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Bildung und Erziehung


Warum sich jeder dritte
Lehrer ausgebrannt fühlt
Berlin, Leipzig etc.

in den boomenden Großstädten


Klüger

Cool, aber teuer: Das neue Leben


wählen
Eine Gebrauchsanweisung

Fußball

des RB Leipzig
Der beispiellose Aufstieg
Nr. 38 / 16.9.2017
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Das deutsche Nachrichten-Magazin

Meine Branche: speziell.


Hausmitteilung Meine kaufmännischen Prozesse:
Betr.: Bundestagswahl, Kaffee, „Dein SPIEGEL“
individuell.
ommende Woche Sonn-
tag wird der 19. Deutsche
Bundestag gewählt, rund 61,5
K Mit Software von DATEV.

Millionen Bürger können da-


rüber entscheiden, welche

WERNER SCHÜRING / DER SPIEGEL


Abgeordneten ins Parlament
einziehen. Der SPIEGEL wid-
met sich der Wahl in diesem
Heft ausführlich. In der Titel-
geschichte stellt ein Team aus
dem Hauptstadtbüro sieben
SPIEGEL-Journalisten aus dem Hauptstadtbüro Themen vor, die in der nächs-
ten Legislaturperiode beson-
ders wichtig werden: Der Text erklärt, was von den jeweiligen Parteien zu er-
warten ist und welche Koalition die Aufgaben wie lösen würde. Die Kollegen
aus Berlin beschreiben in einer anderen Geschichte, wie die SPD-Spitze bereits
Pläne für eine Neuauflage der Großen Koalition schmiedet, während Kanzler-
kandidat Martin Schulz im SPIEGEL-Gespräch sagt: „Zwischen CDU und uns
liegt programmatisch der Atlantikgraben.“ Melanie Amann schreibt über die
AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel, und Markus Feldenkirchen porträtiert
den FDP-Vorsitzenden Christian Lindner, der seine Partei eventuell aus der au-
ßerparlamentarischen Opposition in die Regierung führt. Feldenkirchen sagt:
„Lindner ist ein Verpackungskünstler. Seine Neuerfindung der FDP nennt er
Relaunch, neu an der Partei ist aber vor allem die Hülle.“ Seiten 12 bis 26, 32, 36

W ir trinken ihn morgens zum Wachwerden


und mittags zum Durchhalten, wir trinken
JAMES RODRÍGUEZ / DER SPIEGEL

ihn aus Genuss, allein oder mit Freunden, als


Latte macchiato, Espresso oder aus der Filterma-
schine: Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deut-
schen, zuletzt trank jeder von uns durchschnitt-
lich 162 Liter im Jahr, das macht 1296 Tassen.
Kaffee ist ein Massenprodukt und ein Kultobjekt,
hinter dem eine knallharte Kalkulation steckt. Pauly (l.) in Guatemala
Fünf Redakteure aus dem Wirtschaftsressort
haben das Geschäft mit der Bohne auf drei Kontinenten recherchiert, von der
Ernte über die Röstung und den Vertrieb bis zum Verbraucher. Christoph Pauly
reiste für die Geschichte in die Berge Guatemalas, wo er mit Kaffeepflückern
sprach – einem zwölfjährigen Jungen und dessen Mutter. Weil die bewaffneten Wenn es um Ihre Branche geht, dann sind Sie Experte.
Wachposten den Journalisten von der Plantage vertrieben, führte Pauly die Auch für Ihre Lohn- und Gehaltsabrechnung oder für die
Interviews auf der Ladefläche eines Pritschenwagens, der sie nach der Arbeit
Finanzbuchführung gibt es ausgewiesene Spezialisten:
ins Dorf brachte. „Viel von dem, was heute Globalisierung heißt, ist in Wahrheit
Ihr Steuerberater und die kaufmännische Software von
immer noch Kolonialismus“, heißt es in dem Report. Er beginnt auf Seite 76
DATEV gestalten individuelle Unternehmensprozesse
einfach und zuverlässig.

J eden Tag produzieren die Menschen weltweit 3,5 Mil-


lionen Tonnen Müll, unvorstellbar viel. Was passiert
damit? Und wie verändert der Müll unsere Umwelt?
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startet mit seiner Titelgeschichte eine Serie über den Müll. oder auf www.datev.de/meinebranche
Außerdem erklärt das neue Heft, wie die Polizei Phan-
tombilder für die Verbrecherjagd erstellt – und warum es
als Zeuge gar nicht so leicht ist, sich genau an ein Gesicht
zu erinnern. Die neue Ausgabe erscheint am kommenden
Dienstag.

DER SPIEGEL 38 / 2017 5


Die Bündnisfrage
Titel Gut eine Woche vor der Wahl liegt An-
gela Merkel in den Umfragen deutlich vor

NIKITA TERYOSHIN / DER SPIEGEL


Martin Schulz. Während der SPD-Chef im
SPIEGEL-Gespräch noch eine Siegchance
sieht, grübeln die Bürger, welches Bündnis
sie bevorzugen sollen: Schwarz-Gelb-Grün
oder die Große Koalition? Seiten 12 bis 26
DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL

JOHANNES ARLT / DER SPIEGEL


ALICE MARTINS / DER SPIEGEL

Stadt unter In der Hölle von Rakka Täglicher Luxus


Metropolen Die deutschen Großstädte Syrien Die Altstadt ist schon befreit, Genussmittel Für ein Pfund Kaffee kann
wachsen jedes Jahr um Zehntausende Men- andere Stadtviertel sind noch hart man drei Euro achtzig ausgeben oder
schen. Mieten und Wohnungspreise umkämpft. Nördlich von Rakka werden achtunddreißig, je nachdem, wie edel die
steigen teilweise rasant, es wird voller und Angehörige von IS-Kämpfern in einem Bohne sein soll. Das Lieblingsgetränk der
enger, aber der Boom reißt nicht ab. Wie ehemaligen Flüchtlingslager festgehalten, Deutschen ist zum Lifestyle-Produkt gewor-
schaffen es die Städte, ihre Attraktivität darunter auch eine Deutsche mit ihren den – und immer noch ein Stück Kolonia-
und Lebensqualität zu erhalten? Seite 46 zwei kleinen Kindern. Seite 94 lismus. Bis hin zur Kinderarbeit. Seite 76

6 Titelbild Fotos: Joerg Sarbach / AFP, Rainer Droese / IMAGO, Bernd Thissen / DPA, Manngold / IMAGO, Reinhard Krause / REUTERS, HC Plambeck; [M]
In diesem Heft

Titel Ausland
Parteien Selten gab es so Südkorea wünscht sich Vermittlung durch
viele Unentschlossene wie heute – Bundeskanzlerin Angela Merkel / Die Logik
eine Handreichung 12 hinter den polnischen Reparations-
Wahlkampf Die heimliche Sehnsucht der So- forderungen 92
zialdemokraten nach der Großen Koalition 20 Syrien In Rakka, der einstigen Hochburg des

LA COLLECTION / INTERFOTO
SPD SPIEGEL-Gespräch mit Kanzlerkandidat IS, hofft die deutsche Frau eines IS-Kämpfers
Martin Schulz über das misslungene auf eine Rückkehr in ihre Heimat 94
TV-Duell und seine Pläne für die deutsche Analyse Wird Donald Trump doch noch
Außenpolitik 22 zum überparteilichen Präsidenten? 98
Analyse Die Große Koalition hat wenig Estland Premier Jüri Ratas zur Bedrohungs-
versprochen, aber davon viel gehalten 26 lage angesichts des russischen Militär-
manövers „Sapad“ an seiner Landesgrenze 99
Deutschland Europa Die Krise der europäischen
Eva
Leitartikel Die SPD darf nicht wieder in
Sozialdemokraten – eine Bestandsaufnahme Sie hat zusammen mit Adam
die Große Koalition gehen 8
in Österreich, Frankreich, Dänemark und nach biblischer Erzählung
Großbritannien 100
die Sünde in die Welt
Meinung Kolumne: Im Zweifel links / So ge-
sehen: Warum wir seltener wählen sollten 10 gebracht. Ein Kulturforscher
Schulz verringert Abstand zu Merkel / Bund
Sport sagt, bis heute beeinflusse
versagt bei der Flüchtlingskontrolle / Warum Olympia immer teurer wird / das Märchen unser Denken
Berlin schützt Lobbyisten in der EU 28 Magische Momente: Eric Jelen über ein über Scham und Tod,
Karrieren FDP-Chef Lindner ist der große legendäres Duell im Davis Cup 107 Sex und Moral. Seite 116
Verpackungskünstler der deutschen Politik 32 Fußball RB Leipzig – ein Investorenklub
AfD Wie es die lesbische Ökonomin gegen die Langeweile in der Bundesliga 108
Alice Weidel an die Spitze einer rechts-
lastigen Partei schaffte 36 Wissenschaft
Kommentar Warum Junckers Ideen
für Europa nicht funktionieren 38
Ökokokosnuss, Ökomaniok – Biolandbau
hilft Kleinbauern in Entwicklungsländern /
CDU Hat die Partei für ihre Kampagne bei Keine Rettung vor Fake News / Kommentar:

MARKUS HINTZEN / DER SPIEGEL


einem Regierungsbericht abgekupfert? 40 Wie die FDP die globale Erwärmung
Gedenken Heiner Geißler war der befeuern will 114
bekannteste Wahlkämpfer Mythen Die wahre Geschichte von Eva
der Republik – zwei Gespräche 42 und Adam – der US-Kulturwissenschaftler
Metropolen Deutsche Großstädte boomen – Stephen Greenblatt erzählt den
aber wie können die Städte ihren Erfolg Sündenfall neu 116
verkraften? 46 Museen Wie geht Zukunft – und gelingt
Familien Trotz Kita-Ausbau fehlt noch es dem Futurium in Berlin, sie zur Schau
immer eine Million Betreuungsplätze 54 zu stellen? 120
Gerd Koenen
Terror Ermittler halten den Hildesheimer Meteorologie Forscher können jetzt den Er war in den Siebzigerjahren
Prediger Abu Walaa für den Statthalter Anteil des Klimawandels an extremen Mitglied des Kommunistischen
des IS in Deutschland 58 Wetterereignissen wie dem Hurrikan „Irma“
berechnen 122
Bundes Westdeutschland.
Trends Junge Sterneköche bieten zu ihren
Menüs alkoholfreie Gourmetgetränke an 63
Heute ist er als Historiker er-
folgreich – und stellt sich im
Kultur SPIEGEL-Gespräch der Frage
Gesellschaft Volksbühnen-Chef Dercon will Stellen nach der Renaissance des
Früher war alles schlechter: Die Rolltreppe streichen / Bestsellerverfilmung „Schloss Linksradikalismus. Seite 132
wird 125 / Ein Lob der schlechten Laune! 64 aus Glas“ / Kolumne: Zur Zeit 124
Eine Meldung und ihre Geschichte Wie ein NS-Raub Die Erben des zu Nazi-Zeiten um
Mann mit 99 Jahren König wurde 65 viel Besitz gebrachten Kaufhausunter-
Berufe Jeder dritte Lehrer fühlt sich ausge- nehmers Max Emden fordern Aufklärung 126
brannt – Besuch in einer Burn-out-Klinik 66 Kino Die Regisseurin Ildikó Enyedi und ihr
Kolumne Leitkultur 72 außergewöhnlicher Liebesfilm „Körper
und Seele“ 130
Geschichte SPIEGEL-Gespräch mit dem
GERAINT LEWIS / DER SPIEGEL

Wirtschaft
Historiker Gerd Koenen über
Air-Berlin-Manager profitieren von Bundes- Kommunismus gestern und heute 132
bürgschaft / Autokonzerne knausern beim Konzertkritik Auf Krücken zu den Rolling
Diesel-Fonds / Foodora-Fahrerinnen klagen 74 Stones 138
Genussmittel Kaffee ist zum Lifestyle-Getränk
geworden – und immer noch ein Produkt
weltweiter Ausbeutung, selbst von Kindern 76 Bestseller 137
Euro Wie die Bundesregierung Jens Friederike Otto
Impressum 140
Weidmann als Nachfolger von EZB-Chef
Mario Draghi durchsetzen will 85 Leserservice 140 Sie begegnet Leugnern des
Dieselskandal Die VW-Händler müssen den Nachrufe 141
Klimawandels mit Evidenz,
Ärger der Kunden ausbaden, sagt ihr der Waffe der Wissenschaft.
Personalien 142 In Oxford berechnet die deut-
Verbandschef Dirk Weddigen von Knapp 86
Briefe 144 sche Physikerin, welche Rolle
Immobilien Es fehlt an Steckdosen für
E-Autos in Mehrfamilienhäusern 89 Hohlspiegel / Rückspiegel 146 die globale Erwärmung bei
Analyse Das neue iPhone enttäuscht – und Wetterereignissen wie Hurri-
wird dennoch ein Erfolg 90 Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ kan „Irma“ spielt. Seite 122

DER SPIEGEL 38 / 2017 7


Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Kein Platz an der Sonne


Martin Schulz macht einen schweren Fehler, wenn er wieder eine Große Koalition anstrebt.

D
ie deutsche Sonne, das ist am Ende dieses verreg- zunehmen. Das zusammen ergibt das linke Desaster der
neten Wahlsommers Angela Merkel. Da drängt es letzten zwölf Jahre. Diese drei Parteien haben sogar die
sie hin; Grüne, FDP, SPD, alle bürgerlichen Par- Mehrheit im Parlament, aber keiner konnte das bislang
teien. Bei ihr suchen sie Licht und Wärme, mit ihr wollen als Chance begreifen. Merkel kann frohlocken, und der
sie eine Koalition bilden, von ihr Ministerwürden emp- deutschen Demokratie fehlt die Alternative, weshalb sie
fangen. Das ist das Drama des gemäßigten Wählers, der so öde wirkt.
Merkel nicht eine vierte Amtszeit gewähren will. Ob Ka- In den letzten Jahren durfte Merkel eine für die Bun-
trin Göring-Eckardt und Cem Özdemir, ob Christian Lind- desrepublik einmalige Machtposition genießen. Zwar
ner oder Martin Schulz – sie alle hoffen, die Stimmen, die haben die anderen Langzeitkanzler der Union, Konrad
sie einsammeln, Merkel andienen zu können. Adenauer und Helmut Kohl, meist höhere Stimmanteile
Während SPD-Chef Schulz öffentlich noch die Große eingefahren, aber sie mussten sich oft einer entschlossenen
Koalition ablehnt, bereiten sich die Sozialdemokraten Opposition erwehren. Und sie wurden auch aus der Mitte
insgeheim auf dieses Bündnis vor, in dem man wieder heraus angegriffen. Für Merkel gilt das nicht im gleichen
nur Juniorpartner wäre (siehe Seite 20). Dass die SPD die Maße. Sie ist die Bürgerkönigin dieses Landes.
Union noch überholt, dürfte Es ist ihr nicht bekommen.
angesichts des Abstands in Lange konnte sie den Versu-
den Umfragen ausgeschlossen chungen dieses Amts wider-
sein. Gleichwohl ist es die ver- stehen. Doch zuletzt zeigten
dammte Pflicht eines Kandi- sich auch bei ihr Entrücktheit
daten, bis zum letzten Tag zu und Selbstgefälligkeit. Wer
kämpfen und zu hoffen. Alles selbst vom größten Teil der
andere könnte man beinahe Konkurrenz wie eine Köni-
einen Verrat an den Wählern gin behandelt wird, glaubt ir-
nennen. gendwann, königlich zu sein.
Schulz weiß natürlich, was Wie würde das erst nach 13
gegen eine Große Koalition oder 14 Jahren aussehen? Die
spricht. Die Ränder würden Zwölf-plus-Jahre von Ade-
gestärkt, heißt es im Lehrbuch nauer und Kohl verheißen
der Demokratie, und nun nichts Gutes. Die Vermessen-
wird wohl die unsägliche, heit wuchs, die Macht franste
rechtspopulistische AfD in aus, es war ein Elend.
den Bundestag einziehen. Aus der Opposition heraus
FABRIZIO BENSCH / REUTERS

Ohne starke Opposition, heißt gelang es SPD und Grünen,


es, wird die Regierung selbst- den Wählern 1998 eine Alter-
gefällig und träge. Und wie native zu Helmut Kohl anzu-
war das, als Dieselgate und bieten. Damals wurde ent-
Autokartell enthüllt wurden? schieden gekämpft: Kohl muss
Da entschied sich die Große weg. Heute wird zugleich ge-
Koalition, die Industrie zu kämpft und gekuschelt. Rote
schonen, und kam damit gut durch, weil die Kritik aus und Grüne sagen: Merkel muss nicht weg, wenn sie uns
den Medien keinen starken Widerhall im Parlament fand. die Gunst erweist, ihr Koalitionspartner sein zu dürfen.
Wie schon seine Vorgänger als Kanzlerkandidaten der Für die SPD ist das diesmal eine verwerfliche Haltung.
SPD, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, hat Wenn nicht doch noch ein Wunder geschieht und der Wäh-
Martin Schulz einen halbherzigen Wahlkampf gegen ler den Sozialdemokraten eine Machtoption einräumt, soll-
Merkel geführt. Wie sie hat er es überdies versäumt, So- ten sie Merkels Magnetismus widerstehen.
zialdemokraten und Linke so weit miteinander zu ver- Die Große Koalition hat immer Nachteile, aber nie in
söhnen, dass ein rot-rot-grünes Bündnis möglich geworden der Geschichte der Bundesrepublik waren sie so schwer-
wäre. Ohne Frage ist es schwierig, mit Sahra Wagenknecht wiegend wie jetzt. Die AfD wäre im Parlament eine von
Kompromisse zu finden, aber Schulz hat es nicht einmal mehreren kleinen Oppositionsparteien, vielleicht die größ-
versucht. te, sicherlich die lauteste. Sie hätte eine gute Chance, wei-
Es ist grotesk, wie sich das linke Parteienspektrum in ter zu wachsen.
den vergangenen zwölf Jahren um Merkels Kanzlerschaft Das zu verhindern, die liberale Demokratie zu stärken,
verdient gemacht hat, die Linke aus Sturheit, die SPD aus muss ein wichtiges Ziel der SPD sein. Wenn sie nicht den
Machtversessenheit, und die Grünen können es ebenfalls Kanzler stellen kann, gehört sie auf die Oppositionsbank.
kaum erwarten, einen Platz an der schwarzen Sonne ein- Dirk Kurbjuweit

8 DER SPIEGEL 38 / 2017


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Meinung
Jakob Augstein Im Zweifel links

Wer ist wir?


Wollen Sie den gefähr- schen, die nicht reich sind, das mitmachen.
lichsten Satz dieses Folgende Erklärungen bieten sich an: Viel- Seltener
Wahlkampfs hören?
Er lautet nicht: „Aus-
leicht haben die Leute in den Neunziger-
jahren einfach zu viel verdient und sehen
wählen!
länder raus!“ Das ist heute ein, dass Geld ihnen nicht guttut. So gesehen Warum
nur eine brutale Pa- Dann wären die Deutschen ein Volk von alle vier Jahre einfach
role. Er lautet auch Verzichtspietisten. Vielleicht fragen die zu stressig ist
nicht: „Merkel muss Deutschen einfach nicht, was ihre Volks-
weg!“ Das ist eine legiti- wirtschaft für sie tun kann, sondern was Ich habe der Bundeskanzle-
me politische Forderung. Er lautet: „Es sie für ihre Volkswirtschaft tun können. rin einen Brief geschrieben,
geht uns gut!“ Erstaunlich große Teile der Dann wären wir ein Volk von lauter Ver- um sie zu bitten, einen zwei-
Öffentlichkeit sind sich einig über den Zu- antwortungsethikern. ten Sommer zu veranlassen.
stand des Landes: „gut“ („Welt“), „präch- Oder aber, letzte Möglichkeit, die Die Zeit vergeht einfach zu
tig“ („taz“), „nie besser“ („Focus“). Und Deutschen sind einfach gehirngewaschene schnell. Zum Glück kommen
die Kanzlerin findet sowieso, Deutschland Schwachmaten, die sich alles gefallen uns die Fraktionen des Deut-
sei ein Land, in dem wir „gut und gerne lassen. Das allerdings liefe auf Wähler- schen Bundestages zu Hilfe:
leben“. Der einzige Sinn der Wahl besteht beschimpfung hinaus, und die gehört sich Sie haben sich darauf ge-
also darin, dafür zu sorgen, dass sich ja in der Demokratie nicht. Denn in der einigt, die Zeit zu dehnen.
nichts ändert. Demokratie hat der Wähler immer recht. Nicht mehr alle vier Jahre
Aber wer ist „uns“, und wer ist „wir“? Es heißt stets, am Ende entscheide die soll ein männlicher Kandidat,
Zwischen 1995 und 2015 mussten die unte- wirtschaftliche Lage über den Ausgang dessen Nachname mit S
ren 40 Prozent der Lohnempfänger einen einer Wahl. Bill Clinton hat gesagt: „It’s beginnt an Angela Merkel
Verlust ihrer Kaufkraft hinnehmen. Das the economy, stupid.“ Das ist inzwischen scheitern. Das reicht auch
klingt ein bisschen technisch. Also anders: ein bisschen anders geworden. Dumm ist alle fünf Jahre. Olaf Scholz
Die unteren 40 Prozent verdienten 1995 nur, wer glaubt, sein eigenes Wohl und das kann sich also erst mal wie-
mehr Geld als 2015. Oder noch anders: Bei- Wohl der „Wirtschaft“ seien identisch. der setzen. Ich bin da ganz
nahe die Hälfte der Deutschen ist verarscht Denn die Volkswirtschaft hat sich vom auf der Seite der Politiker.
worden. Das wirklich Befremdliche daran Volk abgekoppelt. Was gut für VW ist, ist Für ein Land, das so gern
ist, dass die Menschen es einfach hinge- längst nicht mehr gut für die Deutschen. plant wie Deutschland, ist
nommen haben. Wer also sagt, dass es „uns“ gut gehe, die große Wahl alle vier Jah-
Es gibt übrigens eine einfache Erklärung der lügt. Aber nicht nur das. Er legt auch re einfach zu nervenaufrei-
für dieses Phänomen: Die Wirtschaft Zeugnis seiner eigenen politischen bend. Es ist ein Augenblick
wächst nicht mehr so wie früher. Aber die Fantasielosigkeit ab. Denn in diesem Satz der Anarchie in einem Land,
Reichen wollen trotzdem reicher werden. steckt immer: Besser wird’s nicht. Für das Ordnung liebt und Unbe-
Woher soll das Geld kommen? Aus einer viele Menschen im Land ist das keine gute rechenbarkeit hasst. Warum
Strategie, für die es im Angelsächsischen Nachricht. sollte es sich diesen Stress
einen Ausdruck gibt: „accumulation by dis- häufiger als unbedingt nötig
possession“, Anhäufung durch Enteignung. An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, antun?
Rätselhaft ist nur, warum die vielen Men- Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Eine Atempause von fünf
Jahren ist also willkommen,
kann aber erst der Anfang
sein. Die Historie lehrt uns,
Kittihawk dass da noch viel mehr geht.
Wenn wir uns auf die deut-
sche Geschichte besinnen,
könnten wir zum Beispiel an
die Tradition des Immerwäh-
renden Reichstags zu Regens-
burg anknüpfen: 1663 einberu-
fen, war er bis 1806 im Amt.
Es war nicht die schlechteste
Zeit für Deutschland. Ich sehe
nur Vorteile. Es macht dann
auch nichts, wenn ein Wahl-
kampf mal nicht so brillant
ausfällt. Bis zum nächsten
sind alle Zeugen gestorben.
Und das Beste: Die Post könn-
te es mit etwas Glück schaf-
fen, Briefe an die Kanzlerin
rechtzeitig vor der nächsten
Wahl zuzustellen. Nils Minkmar

10 DER SPIEGEL 38 / 2017


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WAHL 2017

Sicherheit
und Wut
Parteien Die nächste Regierung steht vor großen
Herausforderungen: für bessere Schulen
und Universitäten, bei dem digitalen Umbau
der Wirtschaft und der Reform Europas.

12 DER SPIEGEL 38 / 2017


E
s war eine gute Nachricht für die
„Tatort“-Gemeinde oder die Fans der
Sat.1-Kochshow „Promis am Löffel“.
Wäre es nach SPD-Chef Martin Schulz ge-
gangen, hätten die Programme dieses Sonn-
tags einem zweiten TV-Duell mit Angela
Merkel weichen müssen; so hatte es der
Kanzlerkandidat in einem Brief gefordert,
den er vergangenen Dienstag ans Kanzler-
amt geschickt hatte. Per Boten, damit das
Schreiben auch ankommt.
Doch die CDU-Zentrale lehnte den Vor-
schlag ab. Es sei doch „alles gesagt“, hieß
es aus dem Konrad-Adenauer-Haus. An-
ders als Schulz, der die erste Fernseh-
debatte im SPIEGEL-Gespräch als „Erpres-
sung des Kanzleramts“ kritisiert (Seite 22),
empfanden Merkels Helfer das Duell, das
eher ein Duett war, offenbar als gelungen –
verbreitete es doch jenen politischen Ag-
gregatzustand, der Merkel von jeher der
liebste ist: Langeweile.
Eine gute Woche vor der Bundestags-
wahl wächst in der Republik die Enttäu-
schung über einen misslungenen Wahl-
kampf. Nicht nur weil es einem politischen
Wunder gleichkäme, wenn Schulz den gro-
ßen Umfragerückstand auf Merkel noch
aufholen sollte. Sondern auch wegen der
seltsam labilen Stimmungslage im Volk,
die vom Wunsch nach Sicherheit und Ruhe
geprägt ist, aber auch von einem nie ge-
kannten Ausmaß an Wut, wie sie sich im
Internet oder bei Merkels Auftritten in Ost-
deutschland austobt. Von einem „kippeli-
gen“ und „emotionalen“ Klima spricht der
Kölner Psychologe Stephan Grünewald,
die Republik werde mal als „verwahrlostes
Land“ und mal „als Insel des Wohlstands“
wahrgenommen.
Nicht zu Unrecht. Auf der einen Seite
ist Deutschland im zwölften Jahr der Kanz-
lerschaft Merkels ein reiches Land, das mit
seiner blühenden Exportindustrie, seiner
niedrigen Arbeitslosigkeit und den gut ge-
füllten öffentlichen Kassen so gut dasteht
wie kaum eine andere Industrienation.
Auf der anderen Seite sind viele Deut-
sche noch immer verstört von der Flücht-
lingskrise des Jahres 2015. Sie fürchten,
dass Staatschefs wie Wladimir Putin, Recep
Tayyip Erdoğan und Donald Trump den
Frieden gefährden könnten. Und sie sorgen
sich, dass die ökonomische Basis des Lan-
des bröckeln könnte: durch die Digitalisie-
rung, den Klimawandel, die älter werdende
Bevölkerung, die soziale Spaltung im Land.
Die meisten Deutschen sagen, dass es ih-
nen materiell so gut gehe wie lange nicht.
Zugleich stufen sie die politische und wirt-
NIKITA TERYOSHIN / DER SPIEGEL

schaftliche Lage als „bedrohlich“ ein.


So kommt es, dass viele Bürger ratlos
wie schon lange nicht vor ihrem Wahlzet-

CDU-Wahlkundgebung in Bremen
Seltsam labile Stimmungslage

DER SPIEGEL 38 / 2017 13


Titel

tel sitzen. Sie wollen eine politische Ver- Breitbandanschlüsse Produktions-Know-how mit digitalen
änderung, so hat etwa das Institut für Anteil der Glasfaserverbindungen in Prozent Kompetenzen die größten Chancen für
Demoskopie in Allensbach ermittelt, aber die deutsche Wirtschaft. Doch nicht alle
sie sind sich unsicher, wie weit sie reichen 0 10 30 50 70 Unternehmen werden diesen Wandel
soll. Japan 74,9 schaffen, und deshalb ist es wichtig, dass
Es ist ein gespaltenes Bild, das so ähnlich neue Unternehmen entstehen, die in
auch das Hausblatt der internationalen Fi- Lettland der Wirtschaft von morgen eine wichtige
nanzelite zeichnet, der Londoner „Econo- Schweden Rolle spielen.
mist“. Deutschland sei unter Merkels Kanz- Die FDP, die sich in ihrem Programm
lerschaft „ganz gut gefahren“, urteilt das Spanien als wahre Digitalpartei ausgibt, will inno-
Blatt. Zugleich habe ihre Regierung „nicht vative Gründer fördern, etwa durch ein
OECD 21,2
genug getan, um Deutschland auf die Zu- bürokratiefreies Jahr für Start-ups und die
kunft vorzubereiten“. Vieles wurde liegen Türkei bessere steuerliche Behandlung von Wag-
gelassen, vieles vertagt, manches schön- niskapital. Sie fordert einen eigenen Digi-
gefärbt. USA talminister und stellt sich damit gegen die
Ein Neuanfang sei fällig, glaubt das bri- Polen Union. Der genügt ein Staatsminister für
tische Magazin, und das glauben auch viele Digitalpolitik im Kanzleramt.
Deutsche. An Merkel führt wahrscheinlich Frankreich
kein Weg vorbei, aber möglicherweise re-
giert sie bald mit anderen Partnern. Und
Italien Lebenslang lernen
noch etwas steht fest: Die nächste Regie- Deutschland 1,8 Vor neun Jahren rief Angela Merkel einen
Quelle: OECD
rung, ganz gleich, wer sie stellt, steht vor Dezember 2016, neuen Staat aus. Aus der Bundesrepublik
enormen Herausforderungen. Griechenland ausgewählte Länder solle eine „Bildungsrepublik“ werden,
wünschte sie sich. Wenige Worte der Kanz-
kaum noch zu schaffen. Und selbst wenn: lerin blieben hängen wie dieses. Und tat-
Die digitale Zukunft Es wäre wenig. Im internationalen Ver- sächlich: Kitas, Schulen, Hochschulen zu
Von einer „historischen Revolution“ ist die gleich hat der Hightech-Standort Deutsch- stärken, um Deutschlands Zukunft zu si-
Rede, von einem Umbruch, dem sich „kein land den Anschluss verloren und rangiert chern, ist, nun ja, alternativlos.
einzelnes Land, kein Unternehmen und bei der digitalen Infrastruktur auf Platz 29 Da erscheint es stimmig, dass in diesem
kaum ein Bürger entziehen kann“. Dieser der 35 OECD-Staaten. Bundestagswahlkampf so viel über Bil-
Befund aus dem Wahlprogramm der Union Alle Parteien beschwören die Breitband- dung geredet wird. Die Union verspricht
deckt sich mit der Einschätzung fast aller oder gleich die Gigabit-Zukunft, Union eine „digitale Bildungsoffensive“, die SPD
Experten. Die Digitalisierung wird unsere und SPD versprechen nun Glasfaser für formt eine „nationale Bildungsallianz“.
Art, wie wir leben, arbeiten und wirtschaf- alle oder nahezu alle Haushalte bis zum Am lautesten trommelt die FDP. „Super-
ten, grundlegend verändern, und die Frage, Jahr 2025. Grüne und FDP verraten sogar, macht Bildung“ plakatiert sie und verkün-
wie sich das Land und seine Regierung die- wie sie das realisieren wollen. Unter ande- det als Ziel „weltbeste Bildung für jeden“.
ser Herausforderung stellen, entscheidet rem sollen die verbleibenden 32 Prozent Wer könnte dagegen sein, zumal wenn al-
über die Zukunft des Landes und den Staatsanteile an der Deutschen Telekom les von der Kita bis zur Uni gratis sein soll,
Wohlstand seiner Bürger. verkauft und so Geld in die Kassen gespült wie es die SPD verspricht.
Tatsächlich hat diese Revolution längst werden. Wer aber nach der Wahl etwas dafür
begonnen und Deutschland die erste Phase Schnelle Netze sind jedoch keineswegs tun will, steht vor einem Problem. Bildung
weitgehend verschlafen. Die amerikani- die einzige Herausforderung für die Digi- ist Ländersache, auch die neue Bundesre-
schen Tech-Konzerne Apple, Google, talpolitik. Ebenso wichtig sind Bildung gierung hat an Schulen nichts und an den
Amazon oder Facebook sind im Alltag fast und Ausbildung, Cybersicherheit und vor
jedes Menschen präsent. Daten sind der allem eine bürgerfreundliche Digitalisie- Bildungsausgaben OECD-
Rohstoff ihres Geschäftsmodells, und da rung der Verwaltung. Doch wie kann die Durchschnitt
Anteil am BIP der Länder, 2014
sie immer mehr Daten sammeln, wächst künftige Regierung den Umbau der Wirt- in Prozent 5,2
ihre Macht ständig. schaft fördern, wie kann sie helfen, dass
Nie zuvor in der Wirtschaft sind Kon- der Sprung ins Digitalzeitalter gelingt, Großbritannien 6,6
zerne in so kurzer Zeit so groß geworden, ohne dass ganze Branchen hinweggefegt
nie zuvor wurden so schnell so große Ver- werden und Millionen Menschen ihren Norwegen
mögen geschaffen. Und dieses Geld nutzen Job verlieren? USA
sie, um in weitere Geschäftsbereiche ein- Da bleiben die Parteien vage. Von
zubrechen – auch in jene, in denen deut- „Chancen für neue Arbeitsplätze“ spricht Belgien
sche Unternehmen noch stark sind. die CDU/CSU, auch in Deutschland sollen Finnland
Was hat die bisherige Regierung dafür Plattformen entstehen, sagt sie, also Un-
getan, das Land auf diesen dramatischen ternehmen wie Facebook, Uber oder Goo- Niederlande
Umbruch vorzubereiten? Glaubt man dem gle, die auf Netzwerken basieren. Aber Frankreich
Eigenlob im CDU/CSU-Programm: eine wie, das sagt sie nicht.
ganze Menge. Zum Beispiel hat sie den Die SPD will daran arbeiten, dass Österreich
„Ausbau des schnellen Internets entschei- die Industrie 4.0 ein Erfolgsmodell für Japan
dend vorangebracht, massiv in Forschung Deutschland werde, also die Digitalisie-
investiert, Start-ups besser gefördert“. rung der traditionellen Industrie, und sie Deutschland 4,3
Tatsächlich wollte die Regierung sämt- will bei diesem Wandel vor allem den Mit- Spanien
liche Haushalte bis 2018 flächendeckend telstand unterstützen.
mit mindestens 50 Megabit pro Sekunde Tatsächlich sehen die meisten Exper- Ungarn 3,8
schnellen Anschlüssen versorgen. Das ist ten in der Verbindung von klassischem Quelle: OECD

14 DER SPIEGEL 38 / 2017


Hochschulen nicht viel zu sagen. Ein Bun-
desbildungsministerium, das diesen Na-
men verdiente, gibt es nicht. Damit sich
das ändert, müsste das „Kooperationsver-
bot“ fallen. SPD, Grüne, Linke und FDP
wollen dieses Verbot aufheben oder zu-
mindest lockern, Union und die AfD hin-
gegen nicht.
Auch die neue Regierung wird also nicht
für Schulen zuständig sein, zumindest erst
einmal nicht, aber das führt keineswegs
dazu, dass die Parteien in ihren Program-
men dazu schweigen. Grüne und Linke
wollen Schüler möglichst lange gemeinsam
lernen lassen, die AfD hingegen propagiert
ausdrücklich ein mehrgliedriges Schulsys-
tem. Doch die meisten haben ihren Frie-
den mit einem zweigliedrigen Schulsystem
gemacht, Gymnasium plus ein zweiter
Schulstrang.
Heute wird kaum noch um die Gesamt-
schule gestritten, sondern mehr ums Geld,
das nennt man wohl Pragmatismus, und
es ist ein Fortschritt. Die Union hat kein
Problem damit, Eltern bei Bedarf einen
Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung in
der Grundschule gewähren zu wollen, und
klingt damit kaum anders als SPD und
Grüne.
Aber natürlich schimmern in den Wahl-
programmen unterschiedliche Grundhal-
tungen der Parteien durch. Die SPD will
die Ausbildungsberufe stärken und Meister
auch ohne Bachelorabschluss direkt zum
Masterstudium zulassen, die Linke den
NIKITA TERYOSHIN / DER SPIEGEL

Einfluss der Wirtschaft auf Lehre und For-


schung an den Hochschulen verringern,
die FDP fordert eine stärkere Unterstüt-
zung privater Schulen.
Die Aufgaben in der Bildungspolitik für
Bund, Länder und Kommunen sind groß.
In den Kitas wird es darauf ankommen,
nach der Zahl der Plätze nun auch die Qua- SPD-Wahlveranstaltung in Göttingen: Chancen nahe null
lität der Betreuung zu erhöhen. In den
Schulen ist die Inklusion voranzutreiben,
die Ganztagsbetreuung zu verbessern, die gendwo hing der Schulerfolg stärker von tur eingeschaltet, vor großen Unterneh-
Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu erhö- der Stellung des Elternhauses ab als hier- men Luxus-WC-Container mit Stellen-
hen. In den Hochschulen ist die Exzellenz zulande. angeboten aufgestellt. Neue Fliesenleger
zu fördern, zugleich der Masse an Studen- Es war ein heilsamer Schock, in allen oder Anlagenmechaniker hat er dennoch
ten gerecht zu werden und dies solide zu Bereichen sieht es nun besser aus. Deutsch- nicht gefunden.
finanzieren. land ist oberer Durchschnitt. Das ist gut, „Heutzutage ist es absolut uncool, als
Das alles kostet Geld, viel Geld. Der aber für ein Land wie Deutschland nicht Handwerker zu arbeiten“, sagt Staiger, der
Anteil der Bildungsausgaben an der natio- gut genug. Von der „Bildungskatastrophe“, sich in der Nähe Stuttgarts auf die Sanie-
nalen Wirtschaftsleistung beträgt derzeit die der Pädagoge Georg Picht vor gut fünf rung von Bädern spezialisiert hat. „Nie-
4,3 Prozent. Noch liegt Deutschland im in- Jahrzehnten erkannte, ist die Bundesrepu- mand will sich seine Hände an einer
ternationalen Vergleich, wie die OECD blik weit entfernt. Von dem Staat, den An- Schubkarre voll Bauschutt schmutzig ma-
erst in dieser Woche wieder in ihrem jähr- gela Merkel ausgerufen hat, allerdings chen.“ Mit sechs Vollzeitangestellten hätte
lichen Bericht verkündete, unter dem ebenso. Auch der nächste Kanzler, wie im- er in diesem Jahr 1,4 Millionen Euro Um-
Durchschnitt. mer er heißt, wird noch keine „Bildungs- satz machen können, doch weil der Un-
Bei den Leistungen der Schüler gilt das republik“ regieren. ternehmer drei volle Stellen nicht be-
glücklicherweise nicht mehr. Unvergessen setzen kann, muss er sich mit der Hälfte
ist der „Pisa-Schock“ 2001: Deutschlands bescheiden.
Schüler waren in allen getesteten Kompe- Land der Grauen Bei Staiger lässt sich schon heute besich-
tenzen – Lesen, Naturwissenschaften, Ma- Marc Staiger hat alles versucht. Er hat An- tigen, was bald auf das ganze Land zukom-
the – nicht mal internationaler Durch- zeigen in der Zeitung geschaltet, Bekannte men könnte. Bereits 2030 könnten nach
schnitt, jeder vierte 15-Jährige konnte um Empfehlungen gebeten, Flyer auf Job- Berechnungen des Prognos-Instituts etwa
nicht richtig lesen und schreiben, und nir- börsen verteilt, Vermittler der Arbeitsagen- drei Millionen Fachkräfte fehlen, zehn Jah-
DER SPIEGEL 38 / 2017 15
Titel

re später könnten es im schlimmsten Fall des Renteneintrittsalters geben werde. Reales Haushalts- obere 60 %
sogar insgesamt 9,5 Millionen Arbeitskräf- Doch ausgerechnet das wäre die vielleicht einkommen
te sein, schätzt das Deutsche Institut für klügste Möglichkeit, auf die alternde Ge- + 15
Veränderung seit 1991
Wirtschaftsforschung. sellschaft zu reagieren. in Prozent
Die Bevölkerung schrumpft. Wurden Als das heutige Rentensystem 1957 ein-
Mitte der Sechzigerjahre noch 1,4 Millio- geführt wurde, bezogen die meisten Men-
nen Kinder in Deutschland geboren, sind schen kaum zehn Jahre lang Rente. Heute Quelle: DIW Berlin 2017
es heute nur noch gut halb so viele. Die sind es im Durchschnitt zwei Jahrzehnte, + 10
vielen Zuwanderer, die in den vergange- weil die Menschen immer älter werden.
nen Jahren nach Deutschland drängten, Wenn aber die Lebenserwartung steigt,
haben zwar das große Schrumpfen gemil- sollte auch der Rentenbeginn verschoben
untere 40 %
dert. Doch die Bevölkerung altert weiter. werden. Gefragt sind dann lebenslanges
Alternde Gesellschaften gelten als we- Lernen – und eine ordentliche Altersver- +5
niger innovativ und risikofreudig. Ihre So- sorgung für alle, die sich wegen einer
zialsysteme ächzen, weil die jungen Bei- Krankheit schon früher aus dem Berufs-
tragszahler fehlen. In Deutschland wird es leben verabschieden müssen.
ab 2025 ernst, wenn die Babyboomer in Ökonomen empfehlen schon lange die
den Ruhestand gehen und die Pillenknick- Zwei-Drittel-Formel: Würde die allgemei-
0
Generationen für deren Rente aufkommen ne Lebenserwartung zum Beispiel um drei
müssen. Jahre steigen, dann sollte sich die Lebens-
Höchste Zeit, ernsthaft über unkonven- arbeitszeit um zwei Jahre verlängern. Das
tionellere Maßnahmen nachzudenken. wäre gerechter, als die Beiträge zu erhöhen 1991 2000 2014
Über ein modernes Zuwanderungsrecht, oder das Rentenniveau zu drücken.
das gezielt Fachkräfte ins Land bittet. Über scheidet schon die Geburt über die Chan-

aus der Teilzeit- und Minijobfalle zu lo- Große Kluft


die Frage, wie es gelingen kann, Frauen cen. Wie Reichtum vererbt sich auch Ar-
mut in Deutschland, und jeder Aufstieg
cken und Ältere weiterzubilden, um sie so „Zeit für mehr Gerechtigkeit“, so fordert von unten fällt schwer.
lange wie möglich im Beruf zu halten. Und es die SPD auf ihren Plakaten. Die Partei Mehrere Systemfehler zementieren die
über längere Lebensarbeitszeiten. und ihr Kandidat versuchen, das schwe- Verhältnisse. Kapitalerträge werden über
Im Wahlkampf spielt das Thema kaum lende Unbehagen aufzugreifen, dass es im die Abgeltungsteuer zumeist geringer be-
eine Rolle. Die Rentenfrage wird diskutiert, Lande nicht mehr fair zugehe – mögen die steuert als hohe Arbeitseinkommen. Für
als gäbe es den demografischen Wandel offiziellen Statistiken auch noch so gold- Firmenerben gibt es großzügige Ausnah-
nicht. Die Union würde die Zukunft der gerändert sein. men bei der Erbschaftsteuer. Der steil an-
gesetzlichen Alterssicherung am liebsten Nie hatten mehr Menschen eine sozial- steigende Steuertarif frisst über die „kalte
totschweigen. Die SPD legt ein Konzept versicherungspflichtige Beschäftigung als Progression“ einen Teil jeder Lohnerhö-
vor, um das Rentenniveau auf dem heuti- heute, sogar die Löhne für Geringverdie- hung automatisch auf. Und gerade Men-
gen Stand einzufrieren. Das würde Milliar- ner steigen seit einigen Jahren. Die Sozial- schen mit kleinsten Einkommen leiden un-
den kosten und käme vor allem der sozial- kassen melden Überschüsse, doch gleich- ter vergleichsweise hohen Sozialabgaben.
demokratischen Klientel zugute, nämlich zeitig halten nur 20 Prozent der Deutschen Nach der Wahl wird die Steuerpolitik
Facharbeitern, denen es schon jetzt nicht die Verteilung von Einkommen und Ver- deshalb eine entscheidende Rolle spie-
schlecht geht. mögen für gerecht. Und sie liegen richtig: len – und zu großen Konflikten führen. So-
Bei ihrem TV-Duell haben sich die Kanz- Im August erst hat eine Studie des Zen- wohl Union als auch SPD versprechen eine
lerin und ihr Herausforderer darauf fest- trums für Europäische Wirtschaftsfor- Entlastung von mindestens 15 Milliarden
gelegt, dass es mit ihnen keine Erhöhung schung im Auftrag der Bertelsmann Stif- Euro, profitieren sollen vor allem kleinere
tung gezeigt, dass die soziale Marktwirt- und mittlere Einkommen. Der Spitzen-
Altersverteilung schaft ihrem Versprechen nicht nach- steuersatz soll bei beiden erst von einem
Deutsche Bevölkerung im Jahr 2030 kommt, alle Bürger am wachsenden Wohl- höheren Verdienst an gelten – und nicht
stand zu beteiligen. schon ab einem Single-Einkommen von
Lebensalter in Jahren So stiegen die verfügbaren Haushalts- 54 000 Euro im Jahr. So viel kann ein In-
einkommen zwischen 1991 und 2014 im dustriefacharbeiter in Deutschland ver-
90 Jahresdurchschnitt um 0,6 Prozent. Aller- dienen.
dings: Während die höchsten Einkommen Die SPD will den Spitzensteuersatz und
80
um 1,3 Prozent zulegten, schrumpften die die Erbschaftsteuer erhöhen, die Union
70 Einkommen ganz unten an der Verdienst- lehnt beides ab. Die FDP knüpft an ihren
Babyboomer- Generation skala sogar. alten Ruf als Steuersenkungspartei an und
60 Vor allem die Verteilung der Vermögen stellt eine Entlastung von 30 Milliarden
treibt einen Riss durch die Gesellschaft. Euro in Aussicht. Anders als Union und
50 Seit 1993 ist der Anteil, den die reichsten SPD hadert sie mit einer Abschaffung der
40
zehn Prozent der Deutschen am Nettover- Abgeltungsteuer.
mögen halten, von knapp 45 auf 52 Pro- Union und SPD nutzen das Gerechtig-
30 zent gestiegen. Gleichzeitig schnurrte der keitsthema vor allem, um ihrer Klientel
Anteil der gesamten unteren Hälfte der teure Versprechen zu machen. Die CDU
20 Einwohner von 4,1 auf 1 Prozent zusam- verheißt ein Baukindergeld von 1200 Euro
Jahrgangs-
stärke in men. pro Jahr für die Mittelschicht, die CSU um-
10 Prognose:
Tausend Destatis
Es wäre beruhigender, wenn es einen garnt graumelierte Wählerinnen mit einem
Zusammenhang zwischen Leistung und Nachschlag bei der Mütterrente, die SPD
700 500 300 100 0 0 100 300 500 700 Wohlstand gäbe. In Wahrheit aber ent- will die Abstiegsängste der Facharbeiter
16 DER SPIEGEL 38 / 2017
mit einer längeren Dauer des Arbeits- zwischen den Bundesländern, aber auch wie vor nicht. Aber ein starker Staat braucht
losengeldes I und einem eingefrorenen innerhalb Europas. starke Freiheitsrechte. Erst wenn beides in
Rentenniveau vertreiben. Ein kluger Staat ist wichtiger als ein star- einem richtigen Verhältnis zueinander steht
Von einem „Rückfall in klassische Ver- ker, der Kampf gegen den Terror im Staa- und die staatliche Allmacht begrenzt wird,
teilungspolitik“ sprechen Soziologen wie tenverbund effektiver als auf nationaler funktioniert eine Demokratie.
der Bielefelder Professor Stefan Liebig. Ebene. Das gilt auch in der Asyl- und Ein-
Die Wähler, glauben sie, seien in Wahrheit wanderungsfrage. Nur eine europäische
schon weiter. Gehe es um Gerechtigkeit, Regelung, so schwer sie zu erreichen ist, Die Rettung der Welt
hofften die Menschen vor allem darauf, schafft dauerhafte Stabilität. 2020 wird es ernst. Dann reichen keine Ap-
dass alle Kinder die gleichen Chancen ha- Die Bekämpfung des Extremismus ist pelle und keine Versprechen, es muss ge-
ben – auch jene aus Elternhäusern ohne eine gesellschaftliche Aufgabe. Wenn Poli- liefert werden. Seit 15 Jahren hat sich die
Bibliothek und ohne Vermögen. zei und Nachrichtendienste eingesetzt wer- Bundesregierung festgelegt: Bis 2020 soll
den müssen, ist es eigentlich schon zu spät. der deutsche CO -Ausstoß um 40 Prozent
²
Doch Prävention spielt im Wahlprogramm gegenüber dem Jahr 1990 reduziert wer-
Allgemeine Verunsicherung der Union keine Rolle, die SPD setzt im- den. Damit wäre das erste wichtige Etap-
Im Wahlprogramm der CDU taucht der merhin auf einen „Dreiklang aus Repres- penziel der deutschen Klimapolitik er-
Begriff auf, auch bei der SPD. Der „starke sion, Vorbeugung und Ausstiegshilfe“. reicht.
Staat“ hat Konjunktur. Alle Parteien Der Einfluss des Bundes bei der inneren Wäre, wird aber wohl nicht. Bisher
räumen der inneren Sicherheit viel Platz Sicherheit ist begrenzt. Bis auf Bundes- schaffen die Deutschen erst 28 Prozent,
ein, die CSU füllt damit sogar das erste polizei und BKA ist Polizeiarbeit Sache und die Treibhausgasemissionen stagnie-
Kapitel ihres „Bayernplans“. Selbst Grüne der Länder. Die Union fordert jetzt zumin- ren schon seit Jahren. Sollte die „Klima-
und Linke fordern mehr Polizei auf der dest ein „Musterpolizeigesetz“, das die Be- kanzlerin“ Angela Merkel wiedergewählt
Straße. fugnisse bei der Gefahrenabwehr verein- werden, wird sie in drei Jahren ein Erklä-
Was ist geschehen? Das Urvertrauen der heitlichen soll. rungsproblem haben.
Deutschen in den Staat scheint gestört zu Die Debatte ist überfällig: Welche Auf- Das liegt an den vielen alten Kohlekraft-
sein, offenbar haben die Sicherheitsbehör- gaben sollten weiter zentralisiert werden? werken, die immer noch im Betrieb sind,
den nicht alles im Griff. Dafür ist in den Die Terrorabwehr? Die Cybersicherheit und an den Autos, die immer mehr wer-
letzten Jahren zu viel passiert. Das Chaos und damit die größte Herausforderung für den, immer größer und immer weiter
auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle, die Sicherheitsbehörden in den kommen- fahren. Deutschland steht ein riesiges Um-
die Hassanschläge auf Flüchtlingsunter- den Jahren? Statt vieler Zuständigkeiten bauprogramm von Wirtschaft und Infra-
künfte, die Kölner Silvesternacht, die Ter- sind klare Verantwortungen notwendig. struktur bevor, wenn es die selbst gesetz-
rorattacken in Ansbach und Würzburg, der Den Sicherheitsbehörden fehlen quali- ten Klimaziele einhalten will, doch in den
Anschlag auf den Berliner Weihnachts- fizierte Experten: IT-Freaks und Hacker, Wahlprogrammen von Union und SPD ist
markt, der missglückte Polizeieinsatz beim Sprachenkenner und kluge Analysten. Es davon wenig zu spüren.
Hamburger G-20-Gipfel. gibt die Stellen, aber die Bewerber sind Bei den Christdemokraten fehlt der de-
Auf „bittere Stunden“ blicke er zurück, nicht da. Aus Verzweiflung werden jetzt zidierte Hinweis auf das Klimaziel 2020,
sagte Bundesinnenminister Thomas de schon die Einstellungsvoraussetzungen ge- die Sozialdemokraten erwähnen es zwar,
Maizière in der vergangenen Woche. Seit senkt, oder man überlegt, wie die starre liefern aber keine konkreten Vorschläge,
2011 ist die Zahl der polizeilich erfassten Besoldungsstruktur mit speziellen Zulagen wie man Kohlekraftwerke schließen könn-
Straftaten um mehr als sieben Prozent ge- aufgelockert werden könnte. te. Die Anhänger sollen nicht unnötig
stiegen. Bis auf die Union fordern die Parteien Da- beunruhigt werden. Die Grünen immerhin
Die Politik reagiert mit den gewohnten tenkontrolle und mehr Schutz der Privat- schlagen in einer Art Notprogramm vor,
Reflexen. Gesetze werden verschärft, die sphäre. Doch eine zentrale Rolle spielt das die 20 größten Dreckschleudern „unver-
Befugnisse für Polizei und Nachrichten- Thema Datenschutz im Wahlkampf nach züglich“ zu schließen.
dienste ausgeweitet. Es gibt Fußfesseln für Die nächste Regierung wird Kohle ver-
sogenannte Gefährder, staatliche Spähsoft- Die Angst der Deutschen 73
71 teuern müssen, damit sich klimaschädliche
ware auf Rechnern und Smartphones, Ver- Anteil der Befragten, die sich vor Kraftwerke nicht mehr lohnen. Doch wie?
fassungsschützer dürfen schon 14-Jährige terroristischen Anschlägen fürchten Die SPD schlägt vor, einen Mindestpreis
Quelle: Umfrage der R+V Versicherungen, Angaben in Prozent
beobachten. für CO im Emissionshandel festzulegen.
58 60 ²
Neue Stellen werden geschaffen: 7500 Alternativ könnte eine CO -Steuer einge-
²
bei der Bundespolizei bis 2020, 1300 beim führt werden, wie sie von den Grünen ge-
52
Bundeskriminalamt, beim Bundesnachrich- fordert wird. Die alten Kohlekraftwerke
tendienst sollen sich 450 neue Mitarbeiter wären nicht mehr rentabel, umweltfreund-
um die Bereiche Terror und Migration lichere Gaskraftwerke, die heute häufig
kümmern. Das Bundesamt für Verfassungs- 40 stillliegen, dagegen schon.
schutz meldet einen Bedarf von 2000 neu- An der Elektroautofront bewegte sich
en Stellen an. Union und SPD fordern lange nichts. Der Dieselskandal, die De-
unisono 15 000 neue Polizisten in Bund batte um Fahrverbote in deutschen Städten
und Ländern. 24 und der Erfolg des amerikanischen E-Auto-
Doch der Fall des Berliner Attentäters Herstellers Tesla haben endlich für Bewe-
Anis Amri zeigt, dass es nicht allein an 20 gung gesorgt. Für die Kanzlerin und ihren
Gesetzen mangelt, nicht an Befugnissen Herausforderer sind Verbrennungsmoto-
und auch nicht an Polizisten. Die Struktur ren nur noch eine Übergangslösung. Aber
stimmt nicht, die Kommunikation unter wie lange dieser Übergang dauern soll, da
den Behörden. Vernetzung ist daher die wollen sie sich nicht festlegen.
Herausforderung der kommenden Jahre, Autos mit Benzin- oder Dieselantrieb
ein besserer Austausch von Informationen, 2000 2017 müssten teurer werden, wenn es sich loh-
DER SPIEGEL 38 / 2017 17
Titel

nen soll, auf Fahrzeuge mit alternativem Stefan Kapferer, der Geschäftsführer des Arbeitslosenquote
Antrieb umzusteigen. „Zunächst müssen Bundesverbands der Energie- und Wasser- innerhalb der Europäischen Union
wir die steuerliche Bevorzugung von wirtschaft.
Diesel streichen“, sagt Ottmar Edenhofer Griechenland 21,2
vom Potsdam-Institut für Klimafolgen-
forschung. Er sieht sich mit dieser Forde- Kontinent mit Zukunft Spanien 17,1
rung nur im Wahlprogramm der Grünen Zeitenwende. Europa befinde sich in einer Italien 11,3
repräsentiert. „existenziellen Krise“, analysierte Jean-
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, den Claude Juncker vor einem Jahr. Inzwi- Frankreich 9,8 Quelle: Eurostat; Auswahl;
jeweils aktuellste monatliche
Verkauf von Elektroautos zu fördern. Kauf- schen scheint sich der Kontinent auf wun- Zahlen, saisonbereinigt
prämien zum Beispiel oder eine Quote. dersame Weise erholt zu haben. Findet Portugal 9,1
Ginge es nach Edenhofer, würde das Steuer- zumindest der Präsident der EU-Kommis- Irland 6,3
system reformiert und die Stromsteuer ge- sion. „Europa hat wieder Wind in den Se-
strichen. „Damit werden E-Autos automa- geln“, jubelte er an diesem Mittwoch in 5,4 Österreich
tisch attraktiver“, sagt der Klimaökonom. Straßburg. 4,8 Niederlande
Die Programme der beiden großen Partei- Tatsächlich? Die Stimmung hat sich auf-
en bleiben in dieser Frage stumm. geklart nach der Niederlage der Rechten 4,8 Polen
Wer den Verkehr elektrifizieren will, in Frankreich und den Niederlanden, aber
muss zwei Dinge machen: die Netze um- wirklich verbessert wurde kaum etwas in 4,3 Großbritannien
bauen und mehr Strom produzieren. Doch den vergangenen zwölf Monaten. Noch 3,7 Deutschland
das geht klimaneutral nur mit erneuerba- immer streiten die Mitgliedstaaten über
ren Energien. Der technische Fortschritt die Flüchtlingsfrage. Zwar wurde im Mi- 2,9 Tschechien
hat dafür gesorgt, dass Windräder und So- nisterrat mit Mehrheit eine Verteilungs-
laranlagen immer billiger werden. Neuan- quote beschlossen, doch Länder wie Un- nuel Macrons Wahlsieg in Frankreich ge-
lagen müssen kaum noch subventioniert garn erkennen sie nicht an, obwohl der öffnet habe.
werden. Der größte Teil des zusätzlichen Europäische Gerichtshof sie dazu zwingen „Wir sind bereit, mit der neuen franzö-
Stroms wird wohl von Windparks auf ho- will. Selbst Deutschland erfüllt die Vorga- sischen Regierung die Eurozone schritt-
her See produziert. ben nicht. weise weiterzuentwickeln“, schreibt die
Dieser Strom muss aus dem Norden der Nötig wären ein europäisches Asylrecht, CDU in ihrem Wahlprogramm. Konkreter
Republik in die Industriegebiete des Sü- das alle Mitgliedstaaten an einheitliche wird es erst, wenn es um den Schutz vor
dens gebracht werden. Drei große Strom- Standards bindet, und eine umfassendere unkontrollierter Einwanderung geht oder
autobahnen, weitestgehend unterirdisch Einwanderungspolitik. SPD, Grüne und um das Verbot gemeinsamer Schulden.
für mehr als zehn Milliarden Euro verlegt, FDP fordern ein Einwanderungsgesetz. Auch das ein Zugeständnis an die CSU.
sollen in den nächsten Jahren den Trans- Die CDU vermeidet auch aus Rücksicht Die FDP will die EU-Institutionen refor-
port gewährleisten. auf die bayerische Schwesterpartei das mieren, das Europäische Parlament auf-
Doch auch die engmaschigen Verteilnet- Thema. werten und staatenübergreifende Listen
ze in den Städten und den Regionen müs- Die Zukunft des Euro ist das zweite gro- bei der Europawahl einführen. Eine „so-
sen verstärkt werden. Nur so lässt sich der ße europapolitische Thema, mit dem sich ziale Säule“ in der EU aber wollen die Li-
höhere Verbrauch durch Elektroautos be- die neue Bundesregierung beschäftigen beralen ebenso wenig wie eine gemein-
wältigen. Die Sozialdemokraten haben muss. Die Implosion der Gemeinschafts- schaftliche Haftung für Mitgliedstaaten,
das in ihr Wahlprogramm aufgenommen, währung konnte durch den ESM-Rettungs- die in Not geraten sind. Griechenland, kri-
während die CDU vor allem Ladesäulen schirm zwar verhindert werden, doch im- tisiert die FDP, hätte 2015 nicht vor der
für die E-Autos bauen will. „Darin sehen mer noch bestimmt jedes Land seine Wirt- Pleite gerettet werden dürfen.
wir allerdings das kleinere Problem“, sagt schaftspolitik selbst, nicht selten zulasten Blackrock, der größte Vermögensverwal-
anderer EU-Partner. ter der Welt, warnt deshalb schon vor einer
Bruttostromerzeugung Während Deutschland boomt, stecken Regierungsbeteiligung der Liberalen. Von
in Deutschland, Anteile in Prozent Italien und Frankreich in der Krise, und der Partei gehe ein „beträchtliches Risiko
Quelle: Agora Energiewende die Spanier leiden unter hoher Jugend- für die Anleihemärkte“ aus, sagte Black-
2016 2030 arbeitslosigkeit. Es würde helfen, wenn rock-Mann Martin Lück der „Süddeut-
der Rettungsschirm in einen Europäischen schen Zeitung“. Wenn eine neue Bundes-
29,5 erneuerbare 60,7 Währungsfonds umgewandelt würde. Und regierung mit Beteiligung der FDP darauf
Energien die Eurozone einen Haushalt bekäme, beharre, dass die Prinzipien strikt einge-
der von einem europäischen Finanzminis- halten würden, könnte die europäische
davon ter verwaltet würde, kontrolliert durch Schuldenkrise zurückkehren.
Windkraft das EU-Parlament. Erst dann wäre die
12,1 41,0 Währungsunion „vollendet“, wie es die
EU-Kommission als Ziel bis zum Jahr 2025 Die Qual der Wahl
17,0 anpeilt. Martin Schulz muss dieser Tage in vielen
Nur SPD und Grüne teilen die Brüsseler Rollen auftreten, als Redner und Inter-
Pläne nahezu uneingeschränkt. Beide Par- viewpartner, als Parteitaktiker und, nicht
23,1 Erdgas 11,5 teien wollen das EU-Parlament und die zuletzt: als Schauspieler. Unverdrossen
Kommission stärken. „Statt nationaler Ego- muss der SPD-Chef bei jedem Auftritt,
Steinkohle 9,8 ismen setzen wir auf die Gemeinschafts- bei jedem Statement beteuern, dass er
methode“, heißt es im Wahlprogramm „Kanzler werden“ wolle. Auch wenn sein
Kernenergie Braunkohle 13,1 der Genossen. Aber sie warnen auch. Publikum, wenn die Journalisten und
13,1
Das „Fenster der Gelegenheit“ dürfe nicht selbst die eigenen Leute nicht mehr daran
5,2 sonstige 4,9 verpasst werden, das sich durch Emma- glauben.
18 DER SPIEGEL 38 / 2017
Noch im Frühjahr schien es, als könnte
der ehemalige Präsident des EU-Parla-
ments Merkel ernsthaft gefährden. Doch
inzwischen liegen seine Chancen nahe null.
Nicht nur, weil der Abstand zwischen
Union und SPD nach der jüngsten Infra-
test-dimap-Umfrage bei 17 Prozentpunk-
ten liegt. Sondern vor allem wegen der de-
moskopischen Werte der Kandidaten. Die
Deutschen finden Schulz zwar deutlich
bürgernäher als Merkel, doch bei nahezu
allen anderen Eigenschaften, die ein Kanz-
ler braucht, hat es der Mann aus Würselen
nicht geschafft, die Wähler von sich zu
überzeugen. Führungsstärke, Kompetenz,
Glaubwürdigkeit: Überall ist Merkel vorn.
Zwar lagen Meinungsforscher in jüngs-
ter Zeit öfter mal daneben. Doch die Dif-
ferenz zwischen den beiden Kandidaten
ist inzwischen derart groß, dass sich eine
wachsende Zahl von Demoskopen schon
heute festlegt: Den Wettlauf mit Merkel
kann Schulz nicht mehr gewinnen.
Auch eine rot-rot-grüne Koalition, die
bei extremen Zugewinnen von SPD, Lin-
ken oder Grünen Schulz zumindest theo-
retisch ins Kanzleramt führen könnte, ist
nahezu ausgeschlossen. Zu weit liegen die
Programme auseinander, zumal der Gra-
ben innerhalb des linken Lagers in den
vergangenen Wochen eher noch tiefer ge-
worden ist.
Doch das bedeutet nicht, dass die Wahl
schon gelaufen wäre. Nach Lage der Dinge
werden die Bürger mit ihrer Stimme zu-
NIKITA TERYOSHIN / DER SPIEGEL

mindest darüber entscheiden, in welcher


Koalition Merkel regiert und wie groß das
Lager der Protestparteien wird, die wie
die Linke gegen die soziale Schieflage im
Land oder die AfD gegen Einwanderung
opponieren.
Wer Union wählt, stimmt für den Status
quo, für Merkels unaufgeregten Regie- CDU-Wahlkampfhelfer in Bremen: „Kippeliges Klima“
rungsstil, auch wenn er spätestens seit
Energiewende und Flüchtlingskrise weiß,
dass die Kanzlerin für Überraschungen gut Eine Stimme für Grüne oder FDP hätte nis der Union mit FDP und Grünen. Die
ist. Eine Stimme für CDU und CSU stärkt dagegen deutlich andere Folgen: weniger Konstellation könnte rasch ins Chaos
die Position der Kanzlerin gegenüber dem Sicherheit und Status quo, mehr Neustart. führen, wenn sich die Partner gegenseitig
künftigen Koalitionspartner, vor allem Eine schwarz-grüne Koalition wäre ein blockieren. Sie könnte aber auch einen
aber gegen den konservativen Flügel ihrer Bündnis für Klimaschutz, gesellschaftliche politischen Neubeginn bedeuten, wenn es
eigenen Partei. Öffnung und liberale Einwanderungspoli- den Parteien gelänge, innovative Wege
Wer sein Kreuz dagegen bei der SPD tik. Eine Schwarz-Gelb-Allianz könnte da- für den Ausgleich von Ökologie und Öko-
macht, stimmt unter den aktuellen Verhält- gegen wirtschaftspolitische Akzente set- nomie zu finden.
nissen für eine Fortsetzung der Großen Ko- zen, bei der Digitalisierung zum Beispiel. Auch für die Kanzlerin liegt darin
alition. Fährt Schulz mehr als jene 23 Pro- Zugleich wäre eine konservativ-liberale eine Chance. Bislang hat sich Merkel eher
zent ein, die Frank-Walter Steinmeier 2009 Koalition wahrscheinlich jene Konstella- als Krisenmanagerin einen Namen ge-
bekommen hat, könnte er seiner Partei tion, die am meisten polarisierte. Nicht macht. Nun könnte sie noch einmal etwas
wahrscheinlich eine Neuauflage des nur, weil die Bürger das letzte FDP-Unions- Neues beginnen.
schwarz-roten Bündnisses schmackhaft ma- Bündnis nicht gerade in bester Erinnerung
Martin Knobbe, Armin Mahler, Francis
chen. Vor allem, weil die Genossen dann haben. Sondern auch wegen der europa- Mohammady, Marcel Rosenbach,
jene sozialpolitischen Programmpunkte politischen Vorstellungen der FDP, die es Michael Sauga, Cornelia Schmergal, Christoph
durchsetzen könnten, die Schulz vergan- Merkel erschweren würden, einen Konsens Schult, Gerald Traufetter, Markus Verbeet
gene Woche noch einmal hervorgehoben mit Frankreichs neuem Präsidenten Em-
hat. Eine Neuauflage der bestehenden manuel Macron zur Zukunft der Wäh- Video: Was die
Koalition würde für die Gerechtigkeits- rungsunion zu schmieden. nächste Regierung tun muss
themen der SPD sprechen, aber nicht un- Die riskanteste, aber politisch interes-
spiegel.de/sp382017regierung
bedingt für einen politischen Aufbruch. santeste Koalition wäre ein Jamaika-Bünd- oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 38 / 2017 19


SVEN DARMER / DAVIDS
Kanzlerin Merkel, Rivale Schulz als Miniaturen: „Eine Regierung ohne uns ist schlechter als eine mit uns“

Verbotene Liebe
Wahlkampf Öffentlich geht die SPD-Spitze auf Maximaldistanz zu Merkel. Doch führende Genossen
hoffen, dass sich die Partei in die Große Koalition retten kann. Die Basis übt schon den Widerstand.

