Sie sind auf Seite 1von 346

Psychologie der Märchen

Dieter Frey
Hrsg.

Psychologie der
­Märchen
41 Märchen wissenschaftlich analysiert – und was wir heute aus
­ihnen lernen können

Mit 42 Abbildungen
Herausgeber
Dieter Frey
Department Psychologie
Ludwig-Maximilians-Universität
München
Bayern
Deutschland

ISBN 978-3-662-53667-4     ISBN 978-3-662-53668-1 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-662-53668-1

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;


detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung, die nicht aus-
drücklich vom Urheberrechtsgesetz zugelassen ist, bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlags. Das
gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Bearbeitungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die
Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk be-
rechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der
Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann
benutzt werden dürften.
Der Verlag, die Autoren und die Herausgeber gehen davon aus, dass die Angaben und Informationen in
diesem Werk zum Zeitpunkt der Veröffentlichung vollständig und korrekt sind. Weder der Verlag, noch
die Autoren oder die Herausgeber übernehmen, ausdrücklich oder implizit, Gewähr für den Inhalt des
Werkes, etwaige Fehler oder Äußerungen. Der Verlag bleibt im Hinblick auf geografische Zuordnungen
und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutionsadressen neutral.

Zeichnungen: Claudia Styrsky, Johanna Frey, Lena Frey


Umschlaggestaltung: deblik Berlin
Einbandabbildung: © Romolo Tavani/Fotolia

Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier

Springer ist Teil von Springer Nature


Die eingetragene Gesellschaft ist Springer-Verlag GmbH Deutschland
Die Anschrift der Gesellschaft ist: Heidelberger Platz 3, 14197 Berlin, Germany
V

Dieses Buch widme ich meinen Kindern Lena, Johanna und Josef, die immer auch
Märchen vorgelesen haben wollten und sich insbesondere gefreut haben, wenn ich
mehrere Märchen miteinander verbunden habe.
VII

Vorwort

Wir versuchen, in diesem Buch zwei Dinge zusammenzubringen, die Menschen faszinieren:
Märchen und Psychologie. Dass Menschen von Märchen fasziniert sind, zeigt sich z. B. daran,
dass die Märchen der Gebrüder Grimm nach der Bibel und dem Koran weltweit am dritthäu-
figsten publiziert wurden. Dies ist nur so zu erklären, dass Märchen für die meisten Menschen
eine sehr hohe Anziehungskraft haben. Dazu kommt in unserem Buch eine weitere Faszination
hinzu: die Psychologie. Dass sich so viele Menschen für Psychologie interessieren, zeigt sich
beispielsweise daran, wie schwierig es ist, einen Studienplatz für Psychologie an den deutschen
Universitäten zu bekommen. Dieses hohe Interesse ist einerseits damit zu erklären, dass Men-
schen sich selbst, aber auch andere besser verstehen wollen. Warum bin ich so, wie ich bin? Was
passiert mit mir in verschiedenen Lebenssituationen? Andererseits ist dieses Interesse aber auch
in dem natürlichen Erkenntnisdrang des Menschen begründet. Wenn man seine Mitmenschen
versteht, kann man ihnen auch besser in schwierigen Situationen und Lebensphasen helfen
und sie unterstützen.

Fast alle Märchen thematisieren zentrale Phasen des menschlichen Lebens, die es vor Hun-
derten von Jahren gab und vermutlich in Hunderten von Jahren immer noch geben wird. So
wurde unser Leben schon immer von krisenhaften Lebensabschnitten, Übergangsphasen in der
menschlichen Entwicklung – z. B. vom Kind- zum Erwachsensein – oder auch Problematiken
zwischen Generationen geprägt.

Märchen und Psychologie beschäftigen sich also beide mit Themen, die ganz nah an der eigenen
Wirklichkeit sind. Darüber zu lesen, kann einem selbst helfen, sein Leben zu gestalten, seine
Probleme anzugehen, zu verstehen und zu lösen oder eben auch andere dabei zu unterstützen.

Unseres Erachtens ist dieses Buch einmalig, es gibt in dieser Form kein vergleichbares. Es exis-
tieren zwar eine Vielzahl von Analysen und Enzyklopädien über Märchen, aber nicht in der
Form, dass 41 Märchen individuell einer psychologischen Analyse und der Reflexion unterzogen
wurden, die einen engen Bezug zur Erziehung, Führung und Lebensgestaltung aufweisen sowie
vor allem bedeutsam für die konkrete Wirklichkeit sind.

Unsere Hoffnung ist, dass sowohl das Märchen selbst, aber auch die Diskussion über psycho-
logische Phänomene viele Anregungen und Diskussionsmöglichkeiten ergeben, was man aus
dem Märchen und unseren Analysen für die eigene Wirklichkeit schließen kann. Das bedeutet,
der Leser ist auf jeden Fall ermuntert, selbst zu überlegen, was er noch an ergänzenden psycho-
logischen Phänomenen und Anwendungen sieht neben den von uns diskutierten Phänomenen
und Erkenntnissen.

Natürlich war es nicht zu vermeiden, dass bei der Vielzahl der Analysen sich hie und da ähnliche
psychologische Aspekte ergeben. Das liegt in der Natur der Sache, da Märchen häufig ähnliche
Phänomene wie Modelllernen, Neid, Ungerechtigkeitsregulation, Aggression, Liebe und Hass
thematisieren. Im Kern gleicht aber kein Märchen exakt dem anderen und damit wird auch
keine psychologische Analyse exakt der anderen gleichen.
VIII Vorwort

Wir haben bewusst davon abgesehen, die Inhalte der Märchen zu kategorisieren. Kategorisie-
rungsaspekte wären gewesen: die böse Schwiegermutter, die Hexe, Märchen mit Tieren, Grimms
Märchen, außereuropäische Märchen und viele mehr. Wir haben darauf verzichtet, weil wir es
interessanter finden, die Heterogenität und Vielfalt der Märchen und psychologischen Ana-
lysen darzustellen. Das mag für den Leser mehr Abwechslung bedeuten, als wenn wir nach
Kategorien geclustert hätten.

Das Buch muss nicht von vorne nach hinten gelesen werden. Je nach Interessenstand, nach
Neugierde, kann man sich ein Märchen nach dem anderen beliebig aussuchen. Sie bauen nicht
aufeinander auf.

Die Märchenanalysen entstanden im Rahmen eines Seminars des Masterstudiengangs Wirt-


schafts-, Organisations- und Sozialpsychologie an der Ludwigs-Maximilians-Universität Mün-
chen. Jedes Jahr werden etwa 30 Studierende von über 400 Bewerbern für diesen Studiengang
ausgewählt. Die Bewerber haben dabei meist sowohl im Abitur wie in ihrem Bachelorabschluss
sehr gute Noten. Das Seminar war ein Vertiefungsseminar in Angewandter Sozialpsychologie,
für das der Seminarleiter (Herausgeber) die Märchenanalysen zum Studiengegenstand machte.
Zunächst wurde ein Überblick über eine Vielzahl von Märchen geschaffen sowie auch exem-
plarisch diskutiert, was diese psychologisch bedeuten. Im Anschluss konnte jeder Einzelne
seine persönliche Auswahl für die Analyse von einem bzw. mehreren Märchen selbst treffen.

Die Studierenden arbeiteten bei der Analyse der Märchen sehr eng mit dem Seminarleiter, aber
auch untereinander, zusammen. Der Seminarleiter gab mehrfach Feedback bei allen Stadien des
Schreibprozesses: dem Grobkonzept, einem ausführlicheren Feinkonzept sowie der Endfassung.
Auch im Seminar wurden in den wöchentlichen Plenarsitzungen die einzelnen Märchen ab-
wechselnd diskutiert. Durch den Austausch wurden häufig weitere psychologische Phänomene
entdeckt sowie Implikationen für Lebensgestaltung, Erziehung oder Führung abgeleitet. Keiner
weiß so viel wie alle – aus diesem Grund war der Austausch sehr gewinnbringend. Hilfreich
war es darüber hinaus, die Analysen mit befreundeten Nichtpsychologen zu diskutieren, damit
eine hohe Allgemeinverständlichkeit auch für Fachfremde garantiert werden konnte. Für die
Studierenden war es zudem zu Beginn eine große Herausforderung, unterhaltsam zu schrei-
ben. Denn dies ist eine gänzlich andere Schreibweise als die wissenschaftliche. Aber in einem
kontinuierlichen Verbesserungsprozess ist dies unseres Erachtens sehr gut gelungen.

Durch die Expertise des Seminarleiters, den hohen akademischen Ausbildungsgrad der Stu-
dierenden sowie den mehrstufigen Review-Prozess ist auf jeden Fall gewährleistet, dass die
psychologischen Analysen auf dem höchsten internationalen Forschungstand basieren. Wir
haben zu jedem Artikel Literatur zitiert, für diejenigen, die sich weiter orientieren wollen, und
dabei versucht, die goldene Mitte zwischen zu viel und zu wenig Literatur zu wählen.

Wir hatten den Konflikt, ob wir das Originalmärchen oder eine Kurzzusammenfassung des
Märchens zu Beginn einbinden sollen. Wir haben uns dann für Kurzfassungen entschieden, in
denen die wichtigsten Inhalte, Handlungen und Charaktere zusammengefasst werden. Hier-
bei wurde darauf geachtet, die Zusammenfassung möglichst im Stil und der Schreibweise des
Originalmärchens zu verfassen. Nur sehr unbekannte und kurze Märchen wurden im Original
belassen und sind entsprechend kenntlich gemacht. Zu den Märchen gibt es sehr viele verschie-
IX
Vorwort

denen Quellen, Interpretationen und Publikationen – wir haben uns hier die Freiheit genom-
men, wörtlich übernommene Passagen aus sehr alten Werken in die aktuelle Rechtschreibung
zu überführen, damit der Lesefluss gewährleistet bleibt. Zur historischen Einordnung ist das
uns bekannte Jahr der Ersterscheinung genannt, daneben die genutzte Literaturquelle.

Natürlich war es uns auch wichtig – so möglich – die jeweiligen kulturellen und historischen
Zusammenhänge der damaligen Zeit, in der das Märchen entstanden ist, zu beschreiben und
auf die damalige Gesellschaft einzugehen. Dies im Detail auszuführen, wäre eine weiterfüh-
rende Aufgabe für Historiker und Kulturwissenschaftler. Wir haben uns naturgemäß auf die
psychologischen Aspekte des spezifischen Märchenstoffs konzentriert und daher diesen Teil
zumeist recht kurz gehalten.

Das Buch folgt der humanistischen Grundidee, im Sinne von Respekt und Wertschätzung
und der Vorstellung einer Gesellschaft, die auf Toleranz, Menschlichkeit, Offenheit und der
Akzeptanz von Vielfalt beruht. Das bedeutet, dass das Ziel des Buches nicht nur psychologische
Analysen sein sollten, sondern auch einen Beitrag dazu liefern, wie wir die Welt besser machen
können und die Märchen als Ausgangsform für eine bessere Welt nutzen können.

Dieses Buchprojekt verdeutlicht gleichzeitig die Wichtigkeit intrinsischer Motivation. Es wurde


vom Seminarleiter und Herausgeber nicht vorgegeben, welches Märchen zu behandeln ist,
sondern jeder konnte sich sein eigenes Märchen aussuchen. Es war ein langer Prozess, wie
das Märchen verkürzt wird, wie die Charaktere beschrieben werden, welche psychologischen
Aspekte hinter dem Märchen stehen, und es hat sehr viel Diskussion sowohl bilateral als auch
im Plenum gegeben. Die Studierenden waren von sich aus motiviert, ständig ihre Konzepte
weiterzuentwickeln und zu diskutieren. Was ist eine optimale Seitenzahl, um den Leser nicht
zu langweilen, gleichzeitig aber inhaltliche Substanz zu vermitteln? Wie viel Literatur ist an-
gebracht? Welche Schlussfolgerungen können jeweils gezogen werden? Ist es für die heutige
Gesellschaft überhaupt noch relevant?

Wir wünschen dem Leser viel Freude und Spaß beim Lesen und hoffen auf eine Horizonterwei-
terung, viele Anregungen zum Nachdenken und zur Reflexion des eigenen Lebens.

Dieses Buch wäre nicht entstanden ohne die Mithilfe zahlreicher Personen, von denen ich hier
nur einige herausgreife. Ich danke den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern meines Lehrstuhls,
insbesondere Dipl.-Psych. Albrecht Schnabel, Michaela Bölt und Dr. Elisabeth Schneider für
die Umsetzung dieses Projekts sowie M.Sc. Martin Fladerer. Insbesondere möchte ich mich bei
M.Sc. Paula Münster bedanken, die als Sprecherin des Jahrgangs dieses Projekt sehr eng begleitet
hat; mit ihr habe ich sowohl die Einleitung als auch das Nachwort verfasst.

Besonderer Dank gilt meinen Kindern Lena, Johanna und Josef, denen ich nicht nur viele dieser
Märchen in deren Kindheit vorgelesen habe, sondern die sich insgesamt zu sehr interessierten
Märchenerzählern entwickelt haben. Mit ihnen habe ich auch oft diskutiert, welche Märchen im
Buch analysiert werden sollen und welche nicht. Ebenso dankbar bin ich meinem Schwieger-
vater und meiner Schwiegermutter Rolf und Traudel Gaska. Seit vielen Jahren führen sie mit
über 60 jungen Reiterinnen und Reitern in der Vorweihnachtszeit Märchen vor, und sie haben
mich damit über Jahre mit für Märchen begeistert. Traudel Gaska war immer eine konstruktiv-
kritische Ratgeberin bei der Analyse der vorliegenden Märchen.
X Vorwort

Mein Dank gilt ebenso den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Springer Verlages für die
professionelle Begleitung des Buches, insbesondere Joachim Coch (Planung), Judith Danziger
(Projektmanagement) und Stefanie Teichert (Lektorat).

Last but not least soll den Studierenden für ihr Engagement, ihre Geduld und Kreativität bei
den Märchen gedankt werden.

Dieter Frey
München, im März 2017
XI

Über den Herausgeber

Kurzdarstellung
Dieter Frey ist Professor für Sozialpsychologie an der Ludwig-Maximilians-Uni-
versität München. Seine Forschungsinteressen liegen sowohl im Bereich der
Grundlagenforschung (beispielsweise Dissonanztheorie, Kontrolltheorie oder
die Theorie der gelernten Sorglosigkeit) als auch im Bereich der angewandten
Forschung (beispielsweise Entstehung und Veränderung von Werten, Entste-
hung von Innovationen, Grundlagen und Faktoren professioneller Führung,
Zivilcourage). Auch interessiert ihn die konkrete Umsetzung von Forschungs-
ergebnissen in die Praxis.

Ausführlicher Biografietext
Dieter Frey studierte Sozialwissenschaften an der Universität Mannheim und
der Universität Hamburg. Nach seiner Promotion und Habilitation in Mann-
heim, die unter anderem durch ein VW-Stipendium und ein DFG-Stipendium
gefördert wurden, war er von 1978 bis 1993 Professor für Sozial- und Orga-
nisationspsychologie an der Universität Kiel. Dazwischen war er von 1988
bis 1990 Theodor-Heuss-Professor an der Graduate Faculty der New School
for Social Research in New York. Seit 1993 ist Dieter Frey Professor für Sozial-
psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zuvor hatte er
Rufe nach Bochum, Bielefeld, Zürich, Hamburg und Heidelberg erhalten.

Er ist Leiter des LMU Centers for Leadership and People Management und
Mitglied in der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Von 2003 bis 2013
war er akademischer Leiter der Bayerischen EliteAkademie. Über mehrere
Jahre war er Gutachter der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 1998 wurde
er zum Deutschen Psychologie Preisträger („Psychologe des Jahres“) ernannt.
2011 hat die Zeitschrift Personalmagazin ihn zum „Praktischen Ethiker“ und
einem der führenden Köpfe im Personalbereich in Deutschland ausgezeich-
net. Für seine Arbeiten, die für eine humanere Welt beitragen, wurde er 2016
von der Margrit-Egner-Stiftung der Universität Zürich ausgezeichnet.

Seine Forschungsgebiete liegen sowohl in der Grundlagenforschung (z. B.


psychologische Theorien wie Dissonanztheorie, Kontrolltheorie, Theorie
der gelernten Sorglosigkeit) als auch in der angewandten Forschung (z. B.
Entstehung und Veränderung von Werten, Entstehung von Innovationen,
Grundlagen und Faktoren professioneller Führung, Zivilcourage). Schließlich
beschäftigt er sich auch mit der Anwendung von Forschung auf soziale und
kommerzielle Organisationen.
XIII

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkung: An wen richtet sich dieses Buch und wie kann man
es nutzen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Dieter Frey
1.1 An wen ist das Buch gerichtet? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2
1.2 Unter welchen Blickwinkeln kann das Buch gelesen werden und wie
kann man es nutzen?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2

2 Einführung: Worin liegt die Faszination der Märchen und Psychologie? . . . . . . . . 5


Dieter Frey und Paula Münster
2.1 Faszination Märchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2.2 Faszination Psychologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.2.1 Wissenschaft der Psychologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
2.2.2 Psychologie als naturwissenschaftliches und als geistes- und
sozialwissenschaftliches Fach. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
2.3 Zugrunde gelegtes Welt- und Menschenbild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10

3 Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen (1837). . . . . . . . . . . . . . . . . . 13


Christian Feuerbacher
3.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
3.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
3.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
3.3.1 Zuschauereffekt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
3.3.2 Sozialer Einfluss. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
3.3.3 Gruppendenken. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
3.4 Bedeutung für die heutige Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
3.5 Implikationen für die Führung, Erziehung und Lebensgestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
3.5.1 Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
3.5.2 Erziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
3.5.3 Lebensgestaltung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
3.6 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19

4 Von den drei Groschen von Pavol Dobšinský. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21


Sarah Eichmann
4.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
4.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
4.3 Psychologischen Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
4.3.1 Reziprozität/Gegenseitigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
4.3.2 Soziale Verantwortung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
4.3.3 Verhaltensvorbilder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
4.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
XIV Inhaltsverzeichnis

5 Die Sterntaler von den Gebrüdern Grimm (1819). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29


Nadja Bürgle
5.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
5.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
5.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
5.3.1 Kontrolle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31
5.3.2 Hilfeverhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
5.3.3 Bedürfnisse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34
5.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35

6 Die Prinzessin auf der Erbse von Hans Christian Andersen (1837) . . . . . . . . . . . . . . 37
Kim Borrmann
6.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
6.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
6.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
6.3.1 Partnerwahl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39
6.3.2 Testverfahren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40
6.3.3 Sensibilität und Sensitivität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42
6.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44

7 Blaubart von Charles Perrault (1697) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45


Nadja Bürgle und Eileen Wittmann
7.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
7.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
7.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
7.3.1 Partnerwahl: Evolution oder Intuition?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
7.3.2 Geheimnisse in Partnerschaften. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
7.3.3 Konflikte in Partnerschaften. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
7.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52

8 Rapunzel von den Gebrüdern Grimm (1815). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53


Christian Feuerbacher und Marie Raith
8.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
8.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
8.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
8.3.1 Depressionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
8.3.2 Kontrolle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
8.3.3 Resilienz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
8.4 Bedeutung für die heutige Zeit und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
8.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58

9 Schneewittchen von den Gebrüdern Grimm (1857) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61


Miriam Krug
9.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
XV
Inhaltsverzeichnis

9.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63


9.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
9.3.1 Narzissmus und Neid. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
9.3.2 Attraktivitätsstereotyp: Wer schön ist, ist auch gut. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 64
9.3.3 Entwicklung vom Mädchen zur jungen Frau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
9.3.4 Zivilcourage und Hilfeverhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
9.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67

10 Rotkäppchen von den Gebrüdern Grimm (1812) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69


Sabine Weber
10.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
10.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
10.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
10.3.1 Dramadreieck. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
10.3.2 Versprechen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72
10.3.3 Vertrauen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
10.3.4 Prosoziales Verhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
10.4 Bedeutung für die heutige Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
10.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75

11 Vom Fischer und seiner Frau von den Gebrüdern Grimm (1812) . . . . . . . . . . . . . . . . 77
Natalie Hartung und Katharina Pfaffinger
11.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
11.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
11.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
11.3.1 Partnerschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79
11.3.2 Auffälligkeiten im Verhalten der Fischersfrau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
11.3.3 Lebenszufriedenheit und Glücksempfinden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82
11.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

12 Rumpelstilzchen von den Gebrüdern Grimm (1812). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85


Paula Münster
12.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
12.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
12.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
12.3.1 Psychologischer Vertrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
12.3.2 Glaube an eine gerechte Welt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
12.3.3 Reaktanz und erlernte Hilflosigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88
12.4 Bedeutung für die heutige Zeit und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
12.4.1 Mit Reaktanz und Teamwork gegen Größenwahn und Habgier. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
12.4.2 Vom Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 90
12.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 91
XVI Inhaltsverzeichnis

13 Schneeweißchen und Rosenrot von den Gebrüdern Grimm (1837) . . . . . . . . . . . . . 93


Isabel Kroiß
13.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
13.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
13.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
13.3.1 Altruismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
13.3.2 Reziprozität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
13.3.3 Vertrauen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
13.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99

14 Hänsel und Gretel von den Gebrüdern Grimm (1819) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101


Verena Berthold und Sarah Eichmann
14.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
14.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
14.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
14.3.1 Lügen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
14.3.2 Optimismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
14.3.3 Erlernte Hilflosigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105
14.3.4 Konformität und Gehorsam. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106
14.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107

15 Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen von den Gebrüdern
Grimm (1818). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
Angelika Stefan
15.1 Inhalt des Märchens und die Charaktere. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
15.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
15.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
15.3.1 Effekt der Erwartung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
15.3.2 Keine Furcht – ist das normal? Das Dilemma des Märchenhelden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
15.3.3 Eudämonisches Glück und das Streben nach höheren Zielen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
15.4 Implikationen für das eigene Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
15.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115

16 Der Hase und der Igel von den Gebrüdern Grimm (1815). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
Marie Raith
16.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
16.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118
16.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
16.3.1 Streben nach Leistungsvergleichen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
16.3.2 Minderwertigkeit und Selbstwertbedrohung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
16.3.3 Frustration, Aggression und Rache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
16.3.4 Die Gruppe als soziales Barometer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
16.3.5 Respekt und Selbstrespekt im sozialen Miteinander. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
16.3.6 Narzissmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
16.4 Bedeutung für die heutige Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122
XVII
Inhaltsverzeichnis

16.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123


Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

17 Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack von
Ludwig Bechstein (1847). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
Katharina Pfaffinger
17.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 126
17.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
17.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
17.3.1 Implikationen für die Erziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
17.3.2 Implikationen für die Lebensgestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
17.3.3 Implikationen für das Zusammenleben. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
17.4 Vergleich mit der Märchenversion von den Gebrüdern Grimm. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
17.4.1 Originalfassung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130
17.4.2 Bechsteins Veränderungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
17.5 Bedeutung für die heutige Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
17.6 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132

18 Das Märchen von den drei Brüdern von J. K. Rowling (2008) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133
Sophie Drozdzewski
18.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
18.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 134
18.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
18.3.1 List des Todes: Ein tödlicher Vertrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
18.3.2 Kontrollverlust, Widerstand und Hilflosigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
18.3.3 Angst vor dem Tod . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
18.3.4 Antisoziales Denken und Verhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
18.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138

19 Der Fischer und der Dschinn aus Tausendundeiner Nacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141


Angelika Stefan
19.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
19.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 142
19.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
19.3.1 Selbstregulationsfähigkeit und Selbstkontrolle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143
19.3.2 Soziale Exkludierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144
19.3.3 Selbstdarstellung und Beurteilung durch andere. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
19.3.4 Analyse der dyadischen Interaktion zwischen dem Fischer und Dschinn. . . . . . . . . . . . . . . . . . 146
19.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147

20 Der Wolf und die sieben jungen Geißlein von den Gebrüdern
Grimm (1819). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 149
Lorea Urquiaga
20.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
20.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 150
XVIII Inhaltsverzeichnis

20.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
20.3.1 Rollenkonflikt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
20.3.2 Naivität und blindes Vertrauen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
20.3.3 Gruppenentscheidungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
20.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154

21 Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans Christian


Andersen (1845) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 155
Eileen Wittmann
21.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
21.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
21.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 156
21.3.1 Modell des Hilfeverhaltens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157
21.3.2 Transaktionales Stressmodell – Misserfolg als Bedrohung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 158
21.3.3 Bedürfnispyramide von Maslow. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
21.4 Implikationen für die Erziehung, Führung und Lebensgestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
21.4.1 Hilfeverhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159
21.4.2 Umgang mit Misserfolg. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
21.4.3 Bedürfnisse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
21.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161

22 Väterchen Frost von Alexander Afanasjew (Mitte des 19. Jahrhunderts). . . . . 163
Maxim Karl
22.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
22.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 164
22.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
22.3.1 Biologische Elternschaft und Patchworkfamilien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
22.3.2 Gehorsam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
22.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169

23 Dr. Allwissend von den Gebrüdern Grimm (1815) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171


Jochen Baumeister
23.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
23.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
23.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 173
23.3.1 Attributionstheorie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
23.3.2 Selbst- und soziale Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174
23.3.3 Gruppeneinfluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
23.4 Implikationen für die Erziehung, Führung und Lebensgestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
23.4.1 Erziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 175
23.4.2 Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
23.4.3 Lebensgestaltung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177
23.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 178
XIX
Inhaltsverzeichnis

24 Bremer Stadtmusikanten von den Gebrüdern Grimm (1819). . . . . . . . . . . . . . . . . . 179


Verena Berthold
24.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
24.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
24.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
24.3.1 Leistungsorientierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181
24.3.2 Respekt vor dem Alter. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
24.3.3 Vom Wert der Gruppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
24.3.4 Handlungsorientierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
24.3.5 Vorurteile und Rassismus. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184
24.3.6 Gerechtigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
24.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 185

25 Die drei Glückskinder von den Gebrüdern Grimm (1819). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187


Vanessa Allwardt und Maxim Karl
25.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
25.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 188
25.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
25.3.1 Faktoren des Glücks. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189
25.3.2 Umgang mit Misserfolgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
25.3.3 Leistungen anderer und ihre Auswirkungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
25.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193

26 Das Rübchen von Alexander Afanasjew (Mitte des 19. Jahrhunderts) . . . . . . . . 195
Irina Bachsleitner
26.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
26.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
26.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
26.3.1 Vorurteile und die Gefahr der Diskriminierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
26.3.2 Arbeit im Team und Teamrollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197
26.3.3 Strategien zur Problemlösung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
26.3.4 Ausdauer und zielgerichtetes Handeln. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
26.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

27 Hans im Glück von den Gebrüdern Grimm (1819) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203


Katharina Gerstung
27.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
27.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
27.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
27.3.1 Glück und Zufriedenheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205
27.3.2 Materieller Besitz: Haben oder Sein?. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207
27.4 Implikationen für die Führung und Erziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208
27.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208
XX Inhaltsverzeichnis

28 Die Spinne und die Weisheit – ein afrikanisches Volksmärchen . . . . . . . . . . . . . . . 211


Franziska Wittmann
28.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212
28.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
28.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
28.3.1 Streben nach Weisheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
28.3.2 Nutzen von Weisheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
28.3.3 Wissen ist Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214
28.4 Implikationen für die Arbeitswelt und Lebensgestaltung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
28.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217

29 Der Teufel mit den drei goldenen Haaren von den Gebrüdern
Grimm (1857). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 219
Maximilian Spanner
29.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
29.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
29.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 221
29.3.1 Zufriedenheit, Glück und Wohlbefinden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
29.3.2 Grundlegende soziale Motive. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222
29.3.3 Prosoziales Verhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
29.4 Implikationen für die Erziehung, Führung und Lebensgestaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
29.4.1 Erziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
29.4.2 Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
29.4.3 Lebensgestaltung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
29.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225

30 Aschenputtel von den Gebrüdern Grimm (1819) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227


Lena Kuchta
30.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
30.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
30.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
30.3.1 Erlernte Hilflosigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 229
30.3.2 Coping- und Bewältigungsstrategien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230
30.3.3 Identität und Selbstwert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
30.4 Bedeutung für die heutige Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
30.4.1 Mobbing. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
30.4.2 Wunsch nach einer anderen Identität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
30.5 Implikationen für die Erziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
30.6 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 232
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233

31 Der Arme und der Reiche von den Gebrüdern Grimm (1815) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 235
Vanessa Allwardt
31.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
31.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236
31.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238
XXI
Inhaltsverzeichnis

31.3.1 Egoistisches und altruistisches Verhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238


31.3.2 Glaube an eine gerechte Welt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
31.3.3 Selbstkonzept und Selbstwertgefühl. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
31.3.4 Theorie des sozialen Vergleichs. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240
31.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 241

32 Die Schneekönigin von Hans Christian Andersen (1844). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243


Sophie Drozdzewski und Katharina Sagstetter
32.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244
32.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
32.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
32.3.1 Mut zeigen, ohne tollkühn zu sein. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
32.3.2 Übernahme von Verantwortung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
32.3.3 Selbstbestimmung vs. Depression. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247
32.3.4 Soziale Wahrnehmung und Attributionsstil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248
32.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249

33 Die Lebenszeit von den Gebrüdern Grimm (1840). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251


Isabel Kroiß
33.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
33.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
33.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
33.3.1 Kontrolle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 253
33.3.2 Mäßigung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255
33.3.3 Lebenszufriedenheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 256
33.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257

34 Frau Holle von den Gebrüdern Grimm (1812). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259


Nicole Blabst
34.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260
34.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
34.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
34.3.1 Charakter und Gehorsam . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262
34.3.2 Stockholm-Syndrom. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
34.3.3 Glücksempfinden und sozialer Vergleich. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 263
34.4 Bedeutung für die heutige Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
34.4.1 Denken und Entscheiden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
34.4.2 Leistungs- und Sollerbringung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
34.4.3 Glück. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
34.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265

35 Der alte Großvater und der Enkel von den Gebrüdern Grimm (1857). . . . . . . . . 267
Julia Käs
35.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268
XXII Inhaltsverzeichnis

35.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 268


35.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
35.3.1 Lernen am Modell. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
35.3.2 Selbstreflexion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270
35.3.3 Soziale Rollen, Stereotype und selbsterfüllende Prophezeiung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271
35.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273

36 Die drei kleinen Schweinchen von Joseph Jacobs (1890) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275


Katharina Sagstetter
36.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
36.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 276
36.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
36.3.1 Erziehungskontext: Vorbereitung auf ein selbstständiges Leben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278
36.3.2 Arbeitskontext: Gemeinsame Ziele, Bedürfnisse und Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279
36.3.3 Sozialer Kontext: Lernen und Helfen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
36.3.4 Kritische Bewertung zur Moral in der Geschichte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
36.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 282

37 Der kleine Muck von Wilhelm Hauff (1826). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283


Jochen Baumeister und Maximilian Spanner
37.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284
37.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
37.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
37.3.1 Voreingenommenheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
37.3.2 Jeder bekommt, was er verdient. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
37.3.3 Gruppenverhalten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286
37.3.4 In Erwartung des Guten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
37.4 Implikationen für die Lebensgestaltung, Erziehung und Führung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
37.4.1 Lebensgestaltung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
37.4.2 Erziehung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287
37.4.3 Führung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 288
37.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289

38 Dornröschen von den Gebrüdern Grimm (1819). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 291


Katharina Gerstung und Lorea Urquiaga
38.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
38.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
38.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
38.3.1 Bedürfnis nach Zugehörigkeit und sozialer Ausschluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293
38.3.2 Neugier. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294
38.3.3 Verdrängung in der Psychoanalyse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
38.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296
XXIII
Inhaltsverzeichnis

39 Der Jäger, der seine Frauen ungleich behandelte – ein afrikanisches


Volksmärchen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297
Nicole Blabst und Franziska Wittmann
39.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298
39.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299
39.3 Psychologische Phänomene. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
39.3.1 Glaube an eine gerechte Welt – der Jäger. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
39.3.2 Frustrations-Aggressions-Theorie und soziale Zurückweisung – die
vernachlässigte Frau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301
39.4 Bedeutung für die heutige Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301
39.4.1 Ungerechtigkeit in der Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
39.4.2 Kulturelle Unterschiede – Monogamie und Bigamie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
39.4.3 Gleichberechtigung von Mann und Frau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 302
39.4.4 Rationale Liebe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
39.5 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304

40 König Drosselbart von den Gebrüdern Grimm (1812). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305


Irina Bachsleitner und Julia Käs
40.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306
40.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307
40.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307
40.3.1 Psychologischer Vertrag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 307
40.3.2 Zufriedenheit und Anspruchsniveau. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 308
40.3.3 Bestrafungslernen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309
40.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310

41 Der gestiefelte Kater von den Gebrüdern Grimm (1812). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311


Lena Kuchta und Sabine Weber
41.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
41.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 312
41.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
41.3.1 Lageorientierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314
41.3.2 Handlungsorientierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 314
41.3.3 Freundschaft und Dankbarkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 315
41.3.4 Selbstüberschätzung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 316
41.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 317
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318

42 Es ist wirklich wahr von Hans Christian Andersen (1848) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319


Kim Borrmann und Miriam Krug
42.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320
42.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320
42.3 Psychologische Phänomene und Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
42.3.1 Psychologie der Kommunikation. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
XXIV Inhaltsverzeichnis

42.3.2 Soziale Neugier und Gossip. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323


42.3.3 Medien und unser Bild von der Welt. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
42.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325

43 Ali Baba und die vierzig Räuber aus Tausendundeiner Nacht . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
Natalie Hartung
43.1 Inhalt des Märchens. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
43.2 Die Charaktere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 328
43.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
43.3.1 Von Recht und Unrecht: Psychologie der Moral. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329
43.3.2 Ehrgefühl und Gesichtsverlust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331
43.3.3 Gier und materieller Besitz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 332
43.3.4 Loyalität, Gegenseitigkeit und Dankbarkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333
43.4 Fazit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333

44 Nachwort: Märchen sind Chancen für eine bessere Welt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 335


Dieter Frey und Paula Münster
Literaturverzeichnis. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 337

Serviceteil . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 339
Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340
XXV

Autorenverzeichnis

Allwardt, Vanessa Frey, Dieter, Prof. Dr.


81667 München Lehrstuhlinhaber Sozialpsychologie
v.allwardt@gmx.de LMU – Department Psychologie
Leopoldstr. 13
Bachsleitner, Irina 80802 München
81249 München dieter.frey@psy.lmu.de
irinabachs@t-online.de
Gerstung, Katharina
Baumeister, Jochen 80336 München
80803 München katharina.gerstung@gmx.net
maerchen@jochenbaumeister.de
Hartung, Natalie
Berthold, Verena 81375 München
80798 München natalie.hartung@web.de
verena.berthold@hotmail.de
Karl, Maxim
Blabst, Nicole 80686 München
80798 München maxim.karl@mail.de
nicole.blabst@gmail.com
Käs, Julia
Borrmann, Kim 81249 München
80809 München julia.kaes@web.de
kim.borrmann@gmx.de
Kroiß, Isabel
Bürgle, Nadja 80798 München
80809 München kroiss.isabel@yahoo.com
n.buergle@googlemail.com
Krug, Miriam
Drozdzewski, Sophie 80796 München
80797 München krug_miriam@web.de
sophie.drozdzewski@freenet.de
Kuchta, Lena
Eichmann, Sarah 80538 München
80805 München lena_kuchta@gmx.de
sarah_schmidt1@gmx.net
Münster, Paula
Feuerbacher, Christian 80805 München
81541 München paula.muenster@gmail.com
feuerbacher@me.com
XXVI Autorenverzeichnis

Pfaffinger, Katharina
82041 Oberhaching
k.pfaffinger@yahoo.de

Raith, Marie
81541 München
m.raith@dawara.de

Sagstetter, Katharina
81673 München
katharina.sagstetter@web.de

Spanner, Maximilian
85570 München
max.spanner@gmail.com

Stefan, Angelika
80939 München
angelika.stefan@gmx.de

Urquiaga, Lorea
80339 München
loreaurquiaga@gmail.com

Weber, Sabine
94065 Waldkirchen
sabine.weber@campus.lmu.de

Wittmann, Eileen
80939 München
eileen.wittmann@t-online.de

Wittmann, Franziska
84048 Mainburg
franziskawittmann@hotmail.de
1 1

Vorbemerkung: An wen richtet


sich dieses Buch und wie kann
man es nutzen?
Dieter Frey

1.1 An wen ist das Buch gerichtet? – 2

1.2 Unter welchen Blickwinkeln kann das Buch gelesen


werden und wie kann man es nutzen? – 2

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_1
2 Kapitel 1 · Vorbemerkung: An wen richtet sich dieses Buch und wie kann man es nutzen?

1.1 An wen ist das Buch gerichtet? sondern die Leser zum Weiterfragen und Weiterden-
42
1 ken anregen.
Das Buch richtet sich an unterschiedlichste Leser- Kurzum bietet dieses Buch vielfältige Möglich-
gruppen. So sind das Buch und die darin enthaltenen keiten des Lesens und ist an ein breites Publikum
Märchen zum einen für viele Berufsfelder geeignet. gerichtet. Vermutlich wird das jeweilige Interesse
Ein Beispiel sind Erzieherinnen und Erzieher, die abhängig vom Märchen sein, von der Stimmung der
den Kindern gerne Märchen vorlesen. Sie können Lesenden, vom Lebensabschnitt, in dem er oder sie
die psychologische Interpretation sowohl verwen- sich befindet. Wir möchten mit diesem Buch Neu-
den, um sich selbst weiterzubilden und etwas über gierde wecken, weil gerade Märchen geeignet sind,
verschiedene psychologische Theorien und Modelle ein tieferes Verständnis und Gespür für Menschen
zu lernen, als auch zur Arbeit mit den Kindern. und Menschlichkeit zu entwickeln, die weit über eine
Unseres Erachtens ist es relevant, die Kinder selbst formale Märchenanalyse hinausreicht.
zu fragen, was sie von dem Märchen lernen können.
Dabei geben unsere psychologischen Analysen und
Reflexionen eine Vielzahl von Hinweisen, welche 1.2 Unter welchen Blickwinkeln
größtenteils auch kindgerecht darstellbar sind. Glei- kann das Buch gelesen werden
ches gilt natürlich für die Lesergruppe der Eltern, die und wie kann man es nutzen?
ihren Kindern Märchen erzählen. Auch sie können
die psychologischen Analysen als Background für 1. Interesse an Märchen zur Auffrischung von
ihre eigenen Erklärungen der Welt für die Kinder Kindheitserinnerungen
nutzen. Der Märchenliebhaber findet hier eine kurze und
Es ist zudem relevant für Studierende der Sozial- prägnante Zusammenfassung von 41 Märchen, die
wissenschaften, die sich im weitesten Sinne mit möglicherweise viele Erinnerungen in ihm wecken
Märchen, Psychologie oder eben mit Menschen und werden. Sei es, als damals die Eltern oder Groß-
psychologischen bzw. soziologischen Phänomenen eltern die Märchen vorgelesen haben oder wie die
beschäftigen. Egal ob für Studierende der Soziologie, Geschichten selber den eigenen Kindern vorge-
Psychologie oder Wirtschaftswissenschaften – dieses lesen wurden. Für viele Märchenliebhaber mag es
Buch bildet eine sinnvolle Ergänzung zu den Schwer- ein Anreiz sein, diese Kurzzusammenfassungen der
punkten und Inhalten der Studienfächer. Märchen zu lesen – schlicht weil sie Märchen mögen,
Gleichzeitig ist es interessant für Menschen in Erinnerungen schwelgen möchten oder auch die
allen Alters, die kein akademisches Interesse an Zusammenfassungen ihren Kindern oder Enkeln
diesem Thema haben, sondern einfach gerne vorlesen möchten.
Märchen lesen und sich darin verlieben. Diese Leser
haben hier gleichzeitig die Chance zu erfahren, was 2. Interesse für den psychologischen
hinter den Kulissen der Märchen steckt und was Hintergrund sowie die spezifischen
man mit diesen Jahrhunderte alten Erzählungen Charaktere der Märchen
heute noch anfangen kann. Sie können mit diesem Für den interessierten Laien ebenso wie für Personen
Buch ihren Horizont erweitern, die Märchen mit mit einem Bezug zur Psychologie bietet dieses Buch
ganz anderen Augen sehen und erhalten gleichzei- die Möglichkeit, geliebte Geschichten unter dem
tig einen Bezug zu psychologischen Theorien und neuen Aspekt der psychologischen Analyse zu lesen.
Erkenntnissen. Hier werden – je nach Vorkenntnissen – neue oder
Nicht zuletzt ist es auch aufschlussreich für Men- bereits bekannte psychologische Phänomene erklärt
schen, die neu in unserer Kultur sind, viele Märchen und zum vertrauten Märchen in Beziehung gesetzt.
noch gar nicht kennen und jetzt etwas über Märchen So lernt der Leser, die Geschichten seiner Kindheit
im Allgemeinen und auch über unsere Kultur und aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, kann
Vergangenheit erfahren möchten. Die Hoffnung die Handlungen der Charaktere besser verstehen,
ist, dass wir in unserem Buch nicht nur analysieren, ohne überfordert zu werden.
1.2 · Unter welchen Blickwinkeln kann das Buch gelesen werden
3 1
3. Interesse für Psychologie unabhängig von
den Märchen
Ist das Interesse mehr der Psychologie als den
Märchen gewidmet, so hat der Leser den Vorteil,
die vorgestellten Konzepte begreifen zu können,
ohne sich erst in erklärende Beispiele eindenken
zu müssen. Die Geschichten sind wohlbekannt, der
Leser kann sich also ganz auf die Kombinationen
und Wechselwirkungen verschiedener Phänomene
konzentrieren. Dadurch fällt es leichter, sich neues
Wissen anzueignen.

4. Märchen als Chance für Unterhaltung und


als Ausgangspunkt für tiefer gehende
Diskussionen
Natürlich kann das Buch auch gelesen werden, wenn
man mehr als nur ein persönliches Interesse an der
Thematik hat. Großeltern können nach der Lektüre
ihren Enkeln das Märchen vielleicht noch spannen-
der erzählen oder auf Nachfrage noch besser erklä-
ren. Aber auch unter Gleichaltrigen können sehr
spannende Diskussionen über einzelne beschriebene
Phänomene entstehen. Während einer den psycho-
logischen Ansatz, der das Verhalten eines Protago-
nisten erklären soll, sehr einleuchtend findet, kann
ein Freund ganz anderer Meinung sein. Auch die
Implikationen für das heutige Leben können als Aus-
gangspunkt für tiefer gehende Diskussionen genutzt
werden.
Vermutlich wird die meisten Menschen das Vor-
lesen der Märchen faszinieren. Ob sie dann auch fas-
ziniert sind von jeder psychologischen Analyse sei
dahingestellt. Die Vorleser sollen zudem ermuntert
werden, mit eigenen Worten den psychologischen
Hintergrund zu transportieren, in der Hoffnung,
dass damit wieder sehr viele andere Menschen die
psychologischen Hintergründe erfahren. Außerdem
ist es wünschenswert, dass der Leser selbst den Bezug
zur Gegenwart und zu seinem eigenen Leben her-
stellen kann.
5 2

Einführung: Worin liegt die


Faszination der Märchen und
Psychologie?
Dieter Frey und Paula Münster

2.1 Faszination Märchen – 6

2.2 Faszination Psychologie – 8


2.2.1 Wissenschaft der Psychologie – 8
2.2.2 Psychologie als naturwissenschaftliches und als geistes- und
sozialwissenschaftliches Fach – 9

2.3 Zugrunde gelegtes Welt- und Menschenbild – 10

Literaturverzeichnis – 10

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_2
6 Kapitel 2 · Einführung: Worin liegt die Faszination der Märchen und Psychologie?

2.1 Faszination Märchen 3. Märchen erinnern an die eigene Kindheit


und erzeugen aufgrund der damaligen Nähe
Was fasziniert Menschen an Märchen? Warum eine positive Stimmung
2 gehören Märchen zu den Geschichten, hinter der Märchen faszinieren Erwachsene u. a., weil ihnen die
Bibel und dem Koran, die am häufigsten publiziert Geschichten aus der eigenen Kindheit vertraut sind –
wurden? Warum faszinieren sie sowohl Kinder als sie erinnern sich daran, wie Mutter, Großmutter,
auch Erwachsene? Weshalb versetzen sie uns in eine Vater oder Großvater sie vorgelesen haben. Märchen
positive Stimmung? Dieses Kapitel soll Antworten haben deshalb einen Wiedererkennungseffekt, den
auf all diese Fragen geben. sie mit hoffentlich positiven Erinnerungen an die
Kindheit verknüpfen. Meistens sind die Erinnerun-
1. Märchen sprechen alle menschlichen gen mit einer Umgebung der Ruhe und Geborgen-
Emotionen an heit verbunden. Viele Leute, die als Kinder Märchen
Märchen sind eine Mischung aus Realität und Fan- gehört haben, erzählen sie auch den eignen Kindern
tasie. Dabei sprechen sie alle denkbaren Emotionen und Enkeln. Sie werden sich so immer wieder ihren
an wie Liebe, Hass, Wut, Enttäuschung oder Freude. eigenen, positiven Erinnerungen bewusst, die mit
Die ganzen menschlichen Komödien und Tragö- den Geschichten oder den Erzählern verknüpft sind.
dien des Lebens kommen im Märchen vor: Pech
und Glück, Feigheit und Mut, Gut und Böse. Oft 4. Märchen stiften eine gemeinsame Identität
mit glücklichem Ausgang – aber eben nicht immer. und bieten eine Gesprächsbasis aufgrund
Es sind Dinge, mit denen jeder Mensch vertraut ist. geteilter Wirklichkeit
Märchen bestechen vor allem durch ihre Klarheit Es gibt weltweit kaum Menschen, die noch nie etwas
und ihre schlichte, strukturierte Erzählweise. Einfa- von Märchen gehört haben, da den meisten Men-
che Gegensätze wie Gut und Böse, Arm und Reich, schen in der Kindheit Märchen erzählt wurden.
Schön und Hässlich prägen die Geschichten. Das ist Dadurch stiften Märchen in gewisser Weise eine
sowohl für Kinder wie auch Erwachsene deshalb fas- geteilte Identität und Wirklichkeit. Wenn das
zinierend, weil es besonders einfach und damit nach- Gespräch auf Märchen fällt, können die meisten
vollziehbar ist. Menschen an der Diskussion teilnehmen: Welches
Märchen war Ihr Lieblingsmärchen? Welchen
2. Die Sehnsucht nach dem Charakterhelden Charakter fanden Sie besonders schlimm? Dieses
Im Märchen begegnet uns zumeist eine gutmü- geteilte Wissen – in der Psychologie spricht man
tige und unschuldige Hauptfigur mit reinem von „shared cognition“ – führt dazu, dass Menschen
Herzen, die sich mit widrigen Umständen kon- sich sofort vertraut fühlen, wenn sie etwas vom Wolf,
frontiert sieht und ihren Weg bis zum guten Ende Hänsel und Gretel oder den sieben Zwergen hören.
tapfer und beständig gehen muss. Dieser Weg ist Das Schöne hieran ist, dass auch über Generatio-
oft beschwerlich und mit immer neuen Herausfor- nen hinweg dieses geteilte Wissen präsent ist und
derungen versehen. Zum Teil erleiden die Helden Märchen somit auch einen Dialog zwischen Jung
und ihre Gegenspieler kaum fassbare Qualen. Die und Alt anstoßen können.
Protagonisten der Märchen sind meistens tapfer
und überbrücken alle nur denkbaren Hindernisse. 5. Märchen erzeugen Spannung und dienen
Menschen identifizieren sich gerne mit solchen der Unterhaltung
Helden, denn Märchen mit ihren Helden thema- Märchen erzeugen Spannung – fast wie ein guter
tisieren zwar reale Konflikte, haben aber immer Krimi. Der Ausgang der Geschichte ist zu Beginn
auch fantastische Elemente. Bei allen Märchen häufig unklar. Diese Spannung lässt sich auf den
wird in diesem Buch versucht, die psychologi- Zuhörer, vor allem auch auf Kinder, übertragen. Dies
schen Phänomene und Beweggründe der Charak- ist ein weiterer Grund, weshalb Märchen Menschen
tere herauszuarbeiten. faszinieren und begeistern. Während Menschen heute
2.1 · Faszination Märchen
7 2
sonntagsabends beim Tatort sitzen, wurden sie früher gibt es zumeist viele bekannte Elemente, die sich in
von Märchen und Märchenerzählern unterhalten. zahlreichen Märchen wiederholen: der böse Wolf, die
Die Fragen, die wir uns bei Märchen stellen, sind Schwiegermutter oder die Königin. Faszination ent-
genau die gleichen wie bei einem guten Krimi: Was steht, weil diese bekannten Elemente in jedem Märchen
treibt die Protagonisten an? Warum handeln sie so? mit neuen vermischt werden – und man sich letztend-
Was bedeutet das Ganze für uns und unsere Realität? lich nie sicher sein kann, ob am Ende das Böse bestraft
Hierzu kann uns die Psychologie Antworten liefern. wird und die Geschichte einen guten Ausgang hat.
Daher stellt sich die Frage: Sind Märchen über- Märchen spiegeln Realitäten wider – egal ob
haupt Geschichten für Kinder? In vielen Märchen diese vor 100, 300 oder noch längerer Zeit Wirk-
verbirgt sich hinter der Spannung auch Gewalt und lichkeit waren. Es sind jeweils Themen, die Kindern
Ungerechtigkeit, und die Frage ist, ob diese häufig bereits begegnet sind: Es geht um Gut und Böse, um
gruseligen und brutalen Geschichten überhaupt das Übertreten von Verboten oder um Recht und
kindgerecht sind. „Kann man das den Kindern so Ungerechtigkeit. Jeder Leser kann sich also in dem
überhaupt zumuten?“, ist eine häufig gestellte Frage Märchen wiederfinden, da es für ihn Realitätsgehalt
und die Antwort ist: „Ja, man kann.“ Die Kinder hat. Gleichzeitig wird die Realität immer mit Fanta-
werden ihrer realen Welt laufend mit Gewalt kon- sie vermischt, denn Märchen spielen in einer Fanta-
frontiert – ob im Fernsehen, im Kino oder in Com- siewelt mit Zaubertränken, sprechenden Tieren oder
puterspielen. Der Unterschied zu Märchen ist folgen- übernatürlichen Fähigkeiten. Dies regt die Fantasie
der: Die medialen Gewalt- und Kriegsgeschichten an, und die Geschichten können durch die eigene
überfordern Kinder. „Das Märchen erzählt dagegen Vorstellungskraft weitergesponnen werden.
ruhig, die Sprache kommt mit wenigen Adjekti-
ven aus (arm, reich, alt, jung, schön, hässlich) und 7. Märchen geben Orientierung fürs Leben
beschreibt keine Details; Schmerz und Leid werden Mit Sicherheit sind Märchen auch deshalb populär
mit klaren Worten dargestellt und nicht ausge- und werden über Jahrhunderte von Generation zu
schmückt. Auf die Gefühle der Beteiligten wird Generation weitererzählt, weil in ihnen sehr viel
wenig eingegangen, es werden dafür Handlungen Lebensweisheit steckt und sie Orientierung für das
beschrieben: Die Zwerge weinen um Schneewitt- eigene Leben geben. Sie helfen dabei, zu reflektieren,
chen, Aschenputtel verrichtet ohne Gram ihre Auf- was gut und was böse oder faires und unfaires Verhal-
gaben“ (Frey 2009, S. 121). Wichtig ist vor allem ten ist. Nicht umsonst heißt es oft am Ende: „Und die
dort, wo es schrecklich im Märchen ist, einen res- Moral von der Geschichte: … “ Märchen helfen uns
pektvollen Umgang mit dem Gefühl zu haben. Die dabei – meist schon in jungen Jahren – ein Moral-
Aussage: „Die Stiefmutter mit dem Apfel ist wirk- verständnis zu entwickeln. Außerdem sind Märchen
lich ganz schön bedrohlich.“, ist eine bessere als: „Du eine Art Lebenshilfe: Sie zeigen immer wieder aufs
brauchst keine Angst zu haben!“, denn sie zeigt dem Neue, dass Probleme, egal wie ausweglos sie schei-
Kind, dass seine Empfindungen durchaus angemes- nen, lösbar sind. Somit geben sie Mut und Hoffnung.
sen sind. Dann kann auch folgen: „Komm, rücken Der Held handelt dabei stets werteorientiert und
wir zusammen und sehen, was weiter passiert.“ übernimmt damit eine Vorbildfunktion. Der Gegen-
spieler ist dafür da, den Helden herauszufordern und
6. Märchen üben Faszination aus, weil sie ihn in seiner positiven Haltung noch besser hervor-
Realitäten widerspiegeln und Realitäten mit zuheben. Durch die Helden der Märchen können
Fantasie verbinden wir zahlreiche Dinge für unser Leben lernen wie bei-
Märchen haben einen Unterhaltungswert, weil sie spielsweise, dass
einen Wiedererkennungswert in der Realität haben. 44Großherzigkeit und Gutmütigkeit sich lohnen,
Gleichzeitig sind sie faszinierend, weil sie immer eine 44es nicht auf Äußerlichkeiten wie Schönheit
Mischung von Bekanntem und Unbekanntem sind. oder Reichtum ankommt, sondern auf die
Selbst wenn man ein Märchen zum ersten Mal hört, inneren Werte,
8 Kapitel 2 · Einführung: Worin liegt die Faszination der Märchen und Psychologie?

44Neid und Missgunst auf das Äußerste bestraft 2.2 Faszination Psychologie
werden, während Bescheidenheit und
Mitgefühl sich auszahlen, Da dieses Buch viel mit Psychologie und psychologi-
2 44Zivilcourage Leben retten kann, schen Interpretationen zu tun hat und mit Sicherheit
44man durch Durchsetzungskraft und Selbstver- viele psychologische Laien dieses Buch lesen, folgen
trauen erfolgreich sein kann, einige Einführungen zum Denken der Psychologie.
44die Liebe so mächtig ist, dass sie sich selbst von
den spitzesten Dornen nicht aufhalten und von
den goldensten Schuhen nicht täuschen lässt. 2.2.1 Wissenschaft der Psychologie

In der Analyse der konkreten Werte möchten wir in Psychologie ist die Wissenschaft des Erlebens und
diesem Buch zeigen, dass in jedem Märchen durch- Verhaltens (vgl. Bierhoff u. Frey 2011, 2017; Frey u.
aus mehrere Weisheiten stecken, die es gemeinsam Bierhoff 2011). Auch wenn sich die moderne Psy-
mit den Kindern zu entdecken gilt und die Orientie- chologie nicht mehr mit der Seele beschäftigt, so
rung für das eigene Leben geben können. beschäftigt sie sich doch mit dem Funktionieren und
Nichtfunktionieren des Menschen, also mit seinem
8. Märchen als Chance für Wertevermittlung Erleben und Verhalten, seinen Emotionen, Gefüh-
und Persönlichkeitsentwicklung len, Stimmungen, seinen Motivationen, aber auch
Wie im Absatz zuvor beschrieben, transportieren genauso mit seinem Lernen und Problemlösen oder
Märchen Werte. Werte erleichtern unser Zusammen- seinem Gruppenverhalten (vgl. Frey u. Irle 1993,
leben und machen es wertvoll (Beck u. Leger 2007). 2002, 2008).
Wertevermittlung heißt, Orientierungsmaßstäbe Die wissenschaftliche Disziplin der Psychologie
zu geben, die dem Menschen zu Verhaltens- und hat das Ziel, menschliches Erleben und Verhalten zu
Urteilssicherheit verhelfen (vgl. Frey 2017; Frey u. erklären und vorherzusagen und damit auch Verän-
Schmalzried 2013; Frey et al. 2008). Wir richten derungspotenziale und -möglichkeiten aufzuzeigen.
unser Verhalten an Werten oder moralischen Prinzi- Da der Mensch ein sehr komplexes Wesen ist, gibt es
pien aus, müssen uns an Werten und Normen orien- eine Vielzahl von Unterdisziplinen der Psychologie.
tieren und die Perspektive anderer Menschen mit in Teilbereiche der Psychologie in wenigen Sätzen
unsere Entscheidungen einbeziehen. zusammengefasst sind:
Dies alles lernen wir im Laufe unseres Lebens, 1. Allgemeine Psychologie beschäftigt sich mit
und in der Psychologie spricht man in diesem allen den Menschen eigenen Vorgängen des
Zusammenhang von Moralentwicklung. Lernen Erlebens und Verhaltens, beispielsweise mit
können wir von unseren Vorbildern, z. B. im Kin- Wahrnehmungs- und Gedächtnisprozessen,
desalter von den Eltern, Erziehern, Lehrern, also den Prozessen des Lernens und des Problemlösens,
erwachsenen Bezugspersonen. Moralische Vorbil- aber auch mit Emotion und Motivation. Da
der können aber auch durch Figuren symbolisiert diese Prozesse letztlich mehr oder weniger
werden wie eben in Bilderbüchern, Geschichten und allen Menschen gemein sind, spricht man von
Märchen. Märchen erfordern ein Mitdenken, Mit- allgemeiner Psychologie.
fühlen und Mithandeln. Die Kinder identifizieren 2. Persönlichkeitspsychologie versucht
sich mit dem Helden und sammeln auf diese Weise die individuellen Unterschiede zwischen
Erfahrungen in einer parallelen Welt (Beeli u. Gysin Menschen herauszuarbeiten. Beispiele hierfür
2005). wären Unterschiede in der Intelligenz, der
Die meisten Menschen empfangen Ansätze einer Kreativität, dem Selbstwert, der Ängstlichkeit,
gesellschaftlichen Moral zuerst in der Märchen- der Depressivität oder der Extraversion. Sie
stunde. Märchen helfen den Kindern, das Gute und ist somit das Gegenstück zur allgemeinen
das Böse vor dem geistigen Auge sichtbar werden zu Psychologie, die sich auf Gemeinsamkeiten
lassen. Durch Übertreibung und Personalisierung konzentriert.
des Guten und Bösen werden Normen und Werte 3. Sozialpsychologie analysiert, inwieweit
exemplarisch vorgeführt. menschliches Verhalten und Erleben abhängig
2.2 · Faszination Psychologie
9 2
ist von der Anwesenheit anderen Menschen. aber auch zu beeinflussen. Dabei gibt es eine Vielzahl
Es wird sich hier mit dem Einfluss der sozialen, verschiedener Theorien, Modelle und Erkenntnisse,
technischen oder kulturellen Umgebung sowie welche Sie im Laufe dieses Buches kennenlernen
von Gruppenprozessen auf psychologische werden. Je mehr psychologische Erkenntnisse vorlie-
Zustände beschäftigt. Sozial meint in diesem gen, desto leichter wird es, Menschen einzuschätzen,
Zusammenhang „interaktiv“ und ist nicht im Verhalten zu erklären und ggf. auch zu beeinflussen.
Sinne von Sozialarbeit aufzufassen. Man sollte jedoch ein Missverständnis aufklä-
4. Biologische, physiologische und Neuro- ren: Psychologieexperten haben keine Röntgen-
psychologie versucht, die biologischen, augen und analysieren jegliches zwischenmensch-
physiologischen und neuronalen Grundlagen liche Verhalten. Stattdessen sehen sie Situationen
aller wichtigen psychologischen Prozesse zu häufig differenzierter und erkennen, dass Verhal-
entdecken. ten stets sowohl abhängig von der jeweiligen Situa-
5. Klinische Psychologie betrachtet Störungen tion als auch von der Persönlichkeit des Gegenübers
von Menschen wie Ängste, Depressionen ist. Ungeschulte Laien können diese distanzierte
oder Schizophrenie. Sie untersucht, inwieweit Warte zumeist weniger gut einnehmen und passen
man diese Störungen durch Therapie, z. B. Menschen bevorzugt in ihr eigenes Denkschema
durch Psychoanalyse oder Verhaltenstherapie, ein, statt das des anderen aufzugreifen (Schwarz-
behandeln kann. Weiß-­Denken). Interessanterweise sind Märchen
6. Arbeits-, Wirtschafts- und Organisations- oft schwarz-weiß – der Gute gegen den Bösen, die
psychologie beschäftigt sich mit menschlichen Schöne gegen die Hässliche. Die Psychologie hilft
Phänomenen in sozialen und kommerziellen dabei, auch Märchen und deren Charaktere diffe-
Organisationen. Klassische Themen wären renziert zu betrachten – denn in vielem Bösen kann
hierbei Arbeitsmotivation, Führung oder auch etwas Gutes stecken.
Konflikte in Organisationen.
7. Entwicklungspsychologie untersucht, wie
sich psychische Prozesse – d. h. Emotionen, 2.2.2 Psychologie als
Kognitionen und Verhalten – ausgehend von naturwissenschaftliches
der Geburt, über die Kindheit und Jugendzeit und als geistes- und
bis ins hohe Alter entwickeln. sozialwissenschaftliches Fach
8. Pädagogische Psychologie befasst sich mit
Lern- und Lehrprozessen. Eine typische Frage, Häufig stellen sich Psychologen die Frage, welcher
mit der sich diese Teildisziplin befasst, wäre Fachrichtung sie eigentlich zugehören. Das ist gar
beispielsweise: Wie muss ein Stoff pädagogisch, nicht so einfach: Psychologie kann sowohl als natur-
didaktisch, methodisch aufbereitet sein, damit wissenschaftliches Fach mit ihrer empirischen For-
der Lernende optimale Lernfortschritte erzielt? schung gesehen werden als auch als Geistes- und
9. „Bindestrich“-Psychologien: Es gibt eine Sozialwissenschaft. Dies soll im Folgenden kurz
Vielzahl weiterer Subdisziplinen der Psycho- erläutert werden.
logie, die Teilbereiche erforschen, z. B. die Psychologie ist fast immer naturwissenschaft-
Gesundheits-, Sport- oder Werbepsychologie, lich orientiert, zumindest in den Universitäten. Sie
und dabei zusätzliche (psychologieferne) versucht – ähnlich wie in den Naturwissenschaften –
Fachbereiche gleichwertig einbeziehen. Hier Zustände exakt zu messen und zu analysieren. Sie
werden jeweils die Phänomene des Erlebens bedient sich dabei Experimenten, Felduntersuchun-
und Verhaltens mit einem bestimmten Schwer- gen oder Verhaltensbeobachtungen, um zu überprü-
punkt erforscht. fen, welche Wirkungsweisen bestimmte Variablen
haben. Daten werden erhoben, ausgewertet und sta-
Das sind nur einige wichtige Unterdisziplinen der tistischen Tests unterzogen (Bierhoff u. Frey 2017).
Psychologie, und natürlich ist Psychologie immer Neben der naturwissenschaftlichen Orientie-
bestrebt, Theorien und Modelle zu entwickeln, um rung gibt es auch die sog. geistes- und sozialwissen-
menschliches Verhalten zu erklären, vorherzusagen, schaftliche Orientierung. Vor über hundert Jahren
10 Kapitel 2 · Einführung: Worin liegt die Faszination der Märchen und Psychologie?

hat sich die Psychologie aufgrund Wilhelm Wundts verändern zu können. Dazu gibt uns die Psycholo-
von der Philosophie getrennt. Ob dies sinnvoll war, gie sehr gute Handwerkzeuge durch Diagnostik und
kann man unterschiedlich bewerten. Wir sind der Methodik sowie Theorienwissen an die Hand.
2 Meinung, dass jeder Psychologe, der sich mit Men-
schen und Gruppen beschäftigt, sich immer auch mit
Werten, Sinnfragen und Bedürfnissen gut auskennen 2.3 Zugrunde gelegtes Welt- und
muss und in den Kernfragen der Philosophie kom- Menschenbild
petent sein sollte. All das, was empirisch erforscht
und interpretiert wird, muss letztlich immer vor dem Wir orientieren uns als Psychologen an der humanis-
Hintergrund des jeweiligen sozialen, kulturellen und tischen und positiven Psychologie. Das bedeutet: Es
historischen Kontextes interpretiert werden: Was geht nicht nur darum, die Welt zu erklären, sondern
bedeuten empirische Ergebnisse, wie sind sie ent- sie auch im Positiven zu verändern. Für dieses
standen? Gleichzeitig geht es immer auch um mora- Handeln braucht man einen Kompass oder einen
lisch ethische Fragestellungen von Erleben und Ver- Ankerpunkt. Leitgedanken finden sich in der Phi-
halten: Ist z. B. alles erlaubt, was möglich ist? losophie von Kant wie die Forderung nach Mündig-
Wir werden auch bei unseren Märchenanalysen keit („Bediene dich deines eigenen Verstandes“), aber
versuchen, nicht nur das Verhalten der Hauptcha- auch der Kantsche Imperativ „Handle so, dass dein
raktere zu erklären, sondern gleichzeitig bestimmte Handeln allgemeines Gesetz ist“. Gleichzeitig werden
Werte oder Sollzustände zu reflektieren: War das diese verbunden mit Poppers kritischem Rationalis-
Verhalten moralisch richtig oder falsch, angemes- mus im Sinne einer offenen Kultur ohne Dogmatis-
sen oder unangemessen? Mit diesem Thema wird mus, in der kritisch rational diskutiert werden kann
letztlich immer auch der Psychologe konfrontiert, und muss. Genauso relevant ist die Lessingsche Idee
wenn er therapeutisch tätig ist. Hier muss er sich z. B. der Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt.
fragen: Helfe ich dem Patienten, emotional stabiler Wichtig ist, dass wir der humanistischen Grund-
zu werden, indem ich vor allem seine Selbstverwirk- idee, die von Respekt und Wertschätzung zollt, und
lichung unterstütze, oder sollte ein Thema der Thera- der Vorstellung einer Gesellschaft folgen, die auf
pie darauf abzielen, dass er Verantwortung für andere Toleranz, Menschlichkeit, Offenheit und der Akzep-
übernimmt. Kann er z. B. seine Kinder verlassen, tanz von Vielfalt beruht. Unser Ziel beschränkt sich
wenn er dadurch eine höhere Selbstverwirklichung dabei nicht auf psychologische Analysen, sondern
erhält? Oder geht es in einer Organisation nur um soll darüber hinaus zeigen, wie wir die Welt etwas
die Optimierung von Arbeit oder auch um die Work- besser machen und die Märchen als Ausgangsform
Life-Balance? Das heißt, ob gewollt oder nicht, muss für eine bessere Welt nutzen können.
man immer auch die ethisch moralischen Aspekte
und die dahinter liegenden Sinnfragen klären.
Bei der sozialwissenschaftlichen Seite der Psy- Literaturverzeichnis
chologie kommt immer auch dazu, dass der Mensch
Beck, R., & Leger, E. (2007). Kinder lieben Märchen … und ent-
eingebettet ist in seine Kultur und Gesellschaft. Inso- decken Werte. München, Knaur.
fern spielen politische, wirtschaftliche und kulturelle Beeli, I., & Gysin, M. (2005). Prinzessin Mäusehaut. Erzählen,
Phänomene eine große Rolle und müssen bei der spielen, gestalten. Zürich: Scola.
Interpretation von Verhalten berücksichtigt werden. Bierhoff, H.-W., & Frey D. (Hrsg.). (2011). Bachelorstudium Psy-
Damit ist leicht zu erkennen, dass Psychologie eine chologie: Sozialpsychologie – Individuum und soziale Welt.
Göttingen: Hogrefe.
sehr interdisziplinäre Wissenschaft ist, auch wenn Bierhoff, H.-W., & Frey, D. (Hrsg.). (2017). Enzyklopädie der
viele Psychologen dieses nicht so wahrnehmen und Psychologie. Sozialpsychologie. Bände 1 bis 3. Göttingen:
umsetzen. Hogrefe.
Wir halten es als Psychologen nicht nur für Frey, A. (2009). Wilde Räuber – zarte Feen. Zur Psychologie
wichtig, psychologische Phänomene zu analysieren, von Märchen und ihr Einsatz in der musikpädagogischen
Praxis. Musikpraxis. Musik und Bewegung in Kindergarten,
zu erklären und vorherzusagen, sondern für beson- Musik- und Grundschule 121, 2–12.
ders wertvoll und faszinierend, negatives Verhalten
Literaturverzeichnis
11 2
Frey, D. (Hrsg.). (2017). Psychologie der Sprichwörter – Weiß die
Wissenschaft mehr als Oma? Berlin, Heidelberg: Springer.
Frey, D., & Bierhoff, H.-W. (Hrsg.). (2011). Bachelorstudium
Psychologie: Sozialpsychologie - Interaktion und Gruppe.
Göttingen: Hogrefe.
Frey, D., Frey, A., Peus, C., & Osswald, S. (2008). Warum es so
leicht ist, Werte zu proklamieren und so viel schwieriger,
sich auch entsprechend zu verhalten. In: E. Rohmann, M.
J. Herner, & D. Fetchenhauer (Hrsg.), Sozialpsychologische
Beiträge zur Positiven Psychologie (S. 226–247). Lengerich:
Pabst Science Publishers.
Frey, D., & Irle, M. (Hrsg.). (1993). Theorien der Sozialpsychologie.
Band I: Kognitive Theorien (2. Aufl.). Bern: Huber.
Frey, D., & Irle, M. (Hrsg.). (2002). Theorien der Sozialpsychologie:
Band III: Motivations- und Informationsverarbeitungstheo-
rien (2. Aufl.). Bern: Huber.
Frey, D., & Irle, M. (Hrsg.). (2008). Theorien der Sozialpsychologie.
Band II: Gruppen- und Lerntheorien (2. Aufl.). Bern: Huber.
Frey, D., & Schmalzried, L. (Hrsg.). (2013). Philosophie in der Füh-
rung – Gute Führung lernen von Kant, Aristoteles, Popper &
Co. Berlin, Heidelberg: Springer.
13 3

Des Kaisers neue Kleider von


Hans Christian Andersen
(1837)
Christian Feuerbacher

3.1 Inhalt des Märchens – 14

3.2 Die Charaktere – 15

3.3 Psychologische Phänomene – 15


3.3.1 Zuschauereffekt – 15
3.3.2 Sozialer Einfluss – 16
3.3.3 Gruppendenken – 17

3.4 Bedeutung für die heutige Zeit – 18

3.5 Implikationen für die Führung, Erziehung und


­Lebensgestaltung – 18
3.5.1 Führung – 18
3.5.2 Erziehung – 18
3.5.3 Lebensgestaltung – 19

3.6 Fazit – 19

Literaturverzeichnis – 19

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_3
14 Kapitel 3 · Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen (1837)

3.1 Inhalt des Märchens lobte auch er des Kaisers neue Kleider und berichtete
seinem Herren von deren vermeintlicher Schönheit.
Es war einmal ein Kaiser, der sich nur um seine Gar- Nun war der Zeitpunkt gekommen, da der Kaiser
derobe sorgte und darüber seine kaiserlichen Pflich- selbst die gelobten Webereien bewundern wollte. Doch
ten völlig vernachlässigte. Eines Tages kamen zwei als er nichts auf dem Webstuhl sah, erschrak er und
Betrüger in sein Reich, um sich als Weber auszugeben fragte sich, ob er dumm sei oder gar nicht dazu tauge,
3 und zu behaupten, die schönsten Kleider anfertigen Kaiser zu sein. Darum lobte auch er die Stoffe und sein
zu können. Diese sollten zudem die Eigenschaft besit- gesamtes versammeltes Gefolge stimmte in das Lob ein.
zen, für jeden unsichtbar zu sein, der seines Amtes Da gerade ein öffentlicher Festmarsch anstand,
nicht würdig oder dumm sei. Der Kaiser, der sich nutzte der Kaiser die Gelegenheit seine neuen Kleider
dachte, dass er so die Dummen von den Klugen unter- das erste Mal öffentlich zur Schau zu stellen. Die
scheiden könne, beauftragte zugleich die Betrüger Kammerherren taten so, als trügen sie die unsicht-
gegen eine ordentliche Bezahlung mit der Fertigung bare Schleppe und niemand aus dem Volke wagte es,
einer neuen Garderobe. Die beiden Betrüger stellten sich anmerken zu lassen, dass er keine Kleider sah –
also ihre Webstühle auf und taten so, als webten sie. denn dies hätte ja bedeutet, dass er dumm gewesen
Der Kaiser, der um den Fortschritt seiner neuen wäre oder nicht zu seinem Amt getaugt hätte. Im
Kleider wissen wollte, aber gleichzeitig ein mulmiges Gegenteil, alle jubelten dem Kaiser zu und bewun-
Gefühl hatte, schickte zunächst einen alten, ehrlichen derten seine neuen Kleider. Bis ein kleines Kind
Minister, um sich nach dem Fortschritt zu erkundi- sagte: „Aber er hat ja gar nichts an!“ Diese Aussage
gen. Doch dieser Minister sah zu seinem Schrecken verbreitete sich in der Menge, bis schließlich das
rein gar nichts auf dem Webstuhl liegen. Dies bedeu- ganze Volk den Ausruf des Kindes wiederholte und
tete den Betrügern zufolge, dass er entweder seines rief: „Aber er hat ja gar nichts an!“
Amtes nicht tauge oder dumm sei. Da er um die ver- Der Kaiser, welcher nun merkte, dass das Volk wohl
meintliche Eigenschaft des Stoffes wusste, lobte der recht hatte, war ergriffen, dachte sich aber, dass er dies
Minister die wunderschönen Stoffe. Einem zweiten nun aushalten müsse und setzte den Festmarsch fort.
kaiserlichen Gesandten erging es nicht anders und so (Andersen 2014; . Abb. 3.1)

. Abb. 3.1  (Zeichnung: Claudia Styrsky)


3.3 · Psychologische Phänomene
15 3
3.2 Die Charaktere Herrscher zu sein (im Märchen heißt es vielmehr,
dass es dort „munter herging“). Außerdem scheint
Zu Beginn des Märchens wird uns der Kaiser vor- auch das Volk während des Festmarsches zunächst
gestellt. Durch seinen alleinigen Fokus auf sein darum bemüht, die angeblichen Kleider des Kaisers
Äußerliches – seine Garderobe – erweckt er einen zu bewundern, um nicht in einem schlechten Licht
oberflächlichen, eitlen, wenig kompetenten Ein- zu erscheinen.
druck. Aus dieser Unfähigkeit resultiert zum einen Erst das Kind, welches sich noch wenig Sorgen
die komplette Vernachlässigung seiner Regierungs- um sein gesellschaftliches Ansehen macht, schafft
aufgaben (im Originalmärchen wird beispielsweise es mit seinem Ausruf, die bizarre Situation aufzulö-
beschrieben, dass er sich nicht um seine Soldaten sen. Bezeichnenderweise ruft der Vater im Märchen
kümmert). Zum anderen ermöglicht seine Eitelkeit nach dem Ausspruch des Kindes: „Hört die Stimme
den Betrügern, seine Schwäche für neue Kleider der Unschuld!“ Hier bewahrheitet sich offensicht-
auszunutzen und ihn mit ihrem „maßgeschneider- lich die Volksweisheit „Kindermund tut Wahrheit
ten“ Angebot aufs Glatteis zu führen. Die Tatsache, kund“.
dass sich der Kaiser in Anbetracht der nicht sicht-
baren Kleider fragt, ob er dumm oder unfähig sei,
liefert einen Hinweis darauf, dass er insgeheim die 3.3 Psychologische Phänomene
Befürchtung hat, dass dies in der Tat auf ihn zutref-
fen könnte. Das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ aus dem
Mit dem Auftreten der beiden Betrüger ent- Jahre 1837, zählt zu den bekanntesten Werken des
faltet sich die Handlung des Märchens. Dass sie dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen.
die Schwäche des Kaisers genau erkennen und mit Andersen will uns mit seinem Märchen von einem
einem Angebot ausnutzen, das so dreist ist, dass es unfähigen Regenten und zwei listigen Betrügern
schon wieder an Genialität grenzt, lässt die beiden nicht nur vor Augen halten, wozu Leichtgläubig-
Charaktere als sehr gerissen und gewitzt erschei- keit, blindes Vertrauen und Gruppendruck führen
nen. Die Beantwortung der Frage, ob es sich wirk- können. Er kritisiert auch die unkritische und devote
lich um Betrüger handelt oder vielmehr um die Akzeptanz vermeintlicher Autoritäten und Experten.
Helden der Geschichte, die dem Kaiser seine Unfä- Im Märchen lassen sich zahlreiche psycholo-
higkeit – im wahrsten Sinne des Wortes – im Spiegel gische Phänomene erkennen, von denen einige
vorhalten und dadurch im besten Falle eine Verän- dem Leser im Folgenden vorgestellt und jeweils im
derung des maroden Staates bewirken, bleibt dem Anschluss anhand der Verhaltensweisen der Charak-
Leser überlassen. tere verdeutlicht werden.
Hofft der Leser darauf, dass mit der Begutachtung
der Stoffe durch die zunächst als ehrlich und tüchtig
beschrieben kaiserlichen Berater der Schwindel 3.3.1 Zuschauereffekt
auffliegen würde, so wird er enttäuscht. Rasch zeigt
sich, dass die beiden kaiserlichen Vertrauten alles Der Zuschauereffekt (in der Psychologie vor allem
andere als ehrlich und fähig sind. Motiviert durch unter dem Namen „Bystander-Effekt“ oder „Geno-
die Sorge um ihren eigenen Ruf vernachlässigen sie vese-Syndrom“ bekannt) besagt, dass umso weniger
ihre Pflichten und leugnen, den Stoff nicht sehen zu geholfen und eingegriffen wird, je mehr Menschen
können, wodurch sie erst den Betrug an ihrem Kaiser anwesend sind (Darley u. Latané 1968). Der Name
ermöglichen. „Genovese-Syndrom“ geht auf die Amerikanerin
Auch das Volk wirkt recht unreflektiert und Catherine Genovese zurück, die in den 1960er-Jah-
mehr auf die Aufrechterhaltung des schönen ren in New York City vergewaltigt und ermordet
Scheins bedacht. Dies wird zum einen dadurch wurde. Obwohl es dutzende Augenzeugen gab, griff
deutlich, dass das Volk nicht den Anschein macht, niemand ein, und es dauerte ca. eine halbe Stunde bis
unzufrieden mit dem offensichtlich unfähigen die Polizei verständigt wurde.
16 Kapitel 3 · Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen (1837)

Erklärt wird dieses Phänomen durch folgende weshalb keine der Personen bereit ist, die Verantwor-
zusammenwirkende Mechanismen, die schlussend- tung alleine zu tragen und einzugreifen.
lich dazu führen, dass nicht geholfen wird:
1. Bewertungserwartung: Menschen haben
natürlicherweise Angst vor einer negativen 3.3.2 Sozialer Einfluss
Bewertung durch Außenstehende. Sie sind
3 unsicher, wie sie sich in einer Notsituation In der Psychologie bezeichnet sozialer Einfluss die
verhalten sollen. Zudem haben sie Angst, Veränderung von Meinungen, Einstellungen und
mit ihrem Eingriff zu scheitern und vor den Urteilen einer Person durch die Konfrontation mit
anderen Personen als unfähig dazustehen. den Ansichten anderer.
2. Pluralistische Ignoranz: Die Ignoranz der Die Forscher Latané und Wolf (1981) zeigten
Gruppe liegt darin begründet, dass aus dem Bedingungen auf, unter denen dieser soziale Einfluss
Nichteingreifen der anderen Personen darauf besonders stark ist. Je höher die Anzahl von Personen
geschlossen wird, dass die Situation eigentlich ist, die eine andere Meinung vertreten, desto stärker
harmlos ist. lässt sich der einzelne Mensch beeinflussen. Außer-
3. Verantwortungsdiffusion: Durch die dem hat der Status der anderen Personen einen Ein-
Anwesenheit von vielen Personen verteilt fluss: Je höher ihr Status ist, z. B. aufgrund dessen, dass
sich die Verantwortung auf alle Personen und es sich um Experten auf ihrem Gebiet handelt, desto
niemand möchte sie alleine übernehmen. stärker beeinflusst dies die Meinung des Einzelnen.
Daraus folgt, dass niemand sich verantwortlich Inwiefern sich Personen von abweichenden Mei-
fühlt und einsieht, warum gerade er eingreifen nungen anderer beeinflussen lassen, wurde bereits
sollte. 1951 von dem Psychologen Solomon Asch ein-
drucksvoll bewiesen. In einem Experiment sollten
Der Zuschauereffekt ist auch im Märchen deut- Versuchspersonen entscheiden, welche von drei
lich erkennbar. Keiner der anwesenden Charaktere Vergleichslinien dieselbe Länge wie eine Standard-
sieht die vermeintlichen Kleider und trotzdem greift linie besaß: Zunächst sollten sie dies alleine tun –
niemand ein, indem er dies offen ausspricht – weder hier wurden kaum Fehler gemacht; dann zusammen
bei der Begutachtung der Stoffe durch die Berater mit sechs weiteren „Versuchspersonen“, die in Wahr-
sowie den Kaiser und seinem Gefolge noch bei der heit Mitarbeiter des Versuchsleiters waren. Die sechs
feierlichen Prozession. Mitarbeiter gaben in den meisten Durchgängen ein-
Im Märchen beruht der Zuschauereffekt haupt- stimmig falsche Urteile zu den übereinstimmenden
sächlich auf dem Mechanismus der Bewertungser- Strichlängen ab. Unter dieser Bedingung zeigte sich,
wartung. Diese liegt sowohl beim Kaiser als auch bei dass die Fehlerquote der echten Versuchspersonen
seinen Beratern und dem Volk vor. Sie haben Angst über ein Drittel betrug. Dieses Experiment verdeut-
vor einer negativen Bewertung durch ihre Mitmen- licht den enormen Einfluss, den Gruppen auf Perso-
schen und vor negativen Konsequenzen für ihren Ruf nen ausüben können. Motiviert durch den Wunsch,
und ihre Stellung. Darum möchten sie sich unbe- gemocht zu werden und dazuzugehören, zeigen
dingt so verhalten, wie es von außen erwünscht wir in der Öffentlichkeit häufig erhöhte Konformi-
scheint, und entscheiden sich wider besseres Wissen tät, auch wenn dies bedeutet, gegen unsere eigenen
dagegen, die offensichtliche Wahrheit auszusprechen Überzeugungen zu handeln.
und den Betrug auffliegen zu lassen. Die Folgen von sozialem Einfluss lassen sich
Auch der Mechanismus der Verantwortungsdif- ebenfalls im vorliegenden Märchen wiederfinden.
fusion scheint bei den unterlassenen Eingriffen der Zunächst liefert uns sozialer Einfluss einen Hinweis
Charaktere im Märchen eine Rolle zu spielen. Sowohl darauf, warum es den Betrügern gelingt, den Kaiser
bei der kaiserlichen Besichtigung der Stoffe, als auch sowie seine Minister zu täuschen. Die Betrüger üben
bei dem öffentlichen Festmarsch sind viele Perso- einen starken Einfluss aus, da sie sich als Meister
nen zugegen. In diesen Konstellationen scheint die ihres Faches ausgeben und sich damit rühmen, etwas
Verantwortung auf viele Schultern verteilt zu sein, zu können, was kein anderer kann. Sie erscheinen
3.3 · Psychologische Phänomene
17 3
somit als Experten auf ihrem Gebiet, welche – wie Gruppenführer eine bestimmte Entscheidung bevor-
zuvor beschrieben – einen sehr starken sozialen zugt. Aus diesen Einflüssen folgt, dass die Gruppe
Einfluss ausüben können. Durch die erfolgreiche das Gefühl hat, richtig zu handeln und unverwund-
Beeinflussung des Kaisers und seiner Minister kann bar zu sein. Außerdem findet eine Art Selbstzensur
sich der soziale Einfluss im Märchen weiter fortset- statt, da man sich nicht mehr traut, eine abweichende
zen. Der Kaiser und die Minister haben aufgrund Meinung oder Zweifel anzumelden, auch wenn diese
ihres Status ebenfalls einen hohen sozialen Ein- objektiv berechtigt wären. Sollte eine Person dies
fluss auf andere Personen. Dadurch, dass nun auch trotzdem tun, wird in der Regel Druck auf sie aus-
sie die Kleider loben, beeinflussen sie wiederum ihr geübt. Vorschläge, die mit der vom Gruppenführer
gesamtes Gefolge. Als Konsequenz traut sich keiner, bevorzugten Entscheidung übereinstimmen, werden
zu widersprechen und die Lüge aufzudecken. Indem hingegen bestärkt.
das Gefolge in die Lobeshymnen einstimmt, wächst Eine Möglichkeit, um das Auftreten von Grup-
zudem die Gruppe der einflussnehmenden Perso- pendenken einzudämmen, besteht z. B. darin, einer
nen. Dies erklärt, warum auch bei der Prozession Person der Gruppe zu Anfang die Aufgabe zuzutei-
zunächst niemand widerspricht. len, immer die negativen Seiten der besprochenen
Das Loben der nicht vorhandenen Kleider weist Ideen zu suchen und Gegenargumente zu liefern.
eine deutliche Parallele zu den Urteilen bezüg- Aufgrund ihrer unliebsamen Stellung in Gruppen
lich der Strichlängen in der Gruppenbedingung wird diese Person in der Psychologie auch „Anwalt
in Aschs oben beschriebenem Experiment auf. In des Teufels“ (Advocatus Diaboli) genannt.
beiden Fällen wurden, bedingt durch den Einfluss Im Märchen zeigen sich Elemente des Gruppen-
der Gruppe, wissentlich falsche Urteile abgegeben. denkens u. a. darin, dass der Kaiser als Gruppenfüh-
rer von Anfang an von der Idee der Kleider begeistert
ist. Hätte er seine Meinung erst zum Schluss geäu-
3.3.3 Gruppendenken ßert und seine Berater zunächst um deren Meinung
gebeten, wäre ihm die ganze Misere möglicherweise
Wenn Gruppen Entscheidungen treffen, kommt es erspart geblieben. Außerdem handelt es sich bei ihm
überraschend oft zu suboptimalen Entscheidungen und seinem Gefolge um eine Gruppe mit starkem
oder sogar Fehlentscheidungen. Das ist selbst der Zusammenhalt, in der abweichende Gedanken und
Fall, wenn es sich um politische Beraterstäbe handelt, Meinungen nicht entstehen können oder zumindest
die aus überdurchschnittlich intelligenten Experten nicht zur Sprache kommen – ähnlich wie in den von
bestehen. Janis untersuchten amerikanischen Beraterstäben.
Bei Aktenanalysen war dem Psychologen Janis Daneben liegen der kaiserlichen Gruppe keine
(1972) aufgefallen, dass einige amerikanische Krisen alternativen Informationsquellen vor. Der Kaiser
(z. B. Pearl Harbor oder die Krise in der kubani- wäre beispielsweise gut damit beraten gewesen,
schen Schweinebucht) – zumindest teilweise – auf zunächst die Meinung von außenstehenden, renom-
eindeutige Fehlentscheidungen der Beratergrup- mierten Webern einzuholen. Sicherlich hätten diese
pen zurückzuführen waren. Janis erklärte diese ihn darüber aufklären können, dass die Herstellung
Fehlentscheidungen mit dem Phänomen des Grup- des beworbenen Stoffs unmöglich ist. Auch hätte der
pendenkens. Janis zufolge ist die Gefahr des Grup- Kaiser zunächst Informationen über die beiden ver-
pendenkens immer dann gegeben, wenn der Ent- meintlichen Weber einholen lassen können. Eventu-
scheidungsprozess einer Gruppe so sehr durch das ell wäre er bei seiner Recherche auf ähnliche Betrugs-
Streben nach einer Einigung geleitet ist, dass dies die ereignisse gestoßen oder den Betrügern vermutlich
Wahrnehmung der Realität beeinträchtigen kann. skeptischer gegenübergetreten, wenn sich keine
Diese Gefahr steigt durch verschiedene Bedingun- Informationen hätten finden lassen.
gen. Die Gefahr ist z. B. höher, wenn eine Gruppe Das Kind, das zum Schluss auf die nicht vorhan-
einen starken Zusammenhalt hat, von alternati- denen Kleider und somit auf den Irrsinn des Kon-
ven Informationsquellen abgeschottet ist, mög- zepts aufmerksam macht, kann als eine Art „Anwalt
lichst schnell eine Lösung finden muss oder der des Teufels“ verstanden werden. Es ist noch nicht so
18 Kapitel 3 · Des Kaisers neue Kleider von Hans Christian Andersen (1837)

sehr an die Gruppe angepasst und traut sich daher, schaffen, in der jeder offen seine ehrliche Meinung
seine abweichende Meinung frei auszusprechen. sagen kann. Die Einführung einer gesunden Feed-
backkultur ist ein wichtiger Schritt zur Vermeidung
von Unzufriedenheit und Krisen sowie zur persön-
3.4 Bedeutung für die heutige Zeit lichen Weiterentwicklung. Diese Kultur kann bei-
spielsweise durch Instrumente wie Mitarbeiterbefra-
3 Das Märchen lässt sich problemlos auf unsere heutige gungen oder das 360°-Feedback gefördert werden.
Realität übertragen. Auch bei Wirtschaftsskandalen, Durch Letzteres erhalten Führungs- und Fachkräfte
beispielsweise den im Jahr 2015 bekanntgeworde- Rückmeldung aus unterschiedlichsten Perspekti-
nen Manipulationen von Abgaswerten bei einem ven, z. B. von Mitarbeitern, Vorgesetzten und/oder
führenden Autohersteller, waren häufig Gruppen Kunden.
an der Entscheidung beteiligt. Es lässt sich vermu- Zudem verdeutlicht das Märchen, das Macht-
ten, dass auch hier einige Gruppenmitglieder diese gier und Angst vor Machtverlust zu irrationalem
Machenschaften kritisch gesehen haben, dies aber und risikoreichem Verhalten führen können. Die
aufgrund des Druckes der Gruppe nicht äußern potenziellen Auswirkungen eines solchen Verhal-
konnten. Sie hatten vermutlich Angst davor, von tens wurden uns beispielsweise beim Börsencrash
den anderen Gruppenmitgliedern negativ bewertet 2008 vor Augen geführt. Dieser wurde maßgeb-
zu werden und möglicherweise ihre Position zu ver- lich mitbedingt von der Pleite der Investmentbank
lieren. Sie verhielten sich also genauso wie die Minis- Lehman Brothers, die – getrieben durch die Gier
ter in unserem Märchen. nach immer höheren Gewinnen – höchst riskante
Auch heutzutage werden immer wieder von Finanzgeschäfte auf dem US-Immobilienmarkt ein-
Betrügern falsche Versprechungen gemacht. Die gegangen war. Indem man Mitarbeiter zu kritischem
Wahrheit kommt meist zunächst nicht ans Licht, da Hinterfragen von Entscheidungen und Führungs-
Personen unter sozialem Einfluss stehen oder dem kräften ermutigt und ihnen – wo immer möglich –
Zuschauereffekt verfallen. Um die „nackte“ Wahrheit ein Mitspracherecht einräumt, wird risikoreiches
zu erkennen, bedarf es auch heute noch mutiger und Verhalten unwahrscheinlicher. Hätte der Kaiser im
unangepasster Personen wie dem Kind im Märchen Märchen eine solche Kultur gepflegt, wäre ihm der
oder dem Whistleblower Edward Snowden, der im Betrug vermutlich erspart geblieben.
Sommer 2013 den Überwachungsskandal der Natio-
nal Security Agency (NSA) enthüllte.
Daneben sollten auch wir uns immer wieder die 3.5.2 Erziehung
Frage stellen, welchen Illusionen wir unterliegen. Die
Antwort z. B. auf die Frage, unter welchen Bedingun- Wie bereits erwähnt, verdeutlicht das kleine Kind
gen unsere „schillernden“ Kleider zum Teil produ- im Märchen den Wahrheitsgehalt der alten Volks-
ziert werden, lässt uns mitunter so ergriffen drein- weisheit „Kindermund tut Wahrheit kund“. Es kann
schauen wie den Kaiser die Einsicht, dass er nackt sich also durchaus lohnen, Wert auf die Meinung und
vor seinem Volk flaniert. Aussagen von Kindern zu legen und diese ernst zu
nehmen. Kinder unterliegen sozialen Anpassungs-
zwängen noch nicht in dem Maße wie Erwachsene
3.5 Implikationen für die und sprechen daher meist frei aus, was sie sehen
Führung, Erziehung und und denken. Das Märchen regt uns dazu an, Erzie-
Lebensgestaltung hung als einen zweiseitigen Prozess zu verstehen,
bei welchem Eltern führen, sich aber auch von ihren
3.5.1 Führung Kindern führen lassen. So können beide Seiten von-
einander lernen. Wenn dies erfolgreich geschieht, ist
Wie durch das Märchen und den genannten Wirt- Erziehung ein fruchtbarer Prozess für alle Beteiligten.
schaftsskandal zu erkennen ist, ist es wichtig, als füh- Außerdem sollten Eltern und die Gesellschaft als
rende Persönlichkeit eine Unternehmenskultur zu Ganzes versuchen, den nachfolgenden Generationen
Literaturverzeichnis
19 3
Werte wie Wahrheit, Aufrichtigkeit und das Eintre- der Situation der Berater ähnlich handeln können.
ten für die eigene Meinung aktiv in ihrer Vorbild- Wenn wir unser Leben ehrlich unter die Lupe
funktion vorzuleben. Nur so können Kinder zu mün- nehmen, entdecken wir häufig ähnliche Phänomene
digen Bürgern heranwachsen, die nicht eines Tages, in der Gesellschaft, im Beruf, der Universität oder
aufgrund von leeren Versprechungen, eitel und nackt auch in der Schule oder im Kindergarten. Der Leser
durch die Straßen ziehen. soll dazu angeregt werden, sich die Frage zu stellen,
wo er sich selber als Kaiser entdeckt? Wann verhält
er sich wie ein Mitläufer? Und wo entdeckt er sich
3.5.3 Lebensgestaltung als Kind? Die aufrichtige Reflexion dieser Fragen ist
sicher nicht immer angenehm, aber sie kann dazu
Auch für unsere generelle Lebensgestaltung erteilt führen, dass wir aus den Antworten lernen und
Andersen uns in seinem Märchen weise Ratschläge. schließlich zu couragierteren Mitgliedern unserer
Zum einen verdeutlicht es uns, dass Lügen kurze Gesellschaft werden.
Beine haben und mehr Schein als Sein auf Dauer
selten von Erfolg gekrönt ist. Früher oder später fliegt
ein Schwindel auf, und man kann sich nie sicher sein, Literaturverzeichnis
wann oder wodurch die Öffentlichkeit dazu ange-
Andersen, H. C. (2014). Die schönsten Märchen von H. C. Ander-
regt wird, unseren Schein genauer unter die Lupe sen. Berlin: Annette Betz.
zu nehmen. Dass dies mitunter kostspielige Folgen Asch, S. E. (1951). Effects of group pressure upon the modifi-
haben kann, lässt sich an den zahlreichen Plagiatsaf- cation and distortion of judgments. In: H. Guetzkow (Ed.),
fären der letzten Jahre in der deutschen Politik gut Groups, Leadership, and Men (pp. 177–190). Pittsburgh, PA:
nachvollziehen. Carnegie Press.
Darley, J. M., & Latané, B. (1968). Bystander intervention in
Außerdem regt uns Andersens Werk dazu an, emergencies: diffusion of responsibility. Journal of Perso-
Werbung kritisch zu hinterfragen. Ist ein Produkt nality and Social Psychology 8, 377–383.
tatsächlich das, was es zu sein verspricht, und benö- Janis, I. L. (1972). Victims of groupthink: A psychological study
tige ich dieses Produkt wirklich? Oder bin ich, nur of foreign-policy decisions and fiascoes. Oxford, England:
Houghton Mifflin.
weil beispielsweise mit „Experten“ geworben wird,
Latané, B., & Wolf, S. (1981). The social impact of majorities and
gerade dabei, auf einen cleveren Marketingtrick minorities. Psychological Review 88, 438–453.
hereinzufallen?
Zu guter Letzt fordert uns der Autor dazu auf,
nicht blind der Masse zu folgen, sondern für unsere
Überzeugungen und Meinungen einzustehen und
nicht dem Zuschauereffekt zum Opfer zu fallen.
Stattdessen sollten wir eingreifen und handeln,
wenn wir die Notwendigkeit erkennen, so wie es das
Kind im Märchen tut. Man sollte lieber einmal zu
oft einschreiten als einmal zu wenig, denn nur durch
das Zeigen von Zivilcourage können wir das Leben
und die Menschenwürde von betroffenen Personen
schützen.

