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LYRIK BALLADEN DEUTSCH

DIE LYRIK

Die rhythmische Gestaltung

Der Vers

Als Vers bezeichnet man die Zeile eines Goethes Gedicht Ein gleiches beginnt mit zwei Sätzen, die
Gedichts. Die Länge ist bewusst vom Autor fünf Verse gestalten:
gewählt und steht zur Aussagekraft des »Über allen Gipfeln
Gedichts in enger Beziehung. Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Der erste Buchstabe wird unabhängig von den Spürest du
geltenden Rechtschreibregeln häufig groß
geschrieben. Kaum einen Hauch; (…)«

Die Strophe

Als Strophe bezeichnet man einen In Heinrich Heines Ballade Belsazar besteht jede Strophe
Gedichtabschnitt, der in der Regel aus aus zwei Versen:
mehreren Versen besteht. »Die Mitternacht zog näher schon;
Eine Strophe ist durch einen Absatz von der In stummer Ruh lag Babylon.
nächsten Strophe (den folgenden Versen)
getrennt. Nur oben in des Königs Schloss,
Da flackerts, da lärmt des Königs Tross. (...)«

Zeilenstil

Das Ende einer syntaktischen Einheit, zum »Die Blätter fallen, fallen wie von weit
Beispiel ein Hauptsatz oder ein Nebensatz, als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
stimmt mit dem sie fallen mit verneinender Gebärde.«
Versende überein. (Rainer Maria Rilke, Herbst)

Die klangliche Gestaltung

Der Reim

Endreim a »Es ist schon spät, es wird schon kalt,


Häufig werden die einzelnen Verse durch einen a Was reist du einsam durch den Wald?
Endreim miteinander verbunden. Endreime werden b Der Wald ist lang, du bist allein,
durch Kleinbuchstaben (a, b, c, etc.) b Du schöne Braut! Ich führ dich heim!«
gekennzeichnet, wobei die reimenden Verse (Joseph von Eichendorff, Waldgespräch)
denselben Buchstaben erhalten.

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Reiner Keim »Die Mitternacht zog näher schon;


Zwei Wörter reimen sich, wenn sie vom letzten In stummer Buh lag Babylon.
betonten Vokal an gleich klingen. In Heinrich Nur oben in des Königs Schloss,
Heines Gedicht »Belsazar« bestehen die Endreime Da flackerts, da lärmt des Königs Tross.«
der ersten beiden
Strophen aus reinen Reimen.

Unreiner Keim »(...) Und er brüstet sich frech, und lästert wild:
So bezeichnet man den annähernden Gleichklang Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.«
von Lauten. Der Endreim ist hier ein unreiner
Reim.

Das Reimschema

Paarreim / umarmender Reim a »Immer enger, leise, leise,


Theodor Fontane hat in seinem Gedicht »Ausgang« a Ziehen sich die Lebenskreise,
einen Paarreim (na) mit einem umarmenden b Schwindet hin, was prahlt und prunkt,
(umschließenden) Beim (bccb) kombiniert. c Schwindet Hoffen, Hassen, Lieben,
c Und ist nichts in Sicht geblieben
b Als der letzte dunkle Punkt.«

Kreuzreim a »Schläft ein Lied in allen Dingen,


In Joseph von Eichendorffs „Wünschelrute“ reimt b Die da träumen fort und fort,
sich jeder Vers mit dem übernächsten (abab). a Und die Welt hebt an zu singen,
Dadurch wirkt der Kreuzreim spannender. b Triffst du nur das Zauberwort.«

Schweifreim

Annette von Droste-Hülshoff hat die erste a »Als jüngst die Nacht dem sonnenmüden Land,
Strophe ihres Gedichts »Im Moose« mit dem a Der Dämmrung leise Boten hat gesandt,
Schweifreim (aabcb) gestaltet. Der Schweif- b Da lag ich einsam noch im Moose.
reim eignet sich besonders für sechszeilige c Die dunklen Zweige nickten so vertraut,
Strophen und bewirkt eine Zweiteilung der c An meiner Wange flüsterte das Kraut,
Strophe (Paarreim + umarmender Reim) b Unsichtbar duftete die Heiderose.«

Waise

Als Waise (x) bezeichnet man einen a »Frühling lässt sein blaues Band
ungereimten Vers in einem sonst gereimten b Wieder flattern durch die Lüfte:
Gedicht. Sie erregt hierdurch besondere b Süße, wohlbekannte Düfte
Aufmerksamkeit. a Streifen ahnungsvoll das Land.
In Eduard Morikes Gedicht »Er Ist s« c Veilchen träumen schon
durchbricht die Waise den Kreuzreim durch d Wollen bald kommen
einen freudigen Ausruf in dem die Ankunft des c — horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühlings verkündet wird. x Frühling, ja du bist‘s!
d Dich hab ich vernommen.«

Die Klangelemente

Der Klang in einem Gedicht wird nicht nur durch den Heim und das Reimschema bestimmt, sondern
oft auch durch das Prinzip der Wiederholung eines Wortes oder eines Lautes.