A
m Mittwochnachmittag steht Mar- im SPIEGEL-Gespräch als „Quatsch“ (siehe an der Basis gegen eine Große Koalition
tin Schulz auf dem Marktplatz in Seite 22). Zwischen CDU und SPD liege scheint weitaus größer als vor vier Jahren.
Böblingen und äfft die Kanzlerin „programmatisch der Atlantikgraben“. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass unsere
nach: Nach dem TV-Duell habe „sie ge- Doch seit so gut wie sicher scheint, dass Basis noch einmal einem Koalitionsvertrag
jammert: ‚Hach, es ist aber viel zu wenig Angela Merkel Bundeskanzlerin bleiben zustimmt“, sagt Matthias Miersch, Spre-
über Digitales diskutiert worden‘“. Schulz wird, treibt die SPD-Führung die schwie- cher der Parlamentarischen Linken.
zieht die Mundwinkel ganz weit nach un- rige Frage um: Regierung oder Opposi- Trotzdem wäre eine Reihe von Spitzen-
ten, seine Stimme ist jetzt sehr hoch, er tion? Zwar sind die Umfragen für die So- genossen dabei, sollte Angela Merkel nach
könnte genauso gut Heidi Klum imitieren. zialdemokraten zurzeit so schlecht, dass der Wahl anrufen, um die SPD zu Sondie-
Einige Genossen quieken vor Freude über das Schicksal der Parteispitze nach der rungsgesprächen ins Kanzleramt zu bitten.
so viel Gemeinheit. Endlich, so hoffen sie, Wahl ungewiss ist. Doch für den Fall, dass „Eine Regierung ohne uns ist schlechter
hat ihr Kandidat verstanden, dass Wahl- am Ende ein respektables Ergebnis steht, als eine mit uns. So einfach ist das“, sagt
kampf kein Benimmkurs ist. Schulz brüllt: denken Teile der SPD-Führung darüber einer führender Sozialdemokrat.
„Frau Merkel, greifen Sie zum Telefon- nach, wie sie die widerstrebende Partei Für die Anhänger der Großen Koalition
hörer! Ich stehe zur Verfügung für die Dis- noch einmal in eine Große Koalition füh- in der SPD liegen die Vorteile auf der
kussion um die Zukunft dieses Landes.“ ren können. Hand: Man hofft, mit einer geschwächten
Der Kandidat gibt sich Mühe, er muss „Na klar“ wolle er Außenminister blei- Union noch mehr rote Inhalte durchsetzen
ja. Denn nur eines ist für die SPD eine ben, verkündete Vizekanzler Sigmar Ga- zu können als in der letzten Legislatur.
gute Woche vor der Bundestagswahl ge- briel am vergangenen Dienstag bei einer Aber auch unter dem Gesichtspunkt der
fährlicher als der Eindruck, sie hätte das Konferenz des „Handelsblatts“. „Weiter persönlichen Berufsplanung ist für das
Rennen um das Kanzleramt schon verlo- Arbeitsministerin bleiben zu dürfen wäre sozialdemokratische Spitzenpersonal die
ren gegeben: die Sicherheit, dass am Ende schön“, sagte Andrea Nahles kürzlich. Und Regierungsbank attraktiver als die harten
die Große Koalition unter Merkel weiter- Thomas Oppermann, der oberste Sozial- Reihen der Opposition.
regiert. Nichts würde die SPD-Wähler demokrat im Bundestag, würde auch un- Parteichef Schulz dürfte sich ebenfalls
mehr demotivieren. gern abtreten: „Ich war immer gern Frak- einiges von einer Regierungsbeteiligung
Öffentlich gehen die Sozialdemokraten tionsvorsitzender und würde es auch gern versprechen. Als Außenminister und Vi-
deshalb auf größtmögliche Distanz zur bleiben.“ zekanzler, das hat Schulz in diesem Wahl-
GroKo 3 unter Merkels Führung. Schulz Allen ist klar, welch schwierige Opera- kampf beobachten können, hätte er opti-
bezeichnet eine Neuauflage des Bündnisses tion das werden würde. Der Widerstand male Voraussetzungen, um seine Popula-
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rität zu steigern und aus dieser Position Allerdings könnten die Hoffnungen der Die Neuauflage der Großen Koalition hät-
heraus in die Nach-Merkel-Ära zu starten. GroKo-Befürworter vom Wähler durch- te aus Merkels Sicht klare Vorteile. Sie hat
Sigmar Gabriel, dessen Alleingänge kreuzt werden. Je schlechter das Ergebnis, die Sozialdemokraten in nunmehr acht
Schulz im Wahlkampf zunehmend verär- desto schwieriger dürfte es werden, die gemeinsamen Regierungsjahren als ver-
gerten, müsste dann seinen Ministersessel Partei noch einmal für eine Regierung un- lässliche und professionelle Partner erlebt.
räumen. Als Gabriel in einem Interview ter Merkel zu gewinnen. Unterbietet die Zudem kann sie die Wirtschaftsliberalen
mit dem „Stern“ Anfang August eine Neu- SPD sogar das 23-Prozent-Ergebnis von und die Konservativen in den eigenen
auflage der GroKo ausschloss, schäumte 2009, dürfte rasch der Ruf nach einem ra- Reihen, ihre schärfsten parteiinternen Kri-
Schulz vor Wut. Auf einer Veranstaltung dikalen Neustart kommen. tiker, in diesem Bündnis am besten in
im Hamburger SPIEGEL-Haus sagte Ga- Die öffentlichen Verlautbarungen der Schach halten.
briel kürzlich, Schulz habe das Interview Parteispitze dürften dagegen kein Hinder- Merkel wüsste Horst Seehofer und die
vor der Veröffentlichung gekannt – was nis sein. Die hatte es auch vor vier Jahren CSU an ihrer Seite. In der eigenen Partei
aber wohl nicht zutrifft und das heikle The- gegeben: „Wir wollen keine Große Koali- würden allerdings einige führende Leute
ma noch ein wenig heikler macht. tion“, versicherte damals Parteichef Ga- Jamaika einer Großen Koalition vorzie-
In der Partei kursieren längst nicht nur briel. Und Spitzenkandidat Peer Stein- hen. Finanzminister Wolfgang Schäuble
Argumente gegen, sondern auch für ein wei- brück erklärte, die SPD wolle „nicht noch hat intern schon häufiger vor den Gefah-
teres Regierungsbündnis mit der Union. Die einmal der Steigbügelhalter für die CDU ren einer Großen Koalition gewarnt. Sie
SPD stehe im Zweifel in der Verantwortung, unter Frau Merkel sein“. Der Ausgang ist stärke vor allem die Ränder, wie man am
das wirtschaftlich stärkste Land in der EU bekannt. Erfolg der AfD sehe. Auch der schleswig-
nicht in instabile Verhältnisse zu schicken, Allen in der SPD-Spitze ist klar, dass es holsteinische Ministerpräsident Daniel
heißt es. Sozialpolitisch drohe ohne die SPD diesmal ein beispielloser Härtetest werden Günther, der ein Jamaika-Bündnis führt,
bestenfalls Stagnation, schlimmstenfalls könnte. Ohne eine Mitgliederbefragung, ist sich sicher: „Es gibt bei vielen in der
eine Rückabwicklung des Erreichten. In der das ist klar, würde es auch diesmal nicht Union die Neigung, nicht schon wieder
Opposition könnte die Partei zwischen AfD gehen. Darauf hat sich Schulz festgelegt. eine Große Koalition einzugehen.“
und Linkspartei zerrieben zu werden. Zu- In der Partei bildet sich bereits massiver Die Begeisterung der Deutschen für die
dem müssten die finanzschwachen Kommu- Widerstand gegen ein neues Bündnis mit GroKo nimmt ebenfalls ab. Zwar befür-
nen ohne einen echten Fürsprecher in der der Union. Fraktionsvize Axel Schäfer wortete im aktuellen ARD-Deutschland-
Regierung auskommen. sieht bei einem Mitgliederentscheid keine trend noch die Hälfte der SPD-Wähler das
Unterstützung erhielten die Sozialdemo- Chance für eine Mehrheit: „Die Stimmung Bündnis, aber andere Umfragen sehen die
kraten in dieser Woche von den Gewerk- an der Basis ist weitaus ablehnender als Regierungskombination nicht mehr an ers-
schaften, die sich von der GroKo offenbar 2013, das ist überhaupt kein Vergleich“, ter Stelle. Seit Merkel und Schulz im TV-
wesentlich mehr erhoffen als von anderen warnt er. Auch er selbst ist „strikt gegen Duell unter Beweis gestellt haben, wie gut
Regierungskonstellationen. Per großer Zei- eine weitere Große Koalition unter Angela sie miteinander harmonieren, wächst die
tungsannonce sprach sich die IG Metall Merkel“. Schäfer meint: „Die SPD hat kei- Ablehnung der Großen Koalition.
klar für die Rentenpläne der SPD aus. Dort ne Pflicht zur Selbstaufopferung.“ Ähnlich Der Weg in das neue Bündnis wird für
verstand man das als Plädoyer für eine sieht es SPD-Schatzmeister Dietmar Nie- die Großkoalitionäre nicht einfach. Die
Große Koalition. tan: „Nach den Erfahrungen dieses Wahl- Union müsste mit FDP und Grünen halb-
Auch für die Zeit nach Angela Merkel wegs ernsthaft verhandeln. Und am Ende
sieht sich die Parteiführung in der Regie- einen plausiblen Grund dafür finden, wa-
rung besser aufgestellt. Wenn Merkels
„Die Stimmung an der rum Jamaika einfach unmöglich ist. Die
Macht und Beliebtheit nach den Wahlen Basis ist weitaus SPD müsste sich zieren, so überzeugend,
nachlassen, womit die SPD-Spitze rechnet, ablehnender als 2013, dass die Union vielleicht mit Neuwahlen
wäre die Union leichter aus einer Regie- drohen würde. Und dann doch einknicken.
rung heraus zu besiegen als aus der Oppo- das ist kein Vergleich.“ In jedem Fall brauchte es eine gute Regie
sition, so die Parteistrategen. und schauspielerisches Talent.
Zudem kursiert ein Szenario, wonach kampfs ist eine Neuauflage der Koalition Wenig anderes wäre schädlicher für die
die Sozialdemokraten die Koalition vor- für unsere Basis keine Option mehr.“ Demokratie. Bereits jetzt beschert die Aus-
zeitig beenden könnten. Das hätte aus Auf der Gegenseite, im Kanzleramt, sicht auf ein „Weiter so!“ der AfD Zulauf.
Sicht der Genossen den Vorteil, dass sie wird die Zuneigung der SPD-Spitze durch- Etwa 30 Prozent der Wahlberechtigten
die Union in eine Personaldiskussion trei- aus erwidert. Dort hat man sich darauf ein- sind von der Politik so enttäuscht, dass sie
ben könnten. Merkel müsste sich dann ent- gerichtet, dass es weder für Schwarz-Gelb zu populistischen Ansichten tendieren.
scheiden, ob sie bei einer vorgezogenen noch für Schwarz-Grün eine Mehrheit ge- Wohin die endlose Folge Großer Koalitio-
Neuwahl noch einmal antreten soll. ben wird. Die Kanzlerin müsste sich also nen führen kann, zeigt das Beispiel Öster-
Überraschende Unterstützung erhalten zwischen Großer Koalition und einem Ja- reichs.
die Berliner Akteure von Teilen der Partei- maika-Bündnis entscheiden. Am Ende, das zeichnet sich ab, dürften
linken. „Wenn wir je einen Koalitionsver- Letzteres aber halten Merkel-Vertraute die Großkoalitionäre dem Souverän die
trag mit der Union bekämen, in dem die für „sehr, sehr unwahrscheinlich“. Öffent- Schuld geben. Der Ton wird mancherorts
Rentenkürzungen zurückgenommen wer- lich sagt die Kanzlerin natürlich nichts. schon geübt: Das Wahlergebnis, so heißt
den, die Bürgerversicherung eingeführt Nahe Parteifreunde zweifeln aber nicht da- es, habe keine andere Regierung zugelas-
wird und ein Rückkehrrecht auf Vollzeit ran, dass sie die bewährte Koalition mit sen. Wählerwille sei eben Wählerwille. Ja-
drinsteht, da kann man dann nichts dage- der SPD favorisiert. maika? Eine Dreierkombination im Bund?
gen haben“, bekennt die baden-württem- Warum sollte sie sich auf ein Experi- Das habe es doch noch nie gegeben. Ein
bergische Landesvorsitzende Leni Brey- ment mit Christian Lindners unerfahrener politisches Abenteuer in Zeiten von
maier. Sie setzt ganz auf den Vorsitzenden: Truppe und den dezimierten und von Iden- Trump, Brexit, Kim und Bombe? Nein, das
„Martin Schulz wird den Mitgliedern kei- titätskrisen geplagten Grünen einlassen? wollten die Deutschen doch nicht.
nen Koalitionsvertrag empfehlen, in dem Noch dazu, wenn das Bündnis nur über Christiane Hoffmann, Veit Medick,
nichts Substanzielles drinsteht.“ eine knappe Mehrheit verfügen würde? Ann-Katrin Müller, Ralf Neukirch, Hanna Voß

DER SPIEGEL 38 / 2017 21


„Klare Kante“
SPIEGEL-Gespräch Kanzlerkandidat Martin Schulz über die Wut vieler Deutscher auf
die etablierten Parteien und den richtigen Umgang mit autoritären Politikern

FOTOS: HERMANN BREDEHORST / DER SPIEGEL

Sozialdemokrat Schulz mit Tagebuch

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WAHL 2017

Schulz: Es gibt bestimmte Reaktionen, die

D
ienstagmorgen, zehn Uhr. Im Ber- Derzeit klammern sich in der Union na-
liner Willy-Brandt-Haus stehen an darf man in Berlin nicht zeigen, etwa, dass türlich alle an die Macht, aber in Wahrheit
jeder Ecke Willy-Brandt-Statuen: man sich verletzt fühlt. Tut man es doch, hat Angela Merkel mit Jens Spahn so viel
die eine große, viele kleine. Martin Schulz, kriegt man im besten Fall einen mitleidi- zu tun wie ich mit …
61, kommt in sein Vorsitzenden-Büro, das gen Artikel nach dem Motto: Lieber Kerl, SPIEGEL: … Viktor Orbán?
so aussieht, wie es aussah, als es noch aber er ist dem Ding nicht gewachsen. Die Schulz: Das ist Ihr Vergleich, nicht meiner.
Sigmar Gabriels Vorsitzenden-Büro war. Alternative ist, sich zu verpanzern und SPIEGEL: Zugleich macht sich auf Wahlver-
Im Bücherregal der Brockhaus. An der zynisch zu werden. Auch nicht gesund, anstaltungen vor allem in Ostdeutschland
Wand Fotos von Brandt, Rau, Schröder. Zynismus ist die schlimmste Eigenschaft, eine Wut gegen die Kanzlerin und die po-
Bevor es losgeht, muss Schulz schnell die ein Politiker haben kann. Deshalb litische Elite des Landes breit, wie man sie
noch einen Brief unterschreiben. An die musst du in Berlin eine innere Balance lange nicht gesehen hat. Warum?
Kanzlerin. Der Kandidat will ein zweites haben, um dir selbst treu zu bleiben. Und Schulz: Für mich ist Respekt ein ganz wich-
TV-Duell. Er liest die Zeilen, setzt seinen die habe ich. tiger politischer Begriff. Seit meiner Kan-
Namen darunter und wedelt mit dem SPIEGEL: Haben Sie einen Moment gehabt didatur steht er im Mittelpunkt jeder mei-
Schreiben. „Persönlich zustellen“, ruft er in den letzten Wochen und Monaten, über ner Reden. Viele Menschen haben das Ge-
seinem Mitarbeiter zu. Am Tag zuvor hat den Sie sagen würden, da habe ich mich fühl, dass die Politik sie nicht ausreichend
er vier wesentliche Anliegen der SPD for- zu sehr den Regeln unterworfen? beachtet. Die hören, das große Ganze sei
muliert: sichere Rente, bessere Bildung, Schulz: Könnte ich sagen, mache ich aber angeblich in Ordnung, aber in ihrem Leben
Lohngleichheit für Frauen und Männer und nicht. ist in Wirklichkeit überhaupt nichts in Ord-
mehr Europa. „Da geht noch was“, sagt er SPIEGEL: Beim TV-Duell? nung. Die Frau kann nicht in Vollzeit zu-
über den Wahlkampf. Ausgeruht und aus- Schulz: Ach, das TV-Duell. Das hat der ehe- rück, die Tochter kann in der maroden
geschlafen sei er in diesen letzten Tagen malige ZDF-Chefredakteur Nikolaus Bren- Schule nicht aufs Klo gehen, die Bahn
vor der Wahl gewiss nicht, aber kämpfe- der treffend beschrieben. Das war ein Kor- kommt nie pünktlich, der Großvater kriegt
risch und gut gelaunt, das noch immer. sett, basierend auf einer Erpressung des keinen Pflegeplatz, obwohl er dement ist.
Kanzleramts, in dem Merkel sich nicht zu Und als dann auch noch die Flüchtlinge
SPIEGEL: Herr Schulz, können Sie uns ver- bewegen brauchte und ich mich nicht be- gekommen sind, gab es das Gefühl: Für
raten, was Sie gestern Abend in Ihr Tage- wegen konnte. Vor ein paar Wochen habe die tut ihr alles, für uns tut ihr nichts. Diese
buch geschrieben haben? ich mir während einer Autofahrt eine De- Mischung aus Frust und Angst führt zu die-
Schulz: Das war wie immer eine ganze Sei- batte zwischen Schmidt und Strauß von ser Reaktion. Deswegen ist es so wichtig,
te. Im Wesentlichen habe ich die Presse- 1976 angeguckt. Mein lieber Mann, da ging dass wir den Menschen vermitteln: Wir
konferenz rekapituliert, bei der ich unsere es hoch her. Das war noch eine Debatten- respektieren euch.
vier Kernanliegen genannt habe, die wir kultur. Ich finde es beängstigend, dass in SPIEGEL: Die SPD regiert seit fast 20 Jahren
Sozialdemokraten nach der Wahl durch- Deutschland von heute kaum über die gro- mit kurzer Pause mit. Ist Ihre Partei nicht
setzen wollen. Und dann habe ich einen ßen Zukunftsfragen diskutiert wird – we- mitverantwortlich für dieses Problem?
privaten Teil eingetragen. Aber das lass der über die Digitalisierung noch über die Schulz: Johannes Rau hatte einen wunder-
ich jetzt mal raus aus diesem Gespräch. Bildung. baren Satz für uns Sozis: Wir sind die
SPIEGEL: Sie machen das tatsächlich jeden SPIEGEL: Wir haben den Eindruck, dass Sie Schutzmacht der kleinen Leute. Unsere
Tag? Immer eine Seite? sich oft selbst in ein Korsett zwängen. Vor Aufgabe ist es, das Leben der Normalver-
Schulz: Ja, seit 37 Jahren. Schade, das Ta- ein paar Wochen haben Sie Angela Merkel diener jeden Tag ein kleines Stück besser
gebuch liegt jetzt im Hotel. Ich kann es noch einen „Anschlag auf die Demokratie“ zu machen. Das ist die Chance der SPD
aber mal holen lassen, dann kann ich es vorgeworfen. Dann sagten Sie, Sie würden gegen eine Kanzlerin, die immer im Un-
Ihnen zeigen. das so nicht noch einmal sagen. gefähren bleibt und den Eindruck vermit-
SPIEGEL: Schildern und bewerten Sie nüch- Schulz: Ich habe damals zugespitzt formu- telt, sie wisse gar nicht, wie es der Mehr-
tern – oder beschreiben Sie Ihre Gefühle? liert, weil ich auf einem Parteitag geredet heit der Menschen geht.
Schulz: Wenn es bei solchen Ereignissen ei- habe. Das Wort „Anschlag“ war scharf, SPIEGEL: Viele Deutsche erleben die Kanz-
nen besonderen Moment, einen besonde- aber im Kern bleibe ich dabei. Merkels in- lerin als bodenständig.
ren Augenblick gibt, dann halte ich den haltliche Beliebigkeit schadet der demo- Schulz: Mag sein, dass sie dieses Image hat.
inhaltlich fest. Gestern habe ich eingetra- kratischen Kultur dieses Landes. Aber ihr ganzes Programm lässt sich in ei-
gen, dass ich mir Mühe geben musste, mich SPIEGEL: Viele Bürger empfinden Merkels nem Satz zusammenfassen: Vertraut mir,
nicht zu verstellen. Politik als gesunden Pragmatismus. dann geht schon alles gut. Sie sagt nicht,
SPIEGEL: Wieso das? Schulz: Es gibt einen Unterschied zwischen was sie will, wie sie sich die Zukunft unse-
Schulz: Ich mache schon seit Längerem die Pragmatismus und Prinzipienlosigkeit. res Landes vorstellt. Das macht viele Men-
Erfahrung, dass es einen gewissen Druck Merkels Versuch, sich der Kontroverse um schen verrückt. Sie fühlen sich entmün-
gibt, sich an die Berliner Szenerie anzu- die Zukunft des Landes zu entziehen, führt digt.
passen, an die Umstände, die um einen he- zu einem politischen Vakuum, das die Kon-
rum definiert werden. junktur-Ritter der Angst füllen. Und die 10.50 Uhr: Die Tür öffnet sich. Einer von
SPIEGEL: Jetzt klingen Sie wie Hannelore sitzen bei der AfD. Schulz’ Sicherheitsbeamten trägt einen
Kraft, die sich über die Atmosphäre in Ber- SPIEGEL: Heißt das, Merkel ist für den Auf- Kalender herein: das Tagebuch, schwarzes
lin zu beklagen pflegte. stieg der AfD verantwortlich? Kunstleder, ein „Sparkasse“-Aufdruck.
Schulz: Nein, ich beklage mich nicht. Aber Schulz: Nein. Aber natürlich hat die AfD Der Kandidat schlägt es auf, blättert und
im Berliner Betrieb muss man nun mal be- davon profitiert, dass Merkel der CDU je- sagt: „Diese Tagebücher haben den un-
stimmte Regeln zu Kenntnis nehmen, die den inhaltlichen Kern genommen hat. Des- schätzbaren Vorteil, dass ich mein Leben
man selbst nicht beeinflussen kann. Und halb sind die sogenannten Schwesterpar- richtig rekapitulieren kann.“
dann muss man schauen, dass man in all teien CDU und CSU heute in Wahrheit
den Regeln nicht verloren geht. Man darf gegnerische Parteien, und deshalb rebel- SPIEGEL: Die Umfragen zeigen, dass viele
sich den Regeln nicht unterwerfen. liert der konservative Flügel hinter ver- Bürger die Kanzlerin nicht so kritisch se-
SPIEGEL: Können Sie uns ein Beispiel geben? schlossenen Türen gegen die Kanzlerin. hen wie Sie. Sie nehmen wahr, dass überall
DER SPIEGEL 38 / 2017 23
Titel

auf der Welt autoritäre Regierungen an gesagt: Ja klar sitze ich hier, um den Laden
die Macht kommen und Merkel als Hüterin abzuschaffen. Und dafür stellt ihr mir noch
der westlichen Werte gefragt ist. einen Dienstwagen zur Verfügung. So den-
Schulz: Auch auf der internationalen Ebene ken diese Leute.
versucht sie es, so lange es irgendwie geht, SPIEGEL: Was heißt das konkret?
keine Position zu beziehen. Einem Mann Schulz: Die Geschäftsordnung des Bundes-
wie Donald Trump muss man aber mit ei- tags gilt auch für die AfD. Aber es wäre
ner klaren Haltung entgegentreten. fatal, im Parlament mit ihr zusammenzu-
SPIEGEL: Das tut Merkel. Ihr Satz dazu lau- arbeiten – so wie es die CDU ja bereits im
tete: „Die Zeiten, in denen wir uns auf an- Landtag von Sachsen-Anhalt getan hat.
dere völlig verlassen konnten, die sind ein SPIEGEL: Muss die AfD oder müssen einzel-
Stück vorbei.“ ne Mitglieder der AfD aus Ihrer Sicht vom
Schulz: Es stimmt, für diesen Satz hat sie Verfassungsschutz beobachtet werden?
viel Bewunderung bekommen. Aber mich Schulz: Die völkische Rhetorik auch in der
bringt der auf die Palme. Was heißt bitte AfD-Spitze zeigt doch, dass man davon
„ein Stück“ und wer sind die „anderen“? ausgehen muss, dass nicht nur an der Basis,
Wo sind wir denn hier? Die Politik von sondern auch in der Führung der Partei
Donald Trump führt die große amerikani- eine Gesinnung herrscht, die mit den
sche Nation in die Sackgasse, er löst mit Grundwerten unserer Verfassung nicht ver-
einem Tweet globale Krisen aus, diskredi- einbar ist.
tiert ganze Bevölkerungsgruppen. Das ist SPIEGEL: Die AfD ist auch für die SPD ein
nicht unsere Politik. So hätte ich das for- massives Problem. Kaum eine Partei verlor
muliert. Klare Kante, das ist die einzige in Nordrhein-Westfalen so viele Wähler
Sprache, die Trump und Autokraten wie an die AfD wie die Sozialdemokraten.
Putin oder Erdoğan verstehen. Treffen Sie mit Ihrem Stigmatisierungskurs
SPIEGEL: Merkel beherrscht die Regeln der auch die eigenen Leute?
Diplomatie. Wollen Sie sich darüber hin- Schulz: Nein. Meine Haltung ist: Die Funk-
wegsetzen? tionäre der Partei müssen wir bekämpfen,
Schulz: Die Regeln der Diplomatie beherr- auf die Sympathisanten dürfen wir nicht
sche ich auch. Aber wenn unsere Grund- einprügeln. Wir müssen uns um jede ein-
werte angegriffen werden, kann man da- zelne Wählerin, jeden einzelnen Wähler
rauf nicht mit fein ziselierten Bulletins bemühen.
antworten. Diese Herren dürfen nicht das SPIEGEL: Sigmar Gabriel ist vor zwei Jahren
Gefühl bekommen, wir Europäer passten zu Pegida gegangen …
uns an oder hätten gar Angst vor diesem Schulz: … er hat bei einer Diskussionsver-
Macho-Gehabe. anstaltung zugehört, bei der auch Pegida-
SPIEGEL: Erdoğan, Putin, Trump – ist das Anhänger zu Wort kamen …
für Sie dieselbe Kategorie? SPIEGEL: … und hat dafür in der SPD viel
Schulz: Seehofers Freund Viktor Orbán, der Kritik eingesteckt. War das ein Schritt zu
ungarische Ministerpräsident, hat sich aus- weit?
drücklich zur „illiberalen Demokratie“ be- Schulz: Wir müssen den Leuten, die sich
kannt. In Ankara, in Moskau und auch in zur AfD hingezogen fühlen, zuhören. Da
Washington denken viele ähnlich. Diesem SPD-Politiker Schulz gibt es überhaupt kein Vertun. Man kann
Gedankengut muss man sich mit Prinzi- „Die Autokraten hassen unseren Lebensstil“ sie auch zurückgewinnen. Klar gibt es vie-
pientreue entgegenstellen. Die Autokraten le ideologisch aufgeladene Wutbürger.
hassen unseren Lebensstil, sie verachten sche Partei im Bundestag sitzen. Was löst Aber es gibt auch viele Stille im Land, die
unsere aufgeklärte Liberalität, sie belä- das bei Ihnen aus? denken, ich wähle die jetzt mal, um ein
cheln uns für unsere Flüchtlingspolitik. De- Schulz: Kampfeswille. Den Feinden der De- Signal zu setzen. Die dürfen wir niemals
nen musst du sagen: Für euer Denken ist mokratie dürfen wir keinen Platz lassen. aufgeben.
bei uns kein Platz. Ich habe mein ganzes politisches Leben SPIEGEL: Sie haben den Aufstieg nach Er-
SPIEGEL: Ihr Parteifreund, Vizekanzler Sig- lang für ein starkes Europa und gegen die klärung Ihrer Kandidatur erlebt und dann
mar Gabriel, ist da anderer Auffassung. Er Verführer von rechts gekämpft. den Absturz. Wie erklären Sie sich das ei-
will zum Beispiel Putin entgegenkommen SPIEGEL: Sie nennen die AfD eine „Schande gentlich?
und unter bestimmten Bedingungen die für Deutschland“. Sorgen Sie damit nicht Schulz: Ich lese Ihnen mal vor, was ich am
Sanktionen gegen Russland lockern. erst recht für ein Gruppengefühl bei de- 17. Februar geschrieben habe, als die Um-
Schulz: Sigmar Gabriel und ich sind da auf nen? fragen so hoch schossen (schlägt das Tage-
einer Linie. Der Unterschied zwischen der Schulz: Das haben die sowieso. Die Spitze buch auf und zitiert): „Die SPD hat sechs
Türkei und der Russischen Föderation ist, der AfD ist rassistisch. Mit ihr darf es kei- Prozent zugelegt, gleich 30 Prozent im
dass Russland ein vetoberechtigtes Mit- nen Kompromiss geben. Politbarometer. Die SPD ist als die Partei
glied des Sicherheitsrats ist. Realpolitik ist SPIEGEL: Den etablierten Parteien im Bun- der sozialen Gerechtigkeit mit 49 Prozent
schwierig. Dennoch muss man auch Putin destag stellen sich künftig ganz praktische bewertet. Das ist eine Rückkehr der SPD
klar sagen, dass er sich an die getroffenen Fragen: Wie soll der parlamentarische Um- zu sich selbst. Ich liege im Vergleich
Vereinbarungen im Ukrainekonflikt halten gang mit der AfD aussehen? Schulz/Merkel bei 49 zu 38. Das ist ein
muss. Sonst können wir die Sanktionen Schulz: Das ist schwierig. Ich habe im Eu- Trend, aber ich bezweifle, dass er dauer-
nicht aufheben. ropäischen Parlament mit solchen Leuten
SPIEGEL: Der 24. September wird zur Zäsur: meine Erfahrungen gemacht. Marine Le * Klaus Brinkbäumer, Michael Sauga und Veit Medick in
Erstmals wird wohl eine rechtspopulisti- Pen zum Beispiel hat mir mal ganz offen Berlin.

24 DER SPIEGEL 38 / 2017


SPIEGEL TV MAGAZIN
SONNTAG, 17. 9., 22.45 – 23.30 UHR | RTL
haft sein kann, weil es in so kurzer Zeit die CDU versucht das seit Jahren zu ka-
solche Veränderungen gar nicht gibt“ schieren. Die Realität ist: Die CDU ist eine Manipulierte Tachos – So schnell
(schlägt das Tagebuch wieder zu). Ich habe rechtsgewirkte Partei ohne Zukunftsvision. verschwinden 80 000 Kilometer;
dem vom ersten Tag an misstraut. Den- In dem Moment, wo sie die Macht verliert, Kampf um Platz 3 – Unterwegs
noch: Der Wunsch nach einer Alternative wird sie auseinanderbrechen.
zu Angela Merkel war klar sichtbar. Das SPIEGEL: Aber wenn man sich die vier
Potenzial ist da. Punkte anguckt, die Sie durchzusetzen ver-
SPIEGEL: Wie sehr bereuen Sie es, nicht in sprechen, dann liest sich das ja wie eine
die Regierung gegangen zu sein? Gesprächseinladung an CDU und CSU.
Schulz: Gar nicht. Ich kann nicht glaubwür- Volker Kauder, der Unionsfraktionschef,
dig sagen, ich will Merkel ablösen, wenn hat schon gesagt, dass man diese Punkte
ich unter ihr als Minister diene. Schon gar gemeinsam hinkriegen könnte.
nicht, wenn ich ein Ministeramt an dem Schulz: Die vier Punkte sind eher ein Schei-
Tag übernehme, an dem ich als Kanzler- dungsbrief als eine Einladung.
kandidat nominiert werde. SPIEGEL: Wie bitte?
SPIEGEL: Aber schauen Sie sich doch Sigmar Schulz: Frau Merkel duckt sich vor der Ren-
Gabriel an. Der war als Parteichef unbeliebt, tenpolitik weg. Sie will einfach nichts ma-
als Außenminister ist er sehr populär und chen, obwohl sie weiß, dass dann das Ren-

SPIEGEL TV
spricht mit der Autorität des Amtes, die Ih- tenniveau sinkt. Das ist Altersarmut auf
nen fehlt. Die Rollenaufteilung war falsch. Programm. Zu unserer nationalen Bil-
Schulz: Nein. Der Außenminister ist immer dungsinitiative hat die Kanzlerin gesagt, Politiker Lindner im Wahlkampf
dann populär, wenn er nicht in erster Linie der Bund habe bereits genug Geld zur Ver-
als Parteipolitiker wahrgenommen wird. fügung gestellt. Eine weiterer klarer Un- mit FDP-Chef Christian Lindner;
Guido Westerwelle war der unpopulärste terschied. Und was die Lohngerechtigkeit Das Leiden nach der IS-Herrschaft – Ein
Außenminister, weil er das Außenminis- angeht: Es war Frau Merkel höchstpersön- Waisenhaus im irakischen Mossul.
teramt zu FDP-Zwecken missbraucht hat. lich, die das Recht auf Rückkehr von Teil-
Sigmar Gabriel ist deshalb so populär, weil zeit auf Vollzeit blockiert hat. Trotzdem
er ein exzellenter Außenminister ist und plappern alle nach, die Programme seien SPIEGEL GESCHICHTE
zugleich eine klare Haltung hat. Aber ich? fast deckungsgleich. Das ist verrückt. MONTAG, 18. 9., 20.15 – 21.00 UHR | SKY
Vormittags mit Merkel das Land zu regie- SPIEGEL: Die Große Koalition scheint Sie
ren und nachmittags zu sagen, diese Koa- ganz schön in Wallung zu bringen. Warum Baschar al-Assad:
lition muss abgelöst werden – das hätte schließen Sie eigentlich nicht die Rolle des Syriens Tyrann
niemand verstanden. Und das hätte vor al- Juniorpartners unter Merkel aus? Von seinem Vater übernahm Baschar
lem gegen meine Prinzipien verstoßen. Schulz: Weil ich gegenwärtig echt keine al-Assad im Jahr 2000 die Amts-
SPIEGEL: Die Lage scheint so wie immer: Zeit für Koalitionsdebatten habe. Über die geschäfte als Präsident Syriens. Das
Die SPD rackert sich ab, am Ende wird je- Zusammensetzung des Bundestags ent- Porträt analysiert den Mann, der
der Erfolg der Kanzlerin zugerechnet. Ist scheiden die Wählerinnen und Wähler. Medizin studierte und dem vorge-
das der Fluch der Großen Koalition? Wer mit uns koalieren will, der kann sich worfen wird, im blutigen Bürgerkrieg
Schulz: Das wissen wir erst am 24. Septem- unser Programm anschauen und ist dann Giftgas gegen sein eigenes Volk ein-
ber. Viel zu viele Menschen sind doch un- herzlich eingeladen, mit uns zu sprechen. zusetzen. Die Dokumentation fragt,
entschlossen, als dass man jetzt schon sa- SPIEGEL: Die SPD befragte 2013 ihre Mit- warum sich der Assad-Clan so
gen könnte, wie die Wahl ausgeht. Ich sehe glieder über eine Koalition mit der Union. lange an der Macht halten konnte,
das doch auf meinen Veranstaltungen: Sollte für die SPD eine Regierungsbeteili- und gibt Einblicke in die Entstehung
Vorn sitzen die, auf die ich mich immer gung, in welcher Konstellation auch immer, eines Konflikts, der die Weltpolitik
verlassen kann. Hinten sind die Unent- möglich sein: Werden Sie das wiederholen? seit Jahren prägt.
schiedenen, die aber irgendwann einstim- Schulz: Ja. Die Mitgliederbefragung war
men. Ich erreiche die Menschen. eine Sternstunde der innerparteilichen De-
SPIEGEL: Es riecht jetzt nach einer Neuauf- mokratie. Dahinter können und wollen wir
lage der Großen Koalition. nicht zurück. Unsere Mitglieder machen
Schulz: Das ist doch Quatsch. In Deutsch- mit unglaublichem Einsatz Wahlkampf.
land läuft ein systematisierter Etiketten- Aber Mitglied der SPD wird man nicht al-
schwindel. Zwischen CDU und uns liegt lein, um Plakate zu kleben. Mitglied wird
programmatisch der Atlantikgraben. Aber man, um mitzugestalten.
SPIEGEL: Herr Steinbrück hat damals vor
der Wahl angekündigt, er gehe auf keinen
Fall in ein Kabinett unter Merkel. Sie hal-
ten sich das offen. Warum?
Schulz: Weil ich Kanzler werden will. Weil
wir unsere Liberalität, unseren Wohlstand
nicht mit Schlaftabletten-Politik verteidi-
gen können. Ich bin davon überzeugt, dass
ich nach der Wahl eine Regierung bilden
kann. Daran glauben Sie nicht, das sehe
GETTY IMAGES

ich in Ihren Gesichtern. Ist schon klar.


Aber ich glaube daran und kämpfe dafür.
Schulz, SPIEGEL-Redakteure* SPIEGEL: Herr Schulz, wir danken Ihnen für
„Die Spitze der AfD ist rassistisch“ dieses Gespräch. Präsident Assad

DER SPIEGEL 38 / 2017 25


WAHL 2017

Die kleine Koalition


Analyse Welche Versprechen die Bundesregierung erfüllt hat –
und welche nicht

D
ie ersten Bundesregierungen kamen noch ohne wirksam gebremst wäre, und auch bei der E-Mobilität ist
große Verträge aus. Die Koalitionäre tauschten der Fortschritt eher klein. Immerhin ging es bei der Suche
sich per Brief darüber aus, was sie machen wollten, nach einem Endlager einen kleinen Schritt vorwärts.
und dann wurde gemacht. So war es in den Anfangsjahren Den Bund-Länder-Finanzausgleich neu zu regeln war
dieser Republik, aber so ist es längst nicht mehr. schwierig, aber dringend und wichtig. Der Bundesprä-
Als Angela Merkel, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel sident unterzeichnete das Gesetzespaket letztlich trotz
vor knapp vier Jahren handelseinig waren, am 27. No- verfassungsrechtlicher Bedenken. Das war vor wenigen
vember 2013, setzten sie sich im Reichstag vor die Kame- Wochen, im August. Und im Juni, in einer seiner letzten
ras, griffen zum Füllfederhalter und unterzeichneten ein Sitzungen, hatte der Bundestag noch beschlossen, die Ren-
dickes Dokument. Übernächtigt sahen die drei Parteichefs ten in Ost und West bis 2025 anzugleichen, auch das hatte
aus, fünf Wochen lang hatten CDU, CSU und SPD ver- die Regierung versprochen. Das alles geschah, ohne dass
handelt, in der Nacht zuvor bis fünf Uhr morgens. Nun neue Schulden aufgenommen wurden: Seit 2014 steht im
war der Koalitionsvertrag fertig, Bundeshaushalt die „schwarze
185 Seiten, der Titel klang nach Null“.
großen Ambitionen: „Deutsch- Anderes blieb auf der Stre-
lands Zukunft gestalten“. cke, darunter die Lebensleis-
Die SPD befragte noch ihre tungsrente. Gleiches gilt für das
Mitglieder, die stimmten mehr- Recht, von einer Teilzeit- in
heitlich dafür, am 17. Dezember eine Vollzeitstelle zurückzukeh-
2013 wurde dann Angela Mer- ren, wovon zurzeit vor allem
kel zur Bundeskanzlerin ge- Frauen profitieren würden. Die
wählt und ihr Kabinett ernannt. versprochene zügige Umset-
Die Bundesrepublik hatte eine zung einer Finanztransaktion-
neue Regierung, ihre 23., wie steuer scheiterte in der EU. Und
immer eine Koalition. die Asylverfahren dauern, an-
MARKUS SCHREIBER / AP / DPA

„Der Duktus und der Geist ders als angekündigt, nicht un-
dieses Vertrags“ zeigten, be- ter drei Monaten bis zur ersten
hauptete Merkel, „dass wir eine Entscheidung.
Große Koalition sind, um auch Hier zeigt sich allerdings
große Aufgaben für Deutsch- auch: Man darf die Regierung
land zu meistern“. Doch die an ihren Worten messen, aber
Große Koalition war auch ein Koalitionäre bei Vertragsunterzeichnung 2013 die Welt dabei nicht aus dem
großer Kompromiss und der Blick verlieren – und die war
Koalitionsvertrag nicht der gro- bald eine andere als bei Ab-
ße Wurf. Man hätte ihn besser „Deutschlands Vergangen- schluss des Koalitionsvertrags. Dass ab 2015 so viele Flücht-
heit verwalten“ genannt, schrieb der SPIEGEL damals und linge kommen würden, sahen die Strategen der Großen
erkannte ein „Bündnis der Hasenherzen“ (Nr. 49/2013). Koalition in Deutschland natürlich ebenso wenig voraus
Auch viele andere Kommentatoren zeigten sich enttäuscht wie die Annexion der ukrainischen Krim durch Russland
darüber, dass die neue Regierung nicht mehr wollte, nicht im März 2014. So blieben der „offene Dialog“ und eine
größere, konkretere Ziele benannte, das ist zu berück- ausgedehnte „Modernisierungspartnerschaft“ mit Russ-
sichtigen, wenn man heute Bilanz zieht. land unerfüllte Forderungen.
Wie fällt diese aus? Die SPIEGEL-Dokumentation hat Auch an anderen Stellen wurde der Vertrag von der
jetzt, kurz vor Ende der Legislaturperiode, im Einzelnen Wirklichkeit überholt. „Transatlantische Partnerschaft und
überprüft, ob die Regierung ihre Versprechen gehalten Nato stärken“ war sicherlich ein ehrenwertes Ziel, ist aber
hat. Das Ergebnis: Viele Vorhaben aus dem Koalitions- schwerer zu erreichen, seitdem der Präsident Donald
vertrag wurden umgesetzt – die Regierung war keine mu- Trump heißt. Und Recep Tayyip Erdoğan war nicht der
tige, aber eine funktionierende und ziemlich fleißige. Sie einfachste Partner für eine Bundesregierung, die sich vor-
hat wenig versprochen, aber davon viel gehalten. genommen hatte: „Wir möchten die Beziehungen zwischen
Die Mütterrente: kam zum Juli 2014. Der Mindestlohn: der Europäischen Union und der Türkei weiter vertiefen.“
folgte ein halbes Jahr später, zum Jahresanfang 2015. Die Am Ende bleibt das Bild einer kleinen Koalition, die
Frauenquote für Aufsichtsräte: kam zum Mai 2015. Auch sich vor vielen großen Aufgaben gedrückt hat. Deutsch-
die Maut, die Elektromobilität und die Mietpreisbremse lands Zukunft gestalten? Rente, Pflege, Einwanderung,
trieb die Regierung voran, wie sie es angekündigt hatte. Klimawandel, Europa, das sind einige der großen Themen
An diesen Beispielen zeigt sich aber auch: Eine neue Rege- der Zukunft – die Probleme sind absehbar, künftige Re-
lung bedeutet noch lange nicht, dass auch das Ziel erreicht gierungen werden sie lösen müssen.
wurde. Niemand behauptet, dass der Anstieg der Mieten Hauke Janssen, Markus Verbeet

26 DER SPIEGEL 38 / 2017


Nutzen Sie Ihr Wahlrecht.
Und Ihre Informationsfreiheit.

Am Wahltag sind Sie gefragt. Als Wahlberechtigte bestimmen Sie mit


über wichtige Zukunftsthemen wie Bildungsqualität, Innovationskraft
oder die Rahmenbedingungen für Energiepreise und freien Welthandel.
Ihre Stimme kann dazu beitragen, Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit
und Wohlstand zu erhalten.

Informieren Sie sich über die Inhalte der unterschiedlichen


Parteiprogramme und gehen Sie zur Wahl.
Europa

Berlin schützt Lobbyisten


Deutschland wehrt sich gegen schärfere Transparenzregeln der EU.
Die Bundesregierung sperrt sich gegen eine Ausweitung der Im Gespräch ist auch eine freiwillige Anwendung beispiels-
EU-Transparenzregeln für Treffen von Beamten mit Lobby- weise für die Ständigen Vertretungen bei der EU. „Wir äußer-
isten. So weigert sich Deutschland, die Regeln für ein ver- ten uns weisungsgemäß kritisch“, heißt es in einem Kabel
pflichtendes Lobbyistenregister, die derzeit verhandelt wer- deutscher Diplomaten an das Auswärtige Amt. Damit befin-
den, auf die EU-Botschafter in den Ständigen Vertretungen det sich die Bundesrepublik in eher unangenehmer Gesell-
sowie auf mit Verhandlungen in Brüssel betraute Ministerial- schaft. Während Länder wie Schweden oder die Niederlande
beamte zu übertragen. Dies geht aus vertraulichen Berichten kein Problem damit haben, die EU-Regeln auch auf ihre Un-
zu den entsprechenden Verhandlungen im Rat hervor. Die terhändler in Brüssel anzuwenden, halten neben Deutschland
EU-Kommission hatte im vorigen Jahr ein Transparenzregis- vor allem Länder wie Ungarn oder die Slowakei dagegen. Die
ter für die drei zentralen EU-Institutionen vorgeschlagen. Treffen der Ständigen Vertreter seien Gegenstand nationaler
Danach sollen nur noch registrierte Lobbyisten Zugang zu Transparenzregeln, argumentieren die Deutschen in Brüssel,
hochrangigen Beamten erhalten. Derzeit diskutieren die „der Rat sollte daher darauf verzichten, die Mitgliedstaaten
Mitgliedstaaten, ob sie die Regeln im Rat übernehmen sollen. zur Anwendung der EU-Regeln aufzufordern“. mp

FRANK-WALTER
STEINMEIER
ANGELA
MERKEL
SIGMAR
GABRIEL

WOLFGANG MARTIN CEM


SCHÄUBLE SCHULZ ÖZDEMIR
THOMAS
DE MAIZIÈRE URSULA HORST
VON DER SEEHOFER
LEYEN
CHRISTIAN
LINDNER
SAHRA
WAGEN-
70 KNECHT ANDREA
68 NAHLES HEIKO
MAAS

63
60
+7
55 54
50
+10
+8 48 47
43
+5
Kantar Public nannte die Namen von Politikern. 37 36
BELIEBTHEIT Anteil der Befragten,
die angaben, dass der genannte Politiker 33
+6
künftig „eine wichtige Rolle“ spielen solle +4

Veränderungen zur vorigen Umfrage


im Juli, in Prozentpunkten
im Juli nicht auf der Liste
Angaben in Prozent; Veränderungen von bis zu drei Prozentpunkten
liegen im Zufallsbereich, sie werden deshalb nicht ausgewiesen.
Kantar Public für den SPIEGEL vom 11. bis zum 13. September;
1036 Befragte ab 18 Jahren „Dieser Politiker ist mir unbekannt.“

4 11 8 21 14 18 26

28 DER SPIEGEL 38 / 2017 Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel
Deutschland
Wahlkampf raufhin. „Es ist nicht unser
Teure Plakate Fehler, wenn die Plakate von
der Partei nachlässig aufge-
Der SPD drohen nach einem hängt wurden und der bislang
verlorenen Rechtsstreit Kos- größte Hagelsturm Deutsch-
ten von mehr als einer halben lands noch sein Übriges dazu-
Million Euro. Das Landge- tut“, sagt Firmenchefin Silke
richt Berlin verurteilte die Lahnstein. Das Gericht gab
Partei Ende August, weil sie ihr in wesentlichen Punkten
einer Vertriebsfirma die Wahl- recht. Lahnstein hofft nun,
plakate aus dem Bundestags- dass die SPD den vom Ge-
wahlkampf 2013 nicht bezahlt richt zugesprochenen Betrag
hatte. Die SPD begründete von über 390 000 Euro plus

FREDRIK VON ERICHSEN / PICTURE ALLIANCE / DPA


den Schritt damit, dass die Zinsen bald überweist. Für
ökologisch angefertigten Pla- die SPD kommen noch die
kate nicht wetterfest gewesen Kosten des Verfahrens hinzu.
seien, da sie sich nach weni- Eine außergerichtliche Eini-
gen Wochen bereits gewellt gung war zuvor gescheitert.
hätten. Die Vertriebsfirma Die Partei überlegt, das Urteil
Kompla verklagte die SPD da- anzufechten. akm

Anhörung eines Asylbewerbers in Bingen


Umfrage
Schulz holt auf Flüchtlingskontrollen Flüchtlinge hat im August mit
„Eher bescheiden“ den Überprüfungen begon-
Eine Woche vor der Bundestagswahl hat SPD-Spitzen- nen und konzentriert sich zu-
kandidat Martin Schulz auf der SPIEGEL-Politikertreppe Die groß angekündigte Über- nächst auf Syrer, die lange
gegenüber Juli klar zugelegt. Während die SPD in einer prüfung Tausender Flüchtlin- Zeit bei Asylanträgen ledig-
aktuellen Umfrage nur noch bei 20 Prozent steht, konnte ge, die sich womöglich ihren lich einen Fragebogen ausfül-
Schulz in seinen persönlichen Werten den Abstand Aufenthalt erschlichen haben, len mussten, dazu kommen
zu Kanzlerin Angela Merkel deutlich verringern. Im entpuppt sich als Reinfall. Afghanen ohne Passpapiere.
Wettlauf der kleineren Parteien liegt der Grüne Cem Nach der Affäre um den Bun- Bei diesen „Widerrufsprüfun-
Özdemir vorn, er landet deutlich vor Christian Lindner deswehroffizier Franco A., gen“ darf das Amt allerdings
(FDP) und Sahra Wagenknecht (Linke). Unten im der sich als syrischer Asylbe- Flüchtlinge nur zu einem
Ranking stehen die AfD-Spitzenkandidaten Alice Weidel werber ausgegeben hatte, freiwilligen Gespräch einla-
und Alexander Gauland. ließ Bundesinnenminister den. Tauchen sie nicht auf,
Thomas de Maizière (CDU) kann die Behörde wenig
85 000 Fälle neu aufrollen. Mi- machen. „Bis jetzt nicht iden-
nisterialbeamte bemängeln tifizierte Täuscher werden
KATRIN nun, das bisherige Vorgehen einer Einladung zum freiwil-
GÖRING- sei ungeeignet, um Schumm- ligen Gespräch mit hoher
ECKARDT
DIETMAR JOACHIM ler ausfindig zu machen. Wahrscheinlichkeit nicht fol-
BARTSCH HERRMANN Die Ergebnisse der Kontrolle gen“, warnen de Maizières
FRAUKE KATJA dürften „eher bescheiden Fachleute. Das angestrebte
PETRY KIPPING ausfallen“, heißt es in einem Ziel werde „so nicht er-
Papier für den Minister. Das reicht“, eine Gesetzesände-
ALEXANDER Bundesamt für Migration und rung sei nötig. sve, wow
GAULAND ALICE
WEIDEL

Grüne zurzeit Umweltminister von


Parteichef Habeck? Schleswig-Holstein, Partei-
chef werden. Die grüne
Grüne Basismitglieder versu- Spitzenpolitikerin Renate
24 chen, den Weg für Robert Ha- Künast empfiehlt den Dele-
beck an die Bundesspitze der gierten, diesen Antrag anzu-
Partei zu ebnen. Ein Antrag nehmen: „Es wäre doch ver-
18 18 für den Parteitag im Oktober rückt, sich die Auswahl un-
16 16 sieht vor, die Satzung der nötig zu beschneiden.“
Grünen zu ändern: Künftig Schließlich gebe es „breite
11 sollen auch Mitglieder von Erfahrung, authentisches
8 Landesregierungen Mitglied Auftreten, Behaarlichkeit,
28 40 49 11 42 27 48 im Bundesvorstand sein dür- Zuverlässigkeit nun nicht wie
fen. Damit könnte Habeck, Sand am Meer“. akm

DER SPIEGEL 38 / 2017 29


Deutschland

Rechtsextremisten
NPD will Staatsgeld
Mit einer Klage vor dem
Bundesverfassungsgericht
will die rechtsextreme NPD
erreichen, dass sie weiterhin
finanzielle Unterstützung
vom Staat erhält. Wie ein
Gerichtssprecher bestätigte,
ging in dieser Woche ein ent-
sprechender Antrag der Par-
tei in Karlsruhe ein. Die Kla-
ge richtet sich gegen einen
im Juni gefassten Beschluss
des Bundestags zur Ände-
rung des Grundgesetzes.
Demnach sollen verfassungs-
feindliche Parteien von der
staatlichen Parteienfinanzie-
rung ausgeschlossen werden.
Seit Jahren hat die NPD mit

JÜRGEN RITTER / IMAGO


den Folgen einer Spenden-
affäre und diverser Finanz-
skandale zu kämpfen. Ohne
Staatsgeld wäre die Kleinpar-
tei kaum überlebensfähig:
Laut NPD-Rechenschaftsbe-
Flughafen Berlin 16. August vorgelegt wurde. mindestens weitere 12 Millio- richt betrug der Anteil staat-
Wacklige Prognosen Höhere Fluggastzahlen erfor- nen Passagiere bewältigen zu licher Mittel an den Gesamt-
derten jedoch eine „erhöhte können. „Durch das schnelle einnahmen zuletzt fast 49
Die Flughafengesellschaft Stabilität von Prozessen“ am Wachstum wird es immer Prozent. Größere Spenden
Berlin Brandenburg räumt Flughafen. schwieriger, die notwendigen von externen Gönnern oder
Kapazitätsprobleme am Flug- Doch genau dies kann der Kapazitäten zur Verfügung finanzkräftigen Altnazis tau-
hafen BER ein. Der Airport BER vermutlich nicht bieten. zu stellen“, heißt es im Be- chen in dem Bericht dagegen
ist für jährlich 22 Millionen So fehlt es an Abfertigungs- richt. Im Bundesverkehrsmi- nicht mehr auf. hip, srö
Passagiere geplant, wird aber positionen für Flugzeuge. nisterium wächst die Skepsis,
schon bei seiner Eröffnung Bleibt eine Maschine liegen, ob nach der BER-Eröffnung
27 Millionen Passagiere pro seien laut Bericht „operative auf den Airport Tegel ver-
Jahr abfertigen müssen. Dies Prozesse nicht mehr stabil zichtet werden kann: „Die Reparationen
sei durch „Lerneffekte“ und umsetzbar“ – es drohen Ver- Betreiber glauben an ihre ei- Gabriel weist
„Optimierungsmaßnahmen“ spätungen. Ab 2022 soll zu- genen Pläne nicht“, heißt es.
angeblich möglich. So steht dem mitten auf dem Flug- Am 24. September stimmen Polen zurück
es im vertraulichen Bericht, hafengelände ein neuer Ter- die Berliner ab, ob Tegel of- Die polnischen Reparations-
der den Eigentümern am minal gebaut werden, um fen bleiben soll. gt forderungen für die Zerstö-
rungen des Zweiten Welt-
kriegs gefährden nach An-
sicht von Außenminister
Bundespolizei dass die Bundespolizei viel hören, da sich der Grenz- Sigmar Gabriel die deutsch-
Massiv überlastet zu wenig Personal hat, um schutz auch auf den „Äther- polnischen Beziehungen.
ihre gesetzlichen Aufgaben raum“ beziehe. Irene Miha- „Reparationsforderungen
Die Bundespolizei hat in den zu erfüllen“, sagt Jörg Radek, lic, die innenpolitische Spre- wären ein Versuch, das über
ersten sieben Monaten dieses der stellvertretende Vorsit- cherin der Grünenfraktion, die Jahre gewachsene enge
Jahres 2,4 Millionen Über- zende der Gewerkschaft der warnt vor einer Konkurrenz und gute Verhältnis zwi-
stunden angehäuft – ein Zu- Polizei. Trotz Personalman- für das Bundeskriminalamt. schen Deutschland und Po-
wachs um 35 Prozent seit Ja- gels sollen die Aufgaben der „Das ist genau der Weg, wie len einzutrüben“, sagt der
nuar. Das geht aus einer Ant- Bundespolizei erweitert wer- chaotische Doppelzuständig- SPD-Politiker. Die Bundes-
wort der Bundesregierung den: Erst im Sommer wur- keiten entstehen, spätestens regierung sei gut beraten,
auf eine Kleine Anfrage der den 1552 Beschäftigte in ei- wenn wir zwei konkurrieren- „jetzt ganz ruhig zu bleiben“.
Grünen im Bundestag her- ner Abteilung zur Bekämp- de Kriminalpolizeibehörden Nie seien die Beziehungen
vor. Mit 56 Prozent war der fung politisch motivierter auf Bundesebene haben“, zwischen Polen und der
Anstieg bei der Bereitschafts- Kriminalität gebündelt. Die sagt sie. „Wir brauchen das Bundesrepublik besser gewe-
polizei am höchsten, was Cyberabwehr könnte laut Gegenteil: eine effiziente sen, nie die Menschen sich
durch Großereignisse wie Antwort der Regierung eben- Sicherheitsarchitektur mit näher gewesen als heute.
den G-20-Gipfel in Hamburg falls zu den künftigen Auf- eindeutig definierter Ver- Gabriel: „Wir wollen, dass
zu erklären ist. „Dies zeigt, gaben der Bundespolizei ge- antwortung.“ kno das so bleibt.“ flo, sev

30 DER SPIEGEL 38 / 2017


WAHL 2017

Der Selfiemademan
Karrieren Christian Lindner ist der begnadetste Verkäufer der
deutschen Politik. Doch was will eigentlich der Chef der
neuen, wahnsinnig hippen FDP? Von Markus Feldenkirchen

