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kei € 6,60 Spanien € 6,50 Ungarn Ft 2350,-


Dänemark dkr 53,– Frankreich € 6,50 Italien € 6,50 Österreich € 5,80 Portugal (cont) € 6,50,– Slowenien € 6,30 Spanien/Kanaren € 6,70 Printed in Germany

Kalter Währungskrieg
Die US-Regierung schwächt den
Dollar und bedroht Deutschland
Freiheit der Kunst?
Politische Korrektheit
Untergräbt #MeToo die
Der Preis der Macht

Selfies verschicken
Gefährliches Sexting
Wenn Teenager riskante
Nr. 7 / 10.2.2018
Deutschland €5,10
Mehr gemeinsam
als gedacht.
Von der Kochleidenschaft bis zum Lieblingssport – wir haben
mehr gemeinsam, als wir glauben. Entdecke auch du, wie gut
ein vielfältiges Miteinander für alle ist. #wirgemeinsam

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Das deutsche Nachrichten-Magazin
Politik für
Hausmitteilung
Einsteiger
Betr.: Titel, Olympia, „DEIN SPIEGEL“

A ngela Merkel nackt; die Kanzlerin in der Mausefalle der SPD; mit einem
muffeligen Schulz im Ehebett; von der roten Parteinelke betört: Vier ver-
schiedene Titelbilder karikieren in dieser Woche das erstaunliche Entgegenkom-
men der CDU gegenüber der SPD bei den GroKo-Verhandlungen. Der britische
Zeichner Nishant Choksi hat die Illustrationen für den SPIEGEL angefertigt. Die
Varianten kommen in bunter Mischung an den Kiosk. An die Abonnenten wer-
den sie nach dem Zufallsprinzip verschickt. Hier sehen Sie alle Titel.

S kiunterwäsche, zwei Paar


Handschuhe, Wärme-
packs: Wer von den Olym-
D. MOUHTAROPOULOS / GETTY IMAGES / DER SPIEGEL

pischen Winterspielen in
Pyeongchang berichten will, 144 Seiten · 16,99 € · ISBN 978-3-522-30481-8
muss sich auf Temperaturen
von bis zu minus 20 Grad
vorbereiten. Die Redakteure Kinder bekommen vieles aus den Nachrichten
Peter Ahrens, Marcus Krä- mit, aber die Hintergründe bleiben für sie oft
mer, Thilo Neumann und unverständlich. In diesem Buch erfahren sie,
Christoph Winterbach reis- in welcher Demokratie sie leben, warum es
ten entsprechend gerüstet SPIEGEL-Team in Pyeongchang Parteien gibt, wieso Wahlen geheim sind und
nach Südkorea, in ein Land, was sie selbst tun können.
in dem kaum Schnee liegt und die Menschen wenig Sinn für den tradi- Lisa Duhm, Redakteurin von „Dein SPIEGEL“,
tionsreichen Wintersport haben. Internationale Zuschauer werden es wohl beantwortet immer wieder politische Zusam-
kaum in die sanften Hügel von Pyeongchang schaffen, allzu viele Hotelzimmer menhänge für Kinder. Mit anschaulichen Fotos
gibt es nicht. Überschattet werden die Spiele zudem vom Dopingstreit um die von Jan von Holleben, der die Bilder in Work-
russischen Athleten. „Es herrscht eine seltsame Atmosphäre“, sagt Winterbach. shops mit Kindern erarbeitet hat.
Für Deutschland allerdings könnte das Spektakel ein Erfolg werden. Die
Biathleten, die Nordischen Kombinierer und die Rodler gehören zur Weltspitze.
Aljona Sawtschenko und Bruno Massot kämpfen um Gold im Eiskunstlauf.
Thilo Neumann hat sie porträtiert. Zusammen mit Winterbach beschreibt er
zudem die Probleme und Sorgen, die die Athleten aus Nischensportarten bei
Olympia umtreiben. Seiten 92, 95

K einer gibt es gern zu, aber es ist wahr: Jeder


Mensch lügt. Manchmal schwindeln wir nur ein
bisschen, manchmal erzählen wir dreist die Unwahr-
heit. In der Titelgeschichte „Ich war’s nicht!“ erklärt
„DEIN SPIEGEL“, das Nachrichten-Magazin für Kinder,
warum es normal ist, andere anzulügen. Außerdem
im neuen Heft: Immer wieder gibt es an Flüssen und
am Meer Hochwasser – wie schützt man sich davor?
Und: Zwei Kinderreporter trafen den Künstler Daniel
Richter zum Interview. Die neue Ausgabe von „DEIN
SPIEGEL“ erscheint am Dienstag.
GABRIEL
Was wirklich zählt!
DER SPIEGEL 7 / 2018 3 www.gabriel-verlag.de
Opfergaben
Regierung Union und
SPD haben sich nach
quälendem Ringen auf
einen Koalitionsvertrag
geeinigt. Die Verliererin
ist Angela Merkel, die
ihre Kanzlerschaft nur
unter großen Opfern
sichern konnte. Ob die
SPD-Basis zustimmt,
ist trotzdem offen. Zu
groß sind die Vorbehalte
gegen die Kanzlerin –
und die Machtspiele der
eigenen Führung. Seite 10

FERDINAND OSTROP / AP
ILLUSTRATION: JAN FEINDT / DER SPIEGEL
DUNCAN ELLIOTT / DER SPIEGEL

MADS PERCH / GETTY IMAGES

Im Sumpf des Begehrens Gefährliche Botschaften Tanzen für die Seele


Politische Korrektheit Bedroht die Debat- Digitales Leben Ein schnelles Nacktbild Anthropologie Der Mensch tanzt, seit es
te um sexualisierte Gewalt die Freiheit der aus der Dusche, dem neuen Freund per ihn gibt. Doch warum nur? Forscher
Kunst? In Manchester wurde ein Gemälde WhatsApp zugeschickt – jeder vierte Teen- ergründen den Ursprung des rauschhaften
abgehängt, in Berlin soll ein Gedicht von ager zwischen 14 und 17 Jahren in Deutsch- Verhaltens: Die rhythmische Bewegung zu
einer Wand verschwinden – und Kevin land betreibt Sexting. Die Missbrauchs- Musik ist tief im Menschsein verankert –
Spacey wurde aus dem Film „Alles Geld gefahr ist enorm, und die Eltern sind oft und hat eine heilsame Wirkung auf Körper
der Welt“ herausgeschnitten. Seite 110 ebenso sorg- wie ahnungslos. Seite 54 und Geist. Seite 100