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Assonanz: Als Assonanz bezeichnet man den »Ich wandre durch die stille Nacht,
Gleichklang der Vokale, wenn die Konsonanten Da schleicht der Mond so heimlich sacht
unterschiedlich sind. Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
In Eichendorffs Gedicht »Nachts« gibt es Und hin und her im Tal
sowohl eine Assonanz im zweiten Vers als auch Erwacht die Nachtigall,
zwischen den beiden Reimpaaren Nacht/sacht Dann wieder alles grau und stille.«
und Tal/Nachtigall.

Stabreim (Alliteration): In einem Satz Kind und Kegel


beginnen zwei oder mehrere Wörter mit in Wald und Wiese
demselben Anlaut.

Binnenreim: Die Wörter innerhalb eines »wenn in Wecken Schnecken stecken, wenn die Meise
Verses reimen sich. leise weint, (...)«

Lautmalerei (Onomatopöie): miau, kikeriki, töff töff, Kuckuck


Laute/Geräusche werden mit sprachlichen
Lauten nachgeahmt

STILMITTEL

Rhetorische Figuren

Rhetorische Figuren sind nicht nur für den Rhythmus eines Gedichts von Bedeutung, sondern natürlich auch
für dessen Inhalt. Schon seit der Antike wird die Lehre von den Stilmitteln der Rhetorik intensiv betrieben.
Auch heute noch sind diese Kenntnisse unerlässlich zum Verständnis von Dichtung. Das besondere
Kennzeichen lyrischer Texte ist das so genannte uneigentliche Sprechen. Der Dichter drückt sich anders aus,
als wir es in der Alltagssprache gewohnt sind. Er verwendet besondere Stilmittel, um sein Gedicht sprachlich
zu gestalten. Die rhetorischen Figuren sind der Schlüssel zum Verständnis der „lyrischen Sprache“.

Hier nur eine kleine Auswahl der wichtigsten rhetorischen Mittel:

Apostrophe
Unter einer Apostrophe versteht man die Anrede von Dingen und Abstrakta z.B. „Frühling, ja, du bist‘s!“

Allegorie
Die Allegorie ist die bildhaft belebte Veranschaulichung eines abstrakten Begriffs.
abstrakter Begriff: Tod bildhafte Veranschaulichung: Sensemann

Aufzählung (Anhäufung)
Anhäufung thematisch zusammengehörender Wörter unter einem genannten oder nicht genannten Oberbegriff.
Bsp.: Feld, Wald und Wiesen / Sonne, Mond und Sterne

Bild
Darunter versteht man die zusammenfassende Bezeichnung für alle bildlichen (uneigentlichen)
Ausdrucksweisen in der Lyrik. Somit ist das Bild der Oberbegriff für eine Vielzahl anderer rhetorischer Figuren,
wie z.B. Metapher oder Vergleich.

Euphemismus (Beschönigung)
Etwas Negatives wird durch eine positive Bezeichnung beschönigt, z.B. „entschlafen“ statt „sterben“.

Hyperbel
Eine Hyperbel ist eine Übertreibung sodass die Aussage wörtlich genommen nicht mehr zutreffend ist, z.B.
„das hab ich dir schon tausendmal gesagt“.

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Ironie
Entgegen denn wörtlich Ausgesagten meint der Sprecher das genaue Gegenteil,
z.B. „das ist ja eine schöne Bescherung“.

Kontrast
Dieser ergibt sich aus Gegensätzen. Diese können die Grösse (riesig – winzig), die Farbgebung (schwarz –
weiss), die Schattierung (dunkel – hell), die Beschaffenheit (hart – weich) oder viele andere Bereiche
betreffen.

Metapher
Metapher wird häufig als wichtigstes rhetorisches Mittel angesehen. Dabei wird ein Wort aus seinem
gebräuchlichen Sinnzusammenhang genommen und in andere Zusammenhänge eingefügt, sodass es eine
neue Bedeutung erhält, z.B. „der Sonnenuntergang des Lebens“.

Oxymoron
Hier werden Begriffe miteinander kombiniert, die sich eigentlich widersprechen,
z.ß. „bittere Süße“.

Parallelismus
Satzglieder werden in aufeinander folgenden Sätzen in gleicher Weise angeordnet, z.B. „weiss wie Schnee,
schwarz wie Ebenholz“.

Personifikation
Abstrakten Begriffen, Nichtlebendigem, Tieren, Pflanzen, etc. werden Eigenschaften oder Verhaltensweisen
zugeschrieben, die nur Menschen zukommen, z.B. „der Wald schweigt still“.

Steigerung
Kennzeichen ist häufig die Komparativform eines Adjektivs. Allgemein geht es um die Verstärkung eines
schwächeren Begriffs oder Ausdrucks. Bsp.: Er kam, sah und siegte. / Ich wartete. Ich wartete einen Tag,
einen Monat und noch ein Jahr. / Nass und nässer!

Symbol: Ein Symbol ist ein wahrnehmbares, anschauliches Zeichen oder Sinnbild, das etwas vergegenwärtigt, was
im Augenblick oder überhaupt nicht anschaulich zu machen ist. Manche dichterischen Werke sind um ein bestimmtes
Dingsymbol gestaltet.