C
hristian Lindner will den Menschen willkommen. Lindner greift jeden Gag
auf dem Marktplatz von Kronberg persönlich auf, auch den Witz der Satire-
im Taunus jetzt etwas andrehen. Website Postillon, die meldete: „Parfum-
„Wissen Sie, wo ich Sie grad hier sehe und Verkäuferin genervt, weil sie ständig nach
wir so zusammenkommen“, sagt er char- neuem Duft ‚FDP‘ gefragt wird“.
mant lächelnd auf der Bühne. „Warum ge- Es kann gut sein, dass Lindners FDP
hen Sie nicht den Schritt vom Wähler …“, bald aus der außerparlamentarischen Op-
lange Kunstpause, „… zum Mitglied?“ position in die Bundesregierung zurück-
Im Netz wird er dieser Tage als Thermo- kehrt. Weniger klar ist, was für eine Partei
mix-Verkäufer verulkt. Wie der erfundene zurück an die Macht drängt. Ist die neue
„Thermi-Lindner“ die Vorteile des Thermo- FDP so ultraflockig, hip und modern, wie
mix aufzählt („Und alle Teile können in die die Inszenierung ihres Spitzenmannes glau-
Spülmaschine!“), preist der echte Lindner ben machen soll? Steckt hinter der schö-
nun die Vorteile einer FDP-Mitgliedschaft nen neuen Verpackung tatsächlich eine
an. Als Mitglied könne man auch nach der neue FDP? Und hat die Partei unter Lind-
Wahl den Kurs der Partei bestimmen. ner jenen inneren Kompass gefunden, der
„Und deshalb: warum nicht heute?“, ruft unter Jürgen Möllemann und Guido Wes-
Lindner. „Vertrauen Sie mir bitte. Vertrauen terwelle abhandengekommen war?
Sie mir! Wenn Sie heute den Aufnahmean- Die Werbeagentur, die seine Kampagne
trag für die FDP hier unterschreiben … die- inszeniert, heißt „Heimat“. Sie war es, die
ses Gefühl!“ Er macht eine noch längere im Jahr 2000 Jürgen Möllemanns „Werk-
Pause, atmet theatralisch tief ein, als söge statt 8“ in Nordrhein-Westfalen miterfand
er den Duft einer Blumenwiese auf. „Haben und jene erfolgreiche und vergleichsweise
Sie das schon mal gefühlt, einen innerlich bescheidene Kampagne, die zum Vorläufer
aufsteigenden Vogelschwarm? Dieses Gefühl des maßlosen „Projekts 18“ wurde, einer
von innerer Unabhängigkeit, Sie können es populistischen, bisweilen nach rechts blin-
heute hier haben. Nutzen Sie die Gelegen- kenden Strategie, die zugleich auf Spaß-
heit! Und gönnen Sie sich auch mal was im elemente und umfängliche Personalisie-
Leben! Wenn Sie jetzt zugreifen, pack ich rung setzte. Irgendwann wurde es den
noch zwei Ananas gratis obendrauf.“ Leuten von Heimat zu viel, sie stiegen aus.
Das ist natürlich gelogen. Den Satz mit Ihnen fehlte der innere Kompass der Partei.
der Ananas hat er nicht gesagt. Alle ande- Heute ist die Agentur wieder an Bord. Ihre
ren schon. Macher haben den Eindruck, dass die FDP
Es ist nicht ganz klar, ob die derzeit in mit Lindner die Phase der Hybris und Un-
Umlauf befindlichen Lindner-Karikaturen reife hinter sich gelassen hat.
einfach sehr treffend sind. Oder ob der Am Flughafen Tegel betritt Lindner an Niemals wäre ein männlicher Kollege ge-
FDP-Chef die Karikaturen zielsicher auf- diesem Vormittag als Letzter die Lufthan- fragt worden, ob er die Kollegin scharf oder
greift, um den Kultcharakter seiner Kam- sa-Maschine. Es geht nach Frankfurt, er heiß finde.“ Er habe sich in der Werbe-
pagne zu mehren. reist noch allein, ohne Begleitung. pause bei Strunz beschwert. „Das ist eine
Nach der Rede umringen ihn die Zuhö- Die leichte Verspätung macht er mit ei- Reduzierung von Politik auf Äußerlichkei-
rer vor der Bühne. Eine Frau, Mitte dreißig, nem flotten Marsch durch den Frankfurter ten, die mich sprachlos macht.“
fragt ihre Freundin: „Meinst du, wenn ich Flughafen wieder wett. Währenddessen Als Nächstes beginnt er eine Parodie
jetzt FDP-Mitglied werde, kriege ich ein spricht er über seinen Auftritt bei Claus auf die bisherige journalistische Begleitung
Selfie mit ihm?“ Eine Band spielt „Einer Strunz auf Sat.1 wenige Tage zuvor. Strunz seines Wahlkampfes. Er könne genau sa-
von 80 Millionen“ von Max Giesinger, dem fragte Lindner gleich, ob es bei der Dating- gen, wie die Interviews mit ihm abliefen:
Star der neuen deutschen Ultraleichtpop- App „Tinder“ gut für ihn laufe. Später frag- „Herr Lindner, kommen wir zu den Inhal-
welle. Das Selfie gibt es dann auch ohne te er die ebenfalls anwesende Katja Kipping ten: Welches Amt streben Sie an? Und
FDP-Mitgliedschaft. Lindner bleibt, bis je- von der Linken, ob ihr Lindners Dreitage- jetzt mal zu den Inhalten, Herr Lindner:
der auf dem Platz sein Foto hat. bart gefalle und ob sie ihn „scharf“ finde. Welche Koalition möchten Sie machen?
Nach den Gesetzen der Aufmerksam- „Peinlich“ sei das gewesen, sagt Lindner. Ja, aber zu den Inhalten: Wer hat eigent-
keitsökonomie ist Lindner der beste Wahl- „Eine Bagatellisierung von Politik.“ Nüch- lich die Plakatfotos bei Ihnen geschossen?
kampf dieses Sommers gelungen. Dass er tern betrachtet sei er das erste männliche Einige Passanten schauen ihm, den sich
von Spöttern mit der jüngsten H&M-Kam- Sexismus-Opfer der deutschen Politik. selbst Befragenden, verdutzt nach. „Immer
pagne verwechselt wird, scheint höchst „Nur, bei mir ist es nur noch viel krasser: dasselbe inhaltsleere Zeug!“, sagt Lindner.
32 DER SPIEGEL 38 / 2017
GORDON WELTERS / DER SPIEGEL
Parteivorsitzender Lindner: Er bleibt, bis jeder auf dem Platz sein Foto hat

Es ist nicht ungeschickt, die eigene Ober- weiße Turnschuhen und eine jener Blue- sitzenden gewählt wurde, waren die Libe-
fläche erst so glatt zu wienern, dass sich jeans, für die man extra zahlt, damit sie ralen gerade mit 4,8 Prozent aus dem Bun-
ihrem Glanz kaum jemand entziehen nicht neu aussehen. Dazu eine Pilotenbril- destag geflogen, und niemand weinte ih-
kann, und sich später empört darüber zu le von Ray Ban, die silberne. nen nach. Als Lindner übernahm, war die
beklagen. Genauso geschickt ist es, auf all Er sei heute etwas im Stress, sagt er, FDP der Dinosaurier unter den Parteien,
die Modelplakate so viele Inhalte zu dru- weil er noch „richtig viel Text produzie- akut vom Aussterben bedroht.
cken wie keine andere Partei, auch wenn ren“ müsse, aber er könne sich nicht be- Lindner bestellt Büffelmozzarella mit
die Buchstaben so klein sind, dass Auto- klagen. Dass die FDP in allen Umfragen Bresaola, nichts Üppiges jetzt, er hat heu-
fahrer einen Stau und ein Fernglas brauch- stabil über der Fünfprozenthürde liege, so- te noch keinen Sport gemacht. „Der Ab-
ten, um etwas zu entziffern. Man kann gar eine Chance auf Platz drei habe, das sturz nach 2013 war noch krasser, als ich
dann immer darauf hinweisen, dass man habe er noch vor Kurzem nicht zu träu- es befürchtet hatte“, sagt er. „Noch viel
die inhaltsreichsten Plakate habe. men gewagt. 28 Tage sind es an diesem krasser.“
An einem heiteren Sonntag vier Wo- Sonntag noch bis zur Wahl, beziehungs- Was folgt, ist seine Heldengeschichte.
chen vor der Wahl betritt Lindner seinen weise „27 Tage brutto“, wie Lindner sagt. Vier Jahre lang musste Lindner irgend-
Stammitaliener am Prenzlauer Berg. Die Rund 1400 Bruttowahlkampftage liegen welche Lebenszeichen senden. Er flitzte
45-Quadratmeter-Wohnung, in der er mit bereits hinter ihm. kreuz und quer durch die Republik. Be-
seiner Frau in Berlin lebt, ist nur drei Häu- Im Grunde sei er seit 2013 im Wahl- suchte Ortsvereine, um sie von der Auf-
ser entfernt. Er trägt, Achtung, inhaltsfreie kampfmodus. Habe nur keiner mitbekom- lösung abzuhalten. Bot kleinen Regional-
Beschreibung des Äußeren: weißes T-Shirt, men. Als er im Dezember 2013 zum Vor- zeitungen Interviews an, weil sie die Ein-
DER SPIEGEL 38 / 2017 33
zigen waren, die noch zu einem Interview Digital 2017“, eine Veranstaltung des über irgendeinen Quatsch abstimmen.
bereit waren. Die Sicht der FDP auf die Verbands der Internetwirtschaft in der Wenn man Lindner länger durch seine Pa-
großen politischen Fragen war in etwa so Berliner Dependance von, logisch, Micro- rallelwelt begleitet, stellt sich unweigerlich
interessant wie die von Hans Eichel. soft. Sein Vortrag ist wie immer eine Mi- die Frage, ob die Digitalisierung nicht auch
Nach den 4,8 Prozent bei der Bundes- schung aus Motivationsseminar, Impuls- zu einer gewissen Infantilisierung führt.
tagswahl sackte die FDP in den Umfragen referat und Comedy. Er schlendert frei Obwohl mit 38 Jahren noch immer recht
weiter ab. „Auf Strich“, sagt Lindner. „Auf redend am Bühnenrand lang, gestikuliert jung, ist Lindner schon eine halbe Ewigkeit
Strich! 2014, Politbarometer, ZDF! Da war gelernt, schäkert mit dem Publikum. Politiker. Mit 21 wurde er Landtagsabge-
Strich! Wir wurden gar nicht mehr aufge- „Wann waren Sie zuletzt in Ihrer ehe- ordneter in Nordrhein-Westfalen, 2009
führt. Man hatte uns bei den Violetten ein- maligen Schule?“, fragt er eine Frau in machte ihn Guido Westerwelle zum Ge-
geordnet. Den Sonstigen!“ 2014 sei „ein der ersten Reihe. neralsekretär der Bundespartei. „Die un-
Horrorjahr“ gewesen. „Vor vier Jahren, aha. Und alles anders angenehmste Zeit meines politischen Le-
Er verordnete seiner Partei, ein neues Leit- als zu Ihrer Schulzeit? Nein? Riecht auch bens“, sagt er heute über diese Phase. Er
bild zu entwickeln: „Wir brauchten einen noch wie damals. Die Lehrer …“ Er lässt habe nichts mitbekommen und trotzdem
Relaunch“, sagt Lindner. Relaunch ist ein eine Pause hinter „die Lehrer“, das Publi- immer vorn stehen und die desaströse Poli-
Begriff aus der Marketing- und PR-Welt. Er kum reagiert auf die angeblich riechenden tik seiner Partei in der schwarz-gelben
meint die Überarbeitung und Verbesserung Lehrer wie geplant mit Gelächter. „Ach Regierung verkaufen müssen.
eines bereits eingeführten Pro-
dukts.
„Das Ziel war: erst mal unsere
Identität klären – dann den äuße-
ren Auftritt modernisieren.“ Bil-
dung und Digitalisierung sollten
die neue Priorität werden, nicht
mehr Steuersenkungen. Man
wollte nicht länger Anwalt der
Etablierten sein, sondern von Ein-
steigern und Gründern. Beim
Dreikönigstreffen im Januar 2015
sollte der Relaunch fertig sein.
Während Lindner noch am
Leitbild werkelte, verlor die FDP
die Europawahl und drei Land-
tagswahlen. Der Druck wuchs, es
gab Zerfallserscheinungen, in
Hamburg spalteten sich die „Neu-
en Liberalen“ ab. Im Herbst 2014,
sagt Lindner, habe er nicht ge-
GORDON WELTERS / DER SPIEGEL

wusst, ob es überhaupt noch zu


seinem Relaunch kommen würde.
„Es stand auf der Kippe.“
Drei Jahre später scheint es zu-
nächst, als hätte sein Relaunch
alle Ziele erreicht. Die FDP wirkt
plötzlich wie die frischeste, mo-
dernste und dynamischste Partei Wahlkämpfer Lindner: „Geil Digitalisierung machen“
Deutschlands. Beim neuen Leit-
bild, erklärt Lindner, habe man sich nicht so“, ruft Lindner dann gespielt empört. Mitten in der Legislaturperiode ent-
an Zielgruppen orientiert, sondern an ei- „Nein! Das meinte ich nicht!“ schloss er sich nach nur zwei Jahren im
nem Lebensgefühl. Bei der CDU frage Am Ende soll es eine Abstimmung ge- Amt überraschend zum Rücktritt. „Die
man sich: Was machen wir für die 60-jäh- ben. Das Publikum könne „ganz einfach Konsequenz, die ich daraus gelernt habe,
rigen Frauen? Und lande bei der Mütter- per Slido“ mitmachen, sagt der Moderator. war zu sagen: Jetzt sprengst du das alles
rente. „Bei uns ist es so: Wir finden, Es handelt sich um eine Abstimmungs-App. in die Luft. Du musst dich befreien.“
Deutschland müsste geil Digitalisierung ma- „Sie sehen das Ergebnis dann auf Ihrem Lindner redet ungern über die jüngere
chen. Und dann fragen wir: Wen könnte Second Screen.“ Die Frage ist, wen das Pu- Vergangenheit seiner Partei, über Mölle-
das interessieren?“ blikum wählen würde, „rein aus netzpoli- mann und die Hybris des Projekts 18, über
Um geil Digitalisierung zu machen, tischer Sicht“. Auf dem Second Screen ste- Westerwelles ebenso schrillen wie kalten
führt Lindner nun die erste konsequente hen am Ende 40 Prozent für Lindners FDP. Liberalismus, über die Zoten von Rainer
Kampagne für das digitale Zeitalter – Am nächsten Tag ist er bei einer Tagung Brüderle. Mit seinem Relaunch wollte er
mit all ihren Wesensmerkmalen: zackig, seiner Freunde vom „Handelsblatt“, das auch dieser Vergangenheit entfliehen. „Es
fix und mit leichtem Hang zur geschön- Thema lautet: „Banken im Umbruch – ist jetzt nicht mehr so, wie es war“, sagt
ten Selbstdarstellung. Auf Facebook ma- Technologie trifft Mensch“. Wie bei fast er. „Da ist jetzt was Neues.“
chen sich ja auch alle interessanter, als allen Veranstaltungen, bei denen er auftritt, Lindner versuchte sich schon als Schüler
sie sind. haben sich Lichtdesigner immense Gedan- des Gymnasiums Wermelskirchen als PR-
Lindner besucht bevorzugt Events, die ken über die Beleuchtung des Raums ge- Profi. In einem Film, der sich dieser Tage
irgendwie nach Zukunft klingen. An die- macht. Und wieder müssen durchaus ge- blitzschnell im Netz verbreitete, sieht man
sem Dienstagabend ist es die „Wahl- bildete Leute auf ihrem iPhone „per Slido“ den 18-Jährigen über seine gerade gegrün-
34 DER SPIEGEL 38 / 2017
Deutschland

dete Firma reden. „Probleme sind nur dor- Aber da ist noch etwas anderes. Das alte unterband den Rechtsruck. Nach heftigem
nige Chancen“, sagt er mit modischer Kuh- Kompassproblem. Streit kam es zum Bruch zwischen ihm
krawatte in die Kamera. Vielen fehle das Vor vier Wochen war Lindner Gast bei und Papke. Der Kompass schien klar.
Selbstbewusstsein, auch älteren Geschäfts- „Anne Will“. Dort wurde er Zeuge, wie Als die Flüchtlingskrise der AfD zum
führern zu sagen: „Das, was Sie gemacht seine Sitznachbarin Alice Weidel den SPD- Aufschwung verhalf, war plötzlich nicht
haben bisher, das sind überkommene Fraktionschef Thomas Oppermann ins mehr so deutlich, wo Lindner stand. Zwar
Strukturen. Sie müssen umdenken.“ Stottern brachte, als sie behauptete, die verteufelte er stets die AfD, bezeichnete
„Denken wir neu“, lautet 20 Jahre später Grenzwerte für Stickoxide seien für die Merkels „Politik der grenzenlosen Aufnah-
der Slogan der FDP. Straße weitaus strenger als für Büroräume. me“ aber zugleich als „unverantwortlich“
Wie „Relaunch“ ist auch sein zweites Kurz darauf verbreitete er diese These der und warf ihr vor, „Europa ins Chaos ge-
Lieblingswort „Narrativ“ ein Begriff aus AfD-Spitzenkandidatin in Interviews und stürzt“ zu haben.
der PR-Welt. In Lindners Narrativ von der auf Facebook. Sie geht zurück auf einen Im August fiel er mit der Aussage auf,
neuen Partei kommt der Versandhandels- Artikel auf Focus.de, einer deutschsprachi- man müsse die russische Annexion der
apotheke eine Schlüsselrolle zu. Er weist gen Version von Breitbart News, der später Krim „als dauerhaftes Provisorium“ be-
gern darauf hin, dass die Apotheker nicht korrigiert werden musste. trachten. Dass er dafür vor allem von AfD-
mehr so gut auf seine Partei zu sprechen Was Lindner in diesem Wahlkampf pro- Anhängern Unterstützung erhalten würde,
seien. Wie die Zahnärzte, die Hoteliers biert, ist eine neue Form von Populismus, dürfte Lindner bewusst gewesen sein.
und die Anwälte gehörten sie all die Jahre die irgendwie aus der Mitte zu kommen Vergangene Woche gab er Joachim
zur Klischeeklientel der FDP. Man sei jetzt scheint, aber auch offen für Abstecher ist. Steinhöfel ein Interview für dessen Face-
an der Seite der Verbraucher, sagt Lindner. In seinen Werbespots präsentiert er sich als bookseite und das Internetportal „Die Ach-
Schreibe leider keiner. „Dabei wär das mal eine Art Märtyrer, der an den Rand seiner se des Guten“. Steinhöfel, früher RTL-Mo-
ein Attention-Getter gewesen.“ Kräfte geht, um gegen große Widerstände derator, ist einer der wortgewaltigsten Kri-
Lindners FDP hat sich bestenfalls in do- zu kämpfen. Man sieht ihn angespannt, sich tiker von Merkels Flüchtlingspolitik in den
sierter Form erneuert. Früher hieß ihr Man- übermüdet die Augen reibend, dazu eine sozialen Netzwerken. Der „Bild“-Zeitung
tra Bürokratieabbau, heute nennt sie es Musik, die immer dramatischer wird, als erklärte Lindner, wie er künftig mit Flücht-
„One in – two out“ – ist aber noch immer spitzte sich alles zu, als brauchte es jetzt lingen umgehen wolle. „Alle Flüchtlinge
Bürokratieabbau. Sie stellt sich offensiver endlich einen, der irgendwas zerschlägt. müssen zurück!“, lautete die Schlagzeile
gegen Konzerne wie den Internetmono- „Haben Sie mal was gemacht, von dem über dem Interview.
polisten Google. Außerdem will die FDP, Sie überzeugt waren, dass es richtig ist?“, Natürlich kann der Eindruck, Lindner
so Lindner, „gucken, dass der einzelne wolle auf den letzten Metern Stimmen am
Mensch nicht unter das Diktat einer künst- rechten Rand einsammeln, das Resultat
lichen Maschine gerät, weil er im Auto
Das alte Kompass- böser Missverständnisse sein. Aber es wä-
sitzt, das allein fährt und man gar nicht problem der FDP ren schon recht viele Missverständnisse
eingreifen kann“. Die neue FDP schmiegt hat Lindners Relaunch auf einmal, gerade für einen, der sich sonst
sich weniger an die Union an und will stär- so viele Gedanken über seine Wirkung
ker auf eigene Themen vertrauen. Lindner nicht gelöst. macht. Wer seine Partei davor bewahren
möchte zudem mehr innerparteiliche De- musste, vergessen zu werden, dem gerät
mokratie wagen. Über Koalitionsverhand- fragte er im Spot für die NRW-Wahl. Er zi- der Schrei nach Aufmerksamkeit früher
lungen soll die Basis abstimmen und nicht tiert Vorwürfe und Anfeindungen, die er oder später zur Selbstverständlichkeit.
wie früher diejenigen, die von einer Re- aushalten müsse, darunter die Frage: „Wa- Sollten Bürger, die mit der AfD lieb-
gierungsbeteiligung profitieren. rum sprecht ihr über Schulen?“ Es wirft äugeln, sich nun für Lindners Bewegung
Vor sieben Jahren, damals noch als Ge- der FDP zwar niemand vor, dass sie genau entscheiden, wäre das nicht das Schlech-
neralsekretär, sorgte Lindner mit dem Be- wie alle anderen Parteien über Schulen teste für die demokratische Kultur im Lan-
griff des „mitfühlenden Liberalismus“ für sprechen will, aber Hauptsache, das Nar- de. Andererseits will ein Law-and-Order-
Aufsehen. Der Liberalismus sei im Kern rativ des heroischen Kampfs gegen Wider- Liberalismus so gar nicht zum selbst ge-
immer auch empathisch, hatte er gesagt. stände wird beibehalten. „Du hast das alles malten Bild einer neuen, hippen Partei
Ihm gefiel das, aber er geriet umgehend vorher gewusst“, sagt Lindner im Spot. passen.
in Weichei-Verdacht, und dann gefiel es „Und trotzdem gemacht.“ Das alte Kompassproblem der FDP hat
ihm bald nicht mehr so gut. Heute spricht Im neuen Film für die Bundestagswahl Lindners Relaunch nicht gelöst. Es bleibt
er lieber von einem „ganzheitlichen Libe- erklärt er nun, dass es gut sei, wenn man das Bild eines hoch talentierten Mannes,
ralismus“, den ein differenzierteres Staats- gezwungen werde, neu zu denken. „Die der für den Erfolg zwar nicht alles, aber
verständnis auszeichne. Man sei nicht neue Idee findet nicht jeder gut, eigentlich vieles zu tun bereit ist.
mehr per se gegen den Staat. sogar katastrophal“, hört man ihn sagen. Am Ende seines Auftritts in Kronberg
Doch egal was Lindner beteuert, egal „Jetzt musst du dich fragen: Ist sie trotz möchte die örtliche FDP-Kandidatin Lind-
wie schick der Relaunch gewesen ist – vie- des Widerstands richtig? Dann musst du ner ein Geschenk überreichen. Sie hält es
les von der alten Partei steckt noch in der dafür kämpfen.“ Im AfD-Spot sagt Alice gut verpackt in den Händen. Für einen
Lindner-FDP. Wenn er etwa über Wirt- Weidel: „Ich hab mich einiges in meinem Thermomix habe es leider nicht gereicht,
schafts- und Energiepolitik spricht, hat Leben getraut. Meinen Job an den Nagel entschuldigt sie sich.
man den Eindruck, es sei noch immer 1982. gehängt. Um Politik zu machen. Für die „Aber vielleicht ist es das neue FDP-Par-
Den Glauben, dass der Markt fast alles AfD. Ausgerechnet für die.“ Die Musik fum“, unterbricht Lindner und macht
besser regle als der Staat, ist der Kern des hämmert dramatisch. gleich wieder Werbung: „Ab dem 25. Sep-
Programms geblieben. In diesem Jahr er- Als die FDP im Herbst 2014 „auf der tember im Handel: FDPoison.“
hielt die FDP bereits mehr als 1,6 Millionen Kippe“ stand, gab es Versuche, sie in eine
Euro an Großspenden, fast so viel wie die rechte Protestbewegung zu verwandeln. Video:
Union, sechsmal so viel wie die SPD. Wei- Lindners einstiger Vertrauter Gerhard Wer wählt die FDP?
te Teile der alten Klientel scheinen noch Papke, der frühere Fraktionschef in NRW, spiegel.de/sp382017lindner
immer an Bord zu sein. schrieb ein islamkritisches Papier. Lindner oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 38 / 2017 35


WAHL 2017

Die Unerbittliche
AfD Alice Weidel ist lesbisch und zieht zwei Kinder mit einer Partnerin aus Sri Lanka groß. Wie kommt
so eine Frau an die Spitze einer rechtspopulistischen Partei? Von Melanie Amann

A
lice Weidel steht im Foyer des Köl- Die „Welt“ publizierte eine angebliche Als Weidel nach 56 Minuten Glaser end-
ner Maritim-Hotels, Ende April, Mail von Weidel, in der sie Politiker als lich an der Reihe ist, widerspricht sie ihm
der zweite Tag des AfD-Bundes- „Schweine“ und „Marionetten der Sieger- nicht. Was Parteifreunde sagen, dafür ist
parteitags. Tags zuvor wurde Parteichefin mächte“ schmäht – die AfD dementiert. sie nicht zuständig. Als politische Ich-AG
Frauke Petry auf offener Bühne gedemü- Zuletzt meldete die „Zeit“, dass ausge- steht Weidel nur für ihre eigenen Inhalte
tigt, nun müssen die Delegierten entschei- rechnet die scharfe Flüchtlingskritikerin und Zahlen. Und heute Abend will sie
den, wer die Partei an ihrer Stelle in die Weidel eine syrische Asylbewerberin über Wirtschaftsthemen sprechen.
Bundestagswahl führen soll. schwarz bei sich habe putzen lassen. „Wir erleben eine gigantische Vermögens-
Alice Weidel gilt als heißer Tipp. Die Medien wollten „das schöne Gesicht umverteilung.“
Wie schätzt sie selbst ihre Chancen ein? von Alice Weidel zerkratzen“, klagt ihr „Wir sind praktisch pleite.“
Weidel erklärt, das sei alles ein großes Co-Spitzenkandidat Gauland. Weidel „Sie verlieren Ihre Privatautonomie.“
Missverständnis. selbst sagt wenig. Während die AfD in den „Sie sollen, ich muss es leider so sagen,
„Ich muss gar nicht Spitzenkandidatin Umfragen steigt, stützt sie mit aller Kraft ent-eig-net wer-den.“
sein, ich brauche das nicht. Ganz ehrlich, ihre Schutzmauer, stemmt sich gegen die Immer wieder zerhackt Weidel ihre
ich würde mich sogar verschlechtern. Ich Medien, die immer weiter bohren, ohne Wörter, setzt dramatische Kunstpausen.
stehe sowieso vorn auf der Liste, ich habe ihre Zustimmung oder Kontrolle. Ihre Rede ist eine Geisterbahnfahrt, in der
eine Firma, ich habe ein Privatleben.“ Seit Wochen lehnt sie Terminanfragen überall dunkle Mächte nach dem Porte-
Weidel spricht immer lauter. Umstehen- ab, „da ich momentan keine Porträts mehr monnaie des braven Bürgers greifen. Das
de Journalisten und Parteifreunde horchen bediene, sondern nur Wortlautinterviews Publikum lauscht halb fasziniert, halb ein-
auf, schlendern neugierig zu ihr. Die AfD- mit Leitmedien“. Ihr Sprecher reagiert geschüchtert, während die Scheinwerfer
Frau fasst jeden scharf ins Auge, der neu nicht auf Mails, Anrufe oder SMS, Weidels grüne Punkte auf Weidels Brille werfen.
in die Runde tritt: „Verzeihung, sind Sie Anwalt dafür umso schneller. Schon die Freunde in ihrem Heimatort
AfD-Mitglied oder Journalist?“ Man muss sich Weidel über Studien- Harsewinkel in NRW sahen „Lilles“ Ehr-
AfD-Leute schickt Weidel gleich wieder freunde und Ex-Kollegen nähern, viele geiz. Im Abi-Jahrbuch beschreibt einer ih-
fort. „Bitte haben Sie Verständnis, ich spre- wollen sich nur anonym äußern. Sie zeich- ren „dominanten Charakter“, zeichnet sie
che jetzt mit den Medien. Meine Rede vor nen das Bild einer hochintelligenten, aber als „äußerst durchsetzungsfähig anderen
der Partei halte ich ja gleich noch.“ zutiefst unsicheren Frau, die persönliche gegenüber, jedoch auch sehr verletzlich“.
Der AfD wird Weidel später auf der Schwächen durch große Härte gegen sich Weidel kommt aus einer wohlhabenden
Bühne eine ganz andere Geschichte erzäh- und andere kompensiert. Familie, der Vater verdient als Handels-
len. Ihrer Partei sagt sie, dass sie „für unser vertreter so gut, dass die Mutter sich als
Deutschland kämpfen“, das Land „rocken“ BINZ, INSEL RÜGEN, 19. AUGUST Hausfrau um die drei Kinder und den Da-
wolle, „so wahr mir Gott helfe“. Sie tut so, Im Hotel Arkona referiert die AfD-Spit- ckel kümmert. Man kennt die Weidels im
als wäre die Spitzenkandidatur die höchste zenkandidatin zum Thema „Warum Mer- Ort, der ältere Bruder hat lange Haare und
Auszeichnung, die sie je erfahren hätte. kel vor Gericht gehört“. Wer das Hotel spielt in einer Band, das Familienhaus hat
Seither führt Weidel mit Alexander Gau- über die Strandpromenade betritt, durch- einen Partykeller, in dem viel gefeiert wird
land den Wahlkampf der AfD, und immer quert zuerst das Restaurant. Dort sitzen und wo Alice lernt, Bier zu zapfen.
noch ist unklar, was sie eigentlich antreibt. Weidel und Albrecht Glaser vor zwei Wie viele AfD-Funktionäre stammt Wei-
Wieso kandidiert eine lesbische Frau für Tellern mit Sahnegeschnetzeltem. Glaser del aus einer Familie von Vertriebenen.
eine Partei, die schwule Paare mit Kindern war AfD-Kandidat zur Bundespräsidenten- Wie den Höckes oder Storchs gelang es
nicht für vollwertige Familien hält? Wieso wahl. Seine Stärke, sagte er damals, sei auch den Weidels offenbar nie, sich von
verharmlost Weidel den Rassismus der eine „sehr große Abwesenheit von Eitel- der Erinnerung an das erlittene Unrecht
AfD, obwohl ihre Lebenspartnerin aus Sri keit“. zu lösen. Sie konservierten die Erinnerung
Lanka stammt, die gemeinsamen Kinder Glaser redet auf Weidel ein, gestikuliert an die Mühe der Familie, sich nach dem
dunkelhäutig sind? Wieso engagiert sich mit Messer und Gabel, während sie mit Krieg eine neue Existenz aufzubauen.
die stets elegant gekleidete Ökonomin für verschränkten Armen auf ihrem Stuhl sitzt Vater Gerhard Weidel ist anspruchsvoll,
die selbst ernannte „Partei der kleinen Leu- und stumm auf das Tischtuch blickt. Es „Lille“ muss Leistung zeigen. Eigentlich
te“, deren Anhänger sich auf Marktplätzen wirkt, als redete ein Boxtrainer seinem habe sie Medizin studieren wollen, erzählt
vor Wut die Lunge aus dem Leib brüllen? Schützling vor dem Kampf Mut zu. sie vor der AfD in Leipzig, aber irgendwie
Im Machttableau der Rechtspopulisten Im Saal warten 200 Zuhörer, mehr Män- landete sie bei VWL. Sie schafft Spitzen-
ist Weidel die Rolle der gemäßigten Libe- ner als Frauen, mehr Alte als Junge. Vor noten an der Universität Bayreuth, ihre
ralen zugewiesen, sie soll den letzten Rest Weidel redet Glaser. Er zeigt Folien zur Promotion in China wird auch von der
der braven Lucke-AfD verkörpern, die bür- Geburtenrate in Afrika und Deutschland, Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) gefördert,
gerliche Wähler noch mit Zahlen und nicht zur Kriminalität von Ausländern und Deut- obwohl der Vater skeptisch gewesen sei,
mit Stammtischparolen locken wollte. schen. Die Kurven der Deutschen zeigen sagt eine Studienfreundin: Soll Alice sich
Doch von Anfang an hatte Weidels Fassade stets nach unten. Weidel klatscht, als Glaser von einer politischen Stiftung alimentieren
Risse, und es brechen ständig neue auf: sagt, es finde „ein Bevölkerungsaustausch“ lassen? Sie gab das Stipendium vorzeitig
Schweizer Zeitungen machten publik, dass statt. Nach dieser rechten Verschwörungs- auf, erinnert sich die ehemalige Freundin.
Weidel gar nicht in Deutschland lebt, sondern theorie will die Regierung die Bürger durch Vater Gerhard Weidel, auch AfD-Mit-
in einer Kleinstadt in der Nähe von Bern. willfährige Muslime ersetzen. glied und zeitweise Kreisvorsitzender am
36 DER SPIEGEL 38 / 2017
Dilworth kennt Weidel auch als un-
geduldig – und als unerbittliche Diskus-
sionspartnerin, wenn es um die Folgen des
Euro für Deutschland ging.
Weidels letzter Job war 2013 bei der He-
risto AG, einem Fleischkonzern in Bad Ro-
thenfelde, der aus der niedersächsischen
Provinz in alle Welt exportiert. Heristo
braucht international erfahrene Finanz-
experten wie Weidel. Aber Heristo ist auch
ein hierarchisch geführter Familienbetrieb,
der Juniorchef ist ein Schulfreund Weidels.
Damalige Nachbarn sagen, Weidel sei
höchstens ein halbes Jahr in Bad Rothen-
felde geblieben, bis man sich gütlich trenn-
te. Die Chemie stimmte einfach nicht.
Wenn Weidel also im AfD-Werbespot
sagt, sie habe ihren „Job an den Nagel ge-
hängt“ für die Partei, stimmt das nicht: Zu-
letzt war sie selbstständige Beraterin, und
nur ein Kunde, Rocket Internet, ist be-
kannt. Bei Rocket sei man zufrieden mit
Weidel gewesen, sagen Eingeweihte. Aber
sie sei eine Beraterin von vielen gewesen.

BIEL, SCHWEIZ, 8. SEPTEMBER


Der Wohnort von Alice Weidel ist aus
Deutschland nicht leicht zu erreichen, er
hat keinen Flughafen, nur einen Bahnhof.
Biel ist eine alte Arbeiterstadt, die von der
Uhrenindustrie lebt. Für schweizerische
Verhältnisse ist Biel arm und links, es gibt
hier einen höheren Anteil von Muslimen
und Sozialhilfeempfängern als im Rest der
Schweiz. Der Bürgermeister ist ein Sozial-
demokrat.
Die SVP, Schwester im Geiste der AfD,
hätte hier mal im Problemviertel gefilmt,
erzählen die Bieler. Die Graffiti, die dun-
kelhäutigen Menschen und die Frauen mit
Kopftuch. „Wollt Ihr so eine Schweiz?“,
habe das Motto des Films gelautet.
HERMANN BREDEHORST

Auch Weidels Lebensgefährtin hätte die


SVP filmen können. Geboren in Sri Lanka,
wurde Sarah B. von einer Schweizer Pasto-
renfamilie adoptiert und wuchs in Biel auf.
Auf Fotos hat sie pechschwarze Haare und
AfD-Kandidatin Weidel: „Wir sind praktisch pleite“ dunkle Haut, auf Pegida-Demonstrationen
könnte es für sie ungemütlich werden.
Sarah B. arbeitet für eine Filmproduk-
Bodensee, zeige wenig Sympathie für Leu- tung bringen, wie die indischen Compu- tionsfirma, wirkte an einer Komödie über
te, die ihren Lebensunterhalt nicht auf terexperten. Aber Flüchtlinge ohne Aus- die Einführung des Frauenwahlrechts mit
dem freien Markt bestreiten könnten, bildung sind für sie der „Sargnagel zu un- und an einer Kampagne zum Schutz be-
heißt es. Vielleicht schlug Weidel deshalb serem Sozialsystem“. Und die Integra- drohter Tiere. Der Slogan: „Everybody is
keine wissenschaftliche Karriere ein, ob- tionsbeauftragte Aydan Özoğuz gehört für good at something.“ Es ist quasi der Ge-
wohl sie ihr fraglos offenstand. sie „achtkantig rausgeworfen“. genslogan zur AfD-Philosophie. Biel selbst
In KAS-Seminaren fiel Weidel den Mit- Soweit sich Weidels Berufsstationen re- wirkt wie ein Gegenmodell zur AfD-Welt:
stipendiaten wegen ihrer abfälligen Sprü- konstruieren lassen, waren sie glamourös, zweisprachig, multikulturell, tolerant.
che über Politiker und den Bundestag als aber kurz. Bei der AfD hat Weidel es län- Dino Pedolin, 35, war Nachbar von Sa-
Geldverschwendungsmaschine auf. Seit ger ausgehalten als bei allen Arbeitgebern. rah und Alice, ehe sie umzogen. Der Koch
wann bedeute soziale Marktwirtschaft, „Sie ist hoch qualifiziert, hätte bei uns betreibt ein Kulturcafé, bietet Näh- und
dass Arme sich auf Kosten der Reichen sicher alle Chancen gehabt“, sagt der Ame- Musikkurse, Konzerte und Restaurant-
ausruhen dürften, habe sie gefragt. rikaner James Dilworth, Weidels Chef bei abende. „Wahnsinnig nett“ sei die Sarah,
Die Leitmotive aus Weidels Studium zie- Goldman Sachs und Allianz Global Inves- sagt Pedolin, und auch Alice eigentlich
hen sich nun durch die Reden der AfD- tors. „Sie hat einen scharfen Verstand, ich total okay. Dass Weidel bei der AfD ist,
Politikerin. Ausländer akzeptiert die Öko- mochte ihren Humor.“ Glücklich habe sie erfuhr er bei einem Abendessen, als die
nomin, wenn sie qualifiziert sind und Leis- aber nicht gewirkt in der Finanzindustrie. Runde über direkte Demokratie diskutier-
DER SPIEGEL 38 / 2017 37
Deutschland

te. Plötzlich habe Alice so anders geklun- Kommentar


gen, schärfer und unerbittlicher. Die Deut-
schen sollten auch mitbestimmen dürfen,
forderte sie, auf eine Art, die für Dino
Aus der Zeit gefallen
nichts mit der Schweizer Demokratie zu Von Peter Müller
tun hat. Stammtischmäßig eben.

G
„Mich befremdet es“, sagt Pedolin, „dass ut ein Jahr nach der Entscheidung der Briten, die EU zu
Alice sich in unserer toleranten Stadt in verlassen, hat Jean-Claude Juncker zu alter Form zurückge-
‚alternativen Kreisen‘ bewegt und dann zu funden. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Kommissions-
euch rüberfährt zum Hetzen.“ Neulich traf chef als lust- und kraftloses Sinnbild für die Malaise einer EU herhal-
er Weidel auf der Straße, und sie klagte, ten musste, die durch Brexit, Flüchtlingskrise und die Wahl
die Presse spioniere ihr Bieler Leben aus. Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten in ihrem Kern
„Hey, was hast du denn erwartet?“, habe erschüttert war.
er geantwortet. „So, wie du politisierst, war Nun ist der alte Juncker zurück. Doch leider feiern damit auch viele
doch klar, dass das Medieninteresse an dei- alte Ideen Wiederauferstehung: mehr Brüssel, mehr Geld für die EU,
nem Schweizer Wohnsitz kommen musste.“ mehr Integration, und das am besten in allen Mitgliedstaaten gleich-
In der AfD findet mancher Weidels se- zeitig – so lässt sich die Vision zusammenfassen, die Juncker am Mitt-
xuelle Orientierung abnormal, aber nie- woch vor dem Europaparlament in Straßburg präsentierte. Es soll
mand spricht sie an – die Kandidatin bringt auch sein Vermächtnis als Kommissionschef sein. Juncker hat ange-
ja volle Leistung und lebt diskret. Sie spot- kündigt, 2019 nicht mehr anzutreten.
tet in ihren Reden sogar über Schwule: Der Doch ist Junckers Europa für alle wirklich der richtige Weg? Der
Grüne Volker Beck habe bei der „Ehe für Kommissionschef erinnert an die Ausgangslage der Verträge, wonach
alle“ im Bundestag eine „Glitterparty“ ge- alle EU-Länder (mit zwei Ausnahmen) dem Euro beitreten müssen.
feiert, lästert Weidel. Sie meint das Kon- Möglichst rasch sollen Länder wie Bulgarien oder Rumänien nun in
fetti, das Grüne nach der Abstimmung die Gemeinschaftswährung gezwängt werden, am besten feierlich
über Beck verstreuten. Aus Weidels Stim- beschlossen bei einem Sondergipfel Ende März 2019, pünktlich zum
me trieft die Abscheu, wenn sie das Bild Austritt der Briten. Für Deutschlands Bürger, die angesichts der
beschreibt. „Da war der Volker Beck so Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank ohnehin um ihre
im Glitterregen, so uuuääähh.“ Weidel Sparguthaben und die Altersvorsorge fürchten, ist es eine furcht-
krümmt sich am Pult, wirft die Hände in erregende Botschaft. Und: War nicht schon der Beitritt Griechenlands
die Luft, schüttelt sich theatralisch. zum Euro das Ergebnis einer realitätsfernen politischen Träumerei?
Wer Weidel eine Weile begleitet, fragt Das Gleiche gilt für den Vorschlag, Bulgarien und Rumänien unver-
sich irgendwann, wie viele Widersprüche züglich in den Schengenraum aufzunehmen. Sicherheitspolitikern
ein Mensch erträgt. „Das Recht auf Adop- raubt allein der Gedanke den Schlaf. Auf den Schreibtischen europäi-
tion muss Ehepaaren vorbehalten bleiben“, scher Innenminister stapeln sich Berichte über die Korruption an
schreibt die AfD in Baden-Württemberg, der bulgarischen Grenze zur Türkei, durch die Flüchtlinge in die EU
für die Weidel 2016 zur Landtagswahl an- kommen. Nicht zuletzt deshalb drängen mehrere EU-
trat. Kinder müssten „von Vater und Mut- Staaten, darunter Deutschland, nun darauf, die Kon-
ter umsorgt aufwachsen“. Juncker beschwört trollen an den Schengenbinnengrenzen zu verlängern.
Wahrscheinlich hat es Weidel geschafft, den neuen Wind Es ist richtig, wenn Juncker versucht, mit dem Brü-
sich eine ganz eigene Realität zu konstru- ckenschlag nach Osteuropa die Spaltung der EU zu
ieren – so wie die AfD. in Europas Segeln. überwinden. Die Kommission liegt mit Polen wegen
Warum brüskiert der umstrittenen Justizreform im Clinch, zuletzt steu-
CHEMNITZ, 29. AUGUST
„Das Erste, was ich morgens mache“, sagt
er dann ausgerech- erte der Streit mit Warschau und Budapest auf eine
nie da gewesene Eskalationsstufe zu: Die EU-Mitglie-
Weidel, „ist, in meinem Handy Nachrich- net den Mann, der drohen, sich über Entscheidungen des Europäi-
ten zu lesen.“ Dann suche sie bei Google der für die frische schen Gerichtshofs hinwegzusetzen.
nach den Wörtern „Mann“ und „Messer“. Aber Juncker wählt den falschen Weg. Was Europa
Das tut sie nun auch auf der Bühne und
Brise sorgte? derzeit vor allem braucht, ist ein Gespür für das
liest wahllos Nachrichten vor. Mögliche. Es gibt keinen europäischen Konsens, der
„19-Jähriger verletzt Mann mit Messer.“ breit genug wäre, dass alle sich dahinter einreihen. Der Kontinent
„Einparken dauert zu lange, Mann zieht ist hin- und hergerissen zwischen einer neu erblühten Euphorie für
Messer.“ die europäische Idee und einer großen Integrationsskepsis. Eine
„Blutiger Streit in Asylunterkunft: Mann kluge europäische Politik muss zwischen diesen beiden Polen vermit-
geht mit Messer auf Helfer los.“ teln. Zuletzt plädierte Emmanuel Macron für ein Europa der mehre-
Mann, Messer, Messer, Mann, Messer. ren Geschwindigkeiten. Es überrascht, dass Juncker nun ausgerech-
„So geht das die ganze Zeit nach zwölf net dem neuen französischen Präsidenten in den Rücken fällt. Denn
Jahren Merkel“, ruft Weidel. Der Saal tobt. es war ja Macron, der mit seinem Sieg über den europafeindlichen
Es gibt keine Belege in der Kriminalsta- Front National für den „Wind“ gesorgt hat, den „Europa wieder in
tistik, dass die Zahl der Messerangriffe ge- den Segeln“ hat und über den sich Juncker in Straßburg so freute.
stiegen ist. Aber davon sagt Weidel nichts. Juncker hat viele Verdienste, aber es stellt sich die Frage, ob er
noch der richtige Mann ist, Europa den Weg in die Zukunft zu
weisen. Ihre stärksten Momente hatte Junckers Rede, als der Kom-
Video: Weidels Karriere missionschef persönlich wurde. „Nie habe ich meine Liebe zu
im Zeitraffer Europa verloren“, sagte er, aber „es gibt keine Liebe ohne Enttäu-
spiegel.de/sp382017weidel schungen.“ So ähnlich geht es den Europäern mit Juncker auch.
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38 DER SPIEGEL 38 / 2017


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REVIERFOTO / IMAGO
Unionsplakat, Website der Regierungsstudie: „Diese Lektüre kann ich empfehlen“

gerdialogen für die Bundesregierung über

Gut und gern das schwammige Schlagwort „Lebensqua-


lität“ – rund sechs Millionen Euro kostete
das gesamte Verfahren. Um den Aufwand

kopieren zu rechtfertigen, versprach die Große Ko-


alition einen Aktionsplan, der sich aus den
Debatten ergeben sollte.
CDU Die Wahlkampagne der Der Aktionsplan kam nicht zustande,
SI DO NI A auch der Abschlussbericht fiel eher all-
Damen-Halbschuh Union ähnelt verblüffend einem gemein aus, weil alle Ministerien vor der
teuren Regierungsbericht Veröffentlichung kritische Passagen glätten
über die Wünsche der Bürger. konnten. So blieb die Partizipation im
Wesentlichen eine Showveranstaltung für
Hat die Partei abgekupfert? die Bürger.
Dafür boten die Bürgerdialoge jedoch

A
ls die Bundesregierung vor einem reiches Anschauungsmaterial darüber, wie
Jahr ihren Bericht „Gut leben in die bürgerliche Mitte tickt. Das nutzte auch
Deutschland“ vorstellte, schwärm- der SPD, deren Wahlprogramm inhaltlich
te Regierungssprecher Steffen Seibert von ebenfalls Bezüge zum Regierungsbericht
den Erkenntnissen der Wissenschaftler. aufweist – die Sozialdemokraten verzich-
Monatelang hatten sie die Bürger gefragt, teten anders als die CDU allerdings ge-
wie die in Zukunft leben wollen. „Diese schickt darauf, einzelne Formulierungen
Lektüre kann ich Ihnen nur empfehlen“, wörtlich zu übernehmen.
sagte Seibert. „Auf der Grundlage dieses Die Opposition fühlt sich benachteiligt.
Berichtes ist es zukünftig möglich, politi- „Man kann schon drüber nachdenken, ob
schen Handlungsbedarf zu identifizieren.“ das Zweckentfremdung von Steuermitteln
Die CDU hat die Empfehlung offenkun- ist“, sagt Hendrik Thalheim, Sprecher der
dig wörtlich genommen. Ihre Wahlkampa- Linken. Seine Partei konnte zwar den ge-
gne wirkt streckenweise wie eine Kopie glätteten Abschlussbericht nutzen, hatte
des steuerfinanzierten Regierungsberichts, aber keinen Einblick in den Entstehungs-
vom Slogan („Für ein Deutschland, in dem prozess und die Zwischenergebnisse. Der
wir gut und gerne leben“) bis zum Layout Bürgerdialog habe den Regierenden einen
mit den auffälligen Zacken und Streifen. „Vorteil im Wahlkampf verschafft“, sagt
Auch die Inhalte der Unionskampagne deshalb Thalheim.
können Leser der 240 Seiten starken Re- Aus Sicht von Parteienrechtlern könnte
gierungsstudie nicht überraschen. In Bür- es sich bei der Studie tatsächlich um einen
gerdialogen hatten die Forscher zum Bei- geldwerten Vorteil für die Regierungspar-
spiel erkannt, dass sich die Deutschen teien handeln. Allerdings sei dieser schwer
„gute Arbeit zu fairen Löhnen“ wünschen. zu beweisen, sagt die Juraprofessorin So-
Prompt heißt es bei der CDU: „Für gute phie Schönberger von der Universität Kon-
Arbeit und gute Löhne“. stanz, „auch wenn die Sache ein starkes
• AUSGEZEICHNETE PASSFORM Andere Bürger wünschten sich im Ge- Geschmäckle hat“.
• SUPERBEQUEM-FUSSBETT spräch „eine starke Wirtschaft, gesicherte „Gut leben in Deutschland“ und „Für
Finanzen und Arbeitsplätze sowie eine ge- ein Deutschland, in dem wir gut und gerne
• OPTIMALE AUFTRITTSDÄMPFUNG
sicherte Rente“. Die CDU plakatiert im leben“ – die CDU will auf Nachfrage „kei-
• GEEIGNET FÜR INDIVIDUELLE EINLAGEN Wahlkampf: „Für eine starke Wirtschaft nen Zusammenhang“ zwischen dem Re-
und sichere Arbeit“. Auch in der Innen- gierungsbericht und ihren Wahlkampfma-
und der Familienpolitik finden sich viele terialien erkennen.
Parallelen zwischen dem Regierungsbe- Doch personell gibt es Verbindungen
richt und der Unionskampagne. zwischen Regierungs- und Parteiarbeit. Im
Haben Angela Merkels Parteistrategen Kanzleramt kümmerte sich damals die
KATALOG UND den aufwendigen Bericht also einfach ab- Merkel-Vertraute Eva Christiansen feder-
BEZUGSQUELLEN: gekupfert? Waren die Bürgerdialoge ein führend um den Bürgerdialog. Heute, im
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40 DER SPIEGEL 38 / 2017
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die Verschrottung eines PKW mit Dieselmotor eines beliebigen Herstellers belegt, für den die Abgasnorm Euro 1, Euro 2, Euro 3 oder Euro 4 gilt. Bei Kauf oder Finanzierung/Leasing eines neuen SEAT Leon
mit Erdgasmotor (CNG) und gleichzeitiger Inanspruchnahme der Umwelt-Prämie gewährt die SEAT Deutschland GmbH zusätzlich eine Zukunfts-Prämie in Höhe von 2.000 €, die ebenfalls als Nachlass auf
den Fahrzeugpreis angerechnet wird. Die Inanspruchnahme der Umwelt-Prämie ist dabei an bestimmte weitere Voraussetzungen geknüpft, über die Sie sich bei Ihrem SEAT Partner oder im
Internet unter www.seat.de informieren können. Abbildung zeigt Sonderausstattung.
Deutschland

„Eine unheimliche Stille“


Gedenken Der ehemalige Generalsekretär der CDU Heiner Geißler starb im Alter von 87 Jahren.
Zwei letzte SPIEGEL-Gespräche über Wahlkämpfe, Bergsteigen und Religion.

E
s sollte ein bisschen wie beim Fuß- dem Sie vertrauen können. Seilschaft hat der Dompteur, der versuchen muss, die
ball sein, wo ein Experte alle Manö- einen negativen Klang, sie ist aber eine Kandidaten im Zaum zu halten?
ver, alle Pässe, alle Tore eines Spiels wichtige Voraussetzung, dass man über- Geißler: Wenn der Wahlkampf erst mal an-
kommentiert. In drei Terminen wollte Hei- haupt etwas erreicht, dass man eine Wand gefangen hat, sitzen die Kandidaten auf
ner Geißler über diesen Bundestagswahl- oder einen Grat bezwingen kann. So ist der Schiene, da können Sie nicht mehr
kampf sprechen, über die Strategien der es in der Politik auch. viel korrigieren. Ich bin bei den meisten
Parteien, darüber, ob sie aufgehen, aber Wahlkampfauftritten Kohls nicht dabei
auch über seine eigenen Erfahrungen als Die Aufkündigung einer Seilschaft, so gewesen.
Generalsekretär der CDU. Heiner Geißler, Geißler später, habe zum Beispiel der SPIEGEL: Warum?
der fast 50 Jahre seines Lebens Politik ge- CDU-Kandidatin Julia Klöckner bei der Geißler: Weil es unnötig war. Ich konnte ja
macht hat, war der bekannteste und er- Landtagswahl in Rheinland-Pfalz gescha- nichts mehr tun. Wenn er da auf dem
folgreichste Wahlkämpfer der Bundesre- det. Sie habe sich von Angela Merkels Kurs Podium steht und Quatsch erzählt, dann
publik. Aus seinen Beobachtungen sollte in der Flüchtlingsfrage distanziert, habe steh ich da und vergieße innerlich Tränen,
für das SPIEGEL-Heft zur Wahl in der Wahlveranstaltungen mit deren Rivalen aber sonst kann ich nichts machen.
nächsten Woche ein langes Gespräch ent- Horst Seehofer gemacht. Die Leute, so SPIEGEL: Haben Sie ihm mal gesagt, dass
stehen. Beim letzten Termin wollten wir Geißler, mögen so etwas nicht. etwas falsch war?
das TV-Duell diskutieren, die Rolle der Geißler: Das kam im Wahlkampf bei Kohl
kleinen Parteien, den Aufstieg der AfD. SPIEGEL: Was fühlt sich besser an? Nach ei- nicht so oft vor. Er hat sich an die inhalt-
nem schwierigen Aufstieg den Gipfel zu lichen Vorgaben gehalten, er ist nicht aus-
erreichen oder am Wahlabend zu merken: geflippt. Nur einmal, vor der Bundestags-
11. Juli, München Es ist vorbei, und wir haben es geschafft? wahl 1987, hat er Gorbatschow mit Goeb-
SPIEGEL: Nehmen wir an, ich würde Sie Geißler: Die Dimensionen sind etwas un- bels verglichen. Das ist ihm rausgerutscht.
morgen zum Generalsekretär der SPD ma- terschiedlich. Wenn Sie auf dem Gipfel Das war ein emotionaler Fehler, Kohl hat
chen. Wie käme die Partei aus ihrem Tief ankommen, haben Sie ein momentanes, sich tragen lassen von einer antisowjeti-
wieder heraus? unglaubliches Glücksgefühl. Es ist das wun- schen Stimmung. Es hat keine zu große
Geißler: Da kommt man mit eigenen Kräf- derbare Gefühl, so etwas geschafft zu ha- Auswirkung gehabt, weil einige das sehr
ten nicht mehr heraus. Sie müssen darauf ben. Wenn man eine Wahl gewinnt, ist das gut fanden: eine Beleidigung Gorbatschows
warten, dass der andere Fehler macht. Glücksgefühl ebenfalls groß. Aber es ist durch den Bundeskanzler.
ein bisschen anders. Oft ist es auch schön, SPIEGEL: Waren die Wahlkämpfe damals
Heiner Geißler ist genau so pünktlich, wie erleben zu können, dass die anderen nicht lauter?
es höfliche Menschen sind. Er kommt eine gewonnen haben. Geißler: Die Situation war eine andere, es
Minute vor dem vereinbarten Zeitpunkt ging um Sein oder Nichtsein, um das Über-
im SPIEGEL-Büro in München an. Geißler Zehn Tage vor diesem Gespräch hatte leben der rechtsstaatlichen Demokratie in
hatte Termine in der Gegend, er reise über- Geißler an der Trauerfeier für Helmut Deutschland. Mitte der Achtzigerjahre, auf
haupt viel, sagt er. Er wolle noch am glei- Kohl in Speyer teilgenommen, an der Seite dem Evangelischen Kirchentag, ist Antje
chen Tag zurückfahren, nach Hause, vier Norbert Blüms. Es war keine Selbstver- Vollmer einmal ausgerastet. Sie schrie
Autostunden Fahrt. Es liegt nichts von ei- ständlichkeit, dass Geißler zu dem Ab- mich an: „Ich hasse, hasse, hasse Sie.“ Das
ner Beschwerde in seiner Stimme. schied anreiste. war so, es ging nicht anders. Ich habe ein-
Gerade ging der G-20-Gipfel in Ham- Geißler hat zusammen mit Kohl die mal auf die Behauptung Joschka Fischers,
burg zu Ende. Geißler sagt, dass er im Hin- Fenster der CDU geöffnet und sie vom dass die CDU ein atomares Auschwitz vor-
und Herschieben von Schuld zwischen den Muff der Adenauer-Jahre befreit. Sie ha- bereite, gesagt, ohne den Pazifismus der
Parteien endlich die ersten Ausläufer des ben einander in dieser neuen CDU groß Dreißigerjahre wäre Auschwitz gar nicht
Wahlkampfs erkenne. Geißler hat für die gemacht. Es kam zum Bruch, als Kohl möglich gewesen. Da gab es schon eine
CDU in den Achtzigerjahren legendäre Geißler entmachtete und Geißler dann zu- gewisse Aufregung. Aber in den Achtziger-
Wahlkämpfe geführt. sammen mit Rita Süssmuth und Lothar jahren gab es eben ideologische Ausein-
Späth auf dem Bremer Parteitag 1989 mit andersetzungen mit weitreichenden Folgen.
SPIEGEL: Sie sind jahrzehntelang leiden- einem Putsch gegen Kohl scheiterte. Es geht heute nicht um Leben und Tod,
schaftlicher Kletterer gewesen. Haben Es gibt ein Bild von diesem Parteitag, Krieg und Frieden.
Wahlkampf und Klettern etwas gemein- Kohl lacht ausgelassen, Geißler wendet
sam? sich ab und starrt den Boden an. Es war Mit dem Ausdruck „eine gewisse Aufre-
Geißler: Man braucht beim Klettern einen der Wendepunkt in seinem Leben. Geißler, gung“ untertreibt Geißler. Die Zeit als
Kompass. So ist es bei Wahlen auch. Die der einst zweitwichtigste Mann der CDU, Wahlkämpfer war die grellste Zeit in sei-
Leute spüren, ob politische Entscheidun- verlor seinen Einfluss. nem Leben. Kaum jemand hat so laut und
gen ein ethisches Fundament haben. Das verletzend für den Sieg seiner Partei ge-
ist beim Klettern auch wichtig. Und Sie SPIEGEL: Wenn man als Generalsekretär für kämpft wie er. Geißler nannte die SPD die
brauchen einen guten Kletterkameraden, eine Wahl verantwortlich ist, ist man dann „fünfte Kolonne Moskaus“, er beschimpfte
42 DER SPIEGEL 38 / 2017
KONRAD R. MÜLLER / DER SPIEGEL

Politiker Geißler in Gleisweiler am 24. August: „Zu lügen in der Politik ist dumm“

DER SPIEGEL 38 / 2017 43


Überarbeitete
und aktualisierte Deutschland
NEUAUFLAGE
2017/2018
sie als Lügner. Irgendwann verließ die SPD nicht nur zwei Tage lang sagen, sondern
geschlossen den Raum, wenn Geißler ans das muss man durchziehen. Eine Kam-

Berlin,
Rednerpult trat. „Fairness ist eine Katego- pagne machen. So wie bei der Steuerlüge
rie, die nicht in die Politik passt“, sagte von Kohl.
Geißler einmal. Er war bekannt für solche
Sätze, die einem ein bisschen die Luft neh- Im November 1990 hatte Helmut Kohl ver-

Berlin, men und die er immer so sagte, als wäre


es nichts.
sprochen, dass es keine Steuererhöhung
im Zusammenhang mit der deutschen Ein-
heit geben werde. Diese Zusage brach er

Sie ziehen Geißler: Das ist auch wie beim Klettern,


Sie müssen sich auf dem Weg zum Gipfel
entscheiden, ob Sie jetzt eine steile Wand
bald nach der Wiederwahl.

Geißler: Die SPD hat Monate später, bei

nach Berlin?
klettern. In einer Wand sind Sie dem Stein- der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz, pla-
schlag ausgesetzt. Was von oben runter- katiert: „Wer so lügt, den wählt man nicht“.
kommt, fällt runter, und wenn Sie da sind, Auch deshalb hat Rudolf Scharping die
dann kriegen Sie den Stein ab. Wahl gewonnen.
SPIEGEL: Darf man im Wahlkampf nicht
lügen?
9. August, Gleisweiler Geißler: Zu lügen in der Politik ist dumm.
Heiner Geißler lebt in einem 600-Einwoh- Das darf man einfach nicht.
ner-Ort an der Weinstraße. Wenn man dort
ankommt, hat man das Gefühl, man habe Wenn Geißler die Augenbrauen hebt,
die Klimazone gewechselt. Der Ort liegt kann er einen so durchdringend ansehen,
zwischen Hügeln, geschützt wie in einer dass man sich ohne Grund als Lügner fühlt.
Hand. Es ist ihm schwergefallen, Abschied von
Franz Josef Strauß hat mal über Geißler der Politik zu nehmen. Bis zum Jahr 2002
gesagt, sein Gesicht sehe aus wie ein un- saß Heiner Geißler im Bundestag. Er kriti-
gemachtes Bett. Das mag damals gestimmt sierte Merkel, er warnte die CDU vor
haben, heute ähnelt er einem freundlichen „Thatcherismus“. Er, der Modernisierer,
Dinosaurier. An diesem Tag steht so viel war plötzlich ein Mann aus einer längst
Kuchen auf dem Tisch, als würde er acht vergangenen Zeit. Mit 72 Jahren zog er
Besucher erwarten. sich aus der aktiven Politik zurück.
Fünf Tage zuvor hat die grüne Abgeord- Viele Menschen werden im Alter kon-
nete Elke Twesten die Regierungskoalition servativer, Geißler wurde linker. Er verur-
in Niedersachsen mit ihrem Übertritt zur teile die Agenda 2010, die internationalen
CDU platzen lassen. Kurz danach kam he- Finanzsysteme, er forderte eine Steuer auf
raus, dass SPD-Ministerpräsident Stephan Finanztransaktionen. Er trat der globalisie-
Weil eine Rede mit dem Volkswagen- rungskritischen Organisation Attac bei.
Konzern abgestimmt hat. Die CDU griff Man kann es auch als das Ende einer
ihn scharf an. Es dauerte ein wenig, bis konsequenten Entwicklung betrachten.
Tagesspiegel„Neu in Berlin 2017/2018“: sich herausstellte, dass auch die CDU „For- Geißler, der ehemalige Jesuitenschüler,
Unverzichtbar für den perfekten Start in der mulierungshilfen“ von VW annahm. war einer der prominentesten Sozialpoli-
Hauptstadtregion. Die Umfragen zur Bundestagswahl be- tiker, die die CDU je hatte. Er hat die ers-
wegt das nicht. Heiner Geißler findet, dass ten Sozialstationen Deutschlands geschaf-
Berlin kompakt: Stadtteile, Kieze
die Parteien sich nicht scharf und schnell fen. In seiner Zeit als Familienminister
und Wohnlagen im Überblick
genug angreifen, und wundert sich, wie führte er das Erziehungsgeld ein und sorg-
Die besten Adressen 500 Empfehlungen brav Wahlkämpfer geworden sind. te für die Anerkennung von Erziehungs-
für alle Lebensbereiche Er ist gern Stratege, man kann mit ihm jahren in der Rentenversicherung. Wäh-
über die Fehler der SPD genauso gut wie rend der Flüchtlingskrise sagte er, Merkel
Wo das Umland boomt: Berlin wächst
über die seiner Partei reden. habe den Friedensnobelpreis verdient.
über sich hinaus

Potsdam-Booklet mit zwei Spaziergängen SPIEGEL: Wenn Sie die SPD beraten hätten, Geißler: Ich hatte der CDU schon vor drei
hätten Sie gesagt: So, jetzt werfen wir der Jahren vorgeschlagen, sie solle mit einem
Im Handel erhältlich oder einfach
CDU sofort vor, dass sie sich auch mit Slogan wie „Solidarität statt Kapitalismus“
versandkostenfrei bestellen.
Volkswagen abgestimmt hat? in den Wahlkampf gehen. Das wäre natür-
8,50 €
Geißler: Ja natürlich, sofort! Als sie es lich ein gewaltiger Schritt gewesen. So ge-
schließlich tat, hat es auch Eindruck ge- waltig, dass es sogar Sahra Wagenknecht
macht, das ist ja überall gelaufen. Es kam nicht gewagt hätte, diesen Slogan in An-
nur sehr spät, zu spät. spruch zu nehmen.
SPIEGEL: Wie wichtig ist in einem Wahl-
www.tagesspiegel.de/neu-in-berlin kampf das Timing? Jemand, der ihn gut kennt, sagt, Heiner
Geißler: Das muss man haben. Die SPD hät- Geißler habe immer gewusst, was Men-
Bestellhotline (030) 290 21 - 520 te da wirklich etwas rumreißen können. schen in ihrem Innersten bewegt. Es sei
Schulz hätte sagen müssen, dass die CDU sein vielleicht größtes Talent gewesen. Vie-
eine unehrliche Partei ist, eine unglaub- le Male wurde Heiner Geißler in seinen
würdige Partei, dass sie zu schmutzigen letzten Jahren als Schlichter berufen. Mit
Mitteln greift. Das darf man dann eben 80 Jahren wurde er Vermittler im Konflikt
44 DER SPIEGEL 38 / 2017
um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21. Al-
lein in den letzten 20 Jahren seines Lebens
schrieb er 13 Bücher, über Luther, den
Glauben, das Bergsteigen. Man las immer
QUALITY WORKS.
wieder Interviews mit ihm, sah ihn in Talk-
shows. Ein bisschen wirkte er wie jemand,
der beim Suchen keine Antworten findet,
sondern nur noch mehr Fragen.