4 Titelbild: Illustrationen: Nishant Choksi für den SPIEGEL


In diesem Heft

Titel Ausland
Regierung Wie sich Kanzlerin Merkel Warum viele Polen das Holocaust-Gesetz
bei den Koalitionsverhandlungen über ihrer Regierung begrüßen / Zahlreiche IS-
den Tisch ziehen ließ 10 Kämpfer konnten in die Türkei entkommen 74
SPD Parteivize Olaf Scholz verteidigt die USA „Moderne Autokraten sind da, um zu
schwarze Null 14 stehlen“, sagt der Autor David Frum im
Tabak Die Große Koalition erfüllte SPIEGEL-Gespräch über die Trumpokratie 76
die Wünsche der Zigarettenlobby 18
Affären Eine Deutsche spielt eine Rolle bei
Essay Warum der frühere SPIEGEL-Autor
den Russlandermittlungen gegen Mitglieder
Cordt Schnibben in die SPD eintrat 20
von Donald Trumps Wahlkampfteam 78
Europa Gegen die Reformpläne der
Großen Koalition regt sich Widerstand 22 Ukraine Petro Poroschenko sollte das Land
reformieren – aber will er das wirklich? 82
Deutschland Analyse Der Brexit wird Großbritannien
enorm schaden, aber seine Anhänger feiern
Leitartikel Der penible Koalitionsvertrag ihn als nationale Wiedergeburt 85
versteht doch die bedrohliche Welt nicht 6
Meinung Der schwarze Kanal / So gesehen: Migration Ein von Deutschland aufgebautes
r
Mit elegante
Die Prioritäten des Christian Lindner 8 Arbeitsamt in Ghana soll die Fluchtwelle
nach Europa bremsen 86 ra ff e
Toll Collect berechnete zu viel / Gla s k a
Europaparlament gegen Macron /
Polizisten besonders belastbar 24 Sport
Immobilien Die Mieten in den deutschen Deutschland muss seinen Platz als Winter-
Ballungszentren explodieren, aber in der sportland Nummer eins verteidigen /
Politik spielt das Problem kaum eine Rolle 28 Magische Momente: Boblegende Wolfgang
Der Bund verkauft seine Grundstücke Hoppe über das Glück des Fahnenträgers 91
meist an Privatinvestoren – Kommunen
haben wenig Chancen 31 Olympia Wie deutsche
Athleten die Strahlkraft der
Afghanistan Deutsche und Amerikaner Spiele nutzen 92
ringen um die richtige Strategie im Kampf
gegen die Taliban 32 Die Mission Gold
Polemik Beim politischen Aschermittwoch der Eiskunstläuferin Aljona
triumphieren die CSU-Männer, weil Sawtschenko 95
Ilse Aigner ihre Chancen nicht nutzte 36
Migration Die Härtefall-Regelung Wissenschaft
hilft nicht den Flüchtlingen, sondern
dem deutschen Gewissen 38 Die Begrünung von Gewerbegebieten /
Hygieniker fordert häufigere Kontrollen
Legenden Helmut Kohls Witwe lässt ihren von Trinkwasser / Kommentar: Die
Mann als „unsterbliche Person“ preisen 40 Bundesdrogenbeauftragte verhindert
AfD Parteifunktionäre wollen enger mit einen besseren Jugendschutz 98
Rechtsextremen kooperieren 42
Anthropologie Evolutionsforscher
Chancen Die Bilanz der blinden
versuchen, das Rätsel zu lösen, warum
Ex-Skiläuferin Verena Bentele nach vier
der Mensch so gern tanzt 100
Jahren im Berliner Politbetrieb 46
Mode Politiker von Union und SPD plädieren Umwelt Unbekannte zerstören Nistplätze
für ein Gesetz gegen Magermodels 50 geschützter Arten – sie wollen den Bau von
Windrädern beschleunigen 104
Gesellschaft Pädagogik Wie das „aktive Lernen“
funktioniert 106
Früher war alles schlechter: Hygiene /
Werbekampagne für Flüchtlinge als
Arbeitskräfte 52 Kultur
Ein Video und seine Geschichte Hamburger Obama als Bildband / Ibsen neu gedichtet /
Angler fängt 32-Kilo-Karpfen 53 Kolumne: Zur Zeit 108
Digitales Leben „Sexting“, das Verschicken
von Nacktselfies per Handy, kann zur Politische Korrektheit Über Kunst wird
persönlichen Katastrophe führen, wenn die wieder heftig gestritten – Zeichen
Bilder öffentlich werden – der Fall Anna 54 eines Aufbruchs oder neuer Prüderie? 110
Kolumne Leitkultur 59 Essay Die Krise der Konservativen 118 Vom Hersteller
des Testsiegers.
Berlinale Streit um die Zukunft des
Wirtschaft Filmfestivals 120
Elektroautos sind klimafreundlicher als Hollywood Das Märchen „Shape of Water“ 121
ihr Ruf / Bilfinger trennt sich von Altlasten / Popkritik Timberlake enttäuscht 123
Im TUI-Jet nach Guantanamo 60
Öko-TEST Jahrbuch
Welthandel Der schwache Dollar wird Essen,Trinken und
zur Gefahr für die Wirtschaft – und zum Bestseller 117 Genießen 2005

Ärgernis für die EZB 62 Impressum, Leserservice 124


Gesundheit Kassenärzte-Chef Andreas
Gassen über die Zweiklassenmedizin und Nachrufe 125 O Immer frisch gesprudeltes Wasser
die Pläne der künftigen Koalition 65 Personalien 126 O Kohlensäure individuell dosierbar
Karrieren Wie „Handelsblatt“-Herausgeber Briefe 128 O Spart Geld
Steingart die Gunst seines Verlegers verlor 67
Digitalisierung Chinas unaufhaltsamer Hohlspiegel / Rückspiegel 130
Aufstieg zur Internetmacht 68
Gegendarstellung Johannes B. Kerner 73 Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ

www.sodastream.de
DER SPIEGEL 7 / 2018 5
Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Vor dem Weltensturm


Der Koalitionsvertrag: gut gemeint, gut gemacht, gut genug?

M
anchmal ist die Wahrheit grau, komplex und den- Und trotzdem? Und trotzdem: Es gibt eine zweite, hö-
noch aufregend. Die werdende Regierung von here Ebene. Dieser Vertrag würde einem Deutschland ge-
Union und SPD wurde von der „Bild“-Zeitung recht, das von der Welt unberührt wäre; oder einer Welt,
sofort verdammt und von wenigen eher individualistischen die stillstände. Bei einer Veranstaltung im Hamburger
Kommentatoren sofort bejubelt, und beide Urteile waren SPIEGEL-Haus sagte „heute-journal“-Moderator Claus
vorschnell. Was also wird sie bewirken, was anrichten, Kleber am Dienstag, die Berliner Verhandlungen erinner-
was wird aus Deutschland werden? ten ihn an einen Streit um Liegestühle auf dem Deck der
Der 177-seitige Koalitionsvertrag ist nicht katastrophal „Titanic“; und das traf es.
schlecht, sondern ein so gründlicher wie detaillierter Maß- Eigentlich wissen es alle. Vielleicht hat diese Lautstärke,
nahmenkatalog. Er erklärt Bildung und Digitalisierung zu die permanente Nervosität ja mit diesem Wissen zu tun,
Prioritäten und entwickelt Pläne für beides: Glasfaser- auch die Wut der CDU auf die eigene Kanzlerin, auch
technik wird gefördert, ein Rechtsanspruch auf schnelles eine SPD, die nicht einmal innehalten kann, um einen
Internet kommt (wenn auch erst 2025); mehr als zehn Mil- Verhandlungserfolg zu feiern, sondern sofort wieder un-
liarden Euro sollen in Forschungseinrichtungen, Unis, glücklich sein möchte. Berlin überdreht. Einige Journalis-
Schulen und Kitas gehen. ten überdrehen. Permanente
Sprachlich macht das gewich- Zuspitzungen, sofort gekon-
tige Schriftstück erwartungs- tert, verhindern Gedanken.
gemäß geringfügige Freude: Etwas Großes und Unsiche-
„Wir werden mit dem Auf- res nähert sich. Die Welt ver-
stiegsfortbildungsförderungs- ändert sich, radikal und ra-
gesetz (Aufstiegs-BAföG) fi- sant. Die USA verabschieden
nanzielle Hürden für den be- sich aus ihrer Weltmachtrolle
ruflichen Aufstieg abbauen und von Europa; China steigt
mit dem Ziel einer weiteren auf. Künstliche Intelligenz,
deutlichen Verbesserung beim Klimawandel und Migration
Unterhaltszuschuss, Erfolgs- machen aus den Gesellschaf-
bonus und bei der Familien- ten, die wir kannten, neue.
HAYOUNG JEON / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK

freundlichkeit.“ Das steht da Cathryn Clüver Ashbrook,


wirklich, und stilistisch Ver- Direktorin des „Future of Di-
gleichbares findet sich auf plomacy“-Programms in Har-
jeder vorausgegangenen und vard, sagt am Telefon, es sei
jeder folgenden Seite. Eine erschreckend, „wie schnell
Regierung aber soll regieren wir über die Grundfesten des
und nicht dichten, und die Westens nachdenken müs-
kommende hat sich nun Kon- sen“; Deutschland habe seine
zept und Rahmen gegeben; Werte und Interessen zu er-
sie will Europa ernst nehmen klären – kann das die neue
und für 90 Prozent ihrer Steu- Regierung? Im Koalitionsver-
erzahler den vor ungefähr 15 Jahren überflüssig geworde- trag, in seinen geopolitischen Passagen floskelig, schafft
nen Solidaritätszuschlag abschaffen, und wenn sie tut, was sie es nicht; und die Kanzlerin schweigt.
sie plant, wird sie Sinnvolles erreichen und das Land Clüver Ashbrooks Harvard-Kollege, der Politologe Ste-
ordentlich verwalten. Gehälter, Gesundheit, Mietpreise, phen Walt, sagt via Mail: „Ich hasse es, das zu sagen, aber
Bildung und Infrastruktur treiben viele Wähler um, eine Kanzlerin Merkel hatte recht, als sie sagte, Europa und
visionäre Politik erwarten nicht alle. Die neuen Minister Deutschland müssten Verantwortung für ihr Schicksal über-
können Geld einsetzen – keine miese Ausgangslage. nehmen.“ Die Priorität liege für Deutschland darin, die EU
Zur Demokratie gehören Verhandlungen und vor allem zu reparieren, denn wenn diese kollabiere, „muss Deutsch-
Realismus. Der protestantische Leidensstolz Angela Mer- land in unsicherer Umgebung für sich selbst kämpfen“.
kels auf all die „schmerzhaften Kompromisse“ müsste Einst waren wir daran gewöhnt, dass Demokratien
nicht sein, doch wer ihre vierte Regierung bewerten will, durch Militärputsche zu Fall kamen: in Argentinien, der
sollte berücksichtigen, dass diese drei Parteien nicht zu- Türkei, an vielen Orten. Das hat sich geändert: Heute ero-
sammenkommen wollten und unter den Krisenumständen dieren Demokratien, weil die Gewählten, extremistische
geduldige Fairness verdient haben. Man muss ja mittler- Demagogen wie Donald Trump, die Institutionen unter-
weile lachen, wenn man die Kritiker von der FDP motzen graben. Für all diese Aufgaben, für den aufziehenden Wel-
hört. Ach ja … und warum habt ihr vor knapp drei Mona- tensturm, sind die werdende Regierung und ihr Vertrags-
ten eure Chance weggeworfen? werk nicht oder noch nicht gut genug. Klaus Brinkbäumer

