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GOTT RUFT UND BERUFT UNS

"Ich, der in Gott Gebundene, bitte euch, würdig zu wandeln in der Berufung, zu der
ihr berufen
seid, und die Einheit im Geiste zu wahren." Eph. 4; 1 f.
In den Worten, mit denen Paulus uns bittet, unserer Berufung zu folgen, sind vier
Dinge zu
beachten:
Das erste ist: Wer uns hier ruft und beruft.
Das zweite: Wozu er uns ruft, wohin er uns haben will.
Das dritte: Welches sein Ruf ist und wann er uns ruft.
Und das vierte: Wie man dem Rufe würdig folgt.
Nun zum ersten: Wer uns ruft, das ist Gott, und er ruft uns mit allem, was er ist,
hat und vermag. Er
ruft und lädt uns zu sich: seine Güte, Liebe und Weisheit lädt und leitet uns zu
ihm und in ihn.
In Wahrheit: Gott hat Verlangen nach uns, als ob seine Seligkeit in uns liege. Was
immer seine
Liebe und Weisheit im Himmel und auf Erden schufen, das geschah nur, daß er uns
damit in
unseren Ursprung zurückrufe, und daß wir heimkehren in sein Reich, das auf uns
wartet.
Das zweite ist: Wozu er uns ruft. Er ruft uns zu seinem Sohn, damit wir uns als
seine Brüder
erkennen und als Miterben des Reiches. Er ruft uns, Christi Vorbild zu folgen; denn
er ist der Weg,
den wir gehen sollen, die Wahrheit, die uns leuchten soll, und das Leben, das unser
Ziel sein soll.
Das dritte: Welches der Ruf sei und wann er ruft. Der Ruf, mit dem Gott uns zu sich
lockt, ist
mannigfacher Art: innerlich, im Seelengrund, ruft Gott uns ohne Unterlaß, und
ebenso im inneren
Menschen Tag und Nacht, und äußerlich mit allen Schickungen, die er uns zuteil
werden läßt, seien
sie freudvoll oder leidvoll. In alledem ruft er uns.
Würden wir das erkennen und seinem Rufe folgen, bedürfte es oftmals nicht der
drängenden
Stimme in Gestalt leidvoller Schickungen.
Und das vierte: Wie wir dem Rufe würdig folgen. Das geschieht eben durch Geduld und
Hörbereitschaft, Sanftmut und gelassene Hingabe an seinen Ruf und seinen Willen.
Damit erhebt sich die weitere Frage: Wen ruft Gott. Dreierlei Menschen ruft er:
zunächst die
Anfänger im Leben aus dem Geiste, dann die Fortgeschrittenen und schließlich die
Vollkommenen.
Die einen werden auf die untere Stufe, die anderen auf die zweite Stufe und die
letzteren auf die
oberste Stufe der Vollkommenheit gerufen.
Das möge niemand mißverstehen; denn wen Gott auch immer ruft und auf welche Stufe
er ihn
beruft: wir sollen alle Christus gleichförmig und vollkommene Kinder Gottes werden.
Nun sagen zwar manche, Gott sei ihnen über alles lieb. Aber in Wahrheit wollen sie
die Dinge und
Wesen nicht lassen, an denen sie weit fester hängen als an Gott. Sie suchen in
ihnen mehr Lust und
Befriedigung als in Gott. Das sind die Ungelassenen. Wenn sie das einsehen und
lernen, Gott über
alles zu lieben und ihre Nächsten wie sich selbst, haben sie die unterste Stufe
erreicht, auf der sie
dem Rufe Gottes folgen, und sind auf dem Wege, zu Gott zu kommen und von ihm
berufen zu
werden.
Nun gibt es eine zweite Stufe, die höher ist; und jene, die auf ihr dem Ruf und Rat
Gottes folgen,
gelangen wesentlich weiter. Sie horchen auf die Stimme Gottes und gehen den Weg,
den Gott sie
weist, der ihrer göttlichen Berufung gemäß ist.
Um den Rat Gottes zu vernehmen und seine Berufung zu erkennen, muß man sich oft
nach innen
wenden und schweigend nach innen lauschen. Aber wie wenige wenden sich einwärts und
vernehmen den Ruf! Heute wollen sie dies, morgen tun sie jenes – je nach den
Anrufen und
Anreizen, die von außen kommen oder nach dem, was ihnen gerade in den Sinn kommt.