SPIEGEL: Wir haben über die Gemeinsam-


keiten von Wahlkampf und Bergsteigen
gesprochen. Was ist mit Abstiegen? Sind
die schwerer oder leichter als Aufstiege?
Geißler: Für mich war das Absteigen immer
schlimmer.
SPIEGEL: Warum?
Geißler: Es ist langweilig. Es tut in den
Knien weh.
SPIEGEL: Was tut man dagegen?
Geißler: Beim Bergsteigen habe ich irgend-
wann damit angefangen, einen Gleitschirm
mit raufzuschleppen. Das ist zwar müh-
sam, aber es ist wunderbar, dann runter-
zufliegen. Politisch wartet man einfach ab.
CDU und SPD sind Volksparteien. Wenn
da mal was auf der Bundesebene schief-
geht, ist man verankert in den Gemeinden.
Man kann warten, dass es wieder aufwärts-
geht.
SPIEGEL: Mögen Sie Wahltage?
Geißler: Für mich war es immer ein sehr
merkwürdiger Tag, eine unheimliche Stille.
Jeder denkt, hoffentlich ist es bald 18 Uhr.
SPIEGEL: Haben Sie mal für einen Wahlsieg
gebetet?
Geißler: Nein, niemals. Ich bete überhaupt
nicht.
SPIEGEL: Schon immer?
Geißler: Mein Glaube hat riesige Löcher
und Zweifel bekommen. Ich glaube auf
jeden Fall nicht an den Gott der evange-
lischen oder katholischen Theologie.
SPIEGEL: Der, von dem in der Bibel die
Rede ist?
Geißler: Ja, dieser. Ein Gott, der geliebt
werden will und deswegen den Menschen
den freien Willen gegeben hat. Und der
dann in Kauf nimmt, dass es Auschwitz
gibt? In diesem Moment, in dem wir re-
den, verhungern Zehntausende Leute, LANXESS Qualität setzt Zeichen! Gerade in der Chemie
werden vergewaltigt, gefoltert, geschlagen. macht Qualität den Unterschied zwischen Alltäglichem und
Und das nicht nur in dieser Sekunde, son-
dern seit Zehntausenden Jahren in jeder Besonderem – so wie z. B. Nanotubes die Qualität vieler Pro-
Sekunde. Da muss man sich doch fragen: dukte verbessern. Deshalb leben wir bei LANXESS Qualität in
Wo ist er? Sieht er noch, was hier los ist? allem, was wir tun – für hochwertige, nachhaltige Produkte,
Warum versteckt er sich? Seit Zehn- für mehr Lebensqualität im Alltag und für den Erfolg unserer
tausenden Jahren hat sich Gott nicht ge-
zeigt und lässt uns allein. Das alles kann Kunden. Das ist es, was wir Energizing Chemistry nennen.
nicht stimmen. quality.lanxess.de

Das letzte Gespräch, das für den 12. Sep-


tember in Gleisweiler geplant war, konnte
nicht mehr stattfinden, Heiner Geißler
starb an diesem Tag. Die Zitate in diesem
Text wurden leicht gekürzt und für die Les-
barkeit redaktionell minimal bearbeitet.
Britta Stuff

DER SPIEGEL 38 / 2017 45


Deutschland

Enger, dichter, besser


Metropolen Die hohe Lebensqualität in Großstädten zieht jedes Jahr Zehntausende Menschen an.
Wohnraum wird teurer, Platz knapper. Wie können die Städte ihren Erfolg bewältigen?

E
ine Großstadtsiedlung aus den Fünf- Jahr wachse die Stadt um 10 000 bis 15 000 Asphaltstreifen 100 kleine Wohnungen für
zigerjahren, dreigeschossige Wohn- Menschen. Die Preise auf dem Wohnungs- Bewohner mit geringem Einkommen ent-
blöcke in Reih und Glied, dazwi- markt explodierten. Wenn man wolle, dass standen. Nur sechs Parkplätze für Freibad-
schen gepflegte Grünflächen. Schilder auch junge Familien und Durchschnittsver- besucher fielen den Stahlbetonstützen zum
warnen: „Fußball- und Ballspielen ist nicht diener weiterhin in der Stadt leben kön- Opfer. Kaum standen die Fundamente, wur-
gestattet.“ Und mittendrin ein Stadtrat, nen, müsse gebaut werden. Josef hält den de das vierstöckige Gebäude im Modulbau-
der den Bewohnern an einem Montag- Kritikern entgegen: „Eine Stadt muss sich weise errichtet. Die Bäder baumelten als fer-
abend erklären will, dass ihre Umgebung entscheiden, ob sie die Kornkammer des tige Nasszellen am Kran ins Haus, wie Spiel-
künftig ganz anders aussehen werde. Landes sein will oder eine Metropole.“ zeugsteine folgten Wandmodul um Wand-
Mike Josef, Planungsdezernent in Frank- Fast alle Metropolen und urbanen Zen- modul. 9,40 Euro kalt zahlen die Mieter pro
furt am Main, hat zu einem „Stadtspazier- tren der Republik kennen diese Konflikte. Quadratmeter – das ist günstig für München.
gang“ durch die Platen-Siedlung im Nord- In Hamburg, München, Köln, Stuttgart und Es wird viele solcher Ideen geben müs-
westen der Stadt eingeladen. Ab 2018, sagt Leipzig wächst die Einwohnerzahl von sen, sagen Experten wie der Frankfurter
er, werde in dem Quartier wieder gebaut. Jahr zu Jahr um die Größe einer Klein- Architekt und Stadtplaner Albert Speer.
Josef, 34, hat Pläne mitgebracht. Sie zei- stadt, in Berlin drängen seit 2011 sogar zwi- Denn der Boom geht vermutlich weiter. Bis
gen kantige neue Häuser, die sich als „Tor- schen 40 000 und 50 000 Menschen pro Jahr 2035 werde die Einwohnerzahl von Frank-
bauten“ wie mächtige Brücken quer über zusätzlich in die Stadt. furt am Main noch einmal um gut 11 Pro-
eine Siedlungsstraße spannen sollen. Er In den letzten Jahrzehnten des vergan- zent wachsen, die von Berlin oder München
berichtet von Tiefgaragen unter den Grün- genen Jahrtausends gab es noch die Sorge, sogar um mehr als 14 Prozent, schätzt das
flächen und von zusätzlichen Geschossen, dass Menschen massenweise aufs Land Institut für Wirtschaft in Köln. In der Haupt-
die man auf die bestehenden Wohnblöcke ziehen würden. Dazu kam es nicht. stadt würden dann mehr als vier Millionen
setzen wolle, um Platz für mehr Einwoh- Stattdessen sprechen Forscher nun seit ei- Menschen wohnen. Hamburg rechnet mit
ner zu schaffen. „Nachverdichtung“ nennt nigen Jahren von einer „Renaissance der 100 000 zusätzlichen Einwohnern bis 2030,
Josef das. „Käfighaltung“, grummelt einer Städte“. Köln mit 200 000 bis zum Jahr 2040.
der Anwohner. Die Stadtplaner stehen vor der Aufgabe,
Rund 30 Mieter aus dem Viertel stehen
in einem Halbkreis um den Stadtrat herum,
Urbanität heißt für ihn für all diese Menschen ein Dach über dem
Kopf zu finden. Und das allein reicht noch
einige haben die Arme vor der Brust ver- Lebensqualität. nicht. Die neuen Bewohner brauchen auch
schränkt, Begeisterung strahlt keiner aus. Nicht mal an den Stadt- Schulen, Kitas, Straßen- und U-Bahnen,
„Wo sollen denn die Bewohner von 650 Kulturangebote, Einkaufsmöglichkeiten,
neuen Wohnungen ihre Autos abstellen?“, rand würde er ziehen. Arbeits-, Sport- und Freizeitflächen. Das
fragt einer. „Wie wirken sich die Neubau- verschärft den Kampf um kostbaren Platz.
ten auf das Mikroklima aus?“, will seine „Vor allem junge Menschen finden das Wie lange verkraften die Städte dieses
Nachbarin wissen. „Es gibt doch schon Leben in der Stadt attraktiv“, sagt Claus- Wachstum noch? Ist es verantwortbar, dass
jetzt viel zu viel Verkehr und zu wenige Christian Wiegandt, Geograf und Städte- die Städte weiter ins Umland wuchern?
Schulen hier“, schimpft ein weiterer Be- forscher der Universität Bonn. Es biete Ab wann beginnt die Enge in den Zentren
wohner. Und ein Kommunalpolitiker von Arbeitsplätze, Unterhaltung, Aufstiegs- zu nerven, stören der Verkehr, die Staus,
der Opposition nutzt die Gelegenheit zur chancen, Treffpunkte mit Gleichaltrigen die überlastete Infrastruktur? Bietet die
Grundsatzkritik: „Die Leute haben Angst, und Gleichgesinnten, kurze Wege zwi- zunehmende Enge die Chance für mehr
dass jedes bisschen Grünfläche in der Stadt schen Arbeit und Freizeit. Nur manche Urbanität und Lebensqualität, wie Stadt-
zugebaut werden soll.“ Städte in Ostdeutschland und einige klas- planer wie Speer meinen? Oder treiben
Josef war vorher klar, dass es kein leich- sische westdeutsche Arbeiterstädte wie Bo- die steigenden Mieten und Wohnungsprei-
ter Abend werden würde. Im Frankfurter chum oder Duisburg seien noch nicht von se die Bewohner dann doch wieder aufs
Nordend streitet der SPD-Politiker mit An- dem Trend erfasst. Land, wo es sich vermeintlich günstiger
wohnern und Kleingärtnern, die ihre Par- Der Siedlungsdruck in den Boomstädten und stressärmer wohnen lässt?
zellen für ein neues Wohnquartier räumen zwingt die Stadtplaner und Politiker zu Im Moment noch nicht, jedenfalls nicht
sollen. Mehr als 9000 Unterschriften dage- Kreativität und ungewöhnlichen Lösungen. an einem lauen Sommerabend in einem
gen haben sie schon gesammelt. Am west- In Hamburg und Frankfurt am Main wollen angesagten Viertel wie Hamburg-St. Pauli.
lichen Stadtrand, wo derzeit noch Gerste die Planer längere Autobahnabschnitte un- In der Wohlwillstraße reihen sich Bars an
und Roggen angebaut werden, protestieren ter begrünten „Deckeln“ verschwinden las- Restaurants, Hunderte Menschen drängeln
Bauern, Naturschutzverbände und Nach- sen, um Platz für Siedlungsflächen und sich vor dem Kiosk Tabak-Börse, um ihr
barkommunen gegen das Vorhaben, einen Grünanlagen zu gewinnen. Der Münchner Bier zu trinken. Cornern nennen sie das.
neuen Stadtteil für bis zu 30 000 Einwohner Oberbürgermeister Dieter Reiter experi- Schräg gegenüber vom Corner-Hotspot ist
aus dem Boden zu stampfen. Eine der meist- mentiert mit Häusern auf Stelzen, die auf eine Wohnung frei, zweiter Stock, 58 Qua-
befahrenen Autobahnen der Republik, die öden Parkplätzen errichtet werden können. dratmeter, zwei Zimmer ohne Balkon, für
A 5, sechs- bis achtspurig, würde mitten Im April dieses Jahres wurde das erste 781 Euro Kaltmiete. Ein stolzer Preis für
durch das künftige Wohngebiet führen. Stelzenhaus über einem Freibadparkplatz die Aussicht auf schlaflose Nächte.
„Es hilft nichts, wir brauchen dringend im Westen der Stadt fertiggestellt. In nur Drei Tage lang stand die Anzeige für
mehr Wohnungen“, sagt Josef. In jedem sechs Monaten sind über einem schmalen die Wohnung online, zur Besichtigung um
46 DER SPIEGEL 38 / 2017
DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL

Feiernde in Hamburg-St. Pauli

DER SPIEGEL 38 / 2017 47


Deutschland

17 Uhr sind 30 Interessenten gekommen. schaut, nur weil er um 15 Uhr ein Bier in gend sind es Großstädte mit einem breiten
Zwei von ihnen: Hannes Weinig und der Hand habe. Angebot an Hochschulen und Bildungs-
Yann Chaudesaigues, beide 26. Weinig stu- Die Vorteile des urbanen Lebensstils lä- instituten, die auch nach dem Abschluss
diert Soziologie und ist vor sieben Jahren gen auf der Hand, meint der Bonner Stadt- Arbeitsplätze bei attraktiven Unterneh-
nach Hamburg gezogen, Chaudesaigues forscher Wiegandt: „Man genießt es, mit men oder Institutionen anbieten können –
kommt aus Berlin und arbeitet als Ange- dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren und in der Altersgruppe 25 bis 34 sind das vor
stellter. abends in der Nachbarschaft schick essen allem Frankfurt am Main, Düsseldorf,
Im Moment wohnen die beiden noch gehen zu können.“ Selbst wenn der Platz- München, Berlin, Köln, Stuttgart, Leipzig
auf 45 Quadratmetern in der Stresemann- bedarf durch Kinder und größere Ansprü- und Hamburg.
straße, einer der meistbefahrenen Straßen che steige, versuchten viele Familien, in Auch „weiche Standortfaktoren“ seien
Hamburgs. Jeder Lkw und jedes Auto, die der Stadt zu bleiben oder allenfalls auf die wichtig. Dazu gehörten ein „attraktiver
von der A 7 in die Innenstadt wollen, muss nahe Umgebung auszuweichen. Häufig und dichter öffentlicher Raum“, wie er in
hier durch. Im Sommer ist es heiß in der seien beide Eltern berufstätig, sodass die zentrumsnahen Gründerzeitvierteln zu fin-
Wohnung in der fünften Etage, im Winter Familie auf kurze Wege zwischen Arbeits- den sei. Oder auch besondere Anziehungs-
brummt eine stromschluckende Nachtspei- platz, Wohnung und Kinderbetreuung an- punkte wie der Hamburger Hafen.
cherheizung. Trotzdem wurde die Miete gewiesen sei: „Das Lebensmodell funktio- Die Forscher halten den Zustrom in die-
wieder erhöht. se Städte für einen sich selbst verstärken-
Weinig und Chaudesaigues wollen so
schnell wie möglich raus aus dieser Woh-
„Keiner fragt: Was willst den Prozess: Sei erst einmal eine größere
Zahl junger Leute vom Land in eine Stadt
nung, aber keinesfalls raus aus der Stadt. du in Berlin?“, erzählt gezogen, dann folgten ihnen bald viele
Nicht einmal an den Stadtrand würden sie sie. „Wenn wir könnten, andere nach. Man lebe eben lieber unter
ziehen. „Da ist nix los“, sagt Weinig. Gleichaltrigen und Gleichgesinnten. Deren
Seit Anfang des Jahres antworten sie kämen wir sofort nach.“ Anwesenheit ziehe meist schnell die pas-
Woche für Woche auf Inserate. Fünfmal sende Infrastruktur nach sich – noch mehr
wurden sie zu Besichtigungen eingeladen. niert nicht mehr, wenn die Eltern einein- Szenekneipen, Restaurants, Kinos, Läden.
Bei einer davon standen sie mit 150 ande- halb Stunden vom Wohnort auf dem Land Auf dem Land wird es dadurch einsamer
ren Interessenten im Treppenhaus. „Gegen zum Job in der Stadt pendeln müssen.“ für die noch verbliebenen jungen Leute.
die kinderlosen Paare mit zwei festen Ein- Welche Städte und Viertel besonders Kneipen und Kinos schließen, sobald ein
kommen haben wir keine Chance“, glaubt nachgefragt sind, entscheidet nach einer großer Teil der Kundschaft weggezogen
Weinig. Auch die Bürgschaft ihrer Eltern Studie des Berliner Beratungsbüros Empi- ist. Die Attraktivität der Herkunftsregio-
brachte keinen Erfolg. rica vor allem die Altersklasse der 20- bis nen sinkt etwa im gleichen Maße, wie die
Eine schönere und günstigere Wohnung 34-Jährigen. In dieser mobilen Lebenspha- der Schwarmstadt steigt. Dadurch, so die
ein paar Kilometer weiter draußen? Kom- se liegen oft ein Studium oder die erste Empirica-Prognose, werde sich die Kon-
me nicht infrage, meint Weinig. Eine gute Arbeitsstelle, mehrere Umzüge auf der Su- zentration der Bevölkerung auf ausgesuch-
Lage in einem der „üblichen Viertel“ wie che nach attraktiven Jobs und Partnern te Städte „aller Wahrscheinlichkeit nach
Altona, Schanze oder St. Pauli übertrump- oder auch die Gründung einer Familie. noch weiter verstärken“.
fe alles. Für Chaudesaigues ist Urbanität Die Empirica-Forscher haben Städte, die Und dieser Sog wirkt oft generationsüber-
gleichbedeutend mit Lebensqualität. In für junge Leute besonders attraktiv sind, greifend. Auch Brigitte Meese hatte vor ein-
den Vierteln könne jeder tun und lassen, in ihrer 2015 erschienenen Untersuchung einhalb Jahren genug von der Provinz. Jahr-
was er wolle. Keiner werde schief ange- als „Schwarmstädte“ bezeichnet. Überwie- zehntelang hatte sie in Ahrensburg gewohnt,
einer Kleinstadt in Schleswig-Holstein, öst-
lich von Hamburg. Viele ihrer Freunde dort
sind krank, weggezogen oder schon gestor-
ben. Meese fand, es sei Zeit für einen Wech-
sel. Demnächst wird sie 88 Jahre alt. Sie
lebt jetzt in Berlin-Mitte, im selben Haus
wie ihr Sohn, der Künstler Jonathan Meese,
aber in einer eigenen Wohnung.
Jeden Morgen um 5.30 Uhr steht sie auf,
liest ihre E-Mails. Später fährt sie in den
Prenzlauer Berg, wo ihr Sohn sein Atelier
hat. Brigitte Meese verwaltet seine Finan-
zen. Vom Rentnerleben hält sie nichts. „Ich
arbeite jeden Tag“, sagt sie mit einem fei-
nen Lächeln.
Berlin mit seinen bald 3,7 Millionen Ein-
wohnern ist für Meese wie eine Ansamm-
lung kleiner Dörfer. „Ich finde das Leben
in der Großstadt gar nicht so schwierig,
DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL

man muss sich nicht verloren fühlen“, sagt


sie. Man müsse sich nur entscheiden, wel-
ches Dorf einem am besten gefalle. Im
Prenzlauer Berg, beim Atelier ihres Soh-
nes, gebe es mehr alte Leute auf der Stra-
ße, mit Rollator oder im Rollstuhl. „Da ist
es auch nett“, sagt Meese, „aber hier in
Münchner Kaufinteressenten Böhm, Kistner: „Preis auf Mondniveau“ Mitte ist es amüsanter.“ Ihr gefällt, dass in
48 DER SPIEGEL 38 / 2017
DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
Stadtplaner Speer: „Noch eine Menge Luft in den Städten“

ihrem Viertel rund um die Auguststraße Einzelfall aber auch mal doppelt so viel, lagen, Wohnungen für Haushalte mit unte-
so viele junge Menschen unterwegs sind. trotz Mietpreisbremse. Die erklärte ein ren und mittleren Einkommen entstehen.
Als junge Frau hat Meese in Tokio ge- Münchner Amtsgericht vor einiger Zeit in Der Münchner Stadtrat hat das Ziel, un-
lebt, wo sie geheiratet und ihre drei Kinder Bayern für nicht anwendbar, weil bei der tere und mittlere Einkommensgruppen
bekommen hat. Nach der Trennung von Umwandlung von Bundesrecht in Landes- über das „München Modell“ bei der Miete
ihrem Mann zog sie nach Ahrensburg. recht Formfehler passiert seien. zu unterstützen. Anspruch hätten 50 bis
Dort war es übersichtlich, genau richtig Nach einer aktuellen Studie der Hans- 60 Prozent der Haushalte. Eine Familie
für ihr neues Leben. „Um Kinder zu erzie- Böckler-Stiftung und der Berliner Humboldt- mit zwei Kindern, deren Haushaltseinkom-
hen, ist eine Kleinstadt ganz gut“, sagt Universität müssen etwa vier von zehn Haus- men unter 94 300 Euro Jahresbrutto liegt,
Meese. Sie machte an der Volkshochschule halten in deutschen Großstädten mehr als ist danach schon förderberechtigt. Das Pro-
Italienischkurse, pflegte Freundschaften mit 30 Prozent ihres Nettoeinkommens nur für blem ist: Die Zahl der Wohnungen nach
den Eltern der Schulkameraden ihrer Kin- die Kaltmiete aufbringen – Heizkosten, „München Modell“ reicht bei Weitem nicht
der. Heute, in Berlin, ist sie meistens mit Warmwasser oder Strom kommen noch hin- aus, um die Nachfrage zu befriedigen. In
ihrem Sohn unterwegs und dessen Freun- zu. Etwa 1,3 Millionen Großstadthaushalten der Praxis müssen auch gut verdienende
den, viele davon Sammler oder Galeristen. bleibe nach Abzug der Miete lediglich ein junge Familien oft an den Stadtrand aus-
„Zu mehr komme ich eigentlich nicht.“ Resteinkommen unterhalb des Hartz-IV- weichen – oder darüber hinaus.
Der 87-Jährigen gefällt, dass ihre neue Niveaus übrig. Das sorgt für Konflikte in Sabine Kistner und Thomas Böhm, sie
Heimat noch so unfertig ist. London und den Städten. In den vergangenen Monaten Anwältin und Steuerberaterin, er Ange-
Paris seien etablierter, sagt sie: „Berlin wurden Farbbeutel auf frisch sanierte Alt- stellter bei einem Versicherungskonzern,
nicht, das wächst noch, das macht Spaß, bauten im stark nachgefragten Münchner wohnen seit sechs Jahren zur Miete in einer
das ist lebendig.“ Ihre wenigen verbliebe- Glockenbachviertel geworfen. „Kein Bock Zweizimmerwohnung, 60 Quadratmeter in
nen Freunde in Ahrensburg sähen das ganz auf Mieterhöhung? Profiteure angreifen!“, der Münchner Altstadt. Ihr Zuhause liegt
ähnlich: „Da fragt keiner: Was willst du sprayten Unbekannte Anfang Juni auf eine wunderbar zentral, nicht weit entfernt vom
denn in Berlin?“, so Meese. „Die sagen alle: Hausfassade. Viktualienmarkt, hat aber keinen Balkon,
Wenn wir könnten, kämen wir sofort nach.“ Dabei hat München nicht den Fehler an- keinen Garten, keinen Keller, keinen Stell-
In den Schwarmstädten hören das nicht derer Städte gemacht und Immobilien aus platz fürs Auto. Eine Familie ließe sich dort
alle wirklich gern. Viele Bewohner dort eigenem Besitz an Investoren verkauft. schon gründen, findet Thomas Böhm. Kin-
finden, das Ende der Fahnenstange sei er- Münchens Bodennutzung dient sogar als der großziehen auf Dauer aber eher nicht.
reicht, zumindest bei den Mieten, die als Vorbild: Baugenehmigungen erhalten nur Seit einem Jahr sucht das Paar eine fa-
Folge des starken Zuzugs ständig steigen. Investoren, die Wohngebiete selbst erschlie- milien- und katzentaugliche Wohnung im
In München zum Beispiel kostet eine 60- ßen und 30 Prozent der Flächen für Sozial- Stadtgebiet. Aufs Dorf ziehen wollen bei-
Quadratmeter-Wohnung nach den Ver- wohnungen reservieren. Andere Städte ha- de nicht. Zumindest ein S-Bahn-Anschluss,
gleichszahlen aktueller Angebotsportale ben das kopiert, um sicherzustellen, dass um zur Arbeit in der Innenstadt und am
im Schnitt schon mehr als 1100 Euro. Im in jedem Neubaugebiet, auch in den Luxus- Feierabend ins Kino zu kommen, ist
DER SPIEGEL 38 / 2017 49
Deutschland

Pflicht. „Wir lieben die Stadt “, sagt Böhm. In den Innenstädten kommen, neben schaftlern und Stadtplanern in Berlin. Im
Jeden Sonntag radeln die zwei ins Café der Verdrängung der angestammten Be- Verhältnis zum Städtewachstum am Be-
Katzentempel in Schwabing: Stadtmen- völkerung, andere Probleme hinzu. „Es ist ginn des 20. Jahrhunderts wüchsen die Me-
schen ohne Platz für eigene Haustiere kön- in Berlin wirklich sehr viel voller gewor- tropolen heute bescheiden. Dennoch, so
nen dort mit echten Katzen kuscheln und den. Egal wo ich hinkomme: überall Leu- Bodenschatz, sei Berlin darauf „nicht vor-
vegane Weißwurst frühstücken. te“, sagt Ramona Pop, Wirtschaftssenato- bereitet, nicht planerisch, nicht institutio-
Thomas Böhm hätte nichts gegen „etwas rin in Berlin. Die Bahnen sind voll, die nell, nicht politisch“.
mehr Natur“, vielleicht sogar einen klei- Busse, die Radwege, die Restaurants, die Bisher schien es Ausweichmöglichkeiten
nen Garten, in dem Kinder spielen könn- Geschäfte, die Straßen. zu geben. Städte, die Urbanität und Le-
ten. Aber die hohen Immobilienpreise der Als Wirtschaftsressortchefin hat Pop in bensqualität versprachen, aber nicht so
Stadt verderben auch die Preise bis weit der rot-rot-grünen Koalition die schwierige überlaufen waren, dass die Suche nach ei-
ins Umland. Das letzte Häuschen in der Aufgabe, die Stadt für das schnelle Wachs- ner neuen Wohnung sofort die Frage auf-
Nähe von München, das Kistner und tum umzubauen. Sie steckt dabei in einem wirft, was man sich noch leisten kann.
Böhm besichtigt haben, sollte fast eine Mil- Dilemma. Berlin hat nach den Jahren des Städte wie Leipzig.
lion Euro kosten und lag an einer Ausfall- Sparens unter Klaus Wowereit extremen Manche bezeichnen die sächsische Mes-
straße gegenüber einer Tankstelle. Nachholbedarf bei Investitionen. sestadt als das neue Berlin, und Parallelen
Nun sitzen die beiden im Großen Sit- Die Verwaltung, die den Wandel gestal- gibt es. Bis weit in die Neunzigerjahre war
zungssaal des Rathauses von Oberhaching, ten und bearbeiten muss, wurde verklei- Leipzig: arm, aber sexy. Nach dem Fall der
einer Gemeinde im Münchner Süden, nert. Die Infrastruktur der Stadt – Wohnen, Mauer hatten westdeutsche Investoren und
knapp 25 S-Bahn-Minuten vom Zentrum Verkehr, Bildung, Gesundheit – ist marode, Glücksritter zunächst viel Geld für Sanie-
der Landeshauptstadt entfernt. Ein Wand- überaltert, defekt. Die Behörden sind un- rungsprojekte in die Stadt mit einem der
gemälde zeigt Kirchtürme neben weiden- terbesetzt, die Mitarbeiter demotiviert. größten zusammenhängenden Gründer-
den Rehen, die blaue Isar fließt durch die Nach der Geburt eines Kindes warten Ber- zeitviertel Deutschlands gesteckt. Trotz-
Bildmitte, aber die Stimmung im Saal ist liner monatelang auf die Bewilligung von dem ging es bergab. Die Industrie aus DDR-
alles andere als idyllisch. Elterngeld oder die Geburtsurkunde. Wer Zeiten wurde von der Treuhand abge-
„So, wir fangen jetzt an zu schlitzen“, sagt dann keine Rücklagen hat, muss Hartz IV wickelt, die Arbeitslosigkeit stieg auf
Oberhachings Erster Bürgermeister Stefan beantragen. „Berlin hat Wachstumsschmer- annähernd 20 Prozent, das Umland mit rie-
Schelle und greift zum Brieföffner. Fünf Rei- zen“, sagt Pop. sigen Braunkohleabbauflächen war alles
henhäuser versteigert er an diesem sommer- Selbst wenn die Verwaltung effizienter andere als einladend.
lichen Abend, an Höchstbietende. Gebote wäre, fehlt es mittlerweile dort oft an Fach- Bis 1998 sank die Einwohnerzahl von
samt Finanzierungszusage einer Bank muss- leuten und Flächen, um all das zu bauen 530 000 im Wendejahr 1989 auf einen Tief-
ten vorab eingereicht werden. 36 Briefe lie- punkt: 437 000. Wohnungen standen leer
gen nun vor Schelle, die Bieter sitzen im Pu-
blikum, voll stummer Hoffnung. Hin und
Je dichter es wird, desto und waren billig, die Makler liefen den
Mietern hinterher.
wieder durchbricht ein quäkendes Neugebo- härter wird der Dann drehte sich der Trend. Leipzig,
renes im Strampler die Stille im Rathaussaal. Verteilungskampf um sagt die Baubürgermeisterin Dorothee
Die Mindestgebote lagen bei rund Dubrau, sei „derzeit eine der am stärksten
600 000 Euro; viel Geld für drei Stockwer- den knappen Platz. wachsenden Städte Deutschlands“. Von
ke Standardarchitektur, fünf Meter breit, 2011 bis 2015 wuchs die Einwohnerzahl mit
zehn Meter lang, mit Minigarten hinterm oder zu ergänzen, was Berlin jetzt braucht. 9,9 Prozent stärker als in Frankfurt (8,3),
Haus. Böhm und Kistner haben trotzdem Die Konkurrenz um Grundstücke für Woh- München (6,3) oder Berlin (5,8 Prozent).
mitgeboten, für das kleinere von zwei Rei- nen, Gewerbe, Verkehr und öffentliche Ende 2016 zählte die Stadtverwaltung
heneckhäusern. Bauten wie Schulen oder Kitas, so Pop, 580 000 Einwohner, im Jahr 2030 könnten
Nach 20 Geboten wähnt sich das Paar „ist sehr hart geworden“. nach aktuellen Schätzungen bis zu 722 000
noch gut im Rennen, dann öffnet der Bür- Jammern will die grüne Senatorin den- Menschen in der Stadt leben.
germeister einen Brief mit einem Gebot, noch nicht. Die Steuereinnahmen spru- Leipzig zieht die Menschen an, weil die
das deutlich über allen bisherigen liegt: deln, die Wirtschaft wächst im Bundes- Wirtschaft inzwischen boomt und das Um-
„886 777 Euro.“ Später bietet ein anderes vergleich überdurchschnittlich, die Arbeits- land keine Mondlandschaft mehr ist. In
Paar noch mehr. Für 901 021 Euro wird das losigkeit ist nach ewigen Zeiten endlich Leipzig werden Porsches gebaut, es gibt
Reihenhaus, dessen Bau noch nicht einmal unter zehn Prozent. Der „Mythos Berlin“, ein Werk von BMW und den DHL-
begonnen hat, am Ende versteigert. „Zwei sagt sie, sei real, ein Sehnsuchtsort für vie- Umschlagplatz auf dem Flughafen. Die
Geldscheißer haben den Preis auf Mond- le, gerade in der Start-up-Szene sei Berlin meisten Tagebaue sind geflutet, eine rie-
niveau getrieben“, ärgert sich Kistner. „the place to be“. sige Seenlandschaft ist entstanden. Neben
Was passiert, wenn selbst solvente Dop- Allerdings entwickelt sich Berlin schnel- dem schicken Loft gehört zum gut situier-
pelverdiener im Kampf um Wohnraum in ler als seine Repräsentanten, Manager und ten Leipziger nun auch das eigene Segel-
einer Umlandgemeinde nicht mehr mithal- Verwalter. Die Stadtgesellschaft koppelt boot.
ten können? Bürgermeister Schelle sagt, er sich ab von der Politik, viele Bürger ma- Der Leipziger Autor André Herrmann
sei „wirklich froh, dass die Millionenmarke chen selbst Politik. Volksbegehren gibt es bezeichnet den Run auf die Stadt ironisch
bei unserer Versteigerung nicht geknackt zu allem Möglichen, einige mit Erfolg oder als „Hypezig“. Er glaubt, dass gelangweilte
wurde“. Der Druck auf den Immobilien- Aussicht auf Erfolg: mehr Radwege bauen, Hauptstadtjournalisten das schöne Leipzig
markt in der ganzen Region sei immens. das Gelände des alten Flughafens Tempel- mit all jenen Leuten zu überschwemmen
„Und er gefährdet unsere Identität.“ hof nicht bebauen, den Flughafen Tegel versuchten, die man in Berlin nicht haben
Der Dax-Vorstand sei in Oberhaching offen halten, sogar für mehr Videoüber- wolle. Er beklagt „vor Metaphern nur so
herzlich willkommen, sagt Stefan Schelle, wachung werden in der Hauptstadt inzwi- triefende Lobeshymnen“ auf die Stadt und
„aber der macht uns nicht den Löschmeis- schen Unterschriften gesammelt. hat einen Blog eingerichtet, in dem er sol-
ter bei der freiwilligen Feuerwehr oder Harald Bodenschatz gehört zu den be- che Texte sammelt: „Hypezig – Bitte bleibt
den Jugendtrainer beim Fußballverein“. kannten und einflussreichen Sozialwissen- doch in Berlin!“
50 DER SPIEGEL 38 / 2017
DMITRIJ LELTSCHUK / DER SPIEGEL
Passanten am Berliner Alexanderplatz: „Das wächst noch, das macht Spaß“

Viel geholfen hat es nicht. Die Mieten In Frankfurt am Main klagt die Bildungs- 1300 Parkplätzen und ist für Lastwagen
steigen bei Neuverträgen auch in Leipzig dezernentin, dass in einigen Stadtteilen kei- von Anlieferern über die nahe Autobahn
schneller als die Einkommen. Die Preise ne Grundstücke für dringend benötigte bestens erreichbar. „Das ist natürlich at-
für Baugrundstücke haben sich laut einer Schulen mehr zu finden seien. Bei Verhand- traktiv für ein Unternehmen“, sagt Marx.
aktuellen Analyse der Stadt in manchen lungen um die raren Flächen stehe die Aus dem beengten Stuttgart drängen etli-
Lagen von 2015 auf 2016 glatt verdoppelt. Stadt „in Konkurrenz zu Unternehmen, de- che Firmen ins Umland. Als Nächstes wird
Seit vier, fünf Jahren ziehe die Nachfrage nen es egal ist, was ein Grundstück kostet“, die Allianz ihren zentrumsnahen Standort
auf dem Leipziger Wohnungsmarkt an, sagt Stadträtin Sylvia Weber (SPD). in Stuttgart-West aufgeben, einem der am
sagt Steve Hoffmann, Makler bei der Firma Mitunter kapitulieren aber auch finanz- stärksten verdichteten Stadtbezirke Europas.
Engel & Völkers. Seit zwei Jahren brumme kräftige Unternehmen vor der Enge. Das 2020 laufen dort langjährige Mietverträge
es richtig. Wohnungen kosten bis zu 5200 führt dann zu einer kuriosen Entwicklung: aus. „Die in die Jahre gekommenen Gebäu-
Euro pro Quadratmeter. In angesagten Jahrzehntelang pendelten Beschäftigte aus de in der Stuttgarter Innenstadt müssten um-
Quartieren wie Gohlis-Süd, Plagwitz oder den Vorstädten zu ihrem Arbeitsplatz in fassend modernisiert werden, um den aktu-
Bachviertel stünden die Interessenten auf die Zentren. Jetzt kommt es immer häu- ellen Standards unseres Unternehmens
der Treppe Schlange. figer vor, dass sich Stadtbewohner auf gerecht zu werden“, erklärt der Versiche-
Anstehen müssen gehört zum Leben der Straßen und in Zügen ins Umland drängeln. rungskonzern. Das wäre teuer und logistisch
Schwarmstadtbewohner – für Wohnungen, Pitt Marx, Sprecher des Technologie- schwer zu stemmen gewesen. Die benötigten
Kita-Plätze, sogar für einen Platz im Fuß- und Rüstungskonzerns Thales, führt stolz Flächen für einen Neubau fand der Konzern
ballverein. In Hamburg gibt es bei Altona durch den Firmensitz. Jahrelang hatte das in Vaihingen, am Südwestrand der Stadt.
93, beim Winterhude-Eppendorfer Turn- Unternehmen in Stuttgart residiert, 2014 Die Schwarmstadtforscher des Büros
verein, dem Eimsbütteler Turnverband bezog es mit 1500 Mitarbeitern einen neu- Empirica sprechen von einem „ernst zu
oder dem Hamburg Eimsbütteler Ballspiel en Standort mit 50 000 Quadratmeter Flä- nehmenden Trend“. Viele Stadtbewohner,
Club offizielle Aufnahmestopps bei den che auf der grünen Wiese im schwäbischen die in die Nähe ihrer Arbeitsplätze in den
Kinder- und Jugendmannschaften. Ditzingen. Von den Fenstern geht der Blick Zentren gezogen seien, müssten nun aus
Auch die Leipziger bekommen zuneh- über Felder und eine Pferdekoppel. den Städten herauspendeln. In München
mend einen Eindruck davon, was es heißt, Die Landeshauptstadt hätte den promi- arbeite bereits jeder vierte in der Stadt
in einer Boomtown zu leben. Als im Juni nenten Arbeitgeber und Gewerbesteuer- wohnende Beschäftigte außerhalb des
in der Südvorstadt eine neue Kindertages- zahler gern behalten. Doch sie konnte kei- Stadtgebiets. Und „die Tendenz ist stei-
stätte öffnete, standen gleich 450 Bürger ne adäquaten Flächen in der Stadt mehr gend“, heißt es in der Studie.
an, um ihren Nachwuchs anzumelden. Sie anbieten. „Ditzingen war pfiffiger“, erzählt Eine Folge davon: noch mehr Verkehr.
blockierten Gehwege und die Straße, die Marx. Das Genehmigungsverfahren sei Auf den ohnehin belasteten Ein- und Aus-
Polizei musste anrücken. schnell durchgelaufen, die Gemeinde rich- fallstraßen drängeln sich die Pendler in bei-
Je dichter es wird, desto härter wird der tete eine Buslinie vom S-Bahnhof ein. Nun de Richtungen. In den Stadtvierteln am
Verteilungskampf um den knappen Platz. residiert Thales am Thalesplatz 1 mit über Rand und den Umlandgemeinden wächst
DER SPIEGEL 38 / 2017 51
Stadt, Land, Flucht Bevölkerungsentwicklung von ... nichts dazu beigetragen, die Urbanität in
... Großstädten ... Landgemeinden* den Städten zu verbessern.“
Gerade jetzt, in Zeiten des Booms, ist
Berlin
+187 056 die Gelegenheit günstig: Fast täglich stehen
Stadtplaner und Politiker vor wichtigen
Entscheidungen über Neubauten oder Um-
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bauten, über die Zukunft einzelner Viertel
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oder ihrer gesamten Stadt. „Das ist eine
19

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München
+111195 echte Herausforderung“, sagt Mike Josef,
+ 4% der Frankfurter Planungsdezernent, „aber
Frankfurt das bietet auch enorme Chancen.“
am Main Hamburg + 3%
Köln +61884 Nachverdichtung zum Beispiel könne
+59320
+51748 +2 % man natürlich unter dem Aspekt „mehr
* Gemeinden Enge“ sehen, sagt Josef. Aber auch als
unter 5000 +1% Chance für mehr Urbanität und lebendi-
Einwohnern
Quelle: BBSR 2017
gere Stadtteile. Die zusätzlichen Häuser
0 in der Frankfurter Platen-Siedlung sollen
in den Erdgeschossen Räume für Läden,
–1%
Cafés oder Anwohnerinitiativen bekom-
–2%
men. Daran mangele es bislang in der Sied-
lung aus den Fünfzigerjahren.
–3% Auch Köln plant zahlreiche Projekte, die
das Bild der Stadt prägen und verändern
könnten. Oberbürgermeisterin Henriette
Reker will mindestens eine neue Brücke
über den Rhein bauen lassen und zwei
der Ärger: „Unsere Kollegen stehen jetzt die Welt, berät und plant in allen großen Fußgänger- und Radfahrerbrücken im In-
schon regelmäßig im Stau“, heißt es in Metropolen: von Moskau bis New York, nenstadtbereich. Am liebsten hätte sie
einem alteingesessenen Unternehmen im zwischen Barcelona und Shanghai. Er hat auch noch einen neuen U-Bahn-Tunnel auf
Vaihinger Industriegebiet. „Wenn jetzt einen einfachen Maßstab für die Städte: der Ost-West-Achse. Im Norden, hinter
noch die Allianz kommt, wird es noch den Menschen. Sein Buch „Leben zwi- Chorweiler und Blumenberg, soll auf der
schwieriger.“ schen Häusern“ wurde mittlerweile in über grünen Wiese ein neuer Stadtteil entste-
In Stuttgart sind die verstopften Straßen 50 Sprachen übersetzt, es ist vor 46 Jahren hen: Kreuzfeld mit bis zu 15 000 Bewoh-
das beherrschende Thema. Mehr als 800 000 erstmals auf Dänisch erschienen und hat nern. Keine Schlafstadt soll das werden,
Kraftfahrzeuge passieren pro Tag die Stadt- dennoch seine Aktualität behalten. Wa- verspricht die parteilose Politikerin, son-
grenzen, wie das Statistische Amt der rum? „Weil wir immer noch dieselben Feh- dern ein lebendiger Ort mit Arbeitsplätzen,
Landeshauptstadt ermittelt hat, die aller- ler machen“, sagt Gehl. Kneipen, Schulen und Sportstätten.
meisten davon Pendler-Pkw. Schadstoffe Er war im Frühjahr nach Berlin gekom- Andere Viertel sollen mit viel Aufwand
aus Dieselmotoren haben Stuttgart neben men, um an einer Konferenz des Bundes- lebenswerter gemacht werden: Chorweiler,
München und Hamburg zu einem der ers- umweltamts über die „Stadt für Morgen“ mit seinen tristen Hochhaussiedlungen aus
ten Kandidaten für mögliche Fahrverbote teilzunehmen. Da saß er im Garten und den Siebzigerjahren, galt lange Zeit als so-
werden lassen. Aber auch in Köln, Frank- erklärte mit Stift auf einer Serviette sein zialer Brennpunkt, sogar ein Abriss der
furt, Berlin oder Düsseldorf sind die Werte Arbeitsprinzip: Er zerlegt auch Millionen- Häuser war im Gespräch. Seitdem die
überhöht. metropolen in kleine Einheiten. Er betrach- Stadt dort viele Wohnungen übernommen
Was also tun? Im Grunde bieten Städte tet Raum nicht nur als zu bebauende Flä- und saniert hat, ist der Stadtteil begehrter
alle Voraussetzungen für umweltfreund- che, sondern als Lebensraum. geworden, auch weil die Mieten noch be-
liches Wohnen. Der Flächenverbrauch pro Am Beispiel Kopenhagens, seiner Hei- zahlbar sind.
Einwohner ist geringer als auf dem Land, matstadt, zeigt er, wie sich das soziale Le- Reker orientiert sich an einem „Master-
öffentliche Verkehrsmittel erlauben um- ben verändert hat durch den Vorrang für plan“, den das Frankfurter Büro Albert
weltfreundliche Beförderung. Radverkehr. „Kinder werden selbstständi- Speer + Partner für Köln entwickelt hat.
Allerdings sind die zentralen Verbindun- ger, weil sie sich in der Stadt sicher bewe- Auch Speer propagiert die Abkehr von der
gen in vielen Städten schon heute überlas- gen können“, die Menschen leben gesün- „autogerechten Stadt“. In dem Konzept geht
tet. Neue U- und S-Bahnen verschlingen der durch mehr Bewegung, sie haben mehr es um den Rückbau von Straßen, die Kon-
gigantische Summen und müssen immer Kontakt zu ihrer Umwelt. zeption einer „Via Culturalis“, einer Kultur-
tiefer in die Erde gegraben werden. Fast Kopenhagen hat über einen Zeitraum achse in der historischen Kölner Altstadt
vier Milliarden Euro soll ein bis zu 40 Me- von 20 Jahren öffentliche Parkplätze um- vom Dom bis zur Kirche St. Maria im Kapi-
ter tiefer Tunnel kosten, mit dem beispiels- gewandelt in Spielplätze, Grünanlagen, tol, und um die Verlängerung des Grüngür-
weise die Münchner in etwa zehn Jahren Radwege sowie Plätze für Cafés. Pro Jahr tels, Kölns grüner Lunge, bis an den Rhein.
den S-Bahn-Stau unter ihrer Innenstadt nahm die Stadt zwei bis drei Prozent Park- Der Architekt Albert Speer junior, 83,
auflösen wollen. fläche weg, erhöhte die Gebühren für die Sohn des NS-Rüstungsministers gleichen
Der Planer Jan Gehl fordert, dass Politik noch bestehenden Parkplätze. Gehl sagt, Namens, ist der wohl bekannteste Stadt-
und Stadtgesellschaften noch radikaler um- die richtige Infrastruktur schaffe Nachfrage planer Deutschlands. Er hat in den vergan-
denken. Nämlich dass sie damit aufhören, nach den neuen Angeboten. genen Jahrzehnten Stadtregierungen in
das Auto in den Städten in den Mittelpunkt „Je mehr Menschen öffentliche Plätze aller Welt beraten, Baukonzepte für Olym-
zu stellen. nutzen und bevölkern, umso sicherer sind pische Spiele erstellt, in China ganze Städ-
Gehl ist für viele Architekten und Stadt- sie auch“, sagt Gehl. „Die Strategen, die te geplant. Von den Politikern fordert er
planer eine Art Guru. Der Däne jettet um nur an autogerechte Städte denken, haben vor allem zwei Dinge: ein klares Konzept –
52 DER SPIEGEL 38 / 2017
Deutschland

und mehr Mut, Widerstände zu überwin- fordert Speer. Etwa Flächen nicht bis zum Zudem wünscht sich Speer mehr Mut
den und sich mit Investoren anzulegen. letzten Quadratmeter mit lukrativen Woh- beim Aussprechen unangenehmer Wahr-
Speer steht am Fenster seines Büros im nungen und Büros zu bebauen, sondern heiten. Ein „riesiges Thema“ sei, dass die
Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Er auch mit atmosphärisch ansprechenden Or- Wohnungsgrößen ständig zunähmen – auf
schaut auf die nach Süden leicht anstei- ten. Plätze und Treffpunkte zu schaffen, mittlerweile fast 40 Quadratmeter pro Ein-
gende Stadt, auf ein buntes Sammelsurium „Erlebnisräume“, wie Speer sie nennt. Und wohner in den 15 größten deutschen Städ-
aus Gründerzeithäusern, Wohnsilos aus auch: so zu bauen, dass eine soziale Mi- ten. „Ein großer Teil dessen, was wir neu
den Sechzigerjahren und funkelnagel- schung in der Stadt erhalten bleibt. bauen, wird durch den höheren Flächen-
neuen weißen Neubauten mit Hochpreis- Entscheidend sei, die Konzepte nicht über verbrauch pro Kopf wieder aufgesaugt“,
apartments, dazwischen Gärten, Hinter- die Köpfe der Anwohner hinweg zu entwi- sagt Speer. Politik und Gesellschaft müss-
höfe, Bahngleise, viele Straßen. Es sei ckeln. Bürgerversammlungen, Informations- ten „dringend überlegen, wie wir den
nicht ganz einfach, dort noch Grundstücke Trend stoppen“.
für eine Stadtentwicklung zu finden, sagt
Speer. Aber auch nicht unmöglich.
Kopenhagen wandelte „Es wird enger werden“, sagt Speer, da-
rauf müsse man sich in den Städten ein-
„Wir könnten noch eine ganze Menge Parkplätze um: in richten. Ein Problem sei das nicht. Man
Flächen entwickeln, die sich erst auf den Grünanlagen, Radwege müsse ja nicht asiatische Ballungsräume
zweiten Blick anbieten“, glaubt Speer: wie Shanghai oder Mumbai zum Maßstab
Zum Beispiel Grundstücke direkt am und Orte für Cafés. nehmen. Vielmehr lohne ein Blick auf
Bahndamm, an denen sich schall- und europäische Metropolen, die als besonders
schwingungsgedämmte Häuser bauen lie- veranstaltungen, Vor-Ort-Begehungen, das urban und lebenswert empfunden würden.
ßen. Oder Straßen- und Parkplatzflächen, alles sei mühsam. Aber die Planer lernten Städte wie Paris, Barcelona oder Mailand.
die man sinnvoller nutzen könne. bei solchen Terminen viel über die Beson- Diese Städte seien ungleich dichter be-
Jahrzehntelang seien Großstädte wie derheiten der Städte, die es zu erhalten und baut und enger bewohnt als deutsche
Frankfurt am Main praktisch ohne Kon- auszubauen gelte. „Es geht dabei auch um Großstädte. „Trotzdem lebt es sich dort
zept gewachsen. Politiker hätten sich von Emotionalität, um die Identifikation der gut, und wir fahren auch gern dorthin“,
Investoren und Spekulanten erpressen las- Menschen mit ihrer Stadt“, sagt Speer. Da sagt Speer. Das zeige: „Wir haben in unse-
sen, die auf die gewinnträchtigste Ausnut- könnten neue Wegebeziehungen, elegante ren Städten noch eine Menge Luft.“
zung ihrer Grundstücke gepocht hätten. Brücken, belebte Flussufer oder vielfältig Laura Backes, Matthias Bartsch, Anna Clauß,
„Die Stadtverwaltungen müssen klare nutzbare Flächen für Sport, Freizeit und Markus Deggerich, Jan Friedmann, Frank Hornig,
Forderungen an die Investoren stellen“, Kultur in einer Stadt „Wunder wirken“. Barbara Schmid, Steffen Winter

Es ist
Zeit
für mehr Gerechtigkeit.

Diese vier Kernprojekte gibt es nur


mit einer SPD-Regierung. Garantiert!
1. Gerechte Löhne für Frauen und Männer.
2. Bessere Schulen.
3. Sichere Renten und stabile Beiträge. Am 24.09.
4. Mehr Zusammenhalt in Europa. SPD wählen!
Deutschland

Noch eine
Million Plätze
Familien Der Kita-Ausbau war

LINO MIRGELER / DPA


ein Riesenerfolg, sagt die Politik.
Nicht ganz, sagen Forscher: Es
fehlt an Erziehern, Qualität und
Angeboten am richtigen Ort. Stiefel in einer Kindertagesstätte: Hunderttausende Fachkräfte werden benötigt

N
ur selten sind die Wege für berufs- die Geburtenrate weiterhin leicht steigt Zu wenige junge Leute erlernen den Beruf,
tätige Mütter so kurz wie für Caro- und die Zuwanderung anhält. Sogar mehr auch weil er schlecht bezahlt ist. Trotzdem
lin Weber: Keine zehn Meter Luft- als eine Million zusätzliche Plätze würden würde ein solcher Ausbau den Staat etwa
linie von ihrer Neubauwohnung im Münch- gebraucht, wenn Eltern darüber hinaus ihr 12 bis 18 Milliarden Euro kosten.
ner Westen entfernt baute die Stadt eine Kind für die tatsächlich gewünschte Stun- Unverdrossen verspricht die Politik in-
neue Kindertagesstätte. denzahl versorgt wissen möchten. des neue Wohltaten: Berlin und Hessen
Die Grundsteinlegung des Kindergar- In repräsentativen Umfragen ermittelte schaffen die Kita-Gebühren ab, die SPD
tens konnten Weber, ihr Mann und ihr das DJI, dass Väter und Mütter ihr Kind wirbt im Wahlkampf mit dem Rechtsan-
zweijähriger Sohn Noah vom Wohnzim- gern länger in der Kita betreuen lassen spruch auf den Besuch einer Ganztagsschu-
mersofa aus mitverfolgen. Den Baulärm würden. Vorbehalte gegenüber der Fremd- le, eine Forderung, die auch die CSU-Frau-
nahm die Familie gern in Kauf, Noah liebte betreuung schwinden, das erhöht die Zahl en-Union teilt. Dann stünde der Staat auch
die Bagger und die Betonmischer vor dem der interessierten Eltern zusätzlich. bei den Schulkindern für den Nachmittag
Fenster. Um den Bedarf zu decken, müssen die im Wort.
Ein Anruf bei der Stadt München, wann Kindergärten in den kommenden Jahren Zu solchen Plänen schreiben die For-
die Kita vor der Haustür denn nun begin- mehr als 200 000 Erzieherinnen und Erzie- scher jedoch: „Der politisch ins Auge ge-
ne, Kinder aufzunehmen, brachte die Er- her neu einstellen. Ungefähr so viele Ab- fasste weitere Ausbau ist unter den heute
nüchterung: „Wir können leider nicht öff- gänger werden die Ausbildungseinrichtun- gegebenen Rahmenbedingungen nicht zu
nen“, erfuhr Weber. Da der Stadt Erzieher gen verlassen. Wenn aber, wie von der realisieren.“ Der Bund müsse sich stärker
fehlten, bleibe das Haus mit den sonnen- Politik versprochen, die Zahl der Kinder an den Kosten beteiligen, die frühe Bil-
blumengelben Fensterrahmen vorerst un- pro Betreuer sinken soll und den Eltern dung müsse so aufgewertet werden, „dass
genutzt. zusätzliche Stunden angeboten werden sol- ein nennenswerter Teil junger Menschen
Der Bund hat seit 2007 fast zehn Milli- len, müssten sogar mehr als eine halbe Mil- zusätzlich als künftige Fachkräfte gewon-
arden Euro für Ausbau und Betriebskos- lion solcher Fachkräfte eingestellt werden. nen werden kann“. DJI-Leiter Rauschen-
tenzuschüsse in die Hand genommen, um Es sei „gegenwärtig völlig unklar, wie bach fordert: „Wir müssen Qualität und
eine flächendeckende Fremdbetreuung für diese Lücke auch nur annähernd geschlos- Quantität zugleich liefern.“
Kleinkinder zu garantieren. Doch viele El- sen werden soll“, schreiben die Autoren. Vor allem auch am richtigen Ort. In Ost-
tern bekommen weiterhin keinen Platz für deutschland wird es bald zu viele Plätze
ihren Nachwuchs. Von längeren Betreu- geben, während sie in westlichen Flächen-
ungszeiten und einer besseren pädagogi- Kindertagesplätze ländern und in den Stadtstaaten fehlen.
schen Qualität können die meisten Mütter Überschuss/Mangel nach Regionen* Und weil Länder und Kommunen wegen
und Väter ohnehin nur träumen. des Rechtsanspruchs auf solche Plätze vor
Im Wahlkampf vermitteln die Parteien Östliche Flächenländer +55 000 allem Angebote für die Kleinsten schufen,
den Eindruck, das Kindergartenangebot gerieten die älteren Kinder aus dem Blick.
sei schon ganz ordentlich. Der seinerzeit 40000 Die Münchnerin Carolin Weber blitzte
noch von der damaligen Familienministe- ÜBERSCHUSS auch bei vier weiteren Kindergärten in
rin Ursula von der Leyen (CDU) angesto- Laufweite ab. Dabei hatte das vermeintlich
0
ßene U3-Ausbau – gemeint ist keine 2017 2020 2025 gute Kita-Angebot die junge Familie vor
U-Bahn-Linie, sondern die Betreuung un- knapp zwei Jahren dazu gebracht, aus der
ter Dreijähriger – gilt als politische Erfolgs- –40 000 Altbauwohnung im Zentrum ins Neubau-
geschichte. Stadtstaaten viertel nach Aubing zu ziehen.
Doch eine Studie eines Münchner und –32000 In ihrem Block gebe es, so Weber, zwar
Dortmunder Autorenteams um den Leiter –80 000 „keinen Bäcker, weil statt Geschäften an
des Deutschen Jugendinstituts (DJI), Tho- MANGEL allen vier Ecken Kindertagesstätten gebaut
mas Rauschenbach, blickt kritisch auf die wurden“, das nützt der Familie aber nichts.
Zukunft des Großprojekts: Es seien noch –120 000 Seit diesem Monat besucht Noah an zwei
„erhebliche zusätzliche Anstrengungen Westliche Flächenländer Tagen pro Woche eine Spielgruppe des ka-
beim Ausbau der Kindertagesbetreuung“ –165 000 tholischen Kindergartens – er wird nun
–160 000
notwendig, und zwar für die gesamte Al- drei und stand ein Jahr auf der Warteliste.
tersgruppe der unter Zehnjährigen. Ihr Betreuungsproblem löste die Dop-
Es fehlen schlicht Plätze: Nach Berech- * für Kinder unter 6,5 Jahren; allein aufgrund demografischer
pelverdienerfamilie auf eher klassische
nungen der Wissenschaftler werden bis Veränderungen Weise: Auf Noah passen jeden Tag seine
2025 fast 340 000 zusätzlich benötigt, wenn Quelle: Forschungsverbund DJI/TU Dortmund Großeltern auf. Anna Clauß, Jan Friedmann

54 DER SPIEGEL 38 / 2017


Die Bundestagswahl kommt.
Wir bringen sie bis
an Ihre Haustür.

Die Briefwahl 2017.


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Die Briefwahl macht die Wahl zum Deutschen Bundestag ganz einfach.
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Hand in Hand in die Zukunft: Mitsubishi Electric und seine Partner

Das Internet der Dinge


Wie die Digitalisierung Wirtschaft und Gesellschaft revolutioniert

Das Thema Internet der Dinge und seine große Ganze, wird der hohe wirtschaftliche von Grund auf verändert werden – ein fun-
industrielle Ausprägung – Industrie 4.0 – Nutzen erst recht offenbar: Laut einer Studie damentaler Wandel, den Mitsubishi Electric
ist seit einigen Jahren in aller Munde. Viele des Bundesministeriums für Wirtschaft und erkannt hat und praktiziert. Als eines der
8QWHUQHKPHQSURÀWLHUHQEHUHLWVYRQGHQ Energie soll die Realisierung von Industrie wenigen Unternehmen bietet es das gesamte
Vorteilen der vierten industriellen Revolution: 4.0 bis 2020 ein wirtschaftliches Wachstum Spektrum der Industrieautomation an und
'LHGHXWVFKH:LUWVFKDIWEHÀQGHWVLFKPLWWHQ von bis zu 153 Milliarden Euro bedeuten – unterstützt damit die Transformation von
im elementarsten Wandel seit Beginn der bei geplanten Investitionen von 40 Milliarden Organisationen in vielen Bereichen. So führte
Industrialisierung. Die Prämisse des Internets Euro. 83 Prozent der Befragten sehen in Mitsubishi Electric bereits im Jahr 2000 offene
der Dinge scheint denkbar einfach: Alle den nächsten drei Jahren einen hohen Digi- Schnittstellen für alle Automationskompo-
Industrien, Unternehmen, Maschinen, Geräte talisierungsgrad ihrer Wertschöpfungsketten nenten ein und ermöglichte so die horizontale
und Menschen werden vernetzt und kommu- voraus. und vertikale Integration in die Geschäfts-
nizieren miteinander. Im wirtschaftlichen prozesse. Um maßgeschneiderte Lösungen
Umfeld bedeutet dies nicht weniger als einen Unternehmerische Chancen für seine Kunden produzieren zu können,
kompletten Wandel. So entsteht in Kombination erkennen und nutzen rief das Unternehmen 2003 die e-F@ctory
mit Systemen, die über künstliche Intelligenz Alliance ins Leben, ein global aufgestelltes
verfügen, eine Vielzahl neuer Chancen für Um den notwendigen Digitalisierungsgrad Unternehmensnetzwerk, in dem der Anbieter
Unternehmen. Diese reichen von neuen zu erreichen, reicht es nicht aus, Software eng mit Partnern aus der Industrie zusammen-
Geschäftsmodellen und Jobs bis hin zu einer zu implementieren oder Prozesse zu auto- arbeitet, um die Anforderungen der Digitali-
Steigerung der Produktivität auf Fertigungs- matisieren. Es müssen auch die Produktions- sierung in die Realität umzusetzen.
ebene. anlagen und selbst die Unternehmenskultur

Roboter in Produktionsstätten sind im


Industrie-4.0-Zeitalter beispielsweise in der
Lage, automatisch Nachschub anzufordern,
sollte sich der Vorrat an Bauteilen dem Ende
zu neigen. Sie können ebenfalls autark einen
Wartungstermin aufsetzen, wenn ihre Sen-
soren den Verschleiß eines Kugellagers oder
der Bremsen feststellen, und so Ausfallzeiten
auf ein Minimum reduzieren. Dies ist nur
ein Beispiel für die Vorteile der Digitalisierung
auf Produktionsebene. Blickt man auf das Das Internet der Dinge: Kommunikation von allen mit allem
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Mit Technologien von Mitsubishi Electric
den Wandel realisieren
Die Vorzüge dieser Lösungen liegen auf der
Hand: Unternehmen können jederzeit und
von jedem Ort auf Daten zugreifen und so
3URGXNWLRQVSUR]HVVHHIÀ]LHQWHUJHVWDOWHQ
Mitsubishi Electric unterstützt seine Kunden
dabei mit einer breit gefächerten Expertise.

Vernetzung rundum:
Industrie 4.0 verbindet Mensch
und Maschine

Industrie 4.0 bringen die Autos selbstorganisiert durch in unseren eigenen Fabriken zum Einsatz.
Einsatzszenarien und die Montagehalle. Und wir von Mitsubishi Damit schaffen wir deutliche Mehrwerte, mit
Electric betreuen dieses innovative und denen Mitsubishi Electric Unternehmen aller
Chancen spannende Projekt. Branchen zur Seite stehen kann.

Ein Interview mit Hartmut Pütz Wird sich der Arbeitsmarkt verändern? Wie sehen Sie die Chancen für den
Präsident Factory Automation EMEA Industrie 4.0 wird die Arbeit in der Produk- Standort Deutschland?
bei Mitsubishi Electric Europe B.V. tion stark vereinfachen und gleichzeitig Die deutsche Wirtschaft spürt die Folgen der
neue, komplexere Arbeitsplätze schaffen: Globalisierung, denn sie steht in direktem
etwa bei der Kontrolle und Steuerung der Wettbewerb mit Billiglohnländern. Dazu kommt
Anlagen. Aber auch im Vertrieb wird in die alternde Gesellschaft, in der immer mehr
=XNXQIWYLHOVHLWLJTXDOLÀ]LHUWHV3HUVRQDO Fachkräfte fehlen. Zahlen der Vereinten
benötigt. Eine permanente Weiterbildung Nationen zufolge entsteht in den nächsten
wird dabei von großer Bedeutung sein. 25 Jahren eine Lücke von 10 Millionen
Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Hier kann
Worauf müssen sich deutsche Industrie 4.0 die Antwort auf die Herausforder-
Unternehmen in Zukunft einstellen? XQJHQVHLQ'LHÁH[LEOHXQGNRVWHQHIÀ]LHQWH
Das Wettbewerbsumfeld wird sich inten- Produktion ermöglicht es, die globalen
sivieren. Durch das bedarfsgesteuerte Herausforderungen zu meistern und Unter-
Einbinden externer Produktionsmittel nehmen eine sichere Zukunft zu bieten.
Herr Pütz, was bringt uns Industrie 4.0? ergeben sich vollkommen neue Möglich- Mitsubishi Electric wird der deutschen Wirt-
Wir sind auf einem spannenden Weg mit keiten. Die Produktlebenszyklen werden schaft in allen diesen Fragen ein kompetenter
tollen Aussichten: Konsumenten werden sich weiter stark verkürzen und Druck auf Partner sein.
sich zum Beispiel über individuelle Pro- Unternehmen ausüben, immer schneller
dukte zu sehr günstigen Preisen freuen. Innovationen auf den Markt zu bringen.
8QWHUQHKPHQSURÀWLHUHQYRQGHXWOLFK Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten,
höheren Betriebszeiten ihrer Maschinen Kann Mitsubishi Electric den Unter- wie Mitsubishi Electric Sie bei Ihrem
und von ganz neuen Produktionsmöglich- nehmen dabei helfen? Vorhaben unterstützen kann:
keiten. Oder kurz gesagt: einer immensen Wir stehen in kontinuierlichem Austausch www.MitsubishiElectric.de
Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit. mit unseren Kunden und entwickeln maß-
geschneiderte Lösungen basierend auf
Haben Sie für uns ein spannendes Bei- unseren eigenen Standardkomponenten,
spiel für den Einsatz von Industrie 4.0? binden aber auch die unserer Partner ein.
Es gibt zum Beispiel das Pilotprojekt eines Unsere umfangreiche Technologiepalette
bekannten Fahrzeugherstellers, der das ist dabei eine gute Ausgangsbasis – denn
klassische Fließband abschaffen möchte. sie deckt das gesamte Portfolio der Auto-
Dort entscheiden in Zukunft modernste mationstechnologie ab. Vor allem bieten
automatisierte Systeme, wann ein Auto wir ein sehr breit gefächertes Wissen, wie
an die nächste Montagestation übergeben sich Prozesse unserer Kunden optimieren
wird. Das heißt, autarke Transportwagen lassen. Dieses Know-how kommt auch
Deutschland

Islamist Abu Walaa: „Prediger ohne Gesicht“

Der Hassmacher
Terror In Hildesheim radikalisierte ein mysteriöser Imam junge Männer für den Dschihad. Nun steht
Abu Walaa vor Gericht. Ermittler halten ihn für den Deutschland-Repräsentanten des IS.