3.6 Fazit

Andersen fordert den Leser mit seinem Märchen


dazu auf, Autoritätspersonen, aber auch sich selbst
kritisch zu hinterfragen. Viele von uns hätten ver-
mutlich – aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet – in
21 4

Von den drei Groschen von


Pavol Dobšinský
Sarah Eichmann

4.1 Inhalt des Märchens – 22

4.2 Die Charaktere – 22

4.3 Psychologischen Phänomene und Bedeutung für die


heutige Zeit – 23
4.3.1 Reziprozität/Gegenseitigkeit – 23
4.3.2 Soziale Verantwortung – 24
4.3.3 Verhaltensvorbilder – 26

4.4 Fazit – 26

Literaturverzeichnis – 27

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_4
22 Kapitel 4 · Von den drei Groschen von Pavol Dobšinský

4.1 Inhalt des Märchens und wies auf das Abbild des Königs: „Hier sehe ich
das Bild des Königs, so kann ich euch die Lösung
Es war einmal ein armer Mann, der Gräben neben verraten.“ Nachdem er die Minister über des Rätsels
einer Landstraße aushob. Eines Tages fuhr der Lösung aufgeklärt hatte, überbrachten die Minister
König auf der Landstraße entlang und beobachtete dem König die Lösung.
die schwere Arbeit. Da fragte er den armen Mann, Der König jedoch bemerkte den Betrug und
welchen Lohn er für eine solch schwere Arbeit ließ zornig den armen Mann holen. Als der König
erhielte. Der arme Mann antwortete ihm: „An einem ihn zur Rede stellte, antwortete er: „Mein König,
4 Tag bekomme ich drei Groschen.“ Daraufhin fragte so wie Ihr mir es befohlen habt, habe ich geschwie-
der König erstaunt, wie er von einem so geringen gen, bis ich Euer Bild sah. Hier ist es, Ihr selbst
Einkommen leben könne. Da erwiderte der arme habt es mir geschenkt.“ Dabei holte er eine Münze
Mann: „Dies wäre nicht weiter schlimm. Jedoch gebe hervor. Der König war tief beeindruckt von der
ich einen Groschen ab, einen verleihe ich und der Weisheit des armen Mannes und machte ihn zu
letzte bleibt mir zum Leben.“ einem Berater an seinem Hofe. Die zwölf Berater
Der König wunderte sich über die Antwort des jedoch wagten es nie wieder, um eine höhere Ent-
armen Mannes und bat ihn schließlich, ihm zu erklä- lohnung zu bitten.
ren, was mit den Groschen geschehe. Der arme Mann (Gašparíková 2000; . Abb. 4.1)
antwortete: „Ich pflege meinen Vater, der schon alt
ist. Er hat mich aufgezogen, deshalb gebe ich ihm Anmerkung  Das slowakische Märchen „Von den
zurück, was er mir Gutes getan hat, und überlasse drei Groschen“ („O troch grošoch“) wurde zum
ihm einen Groschen. Den anderen Groschen leihe ersten Mal im Kodex von Tisovec (etwa 1834–
ich meinem Sohn, damit er ihn mir später zurück- 1844), einer Sammlung von slowakischen Volks-
geben kann. Der letzte Groschen bleibt schließlich märchen, veröffentlicht. Anschließend wurde es in
für mich zum Leben.“ den Sammelband Slowakische Volksmärchen (Pro-
Der König war beeindruckt von der Antwort stonárodnie slovenské povesti, 1880–1883) von Pavol
des armen Mannes und meinte: „An meinem Hofe Dobšinský aufgenommen. Pavol Dobšinský gilt als
habe ich zwölf Berater, die niemals mit ihrem Lohn bedeutsamster slowakischer Sammler von Märchen
zufrieden sind, egal wie viel ich ihnen gebe. Nun will und mündlichen Überlieferungen und wird über-
ich ihnen deine Geschichte als Rätsel stellen. Meine wiegend als Autor des Märchens „Von den drei Gro-
Berater sollen das Rätsel lösen, warum ein armer schen“ genannt.
Arbeiter von seinem kargen Lohn einen Groschen
abgibt, einen verleiht und ihm nur einer zu Leben
bleibt. Sollten sie zu dir kommen und die Antwort 4.2 Die Charaktere
des Rätsels fordern, schweige so lange bis du mich
wiedersiehst.“ Zum Abschied schenkte ihm der Im Mittelpunkt des Märchens steht der arme Mann,
König noch eine Handvoll Dukaten. der einer schlecht bezahlten und mühseligen Arbeit
Zurück am Hofe stellte der König seinen Bera- als nachgeht und von seinem geringen Verdienst
tern das Rätsel des armen Mannes. Er drohte ihnen, zudem seinen alten Vater und seinen Sohn ver-
sie aus dem Land jagen zu lassen, wenn sie die sorgt. Sein Handeln ist von Bescheidenheit, Ver-
Lösung des Rätsels nicht binnen einer Woche errie- antwortungsbewusstsein und Weisheit geprägt und
ten. Die zwölf Berater rätselten viele Tage, konnten imponiert dem König sehr.
die Lösung aber nicht erraten. Schließlich fanden sie Der König sucht trotz seines hohen gesellschaft-
den armen Mann und bettelten, versprachen hohe lichen Status den Kontakt zu einem einfachen Stra-
Geldmengen und drohten ihm, damit er ihnen die ßenarbeiter. Er schätzt das vorbildliche Verhalten des
Lösung des Rätsels verrate. Anfangs schwieg der armen Mannes und hinterfragt die Geldgier seiner
arme Mann beharrlich, doch schließlich hatte er Ein- Berater. Mit dem Rätsel will er ihre Eignung in dieser
sehen mit den verzweifelten Beratern. Er holte eine Position prüfen. Als die Berater nur durch Betrug
Dukate, die ihm der König geschenkt hatte, hervor an die Lösung des Rätsels gelangen, lässt er diese
4.3 · Psychologischen Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
23 4

. Abb. 4.1  (Zeichnung: Claudia Styrsky)

Demütigung Strafe genug sein und verjagt sie nicht 4.3.1 Reziprozität/Gegenseitigkeit
wie angedroht vom Hof.
Die zwölf Berater des Königs genießen eine gut Im Märchen „Von den drei Groschen“ sorgt der arme
bezahlte Stellung am Hof des Königs und doch stellt Mann für seinen Vater und gibt ihm das Gute zurück,
sie ihr Lohn nie zufrieden. Ihre Weisheit und Per- das er damals von ihm erhalten hat. Ebenso unter-
spektive reichen nicht aus, um das Rätsel zu lösen. stützt er jetzt seinen Sohn, damit ihn dieser im Alter
Deshalb schrecken sie auch vor unlauteren Metho- versorgen kann. Dieses Prinzip der Gegenseitigkeit
den nicht zurück, um an die Lösung des Rätsels wird als Reziprozität bezeichnet und stellt ein Grund-
zu gelangen. Bloßgestellt durch die Weisheit und prinzip des menschlichen Handelns dar.
Bescheidenheit des armen Mannes, wagen sie es nie Im Zusammenhang mit Reziprozität wird oft
mehr, um eine Erhöhung ihres Lohnes zu bitten. von der sog. Reziprozitätsnorm gesprochen. Diese
besagt, dass Menschen aus der Erwartung heraus
helfen, damit auch ihnen zukünftig geholfen wird.
4.3 Psychologischen Phänomene Es wird also nach dem Motto „Wie du mir, so ich
und Bedeutung für die heutige dir“ gehandelt (Kienbaum 2011). Aus diesem Ver-
Zeit haltensmuster kann eine Kooperation mit anderen
entstehen, die in der Entwicklungsgeschichte der
Märchen werden über Generationen hinweg weiter- Menschheit einen entscheidenden Überlebensvor-
gegeben. Sie vermitteln – neben aufregenden Erzäh- teil bot. Wer mit anderen zusammenarbeitete und
lungen – auch Lebensweisheiten und Denkanstöße sich Arbeit aufteilte, musste selbst nicht für jeden
und enthalten darüber hinaus spannende psycho- Lebensbereich sorgen und konnte von der Arbeit
logische Aspekte. Auch im Märchen „Von den drei der anderen profitieren. Dieser Vorteil durch Koope-
Groschen“ zeigen sich viele psychologische Phäno- ration mit anderen kann eine Erklärung dafür sein,
mene, von denen im Folgenden einige der interes- warum Menschen prosoziales Verhalten zeigen.
santesten vorgestellt werden. Damit ist ein Verhalten gemeint, das zum Wohl
24 Kapitel 4 · Von den drei Groschen von Pavol Dobšinský

anderer beiträgt und sowohl intentional als auch Dieses Beispiel von Reziprozität verdeutlicht,
freiwillig erfolgt. dass eine faire Gegenseitigkeit auch im Arbeitskon-
Da Reziprozität eine wichtige Grundlage des text von großer Bedeutung ist. Abgesehen davon,
menschlichen Miteinanders darstellt, überrascht dass eine respektvolle Behandlung von Mitarbeitern
es nicht, dass Reziprozität als universelle Norm gilt ethisch wünschenswert ist, müssen sich besonders
und auch kulturübergreifend gültig ist (Bierhoff Führungskräfte darüber bewusst sein, dass eine faire
2010). Die Regel der Reziprozität ist so tief in uns Behandlung ihrer Mitarbeiter auch wirtschaftliche
verankert, dass wir uns sogar verpflichtet fühlen, Konsequenzen haben kann und daher ökonomisch
4 etwas zurückzugeben, wenn wir etwas unverhofft sinnvoll ist. Die Erfüllung der Reziprozitätsnorm
geschenkt bekommen. An einem Feldexperiment wiederum kann von Führungskräften als Anreiz für
von Armin Falk aus dem Jahr 2007 lässt sich dieser Mitarbeiter eingesetzt werden, gute Leistungen zu
Zusammenhang anschaulich erklären. Dabei wurden erbringen. Denn die Mitarbeiter können sich darauf
insgesamt 10.000 Spendenaufrufe zur Unterstützung verlassen, dass ihre Anstrengungen angemessen ver-
von Straßenkindern in Bangladesh an Haushalte in golten werden.
der Schweiz versandt. Ein Drittel der Briefe ent- Der arme Mann kommt seiner Verpflichtung
hielt nur den Spendenaufruf, mit einem Drittel der gegenüber seinem Vater nach und erwartet gemäß
Briefe wurde ein kleines Geschenk und mit einem der Reziprozitätsnorm, dass sich sein Sohn später
Drittel ein großes Geschenk verschickt. Wie reagier- einmal in gleicher Weise ihm gegenüber verhalten
ten die Empfänger auf den Spendenaufruf? Fand ein wird. Das Märchen lässt jedoch offen, ob der Sohn
Geschenkeaustausch statt? Fühlten sich die Empfän- den armen Mann tatsächlich versorgen wird. Wie
ger des Briefes verpflichtet, etwas auf das unerwartete wird der arme Mann reagieren, wenn er feststellen
und möglicherweise gar nicht gewünschte Geschenk muss, dass ihn sein Sohn entgegen seiner Erwartun-
zurückzugeben? Die Antwort lautet ja. So zeigte sich, gen nicht versorgt?
dass von Haushalten mit dem großen Geschenk im Wie die Beispiele zur Spendenbereitschaft und
Schnitt fast doppelt so viel gespendet wurde wie der mangelhaften Autoreifen zeigen, kann Rezipro-
von Haushalten ohne Geschenk. Das Prinzip des zität auch manipulativ eingesetzt werden oder bei
Geschenkeaustausches finden wir auch im Märchen Nichterfüllen der Gegenseitigkeit nachteilige Folgen
wieder: Der arme Mann hat schon viel Zuwendung haben. Da man im alltäglichen Leben ständig mit der
von seinem Vater erhalten, nun fühlt er sich ver- Reziprozitätsnorm konfrontiert wird, ist es wichtig,
pflichtet, ihm wieder etwas zurückzugeben. sich über diese Folgen bewusst zu sein. Außerdem
Doch Reziprozität kann nicht nur positive Ver- sollte man bedenken, dass schon kleine Zugeständ-
haltensweisen bewirken, Reziprozität hat auch eine nisse den Drang auslösen können, größere Zuge-
dunkle Seite. Damit ist die Bestrafung von unfai- ständnisse zu machen, die man eigentlich nicht
rem Verhalten gemeint, beispielsweise wenn man machen will. Ebenso muss man berücksichtigen, dass
für eine erbrachte Leistung keine akzeptierte Gegen- das Ausbleiben einer erwarteten Gegenleistung zu
leistung erhält. Dieser Zusammenhang lässt sich am aggressiven Reaktionen des Gegenübers führen kann.
Beispiel eines Reifenherstellers verdeutlichen, der
eine große Rückrufaktion seiner Reifen wegen gra-
vierender, gefährdender Qualitätsmängel begin- 4.3.2 Soziale Verantwortung
nen musste (Kruger u. Mas 2004). Die mangelhaf-
ten Reifen wurden überwiegend von einem Werk Das fürsorgliche und vorausschauende Handeln
während eines erbitterten Arbeitskampfes zwischen des armen Mannes beruht nicht nur auf Reziprozi-
Unternehmensführung und Arbeitern hergestellt, tät, sondern auch auf sozialer Verantwortung. Der
bei dem Lohn und Urlaub der Arbeiter drastisch arme Mann fühlt sich dafür verantwortlich, seinen
gekürzt wurden. Das unfaire und rigide Verhalten alten Vater zu pflegen und seinen Sohn zu unterstüt-
der Unternehmensführung wurde von den Mitarbei- zen, da sie im Moment bedürftiger sind als er selbst.
tern mit mangelhafter Arbeitsleistung – oder anders Die Frage nach Verantwortung für ein Ergebnis
formuliert – mit negativer Reziprozität bestraft. wird oft nur dann gestellt, wenn es negativ ist. Dabei
4.3 · Psychologischen Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
25 4
stellt gegenseitige Verantwortungsübernahme eine Wahrnehmung, dass sich jemand in einer Notsitu-
wichtige Grundlage für das Zusammenleben von ation befindet und man selbst mit seinem Handeln
Menschen dar. Der Soziologe Max Weber (1919– etwas dagegen tun kann.
1922) definiert Verantwortungsethik als Verantwor- Im Märchen imponiert dem König das verant-
tung sowohl für das Handeln als auch für die Unter- wortungsvolle Handeln des armen Mannes, weil es
lassung des Handelns. So kann sich Verantwortung viel über das Miteinander der Generationen und Ver-
auf das eigene Handeln beziehen, z. B. die politische antwortungsübernahme füreinander aussagt. Soziale
Verantwortung von Entscheidungen oder die Ver- Verantwortung wird häufig innerhalb der eigenen
meidung von unnötigen Risiken. Zudem kann Ver- Kernfamilie gezeigt. Doch die zunehmende Alters-
antwortung auch Verantwortung für andere Men- armut und Vereinsamung von alten Menschen macht
schen bedeuten, z. B. die Sorge um das finanzielle deutlich, dass soziale Verantwortung für bedürftige
und gesundheitliche Wohlergehen der eigenen Angehörige leicht verloren gehen kann. Umso wich-
Familie. In dem letztgenannten Beispiel sowie im tiger scheint die Förderung von sozialer Verant-
Märchen wird deutlich, dass Verantwortung auf eine wortung, damit so mehr konkretes Hilfeverhalten
Verbindung oder Verwandtschaft mit einer bedürf- gezeigt wird.
tigen Person hinweist. Gerade in der heutigen Zeit, in der durch die Glo-
Doch was ist der Grund dafür, Verantwor- balisierung die ganze Welt miteinander verbunden
tung übernehmen zu wollen? Warum übernehmen ist und man durch sein Handeln das Leben anderer
manche Menschen mehr Verantwortung als andere? Menschen wie nie zuvor beeinflussen kann, ist das
Der Entwicklungspsychologe Martin Hoffman Märchen aktuell. Das eigene Handeln, z. B. eine Kauf-
(2000) konnte nachweisen, dass Fühlen und Über- entscheidung für oder gegen ein nachhaltig herge-
nehmen von Verantwortung mit Empathie und stelltes und fair gehandeltes Kleidungsstück, hat
Empfinden von Schuld einhergeht. Dabei stellt Emp- Auswirkungen auf alle Beteiligten der Herstellungs-
athieempfinden eine Voraussetzung für Verantwor- kette. Hier trägt soziale Verantwortungsübernahme
tungsübernahme dar; Schuldempfinden hingegen ist bei Kaufentscheidungen z. B. dazu bei, die Arbeits-
eine Folge von nicht gezeigter Verantwortungsüber- umstände in den Fertigungsbetrieben zu verbessern
nahme oder eines negativen Ereignisses, das man und die Umwelt zu schützen.
verantworten muss. Viele Unternehmen haben den Wert und die
Es besteht außerdem folgender Zusammen- Wichtigkeit von sozialer Verantwortung erkannt.
hang: Je mehr Verantwortungsgefühl, Empathie Mit Corporate Social Responsibility bzw. unterneh-
und Schuld Personen empfinden, desto eher zeigen merischer Gesellschaftsverantwortung verpflichten
sie prosoziales Verhalten in der Zukunft. So stehen sich Unternehmen freiwillig, gesellschaftliche Ver-
Voraussetzungen und Folgen von Verantwortung antwortung zu übernehmen und zu nachhaltigem
und Verantwortungsgefühl selbst im Zusammen- Wirtschaften beizutragen, das über die gesetzlichen
hang mit Verhaltensweisen, die anderen Menschen Mindestanforderungen hinausgeht. Konkret sind
zugutekommen. Dies lässt sich an einem Beispiel damit beispielsweise der Schutz von Umwelt und
aus der Forschung verdeutlichen. Bei der Befra- natürlichen Ressourcen sowie Mitarbeiterorientie-
gung von Personen, die nach einem Verkehrsun- rung und faire Geschäftspraktiken gemeint.
fall als Ersthelfer agierten, und Personen, die nicht Soziale Verantwortung stellt sich nicht nur im
halfen, zeigte sich, dass die Helfer im Vergleich zu Märchen als wichtig für das menschliche Miteinan-
den Nichthelfern viel höhere Werte in sozialer Ver- der heraus, auch die Beispiele aus der heutigen Zeit
antwortung aufwiesen (Bierhoff et al. 1991). Auch zeigen, dass soziale Verantwortung immer noch hoch
im Märchen führt soziale Verantwortung zu Hil- relevant ist. Das verantwortungsvolle und nachhal-
feverhalten: Der arme Mann übernimmt Verant- tige Handeln des armen Mannes regt dazu an, selbst
wortung und sorgt für Vater und Sohn. Wer Ver- darüber nachzudenken, wo das eigene Handeln Aus-
antwortung für andere übernehmen will, benötigt wirkung auf andere Menschen hat und wo man mehr
ebenso Wissen über Verantwortung sowie die Verantwortung für die Familie, Gesellschaft und
nötige Handlungskompetenz. Dazu gehört u. a. die Umwelt zeigen muss.
26 Kapitel 4 · Von den drei Groschen von Pavol Dobšinský

4.3.3 Verhaltensvorbilder gemäßigte Verhaltensvorbild nicht gesehen hatten,


reagierten viel aggressiver.
Warum ist der König so beeindruckt vom Verhal- Der starke Einfluss von Verhaltensvorbildern
ten des armen Mannes? Schließlich gibt er einem spielt auch im Alltag und der Erziehung eine große
armen, ungebildeten Straßenarbeiter eine ein- Rolle. Viele Eltern bemerken erschrocken, wie ihr
flussreiche Position an seinem Hof, obwohl er Nachwuchs plötzlich unerwünschte Dinge tut oder
bereits die klügsten und gebildetsten Köpfe des Worte sagt, die er bei Gelegenheit von ihnen selbst
Landes als Berater verpflichtet hatte. Der arme aufgeschnappt hat. Sie müssen feststellen, dass der
4 Mann kann mit einer Verhaltensweise überzeu- Rücksitz wohl doch Ohren hat, wenn sie z. B. im Stra-
gen, die den königlichen Beratern abgeht – er ist ßenverkehr über unliebsame Verkehrsteilnehmer
ein Verhaltensvorbild. Er äußerte seine Weisheit schimpfen. Denn Kinder beobachten das Verhalten
und Bescheidenheit nicht nur in klugen Worten, ihrer Eltern ganz genau, lernen durch diese Beob-
sondern ließ Taten folgen und richtete sein Leben achtung und ahmen ihr Verhalten nach. Es genügt
danach aus. Die Berater des Königs konnten zwar also nicht, Kindern zu erklären, was sie tun oder
ebenso weise Ratschläge geben, ihr Handeln war lassen sollen – die Herausforderung der Erziehung
jedoch von Habgier und Maßlosigkeit bestimmt. besteht darin, ein authentisches Verhaltensvorbild
Der König erkennt, dass der alte Mann als Ver- sein, damit Kinder gewünschte Verhaltens- und Aus-
haltensvorbild in einer hohen Stellung wichtig ist, drucksweisen nacheifern können.
damit er, seine Berater und das ganze Volk von ihm Doch nicht nur im Bereich der Erziehung spielen
lernen und seinem Verhalten nacheifern können. Verhaltensvorbilder eine wichtige Rolle, in gewisser
Die Erkenntnis des Königs verdeutlicht, dass ein Weise gelten auch Führungskräfte als Verhaltensvor-
Lerneffekt oft dann stattfindet, wenn eine Verhal- bilder. Durch ihre höher gestellte Position werden sie
tensweise vorgelebt wird. als Beispiel für erfolgreiche und verantwortungsbe-
Mit dieser Annahme beschäftigte sich auch der wusste Unternehmensmitglieder wahrgenommen.
Psychologe Albert Bandura. Die von ihm begrün- Ihre Verhaltensweisen werden von Mitarbeitern viel
dete Theorie des sozialen Lernens besagt, dass Men- genauer beobachtet und haben große Auswirkung
schen Sozialverhalten erlernen, indem sie andere auf sie. Ein Unternehmen, das erreichen möchte, dass
beobachten und imitieren. In einer Reihe an Expe- Mitarbeiter positive Verhaltensweisen wie einen res-
rimenten mit Kindern, der berühmten „Bobo-Doll“- pektvollen Umgang miteinander zeigen, muss darauf
Studie aus dem Jahr 1963, konnte Bandura den Ein- achten, dass besonders leitende Angestellte diese
fluss von sozialem Lernen nachweisen. Dabei sahen positiven Verhaltensweisen in ihre alltäglichen Inter-
Kinder zu, wie ein Erwachsener eine aufblasbare aktionen integrieren. Durch soziales Lernen werden
Plastikpuppe („Bobo-Doll“) trat, schlug und wüst diese positiven Verhaltensweisen dann auch an die
beschimpfte. Als die Kinder anschließend aufgefor- Mitarbeiter weitergetragen und können sich in der
dert wurden, mit der Plastikpuppe zu spielen, imi- Unternehmenskultur verfestigen.
tierten die Kinder ihr aggressives Vorbild und miss-
handelten die Puppe ebenso (Bandura et al. 1963).
Diese Experimente veranschaulichen, dass allein die 4.4 Fazit
Beobachtung von aggressivem Verhalten zu einer
Nachahmung führen kann. Nun stellt sich natür- Im slowakischen Märchen „Von den drei Groschen“
lich die Frage, ob auch nicht aggressives Verhalten lernen nicht nur der König und seine Berater vom
imitiert wird. Auch diese Frage kann mit einem wei- Verhalten des armen Mannes. Bei genauerem Hin-
teren Experiment der „Bobo-Doll“-Studie beant- schauen bemerkt man, dass das alte Märchen und die
wortet werden. Dabei beobachteten Kinder, wie ein darin beschriebenen psychologischen Phänomene
Erwachsener nach einer Provokation nicht aggres- durchaus noch in der heutigen Zeit aktuell sind und
siv reagierte. Als diese Kinder dann selbst provo- wichtige Hinweise für die Erziehung, Führung und
ziert wurden, imitierten sie den Erwachsenen und Lebensgestaltung enthalten. Reziprozität, soziale
reagierten kaum aggressiv. Die Kinder jedoch, die das Verantwortung und Verhaltensvorbilder begegnen
Literaturverzeichnis
27 4
uns oft im Alltag und prägen zwischenmenschliche
Begegnungen. Das Wissen über psychologische Phä-
nomene kann dazu beitragen, das eigene Erleben und
Verhalten und das der Mitmenschen besser zu ver-
stehen und positiv zu gestalten. Derjenige, der das
Prinzip der Reziprozität kennt, kann sich besser vor
Manipulation schützen und negativer Reziprozität
aktiv vorbeugen. Wer sich der Wichtigkeit von sozia-
ler Verantwortung und der Macht von Verhaltens-
vorbildern bewusst ist, kann sein Handeln bewusster
und zielgerichteter gestalten.

Literaturverzeichnis

Bandura, A., Ross, D., & Ross, S. (1963). Imitation of film-me-


diated aggressive models. Journal of Abnormal and Social
Psychology 66, 3–11.
Bierhoff, H.-W. (2010). Psychologie prosozialen Verhaltens (2.
Aufl.). Stuttgart: Kohlhammer.
Bierhoff, H.-W., Klein, R., & Kramp, P. (1991). Evidence for the
altruistic personality from data on accident research.
Journal of Personality 59, 263–280.
Falk, A. (2007). Gift-exchange in the field. Econometrica 75,
1501–1511.
Gašparíková, V. (2000). Slowakische Volksmärchen. München:
Hugendubel.
Hoffman, M. L. (2000). Empathy and moral development:
Implications for caring and justice. New York: Cambridge
University Press.
Kienbaum, J. (2011). Soziale Motive: Prosoziale Motivation. In:
D. Frey, & H.-W. Bierhoff (Hrsg.), Sozialpsychologie – Inter-
aktion und Gruppe (S. 61–79). Göttingen: Hogrefe.
Kruger, A. B., & Mas, A. (2004). Strikes, scabs, and tread separa-
tions: Labor strife and the production of defective brid-
gestone/firestone tires. The Journal of Political Economy
112, 253–289.
Weber, M. (1919/1992). Politik als Beruf. In: W. J. Mommsen, W.
Schluchter, & B. Morgenbrod (Hrsg.), Max Weber Gesamt-
ausgabe. Bd. 1/17: Wissenschaft als Beruf 1917/1919/Politik
als Beruf 1919. Tübingen: Mohr Siebeck.
29 5

Die Sterntaler von den


Gebrüdern Grimm (1819)
Nadja Bürgle

5.1 Inhalt des Märchens – 30

5.2 Die Charaktere – 30

5.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die


heutige Zeit – 30
5.3.1 Kontrolle – 31
5.3.2 Hilfeverhalten – 32
5.3.3 Bedürfnisse – 34

5.4 Fazit – 35

Literaturverzeichnis – 35

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_5
30 Kapitel 5 · Die Sterntaler von den Gebrüdern Grimm (1819)

5.1 Inhalt des Märchens

Es war einmal ein armes, heimatloses Waisenmäd-


chen, welches nichts besaß als die Kleider, die es
trug, und ein Stückchen Brot, das ihm ein mitlei-
diger Mensch geschenkt hatte. Es war aber gut und
fromm. Weil es so alleine war, begab es sich im Ver-
trauen auf den lieben Gott auf eine Reise. Auf seiner
Reise begegneten ihm nacheinander ein hungriger
Mann, dem es sein Stückchen Brot gab, und vier
5 frierende Kinder, denen es seine Mütze, sein Leib-
chen, sein Röcklein und sein Hemdlein schenkte. Als
es schließlich vollkommen nackt und besitzlos im
dunklen Wald stand, fielen auf einmal die Sterne als
Silbertaler vom Himmel. In seinem neuen Kleidchen
aus feinstem Stoff sammelte das Waisenmädchen die
Taler ein und war reich bis an sein Lebensende.
(Grimm u. Grimm 1819; . Abb. 5.1)

5.2 Die Charaktere

Im Märchen „Sterntaler“ steht ein bettelarmes Waisen-


mädchen, das beschließt, aus seiner Armut und Ein-
samkeit auszubrechen, im Mittelpunkt des Gesche-
hens. Auf seiner Suche nach einem besseren Leben
verschenkt es seine letzten Besitztümer bereitwillig
an andere Bedürftige. Daraufhin fallen die Sterne als
Silbertaler vom Himmel und verwandeln es in eine
Multimillionärin. Auf die Charaktereigenschaften des
Waisenmädchens wird nochmals vertiefend zu den
psychologischen Phänomenen eingegangen. . Abb. 5.1  (Zeichnung: Lena Frey)

Die Begegnungen des Waisenmädchens mit dem


hungrigen Mann und den vier frierenden Kindern
lassen – außer deren unmittelbarer Bedürftigkeit und 44Welche Botschaft möchten uns die Verfasser
Not – keine weiteren Rückschlüsse auf die betreffen- des Märchens vermitteln?
den Charaktere zu. 44Besitzt das Märchen Ihrer Meinung nach ein
„Happy End“?

5.3 Psychologische Phänomene und Im Folgenden werden auf diese Fragen mögliche
Bedeutung für die heutige Zeit Antworten gesucht und anhand des Erlebens und
Verhaltens des Waisenmädchens drei wichtige psy-
Bevor die in Sterntaler beobachtbaren psychologi- chologische Phänomene behandelt, die für unseren
schen Phänomenen vorgestellt werden, folgen zum Alltag von Bedeutung sind:
Einstieg einige einleitende Fragen: 44Kontrolle
44Wie würden Sie das Verhalten des Waisenmäd- 44Hilfeverhalten
chens beschreiben, erklären und bewerten? 44Bedürfnisse
5.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
31 5
5.3.1 Kontrolle Sind wir jedoch davon überzeugt, dass wir bedeut-
same Zustände oder Ereignisse nicht kontrollieren
Das Waisenmädchen beschließt, aus seiner Einsam- können, beeinträchtigt der drohende Kontrollverlust
keit und Armut auszubrechen, und begibt sich auf unser Erleben und Verhalten negativ (erlernte Hilf-
die Suche nach einem besseren Leben. In diesem losigkeit). Wichtig ist, dass unsere persönliche Über-
Abschnitt wird die Bedeutung von Kontrolle in der zeugung, über Kontrolle zu verfügen, ausschlagge-
Psychologie erklärt, die zwei Arten von Kontrolle bend für die Ausübung von Kontrolle ist und nicht
vorgestellt und ihre Zusammenhänge mit veränder- die tatsächlich vorhandene Kontrolle (vgl. Frey u.
baren und nicht veränderbaren Welten dargestellt. Jonas 2002).
Der Begriff Kontrolle umfasst nach psychologi- Das Waisenmädchen aus Sterntaler verfügt über
schem Verständnis zweierlei Bedeutungen. Einer- Kontrolle, da es überzeugt davon ist, durch seinen
seits wird er im Sinne von „jemanden kontrollieren“ Ausbruch aus der Einsamkeit und Armut einen
und „Macht ausüben“ verwendet. Darunter versteht unerwünschten Zustand vermeiden und durch seine
man die Fähigkeit, das Verhalten einer Person so zu Suche nach einem besseren Leben einen erwünsch-
beeinflussen, dass diese etwas tut, was sie normaler- ten Zustand herbeiführen zu können. Durch den
weise nicht tun würde (Robbins 1993). Andererseits Ausbruch aus seiner misslichen Lage und den Beginn
wird er, wie im hier verstandenen Sinne, zur Erklä- seiner Reise nimmt es aktiv Einfluss auf den Istzu-
rung von selbstständigem und autonomem Handeln stand und nutzt folglich seine primären Kontroll-
gebraucht. Gemeint ist die Überzeugung, erwünschte möglichkeiten. Ausschlaggebend für sein Verhalten
Zustände herbeiführen und unerwünschte Zustände ist seine persönliche Überzeugung, über Kontrolle
vermeiden oder zumindest verringern zu können. zu verfügen und diese in einer veränderbaren Welt
Unterschieden wird zwischen zwei Arten von ausüben zu können. Schließlich führt sein Handeln
Kontrolle: Verfügen wir über primäre Kontrolle, zu den gewünschten Folgen, da die vom Himmel
können wir den tatsächlichen Istzustand durch fallenden Silbertaler seiner misslichen Lage ein
unsere aktive Beeinflussung verändern; verfügen wir Ende setzen und den Weg für ein glückliches Leben
über sekundäre Kontrolle, können wir weder den Ist- freigeben.
noch den Sollzustand an sich, jedoch unsere persön- Hätten Sie die Welt des Waisenmädchens als ver-
liche Einstellung dazu durch gedankliche Strategien änderbar oder nicht veränderbar wahrgenommen?
verändern. Zu diesen gedanklichen Strategien zählen Welche Art von Kontrolle hätten Sie an seiner Stelle
z. B. die Umbewertung von oder Konzentration auf genutzt? Ein Leben geprägt von Armut und Ein-
bestimmte Aspekte des Zustands. samkeit ohne Aussicht auf Schutz und Sicherheit
Über welche Art von Kontrolle wir verfügen, durch die Gesellschaft oder den Staat kann auf den
hängt davon ab, ob wir in einer veränderbaren ersten Blick als kaum veränderbar erscheinen. Hätte
oder nicht veränderbaren Welt agieren. Wir ver- das Waisenmädchen seine Welt als nicht veränder-
suchen zunächst immer, Zustände und Ereignisse bar bewertet, hätte es sekundäre Kontrollstrategien
nach unserem Willen zu verändern. Dies ist jedoch angewendet. Zum Beispiel hätte es sich sein Leiden
nur in veränderbaren Welten möglich, in denen es im Diesseits als Notwendigkeit für seine Glückse-
Gestaltungsspielräume gibt, die wir durch primäre ligkeit im Jenseits erklären können, hierdurch seine
Kontrolle aktiv beeinflussen können. In nicht ver- aktuelle Lage umbewertet und sich auf die positiven
änderbaren Welten dagegen gibt es keine Gestal- Aspekte nach seinem irdischen Leben konzentriert.
tungsspielräume. Indem wir unsere Gedanken Folglich hätte sich seine missliche Lage auch durch
über diese Welten verändern, also sekundäre Kon- die Ausübung von sekundärer Kontrolle zumindest
trolle anwenden, vermeiden wir einen drohenden verringert. Die Bewertung unserer Lebenswelten als
Kontrollverlust. Nehmen wir primäre oder sekun- veränderbar oder nicht veränderbar unterliegt folg-
däre Kontrollmöglichkeiten wahr, wird der durch lich unserem persönlichen Einfluss, ebenso wie die
unerwünschte Zustände oder Ereignisse hervorgeru- daraus folgende Ausübung von Kontrolle und deren
fene Stress verringert oder verschwindet vollständig. Folgen.
32 Kapitel 5 · Die Sterntaler von den Gebrüdern Grimm (1819)

z Fragen zur Reflexion unseren eigenen Nutzen zu maximieren und unsere


44Welche Welten in meinem Leben erscheinen als eigenen Kosten zu minimieren. Folglich helfen wir
(nicht) veränderbar? dann, wenn der Nutzen des Helfens größer ist als die
44Wo wende ich primäre und sekundäre Kosten des Helfens. Der Nutzen des Helfens kann
Kontrolle an? z. B. in der Anerkennung durch andere oder in einem
44Sind meine persönlichen Überzeugungen über positiven Selbstbild liegen. Die Kosten des Helfens
die (Nicht-)Veränderbarkeit meiner Welten können z. B. die Gefährdung der eigenen Sicher-
und meine Kontrollmöglichkeiten richtig? heit oder der Verlust von Zeit und Geld darstellen.
­ osten-Nutzen-Überlegungen beruhen auf persön-
K
lichen Wertungen.
5.3.2 Hilfeverhalten
5 Hätten Sie anstelle des Waisenmädchens den
Bedürftigen geholfen, wenn Sie den Nutzen und die
Das Waisenmädchen hilft Bedürftigen, obwohl es Kosten der Hilfeleistung berücksichtigen? Für das
selbst nichts hat. Unbekümmert um seine eigene Waisenmädchen mag seine ausgeprägte Religiosität
Zukunft verschenkt es seine letzten Besitztümer, eine wichtige Rolle spielen. Der Nutzen des Helfens
die es eigentlich selbst benötigen würde. In diesem mag für es im Handeln nach dem christlichen Gebot
Abschnitt werden die Bedeutung von Hilfeverhalten der Nächstenliebe und somit dem Wohlwollen
in der Psychologie erklärt, unterschiedliche Gründe Gottes liegen. Die Kosten des Helfens mögen in der
für Hilfeverhalten untersucht, die aktuelle Situation Nichtbefriedigung eigener grundlegender Bedürf-
in unserer Gesellschaft beleuchtet sowie positive und nisse nach Nahrung oder Schutz vor Kälte bestehen.
negative Seiten von Hilfeverhalten dargestellt. Das Handeln nach christlichen Geboten erscheint
Unter prosozialem Verhalten versteht man Ver- ihm wichtiger als die Befriedigung seiner Grundbe-
haltensweisen, welche die Situation einer bedürf- dürfnisse. Ausgehend von der Theorie des sozialen
tigen Person verbessern. Hilfeverhalten zählt zu Austauschs mag das Hilfeverhalten des Waisenmäd-
den prosozialen Verhaltensweisen und dient dem chens egoistisch begründet sein.
Wohlbefinden einer anderen Person. Verhält sich
eine Person prosozial, ohne dabei Rücksicht auf
ihre eigenen Interessen oder Sicherheit zu nehmen, Empathie-Altruismus-Hypothese
handelt sie altruistisch. Das Gegenteil des Altruis- Daniel Batson (1991) ist ein Verfechter dafür, dass
mus, des selbstlosen Interesses am Wohlergehen Menschen auch aus altruistischen Gründen helfen,
anderer, ist der Egoismus, das selbstbezogene Inter- ohne dabei auf ihren eigenen Nutzen zu achten. Laut
esse am eigenen Wohlergehen (Bierhoff 2008; Gerrig seiner Empathie-Altruismus-Hypothese zeigen wir
u. Zimbardo 2008). altruistisches Hilfeverhalten, wenn wir Empathie
Das Waisenmädchen aus Sterntaler zeigt Hilfe- gegenüber einer Person in Not empfinden. Unter
verhalten, da sein Handeln die Situation des hung- Empathie versteht man in der Psychologie das
rigen Mannes und der frierenden Kinder verbessert Begreifen und Nacherleben der inneren Vorgänge
und deren Wohlbefinden dient. Ist sein Handeln anderer Menschen (vgl. Bierhoff 2008). Nehmen wir
Ihrer Meinung nach altruistisch oder egoistisch also die Perspektive der Person in Not ein und emp-
begründet? finden Mitleid mit ihr, helfen wir aus dem altruis-
tischen Grund, dass es dem Hilfeempfänger besser
geht. Verschließen wir uns dagegen vor der Perspek-
Theorie des sozialen Austauschs tive der Person in Not und empfinden kein Mitleid
Die Theorie des sozialen Austauschs (Thibaut u. mit ihr, helfen wir aus dem egoistischen Grund, dass
Kelley 1959) wird davon ausgegangen, dass Men- wir selbst einen Nutzen daraus ziehen.
schen aus egoistischen Gründen helfen, wenn sie Beobachten wir eine Person in Not, löst dies in
selbst einen Nutzen aus ihrem Verhalten ziehen. uns generell unangenehme Gefühle aus. Der egoisti-
Sie beruht auf der Annahme, dass wir bestrebt sind, sche Nutzen von Hilfeverhalten kann darin bestehen,
5.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
33 5
durch die Hilfeleistung die eigenen unangenehmen Hilfsbereitschaft als Vorbild dienen. Unsere Bereit-
Gefühle zu verringern. Haben wir die Möglichkeit, schaft, einander zu helfen, formt unsere Gesellschaft,
die Notsituation zu verlassen, können wir unsere stärkt das Miteinander und lässt unsere Gemein-
unangenehmen Gefühle auch reduzieren, indem wir schaft reibungsloser funktionieren. Das Sozialstaats-
uns von der Person in Not abwenden. ystem, die Spendenbereitschaft nach Katastrophen
Das Waisenmädchen aus Sterntaler hat die oder das ehrenamtliche Engagement zeugen von
Wahl, die Situation zu verlassen oder den Bedürfti- unserer grundlegenden prosozialen Orientierung
gen zu helfen. Es hilft aus dem altruistischen Grund, (vgl. Gerring u. Zimbardo 2008). Wir sollten diese
dass es den Bedürftigen besser geht, und entschei- prosoziale Orientierung dem sich ausbreitenden
det sich gegen ein Verlassen der Situation aus dem Egoismus entgegenstellen.
egoistischen Grund, seine eigenen unangenehmen
Gefühle zu verringern. Das Hilfeverhalten des Wai-
senmädchens ist dieser Theorie folgend altruistisch Gesundes und schädliches
begründet. Hilfeverhalten
Doch – ist Altruismus ausschließlich positiv? Sollte
uns das Waisenmädchen aus Sterntaler uneinge-
Egoismus und Altruismus in unserer schränkt als Vorbild dienen?
Gesellschaft Eine Forschergruppe aus Cambridge unter-
Wann sind Sie zuletzt einem so hilfsbereiten Men- suchte die Grenzen zwischen gesunder und schäd-
schen wie dem Waisenmädchen begegnet? Heutzu- licher Hilfsbereitschaft (vgl. Oakley et al. 2011). Sie
tage scheint der Egoismus gegenüber dem Altruis- kam u. a. zu dem Schluss, dass es ein Zuviel des Guten
mus zu überwiegen. Die zunehmende soziale Kälte geben kann, wenn eine Person ihre eigenen Grund-
und steigende Selbstsucht zählen zu den Standards bedürfnisse nach Nahrung, Geld oder anderen Res-
der Gesellschaftskritik. Hatte Arthur Schopenhauer sourcen in Zusammenhang mit dem Überleben
Recht, als er schrieb: vernachlässigt, um anderen zu helfen. Stellt eine
helfende Person ihr eigenes Leben vollkommen in
» Der Egoismus ist kolossal: er überragt die den Dienst anderer und nimmt die Bedürfnisse der
Welt. Denn, wenn jedem Einzelnen die Wahl anderen wichtiger als die eigenen, bezeichnet man
gegeben würde zwischen seiner eigenen und dies als krankhaften Altruismus.
der übrigen Welt Vernichtung; so brauche ich Eine Ursache für krankhaften Altruismus kann in
nicht zu sagen, wohin sie, bei den Allermeisten, einem unerfüllten Bedürfnis nach Anerkennung und
ausschlagen würde. (Schopenhauer 1841, Akzeptanz liegen. Außerdem kann er dazu dienen,
S. 200) ein labiles Selbst zu festigen, indem sich die Person
durch ihr Hilfeverhalten unersetzlich und wertvoll
Die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise, mitverschul- macht. Ein krankhafter Altruismus kann auch Aus-
det durch egoistische Risikospiele Einzelner zulas- druck von Schuldgefühlen sein, z. B. dem Glauben,
ten der globalen Finanzwelt, spricht dafür. Auch der „unverdient“ glücklich zu sein, welche durch Helfen
Klimawandel, mitverursacht durch die egoistische gelindert werden können. Teils kann er auch auf eine
Maximierung der Wirtschaftskraft zulasten unseres psychische Erkrankung, z. B. eine abhängige Persön-
Planeten und den zukünftig darauf lebenden Gene- lichkeitsstörung, zurückgeführt werden. Das Waisen-
rationen, unterstützt Schopenhauers These. mädchen trägt Züge eines krankhaften Altruisten. Es
Ist die Feststellung des Nobelpreisträgers für vernachlässigt selbstlos die Erfüllung seiner eigenen
Literatur John Steinbeck zutreffend, dass mensch- Grundbedürfnisse und stellt sie hinter den Bedürf-
liche Eigenschaften wie Güte, Großzügigkeit und nissen der anderen zurück. Was wäre mit ihm gesche-
Gefühl in unserer Gesellschaft Symptome des Ver- hen, wenn die Sterne nicht vom Himmel gefallen
sagens seien, wogegen Habgier, Gewinnsucht und wären? Es wäre vermutlich verhungert oder erfroren.
Egoismus Merkmale des Erfolgs darstellten, sollten Für den Altruismus muss das richtige Maß
uns das Waisenmädchen und seine altruistische gefunden werden, sodass sich der Helfer nicht selbst
34 Kapitel 5 · Die Sterntaler von den Gebrüdern Grimm (1819)

zerstört. Wahrer Altruismus gründet nicht in über- einer Stufe müssen größtenteils erfüllt sein, damit
triebener Selbstlosigkeit, sondern im Bewusstsein die Bedürfnisse auf der nächsthöheren Stufe geweckt
über die eigenen Bedürfnisse und im Einfühlungs- werden. Je höher ein Bedürfnis in der Pyramide
vermögen gegenüber den Bedürfnissen unserer Mit- angeordnet ist, umso weniger bedeutsam ist es für
menschen (vgl. Ernst 2012; Gielas 2012). unser bloßes Überleben und umso länger kann seine
Erfüllung aufgeschoben werden. Die Erfüllung von
z Fragen zur Reflexion höheren Bedürfnissen macht uns zufriedener als die
44Wo und warum helfe ich? Erfüllung von niederen Bedürfnissen. Unerfüllte
44Wie kann ich meine Stärken, Wissen, Bedürfnisse lösen Verhaltensweisen zur Erfüllung
Ressourcen etc. einsetzen, um effektiv zu dieser aus und stellen somit den Motor für unser Ver-
5 helfen? halten dar.
44Wie sieht mein Verhältnis zwischen selbst Maslows Bedürfnispyramide ist wissenschaft-
helfen und Hilfe erhalten aus? lich nicht zweifelsfrei haltbar, da insbesondere die
44Wie können andere Menschen mir helfen? Abfolge der Stufen nicht bestätigt ist. Dennoch bietet
sein Modell einen Rahmen zur Betrachtung mensch-
licher Bedürfnisse ausgehend von einem positiven
5.3.3 Bedürfnisse Menschenbild, welches das uns innewohnende
Wachstumspotenzial und Streben nach Selbstver-
Das Waisenmädchen begibt sich auf eine Reise, um wirklichung betont (Gerrig u. Zimbardo 2008).
seiner Einsamkeit zu entfliehen. Seine Reise endet, Auf welcher Stufe der Bedürfnispyramide ordnen
als die Sterne als Silbertaler vom Himmel fallen und Sie das Waisenmädchen ein? Es befindet sich auf der
es sich vom Waisenmädchen aus ärmsten Verhält- untersten Stufe, da lediglich seine physiologischen
nissen zu einer Multimillionärin verwandelt. In Bedürfnisse durch sein Stückchen Brot und seine
diesem Abschnitt werden die menschlichen Bedürf- Kleidung auf kurze Sicht erfüllt sind. Es lebt ohne
nisse anhand der Bedürfnispyramide von Abraham die Sicherheit eines Zuhauses, ohne die Bindung an
Maslow erklärt, näher auf Glück durch materielle Familie oder Freunde und ohne die Wertschätzung
Werte eingegangen und die neusten Forschungs- oder gar Dankbarkeit der Bedürftigen, denen es zur
ergebnisse zum Sinn des Lebens vorgestellt. Hilfe kommt. Aufgrund dieser Defizite in seiner
Bedürfniserfüllung scheint eine Selbstverwirkli-
chung laut Maslow nicht möglich. Schließlich löst
Bedürfnispyramide von Maslow sein Bedürfnis nach Bindung (nicht sein Bedürfnis
Abraham Maslow (1978) beschreibt menschliche nach Sicherheit, wie es Maslows Abfolge vielleicht
Bedürfnisse mithilfe einer Bedürfnispyramide. Er implizieren könnte) den Aufbruch auf die Suche nach
unterscheidet zwischen folgenden Bedürfnissen, einem besseren Leben aus. Im Rahmen der Erzäh-
wobei Selbstverwirklichung die höchste Stufe und lung werden zunächst seine physiologischen und
physiologische Bedürfnisse die Basis bilden: Sicherheitsbedürfnisse durch die vom Himmel fal-
1. Physiologische Bedürfnisse (z. B. Nahrung, lenden Silbertaler erfüllt. Das reiche Waisenmädchen
Unversehrtheit) kann nun Nahrung, Kleidung und eine Unterkunft
2. Sicherheit (z. B. Angstfreiheit, finanzielle erwerben und auf Lebenszeit eine finanzielle Sicher-
Absicherung) heit genießen.
3. Bindung (z. B. Liebe, Anschluss)
4. Wertschätzung (z. B. Kompetenz,
Anerkennung) Easterlin-Paradoxon
5. Selbstverwirklichung Wie beurteilen Sie das Ende des Märchens? Erlebt
das Waisenmädchen tatsächlich ein „Happy End“
Diese fünf Bedürfnisgruppen sind entsprechend durch seinen materiellen Reichtum?
ihrer Vormachtstellung hierarchisch auf den Stufen Der Ökonom Richard Easterlin erklärt mit-
einer Pyramide angeordnet. Die Bedürfnisse auf hilfe des Easterlin-Paradoxons den Zusammenhang
Literaturverzeichnis
35 5
zwischen materiellem Reichtum und Glück. Laut z Fragen zur Reflexion
diesem schafft steigendes Einkommen nur bis zu 44Welche Bedürfnisse sind der Motor für mein
einem bestimmten Punkt mehr Lebensglück. Sind Verhalten?
die grundlegenden Bedürfnisse erfüllt, stagniert die 44Wie kann ich mich selbst verwirklichen?
Glückskurve und fällt dann, trotz weiter steigen- 44Wie viel Wert messe ich materiellen Dingen
dem Einkommen, sogar leicht ab. Die Erklärung für bei?
diesen Verlauf liegt darin, dass mit steigendem Ein- 44Wie kann ich mein Leben generativ gestalten?
kommen die Erwartungen an noch mehr Wohlstand
wachsen. Die Lücke zwischen den Erwartungen und
dem tatsächlichen Einkommen nehmen wir negativ 5.4 Fazit
wahr. Dies mindert unsere Lebenszufriedenheit und
verhindert den weiteren Anstieg des Glückslevels Märchen haben die Aufgabe, zur Sittenlehre und
(Tenzer 2015). als Erziehungsbuch zu dienen. Sie enthalten Richt-
Wir wissen also nicht, ob das Märchen tatsäch- linien für Verhalten in verschiedenen Lebenslagen
lich glücklich endet, da das Bedürfnis nach Bindung, für Erwachsene und Anleitungen zur Erziehung von
nach dessen Erfüllung das Waisenmädchen eigent- Kindern. Laut den Gebrüdern Grimm fungiert das
lich sucht, zunächst unerfüllt bleibt. Allerdings Waisenmädchen aus Sterntaler als Vorbild für einen
sind durch seinen materiellen Reichtum diejenigen guten Christen, der sich durch seine Tugendhaftig-
Bedürfnisse erfüllt, die sein Überleben sicherstel- keit und Nächstenliebe auszeichnet (vgl. Uther 1996).
len und deren Erfüllung nicht aufgeschoben werden Was können wir von dem Waisenmädchen lernen?
kann. Die weitere Zukunft des nunmehr reichen Wai- Seine hoffnungsvolle Überzeugung über den eigenen
senmädchens bleibt Ihrer Fantasie überlassen. Einfluss auf sein Leben, sein Mitgefühl und altruis-
tisches Hilfeverhalten können uns als Richtlinien
dienen. Allerdings sollten uns auch die negativen
Generativität Seiten seines Hilfeverhaltens, sein krankhafter Alt-
Die Bedingungen für die Erfüllung unserer Bedürf- ruismus und die schädliche Vernachlässigung seiner
nisse stehen heute so günstig wie nie. Laut Maslow eigenen Bedürfnisse als Warnung gelten. Das Wai-
können satte, sichere, geliebte und wertgeschätzte senmädchen ist uns Vorbild und Mahnung zugleich.
Menschen dennoch unglücklich sein, wenn sie nicht
danach streben, sich selbst zu verwirklichen und ihr
innewohnendes Potenzial zu entfalten. Literaturverzeichnis
Neue Forschungsergebnisse zum Sinn des Lebens
Batson, C. D. (1991). The altruism question: Toward a social-­
(Schnell 2009) zeigen jedoch, dass das Streben nach psychological answer. Hillsdale, NJ: Erlbaum
Selbstverwirklichung und ausgeprägter Individua- Bierhoff, H.-W. (2008). Theorien hilfreichen Verhaltens. In:
lität eher wenig zur Sinnerfüllung beiträgt. Unser D. Frey, & M. Irle (Hrsg.), Theorien der Sozialpsychologie.
Leben wird dagegen umso sinnstiftender, je stärker Band II: Gruppen-, Interaktions- und Lerntheorien (2. Aufl.,
wir es in einen das Ich überschreitenden Zusam- S. 178–197). Bern: Huber.
Ernst, H. (2012). Auch ein Altruist braucht mal Hilfe. https://
menhang einordnen und Verantwortung überneh- www.psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/
men. Generativität als wichtigste Sinnquelle bedeu- auch_ein_altruist_braucht_mal_hilfe/. Zugegriffen:
tet, etwas von bleibendem Wert zu schaffen, unsere 29. September 2016.
Erfahrungen und Wissen weiterzugeben, uns den Frey, D., & Jonas, E. (2002). Die Theorie der kognizierten Kont-
rolle. In: D. Frey, & M. Irle (Hrsg.), Theorien der Sozialpsycho-
zukünftigen Generationen und der Menschheit im
logie. Band III: Motivations-, Selbst- und Informationsver-
Allgemeinen verpflichtet zu fühlen und danach zu arbeitungstheorien (2. Aufl., S.13–50). Bern: Huber.
handeln. Allerdings sollten wir uns nicht nur für uns Gerrig, R. J., & Zimbardo, P. G. (2008). Psychologie (18. Aufl.).
selbst, aber auch nicht nur für andere einsetzen. Wie München: Pearson.
beim Altruismus gilt es auch hier, das richtige Maß Gielas, A. (2012). Fragwürdige Nächstenliebe. https://www.
psychologie-heute.de/archiv/detailansicht/news/frag-
zu finden.
36 Kapitel 5 · Die Sterntaler von den Gebrüdern Grimm (1819)

wuerdige_naechstenliebe/. Zugegriffen: 29. September


2016.
Grimm, J., & Grimm, W. (1819). Kinder- und Haus-Märchen,
gesammelt durch die Brüder Grimm: Große Ausgabe (Bd. 2,
2. Aufl.). Berlin: G. Reimer.
Maslow, A. H. (1978). Motivation und Persönlichkeit. Olten:
Walter.
Oakley, B., Knafo, A., Madhavan, G., & Wilson, D. S. (2011).
Pathological altruism. New York: Oxford University Press.
Robbins, S. P. (1993). Organizational behavior (6th ed.). Engle-
wood Cliffs: Prentice-Hall.
Schnell, T (2009). Implizite Religiosität, Zur Psychologie des

5 Lebenssinns. Lengerich: Pabst Science Publishers.


Schopenhauer, A. (1841). Die beiden Grundprobleme der Ethik,
behandelt in zwei akademischen Schriften. Frankfurt a. M.:
Hermann.
Tenzer, E. (2015). Glück lässt sich nicht steigern. Psychologie
heute 42, 34–35.
Thibaut, J. W., & Kelley, H. H. (1959). The social psychology of
groups. New York: Wiley.
Uther, H.-J. (1996). Handbuch zu den „Kinder- und Hausmär-
chen“ der Brüder Grimm. Berlin: Walter de Gruyter.
37 6

Die Prinzessin auf der Erbse


von Hans Christian Andersen
(1837)
Kim Borrmann

6.1 Inhalt des Märchens – 38

6.2 Die Charaktere – 38

6.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 39


6.3.1 Partnerwahl – 39
6.3.2 Testverfahren – 40
6.3.3 Sensibilität und Sensitivität – 42

6.4 Fazit – 43

Literaturverzeichnis – 44

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_6
38 Kapitel 6 · Die Prinzessin auf der Erbse von Hans Christian Andersen (1837)

6.1 Inhalt des Märchens Der Prinz nahm sie zur Frau, und sie lebten glücklich
bis an ihr Lebensende.
Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin (Andersen 2010; . Abb. 6.1)
heiraten. So reiste er um die ganze Welt, um eine pas-
sende Gemahlin zu finden. Er konnte aber nie her-
ausfinden, ob es sich bei den vielen Prinzessinnen, 6.2 Die Charaktere
die er traf, auch wirklich um echte handelte, da stets
irgendetwas nicht stimmte. Traurig kehrte er nach In dem recht kurzen Märchen „Die Prinzessin auf
Hause zurück. der Erbse“ werden die Charaktere nicht sehr ein-
Am Abend eines furchtbaren Sturmes klopfte es gehend beschrieben, sondern der Verlauf der
auf einmal an der Tür. Eine Frau, vom Sturm zerzaust, Geschichte durch ihr Handeln und letztlich Emp-
bat um Einlass, denn sie, so ihre Behauptung, sei eine finden bestimmt.
echte Prinzessin. Die alte Königin ließ sie hinein, war Der Prinz sucht eine geeignete Partnerin und ist
6 aber sehr skeptisch, da sie so durchnässt gar nicht wie dabei sehr wählerisch. Dem sozialen Stand der Aus-
eine schöne Prinzessin aussah. Die Königin berei- zuwählenden kommt dabei eine große Bedeutung
tete ihr eine Schlafkammer vor und nahm, um die zu: Es muss eine Prinzessin sein. Da er keine pas-
vermeintliche Prinzessin zu testen, zwanzig Matrat- sende Frau für sich finden kann, gibt er seine Suche
zen und zwanzig Daunendecken und legte ganz nach traurig auf.
unten eine kleine Erbse. Eine geeignete Prinzessin erscheint durch Zufall
Am nächsten Morgen fragte sie die Prinzessin, direkt an seinem Tor. Ihre äußere Erscheinung und
wie sie geschlafen hätte. Die Prinzessin antwortete: das fehlende Gefolge lassen ihre Behauptung, eine
„Ganz furchtbar. Etwas Hartes war in meinem Bett, Prinzessin zu sein, ausgesprochen unglaubwürdig
ich konnte kaum ein Auge zu machen und bin ganz erscheinen – trotzdem gewährt man ihr Obhut im
blau und grün.“ Nun wusste die Königsfamilie, dass Schloss. Ohne ihr Wissen absolviert sie erfolgreich
die Prinzessin die Wahrheit gesprochen hatte, denn einen Test, bei dem ihre über alle Maße ausgeprägte
so feinfühlig konnte nur eine echte Prinzessin sein. Sensibilität gefragt ist.

. Abb. 6.1  (Zeichnung: Claudia


Styrsky)
6.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
39 6
Der Königin fällt die Rolle zu, den Test mit- Physische Attraktivität
hilfe von zwanzig Matratzen und zwanzig Dau- Der Effekt „What is beautiful is good“ (Wer schön
nendecken, unter denen sie eine Erbse platziert, ist, ist auch gut) beschreibt, dass attraktive Personen
durchzuführen. allgemein positiver bewertet und behandelt werden
(Dion et al. 1972; Smith u. Mackie 2007). Auch die
Prinzessin wird – in ihren durchweichten Kleidern
6.3 Psychologische Phänomene und und mit durch den Regen verunstalteter Frisur –
Implikationen zunächst misstrauisch beäugt. Attraktivität scheint
ein wichtiges Merkmal einer echten Prinzessin (res-
Ein zentrales Thema des Märchens ist die Suche pektive der „Richtigen“) zu sein.
des Prinzen nach der „Richtigen“. Viele Menschen Universelle Kriterien für Schönheit sind z. B.
beschäftigen sich mit der Suche nach der Märchen- glatte Haut sowie ein symmetrisches und durch-
prinzessin oder dem Märchenprinzen. Wonach wir schnittliches Gesicht, das genetische Gesundheit
unsere Partner auswählen (und was uns in Beziehun- indiziert und durch die häufige Wahrnehmung
gen dann glücklich macht) wird in 7 Abschn. 6.3.1 als positiver bewertet wird. Bei Männern werden
thematisiert. dominante Gesichtszüge wie eine markante Kinn-
Die alte Königin war der Prinzessin gegen- linie als universell schön empfunden. Männern ist
über zunächst skeptisch und testete sie aus diesem physische Attraktivität in der Partnerwahl wichti-
Grund mit einer Erbse. Der Test erscheint zunächst ger als Frauen (Buss u. Barnes 1986). Bei Frauen
seltsam. Einigen von Ihnen dürfte auch schon der gilt als schön, was jung aussieht, z. B. ein rundes
eine oder andere Test im Leben über den Weg gelau- Gesicht, da ein jüngeres Alter für eine höhere Fer-
fen sein, von dem Sie insgeheim gedacht haben, dass tilität spricht.
er nicht zu schaffen oder wenig sinnvoll sei. Der Entscheidend für lange Beziehungen ist jedoch,
7 Abschn. 6.3.2 soll daher den Sinn und die Funktion dass das Attraktivitätsniveau von Partnern zusam-
von Tests behandeln. menpasst, also ähnlich ist, und nicht, dass es mög-
Anschließend rückt die Prinzessin in den Fokus. lichst hoch ist. Für Langzeitbeziehungen sind zudem
Wer Kinder hat oder welche kennt, wird möglicher- ähnliche Einstellungen und wünschenswerte Per-
weise folgende Frage hören: „Warum kann denn sönlichkeitseigenschaften wichtiger als Attraktivität
die Prinzessin die Erbse spüren und ich nicht?“ (Regan et al. 2000).
Nun, es scheint, dass die Prinzessin auf der Erbse
eine außergewöhnliche Feinfühligkeit besitzt. In
7 Abschn. 6.3.3 werden in diesem Zusammenhang Positive Interaktionen
das Phänomen der Sensibilität und Sensitivität Häufige positive Interaktion führt ebenfalls dazu,
näher erläutert. dass wir jemanden mögen bzw. anziehend finden.
Interaktion mit anderen Menschen hilft uns nicht
nur, die Welt besser zu verstehen, sie führt auch dazu,
6.3.1 Partnerwahl dass unser Bedürfnis nach Verbundenheit erfüllt
wird (Smith u. Mackie 2007). Da wir Menschen, mit
Der Prinz reiste durch die ganze Welt, um „die denen wir häufig interagieren, positiver wahrneh-
Eine“ zu finden. Letztendlich hat immer etwas nicht men, ist es wahrscheinlicher, dass wir uns in unseren
gepasst. Kollegen/Kommilitonen/Nachbarn verlieben als in
Was führt eigentlich dazu, dass wir jemanden auf einen Fremden.
den ersten Eindruck anziehend finden und was ist für Etwas von sich Preis zu geben (Selbstoffenba-
Langzeitbeziehungen wichtig? Hierzu wird im Fol- rung), z. B. persönliche Erlebnisse, Gedanken oder
genden eine Auswahl psychologischer Phänomene Gefühle, führt letztendlich dazu, dass Intimität ent-
vorgestellt. steht (Aron et al. 1997). Und Intimität ist sowohl
40 Kapitel 6 · Die Prinzessin auf der Erbse von Hans Christian Andersen (1837)

wichtig für das Gefühl der Verliebtheit wie auch den Prinz davon ausgehen, dass die Prinzessin in einem
Erhalt der Liebe (Aron u. Westbay 1996). ähnlichen Umfeld wie der Prinz aufgewachsen ist
und beide daher ähnliche Eigenschaften aufweisen.
Sowohl physische als auch psychische Ähnlich-
Ähnlichkeit keit können ein Prädiktor für glückliche Beziehun-
Es muss eine echte Prinzessin sein, denn schließlich gen sein. Geeignete Partner lassen sich anscheinend
ist auch er ein echter Prinz – und wir mögen Men- vor allem in unserer direkten Umgebung finden –
schen, die uns ähnlich sind. Ähnlichkeit führt dazu, sie sind uns vertraut und vermutlich auch ähnlich.
dass wir unser Gegenüber als attraktiver wahrneh- Ähnlich zu sein bedeutet natürlich nicht, gleich zu
men (Smith u. Mackie 2007). sein. Es gibt daneben sich ergänzende Eigenschaf-
Wenn wir Aktivitäten ausführen, die uns wichtig ten wie Dominanz und Subdominanz, aber gerade
sind oder Spaß machen, ist es wahrscheinlich, dort in unseren Kerneigenschaften und Überzeugungen
auf Menschen zu treffen, denen es ähnlich geht. sollten wir übereinstimmen, damit die Partnerschaft
6 Wir nehmen außerdem an, dass Menschen, die eine gemeinsame Zukunft hat.
uns ähnlich sind, uns mögen; das wiederum ist der Letztendlich ist das Rätsel der richtigen Partner-
stärkste Grund, jemanden ebenfalls zu mögen. wahl (und der Liebe) von Psychologen nicht gänz-
Hinzu kommt positive Selbstbestätigung , lich gelöst. Um dem Rätsel der Liebe weiter auf die
indem wir Werte und Annahmen des anderen als Spur zu kommen, sind ebenso biologische Aspekte
wünschenswert erachten, wenn wir eben jene auch relevant. Soziobiologen fanden z. B. heraus, dass der
aufweisen. Frauen wie Männer präferieren bei Körpergeruch entscheidend für gegenseitige Anzie-
ihrer Partnerwahl zudem Menschen mit ähnlichen hung ist. Je besser wir jemanden riechen können,
Persönlichkeitseigenschaften. desto unterschiedlicher sind unsere Immunsysteme,
was von Vorteil für den Nachwuchs ist (Wedekind
et al. 1995). Wir haben also durchaus Vorstellungen
Persönlichkeit darüber, wie wahrscheinlich es ist, dass sich Men-
Frauen sind prinzipiell anspruchsvoller als Männer, schen aufgrund physischer und psychischer Eigen-
was die Persönlichkeit ihres Partners angeht – evo- schaften als anziehend erleben – es bleibt aber hin-
lutionsbiologisch ist das sehr gut nachvollziehbar, da reichend Raum für den „magischen Funken“.
sie sich darauf verlassen müssen, dass sie z. B. nicht
schwanger alleine gelassen werden. Sie bevorzugen
Männer, die sozial erwünschte Eigenschaften auf- 6.3.2 Testverfahren
weisen und z. B. sehr freundlich, fair, ambitioniert,
extrovertiert, großzügig, intelligent und offen sind. Auch wenn der Test der Königin nicht sofort ein-
Prinzipiell wünschen sich Männer und Frauen leuchtend erscheint, so erfüllt er doch seine Funk-
emotional stabile, intelligente, verträgliche und tion und scheint für das Milieu und das Anforde-
gewissenhafte Partner. Tatsächlich sind Paare in rungsprofil einer Prinzessin angemessen zu sein.
ihrer Ehe und sexuell zufriedener, wenn ihre Partner Denn letztlich erfüllt er seinen Zweck: Die Familie
insbesondere verträglich und emotional stabil sind und der Prinz wissen, dass es sich um eine echte
sowie offen und intelligent (Botwin et al. 1997). Prinzessin handelt und die beiden werden glücklich
miteinander.
Im Laufe des Lebens müssen wir viele Tests
Implikationen für die Lebensgestaltung durchlaufen – Matheklausuren, Führerscheinprü-
Der Prinz hat letztendlich nach dem Prinzip der Ähn- fung, Schwangerschaftstests etc. Nicht alle Tests
lichkeit gewählt, wobei aus der Geschichte lediglich erscheinen uns dabei auf den ersten Blick sinn-
hervorgeht, dass sie ebenfalls eine Adlige ist (was voll. Wie soll z. B. ein normaler Mensch eine Erbse
sie durch ihre Feinfühligkeit bewiesen hat). Ob der unter zwanzig Matratzen spüren? Der Einsatz eines
Prinz die Erbse ebenfalls gespürt hätte, können wir geeigneten Tests liefert jedoch ein besseres Ergeb-
nur spekulieren. Allerdings können wir und der nis als eine intuitive Bauchentscheidung. Hätte die
6.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
41 6
Königsfamilie nur nach dem Äußeren der Prinzes- Online-Dating-Plattformen bietet die Präsentations-
sin geurteilt, wäre sie, durchnässt wie sie war, ver- form der Selbstdarstellung viel Raum zur Beschöni-
mutlich abgelehnt worden, obwohl sie alle Kriterien gung. Auch ohne Manipulation kann uns ein Test
erfüllt. Tests können uns also helfen, zuverlässigere niemals 100%ige Sicherheit geben – das geht nur im
und angemessenere Urteile zu fällen. Märchen.

Implikationen für die Lebensgestaltung Implikationen für die Erziehung


Im Märchen, wie im Leben sehr vieler Menschen Eine der ersten Assoziationen die wir haben, wenn
spielt die Suche nach dem Partner eine große Rolle wir „Test“ hören, ist wahrscheinlich die Schul- und/
(7 Abschn. 6.3.1). Psychologen und Nichtpsycholo- oder Studienzeit. Ständig wurde unser Wissensstand
gen haben mit Tests versucht, dem Rätsel der Liebe getestet und mit Noten bewertet, welche zunehmend
auf die Spur zu kommen. mehr unseren beruflichen Werdegang determinie-
Aron et al. (1997) fanden beispielsweise heraus, ren. Welcher Studiengang ist beispielsweise noch
dass ein Katalog mit 36 ausgesuchten Fragen dazu Numerus clausus frei?
führt, dass sich zwei Menschen binnen 4 Stunden Das setzt bereits Kinder (natürlich individuell
auf einmal sehr viel näher stehen (teilweise sogar unterschiedlich) häufig unter Stress, und deshalb
verlieben). Frage 10 lautet z. B.: „Wenn du etwas sind Tests oft mit negativen Gefühlen besetzt. Tat-
daran ändern könntest, wie du erzogen wurdest, sächlich sind Tests in der Schule jedoch sehr sinn-
was würdest du ändern?“ In der letzten Frage soll voll. Roediger et al. (2011) fanden einige Vorteile von
die Person ein persönliches Problem beschreiben Tests – abgesehen von der notwendigen Benotung:
und die andere um Rat und ihre Einschätzung zu den Das Wiederholen von Wissen in Tests führt zu einer
eigenen Gefühlen bezüglich des Problems fragen. besseren Erinnerungsleistung und kann wiederum
Die Themen, die anhand dieser Fragen aufkommen, auf andere Situationen übertragen werden. Gerade
führen dazu, dass intime Gedanken ausgetauscht Tests mit offenen Fragen führen dazu, dass Fakten
werden, und Intimität ist ein wichtiger Aspekt von miteinander verknüpft werden und dadurch ein Wis-
Liebe. senstransfer stattfindet. Darüber hinaus führen Tests
Diese Fragen sollte man übrigens nicht jedem dazu, dass Kinder mehr lernen und sowohl sie selbst
stellen, denn nicht jeder, in den man sich verlie- als auch die Lehrer erkennen, wo noch Wissenslü-
ben kann, ist auch der richtige Partner! Botwin et al. cken bestehen. Testen kann also nicht nur Leistung
(1997) zeigten, dass insbesondere die Paare glück- messen, sondern auch verbessern.
lich in ihrem Liebes- und Sexleben waren, die einen Beachtet werden sollte natürlich, dass nicht alle
emotional stabilen und verträglichen Partner Kinder (und Erwachsenen) in Tests die Leistung
haben. Herkömmliche Online-Dating-Plattformen abrufen können, die sie außerhalb der Stresssituation
matchen nach dem Prinzip der ähnlichen Eigen- eines Tests erbringen könnten. Deswegen sollte sich
schaften und Interessen. Und immerhin 20 % der jeder Testende fragen, ob der Test genau misst und
derzeitigen Beziehungen in den USA haben online vor allem ob er das geeignete Messinstrument dar-
begonnen (Statistic Brain Research Institute 2015). stellt. Eltern können zudem den Leistungsdruck der
Gottmann et al. (1998) beschäftigten sich mit der Art Kinder verringern (oder gar nicht erst aufkommen
und Weise, wie frisch verheiratete Paare kommuni- lassen), wenn sie ihnen signalisieren, dass es neben
zieren, und konnten dadurch relativ zuverlässig vor- der Schule auch andere wichtige Themen wie Familie,
hersagen, wie zufrieden und stabil die Beziehung in 6 Freunde und Hobbys gibt.
Jahren sein würde. Tests können also sowohl Intimi-
tät (Liebe) fördern als auch der Überprüfung dienen,
ob Menschen füreinander geeignet sind. Implikationen für die Führung
Dabei sollte natürlich nicht vergessen Eine Aufgabe von Führungskräften ist, Mitarbei-
werden, dass Tests absichtlich oder unabsicht- ter auszuwählen. Gerade in der heutigen Zeit ist es
lich manipuliert werden können – gerade bei wichtig, nicht aufgrund von Geschlecht, ethnischer
42 Kapitel 6 · Die Prinzessin auf der Erbse von Hans Christian Andersen (1837)

Zugehörigkeit oder ähnlichen Merkmalen zu ent- Bevölkerung zu den hochsensitiven Personen zählen,
scheiden. Nicht nur um sich politisch korrekt zu und ist überzeugt, dass diese Eigenschaft angeboren
verhalten, sondern auch weil Entscheidungen „aus ist. Wie auch im Märchen ist dies nichts, was man
dem Bauchgefühl“ häufig durch stereotype Vorstel- vortäuschen könnte. Es ist auch keine Eigenschaft,
lungen verzerrt werden, was wiederum dazu führt, die erlernt werden kann.
dass nicht unbedingt die am besten qualifizierte
Person gewählt wird. Die beruflichen Fähigkeiten
sind nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich, Repression und Sensitivität
Schul- und Arbeitszeugnisse geben nur erste Hin- Schon in den 1940er-Jahren fanden Forscher heraus,
weise zur grundsätzlichen Eignung. dass Menschen unterschiedlich auf bedrohliche
Eine gute Vorhersagekraft für die erfolgrei- Reize reagieren (Bruner u. Postman 1947). Die eine
che Ausführung einer Position bieten Intelligenz- Gruppe brauchte besonders lange, die andere beson-
tests, Arbeitsproben und strukturierte Interviews ders wenig Zeit, um bedrohliche Reize wahrzuneh-
6 (Schmidt u. Hunter 2000). Zu beachten ist dabei, dass men. Es wird daher angenommen, dass Menschen
bei gering strukturierten im Vergleich zu strukturier- sich danach unterscheiden, ob sie eine kritische
ten Interviews das äußere Erscheinungsbild und die Situation dadurch meistern, dass sie diese mög-
Selbstdarstellung einen viel größeren Einfluss haben lichst wenig oder im Gegenteil möglichst intensiv
(Barrick et al. 2009). zur Kenntnis nehmen. Beide Strategien bieten Vor-
Entscheidend für eine gute Auswahl ist es, die und Nachteile.
gewünschten Kriterien vorher zu definieren und die Bei der Repressionsstrategie, also dem „Nicht-
Tests auf diese abzustimmen. Wenn das Jobprofil z. B. wahrnehmen“, reagiert man unter Umständen zu
verlangt, außerordentlich feinfühlig zu sein, dann ist spät. Andererseits spart man Energie, wenn der Reiz
die Erbse der richtige Test – auch wenn dies für den gar nicht so bedrohlich ist (wie die Erbse) oder es
Bewerber nicht unbedingt plausibel erscheinen mag. gar keine Möglichkeit gibt, etwas an der Situation zu
ändern. Man hat bei Repressern festgestellt, dass sie
häufiger an Krebs- oder Herzerkrankungen leiden,
6.3.3 Sensibilität und Sensitivität da sie vermutlich gering ausgeprägte Symptome
weniger wahrnehmen und seltener zum Arzt gehen.
Die Eigenschaft, die die Prinzessin als wahre Prin- Die Sensitivitätsstrategie, also sehr aufmerk-
zessin auszeichnet, ist ihre im Übermaß vorhandene sam zu sein, bindet viele Energien und führt dazu,
Feinfühligkeit. In der Geschichte kommt ihr das sehr dass man schneller erschöpft ist. Sensible Menschen
gelegen, denn so „erobert“ sie ihren Prinzen. leiden daher auch häufiger an psychosomatischen
Wie sähe das jedoch in der realen Welt aus? In Erkrankungen (d. h. unter physischen Schmer-
der Psychologie sprechen wir von hochsensiblen zen, die auf keine organische, sondern psychische
oder -sensitiven Menschen. Nach Heintze (2013) Ursache zurückzuführen sind). Die Strategie ist ins-
beschreibt Hochsensibilität die besonders feine Aus- besondere ein Vorteil, wenn dadurch Dinge wahrge-
prägung der fünf Sinne (Fühlen/Tasten, Riechen, nommen werden, die andere nicht wahrnehmen. In
Schmecken, Sehen und Hören). Wie die Prinzessin früheren Zeiten der Menschheitsgeschichte könnten
auf der Erbse nehmen diese Menschen Reize geringer das z. B. Nahrungsquellen gewesen sein. Heutzutage
Intensität besser wahr als andere. Hochsensitivität können hochsensitive Menschen dadurch profitie-
beschreibt einen sechsten oder siebten Sinn. Diese ren, dass sie durch das stärkere Erleben ihrer eigenen
Menschen sind beispielsweise besonders empa- Emotionen besser verstehen, was Menschen fühlen
thisch und nehmen daher Dinge wahr, die andere und bewegt. Dies können sie z. B. nutzen, um inno-
nicht registrieren. Hochsensibilität und Hoch- vative Produkte und Ideen zu entwickeln, welche die
sensitivität treten oft gemeinsam auf. Aron (1997) Bedürfnisse von Konsumenten erfüllen.
beschreibt mit der hochsensitiven Person Menschen, Bei der Prinzessin hat ihre Sensitivität als Erken-
die sowohl hochsensitiv als auch hochsensibel ist. Sie nungsmerkmal gedient, durch das sie letztendlich die
nimmt an, dass ca. ein Sechstel bis ein Fünftel der zu ihr passende Umgebung gefunden hat.
6.4 · Fazit
43 6
Hochsensitivität Implikationen für die Lebensgestaltung
Aron (1997) beschreibt folgende Phänomene , Zunächst einmal ist es wichtig, wahrzunehmen
anhand derer man erkennen kann, ob man selber und zu akzeptieren, dass man hochsensibel und/
oder vielleicht jemand, der einem nahesteht, eine oder hochsensitiv ist. Dazu gehört, sich einzuge-
hochsensitive Person ist: stehen, dass der Lebensstil unserer Kultur, in dem
1. An der Prinzessin sehen wir, dass sie Dinge ununterbrochen Informationen und Eindrücke auf
wahrnimmt, die andere Menschen nicht uns einprasseln, überfordernd und anstrengend
wahrnehmen – hier die Erbse unter zwanzig sein kann. Für hochsensible Menschen empfiehlt es
Matratzen und Daunenbetten. Das ist auf alle sich, das Stressniveau moderat zu halten. Sie sollten
hochsensiblen Menschen übertragbar, die mit sich mehrere Stunden am Tag nehmen, in denen
allen ihren Sinnen mehr Details als andere ihre Umgebung möglichst reizarm ist. Zeit für sich
Menschen wahrnehmen. Das ist eine besondere ermöglicht ihnen häufig produktiver zu sein. An
Begabung, die man wertschätzen sollte. einem Tag in der Woche sollte gar nicht gearbeitet
2. Die erhöhte Wahrnehmung führt aber auch werden. Regelmäßige Auszeiten wie Urlaube sind
dazu, dass man schneller gestresst ist als andere ebenfalls wichtig.
Menschen, da viel mehr Informationen auf 80 % der Reize nehmen wir über die Augen wahr,
einen einwirken. Hochsensible Menschen sind deshalb ist es wichtig, dass insbesondere hochsen-
daher schneller übererregt oder -stimuliert. Bei sible Menschen genug schlafen – und wenn sie nicht
der Prinzessin drückt sich das in Schlafprob- schlafen können, trotzdem ausreichend Zeit im Bett
lemen und sogar körperlichen Schmerzen aus. zu verbringen. Regelmäßige Mahlzeiten steigern
3. Daneben nehmen hochsensitive Personen ebenfalls das Wohlbefinden und die Konzentra-
nicht nur mehr Dinge wahr, die man sehen, tionsfähigkeit. Unter den richtigen Lebensumstän-
hören oder taktil erfassen kann. Sie nehmen den kann die ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit
zudem stärker wahr, wie es den Menschen in viele Vorteile im Privat- und Berufsleben mit sich
ihrer Umgebung geht. Sie können sich sehr bringen.
gut in andere hineinversetzen und sind sehr Anders zu sein, bedeutet auch, andere Möglich-
empathisch. Sollte die Prinzessin zu ihrer keiten zu haben. Hochsensitive Personen sind in der
Hochsensibilität auch hochsensitiv sein, kann Regel loyal und gewissenhaft. Sie verfügen über eine
sie möglicherweise spüren, dass die Königin ihr gute Intuition und sind kreativ. Zudem verstehen
gegenüber zunächst misstrauisch und der Prinz sie, was Menschen brauchen. Sie sollten versuchen,
traurig ist, weil er keine Partnerin findet. ihre Sensitivität als Chance wahrzunehmen, und sich
4. Schließlich verarbeiten hochsensitive Personen Umgebungen (z. B. einen Arbeitsplatz) suchen, an
die vielen aufgenommenen Informationen denen ihr Potenzial anerkannt und geschätzt wird.
tiefer als andere Menschen. Dies führt u. a. Sehr wichtig ist, auch Zeit mit guten Freunden zu
dazu, dass sie sich besser an Dinge oder Ereig- verbringen, die Verständnis zeigen und die spezielle
nisse erinnern können. Sensitivität als wertvolle Ressource erkennen.

