen). Insgesamt stützen diese Annahme,
Warum haben Selektions- erscheint die Vererbung da Homosexualität und
mechanismen diese Gene homosexueller Präferenzen Bisexualität in fast allen
nicht längst eliminiert, obwohl damit für die biologische Kulturen und zu allen Zeiten
sie nicht zur Fortpflanzung Fitness weniger paradox, vorkamen.

transsexuell14 oder queer15 (. Abb. 1.14). Viele in den letzten Jahrzehnten hin zu mehr Frei-
Gesellschaften und Kulturen legitimieren nur heiten bei der Identitätsdefinition, Beziehungs-
wenige solcher Identitäten und Beziehungs- gestaltung und sexuellen Betätigung gewandelt
formen. In Deutschland und Westeuropa (7 Exkurs: Masturbation und Pornokonsum).
haben sich die sozialen Normen und Gesetze In den meisten aktuellen Kulturen herrscht
die soziale Norm, dass Sex nur innerhalb der
Ehe oder Partnerschaft erlaubt ist. Übertritte
14 Als transsexuelle Personen werden Menschen werden von Gesetzen und vom „gehörnten“
bezeichnet, deren Geschlechtsidentität von Partner dabei unterschiedlich hart bestraft,
ihrem biologischen oder gesellschaftlich von Missbilligung über Trennung bis Tötung
zugeschriebenen Geschlecht abweicht. Die (7 Exkurs: Sexuelle Doppelmoral).
Begriffe „transsexuell“, „Transgender“ oder „Trans-
identität“ bezeichnen daher keine sexuelle Orien-
Wie monogam sind Menschen heutzu-
tierung. Transsexuelle Personen können sowohl tage? Aktuelle Befragungen zeigen, dass ca.
hetero-, homo-, bi- als auch asexuell sein. Ope- 16 % der Personen in einer festen Partnerschaft
rative Veränderungen biologischer Geschlechts- schon außereheliche Sexualkontakte hatten
merkmale werden von manchen Personen in (Træen und Thuen 2013). Vor der ersten Ehe
dieser Gruppe gewünscht, von anderen abgelehnt.
oder festen Partnerschaft haben darüber hin-
15 „Queer“ ist ein Sammelbegriff, der Menschen
unterschiedlichster sexueller Orientierungen und
aus die meisten Menschen heute kürzere oder
geschlechtlicher Identitäten beschreibt, also z. B. längere Beziehungen oder One-Night-Stands
Lesben, Schwule, Bisexuelle oder transsexuelle (Paul et al. 2000). Schließlich gehen viele feste
Personen, die sich bewusst von normativen Beziehungen auseinander, und man bindet sich
Geschlechtervorstellungen abgrenzen wollen. im Laufe des Lebens mehrmals an neue Partner,
1.3 · Paarbeziehungen
49 1

. Abb. 1.14 Die passende Frisur und gekonntes Make-up (und ggf. den Bart epilieren) reichen oftmals aus, um
ein männliches Gesicht (rechte Hälfte der Abbildung) weiblich wirken zu lassen (linke Hälfte). Auch sozialpsycho-
logische Studien finden, dass solche Hinweisreize wie lange Haare bei Männern dazu führen, dass Menschen bei
der Betrachtung zunächst beide Geschlechtskategorien aktivieren. (Freeman et al. 2008; Macrae und Martin 2007;
Martin und Macrae 2007; für einen Überblick vgl. Quadflieg und Macrae 2011; © visivasnc/stock.adobe.com)

Exkurs
Masturbation und Pornokonsum
Ein unter Menschen heterosexuellen Männern Objektivierung von Frauen
verbreitetes sexuelles in Beziehungen wurde die fördern. Objektivierung
Verhalten, welches nicht Masturbationshäufigkeit bedeutet, dass Frauen
der Fortpflanzung dient, durch sexuelle Langeweile, vor allem als Sexobjekte
ist Masturbation, d. h. die häufigen Pornografiekonsum gesehen werden, unter
Selbststimulierung der und geringe Intimität in der Vernachlässigung sämtlicher
Genitalien, um sexuelle Beziehung vorhergesagt anderer Qualitäten
Erregung und Lust zu erleben (Daten aus drei europäischen (Fredrickson und Roberts
(. Abb. 1.15). Männer Ländern; Carvalheira et al. 1997; Milburn et al. 2000).
masturbieren früher und 2015). Daneben beeinflusst
häufiger als Frauen. So gaben Auch der Konsum von Pornografiekonsum die
74 % der Jungs zwischen Pornografie dient der sexuellen Skripte, also
14 und 17 an, schon einmal Erlangung sexueller Lust Schemata und Vorstellungen
masturbiert zu haben, aber und Erregung. Das Internet über typische sexuelle
nur 48 % der Mädchen (Daten sorgt für einen leichten Aktivitäten, in Richtung
aus den USA; Robbins et al. Zugang zu großen Mengen mehr Promiskuität und
2011). Masturbation war an pornografischen Bildern häufigeren Partnerwechsels
in dieser Altersgruppe das und Videos, und fast jeder (Braithwaite et al. 2015).
häufigste Sexualverhalten. hat schon einmal Pornografie Beides, die Objektivierung
Bei Frauen zwischen 46 und angeschaut (Træen et al. von Frauen und der häufigere
56 nahm die Zahl derer, die 2006). Dies kann eine Reihe Partnerwechsel, sind
angaben, gelegentlich zu positiver Funktionen haben Tendenzen, die langfristigen,
masturbieren, von 49 % auf und zur sexuellen Aufklärung gleichberechtigten
43 % ab (Daten aus den USA; beitragen (Carvalheira Partnerbeziehungen
Randolph et al. 2015). Unter et al. 2015), aber auch die entgegenwirken können.
50 Kapitel 1 · Beziehungen

. Abb. 1.15 In Befragungen gab über die Hälfte aller Männer und Frauen an, gelegentlich zu masturbieren.
Jugendliche masturbieren häufig, bevor sie beginnen, mit einem Partner sexuell aktiv zu werden. (© vchalup/
stock.adobe.com)

Exkurs

Sexuelle Doppelmoral
Soziale Normen, Regeln angeborene Unterschiede worden, dass beide
und Gesetze in vielen zwischen den Geschlechtern Geschlechter die gleichen
Ländern haben über in ihrer Neigung zu sexueller Rechte und Pflichten haben.
Jahrzehnte weibliche und Eifersucht zurück (Buss und Aber selbst heute noch
männliche Promiskuität Schmitt 1993; Buss 1995; halten sich Normen, nach
mit unterschiedlichem Buss et al. 1999, 1992; Buunk denen es eher der Frau
Maß gemessen. Ob aus et al. 1996; Sagarin et al. obliegt, außerehelichen Sex
biologischen, sozial-kul- 2003; Shackelford et al. 2002; abzublocken und keusch
turellen Gründen oder einer Wiederman und Allgeier 1993). zu sein. Partner, die einen
Mischung daraus, im Ergebnis Sozial-kulturelle Theorien Seitensprung entdecken oder
wurden Mädchen und Frauen hingegen führen sexuelle verlassen werden, empfinden
für sexuelle Affären stärker Doppelmoral auf soziale häufig Kränkung, Macht- und
bestraft. In verschiedenen Rollen der Geschlechter in den Kontrollverlust und reagieren
Teilen der Welt wurde untersuchten Kulturen zurück mit Eifersucht und Wut auf
Ehebruch definiert als Sex und weisen auf die großen den Nebenbuhler und den
zwischen einer Ehefrau und kulturellen Unterschiede Partner, was zu Aggressivität
einem anderen Mann. Oft im Sexualverhalten, in führen kann. In vielen
wurde dabei Ehebruch als Sexualnormen und in damit Kulturen wird angenommen,
Diebstahl behandelt, und einhergehenden individuellen dass eine solche Reaktion
der Mann hatte das Recht, Einstellungen und Präferenzen natürlich und schwer zu
sich zu rächen oder sich (mit hin (DeSteno und Salovey kontrollieren ist, sodass die
Erstattung des „Brautpreises“) 1996; Eagly und Wood 1999; Gesetzestexte mildernde
scheiden zu lassen. Eine solche Eastwick et al. 2014a; Harris Umstände vorsehen, wenn
Ungleichbehandlung der 2003). ein Ehepartner den anderen
Geschlechter wird als sexuelle Inzwischen sind in vielen in flagranti erwischt und den
Doppelmoral bezeichnet. Ländern, aber bei Weitem Nebenbuhler oder den Partner
Manche Evolutions- nicht allen, die Gesetze tätlich angreift (Wilson und
theoretiker führen diese auf dahingehend verändert Daly 1992).
1.3 · Paarbeziehungen
51 1
was als serielle Monogamie bezeichnet wird nicht sehr groß (Acker und Davis 1992). Ein
(Hirschberger et al. 2009; Toth und Kemmel- Grund für abnehmende Leidenschaft kann
meier 2009; Zimmermann und Easterlin 2006). sein, dass Leidenschaft durch eine Zunahme
Damit lässt sich aktuelles menschliches Sexual- an Intimität erzeugt wird (das Entdecken
verhalten vielleicht am ehesten so beschreiben, neuer Seiten am anderen, das Teilen neuer
dass es im Leben mehrere Abschnitte von Erfahrungen), während gleichbleibend hohe
Monogamie gibt, in denen Sexualkontakte aus- Intimität bedeutet, dass man den anderen in-
schließlich mit einem oder wenigen festen Part- und auswendig kennt und keine Leidenschaft
nern stattfinden und dazwischen Abschnitte erzeugt (Baumeister und Bratslavsky 1999;
von Singledasein, in denen sowohl Promiskuität Finkel et al. 2014). Wie gelingt es einem
als auch Abstinenz sozial akzeptiert sind. Paar, die Leidenschaft über Jahrzehnte zu
Ab der Menopause dient die Sexuali- erhalten? Eine Antwort liegt darin, dass sich
tät nicht mehr der Fortpflanzung. Von daher die Partner gegenseitig helfen, neue Heraus-
überrascht es nicht, dass auch die sexuelle forderungen zu meistern, sich weiterzuent-
Lust und die Häufigkeit von Sex mit dem wickeln und zu wachsen (Aron et al. 2000;
Alter abnehmen (Call et al. 1995). Dennoch B. C. Feeney und Thrush 2010; Impett et al.
ist auch für viele ältere und alte Menschen 2008; Overall et al. 2010). Auf diese Weise
Sexualität ein Quell der Nähe zum Partner, lernen sich die Partner immer wieder neu
der Lebensfreude und des Wohlbefindens. kennen, verändern sich fortwährend, und die
Deshalb lohnt sich ein Blick darauf, wie sich Beziehung bleibt spannend, was die Leiden-
Leidenschaft aufrechterhalten lässt. schaft fördert.
Entsprechend empfinden Paare, die lange
z Leidenschaft im Beziehungsverlauf glücklich verheiratet sind, oft auch weiter-
Leidenschaft (Erregung, Verlangen und hin Leidenschaft füreinander (. Abb. 1.16).
sexuelle Anziehung) nimmt mit Alter und In einer fMRT-Studie mit Personen, die nach
Beziehungslänge etwas ab, aber der Effekt ist eigenen Angaben lange (durchschnittlich

. Abb. 1.16 Auch wenn Sie sich Ihre Großeltern vielleicht nicht unbedingt im Bett vorstellen möchten – die
Forschung zeigt, dass Leidenschaft und Sexualität bis ins hohe Alter Teil der Partnerschaft sein können.
(© Kzenon/stock.adobe.com)
52 Kapitel 1 · Beziehungen

21 Jahre) und glücklich verheiratet Sexualität ist evolutionär gesehen für die
1 waren, erwiesen sich die dopaminreichen Fortpflanzung und die Paarbindung wich-
Belohnungszentren im Gehirn (insbesondere tig. Sexuelle Identitäten ergeben sich, da
die Area tegmentalis ventralis), wenn die biologisches und soziales Geschlecht sowie
Personen ein Foto ihres Partners sahen, als sexuelle Orientierung in verschiedenen Aus-
genauso aktiv wie bei frisch verliebten Paa- prägungen und Kombinationen vorkommen
ren (Acevedo et al. 2012). Eine Metaanalyse können. Soziale Normen bezüglich Sexualität
von 25 Studien fand, dass in Beziehungen sind kulturell sehr verschieden. In westlichen
unabhängig von ihrer Dauer romantische Kulturen ist das derzeit vorherrschende
Liebe (die aus Leidenschaft und Intimität Modell das der seriellen Monogamie, wobei
besteht) einen starken positiven Zusammen- Phasen unverbindlicher Beziehungen mit
hang mit Beziehungszufriedenheit aufwies, oder ohne sexuelle Aktivitäten sozial akzep-
während eine als unkontrollierbar erlebte tiert sind, ebenso wie Phasen, in denen man
gedankliche Beschäftigung mit dem Partner eine verbindliche, monogame Beziehung
(Obsession) einen negativen Zusammenhang zu einem Partner hat. Die Häufigkeit von
hatte (Acevedo und Aron 2009). Geschlechtsverkehr nimmt mit dem Alter
Zufriedenere Paare haben auch häufi- ab. Besonders zufriedene Paare erhalten sich
ger Geschlechtsverkehr, unabhängig von ihre Leidenschaft dennoch bis ins hohe Alter.
Alter und Beziehungsdauer (Call et al. Während viele Menschen das Gefühl haben,
1995). Allerdings nimmt die Häufigkeit von nur eine geringe verstandesmäßige Kontrolle
Geschlechtsverkehr in der Ehe im Schnitt über ihre Leidenschaft zu haben, spielen bei
mit dem Alter ab, von zwölfmal im Monat dem nachfolgend beschriebenen Commit-
bei 19- bis 24-Jährigen auf unter viermal ment sowohl Gefühle als auch bewusste Ent-
im Monat bei über 75-Jährigen. Viele Paare scheidungen eine Rolle.
geben Sex auch irgendwann ganz auf. Dar-
über hinaus haben verheiratete Paare im 1.3.1.3 Commitment
Schnitt in den ersten ein bis zwei Ehejahren Waren Sie schon einmal auf einer Hochzeit?
(der sog. Honeymoon-Phase) mehr Sex als im Falls ja, kennen Sie bestimmt die bewegende
weiteren Verlauf (Call et al. 1995). Stimmung, die eintritt, wenn sich die Braut-
Zusammenfassend betrachtet empfin- leute das Eheversprechen geben und die
den wir Leidenschaft für eine Person, wenn Ringe austauschen, z. B. mit folgenden Wor-
uns deren Anblick, der Gedanke an sie oder ten: „Ich verspreche dir die Treue in guten
Berührungen von ihr erregen können, wenn und in schlechten Tagen, in Gesundheit und
wir uns sexuell zu ihr hingezogen fühlen und Krankheit, bis der Tod uns scheidet. Ich will
wenn wir ein Verlangen verspüren, dieser dich lieben, achten und ehren alle Tage mei-
Person körperlich, emotional und gedanklich nes Lebens.“ Mit dem Versprechen, an der
nahe zu sein. Verliebtheit ist ein Zustand gro- Beziehung festhalten zu wollen (ob in der
ßer Leidenschaft, der meist einige Wochen bis Kirche oder woanders, öffentlich oder privat),
Monate anhält. Sie kann als eine Emotion auf- gehen die Partner ein Commitment ein.
gefasst werden, die aus körperlicher Erregung Dieses Commitment kann aus zwei Quel-
und deren Attribution auf eine andere Person len gespeist sein: Wir können erstens den
gespeist wird. Sie ist geprägt von Anziehung, Wunsch verspüren, die Beziehung aufrecht-
Erregung, sexuellem Verlangen, starken zuerhalten (eine Annäherungsmotivation,
Gefühlen und kognitiven Veränderungen. Zu bei der die Beziehung als eine Quelle von
Beginn einer Paarbeziehung können diese Freude, Glück, Sicherheit und Zusammen-
Aspekte sehr stark sein und als unkontrollier- gehörigkeit geschützt werden soll), oder
bar erlebt werden. uns zweitens durch gesellschaftliche Nor-
men oder das Eheversprechen gebunden
1.3 · Paarbeziehungen
53 1

Nutzen

Beziehungs-
Kosten
zufriedenheit

(Vergleichsniveau) Commitment Stabilität


Investment

Qualität der
Alternativen

. Abb. 1.17 Das Rusbult-Modell zu Commitment in Paarbeziehungen

oder verpflichtet fühlen (eine Vermeidungs- welches Ehen zusammenhält, schwächt. Wel-
motivation, bei der die Beziehung aufrecht- che Aspekte im Einzelnen das Commitment
erhalten wird, um soziale Missbilligung in einer Paarbeziehung beeinflussen, soll im
oder Ablehnung zu vermeiden). Je höher Folgenden dargestellt werden.
die Annäherungsmotivation beim Commit- Ein Modell, das Commitment und letzt-
ment ist, desto höher ist auch die wahr- endlich die Entscheidung, zu bleiben oder zu
genommene Beziehungsqualität. Je höher die gehen, vorhersagt, ist das Investment-Modell
Vermeidungsmotivation, desto länger währt (Rusbult 1980, 1983). Nach diesem ergibt sich
eine Beziehung unabhängig von ihrer Quali- Commitment zum einen aus der Zufrieden-
tät (Shaver und Hazan 1988). Seit den 1950er heit mit einer Beziehung. Zufriedenheit wie-
Jahren stieg die Zahl der Scheidungen in derum entsteht, wenn der Nutzen hoch ist
Deutschland beträchtlich (fällt jedoch seit und die Kosten niedrig sind (. Abb. 1.17).
ihrem Höchststand 2003 wieder ab; Statisti- Je mehr Nutzen und je weniger Kosten,
sches Bundesamt 2018). Parallel zum Anstieg umso zufriedener ist man. Der Nutzen ist
der Scheidungen hat die soziale Akzeptanz dabei weit gefasst und umfasst Faktoren wie
der Scheidung zugenommen, d. h., Eheleute Humor, Intelligenz oder eine angenehme
müssen heutzutage weniger befürchten, von Persönlichkeit des Partners. Die Kosten
Familie, Freunden und Nachbarn ausgegrenzt beinhalten Aspekte wie lange Wege, Verzicht,
und abgelehnt zu werden, wenn sie sich schei- Untreue und unangenehme Eigenschaften
den lassen, als dies noch vor 60 Jahren der Fall des Partners. Dabei vergleicht man aber auch
war (Pagnini und Rindfuss 1993; Thornton immer mit dem, was man glaubt erreichen zu
1985, 1989).16 Häufigere Scheidungen und können: Hat man Beziehungen vor Augen, in
soziale Akzeptanz der Scheidung verstärken denen die Partner sehr wenig voneinander
sich dabei gegenseitig, da die größere Akzep- haben, so ist man eher geneigt, sich mit wenig
tanz zu geringerer Vermeidungsmotivation zufrieden zu geben. Kennt man hingegen
führt und damit eine Säule des Commitments, Paare, die ihre Partnerschaft sehr genießen, so
erscheint der eigene Verzicht weniger erträg-
lich. Dieses Vergleichsniveau fließt gemäß der
16 Ein Zeichen, dass Scheidungen nicht mehr mit
einem Stigma verbunden, sondern vielmehr sozial
Theorie ebenfalls in die Beziehungszufrieden-
akzeptiert sind, ist der Trend, seine Scheidung mit heit ein, wird aber normalerweise nicht
einer Party zu feiern (Rinderspacher 2018). unabhängig gemessen, sodass der Beitrag
54 Kapitel 1 · Beziehungen

dieser Variablen auch nicht geschätzt werden Partner eine Affäre (South und Lloyd 1995).
1 kann. Eine große Längsschnittstudie über 17 Jahre
Neben der Zufriedenheit ergibt sich hinweg ergab, dass Fremdgehen sowohl
Commitment nach diesem Modell zum Ursache als auch Folge einer Beziehungsver-
Zweiten aus der Qualität von möglichen schlechterung sein kann (Previti und Amato
Alternativen, d. h. alternativen Partnern 2004). Attraktive Alternativen „hautnah“
oder einem Singledasein, sowie zum Drit- zu erleben, führt also zu weniger Commit-
ten aus dem bisherigen Investment in ment in der Beziehung, aber umgekehrt führt
die Beziehung. Investment umfasst dabei Unzufriedenheit in der Beziehung auch dazu,
sowohl materielle und immaterielle Res- dass man sich nach Alternativen umschaut.
sourcen, die in die Beziehung eingeflossen Jüngere Forschung zeigt, dass der Einfluss
sind, als auch immaterielle Werte wie emo- auch in die andere Richtung geht: Commit-
tionale Anstrengung oder Selbstenthüllung, ment sorgt dafür, dass alternative Partner,
einen gemeinsamen Freundeskreis, geteilte besonders die attraktivsten, ausgeblendet und
Erfahrungen oder gemeinsame Kinder. nicht beachtet werden, und schützt so die
Diese Vorhersagen wurden in empirischen Beziehung vor potenziellen Versuchungen.
Studien weitgehend bestätigt: Die Beziehungs- Diesen Effekt bezeichnet man auch als
zufriedenheit sagte ebenso wie das Investment Relationship Shielding (Johnson und Rus-
das Commitment positiv vorher, während bult 1989; Karremans und Verwijmeren 2008;
die Qualität von möglichen Alternativen das Koranyi und Rothermund 2012; Pronk et al.
Commitment negativ vorhersagte. Empi- 2011; Ritter et al. 2010).
risch gut bestätigt für homo- und hetero- Wenn Sie sich gefragt haben, wie man
sexuelle Paare ist ebenfalls die Vorhersage von das denn um alles in der Welt machen soll,
Beziehungszufriedenheit durch den erlebten all die unterschiedlichen Kosten und Nut-
Nutzen.17 Die erlebten Kosten hingegen wirk- zen im Kopf zu behalten und miteinander zu
ten sich deutlich weniger auf die Zufrieden- verrechnen, so seien Sie beruhigt: Kosten-
heit aus als der erlebte Nutzen (Bui et al. 1996; Nutzen-Abwägungen sind eigentlich eher
Le und Agnew 2003; Rusbult et al. 1986; Rus- ein Zeichen, dass es in einer Beziehung nicht
bult und Martz 1995; Rusbult 1980, 1983). wie geschmiert läuft. Wenn einem sehr am
Das Rusbult-Modell verdeutlicht, dass Wohlergehen des Partners gelegen ist, stellt
nicht nur die aktuelle Zufriedenheit wichtig man keine Kosten-Nutzen-Rechnungen
ist für die Entscheidung, an einer Beziehung auf, sondern tut für ihn, was man kann, bei-
festzuhalten, sondern auch die Geschichte spielsweise bei der Pflege eines Angehörigen.
der Beziehung sowie die Attraktivität der Die nachfolgend dargestellte Relational-Mo-
Alternativen, die man für sich sieht (häu- dels-Theorie schlägt deshalb vor, zwischen
fig entweder eine andere Beziehung oder Beziehungsmodellen zu unterscheiden, bei
das Singledasein). Ist man einer alternativen denen Kosten-Nutzen-Abwägungen wichtig
Beziehung gegenüber aufgeschlossen, so lässt sind, und solchen, bei denen sie keine Rolle
man sich eventuell auf eine sexuelle Affäre spielen.
ein. Laut einer nationalen Befragung in den
USA hatte bei über einem Drittel der Ehen, z Beziehungsmodelle (Relational Models)
die in Scheidung endeten, zumindest ein Nach der Relational-Models-Theorie haben
Menschen vier verschiedene Beziehungs-
modelle zur Verfügung, die alle ihre
17 In die Messung des Nutzens fließt ein, wie viele
zwischenmenschlichen Beziehungen struk-
positive Beziehungsaspekte erlebt werden und
in welchem Ausmaß diese vorhanden sind (z. B. turieren (Fiske 2004). Diese Modelle sind
„Mein Partner ist intelligent“ oder „Ich fühle mich ähnlich wie kognitive Schemata (7 Sozial-
von meinem Partner akzeptiert“; Bui et al. 1996). psychologie I, Abschn. 2.1), haben aber
1.3 · Paarbeziehungen
55 1
stärker angeborene, emotionale und moti- der Gegenseitigkeit, welches insbesondere
vationale Elemente, als es bei den meisten das Zusammenleben in Wohngemein-
anderen Schemata der Fall ist. Die Annahme, schaften oder die finanziellen Transaktionen
dass die Beziehungsmodelle angeboren sind, von frisch zusammengekommenen Paaren
heißt auch, dass sie kulturübergreifend vor- zu regeln vermag: Man wechselt sich ab oder
handen sind, wobei sie durch die jeweilige tauscht Gleiches aus (Tit for Tat): „Hast du
Kultur erst ihre eigentliche Ausprägung heute im Restaurant gezahlt, zahl ich beim
erfahren – ähnlich wie die Fähigkeit zum nächsten Mal“ oder „Warst du gestern dran
Spracherwerb angeboren ist, aber jede Kul- mit kochen, bin ich es heute und du mor-
tur ihre eigene Sprache entwickelt hat. gen wieder“ usw. Es ist auch möglich, zwei-
Die Modelle sind: Rangordnung, Gegen- oder dreimal hintereinander zu kochen,
seitigkeit, Proportionalität und Gemein- bevor der Partner wieder dran ist. Bei grö-
schaftlichkeit. Jedes dieser Modelle kann in ßeren Abweichungen wird es allerdings
Paarbeziehungen vorkommen: Zum einen schwierig, den Überblick zu behalten. Die in
werden unterschiedliche Lebensbereiche 7 Abschn. 6.2.3 und 2.3.3 beschriebene Rezi-
häufig nach unterschiedlichen Modellen prozitätsnorm entspricht diesem Beziehungs-
strukturiert, beispielsweise wechselt man modell der Gegenseitigkeit.
sich mit dem Kochen ab (Gegenseitigkeit), Wenn das Gefühl, dass es in einer
hat aber ein gemeinsames Konto (Gemein- Beziehung unfair zugeht, zu Konflikten
schaftlichkeit); zum anderen entwickeln führt, ist Gegenseitigkeit ein guter Weg,
sich Paarbeziehungen oft auch von einer um für nachvollziehbare Fairness zu sor-
anfangs eher durch Gegenseitigkeit geprägten gen. Gegenseitigkeit kann dann zu erhöhtem
Beziehung hin zu mehr Gemeinschaftlichkeit. Commitment führen, wenn einer oder beide
Das Commitment zu einer Beziehung sollte Partner unter der Unfairness gelitten hatten.
dann hoch sein, wenn das Modell eine gute Auch Partner, die die Beziehung als Aus-
Koordinierung ermöglicht, also beide Part- tauschbeziehung sehen (denen also wich-
ner dasselbe Modell anwenden, und wenn tig ist, so viel zurückzubekommen, wie sie
sie die sich daraus ergebenden Erwartungen gegeben haben), sind zufriedener, wenn auf
erfüllen. Im Folgenden werden die Modelle diese Weise die Reziprozitätsnorm tatsäch-
kurz charakterisiert und skizziert, wie sie lich befolgt wird (Clark und Mills 1979).
Paarbeziehungen zugrunde liegen können.
Proportionalität (Market Pricing) Doch ist es
Rangordnung (Authority Ranking) Dieses nicht immer so, dass wir eine Gegenseitigkeit
Modell liegt Ehen in vielen Kulturen zugrunde. haben, bei der wir uns 1:1 abwechseln oder
In den weit verbreiteten patriarchalischen miteinander etwas teilen können. Manchmal
Gesellschaften ist der Mann das Oberhaupt der geht es eher um die Verhältnismäßigkeit der
Familie; Frauen und Mädchen sind ihm unter- partnerschaftlichen Beiträge. Im Falle eines
geordnet. Die ranghöhere Person hat Anrecht proportionalen Beziehungsmodells wer-
auf Respekt, Unterordnung und Gehorsam, den daher unterschiedliche Arten von Bei-
die rangniedrigere Person auf Schutz und trägen miteinander verrechnet, beispielsweise
Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse. Commit- die Jugend und Attraktivität der 20 Jahre
ment ist in einer solchen Paarbeziehung jüngeren Geliebten gegen ein gutes Aus-
hoch, wenn beide Partner die an sie gestellten kommen durch den wohlsituierten Firmen-
Erwartungen erfüllen. mogul (Baumeister und Vohs 2004). Selbst
gut eingespielte Partner können in einzelnen
Gegenseitigkeit (Equality Matching) Vermut- Bereichen davon profitieren, Proportionali-
lich trifft auf Sie ein in der heutigen Zeit ver- tät einzusetzen, z. B. wenn sie das Erledigen
breiteteres Beziehungsmodell zu, das Modell unangenehmer Aufgaben besonders belohnen
56 Kapitel 1 · Beziehungen

wollen: „Wenn du die Steuererklärung Außerdem sorgen Bindung und Intimität


1 machst, massiere ich dich für eine Stunde“ immer mehr für ein Wir-Gefühl, Freud und
ist ein Handel, bei dem ein Verstärker (das Leid des Partners werden zunehmend wie
Massieren) zur Verhaltensregulation ein- eigenes Freud und Leid empfunden (Singer
gesetzt wird. Ein anderes Beispiel ist: „Wenn et al. 2004), sodass es auf keinen Fall Sinn
du heute nicht rauchst, schlaf ich mit dir!“ macht, auf Kosten des Partners nach Vor-
Einzelne solche Transaktionen können der teilen zu streben. Vielmehr macht es dann
Beziehungsqualität durchaus förderlich Sinn, die Beziehung so zu gestalten, dass die
sein, zumal, wenn sich beide Partner darauf Summe an Freude möglichst groß und die
geeinigt haben. Summe an Leiden möglichst klein ist. Eine
Eine Beziehung, die nur aus solchen solche Beziehungsgestaltung, bei der einem
Transaktionen besteht, scheint jedoch das Wohlergehen das Partners genauso am
zu kalkuliert. Dies liegt daran, dass wir Herzen liegt wie das eigene, wird Gemein-
Beziehungen als intrinsisch, d. h. aus sich schaftlichkeit (Communal Orientation: Clark
selbst heraus belohnend, empfinden, wäh- und Mils 1993, oder Communal Sharing:
rend Proportionalität Beziehungen als Mittel Fiske 1991) genannt. Voraussetzung ist
zum Zweck, also als extrinsisch belohnend gegenseitiges Vertrauen, welches sich häufig
behandelt (Fiske 2004; 7 Sozialpsychologie I, erst über eine gewisse Zeit hinweg aufbaut.
Abschn. 6.2.2). So waren Versuchsteilnehmer Forschungsbefunde zeigen, dass Men-
verwirrt und empört, wenn sie sich vorstellen schen in einer auf einem Gemeinschaft-
sollten, einen Gegenstand, den sie von einer lichkeitsmodell basierenden Beziehung
geliebten Person erhalten hatten, verkaufen zufriedener sind (Buunk und Van Yperen
zu sollen. Sie gaben daher extrem hohe Ver- 1991). Das Commitment ist hier besonders
kaufspreise an oder hielten den Handel für groß, da man sich beim anderen mit seinen
so unmoralisch, dass sie sich weigerten, den Bedürfnissen aufgehoben fühlt. Das Gemein-
Gegenstand zu verkaufen (McGraw et al. schaftlichkeitsmodell führt zu mehr erlebter
2003). Ein Geschenk von einer geliebten Per- Dankbarkeit (Simão und Seibt 2014, 2015).
son symbolisiert die Beziehung, und Men- Dankbarkeit ist eine wichtige Emotion, die
schen sehen es offenbar als moralisches Tabu einem selbst anzeigt, dass der Partner für
an, einen Handel einzugehen, bei dem sie einen sorgt, und dem Partner wiederum
ein solches Symbol (z. B. ihren Verlobungs- anzeigt, dass man dies wertschätzt (Algoe
ring) mit einem Geldwert versehen sollen et al. 2008, 2010, 2013; Algoe und Zha-
(Tetlock 2003). Wie aber funktioniert das oyang 2016; Lambert et al. 2010; Simão
Geben und Nehmen in einer Beziehung, und Seibt 2014; L. A. Williams und Bartlett
wenn das Bestimmen eines Marktwerts tabu 2014). Ob der Partner einen gesund pflegt,
ist? Wie im Folgenden beschrieben, führt tolle Konzertkarten besorgt, eine Über-
die Identifikation mit dem Partner (Wir-Ge- raschungsparty organisiert oder das Lieb-
fühl) beim Beziehungsmodell Gemeinschaft- lingsessen kocht – wenn diese Dinge die
lichkeit zu einem Bedürfnis zu geben. Die eigenen Bedürfnisse erfüllen, werden sie das
Erfüllung dieses Bedürfnisses geht für beide Commitment erhöhen, manchmal darüber
mit belohnenden Gefühlen der Dankbarkeit vermittelt, dass man von so viel Aufmerk-
oder Rührung einher, welche den Wunsch zu samkeit gerührt ist (Fiske et al. 2017, 2019;
geben aufrechterhalten. Seibt et al. 2017; Zickfeld et al. 2019a, b).
Zusammengefasst stellt Commitment
Gemeinschaftlichkeit (Communal Sharing) In gemäß dem Rusbult-Modell eine Funktion
langjährigen Paarbeziehungen ist es auf aus Beziehungszufriedenheit, Qualität der
Dauer schwierig, einen Überblick über Kos- möglichen Alternativen und bisherigem
ten und Nutzen zu behalten (Clark 1984). Investment dar. Die Beziehungszufriedenheit
1.3 · Paarbeziehungen
57 1
wiederum steigt mit dem Nutzen und 1.3.2 Der Verlauf von
sinkt mit den Kosten. Die Relational-Mo- Paarbeziehungen
dels-Theorie hingegen schlägt vor, zwischen
Beziehungsmodellen zu unterscheiden, bei Die schlechte Nachricht vorab: Die
denen Kosten-Nutzen-Abwägungen wich- Beziehungszufriedenheit nimmt über die
tig sind, und solchen, bei denen sie keine Jahre einer (Ehe-)Beziehung hinweg ab – zu
Rolle spielen. Dementsprechend werden vier Beginn relativ schnell, im Verlauf dann lang-
Beziehungsmodelle unterschieden, wobei samer (Kurdek 1999, 2005). Gründe für dieses
das Commitment zu einer Beziehung dann Absinken sind zum einen die schon genannte
hoch sein sollte, wenn das Modell eine gute abnehmende Leidenschaft, zum anderen All-
Koordinierung ermöglicht, also beide Part- tagsprobleme und Konflikte (s. unten). Sollte
ner das gleiche Modell anwenden, und wenn man deswegen lieber allein bleiben? Das
sie die sich daraus ergebenden Erwartungen wäre vorschnell, denn selbst nach vielen Jah-
erfüllen. Im Einzelnen ist eine Beziehung ren Ehe oder Zusammenleben sind Personen
beim Beziehungsmodell Rangordnung hie- in Partnerschaften immer noch im Schnitt
rarchisch aufgebaut, wie es in vielen Kultu- glücklicher als Singles (Zimmermann und
ren, in denen die Frau in der Paarbeziehung Easterlin 2006). Dass es sich hierbei um Durch-
dem Mann als untergeben angesehen wird, schnittswerte und grobe Vereinfachungen der
der Fall ist. Das Beziehungsmodell Gegen- Zusammenhänge handelt, ist eine wichtige
seitigkeit ist durch die Reziprozitätsnorm Einschränkung: Genauere Analysen von längs-
geprägt, welche eine einfache Art ist, nach- schnittlichen Datensätzen mit vielen Tausend
vollziehbar für Fairness zu sorgen. Beim Teilnehmern ergaben, dass eine große Teilstich-
Beziehungsmodell Proportionalität gehen probe mit den Ehejahren immer zufriedener
die Beziehungspartner einen Handel ein und wird – ein Trend, der erst nach durchschnitt-
tauschen unterschiedliche Dinge aus. Viele lich sieben Jahren abflacht. Umgekehrt gibt es
haben eine intuitive Abneigung dagegen, aber leider auch eine größere Gruppe, deren
ihre Paarbeziehung als Handelsbeziehung zu Zufriedenheit ab der Eheschließung rapide
sehen, und sind empört, wenn sie Dinge, die abnimmt – ein Trend, der ebenfalls erst nach
ihre Liebe repräsentieren, verkaufen sollen. etwa sieben Jahren abflacht (Lucas et al. 2003).
Beim Beziehungsmodell Gemeinschaftlich- Sind Paare, die heiraten, glücklicher
keit bemühen sich Partner, die Bedürfnisse als jene, die ohne Trauschein zusammen-
des anderen zu erfüllen, und empfinden leben? Die Forschung zeigt, dass Paare im
Dankbarkeit, wenn er oder sie das Gleiche Schnitt zum Zeitpunkt der Eheschließung
tut. Die Trennung von Mein und Dein wird ganz besonders zufrieden sind; diese Honey-
aufgehoben, und die emotionale Nähe ist moon-Phase, die bis zu zwei Jahre anhält,
besonders hoch. lässt sich darüber hinaus aber offenbar nur
Ob leidenschaftlich verliebt, kamerad- von manchen Paaren halten (Kurdek 1999,
schaftlich verbunden, durch Eheversprechen 2005; Lucas et al. 2003; Zimmermann und
gebunden oder seelenverwandt – jede länger Easterlin 2006). Außerdem: Möchte man, dass
andauernde Partnerschaft hat Höhen und die Beziehung ein Leben lang hält, so ist eine
Tiefen. Dabei lassen sich durchaus einige Hochzeit wahrscheinlich eine gute Idee: Ver-
Regelmäßigkeiten erkennen, die in vielen heiratete bleiben im Schnitt länger zusammen
Beziehungen ähnlich ablaufen, trotz aller als Unverheiratete (Smock und Greenland
Einzigartigkeit. Besonders relevant sind hier 2010). Dass die Beziehung halten möge, ist
die Fragen, wie Paare Krisen lösen und ihnen oft erklärtes Ziel, wenn man eine Familie
vorbeugen können. Um diese Fragen geht es gründen will, und dieser Wunsch ist mehr als
im nächsten Abschnitt. berechtigt angesichts dessen, dass Kinder mit
58 Kapitel 1 · Beziehungen

getrennten Eltern im Schnitt mehr psychische setzt man auf Gemeinschaftlichkeit? In wel-
1 Probleme haben als Kinder, deren Eltern sich chen auf Gegenseitigkeit? Unterschiedliche
nicht getrennt haben (Amato 2000; Bergström Erwartungen und auch die eigene Ambivalenz
et al. 2019; Cherlin et al. 1991; Hetherington können hier zu Koordinierungsproblemen,
et al. 1985; Wallerstein 1991; . Abb. 1.18). Unsicherheit oder Konflikten führen.
Die wenigsten unter uns heiraten heutzu- Das Relational-Turbulence-Modell beschreibt
tage die erste Person, mit der sie eine roman- diese Phase, in der eine Beziehung verbindlicher
tische Beziehung haben. Häufiger geht man wird, als Turbulenzphase. Diese ist geprägt von
eine Beziehung ein und trennt sich auch wie- Reibereien als Folge von Beziehungsunsicher-
der, sei es, weil man merkt, dass man nicht heiten und Einmischung („sich gegenseitig in
zueinander passt, sei es, weil man sich neu die Quere kommen“) bei mittlerer Intimität
verliebt oder auch einfach in eine andere Stadt (Knobloch und Donovan-Kicken 2006; Kno-
zieht. Aber irgendwann finden sich die meis- bloch et al. 2007; Knobloch 2007; Solomon
ten unter uns in einer festeren und verbind- und Knobloch 2004; Theiss und Knobloch
licheren Partnerschaft ein. Dieser Übergang 2014). Typische Beziehungsunsicherheiten
von der unverbindlichen Beziehung zur ver- sind Fragen, ob man selbst „sich binden“ will,
bindlichen Partnerschaft verläuft, Forschung ob der Partner oder die Partnerin es ernst
zufolge, meist nicht ganz reibungslos. Denn meint und ob die Beziehung Bestand haben
immer verliert man durch eine Partner- kann (Knobloch und Solomon 1999). Zweifel
schaft auch ein Stück Unabhängigkeit. Bei- bezüglich dieser Fragen gehen mit Gefühlen
spielsweise wird es plötzlich zu unserer und von Eifersucht und Trauer einher (Knobloch
nicht mehr nur zu meiner Entscheidung, ob et al. 2007). Die Wahrnehmung, dass die
ich ein Auslandssemester mache. Man muss Beziehung mit anderen Lebenszielen kolli-
lernen, Kompromisse zu machen, nachzu- diert, ob absichtlich („Kannst du bitte heute
fragen, manche Grenzen einzureißen und Abend mit mir ins Theater gehen, statt deine
andere zu verteidigen. In welchen Bereichen Freunde zu treffen?“) oder unabsichtlich, wird

