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DAS GESETZ DES AUSGLEICHS

"Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Richtet nicht, so werdet
ihr nicht
gerichtet werden. Vergebt, so wird euch vergeben. Gebet, so wird euch gegeben: ein
volles, gerüttelt
und überfließend Maß. Mit dem Maß, mit dem ihr messet, wird man euch wieder
messen." Luk.
6;36 f.
Zweierlei lehrt uns Jesus: was wir tun und was wir lassen sollen.
Das rechte Tun besteht darin, daß wir barmherzig seien, vergeben und geben sollen,
das Lassen
darin, daß wir niemanden richten und verdammen sollten.
So viel Barmherzigkeit einer hat und übt, viel wird er finden. Diese Barmherzigkeit
sollen wir
inwendig, in unserem Gemüt, empfinden und von dort her üben dergestalt, daß wir
zuerst in uns ein
gütiges Mitgefühl mit unseren Nächsten empfinden überall, wo wir Wesen in Leiden
wissen,
innerlich oder äußerlich, und mit herzhaftem Mitleid von Gott begehren, daß er sie
tröste.
Können wir auch äußerlich helfen, mit Rat oder mit Gaben, mit Worten oder Werken,
so sollen wir
dies, sowie es an uns kommt, willig tun. Wenn wir nicht viel tun können, sollen wir
das wenige, das
wir vermögen, mit Liebe tun oder wenigstens ein gutes Wort sprechen. Dann haben wir
recht getan
und werden unsererseits Liebe und Barmherzigkeit finden.
Und nun das rechte Lassen. Da heißt es vor allem: Richte nicht, damit Du nicht
gerichtet werdest!
Es mag einer noch so viele gute Werke tun; sie bleiben fruchtlos, wenn er zum
Richten neigt.
Niemand maße sich an, über andere zu urteilen und zu richten, der nicht zuvor
seiner eigenen Fehler
und Mängel bewußt ward und sein eigener Richter war.
Hier sind die meisten blind: sie wollen, daß andere nach ihrem Willen handeln,
vermögen aber sich
selbst trotz allem Mühen nicht so zu halten, wie sie sein sollten und wie Gott sie
gern hätte. Wer
aber will, daß Gott seine Fehler mit Barmherzigkeit beantwortet, der hüte sich,
anderer Menschen
Fehler schwer zu wägen und über sie zu richten.
Auch wenn er weiß, daß etwas böse ist, soll er nicht richten, sondern nur eines
tun: sich zu sich
selbst kehren und seine eigenen Fehler erkennen und abstellen. Und wenn es sein Amt
ist, zu
urteilen, soll er es mit Liebe und mit Sanftmut tun, den anderen mit den Augen
Gottes sehen und
bedenken, daß er mit seinem Urteil sich selbst und sein Leben dem gleichen Urteil
Gottes
unterwirft.
Denn, wie ein Heiliger sagt: "So viele Menschen du mit deinem Urteilen und Richten
unter dich
drückst, unter so viele Menschen wirst du gedrückt werden." Wer richtet, errichtet
Mauern zwischen
sich und Gott.
Das Lassen bestehe auch im Unterlassen jedes unnützen Wortes: Wir sollten den Mund
nicht auftun,
bevor wir nicht dreimal überlegt haben, ob unsere Worte zur Ehre Gottes und zum
Besserwerden
des Nächsten dienen, wie auch, ob sie uns selbst innerlich und äußerlich Frieden
bringen. Gerade
weil von unguten Worten unabsehbarer Schaden kommt, hat man in manchen Klöstern
jedes Reden
untersagt.
Aber noch wichtiger ist das Unterlassen unguten Denkens.
Denn Gott sieht das Herz an und mißt den Menschen nach seinem Gemüt: dies ist das
Maß, mit
dem uns zugemessen wird, wie viel wir von Gott empfangen.