Auch wenn hier das Beispiel der Prinzessin, d. h.


einer Frau, gewählt wurde, sind laut Aron (1997) 6.4 Fazit
etwa 20–25 % der hochsensitiven Personen Männer.
Abschließend kann man sagen, dass sich die Trotz der Kürze des Märchens bringt jeder der drei
Prinzessin glücklich schätzen kann, diese Sensi- Charaktere ein spannendes psychologisches Thema
bilität zu haben. Zum einen hat sie dadurch ihren hervor. Durch den Prinzen haben wir erfahren,
Prinzen bekommen, zum anderen kann sie ihr auch dass der oder die Richtige uns häufig ähnlich ist
in anderen Lebensbereichen viele Vorteile bringen. und in der Regel in der nahen Umgebung gefunden
Entscheidend ist letztendlich, die passende Umge- werden kann. Die alte Königin hat uns vor Augen
bung zu finden (wie in der Königsfamilie), in der geführt, dass ein gut gewählter Test – und mag er
diese Eigenschaften geschätzt werden. manchmal seltsam erscheinen – häufig zu besseren
44 Kapitel 6 · Die Prinzessin auf der Erbse von Hans Christian Andersen (1837)

Entscheidungen führt als der Augenschein oder das Aron, A., Melinat E., Aron, E. N., Vallone, R. D., & Bator, R. J.
(1997). The experimental generation of interpersonal
Bauchgefühl. Durch die Prinzessin auf der Erbse
closeness: A procedure and some preliminary findings.
schließlich haben wir gelernt, was es bedeutet hoch- Personality & Social Psychology Bulletin 23, 363–378.
sensibel und/oder hochsensitiv zu sein – mit all den Barrick, M. R., Shaffer, J. A., & DeGrassi, S. W. (2009). What you
Vor- und Nachteilen. see may not be what you get: Relationships among self-
Die Prinzessin auf der Erbse ist wohl eines der presentation tactics and ratings of interview and job per-
formance. Journal of Applied Psychology 94, 1394–1411.
bekanntesten Märchen von Hans Christian Ander-
Botwin, M. D., Buss, D. M., & Shackelford, T. K. (1997). Perso-
sen. Seine zentrale Botschaft ist die Kritik am Adel nality and mate preferences: five factors in mate selec-
und der Ständegesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die tion and marital satisfaction. Journal of Personality 65,
Prinzessin, die ein wohlbehütetes Leben führte, ver- 107–136.
spürte einen schrecklichen Schmerz, ausgelöst durch Bruner, J. S., & Postman, L. (1974). Emotional selectivity in per-
ception and reaction. Journal of Personality 16, 69–77.
eine winzige Erbse unter einer Ladung von Matrat-
Buss, D. M., & Barnes, M. (1986). Preferences in human mate
zen. Was tut wohl ein Kind, wenn es diese Geschichte
6 hört? Es legt sich eine Erbse unter eine oder viel-
selection. Journal of Personality and Social Psychology 50,
559–570.
leicht auch mehrere Matratzen und wird bemerken, Dion, K., Berscheid, E., & Walster, E. (1972). What is beautiful
dass es nichts merkt. Und so sind auch die Probleme is good. Journal of Personality and Social Psychology 24,
285–290.
des Adels so weit von denen des gemeinen Volkes
Gottmann, J. M., Coan, J., Carrere, S., & Swanson, C. (1998)
entfernt, dass dieses die Probleme nicht einmal Predicting marital happiness and stability from newlywed
nachempfinden kann. Die Verwendung der Erbse interactions. Journal of Marriage and Family 60, 5–22.
als Symbol zeigt sehr anschaulich, welche Größe Heintze, A. (2013). Außergewöhnlich normal: Hochbegabt,
und Schwere Andersen den Problemen des Adels hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen
und entfalten. München, Ariston.
zuschreibt. Zudem hält sich der Adel tunlichst von
Regan, P. C., Levin, L., Sprecher, S., Christopher, F. S., & Cate, R.
den „realen Problemen“ der Bürger fern. Es herrscht (2000). Partner preferences: What characteristics do men
eine große und unüberbrückbare Distanz zwischen and women desire in their short-term sexual and long-
den Klassen, denn nur eine wahre Prinzessin darf term romantic partners? Journal of Psychology and Human
Einzug in ein Königshaus halten. Sexuality 12, 1–21.
Roediger, H. L., Putnam, A. L., & Smith, A. S. (2011). Ten benefits
Sicherlich sieht die Welt des 21. Jahrhunderts
of testing and their applications to educational practice.
anders aus. Trotzdem können wir weder in unserer Psychology of Learning and Motivation 55, 1–36.
westlichen Welt und schon gar nicht global davon Schmidt, F. L., & Hunter, J. E. (2000). Messbare Personenmerk-
sprechen, dass jeder Mensch die gleichen Chancen male: Stabilität, Variabilität und Validität zur Vorhersage
oder Probleme hat. Immer noch kämpfen Men- zukünftiger Berufsleistung und berufsbezogenen Ler-
nens. In: M. Kleinmann, & B. Strauß (Hrsg.), Potentialfest-
schen mit Hunger, Krankheiten und Heimatverlust
stellung und Personalentwicklung (S.15–43). Göttingen:
während andere das schmerzhafte Ereignis eines Hogrefe.
gesprungenen Handydisplays verkraften müssen. Smith, E. R., & Mackie, D.M. (2007). Social Psychology (3rd ed.).
Das Märchen lädt den Leser dazu ein, darüber nach- New York: Psychology Press.
zudenken, welche ihre Erbsen im Leben sind und Statistic Brain Research Institute (2015). Online Dating Statis-
tics. http://www.statisticbrain.com/online-dating-statis-
ob sie nicht überschüssige Matratzen haben, die sie
tics/. Zugegriffen: 29. September 2016.
mit anderen teilen könnten. Gesellschaftspolitisch Wedekind, C., Seebeck, T., Bettens, F., & Paepke, A.J. (1995).
ist dieses Märchen also immer noch hochaktuell und Mhc-dependent mate preferences in humans. Procee-
relevant. dings: Biological Sciences 260, 245–249.

Literaturverzeichnis

Andersen, H. C. (2010). Andersens Märchen. Köln: Anaconda.


Aron, E. N. (1997). The highly sensitive person: how to thrive
when the world overwhelms you. New York: Basic Books.
Aron, A., & Westbay, L. (1996). Dimensions of the prototype
of love. Journal of Personal and Social Psychology 70,
535–551.
45 7

Blaubart von Charles Perrault


(1697)
Nadja Bürgle und Eileen Wittmann

7.1 Inhalt des Märchens – 46

7.2 Die Charaktere – 47

7.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 47


7.3.1 Partnerwahl: Evolution oder Intuition? – 47
7.3.2 Geheimnisse in Partnerschaften – 49
7.3.3 Konflikte in Partnerschaften – 50

7.4 Fazit – 52

Literaturverzeichnis – 52

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_7
46 Kapitel 7 · Blaubart von Charles Perrault (1697)

7.1 Inhalt des Märchens versprach ihm, sich an seine Weisungen zu halten,
und er ritt davon.
Es war einmal ein Ritter, der besaß große Reichtü- Kaum war er fort, kamen die Freundinnen und
mer, aber auch einen blauen Bart – weswegen ihn bestaunten all die Kostbarkeiten der jungen Frau.
keine der Töchter seiner Nachbarin zum Manne Sie aber schlich sich von Neugier getrieben davon
nehmen wollte. Sie empfanden den Bart als furcht- und konnte nicht widerstehen, das kleine Kabinett
einflößend und abstoßend und auch, dass er schon zu öffnen. Sie entdeckte die bisherigen Ehefrauen des
mehrere Male verheiratet gewesen und der Verbleib Blaubarts – tot, in einer Lache von geronnenem Blut.
seiner bisherigen Ehefrauen unklar war, schreckte Vor Schreck ließ sie das Schlüsselchen in die Blutla-
sie ab. Doch Blaubart war zugleich ein galanter che fallen, bevor sie die Kammer wieder verschloss.
Ritter und verstand es, Frauen mit Geschenken Vergeblich versuchte sie das Schlüsselchen vom Blut
und Vergnügungen den Kopf zu verdrehen, sodass zu reinigen, denn es war verzaubert.
die jüngere Tochter ihn nach kurzer Zeit doch zum Als Blaubart nach seiner Rückkehr das Blut am
Gemahl nahm. Schlüsselchen bemerkte, erkannte er ihre Missach-
Nach Ende des Honigmondes übergab Blau- tung seines Verbots und verurteilte sie zum soforti-
7 bart seiner jungen Frau einen Schlüsselbund mit gen Tod. Sie weinte und flehte um Mitleid, doch er
all seinen Schlüsseln und sagte ihr, dass er für sechs blieb kalt und unerbittlich. Durch eine List gelang
Wochen verreisen müsse, sie sich aber während es der jungen Frau, Zeit zu gewinnen, sodass ihre
seiner Abwesenheit gut amüsieren und Freundin- Brüder gerade noch rechtzeitig zu ihrer Rettung her-
nen einladen solle und er ihr Zugang zu all seinen beieilen konnten und den zornerfüllten Blaubart
Kammern und Schätzen gewähre. Nur das kleine töteten. So erbte sie nach Blaubarts Tod sein gesam-
Schlüsselchen dürfe sie unter keinen Umständen tes Vermögen, teilte es mit ihren Brüdern und der
nutzen. Den Zutritt zu dem kleinen Kabinett, das Schwester und heiratete selbst einen ehrenwerten
es öffnete, verbot er ihr strengstens und drohte ihr Mann, sodass sie Blaubart bald vergaß.
Schreckliches an, sollte sie sich widersetzen. Sie (Perrault 2001; . Abb. 7.1)

. Abb. 7.1  (Zeichnung: Claudia


Styrsky)
7.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
47 7
7.2 Die Charaktere 44Sind Geheimnisse immer negativ für unsere
Partnerschaften?
Im Zentrum des Märchens stehen der Ritter Blaubart 44Wie können wir Konflikte in unseren
und seine junge Gemahlin, die kurz charakterisiert Partnerschaften auf weniger drastische Weise
werden sollen, da ihr Verhalten die Basis der folgen- lösen?
den Ausführungen darstellt.
Der Ritter Blaubart ist sehr wohlhabend, Diesen Fragen wollen wir uns mithilfe psychologi-
wirkt allerdings durch seinen blauen Bart und den scher Theorien und Erkenntnisse in Bezug auf Part-
Umstand, dass er zwar mehrmals verheiratet war, nerwahl, Geheimnisse und Konflikte in Partner-
aber keiner über den Verbleib seiner ehemali- schaften annähern.
gen Frauen Bescheid weiß, wenig vertrauenswür-
dig. Er schafft es trotzdem, durch seinen Charme
und mit großzügigen Geschenken eine der beiden 7.3.1 Partnerwahl: Evolution oder
Töchter seiner Nachbarin von sich einzunehmen, die Intuition?
ihn schließlich heiratet. Nach der Entdeckung des
Mordes an seinen Exfrauen offenbart Blaubart sein
wahres Gesicht und findet schließlich zornerfüllt und Theorie der sexuellen Strategien
mordlüstern den Tod. Aus evolutionspsychologischer Perspektive wählen
Die junge Frau und Gemahlin ist von gutem wir einen Partner, der eine möglichst hohe Über-
Stande, leicht zu beeindrucken und schenkt ihrem lebenswahrscheinlichkeit der eigenen Nachkom-
ersten unguten Gefühl gegenüber dem Ritter keine men erwarten lässt. In der Theorie der sexuel-
Beachtung. Sie missachtet aus Neugier sein Verbot, len Strategien („sexual strategies theory“, Buss u.
ein Kabinett zu betreten, und findet dort die Leichen Schmitt 1993) stehen dabei die unterschiedlichen
seiner Exfrauen. Nur durch eine List und mithilfe Partnerwahlpräferenzen von Mann und Frau,
ihrer Schwester und der beiden Brüder schafft sie es, die evolutionspsychologisch begründet sind, im
Blaubart zu entkommen und am Leben zu bleiben. Vordergrund.
Die Familie – die Mutter und Geschwister – Männer suchen demnach für eine langfristige
sowie die Freundinnen der jungen Frau werden nicht Partnerschaft eine Frau, bei der Sicherheit über die
eingehend beschrieben, sie leisten ihr Gesellschaft Vaterschaft für die Nachkommen besteht und die
und retten sie schließlich aus größter Not. einen hohen Reproduktionswert besitzt. Daher prä-
ferieren sie sexuell treue, keusche sowie physisch
attraktive und junge Frauen.
7.3 Psychologische Phänomene und Frauen hingegen suchen für eine langfristige
Implikationen Partnerschaft einen Mann, der ihnen Ressourcen
zur Verfügung stellen kann, die sie in die Nachkom-
Das Märchen „Blaubart“ des französischen Schrift- men investieren können. Daher präferieren sie ambi-
stellers Charles Perrault skizziert eine Partnerschaft, tionierte, einkommensstarke, gebildete und wohl-
die sich sicherlich die wenigsten Menschen wün- habende Männer. Zwei Studien konnten letzteres
schen: geschlossen nicht aus Liebe, geführt voller bestätigen, indem sie zeigten, dass die Bereitschaft
Kälte und Geheimnisse, beendet durch einen tödli- von Frauen für eine feste Beziehung mit steigendem
chen Konflikt. Wahrscheinlich hat jeder von uns eine sozioökonomischen Status des Mannes zunimmt
irgendwie geartete „Leiche im Keller“ und mit Sicher- (Townsend u. Levy 1990a, b). Darüber hinaus wurde
heit verträgt kaum eine Partnerschaft so viele davon, eine feste Beziehung oder Heirat mit einem unattrak-
wie die junge Frau in Blaubarts Kabinett auffindet. tiven Mann mit hohem sozioökonomischem Status
44Wie finden wir heute einen Partner, der zu uns eher in Betracht gezogen als eine solche mit einem
passt und keine für uns inakzeptable „Leiche attraktiven Mann mit niedrigem sozioökonomi-
im Keller“ hat? schem Status.
48 Kapitel 7 · Blaubart von Charles Perrault (1697)

Intuition und Erfahrungswissen Die jüngere Tochter von Blaubarts Nachbarin


Im Alltag raten wir anderen bei der Partnerwahl oft: verfügt zu Beginn des Märchens über eine gute Intui-
„Hör auf dein Herz“ oder „Hör auf dein Bauchge- tion: Der blaue Bart schreckt sie ab, jagt ihr Angst ein
fühl“. Wir gehen folglich davon aus, dass wir den und lässt sie Unbehagen verspüren. Es ist, als würde
Richtigen oder die Richtige intuitiv erkennen. Der der blaue Bart ihr eine Vorahnung darüber geben,
Begriff Intuition meint das „unmittelbare, nicht auf wie kalt und hartherzig Blaubart hinter seinem char-
Reflexion beruhende Erkennen [bzw.] Erfassen eines manten und kultivierten Auftreten sein kann. Eine
Sachverhalts“ (Duden online 2016). Entscheidung gegen Blaubart als Partner allein auf
Dem Psychologen Gerd Gigerenzer (2007) Basis seines blauen Bartes wäre folglich eine passende
zufolge liegen der Intuition einfache Faustregeln One-Reason-Decision-Making-Strategie gewesen –
zugrunde, die in der Psychologie auch als Heuristi- sie hätte ihr eine Ehe im goldenen Käfig, den schau-
ken bezeichnet werden. Eine Gruppe von Heuristi- rigen Anblick all dieser toten Ehefrauen und schließ-
ken sind Strategien, bei denen Entscheidungen basie- lich Minuten voller Todesangst ersparen können.
rend auf einem guten Grund getroffen und andere Doch sie entscheidet sich gegen ihr Bauchgefühl
Informationen ignoriert werden („one-reason deci- und für Blaubart – im Grunde wegen seines Reich-
7 sion making strategies“, Gigerenzer u. Gaissmaier tums und seiner Bereitschaft, seine Ressourcen auch
2011). mit ihr zu teilen. Die junge Frau wählt ihren Partner
Solche Strategien werden beispielsweise beim genau so, wie es ihr nach der Evolutionspsychologie
Kauf eines Smartphones angewendet, wobei einfach zugedacht ist – und selbst seine offensichtlich sehr
das neueste Modell gekauft wird, ohne andere geringe Attraktivität wird für sie durch seinen hohen
Eigenschaften des Geräts zu berücksichtigen. Die Status und seine Reichtümer wettgemacht.
Neuheit stellt in diesem Fall den einen guten Grund Am Ende hat sie Glück im Unglück: Ihre Brüder
dar, nach dem sich für ein bestimmtes Modell ent- retten sie, töten ihren abstoßenden Ehemann, und sie
schieden wird. Vor allem Tiere nutzen diese Strate- kann mit ihrem Erbe einen Mann heiraten, den sie
gien, um Futter, Nestplätze oder auch einen Partner wirklich liebt. Doch fast hätte sie ihre Entscheidung
zu finden. Beispielsweise wählt die Pfauhenne den- bei der Partnerwahl das Leben gekostet.
jenigen Pfau als ihren Partner, der am meisten
Augenflecken aufweist (Petrie u. Halliday 1994) –
die Augenflecken dienen hier folglich als der eine Implikationen für die Lebensgestaltung
gute Grund, diesen Partner und nicht einen anderen Sicherlich stehen den meisten potenziellen Partnern
zu wählen. ihre „Leichen im Keller“ nicht so direkt ins Gesicht
In Bezug auf den Menschen konnte eine Studie geschrieben, wodurch eine One-Reason-Decisi-
zeigen, dass es auch für uns manchmal besser ist, auf on-Making-Strategie in den allerwenigsten Fällen
unser Bauchgefühl zu hören: Die implizite Bewer- menschlicher Partnerwahl zielführend sein wird.
tung des Partners, also das Bauchgefühl oder die Dennoch kann uns das Märchen lehren, dass die
Intuition, konnte die Ehezufriedenheit über vier Intuition und das Bauchgefühl bei der Partnerwahl
Jahre hinweg besser vorhersagen als dessen explizite eine entscheidende Rolle spielen sollten. Scheinbar
Bewertung (McNulty et al. 2013). wissen wir implizit ganz gut, mit wem wir auf Dauer
Dennoch ist es an dieser Stelle wichtig, zu mehr oder weniger glücklich werden – und sollten
betonen, dass Intuition vor allem dann vorteilhaft ist, uns nicht von Faktoren blenden lassen, die im evo-
wenn wir Erfahrungswissen in einem bestimmten lutionären Kontext einmal sehr wichtig waren. Auch
Bereich haben (Gigerenzer 2007), beispielsweise bei wenn ein wohlhabender Versorger vielleicht auch
der Partnerwahl Erfahrung im Umgang mit anderen heute noch für viele Frauen eine reizvolle Annehm-
Menschen. Haben wir diese Erfahrung und Exper- lichkeit darstellt, sollte nicht vergessen werden, dass
tise nicht, was in vielen anderen Bereichen (z. B. Per- eine Partnerwahl allein auf dieser Basis ein gewis-
sonalauswahl) der Fall sein kann, ist das Vertrauen ses Risiko birgt. Das Märchen „Blaubart“ zeigt uns,
auf das Bauchgefühl alleine nicht immer der rich- wie schnell sich der vermeintliche Traumprinz als
tige Weg. ganz persönlicher Albtraum entpuppen kann. Dabei
7.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
49 7
muss sich nicht immer gleich herausstellen, dass der diesem Thema veröffentlichte. Schopenhauer vertrat
Ehemann ein Serienmörder ist, es reichen sicherlich die Meinung, dass wir Menschen ein Recht auf Lüge
schon kleinere „Leichen im Keller“, um eine unglück- oder Geheimhaltung haben, wenn das Wissen der
liche Ehe zu führen. anderen über uns, uns angreifbar machen würde.
Frauen haben heutzutage – zumindest hierzu- Lüge und Geheimhaltung stellen somit Mittel der
lande – die Möglichkeit, sich selbst zu versorgen Gegenwehr zu unbefugter Neugier dar, welcher ein
und ihren Nachkommen eigenständig Ressourcen schadendes Motiv zugrunde liegt. Wegner zufolge
zur Verfügung zu stellen. Sollten wir uns diese Unab- schützen Geheimnisse einen Menschen vor riskan-
hängigkeit also nicht bewusster machen und uns den ter Anpassung und langweiliger Konformität. Seine
Luxus gönnen, unseren Partner nach dem Bauchge- Erkenntnisse sprechen dafür, dass wir Geheim-
fühl zu wählen? nisse für unsere seelische Stabilität benötigen. Diese
Auffassung teilt auch Bok, die die Funktion von
Geheimnissen im Schutz der eigenen Identität und
7.3.2 Geheimnisse in Partnerschaften Selbstbestimmung sieht. Die Überzeugung von der
Lebensnotwendigkeit von Geheimnissen wider-
Wohl jeder von uns trägt ein Geheimnis in sich – spricht der vormals propagierten vollkommenen
etwas, das wir für uns behalten und mit niemand Transparenz und Offenheit in den Beziehungen zu
anderem teilen. Auch Blaubart aus Perraults Märchen unseren Mitmenschen (vgl. Nuber 2006).
umwittert ein Geheimnis – niemand weiß, was mit In Perraults Märchen wahrt Blaubart ein des-
seinen bisherigen Ehefrauen geschehen ist. truktives Geheimnis. Es dient nicht primär als
Notwehr gegen ihm schadender Neugier oder zum
Schutz seiner seelischen Stabilität und Selbstbestim-
Destruktive und konstruktive mung, sondern zum Verbergen von Verbrechen und
Geheimnisse Unrecht, der Morde an seinen vorherigen Ehefrauen.
Geheimnisse haben einen umstrittenen Ruf. Einer-
seits werden sie von vielen Psychologen als destruk-
tiv, schädlich für zwischenmenschliche Beziehungen Gegenseitige Diskretion
und als Gefährdung für die Gesundheit angese- Das Ziel der vollkommenen Offenheit in Partner-
hen. In vielen Therapiestudien zeigte sich, dass die schaften und des gemeinsamen Teilens aller Lebens-
Ursache für Dysfunktionalitäten, psychische Krank- inhalte birgt die Gefahr, dass zwei „Ichs“ zu einem
heiten oder Essstörungen in Familien oftmals in ver- „Wir“ verschmelzen. Viele Paartherapeuten sehen
borgenen Geheimnissen liegt. Die Geheimniswah- eine wichtige Ursache für das Scheitern von Part-
rer selbst erleben durch ihr Schweigen eine starke nerschaften in mangelnder gegenseitiger Diskretion.
psychische und physische Belastung. Auch die Ver- Paare, die keine konstruktiven Geheimnisse vorein-
wandten, welche nichts von dem Geheimnis wissen, ander haben, d. h. keine Abgrenzung, kein unabhän-
leiden unter der angespannten Atmosphäre, die die giges Selbst oder keine eigenen Träume, entscheiden
Geheimhaltung verursacht. Deshalb wird es seit sich oftmals für eine Therapie, da ihre Beziehungen
der öffentlichen Verbreitung des psychologischen langweilig und trist geworden sind. Um dem vorzu-
Wissens ab 1970 als gesundheitsförderlich betrach- beugen, empfehlen Paartherapeuten, sich gegenseitig
tet, innere Vorgänge nach außen zu kehren – oder mit Freiräume zuzugestehen, die für den jeweils anderen
anderen Worten ausgedrückt, keine Geheimnisse zu tabu sind (vgl. Nuber 2006).
haben (vgl. Nuber 2006). Blaubart aus Perraults Märchen gewährt seiner
Andererseits richten sich einige Stimmen gegen Frau sämtliche Freiräume. Beispielsweise darf sie sich
die destruktive Natur von Geheimnissen und heben während seiner Abwesenheit freien Zutritt zu den
ihre konstruktiven Auswirkungen hervor wie Arthur Kammern und Schätzen verschaffen, Freundinnen
Schopenhauer, der Harvard-Professor für Psycholo- einladen und sich amüsieren. Tabu ist für sie nur sein
gie Daniel Wegner oder die Philosophin Sissela Bok, eigener, persönlicher Bereich, das Kabinett, dessen
die 1982 mit ihrem Buch Secrets ein Standardwerk zu Betreten er ihr ausdrücklich verbietet. Aus Neugier
50 Kapitel 7 · Blaubart von Charles Perrault (1697)

dringt sie trotzdem in diesen Raum ein und lüftet Doch das Wahren von Geheimnissen kostet viel
sein mörderisches Geheimnis. Energie und Konzentration. Die Anstrengung, nicht
an das Geheimnis zu denken, führt zu noch intensi-
veren Gedanken daran. Somit steigt die gedankliche
Totale und relative Geheimnisse und gefühlsmäßige Anstrengung, das Geheimnis zu
Doch wieso übergibt Blaubart seiner Frau den unterdrücken (vgl. Nuber 2006). Zur Veranschau-
Schlüssel? Hätte er ihn versteckt und das Kabinett lichung: Denken Sie bitte keinesfalls an einen rosa
nicht erwähnt, hätte seine Frau es wohl nie entdeckt. Elefanten. An was denken Sie nun? An einen rosa
Hilfreich zur Klärung dieser Frage ist die in der Elefanten. Ebenso verhält es sich mit Geheimnis-
Psychologie gängige Unterscheidung in totale und sen. Überreicht Blaubart seiner Frau den Schlüs-
relative Geheimnisse (Kraft Alsop 1998): sel, da die Anstrengung der Geheimhaltung zu groß
44Total beschreibt ein Geheimnis, von dem für ihn wird und er insgeheim hofft, sie würde sein
die anderen nicht wissen, dass es überhaupt Geheimnis lüften?
existiert. Wie gut wir mit Geheimnissen umgehen können,
44Relativ ist ein Geheimnis dann, wenn dessen ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Somit
7 Existenz zwar bekannt ist, sein Inhalt aber liegt es an uns, selbst zu entscheiden, welche und
unbekannt bleibt. wie viele Geheimnisse wir in unserem Leben haben
möchten und brauchen. Die Erkenntnis, dass
Blaubarts Geheimnis ist relativ, da es allgemein Geheimnisse lebensnotwendig sind, kann zumin-
bekannt ist, dass seine Ehefrauen auf mysteriöse dest diejenigen von uns entlasten, die zusätzlich zur
Weise verschwunden sind, und da er seiner Frau aus- mentalen Anstrengung der Geheimniswahrung mit
drücklich verbietet, das Kabinett zu betreten, ohne moralischen Gewissensbissen zu kämpfen haben
ihr dessen Inhalt zu offenbaren. (vgl. Nuber 2006).
Laut einer psychologischen Studie sind Part-
nerschaften mit totalen Geheimnissen von Miss-
trauen geprägt, was negative Auswirkungen auf die 7.3.3 Konflikte in Partnerschaften
Zufriedenheit der Partner hat (Kraft Alsop 1998).
Will Blaubart die Vertrauenswürdigkeit seiner Frau Der Begriff „Konflikt“ stammt vom lateinischen
prüfen, indem er das Geheimnis durch die Schlüssel- Verb „confligere“, was „zusammenprallen“ bedeu-
übergabe in ein relatives verwandelt? Eine psycholo- tet (Duden online 2016). Bei einem Konflikt prallen
gische Studie ergab, dass Paare, die relative Geheim- z. B. Wünsche, Handlungen oder Ziele zusam-
nisse voreinander haben, sich gegenseitig vertrauen men, die gegensätzlich gerichtet sind und somit
und die Freiräume des anderen respektieren (Kraft nicht gemeinsam verwirklicht werden können.
Alsop 1998). Blaubarts Frau besteht diese Vertrau- Konflikte erzeugen somit einen Handlungs- und
ensprobe nicht, was das am Schlüssel klebende Blut Lösungsdruck.
verrät.

Intra- und interpersonelle Konflikte


Implikationen für die Lebensgestaltung In der Psychologie unterscheiden wir zwischen Kon-
Zusammenfassend lassen sich aus der psychologi- flikten innerhalb einer Person (intrapersonal) und
schen Forschung folgende Erkenntnisse zu Geheim- Konflikten zwischen Personen (interpersonal). Bei
nissen in Partnerschaften ableiten: Konstruktive einem intrapersonalen Konflikt erlebt eine Person
Geheimnisse, die zum Schutz der seelischen Stabi- Unvereinbarkeiten im eigenen Fühlen, Denken,
lität und Individualität dienen, stellen eine wichtige Wollen oder Handeln. Bei einem interpersonalen
Voraussetzung für ein selbstbestimmtes Leben und Konflikt verspürt mindestens eine von zwei oder
eine glückliche Partnerschaft dar. Die Existenz rela- mehreren Personen derartige Unvereinbarkeiten,
tiver Geheimnisse sollte transparent sein, um gegen- dass sie sich durch die anderen beeinträchtigt fühlt
seitiges Vertrauen und Respekt zu bewahren. (Mahlmann et al. 2009).
7.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
51 7
In Perraults Märchen zeichnen sich zwei Kon- führen unsere Worte oft zu Verletzung und
flikte ab: Leid – bei uns selbst oder bei anderen. […]
1. Blaubarts Frau steht vor dem intrapersonalen Die GFK hilft uns bei der Umgestaltung
Konflikt, einerseits Blaubarts Anordnung unseres sprachlichen Ausdrucks und unserer
zu gehorchen und das Kabinett nicht zu Art zuzuhören. Aus gewohnheitsmäßigen,
öffnen, andererseits ihre Neugier zu stillen automatischen Reaktionen werden bewusste
und das Kabinett zu öffnen. Sie löst ihren Antworten […]. (Rosenberg 2010, S. 22)
inneren Konflikt, indem sie sich für
Letzteres entscheidet und dementsprechend Zudem ist für Rosenberg eine veränderte Grund-
handelt. haltung in Konflikten wesentlich. Er interpretiert
2. Daneben besteht ein Konflikt zwischen Konflikte als Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse, z. B.
Blaubart und seiner Frau, da er ihr verbietet, nach Respekt, Vertrauen oder Selbstbestimmung,
das Kabinett zu öffnen, sie es aber trotzdem tut. die legitim und bedeutsam sind. Für eine effektive
Seine Frau versucht, den Konflikt mit Entschul- Konfliktlösung ist darum Empathie, die Fähigkeit,
digungen und Flehen um Mitleid zu lösen. sich in den anderen einzufühlen, eine wichtige Vor-
Blaubart wählt Gewalt als Lösungsstrategie aussetzung. Wird das hinter dem Konflikt liegende
und plant, sie umzubringen. Der Konflikt wird Bedürfnis erkannt, formuliert und vom Gegen-
gelöst, indem die Brüder der Frau Blaubart über verstanden, kann eine Deeskalation erreicht
erstechen. werden.
GFK funktioniert folgendermaßen (vgl. Mahl-
Die Eskalation des Konflikts, die in der Zerstö- mann et al. 2009; Rosenberg 2010):
rung eines Konfliktbeteiligten gipfelt, ist auf die 1. Beobachtungen: Ich beschreibe ohne Schuld-
mangelnde Konfliktfähigkeit des Paares zurück- zuweisungen und Verurteilungen, welches
zuführen. Konfliktfähigkeit bedeutet hingegen, konkrete Verhalten ich beobachtet habe.
tragfähige Lösungen für den Konflikt zu finden, 2. Gefühle: Ich beschreibe das Gefühl, welches
eine faire Streitkultur zu etablieren, Toleranz und dieses Verhalten in mir auslöst.
Offenheit zu stärken und Vertrauen als Basis für 3. Bedürfnisse: Ich benenne die dahinterlie-
eine gute Beziehung aufzubauen (vgl. Mahlmann genden Bedürfnisse.
et al. 2009). 4. Bitte: Ich formuliere eine Bitte, jedoch keine
Forderung, was ich mir vom anderen wünsche,
um meine Bedürfnisse zu befriedigen.
Implikationen für die Lebensgestaltung
Ein effektives Lösungsinstrument für interpersonale Zur Veranschaulichung wird beispielhaft aufgezeigt,
Konflikte kann Kommunikation darstellen. Der Psy- wie Blaubarts Frau den Konflikt bereits im Anfangs-
chologe und Konfliktmediator Marshall B. Rosen- stadium hätte deeskalieren können, anstatt ihn durch
berg entwickelte in den 1960er-Jahren das Modell die Missachtung von Blaubarts Verbot zu verschär-
der gewaltfreien Kommunikation (GFK), die auch fen: „Blaubart, du verbietest mir den Zugang zum
als „Sprache der Einfühlsamkeit“ bezeichnet wird. Kabinett (Beobachtung). Dieses Verbot weckt eine
Dieses Modell wird heute in vielen Ländern, dar- große Neugier in mir (Gefühl). Ich würde meine
unter auch in Deutschland und in den USA, u. a. von Neugier gerne stillen und wissen, was sich im Kabi-
Polizisten, Paartherapeuten oder Krisenberatern ein- nett verbirgt (Bedürfnis). Ich bitte dich, zu enthüllen,
gesetzt, um Konflikte zu entschärfen. Im Zentrum was du dort versteckst (Bitte).“
der GFK steht der bewusste und rücksichtsvolle Ob GFK auch bei Blaubart wirksam wäre, sei
Umgang mit Sprache. Im Vorwort seines gleichna- dahingestellt. Jedoch kann gewaltfreie Kommuni-
migen Buches schreibt Rosenberg: kation für diejenigen unter uns, die aufrichtig posi-
tive Beziehungen leben und Konflikte konstruktiv
» Wir betrachten unsere Art zu sprechen lösen möchten, ein wertvoller Kompass sein (vgl.
vielleicht nicht als ‚gewalttätig’, dennoch Rosenberg 2010).
52 Kapitel 7 · Blaubart von Charles Perrault (1697)

7.4 Fazit Townsend, J. M., & Levy, G. D. (1990a). Effects on potential


partners’ costume and physical attractiveness on sexual-
ity and partner selection. The Journal of Psychology 124,
Blaubart und seine junge Frau zeigen uns in Per- 371–389.
raults Märchen „Blaubart“, wie wir eine Partnerschaft Townsend, J. M., & Levy, G. D. (1990b). Effects of potential
nicht führen sollten. Gleichzeitig ermutigt uns dieses partners’ physical attractiveness and socioeconomic sta-
Negativbeispiel, über mögliche Lösungen der Pro- tus on sexuality and partner selection. Archives of Sexual
­Behavior 19, 149–164.
bleme nachzudenken. Es regt uns dazu an, eigene
Lehren darüber zu ziehen, was wir in unseren Part-
nerschaften besser machen können: Hierzu gehört,
größeres Vertrauen auf unsere Intuition bei der Wahl
eines Partners zu haben, sich gegenseitig konstruk-
tive Geheimnisse zuzugestehen und unsere Konflikte
gewaltfrei zu lösen.

7 Literaturverzeichnis

Buss, D. M., & Schmitt, D. P. (1993). Sexual strategies theory: an


evolutionary perspective on human mating. Psychological
Review 100, 204–232.
Duden online (2016). Intuition. http://www.duden.de/
node/651975/revisions/1150066/view. Zugegriffen: 29.
September 2016.
Duden online (2016). Konflikt. http://www.duden.de/
node/757476/revisions/1345161/view. Zugegriffen: 29.
September 2016.
Gigerenzer, G. (2007). Bauchentscheidungen: Die Intelligenz
des Unterbewussten und die Macht der Intuition. München:
Bertelsmann.
Gigerenzer, G., & Gaissmaier, W. (2011). Heuristic decision
making. Annual Review of Psychology 62, 451–482.
Kraft Alsop, C. (1998). Objekt-Geheimnisse in Paarbeziehun-
gen. In: A. Spitznagel (Hrsg.), Geheimnis und Geheim-
haltung. Erscheinungsformen, Funktionen, Konsequenzen
(S. 234–244). Göttingen: Hogrefe.
Mahlmann, R., Dulabaum, N., Pink, R., Altmann, G., Fiebiger, H.,
& Müller, R. (2009). Konfliktmanagement und Mediation.
Weinheim, Basel: Beltz.
McNulty, J. K., Olson, M. A., Meltzer, A. L., & Shaffer, M. J. (2013).
Though they may be unaware, newlyweds implicitly
know whether their marriage will be satisfying. Science
342, 1119–1120.
Nuber, U. (2006). Top secret! http://www.psychologie-heute.
de/archiv/detailansicht/news/top_secret/?tx_ttnews[s-
ViewPointer]=4&cHash=cbbf7781346782977044919ed6
b27b94. Zugegriffen: 29. September 2016.
Perrault, C. (2001). Contes de Fées – Märchen. München: Deut-
scher Taschenbuch Verlag.
Petrie, M., & Halliday, T. (1994). Experimental and natural
changes in the peacock’s (Pavo cristatus) train can affect
mating success. Behavioral Ecology and Sociobiology 35,
213–217.
Rosenberg, M. B. (2010). Gewaltfreie Kommunikation: Eine Spra-
che des Lebens. Paderborn: Junfermann.
53 8

Rapunzel von den Gebrüdern


Grimm (1815)
Christian Feuerbacher und Marie Raith

8.1 Inhalt des Märchens – 54

8.2 Die Charaktere – 54

8.3 Psychologische Phänomene – 55


8.3.1 Depressionen – 55
8.3.2 Kontrolle – 56
8.3.3 Resilienz – 57

8.4 Bedeutung für die heutige Zeit und Implikationen – 57

8.5 Fazit – 58

Literaturverzeichnis – 58

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_8
54 Kapitel 8 · Rapunzel von den Gebrüdern Grimm (1815)

8.1 Inhalt des Märchens Rapunzel ihr goldenes Haar ab und schickte sie weit
fort an einen Ort, wo sie in Elend und Jammer leben
Es war einmal ein Mann und eine Frau, die sich seit musste. „Ach du gottloses Kind! Was muss ich von
langer Zeit vergeblich ein Kind wünschten. In ihrem dir hören; ich dachte, ich hätte dich von aller Welt
Haus gab es ein kleines Fenster, durch das man in geschieden, und du hast mich doch betrogen!“
einen herrlichen Garten blicken konnte. Dieser Mit dem abgeschnittenen Zopf lockte die Zau-
jedoch gehörte einer gefürchteten Zauberin und berin am Abend auch den Prinz in ihre Falle und
ward von einer hohen Mauer umgeben. Eines Tages sagte ihm, dass Rapunzel für immer verschwunden
stand die Frau am Fenster und erblickte in dem blü- sei. Von Schmerz und Verzweiflung getrieben, sprang
henden Garten Rapunzeln (Feldsalat). Da wurde sie der Prinz vom Turm und zerstach sich die Augen
von unstillbarer Lust gepackt, diese zu essen. „Wenn in einem Dornenbusch. Fortan wanderte er voller
ich keine Rapunzeln aus dem Garten hinter unserem Elend und Trauer blind durch die Welt, bis er eines
Haus zu essen kriege, so sterbe ich.“ Da fasste sich Tages den lieblichen Gesang vernahm, der ihm so
der Mann ein Herz und stieg über die Mauer um vertraut war. Auch Rapunzel erkannte ihren Liebs-
Rapunzeln zu holen. Tags darauf verlangte sie wieder ten sofort und schloss ihn in ihre Arme. Die Tränen,
danach, und als der Mann sich erneut in den Garten die Rapunzel aus Glück über das Wiedersehen ihrer
der Zauberin stahl, erwischte diese ihn und stellte Liebe weinte, benetzten die Augen des Königssohns
8 eine Bedingung, um ihn ungestraft entlassen zu
können: „Du musst mir das Kind geben, das deine
und befreiten ihn für immer von seiner Blindheit.
(Grimm u. Grimm 2010; . Abb. 8.1)
Frau zur Welt bringen wird. Es soll ihm gut gehen,
und ich will für es sorgen wie eine Mutter.“ Der Mann
versprach es vor lauter Angst und kurz darauf gebar 8.2 Die Charaktere
die Frau ein Mädchen, welches die Zauberin Rapun-
zel nannte und mit sich fortnahm. Bevor wir uns näher dem Erleben und Verhalten
Als Rapunzel, „das schönste Kind unter der der Hauptakteure aus dem Märchen widmen, sollen
Sonne“, zwölf Jahre alt war, sperrte die Zauberin diese kurz charakterisiert werden.
sie in einen Turm ohne Türe und Treppe. Nur ein Die Gedanken der Frau kreisen egoistisch um sie
kleines Fenster ermöglichte es in den Turm zu gelan- selbst. Sie sieht sich selbst als Opfer an. Die Frau ist
gen. „Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter“, hysterisch, egozentrisch und rücksichtslos, wobei sie
rief die Zauberin und Rapunzel ließ ihre goldenen sich dessen selbst wohl kaum bewusst sein dürfte.
Haare wie eine Leiter ellenlang herabfallen. Der Mann opfert sich für seine Frau auf und
Eines Tages kam der Königssohn, angelockt kämpft für das, was ihm lieb ist. Er ist bereit, seine
durch Rapunzels lieblichen Gesang, an den Turm. eigenen Wünsche und Ängste zurückzustellen und
Tag um Tag kehrte er fortan zu der Stimme zurück, alles zu tun, damit es seiner Frau gut geht. Fast macht
die sein Herz erfüllte. Eines Abends sah er die Zaube- es den Eindruck, als wäre sein Lebensinhalt einzig
rin in den Turm klettern und als sie verschwand, klet- das Glück seiner Frau. Da er nicht deren Tod ris-
terte der Prinz hinauf. Rapunzel erschrak vor dem kieren will, riskiert er stattdessen den Einbruch in
fremden Mann. Der Prinz jedoch besänftigte sie und den Garten.
offenbarte ihr seine Liebe. Rapunzel entschied, dass Die Zauberin wird von allen gefürchtet. Sie hat
der schöne junge Prinz besser zu ihr sein würde, als zwar einen prächtigen Garten, aber niemand darf ihn
die Zauberin es war. Und so verlobten sie sich noch betreten, mit niemandem möchte sie diese Schön-
am gleichen Abend. Jeden Tag sollte der Prinz von heit teilen. Sie besitzt ein fast zwanghaftes Bedürf-
nun an einen Strang Seide mit sich bringen, um eine nis nach Macht und Kontrolle, aber keinerlei Wärme
Leiter zu knüpfen, die Rapunzel aus ihrem Turm oder Zuneigung.
bringen sollte. Rapunzel scheint relativ unbehelligt von ihrer
Unvorsichtig geworden offenbarte Rapun- eigenen Vorgeschichte. Sie empfindet keine große
zel der Zauberin eines Abends beiläufig ihre Liebe Zuneigung für die Zauberin, begehrt aber auch
zum Prinzen. Die Zauberin war außer sich, schnitt in keiner Weise gegen die Bevormundung auf.
8.3 · Psychologische Phänomene
55 8
. Abb. 8.1  (Zeichnung: Lena Frey)

Scheinbar gleichgültig gegenüber der Gefangenschaft 8.3.1 Depressionen


lebt Rapunzel im Turm und plant auf naiv-fröhliche
Weise ihr neues Leben mit ihrem Verlobten. Rapunzels Mutter befürchtet, ohne den Verzehr
Der Prinz ist mutig und lässt sich nicht von der Rapunzeln zu sterben, und wird von Tag zu
seinem Ziel abbringen. Dabei wirkt der Königssohn Tag antriebsloser. Dieser Interessensverlust und die
aber auch naiv und unbedacht. Er möchte Rapun- Freudlosigkeit zählen zu den Hauptsymptomen von
zel heiraten und sie auf seinem weißen Pferd nach Depressionen (Dilling u. Freyberger 2015).
Hause bringen, Konsequenzen oder Schwierigkeiten Ein psychologisches Konzept, das einen Teil
bedenkt er dabei nicht. Die rosarote Brille wird ihm depressiver Erkrankungen erklären kann, ist die
erst abgenommen, als er am Rande der Verzweiflung, erlernte Hilflosigkeit (Seligman 1975). Depressive
blind und verlassen umherirrt. Patienten haben demnach die Erwartung, bestimmte
aversive Reize nicht kontrollieren oder beeinflussen
zu können. Dadurch entsteht Passivität gegenüber
8.3 Psychologische Phänomene unangenehmen Zuständen. Dies ist eines der Haupt-
symptome von Depressionen. Betrachten wir nun im
Bedeutende psychologische Theorien und Erkennt- Hinblick auf die Theorie der erlernten Hilflosigkeit
nisse sollen nun auf das Märchen angewandt werden. die Frau im Märchen „Rapunzel“: Man könnte z. B.
Behandelt wird dabei die psychische Störung Depres- davon ausgehen, dass der jahrelange unerfüllte Kin-
sion, welche gegenwärtig ein großes Thema unserer derwunsch von ihr als nicht beeinflussbarer Zustand
Gesellschaft ist. Des Weiteren sind Phänomene wie wahrgenommen wird. Dies kann letztendlich in eine
Selbstbestimmung, das Bedürfnis nach Macht sowie Depression führen.
Resilienz zentral – im Turm bei Rapunzel ebenso wie Eine Depression lässt sich aber nicht nur durch
in unserer Welt. das Konzept der erlernten Hilflosigkeit erklären.
56 Kapitel 8 · Rapunzel von den Gebrüdern Grimm (1815)

Einen anderen Fokus setzt die soziale Gratifikations- dass Ereignisse für sie beeinflussbar, vorhersehbar
krise nach Johannes Siegrist (2015). Diese beschreibt und erklärbar sind, so erleben sie die Situation als
ein erlebtes Ungleichgewicht zwischen Geben und kontrollierbar und erleben sich als selbstbestimmt
Nehmen und führt zu dem Gefühl, ausgenutzt zu und autonom (Frey u. Jonas 2002). Entsprechend
werden. Dieses Gefühl kann sowohl zu depressiv- haben Personen das natürliche Bestreben, in mög-
antriebslosem als auch zu aggressivem Verhalten lichst vielen Lebensbereichen kognizierte Kontrolle
führen. Obwohl die Zauberin den Vater nicht bestraft zu empfinden, also ihr Leben selbst bestimmen zu
und das Kind umsorgt, entzieht sich Rapunzel ihrer können – gelingt dies in einem Bereich nicht, ent-
Obhut. Die Zauberin investiert in das Mädchen und steht Kontrollverlust, welchen es mit allen Mitteln
wird im Stich gelassen. Sie löst diese Gratifikations- zu vermeiden gilt.
krise, indem sie nach Rache sinnt, Rapunzel verbannt Auch im Märchen Rapunzel spielt das Verlan-
und den Königssohn verletzt. gen nach Kontrolle über das Leben immer wieder
Nicht nur im Märchen Rapunzel ist Depression eine wichtige Rolle. Rapunzels Mutter nimmt die
ein Thema. Ungefähr jede 7. Person der Bevölkerung Unkontrollierbarkeit ihres Lebens resignierend hin.
erkrankt im Laufe ihres Lebens an einer Depression Ihr Mann jedoch versucht, aktiv etwas gegen das
(Bromet et al. 2011). Dies entspricht knapp 12 Mil- Leiden seiner Frau zu unternehmen. Indem er die
lionen Deutschen. Des Weiteren gehen 25 % aller Rapunzeln für seine Frau stiehlt, versucht er die Kon-
8 Fehltage im Beruf auf Depressionen zurück (Hols-
boer 2011).
trolle über sein Leben sowie das seiner Frau zu erlan-
gen. Auch Rapunzel beeinflusst ihr Schicksal selbst
durch die Verlobung mit dem Prinzen. Die Kontrolle,
die sie durch die Verlobung erlangt, wirkt sich sicht-
8.3.2 Kontrolle bar motivationsfördernd aus. Sie arbeitet bestrebt an
ihrer Flucht, indem sie eine Leiter aus Seide knüpft,
Der Kontrollbegriff spielt innerhalb der Psychologie die ihr den Weg in die Freiheit und in ein selbstbe-
eine große Rolle und verschiedene Ansätze beschäf- stimmtes Leben ebnen soll.
tigen sich mit dem Erleben von Kontrolle. Einerseits Wie positiv sich das Erlangen von Kontrolle aus-
streben Menschen nach Kontrolle über ihr Leben wirken kann, beweisen auch wegweisende Studien
im Sinne von Selbstbestimmung und Autonomie, in Altersheimen. Bewohner, welche die Möglich-
andererseits haben Menschen häufig das Verlangen, keit hatten, Kontrolle auszuüben (z. B. Einrichtung
Kontrolle im Sinne von Macht und Überwachung der Wohnräume), zeigten im Vergleich zu Bewoh-
auszuüben. nern ohne Kontrollmöglichkeiten deutlich höhere
Zufriedenheit, Wohlbefinden und mentale Wachheit
(Langer u. Rodin 1976).
Selbstbestimmung, Autonomie Selbstbestimmtheit und Autonomie im eigenen
und kognizierte Kontrolle Leben sind demnach elementare Voraussetzungen
Kontrollempfinden, Autonomie und Selbstbestim- für menschliches Wohlbefinden – so können wir
mung werden als angeborene Bedürfnisse angesehen nachvollziehen, warum man in Gärten gefürchte-
(Heckhausen u. Heckhausen 2010). Das Streben nach ter Zauberinnen eindringt oder sich auf wildfremde
Kontrolle im Sinne von Selbstbestimmung, also der Prinzen einlässt.
Möglichkeit das eigene Leben selbst so zu beeinflus-
sen, dass positive Zustände herbeigeführt und nega-
tive Zustände vermieden werden, stellt demnach Streben nach Macht
einen wichtigen Teil der menschlichen Natur dar Kontrolle über das eigene Leben bringt Autonomie
(Bierhoff 2006; Frey u. Jonas 2002). und Selbstbestimmung, während Kontrolle über
Die Theorie der kognizierten Kontrolle (Frey andere Macht bedeutet. Man braucht Kontrolle,
u. Jonas 2002) erklärt, wie das offensichtlich sehr um Situationen lenken und beeinflussen zu können,
bedeutsame Gefühl von Kontrollerleben und Auto- um also Macht auszuüben. Nach David McClelland
nomie entsteht. Wenn Menschen das Gefühl haben, (1961) ist Macht – neben Zugehörigkeit und Erfolg –
8.4 · Bedeutung für die heutige Zeit und Implikationen
57 8
eines der elementaren Bedürfnisse, die Menschen einer hohen Ausprägung an Resilienz porträtiert.
antreiben. Solange eine Situation für jemanden kon- Zunächst übersteht sie die jahrelange Gefangenschaft
trollierbar ist, ist auch seine Machtposition gesichert. und Abschottung von der Außenwelt, ohne ersichtli-
Die Zauberin hat eindeutig eine Machtposition che psychische Auffälligkeiten davonzutragen. Auch
inne, denn sie hat Rapunzel in eine Abhängigkeitsbe- ihre Verdammnis in Elend und Einsamkeit scheint
ziehung gebracht, in der Rapunzel keine andere Mög- Rapunzel psychisch unverwundet zu überstehen,
lichkeit hat, als sich zu fügen. Mehrfach verteidigt sie sodass es ihr schließlich möglich ist, nach der Wie-
diese und trifft Vorkehrungen, um einen Kontrollver- dervereinigung mit dem Prinzen ein unbeschwertes
lust zu vermeiden. So versucht sie zu Beginn, nicht und glückliches Leben zu führen.
nur ihren Garten und ihre schönen Rapunzeln durch Allerdings stellt sich die Frage, wie es bei Rapun-
eine hohe Mauer von äußeren Einflüssen abzuschir- zel zur Resilienzentwicklung kommen kann. Die
men, sondern sperrt später auch die schöne Rapun- Eigenschaft, resilient auf widrige Umstände zu
zel an einen Ort, über welchen nur sie die Kontrolle reagieren, ist kein stabiles Persönlichkeitsmerkmal,
hat. Mit dem Eindringen des Mannes in ihren Garten sondern variiert über die Zeit und zwischen Situatio-
verliert sie erstmals die Kontrolle. Sie ist so erzürnt, nen (Wittchen u. Hoyer 2011). Typische förderliche
dass sie den Mann dazu zwingt, ihr sein einziges Kind Faktoren, die zur Entwicklung von Resilienz beitra-
zu versprechen. Als Rapunzel dann Jahre später ver- gen, z. B. familiäre Stabilität, ein fester Freundes-
sehentlich ihre Beziehung zum Prinzen offenbart, kreis oder eine unterstützende Erziehung (Werner
entgleitet ihr erneut die Kontrolle. Daraufhin schickt u. Smith 1989), lassen sich in Rapunzels Leben nicht
sie Rapunzel in die Verdammnis und den Prinzen finden.
in tiefe Verzweiflung. Dieses Handeln gibt ihr ihre Eine mögliche Erklärung auf die Frage, wie
Macht zurück. Rapunzel dennoch Resilienz entwickeln kann, liefern
Macht hat viele Formen und nicht alle davon sind die Befunde von Werner (1993). Diese zeigten, dass
negativ. Verwenden wir anstatt Macht das Wort Ein- bei Jungen externe Schutzfaktoren (z. B. familiäre
fluss, so wird klar, dass unser Alltag davon geprägt Stabilität oder Unterstützung durch Freunde), bei
ist. In Organisationen bestimmen zahlreiche Aspekte Mädchen jedoch interne Schutzfaktoren (z. B. kog-
die Verteilung von Macht: Organisationsstrukturen nitive Fähigkeiten oder kontaktfreudige Verhaltens-
und -prozeduren beispielsweise verleihen Mitarbei- weisen) stärker zur Entstehung von Resilienz beitra-
tern in ihrer bestimmten Position Macht. Allerdings gen. Kontaktfreudige Verhaltensweisen, also eine
muss sich hier zur Macht immer auch der verant- stark ausgeprägte Fähigkeit, Beziehungen aufzuneh-
wortungsvolle Umgang mit dieser gesellen, denn im men, führen beispielsweise zur Erwiderung sozialer
Berufsalltag würde die Handlungsweise der Zauberin Unterstützung, welche sich in belastenden Situatio-
zu keinerlei positivem Ergebnis führen. nen positiv auswirkt. Kontaktfreudig scheint Rapun-
zel durchaus zu sein, was sich daran zeigt, dass sie
nach kürzester Zeit bereits eine Verlobung mit dem
8.3.3 Resilienz ihr unbekannten Prinzen eingeht.

Ein weiteres Phänomen im Märchen „Rapunzel“ ist


die sog. Resilienz, die psychische Widerstandskraft. 8.4 Bedeutung für die heutige Zeit
Dieser Begriff bezeichnet die Widerstandsfähigkeit und Implikationen
gegenüber widrigen und belastenden Situationen
und Lebensumständen und wird auch als psychi- Das Thema Depression und Burn-out nimmt in
sche Unverwundbarkeit beschrieben (Wittchen u. unserer von Leistung geprägten Gesellschaft stetig
Hoyer 2011). zu: Kinder, Schüler, Studenten, Eltern und Arbeit-
Nach Masten (2011) sind die wesentlichen Vor- nehmer sind betroffen. Jedoch wird das Thema noch
aussetzungen für Resilienz gegeben, wenn eine belas- immer tabuisiert und die Hemmschwelle, Schwä-
tende Situation vorliegt und diese erfolgreich bewäl- che einzugestehen, ist nach wie vor hoch. Doch
tigt wird. Demzufolge wird Rapunzel als Person mit es gibt auch Präventionsmöglichkeiten, sodass
58 Kapitel 8 · Rapunzel von den Gebrüdern Grimm (1815)

Lebenssituationen einen besseren Ausgang nehmen Nehmen wir diese Faktoren jedoch als Ansporn,
können als im Märchen. als messbare und vorzeigbare Belohnung für geleis-
In Unternehmen kann dies beispielsweise tete Arbeit und große Anstrengungen, können wir
erreicht werden, indem sich Führungskräfte für uns daran erfreuen – und anstatt der Rapunzeln im
eine offene und wertschätzende Unternehmenskul- fremden Garten die Lorbeeren im eigenen ernten.
tur einsetzen. Teil dieser Unternehmenskultur sollte
es sein, Mitarbeitern Mitspracherecht einzuräumen.
Dies führt über die Vermittlung des Gefühls von 8.5 Fazit
Beeinflussbarkeit, Vorhersehbarkeit und Erklärbar-
keit (Frey u. Jonas 2002) zu Kontroll- und Autono- Man darf sich nicht einfach nehmen, was man
mieempfinden bezüglich Prozessen, Aufgaben und begehrt. Tut man es doch, so wird Böses passieren –
Ergebnissen. Auch in der Erziehung lässt sich durch das ist die Botschaft, die von den Gebrüdern Grimm
eine offene und wertschätzende Haltung der Eltern in dem Märchen „Rapunzel“ übermittelt wird. Dieser
Engagement, Verantwortlichkeit und Motivation zu Werteverstoß tritt im Märchen in verschiedenen
selbstständigem Handeln fördern – Eigenschaften Konstellationen auf. Der Diebstahl der Rapunzeln
die unseren Kindern in einer immer komplexer wer- wird geahndet, indem man das ersehnte Kind herge-
denden Welt zugutekommen. ben muss, die böse List der Zauberin hat den Verlust
8 Ferner zeigen uns die Gebrüder Grimm am Bei-
spiel von Rapunzel die Bedeutung von Resilienz auf.
des Mädchens zur Folge, und die versuchte Flucht
mit dem Prinzen bezahlt Rapunzel mit der Verban-
Nicht nur in unserem Alltag begegnen wir ständig nung und der Prinz mit seinem Augenlicht.
Situationen, in denen diese Eigenschaft wichtig ist. Die Aufteilung in ein klares Gut und Böse zeich-
Auch in Organisationen herrschen häufig schwie- net die Märchen der Gebrüder Grimm aus, ebenso
rige und belastende Zustände, in denen es essenziell ihr zumeist glückliches Ende. Natürlich stellt die Zau-
ist, resiliente Mitarbeiter zu haben, die auch in der berin in der Geschichte die Inkarnation des Bösen
Krise optimistisch bleiben, gemeinsam nach Lösun- dar, während Rapunzel, das unschuldige Mädchen
gen suchen und die Situation unbeschadet meistern. mit goldenen Haaren, das Gute verkörpert. Rapun-
Darum ist es wichtig die Entwicklung von Resilienz zel ist in gewisser Weise der Spielball zwischen den
bei unseren Mitmenschen – seien es nun unsere Mit- einfachen Leuten, die sich nicht mit dem ihnen Gege-
arbeiter, Freunde oder Kinder – zu fördern, indem benen abfinden wollen und der machtgierigen Zau-
wir ihnen Stabilität, Wertschätzung und Unter- berin, die sie dafür bestraft. Für Rapunzel endet die
stützung zukommen lassen, wann immer sie diese Geschichte glücklich. Die wahre Liebe, die allen Wid-
benötigen. rigkeiten trotzt, führt sie und den Prinzen zu guter
Auch aus dem Verhalten der Zauberin können Letzt in eine gemeinsame Zukunft.
wir Impulse für unseren Alltag ziehen. Die Zaube-
rin schützt um jeden Preis ihre kleine, vermeintlich
perfekte Welt. Ihr Verhalten ist beispielhaft für das Literaturverzeichnis
oft engstirnige Streben nach einem perfekten Soll-
Bierhoff, H.-W. (2006). Sozialpsychologie: Ein Lehrbuch (6. Aufl.).
zustand, der blind macht für das Jetzt. Im Laufe der Stuttgart: Kohlhammer.
Erzählung haben wir sie als egoistischen, rücksichts- Bromet, E., Andrade, L. H., Hwang, I., Sampson, N. A., Alonso, J.,
losen und machtgierigen Menschen kennengelernt. & de Girolamo, G. (2011). Cross-national epidemiology of
Ist ihr Verhalten tatsächlich zu verurteilen? DSM-IV major depressive episode. BMC Medicine 9, 90.
Dilling, H., & Freyberger, J. H. (2015). Taschenführer zur ICD-10
Natürlich beschützen wir, was wir uns mühevoll
Klassifikation psychischer Störungen. Göttingen: Hogrefe.
erarbeitet haben. Die Frage ist, wie ausschließlich wir Frey, D. (2015). Soziale und kommerzielle Organisationen als
uns darüber definieren. Sind die berufliche Karriere, Vorbild für neue Kulturen. Angewandte Sozialpsycho-
Statussymbole und Geld unsere alleinige Messlatte logie. Folientexte zur Vorlesung, WiSe 2015/16. München:
für Glück und Erfolg? Dann wird alles in sich zusam- Ludwig-Maximilians-Universität.
Frey, D., & Jonas, E. (2002). Die Theorie der kognizierten Kont-
menbrechen, sobald das Gewünschte unerreicht
rolle. In: D. Frey, & M. Irle (Hrsg.), Theorien der Sozialpsycho-
bleibt oder – wie bei der Zauberin – bedroht ist.
Literaturverzeichnis
59 8
logie. Band III: Motivation und Informationsverarbeitung
(S. 13–50). Bern: Huber.
Grimm, J., & Grimm, W. (2010). Grimms Märchen: Hausbuch. Mit
einem Vorwort von Michael Maar. Berlin: Tulipan.
Heckhausen, J., & Heckhausen, H. (2010). Motivation und Han-
deln. Berlin, Heidelberg: Springer.
Holsboer, F. (2011). Depression – wie die Krankheit unsere Seele
belastet. München: Allianz Deutschland.
Langer, E. J., & Rodin, J. (1976). The effects of choice and
enhanced personal responsibility for the aged: a field
experiment in an institutional setting. Journal of Personal-
ity and Social Psychology 34, 191–198.
Masten, A. S. (2001). Ordinary magic: Resilience processes in
development. American Psychologist 56, 227–238.
McClelland, D. (1961). The achieving society. Princeton: Van
Nostrand.
Seligman, M. E. P. (1975). Helplessness. On depression, develop-
ment and death. San Francisco: Freeman & Co.
Siegrist, J. (2015). Arbeitswelt und stressbedingte Erkrankungen.
Forschungsevidenz und präventive Maßnahmen. München:
Elsevier.
Werner, E. (1993). Risk, resilience, and recovery: Perspectives
from the Kauai Longitudinal Study. Development and Psy-
chopathology 5, 503–515.
Werner, E., & Smith, R. (1989). Vulnerable but invincible: a study
of resilient children and youth. New York: Adams Bannister
Cox Pubs.
Wittchen, H.-U., & Hoyer, J. (Hrsg.). (2011). Klinische Psychologie
& Psychotherapie (2. Aufl.). Berlin, Heidelberg: Springer.
61 9

Schneewittchen von den


Gebrüdern Grimm (1857)
Miriam Krug

9.1 Inhalt des Märchens – 62

9.2 Die Charaktere – 63

9.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung


für die heutige Zeit – 63
9.3.1 Narzissmus und Neid – 63
9.3.2 Attraktivitätsstereotyp: Wer schön ist, ist auch gut – 64
9.3.3 Entwicklung vom Mädchen zur jungen Frau – 65
9.3.4 Zivilcourage und Hilfeverhalten – 66

9.4 Fazit – 67

Literaturverzeichnis – 67

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_9
62 Kapitel 9 · Schneewittchen von den Gebrüdern Grimm (1857)

9.1 Inhalt des Märchens

Es war einmal eine Königin, die wünschte sich sehn-


lichst ein Kind mit einer Haut so weiß wie Schnee,
mit Lippen so rot wie Blut und mit Haaren so schwarz
wie Ebenholz. Ihr Wunsch erfüllte sich, und sie
nannte es Schneewittchen. Kurz nach der Geburt
starb die Königin. Ein Jahr später heiratete der
König eine andere, sehr schöne, aber eitle und stolze
Frau, welche es nicht ertragen konnte von Schön- . Abb. 9.1  (Zeichnung: Johanna Frey)
heit übertroffen zu werden. Jeden Tag fragte sie ihren
Spiegel: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die aussah, legten sie das Mädchen in einen gläsernen
Schönste im ganzen Land?“, um die Bestätigung zu Sarg.
hören, dass sie es wäre. So war sie zufrieden, denn sie Ein Königssohn entdeckte diesen und bat die
wusste, dass der Spiegel immer die Wahrheit sagte. Zwerge um Überlass, da er ohne den Anblick dieses
Schneewittchen wuchs heran und wurde schöner schönen Mädchens nicht mehr leben könne. Aus
und schöner. Als sie etwa sieben Jahre alt war, ant- Mitleid überließen sie ihm den Sarg. Beim Transport
wortete der Spiegel plötzlich: „Frau Königin, Ihr seid stolperte einer der Diener und Schneewittchen fiel
die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausend- das vergiftete Apfelstück plötzlich aus dem Mund. Sie
mal schöner als Ihr.“ wurde wieder lebendig, und der Königssohn und das
9 Von Neid geplagt befahl die Königin einem Jäger, Schneewittchen vermählten sich. Die neidische Stief-
Schneewittchen zu töten und als Beweis deren Lunge mutter wurde zur Hochzeit eingeladen und musste
und Leber vorzuzeigen. Dieser ließ das Mädchen zur Strafe in rot glühende Eisenpantoffeln steigen
jedoch am Leben und brachte die Lunge und Leber und im Feuer tanzen, bis sie tot umfiel.
eines Frischlings. Schneewittchen flüchtete indes in (Grimm u. Grimm 1857; . Abb. 9.1, . Abb. 9.2)
den Wald und gelangte an ein Häuschen. Als sie am
nächsten Morgen dort aufwachte, lernte sie die Haus- Anmerkung  Schneewittchen gehört wohl zu den
bewohner, die sieben Zwerge, kennen, bei welchen bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm.
sie fortan den Haushalt führte. Neben unzähligen Verfilmungen wurden Lieder für
Die Zwerge warnten das Schneewittchen immer Jung und Alt, Opern sowie Ballettaufführungen zu
wieder, sich vor der Stiefmutter zu hüten. Sie solle Schneewittchen geschrieben.
niemanden hereinlassen, wenn sie alleine zu Hause
wäre. Die Stiefmutter erfuhr jedoch durch den
Spiegel, der immer noch die Wahrheit sagte, dass
Schneewittchen am Leben war und hinter den
Bergen bei den sieben Zwergen wohnte. So verklei-
dete sie sich als Händlerin und bot dem Mädchen
Waren an, welche sie umbringen sollten. Einen
Schnürriemen zog sie so eng, dass Schneewittchen
zu ersticken drohte, einen Kamm und die Hälfte
eines Apfels präparierte sie mit Gift. Die ersten
beiden Male gelang es den sieben Zwergen, Schnee-
wittchen ins Leben zurückzuholen, indem sie das
Mädchen von dem Schnürriemen und dem vergif-
teten Kamm befreiten. Beim dritten Male konnten
sie die Todesursache jedoch nicht herausfinden und
hielten Schneewittchen für tot. Weil sie so schön . Abb. 9.2  (Zeichnung: Johanna Frey)
9.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
63 9
9.2 Die Charaktere in einer gestörten Selbstliebe und -einschätzung
widerspiegelt. Die übersteigerte Wahrnehmung nach
Schneewittchen erfüllt ihrer Mutter mit ihrer makel- eigener Wichtigkeit wird von Fantasien grenzenlosen
losen Schönheit einen Lebenstraum. Die übermäßige Erfolgs, Macht, Glanz, Schönheit oder idealer Liebe
Schönheit wird ihr jedoch später zum Verhängnis, begleitet (Kriterium der narzisstischen Persönlich-
indem nach dem Tod der Mutter eine neue Frau keitsstörung nach dem Diagnosemanual für psy-
in das Leben ihres Vaters tritt. Die böse Stiefmut- chische Störungen, 5. Revision, DSM-5; APA 2013).
ter kann es nicht ertragen von anderer Schönheit Man verlangt maßlose Bewunderung und glaubt ein-
übertroffen zu werden. Sie beauftragt einen Jäger, zigartig zu sein. Um dies bestätigt zu wissen, fragt die
Schneewittchen umzubringen. Dieser lässt das Stiefmutter ihren Spiegel immer wieder aufs Neue,
schöne Mädchen jedoch aus Mitleid am Leben. Bei wer die Schönste im ganzen Land sei.
den sieben Zwergen findet Schneewittchen Unter- Im realen Leben beginnen Narzissten, sich sehr
schlupf. Sie nehmen das Mädchen herzlich auf und stark mit anderen zu vergleichen, und sind hierfür
integrieren es. Die böse Stiefmutter wird immer zor- hoch sensibel. Positive Vergleiche resultieren in
niger und greift nun selbst zu grausamen Maßnah- Bestätigung, negative in Minderwertigkeitskomple-
men, um die Konkurrentin loszuwerden. Die sieben xen. Narzisstische Personen sind besessen, ihre zen-
Zwerge kommen jedoch immer rechtzeitig, um tralen Motive nach Anerkennung, Wichtigkeit und
Schneewittchen zu befreien. Als sie nach dem letzten Solidarität erfüllt zu sehen. Manipulationen erfol-
Attentat der Stiefmutter für tot gehalten wird, betritt gen, um das grandiose Gefühl der eigenen Wichtig-
der Königssohn die Szene. Durch seine Aktion, das keit aufrechtzuerhalten. So beauftragt die Stiefmut-
Mädchen in das Schloss bringen zu lassen, weil er ter einen Jäger, Schneewittchen zu töten, und geht im
den Anblick ihrer Schönheit nicht missen möchte, Anschluss selbst über Leichen.
rettet er ihr unbeabsichtigt das Leben, und sie werden Narzisstische Eigenschaften implizieren aller-
glücklich bis an ihr Lebensende. Die böse Stiefmutter dings noch keinen Krankheitswert. Narzissmus ist im
erhält eine gerechte Strafe. Gegenteil gut und wichtig, wenn ein gesunder Selbst-
wert erzeugt wird. Schädliche Auswirkungen ergeben
sich erst, wenn er – wie bei der Stiefmutter – krank-
9.3 Psychologische Phänomene und haft und übersteigert gezeigt wird, man unfähig für
Bedeutung für die heutige Zeit zwischenmenschliche Beziehungen ist und anderen
Schlechtes oder gar den Tod wünscht.
Folgende psychologische Phänomene werden the- Auch die leibliche Mutter von Schneewittchen,
matisiert und reflektiert: welche zu Beginn des Märchens erwähnt wird, zeigt
44Narzissmus und Neid narzisstische Motive. Sie wünscht sich ein Kind mit
44Attraktivitätsstereotyp: Wer schön ist, ist auch einer Haut so weiß wie Schnee, mit Lippen so rot
gut wie Blut und mit Haaren so schwarz wie Ebenholz.
44Entwicklung vom Mädchen zur jungen Frau Nur so kann sie ihre tiefe Traurigkeit und Ein-
44Zivilcourage und Hilfeverhalten samkeit überwinden. Man mag sich nun fragen,
was passiert wäre, wenn sie ein Kind bekommen
hätte, welches nicht ihren Wunschvorstellungen
9.3.1 Narzissmus und Neid entspricht.

Die böse Stiefmutter im Märchen zeigt narzisstische z Fragen zur Reflexion


Persönlichkeitszüge. Narzissmus wird in Anleh- 44Drücken wir unseren Kindern zu sehr unsere
nung an den Mythos des Narziss als „die Liebe, eigenen (unerfüllten) Wünsche auf?
die man dem Bild von sich selbst entgegenbringt“ 44Verlangen wir von ihnen, so zu sein, wie wir es
(Laplanche u. Pontalis 1984, S. 317) definiert. Es wollen?
liegt demnach eine übertriebene und übermäßige 44Helfen wir ihnen, die für sie richtigen Entschei-
Störung im Selbstwert vor, was sich insbesondere dungen zu treffen?
64 Kapitel 9 · Schneewittchen von den Gebrüdern Grimm (1857)

Verbindung von Narzissmus und Neid Ist Narzissmus angeboren oder


Neidgefühle sind typisch für Narzissten, gleichzei- erworben?
tig glauben sie jedoch auch, dass andere neidisch Ursachen für die Entwicklung einer narzisstischen
auf ihre Person sind. Man unterscheidet schwar- Persönlichkeitsstörung haben ihren Ursprung über-
zen und weißen Neid. Weißer Neid ist motivierend wiegend in der frühen Kindheit und Erziehung.
und antreibend, schwarzer zerstörerisch. Es ist der Wenn das Kind seine eigene Individualität und
schwarze Neid, welchen die Stiefmutter empfindet, Bedürfnisse nur stark begrenzt oder extrem unbe-
der andere verwünscht und eliminieren will. grenzt ausleben kann, wird die Entwicklung eines
Der deutsche Dichter Wilhelm Busch sagte gesunden Selbstwertes gestört. Zu viel oder zu wenig
einmal, Neid sei die aufrichtigste Form der elterliche Unterstützung sind somit negativ.
Anerkennung. Die Menschen sind gerne bereit, Die Entwicklung einer Persönlichkeitsstörung
Mitleid sogar ohne Gegenleistung zu spenden, ist abhängig von der Veranlagung (Disposition) des
während ihr Neid hart erarbeitet, sogar erkämpft Kindes, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu
werden muss. Wer andere jedoch nur mit Neid entwickeln, und von den Bedürfnissen sowie der Ein-
konfrontiert, leidet selbst häufig am meisten dar- flussnahme der Eltern.
unter. Insbesondere wenn überwiegend schwar- Daneben spielen die gesellschaftliche Akzep-
zer Neid empfunden wird, stehen sich Personen tanz und – heutzutage verstärkt – kurzlebigere
oft selbst im Weg. Anstatt sich auf ihre Individua- Trends eine Rolle. Schon früh lernen wir, uns von
lität zu besinnen, konzentrieren sie sich zu sehr anderen abzugrenzen. Die Eigenmarke „Ich“ wird
darauf, das zu wollen, was andere besitzen oder durch soziale Netzwerke und das „Selfie-Image“
9 streben nach noch mehr. Diese Fixierung, wie sie gefördert. Nach außen soll das eigene Leben perfekt
bei der Königin zu sehen ist, kann sich durch eine erscheinen.
innere Lähmung und Unzufriedenheit negativ Die Königin strebt nach makellosem Aussehen
auf die Zielerreichung auswirken, indem man sich und ewiger Jugendlichkeit, was sich auch in unserer
beispielsweise mit nichts anderem mehr zufrieden Kultur und anderen modernen Gesellschaften als
gibt. eine Art universales Ideal entwickelt hat. Ziel ist es,
Im Allgemeinen ist festzuhalten, dass Narziss- so lange wie möglich jung zu bleiben, und hierfür
mus eine starke Triebfeder darstellt, um nach oben gibt es mittlerweile fast keine Grenzen mehr. Es
zu kommen. So hat sich die Stiefmutter den König, erweckt den Anschein, als ob Narzissmus in unserer
einen begehrten und mächtigen Mann, als ihren Gesellschaft sogar zu einer erstrebens- und begeh-
Lebenspartner auserwählt. Es liegt nahe, dass es ihr renswerte Eigenschaft geworden ist, die zu Erfolg
weniger um die romantische Beziehung, sondern um und Wohlstand führt.
die mächtige Position und Prestige als Königin ging,
welche sie mit der Heirat erlangte. z Fragen zur Reflexion
Neidgefühle können durch Sicherheit, durch 44Ist Narzissmus tatsächlich für eine Karriere
die Pflege von Kooperationen und selbstbewuss- entscheidend? Oder haben andere Werte weit
tes Handeln minimiert werden. Das Entschei- mehr Gewicht?
dende dabei ist, sich nicht über andere zu definie- 44Welche persönlichen Ideale haben Sie?
ren, sondern die Zufriedenheit aus sich selbst heraus
zu finden.
9.3.2 Attraktivitätsstereotyp: Wer
z Fragen zur Reflexion schön ist, ist auch gut
44Wie schätzen Sie Ihre innere Zufriedenheit
ein? Schneewittchen verfügt über eine makellose Schön-
44Orientieren Sie sich häufig an anderen? heit und erfährt dadurch ein erhöhtes Maß an Auf-
44In welchen Situationen empfinden Sie Neid? merksamkeit. Im Allgemeinen werden attraktive Per-
Und in welchen werden Sie beneidet? sonen positiver behandelt. Sie erhalten z. B. bessere
9.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
65 9
Noten in der Schule, höhere Gehälter im Arbeitskon- der Stiefmutter führt sogar zur Tötungsabsicht. In
text und allgemein mehr Unterstützung und Hilfe. gegengeschlechtlichen Interaktionen, z. B. mit dem
Jäger, den sieben Zwergen sowie dem Königssohn,
hat ihre physische Attraktivität hingegen positive
Attraktivität und Halo-Effekt Auswirkungen.
Das Attraktivitätsstereotyp „Wer schön ist, ist
auch gut“ (Dion et al. 1972) gilt in verschiedenen
Lebensbereichen, Altersstufen und Kulturen. Dabei Queen-Bee-Syndrom
beeinflusst der Eindruck der zentralen Eigenschaft Aus dem Arbeitskontext ist bekannt, dass besonders
Attraktivität die Einschätzung anderer nicht beob- attraktive Frauen der Gefahr einer Diskriminie-
achtbarer Eigenschaften, z. B. Intelligenz, Beliebt- rung durch andere Frauen unterliegen. Das Queen-
heit, Sympathie. Somit wird der Gesamteindruck Bee-Syndrom (Ellemers et al. 2004) beschreibt,
über eine Person von der zentralen Eigenschaft dass Frauen häufig von anderen Frauen, welche
überstrahlt (Halo-Effekt; Murphy et al. 1993; Thorn- eine höhere Position im Unternehmen innehaben,
dike 1920). benachteiligt werden. Der Effekt verstärkt sich, wenn
Im Kindes- und frühen Jugendalter wirkt sich die die mächtigere Frau zusätzlich älter ist.
Attraktivität bei Mädchen im Allgemeinen förder- Doch warum besitzen Frauen solch ein hoch
lich aus und trägt zu deren Beliebtheit bei. Dies mag ausgeprägtes Konkurrenzbewusstsein, wenn es um
sich in besserer Notengebung an der Schule zeigen, die Attraktivität geht? Dies kann u. a. mit der Bedro-
ebenso erfahren sie mit zunehmendem Alter mehr hung des Selbstwertes erklärt werden. Wenn dem
Aufmerksamkeit von Jungen. Ist ein Mädchen hin- Individuum Personen auf einer für ihn relevanten
gegen unattraktiv, kann sich dies nachteilig auswir- Dimension überlegen sind (z. B. Attraktivität und
ken. Wird allein vom Aussehen auf den Charak- Alter bei Frauen) gefährden diese seinen Selbstwert
ter geschlossen (unattraktiv = weniger intelligent/ („social comparison bias“; Garcia et al. 2010). Daher
sympathisch), können soziale Ausgrenzung und möchte man sie am liebsten fernhalten, z. B. durch
mangelnder sozialer Rückhalt Gleichaltriger, der die schlechtere Bewertung einer attraktiven Bewer-
Peergroup, die Folge sein. Damit wird Mobbing berin (im Vergleich zu einem attraktiven männli-
begünstigt (z. B. in Schulen). chen Bewerber) durch eine weibliche Interviewerin
Kinder vergleichen sich mit den anderen und (Luxen u. van de Vijver 2006).
sind auf ein stabiles soziales Umfeld und einen schüt-
zenden Freundeskreis angewiesen, in dem z. B. nicht z Fragen zur Reflexion
in erster Linie auf das Äußere wert gelegt wird. Eltern, 44Welche Bereiche in Ihrem Leben würden Sie als
Erziehern und Lehrern fällt hierbei die Aufgabe persönlich relevant bezeichnen?
zu, weitere Qualitäten und Stärken der Kinder 44Wie reagieren Sie, wenn jemand in diesem
zu fördern, um zur Entwicklung eines gesunden für Sie wichtigen Bereich besser ist? Wie viel
Selbstbewusstseins beizutragen. So werden sowohl Stiefmutter steckt dann in Ihnen?
gegenüber attraktiven Mädchen Konkurrenz- und
Neidgefühle, die zu indirekten Aggressionen (z. B.
Lästereien) führen können, als auch eine Benachtei- 9.3.3 Entwicklung vom Mädchen zur
ligung weniger attraktiver Mädchen nur aufgrund jungen Frau
optischer Eigenschaften reduziert.
In dem Märchen wird die Stiefmutter selbst als Die Weltgesundheitsorganisation siedelt die Phase
sehr schön beschrieben – sie und Schneewittchen der Adoleszenz (Jugendalter) zwischen 10 und 20
begegnen sich auf Augenhöhe (Aussehen, Status). Jahren an. Schneewittchen mit ihren 7 Jahren hat
Allerdings differieren das Alter und die Erfahrung dieses Alter zu Beginn des Märchens zwar noch
deutlich. Das aufgrund der Attraktivität von Schnee- nicht erreicht, allerdings wird nicht detailliert aus-
wittchen übermäßig ausgeprägte Konkurrenzgefühl geführt, wie lange sie bei den Zwergen bleibt, und der
66 Kapitel 9 · Schneewittchen von den Gebrüdern Grimm (1857)

Königssohn sieht in ihr später eine mögliche Part- Aufgrund des stets späteren Berufseintritts „wird
nerin und verliebt sich in sie. Somit ist es bedeut- dieses Stadium des Heranreifens zu einer immer
sam, sich mit dem Heranwachsen eines Mädchens deutlich umrissenen und bewussten Periode, fast zu
zur jungen Frau zu beschäftigen. einer Lebensform zwischen Kindheit und Erwach-
Der Übergang vom Jugend- zum Erwachsenen- sensein“ (Erikson 1988, S. 123). Erikson spricht von
alter ist mit psychischen und physischen Herausfor- der Identitätskrise als psychosozialen Aspekt des
derungen verbunden. Neben der Akzeptanz kör- Heranreifens. Hier spielt immer auch die Umge-
perlicher Veränderungen spielen Identitätsbildung bung der Jugendlichen eine Rolle, z. B. der Ausbil-
und Persönlichkeitsentwicklung eine wesentliche dungskontext oder bei Schneewittchen das häusliche
Rolle. Die Ablösung der eigenen Familie und die Umfeld. Die Nähe zu dem anderen Geschlecht wird
(Nicht-)Gründung einer eigenen Familie treten in gesucht, auch sexuelle Annäherungen werden von
den Vordergrund. Mädchen eher akzeptiert (Schmidt 2014).
Der Begriff sexuelle Orientierung stellt das Ziel
sexueller Aktivität in den Vordergrund (z. B. Aufbau
Soziales Umfeld von Beziehungen zu Gleichaltrigen), während sich
Schneewittchens Kindheit ist mit problematischen die sexuelle Identität auf das eigene Geschlechtsver-
Bedingungen behaftet. Die Mutter ist früh gestorben, ständnis als Mann oder Frau bezieht. Die Identitäts-
die Stiefmutter voller Hass, und der Vater scheint findung wird stark durch gesellschaftliche Normen
sich um das Wohlergehen seiner Tochter nicht zu und soziale Bewertungen beeinflusst.
kümmern. Glücklicherweise trifft Schneewittchen auf
9 die sieben Zwerge, gleichzeitig kommt sie damit dem
Erwachsensein einen großen Schritt näher. Stammend 9.3.4 Zivilcourage und Hilfeverhalten
aus einem sittlichen Königshaus mit Bediensteten
führt sie fortan den Haushalt bei den „Bürgerlichen“. » Die Rettung der Menschen besteht gerade
Schneewittchen scheint keine schulische Ausbil- darin, dass alle alles angeht. (Alexander
dung zu genießen. Die Schule als soziales Gefüge Solschenizyn 1970)
nimmt in dieser Lebensphase in der Regel jedoch
einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung. Der Jäger zeigt zivilcouragiertes Handeln, da es ihm
Noch vor wenigen Jahrzehnten war es üblich, nach widerstrebt, ein unschuldiges Kind zu ermorden,
einem kurzen Schulabschnitt in das arbeitsintensive und er durch einen Akt des (zivilen) Ungehorsams
Erwachsenenleben überzutreten (Sander 2014). Frei- dessen Leben verschont. Er empfindet den Befehl der
räume, um sich mit Gleichaltrigen zu treffen und Stiefmutter als Unrecht und stellt sich – hier durch
gleichzeitig den Schutz des Elternhauses zu genie- das Unterlassen einer Gewalttat und das Vortäuschen
ßen, waren häufig nur Kindern (und zum größeren der Pflichterfüllung – schützend vor das Mädchen.
Teil den männlichen Nachkommen) aus gut situier- Zivilcourage beschreibt ein selbstloses Hilfeverhal-
ten Verhältnissen zugänglich. ten in einer akuten Notsituationen mit dem Risiko
Dank der Emanzipation genießen Frauen negativer Konsequenzen und Normverletzungen
mittlerweile einen gleichberechtigen Bildungszu- für sich selbst (Frey et al. 2001; Jonas u. Brandstät-
gang. Die Lebensumstände der Adoleszenzphase ter 2004). Das Verhalten ist in der Regel emotional
haben sich dementsprechend zugunsten der Frauen getrieben und beruht auf demokratischen Grund-
entwickelt. überzeugungen und persönlichen Wertvorstellun-
gen (Osswald et al. 2010).