Und so
eilen sie hierhin und dorthin und kommen von dem Wege ab, zu dem sie gerufen sind.
Darum die Mahnung, oft in uns selbst einzukehren und immer wieder zu prüfen, womit
wir
umgehen und wohin wir gehen, daß wir nicht von uns selber abkommen und den Weg
verfehlen, zu
dem wir berufen sind.
Nur dann gelangen wir auf die obere Stufe und den höchsten Weg der Berufung, auf
dem wir
Christus nachfolgen, äußerlich und innerlich, wirkend und lassend, bildlich und
bildlos. Wer ihm
nachfolgt und damit aus seiner Ichheit heraustritt, der erreicht das höchste Ziel.
Aber wie viele nennen sich Christen und sind doch keine Nachfolger Christi. Von
ihnen spricht
Lukas in seinem Evangelium (14; 16 f.), wenn er von dem Herrn berichtet, der ein
großes
Abendmahl richtete und seine Diener zu den Geladenen sandte: ,Kommt, denn es ist
alles bereit!' –
Aber wie wenige kamen? Der eine hatte gerade einen Acker erworben und war
unabkömmlich; der
andere hatte einen Ochsen gekauft; der dritte hatte geheiratet und konnte deshalb
der Einladung
keine Folge leisten.
Von dieser Einladung sagt Gregorius, sie sei erstens ein Ruf zum inwendigen und
unmittelbaren
Erkennen des Seelengrundes, in dem das Reich Gottes ist, und zum Fühlen und
Miterleben, mit
welcher Liebe Gott da wohnt und wirkt. Zweitens sei sie ein Ruf zum heiligen
Sakrament Christi.
Und drittens sei sie eine Einladung zum Eintritt in das ewige Leben.
Wer nun der ersten Einladung folgen will, der achte darauf, wann immer er gerufen
wird. Die
Meister sagen mit Recht: Wer nicht in gewisser Weise einen Vorgeschmack hiervon
hat, darauf
eingestellt, dafür aufgeschlossen und hörbereit ist, der wird den Ruf überhören und
die Einladung
versäumen.
Nun werden sich allerdings manche guten Menschen ihr Leben lang nicht bewußt,
eingeladen zu
sein. Und doch sind sie dem Reiche Gottes in ihnen näher als jene, die den Ruf
vernahmen, der
Einladung bewußt wurden, ihr aber wegen des Haftens an äußeren Dingen nicht zu
ihrer Stunde
folgten.
Es gibt manche, die sich durch die ihnen gewordenen Offenbarungen und Erleuchtungen
als
Berufene und Eingeladene ausweisen, davon aber nicht den rechten Gebrauch machten
und so nur
bis zum Eingang des Reiches Gottes gelangen, jedoch nicht eintreten und bewirtet
werden. Denn
Gott mißt jedes Menschen Bereitschaft nach dem Maße seiner Liebe. Wer in den Grund
einkehren
und in das Reich Gottes eintreten will, der muß sein Herz und seine Liebe von allem
gelöst haben,
das nicht Gott ist oder nicht von Gott kommt.
Die zweite Einladung ist das Sakrament Christi, von dem später zu sprechen sein
wird. Auch dazu
werden wir alle Tage gerufen und eingeladen, Gott wie Speise und Trank in uns
aufzunehmen,
damit er wie diese in uns aufgehen kann und wir dabei ganz in ihn verwandelt
werden. Wir können
von diesem Sakrament und der dadurch bewirkten Wandlung nie genug begehren und
können uns
nicht oft genug nach innen wenden und uns an das Lassen und Hingeben unserer selbst
gewöhnen.
Und wir können uns nicht oft genug der Andacht und Meditation überlassen und, statt
äußeren
Dingen nachzusinnen und nachzujagen, uns selbst auf den Grund gehen, uns auf das
Reich Gottes
in uns besinnen und uns ihm aufschließen.
Dazu aber müssen wir zuvor ,aus Ägypten ausgefahren sein', also das Reich der
Finsternis verlassen
haben, das Hängen am Äußeren, wenn uns das Brot, das vom Himmel kommt, munden und
bekommen soll, von dem es heißt: "Wer dies Brot isset, der wird leben in Ewigkeit."