Blicken wir einmal auf dieses Maß – unser Gemüt – und darauf, wie viel darin von
Gott ist und wie
viel von der Welt: ist es nicht so voller Bilder äußerlicher vergänglicher Güter,
daß für Gott kein
Platz darin ist? Selbst wenn wir uns im Gemüt zu Gott wenden, ist unser Innerstes
mit Begierden
und Wunschbildern von diesem und jenem so angefüllt, daß Gott nirgend hinein kann
und nicht in
uns wirken kann.
Zudem haben wir als Torhüter Kreaturen eingesetzt, die Gott hindern, in uns
einzutreten. Alsdann
bleibt unser Gemüt ohne Frucht, und da wir ohne Antwort bleiben und Gott nicht
spüren, weil wir
ihm keinen Raum in uns gegeben haben, wird uns das Beten verleidet; wir lassen es
schließlich und
wenden uns ganz dem äußeren Leben zu.
Wenn Gott unser Gemüt und unsere Seele mit seinem ewigen Wesen erfüllen und in uns
wirken
soll, müssen wir zuvor alles Kreatürliche und Vergängliche aus uns entlassen.
Machen wir unser
Gemüt leer, damit Gott darin einziehen und wirken kann!
Wenn wir je in den Gottesgrund hinabgelangen wollen, müssen wir zuerst in unseren
eigenen
Seelengrund hinabsteigen und auf dem Wege dorthin alles von uns lösen und lassen,
was dem
äußeren Menschen und dem äußeren Leben zugehört, und müssen unser ganzes Wesen
gänzlich
Gott anheim geben und überlassen.
Wenn wir uns so dem Äußeren entzogen und uns frei gemacht haben von aller Liebe und
Bekümmerung um Kreaturen und äußere Dinge, müssen wir den nächsten Schritt tun und
auch über
die Bilder der Dinge, die uns auf dem Wege nach innen noch hindern und ablenken,
hinausschreiten
und zugleich jeden Widerstand, der uns hier bewußt wird, als Übung nehmen, uns ganz
auf uns
selbst zurückzuziehen, uns Gott zu lassen und uns seiner liebevollen Barmherzigkeit
und Güte zu
überlassen, bis auch die Bilder der Dinge von uns abfallen.
Damit der äußere Mensch zurücktritt und der innere Mensch die Herrschaft und
Führung
übernimmt, müssen wir, wie es im Gleichnis heißt, ein ,volles, gerüttelt und
überfließend Maß'
haben.
Das heißt: wir müssen alles, was dem äußeren Menschen zugehört und anhaftet, alles,
was die
Nach-Innen-Wendung hindert und dem inneren Menschen zuwider ist, abstreifen und
ausschütten.
Alles, was uns darin behindert, daß Gott in uns lebt und wirkt, alles, was nicht
seine Ursache in Gott
hat und zu Gott hinführt, müssen wir aus unserem Gemüt ausschütten, damit unser
äußerer Mensch
ganz in dem inneren aufgehe und entwerde.
Insbesondere sollen wir auch alle frommen Übungen daraufhin prüfen, ob sie uns Gott
näher führen
oder nicht, und sollen sie lassen, wenn sie hindern. Das gilt für das Fasten wie
für alle geistigen
Übungen, die dem Starken helfen, innerlich zu wachsen und aus dem Geiste zu leben,
aber den
Schwachen nicht weiter bringen, sondern ihn am inneren Fortschreiten und an der
rechten Hingabe
hindern.
Wir müssen lernen, uns allem gegenüber, was uns von außen her locken, einleuchten
und beglücken
möchte, wie ein Schlafender zu verhalten und nur für einen allezeit wach und offen
zu sein: für
Gott.
Wir sollen lernen, was Paulus lernte und wovon er in seinem Brief an die Philipper
(3; 13) spricht:
"zu vergessen, was dahinten ist, uns dem zuzuwenden, das vorn ist, und dem
vorgesteckten Ziel
nachzujagen."
Das heißt: wir sollen alles, was weniger ist als Gott, lassen, uns ganz Gott
zuwenden und uns völlig
seinem Willen und Wesen überlassen.