6 DER SPIEGEL 7 / 2018


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Meinung
Jan Fleischhauer Der schwarze Kanal

Es ist ein Elend


Ich bin zum Katastro-
phentouristen gewor-
dahin zu ziehen, wo es etwas besser aus-
sieht. Trotzdem steht über diese Dürre- Premium
den. Mir ist das etwas
unangenehm, Kata-
katastrophen selten etwas in den Zeitun-
gen. Das haken wir so ab. Man kann sich
Speaker
strophentourist klingt schließlich nicht mit allem Elend beschäfti- So gesehen Warum
wie Gaffer. Aber ich gen, das in der Welt geschieht, nicht wahr? Christian Lindner die
habe es mir nicht aus- Ich mag falschliegen, aber ich glaube, Opposition so toll findet
gesucht, die Umstände unser Interesse hängt von der Ähnlichkeit
haben dafür gesorgt. der Betroffenen ab. Das klingt nicht schön, Nach dem Scheitern der
Ich bin vor vier Wochen nach Kapstadt aber es ist so. Die Menschen in Kapstadt Jamaikasondierungen sah
geflogen. Als wir ankamen, sagte uns der sehen so aus wie wir, jedenfalls die Bewoh- es kurz so aus, als ginge
Besitzer des Hauses, das wir gemietet hat- ner der besseren Viertel. Deshalb interes- Christian Lindner als Verlie-
ten, dass wir beim Duschen einen Eimer sieren wir uns für ihr Schicksal. Wären sie rer aus der Sache hervor.
unterstellen sollten, um Wasser zu sparen. Schwarze oder Asiaten, würde weniger Klar, die Umfragewerte sei-
In den Zeitungen steht jetzt, dass Süd- über sie in den Zeitungen stehen. ner Partei sanken, seine per-
afrika eine beispiellose Dürre durchlebe. Uns ist das nicht immer bewusst, aber sönlichen ebenfalls, aber,
Angeblich ist der 12. April der Tag, an dem Mitgefühl ist ein schlechter Ratgeber. Das was viele gar nicht wussten:
die Leitungen leer sind. Die Wahrheit ist: ist einer der Gründe, warum man die Em- Die Kasse klingelt. Wie jetzt
Man merkt nicht viel davon. Es ist auch pathie nicht zum Maßstab bei humanitären bekannt wurde, hielt Lind-
nicht so, dass ganz Südafrika von der Krisen machen sollte. Ginge es nach unse- ner, noch während die Son-
Dürre heimgesucht würde. Das Land hat rem Mitgefühl, würden Kinder ganz viel dierungen mit Union und
mehrere Klimazonen, in Johannesburg bekommen, alte Menschen, die schon et- Grünen liefen, fünf gut do-
zum Beispiel regnet es jeden zweiten Tag. was verwahrlost aussehen, eher wenig. tierte Vorträge bei Banken
Vielleicht ist dies das Problem des Klima- Nun kann man einwenden, dass alte Men- oder Finanzmessen. Am 14.
wandels: Man spürt ihn erst, wenn es zu schen ohnehin nicht mehr lange zu leben November etwa sprach er
spät ist. haben. Aber das ist ein Standpunkt, der vor Managern in Hamburg
Eigentlich ist es ein schöner Zug, wenn sich mit humanitärem Engagement über die schwierigen Sondie-
Menschen sich dafür interessieren, wie es schlecht verträgt. rungen. Fünf Tage später
in der Welt zugeht. Mir ist bei der Gelegen- Ich vermute, dass wir gern über Proble- brach er diese dann ab.
heit allerdings aufgefallen, dass unser Mit- me andernorts hören, weil sie uns daran er- Seither, das ist das Schöne,
gefühl ziemlich selektiv ist. innern, dass es uns gar nicht so schlecht hat Lindner noch mehr Zeit
Es gibt Teile von Afrika, da hat es seit geht. Wer möchte nicht in Kapstadt leben? fürs Wesentliche. Alles in al-
Jahren nicht mehr geregnet. Nicht nur Das ganze Jahr Sommer, dazu die schöns- lem hielt er bereits neun be-
zwei Jahre nicht, sondern vier, fünf Jahre. ten Strände. Ein Glück, dass ihnen dort zahlte Vorträge und kassierte
Da kommt auch kein Wasserwagen vorbei, bald das Wasser ausgeht. Das kann uns in dafür locker 50 000 Euro. Sei-
um die Bewohner mit 50 Litern am Tag zu Deutschland nicht passieren. ne Redneragentur („Pre-
versorgen. Die einzige Chance, die den mium Speakers“) hat dieser
Leuten bleibt, wenn sie überleben wollen, An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Tage jedenfalls viel zu tun,
ist es, ihre Habseligkeiten zu packen und Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. um die Anfragen für ihren
Premium Speaker zu bewälti-
gen. Das angekündigte Vor-
tragsthema („Gründerkultur.
Kittihawk Vom Scheitern und Gewin-
nen.“) scheint gefragt zu
sein. Das Aus von Jamaika
habe die Nachfrage keines-
wegs gedämpft, freut sich
eine Mitarbeiterin der Agen-
tur. Im Gegenteil: „Wir ha-
ben wirklich wahnsinnig vie-
le Anfragen für ihn.“ Sobald
eine eingehe, werde diese fix
bearbeitet, verspricht die
Mitarbeiterin noch. „Er ant-
wortet schnell.“ Christian
Lindner kann eben Wichti-
ges von Unwichtigem unter-
scheiden. Und er weiß:
Geplatzte Sondierungen
sind eben auch nur dornige
Chancen – fürs eigene
Portemonnaie. Sven Becker

8 DER SPIEGEL 7 / 2018


Du hast die
Kontrolle über deine
Daten auf Facebook.
Menschen verwenden Facebook, um mit Freunden und Familie
in Kontakt zu bleiben. Aber vielleicht möchtest du nicht, dass
jeder auf Facebook alles von dir sieht. Deshalb haben wir
mithilfe von Datenschutzexperten Privatsphäre-Einstellungen
entwickelt, die auf deinem Feedback basieren. So wählst du,
was für dich richtig ist.
Der Schutz deiner Daten hat für uns
Priorität. Weitere Informationen findest
du unter fb.me/meineprivatsphaere
Titel

CARSTEN KOALL / GETTY IMAGES


Regierungschefin Merkel: Fast in jedem Politikbereich stimmte die Union SPD-Projekten zu

Winterschlussverkauf
Regierung Angela Merkel hat einen hohen Preis gezahlt, um noch ein wenig Kanzlerin
bleiben zu können. Ihre Partei begehrt auf, Rachepläne werden entworfen,
ihre Lage ist prekärer denn je. Die SPD bereitet sich derweil auf die Zeit nach ihr vor.