E
s war noch dunkel, als der Observa- zu schließen, die in Wirklichkeit ein Hort Deutschland hat in den vergangenen
tionstrupp am Niederrhein in Stel- des Hasses war, und so womöglich noch Jahren viel lernen müssen über die ver-
lung ging. Die Polizisten beobachte- Schlimmeres zu verhindern. korksten Biografien junger Männer und
ten ein unscheinbares Haus mit hellblauer In wenigen Tagen stehen Abu Walaa ihre Wege in den Terror. Über die Hinter-
Fassade in der Kleinstadt Tönisvorst. Hier und vier mutmaßliche Komplizen in Celle männer dagegen, die Verführer und Ein-
sollte einer der gefährlichsten Islamisten vor Gericht. Der Generalbundesanwalt ist flüsterer des Dschihad, war lange wenig
Deutschlands wohnen. sich sicher, dass es sich bei ihm um den bekannt. Nur selten ließ sich nachvollzie-
Doch an diesem Dienstag im Februar Kopf eines Rekrutierungsnetzwerks han- hen, wie es Vordenkern und Propaganda-
des Jahres 2016 sahen die Beamten nur ei- delt, das junge Männer radikalisierte und führern mit einer Mischung aus Charisma
nen bärtigen Mann, der sich wie ein mus- dem „Islamischen Staat“ (IS) als Kämpfer und Kälte gelang, in das Gehirn Jugend-
tergültiger Familienvater verhielt. Um 7.40 zuführte. Mindestens sechs Männer aus licher vorzudringen. Der Prozess gegen
Uhr rollte er die Mülltonne über die Ein- Abu Walaas Dunstkreis sind heute tot – Abu Walaa verspricht tiefe Einblicke in
fahrt. Kurz danach packte er drei Kinder und mit ihnen Dutzende weitere Men- diese Mechanismen, das macht ihn zu
in den Opel Astra und fuhr zur Schule. schen, die sie bei Selbstmordattentaten mit einem der interessantesten Islamistenpro-
Am Mittag holte er sie wieder ab. Harm- sich rissen. zesse der vergangenen Jahre. Das Ober-
loser ging nicht. Die Ermittler werfen Abu Walaa, 33, vor, landesgericht Celle hat strenge Sicherheits-
Am Ende des Tages stellten die Polizis- Mitglied des IS zu sein, mit Verbindungen vorkehrungen angeordnet.
ten fest, dass der Mann seine Überwacher in den berüchtigten Geheimdienstapparat Der Weg ins Zentrum von Abu Walaas
genarrt hatte. Ein GPS-Gerät, das zur Or- der Terrorgruppe. Sie halten ihn sogar für Netzwerk führt nach Hildesheim, berühmt
tung unter dem Opel klebte, war ver- den „Deutschland-Repräsentanten“ des für seinen Mariendom und die prächtigen
schwunden. Abgerissen, ohne dass die Be- „Islamischen Staates“, für einen Prediger Fachwerkhäuser. Und inzwischen auch für
amten es mitbekamen. des Dschihad und Paten des Terrors. seine Islamistenszene.
Es sollte noch ein Dreivierteljahr dauern, Abu Walaa hatte Kontakte zu zahlrei- Es klang harmlos, als vor fünf Jahren
bis die Sicherheitsbehörden genügend Be- chen Köpfen der deutschen Islamisten- ein Moscheeverein in die Räume des frü-
lege gesammelt hatten, um Ahmad Abdul- szene. Auch der Attentäter vom Berliner heren Schlecker-Markts in der Nordstadt
aziz Abdullah A. alias „Abu Walaa“ fest- Weihnachtsmarkt, Anis Amri, bewegte einzog. Der Deutschsprachige Islamkreis
zunehmen. sich in seinem Netzwerk und soll offen Hildesheim e. V. war unter der Nummer
Sie konnten Informanten in sein Umfeld über Anschlagspläne geplaudert haben. VR 200674 ordentlich beim Amtsgericht
einschleusen und ehemalige Weggefährten Ebenso die Jugendlichen, die im vorigen registriert. Satzung, Vorsitzender, Schrift-
als Zeugen gegen ihn gewinnen. Es gelang Jahr in Essen nach einer Hochzeit eine führer, Kassenwart, Jugendsprecher – alles
ihnen, seine scheinbar harmlose Moschee Bombe an einem Sikh-Tempel zündeten. war vorhanden. In Wirklichkeit aber war
58 DER SPIEGEL 38 / 2017
REUTERS
Szene aus Hinrichtungsvideo des IS: „Sollen verrecken die Ungläubigen“

der „Islamkreis“ in der Martin-Luther-Stra- Liebe für die Gläubigen, Hass für die Un- C. ihnen im kleinen Kreis ein, dass jeder
ße ein Gehirnwäscheverein, der bald den gläubigen. Wir gegen den Rest der Welt. in den Dschihad ziehen könne, der älter
Verfassungsschutz auf den Plan rief. In Mitschriften seiner Anhänger fanden als 14 Jahre sei. Wer das nicht tue, komme
Zum geistigen Führer der Moschee wur- die Behörden später ein Bekenntnis in die Hölle. Hasan C., ein älterer Herr
de Abu Walaa, ein Iraker aus Kirkuk, der zu Abu Bakr al-Baghdadi, dem selbst mit Brille und grauem Bart, brachte seinen
mit zwei Frauen und sieben Kindern in ernannten „Kalifen“ des IS: „Wir sind die Schülern Arabisch bei, angeblich zur Vor-
Tönisvorst und Bad Salzdetfurth bei Hil- Schebeb aus Almanya“, heißt es darin, bereitung auf die Zeit beim „Islamischen
desheim lebte. Seine Anhänger nennen die Jugendlichen aus Deutschland, „mit Staat“. Auf dem Tablet-Computer zeigte
ihn ehrfürchtig „edler Bruder“. Oder ein- Scheich Baghdadi als unserem Anführer.“ er den jungen Männern grausame Videos,
fach nur ihren „Scheich“. Wie gefährlich Abu Walaa und sein Netz- in denen Kämpfer des IS Menschen hin-
Unter seinem bürgerlichen Namen Ah- werk sind, erkannten die Sicherheitsbehör- richteten. Nach den Exekutionen habe er
mad Abdulaziz Abdullah A. kam Abu Wa- den 2015. Das nordrhein-westfälische Lan- gejubelt: „Sollen verrecken die Ungläubi-
laa im Frühsommer 2001 als Asylsuchender deskriminalamt hatte einen V-Mann in der gen.“ Wenn nebenan im Reisebüro Kun-
nach Deutschland. Papiere konnte er bei Islamistenszene platziert, Tarnname „Mu- den waren, mussten die Jungs leise sein.
der Einreise nicht vorlegen, die seien ihm rat“, ein leicht untersetzter Mann, der Tür- An einem Sonntag im November 2015
von einem Schleuser abgenommen wor- kisch und ein bisschen Arabisch spricht und soll Hasan C. außer sich gewesen ein. In
den. A. verkaufte in Braunschweig in sei- im Toyota durch das Ruhrgebiet brauste. Paris hatten zwei Tage zuvor IS-Terroristen
nem Laden Dejavu Jeans & more Klamot- Ihm gelang es, sich in den geheimen Un- im Musikklub Bataclan 90 Konzertbesu-
ten und vertrieb Sultan-Cola in den Nord- terricht zweier Prediger aus Abu Walaas cher niedergemetzelt. Für ihn kein Grund
irak. Parallel trat er als Prediger auf und Netzwerk einzuschleichen, Boban S. und zur Trauer, im Gegenteil, C. zeigte seinen
begann, sich in der deutschen Islamisten- Hasan C. Der eine verkündete seine radi- Schülern begeistert Bilder von den Lei-
szene einen Namen zu machen. kalen Lehren in einem Wohnzimmer im chen: „Die haben mit denen getanzt!“ So
Junge Männer, oft noch halbe Kinder, ersten Stock eines Dortmunder Mietshau- berichtete es V-Mann „Murat“ dem LKA.
kamen zu seinen Vorträgen und saßen ihm ses, der andere im Nebenraum seines Rei- Boban S. aus Dortmund war nicht we-
zu Füßen. Er sang islamistische Lieder mit sebüros in Duisburg-Rheinhausen. niger radikal. In einer Unterrichtseinheit
ihnen, sogenannte Naschids, und pries in V-Mann „Murat“ tauchte in eine beängs- propagierte der Chemieingenieur mit ser-
schwülstigen Zitaten den Dschihad: „Wer tigende Parallelwelt ein. Er traf auf Jugend- bischen Wurzeln, den „Ungläubigen“ mit
von uns sich dafür opfert, wird seine Be- liche, die für den Dschihad brannten und dem Schwert den Kopf abzuschlagen. Er
erdigung im Paradies feiern.“ ihre eigenen Eltern zu „Ungläubigen“ er- hielt das offenbar für human: Das verursa-
Sein Auftreten hatte etwas Geheimnis- klärten, die sie töten würden. Ständig re- che am wenigsten Schmerzen. Die Jugend-
umwobenes. In Propagandavideos im Inter- deten sie davon, ins Kampfgebiet in Syrien lichen in seinen Seminaren seien wie Gold,
net achtete er streng darauf, dass er nur und im Irak ausreisen zu wollen – und falls schwärmte er dem V-Mann vor, man kön-
von hinten zu sehen war, in schwarzem Ge- das nicht gelinge, „etwas“ in Deutschland ne sie noch biegen, wie man wolle.
wand, schwarzem Turban. So wurde er zum zu machen. Eine Chatgruppe, in die der Mit seinen Schülern veranstaltete er an-
„Prediger ohne Gesicht“. Bis nach Frank- V-Mann sich einklinkte, hatte den Namen geblich sogar Trainingsmärsche als Vorbe-
reich, Spanien und Bulgarien sprach sich „Projekt J“ – Projekt Jihad. Konspirative reitung für das IS-Kampfgebiet. Kurz vor
unter Islamisten herum, dass Abu Walaa in Gespräche führten die Islamisten beim Weihnachten stapften sie 16,2 Kilometer
Hildesheim die richtige, nämlich radikale Dampfbaden im Hamam Sahara. durchs Sauerland, mit einem 25-Kilo-Ruck-
Lehre unterrichte. Er predigte ein extremes Glaubt man den Berichten des V-Manns, sack. Auch der spätere Berlin-Attentäter
Konzept der „Loyalität und Lossagung“. dann impfte der Reisebürobetreiber Hasan Anis Amri soll bei dem Marsch durch den
DER SPIEGEL 38 / 2017 59
Verräter. Klartext geredet wurde oft nur
im Keller. Die Handys blieben oben.
V-Mann „Murat“ bekam mit, wie einer
der Jungradikalen davon schwadronierte,
Polizisten umzubringen. Man könne aber
auch einen Lastwagen mit einer Bombe
beladen und in eine Menschenmenge ra-
sen. Ein anderer Islamist aus der Hildes-
heimer Moschee sprach im Keller von ei-

ALEXANDER KOERNER / GETTY IMAGES


nem „großen Bums“, der geplant sei, mit
Schnellfeuergewehren, ähnlich wie in Paris:
„Buff, buff, buff.“ War das ernst gemeint?
Oder nur großspuriges Gerede?
Die Ermittlungsbehörden waren elektri-
siert, doch V-Mann „Murat“ fand keine
Belege, dass jemand den Männern tatsäch-
lich Waffen liefert. Dafür entdeckte er,
Polizisten bei Einsatz in Hildesheim: Eine abgekapselte Welt, in einem früheren Schlecker-Markt dass die Moschee Gläubigen offenbar di-
rekte Wege in den Krieg eröffnete.
Wald mit dabei gewesen sein, er schlief der jungen Islamisten hatten dort über- Bei einem Besuch in Hildesheim ging
damals in der Dortmunder Wohnzimmer- nachtet. Er betrat eine abgekapselte Welt. „Murat“ nach dem Nachtgebet mit zwei
Moschee, bevor er nach Berlin umsiedelte Es gab einen Friseur, der den jungen Män- jungen Männern zu Abu Walaa. Ob es um
und vom Radar der Behörden verschwand. nern die Haare schnitt, einen Fitnessraum etwas Heikles gehe, wollte der Prediger
Boban S. und Hasan C., deren Anwälte im Keller, einen kleinen Shop. Und ein ei- wissen. Ja, antworteten sie. Da schob Abu
sich nicht zu den Vorwürfen äußern, wa- genes Büro für den „Scheich“, Abu Walaa. Walaa sein Handy über den Teppichboden
ren maßgebliche Figuren im Netzwerk der Die Seminare in der Moschee dauerten in die Ecke des Raums und forderte die
Radikalisierer, sie stehen nun in Celle bis zu zehn Tage. Die Fenster sollten dabei anderen auf, dasselbe zu tun.
ebenfalls vor Gericht. In der Hierarchie streng geschlossen bleiben, zur Abschot- Die Islamisten fragten, ob Abu Walaa
ganz oben jedoch stand nach Überzeu- tung von der Außenwelt. Abu Walaa hielt ihnen helfen könne, zum IS zu gelangen.
gung des Generalbundesanwalts der „Pre- seine Predigten oder das, was er darunter Das könne er, soll er geantwortet haben:
diger ohne Gesicht“ aus den Internetvi- verstand: Politiker wie Merkel seien Lüg- „Wenn es für Allah ist, dann kann euch
deos. Die Ermittler fanden eine handge- ner, wetterte er, man müsse sich gegen das kein Ungläubiger aufhalten.“ Für die De-
fertigte Skizze, mit „Abu Walaa“ auf der System stellen. Sich dem Grundgesetz zu tails habe er einen „Spezialisten“, soll der
höchsten Ebene. unterwerfen sei Sünde, Allahs Regeln sei- Prediger gesagt haben, einen seiner engs-
Im Sommer 2015 fuhr V-Mann „Murat“ en die einzigen, an die man sich zu halten ten Vertrauten.
zum ersten Mal mit seinem Toyota nach habe. „Ungläubige“ gehörten nicht be- Tatsächlich registrierten die Behörden,
Hildesheim, zur Moschee in der Martin- kehrt – sondern bekämpft. dass nach Seminaren in der Moschee rei-
Luther-Straße. Auf dem Boden lagen In der Moscheegemeinde herrschte Pa- henweise junge Männer in den Irak und
Schlafsäcke und Luftmatratzen, mehrere ranoia, überall witterten sie Spitzel und nach Syrien reisten. Mindestens 15 Männer
aus Niedersachsen und 9 weitere aus Nord-
rhein-Westfalen durchliefen nach ihren Er-
Die Menschenfänger Das Netzwerk des salafistischen Predigers Abu Walaa kenntnissen Abu Walaas Netzwerk und
fuhren ins Kriegsgebiet.
Hildesheim, Martin-Luther-Straße 41a Berlin, Perleberger Straße 14 Ein „Vorbereitungsplan“, den die Behör-
den fanden, sollte sie offenbar für die Aus-
In der Moschee hetzt Abu Walaa gegen In der Fussilet-Moschee in Moabit ist reise wappnen: „Fit halten, Schlafrhyth-
„Ungläubige“. Nach seinen Seminaren Abu Walaa ein gern gesehener Gast. mus aufbauen, letzten Monat mit der Fa-
ziehen regelmäßig Rekruten in den Bei einem geheimen Treffen im Keller
Dschihad. Im März 2017 wird der soll er sich lobend über den IS geäußert
milie verbringen, Abschiedsbilder machen,
„Deutschsprachige Islamkreis“ verboten. haben. PC löschen“.
Mehrere der Männer heuerten als Kämp-
fer beim IS an, darunter ehemalige
Vorstandsmitglieder aus der Hildesheimer
Duisburg, Atroper Straße 42 Moschee. Andere wurden zu Selbstmord-
Neben seinem Reisebüro wirbt Hasan C. attentätern. So wie die Zwillinge Mark und
vor jungen Männern für eine extreme Kevin K. aus Castrop-Rauxel, ein Jura-
Auslegung des Islam. student und ein Berufssoldat.
Auf einem Tablet soll er ihnen Hinrich- Die beiden wurden nach Überzeugung
tungsvideos des IS vorgespielt haben. der Ermittler zunächst von Abu Walaas
Verbündeten im Ruhrgebiet indoktriniert
und verbrachten dann einige Tage im Ra-
Dortmund, Lindenhorster Straße 83 Kassel, Schäfergasse 2 madan in der Hildesheimer Moschee. Kurz
danach wurden sie vom „Islamischen
In einem Wohnzimmer im ersten Stock soll Im Mai 2016 hat Abu Walaa in der Staat“ als Kämpfer registriert und spreng-
Boban S. Nachwuchs-Dschihadisten in- Medina-Moschee einen Gastauftritt. ten sich bei Selbstmordattentaten im Irak
doktriniert haben. Der spätere Attentäter Dabei fordert er angeblich, Verräter in
vom Berliner Weihnachtsmarkt, Anis Amri, den eigenen Reihen zu köpfen. Ein In- in die Luft, etwa 150 Menschen starben.
schläft hier zwischenzeitlich. formant der Polizei hört mit. Der IS feierte die blonden Brüder aus
Deutschland wie Posterboys.
60 DER SPIEGEL 38 / 2017
Deutschland

Die Ermittler hatten früh einen Ver-


dacht, wie das Netzwerk von Abu Walaa
funktionierte: Die Prediger Boban S. und
Hasan C. legten die ideologischen Grund-
lagen, Abu Walaa verpasste ihnen in Hil-
desheim den Feinschliff und machte sie
fertig für die Reise in den Dschihad. Eine
Nordafrikanerin, deren Ehemann sich in
Hildesheim radikalisierte und zum „Isla-
mischen Staat“ ausreiste, berichtete den
Beamten: „Man sagt, dass Abu Walaa die
Leute da runterschickt, während er hier
gemütlich mit zwei Frauen sitzt.“
Doch noch fehlten den Ermittlern die
Belege für einen Haftbefehl. „Murat“ und
andere Informanten der Kriminalämter
sammelten weiter. Sie schnappten Predig-
ten auf, in denen Abu Walaa vom „Islami-
schen Staat“ geschwärmt haben soll: „Dort
sind unsere Brüder und unser Kalif.“
Der Druck auf Abu Walaa stieg. Als die
Polizei vor einem Gastauftritt in einer
Moschee in Kassel die Besucher kontrol-
lierte, rastete er aus. Er witterte einen Ver-
räter. Falls jemand mit den „Ungläubigen“
zusammenarbeite, müsse man handeln,
soll er seinen Anhängern gesagt haben:
„Schnappt ihn euch, und tötet ihn, auch
wenn ihr dann ins Gefängnis gehen müsst.“
Im Sommer 2016 entschieden sich die
Ermittler zu einem riskanten Schritt. Sie
ließen Abu Walaas Wohnungen durchsu-
chen, auch die Moschee in Hildesheim wur-
de auf den Kopf gestellt. Im Durchsu-
chungsbeschluss war als wichtigster Zeuge
ein namenloser V-Mann aufgeführt. Im
Netzwerk der Islamisten herrschte schon
seit Monaten Panik vor Spitzeln, mehrmals
geriet „Murat“ in Verdacht.
Per Chat verbreitete Abu Walaa nun
eine Botschaft gegen den „abtrünnigen
Spion“. Er beschrieb detailliert, wie „Mu-
rat“ aussieht („bisschen dick“), nannte
www.spiegel-wissen.de Jetzt im
Größe, Haarfarbe, geschätztes Alter und
fügte hinzu: Allah möge diesen Abtrünni- Handel
gen „vernichten“. Im Internet bot ein Isla-
mist „für jeden Stich 200 Euro“.
Das womöglich entscheidende Puzzle-
stück gegen Abu Walaa bekamen die Er-
mittler wenige Wochen später. Ausgerech-
net von einem seiner früheren Jünger.
Anil O., ein Medizinstudent aus Gelsen-
kirchen, kehrte desillusioniert aus dem
Kriegsgebiet zurück und packte aus. Abu
Walaa habe sich ihm in Deutschland als
Organisator für Reisen in den Dschihad
vorgestellt. Mithilfe von dessen Handlan-
gern sei er über Belgiens Hauptstadt Brüs-
Weitere Themen:
sel und die Türkei zum „Islamischen Staat“
geschleust worden. Partnerschaft Kinder haben, Paar bleiben
Dort genieße Abu Walaa großes Anse-
hen, erzählte O. den erstaunten Ermittlern.
Er sei einer der größten Gelehrten des „Ka- Pädagogik Bestsellerautor Remo Largo
lifats“, sei ihm von einem deutschen Kämp-
fer berichtet worden, und schon mehrmals über Ehrgeiz und Angst der Eltern
selbst im Gebiet des IS gewesen. Abu Wa-
laa habe Kontakte bis in die Führungsebe-
Väter Was sie anders machen
DER SPIEGEL 38 / 2017 61
Bundestags- Deutschland
wahl 2017
Bei uns haben Sie drei Stimmen:
gedruckt, digital oder beides. ne der Terrorgruppe, einer seiner Vertrau-
ten aus Hildesheim arbeite für den berüch-
Für Abonnenten: Digital-Upgrade für nur € 0,50. tigten Geheimdienst des IS.
O. ist nun der Kronzeuge der Anklage.
Der Mann, der Abu Walaa viele Jahre hin-
ter Gitter bringen kann. Aber seine Aus-
sage ist eben auch die eines Ex-Dschiha-
disten, der sich durch seine Angaben wohl
eine Haftstrafe erspart hat, er kam mit
Jetzt zwei Jahren auf Bewährung davon. Die
4 Wochen Bundesanwaltschaft musste schon in ande-
gratis ren Fällen erfahren, dass nicht alles stim-
men muss, was Rückkehrer aus dem
testen Kriegsgebiet erzählen. Abu Walaas Bon-
ner Rechtsanwalt Peter Krieger sagt: „Der
Kronzeuge ist ein Hochstapler. Die Ankla-
ge beruht auf seinen Lügen.“
Doch es gibt zahlreiche Indizien, dass
Abu Walaa dem „Islamischen Staat“ zu-
mindest nahestand. Ein Foto auf seinem
Smartphone zeigte einen seiner Söhne mit
einem schwarzen Tuch um den Bauch, da-
rauf das Logo des IS. Das Kind auf dem
Bild ist keine drei Jahre alt.
IS-Kämpfer priesen Abu Walaa im In-
ternet, er verteidigte die Gräueltaten der
Terroristen. Auf einer Audioaufnahme, die
sich auf seinem Handy fand, rechtfertigte
Rosenzweig & Schwarz, Hamburg
Abu Walaa die Ermordung eines jordani-
schen Kampfpiloten, den der IS bei leben-
digem Leib verbrannte. Selber schuld, be-
fand Abu Walaa: „Der hat auf Muslime
Bomben runtergeworfen.“
Zwischenzeitlich dachten die Ermittler,
Abu Walaa könnte sogar bei der Ermor-
dung des Piloten anwesend gewesen sein.
Aber die Vermutung ließ sich nicht erhär-
ten. Zwar konnten die Beamten belegen,
dass er in den letzten Jahren immer wieder
in den Irak gereist ist. Was genau er dort
Ohne Verpflichtung lesen machte, blieb unklar. Auf einem Foto trägt
Abu Walaa Kalaschnikow und Funkgerät.
Bereits ab freitags, 18 Uhr
Ist er ein Kämpfer des „Islamischen Staa-
Auch offline lesbar tes“, wie die Bundesanwaltschaft glaubt,
ein fest verankertes Mitglied der Terror-
Auf bis zu 5 Geräten gruppe? Gar ihre Nummer eins in Deutsch-
land? Oder nur ein „praktizierender gläu-
Inklusive SPIEGEL DAILY – Die neue digitale Tageszeitung biger Salafist“, wie er sich selbst mal be-
zeichnet hat?
Der Prozess gegen Abu Walaa und seine
vier mutmaßlichen Komplizen wird auf-
wendig, über 70 Zeugen und Sachverstän-
dige könnten aussagen, Zehntausende Sei-
ten Akten gilt es auszuwerten. Der Staats-
Ja, ich möchte den SPIEGEL digital testen! schutzsenat am Celler Oberlandesgericht
hat für die nächsten vier Monate 30 Pro-
Ich lese 4 Wochen den SPIEGEL digital kostenlos, danach als zesstage angesetzt, ab Februar sind bis auf
Weiteres jede Woche zwei Tage reserviert.
SPIEGEL-Abonnent für nur € 0,50 statt € 4,10 pro Ausgabe. Als Abu Walaa im vergangenen Herbst
Ich gehe keine Verpflichtung ein, denn ich kann jederzeit zur zum Haftrichter in Karlsruhe gebracht wur-
nächsterreichbaren Ausgabe kündigen. de, sagte er, dass nur Gott über ihn richten
könne. Sicher, die deutschen Gesetze wür-
den auch für ihn gelten, „aber das Wort
Allahs ist nun mal höher“. Alles andere
Einfach jetzt anfordern: sei ein großes Missverständnis.

 abo.spiegel.de/upgrade Jörg Diehl, Martin Knobbe, Fidelius Schmid,


Wolf Wiedmann-Schmidt

62 DER SPIEGEL 38 / 2017


Über den
Tellerrand
Trends Mal was anderes als Wein:
Zu ihren Menüs bieten junge
Sterneköche alkoholfreie
Getränke an – mit Krustentieröl
oder gemahlener Austernschale.

DOMINIK ASBACH / DER SPIEGEL


F
ast 30 Getränke in zwei Stunden – es
wird viel gespuckt an diesem Tag. Ein
ums andere Mal lässt die Sommelière,
die aus Hamburg angereist ist, die Kostpro-
ben vom Mund in den Kübel rinnen. Auch
die anderen am Tisch schlürfen hochkonzen- Spitzengastronom Nöthel: Alternative zu achtmal Wasser
triert. „Ich fühle mich schon ganz betrun-
ken“, sagt die Weinexpertin kichernd. „Ich Es sind meist jüngere Gastronomen, die besonders intensiv schmeckende Früchte
vergesse glatt, dass wir null Prozent testen.“ der modernen Abstinenz anhängen; viele bilden. Sie waren in der Gegend fast ver-
Ein Workshop bei Sternekoch Sven Nöt- haben in ihrer Branche den Ruf fantasie- gessen, bis Geiger, Anhänger der Slow-
hel in Mülheim an der Ruhr. Zehn junge begabter Querdenker. Mitte September Food-Bewegung und Patron eines Land-
Gastronomen sitzen vor blitzenden Glä- wird ihr Anliegen auf dem Programm der gasthofes aus Familienbesitz, den Bauern
sern, um gemeinsam mit dem 29-Jährigen Düsseldorfer „Chef-Sache“ stehen, der be- für die alten Sorten fünfmal höhere Preise
einen neuen Trend der deutschen Hoch- deutendsten deutschen Kulinarikmesse. garantierte, als sie für gängiges Obst erzie-
küche voranzubringen. Die Kollegen su- Auch Nils Henkel, der als Erfinder des al- len konnten.
chen nach Spielarten der alkoholfreien koholfreien Gourmetmenüs gilt, will dort Seither experimentiert er mit Suden,
Essensbegleitung – oder, wie Nöthel es aus- seine Ideen präsentieren. Extrakten, Filtraten und Gebräu. 20 Beutel
drückt, nach Alternativen zu achtmal Was- Henkel ist einer der bekanntesten deut- mit verschiedenen vakuumierten Blüten la-
ser bei einem achtgängigen Menü. schen Gastronomen. Zeitweilig benotete gern in seinem Tiefkühlfach, 200 getrock-
„Wie bei der klassischen Weinbegleitung der Guide Michelin seine Küche im rheini- nete Gewürze in seinem Keller. Auch ein
geht es darum, den Geschmack der Ge- schen Bergisch-Gladbach, wo er bis 2014 Labor ist in der großen Halle untergebracht,
richte zu stützen“, sagt Nöthel. „Aber al- arbeitete, mit drei Sternen. Als seine Frau regelmäßig forscht Geiger mit Pipette, Glas-
koholfrei ist der Spielraum größer: Wir ein Kind erwartete und während eines Ur- kolben und Töpfen dort nach neuen Re-
können mit den gleichen Zutaten im Glas laubs in Frankreich in jedem Restaurant zepten. Er mischt Ringelblume, Borretsch
und auf dem Teller spielen und erreichen mit Wasser abgespeist worden war, ent- oder Huflattich hin und her, auch Weiß-
dadurch maximale Harmonie. Oder wir schied er, das eigene Angebot zu erweitern. dorn und Eichenholzpuder – oder das Pul-
erzeugen Spannung durch Gegensätze.“ Seither gehören zu seinen Kreationen Gur- ver gerösteter Austernschalen.
Auf Nöthels Karte stand, zu einem keneiswürfel in Tonicwasser, das mit je- Es steckt, neben Apfelsaft und Vogel-
Gang mit Hummer, schon einmal Wasser dem Schluck anders schmeckt, weil der miere, auch in den Flaschen, die der Gas-
mit Krustentieröl. Ein anderes Mal emp- Würfel schmilzt und das Aroma verändert. tronom nach Mülheim mitgebracht hat.
fahl er zu Rauchaal, Quellerstängeln und Natürlich passe auch Alkohol großartig Die Runde nippt – Begeisterung. Als Gei-
Shiitake einen Mix aus Wasserkefir, Dörr- zu vielen Menüs, sagt Henkel, der seit ger anschließend eine milchig weiße Flüs-
pflaume, Limette und Grüntee. Sein Pa- Februar im Rheingau kocht, einer traditio- sigkeit auf der Basis von Reis ausschenkt,
tissier Tobias Weyers ersinnt diese Rezep- nellen Weinregion. Im Zweifel müsse man spucken die Kollegen still. Das Gerüst feh-
te, er würde gern auch einmal das Pulver beide Varianten während eines Essens le, urteilen sie dann – jenes Rückgrat, das
thymianaromatisierter Pilze in die Espres- miteinander kombinieren. So werde man den Geschmack von Speisen genauso
somaschine füllen. Noch hält ihn die Sor- auch der Kochkunst oft besser gerecht: „Ich transportiere wie sonst der Alkohol. Gei-
ge um die Maschine zurück. Doch sonst zumindest kenne niemanden, der nach ger muss weiterexperimentieren.
experimentiert Weyers nahezu grenzen- zehn Gängen mit Weinbegleitung noch alle Beim Abschied bittet er noch um die
los mit Küchengeräten, Zutaten und Zu- Feinheiten auf dem Teller herausschmeckt.“ Salzwiesenkräuter, die einer der Köche
bereitung. In den USA finden sich die promille- von der Insel Sylt mitgebracht hat. Die
40 Prozent der Gäste von Sven Nöthel losen Drinks aus Deutschland bereits auf grünen Stängel wachsen dort, wo Wellen
entscheiden sich mittlerweile für die alter- den Weinkarten von Gourmetrestaurants. das Land überspülen, und schmecken wie
nativen Getränke. Das ist mehr als in an- Viele von ihnen stammen aus Schlat, ein Gemüse aus Meer.
deren Restaurants, aber auch dort beob- einem Ort nahe Stuttgart, wo der Gastro- Sie werden, meint der Getränkeerfinder,
achten Küchenchefs, dass ihre Kunden auf- nom Jörg Geiger im Jahr 600 000 Flaschen mit Sicherheit in irgendeine neue Cuvée
geschlossen sind. Weil sie nach dem Essen mit 35 Sorten alkoholfreien Seccos und passen. Katja Thimm
noch Auto fahren müssen, weil sie der no- Cuvées abfüllt. In einer Halle, groß wie
blen Weine überdrüssig sind, weil es ge- ein Bahnhof, lagert in deckenhohen Tanks Video: So mixt man einen
sünder ist, auf Alkohol zu verzichten, oder der Saft von Wiesenobst – alte Sorten mit Apfel-Lorbeer-Essig-Cocktail
weil sie aus religiösen Gründen nicht trin- Namen wie Champagnerbratbirne oder spiegel.de/sp382017getraenk
ken. Und weil die Neugierde sie reizt. Bohnapfel, die erst nach Jahren, dann aber oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 38 / 2017 63


Q UELLE: V DMA
Früher war alles schlechter

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Nº 89: 125 Jahre Rolltreppe

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Aufwärts. Der alte, faule Menschheitstraum, ohne Anstrengung rei. Ein Amerikaner namens Jesse Reno, Eisenbahningenieur,
von hier nach dort zu gelangen, vor allem von unten nach meldete 1892 das Patent auf eine Art ansteigendes Personen-
oben, ist schon auf vielfältige Weise in Erfüllung gegangen, förderband an, und wie viele andere große Errungenschaften
und die Fliegerei ist natürlich die glamouröseste Lösung des wurde auch diese anfangs nicht recht ernst genommen: Das
Problems. Zur selben Zeit aber, da Otto Lilienthal Ende des Ding rollte zunächst nur zum Spaß, in einem Vergnügungs-
19. Jahrhunderts mit seinen ersten Flugapparaten abhob, wur- park in New York. In Deutschland gibt es heute rund 35 600
de anderswo eine scheinbar weit bescheidenere Erfindung ge- Rolltreppen, wie der Verband Deutscher Maschinen- und An-
boren: die Rolltreppe. Sie, die Bewegerin der Unbewegten, ist lagenbau schätzt. Würde man alle deutschen Rolltreppen an-
in diesem Jahr 125 Jahre alt – herzlichen Glückwunsch! Dank einanderbauen, so würden sie (bei einer vermuteten Durch-
ihr gleiten wir seither stehend und mit gleichbleibendem Puls schnittshöhe von gut drei Metern pro Stück) gemeinsam eine
von Etage zu Etage, statt im Schweiße des Angesichts die Stu- Höhe von rund 120 Kilometern überwinden – das ist höher als
fen hochzuächzen. Ohne die Rolltreppe wäre das urbane Le- alle 14 Achttausender der Welt aufeinandergestapelt.
ben – U-Bahnen, Kaufhäuser, Flughäfen – eine elende Placke- guido.mingels@spiegel.de

Gefühle nutze ich Vokabeln, die ich glücklich, ausgeglichen und


Was ist gesund an hier besser nicht wiederhole. achtsam sein will. Viele
SPIEGEL: Und was soll gut da- Leute verstellen sich, über-
schlechter Laune, ran sein? spielen ihren Unmut, weil
Frau Gerk? Gerk: Schlechte Laune ist eine schlechte Laune ein verpön-
Wundertüte. So ein kleiner tes Gefühl ist. Sollte man
Andrea Gerk, 50, Radiomodera- Sprengsatz, der die öde All- nicht tun. Wer schimpft, ist
torin aus Berlin, hat ein Buch tagsroutine erträglicher macht. ehrlich.
geschrieben über die Kraft der Fördert die Kreativität, macht SPIEGEL: Welchen Zweck hat
schlechten Laune. wach, steckt voller Energie. schlechte Laune?
Newton und Schopenhauer Gerk: Schlechte Laune ist ein
THOMAS EXLER / SÜDDEUTSCHER VERLAG

SPIEGEL: Heute schon aufge- waren Genies – und legendär Schutzschild, ein Abstands-
regt? schlecht gelaunt. Jeder sollte halter. Wer schlechte Laune
Gerk: Gleich nach dem Aufste- sich hin und wieder den Lu- hat, signalisiert, dass er in
hen, als sich meine Töchter xus gönnen, die geltenden Be- Ruhe gelassen werden möch-
für die Schule fertig machen nimmregeln zu verweigern und te. Das ist ja das Schlimmste,
sollten. Die eine wollte sich richtig schön grantig zu sein. was es gibt: Man ist so richtig
nicht kämmen, die andere SPIEGEL: Damit fällt man zu- mies drauf, dann kommt je-
nicht anziehen. Da war ich mindest auf. mand an und fragt: „Was hast
ziemlich gereizt. Und ich flu- Gerk: Wir leben in einer Wütender Fußballtrainer du denn? Kann ich was für
che beim Autofahren. Da be- Zeit, in der jeder nur noch Trapattoni 1998 dich tun?“ Schrecklich. mag

64 DER SPIEGEL 38 / 2017


Gesellschaft
Ursel, wird seine zweite Frau. Gefragt hat er sie, als sie
Willi I. die Gartenstühle lackierte. „Die hat halt anpacken kön-
nen“, sagt er, grinst, die roten Äderchen auf der Nase tre-
ten hervor. Sie schlägt ihm auf die Hand. Dann brüllt
Eine Meldung und ihre Geschichte Wie ein sie ihm ins linke Ohr, versöhnlich: „Jägermeister, Willi,
Jä-ger-mei-ster. Hier.“ Der Alte setzt an, es ist sein vierter
Mann mit 99 Jahren König wurde Likör an diesem Tag, sein Bier, das fünfte, ist schon wieder
leer. Willi Passmann räuspert sich, winkt ab. „Ach ja, das

D
er König hockt eingesunken auf einer Bierbank Trinken, das bin ich von der Wirtschaft schon gewohnt.“
vor dem Zelt, trägt eine grüne Jacke über dem Im „Deutschen Eck“ saßen sie bis sechs, sieben Uhr
hageren Oberkörper, das weiße Haar ordentlich morgens, tranken. Noch in den Anfangsjahren muss es
gescheitelt, und hält ein Kölsch in der Hand, um Viertel gewesen sein, erzählt Willi Passmann, da kam einer rein
vor elf am Sonntagmorgen. Herren in Uniform und vom Schützenverein, bestellte ein Kölsch, knallte dem
Damen in Jeans drängen sich um ihn, schütteln seine Wirt einen Zettel auf den Tresen, das war der Mitglieds-
Hand, rufen „Mensch, Willi“ und „Glückwunsch zum antrag. Er unterschrieb, natürlich. Hier bedeutet Eigen-
Amt“. Es ist Schützenfest in Dümmlinghausen, Gum- brötlerei den Ruin. Noch heute ist Willi Passmann Mitglied
mersbach, mit der Regionalbahn und dem Bus eine Stun- in zwei weiteren Schützenvereinen, dem Männerchor, er
de und 30 Minuten entfernt von Köln. Der Mann, den geht angeln, knobeln, zum Frühschoppen und jeden Mitt-
sie alle bewundern, ist zu Besuch hier, er ist 99 Jahre alt woch zum Skat. „Der Willi ist aktiver als wir alle“, schreit
und ohne Hörgerät fast taub. Und, zum ersten Mal in eine Frau dazwischen, Passmanns Adjutantin. Aus dem
seinem Leben, König. Er regiert seit zwei Wochen den Festzelt wummern Schlager, Andrea Berg.
Schützenverein in einem In den Achtzigern probier-
anderen Ortsteil, Steinen- te Willi Passmann es zum
brück. Wahrscheinlich gab ersten Mal: Schützenkönig
es nie einen deutschen Kö- werden. „Na ja“, sagt er,
nig, der älter war. „der Männerchor hat mich
Willi Passmann ist über halt überredet.“ Er stellte
Nacht berühmt geworden, sich mit ein paar anderen
mit einem Schuss auf einen Anwärtern ans Kleinkali-
Vogel aus Schichtholz. Lo- bergewehr, zum „Königs-
kalreporter riefen an, die schießen“. Einen Holzadler

CATHRIN SCHMIEGEL / DER SPIEGEL


„Bild“-Zeitung kürte ihn sollte er runterholen aus
zum Gewinner des Tages 15 Meter Höhe. Willi Pass-
vom 17. August 2017, da ste- mann trat viermal an, vier
hen sonst auch Musiker und Jahre hintereinander, König
Spitzensportler. Ursel, 87 wurde er nie. „Das wurden
Jahre alt, die Ehefrau an Wil- die hinter oder vor mir“,
lis Seite und damit auch eine sagt er, in der Stimme kein
Königin, sagt: „Der ,Kölner Ehepaar Passmann Bedauern.
Stadt-Anzeiger‘ brachte fast Der große Tag kommt fast
eine ganze Seite über uns.“ 30 Jahre später, am 12. Au-
Sie greift sich ans silberne gust dieses Jahres auf dem
Diadem, das sie zum Dirndl Hof vor dem Schützenver-
trägt, sie hat es neu, mit ge- ein Steinenbrück. Es schüt-
stickten Blumen darauf. Ihr Aus dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ tet immer wieder an dem
Mann sitzt neben ihr, lächelt Tag, die Leute frieren unter
höflich, blinzelt, begrüßt Leute, die er seinen „Hofstaat“ ihren Schirmen. In seinem Regenmantel kneift Willi Pass-
nennt, nimmt noch mal einen Schluck vom Bier. „Es ist mann die Augen zusammen. Um ihn herum bibbern noch
verrückt“, sagt er, heiser. drei andere, wollen unbedingt den Titel. Sie schießen auf
Willi Passmann ist im Ruhrgebiet geboren, in Oberhau- den Vogel. 80 mal 80 Zentimeter groß ist das Tier, machbar
sen, 1918, da ist noch einer mit demselben Vornamen deut- also, doch das Stück Holz, an dem es hängt, ist dick. Eine
scher Kaiser. Als Junge wird Passmann Fleischer, wünscht Weile vergeht, dann ist Willi Passmann wieder dran. Er
sich seinen eigenen Betrieb. Doch es gibt Krieg. Das Schie- drückt den Abzug, der 262. Schuss. Der Adler hält.
ßen lernt er an der Front. Der Alte dreht sich um, läuft zu den anderen zurück.
„Zuerst war ich in Frankreich“, erzählt der Alte vor Das Tier, in seinem Rücken, fällt doch. Die Menschen
dem Zelt, hustet, „dann Leningrad, der große Russland- rufen „Willi“. Ein anderer klopft ihm auf die Schulter,
feldzug.“ Er fuhr mit dem Motorrad neben den Soldaten „unser neuer Schützenkönig, 99 Jahre alt, darauf ein drei-
her, bis an die Schützengräben, überbrachte Nachrichten. fach kräftiges Horrido“. Ursel Passmann lächelt, der Willi
Verdammt kalt war’s, daran erinnert Willi Passmann sich, auch.
und dass er sich andauernd dachte: Wie lange soll das Ein Jahr lang, erzählt der Alte, so lange bleibt er jetzt
noch so weitergehen? Als der Krieg verloren ist, rührt er im Amt. Da wird er weiter die Schützenfeste anderer Ver-
fast 40 Jahre keine Waffe an. eine besuchen, seine Königin außerdem ein Kaffeekränz-
1978 kommt er nach Gummersbach, es gibt dort: 50 000 chen für die Frauen veranstalten. Wenn das rum ist, im
Menschen, 14 Schützenvereine und die Wirtschaft „Zum August 2018, könnte er antreten zum „Kaiserschießen“.
Deutschen Eck“. Willi Passmann, jetzt 60 Jahre alt, pachtet Er wäre ältester Kaiser im Land. „Nee, nee“, sagt der
sie. Die hübsche Kellnerin aus seinem vorherigen Betrieb, König. Cathrin Schmiegel

DER SPIEGEL 38 / 2017 65


Gesellschaft

Was heißt Titten auf Englisch?


Berufe Und wohin führt es, wenn Schüler ihre Lehrer schlagen, auf den Tisch onanieren oder
im Klassenraum zusammenbrechen? Jeder dritte deutsche Lehrer fühlt sich ausgebrannt.
Begegnungen mit einem kranken Berufsstand. Von Hauke Goos und Maik Großekathöfer

I
n einem Seminarraum der psychosoma- schöpfung, Unruhe, Traurigkeit und Leere ,Fack Ju Göhte‘, der mit Farbpatronen auf
tischen Klinik in Bad Bramstedt sitzen wie die über 50-Jährigen. seine Schüler schießt, damit sie sich be-
elf Frauen und zwei Männer in einem Die Lehrer fühlen sich ausgelaugt durch nehmen. Die Respektlosigkeit, die Null-
Stuhlkreis, vorn ein Tisch mit Kaffee und unmotivierte und undisziplinierte Schüler, Bock-Haltung der Kinder zehren an mei-
Keksen, eine Pinnwand, ein Flipchart, ein durch Streit mit der Schulleitung und den nen Nerven. In der Klasse sind 20 Schüler,
Karton mit bunten Karten und Filzstiften. Kollegen. Sie werden krank, weil ihre Vor- mehr Jungen als Mädchen, sie sind 16, 17
Alle, die hier sitzen, sind Lehrer. Draußen stellung vom Beruf der Wirklichkeit in der Jahre alt. Und immer kommt einer zu spät.
ist Sommer, der Schulbeginn kommt mit Schule nicht entspricht. Morgens zu Unterrichtsbeginn und aus den
jedem Tag näher. Die Runde trifft sich zu Frau Kiunke lädt ihre Kursteilnehmer Pausen, einfach immer. Und nicht einer
ihrer letzten Sitzung, der Kurs, den sie zu einer Übung ein. Sie sollen Abstand ge- oder zwei. Manchmal fünf, manchmal acht,
dann beendet haben wird, heißt „Agil“, winnen zum Alltag, zum Gewohnten, sie und immer sind es andere. Die kommen
eine Abkürzung für „Arbeit und Gesund- sollen sich selbst aus der Distanz anschau- ins Klassenzimmer gelatscht, Kopfhörer
heit im Lehrerberuf“. Dahinter steckt eine en. Sie sagt: Stellen Sie sich vor, Ihr Beruf auf, Energydrink in der Hand.“
Therapie, entwickelt für Lehrer, die ent- ist eine Party. Sie wollen da unbedingt hin, An ihrer Schule muss jeder Schüler ei-
weder schon unter Burn-out leiden oder Sie wollen Spaß haben. Aber da ist ein nen Vertrag unterschreiben: keine MP3-
die, wie in diesem Fall, befürchten, einen Hindernis. An wem müssen Sie vorbei, um Player im Unterricht, keine Handys, Caps
Burn-out zu bekommen. auf diese Party zu gelangen? müssen abgesetzt werden, Hausaufgaben
Mittendrin sitzt Wibke Kiunke, eine „Am Türsteher“, sagt der ältere der bei- sind zu erledigen. Interessiert die Schüler
Frau mit roten Haaren und runder Metall- den Männer. nicht. Die sitzen vor ihr, quatschen, essen,
brille, sie ist Oberärztin und stellt das The- Richtig, sagt Frau Kiunke. Am Türsteher. telefonieren, werfen mit Papierkugeln.
ma des Nachmittags vor: „Erholung, Wert- An Ihrem inneren Türsteher. Ihr innerer Wenn sie die Schüler auffordert, einen
schätzung“. Es geht um Fragen wie: Was Türsteher ist all das, was zwischen Ihrer Arbeitsbogen auszufüllen, legen die meis-
ist Wertschätzung? Und was ist Erholung? Vorstellung vom Lehrerberuf und der ten den Kopf auf den Tisch. Fordert sie
Kann Arbeit Erholung sein? Wirklichkeit steht. Es soll also in der die Schüler auf, endlich anzufangen, kriegt
„Haben Sie alle Ihre Ressourcen dabei?“, Übung darauf ankommen, am inneren Tür- sie zu hören: „Alte, nerv nicht!“
fragt Kiunke. Die beiden Männer, in prak- steher vorbeizukommen. Nachts liegt sie oft stundenlang wach
tischem Kurzarmhemd und bequemen und grübelt: Wie kriege ich die Klasse in
Schuhen, lehnen sich auf ihrem Platz zu- Ganz rechts im Stuhlkreis sitzt Julia H., den Griff? „Die Kunst ist es meiner Mei-
rück, die Beine übereinandergeschlagen, sie ist Lehrerin an einer Schule in Nord- nung nach, die Situation nicht eskalieren
als müssten sie sich von irgendwas distan- rhein-Westfalen, graue Haare, weiße Bluse, zu lassen“, sagt Julia H. „Es gibt Schüler,
zieren. Die Frauen, mit den Händen auf dunkler Blazer, ihr Alter möchte sie nicht die haben schon mal eine Kollegin ge-
dem Schoß, sitzen aufrecht da, der Frage- nennen. Nach dem Abitur wollte sie ei- klatscht, also körperlich angegriffen. Des-
stellung zugewandt. gentlich „was mit Büchern“ machen, am wegen halte ich mich zurück und versuche,
Fünfmal haben sie sich schon in diesem liebsten wäre sie Lektorin geworden, „aber nicht emotional zu werden. Ich sage mir:
Kreis getroffen, jeweils für viereinhalb das habe ich mich nicht getraut“, sagt sie. Die Konsequenz zeigt sich in der Note.“
Stunden, haben Begriffe gelernt wie „in- Sie hat Sonderpädagogik und Germanistik In Englisch hat sie Wörterbücher verteilt,
fernalisches Quartett“, „Grübel-Stopp- auf Lehramt studiert, aber erst einmal kein die Schüler sollten Vokabeln nachschlagen.
Strategie“ und „Rechtfertigungsreflex“. Referendariat gemacht, sondern bei einem Da hat einer sie gefragt, ob er auch nach
Die Schön Klinik in Bad Bramstedt ist kleinen Verlag angefangen. Mit 40 hat sie dem Wort für „Titten“ suchen könne. Fünf,
spezialisiert auf die Behandlung von Burn- Kinderbücher aus dem Spanischen über- sechs Schüler, sagt Julia H., hätten sich
out und Depressionen. Zweimal im Jahr setzt und sich gefragt, ob sie das mit 60 nicht mehr eingekriegt. Sie ist rausgegan-
bietet sie einen Präventionskurs an, der immer noch machen will. Wollte sie nicht. gen aus der Klasse, hat sich draußen hin-
speziell für Lehrer entwickelt wurde. Die- 17 Jahre nach ihrem ersten Staatsexa- gesetzt und gewartet. Bestimmt 20 Minu-
ser Kurs ist immer ausgebucht. Und von men hat sie angefangen, als Lehrerin zu ten. Erst hätten die Schüler das cool ge-
den rund 2000 Patienten, die sich hier pro arbeiten, 2007 war das. funden, weil die Lehrerin weg war, sagt
Jahr stationär wegen Depressionen behan- Julia H. hält sich für eine „ziemlich re- sie, dann seien sie irritiert gewesen.
deln lassen müssen, die so krank sind, dass siliente Person“, findet jedoch, nichts sei Schließlich kam ein Junge zu ihr auf den
sie ein Arzt schickt, bilden Lehrer die größ- so anstrengend, wie Lehrerin zu sein. Sie Flur, fragte, ob sie noch unterrichten wolle.
te Berufsgruppe. Es kommen mehr Frauen habe eine Klasse, bei der bekomme sie je- „Ich habe geantwortet: ,Nö, so nicht.‘
als Männer, sie arbeiten an Gymnasien, des Mal Bauchschmerzen, sagt sie, wenn Der Junge sagte: ,Wir reißen uns auch zu-
Grundschulen, Berufsschulen, auf dem sie hinmüsse. Weil sie weiß, dass es wieder sammen.‘ Ich meinte: ,Guck mal einer an.‘
Land und in der Großstadt. zu Konflikten kommt. An einem Morgen Danach lief der Unterricht halbwegs ge-
Etwa jeder dritte Lehrer in Deutschland war es so heftig, dass sie nach der Stunde ordnet weiter.“
leidet im Lauf seines Berufslebens an Burn- lange und laut zu weinen begann. Nur einmal ist sie ausgerastet. Es pas-
out, unabhängig vom Alter. Die unter 30- Julia H. sagt: „Manchmal hätte ich gern sierte, als ein Schüler an der Tafel stand
Jährigen klagen genauso häufig über Er- so eine Knarre wie der Lehrer in dem Film und Faxen machte. „Da habe ich aus voller
66 DER SPIEGEL 38 / 2017
ILLUSTRATIONEN: ELLIE FOREMAN-PECK / DER SPIEGEL

„Manchmal hätte ich gern so eine Knarre


wie der Lehrer in ,Fack Ju Göhte‘.“

DER SPIEGEL 38 / 2017 67


Den einen ist bei der Berufswahl nichts Besseres
eingefallen, die anderen überschätzen sich.

Kehle geschrien: ,Sie gehen mir so auf den chend seiner Begabung zu fördern, jedes nismus führt dazu, dass sie sich schlecht
Sack!‘ Hätte ich nicht tun sollen“, sagt Julia Kind individuell pädagogisch begleiten zu entscheiden kann. Deshalb wird sie mit ih-
H. „Mir ist das bis heute noch peinlich.“ wollen. Ihnen wird die Kluft zwischen rer Arbeit nur langsam fertig, und wenn
Wunsch und Realität eines Tages zu schaf- sie fertig ist, ist sie nicht zufrieden. Sie be-
Laut einer Studie des Instituts für Schul- fen machen. Diesen Lehrern mangelt es an wegt sich in einer Spirale des Zweifelns.
pädagogik der Universität München ist gut Distanz zu ihrem Beruf, sie überschätzen Schon im Referendariat hat sie ein paar
ein Drittel aller Lehramtsstudenten wohl sich, haben zu hohe Ansprüche. Sie zeich- Coachingstunden genommen, weil sie ge-
nicht für den späteren Beruf geeignet. Die- net ein maßloses Engagement aus, das der merkt hat, dass sie schneller werden muss.
se Studenten, die Gefahr laufen zu schei- Lebenswirklichkeit nicht entspricht. Sie ist mit einer Vier gerade noch durch
tern, lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Ein Problem für diese Lehrer ist die vage das Examen gerutscht.
Zum einen sind da jene, die eigentlich Definition dessen, was zu ihren Aufgaben „Bei mir ist es so, dass ich große Proble-
gar nicht mit Kindern und Jugendlichen gehört. Ein Lehrplan lässt Spielraum – wie me damit habe, die Noten zu geben. Stän-
arbeiten, gar nicht unterrichten wollen. Sie intensiv und mit welchen zusätzlichen In- dig frage ich mich: Habe ich genug berück-
zweifeln an der eigenen Eignung, sie wür- halten er gefüllt wird, ist dem Lehrer weit- sichtigt, was die Schüler wirklich können?
den lieber Chemie oder Germanistik stu- gehend überlassen. Wann also hat ein idea- Was sie noch nicht können? Andere Kol-
dieren, lassen es aber, weil ihnen die An- listischer Lehrer genug getan? legen geben die Note einfach. Anderer-
sprüche zu hoch sind oder weil sie befürch- „Für diese Lehrer zählt Burn-out zum seits: Wenn von den Schülern einer kommt
ten, keinen Job zu finden. Der Beruf ist Ehrenkodex“, sagt Psychiater Andreas Hil- und nach einer Begründung für die Note
für sie eine Notlösung. Ihnen ist nichts Bes- lert, der das Agil-Training entwickelt hat. fragt, kann ich es jedes Mal rechtfertigen“,
seres eingefallen. sagt sie. „Deshalb mache ich es ja so aus-
Weil die pädagogischen Anforderungen Wahrscheinlich gehört Britta W. zu dieser führlich: damit ich Argumente habe.“
an Lehrer nicht geringer, sondern wegen zweiten Gruppe. Sie sitzt im Stuhlkreis ne- Eine Unterrichtsstunde ist für sie nie per-
der zunehmend heterogenen Klassen eher ben einer Kollegin, die mit ihr gemeinsam fekt. Sie hat immer die nächste Klausur im
größer werden, geraten diese Studenten an einem Gymnasium in Norddeutschland Kopf. Die Korrektur einer Arbeit ist nie er-
später häufig an ihr psychisches Limit. unterrichtet. Britta W. ist Deutsch- und ledigt. Ständig fragt sie sich: Habe ich den
Julia H., die Frau, die aus dem Klassen- Französischlehrerin, hat einen sportlichen individuellen Fortschritt eines Schülers aus-
zimmer rennt und nach der Stunde heult, Haarschnitt, sie stammt aus einer Lehrer- reichend gewürdigt? Ist eine Antwort gut,
gehört wahrscheinlich zu dieser Gruppe. familie, für sie war immer klar, dass sie wenn sie richtig ist? Oder ist sie ebenso
Die zweite Gruppe besteht aus Idealis- auch Lehrerin werden würde. gut, wenn sie falsch, aber originell ist?
ten. Das sind Studenten, deren Motivation Sie will, so sagt sie es, „dass mein Un- Sie hat im Lauf der Zeit ihre Illusionen
es ist, jeden einzelnen Schüler entspre- terricht, das Schule fair ist“. Ihr Perfektio- verloren. Im Referendariat hat sie zehn
68 DER SPIEGEL 38 / 2017
Gesellschaft

Stunden Unterricht gegeben, verteilt über wollte sie nie wieder etwas mit Schule zu mal bin ich nicht mehr ich selbst. Ich muss
vier Tage, sie hat gebastelt und laminiert, tun haben. Sie absolvierte eine Lehre und sehen, dass ich die letzten 15 Jahre noch
„man macht Zirkus“. Sie dachte, dass es so arbeitete zehn Jahre lang als Industriekauf- gesund hinkriege.“
ähnlich weitergehen würde, wenn sie Leh- frau. Sie war gerade in Elternzeit, als das
rerin sei. Als es dann richtig losging für sie, Unternehmen pleiteging. Sie brauchte ei- Nach der Pause zeigt Frau Kiunke ein kur-
kam erst mal ein kleiner Zusammenbruch. nen neuen Job, hatte aber keine richtige zes Video. Es geht um Lob, um Wertschät-
Britta W. sagt: „Das eigentliche Problem Idee. In der Zeitung las sie dann, es wür- zung. Lehrer, sagen die Lehrer in der Run-
ist doch dieses: Das, was hinter meinen den Berufsschullehrer gesucht. Warum ei- de, bekämen wenig Anerkennung, kaum
Schwierigkeiten steckt, ist etwas Positives: gentlich nicht?, fragte sie sich. Feedback. Anlass für Gespräche sei fast
Begeisterung, Leidenschaft, Freude am Un- Heute arbeitet Vera H. an einer Schule immer Kritik. Der ältere der beiden Män-
terrichten. Etwas, das ich nicht ablegen mit mehr als 2000 Schülern, von denen ner beklagt „die Kultur der Nörgler, die
will, weil es mich ausmacht. Das macht es sich jedes Jahr mindestens einer das Leben wir in Deutschland haben“.
so schwierig.“ nimmt. Sie unterrichtet neun Klassen. Den Ob nicht wenigstens andere Lehrer mal
Kurs in Bad Bramstedt besucht sie, weil loben, beispielsweise, wenn sie sehen, wie
Was könnte der innere Türsteher sein? sie eine Lehrerin kennt, die sich in der Kli- der Kollege unterrichtet, will Frau Kiunke
Nach zehn Minuten Bedenkzeit bittet Frau nik stationär behandeln ließ. wissen. „Wer soll denn gucken?“, sagt eine.
Kiunke die Teilnehmer wieder in den Vera H. hat sich gefragt, wie es passieren „Wir haben die Tür ja immer zu.“
Kreis, die Lehrer heften beschriebene konnte, dass ihre Kollegin ausgebrannt ist. Die sogenannte Gratifikationskrise führt
Pappkärtchen an die Pinnwand. Auf einer „Ich dachte, die führt ein entspanntes zu Dauerstress. Lehrer, die meinen, dass
steht: „Du hast noch zu viel zu tun.“ Auf Leben.“ sie sich für die Arbeit verausgaben, ohne
einer anderen heißt es: „Du musst Deine Sie erfuhr, dass die Kollegin nicht mehr dafür entsprechend gewürdigt zu werden,
Arbeit besser/schöner machen.“ Auf der zwischen Beruf und Freizeit trennen konn- haben ein sechsfach erhöhtes Risiko, an
nächsten Karte: „Die anderen denken, Du te, weil sie zu viele Probleme mit nach einer Depression zu leiden, als Kollegen,
bist ein Faulpelz.“ Hause nahm. Vera H. kam das bekannt vor. bei denen Engagement und Wertschätzung
Die Frage ist, was man seinem inneren Sie unterrichtet Klassen mit Inklusions- in der Balance sind.
Türsteher antwortet. „Meine Arbeit ist zu- kindern. In einer sitzen ein Mädchen mit Das Vorurteil, sie seien faul, hätten nach-
friedenstellend erledigt!“, hat jemand auf sozialer Phobie, eine Borderlinerin und mittags frei und ständig Ferien, nimmt Leh-
eine weiße Karte geschrieben. Ein ande- ein Junge mit Sehschwäche; insgesamt 5 rern den Mut. Je mehr sie zu tun haben,
rer: „Pausen sind sinnvoll!“ Ein Vorschlag von 28 Schülern brauchen besondere Für- je niedriger die Anerkennung, desto höher
lautet: „Wenn ich eine Pause mache, kann sorge und Freiräume. die Gefahr, Symptome eines Burn-out zu
ich später mehr leisten!“ Das Satzzeichen, Vera H. sagt: „Meine Borderlinerin fehlt entwickeln.
das die Lehrer am häufigsten verwenden, häufig im Unterricht, weil sie ins Kranken- Wibke Kiunke hat den Eindruck, dass
ist das Ausrufezeichen. haus muss. Ich telefoniere dann mit den die Lehrer, die zu ihren Patienten wurden,
Eine Befragung, die der Bayerische Be- Ärzten, schicke ihr Lesestoff und Übungs- in den vergangenen Jahren kränker gewor-
amtenbund in Auftrag gegeben hat, zeigt: aufgaben. In der Schule erzählt sie mir oft den sind. „Möglicherweise, weil sie sich zu-
Stärker als Angestellte im öffentlichen von ihren Problemen. Ich habe ihr meine nächst länger ambulant behandeln lassen,
Dienst meinen Lehrer, ihre Arbeit nehme Handynummer gegeben, sie schickt mir möglicherweise, weil sie unbedingt durch-
zu. Sie sammeln nach eigenem Bekunden SMS, sucht meinen Rat. Ich bin immer auf halten wollen und später Hilfe suchen.“
mehr Überstunden und spüren ein höheres Abruf. Einmal hat sie mich an einem Sams-
Maß an Verantwortung. Sie fühlen sich ge- tagabend um halb neun angerufen, sie war Ein paar Flure vom Seminarraum entfernt
stresster. in einer Verfassung, ich dachte, sie wirft liegt Station F2, wo sich fünf Psychologen
Ausgebrannte Lehrer können sich nicht sich vielleicht vor den nächsten Zug. Wo- und drei Ärzte um 27 Patienten kümmern.
gedanklich von der Situation lösen, die sie her soll ich wissen, wie man in so einer Si- In den vergangenen sechs Wochen hat Pe-
belastet. Sie kapitulieren bei beruflichen tuation mit dem Mädchen sprechen muss? tra L. hier ein Einzelzimmer bewohnt, im
Misserfolgen und kapseln sich ab, bleiben Ich habe keine Ahnung, was meine Worte zweiten Stock, auf dem Gang für Depres-
allein, lassen sich nicht helfen. bei ihr auslösen.“ sive und Traumatisierte. Petra L. ist Grund-
Psychiater Hillert meint, solche Lehrer Es ist noch nicht lange her, da sollte ein schullehrerin. Sie kommt aus Hessen, 58
könnten nicht mit Kritik umgehen. „Sie ver- Mädchen ein Referat halten. Als Vera H. Jahre alt, rote Haare, Brille.
stehen Kritik nie konstruktiv, sondern mei- es nach vorn bat, sagte die Schülerin, sie Als sie nach Bad Bramstedt kam, „war
nen immer, man wolle sie fertigmachen.“ sei in Therapie, sie könne nicht vor ande- ich fix und fertig, ich war gleichzeitig ner-
Für Hillert ist Lehrer ein Beruf, der den ren sprechen, in Physik habe sie in so einer vös und erschöpft“, sagt sie. Die Ärzte
ganzen Menschen fordert, vielen fehlten Situation einen Heulkrampf bekommen. diagnostizierten eine mittelschwere De-
jedoch „wesentliche Kompetenzen“. Dazu „Wie behandle ich so jemanden?“, fragt pression. Montags bekommt sie ihre Me-
zählen für ihn ein sicheres Auftreten, der Vera H. Sie hat aus dem Gefühl heraus dikamente für die Woche, Petra L. nimmt
Umgang mit der Stimme, soziale Kompe- entschieden, dass das Mädchen sein Refe- Sertralin, das ist ein Stimmungsaufheller,
tenz. „80 bis 90 Prozent der Lehrer hinter- rat vom Platz aus halten darf. „Ich habe der auch Rückfällen vorbeugt. Sie hat Be-
fragen das eigene Leistungsvermögen mich tagelang gefragt, ob ich es bevorzugt wegungstherapie, Achtsamkeitstraining,
nicht“, sagt Hillert. „Sie fragen sich nicht: habe. Was, wenn das Mädchen noch ein- soziales Kompetenztraining, lernt Atem-
Was ist mein Anteil am Konflikt mit den mal zusammengebrochen wäre? Was hätte techniken zur Entspannung, hat Ge-
Schülern? Warum sollen andere meinen ich dann machen sollen? Und wie hätte sprächs- und Gruppentherapie nach der
Erwartungen entsprechen? Warum will ich ich die Leistung bewerten sollen?“ Methode für Lehrer. Ab 16 Uhr hat sie
von allen gemocht werden?“ Zehn Stunden arbeitet sie am Tag, 60 frei, spätestens um 23 Uhr muss sie auf ih-
Stunden in der Woche. Sie sitzt jedes Wo- rem Zimmer sein.
Einige Plätze links von Britta W. sitzt Vera chenende am Schreibtisch: den Unterricht Was sie in der Klinik gelernt hat? Dass
H., sie ist Lehrerin in Mecklenburg-Vor- vorbereiten, die Woche planen. sie immer mehr Lasten auf sich geladen
pommern, eine Frau Anfang fünfzig, in „Die Wertschätzung ist gering, Rückmel- habe, bis sie zusammengebrochen sei, sagt
weißer Hose und Parka. Nach dem Abitur dung im Erfolgsfall gibt es nicht. Manch- sie. Dass sie ein Helfersyndrom habe und
DER SPIEGEL 38 / 2017 69
Gesellschaft

