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FÜNFFACHE FESSELUNG

"Er ist aufgefahren in die Höhe, hat das Gefängnis gefangen geführt und hat den
Menschen Gaben
gegeben." Eph. 4,' 8
Christus fuhr auf gen Himmel und ,führte das Gefängnis gefangen' mit sich. Was
heißt das:
Fünf Fesseln sind es, die uns in der Zeit gefangen halten und die Christus von uns
nimmt, wenn er
in uns auffährt:
Die erste Fessel besteht in der Liebe zu den Kreaturen und im Hängen an ihnen, sie
seien lebendig
oder tot. Besonders ist es die Liebe zu den Menschen, die ja von Natur wegen der
Gleichheit der
Menschen naheliegt. Die einen Menschen gehen ganz darin auf und leiden unter dem
Fernsein
voneinander und unter dem Verlust, während die anderen sich ohne diese Liebe
wohlfühlen, gute
Werke tun, dienen und in Andacht beten, damit man ihnen die Liebe und die Welt um
so mehr
gönne – und dabei nicht merken, wie sehr sie gefesselt sind und wie viel besser es
wäre, sie würden
weniger um ihr Erdenglück beten und mehr ihrer Gefangenschaft inne werden.
Die zweite Fessel besteht darin, daß manche, wenn sie von der ersten Fessel, der
äußeren Liebe zu
den Kreaturen, frei werden, der Selbstliebe verfallen und in dieser Ichverhaftung
in allen Dingen
das Ihre suchen: ihren Nutzen, ihre Lust, ihren Trost, ihre Bequemlichkeit oder
Ehre. Sie sind so in
ihr Ich versponnen und versenkt, daß sie in allen Dingen, selbst in Gott, das Ihre
suchen und nichts
anderes. Was findet man, wenn man bei ihnen in den Grund sieht? Was sich als
Heiligkeit gebärdet,
ist leerer Schein.
Wie schwer sind solche Menschen aus dem Gefängnis des Ich zu befreien! Wenn man so
an sich
selbst hingegeben ist – wer kann da helfen? Wohl niemand außer Gott. Aber wenn
solchen
Menschen das, was sie lieben, genommen wird, ihre Bequemlichkeit oder ein Freund,
ein Gut oder
sonst etwas, an dem ihr Ich hängt, bedenken sie Gott mit zornigen oder anklagenden
Worten, statt
den Schritt von der Ich-Liebe zur Selbst-Erkenntnis zu tun.
Die dritte Fessel ist die des Verstandes. Das ist eine schwere Fessel, weil die
darin Gefangenen
alles, was im Geiste geboren werden sollte, mit dem Verstande beleuchten, es sei
eine Wahrheit oder
eine Erkenntnis gleich welcher Art, damit sie darüber reden können und dadurch
etwas scheinen
und erhöht" werden. Sie sind reich an beleuchtenden Worten, aber gering an
Erleuchtung und
lebendigen Werken.
Auch die Vorbilder Christi fassen sie nur mit dem Verstande. Würden sie sie in das
göttliche Licht
der Vernunft tragen, dann würden sie erkennen, daß ihre Meinung im Vergleich zur
Wirklichkeit so
winzig und unbedeutend ist wie ein Talglicht gegenüber der Sonne. Gleichermaßen ist
alles
natürliche Licht gering gegenüber dem göttlichen Lichte.
Diesen Unterschied gilt es zu erkennen:
Das natürliche Licht des Verstandes scheint nach außen, in eitler Selbstspiegelung,
im Ruhm der
Leute, im Urteil anderer Menschen. Es lenkt alles nach außen und führt zur
Zerstreuung der Sinne
und des Gemüts.
Das göttliche Licht hingegen neigt sich ganz nieder und einwärts in den Grund, und
der, in dem es
leuchtet, dünkt sich der Geringste. Und das ist recht: denn ist etwas da, so ist es
gänzlich Gottes.
Das göttliche Licht lenkt alles nach innen, nicht nach außen. Es weist stets auf
den inwendigen
Grund, aus dem es geboren ist. Dorthin strebt und leitet es mit aller Kraft. Alles
Tun eines solchen
Menschen geht nach innen, zum Ursprung.
Darum ist ein großer Unterschied zwischen denen, die die Schrift lesen, und jenen,
die sie leben.
Die sie mit dem Verstande lesen, wollen erhöht und geehrt sein, und sie verachten
und verdammen
jene, die danach leben. Sie verstehen nicht das Wort des Paulus: "Die Schrift
tötet, aber der Geist
macht lebendig."
Die vierte Fessel ist die der Freuden des Geistes. In diesen verirrt sich so
mancher Wahrheitssucher,
indem er die Gewinne auf dem Wege zur Höhe mehr amtet als den Weg selbst und das
Ziel, so daß
er sich ganz diesen gewonnenen Kräften und Vermögen hingibt, sie festhält und sie
mit Lust zu
besitzen und auszubauen sucht. So erliegt er den Freuden des Geistes, statt Gott zu
fassen.