Wenn Gott dann unser brennendes Verlangen sieht, kommt er mit dem überfließenden
Maß und
ergießt sich selbst in das Maß, daß es vom überwesentlichen Guten, das er selbst
ist, überströmt,
unser Gemüt und Wesen gänzlich erfüllt und es ebenfalls zum überfließen bringt, so
daß der Geist
über sich selbst hinaus in den göttlichen Abgrund fließt. Er gießt sich gänzlich
aus, gibt sich völlig
hin – und bleibt doch voll – wie man einen Krug ins Meer hinabläßt: er wird voll
und fließt über
und bleibt doch voll.
Das meint das Wort: "Ein volles, gerüttelt und überfließend Maß wird euch gegeben",
und das
andere: "Mit welchem Maß ihr messet, wird man euch wieder messen."
Das Maß, mit dem wir gemessen werden, ist das Maß der Liebe.
Das volle Maß besteht darin, daß wir unsere Liebe ganz Gott zuwenden und den Willen
haben, alles
zu lassen, was nicht zu Gott führt, und alles zu tun, was uns Gott näher bringt,
also Gott über alles
zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst. Das ist ein rechtes Leben im Geiste
Christi und ein
gutes Maß, das uns zum ewigen Leben leitet. Zu diesem Maß hat Gott uns alle
gerufen.
Das gerüttelt Maß besteht darin, daß wir von den äußeren Übungen weg zu den inneren
kommen
und gleichermaßen vom äußeren Menschen zum inneren, daß wir alles Äußere lassen,
das uns am
inneren Leben als dem wesentlichen Leben hindert. Es gilt, unser ganzes Sinnen und
Trachten auf
Gott zu richten, uns voll Dankbarkeit in den Seelen grund einzusenken und Gottes zu
harren.
Diese Einwärtswendung und innere Übung erhöht unsere Empfänglichkeit für Gott mehr
als alle
äußeren Übungen. Aber sie muß mit einer Liebe geschehen, die uns so stark
durchglutet und so
gänzlich erfüllt, daß sie überfließt und alles in sich aufnimmt und verwandelt.
Denn, wie Augustinus sagt, "es kommt nicht auf die Länge der Zeit oder die Zahl der
guten Werke
an, sondern allein auf die Größe der Liebe", und Paulus: " Wenn ich alle meine Habe
den Armen
gäbe und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts." Alles muß vom Geist der Liebe
erfüllt und
durchglutet sein.
Wer mit dem Maß der Liebe alles Gute in sich faßt und es willig weitergibt, dem
wird ein gerüttelt
Maß zugemessen. Wie Paulus sagt: "Die Liebe ist nimmer müßig, sie wirkt und leidet
alle Dinge"
und will immerfort geben und sich verschenken.
Alsdann kommt das überfließend Maß, das so voll und so reich ist, daß es an allen
Enden immerfort
überströmt. Es gibt alles, was es in sich trägt, und sich selbst mit; es schüttet
sich mit einem Male
wieder in den Ursprung, dem es entfloß, verliert sich völlig darin und ist gänzlich
eins mit Gott.
Solche Menschen mißt Gott mit seinem Maß und wirkt all ihr Wirken in ihnen.
Hierbei gibt Gott sich selbst dem Geiste in einer überströmenden Weise, die alles
übersteigt, was die
Seele je begehrte. Er gibt der Seele seinen eingeborenen Sohn und erfüllt sie mit
der Seligkeit des
Heiligen Geistes. Er teilt mit ihr sein Reich, das heißt: er gibt ihr volle Gewalt
über das Reich
Gottes, damit sie alles dessen Herr sei, dessen er Herr ist.
So wird das Maß überfließend, mit dem uns gemessen wird. Das ist der Friede Gottes,
von dem
Paulus sagt, daß er über alle Vernunft ist: der Friede des Einsseins.
Daß uns allen das volle überfließende Maß zuteil werde, dazu helfe uns Gott!