Identitätsentwicklung und Sexualität


Das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung Differenzierung zwischen Zivilcourage
von Erikson (1997) greift die Adoleszenz als 5. der und Hilfeverhalten
9 postulierten Entwicklungsphasen auf. Sie wird als Der Hauptunterschied zu Hilfeverhalten liegt in den
die Krise der „Identität vs. Identitätskonfusion“ im negativen Konsequenzen und der Gefahr begrün-
Jugendalter beschrieben. det, in welche man sich durch das zivilcouragierte
Literaturverzeichnis
67 9
Verhalten begibt. So lässt der Jäger Schneewittchen nicht an Bedeutung verloren haben. So lassen sich
fliehen, ungeachtet möglicher Folgen oder Bestra- wichtige Erkenntnisse auf individueller, aber auch
fungen durch die Königin. gesellschaftlicher Ebene ableiten, die uns zu verant-
Im Märchen konnte der Jäger seine Verantwor- wortungsvollem Handeln inspirieren und aufrufen.
tung nicht an andere anwesende Personen übertra-
gen (pluralistische Ignoranz, Verantwortungsdiffu- z Fragen zur Reflexion
sion). Zwar stellt er sich nicht schützend vor einen 44Wann spornt Sie Neid an, wann demotiviert er
unmittelbaren Angreifer, aber er sieht davon ab, den Sie?
nur ihm zugewiesenen Mordauftrag auszuführen. 44Inwiefern hat für Sie die innere Zufriedenheit
Situationale (z. B. Anzahl der Zuschauer) und per- etwas mit dem Alter zu tun?
sonale Faktoren (z. B. Aufmerksamkeit, Emotionen 44Stellen Sie sich vor, Sie sähen ab sofort so aus,
oder Vorurteile) beeinflussen gleichermaßen zivil- wie Sie es sich immer gewünscht haben. Was
couragiertes Einschreiten: Je mehr Zuschauer anwe- würde sich für Sie in Ihrem Leben verändern?
send sind, umso weniger wahrscheinlich wird gehol- 44Welche Entwicklungsherausforderungen gab
fen (Zuschauereffekt, auch Bystander-Effekt; Darley es in Ihrer Kindheit/Jugend? Was haben Sie
u. Latané 1968). Die eindeutige Identifizierung als daraus gelernt oder auch nicht gelernt?
Notsituation erhöht die Wahrscheinlichkeit, unab- 44Welche Personen in Ihrem Leben geben Ihnen
hängig von der Anzahl der Zuschauer einzugreifen. Kraft und unterstützen Sie? In welcher Form
Das Verhalten der sieben Zwerge ist hingegen erfolgt die Unterstützung? Gibt es vielleicht
prosozial und altruistisch . Sie nehmen Schnee- auch Personen, die Ihnen Ihre Kraft nehmen?
wittchen uneigennützig/selbstlos auf, bringen sich 44In welchen Situationen in Ihrem Leben haben
jedoch selbst nicht in Gefahr. Die Vermittlung des sie uneigennützig geholfen? Gab es Situationen,
Gefühls, umsorgt und wertgeschätzt zu werden, fällt in denen Ihr Hilfeverhalten riskant war? Wenn
unter die sozioemotionale Unterstützung. Die Bereit- ja, würden Sie – rückblickend betrachtet –
stellung einer Unterkunft und Nahrung ist ein Bei- wieder genauso handeln?
spiel für die materielle Unterstützung. Auch geben
die sieben Zwerge dem Mädchen den Rat, sich vor
der Stiefmutter zu hüten, und unterstützen sie somit Literaturverzeichnis
auch informational. Insbesondere, wenn Empathie
American Psychiatric Association (APA). (Ed.). (2013). Diagno-
gegenüber den Hilfsbedürftigen empfunden wird, stic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5;
erfolgt ein selbstloses und aufopferndes Hilfever- 5th ed.). Arlington, VA: American Psychiatric Association
halten (Empathie-Altruismus-Hypothese; Batson Publishing.
et al. 1981). Batson, C. D., Duncan, B. D., Ackerman, P., Buckley, T., & Birch,
K. (1981). Is empathic emotion a source of altruistic moti-
vation? Journal of Personality and Social Psychology 40,
z Fragen zur Reflexion
290–302.
44Hätten Sie auch so zivilcouragiert gehandelt wie Darley, J. M., & Latané, B. (1968). Bystander intervention in
der Jäger? Oder liegt Ihnen mehr die Hilfs- emergencies: Diffusion of responsibility. Journal of Perso-
bereitschaft der Zwerge? nality and Social Psychology 8, 377–383.
Dion, K., Berscheid, E. & Walster, E. (1972). What is beautiful
44Was hätte Ihr Verhalten behindert oder
is good. Journal of Personality and Social Psychology 24,
gefördert? 285–290.
Ellemers, N., van den Heuvel, H., de Gilder, D. & Bonvini, A.
(2004). The underrepresentation of women in science: dif-
9.4 Fazit ferential commitment or the queen bee syndrome? British
Journal of Social Psychology 43, 313–338.
Erikson, E. H. (1988). Jugend und Krise. Die Psychodynamik im
Anhand des Märchens „Schneewittchen“ konnte sozialen Wandel. Stuttgart: Klett-Cotta.
eine Vielzahl psychologischer Phänomene wie Nar- Erikson, E. H. (1997). The life cycle completed. New York, Lon-
zissmus und Neid, Attraktivitätsstereotype, die Ent- don: WW Norton & Company.
wicklung vom Mädchen zur Frau sowie Zivilcourage Frey, D., Neumann, R., & Schäfer, M. (2001). Determinanten
von Zivilcourage und Hilfeverhalten. In: H. W. Bierhoff, &
und Hilfeverhalten aufgezeigt werden, die bis heute
68 Kapitel 9 · Schneewittchen von den Gebrüdern Grimm (1857)

D. Fetchenhauer (Hrsg.), Solidarität. Konflikt, Umwelt und


Dritte Welt (S. 93–122). Opladen: Leske & Budrich.
Garcia, S. M., Song, H., & Tesser, A. (2010). Tainted recommen-
dations: The social comparison bias. Organizational Beha-
vior and Human Decision Processes 113, 97–101.
Grimm, J., & Grimm, W. (1857). Kinder- und Haus-Märchen,
gesammelt durch die Brüder Grimm: Große Ausgabe (Bd.
1, 7. Aufl.). Göttingen: Verlag der Dieterichschen Buch-
handlung.
Jonas, K. J., & Brandstätter, V. (2004). Zivilcourage – Definitio-
nen, Befunde und Maßnahmen. Zeitschrift für Sozialpsy-
chologie, 35, 185–200.
Luxen, M. F., & van de Vijver, F. J. R. (2006). Facial attractiveness,
and personnel selection: when evolved preferences mat-
ter. Journal of Organizational Behavior 27, 241–255.
Laplanche, J., & Pontalis, J.-B. (1984). Das Vokabular der Psycho-
analyse. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Murphy, K. R., Jako, R. A., & Anhalt, R. L. (1993). Nature and
consequences of halo error: A critical analysis. Journal of
Applied Psychology 78, 218–225.
Osswald, S., Greitemeyer, T., Fischer, P., & Frey, D. (2010). What
is moral courage? Definition, explication, and classifica-
tion of a complex construct. In: C. L. S. Pury, & S. J. Lopez
(Hrsg.), The psychology of courage: Modern research on an
9 ancient virtue (S. 149–164). Washington, DC: American
Psychological Association.
Sander, U. (2014). Jugend und Jugendlichkeit als Identitäts-
kern moderner Gesellschaften. In: Hagedorn, J. (Hrsg.),
Jugend, Schule und Identität (S. 29–33). Wiesbaden: Sprin-
ger VS.
Schmidt, R. B. (2014). Schule als Ort sexueller Sozialisation.
In: Hagedorn, J. (Hrsg.), Jugend, Schule und Identität
(S. 249–264). Wiesbaden: Springer VS.
Solschenizyn A (1970) Dankesrede zur Entgegennahme des
Nobelpreises für Literatur, 10. Dezember 1970. http://
www.nobelprize.org/nobel_prizes/literature/laurea-
tes/1970/solzhenitsyn-lecture.html. Zugegriffen: 20.
November 2016.
Thorndike, E. L. (1920). A constant error in psychological
ratings. Journal of Applied Psychology 4, 25–29.
69 10

Rotkäppchen von den


Gebrüdern Grimm (1812)
Sabine Weber

10.1 Inhalt des Märchens – 70

10.2 Die Charaktere – 70

10.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 71


10.3.1 Dramadreieck – 71
10.3.2 Versprechen – 72
10.3.3 Vertrauen – 73
10.3.4 Prosoziales Verhalten – 74

10.4 Bedeutung für die heutige Zeit – 74

10.5 Fazit – 75

Literaturverzeichnis – 75

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_10
70 Kapitel 10 · Rotkäppchen von den Gebrüdern Grimm (1812)

10.1 Inhalt des Märchens besser fressen kann!“ Und das Mädchen wurde sogleich
vom bösen Wolf verschlungen.
Es war einmal ein kleines, süßes Mädchen namens Wie der Wolf sein Gelüsten gestillt hatte, legte
Rotkäppchen, das von ihrer Mutter zur erkrankten er sich wieder ins Bett der Großmutter, um sich aus-
Großmutter geschickt wurde, um ihr Kuchen und zuruhen. Ein Jäger, der aufgrund des lauten Schnar-
Wein zu bringen. Dabei ermahnte die Mutter das chens der Großmutter besorgt war, fand den Wolf
Kind, nicht vom Weg abzukommen, was Rotkäpp- im Bett der alten Dame, schnitt ihm den Bauch auf
chen ihr versprach. und rettete Rotkäppchen und ihre Großmutter. Diese
Auf ihrem Weg durch den Wald begegnete ihr füllten den Bauch des Wolfes daraufhin mit schwe-
der böse Wolf, dem sie sogleich von ihrem Vorhaben ren Steinen. Solchermaßen beschwert verendete der
erzählte und den Weg zur Großmutter schilderte. Um Wolf, alle frohlockten und Rotkäppchen versprach,
seinen hinterlistigen Plan, die Großmutter zusam- nie wieder vom Weg abzukommen.
men mit Rotkäppchen zu verschlingen, umzusetzen, Es wird erzählt, dass ihr einst erneut ein Wolf
überredete der Wolf das Mädchen, ihrer Großmut- entgegenkam. Rotkäppchen ging daraufhin jedoch
ter einen Blumenstrauß zu pflücken. Während diese auf direktem Wege zur Großmutter, mit der sie einen
im Wald nach den schönsten Blumen suchte, eilte der Plan ausheckte, um den Wolf an seinem Vorhaben,
Wolf zum Haus der Großmutter und verschlang die alte das Mädchen zu fressen, zu hindern. Schließlich
Frau. Anschließend kleidete er sich mit ihren Kleidern, ertrank der böse Wolf, und das Kind ging fröhlich
legte sich in ihr Bett und wartete auf das junge, zarte und vergnügt nach Hause.
Mädchen. Als das Kind am Haus ankam, wunderte es (Grimm u. Grimm 1812; . Abb. 10.1)
sich über das Aussehen der Großmutter: „Ei, Groß-
mutter, was hast du für große Ohren?“ – „Dass ich dich
10.2 Die Charaktere
10 besser hören kann!“ „Ei, Großmutter, was hast du für
große Augen?“ – „Dass ich dich besser sehen kann!“ „Ei,
Großmutter, was hast du für große Hände?“ – „Dass ich Nachdem der Inhalt des Märchens nun präsent
dich besser packen kann!“ „Aber, Großmutter, was hast ist, soll im Folgenden ein Blick auf die Charak-
du für ein entsetzlich großes Maul?“ – „Dass ich dich tere geworfen werden, deren Einstellungen und

. Abb. 10.1  (Zeichnung: Claudia


Styrsky)
10.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
71 10
Verhaltensweisen als Grundlage der psychologischen den beiden verschlungen Opfern nicht zu schaden,
Analyse dienen. sondern schneidet ihm den Bauch auf und rettet so
Die Mutter nimmt eine Nebenrolle ein, da sie Rotkäppchen und die Großmutter.
lediglich zu Beginn der Geschichte erwähnt wird.
Fürsorglich und besorgt bittet sie Rotkäppchen, der
kranken Oma Gaben zur Genesung zu bringen. Aus 10.3 Psychologische Phänomene und
der Ermahnung, nicht vom Weg abzukommen, ist Implikationen
bereits zu erkennen, dass sie stets in Sorge um ihr
Kind ist. Basierend auf der Charakterisierung der Akteure
Über die kranke Großmutter wird nur berichtet, sollen nun deren Einstellungen und Verhalten
dass sie in einem Haus im Wald lebt und auf Unter- unter psychologischen Gesichtspunkten betrachtet
stützung der Familie angewiesen ist. Ihre Krankheit werden. Eine Auswahl der im Märchen vorkommen-
ist der Auslöser dafür, dass sich das Mädchen auf den den Phänomene der Psychologie wird nachfolgend
Weg in den Wald begibt. dargestellt.
Im Zentrum des Märchens steht Rotkäppchen.
Dieses wird klischeehaft und den geltenden Ste-
reotypen entsprechend als kleines, süßes, höfliches 10.3.1 Dramadreieck
Mädchen beschrieben. Ihr naives und vertrauensseli-
ges Verhalten bietet Angriffsfläche für das „Böse“ der Das Dramadreieck ist ein von Karpman (1968) ent-
Geschichte, bringt sich und die Großmutter in große wickeltes psychologisches und soziales Modell der
Gefahr und trägt zur Dramatik des Märchens bei. Als Transaktionsanalyse. Diese Theorie der Persönlich-
sie dem Wolf im Wald begegnet, erkennt sie seine List keit (Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich, Kind-Ich) und
und Bösartigkeit nicht und vertraut ihm bedenken- Richtung der Psychotherapie zielt darauf ab, sowohl
los alle Details, die er für seinen hinterlistigen Plan die Entwicklung als auch die Veränderungen der Per-
benötigt, an. Aufgrund ihrer Gutgläubigkeit lässt sie sönlichkeit zu fördern. Genauer ist die Transaktions-
sich von ihm vom Weg abbringen, um Blumen für analyse durch einen qualifizierten Umgang mit der
die Großmutter zu pflücken. Dadurch bricht sie ihr Gestaltung von Wirklichkeiten durch Kommunika-
Versprechen gegenüber der Mutter und verliert ihr tion definiert, bei dem Beziehungsaspekte und die
eigentliches Ziel aus den Augen. Gestaltung von Begegnungen im Vordergrund steht.
Der Wolf spiegelt das Böse im Märchen wider. Als Das Dramadreieck beschreibt ein grundlegen-
dieser Rotkäppchen trifft, wittert er die Chance auf des, in vielen Märchen enthaltenes Beziehungsmus-
leichte Beute. Von Gier getrieben fragt er das Kind ter zwischen mindestens zwei Personen, die darin
gezielt aus und kann anhand ihrer ausführlichen die Rollen des Opfers, Verfolgers und Retters sowie
Erzählungen einen hinterlistigen Plan schmieden: Er die damit verbundenen Verhaltensweisen einneh-
will Rotkäppchen vom Weg ablenken, sich dadurch men. Mit diesem lassen sich Problemsituationen gut
Zeit verschaffen, sodass er nicht nur die alte Groß- beschreiben. Immer wenn jemand Schwierigkeiten
mutter, sondern auch das Kind fressen kann. Dabei hat, können wir beobachten, dass er und meist auch
nutzt der gerissene, böse Wolf Rotkäppchens Nai- die anderen an der Situation Beteiligten eine Rolle
vität schamlos aus und täuscht das Mädchen durch im Dramadreieck einnehmen.
sein Vorgehen. Die Opferrolle geht meist mit Hilflosigkeit,
Der starke Jäger als positiver Gegenpol des Mär- Fehlern sowie ungeschickten Handlungen einher,
chens tritt als Retter und Verteidiger auf, als er durch sodass andere besorgt um das Opfer sind. Finanzielle
seine hohe Sensitivität und Aufmerksamkeit das Nöte, Verlust des Arbeitsplatzes, Betrug, ungerechte
laute Schnarchen im Haus der Großmutter bemerkt. Behandlung – all dies sind Situationen, in denen Per-
Um das Befinden der alten Dame besorgt, betritt er sonen in die Rolle des Opfers schlüpfen. Als Opfer
das Haus und findet den Wolf schlafend im Bett vor. fragt man sich häufig: Wieso passiert das immer mir?
Auch in der Notsituation handelt er umsichtig und Kennen auch Sie Personen, die häufig die Opferrolle
bedacht: Er erschießt den Wolf nicht sofort, um einnehmen?
72 Kapitel 10 · Rotkäppchen von den Gebrüdern Grimm (1812)

Gegenpolig dazu ist die Rolle des Verfolgers, der diese Reziprozität zu zeigen. Durch Versprechen
andere Personen unterdrückt, einengt oder gar ver- werden jedoch auch Erwartungen geweckt. For-
letzt. Charakteristisch für diese Rolle ist ein übertrie- schungsbefunde zeigen, dass eingehaltene Verspre-
bener Sinn für Recht, Ordnung und Machtausübung, chen zwar positive Effekte auf Beziehungen haben,
welcher auch durchgesetzt wird. Wo aber findet man z. B. wird Vertrauen gestärkt, aber auch zu Distan-
die Verfolgerrolle? Besonders in hierarchisch struk- zierung und Vertrauensverlust führen können, wenn
turierten Institutionen tritt diese häufig auf, da sich diese nicht eingehalten werden (Peetz u. Kammrath
hier viele Möglichkeiten bieten, die Rolle auszuleben. 2011). Wir sehen, dass uns Versprechen prägen und
Die dritte Rolle des Retters wird von prosozialem deren Einhaltung Auskunft über die Zuverlässig-
Verhalten begleitet. Retter leiden sozusagen am „Hel- keit von Personen gibt. Versprechen haben also die
fersyndrom“, sie sehen überall potenzielle Opfer, die Macht, Beziehungen zu verändern, abhängig davon,
gerettet werden müssen. Kennen Sie Personen, die wie viel versprochen und wie viel davon auch ein-
sich diese Rolle zur Aufgabe gemacht haben? Denkt gehalten wird.
man an überfürsorgliche Mütter oder Ärzte, so gibt Wodurch werden diese Faktoren determiniert?
es sicherlich Personen, die sich tendenziell stärker Forscher haben herausgefunden, dass Personen, die
mit dieser Rolle identifizieren (Friedmann u. Fritz positivere Gefühle über ihre Beziehung empfinden,
2015). tendenziell mehr versprechen. Zudem konnte gezeigt
In unserem Märchen findet sich das Dramadrei- werden, dass Versprechen eher gebrochen werden,
eck ganz deutlich wieder. Großmutter und Rotkäpp- wenn man geringe Selbstregulationsfähigkeiten
chen spielen die Opferrolle, der böse Wolf ist der Ver- besitzt (Peetz u. Kammrath 2011).
folger und der Jäger schlüpft in die Retterrolle. Am Auch Rotkäppchen legt im Märchen ein Verspre-
Wendepunkt des Märchens verändern sich spannen- chen ab. Sie beteuert gegenüber ihrer Mutter, dass sie
10 derweise die Rollen, als sich Rotkäppchen, der Jäger sittsam zur Großmutter laufen und nicht vom Weg
sowie die Großmutter zusammenschließen und zu abkommen werde. Als sie jedoch den Wolf trifft, lässt
Verfolgern werden. Sie stopfen dem Wolf Steine in sie sich von ihm überzeugen, Blumen für die Oma
den Bauch und bringen ihn so zu Tode. Der böse zu pflücken. Dabei kommt sie vom Weg ab, ohne
Wolf wird dadurch am Ende des Märchens zum das zuvor gegebene Versprechen zu berücksichti-
Opfer, die Dramatik wird aufgelöst – das Gute siegt gen. Das Mädchen handelt demnach leichtsinnig
gegen das Böse. und naiv, scheint kein schlechtes Gewissen bezüg-
lich des gebrochenen Versprechens zu haben. Sind
es mangelnde Selbstregulationsfähigkeiten, die sie
10.3.2 Versprechen daran hindern, ihr Versprechen zu halten? Man darf
nicht vergessen, dass Rotkäppchen noch ein Kind ist.
Ein weiteres Phänomen, das im Märchen auftaucht, Kann man ihr also einen Vorwurf machen? Oder hat
ist das Versprechen. „Versprochen ist versprochen die Mutter womöglich die Gefahr zu wenig betont, zu
und wird auch nicht gebrochen“, diesen Spruch viel verlangt und Rotkäppchen Verantwortung aufge-
kennen bereits Kinder. Aber warum fällt es uns Men- bürdet, die sie überfordert hat? Vermutlich hätte sie
schen häufig so schwer, zu unserem Wort zu stehen ihre Bitte stärker forcieren, das Kind vor dem bösen
und Versprechen einzuhalten? Wolf warnen und die Konsequenzen, die aus der
Versprechen sind Teil unseres alltäglichen Abweichung vom Weg resultieren können, stärker
Lebens: Wir versprechen oft kleine Dinge, z. B. öfter verdeutlichen müssen.
im Haushalt zu helfen oder aber auch große, lebens-
verändernde Dinge, beispielsweise mit dem Rauchen
aufzuhören. Implikationen für die Erziehung
Generell lässt sich sagen, dass die Qualität von Das Märchen spiegelt die Bedeutung von Verspre-
Beziehungen u. a. vom gegenseitigen Entgegenkom- chen wider. Sicherlich ist Rotkäppchens gebrochenes
men (Reziprozität) abhängt. Versprechen zu geben Versprechen weniger schlimm, als wenn man z. B.
und diese auch einzuhalten, ist eine wichtige Art, jemandem Hilfe verspricht und diese dann nicht
10.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
73 10
leistet. Jedoch hatte es für das Kind negative Folgen, Was bedeutet es jedoch für uns, wenn wir ver-
dass sie sich nicht an das Versprechen gehalten hat. trauen? Es wurde herausgefunden, dass Vertrauen
Denn dadurch hat sie sich und ihre Großmutter in Intimität und die Bereitschaft zu vergeben begüns-
eine gefährliche Lage gebracht. tigt. Zudem konnten positive Effekte auf die Gesund-
Auch die Forschung zeigt, dass zahlreiche nega- heit nachgewiesen werden. Beispielsweise werden
tive Konsequenzen aus gebrochenen Versprechen negative Auswirkungen von Stress durch Vertrauen
resultieren. Daher sollte bereits in der Erziehung reduziert. Auch in der Arbeitswelt zeigen sich güns-
darauf geachtet werden, Kindern zu vermitteln, wie tige Folgen von Vertrauen (z. B. erhöhte Arbeitszu-
wichtig Versprechen und deren Einhaltung sind. friedenheit, Leistung; Neser 2016). Dennoch sind
Jedoch sollten auch wir, liebe Leser, uns immer auch schädliche Effekte denkbar. Werden blind ver-
wieder selbst daran erinnern. Denn versprochen ist trauende Personen (z. B. Rotkäppchen) besonders
nun mal versprochen und sollte auch nicht gebro- häufig ausgenutzt, hintergangen und betrogen?
chen werden! Nur selten werden solche negativen Konsequenzen
untersucht.
Generell kann man sagen, dass Vertrauen als
10.3.3 Vertrauen Mechanismus zur Reduktion von Komplexität
dient und so unseren Alltag vereinfacht und Über-
Ein Phänomen, das in engem Zusammenhang mit forderung verhindert. Vertrauensvolle Erwartun-
Versprechen steht, ist das Vertrauen. Denn Vertrauen gen ermöglichen uns zudem einen optimistischen
spiegelt die Erwartungshaltung von Individuen oder Blick in die Zukunft und ein Gefühl von Sicherheit,
Gruppen wider, dass man sich auf das Wort, Ver- wodurch Vertrauen als adaptive Strategie erscheint.
sprechen und Äußerungen von anderen verlassen Rotkäppchens Verhalten ist durch Vertrauen
kann (Neser 2016). Es stellt zudem die Grundlage für gekennzeichnet. Sie vertraut ihren Mitmenschen
soziale Ordnung dar und dient sozusagen als soziales blind, insbesondere auch dem bösen Wolf, dem sie
Schmieröl, das Transaktionen ermöglicht. Als wich- vollkommen naiv ihr Vorhaben schildert und sich so
tige Voraussetzung für Kooperation und Basis für in Gefahr bringt. Als der Wolf vorgibt, die Großmut-
die Stabilität von sozialen Institutionen und Märkten ter zu sein, lässt sie sich trotz anfänglicher Verwun-
nimmt es einen hohen Stellenwert für unser soziales derung über das Aussehen der Großmutter täuschen.
Miteinander ein (Graupmann et al. 2011).
Vertrauen enthält eine kognitive (positive Erwar-
tungshaltung), affektive (emotionale Bindung) sowie Implikationen für die Lebensgestaltung
Verhaltensdimension (konkretes Handeln). In der und Erziehung
Literatur werden verschiedene Formen von Ver- Durch Rotkäppchens vertrauensvolles Verhalten
trauen diskutiert: resultieren negative Konsequenzen für das Kind.
44Interpersonelles Vertrauen (Mitmenschen) Soll unser Verhalten jedoch nur durch Misstrauen
44Systemvertrauen (politische Systeme, geprägt sein? Vertrauen ist ein zentraler Wert in
Wirtschaft) unserer Gesellschaft und grundsätzlich als positiv
44Selbstvertrauen (eigene Fähigkeiten) und erstrebenswert zu erachten.
Allerdings sollte dieses Vertrauen in Maßen
Für unser Märchen ist das interpersonelle Vertrauen sein getreu dem Motto: „Vertrauen ist gut, Kon-
relevant. trolle ist besser.“ Vertrauen kann eben – wie im
Wovon hängt es aber nun ab, ob wir vertrauen Fall von Rotkäppchen – leicht missbraucht werden.
oder misstrauen? Die Forschung zeigt, dass das Ver- Daher sollte man nicht blind vertrauen. Ein gesun-
trauen in andere umso größer ist, je ähnlicher einem des Maß an Vorsicht und Kontrolle ist stets ratsam.
die Person ist und wenn das Gegenüber ein Mitglied Folgende Fragen können dabei Hilfestellung geben:
der eigenen Gruppe ist. Außerdem wurde ein sog. Welche Gründe hat der andere, mein Vertrauen
Reziprozitätsprinzip nachgewiesen, d. h. Vertrauen auszunutzen? Hat mich die Person schon einmal
kann Vertrauen schaffen (Neser 2016). enttäuscht?
74 Kapitel 10 · Rotkäppchen von den Gebrüdern Grimm (1812)

Bereits unseren Kindern sollte früh beigebracht prosozial, da es der Großmutter Gaben zur Genesung
werden, nicht jedem zu vertrauen und wachsam bringt. Besonders das Handeln des Jägers ist positiv
durch die Welt zu gehen. Dennoch ist zu betonen, hervorzuheben. Dieser setzt sich für die beiden Opfer
dass Vertrauen grundsätzlich gut ist, da hieraus ein, als diese in Not sind. Der Jäger zeigt eine hohe
beträchtliche positive Konsequenzen folgen. Sensitivität für die Entdeckung von Notfällen, inter-
pretiert die Situation richtig und übernimmt Verant-
wortung. Er meistert auch die letzten Hürden und
10.3.4 Prosoziales Verhalten weiß, wie er am besten helfen kann und zeigt letzt-
lich tatsächliches Hilfeverhalten.
Prosoziales Verhalten sind freiwillige Handlungen,
die darauf abzielen, einem oder mehreren Menschen
etwas Gutes zu tun, z. B. jemandem zu helfen, einen Implikationen für die Lebensgestaltung
Gefallen zu tun oder etwas zu spenden etc. (Graup- Aus dem prosozialen Verhalten der Akteure können
mann et al. 2011). Dabei unterscheidet man zwischen wir vieles lernen. In unserer Gesellschaft, die vom
einer egoistischen und altruistischen Motivation demografischen Wandel gekennzeichnet ist, wird
von prosozialem Verhalten. Altruistische Motiva- es immer wichtiger, dass wir Verantwortung für die
tion bedeutet, dass unterstützendes Verhalten durch ältere Generation übernehmen. Denn es sollte nicht
Mitgefühl und Perspektivenübernahme motiviert ist, vergessen werden, dass wir von allem profitieren,
wohingegen egoistische Motivation auf Gegenseitig- was diese nicht zuletzt für uns aufgebaut hat. Unser
keit von Hilfe basiert (Bierhoff et al. 2011). prosoziales Handeln sollte jedoch nicht nur Älteren
Was beeinflusst jedoch unsere Entscheidung, gelten. Bei all der Ungerechtigkeit und dem Leid in
prosozial zu handeln? Latané und Darley (1970) unserer heutigen Welt ist es bedeutsam, ungerecht
10 haben herausgefunden, dass der Entscheidungspro- behandelten, benachteiligten Personen zur Hilfe zu
zess zur Hilfe oder Nichthilfe in fünf Schritte bzw. kommen. Dies sollte eine Selbstverständlichkeit sein.
Hürden untergliedert werden kann:
1. Wahrnehmung der Situation: Ablenkung und
Zeitdruck verringern dabei die Wahrschein- 10.4 Bedeutung für die heutige Zeit
lichkeit, dass die Hilfesituation bemerkt wird.
2. Interpretation der Situation: Handelt es Sicherlich haben Sie sich gefragt, inwiefern das jahr-
sich um einen Notfall? Benötigt die Person hundertealte Märchen heutzutage überhaupt noch
tatsächlich Hilfe? Aufgrund von Unsicherheit relevant ist. Wie die Analyse zeigt, sind die psycholo-
verhalten sich viele Helfer häufig passiv. gischen Phänomene und Verhaltensweisen der Cha-
3. Übernahme persönlicher Verantwortung: raktere weiterhin aktuell.
Ist man bereit dazu, Verantwortung zu
übernehmen? » Ich sage ‚Wolf‘, aber es gibt da verschiedene
4. Einschätzung der Fähigkeit zum Helfen: Arten von Wölfen. Da gibt es solche, die auf
Weiß man, was man tun soll? Ist man fähig, zu charmante, ruhige, höfliche, bescheidene,
helfen? Häufig mindert Bewertungsangst die gefällige und herzliche Art jungen Frauen zu
Hilfsbereitschaft der potenziellen Helfer. Hause und auf der Straße hinterherlaufen.
5. Entscheidung zum Hilfeverhalten/tatsäch- Und unglückseligerweise sind es gerade die
liche Ausführung: Entscheidend sind hierbei Wölfe, welche die gefährlichsten von allen
subjektive Kosten der Hilfe. Vor- und Nachteile sind. (Perrault, zitiert in Lang 1885, S. 53,
werden abgewogen und schließlich wird Übersetzung der Autorin)
entsprechend der Kosten-Nutzen-Bilanz
gehandelt. Was ist in unserer Gesellschaft noch vertrauensvoll
und wo müssen auch wir besonders wachsam sein?
Im Märchen zeigen sowohl Rotkäppchen als auch Auch heute können vielerlei Arten von Wölfen ent-
der Jäger prosoziales Verhalten. Das Kind handelt deckt werden. Denken Sie an abzockende Banken,
Literaturverzeichnis
75 10
leere Versprechen der Politiker, unrealistische Damen, sollten niemals mit Fremden reden, da sie
Zusagen der Werbung, Abhörskandale. List, Trick- in diesem Fall sehr wohl die Mahlzeit für einen Wolf
serei, egoistische Vorteilsnahme – das „Böse“ beglei- abgeben könnten.“
tet unseren Alltag. Daher ist es umso wichtiger, auf- Das Märchen mit seinen Charakteren und Hand-
merksam durch die Welt zu gehen und sich nicht auf lungen hat bis heute wenig an Faszination einge-
naive Art von Wölfen der Umgebung täuschen zu büßt und illustriert wunderbar die Bedeutung von
lassen. Versprechen, Vertrauen und prosozialem Verhal-
Angesichts der zunehmenden Probleme der glo- ten, auf denen sich nicht nur unsere persönlichen
balen Welt erscheint es immer bedeutender, Verant- Beziehungen, sondern die der gesamten Gesellschaft
wortung in der Gesellschaft zu übernehmen und begründen.
prosozial zu handeln. Gerade schwächere, ältere,
benachteiligte Personen müssen unterstützt werden,
um das Allgemeinwohl zu erhöhen. Leider findet Literaturverzeichnis
eine ausgleichende Gerechtigkeit wie im Märchen in
Barchilon, J. (1956). Perrault's Tales of Mother Goose: The dedi-
der Realität oft nicht statt. Daher liegt es an uns Ein- cation manuscript of 1695 reproduced in collotype facsimile
zelnen, Ungerechtigkeiten und Missstände zu erken- with introduction and critical text. New York: Pierpont
nen und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Morgan Library.
Auf persönlicher Ebene hat Vertrauen als ele- Bierhoff, H. W., Rohmann, E., & Frey, D. (2011). Positive Psycho-
mentarer Bestandteil von Beziehungen einen hohen logie: Glück, Prosoziales Verhalten, Verzeihen, Solidarität,
Bindung, Freundschaft. In: D. Frey, & H. W. Bierhoff (Hrsg.),
Stellenwert: Wurde Ihr Vertrauen schon einmal miss- Sozialpsychologie – Interaktion und Gruppe (S. 84–105).
braucht, haben Sie selbst Versprechen gebrochen? Göttingen: Hogrefe.
Jeder kennt wohl das Gefühl, vom Weg abgekommen Friedmann, D., & Fritz, K. (2015). Denken. Fühlen. Handeln (6.
zu sein und dabei sein Ziel aus den Augen verloren Aufl.). Wiesbaden: Springer Fachmedien.
zu haben. Ist dies der Fall, stellt man sich danach oft Graupmann, V., Osswald, S., Frey, D., Streicher, B., & Bierhoff, H.
W. (2011). Positive Psychologie: Zivilcourage, soziale Ver-
die Frage, was uns dieser Irrweg gebracht haben mag antwortung, Fairness, Optimismus, Vertrauen. In: D. Frey,
und was wir daraus lernen. Würde Rotkäppchen es & H. W. Bierhoff (Hrsg.), Sozialpsychologie – Interaktion und
nun anders machen? Am Ende des Märchens erfah- Gruppe (S. 108–129). Göttingen: Hogrefe.
ren wir, dass ihr erneut ein Wolf begegnete, sie sich Grimm, J., & Grimm, W. (2001). Rotkäppchen. In: H. Rölleke
(Hrsg.), Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen: Gesamt-
jedoch auf direktem Wege zur Großmutter begab
ausgabe in 3 Bänden mit den Originalanmerkungen der
und so der Gefahr entrann. An der Fortsetzung Brüder Grimm. Ditzingen: Reclam.
des Märchens erkennt man also, dass sie aus ihren Karpman, S. (1968). Fairy tales and script drama analysis. Trans-
Fehlern gelernt hat. Fehler und Irrtum ist mensch- actional Analysis Bulletin 7, 39–43.
lich – wichtig ist jedoch, dass man daraus lernt und Lang, A. (1885). The blue fairy book. London: Longmans,
Green & Co.
die Weichen künftig anders stellen kann.
Latané, B., & Darley, J. M., (1970). The unresponsive bystander:
Why doesn’t he help? New York: Appleton-Century-Crofts.
Neser, S. (2016). Vertrauen. In: D. Frey (Hrsg.), Psychologie der
10.5 Fazit Werte: Von Achtsamkeit bis Zivilcourage-Basiswissen aus
Psychologie und Philosophie (S. 255–268). Berlin, Heidel-
berg: Springer.
Rotkäppchen als eine der bekanntesten Geschich-
Peetz, J., & Kammrath, L. (2011). Only because I love you: Why
ten Europas zählt zu den am häufigsten bearbeiteten, people make and why they break promises in romantic
interpretierten und parodierten Märchen. Es inspi- relationships. Journal of Personality and Social Psychology
riert bis heute zahlreiche Dramen, Opern, Werke der 100, 887–904.
bildenden Kunst sowie Werbekampagnen, in denen
sowohl Rotkäppchen als auch der böse Wolf beliebte
Charaktere darstellen. Erste literarische Fassungen
stammen bereits von Charles Perrault aus dem Jahr
1695. Damals lautete die Moral von der Geschichte:
„Kinder, insbesondere attraktive, wohlerzogene
77 11

Vom Fischer und seiner Frau


von den Gebrüdern Grimm
(1812)
Natalie Hartung und Katharina Pfaffinger

11.1 Inhalt des Märchens – 78

11.2 Die Charaktere – 79

11.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für


die heutige Zeit – 79
11.3.1 Partnerschaft – 79
11.3.2 Auffälligkeiten im Verhalten der Fischersfrau – 81
11.3.3 Lebenszufriedenheit und Glücksempfinden – 82

11.4 Fazit – 83

Literaturverzeichnis – 83

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_11
78 Kapitel 11 · Vom Fischer und seiner Frau von den Gebrüdern Grimm (1812)

11.1 Inhalt des Märchens bitten zu müssen, aber er möchte sich auch nicht
gegen seine Frau stellen. Also geht er erneut zum
Im Märchen vom Fischer und seiner Frau geht es um Meer, das nun violett und grau ist, ruft den Butt und
ein Ehepaar, das in einer armseligen Hütte in Mee- erzählt ihm vom neuen Anliegen seiner Frau. Wieder
resnähe wohnt. Der Mann arbeitet als Fischer und zurück, steht die Frau vor einem Palast, der pracht-
fängt eines Tages im klaren, blauen Meer einen Butt, voll ausgestattet ist. Der Frau gefällt er sehr gut, und
der sich als verwunschener Prinz ausgibt und darum auch der Mann ist zufrieden und wünscht sich aber-
bittet, am Leben gelassen zu werden, was ihm der mals, dass ihr Leben nun so bleiben möge. Seine Frau
Mann erfüllt. Als der Fischer nach Hause kommt, ist jedoch immer schneller unzufrieden und überlegt
ist seine Frau verwundert, warum er sich nicht als ständig, was sie als nächstes haben oder sein möchte.
Gegenleistung für die Freilassung etwas vom Butt Sie will in der Folge zunächst König, anschließend
gewünscht hat. Sie fordert ihn auf, den Butt um eine Kaiser, dann Papst und schließlich Gott sein. Auch
anständige Hütte zu bitten. Widerwillig lässt sich der wenn es dem Willen des Mannes widerspricht, geht
Mann darauf ein, geht an das nun grün gewordene er immer wieder zum Butt und trägt ihm die neuen
Meer und ruft den Butt mit den Worten: „Manntje, Wünsche seiner Frau vor. Er merkt dabei selbst, dass
Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See, myne diese immer unverschämter und maßloser werden.
Fru, de Ilsebill, will nich so, as ik wol will.“ Der Butt Auch das Meer verändert sich und wird zunehmend
kommt angeschwommen und der Fischer erzählt ihm dunkler, und das Wetter wird immer schlechter.
vom Wunsch seiner Frau. Mit den Worten: „Geh nur Nachdem der Butt einschließlich des Papstwun-
hin, sie hat sie schon“, fordert der Butt ihn auf, nach sches alle Begehren der Frau erfüllt hat und diese nun
Hause zu gehen, wo der Fischer eine neue Hütte mit Gott werden möchte, antwortet der Butt dem Fischer
kleinem Vorplatz und einer netten Kammer vorfindet. nur, dass seine Frau wieder in der alten Hütte sitzt, in
Beiden gefällt sie sehr, und der Fischer wünscht sich, der sie noch bis heute leben.
dass alles so bleibt und sie zufrieden leben können. (Grimm u. Grimm 2011; . Abb. 11.1)
Zwei Wochen später ist der Frau die Hütte zu
11 eng und sie möchte stattdessen ein Schloss. Dem Anmerkung  Das Märchen vom Fischer und seiner
Mann ist es unangenehm, den Butt wieder um etwas Frau gehört zu den Kinder- und Hausmärchen der

. Abb. 11.1  (Zeichnung: Claudia


Styrsky)
11.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
79 11
Brüder Grimm und wurde von Philipp Otto Runge die Gier der Frau bestraft wird, indem sie am Schluss
in vorpommerscher Mundart aufgeschrieben. alles wieder verliert.
Runge war ein deutscher Maler der Frühromantik.
Mit seiner Schrift Farben-Kugel, die sein eigens ent-
wickeltes dreidimensionales Farbsystem darstellt, 11.3 Psychologische Phänomene und
hat er einen entscheidenden Beitrag zur Kunst- Bedeutung für die heutige Zeit
theorie geleistet. Das Märchen gelangte über den
Schriftsteller Achim von Arnim, ebenfalls ein wich- Am Beispiel des Märchens „Vom Fischer und seiner
tiger Vertreter der Romantik, an die Brüder Grimm, Frau“ können interessante psychologische Phäno-
die das Märchen in die 1. Aufl. ihrer Kinder- und mene aufgezeigt werden, die in der Partnerschaft
Haus-Märchen aufnahmen, die 1812 herausgegeben sowie in Bezug auf die Lebenszufriedenheit und
wurde. das Glücksempfinden eine Rolle spielen. Daneben
widmet sich der 7 Abschn. 11.3.2 den Auffälligkeiten
des Verhaltens der Fischersfrau, greift also die klini-
11.2 Die Charaktere sche Psychologie auf.

Der Fischer ist ein bodenständiger und zufriedener


Mensch. Er beklagt sich nicht über die ärmlichen 11.3.1 Partnerschaft
Verhältnisse, in denen er mit seiner Frau zu Beginn
der Geschichte lebt. Nachdem er den verwunsche- Bis zum Ende des Märchens besteht die Partnerschaft
nen Butt fängt, lässt er ihn auf dessen Bitten wieder der Fischersleute trotz der Veränderungen und des
frei, woraus man auf seine Nächstenliebe schließen Verlustes fort. Die Frau sehnt sich nach Veränderun-
kann. Darüber hinaus mag er Veränderungen nicht gen und Verbesserungen in allen Lebensbereichen,
besonders. Ihm gefallen zwar die Verbesserungen der aber ihren Mann möchte sie behalten. Der Grund
Lebenssituation, aber er äußert immer wieder den könnte sein, dass er derjenige ist, der die Erfüllung
Wunsch, dass alles so bleibt, wie es jetzt ist. ihrer Wünsche erst ermöglicht. Dagegen spricht aber,
Die Fischersfrau wird im Märchen als Gegen- dass sie auch nach dem Verlust der Errungenschaften
pol zu ihrem Mann dargestellt. Sie ist machtgierig, zusammenbleiben.
schnell unzufrieden, maßlos und lässt gerne andere
Leute für sich arbeiten. Eigentlich profitiert aus-
schließlich sie von der Wunscherfüllung durch den Einfluss, Macht und Respekt
Butt, obwohl nicht sie, sondern nur ihr Mann etwas Dass in einer Partnerschaft immer Beeinflussung
dafür getan hat. Sie unterdrückt ihren Mann und stattfindet, liegt auf der Hand. Der eigene Partner ist
bringt ihn dazu, den Butt immer wieder um etwas zumeist die erste Person, der man wichtige Ereignisse
zu bitten, sogar gegen dessen Willen, woraus man auf erzählt, mit der man Entscheidungen diskutiert und
ein starkes Machtmotiv schließen kann. Mit ihrem an deren Meinung man besonders interessiert ist.
zunehmenden Reichtum und der größer werdenden In der Geschichte lässt sich gut erkennen, wie
Macht fokussiert sie sich immer stärker darauf, noch weit Beeinflussung in einer Beziehung gehen kann.
mehr haben zu wollen. Die Fischersfrau wird nie selbst aktiv, sondern bringt
Der Butt spielt im Märchen eine Schlüsselrolle, ihren Mann durch ihre Forderungen dazu, für sie
da er durch seine magischen Fähigkeiten in der Lage zu handeln. Der Fischer tut Dinge, die er gar nicht
ist, die Wünsche der Frau zu erfüllen. Nachdem er will, weil seine Frau es von ihm verlangt. Diese stark
vom Fischer geangelt und freigelassen wurde, erzählt einseitige Beeinflussung führt zu einem großen
dieser ihm von den Wünschen seiner Frau. Der Butt Machtgefälle. Mit der Aussage: „Du bist bloß mein
erfüllt diese ohne jeden Kommentar. Nur die Verän- Mann und ich bin Kaiser“, stellt die Frau klar, wie sie
derungen des Wassers und des Wetters könnten auf sich und ihren Mann in der Beziehung sieht. So ein
seine zunehmende Wut über die Maßlosigkeit der Ungleichgewicht gilt es, in einer Paarbeziehung zu
Frau hindeuten. Letztlich sorgt der Butt dafür, dass vermeiden, damit jeder Partner sein Bedürfnis nach
80 Kapitel 11 · Vom Fischer und seiner Frau von den Gebrüdern Grimm (1812)

Selbstwirksamkeit und Wertschätzung erfüllt sehen Gegenübers die spätere Bereitschaft der Versuchs-
kann. person, vom Gegenüber ein Los zu kaufen, verstärkt
Ein spannendes Phänomen im Zusammen- wird. Reziprozität kann nach Gouldner (1960) als
hang mit dem ungleich verteilten Einfluss in der soziale Norm gesehen werden, die die soziale Stabi-
Beziehung des Fischers und seiner Frau beschreibt lität steigert. In dieser Funktion erleichtert Rezipro-
der Arzt Dr. Jobst Finke. Er benennt einen verbrei- zität den zwischenmenschlichen Umgang, insbeson-
teten Paarkonflikt, der entsteht, wenn Frauen in dere wenn man davon ausgeht, dass Personen, denen
einer Beziehung Zuwendung fehlt und sie deshalb man einen Gefallen tut und denen gegenüber man
all ihr Begehren auf materielle Besitztümer verla- sich freundlich verhält, sich im Regelfall auch einem
gern (Finke 2013). Selbstverständlich kann dieses selbst gegenüber so verhalten.
Phänomen nicht 1:1 auf die Ehe des Fischers und Die Fischersfrau scheint das Reziprozitätsprin-
seiner Frau übertragen werden, denn es wäre speku- zip in ihrer Ehe sehr einseitig auszulegen, was dem
lativ, zu behaupten, dass der Fischer seiner Frau zu Sinn des Prinzips widerspricht. Wie selbstverständ-
Beginn wenig Zuwendung entgegengebracht hätte. lich geht sie davon aus, dass der Fisch ihrem Mann als
Dennoch passt das starke Verlangen der Fischersfrau Gegenleistung für die Freilassung etwas „schuldet“
nach immer mehr Reichtum und Macht gut zu der und ihm daher etwas zurückgeben muss. Es entwi-
von Finke beschriebenen Situation. ckelt sich ein zunehmendes Ungleichgewicht, da der
Auch Respekt ist zentral in jeder Art von Bezie- Fisch letztlich viel mehr einbringt, als es der Mann
hung, denn der Mensch hat ein ureigenes Verlangen mit der Freilassung getan hat. Insofern entspricht das
danach, von seinen Mitmenschen respektvoll behan- Ende des Märchens dem Reziprozitätsprinzip, da das
delt zu werden (Hansen 2008). Respekt bedeutet eine starke Ungleichgewicht durch den Verlust wieder
Grundhaltung, die die Würde des Gegenübers unab- ausgeglichen wird.
hängig vom gesellschaftlichen Status, der Herkunft,
des Geschlechts und sonstiger erdenklicher Merk-
male wahrt. Gehorsamkeit
11 Der Fischer wird weder von seiner Frau respek- Auch Gehorsamkeit spielt eine wichtige Rolle im
tiert noch fordert er den Respekt ein. Er scheint auch Märchen: Der Mann gehorcht seiner Frau und erfüllt
vor sich selbst keinen Respekt zu haben, was sich z. B. deren Anweisungen, obwohl sie seinem Willen
darin zeigt, dass er die Wünsche seiner Frau immer widersprechen. Doch warum zeigt der Mann diesen
wieder dem Butt vorträgt, obwohl es ihm selbst Gehorsam gegenüber seiner Frau? Unter welchen
zutiefst widerstrebt, diesen erneut zu belästigen. Bedingungen gehorchen Menschen allgemein? Mög-
Beziehungen sollten respektvoll gestaltet werden, liche Gründe des Fischers könnten seine Angst vor
auch in Bezug auf die eigenen Bedürfnisse. Jeder einer Bestrafung durch seine Frau sein, aber auch
von uns möchte schließlich mit Respekt behandelt sein eheliches Pflichtgefühl, die Wünsche seiner
werden, oder? Beginnen wir damit zuerst bei uns Frau zu erfüllen. Darüber hinaus könnte es auch die
selbst! Machtposition der Frau sein, die dazu führt, dass der
Mann ihr gehorchen muss.
Insbesondere der Gehorsam gegenüber Autori-
Reziprozität tätspersonen kann erschreckende Ausmaße anneh-
Unter Reziprozität versteht man das Bedürfnis men, wie Milgram (1963) in seinen Experimenten
von Personen, positive oder negative Handlungen zeigte. Er testete die Bereitschaft von Personen,
anderer Personen in gleicher Weise zu erwidern. Die autoritären Anweisungen zu folgen, auch wenn sie
Redewendung „Wie du mir, so ich dir“ könnte man ihrem Gewissen widersprechen. In einem Versuch
als umgangssprachlichen Ausdruck dieses Prinzips wurden die Versuchspersonen vom Versuchsleiter
auffassen. dazu aufgefordert, in ihrer zugewiesenen Rolle als
In einem Experiment konnte Regan (1971) „Lehrer“ einem „Schüler“ bei Fehlern immer stär-
zeigen, dass durch eine kleine Aufmerksamkeit des kere elektrische Schläge zu versetzen (Milgram
11.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
81 11
1963). Den Anweisungen des autoritären Versuchs- nach Eigenschaften, die sie bei sich selbst schätzen
leiters folgten immerhin 26 von 40 Versuchsperso- und auch von ihrem Partner erwarten.
nen bis zum Ende und gaben auch äußerst gefähr-
liche Schocks ab. z Prinzip der Ähnlichkeit
Auch Sie selbst können reflektieren, in welchen Viele Studien kommen zum Ergebnis, dass sich Men-
Situationen und gegenüber welchen Personen Sie schen in einer auf Dauer angelegten Beziehung eher
Gehorsam zeigen, ob das Ihrem eigenen Willen und Gemeinsamkeiten wünschen. Bei Online-Partner-
Gewissen widerspricht und inwiefern das überhaupt börsen zeigte sich der aktive Abgleich von Ähnlich-
gerechtfertigt ist. keiten als Voraussetzung für ein Kennenlernen, da
sich vor allem Kandidaten mit einer hohen Schnitt-
menge an Gemeinsamkeiten interessant fanden
Partnerwahl (Stüvel 2009). Beziehungen zwischen ähnlichen Part-
Eine intensive und aufregende Partnerschaft zwi- nern sind in der Regel konfliktfreier und beständiger
schen zwei eher unähnlichen Personen wird oft mit und funktionieren dann besonders gut, wenn sich die
der Feststellung „Gegensätze ziehen sich an“ kom- Partner in den Persönlichkeitseigenschaften Verträg-
mentiert. Andererseits gehört der Ausspruch „Gleich lichkeit, Gewissenhaftigkeit und Offenheit ähneln
und Gleich gesellt sich gern“ zu den weitverbreite- (Rammstedt u. Schupp 2008).
ten Bemerkungen im Zusammenhang mit Beziehun- Auch nach eingehender Betrachtung würde man
gen. Der Volksmund kennt also beide Konstellatio- den Fischer und seine Frau als eher gegensätzliche
nen von Paarbeziehungen, den Reiz des Neuen sowie Partner verstehen. Dass sie trotz aller Ungleichhei-
das Prinzip der Ähnlichkeit. ten bis zu ihrem Lebensende zusammenbleiben, mag
zum einen der Tatsache geschuldet sein, dass Bezie-
z Reiz des Neuen hungen damals weit weniger leichtfertig aufgegeben
In der Anfangsphase einer romantischen Beziehung wurden. Zum anderen trägt der Fischer durch sein
üben Gegensätze eine starke Anziehungskraft aus, unterwürfiges Verhalten dazu bei, Konflikte schnell
wobei Neues und Unbekanntes besonders reizvoll zu lösen und seine Frau zu besänftigen. Zudem ist er
sind. Entwickelt sich die Beziehung zu einer engeren in seiner Position, sich etwas vom Butt wünschen zu
Partnerschaft, bergen Unterschiede jedoch Konflikt- können, von großem Interesse für die Frau.
potenzial (Rammstedt u. Schupp 2008). Was sind Ihre Erfahrungen mit bzw. in Paarbe-
Aus evolutionsbiologischer Sicht macht die Wahl ziehungen? Sind Partnerschaften schöner, wenn sie
eines eher gegensätzlichen Partners durchaus Sinn, harmonisch sind und sich die Partner ähneln oder
denn zu ähnliche Partner verringern die Chance auf wenn sie einander ergänzen und durch ihre Unter-
gesunden Nachwuchs. Genetische Vielfalt hingegen schiedlichkeit herausfordern?
wirkt sich positiv auf die Gesundheit der Nachkom-
men aus (Junker u. Paul 2009).
Eine psychologische Theorie, die die Motivation 11.3.2 Auffälligkeiten im Verhalten der
zum Eingehen sozialer Beziehungen beschreibt, ist Fischersfrau
die soziale Austauschtheorie. Sie geht davon aus,
dass zwei Personen eine soziale Beziehung einge- Das ausgeprägte Streben der Fischersfrau nach
hen, wenn einer von beiden Ressourcen und Güter immer mehr Macht, mit der sie zuletzt das Aufge-
besitzt, die für den anderen begehrenswert sind und hen von Sonne, Mond und Sternen kontrollieren
dies auch umgekehrt der Fall ist (Thibaut u. Kelley will, die starke Einflussnahme auf ihren Mann und
1959). Man könnte die Theorie dahingehend erwei- die schnelle Unzufriedenheit könnten mit einer nar-
tern, dass Menschen bei potenziellen Partnern nach zisstischen Persönlichkeitsstörung in Zusammen-
begehrenswerten Eigenschaften suchen, und zwar hang stehen. Diese zeichnet sich durch übertrie-
sowohl nach ihnen fehlenden Eigenschaften, sie den bene Vergleiche mit anderen, ein starkes Bedürfnis
Partner also als Ergänzung wahrnehmen, als auch nach Bewunderung bei der Definition persönlicher
82 Kapitel 11 · Vom Fischer und seiner Frau von den Gebrüdern Grimm (1812)

Ziele sowie eine eingeschränkte Fähigkeit, die Emo- 11.3.3 Lebenszufriedenheit und
tionen anderer zu erkennen, aus. Betroffene Per- Glücksempfinden
sonen nutzen Beziehungen meist zur Regulation
ihres Selbstvertrauens aus und halten sich selbst für Wenn man von Glück spricht, werden von Peter-
weitaus besser als andere. Außerdem haben Betrof- son und Park (2006) drei Einschätzungsebenen
fene oft übersteigerte Ansprüche und handeln sehr unterschieden:
selbstbezogen (APA 2013). Obwohl man mit der 44Vergnügen, von kurzer Dauer
Diskussion und Vergabe psychiatrischer Diagnosen 44Eudämonie, ein längerfristiger Zustand, der
sehr vorsichtig sein muss und wir hier nur speku- häufig mit „Glückseligkeit“ übersetzt wird und
lieren können, weist das Verhalten der Fischersfrau sich durch das Gefühl auszeichnet, wirklich
interessante Parallelen zu typischen Handlungsmus- etwas bewegt zu haben
tern bei der narzisstischen Persönlichkeitsstörung 44Engagement/Flow, bei dem man vollkommen
auf. in seiner Arbeit aufgeht
In der Literatur wird das Selbstwertgefühl
als zentrales Thema im Zusammenhang mit der Alle Glücksformen wirken sich dabei auf die all-
narzisstischen Persönlichkeitsstörung diskutiert gemeine Lebenszufriedenheit aus, wobei Eudämo-
(Fiedler 2007). Obwohl der Selbstwert der betrof- nie und Engagement/Flow einen stärkeren Einfluss
fenen Personen auf den ersten Blick sehr hoch oder haben (Bierhoff et al. 2011).
sogar übersteigert wirkt, ist er oft sehr gering ausge- Der Fischer und seine Frau unterscheiden sich
prägt. Auch bei den Fischersleuten scheint die Frau darin, wovon ihr Glücksempfinden abhängt und
diejenige zu sein, die sich selbstsicher und unver- wie lange es anhält. Die Frau scheint ihr Glück
letzlich präsentiert, wohingegen sich der Fischer alleine durch materielle Aspekte zu definieren, und
nicht gegen sie durchsetzen kann. Innerhalb einer ihr Glücksempfinden ist eher von kurzer Dauer.
Beziehung ist der eigene Selbstwert auch abhängig Sie wünscht sich immer schneller Neues, kann
von dem des Partners, was man bei den Fischers- materielle Vorteile nicht nutzen und hat keine
11 leuten gut erkennt. Zeit, positive Erlebnisse damit zu generieren. Der
Es ist überdies interessant, dass in diesem Mann äußert im Gegensatz dazu immer wieder
Märchen – wie in vielen anderen auch – die Frau seine Zufriedenheit mit der aktuellen Situation
sehr schlecht wegkommt. Sie stellt die Maßlose und und macht deutlich, dass er keine weiteren mate-
Machtgierige dar. Selbstverständlich ist das nicht riellen Verbesserungen braucht. Möglicherweise
exemplarisch für alle Partnerschaften. Vielleicht definiert er sein Glück eher durch Erlebnisse und
handelt es sich vielmehr um ein Phänomen jener Situationen.
Zeit, in der Märchen entstanden und aufgeschrie- In empirischen Studien wurde untersucht, wie
ben wurden. Den Frauen wurde in der damaligen, sich materielle Käufe (z. B. eines Kleidungsstücks)
noch stark patriarchalisch geprägten Gesellschaft oft oder Erlebniskäufe (z. B. Urlaubsbuchung) auf das
die undankbare Rolle des Sündenbocks zugeschrie- Lebensglück und die Zufriedenheit auswirken. Gue-
ben. Heute werden Frauen in den Medien deutlich varra und Howell (2015) konnten zeigen, dass Erleb-
vorteilhafter gezeigt, weil sie große berufliche Erfolge niskäufe langfristig zu einem höheren Glücksemp-
feiern, sich für andere engagieren oder es schaffen, finden führen als materielle Käufe. Im Rahmen des
die vielfältigen Herausforderungen als berufstätige Consumer-Experience-Modells wurde postuliert,
Mutter und Ehefrau zu meistern. In unserer Gesell- dass gesteigerte Zufriedenheit auf die Integration
schaft hat derweil im Zuge der Emanzipation eine von materiellem und Erlebniskonsum zurückzu-
nachhaltige Veränderung stattgefunden, die weiter führen ist (Schmitt et al. 2015). Übertragen auf das
voranschreitet. Die nahezu erreichte Gleichbehand- Märchen bedeutet dies, dass man gewonnene mate-
lung von Frauen und Männern trägt ihrerseits dazu rielle Vorteile nutzen und mit Erlebnissen verbinden
bei, dass Frauen sich seltener für Fehler verantwort- sollte, damit sie langfristig das Lebensglück steigern
lich machen lassen. können.
Literaturverzeichnis
83 11
11.4 Fazit Grimm, J., & Grimm, W. (2011). Die schönsten Kinder- und
Hausmärchen – Kapitel 49. Von dem Fischer un syner Fru.
http://gutenberg.spiegel.de/buch/-6248/49. Zugegriffen:
Das Märchen vom Fischer und seiner Frau verdeut- 02. Oktober 2016.
licht mit seiner klaren Botschaft am Ende, wohin es Guevarra, D. A., & Howell, R. T. (2015). To have in order to do:
führen kann, wenn man immer höher hinaus will Exploring the effects of consuming experiential products
und niemals mit der persönlichen Situation zufrie- on well-being. Journal of Consumer Psychology 25, 28–41.
Hansen, H. (2008). Respekt – Der Schlüssel zur Partnerschaft.
den ist. Dies ist eine sehr bedeutsame Aussage in der
Stuttgart: Klett-Cotta.
heutigen Zeit, in der uneingeschränkte Selbstver- Junker, T., & Paul, S. (2009). Der Darwin-Code. Die Evolution
wirklichung und stetiger Aufstieg als Ideale gelebt erklärt unser Leben. München: C. H. Beck.
werden. Umso wichtiger ist es, eine innere Zufrie- Milgram, S. (1963). Behavioral study of obedience. Journal of
denheit unabhängig von externen Standards zu ent- Abnormal and Social Psychology 67, 371–378.
Peterson, C., & Park, N. (2006). Positive Organizational Scho-
wickeln. Die Geschichte zeigt außerdem anschaulich,
larship. In: M. Ringelstetter, S. Kaiser, & G. Müller-Seitz
inwiefern Märchen eine Aufklärungsfunktion erfül- (Hrsg.), Positives Management (S. 11–31). Wiesbaden:
len und die Menschen zum Nachdenken anregen Deutscher Universitäts-Verlag.
sollen: Wo befindet man sich in der Position des Rammstedt, B., & Schupp, J. (2008). Only the congruent survi-
Fischers, wo in der seiner Frau? Es ist wichtig, dass ves – personality similarities in couples. Personality and
Individual Differences 45, 533–535.
man sowohl seinen Mitmenschen gegenüber Respekt
Regan, D. T. (1971). Effects of a favor and liking on compliance.
zeigt als auch eine respektvolle Behandlung durch Journal of Experimental Social Psychology 7, 627–639.
andere einfordert. Runge, P. O. (1810). Farben-Kugel – Construction des Verhält-
nisses aller Mischungen der Farben zu einander, und ihrer
z Fragen zur Reflexion vollständigen Affinität, mit angehängtem Versuch einer
Ableitung der Harmonie in den Zusammenstellungen der
44Wann ist man selbst maßlos? Was ist das rechte
Farben. Hamburg: Friedrich Perthes.
Maß der Dinge? Schmitt, B., Brakus, J. J., & Zarantonello, L. (2015). From expe-
44In welchen Situationen lässt man sich zu riential psychology to consumer experience. Journal of
sehr unterdrücken und zeigt übertriebenen Consumer Psychology 25, 166–171.
Gehorsam? Stüvel, H. (2009). Je gleicher die Partner, desto glücklicher das
Paar. Artikel vom 24. April 2009. Die Welt. http://www.
44Inwiefern behandelt man andere respektvoll,
welt.de/gesundheit/psychologie/article3616398/Je-
fordert selbst aber keinen Respekt ein? In gleicher-die-Partner-desto-gluecklicher-das-Paar.html.
welchen Bereichen respektiert man sich selbst Zugegriffen: 02.10.2016.
und wo gibt man sich möglicherweise auf? Thibaut, J. W., & Kelley, H. H. (1959). The social psychology of
groups. Oxford, England: Wiley.

Literaturverzeichnis

American Psychological Association (APA). (2013). Diagnos-


tisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen
DSM-5 (5. Revision). Göttingen: Hogrefe.
Bierhoff, H., Rohmann, E., & Frey, D. (2011). Positive Psycho-
logie: Glück, Prosoziales Verhalten, Verzeihen, Solidarität,
Bindung, Freundschaft. In: H. Bierhoff, & D. Frey (Hrsg.),
Sozialpsychologie – Interaktion und Gruppe (S. 81–105).
Göttingen: Hogrefe.
Fiedler, P. (2007). Persönlichkeitsstörungen. Weinheim, Basel:
Beltz.
Finke, J. (2013). Träume, Märchen, Imaginationen. Personzen-
trierte Psychotherapie und Beratung mit Bildern und Symbo-
len. München: Ernst Reinhardt.
Gouldner, A. W. (1960). The norm of reciprocity: A preliminary
statement. American Sociological Review 25, 161–178.
85 12

Rumpelstilzchen von den


Gebrüdern Grimm (1812)
Paula Münster

12.1 Inhalt des Märchens – 86

12.2 Die Charaktere – 86

12.3 Psychologische Phänomene – 87


12.3.1 Psychologischer Vertrag – 87
12.3.2 Glaube an eine gerechte Welt – 88
12.3.3 Reaktanz und erlernte Hilflosigkeit – 88

12.4 Bedeutung für die heutige Zeit und Implikationen – 89


12.4.1 Mit Reaktanz und Teamwork gegen Größenwahn und Habgier – 89
12.4.2 Vom Unterschied zwischen Recht und Gerechtigkeit – 90

12.5 Fazit – 91

Literaturverzeichnis – 91

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_12
86 Kapitel 12 · Rumpelstilzchen von den Gebrüdern Grimm (1812)

12.1 Inhalt des Märchens

Es war einmal ein Müller, der war arm, aber hatte


eine schöne Tochter. Um sich Ansehen zu verschaf-
fen, behauptete er vor seinem König, dass seine
Tochter Stroh zu Gold spinnen könne. Der König
ging darauf das Abkommen ein, dass er sie zu seiner
Frau nehmen würde, wenn ihr das wirklich gelänge.
Am nächsten Tag sperrte der König die Müllerstoch-
ter in eine Kammer voller Stroh. Falls sie das Ver-
sprechen nicht halten könnte, sollte sie dafür mit
dem Tode bestraft werden. Die Müllerstochter war
in dieser Nacht völlig verzweifelt, da sie die Fähig-
keit, mit der ihr Vater geprahlt hatte, nicht besaß. Ein
kleines Männchen tauchte plötzlich auf und bot der
Müllerstochter im Tausch gegen ihre Kette an, das
Stroh zu Gold zu spinnen. Dem König, den die Gier
packte, reichte das Gold nicht aus und er forderte die . Abb. 12.1  (Zeichnung: Lena Frey)
Tochter dazu auf, in der nächsten Nacht das Wunder
zu wiederholen. Auch diesmal kam das kleine Männ- ein Feuer tanzen sah. Das Männchen sang: „Heute
chen in die Kammer und bot seine Hilfe im Tausch back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der
gegen den Ring der Tochter an. Die Goldgier des Königin ihr Kind; ach, wie gut, dass niemand weiß,
Königs war hiernach immer noch nicht gestillt, und dass ich Rumpelstilzchen heiß!“
er schickte die Tochter ein drittes und letztes Mal in Als nach Ablauf der drei Tage das kleine Männ-
die Kammer. Da die Müllerstochter ihm nichts mehr chen erneut vor der Königin stand, riet sie zunächst
anzubieten hatte, verlangte das Männchen für seine absichtlich die falschen Namen „Heinz“ und „Kunz“.
Hilfe nun das erstgeborene Kind der Müllerstoch- Erst als Letztes nannte sie den korrekt überlieferten
12 ter mit dem König. Aus Verzweiflung nahm sie sein Namen „Rumpelstilzchen“. Rumpelstilzchen war so
Angebot an. wütend über den Erfolg der Königin, dass er sich vor
Die Jahre vergingen und erst als nach der Hoch- Wut selbst zerriss und fluchte: „Das hat dir der Teufel
zeit und der Geburt des ersten Kindes wieder das gesagt!“ Die Königin durfte somit ihr Kind behalten,
kleine Männchen vor der jetzigen Königin stand, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie
erinnerte sie sich an ihr Versprechen. Die Königin noch heute glücklich und zufrieden.
bot ihm unzählige Reichtümer an, aber das kleine (Grimm u. Grimm 2001; . Abb. 12.1)
Männchen beharrte weiterhin auf ihr Kind. Die
Königin weinte bitterlich und aus Mitleid gab er ihr
drei Tage Zeit, seinen Namen zu erraten. Sollte sie 12.2 Die Charaktere
dies schaffen, dürfte sie ihr Kind behalten. In der
ersten Nacht riet die Königin alle Namen, die ihr Nachdem den Lesern der Inhalt des Märchens nun
in den Kopf kamen – ohne Erfolg. Sie sandte Boten wieder präsent ist, soll im Folgenden ein genauerer
aus, um im ganzen Land auf die Suche nach außer- Blick auf die vier Hauptcharaktere geworfen werden.
gewöhnlichen Namen zu gehen. In der zweiten Nacht Sie sind das Kernstück der Geschichte und ihre Ver-
versuchte sie es nun erfolglos mit Namen, die sie aus haltensweisen dienen später als Grundlage der psy-
der Nachbarschaft erfragt hatte. Am letzten der drei chologischen Analyse.
Tage kehrten die Boten von ihrer Reise zurück. Einer Der Müller ist der eigentliche Brandstifter hinter
von ihnen stürmte ins Schloss und berichtete ihr, den Kulissen. Durch seine Lüge über die Fähigkeiten
dass er auf seiner Reise nachts ein Männchen um seiner Tochter vor dem König bringt er das Mädchen
12.3 · Psychologische Phänomene
87 12
in eine Bringschuld, die sich immer dramatischer 12.3 Psychologische Phänomene
entwickelt. Seine Behauptung ist motiviert durch
das Streben nach Ansehen und Prestige. Sicherlich Die Geschichte von Rumpelstilzchen und der armen
erhofft er sich zudem, durch die Hochzeit seiner Müllerstochter ist eines der berühmtesten und am
Tochter in Wohlstand und Reichtum zu leben. Da weitesten verbreiteten Märchen aus der Samm-
der Müller als sehr arm beschrieben wird, könnte lung der Gebrüder Grimm. Die verschiedenen, sehr
sein Versprechen somit ein Akt der Verzweiflung eigenartigen Charaktere und deren Handlungen
und Wunschdenken gewesen sein. Diese Kombina- bieten Stoff für zahlreiche psychologische Analysen.
tion hat dann zu der unrealistischen Behauptung und Anhand der Verhaltensweisen und Einstellun-
dem verzweifelten Versuch geführt, es doch zu etwas gen der vier Hauptcharaktere lassen sich zahlreiche
zu bringen. Sein Verhalten mag zusätzlich von einer Phänomene in der Psychologie ableiten. Es folgt eine
gewissen Gier und dem Wunsch nach Größe beflü- Auswahl der interessantesten und eindrucksvollsten.
gelt worden sein.
Eine weitere wichtige Rolle kommt dem König
zu. Durch seine Habgier beflügelt, bringt er die arme 12.3.1 Psychologischer Vertrag
Müllerstochter in die verzweifelte Situation, in der sie
Rumpelstilzchen ihr erstgeborenes Kind verspricht. In unserem Märchen schließt die Müllerstochter
Nach der Hochzeit tritt seine Rolle jedoch in den einen Vertrag mit Rumpelstilzchen. Sie verspricht
Hintergrund. ihm ihr erstgeborenes Kind, und er verwandelt dafür
Im Zentrum des Märchens steht die arme Mül- das Stroh zu Gold – und rettet ihr somit das Leben.
lerstochter, deren Handlungen von Anfang an nicht Hierbei handelt es sich um einen sog. psychologi-
selbstbestimmt sind. Zu Beginn des Märchens ist sie schen Vertrag. Im Unterschied zu einem normalen
Opfer der fantastischen Idee ihres Vaters. Darauf- Vertrag spiegelt ein psychologischer Vertrag wider,
hin ist sie der Habgier des Königs ausgesetzt und – dass einer der beiden Vertragspartner unausgespro-
da dies immer noch nicht genug zu sein scheint – zu chene Erwartungen hat, die nicht ausdrücklich fest-
guter Letzt Rumpelstilzchen mit seinen Forderun- gelegt sind (Raeder u. Grote 2012).
gen. Erst zum Abschluss des Märchens schafft es Das Phänomen lässt sich durch ein Beispiel
die Müllerstochter, aus diesem Teufelskreis auszu- aus der Arbeitswelt verdeutlichen. Ein Angestell-
brechen und durch ihre eigene Hartnäckigkeit das ter schließt einen Arbeitsvertrag mit einem Unter-
Unmögliche möglich zu machen – sie errät Rumpel- nehmen. Im Vertrag sind typischerweise alle Bedin-
stilzchens Namen und rettet das Leben ihres neuge- gungen, z. B. die Vertragsdauer oder Entlohnung,
borenen Kindes. festgelegt. Dennoch kommt es häufig vor, dass der
Weniger positiv endet die Geschichte für die Angestellte über das Vereinbarte hinaus Erwartun-
Figur des Rumpelstilzchens. Er, der im ersten Teil gen an seinen Arbeitgeber hat. Dazu gehören z. B.
des Märchens noch den Retter der Müllerstoch- Faktoren wie eine hohe Arbeitsplatzsicherheit oder
ter vor dem sicheren Tod darstellt, ist im zweiten ein vielseitiges Trainingsangebot. Diese nicht arti-
Teil das personifizierte „Böse“, da er das Neugebo- kulierten Erwartungen werden in der Psychologie
rene einfordert. Interessant ist hier, dass Rumpel- als implizite Erwartungen bezeichnet.
stilzchen letztendlich nur das verlangt, was ihm Implizite Erwartungen und psychologische Ver-
zuvor versprochen wurde. Dennoch erscheint er träge sind nicht nur in der Arbeitswelt zu finden.
als der Bösewicht des Märchens. Rumpelstilzchen Eigentlich besteht das ganze Leben aus Erwartun-
ist mit magischen Fähigkeiten sowie einem – wie gen, die nicht offen artikuliert werden, und sicherlich
es scheint – unerschütterlichen Selbstbewusstsein gibt es auch im Leben des Lesers zahlreiche psycholo-
gesegnet. Erst als der Müllerstochter das vermeint- gische Verträge. Diese können beispielsweise bei dem
lich Unmögliche gelingt und sie seinen Namen errät, Eingehen einer Wohngemeinschaft, in einer Sport-
nimmt sein Ego so schweren Schaden, dass er sich mannschaft oder auch in der Ehe entstehen. Ganz
vor Wut selbst zerreißt. klischeehaft: Der Ehemann erwartet, dass das Essen
88 Kapitel 12 · Rumpelstilzchen von den Gebrüdern Grimm (1812)

auf dem Tisch steht, wenn er von der Arbeit nach dass er einschreitet, die Räuber verjagt, die
Hause kommt. Die Frau hat hingegen die Erwartung, Polizei ruft oder er die aufgelöste Frau beim
dass der Mann die Deckenlampe repariert, wenn weiteren Nachhauseweg begleitet.
sie kaputt ist. Wenn einer der beiden Vertragspart- 2. Abwertung des Opfers: Ebenso kann er aller-
ner falsche Erwartungen hat oder die Erwartungen dings der Frau die Schuld für das Geschehene
des Gegenübers nicht kennt, dann entstehen häufig zuschreiben. Der Mann könnte sich einreden,
Frustration, Resignation und Enttäuschung. Prob- dass es sowieso leichtsinnig ist, als Frau
lematisch ist hieran, dass der wahre Grund für die alleine nachts mit der U-Bahn zu fahren, und
Enttäuschung, also die geheimen Erwartungen und eine solche Leichtsinnigkeit gerechterweise
Wünsche, häufig nicht offen angesprochen werden. bestraft wird. Durch diese Abwertung wird
Der psychologische Vertrag ist ein spannendes das, was dem Opfer passiert ist, als gerecht
Phänomen, das sich in dem Märchenklassiker der empfunden und der Gerechte-Welt-Glaube ist
Gebrüder Grimm eindrücklich in dem Vertrag, den wiederhergestellt.
die Müllerstochter mit Rumpelstilzchen eingeht,
zeigt. Der Inhalt der Vereinbarung ist eigentlich ein- Dieses Phänomen, bei dem das eigentliche Opfer
deutig: Rumpelstilzchen rettet der Müllerstochter zum Schuldigen umgewertet wird, wird in der Psy-
das Leben, dafür verspricht sie ihm ihr erstgebore- chologie als Victim Blaming, Beschuldigung des
nes Kind. Dennoch scheint die Müllerstochter über- Opfers, bezeichnet (Ryan 1971).
rascht zu sein, als Rumpelstilzchen viele Jahre später Jeder Leser des Märchens wird den Gerechte-
auftaucht und das ihm Versprochene einfordert. Hin- Welt-Glauben bei sich selbst empfunden haben: Er
tergrund mag ihre implizite Erwartung sein, dass wünscht sich, dass die Müllerstochter den Namen
Rumpelstilzchen von seinem „Lohn“ absehen und von Rumpelstilzchen errät und somit das Leben ihres
sich auch ohne das Kind zufriedengeben wird. Die Kindes retten kann. Die Tochter hat ihre missliche
Enttäuschung und das Gefühl, der Vertrag sei unge- Situation nicht selbst verschuldet. Daher freuen wir
recht, sind das Resultat des impliziten Anspruchs, uns, dass die Boten ihr dabei helfen, Rumpelstilz-
den einer der Vertragspartner – in diesem Fall die chens Namen ausfindig zu machen.
Müllerstochter – an den anderen hatte. Interessanterweise gibt es hier eine Diskrepanz
12 zwischen dem, was wir als gerecht empfinden, und
dem, was Recht ist. Objektiv betrachtet fordert Rum-
12.3.2 Glaube an eine gerechte Welt pelstilzchen nur das ein, was ihm vorher versprochen
wurde. Dennoch freuen wir uns, dass er am Ende der
Ein weiteres interessantes Phänomen, das sich in dem Verlierer ist und sich sogar so sehr ärgert, dass er sich
Märchen der Gebrüder Grimm finden lässt, ist der zum Schluss selbst zerreißt. Dies lässt sich durch die
sog. Gerechte-Welt-Glauben. Damit wird die Erwar- Abwertung und Schuldzuschreibung erklären, die
tung bezeichnet, dass jeder das bekommt, was er ver- das letztendliche Opfer Rumpelstilzchen aufgrund
dient. Dieser Glaube motiviert uns, die Gerechtigkeit des Gerechte-Welt-Glaubens vom Leser erfährt. Hier
bei einer ungerechten Ausgangslage wiederherzustel- kann jeder an sich selbst beobachten, wie leicht wir
len (Lerner 1980). selbst bereit sind, ein Opfer zu beschuldigen.
Dies kann in verschiedener Weise geschehen,
was an einem Beispiel veranschaulicht werden soll.
Ein Mann steht nachts an einem U-Bahn-Gleis und 12.3.3 Reaktanz und erlernte
sieht, wie eine Frau am anderen Ende des Gleises Hilflosigkeit
von einer Jugendbande ausgeraubt wird. Dies ist
eine ungerechte Situation, die nicht zu unserem Von dem Phänomen der Reaktanz (Widerstand)
Gerechte-Welt-Glauben passt. Nun hat der Mann kann der ein oder andere Leser schon mal im Kontext
zwei Möglichkeiten: von pubertären Teenagern gehört haben. Damit ist
1. Aktive Verringerung des Leidens des Opfers: der Zustand gemeint, in den der Mensch geraten
Dies kann beispielsweise dadurch geschehen, kann, wenn er einen Kontrollverlust erlebt und sich
12.4 · Bedeutung für die heutige Zeit und Implikationen
89 12
in seiner Freiheit beraubt fühlt (Brehm 1966). Bei Beginn des Märchens führen für die Müllerstoch-
Teenagern führen beispielsweise strenge elterli- ter unkontrollierbare Ereignisse wie die Lügen ihres
che Verbote häufig dazu, dass die Kinder genau das Vaters und die Gier des Königs dazu, dass sie ihrer
tun, was ihnen eigentlich verboten wurde. Dieser Freiheit beraubt wird. Sie erlebt somit einen absolu-
Widerstand ist als Wunsch des Zurückerlangens der ten Kontrollverlust, da sie in keiner Weise selbst über
eigenen Freiheit zu verstehen. ihr Leben bestimmen kann. In dieser Situation zeigt
Der Reaktanz steht die sog. erlernte Hilflosigkeit sie keinen Widerstand und setzt sich nicht gegen
gegenüber. Mit diesem Begriff ist eine emotionale ihren Vater oder den König zur Wehr. Stattdessen
Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit gemeint, die eine ist sie verzweifelt, weint bitterlich und lässt sich auf
Person empfinden kann. Hierbei ist die Ausgangslage den schrecklichen Vertrag mit Rumpelstilzchen ein.
die gleiche: Die Person fühlt sich in ihrer Handlungs- Sie befindet sich in einem ohnmächtigen Zustand
freiheit begrenzt und hat das Gefühl, ihr werden von und erlebt erlernte Hilflosigkeit. Man könnte hieraus
anderen Steine in den Weg gelegt. Martin Seligman schließen, dass sie die Hoffnung aufgegeben hat, in
(1979) fand heraus, dass Menschen, die mehrfach Zukunft noch Kontrolle über ihr eigenes Leben zu
mit unkontrollierbaren und frustrierenden Ereig- haben. Dies wäre angesichts der extremen Fremd-
nissen konfrontiert werden, häufig eine verringerte bestimmung, die ihr widerfährt, nicht überraschend.
Motivation zur Gegenwehr zeigen. Dies kann z. B. Erst zum Schluss des Märchens, als es um das Leben
bei Arbeitsuchenden der Fall sein, die unkontrollier- ihres Kindes geht, schöpft sie alle Möglichkeiten aus
bare Faktoren aus der Umwelt wie etwa eine schlechte und zeigt Reaktanz. Nur durch diesen Widerstand
Wirtschaftslage als Grund für ihre Arbeitslosigkeit kann sie den Namen von Rumpelstilzchen erraten
sehen. Diese Personen bemühen sich häufig nicht und die Geschichte zu einem guten Ausgang leiten.
weiter bei der Arbeitssuche und befinden sich somit
im Zustand der erlernten Hilflosigkeit.
Die Frage ist nun: Unter welchen Umständen 12.4 Bedeutung für die heutige Zeit
kämpfen Menschen gegen den Kontrollverlust an und Implikationen
und wann zeigen sie Hilflosigkeit, im Sinne von Ohn-
macht und Resignation? Damit beschäftigten sich in Die Frage, die sich sicherlich einige Leser gestellt
den 1970er-Jahren die Psychologen Wortman und haben, ist, inwiefern das jahrhundertealte Märchen
Brehm (1975). Nach ihrer Auffassung entscheidet heutzutage überhaupt noch relevant ist. Schließlich
das Ausmaß des Kontrollverlusts darüber, ob mit hat sich unsere Gesellschaft seitdem sehr stark ver-
Reaktanz oder Hilflosigkeit reagiert wird. Wenn die ändert. Natürlich glauben heute die Wenigsten noch
Einschränkung und Frustration zwar auftritt, eine an kleine Männchen, die singend ums Feuer tanzen
Person aber der Überzeugung ist, in Zukunft wieder und mit magischen Fähigkeiten Stroh zu Gold ver-
Kontrolle über ihr Leben zu haben, wird Reaktanz wandeln können. Dennoch sind die psychologischen
gezeigt. Hilflosigkeit tritt stattdessen auf, wenn die Phänomene und Verhaltensweisen der Akteure wei-
Person davon ausgeht, dass sie auch in Zukunft keine terhin aktuell.
Kontrollmöglichkeiten hat und ihr Verhalten nur
wenig selbstbestimmt ist. Ein weiterer Faktor, der
darüber entscheidet, welche der beiden Verhaltens- 12.4.1 Mit Reaktanz und Teamwork
weisen gezeigt wird, ist die persönliche Wichtigkeit gegen Größenwahn und Habgier
eines Ereignisses. So muss ein bestimmter Schwel-
lenwert der persönlichen Wichtigkeit überschritten Im Märchen zeigen interessanterweise vor allem die
werden, damit die Person Widerstand zeigt. Wenn männlichen Charaktere eine ausgeprägte Habgier
dies passiert, ist die Verzweiflung so groß, dass die und einen gewissen Größenwahn. Der Vater verkauft
Person alle Register zieht, um sich aus der misslichen seine Tochter, um besser vor dem König dazustehen,
Lage zu befreien. der König kann von Gold nicht genug bekommen
Die beiden Phänomene werden sehr schön in und Rumpelstilzchens übersteigertes Ego ist nach
dem Märchen von Rumpelstilzchen illustriert. Zu dem Erraten seines Namens derart zerstört, dass
90 Kapitel 12 · Rumpelstilzchen von den Gebrüdern Grimm (1812)

er sich selbst zerreißt. Gier hängt in der Geschichte von anderen zu holen. Die Müllerstochter kann
häufig mit Versprechen zusammen, die die Cha- hier als Vorbild gelten, da sie es trotz der ausweglo-
raktere nicht einhalten können. So verspricht der sen Situation, in die sie unglücklicherweise geraten
Müller etwas, das seine Tochter überhaupt nicht ist, geschafft hat, von der Hilflosigkeit zur Reak-
leisten kann. Ebenso reagiert die Müllerstochter auf tanz zu wechseln und sich aus dem Teufelskreis zu
die Gier von Rumpelstilzchen und dem König mit befreien. Dies gelang ihr auch durch die Hilfe der
dem Versprechen ihres erstgeborenen Kindes. Dieses Boten, denn keiner in einem Team weiß so viel wie
Versprechen kann und will sie emotional nicht ein- alle. Dass sich mit einem guten Team auch die kom-
halten. Es scheint fast so, als würde Gier zu irratio- plexesten Probleme lösen lassen, ist somit ein wei-
nalem Verhalten führen. terer Punkt, den wir aus Rumpelstilzchen lernen
Gier und der Wunsch nach Größe sind keine ver- sollten.
alteten Phänomene. Auch heute sind sie noch ein Ein letzter positiver Schluss, der sich noch ziehen
fester Bestandteil unserer Gesellschaft – vor allem lässt, ist, dass eine zu große Erfolgsarroganz – wie
in der freien Wirtschaft und Politik. Topmanager sie Rumpelstilzchen an den Tag legt, als er leichtsin-
verfälschen Abgaswerte von Autos, um einen Vorteil nig ums Feuer tanzt und seinen Namen ruft – häufig
gegenüber der Konkurrenz zu haben, Minister betrü- bestraft wird. Dies zeigt sich auch heute bei unseren
gen bei ihren Doktortiteln aufgrund des Wunsches Politikern und Managern: Sobald der Betrug oder
nach Größe und Prestige, Millionäre hinterziehen die falschen Versprechungen auffliegen, ist ihr Image
Steuern, um noch reicher zu werden. Dies alles sind zumeist unwiderruflich zerstört.
hochaktuelle Beispiele, in denen die Personen exakt
die gleiche Motivation haben wie die Charaktere aus
unserem Märchen. Sie alle streben nach Macht und 12.4.2 Vom Unterschied zwischen
Größe. Recht und Gerechtigkeit
Doch was können wir aus dem Märchen „Rum-
pelstilzchen“ für unser heutiges Leben lernen? An Wer ist eigentlich der Böse in unserem Märchen?
dem Fakt, dass es immer Personen geben wird, Wie in 7 Abschn. 12.2 erläutert, erscheint für die
die von Größenwahn und Habgier getrieben sind, meisten Leser Rumpelstilzchen als der größte Böse-
12 wird sich wohl wenig ändern lassen – dafür aber am wicht. Er bringt die unschuldige Müllerstochter in
Umgang mit diesen Personen. Wir können für uns die missliche Situation, in der sie ihm ihr Erstgebo-
den Ratschlag mitnehmen, dass wir keine Verspre- renes verspricht und es am Ende sogar beinahe ver-
chen geben sollten, die wir nicht einhalten können – liert. Doch wenn man das Ganze einmal ohne jeg-
egal wie verzwickt die Situation zu sein scheint. liche Emotionen und von außen betrachtet, gab es
Durch großes Glück geht für die Müllerstochter und einen mündlichen Vertrag zwischen ihm und der
den Vater alles glimpflich aus. Dies liegt vor allem Müllerstochter, der für Rumpelstilzchen Bestand
an dem Widerstand, den die Tochter am Ende der hatte und auf dessen Basis er letztendlich das Kind
Geschichte zeigt und der Unterstützung, die sie von rechtmäßig einfordert. Dabei muss das Geschehene
den Boten erfährt. natürlich im Kontext der Zeit gesehen werden: Heute
Die falschen Versprechen hätten jedoch auch wäre solch ein Vertrag nicht rechtskräftig und würde
ganz anders ausgehen können. Der Vater hätte dann gegen die Menschenrechte verstoßen; vor Jahrhun-
den Tod seiner Tochter verschuldet oder die Mül- derten waren Verträge dieser Art hingegen durch-
lerstochter wiederum das Schicksal ihres Erstge- aus üblich.
borenen. Wir sollten also daraus die Lehre ziehen, Wie in 7 Abschn. 12.3.1 beschrieben, scheint
dass wir uns selbst bei extremen Anforderungen die Reaktion der Tochter fast so, als hätte sie erwar-
und in scheinbar ausweglosen Situationen nicht zu tet, dass Rumpelstilzchen von seinen Forderungen
falschen Versprechen verleiten lassen. Stattdessen ablässt. Rumpelstilzchen zeigt später sogar ein gewis-
ist es ratsam, Widerstand zu leisten, solange es noch ses Einfühlvermögen, als er der Müllerstochter die
möglich ist, und sich dabei auch Unterstützung dreitägige Frist anbietet. Dennoch empfinden wir es
Literaturverzeichnis
91 12
als gerecht, dass Rumpelstilzchen am Ende das Kind 12.5 Fazit
nicht bekommt und als Verlierer aus der Geschichte
hervorgeht. „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol
Wir können uns an dieser Stelle fragen: Beschul- ich der Königin ihr Kind“ – der Märchenklassiker
digen wir hier nicht das Opfer, um an unserem Rumpelstilzchen ist schon Jahrhunderte alt, dennoch
Glauben an eine gerechte Welt festzuhalten? Und haben die psychologischen Phänomene und Weis-
wie oft tun wir dies eigentlich in unserem alltägli- heiten aus dem Märchen der Gebrüder Grimm
chen Leben? auch heutzutage Relevanz. Es wäre wünschenswert,
Tatsächlich kommt es ziemlich häufig vor, dass dass dem Leser nach dem Studieren dieses Kapitels
wir das, was Recht ist, als ungerecht empfinden. Begriffe wie Reaktanz oder erlernte Hilflosigkeit
Wenn wir uns von der Bank Geld leihen, dieses auf- keine Fremdwörter mehr sind. Noch schöner wäre
grund von Wucherzinsen und weiterer unglückli- es, wenn der Leser zudem Erkenntnisse für sich und
cher Umstände nicht zurückzahlen können, und die seine eigene Lebensgestaltung gewinnen konnte.
Bank letztendlich eine Zwangsvollstreckung veran- Theoretisches Wissen bringt dem Menschen aller-
lasst – wer ist dann meistens der Böse? Viele Men- dings nur dann einen Vorteil, wenn er es auch durch
schen in solchen oder ähnlichen Situationen beschul- bedachte und vorausschauende Planung in Hand-
digen die Bank. Dabei fordert sie doch eigentlich nur lungen umzusetzen vermag.
das ein, was ihr rechtmäßig zusteht. Gleiches gilt für
die impliziten Erwartungen, die wir bei Arbeitsver-
hältnissen an unseren Arbeitgeber haben. Wenn die Literaturverzeichnis
Angestellte erwartet, dass sie von ihrem Arbeitge-
Brehm, J. W. (1966). A theory of psychological reactance. New
ber ausreichende Fortbildungsmöglichkeiten erhält, York: Academic Press.
falls ihre Qualifikationen den Anforderungen der Grimm, J., & Grimm, W. (2001). Rumpelstilzchen. In: H. Rölleke
Position nicht genügen, kann das zu unerfreulichen (Hrsg.), Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Gesamt-
Überraschungen führen, wenn diese Erwartung eben ausgabe in 3 Bänden mit den Originalanmerkungen der
Brüder Grimm. Ditzingen: Reclam.
nicht erfüllt wird. Nicht selten kommt es in solchen
Lerner, M. J. (1980). The belief in a just world: A fundamental
Fällen zu Versetzungen oder Kündigungen, bei delusion. New York: Plenum.
denen der Arbeitgeber schlussendlich als der Böse Seligman, M. E. (1979). Erlernte Hilflosigkeit. München, Wien,
wahrgenommen wird. Baltimore: Urban & Schwarzenberg.
Auch hier können wir wieder einige interessante Raeder, S., & Grote, G. (2012). Der psychologische Vertrag. Praxis
der Personalpsychologie. Göttingen: Hogrefe.
Weisheiten aus dem Märchen ableiten. Wenn wir
Ryan, W. (1971). Blaming the victim. New York: Vintage.
einen Vertrag oder Zusammenschluss mit anderen Wortman, C. B., & Brehm, J. W. (1975). Responses to uncontrol-
eingehen – egal ob bei der Arbeit, in der Ehe oder lable outcomes: An integration of reactance theory and
bei der Wohnungssuche – ist es sinnvoll, sich vorher the learned helplessness model. In: L. Berkowitz (ed.),
darüber zu verständigen, welche zusätzlichen Erwar- Advances in experimental social psychology (Vol. 8, pp.
277–336). New York: Academic Press.
tungen die verschiedenen Parteien haben und was
der Vertrag genau beinhaltet bzw. beinhalten soll.
Nur so kann Enttäuschungen und Streitigkeiten oder
sogar Klagen vorgebeugt werden.
Wir können zudem aus dem Märchen lernen,
dass nicht immer das, was böse scheint, auch wirk-
lich böse ist. Oft haben wir eine verzerrte Wahrneh-
mung, die von Emotionen oder dem Wunsch nach
einer gerechten Welt getrübt ist. Ein kritisches Hin-
terfragen, z. B. von öffentlichen Anprangerungen
in den Medien, ist eine weitere Lektion, die wir von
Rumpelstilzchen lernen können.
93 13