. Abb. 1.18 Für Kinder kann es besser sein, wenn sich die Eltern trennen, statt zu Hause immer Konflikte aus-
zutragen. Am besten für ihre psychische Gesundheit ist es allerdings, wenn die Eltern sich weder streiten noch
trennen. (© gstockstudio/stock.adobe.com)
1.3 · Paarbeziehungen
59 1
als Einmischung bezeichnet und geht mit miteinander tolle Dinge zu tun. Was könn-
Ärgergefühlen einher. In dieser Phase steigt ten Sie nun tun, um Ihre Beziehung in dieser
die Beziehungszufriedenheit erst mal nicht Phase zu schützen?
weiter an, oder sie geht leicht zurück (Eidel-
son 1980). Ist sie überwunden, kommt die z Daily Hassles
Beziehung wieder in ruhigeres Fahrwasser. Im Alltag können Kleinigkeiten regel-
Wird die Beziehung dann in der Folge- recht zermürben. Man denke nur an die
zeit noch enger, so folgt bei Paaren, die berühmten Streitigkeiten um falsch aus-
heiraten, die schon erwähnte ein- bis zwei- gedrückte oder offene Zahnpastatuben,
jährige Honeymoon-Phase um die Hochzeit herumliegende Socken, Haare im Wasch-
(Lucas et al. 2003; Zimmermann und Easter- becken (. Abb. 1.19). Regt man sich jedes
lin 2006). Die Schwierigkeiten, die Ehe- oder Mal von neuem über die gleichen Dinge
Lebenspartner im weiteren Beziehungsver- auf, so drückt das die Stimmung und das
lauf erleben, lassen sich grob vereinfachend Beziehungsglück (Bolger et al. 1989). Diese
in zwei Phasen aufteilen: eine frühe Phase mit auch Daily Hassles genannten Stressoren
Abkühlung und eine spätere Phase mit Rollen- lassen sich manchmal mit einem kurzen
konflikten, eigenen Kindern und größeren Gespräch beseitigen, oft aber auch nicht. Es
Kompromissen bei Lebensentscheidungen, ist nicht leicht, Gewohnheiten zu ändern,
die häufig mit Krisen einhergehen. Ent- selbst wenn einen ein geliebter Partner
sprechend lassen sich auch zwei Täler in der darum bittet. Und handelt es nicht nur um
Beziehungszufriedenheit ausmachen: Etwa eine Gewohnheit, die den Partner stört, son-
nach einem Jahr Ehe und dann nochmals dern um vielleicht fünf oder zehn Gewohn-
etwa nach acht Jahren findet sich typischer- heiten, mit denen der andere sich schwertut,
weise ein Rückgang der Zufriedenheit (Kurdek so entsteht leicht der Eindruck, dass man
1999). Kinder spielen hier keine kleine Rolle. ihm nichts recht machen kann, dass der
Zwar sind sie ein Quell der Freude, aber, Partner alles kritisiert und kein gutes Haar
wie die Forschung zeigt, auch ein Quell des an einem lässt. Zum Glück ist der Ver-
Stresses, von Beziehungskonflikten und such, den Partner zu ändern, vielleicht die
Auseinandersetzungen (Ducharme und Kollar erste, aber bei Weitem nicht die einfachste
2012; Lawrence et al. 2008). Auf diese beiden und häufig auch nicht die beste Möglich-
Phasen wird im Folgenden näher eingegangen. keit, Daily Hassles zu beseitigen. Eine weitere
gute Möglichkeit ist die sog. vorbeugende
1.3.2.1 Zunahme negativer und Emotionsregulierung.
Abnahme positiver Erleb- Der eigene Ärger über etwas, z. B. über
nisse in Paarbeziehungen die herumliegenden Socken des Partners,
Stellen Sie sich vor, Sie und Ihr Partner oder lässt sich regulieren, indem entweder das
Ihre Partnerin waren ein Jahr lang heftig Entstehen der Emotion Ärger oder das Aus-
verliebt (7 Abschn. 1.3.1) und Sie beschlie- drücken des Ärgers verhindert wird. Versucht
ßen jetzt zusammenzuziehen. Nach ein paar man lediglich, seinen Ärger nicht zu zeigen,
Wochen oder Monaten könnten auch Sie so hat das die gleichen negativen Konse-
mit zwei Problemen zu kämpfen haben, von quenzen auf das eigene Wohlbefinden, wie
denen viele Paare in dieser Phase berichten: ihn zu zeigen (Gross 1998). Dies sollte also
Sie könnten beginnen, sich über Angewohn- nicht die Strategie der ersten Wahl sein. Wie
heiten der anderen Person zu ärgern, die aber lässt sich Ärger verhindern? Man kann
Ihnen vorher nicht aufgefallen sind (Daily den Auslöser vermeiden oder beseitigen,
Hassles), und Sie beide könnten in Ihren die Aufmerksamkeit von ihm abziehen oder
Bemühungen nachlassen, füreinander und ihn anders interpretieren. Wenn die Socken
60 Kapitel 1 · Beziehungen

. Abb. 1.19 Es ist schon erstaunlich: Hatte man gerade noch im gemeinsamen Urlaub beim romantischen
Abendessen Schmetterlinge im Bauch, so können einen plötzlich im Alltag ganz nebensächliche Angewohn-
heiten des Partners unheimlich aufregen, wie die herumliegenden Socken (a) oder die falsch ausgedrückte
Zahnpastatube (b). (a: © Nomad_Soul/stock.adobe.com, b: © Monkey Business/stock.adobe.com)

im Schlafzimmer liegen, kann man die Tür (Kubany et al. 1995; Kubany und Richard
zumachen, oder man räumt sie dorthin, wo 1992). . Abb. 1.20 fasst die möglichen Strate-
man sie nicht sieht (Situationsauswahl und gien zusammen. Diese sind geeignet, um die
Situationsveränderung). Man kann auch ver- eigenen negativen Emotionen zu regulieren,
meiden, dorthin zu schauen, wo die Socken beispielsweise weil man diese als übertrieben,
liegen, oder etwas davorstellen (Aufmerk- ungerechtfertigt oder beziehungsschädigend
samkeitssteuerung). Achtsamkeitstraining tut erlebt. Im Folgenden geht es darum, welche
gute Dienste dabei zu lernen, die Aufmerk- Möglichkeiten gibt, wenn das Problem eher
samkeit dorthin zu lenken, wo man sie haben im Fehlen positiver Emotionen liegt, weil beide
will. Schließlich kann man die Socken anders Partner im Alltagsstress in ihren Bemühungen
interpretieren (kognitive Veränderung): Statt nachlassen, gemeinsam Zeit für schöne Erleb-
das Verhalten als Zeichen fehlenden Respekts nisse zu finden.
zu interpretieren (interne Attribution) kann
man sich vor Augen führen, dass der Partner z Nachlassen der Bemühungen
abends sehr müde und morgens unter Zeit- Typischerweise findet man, dass Personen
druck ist (externe Attribution), und schon in dem Moment, in dem der oder die Aus-
nimmt das Ärgergefühl ab (Bradbury et al. erwählte in eine Beziehung eingewilligt
1996; Bradbury und Fincham 1990, 1992; Fin- hat, in ihren Anstrengungen etwas nach-
cham und Bradbury 1993; Finkel et al. 2013). lassen und sich um all die anderen wichti-
Hat man es nicht geschafft, dem Ärger vorzu- gen Dinge im Leben kümmern: Karriere,
beugen (durch Situationsauswahl, Situations- Hobbys, Freunde. Das kann sogar dazu füh-
veränderung, Aufmerksamkeitssteuerung oder ren, dass sie sich gehen lassen: Sie kochen
kognitive Veränderung, zusammenfassend als seltener, machen sich weniger hübsch für
Reappraisal bezeichnet), kann es trotzdem gut den Partner, küssen und umarmen ihn sel-
für die Beziehung sein, ihn nicht sehr direkt tener (Huston et al. 2001). Und Paare, die
auszudrücken. Ausdruck des Ärgers, ins- zusammenwohnen, verabreden sich oft nicht
besondere in einer Du-Botschaft („Du ärgerst mehr, wodurch das Zusammensein alltäg-
mich“), wird meist nicht gut aufgenommen licher wird. Eine Folge dieses Nachlassens
1.3 · Paarbeziehungen
61 1

Emotionale
Vorläufer
Antwort

Situations- Situations- Aufmerksamkeits- Kognitive Reaktions-


auswahl veränderung steuerung Veränderung modulation

. Abb. 1.20 Möglichkeiten der eigenen Emotionsregulation

der Bemühungen kann sein, dass der andere oder Konflikten. Enttäuschungen können ent-
sich zurückgesetzt fühlt. stehen, weil der Partner nicht dem Idealbild
Zum Glück ist die Lösung für die entspricht, welches man sich von ihm gemacht
Abnahme positiver Zuwendung relativ hat, oder weil man sich mit manchen Gewohn-
einfach: Man tätige wieder gemeinsame heiten des anderen nicht arrangieren kann (s.
Urlaube, Unternehmungen, Partnerzeiten, oben). Krisen treten auf, wenn schwere Ent-
Verwöhnprogramme. Plant man gemeinsame scheidungen anstehen, wie die Wahl zwischen
schöne Erlebnisse in den Alltag ein, so steigt einem tollen, ortsfremden Job und Wochen-
der Belohnungswert in jedem Stadium der endbeziehung versus zusammenwohnen blei-
Beziehung. Natürlich muss es nicht die ben und Abstriche bei der Karriere machen,
Kreuzfahrt oder das 5-Sterne-Restaurant oder wenn sich Probleme häufen, die die
sein. Worauf es ankommt, ist, Gelegenheiten Bewältigungsmöglichkeiten der Partner über-
zu finden, wechselseitiges Interesse und steigen. Dazu zählen häufig Gesundheits-
Zuneigung zu zeigen, sowie Anteil zu neh- probleme in der Familie, Pflegebedürftigkeit
men an den Freuden, Erfolgen und positiven der Eltern, ungewollte Kinderlosigkeit, Stress
Erlebnissen des anderen (Carstensen et al. auf der Arbeit, Arbeitslosigkeit, finanzielle Sor-
1996; Cowan und Cowan 1988; Gable et al. gen, Konflikte um Erziehungsfragen, unverein-
2006, 2004; Huston et al. 2001). Solche posi- bare Bedürfnisse hinsichtlich der Sexualität,
tiven Erlebnisse schaffen Nähe und Intimität Fragen von Treue und Freiräumen, Babys, die
und puffern den Ärger ab, den man im All- nachts nicht schlafen, Anstrengungen und
tag trotz der besten Absichten hin und wie- Sorgen wegen der Kinder (Huston et al. 2001).
der erlebt. Denn die wenigsten schaffen es, Elternwerden geht im Schnitt mit einer Ver-
wenn sie gestresst sind, noch optimal auf den schlechterung der Beziehungszufriedenheit
Partner zu reagieren (Neff und Karney 2009). einher; typische Klagen sind in dieser Zeit
Geht der Ärger bereits auf ausgewachsene Schlafmangel, Stress, Überforderung, fehlende
Krisen und Konflikte zurück, so helfen Zeit füreinander, Erziehungs- und Rollen-
gelegentliche schöne Erlebnisse und eine konflikte (Cowan und Cowan 1988; Ducharme
reine Emotionsregulation nicht mehr wei- und Kollar 2012; Lawrence et al. 2008). Vor-
ter. In diesen Fällen kommt man vermutlich beugende Trainings sollen Paaren helfen, Kri-
nicht umhin, den Konflikt anzusprechen und sen zu lösen, statt sich zu trennen (7 Exkurs:
zu lösen. Paartraining).
Traumatisch sind Beziehungskrisen,
1.3.2.2 Krisen in Paarbeziehungen wenn sie mit psychischer, körperlicher oder
In den meisten Beziehungen kommt es früher sexueller Gewalt einhergehen. Die dabei ent-
oder später auch zu Enttäuschungen, Krisen stehenden Beziehungsdynamiken sind oft
62 Kapitel 1 · Beziehungen

Exkurs
1 Paartraining
Um im Problemgespräch brachte schon eine einzelne fertigkeiten ab (Thurmaier
den richtigen Ton zu treffen, 20-minütige Intervention et al. 1992).
kann man sich mit Konflikt- einen spürbaren Zuwachs Ein weiterer Trainingsansatz
lösetrainings vorbereiten. an Beziehungszufriedenheit besteht darin, das emotionale
In Paartrainings oder über die folgenden zwei Klima in der Beziehung
Partnerschaftsseminaren Jahre (Finkel et al. 2013). insgesamt und speziell
können Paare das gute Trainiert wurde hier die bei Problemgesprächen
Gespräch trainieren. Ehepaare, Emotionsregulations- zu verbessern (Babcock
die an einem solchen Training strategie „Kognitive et al. 2013; Bradley et al.
teilgenommen hatten, Veränderung“ (Reappraisal), 2011; Garanzini et al. 2017;
zeigten später ein höheres indem die Paare lernten, die Gottman et al. 2005; Shapiro
Maß an Zufriedenheit und Situation aus der Sicht eines et al. 2015; Shapiro und
Engagement in der Ehe, Unbeteiligten zu betrachten. Gottman 2005). Dieser Ansatz
weniger Konflikte und auch Ähnlich wirksam ist es, die baut auf Erkenntnissen auf,
geringere Scheidungsquoten Perspektive des Partners dass positive Emotionen
als vergleichbare Paare, die einzunehmen (Arriaga und wie Humor, Zuneigung und
nicht teilgenommen hatten (A. Rusbult 1998). Weitere Empathie in einem Konflikt-
J. Hawkins et al. 2008; Stanley auf die innere Einstellung gespräch der beste Prädiktor
et al. 2006). abzielende Interventionen für die Beziehungsstabilität
Die Regeln sind dabei bestehen darin, den Fokus über sechs Jahre hinweg
nicht sehr schwierig. Aber weg von gegenseitigen waren (Carstensen et al.
diese anzuwenden, wenn Schuldzuweisungen und hin 1995; Gottman et al. 1998),
man gerade emotional zu gemeinsamen Lösungen während der nonverbale
involviert ist und eigene, ggf. zu bringen (Canary et al. oder verbale Ausdruck von
zuwiderlaufende Ziele hat, 2001; Canary 2003). Andere Verachtung ein negativer
ist eine Herausforderung. Trainings zielen stärker Prädiktor war (Gottman
Immerhin, in einer Studie auf die Kommunikations- 1994).

besonders destruktiv. Ein Partner sollte schüt- und häufigeren Trennungen einher als eine
zender Hafen und sichere Basis sein, nicht sichere Bindung (J. A. Feeney und Noller
Quelle von Bedrohung. Deshalb spricht man 1992). Im nächsten Abschnitt geht es um die
auch in Partnerbeziehungen von Missbrauch, Frage, wie wir Trennungen erleben.
wenn diese Bindungsfunktionen in ihr Gegen-
teil verkehrt werden. Andere Krisen, wie 1.3.2.3 Beziehungsende
Alkohol- oder Drogenmissbrauch, schwere Haben Sie schon einmal eine Trennung erlebt?
Verluste, Depression oder Psychosen, kön- Falls ja, sind Sie damit nicht allein. Aktu-
nen die Beziehungsfähigkeit des Betroffenen elle Daten aus Großbritannien zeigen, dass
selbst beeinträchtigen und damit die Quelle die durchschnittliche Beziehungsdauer bei
zwischenmenschlicher Unterstützung Personen in ihren Zwanzigern bei 4,2 Jah-
abschneiden (Allen 2001). ren liegt (Nationwide 2017). Mit anderen
Ob man bei einer Beziehungskrise alles Worten: Trennungen sind normal. Trotz-
versucht, um die Beziehung zu retten, oder dem schmerzen sie häufig – ganz gleich, ob
ob man schnell über Trennung nachdenkt, man zusammenlebte oder nicht, einen Trau-
hängt insbesondere vom Commitment ab schein hatte oder keinen. Dennoch lohnt
(7 Abschn. 1.3.1). Das Commitment wiede- sich ein genauerer Blick speziell auf Schei-
rum wird auch durch Bindungsstile vorher- dungen, denn seit statistisch gesehen auf drei
gesagt (7 Abschn. 1.1.1.2). Eine vermeidende geschlossene Ehen eine Scheidung kommt,
Bindung geht mit geringerem Commitment ist es offensichtlich, dass Menschen, die einen
1.3 · Paarbeziehungen
63 1
Bund für das Leben eingehen, entweder dieses Sie unabhängig vom Partner/von der Partne-
Ziel doch nicht ganz ernst meinen oder, was rin haben. Hält diese Phase länger an, so lei-
wahrscheinlicher ist, später herausfinden, dass det die Lebenszufriedenheit darunter, weil
die Aufgabe doch schwieriger ist, als sie sich Sie nicht nach vorn blicken und Ihre eige-
vorgestellt hatten. nen Ziele definieren und verfolgen können
Auch wenn wir häufiger Trennungs- (Mason et al. 2012). Manche finden sich gar
erfahrungen machen, so bleibt es dennoch nicht mit der Trennung ab und versuchen,
dabei, dass diese belastend sind, häufig für durch Stalking Kontrolle über die Situation zu
eine lange Zeit (Lucas 2005, 2007). Nicht nur behalten (7 Exkurs: Stalking). Was hilft also bei
derjenige, der verlassen wird, leidet sehr, im Trennung? Wichtig ist, sich selbst mit Wohl-
Allgemeinen ist auch derjenige, der geht, wollen zu begegnen. Die eigene Trauer zu
belastet. Die Hauptemotionen auf beiden Sei- akzeptieren, sich Zeit zu geben, sich schöne
ten sind Ärger und Trauer. Zunächst herrscht Sachen vorzunehmen und mit Freunden zu
Ärger vor, nimmt aber rasch ab, während verabreden, statt cool sein zu wollen und den
die Trauer manchmal sehr lange anhält. Die- Verlust herunterzuspielen, hilft, über eine
jenigen, die ihren Partner weiterhin lieben, Trennung hinwegzukommen (Sbarra et al.
sowie jene mit einem ängstlichen Bindungs- 2012).
stil trauern besonders lange (Sbarra 2006). Bis Ende des 19. Jahrhunderts hätte man
Kommt man leichter über eine Trennung nach der Eheschließung, selbst wenn man
hinweg, wenn man sich weiterhin sieht oder gewollt hätte, kaum an Trennung denken
wenn man den Kontakt abbricht? In einer können, denn man hätte ohne den Partner
Studie, in der Studierende einen Monat nach kaum überlebt: Eheleute konnten zumeist
ihrer Trennung befragt wurden, waren die- nur gemeinsam genug für sich und die Kin-
jenigen, die sich weiterhin trafen, trauriger als der erwirtschaften. Dies hat sich gründlich
diejenigen, die den Kontakt abgebrochen hat- gewandelt. Dass beide Partner wirtschaftlich
ten (Sbarra und Emery 2005). Etwas anders auf eigenen Füßen stehen können, ermög-
verhält es sich, wenn der Partner stirbt. Hier licht es Ehepartnern heutzutage, sich nach
hat man Trauernde früher eher dazu gedrängt, Belieben scheiden zu lassen. Dies beantwortet
sich abzukoppeln, hat aber erkannt, dass es allerdings weder die Frage, warum sie das
für manche hilfreicher ist, die Beziehung wollen, noch, ob es eine gute Idee ist. In vielen
aufrechtzuerhalten (Klass et al. 1996). Letz- Fällen scheint ein Mangel an Motivation und
teres kann beispielsweise durch Gespräche, zwischenmenschlichen Fertigkeiten Ehen in
E-Mails, Briefe, Besuche am Grab oder an die Trennung zu treiben. So können Forscher
einem besonderen Ort in der Wohnung von kurzen Problemgesprächen zwischen
geschehen. Partnern zu Beginn einer Ehe vorhersagen, ob
Nach einer Trennung stehen Sie vor der und wann sich das Paar trennen wird. Nega-
Aufgabe, sich als Person neu zu definie- tive Kommunikation wie Kritik, Verachtung
ren – weil die Zeit als Paar und damit das (z. B. mit den Augen rollen), Leugnen und
Selbstkonzept, „liiert zu sein“ bzw. „Partner Rückzug sagten Trennung innerhalb der ers-
von Max Mustermann zu sein“, nicht mehr ten Jahre vorher, während ein Mangel an posi-
zutreffend ist. Deshalb geht diese Zeit mit tiven, unterstützenden Beiträgen eine spätere
Veränderungen des Selbstkonzepts einher Trennung vorhersagte (Gottman, 1993a, b).
(7 Sozialpsychologie I, Abschn. 6.1: Selbst- Ein Mangel an Fertigkeiten lässt sich aller-
konzept), und eine Weile lang werden Sie dings mit einer neuen Partnerschaft nicht
sich vermutlich unsicher sein, wer Sie ohne beheben. Entsprechend ist die hohe Zahl an
den Partner/die Partnerin eigentlich sind Scheidungen nicht allein darauf zurückzu-
und was Sie anstreben, beispielsweise wel- führen, dass Personen einfach noch nicht die
che Lebensziele, Vorlieben und Interessen passende Person gefunden haben. Vielmehr
64 Kapitel 1 · Beziehungen

Exkurs
1 Stalking
Der Begriff „Stalking“ kommt 5 Bindungsorientiertes Prävalenzrate liegt bei rund
aus dem Englischen und Stalking: Unangemeldete 12 %. 85 % der Täter sind
bedeutet „heranpirschen“. Besuche, Geschenke, Männer. In etwa 91 % der
Unter Stalking ist das „zufällige“ Begegnungen, Stalking-Fälle mit weiblichem
wiederholte Belästigen Leugnen, dass eine Opfer und 44 % derjenigen
und Verfolgen einer Person Beziehung beendet ist etc. mit männlichem Opfer ist
zu verstehen, wobei das der Stalker männlich. In den
konkrete Verhalten ganz Diese Formen kommen übrigen Fällen handelt es sich
unterschiedlich ausfallen kann. meist auch gemischt um Stalkerinnen (Dressing
Das Hauptkriterium ist die vor. Unerwünschte et al. 2006).
wiederholte und andauernde Kontaktaufnahme ist dabei Da Stalking ein
Natur der einzelnen am häufigsten zu verzeichnen: beziehungsorientiertes
Verhaltensweisen (Voß und 91 % der Betroffenen Verhalten ist, welches
Hoffmann 2006; . Abb. 1.21). berichten von Telefonterror durch Dysfunktionalität,
Daneben gelten die Kriterien, (zum Teil mit bedrohlichem Normabweichung und häufig
dass Stalking-Verhalten. oder obszönem Inhalt), 52 % auch Realitätsverkennung
5 auf eine Person zielt, wurden von ihrem Stalker gekennzeichnet ist, kann man
5 von dieser als verfolgt, 35 % erhielten Stalking auch als pathologische
unerwünscht E-Mails. Auch bedrohliches Beziehungsgestaltung
oder belästigend und schädigendes Verhalten bezeichnen. Entsprechend
wahrgenommen wird treten auf: Jeweils 40 % stellen Expartner auch die
5 und bei ihr Angst, Sorge erlitten körperliche und größte Gruppe der Stalker.
oder Panik auslöst. sexuelle Gewalt, 57 % erfuhren Besonders gefährdet sind
Rufschädigungen, 55 % Expartner, die die Trennung als
Stalker sind obsessiv mussten erleben, dass ihr Kontrollverlust empfinden. Sie
(zwanghaft) auf die Zielperson Eigentum zerstört wurde, versuchen, durch Stalking diese
fixiert, d. h., ihre Gedanken und 35 % der Opfer wurden Kontrolle wiederzuerlangen.
Gefühle kreisen fortwährend bedroht, und bei 10 % Die „zurückgewiesenen Stalker“
um diese (Voß und Hoffmann wurden Wohnungseinbrüche beschäftigen sich den ganzen
2006, S. 12). Dabei verfolgen verübt. Schließlich ist auch Tag mit der Person, der sie
sie unterschiedliche Ziele, die Beziehungskomponente nachstellen – das Opfer wird
beispielsweise Kontakt zu einer nicht selten Teil von Stalking: zum Lebensinhalt.
Person aufzunehmen und 56 % erhielten unerwünschte Andere Täter, die sog.
eine Beziehung aufzubauen, Liebesbeweise und 15 % beziehungssuchenden
Kontrolle über sie auszuüben Waren, die auf ihren Namen Stalker, idealisieren das Opfer,
oder eine Trennung bestellt worden waren glorifizieren es und bauen
rückgängig zu machen. (Wondrak et al. 2005; sich eine Fantasie auf. Dieses
Es lassen sich unterscheiden: Dressing et al. 2006). Luftschloss kann aber auch
5 Klassisches Stalking: Häufig wird nicht nur die schnell platzen, z. B. wenn das
Unerwünschte Zielperson zum Opfer, Opfer zu verstehen gibt, keinen
Kommunikation (E-Mails, sondern auch deren Freunde, Kontakt mehr zu wollen. Dies
Briefe, Telefonanrufe, Familienmitglieder, Kinder, ist eine extreme Form der
räumliche Nähe Arbeitskollegen oder zur Verliebtheit gehörenden
suchen, Beobachten, Nachbarn. Männliche Stalker Merkmale, insbesondere
Nachspionieren) benutzen gemeinsame der starken Aufmerksamkeit
5 Bedrohliches Stalking: Kinder oft als Druckmittel auf die Person, in die man
Anrufe mit bedrohlichem zur Kontaktaufnahme oder verliebt ist, der unwillentlichen
oder obszönem Inhalt, als Informationsquelle über gedanklichen Beschäftigung
Gewalt und Drohungen die Expartnerin (Stadler et al. mit ihr und ihrer Idealisierung
(auch gegen Familien- 2005). Über 90 % der Opfer (7 Abschn. 1.3.1; Fisher 2006).
angehörige), Vandalismus von Stalking sind weiblich Wie sollte man auf Stalking-
etc. (Stadler et al. 2005). Die Verhalten reagieren?
1.3 · Paarbeziehungen
65 1

Wichtig ist, nach einmaligem erschweren. Daneben ist auch das Einschalten der
deutlichem Ablehnen des es nützlich, andere darüber Polizei oder das Aufsuchen
Verhaltens möglichst nicht zu informieren und sich einer Beratungsstelle
weiter auf den Stalker zu beraten. Dabei werden können wichtige Schritte sein,
einzugehen und das Familien und Freunde oft die praktische und emotionale
Verhalten möglichst zu erste Anlaufstelle sein, aber Unterstützung zu erhalten.

. Abb. 1.21 Hinter Stalking steht oft das Nichtakzeptieren, dass diese Person sich abgrenzt, keinen Kontakt
oder keine Beziehung (mehr) wünscht. (© oneinchpunch/stock.adobe.com)

können in späteren Beziehungen die gleichen unabhängiger werden. Damit überein-


Probleme wieder auftauchen wie in der auf- stimmend zeigen längsschnittliche Analysen
gegebenen. in China, dass auch dort die Scheidungsrate
Ein stärker kultureller Blick auf Ein- von einem sehr niedrigen Niveau landes-
stellungen zu Ehe und Scheidung sieht weit in den letzten Jahrzehnten stieg und dies
Individualismus und Kollektivismus als wich- mit dem Pro-Kopf-Einkommen und dem
tige Erklärungsfaktoren für Scheidungen. Bildungsniveau erklärt werden konnte (Wang
In individualistischen Kulturen ist Liebe als und Zhou 2010). Diese Entwicklung ging ein-
Heiratsgrund wichtiger als in kollektivisti- her mit abnehmendem Kollektivismus und
schen Kulturen (Levine et al. 1995), und die zunehmendem Individualismus in der chinesi-
Scheidungsraten sind höher (Dion und Dion schen Gesellschaft (Shuai et al. 2015; Zeng und
1996; Toth und Kemmelmeier 2009). Beides Greenfield 2015).
lässt sich damit erklären, dass Menschen in
individualistischen Kulturen weniger ein-
gebettet sind in die traditionellen Netzwerke 1.3.3 Zusammenfassung
von Verwandtschaft und Dorf und weniger
abhängig von diesen Netzwerken für ihr Über- Im Verlauf von Paarbeziehungen lassen sich
leben, wodurch sie in ihren Entscheidungen typische Muster ausmachen. Das Eingehen
66 Kapitel 1 · Beziehungen

einer Paarbeziehung erhöht im Schnitt die wann sich Menschen zueinander hingezogen
1 Lebenszufriedenheit, verglichen mit dem fühlen, wie man Liebe aus wissenschaftlicher
Singledasein. Bei Paaren, die heiraten, lässt Sicht verstehen kann und welche typischen
sich zudem eine Honeymoon-Phase erhöhter Verläufe sich bei Paarbeziehungen finden.
Zufriedenheit von ein bis zwei Jahren nach Um soziale Beziehungen zu unter-
der Hochzeit ausmachen. Das Verbindlicher- suchen, ist es sinnvoll, verschiedene Arten
werden einer Beziehung hingegen ist mit Tur- von Beziehungen zu unterscheiden, da diese
bulenzen aufgrund von Unsicherheiten und mit kulturell geteilten Erwartungen ver-
Reibereien verbunden. Nach dem Zusammen- bunden sind: Welche Aufgaben und Rechte
ziehen kommt es häufig vor, dass sich Part- haben wir in der Beziehung? Welche Funk-
ner wechselseitig über Angewohnheiten des tionen erfüllt sie für uns und andere? Welche
anderen ärgern. Hier können Strategien der Verhaltensnormen müssen wir beachten? Für
Emotionsregulation helfen, nicht „aus einer Eltern-Kind-Beziehungen zeigte sich, dass
Mücke einen Elefanten zu machen“. Das Ein- das Bindungssystem eine bedeutsame Rolle
planen positiver Erlebnisse in den Alltag spielt, da wir bei geglückter Bindung Schutz
schafft einen „Puffer“ an positiven Gefühlen und Sicherheit sowie eine sichere Basis fin-
miteinander und füreinander, die eine wich- den und Zuneigung erfahren. Diese Sicht-
tige Ressource für die Bewältigung schwieri- weise auf Erziehung hat sich in unserem
ger Situationen sind. Paartrainings helfen, in Kulturkreis als die vorherrschende etabliert.
Konfliktgesprächen den richtigen Ton zu tref- Entsprechend fördern soziale Normen die
fen, und tragen damit zu stabilen und zufrie- gewaltfreie, warme Beziehung zwischen Eltern
denen Beziehungen bei. Allerdings kommen und Kindern, was sich in über die Jahrzehnte
Trennungen häufig vor, und auch die Zahl positiver gewordenen Selbsteinschätzungen
und Akzeptanz von Scheidungen haben in der Beziehung widerspiegelt. Kulturvergleiche
Mitteleuropa in den letzten 100 Jahren stark und Studien in Kitas zeigten, dass Kinder
zugenommen. Verlassen zu werden, ist für nicht nur zu den eigenen Eltern, sondern auch
viele Menschen eine starke Belastung. Stal- zu weiteren Bezugspersonen enge Bindungen
king ist ein beziehungsorientiertes Verhalten, aufbauen, wenn diese Personen verlässlich
welches u. a. durch fehlende Abfindung mit sind und auf ihre emotionalen Bedürfnisse
einer Trennung und damit einhergehendem eingehen. Bindungsstile sind auch für Paar-
Kontrollverlust ausgelöst werden kann. Typi- beziehungen wichtig, denn sicher gebundene
sche Verhaltensweisen sind unerwünschte Partner geben sich gegenseitig Trost und
Kontaktaufnahme und Liebesbeweise sowie Unterstützung und gehen lösungsorientierter
Bedrohung und Schädigung des Opfers. mit Konflikten um.
Geschwister sind oft ein Leben lang wich-
tige Beziehungspartner. Unter den übrigen
1.4 Kapitelzusammenfassung Verwandten bauen häufig die Großeltern eine
besonders enge Beziehung zu ihren Enkeln
Eine soziale Beziehung besteht dann, wenn auf und übernehmen wichtige Aufgaben bei
Menschen miteinander interagieren und der Kindererziehung. Freunde spielen welt-
wenn sie sich in ihrem Erleben und Verhalten weit eine große Rolle, da Freundschaften in
gegenseitig beeinflussen. Sozialpsychologen besonderem Maße unsere sozialen Motive
beschäftigen sich u. a. damit, was unterschied- erfüllen und Freunde sich gegenseitig häu-
liche Beziehungsarten kennzeichnet, wie fig auf vielfältige Weise unterstützen. Auch
soziale Beziehungen zu Gesundheit, Glück Bekanntschaften erfüllen eine wichtige Rolle,
und Wohlergehen beitragen können und wie da sie zum einen die Zugehörigkeit zu einer
man sie verbessern kann. Andere Forschungs- Gemeinschaft stärken und zum anderen ein
schwerpunkte beschreiben und erklären, soziales Netzwerk schaffen, welches nützliche
1.4 · Kapitelzusammenfassung
67 1
Kontakte ermöglicht, wenn ein beruflicher gelten Symmetrie, bestimmte Gesichtsmerk-
oder privater Bedarf für diese entsteht. male wie große Augen oder geschlechts-
Wir suchen Freundschaften, Gruppen typische Gesichter und Durchschnittlichkeit.
und Kontakt zu Bekannten und Verwandten, Die Frage, mit wem wir eine Paar-
weil wir uns dabei zugehörig, anerkannt beziehung eingehen, ist in unserem Kultur-
und verstanden fühlen. Wir haben also eine kreis selten eine rationale Entscheidung.
Reihe sozialer Motive, die wir besonders gut Vielmehr steht häufig eine Phase der Ver-
befriedigen können, wenn wir mit anderen liebtheit, die von Leidenschaft und anderen
zusammen sind. Deshalb steigern sowohl Symptomen geprägt ist, am Beginn einer
die Qualität als auch die Menge und Viel- langjährigen Paarbeziehung, die nach eini-
falt an Sozialkontakten das psychische Wohl- gen Wochen, Monaten oder in selteneren
befinden. Sozialer Ausschluss hingegen wird Fällen Jahren in ihrer Intensität nachlassen.
als schmerzlich erlebt. Einsam fühlen sich In dieser Zeit wachsen hingegen die weiteren
Menschen, wenn sie gern mehr oder andere Liebesaspekte Intimität und Commitment,
soziale Beziehungen hätten, als sie tatsäch- neben Leidenschaft die Hauptkomponenten
lich haben. Einsamkeit ist ein negatives der Liebe gemäß dem Sternberg’schen Liebes-
Gefühl der sozialen Isolation, welches sich dreieck. Dieses generierte unter den psycho-
sogar einstellen kann, wenn man mit ande- logischen Modellen zur Liebe besonders viel
ren zusammen ist, häufiger aber mit fehlen- Forschung.
den Sozialkontakten einhergeht. Einsamkeit Intimität ist ein Fundament für Paar-
beeinträchtigt sowohl das psychische Wohl- beziehungen und auch in anderen nahen
befinden als auch die physische Gesundheit Beziehungen wichtig. Sie entsteht durch Ver-
und löst Prozesse aus, die die Einsamkeit noch trautheit miteinander und Verständnis für-
verstärken können. Für die Wirkung sozia- einander, welche wiederum durch häufigen
ler Beziehungen auf physische Gesundheit ist Kontakt und Selbstenthüllung zunehmen. Hat
zudem das Bindungssystem wichtig, welches man Kontakt zu einer Person, so erlebt man
uns ermöglicht, Ängste und Stress mithilfe ihre Reaktionen, erfährt ihre Einstellungen
von Bezugspersonen zu regulieren, indem und teilt ihre Erlebnisse. Selbstenthüllung ist
deren Nähe und Trost beruhigend auf uns eine Kommunikationsform, bei der Intimes
wirkt. Wer in der Lage ist, diese Unterstützung und Privates mitgeteilt wird, wie Gefühle,
aktiv zu suchen und Vertrauen in die Ver- Erlebnisse, Einstellungen oder Geheimnisse,
lässlichkeit der Bezugsperson zu haben, kann die man (noch) nicht öffentlich machen will.
hiervon im Besonderen profitieren. Selbstenthüllung setzt also Vertrauen in das
Wie aber finden wir enge Bezugs- Gegenüber voraus. Damit beinhaltet Intimität
personen? Wonach richtet sich, auf wen wir auch gegenseitiges Wohlwollen, wechselseitige
zugehen und welche Beziehungen halten? Zuneigung und deren verbale, nonverbale
Entscheiden wir nach dem Aussehen oder oder tatkräftige Kommunikation. Aus Intimi-
nach inneren Werten? Räumliche Nähe, Ver- tät kann eine Liebesbeziehung entstehen, aber
trautheit, Ähnlichkeit und Freundlichkeit man kann sich auch in eine Person verlieben,
erhöhen die Chancen für eine Beziehungs- die man noch kaum kennt, in welchem Fall
aufnahme, sind aber auch im weiteren die nachfolgend beschriebene Leidenschaft zu
Beziehungsverlauf wichtig. Körperliche Beginn der Beziehung steht.
Attraktivität spielt für das anfängliche Inter- Wir empfinden Leidenschaft für eine Per-
esse an Personen eine große Rolle. Wann fin- son, wenn uns deren Anblick, der Gedanke
den wir Menschen schön? Was als attraktiv an sie oder Berührungen von ihr erregen kön-
wahrgenommen wird, ist teilweise universell, nen, wenn wir uns sexuell zu ihr hingezogen
zu einem großen Teil aber auch kulturell fühlen und wenn wir ein Verlangen ver-
geprägt. Als universelle Schönheitsmerkmale spüren, dieser Person körperlich, emotional
68 Kapitel 1 · Beziehungen