Vergleich
Beim Vergleich wird durch den Gebrauch „wie“, „als ob“ u.Ä. eine Verbindung zwischen zwei Bereichen
hergestellt, die etwas gemeinsam haben, z.B. „rot wie Blut“.

Wiederholung
In Gedichten ein sehr häufig angewandtes Stilmittel, um die Bedeutung einzelner Wörter oder Wortgruppen
hervorzuheben. Nicht selten werden auch ganze Verse wiederholt.
Stehe, stehe! / Wehe! Wehe! / Und läuft und läuft!

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John Maynard (Theodor Fontane)


Der Zugwind wächst, doch die Qualmwolke steht,
John Maynard! Der Kapitän nach dem Steuer späht,
"Wer ist John Maynard?" Er sieht nicht mehr seinen Steuermann,
Aber durchs Sprachrohr fragt er an:
"Noch da, John Maynard?"
"John Maynard war unser Steuermann, "Ja, Herr. Ich bin."
Aushielt er, bis er das Ufer gewann, "Auf den Strand! In die Brandung!"
Er hat uns gerettet, er trägt die Kron, "Ich halte drauf hin."
Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn. Und das Schiffvolk jubelt: "Halt aus! Hallo!"
John Maynard." Und noch zehn Minuten bis Buffalo. –

Die "Schwalbe" fliegt über den Eriesee, "Noch da, John Maynard?" Und Antwort schallt's
Gischt schäumt um den Bug wie Flocken von Mit ersterbender Stimme: "Ja, Herr, ich halt's!"
Schnee; Und in die Brandung, was Klippe, was Stein,
Von Detroit fliegt sie nach Buffalo - Jagt er die "Schwalbe" mitten hinein.
Die Herzen aber sind frei und froh, Soll Rettung kommen, so kommt sie nur so.
Und die Passagiere mit Kindern und Fraun Rettung: der Strand von Buffalo!
Im Dämmerlicht schon das Ufer schaun,
Und plaudernd an John Maynard heran
Tritt alles: "Wie weit noch, Steuermann?"
Der schaut nach vorn und schaut in die Rund: Das Schiff geborsten. Das Feuer verschwelt.
"Noch dreißig Minuten ... Halbe Stund." Gerettet alle. Nur einer fehlt.
Alle Glocken gehn; ihre Töne schwell'n
Himmelan aus Kirchen und Kapell'n,
Ein Klingen und Läuten, sonst schweigt die Stadt,
Alle Herzen sind froh, alle Herzen sind frei - Ein Dienst nur, den sie heute hat:
Da klingt's aus dem Schiffsraum her wie Schrei, Zehntausend folgen oder mehr,
"Feuer!" war es, was da klang, Und kein Aug im Zuge, das tränenleer.
Ein Qualm aus Kajüt und Luke drang,
Ein Qualm, dann Flammen lichterloh,
Und noch zwanzig Minuten bis Buffalo.
Sie lassen den Sarg in Blumen hinab,
Mit Blumen schließen sie das Grab,
Und mit goldner Schrift in den Mamorstein
Schreibt die Stadt ihren Dankspruch ein:
Und die Passagiere, buntgemengt, "Hier ruht John Maynard! In Qualm und Brand
Am Bugspriet stehn sie zusammengedrängt, Hielt er das Steuer fest in der Hand,
Am Bugspriet vorn ist noch Luft und Licht, Er hat uns gerettet, er trägt die Kron,
Am Steuer aber lagert sich's dicht, Er starb für uns, unsre Liebe sein Lohn.
Und ein Jammern wird laut: "Wo sind wir? Wo?" John Maynard!" Theodor Fontane
Das Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo. –

Gedicht bezieht sich auf ein Unglück, das sich am 9. August 1841 ereignete: Der Raddampfer
„Erie“ geriet auf der Fahrt von Buffalo nach Detroit in Brand; von den über 200 Passagieren kamen
die meisten ums Leben, der Kapitän wurde gerettet. Der Steuermann hieß Fuller; er hat das
Steuerrad nicht aus der Hand gegeben und kam mit ziemlicher Sicherheit ebenfalls ums Leben.
Dieses Ereignis wurde am 12. September 1845 sehr frei zu einer Zeitungsstory im „Commercial
Advertiser“ verarbeitet; der Steuermann erhält dabei den Namen John Maynard. Gut 20 Jahre später
hat der Engländer J.B. Gough daraus eine erbauliche Geschichte gemacht, das Sprachrohr als
Verständigungsmittel eingebaut und die Fahrt nach Buffalo stattfinden lassen. 1868 macht der
Schriftsteller Horatio Alger jr. daraus eine Ballade – Fontane kannte vielleicht die beiden letzten
Fassungen des Stoffs
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HEINRICH HEINE

BELSAZAR

Die Mitternacht zog näher schon;


In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloß,


Da flackerts, da lärmt des Königs Troß.

Dort oben in dem Königssaal


Belsatzar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte saßen in schimmernden Reihn,


Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;


So klang es dem störrigen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;


Im Wein erwuchs im kecker Mut,

Und blindlings reißt der Mut ihn fort;


Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

Und er brüstet sich frech, und lästert wild;


Der Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick;


Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;


Das war aus dem Tempel Jehovas geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand


Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund,


und rufet laut mit schäumendem Mund:

Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn -


Ich bin der König von Babylon!