Schneeweißchen und
Rosenrot von den Gebrüdern
Grimm (1837)
Isabel Kroiß

13.1 Inhalt des Märchens – 94

13.2 Die Charaktere – 94

13.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 95


13.3.1 Altruismus – 95
13.3.2 Reziprozität – 96
13.3.3 Vertrauen – 97

13.4 Fazit – 99

Literaturverzeichnis – 99

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_13
94 Kapitel 13 · Schneeweißchen und Rosenrot von den Gebrüdern Grimm (1837)

13.1 Inhalt des Märchens bei den Rettungsversuchen beispielsweise sein Bart
abgeschnitten wurde oder seine Kleidung zerriss. Bei
Eine Mutter hatte einst zwei sehr schöne Töchter, einem weiteren Treffen wurde der Zwerg wütend,
Schneeweißchen und Rosenrot, die nach den blü- da Schneeweißchen und Rosenrot ihn vor einem
henden Rosenbäumchen in ihrem Garten benannt Haufen erbeuteter Edelsteine überrascht hatten.
waren. Beide waren so fromm und lieb, dass sie Noch bevor er seine zornige Rede zu Ende bringen
selbst über Nacht im Wald bleiben konnten, ohne konnte, trabte jedoch der Bär aus dem Wald und
dass ihnen ein wildes Tier etwas zuleide tun würde. erschlug ihn mit seiner Tatze.
Als sie eines Nachts beinahe in einen Abgrund gerie- Daraufhin verwandelte sich das Tier in einen
ten, tauchte ein Schutzengel in Form eines kleinen schönen Prinzen in goldenem Gewande. Er erklärte
Mädchens auf und führte sie zurück auf den rechten den Schwestern, dass der Zwerg ihm seine Schätze
Pfad. Zum Wintereinbruch klopfte ein sprechender gestohlen und ihn in einen Bären verwandelt hatte.
Bär auf der Suche nach Unterschlupf an ihre Tür, Im selben Jahre noch wurde Schneeweißchen mit
und nach erster Furcht wurde ihm Abend für Abend dem Prinzen vermählt und Rosenrot mit dessen
Obdach gewährt. Im Frühjahr zog der Bär zurück Bruder, und wenn sie nicht gestorben sind, dann
in den Wald, da der Boden zu tauen begann und die leben sie noch heute.
Zwerge, die ihm seinen Goldschatz stehlen wollten, (Grimm u. Grimm 1837; . Abb. 13.1)
nun wieder ans Tageslicht gelangen konnten.
Den Frühling über trafen Schneeweißchen und
Rosenrot immer wieder auf einen winzigen Zwerg, 13.2 Die Charaktere
der sich stets in prekären Situationen befand: einmal
klemmte sein langer Bart unter einem gefällten Die Hauptcharaktere des Märchens stellen die
Baum, ein anderes Mal hatte sich sein Bart in der Schwestern Schneeweißchen und Rosenrot dar,
Angelschnur verfangen – er drohte ins Wasser zu die sich sowohl charakterlich als auch optisch
stürzen – dann wiederum wurde er beinahe von sehr ähnlich sind: Beide werden als schöne junge
einem Greifvogel fortgetragen. Jedes Mal griffen die Mädchen beschrieben, die eine reine Seele haben und
beiden Schwestern beherzt ein und bewahrten ihn anderen Lebewesen in Not bedingungslos helfen – sie
vor der Gefahr, was der garstige Zwerg ihnen jedoch nehmen den Bären über Monate in ihrem Haus auf
nie dankte. Viel zu verbittert war er darüber, dass und helfen dem Zwerg in jeder Notlage.
13
. Abb. 13.1  (Zeichnung: Claudia
Styrsky)
13.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
95 13
Ein weiterer wichtiger Charakter ist der Bär, bei auch beim Zwerg, ohne eine Gegenleistung dafür zu
dem es sich eigentlich um einen Prinzen handelt, der erwarten. Man selbst sollte dadurch ebenfalls ange-
vom Zwerg mit einem Fluch belegt und bestohlen regt werden, im Alltag öfter und schneller einzugrei-
wurde. Er verhält sich zu den Mädchen und ihrer fen, wenn man einen Menschen in Not sieht.
Mutter sehr korrekt und nutzt ihre Gastfreundschaft Auch Reziprozität spielt eine große Rolle in dem
nicht aus, im Gegenteil revanchiert er sich am Ende Märchen, die darauf beruht, Gefallen zu erwidern.
dafür, indem er und sein Bruder die beiden Mädchen Schneeweißchen und Rosenrot helfen dem Bären
zur Frau nehmen. Zwischen dem Prinzen und dem und werden dafür von ihm – in Menschenform –
Zwerg herrscht eine angespannte Stimmung, die und seinem Bruder zur Frau genommen. Doch nicht
letztlich den Tod des Zwerges zur Folge hat. nur im Märchen wird nach diesem Prinzip gehandelt,
Der Zwerg wirkt unsympathisch und undankbar: auch im realen Leben zeigt es sich häufig.
Immer wieder retten die Schwestern ihn aus seinen Zuletzt wird der Wert von Vertrauen betont:
Notlagen, doch er denkt nicht einmal daran, sich zu Die beiden Schwestern haben in die ganze Welt ein
bedanken, sondern beschwert sich. Auch der Dieb- großes Vertrauen und führen dadurch ein sehr glück-
stahl und die Verfluchung des Prinzen tragen nicht liches Leben. Natürlich sollte man selbst nicht blind-
zu seiner Sympathie bei. Dass er seine unangeneh- lings jedem Vertrauen schenken, doch kann es – an
men Charakterzüge bis zuletzt nicht ablegt und den richtiger Stelle und im rechten Maß – deutlich die
Schatz weiterhin für sich behalten will, muss er mit Zufriedenheit mit dem eigenen Leben steigern.
dem Tode bezahlen.
Über die Mutter ist uns aus dem Märchen nicht
viel bekannt, sie scheint jedoch eine sehr fürsorgliche 13.3.1 Altruismus
und liebevolle Frau zu sein, da ihre Töchter ansons-
ten nicht so reinen Herzens wären. Gleichzeitig Schneeweißchen und Rosenrot zeichnen sich vor
erfahren wir dadurch, dass der Vater der Mädchen allem durch ihre Selbstlosigkeit aus: Obwohl jeder
offensichtlich nicht bei ihnen lebt – die Mutter zieht weiß, dass ein Bär einen Menschen sofort töten
die Töchter alleine groß. könnte, lassen sie ihn in ihrem Haus übernachten,
ohne auch nur lange darüber nachzudenken. Dieses
Verhalten bezeichnet man als Altruismus – uneigen-
13.3 Psychologische Phänomene und nütziges Verhalten zum Wohl einer anderen Person
Implikationen (Werth u. Meyer 2008).
Altruismus lässt sich auch häufig im realen
Es folgt ein kurzer Überblick über die bedeutends- Leben beobachten, denkt man nur zurück an den
ten Themen, die anschließend ausführlicher analy- Fall von Wesley Autrey vom 2. Januar 2007. Am
siert werden. Bahnsteig einer New Yorker U-Bahn erlitt ein
Schneeweißchen und Rosenrot zeigen, wie har- junger Mann einen epileptischen Anfall und stürzte
monisch Familienleben und Geschwisterbeziehun- vor die einfahrende U-Bahn. Wesley Autrey, der
gen sein können. Sie verstehen sich problemlos mit den Vorfall mit seinen zwei Töchtern beobachtete,
ihrer Mutter, und auch untereinander scheint Streit zögerte nicht, sprang dem Mann hinterher und
kein Thema zu sein. Vielleicht können die Schwes- legte sich schützend über ihn, als die U-Bahn die
tern hier als Vorbild für die eigene Beziehung zu Männer überrollte. Beide überlebten. „Ich sah nur
Eltern und Geschwistern dienen. einen Menschen, der Hilfe brauchte. Da tat ich, was
Ein weiterer Punkt, den die Brüder Grimm zu tun war.“ – dies waren Wesleys Worte nach dem
verdeutlichen wollen, ist altruistisches Verhalten. Vorfall.
Hierbei geht es darum, anderen Menschen zu helfen, Geht man vom Modell des Homo oeconomi-
wenn sich diese in einer Notsituation befinden, und cus aus, das den Menschen als Nutzenmaximierer
zwar allein aus der Motivation heraus, das Wohl der betrachtet, der Entscheidungen anhand von Kosten-
Person zu sichern. Schneeweißchen und Rosenrot Nutzen-Überlegungen trifft, dürfte solch ein selbst-
zeigen ein solches Verhalten sowohl beim Bären als loses Verhalten nicht auftreten. Niemals dürfte mit
96 Kapitel 13 · Schneeweißchen und Rosenrot von den Gebrüdern Grimm (1837)

dieser Weltvorstellung das Leben eines anderen mehr Ein weiteres psychologisches Phänomen
wert sein als das eigene. beschreibt dieses Verhalten sehr treffend – der sog.
Was bringt einen Menschen also dazu, ohne Bystander-Effekt (Zuschauereffekt; Latané u. Darley
lange zu überlegen innerhalb von Sekunden sein 1970): Je mehr Personen in einer Notsituation anwe-
eigenes Leben für das Leben eines Fremden aufs send sind, desto geringer ist die Wahrscheinlich-
Spiel zu setzen? Hier kann die Empathie-Altruis- keit, dass eine von diesen Personen tatsächlich ein-
mus-Hypothese von Batson et al. (1981) weiterhel- greift. Bringt man hingegen mehr Empathie ein und
fen. Die Autoren gehen davon aus, dass altruistisches versetzt sich selbst in die Lage der notleidenden
Handeln – wie das von Schneeweißchen und Rosen- Person, würde man vermutlich schneller Hilfever-
rot – einerseits durch Egoismus, andererseits aber halten zeigen oder zumindest Hilfe holen, da man
auch durch Empathie motiviert sein kann. Egois- für sich selbst in einer ähnlichen Situation dasselbe
tische Motivation löst in einem Menschen einen von anderen erwarten würde.
unangenehmen Spannungszustand aus, wenn er Natürlich hängt altruistisches Verhalten auch
eine Notsituation beobachtet. Derjenige weiß, dass stark von den eigenen körperlichen Voraussetzun-
er eigentlich helfen sollte, und greift allein aus dem gen ab – vermutlich wäre es nicht empfehlenswert,
Wunsch ein, diese unangenehmen Gefühle loszuwer- als junges Mädchen unmittelbar in eine Schlägerei
den. Man hilft also nicht um der eigentlichen Hilfe einzugreifen. Doch es müssen nicht immer gefährli-
willen, um die Person zu retten, sondern nur aus che Situationen sein, in denen man uneigennütziges
egoistischen Motiven – damit man sich anschließend Verhalten zeigen kann. Gerade in Hinblick auf ältere
selbst wieder besser fühlt. Empathische Motiva- Personen kann jeder Hilfe leisten – man denke nur
tion dagegen bedeutet, dass man sich ab dem ersten an all die benachteiligten Personen, die ihre Einkäufe
Moment Sorgen um die Person in Not macht und es nicht mehr selbst erledigen können und auf die Hilfe
als einzig angemessene Reaktion ansieht, sofort Hilfe anderer angewiesen sind. Grundsätzlich kann man
zu holen bzw. zu leisten. Man greift also viel eher ein also sagen, dass jeder Mensch etwas bewirken kann,
als bei egoistischer Motivation. wenn er mit offenen Augen und einer gesunden
So wie Schneeweißchen und Rosenrot im Portion Einfühlungsvermögen durch die Welt geht.
Märchen beschrieben werden, ist ihnen Egoismus Nun mag man sich fragen, was man davon hat,
ein Fremdwort – man kann also davon ausgehen, altruistisches Verhalten an den Tag zu legen. Die
dass sie aus reiner Empathie dem Bären und auch Antwort lautet: eine Menge! Psychologische Studien
13 dem Zwerg in ihrer Notlage helfen. Außerdem ist konnten nachweisen, dass Menschen, die häufig
nicht davon auszugehen, dass sie für ihre Hilfe direkt anderen Menschen helfen, glücklicher und zufrie-
belohnt werden, was noch einmal mehr dafür spricht. dener mit ihrem Leben sind (Headey et al. 2010).
Solch ein prosoziales Verhalten wird mithilfe folgen- Außerdem verhilft dieses Verhalten zu einem gesün-
der goldener Regel oft schon in der Kindheit gelehrt: deren und auch längeren Leben (Post 2005). Man
„Behandle andere so, wie du selbst von ihnen behan- fühlt sich also nicht nur gut, wenn man eine gute
delt werden möchtest.“ Sollte man selbst einmal in Tat vollbringt, sondern tut auch noch etwas für seine
einer Notsituation stecken, würde man sich sicher- Gesundheit! Das sollte doch definitiv Ansporn genug
lich wünschen, dass jemand schnellstmöglich zur sein, mehr Altruismus zu zeigen.
Hilfe eilt.

13.3.2 Reziprozität
Implikationen für die Lebensgestaltung
Schneeweißchen und Rosenrot dienen eindeutig als Was sich wie ein roter Faden durch das ganze
Vorbilder: Wären mehr Menschen wie die beiden, so Märchen zieht, ist das Prinzip der Reziprozität. Rezi-
würde es auf der Welt um einiges positiver zugehen – prozität bedeutet salopp gesprochen: Wie die eine
so viel ist sicher. Viel zu oft hört man von Zwischen- Person agiert, reagiert die andere Person darauf,
fällen, die tragisch endeten, nur weil niemand ein- und umgekehrt. Man erwidert also positive oder
greifen wollte. auch negative Handlungen einer anderen Person
13.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
97 13
in ähnlicher Weise oder handelt aus der Erwartung der ältesten sozialen Prinzipien, das schriftlich fest-
heraus, dass das Gegenüber im selben Fall ähnlich gehalten wurde und offensichtlich sehr bedeutend ist,
handeln würde (Frey u. Bierhoff 2011). wenn es um das Zusammenleben der Menschen geht.
Grundsätzlich stellt Reziprozität eine univer- Doch ist es wirklich sinnvoll, danach zu leben?
selle soziale Norm dar, die auch heutzutage ein fester Diese Frage lässt sich – sofern es sich um eine
Bestandteil unserer Gesellschaft ist: Man geht bei- positive Reziprozität handelt – grundsätzlich
spielsweise im Supermarkt an der Käsetheke vorbei mit einem Ja beantworten. Erhalte ich von einer
und wird aufgehalten, um eine Gratisprobe einer anderen Person ein Geschenk, so ist es ratsam,
bestimmten Käsesorte zu probieren. Sobald man dieser Person ebenfalls etwas zu schenken. Natür-
probiert hat, holt einen das schlechte Gewissen ein, lich mag das teilweise etwas erzwungen wirken,
da es sich nicht gehört, etwas gratis zu erhalten und doch eine einseitige Geberhaltung kann die Bezie-
dafür keine Gegenleistung zu erbringen. Also kauft hung zwischen zwei Personen deutlich beeinträch-
man ein größeres Stück des angebotenen Käses – tigen. Wenn man immer nur nimmt, aber nichts
ganz nach dem Motto: „Wenn du mir einen Gefallen gibt, wirkt sich das negativ auf das Verhältnis zu
tust, tue ich dir auch einen.“ anderen Personen aus, da so ein Verhalten sehr
Negative Reziprozität lässt sich im Märchen am egoistisch und ungerecht erscheint. Es lohnt sich
Beispiel des Bären und Zwerges nachvollziehen. Der also, achtsam für die Gefallen anderer zu sein und
Zwerg stiehlt dem Prinzen seinen Schatz und belegt mit ihnen in positivem Austausch zu stehen. Dies
ihn mit dem Fluch, der ihn in einen Bären verwan- ist natürlich nicht verallgemeinerbar – es ist ebenso
delt, woraufhin der Bär den Zwerg beim Wiedersehen ratsam, einer anderen Person einfach so etwas
erschlägt und sich in einen Prinzen zurückverwan- Gutes zu tun, ohne den Gedanken der Reziprozi-
delt. Hätte sich der Zwerg dem Prinzen gegenüber tät im Hinterkopf.
korrekt und fair verhalten, ihn nicht bestohlen und Anders sieht es jedoch bei der negativen Rezipro-
verflucht, wäre es vermutlich nie zu einem Konflikt zität aus. Man stelle sich vor, ein betrunkener Mann
mit solch tragischem Ausgang gekommen. schlägt vor einer Diskothek einem anderen Mann aus
In der Beziehung zwischen Schneeweißchen, purer Aggression ins Gesicht. Sollte sich das Opfer
Rosenrot und dem Prinzen kann man demgegenüber dann nach dem Prinzip der Reziprozität verhalten
positive Reziprozität erkennen. Die beiden Schwestern und zurückschlagen? Subjektiv betrachtet wäre es
zögern nicht, den Prinzen in seiner Gestalt als Bär auf- natürlich verständlich, genau das zu tun, allein aus
zunehmen und für Monate zu beherbergen, und werden Sicht der ausgleichenden Gerechtigkeit. Rein objek-
im Gegenzug später von ihm und seinem Bruder zur tiv bewirkt Reziprozität in diesem Fall absolut nichts
Frau genommen, was ihnen Zugang zu einem luxuriö- Positives – im schlimmsten Fall sind beide Männer
sen Leben gewährt. Dies verdeutlicht auch, dass sich schwer verletzt. In Situationen, in denen es um
das Prinzip der Reziprozität nicht auf einen unmittelba- negative Dinge wie Gewalt, Rache oder Neid geht,
ren Austausch von Gefälligkeiten beschränkt, sondern sollte also genauestens bedacht werden, ob ähnli-
weiter gefasst ist: Es lohnt sich durchaus, etwas abzuwar- ches negatives Verhalten an den Tag gelegt werden
ten, bis ein Gefallen erwidert wird. Außerdem hält der sollte, da dies meist nicht zum friedlichen Zusam-
Bär während seiner Zeit bei den Schwestern und deren menleben – wie es Reziprozität eigentlich bewirken
Mutter seine Jagdinstinkte zurück und greift sie nicht sollte – beiträgt.
an – denn das Prinzip der Reziprozität besagt auch, dass
man diejenigen nicht verletzen sollte, die einem gehol-
fen haben (Gouldner 1960). 13.3.3 Vertrauen

Auch das Thema Vertrauen spielt eine große Rolle


Implikationen für die Lebensgestaltung bei Schneeweißchen und Rosenrot. Die Defini-
Das Reziprozitätsprinzip findet sich bereits in der tion von Vertrauen lautet: Vertrauen ist die Erwar-
Bibel, in der es heißt „Auge für Auge, Zahn für tung einer Person, dass eine Situation auch ohne
Zahn“ (Ex 21,22-25). Es handelt sich also um eines die komplette Kontrolle möglicher negativer
98 Kapitel 13 · Schneeweißchen und Rosenrot von den Gebrüdern Grimm (1837)

oder positiver Verhaltensweisen zu einem positi- 7. Generativität vs. Selbstabkapselung


ven Ausgang kommt (Mayer et al. 1995). Wo zeigt (Erwachsenenalter)
sich dies in dem Märchen „Schneeweißchen und 8. Integrität vs. Verzweiflung (reifes
Rosenrot“? Erwachsenenalter)
Die beiden Schwestern und ihre Mutter nehmen
den von Natur aus gefährlichen Bär bei sich auf, da Stufe 1 stellt dabei schon die Bildung von Vertrauen
sie darauf vertrauen, dass er ihnen nichts tun wird. bzw. Misstrauen dar, d. h., schon im 1. Lebensjahr
Und sie sollten recht behalten: Der Bär verhält sich entwickelt man ein gewisses Gefühl dafür, wem man
die ganze Zeit ruhig und deutet nicht im Gerings- vertrauen kann und wem nicht.
ten irgendwelche bösen Absichten an. Aber auch Schneeweißchen und Rosenrot sollten folg-
das sonstige Verhalten zeigt, was für ein großes Ver- lich in puncto Vertrauen eher weniger als Vorbilder
trauen die Mädchen in die Welt haben. So bleiben sie betrachtet werden. Ein gewisses Vertrauen in die
nachts alleine im Wald, ohne darüber nachzuden- Welt ist schön und wichtig, aber man muss immer
ken, was passieren könnte, und schlafen an einem abwägen, ob es angemessen ist oder ob man zu naiv
Abgrund, obwohl sie im Schlaf leicht abstürzen denkt. Kinder haben häufig zu viel Vertrauen, auch in
könnten. fremde Personen, und handeln in ihrem kindlichen
Das alles wäre im realen Leben undenkbar: Übermut oft unbedacht.
Niemals sollten zwei kleine, hübsche Mädchen
nachts alleine im Wald bleiben, da dort gefährliche
Tiere leben und weitere Gefahren drohen können. Implikationen für die Lebensgestaltung
Auch der Schutzengel, der im Märchen auftritt, um und Arbeit
die Mädchen zu bewahren, vermittelt ein verzerrtes Vertrauen spielt in jedem Lebensbereich eine wich-
Bild dieser Welt: Es entsteht der Eindruck, dass alles tige Rolle – ob in einer Beziehung, unter Freunden,
möglich ist, egal wie gefährlich es auch erscheinen in der Familie oder in der Arbeit. Schneeweißchen
mag, da immer ein rettender Engel die schützende und Rosenrot leben uns vor, welche positiven Aus-
Hand über einen legt und Schlimmeres verhindert. wirkungen mit einer vertrauensseligen Lebensweise
Dass dies nicht der Fall ist, ist gerade Kindern – der einhergehen: Je vertrauensvoller wir einer Person
größten Zielgruppe von Märchen – oft nicht klar. oder generell einem Lebewesen begegnen, desto ver-
Eltern sollten also darauf achten, diesen Punkt rich- trauensvoller wird es auch uns begegnen.
13 tigzustellen, damit ihre Kinder nicht auf leichtsinnige Hätten die Schwestern dem Bären nicht sofort
Ideen kommen. vertraut, hätte er seinerseits möglicherweise kein
Nun fragt man sich vielleicht, wieso Schneeweiß- Vertrauen in die Mädchen entwickelt. Dem liegt
chen und Rosenrot überhaupt so ein großes Ver- das Prinzip der selbsterfüllenden Prophezeiung
trauen in die Welt haben. Grundsätzlich kann man zugrunde – das Verhalten, das man von anderen
festhalten, dass sich Vertrauen schon recht früh in Personen erwartet, wird durch das eigene Verhalten
der Kindheit entwickelt. Im Stufenmodell der psy- bedingt (Aronson et al. 2008).
chosozialen Entwicklung beschreibt Erikson acht Dies lässt sich im Arbeitskontext anschaulich
Stufen, die der Mensch nacheinander in seiner Ent- illustrieren: Da jede Organisation aus einem Netz-
wicklung durchläuft (Lohaus u. Vierhaus 2015): werk sozialer Beziehungen besteht, ist Vertrauen –
1. Vertrauen vs. Misstrauen (1. Lebensjahr) ob des Kunden oder innerhalb der Organisation –
2. Autonomie vs. Scham und Zweifel (2./3. unabdingbar für effiziente Arbeit und produktive
Lebensjahr) Ergebnisse (Seabright et al. 1992). Jeder kennt das
3. Initiative vs. Schuldgefühl (4./5. Lebensjahr) aus eigener Erfahrung: Wenn man mit einem Unter-
4. Werksinn vs. Minderwertigkeitsgefühl nehmen oder einem Anbieter schon gute Erfahrun-
(6. Lebensjahr bis Pubertät) gen gemacht hat, hat man auch Vertrauen, dass man
5. Identität vs. Identitätsdiffusion (Jugendalter) bei einem erneuten Kauf wieder gute Erfahrungen
6. Intimität und Solidarität vs. Isolation (frühes machen wird. Als Unternehmen sollte man also
Erwachsenenalter) darauf achten, ein gutes Vertrauensverhältnis zu
Literaturverzeichnis
99 13
seinen Kunden aufzubauen. Doch auch innerhalb (Bd. 2, 3. Aufl.). Göttingen: Verlag der Dieterichschen
Buchhandlung.
der Organisation ist es sinnvoll, auf Vertrauen zu
Headey, B., Muffels, R., & Wagner, G.G. (2010). Long-running
bauen: Hat man kein Vertrauen in seine Arbeitskol- German panel survey shows that personal and economic
legen, schränkt das potenzielle Möglichkeiten ein. choices, not just genes, matter for happiness. Proceedings
Probleme, die es zu lösen gilt, diskutiert man eher of the National Academy of Sciences of the United States of
weniger bereitwillig und offen mit einem Kollegen, America 107, 17922–17926.
Latané, B., & Darley, J. M. (1970). The unresponsive bystander:
dem man Böses unterstellt, und beraubt sich dadurch
Why doesn’t he help? New York: Appleton-Century-Crofts.
neuer und innovativer Lösungsmöglichkeiten. Lohaus, A., & Vierhaus, M. (2015). Entwicklungspsychologie des
Kindes- und Jugendalters für Bachelor. Berlin Heidelberg:
Springer.
13.4 Fazit Mayer, R. C., Davis, J. H., & Schoorman, F. D. (1995). An integra-
tive model of organizational trust. Academy of Manage-
ment 20, 709–734.
Das Märchen Schneeweißchen und Rosenrot Post, S. G. (2005). Altruism, happiness, and health: it's good to
wurde im sog. Vormärz geschrieben. Diese Epoche be good. International Journal of Behavioral Medicine 12,
beschreibt den Zeitraum zwischen 1815 und 1848. 66–77.
In dieser Zeit war Zensur ein großes Thema – verbo- Seabright, M. A., Leventhal, D.A., & Fichmann, M. (1992). Role
of individual attachments in the dissolution of interorga-
ten war hierbei vor allem Kritik an den herrschen-
nizational relationships. Academy of Management Journal
den politischen Verhältnissen. Dies könnte erklären, 3, 122–160.
wieso das Märchen so stark von Harmoniedenken Werth, L., & Meyer, J. (2008). Sozialpsychologie. Berlin, Heidel-
beherrscht ist: Einerseits könnte es den Wunsch der berg: Springer.
Brüder Grimm nach einem friedlichen, uneinge-
schränkten Leben ausdrücken, andererseits kann es
auch als Parodie auf die alles andere als harmoni-
schen Zeiten damals verstanden werden.
Das Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“
hat bis in die heutige Zeit wenig an Bedeutung ver-
loren und hält sinnvolle Ratschläge für das Leben
bereit: vom Anstoß zu altruistischem Verhalten über
Reziprozität zu Vertrauen – alle diese Aspekte kann
und sollte man im Alltag berücksichtigen, um nicht
nur für eine höhere Lebensqualität, sondern auch
für eine bessere Welt Sorge zu tragen. Das Märchen
dient also als wichtiger und richtiger Ratgeber für die
eigene Lebensführung.

Literaturverzeichnis

Aronson, E., Wilson, T. D., & Akert, R. M. (2008). Sozialpsycho-


logie. Pearson Studium.
Batson, C. D., Duncan, B. D., Ackerman, P., Buckley, T., & Birch,
K. (1981). Is empathic emotion a source of altruistic moti-
vation? Journal of Personality and Social Psychology 40,
290–302.
Frey, D. & Bierhoff, H. W. (2011). Sozialpsychologie – Interaktion
und Gruppe. Göttingen: Hogrefe.
Gouldner, A. W. (1960). The norm of reciprocity. A preliminary
statement. American Sociological Review 25, 161–178.
Grimm, J., & Grimm, W. (1837). Kinder- und Haus-Märchen,
gesammelt durch die Brüder Grimm: Große Ausgabe
101 14

Hänsel und Gretel von den


Gebrüdern Grimm (1819)
Verena Berthold und Sarah Eichmann

14.1 Inhalt des Märchens – 102

14.2 Die Charaktere – 103

14.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 103


14.3.1 Lügen – 103
14.3.2 Optimismus – 104
14.3.3 Erlernte Hilflosigkeit – 105
14.3.4 Konformität und Gehorsam – 106

14.4 Fazit – 107

Literaturverzeichnis – 107

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_14
102 Kapitel 14 · Hänsel und Gretel von den Gebrüdern Grimm (1819)

14.1 Inhalt des Märchens der Wind, das himmlische Kind.“ Da trat eine
kleine, alte Frau aus dem Haus, die die Kinder zu
Vor einem großen Wald lebte einst ein armer Holz- sich einlud und ihnen Essen und ein Schlafzim-
hacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern, mer anbot. Hänsel und Gretel fühlten sich wie im
Hänsel und Gretel. Da die Familie nicht genug zu Himmel, wussten jedoch nicht, dass die Frau eine
essen hatte, drängte die Mutter ihren Mann, die Hexe und Menschenfresserin war. Am nächsten
Kinder tief im Wald auszusetzen, sodass sie nicht Morgen zerrte die Hexe Hänsel in einen kleinen
wieder nach Hause fänden. Zufällig erfuhren die Stall und sperrte ihn hinter ein Gitter. Gretel zwang
Kinder von dem Plan, woraufhin Gretel bitterlich sie zu arbeiten und ihren Bruder zu mästen. Um zu
weinte und Hänsel sie tröstete. Denn er hatte vom prüfen, ob Hänsel schon fett genug zum Schlachten
Hof viele kleine Kieselsteinchen eingepackt, mit sei, befühlte die fast blinde Hexe jeden Tag Hänsels
denen er heimlich den Weg legen wollte. Am nächs- Finger. Um die Hexe zu täuschen, hielt ihr Hänsel
ten Morgen gaben sich die Geschwister ahnungs- immer einen mageren Knochen entgegen. Da Hänsel
los und ließen sich in den Wald führen. Dabei nicht zunahm, beschloss die ungeduldige Hexe ihn
ließ Hänsel in regelmäßigen Abständen ein Stein- trotzdem zu schlachten. Sie heizte den Ofen an und
chen fallen. Tief im Wald angekommen sollten die befahl Gretel hineinzukriechen, um nachzusehen,
Kinder Holz sammeln, während sich die Eltern ob der Ofen heiß genug sei. Gretel ahnte, dass die
unter dem Vorwand, weiteres Holz zu hacken, ent- Hexe auch sie darin braten wollte und gab vor, nicht
fernten. Stattdessen aber ließen sie die Kinder allein zu wissen, was sie tun solle. Da kroch die Hexe laut
im Wald zurück. Wieder fing Gretel an zu weinen, schimpfend selbst in den Ofen. Gretel gab ihr einen
und Hänsel beruhigte sie, dass sie bloß den Steinchen kräftigen Stoß und schloss die Ofentür, sodass die
zu folgen brauchten, um nach Hause zu finden. So Hexe jämmerlich verbrannte. Sie befreite Hänsel und
kam es, dass die Kinder am nächsten Morgen wieder gemeinsam nahmen sie so viele wertvolle Dinge aus
vor ihren Eltern standen. Während sich der Vater dem Häuschen der Hexe mit auf den Weg, wie sie
über die Rückkehr der Kinder freute, schimpfte die tragen konnten.
Mutter mit den beiden, wo sie denn so lange gewesen Im Wald kamen sie an einen See, den sie nicht
seien. Nachts hörten die Kinder, wie die Mutter vom allein überqueren konnten. Da bat Gretel eine
Vater verlangte, die Kinder am nächsten Tag noch weiße Ente, sie auf ihrem Rücken über den See zu
tiefer in den Wald zu führen. Wieder weinte Gretel, bringen. Auf der anderen Seite kam ihnen der Weg
und Hänsel wollte kleine Steinchen holen, doch bald wieder bekannt vor und sie fanden rasch nach
jene Nacht war die Türe verriegelt. Als sie morgens Hause. Dort angekommen fiel ihnen der Vater um
loszogen, erhielten beide Kinder ein kleines Stück den Hals, der keine ruhige Minute mehr gehabt hatte,
14 Brot, und Hänsel ließ nun statt Steinchen Brotkru- und berichtete, dass die Mutter inzwischen gestor-
men fallen. Nachdem die Eltern sie wieder zurück- ben war. Dank der mitgebrachten Schätze lebten die
gelassen hatten, mussten die Kinder feststellen, dass drei fortan unbeschwert in dem kleinen Häuschen
die Vögel die Brotkrumen weggepickt hatten. Wieder am Waldrand.
musste Hänsel die aufgelöste Gretel trösten, dass sie (Grimm u. Grimm 1819; . Abb. 14.1)
den Weg zurück schon finden würden. Doch auch
nach langer Suche gelang es den beiden nicht, den Anmerkung  Die Ursprünge des Märchens werden
Heimweg zu finden. in Hessen und Schwaben vermutet. Es ist nahelie-
Als sie ein schönes Vöglein beobachteten und gend, dass die Geschichte aus einer Zeit stammt, in
ihm daraufhin folgten, gelangten sie zu einem der die Bevölkerung mit Hungersnöten zu kämpfen
kleinen Lebkuchenhäuschen, von dem sie – hungrig hatte, wie z. B. während des Dreißigjährigen Krieges
wie sie waren – aßen. Da ertönte eine feine Stimme (1618–1648). Die Namen Hänsel und Gretel sind
aus der Stube mit den Worten „Knuper, knuper, knei- Kosenamen für die damals häufigsten Taufnamen
schen, wer knupert an meinem Häuschen?“ Worauf Johann und Margarethe und betonen als Platzhalter
die Kinder unbekümmert antworteten: „Der Wind, die Allgemeingültigkeit des Märchens.
14.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
103 14
. Abb. 14.1  (Zeichnung: Johanna
Frey)

14.2 Die Charaktere Untersucht man das Märchen auf Geschlechts-


stereotypen, fällt auf, dass die weiblichen Akteure
Die Geschwister Hänsel und Gretel wachsen in sehr schlecht wegkommen. Mutter und Hexe ver-
Armut als Kinder eines Holzhackers auf. Hänsel körpern das Böse und selbst Gretel wird (zunächst)
übernimmt die Führung für sich und seine Schwes- als schwach und lebensuntüchtig dargestellt. Dieses
ter und bleibt auch in Notsituationen zuversichtlich. Muster taucht in vielen Märchen der damaligen
Er handelt vorausschauend und kümmert sich für- Zeit auf, was vermuten lässt, dass dies dem Stereo-
sorglich um Gretel, welche hingegen ängstlich ist und typ einer Epoche entsprach, in der Frauen keinerlei
sich auf ihren Bruder verlässt. Erst als Hänsel von der Rechte besaßen, sich den Männern unterzuordnen
Hexe gefangen genommen wird, beweist Gretel Mut hatten und zudem häufig die Rolle des Sündenbocks
und rettet sich und ihren Bruder. innehatten.
Der Vater möchte seine Kinder nicht im Wald
aussetzen, lässt sich jedoch von seiner Frau dazu
drängen und steht nicht für seine Kinder ein. Er 14.3 Psychologische Phänomene
ist froh, dass die Kinder trotz seines feigen Verrats und Implikationen
wieder heil zurückkehren.
Die Mutter ist bereit, für ihr eigenes Leben das Aus dem Märchen „Hänsel und Gretel“ lassen sich
ihrer Kinder zu opfern. Sie zeigt keinerlei Zuneigung einige psychologische Phänomene ableiten, die im
gegenüber den Kindern und versucht zweimal diese Folgenden vertiefend dargelegt werden.
loszuwerden. Sie hat ihren Mann fest im Griff und
überredet ihn, die Kinder auszusetzen. Am Ende
jedoch stirbt sie selbst. 14.3.1 Lügen
Die Hexe wohnt versteckt im Wald und lockt die
Kinder mit ihrem Lebkuchenhaus in die Falle. Sie will „Wir wollen in den Wald gehen und Holz holen“,
die Kinder braten und verspeisen. Doch sie wird von so begründet die Mutter den Ausflug in den Wald.
Hänsel und Gretel überlistet und stirbt einen qual- Dies ist jedoch eine eiskalte Lüge, um die Kinder im
vollen Tod. Zwischen der Hexe und der Mutter zeigt Wald auszusetzen. Untersuchen wir das Märchen
sich eine Parallele: Beide Frauen wollen die Kinder gezielt auf Lügen, stellen wir fest, dass sich diese wie
töten, sterben jedoch am Ende selbst. ein roter Faden durch die Geschichte ziehen, denn
104 Kapitel 14 · Hänsel und Gretel von den Gebrüdern Grimm (1819)

jeder der Akteure lügt im Verlauf des Märchens. die Gruppe zusammenzuhalten (Barrio et al. 2015).
Die Mutter lügt, der Vater verschweigt sein Wissen Natürlich geht es hierbei nicht um egoistisch moti-
gegenüber den Kindern, Hänsel lügt bzw. täuscht, vierte Intrigen und Lügen, sondern z. B. um kleine
indem er der Hexe statt seines Fingers ein mageres Flunkereien, die zum psychischen Wohlbefinden der
Knöchlein entgegenstreckt und vielleicht auch, als Belogenen beitragen. Auch wenn es sich hierbei nur
er Gretel versichert, dass sie den Weg schon finden um eine Simulation handelte, so ist es doch plausi-
werden, auch wenn die Vögel das Brot weggepickt bel, dass wir häufig lügen, um die Harmonie einer
haben. Hier stellt sich auch die Frage, ob er womög- Gruppe aufrechtzuerhalten, und dass genau dieses
lich gar sich selbst belügt, um sich zu beruhigen. Die Verhalten den Menschen früher einen evolutionären
Hexe lügt den Kindern etwas vor, um sie einzufan- Vorteil erbrachte. Die Simulation ergab aber auch,
gen und schließlich lügt sogar Gretel, als sie vorgibt, dass chronische Lügner schnell ins soziale Abseits
nicht zu wissen, was sie tun solle. geraten. Denn – wie sagt man so schön: „Wer einmal
Betrachten wir die Lügen nun im Hinblick auf lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er mal die
unsere emotionalen Reaktionen. Vermutlich ver- Wahrheit spricht!“
urteilen die meisten von uns die Lüge der Mutter
sowie der Hexe und möglicherweise auch das Schwei-
gen des Vaters. Dass die Kinder die Hexe belügen, um Implikationen für die Lebensgestaltung
sich aus ihrer Gefangenschaft zu befreien, finden die Mit Sicherheit soll die Botschaft nicht sein, dass
meisten von uns wahrscheinlich moralisch vertret- Lügen per se schlecht ist und man niemals lügen
bar. Dieses Beispiel verdeutlicht, wie unterschied- sollte. Denn Hänsel und Gretel wären ohne ihre Not-
lich wir Lügen bewerten. Der Bewertungsmaßstab lügen wohl im Wald verhungert oder von der Hexe
orientiert sich dabei an dem Motiv für die Lüge. Höf- verspeist worden. Vielmehr kann uns die Geschichte
lichkeit, eine Notsituation oder persönliche Vorteile dazu anregen, uns Gedanken zum Thema Lügen zu
sind nur einige der Gründe, warum jemand nicht machen:
die Wahrheit spricht. Die Grenzziehung zur Lüge 44Dürfen wir lügen, um ein ehrenwertes Ziel zu
ist dabei nicht immer eindeutig, beispielsweise bei verfolgen?
einer Übertreibung oder dem Zurückhalten von 44Was bedeutet es für unsere Gesellschaft,
Informationen. wenn wir immer auch mit einer Lüge rechnen
Obwohl eine Lüge eigentlich immer negativ müssen?
konnotiert ist, lügen die meisten Menschen immer 44Ist Verschweigen auch Lügen?
wieder, wie wir nicht nur aus unserer persönlichen 44Was passiert, wenn wir uns selbst belügen,
Alltagserfahrung heraus bestätigen können, sondern um uns z. B. eine bestimmte Situation
14 was auch von einigen Forschern systematisch unter- schönzureden?
sucht wurde. So fanden z. B. Turner et al. (1995), dass
nur ca. 38 % der verbalen Aussagen, die Versuchs-
personen im sozialen Miteinander tätigten, absolut 14.3.2 Optimismus
der Wahrheit entsprachen. Die restlichen Aussa-
gen waren nicht eindeutig gelogen, aber unterlagen Obwohl die Kinder durch den Egoismus der Mutter
irgendeiner Form der Informationskontrolle (z. B. in eine prekäre Situation geraten sind, bleibt Hänsel
Zurückhaltung oder Übertreibung). stets optimistisch. Er tröstet Gretel immer wieder
Warum konnten sich im Zuge der Evolution und bleibt zuversichtlich, dass sie die Lage meistern
sowohl beim Menschen als auch bei vielen Tierar- werden, selbst als er bemerkt, dass die Vögel seine
ten, die Täuschungsmanöver beherrschen, Lüge und Wegmarkierung gefressen haben.
Schwindel als eher negativ bewertetes Verhalten etab- Das wohl prominenteste Beispiel für den Unter-
lieren, bei denen immer auch die Gefahr besteht, dass schied zwischen Optimisten und Pessimisten ist
sie auffliegen? Forscher zeigten mithilfe einer Simula- die Sichtweise auf das halb volle bzw. halb leere
tion, die auf mathematischen Modellen beruht, dass Glas. Dort, wo der eine die positiven Aspekte und
Lügen als „sozialer Klebstoff “ fungieren könnte, um Chancen erkennt, vermutet der andere Probleme
14.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
105 14
und Nachteile. Ob man nun eher Optimist oder Pes- über genügend Kreativität und Optimismus, um der
simist ist, kann situativ schwanken. Haben Menschen Hexe den Todesstoß zu versetzen.
aber situationsübergreifend eine positive Grund-
haltung in ihrer Wahrnehmung, Erinnerung, ihren
Erwartungen sowie ihren Denkmustern, so spricht Implikationen für die Lebensgestaltung
man von Positivity. Dies beinhaltet auch die Fähig- Uns hilft maßgeblich der realistische Optimismus,
keit, sich auf die positiven Faktoren zu fokussieren voranzukommen und uns weiterzuentwickeln. Jedes
und diese besser zu erkennen. Hat eine Person syste- Kind, das Laufen lernt, fällt viele Male zurück auf den
matisch die Tendenz, sich vorwiegend an Positives zu Boden, bevor es laufen kann, und zeigt damit eine
erinnern, so handelt es sich um den sog. „positivity hohe Resilienz. Diese hilft ihm nach jedem Sturz,
bias“ (Michalos 2014). wieder aufzustehen und ganz fest daran zu glauben,
Die Fähigkeit, die Welt positiv wahrzunehmen, dass es bestimmt bald klappt. Wann immer wir uns
ist ein wichtiger Faktor im Umgang mit Rückschlä- hoffnungslos fühlen, können wir uns vornehmen,
gen. Scheier et al. (1999) konnten sogar in einer wie ein Kind, das gerade die ersten Schritte macht,
Studie zeigen, dass Optimisten sich nach einer mit realistischem Optimismus die Herausforderung
Bypass-Operation körperlich schneller erholten. Die anzunehmen.
Optimisten begannen – verglichen mit den Pessimis-
ten – früher wieder mit körperlicher Aktivität und
benötigten seltener eine stationäre Nachbehandlung. 14.3.3 Erlernte Hilflosigkeit
Die Hypothesentheorie der sozialen Wahrnehmung
(Lilli u. Frey 1993) beschreibt, dass unsere Erwar- Zu Beginn des Märchens verhält sich Hänsel aktiv
tungshaltung nicht nur unsere Wahrnehmungspro- und nimmt das Schicksal der Geschwister in die
zesse, sondern auch die resultierenden Schlussfolge- Hand. Mit den Kieselsteinchen und den Brotkrumen
rungen sowie Handlungen beeinflussen kann, also versucht er, den Weg zurück nach Hause zu legen,
z. B. wie wir nach einer Operation den Genesungs- um sich und Gretel zu retten. Gretel hingegen verhält
prozess wahrnehmen und wann wir wieder körper- sich zu Beginn passiv. Bei Rückschlägen reagiert
lich aktiv werden. Gretel mit bitterlichem Weinen und Verzweiflung.
Doch nicht immer ist es förderlich, uneinge- Sie glaubt nicht, dass sie die Situation verändern kann
schränkt an das Gute zu glauben. Trotz Optimismus und fügt sich ihrer Lage.
sollten wir realistisch bleiben. Denn wer zu blauäu- Dieses Verhalten wird auch als erlernte Hilflosig-
gig und naiv durch die Welt spaziert, wird immer keit (Seligman 1974) bezeichnet. Damit ist die feste
wieder vermeidbare Rückschläge und Enttäuschun- Überzeugung einer Person gemeint, dass sie eine
gen provozieren. Die Fähigkeit des realistischen unangenehme Situation nicht verändern könne, auch
Optimismus nennt Mourlane (2014) einen wichtigen wenn dies objektiv betrachtet nicht stimmt. Diese
Faktor für Resilienz. Resilienz beschreibt die psychi- Einstellung kann in Passivität resultieren, bei der
sche Widerstandsfähigkeit und Fähigkeit, Krisen zu man sich seinem Schicksal widerstandslos hingibt.
bewältigen und sie sogar als Chance zur Weiterent- Die eigene Selbstwirksamkeitserwartung (Bandura
wicklung zu nutzen. Im Alltag ist Resilienz wichtig, 1977), also die Erwartung, durch das eigene Handeln
um adäquat mit Herausforderungen und Rückschlä- Einfluss nehmen zu können, wird durch die erlernte
gen umzugehen. Hilflosigkeit stark geschwächt.
Im Märchen hat Hänsel im realistischen Rahmen Gretel hat die erlernte Hilflosigkeit wahrschein-
Optimismus bewahrt, um sich und seine Schwester lich durch eine Reihe negativer Lernerfahrungen
zu retten. Wäre Hänsel ein Pessimist gewesen, hätte erworben. Erst als Hänsel von der Hexe gefangen
er vermutlich etwas gesagt wie: „Ja, Gretel, bald wird, überwindet Gretel ihre Hilflosigkeit, um sich
werden wir sterben.“ Dass Hänsel nicht naiv und und ihren Bruder vor dem Tod zu retten. Sie stößt
unrealistisch optimistisch ist, bestätigt sich, als selbst die Hexe in das Ofenfeuer und befreit Hänsel. Gretel
er die Hoffnung verliert, nachdem ihn die Hexe in macht dabei eine korrigierende Lernerfahrung: Sie
den Stall sperrt. Doch an dieser Stelle verfügt Gretel stellt fest, dass ihr mutiges Handeln etwas bewirkt
106 Kapitel 14 · Hänsel und Gretel von den Gebrüdern Grimm (1819)

und sie Kontrolle über die Situation hat. Gretel ent- sollte dabei immer weiter gesteigert werden. Die Teil-
wickelt sich im Laufe des Märchens immer mehr hin nehmer konnten sich gegenseitig nicht sehen, aller-
zu einer aktiv handelnden Heldin. dings waren die Schmerzensäußerungen zu hören.
Zögerten oder weigerten sich die Probanden, weitere
Elektroschocks zu verabreichen, drängte der Ver-
Implikationen für die Erziehung und suchsleiter sie, fortzufahren. Dass die Schmerzens-
Führung schreie nur vorgetäuscht waren und es in Wahrheit
Erlernte Hilflosigkeit kann zu Passivität, Verzweif- keine Elektroschocks gab, wussten die Versuchsper-
lung und depressiven Symptomen führen. Um sich sonen nicht. Das Milgram-Experiment zeigte, dass
aus der Opferrolle zu befreien, musste Gretel ihre Personen gegen ihren Willen und aus Gehorsam
eigene Selbstwirksamkeit erfahren. Auch für die bereit sein können, andere Menschen zu schädigen.
gesunde Entwicklung von Kindern ist das Erleben Die Ergebnisse des Experiments sind erschreckend.
von Selbstwirksamkeit sehr bedeutsam. Schon von 65 % der Teilnehmer verabreichten Elektroschocks
Geburt an lernen Kinder durch Ausprobieren ver- der höchsten und lebensgefährlichen Intensität
schiedener Verhaltensweisen, dass ihr Handeln (450 Volt), auch wenn ihnen das sichtlich schwer-
Auswirkungen auf ihre Umwelt und das Verhalten fiel. Die übrigen Personen weigerten sich erfolgreich,
anderer Menschen hat. Dabei sind Herausforderun- den Anweisungen des Versuchsleiters zu folgen.
gen für Kinder in jeder Entwicklungsstufe besonders Übertriebener Gehorsam zeigte sich auch in einer
wichtig, um ihre Selbstwirksamkeit auf unbekann- Studie, in der ein vermeintlicher, unbekannter Arzt
tem Terrain zu überprüfen. dem Pflegepersonal per Telefon befahl, bestimmten
Auch im Bereich der Mitarbeiterführung sind Patienten eine gefährlich hohe Dosis eines Medika-
Selbstwirksamkeit und wahrgenommene Kontrolle ments zu verabreichen, das noch nicht zum Einsatz
für Mitarbeiter von großer Bedeutung. Es ist wichtig, an Patienten freigegeben war. Schockierende 95 %
dass Führungskräfte ihren Mitarbeitern das Gefühl des Pflegepersonals leisteten den Anweisungen folge
vermitteln, dass auch sie etwas bewirken können (Hofling et al. 1966).
und nicht äußeren Einflüssen hilflos ausgesetzt sind. Doch wie kann es so weit kommen? Ein Grund
Schon allein bei einem Problem angehört zu werden, für Gehorsam ist der normative soziale Einfluss, den
kann helfen, dass wir mehr Kontrolle über die Situa- eine autoritäre Person auf eine andere ausübt. Alle
tion wahrnehmen und zufriedener sind. Menschen haben das Grundbedürfnis, akzeptiert
und Teil einer Gruppe zu sein. Normativer sozialer
Einfluss wirkt, wenn Menschen ihr Verhalten ent-
14.3.4 Konformität und Gehorsam sprechend der Vorstellungen anderer anpassen, um
14 von diesen weiterhin akzeptiert und gemocht zu
Im Märchen lässt sich der Vater von seiner Frau über- werden, auch wenn sie die auferlegten Vorstellungen
zeugen, die Kinder auszusetzen, obwohl er dies nicht nicht gutheißen. Der Vater von Hänsel und Gretel
möchte. Diese Konformität führt zu einem fremdbe- will seine herrische Ehefrau zufriedenstellen, die
stimmten Handeln gegen seine Prinzipien, welches Teilnehmer im Experiment wollen dem Versuchs-
das Leben seiner Kinder gefährdet. Warum wehrt leiter bzw. dem Arzt gefallen. Ein weiterer Grund für
sich der Vater nicht und handelt gegen seinen Willen? Gehorsam kann der informationale soziale Einfluss
Das berühmte Milgram-Experiment (Milgram sein. In einer verwirrenden und stressigen Situation
1974) zeigte, dass Menschen oft gegen ihren Willen mit widersprüchlichen Anforderungen verlassen
und ihr Gewissen handeln, wenn sie unter Druck sich Personen oft auf die Anweisungen eines „Exper-
gesetzt werden. Dabei sollten die Teilnehmer unter ten“, der vorgibt, zu wissen, was richtig ist. Übertrie-
Aufsicht des Versuchsleiters eine eingeweihte Person, bener Gehorsam kann aber auch durch die Abgabe
die sich in einem anderen Raum aufhielt, immer der persönlichen Verantwortung entstehen. Wer nur
dann mit einem schmerzhaften Elektroschock die Anweisungen eines anderen ausführt, fühlt sich
bestrafen, wenn sie bei einer Lernaufgabe einen selten verantwortlich, denn die Verantwortung liegt
Fehler machte. Die Intensität des Elektroschocks dann ja wohl bei dem, der die Fäden zieht.
Literaturverzeichnis
107 14
Implikationen für die Lebensgestaltung Literaturverzeichnis
Natürlich ist Gehorsam an sich ein wichtiger Wert
Bandura, A. (1997). Self-efficacy: toward a unifying theory of
und in allen Kulturen eine geschätzte Norm, die ein
behavioural change. Psychological Review 82, 191–215.
geordnetes Zusammenleben ermöglicht. Deshalb Barrio, R. A., Govezensky, T., Dunbar, R., Iñiguez, G., & Kaski, K.
lernen wir, Autoritätspersonen wie Eltern oder (2015). Dynamics of deceptive interactions in social net-
Lehrern zu gehorchen. Gehorsam wird aber dann works. Journal of The Royal Society Interface 12, 20150798.
gefährlich, wenn er von der Autoritätsperson miss- Greitemeyer, T., Osswald, S., Fischer, P., & Frey, D. (2007). Civil
courage: Implicit theories, determinants, and measure-
braucht wird und die Menschenwürde anderer ver-
ment. Journal of Positive Psychology 2, 115–119.
letzt – wie es im Märchen und den Experimenten Grimm, J., & Grimm, W. (1819). Kinder- und Haus-Märchen,
geschehen ist. gesammelt durch die Brüder Grimm: Große Ausgabe
Wann handeln wir nach unseren Prinzipien (Bd. 1, 2. Aufl.). Berlin: G. Reimer.
und wann gegen unser Gewissen, weil uns andere Hofling, C. K., Brotzman, E., Dalrymple, S., Graves, N., & Pierce,
C. M. (1966). An experimental study in nurse-physician
unter Druck setzen? Das Wissen über Faktoren wie
relationships. The Journal of Nervous and Mental Disease
normativen und informationalen sozialen Einfluss 143, 171–180.
hilft, die eigenen Handlungen kritisch zu hinterfra- Lilli, W., & Frey, D. (1993). Die Hypothesentheorie der sozialen
gen. Wer Gehorsam zeigt, weil er sich nicht verant- Wahrnehmung. In: D. Frey, & M. Irle (Hrsg.), Theorien der
wortlich für das Gesamtergebnis fühlt, muss sich Sozialpsychologie. Band I: Kognitive Theorien (S. 49–78).
Bern: Huber.
bewusst machen, dass er die verwerfliche Tat erst
Michalos, A. C. (ed.). (2014). Encyclopedia of quality of life and
möglich macht. Die Verantwortung für die Schädi- well-being research. Berlin, Heidelberg: Springer.
gung anderer liegt dann ebenso bei ihm wie beim Milgram, S. (1974). Obedience to authority: An experimental
Auftraggeber. view. New York: Harper & Row.
Menschenverachtendes Verhalten durch Gehor- Mourlane, D. (2014). Resilienz. Die unentdeckte Fähigkeit der
wirklich Erfolgreichen. Göttingen: Bambus Village.
sam kann durch Zivilcourage verhindert werden.
Scheier, M. F., Matthews, K. A., Owens, J. F., Schulz, R., Bridges,
Zivilcourage ist ein von Ablehnung begleitetes M. W., Magovern, G. J., & Carver, C. S. (1999). Optimism
mutiges Verhalten, das hilft, gesellschaftlich-ethische and rehospitalization after coronary artery bypass graft
Normen ohne Rücksicht auf eigene soziale Kosten surgery. Archives of Internal Medicine 159, 829–835.
durchzusetzen (Greitemeyer et al. 2006). Zivilcou- Seligman, M. E. P. (1974). Depression and learned helplessness.
In: R. Friedman, & M. M. Katz (Eds.), The psychology of
rage bedeutet, für andere einzutreten und blindem
depression: Contemporary theory and research. Washing-
Gehorsam Grenzen zu setzen. ton, DC: Winston-Wiley.
Turner, R. E., Edgley, C., & Olmstead, G. (1975). Information
control in conversations: Honesty is not always the best
14.4 Fazit policy. Kansas Journal of Sociology 11, 69–89.

Die geschilderten Beobachtungen im Märchen von


Hänsel und Gretel zeigen, dass das Märchen auch heute
noch aktuell ist. Lügen, Optimismus, erlernte Hilflosig-
keit und blinder Gehorsam sind immer noch prägend
für unser Miteinander. Darüber hinaus enthält das
Märchen weitere Ansatzpunkte für Analysen:
44Warum handeln die Eltern entgegen der elter-
lichen Fürsorge?
44Warum kehren Hänsel und Gretel zu ihrem
Elternhaus zurück, das sie verlassen mussten?
Haben sie ihren Eltern verziehen oder ist es
(emotionale) Abhängigkeit, die sie zurückführt?
109 15

Von einem, der auszog, das


Fürchten zu lernen von den
Gebrüdern Grimm (1818)
Angelika Stefan

15.1 Inhalt des Märchens und die Charaktere – 110

15.2 Die Charaktere – 111

15.3 Psychologische Phänomene – 112


15.3.1 Effekt der Erwartung – 112
15.3.2 Keine Furcht – ist das normal? Das Dilemma des
Märchenhelden – 113
15.3.3 Eudämonisches Glück und das Streben nach höheren Zielen – 114

15.4 Implikationen für das eigene Leben – 115

15.5 Fazit – 115

Literaturverzeichnis – 115

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_15
110 Kapitel 15 · Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen von den Gebrüdern Grimm (1818)

15.1 Inhalt des Märchens und die vertrieb. Als sie weg waren, sah er in einer Ecke ein
Charaktere großes Bett, in das er sich legte, um zu schlafen. Doch
das Bett fuhr wild im Schloss herum, sodass er sich
Ein Vater hatte zwei Söhne. Der ältere fürchtete sich schließlich doch an sein Feuer legte und einschlief.
wie alle anderen Leute vor bestimmten Dingen, aber Gefürchtet hatte er sich nicht.
der jüngere konnte nie verstehen, was es bedeu- In der zweiten Nacht kam durch den Schorn-
ten sollte, wenn die Leute sagten: „Es gruselt mir!“ stein ein hässlicher Mann, der sich ans Feuer auf
Deshalb antwortete er, als der Vater ihm sagte, es den Platz des Jungen setzte. Als dieser ihn wegdrän-
wäre Zeit, etwas zu lernen, womit er sein Brot ver- gen wollte, kamen noch mehr Männer, die anfingen,
dienen kann: „Ich möchte lernen, mich zu gruseln!“ mit Knochen und Totenköpfen Kegel zu spielen. Der
Der Vater schickte ihn daraufhin zu einem Junge spielte mit ihnen mit, bis sie um Mitternacht
Küster, der versprach, ihn das Gruseln zu lehren. verschwanden. Gefürchtet hatte er sich nicht.
Dort musste der Junge bei Nacht die Glocke läuten. In der dritten Nacht brachten sechs Männer
Der Küster versteckte sich im Glockenturm, damit einen Sarg herein, in dem ein Toter lag. Der Junge
der Junge glauben würde, er sei ein Gespenst. Der berührte ihn und merkte, dass er ganz kalt war,
Junge entdeckte die Gestalt und rief, sie solle sich zu weshalb er ihn erst an sein Feuer setzte und dann
erkennen geben, sonst werfe er sie die Treppe hin- neben sich in sein Bett legte, um ihn zu wärmen.
unter. Als der Küster sich nicht zu erkennen gab, warf Da wurde der Tote lebendig und versuchte, ihn zu
er ihn die Treppe hinunter, wobei sich dieser ver- erwürgen. Der Junge stutzte über die Undankbarkeit
letzte. Dies erzürnte den Vater so, dass er den Sohn und warf ihn wieder in den Sarg zurück. Da trat ein
verstieß. großer Mann mit einem langen Bart herein, der ihm
Auf der Straße traf der Sohn einen Fremden, zurief, er werde jetzt lernen, was Gruseln ist, denn
der mit ihm wettete, ihm das Gruseln beibrin- jetzt werde er sterben. Der Junge überredete ihn zu
gen zu können. Er führte ihn zu einem Galgen, an einem Kräftemessen, bei dem er, wenn er als der stär-
dem sieben Männer aufgehängt waren, bei dem der kere hervorginge, gehen dürfte. Da führte ihn der
Junge die Nacht verbringen sollte. Als der Wind die Mann zu einem Schmiedefeuer, nahm eine Axt und
Männer gegeneinander schlug, bekam der Junge schlug den einen Amboss mit einem Schlag in die
Mitleid, nahm sie vom Galgen ab und setzte sie an Erde. Der Junge ging zu dem anderen Amboss, spal-
sein Feuer. Dort fingen ihre Kleider Feuer. Weil er sie tete ihn und klemmte dabei den Bart des Mannes mit
nicht verbrennen lassen wollte, hängte er sie wieder ein. Daraufhin nahm er eine Eisenstange und schlug
am Galgen auf. Gefürchtet hatte er sich nicht. so lange auf den Mann ein, bis dieser versprach, ihm
Am Morgen erzählte ihm ein Wirt von einem große Reichtümer zu geben, wenn er nur aufhören
verwunschenen Schloss. Demjenigen, der drei würde. Der Junge ließ ihn frei und der Mann führte
Nächte darin verbringen würde, hatte der König ihn zu drei großen Schatztruhen. Der Junge hatte sich
15 seine Tochter versprochen. Viele hatten sich an immer noch nicht gefürchtet.
der Aufgabe versucht, aber alle waren geschei- Wie versprochen durfte der Junge als Lohn die
tert. Der Junge beschloss, sein Glück zu versuchen. Prinzessin heiraten. Er beklagte sich aber weiterhin,
Auf Geheiß des Königs durfte er drei Dinge mit- dass er das Gruseln lernen möchte. Das ärgerte die
nehmen. Er wählte Feuer, eine Drehbank und ein Königstochter so, dass sie eines Tages einen Eimer
Schnitzmesser. voll kleiner Fische aus dem Teich holte und dem
In der ersten Nacht um Mitternacht sprangen Jungen, während er schlief, über das Bett schüttete.
zwei Katzen an sein Feuer, die ihn zum Kartenspie- Da wachte er auf und rief: „Ach, was gruselt mir! Nun
len aufforderten. Er bat sie, ihm vorher noch ihre weiß ich, was Gruseln ist!“
Krallen zu zeigen. Als sie ihm diese zeigten, packte er (Grimm u. Grimm 1819; . Abb. 15.1)
sie, spannte sie in die Drehbank und schlug sie tot. Da
kamen von allen Seiten schwarze Hunde und Katzen, Anmerkung  Das Märchen „Von einem, der auszog,
die er mit seinem Schnitzmesser von seinem Feuer das Fürchten zu lernen“ wurde von Wilhelm Grimm
15.2 · Die Charaktere
111 15

. Abb. 15.1  (Zeichnung: Claudia Styrsky)

als eine Kombination mehrerer mündlich überlie- Umfang auf und wird dadurch für den Leser beson-
ferter Volksmärchen aufgeschrieben. Die Aufga- ders präsent.
ben des Helden im verwunschenen Schloss sind fast
alle dem hessischen Märchen „Gut Kegel- und Kar-
tenspiel“ entnommen. Nur das Motiv des lebendi- 15.2 Die Charaktere
gen Toten, der versucht, den Helden zu erwürgen,
sowie des alten Mannes, dessen Bart eingeklemmt Die Charakterbeschreibungen in dem Märchen „Von
wird, entstammen nicht dieser Quelle. Ersteres ent- einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ bleiben
stammt einer Erzählung von Dorothea Viehmann, insgesamt auf die Darstellung ihrer familiären und
der Tochter eines Gastwirts aus der Gegend von gesellschaftlichen Stellung beschränkt, sie haben
Kassel; letzteres ist einem Tiroler Märchen entnom- weder Namen noch Spitznamen. Dafür nimmt die
men. Das fahrende Bett ist außerdem ein typisches Handlung einen ausgedehnten Lauf mit mehreren
Sagenmotiv, das u. a. auch in Wolfram von Eschen- Stationen. Im Zentrum steht der furchtlose und
bachs „Parzival“ vorkommt. Die Geschichte mit dem etwas einfältig wirkende jüngere Sohn, der es sich
Küster wurde in ähnlicher Form in einem Märchen zur (Lebens)Aufgabe macht, das Fürchten zu lernen.
aus Paderborn erzählt und die Nacht, die der Mär- Auf diesem Weg trifft er viele Personen, sogar Ver-
chenheld mit den Männern am Galgen verbringt, storbene und Geisterwesen, und besteht mehrere,
entstammt einem weiteren Märchen von Dorothea teils lebensbedrohliche Prüfungen, aber erst seine
Viehmann. Diese Kombination unterschiedlicher Ehefrau, die Tochter des Königs, schafft es, ihn eines
Quellen ist typisch für die Märchen der Gebrüder Nachts zu überraschen und ihm damit das Gruseln
Grimm, tritt bei diesem Märchen aber in verstärktem zu lehren.
112 Kapitel 15 · Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen von den Gebrüdern Grimm (1818)

15.3 Psychologische Phänomene Schemata bezeichnet (Betsch et al. 2011, S. 31f.).


Ein kognitives Schema beinhaltet das Wissen einer
Wenn Sie nach der Lektüre dieses Märchens ein Person über die typischen Merkmale eines Gegen-
wenig verwirrt sind, geht es Ihnen so wie den meisten stands und die Beziehungen zwischen diesen Merk-
anderen Lesern. Zu wenig entspricht das Märchen malen. Am Beispiel der Märchen wird klar, dass ein
„Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“ kognitives Schema immer mit Erwartungen ver-
unserer Erwartung eines typischen Märchens der knüpft ist. Nennt sich eine Geschichte Märchen, ent-
Gebrüder Grimm. Schemenhafte Gestalten aus dem spricht aber nicht dem Märchenschema, steht sie im
Totenreich bevölkern die Bühne, ihnen gegenüber Widerspruch zu den Erwartungen des Lesers.
steht ein Held, der scheinbar willkürlich zwischen Dies passiert beim Märchen „Von einem, der
brutaler Gewalt und naiver Mildtätigkeit wechselt. auszog, das Fürchten zu lernen“ in besonderem
Die Lösung der als unlösbar geltenden Aufgabe Maße. Obwohl die Rahmenhandlung – ein Held
und die Vermählung mit der Königstochter stellen meistert schwierige Herausforderungen und heiratet
nicht die finale glückliche Wendung dar, sondern am Ende die Königstochter – dem typischen Ablauf
nähren nur die Unzufriedenheit des Protagonisten. eines Märchens entspricht, stimmen viele Merkmale
Die Lösung bringt schließlich ein aggressiver Aus- nicht mit dem Märchenschema überein. So treten
bruch der Prinzessin, die in gekränktem Stolz ihren neben den stereotypen Märchencharakteren Scharen
Ehemann hinterrücks überlistet. an Toten auf, die eher einem Horrorfilm entwach-
Diese Verfremdungseffekte, die auf den arglosen sen zu sein scheinen. Der Held der Geschichte, der
Märchenleser verstörend wirken können, machen keine Furcht empfinden kann, ist weder ein klarer
das Märchen besonders interessant für eine psy- Antiheld, der dümmlich, hässlich oder schwäch-
chologische Erkundung. Das Märchen entbehrt der lich ist – wie in „Tischlein deck dich“, „Das hässliche
stereotypisierenden Schwarz-Weiß-Malerei und Entlein“ oder „Hans im Glück“ – noch ein tapferer
schildert lebensnahe Charaktere mit ihren Sorgen, Märchenheld, der in größter Not zu Hilfe eilt – wie
Sehnsüchten und Zielen, die sich nicht immer kon- die Prinzen in „Rapunzel“ und „Dornröschen“ oder
sistent und vorhersagbar verhalten. Damit gleichen der Jäger in „Rotkäppchen“. Die Gegner, gegen die
sie stärker den tatsächlichen Subjekten psychologi- er antritt, werden – anders als in „Rumpelstilzchen“
scher Forschung als die stereotypen Prinzessinnen, oder „Ali Baba und die 40 Räuber“ – kaum charakte-
Dümmlinge und Könige anderer Märchen. risiert und sind auch nicht in anderen Märchen auf-
Es liegt somit nahe, die Figuren des Märchens zufinden – wie böse Stiefmütter („Schneewittchen“,
sowie die Reaktion, die sie in uns als Lesern hervor- „Aschenputtel“, „Frau Holle“) oder Wölfe („Rotkäpp-
rufen, mithilfe psychologischer Theorien zu analy- chen“, „Die drei Schweinchen“, „Der Wolf und die
sieren und uns so den Fragen, die beim Lesen des sieben jungen Geißlein“). Und schließlich ist seine
Märchens aufkommen, anzunähern. Beziehung zur Prinzessin auch nicht das, was man
15 sich unter einer glücklichen Ehe vorstellt. Es treten
somit viele schemainkongruente Informationen auf,
15.3.1 Effekt der Erwartung die die Erwartung der Leser enttäuschen.
Sollte Ihnen der Märchenheld nicht sofort sym-
Warum verwirrt das Märchen seine Leser? Das pathisch sein oder das Märchen nicht zu Ihren abso-
Wort „Märchen“ löst bei den meisten Menschen luten Lieblingsmärchen gehören, lässt sich dies gut
sofort konkrete Assoziationen aus. Wir denken an durch den Widerspruch zwischen Ihrer Erwartung
bestimmte Figuren – die schöne Prinzessin, die und dem Märcheninhalt erklären. Nach Novaco
böse Stiefmutter, die gute Fee – und deren Interak- (1993) stellen enttäuschte Erwartungen eine wich-
tion. Auch Namen bekannter Märchen und typi- tige Determinante für die Entstehung von Ärger und
sche Inhaltselemente, z. B. die königliche Hochzeit Enttäuschung dar. Eine Erwartungsverletzung wird
oder das Happy End, kommen uns in den Sinn. In als Angriff auf bestehende Annahmen und Sche-
der Psychologie werden solche Wissensstrukturen mata, und damit als Provokation, aufgefasst. Je höher
über einen Gegenstandsbereich als sog. kognitive die Diskrepanz zwischen Tatsache und Erwartung
15.3 · Psychologische Phänomene
113 15
ist, desto stärker ist die damit einhergehende nega- von Emotionen beteiligt ist) zerstört hat, kann S. M.
tive Erregung. Negative Gefühle beim Lesen einer keine Furcht empfinden. Obwohl sie bereits mit
Geschichte, die behauptet, ein Märchen zu sein, aber Messern und Pistolen bedroht worden war, konnte
den Erwartungen an ein Märchen nicht gerecht wird, sie in einem Interview keine Situation benennen,
sind deshalb vorherzusehen. in der sie Furcht empfunden hatte. Ein Team von
Wissenschaftlern versuchte daraufhin sein Bestes,
die Patientin dazu zu bringen, sich zu fürchten. Sie
15.3.2 Keine Furcht – ist das zeigten ihr Ausschnitte aus den schlimmsten Hor-
normal? Das Dilemma des rorfilmen, die sie kannten. Sie führten sie in ein Zoo-
Märchenhelden geschäft, wo sie mit lebenden Spinnen und Schlan-
gen konfrontiert wurde. Sie brachten die Patientin in
Im Fokus des Großteils der psychologischen For- ein „Haunted House“, das aufwendig dekoriert und
schung zum Thema Furcht steht natürlicherweise mit „lebenden Geistern“ ausgestattet ist, die Besu-
das Vorhandensein von Furcht. Die Behandlung cher erschrecken sollen. Die Patientin fand all das
klinischer Störungen wie Phobien oder Panikatta- interessant, fürchtete sich aber nicht. Die Forscher
cken ist dabei wohl das bekannteste Forschungsfeld. publizierten daraufhin ihre gescheiterten Versuche
Der Held unseres Märchens hat aber genau das ent- in einem wissenschaftlichen Artikel und machten so
gegengesetzte Problem: Er empfindet keine Furcht. das moderne Märchen „Von einer, die auszog, das
Man könnte nun fragen, was so schlimm daran Fürchten zu lernen“ der Öffentlichkeit zugänglich
ist, keine Furcht zu empfinden. Schließlich ist Furcht (Feinstein et al. 2011).
eine negative Emotion, und wir alle streben danach, Der Fall der Patientin S. M. ist ein sehr extre-
möglichst wenig negative Emotionen zu empfinden. mes Beispiel für das Fehlen von Furcht. Wir können
Sollte also nicht das Fehlen von Furcht die Lebens- das Problem des Märchenhelden in weitaus geringe-
qualität verbessern? rer Intensität aber auch im Alltag beobachten. Wer
Ein Evolutionspsychologe könnte bei solchen kennt nicht jemanden, der vom Bungee-Jumping in
Überlegungen nur den Kopf schütteln. Furcht gilt Neuseeland schwärmt, während der Lawinenzeit auf
als adaptive Reaktion des Körpers. Sie hilft den Skitouren geht oder eine Vogelspinne im Terrarium
Menschen, angemessen auf Gefahrensituationen zu hält? Die Persönlichkeitspsychologie hat dafür einen
reagieren und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit Begriff etabliert, das Sensation Seeking. Personen
des Überlebens. Das Fehlen von Furcht führt dazu, mit einer hohen Ausprägung von Sensation Seeking
dass Hinweise auf Gefahren ignoriert werden und auf haben ein starkes Bedürfnis nach abwechslungsrei-
erkannte Gefahren nur konfrontativ reagiert wird, chen und neuen Erfahrungen und sind bereit, dafür
was insbesondere bei einem stärkeren Gegner unan- physische und soziale Risiken in Kauf zu nehmen
gemessen ist und im Extremfall zum Tod des Indivi- (Zuckerman 1979).
duums führen kann (Meyer et al. 2008). Der Wunsch Evolutionspsychologen würden vorhersagen,
des Helden ist somit durchaus nachvollziehbar, geht dass Menschen, die wenig Furcht empfinden, sich
es doch um sein eigenes Überleben. öfter in gefährliche Situationen begeben und deshalb
Betrachtet man die Situation unter diesem häufiger in lebensbedrohliche Situationen kommen.
Aspekt, drängt sich schnell die Frage auf, wie realis- Dasselbe lässt sich bei Personen beobachten, die eine
tisch das Problem ist. Gibt es tatsächlich Menschen, hohe Ausprägung von Sensation Seeking aufweisen.
die dasselbe Problem haben wie der Märchenheld? So sind diese z. B. häufiger in Autounfälle verwickelt,
Die Antwort ist ja, aber äußerst selten. da sie einen riskanten Fahrstil an den Tag legen, und
In der psychologischen Literatur wird ein ein- haben ein erhöhtes Risiko für sexuell übertragbare
ziger Fall diskutiert, die sog. Patientin S. M. Die Krankheiten, da sie wahrscheinlicher mit wechseln-
Geschichte dieser Frau weist erstaunliche Parallelen den Partnern ungeschützten Geschlechtsverkehr
zu der unseres Helden auf. Seit eine seltene Erkran- haben (Ulleberg 2001; Zuckerman 1994).
kung in ihrer Kindheit ihre Amygdala (Mandel- Das Problem des Märchenhelden ist also in abge-
kern; Gehirnregion, die zentral an der Entstehung schwächter Form ein durchaus weit verbreitetes
114 Kapitel 15 · Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen von den Gebrüdern Grimm (1818)

Problem. Menschen suchen Gefahren, um ihr Erre- hedonistischen Sichtweise. Da wir unser Wohlbefin-
gungslevel zu erhöhen und setzen sich so Risiken aus, den maximieren wollen, meiden wir Bestrafungen,
die sie nicht auf sich nehmen müssten. Das Ansinnen die mit negativen Emotionen verbunden sind, und
des Helden, zu lernen, sich zu fürchten, wird unter streben nach Belohnungen, die mit positiven Emo-
diesem Blickwinkel als Überlebensstrategie ver- tionen verbunden sind, wodurch unser Verhalten
ständlich. Ob seine Strategie, immer größere Gefah- beeinflusst wird.
ren zu suchen, zielführend ist, ist allerdings zweifel- Eudämonisten gehen davon aus, dass Wohlbefin-
haft. Die gescheiterten Versuche der Wissenschaftler den nicht allein durch die Kumulation kurzfristiger
im Fall der Patientin S. M. sprechen hier für sich. Glücksmomente entstehen kann. Auch diese Sicht-
weise entstammt der Antike. Aristoteles betrachtete
die Verfolgung hedonistischer Ziele als vulgär – die
15.3.3 Eudämonisches Glück und das Menschen würden dadurch zu Sklaven ihrer eigenen
Streben nach höheren Zielen Lust. Den Eudämonisten ist gemein, dass sie ein dem
bloßen Lustempfinden übergeordnetes Ziel als
Das Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten Grundlage für Wohlbefinden annehmen. Während
zu lernen“ ist nicht nur eine Geschichte über einen dies bei Aristoteles ein „tugendhaftes Leben“ ist,
Menschen, dem eine Emotion fehlt. Es ist auch eine gehen andere Autoren von einem Leben in Über-
Geschichte von einem Helden, der von dem Bedürf- einstimmung mit sich selbst (Waterman 1993) oder
nis getrieben ist, etwas zu lernen. Alle Aktivität in dem „Streben nach Perfektion, die die Realisation des
der Geschichte geht von diesem zentralen Bedürfnis wahren Selbst repräsentiert“ aus (Ryff 1995, S. 100).
aus. Es wird klar, dass er nicht glücklich sein kann, Das Streben nach Perfektion, nach dem idealen
ohne diese Fähigkeit erlangt zu haben. Damit ist er Selbst, ist auch ein wichtiger Motivator für den
der Prototyp des Menschen, der nach eudämoni- Märchenhelden. Er strebt nicht nur nach kurzfristi-
schem Glück strebt. gem Glück, sondern hat immer ein höheres Ziel vor
Was ist eudämonisches Glück? Gibt es über- Augen: Eine Fähigkeit zu erlangen, die seiner Ansicht
haupt mehrere Arten von Glück? Das sind Fragen, nach seine Persönlichkeit vervollständigen würde.
die die psychologische Glücksforschung zu beant- Obwohl er kurz vor Ende des Märchens aus hedo-
worten versucht. Glücksforscher sprechen dabei nistischer Sicht bereits allen Grund hätte, glücklich
selbst meist nicht von Glück, sondern von Wohlbe- zu sein – schließlich hat er Gefahren überstanden, ist
finden. Wohlbefinden wird als Zustand optimalen finanziell abgesichert und hat eine schöne Prinzessin
psychischen Funktionierens und Erlebens definiert geheiratet – ist er nicht zufrieden, da ihm zu seinem
(Diener 1984). In der Frage, was Wohlbefinden genau eudämonischen Glück ein wichtiger Baustein fehlt:
beinhaltet, haben sich zwei Sichtweisen herauskris- die Erreichung seines Ziels, sich fürchten zu lernen.
tallisiert (Ryan u. Deci 2001). Eine wichtige psychologische Theorie, die vom
15 Hedonisten behaupten, dass Wohlbefinden eudämonischen Ansatz beeinflusst wurde, ist die
durch häufige positive Emotionalität zustande Self-Determination-Theorie (Ryan u. Deci 2000).
kommt: Je häufiger wir positive und je seltener wir Der Grundgedanke dieser Theorie ist, dass Men-
negative Emotionen empfinden, desto glücklicher schen nach der Erfüllung von drei zentralen Bedürf-
sind wir. Unser Ziel sollte deshalb sein, positive Emo- nissen streben: Autonomie, Kompetenz und Verbun-
tionen wie Freude oder Stolz zu suchen und nega- denheit. Verbundenheit meint dabei, in sozialen
tive Emotionen wie Ärger oder Neid zu meiden. Die Gruppen eingebunden und anerkannt zu sein. Wohl-
hedonistische Sichtweise hat eine lange Tradition. befinden kann nur entstehen, wenn die drei Bedürf-
Beginnend in der griechischen Antike hat sie viele nisse erfüllt sind.
philosophische Schulen, allen voran den Utilitaris- Im Fall des Märchenhelden können wir davon
mus, maßgeblich beeinflusst und ist auch aus der ausgehen, dass sein Autonomie- und Verbunden-
Psychologie nicht wegzudenken. So haben beispiels- heitsbedürfnis erfüllt sind. Er kann als Mitglied des
weise behavioristische Erkenntnisse zur Wirkung Königshauses unabhängig agieren und hat großen
von Belohnung und Bestrafung ihre Wurzeln in der Einfluss. Verbundenheit erhält er durch die Heirat
Literaturverzeichnis
115 15
mit der Prinzessin und damit die Zugehörigkeit zu Vielleicht haben Sie sich beim Lesen über Sensa-
einer Familie. Sein Problem ist die Kompetenz. Zwar tion Seeking selbst wiedererkannt – vielleicht waren
bewältigt er Aufgaben, die vor ihm niemand lösen Sie schon selbst beim Bungee-Springen oder auf ris-
konnte, dabei fehlt ihm aber eine elementare Kom- kanten Skitouren. Vielleicht würden Sie aber auch nie
petenz, die alle anderen Menschen besitzen: Furcht. auf die Idee kommen, so etwas Gefährliches zu unter-
Bis zum Ende des Märchens, als die Prinzessin es nehmen. Sollten Sie sich noch gar nicht einschätzen
schafft, ihn zu erschrecken, kann es deshalb für ihn können, hilft Ihnen möglicherweise die Sensation-
kein Happy End geben. Seeking-Skala weiter, die im Internet frei zugänglich
ist (http://wsm.wsu.edu/s/we.php?id=%20200).
Schlussendlich haben wir analysiert, warum der
15.4 Implikationen für das eigene Märchenheld so lange unglücklich ist. Jeder von uns
Leben befindet sich irgendwann in seinem Leben einmal
in seiner Situation: Von außen betrachtet stimmt
Es mag Ihnen bereits aufgefallen sein, dass das eigentlich alles, aber irgendetwas fehlt. Die Self-De-
Märchen „Von einem, der auszog, das Fürchten zu termination-Theorie kann uns Ansatzpunkte liefern,
lernen“ Bedeutung hat und uns darüber hinaus auch um diese Unzufriedenheit zu erklären. Liegt es an
etwas über uns selbst erzählt. einem Mangel an Autonomie, Kompetenz oder Ver-
Zu Beginn stand die Frage im Raum, warum es bundenheit? Oder liegt Ihr persönliches eudämoni-
zunächst verwirrt oder einen sogar ein wenig ver- sches Ziel, mit dem Sie zu langfristigem Wohlbefin-
ärgert. Die Antwort, dass dem Ärger enttäuschte den finden, doch in einem ganz anderen Bereich?
Erwartungen zugrunde liegen, gilt nicht nur hierfür.
Auch in anderen Situationen, in denen wir merken,
dass wir negative Emotionen gegenüber einer Person 15.5 Fazit
oder Situation empfinden, kann es sein, dass Erwar-
tungen verletzt wurden. Denken Sie an das letzte Mal Die Überlegungen zum Märchen „Von einem, der
zurück, als Sie sich geärgert haben: Kam der Zug, auf auszog, das Fürchten zu lernen“ zeigen auf, dass es
den Sie gewartet hatten, zu spät? Hat Sie jemand bei auch aus heutiger Sicht interessante psychologi-
einem vereinbarten Termin versetzt? Hat Ihr Mitbe- sche Phänomene bietet wie den Effekt der Erwar-
wohner, Ehepartner, Kind mal wieder nicht geputzt? tung, das Furchtempfinden sowie das Streben nach
In all diesen Fällen hatten Sie eine feste Erwartung höheren Zielen, die einer eingehenden Betrach-
davon, was passieren sollte (der Zug oder die Person tung wert sind. Vielleicht ist Ihre anfängliche Ver-
sollte pünktlich sein, Haushaltsaufgaben sollten wirrung einem Gefühl von tieferem Verständnis
gleichmäßig verteilt sein). Diese Erwartung wurde gewichen. Vielleicht sagt Ihnen das Märchen aber
enttäuscht, und Sie haben Ärger empfunden. auch nach eingehender Beschäftigung nicht zu und
Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Was habe ich Sie fühlen immer noch ein Gefühl von Unbehagen,
davon, diesen Mechanismus zu kennen? Das wenn Sie sich ihm widmen. In letzterem Fall können
Bewusstsein über den Effekt führt nicht zwangs- Sie zumindest von sich behaupten: „Nun weiß ich,
läufig dazu, dass Sie sich weniger ärgern. Es schafft was Gruseln ist!“
aber Ansatzpunkte für eine Lösung von Konflik-
ten. Haben Sie und Ihr Gegenüber dasselbe kog-
nitive Schema von Pünktlichkeit? Haben Sie die- Literaturverzeichnis
selben Vorstellungen einer sauberen Wohnung wie
Betsch, T., Funke, J., & Plessner, H. (2011). Denken – Urteilen,
Ihre Mitbewohner oder Familienmitglieder? Wenn Entscheiden, Problemlösen. Berlin, Heidelberg: Springer.
nein, könnte dies die Schraube sein, an der Sie drehen Diener, E. (1984). Subjective well-being. Psychological Bulletin
können, um in Zukunft weiteren Ärger zu vermei- 95, 542–575.
den. Erklären Sie Ihrem Gegenüber Ihr kognitives Feinstein, J. S., Adolphs, R., Damasio, A., & Tranel, D. (2011). The
Schema! So ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten human amygdala and the induction and experience of
fear. Current Biology 21, 34–38.
für Kompromisse.
116 Kapitel 15 · Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen von den Gebrüdern Grimm (1818)

Grimm, J., & Grimm, W. (1819). Kinder- und Haus-Märchen,


gesammelt durch die Brüder Grimm: Große Ausgabe
(Bd. 1, 2. Aufl.). Berlin: G. Reimer.
Meyer, W.-U., Schützwahl, A., & Reisenzein, R. (2008). Einfüh-
rung in die Emotionspsychologie. Band 2: Evolutionspsycho-
logische Emotionstheorien (3. Aufl.). Bern: Hans Huber.
Novaco, R. W. (1993). Ärger als streßbezogenes Gesundheits-
problem und seine Therapie. In: M. M. Müller (Hrsg.),
Psychophysiologische Risikofaktoren bei Herz-/Kreislauf-
erkrankungen (S. 255–270). Göttingen: Hogrefe.
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2000). Self-determination theory and
the facilitation of intrinsic motivation, social develop-
ment, and well-being. American Psychologist 55, 68–78.
Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2001). On happiness and human
potentials: A review of research on hedonic and eudaimo-
nic well-being. Annual Review of Psychology 52, 141–166.
Ryff, C. D. (1995). Psychological well-being in adult life. Current
Directions in Psychological Science 4, 99–104.
Ulleberg, P. (2001). Personality subtypes of young drivers.
Relationship to risk-taking preferences, accident involve-
ment, and response to a traffic safety campaign. Trans-
portation Research Part F: Traffic Psychology and Behaviour
4, 279–297.
Waterman, A. S. (1993). Two conceptions of happiness:
Contrasts of personal expressiveness (eudaimonia) and
hedonic enjoyment. Journal of Personality and Social Psy-
chology 64, 678–691.
Zuckerman, M. (1979). Sensation seeking: Beyond the optimal
level of arousal. Hillsdale, NJ: Erlbaum.
Zuckerman, M. (1994). Behavioral expressions and biosocial
bases of sensation seeking. New York, NY: Cambridge Uni-
versity Press.