E
s ist Mittwochmittag, Punkt 12.30 fin auf den letzten Metern herausholen misse“ gegeben. Schmerzen hatte Merkel
Uhr, als Angela Merkel nach geschla- konnte. schon vor Beginn der letzten Verhand-
gener Schlacht vor ihr Team tritt. Merkel setzt sich ans Kopfende und lungsnacht angekündigt. Dass sie so heftig
Die große Runde der rund 50 Unionspoli- stellt das Ergebnis der Verhandlungen vor. für ihre Partei sein würden, hatte keiner
tiker, die gerade acht Tage lang mit der Sie erläutert die wichtigsten Inhalte des aus der Runde erwartet.
SPD verhandelt hat, hat sich im Vorstands- 177 Seiten dicken Vertrags und spricht von Als Merkel bei der Verteilung der Mi-
zimmer des Konrad-Adenauer-Hauses ver- Erfolgen. Allerdings, räumt sie irgendwann nisterien angelangt ist, herrscht betretenes
sammelt. Sie sind gespannt, was ihre Che- ein, habe es auch „schmerzhafte Kompro- Schweigen. Die meisten können nicht
10 DER SPIEGEL 7 / 2018
AXEL SCHMIDT / REUTERS

SPD-Fraktionsvorsitzende Nahles: Kühle Taktiererin der Macht

fassen, dass das Finanzministerium, das auch leben. Aber die Ressortverteilung sogar noch langsamer. Die Republik erleb-
Schlüsselressort einer jeden Regierung, sei „wirklich bitter“. Er könne dem Werk te Wochen des Stillstands, Tage der Träg-
tatsächlich an die Sozialdemokraten ge- daher nicht zustimmen. Später wird Lin- heit, an denen es so aussah, als würde das
gangen ist. Und zumindest die CDU-Mit- nemann noch deutlicher: Die Ressortauf- wirtschaftlich stärkste Land Europas par-
glieder im Raum wollen nicht glauben, teilung gehe „mitten ins Mark der CDU“. tout keine Regierung bekommen.
dass man auch noch das Innenministerium Merkel zuckt nach Linnemanns Vortrag, Weil nicht klar war, ob sich neben den
abtreten musste, in diesem Fall an die den sie mit missmutiger Miene verfolgt, Grünen noch jemand finden würde, der
Schwesterpartei CSU und deren Vorsitzen- nur mit den Schultern – und geht mit kei- bereit ist, mit Angela Merkel zu regieren.
den Horst Seehofer. Viele erkennen plötz- nem Wort auf die Kritik ein. Sie weiß in Und dann verhakte man sich in einer Zeit,
lich, dass Merkel einen enorm hohen diesem Moment noch nicht, dass Linne- in der die Welt über die Zurechnungs-
Preis gezahlt hat, um Kanzlerin bleiben mann für viele in ihrer Partei spricht – und fähigkeit von Donald Trump und Kim Jong
zu können. dass sich die politische Lage im Lande nach Un oder den unaufhaltsamen Aufstieg Chi-
Irgendwann meldet sich der Vorsitzende dieser Nacht verändert hat. Auch ihre nas redet, über die sachgrundlose Befris-
der CDU/CSU-Mittelstandsvereinigung, eigene. tung von Arbeitsverhältnissen in Deutsch-
Carsten Linnemann, zu Wort und spricht Auch so ist Politik in Deutschland. Der land.
aus, was viele im Saal denken. Er wisse, alte Satz von Günter Grass, wonach der Aber dann geht plötzlich alles rasend
dass es in einer Koalition Kompromisse Fortschritt eine Schnecke ist, traf auf die schnell. Zunächst verständigen sich CDU,
geben müsse, sagt er. Mit dem inhaltlichen Zeit nach der Bundestagswahl nicht zu. Er CSU und SPD in besagter Nacht doch noch
Teil der Vereinbarung könne er zur Not war in diesen inzwischen fast 140 Tagen auf einen Koalitionsvertrag. Kurz darauf
DER SPIEGEL 7 / 2018 11
Titel

verkündet die SPD mal eben einen Wech- SPD-Führung, sondern auch das der Kanz- Und den Preis für ein solches umso höher
sel ihrer Führungsspitze und macht Andrea lerin. treibt. „Mittlerweile gilt wohl“, sagt der
Nahles zur zweitmächtigsten Frau der Re- Es verschiebt sich gerade viel in der langjährige Bundestagsabgeordnete Wolf-
publik. Und dann zeigt sich, dass selbst in deutschen Politik, und Merkel weiß, dass gang Bosbach, „je schlechter die SPD bei
der klinisch tot wirkenden CDU noch et- diese Verschiebungen nicht zu ihrem Wahlen abschneidet, desto lauter murrt
was Restleben steckt und Teile der Partei Vorteil sind. Alle Parteien haben einen deren Basis – desto mehr müssen CDU
zum Protest gegen Angela Merkels Politik Erneuerungs- oder Verjüngungsprozess und CSU bei Verhandlungen nachgeben,
aufrufen. durchlaufen, die FDP, die Grünen, die damit die SPD zufrieden ist. Wie klein will
Die Zugeständnisse, die Merkel den Schwesterpartei CSU – und nun eben auch sich die Union denn noch machen?“
Genossen gemacht hat, sind so groß, dass die SPD. Nur in der CDU bleibt vorerst Die Selbstverzwergung begann am
man sich fragen kann, wer eigentlich als alles, wie es war. Die 63-jährige Merkel Dienstagabend vor der letzten entschei-
stärkste Kraft aus der Bundestagswahl am führt die Partei nun schon seit fast 18 Jah- denden Verhandlungsrunde. Um halb
24. September hervorgegangen ist: die ren, 12 davon als Kanzlerin. Und der 68- neun Uhr versammeln sich Angela Merkel,
Union oder die SPD? jährige Fraktionschef Volker Kauder dient Horst Seehofer und Martin Schulz im Büro
Nicht nur, dass die Sozialdemokraten ihr ebenfalls seit 12 Jahren in ein und der- der CDU-Chefin im Konrad-Adenauer-
viele ihrer Forderungen im Koalitionsver- selben Funktion. Nun mag das Bedürfnis Haus, um zu klären, welche Partei welches
trag unterbringen konnten. Sie sicherten nach Erneuerung in konservativen Partei- Ministerium erhält. Schulz stellt stolze For-
sich zudem drei Schlüsselministerien: ne- en naturgemäß gedrosselt sein. Aber es derungen: Die SPD wolle das Finanz-, das
ben dem Ministerium für Arbeit und So- wächst selbst in der CDU, weil nicht weni- Außen- sowie das Arbeits- und Sozialmi-
ziales auch das Außenamt und das Finanz- ge den Eindruck haben, dass Merkel für nisterium haben. Sechs Ministerien, darun-
ministerium, das viele Jahre eisern von den persönlichen Machterhalt zu viele ter drei große, das ist sein Ziel.
CDU-Mann Wolfgang Schäuble geführt Posten und Positionen preisgegeben habe. „Das ist inakzeptabel“, sagt Seehofer. Er
worden war. Es wirkt, als habe Merkel das „Puuuh! Wir haben wenigstens noch das will das Finanzministerium für sich und
letzte Tafelsilber ihrer Partei verscherbeln Kanzleramt!“, twitterte der CDU-Bundes- seine Partei reklamieren. Dort saßen auch
müssen, um sich eine weitere Amtszeit zu tagsabgeordnete Olav Gutting nach Be- schon die CSU-Vorsitzenden Franz Josef
sichern. Wie im Winterschlussverkauf. kanntwerden der Verhandlungsresultate Strauß und Theo Waigel. Es geht hin und
Die Kanzlerin glaubte, diese Zugeständ- sarkastisch. Die Wut in der CDU über das her, immer mit den gleichen Argumenten.
nisse machen zu müssen, um die SPD von schwache Verhandlungsergebnis ist groß, Wenn die CSU das Finanzministerium
einer weiteren Großen Koalition zu über- nicht nur bei einfachen Mitgliedern, son- nicht bekomme, müsse es das Arbeits- und
zeugen, der vierten in der Geschichte der dern auch bei hochrangigen Funktions- Sozialministerium sein, sagt Seehofer.
Bundesrepublik und bereits der dritten un- trägern. „Die Sozialdemokraten haben für „Das kriegst du auf keinen Fall“, sagt
ter ihrer Führung. Sie wusste, dass sie es sich eine Menge rausgeholt“, konstatierte Schulz. „Wenn wir auf das Arbeitsminis-
sich nicht erlauben konnte, nach den chao- Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Da- terium verzichten, wäre das so, als ob die
tischen Jamaikasondierungen einen weite- niel Günther. Union aufs Innenministerium verzichtet.“
ren Versuch einer Regierungsbildung schei- Dass die politische Landschaft in Dann doch das Finanzministerium, sagt
tern zu lassen. Deutschland in diesen Wochen so ausge- Seehofer. „Das müssen wir haben. Wir
Als Druckmittel wirkte auch der ständig zehrt, verunsichert und nervös wie selten können in der Regierung nicht nur den
von den Verhandlungsführern der SPD wirkt, liegt nicht nur an den Folgen von Kaffee servieren“, sagt Schulz. Sein Druck-
vorgebrachte Hinweis auf den eigenen Mit- Angela Merkels kontroverser Flüchtlings- mittel ist das anstehende Mitgliedervotum:
gliederentscheid. Rund 464 000 SPD-Mit- politik. Es liegt auch daran, dass die CDU „Wir kriegen den Vertrag sonst nicht
glieder werden bald über den Koalitions- sich programmatisch so sehr der Sozialde- durch.“ Angela Merkel folgt den Verhand-
vertrag abstimmen können. In ihren Hän- mokratie angenähert hat, dass diese aller- lungen teilweise wie eine Zuschauerin
den liegt nun nicht nur das Schicksal der gisch auf ein weiteres Bündnis reagiert. beim Pingpong.
Die Stunden vergehen. Während die
drei Chefs beisammensitzen, steckt im Vor-
standsbüro Verteidigungsministerin Ursula
Gesundheit von der Leyen ihre Jacke unter den Kopf
Für Arbeitnehmer werden die Krankenkassenbeiträge im kommenden Jahr um bis zu und macht auf dem Boden ein Nickerchen.
0,5 Prozentpunkte sinken. Gutverdiener können mit einer Entlastung von mehr als Gesundheitsminister Hermann Gröhe rollt
200 Euro im Jahr rechnen, weil sich die Arbeitgeber ab 2019 wieder zur Hälfte an den sich in einem leeren Mitarbeiterbüro auf
Beiträgen zur gesetzlichen Krankenversicherung betei- einer Couch zusammen. Der CSU wird
ligen müssen. Für Unternehmen wird das teuer, sie langsam klar, dass das Finanzministerium
werden mit etwa sechs Milliarden Euro jährlich belastet. Beiträge zur gesetzlichen nicht zu haben ist.
Allerdings könnten die Entlastungen für die Beschäftig- Krankenversicherung, Merkel und Seehofer schlagen Schulz
ten nur von kurzer Dauer sein. Union und SPD haben in Prozent schließlich vor, die Ressortverteilung nach
sich auf viele Ausgaben verständigt, die die Beiträge Arbeitnehmer dem Reißverschlussverfahren zu klären,
bald wieder in die Höhe treiben dürften. So wollen sie (Durchschnitt) 8,3 das den Parteien erlaubt, abwechselnd ein
mehr Geld ausgeben, um die Pflege in Krankenhäusern Ministerium zu wählen. Das ist das übliche
auszubauen und überflüssige Klinikbetten abzubauen. Verfahren. Die SPD dürfe zwei Ministerien
Dagegen ist von dem Versprechen, die Ungleichbehand-
7,9 2019:
Parität auf einmal wählen, versucht Seehofer
geplant
lung von privat und gesetzlich Versicherten zu beenden, Schulz zu ködern. Aber der bleibt hart.
kaum etwas geblieben. Über eine bundesweit einheit- „Das wollen wir nicht. Wir wollen eine
liche Nummer sollen Kassenpatienten schneller Arzt- 7,0 7,3 Paketlösung.“ Schulz tritt in dieser Nacht
termine bekommen, und eine Kommission wird darüber so klar und entschieden auf wie all die
beraten, ob sich die Honorare von Privat- und Kassen- Arbeitgeber Monate zuvor nicht.
patienten angleichen lassen. Wie eine Lösung am Ende Es ist inzwischen nach Mitternacht, als
aussehen könnte, ist derzeit völlig offen. 2008 2018 Seehofer seinen Leuten erklärt, wenn es