und gedanklich nahe zu sein. Verliebtheit ist Das Commitment zu einer Beziehung sollte
1 ein Zustand großer Leidenschaft, der meist dann hoch sein, wenn die Partner die sich aus
einige Wochen bis Monate anhält. Sie ist dem jeweiligen Beziehungsmodell ergebenden
geprägt von Anziehung, sexuellem Verlangen, Erwartungen erfüllt sehen. Im Einzelnen
Erregung, starken Gefühlen, dem Erleben, ist eine Beziehung beim Beziehungsmodell
voller Energie zu sein, und einer Fokussie- Rangordnung hierarchisch aufgebaut, wie es
rung von Wahrnehmung und Gedanken auf in vielen Kulturen, in denen die Frau in der
die andere Person. Zu Beginn einer Paar- Paarbeziehung dem Mann als untergeben
beziehung können diese Aspekte sehr stark angesehen wird, der Fall ist. Das Beziehungs-
sein und als unkontrollierbar erlebt werden. modell Gegenseitigkeit ist durch die Reziprozi-
Sexualität ist evolutionär gesehen für die tätsnorm geprägt, welche durch das Prinzip
Fortpflanzung und die Paarbindung wich- „Wie du mir, so ich dir“ für Fairness sorgt.
tig. Sexuelle Identitäten ergeben sich, da bio- Beim Beziehungsmodell Proportionalität
logisches und soziales Geschlecht, also die gehen die Beziehungspartner einen Handel
Ausprägung der biologischen Geschlechts- ein und tauschen unterschiedliche Dinge aus.
merkmale und die Selbstwahrnehmung Viele haben eine intuitive Abneigung dagegen,
als Mann, Frau oder beides, sowie sexuelle ihre Paarbeziehung als Handelsbeziehung zu
Orientierung in verschiedenen Ausprägungen sehen, und sind empört, wenn sie Dinge, die
und Kombinationen vorkommen können. ihre Liebe repräsentieren, verkaufen sollen.
Soziale Normen bezüglich Sexualität sind Beim Beziehungsmodell Gemeinschaftlich-
kulturell sehr verschieden. In westlichen Kul- keit bemühen sich Partner, die Bedürfnisse
turen ist das derzeit vorherrschende Modell des anderen zu erfüllen, und empfinden
das der seriellen Monogamie, wobei Phasen Dankbarkeit, wenn er oder sie das Gleiche
unverbindlicher Beziehungen mit oder ohne tut. Die Trennung von Mein und Dein wird
sexuelle Aktivitäten sozial akzeptiert sind, aufgehoben, und die emotionale Nähe und
ebenso wie Phasen, in denen man eine ver- wechselseitige Bindung sind besonders hoch.
bindliche, monogame Beziehung zu einem Einzelnen Bereichen einer Beziehung kön-
Partner hat. Die Häufigkeit von Geschlechts- nen unterschiedliche Modelle zugrunde lie-
verkehr nimmt mit dem Alter ab. Besonders gen, aber Uneinigkeit darin, welches Modell
zufriedene Paare erhalten sich ihre Leiden- das richtige ist, wird zu Fehlkoordination und
schaft bis ins hohe Alter. abnehmendem Commitment führen.
Commitment umfasst den Wunsch, an Der Verlauf von Paarbeziehungen ist indi-
einer Beziehung auf Dauer festzuhalten, und viduell sehr verschieden. Im Schnitt über viele
die Entscheidung dafür, manchmal im Sinne Paare hinweg zeichnen sich dennoch einige
eines öffentlichen Commitments in Form Regelmäßigkeiten ab. Der Beginn einer Paar-
eines gegenseitigen (Ehe-)Versprechens. Laut beziehung erhöht in den meisten Fällen die
Rusbult-Modell ist das Commitment einer Lebenszufriedenheit deutlich. Das Verbindli-
Person besonders hoch, wenn sie sehr zufrie- cherwerden einer Beziehung hingegen ist mit
den mit der Beziehung ist, sie schon viel in die Turbulenzen aufgrund von Unsicherheiten und
Beziehung investiert hat und wenn die mög- Reibereien verbunden. Nach dem Zusammen-
lichen Alternativen zur aktuellen Beziehung ziehen kommt es häufig vor, dass sich Part-
wenig attraktiv erscheinen. Die Beziehungs- ner wechselseitig über Angewohnheiten des
zufriedenheit wiederum steigt mit dem anderen ärgern. Verschiedene Reappraisal-
Nutzen und sinkt mit den Kosten. Die Rela- Strategien können helfen, den Ärger zu
tional-Models-Theorie hingegen unterscheidet regulieren. Ebenso wichtig ist es, sich trotz All-
zwischen Beziehungsmodellen, bei denen tagshektik Zeit füreinander zu nehmen, sich
Kosten-Nutzen-Abwägungen wichtig sind, gegenseitig zuzuhören, Anteil zu nehmen am
und solchen, bei denen sie keine Rolle spielen. Leben des anderen und Liebe und Zuneigung
Literatur
69 1
zu zeigen. Bei Paaren, die heiraten, ist die Ahnert, L. (2007). Entwicklungspsychologische Aspekte
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87 2

Sozialer Einfluss
2.1 Die Anwesenheit anderer beeinflusst die individuelle
Leistung – Soziale Erleichterung und
soziale Hemmung – 88
2.1.1 Zusammenfassung – 93

2.2 Schwimmen mit oder entgegen dem Strom – Der


Einfluss von Mehr- und Minderheiten – 94
2.2.1 Wenn der Strom uns mitreißt – Der Einfluss von Mehrheiten
(Konformität) – 94
2.2.2 Wenn wenige die Strömung ändern – Der Einfluss von
Minderheiten – 105
2.2.3 Zusammenfassung – 109

2.3 Bewusste soziale Einflussnahme – Die


Judostrategien – 109
2.3.1 Soziale Einflussnahme mithilfe situativer Gegebenheiten – 112
2.3.2 Soziale Einflussnahme mithilfe
von Beziehungsmerkmalen – 118
2.3.3 Sozialer Einfluss durch Auslösen eines Verpflichtungsgefühls
beim Gegenüber – 126
2.3.4 Zusammenfassung – 143

2.4 Kapitelzusammenfassung – 144


Literatur – 146

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2020


L. Werth, B. Seibt, J. Mayer, Sozialpsychologie – Der Mensch in sozialen Beziehungen,
https://doi.org/10.1007/978-3-662-53899-9_2
88 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

? Was bringt’s? Ob andere Personen eine Mehr- oder Minder-


1. Wie kommt es, dass die Anwesenheit heitsmeinung uns gegenüber vertreten, wirkt
eines Publikums einmal bewirkt, ebenfalls als sozialer Einfluss (eine direkte
2 dass der Akteur das Beste aus sich Beeinflussungsabsicht kann, muss hier aber
herausholt, und ein andermal, dass er nicht vorliegen) und wird in 7 Abschn. 2.2
völlig versagt? besprochen. Dem klassischen Fall sozialer
2. Wieso fällt es uns in Gruppen Beeinflussung, den absichtlichen, taktisch
manchmal so schwer, unsere eigenen klug eingefädelten Beeinflussungsversuchen,
Ansichten zu vertreten, wenn ist 7 Abschn. 2.3 gewidmet.
diese von der Mehrheitsmeinung
abweichen? Sozialer Einfluss
3. Wie schaffen es andere Menschen
Beabsichtigte oder unbeabsichtigte
immer wieder, uns dazu zu bringen,
Einflussnahme einer oder mehrerer
etwas zu tun oder zu kaufen, das wir
Personen auf die Einstellungen,
eigentlich gar nicht wollten?
Überzeugungen, Gefühle,
Wahrnehmungen oder das Verhalten
Hatten Sie auch schon einmal die
einer oder mehrerer anderer Personen.
Befürchtung, dass die Werbeindustrie uns
dazu verleitet, Dinge zu kaufen, die wir
eigentlich gar nicht haben wollen? Oder
vielleicht kennen Sie auch die Sorge vie-
ler Eltern, dass andere ihre Kinder negativ 2.1 Die Anwesenheit anderer
beeinflussen könnten – beispielsweise, dass beeinflusst die individuelle
sie zum Rauchen oder gar zum Konsum von Leistung – Soziale
härteren Drogen verführt würden. Dieser Ein- Erleichterung und soziale
fluss durch andere Personen oder das soziale Hemmung
Umfeld wird im Fachjargon als sozialer Ein-
fluss bezeichnet. Den meisten Menschen ist Immer wieder werden Leistungen in
er deswegen so suspekt, da sie meist nicht Anwesenheit anderer Personen erbracht –
wissen, wie er zustande kommt, und die etwa wenn Studierende eine Prüfung im Bei-
Erfahrung gemacht haben, ihn möglicher- sein ihrer Kommilitonen ablegen oder wenn
weise zu spät zu bemerken bzw. sich nicht ein Schüler zu Beginn der Schulstunde vor
rechtzeitig widersetzen zu können. der Klasse abgefragt wird. In beiden Bei-
Dieses Kapitel widmet sich den Mechanis- spielen ist die Leistung per se von den übri-
men sozialen Einflusses. Unter sozialem gen Anwesenden unabhängig, Hilfestellungen
Einfluss wird eine beabsichtigte oder unbe- durch die Anwesenden (Vorsagen oder
absichtigte Einflussnahme anderer Menschen Abschreiben) sind vielmehr explizit verboten.
auf unsere Wahrnehmungen, Gefühle, Ein- Nichtsdestotrotz kann bereits die Tatsache,
stellungen, Überzeugungen oder unser Han- dass sich andere Personen mit im Raum
deln verstanden (z. B. Cialdini 2001; für einen befinden, auf die individuelle Leistung wirken.
Überblick vgl. Cialdini und Goldstein 2004). Was meinen Sie, sind wir in Anwesenheit
Sozialer Einfluss liegt bereits vor, wenn sich anderer besser oder schlechter, als wenn wir
allein durch die Anwesenheit anderer Per- alleine vor uns hinarbeiten? Möglicherweise
sonen unser Leistungsverhalten verändert, antworten Sie mit einem unentschiedenen
auch wenn diese uns gar nicht absichtlich „Kommt darauf an“, denn sicherlich kennen
beeinflussen wollen. Dies wird unter den Sie Situationen, in denen Ihnen die Anwesen-
Stichworten soziale Erleichterung und soziale heit anderer den notwendigen Kick, alles zu
Hemmung in 7 Abschn. 2.1 dargestellt werden. geben, verschaffte, während sie Sie in anderen
2.1 · Die Anwesenheit anderer beeinflusst die individuelle Leistung …
89 2
Situationen geradezu lähmte und Ihnen ein Wahrscheinlichkeit, sie richtig zu bearbeiten,
Blackout bescherte. Sie haben Recht, denn bei- nicht so hoch wie bei einfachen Aufgaben
des ist möglich! Doch wovon hängt es ab, ob in und damit die dominante Reaktion eher
Anwesenheit anderer Personen eine Leistungs- falsch – eine erhöhte Erregung führt daher
verbesserung oder -verschlechterung eintritt? zu einem wahrscheinlicheren Auftreten einer
Die Drive-Theorie der sozialen Erleichterung falschen Reaktion, so dass sich die Leistung
(Zajonc 1965) führt die verschiedenen Aus- verschlechtert. In diesem Falle liegt soziale
wirkungen der Anwesenheit anderer auf physio- Hemmung vor (Social Inhibition). Ob nun die
logische Faktoren zurück. Die Anwesenheit Anwesenheit anderer zu einer Leistungsver-
anderer führt zu einem – häufig nicht bewusst besserung oder -verschlechterung führt, hängt
wahrnehmbaren – Anstieg der physiologischen demnach von der Schwierigkeit der Aufgabe
Erregung. So schlägt beispielsweise das Herz ab (Zajonc 1965; 7 Beispielstudie 2.1).
schneller, wir schwitzen stärker, und der Ist es nun tatsächlich die bloße Anwesen-
Muskeltonus steigt (Baron et al. 1978; Guerin heit anderer Personen, die Effekte sozialer
1986; Zajonc 1965). Manchmal ist diese erhöhte Erleichterung und Hemmung bewirkt? Wenn
Erregung auch ganz deutlich zu spüren, bei- Sie noch einmal an unsere Anfangsbeispiele
spielsweise wenn man ein Klavierstück vor Pub- denken, so zeichnen sich diese durch folgen-
likum statt für sich allein zu Hause spielen soll. des Merkmal aus: Der Akteur kann davon
Die Anwesenheit anderer Personen ist dann im ausgehen, dass die anwesenden Personen
wahrsten Sinne des Wortes „aufregend“. nicht einfach nur „da“ sind, sondern ihn
Wie erklärt nun die Drive-Theorie den und seine Leistung beobachten und sich ihre
Zusammenhang zwischen erhöhter physio- Gedanken dazu machen: Ist der Prüfling gut
logischer Erregung und Leistung? oder schlecht? Hat der Klaviersolist gut geübt
oder nicht?
Drive-Theorie der sozialen Für Effekte von sozialer Erleichterung bzw.
Erleichterung Hemmung spielt diese mögliche Bewertung
Die Anwesenheit anderer Personen der eigenen Leistung oder Person durch
bewirkt eine Steigerung der das Publikum eine Rolle, d. h., es ist von
physiologischen Erregung und fördert Bedeutung, ob eine Bewertungserwartung
damit die Ausführung der dominanten vorliegt oder nicht (Blascovich et al. 1999;
Reaktion (Spence 1956). Bond Jr. et al. 1996; Geen et al. 1988; Seta und
Seta 1995). Kennzeichnend dafür, dass eine
solche Bewertungserwartung vorliegt, kön-
Als dominant werden Reaktionen bzw. Ver- nen Gedanken des Akteurs sein wie „Wie gut
haltensweisen bezeichnet, die uns in Ver- werde ich sein?“ oder „Was denken die ande-
bindung mit der aktuellen Situation oder ren über meine Leistung bzw. über mich?“.
Aufgabe am schnellsten in den Sinn kommen Folgende Befunde sprechen für die Bedeut-
bzw. am leichtesten von der Hand gehen, d. h. samkeit einer möglichen Bewertung der Leis-
gewohnte und gut bekannte Reaktionen. Bei tung:
einfachen und gut geübten Aufgaben ist die 5 Soziale Erleichterung und Hemmung
dominante Reaktion meist die richtige. Da finden sich immer dann, wenn die
deren Auftretenswahrscheinlichkeit durch die individuelle Leistung bewertbar ist. So
erhöhte Erregung steigt, bewirkt dies einen sind auch dann entsprechende Effekte
Leistungsanstieg. zu verzeichnen, wenn physisch keine
Dies wird als soziale Erleichterung (Social anderen Personen anwesend sind, deren
Facilitation) bezeichnet (Allport 1920; vgl. Anwesenheit jedoch aufgrund elektro-
Guerin 1993). Ist eine Aufgabe schwierig, weil nischer Überwachung vorgestellt wird
sie z. B. neu, komplex oder ungeübt ist, ist die (7 Abschn. 2.2.1). Dementsprechend treten
90 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Beispielstudie 2.1

Bei einfachen Aufgaben wirkt sich ein Publikum positiv, bei schwierigen Aufgaben negativ
auf die Leistung des Akteurs aus
2 Michaels et al. (1982) ließen Tischen und schaute den entsprechend spielten sie
Billardspieler von einem Spielern zu. vor Publikum besser als
Beurteilerteam in zwei In Anwesenheit dieses ohne Publikum. Leistungs-
Gruppen einteilen: Spieler, die Publikums verbesserten schwache Spieler – für
bei mindestens zwei Dritteln die überdurchschnittlichen die die Aufgabe schwierig
ihrer Stöße erfolgreich waren, Spieler ihre Leistung von war – wurden dagegen in
wurden als „überdurch- etwa 70 % auf ca. 80 % Anwesenheit von Zuschauern
schnittlich“, solche, die bei erfolgreiche Versuche. Die noch schlechter. Bei
weniger als einem Drittel unterdurchschnittlichen einfachen Aufgaben wirkt
Erfolg hatten, als „unterdurch- Spieler verschlechterten sich sich die Anwesenheit anderer
schnittlich“ klassifiziert. Ein dagegen von 36 % auf 24 %. somit leistungsförderlich,
Team, bestehend aus vier Für leistungsstarke Spieler bei schwierigen Aufgaben
Vertrauten des Versuchsleiters, stellt Billardspielen eine relativ dagegen leistungshinderlich
begab sich dann zu den leichte Aufgabe dar, und aus.

soziale Erleichterung und Hemmung wenn dies der Fall ist, beispielsweise wenn
beispielsweise auch bei elektronischer der Koakteur in der Aufgabe besser ist als
Arbeitsüberwachung auf (z. B. auto- man selbst (z. B. Huguet et al. 1999; Muller
matischer Aufzeichnung von Computer- et al. 2004; Sanders et al. 1978).
eingaben oder produzierten Stückzahlen;
Aiello und Kolb 1995): Arbeiter, denen Bei einfachen Aufgaben kann man sich
aufgrund hoher Fähigkeiten ihre Tätig- diese Bewertungserwartung als den nötigen
keit leichtfiel, verbesserten ihre Leistung „Kick“ vorstellen, das Beste aus sich heraus-
bei Computerüberwachung. Weniger zuholen, bei schwierigen Aufgaben eher als
befähigte Arbeiter, für die ihre Tätigkeit unangenehme Anspannung, die die Leistung
entsprechend eine schwierige Aufgabe dar- hemmt.
stellte, zeigten dagegen bessere Leistungen, Wir haben bisher gesehen, dass im
wenn sie nicht überwacht wurden. Zusammenhang mit Leistungsveränderungen
5 Cottrell et al. (1968) fanden keinen Ein- in Anwesenheit anderer eine erhöhte physio-
fluss der Anwesenheit von Zuschauern, logische Erregung sowie die mögliche
wenn diese die Augen verbunden hatten Bewertung durch die Anwesenden eine
oder an der Ausführung der Aufgabe Rolle spielen. Gemäß der Distraction-Con-
offensichtlich uninteressiert waren, d. h. flict-Theorie jedoch werden die Effekte sozia-
wenn sie nicht in der Lage oder nicht ler Erleichterung und Hemmung vielmehr
willens waren, den Akteur zu beurteilen. ursächlich durch kognitive Faktoren ver-
5 Handelt es sich bei den anwesenden mittelt: Die Anwesenheit anderer versetzt in
Personen nicht um ein passives Publikum, einen Zustand erhöhter Wachsamkeit und
sondern um sog. Koakteure (d. h. Perso- lenkt Aufmerksamkeitsressourcen von der
nen, die unabhängig die gleiche Aufgabe Aufgabenbewältigung ab – vorausgesetzt der
bearbeiten), so ist zudem von Bedeutung, Akteur hält eine Bewertung seiner Leistung
inwieweit diese im sozialen Vergleich zu für möglich. Für den Akteur entsteht dann
einer negativen Selbstbeurteilung führen ein Aufmerksamkeitskonflikt: Zum einen
(und damit das Selbstbild bedrohen) erfordert die Aufgabenbewältigung Aufmerk-
könnten. Effekte sozialer Erleichterung samkeit, zum anderen haben Menschen die
bzw. Hemmung finden sich nur dann, Tendenz, auf die anwesenden Personen zu
2.1 · Die Anwesenheit anderer beeinflusst die individuelle Leistung …
91 2

. Abb. 2.1 Aufmerksamkeitskonflikte wie der zwischen Telefonieren und Autofahren sind extrem ablenkend
und können beim Autofahren gefährlich werden. Haben wir schwierige Aufgaben zu lösen, brauchen wir unsere
ganze ungeteilte Aufmerksamkeit. Die bloße Anwesenheit anderer vermag unsere Aufmerksamkeit auf eine
schwierige Aufgabe so weit zu reduzieren, dass Leistungseinbußen entstehen. (© ashtproductions/stock.adobe.
com)

achten (. Abb. 2.1). Dies wiederum kann eine Ressourcen für die Aufgabenbewältigung
erhöhte Erregung zur Folge haben (Baron „auszukommen“, neigt der Akteur bei
1986; Sanders et al. 1978). Anwesenheit anderer dazu, sich auf einzelne,
zentrale Aspekte der Aufgabe zu konzent-
Distraction-Conflict-Theorie rieren und weniger wichtige oder periphere
Die Anwesenheit anderer Personen lenkt Aspekte „auszublenden“. In dem Falle, dass
ab, wodurch für die Aufgabenbewältigung es für eine – einfache oder schwierige – Auf-
weniger Ressourcen zur Verfügung gabe förderlich ist, sich auf wenige Schlüssel-
stehen. Die Aufmerksamkeit konzentriert merkmale zu konzentrieren bzw. unwichtige
sich dann auf wenige Schlüsselaspekte Details zu vernachlässigen, verbessert sich
der Aufgabe, periphere Merkmale werden die Leistung in Anwesenheit anderer. Sind
vernachlässigt. hingegen bei einer Aufgabe viele Aspekte
gleichzeitig zu beachten (was bei schwierigen,
komplexen Aufgaben häufig der Fall ist), so
Die Anwesenheit anderer Personen bindet verschlechtert sich durch die Aufmerksam-
somit Aufmerksamkeitsressourcen, sodass keitsfokussierung die Leistung eher (Klauer
für die Aufgabenbewältigung dann weniger et al. 2008; Sharma et al. 2010).
kognitive Ressourcen zur Verfügung stehen, In vielen Fällen führen Distraction-Con-
als wenn man alleine, d. h. ohne Ablenkung, flict-Theorie und die zu Anfang beschriebene
arbeiten würde.1 Um mit den knappen Drive-Theorie der sozialen Erleichterung
zu den gleichen Vorhersagen, da schwie-
rige Aufgaben sich häufig eben nicht durch
1 Dieselben Auswirkungen auf die Leistung wie
wenige wichtige Merkmale auszeichnen,
die Anwesenheit anderer Personen haben auch
andere ablenkende Reize, wie beispielsweise ein sondern eher komplex sind und erfordern,
blinkendes Licht (Baron 1986). dass viele verschiedene Aspekte gleichzeitig
92 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

beachtet werden müssen. Dann wirkt sich Aufgabe selbst abhängen, zum anderen auch
eine begrenzte kognitive Kapazität negativ davon, wie gut der einzelne Prüfling vorbereitet
aus. Zeichnet sich allerdings eine schwierige ist. Je besser er vorbereitet ist, desto einfacher
2 Aufgabe nur durch wenige wichtige Merk- ist die Aufgabe für ihn bzw. desto eher sind ihm
male aus, so sind auch hier Leistungsver- die wichtigen Aspekte der Aufgabe bekannt, auf
besserungen möglich (Chajut und Algom die die zur Verfügung stehenden Kapazitäten
2003; Huguet et al. 1999; Monteil und Huguet gerichtet werden sollten. Besteht die Aufgabe
1999; Muller et al. 2004; zusammenfassend aus wenigen wichtigen Schlüsselmerkmalen
. Abb. 2.2). und ist der Prüfling gut vorbereitet, erbringt
Kommen wir noch einmal auf unser er möglicherweise in Anwesenheit anderer
Prüfungsbeispiel zu Anfang dieses Abschnitts eine bessere Leistung als alleine. Ist die Auf-
zurück. Wie wird die mündliche Prüfungs- gabe dagegen sehr komplex bzw. der Prüfling
leistung im vollen Klassenzimmer bzw. in schlecht vorbereitet, dürfte es besser sein, wenn
Anwesenheit der Kommilitonen ausfallen, wie er alleine und damit weniger abgelenkt ist.
wäre sie ohne die Anwesenheit anderer? Dies In dieser beispielhaften Prüfungssituation
wird weitgehend davon bestimmt sein, ob die wird ebenfalls eine Rolle spielen, für wie
Aufgabe einfach oder komplex ist bzw. ob sie schlau der Prüfling seine Klassenkameraden
davon profitiert, wenn sich die Aufmerksamkeit bzw. Kommilitoninnen hält. Ist der Prüf-
auf einige wenige Schlüsselaspekte konzent- ling in einer Klasse von Überfliegern, so hat
riert. Zum einen wird dies von der Struktur der er weniger Selbstvertrauen in seine schuli-

. Abb. 2.2 Andere Personen lenken ab, und es entsteht ein Aufmerksamkeitskonflikt. Die für die Aufgaben-
bewältigung verbleibende Aufmerksamkeit fokussiert sich auf wenige, zentrale Aspekte, periphere Aspekte
werden vernachlässigt. Ist dies für die korrekte Lösung der Aufgabe förderlich, verbessert sich in Anwesenheit
anderer die Leistung (soziale Erleichterung; linker Teil der Abbildung). Ist diese Fokussierung für die Aufgaben-
bewältigung ungünstig, so verschlechtert sie sich (soziale Hemmung; rechter Teil der Abbildung)
2.1 · Die Anwesenheit anderer beeinflusst die individuelle Leistung …
93 2

. Abb. 2.3 Die Metapher „großer Fisch im kleinen Teich“ bezeichnet eine leistungsstarke Person in einer
leistungsschwächeren Gruppe. Befunde zeigen, dass eine ausgezeichnete Schülerin in einer durchschnittlichen
Klasse ein höheres akademisches Selbstbewusstsein hat als dieselbe Schülerin in einer Klasse voller aus-
gezeichneter Schüler (kleiner Fisch im großen Teich). (© WunderBild/stock.adobe.com)

schen Fähigkeiten, als wenn er in einer durch- 2.1.1 Zusammenfassung


schnittlich leistungsstarken Klasse ist (Marsh
und Hau 2003; Marsh et al. 2001; Marsh 1987; Bereits die bloße Anwesenheit anderer Perso-
Salchegger 2016). Ein guter Realschüler wird nen kann Einfluss auf unser Verhalten neh-
also im Allgemeinen ein besseres schulisches men. Ob sich die Leistung in Anwesenheit
Selbstvertrauen haben als ein schlechter Gym- anderer Personen gegenüber der bei Einzel-
nasiast. Grund hierfür ist der erzwungene arbeit verbessert oder verschlechtert, hängt
soziale Vergleich (7 Sozialpsychologie I, davon ab, ob wir durch die anderen Personen
Abschn. 6.2.3) mit dem Klassendurchschnitt abgelenkt werden (und dadurch ein Aufmerk-
(Huguet et al. 2009). Das größere akademi- samkeitskonflikt entsteht) und welche Cha-
sche Selbstvertrauen eines guten Schülers in rakteristika die Aufgabe aufweist. Dabei ist es
einer leistungsschwächeren Klasse wird als nicht erforderlich, dass die anwesenden Perso-
Fischteicheffekt (Big-Fish-Little-Pond-Effekt) nen die Absicht haben, den Akteur zu beein-
bezeichnet. In einer leistungsstarken Klasse flussen.2
sind gute Schüler dann eher wie kleine Fische Auch in anderen Fällen ist es nicht
in einem großen Teich (. Abb. 2.3). Die unbedingt Absicht, Einfluss auf andere zu neh-
Anwesenheit vieler überlegener Mitschüler men, und dennoch wirkt sich das Verhalten
führt demnach zu größerer Verunsicherung,
Ablenkung und letztlich auch zu einem
schlechteren Abschneiden als die Anwesen- 2 Eine Situation, in der die Anwesenheit ande-
heit vieler schwächerer Mitschüler (Marsh rer Personen von großer Bedeutung ist, ist die
und Yeung 1997). Unabhängig davon kann soziale Situation Gruppe. Weitere Einflüsse auf das
Leistungsverhalten, die über die bloße Anwesen-
es auch ein Ansporn sein, sich mit leistungs- heit anderer Personen hinausgehen, werden im
starken Schülern zu messen, was allerdings Zusammenhang mit Intragruppenprozessen aus-
den beschriebenen Effekt nicht aufhebt. führlich besprochen (7 Abschn. 3.2).
94 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

anderer Menschen auf das Individuum aus – einen eher kritischen Blick auf den Umgang,
beispielsweise wenn die Mitglieder einer Dis- den ihre Kinder pflegen. Und nicht sel-
kussionsrunde unterschiedliche Meinungen ten bereitet ihnen dieser einiges an Kopf-
2 zu einem bestimmten Thema äußern. Mit zerbrechen, z. B. wenn von neu gewonnenen
dem Einfluss von anderen Personen, seien Freunden bekannt ist, dass sie immer
es Mehr- oder Minderheiten, auf die eigene mal wieder die Schule schwänzen. Sorgen
Meinungsbildung beschäftigt sich der folgende bereitet ihnen das selbst dann, wenn der
Abschnitt. eigene Sprössling bisher ein sehr interessier-
ter und äußerst zuverlässiger Schüler war.
Besorgt sind sie, dass sich diese Einstellung
2.2 Schwimmen mit oder durch den (schlechten) Einfluss der Peer-
entgegen dem Strom – Der group ändern könnte. Die meisten Eltern
Einfluss von Mehr- und werden diese Befürchtungen gut nachvoll-
Minderheiten ziehen können, auch wenn der betroffene
Jugendliche sich vehement gegen eine sol-
Denken Sie einmal an eine Gruppe von Schü- che Unterstellung verwehren würde. Warum
lern, in der die Meisten Rauchen „cool“ finden trauen wir ihm nicht? Ganz einfach, weil wir
und nur einige wenige anderer Meinung sind. den überzeugenden Einfluss der Mehrheit
Im Rahmen eines Projekttags in der Schule fürchten. Und diese Befürchtung hat ihre
wird Rauchen ganz allgemein thematisiert, Berechtigung, der Einfluss von Mehrheiten
und in besagter Gruppe entwickelt sich eine bzw. der Druck, Übereinstimmung mit der
angeregte Diskussion. Werden sich die wenigen Mehrheitsmeinung oder Konformität zu zei-
Gegner des Rauchens im Laufe der Diskussion gen, ist groß (. Abb. 2.4).3 Wie kommt es
der Meinung der Mehrheit anschließen? Falls dazu?
das der Fall wäre: Wären sie nur nach außen Zwei bedeutende Triebfedern mensch-
hin konform, behielten insgeheim aber ihre lichen Verhaltens spielen hier eine wichtige
abweichende (Anti-Raucher-)Meinung bei? Rolle: zum einen das Bedürfnis, mit der eige-
Oder wäre auch ihre innere Überzeugung ver- nen Meinung richtig zu liegen, zum Zweiten
ändert? Wie sieht es mit den Chancen der das Bedürfnis, von den anderen gemocht und
Minderheit aus, die Mehrheit der „coolen“ anerkannt zu werden (7 Abschn. 3.1.2). Diese
Raucher in deren Meinung zu beeinflussen? Motive werden wirksam, wenn jemand in
In 7 Abschn. 2.2.1 werden wir uns damit einer Gruppe eine Meinung oder ein Urteil
beschäftigen, wie sich Mehrheitsmeinungen abgeben soll. Aufgrund unseres Bedürf-
auf öffentlich geäußerte und privat gehaltene nisses nach Richtigkeit haben andere Perso-
Überzeugungen von Individuen auswirken. nen informativen Einfluss auf uns, welcher
In 7 Abschn. 2.2.2 wird der umgekehrte Ein-
fluss näher betrachtet, nämlich ob und unter
welchen Umständen Minderheiten die Mehr-
heitsmeinung beeinflussen können.

3 Kinder und Jugendliche sind beeinflussbarer als


2.2.1 Wenn der Strom uns Erwachsene, im Besonderen durch ihre Peergroup.
mitreißt – Der Einfluss von In einer Studie von Gardner und Steinberg (2005)
Mehrheiten (Konformität) hat sich beispielsweise gezeigt, dass sowohl die
Risikobereitschaft als auch der diese verstärkende
Peergroup-Einfluss bei Jugendlichen höher sind
Der Mehrheit wird häufig eine recht starke als bei Erwachsenen. Ob Jugendliche anfangen zu
Überzeugungskraft zugeschrieben. Nicht rauchen, wird u. a. davon beeinflusst, ob der beste
zuletzt aus diesem Grund haben viele Eltern Freund raucht oder nicht (Maassen et al. 2004).
2.2 · Schwimmen mit oder entgegen dem Strom …
95 2

. Abb. 2.4 Haben wir den Eindruck, dass die Mehrheit einer Gruppe, zu der wir gehören, andere Musik cool
findet, andere Ansichten vertritt oder sich anders kleidet als wir selbst, werden wir schnell verunsichert. Wir
erleben Konformitätsdruck, der häufig dazu führt, dass wir uns der wahrgenommenen Mehrheit anschließen.
(© pholidito/stock.adobe.com)

meist dazu führt, dass sowohl die öffent- Konformität


liche Meinung als auch die innere Über- Übereinstimmung eigenen Verhaltens oder
zeugung an die der Mehrheit angeglichen eigener Meinungen mit dem Verhalten
werden (Konversion). Über das Bedürfnis, oder den Meinungen der Bezugsgruppe.
von den anderen gemocht zu werden, übt Der Druck (auch entgegen der eigenen
die Mehrheit – wenn das Urteil öffentlich Meinung), Konformität zu zeigen, kann aus
geäußert werden soll – des Weiteren nor- der realen oder vorgestellten Anwesenheit
mativen (motivationalen) Einfluss auf uns anderer resultieren.
aus. Dieser resultiert meist in öffentlicher
Angleichung an die Mehrheitsmeinung, ohne
dass sich jedoch die innere Überzeugung Informativer Einfluss
ändert (Compliance). Beide Einflussarten Informativer Einfluss beruht auf dem
sind meist gleichzeitig vorhanden, je nach angenommenen Informationswert der
Situation rückt jedoch die eine oder die Meinung anderer (denn das Verhalten
andere in den Vordergrund. Im Folgenden anderer informiert über Realität) und
wollen wir zunächst den informativen und resultiert meist in Konversion (öffentlicher
dann den normativen sozialen Einfluss näher Konformität und zugleich innerer/privater
betrachten. Überzeugung).

2.2.1.1 Informativer Einfluss


Konformität kann dem Bedürfnis ent- Normativer Einfluss
springen, ein korrektes Urteil zu fällen bzw. Normativer Einfluss beruht auf dem
sich korrekt zu verhalten. Diese Motivation Bedürfnis nach Akzeptanz und
ist vor allem in Situationen von Bedeutung, Bestätigung durch andere (denn Devianz
die mehrdeutig sind und in denen wir ent- ist unangenehm) und resultiert meist in
sprechend nach Anhaltspunkten dafür Compliance (öffentlicher Konformität
suchen, was in der Situation das angemessene ohne innere Überzeugung).
Verhalten ist.
96 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Beispielstudie 2.2

In mehrdeutigen Situationen werden die Urteile anderer Gruppenmitglieder als


Orientierung herangezogen
2 Teilnehmern einer Studie Raum der Fall ist –, scheint in einer Gruppe die Aufgabe
von Sherif (1935; vgl. sich dieses Licht jedoch bewältigten, näherten sich
Jacobs und Campbell 1961) ziellos umherzubewegen in diesen Schätzungen
wurde in einem vollständig (autokinetischer Effekt, aneinander an, d. h., die
abgedunkelten Raum eine Art Wahrnehmungs- Werte der Teilnehmer wurden
ein kleiner Lichtpunkt täuschung). Auf die Frage einander immer ähnlicher.
dargeboten. Dieser Lichtpunkt „Bewegt sich das Licht Diese Studie zeigt, dass
war stationär, d. h., er und, wenn ja, in welchem in einer mehrdeutigen
bewegte sich in Wirklichkeit Ausmaß?“ sollten die Urteilssituation die Antworten
nicht. Wenn keine weiteren Teilnehmer einen Schätzwert anderer Personen als
Bezugspunkte vorhanden angeben. Die mündlich Orientierung herangezogen
sind – wie das in einem abgegebenen Urteile der und die eigenen Schätzungen
sonst vollständig dunklen Teilnehmer, die gemeinsam daran angeglichen werden.