15
117 16

Der Hase und der Igel von den


Gebrüdern Grimm (1815)
Marie Raith

16.1 Inhalt des Märchens – 118

16.2 Die Charaktere – 118

16.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 119


16.3.1 Streben nach Leistungsvergleichen – 119
16.3.2 Minderwertigkeit und Selbstwertbedrohung – 120
16.3.3 Frustration, Aggression und Rache – 121
16.3.4 Die Gruppe als soziales Barometer – 121
16.3.5 Respekt und Selbstrespekt im sozialen Miteinander – 121
16.3.6 Narzissmus – 122

16.4 Bedeutung für die heutige Zeit – 122

16.5 Fazit – 123

Literaturverzeichnis – 123

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_16
118 Kapitel 16 · Der Hase und der Igel von den Gebrüdern Grimm (1815)

16.1 Inhalt des Märchens in seiner Furche daherkommt, so rufst du ihm ent-
gegen: „Ich bin schon da!“
Es war einmal ein Sonntagmorgen im Herbst, alle Am Acker angekommen, nahmen Hase und
Geschöpfe waren vergnügt, die Sonne schien und Igel ihre Startposition ein und im Nu ging das
die Vögel sangen. Da trat der Igel fidel aus seinem Rennen los. Der Hase rannte wie ein Sturmwind
Haus und entschloss sich an diesem schönen Morgen den Acker hinunter, der Igel aber lief nur ein paar
einen kleinen Spaziergang zum Feld zu machen, um Schritte und duckte sich dann flink in die Furche.
zu sehen, wie die Steckrüben standen. Am Feld traf Als der Hase blitzschnell am anderen Ende des
der Igel den Hasen, der aus ähnlicher Intention einen Ackers ankam, rief ihm die Frau des Igels entgegen:
Spaziergang unternahm. Als der Igel den Hasen sah, „Ich bin schon da!“
wünschte er ihm freundlich einen guten Morgen. Der Dem Hasen stand das Erstaunen ins Gesicht
Hase jedoch, der ein sehr vornehmer und schreck- geschrieben, glaubte er doch den Igel vor sich zu
lich arroganter Herr war, fragte nur spöttisch: „Wie sehen. So forderte er ein neues Rennen, den Acker
kommt es, dass du hier schon so am frühen Morgen wieder hinauf. Wieder flitzte er los, so schnell, dass
im Feld herumläufst?“ „Ich gehe spazieren!“, antwor- ihm die Ohren am Kopf flogen. Und dieses Mal
tete der Igel. Der Hase lachte über den Igel und sagte: sprang der Igel aus seiner Furche und machte den
„Du könntest deine Beine schon zu besseren Dingen Hasen erneut glauben, er habe verloren. Der Hase
gebrauchen.“ war außer sich vor Ärger. „Nochmal!“, forderte er. So
Dass der Hase sich ausgerechnet über seine lief der Hase 73 Mal, und jedes Mal war der Igel vor
krummen Beinchen lustig machte, verdross den Igel ihm am Ziel. Beim 74. Lauf fiel der Hase vor Erschöp-
sehr. Daraufhin fragte er den Hasen, ob er denke fung tot zu Boden. Vergnügt ging das Ehepaar Igel
mit seinen Beinen „mehr ausrichten“ zu können. mit dem Gewinn nach Hause.
Der Hase, der sich seiner Talente sehr sicher war, (Grimm u. Grimm 2011; . Abb. 16.1)
bejahte dies. Daraufhin schlug der Igel eine Wette
vor: „Ich wette, wenn wir um die Wette laufen, ich
lauf schneller als du.“ „Das ist ja zum Lachen!“, ent- 16.2 Die Charaktere
gegnete der Hase, schlug aber ein. Man einigte sich
auf einen Golddukaten und eine Flasche Branntwein Bevor wir uns näher dem Erleben und Verhalten der
für den Sieger und in einer Stunde sollte das Rennen Hauptakteure aus dem Märchen widmen, sollen alle
beginnen. drei kurz charakterisiert werden.
Auf seinem Weg nach Hause sprach der Igel zu Der Hase wird als vornehmer und arroganter
sich selbst: „Der Hase verlässt sich auf seine langen Zeitgenosse beschrieben. Er sieht sich in einer über-
Beine, aber ich will ihn schon kriegen. Er ist zwar ein geordneten Stellung und belächelt den Igel.
vornehmer Herr, aber doch ein dummer Kerl und das Der Igel jedoch, aus dessen Perspektive wir
soll er bezahlen.“ das Märchen erzählt bekommen, ist ein genügsa-
Als er nun zu Hause ankam, erzählte er seiner mer Waldbewohner. Er freut sich über den schönen
16 Frau rasch von der Wette und bedeutete ihr, mit ihm Herbstmorgen, begegnet dem Hasen höflich und
ins Feld zu kommen. Die Igelfrau war außer sich. mit Respekt. An der List, die er in der Kürze aus-
„Hast du denn ganz den Verstand verloren, Mann? heckt, zeigt sich auch, dass er Köpfchen hat. Später
Wie willst du mit dem Hasen um die Wette laufen?“ jedoch lernen wir den Igel noch von einer anderen
Der Igel befahl ihr, sich nicht einzumischen und mit Seite kennen. Er behandelt seine Frau respektlos
ihm zu kommen, also hatte die Frau des Igels keine und handelt ohne Erbarmen oder Einsicht, als er
andere Wahl. Auf dem Weg zum Feld sprach der Igel den Hasen bis zur tödlichen Erschöpfung rennen
zu seiner Frau und erklärte ihr: „Dort auf dem Acker lässt.
läuft der Hase in einer Furche und ich in der anderen. Als dritter Akteur ist nun noch die Igelfrau
Du hast nun weiter nichts zu tun, als dass du dich zu nennen. Sie hat in dem Märchen um Hase und
hier unten in die Furche stellst, und wenn der Hase Igel einen durchaus zentralen Part, denn ohne ihre
16.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
119 16

. Abb. 16.1  (Zeichnung: Claudia Styrsky)

Mithilfe hätte der Igel den Hasen niemals über- Minderwertigkeitstheorien begegnet. Des Weite-
listen können. Diese Schlüsselrolle, so scheint es, ren spielen Aggression und Rache, Demütigung,
übernimmt sie aber nicht freiwillig. Sie ist entsetzt Respekt und Selbstwertbedrohung eine wichtige
vom Handeln ihres Mannes, der sich auf eine Wette Rolle – im Wald bei Hase und Igel ebenso wie in
mit einem offensichtlich überlegenen Gegner ein- unserer Welt.
lässt. Einwände aber beachtet der Igel nicht und er Im Rahmen dieser Erläuterungen wird folgende
hört seiner Frau auch nicht zu. Die Rollen sind bei zentrale Frage immer wieder aufgegriffen: Wer ist
Ehepaar Igel klar verteilt: Frau Igel ordnet sich ihrem gut und wer ist böse? Und Sie als Leser werden sich
Mann bedingungslos unter, nachdem dieser ihr den in der Reflexion des Gelesenen auch mit der Frage
Mund verboten hat. Somit ist sie neben dem Sieg konfrontiert sehen, ob Ihr Verhalten eher dem des
ihres Mannes im Duell auch für den Tod des Hasen Hasen oder des Igels gleicht.
mit verantwortlich.

16.3.1 Streben nach


16.3 Psychologische Phänomene und Leistungsvergleichen
Implikationen
Lassen Sie uns gleich zu Anfang auf den Vergleich
Viele der psychologischen Mechanismen und der fokussieren, der zwischen Hase und Igel stattfindet
dazugehörigen Phänomene im Märchen von Hase und dessen Ergebnis letztendlich ausschlaggebend
und Igel haben auch in unserem Alltag einen maß- für das nachfolgende Kräftemessen ist.
geblichen Einfluss. Ein zentrales Thema ist dabei Anhand der Tendenz zum sozialen Vergleich
das Streben nach Leistungsvergleichen, welches („social comparison bias“; Garcia et al. 2010) lässt
uns in Theorien sozialer Vergleichsprozesse und sich das Verhalten des Igels erklären. Es handelt sich
120 Kapitel 16 · Der Hase und der Igel von den Gebrüdern Grimm (1815)

dabei um eine Benachteiligung aufgrund einer emp- 16.3.2 Minderwertigkeit und


fundenen Bedrohung im sozialen Vergleich. Diese Selbstwertbedrohung
Tendenz tritt dann auf, wenn Personen – oder Hase
und Igel – sich nach oben vergleichen. Das heißt, Auch die Minderwertigkeitstheorie nach Adler spie-
wenn der Vergleich der eigenen Person mit einem gelt diese Diskrepanz wider. Adler spricht dabei von
Individuum oder einer Gruppe stattfindet, die im Menschen, die sich körperlich minderwertig fühlen
subjektiven Empfinden erfolgreicher ist. Diese Ver- und dann versuchen, dieses Gefühl durch Höchst-
zerrung zeigt sich aber nur auf Ebenen, die für die leistungen zu kompensieren. Können sie die Höchst-
Person selbstwertrelevant sind (Garcia et al. 2010). leistung jedoch nicht erbringen, so versuchen sie
Daraus resultiert eine Bedrohung des Selbstwer- zumindest dies zu suggerieren (Adler 1912).
tes, die Menschen grundsätzlich zu entschärfen Der Igel stellt ein Paradebeispiel für die Min-
suchen. Für den Igel sind seine krummen Beine derwertigkeitstheorie nach Adler dar. Seine
ein Schwachpunkt und so sieht er sich im Vergleich krummen Beinchen geben ihm das Gefühl körper-
mit den Beinen des Hasen als Verlierer. Statt sich lich minderwertig zu sein. Sie sind seine Schwach-
von der Bedrohung, also dem Hasen, fernzuhalten, stelle, und deswegen macht der Igel dem Hasen
geht er in die direkte Konfrontation und fordert ihn vor, trotz seiner Beinchen sportliche Glanzleis-
heraus. tungen erbringen zu können. Natürlich kann man
Unsere Gesellschaft ist von Leistung geprägt sagen, dass der Igel auf gewisse Weise trotzdem eine
und zwangsläufig existieren darin auch Leistungs- Leistung erbringt – eben nicht physisch, sondern
vergleiche. Der Druck, Leistung zu erbringen, führt psychisch.
zu Konkurrenz und Wettbewerb. In solchen Wett- Ebendiese Kompensation empfundener Min-
bewerbssituationen ist es vollkommen natürlich, derwertigkeit finden wir in etlichen Theorien
Vergleiche anzustellen und nicht grundsätzlich wieder, so auch in der Theorie der sozialen Depri-
Gift für unser soziales Miteinander. Die Theorie vation. Im Vergleich mit anderen schneidet man
der sozialen Vergleichsprozesse (Festinger 1954) schlechter ab und versucht daraufhin diese Diskre-
beschreibt ebendies. Es geht um das Streben des panz wettzumachen. Somit geht es uns im Alltag
Menschen, eigene Meinungen und Fähigkei- allzu oft wie dem Igel, der sich minderwertig fühlt,
ten zu bewerten. Um dies zu erreichen, verglei- aber gleichzeitig danach strebt, seinen Selbstwert
chen sich Menschen mit anderen. Ein Vergleich zu steigern und kurzerhand die soziale Bedrohung
dient also zuallererst der Kategorisierung. In einer ausschaltet.
Leistungssituation kommt der Aspekt des Wett- Doch auch wenn das Verhalten des Igels im
bewerbs hinzu. Dieser Wettbewerb herrscht in Rahmen dieser Theorien nachvollziehbar ist, so
unserer Gesellschaft nicht nur im Arbeitsumfeld. ist doch strittig, ob der Igel richtig handelt. Will er
Ein jeder sägt am Stuhl des anderen und kämpft den Hasen lediglich eines Besseren belehren? Oder
bis zum Umfallen. Arbeitskräfte sind austausch- überschreitet der Igel klar und deutlich die Grenzen,
barer geworden, Grenzen lösen sich auf. Hunderte als er den Hasen bis in die tödliche Erschöpfung
16 stehen bereit, um den Platz einzunehmen, den ein treibt? Und wie gehen wir im Alltag damit um, im
anderer frei macht. Und nicht nur im Job besteht sozialen Vergleich schlechter abzuschneiden, zu
Konkurrenz und Wettbewerb. Wer trägt die tollste „verlieren“?
Kleidung, wer hat das schönste Strandhaus? Vergleichssituationen sind allgegenwärtig, oft
Zufriedensein ist schwierig geworden. Gerade fühlt man sich nach so einem Vergleich gedemütigt,
die Generation Y ist geprägt von der Suche nach dem vielleicht wird dann noch zusätzlich ein unglückli-
Optimum. Und so sehr diese Suche auf der einen cher Kommentar fallengelassen, und schon hat der
Seite anspornt, besser zu werden, mehr zu erreichen, Selbstwert einen Knick. Um dieses negative Gefühl
höher zu streben, so ist sie doch ein Hindernis für zu reduzieren, reagiert man oft sehr emotional – so
unser soziales Zusammenleben. Sozialer Vergleich wie der Igel: Er lässt sich unnötig anstacheln. Er ist
und Ungleichheit wird immer bestehen – die Frage frustriert und trifft eine emotionsgeladene, impul-
ist, was man daraus macht. sive Entscheidung.
16.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
121 16
16.3.3 Frustration, Aggression und besagt, dass der Selbstwert als Soziometer dient, das
Rache einem anzeigt, inwiefern man Zugang zu sozialen
Beziehungen hat (Leary u. Baumeister 2000). Dazu
Auch wenn wir nicht wissen, aus welchem Impuls werden die Reaktionen anderer beobachtet und
heraus der Igel entscheidet, so gibt es doch Anhalts- vor allem Signale sozialer Inklusion und Exklusion
punkte dafür, dass er es aus Frustration tut. Diese bewertet.
kann nämlich dazu führen, dass Menschen emo- Durch den abfälligen Kommentar des Hasen
tionsgeladen und aggressiv handeln. In Anlehnung zeigt dieser dem Igel deutlich, dass er ihn ausschließt.
an Freud haben Forscher (Dollard et al. 1939) schon Zwar könnte man sagen, dass sich das Duell hier
in den 1930er-Jahren eine Theorie entwickelt, die lediglich auf individueller Ebene abspielt. Jedoch
einen positiven Zusammenhang zwischen Frustra- weiß der Igel um seine krummen Beine und dass
tion und Aggression vorhersagt (Dollard et al. 1939). viele Tiere ihn deswegen belächeln, fühlt sich also
Wir können nur erahnen, was der Igel wirklich aus der Gruppe der erhabenen und starken Tiere
dachte, als ihn der Hase wegen seiner Beine beleidigte, ausgeschlossen.
es liegt aber nahe, dass dieser verletzende Kommentar Eine mögliche Folge des unerfüllten Bedürf-
den Igel frustriert hat. Und so beschließt er dem Hasen nisses nach Zugehörigkeit ist die Beeinträchti-
sein Verhalten mit einer List heimzuzahlen. Die Frus- gung des logischen Denkens und der Selbstregula-
tration und Aggression des Igels wird deutlich, wenn tion (Twenge et al. 2003). Auch dieser Aspekt passt
wir uns den Ablauf des Rennens noch einmal genauer wunderbar auf den Igel. Der Vorschlag des Igels, sich
ansehen: Mit Sicherheit sah man dem Hasen schon mit dem deutlich athletischeren Hasen zu messen,
beim 30. oder 40. Rennen seine Erschöpfung deutlich kann als Ergebnis eines impulsiven, nicht regulati-
an. Und selbst wenn er erst beim 68. Rennen gefähr- ven und nicht logischen Denkens gesehen werden.
lich keuchte, hätte der Igel das Rennen abbrechen Denn, auch wenn der Igel clever ist und den Hasen
und als Gewinner nach Hause gehen können. Aber dadurch übertrumpfen will, ist nicht gesichert, dass
er spielt das falsche Spiel unerbittlich weiter, so lange er es schaffen wird.
bis der Hase zu Tode kommt. Auch in der Arbeitswelt treten vergleichbare
Leider ist Frustration oft die Quelle von Aggres- Gruppenphänomene auf. Das Gefühl, nicht zugehö-
sion, welche teilweise in schlimmen Gewalttaten rig zu sein, kann auf verschiedene Arten ausgelöst
gipfelt. werden. Dabei wird deutlich, wie entscheidend es ist,
Außerdem fließt hier das Motiv nach Rache mit dass eine Gruppe als solche funktioniert. Tut sie dies
ein. Der Igel ist nicht nur frustriert. Er sinnt danach, nicht, geht viel Energie und Zeit durch Unstimmig-
dem Hasen die Beleidigung heimzuzahlen. Vielleicht keiten verloren. Gehen wir nun noch einen Schritt
erklärt dies auch, warum der Igel dem fatalen Rennen weiter, so sehen wir, wie wichtig es ist, dass eine
kein Ende bereitet. Bereits nach zehn Runden hat Führungskraft in die Bildung und Weiterentwick-
der Igel die Genugtuung, den Hasen überlistet zu lung ihres Teams investiert. Dies ist eine entschei-
haben. Warum führt er den Hasen weiter vor und dende Komponente, um professionelle Ziele effek-
gibt sich nicht zufrieden? Er handelt sehr überlegt tiv zu erreichen.
und berechnend und ist doch blind vor Wut. Denn
er reflektiert das eigentliche Geschehen nicht und hat
nur die Demütigung des Hasen als Ziel vor Augen. 16.3.5 Respekt und Selbstrespekt im
sozialen Miteinander

16.3.4 Die Gruppe als soziales Ebenso essenziell wie das Funktionieren der Gruppe,
Barometer vielleicht noch grundlegender, sind die Aspekte
Respekt und Selbstrespekt. Im Sinne von Kant soll
Impulsiv und aggressionsgeladen reagieren Men- man andere wie sich selbst respektvoll behandeln.
schen z. B. dann, wenn sie sich aus einer Gruppe Das heißt also auch, dass man Selbstrespekt einfor-
ausgeschlossen fühlen. Die Soziometertheorie dern soll (Kant 1785/1997).
122 Kapitel 16 · Der Hase und der Igel von den Gebrüdern Grimm (1815)

Genau das ist es, was der Igel gegenüber dem Hierbei handelt es sich um Maximen wie „Gewinne
Hasen praktiziert und was die Igelfrau ihrem Mann immer!“, „Sei der Beste!“ und „Nimm jede Heraus-
gegenüber nicht zeigt. Der Igel lässt sich nicht klein- forderung an!“ (Sachse 2013).
machen, möchte respektvoll behandelt werden. Die Das Verhalten des Hasen kann also durchaus auf
Igelfrau hingegen sträubt sich gegen den Plan ihres narzisstische Persönlichkeitseigenschaften schließen
Mannes, begehrt aber nicht auf. lassen. Besonders der unermüdliche Versuch des
Jeder hat also das Recht, sowohl respektvoll Hasen, das Rennen doch für sich zu entscheiden,
behandelt zu werden als auch diese Behandlung ein- zeichnet ihn als Narzissten aus. Er kann von diesen
zufordern. Wird dies nicht in dem Maße praktiziert, normativen Regeln nicht abweichen, weil Resigna-
wie man es verdient, gilt es, sich eine Strategie zur tion eine Bestätigung des negativen Selbstkonzepts
Wiederherstellung des Selbstrespekts zu suchen. Das wäre.
geht dann vielleicht auch so weit, andere gegen die Häufig trifft man, vor allem in anspruchsvol-
Wand laufen zu lassen. len Branchen, auf Narzissten. Durch ihre besondere
Ist der Igel also doch der Gute und Gerechte? Zielorientiertheit und ihre Anstrengungsbereitschaft
Eine schwierige Frage, die keine einfache Antwort schaffen sie es oft in Führungspositionen. Mögli-
kennt. Denn umgekehrt betrachtet, behandelt auch cherweise sind narzisstische Züge essenziell, um
der Igel den Hasen alles andere als respektvoll. eine solche Position überhaupt erreichen zu können
Was dabei Ursache und was Wirkung ist, lässt sich (Sachse 2013). Vielfach wird darüber diskutiert, ob
schwer herausfiltern. Eine Maxime im sozialen Mit- unsere Leistungsgesellschaft ein solches Verhalten
einander sollte deswegen sein, anderen immer res- provoziert und sogar unabdingbar macht. Arbeits-
pektvoll zu begegnen. Im Miteinander gilt es, nicht tage von über zwölf Stunden, Konkurrenzkampf am
immer nur das Verhalten des Gegenübers abzuwar- Arbeitsmarkt, das Ringen um einen unbefristeten
ten und entsprechend zu reagieren. Das Verhalten Vertrag – müssen wir narzisstische Züge haben, um
des anderen können wir nur durch unser eigenes uns in dieser Welt an die Spitze zu arbeiten?
beeinflussen. Veränderung liegt zum größten Teil Narzissten laufen jedoch aufgrund dieser leis-
in uns selbst. tungsorientierten Lebensweise Gefahr, sich völlig zu
verausgaben. Dies kann u. a. zu koronaren Herzer-
krankungen und Depressionen führen (Sachse 2013).
16.3.6 Narzissmus So erging es auch dem Hasen, der bei dem verzweifel-
ten Versuch, seine Laufkunst unter Beweis zu stellen,
Die narzisstische Persönlichkeitsstörung zeichnet tot umfällt.
sich besonders durch eine hohe Selbstbezogenheit
und einen Mangel an Empathie aus (Fiedler 2007).
Zentrale Motive des Narzissmus sind Anerkennung, 16.4 Bedeutung für die heutige Zeit
Wichtigkeit, Solidarität und Autonomie (Sachse
2013). Zu den Kriterien, die erfüllt sein müssen, um Welche Schlüsse können wir aus der Analyse für
16 eine narzisstische Persönlichkeitsstörung zu diag- unseren Alltag ziehen? Denn auch wir interagieren
nostizieren, gehören ein übertriebenes Selbstwert- im Alltag ständig mit anderen, sind aktiv in verschie-
gefühl, das Gefühl der Einzigartigkeit und ein starkes denen Rollen, sind Teil einer Gruppe oder handeln
Anspruchsdenken (APA 2012). als Individuum.
Allen Menschen mit narzisstischer Persön- Im sozialen Vergleich werden wir im Laufe des
lichkeitsstörung liegt ein negatives Selbstschema Lebens immer wieder selbstwertbedrohende Kon-
zugrunde, das abwertende Annahmen wie „Ich bin frontationen erleben. Manchmal ist es aber eben
nicht ok!“ enthält (Sachse 2013). Zur Kompensation nicht möglich, dieser Bedrohung auszuweichen,
dieses negativen Schemas entwickeln Narzissten beispielsweise wenn der eigene Vorgesetzte oder
jedoch normative Schemata, die eigene Ziele und ein Mitarbeiter im eigenen Team diese Bedrohung
Verhaltensregeln enthalten. Durch Einhaltung dieser darstellt. Dann gilt es, sich mit dem Unterschied
sollen negative Konsequenzen vermieden werden. zwischen der anderen und der eigenen Person zu
Literaturverzeichnis
123 16
arrangieren und Bewältigungsstrategien einzu- 16.5 Fazit
setzen. Dabei ist vor allem entscheidend, sich die
eigenen Talente und Fähigkeiten bewusst zu machen. Folgt man der Intention der Gebrüder Grimm, findet
Stärken und Schwächen sind nicht bei jedem Men- sich der Hase in der Rolle des Bösewichts wieder. Er
schen gleich und das ist gut so. Nur durch die Kom- wird als „arrogant“ beschrieben, was ihn nicht gerade
bination von Stärken und den Ausgleich von Schwä- als tugendhafte Person darstellt. Außerdem wird am
chen funktioniert Zusammenleben, Gruppenarbeit Ende des Märchens die Botschaft der Autoren expli-
und letztlich die Gesellschaft. Eine Schwäche oder zit formuliert. So heißt es in der Originalfassung
Stärke wird auch erst dann zum Konflikt führen, (Grimm u. Grimm 2011, S. 1):
wenn sie überstrapaziert wird. Dies sehen wir auch
bei Hase und Igel. Eigentlich ist die Stärke des Igels » Die Lehre aus dieser Geschichte aber ist
seine Klugheit, aber das Gefühl von Übermacht lässt erstens, dass sich keiner, und wenn er sich
ihn die Grenze überschreiten. Ebendies erleben wir auch noch so vornehm dünkt, einfallen lassen
auch im Alltag. Ehrgeiz ist mitnichten eine schlechte soll, sich über einen kleinen Mann lustig zu
Eigenschaft. Er lässt uns über uns selbst hinauswach- machen, und wäre es auch nur ein Igel. Und
sen. Aber im Übermaß macht er uns zum verbisse- zweitens, dass es gut ist, wenn einer heiratet,
nen Kämpfer. dass er sich eine Frau von seinem Stand nimmt,
Immer wird es jemanden geben, der besser, ange- die geradeso aussieht wie er. Wer also ein Igel
passter, engagierter und intelligenter ist. Dies kann ist, der muss darauf sehen, dass auch seine
aber auch als Ansporn dienen, sich auf eine gesunde Frau ein Igel ist.
Art selbst zu steigern und an sich zu arbeiten. Liegt
der Fokus jedoch zu stark auf der einen Fähigkeit, Die Autoren formulieren hier klar, dass der Hase
die der andere zeigt und die man selbst gern hätte, seinen Tod selbst verschuldet hat und dass der Igel
so wird dieser Vergleich nicht nur zur Bedrohung der bescheidene kleine Mann ist, der sich seiner
des Selbstwertes, sondern tatsächlich zu dessen Ver- nicht schämen muss, jedoch auch nicht nach etwas
minderung führen. Höherem streben sollte.
Am Ende bleibt wichtig zu erwähnen, dass sich Schlussendlich steht es dem Leser frei, ob er
der Hase sowie der Igel in vielerlei Hinsicht unethisch eher das Handeln des Hasen oder des Igels nach-
verhalten. Der Hase beleidigt den Igel und bringt ihm vollziehen kann und/oder (in Teilen) für sich wählt.
keine Wertschätzung entgegen. Der Igel ist letztend- Durch die Analyse der vorherrschenden psycho-
lich ein Trickser, der sein Nichtstun geschickt zu logischen Phänomene kennen Sie beide Positio-
seinem Kapital macht. Diese Rollenverteilung von nen. Und anders als das Gut und Böse in Grimms
Hase und Igel begegnet uns in Partnerschaften, in Märchen zeigt sich das Leben nicht nur in schwarz-
Familien und in Firmen, in denen sich einer ein Bein weiß, sondern beinhaltet viele Grautöne und
ausreißt, während der andere eine freizeitorientierte -schattierungen.
Schonhaltung als gut und erstrebenswert anpreist.
Da bemerkt man erst, wie oft man – im übertragenen
Sinne – Igeln und auch Hasen begegnet. Dies mag zur Literaturverzeichnis
Reflexion folgender Fragen anregen:
Adler, A. (1912). Über den nervösen Charakter. Wiesbaden: J. F.
44Wann verhalten wir uns eher wie der Hase oder Bergmann.
Igel oder vielleicht dessen Frau? Wer möchten American Psychiatric Association (APA). (2012). Diagnostic and
wir gerne sein? Statistical Manual of Mental Disorders. Arlington, VA:. Ame-
44Was können wir von den Figuren des Märchens rican Psychiatric Association Publishing.
lernen? Dollard, J., Doob, L. W., Miller, N., Mowrer, O. H., & Sears, R. R.
(1939). Frustration and aggression. New Haven: Yale Uni-
versity Press.
So können wir vielleicht in dem einen oder anderen Festinger, L. (1954). A theory of social comparison processes.
Moment an den Hasen und den Igel zurückdenken, Human Relations 7, 117–140.
kurz innehalten, und uns eines Besseren besinnen. Fiedler, P. (2007). Persönlichkeitsstörungen. Basel: Beltz.
124 Kapitel 16 · Der Hase und der Igel von den Gebrüdern Grimm (1815)

Garcia, S. M., Song, H., & Tesser, A. (2010). Tainted recommen-


dations: The social comparison bias. Organizational Beha-
vior and Human Decision Processes 113, 97–101.
Grimm, J., & Grimm, W. (2011). Die schönsten Kinder- und
Hausmärchen – Kapitel 77. Der Hase und der Igel. http://
gutenberg.spiegel.de/buch/-6248/77. Zugegriffen: 22.
November 2016.
Kant, I. (1785/1997). Groundwork of the metaphysics of morals.
Immanuel Kant; translated and edited by Mary Gregor.
[Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, Englisch]. Cam-
bridge: Cambridge University Press.
Leary, M. R., & Baumeister, R. F. (2000). The nature and function
of self-esteem: Sociometer theory. In: Zanna, M.P. (Ed.),
Advances in experimental social psychology. San Diego:
Academic Press.
Sachse, R. (2013). Persönlichkeitsstörungen. Göttingen:
­Hogrefe.
Twenge, J. M., Catanese, K. R., & Baumeister, R. F. (2003). Social
exclusion and the deconstructed state: Time perception,
meaninglessness, lethargy, lack of emotion, and self-
awareness. Journal of Personality and Social Psychology
85, 409–423.

16
125 17

Tischlein deck dich, Esel streck


dich, Knüppel aus dem Sack
von Ludwig Bechstein (1847)
Katharina Pfaffinger

17.1 Inhalt des Märchens – 126

17.2 Die Charaktere – 127

17.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 127


17.3.1 Implikationen für die Erziehung – 127
17.3.2 Implikationen für die Lebensgestaltung – 128
17.3.3 Implikationen für das Zusammenleben – 130

17.4 Vergleich mit der Märchenversion von den Gebrüdern


Grimm – 130
17.4.1 Originalfassung – 130
17.4.2 Bechsteins Veränderungen – 131

17.5 Bedeutung für die heutige Zeit – 132

17.6 Fazit – 132

Literaturverzeichnis – 132

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_17
126 Kapitel 17 · Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack von Ludwig Bechstein (1847)

17.1 Inhalt des Märchens wollte dieser ihm etwas schenken, das ihm helfen
sollte, nicht mehr nur der Dumme gerufen zu
Es war einmal ein ehrlicher Handwerker, der mit werden. Der Mann gab ihm einen Sack mit einem
seiner Frau und den gemeinsamen drei Söhnen, die Prügel darin, der bei den Worten „Knüppel aus
nur der Lange, der Dicke und der Dumme gerufen dem Sack“ eine Person so lange verprügelte, bis die-
wurden, in einem kleinen Städtchen lebte. selbe Person „Knüppel in den Sack“ sagte. Auf dem
Der Lange, der älteste Sohn, machte sich nach Heimweg warnte der Dumme den Wirt des Gast-
seiner Schreinerlehre auf Wanderschaft, um Arbeit hauses davor, die Worte „Knüppel aus dem Sack“
zu suchen, und landete bei einem Mann im Wald, zu sagen, was dieser aus Neugierde trotzdem tat. Er
der ihn einige Monate beschäftigte. Als Dank für wurde daraufhin selbst so lange verprügelt, bis er
seine tugendhafte und fleißige Arbeit bekam er von das Tischlein und den Esel wieder herausgab. Nach
dem Mann ein kleines Tischlein, auf dem immer seiner Ankunft zuhause wurde der Dumme mit dem
die gewünschten Speisen und Getränke aufgedeckt mitgebrachten Tischlein, dem Esel und dem Prügel-
waren, sobald man dreimal hintereinander „Tisch- sack von allen herzlich empfangen und seither von
lein, decke dich“ sagte. Auf seinem Heimweg wurde niemandem mehr als dumm verspottet.
der Lange von einem Wirt hinters Licht geführt, Die Familie musste aufgrund der besonderen
der das besondere Tischlein gegen einen normalen Gaben des Mannes nicht mehr arbeiten und lebte
Tisch austauschte, und deswegen bei seiner Rückkehr zufrieden und glücklich.
wegen seiner Dummheit verspottet. (Bechstein 1847; . Abb. 17.1)
Auch der Dicke, der mittlere Sohn, kam auf
seiner Wanderschaft zu besagtem Mann und erhielt Anmerkung  Das Märchen stammt ursprünglich
anschließend als Dank für seine Arbeit einen Esel, aus der Märchensammlung der Gebrüder Grimm,
der Goldmünzen fallen ließ, wenn man „Eselein, die zwischen 1812 und 1858 herausgegeben wurde.
strecke dich!“ sagte. Auch dessen besonderer Esel In diesem Märchen kommt neben den Charakte-
wurde vom Wirt des Gasthauses auf dem Heimweg ren bei Bechstein noch eine Ziege vor, deren Lügen
gegen ein normales Duplikat ausgetauscht, weshalb dazu führen, dass der Vater seine drei Söhne ver-
der mittlere Sohn zu Hause angekommen ebenfalls stößt. Bechstein, der von 1801–1860 in Meiningen
ausgelacht wurde. gelebt hat, war neben seinem Beruf als Schriftsteller
Nachdem der jüngste Sohn, der von allen immer auch Bibliothekar und Archivar und sammelte im
nur der Dumme genannt wurde, auf seiner Wander- Rahmen seiner Tätigkeit nicht nur Märchen, sondern
schaft auch fleißig für den Mann gearbeitet hatte, auch Sagen und andere Werke. Interessanterweise

. Abb. 17.1  (Zeichnung: Claudia


Styrsky)

17
17.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
127 17
nahm Bechstein aus pädagogischen Gründen öfter 17.3 Psychologische Phänomene und
Veränderungen an überlieferten Geschichten und Implikationen
Märchen vor, so auch in diesem Fall. Populärer ist
jedoch eher die Version der Grimm Brüder. Im Folgenden soll nun zunächst das Märchen „Tisch-
lein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem
Sack“ von Ludwig Bechstein aus dem Deutschen
17.2 Die Charaktere Märchenbuch von 1847 analysiert und auf darin
behandelte psychologische Phänomene genauer ein-
Die drei Söhne, der Wirt und der Mann im Wald gegangen werden. Anschließend wird vergleichend
werden als wichtigste Charaktere des Märchens kurz die Version der Gebrüder Grimm behandelt.
vorgestellt: Psychologische Phänomene, die im Märchen
Die drei Söhne leben bei ihren Eltern auf dem eine Rolle spielen, sind u. a. selbsterfüllende Prophe-
Land und werden aufgrund ihrer jeweiligen Auffäl- zeiungen, die Grundbedürfnisse nach Maslow, allge-
ligkeiten nur mit den Namen der Lange, der Dicke meine Gerechtigkeitsvorstellungen sowie die Theorie
und der Dumme gerufen. Generell werden die der gerechten Welt. Sie werden an den jeweils passen-
Brüder als rechtschaffen, tüchtig und bescheiden den Stellen in den praktischen Implikationen etwas
beschrieben. Nacheinander gehen sie auf Wander- genauer erläutert, um einen Einblick in die theoreti-
schaft und finden bei einem Mann im Wald Arbeit. schen Hintergründe zu ermöglichen.
Dieser kann die Brüder zwar nicht mit Geld bezah- Implikationen lassen sich für verschiedene
len, aber entlohnt sie für ihre Arbeit jeweils mit einem Lebensbereiche ableiten, beispielsweise für die Erzie-
besonderen Gegenstand. Der Mann scheint sehr ein- hung, für die allgemeine Lebensgestaltung sowie für
fühlsam und klug zu sein, da er letztlich dem jüngsten das Zusammenleben.
Bruder, der von allen nur als der Dumme bezeichnet
wird, dabei hilft, diesen Ruf abzulegen, und zudem
dafür sorgt, dass am Ende der Geschichte alle Betei- 17.3.1 Implikationen für die Erziehung
ligten ihre gerechte Belohnung oder Strafe erhalten.
Auf ihrem Heimweg kommen alle drei Brüder Bezüglich der Erziehung kann man aus dem Märchen
an einem Gasthaus vorbei und übernachten dort. Erkenntnisse zur unterschiedlichen Behandlung von
Der Wirt dieses Gasthauses ist der Bösewicht im Geschwistern ziehen. Der jüngste Bruder wird von
Märchen und wird als sehr gierig beschrieben. Er seiner Familie unterschätzt, bis er selbstständig auf
bestiehlt zwei der Brüder, bringt deren besondere Wanderschaft geht, sich bewährt und am Ende dafür
Gegenstände in seinen Besitz und tauscht sie gegen verantwortlich ist, die gestohlenen Gegenstände
wertlose Duplikate aus. Die beiden älteren Brüder seiner Brüder wieder zurückzuholen.
bemerken den Betrug zunächst nicht und blamie- Eltern sollten sensibel dafür sein, ob sie ihre
ren sich, als sie die Wundertätigkeit der Gegenstände Kinder unterschiedlich behandeln, wobei es durchaus
zu Hause vorführen wollen. Auch den Gegenstand mögliche Gründe für solche Ungleichbehandlungen
des dritten Bruders möchte der Wirt entwenden, was geben kann und es selbstverständlich unmöglich und
ihm jedoch nicht gelingt. nicht unbedingt notwendig ist, sich allen Kindern
Interessanterweise gibt es in dem Märchen nicht gegenüber immer zu 100 % gleich zu verhalten.
nur einen Protagonisten und Helden: Auf der einen Vielmehr ist es oftmals sinnvoll, sich flexibel auf die
Seite ist der Dumme die Person, die zunächst die Kinder einzustellen, um ihre Individualität berück-
vermeintlich schlechteste Belohnung erhält, die sichtigen zu können und deren individuelle Stärken
sich jedoch schließlich als sehr wertvoll heraus- und Potenziale zu fördern. Nichtsdestotrotz sollte
stellt und hilft, die entwendeten Belohnungen der die Behandlung generell so ausgeglichen sein, dass
Brüder zurückzuholen. Auf der anderen Seite gibt die Kinder gleiche Chancen erhalten und ihre Poten-
es den Mann im Wald, der dem jüngsten Bruder ziale durch die individuelle Behandlung entwickeln
die Rückholaktion durch seine Belohnung mit dem können. Ferner sollen sie nicht durch eine vorgefer-
Prügelsack erst ermöglicht und alles scheinbar auch tigte Einschätzung wie beispielsweise der Dumme in
genauso geplant hat. ihrer freien Entwicklung behindert werden.
128 Kapitel 17 · Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack von Ludwig Bechstein (1847)

Die Geschwister kehren nach ihrer Reise wieder Selbsterfüllende Prophezeiung


in ihr Elternhaus zurück. Das anfängliche Ziel der Denkbar ist in Bezug auf den „dummen“ Bruder eine
Wanderschaft, also selbstständig zu werden, wird selbsterfüllende Prophezeiung, auch wenn sie sich
somit letzten Endes nicht erreicht. Der familiäre im Nachhinein nicht bewahrheitet. Unter der selbst-
Zusammenhalt hat im Märchen einen sehr hohen erfüllenden Prophezeiungen oder Vorhersage ver-
Stellenwert und zum Ende lebt die ganze Familie steht man die Tatsache, dass eine anfängliche falsche
gemeinsam von den drei besonderen Gegenständen. Einschätzung einer Situation eine unbewusst ablau-
Den Aspekt des familiären Zusammenhalts und des fende Verhaltensänderung auslöst, die dazu führt,
Stellenwertes der Familie könnten Sie auch in Ihrem dass die erwartete Annahme tatsächlich eintritt
eigenen Leben hinterfragen und überlegen, ob Sie (Merton 1948).
damit aktuell zufrieden sind. In Studien von Rosenthal und Jacobson (1968)
Problematisch ist aus Erziehungssicht im Fall wurden aus einer größeren Gruppe von etwa 30
des Märchens jedoch die Tatsache, dass die durch Schülern drei Schüler zufällig ausgewählt und nur
den Knüppel ausgeübte Gewalt letztlich die Lösung dem Lehrer gegenüber als intelligenter, als es ihren
des Problems ist und der Wirt nur deswegen die bisherigen Schulleistungen entspricht, gemeldet. Ein
Gegenstände wieder herausgibt. Dies ist eine The- halbes Jahr später zeigten sich tatsächlich Steige-
matik im Märchen, die man kritisch bewerten rungen der Intelligenzquotienten, was damit erklärt
muss, da nicht vermittelt werden soll, dass Gewalt wurde, dass sich der Lehrer ihnen gegenüber anders
eine Lösung sei. Allerdings ist zu beachten, dass der verhalten hat und sie durch stärkere Forderung und
Dumme nicht gezielt gewalttätig gegenüber dem eventuell positive Verstärkung besser gefördert hat.
Wirt wird, sondern der Wirt selbst die Worte spricht, Im Märchen wird der Dumme aufgrund seines
die zum Losprügeln des Knüppels führen. Der Wirt Spitznamens von allen als dumm eingeschätzt,
wird sogar gewarnt, und nur seine eigene Neugierde obwohl sich dies als Trugschluss herausstellt. Er
hat zur Folge, dass er verprügelt wird. Der Knüppel schafft es mithilfe des Mannes aus dem Wald, die
sollte auf keinen Fall als Plädoyer für Gewalt, Dro- selbsterfüllende Vorhersage ad absurdum zu führen,
hungen oder Angst gesehen werden! Insbesondere was sicherlich auch eine Motivation für Personen
wenn man das Märchen Kindern vorliest, würde es sein könnte, die das Gefühl haben, unterschätzt oder
sich anbieten, über dieses Thema zu sprechen und falsch eingeschätzt zu werden.
darauf hinzuweisen, dass man Konflikte anders
lösen sollte.
Materieller und subjektiver Wert
Interessant sind darüber hinaus die unterschied-
17.3.2 Implikationen für die lichen materiellen und subjektiven Werte, die den
Lebensgestaltung besonderen Gegenständen zugeschrieben werden.
Der materielle Wert eines Tischchens, Esels
Die Geschwister werden alle auf ihre Äußerlichkei- oder Säckchens mag nicht besonders groß erschei-
ten (der Lange und der Dicke) oder angenommene nen, diese Dinge verhelfen aber durch ihre beson-
Charaktereigenschaften (der Dumme) reduziert, was deren Eigenschaften zu einem sorgenfreien Leben.
sich auch an ihren Rufnamen zeigt und ein Beispiel Vor allem das vermeintlich wertloseste Geschenk
17 für Stereotypisierung ist. erweist sich letztlich als besonders nützlich – mit
Das Märchen zeigt uns sehr deutlich, dass die dem Knüppel im Sack gelingt es, alles verloren
Beurteilung und Einschätzung einer Person auf- geglaubte wieder zurückzuholen. Der subjektive
grund von Äußerlichkeiten ungeeignet ist, da sie Wert der Gegenstände ist für die Familie deutlich
damit ausschließlich auf eine einzelne Eigenschaft höher als der materielle.
reduziert wird. Bemüht man sich hingegen, diese Dies zeigt, dass auch materiell nicht so wertvoll
genauer kennenzulernen, anstatt voreilige Schlüsse erscheinende Gegenstände durchaus wichtige Funk-
zu ziehen, eröffnen sich einem ihre vielfältigen tionen erfüllen können und der wahre Wert oft nicht
Potenziale. auf den ersten Blick zu erkennen ist.
17.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
129 17
Grundbedürfnisse sich Mühe und Anstrengung langfristig zumeist
Dadurch, dass die Familie alle erhaltenen Belohnun- doch lohnen.
gen teilt, kann sie zusammen zufrieden und glücklich Insbesondere in diesem Teil des Märchens spielt
leben, was möglicherweise auch daran liegt, dass alle das Thema der Gerechtigkeit eine wichtige Rolle. In
ihre Grundbedürfnisse befriedigt sind. der Psychologie werden dabei u. a. in einer Metaana-
Laut der Bedürfnispyramide von Maslow (1943) lyse von Colquitt et al. (2001) verschiedene Formen
zählen zu den Grundbedürfnissen physiologische der Gerechtigkeit unterschieden: Die distribu-
Bedürfnisse („physiological needs“), Sicherheitsbe- tive, prozedurale und interaktionale Gerechtigkeit.
dürfnisse („safety needs“), soziale Bedürfnisse („love Darüber hinaus gibt es zudem die informationale
needs“), Bedürfnisse nach Achtung und Respekt Gerechtigkeit.
(„esteem needs“) und das Bedürfnis nach Selbstver- Unter distributiver Gerechtigkeit (Ergebnisge-
wirklichung („need for self-actualization“). rechtigkeit) versteht man, dass die Verteilung von
Das Tischlein befriedigt insbesondere die physio- Belohnungen oder bestimmten Ressourcen – egal ob
logischen Bedürfnisse, also die existenziellen Bedürf- greifbar (Geld) oder nicht (Liebe) – als gerecht wahr-
nisse wie Essen und Trinken. Der Knüppel gleicht genommen wird. Es gibt dabei verschiedene Theo-
das Bedürfnis nach Sicherheit und Stabilität aus, da rien, wann eine Verteilung als distributiv gerecht
er der Familie das Gefühl gibt, sich gegen feindli- wahrgenommen wird. Die drei gängigsten sind die
che Angriffe wehren zu können. Soziale Bedürfnisse Verteilungen nach dem Leistungs-, Gleichheits- oder
werden möglicherweise durch die sozialen Bezie- Bedürfnisprinzip:
hungen innerhalb der Familie befriedigt, wobei der 44Das Leistungsprinzip (Equity-Prinzip)
familiäre Zusammenhalt durch die gemeinsamen postuliert, dass der Einsatz und das Ergebnis
Gegenstände noch verstärkt wird. Der Esel ermög- in Bezug gesetzt werden. Derjenige, der mehr
licht durch das wertvolle Gold u. a. die Befriedigung leistet, sollte demnach auch mehr bekommen.
von Bedürfnissen nach Achtung und Respekt, da sich Im Märchen ist die Verteilung der Gegenstände
die Familienmitglieder dadurch ihre individuellen am Ende dem Equity-Prinzip zufolge durchaus
Wünsche erfüllen können und es ihnen Ansehen und distributiv fair, da der Wirt nichts hat und die
Prestige verleiht. Brüder ihre jeweils verdienten Gegenstände
Inwieweit das Bedürfnis nach Selbstverwirk- wieder besitzen.
lichung erfüllt wird, ist aus dem Märchen nicht 44Dem Gleichheitsprinzip (Equality-Prinzip)
ersichtlich. Es zählt jedoch – im Gegensatz zu den zufolge wird eine Verteilung als gerecht
anderen – nicht zu den sog. Defizitmotiven, die wahrgenommen, wenn alle Personen gleiche
erfüllt sein müssen, um sich wohlzufühlen. Anteile bekommen.
44Beim Bedürfnisprinzip (Need-Prinzip) geht
es darum, dass bedürftigere Personen einen
Gerechtigkeit größeren Anteil bekommen als weniger
Darüber hinaus zahlt sich im Märchen ehrliche und bedürftige Personen.
fleißige Arbeit aus, auch wenn es zwischenzeitlich
so scheint, als wäre die Entlohnung dafür verloren. Bei der prozeduralen Gerechtigkeit (Verfahrens-
Daneben lohnen sich Werte wie Tugendhaftigkeit gerechtigkeit) geht es darum, ob die Kriterien, die
und Ehrlichkeit, wohingegen Hinterlist, Unehr- zum Ergebnis geführt haben, klar und nachvoll-
lichkeit und die Betrügereien des Wirtes bestraft ziehbar sind. Wichtig sind dabei für eine gerechte
werden. Letztlich bekommt jeder das, was ihm Wahrnehmung vor allem Konzepte der Prozess-
zusteht. Vielleicht hatten Sie auch schon einmal das kontrolle, also der Möglichkeit der Beeinflussung
Gefühl, dass sich Ihre Arbeit nicht auszahlt, Sie im des Verfahrens sowie festgelegte Verfahrensregeln.
Gegensatz zu weniger arbeitenden Kollegen oder Nach Leventhal (1980) gibt es dabei sechs Regeln:
Personen weniger Anerkennung bekommen und Das Verfahren sollte konsistent, genau, korrigier-
Sie meinen, dass ihre Bemühungen nicht honoriert bar und repräsentativ sein, Vorurteile sollten elimi-
werden? Aus dem Märchen können wir lernen, dass niert werden und es sollte ethischen Anforderungen
130 Kapitel 17 · Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack von Ludwig Bechstein (1847)

entsprechen. Prozedurale Fairness kann beispiels- 17.3.3 Implikationen für das


weise auch innovatives Verhalten, z. B. spontane Zusammenleben
Kooperationen, fördern. Im Rahmen eines Expe-
riments von Streicher et al. (2012) konnte gezeigt Die im Märchen angesprochenen Themen haben
werden, dass durch Mitsprachemöglichkeiten die eine wichtige Bedeutung für das Zusammenleben
Teilnehmer eine gesteigerte Intention zu innovati- von Menschen. Es geht dabei insbesondere auch
vem Verhalten im Sinne von Aufgabenrevisionen, darum, wie man mit Unrecht umgeht. Die Charak-
Kreativität und Persistenz zeigten. Innovationen tere im Märchen holen sich ihre Besitztümer nicht
können demnach durch Gerechtigkeit und prozedu- einfach zurück, sondern versuchen zunächst, sich
ral faire Bedingungen in Organisationen gefördert mit dem Verlust der materiellen Werte abzufinden
werden. Im Märchen wären diese Regeln für proze- und ohne sie zu leben.
durale Gerechtigkeit nicht gegeben, da die Rückhol- Im Märchen zeigt sich zudem, dass alle von
aktion mit der Gewalt des Knüppels beispielsweise Reichtum profitieren können, wenn man sich zusam-
keinen ethischen Anforderungen genügt. mentut. Wenn jeder der Brüder seinen Gegenstand
Bei der interaktionalen Gerechtigkeit werden alleine für sich behalten hätte, wäre ihr Reichtum
auch interpersonale Aspekte berücksichtigt. Der nicht so groß wie durch das Teilen, von dem alle
Fokus liegt dabei auf der interpersonalen Kommu- profitieren.
nikation zwischen Individuen in Bezug auf eine wür-
devolle und respektvolle Behandlung sowie auf der
inhaltlichen Ebene, also darauf, dass Informationen 17.4 Vergleich mit der
weitergegeben werden. Märchenversion von den
Eine Verteilungsprozedur ist dann informational Gebrüdern Grimm
gerecht, wenn die Personen zeitnah gründliche und
nachvollziehbare Erklärungen dazu erhalten (Col- Im Folgenden wird nun die Version Bechsteins mit
quitt 2001). der Version der Gebrüder Grimm verglichen, da die
In Bezug auf den Gerechtigkeitsaspekt des beiden Versionen ein gutes Beispiel dafür sind, wie
Märchens kann man auch die Theorie der gerech- sich Märchen aus verschiedensten Gründen über
ten Welt anführen. Unter dem Konstrukt des die Zeit oft mehr oder weniger verändert haben. Bei
­Gerechte-Welt-Glaubens versteht man das elemen- „Tischlein deck dich“ sind die Änderungen durch
tare Bedürfnis von Menschen, daran zu glauben, dass Bechstein insbesondere aus pädagogischer Sicht
es gerecht in der Welt zugeht und jeder das hat, was nachvollziehbar.
er verdient, und darüber hinaus das verdient, was
er hat. Lerner (1965) entwickelte diese Theorie u. a.
anhand eines Experiments, in dem zwei Personen in 17.4.1 Originalfassung
einem Labor an einer Anagrammaufgabe arbeiteten
und im Anschluss eine von ihnen zufällig eine Beloh- Im Märchen der Gebrüder Grimm (1812) geht es um
nung erhielt. Personen, denen diese Situation gezeigt einen Schneider, der drei Söhne und eine Ziege hat.
wurde, bewerteten die belohnte Person unabhängig Die Ziege, deren Milch die Familie ernährt, musste
von ihrer tatsächlichen Leistung und ihrer Sympathie von den Söhnen täglich auf eine Weide geführt
17 positiver. Lerner erklärte diesen Befund damit, dass werden, um möglichst gutes Futter zu finden. Abends
die einschätzenden Personen überzeugt davon waren, fragten die Brüder die Ziege jedes Mal, ob sie satt
dass die belohnte Person ihre Belohnung auch ver- sei, woraufhin die Ziege antwortete: „Ich bin so satt,
dient haben muss, obwohl sie in Wirklichkeit zufällig ich mag kein Blatt: mäh! mäh!“ Sobald der jeweilige
war. Auch im Märchen bekommen die Brüder letzt- Sohn mit der Ziege zurück nach Hause kam, behaup-
lich ihre verdienten Gegenstände zurück und der tete die Ziege dem Vater gegenüber fälschlicherweise,
Wirt verliert die zu Unrecht in seinen Besitz gebrach- wovon sie denn satt sein solle, da sie kein einziges
ten Gegenstände wieder. Die Besitzverhältnisse am Blättlein gefunden habe. Nacheinander verstieß der
Ende des Märchens sind gerecht, und der Glaube an Vater daraufhin alle seine Söhne und stellte danach,
eine gerechte Welt kann somit bestehen bleiben. als er die Ziege eines Tages selbst auf die Weide führt,
17.4 · Vergleich mit der Märchenversion von den Gebrüdern Grimm
131 17
fest, dass sie gelogen hatte und der Verstoß seiner dem Bären und dem Fuchs helfen, flog in den Fuchs-
Söhne umsonst war. Die Söhne machten jeweils eine bau, setzte sich auf den Kopf der Ziege und stach sie
Lehre in handwerklichen Berufen und bekamen als so stark, dass sie aufsprang und weglief – wohin weiß
Dank für ihre Arbeit statt monetärem Lohn jeweils jedoch keiner.
einen besonderen Gegenstand. Wie in der späteren
Version von Bechstein waren diese Gegenstände das
Tischlein, das sich von selbst deckt, der Gold produ- 17.4.2 Bechsteins Veränderungen
zierende Esel und der prügelnde Knüppel im Sack.
Den beiden ersten Brüdern vertauschte der Wirt Die bedeutendsten Veränderungen, die Bechstein
während der Übernachtung im Gasthaus unbemerkt an der Märchenversion der Gebrüder Grimm vorge-
ihren besonderen Gegenstand mit einem normalen nommen hat, sind das Weglassen der Tiergeschich-
Duplikat, und sie blamierten sich vor den eingela- ten sowie die Veränderung der Intention des letzten
denen Verwandten, als sie ihren Gegenstand nach Bruders, den Knüppel gegen den Wirt zu verwenden.
der Heimkehr vorführen wollten. Sie standen somit
wieder als Lügner da, genauso wie am Anfang auf-
grund der Falschaussage der Ziege. Ziege
Die beiden Brüder meldeten sich daraufhin beim Die Lügen der Ziege am Anfang sind der Grund
letzten Bruder, der noch in der Lehre war und berich- dafür, dass der Vater seine Söhne verstößt und diese
teten ihm vom Verlust ihrer Gegenstände. Der letzte auf Reisen gehen.
Bruder ging daraufhin extra in das Wirtshaus und Die Lügenthematik wird im weiteren Verlauf
erzählte dem Wirt geheimnisvoll von seinem beson- mehrmals aufgegriffen, sowohl im Zusammen-
deren Säckchen, ohne zu erwähnen, was genau sich hang mit dem Wirt wie auch nach der Heimkehr der
darin befand, und ohne ihn vor dessen Gebrauch zu ersten beiden Brüder, die nach dem Betrug durch
warnen. Der gierige Wirt wollte auch diesen dritten den Wirt erneut von ihrer Familie als Lügner ange-
Gegenstand in der Nacht austauschen. Der letzte sehen werden. Möglicherweise hat Bechstein auf-
Bruder wartete jedoch nur darauf und befahl, als der grund dieser Dualität die Ziegengeschichte wegge-
Wirt das Säckchen entwenden wollte, dem Knüppel, lassen und sich auf die Person des Wirts konzentriert.
den Wirt so lange zu verprügeln, bis er das beson- Auch könnte der Verstoß des Vaters ein Thema
dere Tischlein und den Esel wieder herausgab. Es war gewesen sein, das Bechstein weggelassen hat, um in
somit intentional vom dritten Bruder geplant, den seiner Version keinen Gegensatz zum von ihm postu-
Wirt mit dem Knüppel im Sack zu bestrafen und die lierten familiären Zusammenhalt zu erzeugen.
Dinge zurückzuholen. Bei der Heimkehr wurden alle
Verwandten eingeladen und die besonderen Dinge
allen vorgeführt. Fuchs, Bär und Biene
Auch wie es mit der Ziege weitergeht, wird im Die Tiergeschichte am Ende hat Bechstein nicht
Märchen beschrieben. Die Ziege hatte sich, nachdem weggelassen, sondern in veränderter Form in sein
sie vom Schneider verscheucht wurde, so geschämt, Märchen eingebaut. Im Prinzip ist die Aussage dieser
dass sie sich in einer Fuchshöhle versteckte. Als der Geschichte, dass die eigentlich von den anderen
Fuchs wieder in seinen Bau wollte, erschrak er vor Tieren unterschätzte Biene letztlich den anderen
der Ziege und floh. Auf seiner Flucht traf er einen Tieren bei der Umsetzung ihres Planes hilft und die
Bären, der ihn fragte, warum er so verstört ausschaue. Ziege aus dem Bau verscheucht. Die Brüder haben
Der Fuchs antwortete daraufhin, dass ein grimmiges in der Grimm-Version keine Rufnamen, und auch
Tier in seiner Höhle sei, das ihn mit feurigen Augen ansonsten spielt diese Thematik im Familiengefüge
angesehen hätte. Der Bär wollte dem Fuchs dabei keine Rolle.
helfen, die Ziege zu verscheuchen, erschrak jedoch In Bechsteins Version stehen die Brüder stellver-
selbst und traf auf seiner Flucht auf eine Biene, die tretend für die verschiedenen Tiere, von denen der
nun ihn nach dem Grund für seine Angst fragte. Die Dumme, also der unterschätzte, dafür sorgt, dass die
Biene, die aufgrund ihrer geringen Größe und Kraft Brüder ihre besonderen Gegenstände zurückbekom-
von den anderen Tieren oft unterschätzt wird, wollte men. Möglicherweise war Bechstein der Ansicht,
132 Kapitel 17 · Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack von Ludwig Bechstein (1847)

dass die Vermittlung des Themas einfacher ist, wenn 17.6 Fazit
sie bereits in einem zwischenmenschlichen Umfeld
eine Rolle spielt und nicht erst aus der Tierwelt über- Man kann nur Vermutungen anstellen, was
tragen werden muss. ursprünglich mit diesem Märchen bezweckt werden
sollte. Denkbar ist beispielsweise die Vermittlung
von Werten wie Ehrlichkeit, Pflichtbewusstsein und
Vorsatz zur Verwendung des Knüppels Bescheidenheit sowie Gerechtigkeit. Man könnte
Sicherlich hatte Bechstein aus pädagogischer Sicht dieses Märchen also beispielsweise dann lesen oder
Bedenken, die geplante Anwendung von Gewalt in vorlesen, wenn man das Gefühl hat, dass einem selbst
seinem Märchen zu postulieren, auch wenn es darum oder jemand anderem Unrecht geschehen ist, und es
geht, für Gerechtigkeit zu sorgen. Es ist dennoch als Aufmunterung sehen, dass es trotzdem zu einem
pädagogisch besser vermittelbar, wenn der Wirt guten Ende führen kann.
sich selbst die Gewalt zufügt, obwohl der Bruder Die Möglichkeit, Märchen zu verändern, die Bech-
ihn in der Version von Bechstein sogar vor der Ver- stein genutzt hat, steht dabei jedem offen, auch Ihnen
wendung des Gegenstandes gewarnt hat und damit als Leser. Auch Sie können Märchen als Ausgangs-
das Zurückerlangen der Gegenstände eher zufällig punkt sehen und sie kreativ nach Ihren eigenen Vor-
passiert. stellungen abwandeln. Für welche Version man sich
In der Version der Gebrüder Grimm wendet der entscheidet, ob man beide Versionen lesen möchte, ob
Bruder den Knüppel konkret und geplant gegen den man sich eine eigene Version ausdenkt und vor allem
Wirt an und wurde zudem von seinen Brüdern mehr was man aus dem Märchen mitnehmen möchte, bleibt
oder weniger dazu aufgefordert, die Gegenstände selbstverständlich jedem selbst überlassen.
zurückzuholen.
Bechsteins Version ist daher aus pädagogischer
Sicht der Version der Gebrüder Grimm vorzuziehen. Literaturverzeichnis

Bechstein, L. (1847). Deutsches Märchenbuch (5. Aufl.). Leipzig:


Georg Wigand
17.5 Bedeutung für die heutige Zeit Colquitt, J. A. (2001). On the dimensionality of organizational
justice: a construct validation of a measure. Journal of
Ungeachtet der verschiedenen Versionen hat das Applied Psychology 86, 386–400.
Colquitt, J. A., Conlon, D. E., Wesson, M. J., Porter, C. O., & Ng,
Märchen durchaus Bezugspunkte zur heutigen Rea-
K. Y. (2001). Justice at the millennium: A meta-analytic
lität. Insbesondere der Gerechtigkeitsaspekt ist und review of 25 years of organizational justice research. Jour-
bleibt aktuell, und fast jeder musste sicherlich schon nal of Applied Psychology 86, 425–445.
einmal mit einer zunächst als ungerecht empfunde- Grimm, J., & Grimm, W. (1812). Kinder- und Haus-Märchen,
nen Situation umgehen. gesammelt durch die Brüder Grimm: Große Ausgabe (Bd. 1).
Berlin: Realschulbuchhandlung.
Man könnte im Bezug auf die Arbeitssituation
Lerner, M. J. (1965). Evaluation of performance as a function of
der Brüder auch Schlüsse ziehen auf die heute oft performer’s reward and attractiveness. Journal of Perso-
als „Generation Praktikum“ bezeichneten Studenten, nality and Social Psychology 1, 355–360.
denen es – je nach Berufszweig – schwerfällt, feste Leventhal, G. S. (1980). What should be done with equity
Arbeitsplätze zu finden. Sie sind darauf angewiesen, theory? New approaches to the study of fairness in social
17 viele Praktika zu absolvieren, die häufig finanziell relationships. In: K. Gergen, M. Greenberg, & R. Willis
(Eds.), Social exchange: advances in theory and research
nicht entlohnt werden. Auch die Brüder im Märchen (pp. 27–55). New York: Plenum Press.
bekommen für ihre Arbeit kein Geld, aber zumindest Maslow, A. H. (1943). A theory of human motivation. Psycho-
eine anderweitige Entlohnung. Dies könnte bedeu- logical Review 50, 370–396.
ten, dass sich Praktika für manche auszahlen und Merton, R. K. (1948). The self-fulfilling prophecy. The Antioch
Review 8, 193–210.
sie von den Erfahrungen profitieren können, wie
Rosenthal, R., & Jacobson, L. (1968). Pygmalion in the class-
es im Märchen für den „dummen“ Bruder der Fall room. The Urban Review 3, 16–20.
ist, während andere zunächst keine Vorteile davon Streicher, B. Jonas, E., Maier, G. W., & Frey, D. (2012). Procedural
haben bzw. sich ihren erhaltenen Vorteil wieder justice and innovation: Does procedural justice foster
abnehmen lassen. innovative behavior? Psychology 3, 1100–1103.
133 18

Das Märchen von den drei


Brüdern von J. K. Rowling
(2008)
Sophie Drozdzewski

18.1 Inhalt des Märchens – 134

18.2 Die Charaktere – 135

18.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 135


18.3.1 List des Todes: Ein tödlicher Vertrag – 135
18.3.2 Kontrollverlust, Widerstand und Hilflosigkeit – 136
18.3.3 Angst vor dem Tod – 137
18.3.4 Antisoziales Denken und Verhalten – 138

18.4 Fazit – 138

Literaturverzeichnis – 139

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_18
134 Kapitel 18 · Das Märchen von den drei Brüdern von J. K. Rowling (2008)

18.1 Inhalt des Märchens der genau dies vermag. Doch sobald die Liebste als
Geist zurückgekehrt war – stumm und leidend, da
Es waren einmal drei Zaubererbrüder, die dem Tod sie nicht in die Welt der Lebenden gehört – wird
begegnen. Das Treffen ereignet sich an einem rei- der Bruder wahnsinnig vor Sehnsucht und nimmt
ßenden Fluss, in dem Menschen normalerweise sich das Leben. So macht sich der Tod die Seele des
ertrinken. Als die drei Brüder auf ihrer Wanderung zweiten Bruders zu eigen.
an den Fluss kommen, erschaffen sie mithilfe ihrer Der jüngste Bruder jedoch, der genügsamste und
Zauberkunst eine Brücke, auf der sie den Fluss über- weiseste unter den Geschwistern, misstraut dem Tod
queren. Der Tod, der sich um drei Seelen betrogen und wünscht sich etwas, mit dem er dem Tod ungese-
fühlt, erscheint als Kapuzengestalt auf der Brücke hen entkommen kann. Widerwillig übergibt ihm der
und will sich durch eine List die Seelen der Brüder Tod seinen eigenen Umhang, der unsichtbar macht,
doch noch zu eigen machen. So gibt er vor, den und der dritte Bruder lebt ein langes und erfülltes
Brüdern zu ihrer Leistung, dem Tod entronnen zu Leben. Erst nachdem er sehr alt geworden war, über-
sein, zu gratulieren, und bietet ihnen einen Lohn gibt er den Umhang seinem Sohn, heißt den Tod als
dafür an. alten Freund willkommen und entschwindet mit ihm
Der älteste Bruder verlangt einen Zauberstab, der ebenbürtig aus diesem Leben.
so mächtig ist, dass ihn niemand schlagen kann. Der (Rowling 2008; . Abb. 18.1)
Tod tut wie ihm geheißen und übergibt dem ersten
Bruder den unbesiegbaren Elderstab. Doch dessen Anmerkung  Begeisterte Harry-Potter-Leser
Glück über den unbesiegbaren Zauberstab währt werden das „Märchen von den drei Brüdern“ bereits
nicht lange. Nur einige Tage später sucht er Streit kennen. Es entstand im Zuge von Rowlings Arbei-
mit einem anderen Zauberer und tötet ihn im Duell. ten am letzten Teil der sehr erfolgreichen Buch-
Nachdem er betrunken in einem Wirtshaus lautstark reihe und wurde 2008 mit einigen weiteren von
mit dem Zauberstab geprahlt hatte, schneidet ihm der Autorin erdachten Märchen in einem geson-
ein Dieb die Kehle durch und entwendet den Zau- derten Märchenband Die Märchen von Beedle dem
berstab. So macht sich der Tod die Seele des ersten Barden veröffentlicht. Mit ihren Märchen erreicht
Bruders zu eigen. Rowling viele Kinder und Erwachsene aus aller Welt
Der hochmütige zweite Bruder will den Tod und vermittelt Werte und Moral spielerisch. Wei-
noch mehr demütigen und wünscht sich, seine ver- terhin dient der Märchenband als Zeitzeuge der
storbene Liebste in die Welt der Lebenden zurück- Moderne und leistet hier einen Beitrag als Vertre-
zubringen. Der Tod gibt ihm daraufhin einen Stein, ter unserer Zeit.

. Abb. 18.1  (Zeichnung: Lena Frey)

18
18.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
135 18
18.2 Die Charaktere seine List – die Geschenke des Todes – schafft er es,
das Leben zweier Brüder vorzeitig zu beenden und
Die Moral des Märchens liegt zunächst auf der Hand: sich schließlich auch die Seele des dritten Bruders zu
Der Tod ist unausweichlich, die Angst vor dem Tod eigen zu machen. Der Wunsch nach Unsterblichkeit
zwecklos, genauso wie jeder Versuch, ihm zu entrin- wird enttäuscht.
nen. Doch wir wollen noch tiefer ergründen, was sich
hinter den Figuren, die Rowling zeichnete, verbirgt.
Der älteste Bruder verlangt einen Zauberstab, 18.3 Psychologische Phänomene und
der so mächtig ist, dass ihn niemand besiegen kann. Implikationen
Er ist von Geltungsdrang und Dominanz getrieben,
seine Machtgier kennt keine Grenzen. Sein Ziel ist, Es folgt eine psychologische Betrachtung zur Unaus-
der mächtigste Zauberer zu werden, egal mit welchen weichlichkeit des Todes und dem Wunsch nach
Mitteln. So sucht er sogleich Streit mit einem anderen Unsterblichkeit. Nachdem die Charaktere und deren
Zauberer und tötet ihn mordlüstern im Duell. Im Konstellation im Märchen genauer betrachtet wurde,
Wirtshaus prahlt er damit und offenbart Erfolgsar- stellt sich die Frage, was wir von den drei Brüdern
roganz und Narzissmus. lernen können.
Der zweite Bruder besitzt nicht weniger Darauf aufbauend werden einige psychologi-
schlechte Züge. Um den Tod noch weiter zu demüti- sche Konzepte vorgestellt, die dem Wunsch nach
gen, verlangt er die Macht, Tote wieder auferstehen Unsterblichkeit der älteren Brüder auf den Grund
zu lassen. Die Liebe zu seiner verstorbenen Angebe- gehen: Woher kommt dieser Wunsch, was macht
teten ist dabei zunächst zweitrangig. Sein Hochmut er mit uns, und wie können wir die Angst vor dem
und seine Naivität blenden ihn. Vorrangig möchte Tod bewältigen? Dabei können wir einiges über
er den Tod erniedrigen. Erst als die Geliebte kalt uns selbst und unsere tiefsten existenziellen Ängste
und verstummt in der Welt der Lebenden verharren erfahren.
muss, zeigt sich der Egoismus des zweiten Bruders in
vollem Ausmaß. Verzweiflung und unerfüllte Sehn-
sucht treiben ihn schließlich in den Selbstmord. 18.3.1 List des Todes: Ein tödlicher
Der jüngste Bruder wählt einen Umhang, mit Vertrag
dem er dem Tod zunächst ungesehen entkommen
kann. Da der Umhang unsichtbar macht, sucht der Zwei der Zaubererbrüder sind fasziniert von dem
Tod viele Jahre vergeblich nach dem dritten Bruder. Gedanken, den Tod überwinden zu können. Doch
Dieser misstraut dem Tod von Anfang an und sieht die Brüder kommen am Schluss zu der bitteren
die Konsequenzen seines Handelns voraus. Er weiß, Erkenntnis, dass die Geschenke des Todes keines-
der Tod ist unausweichlich. Seine Entscheidung wegs den Sieg über den Tod bescheren. Auch der
zeugt von Demut und Genügsamkeit, er wählt das Tarnumhang bedeutet nur einen Aufschub vom Ende
reine Leben und nichts darüber hinaus. Schließlich des Lebens. Doch ihr Wunsch nach Unsterblichkeit
übergibt er in hohem Alter den Tarnumhang seinem ist so stark, dass die älteren Brüder sich von den
Sohn: Sein Familiensinn und seine Fürsorge werden Geschenken, die ihnen dargeboten werden, blenden
dabei deutlich. Mit dem Tod ebenbürtig verlässt er lassen. Sie durchschauen ihn nicht – den tödlichen
letztlich dieses Leben. Vertrag, den sie eingegangen sind.
Der Tod wird in diesem Märchen personifiziert Die Konstellation der Beteiligten im Märchen
als Kapuzengestalt dargestellt. Seine Aufgabe ist, lässt sich durch die Prinzipal-Agent-Theorie
das Leben der Menschen zu beenden. Dies wird als (Alparslan 2006) näher beschreiben, eine Theorie,
Naturgesetz dargestellt, trotz Zauberei ist kein Ent- die sich mit der Gestaltung von Verträgen beschäf-
rinnen möglich. Als die Brüder den reißenden Fluss tigt. Dabei stellt der Prinzipal den Auftraggeber und
unbeschadet überqueren, fühlt sich der Tod um drei die Agenten die Beauftragten dar. Der Auftragge-
Seelen betrogen. Er kennt kein Erbarmen: Durch ber ist in diesem Fall der Tod, der bereitwillig und
136 Kapitel 18 · Das Märchen von den drei Brüdern von J. K. Rowling (2008)

scheinbar uneigennützig Geschenke verteilt. Die der Ideenwelt, Schopenhauer sieht den Tod als Strafe
Beauftragten sind die drei Brüder, die Beschenk- für unser Dasein an, und Nietzsche spricht von einer
ten. Sie müssen eine Entscheidung treffen, nämlich ewigen Wiederkunft. Bisher scheint das Weiterleben
welches Geschenk sie sich wünschen. Dabei liegt nach dem Tod weder beweisbar noch widerlegbar
eine asymmetrische Informationsverteilung vor: zu sein. Trotzdem versucht die Menschheit unauf-
Der Tod hat einen Wissensvorsprung, denn er weiß, hörlich, ein Mittel gegen den Tod zu finden. Auch
dass seine Geschenke tödlich enden werden. Obwohl die aktuellen wissenschaftlichen Bemühungen wie
der jüngste Bruder Zweifel hegt, kann er dennoch etwa die Stammzellenforschung oder das Klonen
nicht voraussagen, was seinen Geschwistern zusto- zeugen vom ewig währenden Wunsch der Menschen
ßen wird. Das Wohlergehen der Beschenkten hängt nach Unsterblichkeit. Doch was steckt hinter diesem
also vom Prinzipal, dem Tod, ab. Es kommt zu einem Wunsch?
Interessenskonflikt: Der Wunsch nach Unsterblich- Menschen haben eine Sehnsucht nach Kont-
keit trifft auf den Tod. Die verborgene Absicht des rolle. Wenn sie gewünschte Ereignisse herbeiführen
Todes wird von den älteren Brüdern nicht durch- und unerwünschte Ereignisse vermeiden können,
schaut und so besiegeln sie ihr eigenes Todesurteil. nehmen sie Kontrolle wahr. Dabei geht es weniger
Auf diese Weise kann es im Allgemeinen zum um die tatsächlichen Kontrollmöglichkeiten, als um
Scheitern von Verträgen und zu Prozessverlusten wahrgenommene Kontrolle. Die Theorie der kogni-
kommen: Verborgene Eigenschaften, Informatio- zierten Kontrolle (Frey u. Jonas 2002) besagt, dass
nen und Absichten und letztlich das Handeln im Ver- Menschen ein Bedürfnis haben, Dinge zu erklären,
borgenen können einer Vertragsbeziehung schaden. vorherzusehen und zu beeinflussen, um Kontrolle
Lösungsansätze können hier beispielsweise Kontrolle wahrzunehmen. Dieses Bedürfnis wird im Angesicht
oder Vertrauen sein. des Todes verletzt. Der Tod wird meist als unbeein-
flussbar und unvorhersehbar eingeschätzt. Menschen
z Fragen zur Reflexion suchen nach einer Erklärung, warum ein geliebter
44Mit wem wollen wir wirklich Verträge Mensch gestorben ist – war es das Alter, eine Krank-
schließen? heit oder die Strafe Gottes? Der eingetretene Tod
44Welche Absichten verfolgt unser Gegenüber bzw. das drohende Ableben wird als Kontrollverlust
und über welche Informationen verfügt er? wahrgenommen.
44Offenbaren wir unsere eigenen Absichten und Werden Menschen in ihrer Freiheit einge-
wann halten wir (wenn auch unabsichtlich) schränkt, kann es zu Widerstand (Reaktanz)
Informationen zurück? kommen (Brehm u. Brehm 1981). Dies ist ein
Zustand emotionaler Erregung, der Anstrengungen
Dies kann sowohl im beruflichen Kontext als auch motiviert, die ursprüngliche Freiheit oder Kontroll-
privat, z. B. bei Abmachungen unter Freunden, zu überzeugung wiederherzustellen. Jener emotionale
Problemen führen. Die Charaktere des Märchens Zustand mag Ursprung des Wunsches nach Unsterb-
zeigen, wie verborgene Absichten und das Zurück- lichkeit sein und die Bemühungen erklären, die
halten von Informationen schaden können. Menschen heute noch unternehmen, um ihr Leben
maximal zu verlängern.
Schließlich kann es bei Kontrollverlust auch zu
18.3.2 Kontrollverlust, Widerstand und Hilflosigkeit kommen. Statt aktiv Kontrolle wie-
Hilflosigkeit derherzustellen, wird im Rahmen der Theorie der
18 erlernten Hilflosigkeit (Seligman 1975) angenom-
Der Tod beschäftigt die Menschen schon immer. men, dass Menschen mit lähmender Hilflosigkeit
Viele Dichter und Denker sind der Frage nachge- reagieren, wenn ihnen Kontrolle entzogen wird. Dies
gangen, was das Sterben ist, warum es zwangsweise kann von verminderter Anstrengung bis hin zu völli-
unser Leben beendet und was nach dem Tod folgt. ger Passivität und depressiver Verstimmung führen.
Nach Platon ist der Tod ein Weiterleben der Seele in Wird Menschen auf kurze Zeit Kontrolle entzogen,
18.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
137 18
so dominiert der Widerstand. Längere Unbeeinfluss- zeichnen ein Bild vom Himmel, ein Leben nach
barkeit jedoch führt zum Erlöschen der Anstren- dem Tod, andere Religionen sprechen von Wie-
gungen und schließlich zu Passivität und erlernter dergeburt oder dem Weiterleben der Seele in einer
Hilflosigkeit. anderen Form. Diese Weltsicht pflanzt in uns die
Hoffnung auf Unsterblichkeit. Im Gegensatz zur
z Fragen zur Reflexion Vergänglichkeit unseres Körpers verbleibt die Seele
44Wie reagieren die drei Brüder im Märchen auf unberührt, ganz, unsterblich. Menschen erlan-
den Tod? gen so in einem wörtlichen Sinne Unsterblich-
44Wo treten Widerstände gegen den Tod auf und keit (Hoffnung auf ein ewiges Leben) oder schaf-
wann zeigt sich Kontrollverlust? fen sich eine symbolische Unsterblichkeit, indem
44Zeigt der dritte Bruder mit seiner Entscheidung sie ein kulturelles Erbe hinterlassen (das Lebens-
für den Tarnumhang Reaktanz oder werk, z. B. Kunst, Bücher, die wissenschaftliche
Hilflosigkeit? Arbeit). Wie Freud (1915, S. 1) es einmal aus-
drückte: „im Unbewußten sei jeder von uns von
seiner Unsterblichkeit überzeugt.“ Dies vermittelt
18.3.3 Angst vor dem Tod uns ein Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit.
Verzweifelte Menschen wenden sich häufig einer
Diese Hilflosigkeit im Angesicht des Todes ruft bei höheren Macht zu, beten und erhoffen sich Bei-
vielen Menschen Angst hervor. Die älteren Brüder stand. Das Glaubenssystem, in dem wir verankert
empfinden deutlich Angst vor dem Tod und wollen sind, bietet uns Schutz und kann die Angst vor dem
ihn durch einen Zauberstab und einen verzauber- Tod reduzieren.
ten Stein überlisten. Der jüngste Bruder dagegen Zudem vermitteln uns die Gebräuche, Normen
scheint keine Angst vor dem Tod zu empfinden und und Werte unseres kulturellen Glaubenssystems
beendet sein Leben am Ende durch das selbstbe- eine Anleitung, wie ein gutes und wertvolles Leben
stimmte Ablegen des Tarnumhangs. Wann empfin- geführt werden kann. Folgen wir diesen Regeln, so
den Menschen Angst vor dem Tod und wann nicht? können wir ein sinnerfülltes Leben erleben. Wir
Die Terror-Management-Theorie (Greenberg erleben uns selbst in einem positiven Licht. Dieses
et al. 1997) befasst sich eingehend mit der mensch- Streben nach einem positiven Selbstbild wird in der
lichen Todesangst und den Bewältigungsstrategien, Psychologie als eine grundlegende Motivation des
die Menschen zeigen, um diese zu überwinden. Men- Menschen verstanden (Dauenheimer et al. 2002).
schen sind sich durch ihre Selbstwahrnehmung und Eine weitere Grundannahme der Terror-Ma-
ihren Selbsterhaltungstrieb ihrer eigenen Sterblich- nagement-Theorie besagt, dass ein hohes Selbst-
keit bewusst. Wir können uns vorstellen, dass wir wertgefühl als weitere Schutzfunktion gegen exis-
einmal sterben werden. Diese psychische Vergegen- tenzielle Ängste wirkt. Zahlreiche Studien konnten
wärtigung der Endlichkeit des Lebens, die man auch dabei interessante Zusammenhänge offenbaren
Mortalitätssalienz nennt, kann einen intensiven (Solomon et al. 2004): Ein hohes Selbstwertgefühl
Angstzustand („terror“) hervorrufen. Diese Todes- führt zu einem geringeren Angstzustand, wenn Men-
angst mögen auch die Brüder aus dem Märchen emp- schen an ihre eigene Sterblichkeit erinnert werden.
funden haben, da sie einen zutiefst menschlichen Umgekehrt führt eine hohe Mortalitätssalienz zu ver-
Zug darstellt. stärkten Bemühungen, die eigene Selbstachtung zu
Um diese Angst bewältigen zu können, orien- stärken. Das Streben nach einem positiven Selbst-
tieren sich Menschen an ihrer kulturellen Weltan- bild reduziert also die Angst vor dem Tod und kann
schauung. Sie dient ihnen als Angstpuffer: Sitten auch zukünftig Gedanken an den Tod aus dem Kopf
und Gebräuche, Normen und Werte, genauso verbannen.
wie eine religiöse Gemeinschaft geben Orientie- Dies zeigt sich auch eindrucksvoll im Märchen
rung und Halt im Hier und Jetzt, aber auch über der drei Brüder: Der erste Bruder ist von Macht-
die eigene Lebenszeit hinaus. Viele Religionen gier und Potenzgefühlen getrieben. Er möchte alle
138 Kapitel 18 · Das Märchen von den drei Brüdern von J. K. Rowling (2008)

übertrumpfen, um sich selbst in einem positiven Der Mensch ist zu häufig von seinen Wünschen oder
Licht sehen zu können. Die Prahlerei im Wirtshaus Ängsten getrieben, sodass er jegliche Moral fallen
bestätigt die Annahme, dass der Bruder sein Selbst- lässt.
wertgefühl stärken will. Aber auch der zweite Bruder
möchte im Vergleich mit dem Tod positiv abschnei-
den: Er demütigt den Tod, um als Sieger hervor- Implikationen für die Lebensgestaltung,
zugehen. Mit einem geringen Selbstwert gehen die Führung und Erziehung
Existenzängste der zwei Brüder einher, die sich im Im Alltag empfiehlt es sich, das Hamsterrad anzuhal-
Wunsch nach Unsterblichkeit äußern. Der dritte ten und sich zu fragen: Was mache ich hier eigent-
Bruder ruht in sich selbst – sein Selbstwert schützt lich? Versuche ich gerade über Leichen zu gehen, um
ihn vor Todesängsten und so lebt er ein erfülltes mein Ziel zu erreichen? Zu welchem Zweck setze ich
Leben ohne lähmende Angst vor dem Tod. die Macht ein, die mir übertragen wurde? Durchat-
men und Reflektieren wird gerade im Berufsalltag
z Fragen zur Reflexion vernachlässigt. Außerdem können wir uns fragen,
44Was lernen Sie aus dem Verhalten des dritten wo wir egoistische Gedanken verbannen und Demü-
Bruders? tigungen vermeiden können.
44Haben Sie manchmal Angst vor dem Tod? Als Führungskraft sollte solch antisoziales
44Arbeiten Sie an einem Lebenswerk, das über Denken und Verhalten reflektiert und durch Respekt
Ihren Tod hinaus bestehen wird? und Wertschätzung gegenüber den Mitarbeitern
44Gauben Sie an die Unversehrtheit der Seele ersetzt werden. Ein Perspektivenwechsel und offene
nach dem Tod? Aussprachen sind hier der richtige Weg.
44Wie denken Sie, kann man Kindern den Tod Auch in der Erziehung ist darauf zu achten, anti-
am besten erklären? soziales Verhalten rechtzeitig zu erkennen und zu
korrigieren. Der dritte Bruder ist uns in diesem
Märchen nicht nur ein Vorbild für Voraussicht und
18.3.4 Antisoziales Denken und Genügsamkeit, sondern auch für Fürsorge und
Verhalten Empathie. Indem er den Umhang an seinen Sohn
weitergibt, ermöglicht er ihm ein angenehmes und
Der Wunsch nach Unsterblichkeit offenbart in den langes Leben über seinen eigenen Tod hinaus. Wir
älteren Brüdern die dunkelsten Seiten des Men- können unseren Kindern mitgeben, sich nicht nur
schen. Machtgier, Arroganz, Narzissmus und Egois- um sich selbst, sondern auch um andere zu sorgen –
mus werden wie in vielen anderen Märchen vergol- so wie es der dritte Bruder tat.
ten. Antisoziales Verhalten, z. B. die Mordlust des
ersten oder die Demütigungen durch den zweiten
Bruder, umfasst eine Vielzahl an Verhaltensweisen, 18.4 Fazit
die einen inakzeptablen Bruch sozialer Normen dar-
stellen und in der Regel bestraft werden (Petermann Wie sollte man also mit dem Tod umgehen? Das
u. Scheithauer 1998). Oft zeigen diese Handlungen Märchen von den drei Brüdern lehrt uns, dass jeg-
auch aggressive Züge. Sie werden in der Absicht aus- liche menschliche Anstrengung, dem Tod zu ent-
geführt, einem anderen Menschen mutwillig und rinnen, zwangsläufig enttäuscht wird. Überdies
gegen dessen Willen zu schaden. offenbart diese Besessenheit vom ewigen Leben die
18 Rowling regt uns an, solch antisoziales Verhal- hässlichsten Züge des Menschen wie etwa Machtgier,
ten zu reflektieren. Arroganz oder Narzissmus. Das Leben ist zu kurz,
um es mit solch negativen Gedanken zu füllen. Man
z Fragen zur Reflexion sollte sich seiner Endlichkeit bewusst sein und den
44Wo sind wir auf Macht aus? Tod akzeptieren. Die Angst vor dem Tod nützt uns
44Wann verfolgen wir ein bestimmtes Ziel mit nichts. Sie ist ein zutiefst menschlicher Zug, jedoch
allen Mitteln? hält sie uns davon ab, das Glück in dieser Welt zu
Literaturverzeichnis
139 18
sehen. Diese Weisheit des dritten Bruders ist uns
ein Vorbild für ein sinnerfülltes, bejahendes Leben.
Carpe diem – Nutze den Tag.