12 DER SPIEGEL 7 / 2018


ALEXANDER BECHER / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK

SPD-Unterhändler während der Koalitionsgespräche*: „In der Regierung nicht nur den Kaffee servieren“

kein großes Ministerium für ihn persönlich Zuständigkeiten, für Bau und Heimat zum fragen, über die die Parteien tagelang ge-
gebe, werde er eben nicht nach Berlin Beispiel, das wäre was. Mit diesem Vor- stritten haben, sind plötzlich kein Problem
gehen. Wenn er, der Vorsitzende, selbst schlag geht Seehofer zu Merkel. mehr: Ärztehonorare, sachgrundlose Be-
nicht in der Regierung sei, könne die CSU Sie müsse sich mit ihren Leuten beraten, fristung – in knapp einer Stunde wird ge-
leichter auf ein großes Ministerium ver- antwortet sie. Dann zieht sie Volker Kau- löst, worüber zuvor nächtelang gestritten
zichten. „Das ist nicht akzeptabel“, ent- der, Peter Altmaier und den hessischen worden war. Zuerst informieren die Par-
gegnet Dobrindt. Ministerpräsidenten Volker Bouffier hinzu. teichefs ihre eigenen Leute, dann treffen
Um ein Uhr nachts ruft Merkel die Ver- Es werde nicht leicht sein, das den eigenen zum letzten Mal rund 90 Verhandler aller
handler erneut zusammen. Ob man wirk- Leuten zu erklären, warnt Bouffier. Aber drei Parteien zusammen. Bei CSU und
lich den Bürgern erklären wolle, dass die ein Scheitern könne man auch nicht erklä- SPD ist die Stimmung gelöst, bei der CDU
Große Koalition gescheitert sei, weil man ren, sagt die Kanzlerin. Altmaier schlägt eher nicht.
sich nicht auf eine Ressortverteilung habe vor, die Zuständigkeit für Digitales aus In den Stunden und Tagen, die folgen,
einigen können, fragt sie. Das werde einen dem Verkehrsministerium der CSU in das bilden sich Zellen des Widerstands gegen
massiven Ansehensverlust für beide Volks- Wirtschaftsministerium zur CDU zu holen. das magere Ergebnis – und das im tradi-
parteien bedeuten. Man vereinbart, weiter Dann könnte man sagen, ein zentrales tionell duldsamen Kosmos der CDU. Wie
nach einer Lösung zu suchen. Und allen Zukunftsthema liege nun bei der CDU. bei den Sozialdemokraten begehrt zuerst
ist klar: Wer zuerst zuckt, verliert. Merkel geht mit diesem Vorschlag zu die Parteijugend auf. Die Junge Union
Wieder getrennte Beratungen der drei Seehofer. Komme nicht infrage, antwortet Bremen zeigt sich „sehr enttäuscht“: „Wir
Parteien. Nachdenken. Schweigen. Um der. Die CSU werde keine Zuständigkeiten fordern die CDU auf, nun schnellstmöglich
vier Uhr morgens ist auf allen Seiten von abgeben. eine Minderheitsregierung zu bilden, ge-
einer „Totalblockade“ die Rede. Schulz Schließlich gibt Merkel nach, der SPD gebenenfalls auch mit der FDP.“ Die Junge
greift zum Handy, ruft die Kanzlerin an wie der CSU. Sie erkennt, dass ihre Ver- Union Berlin klagt, die SPD habe sich mit
und fragt, ob es sinnvoll sei, wenn er noch handlungspartner entschiedener sind als dem Erpressungspotenzial des Mitglieder-
einmal unter vier Augen mit Seehofer sie selbst. Dass sie die Verhandlungen eher entscheids offenbar voll und ganz durch-
spreche. „Machen Sie mal“, sagt Merkel. scheitern lassen würden. Merkel war in gesetzt. Insgesamt gelte: „Von einem Auf-
Schulz und Seehofer treffen sich im Büro ihrer Karriere noch nie bereit, für politi- bruch keine Spur!"
des erkrankten CDU-Generalsekretärs Pe- sche Ziele oder Anliegen ihr Hauptziel zu In Dresden will die örtliche CDU am 16.
ter Tauber. „Lass uns das nicht an Ministe- gefährden: die Sicherung ihrer eigenen Februar sogar ihr eigenes Mini-Mitglieder-
rien scheitern lassen“, sagt Schulz. „Das Macht. So ist es jetzt wieder. votum abhalten. Dass der Vertrag bei die-
können wir niemandem erklären.“ Aber Um 8.30 Uhr, zwölf Stunden nach der ser lokalen Abstimmung durchfallen wird,
es passiert wieder nichts. Zwei Stunden ersten Besprechung, treffen sich die drei ist wahrscheinlich – und das nicht nur, weil
später, es ist jetzt 6.30 Uhr, hat Alexander Parteichefs wieder in Merkels Büro. „Ich die ostdeutschen Landesverbände bei der
Dobrindt im Kreise der CSU-Teams eine gehe ins Innenministerium“, erklärt See- Postenvergabe leer ausgehen.
neue Idee: „Und wenn wir das Innenmi- hofer. Schulz stimmt sofort zu. Die Sach- Es gärt überall in der CDU. In der Bun-
nisterium nehmen?“ Seehofer überlegt. Im destagsfraktion ist die Stimmung am ver-
Prinzip sei das okay, aber er will weitere * Am 5. Februar im Willy-Brandt-Haus. gangenen Mittwoch düster. Ein erfahrener
DER SPIEGEL 7 / 2018 13
„Wir stehen für solide Finanzen“
SPD Olaf Scholz, 59, sieht den Koalitionsdeal als Erfolg, an der schwarzen Null will er festhalten.

