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GBH Freiburg - Deeper 25.6.2019


Kontemplation Teil1 ‚Langzeitbelichtung‘

Folie 1

Im März 2017 gab es hier bei Deeper eine dreiteilige Lehre zum
Thema 'Die Schätze christlicher Mystik'. Das kann man auf der
GBH-Soundcloud Webseite anhören. Damals wurden auch die
Grundlagen für unser Thema heute Abend gelegt.

Heute gibt es also keine Wiederholung von dem was schon


gesagt wurde, sondern wir werden mögliche Auswirkungen der
Kontemplation bedenken.

Eigentlich kann man über die Kontemplation direkt nicht reden.


Es geht um eine unmittelbare Erfahrung der Gegenwart Gottes,
um ein Aufschauen zu Jesus in und durch Stille und Schweigen.
Wir öffnen uns dem heiligen Geheimnis Gottes mit einem liebenden
Blick um dem Geist Gottes in den Kammern unseres Herzens
Raum zu geben. Meister Eckhart spricht von einem
'Seelenfünklein', welches durch ruhiges Verweilen, also durch
Gemeinschaft genährt wird. Das kann man mit Worten nur schwer
vermitteln, denn Kontemplation ist die höchste Form (und daher
kaum zu beschreibenden) menschlicher Aktivität. Es ist Gebet in
seiner natürlichsten und einfachsten Form, da es ohne Worte
geschieht.

Wir stellen noch einmal fest: Gottesbegegnung ist immer eine


liebevolle Gnadenzuwendung Gottes, eine Initiative des
dreieinigen Gottes. Wir können durch Kontemplationsübung den
Boden bereiten, die Zeit für Stille freischaufeln, aber die
unmittelbare Erfahrung kann man nicht 'machen'. Es ist also alles
andere als unsere meditative Leistung, sondern ruhiges und
entschiedenes Aufschauen auf den Lebendigen. ('L' gross
geschrieben)

Weiterhin ist die Kontemplation im GBH Freiburg in eine gesunde


Mischung verschiedener Gebetsformen eingebettet. Wer unseren
Wochenplan studiert findet Ausgewogenheit. Von intensivem
Gebet der Fürbitte für besondere Themen wie z.B. die Verfolgung
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von Christen oder Themen aus den Weltnachrichten, über Zeiten


der Bibelbetrachtung mit dem 'Harp & Bowl' Model, bis hin zu
Zeiten der Anbetung mit Liedern ist alles zu finden. Kontemplation
ist nur eine Farbe in dem großen Bild des Gebets.
Gemeinschaft, gemeinsames Beten ist wichtig und gut. Die Bibel
betend betrachten ist gut. Aber: Schöne Erfahrungen durch
gemeinsames Singen kann man auch in einem Chor machen. Das
Wort Gottes kann man auch ganz nüchtern und analytisch
betrachten. Der christliche Glaube ist aber immer auch um ein
Suchen nach Unmittelbarkeit. Paulus sagt dass er das
Evangelium dass er predigt nicht von Menschen empfangen hat.
Es wäre falsch einen Hype zu machen oder die Kontemplation als
elitäres Wunderrezept zu verkaufen.

Das Thema des heutigen Abends ist die ‚Langzeitbelichtung‘.

Wir wohnen seit über 5 Jahren in Eisenbach im Hochschwarzwald.


Direkt hinter unserem Haus beginnt der Wald in dem ich mehrmals
in der Woche Gebetsspaziergänge mache. Inzwischen kenne ich
den Wald sehr gut, er ist ‚in mir‘. Die verschiedenen Grüntöne, der
Geruch von Harz, die Jahreszeiten im Wald, alles hat sich über die
Zeit in mich eingeprägt. Wenn man morgen den Wald abholzen
würde wäre er immer noch da, so lange wie Verstand in meinem
Kopf und Atem in meiner Lunge ist. Diese Einprägung von vielleicht
einem Quadratkilometer der Oberfläche unseres Planeten geschah
nicht über Nacht, aber jetzt trage ich ihn mit mir herum, es ist in
mich hineingebrannt und mental vielschichtig abrufbar.