Nehmen wir zur Illustration einmal an, es ist Was in diesem Fall wirksam war, wird als
Sommer und Sie sind am See zum Baden. In informativer Einfluss bezeichnet. Aus dem
einiger Entfernung von Ihnen tobt und lärmt Bedürfnis heraus, in mehrdeutigen Situatio-
bereits seit einiger Zeit eine Gruppe Jugend- nen ein richtiges Urteil zu fällen, schließen
licher im Wasser. Plötzlich fängt einer der sich Personen der Meinung anderer Personen
Jugendlichen an, um Hilfe zu rufen und wild an (Cialdini 2001; Cialdini und Trost 1998;
mit den Armen zu rudern – was Anzeichen Deutsch und Gerard 1955; 7 Beispielstudie
dafür sein könnten, dass er zu ertrinken droht. 2.2). Grundlage hierfür ist das Prinzip sozia-
Andererseits hat sich ein solches Verhalten ler Bewährtheit, das im Sinne einer Faustregel
schon allzu oft als Alberei herausgestellt. Was besagt: „Was alle machen, ist gut/richtig“ (auch
tun Sie also? Springen Sie sofort – möglicher- Consensus Implies Correctness; z. B. Axsom
weise noch in voller Montur – ins Wasser, nur et al. 1987).4 Das Verhalten anderer Personen
um dann festzustellen, dass sich die Kids einen wird als Information über die Realität und
Scherz erlaubt haben? In dieser Situation ist damit als Orientierung dafür herangezogen,
nicht eindeutig, welches Verhalten angemessen was bzw. welches Verhalten in der momenta-
ist, und vermutlich werden Sie sich erst ein- nen Situation angemessen ist.
mal unter den anderen Badegästen nach deren
Reaktionen umsehen. Wenn von diesen keiner Prinzip sozialer Bewährtheit
Anstalten macht, eine Rettungsaktion zu starten,
Faustregel, die besagt: „Was alle machen,
werden Sie daraus vermutlich schließen, dass
ist gut bzw. richtig.“
die anderen das Vorkommnis als Alberei ein-
gestuft haben, und sich selbst auch nicht weiter
darum kümmern – vor allem wenn die Hilfe- Der informative Einfluss resultiert – im
rufe mittlerweile verstummt sind. Vielleicht Gegensatz zum rein normativen sozialen
liegen Sie und die anderen Badegäste mit ihrer
Einschätzung richtig, es könnte aber auch sein,
4 Das Prinzip sozialer Bewährtheit kann auch
dass sich alle in gleicher Weise wie Sie selbst an
strategisch – beispielsweise in der Werbung –
dem Verhalten der anderen orientiert haben eingesetzt werden, um bewusst das Verhalten
und aus diesem Grund gerade – mehr oder anderer zu beeinflussen, und gehört damit zu den
weniger unbemerkt – ein Kind ertrunken ist. sog. Judostrategien (7 Abschn. 2.3).
2.2 · Schwimmen mit oder entgegen dem Strom …
97 2
Einfluss (s. unten) – zumeist nicht nur als Vierter Ihr Urteil abgeben sollten? Wür-
in öffentlicher, sondern auch in privater den Sie Ihre Antwort revidieren? Vermutlich
Konformität. In diesem Fall spricht man von würden Sie das jetzt ebenso bestreiten, wie der
Konversion, d. h., die Person schließt sich Jugendliche bestreitet, dass er in seiner neuen
nicht nur öffentlich der Meinung bzw. dem Clique anfangen würde, die Schule zu schwän-
Verhalten der anderen an, sondern ist auch zen. Eine leichte Aufgabe mit einer ein-
innerlich überzeugt, dass sie damit richtig deutigen Lösung – trotzdem geben Personen
liegt bzw. handelt. Kritischer Faktor ist – wie in dieser Situation häufig falsche Antworten
bereits zu Anfang dieses Abschnitts erwähnt – ab, weil sie sich der (falsch urteilenden) Mehr-
die Mehrdeutigkeit der Situation. Mit stei- heit anpassen (7 Beispielstudie 2.3).
gender Unsicherheit, welches Urteil in einer Wie kommt es zu diesen hohen Konformi-
Situation richtig ist, steigt auch der Bedarf an tätsraten in Anwesenheit einer einmütig,
Informationsquellen. Entsprechend ist man in aber offensichtlich falsch urteilenden
solchen Situationen umso empfänglicher für Gruppe? Zum einen greift auch hier der
informativen sozialen Einfluss (Baron et al. zuvor beschriebene informative Einfluss:
1996; Tesser et al. 1983). In einer Variation der Asch-Studie, in der
die Vertrauten des Versuchsleiters wiede-
2.2.1.2 Normativer Einfluss rum öffentlich falsch urteilten, durfte der
Sehen Sie sich zunächst einmal . Abb. 2.5 an: echte Teilnehmer – angeblich, weil er zu spät
Welche der drei Vergleichslinien (rechts) ist gekommen war – nicht mehr „richtig“ teil-
genauso lang wie die Referenzlinie (links)? nehmen, jedoch sein Urteil (nicht öffentlich)
Eine leichte Aufgabe, finden Sie nicht? Die nach dem sechsten der sieben Vertrauten
mittlere Vergleichslinie hat dieselbe Länge wie auf einem Zettel notieren. Die Fehlerraten
die Referenzlinie. Was aber würden Sie tun, waren unter diesen Umständen um etwa
wenn Ihnen diese Aufgabe in einer Gruppe zwei Drittel niedriger, als wenn das Urteil
gestellt worden wäre und vor Ihnen drei öffentlich abgegeben wurde, aber dennoch
andere Personen die rechte Vergleichslinie als höher, als wenn das Urteil alleine und damit
richtige Lösung bezeichnet hätten und Sie nun ohne Beeinflussung durch andere abgegeben

. Abb. 2.5 Beispiel für die in Aschs Konformitätsstudien verwendeten Urteilsaufgaben


98 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Beispielstudie 2.3

Die Urteile anderer Gruppenmitglieder führen zu einer nach außen hin konformen
Meinungsäußerung (Compliance)
2 Die Teilnehmer der Meinung kundtun sollten, korrekte Antworten ab, in der
Untersuchung von Asch (1951, durch die Sitzordnung Mehrheit der Fälle wählten
1956, Exp. 1) waren aufgefordert, vorgegeben. Was die sie jedoch einheitlich eine
18 Aufgaben – beispielhaft Teilnehmer nicht wussten, offensichtlich falsche
in . Abb. 2.5 dargestellt – zu war, dass sie in ihrer Lösung, sodass der echte
lösen, d. h., die Teilnehmer Achtergruppe jeweils der Teilnehmer mit einer zwar
sollten jeweils entscheiden, einzige „echte“ Teilnehmer falsch urteilenden, aber
welche von drei dargebotenen waren – die restlichen einmütigen Mehrheit
Linien genauso lang war wie die Mitglieder waren Vertraute konfrontiert war. Unter
Referenzlinie. Die Teilnehmer des Versuchsleiters. Der dieser Bedingung stieg die
lösten diese Aufgaben entweder echte Teilnehmer wurde Fehlerrate bei den echten
alleine oder aber gaben ihr Urteil zudem immer so platziert, Teilnehmern stark an: 74 %
öffentlich in Gruppen zu je acht dass er sein Urteil als einer gaben bei dieser einfachen
Personen ab. der Letzten abzugeben Aufgabe fehlerhafte
In der Gruppenbedingung hatte. Die Vertrauten des Antworten. Wurde das Urteil
war die Reihenfolge, in Versuchsleiters gaben in alleine abgegeben, lagen nur
der die Anwesenden ihre einigen der 18 Durchgänge 5 % der Teilnehmer falsch.

worden war (Asch 1956, Exp. 4). Das Ver- ausgelacht bzw. für dumm gehalten zu wer-
halten der anderen wurde auch hier als den) oder Sanktionen rechnen. Konformität
Informationsquelle in einer mehrdeutigen aufgrund normativen Drucks bedeutet ana-
Situation benutzt. Der informative Einfluss log, dass sich jemand normgerecht verhält
kann jedoch nur einen kleinen Teil (nämlich bzw. sich in seinem Urteil oder auch Ver-
etwa ein Drittel) der konformen, falschen halten dem anderer Personen anschließt, um
Antworten erklären. Die größere Rolle (näm- von diesen anerkannt und gemocht zu werden
lich zu etwa zwei Dritteln) spielt hier der sog. (Allison 1992; Cialdini et al. 1991; Cialdini
normative Einfluss: Die Teilnehmer urteilten und Trost 1998; Deutsch und Gerard 1955).
in der Gruppensituation vor allem deswegen Um normativen Einfluss auszuüben, müs-
konform, um nicht „unangenehm“ aufzufallen sen die diesen ausübenden Personen nicht
oder ausgelacht zu werden.5 notwendigerweise physisch anwesend sein –
Normativ bedeutet wörtlich so viel wie „als bereits die gedankliche Aktivierung von für
Norm dienend“. Normen dienen in Gruppen das Individuum bedeutsamen Personen oder
dazu, das Verhalten der Mitglieder zu regeln, auch von allgemein geteilten Erwartungen
und sorgen für eine gewisse Einheitlichkeit in reicht aus, um unser Verhalten zu beeinflussen
deren Verhalten (7 Abschn. 3.1.4.1). Hält man (z. B. Aarts und Dijksterhuis 2003; Shah 2003).
sich an die Normen, erhält man Bestätigung; So senken wir normalerweise – der allgemein
hält man sich nicht daran, muss man mit geteilten Erwartung entsprechend und ohne
negativen Folgen (z. B. von den anderen darüber nachzudenken – die Stimme, wenn
wir eine Kirche betreten. Oder stellen Sie
5 In einer Variation des Experiments bestand die sich ein Kind vor, das an die Ermahnung der
Gruppe aus einem Vertrauten des Versuchsleiters Mutter denkt und deswegen auf dem Heim-
und 15 echten Teilnehmern. Der Vertraute gab weg von der Schule kurz vor dem Mittagessen
sein Urteil als Siebter ab und war instruiert, eine nicht mehr nascht.
falsche Antwort zu geben. Er wurde von den
Teilnehmern offen ausgelacht, und sogar der Ver-
Wird – bei widersprüchlicher inne-
suchsleiter musste lachen (Asch 1965, S. 479 f.). rer Überzeugung – Konformität nur bzw.
2.2 · Schwimmen mit oder entgegen dem Strom …
99 2

. Abb. 2.6 Konfrontiert mit einer einmütigen Mehrheit kommt es in eindeutigen Situationen vor allem auf-
grund normativen Einflusses zu Compliance. In diesem Fall ist nur das Bedürfnis nach Anerkennung befriedigt.
In mehrdeutigen Situationen kommt es vor allem aufgrund informativen Einflusses zu Konversion. Hier sind
sowohl das Bedürfnis nach Anerkennung als auch das Bedürfnis nach Korrektheit befriedigt

hauptsächlich aufgrund normativen Einflusses Verantwortlich sind hierfür zum einen das
gezeigt, so ändert sich dadurch die innere Bedürfnis, von den anderen gemocht und
Überzeugung häufig nicht, sondern resultiert anerkannt zu werden (bzw. nicht ausgelacht
vielmehr in Compliance, d. h. in öffentlicher oder für dumm gehalten zu werden), zum
Konformität ohne innere Überzeugung. Die anderen das Bedürfnis, mit dem eigenen
Person gibt nach außen hin ein mit der Mehr- Urteil richtig zu liegen (. Abb. 2.6). Es ist
heitsmeinung konformes Urteil ab, ist dabei anzunehmen, dass häufig beide Bedürfnisse
aber (weiterhin) davon überzeugt, dass eigent- gleichzeitig wirksam sind, mal jedoch das
lich eine andere Lösung oder Meinung richtig
wäre (Maass und Clark 1984).
Eine einmütige Mehrheitsmeinung bewirkt 6 Diese Einflüsse sind u. a. ursächlich für Effektivi-
tätshindernisse bei Gruppenentscheidungen wie
in vielen Fällen über normativen und infor- dem Effekt des gemeinsamen Wissens oder der
mativen Einfluss eine Anpassung der indivi- Gruppenpolarisierung, die in 7 Kap. 3 detailliert
duellen Meinung an die Mehrheitsmeinung.6 beschrieben werden.
100 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

eine, mal das andere im Vordergrund steht. können. Ein solcher Fall läge – im Gegen-
Verhält sich eine Person – im Widerspruch satz zur Urteilssituation in den bisher
zu ihrer inneren Überzeugung – in inhaltlich berichteten Studien – dann vor, wenn wir
2 eindeutigen Situationen konform, ist anzu- nicht davon ausgehen, dass es für ein Urteil
nehmen, dass ihr Bedürfnis nach Gemocht- eine einzige, eindeutig richtige Lösung gibt.
werden und Anerkennung das Bedürfnis nach In solchen Fällen wäre das Verhalten anderer
Korrektheit überwiegt. keine gute Informationsquelle, und zudem
Kommen wir an dieser Stelle noch ein- bestünde kaum Gefahr, bei abweichender
mal auf unser anfängliches Beispiel zurück: Meinung ausgelacht zu werden. So besteht
Die Sorge der Eltern, dass ihr Spröss- bei „reinen Geschmackssachen“ – beispiels-
ling durch seine neuen Freunde selbst zum weise, welches von zwei Kunstwerken man
Schulschwänzer werden könnte, ist nicht schöner findet – häufig kein Grund, sich
unbegründet. Allein aus dem starken Bedürf- einer Mehrheit anzugleichen (z. B. Crutch-
nis heraus, von den anderen anerkannt field 1955).
und gemocht zu werden, könnte er sich in
seinem Verhalten anpassen. Zudem kann z (Persönliche) Bedeutsamkeit eines kor-
der Jugendliche aus dem Verhalten seiner rekten Urteils
Freunde schließen, dass Schule schwänzen Mit steigender Motivation, ein korrek-
so schlimm gar nicht sein kann, wie Eltern tes Urteil zu fällen (z. B. aufgrund von
und Lehrer immer sagen, sonst würden seine Belohnungen für richtige bzw. negative
Freunde es ja nicht tun (7 Sozialpsychologie I, Folgen für falsche Antworten oder bei
Abschn. 7.2.2). persönlicher/moralischer Bedeutsamkeit des
Urteils), sinkt der normative und steigt der
2.2.1.3 Was normativen und informative Einfluss (7 Beispielstudie 2.4).
informativen Einfluss In eindeutigen Situationen kann das
moderiert Bedürfnis, korrekt zu sein, wichtiger werden
Gehen wir demnach immer konform? Sie als das Bedürfnis nach Akzeptanz durch die
würden das sicher bestreiten, und damit Gruppe. In solchen Fällen sinkt der norma-
haben Sie ganz Recht. Ob und wie stark wir tive Einfluss. In mehrdeutigen Situationen ist
mit anderen konform gehen, hängt von einer dagegen vor allem der informative Einfluss
Reihe von Faktoren ab. Im Folgenden wird wirksam, welcher bei persönlicher Bedeut-
berichtet, wie sich die Art des Urteilsgegen- samkeit sogar noch ansteigt. Auch hier ist
stands, die persönliche Bedeutsamkeit eines das Bedürfnis nach Korrektheit entscheidend,
korrekten Urteils, die persönliche Bedeut- allerdings wirkt es sich umgekehrt aus: Sind
samkeit der Gruppenzugehörigkeit, die die Meinungen anderer Personen – noch
Glaubwürdigkeit/Expertise der anderen, die dazu, wenn sie sich einig sind – die beste ver-
Gruppengröße sowie der Grad der Einmütig- fügbare Orientierungshilfe, werden sie, um
keit der Gruppe auf das Konformitätsver- ein möglichst korrektes Urteil zu fällen, bei
halten auswirken. persönlicher Bedeutsamkeit verstärkt berück-
sichtigt (vgl. hierzu auch Apanovitch et al.
z Art des Urteilsgegenstands 2002; Hornsey et al. 2003).
Konformität macht sozusagen „keinen Sinn“,
wenn wir dadurch weder unser Bedürfnis z Bedeutsamkeit der Gruppenzugehörigkeit
nach Anerkennung/Nichtausgrenzung noch Je wichtiger die Gruppe bzw. die Gruppen-
das Bedürfnis nach Korrektheit befriedigen zugehörigkeit für den Einzelnen ist, desto
2.2 · Schwimmen mit oder entgegen dem Strom …
101 2
Beispielstudie 2.4

In einer eindeutigen Situation sinkt, in einer mehrdeutigen Situation steigt der Einfluss
anderer Personen mit der Bedeutsamkeit des Urteils
In einer Studie von Baron et al. sollte, um die Fähigkeit/ Urteil nicht so wichtig sei,
(1996) wurden die Teilnehmer Glaubwürdigkeit von dieser Meinung an (Bedingung
mit der Aufgabe konfrontiert, Augenzeugen einzuschätzen niedrige Relevanz). Jeweils etwa
aus einem Gruppenbild von (Bedingung hohe Relevanz). ein Drittel der Teilnehmer ging
vier Personen einen vorher Aus den Ergebnissen sollten also – aufgrund normativen
einzeln dargebotenen angeblich die erforderlichen oder informativen Einflusses
„Täter“ zu identifizieren. Testnormen erstellt werden. – konform, wenn das Urteil
Zur Untersuchung des Um die Genauigkeits- nicht so wichtig war. In der
normativen Einflusses wurde motivation noch weiter zu Bedingung hohe Relevanz
diese Aufgabe für einen Teil erhöhen, wurde zudem eine zeigte sich ein anderes
der Probanden sehr leicht Belohnung in Höhe von Bild: Während sich in der
gemacht: Sie hatten genügend 20 US$ für den Teilnehmer Gruppe normativer Einfluss
Zeit, um die Bilder zu mit dem besten Testwert die Konformität mit der
betrachten. Für einen anderen versprochen. Dem jeweils falschen Mehrheitsmeinung
Teil wurde die Aufgabe sehr anderen Teil der Teilnehmer von 33 % auf nur noch 16 %
schwer gemacht, indem wurde hingegen gesagt, verringerte, erhöhte sich in der
die Bilder nur ganz kurz (für dass die Studie nur ein erster Gruppe informativer Einfluss
eine halbe Sekunde) gezeigt Versuch sei, die Fähigkeit von der Prozentsatz dagegen
wurden. Letztere Teilnehmer Augenzeugen zu untersuchen von 35 % auf 51 %. Diese
befanden sich demnach in und dafür nützliche Hinweise Fehlerraten waren signifikant
einer mehrdeutigen Situation zu erhalten. Eine Belohnung höher als die in den Kontroll-
und waren damit empfänglich wurde hier nicht in Aussicht bedingungen ohne Vertraute
für informativen Einfluss. gestellt (Bedingung niedrige der Versuchsleitung (7 % in
Um zu analysieren, wie sich die Relevanz). der Bedingung informativer
Wichtigkeit eines korrekten Gaben die drei anderen Einfluss bzw. weniger als 1 %
Urteils auf die Stärke der Gruppenmitglieder (in in der Bedingung normativer
beiden Einflussarten auswirkt, Wirklichkeit Vertraute der Einfluss).
wurden die Teilnehmer Versuchsleitung) vor dem Diese Studie demonstriert,
unterschiedlich informiert. In echten Teilnehmer eine dass Konformität aufgrund
beiden Gruppen wurde einem einmütig falsche Antwort an, so normativen Einflusses mit der
Teil der Teilnehmer gesagt, schlossen sich 33 % (Bedingung Bedeutsamkeit eines korrekten
dass es sich bei der Aufgabe normativer Einfluss) bzw. 35 % Urteils sinkt, während sie in
um einen echten Test handle, (Bedingung informativer mehrdeutigen Situationen
der bald von der Polizei bzw. Einfluss) der Teilnehmer, die aufgrund informativen
vor Gericht eingesetzt werden der Meinung waren, dass ihr Einflusses ansteigt.

stärker ist deren normativer Einfluss (z. B. unsere Selbstdefinition, unser Zugehörig-
Abrams et al. 1990; Latané und L’Herrou keitsbedürfnis und unser Selbstwertgefühl,
1996; 7 Exkurs: Kulturelle Unterschiede in der und entsprechend sind Sanktionen von sol-
normativen Beeinflussbarkeit, 7 Abschn. 3.1.4). chen Gruppen oder gar der Ausschluss aus
Dies resultiert aus dem Nutzen, den einer solchen in starkem Maße bedrohlich.
Gruppenzugehörigkeiten für den Menschen Dies löst eine erhöhte Bereitschaft aus, sich
haben (7 Abschn. 3.1.2): Gruppen, mit denen anzupassen, um nicht unangenehm bzw. als
wir uns stark identifizieren, sind wichtig für Abweichler aufzufallen.
102 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Exkurs Bolton et al. 2013). Die folgende Illustration


beleuchtet diesen Konformitätsdruck in Bezug
Kulturelle Unterschiede in der auf das Teilen von Bildern und Videoclips in
2 normativen Beeinflussbarkeit sozialen Medien. Im 7 Exkurs: Verschwörungs-
Kollektivistische Kulturen (z. B. Asien oder theorien wird thematisiert, wie Gruppen-
Afrika) messen gemeinsamer Verantwortung zugehörigkeit und Gruppennormen neben
und kollektivem Wohl großen Wert bei. Diese anderen Motiven zur Popularität von Ver-
Betonung von Gruppeninteressen verstärkt
die normative Beeinflussbarkeit. Während in
schwörungstheorien im Netz beitragen.
individualistischen Kulturen (z. B. Nordamerika
und Westeuropa) Konformität eher als Illustration: Konformitätsdruck im
Schwäche/Nachgiebigkeit und damit negativ Internet
bewertet wird, wird dies in kollektivistischen Bilder und Videos dienen häufig der Selbst-
Kulturen vielmehr als Zeichen von Takt und
Feingefühl gewertet (P. B. Smith und Bond
darstellung. Um damit unsere Zugehörigkeit
1998). Dementsprechend neigen Angehörige zu uns wichtigen Gruppen darzustellen und
kollektivistischer Kulturen im Vergleich zu unseren Selbstwert zu erhöhen, ist es wich-
Personen aus individualistischen Kulturen tig, die jeweils aktuellen Gruppennormen zu
verstärkt dazu, konformes Verhalten zu zeigen beachten. Dabei jagt ein Trend den anderen.
(Bond und Smith 1996; Chen et al. 2005;
Hamilton und Sanders 1995).
Beispiele sind Selfies (Selbstporträts), Drel-
fies (in betrunkenem Zustand) oder Chesties
(von der Brustpartie; . Abb. 2.7). Wir richten
uns mit unseren Bildern und geäußerten Mei-
Bedenkt man, dass die im Zusammenhang mit nungen im Netz nach den sozialen Normen
dem normativen Einfluss beschriebene Stu- der Gruppen, zu denen wir gehören (wollen),
die von Asch (1951, 1955; 7 Abschn. 2.2.1.2) manchmal aus innerer Überzeugung, manch-
in Gruppen stattfand, die für die Teilnehmer mal aber auch wegen des Konformitäts-
über das experimentelle Setting hinaus keiner- drucks, wenn wir beispielsweise das Gefühl
lei Bedeutung hatten und deren übrige Mit- haben, wir sollten mal wieder unser Profil-
glieder Fremde waren, so sind die hohen bild updaten, weil das alle tun oder weil uns
Konformitätsraten umso erstaunlicher. In jemand dazu auffordert. Eine Gefahr dieses
den Peergroups, in denen wir uns im Lebens- Konformitätsdrucks zur fotografischen Selbst-
alltag befinden, sind uns die Zugehörigkeit darstellung besteht darin, dass der Selbst-
und damit auch die Übereinstimmung mit wert darunter leiden kann, wenn man sich als
der Gruppe selbstverständlich um ein Viel- weniger schön als andere wahrnimmt (Fergu-
faches wichtiger, und somit dürfte auch deren son et al. 2014; Perloff 2014).
normativer Einfluss deutlich größer sein.
Um nur einige wenige Beispiele zu nennen:
Welche Piercings oder Tätowierungen wir z Glaubwürdigkeit und Expertise der
haben, wie wir uns kleiden, welche Musik anderen Personen
wir hören, ob wir dieses oder jenes Smart- Andere Personen werden für uns als
phone haben, ob wir ins Fitnessstudio gehen Informationsquellen umso wertvoller, je
oder in einen Chor, welche politischen oder mehr Expertise wir ihnen zuschreiben. Ent-
sonstigen Überzeugungen wir haben – all sprechend steigt deren informativer Einfluss
dies wird maßgeblich von unseren Bezugs- mit ihrer Glaubwürdigkeit bzw. Expertise an
gruppen (mit-)bestimmt. Das Internet und und sinkt, wenn wir zu dem Schluss kom-
insbesondere soziale Medien haben neue For- men, dass die anderen keine verlässliche
men von Konformitätsdruck mit sich gebracht Quelle darstellen (Bickman 1974; Buehler
(z. B. Kwahk und Ge 2012; Price et al. 2006; und Griffin 1994; Cialdini und Trost 1998;
Wang et al. 2012; für einen Überblick vgl. Hart et al. 1999; Lee 2004).
2.2 · Schwimmen mit oder entgegen dem Strom …
103 2

. Abb. 2.7 Es ist zur sozialen Norm geworden, Selfies zu machen und diese ins Netz zu stellen oder zu ver-
schicken. Als Teil dieses Trends sind Selfie-Stangen, Hilfsmittel für fotografische Selbstporträts, in wenigen Jah-
ren so populär geworden, dass inzwischen vor ihrer Verwendung in gefährlichen Situationen gewarnt werden
muss. (© jeffreyjcoleman/stock.adobe.com)

Erinnern Sie sich zur Veranschaulichung der einmütigen, falsch urteilenden Mehr-
nochmals an das Beispiel, in welchem nicht heit variiert: War der Teilnehmer mit nur
klar war, ob der um Hilfe rufende Jugend- einem Vertrauten konfrontiert, so wurde er
liche tatsächlich in Gefahr war zu ertrinken nicht beeinflusst. Waren es zwei Vertraute,
oder es sich nur um eine Alberei handelte so zeigte sich ein geringer Einfluss. Waren
(7 Abschn. 2.2.1.1). Fügen wir diesem Szena- es dagegen drei Vertraute, so zeigte sich das
rio nun noch eine Badeaufsicht hinzu. Wenn volle Ausmaß an Konformität wie in der
Sie die Wahl hätten zwischen den ande- ursprünglichen Studie. Vier oder mehr Ver-
ren Badegästen oder dem Bademeister als traute führten zu keiner weiteren Steigerung
Informationsquelle, würden Sie sich vermut- mehr. Damit der normative Einfluss anderer
lich an letzteren, d. h. an den Experten, halten. wirksam wird, bedarf es also keiner Massen,
Zeigte auch dieser keine Reaktion, wären Sie sondern er erreicht ein bedeutsames Ausmaß
vermutlich überzeugt davon, dass kein Notfall bereits in relativ kleinen Gruppen.
vorliegt, und vollends beruhigt. Problematisch Auch der informative Einfluss kann mit
ist dies dann, wenn der andere nur als sachver- der Gruppengröße steigen, allerdings nur
ständig erscheint, es aber gar nicht ist. Schließ- dann, wenn die Person den Eindruck hat,
lich kann sich auch ein Bademeister irren bzw. dass die anderen unabhängig voneinander
könnte es sich auch um einen Berufsanfänger zu ihrem Urteil gekommen sind, bzw. wenn
an seinem ersten Arbeitstag handeln. diese offensichtlich nicht redundante Gründe
oder Argumente für ihr Urteil haben. Ist
z Gruppengröße diese Unabhängigkeit nicht gegeben, so
Der normative Einfluss steigt an, wenn haben die Aussagen weiterer Personen kei-
die Gruppe größer wird (z. B. Asch 1951; nen zusätzlichen Informationswert und
Campbell und Fairey 1989; Gerard et al. erhöhen damit auch nicht den informativen
1968). In einer weiteren Studie von Asch Einfluss (z. B. Campbell und Fairey 1989;
(1951; 7 Abschn. 2.2.1.2) wurde die Größe Kaplan und Miller 1987; Wilder 1977, 1978).
104 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Exkurs

Verschwörungstheorien
Schon mal von Chemtrails bei, bis hin zur narzisstischen Die psychologische Analyse
2 gehört? Solche und andere Glorifizierung der Eigengruppe von Verschwörungstheorien
Verschwörungstheorien sind (Cichocka et al. 2016; Imhoff beantwortet nicht die Frage,
in sozialen Gruppen geteilte und Bruder 2014; Imhoff und ob diese wahr sind. Vielmehr
Überzeugungen, dass sich Lamberty 2017). Ein Beispiel beschäftigt sie sich mit den
eine fremde Minderheit (z. B. für eine solche Aufwertung Bedingungen, die deren
eine politische, religiöse der Kompetenz und Weltsicht Auftreten begünstigen, den
oder ethnische Gruppe) der Eigengruppe ist die psychologischen Funktionen,
heimlich zusammengetan Äußerung Donald Trumps die sie erfüllen, und den
hat, um ihre eigenen Ziele am 6. November 2011 Konsequenzen, die sie für das
zu unserem Schaden zu auf der Social Media Seite Wohlbefinden des Einzelnen
verfolgen (Bantimaroudis Twitter: „Das Konzept der und für das gesellschaftliche
2016; Bessi et al. 2015; Erderwärmung wurde von und Miteinander haben. In Europa,
Graumann und Moscovici für Chinesen geschaffen, um aber auch in den Vereinigten
1987). Verschwörungstheorien die amerikanische Produktion Staaten und im arabischen
verbreiten sich insbesondere wettbewerbsunfähig zu Raum waren beispielsweise
durch normativen Einfluss. machen.“ Juden besonders häufig das
Ihren Nährboden erhalten Kurzum, da sie soziale Ziel von Verschwörungs-
sie, indem sie klassische Grundmotive befriedigen, theorien, was dann
psychologische Bedürfnisse ist es nicht verwunderlich, wiederum als Rechtfertigung
bedienen (Kruglanski dass Verschwörungstheorien für Diskriminierung und
1989): unser Bedürfnis nach so populär sind; Studien offene Verfolgung bis
Zugehörigkeit, Verstehen, zufolge hing zwischen hin zum Genozid diente
Kontrolle, Selbstwerterhöhung 2006 und 2011 jeder zweite (Kruglanski 1987). Damit
und Vertrauen (Fiske 2010). Das Amerikaner mindestens sind Verschwörungstheorien
Bedürfnis nach Zugehörigkeit einer davon an (Oliver und sowohl Ausdruck als auch
wird erfüllt, da die geteilte Wood 2014). In Deutschland Ursache von Vorurteilen,
Theorie die Gruppe zusammen- distanzierte sich weniger als und es ist dringlich, deren
schweißt und von Ungläubigen die Hälfte der Befragten einer Ausbreitung in den sozialen
abgrenzt. Gleichzeitig bietet repräsentativen Befragung Medien etwas entgegen-
die Theorie Erklärungen für von dem von den National- zusetzen. Dies ist durchaus
eigene Probleme und weist sozialisten geprägten Begriff auch rechtlich möglich,
die Schuld dafür anderen „Lügenpresse“ (mit dem wenn solche Beiträge
zu (Douglas et al. 2016). Das insbesondere Printmedien Gewaltaufrufe, Beleidigungen
Kontrollerleben wird verstärkt, als verschwörerisch oder Verleumdungen
da man endlich etwas diffamiert werden sollen), beinhalten (JunIT 2016). Ein
unternehmen und vermeintlich mehr als die Hälfte stimmte augenfälliges Beispiel ist die
gemeinsam das Schlimmste zumindest teilweise zu Verschwörungstheorie, dass
abwenden kann. Misstrauen (Decker et al. 2016). Einer Barack Obama nicht in den
gegenüber mächtigen in Deutschland populären USA geboren worden sei (sog.
oder offiziellen Quellen wie Verschwörungstheorie Birthers), welche sehr gut zu
Regierungserklärungen, zufolge wollen dem Vorurteil passt,
Medien oder Wissenschaftlern „US-Oligarchen“ (jüdische dass Afroamerikaner
wertet die eigene Kompetenz „Geldaristokraten“ die das „irgendwie weniger
und die der Eigengruppe auf Finanzsystem dominieren) amerikanisch“ seien als
und trägt so zum Selbstwert Deutschland mithilfe Amerikaner europäischer
und zu Vertrauen in die der „Migrationswaffe“ Herkunft (vgl. auch Hehman
Weltsicht der eigenen Gruppe ausschalten (Butter 2018). et al. 2011).
2.2 · Schwimmen mit oder entgegen dem Strom …
105 2
z Einmütigkeit der anderen Personen als gute Informationsquelle angesehen wird
Die Ergebnisse der berichteten Studien (informativer Einfluss). Wie ist es nun mit
bezogen sich jeweils auf Situationen, in denen Minderheiten? Sie haben in der Regel keinen
das Individuum mit einer falschen, aber ein- normativen Einfluss auf die Mehrheit, und das
mütigen Mehrheit konfrontiert war. Wie ver- Prinzip „Was alle machen, ist gut“ spricht auch
liefe die Situation, wenn man mit seiner von dafür, der Mehrheit als Informationsquelle zu
der Mehrheit abweichenden Meinung nicht vertrauen. Können Minderheiten dann über-
ganz alleine dastünde, sondern noch einen haupt Einfluss auf die Mehrheit nehmen?
Verbündeten hätte? Asch untersuchte dies in Dass dem so sein kann, dafür sprechen
einer Variation seines Experiments (1951): allein verschiedenste historische Beispiele:
Sobald ein anderer Teilnehmer von der Galilei, der unser heutiges heliozentrisches
(offensichtlich falschen) Mehrheitsmeinung Weltbild gegen massive Widerstände der
abwich und die korrekte Lösung nannte, Kirche auf den Weg brachte, Freud, der das
verringerte sich der normative Konformi- Unterbewusste salonfähig machte, oder die
tätseinfluss. Schloss sich der Abweichler im Frauenbewegungen, die gegen alle gesellschaft-
Laufe der Urteilsabgabe doch noch der Mehr- lichen Überzeugungen für die Gleich-
heitsmeinung an, war der normative Ein- berechtigung der Frauen kämpf(t)en. In
fluss allerdings genauso stark, als hätte es den der jüngsten Geschichte wurden die ersten
Abweichler nie gegeben, d. h., die Konformi- Umweltschützer als „Ökos“ und „Spinner“
tätsraten waren in diesem Fall genauso hoch, belächelt, doch heute sind Dinge wie beispiels-
wie wenn vorher alle konstant einmütig die- weise die Mülltrennung selbstverständlich. Was
selbe falsche Meinung abgegeben hatten (vgl. haben diese Menschen, die es trotz des starken
auch Allen 1965; Allen und Levine 1969, Einflusses der Mehrheit geschafft haben, Gehör
1971; Nemeth und Chiles 1988). zu finden, gemeinsam? Nun, sie alle sind kon-
Kurzum: Wird durch eine (Ein-Mann-) sequent und langfristig mit Überzeugung für
Minderheit die Einmütigkeit der Gruppe ihren Standpunkt eingetreten. Was könnten
durchbrochen, können dadurch auch andere sich die Jugendlichen von ihnen abschauen,
ermutigt werden, ihr ebenfalls abweichendes die auf dem Schulprojekttag die mehrheitliche
Urteil zu äußern. Im folgenden Abschnitt Meinung ihrer Mitschüler, dass Rauchen „cool“
werden wir uns näher mit dem Einfluss von sei, beeinflussen möchten?
Minderheiten auseinandersetzen. Für den Minderheiteneinfluss ist die Kon-
sistenz ihres Verhaltens/ihrer Meinung (und
natürlich deren öffentliche Äußerung) von
2.2.2 Wenn wenige die Strömung entscheidender Bedeutung, d. h., Minder-
ändern – Der Einfluss von heiten müssen zu einem Sachverhalt eine
Minderheiten klare und gleichbleibende Position beziehen
und diese über verschiedene Personen und
Wie wir im vorangehenden Abschnitt gesehen die Zeit hinweg aufrechterhalten. Zeigt die
haben, hat die Mehrheit gute Chancen, Minderheit keine Konsistenz, sinkt ihr Ein-
einzelne Personen/eine Meinungsminderheit fluss und wird unbedeutend (Moscovici und
„auf Kurs zu bringen“, d. h. diese zu mehr- Lage 1976). Während Mehrheiten eher einen
heitskonformem Verhalten zu bewegen. Gute direkten und kurzfristigen Einfluss auf die
Chancen hat sie deshalb, weil die Mehr- öffentliche Meinung von Personen haben,
heit zum einen die Möglichkeit hat, mit beeinflussen Minderheiten eher indirekt und
Anerkennung zu belohnen bzw. mit Sanktio- langfristig, indem sie die anderen zum Nach-
nen zu bestrafen (normativer Einfluss), und denken anregen (Martin et al. 2003; Mosco-
zum anderen das Verhalten der Mehrheit im vici 1976, 1985, 1994; Moscovici und Nemeth
Sinne der Regel „Was alle machen, ist gut“ 1974; 7 Beispielstudie 2.5).
106 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Konversionstheorie Meinung, dass härtere Bandagen notwendig


Zwei-Prozess-Theorie, die annimmt, dass seien, und werden darin vom Großteil der
der Einfluss von Mehr- und Minderheiten Gruppe bestätigt. Sie haben die Unterstützung
2 auf qualitativ unterschiedlichen Prozessen und Anerkennung der Gruppe. Hierin besteht
beruht (Moscovici 1976). also kein Grund, sich der Minderheit anzu-
Eine von der eigenen Meinung schließen – ganz im Gegenteil.
abweichende Mehrheit setzt einen Warum aber schließt sich dann nicht auch
Vergleichsprozess in Gang („Was sagen die Minderheit der Mehrheit an? Haben die
sie?“) und führt meist auf direktem Wege beiden kein Bedürfnis nach Anerkennung?
zu öffentlicher und kurzfristiger, aber Wohl schon, aber ihr Standpunkt muss ihnen
nicht notwendigerweise zu privater sehr wichtig sein, sodass ihr Bedürfnis nach
Angleichung der Meinung an die der Korrektheit dadurch stärker ist als das Bedürfnis
Mehrheit. Eine von der eigenen Meinung nach Anerkennung – sonst würden sie sich ja
abweichende Minderheit hingegen anpassen. Und nicht nur das: Sie scheinen sich
setzt einen Validierungsprozess in Gang ihrer Sache auch noch so sicher zu sein, dass
(„Warum sagen sie das?“) und beeinflusst es sie nicht im mindesten beeindruckt, dass die
indirekt und langfristig – über divergentes Mehrheit – noch dazu bestehend aus Kollegen,
Denken und systematische Verarbeitung die viel mehr Erfahrung haben als sie selbst –
– die private, nicht notwendigerweise aber anderer Meinung ist; die Situation scheint für
die öffentliche Meinung der Mehrheit. sie völlig zweifelsfrei und in keiner Weise mehr-
deutig zu sein. Woher kommt diese Sicherheit?
Haben sie womöglich in ihrer Ausbildung etwas
Personen, die ständig mit einer über- gelernt, was die „alten Hasen“ noch nicht wis-
dauernden Minderheitsmeinung konfrontiert sen? Möglicherweise haben sie doch Recht? Es
werden, beginnen meist irgendwann, sich mit kann ja auf jeden Fall nicht schaden, ihre Argu-
dieser auseinanderzusetzen, um zu verstehen, mente genauer unter die Lupe zu nehmen.
warum die Minderheit diese ungewöhnliche Eine konsistente Minderheit kann bei der
Meinung vertritt (C. J. Nemeth 1995; Vonk Mehrheit bewirken, dass Informationen ver-
und van Knippenberg 1995). Wieso kommt es mehrt systematisch (statt heuristisch nach der
zu diesem verstärkten Nachdenken? Regel „Was alle machen, ist gut“) verarbeitet
Um das zu veranschaulichen stellen Sie werden. Dabei führt die Minderheitsmeinung
sich ein Lehrerkollegium vor, das auf einer dazu, dass andere Alternativen in Betracht
Konferenz über einen Schüler debattiert, gezogen werden (7 Beispielstudie 2.6; Anto-
der seit Wochen den Unterricht in den ver- nio et al. 2004; De Vries et al. 1996; Martin
schiedensten Stunden und bei den ver- et al. 2003; Nemeth 1977, 1986; Nemeth und
schiedensten Lehrern massiv stört. Ein Kwan 1987; Smith et al. 1996; Wood et al.
gemeinsames Vorgehen soll beschlossen wer- 1996; Ziegler et al. 2004). Auf diese Weise för-
den. Die meisten Lehrer sind sich einig, dass dern Minderheitsmeinungen divergentes Den-
man das Kerlchen härter anfassen sollte. Zwei ken und damit die Kreativität einer Gruppe.
der jüngeren Lehrer dagegen vertreten vehe- Dies wird auch gezielt angewandt, wenn bei-
ment die Meinung, dass man das Verhalten des spielsweise ein Advocatus Diabolibestimmt
Schülers wann immer möglich ignorieren und, wird, dessen Aufgabe es ist, konsistent eine
statt schlechtes Betragen zu strafen, ihn für die abweichende bzw. gegenteilige Meinung
Momente, in denen er angepasstes Verhalten in einer Gruppendiskussion zu vertreten
zeigt, loben sollte. Die Kollegen äußern diese (7 Abschn. 3.3.1). Durch Minderheitenein-
Meinung klar und deutlich und weichen auch fluss kann es auf diese Weise zu verbesserten
im Verlauf der Diskussion nicht davon ab. Was Entscheidungen kommen (C. J. Nemeth und
passiert nun bei der Mehrheit? Sie sind der Owens 1996; Ng und Van Dyne 2001).
2.2 · Schwimmen mit oder entgegen dem Strom …
107 2
Beispielstudie 2.5

Konsistente Minderheiten nehmen vor allem Einfluss auf die private Meinung
Moscovici et al. (1969) ließen Beurteilte die Minderheit die die Farbwahrnehmung
ihre Teilnehmer die Farbe Dias konsistent als „grün“, so bezüglich des Grünspektrums
von Dias beurteilen. Die Dias gaben auch 8,4 % der echten erweitert, d. h., sie beurteilten
unterschieden sich nur in Teilnehmer das Urteil „grün“ Farben noch als „grün“, die
der Helligkeit, zeigten aber ab, was signifikant häufiger die Kontrollgruppe bereits
alle den gleichen Blauton. ist als in der Kontrollgruppe. als „blau“ klassifizierte. Dies
Teilnehmer der Kontrollgruppe War die Minderheit dagegen traf dabei nicht nur auf die
bearbeiteten diese Aufgabe nicht konsistent, so konnte sie 8,4 % der Teilnehmer zu,
allein und beurteilten die nur 1,25 % der Teilnehmer auf die sich von der Minderheit
Farbe auch fast immer ihre Seite ziehen (im Vergleich auch tatsächlich hatten
korrekt als „blau“ (nur 0,25 % zur Kontrollgruppe nicht überzeugen lassen, sondern
beurteilten sie als „grün“). signifikant). für die gesamte Gruppe, die
Ein anderer Teil der Die Teilnehmer wurden vorher mit der konsistenten
Teilnehmer wurde mit dieser zum Schluss noch gebeten, Minderheit konfrontiert
Aufgabe in Gruppen von sechs an einer anderen – gewesen war.
Personen konfrontiert. Die vorgeblich unabhängigen Die Studie zeigt damit, dass
„echten“ Teilnehmer wussten – Studie teilzunehmen, konsistente Minderheiten
dabei nicht, dass zwei der deren Versuchsleiter auf einen Teil der Mehrheit
Gruppenmitglieder Vertraute sich jedoch auch für einen direkten Einfluss
des Versuchsleiters waren. die Farbwahrnehmung ausüben können, indem sie
Diese beurteilten in einer interessierte. Dazu wurden diese öffentlich auf ihre Seite
der Experimentalgruppen ihnen verschiedene Dias aus ziehen. Auf einen größeren
die Diafarbe konsistent als dem Blau-Grün-Spektrum Teil der Mehrheitsmitglieder
„grün“, in der anderen zufällig zur Beurteilung vorgelegt. hat sie jedoch vielmehr
mal als „grün“, mal als „blau“. Registriert wurde, bei welcher einen indirekten Einfluss,
Da „blau“ und „grün“ leicht Farbnuance sie die Trennung indem diese zwar öffentlich
ineinander übergehen können, zwischen „blau“ und „grün“ bei ihrer ursprünglichen
musste dies den echten vollzogen. Bei Teilnehmern, Meinung „blau“ bleiben,
Teilnehmern zwar als falsches, die vorher einer konsistenten sich ihre Farbwahrnehmung
aber dennoch nicht völlig Minderheit ausgesetzt bzw. -unterscheidung aber
abwegiges Urteil vorkommen. gewesen waren, hatte sich längerfristig verändert.