Ob einer sich den Lockungen auf dem Wege überlassen hat und infolgedessen still
steht, oder ob er
auf dem Wege zu Gott voranschreitet, kann man daran prüfen, ob er in Unruhe und
Unfrieden gerät,
wenn die gewonnenen Freuden schwinden und wegfallen, oder ob er Gott alsdann genau
so dient
und ihm hingegeben bleibt, als wenn er sie hätte. Wenn Gott ihm mit wie ohne diese
Freuden
einziges Ziel bleibt, ist er auf dem rechten Wege; nicht aber, wenn es ihm allein
um die erlangten
Gaben und Erleuchtungen geht.
Die fünfte Fessel ist die des Eigenwillens, der so weit gehen kann, daß er auch in
allen göttlichen
Dingen und in Gott selbst seinen eigenen Willen haben und durchsetzen will. Von
dieser starken
Fessel wird nur frei, wer sich besinnt und entscheidet: "Nicht nach meinen Gaben
und meinem
Willen geschehe es, sondern wie Du, Gott, willst, so nehme ich es und will ich es;
und was Du nicht
willst, das will ich gern lassen und entbehren."
Wenn man so in rechter Gelassenheit alles läßt, wonach der Eigenwille giert,
empfängt und hat man
mehr, als wenn man nach eigenem Willen nimmt und hat.
Unendlich nützlicher als alles, was der Mensch nach eigenem Willen erlangen und
haben kann, ist
ihm, sich zu lassen und Gott machen zu lassen, alles in rechter Gelassenheit zu
haben und dabei
dem Eigenwillen zu entsagen. Darum ist mir ein gelassener Mensch mit weniger
Scheinen und
weniger Werken lieber als ein nach Ansehen und Werken hochstehender Mensch, der
weniger
gelassen ist.
Als Jesus unter den Jüngern weilte, liebten ihn die Menschen so sehr, daß sie vor
lauter Liebe zu
ihm nicht zur Gottheit gelangen konnten. Darum sprach er: "Es ist euch nützlich,
daß ich von euch
fahre, sonst kann der Heilige Geist, der Tröster, nicht zu euch kommen."
Da mußten sie noch vierzig Tage warten, bis er gen Himmel fuhr, um ihr Gemüt mit
sich zu führen
und es von allen Fesseln frei und himmlisch zu machen, und danach noch zehn Tage,
bis ihnen der
Heilige Geist gesendet wurde, der wahre Tröster, und sie den, den sie noch außen
suchten und
erwarteten – Christus –, in sich fanden.
Was für die Jünger Tage waren, mögen für uns Jahre sein:
Wir mögen versuchen, was wir wollen, wir finden zu unserem inneren, göttlichen
Menschen und zu
wahrem Frieden kaum vor dem vierten Jahrzehnt. Es hängen so viele Fesseln an uns
und die Natur
treibt uns in jungen Jahren bald hierhin, bald dorthin; und es geschieht oft, daß
die Natur regiert, wo
wir wähnen, es sei Gott. Deshalb finden wir nicht zu vollkommenem Frieden, bevor
unsere Zeit
gekommen ist.
Und alsdann müssen wir nochmals zehn Jahre warten, bevor uns der Heilige Geist, der
Tröster,
zuteil wird. Wie die Jünger eingeschlossen, versammelt und innerlich eins waren und
warteten, so
müssen wir es halten: auch, wenn wir mit den Jahren zur Besonnenheit gelangten,
unseres inneren
Menschen gewiß geworden sind und den äußeren Menschen so ziemlich überwunden haben,
müssen wir noch ein Jahrzehnt geduldig harren, bis uns der Geist zuteil wird, der
uns alle Wahrheit
lehrt.
In diesem Jahrzehnt sollen wir oft in uns einkehren und dabei hineinsinken und uns
gänzlich
hineingeben in den inwendigen lichten göttlichen Grund, wo der göttliche Funke in
uns immerfort
in seinen Ursprung zurückfließt, aus dem er entsprungen ist.
Wo solcher Rückstrom in rechter Weise geschieht, da ist in einem Augenblick alle
Schuld gänzlich
bezahlt, alle Sonderung und Sünde aufgehoben, würde sie auch die Schuld aller
Menschen von
Anbeginn an umfassen, und alle Seligkeit wird eingegossen in diesem Augenblick, da
der Mensch
gänzlich vom göttlichen Licht erfüllt und durchgottet wird.
Daß uns solche Befreiung von den Fesseln der Zeitlichkeit gelinge und der Geist und
das Licht
Gottes uns gänzlich erfülle, dazu helfe uns Gott!