Literaturverzeichnis

Alparslan, A. (2006). Strukturalistische Prinzipal-Agent-Theorie.


Eine Reformulierung der Hidden-Action-Modelle aus der
Perspektive des Strukturalismus. Wiesbaden: Deutscher
Universitäts-Verlag.
Brehm, S. S., & Brehm, J. W. (1981). Psychological reactance. A
theory of freedom and control. New York: Academic Press.
Dauenheimer, D., Stahlberg, D., Frey, D., & Petersen, L.-E.
(2002). Die Theorie des Selbstwertschutzes und der
Selbstwerterhöhung. In: D. Frey, & M. Irle (Hrsg.), Theorien
der Sozialpsychologie: Motivations-, Selbst- und Informa-
tionsverarbeitungstheorien (Bd. III, S. 159–190). Bern:
Huber.
Freud, S. (1915). Zeitgemäßes über Krieg und Tod. http://
gutenberg.spiegel.de/buch/kleine-schriften-i-7123/38.
Zugegriffen: 01. November 2016
Frey, D., & Jonas, E. (2002). Die Theorie der kognizierten Kont-
rolle. In: D. Frey, & M. Irle (Hrsg.), Theorien der Sozialpsycho-
logie. Band III: Motivations-, Selbst- und Informationsver-
arbeitungstheorien (S. 13–50). Bern: Huber.
Greenberg, J., Solomon, S., & Pyszczynski, T. (1997). Terror
management theory of self-esteem and cultural world-
views: Empirical assessments and conceptual refine-
ments. In: M. P. Zanna (Ed.), Advances in experimental soci-
al psychology (S. 61–139). San Diego: Academic Press.
Petermann, F., & Scheithauer, H. (1998). Aggressives und anti-
soziales Verhalten im Kindes- und Jugendalter. In: F. Peter-
mann, M. Kusch, K. Niebank (Hrsg.), Entwicklungspsycho-
pathologie. Ein Lehrbuch (S. 243–295). Berlin, Heidelberg:
Springer.
Rowling, J. K. (2008). Die Märchen von Beedle dem Barden. Ham-
burg: Carlsen.
Seligman, M. E. P. (1975). Helplessness: On depression, develop-
ment and death. San Francisco, CA: Freeman.
Solomon, S., Greenberg, J., & Pyszczynski, T. (2004). The cul-
tural animal: Twenty years of terror management theory
and research. In: J. Greenberg, S. Koole, & T. Pyszczynski
(Ed.), Handbook of experimental existential psychology
(pp. 13–34). New York: Guilford Press.
141 19

Der Fischer und der Dschinn


aus Tausendundeiner Nacht
Angelika Stefan

19.1 Inhalt des Märchens – 142

19.2 Die Charaktere – 142

19.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige


Zeit – 143
19.3.1 Selbstregulationsfähigkeit und Selbstkontrolle – 143
19.3.2 Soziale Exkludierung – 144
19.3.3 Selbstdarstellung und Beurteilung durch andere – 146
19.3.4 Analyse der dyadischen Interaktion zwischen dem Fischer und
Dschinn – 146

19.4 Fazit – 147

Literaturverzeichnis – 147

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_19
142 Kapitel 19 · Der Fischer und der Dschinn aus Tausendundeiner Nacht

19.1 Inhalt des Märchens der Fischer ihn überlistet hatte, sprach er: „Guter
Fischer, lass mich heraus, ich habe doch nur meinen
Es war einmal ein Fischer, der war alt und müde und Scherz mit dir getrieben.“ Der Fischer kam diesem
hatte schon lange kein Glück mehr beim Fischen Wunsch nach, ließ den Dschinn aber erst einen Eid
gehabt. Eines Tages, nachdem er wieder einmal schwören, dass er ihm kein Leid zufügen dürfe. Als
erfolglos seine Netze ausgeworfen hatte, wollte er die Flasche geöffnet war, zertrat der Dschinn sie mit
gerade schon nach Hause gehen, als er merkte, dass den Füßen und flog gen Himmel, immer weiter fort
sich etwas in seinem Netz verfangen hatte. Er holte vom Fischer. Seine Stimme wurde immer leiser und
das Netz an Land, doch darin lag kein Fisch, sondern man hörte ihn rufen: „Gott steh dir bei, guter Fischer.
ein toter Esel. Als der Fischer dies sah, war er sehr Und vergiss nicht, deinen Fang mitzunehmen!“
betrübt, doch er warf sein Netz erneut aus. Wieder Da blickte der Fischer erstaunt um sich und sah,
verfing sich etwas in dem Netz, doch auch diesmal dass der tote Esel lebendig geworden und der irdene
war es kein Fisch, sondern ein großer irdener Topf Topf mit Gold gefüllt war. Und der Unrat war zu
voll Sand. Also warf er sein Netz ein drittes Mal aus. einem Haufen glitzernder Edelsteine geworden.
Diesmal war das Netz, das er aus dem Fluss hervor- (Deutsche Welle 2010; . Abb. 19.1)
zog, voll mit Unrat. Schließlich warf er das Netz ein
viertes und letztes Mal aus und zog eine Flasche aus
Messing aus dem Netz. Als er die Flasche öffnete, 19.2 Die Charaktere
stieg Rauch aus der Flasche empor, der sich verdich-
tete und die Gestalt eines Dschinns offenbarte. Die Märchen aus Tausendundeiner Nacht haben
Der Dschinn sprach: „Ich bringe dir die Nach- für die meisten Menschen aus dem abendländi-
richt, dass du sogleich getötet werden sollst. Wisse, schen Kulturkreis ein gewisses exotisches Flair. Da
alter Mann, ich bin ein abtrünniger Dämon, der tummeln sich Sultane, Wesire und Dämonen, es
König Salomo ungehorsam war. Deshalb sperrte er toben Sandstürme und ferne Wüstenkönigreiche
mich in diese Flasche und befahl, mich im Wasser werden erobert.
zu versenken. Zweihundert Jahre blieb ich darin und Auch in dem Märchen, um das es hier gehen soll,
beschloss, den reich zu machen, der mich befreien tritt ein Charakter auf, der in europäischen Märchen
würde. Aber niemand kam. Zweihundert weitere keinen Platz hat: der Dschinn. In der arabischen
Jahre vergingen und dann noch einmal zweihun- Kultur ist der Dschinn als intelligentes gottgeschaf-
dert. Da beschloss ich, meinen Befreier zum Sultan fenes Geisterwesen bekannt, das weder Mensch noch
zu machen, sein Diener zu werden und ihm täglich Engel ist. Anders als man von Dämonen vermuten
drei Wünsche zu erfüllen. Aber niemand kam. Da könnte, sind Dschinn nicht eindeutig gut oder böse.
wurde ich böse und beschloss, den zu töten, der mich Im Märchen „Der Fischer und der Dschinn“ behaup-
befreien würde, ihn aber selbst wählen zu lassen, wie tet der Dschinn von sich, ein „abtrünniger Dämon“
er sterben will. Nun, alter Mann, sage mir, wie du zu sein, der König Salomo ungehorsam war. Er spielt
sterben willst!“ damit auf die 27. Sure des Koran an, die die Begeg-
Der Fischer sprach: „Du sagst, ich habe dich aus nung zwischen Salomo und der Königin von Saba
der Flasche befreit. Das kann aber nicht sein. Du schildert. Darin werden die Dschinn als Teil der
passt niemals in diese kleine Flasche!“ Da wurde Armee des berühmten Königs genannt. Nach dem
der Dschinn wütend: „Wie wagst du es zu behaup- 600 Jahre andauernden Exil in der Flasche ist sein
ten, ICH würde lügen? Ich werde dir zeigen, dass Denken von Wut beherrscht und er ist entschlossen,
ich in die Flasche passe!“ Da zog sich der Dschinn seinen Befreier unmittelbar zu töten. Allerdings
zusammen und sank nach und nach wieder zurück erzählt er dem Fischer zuvor seine Geschichte und
19 in die Flasche, bis er ganz darin verschwunden war.
So schrie er aus der Flasche heraus: „Siehst du nun?
lässt sich im weiteren Verlauf der Geschichte von ihm
austricksen.
Bereite dich auf den Tod vor!“ Der schon seit Längerem glücklose Fischer stößt
Schnell nahm der Fischer den Deckel der Flasche durch Zufall auf die Flasche mit dem Dschinn und
und verschloss sie fest. Als der Dschinn merkte, dass befreit diesen. Es gelingt ihm mit einer List, den
19.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
143 19
. Abb. 19.1  (Zeichnung: Claudia
Styrsky)

Dschinn davon abzuhalten, ihn zu töten. Allerdings aktuelle individuelle Situation der Beteiligten zu
lässt er Milde walten und entlässt den Dschinn aus berücksichtigen.
der Flasche, nachdem dieser den Eid schwört, ihn Im Folgenden werden psychologische Phäno-
nicht zu töten. Dafür wird er reich belohnt. mene aufgezeigt, die der dyadischen Interaktion des
Eine vertiefende Schilderung der beiden Charak- Fischers und Dschinns zugrunde liegen.
tere erfolgt zur Vorstellung der psychologischen Phä-
nomene, da ihre Charakterzüge insbesondere in der
Interaktion zwischen dem Fischer und Dschinn zum 19.3.1 Selbstregulationsfähigkeit und
Tragen kommen, die im Mittelpunkt der folgenden Selbstkontrolle
Ausführungen steht.
Eine fundamentale Dimension, auf der sich Fischer
und Dschinn unterscheiden, ist die der Selbstregu-
19.3 Psychologische Phänomene und lationsfähigkeit. Reinecker (2014, S. 1401) definiert
Bedeutung für die heutige Zeit Selbstregulation als „die Tatsache, dass Menschen in
der Lage sind, eigenes Verhalten im Hinblick auf selbst
Die Tatsache, dass der Dschinn so genau charakteri- gesetzte Ziele zu steuern“. Der geläufigere Begriff der
siert wird, zeigt, dass er in diesem Märchen als gleich- Selbstkontrolle bezeichnet eine Facette der Selbstre-
berechtigtes Gegenüber des zweiten Protagonisten, gulation. Menschen üben Selbstkontrolle aus, wenn
des Fischers, fungiert. Die Sozialpsychologie spricht sie kurzfristig auf positive Erfahrungen verzichten,
bei einer Situation wie dieser, in der zwei Personen um ein langfristiges bedeutsameres Ziel zu erreichen.
miteinander in Kontakt treten und sich gegenseitig Der arbeitsame Fischer ist ein Musterbeispiel
beeinflussen, von einer dyadischen Interaktion (Frey an Selbstregulationsfähigkeit. Obwohl er schon seit
u. Bierhoff 2011b). Langem kein Glück mehr beim Fischen hatte, wirft
Typische dyadische Interaktionen können z. B. er jeden Tag aufs Neue seine Netze aus, um sich
in Eltern-Kind-Beziehungen oder Führungskraft- und seine Familie ernähren zu können. Er könnte
Angestellten-Beziehungen beobachtet werden. verzweifelt aufgeben, überwindet sich aber immer
Um dyadische Interaktionen zu verstehen, ist es wieder und fährt auf den Fluss hinaus, um mit viel
erforderlich, die Persönlichkeitseigenschaften und Mühe seinen kleinen Fang zusammenzutragen.
144 Kapitel 19 · Der Fischer und der Dschinn aus Tausendundeiner Nacht

Der Dschinn wird im Märchen im Gegensatz zum Vorsorgeuntersuchungen. Niemand geht gerne zu
Fischer als ungeduldig und impulsiv gekennzeichnet. Vorsorgeuntersuchungen, trotzdem unterziehen
Auch er steht vor einer frustrierenden Aufgabe: Er sich viele Menschen der teils unangenehmen Proze-
möchte aus der Flasche entfliehen, in die ihn König dur. Diese Menschen ertragen kurzfristige negative
Salomo gesperrt hatte. Nachdem seine anfänglichen Erfahrungen zugunsten eines höheren Ziels (lang-
Versuche zu entkommen scheitern, ist es mit seiner fristige Gesundheit) und üben damit Selbstkontrolle
Selbstkontrolle dahin. Er wird wütend und beschließt aus. Dasselbe Schema lässt sich beim Rauchen erken-
aus dieser Laune heraus, den ersten Menschen, der nen. Raucher ziehen das kurzfristige Vergnügen
ihm begegnet, zu töten. Kaum hat der Fischer ihn einer Zigarette der langfristigen Aufrechterhaltung
aus seiner Flasche befreit, verliert er dieses Ziel aus der eigenen Gesundheit vor und zeigen so eine ver-
den Augen und versucht stattdessen, dem Fischer minderte Fähigkeit zur Selbstregulation. Menschen,
sein Können zu demonstrieren. Der Fischer, der um die mit dem Rauchen aufhören wollen, müssen hin-
die Wankelmütigkeit des Dschinns weiß, lässt ihn gegen ein hohes Maß an Selbstregulation aufwen-
einen Eid schwören, der nicht nur den Fischer selbst den, um der kurzfristigen Versuchung zugunsten der
schützt, sondern auch den Dämon zur Selbstregula- langfristigen Gesundheit zu widerstehen.
tion zwingt – er kann seinen Befreier nicht in einem
erneuten Anfall von Wut doch noch umbringen.
Das Ende der Geschichte zeigt, dass Selbstregu- Ego-Depletion
lationsfähigkeit eine hohe Bedeutung zugeschrie- Obwohl die erwähnten Beispiele den Eindruck erwe-
ben und als Tugend interpretiert wird. Nachdem der cken können, ist es nicht so, dass Selbstkontrolle
Dämon zur Selbstregulation gezwungen wurde, ist er angeboren und unabhängig von der aktuellen Situ-
nun endlich fähig, sein Gefängnis zu zerstören und ation ist. Forscher haben herausgefunden, dass sie
dankt dies dem Fischer mit kostbaren Geschenken. eher einer Ressource gleicht, die erschöpft werden
kann. Das heißt, jeder Akt der Selbstkontrolle führt
dazu, dass im Folgenden weniger Selbstkontrolle
Nutzen von Selbstregulation aufgebracht werden kann. Dieses Phänomen wird
Auch in der Psychologie betrachtet man die Fähigkeit auch als Ego-Depletion bezeichnet (Frey u. Bierhoff
zur Selbstregulation als erstrebenswerte Eigenschaft. 2011a). Vermutlich hat jeder schon die Erfahrung
Erste Erkenntnisse zum Nutzen einer guten Selbst- gemacht, dass besonders nach einer stressigen Situ-
regulationsfähigkeit lieferten die bekannten Marsh- ation ein Stückchen Schokolade oder eine Zigarette
mallow-Experimente. Darin hatten Kinder die Wahl eine besondere Anziehungskraft ausüben. In diesem
zwischen einer kleinen Belohnung, die sie sofort Moment der Ego-Depletion fällt die Selbstkontrolle
erhalten konnten (z. B. ein Marshmallow), und einer besonders schwer.
größeren Belohnung (z. B. zwei Marshmallows), die Im nächsten Abschnitt geht es um eine weitere
sie erhalten würden, wenn sie es schaffen, für kurze Bedingung, unter der Menschen vorübergehend ver-
Zeit auf die Belohnung zu warten. Nachfolgestudien minderte Selbstregulationsfähigkeit zeigen: soziale
zeigten, dass die Kinder, die im früheren Experiment Exkludierung. Doch soziale Exkludierung beein-
mehr Selbstkontrolle gezeigt hatten – es also geschafft flusst nicht nur die Selbstkontrolle, sondern wirkt
hatten, auf die größere Belohnung zu warten –, im sich viel umfassender auf das Verhalten aus – ein wei-
Jugendalter bessere schulische Leistungen erzielten terer Ansatzpunkt, um das Verhalten von Dschinn
und besser mit Stress umgehen konnten. Daraus lässt und Fischer zu verstehen.
sich schlussfolgern, dass die Fähigkeit zur Selbstre-
gulation nicht nur gesellschaftliches Vorankommen,
19.3.2 Soziale Exkludierung
19 sondern auch die Gesundheit fördert (Shoda et al.
1990).
Gerade im Gesundheitsbereich lassen sich Dreimal zweihundert Jahre – so viel Zeit verbringt
viele Alltagsbeispiele finden, in denen Selbstre- der Dschinn alleine in einer Flasche auf dem Grund
gulation eine wichtige Rolle spielt. Denken Sie an des Flusses, ohne Kontakt zur Außenwelt, ohne die
19.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
145 19
Möglichkeit, mit einem anderen intelligenten Wesen bezeichnet. Andererseits sind ausgeschlossene Per-
zu kommunizieren. König Salomo wusste offenbar, sonen weniger bereit, anderen Menschen zu helfen
was eine schlimme Strafe ist. und reagieren aggressiver gegenüber anderen Perso-
nen – nicht nur gegenüber den Tätern, sondern auch
gegenüber Unbeteiligten (Twenge et al. 2001, 2007).
Gruppenzugehörigkeit und Ausschluss Dieses Verhalten wird auch als antisoziale Verhal-
aus der Gruppe tenstendenz bezeichnet.
Für Menschen ist die Zugehörigkeit zu sozialen Im Märchen zeigt der Dschinn, der durch die
Gruppen ein fundamentales Bedürfnis. Psychologen Verbannung in die Flasche jahrhundertelang sozial
sprechen hier vom Zugehörigkeitsbedürfnis („need exkludiert war, klar eine antisoziale Verhaltensten-
to belong“ ; Baumeister u. Leary 1995). Keinen denz. Obwohl der Fischer nichts mit der auferlegten
Kontakt zu sozialen Gruppen zu haben oder aktiv Strafe zu tun hatte, beschließt er, ihn zu töten.
aus sozialen Gruppen ausgeschlossen zu werden, Auch im realen Leben kann aggressives Verhal-
stellt daher für Menschen eine extrem unangenehme ten als Folge von sozialer Exkludierung beobachtet
Erfahrung dar. werden. Nicht selten wehren sich Kinder gegen einen
Wissenschaftlich wird der Ausschluss einzel- auferlegten Hausarrest mit wüsten Beschimpfungen,
ner Personen aus Gruppen auch als soziale Exklu- und auch Mobbingopfer verhalten sich oft als Folge
dierung bezeichnet. Aktuelle Forschung konnte ihrer andauernden massiven sozialen Exklusion
zeigen, dass sich soziale Exkludierung nicht nur auf aggressiv (gegen andere und sich selbst).
emotionaler, sondern auch auf körperlicher Ebene
negativ auswirkt. Dabei ist besonders interessant,
dass das Erleben sozialer Exkludierung Hirnareale Bedürfnistheorie der sozialen
aktiviert, die mit Schmerzempfinden in Verbindung Exkludierung
gebracht werden (Eisenberger et al. 2003). Wir emp- Die Frage ist, unter welchen Bedingungen eher eine
finden sozialen Ausschluss also ähnlich wie physi- prosoziale und wann eher eine antisoziale Verhal-
schen Schmerz. tenstendenz als Folge sozialer Exkludierung auf-
Umso verständlicher ist es, dass seit der Antike tritt. Nach der Bedürfnistheorie der sozialen Exklu-
soziale Exkludierung als Mittel der Bestrafung ein- dierung wird aggressives Verhalten dann gezeigt,
gesetzt wird. Ungeliebte Politiker werden ins Exil wenn durch die soziale Exkludierung das Bedürfnis
geschickt, Straftäter in Gefängnisse gesteckt und nach Kontrolle verletzt wird. Steht bei der sozialen
Isolationshaft als Foltermethode verwendet. Auch Exkludierung hingegen die Deprivation des Bedürf-
Eltern bestrafen ihre Kinder gerne einmal mit Haus- nisses nach Zugehörigkeit im Mittelpunkt, reagieren
arrest – dieser würde ohne das Zugehörigkeitsbe- Menschen eher prosozial. Werden beide Bedürfnisse
dürfnis kaum als Strafe empfunden werden. verletzt, wird in der Regel der antisozialen Hand-
lungstendenz stattgegeben (Gerber u. Wheeler 2009).
Die Bedürfnistheorie der sozialen Exkludierung
Reaktionen auf soziale lässt sich gut am Beispiel des Dschinns nachvollzie-
Exkludierung: pro- und antisoziale hen. Durch die Verbannung in die Flasche wurde
Verhaltenstendenzen ihm nicht nur jeglicher soziale Kontakt, sondern
Die wenigsten Menschen nehmen sozialen Aus- auch jegliche Kontrolle entzogen. Besonders deut-
schluss einfach hin, sondern reagieren fast immer lich wird dies dadurch, dass er nicht einmal über
mit Verhaltensänderungen. Zwei grundsätzliche seinen eigenen Körper bestimmen durfte, indem er
Tendenzen sind hier erkennbar. Einerseits zeigen dauerhaft gezwungen war, eine Gestalt anzunehmen,
Menschen, nachdem sie sozial exkludiert wurden, die in eine kleine Flasche passt. Es war somit abzu-
ein gesteigertes Interesse an sozialen Bindungen sehen, dass er nach 600 Jahren in einer aggressiven
und gehen eher auf die Wünsche von anderen ein Stimmung ist.
(Maner et al. 2007; Williams et al. 2000). Dieses Ver- Die Bedürfnistheorie der sozialen Exkludierung
halten wird auch als prosoziale Verhaltenstendenz hat interessante gesellschaftliche Konsequenzen.
146 Kapitel 19 · Der Fischer und der Dschinn aus Tausendundeiner Nacht

Wie bereits angemerkt wurde, tendieren Gesell- nicht als grober Schläger wahrgenommen werden.
schaften dazu, Personen, die von gesellschaftlichen Deshalb erklärt er sich und seine Motivation, bevor
Normen abweichen, durch soziale Exkludierung zu er zur Tat schreitet.
bestrafen. Im Fokus steht dabei, prosoziale Verhal-
tenstendenzen hervorzurufen: bei Straftätern erhöhte
Konformität mit dem Gesetz, bei politischen Häftlin- Fundamentaler Attributionsfehler
gen ein Einlenken in die Gesinnung der Majorität. Eine komplementäre Erklärung für das Verhalten des
Wird den Häftlingen aber gleichzeitig mit dem sozia- Dschinns lässt sich in der Hypothese des fundamen-
len Kontakt auch das Gefühl von Kontrolle entzogen, talen Attributionsfehlers finden. Diese beschreibt die
sagt die Bedürfnistheorie voraus, dass nicht prosozia- menschliche Tendenz, aus dem Verhalten anderer
les, sondern aggressives Verhalten die Folge ist. Dies Personen auf stabile Persönlichkeitseigenschaften
könnte sich bei Straftätern z. B. durch erneute Straf- zu schließen, während das eigene Verhalten stärker
fälligkeit und bei politischen Gefangenen durch eine situational erklärt wird (Ross 1977).
Radikalisierung äußern. Dies gilt es, zu vermeiden. Nehmen Sie an, Sie lesen den Satz: „Herr Meier
In aktuellen Debatten zur Gestaltung von Haft- hat gelogen.“ Was denken Sie über Herrn Meier?
bedingungen fließt dieser Gesichtspunkt zunehmend Vermutlich misstrauen Sie seiner Glaubwürdig-
mit ein, was sich u. a. in der Forderung nach humanen keit. Nun Hand aufs Herz – haben Sie selbst noch
Haftbedingungen und einer Schließung von Folter- nie gelogen? Vermutlich doch. Misstrauen Sie des-
gefängnissen wie Guantánamo niederschlägt. wegen Ihrer eigenen Glaubwürdigkeit? Vermutlich
nicht. Die Lüge damals war bestimmt eine Notlüge,
in der entsprechenden Situation konnten Sie fast gar
19.3.3 Selbstdarstellung und nicht anders handeln. Während Sie Herrn Meiers
Beurteilung durch andere Verhalten als Ausdruck seines Charakters interpre-
tieren, erklären Sie Ihr eigenes Verhalten interagie-
Die Frage ist, warum der Dämon dem Fischer an rend mit der umgebenden Situation. Per se ist das
dieser Stelle überhaupt seine Geschichte erzählt. nichts Schlimmes und überaus verständlich. Schließ-
Schließlich könnte er ihn auch umbringen, ohne dass lich wissen Sie über den Kontext, in dem Sie gehan-
dieser seine Vergangenheit kennt. Eine Antwort auf delt haben, deutlich mehr als über die Hintergründe
diese Frage liefern zwei sozialpsychologische Phäno- des Verhaltens einer anderen Person. Problematisch
mene: Impression-Management und der fundamen- wird der Attributionsfehler, wenn er stigmatisierend
tale Attributionsfehler. wirkt – wenn Sie beispielsweise beginnen würden,
über Herrn Meier zu lästern.
Was hat das alles mit dem Fischer und dem
Impression-Management-Hypothese Dschinn zu tun? Angenommen, der Dschinn wusste
Die Impression-Management-Hypothese nimmt über die Existenz des fundamentalen Attributions-
an, dass jeder Mensch das Bedürfnis hat, sich gegen- fehlers Bescheid, dann hat er vielleicht dem Fischer
über anderen Menschen möglichst gut darzustel- seine Geschichte erzählt, um genau diesem Beurtei-
len. Dieses Bedürfnis drückt sich dadurch aus, dass lungsfehler entgegenzuwirken. Schließlich möchte er
Menschen Anstrengungen jeglicher Art betreiben, ja nicht aufgrund der einmaligen aggressiven Reak-
um das Bild, das andere Personen von ihnen haben, tion als böser Unhold wahrgenommen werden.
entsprechend der eigenen Wünsche zu formen (Frey
u. Bierhoff 2011a).
Ein Alltagsbeispiel: Bevor sie Besuch bekom- 19.3.4 Analyse der dyadischen
Interaktion zwischen dem
19 men, putzen die meisten Menschen ihre Wohnung.
Gegenüber dem Besuch wollen sie schließlich mög- Fischer und Dschinn
lichst sauber und ordentlich erscheinen (unabhängig
davon, ob sie es tatsächlich sind). Ein typischer Fall Im Verlauf des Märchens hört sich der Fischer mehr
von Impression-Management. Zurück zum Dschinn: oder weniger ruhig die Geschichte des Dämons
Dieser will als intelligentes, emotionales Wesen und an – Hut ab vor diesem Akt von Selbstkontrolle!
Literaturverzeichnis
147 19
Schließlich überlistet er den Dschinn, wieder in die 44Wann haben Sie selbst versucht, bei jemandem
Flasche zurückzukehren. Dass der Dschinn auf die einen besonders guten Eindruck zu erwecken?
Herausforderung eingeht, kann wieder als Impres- 44Wann haben Sie schlecht über andere gedacht,
sion-Management erklärt werden – und als Akt feh- ohne die genauen Hintergründe ihres Handelns
lender Selbstregulation, schließlich verliert er dabei zu kennen?
sein eigentliches Ziel aus den Augen. Der Fischer
macht sich daraufhin wieder ein Bedürfnis des Die Interaktion zwischen Fischer und Dschinn lehrt
Dschinns, nämlich dessen Zugehörigkeitsbedürf- uns mehr über unser eigenes Handeln als beim ersten
nis, zunutze. Um wieder die Freiheit und damit die Blick auf das Märchen klar wird. Vielleicht ist dies ein
Möglichkeit zu sozialem Kontakt zu erlangen, ist der Grund dafür, dass es die Jahrhunderte überdauert hat
Dschinn bereit, auf den Handel des Fischers einzu- und auch noch heutzutage weltweit rezipiert wird.
gehen und ihm entgegen des ursprünglichen Planes
keinen Schaden zuzufügen.
Schließlich beschenkt der Dschinn den Fischer Literaturverzeichnis
mit kostbaren Schätzen. Einerseits kann dies als
Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong:
Belohnung für die Selbstkontrolle des Fischers Desire for interpersonal attachments as a fundamental
angesehen werden. Unterstützt wird diese Sicht- human motivation. Psychological Bulletin 117, 497–529.
weise dadurch, dass genau die Gegenstände in Deutsche Welle. (2010). Märchen aus aller Welt: Die Geschichte
Schätze verwandelt werden, die der Fischer mit vom Fischer und dem Dschinn. Ein arabisches Märchen –
Mühe als Unrat aus dem Fluss gezogen hat. Ande- ausgesucht von Khalid El Kaoutit. Aus einem Beitrag
vom 05. Oktober 2010. http://www.dw.com/downloads/
rerseits kann das Handeln des Dschinns auch als 27010967/14maerchenpdfwebarabisch.pdf. Zugegriffen:
letzter Akt von Impression-Management inter- 24. November 2016.
pretiert werden. Da der Fischer entgegen des Eisenberger, N. I., Lieberman, M. D., & Williams, K. D. (2003).
ursprünglichen Planes überlebt hat, soll er wenigs- Does rejection hurt? An fMRI study of social exclusion.
tens kein schlechtes Bild über den Dämon in der Science 302, 290–292.
Frey, D., & Bierhoff, H.-W. (Hrsg.). (2011a). Sozialpsychologie –
Welt verbreiten. Individuum und soziale Welt. Göttingen: Hogrefe.
Frey, D., & Bierhoff, H.-W. (Hrsg.). (2011b). Sozialpsychologie –
Interaktion und Gruppe. Göttingen: Hogrefe.
19.4 Fazit Gerber, J., & Wheeler, L. (2009). On being rejected: A meta-ana-
lysis of experimental research on rejection. Perspectives
on Psychological Science 4, 468–488.
Betrachtet man das Märchen vom Fischer und dem Maner, J. K., DeWall, C. N., Baumeister, R. F., & Schaller, M.
Dämon aus psychologischer Perspektive, wirkt es (2007). Does social exclusion motivate interpersonal
auf einmal gar nicht mehr so exotisch. Vielmehr reconnection? Resolving the “porcupine problem”. Jour-
entdecken wir selbst in unserem Bekanntenkreis auf nal of Personality and Social Psychology 92, 42–55.
Reinecker, H. (2014). Selbstregulation. In: M. A. Wirtz (Hrsg.),
einmal viele Fischer und Dämonen:
Dorsch: Lexikon der Psychologie (17. Aufl.). Bern: Huber.
44Kennen Sie auch Menschen, die wie der Dämon
häufig ihre langfristigen Ziele zugunsten einer
kurzfristigen Bedürfnisbefriedigung aus den
Augen verlieren?
44Haben Sie schon einmal erlebt, wie jemand, der
lange ausgeschlossen wurde, ungeduldig und
aggressiv wurde?
44Kennen Sie Menschen, die wie der Fischer
ausgezeichnet in der Lage sind, andere
Menschen bei ihren Bedürfnissen und
Schwächen zu packen und dadurch zu
manipulieren?
149 20

Der Wolf und die sieben


jungen Geißlein von den
Gebrüdern Grimm (1819)
Lorea Urquiaga

20.1 Inhalt des Märchens – 150

20.2 Die Charaktere – 150

20.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung


für die heutige Zeit – 151
20.3.1 Rollenkonflikt – 151
20.3.2 Naivität und blindes Vertrauen – 152
20.3.3 Gruppenentscheidungen – 153

20.4 Fazit – 153

Literaturverzeichnis – 154

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_20
150 Kapitel 20 · Der Wolf und die sieben jungen Geißlein von den Gebrüdern Grimm (1819)

20.1 Inhalt des Märchens und zappelte. Da holte sie Schere, Nadel und Zwirn
und schnitt dem Wolf den Bauch auf, um ihre Kinder
Es war einmal eine alte Geiß, die hatte sieben junge wieder zu befreien. Dann stopften sie gemeinsam den
Geißlein. Sie hatte sie so lieb, wie eben eine Mutter Wolfsbauch mit Ziegelsteinen aus und nähten ihn
ihre Kinder lieb hat. Eines Tages wollte sie in den wieder zu. Als der Wolf ausgeschlafen hatte, machte
Wald gehen und Futter holen. Da rief sie alle sieben er sich auf die Beine und weil er großen Durst hatte,
herbei und sprach: „Liebe Kinder, ich muss hinaus in ging er zu einem Brunnen, um zu trinken. Und als
den Wald. Seid inzwischen brav, sperrt die Türe gut er an den Brunnen kam und sich über das Wasser
zu und nehmt euch in Acht vor dem Wolf! Der Böse- beugte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren
wicht verstellt sich oft, aber an seiner rauen Stimme Steine hinein, und er musste jämmerlich ersaufen.
und an seinen schwarzen Füßen werdet ihr ihn gleich Als die sieben Geißlein das sahen, kamen sie eilig
erkennen.“ herbeigelaufen und riefen laut: „Der Wolf ist tot! Der
Es dauerte nicht lange, da klopfte jemand an die Wolf ist tot!“ Und sie fassten einander an den Händen
Haustür und rief: „Macht auf, ihr lieben Kinder, eure und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den
Mutter ist da und hat jedem von euch etwas mitge- Brunnen herum.
bracht!“ Aber die Geißlein hörten an der rauen (Grimm u. Grimm 1819; . Abb. 20.1)
Stimme, dass es der Wolf war. Da ging der Wolf fort
zum Krämer und kaufte sich ein großes Stück Kreide.
Er aß es auf und machte damit seine Stimme fein. 20.2 Die Charaktere
Dann kam er zurück, klopfte an die Haustür und rief:
„Macht auf, ihr lieben Kinder, eure Mutter ist da und Die Hauptakteure dieser Geschichte von den Gebrü-
hat jedem von euch etwas mitgebracht!“ Aber der dern Grimm sind die Geißenmutter mit ihren sieben
Wolf hatte seine schwarze Pfote auf das Fensterbrett kleinen Geißlein und der Wolf. Am Rande agieren
gelegt. Das sahen die Kinder und die Tür blieb zu. der Krämer, der Bäcker und der Müller. Im Folgen-
Da lief der Wolf zum Bäcker und ließ sich die Pfote den wird lediglich auf die Hauptakteure und den
mit Teig bestreichen. Dann lief er zum Müller und Müller näher eingegangen.
sprach: „Streu mir weißes Mehl auf meine Pfote!“ Der Die Geißenmutter stellt eine liebevolle Fami-
Müller dachte, der Wolf wolle jemanden betrügen, lienmutter dar, die ihre Kinder „so lieb hat, wie eben
und weigerte sich. Aber der Wolf sprach: „Wenn du eine Mutter ihre Kinder lieb hat“. Da es offensicht-
es nicht tust, fresse ich dich!“ Da fürchtete sich der lich keinen Familienvater gibt, ist die Geißenmutter
Müller und machte ihm die Pfote weiß. Nun ging der alleine für die Erziehung und das Wohl ihrer Kinder
Bösewicht zum dritten Mal zu der Haustür, klopfte verantwortlich.
an und diesmal glaubten die Geißlein, es wäre tat- Die sieben Geißlein zeigen sich voller Zuneigung
sächlich ihre Mutter und machten die Türe auf. Die der Mutter gegenüber und es herrscht ein sehr lie-
Geißlein erschraken und wollten sich verstecken, bevoller Umgang. Sie vertrauen auf ihre Mutter und
aber der Wolf fand sie und verschluckte eines nach zeigen sich ihr gegenüber respektvoll und gehorsam.
dem andern. Nur das Jüngste in dem Uhrkasten, das Der Wolf steht – wie in so vielen Märchen – für
fand er nicht. das Böse. Er ist bekannt für seine List und wird von
Als der Wolf satt war, trollte er sich fort, legte allen gefürchtet.
sich draußen auf der grünen Wiese unter einen Baum Der Müller hat insofern einen besonderen Stel-
und fing an zu schlafen. Nicht lange danach kam die lenwert in der Geschichte, als dass er der einzige Mit-
alte Geiß aus dem Walde wieder heim. Sie erblickte täter des Wolfes ist, der sich anfangs weigert, ihm bei
das Chaos und stellte fest, dass alle Kinder, bis auf seinem Täuschungsversuch zu helfen. Nachdem der
ihr Jüngstes, vom Wolf gefressen worden waren. Auf Wolf ihm jedoch den Tod androht, fügt er sich dessen
der Wiese fand sie den schlafenden Wolf und sah, Anweisung und macht sich ebenso wie der Bäcker
dass sich in seinem angefüllten Bauch etwas regte und der Krämer mitschuldig.
20
20.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
151 20
. Abb. 20.1  (Zeichnung: Claudia
Styrsky)

20.3 Psychologische Phänomene und Zeit, die den Spagat zwischen Familie und Karriere
Bedeutung für die heutige Zeit zu meistern versuchen.
Im kollektiven Bewusstsein der Mehrheit der
Aus dem Märchen „Der Wolf und die sieben Geiß- Bevölkerung orientiert sich das Bild der idealen und
lein“ lassen sich einige psychologische Phänomene damit „richtigen“ Familie nach wie vor am klassi-
ableiten, wobei das Verhalten der Geiß und ihrer schen Ideal der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.
Kinder im Mittelpunkt steht. Inhaltliche Schwer- Die realen Lebensmuster haben sich jedoch deut-
punkte sind der Rollenkonflikt berufstätiger Mütter, lich von diesem Denkmodell entfernt. Immer mehr
kindliche Naivität und blindes Vertrauen sowie das Frauen machen Karriere und sehen sich hierbei mit
Entscheidungsverhalten in Gruppen. der Herausforderung konfrontiert, Familie und
Beruf gleichermaßen gerecht zu werden. Die Rol-
lentheorie von Katz u. Kahn (1978) besagt, dass es zu
20.3.1 Rollenkonflikt einem Interrollenkonflikt kommen kann, wenn sich
zwischen verschiedenen Rollen Unverträglichkeiten
Anhand dieses Märchens kann sehr schön die Pro- zeigen. Typisch hierfür ist ebendieser Konflikt, dem
blematik berufstätiger Mütter erörtert werden. berufstätige Frauen bezüglich ihrer Rolle als Mutter
Obwohl die Geißmutter ihre Kinder „so lieb hat, und Ehefrau sowie der Rolle im Beruf ausgesetzt
wie eine Mutter ihre Kinder lieb hat“, lässt sie diese sind. Ohne entsprechende Bewältigungsstrategien
unbeaufsichtigt zu Hause und setzt sie somit Gefahr verursacht dieser Rollenkonflikt Stress und kann auf
aus. Unzählige moderne Interpretationen genau lange Sicht sowohl psychische als auch körperliche
dieses Märchens zielen darauf ab. Die Geiß lässt ihre Probleme zur Folge haben.
Kinder alleine und – selbst Schuld – werden kurzer- Dass eine solche Doppelbelastung Stress ver-
hand sechs der sieben gefressen. Resümee des Mär- ursacht, war vermutlich den meisten Lesern auch
chens ist die Geiß als „Rabenmutter“, stellvertretend ohne fundierte psychologische Theorien klar. Jetzt
für die vielen berufstätigen Frauen in der heutigen gilt es vor allem, das Vorurteil der berufstätigen
152 Kapitel 20 · Der Wolf und die sieben jungen Geißlein von den Gebrüdern Grimm (1819)

„Rabenmütter“ aus der Welt zu schaffen. Um dieser Friedrich Schiller (1759–1805), deutscher
kurzsichtigen Denkweise entgegenzutreten, haben Dichter, Philosoph und Historiker, unterscheidet
sich Psychologen der Universität Harvard einge- zwischen „kindischer“ und „kindlicher“ Naivität.
hend mit der Thematik befasst. So veröffentlichten Kindische Naivität wird nach Schiller belächelt,
McGinn et al. (2015) eine große internationale Studie weil sie von mangelndem Verstand und Unvermö-
darüber, wie sich die Berufstätigkeit der Mutter auf gen herrührt; kindliche Naivität hingegen wird als
den späteren Berufserfolg der Kinder auswirkt. Ihre Stärke bewundert. Dahinter könne man „ein Herz
Ergebnisse zeigen klar, dass es keine negativen Kon- voll Unschuld und Wahrheit“ erkennen, das „im Ein-
sequenzen für Kinder hat, wenn sich ihre Mütter auf klang mit der Natur“ und „einig mit sich selbst und
ihre Karriere konzentrieren – im Gegenteil profitie- glücklich im Gefühl seiner Menschheit“ ist (Schiller
ren sie davon, wenn ihre Mutter arbeitet. Sie sind 1795, o. S.). Auch der deutsche Philosoph der Auf-
erfolgreicher im späteren Berufsleben und verdienen klärung, Immanuel Kant (1724–1804), bezeichnete
mehr Gehalt. Interessant ist vor allem, dass Söhne Naivität als „eine edle oder schöne Einfalt, welche das
berufstätiger Frauen einen stärkeren Familiensinn Siegel der Natur auf sich trägt“ (Kant u. Rosenkranz
entwickeln, sich vermehrt im Haushalt beteiligen 1838, S. 420). Nicht umsonst wird Naivität gerne als
und auch für die Pflege anderer Familienmitglie- Strategie eingesetzt – wer sich schwach, dumm und
der einsetzen. Also Entwarnung für die alte Geiß – naiv stellt, wird stets auf Hilfe derer treffen, die sich
hier wird sie nicht als Rabenmutter an den Pranger für stark, klug und vernünftig halten.
gestellt.

Blindes Vertrauen
20.3.2 Naivität und blindes Vertrauen Der kindlichen Naivität ähnlich ist der Aspekt des
blinden Vertrauens. Vertrauen als solches ist ein
Seien wir mal ehrlich: Es ist doch ganz schön naiv von lebensnotwendiger Mechanismus – ohne Vertrauen
den Geißlein zu meinen, dass beim dritten Klopfen wäre es für uns unmöglich, zu existieren. Vertrauen
plötzlich nicht mehr der Wolf, sondern die geliebte bildet die Grundlage für das Zusammenleben in der
Mutter vor der Türe steht. Oder was meinen Sie dazu? menschlichen Gesellschaft. Im Straßenverkehr ver-
trauen wir z. B. darauf, dass alle Autos rechts fahren.
Das schränkt zwar die Freiheit des Einzelnen ein,
Kindliche Naivität ermöglicht aber ein Fahren ohne Zusammenstöße.
Tatsächlich steht Naivität besonders bei Erwachse- Klingt logisch, oder?
nen stellvertretend für „Armut im Geiste“, „Blau- Umso banaler dürften Ihnen die Mechanis-
äugigkeit“ und generell für eher kindliches Denken men erscheinen, denen unser Vertrauen unterliegt.
und Verhalten. Naive Menschen sind in der Regel Constantin Rezlescu vom University College London
leichter zu beeinflussen als andere, wodurch oft und seine Kollegen (2012) fanden heraus, dass wir
Schaden entsteht. Andererseits hat das „kindliche uns bei der Beurteilung der Vertrauenswürdigkeit
Denken“ auch eine positive Seite. Kinder sind noch eines Menschen eher auf sein Aussehen verlassen
in der Lage, die Welt um sie herum unvoreinge- als auf Informationen über sein Verhalten. Sie haben
nommen und damit unverfälscht wahrzunehmen. braune Augen? Herzlichen Glückwunsch! Laut dem
Mit zunehmender Lebenserfahrung, z. B. Pech in tschechischen Psychologen Karel Kleisner von der
der Liebe oder im Beruf sowie anderen Schicksals- Prager Karls-Universität und seinen Kollegen (2013)
schlägen, ist das leider nicht mehr der Fall. Nai- erscheinen Sie automatisch vertrauenswürdiger als
vität kann somit auch als positiver Charakterzug Blauäugige. Und das alles nur wegen der Augenfarbe?
gewertet werden, als Fähigkeit, die einen offenen Ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Die
und wertfreien Blick eröffnet und dadurch manch- Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Gesichts-
mal sogar zu besserem Erfolg führen kann als das merkmale einer Person mit der Augenfarbe korre-
20 haargenaue Hinterfragen auf Basis von Vernunft lieren. Braune Augen treten besonders bei Männern
und Verstand. mit einer Gesichtsform auf, die von anderen als
20.4 · Fazit
153 20
vertrauenswürdiger eingeschätzt wird. Blauäugige vernachlässigt, da der Fokus auf dem gemeinsamen
Männer hingegen sind laut den Forschern durch Wissen liegt. Hieraus resultiert ein deutlich gerin-
Gesichtsmerkmale charakterisiert, die weniger Ver- geres tatsächliches Gesamtwissen, als das potenziell
trauen erwecken. Hierzu zählen beispielsweise eine möglich wäre. Die Entscheidungsqualität wird somit
eckigere untere Gesichtspartie, relativ kleine Augen stark beeinträchtigt.
und ein schmaler Mund. Außerdem fanden Forscher heraus, dass Grup-
Zurück zu den sieben Geißlein – natürlich zeugt penentscheidungen häufig extremer ausfallen als
es von Naivität und blindem Vertrauen, dass sie trotz Individualentscheidungen. Ursprünglich wurde
zahlreicher Warnungen den Wolf ins Haus lassen. hierzu angenommen, dass die Extremmeinungen
Ihr Beispiel für unangebrachtes Vertrauen und naives von einzelnen Gruppenmitgliedern in der gemein-
Verhalten zieht fatale Folgen nach sich. Aber wie im samen Entscheidungsfindung „herausgemittelt“
Märchen so üblich siegt letztlich das Gute über das würden. Entgegen dieser Annahme kommt es
Böse, der Wolf stirbt und die gefressenen Geißenkin- jedoch häufig zu einer Gruppenpolarisation, sodass
der leben am Ende glücklich und zufrieden. Und wie die Gruppe – im Vergleich zur durchschnittlichen
kann das passieren? Eben auch aufgrund von naivem Ausgangsmeinung ihrer Mitglieder – zu einer riskan-
Denken und dem Urvertrauen in die Mutter, sie auch teren Entscheidung tendiert. Stoner (1961) spricht
aus dieser aussichtslosen Lage wieder befreien zu hierbei vom Risky-Shift-Phänomen. Ob das jüngste
können. Geißlein, welches sich raffiniert im Uhrkasten vor
dem Wolf versteckt hat, dem Bösewicht wohl auch
alleine die Türe geöffnet hätte?
20.3.3 Gruppenentscheidungen

Getreu dem Motto „Vier Augen sehen mehr als zwei“ 20.4 Fazit
würde man grundsätzlich davon ausgehen, dass die
sieben jungen Geißlein gemeinsam eine gute Chance Die Gebrüder Grimm liefern uns mit dieser
haben dürften, die List des Wolfes zu durchschauen. Geschichte ein sehr klassisches Märchen, in dem das
Das Märchen zeigt jedoch, dass der Wolf letztlich alle Gute über das Böse siegt. Anhand der Geschichte
überlistet und sechs von ihnen frisst. des Wolfs wird aufgezeigt, dass es zwar durchaus
Ist das ausschließlich ein Ergebnis märchenhafter möglich ist, sich durch List und Tücke einen kurz-
Fantasie? Leider nicht. Rein intuitiv gehen wir davon zeitigen Vorteil zu beschaffen, jedoch auf lange Sicht
aus, dass die Entscheidungsfindung in der Gruppe zu Unehrlichkeit und Betrug nicht zum Erfolg führen.
besseren Entschlüssen führt als Individualentschei- Interessant ist sicherlich auch die Frage, wo
dungen. Schließlich wird kaum eine wichtige Ent- uns im wahren Leben „Wölfe“ begegnen. Vielleicht
scheidung, sei es in der Politik, im Beruf oder in der denkt der eine oder andere Leser nun an seinen
Familie, lediglich von einer Einzelperson getroffen. undurchsichtigen Bankberater oder Versicherungs-
Interessanterweise zeigt jedoch die sozialpsychologi- vertreter. Aber auch die zahlreichen Verführun-
sche Forschung, dass die eklatante Fehlentscheidung gen in der Werbung sollen an dieser Stelle genannt
der sieben Geißlein kein Einzelfall ist: Gruppenent- werden. Ähnlich wie die jungen Geißlein in unserem
scheidungen sind eben nicht automatisch besser als Märchen lassen wir uns – gutgläubig wie wir sind –
Individualentscheidungen. häufig täuschen und bemerken unsere Fehler bzw.
Gruppen sprechen hauptsächlich über geteilte Fehlurteile erst im Nachhinein. Vielleicht gelingt es
und meinungsbestätigende Argumente, wohinge- Ihnen nach dieser Lektüre den einen oder anderen
gen konträre Meinungen eher übergangen werden. „Wolf “, der Ihnen begegnet, schneller auszumachen.
Plakativ formuliert: Die Gruppe spricht vor allem Weiterhin möchte ich Ihnen ans Herz legen, die
über das, was ohnehin schon alle wissen Dieses Phä- Position des Müllers in der Geschichte zu überden-
nomen wird in der Psychologie Hidden-Profile-Ef- ken. Dieser hatte sich zunächst geweigert und erst
fekt genannt (Stasser u. Titus 1985, 1987). Das Spe- auf Zwang zur List des Wolfes seinen Beitrag geleis-
zialwissen jedes einzelnen Gruppenmitglieds wird tet. Was wäre passiert, wenn der Müller willensstark
154 Kapitel 20 · Der Wolf und die sieben jungen Geißlein von den Gebrüdern Grimm (1819)

geblieben wäre? Hätte der Wolf seine Finte auch ohne


Verbündete durchführen können? Und hätte man
wohl selber den Mut besessen, sich der Drohung des
Wolfes zu widersetzen? Leider ist das Verhalten des
Müllers nicht untypisch in unserer Gesellschaft.
Letztlich nimmt das Märchen ein glückliches
Ende, bei dem die sieben jungen Geißlein und ihre
Mutter sich einander an den Händen fassen und vor
Freude über den Tod des Wolfes um den Brunnen
herum tanzen. Die Vorbereitungen hierzu – getreu
der Talionsformel aus der Bibel „Auge um Auge,
Zahn um Zahn“ oder „Wie du mir, so ich dir“ – muten
allerdings recht makaber an, finden Sie nicht? Zum
Glück hat es jeder selbst in der Hand, seinen Kindern
bei der Erziehung noch weitere Konfliktlösungsstra-
tegien mit auf den Weg zu geben.
Hiermit sind wir nun am Ende der Geschichte.
Und wenn die Brüder Grimm nicht gestorben wären,
dann lebten sie wohl heute glücklich und zufrieden
in dem Wissen, dass ihre Märchen bis in die Neuzeit
nicht an Bedeutung verloren haben.

Literaturverzeichnis

Grimm, J., & Grimm, W. (1819). Kinder- und Haus-Märchen,


gesammelt durch die Brüder Grimm: Große Ausgabe
(Bd. 1, 2. Aufl.). Berlin: G. Reimer.
Kant, I., & Rosenkranz, K. (Hrsg.). (1838). Immanuel Kant's
sämmtliche Werke. Leipzig: Voss.
Katz, D., & Kahn, R. L. (1978). The social psychology of organiza-
tions (2.Aufl.). New York: Wiley.
Kleisner, K., Priplatova, L., Frost, P., Flegr, J., & Pelli, D. G. (2013).
Trustworthy-looking face meets brown eyes. Public Libra-
ry of Science one 8, e53285.
Rezlescu, C., Duchaine, B., Olivola, C. Y., Chater, N., & Rustichini,
A. (2012). Unfakeable facial configurations affect strategic
choices in trust games with or without information about
past behavior. Public Library of Science one 7, e34293
Schiller, F. (1795). Über naive und sentimentalische Dichtung.
[Tl. 1:] Über das Naive. Die Horen 11, 43–76.
Stasser, G., & Titus, W. (1985). Pooling of unshared information
in group decision making: Biased information sampling
during discussion. Journal of Personality and Social Psy-
chology 48, 1467–1478.
Stasser, G., & Titus, W. (1987). Effects of information load and
percentage of shared in-formation on the dissemination
of unshared information during group discussion. Journal
of Personality and Social Psychology 53, 81–93.
Stoner, J. A. F. (1961). A comparison of individual and group
20 decisions involving risk. Unpublished master’s thesis.
Cambridge: MIT.
155 21

Das kleine Mädchen mit den


Schwefelhölzern von Hans
Christian Andersen (1845)
Eileen Wittmann

21.1 Inhalt des Märchens – 156

21.2 Die Charaktere – 156

21.3 Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige


Zeit – 156
21.3.1 Modell des Hilfeverhaltens – 157
21.3.2 Transaktionales Stressmodell – Misserfolg als Bedrohung – 158
21.3.3 Bedürfnispyramide von Maslow – 159

21.4 Implikationen für die Erziehung, Führung und


Lebensgestaltung – 159
21.4.1 Hilfeverhalten – 159
21.4.2 Umgang mit Misserfolg – 160
21.4.3 Bedürfnisse – 161

21.5 Fazit – 161

Literaturverzeichnis – 161

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_21
156 Kapitel 21 · Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans Christian Andersen (1845)

21.1 Inhalt des Märchens


42
21
Es war einmal ein kleines Mädchen, welches am Sil-
vesterabend in einer Ecke zwischen zwei Häusern
kauerte, an seiner Schürze einen Bund Schwefelhöl-
zer. Barfuß, hungrig und frierend hatte es den ganzen
Tag versucht, Schwefelhölzer zu verkaufen, die mit
Besorgungen für den Silvesterabend beschäftigten
Bürger hatten es jedoch keines Blickes gewürdigt.
Ohne auch nur ein einziges Schwefelholz verkauft
oder ein Almosen bekommen zu haben, traute sich
das kleine Mädchen nicht nach Hause. Es fürchtete,
vom Vater geschlagen zu werden, und sagte sich, dass
es auch dort kalt sei.
Um sich zu wärmen, zündete es ein erstes Schwe-
felholz an und träumte von einem warmen Ofen, der
jedoch verschwand, als das Schwefelholz erlosch.
Sodann zündete es weitere Schwefelhölzer an und
träumte erst von einem mit Gänsebraten gedeck-
ten Tisch, dann von einem großen, geschmückten . Abb. 21.1  (Zeichnung: Johanna Frey)
Weihnachtsbaum und schließlich von seiner gelieb-
ten, bereits verstorbenen Großmutter. Es zündete alle
verbleibenden Schwefelhölzer an, damit der Traum
der Großmutter nicht mit dem erlöschenden Schwe- 21.3 Psychologische Phänomene und
felholz verschwand. Das kleine Mädchen bat seine Bedeutung für die heutige Zeit
Großmutter, es mit sich zu nehmen. Diese hob es
sodann auf ihre Arme und flog mit ihm hoch zu Gott. Die tragische Geschichte über „Das kleine Mädchen
Im Häusereck saß am nächsten Morgen ein mit den Schwefelhölzern“ aus dem Jahre 1845
kleines Mädchen mit einem Bund abgebrannter gehört wohl zu den bekanntesten Märchen aus dem
Schwefelhölzer und einem Lächeln auf den Lippen: literarischen Vermächtnis des dänischen Schrift-
Es war tot, erfroren am letzten Tag des alten Jahres. stellers Hans Christian Andersen. Der Schriftstel-
(Andersen 2010; . Abb. 21.1) ler stammte selbst aus ärmlichen Verhältnissen
und konnte als Sohn eines verarmten Schusters
und einer Wäscherin kaum die Schule besuchen.
21.2 Die Charaktere Als er 11 Jahre alt war, starb sein Vater und Ander-
sen musste arbeiten, um für sich und die Mutter
Über die Charaktere erfährt man in diesem Märchen sorgen zu können. Nur durch sein schriftstelle-
nur wenig. Im Mittelpunkt steht das kleine Mädchen, risches Talent, das bei seiner späteren Arbeit am
das aus tiefster Armut heraus bei Eiseskälte spärlich Theater auffiel und ihm die Unterstützung durch
bekleidet und hungernd dazu gezwungen ist, Schwefel- wohlhabende Förderer verschaffte, konnte er später
hölzer zu verkaufen oder ein Almosen zu erbetteln. Es doch noch sowohl die Schule als auch die Univer-
traut sich aus Angst vor seinem Vater nicht nach Hause, sität absolvieren (Buchfunk Hörbuchverlag GbR
dessen Schläge es befürchten muss, wenn es ohne einen 2016). Andersen kannte die Armut des kleinen
Heller zurückkommt. Im Schein der Schwefelhölzer Mädchens wohl aus eigener Erfahrung, im Gegen-
träumt es schließlich von seiner verstorbenen Groß- satz zu ihm konnte er dieser jedoch entkommen.
mutter, der einzigen, die jemals gut zu ihm war, und Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts – die Zeit, in
bittet sie, es mit sich zu nehmen. Das kleine Mädchen der Andersen lebte – war durch eine Massenarmut
erfriert in dieser Silvesternacht – sich in seinen letzten gekennzeichnet, deren Ausmaß man sich heute
Gedanken seiner Großmutter und Gott nahe wähnend. kaum noch vorstellen kann.
21.3 · Psychologische Phänomene und Bedeutung für die heutige Zeit
157 21
Ist die tragische Geschichte des kleinen Mäd- Wahrnehmen von Notsituationen
chens mit den Schwefelhölzern folglich „ganz Das Modell des Hilfeverhaltens kann dabei erste
normal“ für die damaligen Lebensumstände und hat Ansatzpunkte liefern, um die Frage nach dem
heute kaum noch Relevanz? Oder lassen sich Punkte Warum zu beantworten.
identifizieren, die auch für uns heutzutage nicht an Vielleicht haben die Bürger nicht einmal die erste
Bedeutsamkeit verloren haben? Im Folgenden sollen Stufe überwinden können und dem kleinen Mädchen
Antworten auf diese Fragen anhand verschiedener nicht geholfen, da sie es aufgrund ihrer eigenen
psychologischer Phänomene gefunden werden. Geschäftigkeit und der vermeintlichen Dringlich-
keit ihrer Einkäufe gar nicht bemerkt haben. Mög-
licherweise hat aber auch das kleine Mädchen nicht
21.3.1 Modell des Hilfeverhaltens ausreichend Anstrengung unternommen, um auf
sich und seine desolate Situation aufmerksam zu
Seit den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde, machen. Falls es jedoch tatsächlich bemerkt wurde,
u. a. durch den Mord an der New Yorkerin Kitty ist es möglich, dass dann aber keiner seine Situation
Genovese, bei dem der Geschichte nach Nachbarn als Notlage interpretiert hat. Es könnte beispiels-
deren Schreie hörten oder den Angriff sogar teilweise weise sein, dass bettelnde Kinder in dieser Zeit zum
sahen, jedoch keiner eingriff, eine Vielzahl von psy- Alltag gehörten und die Situation daher als „normal“
chologischen Studien zu der Fragestellung publi- eingeschätzt wurde.
ziert, warum wir helfen bzw. – wie im Fall des kleinen Außerdem könnte das psychologische Phäno-
Mädchens mit den Schwefelhölzern und auch Kitty men der pluralistischen Ignoranz eine Rolle gespielt
Genovese – warum wir nicht helfen. haben: Der einzelne Bürger nimmt an, das kleine
Die Sozialpsychologen Bibb Latané und John Mädchen sei nicht in Not, da kein anderer Bürger
Darley (1970) entwickelten auf Basis von empiri- Anstalten macht, einzugreifen und dem kleinen
schen Studien ein Modell des Hilfeverhaltens, das Mädchen zu helfen. Da dieses Phänomen vor allem
Hilfeverhalten anhand von fünf Stufen erklärt: in Situationen auftritt, die nicht eindeutig sind, stellt
1. Eine Situation, in der Hilfe benötigt wird, muss sich auch hier die Frage, wie viel das kleine Mädchen
überhaupt erst wahrgenommen werden. dazu beigetragen hat, seine eigene Notlage als solche
2. Im nächsten Schritt muss die beobachtete kenntlich zu machen.
Situation als Notlage interpretiert werden.
3. Anschließend muss der Beobachter in der
Situation Verantwortung übernehmen. Eingreifen in Notsituationen
4. Dann muss er darüber entscheiden, wie er hilft. Vielleicht wurde das kleine Mädchen in seiner Not
5. Im letzten Schritt muss er dann tatsächlich sogar bemerkt, kein Bürger hat jedoch Verantwor-
Hilfe leisten. tung übernommen. Verantwortlich dafür kann bei-
spielsweise das psychologische Phänomen der Ver-
Nach diesem sequenziellen Modell wird nur dann antwortungsdiffusion sein: Je mehr Menschen
geholfen, wenn jede Stufe überwunden wird. Und auf Zeugen einer Notlage werden, desto geringer fällt die
jeder einzelnen Stufe können zahlreiche Hindernisse Übernahme von Verantwortung durch jeden einzel-
das Überwinden der Stufe verhindern. nen aus. Möglicherweise hatte das kleine Mädchen
Im Zentrum des Märchens „Das kleine Mädchen folglich das Pech, dass so viele Bürger ihre Einkäufe
mit den Schwefelhölzern“ steht das Motiv des armen, in der Stadt tätigten.
hungernden und frierenden Kindes, dem von den Bei der anschließenden Entscheidung, wie man
wohlhabenderen, mit Einkäufen beschäftigten hilft, kann vor allem die wahrgenommene fehlende
Bürgern nicht geholfen wird – weder durch den Kompetenz zu helfen ein Hindernis darstellen. Ein-
Kauf eines Schwefelholzes, das sie nur einen win- zelne Bürger könnten zu wenig Geld für ein Almosen
zigen Geldbetrag gekostet hätte, oder ein Almosen gehabt haben, oder es könnte beim Einzelnen das
noch durch sonstige Hilfeleistungen wie eine Mahl- Gefühl aufgekommen sein, dem kleinen Mädchen
zeit oder etwas Warmes zum Anziehen. mit einem geringen Geldbetrag sowieso nicht helfen
158 Kapitel 21 · Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans Christian Andersen (1845)

zu können, da es das eigentliche Problem seiner einhergehenden Emotionen zu regulieren, z. B.


21
42 Armut nur kurzfristig löst. durch Flucht, Ablenkung, Herunterspielen
Sollte der ein oder andere Bürger dennoch bis der Bedeutsamkeit des Stressors oder den
zum fünften und letzten Schritt gekommen sein, Ausdruck von Emotionen.
konnte er diese Stufe offenbar nicht überwinden.
Verantwortlich dafür könnte beispielsweise eine Bedrohungen des Selbst führen nicht nur zu einem
Kosten-Nutzen-Abwägung gewesen sein. Außer- geringeren Wohlbefinden und negativen Emotio-
dem können auch hier soziale Einflüsse wie soziale nen, sondern können auch die physische Gesund-
Normen eine Rolle spielen. Beispielsweise könnten heit beeinträchtigen. Am schlimmsten sind dabei
einzelne Bürger dem kleinen Mädchen deshalb nicht Bedrohungen, die wir als unkontrollierbar empfin-
geholfen haben, da sie befürchteten, ihr Verhalten den. Bedrohungen, die als kontrollierbar empfun-
würde von anderen als unangebracht oder unan- den werden, können wir als Herausforderungen
gemessen beurteilt werden, ein Phänomen, das in wahrnehmen. Diejenigen, die als unkontrollierbar
der Psychologie als Bewertungsangst bekannt ist. wahrgenommen werden, führen auf Dauer zu Angst,
Wieder andere könnten dem kleinen Mädchen die Frustration, Hilflosigkeit und Depression (Smith u.
Verantwortung für seine eigene elende Situation Mackie 2007).
selbst zugeschrieben und somit entschieden haben, Zugespitzt ausgedrückt, zieht es das kleine
dass es keine Hilfe verdient. Mädchen vor, in der Kälte zu sterben, als trotz des
Was der genaue Grund für das Nichteingreifen Misserfolgs, kein Schwefelholz verkauft oder ein
der Bürger war, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Almosen bekommen zu haben, in das wahrschein-
Festzustellen bleibt, dass die Geschichte – auch wenn lich sicherere Zuhause zu gehen. Auch sein Vater
es sich vielleicht nur um kleines Hindernis handelte – trägt seinen Teil dazu bei, indem es bei einem Miss-
einen tragischen Ausgang nimmt. erfolg seine Schläge befürchten muss.
Höchstwahrscheinlich erlebt das kleine Mädchen
regelmäßig diesen Misserfolg und empfindet seine
21.3.2 Transaktionales Stressmodell – eigene Situation als unkontrollierbar. Es kann sich
Misserfolg als Bedrohung Tag für Tag in die Stadt stellen und versuchen, Schwe-
felhölzer zu verkaufen – vielleicht hat es einmal
Wenn wir Misserfolge erleben, bleiben wir bei einer Glück und jemand kauft ihm eines ab – doch meist
Aufgabe hinter unseren eigenen Ansprüchen zurück, wird es wohl mit leeren Händen nach Hause zurück-
und dies bedroht unser Verständnis davon, wer wir kehren und das Gefühl haben, daran auch am nächs-
sind und wie wir uns damit fühlen – unser Selbst. ten Tag nichts ändern zu können.
Doch wie gehen wir mit einer solchen Bedrohung Ihm bleibt folglich nur die emotionsorien-
um? tierte Bewältigung dieser Bedrohung, um Angst
Nach dem transaktionalen Stressmodell (z. B. und Hilflosigkeit entgegenzuwirken. Es träumt sich
Lazarus u. Folkman 1984) bewerten wir nach der im Schein der Schwefelhölzer hinfort aus seiner
Erfahrung eines potenziellen Stressors unsere Fähig- elenden Situation, flüchtet vor der Realität. Das
keiten und Möglichkeiten, diesen zu bewältigen. Es kleine Mädchen reagiert auf seine eigene bedrohli-
sind dabei verschiedene Bewältigungsstrategien che Situation mit Rückzug und gibt sein Leben auf.
möglich, um dem Stressor zu begegnen. Doch was für den Leser ein tragischer Ausgang der
44Bei der problemorientierten Bewältigung Geschichte ist, scheint für das kleine Mädchen eine
wird das Stress auslösende Problem direkt Verbesserung seiner Situation zu sein. Es stirbt mit
in Angriff genommen und Verhalten einem Lächeln auf den Lippen und fühlt sich von
gezeigt, um die Situation selbst zu der liebenden Großmutter im Arm zu Gott empor-
verändern. gehoben. So entkommt es Hunger, Kälte, täglichen
44Bei der emotionsorientierten Bewältigung Misserfolgen, Hilflosigkeit und der Ablehnung des
wird versucht, die mit dem Stressor eigenen Vaters.
21.4 · Implikationen für die Erziehung, Führung und Lebensgestaltung
159 21
Aber kann man hier von einer erfolgreichen Seine Wünsche und Träume beziehen sich vor
Bewältigung einer bedrohlichen Situation spre- allem auf die physiologischen Bedürfnisse: Ein
chen? Sollte eine Gesellschaft nicht andere Wege warmer Ofen gegen die Kälte, ein Gänsebraten
bereithalten? gegen das unerträgliche Gefühl von andauerndem
Hunger. Nicht einmal die Bedürfnisse der ersten
Stufe der Bedürfnispyramide waren folglich erfüllt.
21.3.3 Bedürfnispyramide von Maslow Sein Traum vom herrlichen Weihnachtsbaum kann
als Zeichen für die Sicherheitsbedürfnisse und die
Der Sozialpsychologe Abraham Maslow entwickelte Bedürfnisse nach sozialen Bindungen und Zuwen-
1943 eine Theorie der menschlichen Motivation, dung interpretiert werden. Der Weihnachtsbaum
die heute besser als Bedürfnispyramide von Maslow könnte hier für das Weihnachtsfest stehen, das man
bekannt ist. Er identifiziert darin fünf Grundbe- üblicherweise in geordneten Familienverhältnissen,
dürfnisse des Menschen und ordnet diese in einer in einer warmen Wohnstube und mit seinen Liebsten
Hierarchie an. Nur wenn ein Bedürfnis ausreichend feiert. Der letzte Traum von der liebenden Großmut-
befriedigt ist, wird das in der Hierarchie nächsthö- ter stünde dann sinnbildlich für das Bedürfnis nach
here Bedürfnis aktiviert und beeinflusst fortan unser sozialen Bindungen und Zuwendung. Im Angesicht
Handeln – wie zuvor das bereits erfüllte Bedürfnis: des Todes wünscht sich das kleine Mädchen die Liebe
1. An unterster Stelle in der Pyramide befinden und Geborgenheit durch seine Großmutter – Bedürf-
sich die physiologischen Bedürfnisse wie nisse, die zumindest durch seinen Vater nicht erfüllt
Hunger, Durst oder das Bedürfnis nach Schlaf. zu sein scheinen. Immerhin dieses letzte Bedürfnis
2. Sind diese Bedürfnisse befriedigt, werden auf scheint ihr der Geschichte nach erfüllt zu werden.
der nächsten Stufe die Sicherheitsbedürfnisse
aktiviert. Hierunter fallen Bedürfnisse nach
körperlicher Unversehrtheit, einem stabilen 21.4 Implikationen für die Erziehung,
Umfeld oder einfach einem Dach über dem Führung und Lebensgestaltung
Kopf.
3. Auf der nächsthöheren Stufe der Pyramide Aus den zu dem Märchen „Das kleine Mädchen mit
finden sich dann die Bedürfnisse nach sozialen den Schwefelhölzern“ vorgestellten psychologischen
Bindungen, Liebe und Zugehörigkeit. Phänomenen lassen sich Implikationen für verschie-
4. Darauf folgen auf der vierten Stufe der dene Bereiche unseres täglichen Lebens ableiten.
Pyramide die Bedürfnisse nach Anerkennung,
Erfolg und Wertschätzung.
5. Sind diese Bedürfnisse erfüllt, fühlt sich das 21.4.1 Hilfeverhalten
Individuum selbstbewusst, wertvoll, fähig und
nützlich in dieser Welt. Das Individuum ist Der Fall eines kleinen bettelnden Mädchens, das
dann an der Spitze der Pyramide angekommen draußen in der Kälte erfriert, mag uns in der heuti-
und das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung gen Zeit in Deutschland unrealistisch vorkommen
erwacht. Maslow (1943, S. 382, übersetzt aus und wir denken gerne, dass solche Fälle der Ver-
dem Englischen) beschreibt dies mit folgenden gangenheit angehören. Doch auch hierzulande lebt
Worten: „Ein Musiker muss musizieren, jedes fünfte Kind in Armut und bei jedem zehnten
ein Künstler muss malen, ein Dichter muss Kind, dessen Existenz durch die Grundsicherung,
schreiben, um endgültig glücklich zu sein. Was d. h. Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch, Zweites
jemand kann, das muss er sein.“ Buch (SGB II), abgesichert wird, verfügen nicht alle
Mitglieder des Haushalts über ausreichende Winter-
Welche Bedürfnisse hatte das kleine Mädchen mit kleidung (Tophoven et al. 2015). Auch wenn diese
den Schwefelhölzern, bevor es in jener kalten Silves- Kinder in den allermeisten Fällen nicht gefährdet
ternacht erfror? sind, zu erfrieren, sind sie dennoch hilfsbedürftig.
160 Kapitel 21 · Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans Christian Andersen (1845)

Aber was kann der Einzelne tun, um in solchen klein auf zu lernen, dass beim Hilfeverhalten kleine
21
42 und anderen Fällen von Hilfsbedürftigkeit zu helfen? Schritte, z. B. das Alarmieren eines professionellen
Man schiebt die Verantwortung gerne von sich und Helfers (Polizei, Vertrauenslehrer, Eltern), sehr viel
sagt sich, dass die Politik hier etwas ändern müsse wert sind und entscheidend weiterhelfen. Außerdem
und man selbst mit den eigenen begrenzten Möglich- kann man dem Beobachter helfen, indem man ihm
keiten nichts ausrichten könne. Doch es gibt unzäh- Handlungsleitlinien für bestimmte Situationen an
lige Situationen im Leben eines jeden Menschen, in die Hand gibt (z. B. der Gang zum Vertrauenslehrer
denen ein anderer Hilfe benötigt oder man selbst im Fall von Mobbing) und Ressourcen bereitstellt,
froh über eine helfende Hand wäre. die zum Helfen auffordern (z. B. Defibrillatoren,
Das kleine Mädchen, das vergeblich versucht, Notrufsäulen). Zusätzlich lässt sich das subjektive
Schwefelhölzer zu verkaufen, und in seiner Hilfs- Kompetenzgefühl durch Trainings stärken. Hierbei
bedürftigkeit nicht beachtet oder bemerkt wird, können in Rollenspielen bestimmte Verhaltenswei-
gibt es in vielerlei Hinsicht: ein Mitschüler, der von sen einstudiert und ausprobiert werden, ohne dass
seinen Schulkameraden gemobbt wird, eine alte man negative Konsequenzen fürchten muss (Frey
Dame, die nicht mehr alleine einkaufen oder zum et al. 2001).
Arzt gehen kann, oder eine junge Frau, die vor den Soziale Einflüsse und Normen können Hilfe-
Augen ihrer eigenen Nachbarn erstochen wird – wie verhalten verhindern – aber sie können es auch
im Fall von Kitty Genovese und anderen prominen- fördern. Es ist somit wichtig, Normen, die dazu bei-
ten Fällen mangelnder Zivilcourage. Mal ist man tragen, dass Menschen helfen, in den verschiedenen
selbst in der Position des vorbeilaufenden Bürgers – Institutionen der Gesellschaft zu lehren und nach
des passiven Beobachters –, mal in der des kleinen ihnen zu leben. Man sollte sich solche Grundregeln
Mädchens – des Hilfebedürftigen, dem keine Hilfe des Zusammenlebens wieder bewusster machen, sie
zuteilwird. anderen vorleben und die Überzeugung, Verant-
Doch was können wir in allen Institutionen der wortung für unseren Nächsten zu haben, stärken.
Gesellschaft wie Familien, Bildungseinrichtungen Haben wir nicht die moralische Pflicht, einem Mit-
und Unternehmen tun, damit die Mehrheit nicht schüler gegen Mobbing beizustehen, einer alten
schweigt und vorbeigeht, sondern hilft? Und wie Dame Nahrung und medizinische Hilfe zu ermög-
können Hilfebedürftige selbst dazu beitragen, dass lichen oder Menschen zu helfen, die physisch ange-
Ihnen geholfen wird? Das Modell des Hilfeverhaltens griffen werden – und ein kleines Mädchen mit einem
von Latané u. Darley (1970) sowie die Geschichte des Bund Schwefelhölzer vor dem Erfrierungstod zu
kleinen Mädchens können hier erste Ansatzpunkte bewahren?
geben.
Als Hilfesuchender ist es von enormer Wichtig-
keit, seine Hilfsbedürftigkeit deutlich zu machen – 21.4.2 Umgang mit Misserfolg
sei es, indem man laut um Hilfe ruft oder sich einer
anderen Person anvertraut – und nicht darauf zu Bei einer Studie, die die Toleranz für Fehler in 61
warten, dass andere diese von selbst erkennen. verschiedenen Ländern verglich, belegte Deutsch-
Außerdem ist es hilfreich, einer spezifischen Person land den vorletzten Platz, nur in Singapur sah man
persönlich Verantwortung zu übertragen, z. B. indem Fehler noch weniger gern (Gelfand et al. 2011). Kein
man ruft: „Sie da im roten Mantel, helfen Sie mir!“ Wunder also, dass Misserfolge und Fehler hierzu-
(Moriarty 1975). lande eine besonders große Bedrohung für den
Aufseiten des Augenzeugen sind das Kompe- Selbstwert darstellen. Doch wollen wir in einer
tenzgefühl und die Erwartung, mit der eigenen Hil- Gesellschaft leben, in der sich ein Kind nicht traut
feleistung auch etwas bewirken zu können, wich- nach Hause zu kommen, nachdem es etwas nicht
tige Determinanten dafür, ob Hilfeverhalten gezeigt geschafft hat?
wird. Da für große Heldentaten und langfristige Hil- Der ehemalige US-amerikanische Präsident
feleistung die Kompetenz einer einzelnen Person Theodore Roosevelt sagte einmal: „Der einzige
oft tatsächlich nicht ausreicht, ist es wichtig, von Mensch, der keine Fehler macht, ist der Mensch, der
Literaturverzeichnis
161 21
niemals etwas tut.“ Fehler und Misserfolge lassen sich Menschen den Tod dem Leben aufgrund ihrer
nicht vermeiden und bieten obendrein die Chance, Lebensumstände vorziehen, und es muss dring-
zu lernen und sich weiterzuentwickeln. lichste Aufgabe in einer Gesellschaft sein, dies zu
Es sollte folglich in Familien, aber auch in Unter- verhindern.
nehmen und anderen gesellschaftlichen Institutio- Das „kleine Mädchen“ finden wir auch heute
nen eine Fehlerkultur vermittelt werden – Fehler noch überall und viel zu häufig – arm, isoliert und
und Misserfolge passieren und das ist in Ordnung. hilflos. Gerade mit dem Massenzustrom an Flücht-
Wichtig ist, wie man damit umgeht. Misserfolge lingen gewinnt dieses Thema noch einmal mehr an
zu dramatisieren führt zu Selbstzweifeln, Angst Brisanz. Aber auch hierzulande gibt es Menschen,
und letztlich vielleicht sogar zum Verschweigen die aus unserer Gesellschaft, so wie sie ist, als „Verlie-
eines Fehlers, der ernste und weitreichende Folgen rer“ hervorgehen. Es ist an der Zeit, den Blick wieder
nach sich ziehen kann. Sind Misserfolge nicht tabu, verstärkt auf die Bedürfnisse der Benachteiligten in
können diese leichter preisgegeben und auch bewäl- unserer Gesellschaft zu richten, anstatt nur um uns
tigt werden. Hierbei können gerade Kinder von ihren selber und unsere Bedürfnisse zu kreisen.
Eltern oder Mitarbeiter von Vorgesetzten oder Kol-
legen unterstützt werden.
Außerdem sollten wir uns bewusst werden, dass 21.5 Fazit
es wahrscheinlich auch heute immer noch viele Men-
schen gibt, die ihre Lebenssituation als unkontrollier- Ohne Zweifel ist das Märchen „Das kleine Mädchen
bar wahrnehmen und das Gefühl haben, in unserer mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian
Gesellschaft keine Chance zu haben. Und sollten uns Andersen auch heute noch aktuell. Es zeigt uns
fragen, was jeder einzelne von uns tun kann, damit Missstände unserer Gesellschaft auf, die sich zwar
deren Geschichte nicht so tragisch endet wie die des seit dem 19. Jahrhundert deutlich verbessert haben,
kleinen Mädchens mit den Schwefelhölzern. aber immer noch nicht beseitigt sind. Die Psycholo-
gie hinter dem Märchen kann uns dabei helfen, zu
erkennen und zu erklären, warum bestimmte Vor-
21.4.3 Bedürfnisse gehensweisen problematisch sind und auch erste
Ansatzpunkte zur Lösung beitragen. Das Handeln
Heutzutage geht es bei uns in Deutschland haupt- liegt nun an uns.
sächlich um die drei obersten Bedürfnisgruppen der
Bedürfnispyramide – die physiologischen Bedürf-
nisse und die nach Sicherheit sind oft mehr als erfüllt. Literaturverzeichnis
Wir vergessen dabei gerne, dass es auf dieser Welt
Andersen, H. C. (2010). Andersens Märchen. Köln: Anaconda.
noch viel zu viele Menschen gibt, bei denen nicht Buchfunk Hörbuchverlag GbR (2016). Hans Christian Ander-
einmal die unterste Stufe der Pyramide – die phy- sen. Biografie. http://hans-christian-andersen.de/biogra-
siologischen Bedürfnisse – ausreichend erfüllt sind. fie/. Zugegriffen: 02. November 2016.
Und wir vergessen häufig auch, dass es Luxus ist, sich Frey, D., Neumann, R., & Schäfer, M. (2001). Determinanten
mit Fragen wie „Wie viele Freunde kommen wohl zu von Zivilcourage und Hilfeverhalten. In: H.-W. Bierhoff, &
D. Fetchenhauter (Hrsg.), Solidarität, Konflikt, Umwelt und
meiner Party?“, „Wie viele Likes bekomme ich auf Dritte Welt (S. 93–122). Opladen: Leske + Budrich.
Facebook für mein letztes Urlaubsbild?“ und „Wie Gelfand, M. J., Frese, M., & Salmon, E. (2011). Cultural Influen-
kann ich mich in meinem Beruf selbst verwirkli- ces on errors: prevention, detection, and management.
chen?“ auseinanderzusetzen. In: D. A. Hofmann, & M. Frese (Eds.), Errors in organizations
(pp. 273–316). New York: Routledge.
Es ist sicherlich wichtig, sich selbst und seine
Latané, B., & Darley, J. M. (1970). The unresponsive bystander:
eigenen Probleme ausreichend ernst zu nehmen, Why doesn’t he help? New York: Appleton-Crofts.
aber hin und wieder sollte man sich seine eigene Lazarus, R. S., & Folkman, S. (1984). Stress, appraisal and coping.
Privilegiertheit bewusst machen und nach links New York: Springer.
und rechts schauen, ob dort vielleicht ein bedürf- Maslow, A. H. (1943). A Theory of Human Motivation. Psycho-
logical Review 50, 270–396.
tiger Mensch sitzt. Es ist ein Armutszeugnis, wenn
162 Kapitel 21 · Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern von Hans Christian Andersen (1845)

Moriarty, T. (1975). Crime, commitment, and the responsive


21
42 bystander: Two field experiments. Journal of Personality
and Social Psychology 31, 370–376.
Smith, E. R., & Mackie, D. M. (2007). Social psychology (3rd ed.).
New York: Psychology Press.
Tophoven, S., Wenzig, C., & Lietzmann, T. (2015). Kinder- und
Familienarmut: Lebensumstände von Kindern in der
Grundsicherung. https://www.bertelsmann-stiftung.de/
de/publikationen/publikation/did/kinder-und-familien-
armut/. Zugegriffen: 02. November 2016.
163 22

Väterchen Frost von Alexander


Afanasjew (Mitte des 19.
Jahrhunderts)
Maxim Karl

22.1 Inhalt des Märchens – 164

22.2 Die Charaktere – 164

22.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 165


22.3.1 Biologische Elternschaft und Patchworkfamilien – 165
22.3.2 Gehorsam – 167

22.4 Fazit – 169

Literaturverzeichnis – 169

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_22
164 Kapitel 22 · Väterchen Frost von Alexander Afanasjew (Mitte des 19. Jahrhunderts)

22.1 Inhalt des Märchens der Frau dort zurück. Doch als er sie am nächsten
Morgen holen wollte, erschrak er. Nicht beladen mit
Es war einmal vor langer Zeit in einem weit entfern- Reichtum, sondern kalt gefroren war der Leib des
22 ten Land ein Mann mit seiner Frau. Beide waren bösen Mädchens. Er brachte der bösen Frau ihren
zuvor bereits verheiratet gewesen und hatten aus Leichnam, nahm seine eigene Tochter bei der Hand
ihrer früheren Ehe je eine Tochter. Die Tochter der und zog mit ihr weit weg an einen wunderschönen
Frau war lieblos und gemein, während die Tochter warmen Ort.
des Mannes gutherzig und sanft war. Die Frau liebte Und wenn er und das Mädchen nicht gestorben
nur ihr leibliches Kind und ließ ihre Stieftochter tage- sind, so leben sie noch heute.
lang hart arbeiten. Das Mädchen musste alleine das (Afanasjew 2001; . Abb. 22.1)
ganze Haus putzen und wurde von der Stiefmutter
geschlagen und beleidigt. Dennoch hasste die Frau Anmerkung  Alexander Nikolajewitsch Afanas-
die Tochter des Mannes von Tag zu Tag mehr. jew (1826–1871) trug als Sammler und Heraus-
Eines Tages, mitten in einem harten, kalten geber die Russischen Volksmärchen zusammen und
Winter, beschloss die Stiefmutter, dass das arme ist damit vergleichbar mit den Gebrüdern Grimm.
Mädchen in den tiefen Wald gebracht und sich selbst Zwar findet in Richtung Russland ein starker Export
überlassen werden sollte. Der Vater des Mädchens deutscher Märchen statt, in Deutschland sind russi-
wollte das natürlich nicht und versuchte der Frau, sche Märchen jedoch eher unbekannt. Dieses sehr
diesen Gedanken auszureden. Doch diese war so bekannte Volkmärchen von Väterchen Frost soll
boshaft und herrisch, dass er aus Angst vor ihr seine Ihnen einen kleinen Einblick in den umfangreichen
einzige Tochter mit in den Wald nahm und sie dort russischen Märchenschatz liefern.
alleine zurückließ.
Einsam und verlassen saß das Mädchen nun
unter einem Baum. Doch schon nach kurzer Zeit 22.2 Die Charaktere
hörte sie ein Knacken von Zweigen und kurz
darauf eine Stimme, die sprach: „Frierst Du, liebes Bevor wir genauer auf die psychologischen Phä-
Kind?“ Das Mädchen erkannte die Stimme als die nomene des Märchens eingehen, sollen noch kurz
von Väterchen Frost und antwortete: „Nein, Väter- die Hauptcharaktere der Geschichte beschrieben
chen Frost. Mir ist nicht kalt.“ Da kam er immer werden.
näher zu dem Kind und fragte sie noch einige Väterchen Frost ist ein zentraler Charakter in
Male, doch das Mädchen antwortete immer, dass vielen russischen Märchen und Mythen. In diesem
ihr warm sei. Väterchen Frost gefiel ihre beschei- Märchen wird er als großzügiger und etwas verspiel-
dene und milde Art und er entschied, ihr aus ihrer ter Geselle beschrieben, der gerne anderen Men-
Notlage zu helfen. Er wickelte sie in einen weichen schen weiterhilft, sofern sie ihm sympathisch sind.
und prächtigen Mantel, wärmte sie die ganze Nacht Das sieht man daran, dass er nur einem der Mädchen
und überhäufte sie am nächsten Morgen mit kost- in ihrer Notlage weitergeholfen hat, wobei man sich
baren Geschenken. Der Vater bedauerte inzwischen hier auch die Frage stellen kann, ob die verschiede-
seine böse Tat und kam am nächsten Tag in den nen Persönlichkeiten der beiden Mädchen für sein
Wald zurück, um seine Tochter zu retten. Als er sie Verhalten ausschlaggebend waren.
nicht nur lebendig, sondern auch warm bekleidet Diese Persönlichkeiten könnten wohl unter-
und mit großen Reichtümern beladen vorfand, war schiedlicher nicht sein. Die Tochter der Frau wird
die Freude groß. als gemein und lieblos beschrieben, wohingegen
Als beide wieder nach Hause zurückkehrten und die Tochter des Mannes, die auch die Heldin in der
die Stiefmutter die Reichtümer des Mädchens sah, Geschichte ist, als bescheiden und gutherzig darge-
wollte sie, dass auch ihre eigene Tochter in den Wald stellt wird.
gebracht werden sollte, um dort eine Nacht zu ver- Weiterhin wird die Stiefmutter als eine böse und
bringen und reich beschenkt zurückzukehren. Also hassgetriebene Person geschildert, die am Ende nicht
ging der Mann in den Wald und ließ die Tochter einmal zurückschreckt, ihre eigene Tochter im Wald
22.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
165 22

. Abb. 22.1  (Zeichnung: Claudia Styrsky)

aussetzen zu lassen, nur um an die Reichtümer von seit seiner frühesten Kindheit kennenlernt. Eine der
Väterchen Frost zu gelangen. wohl bekanntesten Figuren ist Väterchen Frost („Ded
Zu guter Letzt scheint der Vater ein feiger Pan- Moroz“), der als russisches Äquivalent zum westli-
toffelheld zu sein, der lieber seine Tochter dem Tod chen Weihnachtsmann angesehen werden kann.
aussetzt, als seiner Frau zu widersprechen. An dieser Stelle soll erwähnt sein, dass das
Märchen Raum für viele verschiedene psycholo-
gische und gesellschaftskritische Interpretationen
22.3 Psychologische Phänomene und bietet. Im Folgenden wird auf einige davon vertie-
Implikationen fend eingegangen.