Illustration: Minderheiteneinfluss in der anregen, dass später auch direkte Appelle


Studiengruppe fruchtbar sein können. So könnten Sie bei-
Finden Sie, dass in Ihrer Arbeitsgruppe oder spielsweise fragen, ob Ihre Kommilitonen
Studiengruppe zu wenig Hilfsbereitschaft die Texte der anderen Korrektur lesen, Feed-
gezeigt wird? Welche Einflussstrategien wür- back dazu geben und Vorschläge machen
den Ihnen den größten Erfolg versprechen, möchten. Oder Sie fragen einfach, wie sich
um als Einzelner durch Minderheiteneinfluss die Gruppenmitglieder am besten gegen-
Normen des Mit- oder Gegeneinanders zu seitig helfen können. Fragen können hier des-
ändern (vgl. Grant und Patil 2012)? Da direkte wegen besser greifen als gute Argumente,
Überredungsversuche häufig zu Reaktanz da sie den anderen die Möglichkeit geben,
(7 Sozialpsychologie I, Abschn. 7.3.3), aber selbst bessere Ideen zu entwickeln, als diese
auch leicht zum Vorwurf der Heuchelei füh- vorgesetzt zu bekommen, was letztendlich
ren können, empfehlen sich indirektere Stra- zu nachhaltigerem Erfolg führt. Diesen Effekt
tegien, wie der Einsatz von Fragen und der der Selbstgenerierung machte sich schon
eigenen Vorbildwirkung. Mit einiger Konse- der griechische Philosoph Sokrates zunutze,
quenz angewendet, können diese die Gruppe indem er seinen Schülern vor allem durch Fra-
so weit zum Nachdenken und Nachmachen gen zu Erkenntnissen verhalf.
108 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Beispielstudie 2.6

Eine abweichende Minderheit führt dazu, dass verschiedene Alternativen in Betracht


gezogen werden
2 Die Teilnehmer von Nemeth Gruppenmitglieder oder aber abweichenden Minderheit
und Kwan (1987) sollten dass alle drei übrigen Mitstreiter (d. h., nur ein anderes Mitglied
das erste dreibuchstabige ein anderes Wort notiert hätten, hatte angeblich rückwärts
Wort notieren, das sie nämlich das Wörtchen „WON“ gelesen) konfrontiert
in einer Folge aus sechs (d. h. „NOW“ rückwärts gelesen). waren, benutzten im
Buchstaben wie beispielsweise Wirkt sich dieses Feedback auf Folgenden alle möglichen
„tNOWap“ entdeckten. Die die Lösungen der Teilnehmer Strategien (Vorwärtslesen,
naheliegendste Lösung ist in den folgenden Durchgängen Rückwärtslesen, Mischen aller
hier das englische Wörtchen aus, und welchen Unterschied Buchstaben).
„NOW“, und diese Lösung macht es, ob angeblich eine Die abweichende Mehrheit
wurde von den Teilnehmern Minder- oder die Mehrheit die hatte folglich dazu geführt,
auch spontan gewählt. Strategie des Rückwärtslesens dass die Teilnehmer ihr mehr
Die Studie fand in Gruppen angewandt hatte? oder weniger blindlings
zu je vier Personen statt; Hatte angeblich die Mehrheit gefolgt waren (direkter
jeder Teilnehmer notierte die Rückwärtslesestrategie Einfluss); eine abweichende
seine Lösung jedoch privat. angewandt, so passten Minderheit hatte dagegen
Nach dem ersten Durchgang die Teilnehmer meist ihre bewirkt, dass die Teilnehmer
wurde den Teilnehmern Strategie einfach daran an. alle möglichen Strategien
entweder mitgeteilt, dass Die Teilnehmer dagegen, bedachten, und verwendeten
nur einer der übrigen drei die angeblich mit einer (indirekter Einfluss).

Ebenso wie der Einfluss der Mehrheit ist Minderheit einige Mitglieder der Mehr-
auch der Minderheiteneinfluss nicht immer heit überzeugen, erscheint es den Übrigen
gleich stark. Welche Faktoren bestimmen mit, wahrscheinlicher, dass die Minderheit
wie stark der Einfluss einer Minderheit ist? Recht haben könnte.
Neben der Konsistenz sind dies Punkte, die 5 Gute Argumente: Da Minderheiten darü-
die Minderheit glaubwürdig erscheinen lassen ber Einfluss nehmen, dass sie die Mehrheit
(z. B. Hart et al. 1999), d. h. dafür sprechen, dazu bringen, die Minderheitsmeinung
dass sie richtig liegt, und damit zu vermehrt systematisch zu verarbeiten, ist es von
systematischer Informationsverarbeitung moti- besonderer Bedeutung, dass ihre Aussagen
vieren. Im Einzelnen lassen sich hier nennen: einer systematischen Verarbeitung auch
5 Größe der Minderheit: Der Einfluss von standhalten, d. h., dass es starke oder gute
Minderheiten steigt, je größer sie ist (nach Argumente sind (z. B. Clark 1990, 1998;
dem Motto „Wenn verhältnismäßig mehr Martin und Hewstone 2003). Tatsächlich
Leute daran glauben, ist es mit größerer haben Minderheiten häufig gute Argu-
Wahrscheinlichkeit richtig“). In einer mente, da sie ihre unpopuläre Meinung
Studie von Clark und Maass (1990, Exp. 2) immer wieder aufs Neue rechtfertigen
sank beispielsweise der Einfluss einer müssen und sich auch selbst mit der Mehr-
Pro-Abtreibungs-Minderheit mit steigen- heitsmeinung auseinander setzen (Zda-
der Größe der (Contra-)Mehrheit. niuk und Levine 1996). Dementsprechend
5 Zügiges Gewinnen von Überläufern: haben sie auch ein erhöhtes Bedürfnis
Minderheiten bekommen mehr Gewicht, nach Korrektheit (z. B. Kenworthy und
wenn sie zügig mehr als ein Mitglied der Miller 2001).
Mehrheit auf ihre Seite bringen kön- 5 Vermeiden von unnötigen Widerständen:
nen (Clark 1998, 1999a, b). Kann die Minderheiten haben größere Chancen,
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
109 2
die Mehrheit zu interessieren und diese nicht auch versucht, Ihre Eltern mit dem
dazu zu bringen, ihre Sichtweise in Argument „Alle anderen dürfen aber auf die
Betracht zu ziehen, wenn sie ihre Argu- Party gehen“ zu überreden, Ihnen ebenfalls
mente originell und spannend verpacken, die Erlaubnis zu geben? Ja? Nun, dann sind
gleichzeitig gemäßigt auftreten und nicht auch Sie ein „Judostratege“!
rigide und dogmatisch erscheinen (z. B.
Mugny 1975), um auf diese Weise keinen Judostrategien
unnötigen Widerstand zu erzeugen Strategien sozialen Einflusses, die
(7 Sozialpsychologie I, Abschn. 7.3.3). sich der Mechanismen menschlicher
Informationsverarbeitung – im Speziellen
der Urteilsheuristiken und sozialen
Faktoren, die den Einfluss von Normen – bedienen, um andere dazu zu
Minderheiten steigern bringen, etwas Bestimmtes zu tun oder zu
5 Konsistenz der Position unterlassen.
5 Größe der Minderheit
5 Zügiges Gewinnen von „Überläufern“
5 Qualität der Argumente Denn: Bei den beiden Beispielen handelt es
5 Vermeiden von Widerständen sich um strategische soziale Einflussnahmen,
im Speziellen wurde im ersten Fall Sympa-
thie als Einflussfaktor (7 Abschn. 2.3.2) und
im zweiten das Prinzip sozialer Bewährtheit
2.2.3 Zusammenfassung (7 Abschn. 2.3.1) eingesetzt. Solche Prinzi-
pien werden als Judostrategien bezeichnet, da
Mehrheiten können Einfluss auf die indi- sie – bildlich gesprochen – verwendet wer-
viduelle Meinung nehmen, indem sie über den, um den anderen „zu Fall zu bringen“.
Anpassung an die Mehrheitsmeinung die Ein weiteres Merkmal lässt sich ebenfalls in
Bedürfnisse nach Anerkennung und/oder Analogie zum Kampfsport darstellen: Hat uns
Korrektheit befriedigen. Minderheiten regen der andere durch seine Judostrategie erst ein-
zum Nachdenken an und können darüber die mal „im Griff “, ist es nicht so einfach, wieder
individuelle Meinung langfristig verändern. herauszukommen bzw. sich zu wehren, denn
Die Beeinflussung geschieht in beiden Fällen dieser Einfluss ist technisch gesehen ein ech-
allein dadurch, dass und wie andere Men- ter Kunstgriff. Der soziale Einfluss erfolgt
schen ihre Meinung kundtun und ob sie dabei hier, indem typische Urteilsheuristiken oder
in der Mehr- oder Minderheit sind. Häufig ist Normen ausgenutzt werden, um den ande-
dabei die Beeinflussung gar nicht das eigent- ren (meist sehr subtil) dazu zu bringen, etwas
liche Ziel – ganz im Gegensatz zu strategisch Bestimmtes zu tun oder zu lassen (. Abb. 2.8).
geplanten Einflussnahmen, mit denen wir uns Mit dem wohl bekanntesten Prinzip sozia-
im Folgenden detailliert auseinandersetzen len Einflusses werden wir schon von klein auf
werden. konfrontiert: mit Belohnung und Bestrafung.
Beide werden in der Erziehung – mehr oder
weniger strategisch konsequent – eingesetzt,
2.3 Bewusste soziale um zu erreichen, dass Kinder erwünschtes
Einflussnahme – Die Verhalten zeigen und unerwünschtes unter-
Judostrategien lassen. Wer während der Schulstunde ständig
„schwätzt“ oder gar gröberen Unfug treibt,
Haben Sie schon einmal jemandem „Honig bekommt Strafarbeiten aufgebrummt, muss
um den Bart geschmiert“, weil Sie etwas von nachsitzen oder erhält gar einen Verweis (der
ihm wollten? Oder haben Sie als Jugendlicher meist eine Bestrafung durch die Eltern nach
110 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

. Abb. 2.8 Bei der japanischen Kampfsportart Judo ist das Ziel, durch ein Minimum an Aufwand maximale
Wirkung zu erzielen. (© Dusan Kostic/stock.adobe.com)

sich zieht). Für gutes Betragen gibt es an der was allerdings seinen Profit schmälert. Den-
einen oder anderen Grundschule immer noch noch möchte der Hersteller uns natürlich
die guten alten Fleißbildchen. dazu bewegen, seinem Fabrikat den Vorzug zu
Belohnung und Bestrafung begleiten uns geben, ohne Gewinneinbußen hinnehmen zu
aber weiter durch unser ganzes Leben. Wenn müssen. Dies gelingt ihm auch durch den Ein-
wir bei Rot über die Ampel fahren und dabei satz nachfolgend dargestellter Judostrategien.
erwischt werden, müssen wir ein Bußgeld Da diese gerne zur Profitsteigerung im Ver-
zahlen. Arbeitgeber versuchen, über Bonus- kaufsbereich eingesetzt werden, werden auch
oder Belohnungssysteme ihre Mitarbeiter viele Beispiele aus diesem Bereich stammen.
zu mehr Anstrengung zu bewegen, und in Selbstverständlich lassen sich diese Prinzipien
Beziehungen „belohnen“ wir unsere Partner ebenso nutzen, um positives Verhalten zu för-
mit einer Überraschung oder „bestrafen“ sie dern. So sind beispielsweise gemeinnützige
mit Liebesentzug, um nur einige wenige Bei- Vereine darauf angewiesen, dass wir ihre
spiele zu nennen (7 Exkurs: Ungewollter und Sache durch eine Spende oder Mitgliedschaft
strategischer sozialer Einfluss durch soziale Ver- unterstützen – und um uns dazu zu bewegen,
stärker). kommen ebenfalls Judostrategien zum Ein-
Belohnung und Bestrafung sind eine satz. Wird der Beeinflussungsversuch aller-
Methode, das Verhalten von anderen bewusst dings durchschaut, kann man zuweilen auch
zu steuern oder dies zumindest zu versuchen. einen gegenteiligen Effekt erzielen (dies ist
Doch häufig steht uns diese Möglichkeit gar eine Form der Reaktanz; 7 Sozialpsychologie
nicht zur Verfügung. So kann ein Wasch- I, Abschn. 7.3.3). Schließlich sind manche
mittelkonzern uns nicht bestrafen, wenn der im Folgenden dargestellten Techniken,
wir statt seines Produkts das der Konkur- wie beispielsweise die in 7 Abschn. 2.3.3.2
renz kaufen. Möchte er uns daher auf andere dargestellte Low-Ball-Technik, in vielen Län-
Weise dazu bewegen, sein Waschmittel zu dern illegal. Entsprechend geht es hier nicht
kaufen, kann er uns mit einem günstigeren darum, diese Techniken zu propagieren, son-
Preis für den Kauf seiner Produkte belohnen, dern deren sozialpsychologische Grundlage
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
111 2
Exkurs
Ungewollter und strategischer sozialer Einfluss durch soziale Verstärker
Unerwünschtes Verhalten – und zu vervielfältigen, bieten oder das Veranlassen einer
wie beispielsweise das soziale Netzwerke optimale Löschung herabsetzender
Kasperverhalten eines Bedingungen für soziale Beiträge (durch Einfluss auf
Schülers – wird manchmal Verstärkung: Lob, Tadel, Autoren, Moderatoren oder
dadurch aufrechterhalten, Bloßstellung oder einfach nur Betreiber).
dass wir es unabsichtlich Aufmerksamkeitszuwendung Shitstorms (Stürme der
belohnen, beispielsweise, sind beispielsweise nach Entrüstung) können spontan
indem der Lehrer dem einem Statement in sozialen dadurch entstehen, dass sich
Schüler seine (wenn auch Medien binnen weniger Menschen in ihrem negativen
schimpfende) Aufmerksamkeit Augenblicke erfahrbar. Urteil gegenseitig verstärken.
schenkt oder die anderen Trolls (Personen, die durch Dabei verstärken sich die
Schüler ihn durch ihr emotional provozierende Entrüsteten gegenseitig
Gelächter belohnen. Solche Beiträge auffallen) scheinen positiv, während das
sozialen Verstärker spielen dabei – ähnlich wie der attackierte Verhalten des
eine große Rolle im Alltag, eingangs erwähnte Kasper – Opfers negativ verstärkt
da sie leicht einzusetzen vor allem die Aufmerksamkeit wird. Beispielsweise wollte
und sehr wirkungsvoll sind zu suchen, während die Deutsche Bahn über ihre
(Shore und Heerey 2011). So Fake-News (absichtliche Facebook-Fanseite 2010 das
fungieren z. B. Blickkontakt, Fehlinformation, die neue Produkt „Chef-Ticket“
Lächeln, Zuwendung, Lob, verbreitet wird, um finanzielle verkaufen. Viele nutzten die
Umarmungen als positive oder politische Vorteile Plattform jedoch dafür, ihren
soziale Verstärker, d. h., sie daraus zu ziehen) sich das Ärger über die Deutsche
erhöhen die Wahrschein- Prinzip sozialer Bewährtheit Bahn kundzutun. Da die
lichkeit, ein Verhalten zu (s. unten) zunutze machen: Deutsche Bahn nicht mit der
zeigen, während Missachtung, Häufige Wiederholung und Netzgemeinde kommunizierte,
Missbilligung, Ignorieren und die Übereinstimmung mit der wuchs sich die Kritik zu einem
Tadel negative Verstärker sind eigenen Überzeugung lässt Shitstorm aus (Raßmus 2014).
und diese Wahrscheinlichkeit sie wahr erscheinen. Soziale Verstärker wie
verringern (Heerey und Online-Shaming (Beschämen Anerkennung und
Crossley 2013; Mühlberger im Internet) und Wettbewerb werden auch
et al. 2011). Hate-Speech (hasserfüllte sehr erfolgreich in neuen
Soziale Verstärkung spielt Äußerungen) werden Internetanwendungen
natürlich auch in der bewusst eingesetzt, um eingesetzt (Gamification),
Online-Kommunikation eine Menschen einzuschüchtern, beispielsweise in
wichtige Rolle. Durch die zu beschämen, von ihrem Sprach-Lern-Apps, aber
Möglichkeit der schnellen Verhalten und ihren Zielen auch in Spielen mit hohem
Verbreitung in großen abzubringen und ihren Ruf Suchtpotenzial. (Auch bei
sozialen Netzwerken, zu ruinieren. Da wie oben klassischen Glücksspielen
durch die relative beschrieben selbst tadelnde wie Poker oder Roulette
Anonymität und durch Aufmerksamkeit verstärkend machen Anerkennung und
die einfache Möglichkeit, wirken kann, ist die beste Wettbewerb einen Teil des
Informationen über Strategie gegen solche Reizes aus, der zu Spielsucht
Menschen aufzubewahren Angriffe oft das Ignorieren führen kann.)

offenzulegen und eine kritische Konsu- Knappheit und das Kontrastprinzip. Andere
mentenhaltung zu fördern. Judostrategien nutzen Beziehungsmerkmale
Im Folgenden werden zunächst Judo- aus (7 Abschn. 2.3.2), wozu beispielsweise
strategien beschrieben, die sich situ- Sympathie und Autorität/Status gehören. Die
ative Gegebenheiten zunutze machen dritte Kategorie von Judostrategien erzeugt
(7 Abschn. 2.3.1), so beispielsweise das Prin- beim Gegenüber Verpflichtungsgefühle und
zip sozialer Bewährtheit, das Prinzip der nutzt diese in der Folge (7 Abschn. 2.3.3).
112 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Verpflichtungsgefühle können über Reziprozi- Waschmaschine anschaffen. Drei Produkte,


tät und Commitment erzeugt werden.7 die alle etwa gleich viel kosten, sind in die
engere Wahl gekommen. Nach welchen Kri-
2 terien gehen Sie nun bei Ihrer Entscheidung
Soziale Einflussnahme vor? Vermutlich vergleichen Sie die objektiven
Daten und prüfen, welches Gerät Ihnen vom
Nutzung situativer Gegebenheiten Design her am besten gefällt. Würde es Ihre
5 Prinzip sozialer Bewährtheit Entscheidung beeinflussen, wenn Sie wüssten,
5 Prinzip der Knappheit 5 welches von den drei Produkten das meist
5 Kontrastprinzip verkaufte ist,
5 wenn eines der Produkte das letzte auf
Nutzung von Beziehungsmerkmalen Lager oder
5 Sympathie als Einflussfaktor 5 wenn zwei der drei Alternativen sehr
5 Autorität/Status als Einflussfaktor unattraktiv wären?

Nutzung von Verpflichtungsgefühlen Die Forschung legt auch hier nahe, dass diese
5 Durch Reziprozität situativen Gegebenheiten eine solch rationale
5 Durch Commitment Entscheidung mitbestimmen. Die hier ursäch-
lichen Prinzipien der sozialen Bewährtheit,
der Knappheit sowie des Kontrasts werden im
2.3.1 Soziale Einflussnahme Folgenden detailliert beschrieben.
mithilfe situativer
Gegebenheiten 2.3.1.1 Was (angeblich) alle tun,
muss gut sein – Das Prinzip
Stellen Sie sich folgende Situation aus dem sozialer Bewährtheit als
Sportunterricht vor: Zwei Schüler wäh- Judostrategie
len abwechselnd unter ihren Mitschülern Probieren Sie doch einfach einmal Folgen-
aus, um Mannschaften für ein Fußballspiel des aus: Stellen Sie sich zunächst alleine in
zusammenzustellen. Wird dabei ein Mit- die Fußgängerzone und betrachten Sie eine
schüler eher gewählt, weil alle anderen ihn gut Minute lang einen imaginären Punkt am
finden – auch wenn man ihn selbst noch nie Himmel. Was wird passieren? Vermutlich
hat spielen sehen? Wird ein sportliches Mäd- nicht viel. Probieren Sie nun das Gleiche noch
chen vielleicht eher ins Team gewählt, wenn einmal. Dieses Mal lassen Sie sich jedoch von
es das einzige unter lauter Jungen ist? Oder vier Verbündeten begleiten und fixieren Sie
gewinnt ein potenzieller Mitstreiter an Wert, alle gemeinsam den gleichen Punkt. Nun wer-
wenn außer ihm nur noch extrem schlechte den Ihrem Verhalten vermutlich etwa 80 %
Fußballer zur Auswahl stehen? Forschungs- der Passanten folgen (nach Milgram et al.
befunde deuten darauf hin, dass solche situati- 1969).
ven Gegebenheiten unsere Wahl beeinflussen. Personen orientieren sich – vor allem,
Wie sieht es analog bei rationalen Ent- wenn sie unsicher sind, wie sie sich in einer
scheidungen aus, die uns nicht selten eine bestimmten Situation verhalten sollen –
Menge Geld kosten? Nehmen wir beispiels- am Verhalten anderer. Das Prinzip sozialer
weise an, Sie wollen sich endlich eine eigene Bewährtheit (7 Abschn. 2.2.1) kann als Judo-
strategie bewusst eingesetzt werden, um
andere Menschen zu beeinflussen – sei es von
7 Für soziale Einflüsse (z. B. Suggestion) auf die Jugendlichen, um ihre Eltern zu überzeugen,
Erinnerung (7 Sozialpsychologie I, Abschn. 2.5). dass sie, wie (angeblich) alle anderen auch, zu
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
113 2
der begehrten Party gehen dürfen, oder sei es der Haushalte in Gebieten mit verunreinigtem
in Werbung und Verkauf, um den Umsatz zu Trinkwasser unterwiesen werden, ihr Trink-
steigern, oder in Gesundheitskampagnen. wasser an der Sonne in Plastikflaschen zu
Wird ein Produkt als „meist verkauftes“ desinfizieren (genannt SODIS). Studien in
seiner Art beworben, hält man es spontan Nikaragua und Zimbabwe fanden, dass die
für gut (Friedman und Fireworker 1977) – Absicht, SODIS anzuwenden, u. a. durch
wenn sich der Großteil der Kunden für die- soziale Normen (z. B. wie viele Nachbarn
ses Produkt entschieden hat, muss es den SODIS benutzen) gefördert wird (Kraemer und
Konkurrenzprodukten schließlich etwas vor- Mosler 2010; Meierhofer und Landolt 2009).
aus haben. Fernsehshows, Stars und Politi-
ker nutzen dieses Prinzip, indem sie eigene Was (angeblich) alle gut finden, muss gut sein,
Gruppen zum Klatschen und Jubeln ins Pub- und was alle anderen haben, müssen wir auch
likum setzen. Diskothekenbetreiber bilden haben. Wollen alle das Gleiche haben – d. h.
künstliche Schlangen vor den Eingängen ihrer wenn die Nachfrage steigt –, kann es natürlich
Lokale, um den Eindruck zu erwecken, dass passieren, dass das Gut knapp wird. Wie sich
das Lokal „in“ bzw. der Einlass heiß begehrt Knappheit auswirkt und wie das Prinzip der
ist (Cialdini 2001, S. 101). Personen lassen Knappheit genutzt werden kann, um andere
sich selbst dann von dieser Begeisterung zu beeinflussen, wird im folgenden Abschnitt
anstecken und beeinflussen, wenn sie um beschrieben.
deren Künstlichkeit wissen (Fuller und Shee-
hy-Skeffington 1974; Nosanchuk und Lights-
2.3.1.2 Was (angeblich) schwer
tone 1974; Smyth und Fuller 1972, zitiert
nach Cialdini 2001). Im Gesundheitsbereich
zu kriegen ist, ist umso
wird das Prinzip sozialer Bewährtheit bei- erstrebenswerter – Das
spielsweise für Kampagnen zur Reduktion des Prinzip der Knappheit
Alkoholkonsums von Jugendlichen eingesetzt. Stellen Sie sich vor, eine Freundin bittet Sie
Erfahren Jugendliche, dass ihre Peers gar in folgender Angelegenheit um Rat: Sie hat
nicht so viel trinken wie erwartet (die meis- auf einer Party jemanden kennengelernt
ten Jugendlichen überschätzen den Alkohol- und sich Hals über Kopf verliebt. Die beiden
konsum ihrer Peers), so reduzieren sie ihren haben sich den ganzen Abend angeregt unter-
Konsum (Lewis und Neighbors 2006). halten und zum Schluss Telefonnummern
ausgetauscht. Am liebsten würde sie sofort
Illustration: Solare Wasserdesinfektion anrufen, ist sich aber nicht sicher, ob das tak-
Kampagnen zur Verhaltensänderung in der tisch geschickt ist. Was würden Sie ihr raten?
Bevölkerung machen sich das Prinzip sozialer Möglicherweise würden Sie – einen weisen
Bewährtheit durch Konzentration auf einzelne Rat Ihrer Großmutter erinnernd – empfehlen,
Gemeinschaften zunutze. Dabei wird ver- sich eher „rar zu machen“ und das Objekt der
sucht, in einem Dorf, Stadtbezirk oder Betrieb Begierde etwas zappeln zu lassen? Auf keinen
durch Treffen, Plakate, Sticker, Broschüren, Fall sollte die Freundin den Eindruck ver-
Annoncen etc. möglichst viele Menschen zu mitteln, sie sei „leicht zu haben“. Und wozu
erreichen (Community-Based Social Marke- das Ganze? Um sich für das Gegenüber inte-
ting, McKenzie-Mohr 2000a, b). Damit ist der ressanter zu machen! Nimmt die Freundin
Einzelne umgeben von Personen, die das diesen „weisen Rat“ an und ruft nicht (wie es
neue Verhalten an den Tag legen, was den vielleicht emanzipierteres Denken nahelegen
Druck erhöht, sein Verhalten ebenfalls zu würde) sofort an, so nutzt sie das Prinzip der
ändern. Ein Beispiel ist eine Kampagne, mit Knappheit.
114 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Prinzip der Knappheit allerdings nur suggeriert, kann uns das bei-
Möglichkeiten erscheinen umso spielsweise zum Kauf von Dingen verleiten,
erstrebenswerter, je schwerer sie zu die wir eigentlich gar nicht wollten. Das Prin-
2 erreichen sind. Knappheit bewirkt zip der Knappheit spielt in verschiedensten
extremere Beurteilungen und Reaktanz. Bereichen eine Rolle.

z Steigerung der Attraktivität von Einzel-


Wie kommt es dazu? Zwei Mechanismen sind personen und Gruppen
hieran beteiligt: Zum einen wird Seltenes ext- Menschen, die vorgeben, es sei schwierig,
remer beurteilt, und zum anderen löst der ihre Zuneigung zu erringen, oder die so
Eindruck von Knappheit ein Reaktanzver- tun, als wären sie heiß umschwärmt, kön-
halten aus. nen dadurch in der Tat ihren „Marktwert“
5 Seltenes wird extremer beurteilt: Ganz steigern (Walster et al. 1973). Auf unser Ein-
allgemein wird Seltenes – sei es vom gangsbeispiel bezogen hieße das, dass Sie mit
Grund her positiv oder negativ – extremer dem Rat, die Freundin solle sich erst einmal
beurteilt (Lichtenstein et al. 1978). Hat ein rarmachen, gar nicht so falsch lägen. Knapp-
Urteilsgegenstand eine prinzipielle positive heit ist auch für ein Phänomen verantwort-
Konnotation, so wird er, wenn er selten lich, das bei Abendveranstaltungen bzw. in
ist bzw. bei Knappheit, noch positiver Kneipen auftritt: Angehörige des anderen
bewertet, als wenn er im Überfluss bzw. Geschlechts erscheinen mit Fortschreiten des
ausreichend vorhanden ist (Ditto und Jem- Abends immer attraktiver. Die Forschung
mott 1989; Lynn 1989). hat gezeigt, dass sich dies nicht auf den
5 Knappheit löst Reaktanz aus: Ist etwas Alkoholkonsum zurückführen lässt, sondern
knapp oder aus einem anderen Grund vielmehr damit zusammenhängt, dass zu spä-
schwer zu bekommen, so können wir terer Stunde die Anzahl potenzieller Partner
nicht mehr nach Belieben darüber ver- immer knapper wird (Gladue und Delaney
fügen. Das empfinden wir als Eingriff 1990; Nida und Koon 1983; Pennebaker et al.
in unsere persönliche Freiheit, deren 1979). Knappheit wirkt sich nicht nur im pri-
Wiederherstellung uns ein Anliegen ist. vaten Bereich aus, sondern spielt auch auf
Dieser innere Widerstand, der gegen die dem Arbeitsmarkt eine Rolle: Bewerber, die
Einschränkung der eigenen Handlungs- ihren potenziellen neuen Arbeitgeber wissen
freiheit gerichtet ist, wird als Reaktanz lassen, dass sie noch andere Angebote haben,
bezeichnet (J. W. Brehm 1966; S. S. Brehm sind dadurch oft erfolgreicher (Williams et al.
und Brehm 1981; 7 Sozialpsychologie 1993). Auch die Attraktivität von Gruppen
I, Abschn. 7.3.3). Dadurch kommt es zu wird dadurch beeinflusst, wie schwer diese
einer „Jetzt-erst-recht“-Haltung mit dem „zu haben“ sind: Je schwieriger es ist, in eine
Ergebnis, dass wir das nur eingeschränkt Gruppe hineinzukommen, desto attraktiver
Verfügbare nun noch mehr wollen als vor erscheint die Mitgliedschaft (7 Abschn. 3.1.4).
der Einschränkung.
z Steigerung der Attraktivität von
Schafft man es, beim Gegenüber das Gefühl Konsumgütern
auszulösen, dass etwas – ganz allgemein Knappheit ist ein im Verkaufsbereich gern
oder für ihn im Speziellen – schwer zu genutztes Prinzip: Nimmt ein Käufer an, ein
haben ist, kann man damit bewirken, dass Produkt sei schwer zu bekommen, erscheint
er es umso mehr will. Ist die Knappheit real, es ihm attraktiver, als wenn er annimmt,
kann dies von Vorteil sein, da der andere es sei verfügbar (Jung und Kellaris 2004;
sonst womöglich zu lange überlegt hätte und Schwarz 1984). Eine (angebliche) Limitierung
leer ausgehen würde. Wird die Knappheit der verfügbaren Stückzahl (z. B. limitierte
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
115 2
Auflage) oder eine (angeblich) starke Nach-
frage (z. B. durch einen anderen Interessen-
ten für das Produkt) kann diesen Eindruck
von Knappheit und damit eine Steigerung
des subjektiven Produktwerts bewirken (Ver-
hallen und Robben 1995; Worchel et al.
1975b). Den gleichen Effekt können auch
Beschränkungen in der zeitlichen Verfügbar-
keit eines Produkts oder Einschränkungen
im Kundenkreis haben: Angebote, die nur
zeitlich begrenzt verfügbar sind (z. B. bei
Schluss- oder Sonderverkäufen), steigen
durch das Zeitlimit in ihrem Wert (Dead-
line-Prinzip; Cialdini 2001, S. 207). Ebenso
werden Produkte, die nur einem bestimmten
Kundenkreis bzw. Mitgliedern in einem
Club zugänglich sind, allein durch diese Ein-
schränkung attraktiver. Aussagen wie „nur
noch einige wenige Exemplare“, „ein seltenes
Sammlerstück“ oder „Sie sollten vielleicht
gleich drei Stück mitnehmen, denn wir wis-
sen nicht, wann wir wieder welche rein-
bekommen“ müssen also nicht unbedingt der
Realität entsprechen, sondern können ein
Verkaufstrick bei tatsächlich vollem Lager . Abb. 2.9 Durch Rabatte, Preissenkungen,
sein (. Abb. 2.9). Dies gilt nicht nur für rar saisonale Schlussverkäufe und Ausverkäufe wird ein
gemachte Dinge, sondern auch für zensierte Gefühl von Knappheit und Gelegenheit erzeugt, das
zum Kauf anregt. (© Jakob Kamender/stock.adobe.
Artikel, beispielsweise Kinofilme, Bücher ab
com)
18 Jahren oder exklusive Pressemitteilungen
(Worchel et al. 1975a; Zellinger et al. 1975;
7 Beispielstudie 2.7). Damit ist Zensur eine verkaufssteigernde Wirkung der Knappheit
der besten Promotionsstrategien für Bücher hier durchaus ungewollt und verschärfte die
und Filme. Dieser Verbotene-Frucht-Effekt Versorgungslage noch zusätzlich.
kann teilweise mit Reaktanz erklärt werden
(Brehm 1966; Varava und Quick 2015). Wei- Bisher haben wir zwei Urteilsregeln
tere Erklärungen sind Erfahrungen („Ich betrachtet, die auf situativen Gegebenheiten
mag normalerweise die Gewalt- oder Sex- beruhen und zur Einflussnahme auf andere
szenen in Filmen ab 18“), soziale Normen genutzt werden können: zum einen das
(„Solche Filme anzuschauen, ist cool“) und (angebliche) Verhalten der Mehrheit (Prin-
Erwartungen („Sachen für Erwachsene sind zip sozialer Bewährtheit) und zum Zweiten
bestimmt spannend“; . Abb. 2.10). die (angebliche) Verfügbarkeit des Urteils-
gegenstands (Knappheit). Des Weiteren spielt
Illustration: Knappheit in der DDR es eine Rolle, ob und, falls ja, welche Alter-
Auch in der DDR war das Prinzip der Knapp- nativen es zum Urteilsgegenstand – sei es
heit vielfach wirksam. Berühmt geworden eine Person oder ein Konsumgut – gibt. Im
sind die Butter- und die Bananenknapp- folgenden Abschnitt wird aufgezeigt, wie der
heit, augenfällig sichtbar in langen Schlan- Vergleich mit Alternativen den Wert eines
gen vor den Geschäften. Allerdings war die Urteilsgegenstands verändern kann.
116 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

. Abb. 2.10 Eine Freigabe ab 18 erhöht die Attraktivität von Filmen für Kinder (besonders Jungen) und
Jugendliche (beide Geschlechter). (© Jamrooferpix/stock.adobe.com)

Beispielstudie 2.7

Altersbeschränkungen erhöhen den subjektiven Wert von Büchern


Den Teilnehmern einer erhielt diese einschränkende Bei den Teilnehmern der
Studie von Zellinger et al. Information nicht. In beiden Gruppe A war anschließend
(1975) wurden verschiedene, Gruppen wurde wiederum der Wunsch, das Buch zu
angeblich einem Buchcover der Hälfte der Teilnehmer lesen, deutlich größer als bei
entnommene Statements die Information gegeben, Teilnehmern der Gruppe B.
vorgelegt. Für eine Hälfte dass der Inhalt des Buches Die Ergebnisse weisen darauf
der Teilnehmer (Gruppe pornografischer Natur sei, hin, dass dieser Effekt nicht
A) implizierte eines dieser indem das Statement durch den wahrgenommenen
Statements, dass es für das „tells the story of the Grad an pornografischen
Buch eine Altersbeschränkung relationship between a Inhalten, sondern durch
gebe („a book for adults man and a woman …“ die Altersbeschränkung
only … restricted to those hier den Zusatz „… entstand. Zensur erhöht damit
21 years and over“), die andere definitely pornographic“ den subjektiven Wert von
Hälfte (Gruppe B) hingegen erhielt. Urteilsgegenständen.