Dies Brot ward den von Gott Auserwählten nicht zuteil, solange sie noch von dem
Mehl zehrten,
das sie aus Ägypten mitgebracht hatten, das heißt: solange ihnen noch die äußeren
Dinge Genuß
bereiteten und sie an diese hingegeben waren. Erst wenn der Mensch nicht mehr aus
den Sinnen
lebt, sondern aus dem Geiste zu leben gelernt hat, wird ihm die göttliche Speise
gereicht und der
Hunger seiner Seele wird gestillt.
Wohl denen darum, die auf den inneren Ruf achten, auch der zweiten Einladung folgen
und in den
Genuß der göttlichen Nahrung kommen, damit sie nicht in den Tod fallen, d. h. in
die Liebe zu den
geschaffenen Dingen zurückfallen und damit ihres Adels, Erben des Reiches Gottes zu
sein,
verlustig gehen.
Denn so handeln viele der Gerufenen und Geladenen, deren Glaube klein und deren
Hingabe gering
ist: wenn der Ruf ergeht, nahen ihnen Zweifel und Anfechtungen. Sie denken: "Wozu
mich ins
Ungewisse wagen; es ist doch wohl besser, wenn ich in der Welt bleibe und sie, die
Kreaturen und
Güter der Welt, die ich habe, genieße, als wenn ich all das lasse."
So bleibt mancher an der Schwelle des Reiches Gottes stehen und kehrt wieder um,
weil er Gott
nicht vertraut. Wer aber nicht an der Schwelle zurückblickt, sondern eintritt, der
folgt damit der
dritten Einladung und tritt in das Reich des ewigen Lebens ein.
Hieran möge nun jeder ermessen, wie nah oder fern er Christus ist. Er muß Ihm
innerlich folgen
und Ihn in sich suchen, wo Er im Grunde wesentlich und wirklich lebt. Er muß sich
immer aufs
neue in sich selber einsenken und in Stille und Schweigen ohne alle Werke und
Bilder die Einheit
im Geiste wahren, auf daß, wie Paulus hierzu weiter sagt, ein Leib und ein Geist
sei, ein Vater und
ein Gott in der Überformung des geschaffenen Geistes durch den unerschaffenen
Geist, nach der
nicht mehr zwei sind, sondern nur noch einer.
Von da an gilt es, "würdig in dieser Berufung zu wandeln", aus dem Geiste der
Einheit zu leben.
Und das heißt: äußerlich die Eigenheit eines jeden zu achten, innerlich aber auf
die Einheit in
Christo achtzuhaben.
Es bedeutet, daß der Mensch, der die obere Stufe erreicht hat, sich zuweilen in
dienstwilligen
Liebeswerken übt, soweit es nottut und ihm zukommt, zu anderen Zeiten sich dem
heimlich entzieht
und sich in Gebet und Versenkung ganz nach innen wendet, und wieder zu anderen
Zeiten keines
von beiden tut, sondern dem Rat des Heiligen Anselmus folgt: "Entziehe dich der
Mannigfaltigkeit
äußerer Werke, entschlafe dem Bildermeer der Gedanken und sitze und ruhe und erhebe
dich selbst
über dich selbst!"
Denn wenn der Mensch gänzlich zu friedevoller Stille geworden und alle Unruhe
verklungen ist,
dann kommt Gott in einem sanften stillen Wehen und Wispern und richtet seinen Blick
in den Geist.
Und wenn der Geist der Gegenwart Gottes inne wird, geschieht es ihm zuerst wie
Elias, der ob des
strahlenden Lichts der göttlichen Gegenwart sein Haupt verhüllte. Das heißt: der
Mensch entgleitet
sich selbst, verliert seine Ichheit und entsinkt allen Dingen und Kreaturen in sein
lauteres Nichts.
Wenn Gott sieht, daß die Seele so gänzlich aus sich selbst herausgetreten ist in
ihr Nichtsein, dann
umfängt er sie mit der Kraft seiner Liebe und richtet sie auf. Diese Erhebung ist
die Folge der
Erniedrigung. Aus der Nichtheit entspringt als Frucht der Einheit die Allheit.
Daß wir dieses göttlichen Rufes und unserer Berufung innewerden und das hohe Ziel
erreichen,
dazu helfe uns Gott!