Genau das gleiche kann bei anhaltender Betrachtung von dem


passieren, den wir heute zurecht Jesus Christus nennen. Bei
anhaltender Langzeitbelichtung beginnt sich ein Bild in uns
abzuzeichnen, ein Wohlgeruch in uns auszubreiten, eine
Landkarte geistlicher Wahrheit. Dazu einen Vergleich:

Folie 2 HDF

Ihr seht hier das 'Hubble Deep Field' Bild. Das Weltraumteleskop
wurde auf einen sehr kleinen, vermeintlich 'schwarzen' und 'leeren'
Fleck des Sternenhimmels gerichtet. Hier ein paar
Hintergrundinformationen:

Das HDF ist ein Bild eines kleinen Teils des Sternenhimmels, das im
Dezember 1995 mit dem Hubble-Weltraumteleskop mit maximaler
damals technisch möglicher Auflösung aufgenommen wurde. Für
das Hubble Deep Field wurde ein Bereich im Großen Bären
ausgewählt, der relativ frei von störenden Sichteinflüssen und
umgebenden hellen Sternen ist. Das Gebiet hat eine Kantenlänge
von 144 Bogensekunden, das ist in etwa der Winkel, unter dem ein
Tennisball in 100 m Entfernung erscheint. Das Bild ist eine
Überlagerung von 342 Einzelbildern, die im Verlauf von zehn Tagen
aufgenommen wurden. Das Gebiet ist so klein, dass sich darin nur
wenige Sterne der Milchstraße befinden. Alle anderen Objekte sind
Galaxien.

Durch die Langzeitbelichtung wurde auf einmal etwas


faszinierendes sichtbar gemacht, nur durch das lange Verweilen
auf einen Punkt wurden etwa 3000 klar erkennbare Galaxien
sichtbar, jede eine Ansammlung von Millionen oder sogar Milliarden
Sternen. Da wo anscheinend nichts war ist durch die
'Kontemplation' des Hubble Teleskops bisher verborgene
Schönheit und Fülle sichtbar geworden.

Folie 3 Langzeitbelichtung

Mit Langzeitbelichtungen kannst du Abläufe wie die Erdrotation


sichtbar machen, (Die Sterne des Himmels werden dann zu
Streifen) die dem Auge sonst verborgen bleiben. Normalerweise
können wir die Bewegung unseres Planeten nicht unmittelbar
wahrnehmen, wir können nur feststellen dass Stunden später die
Sterne an einer anderen Position stehen. Bei der Kontemplation
geht es ebenfalls um unmittelbare Wahrnehmung.

Langzeitbelichtungen erlauben taghelle Bilder in der Nacht. Die


Bewegungen des Wassers bilden weiche Oberflächen. Die
unruhigen Bewegungen unseres Alltags bestehen weiterhin,
verschwimmen aber so dass wir uns intensiver auf das
eigentliche Motiv fokussieren können.

Eine Langzeitaufnahme ist kein Schnappschuss sondern der


Fotograf wählt sein Motiv sorgfältig und mit Überlegung und
bereitet seine Aufnahme gut vor.
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Folie 4 Sei stille dem Herrn. Hier ein LZB Vers:

Sei stille dem HERRN und warte auf ihn. (LUT)


Warte still und geduldig darauf, dass der HERR eingreift! (HFA)
Überlass dich ruhig dem Herrn und warte, bis er eingreift. (NGÜ)
Psalm 37,7

In der Kontemplation lernen wir mit den Augen unseres Herzens,


unserem inneren Menschen, unserem von Gott durch Gnade
erneuerten Geist die Bedeutung der 'geistlichen'
Langzeitbelichtung. Wir wählen unser Motiv, Jesus Christus, mit
Bedacht aus, betrachten genau seine Menschwerdung, sein Leben,
seinen Tod, seine Auferstehung und sein Wiederkommen.

In unserer Zeit ist es wichtiger als je zuvor unsere


Aufmerksamkeitsspanne auszuweiten. Eine Studie von Microsoft
spricht sogar von der 'Generation Goldfisch'. Angeblich kann sich
inzwischen ein Goldfisch länger auf eine Sache konzentrieren als
der moderne digitalisierte Mensch des 21ten Jahrhunderts. Wir
leben in einer sich rasend schnell verändernden Zeit in der uns
täglich eine Menge von Information überrollt. So viele Snapshots
jeden Tag und so wenig geübt in der Langzeitbelichtung.

Wir werden jetzt in eine biblische Geschichte mit


Langzeitbeobachtung einsteigen:

Folie 5 Bild Karmel

Der Karmel, abgeleitet von kerem el, „Weingarten Gottes“ ist ein
Gebirge im Norden Israels. In den Tälern werden Wein, Orangen,
Bananen, Feigen und andere Früchte angebaut. Die reiche grüne
Vegetation des Carmel mit ihren seltenen Blumen, dem Duft der
Orangen und Oliven wird bereits in alten Chroniken gepriesen.

Jes. 35,1-2 Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe
wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. Sie wird blühen und
jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr
gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die
Herrlichkeit des HERRN, die Pracht unsres Gottes.