SPIEGEL: Herr Scholz, der Koalitionsver- Regierung für unser Land und für Scholz: Ja, das gilt auch für uns. Die
trag ist unter Dach und Fach. Wie zu- Europa erreichen kann. Sozialdemokraten stehen für solide
versichtlich sind Sie, dass die SPD-Mit- SPIEGEL: Andrea Nahles soll künftig die Finanzen. Mit einer erfolgreichen Wirt-
glieder zustimmen? SPD führen. Viele Sozialdemokraten schaftspolitik steigen auch die finan-
Scholz: Sehr zuversichtlich. Das ist ein finden, dass sie trotz ihrer 47 Jahre ziellen Spielräume.
guter Vertrag, der vielen Bürgerinnen schon zu sehr zum Establishment der SPIEGEL: Im Koalitionsvertrag sind rund
und Bürgern Vorteile bringt. Ganz Partei gehört. Steht Nahles wirklich für 46 Milliarden Euro Spielraum vorgese-
wichtig ist, dass wir damit den sozialen eine Erneuerung? hen. Die Ausgabenwünsche liegen
Zusammenhalt stärken, für uns als Scholz: Natürlich. Andrea Nahles aber deutlich höher. Wie wollen Sie
SPD ist dieses Thema wichtig. Deswe- ist eine kämpferische und dynamische damit umgehen?
gen habe ich die Hoffnung, dass Frau. Sie ist genau die Richtige, um Scholz: Viele Vorhaben werden aus
unsere Mitglieder am Ende zustimmen die Erneuerung der SPD voranzu- dem normalen Haushalt finanziert, da-
werden. treiben. Viele in unserer Partei setzen für stehen in den nächsten vier Jahren
SPIEGEL: Nach den Sondierungen klang ihre Hoffnungen auf sie. Ich auch. im Bundeshaushalt 1,4 Billionen Euro
das noch ganz anders. Da haben viele SPIEGEL: Sie gelten als Vertrauter der zur Verfügung. Das ist sehr viel Geld.
Sozialdemokraten geklagt, die SPD designierten Parteichefin, obwohl Sie Ansonsten sind wir auf zusätzliches
habe zu wenig herausgeholt. Wachstum und daraus ent-
Was haben Sie erreicht? springende Steuermehrein-
Scholz: Das unbefristete Ar- nahmen angewiesen. Bei al-
beitsverhältnis wird wieder len zusätzlichen Wünschen
zur Regel. Wir schränken müssen wir genau schauen,
sachgrundlose Befristungen was wir uns leisten können
drastisch ein und schaffen und was nicht. Für mich ist
endlose Kettenbefristungen wichtig, dass wir Spielräume
ab. Für Beschäftigte und Ar- auch nutzen, um den sozia-
beitgeber soll wieder der len Zusammenhalt zu stär-
gleiche Beitragssatz bei der ken. Also mehr Geld für den
Krankenversicherung gelten. sozialen Wohnungsbau, für
Das Rückkehrrecht in Voll- den Einstieg in gebühren-
zeit wurde vereinbart, außer- freie Kitas oder den Ganz-
dem der Rechtsanspruch tagsschulausbau. Das sind
auf Ganztagsbetreuung in große Aufgaben. Unser Land
Grundschulen. In die Zu- profitiert, wenn wir sie be-
kunft der Bildung wird mit wältigen.
großer Entschiedenheit in- SPIEGEL: Martin Schulz hat
KAY NIETFELD / DPA

vestiert. Ebenso in die digita- angekündigt, sich in der Eu-


le Zukunft. Der Soli fällt für ropapolitik von Wolfgang
Beschäftigte mit kleinen und Schäubles Spardiktat zu ver-
mittleren Einkommen weg, abschieden. Was heißt das
wodurch 90 Prozent aller Sozialdemokrat Scholz konkret?
Steuerzahler entlastet wer- „Wir müssen schauen, was wir uns leisten können“ Scholz: Zwei Dinge sind
den. Außerdem kommt die wichtig: Wir wollen anderen
Grundrente. Kurz: Unser Land wird von unterschiedlichen Flügeln kom- europäischen Staaten nicht vor-
wirtschaftlich stärker und gerechter. men, Nahles vom linken, Sie vom prag- schreiben, wie sie sich zu entwickeln
SPIEGEL: In der SPD gibt es Unmut, matischen. Das klappt trotzdem? haben. Da sind in der Vergangenheit
weil Martin Schulz angekündigt hat, Scholz: Ich halte von diesem Flügelden- sicherlich Fehler gemacht worden. Und
ins Kabinett zu gehen, obwohl er ken nichts. Die SPD wird gebraucht. wir müssen uns um die Frage küm-
das einst ausgeschlossen hatte. Ist der Wir müssen sie jetzt gemeinsam auf- mern, wie wir mit den Folgen des
Schritt vermittelbar? richten, um wieder Wahlergebnisse Brexit umgehen. Das ist eine Riesen-
Scholz: Martin Schulz hat sich jetzt zu oberhalb der 30 Prozent zu erreichen – aufgabe für uns.
seiner persönlichen Zukunft geäußert, da braucht es jede und jeden. Andrea SPIEGEL: Durch den Brexit fehlen im
weil das viele von ihm erwartet haben. Nahles und ich kennen uns schon sehr Brüsseler Haushalt in Zukunft mehrere
Er will Außenminister werden. Und lange, wir sind 1998 gemeinsam in den Milliarden jährlich. Soll allein Deutsch-
es steht außer Frage, dass er das kann. Bundestag eingezogen. Thematisch ha- land diese Lücke füllen?
SPIEGEL: Könnte das Thema „Wort- ben wir uns damals beide mit der Ar- Scholz: Ganz sicher nicht allein. Ich
bruch“ manche Sozialdemokraten beits- und Sozialpolitik beschäftigt. Die kenne niemanden, der das hierzulande
dazu verleiten, gegen den Koalitions- Leidenschaft dafür teilen wir bis heute. für eine richtige Idee hielte. Aber na-
vertrag zu stimmen? SPIEGEL: Die SPD soll künftig das Finanz- türlich werden wir uns maßgeblich be-
Scholz: Das glaube ich nicht. Es geht ministerium besetzen. Ist die schwarze teiligen müssen, und das wird eine He-
jetzt um die Inhalte des Koalitions- Null, auf die Wolfgang Schäuble immer rausforderung.
vertrags und darum, was eine solche pochte, auch für Ihre Partei unantastbar? Interview: Veit Medick, Michael Sauga

14 DER SPIEGEL 7 / 2018


Titel

Abgeordneter klagt am Rande der Sitzung,


dass Merkel ausgerechnet die Ministerien
mit politischem Bewegungsspielraum ver-
schenkt habe, das Finanz- und das Innen-
ministerium. „Mir fällt beim besten Willen
kein guter Grund dafür ein.“
In der Sitzung beklagt Paul Ziemiak, der
Vorsitzende der Jungen Union, er habe
keine einzige positive Rückmeldung von
der Basis erhalten. Die nordrhein-west-
fälische Bundestagsabgeordnete Sylvia
Pantel, die schon in der Flüchtlingskrise
nicht mit Kritik an der Parteivorsitzenden
gegeizt hatte, pflichtet ihm bei: Dieses Er-
gebnis sei zu Hause kaum zu vermitteln. PAUL LANGROCK / DER SPIEGEL