Doch kaum das grause Wort verklang,


Dem König wards heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;


Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! und sieh! an weißer Wand


Da kams hervor wie Menschenhand;

Und schrieb, und schrieb an weißer Wand


Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.

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Der König stieren Blicks da saß,


Mit schlotternden Knien und totenblaß.

Die Knechtenschar saß kalt durchgraut,


Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand


Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsatzar ward aber in selbiger Nacht


Von seinen Knechten umgebracht.

Welche Fragen stellen sich beim Lesen?

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Erste Interpretation:

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Heutiger Gebrauch des Wortes „Menetekel“:


Als Menetekel bezeichnet man eine Unheil verkündende Warnung, einen ernsten Mahnruf oder ein
Vorzeichen drohenden Unheils.

FORMALES

Übung 1: Wie ist diese Ballade aufgebaut? (Strophe, Verse, Reime, dramatische/epische Elemente,
Zeit)

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STILMITTEL

Übung 2: Nenne alle Stilmittel, mit einem oder mehreren Textbeispielen, welche Heinrich Heine in
dieser Ballade verwendet.

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THEMA

Übung 3: Streiche aus der folgenden Themenangabe alle überflüssigen Angaben und formuliere
das Thema in einem Satz.

Die Ballade Belsazar hat Heinrich Heine geschrieben, um vor der menschlichen Überheblichkeit zu
warnen, weil der König, von dem das Gedicht handelt, für seine Gotteslästerung mit dem Leben bezahlt
hat. Daran trägt er allein die Schuld.

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AUFBAU

Übung 4: Die folgende Einteilung ist gar nicht unbedingt falsch, aber viel zu genau und detailliert.
Für die Interpretation ist eine Übersicht über den Handlungs- oder Gedankengang wichtig.

Kürze diese Übersicht auf die vier wichtigsten Teile, bezeichne die entsprechenden Verse mittels
Zahlen.

Situation in der Stadt – Gelage im Schloss – Freude bei den Knechten – zunehmende Trunkenheit des
Königs – Gotteslästerung – Befehl, das Tempelgerät zu holen – Entweihung durch Trinken aus heiligem
Becher – Verhöhnung Gottes – eigenes Erschrecken – Erscheinung der Feuerschrift – Angst der Knechte
– vergeblicher Versuch der Magier – Belsazars Ende

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AUSSAGE PRÄZISIEREN

Übung 5: Natürlich ist die Überheblichkeit Belsazars der hauptsächliche Grund für seine Bestrafung.
Es sind aber noch andere Gründe möglich, z.B. Babylon braucht einen neuen König.

– Hinter dem Mord stecken Agenten der unterlegenen Israeliten.


– Die Knechte sind falsche Freunde: Erst feiern sie mit dem König, und als er einen
schwachen Moment hat, töten sie ihn.
– Jemanden aus der Stadt hat das ewige Feiern gestört, und es gelang ihm, einige Knechte gegen
Belsazar aufzubringen.
– Die Knechte haben selbst Angst bekommen vor einer möglichen Rache Gottes und wollten durch
die Ermordung des Königs drohendes Unheil abwenden.
– Alle Macht ist vergänglich – auch die eines Königs.

Von diesen Begründungen kommen drei zumindest als nebensächliche Gründe in Frage.
Um welche handelt es sich?
Formuliere einen entsprechenden Absatz, der mit folgendem Satz beginnt:

Gründe werden nicht genannt, und ganz verschiedene sind denkbar: …

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AUSSAGEABSICHT UND DEUTUNG

Übung 6: Versuche die Aussageabsicht – Überheblichkeit und ihre Bestrafung – nachfolgend


zusammenzufassen. Es bieten sich folgende Verallgemeinerungen und mögliche Aktualisierungen
an:

– menschlicher Hochmut allgemein, auch gegenüber Mitmenschen


– alle menschliche Herrschaft ist nur relativ und zeitlich begrenzt
– daran denken, dass alles Handeln Folgen hat.

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JOHANN WOLFGANG VON GOETHE

DER ERLKÖNIG
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind.
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -


Siehst Vater, du den Erlkönig nicht!
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? -
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. - Es war im April 1781, als ein
wohlhabender Landwirt, dessen
„Du liebes Kind, komm geh’ mit mir! einziges Kind von einer bösartigen
Krankheit ergriffen worden war, so
Gar schöne Spiele, spiel ich mit dir,
dass keiner der herbeigerufenen
Manch bunte Blumen sind an dem Strand,
Ärzte ihm helfen konnte, dasselbe,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“
auf das sorgfältigste eingehüllt, mit
sich auf sein Pferd nahm und nach
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, Jena ritt, um dort einen durch seine
Was Erlenkönig mir leise verspricht? - Kuren berühmten Professor der
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind, Medizin um Rat zu fragen. Wirklich
In dürren Blättern säuselt der Wind. - kam er glücklich in der
Universitätsstadt an, aber auch der
„Willst feiner Knabe du mit mir geh’n? dortige Arzt erklärte es für ein Ding
Meine Töchter sollen dich warten schön, der Unmöglichkeit, den Knaben zu
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn retten. Trostlos bestieg der Vater
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ mit dem Kinde wieder sein Pferd
und eilte, an dem «Gasthaus zur
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Tanne» in Jena vorbeijagend,
Erlkönigs Töchter am düsteren Ort? - seinem heimatlichen Dorf zu;
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau: indessen, ehe er dasselbe erreichte,
Es scheinen die alten Weiden so grau. - war der Liebling in seinen Armen
verschieden. Einige Tage nach
dieser Begebenheit kam Goethe
„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt,
nach Jena und hörte davon. Die
Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!“
Mitteilung ergriff ihn so gewaltig,
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an,
und der Stoff, der ihm durch
Erlkönig hat mir ein Leids getan. - Herders Übersetzung des dänischen
Volksliedes „ErIkönigs Tochter“
Dem Vater grauset’s, er reitet geschwind, vielfach schon vorgeschwebt haben
Er hält in den Armen das ächzende Kind, mochte, begeisterte ihn dermaßen,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not, dass er sich sofort in die einsam
In seinen Armen das Kind war tot. gelegene «Tanne» zurückzog und
die herrliche Ballade dichtete.

Text aus einer Gartenlaube von


1858
Der Erlkönig“ beschreibt den nächtlichen Ritt eines Vaters
und seines Kindes. Das Kind sieht die Gestalt des Erlkönigs,
von dem es sich bedroht fühlt. Der Vater versucht, seinen
Sohn zu beruhigen und den Visionen des Kindes natürliche Erklärungen zu geben, wie Nebel, das
Rascheln der Blätter oder den Schimmer der Bäume, und er reitet immer schneller. Das Kind wird
jedoch immer unruhiger; es fühlt sich immer mehr von den gespenstischen Gestalten bedroht. Diese
Gestalten – der Erlkönig und seine Töchter − werden aus der Perspektive des Kindes dargestellt und
scheinen ganz wirklich zu sein. Als der Sohn schließlich in einen Schrei ausbricht und sich vom
Erlkönig tätlich angegriffen fühlt, verliert auch der Vater seine Fassung und versucht nur noch, so
schnell es geht den Hof zu erreichen. Dort erkennt er, dass das Kind tot ist.

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DER ERLKÖNIG IN WEISS – EINE PARODIE1

Wer rast da so spät durch Nacht und Wind?


Ein Krankenwagen mit Vater und Kind,
mit Blaulicht und Sirene zum Krankenhaus hin,
Sanitäter vorne, Notärztin hinten drin.

Guter Mann, was bergen Sie so bang Ihr Gesicht?


Sehn, Frau Doktor, Sie diese Wunden nicht?
Wir kriegen Sie schon wieder hin, Sie und Ihr Kind,
vorausgesetzt, daß Sie privat versichert sind.

Ich krieg' nur Sozialhilfe, meine Tochter und ich sind allein,
keiner, der sich um uns kümmert, für uns int'ressiert sich kein Schwein!
Na, dann fällt uns für Sie eine and're Lösung ein,
eine Ärztin muß auch leben, Sie seh'n das sicher ein!

Mein Vater, mein Vater, siehst Du denn nicht,


diese gierigen Augen im verzerrten Gesicht?
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind,
das sieht nur so aus, weil wir so aufgeregt sind!

Es tut mir ja leid für Sie, guter Mann,


die in der Notaufnahme schau'n sie sich nicht so genau an,
die Leute, die nur gesetzlich versichert sind,
deshalb sterben Sie jetzt, Sie und Ihr Kind.

Mein Vater, mein Vater, und siehst Du nicht hier,


diese langen Zähne, die sie fletscht wie ein Tier?
Mein Kind, mein Kind, ich seh' es genau,
das sind alte Kronen, die sind schon ganz grau.

Guter Mann, Sie haben Pech, ich als Ärztin hab' es gut Dem Vater grauset, doch nicht mehr sehr lang,
– dann hat die Notärztin ihre Pflicht getan,
keiner schaut mehr nach Ihnen, und ich hab Ihr Blut. gibt nach vorne ein paar Beutel mit Blut so rot,
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt sie mich an, im Krankenhaus melden sie: Beide sind tot!
die Frau Doktor hat mir ein Leids getan.

DIE ERLKÖNIG-PARODIE VON GASGEBER GUMMI-BIKER

Wer rattert so spät durch Nacht und Wind, "Oh Vater, oh Vater nun beeile dich sehr,
es ist der Vater mit seinem Kind. da hinten glüht einer auf 'ner Honda daher."
Tochter Elfriede mit Vater Fritz "Sei still, mein Kind, das erklär ich dir später,
auf einer BMW 1000 mit Sozius-Sitz. der hat bloss seine 500 Kubikzentimeter."

"Oh Kind, warum verbiegst du so bang dein Gesicht?" Die Hupe heult, der Motor kracht,
"Siehst Vater du den Bahnübergang nicht? so rasen die beiden durch die finstere Nacht.
Den neblichen unbewachten in weiter Ferne?" Sie erreichen mit Mühe und Not das Meer,
"Sei still, mein Kind, ich hab 'ne Boschlaterne." die Hose ist voll, der Sozius leer.