2.3.1.3 „Alles ist relativ“ – Das vermutlich erleichtert oder enttäuscht. Wie
Kontrastprinzip als man solche Kontraste strategisch einsetzen
Judostrategie kann, wird im Folgenden beschrieben.
„Gerade noch eine 2“ oder „Knapp an der
1 vorbei“ haben Sie vielleicht manchmal zu Illustration: Die Studentin und das
Abiturzeiten gedacht, je nachdem, ob Sie die Kontrastprinzip
minimale oder die maximale Punktzahl für Liebe Mutti, lieber Papa!
eine 2 erreicht hatten. Damit kontrastierten Ich bin etwas schreibfaul geworden, seit ich zum
Sie Ihr erreichtes Ergebnis mit einem schlech- Studium von zu Hause weggegangen bin, und
teren oder besseren Ergebnis und fühlten sich es tut mir leid, dass ich nicht schon früher mal
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
117 2
geschrieben habe. Ich werde Euch jetzt auf den Was ist hier passiert? Sharon hat einen sozia-
neuesten Stand bringen, aber ehe Ihr weiterlest, len Einfluss, das sog. Kontrastprinzip ein-
setzt Euch bitte erst einmal hin. Lest erst weiter, gesetzt, um ihre schlechten Leistungen
wenn Ihr Euch gesetzt habt, okay? weniger gravierend aussehen zu lassen. Die
Also dann, mittlerweile geht es mir eigent- Vier in Geschichte und die Sechs in Che-
lich schon wieder ganz gut. Der Schädel- mie würden die Eltern unter „normalen“
bruch und die Gehirnerschütterung, die ich Umständen vermutlich als gravierend
mir zugezogen hatte, als ich aus dem Fenster betrachten. Wird ihnen jedoch ins Gedächtnis
gesprungen war, nachdem im Wohnheim kurz gerufen, was wirklich schlimm wäre (würde
nach meiner Ankunft ein Feuer ausgebrochen die Tochter verletzt, infiziert und schwanger
war, sind schon ganz gut verheilt. […] Zum im Krankenhaus liegen), beurteilen sie die
Glück waren das Feuer im Wohnheim und schlechten Zensuren der Tochter wahrschein-
mein Sprung von einem Tankwart von der lich als „halb so wild“ – angesichts dessen,
Tankstelle nebenan beobachtet worden, und dass sie gesund ist.
er war es auch, der die Feuerwehr und den Das Kontrastprinzip beruht darauf,
Krankenwagen rief. Er besuchte mich auch im dass Menschen Dinge bzw. Ereignisse
Krankenhaus und weil ich ja wegen des Wohn- meist kontextabhängig (und nicht absolut)
heimbrands nicht wusste, wo ich hin sollte, war beurteilen. So mag eine Zwei in der Mathe-
er so lieb, mir anzubieten, erst mal in seiner klausur als ausnehmend gute Leistung
Wohnung unterzukommen. Die ist eigentlich erscheinen, wenn man weiß, dass es auch
mehr ein Kellerraum, aber irgendwie hat sie einige Fünfen und Sechsen gegeben hat. Ist
Etwas. Er ist echt ein toller Typ, und wir haben hingegen der Klassenspiegel sehr gut aus-
uns wahnsinnig ineinander verliebt und wollen gefallen (man hört zuvor von vielen Einsen),
heiraten. Das genaue Datum steht noch nicht verliert die Zwei an Wert. Ebenso erscheinen
fest, aber das Ganze soll noch über die Bühne die eigenen Alltagsprobleme häufig völlig tri-
gehen, ehe man mir meine Schwangerschaft vial, wenn man von der lebensbedrohlichen
ansieht. Erkrankung eines Verwandten oder einem
[…] Der Grund dafür, dass wir jetzt noch nicht Katastrophenfall erfährt.
heiraten, ist, dass mein Freund eine kleine Infek-
tion hat, weswegen es Schwierigkeiten mit den Kontrastprinzip
Bluttests gibt, die für die Eheschließung verlangt Je nach Vergleichsgrundlage nehmen wir
werden, und ich mich dummerweise angesteckt ein und dieselbe Sache unterschiedlich
habe. Ich weiß, dass Ihr ihn mit offenen Armen in wahr. Urteilsgegenstände gewinnen an
unsere Familie aufnehmen werdet. Er ist sehr nett Attraktivität, wenn sie zusammen mit
und hat zwar keine abgeschlossene Ausbildung, weniger positiven Alternativen präsentiert
ist aber ehrgeizig. werden, und verlieren an Wert im
Jetzt, wo ich Euch auf den neuesten Stand Zusammenhang mit extrem attraktiven
gebracht habe, möchte ich Euch mitteilen, dass Alternativen.
es keinen Brand im Wohnheim gab, ich keine
Gehirnerschütterung und keinen Schädelbruch
hatte, nicht im Krankenhaus war, nicht schwan- Kurzum, ein und dieselbe Sache kann sehr
ger, nicht verlobt, nicht infiziert bin und dass es unterschiedlich wahrgenommen werden, je
keinen Freund gibt. Allerdings habe ich eine Vier nachdem, was ihr als Vergleichsgrundlage
in Geschichte und eine Sechs in Chemie, und ich vorausging (Illustration: Kontrasteffekt zum
will, dass Ihr diese Zensuren im richtigen Verhält- Ausprobieren). Ist die Vergleichsgrundlage
nis seht. repräsentativ gewählt, ist dieses Vorgehen
Es grüßt Euch herzlich Eure Tochter Sharon hilfreich, um die richtige Entscheidung deut-
(Aus Cialdini 1997, S. 32) licher heraustreten zu lassen. Werden die
118 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Alternativen allerdings absichtlich so gewählt, so hässlich erscheinen. Das Gleiche gilt letzt-
dass beispielsweise ein eigentlich minder- endlich auch für Personen: Eine Person wirkt
wertiges Produkt unverhältnismäßig attraktiv attraktiver, wenn sie in einem gemeinsamen
2 wirkt (weil die Alternativen noch schlechter Kontext mit weniger attraktiven Menschen
und zudem überteuert sind), basiert unser gesehen wird. Beispielsweise schätzten Pro-
Urteil womöglich auf einer schlechten banden, die zunächst Bilder von äußerst gut
Grundlage. Beim Kontrastprinzip handelt aussehenden Menschen gesehen hatten, Per-
es sich somit um einen Mechanismus, den sonen von durchschnittlichem Aussehen als
man in einer Situation gezielt herbeiführen weniger attraktiv ein als Teilnehmer, denen
kann, um andere Menschen zu beeinflussen. man zuvor keine Bilder gezeigt hatte (Ken-
Fälschlicherweise wirkt der Stratege dabei rick und Gutierres 1980; Kenrick et al. 1993).
vordergründig sehr fair – hat er doch dem Zusammenfassend lässt sich festhalten:
Gegenüber die Wahl gelassen, sodass dieser Situative Gegebenheiten können den sub-
sich selbst davon überzeugen konnte, dass die jektiven Wert von Personen, Konsumgütern
gewählte auch die beste Alternative war. oder Entscheidungsalternativen verändern.
So steigt der subjektive Wert, wenn etwas
Illustration: Kontrasteffekt zum sozial bewährt (Prinzip sozialer Bewährt-
Ausprobieren heit) oder schwer zu haben ist (Prinzip der
Alles, was Sie brauchen, sind drei Schüsseln Knappheit) bzw. im Vergleich zu weniger
mit Wasser: Eine füllen Sie mit eiskaltem, die attraktiven Alternativen dargeboten wird
zweite mit sehr warmem und die dritte Schüs- (Kontrastprinzip). Diese Prinzipien können
sel mit lauwarmem Wasser. bewusst eingesetzt werden, um sich selbst
Tauchen Sie nun zunächst Ihre linke Hand in als Person oder auch ein Produkt attraktiver
das eiskalte, die rechte in das sehr warme Was- erscheinen zu lassen und damit bestimmte
ser. Nach einer Minute wechseln Sie mit beiden Ziele – sich für einen potenziellen Partner
Händen in die dritte Schüssel. Was passiert? interessant zu machen, ein Produkt zu ver-
Mit Ihrer rechten Hand wird sich das lau- kaufen – zu erreichen.
warme Wasser kalt anfühlen, während Ihre Ob wir das tun, was ein anderer von
linke Hand dasselbe Wasser als warm oder uns will, hängt jedoch nicht nur davon ab,
sogar als heiß empfinden wird. Es handelt sich wie attraktiv es uns erscheint, sondern ganz
um einen typischen Kontrasteffekt. wesentlich auch davon, wer bzw. wie dieser
andere ist. Wie sich im Speziellen Sympathie
z Steigerung der Attraktivität von und Autorität darauf auswirken, inwieweit
Konsumgütern wir tun, was ein anderer von uns will, ist
Das Kontrastprinzip wird im Verkaufs- Gegenstand des folgenden Abschnitts.
bereich bewusst eingesetzt: Immobilien-
makler, die ihren Kunden zunächst sehr
unattraktive Objekte zeigen, können dadurch 2.3.2 Soziale Einflussnahme
den Wert von später angebotenen, attrakti- mithilfe von
veren Objekten steigern, da diese dem Kun- Beziehungsmerkmalen
den dann im Vergleich umso interessanter
erscheinen (Cialdini 2001, S. 14). Menschen geben viel Geld dafür aus, um
attraktiv zu erscheinen, und in bestimmten
z Steigerung der Attraktivität von Berufen sind Uniformen die übliche Arbeits-
Personen kleidung (z. B. Militär, Polizei). Macht das
Das hässliche Entlein lässt den Schwan noch Sinn? Ja, denn der soziale Einfluss kann sich
schöner erscheinen bzw. würde einem das durch beides erhöhen. Während Attraktivi-
Entlein ohne den Kontext „Schwan“ gar nicht tät beispielsweise dazu beiträgt, wie
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
119 2
sympathisch wir jemanden finden, lassen die Tatsache, ob der andere uns zu mögen
Uniformen jemanden als legitimierte Autori- bzw. sich für uns zu interessieren scheint,
tät erscheinen. Und wir sind eher bereit, das bestimmen mit, ob und wie sympathisch wir
zu tun, was andere von uns wollen, wenn wir andere Menschen finden und wie stark wir
diese mögen oder sie für uns eine Autorität uns von ihnen beeinflussen lassen. Sympathie
darstellen. Warum, in welchem Ausmaß und lässt sich sogar recht einfach bewirken, wie
mit welchen Konsequenzen dies der Fall ist, man nachfolgend sieht (Impression Manage-
wird im Folgenden dargestellt. ment, Fletcher 1989).

2.3.2.1 „Der andere war so nett, z Sympathie durch positive


da konnte ich nicht nein Selbstdarstellung erhöhen
sagen“ – Sympathie als (Selbsterhöhung/Self-Enhancement)
Einflussfaktor Eine Möglichkeit, um sich dem anderen
Es ist – rein von der Sache her – zwar voll- sympathisch zu machen, besteht darin, sich
kommen unvernünftig, trotzdem tun oder selbst möglichst vorteilhaft zu präsentieren
kaufen wir immer wieder Dinge, die wir (Schlenker 1980). Dies gelingt u. a. durch
ursprünglich gar nicht wollten. Oder wir ein gepflegtes Äußeres, gute Kleidung, eine
nehmen mehr als ursprünglich geplant, und geschickte Auswahl der Gesprächsinhalte
das nur, „weil der Verkäufer so nett war“ und und eingestreute Informationen, die uns
wir ihm nichts abschlagen konnten. Ganz positiv, beispielsweise intelligent, kompe-
allgemein sind wir eher bereit, einem sym- tent oder vertrauenswürdig, erscheinen las-
pathischen Menschen einen Gefallen zu sen. Auch indem man sich mit Personen
tun, als jemandem, den wir nicht mögen. So oder Ereignissen in Verbindung bringt, die
hat sich beispielsweise im Verkaufsbereich der andere bereits mag (Name-Dropping),
gezeigt, dass der Grad der freundschaftlichen erscheint man selbst in positiverem Licht
Verbundenheit bzw. der Sympathie für das – die Sympathie färbt auf die eigene Person
Gegenüber oft sogar ausschlaggebender für ab. Weitere, subtilere Taktiken sind das Preis-
das eigene (Kauf-)Verhalten ist als die Vor- geben negativer Informationen über sich
liebe für das Produkt selbst (Frenzen und selbst, um sich als bescheiden darzustellen
Davis 1990). Gerade bei „rationalen“ Ent- (Selbstmissbilligung), und das Preisgeben
scheidungen – beispielsweise beim Kauf einer persönlicher Informationen, auch wenn diese
Waschmaschine – sollte es jedoch irrelevant nicht erfragt wurden (Selbstenthüllung). Auf
sein, ob uns das eine Produkt von einem sehr diese Weise entsteht der Eindruck, man sei
sympathischen, das andere von einem weni- ehrlich und möge das Gegenüber (Tedeschi
ger sympathischen Verkäufer präsentiert wird. und Melburg 1984).
Zählen sollte hier einzig und allein die Quali-
tät bzw. das Preis-Leistungs-Verhältnis, denn z Sympathie durch das Hervorheben/
schließlich nehmen wir letztendlich das Pro- Erzeugen von Ähnlichkeiten erhöhen
dukt mit nach Hause und nicht den Verkäufer. Personen kommen einer Bitte eher nach,
Wer Sympathie als Judostrategie nutzen wenn sie glauben, dass der andere etwas
will, hat zum einen den Vorteil, dass Sympa- mit ihnen gemeinsam hat (z. B. Burger et al.
thie auch dann Einfluss hat, wenn sie für den 2004; Greenwald und Banaji 1995, S. 11 f.;
Urteilsgegenstand irrelevant ist. Des Weite- Hornstein et al. 1968). Um sympathischer
ren beeinflussen auch Faktoren, die nichts und damit einflussreicher zu sein, wer-
mit den Charaktereigenschaften der Person den deshalb im Verkaufsbereich auch ganz
zu tun haben, wie sympathisch wir diese fin- gezielt Ähnlichkeiten zwischen Verkäufer
den. Attraktivität, Ähnlichkeit und auch und potenziellem Käufer hergestellt. Sieht
120 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

der Verkäufer beispielsweise im Auto des verbunden wird (z. B. „Ich finde es echt toll,
Interessenten Tennisschläger liegen, erzählt dass ihr so fortschrittliche und überhaupt
er, dass er ebenfalls Tennis spielt. Kommt nicht spießige Eltern seid! Ihr habt sicher
2 der Kunde mit einem fremden Autokenn- nichts dagegen, wenn ich mir ein Augen-
zeichen, hat der Verkäufer „zufällig“ Ver- brauenpiercing machen lasse?“). Wird diese
wandte in jener Gegend. So belanglos diese Strategie allerdings übertrieben oder zu
Ähnlichkeiten auch erscheinen mögen, sie exzessiv betrieben, schlägt die Wirkung ins
haben Wirkung. Deswegen sind auch Werbe- Gegenteil um, wird als aufgesetzt und beein-
spots, in denen „Otto Normalverbraucher“ flussend wahrgenommen (Baron et al. 1990)
als (dem Konsumenten ähnlicher) Produkt- und erzeugt Reaktanz (7 Sozialpsychologie I,
verwender auftritt, extrem erfolgreich (Las- Abschn. 7.3.3).
key und Fox 1994) – erfolgreicher als reine Schafft man es, sympathisch zu wirken,
Präsentationen der Produkte (Gleich 2000a, ist das Gegenüber eher bereit, das zu tun, was
b, zitiert nach Felser 2001). Ebenso unter- wir von ihm wollen. Es haben aber nicht nur
schreiben Personen eher eine Petition bzw. Personen einen stärkeren Einfluss auf uns,
schließen eher Versicherungen oder Kaufver- die wir mögen, sondern auch solche, die für
träge ab, wenn das Gegenüber ihnen ähnlich uns eine Autorität darstellen. Wie Autorität
ist – sei es hinsichtlich Kleidung, Alter, Reli- und sozialer Einfluss zusammenhängen, wird
gion, politischer Einstellung oder des Tabak- im nächsten Abschnitt genauer beleuchtet.
konsums (Evans 1963; Gadel 1964; Lombard
1955; Suedfeld et al. 1971; Woodside und 2.3.2.2 Gehorsam – Autorität als
Davenport 1974). Auch Präventionsmaß- Einflussfaktor
nahmen gegen das Rauchen in Schulen sind Ein sehr offensichtlicher Versuch sozialer
erfolgreicher, wenn diese von der Zielgruppe Einflussnahme ist, wenn uns jemand eine
ähnlichen Personen – in diesem Fall von Anweisung gibt und erwartet, dass wir die-
gleichaltrigen Peers – durchgeführt werden ser Folge leisten. In vielen Fällen folgen
(Murray et al. 1984). wir solchen Anweisungen schlichtweg des-
wegen, weil sie uns sinnvoll erscheinen oder
z Sympathie durch das Erzeugen von weil Gehorsam im Vergleich zu den sonst zu
positiven Gefühlen im anderen erhöhen erwartenden Konsequenzen ganz einfach die
(Other-Enhancement) bessere Alternative ist. So nehmen wir die
Wir mögen diejenigen, die uns mögen vom Arzt verordneten Medikamente gemäß
(Byrne und Rhamey 1965; Condon und Anweisung ein, um gesund zu werden, oder
Crano 1988). Beim anderen positive Gefühle leisten der Anordnung eines Polizisten Folge,
auszulösen, ist deshalb eine sehr häufige weil ein Bußgeld die schlechtere Alternative ist,
und durchaus effektive Strategie, um jeman- und Kinder folgen (manchmal) ihren Eltern,
den dazu zu bringen, einer Bitte nachzu- weil sie zwei Tage Fernsehverbot schlimmer
kommen (Godfrey et al. 1986). Dies lässt sich finden als eine Stunde Zimmeraufräumen.
erreichen, indem man z. B. Interesse an der Möglicherweise haben Sie dabei das Gefühl,
anderen Person zeigt, ihr zustimmt, lächelt, dass Sie sich im Falle unsinniger oder fragwür-
Blickkontakt hält oder sich in ihre Rich- diger Befehle jedoch relativ leicht gegen diese
tung neigt (Liden und Mitchell 1988; Purvis verwehren könnten. Doch würde Ihnen das
et al. 1984; Wayne und Ferris 1990; Wort- auch gelingen, wenn diese Anordnungen von
man und Linsenmeier 1977). Auch Eltern einer Autoritätsperson stammten?
lassen sich von ihren Kindern möglicher- Anweisungen von Autoritätspersonen
weise leichter erweichen, wenn eine Bitte zeichnen sich typischerweise dadurch aus,
mit der Auslösung von positiven Gefühlen dass sie uns weniger wie ein Befehl, sondern
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
121 2
Beispielstudie 2.8

Personen, die Expertenstatus innehaben, wird unkritisch Folge geleistet


Hofling et al. (1966) riefen Patienten. (Dort wurde sie drittens war die angewiesene
Pflegekräfte im Krankenhaus dann abgefangen und über Dosis eindeutig zu hoch (sie
an und gaben sich als die Studie aufgeklärt.) betrug das Doppelte der auf
Klinikarzt aus. Sie gaben Die Pflegekräfte befolgten der Packung angegebenen
per Telefon die Anweisung, diese Anweisung, obwohl sie Höchstdosis von zehn
einem bestimmten Patienten damit gegen vier Vorschriften Milligramm), und viertens kam
20 mg eines bestimmten verstießen: Zum einen kam die Anordnung von jemandem,
Medikaments zu verabreichen. die Anordnung per Telefon, den die Pflegekraft nicht kannte.
In 95 % der Fälle wurde was eine Verletzung der Die Pflegekräfte verließen sich
dem Folge geleistet, d. h., Klinikordnung bedeutete. darauf, dass die Anordnung
die Pflegekraft holte das Zweitens durfte das einer Autorität bzw. eines
Medikament, entnahm die angewiesene Medikament Experten (eines Arztes) korrekt
geforderte Menge und machte prinzipiell auf der jeweiligen ist und nicht hinterfragt
sich auf den Weg zu dem Station nicht verordnet werden, werden muss.

vielmehr als hilfreiche Information eines Autoritätshörigkeit nicht gravierend. Im


Experten erscheinen und somit wenig Wider- Extremfall bringt sie jedoch Menschen dazu,
willen in uns erzeugen (z. B. Bushman 1988; unmoralisch und entgegen ihrer inneren
Darley 1995; 7 Abschn. 2.2.1). Selbst fragwür- Überzeugung zu handeln. Was glauben Sie:
dige Anweisungen werden häufig nicht infrage Könnte eine Autoritätsperson Sie dazu brin-
gestellt, wenn sie von einer (angeblichen) Autori- gen, einer fremden Person – die Ihnen über-
tätsperson gegeben werden (7 Beispielstudie 2.8). dies nichts getan hat – Schmerzen zuzufügen?
Weshalb haben Autoritäten diesen Ein- Nein? Die Forschung zeigt hier ein anderes
fluss? Ein wichtiger Faktor ist – wie bei den Bild auf. Wir neigen viel stärker dazu, (angeb-
anderen Judostrategien auch – eine einfache lichen) Autoritäten blindlings zu gehorchen,
Faustregel, in diesem Fall: „Gehorche fach- als wir das von uns selbst glauben (z. B. Mil-
kundigen Autoritätspersonen!“ Woran aber gram 1963; 7 Beispielstudie 2.10).
erkennen wir fachkundige Autoritäten? Autori-
tät wird Personen über ihren Status bzw. ihre
Expertise zuteil. Gerade dann, wenn wir selbst
von dem Fachgebiet wenig oder gar nichts ver- Beispielstudie 2.9
stehen, müssen wir uns auf äußere Zeichen für
Status bzw. Expertise verlassen und leiten diese Aufforderungen wird eher
u. a. auch aus dem Titel der Person oder deren nachgekommen, wenn sie von Personen
spezifischer Berufskleidung ab (Joseph und in Uniform ausgesprochen werden
Alex 1972). So verstärkt allein das Tragen einer Ein Assistent von Bickman (1974, Exp. 2)
ging auf der Straße auf Passanten zu, zeigte
Uniform, eines Arztkittels oder eines Anzugs auf einen einige Meter entfernt stehenden
im Vergleich zu normaler Kleidung den sozia- Mann an einer Parkuhr und sagte: „Sehen
len Einfluss (Bickman 1974; Bushman 1988; Sie den Mann dort drüben bei der Parkuhr?
Lefkowitz et al. 1955; 7 Beispielstudie 2.9; Seine Parkuhr ist abgelaufen, und er hat kein
. Abb. 2.11). Solche Merkmale können natür- Kleingeld. Geben Sie ihm ein Zehn-Cent-Stück!“
Danach wandte er sich zum Gehen. War dieser
lich auch bewusst im Sinne einer Judostrategie Assistent als Wachmann gekleidet, kamen 92 %
eingesetzt werden, um den Einfluss auf andere der Passanten seinen Bitten nach, während dies
Personen zu erhöhen. nur 42 % taten, wenn er in normaler Kleidung
Häufig sind – wie in 7 Beispielstudie 2.9 erschien.
beschrieben – die Folgen einer unkritischen
122 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

. Abb. 2.11 a Uniformen kennzeichnen die Autorität u. a. von Polizei, Militär oder Flugpersonal. Bürger sind
verpflichtet, solchen Amtspersonen zu gehorchen. b Arztkittel kennzeichnen ebenfalls Autorität. Ärzten sind
wir zwar nicht zu Gehorsam verpflichtet, glauben ihnen aber dennoch mehr als medizinischen Laien und leisten
ihnen auch eher Folge. (a © stigmatize/stock.adobe.com, b © BRIAN_KINNEY/stock.adobe.com)

Wie kommt es zu diesem erschreckenden, angesehenen Universität vermittelt wurde.


destruktiven Gehorsam? Eine wichtige Rolle Um Personen jedoch dazu zu bringen, Hand-
spielt wie bereits beschrieben die Autorität lungen auszuführen, die ihren inneren Über-
des Versuchsleiters, die durch dessen Klei- zeugungen widersprechen, spielen noch
dung, sein Auftreten und das professionell andere Faktoren eine Rolle. Im Speziellen sind
ausgestattete Labor auf dem Gelände einer dies die im Folgenden beschriebenen.
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
123 2
Beispielstudie 2.10

Autoritäten haben auch bei unmoralischen Befehlen starken sozialen Einfluss


Die Teilnehmer eines der Weiteren erhielt der Lehrer er einfach: „Bitte fahren Sie
Experimente von Milgram zu Demonstrationszwecken fort.“ Wurde dadurch kein
(1963, 1974, Exp. 5) wurden selbst einen Schock von Gehorsam erzielt, lautete
über Zeitungsannoncen 45 V (was bereits ziemlich die nächste Instruktion: „Das
zu einem Gedächtnis- und schmerzhaft ist). Die Tür zum Experiment verlangt, dass Sie
Lernexperiment angeworben. Nebenzimmer wurde dann weitermachen.“ Fruchtete
Die Untersuchung fand in geschlossen, sodass zwischen auch dies nicht, sagte er:
Zweiergruppen statt, bei Lehrer und Schüler kein „Es ist absolut essenziell,
denen die Rollen des Lehrers Sichtkontakt bestand. Der dass Sie weitermachen.“
und des Schülers angeblich Schüler gab seine Antwort per Das Experiment wurde
per Losverfahren zugeteilt Tastendruck ab und war über abgebrochen, wenn auch mit
wurden. In Wirklichkeit eine Sprechanlage zu hören. der vierten Instruktion „Sie
war der zweite Teilnehmer Zu Beginn beantwortete der haben keine andere Wahl.
jedoch ein Vertrauter der Schüler die Fragen korrekt, Sie müssen weitermachen“
Versuchsleitung, und es in der Folge machte er kein Gehorsam erzielt werden
wurde dafür gesorgt, dass der jedoch immer wieder Fehler. konnte.
echte Teilnehmer jeweils die Beim fünften Fehler war Psychologiestudenten der
Rolle des Lehrers übernahm. instruktionsgemäß ein Schock Yale University, amerikanische
Konkret war es dessen von 75 V zu verabreichen, Bürger der Mittelschicht und
Aufgabe, dem „Schüler“ worauf die Teilnehmer eine Gruppe von Psychiatern
zunächst Wortpaare von einer über die Sprechanlage schätzten im Rahmen
Liste vorzulesen und diese einen Schmerzensschrei einer Befragung (Milgram
im Anschluss abzuprüfen. des Schülers hörten. Die 1974, S. 27 f.), dass in einer
Um die Auswirkungen von Reaktionen des Schülers solchen Studie nur etwa
Strafe auf die Lernleistung wurden mit Zunahme der 1 % der Teilnehmer bis zur
zu untersuchen, sollte er Schockstärke immer extremer Maximalstrafe von 450 V gehen
dem „Schüler“, wenn dieser (. Tab. 2.1). Selbstver- würde. Tatsächlich waren
einen Fehler machte, einen ständlich erhielt der Schüler/ es 65 % der Teilnehmer. Der
elektrischen Schock mit einer Vertraute der Versuchsleitung durchschnittlich verabreichte
Stärke von 15 V verabreichen. in Wirklichkeit keine Schocks, Maximalschock betrug 360 V.
Bei jedem weiteren Fehler und die Reaktionen des Kurzum: „Ganz normale“
sollte die Schockstärke um Schülers kamen vom Tonband. Menschen wie Sie und ich
15 V – bis maximal 450 V – Die Studie war jedoch so waren in diesem Experiment
erhöht werden. Die jeweiligen überzeugend gemacht, bereit, anderen nur aufgrund
Schockschalter waren mit dass die Teilnehmer keinen von Anweisungen – die
Etiketten gekennzeichnet, die Zweifel daran hatten, dass sie jedoch keinerlei wirklichen
von „leichter Schock“ über tatsächlich per Knopfdruck Zwang beinhalteten – schwere
„Gefahr: Schwerer Schock“ bis einer anderen Person Schmerzen zuzufügen.
zu einem „XXX“ reichten. Schmerzen zufügten. Diese Ergebnisse wurden in
Der Teilnehmer konnte Zögerte der „Lehrer“, diversen Ländern, u. a. auch
zunächst beobachten, wie reagierte der stets anwesende in Deutschland, repliziert und
der Schüler im Nebenzimmer Versuchsleiter – mit fester zeigen sich bei Erwachsenen
auf einem Stuhl fixiert Stimme, jedoch nie unhöflich – ebenso wie bei Kindern (z. B.
und an die Elektroden mit standardisierten Kilham und Mann 1974; Mantell
angeschlossen wurde. Des Instruktionen. Zunächst sagte 1971; Shanab und Yahya 1977).

z Faktoren, die Gehorsam gegenüber zwischen Lehrer und Schüler (Opfer), indem
Autoritätspersonen begünstigen beispielsweise der Schüler im gleichen Raum
platziert wurde oder der Teilnehmer zur Ver-
Distanz zum Opfer Milgram (1974) vari- abreichung des Schocks sogar die Hand des
ierte in einer weiteren Studie die Distanz Schülers eigenhändig auf eine Platte drücken
124 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

. Tab. 2.1 Ausgewählte Proteste des Schülers in dem Experiment von Milgram (1974, Exp. 5, S. 56 f.)

Volt Reaktion des Schülers

2 75 Ugh!
105 Ugh! (louder)
120 Ugh! Hey, this really hurts
150 Ugh!!! Experimenter! That’s all. Get me out of here. I told you I had heart trouble. My heart’s start-
ing to bother me now. Get me out of here, please. My heart’s starting to bother me. I refuse to go
on. Let me out
180 Ugh! I can’t stand the pain. Let me out of here! (shouting)
255 Ugh! Get me out of here
270 (Agonized scream) Let me out of here. Let me out of here. Let me out of here. Let me out. Do you
hear? Let me out of here
300 (Agonized scream) I absolutely refuse to answer any more. Get me out of here. You can’t hold me
here. Get me out. Get me out of here
315 (Intensely agonized scream) I told you I refuse to answer. I’m no longer part of this experiment
330 (Intense and prolonged agonized scream) Let me out of here. Let me out of here. My heart’s bot-
hering me. Let me out, I tell you. (Hysterically) Let me out of here. Let me out of here. You have no
right to hold me here. Let me out! […]

musste. Unter der letztgenannten Bedingung zu machen ist – nicht wir selbst –, und sind
war ein erheblich geringerer Teil (aber immer- dadurch eher bereit, den Anweisungen Folge
hin noch 30 %!) der Teilnehmer bereit, bis zu leisten.
zum Maximalschock von 450 V zu gehen. Mit
zunehmender Nähe des Opfers sinkt bzw. mit Gradueller Anstieg der Anforderungen Hätte
zunehmender Distanz steigt somit die Bereit- Milgram (1963, 1974) seine Versuchs-
schaft, den Anweisungen des Versuchsleiters personen aufgefordert, dem „Schüler“
Folge zu leisten. gleich beim ersten Fehler einen Schock von
450 V zu verabreichen, hätten sich mit gro-
Verantwortungsverschiebung auf die Autori- ßer Wahrscheinlichkeit viele Teilnehmer
tätsperson Die Verantwortung für mög- geweigert. Die Hemmung, einen harm-
liche Folgen der Befehlsausführung wird zu losen Schock von 15 V zu verabreichen, ist
großen Teilen der anweisenden Autoritäts- dagegen viel schwächer. Durch die geringen
person zugeschrieben, der untergeordnete Steigerungsraten von nur 15 V war es zudem
Befehlsempfänger wird dagegen vornehm- schwer, ein Ende zu finden. Wie sollte man
lich als ausführendes Organ wahrgenommen es schließlich rechtfertigen, dass man einen
(z. B. Blass 1996; Hamilton 1978; Meeus und Schock von 180 V verabreicht hat, sich aber
Raaijmakers 1995; Milgram 1963, 1974). Die – trotz der vom Versuchsleiter betonten
häufig vorgebrachte Erklärung für verübte Wichtigkeit weiterzumachen – standhaft
Grausamkeiten „Ich habe nur einen Befehl weigert, die 195-V-Taste zu drücken? Die-
ausgeführt“ bringt das zum Ausdruck: Wir ses Prinzip der kleinen Schritte kann ent-
gehen davon aus, dass die Autoritätsperson sprechend auch „ganz normale Menschen“
für potenzielle und vor allem für negative zu Folterknechten machen (z. B. in der
Konsequenzen ihrer Befehle verantwortlich griechischen Militärdiktatur in den späten
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
125 2
1960er Jahren; Haritos-Fatouros 1988; Foot- Milgrams Experimente sind ein Klassi-
in-the-Door-Prinzip, 7 Abschn. 2.3.3.2). ker der sozialpsychologischen Forschung,
aber nicht unproblematisch. Seine Metho-
Voranschreiten der Situation Viele Situatio- den stimmen mit modernen ethischen
nen, in denen destruktiver Gehorsam auf- Anforderungen nicht überein. Das Verhalten
tritt, sind dadurch gekennzeichnet, dass sie des Versuchsleiters war improvisierter und
rasch voranschreiten. Häufig sind wenig Zeit seine Darstellung der Ergebnisse unvoll-
und Kapazität für eine gründliche Reflexion ständiger, als es heutige Standards verlangen
der Anweisung selbst bzw. der möglichen (Griggs 2016; . Abb. 2.12).
Konsequenzen, die ein Befolgen bzw. ein
Nichtbefolgen haben könnten. Auch dieser z Unkritischen Gehorsam verringern
Faktor war beispielsweise in den Studien von Gehorsam gegenüber Autoritäten ist ein
Milgram (1963, 1974) gegeben: Innerhalb Grund für viele Gräueltaten in der Mensch-
weniger Minuten nach Betreten des Labors heitsgeschichte. Aber auch in alltäglicheren
sahen sich die Teilnehmer mit der Situation Situationen kann unkritischer Gehorsam
konfrontiert, einer anderen Person elektri- negative Folgen haben – man denke nur
sche Schocks verabreichen zu sollen. einmal daran, dass ein (wirklicher) Arzt
sich bei seinen Anweisungen an das Pflege-
Identifizierung mit der Autoritätsperson Eine personal einmal irrt und aus Versehen eine
Autorität repräsentiert typischerweise eine zu hohe Dosis verschreibt. In einem solchen
Institution. Entsprechend trat der Versuchs- Fall wäre es wünschenswert, dass nicht ein-
leiter der Milgram-Studien (1963, 1974) als fach der Autorität Folge geleistet, sondern
typischer Wissenschaftler mit weißem Kittel die Anweisung infrage gestellt wird. Wie aber
auf und erteilte die ersten drei Appelle „im lässt sich unkritischer Gehorsam verringern?
Namen der Wissenschaft“ (7 Beispielstudie
2.10, z. B. Appell 2: „Das Experiment ver- Eigenverantwortung betonen Erinnert man
langt, dass Sie weitermachen“). Dies ist kein Befehlsempfänger daran, dass sie – zumindest
Befehl, in welchem eine Person kraft ihrer anteilig – sehr wohl Verantwortung für das,
Autorität einer anderen ein bestimmtes Ver- was sie tun, übernehmen müssen, kann dies
halten diktiert, wie man es etwa vom Militär die Tendenz, den Anweisungen einer Autori-
kennt. Vielmehr vereinte der Wunsch, zum tätsperson zu folgen, drastisch reduzieren
wissenschaftlichen Fortschritt beizutragen, (z. B. Kilham und Mann 1974).
Versuchsleiter und Versuchsteilnehmer (Rei-
cher und Haslam 2011). Am ehesten kam der
vierte und letzte Appell einem Befehl gleich:
„Sie haben keine andere Wahl. Sie müssen
Versuchsleiter
weitermachen.“ In einer Replikationsstudie,
und Experiment
in der der Erfolg der vier Appelle erfasst
wurde, zeigte sich, dass kein einziger Ver- Lehrer
suchsteilnehmer dem vierten Appell folgte
(Burger 2011; vgl. auch Haslam et al. 2014).
Damit ist der Grund für Gehorsam in Mil- Lerner
grams Experimenten möglicherweise eher
darin zu sehen, dass man sich mit der Autori-
tät identifiziert und überzeugt ist, einer guten
Sache zu dienen, als darin, dass man sich . Abb. 2.12 Position des Lehrers zwischen
dem Willen einer anderen Person unter- Versuchsleiter und Lerner in der Milgram’schen
ordnet (Haslam et al. 2015). Versuchsanordnung
126 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Expertise und Motive der Autorität hinter- Menschen aufgrund von Expertise und Sta-
fragen Bei fragwürdigen Anweisungen tus zugeschrieben, welche wiederum u. a. aus
kann es helfen, die Expertise und auch die äußeren Zeichen (Statussymbolen) abgeleitet
2 Motive der Autoritätsperson zu hinterfragen. werden. Diese Faktoren lassen sich gezielt beto-
Ist die Person tatsächlich ein Experte oder nen oder einsetzen und auf diese Weise Sympa-
wirkt sie nur so? Ist der Befehl angemessen thie und Autorität als Judostrategie verwenden.
oder nicht? Dient unser Gehorsam mög- Wir haben uns bisher damit beschäftigt,
licherweise nur egoistischen Zielen dieser wie der soziale Einfluss einer Person von
Person? Dieses Hinterfragen ist von großer situativen Gegebenheiten (7 Abschn. 2.3.1)
Bedeutung, weil sich äußere Anzeichen von und Merkmalen der Beziehung (aktueller
Autorität leicht fälschen lassen – man denke Abschnitt) beeinflusst wird und wie sich dies
nur an Hochstapler, die sich dieses Phäno- im Sinne einer Judostrategie zur bewuss-
men sehr erfolgreich zunutze machen. Steven ten Einflussnahme nutzen lässt. Der nächste
Spielberg erzählt in seinem Kinofilm Catch Abschnitt zeigt, dass wir auch dann eher
me if you can über Frank W. Abagnale Jr., bereit sind zu tun, was ein anderer von uns
dessen Karrieren als falscher Arzt, Pilot und will, wenn er in uns zuvor ein Gefühl der Ver-
Rechtsanwalt vortreffliche Beispiele hierfür pflichtung geschaffen hat.
darstellen.