Mark Hauptmann, neu gewählter Vor-


sitzender der Jungen Gruppe, macht sei-
nem Ärger mit Sarkasmus Luft. Wenn
schon auf dem Deckblatt des Koalitions-
vertrags von Dynamik und einem neuen
Aufbruch die Rede sei, schimpft der Thü-
ringer, sei es doch sehr bedauerlich, dass Bundesfinanzministerium in Berlin: Fette Beute für die SPD
dieses Versprechen auf den hinteren Seiten
weder mit überzeugenden Inhalten noch
den passenden Personen eingelöst werde. stellen.“ Das liest sich wie eine direkte gend erklären, warum ausgerechnet die
Er hätte sich gewünscht, dass das neue Kampfansage an Kauder. stärkste Partei am Ende als größte Ver-
Kabinett auch ein Signal an künftige Poli- Während die CDU schmollt, feiert die liererin aus den Gesprächen herausgeht.
tikergenerationen aussende, sagt Haupt- bayerische Schwester den Koalitionsver- Das Image der ewig Erfolgreichen ist zu
mann – dabei dürfte er nicht nur an sich trag als Erfolg. Aus Seehofers Sicht gab es Beginn ihrer wohl letzten Amtszeit schwer
selbst, sondern vor allem an seinen Kolle- nur ein übergeordnetes Ziel: der AfD kei- angekratzt.
gen Jens Spahn gedacht haben, der bislang ne Munition für die bayerische Landtags- Nun komme es darauf an, dass bei der
im Postenspiel leer ausgegangen ist. wahl im Herbst zu liefern. Das hieß inhalt- Besetzung der Ministerien ein Zeichen ge-
Spahn hatte sich zuletzt als Finanzstaats- lich, in der Flüchtlingsfrage eine harte setzt werde, „dass Erneuerung sichtbar
sekretär unter Schäuble und mit konser- Linie zu vertreten. Und nun kommt noch wird, dass hier neue Menschen für die
vativen Positionen zum Thema Islam und ein Ressort hinzu, mit dem man diese Linie Union in Gänze Verantwortung haben und
Zuwanderung profiliert. Er gilt für viele durchsetzen kann. wir mindestens die Hälfte dieser Positio-
als Zukunftshoffnung der Partei und poten- Dass Seehofer bislang nicht durch in- nen mit Frauen besetzen“, fordert Schles-
zieller Nachfolger Merkels. Ihm trauen die nenpolitische Expertise aufgefallen ist, wig-Holsteins Ministerpräsident Günther.
verbliebenen Konservativen am ehesten stört in der CSU niemanden. Auch nicht Wer genau für die CDU in welchem
zu, den unter Merkel verblassten Marken- die Tatsache, dass nun ein Nichtjurist das Ministerium landen wird, steht noch nicht
kern der Partei wieder sichtbar zu machen. Ministerium führt, das unter anderem für fest. Sie habe sich dazu keine Gedanken
Dass es für ihn keine wichtige Funktion Verfassungsfragen mitverantwortlich ist. gemacht, behauptete Merkel am Mittwoch
gibt, weckt unter seinen Verbündeten In der CSU zählt mehr, dass Seehofer eine in kleiner Unionsrunde. Das nahm ihr nie-
Rachegelüste. Sie wollen ihn jetzt zu einer fette Beute aus den Verhandlungen mit- mand ab.
Kandidatur gegen Fraktionschef Volker bringen konnte. Offen ist vor allem, ob die saarländische
Kauder drängen. Der ist nur für ein Jahr Genau das Gegenteil denkt die CDU Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Kar-
gewählt, im Herbst muss er von den Ab- nun über Merkel. Sie kann nicht überzeu- renbauer dem neuen Kabinett angehören
geordneten im Amt bestätigt werden. Kau-
der ist bei Spahn und dessen Leuten auch
deshalb so unbeliebt, weil sie ihm vorwer-
fen, nur Erfüllungsgehilfe Merkels zu sein.
Ob es wirklich zu einer Gegenkandidatur Steuern
kommt, ist offen. Wenn es so käme, wäre Der Solidaritätszuschlag gehört nach dem Willen von Einnahmen des Bundes
es ein bisher einmaliger Affront gegen die Union und Sozialdemokraten bald der Vergangenheit an, durch den Solidaritäts-
Kanzlerin. jedenfalls für die große Mehrheit der Steuerzahler aus zuschlag, in Mrd. €
Spahns Anhänger proben bereits die Ar- unteren und mittleren Gehaltsklassen. Spitzenverdiener
gumente für den Aufstand. Die Union müs- dagegen werden ihn weiterhin in vollem Umfang zahlen.
18,0
se sich „als Fraktion wieder selbstbewusst Dadurch profitieren vor allem Alleinstehende, die gut, 1995
und unabhängig vom Regierungshandeln aber nicht zu gut verdienen. Wo genau die künftige Soli- 13,4
präsentieren“, schreibt Carsten Linne- Grenze liegen wird, wollen Union und SPD später fest-
mann am Donnerstag in einer Erklärung. legen. Die Folge: Der Staat wird zehn Milliarden Euro 1992
„Wir müssen wieder mehr Bundestags- weniger in der Kasse haben. Zu den Verlierern des neuen 6,7
fraktion werden und weniger Regierungs- schwarz-roten Bündnisses zählen zudem jene Bürger,
fraktion. Wir müssen die Gesetze, die vom die über hohe Zinseinkünfte verfügen. Weil die Ab-
Kabinettstisch in den Bundestag kommen, geltungsteuer entfallen soll, müssen sie auf ihre Zins-
genau prüfen und, wenn nötig, den Mut erträge bis zu 50 Prozent Steuern zahlen. Heute sind Quelle: BMF
aufbringen, Regierungshandeln infrage zu es höchstens 28 Prozent. 1991 2017

DER SPIEGEL 7 / 2018 15


wird. Die Kanzlerin hätte Kramp-Karren-
bauer am liebsten als ihre Nachfolgerin –
und ein Wechsel ins Kabinett wäre nicht
schlecht, um sie in Position zu bringen. Al-
lerdings hat Merkels schwaches Verhan-
deln bei der Kabinettsverteilung die Chan-
ce auf einen Wechsel deutlich verringert.
Ausgeschlossen hat Kramp-Karrenbauer
ihn dennoch nicht. Möglicherweise will
Merkel erst den Ausgang des SPD-Mitglie-
derentscheids abwarten. Als Ministerprä-
sidentin wäre Kramp-Karrenbauer beschä-
digt, wenn sie einen Wechselwunsch öf-
fentlich machte, der dann an einem Nein
der SPD-Basis scheitern würde.