Seit den Anfängen ihrer Kultur erschufen die Russen


eine einzigartige Märchenwelt. Jede Generation 22.3.1 Biologische Elternschaft und
trug etwas zu der Überlieferung bei, bis eine viel- Patchworkfamilien
schichtige und komplexe Mythenwelt entstand, die
mit der Geschichte der Russen, ihrer Lebenserfah- Haben Sie sich bei dem Lesen des Märchens gefragt,
rung und ihrem Selbstempfinden tief verbunden warum die Frau ihre Stieftochter so abgrundtief
ist. Den Märchen sind ihre Helden und Bösewichte hasst und sie dem Tod aussetzen will? Das Mädchen
gemeinsam, welche wiederholt in vielen verschiede- könnte doch netter und umgänglicher nicht sein.
nen Geschichten auftreten und welche jeder Russe Müsste sie nicht eher ihre eigene Tochter verstoßen,
166 Kapitel 22 · Väterchen Frost von Alexander Afanasjew (Mitte des 19. Jahrhunderts)

die böse und gemein ist? Wäre das Verhalten der Frau wahr, sondern als ein gutherziges und unschul-
für Sie besser nachvollziehbar, wenn die Stiefmutter diges Mädchen, welches manchmal den einen
ihre eigene Tochter zuerst in den Wald zum Sterben oder anderen Fehltritt macht, weil die Lebensum-
22 geschickt hätte? stände es nicht anders zulassen. Die Tatsache, dass
Dieses kleine Gedankenspiel zeigt auf, dass wir die Stieftochter so einen positiven Charakter hat,
implizite Theorien darüber haben, was denn das könnte ein Auslöser für Neid sein und zu einer
besser nachvollziehbare Verhalten der Frau gewesen Wahrnehmung von Bedrohung ihrer leiblichen
wäre. Offensichtlich scheint die biologische Ver- Tochter führen.
wandtschaft eine zentrale Rolle zu spielen. So konnte
in aktuellen Studien nachgewiesen werden, dass
Stiefeltern typischerweise mehr Neid und Feindse- Zusammenleben in Patchworkfamilien
ligkeit gegenüber den Kindern verspüren als biolo- Doch heißt das jetzt wirklich, dass man seinen Stief-
gische Eltern (Connor u. Boag 2010). Das ist glück- kindern immer mit Missgunst begegnet so wie die
licherweise keine allgemeingültige Regel. böse Frau in der Geschichte? Sie ahnen es bereits,
hier spielen weitere Einflüsse eine Rolle.
Der Kontext, in dem sich eine Patchworkfamilie
Bedeutung und Auswirkungen befindet, kann das Kalkül, nach dem die Eltern ihre
biologischer Elternschaft Liebe unter eigenen und fremden Kindern aufteilen,
Doch warum gibt es dieses Phänomen überhaupt? stark beeinflussen. Gibt es Aussicht auf steigenden
Von einer rein evolutionspsychologischen Pers- Wohlstand im Lebensumfeld der Eltern, geht es dem
pektive betrachtet, besteht unser einziger Lebens- fremden Nachwuchs genauso gut wie dem eigenen
zweck darin, unser Genmaterial weiterzugeben (Willführ u. Gagnon 2013).
und das Überleben unserer Linie zu gewährleisten. Das Märchen spielt jedoch in einem mittelalter-
Dafür ist neben der Fortpflanzung auch das Beschüt- lichen Russland, welches von Hungersnöten und
zen unserer Nachkömmlinge von herausragender Armut heimgesucht wurde. Unter diesen Umstän-
Bedeutung. Denn die Möglichkeit des Fortbeste- den versucht die Stiefmutter die Ressourcen so zu
hens der eigenen Gene ist erst dann gegeben, wenn verteilen, dass das leibliche Kind eine höchstmög-
die Nachkömmlinge selber das fortpflanzungsfähige liche Überlebenswahrscheinlichkeit hat. So könnte
Alter erreichen. durch das Aussetzen der Stieftochter im Wald mög-
Das Hauptinstrument der Evolution, um uns licherweise ausreichend Nahrung für den Rest der
dazu zu bewegen, sorgfältig auf unsere biologischen Familie bereitgestellt werden.
Kinder aufzupassen, ist die Elternliebe. Damit ver- Das Phänomen, dass Stiefkinder wahrscheinli-
bunden ist, dass Menschen tendenziell eine etwas cher emotional oder körperlich misshandelt werden
verzerrte Wahrnehmung ihrer biologischen Kinder als biologische Kinder, ist aufgrund des Wohlstan-
haben. So schreibt man seinen Sprösslingen eine des in unserer Gesellschaft glücklicherweise sel-
höhere Leistungsfähigkeit (intelligenter, sportlicher) tener geworden. Tatsächlich gibt es Studien, die
sowie vorteilhaftere Persönlichkeitseigenschaften darauf hindeuten, dass Adoptiveltern sogar eine
(netter, hilfsbereiter) zu und interpretiert tenden- stärkere Bindung zu dem Kind entwickeln können
ziell negativ behaftetes Verhalten als nicht ursächlich als leibliche Eltern. Stiefeltern berichten auch oft
in der Person des Kindes, sondern als von schwie- von verringertem depressivem Affekt und einer
rigen Umweltsituationen ausgelöst („Mein Kind ist erhöhten Lebenszufriedenheit nach dem Hinzu-
das schlauste in der Schule. Die Lehrer sind schuld, kommen eines Kindes in ihre Familie. Diese posi-
dass es durchgefallen ist“). Diese Effekte sorgen tiven Aspekte der Adoptiv- und Stiefelternschaft
dafür, dass man sich noch intensiver um sein Kind überwiegen auf längere Sicht die möglichen Pro-
kümmert und es auch bei Problemen stärker unter- bleme einer Adoption oder erneuten Heirat und
stützt (Medicus 2012). führen meist zu einer deutlich gesteigerten Ehe-
So nimmt die Frau im Märchen ihre eigene qualität und einem stärkeren Familienzusammen-
Tochter möglicherweise nicht als böse und gemein halt (Ceballo et al. 2004).
22.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
167 22
Schließlich kann man sagen, dass der Einfluss 22.3.2 Gehorsam
von Wohlstand auf das Verhalten von Stiefeltern
eine zentrale, jedoch nicht die einzige, Bestimmungs- Können Sie sich vorstellen, warum sich der Vater in
größe ist. Es spielen viele weitere Kontextfaktoren dem Märchen der Anweisung der Stiefmutter nicht
und individuelle Unterschiede eine Rolle, was sich widersetzte und seine einzige Tochter zum Sterben
im Märchen beispielsweise im sich stark unterschei- im Wald zurückließ? Oder allgemeiner gefragt,
denden Verhalten von Vater und Mutter gegenüber warum fügen Menschen anderen Menschen auf
den Kindern äußert, obwohl beide in demselben Befehl Schaden zu, ohne es selber zu wollen?
Umfeld leben. Diese Frage stellte sich auch der Psychologe
Stanley Milgram in den frühen 1960er-Jahren und
führte daraufhin die wohl bekannteste psychologi-
Implikationen für die Erziehung sche Studie in der Geschichte des Faches durch.
Doch was lernen wir jetzt daraus für die Erziehung
unseres eigenen Nachwuchses? Es ist wichtig eine
realistische Einschätzung der Fähigkeiten unserer Milgram-Experiment
Kinder zu haben, indem man die zuvor erwähnten Milgram (1963) konnte zeigen, dass ganz normale
Verzerrungen kritisch reflektiert und seinen eigenen Menschen, die mit Verstand und Gewissen ausge-
Ehrgeiz nicht vor das Wohl der Kinder stellt. stattet sind, durch die Befehle einer Autorität dazu
Haben Sie von Eltern gehört, die alles daran gebracht werden können, andere Menschen zu
setzen, dass ihre Kinder Abitur machen und stu- quälen und sogar zu töten. Im Experiment waren
dieren, unabhängig von den Fähigkeiten und Wün- 65 % (in Deutschland 85 %) aller Versuchspersonen
schen ihrer Kinder? Von dem Irrglauben getrieben, bereit, auf Anordnung eines Wissenschaftlers, einer
nur durch Leistungsfähigkeit könne man wirklich anderen Person so lange Stromschläge zu erteilen, bis
glücklich werden, zwingen sie ihren Kindern tagelan- diese nach langem Flehen um Entlassung aus dem
ges Lernen auf und sind am Elternabend der Schreck Experiment verstummte, sodass man von dem Tod
jedes Lehrers. dieser Person ausgehen konnte (bei 450 Volt). Das
Dass unsere Kinder für uns die tollsten sind, ist Besondere dabei war, dass sich die Versuchspersonen
völlig in Ordnung und wie zuvor erwähnt ein sogar anfangs genauso wie der Vater im Märchen gegen die
notwendiger evolutionärer Mechanismus. Nur muss grauenhaften Handlungen sträubten, sich am Ende
uns klar sein, dass sie von der rauen Welt außer- jedoch trotzdem den Befehlen der Autoritätsperson
halb unserer Obhut deshalb nicht anders behan- (Wissenschaftler) beugten.
delt werden. Während eine Person spielend mit Denken Sie, Sie hätten an der Stelle der Ver-
einer Situation fertig wird, kann dieselbe Situation suchspersonen anders gehandelt? Mag sein. Jedoch
eine andere Person überfordern. Eltern dürfen nicht konnten die Forscher in Folgestudien zeigen, dass die
den gleichen Fehler machen wie die Frau in dem individuellen Unterschiede zwischen den Personen
Märchen, indem sie ihre Kinder mit Druck in eine eine eher untergeordnete Rolle bei der Vorhersage
Umwelt zwingen, in der sie nicht bestehen können. von Gehorsam spielen.
Aufgrund von Neid über den Erfolg ihrer Stieftoch-
ter hat die Frau ungeachtet der möglichen Konse-
quenzen ihre eigene Tochter in einer eiskalten Win- Faktoren für Gehorsam
ternacht in den Wald geschickt, was schließlich zum Lassen Sie uns wieder zum Märchen zurückkehren
Tod des Mädchens führte. und die Faktoren, welche Gehorsam bedingen, etwas
Das oberste Ziel der Eltern sollte das Glück sowie genauer beleuchten.
eine ethische Erziehung ihrer Kinder sein und kein
Nachweis über die Bewältigung der Anforderungen z Der Gehorchende (Vater)
unserer Leistungsgesellschaft. Anhand des Mär- Der Vater des Mädchens ist ein unterwürfiger und
chens sehen wir ganz deutlich, wohin dieses Verhal- harmoniesuchender Mann. Er stellt den Frieden
ten führen kann. mit seiner Frau sogar vor das Leben seiner Tochter.
168 Kapitel 22 · Väterchen Frost von Alexander Afanasjew (Mitte des 19. Jahrhunderts)

Pflichtbewusst führt er die ihm von der Frau auferleg- bereits erwähnt – dem eigentlichen Akt des Todes
ten Aufgaben durch. In einer Zeit lebend, in der ein nicht bei. Je mehr Feedback (visuell und auditiv)
Großteil der Menschen nicht die Möglichkeit hatte wir von dem Opfer haben, desto eher übernehmen
22 zur Schule zu gehen, kann man auch annehmen, dass wir Verantwortung für sein Leiden (Tilker 1970). So
er keine besonders gute Bildung hatte. Wie bereits hätte die Tochter möglicherweise durch Flehen und
erwähnt, spielen die Persönlichkeitsmerkmale der Verdeutlichung ihrer Verzweiflung eine frühere Mei-
gehorchenden Person eine weniger wichtige Rolle. nungsänderung bei ihrem Vater auslösen können.
Trotzdem konnte man zeigen, dass u. a. Faktoren wie
Unterwürfigkeit, Akzeptanz der Moral von Autorität,
Harmoniestreben/Verträglichkeit, Pflichtbewusst- Implikationen für die Lebensgestaltung
sein und eine schlechtere Bildung blinden Gehorsam Haben Sie schon einmal eine Anweisung befolgt und
begünstigen (Bègue et al. 2015). sich im Nachhinein gewünscht, Sie hätten es nicht
getan? Was kann man tun, um erfolgreich Wider-
z Die Autoritätsperson (Frau) stand gegen unangebrachte Anweisungen von Auto-
Bei Erhalt eines Befehls ist doch die erste/wich- ritätspersonen zu leisten?
tigste Frage die man sich stellt: „Hat die Person mir Zuallererst ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen
denn überhaupt etwas zu sagen? Ist die Autorität der und sorgfältig über die Anweisung und ihre Folgen
Person gerechtfertigt/legitimiert?“. Diese Legitima- nachzudenken. So hat sich der Vater im Märchen
tion kann beispielsweise durch eine Uniform oder möglicherweise erst durch spätere Reflexion über
im Falle der Studie von Milgram durch einen Wis- die Tat und ihre Konsequenzen dazu entschlossen,
senschaftlerkittel sowie den Ort, an dem der Befehl seine Tochter zurückzuholen.
stattfindet (z. B. renommierte Universität), geschaf- Des Weiteren erhöht das Wissen über die Stärke
fen werden. Diese Details geben Orientierung über des Einflusses von Autorität und die zugrunde liegen-
die Kompetenz, Weisungsbefugnis und vor allem den Mechanismen von Gehorsam die Fähigkeit, sich
die Verantwortungsübernahme des Befehlenden. diesem Druck zu widersetzen (Richard et al. 2001).
Ob Frauen in einer Ehe eine legitimierte Autorität Nachdem Sie dieses Kapitel gelesen haben, sollten
darstellen, ist eine eher philosophische Frage. Im Sie besser in der Lage sein, unberechtigter Autorität
Märchen dominiert die Frau den Mann. Doch ist sie entgegenzutreten, als jemand, der nicht mit diesem
deshalb eine legitimierte Autorität bei der Entschei- psychologischen Wissen ausgestattet ist.
dung über den Mord des Mädchens? Zu guter Letzt sinkt die Wahrscheinlichkeit von
blindem Gehorsam besonders stark, wenn sich auch
z Weitere bedeutsame Faktoren andere Personen widersetzen (Rochat u. Modigliani
Im Märchen führt der Vater seine Tochter alleine 1995). Da man aber das Verhalten anderer Menschen
in den Wald und lässt sie dort zurück, während die schlecht beeinflussen kann, sollte man – wie so oft
Stiefmutter zu Hause auf ihn wartet. Den Prozess des im Leben – bei sich selbst anfangen. Sprechen Sie
körperlichen Leidens des Mädchens bekommt er es aus, wenn Sie mit etwas nicht einverstanden sind.
somit nicht aktiv mit. Welche Einflussgrößen stecken Sie werden sich wundern, wie viele Menschen Ihnen
hinter dieser Schilderung? folgen.
Zum einen ist die Stiefmutter nicht bei der Auch wenn sich diese Ausführung ausschließlich
Befehlsausführung dabei, was die Wahrscheinlich- auf die Gefahren von Gehorsam konzentriert hat, ist
keit der tatsächlichen Ausführung der Handlung es dennoch wichtig, sich vor Augen zu halten, dass
drastisch minimieren sollte. Eigentlich müsste der Gehorsam gegenüber einer Autorität in vielen Fällen
Vater, ähnlich wie der Jäger im Märchen „Schnee- ein positives und notwendiges Verhalten ist. So muss
wittchen“, den Befehl verweigern. Anders als bei beispielsweise eine Krankenschwester den Anwei-
Schneewittchen, die der Jäger mit seinen eigenen sungen eines Arztes sofort gehorchen, um in einer
Händen hätte töten sollen, wohnt der Vater – wie Notsituation Leben retten zu können.
Literaturverzeichnis
169 22
22.4 Fazit social psychological findings. Personality and Social Psy-
chology Bulletin 27, 497–505.
Rochat, F., & Modigliani, A. (1995). The ordinary quality of
Die Inhalte und das Verhalten der Charaktere aus resistance: From Milgram’s laboratory to the village of Le
dem Märchen „Väterchen Frost“ verdeutlichen – Chambon. Journal of Social Issues 51, 195–210.
wenngleich in überspitzter Form – Themen, die nach Tilker, H. A. (1970). Socially responsible behavior as a function
wie vor nicht an Bedeutung verloren haben. of observer responsibility and victim feedback. Journal of
Personality and Social Psychology 14, 95–100.
Es gibt zunehmend mehr Patchworkfamilien,
Willführ, K., & Gagnon, A. (2013). Are stepparents always
in denen die Eltern keine biologische Verwandt- evil? Parental death, remarriage, and child survival in
schaft mit den Kindern aufweisen und die neue demographically saturated Krummhörn (1720–1859) and
Wege beschreiten müssen, um ein funktionieren- expanding Québec (1670–1750). Biodemography and
des und stabiles Familiengefüge aufzubauen. Hier Social Biology 59, 191–211.
dient die Frau im Märchen als Negativbeispiel: Ihr
Verhalten gegenüber der unerwünschten Stief-
tochter und später auch der eigenen Tochter ist
keinesfalls erstrebenswert, sondern grausam und
unbedacht.
Die beschriebenen Situationen zum Gehorsam
mögen in der Realität nicht sehr häufig vorkom-
men. Trotzdem ist es wichtig, sich dessen bewusst zu
werden, dass wir unter bestimmten Umständen dazu
tendieren, einfach zu gehorchen, ohne die Situation
davor kritisch zu reflektieren. Sie haben mit dem hier
beschriebenen Wissen nun die besten Voraussetzun-
gen, solche Umstände zu identifizieren, und Ihr Ver-
halten entsprechend anzupassen.

Literaturverzeichnis

Afanasjew, A. N. (2001). Russische Volksmärchen. Ostfildern:


Patmos.
Bègue, L., Beauvois, J.-L., Courbet, D., Oberlé, D., Lepage, J., &
Duke, A. A. (2015). Personality predicts obedience in a Mil-
gram paradigm. Journal of Personality 83, 299–306.
Ceballo, R., Lansford, J., Abbey, A., & Stewart, A. (2004). Gaining
a child. Comparing the experiences of biological parents,
adoptive parents, and stepparents. Family Relations 53,
38–48.
Connor, A., & Boag, S. (2010). Do stepparents experience more
parental antagonism than biological parents? A test of
evolutionary and socialization perspectives. Journal of
Divorce & Remarriage 51, 508–525.
Medicus, G. (2012). Was uns Menschen verbindet: Humanetho-
logische Angebote zur Verständigung zwischen Leib- und
Seelenwissenschaften. Berlin: Verlag für Wissenschaft und
Bildung.
Milgram, S. (1963). Behavioral study of obedience. The Journal
of Abnormal and Social Psychology 67, 371–378.
Richard, F. D., Bond, C. F. J., & Stokes-Zoota, J. J. (2001). That’s
completely obvious… and important: Lay judgments of
171 23

Dr. Allwissend von den


Gebrüdern Grimm (1815)
Jochen Baumeister

23.1 Inhalt des Märchens – 172

23.2 Die Charaktere – 173

23.3 Psychologische Phänomene – 173


23.3.1 Attributionstheorie – 174
23.3.2 Selbst- und soziale Wahrnehmung – 175
23.3.3 Gruppeneinfluss – 175

23.4 Implikationen für die Erziehung, Führung


und Lebensgestaltung – 175
23.4.1 Erziehung – 175
23.4.2 Führung – 176
23.4.3 Lebensgestaltung – 177

23.5 Fazit – 178

Literaturverzeichnis – 178

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_23
172 Kapitel 23 · Dr. Allwissend von den Gebrüdern Grimm (1815)

23.1 Inhalt des Märchens „Das ist der zweite.“ Dabei wurde der zweite Kellner
ganz ängstlich. Die beiden Kellner diskutierten, ob
Ein Bauer verkaufte Holz an einen Doktor und Dr. Allwissend den Diebstahl schon entdeckt habe.
sah, in welchem Wohlstand dieser lebte. Der Ein dritter Kellner wollte schon gar nicht mehr in den
Bauer fragte den Doktor, wie er auch ein Doktor Raum hineingehen und musste dennoch eine Schüs-
werden könne. Da antwortete der Doktor, dass der sel mit Krebsen anreichen.
23 Bauer seine Besitztümer verkaufen solle, um sich Der reiche Mann wollte Dr. Allwissend testen
anständige Kleider anzuschaffen und ein schönes und fragte, was in der abgedeckten Schüssel aufge-
Schild über die Haustüre zu hängen. Das setzte der deckt wird. Dr. Allwissend erkannte, dass er es nicht
Bauer voller Freude um, denn er nannte sich nun wusste und stieß aus: „Ach, ich armer Krebs.“ Da war
Dr. Allwissend. der reiche Mann überzeugt, dass Dr. Allwissend auch
Kurze Zeit später kam ein reicher Mann auf weiß, wo sich die versteckte Beute befindet.
Dr. Allwissend zu, damit dieser ihm helfe, einen Die Kellner wurden immer nervöser und spra-
Diebstahl aufzuklären. Dr. Allwissend willigte ein chen in einer ruhigen Ecke mit Dr. Allwissend. Sie
und folgte dem reichen Mann zu dessen Anwesen, offenbarten ihm, dass sie die Diebe waren, aber sie
aber unter der Bedingung, dass seine Frau ihn beglei- konnten es wegen der harten Strafe nicht zugeben. Sie
ten dürfe. So saßen sie zu dritt am Esstisch. Dr. All- boten ihm an, sich finanziell erkenntlich zu zeigen,
wissend und seine Frau unterhielten sich darüber, falls er sie nicht verrät. Dr. Allwissend gab sich zufrie-
dass ein so reicher Mann bestimmt auch viele Haus- den mit dem Wissen, wo die Beute versteckt war und
angestellte habe. sagte dem reichen Herrn, dass er wisse, wo die Beute
Die Kellner, die die gesuchten Diebe waren, ist, aber nicht, wer es gestohlen hat.
beäugten Dr. Allwissend, dem sein Name als Ruf vor- Damit waren alle zufrieden und Dr. Allwissend
auseilte. Ein Kellner brachte kurz darauf die Getränke war von nun an ein berühmter Mann.
zum Tisch und Dr. Allwissend sagte zu seiner Frau: (Grimm u. Grimm 2005; . Abb. 23.1)
„Das ist der erste.“ Der Kellner schreckte hoch und
ließ sich nichts anmerken. Dennoch wurde er nervös, Anmerkung  Das Märchen Dr. Allwissend wurde
da er dachte, dass Dr. Allwissend erkannt habe, dass von den Gebrüdern Grimm erstmals 1815 veröffent-
er einer der Diebe sei. Der zweite Kellner brachte das licht und bis 1857 in 7 verschiedenen Auflagen stel-
Essen herein und Dr. Allwissend sagte zu seiner Frau: lenweise verändert.

. Abb. 23.1  (Zeichnung: Lena Frey)


23.3 · Psychologische Phänomene
173 23
23.2 Die Charaktere Die Diener sind in der Geschichte zwar zahlreich,
werden von ihrer Charakterdeutung allerdings zu
Der Hauptcharakter des Märchens ist Dr. Allwis- einer gemeinsamen Menge vermischt, die sich wie
send. Durch seinen Kontakt zu einem Doktor kam innere Stimmen kurzzeitig auf eine Interpretation
er auf die Idee, dass er auch gerne einen solchen der Fähigkeiten des Dr. Allwissend einigen und dann
Wohlstand hätte. Den eher spöttischen Kommen- immer gleich reagieren. Es mangelt hier an Nuancen
tar des Doktors setzte er gutgläubig um, obwohl im Verhalten zwischen den verschiedenen Dienern,
er dafür sein bisheriges Leben aufgab und wegen die allesamt als ängstlich dargestellt werden.
des Verkaufs seines Besitzes auch nicht mehr hätte Eine der Nebenfiguren ist der Doktor, dem der
zurückkehren können. Es bleibt dem Leser über- Bauer Holz verkaufte. Ihm könnte man eine gewisse
lassen, ob man in der Vorgaukelung von nicht vor- Überheblichkeit gegenüber dem Dr. Allwissend
handener Kompetenz einen Betrug sehen mag oder zuschreiben, denn er erzählt in spöttischer Art, dass
ob man Dr. Allwissends Vertrauen in die Worte des man sich nur einen Namen und Kleidung geben
Doktors als treudoof ansieht. Durch puren Zufall müsse, um ebenfalls so wohlhabend zu sein. Aus
kommt Dr. Allwissend zu seinem ersten Kunden und „Dummheit“ glaubt ihm Dr. Allwissend, was gewiss
durch einen viel unwahrscheinlicheren Zufall wird nicht in der Intention des Doktors lag. Vielmehr gibt
ihm von den Dienern mitgeteilt, wo der Schatz ist. er eine eher überhebliche Antwort auf die ehrliche
Trotz des Glücks geniert sich Dr. Allwissend nicht, Frage des Bauern.
vom reichen Besitzer des Schatzes eine großzügige Die letzte Randfigur ist die Frau des Dr. Allwis-
Entlohnung entgegenzunehmen und auch bei den send, die ihn auf das Schloss des reichen Mannes
Dienern abzukassieren. Trotz der Sympathie, die begleitet. Sie übernimmt keine inhaltliche Funk-
ein Leser einem bauernschlauen Dr. Allwissend ent- tion, wobei man natürlich auch feststellen kann,
gegenbringen mag, muss man auch festhalten, dass er dass sie den entscheidenden Lebensumbruch ihres
seinen glücklichen Zufall beim Aufklären des Falles Mannes unterstützte. Sie scheint nur die Funktion
ebenfalls nutzt, um an den armen Dienern zu ver- des Gesprächspartners von Dr. Allwissend zu erfül-
dienen, anstatt ihnen einen zumindest moralisch len, ohne selbst etwas zur Geschichte beizutragen.
vertretbaren Anteil an der Belohnung vom reichen
Mann zukommen zu lassen. Vielleicht wollte er sich
nicht der Mittäterschaft schuldig machen – mit dem 23.3 Psychologische Phänomene
Diebstahl hat er ja eigentlich nichts zu tun, und man
darf davon ausgehen, dass eine Verfolgung durch Das Märchen blickt auf eine lange Entstehungsge-
Ordnungshüter eine weitaus größere Strafe nach schichte zurück, die kurz aufgriffen wird. Schon im
sich gezogen hätte. 11. Jahrhundert gab es zwei sanskritische Fassungen,
Der reiche Mann symbolisiert in der Geschichte die beide auf eine Geschichte aus dem 2. Jahrhundert
einen Teil der herrschenden Oberschicht. Interes- zurückgehen (Wienker-Piepho 2000, S. 305; Zacha-
santerweise lässt auch dieser sich von dem hochtra- riae 1920, S. 138). Damals handelte die Geschichte
benden Titel auf dem Schild und dem entsprechen- von einem Mann, der ein Pferd selbst versteckte
den Gewand blenden. Man könnte unterstellen, dass und fand, einen gestohlenen Schatz entdeckte und
Menschen aus dieser Gesellschaftsschicht ihresglei- zuletzt in einem verdeckten Topf einen Frosch erriet
chen erkennen, aber die Erzählung der Geschichte (Wienker-Piepho 2000, S. 305). In einer litauischen
folgt bewusst dem Muster der Titel- und Autoritäts- Variante des Märchens wurde das Pferd nicht selbst
gläubigkeit. Dass seine Diener aus bitterer Armut versteckt, sondern durch puren Zufall gefunden, was
stehlen, könnte man kritisch hinterfragen, aber es für die Hauptperson eine ganz andere Charakterdeu-
entsprach über die Jahrhunderte durchaus dem Zeit- tung ermöglicht (Zachariae 1920, S. 139).
geist, dass einfache Angestellte von den Oberschich- Die Dreiteilung des Märchens ist über alle Ver-
ten finanziell knapp gehalten wurden. Daher fällt sionen hinweg geblieben: In der Einleitungshand-
dieser Aspekt in der Geschichte nicht negativ auf, lung wird der Ruf des Dr. Allwissend als Wahrsager
wobei sich das Mitleid mit dem reichen Mann ob erklärt, im zweiten Teil ist Dr. Allwissend im Auf-
des gestohlenen Schatzes durchaus in Grenzen hält. finden des Schatzes erfolgreich und im dritten Teil
174 Kapitel 23 · Dr. Allwissend von den Gebrüdern Grimm (1815)

behandelt das Märchen die ruhmreiche Zukunft. Psychologie nennt man den erdachten Zusammen-
Das zugrunde liegende Prinzip der Geschichte ver- hang zwischen Ursache und Wirkung Attribution
änderte sich allerdings maßgeblich. Zunächst von (Fincham u. Hewstone 2002; Parkinson 2014).
der List des selbst versteckten Pferdes geprägt wird
später das Zufallsprinzip tragend, welches eine ganz
andere sozialhistorische Botschaft erzählt. Bei einer Fundamentaler Attributionsfehler
23 List geht es um die Klugheit der Hauptperson, die Die Kellner unterliegen einem sog. fundamentalen
zu ihrem Vorteil ausgenutzt wird. Sie wurde in der Attributionsfehler. Das bedeutet nichts anderes, als
französischen und der russischen Variante des Mär- dass eine Verhaltensweise durch persönliche Eigen-
chens beibehalten. Diese Deutung hat sich in deut- schaften geprägt ist und nicht durch äußere Umstän-
schen, hauptsächlich plattdeutschen, Varianten nicht den. Man schließt beispielsweise vom beobachteten
durchgesetzt (Bolte u. Polivka 1913). Hier wurde auf Verhalten einer Person auf ihren Charakter, ohne zu
das Zufallsprinzip gesetzt, um das märchenspezifi- beachten, was der Person in der Situation widerfah-
sche Glück des Einfältigen zu erzählen (Wienker- ren ist. Beispielsweise könnte man denken, dass eine
Piepho 2000, S. 305). aufschreiende Person jähzornig ist, anstatt zu beden-
In der mitteleuropäischen Erzählung des Mär- ken, dass sie sich gerade heißen Kaffee über die Hand
chens wird genauer beschrieben, welche Möglich- geschüttet hat.
keiten des Wohlstandserwerbs sich durch einen Titel Im Märchen schreiben die Bediensteten die
selbst dem Einfältigsten bieten. Dass Dr. Allwissend zufällig gefundenen Bemerkungen den Fähigkeiten
zu Beginn als Bauer dargestellt wird, entspricht der des Dr. Allwissend zu, weil sie denken, die Aussagen
damals üblichen Darstellung von „Bauernschläue“, von ihm seien von seinen Kompetenzen beeinflusst,
um durch intuitive Klugheit Situationen auszunut- missachten aber, dass es situative Auslöser gab, die
zen. Aus sozialhistorischer Perspektive betrachtet dazu führten. Dr. Allwissend meinte nämlich etwas
das Märchen Autoritäts- und Titelgläubigkeit, die anderes, als er die Reihenfolge der Kellner aufzählte.
vor einigen Jahrhunderten durchaus noch verbrei-
teter waren, als sie es heutzutage sind. Interessant ist
dabei auch, dass die Geschichte aus den mündlichen Perzeptuelle Salienz
Erzählungen der damaligen Unterschicht stammt Wie kann es zu Attributionsfehlern kommen? Die
und eher nicht von den distinguierten bürgerlichen Kellner sind vollständig auf die Person des Dr. All-
oder adeligen Schichten weitererzählt wurde. wissend fokussiert, sodass sie alles um sie herum, die
Trotz ihrer Kürze ermöglicht die Geschichte externen Faktoren, gar nicht mehr beachten, ihnen
einen breit gefächerten Blick aus der Perspektive also keine Bedeutung zuschreiben. Alternative Erklä-
der Psychologie. Insbesondere geht es in diesem rungsmöglichkeiten werden folglich ausgeblendet,
Märchen um die verschiedenen Interaktionen des obwohl sie eine bessere Erklärung bieten könnten. In
Dr. Allwissend mit den Menschen, denen er begeg- der Psychologie nennt man dieses Verhalten perzep-
net. Gerade der Blick darauf, wie sich die anderen tuelle Salienz, also schlicht das, was in der Wahrneh-
gegenüber Dr. Allwissend benehmen, lässt sich aus mung besonders heraussticht (Fiedler u. Bless 2002;
psychologischer Sicht erklären und so manches ist Haddock u. Maio 2014; Pendry 2014).
auch in heutiger Zeit gar nicht so viel anders. Gemeint sind also die auffälligsten Merkmale,
die man sofort wahrnimmt. Wenn Menschen das
Verhalten von anderen beurteilen sollen, fokussie-
23.3.1 Attributionstheorie ren sie sich auf die einzelne Person, aber nicht auf die
Umgebungsbedingungen. Diese situativen Bedin-
In der Psychologie gibt es sehr viele Theorien dazu, gungen werden übergangen, und die Wahrnehmung
wie sich Menschen Ereignisse erklären. Man schreibt reduziert sich auf das offensichtlichste Merkmal.
einer Ursache eine bestimmte Auswirkung zu, gerade In der Geschichte war es die Reaktion des ersten
so, wie es für einen selbst einen Sinn ergibt. Meis- Kellners, der die Bemerkung sofort auf den Dieb-
tens hat die scheinbare Ursache aber gar keinen Ein- stahl bezog und nicht auf die Tatsache, dass er der
fluss auf die Wirkung, die ihr zugedacht wird. In der erste Kellner war.
23.4 · Implikationen für die Erziehung, Führung und Lebensgestaltung
175 23
23.3.2 Selbst- und soziale weniger kompetent als eine andere Person. Dennoch
Wahrnehmung werden Doktoren als generell kompetent und all-
wissend wahrgenommen, sodass sich Dr. Allwis-
Aufseiten des Dr. Allwissend gibt es selbstwertdien- send sogar so nennt. Abwegig ist das selbst heutzu-
liche Verzerrungen der Geschehnisse (Fincham tage nicht, denn Politiker mit Doktorgrad werden
u. Hewstone 2002; Parkinson 2014). Wenn etwas häufiger gewählt, und zwar unabhängig von deren
gelingt, waren es das eigene Talent und/oder Fleiß. Parteienzugehörigkeit.
Im Gegensatz dazu werden bei Misserfolgen kur-
zerhand äußere Umstände verantwortlich gemacht.
Obwohl Dr. Allwissend rein zufällig den Diebstahl 23.3.3 Gruppeneinfluss
aufklären konnte, wurde der Erfolg von ihm dennoch
auf seine neu erworbene Qualifikation als Doktor Menschen werden in ihrer Meinung sehr häufig von
zurückgeführt und nicht auf den Zufall der Offen- anderen beeinflusst und verändern ihre eigenen
barung der Diebe. Ansichten. Nachdem man sich mit anderen über ein
Das macht der Dr. Allwissend natürlich nicht Thema ausgetauscht hat, ist die Meinung danach oft
nur, um sich selbst besser zu fühlen, denn sein Erfolg extremer als vorher. In der Sozialpsychologie nennt
führte zu einer Steigerung seines Ruhmes und seines man das Gruppenpolarisation (Fischer et al. 2013b;
guten Rufes. In der Psychologie beschäftigt man sich Hewstone u. Martin 2014; van Avermaet 2002).
sehr ausführlich mit der sozialen Wahrnehmung Nachdem der erste Kellner im Märchen seinen
von Menschen (Parkinson 2014). Dabei geht es um Eindruck weitergegeben hatte, war der zweite Kellner
Fragen, wie Menschen von anderen wahrgenommen schon mit dessen Meinung gepolt. Spätestens als der
werden und wie sie von bestimmten Eigenschaften zweite Kellner den Kommentar des Dr. Allwissend so
fehlgeleitet werden. deutete, dass sie entdeckt worden wären, war die ganze
Gerade am Beispiel des Dr. Allwissend sieht man Gruppe davon überzeugt. Sogar der dritte Kellner, der
allein am Namen, was für einen Unterschied es für noch gar nicht im Raum war, vertrat diese Meinung.
seine Geschichte ausmacht, dass er ein Dr. Allwis- Die anfängliche Unsicherheit, ob Dr. Allwissend
send ist und nicht nur ein selbst ernannter Herr All- etwas herausfinden könnte, wich sehr rasch der ver-
wissend. Mit dem Doktor vor dem Namen erklingen meintlichen Gewissheit, dass der erste Kellner mit
in den Köpfen in seiner Umwelt zahlreiche Stereo- seiner Meinung Recht hatte.
type (Fiedler u. Bless 2002), und er wird als kompe-
tent wahrgenommen, da er den Doktorgrad vor sich
herträgt. Die passende Kleidung erleichtert ihm den 23.4 Implikationen für die Erziehung,
Eindruck, sodass der Rat des tatsächlichen Doktors Führung und Lebensgestaltung
die gewünschte Wirkung erzielt. Hauptkomponente
der Geschichte ist, dass die Autoritäts- und Titelgläu- Aus dem Märchen „Dr. Allwissend“ lassen sich einige
bigkeit der anderen Menschen allein auf Stereotypen wichtige Implikationen für die Erziehung, Führung
basiert, obwohl Dr. Allwissend selbst gar keine Kom- und Lebensgestaltung ableiten.
petenz erwarb oder jemals gezeigt hätte.
Wenn besonders vorteilhafte Eigenschaften
zu einem positiven Gesamtbild von einem Men- 23.4.1 Erziehung
schen beitragen, bezeichnen Psychologen dies als
Halo-Effekt. Das Wort ergibt sich aus der Meta- Dieses Märchen zeigt, welchen großen Einfluss Ste-
pher, dass eine gute Eigenschaft auf andere aus- reotype auf Menschen haben. Dr. Allwissend wurde
strahlt (Fischer et al. 2013a). Ein Doktorgrad wird allein durch sein neues Erscheinungsbild und den
als positive Eigenschaft wahrgenommen und führt vorgegaukelten Doktorgrad zur geachteten Person,
dazu, dass andere Menschen einen Doktor als kom- denn an sich war er weiterhin derselbe Mensch
petent wahrnehmen. Zumeist sind Doktoren aber wie zuvor. Er hatte sich weder weitergebildet noch
nur in einem sehr kleinen Fachgebiet kompetent eine Berechtigung für die Bezeichnung als Doktor
und für alle anderen Themen nicht mehr und nicht erworben.
176 Kapitel 23 · Dr. Allwissend von den Gebrüdern Grimm (1815)

In der Erziehung von Kindern kann mit diesem Leistungsbewertung


Märchen auf zwei ganz wichtige Aspekte hingewie- Man muss die Leistung einer Person bewerten, hat
sen werden. aber den Blick nicht auf die Umgebungsbedingungen
gerichtet. Manchmal kann man sie gar nicht kennen
und dennoch hatten sie einen bestimmenden Ein-
Sein vom Schein unterscheiden fluss auf die Leistung der Person. Es hilft hierbei, zu
23 Der erste Aspekt ist, dass sich hinter dem Erschei- bedenken, dass Menschen nur allzu gerne Ereig-
nungsbild nicht zwangsläufig eine wirkliche Kom- nisse mit den Eigenschaften der Person (disposi-
petenz verbirgt. Man muss genau hinschauen, was tionale Attributionen) erklären, anstatt die situati-
eine Person im Einzelfall tatsächlich kann und wie ven Einflüsse zu beachten. Der erste Kellner bezog
sie handelt, anstatt sich auf stereotype Vorstellungen die Aussage sofort auf sich, anstatt auf den relativ
von ihren Fähigkeiten zu verlassen. offensichtlichen situativen Umstand, dass er der erste
Kellner war, der in den Raum trat.
Bei der Bewertung der Leistung von Menschen
Gefahren von Lügen treten zudem oft fehlgeleitete Eindrücke auf, bei
Der zweite Aspekt betrifft die Wahrnehmung des denen die Kompetenz in einem Bereich gedank-
Bauern, der den Doktor in seinem Wohlstand sah. lich auf andere Bereiche übertragen wird. Beispiels-
Ihn verleitete das Streben nach sozialer Anerken- weise ist eine gut aussehende Person nicht zwangs-
nung und materiellem Wohlstand dazu, etwas vor- läufig auch fachlich kompetent. Ebenso ist eine
zutäuschen, was er nicht wirklich war. Gleichzeitig beliebte Person nicht unbedingt eine geeignete
beruhte seine spätere Anerkennung nur auf dem Führungskraft.
Zufall, dass die Diebe freiwillig den Schatz vorzeig-
ten. In einer anderen Umgebung – ohne Kontakt
zu den Kellnern – hätte Dr. Allwissend den Schatz Realistische Selbsteinschätzung
sicherlich nicht gefunden. Daher muss er einen Im Gegensatz zur Fremdwahrnehmung einer
großen Aufwand betreiben, um seine Fassade von Person gibt es bei der Wahrnehmung der eigenen
der Kompetenz als Dr. Allwissend aufrechtzuerhal- Person auch Menschen, die sich den Erfolg aufgrund
ten. Schon beim nächsten Fall kann das Kartenhaus ihrer eigenen Fähigkeiten erklären, aber den Miss-
in sich zusammenstürzen, sodass sein Aufwand ver- erfolg bevorzugt äußeren Umständen zuschieben
geblich gewesen wäre. Dann hätte er sein gesamtes (7 Abschn. 23.3.2). Als Führungskraft muss man dies
Eigentum veräußert und sich so seiner Existenz als erkennen, um den Mitarbeiter durch einen geschick-
Bauer und Holzfäller beraubt, um sich die Kleidung ten Hinweis auf die selbstwertdienlichen Verzer-
leisten zu können, die ihm den schönen Anschein rungen zu einer realistischen Selbsteinschätzung zu
geben, ohne davon profitieren zu können. führen. Wenn sich Mitarbeiter selbst realistisch ein-
Dieses Märchen zeigt auf, welche langfristigen schätzen können, sind sie mit der externen Einschät-
Folgen ein Lügengebilde haben kann und weshalb es zung von Führungskräften zufriedener.
keine gute Idee ist, anderen Menschen zu vertrauen, Für Führungskräfte ist die Eigenwahrnehmung
nur weil man ein Klischee im Sinn hat. ein zentraler Bestandteil ihrer eigenen Arbeit. Es
ist von ganz entscheidender Bedeutung, wie man
als Führungskraft auf andere Personen wirkt und
23.4.2 Führung dass man diese Wirkung auch reflektiert. Wenn
man sich hierbei einer selbstwertdienlichen Verzer-
Für die Führung von Menschen zeigt dieses Märchen, rung hingibt, führt das zu Problemen bei der Eigen-
wie leicht man bei der Beurteilung von anderen Men- wahrnehmung. Die Fremd- und Eigenwahrneh-
schen einem Fehlurteil unterliegt. Das, was die Psy- mung sollten durch Reflexion der eigenen Person
chologie als perzeptuelle Salienz bezeichnet, also das möglichst nahe beieinanderliegen, um sicherzustel-
am meisten wahrgenommene Merkmal, begegnet len, dass man als Führungskraft die untergebenen
einer Führungskraft tagtäglich. Angestellten motivierend leitet. Insbesondere bei
23.4 · Implikationen für die Erziehung, Führung und Lebensgestaltung
177 23
modernen Führungsformen wie der transformatio- wenn man nicht alles gleichermaßen gut beherrscht,
nalen Führung gilt es, die eigene Person beständig denn jeder Mensch hat seine individuellen Kompe-
zu reflektieren und sich seiner Wirkung bewusst zu tenzen. Psychologische Forschung hat gezeigt, dass
sein, um bei den Mitarbeitern so anzukommen, wie man sehr viel mehr erreicht, wenn man seine Stärken
man es meint. stärkt, anstatt die Schwächen zu überdecken.

23.4.3 Lebensgestaltung Vertrauen in andere


Es ist allzu natürlich, dass man sich die Mühen sparen
Aus dem alltäglichen Leben könnten Ihnen alle möchte, die Kompetenz von anderen Menschen zu
drei Positionen, die man im Märchen wiederfindet, überprüfen. Es erleichtert das Leben, wenn man sich
durchaus vertraut sein, ohne Ihnen eine Absicht nicht bei jeder Angelegenheit von Neuem mit jeder
dabei unterstellen zu wollen. Einmal die des Dr. All- Kleinigkeit befassen muss. Aus genau diesem Grund
wissend, der etwas vorgibt zu können, das er gar haben sich im Laufe der Evolution Stereotype gebil-
nicht kann. Zum anderen die der Diener und des det und halten sich bis heute.
reichen Mannes, die glauben, dass jemand etwas Auch im Entscheiden finden sich sog. Heuristi-
kann, obwohl sie gar keinen Grund haben, das zu ken, was einfach nur heißt, dass man intuitiv etwas
glauben. Zuletzt noch die des Beobachters, der sieht, denkt und dann entscheidet. Der Volksmund nennt
wie einfach sich Menschen hereinlegen lassen. Egal so etwas „Bauchgefühl“ und auch die psychologi-
in welcher Position man sich gerade befindet, man scher Forschung zeigt, dass man mit diesen Entschei-
kann immer das Beste aus der Lage machen, wenn dungen gerade bei einem unsicheren Ausgang, der
man weiß, welche psychologischen Prozesse dabei schlecht abzuschätzen ist, gar nicht so falsch liegt.
ablaufen. Aber manchmal ist es doch hilfreich, nicht
einfach auf vermeintliche Autorität zu vertrauen,
sondern sich genauer damit befasst, ob hinter den
Ehrlichkeit mit sich selbst Worten einer anderen Person tatsächlich Kompetenz
Wer Kinder hat oder sich gerne an die eigene Kind- steht. Scharlatane und Betrüger haben sich seit Jahr-
heit erinnert, findet so manche Situation, in der tausenden schon eine goldene Nase mit der Gutgläu-
ein Kind vorgab, etwas zu können, was es gar nicht bigkeit anderer Menschen verdient. Auch in heuti-
konnte. Das ist eine selbstwertdienliche Verzer- ger Zeit sind diese Betrüger nicht weniger geworden.
rung der Wirklichkeit, die bei Kindern gar nicht so
schlecht ist. Denn sie motiviert zu Großem und nur
durch große Ziele wächst man in kleinen Schritten. Tue Gutes und zeige Mut
Was bei Kindern noch sinnvoll sein mag, kann Wenn man beobachtet, dass jemand aus Gutgläubig-
bei Erwachsenen allerdings schnell sehr gefährlich keit zu Schaden kommen könnte, ist man moralisch
werden. Wenn man sich kompetenter darstellt, als verpflichtet, einzugreifen.
man wirklich ist, führt das zu enttäuschten Erwar- In der Geschichte des Dr. Allwissend hätte
tungen bei anderen Menschen. Nicht immer kann man an so manchen Stellen eingreifen können und
man darauf vertrauen, so viel Glück zu haben wie manchmal auch müssen. Selbst wenn man kein son-
Dr. Allwissend. Meistens endet die Täuschung derliches Mitleid mit dem reichen Mann zeigen mag,
mit der Aufdeckung von Fehlern oder Misserfolg, der Dr. Allwissend für seinen zufälligen Fund reich
sodass man im beruflichen Sinne eine schlechte entlohnte, hätte man doch zumindest für die Diener
Bewertung kassiert. Im Familien- und Freundes- ein moralisches Verständnis aufbringen müssen,
kreis führt es eher zur persönlichen Enttäuschung damit sie ihr spärliches Geld nicht an Dr. Allwis-
der Liebsten. send abtreten.
Wer eine positive Selbsteinschätzung besitzt, ver- Es ist auch in heutiger Zeit gar nicht selten, dass
spürt eine Anerkennung für die eigenen Grenzen und Menschen auf ein sog. Pyramidenschema hereinfal-
erkennt, dass es ganz und gar nicht von Nachteil ist, len, bei dem sie erst etwas an andere bezahlen sollen,
178 Kapitel 23 · Dr. Allwissend von den Gebrüdern Grimm (1815)

um dann selbst zu verdienen. Die Dinge hören sich Hewstone, M., & Martin, R. (2014). Sozialer Einfluss. In: K. Jonas,
W. Stroebe, & M. Hewstone (Hrsg.), Sozialpsychologie
manchmal zu gut an, um sie zu verpassen. Als Beob-
(S. 269–313). Berlin, Heidelberg: Springer.
achter zeigt man nicht die gleiche Involviertheit wie Parkinson, B. (2014). Soziale Wahrnehmung und Attribution.
betroffene Personen, sodass einem der Betrug auffal- In: K. Jonas, W. Stroebe, & M. Hewstone (Hrsg.), Sozialpsy-
len kann, bevor jemand zu Schaden kommt. chologie (S. 65–106). Berlin, Heidelberg: Springer.
Pendry, L. (2014). Soziale Kognition. In: K. Jonas, W. Stroebe, &
23 M. Hewstone (Hrsg.), Sozialpsychologie (S. 107–140). Ber-
lin, Heidelberg: Springer.
23.5 Fazit
van Avermaet, E. (2002). Sozialer Einfluss in Kleingruppen. In:
W. Stroebe, K. Jonas, & M. Hewstone (Hrsg.), Sozialpsycho-
Das Märchen von Dr. Allwissend offenbart trotz logie (S. 451–495). Berlin, Heidelberg: Springer.
seiner Kürze einiges Wissenswertes für den Alltag. Wienker-Piepho, S. (2000). Je gelehrter, desto verkehrter? Volks-
kundlich-Kulturgeschichtliches zur Schriftbeherrschung.
Man erkennt so manche Schwäche, der Menschen
Münster, New York: Waxmann.
unterliegen, wenn sie nicht ganz genau hinsehen, Zachariae, T. (1920). Kleine Schriften: zur indischen Philologie,
wen sie vor sich haben. Manchmal ist man auch selbst zur vergleichenden Literaturgeschichte, zur vergleichen-
derjenige, der gerne mehr Kompetenz vorgibt, als er den Volkskunde. Bonn, Leipzig: Kurt Schröder.
tatsächlich hat. Wir lernen von Dr. Allwissend, dass
es eine gehörige Menge an Glück braucht, um aus
so einer Geschichte unbeschadet herauszukommen.
Für unseren Alltag dürfte es sehr viel besser sein, uns
erst gar nicht in seine Lage zu bringen.

Literaturverzeichnis

Bolte, J., & Polivka, G. (1913). Anmerkungen zu den Kinder- und


Hausmärchen der Gebrüder Grimm (Bd. 2). Leipzig: Diete-
rischsche Verlagsbuchhandlung.
Fiedler, K., & Bless, H. (2002). Soziale Kognition. In: W. Stroebe,
K. Jonas, & M. Hewstone (Hrsg.), Sozialpsychologie
(S. 125–163). Berlin, Heidelberg: Springer.
Fincham, F., & Hewstone, M. (2002). Attributionstheorie und
-forschung – Von den Grundlagen zur Anwendung. In: W.
Stroebe, K. Jonas, & M. Hewstone (Hrsg.), Sozialpsycholo-
gie (S. 215–263). Berlin, Heidelberg: Springer.
Fischer, P., Asal, K., & Krueger, J. I. (2013a). Urteilen und Ent-
scheiden. In: P. Fischer, K. Asal, & J. I. Krueger (Hrsg.), Sprin-
ger-Lehrbuch. Sozialpsychologie für Bachelor (S. 29–44).
Berlin, Heidelberg: Springer.
Fischer, P., Asal, K., & Krueger, J. I. (2013b). Gruppenprozesse
und soziale Identität. In: P. Fischer, K. Asal, & J. I. Krueger
(Hrsg.), Springer-Lehrbuch. Sozialpsychologie für Bachelor
(S. 119–137). Berlin, Heidelberg: Springer.
Grimm, J., & Grimm W. (1815). Kinder- und Haus-Märchen,
gesammelt durch die Brüder Grimm: Große Ausgabe (Bd. 2).
Berlin: Realschulbuchhandlung.
Grimm, B., & Grimm, J. (2005). Dr. Allwissend. In: H. Rölleke
(Hrsg.), Kinder- und Hausmärchen: Vollständige Ausgabe
(2. Aufl.). Düsseldorf: Artemis & Winkler.
Haddock, G., & Maio, G. R. (2014). Einstellungen. In: K. Jonas,
W. Stroebe, & M. Hewstone (Hrsg.), Sozialpsychologie
(S. 197–229). Berlin, Heidelberg: Springer.
179 24

Bremer Stadtmusikanten von


den Gebrüdern Grimm (1819)
Verena Berthold

24.1 Inhalt des Märchens – 180

24.2 Die Charaktere – 181

24.3 Psychologische Phänomene und Implikationen – 181


24.3.1 Leistungsorientierung – 181
24.3.2 Respekt vor dem Alter – 182
24.3.3 Vom Wert der Gruppe – 183
24.3.4 Handlungsorientierung – 183
24.3.5 Vorurteile und Rassismus – 184
24.3.6 Gerechtigkeit – 185

24.4 Fazit – 185

Literaturverzeichnis – 185

© Springer-Verlag GmbH Deutschland 2017


D. Frey (Hrsg.), Psychologie der Märchen,
DOI 10.1007/978-3-662-53668-1_24
180 Kapitel 24 · Bremer Stadtmusikanten von den Gebrüdern Grimm (1819)

24.1 Inhalt des Märchens stoßen auf ein stattliches Räuberhaus, in dem die
Räuber ein reichliches Abendmahl genießen. Nun
Es war einmal ein alter Esel, welcher von seinem schmieden die vier Musikanten einen Plan, wie sie
Hausherrn geschlachtet werden sollte, da er ihm als die Räuber aus dem Haus vertreiben können: Der
Nutztier nicht mehr dienen konnte. Da beschließt Hund muss sich auf des Esels Rücken stellen, welcher
der Esel, auszubrechen und sich auf den Weg nach sich mit den Vorderpfoten am Fensterbrett abstützt,
Bremen zu machen, wo er sich sein Leben mit Stra- die Katze springt auf den Hund, und der Hahn setzt
ßenmusik finanzieren wollte. Unterwegs trifft er nach- sich auf den Kopf der Katze. Aufgetürmt blicken sie
24 einander auf einen alten Hund und eine alte Katze, durchs Fenster zu den Räubern und stimmen ihre
die wie der Esel bei ihrem bisherigen Besitzer um ihr fröhliche „Musik“ an, indem jeder von ihnen so laut
Leben fürchten mussten und deshalb fortgelaufen wie möglich jault, bellt, miaut oder kräht. Von dem
waren. Beide stellen sich nun also die Frage, wie sie plötzlichen Lärm erschreckt, fliehen die Räuber aus
ihr Leben fortführen wollen. Da kommt es ihnen ganz dem Haus. Esel, Hund, Katze und Hahn speisen
gelegen, dass der Esel sie einlädt, mit nach Bremen zu kräftig, denn sie haben einen anstrengenden und auf-
kommen, um dort zu musizieren. Schon bald treffen regenden Tag hinter sich gebracht. Als alle friedlich
die drei Tiere auf ihrem Weg nach Bremen auf einen schlafen, kommt einer der Räuber zurück, welchen
Hahn, der unablässig kräht, da er bald geschlachtet sie aber in gekonnter Zusammenarbeit erneut ver-
werden soll. Um dieser miserablen Situation zu ent- schrecken und damit endgültig vertreiben können.
kommen, schließt auch er sich dem Esel an. Den Tieren gefällt es in ihrem neuen Haus so gut,
Da die vier Kameraden Bremen nicht mehr am dass sie beschließen, dort zu bleiben und nicht mehr
selben Tag erreichen können, legen sie sich in einem weiter nach Bremen zu ziehen. Und wenn sie nicht
Waldstück zur Ruhe. Allerdings erspäht der Hahn gestorben sind, dann leben sie noch heute in besag-
in der Ferne ein Licht, und so brechen sie doch noch tem Räuberhaus.
einmal auf, um zu dessen Quelle zu gelangen. Sie (Grimm u. Grimm 1819; . Abb. 24.1)

. Abb. 24.1  (Zeichnung: Claudia Styrsky)


24.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
181 24
24.2 Die Charaktere die Fragen am Ende des Kapitels weitere Anregun-
gen dazu geben.
Das Märchen erzählt von Tieren, die sich auf den
Weg in ein neues Leben machen, um dem Tod zu ent-
kommen. Dabei nehmen die Akteure unterschiedli- 24.3.1 Leistungsorientierung
che Rollen ein, welche auch im menschlichen Alltag
immer wieder zu beobachten sind. Alle Tiere des Märchens verlassen ihr Heim aus dem-
Der Esel ist der „Drahtzieher“ im Märchen, selben Grund: Sie sollen getötet werden, da sie dem
der Initiator und Motivator, der sich nicht seinem Menschen aufgrund ihrer Altersschwäche nicht
Schicksal hingeben möchte und die Dinge selbst mehr als Nutztier dienen können.
in die Hand nimmt, aber auch seine Weggefähr- Auch heutzutage werden Menschen vor allem in
ten überzeugt, mit ihm zu kommen. Der Hund und westlichen Gesellschaften häufig daran bemessen,
die Katze sind Mitläufer, da beide zunächst etwas was sie leisten oder welchen Nutzen sie bringen.
hilflos in ihrer Situation sind, sich aber recht schnell Viele Personen streben nach Spitzenleistungen,
vom Esel überzeugen lassen, mit nach Bremen zu da sie sich dadurch einen besseren Status in ihrem
kommen. Der Hahn unterscheidet sich insofern von sozialen Umfeld erhoffen und dies ihren Selbstwert
Hund und Katze, als er hoffnungslos sein Schick- steigert. Deci und Ryan (2008) beschreiben in ihrer
sal erwartet und nicht einmal von zu Hause fort- Selbstbestimmungstheorie die drei Grundbedürf-
läuft. Stattdessen bereitet er sich gedanklich schon nisse des Menschen: Autonomie, soziale Eingebun-
auf den Tod vor und kräht so lange, bis die anderen denheit und – was an dieser Stelle ausschlaggebend
Tiere ihn dazu bewegen können, mit ihnen loszu- ist – Kompetenz. Daher sind viele Menschen von
ziehen. Dadurch wirkt der Hahn wie das schwächste dem Gedanken geprägt: „Wenn ich viel leiste, werde
Gruppenmitglied. ich gemocht und akzeptiert.“
Obwohl die Tierbesitzer nicht direkt im Märchen Doch wenn wir alles und jeden nur nach seiner
vorkommen, so wissen wir doch etwas über sie: Sie Nützlichkeit für ein System bewerten, so werden
scheinen egoistische Personen zu sein, die keinerlei diejenigen, die ihre Stärken nicht in offensichtli-
emotionale Bindung zu ihren Tieren aufbauen. Sie chen Lebensbereichen haben oder – wie die Tiere
sehen diese lediglich als Nutztiere, die an „Wert“ ver- im Märchen – aufgrund von Alter und Krankheit
lieren, sobald sie älter werden. eine reduzierte Leistung erbringen, zwangsläu-
Die Räuber im Märchen müssen ausgleichende fig als Verlierer dastehen. Daher ist es wichtig, dass
Gerechtigkeit erfahren, da ihnen das Haus, welches wir es schaffen, unsere Mitmenschen anhand ihres
ihnen nicht zusteht, wieder genommen wird. Wesens und ihrer individuellen Stärken zu beurtei-
len. Wenn jemand einen tollen Charakter hat, so ist
dieser Mensch zu schätzen, unabhängig davon, ob er
24.3 Psychologische Phänomene und objektiv gute Leistungen erbringt oder irgendwem
Implikationen nützlich erscheinen mag.
Auch wenn wir Teil einer Gruppe sind, die
Bevor das Märchen der Bremer Stadtmusikanten im schwächere Mitglieder umfasst, so sollten wir diese
Detail analysiert wird, gilt es zu betonen, dass es viel einbeziehen. Sie werden sich nun vielleicht fragen,
Lebensweisheit transportiert. Bei genauem Lesen warum das sinnvoll ist. Zum einen sind diese schwä-
erfahren wir einiges darüber, wie wir ein selbst- cheren Mitglieder oftmals nur vermeintlich weniger
bestimmtes Leben führen können und was wir im leistungsfähig und ihre wahren Kompetenzen offen-
sozialen Miteinander tun sollten und was nicht. baren sich erst, wenn wir die Personen näher kennen-
Im Folgenden werden einige psychologische lernen. Im Märchen z. B. wirkt der Hahn zu Beginn
Phänomene und Konstrukte des Märchens heraus- der Geschichte wie das schwächste Gruppenmit-
gearbeitet und auf dieser Basis praktische Implikatio- glied, doch ohne ihn wäre die Gruppe wohl nie auf
nen für verschiedene Lebensbereiche abgeleitet. Falls das Räuberhaus aufmerksam geworden – seine Weit-
Sie sich noch tiefergehend mit den „Bremer Stadt- bzw. Aussicht aus der Vogelperspektive wurde zum
musikanten“ beschäftigen möchten, können Ihnen Nutzen aller Tiere. Zum anderen können schwächere
182 Kapitel 24 · Bremer Stadtmusikanten von den Gebrüdern Grimm (1819)

Mitglieder daran wachsen und ihre Stärken entwi- völligen Konzentration. Dieses Flow-Gefühl wiede-
ckeln. Dies ist nicht nur für die Person selbst vor- rum kann uns zu Glücksempfinden verhelfen. Wer
teilhaft, sondern auch für die Gruppe: Nun gibt es weiß, möglicherweise wäre unser Alltag etwas unbe-
ein starkes Mitglied mehr, das ebenfalls potenzielle schwerter, könnten wir unsere Freizeit häufiger, ohne
Schwächen ausgleichen kann. einen Gedanken an den Nutzen zu verschwenden,
(er)leben.

Implikationen für die Erziehung,


24 Führung und Lebensgestaltung 24.3.2 Respekt vor dem Alter
Unsere Haltung gegenüber der Leistungsorientie-
rung kann für alle Lebensbereiche bedeutsam sein. Die Tiere im Märchen werden allesamt von ihren
Wir können uns bemühen, unsere Kinder zu Hausherren verstoßen, da sie alt und schwach
Menschen zu erziehen, die statt der Leistung ihrer waren. Dass sie bisher ihr gesamtes Leben gute
Mitmenschen deren Charakter und Stärken in den Dienste geleistet haben, wird von den Besitzern
Fokus stellen und auch schwächere Mitmenschen nicht honoriert, sondern als Selbstverständlichkeit
nicht links liegen lassen, sondern sie unterstützend hingenommen.
begleiten. Denn vermutlich findet sich jeder von In einer immer älter werdenden Gesellschaft ist
uns auch einmal in einer Situation wieder, in der er der Umgang mit alten Menschen von großer Bedeu-
weniger kompetent ist als die anderen. Dann sind wir tung. Wie empfanden Sie beim Lesen die Tatsache,
dankbar dafür, dass uns ein „Esel“ mitzieht. dass die Tiere verstoßen wurden? Viele von Ihnen
Vor allem das Berufsleben ist vom Leistungs- empfanden vermutlich Ungerechtigkeit. So, wie es
denken geprägt. Für Führungskräfte kann es durch- im Märchen unfair ist, die Tiere fortzuschicken bzw.
aus wichtig sein, auf messbare Kennzahlen und ihnen mit dem Tod zu drohen, ist es auch in unserer
Kosten-Nutzen-Analysen zu verzichten, und zwar Gesellschaft ungerecht, wenn wir älteren Menschen
dann, wenn ein Gruppenmitglied eine andere wich- keinen Respekt zollen. Wie können wir dafür sorgen,
tige Funktion innerhalb der Gesamtgruppe erfüllt dass ein adäquater Umgang mit dem Alter in unserer
wie eine hohe Soziabilität, die die Gruppe zusam- Gesellschaft stattfindet?
menhält. Denn jeder hat seine Stärken, auch die ver-
meintlich „Schwachen“.
Nicht nur das Werturteil über andere Men- Implikationen für die Arbeit und
schen ist häufig vom Leistungsgedanken bestimmt, Gesellschaft
sondern auch Tätigkeiten oder Gegenstände werden In Unternehmen werden ältere Arbeitnehmer häufig
an ihrem Nutzen bemessen. Doch warum sollten wir als Last erlebt und nicht selten werden sie frühverren-
nicht manchmal auch Dinge tun, die uns einfach nur tet, damit ihre Stellen mit jüngeren Arbeitnehmern
Spaß machen? Wenn wir eine Handlung nur zum neu besetzt werden können. Sofern die Betroffenen
Selbstzweck ausführen, sie somit ausschließlich dies aber selbst nicht wünschen, ist dies kein fairer
intrinsisch, also aus unserem Innersten heraus, moti- und vor allem kein besonders respektvoller Umgang.
viert ist, handelt es sich um eine sog. autotelische Denn wir sollten bedenken, dass diese Arbeitskräfte
Handlung. Wenn wir beispielsweise ein Zeitungsrät- bereits jahrzehntelang Arbeit verrichtet und vieles
sel zu lösen versuchen, obwohl wir die Zeitung im geleistet haben, wovon wir nun profitieren oder
Anschluss sowieso in den Papiermüll werfen werden, worauf wir aufbauen können. Respekt und Wert-
so ist das Rätseln an sich der Antrieb für unser Tun. schätzung dafür wäre also angebracht, sie sollten
Autotelische Aktivitäten sind nach Csikszentmi- nicht wie der alte Esel einfach „aussortiert“ werden.
halyi (2004) auch eng mit Flow-Erleben (engl. für Ältere und erfahrene Arbeitnehmer verfügen übri-
Fließen, Strömen) verknüpft. Flow-Erlebnisse sind gens häufig über wertvolle Expertise, die dem Unter-
durch ein Gleichgewicht aus Anforderungen und nehmen sonst verloren ginge. Eine Win-win-Situ-
Fähigkeiten gekennzeichnet und manifestieren sich ation ergibt sich folglich, wenn es Unternehmen
in einem Tätigkeitsrausch bzw. einem Zustand der schaffen, diese Kompetenzen noch für sich zu nutzen
24.3 · Psychologische Phänomene und Implikationen
183 24
und den älteren Arbeitnehmern einen Arbeitsplatz Erkenntnissen leiten. Gerade für Unternehmen ist
zu sichern, bis diese das reguläre Renteneintrittsalter dies ein starkes Argument für Diversity Manage-
erreicht haben oder selbst den Wunsch verspüren, ment, also heterogene Arbeitsgruppen. Nur wenn
sich von der Arbeit zurückzuziehen. wir uns auf Zusammenarbeit einlassen, können wir
Doch auch auf gesellschaftlicher Ebene oder im über uns selbst hinauswachsen, wie es die Tiere im
Privaten können wir dem Märchen eine Botschaft Märchen tun: der Esel als starkes Fundament der
entziehen. Das Prinzip des Generationenvertrags, Pyramide und der Hahn als Spitze, der von Hund
wie wir es z. B. vom deutschen Rentensystem kennen, und Katze gestützt wird.
könnte uns auch in allgemeinen Werthaltungen ins- Neben der gesteigerten Effektivität von Gruppen
pirieren: Nachkommende Generationen sichern die ist es darüber hinaus eines jeden Menschen Bedürf-
Einkünfte bzw. Nachsorge der jeweils älteren Genera- nis, zugehörig zu Gruppen zu sein. In dem Konzept
tion. Denn so wird jeder einmal von diesem System der Gruppenzugehörigkeit („need to belong“; Bau-
profitieren. Dieses Prinzip lässt sich nicht nur auf meister u. Leary 1995) geht man davon aus, dass
finanzielle Angelegenheit wie die Rente anwenden, Menschen das Bedürfnis nach langfristigen und
sondern auch auf unser Verhalten. Wenn wir einer affektiv positiven Interaktionen mit ihren Mitmen-
älteren Person im Supermarkt helfen, die Einkäufe schen haben. Wenn wir uns also mit anderen beruf-
zu verstauen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, lich oder privat in Gruppen zusammentun, so wird
können wir zumindest darauf hoffen, dass auch uns dieses Grundbedürfnis befriedigt und löst in der
in einigen Jahren oder Jahrzehnten geholfen wird, Regel Wohlbefinden bei uns aus.
wenn wir Hilfe benötigen. Diese Haltung spiegelt Dabei ist ein „gemeinsames Schicksal“ förder-
sich in der generalisierten Reziprozität wider und lich für Gruppenbildung (Bastian et al. 2014), sprich
ist Grundlage von Generationenverträgen. Menschen mit ähnlichen Ausgangspositionen oder
Bedenken wir, was die uns vorausgegangenen Problemen schließen sich mit erhöhter Wahrschein-
Generationen alles geleistet haben, von dem wir nun lichkeit zusammen (z. B. in Selbsthilfegruppen).
profitieren, so sind wir ihnen doch einiges schuldig. Grund hierfür ist, dass sie sich miteinander identi-
Unsere Eltern haben in der Regel viel Zeit, Mühe, fizieren und auch gut in die anderen hineinverset-
Liebe und Geld in uns investiert, sodass es doch ein zen können.
legitimer Wunsch ist, dass wir sie pflegen und unter- Die Bremer Stadtmusikanten teilten zu Beginn
stützen, sobald sie auf Hilfe angewiesen sind. Auch der Geschichte alle dieselben Zukunftssorgen,
wenn es uns möglicherweise als Last erscheint, wir nachdem sie verstoßen wurden. Sie konnten sich
sollten dies aus Dankbarkeit und Respekt tun, sodass gut mit der Situation der anderen identifizieren und
ältere Menschen ein würdevolles und möglichst nachempfinden, wie es ihnen ergeht.
unbeschwertes Dasein führen können.

Implikationen für die Lebensgestaltung


24.3.3 Vom Wert der Gruppe Wann immer wir also ein Problem haben, von dem
wir glauben, es nicht alleine lösen zu können, sollten
Die Geschichte der Bremer Stadtmusikanten zeigt wir uns daran erinnern, dass es womöglich auch
uns eindrucksvoll, wie eine Gruppe durch Zusam- noch andere Menschen in unserem Umfeld mit ähn-
menschluss Ziele erreichen kann, die die beteiligten lichen Problemen gibt, und erwägen, ob es hilfreich
Individuen alleine niemals hätten erreichen können. ist, sich mit ihnen zusammenzutun.
Im Alltag oder Berufsleben ist es oft so, dass wir
uns, um wirklich Großes zu leisten, zusammenschlie-
ßen müssen. Denn jeder Mensch hat andere Stärken. 24.3.4 Handlungsorientierung
Wenn wir dieses Potenzial in Gruppen zusammenle-
gen, können Kompetenzen gesteigert und die Schwä- Eine wichtige Botschaft des Märchens steckt im
chen ausgeglichen werden. So können beispiels- Prinzip der Handlungsorientierung. Der deutsche
weise auch Synergien entstehen, die uns zu neuen Psychologe Julius Kuhl entwickelte das Konzept der
184 Kapitel 24 · Bremer Stadtmusikanten von den Gebrüdern Grimm (1819)

Handlungs- bzw. Lageorientierung (Kuhl u. Kazén beschweren können wir versuchen, kreativ daran
2003). Handlungsorientierte Menschen schaffen es mitzuwirken und die Dinge positiv zu beeinflussen.
nach Rückschlägen relativ schnell, sich gedanklich Der Leitspruch „Love it, change it or leave it“ kann
davon zu lösen und auf zukünftige Handlungen zu uns dabei helfen.
konzentrieren, indem sie z. B. eine konstruktive Feh-
leranalyse vornehmen. Lageorientierte Menschen
hingegen bleiben gedanklich bei der aktuellen Lage 24.3.5 Vorurteile und Rassismus
gewissermaßen hängen und kreisen weiterhin um
24 das Problem. Rassismus ist ein gesellschaftliches Problem, welches
Was wäre wohl geschehen, hätte keines der leider selbst in Zeiten fortgeschrittener Globalisie-
Tiere das Zepter selbst in die Hand genommen und rung weiterhin existiert. Menschen mit fremder Her-
konkret gehandelt? Vermutlich wären alle Tiere kunft, Sprache oder ausländischem Aussehen werden
getötet worden oder bald einsam auf der Straße immer wieder Opfer von rassistischen Parolen,
gestorben. So aber haben die Tiere zusammen ein Handlungen und Ausgrenzung.
Abenteuer erlebt und können den Rest ihres Lebens Jedes Kind weiß, dass sich Hund und Katze nicht
gemeinsam im Räuberhaus verbringen. ausstehen können. Doch – siehe da – was geschieht
Wo liegt der Unterschied zwischen diesen beiden im Märchen? Esel, Hund, Katze und sogar ein Vogel
Varianten der Geschichte? Im Szenario geben sich die schließen Freundschaft, entgegen aller gängigen
Tiere ihrem Schicksal hin, sie sind eher lageorien- Erwartungen über die Verträglichkeit dieser unter-
tiert und verfallen der sog. erlernten Hilflosigkeit schiedlichen Rassen.
(Seligman u. Maier 1967). Dieser Zustand umfasst Alle Menschen dieser Erde gehören genau einer
die Erwartung, negative Situationen nicht beeinflus- Spezies an: dem Homo sapiens sapiens. Bei uns
sen zu können, sowie ein Gefühl des Kontrollverlusts. handelt es sich also nicht einmal – wie im Märchen –
Im Märchen können wir dieses Phänomen um unterschiedliche Spezies, und dennoch existiert
besonders gut am Hahn erkennen. Obwohl ihm klar Rassismus. Ein Grund hierfür ist die ständige Kate-
ist, dass er geschlachtet werden soll, tut er nichts gorisierung unserer Mitmenschen in Ingroup und
weiter, als so lange zu krähen, bis er getötet werden Outgroup (bzw. Eigen- und Fremdgruppe). Die
soll. Ingroup ist diejenige soziale Gruppe, zu der wir uns
Im tatsächlichen Verlauf des Märchens hin- zugehörig fühlen und mit der wir uns identifizieren
gegen brechen die Tiere auf, um ein besseres Leben können. Die Ingroup werten wir gedanklich immer
zu führen. Sie, vor allem der Esel als Initiator, ver- wieder auf, während wir Tendenzen haben, die Out-
fügen über eine hohe Selbstwirksamkeitsüberzeu- group, also Gruppen, denen wir uns nicht zugehörig
gung (Bandura 1977), d. h., sie glauben daran, durch fühlen, abzuwerten. So geschieht es leicht, dass Men-
ihr eigenes Tun Dinge verändern zu können – selbst schen fremder Herkunft als Outgroup wahrgenom-
„wirksam“ zu sein. men und in der Folge abgewertet werden.

Implikationen für die Lebensgestaltung Implikationen für die Lebensgestaltung


Ob im Privaten oder Beruflichen können uns die und Erziehung
Tiere als Vorbild dienen. Bevor wir jammern und Die Bremer Stadtmusikanten zeigen uns, dass der
dauerhaft unzufrieden sind, sollten wir uns immer Charakter und das Verhalten wichtiger sind als Aus-
wieder die Frage stellen: Kann ich durch mein sehen, Herkunft oder Sprache. Auch unkonventio-
Handeln etwas verändern? Denn in fast allen Situa- nelle Kombinationen können gut funktionieren und
tionen haben wir zumindest einen gewissen Hand- das Leben bereichern. Wenn sich Hund und Katze
lungsspielraum. Betrachten wir unser Leben als friedlich verhalten können, warum schaffen wir
einen Film, so sind wir der Regisseur, der das Dreh- Menschen es innerhalb unserer Spezies dann nicht?
buch maßgeblich beeinflusst. Statt uns also über die Vielleicht erinnern Sie sich an diese Geschichte,
„schlechten Szenen“ oder den „schlechten Film“ zu wenn Sie mit dem Thema Rassismus in Berührung
Literaturverzeichnis
185 24
kommen oder Ihren Kindern vermitteln wollen, dass möglicherweise in Zukunft durch die Erfolgsge-
ein Mensch unabhängig von seiner Herkunft Wert- schichte der Bremer Stadtmusikanten ermutigt, eine
schätzung und Gleichberechtigung verdient. Mit Veränderung oder einen Protest zu wagen und sich
dem Wissen über In- und Outgroup sind Sie nun mit anderen zusammenzuschließen.
sensibilisiert für die Abwertungstendenzen gegen-
über Fremdgruppen und können diese besser erken- z Fragen zur Reflexion
nen und ihnen entgegenwirken. 44Was hat es zu bedeuten, dass die Tiere ihr
eigentliches Ziel Bremen nicht erreichen? Wie
ist das zu bewerten?
24.3.6 Gerechtigkeit 44Wann waren Sie in Ihrem Leben schon in der
Rolle eines der Bremer Stadtmusikanten, wann
» Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! (Erich in der der Räuber oder Tierbesitzer? Sind/
Kästner) waren Sie mit diesen Rollen zufrieden?
44Auf den ersten Blick stehen die Akteure der
Die Räuber der Geschichte leben in einem Haus, das Geschichte alle unter einem schlechten Stern,
ihnen vermutlich n