Er sei unausgeglichen gewesen, habe nach


oben gebuckelt und nach unten getreten.
Nach 14 Jahren hat sie den Job noch ein-
mal gewechselt, „aus reinem Selbsterhal-
tungstrieb“, sagt sie. Sie landete an der
Grundschule einer kleinen Gemeinde. Hei-
le Welt, andere Probleme.
Da war der Erstklässler, der sich ein hal-
bes Jahr lang jeden Morgen auf ihren
Schoß setzte und weinte, er hatte Sehn-
sucht nach seiner Mutter. Ein Schüler stand
von zu Hause aus unter Druck, es unbe-
dingt aufs Gymnasium zu schaffen. Wenn
er unter einem Test als Urteil kein lachen-
des Gesicht hatte, sondern mal ein trauri-
ges, fing er an zu wimmern.
„Ich habe gemerkt, wie meine Konzen-
tration flöten ging, ich bin nachts um drei
eingeschlafen und um sechs aufgestanden.
Dann hatte ich in der Schule zwischen
zwei Stunden auf dem Flur eine Panik-
attacke. Ich bekam einen Schweißausbruch,
mein ganzer Körper hat gezuckt wie ver-
rückt, ich fühlte ein Stechen in der Brust.
Ich dachte, ich kriege einen Herzinfarkt.
Da war mir klar: Es muss was passieren.“
Petra L. suchte Hilfe beim Psychothera-
peuten, der überwies sie in die Klinik.
Nach drei Wochen in Bad Bramstedt ging
es ihr langsam besser. Sie schläft jetzt wie-
der tiefer. „Es ist mir künftig egal, wenn
ich bei einem Test zwei Fehler übersehe“,
sagt Petra L. „Ursprünglich wollte ich nach
der Therapie sofort wieder anfangen zu
arbeiten. Das werde ich nicht tun.“

Am Ende der Sitzung fragt Wibke Kiunke


die Lehrer: „Wie oft stellen Sie sich nach
einer Unterrichtsstunde hin und sagen:
Das war gut?“
„Gar nicht.“ Das antworten die meisten.
Sie schließen die Augen und hören einer Geschichte zu – „Weil sich’s nicht gehört“, sagt eine Frau.
„Und wegen der ständigen Selbstzweifel:
sie sollen versuchen, sich selbst zu lieben. Weil’s noch besser hätte laufen können.“
Der Beruf erziehe Lehrer dazu, Fehler zu
finden, meint einer der beiden Männer.
dass das wohl auch der Grund gewesen Religion und war Schwimmlehrerin, ohne Erst zufrieden zu sein, wenn alles perfekt
sei, warum sie Lehrerin geworden sei. dafür qualifiziert gewesen zu sein. Nach zu sein scheint. „Es ist schwer, das nicht
Sie hat Primarstufe studiert, aber ihre acht Jahren wechselte sie auf die nächste auf uns selbst zu beziehen.“
erste feste Stelle war an einer Schule für Schule, dieses Mal eine Grundschule, sie Ob die Teilnehmer bereit seien für die
schwer erziehbare Kinder. Petra L. sagt: dachte: endlich. In den Sommerferien rief „Abschlussimagination“, fragt Kiunke. Sie
„Der Schulrat musste eine Lücke füllen, also der Rektor bei ihr an, sagte: „Wir bekom- hat ein Buch mitgebracht mit dem Titel
hat er mich dahin gesetzt. So funktioniert men eine Eingliederungsklasse – das wird „Höher als die Berge, tiefer als das Meer“,
das System: Wo ein Loch ist, wird gestopft; Ihre.“ Da kamen ihr am Telefon die Tränen. sie würde der Runde gern daraus vorlesen.
ob du die richtige Ausbildung für den Pos- „In der Klasse saßen anfangs zehn Russ- Die Teilnehmer sollen sich bequem hin-
ten hast oder nicht, spielt keine Rolle.“ landdeutsche, Jahrgang eins bis vier, dann setzen und die Augen schließen, sagt Ki-
Sie erzählt von einem Jungen, der auf kam jeden Tag ein Kind dazu, am Ende unke. „Es geht darum, sich für das zu ver-
den Tisch onanierte. Sie berichtet von ei- waren es mehr als 30 Schüler. Die konnten geben, womit man bei sich selbst nicht zu-
nem Schüler, der ein Mädchen fast erwürg- nicht ,Guten Tag‘ sagen und nicht ,Ich hei- frieden ist. Es geht darum, sich selbst zu
te. „Das war mein Start ins Berufsleben – ße‘, sie konnten nicht mit Schere und Kle- akzeptieren. Sich selbst zu lieben.“
die Hölle“, sagt Petra L. Sie redet schnell ber basteln. Habe ich denen alles beige- Kiunke liest eine Geschichte, in der es
und atemlos. Als sie die Schule verließ, ver- bracht. Ohne Unterstützung“, sagt Petra L. um einen kleinen See im Wald geht, um
abschiedete ein Kollege sie mit den Worten: Dann bekam sie eine Stelle in ihrer Hei- Stille, um Mondlicht. Es ist still im Semi-
„Ich bewundere dich, du hast nie geheult.“ matstadt. Die Schule lag zwar in einem narraum. Draußen vor dem Fenster singt
Ihre nächste Station war eine Förderschu- Viertel mit 70 Prozent Ausländern, aber eine Amsel. 13 Lehrer sitzen im Stuhlkreis
le, „ich füllte wieder die Lücken“, sie un- das sei vergleichsweise harmlos gewesen, und schließen die Augen. Sie versuchen,
terrichtete fünfte und sechste Klassen, gab meint sie. Jetzt war der Chef das Problem. sich selbst zu lieben. I

70 DER SPIEGEL 38 / 2017


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Rosenzweig & Schwarz, Hamburg

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 abo.spiegel.de/bequem
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Gesellschaft

Vor wenigen Tagen fragte mich dann eine SPIEGEL-Kol-


legin, wieso der Osten so wütend sei. Ich saß an einem
Konferenztisch in Hamburg und hörte mir beim Antwor-
ten zu, was nie ein gutes Zeichen ist. Eigentlich habe ich
keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass ganze Land-
striche wütend sind. Ich bin manchmal wütend, zum Bei-
Astrologen spiel nach einem Doppelfehler beim Tennis. Aber das sag-
te ich nicht. In den Tagen darauf erschienen jede Menge
Texte, die die Wut des Ostens beschrieben, auch im
Leitkultur Alexander Osang über die SPIEGEL. Ich dachte darüber nach, ob ich das hätte ver-
hindern können. Das ist ein typischer Ostgedanke, glaube
Unergründlichkeit der ich. Immer ein bisschen spät dran.
Kanzlerin und anderer Ostdeutscher Am Tag nach der Konferenz, die über die Tempera-
mente der Ostdeutschen rätselte, las ich im Newsletter

I
ch habe in letzter Zeit einige Interviews zur rätselhaf- einer Kollegin, dass sie in kleiner Runde die Frage disku-
ten Angela Merkel gegeben, obwohl ich sie auch nicht tiert hätten, wieso so wenige Journalisten in den überre-
verstehe. Im Dokumentarfilm „Die Unerwartete“ war gionalen Medien aus dem Osten stammten.
ich kurz zu sehen, allerdings nur ganz am Anfang, als es Schade, dass ich nicht zu der Runde gehörte, denn da-
um die ersten Jahre Angela Merkels in der Politik ging. rauf hätte ich eine Antwort gehabt.
Meine Erklärungsversuche zur späten Angela Merkel In der Republik im Osten gab es lange Jahre keinen wirk-
schienen die Filmemacher nicht so überzeugt zu haben. lichen Journalismus, die Journalisten, die dort ausgebildet
Diese Phase ihrer Karriere kommentierte vor allem der wurden, waren vor allem Parteiarbeiter. Sie sollten nicht
Kollege Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“, die Wirklichkeit beschreiben, sondern eine Art sozialisti-
ein leidenschaftlicher Erklärer deutscher Zustände. Ich sche Idealwelt. Als dann plötzlich Journalismus gefragt
saß vorm Fernseher und wartete auf meinen nächsten war, waren viele von ihnen nicht bereit, schämten sich
Auftritt, aber es erschien immer oder hatten Angst, enttarnt zu
nur Prantl und sagte, was los ist, werden, als was auch immer.
mit Angela Merkel und mit Manche ostdeutschen Journalis-
Deutschland. ten, die die Wende überlebten,
Ich war erst enttäuscht, aber kauften sich einen Westanzug
am Ende begriff ich die Auswahl. und verwischten ihre Spuren, an-
Ich habe Schwierigkeiten, die dere hatten keine Lust mehr auf
deutsche Seele und die deutsche Zugeständnisse und Kompromis-
Politik zu erklären, oft verstehe se, sie wollten sich nicht mehr sa-
ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL

ich nicht mal mich selbst. Aller- gen lassen, wohin die Reise geht.
dings arbeite ich im Erklärungs- Sie misstrauten Karrieristen, Kon-
gewerbe, da muss man Zugeständ- ferenzen und Netzwerken. Sie
nisse machen. Erst recht, wenn suchten nach Nischen, in denen
man freundlich gefragt wird, noch man sie in Ruhe ihre Arbeit ma-
dazu von ausländischen Kollegen. chen ließ. Sie scheuten Verant-
Der Bedarf an Erklärungsversu- wortung, Massenaufläufe und ga-
chen zu Angela Merkel ist auch Klappe, Merkel ben ihre Erfahrungen an die nach-
im Ausland hoch. wachsende Ostgeneration weiter.
Im vorigen Jahr erklärte ich Angela Merkel an der New Die westdeutschen Kollegen bestaunten unsere Lebens-
York University, davor den Engländern. Die Kollegen der wege, wie man Katzen bestaunt, die aus der Fremde allein
BBC interviewten mich im Café Sybille. Das liegt auf der nach Hause finden. Aber es blieben weiße Stellen, es blieb
Karl-Marx-Allee und sieht so aus, wie sich England den Misstrauen. Man setzte lieber einen durchschnittlich be-
Osten vorstellt und ich mir inzwischen auch. Wenn sich gabten Westkollegen oder einen Soldaten ohne Vergan-
die Klischees mit den Erinnerungen decken, ist die Einheit genheit ins System als eine der unberechenbaren Ostkat-
vollzogen. Das Gespräch fand auf Englisch statt, was dem zen. Der Durchschnitt ist auf Netzwerke angewiesen. Alles
Ganzen eine angenehm absurde Note gab. Ostthema, Ost- soll so bleiben, wie es ist. Das ist meine Antwort. Beinahe.
kulisse, Ostpersonal, Ostzeitzeuge, aber alles auf Englisch. Vor ein paar Jahren bekam ich das Angebot, Chefredak-
Es erinnerte an das Musical „Cabaret“ oder an die Serie teur einer Tageszeitung zu werden, die man fast überregio-
„The Americans“, die von zwei sowjetischen Spionen in nal nennen kann. Ich wollte es eigentlich nicht, aber ich
Washington handelt, die nie Russisch sprechen, nicht mal, hatte das Gefühl, endlich auch mal mitmachen zu müssen,
wenn sie zusammen im Bett liegen. Einer der Spione wird um nicht als ewiger Nörgler ins Grab zu fallen. Ich habe
von einem walisischen Schauspieler dargestellt, der alle mich mit vielen Leuten beraten, denen ich vertraute, ich
Kraft darauf verwenden muss, einen amerikanischen Ak- habe hin und her überlegt. Am Ende habe ich abgesagt.
zent hinzubekommen. So in etwa fühle ich mich als Erklärer In den Tagen, als ich mich mit der Entscheidung herum-
von Angela Merkel. Ein Welshman auf der Weltbühne. schlug, bewarben sich zwei der Kollegen, die ich um Rat
Das letzte Merkel-Interview gab ich vor drei Wochen gefragt hatte, auf die Stelle, die mir angeboten worden
dem sehr netten Deutschlandkorrespondenten der „Irish war. Sie hatten mir beide abgeraten. Sie kamen beide aus
Times“. Ich erzählte ihm, dass Angela Merkel offenbar dem Westen. Seitdem traue ich bei wichtigen Entschei-
immer weniger Menschen traue. Er zitierte mich in seinem dungen eigentlich nur noch meiner Frau.
Text mit den Worten, dass ich mich fühle wie ein Sterne- Wahrscheinlich ist mir Angela Merkel gar kein so großes
deuter. Damit kann ich leben. Merkels Astrologe. Rätsel.

72 DER SPIEGEL 38 / 2017


Foto: Jeanne Degraa

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Foto: Nadja Klier

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Lavinia Wilson Andreas Bourani Valerie Niehaus Oliver Welke Axel Scheffler
Foto: Carina C. Kircher
Foto: Manuela Ferling

Foto: Carmen Sauerbrei


Nelson Müller Nina Ruge Claus Kleber

Foto: Alan Ovaska


Foto: Achim Hehn

Foto: Nadja Klier

Demokratie lebt vom Mitmachen. Mit der Initiative 80 Prozent


für Deutschland macht sich die Frankfurter Allgemeine Zeitung
für mehr Wahlbeteiligung stark. Wir danken unseren Unter-
stützerinnen und Unterstützern für ihr Engagement.
Starten Sie bestens informiert in die heiße Phase des
Bundestagswahlkampfs. Am 24. September wählen gehen!
Alle Unterstützerinnen und Unterstützer sowie mehr zur
Initiative auf 80prozentfuerdeutschland.de #80Prozent
Claudelle Deckert Florian Bartholomäi Lara Mandoki
Foto: Ines Meier
Foto: Ricarda Spiegel
Foto: Delia Baum

Foto: RTL/Sebastian Geyer

Foto: Christian Amouzou

DieLochis Ralf Zacherl Philipp Christopher Iris Mareike Steen Tyron Ricketts
Foto: Privatfoto

Foto: Nils Hasenau


Foto: Nadine Dilly

Foto: Nadine Dilly


Foto: Michael Colella

Laura Osswald Tobias Strobl Nina Moghaddam Tim Raue Rebecca Mir
ALEXANDER HASSENSTEIN / GETTY IMAGES
Air Berlin

Finanzpuffer für Besserverdiener


Um Piloten und Manager trotz Insolvenz bei Laune zu halten, erhalten sie einen Aufschlag.

Beim Bodenpersonal der insolventen Fluglinie Air Berlin, bekommt sein angestammtes Salär weiter. Das sei üblich,
das von allen Mitarbeitern die schlechtesten Beschäfti- versichert der Air-Berlin-Generalbevollmächtigte Frank Ke-
gungsperspektiven hat, wächst der Unmut über die haus- bekus, man habe verhindern wollen, dass diese Mitarbeiter
eigenen Piloten und das Management. Die Flugzeugführer zu Wettbewerbern abwandern. Außerdem handle es sich
hatten sich Anfang der Woche zu Dutzenden krankgemel- nur um einen „erklecklichen siebenstelligen Betrag“. Aus
det, für chaotische Zustände an den Flughäfen gesorgt und dem Umfeld des Gläubigerausschusses heißt es dagegen,
damit die Verkaufsbemühungen der Firmenleitung gefähr- pro Monat würden rund zehn Millionen Euro fällig – zulas-
det. Dabei sind die Cockpitkräfte ohnehin privilegiert. ten der Masse und des von der Bundesregierung gewährten
Ähnlich wie die übrigen Mitarbeiter beziehen sie seit Be- Rettungskredits in Höhe von 150 Millionen Euro. Auch sei
ginn des Verfahrens Mitte August drei Monate lang Insol- eine Gehaltsaufstockung für Besserverdiener in einem In-
venzgeld von der Bundesagentur für Arbeit (BA). Weil das solvenzfall keineswegs selbstverständlich, zumal, wenn der
jedoch auf maximal 6350 Euro brutto pro Monat gedeckelt Staat einspringt. Bei einem ähnlichen Verfahren, der Pleite
ist, beschloss der Gläubigerausschuss, dem auch ein BA- des katholischen Weltbild-Verlags 2014, hatte der Betriebs-
Vertreter angehört, gleich in seiner ersten Sitzung am rat heftig kritisiert, dass die Führungskräfte finanziell abge-
23. August, den Betrag für die Piloten bis zu ihrem regulä- federt wurden. Gerade sie, argumentierten Arbeitnehmer-
ren Gehalt aufzustocken. In Einzelfällen kann das mehr als vertreter, hätten zu der Schieflage maßgeblich beigetragen
10 000 Euro pro Monat ausmachen. Auch das Management und sollten deshalb Solidaropfer bringen. did

Volkswagen chef Diess am Rande der Au- „Das Veränderungstempo die Botschaft bei einer Be-
Markenchef Diess tomesse IAA. Mit dem soge- muss in allen Bereichen kon- triebsversammlung am Don-
will mehr Tempo nannten Zukunftspakt, der
drastische Einschnitte beim
tinuierlich steigen.“ Im Vor-
stand stößt Diess mit solchen
nerstag. Die Eigentümerfami-
lien Porsche und Piëch geben
Herbert Diess erhöht den Personal und Milliardeninves- Aussagen nicht nur auf Zu- Diess indessen ausdrücklich
Druck auf die Belegschaft des titionen in neue Geschäfts- stimmung. Das Tempo ließe Rückendeckung. Wenn es
Wolfsburger Autoherstellers. felder vorsieht, sei bereits die sich nicht ohne Weiteres erhö- Möglichkeiten gebe, die Um-
„Wir müssen noch mehr Gas richtige Basis gelegt. VW hen, hieß es. Schon jetzt liege setzung des Zukunftspakts zu
geben, um den Wandel zu sei jedoch noch längst nicht VW beim Personalabbau beschleunigen, sollten diese
stemmen“, sagte VW-Marken- am Ziel, sagte der Manager: über Plan. Ähnlich lautete ergriffen werden. mhs, sh

74 DER SPIEGEL 38 / 2017


Wirtschaft
Abgasskandal ThyssenKrupp
Industrie kneift bei Stahlfusion kurz
Diesel-Fonds vor dem Ziel
Die drei großen deutschen Die Verhandlungen zwischen
Autohersteller wollen deut- dem indischen Industrie-
lich weniger Geld in den Mil- giganten Tata und Thyssen-
liardenfonds einzahlen, der Krupp stehen offenbar kurz
Kommunen im Kampf gegen vor dem Abschluss. Bereits
Fahrverbote helfen soll. in den nächsten Wochen wol-
Ursprünglich war man davon len die Unternehmen nach
ausgegangen, dass die Kon- Informationen aus Aufsichts-
zerne 250 Millionen Euro ratskreisen ein Memorandum
freiwillig beisteuern. Doch of Understanding abschlie-
aus einer Antwort auf eine ßen, das bis Anfang nächsten
parlamentarische Anfrage Jahres ausverhandelt werden

PATRICK JUNKER / VISUM


der Grünen geht hervor, dass soll. Ziel ist der Zusammen-
die deutschen Hersteller sich schluss der europäischen
nur „entsprechend ihrer Stahlsparten beider Unter-
Marktanteile am Industrie- nehmen. Im Zentrum des Bote in Frankfurt am Main
anteil des Fonds beteiligen“ Verbundes soll neben der
werden. Volkswagen, BMW Duisburger Stahlschmiede
und Daimler kommen auf von ThyssenKrupp ein nie- Arbeitsrecht Klage zurück. Foodora be-
rund 53 Prozent Marktanteil, derländisches Stahlwerk der
was demnach nur 134 Millio- Tata-Gruppe stehen. Die Ge-
Foodora-Fahrerinnen schäftigt seine Kuriere über-
wiegend befristet. Sie brin-
nen Euro für den Fonds be- werkschaften in Deutschland klagen gen Bestellungen von Restau-
deutet. Den Rest müssten die haben heftigen Protest an- Der Essenslieferdienst Food- rants zu den Kunden. Schon
übrigen, vor allem auslän- gekündigt. Sie fürchten, dass ora hat Ärger wegen seiner seit Längerem steht Foodora,
dischen Autokonzerne auf- ThyssenKrupp-Chef Heinrich Beschäftigungspolitik. Zwei Fah- das zum börsennotierten
bringen, die sich aber bislang Hiesinger den Konzern mit- rerinnen des Unternehmens Konzern Delivery Hero
nicht zu Zahlungen verpflich- telfristig komplett aus dem haben sich erfolgreich gegen gehört, wegen der Arbeits-
tet haben. Mit dem Fonds sol- Stahlgeschäft zurückziehen die Befristung ihres Arbeits- bedingungen der Fahrer in der
len Städte mit hohen Stick- könnte, und fordern Be- verhältnisses gewehrt. Eine Kritik. Foodora erklärte auf
oxidkonzentrationen etwa standsgarantien über Duis- Botin klagte vor dem Kölner Anfrage, es sei bei der einen
Elektrobusse anschaffen. burg hinaus. Dagegen ist der Arbeitsgericht gegen Foodora Fahrerin zum Prozess gekom-
Grünen-Spitzenkandidat Cem Großaktionär Cevian Capital und bekam recht: Das Unter- men, „weil die Zustellung des
Özdemir fordert die Her- skeptisch, ob das Joint Ven- nehmen muss ihren Vertrag unbefristeten Vertrags an die
steller auf, zu ihrer Verant- ture weit genug geht, weil entfristen. Im zweiten Fall Mitarbeiterin erst einen Tag
wortung zu stehen. „Sie ha- Thyssen im Zweifel weiter einigten sich die Parteien au- vor dem Gerichtstermin er-
ben den Kunden schmutzige für Schulden und einen Teil ßergerichtlich. Foodora bot folgte“. Befristungen seien in
Diesel verkauft und uns die der Pensionslasten von Tata der Fahrerin eine unbefriste- der Dienstleistungsbranche
dicke Luft eingebrockt.“ gt geradestehen muss. fdo, mhs te Stelle an, die Frau zog ihre „absolut üblich“. akn

Geldfrage Ist der Bitcoin ein Betrug?


Jamie Dimon, Chef der US-Bank JPMorgan, hat eine beteiligen. Sie entstehen dadurch, dass ein endloser
hitzige Debatte über den Bitcoin ausgelöst. Die Di- Code fortgeschrieben wird, alle Zahlungen und
gitalwährung sei „Betrug“, eigne sich für Mörder Guthaben werden auf einem riesigen, dezentra-
oder Drogendealer und werde in sich zusammen- len Computernetzwerk gespeichert. Weder
fallen wie im Jahr 1637 die Spekulation auf Tul- Notenbanken noch Geschäftsbanken wie JPMor-
penzwiebeln. Tatsächlich ist der Kurs des Bit- gan – die durch Kreditvergabe Geld aus dem
coins, der von jeher stark schwankt, in den Tagen Nichts erschaffen – haben somit direkten Ein-
nach Dimons Schelte eingebrochen. Aber ist die fluss auf den Bitcoin. Die deutsche Finanzaufsicht
Schaffung von Bitcoins oder der Handel damit ille- BaFin stuft Bitcoins als Finanzinstrumente ein, die
gal, wie der vielleicht mächtigste Banker der Welt da- auf Basis privatrechtlicher Verträge als Zahlungsmit-
mit suggeriert? tel eingesetzt werden können. In Japan sind digitale
Die kurze Antwort ist: nein. Zwar werden Bitcoins gern für Währungen wie der Bitcoin sogar als gesetzliches Zahlungs-
die Abwicklung krimineller Geschäfte genutzt, weil keine mittel anerkannt. Dagegen hat China den Handel mit Bitcoins
Spuren auf Bankkonten entstehen – das gilt jedoch auch für zuletzt weiter eingeschränkt. Als daraufhin am Donnerstag
Bargeld. Allerdings unterscheidet sich die virtuelle Währung eine chinesische Bitcoin-Börse ankündigte, ihren Betrieb
wesentlich von herkömmlichen Währungen. Während Euro einzustellen, stürzte der Kurs weltweit dramatisch ab. Im Mo-
oder Dollar von Zentralbanken ausgegeben werden, kann sich ment sieht es so aus, als könnte es Bitcoin-Spekulanten durch-
grundsätzlich jeder an der Schaffung neuer Bitcoin-Einheiten aus so ergehen wie einst den Käufern von Tulpenzwiebeln. mhs

DER SPIEGEL 38 / 2017 75


Wirtschaft

JOHANNES ARLT / LAIF

Espresso-Zubereitung: Zelebriert wie eine spirituelle Handlung

76 DER SPIEGEL 38 / 2017


Die Billionen-Bohne
Genussmittel Jahrzehntelang war Kaffee ein Langweilerprodukt. Heute ist jeder
Schluck ein Lifestyle-Statement. Aber Kapsel-Boom und
Espresso-Moden verdecken eine ökonomische Kalkulation, die fast immer brutal ist.

W
ann hat es eigentlich angefangen, Ort der Langsamkeit inmitten der Hektik. der neu verpackt. Doch die Geschichte da-
dass Kaffee so wichtig wurde? Er Ein Handwerksprodukt und keins der In- hinter ist eine uralte. Sie erzählt davon,
ist ja schon lange das Lieblings- dustrie. Es ist eine Story, wie sie Tausende dass viel von dem, was heute Globalisie-
getränk der Deutschen, aber jahrzehnte- kleiner Läden auch erzählen, in denen Ba- rung heißt, in Wahrheit immer noch Kolo-
lang war er eben auch ein Langweilerpro- risti die Zubereitung jeder Tasse zelebrie- nialismus ist.
dukt, das von der Werbung mühsam auf ren wie eine spirituelle Handlung und ne-
„Verwöhnaroma“ gehievt werden musste. benbei mit den Kunden über den Einfluss 1. Die Ernte
Ein Symbol höchstens für hausfrauliche von Arabica- und Robusta-Bohnen auf die Eine Nespresso-Kapsel enthält 5,2 Gramm
Sorgfalt – in einer Liga mit Waschpulver, Struktur der Crema fachsimpeln. Kaffee und kostet 30 bis 40 Cent. Pro Ki-
Spülmittel und Halbfettmargarine. Es gehört jedoch auch zum Erfolg von logramm sind das 60 bis 80 Euro.
Heute ist das anders. Kaffee ist Luxusgut Kaffee, dass die Realität hinter den Ge- Für einen Caffè Latte in der mittleren
und Lifestyle-Accessoire. Zumindest wird schichten kaum jemand erzählt. Die Bru- Größe, Pappbecher inbegriffen, nimmt
er so inszeniert. Brühkapseln, die angeb- talität der Spekulanten, die den Rohstoff- Starbucks 3,85 Euro. Enthalten sind schät-
lich auch George Clooney benutzt, werden preis nach Belieben peitschen. Die welt- zungsweise 15 Gramm Kaffee.
in den Shops von Nespresso präsentiert weite Konzentration des Kaffeemarkts. Es könnte sein, dass Juan Gonzales die
wie Schmuckstücke beim Juwelier. Den deutschen Röst-Protektionismus. Den Bohnen für diesen Kaffee gepflückt hat.
Auch Starbucks stilisiert seinen Pappbe- Irrsinn der teuren Espressomaschinen. Er ist zwölf Jahre alt und arbeitet mit sei-
cher-Caffè-Latte immer mehr zum Luxus- Und die Ramschqualität des Supermarkt- ner Mutter Maria, einer Maya-Frau, bei
produkt hoch. In Seattle testet das Unter- 500-Gramm-Vakuumgesöffs. der Ernte an den Hängen des Vulkans To-
nehmen ein neues Filialkonzept. Der Kaf- Es geht um einen der wichtigsten Roh- liman westlich der Hauptstadt Guatemalas.
fee wird dort nicht nur frisch gemahlen, stoffe im Welthandel: Über 50 Milliarden Hier wächst der Arabica-Kaffee, den die
die Bohnen werden im Café auch geröstet. Euro ist der Markt für geröstete Bohnen Deutschen so schätzen. Der Junge und sei-
In bulligen schwarzen Maschinen aus Guss- schwer. Fast eine Billion Tassen der schwar- ne Mutter arbeiten für eine Finca, deren
eisen, die an Dampflokomotiven erinnern zen Droge werden weltweit jedes Jahr ge- Besitzer Carlos Torrebiarte heißt. Er ver-
und wohl Tradition signalisieren sollen. Fi- leert. Allein in Deutschland schüttet jeder kauft seinen Kaffee auch an Starbucks.
lialen in Shanghai, Tokio und New York Erwachsene durchschnittlich 162 Liter pro „Juan hat den über einen Zentner schwe-
sollen folgen. Jahr in sich hinein. ren Sack geschleppt“, sagt die Mutter,
Das deutsche Unternehmen Probat, Für die Konsumenten wird der Kaffee müde und stolz auf ihren Sohn. Sie ist kei-
Weltmarktführer bei Röstmaschinen, hat immer wieder neu erfunden, immer wie- ne 30 Jahre alt, sieht aber aus wie 50. Ein
das Modell eigens für Starbucks gebaut. Stahlstift ersetzt einen ihrer Schneide-
„Der Erfolg einer Kaffeemarke“, sagt Ge- zähne.
schäftsführer Wim Abbing, „ist zu 90 Pro- Rohstoffquellen Am Berg ist die Kaffeeernte in vollem
zent die Geschichte, die sie erzählt.“ Die zehn größten Produzenten von Rohkaffee, Gang. Frauen mit Scharen von Kindern
Und die Storys, die die Menschen hören Anteil an der Weltproduktion 2016, in Prozent ziehen die Hänge hinauf. Es ist schwer, als
wollen, ändern sich. Vor zwei Jahrzehnten Journalist mit ihnen zu reden. Sofort greift
zeigte die Werbung noch heimelige Fami- Quelle: ICO einer der bewaffneten Wachposten der
lienfeste. Starbucks’ Pappbecher stand für Plantage ein. Ein Gespräch ist nur möglich,
eine neue Laptop-Elite. Immer unterwegs, Brasilien 33 wenn man Maria und Juan sowie andere
nirgends zu Hause – und überall. Dann Frauen und Kinder auf der Ladefläche
kam George Clooney auf einen Nes- des Pritschenwagens mit nach unten ins
presso vorbei. Er brachte Kaffee-Indi- Dorf nimmt.
vidualität aus dem Automaten. Spit- Am Anfang der Wertschöpfungs-
zenespresso fürs Zuhause, so be- kette sind die Kosten niedrig. 42
quem wie Fertigpizza. Quetzales, knapp fünf Euro, be-
„Schnell noch eine Kapsel dieser kommen etwa die Pflückerinnen
DEP O S I TPH OTOS

Droge einwerfen, bevor man ab- Vietnam 19 in Guatemala für einen Zentner
baut, immer wach sein, das passt gepflückten Kaffee. Es ist nichts
in die Taktung unserer beschleunig- im Vergleich zu dem, was später
ten, individualisierten, durchökono- mit Kaffee verdient wird. Und es
misierten Zeit“, sagt der Münchner Peru 2 ist selbst für ein Land wie Guate-
Soziologe Stephan Lessenich. Guatemala 2 mala ein Hungerlohn. In Deutsch-
Starbucks versucht mit seinen Uganda 3 land gäbe es dafür bei Starbucks ge-
Röst-Dampfloks gerade eine neue Er- rade mal einen besonders großen Ca-
Kolumbien 10 Honduras 4
zählung, eine für das postglobalisierte Indien 4 ramel Macchiato.
Zeitalter. Kaffee, vor Ort geröstet, von Indonesien 8 Maria zeigt einen gelben Laufzettel.
Menschen, die man sieht und kennt. Ein Äthiopien 5 Für jeden Tag ist die von ihr und ihrem
DER SPIEGEL 38 / 2017 77
Wirtschaft

Kind gepflückte Menge eingetragen. Nach vollständig abhängig von dem Plantagen- fand 1870 den ersten Kugelröster der Welt
15 Tagen wird der Lohn gezahlt, abhängig besitzer oder dessen Verwalter, sagt Sabuc. – bis dahin brutzelten die Menschen ihre
von der gesammelten Menge. Mal sind es „Wer aufmuckt, fliegt.“ Kaffeebohnen zumeist zu Hause in der
1,5 Zentner am Tag, meist jedoch weniger. Pfanne. Probat beliefert die gesamte Welt
Früh in der Saison müssen viele Früchte 2. Die Röstung mit seinen Maschinen, von kleinen Kaffee-
hängen bleiben, weil sie noch nicht reif Die Preise für Kaffee liegen am Boden. Zu manufakturen bis zu Kaffeekonzernen.
sind. lange haben Konzerne wie Kraft oder Me- Abbing kann mit Begeisterung über den
Marias Tageslohn liegt in der Regel un- litta auf Masse gesetzt. Sie förderten damit Röstprozess reden. Über Röstzeit und Röst-
ter 87 Quetzales, zehn Euro, dem gesetz- nicht nur Monokulturen und ökologischen menge, darüber, wie die zugesetzte Luft den
lichen Mindestlohn in Guatemala für einen Raubbau in den Ursprungsländern, son- Prozess beschleunigt. Er bemerkt, wie der
Tag. Es wäre noch weniger ohne die Mit- dern stutzten auch ihre eigene Marge: Ein Trend zum Kleinen, Handwerklichen geht.
hilfe von Juan, der offiziell nicht mitzählt. Kilo Kaffee kostet im Supermarkt oft nur Von der Großanlage zum Trommelröster.
Kinderarbeit unter 14 Jahren ist in Guate- noch gut sechs Euro. Der Firmenchef will nicht viel zu den
mala verboten. Dennoch gehören arbei- Der Geiz der Konsumenten ist be- Tricks der Kaffeeröster sagen, er redet
tende Kinder in den großen Plantagen zum sonders beim deutschen Standardprodukt nicht gern über die Probleme seiner Kun-
Alltag. Ohne sie könnte der Kaffee nicht zu spüren, der 500-Gramm-Vakuumver- den. Er sagt nur, dass es ihn manchmal
so billig geerntet werden. packung. Hier ist der Preis seit Jahren wundere, welche „Plörre“ in der Masse
„Wenn Sie Kinder in den Kaffeeplanta- gleichbleibend niedrig – mit verheerenden verkauft werde.
gen gesehen haben“, rechtfertigt sich Plan- Folgen für die Qualität der Bohnen, die Probat verkauft selbst keinen Kaffee.
tagenbesitzer Torrebiarte später gegenüber für diese Produktkategorie verarbeitet Aber um die eigenen Maschinen zu testen,
dem SPIEGEL, „sind das Kinder, die mit werden. stellt das Unternehmen eine Hausmarke
ihren Familien sein wollten.“ Er stelle kei- Um die niedrigen Supermarktpreise hal- her, die nur an Mitarbeiter abgegeben
ne Kinder an, biete sogar Kinderbetreuung ten zu können, müssen die Röster mit im- wird. Zum Selbstkostenpreis. „Wir kom-
für die Familien. mer mieserer Ware arbeiten. Um über- men da auf zwölf Euro für das Kilo“, sagt
Auch der Kaffeekonzern Starbucks will haupt noch geschmacklich akzeptable End- Abbing. „Und für weniger ist seriöserweise
nichts Negatives auf der Farm gesehen ha- resultate abliefern zu können, greifen die kein guter Kaffee herzustellen.“ Die meis-
ben. Die Plantage Santo Tomas Perdido Röster zu Tricks. Früher wurden die ver- ten Konsumenten seien derzeit jedoch
habe bei einer Überprüfung im Oktober schiedenen Kaffeesorten, aus denen jeder nicht bereit, so viel Geld auszugeben.
2016 zu den „Top-Performern“ unter den Markenkaffee gemischt wird, gemeinsam
Lieferanten gehört. Wenn dort „Null-To- geröstet und gemahlen. Doch heute reicht 3. Die Kapsel
leranz-Praktiken“ wie Kinderarbeit nach- das oft nicht mehr. Jetzt wird jede Sorte Bei Nestlé, dem größten Lebensmittelkon-
gewiesen würden, hätte das aber selbstver- Kaffee getrennt geröstet, um die letzten zern der Welt, glaubte lange Zeit niemand,
ständlich Konsequenzen. Geschmacksnuancen aufzuspüren. Und ge- dass in Aluminiumdöschen verkaufte Kaf-
Die Fahrt geht vorbei an den sogenann- trennt gemahlen, um an der Krümeligkeit feeportionen jemals ein Erfolg werden
ten Galeras der Finca, an Hütten aus Beton des Gesamtprodukts zu feilen. Erst am könnten. Nespresso galt im Unternehmen
und Steinen, in denen rund hundert Pflü- Ende wird alles zusammengeschüttet. Gute als Karrierekiller.
cker hausen. In der Nacht drängen sich oft Röstmeister pressen auf diese Weise auch Auch Jean-Paul Gaillard war gewarnt,
zwei Familien mit vielen Kindern in einem schlechter Ware noch das Letzte an Ge- als er 1988 bei der damals glücklosen Ab-
Raum, der kaum mehr als einen nackten schmack ab. teilung anfing. Kollegen hatten versucht,
Betonboden hat. Gekocht wird im Das Rösten ist nicht nur aus Genießer- ihn von seinem Wechsel zur damaligen
Schlamm vor der Hütte, private Toiletten sicht der interessanteste Punkt, sondern Kapselklitsche abzubringen.
gibt es nicht. Hier wohnen die Wander- auch ökonomisch. Hier wird aus dem preis- Doch der Manager baute um die Dös-
arbeiter, die Ärmsten der Armen, die nur werten Rohstoff das mitunter teure Kon- chen eine Edelaura mit Boutiquen, in de-
für die Zeit der Ernte von dem Finca-Be- sumprodukt. Hier findet die eigentliche nen Grand-Cru-Kaffees zelebriert werden
sitzer engagiert werden. Wertschöpfung statt. wie teure Weine. Innerhalb weniger Jahre
Emanuel Sabuc, 26, kennt die nicht so Brasilien ist der größte Exporteur von wuchs eine Art Glaubensgemeinschaft he-
schöne Kehrseite des globalen Kaffeege- Rohkaffee. Pro Kilo, mühsam in Hand- ran, deren Produkttreue allenfalls mit der
schäfts. Er hat als Kind in einer solchen arbeit gepflückt, erlöst das Land 2,70 Dol- Kundschaft des Handybauers Apple ver-
Hütte von Santo Tomas Perdido gelebt. lar. Deutschland ist der größte Exporteur gleichbar scheint: „Wir waren eine Art
„Damals war es ein richtiges Dorf, jede Fa- von geröstetem Kaffee – und setzt pro Kilo iPhone des Kaffees“, sagt Gaillard.
milie hatte eine Hütte und lebte dauerhaft 6,21 Dollar um. Ein Plus von über hundert Die Inszenierung ist sagenhaft. In den
dort“, sagt der junge Mann. Prozent. Werbespots grinst George Clooney, und
Als Torrebiarte vor rund 20 Jahren die Deutschland und die EU schützen ihre in den Nespresso-Filialen lächeln Ange-
Plantage kaufte, sei es mit der prekären Kaffeeindustrie. Auf importierten Röstkaf- stellte in schwarzem Tuch. In der „Tasting
Idylle vorbei gewesen. „Das ganze Dorf fee wird für die meisten Anbauländer Area“ fragen sie die Kunden so einfühlsam
wurde gezwungen, die Finca zu verlassen“, 7,5 Prozent Zoll fällig. Rohkaffee dagegen nach der bevorzugten Geschmacksrich-
sagt Sabuc. Torrebiarte, der einer der ein- wird zollfrei eingeführt. Man kann diese tung, als ginge es um etwas Intimes. Der
flussreichsten Mitglieder der nationalen Art der Wirtschaftspolitik Kaffeeprotek- Eingangbereich sieht aus wie das Entree
Kaffeevereinigung Anacafé ist, bestreitet tionismus nennen oder Kolonialismus. Das einer Bank. Dort stehen Geräte, die aus-
diesen Vorwurf. Kein Arbeiter sei vom Ergebnis ist dasselbe. sehen wie Geldautomaten, nur edler. Der
Farmgelände gedrängt worden. Zu den Leuten, die weltweit am meisten Kunde schiebt seine Kreditkarte hinein –
Heute werde die Ernte von Saisonarbei- über das Rösten wissen, gehört Probat-Chef die Kapseln fallen in Papiertüten mit gol-
tern und die Pflege der Plantage durch Abbing, der Mann, der das Erzählen einer denem Schriftzug.
sogenannte Parcelistas erledigt, berichtet guten Geschichte für den wichtigsten Er- Gaillard selbst ist mittlerweile vom Glau-
Sabuc. Das sind Angestellte, denen eine folgsfaktor von Kaffee hält. Das Werk von ben abgefallen. Nach Nespresso ging es für
bestimmte Fläche in der Plantage zur Be- Probat liegt in der westfälischen Provinz, ihn im Nestlé-Konzern nicht so recht weiter.
arbeitung zugeteilt wird. Die Leute seien in Emmerich am Rhein. Der Gründer er- Er verließ das System und sabotierte es
78 DER SPIEGEL 38 / 2017
Plötzlich waren die Mini-Renditen aus
dem Massen- und Dumpinggeschäft mit
500-Gramm-Röstmischungen nicht mehr
genug. Asien entdeckte den Kaffee. Star-
bucks expandierte selbst ins Teetrinker-
land China. Und mit einem Mal interes-
sierten sich für die behäbige Bohnenbran-
che ganz andere Leute.
4. Das Geschäft
Peter Harf ist eine Figur, als würde John
Malkovich plötzlich im deutschen Fernse-
hen auftreten. Wenig Haare, große Prä-
senz – aber ein wenig gemütlicher. Harf,
71, der derzeit mächtigste Investor der
Branche, spricht mit rheinischem Akzent
und empfängt im trutschig-vergoldeten
Fünfsternehotel Excelsior am Kölner Dom.
Der Kaffee wird in Tassen aus feinem Por-
zellan serviert. Doch Harf scheint sich für
das Getränk kaum zu interessieren. Er ist
weniger aus Leidenschaft ins Kaffeege-
schäft eingestiegen, sondern aus Vernunft.
Kaffee ist für ihn ein Rohstoff, ein stabi-
les Geschäft mit hoher Rendite. „Kaffee
wird immer getrunken“, sagt er, „ganz
egal, was auf der Welt passiert.“
Harf führt eine milliardenschwere Fi-
nanzholding namens JAB. Die Holding ist
innerhalb weniger Jahre hinter Nestlé und
Starbucks zum drittgrößten Kaffeekonzern
der Welt aufgestiegen. Inzwischen wird
etwa jede fünfte Tasse Kaffee mit Bohnen
aus dem JAB-Imperium gebraut.
Der Geldfluss, der Harfs Geschäfte
nährt, scheint nie zu versiegen. Sein größ-
ter Kapitalgeber ist die Familie Reimann,
eine der reichsten Sippen Deutschlands,
die bereits ein Imperium aus Konsumgü-
termarken wie Calgon, Finish oder Clea-
rasil aufgebaut hat. Nun will sie den nächs-
ten Milliardenmarkt erobern.
Harf hat 2012 angefangen, in großem
Stil Marken aufzukaufen, darunter Jacobs,
Douwe Egberts, Senseo oder Tassimo.
Mittlerweile umfasst das JAB-Portfolio fast
JAMES RODRÍGUEZ / DER SPIEGEL

alles, was irgendwie mit Kaffee zu tun hat,


von Filterkaffeeherstellern über Kapsel-
anbieter bis hin zu Café-Ketten und Ba-
gel-Bars. Kaufpreis: insgesamt mehr als 30
Milliarden Euro.
Die übrig gebliebenen regionalen Kaf-
feefirmen müssen nun überlegen, ob sie
Plantagenarbeiter in Guatemala: Kaffee ist immer noch die alte Kolonialware den Wettbewerb mit einem Konzern auf-
nehmen wollen, der in fast allen Erdteilen
schließlich: Im Jahr 2008 gründete Gaillard so eine Sprecherin des Unternehmens, pro- präsent ist. Oder ob sie lieber gleich auf-
die Ethical Coffee Company (ECC) und duziere man solche Maschinen nicht mehr. geben und verkaufen sollen.
brachte seine eigenen Kapseln auf den Immerhin geht es um viel Geld. Nes- Harfs Eroberungszug verändert die Kaf-
Markt, ein lupenreines Konkurrenzprodukt presso setzt jährlich geschätzte vier Mil- feewelt noch grundlegender, als es die Kap-
zu Nespresso. Gaillards Kapseln passten liarden Euro um. Trotz der neuen Kapsel- selrevolution getan hat. Sie wird konzen-
nicht nur in die Nespresso-Maschinen, sie Konkurrenten liegt die Profitmarge immer trierter, globaler, industrialisierter. Aus vie-
waren auch rund ein Viertel günstiger und noch bei etwa 25 Prozent. Allein in len teils regionalen Marken hat die JAB
biologisch abbaubar, wie er versichert. Deutschland verkauft der Konzern gut ein Konglomerat geformt, das sie nun auf
Nestlé nahm den Kampf auf. Zeitweise zwei Milliarden Kapseln pro Jahr. Effizienz und Profitabilität trimmt. Er und
stattete Nespresso seine Maschinen mit Pi- Nespresso und Starbucks haben die seine Kollegen hätten „die Industrie kom-
ratenhaken aus, die fremde Kapseln zer- schlafende Kaffeebranche aufgeweckt. plett verändert“, sagt Harf, „indem das
störten. ECC klagte dagegen. Inzwischen, Und gierig gemacht. Unternehmen eine global führende Posi-
DER SPIEGEL 38 / 2017 79
Wirtschaft

tion erobert hat“. Harf referiert gern über teure und teuerste Espressogeräte. Edel- ten meist eine billige Brühe verkauft, die
„Skaleneffekte“ und dergleichen. Weniger marken wie La Pavoni und Elektra. Geräte, mit Kaffee als Genussmittel eigentlich
akademisch ausgedrückt heißt das: Die die eigentlich für die Gastronomie gedacht nichts mehr zu tun habe.
JAB ist äußerst geschickt darin, Kapital sind und die dann in den Küchen des ge- Dabei, sagt Benvenuto, sei an gutem
aus ihrer Marktmacht zu schlagen. hobenen Bürgertums prangen. Kaffee ja gerade das Schöne, dass er die
Wird eine Kaffeefirma von der JAB Auch das ist eine Parallele zwischen Verbindung von Genuss und Alltag schaffe,
übernommen, gelten für deren Zulieferer Kaffee und Bier. Als Gegenbewegung zum von Masse und Klasse. „Ein guter Espresso
umgehend härtere Bedingungen. Zuliefe- Einheitsgeschmack der Industrie hat ist ein klassenloses Getränk. Ein täglicher
rer von JAB-Firmen berichten: Das Geld sich eine Szene etabliert, in der es auf Luxus für alle.“
für den Rohkaffee erhielten sie nun nicht Individualität, Qualität und Geschmack
mehr nach 30 Tagen, sondern teilweise erst ankommt und in der dafür hohe Preise 6. Das Siegel
nach 180 Tagen. Wer den neuen Regeln bezahlt werden. Für die richtige Espresso- Warum ist es so, dass kaum ein Konsument
nicht zustimme, laufe Gefahr, ausgemus- mischung gern 30 Euro pro Kilo. Für ein paar Cent mehr für fair gehandelten
tert zu werden. die passende Espressomaschine samt Kaffee ausgibt – aber so mancher das Zig-
Der Clou für die JAB: Während die Lie- Kaffeemühle gern mal mehrere Tausend fache des gewohnten Preises für schicke
feranten monatelang auf die Bezahlung Euro. Kapseln berappt?
warten, können die Manager den Kaffee „Die Deutschen“, sagt Benvenuto, „neh- Die Frage stellt sich nicht nur bei Kaffee,
bereits verkaufen und das Geld anderwei- men die Sache unglaublich ernst.“ Sie sondern auch bei Bananen, T-Shirts und
tig investieren – zum Beispiel in weitere betrachteten den Kauf einer Espressoma- Goldschmuck. Aber beim Kaffee ist die
Zukäufe. Auf diese Weise finanzieren die schine wie den Erwerb eines neuen Autos. Ungerechtigkeit besonders offensichtlich.
Lieferanten das Wachstum der JAB mit. Leider erwarteten sie dann auch, dass es Und sie ist seit Jahrzehnten eigentlich je-
„Die Händler zahlen praktisch ein zins- genauso funktioniert. „Man kann eine Es- dem Konsumenten bekannt.
loses Darlehen“, kritisiert Sara Morrocchi, pressomaschine und ein Mahlwerk aber „Vielleicht ist das auch ein Problem“,
Gründerin der Organisation Vuna Origin nicht einmal perfekt einstellen, und dann sagt Soziologe Lessenich. Fairtrade-Kaffee
Consulting, die Kaffeeproduzenten berät. laufen sie immer gleich.“ Wie ein Espresso sei für viele Konsumenten „vielleicht zu
„Schlimmstenfalls werden die Kosten bis gemahlen und gebrüht werden müsse, hän- politisiert“, erinnere zu sehr an Nicara-
zu den Farmern weitergereicht.“ ge vom Wetter ab, von der Wärme, der gua-Kaffee, an linke, gar kommunistische
Harf bestreitet das. Die Firmen aus der Luftfeuchtigkeit, von der Mischung und Projekte.
JAB-Holding setzten „auf nachhaltige und der Qualität der Bohnen. Ohne eine ge- Lessenich sieht die Möglichkeiten der
dauerhafte Beziehungen zu ihren wichtigs- wisse Leidenschaft und Liebhaberei sei Weltverbesserung durch richtigen Konsum
ten Zulieferpartnern“. Von den verhandel- auch die teuerste Espressomaschine eine eher nüchtern. „Die meisten Menschen ha-
ten Verträgen würden „alle Seiten profi- vergebliche Investition. ben mit Konsumpolitik nichts im Sinn“,
tieren“. Unstrittig ist, dass die JAB das Da die Geräte für sie nur ein Nebenge- sagt er. Ohnehin sei den Deutschen trotz
Netz ihrer Rohkaffeelieferanten deutlich schäft sind, rate sie kaufwilligen Kunden aller Nachhaltigkeits- und Gerechtigkeits-
ausgedünnt hat. Wer den neuen Eigentü- manchmal auch ab. „Wer nur ab und zu bekenntnisse das Elend der Welt um sie
mern nicht wettbewerbsfähig erschien, einen Espresso trinken will, für den ist herum ziemlich gleichgültig.
wurde ausgemustert. auch ein simpler Kocher, den man auf den „Im Endeffekt ist es uns scheißegal, wel-
Die Blaupause für Harfs Aktivitäten ist Herd stellt, eine gute Art, einen Espresso che Effekte unser Kaffeekonsum auf das
der Biermarkt, der in den letzten Jahren herzustellen.“ Leben anderer hat“, sagt er. „Und wenn
von einem globalen Konzern neu sortiert Obwohl sie vom Boom profitiert, sieht wir mal ethisch konsumieren, dann in ers-
wurde. Das belgische Unternehmen AB sie ihn kritisch. „Dem Markt fehlt die Mit- ter Linie, weil wir uns dann selbst besser
Inbev kaufte Marken in über 150 Ländern, te“, sagt sie. An der Spitze würden die fühlen.“ Doch die meisten Deutschen hiel-
vom amerikanischen Budweiser über Kunden oft abgezockt mit überdimensio- ten sich schon für vorbildliche Konsumen-
Beck’s bis hin zum Franziskaner Weißbier, nierten Espressomaschinen, überteuerten ten, jedenfalls im globalen Vergleich, nur
senkte die Kosten und steigerte die Profite. Kapseln und fragwürdigen Premium-Rös- weil sie ihren Müll trennten und über ein
Harf hat lange den Verwaltungsrat des tungen. Und in der Masse würde den Leu- Elektroauto nachdächten.
AB-Inbev-Konzerns geleitet, er freundete Doch wie fair ist eigentlich fair?
sich sogar mit den Eigentümern an. Was Wir sind Röstmeister Fernando Morales-de la Cruz, ein Exil-
beim Bier so gut geklappt hat, wird seiner Guatemalteke mit Wohnsitz in Straßburg,
Ansicht nach auch beim Kaffee funktio- Die zehn größten Exporteure kann richtig wütend werden, wenn er über
nieren. von Röstkaffee 2013, in tausend Tonnen die Fairness von Fairtrade redet, jenem
Siegel, das eines der bekanntesten Zertifi-
5. Der Konsument Deutschland 191
zierungszeichen überhaupt ist und auch
Marisa Benvenuto und ihre Schwester Na- Italien 150 auf Eigenmarken von Darboven, Tchibo
dia haben den Familienbetrieb von ihrem Quelle: FAO oder Lidls Fairglobe klebt. Morales-de la
Vater übernommen. Er war ein Pionier des USA 98 Cruz hält das Ganze für ein teures Placebo,
guten Geschmacks, als er 1959 aus La Spe- Schweiz 53 das das Gewissen westlicher Konsumenten
zia in Italien nach Hamburg zog. Ein Gast- beruhige. Letztlich diene es nur dazu, den
arbeiter unter vielen. Neben dem Job auf Polen 51 Industrieländern weiter billige Rohstoff-
der Werft fing er an, Espressobohnen an quellen zu sichern. Am grundlegenden Ge-
italienische Restaurants und Eiscafés zu Belgien 49 rechtigkeitsproblem, dass Länder wie
liefern. Konkurrenz gab es kaum. Nie- Niederlande 43 Deutschland ihre Röstindustrie schützen,
mand witterte ein Geschäft. Die Kaffee- ändere das Siegel nichts.
kultur der Deutschen steckte bei Filterma- Kanada 39 „Fairtrade trägt dazu bei, Armut und
schinen und Kondensmilch fest. Schweden 23 Kinderarbeit in der Lieferkette zu erhal-
Benvenuto verkauft in ihrem Laden in ten“, sagt Morales-de la Cruz. „Die Fair-
Hamburg-Eimsbüttel neben Bohnen auch Slowakei 22 trade-Prämie liegt bei einem Drittel Cent
80 DER SPIEGEL 38 / 2017
JOSHUA TRUJILLO
Starbucks-Café in Seattle: Die schlafende Branche gierig gemacht

pro Tasse Kaffee. Wie kann so ein unbe- will den Segen des Siegels nicht nur auf ben die reichen Konsumenten des Nordens
deutender Betrag fair genannt werden?“ den Finanzierungsstrom reduzieren. „In- den Mehrwert: Sie bekommen Fairtrade-
Er schlägt ein transparentes Entloh- dem wir im Kaffeebereich ausschließlich Ware, ohne dafür einen Cent mehr bezah-
nungssystem vor, bei dem die Arbeiter in mit Kooperativen zusammenarbeiten, ge- len zu müssen.“
den Kaffeeplantagen mindestens zehn ben wir den Kleinbauern ihr Selbstbestim-
Cent pro Tasse Kaffee erhalten würden. mungsrecht zurück“, sagt er. 7. Das Projekt
Nur so ließe sich die Armut in den Kaffee- Um sich abzusichern, lassen sich viele Am Ende ist auch Fairtrade ein bloßes
ländern reduzieren. Farmen und Kooperativen mehrfach zer- Herumdoktern an den Symptomen der
Die Prämie, die Fairtrade den Kaffee- tifizieren und erfüllen etwa gleichzeitig Ungerechtigkeit, solange die einen immer
produzenten zusätzlich zum Weltmarkt- den AAA-Standard von Nespresso oder nur Rohkaffee exportieren und die
preis zahlt, liegt aktuell bei 20 US-Cent den von Fairtrade. Doch mitunter genügt anderen daran verdienen, ihn zu rösten
für 454 Gramm Kaffee. Hinzu kommt eine die Qualität den Einkäufern der Konzerne und zu vermarkten. Am Ende gibt es
Mindestpreisgarantie von 1,40 Dollar für nicht, oder die verfügbare Geschmacks- vielleicht nur einen Ausweg aus dem Kaf-
ein Pfund Kaffee, die aktuell nicht greift, note passt nicht in die Mischung. Die Folge feekolonialismus: indem die Rohstoff-
weil der stark schwankende Weltmarkt- ist eine absurde Überzertifizierung: Im länder ihre Bohnen selbst rösten, mahlen,
preis gerade etwas darüber liegt. Aufschlä- Zeitraum 2014/15 wurden etwa 560 000 verpacken und das fertige Produkt ex-
ge für besondere Qualitäten oder Bioware Tonnen Rohkaffee nach Fairtrade-Stan- portieren.
kommen noch obendrauf. Doch mehr als dard zertifiziert, aber nur 157 000 Tonnen Felix Ahlers, 51, versucht genau das in
zwei Euro pro Pfund kann der Kaffee- davon mit Fairtrade-Siegel verkauft. Äthiopien. In Addis Abeba lässt er Kaffee-
bauer auch bei Fairtrade selten kassieren. „Fairtrade, heißt es immer, sei der Mehr- und Espressobohnen rösten, die er unter
Im vergangenen Jahr zeigte eine Studie, wert, der vom Norden in den Süden wan- dem Namen Solino in Supermärkten in
dass in Brasiliens Kaffeeregion Minas dere“, sagt Ndongo Sylla. Er hat früher Deutschland verkauft. Oder besser gesagt:
Gerais auch Arbeiter auf von verschiede- selbst als Berater für die Kölner Organisa- Er hat dafür gesorgt, dass in Äthiopien Kaf-
nen Organisationen zertifizierten Farmen tion mit deren blaugrünem Yin- und Yang- fee geröstet wird, der in Deutschland ver-
mit rund 300 Euro pro Monat rund 25 Pro- Label gearbeitet. kauft wird.
zent unter einem existenzsichernden Inzwischen gilt der Senegalese Sylla als Im Hauptberuf ist Ahlers Chef des Tief-
Lohn liegen. einer ihrer härtesten Kritiker. „Wenn aber kühl- und Fertiggerichteanbieters Frosta
Fairtrade-Geschäftsführer Dieter Ove- überschüssige Fairtrade-Ware als konven- AG. Die Firma stellt ihre Produkte ohne
rath findet diese Sichtweise verkürzt. Er tionelle verkauft werden muss, dann ha- Zusatzstoffe her. Ahlers gilt in der nicht
DER SPIEGEL 38 / 2017 81
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von acht Wochen, beginnend mit dem Belastungsdatum, die Erstattung des belasteten Betrags verlangen. Es gelten dabei die mit meinem Kreditinstitut vereinbarten Bedingungen.
gerade veränderungsfreudigen Lebensmit-
NEWS MEINUNG STORIES telbranche als Querdenker.
„Äthiopien ist der größte Rohkaffeepro-
duzent Afrikas“, sagt Ahlers. „Wirklich
Geld wird mit dem Kaffee aber erst durch
die Weiterverarbeitung verdient – und das
machen sie in Äthiopien nicht.“ Deshalb,
war sein Gedanke, müsse man dafür sor-
gen, dass sich das ändert.
60 Prozent mehr Umsatz kann erwirt-
schaftet werden, wenn die Wertschöpfung
bis zum Endprodukt in den eigenen Hän-
den behalten wird. Davon profitieren nicht
nur die Kaffeebauern, sondern alle, die an
der Produktion beteiligt sind: die Frauen
etwa, die die Bohnen sortieren; die Män-
ner, die ihn rösten; der Drucker in Addis
Abeba, der im Auftrag von Solino die Eti-
ketten für die Kaffeetüten druckt.
„Wenn man Entwicklungshilfe ernst
meint, dann geht es nicht darum, nur Geld
ins Land zu pumpen“, sagt Ahlers. Es gehe
darum, die Wertschöpfung dort dauerhaft
zu verankern. Das heißt vor allem: die äthio-
pischen Arbeitskräfte so zu qualifizieren,
dass ihre Produkte den Ansprüchen des
deutschen Marktes entsprechen. „Der Dru-
cker muss irgendwann selbst wissen, dass
ein Etikett nur dann funktioniert, wenn der
EAN-Code für die Scanner von Karstadt
und Edeka zu lesen ist. Der Röster muss
wissen, dass die Qualität der Kaffeebohnen
immer die gleiche sein muss. Und es muss
in Äthiopien jemanden geben, der weiß, wie
der deutsche Kunde tickt und was er will.“

Einmal am Tag Seit fast zehn Jahren treibt Ahlers das


Projekt voran. Er hat Anschubfinanzierung
und Maschinen gestellt, Röster ausgewählt
und weitergebildet, mit den Behörden um

die Welt anhalten Genehmigungen gefeilscht und immer, im-


mer wieder die Qualität jedes einzelnen Ar-
beitsschritts überprüft. Offiziell fungiert er
nur als Zwischenhändler, der den fertigen
DAS WICHTIGSTE VOM TAG Kaffee nach Deutschland importiert und an
DAS BESTE AUS DEN SOZIALEN MEDIEN Händler wie Edeka und Karstadt verkauft.
Für Ahlers ist die Rechnung einfach:
UND EMPFEHLUNGEN FÜR IHREN FEIERABEND Wenn der gesamte Kaffee, den Äthiopien
exportiert, im Land weiterverarbeitet wür-
de, könnten über 280 000 Jobs in dem Land
geschaffen werden. „Das brächte deutlich
mehr als alle klassischen Entwicklungshil-
feprojekte“, sagt er.
WWW.SPIEGELDAILY.DE Aber Solino ist nur ein kleines Projekt.
Gerade mal 30 Tonnen Kaffee hat Ahlers
im vergangenen Jahr aus Äthiopien impor-
tiert und verkauft. Dem stehen über
200 000 Tonnen Rohkaffee gegenüber, die
Äthiopien jedes Jahr unverarbeitet expor-
tiert. Da ist Kaffee immer noch die alte
Kolonialware.
Susanne Amann, Markus Brauck, Simon Hage,
Nils Klawitter, Christoph Pauly

Animation: Die Deutschen


und der Kaffee
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Die smarte Abendzeitung. oder in der App DER SPIEGEL
Schenkt Zeit, macht schlau.
84 DER SPIEGEL 38 / 2017
Wirtschaft

Angst
ums Erbe
Euro Die Deutschen hätten gern
Bundesbankpräsident Weidmann
als EZB-Chef. Italiener und Fran-
zosen sind dagegen. Auch dem
Amtsinhaber missfällt die Idee.