Angemessenheit von Gehorsam hinterfragen In 2.3.3 Sozialer Einfluss


manchen Situationen ist Gehorsam angemessen durch Auslösen eines
und sehr sinnvoll, beispielsweise wenn wir als Verpflichtungsgefühls beim
medizinische Laien ohne lange Diskussion an Gegenüber
einem Unfallort den Anweisungen des Not-
arztes folgen. In anderen Situationen dagegen ist In den beiden Redewendungen „Wie du mir,
Gehorsam nicht angemessen bzw. steht der Nut- so ich dir“ und „Wer A sagt, muss auch B
zen von Gehorsam (z. B. keinen Ärger mit dem sagen“ stecken zwei Entscheidungsregeln, die
Versuchsleiter zu bekommen) in keiner Rela- im Sinne einer Judostrategie dazu verwendet
tion zu dem Schaden, den man damit anrichtet werden können, den anderen dahin zu brin-
(z. B. einer anderen Person starke Schmerzen gen, wo wir ihn haben wollen. „Wie du mir, so
zuzufügen). Es hat sich gezeigt, dass Menschen ich dir“ meint die Regel der Gegenseitigkeit:
weniger dazu neigen, Befehle blind zu befolgen, Habe ich jemand anderem etwas Gutes getan
wenn sie eine oder mehrere andere Personen oder steht er anderweitig in meiner Schuld,
beobachten können, die die Anweisungen nicht kann ich von ihm erwarten, dass er sich revan-
befolgen (z. B. Rochat und Modigliani 1995), chiert. Die Regel „Wer A sagt, muss auch B
und dadurch angeregt selbst anfangen, die sagen“ basiert auf dem Bedürfnis, in unseren
Angemessenheit der Befehle infrage zu stellen Handlungen konsistent zu sein. In beiden Fäl-
(7 Abschn. 2.2.2). len entsteht ein Verpflichtungsgefühl – im ers-
Zusammenfassend lässt sich festhalten, ten Fall gegenüber einer anderen Person, im
dass Merkmale der anderen Person – im Spe- zweiten Fall gegenüber der eigenen Meinung.
ziellen deren Sympathie und Autorität – mit- Die Redewendung „Viele Tropfen ergeben
bestimmen, wie stark ihr Einfluss auf andere ein Meer“ drückt aus, dass große Wirkungen
Menschen ist. Sympathisch sind uns Personen entstehen können, wenn viele Einzelbeiträge
u. a. deshalb, weil sie sich „von ihrer besten zusammenkommen. Wie kann man aber den
Seite“ zeigen (positive Selbstdarstellung), weil Einzelnen dazu bringen, den Tropfen bei-
wir Ähnlichkeiten zwischen ihnen und uns zusteuern und Aufwand zu betreiben, um
selbst feststellen können oder weil sie es schaf- mitzuhelfen, ein großes Ziel zu erreichen?
fen, dass wir uns gut fühlen. Autorität wird Hat er den Eindruck, mit seinem Tropfen
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
127 2
ganz allein dazustehen, so macht sich in ihm Was in diesen beiden Beispielen zum Tragen
eher das Gefühl breit, dass jede Anstrengung kommt, ist die Reziprozitätsnorm oder auch
„ein Tropfen auf den heißen Stein“ ist. Weiß Regel der Gegenseitigkeit: Ist jemand nett zu
er aber, dass viele ihre Tropfen beisteuern, uns, fühlen wir uns verpflichtet, ihm gegen-
so motiviert das. Und machen wir ihm klar, über ebenfalls nett zu sein (Cialdini et al. 1992;
dass es das Richtige ist, seinen Tropfen bei- Uehara 1995; Whatley et al. 1999). Ganz all-
zusteuern, so stehen die Chancen gut, dass gemein könnte man auch sagen, dass wir das
er sich daran hält – jedenfalls für eine Weile. Bedürfnis haben, unser „Geben-und-nehmen-
Auch bei diesen beiden Arten der Einfluss- Konto“ mit anderen Menschen auszugleichen
nahme entstehen Verpflichtungsgefühle – und im Besonderen dafür zu sorgen, aus dem
gegenüber den vielen anderen, die sich schon Minus herauszukommen, denn Schnorrer
anstrengen, oder gegenüber der Person oder oder Abzocker sind nicht beliebt (. Abb. 2.13).
Gruppe, die sich für die gute Sache engagiert. Es ist sozial nicht gern gesehen, Schulden zu
haben bzw. diese nicht zu begleichen oder
2.3.3.1 „Wie du mir, so ich dir“ – auch jemandem nicht die Möglichkeit einzu-
Verpflichtung aufgrund von räumen, einen Gefallen zu erwidern (Gergen
et al. 1975). Ins Minus bzw. „in die Schuld“
Reziprozitätsnorm
bei einem anderen kommen wir entweder
Stellen Sie sich vor, ein Kommilitone bittet Sie, dadurch, dass wir uns ihm gegenüber etwas
ihm nächstes Wochenende beim Umzug zu zuschulden kommen lassen (7 Exkurs: Erhöhte
helfen. Terminlich passt Ihnen das überhaupt Hilfsbereitschaft durch Induktion von Schuld-
nicht, da Sie am darauffolgenden Montag in gefühlen) oder aber indem dieser uns etwas
Ihrem Sozialpsychologieseminar ein Referat Gutes tut (uns also etwas „vorstreckt“). Dieses
halten müssen und genau wissen, dass Sie das Gefühl, nach einer Gefälligkeit in der Schuld
Wochenende dringend zur Vorbereitung brau- des anderen zu stehen, kommt sogar dann in
chen werden. Andererseits ist Ihr Kommili- uns auf, wenn wir gar nicht um diese Gefällig-
tone ein wirklich hilfsbereiter Mensch und hat keit gebeten haben bzw. diese gar nicht wollten
Ihnen erst gestern wieder mit den Statistikauf- (7 Beispielstudie 2.11).
gaben aus der Patsche geholfen. Was tun Sie Erhalten wir eine Gefälligkeit, fühlen
also? Vermutlich werden Sie dem Kommilito- wir uns verpflichtet, uns zu revanchieren.
nen beim Umzug helfen – schließlich wollen Das Ausmaß der Gegenleistung ist dabei in
Sie nicht undankbar erscheinen. Im gleichen der Regel größer als die erhaltene Gefällig-
Sinne macht es die Bitte „Darf ich heute län- keit – ein Getränk im Wert von zehn Cent
ger aufbleiben? – Ich hab doch vorhin auch wird mit dem Kauf von einem oder mehreren
mein Zimmer aufgeräumt“ Eltern schwerer, 25-Cent-Losen entschädigt, die Statistikhilfe
ihrem Sprössling eine Absage zu erteilen, als von einer halben Stunde mit mehrstündiger
wenn dieser vorher nicht auf seine „gute Tat“ Hilfe beim Umzug. Personen reagieren häu-
hingewiesen hätte (in der Annahme, dass er fig nicht mit einer Tit-for-Tat- bzw. „Wie-du-
sein Zimmer für die Eltern und nicht für sich mir-so-ich-dir“-Strategie, sondern legen noch
selbst in Ordnung gebracht hat). etwas drauf (d. h. Tit for Tat plus one; van
Lange 1999). Wie kommt es dazu? Bedenkt
Reziprozitätsnorm man, dass es im sozialen Austausch häufig
Soziale Norm, die besagt, dass sich Geben schwierig ist, den Wert einer Gefälligkeit oder
und Nehmen die Waage halten müssen. Schuld einzuschätzen (wie viel ist z. B. eine
Entsprechend fühlen wir uns beispielsweise halbe Stunde Statistikhilfe umgerechnet in
verpflichtet, Gefälligkeiten zu erwidern – Stunden Umzugshilfe wert?), und zudem die
sogar, wenn wir diese gar nicht wollten. gleiche Aktion von verschiedenen Personen
möglicherweise sehr unterschiedlich bewertet
128 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

. Abb. 2.13 Ein Geschenk zu erhalten, ist eine tolle Sache. Macht man sich allerdings in dem Moment bewusst,
dass man dies zu gegebener Zeit erwidern sollte, und hat man absolut keine Idee, keine Lust oder keine Zeit, ein
passendes Geschenk zu finden, so kann dies die Freude etwas schmälern. Dass dieses Verpflichtungsgefühl über-
haupt aufkommt, ist eine Folge der Reziprozitätsnorm. (© Monet/stock.adobe.com)

Exkurs als sie bekommen hat, kann sicher sein, dass


ihre Schuld beglichen ist – selbst wenn bei-
Erhöhte Hilfsbereitschaft durch spielsweise nicht alles beim anderen ankommt
Induktion von Schuldgefühlen oder dieser die Leistung geringer einschätzt.
Schuldgefühle lösen den Wunsch nach Des Weiteren zeugt eine Gegenleistung, die
Wiedergutmachung oder Reparieren der über das Notwendige hinausgeht, von einer
Beziehung aus. Ist dies nicht möglich, können gewissen Freiwilligkeit; eine gleich hohe
sie auch dazu führen, dass man Unbeteiligten
Gegenleistung würde erzwungen wirken
etwas Gutes tut, wie die folgende Feldstudie
zeigt. (Felser 2001, S. 258).
Katzev et al. (1978, Exp. 2) ließen in einem Zoo
Besucher, die die Bären mit Dingen fütterten, Tit for Tat plus one
die nicht erlaubt waren, mit den Worten
ermahnen: „Hey, füttern Sie die Tiere nicht Um sicherzugehen, dass die
mit unerlaubtem Futter. Wissen Sie nicht, dass Gegenleistung als mindestens
ihnen das schaden könnte?“ Solchermaßen gleichwertig zur erhaltenen Leistung
zurechtgewiesene Besucher waren kurz akzeptiert wird, geben Personen
darauf eher bereit, einer anderen Person, der
eine Gegenleistung, die gemäß ihrer
„versehentlich“ etwas heruntergefallen war,
zu helfen, als Zoobesucher, die die Bären nicht Einschätzung den Wert der erhaltenen
gefüttert hatten und auch nicht ermahnt Leistung übersteigt.
worden waren.

Die Reziprozitätsnorm in Verbindung mit der


Neigung zur Tit-for-Tat-plus-one-Strategie ist
wird (z. B. eine halbe Stunde Statistikhilfe geradezu prädestiniert dazu, im Sinne einer
von einem passablen versus einem grotten- Judostrategie zur Beeinflussung anderer Per-
schlechten Statistiker), wird dies verständ- sonen (aus-)genutzt zu werden: Ich gehe mit
lich: Eine Person, die etwas mehr zurückgibt, einer kleinen Gefälligkeit in Vorleistung, und
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
129 2
Beispielstudie 2.11

Gefälligkeiten erzeugen den sozialen Druck, sich zu revanchieren


Regan (1971) ließ in einer In beiden Gruppen brachte bekäme, erhalte er eine
seiner Studien jeden der Assistent bei jeweils der Prämie.
Teilnehmer mit einer Hälfte der Versuchsteilnehmer Die meisten Lose wurden
anderen Person zusammen aus der Pause überraschend gekauft, wenn die Teilnehmer
eine Aufgabe bearbeiten. zwei Flaschen Cola mit und zuvor unerwarteterweise eine
Diese zweite Person bot eine unaufgefordert dem Cola erhalten hatten (obwohl
war jedoch kein echter echten Teilnehmer an. Bei der eine Cola damals wesentlich
Teilnehmer, sondern ein anderen Hälfte kam er mit weniger kostete als die
Assistent des Forschers. leeren Händen zurück. Nach Lose, nämlich nur etwa zehn
Er war instruiert, sich bei der Aufgabenbearbeitung Cent). Das freundliche bzw.
einer Hälfte der Teilnehmer fragte der Assistent den unfreundliche Auftreten des
insgesamt eher freundlich, Teilnehmer, ob er ihm einige anderen war von wesentlich
bei der anderen Hälfte 25-Cent-Lose für ein Auto geringerer Bedeutung. Somit
eher unfreundlich zu abkaufen würde – wenn er war die Reziprozitätsnorm
verhalten. möglichst viele Lose verkauft entscheidend.

der andere fühlt sich verpflichtet, diese mit Ladens/Restaurants, die wir im Briefkasten
einer größeren Gefälligkeit zu erwidern. Auf vorfinden. Schickt man Personen einen Dol-
dem Mechanismus der Reziprozität basieren lar mit, wenn man ihnen einen Fragebogen
entsprechend verschiedene, sehr wirksame zusendet, so erhöht das die Wahrschein-
Beeinflussungsprinzipien, die im Folgenden lichkeit, dass sie den Fragebogen ausgefüllt
näher beschrieben werden. zurücksenden, von 20 % auf 40 % (James
und Bolstein 1992). Wie bereits besprochen,
z Auf Reziprozität basierende muss diese Gefälligkeit oder das Geschenk
Judostrategien weder erwartet noch erwünscht sein, damit
der soziale Druck entsteht, der dieses Prin-
(Werbe-)Geschenke, Kostproben Die Rezi- zip erfolgreich sein lässt. Selbst wenn man
prozitätsnorm machen sich verschiedenste vorher weiß, worum es gehen wird (wie es
Vereinigungen (Religionsgemeinschaften, bei den typischen Kaffeefahrten der Fall ist,
politische Vereinigungen, Vereine etc.) immer die bereits als Verkaufsfahrten deklariert
wieder zunutze. Sie überreichen per Post oder sind), befindet man sich unversehens in
auf der Straße ein kleineres Geschenk wie bei- einem psychologischen Dilemma: Man wird
spielsweise Postkarten, Luftballons, Anstecker mit Werbegeschenken überhäuft und weiß
oder eine Blume und verbinden dies mit der kaum, wie man die Fahrt, ohne etwas zu kau-
Bitte um eine Spende oder um den Beitritt in fen, überstehen soll. Möglicherweise lassen
ihren Verein. Ziel dieses Vorgehens ist es, dass sich Eltern auch eher dazu hinreißen, auf die
sich der Empfänger aufgrund des Geschenks Frage der Metzgereiverkäuferin „Darf ’s auch
verpflichtet fühlt, sich zu revanchieren, d. h. etwas mehr sein?“ mit Ja zu antworten, wenn
in diesem Fall, dass er der Bitte nachkommt der Sprössling kurz vorher eine Scheibe Wurst
(Church 1993; James und Bolstein 1992). geschenkt bekommen hat.
Und das funktioniert: Werden beispielsweise Ob dies allerdings auch immer zu höhe-
kleine Geschenke wie Adresssticker mit- ren Einnahmen führt, muss man im Einzelfall
geschickt, steigt die Spendenbereitschaft deut- abwägen. In einer Feldstudie zur Spenden-
lich an (Smolowe 1990). Nach dem gleichen bereitschaft für einen Nationalpark in Costa
Prinzip wirken Gratisproben im Supermarkt Rica führte das kleine Geschenk zwar durch-
oder Gutscheine zur Neueröffnung eines aus dazu, dass mehr Personen bereit waren,
130 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Geld zu spenden. Allerdings war dies erstens That’s-not-all!-Prinzip


nur dann der Fall, wenn der Versuchsleiter Bei diesem Prinzip erhöht sich durch ein
den Geldbetrag einsehen konnte, und zwei- „Extra“ die Wahrscheinlichkeit, dass der
2 tens reduzierte sich gleichzeitig die Höhe der andere dem ursprünglichen Angebot
Spenden, sodass insgesamt kaum mehr Geld zustimmt. Dabei muss zum einen die
in die Kassen der Nationalparkstiftung kam Dreingabe/der Nachlass angeboten
(Alpizar et al. 2008). Demgegenüber erhöhte werden, noch bevor sich der andere
die Information, dass andere üblicherweise hinsichtlich des ursprünglichen Angebots
zehn Dollar geben, bei denjenigen, die in entschieden hat, und zum anderen
US-Dollar zahlten, den Beitrag beträchtlich, muss das Extra als spontan und freiwillig
was auf das gleichzeitige Wirken von norma- empfunden werden.
tivem Einfluss (7 Abschn. 2.2.1) und Anker-
effekt (7 Sozialpsychologie I, Abschn. 3.3)
zurückzuführen ist.
Door-in-the-Face-Prinzip8 In dem bekannten
That’s-not-all!-Prinzip Kennen Sie das? Ihr Comic Calvin und Hobbes (Bill Watterson
Partner/Mitbewohner bittet Sie um einen 1985) fragt Calvin seine Mutter zunächst, ob
Gefallen, und während Sie noch überlegen, er seine Matratze anzünden dürfe, was die
ob Sie zustimmen sollen oder nicht, setzt der Mutter erwartungsgemäß verneint. Auch die
andere noch eins drauf und sagt: „Ich mache darauffolgende Frage, ob er auf dem Hausdach
auch heute Abend den Abwasch.“ Vielleicht Dreirad fahren dürfe, wird von der Mutter
hätte er das Spülen eh übernommen, trotz- mit einem Nein quittiert. Als auch die Ant-
dem könnte diese Ankündigung Sie dazu wort auf die dritte Frage „Kann ich dann einen
bewegen, seiner Bitte eher zuzustimmen. Keks haben?“ negativ ausfällt, zieht Calvin
Dieses Vorgehen wird im Verkaufsbereich mit einem enttäuschten „Sie hat mich durch-
häufig und mit großem Erfolg eingesetzt. schaut“ ab. Was war passiert? Der gute Cal-
Zugrunde liegender Mechanismus die- vin hatte nach dem Door-in-the-Face-Prinzip
ses Prinzips ist ebenfalls die Reziprozitäts- versucht, seine Mutter dazu zu bringen, ihm
norm: Der Verkäufer tut mir etwas Gutes, die kleine Bitte um einen Keks zu gewähren,
indem er mir – ohne dass ich danach frage indem er zwei große Bitten voranstellte – in
– noch etwas dazugibt oder den Preis nach- vollem Bewusstsein, dass die Mutter diese
lässt. Für dieses Zugeständnis muss ich ihm ablehnen würde. In dem Comic waren die
nun ebenfalls etwas Gutes tun, indem ich vorangehenden Fragen so überzogen, dass
das Naheliegende tue und ihm das Produkt die Mutter sofort hellhörig wurde und ihrem
abkaufe. Dieses Prinzip funktioniert jedoch Sohnemann dadurch auf die Schliche kam.
nur, wenn das Zugeständnis des anderen Im realen Leben und unter dem Umstand,
nicht als Verpflichtung seinerseits angesehen
bzw. nicht als Ergebnis eines interaktiven
Verhandlungsprozesses, sondern als spon- 8 Der Ausdruck Door in the Face kommt daher,
tan und freiwillig erlebt wird (Burger 1986). dass Vertretern an der Haustür zunächst ob der
Wäre Ihr Mitbewohner/Partner also gemäß unverschämt großen Bitte die Tür vor der Nase
zugeschlagen wird. Er muss dann noch einmal
Spülordnung eh an der Reihe mit dem klingeln, um dabei von der ersten Forderung
Abwasch, hätte sein „spontanes“ Zugeständ- zurückzutreten und eine kleinere – die ursprüng-
nis vermutlich wenig Wirkung. lich beabsichtigte – Forderung zu stellen.
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
131 2
dass die erste Forderung nicht fern jeder Ver- Neben der Reziprozitätsnorm spielen für das
nunft liegt, erhöht eine vorgeschobene große Door-in-the-Face-Prinzip der Ankereffekt
Bitte (die ziemlich sicher abgelehnt wird) die (7 Sozialpsychologie I, Abschn. 3.3) und
Wahrscheinlichkeit, dass der andere einer das Kontrastprinzip (7 Abschn. 2.3.1) eine
nachgeschobenen kleineren Bitte nachgibt Rolle. Diese bewirken, dass die „abgespeckte“
(Cialdini und Trost 1998; Patch et al. 1997; Version nach einer vorgeschobenen ext-
Reeves et al. 1991; Schwarzwald et al. 1979; remen Forderung geringer/kleiner wirkt,
Wang et al. 1989; 7 Beispielstudie 2.12). Das als es ohne diese der Fall gewesen wäre.
Door-in-the-Face-Prinzip funktioniert letzt- Forschungsbefunden zufolge funktioniert das
endlich genauso wie das That’s-not-all!-Prin- Door-in-the-Face-Prinzip auch bei mehreren
zip: Der Rückzug der ersten Bitte wird – wie aufeinanderfolgenden großen Bitten (z. B.
die Dreingabe bzw. der Preisnachlass beim Goldman und Creason 1981). Eine Metaana-
That’s-not-all!-Prinzip – als Zugeständnis emp- lyse (Feeley et al. 2012) ergab, dass die Door-
funden; der andere kommt uns scheinbar ent- in-the-Face-Technik die größten Effekte zeigt,
gegen, woraufhin wir glauben, unsere Position wenn sie 1) für prosoziale Zwecke eingesetzt,
ebenfalls ein Stück weit aufgeben zu müssen. also an die Hilfsbereitschaft appelliert wird,
Unberücksichtigt bleibt dabei, dass der andere wenn 2) die zweite Bitte unmittelbar auf die
die erste Forderung nur aus strategischen erste folgt und wenn 3) das erwünschte Ver-
Gründen vorgebracht und seinen „Kompro- halten schwierig, aufwendig oder kostspielig
miss“ einkalkuliert hatte. ist. Ursache für diese erhöhte Wirkung ist,
dass unter diesen Bedingungen das zwei-
Door-in-the-Face-Prinzip malige Ablehnen einer Bitte nicht mehr mit
Durch eine vorgeschobene große dem eigenen Selbstbild eines hilfsbereiten
Forderung erhöht sich die Wahrschein- Menschen vereinbar scheint und man es
lichkeit, dass einer nachgeschobenen daher vorzieht zuzustimmen, also hilfsbereit
kleineren Bitte zugestimmt wird – zu sein.
vorausgesetzt, die erste Forderung liegt in Kleine und große Bitten können auch in
einem realistischen Bereich. genau umgekehrter Reihenfolge genutzt werden
(Foot-in-the-Door-Prinzip; 7 Abschn. 2.3.3.2),

Beispielstudie 2.12

Nach einer großen Bitte wird einer kleineren eher zugestimmt


Cialdini et al. (1975) fragten zunächst gefragt, ob sie 50 % dieser Studierenden zu
Studierende auf dem Campus bereit wären, für mindestens dem gemeinsamen Zoobesuch
(Gruppe B), ob sie bereit wären, zwei Jahre zwei Stunden bereit.
unentgeltlich mit jugendlichen wöchentlich als unbezahlte Die vorgeschaltete große Bitte
Delinquenten für zwei Stunden Berater für jugendliche und das Abrücken von dieser
einen Zoobesuch zu machen. Delinquenten zu arbeiten. wirken wie eine Gefälligkeit,
Nur 17 % der gefragten Niemand der Studierenden für die sich die Studierenden
Studierenden waren dazu war dazu bereit. Auf die sozusagen revanchieren,
bereit. Andere Studierende darauffolgende Zoo-Frage indem sie der kleineren Bitte
(Gruppe A) wurde dagegen hingegen erklärten sich dann eher zustimmen.
132 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

um andere zu beeinflussen – allerdings ist der Wie 7 Beispielstudie 2.13 zeigt, reicht bereits
vermittelnde Mechanismus dann ein anderer.9 ein auf den ersten Blick sehr unbedeutendes
Wird zunächst eine kleine und darauf folgend Commitment, um die Hilfsbereitschaft zu
2 eine größere Bitte zum gleichen Thema gestellt, erhöhen.
so bewirkt eine erste Zustimmung ein sog.
Commitment, das die Ablehnung einer zweiten
Bitte schwermacht. Darum soll es in den folgen- Commitment
den Abschnitten gehen. Verpflichtung gegenüber bzw.
Engagement für eine Sache. Äußerungen
2.3.3.2 Wer A sagt, muss auch B oder Verhalten führen zu besonders
sagen – Commitment durch starkem Commitment, wenn sie
Streben nach Konsistenz 5 öffentlich gemacht werden,
Mögen Sie Menschen, die heute so und mor- 5 explizit,
gen so sagen bzw. die „ihr Fähnchen nach 5 nicht zurückziehbar,
dem Wind richten“? Möchten Sie von ande- 5 wiederholt,
ren als „so jemand“ angesehen werden? 5 folgenreich,
Vermutlich nicht. Menschen streben ganz 5 schwierig, anstrengend oder mit
allgemein danach, in ihren Aussagen und Kosten verbunden sind, und
Handlungen konsistent zu sein, d. h., wenn 5 freiwillig sowie
wir A gesagt haben, fühlen wir uns häufig ver- 5 aus innerem Antrieb getätigt werden.
pflichtet, auch B zu sagen – wenn auch das
eine oder andere Mal zähneknirschend. Es Wirkmechanismen sind:
kann durchaus vorkommen, dass wir inner- 5 Konsistenzbestreben
lich unsere Meinung kurzfristig ändern, 5 Selbstwahrnehmungsprozess
wenn uns das vorteilhaft erscheint. Sehr
viel schwerer ändern wir jedoch eine ein-
mal geäußerte Meinung bzw. handeln ent- Der Vorteil der auf Commitment basieren-
gegen dieser: Wir fühlen uns an unsere erste den Taktiken ist, dass sie sozusagen von
Aussage gebunden oder, anders ausgedrückt, alleine arbeiten – sie kosten nur eingangs die
wir haben uns zu einer bestimmten Haltung Anstrengung, das Commitment zu erzeugen.
„committet“ (Cialdini 2001). Für die Wirk- Danach bewirkt das Konsistenzstreben der
samkeit dieser Verpflichtung ist es wichtig, Betroffenen, dass das gewünschte Verhalten
dass das Commitment öffentlich, explizit, mit auch eintritt. In manchen Fällen reicht als
Anstrengung verbunden und nicht zurück- Commitment bereits ein „Mir geht es gut“
ziehbar ist sowie freiwillig aus innerem (7 Beispielstudie 2.13) oder auch das eigen-
Antrieb getätigt wird (Allison und Messick händige Ausfüllen eines Mitgliedsantrags aus,
1988; Cialdini 2001, S. 67; Fazio et al. 1982; um die gewünschten Effekte zu erzeugen.
Freedman 1965; Kiesler und Sakumura 1971;
Illustration: Selbst etwas tun
Schlenker et al. 1994). Wird es darüber hin-
aus mehrfach wiederholt und hat es weit- Bringt man potenzielle Käufer dazu, selbst
reichende Folgen, so fühlt sich die Person aktiv zu werden, indem man sie beispiels-
noch stärker gebunden (Joule et al. 2007). weise bittet, ein Produkt auszuprobieren
und zu bewerten, so schafft dies bereits
ein gewisses Commitment gegenüber Ver-
käufer und Produkt. Kaffeemaschinen oder
9 Für einen Effizienzvergleich der beiden Prinzipien
Door in the Face und Foot in the Door, die eine
Fahrräder kann man ausprobieren, Bücher
entgegengesetzte Abfolge von kleiner und großer Probe lesen. Aber wie lässt sich Commitment
Bitte benutzen, vgl. Pascual und Gueguen (2005). für Mitgliedschaften oder Versicherungen
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
133 2
Beispielstudie 2.13

Ein anfängliches Commitment führt zu erhöhter Hilfsbereitschaft


Howard (1990, Exp. 3) rief fortfuhr), stimmten 32 % der zwischen beiden Einleitungen
bei Einwohnern von Dallas Befragten zu. besteht darin, dass die erste
an und fragte, ob eine In einer Variante dieser Studie Frage ein Commitment der
Hungerhilfsorganisation leitete Howard (1990, Exp. 2) das Person erfordert, während die
einen ihrer Vertreter zu Gespräch mit den angerufenen zweite Variante dies nicht tut.
ihnen schicken und dieser Personen entweder wie oben Selbst ein so unverbindliches,
ihnen Plätzchen verkaufen mit der Frage „Wie geht es aber aktives Commitment wie
dürfte. 18 % der angerufenen Ihnen heute Abend?“ ein (und „Mir geht es gut“ macht es für
Personen stimmten zu. Wenn wartete die Antwort ab, ehe das Gegenüber leichter, eine
der Anrufer jedoch eingangs er mit der Bitte fortfuhr) oder Forderung durchzusetzen –
die Frage „Wie geht es Ihnen mit dem Satz „Ich hoffe, es denn wenn es jemandem
heute Abend?“ stellte (und geht Ihnen gut heute Abend“. gut geht, kann er ja etwas
die – fast immer positive – Auf die erste Variante hin für diejenigen tun, denen es
Antwort abwartete, stimmten 33 % zu, auf die schlechter geht (Kontrastprinzip;
ehe er mit der Bitte zweite 15 %. Der Unterschied 7 Abschn. 2.3.1).

erzeugen? Hier lassen Verkäufer den Kunden 1995; 7 Exkurs: Bezug zur Persönlichkeit erhöht
Verkaufsformulare oder Mitgliedsanträge die Wirkung von Commitment; 7 Sozialpsycho-
selbst ausfüllen (Cialdini 2001, S. 71). Das Ziel logie I, Abschn. 7.2).10
des auf diese Weise erzeugten Commitments Das Konsistenzbestreben beruht auf der
ist, dass Personen von ihrem gesetzlich vor- kulturellen Norm, situationsübergreifend
geschriebenen Widerrufsrecht möglichst sel- gleich zu handeln. Damit richten Menschen
ten Gebrauch machen. in individualistischen Kulturen ihr Verhalten
stärker danach aus, was sie selbst in der Ver-
Worauf beruht dieser Commitment-Effekt? gangenheit getan haben (vgl. auch 7 Sozial-
Commitment wirkt über das Zusammen- psychologie I, Abschn. 5.2.2). Demgegenüber
spiel eines Selbstwahrnehmungsprozesses herrscht in kollektivistischen Kulturen die
und des Konsistenzbestrebens einer Person. Norm, sich nach anderen zu richten, sich
Mit dem Commitment ist häufig eine Ver- also an situative soziale Normen anzupassen.
änderung des aktiven Selbstkonzepts (der Entsprechend werden Menschen in kollekti-
zu einem Zeitpunkt zugängliche Teil des vistischen Kulturen stärker von Informatio-
Selbstbilds; Wheeler et al. 2014) verbunden. nen über das Verhalten anderer beeinflusst
Menschen versuchen, sich in Bezug auf ihr (soziale Bewährtheit; 7 Abschn. 2.3.1.1). Ein
Selbstbild konsistent zu verhalten. So kann solches Muster zeigte sich auch in einem
beispielsweise jemand aus der Tatsache, dass
er für einen guten Zweck (z. B. für die Kinder-
hilfsorganisation UNICEF e. V.) gespendet
hat, schließen, dass er ein im Allgemeinen
10 Das Konsistenzbestreben tritt in der Kindheit
wohltätiger Mensch ist. Bei ähnlichen erst im Rahmen eines erweiterten Verständnisses
Gelegenheiten – beispielsweise bei einem dafür auf, dass Personeneigenschaften stabil (und
Spendenaufruf der SOS-Kinderdörfer – wird er damit Meinungen konsistent) sind. So zeigten in
sich mit diesem Selbstbild konsistent verhalten einer Studie von Eisenberg et al. (1987) Kinder im
wollen, wodurch sich die Wahrscheinlich- Kindergartenalter nach einem Commitment noch
keine konsistenten Reaktionen; dies begann erst
keit zu spenden erhöht (Burger 1986; Cialdini im Alter von sieben bis acht Jahren – parallel zu
1993; Cialdini et al. 1995; DeJong 1979; Dillard dem erweiterten Verständnis für die Stabilität von
1991; Dillard, et al. 1984; Gorassini und Olson Personeneigenschaften.
134 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Exkurs
Bezug zur Persönlichkeit erhöht die Wirkung von Commitment
Fointiat et al. (2004) ließen eine als in den beiden anderen ein solches Label zugleich
2 junge Frau Besucher eines Parks Gruppen. die Erwartung aus, dass die
nach dem Weg fragen. Die Die Wirkung des Person weiterhin hilfsbereit
Frau bedankte sich entweder Commitments war somit sein wird. Da die meisten
mit einem einfachen „danke“ verstärkt, wenn die Menschen sich auch selbst
(kein Labeling), mit „Danke, junge Frau durch eine für hilfsbereit halten, aktiviert
Sie haben mir den Weg gut entsprechende Formulierung eine solche Bemerkung das
gezeigt“ (funktionales Labeling) die freundliche Handlung Selbstbild als hilfsbereite
oder mit „Danke, Sie sind sehr der angesprochenen Person Person und damit verbunden
hilfsbereit“ (soziales Labeling). (den Weg zu erklären) auf ihre eigene Erwartungen, auch
Kurz darauf fiel der jungen Frau hilfsbereite Persönlichkeit in Zukunft hilfsbereit zu
„unbemerkt“ ein Geldschein aus attribuierte, statt die handeln. Dies unterstreicht
der Manteltasche. War der Dank Handlung selbst zu loben die Bedeutsamkeit sozialer
vorher auf die Persönlichkeit des oder sich nur zu bedanken. Erwartungen und eines
anderen bezogen (d. h. soziales Da sich eine hilfsbereite salienten, d. h. durch den
Labeling), gaben ihr erheblich Person dadurch auszeichnet, Kontext hervorgehobenen
mehr der angesprochenen in vielen Situationen Selbstbilds für die Wirksamkeit
Besucher den Schein zurück hilfsbereit zu handeln, drückt von Commitment.

Vergleich von Studierenden aus einer eher meistens nichts, die Mitgliedschaft, die wir uns
kollektivistischen und einer eher individualis- daraufhin leichter aufschwatzen lassen, aller-
tischen Kultur (Polen versus USA; Zou et al. dings schon. Personen werden gefragt, ob sie
2009; 7 Beispielstudie 2.14). eine kleine – vollkommen risikofreie – Bitte
Judostrategien, die Commitment als erfüllen könnten. Haben sie dieser kleineren
Mechanismus nutzen, sind das Foot-in-the- Bitte erst einmal zugestimmt, werden sie mit
Door- und das Low-Ball-Prinzip. größerer Wahrscheinlichkeit auch einer nach-
folgenden größeren Bitte zustimmen (Dillard
z Auf Commitment basierende 1991; Dillard et al. 1984; Freedman und Fraser
Judostrategien 1966; 7 Beispielstudie 2.15). Hat man sozusagen
erst einmal den kleinen Finger gegeben, fällt es
Foot-in-the-Door-Prinzip11Nehmen wir an, Sie schwer, die ganze Hand zu verwehren.
werden in der Fußgängerzone angesprochen,
ob Sie nicht eine Minute Zeit hätten, man Foot-in-the-Door-Prinzip
würde Ihnen gerne etwas über die Organi- Durch eine vorgeschobene kleine Bitte
sation XY erzählen. Sie willigen ein, schließ- erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass
lich kostet Zuhören ja nichts. Ist das wirklich einer nachgeschobenen größeren Bitte
so? Tatsächlich kostet das Zuhören zunächst zum gleichen Inhaltsbereich zugestimmt
wird.

11 Die Formulierung Foot in the Door stammt aus Personen erschließen aus ihrer ersten Reaktion
der Zeit, in der Vertreter von Tür zu Tür gingen. auf die Eingangsbitte ihre Einstellung, d. h.
Die Verkaufsraten derjenigen Vertreter, die es
geschafft hatten, in die jeweiligen Wohnungen
wie sie selbst zu dieser Sache stehen, bzw.
gelassen zu werden (die den Fuß wahrlich in die integrieren dieses Verhalten in ihr Selbstbild.
Tür setzen durften), um ihre Produkte vorzu- Da sie die erste (kleine) Bitte aus freien Stü-
führen, waren deutlich höher. cken bejaht haben, haben sie dem Inhalt an
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
135 2
Beispielstudie 2.14

Kultur als sozialer Einfluss


In der Studie von Zou (2009) einer Bitte, an einer Umfrage Gepflogenheiten und nicht
gaben die 505 (polnischen teilzunehmen, nachkommen die persönlichen Werte die
bzw. US-amerikanischen) würden, wenn sie solchen Beeinflussbarkeit vorhersagte
Teilnehmer zunächst an, wie Bitten früher a) immer oder und den Kulturunterschied
häufig Verhaltensweisen wie b) nie nachgekommen waren zwischen den polnischen (eher
„etwas genau so tun wie man (Information über Konsistenz) kollektivistisch geprägten) und
will, egal was die Freunde oder wenn a) alle oder b) keine den US-amerikanischen (eher
denken“ (individualistisch) ihrer Mitstudenten dieser individualistisch geprägten)
oder „sich mit seiner Familie Bitte nachgekommen waren Teilnehmern vollständig
vor wichtigen Entscheidungen (Information über soziale erklären konnte. Menschen
beraten“ (kollektivistisch) in Bewährtheit). Die Differenz richten sich also in ihrem
der eigenen Kultur vorkamen. zwischen a) und b) gab Verhalten danach, was sie als
Sie gaben ebenso an, welchen demnach Aufschluss über das typisch, richtig oder normal für
Wert sie persönlich diesen Maß der Beeinflussung durch ihren Kulturkreis empfinden.
Verhaltensweisen beimaßen. die jeweilige Information. Die Auf diese Weise tragen soziale
Anschließend gaben sie Ergebnisse zeigten, dass die Normen zur Aufrechterhaltung
an, wie wahrscheinlich sie Wahrnehmung der kulturellen kultureller Gepflogenheiten bei.