"Oh Vater, siehst du den Bullen nicht?


Mit Bleistift, Notizbuch und strengem Gesicht?"
"Sei ruhig, mein Kind, der geht uns nichts an,
ich hab 'ne falsche Nummer dran."

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Eine Parodie (griechisch: „Gegenlied“ oder „verstellt gesungenes Lied“) ist eine verzerrende, übertreibende oder
verspottende Nachahmung.

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DIE BRÜCK’ AM TAY (THEODOR FONTANE)

When shall we three meet again?


Macbeth

“Wann treffen wir drei wieder zusamm?“


“Um die siebente Stund‘, am Brückendamm.“
„Am Mittelpfeiler.“
„Ich lösche die Flamm.“
“Ich mit.“

“Ich komme vom Norden her.“


“Und ich vom Süden.“
“Und ich vom Meer.“

“Hei, das gibt ein Ringelreihn,


Und die Brücke muss in den Grund hinein.“

“Und der Zug, der in die Brücke tritt


Um die siebente Stund‘?“
“Ei, der muss mit.“
“Muss mit.“

“Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand.“

Auf der Norderseite, das Brückenhaus -


Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut‘ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu,
Sehen und warten, ob nicht ein Licht
Übers Wasser hin “Ich komme“ spricht,
“Ich komme, trotz Nacht und Sturmesflug,
Ich, der Edinburger Zug.“

Und der Brückner jetzt: “Ich seh‘ einen Schein


Am anderen Ufer. Das muss er sein.
Nun, Mutter, weg mit dem bangen Traum,
Unser Johnie kommt und will seinen Baum,
Und was noch am Baume von Lichtern ist,
Zünd‘ alles an wie zum heiligen Christ,
Der will heuer zweimal mit uns sein, -
Und in elf Minuten ist er herein.“

Und es war der Zug. Am Süderturm


Keucht er vorbei jetzt gegen den Sturm,
Und Johnie spricht: “Die Brücke noch!
Aber was tut es, wir zwingen es doch.
Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf,
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Die bleiben Sieger in solchem Kampf.


Und wie‘s auch rast und ringt und rennt,
Wir kriegen es unter, das Element.

Und unser Stolz ist unsre Brück‘;


Ich lache, denk‘ ich an früher zurück,
An all den Jammer und all die Not
Mit dem elend alten Schifferboot;
Wie manche liebe Christfestnacht
Hab‘ ich im Fährhaus zugebracht
Und sah unsrer Fenster lichten Schein
Und zählte und konnte nicht drüben sein.“

Auf der Norderseite, das Brückenhaus -


Alle Fenster sehen nach Süden aus,
Und die Brücknersleut‘ ohne Rast und Ruh
Und in Bangen sehen nach Süden zu;
Denn wütender wurde der Winde Spiel,
Und jetzt, als ob Feuer vom Himmel fiel‘,
Erglüht es in niederschießender Pracht
Überm Wasser unten ... Und wieder ist Nacht.

“Wann treffen wir drei wieder zusamm?“


“Um Mitternacht, am Bergeskamm.“
“Auf dem hohen Moor, am
Erlenstamm.“
“Ich komme.“
“Ich mit.“
“Ich nenn‘ euch die Zahl.“
“Und ich die Namen.“
“Und ich die Qual.“
“Hei!
Wie Splitter brach das Gebälk entzwei.“

“Tand, Tand
Ist das Gebilde von Menschenhand.“

AUFTRÄGE:

1. Worum geht es in diesem Gedicht?


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2. Das Gedicht fängt seltsam und endet auch entsprechend. Kannst du dir einen Reim drauf
machen?
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LYRIK BALLADEN DEUTSCH

3. Wie wirkt das Gedicht auf dich? Welche Bilder tauchen in dir auf? Welche
Gefühle löst es in dir aus oder beinhaltet es deiner Meinung nach?
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4. Kannst du den englischen Satz ganz zu Beginn übersetzen?


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5. Das Reimschema lautet: _____________________________

6. Notiere einige Beispiele an Stabreimen:


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7. Findest du Paarformeln?
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8. Was bezweckt ein Dichter mit Wiederholungen? Kennzeichne sie.


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9. Welche Gegensätze findest du im Text?


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10. Suche sämtliche Metaphern heraus und schreibe sie auf.


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11. Streich die emotionalen Wörter im Text an.

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THEODOR FONTANE

DIE BRÜCK‘ AM TAY

EINGANGSSZENE AUS SHAKESPEARE‘S „MACBETH“:

Erste Hexe: Wann kommen wir drei uns wieder


entgegen?
Im Blitz und Donner oder im Regen
Zweite Hexe: Wenn der Wirrwarr stille schweigt
Wer der Sieger ist, sich zeigt
Dritte Hexe: Das ist, eh der Tag sich neigt

THEODOR FONTANE „AUS ENGLAND UND SCHOTTLAND“

Über Fontanes Besuch der schottischen Grafschaft Perth und der


Landschaft um den Tay im Jahre 1858 finden sich folgende Eintragungen:

„Dies breite mächtige Stück Land zwischen dem Tay und dem Moray ist das alte Herz des Landes...
Das Heidemoor von Forres, drauf die Hexen dem Macbeth mit ihrem verführerischen „all hail
Macbeth, thow shall be king“ erschienen..., um Mitternacht rechts hinüberlugen nach der
Hexenheide und einen Einblick tun in die unheimlich-gespenstische Welt, wo Moornebel und
Mondlicht ihre Gestalten brauen.“

DUNDEE
Heute zählt die Hafenstadt am Firth of Tay 175.000 Einwohner. Sie ist die viertgrösste Stadt
Schottlands. Ihr wichtigster Wirtschaftszweig ist heute u.a. die Herstellung von Konfitüre. Wo die
Eisenbahnlinie Edinburgh-Dundee den Tay überquert, befand sich zunächst eine von Thomas Bouch
(1822-1880) erbaute, 3250 Meter lange und 30 Meter hohe, von 81 Pfeilern gestützte eiserne
Brücke.

Macbeth ist der stärkste


und tapferste Krieger
des Königs von
Schottland. Er allein
metzelt ganze Armeen
von Feinden nieder.
Doch insgeheim lüstet
es ihm selbst nach der
Krone. Und gleich zu
Beginn des Stückes
prophezeien ihm drei Hexen seinen sehnlichsten Wunsch:
"All hail, Macbeth! Hail to thee, thane of Glamis!/All hail,
Macbeth! Hail to thee, thane of Cawdor,/All hail, Macbeth,
thou shalt be king hereafter".

Historische Abbildung der ersten Firth-of-Tay-Brücke.

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LYRIK BALLADEN DEUTSCH

Die heutige Firth-of-Tay-Brücke. Neben den Pfeilern erkennt man die Fundamen-te der alten Brücke

BAU 1871–1877
Mit dem Bau der Brücke in den Jahren 1871 bis 1877 betrat man im Eisengussbau technisches
Neuland, denn noch niemals zuvor hatte man sich an derartige Dimensionen herangewagt. Die
Brücke musste eine Höhe von 30 m über der Hochwassermarke erhalten, um den damals größten
Segelschiffen mit ihren Masten die Durchfahrt zu ermöglichen. Während des Baus der Brücke
mussten verschiedene technische und finanzielle Probleme gelöst werden - der Bau der Brücke
kostete rund 35.000 Pfund[1] -, deren Lösung das Aussehen der Brücke in verschiedenen Punkten
entscheidend veränderte. Zum einen konnten wegen des problematischen Untergrundes nicht so
viele Pfeiler aufgestellt werden, wie der ursprüngliche Entwurf forderte. Diese Veränderung zog eine
Vergrößerung der Spannweite des Mittelteils der Brücke nach sich. Zum anderen mussten aus den
gleichen Gründen die Pfeiler des Mittelbaues geschwächt werden, da die Fundamente am
Meeresboden nicht wie ursprünglich geplant ausgeführt werden konnten.
Trotz all dieser Schwierigkeiten konnte die Brücke am 26. September 1877 vom ersten Zug befahren
werden.

ZUSAMMENBRUCH 1879
Am 28. Dezember 1879 um sieben Uhr abends befuhr während eines starken Sturmes der Postzug
von Burntisland nach Dundee die Brücke. Als der Zug das Mittelteil erreichte, stürzte die Brücke
durch die Last des Zuges und unter dem Ansturm des Windes ein. Bei der Katastrophe kamen 75
Menschen ums Leben.
Später stellte sich heraus, dass die Brückenkonstrukteure die Belastungen durch den Wind völlig
unzureichend berücksichtigt hatten. Zudem erwies sich Gusseisen als Werkstoff für die Pfeiler als
absolut ungeeignet. Der Konstrukteur der Brücke, der Ingenieur Thomas Bouch, der nach der
Fertigstellung der Brücke zum Ritter geschlagen worden war, starb 1880 als gebrochener Mann.
Neuere Forschungen zu den Unglücksursachen legen die Ansicht nahe, dass er zum Sündenbock
gemacht wurde und Managementfehler der Erbauer- und Betreibergesellschaft North British Railway
ebenfalls einen großen Anteil an der Katastrophe hatten.
Der deutsche Ingenieur und Schriftsteller Max Eyth beschrieb den Bau und die technischen Probleme
des Brückenunglücks am Tay in seinem Buch Hinter Pflug und Schraubstock in dem Kapitel ‚Die
Brücke über die Ennobucht aus Sicht des verantwortlichen Ingenieurs’:
„Das Schlimmste war nicht die einfache Tragfähigkeit. … Aber in völligem Dunkel war man mit der
Berechnung des Luftdrucks gegen die ganze Struktur. Bruce, der Konstrukteur der Brücke, wollte
hiervon überhaupt nichts wissen. ,Wind! Wind!' rief er, wenn ich auf das Kapitel zu sprechen kam;
„Was sechs schwere Lokomotiven freischwebend trägt, wirft kein Wind um!'“
– Max Eyth: Hinter Pflug und Schraubstock

FONTANES QUELLE ÜBER DAS UNGLÜCK WAREN DREI BERICHTE, EINER AUS DER
VOSSISCHEN ZEITUNG UND ZWEI AUS DER ZÜRCHERISCHEN FREITAGSZEITUNG. SIE
LAUTETEN FOLGENDERMASSEN:

Die telegraphischen Meldungen über das Unglück besagen folgendes: Ein entsetzlicher Sturm fegte heute
(Sonntag) Nacht über Dundee hin und riss einen Teil der Taybrücke nieder, auf welcher sich der um 71/4
Uhr fällige Eisenbahnzug von Edinburg befand. Man nimmt an, dass der Zug im Wasser begraben ist,
allein der Sturm ist noch immer so heftig, dass kein Dampfboot im Stande war, sich der Brücke zu nähern.
Von der Fifeseite war gehörig signalisiert worden, dass der Zug 14 Minuten nach 7 Uhr die Dundeebrücke
überschritten habe; man hat denselben auch auf der Brücke gesehen und kurz darauf einen plötzlichen
Feuerstrahl. Man glaubt, dass der Zug die Schienen verlassen und über die Brücke gestürzt sei.

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LYRIK BALLADEN DEUTSCH

Diejenigen, welche das Unglück mit angesehen, eilten sofort zur Taybrückenstation in Dundee und
erteilten dem Stationsvorsteher Bericht. Derselbe setzte sich sofort in telegraphische Verbindung mit
dem Signalisten auf der Nordseite der Brücke; als man den Telegraph über die Brücke spielen lassen
wollte, ergab es sich, dass die Drähte zerrissen waren. Der Stationsvorsteher und der
Lokomotivsuperintendent entschlossen sich hierauf, ungeachtet des furchtbaren Sturmes so weit als
möglich auf der Brücke vorzudringen, um sich über den Umfang des Unglücks zu vergewissern: die
beiden waren im Stande, eine beträchtliche Entfernung vorzurücken; das erste, was sie erblickten, war
ein Wasserstrahl aus einer zerbrochenen Röhre, welche Newport mit Wasser versorgt und der Brücke
entlang geführt ist. Etwas weiter vordringend, konnten sie bei dem hellen Mondlicht deutlich eine große
Lücke entdecken, welche durch den Einsturz entstanden war; nach ihrer Schätzung etwa zwei oder drei
der wichtigsten Bögen. Sie glaubten jedoch am anderen Ende der Brücke ein Totes Licht zu entdecken
und gaben sich der Hoffnung hin, dass der Zug zum Stillstand gebracht worden, nachdem der Maschinist
den Einsturz der Brücke bemerkt. Diese Hoffnung erwies sich aber leider als eine trügerische.
An der Broughly-Ferry, vier Meilen unterhalb der Brücke, wurden mehrere Postbeutel ans Ufer
geschwemmt und es herrscht jetzt kein Zweifel mehr darüber, dass der Zug im Flusse liegt. Über die
Anzahl der Passagiere, welche sich im Zuge befanden, verlautet bislang nichts Bestimmtes; man spricht
unterschiedlich von 15 bis 200 Personen…“
– Vossische Zeitung“ vom 30.12.1879

„Während eines furchtbaren Windsturmes brach am 28. Dezember 1879 nachts die große
Eisenbahnbrücke über den Taystrom in Schottland zusammen, im Moment, als der Zug darüberfuhr. 90
Personen, nach anderen Angaben 300, kamen dabei ums Leben; der verunglückte Zug hatte sieben
Wagen, die fast alle besetzt waren, und er stürzte über 100 Fuß tief ins Wasser hinunter. Alle
13 Brückenspannungen sind samt den Säulen, worauf sie standen, verschwunden. Die Öffnung der
Brücke ist eine halbe englische Meile lang. Der Bau der Brücke hat seinerzeit 350 000 Pfund Sterling
gekostet, und sie wurde im Frühjahr 1878 auf ihre Festigkeit hin geprüft. Bis jetzt waren alle Versuche
zur Auffindung der Leichen vergeblich.

Die Brücke von Dundee in Schottland über die Mündung des Tay war eines der gewagtesten und
großartigsten Projekte. Für senkrechten Druck vollständig richtig berechnet, zog sie sich, in ihrer Länge
fast wie ein Drahtseil anzusehen, in schwindelnder Höhe über den Wasserspiegel. In der Silvesternacht
herrschte ein so furchtbarer Sturm, daß die Anwohner es für eine Vermessenheit hielten, wenn der
Edinburger Zug die Brücke überqueren würde. Er wagte es; aber nach kurzer Zeit sah man einen
Kometenschweif ins Meer versinken. Die Brücke war gebrochen, und der ganze Zug verschwand spurlos
in der Tiefe; auch nicht eine Seele erreichte das jenseitige Ufer. Selbst später fand man in den
Wagentrümmern nur noch eine Leiche, alle anderen waren ins Meer weggespült worden. Offenbar hat
der Seitendruck, welchen der Orkan ausübte, die Brücke gebrochen und den Zug ins Wasser geworfen.“
– Zürcherische Freitagszeitung vom 2. und 9. Januar 1880

DIE STÄRKE DES STURMES

Der Sturm, welcher am 28.Dez.


1879 die Tay-Brücke zum Einsturz
brachte, muss gemäss den
meteorologischen Beobach-tungen
zu den stärksten historischen
Stürmen der Britischen Inseln
gerechnet werden.

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