M
ario Draghi und Jens Weidmann

MELANIE WENGER / ISOPIX / ACTION PRESS


werden in diesem Leben keine
Freunde mehr. Draghi, Chef der
Europäischen Zentralbank (EZB), sieht
sich selbst als Retter des Euro und würde
als solcher gern in die Geschichte eingehen.
Da kann er Nörgler wie Weidmann
schlecht gebrauchen. Draghi hält den Bun-
desbankpräsidenten für eine chronische
Nervensäge und einen besonders halsstar-
rigen Vertreter typisch deutscher geldpoli- EZB-Präsident Draghi: Raffiniertes Manöver?
tischer Orthodoxie.
Und ausgerechnet dieser Weidmann bestreitet, dass sich ihr Chef in die Nach- Vize unterstützen und damit Draghis Favo-
könnte ihn beerben. Zwar erst in zwei Jah- folgedebatte einmische. „Die Auswahl der riten aus den Niederlanden verhindern.
ren, im Oktober 2019, wenn Draghis Amts- Mitglieder des EZB-Direktoriums liegt in Weidmann könnte dann wie geplant in
zeit ausläuft. Doch Draghi, so scheint es, den Händen demokratisch legitimierter zwei Jahren auf den Spitzenjob aufrücken,
arbeitet schon jetzt daran, diese für ihn Gremien – Europäischer Rat, Europäisches dem Regionalproporz wäre Genüge getan.
unerfreuliche Personalie zu verhindern. Parlament und Euro-Gruppe –, nicht der Doch die Mathematik des Proporzes ist
Seit Monaten bringen sich Befürworter EZB“, heißt es. komplizierter. Die Gegner Weidmanns ver-
und Gegner Weidmanns in Stellung. Es Das Manöver, sollte es zutreffen, ist weisen etwa darauf, dass die Deutschen
sind die üblichen Lager. Auf der einen leicht durchschaubar, aber dennoch raffi- jenseits der EZB schon jetzt viele Topjobs
Seite eher die Südländer, die von der lo- niert. Ein Nordeuropäer im Vizejob würde an der Spitze europäischer Finanzinstitu-
ckeren Geldpolitik der EZB profitieren. nach der traditionellen regionalen Ämter- tionen besetzen. Gerade erst wurden die
Auf der anderen eher die Nordländer, die aufteilung einen weiteren Nordeuropäer Verträge von zwei Deutschen verlängert,
um die Guthaben ihrer Sparer und die Sta- auf dem Chefposten verhindern. Dass mit von Klaus Regling, dem Chef des Euro-
bilität der Währung fürchten. Allen voran Draghi und Constâncio derzeit zwei Re- rettungsfonds ESM, und von Werner Hoy-
Deutschland. präsentanten der Südstaaten beide Posten er, dem Präsidenten der Europäischen
Weidmann ist der Wunschkandidat von bekleiden, gilt als Ausrutscher. Investitionsbank in Luxemburg.
Kanzlerin Angela Merkel und Finanz- Auch Italien und Frankreich wehren Und im großen europäischen Polit-
minister Wolfgang Schäuble (beide CDU). sich gegen Weidmann. Ihre Vertreter ga- Schach ist die Nachfolge Draghis zwar die
Sie finden, dass endlich einmal ein Deut- ben Schäuble und seinen Leuten zu ver- wichtigste, aber nicht die einzige Persona-
scher an die Spitze der EZB gehöre, allein, stehen, dass sie nichts gegen einen Deut- lie, die bei den Institutionen der Eurozone
um den Landsleuten die chronische Furcht schen an der Spitze der mächtigen Noten- ansteht. Zu vergeben ist beispielsweise
vor Geldentwertung zu nehmen. Eigent- bank einzuwenden hätten – nur sollte es auch der Posten des Euro-Gruppen-Chefs.
lich sind die Umstände gut für eine Beru- eben nicht ausgerechnet Weidmann sein. Die Amtszeit des Niederländers Jeroen
fung Weidmanns. Die Wirtschaft der Euro- Der gilt ihnen als allzu selbstbewusster Dijsselbloem läuft Anfang 2018 aus. Als
zone erholt sich, und wenn die Entwick- Vertreter jener traditionellen Bundesbank- Nachfolger bringt sich Frankreichs Finanz-
lung so weitergeht, müsste der Deutsche politik, die stets das Geld knapphalten minister Bruno Le Maire in Stellung.
nicht mehr die alte Krisenstrategie à la will. Mit Weidmann, so die Befürchtung Und nun soll ausgerechnet der Ehrgeiz
Draghi fortführen, stattdessen könnte er in den Südländern, sei eine flexible und der Franzosen den Deutschen helfen,
den Ausstieg aus der Politik des billigen pragmatische Krisenpolitik, etwa der mas- Weidmann an die Spitze der EZB zu hie-
Geldes organisieren. Er könnte 2019 exakt senhafte Ankauf von Staatsanleihen, nicht ven. Denn auch ein französischer Euro-
der Richtige sein, einen neuen Kurs der zu machen. Gruppen-Chef ist schwer durchzusetzen:
EZB glaubhaft zu verkörpern. So jeden- Merkel und Schäuble wollen jedoch, Schließlich stellt das Land mit Pierre Mos-
falls die Idee der Deutschen. ihre Wiederwahl vorausgesetzt, hart blei- covici bereits den Währungskommissar in
Doch es formiert sich Widerstand. Und ben. „Wir haben nur einen qualifizierten der EU-Kommission.
auf Draghi fällt der Verdacht, diesen Wi- Kandidaten im Angebot, und das ist Weid- Das Berliner Kalkül ist simpel: Würde
derstand mitzuorganisieren. Der Italiener mann“, heißt es im Regierungslager. Des- die Bundesregierung Frankreich in dieser
soll sich dafür einsetzen, anstelle seines sen Weg an die Spitze wollen die beiden Machtfrage entgegenkommen, könnte sie
2018 ausscheidenden Vizes Vítor Constân- Unionspolitiker ebnen, indem sie nächstes sich im Gegenzug die Unterstützung Frank-
cio den Chef der niederländischen Zentral- Jahr zunächst den spanischen Wirtschafts- reichs für Weidmann sichern.
bank Klaas Knot zu installieren. Die EZB minister Luis de Guindos für das Amt des Peter Müller, Christian Reiermann

DER SPIEGEL 38 / 2017 85


Wirtschaft

„VW lässt uns im Stich“


Dieselskandal Dirk Weddigen von Knapp, Verbandschef der deutschen VW- und Audi-Händler,
über den Frust der Autoverkäufer und sein Verständnis für prozessierende Kunden

Weddigen von Knapp, 62, Vorsitzender des die Grenzwerte auch auf der Straße Weddigen von Knapp: Herr Müller spricht
Volkswagen und Audi Partnerverbands, vertritt schaffen. kein Wort mit uns. Wir reden mit dem Ver-
1330 Händler und 970 Servicepartner der Mar- SPIEGEL: Und das glauben Sie einem Kon- trieb für Deutschland.
ken VW und Audi. VW vertreibt rund drei Viertel zern, von dem nun alle wissen, dass ihm SPIEGEL: Und was sagt Ihnen der Vertrieb?
seiner gut 600 000 jährlich verkauften Autos nicht zu trauen ist – schon gar nicht, wenn Weddigen von Knapp: Die tun so, als ginge
in Deutschland über die Händler. es um Abgaswerte geht? das Leben weiter wie bisher. Der Vertrieb
Weddigen von Knapp: Das ist eine Fangfrage, macht eine Händlerkonferenz und will
SPIEGEL: Zwei Jahre Dieselskandal – was die beantworte ich nicht. Als Kaufmann dort mit uns über die Verkaufsziele im
macht das mit den VW-Händlern im Land? kann ich nur die Eigenschaften zur Kennt- nächsten Jahr reden. Als wäre der Abgas-
Weddigen von Knapp: Im September 2015 hat nis nehmen, die mir der Hersteller zu- skandal eine Grippe, die schnell überstan-
uns die Nachricht überrascht, dass Volks- sichert. den ist. Dabei müsste der Vertrieb jetzt
wagen, den wir bis dahin für den Konzern SPIEGEL: Jetzt drücken Sie sich davor, die erst mal mit uns darüber sprechen, welche
der Konzerne gehalten haben, betrogen Dinge beim Namen zu nennen. wirtschaftlichen Folgen der Skandal für
hat. Ausgerechnet der Hersteller, der bis Weddigen von Knapp: Nein, bestimmt nicht. die Händler hat. Wenn eine Krise die Au-
ins Kleinste perfekt sein wollte, der das Wir haben einen Skandal, und wie der tohäuser so trifft wie diese, müsste unter
Spaltmaß zwischen zwei Blechen zum Konzern damit umgeht, das ist unglaublich. wirklichen Partnern viel mehr darüber ge-
Maß aller Dinge erklärt hat. Was da ans Die Wolfsburger reden jetzt von einer „In- redet werden.
Licht kam, hat die Händler in eine Krise dustrie-Diskussion“. Das muss man sich SPIEGEL: Der Konzern ist vermutlich so mit
gestürzt wie noch nie. Viele von ihnen sind auf der Zunge zergehen lassen. Sie meinen sich beschäftigt, dass ihn die Händler ge-
mit Volkswagen groß geworden, auch damit, der Dieselskandal sei eigentlich rade nicht sehr interessieren.
wohlhabend. Nun standen sie vor einem kein Volkswagen-Thema, sondern ein The- Weddigen von Knapp: Den Eindruck muss
Problem, das sich keiner hatte vorstellen ma der deutschen Autoindustrie insgesamt. man haben. Die Händler haben jedenfalls
können. Wir waren entsetzt – und glauben Das ist eine grobe Verletzung ethischer das Gefühl, dass Volkswagen sie im Stich
Sie mir: nicht nur aus Angst ums Geschäft. Werte. Man bekennt sich nicht mehr schul- lässt. Mit Vorführ- und Werkswagen stellt
SPIEGEL: Bei den Händlern lief danach die dig für das, was man verursacht hat. Das VW ihnen Autos auf den Hof, dafür müs-
größte Rückrufaktion in der Geschichte von empfinde ich als schwierig. sen sie jetzt die Verluste hinnehmen. Trotz-
VW an. Softwareupdates für 2,4 Millionen SPIEGEL: Haben Sie das VW-Vorstandschef dem kümmert sich der Konzern nicht um
Autos mit dem Dieselmotor EA 189. Matthias Müller schon gesagt? ihre Sorgen. Im Gegenteil: Gerade jetzt will
Weddigen von Knapp: Es klingt vielleicht Audi einen neuen Händlervertrag durch-
merkwürdig, aber das hat uns Händler erst drücken. Dann könnte Audi das wichtige
mal beruhigt: Rückrufaktionen, das ken- Vergraulte Kundschaft Geschäft mit Großkunden ohne die Händ-
nen wir, damit werden wir fertig. Bis heute Veränderung gegenüber 2014 ler machen. Das läuft mit uns nicht.
sind 90 Prozent der betroffenen Autos + 13,6 SPIEGEL: Wie sieht denn in Zeiten von Die-
geflasht, wie wir das nennen, haben also selgate der Alltag auf dem Hof Ihrer Au-
die neue Software bekommen. Dann aber tohäuser aus?
rollte Ende 2016 die nächste Manipula- Pkw-Neuzulassungen + 10,4 Weddigen von Knapp: Wenn die Leute kom-
tionswelle an, bei den Temperaturfenstern, in Deutschland, men, ist das allererste Thema: Was ist los
in denen die Abgasreinigung läuft. Und Zunahme in Prozent mit meinem Auto? Meinem Diesel? Kann
seit dem Dieselgipfel Anfang August geht ich das überhaupt noch weiterfahren? Wie
es um alle Euro-5-Dieselmotoren. Die VW- kannst du mir garantieren, dass der Wagen,
Händler fühlen sich so, als wären sie den du mir für 40 000 Euro aus meiner Fa-
keuchend aus dem Wasser aufgetaucht, + 5,6 milienkasse verkauft hast, so läuft, wie er
und gleich drückt sie wieder einer runter. soll?
SPIEGEL: Würden Sie selbst noch einen Die- SPIEGEL: Haben sich die Händler schon an
sel kaufen? brüllende Kunden gewöhnt?
Weddigen von Knapp: Das habe ich getan. Weddigen von Knapp: Die gibt es vermutlich
Einen Golf Diesel mit Euro-6-Motor. auch. Verbrieft ist aber die elend lange
SPIEGEL: Aber selbst bei einem Touareg mit Zeit, die man mit der Beruhigung von Au-
Euro-6-Motor können Sie keinem Kunden tokäufern verbringt; Familienväter und
mehr garantieren, dass er damit demnächst -mütter oder Rentner, die bisher jedes Golf-
noch in die Stadt kommt. Modell gekauft haben. Und jetzt kommen
Weddigen von Knapp: Wir Händler geben ja – 0,2 noch die Fuhrparkmanager hinzu. Und die
keine Garantie. VW-Marktanteil Klempner, die Schreiner, die Heizungsin-
SPIEGEL: Volkswagen auch nicht. in Deutschland, – 2,0 stallateure, die zu Hunderten in der Stadt
Weddigen von Knapp: Dann verstehen Sie ja Abnahme in Prozentpunkten herumfahren, alle mit Dieseltransportern.
auch, in welcher Rolle der Händler ist. – 3,3 Was machen die, wenn morgen die Städte
Schwierig. Aber VW verspricht uns, dass gesperrt werden? Die haben wir jetzt auf
die aktuellen Euro-6-Modelle den ak- 2014 2015 2016 2017* der Matte stehen, die fragen: Ist das euer
tuellen Zulassungsregeln entsprechen und *Januar bis August Ernst? Was liefert ihr mir hier für ein Auto?
86 DER SPIEGEL 38 / 2017
Klagen anhängig, macht 4000 Klagen. Und
wir haben etwa 950 kleinere Betriebe, je-
der mit rund 5 Klagen. Zusammen noch
mal 4750. Aber das ist nur der Anfang.
Ende 2017 läuft eine wichtige Frist ab. Des-
halb wird bis zum Jahresende noch ein
ganzer Schwung hinzukommen.
SPIEGEL: Was heißt das für die Autohäuser?
Weddigen von Knapp: Der Händler wird ver-
klagt und muss sich einen Anwalt nehmen.
Der reicht den Fall bei VW ein; dort wird
ihm gesagt, wie er sich zu verhalten habe.
Wenn er sich daran nicht hält, übernimmt
der Konzern hinterher nicht die Kosten.
SPIEGEL: Was hat Volkswagen den Händ-
lern zugesagt?
Weddigen von Knapp: Dass der Konzern die
Gerichtskosten ersetzt. Aber so wie bisher
geht das nicht weiter. Die VW-Händler müs-
sen in Vorleistung gehen und bis zum Ende
des Gerichtsverfahrens durchhalten. Audi
rechnet schon nach der ersten Instanz ab,
das haben wir gerade mit Audi so verab-
redet, und das ist fair. VW macht das nicht.
Dort wird erst am Ende abgerechnet. Aber
wenn ich als Händler 80 Verfahren habe
und damit in die zweite Instanz muss, habe
ich 80 Mal gut 20 000 Euro auf der Uhr.
SPIEGEL: Sie sagen doch, im Prinzip halten
Sie die Ansprüche für nachvollziehbar.
Trotzdem muss der Händler gegen den
Kunden kämpfen und für VW die Klage
durchziehen.
Weddigen von Knapp: Ja, grotesk. Das ist
eine perverse Situation, und sie führt dazu,
dass wir diese Kunden nie mehr wiederse-
hen. Wer klagt, den haben wir als Kunden
verloren, das ist doch klar. Für diese Kun-
SONJA OCH / DER SPIEGEL

den sind wir der Feind. Und die erzählen


das noch herum, bei Freunden, Verwand-
ten, die Kläger sind nur die Spitze des Eis-
bergs. Mich fragen die Händler: Was ma-
chen wir mit den Kundenverlusten? Wir
Funktionär Weddigen von Knapp: „Das ist eine perverse Situation“ haben diese Kunden aufgebaut, über Jahre,
Jahrzehnte, manche Stammkunden seit
SPIEGEL: Gab es schon Prügel? Anspruch. Wenn ich etwas kaufe, über- Generationen, die kannten schon unsere
Weddigen von Knapp: Das nicht, aber etwas, zeugt davon, es ist gut, und dann erfahre, Eltern, Großeltern. Wenn eine Familie
das auf Dauer schlimmer ist: tiefe Enttäu- es ist nicht gut, vielleicht kann ich bald Volkswagen fuhr, fuhr sie immer wieder
schung. Auf diese Enttäuschung zielen die nicht mal mehr in die Stadt fahren, dann Volkswagen. So haben wir 21 Prozent
Anwälte, die immer systematischer Kun- bin ich kalt enteignet. Mein Auto ist nicht Marktanteil erreicht. Und jetzt sind wir
den angehen, damit sie klagen. Nicht ge- mehr das wert, was es noch wert wäre, vor Gericht mit ihnen.
gen den Konzern. Gegen uns, die Verkäu- wenn VW nicht manipuliert hätte. SPIEGEL: Wie viel Umsatz haben die VW-
fer, wegen arglistiger Täuschung. SPIEGEL: Trotzdem geht VW mit vielen Klä- Händler verloren?
SPIEGEL: Dass sich der Kunde einen Anwalt gern durch die Gerichtsinstanzen. Weddigen von Knapp: Seit 2015 rund drei
nimmt, kann man verstehen. Allein hat er Weddigen von Knapp: Was Volkswagen Prozentpunkte Marktanteil. Das sind in
gegen einen Konzern, der sich so hart ge- macht, vergrätzt die Kunden noch mehr. Deutschland etwa 73 000 neue Autos weni-
gen Ansprüche wehrt, doch kaum eine Volkswagen spricht nur von 5000 anhängi- ger im Jahr. Aber die größten Sorgen ma-
Chance. gen Klagen. Aber laufende Verfahren ha- chen uns die Rückläufer aus Leasingverträ-
Weddigen von Knapp: Ich verstehe das total, ben wir mehr. Wir wissen, dass allein die gen. Die Preise für gebrauchte Diesel gehen
wir sind die Allerletzten, die unsere Kun- Kanzlei Stoll & Sauer in Freiburg 3700 Kla- nach unten. Wenn der Händler es über-
den nicht verstehen. Wenn ich ein norma- gen betreibt. Die Kanzlei Baum Reiter & haupt schafft, so einen Rückläufer gleich
ler Kunde wäre und hätte eine Rechts- Collegen in Düsseldorf will 5000 Klagen zu verkaufen, macht er heute je nach Typ
schutzversicherung, würde ich auch kla- gegen VW einreichen. Ich mache zur Ein- bis zu 3000 Euro Verlust gegenüber dem
gen. Die Käufer nehmen nur ihr Recht in schätzung noch eine Rechnung auf: Zu un- Restwert, mit dem er das Auto vor der Die-
die Hand. Die wollen ihr Auto ausge- serem Händlernetz gehören 50 Großunter- selkrise kalkuliert hatte. Allerdings stehen
tauscht bekommen oder ihr Geld zurück. nehmen, die mehrere Händler vereinigen. die Höfe voll, es dauert länger, bis der Wa-
Selbstverständlich ist das ein berechtigter Diese Großen haben im Schnitt rund 80 gen verkauft ist. In der Zwischenzeit fallen
DER SPIEGEL 38 / 2017 87
VERNUNFT
die Preise noch mehr. Wenn das so weiter-

FÜR EINE BESSERE geht, werden die Händler in wirtschaftliche


Schwierigkeiten geraten.
SPIEGEL: Lässt sich das stoppen?
Weddigen von Knapp: Ja, wenn VW endlich

WELT bereit ist, seine Kunden in der Krise an-


ständig zu behandeln. Der Dieselgipfel hat
nicht gut funktioniert. Man hätte nicht
bloß das nächste Softwareupdate beschlie-
ßen sollen. Anständig wäre die Hardware-
lösung gewesen, das Nachrüsten von Bau-
teilen. Weil nur das wirklich taugt. Nur da-
mit ist garantiert, dass der Großteil der
Stickoxide aus dem Abgas herausgewa-
schen wird. Und nur dann kommt das Ver-
trauen der Kunden in den Diesel zurück.
SPIEGEL: Der Softwareflash kostet rund 70
Euro, die harte Nachrüstung 1500 Euro und
mehr.
Weddigen von Knapp: Stimmt, aber das ist
zu kurz gedacht. VW braucht einen hohen
Dieselanteil, um bis 2020 das CO2-Ziel der
EU von 95 Gramm pro Kilometer für die
gesamte Flotte zu schaffen. Sonst zahlt
VW Milliarden-Bußgelder. Nicht einmal,
sondern jedes Jahr. Deshalb sollte der Kon-
zern nachrüsten. Nur das wäre ein ver-
nünftiger Umgang mit dem Kunden, und
nur so könnte der Konzern den Diesel re-
habilitieren, damit wieder mehr Dieselau-
tos gekauft werden. Die Nachrüstung kos-
tet zwar auch Milliarden, aber nur einmal.
SPIEGEL: Warum bekommen Sie das nicht
in die Köpfe in Wolfsburg?
Weddigen von Knapp: Weil dort die Meinung
vorherrscht, dass es mit 70 Euro getan ist.
Es geht ums Geld, einzig und allein ums
Geld. 70 Euro sind 70 Euro und 1500 Euro
sind 1500 Euro.
SPIEGEL: Weniger Verkäufe, hohe Verluste
mit Leasingautos, jede Menge Ärger vor
Gericht – was erwarten Sie vom Konzern,
der Ihnen das eingebrockt hat?
Weddigen von Knapp: Wir haben vor knapp
drei Wochen einen Brief an Herbert Diess
geschrieben, den Vorstandsvorsitzenden der
Marke VW, und haben angekündigt, dass
272 Seiten mit Abbildungen · Gebunden · A 20,00 (D) die Händler Schadensersatz fordern. Darin
Auch als E-Book erhältlich steht, dass wir dazu ein Rechtsgutachten in
Auftrag gegeben haben und darüber mit
ihm in Kürze reden wollen. Und natürlich,
SPIEGEL-Autoren und Historiker porträtieren die dass wir die harte Nachrüstung fordern. Ich
habe bis heute keine Antwort bekommen.
großen Denker der Aufklärung wie Voltaire, Kant, Rousseau SPIEGEL: Um welche Summe geht es?
und Lessing und zeigen die ganze Vielfalt und Vielstimmigkeit Weddigen von Knapp: Warten wir das Gut-
achten ab. Wir wollen Geld dafür, dass
der Epoche anhand ihrer prägenden Ideen und Entwicklungen. Händler viele Stunden dafür opfern muss-
Eine ebenso kluge wie kurzweilige Einführung in eine der ten, Klagen zu lesen und mit ihren Anwäl-
ten zu reden. Das könnte ein einstelliger
spannendsten Episoden europäischer Geistesgeschichte. Millionenbetrag werden. Dazu kommen
die Verluste bei den Leasingrückläufern
und bei den Gebrauchtwagen, sicher eine
hohe zwei- bis dreistellige Summe. Eines
ist klar: So lange das nicht geklärt ist, müs-
sen wir über die Verkaufsziele des nächs-
ten Jahres nicht reden.
Interview: Jürgen Dahlkamp, Frank Dohmen

www.dva.de 88 DER SPIEGEL 38 / 2017


Wirtschaft

einer Ladestation opfern muss? Und die Dann müssten ihr sämtliche Eigentümer

Saftlos in der im Zweifel dann noch gerade besetzt


ist?
Auch der Dieselgipfel vergangene Wo-
zustimmen. Wird sie hingegen als Moder-
nisierung betrachtet, wäre eine Dreiviertel-
mehrheit ausreichend.

Tiefgarage che in Berlin hat keine befriedigende Ant-


wort auf die Frage gegeben, wie sich die
Ladehemmung in der Tiefgarage beseiti-
Welche Variante im Einzelfall zutrifft,
legen die Gerichte unterschiedlich aus:
eine unbefriedigende Situation.
Immobilien Das größte gen ließe. Die Bundesregierung hat zwar Vor einem Jahr brachten die Länder
den Mobilitätsfonds auf eine Milliarde Sachsen und Bayern im Bundesrat einen
Hindernis für den Erfolg von Euro aufgestockt, damit können sich Kom- Gesetzentwurf ein, der die Frage regeln
Elektroautos: Es gibt munen Elektrobusse anschaffen oder Stro- sollte – und die gängige Rechtsauffassung
Millionen Parkplätze, aber mer für die eigene Autoflotte. Die private auf den Kopf stellte. Er sieht nämlich vor,
Lade-Infrastruktur in Mehrfamilienhäu- dass jeder Eigentümer eines Stellplatzes
kaum Ladestationen. sern werde dagegen von der Politik „sträf- und sogar jeder Mieter einen Anspruch
lich vernachlässigt“, kritisiert Martin Kaß- auf eine Steckdose bekommt; eine Zustim-

A
lle zwei Wochen fährt Thomas De- ler, Geschäftsführer des Dachverbands mung der Nachbarn wäre demnach nicht
genfelder zu McDonald’s. Nicht Deutscher Immobilienverwalter. mehr nötig. Ein bemerkenswerter Vorstoß
weil er Hamburger und Pommes Kaßler vertritt bundesweit rund 2200 der Freistaaten, leider aber hilft das Papier
so gern mag: Degenfelder lädt dort die Bat- Hausverwalter. Immer öfter höre er von nur bedingt weiter, da ein zentrales Pro-
terien seines Elektroautos auf. Die Strom- den Mitgliedern, dass die Frage der Lade- blem nonchalant übergangen wird: wer
Tankstelle auf dem Parkplatz der Fast- stationen Eigentümergemeinschaften ent- nämlich die Kosten trägt. Und die können
Food-Kette im Münchner Stadtteil Solln zweie, berichtet Kaßler. Das Problem: Die erheblich sein.
ist eine von nur drei Ladestationen in Rechtslage ist nicht eindeutig. Sie hängen insbesondere davon ab, wie
einem Umkreis, in dem fast 100 000 Bürger Wer auf dem Stellplatz eines Mehrfami- viele Anschlüsse zu legen sind. Geht es
leben. „Es ist beinahe unmöglich, hier an lienhauses einen Stromanschluss einrich- nur um eine Ladestation, mag das vorhan-
Stoff zu kommen“, sagt Degenfelder. ten will, muss sich nach geltendem Recht dene Hausnetz den zusätzlichen Bedarf
Gern würde er seinen Renault Zoe dort die Zustimmung der Eigentümer einholen, verkraften. Melden aber weitere Autofah-
laden, wo er einen Stellplatz gemietet hat, schließlich tangieren die nötigen Arbeiten, rer ebenfalls Interesse an einer Steckdose
in einer benachbarten Tiefgarage. Doch etwa das Verlegen von Leitungen, gemein- an, stößt das System vielfach an Grenzen
die Gemeinschaft der Eigentümer sperrt schaftliches Eigentum. Juristisch unklar ist und bricht zusammen. Auf solche Lasten
sich gegen die Installation einer Ladesta- indes, ob die Installation einer Ladestation ist das Stromnetz vor allem älterer Gebäu-
tion. Degenfelder wäre sogar bereit, die als bauliche Veränderung zu werten ist: de selten ausgelegt.
Kosten von rund 2000 Euro für In diesen Fällen muss die elek-
Gerät und Einbau weitgehend trische Infrastruktur oft rundum
zu übernehmen – vergebens. erneuert werden. Es ist nötig,
„Eine Mentalitätsfrage“, sagt er, neue Leitungen zu verlegen,
„die wollen das einfach nicht.“ Mauern zu durchbrechen und
Mit solchen Problemen kämp- ein Lademanagementsystem ein-
fen zurzeit viele E-Auto-Pionie- zurichten, das die Stromvertei-
re. Sie möchten ihr Fahrzeug lung steuert. Da kommen be-
bequem zu Hause über Nacht trächtliche Kosten zusammen,
an eine sogenannte Wallbox bei größeren Objekten können
hängen, aber die Vermieter stel- es hohe fünfstellige Summen
len sich quer. Selbst wenn ihnen sein – plus die regelmäßigen Aus-
die Stellfläche gehört, scheitert gaben für die Wartung.
eine Installation vielfach am Es ist also kaum damit getan,
Veto der Miteigentümer. Die Fol- lediglich den Anspruch auf eine
ge: Kaum einer der schätzungs- Steckdose gesetzlich festzu-
weise vier Millionen Parkplätze, schreiben, wenn in Mehrfamili-
die den rund neun Millionen Ei- enhäusern zunächst die Elektrik
gentumswohnungen hierzulan- aufgerüstet werden muss. Ver-
de zuzurechnen sind, ist mit ei- bandsgeschäftsführer Kaßler
ner Steckdose ausgestattet. regt ein nationales Förderpro-
Damit fehlt einem Großteil gramm an. Rund hundert Mil-
der Bevölkerung in Deutschland lionen Euro sollte die Bundes-
ein entscheidender Anreiz zum regierung bereitstellen, schlägt
Umstieg auf ein Elektroauto. er vor, immerhin unterstütze sie
Zwar belohnt der Staat den den Bau öffentlicher Ladesäu-
Kauf mit einer Prämie von bis len mit dem dreifachen Betrag.
zu 4000 Euro, er gewährt sogar Erst wenn private Stellplätze
DIETER MAYR / DER SPIEGEL

eine Befreiung von der Kfz- mit Ladestationen ausgestattet


Steuer für zehn Jahre. Und den- seien, werde das Elektroauto für
noch: Wer mag sich schon ein viele Bürger zu einer ernsthaf-
E-Mobil zulegen, wenn er regel- ten Alternative, meint Kaßler:
mäßig viel Zeit für den Besuch „In der Tiefgarage entscheidet
sich die Zukunft der Elektro-
* An öffentlicher Ladestation in Pullach. E-Auto-Fahrer Degenfelder*: „Beinahe unmöglich, an Stoff zu kommen“ mobilität.“ Alexander Jung

DER SPIEGEL 38 / 2017 89


Wirtschaft

Kult allein
Analyse Das teuerste iPhone aller Zeiten ist nicht gerade innovativ,
verkaufen wird es sich trotzdem.

F
ast fünf Milliarden Dollar hat das neue Apple-Haupt- mehr zur Konzernphilosophie. Bislang funktioniert das.
quartier gekostet, das teuerste jemals gebaute Ge- Auch die Apple Watch kam Jahre später als andere Smart-
bäude Amerikas. Nun thront es als gigantischer watches und verkaufte sich trotzdem besser. Aber diese
Fremdkörper inmitten der Kleinstadt Cupertino, schön Strategie geht nur auf, solange die Käufer glauben, bei
und elegant natürlich, aber auch gewaltig, protzig, fett. Apple immer noch die besten Produkte zu bekommen.
Ein Angeberbau. Eine Machtdemonstration. Kult allein reicht auf Dauer nicht.
Seit dem Tod von Steve Jobs im Jahr 2011 gab es immer Das Jubiläums-iPhone ist vor allem ein defensives Gerät.
wieder Phasen, in denen versucht wurde, Apple abzu- Es bietet wenig Neues, holt vor allem Neuerungen der
schreiben und ein Ende der kulturellen Bedeutung des Konkurrenz nach. Etwa das kabellose Laden, von anderen
Konzerns vorherzusagen. Weil es nicht mehr so gut laufe, seit Jahren angeboten. Ein spezieller Chip für maschinelles
weil nichts mehr wirklich brillant sei, weil es an transfor- Lernen soll die Software klüger, die Apps besser machen
mativen Ideen fehle: iPhone, iPad – und jetzt? Das war’s? und etwa ermöglichen, das Gesicht der Nutzer zu erken-
Am schlimmsten dabei schien die Abhängigkeit vom nen, um das Gerät freizuschalten. Ähnliches haben Firmen
iPhone; gut 60 Prozent des gesamten Umsatzes mit einem wie Google schon vor Jahren eingeführt. Hinzu kommen
einzigen Produkt, das kann doch nicht gut gehen. Oder? neue Sensoren, um unter anderem mit einer Infrarotka-
Das erste iPhone, auf den Markt gebracht vor zehn mera Gesichter oder Gegenstände dreidimensional zu kar-
Jahren, hat die Welt verändert, aber dieses Rad lässt tieren. Auch das gibt es bei anderen Geräten schon lange.
sich nicht ständig neu erfinden, zehn So wie das iPhone den Anfang der
Modellgenerationen später lassen Smartphone-Ära markiert, scheint
sich kaum neue Sensationen schaf- das iPhone X ihren beginnenden Nie-
fen. Und das versuchen sie auch dergang anzudeuten. Das Handy ver-
nicht; die Manager im neuen Haupt- liert zunehmend seinen Status als al-
quartier sind eher Realisten als les vereinendes Universalgerät.
Visionäre. Das Angebot zersplittert immer
Am vergangenen Dienstag haben weiter in immer kleinere digitale Hel-
sie mit gewohntem Pomp das Jubi- ferlein, von Smartwatches über spre-
läums-iPhone vorgestellt, versehen chende Lautsprecher von Amazon
mit einem X, der lateinischen Zehn, und Google bis hin zu Datenbrillen.
STEPHEN LAM / REUTERS

und natürlich muss es besonders sein, Was zählt, sind weniger Geräte als fle-
aber eben auch nicht zu sehr. Nach xible Dienste, die auf jeder Plattform
mehr als einer Milliarde verkaufte laufen: Uhr, Fernseher, Auto.
Geräte geht es vor allem darum, das Welche Dienste und Geräte sich
vielleicht einträglichste Produkt der durchsetzen werden, weiß niemand.
Geschichte so lange wie möglich am Auch Apple nicht. Das zeigte die hilf-
Leben zu halten: Massenprodukte lose Präsentation von sprechenden
können nur evolutionär, nicht revolutionär weiterent- Emojis, die den Mundbewegungen der Nutzer folgen, da-
wickelt werden. runter auch ein sprechender Hundehaufen.
Also hat Apple die neue Variante seines Longsellers Solche Albernheiten verdecken, dass manche Neuerung,
gerade so viel schicker und futuristischer gemacht, dass die Apple jetzt einbaut, ethisch fragwürdig ist. Einmal ge-
es sich teurer verkaufen lässt: 1149 Euro Einstiegspreis in hackt, wendet das iPhone die Gesichtserkennung gegen
Deutschland, positioniert für einen Markt, den es eigent- seinen Besitzer, es kann zum Überwachungsinstrument
lich nicht gibt: Luxusprodukte für die Masse. werden. Schon heute versucht Software, aus den Gesichts-
Apple ist vor allem ein Designkonzern. Das ist jederzeit zügen enorm viel über einen Menschen herauszulesen:
deutlich zu spüren, wenn man einerseits mit Designern ob er vermutlich lügt, welche sexuelle Orientierung er
des Konzerns spricht und dann mit Ingenieuren, da gibt hat. Apple sagt, die Daten aus der Erkennung blieben auf
es ein klares hierarchisches Gefälle. Zumindest aus Sicht dem Gerät, seien dort sicher. Doch was geschieht, wenn
der Designer: „Die Technikjungs schauen auf zu uns“, der Konzern dieses Vertrauen enttäuscht? Wenn Apple
sagt einer der Topgestalter, achselzuckend, natürlich, wie diesmal weder der Erste ist noch der Beste?
kann es anders sein. Das iPhone X wird dennoch ein Verkaufsschlager. Na-
Die Ingenieure sind genervt von diesem noch von Steve türlich. Im Weihnachtsquartal 2016 setzte Apple 78 Mil-
Jobs verfügten Primat des Designs. Sie müssen mitanse- lionen Stück der damals aktuellen iPhone-Generationen
hen, wie der Konzern bei technischen Grundsatzentwick- ab, dreieinhalb Millionen mehr als im Vorjahr. Der Umsatz
lungen den Anschluss verliert. Apple versucht aufzuholen, kletterte auf 78 Milliarden Dollar bei einem Gewinn von
arbeitet nun etwa im Bereich selbstfahrende Autos. knapp 18 Milliarden. Für das kommende Quartal gibt es
Man müsse nicht immer der Erste sein, wichtiger sei, schon Prognosen, sie sind leicht zu merken: mehr, mehr,
alles in Ruhe besser, schicker zu machen, das wurde immer mehr in allen Bereichen. Hilmar Schmundt, Thomas Schulz

90 DER SPIEGEL 38 / 2017


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Ausland
Südkorea SPIEGEL: Sind Sie enttäuscht, SPIEGEL: Bundeskanzlerin An-
„Wir sind der Kanzle- dass die jüngsten Uno-Sank- gela Merkel hat angeboten,
tionen gegen den Norden in der Koreakrise zu vermit-
rin sehr dankbar“ stark abgeschwächt wurden? teln. Könnte das nützlich
Chung Eui Yong, Chefsicher- Chung: Härtere Sanktionen sein?
heitsberater von Südkoreas wären natürlich besser gewe- Chung: Wir sind Kanzlerin
Präsident Moon Jae In, über sen. Aber für uns ist wichtig, Merkel sehr dankbar, dass sie
die Gefahr eines neuen Korea- dass die Uno-Resolution ein- uns helfen will. Wir heißen
kriegs und das Vermittlungs- stimmig angenommen wurde. ihr Angebot willkommen.
angebot Merkels Nun kommt es allerdings Die Koreakrise ist eine Ange-
darauf an, dass sie auch prak- legenheit von globaler Bedeu-
SPIEGEL: Wie ist die Situation tisch umgesetzt wird. tung. Deutschland hat bereits
auf der koreanischen Halb- SPIEGEL: Präsident Moon kam bei den Gesprächen über das
insel? mit dem Versprechen ins Atomabkommen mit Iran
Chung: Sehr ernst. Wir sind Amt, die Versöhnung mit eine positive Rolle gespielt.
sehr besorgt über die wachsen- dem Norden voranzutreiben. SPIEGEL: Könnte dieses Ab-
den Spannungen. Wir verfü- Ist diese Politik gescheitert? kommen ein Modell sein?
gen über keine Kommunika- Chung: Nein, aber unser Ziel Chung: Die beiden Fälle las-
tionskanäle mit dem Norden. ist es, die koreanische Halb- sen sich nicht einfach verglei-
Falls es zu Missverständnissen insel von Nuklearwaffen zu chen. Aber wir könnten aus
auf der unteren Ebene des Mi- befreien und Frieden in den Erfahrungen lernen, die
litärs kommt, könnte die Lage der Region zu schaffen. Der bei den Verhandlungen mit
plötzlich eskalieren. Die Serie Norden hat schlimme Pro- Iran gemacht wurden.
von Raketentests und der vokationen begangen. Des- SPIEGEL: Wie zuversichtlich
jüngste Nukleartest haben be- halb müssen wir unmiss- sind Sie, dass es zu Verhand-
stätigt, dass der Norden tech- verständlich klarmachen, lungen kommt?
nologische Fortschritte macht. dass wir dem Norden, falls er Chung: Wenn Nordkorea
Südkorea, die USA und Japan nicht den richtigen Weg nicht aufhört, nukleare Waf-
sorgen sich über die Möglich- einschlägt, nicht mehr helfen fen zu testen und Raketen ab-
keit eines zweiten Koreakriegs. können, sich aus der selbst zufeuern, glaube ich nicht,
Präsident Moon Jae In will ver- verschuldeten Isolation zu dass wir mit Verhandlungen
hindern, dass es dazu kommt. befreien. beginnen können. ww

USA eben verloren. „What Hap- Sicht von Clinton passiert


Hätte, hätte pened“ hat Hillary Clinton ist – in Wirklichkeit ist es na-
ihr heiß erwartetes Buch über türlich ein therapeutisches
Was haben wir falsch ge- den verlorenen Präsident- Werk, das die Fehler und Pro-
macht? Das ist eine der wich- schaftswahlkampf gegen Do- bleme katalogisiert, die ein-
tigsten und unwichtigsten Fra- nald Trump genannt. Und zeln vermeidbar gewesen
gen der Politik. Wichtig, weil auch wenn es eigentlich er- wären und zusammen dazu
man aus Fehlern lernen sollte. zählt, was in diesen verrück- führten, dass Trump US-Prä-
Unwichtig, denn: Verloren ist ten anderthalb Jahre aus sident wurde und Clinton
Fußnote

883
nicht. Die E-Mail-Affäre, die
unterschätzt wurde. Die man-
gelnde Aufmerksamkeit, die
sie den Arbeitern widmete,
deren Stimmen die Wahl in
einigen Staaten entschieden. Flüchtlinge sind laut der
Der Einfluss, den die Russen italienischen Polizei zwi-
nahmen. Der Kampf mit schen Januar und August
Bernie Sanders. Clinton ist per Jacht aus der Türkei
selbstkritisch, zerknirscht in Sizilien eingetroffen. Es
und kämpferisch, wenn sie sei ein ungewöhnlicher
davon erzählt. Sie will die Fluchtweg, der vor allem
Niederlage verstehen, um sie von wohlhabenden Fami-
hinter sich zu lassen. Die ent- lien aus Syrien und Afgha-
scheidende Einsicht versteckt nistan genutzt werde, die
sich allerdings in einem Ne- bis zu 100 000 Euro für
bensatz. „Wir mussten die die komfortable Überfahrt
SETH WENIG / DPA

Clinton-Müdigkeit beden- zahlten, so ein Polizei-


ken“, räumt sie ein. Nicht ge- sprecher. Einige der Jach-
mocht zu werden – das war ten seien Motorboote,
leider kein Fehler, der sich die jede Verfolgungsjagd
Clinton bei Buchvorstellung in New York hätte vermeiden lassen. rap gewinnen können.

92 DER SPIEGEL 38 / 2017


Mit letzter Kraft
Diese Frau aus Burma hat es auf einem Boot über
die Meerenge nach Bangladesch geschafft.
Sie gehört den muslimischen Rohingya an, die in
ihrer mehrheitlich buddhistischen Heimat als
illegale Einwanderer verfolgt werden. Gut ein Drittel
von ihnen ist in den vergangenen drei Wochen
vor einer weltweit kritisierten „Anti-Terror-Opera-
tion“ des Militärs ins Nachbarland geflohen: bis
zu 400 000 Menschen. Viele von ihnen treffen ent-

DANISH SIDDIQUI / REUTERS


kräftet und unterernährt ein.

Analyse

Polnische Wutbürger
Warum der aggressive Kurs der Regierung im Inland beklatscht wird
Es gibt ein neues politisches Subjekt in Europa: den Wutbür- aus polnischer Sicht eine Art europäische Oberschicht sind.
ger. Er hasst die meisten Parteien und misstraut den Medien, Die nächste PiS-Kampagne zeichnet sich schon ab.
er fühlt sich betrogen, und er will keine Muslime im Land. In Da wird es um die sogenannte Repolonisierung polnischer
Frankreich wählt er den Front National, in Deutschland die Medien gehen. Die PiS bereitet ein Gesetz vor, das ausländi-
AfD, in Polen ist er an der Macht. Mit der EU, ihrem wichtigs- schen Konzernen, wie etwa dem Ringier-Axel-Springer-Verlag,
ten Partner, hat sich die rechtsnationalistische Regierung zer- verbieten soll, mehr als 20 Prozent Anteil an Zeitungen oder
stritten. Jetzt geht es wieder gegen die deutschen Nachbarn. Sendern zu besitzen. Derzeit halten sie rund 70 Prozent. Die
Bis zu eine Billion Dollar an Kriegsentschädigungen könnte Botschaft an Kaczyńskis Wutbürger-Anhänger: Wir zeigen
Warschau demnächst von Deutschland fordern. Eine juristisch diesen aus dem Ausland bezahlten Journalisten mal, wie der
aussichtslose Forderung, doch darum geht es nicht. Jaroslaw Pole wirklich denkt. Außerdem schützen wir unser Land und
Kaczyński, Chef der Regierungspartei „Recht und Gerechtig- schrauben die Globalisierung ein Stück zurück.
keit“ (PiS), weiß, was er tut. Die Vorstöße der Regierung PiS-Politik ist vor allem die Reproduktion von Feindbildern.
folgen einer eigenen, scharfen Rationalität. Immer wieder in- Das Versprechen lautet: Wir verstehen eure Wut, wir schüt-
szeniert sie den Kampf der einfachen Leute gegen betrüge- zen euch, ihr müsst euch nicht ändern. Im Augenblick liegt
rische Eliten und stärkt so den Zusammenhalt ihrer Anhänger. die PiS damit in den Umfragen 17 Prozentpunkte vor der
Im Fall der Reparationen geht es gegen die Deutschen, die stärksten Oppositionspartei. Jan Puhl

DER SPIEGEL 38 / 2017 93


Ausland

Zwei Leben in Ruinen


Syrien Die Befreiung von Rakka, der einstigen Hochburg des IS, steht unmittelbar
bevor. Erste Einwohner kehren zurück, Angehörige von IS-Kämpfern
werden in Lagern festgehalten, darunter auch eine Deutsche. Von Christoph Reuter

S
o viel Sehnsucht nach einer eigentlich oben, die sich am Himmel aufwölbt, bis Kinder von arabischen Familien aufgenom-
unspektakulären Stadt: Überall in grauer Dunst zurückbleibt, der langsam men wurden.
den sonnendurchglühten Dörfern verweht. Als der IS Anfang 2014 Rakka endgültig
und Städten Nordostsyriens, in den Flücht- Manchmal, sagt Khalil, dauere es auch eroberte, setzte er eine gespenstische
lingslagern und halben Ruinen, in denen zwei, vier Minuten, „aber höchstens zehn“. Wechselbewegung in Gang: Zehntausende
Flüchtlinge aus Rakka seit Monaten, teil- Dann ist einer der fortwährend über Rakka Menschen verließen nach und nach die
weise seit Jahren hausen, fiebern sie ihrer kreisenden amerikanischen Jets nahe ge- Stadt, einige von ihnen flohen nach
Rückkehr entgegen. Schwärmen von den nug, um das gemeldete Ziel zu vernichten. Deutschland. Von dort wiederum kamen
Abenden in den „Casino“ genannten Knei- Von einer der vordersten Stellungen unter über 900 der „Muhadschirun“, der auslän-
pen am Euphratufer. Sprechen von ihren Khalils Kommando im fünften Stock eines dischen Anhänger des IS, viele von ihnen
Häusern und Gärten, als hätten sie im Gar- Hauses, dessen Fenster mit Wolldecken zog es nach Rakka. Für sie lag dort das
ten Eden gewohnt. verhängt sind, ist das hitzeflimmernde In- Heil, während für andere das Leben in der
Bis ins 100 Kilometer entfernte Tall ferno zu sehen, das einmal Rakkas Innen- Stadt zum Horror wurde.
Abjad haben zwei Brüder Weintrauben stadt war: ein Ruinenmeer, grau und men- So erging es auch einer Deutschen und
aus ihrem Garten in Mischlab mitge- schenleer. zwei Syrern, deren Pfade sich zwischen
bracht, dem ersten befreiten Viertel im Es ist ein Kampf gegen einen meist un- Rakka und Baden-Württemberg gleich
Südosten der Stadt: „Wir dürfen noch sichtbaren, militärisch einfallsreichen Geg- zweimal kreuzten: Die Frau aus Weinheim
nicht zurück, aber konnten nachsehen, ob ner: „Alles ist vermint, die setzen Scharf- machte sich Ende Juni 2014 auf den Weg
das Haus noch steht“, erzählt einer von schützen ein, manchmal Selbstmordatten- zum IS, um, wie sie sagt, dort endlich ein
ihnen. Die Trauben schmecken nach: täter in gepanzerten Wagen“, so Khalil. islamisches Leben führen zu können. Der
Trauben. Aber sie werden serviert wie Am tückischsten seien die Sprengstoffdroh- syrische Grundschuldirektor und ein
eine rare Köstlichkeit. nen des IS: winzige, von Weitem nicht hör- Freund fliehen im selben Monat vor dem
Seit dem 6. Juni greifen die kurdisch bare Fluggeräte mit ein paar Hundert IS aus Rakka und landen in Deutschland;
kontrollierten Truppen der „Syrian Demo- Gramm Sprengstoff, die kurz nach Son- einer in Dortmund, der andere in Meßstet-
cratic Forces“ (SDF) mit massiver ameri- nenaufgang auf die Dächer gelenkt wer- ten, über zwei Autostunden südlich von
kanischer Luftunterstützung Rakka an, die den. Dort schlafen die Soldaten, wenn Weinheim.
inoffizielle Hauptstadt des „Islamischen Temperaturen über 40 Grad die Häuser in Im Juni 2017 wiederum will die Deut-
Staates“ auf syrischer Seite. Anfang Sep- Backöfen verwandeln. sche aus Rakka fliehen, wird festgenom-
tember erklärten sie, die Altstadt vollstän- Erst vor Kurzem tötete eine Drohne ei- men und in einem Flüchtlingslager nörd-
dig eingenommen zu haben und damit nen von ihnen, verwundete fünf weitere lich der Stadt interniert. Im selben Monat
etwa 65 Prozent des Stadtgebietes. Nur Männer. Weswegen der Befehl erfolgte, hält es den Grundschuldirektor nicht mehr
noch wenige Wochen werde es dauern bis schon im Morgengrauen die Dächer zu räu- in Deutschland. Er geht zurück nach Rak-
zur gänzlichen Befreiung. men. Und dann seien da natürlich die Tun- ka und baut in seinem befreiten Dorf west-
Wie sieht sie inzwischen aus, die Stadt nel, erzählt Khalil, wie überall im IS-Ge- lich der Stadt die erste Schule wieder auf.
der Sehnsucht? Es dauert Tage, bis die biet. Der Stadtuntergrund sei durchzogen Ein Spiegelbild der Wege: der Reiserou-
Genehmigung erteilt wird, ins Innere zu von ihnen, manche hätten Stromleitungen, ten ebenso wie der Lebensentwürfe.
fahren. Aus Straßen sind Schluchtenpfade Licht, einer sogar einen Lastenaufzug. Vie- Das erste Zusammentreffen mit der 32-
zwischen aufragenden Häuserruinen, le würden entdeckt, aber längst nicht alle. jährigen Deutschen, die vor über drei Jah-
Schuttbergen und unwirklich verbogenen Weshalb immer wieder Stoßtrupps des IS ren allein zum IS nach Syrien reiste, be-
Autowracks geworden. Man kann mit ge- hinter den Linien auftauchen, zuschlagen ginnt ungewöhnlich: „Der SPIEGEL? Sie
schlossenen Augen spüren, dass Rakkas und wieder verschwinden. haben doch schon vor 20 Jahren über mich
Mitte näher rückt. Es riecht. Erst nur ver- Rakka ist derzeit die Hölle. geschrieben, Nadja Ramadan, guten Tag!“
einzelt, dann immer öfter, bis der Geruch Aber für andere ist diese Stadt mit ihren Nadja war damals von ihrem eigenen
nicht mehr fortgeht. Es riecht nach Leichen einst zweckmäßigen Wohnblocks und ein- Vater, einem Libanesen, entführt worden.
in allen Stadien der Verwesung, die unter stöckigen Familienhäusern noch immer Das sieben Jahre alte Mädchen lebte bei
den Geröllschichten einst mehrstöckiger das Paradies. Erst vor einigen Wochen stol- der Mutter in Deutschland, ihre Eltern hat-
Wohnhäuser liegen. perte die Gruppe der letzten 30, 40 Arme- ten sich scheiden lassen. Der Vater, der
„40 Sekunden“, sagt Luqman Khalil mit nier Rakkas aus der Kampfzone, bleich, wegen Rauschgiftbesitz und anderer De-
müdem Stolz, einer der SDF-Kommandeu- die Männer mit wüsten Bärten. Sie hatten likte in einem deutschen Gefängnis saß,
re an der Ostfront der Stadt. Länger dau- sich bis dahin geweigert, die Stadt zu ver- wollte im Hafturlaub seine Tochter sehen,
ere es oft nicht von der ersten Meldung lassen, hatten die islamische „Kopfsteuer“ entführte sie aber in den Libanon. Die Be-
einer IS-Position, meist eines Scharfschüt- an den IS bezahlt und ausgeharrt. Sie woll- amten hatten ihm seinen Pass ausgehän-
zen, bis zum Einschlag einer Rakete oder ten nicht gehen, denn Rakka, so sagten digt und ihn ausreisen lassen.
Bombe und dem Verschwinden der IS- sie, sei 1915 die Rettung für ihre Großväter Sieben Jahre bleibt Nadja im Libanon,
Position. Wo eben noch ein Haus war, und vor allem Großmütter vor dem türki- der Vater zieht immer wieder mit ihr um,
schießt eine turmhohe Staubwolke nach schen Genozid gewesen, als armenische für eine Weile geht sie auf eine Koran-
94 DER SPIEGEL 38 / 2017
ALICE MARTINS / DER SPIEGEL
ALICE MARTINS / DER SPIEGEL

Rakka nach einem US-Luftangriff, Kämpfer der „Syrian Democratic Forces“: Es riecht nach Leichen in der Stadt

DER SPIEGEL 38 / 2017 95


Ausland

ALICE MARTINS / DER SPIEGEL


Ehefrau Ramadan mit Sohn, Grundschüler in Salhabija westlich

schule. Mehrmals folgt die nach Beirut ge- Zur selben Zeit flieht Fadi al-Hadi, der ihn so sehr geliebt, habe nie Freundinnen
flogene Mutter im Taxi dem Schulbus, ver- Direktor der Ibn-Ruschd-Grundschule in eingeladen. Ich hatte Angst, hinterher hei-
zweifelt, hilflos, wissend, wo die Tochter Salhabija, einem Dorf westlich von Rakka: ratet er die noch. Er ist alles für mich, mein
ist – aber außerstande, sie zurückzuholen „Ich war Monate zuvor bei den allerletzten Mann, Vater, Freund.“
aus diesem Land, dessen Gerichte das Demonstrationen gegen den IS dabei ge- Die Seelenverletzte und der Einbeinige,
Trennungskind dem Vater zusprächen. wesen. Als sie einen aus unserer Gruppe sie fügen sich zu einem seltsamen Ganzen:
Ihr Leben sei nicht schön gewesen, sagt ermordeten, wussten wir, dass sie uns alle „Zwischen uns durfte nichts kommen! Die
die Tochter heute in dem tristen Büro, das umbringen werden.“ Er entkommt über Zeit unter IS-Herrschaft war die beste Zeit
der Direktor des Flüchtlingslagers, in dem die Türkei, mit dem Boot nach Griechen- meines Lebens“, sagt die zierliche, voll-
sie nun festgehalten wird, für das Gespräch land, dann geht es zu Fuß weiter. „Die har- kommen verschleierte Frau. Es ist ein ver-
zur Verfügung gestellt hat. Treffender wäre te Route“, sagt er, „über Albanien, Mon- störender Satz.
zu sagen, dass ein Grauen auf das nächste tenegro, durch die Berge, weiter nach Ser- Fadi al-Hadi, der fast gleichaltrige Schul-
folgte. Als Nadja 14 ist, zwingt ihr Vater bien, Ungarn“, über Zäune, durch Gräben. direktor, erlebt erst in Dortmund, dann in
sie, einen Cousin zu heiraten, der in Wein- Er braucht zweieinhalb Monate, erreicht Leipzig, wie Freiwillige sich monatelang
heim lebt. schließlich Deutschland. um ihn kümmern, „obwohl sie uns über-
„Sie haben mich bedroht: Wenn ich rede Nadja Ramadan heiratet in Rakka, wird haupt nicht kannten“. Er begegnet Pegi-
oder abhaue, bringen sie mich um. Und schwanger. Nach einer Weile ziehen sie da-Pöblern in Dresden, geht in Museen,
ich habe mich gefügt, bekam mein erstes weiter ins irakische Tall Afar. Ihr Mann „ich wollte verstehen, wieso der Staat hier
Kind, mit 18 mein zweites, dann ein drittes. verliert ein Bein bei einem Bombenangriff. funktioniert“. Er reist viel durch Deutsch-
Ein Jahr lang hatte ich Angstzustände, Als Invalide, sagt sie, habe er im Fernmel- land. Eine winzige Szene hat sich ihm ein-
dachte, ich sterbe. Ich habe den Mann deamt gearbeitet. Sie wird plötzlich laut, geprägt: „Es war in Wuppertal, spät
nicht geliebt, sondern mich gefühlt, als ob als es um den Terror des IS geht, erklärt, abends im Winter. Da stand eine Frau an
ich das alles nur spiele. Aber mein Glaube sie sei schnell gereizt, weil jeder sie frage: einer roten Ampel. Es war eiskalt, der
wuchs in dieser Zeit. Im Traum ist mir Mo- Hast du Bomben gelegt? Warst du bei Ent- Schnee stand knöchelhoch, die Straße war
hammed, der Prophet, erschienen. Ich hauptungen dabei? Hattet ihr auch Skla- menschenleer, aber sie wartete auf Grün.“
habe mich islamisch bedeckt, die Gebete vinnen? Er liebe diese Hingabe an die Regeln
befolgt. Das hat mir Ruhe gegeben.“ Dabei sei sie doch immer zu Hause ge- eines funktionierenden Miteinanders. Das
Mit 26 verlässt sie ihren Ehemann und wesen. Kochen, im Koran lesen, putzen, Gefühl von Verantwortung. „Warum ist
die drei Kinder, geht in ein Frauenhaus, ab und an einen Film sehen. Schießen kön- unser Land nicht so?“
schließlich in ein Familienheim – und dann ne sie nicht, sie habe Angst vor Waffen. Im Irak zieht sich der Belagerungsring
nach Rakka: „Über Facebook habe ich „Ich wollte in Ruhe in einer islamischen um die IS-Gebiete Anfang 2017 enger zu.
einen gläubigen Mann gesucht und gefun- Welt leben, Gott dienen und meine Kinder Aber auch auf syrischer Seite kämpfen
den.“ Einen Deutschtürken, der bereits großziehen.“ Auch mit ihren syrischen und sich die Soldaten der SDF über Monate
beim IS in Rakka ist: „Ich solle rasch zu irakischen Nachbarn habe sie nie etwas zu durch die Dörfer des Umlandes an den Eu-
ihm kommen, meinte er, dort sei ein isla- tun gehabt, „ich war es ja gewohnt, immer phrat heran. Nadja Ramadan und ihr
misches Leben möglich.“ Anderthalb Tage allein zu sein. Das macht mir nichts aus“. Mann gehen zurück nach Rakka, Mitte
nach ihrer Ankunft in Istanbul wird sie Am Anfang habe sie nicht einmal etwas Mai wird dort ihr zweiter Sohn Moham-
schon über die Grenze und nach Rakka ge- dagegen gehabt, wenn ihr Mann noch eine med geboren.
bracht: „Es war wie ein Spaziergang.“ 2014 zweite Frau geheiratet hätte. „Aber als er Ende Mai erfolgt der Sturm auf Salhabi-
hat die türkische Regierung noch nichts da- dann sein Bein verloren hatte, während ja, Fadi al-Hadis Dorf westlich von Rakka,
gegen, dass Tausende Dschihad-Jünger aus ich gerade schwanger war, habe ich ihn ge- er kann sich nicht mehr auf seinen
aller Welt über die Türkei zum IS strömen. pflegt, war für ihn da. Und dann habe ich Deutschkurs konzentrieren: „Da ging es
96 DER SPIEGEL 38 / 2017
ALICE MARTINS / DER SPIEGEL

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von Rakka, ehemaliger Flüchtling Fadi al-Hadi: „Mir war klar, ich muss zurück“

um meine Heimat, meine Familie! Und ich gern loswerden. Nur wie? „Wenn jemand Nun beginnt jeden Morgen, sonntags
sollte Vokabeln lernen. Ich hielt es nicht von ihrer Familie oder den deutschen Be- bis donnerstags, um acht Uhr der Unter-
mehr aus. Mir war klar: Ich muss zurück!“ hörden kommt, kann er sie sofort mitneh- richt in der einzigen funktionierenden
Im Jobcenter raten sie ihm ab, deutsche men, solange man die Verantwortung für Schule weit und breit. Auch Schüler aus
Freunde sind bestürzt, aber nichts stimmt sie übernimmt!“ umliegenden Dörfern kommen. Nur vier
ihn um. Dreimal bewirbt er sich um ein Ihre Mutter Helga hat die Hoffnung nie Räume sind nutzbar. Keiner der sieben
türkisches Visum, dreimal wird es abge- aufgegeben, ihre Tochter aus Syrien zu- Lehrer bekommt ein Gehalt. Seit Mai ist
lehnt: „Da bin ich nach Griechenland ge- rückzuholen. Aber noch weiß sie nicht, Salhabija sich selbst überlassen, es gibt
flogen und auf demselben Schmuggelpfad wie sie ins Kurdengebiet hinein und mit keinen Strom, kein Leitungswasser, kein
durch den Grenzfluss im Norden zurück- ihrer illegal eingereisten Tochter wieder Telefonnetz. Fadi al-Hadi arbeitet nach-
gekehrt. Verrückt“, er sagt es auf Deutsch, herauskommen soll. mittags auf den Feldern seiner Familie und
„alle wollten in die Gegenrichtung.“ Er Von den deutschen Behörden sei nichts bangt dem Winter entgegen: „Wir müssen
nicht. Griechische Grenzer, die ihn aufgrei- zu hören. Die Offiziellen im Verhör hätten die Fenster reparieren, brauchen Öfen,
fen, sind erst verwundert, dann gerührt Nadja gesagt: „Euer Land will euch nicht. Diesel, etwa 8000 Euro. Woher wir die
und lassen ihn ziehen. Was können wir dafür?“ nehmen sollen? Entweder kommt Hilfe
Tage später kommt er in Salhabija an. 70 Kilometer weiter südlich haben Fadi von außen – oder wir werden bei jeder
Eine US-Rakete hat eines der beiden Ge- al-Hadi und ehemalige Lehrer den unzer- Familie sammeln.“
bäude seiner alten Schule zerstört, wo sich störten Teil der Grundschule in Salhabija Nadja Ramadan hat im Lager das einzi-
die letzten beiden IS-Männer des Ortes wiederhergerichtet. Aus dem Schutt ha- ge Erinnerungsstück an ihren Mann ver-
versteckt hatten. Kurz darauf folgt ihm Ab- ben sie Pulte, Stühle und drei Sessel fürs kauft – „ein kleiner Gold-Dinar vom ‚Isla-
dullah aus Meßstetten, Fadi al-Hadis Büro geborgen und geputzt; jede Familie mischen Staat‘, den er mir geschenkt hatte.
Freund aus den Tagen der ersten Demons- musste Hefte und Stifte für die Kinder Ich brauche das Geld, um Windeln zu kau-
trationen gegen die Diktatur 2011. kaufen. fen. Es wäre gut, wenn Deutschland mir
Zur selben Zeit beschließt Nadja Rama- „Als ich ankam“, erinnert sich der Rück- einen Weg weisen würde, zurückzukom-
dans Mann, seine Frau und die Kinder kehrer, „war der IS ja schon weg. Aber die men“, sagt sie. „Denn aus meinen Kindern
aus der Stadt zu bringen. Ein Schmuggler Angst vor ihm saß noch so tief, dass alle soll etwas werden, sie sollen ein ganz nor-
soll die drei durchs Kurdengebiet bis in wie gelähmt waren. Sie fragten mich: Dür- males Leben haben. Nicht so ein kaputtes
die Türkei geleiten. Im Morgengrauen des fen wir denn die Schule einfach aufma- wie ich.“ Während sie das sagt, spielt ihr
19. Juni beginnt ihre Fahrt, an einem chen? Mein Vorgänger, der alte Direktor zweieinhalbjähriger Sohn Nuh draußen
Kontrollposten der Kurden endet sie. Für mit Parteibuch, sagte, er werde abwarten, mit dem fünfjährigen Abu Bakr, Sohn ei-
18 Tage landen sie im Gefängnis von Ko- bis Baschar al-Assad die Wiedereröffnung ner anderen IS-Frau, benannt nach Abu
bane, danach im Flüchtlingslager von Ain anordne. Aber das habe ich in Deutschland Bakr al-Baghdadi, dem Anführer des „Is-
Issa, in der Abteilung für IS-Angehörige. gelernt: nicht warten. Machen! Wir haben lamischen Staates“.
Zwölf Frauen, 34 Kinder und ein Telefon. drei Jahre verloren, in denen es hier über- Irgendwo in einem Keller in Rakka sitzt
Aber sie leben. haupt keine Schule gab. Drei Jahre, in de- währenddessen Nadjas Mann, mit einem
„Wir erleben sie hier als kooperativ und nen man aus Kindern alles machen konnte, Bein, kann nicht vor, nicht zurück. Bleibt
moderat“, sagt Dschalal Ajaf, der Direktor gütige Menschen oder Monster.“ Der IS er, treffen ihn irgendwann die Angreifer.
des Lagers, „auch vom Geheimdienst liegt habe Monster aus ihnen machen wollen, Versucht er, sich mit einer weißen Fahne
nichts gegen sie vor. Sonst hätten die sie habe mit Süßigkeiten, Gewinnspielen und bis zur Front durchzuschlagen, werden die
ja gar nicht hierher gebracht.“ Videos für die Kleinen angefangen, um die eigenen Leute auf ihn schießen.
Nadja Ramadan will das Lager verlassen, Älteren dann in seine Trainingscamps zu „Man stirbt nur zu dem Zeitpunkt, der
auch Ajaf würde seine Mustergefangene locken. von Gott gegeben ist“, sagt seine Frau. I
DER SPIEGEL 38 / 2017 97
Ausland

Dinner mit Chuck und Nancy


Analyse Donald Trump schließt Deals mit den Demokraten, zum Entsetzen
der Republikaner. Will er etwa doch noch zum überparteilichen Präsidenten werden?