Beispielstudie 2.15

Einer großen Bitte wird eher zugestimmt, wenn vorher bereits einer kleineren Bitte zum
gleichen Thema zugestimmt wurde
Freedman und Fraser (1966, großen Bitte zustimmten. In Fremden an ihrer Haustür
Exp. 1) riefen im Rahmen einer Gruppe A dagegen stimmten nach. Eine andere Gruppe
Telefonstudie Hausfrauen an. 53 % der Teilnehmerinnen – von Hausbesitzern wurde
Eine erste Gruppe (Gruppe nachdem sie schon zuerst gefragt, ob sie eine
A) wurde in diesem Telefonat vorher Fragen zu ihrem Petition für sichereres Fahren
gebeten, ein paar Fragen Seifengebrauch beantwortet unterschreiben würden. Fast
zu ihrem Seifengebrauch zu hatten – der Bestands- jeder Gefragte kam dieser
beantworten (kleine Bitte). aufnahme im eigenen Haus Bitte nach. Bei dieser Gruppe
Einige Tage später riefen sie zu. Die Foot-in-the-Door- klingelte eine Woche später
diese Haushalte noch einmal Strategie erhöhte also die wiederum ein Fremder an
an und fragten, ob fünf bis Zustimmung auf mehr als das der Haustür und fragte, ob
sechs Mitarbeiter zu ihnen Doppelte. sie das o. g. Schild in ihren
nach Hause kommen dürften, In einer weiteren Studie Vorgarten stellen würden. Die
um alle im Haus verwendeten zeigten Freedman und Personengruppe, die zuvor
Produkte zu registrieren. Diese Fraser (Freedman und Fraser die Petition unterschrieben
Bestandsaufnahme würde 1966, Exp. 2), dass dieser hatte, war dreimal so
zwei Stunden in Anspruch Foot-in-the-Door-Effekt auch häufig bereit, das Schild
nehmen, und die Mitarbeiter dann auftritt, wenn beide aufzustellen, wie die andere
müssten in alle Schränke und Bitten von unterschiedlichen Personengruppe. Der einzige
Schubladen schauen dürfen Personen vorgetragen Unterschied zwischen beiden
(große Bitte). Eine zweite werden: Sie baten Gruppen besteht darin, dass
Gruppe von Hausfrauen kalifornische Hausbesitzer, die einen zuvor die Petition
(Gruppe B) wurde nur einmal ein großes, aufdringliches unterschrieben hatten, d. h.
angerufen und ausschließlich Schild mit der Aufschrift der ersten kleineren, das
mit dieser letzteren, großen „Drive Carefully“ in ihren Commitment erzeugenden
Bitte konfrontiert. Vorgarten zu stellen. Nicht Bitte zum gleichen
Die Ergebnisse zeigten, dass einmal 20 % der Hausbesitzer Inhaltsbereich gefolgt
nur 22 % der Gruppe B dieser kamen dieser Bitte eines waren.
136 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

sich zugestimmt und fühlen sich dann ver- Umständen kann es uns jedoch „teuer zu
pflichtet, bei der zweiten Bitte genauso zu stehen“ kommen – nämlich dann, wenn wir
handeln (Burger und Caldwell 2003; Cialdini dadurch beispielsweise einer Mitgliedschaft
2 et al. 1995; DeJong 1979; Gorassini und Olson zustimmen, die uns viel Geld kostet und uns
1995; . Abb. 2.14). Der Wunsch, konsistent dieses Geld eigentlich nicht wert ist. Doch
zu sein, ist dabei größer als der Wunsch, die lassen sich Judostrategien auch dazu nutzen,
mit der Zustimmung verbundenen Kosten positives Verhalten – wie beispielsweise die
zu vermeiden. Die Wirksamkeit des Foot-in- Spendenbereitschaft für einen (wirklich) guten
the-Door-Prinzips ist dabei nicht auf münd- Zweck – zu erhöhen. Dies gilt auch für das im
liche Bitten beschränkt, sondern es ist auch in Folgenden beschriebene Low-Ball-Prinzip.
schriftlicher Form, beispielsweise per Frage-
bogen oder im Internet, erfolgreich (Girandola Low-Ball-Prinzip Bei dem Low-Ball-Prinzip
2002a, b; Gueguen und Jacob 2001). spielt Commitment ebenfalls eine wich-
In vielen Situationen ist unser Streben tige Rolle. Commitment wird hier jedoch
nach Konsistenz durchaus sinnvoll und ziel- nicht durch eine vorgeschobene kleine Bitte
führend (z. B. um Zeit und Kapazitäten zu erzeugt, sondern durch einen von außen
sparen, indem wir nicht jedes Mal bei einer gesetzten Anreiz (z. B. eine Belohnung).
Frage zum gleichen Inhaltsbereich neu über- Aufgrund dieses Anreizes wird ein Verhalten
legen und entscheiden müssen). Unter verändert (bzw. einer Bitte entsprochen).
Entfernt man später den Anreiz aus Grün-
den, für die der Bittsteller nichts kann,
haben sich bis dahin neue Gründe für das
Verhalten gefunden, u. a. auch – wie beim
Foot-in-the-Door-Prinzip – ein verändertes
Selbstbild. Dadurch wird das Verhalten auch
bei Wegfallen des Anreizes aufrechterhalten
(7 Beispielstudie 2.16). Das Prinzip eignet
sich besonders für Verhalten, das im Eigen-
interesse der Person liegt, wie beispiels-
weise Gesundheitsverhalten, und für die
Person zunächst sehr schwierig wirkt (z. B.
18-stündige Tabakabstinenz für Raucher),
und wenn zwischen dem ursprünglichen
Anreiz und der anschließenden Rücknahme
eine gewisse Zeit verstreicht, in der sich eine
Zielbindung aufbauen kann (Joule 1987;
Pascual et al. 2016).

Low-Ball-Prinzip
Durch einen äußeren Anreiz wird ein
Commitment erzeugt. Nach einiger
Zeit wird der Anreiz entfernt. In der
Zwischenzeit haben sich neue Gründe
für das Verhalten gefunden und erhalten
. Abb. 2.14 Foot in the Door: Bekommt man einen
dieses auch ohne den ursprünglichen
Fuß in die Tür, verhindert man damit, dass einem
diese gleich wieder vor der Nase zugeschlagen wird. Anreiz aufrecht.
(© Racle Fotodesign/stock.adobe.com)
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
137 2
Beispielstudie 2.16

Selbst nach Entfernen des Anreizes behalten Personen ihr Verhalten bei
Pallak et al. (1980) baten des Projekts namentlich mit beseitigt. Erstaunlicherweise
Hausbesitzer an einem ihrer Energiesparleistung sparten diese Teilnehmer in
Projekt zum Energiesparen in der Zeitung genannt den folgenden Monaten sogar
teilzunehmen. Eine würden (namentlich in der noch mehr Energie als zuvor.
Teilnehmergruppe erhielt Zeitung zu erscheinen, ist in Dies ist auf das Low-Ball-
Tipps zum Energiesparen den USA ein durchaus hoher Prinzip zurückzuführen –
und wurde gebeten, ihren Anreiz). Die nach vier Wochen selbst nachdem der
Energieverbrauch zu senken. erfolgte Überprüfung ergab ursprüngliche Anreiz für
Die nach vier Wochen eine deutliche Senkung des das Verhalten wegfällt, wird
erfolgte Überprüfung Energieverbrauchs. das Verhalten aufrecht-
des Energieverbrauchs Nach einiger Zeit wurden erhalten, da sich inzwischen
ergab keine nennenswerte die Hausbesitzer darüber zusätzliche Gesichtspunkte
Einsparung. Einer weiteren unterrichtet, dass es doch und Argumente gefunden
Teilnehmergruppe wurde nicht möglich sei, sie in der haben, die das neue Verhalten
hingegen in Aussicht Zeitung zu erwähnen, d. h., der stützen und rechtfertigen
gestellt, dass sie bei Erfolg ursprüngliche Anreiz wurde (. Abb. 2.15).

. Abb. 2.15 Low-Ball-Prinzip. Zunächst wird ein Verhalten durch einen äußeren Reiz gestützt. Mit der Zeit fin-
den sich andere Gründe für das Verhalten (Selbstwertgefühl, Selbstbild, Energierechnung, weniger Abhängigkeit
von der Ölindustrie etc.), die das Verhalten auch dann aufrechterhalten, wenn der ursprüngliche Anreiz wegfällt.
(Modifiziert nach Cialdini 1997, S. 130, Abb. 3.5)
138 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Gewinnbringend im wahrsten Sinne des 2.3.3.3 Verpflichtung gegenüber


Wortes wird dieses Prinzip auch im Konsum- der Allgemeinheit:
bereich eingesetzt. Stellen Sie sich vor, Sie Injunktive und deskriptive
2 wollen ein neues Auto kaufen. Der Ver- Normen
käufer macht Ihnen ein unglaublich gutes Viele Verhaltensweisen sind unproblematisch,
Angebot, beispielsweise verspricht er Ihnen wenn ein Einzelner sie zeigt, werden aber zum
einen großzügigen Rabatt auf den ursprüng- Problem, wenn sie zehntausendfach wieder-
lichen Preis. Sie sind den Wagen inzwischen holt werden. So ist es häufig kein Problem,
Probe gefahren und völlig angetan. Sie ent- wenn einzelne ihren Müll versehentlich oder
schließen sich zum Kauf. Doch da passiert absichtlich in die falsche Tonne werfen, im
das Unvorstellbare: Leider ist da ein kleiner Naturschutzpark vom Weg abgehen, beim
Fehler passiert, für den der Verkäufer gar Verlassen des Zimmers das Licht brennen las-
nichts kann – das Auto kann doch nicht zu sen oder Lebensmittel wegwerfen. Geschieht
dem versprochenen Preis verkauft werden. dies aber im großen Stil, so stellen solche Ver-
Aber das besagte Auto ist ja nun mal das, was haltensweisen ein ernsthaftes Umweltproblem
Sie inzwischen unbedingt haben wollen – dar (Tragedy of the Commons). Deswegen
kurzum, Sie kaufen es trotz des höheren Prei- spielen bei der Lösung dieser Probleme soziale
ses. Was hier wie ein dummer Zufall aussieht, Normen eine große Rolle.
ist Resultat des strategisch eingesetzten Low- Wie in den Abschnitten zum Einfluss von
Ball-Prinzips (= Tiefschlag-Prinzip): Der Ver- Mehrheiten und zur sozialen Bewährtheit
käufer sichert sich Ihre Zustimmung durch (7 Abschn. 2.2.1 und 2.3.1) geschildert, ist das,
einen attraktiven Preis, doch dann steigt was die meisten tun (die deskriptive Norm
dieser Betrag aufgrund angeblich unvorher- oder Ist-Norm) ein starker Anreiz, es der
sehbarer Gründe an. In aller Regel bleiben Mehrheit gleich zu tun. Wir sind „Herden-
Personen bei der Vereinbarung, obwohl sich tiere“. Wenn man also mit dem Hinweis „Viele
der Handel für sie verschlechtert hat (Cialdini werfen ihren Müll auf die Wiese, deshalb ist
et al. 1978; vgl. auch Brownstein und Katzev sie so schmutzig“ Menschen dazu anregen
1985; Burger und Petty 1981; Gueguen et al. will, eine städtische Wiese sauber zu halten,
2002; Joule 1987). Dies liegt daran, dass bis so löst man zwar sicher Betroffenheit, aber
zu diesem Zeitpunkt bereits eine Bindung gleichzeitig Konformitätsdruck aus, das zu
des potenziellen Käufers erzeugt wurde (z. B., tun, was alle tun – also seinen Müll auch auf
indem er selbst Argumente entwickelt hat, die die Wiese zu werfen (. Abb. 2.16). Wie lässt
dafür sprechen) und der ursprüngliche Anreiz es sich daher besser angehen?
für den Kauf als Argument nicht mehr not-
wendig ist.
Deskriptive Norm
Zusammengefasst bedeutet dies: Ver-
pflichtungsgefühle können sowohl gegenüber Die deskriptive Norm ist die
einer anderen Person aufgrund der Reziprozi- Wahrnehmung dessen, was andere,
tätsnorm als auch gegenüber uns selbst (bzw. insbesondere die Mehrheit der
einer bereits gefassten Meinung oder eines Eigengruppenmitglieder, in der Situation
getroffenen Beschlusses) aufgrund unseres tun oder unterlassen (was getan wird).
Konsistenzbestrebens entstehen. Je stärker das
Verpflichtungsgefühl – Commitment –, umso
wahrscheinlicher bestimmt es unsere Hand- Zum einen könnte man betonen, dass viele
lungen. Darüber hinaus können wir uns auch schon das Richtige tun (z. B. „Die meisten
größeren Gruppen von Menschen oder ihren Menschen nehmen ihren Müll wieder mit“).
Repräsentanten verpflichtet fühlen. Darum Natürlich sollte man hier nicht lügen. Aber
geht es im nächsten Abschnitt. wenn z. B. ein Drittel Müll liegen lässt und
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
139 2

. Abb. 2.16 Was würden Sie tun? Würden Sie Ihren Kaffeebecher zum nächsten Papierkorb mitnehmen oder
einfach fallen lassen? Forschungsergebnisse zeigen, dass die Entscheidung vor allem von wahrgenommenen
sozialen Normen abhängt. (© weixx/stock.adobe.com)

zwei Drittel ihn mitnehmen, so stimmt bei- vermittelt eine injunktive Norm oder Soll-Norm
des – viele lassen ihren Müll liegen, aber die über erwünschtes und unerwünschtes Ver-
meisten nehmen ihn wieder mit. Die jeweils halten (Cialdini et al. 1990, 1991). Soll-Normen
verwendete Formulierung entscheidet also können von Autoritäten aufgestellt werden, wie
darüber, welche der beiden Gruppen für die beispielsweise von der Parkverwaltung oder
Adressaten salient, also auffällig gemacht wird einer Verkehrsbehörde (Autorität als Einfluss-
(7 Sozialpsychologie I, Kap. 2) – ein sog. Fra- faktor; 7 Abschn. 2.3.2). Aber viele Soll-Normen
ming-Effekt (7 Sozialpsychologie I, Kap. 7). sind auch gruppenspezifisch: In jeder Gruppe
Indem man das richtige Verhalten vieler Men- herrschen andere Regeln, was erwünscht oder
schen beschreibt, macht man eine positive unerwünscht, gebilligt oder abgelehnt wird.12
deskriptive Norm salient, die dann von den Man denke nur daran, wie verschiedene Grup-
Adressaten nachgeahmt werden kann. Gelingt pen (religiöse oder politische Gruppen, Schul-
es, eine neue deskriptive Norm in einer gro- klassen oder Gangs) Homosexualität begrüßen,
ßen Mehrheit zu etablieren (z. B. wenn die billigen oder ablehnen. An diesem Beispiel wird
meisten Hundebesitzer den Hundekot auf- deutlich, dass wir auch bei Soll-Normen vor
sammeln), so wird das Verhalten moralisiert,
und andere reagieren auf Übertretungen
mit Empörung, Ärger, Ekel und Verachtung 12 Für gruppenspezifische injunktive Normen hat
(Lindenberg und Steg 2007; Rozin et al. sich auch die Unterscheidung zwischen sog. Mini-
mal- und Maximalzielen als bedeutsam erwiesen,
1997). Ein solcher Prozess hat beispielsweise wobei eine Übertretung von Minimalzielen einen
in Bezug auf das Rauchen in den letzten Jahr- Ausschluss aus der Gruppe bedeutet, während
zehnten stattgefunden (Rozin et al. 1999). Maximalziele erwünschtes Verhalten beschreiben,
Eine weitere Möglichkeit, Parkbesucher dazu welches die Werte der Gruppe besonders gut aus-
anzuregen, ihren Müll mitzunehmen, besteht drückt (Berthold et al. 2012; Fritsche et al. 2009;
Kessler et al. 2010). So könnte ein Minimalziel für
darin, sie dazu aufzufordern („Bitte wirf deinen eine Umweltgruppe sein, keinen Müll zurückzu-
Müll nicht auf die Wiese!“ oder „Bitte nimm lassen, während ein Maximalziel darin besteht, ein
deinen Müll mit!“). Eine solche Aufforderung Strandstück von Müll zu säubern.
140 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

allem salienten Eigengruppen folgen. Wie das Falle von Geschwindigkeitsbegrenzungen).


obige Beispiel mit dem Rauchen zeigt, ent- Schilder, Durchsagen und Bekanntmachungen
wickeln sich Soll-Normen häufig aus starken beispielsweise informieren uns über solche
2 Ist-Normen in diesen Eigengruppen. Soll-Normen oder rufen sie in Erinnerung,
was beides zu einer Salienz der Norm führt.
Studien, in denen variiert wurde, welche
Injunktive Norm Norm salient gemacht wurde, ergaben, dass
Die injunktive Norm bezeichnet die bei injunktiven Normen die Fokussierung des
Wahrnehmung, welches Verhalten von zu unterlassenden Verhaltens wirksamer ist als
anderen befürwortet oder abgelehnt wird die des erwünschten Verhaltens, während bei
(was man tun soll). Besonders relevant deskriptiven Normen umgekehrt die Fokus-
ist, was die Mehrheit der Eigengruppen- sierung des Wunschverhaltens wirksamer ist
mitglieder befürwortet oder ablehnt. (Cialdini et al. 2006; Winter 2006; 7 Beispiel-
studie 2.17 und 7 Beispielstudie 2.18).
Nehmen wir an, Sie haben das Ziel, Stu-
Die soziale Identitätstheorie erklärt dies damit, dierende zum Strom sparen zu bewegen. Wie
dass Eigengruppen, solange sie salient sind, kommunizieren Sie die neuen Normen am
unser Selbstbild sowie unsere Werte und Ideale effektivsten, um auch tatsächlich das Ver-
bestimmen und damit handlungsleitend sind halten Ihrer Kommilitonen zu beeinflussen?
(Crane und Platow 2010; Reynolds et al. 2015; Wie aus den Beispielstudien hervorgeht,
J. R. Smith und Louis 2008) Daneben folgen könnten Sie schlichtweg Hinweisschilder
wir Soll-Normen, die Autoritäten aufgestellt aufstellen. Diese informieren über Normen
haben, häufig aus Einsicht, manchmal aber und machen auf sie aufmerksam. Hier wür-
auch aus Angst vor Strafe (wie vielleicht im den Sie konkrete Verhaltensweisen anregen,

Beispielstudie 2.17

Am verhaltenswirksamsten sind injunktive Normen in Verbotsform


In zwei großen Feldstudien dass das Fehlverhalten Normen als Bitten formuliert.
wurden Schilder mit üblich ist. Die injunktive Außerdem hängt die Reaktion
injunktiven und deskriptiven Norm in Verbotsform von der Haltung zur jeweiligen
Normen in amerikanischen hingegen war am verhaltens- Autorität ab. Es ist zu
Nationalparks aufgestellt. wirksamsten, vermutlich, vermuten (auch wenn es hier
In einer Studie wollte man weil negative Informationen nicht variiert wurde), dass eine
das Verlassen der Wege mehr Aufmerksamkeit auf Parkbehörde, die den gerade
und in der anderen die sich ziehen und genauer besuchten Nationalpark
Entnahme versteinerten verarbeitet werden. Strikte schützt und erhält, eine für
Holzes verhindern (Cialdini Verbote (z. B. „Schreiben Sie die meisten Besucher positive
et al. 2006; Winter 2006). Die auf gar keinen Fall an diese Autorität darstellt.
verwendeten Texte sind in Wand“) können manchmal Zusammenfassend war in
. Tab. 2.2 aufgeführt. Die das Gegenteil bewirken diesen Studien bei injunktiven
Ergebnisse zeigten, dass (Bumerang-Effekt), da Normen die Fokussierung
von den vier Experimental- die Angesprochenen sich des zu unterlassenden
bedingungen die deskriptive gegen die Einschränkung Verhaltens wirksamer als die
Norm mit Beschreibung ihrer Handlungsfreiheit des erwünschten Verhaltens,
des Problemverhaltens am wehren (Reaktanz; während bei deskriptiven
wenigsten wirksam war. Dies 7 Sozialpsychologie I, Normen umgekehrt
lässt sich mit dem Prinzip der Abschn. 7.3.3). In den die Fokussierung des
sozialen Bewährtheit erklären, vorliegenden Studien Wunschverhaltens wirksamer
da hier der Eindruck entsteht, wurden daher die injunktiven war.
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
141 2
. Tab. 2.2 Wirkungen von deskriptiven und injunktiven Normen auf Verhalten

Norm Beispiele Wirksamkeit

Deskriptive Norm
Problemverhalten Viele Besucher haben die Wege verlassen und damit den Zustand Niedrig
der Sequoias und Pflanzen dieses Parks verändert
Viele Besucher haben versteinertes Holz aus dem Park entfernt und
damit den Zustand des versteinerten Waldes verändert
Wunschverhalten Die meisten Besucher blieben auf den Wegen und halfen damit, die Mittel
Sequoias und Pflanzen dieses Parks zu schützen
Die meisten Besucher haben das versteinerte Holz im Park gelassen
und damit den natürlichen Zustand des versteinerten Waldes erhalten
Injunktive Norm
Verbotsform Bitte verlassen Sie die Wege nicht, um die Sequoias und Pflanzen Sehr hoch
dieses Parks zu schützen
Bitte entfernen Sie kein versteinertes Holz aus dem Park
Gebotsform Bitte bleiben Sie auf den Wegen, um die Sequoias und Pflanzen Mittel
dieses Parks zu schützen
Bitte lassen Sie das versteinerte Holz im Park
Kein Schild Nur in der Studie zum Verlassen der Wege –

Beispielstudie 2.18

Handtücher in Hotels
Eine berühmt gewordene aufgestellt mit der Bitte an die wiederverwendet hatten,
Studie untersuchte in Hotelgäste, ihre Handtücher so kamen signifikant mehr
den USA die Wirkung von wiederzuverwenden, um die Personen (44 %) der Bitte nach
deskriptiven Normen auf Umwelt zu schonen, so kamen (. Abb. 2.17).
die Wiederverwendung 35 % der Gäste dieser Bitte In dieser Studie erhöhte die
von Handtüchern in Hotels nach. Enthielten die Schilder zusätzliche Salienz einer
(Goldstein et al. 2008, zusätzlich die Information, positiven deskriptiven Norm
Studie 1). Wurden in den dass 75 % der anderen das Wunschverhalten (s. aber
Hotelzimmern Schilder Hotelgäste ihre Handtücher Replikationsstudie 2.1).

. Abb. 2.17 Während zu Hause die wenigsten ihr


Handtuch täglich wechseln, war dies in Hotels bis vor
wenigen Jahren noch die Norm. Eine Reihe von Studien
beschäftigte sich damit, wie diese verschwenderische,
umweltbelastende Praxis verändert werden kann.
Eine Studie in den USA ergab, dass die Vermittlung
deskriptiver Normen („Andere Hotelgäste haben ihre
Handtücher wiederverwendet“) dabei gute Wirkung
zeigt. Dieser Befund konnte allerdings in späteren
Studien in Europa nicht mehr repliziert werden, in
denen die Wiederverwendung generell sehr viel höher
und damit auch die Norm stärker ausgeprägt war. (©
peterschreiber.media/stock.adobe.com)
142 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Replikationsstudie 2.1

2 R
Handtuchrecycling blieb in deutschen und Schweizer Hotels von der Art der
Botschaft unbeeinflusst
Eine Wiederholung der Studie die Schweiz und Österreich etwa sechs Jahren zwischen
mit einem sehr ähnlichen berichten Reese et al. 2014). den beiden Studien hat sich
Aufbau im deutschsprachigen Ganz ohne Botschaft lag sie das Handtuchrecycling in
Raum konnte diese Ergebnisse immerhin noch bei 64 %. Hotels deutlich etabliert. Viele
allerdings nicht replizieren Man kann zur Erklärung Menschen werden es sich zur
(Bohner und Schlüter 2014). dieser Diskrepanzen sowohl Gewohnheit gemacht haben,
Hier führte schon die Bitte, kulturelle Unterschiede ihr Handtuch wiederzu-
Handtücher wiederzu- heranziehen – die verwenden, sodass sie gar
verwenden, um die Umwelt europäischen Gäste sind keine Botschaft mehr dafür
zu schonen, zu 84 % und 93 % allgemein umweltbewusster brauchen. Und die Botschaften
Wiederverwendung, was von und lassen sich deswegen mit werden vermutlich auch nicht
keiner anderen Bedingung einer Umweltbotschaft sehr mehr sorgfältig gelesen, da
deutlich überboten wurde gut überzeugen – als auch den viele Menschen den Inhalt
(ähnliche Ergebnisse für späteren Zeitpunkt – in den schon kennen (. Abb. 2.17).

die zeitnah umgesetzt werden können, bei- höhere Norm kann mit zusätzlichen Maß-
spielsweise könnten Sie dazu aufrufen, Lap- nahmen abgefedert werden, z. B., indem die
tops und Bildschirme auszuschalten, statt injunktive Norm der Nachhaltigkeit betont
sie im Standby-Modus zu lassen. Weiterhin wird (Allcott 2011; Schultz et al. 2007). Ver-
könnten Sie Normen durch Bilder, Videos pflichtung gegenüber der Allgemeinheit ist in
oder Informationstexte in den Vordergrund diesem Beispiel nur eines der Motive für die
rücken. Eine weitere Option zeigen Kam- Senkung des Energieverbrauchs. Ähnlich wie
pagnen auf, welche Rückmeldungen über beim Low-Ball-Prinzip halten andere Motive
deskriptive Normen erfolgreich zur Ver- (z. B. Geld zu sparen, besser als die Nachbarn
haltensänderung nutzen (7 Beispielstudie zu sein oder die neugewonnene Identität als
2.18). Zahlreiche Interventionen zur Reduk- umweltfreundlich handelnder Bürger zu sta-
tion des Energieverbrauchs in Haushalten bilisieren) das Verhalten aufrecht, selbst wenn
(was gut für die Umwelt, aber auch gut für die normative Rückmeldung wegfällt (Allcott
den Geldbeutel des Einzelnen ist) arbeiten und Rogers 2014).
mit diesem Prinzip. Eine Rückmeldung auf Schließlich bietet es sich an, Normen auch
der Stromrechnung darüber, wie viel Energie nonverbal in den Fokus zu rücken bzw. salient
vergleichbare Haushalte in der Nachbarschaft zu machen. Beispielsweise lassen sich Men-
verbrauchen, führt zu einer deutlichen Reduk- schen durch zahlreiche Aufkleber an ande-
tion des Energieverbrauchs derjenigen Haus- ren Briefkästen (eine deskriptive Norm) dazu
halte, die besonders viel verbrauchen (Allcott animieren, ebenfalls einen Keine-Werbung-
und Rogers 2014; Ayres et al. 2013; vgl. auch Aufkleber anzubringen (Reese et al. 2013).
Nolan et al. 2008). Damit wird insgesamt der Wenn man vor einer Person Müll in den
Energieverbrauch gesenkt. Der umgekehrte Papierkorb oder auf die Straße wirft, so macht
Effekt eines Mehrverbrauchs der sparsamen man diese auf die Ist-Norm aufmerksam, etwa
Haushalte aufgrund einer Anpassung an die wie sauber oder wie vermüllt die Umgebung
2.3 · Bewusste soziale Einflussnahme – Die Judostrategien
143 2
ist. Um die Soll-Norm der Sauberkeit salient zu diesen ein Gefühl der Verpflichtung. Tut
machen, könnte man etwas Müll auflesen oder uns jemand anderes etwas Gutes, fühlen wir
kehren (Cialdini et al. 1990; Reno et al. 1993). uns dieser Person gegenüber verpflichtet,
Kurzum, sozialer Einfluss durch Aufmerksam- die Gefälligkeit zu erwidern (Reziprozitäts-
keitslenkung auf Normen hat also viele For- norm). Entsprechend können Geschenke,
men, nicht nur Bitten und Aufforderungen. das Herunterschrauben einer Bitte (beim
Die Kunst besteht darin, die richtige Norm Door-in-the-Face-Prinzip) oder eine spon-
auszuwählen, um so tatsächlich Aufmerksam- tane Dreingabe (beim That’s-not-all!-Prinzip)
keit in die gewünschte Richtung zu erzielen. dazu führen, dass wir eher tun, was der andere
Insgesamt sind Menschen folglich dann will, um uns zu revanchieren. Diese auf der
eher bereit, im Sinne des Allgemeinwohls Reziprozitätsnorm basierenden Prinzipien
zu handeln, wenn passende soziale Normen wirken vor allem kurzfristig (für eine Inter-
salient gemacht werden. Aufforderungen, aktion) und wenn Gefälligkeitsgeber und Ent-
etwas zu tun oder zu lassen, machen injunk- schädigungsnehmer ein und dieselbe Person
tive Normen salient. Auch Handlungen kön- sind.
nen injunktive Normen salient machen, wie Langfristiger und personenunabhängiger
das Auflesen von Müll oder das Löschen von wirken Judostrategien, die auf Commitment
Licht, das jemand anderes angelassen hat. basieren. Durch eine vorgeschobene kleine
Injunktive Normen wirken im Allgemeinen Bitte (beim Foot-in-the-Door-Prinzip) bzw.
sehr gut. Allerdings kann es hier auch zu einen in Aussicht gestellten äußeren Anreiz
Reaktanz kommen (7 Sozialpsychologie I, (beim Low-Ball-Prinzip) wird erreicht, dass
Abschn. 7.3.3), d. h. zu einem gegenteiligen Personen einer Forderung zustimmen bzw.
Verhalten, insbesondere, wenn die Per- ein bestimmtes Verhalten zeigen. Dieses
son infrage stellt, dass die Autorität legitim Commitment wirkt sich auf das Selbstbild der
ist und zur Eigengruppe gehört. Die Rück- Personen aus und erhöht über das Bestreben,
meldung deskriptiver Normen kann dann zu konsistent zu sein, die Wahrscheinlich-
erwünschten Effekten führen, wenn man den keit, dass sie einer weiteren Bitte zum glei-
Fokus darauf lenkt, dass viele das erwünschte chen Inhaltsbereich ebenfalls zustimmen
Verhalten bereits zeigen. Commitment für bzw. dass ein Verhalten/eine Entscheidung
das Allgemeinwohl (z. B. Umweltschutz) ist auch dann aufrechterhalten wird, wenn der
dabei ein wichtiger Grund für die Verhaltens- ursprüngliche Anreiz wegfällt. Dass diese
änderung, aber nicht der einzige: Normen Prinzipien sogar in virtuellen Welten wirk-
werden auch befolgt, um nicht negativ aufzu- sam sind, zeigt der 7 Exkurs: Sozialer Einfluss
fallen (7 Abschn. 2.2.1). in Computerspielen. Ein Commitment für das
Allgemeinwohl lässt sich erreichen, indem
die deskriptive Norm salient gemacht wird,
2.3.4 Zusammenfassung dass viele schon das Richtige tun, und indem
injunktive Normen über verantwortungs-
Mehrere wirksame Prinzipien zur Beein- volles Verhalten im Sinne der Nachhaltigkeit
flussung anderer Personen erzeugen in salient gemacht werden.
144 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

Exkurs
Sozialer Einfluss in Computerspielen
In einer virtuellen Welt zunächst eine große Bitte vor anschließende moderate
2 (7 There.com) ließen (zwei Stunden lang gemeinsam Bitte reagieren würden. Es
Eastwick und Gardner (2008) teleportieren und Fotos zeigte sich, dass in beiden
Avatare in der Kontroll- machen), die von den meisten Experimentalbedingungen
bedingung eine moderate Teilnehmern abgelehnt deutlich mehr Teilnehmer
Bitte gegenüber einem wurde. In der Foot-in-the- der moderaten Bitte
anderen Avatar vorbringen Door-Bedingung hingegen nachkamen als in der Kontroll-
(gemeinsam zu einem Ort bat der Avatar zunächst um bedingung. Demnach wirken
teleportieren und dort ein einen kleinen Gefallen („Kann die Verpflichtungsgefühle,
Foto machen). Daneben gab ich einen Screenshot von dir die dem Door-in-the-Face-
es noch zwei unterschiedliche machen?“), womit die meisten und dem Foot-in-the-
Experimentalbedingungen: Teilnehmer einverstanden Door-Effekt zugrunde liegen,
In der Door-in-the-Face- waren. Interessant war nun, auch in virtuellen Welten
Bedingung brachte der Avatar wie die Teilnehmer auf die (. Abb. 2.18).

. Abb. 2.18 In virtuellen Welten greifen die gleichen Verpflichtungsgefühle wie in der realen Welt. (© Db
Linden Labs/Linden_Research/dpa/picture alliance)

2.4 Kapitelzusammenfassung zur erfolgreichen Aufgabenbearbeitung


jedoch viele Aspekte gleichzeitig beachtet wer-
Menschen werden durch andere Personen auf den, wirkt sich die Anwesenheit anderer nega-
verschiedenste Weise beeinflusst. Allein die tiv auf die Leistung aus (soziale Hemmung).
bloße, vollkommen absichtslose Anwesenheit Konfrontiert mit einer Mehrheit, die von
anderer Personen beeinflusst das Leistungs- der eigenen Meinung abweicht, gehen wir häu-
verhalten, indem sie eine Einengung des Auf- fig mit dieser konform – unabhängig davon,
merksamkeitsfokus bewirkt. Bei Aufgaben, die ob diese uns absichtlich beeinflussen will oder
die Konzentration auf einige wenige Schlüssel- nicht. Zwei Arten sozialen Einflusses werden
merkmale erfordern, verbessert sich dadurch hier wirksam: zum einen der normative Ein-
die Leistung (soziale Erleichterung). Müssen fluss, der uns aufgrund unseres Bedürfnisses,
2.4 · Kapitelzusammenfassung
145 2
von den anderen gemocht und anerkannt zu basiert auf der Wirkung von Beziehungs-
werden, konform gehen lässt. In eindeutigen merkmalen. Im Speziellen vergrößern Sym-
Situationen führt dies häufig zu Compliance, pathie und Autorität einer Person ihre soziale
d. h. zu öffentlicher Konformität ohne innere Einflussmöglichkeit. Des Weiteren können
Überzeugung. In mehrdeutigen Situationen Menschen aufgrund der Neigung, Autori-
wird zum anderen der informative Einfluss der täten zu gehorchen, wenn sie als legitim
Mehrheit wichtig. Im Sinne des Prinzips der wahrgenommen werden, zu moralisch sehr
sozialen Bewährtheit „Was alle tun, ist gut“ fragwürdigen Handlungen gebracht werden.
dient das Verhalten der Mehrheit als Richt- Zum Dritten lassen sich Personen mit
schnur dafür, welches Verhalten in der aktu- Judostrategien sozial beeinflussen, welche
ellen Situation angemessen ist. Informativer anhand von Reziprozität oder Commit-
Einfluss resultiert in der Regel in Konversion, ment im Gegenüber ein Verpflichtungsgefühl
d. h. privater und öffentlicher Konformität. hervorrufen. Bringt man jemanden durch ein
Minderheiten verfügen meist weder über nor- Geschenk oder Entgegenkommen „in seine
mativen noch über informativen Einfluss. Sie Schuld“, fühlt sich dieser aufgrund der Rezi-
können dennoch Einfluss nehmen, indem sie prozitätsnorm daraufhin verpflichtet, diese
die Mehrheit durch eine über Zeit und Perso- Gefälligkeit zu erwidern. Commitment wirkt
nen hinweg konsistente Position ins „Grübeln“ dann beeinflussend, wenn man den ande-
darüber bringen, warum die Minderheit so ren dazu bewegen kann, einer kleinen Bitte
vehement auf ihrer abweichenden Meinung zuzustimmen, sodass er sich später erheb-
besteht und in Kauf nimmt, dem normativen lich schwerer tut, eine größere Bitte im glei-
Druck der Mehrheit zu widerstehen und auf chen Rahmen abzulehnen. Dies gelingt, weil
deren Anerkennung zu verzichten. Menschen in ihren Handlungen konsistent
Haben wir die Absicht, andere zu beein- erscheinen möchten. Commitment für Ver-
flussen, so stehen uns zunächst mal die haltensweisen, die der Allgemeinheit zugute-
bewährten Methoden der Belohnung und kommen, lässt sich erzeugen, indem man auf
Bestrafung zur Verfügung. Statt mit materiel- diejenigen aufmerksam macht, die dieses Ver-
len Anreizen arbeiten wir dabei sehr viel häu- halten bereits zeigen, und indem man deutlich
figer, und häufig auch unbewusst, mit sozialen an die einzelnen Akteure appelliert.
Verstärkern wie Zuwendung, Aufmerksam- Menschen können folglich – beabsichtigt
keit, Lächeln oder vielmehr Abwendung, Aus- oder unbeabsichtigt – Einfluss auf die Ein-
schluss und Ignorieren („die kalte Schulter stellungen, Überzeugungen, Wahrnehmungen
zeigen“). Im Sinne gezielter Einflussnahme oder das Verhalten anderer Personen neh-
können Personen außerdem anhand sog. men. Effekte dieser Einflussnahmen können
Judostrategien das Verhalten anderer beein- ebenso positiv (z. B. erhöhte Leistung, ver-
flussen. Ein Teil dieser Strategien nutzt situa- mehrtes Energiesparen) wie negativ (Kauf
tive Gegebenheiten aus, die dazu führen, dass von ungewollten Produkten, Schule schwän-
der subjektive Wert des Urteilsgegenstands zen, anderen Schmerzen zufügen) sein. Ent-
steigt: Wenn (angeblich) alle den Urteils- sprechend lassen sich die beschriebenen
gegenstand gut finden (Prinzip sozialer Mechanismen auch gezielt sowohl zum
Bewährtheit), wenn dieser (angeblich) schwer Guten als auch zum Schlechten nutzen. Um
zu bekommen ist (Prinzip der Knappheit) versuchte Einflussnahme zu entlarven und
oder mit im Vergleich schlechteren Alter- ungewollte Beeinflussungen zu reduzieren, ist
nativen konkurriert, gewinnt er dadurch an somit die Kenntnis dieser Mechanismen ein
Wert. Ein zweiter Teil von Judostrategien erster wichtiger Schritt.
146 Kapitel 2 · Sozialer Einfluss

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