Der Karmel ist also ein Ort der Fruchtbarkeit und Schönheit, Der
Duft von Orangenblüten und Wildblumen soll die Kammern
unseres Herzens erfüllen:

Folie 6 Elia und der Regen

Zuerst ein kleiner Ausflug in die Grundlagen der Exegese:

Die Autoren des neuen Testaments (besonders deutlich im


Hebräerbrief) und auch die Wüsten- und Kirchenväter haben eine
faszinierende Art das AT auszulegen. Die ganzen alten Schriften
werden auf Christus hin gedeutet.

Die Gestalten denen wir begegnen erzählen Geschichten von


Dingen die heute in uns, und in unserer Mitte geschehen. Wenn
die Bibel nur ein historischen Geschichtsbuch oder Lehrbuch wäre,
was für eine konkrete Relevanz hätte sie dann heute für uns? Das
Hohelied wird auf Christus und die Gemeinde gedeutet. Auf
Jesus und unser Herz. Dabei ist es im eigentlichen Sinn 'nur' ein
fast 3000 Jahre altes wunderbares Liebesgedicht.

Paulus stellt allegorisch Hagar und Sarah (Gal. 4,21-31) gegenüber,


also den alten und neuen Bund der Christen. Er deutet den Exodus
und das Wasser aus dem Felsen bei Mose (1.Kor. 10,1-4) auf die
christliche Taufe. Die Geschichte des Exodus auf die Taufe
auszulegen ist definitiv allegorisch, also gleichnishaft.

Jesus spricht vom "Geheimnis des Reiches Gottes" (Mk 4,11) in


dem Gleichnis vom Sämann in Mk 4,13-20. Dabei handelt es sich
um eine allegorische Deutung.

Er deutet die erhöhte Schlange die Moses in der Wüste aufrichtet


um die Israeliten zu heilen (Johannes 3,14-15: 'Und wie Mose in der
Wüste die Schlange erhöhte, so muß der Sohn des Menschen
erhöht werden damit jeder, der an ihn glaubt, ewiges Leben habe'.
Er selber legt die Schlange als Bild für sich selbst aus. Der Blick
auf die Schlange heilte die Menschen. Genau so wird der Blick
auf den Gekreuzigten den Gläubigen ewiges Leben schenken.
Diese geistliche aktuell relevante (das geht uns etwas ans)
Interpretation, Auslegung und Deutung geht weit über die
eigentliche Geschichte hinaus.

So werden wir jetzt versuchen die Geschichte von Elia und dem
Regen für uns im Kontext von aufmerksamer und anhaltender
Beobachtung zu deuten. Die Geschichte spielt im 9Jhd. vor
Christus am Ende einer dreijährigen Dürreperiode, das Land war
komplett ausgetrocknet. Zuerst der Text:

Dann sagte Elia zu Ahab (Dem König von Israel): »Geh und lass dir
etwas zu essen und zu trinken bringen, denn gleich fängt es an zu
regnen; ich höre es schon rauschen!« Während Ahab aß und
trank, stieg Elia zum Gipfel des Karmel hinauf. Dort oben kniete er
nieder, verbarg das Gesicht zwischen den Knien und betete.
(Steht nicht im hebr. Grundtext) Nach einer Weile befahl er seinem
Diener: »Steig auf den höchsten Punkt des Berges und blick über
das Meer! Dann sag mir, ob du etwas Besonderes siehst.« Der
Diener ging, hielt Ausschau und meldete: »Kein Regen in Sicht!«
Doch Elia schickte ihn immer wieder: »Geh, sieh noch einmal nach!«
Endlich, beim siebten Mal, rief der Diener: »Jetzt sehe ich eine
kleine Wolke am Horizont, aber sie ist nicht größer als eine
Hand.« Da befahl Elia: »Lauf schnell zu Ahab und sag ihm: ›Lass
sofort anspannen und fahr nach Hause, sonst wirst du vom Regen
überrascht!‹« Da kam auch schon ein starker Wind auf, und
schwarze Wolken verfinsterten den Himmel. Es dauerte nicht
mehr lange, und ein heftiger Regen prasselte nieder.
1. Könige 18:41-45 HFA

Hier die Auslegung:

Karmel - Der Berg Gottes in uns, der fruchtbare Ort der


Begegnung. Da wo Himmel und Erde sich berühren. Unser innerer
Mensch, der durch die Neugeburt belebte Geist des Menschen.
Das ist der Ort wo der Duft des Christus in den Kammern unseres
Herzens Einzug hält.

Das Meer - die Unendlichkeit, der Ozean der Heiligkeit und Gnade
Gottes.