E
s ist nicht wahnsinnig kompliziert, in den USA eine Unzufriedenen im Land, das ja, aber Trump hat weder
neue Partei zu gründen. Man braucht, abhängig vom die Geduld noch die Weitsicht, diesen Menschen eine
Bundesstaat, einige Tausend Unterschriften von Mit- politische Heimat zu geben.
streitern und muss sich bei der Wahlkommission registrie- Die Republikaner sind heute schon in Wahrheit zwei
ren. Der schwierige Teil ist, eine neue Partei in einem Parteien. Da ist zum einen ein Rumpf aus Pragmatikern
Land zu verankern, das seit anderthalb Jahrhunderten wie die Senatoren John McCain oder Jeff Flake, und da
von Demokraten und Republikanern beherrscht wird. ist die radikallibertäre Bewegung, als deren Wegbereiter
Die Parteienfrage wird gerade wieder diskutiert. Vori- Stephen Bannon auftritt. Dennoch gibt es keine Anzeichen
ge Woche schloss Donald Trump im Streit um die Staats- dafür, dass die Partei sich tatsächlich spalten könnte. Die
schulden überraschend einen Pakt mit den Demokraten, Republikaner wissen, dass das vermutlich Selbstmord wäre.
vorbei an seiner Partei. Zum Entsetzen seiner Partei- Interessant ist aber, dass sich Demokraten wie Republi-
freunde lud Trump am Mittwoch auch noch die beiden kaner zehn Monate nach Trumps Wahl immer noch nicht
demokratischen Fraktionschefs zum Dinner ins Weiße mit der veränderten Realität arrangieren können. Ähnlich
Haus, Chuck Schumer und Nancy Pelosi – oder, wie wie in Europa bilden die Parteien auch in den USA nicht
Trump sie inzwischen nennt, „Chuck und Nancy“. mehr die Lager ab, die es noch vor 20 oder 30 Jahren gab.
Für viele Republikaner klingt das wie der Titel eines Für die Republikaner ist das besonders schmerzhaft.
schlechten Films. Trump steckt wie ein Keil in seiner Partei. Trotz ihrer
Danach hieß es von den Mehrheit im Kongress konn-
Demokraten, sie hätten sich te sie kein größeres Geset-
mit Trump darauf geeinigt, zesvorhaben umsetzen.
einen gesetzlichen Schutz Natürlich stritten sich auch
für Kinder illegaler Einwan- Präsidenten vor ihm mit ih-
derer einzuführen. Die Mau- ren Parteifreunden. Barack
er zu Mexiko sei vom Tisch. Obama ärgerte sich mit den
Breitbart, einstmals Trumps Demokraten herum, George
Kampforgan, schimpfte ihn W. Bush mit den Republi-
daraufhin „Amnesty Don“, kanern. Aber keiner von
Amnestie-Donald. Schnell er- Trumps Vorgängern machte
WIN MCNAMEE / GETTY IMAGES

klärte er, es habe keine Eini- sich so lustvoll Feinde. Das


gung gegeben. Die Mauer Tragische aus Sicht der Re-
werde trotzdem kommen, al- publikaner ist, dass Trump
lerdings erst „später“. erfolgreich sein könnte,
Was hat der Präsident vor? wenn er sich nicht selbst dau-
„Trump kippt 150 Jahre der ernd im Weg stünde.
Zwei-Parteien-Herrschaft“, Politiker Trump Viele Amerikaner wün-
schrieb die „New York Times“ schen sich, dass das Militär
vergangene Woche. So bombastisch das klingt, so voreilig weniger Kriege führt, dass Handelsverträge „fairer“ werden,
und unwahrscheinlich ist ein solches Szenario. Aber es dass das Gesundheitssystem besser wird und das Steuer-
stimmt auch, dass Trump nie über eine gefestigte Ideologie system effizienter. Sie wollen, dass die Regierung in Straßen,
verfügte. Mindestens fünfmal in seiner irrlichternden Kar- Brücken und Innenstädte investiert. Für all das hätte es par-
riere wechselte er die Partei. Er ist ein Populist, der gegen teiübergreifende Mehrheiten gegeben. Trump hätte sie zu
das Establishment antrat. Nachdem es den Republikanern Beginn mit beiden Händen packen können. Jetzt ist es dafür
nicht gelungen war, wie von Trump gewünscht, Barack Oba- wohl zu spät. Zu viel hat der Mann im Weißen Haus inzwi-
mas Gesundheitsreform abzuschaffen, twitterte er erbost schen zerstört. Es ist gerade erst vier Wochen her, dass er
über „die Republikaner“, als wäre er nicht selbst einer von sagte, auch unter Neonazis gebe es „very fine people“.
ihnen. Trump sehnt sich nach Anerkennung und reagiert Trump hat den Diskurs des Anstands verlassen. Für Chuck
zornig, wenn sie ihm verwehrt wird. Feinde sind für ihn Schumer und Nancy Pelosi ist es unmöglich, mit ihm län-
jene Menschen, die ihm nicht schnell genug Erfolge bringen, gerfristig zu kooperieren, selbst wenn es strategisch sinnvoll
auch wenn sie auf seiner Seite sind. Er setzt auf kurzfristige wäre. Die demokratische Basis würde rebellieren.
Siege, nicht auf langfristige Allianzen. Dieser Mann wird kein Pragmatiker mehr, er lässt sich
Könnte Trump eine eigene Partei gründen? Einige sei- nicht einbinden in die täglichen Verhandlungen, Kämpfe
ner Unterstützer glauben, er könnte sich dann auf seine und Kompromisse, die eine Demokratie ausmachen. Seine
politische Agenda konzentrieren, ohne dass ihn moderate Affäre mit Chuck und Nancy wird ein Seitensprung blei-
Republikaner bremsen. Aber wofür stünde eine Trump- ben, der erratische Akt eines Unberechenbaren. Donald
Partei? Für Gier, Lügen, Heuchelei? Eine Trump-Doktrin Trump war nie Republikaner. Die Partei wird ihn aushal-
gab es nie, Trumpisten auch nicht. Es gibt ein Meer der ten müssen, wohl oder übel. Christoph Scheuermann

98 DER SPIEGEL 38 / 2017


sischen Ethnie. Ein potenzieller Konflikt-
herd?
Ratas: Viele der russischsprachigen Esten
beziehen ihre Informationen noch immer
über Nachrichtenkanäle aus Moskau. Aber
die Situation verbessert sich mittlerweile.
SPIEGEL: Sie selbst werden von Gegnern
bis heute als Einflussagent Moskaus be-
zeichnet. Ihre Zentrumspartei hat vor Jah-
ren eine Zusammenarbeit mit Wladimir
Putins „Einiges Russland“ beschlossen.
Ratas: Diese Übereinkunft ist nicht mehr
in Kraft. Aber wahr ist, dass uns viele rus-
sischsprachige Esten wählen. Ich will, dass
diese Bevölkerungsminderheit in meiner
Partei mit der estnischsprachigen Bevöl-

VAYAR MILITARY AGENCY / DPA


kerungsmehrheit vereint wird.
SPIEGEL: Bundespräsident Frank-Walter
Steinmeier hat bei seinem jüngsten Besuch
in Estland erstaunlich deutlich Russland
kritisiert. Reicht das?
Ratas: Es war ein sehr gutes Treffen. Stein-
Weißrussische Militärfahrzeuge auf dem Weg zum Manöver: 60 Panzerstunden bis Tallinn meier ist ein hervorragender Kenner Est-
lands. Und Deutschland engagiert sich zu-

„Unsere Armee ist stark“


sätzlich hier in der Luftraumüberwachung.
SPIEGEL: Viele Fragen, die Steinmeier zu
beantworten hatte, bezogen sich auf den
zukünftigen Posten Gerhard Schröders als
Estland Regierungschef Jüri Ratas über die Bedrohungslage durch das Aufsichtsratsmitglied beim halbstaatlichen
Konzern Rosneft. Wie sehen Sie das?
russisch-weißrussische Militärmanöver „Sapad“ und das Engagement Ratas: Schon als Schröder begann, mit Gaz-
von Altkanzler Gerhard Schröder beim Ölkonzern Rosneft prom zusammenzuarbeiten, war das eine
böse Überraschung für uns. Wie schon an-
Ratas, 39, ist seit November vergangenen chen, die schnell in Tallinn sein könnten, dere vor mir sagten: Das ist politische Kor-
Jahres Ministerpräsident Estlands, das zurzeit dann antworte ich: In EU- oder Nato-Mit- ruption, das dürfte nicht erlaubt sein.
die EU-Ratspräsidentschaft innehat. gliedsländern gab es bisher keinen Krieg. SPIEGEL: Schröder ist bei der geplanten neu-
Alle Länder, auch die Russische Födera- en Gaspipeline Nord Stream 2 aktiv, gegen
SPIEGEL: Am Donnerstag hat das russisch- tion, müssen eines verstehen – wir stehen die nicht nur die Esten protestieren. Ver-
weißrussische Großmanöver „Sapad“ be- unter dem Nato-Schutzschirm, Artikel 5 letzt dieses Projekt europäische Vereinba-
gonnen. Wissen Sie eigentlich, wie viele beschreibt die Beistandsverpflichtung. Ich rungen?
Soldaten aus beiden Ländern unweit Ihrer hoffe, wir werden sie nie benötigen. Ratas: Das hat bereits die Europäische
eigenen Grenze im Einsatz sind? SPIEGEL: Sind Sie sicher, dass die Bündnis- Kommission festgestellt. Und da wir der-
Ratas: Die Zahlen, die uns vorliegen, sind partner zur Stelle wären, wenn an einzel- zeit die EU-Ratspräsidentschaft innehaben,
um ein Vielfaches höher als die von russi- nen Stellen in Estland gezündelt würde? fällt uns das Mandat zu, über dieses Pro-
scher Seite angegebenen 12 700 Streitkräf- Ratas: Ja, ich bin davon überzeugt. Ver- jekt im Namen der EU so zu verhandeln,
te. Wir haben das nicht aus der Luft ge- pflichtungen sind einzuhalten. Entweder dass es den europäischen Regeln ent-
griffen. Wir verfügen über eigene Abtei- wir stehen im Ernstfall zusammen, oder spricht. Eines aber ist klar: Nord Stream 2
lungen, die das Ganze überwachen. Es die Nato hat sich erledigt. kollidiert mit den Grundlagen europäi-
sieht so aus, als ob da an die 100 000 Mann SPIEGEL: Gerade war Nato-Generalsekretär scher Energiepolitik.
aufmarschiert seien. Wir sind trotzdem ru- Jens Stoltenberg bei Ihnen zu Gast. Gibt SPIEGEL: Wann beginnen die Verhandlun-
hig und selbstbewusst. es Anlass zur Sorge? gen?
SPIEGEL: Ein russischer Panzer brauchte Ratas: Wir fühlen uns nicht unmittelbar be- Ratas: Sobald wir von den EU-Mitglied-
kaum 60 Stunden bis nach Tallinn. Können droht. staaten mehrheitlich damit beauftragt wer-
die Nato-Soldaten aus Groß- SPIEGEL: Sie sehen keine Pa- den. Aber die Zeit drängt, an der Pipeline
britannien und Frankreich, die rallelen zu dem, was nach wird ja bereits gebaut. Wahrscheinlich
in Ihrem Land stationiert sind, russischen Manövern 2008 in müssen wir trotzdem bis nach der Bundes-
Sie wirklich schützen? Georgien geschah und 2014 tagswahl warten.
Ratas: Unsere eigene Armee auf der Krim? SPIEGEL: Weil vor allem die Deutschen,
ist stark, unsere Gesellschaft Ratas: Da gibt es keine Paralle- Außenminister Gabriel an der Spitze, das
PHOTOTHEK / GETTY IMAGES

ist es auch. Weit stärker als zu len zu ziehen. Wir sind in der Projekt unterstützen, mit dem russisches
Sowjetzeiten. Ich habe gerade EU und in der Nato. Hinzu Gas geliefert werden soll?
mit dem britischen Außenmi- kommt: Wir haben keine rus- Ratas: Ob das Unterfangen komplett ge-
nister Boris Johnson über das sischen Truppen oder Mili- stoppt wird, hängt tatsächlich von der deut-
Manöver „Sapad“ gesprochen. tärstützpunkte auf unserem schen Regierung und den dortigen Geneh-
Wir sind ja Mitglied der EU Staatsgebiet. migungsbehörden ab. Denn auf deutschem
und aktives Nato-Mitglied. Premier Ratas SPIEGEL: Aber ein Viertel Ihrer Territorium käme das Gas ja an.
Wenn Sie von Panzern spre- „Böse Überraschung“ Staatsbürger zählt sich zur rus- Interview: Walter Mayr, Peter Müller

DER SPIEGEL 38 / 2017 99


Ausland

Vorwärts! Nur wohin?


Europa Die Sozialdemokraten stecken in der Krise. Wenn sie wieder Wahlen gewinnen wollen, müssen
sie sich neu erfinden. Denn es ist immer weniger klar, was das sein soll: Sozialdemokratie.

E
igentlich sollte es laufen. Christian ten. Wenn nun in Deutschland und im Mit „sozialer Gerechtigkeit“ möchte
Kern, der österreichische Bundes- Frühjahr in Italien gewählt wird, könnten Martin Schulz die Bundestagswahl gewin-
kanzler, ist an einem Spätsommer- sie in den letzten beiden Kernstaaten der nen. Doch die Arbeiterschaft, einst
abend wie ein Rockstar im Tourbus nach Europäischen Union (außer Österreich) Trägermilieu der Sozialdemokratie, ist
Illmitz im Burgenland gekommen. Er wird aus der Regierung fliegen. Dann wären es fragmentiert in gut verdienende Kernbe-
mit Jubel und Blasmusik empfangen und noch 6 von jetzt 28 Ländern. Alle an der legschaften und eine Peripherie von Leih-
hat vor lauter Selfiejägern Mühe, sich zur europäischen Peripherie: Malta, Portugal, arbeitern, die oft die gleiche Arbeit ma-
Bühne des Gewerkschaftsfests durchzu- Rumänien, Schweden, die Slowakei, Tsche- chen und dafür weniger Geld bekommen.
kämpfen, vor der etwa zweihundert Men- chien. In Griechenland regiert das links- Andere hängen in perspektivlosen Dienst-
schen warten. populistische Bündnis Syriza. In Tsche- leistungsjobs fest. Ist die Sozialdemokratie
Als er schließlich oben steht, spricht er chien wird im Oktober gewählt. Dass die noch die Partei der Arbeiter? Oder ist das
vom „österreichischen Traum“. Sozialdemokraten wieder gewinnen, ist nur noch eine ferne Erinnerung, an die
Kern erzählt von sich und davon, wie eher unwahrscheinlich. sich Bildungsaufsteiger klammern, die ihre
er es aus kleinen Verhältnissen nach oben Es gibt sogar ein neues Wort für diesen Heimat im öffentlichen Dienst gefunden
geschafft hat. Er redet über das Land und Absturz: Pasokisierung. So wie die Pasok, haben? So sehen zumindest die Fraktionen
darüber, was die Leute ihm von ihren Sor- die langjährige griechische Regierungspar- der SPD in den Parlamenten aus.
gen erzählen. Und er skizziert einen Plan, tei, die bei der Wahl von 2015 in die Be- Die Arbeit war der zentrale Begriff, um
aus Österreich wieder ein Land zu machen, deutungslosigkeit fiel. Ähnlich in den Nie- den sozialdemokratische Identität jahr-
in dem jeder „die Chance auf ein geglück- derlanden: Die traditionsreiche Partei der zehntelang kreiste, aus ihr bezog man all-
tes Leben bekommt“. So reden eigentlich Arbeit kam bei der letzten Wahl gerade täglichen Stolz und das Gefühl für den
amerikanische Präsidenten, nicht österrei- noch auf 5,7 Prozent. BenoÎt Hamon, der eigenen Wert. Der Wandel der Arbeits-
chische Sozialdemokraten. Kandidat der französischen Sozialisten, er- welt, die neuen Beschäftigungsverhältnisse
Dummerweise läuft es aber nicht. Trotz reichte bei den Präsidentschaftswahlen mit wie der Aufstieg der Dienstleistungen und
eines guten Kandidaten, eines guten Wahl- 6,4 Prozent nur den fünften Platz. Bei den die Digitalisierung haben all das durch-
kampfs und einer guten Lage im Land – Wahlen zur Nationalversammlung lande- einandergeworfen. Als wäre das nicht ge-
die Arbeitslosigkeit liegt bei zwei Prozent, ten die Sozialisten bei erbärmlichen nug, funktioniert auch das Parteiensystem
das Wachstum bei gut zwei Prozent. 9,5 Prozent. In Polen sind die Sozialdemo- als Ganzes nicht mehr wie früher: Wer sich
Besser als in Deutschland. Doch in den kraten gar nicht mehr im Parlament. heute engagiert, tut dies oft lieber in einer
Umfragen bewegt sich die SPÖ seit Mo- Dabei gibt es bei vielen Wählern einen Bürgerinitiative als in einer Partei. Das
naten zwischen 22 und 28 Prozent. Das Wunsch nach sozialer Sicherheit. So lässt trifft besonders die Sozialdemokraten, die
wird nicht reichen, um den Kanzler zu sich wohl auch der kurzzeitige Aufstieg immer Mitgliederparteien waren, Organi-
stellen. von Martin Schulz am Anfang des Jahres sationen der Ortsvereine – und der Funk-
Kern, 51, war Chef der österreichischen erklären, als er die SPD in den Umfragen tionäre. Heute sind die Arbeiterparteien
Bundesbahn, bevor er im vergangenen nach oben zog und bis auf einen Prozent- vor allem Rentnerparteien. Das enge Ge-
Jahr Kanzler wurde. Er war der Mann, der punkt an die CDU herankam. Dann stürz- flecht von Vereinen und Organisationen,
während der Flüchtlingskrise 2015 dafür te er ab. Das lag bestimmt am unentschlos- das sie einmal unterhielten und das die
sorgte, dass die Sonderzüge fuhren. Er ver- senen Wahlkampf der SPD, und an Schulz verschiedensten Menschen zusammenhielt,
drängte den glücklosen Werner Faymann selbst, der nicht mehr begeistern kann. ist zerrissen. Viele der kleinen Leute wäh-
von der Regierungsspitze. Kern hat ein jun- Doch auch an einem größeren Problem. len Rechts- oder Linkspopulisten.
ges Team um sich gesammelt, in seinem Niemand weiß mehr so richtig, was das Wie in Italien. Dort hat die populistische
Bus ist kaum jemand älter als Ende dreißig, eigentlich sein soll: Sozialdemokratie. Fünf-Sterne-Bewegung des früheren Fern-
Multimedialeute jagen Filme in die sozia- Was erstaunlich ist. Waren nach der Fi- sehkomikers Beppe Grillo, 69, die Sozial-
len Netzwerke. Doch wenn kein Wunder nanzkrise von 2008 nicht die Rückkehr des demokraten in den Umfragen hinter sich
geschieht, wird Kern nach dem 15. Okto- starken Staats und das Ende des Finanz- gelassen. Zwar ist „manische Zersplitte-
ber abtreten müssen. kapitalismus ausgerufen worden? Driften rung“ ein stabiler Bestandteil der Ge-
Das liegt auch an Sebastian Kurz, 31, Arm und Reich nicht fast überall in Europa schichte der italienischen Linken, wie der
seinem Herausforderer. Der hat seine Par- auseinander? Gäbe es nicht allen Grund, „Corriere della Sera“ schreibt. Doch der-
tei, die österreichischen Konservativen, in jetzt sozialdemokratisch zu wählen? zeit ist ihre Lage besonders ärgerlich, weil
eine bunte Wahlliste verwandelt, er setzt Die Sozialdemokraten haben Westeuro- alles vor Kurzem noch so gut aussah. Der
auf seine Jugend und einen strammen pa geprägt wie keine andere politische Be- Ex-Premier Matteo Renzi, 42, verspielte
Anti-Islam-Kurs. Im persönlichen Ver- wegung. Ihre Vorstellungen sind bis weit seinen Posten mit einem Referendum, ist
gleich liegen Kern und Kurz in den Um- ins bürgerliche Lager selbstverständlich ge- aber zurückgekehrt, um die Demokra-
fragen zwar fast gleichauf. Der staatsmän- worden. Der Wohlfahrtsstaat, die Idee, tische Partei wieder zu führen. Eine Partei,
nische Kern sieht neben Kurz aber aus wie dass die Stärkeren Verantwortung für die in der ihm der Rückhalt fehlt, weil er den
ein Vertreter des Bestehenden. Die Men- Schwächeren haben oder dass jeder die Altgenossen zu fortschrittsfreundlich,
schen verbinden ihn trotz allem mit der gleiche Chance zur gesellschaftlichen Teil- wirtschaftsliberal und gewerkschaftsfeind-
alten, erstarrten Sozialdemokratie. habe bekommen sollte. Das ist grundsozial- lich ist.
2000 regierten in 10 von damals 15 EU- demokratisch. Aber die einschlägigen Par- Eigentlich war Renzi ein Hoffnungs-
Staaten Sozialdemokraten oder Sozialis- teien profitieren davon nicht mehr. träger der europäischen Sozialdemokra-
100 DER SPIEGEL 38 / 2017
REX / SHUTTERSTOCK
Österreichischer Kanzler Kern bei einer Veranstaltung in Graz: „Die Chance auf ein geglücktes Leben“

REUTERS

Französischer Präsident Macron auf Saint-Martin: Parteiensystem neu geordnet

DER SPIEGEL 38 / 2017 101


JAMES GOURLEY / ACTION PRESS
Corbyn-Anhänger beim Festival von Glastonbury: Abwehrzauber gegen die Gier der neoliberalen Ära

tie. Der Erste dieses neuen Politikertypus, mittags vor 1500 Zuhörern vor einer Mo- will Schlüsselindustrien verstaatlichen. Er
der die europäischen Regierungsviertel er- schee absolviert. ist kein Sozialdemokrat, er ist Sozialist.
obert: junge Männer in schmalen Anzügen, Dabei ist gar kein Wahlkampf. Die letz- Wie konnte so einer Parteichef werden?
die gutes Aussehen, beste Verbindungen te Wahl liegt gut drei Monate zurück und Das wäre niemals möglich gewesen ohne
und Organisationstalent zusammenbringen. endete mit zwei Sensationen: Die Tories den Hass, den große Teile der Parteibasis
Und nun? Gut möglich, dass bei den unter Theresa May verloren ihre absolute gegen den Ex-Premier und Erfinder des
Neuwahlen 2018 gar nicht mehr Renzi für Mehrheit – und die totgesagte Labour-Par- „dritten Weges“ Tony Blair hegen. Corbyn
die Linke antritt – sondern der aktuelle tei exhumierte sich selbst. Seither macht ist alles, was Blair nicht ist. Er ist nicht gla-
Premier, der so lautlos wie unaufgeregt re- Jeremy Corbyn einfach weiter. Er will be- mourös, er ist kein Zyniker. Corbyn ist der
gierende Paolo Gentiloni, dem zugetraut reit sein für die nächste Wahl, die, stürzt Abwehrzauber gegen die Gier der neo-
wird, die rivalisierenden Lager der Linken May, tatsächlich bald kommen könnte. liberalen Ära. Die retroeske Neuerfindung
zumindest nicht weiter gegeneinander auf- Als May im Frühjahr Neuwahlen ausrief, von Labour hat vor allem mit dem Ab-
zubringen. Die Chancen auf einen Wahl- prophezeiten ihr die Umfragen einen Erd- schied von Blair zu tun.
sieg sind ungewiss. rutschsieg. Labour schien nicht viel mehr Viele europäische Mitte-links-Parteien
zu sein als ein zerrütteter Haufen. Doch haben ihren Tony Blair. In Deutschland ist

J
eremy Corbyn steht an einem Don- dann geschah etwas Seltsames. Gegen die es Gerhard Schröder. Und was der Irak-
nerstag Ende August etwas linkisch Übermacht der Konservativen, gegen einen krieg für Labour ist, ist die Agenda 2010
neben einer leeren Bühne. Er hat sich Großteil der britischen Medien, gegen ent- für die SPD. Der Verrat an dem, wofür die
durch einen Seiteneingang reingeschlichen scheidende Kräfte in seiner eigenen Partei Sozialdemokratie einmal stand.
in die Glasgower Drygate-Brauerei, kaum und gegen jede Wahrscheinlichkeit kam Doch Leute wie Blair oder Schröder
einer der rund 400 Gäste hat ihn bemerkt. Corbyn am 8. Juni landesweit auf rund wird man nicht so einfach los. Sie sind die
Er zuppelt an seinem Bart, nippt an einem 40 Prozent. letzten Sieger. Das ist eine Menge in Par-
Wasser, kritzelt ein paar Worte in ein klei- Erstmals seit langer Zeit begeistern sich teien, die in letzter Zeit zu den Verlierern
nes Notizbuch, dann blickt er gespannt in Großbritannien wieder Menschen für gehören. Und sie sind die Helden großer
zur rot erleuchteten Bühne. Als er nach die Politik – genauer: für einen Politiker –, sozialdemokratischer Bildungsromane, in
oben gerufen wird, scheint er ein wenig die von fast allen Parteien längst abge- denen sich viele Menschen wiedergefun-
überrascht zu sein. schrieben waren. Die Jungen, die Abge- den haben. Der Abschied von den alten
Corbyn ist eine Lichtgestalt der euro- hängten, die Minderheiten und Gewerk- linken Idealen war ja auch die Kehrseite
päischen Linken. Und tatsächlich. Die schafter sehen in Corbyn den Posterboy des großen gesellschaftlichen Aufstiegs,
Menschen hängen an seinen Lippen. Sie des Postkapitalismus. Sie alle spricht er an, den die sozialdemokratische Bildungspoli-
klatschen, als er das Spardiktat verurteilt, wenn er sagt: „Es gibt ein fundamentales tik seit den Sechzigern vielen Menschen
unter dem das Land ächzt. Sie johlen, als Unbehagen darüber, dass eine Gesellschaft ermöglicht hat. Dieser Abschied von der
er der Regierung vorwirft, einen Klub der Armut und Ungleichheit duldet, während Herkunft konnte auch ein Glück sein.
Reichen immer reicher zu machen. Sie ju- eine kleine Zahl von Menschen immer rei-
beln, als er ruft: „Dafür schäme ich mich!“ cher wird.“ sind auch zurückgeblieben.
Es ist Corbyns zweiter Auftritt an diesem Aufmerksam schaut auch die europäische Die Milieus, die die Sozialdemokraten
Tag in Glasgow, den ersten hat er nach- Linke auf den Aufstieg von Labour. Corbyn überall in Europa jahrzehntelang getragen
102 DER SPIEGEL 38 / 2017
Ausland

haben, haben sich aufgelöst. In Hamburg Ist das so? Liegt die Zukunft der Sozial- könnten die Sozialdemokraten nicht bei-
und Bremen, in den französischen Kohle- demokratie im Schutz der Leute, die von seite bleiben. Sicher wäre es klüger gewe-
gebieten, im englischen Norden: Jedes der Globalisierung abgehängt worden sen, wenn die Sozialdemokraten die Fi-
Land hat diese sogenannten Herzkam- sind? Möglicherweise. nanzmärkte damals stärker kontrolliert
mern seiner Sozialdemokratie. Sie haben Allerdings waren es historisch die Kon- hätten, anstatt sie weiter zu liberalisieren.
fast überall aufgehört zu pumpen. Nicht servativen, die versuchten, den gesell- Aber Schröder und Blair wollten da sein,
nur die sozialdemokratischen Ideen haben schaftlichen Fortschritt zu verlangsamen wo der Fortschritt war.
sich im gesamten Parteienspektrum ver- und die Veränderungen im Leben der Bür- Erstaunlicherweise sind die rechten
teilt – auch die Menschen, die einmal So- ger überschaubar zu halten. Sie waren es, Populisten eher ein Phänomen des reichen
zialdemokraten waren. Die einen sind weg- die den Verunsicherten eine Heimat gaben. Nordens. In Spanien oder Griechenland,
gezogen, in die Viertel der neuen Mittel- Den Sozialdemokraten ging es darum, den dort, wo Finanz- und Schuldenkrise in den
schichten. Die, die in den ärmeren Vierteln Wandel zu gestalten. An der Spitze des vergangenen Jahren Armut und wirtschaft-
leben, orientieren sich neu. Fortschritts zu stehen. liche Stagnation mit sich gebracht haben,
Wie geht man damit um? Niemand weiß Ob es im späten 19. Jahrhundert war, finden sich die Populisten vor allem auf
es. Als Sigmar Gabriel bei einer Parteikon- als die Arbeiterbewegung glaubte, durch der Linken. Syriza ist das in Griechenland
ferenz eine Putzfrau aufs Podium holte, Bildung, Disziplin, Solidarität und Kampf und Podemos in Spanien.
flogen den beiden die Herzen zu, gerade eine neue, bessere Welt entstehen lassen Podemos entstand aus den Protesten
weil Reinigungskräfte das Gesicht der Par- zu können. Oder in den Sechzigern und von 2011, die sich gegen Sparzwänge, aber
tei so wenig prägen wie Hilfsarbeiter oder frühen Siebzigern des vergangenen Jahr- auch gegen die Korruption in den großen
Verkäuferinnen. Es gibt aber einen tiefen hunderts, als die riesigen Produktivitäts- Parteien richteten. Damals war in Spanien
Wunsch danach, sie in den eigenen Reihen zuwächse der Industriegesellschaft auch eine riesige Blase aus Immobilienkrediten
zu haben. bei den Arbeitern in Form höherer Löhne geplatzt, die das Bankensystem in den Ab-
landeten. Als die Sozialdemokraten der grund zu ziehen drohte. Die sozialistische

I
n keinem anderen Land machen sich Ära Brandt-Kreisky-Palme ein paar glor- Regierung verhinderte dies – musste aber
die Sozialdemokraten gerade so de- reiche Jahre lang nicht nur glaubten, Ge- auf Druck der EU die staatlichen Ausgaben
monstrativ locker, wenn es um eine sellschaft und Wirtschaft ließen sich durch zurückfahren. Podemos („Wir können“)
mögliche Zusammenarbeit mit den Rechts- die Politik sinnvoll steuern. Sondern es sind gegen europäische Sparprogramme
populisten geht, wie in Dänemark. Es auch taten. und seien deshalb die „neuen Sozialdemo-
könnte sie sogar zurück an die Macht füh- Selbst Ende der Neunziger war das so, kraten“, sagt ihr Chef Pablo Iglesias, 38,
ren. Wenn in zwei Jahren gewählt wird, als Blair, Schröder und ihre Stichwortgeber ein Politologe von der Universität Madrid.
will Mette Frederiksen, 39, seit 2015 Vor- glaubten, wo eine New Economy entstehe, Die Sozialisten, die das moderne Spa-
sitzende der dänischen Sozialdemokraten, nien aufgebaut haben, die den Wohlfahrts-
nicht ausschließen, mit der rechtspopulis- Linke Regierungen in der EU * staat errichtet und die gesellschaftliche Er-
tischen Dänischen Volkspartei an die Re- neuerung nach der Franco-Diktatur getra-
Sozialdemokraten/
gierung zu kommen. Sozialisten gen haben, tun sich schwer mit der neuen
Die Volkspartei, das einstige Schmuddel- regieren
Konkurrenz von links. Sie wollten vergan-
kind der dänischen Politik, positioniert sich genes Jahr Podemos in eine Regierungs-
sind
erfolgreich als Stimme der anständigen, regierungs- koalition holen, aber Podemos wollte nicht,
pflichtbewussten Leute. Ihre rigide Auslän- beteiligt weil sie hofften, bei der Parlamentswahl
derpolitik verknüpft sie mit einer Soziala- übrige die Sozialisten zu überholen. Jetzt wollen
genda: für humanere Bedingungen am Ar- EU-Länder sie den Pakt.
beitsplatz und niedrigere Steuern für Ge- Auch die Grünen und die Linkspartei
ringverdiener, gegen eine Erhöhung des in Deutschland sind Zerfallsprodukte der
gesetzlichen Rentenalters. Eigentlich klassi- sozialdemokratischen Linken. In den Sieb-
sche Programmpunkte von Traditionssozis. zigern verpasste es die SPD unter Helmut
Natürlich weiß Frederiksen, dass viele Schmidt, die Friedensbewegung und die
im linken Spektrum ein Herz für Flücht- Umweltaktivisten einzubinden. Die Links-
linge haben und ihre Nähe zur Volkspartei partei ist nicht nur Nachfolgerin der ost-
kritisch sehen. Deshalb nimmt sie für sich deutschen PDS, auch die westdeutsche
in Anspruch, weder für noch gegen Zu- 2000 WASG ging in ihr auf, gegründet von ent-
wanderer zu sein, sondern lediglich für 2017 täuschten Sozialdemokraten nach der An-
eine realistische Politik einzutreten: „In kündigung der Agenda 2010.
Dänemark hat man vom ersten Tag an An- Spaltung muss nicht Schwäche sein. Die
spruch auf beinahe sämtliche Leistungen. Grünen erreichten Wählerkreise, die der
Es ist ein schwieriges System, wenn viele SPD allein verschlossen geblieben wären.
Leute ins Land kommen.“ Ihr großes An- Zusammen reichte es dann für eine rot-
liegen ist der dänische Zusammenhalt. grüne Mehrheit. Doch für solch ein Regie-
Ein Schlüsselsatz für Frederiksens Stra- rungsprojekt müssen alle Beteiligten wis-
tegie ist ihre Aussage: „Wenn es den Sozial- sen, was sie wollen und wo sie stehen.
demokraten nicht gelingt, diejenigen ab-

D
zuholen, die von den Herausforderungen er Politikwissenschaftler Wolfgang
der Zukunft und von den Veränderungen Merkel hat die Theorie entwickelt,
unserer Gesellschaft am stärksten betrof- dass der Unterschied zwischen
fen sind, dann sind wir keine richtige so- rechts und links in den Demokratien der
zialdemokratische Partei.“ Das geht, so westlichen Welt immer mehr an Bedeu-
selbstbewusst ist sie, auch an die Adresse Niederlande: Regierungsbildung im tung verliere – und dass dafür eine andere
der anderen Sozialdemokraten in Europa. Gang, künftig wohl nicht beteiligt *2000: EU 15; 2017: EU 28 Differenz wichtiger werde: die zwischen
DER SPIEGEL 38 / 2017 103
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Dänische Sozialdemokratin Frederiksen 2015: Stimme der anständigen Leute

Kosmopoliten und Kommunitaristen. Zwi- Deutschland und Brüssel. In wirtschaft-


schen Verfechtern einer offenen und Ver- lichen und in Fragen der nationalen Iden-
fechtern einer geschlossenen Gesellschaft. tität steht Mélenchon der Rechtspopulistin
Zwischen Menschen, die mit der Globa- Marine Le Pen viel näher als dem ebenfalls
lisierung gute Erfahrungen gemacht haben, aus den Sozialisten hervorgegangenen Ma-
die an ihr verdienen, die die Freiheit schät- cron.
zen, die sie ihnen gibt, die den Strom von Der Sieg von Emmanuel Macron gegen
Hintergrund: © Dmitr1ch/Shutterstock.com

Gütern und Kapital begrüßen und für Ein- Marine Le Pen bei den Präsidentschafts-
wanderung sind. Und den anderen, die all wahlen fiel auch deshalb so deutlich aus,
das als Bedrohung sehen. weil Macron jene Kräfte bündelte, die ge-
Zu Ende gedacht, heißt dieser Gedanke: gen Nationalismus und Abschottung sind.
Möglicherweise ist die Zeit der rechten Macron war der Kandidat derer, die ver-
und der linken Volksparteien, die sich an hindern wollten, dass Le Pen die Wahlen
der Macht abwechseln, schlicht vorbei. gewinnt.
Vielleicht gehört die Zukunft anderen Kon- Er schaffte es, den Mainstream mit
stellationen. Bewegungen für ein offenes einem für Frankreich neuen Ton des Zu-
Land – und dagegen. kunftsoptimismus wieder attraktiv zu ma-
In kaum einem Land war der klassische chen: Macron steht für den Glauben daran,
Gegensatz zwischen links und rechts bis dass ein siechendes Land wirtschaftlich
vor Kurzem noch so ausgeprägt wie in wieder erfolgreich werden kann, wenn es
Frankreich, dem Land, das ihn überhaupt sich nur reformiert. Seine Rezepte sind ge-
erst erfunden hat. Und ausgerechnet hier nauso wenig klassisch links wie einst Ger-
hat sich das Parteiensystem bei den letzten hard Schröders Agenda 2010: Es geht da-
Wahlen auf spektakuläre Weise neu geord- rum, den Staat zurückzudrängen und
net. Es ist kein Zufall, dass das erste Opfer Wachstum zu ermöglichen, es geht darum,
dieser Verschiebung ausgerechnet die So- die Arbeitslosigkeit dadurch zu verringern,
zialistische Partei war. Nur ein kläglicher dass Einstellungen und Entlassungen ver-
Ungekürzte Lesung
mit Dietmar Wunder
Rest ist von ihr geblieben: Sie hat 249 ihrer einfacht werden.
280 Sitze verloren. Das ist der Kern von Macrons Arbeits-
2 mp3-CDs • ca. 13 h 10 min Schon immer mussten sozialdemokrati- marktreform. Aus Sicht der klassischen
EUR 19,99 (UVP) sche Parteien viele Strömungen beherber- Linken ist jeder Rückbau bei den Arbeit-
gen, doch sie sind zu gegensätzlich gewor- nehmerrechten Verrat; aus der Sicht eines
den. Der Konflikt zwischen jenen, die Sozialliberalen wie Macron ist es wichtiger,
mehr Öffnung, Europa und Reformen wol- dass Unternehmen erfolgreich sein und
»Noch nie wurde len, und jenen, die dagegen ankämpfen, trotz der massiven Veränderungen in der
hat die französischen Sozialisten zerrieben. Arbeitswelt neue Jobs entstehen können.
ein dänischer Thriller Deshalb könnten ihre Erben kaum ge- Etwa die Hälfte aller Arbeitsplätze in
auf solch hohem gensätzlicher sein: Auf der einen Seite ist den westlichen Ländern wird bis zum Jahr
Niveau geschrieben.« da Emmanuel Macron, der neue Präsident, 2030 durch die Robotisierung verschwin-
ein Sozialliberaler, der die Wahlen mit den, besagt eine Studie der Universität Ox-
HORSENS FOLKEBLAD einer Botschaft des Aufbruchs und einem ford. Was heißt das? Werden andere Jobs
Bekenntnis zu europäischen Werten ge- entstehen – oder nicht? Wo werden die
wonnen hat. Und auf der anderen Seite Gewinne landen, die dieser Produktivitäts-
der heimliche Oppositionsführer: der Alt- sprung bedeutet? Muss die Sozialdemokra-
Trotzkist Jean-Luc Mélenchon. Er kämpft tie sich mit der Idee des bedingungslosen
für einen aufgeblähten Sozialstaat, für Pro- Grundeinkommens anfreunden?
tektionismus in der Wirtschaft und verbin- Viele offene Fragen. Gegen die gesell-
det das Ganze mit Ressentiments gegen schaftlichen Umwälzungen, die auf die
www.der-audio-verlag.de
104 DER SPIEGEL 38 / 2017
Ausland

westliche Welt zukommen, dürften alle Ar-


beitsmarktreformen der vergangenen Jah-
re harmlos gewesen sein.

SPIEGEL-Gespräche live
E
rzählung ist das Lieblingswort der
Parteistrategen in Wahlkampfzeiten,
es ist aus der Werbung herüberge-
wandert. Wer Erfolg haben will, braucht
eine Erzählung. Eine emotionale Botschaft,
im Thalia Theater –
mit der sich der Wähler und die Wählerin
identifizieren können, stimmige Bilder und
Symbole. Martin Schulz ist ein sympathi- Deutschland vor der Wahl:
scher Mann, dessen Lebensweg Brüche hat,
wie der vieler Menschen. „Zeit für mehr
Gerechtigkeit“, ist sein Wahlslogan. Nie-
mand dürfte ihm widersprechen. Aber ruft
traumlos, wunschlos, glücklich?

Thomas Müller

Christian O. Bruch
Bundesregierung/Denzel
deshalb jemand begeistert: „Ja!“?
In vielen europäischen Ländern zeigt
sich, dass die sozialdemokratischen Partei-
en als klassische Sammelbecken keine Zu-
kunft haben. Erfolgreich sind jene, die sich
als links außen positionieren, als Wider-
ständler gegen Globalisierung und die EU,
wie Corbyn oder Mélenchon. Oder jene,
die sich von links verabschieden und, wie
Macron, die Mitte erobern. Die deutschen
Sozialdemokraten stemmen sich gegen die-
sen Trend, sie wollen eine Volkspartei blei-
ben; doch eine Erzählung haben sie dafür
nicht. Aydan Özoğuz Juli Zeh Nils Minkmar
Die Sozialdemokraten waren einst die
Helden einer der großen Geschichten der Seit zwölf Jahren regiert Kanzlerin Merkel, seit vier mit einer
Menschheit. Sie traten in Deutschland an,
das Los der Arbeiter zu verbessern und Großen Koalition. Und Deutschland geht es gut. Oder?
die Menschheit einer neuen Zeit entgegen- Sind wir alle zu träge geworden, werden drängende
zuführen. Sie füllten die bundesrepublika-
nische Demokratie mit Leben und fanden Zukunftsthemen verpasst? Befinden wir uns in einem neuen
schließlich mit Rot-Grün ihren Weg ins
Kanzleramt. Es waren junge, optimistische Biedermeier, in dem die Deutschen ihr Glück im Garten
Gesellschaften, in denen diese Kämpfe aus- und beim Sport suchen? Die Beauftragte der Bundesregierung
getragen wurden.
So leben wir nicht mehr. Deutschland für Migration, Flüchtlinge und Integration, Staatsministerin
ist ein älteres, postheroisches Land gewor-
den, wie die anderen europäischen Staaten Aydan Özoğuz, und die Schriftstellerin Juli Zeh diskutieren
auch. Die meisten Ängste der Deutschen mit SPIEGEL-Autor Nils Minkmar über diese Fragen und
beziehen sich auf Bedrohungen von außen.
Klimawandel. Neue Kriege. Krisen, die suchen nach Zeichen der Repolitisierung.
von unberechenbaren Diktatoren losgetre-
ten werden. Flüchtlinge, die unkontrolliert
ins Land strömen.
Das ist bisher nicht das Feld der Sozial- Montag, 18. September 2017, 20.00 Uhr
demokraten. Wer Sozialdemokrat ist, Thalia Theater, Alstertor, 20095 Hamburg
möchte Teil des gemeinsamen Strebens
nach einer besseren Gesellschaft sein. Was
das heute heißen könnte, darauf müssen Karten im Vorverkauf, an der Abendkasse und unter www.thalia-theater.de.
Sozialdemokraten Antworten geben kön- Eintritt: 9 bis 18 Euro. Einlass ab 19.30 Uhr. Änderungen vorbehalten.
nen. Wenn sie eine hätten, wäre es immer
noch eine der stärksten Geschichten, die Die Veranstaltung wird per Live-Stream auf www.spiegel.de übertragen.
es in der Politik gibt.
Walter Mayr, Dietmar Pieper, Tobias Rapp,
Mathieu von Rohr, Jörg Schindler, Helene Zuber

Video: Warum es Europas Sozial-


demokraten schwer haben
spiegel.de/sp382017sozialdemokratie
oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 38 / 2017 105


Das Sonderheft zur
Bundestagswahl.
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Kosten für Olympische Spiele in Millionen Dollar
O Sommerspiele
Sport
O Winterspiele

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*vorab kalkulierte Kosten Quelle: The Oxford Olympics Study 2016; ohne Ausgaben für Infrastruktur, inflationsbereinigt

Olympische Spiele plant, im Schnitt um 156 Prozent. Montreal (1976) ist Spitze
Kostentreiber mit einer Überschreitung von 720 Prozent, gefolgt von Lake
Placid (1980) mit 324 Prozent. Die Entscheidung für die Spiele
Paris und Los Angeles, die Ausrichter der Olympischen Spiele bedeute, „das finanziell risikoreichste und teuerste Megapro-
2024 und 2028, rechnen mit Ausgaben von 4,8 Milliarden jekt anzustreben, das es gibt“. Häufig würden „IOC-Funktio-
beziehungsweise 4,1 Milliarden Dollar. Ohne Infrastruktur- näre und Ausrichter falsche Informationen über Kosten und
bauten, etwa Straßen und Flughäfen, für die erfahrungsge- Mehrkosten der Spiele“ liefern, schreiben die Wissenschaftler.
mäß mindestens noch einmal die gleiche Summe anfällt. For- Ein Grund, warum die Kosten aus dem Ruder liefen, sei der
scher der Universität Oxford haben indes errechnet, dass die feste Eröffnungstermin: „Die Organisatoren können nur noch
Kosten aller Spiele seit 1960 erheblich höher ausfielen als ge- mehr Geld auf die Probleme werfen, und das tun sie.“
WILLY C. RANDERATH / ALL4PRICES

Magische Momente

„Es war ein Nervenspiel“


Der ehemalige Tennisprofi Eric Jelen, 52, über einen dramatischen Abstiegskampf im Davis Cup

SPIEGEL: Vor 30 Jahren ge- stark. Die extreme Situation Jelen: Ich stand in der Welt- Mayotte. Der Abstieg aus
wann Deutschland 3:2 im Ab- schien ihn besonders zu rangliste auf Nummer 68, der Weltgruppe war verhin-
stiegsduell gegen die USA. motivieren. Als er nach dem Mayotte war über 50 Plätze dert, ein Jahr später gewann
Wie haben Sie die aufgeheizte Sieg eine Ehrenrunde mit vor mir. Als er nach dem Deutschland erstmals den
Atmosphäre im amerikani- der Deutschlandfahne lief, vierten Satz spürte, dass Davis Cup. Gab der Sieg von
schen Hartford in Erinnerung? zollten ihm sogar patrioti- ihm das Spiel entglitt, war Hartford Rückenwind?
Jelen: Die über 15 000 Zu- sche Amis Respekt. es schon zu spät. Es war Jelen: Es war ein Schlüssel-
schauer waren wie elektri- SPIEGEL: Das US-Team hielt ein Nervenspiel mit Happy ereignis. Und wer weiß,
siert. Bei meinem Match ge- sich damals für unschlagbar, End. ob Boris im Falle eines Ab-
gen Tim Mayotte ging es ja aber Sie bezwangen Mayotte SPIEGEL: Becker holte den stiegs mit uns in der zweiten
noch, aber bei John McEn- gleich zum Auftakt. nötigen dritten Punkt gegen Division gespielt hätte.
roe gegen Boris Becker war SPIEGEL: Wahrscheinlich
die Stimmung – sagen wir – hätte ihm sein Manager ab-
grenzwertig. geraten.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das? Jelen: Boris hätte sich von
Jelen: Jeder Fehler von Boris keinem Manager der Welt
wurde bejubelt, auf der verbieten lassen, im Davis
Teambank putschten die Cup anzutreten. Deshalb
Doppelspezialisten Ken Flach finde ich die Absage von
und Robert Seguso die Men- Alexander Zverev für das
ge auf – es herrschte eine An- Abstiegsspiel gegen Portugal
spannung, die mit Worten auch unverständlich. Viel-
kaum zu beschreiben ist. leicht kenne ich nicht alle
SPIEGEL: Nach rund sechsein- Interna, aber vor so einer
halb Stunden siegte Becker entscheidenden Partie abzu-
mit 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2. sagen, weil einem der Boden
SVEN SIMON

Jelen: Was beide damals leis- nicht in den Kram passt –


teten, war phänomenal. Bo- dafür habe ich beim besten
ris war auch mental irrsinnig Becker 1987 in Hartford Willen kein Verständnis. pk

DER SPIEGEL 38 / 2017 107


Sport

Spitze
Fußball RB Leipzig war wegen seines Eigentümers Red Bull
verhasst. Nun sehen viele in dem Verein eine Hoffnung
gegen die Langeweile in der Bundesliga. Doch hat der Klub
wirklich die Kraft, ganz oben mithalten zu können?

K
urz bevor RasenBallsport Leipzig RBL ein reines Marketinginvestment oder
die europäische Bühne betritt, be- ein Segen für den deutschen Fußball? Wird
sinnt sich der Klub auf seine Tradi- der Fußball missbraucht, oder ist der Ver-
tion. Es ist Mittwochabend, 25 Minuten ein der Retter des ostdeutschen Sports und
vor Anpfiff des ersten Spiels in der Cham- die letzte Hoffnung gegen die Übermacht
pions League. Der Stadionsprecher zappelt des FC Bayern München? Und ist das Leip-
im roten Sakko an der Seitenlinie entlang ziger Erfolgsmodell tatsächlich so einmalig,
und brüllt 15 „RBL-Legenden“ herbei. dass es in den nächsten 50 Jahren nicht
Es sind Spieler der ersten Stunde und wiederholt werden kann, wie dessen Vor-
doch Helden der Neuzeit, die winkend den denker Ralf Rangnick behauptet?
Innenraum des Stadions betreten. Sie hei- Wenn Oliver Mintzlaff, der Vorstands-
ßen Ingo Hertzsch, 40, Tim Sebastian, 33, vorsitzende von RBL, den sportlichen Auf-
und Lars Müller, 41, und haben für RB stieg seines Vereins beschreibt, vergleicht
Leipzig (RBL) gespielt, als der Europa- er ihn mit der Karriere eines Betriebswirts:
pokal noch einige Jahre und einige Ligen Man hat als Praktikant angefangen und ist
entfernt war. zum Produktmanager aufgestiegen. Schließ-
An diesem Abend treffen sich Leipzig lich landet man in der Geschäftsführung.
und Monaco in einem Spiel der „Königs- „Und oben wird die Luft dünner“, sagt
klasse“, wie Sportmoderatoren die Cham- Mintzlaff und lehnt sich im Ledersessel
pions League nennen. Noch vor wenigen nach vorn, „dann bleibt nur noch der Vor-
Spielzeiten landete Monaco praktisch plei- stand und irgendwann der Vorstandsvor-
te in der zweiten französischen Liga, und sitz.“
Leipzig kickte gegen Meuselwitz und Mep- Wer Mintzlaff zuhört, versteht, warum
pen. Seitdem haben Investoren beide der beispiellose Aufstieg von RasenBall-
Teams mit viel Geld nach oben gespült. sport Leipzig untrennbar mit seinem
„Hättest du das damals gedacht?“, brüllt Namen verbunden ist. Konzentriert und
der Stadionsprecher die „Legende“ Müller leidenschaftlich breitet der athletische
an. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so 42-Jährige mit hoher Stirn und langen Au-
schnell geht“, antwortet der Ruheständler. genbrauen das Selbstverständnis seines
Die Champions League 2017: Hier spielen Vereins aus. Rangnick hat die Strategie
Franzosen mit katarischem Geld um den entworfen, die Philosophie, wie sie es in
Titel, die Monegassen und englische Klubs Leipzig und bei Red Bull nennen: Über-
mit russischem Oligarchenkapital und nun fallfußball mit jungen Talenten, schnelle
eben auch RB Leipzig als Beitrag der Bun- Erfolge, aber organisches Wachstum.
desliga zur Welt des Investorenfußballs – Mintzlaff führt die Geschäfte. „Globaler
ohne das Investment des österreichischen Fußballchef“, das war einige Jahre lang
Getränkeherstellers Red Bull würde dieser sein Titel im österreichischen Getränke-
Verein in Sachsen nicht existieren. und Eventkonzern Red Bull. Er war gleich- Konkurrenz zu spüren. Eine harte Probe
Seit seiner Gründung vor acht Jahren zeitig für vier Vereine auf drei Kontinenten hat RBL in diesem Sommer bestanden.
hat der Klub auf diese Partie hingearbeitet. verantwortlich. Den Job musste er aufge- Es ist Tag fünf im Tiroler Trainingslager,
Aber das reicht nicht. Die RBL-Bosse wol- ben, als er sich mit seiner Vision für RB als Naby Keita, 22, zutritt. Dem Leipziger
len nicht nur einmal schnuppern und da- Leipzig dem Ziel näherte. Spielmacher verspringt während eines
nach in Erinnerungen schwelgen. In der Mintzlaff hat die Vorzüge eines einma- Trainingsspiels der Ball, sein Mitspieler
vergangenen Saison ist RB Leipzig zu ei- ligen Fußball-Filialnetzes ausgenutzt, um Diego Demme sprintet heran. Keita stürzt
nem Spitzenklub geworden. Nun steht er an die Spitze der Bundesliga zu stürmen. mit beiden Beinen voraus in den Zwei-
vor einer noch schwierigeren Aufgabe: In Seit 2014 wechselten 15 Spieler von Red kampf und trifft Demme am Knie.
einem Markt, der sich weiter aufgeheizt Bull Salzburg nach Leipzig, 8 von ihnen Es ist vorbei mit der Trainingsidylle in
hat, will er unbedingt oben bleiben. stehen noch im aktuellen Kader. Wer sich den bewaldeten Bergen von Seefeld am
Mit einem bisher in Deutschland nicht einen Platz in der Beletage des Fußballs Fuße einer Skisprunganlage. Der Regen
gekannten Konzept hat RBL einen Kader erkämpfen will, muss kreativ sein – und prasselt auf die Spieler herab, Keita rempelt
aus internationalen Talenten zusammen- alle Möglichkeiten ausnutzen. seine herbeieilenden Mitspieler an, Demme
gestellt – stets argwöhnisch begleitet von Und wer seine Ambitionen mit aller wälzt sich auf dem Boden. Er wird einen
der Kritik der Fußballtraditionalisten. Bis Macht durchzusetzen versucht, kann sich Monat lang verletzt ausfallen. Die fast 50
heute spaltet Leipzig das Kickervolk: Ist nicht beklagen, auch die Störgeräusche der Leipzig-Fans am Spielfeldrand sind entsetzt.
108 DER SPIEGEL 38 / 2017
MICHAEL SOHN / AP
Leipziger Abwehrspieler am vergangenen Mittwoch im Spiel gegen Monaco: „Hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht“

Eine Anhängerin mit RBL-Ohrsteckern folg: Spätestens jetzt schaut ganz Europa Es ist eine Botschaft an Keita und an
schüttelt ungläubig den Kopf: „Mensch, wa- nach Leipzig. alle anderen wechselwilligen Profis, die in
rum macht der Naby denn so was?“ Am Abend in der Lobby des Tiroler Leipzig spielen, aber von Klopp, Guardiola
Ja, warum macht er das? War das nur Teamhotels: Mintzlaff passt hier mit sei- und Mourinho träumen: Ihr Trainer soll
ein normaler Zweikampf zwischen zwei nem hellblauen Businesshemd besser auch in der kommenden Saison Ralph
ehrgeizigen Spielern, oder versucht sich hinein als die Zwanzigjährigen aus dem Hasenhüttl heißen. „Wir sehen uns nicht
der wohl beste Leipziger der vorigen Bun- Profikader, die in Badelatschen und Jog- als Ausbildungsverein, der Topspieler an
desligasaison bei seinem Arbeitgeber un- ginghosen durch das Foyer schlurfen. Topklubs liefert“, sagt Mintzlaff, „wir wol-
beliebt zu machen? Schließlich ist es an Mintzlaff bestellt sich einen Espresso, len selbst ein Topklub werden.“
diesem Tag Ende Juli kein Geheimnis setzt sich auf die vordere Kante eines Ses- Es würde nicht in die Wachstumsstrategie
mehr, dass der FC Liverpool an Keita in- sels und redet über sein Geschäft. „Wir ha- von RBL passen, nach einer sehr guten Sai-
teressiert ist und mindestens 75 Millionen ben gleich nach Saisonende gesagt, dass son die wichtigsten Spieler abzugeben. Das
Euro als Ablöse geboten hat. Am Abend wir keinen Stammspieler abgeben.“ „Dass unterscheidet Leipzig etwa vom AS Mona-
veröffentlicht der Verein ein Video, in ein Berater seinem Spieler verschiedene co, der diesen Sommer neben Toptalent
dem Keita und Demme sich versöhnen. Möglichkeiten aufzeigt, ist normal. Aber Kylian Mbappé, der zu Paris St. Germain
Mit der Ruhe rund um RBL ist es aber wir sind nicht die Berater des Spielers. Wir wechselte, noch weitere Jungspieler an
vorbei. Das haben sie nun von ihrem Er- haben laufende Verträge.“ Manchester City und den FC Chelsea ab-
DER SPIEGEL 38 / 2017 109
Sport

gegeben hat. Seit 2014 hat Monaco Spätestens mit der Verpflich-
über 462 Millionen Euro an Trans- tung des Franzosen war die Ge-
fereinnahmen eingeholt und 293 haltsobergrenze von drei Millio-
Millionen Euro ausgegeben. Leip- nen Euro passé, die Rangnick
zig nahm im gleichen Zeitraum 25 selbst proklamiert und öffentlich
Millionen ein, bei gleichzeitigen immer wieder verbreitet hatte.
Ausgaben von über 150 Millionen. „Wir haben auch schon mal Spie-
„Jedes Unternehmen plant und ler nicht verpflichtet, weil wir uns
setzt sich Ziele“, so Mintzlaff, „und deren Gehalt nicht hätten leisten
ein Fußballverein ist für mich auch können“, sagt Mintzlaff. Nach
ein Unternehmen.“ dem Upamecano-Transfer be-
Im Fall Keita beweist Mintzlaff kommt man eine Vorstellung da-
Verhandlungsgeschick. Es ist der von, wie hoch die Grenze für RBL
erste richtig ertragreiche Spieler- wirklich liegen dürfte.
verkauf der Leipziger. Anstatt Kei- Die Ausstiegsklausel von Upa-

JAN WOITAS / DPA


ta sofort zu verkaufen und damit mecano offenbart aber auch den
einen zentralen Offensivbaustein Erfolgsdruck, unter dem die Leip-
zu verlieren, bleibt der Guineer ziger nun zunehmend stehen: Der
noch für ein Jahr und wechselt Manager Mintzlaff, Unternehmer Mateschitz Spieler wird günstiger, wenn sich
dann für rund 70 Millionen Euro Vom Meister noch viele, viele Jahre entfernt RBL nicht für Europa qualifizie-
nach Liverpool. ren sollte.
Mintzlaff war offenbar die ideale Beset- Schwede im Sommer 2015 zum damaligen Einen Tag vor dem ersten Champions-
zung für den Job in Leipzig. „Ich bin Kauf- Zweitligaverein Leipzig stieß, versprach League-Spiel gibt es Gerüchte, dass Real
mann, ich rechne gern“, sagt er über sich. ihm RBL 300 000 Euro für den Aufstieg in Madrid ernsthaftes Interesse an Timo Wer-
Mit 24 Jahren begann er beim Sportarti- die Erste Bundesliga. So eine Summe be- ner habe. Natürlich freue es ihn, das zu
kelhersteller Puma als Manager, er arbeite kommen ansonsten gestandene Spieler hören, sagt Werner nachher: „Das wäre ja
von 9 bis 21 Uhr, erzählte er einmal. Und von Hertha BSC oder Bayer 04 Leverku- gelogen, wenn ich sagte, dass mich das
vor der Arbeit gehe er als Leistungssport- sen für den Gewinn der deutschen Meis- nicht interessieren würde.“
ler laufen: jeden Tag 15 bis 20 Kilometer. terschaft versprochen. Die Leipziger Erfolgsgeschichte handelt
Mintzlaff gibt immer mehr als 100 Prozent, Eine „ungewöhnlich gute Anschubfinan- auch von Werners Durchbruch. Der 21-jäh-
sollte das heißen. zierung“ war das, räumt Mintzlaff heute rige Mittelstürmer weiß, dass die Augen
Vor zehn Jahren nahm er bei Puma die ein. Das ist ein Understatement. Der Auf- der Fans und Scouts auf ihm ruhen. Im
damals von Rangnick geführte TSG Hof- bau der Leipziger Red-Bull-Filiale ist ein- Spiel gegen Monaco trippelt Werner an
fenheim unter Vertrag, wenige Monate spä- malig in der Bundesligageschichte. der Abwehrlinie, gestikuliert, fleht um den
ter stieg der süddeutsche Dorfverein in die Ein Ende ist derzeit nicht abzusehen. Ball und explodiert förmlich nach vorn,
erste Liga auf, und Mintzlaff wechselte die Den 18-jährigen Franzosen Dayot Upame- wenn ein Mitspieler ihn auf den Weg
Seiten. Als Spieler- und Trainerberater wur- cano, am Mittwoch bester Leipziger gegen schickt. Wenn Werner losrennt, schreit das
de er Rangnicks Vertrauter und blieb an Monaco, wollte RBL um jeden Preis haben. Stadion auf. Doch gegen Monaco mündet
dessen Seite; auch in schlechten Zeiten, Dem Anfang des Jahres verpflichteten Ver- die Aufregung meist in Ernüchterung, etwa
etwa als sich Rangnick 2011 erschöpft als teidiger zahlt man 200 000 Euro im Monat, wenn der Linienrichter mal wieder eine
Trainer zurückzog. Dann holte Red-Bull- dazu kommen jährliche Sonderzahlungen Abseitsstellung anzeigt. Werner bleibt an
Chef Dietrich Mateschitz, 73, die beiden in in Höhe von zwei Millionen. Drei Millio- diesem Mittwochabend glücklos.
seine deutsche Fußballfiliale nach Leipzig. nen Euro bekam er obendrauf, als er den Leipzig wird seinen Leistungsträgern
Die Energydrink-Firma pumpte hohe Vertrag unterschrieb. Ausstiegsklausel nach dauerhaft Spitzenfußball im Europapokal
Summen in den neuen Verein. Als Fünft- der aktuellen Saison: 100 Millionen Euro. garantieren und die Gehälter weiter erhö-
ligist holte RBL mit Ingo Hertzsch einen All diese Klauseln seien „wesentliche hen müssen. Aber wo kommt das Geld in
ehemaligen Nationalspieler und stieg mit Vertragsbedingung, ohne die der Spieler Zukunft her? Bisher lebt RBL größtenteils
22 Punkten Vorsprung vor dem Zweitplat- diesen Vertrag nicht abgeschlossen hätte“, von den Alimenten Red Bulls. „Leipzig ist
zierten auf. heißt es im unterschriebenen Arbeitspa- fremdfinanziert, das Geld kam bisher in
Und als Rangnick und Mintzlaff im Som- pier. Die Botschaft ist klar: Wer zu den großen Teil nicht aus den Fußballeinnah-
mer 2012 einstiegen, planten sie bereits großen Klubs