Die Wolke und der Regen - Ist wenn ganz real und ganz praktisch
das, was sich aus dem Meer der Gnade, der Liebe und Kraft
Gottes, heraushebt. Dass lebendigen Wassers welches das dürre
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Land deiner Seele, deiner Gemeinde, deiner Stadt usw. tränkt und
die Voraussetzung für neues Leben schafft. (Bild auf den heiligen
Geist)

Elia - Der neue Mensch, der Christus in dir, die neue Schöpfung
Gottes.

Diener - (chronologisch nicht Elisa, da der erst ein Kapitel später


berufen wird) Das sind die Sinne, unsere Fähigkeit Dinge
wahrzunehmen, innerlich und äußerlich. Ihn schickt Elia los nach
dem Anzeichen des kommenden Regens zu suchen. Das heißt wir
lassen uns nicht vom Gebet abhalten oder ablenken und rennen
die ganze Zeit den Berg rauf- und runter um zu sehen ob eine
Wolke erscheint.

Früher hab ich mir diese Geschichte so vorgestellt dass Elia mit
verbissenem Gesicht und fast unendlich ausharrender
Gebetspower die kleine Wolke und den Regen mühsam unter
Einsatz 'vollmächtigen' Glaubens herauspresst. Natürlich wissen
wir nicht wie er gebetet hat. Sicher mit Leidenschaft und mit viel
Sehnsucht.

Auf jeden Fall hörte er schon vorher den Regen und was noch zu
tun übrig blieb, ist in einer Haltung der Anbetung (er kniet nieder
und verbirgt sein Gesicht zwischen den Knien, so ähnlich wie wir
das im Gebetsraum oft auf dem 'Bänkle' machen) Psalm 37,7 zu
praktizieren:

Sei stille dem HERRN und warte auf ihn. (LUT)


Warte still und geduldig darauf, dass der HERR eingreift! (HFA)
Überlass dich ruhig dem Herrn und warte, bis er eingreift. (NGÜ)

Im Licht unseres Themas war alles ‚nur‘ noch eine Frage der
aufmerksamen und geduldigen Beobachtung, einer
Langzeitbelichtung bis das bisher Unsichtbare sichtbar und
erfahrbar (der Regen) wurde. Kontemplation hat nichts mit
Passivität zu tun, es ist ein aufmerksames achthaben auf den
Anfänger und Vollender unseres Glaubens: Jesus Christus.

Folie 7 Wasser des ewigen Lebens

Wir haben gesagt dass Jesus selbst das Motiv unserer


Langzeitbetrachtung in der Kontemplation ist.

Hören wir seine Worte im Kontext der Geschichte von Elia:

»Wer Durst hat, der soll zu mir kommen und trinken! Wer an
mich glaubt, wird erfahren, was die Heilige Schrift sagt: Von
seinem Inneren wird Leben spendendes Wasser ausgehen wie
ein starker Strom.« Damit meinte er den Heiligen Geist, den alle
bekommen würden, die an Jesus glauben. Jo. 7:37-39 HFA
Jesus erwiderte: »Wer dieses Wasser trinkt, wird bald wieder durstig
sein. Wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der
wird nie wieder Durst bekommen. Dieses Wasser wird in ihm
zu einer nie versiegenden Quelle, die ewiges Leben schenkt.
Johannes 4:13-14 HFA

Folie 8 Outro

Dieser Impuls heute Abend war eine Einladung zur Kontemplation,


also dem Christus in uns und in unserer Mitte durch ausreichend
lange Stille Raum zu geben. Er ist das Leben spendende Wasser,
die kleine Wolke, so gross wie die Hand eines Menschen am
Horizont die plötzlich und nicht gleich sichtbar wird und dann zu
einem starken Strom in unserem dürren Land wird. Jesus selbst
schenkt dann das nie versiegende Wasser, welches in das ewige
Leben hineinführt.

Mit einem Schnappschuss und einem schnellen 'Jesuspost'


Instagram- oder Facebookgebet ist es nicht getan, kann das
zuerst Unsichtbare nicht sichtbar werden, und das Bild des
Lebendigen sich nicht deutlich in uns ausformen und
einprägen.

Wir sind herzlich eingeladen auf den Berg Karmel in uns


hinaufzusteigen, den Duft der Orangenblüte und der Wildblumen
einzuatmen, dann oben zu knien, anzubeten und ihm ‚stille zu sein‘.
und geduldig, voller Vertrauen auf ihn, das lebendige Wasser, zu
warten. Einfach im Kämmerlein, der Abstellkammer für drei Minuten
an unserem Arbeitsplatz zu beten: ‚Herr Jesus Christus, Sohn
Gottes erbarme dich meiner’.