PAUL LANGROCK / DER SPIEGEL


Wie das Mitgliedervotum ausgehen
wird, ist offen. Aber immerhin: Die SPD-
Spitze freut sich über die Erfolge bei den
Verhandlungen. Sie registriert genüsslich,
dass die Kanzlerin in ihrer Partei unter Be-
schuss ist. Und der überraschende Wechsel
an der Parteispitze weckt zumindest leise Bundesinnenministerium in Berlin: Plötzlich in CSU-Hand
Hoffnungen auf einen Neuanfang. Jeden-
falls wenn man die schweren Turbulenzen
im Verhältnis von Martin Schulz und Sig- fortan die ungeteilte Macht in der SPD ha- ihn loszuwerden. Er kann sich inzwischen
mar Gabriel ausblendet, die mal wieder ben. Und wenn sie es möchte, hat sie nun vorstellen, die Macht zu teilen, aber er will
das überschatten, worum sich die Genos- alle Chancen, die nächste Kanzlerkandi- nicht abserviert werden. „Wenn es jeman-
sen eigentlich gern kümmern würden: den datin zu werden. den gibt, der nur den Parteivorsitz machen
Kampf um ein Ja der Mitglieder. Der Übergang von Schulz zu Nahles war will – bitte sehr. Wir können das morgen
Die Personalrochade, wonach Andrea das Ergebnis eines wochenlangen Prozesses. regeln“, sagt er drei Tage vor dem Partei-
Nahles neue Vorsitzende und Martin Er beginnt Mitte Januar. Die Sondierungen tag zu einem seiner Stellvertreter. Es ist
Schulz Außenminister werden soll, war mit der Union sind gerade beendet, Schulz eine Drohung: Wenn ihr jetzt an mir sägt,
eine machttaktische Finesse von Nahles. ist ausgelaugt, die Presselage vernichtend. geht der Parteitag schief. Dann werden die
Die Fraktionschefin soll nicht nur Partei- Ihm wird vorgehalten, schlecht verhandelt Delegierten gegen Koalitionsverhandlun-
vorsitzende werden, es gelang ihr zudem, zu haben, die Partei verliert in Umfragen. gen stimmen.
ihren Vertrauten Olaf Scholz als Vizekanz- Seine Selbstzweifel wachsen. „Kann sein, Wenige Tage vor dem Parteitag lädt er
ler in einem künftigen Kabinett zu instal- dass ich bald weg bin. Ich weiß nicht, ob Andrea Nahles in sein Büro im Willy-
lieren. Und ganz nebenbei rächte sie sich wir für die Aufnahme von Koalitions- Brandt-Haus. Schulz vertraut ihr, es impo-
auch noch an Gabriel, unter dem sie als verhandlungen eine Mehrheit kriegen“, sagt niert ihm, wie loyal sie sich seit der Wahl
Generalsekretärin so sehr gelitten hatte – er, als er im kleinen Kreis die Lage erörtert. verhalten hat. „Lass uns mal offen über
und beendete dessen Karriere. Vier auf ei- Schulz registriert, dass sich im Hinter- die Situation reden“, beginnt er das Ge-
nen Streich. Gabriel schäumt und beklagt, grund eine Bewegung formiert, die ihn spräch. Dann skizziert er seine Optionen:
wie „respektlos“ man mit ihm umspringe. drängt, auf dem Parteitag in Bonn am weitermachen und politisch langsam ster-
Sollten die Mitglieder bei der Abstim- 21. Januar den Verzicht auf einen Kabi- ben. Oder aber ein scharfer Schnitt, der
mung über die Große Koalition diese Plä- nettsposten zu erklären. Schulz wittert, die Partei stabilisiert. „Ich glaube, du soll-
ne nicht noch durchkreuzen, wird Nahles dass dies nur ein Hebel sein könnte, um test auch den Vorsitz machen“, sagt er zu
Nahles. Es ist eine Idee, keine Verabre-
dung. Aber Nahles erkennt ihre Chance.
Schulz’ Rede auf dem Parteitag in Bonn
ist auch öffentlich ein Wendepunkt. Jeder
Rente kann sehen, wie entkräftet er ist. Schulz
Die Rentenversprechen der Großen Koalition kommen die Empfänger von Grund- redet an den Delegierten vorbei, am Ende
jüngere Generation teuer zu stehen. Allein 3,5 Milliarden sicherung im Alter wird kaum applaudiert.
Euro pro Jahr wird das neue Plus bei der Mütterrente Während er spricht, sitzt Nahles auf
kosten. Rund 2,8 Millionen Frauen, die vor 1992 drei oder Veränderung ihrem Sitz des Parteitagspräsidiums und
mehr Kinder zur Welt gebracht haben, sollen einen zusätz- gegenüber merkt, wie sich die Stimmung im Saal
Dez. 2008
lichen Rentenpunkt erhalten (derzeit rund 30 Euro im Mo- verschlechtert. Nahles hat eine Rede vor-
nat). Höhere Renten sollen auch jene Menschen bekom- + 31 % 536459
bereitet, die allein auf Inhalte setzt. Nun
men, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbei- läuft sie ans Pult, verzichtet auf Inhalte
ten können. Sie tragen eines der größten Armutsrisiken. und bietet pure Emotion.
Die geplante Grundrente könnte für viele Senioren mit 409 958 Am nächsten Tag zieht Schulz mit sei-
Minirenten eine Enttäuschung sein, da sie nur bei nach- nem Team ein Resümee: Er selbst stehe
gewiesener Bedürftigkeit gezahlt wird. Das Versprechen, da wie ein Esel, Nahles hingegen wie die
das Rentenniveau bis 2025 nicht unter 48 Prozent sinken Göttin in Rot. In den folgenden Tagen
zu lassen, hat zunächst keine Auswirkungen. Da bliebe spricht er regelmäßig mit Nahles über ei-
es auch ohne große Eingriffe. Die Entscheidung über das Dez.
Quelle:
Sept. nen möglichen Zeitpunkt für den Wechsel.
2008 2017 Sie weihen Vertraute und Mitarbeiter ein.
Niveau nach 2025 ist in eine Kommission ausgelagert. Destatis

16 DER SPIEGEL 7 / 2018


Titel

Fresse kriegen“ etc.) ist für diese Mission


nicht wirklich förderlich. Wenn sie sich je-
doch häufiger zu einem geschliffenen Auf-
tritt zwingt, kann auch das ein Nachteil
sein, ein Verlust von Natürlichkeit. Das ist
das Dilemma, vor dem Nahles steht.
Martin Schulz steht nun vor einem an-
deren Dilemma. Einerseits ist die Abgabe
des Vorsitzes ein Dienst an seiner Partei –
andererseits bricht er sein Versprechen,
nicht in ein Merkel-Kabinett einzutreten.
Dass er nebenbei noch Sigmar Gabriel aus
dem Amt verdrängen will, mit dem er einst
befreundet war, hat Gründe, ist in der Be-
völkerung aber nicht leicht vermittelbar.
Die Causa Schulz wühlt die Sozialde-

ANNEGRET HILSE / DPA


mokraten so sehr auf, dass erstens unklar
ist, ob sein Schritt dem Mitgliedervotum
wirklich hilft, und zweitens, ob Schulz die
Wochen bis zur Regierungsbildung wirk-
lich als designierter Außenminister durch-
CSU-Chef Seehofer: „Das ist inakzeptabel“ hält. Schulz ist jetzt davon abhängig, ob
Nahles zu ihrem Wort steht, ihn zum
Minister zu machen. Seine persönliche Zu-
Beide sind sich einig, ihre Überlegungen Nahles-Scholz ist somit an jenen Schalt- kunft wird auf der Werbetour, die er und
nicht vor Ende der Koalitionsverhandlun- hebeln der Macht angelangt, von denen es Nahles für die nächsten Wochen geplant
gen öffentlich zu machen, weil Schulz lange geträumt hatte. haben, mit Sicherheit eine Rolle spielen.
sonst seine Verhandlungsautorität verlöre. Vor allem die Erwartungen an Nahles Schon am Tag nach den Koalitionsverhand-
Nahles ist nun die erste Chefin der sind nun gewaltig. Ihre Hauptaufgabe wird lungen konnte er im Parteivorstand und
SPD, ein beispielloser Aufstieg, den sie sein, die SPD zu stabilisieren und vor dem in der Fraktionssitzung spüren, wie sehr
sich selbst erarbeitet hat. Mit gerade mal Schicksal vieler europäischer Schwester- es in der SPD gärt. „Da erklärt Schulz seit
47 Jahren hatte sie schon so ziemlich alle parteien zu retten. Sie wird nicht in die Wochen, die Partei sei ihm das Wichtigste,
wichtigen Ämter inne, die man in der SPD Kabinettsdisziplin eingebunden sein, das und dann lässt er die Partei bei erster
haben kann: Juso-Chefin, Generalsekre- ist ein Vorteil, weil sie die Ideen für ihre Gelegenheit im Stich und will obendrein
tärin, Ministerin, Fraktions- und künftig Partei nicht immer mit der Regierungslogik Außenminister werden“, beschwert sich
Parteichefin. Sie ist nicht unumstritten, ihr in Einklang bringen muss. der bayerische Bundestagsabgeordnete
Wandel von der linken Frontfrau zur Prag- Aber wäre Nahles auch die richtige Florian Post. „So brauchen wir unsere Mit-
matikerin irritiert viele ihrer ehemaligen Kanzlerkandidatin? Obwohl das Bild über- glieder gar nicht abstimmen zu lassen. Das
Mitstreiter. Gerade ihr Politikstil der ge- holt ist, gilt sie vielen im Land noch immer ist Apparatschiktum hoch fünf.“ Ob die
heimen Absprachen und Netzwerke ist als die schrille und unbeherrschte Politike- Neuaufstellung mit Blick auf das Mitglie-
genau das, was viele Unzufriedene in der rin, die sie als Juso-Chefin war. dervotum hilft, ist alles andere als gewiss.
Partei vor Augen haben, wenn sie in diesen Die spannende Frage wird sein, ob die Immerhin: Die Parteiführung hat nicht
Wochen nach Erneuerung, einem neuen Bürger bereit sind, sich ihr noch einmal nur bei der Zahl der Ministerien Argumen-
Stil, ja einer neuen Kultur rufen. unvoreingenommen zu nähern, ihr eine te auf ihrer Seite, sondern auch inhaltlich.
Vor vielen Jahren schon ging Nahles ein neue Chance zu geben. Ihr Hang zum Der Koalitionsvertrag trage „in einem
politisches Bündnis mit Olaf Scholz ein, schlichten Vokabular („Bätschi“, „in die großen Maße sozialdemokratische Hand-
jenem Mann, der nun Finanzminister und
Vizekanzler werden soll. Ein wesentlicher
Bestandteil ihres Paktes waren die gemein-
same Abneigung gegen Gabriel und die ei-
genen Karriereambitionen. Erziehung
Während Nahles sich im neuen Amt der Familien sollen mehr Kindergeld bekommen, ab Kindergeld pro Monat in €
Fraktionschefin nach der Bundestagswahl dem 1. Juli 2019 zunächst 10 Euro zusätzlich und ab für das jeweils 1. und 2. Kind 219
mit Parteichef Schulz arrangierte, machte dem 1. Januar 2021 weitere 15 Euro. Der steuerliche
Scholz kein Hehl daraus, dass er Schulz für Kinderfreibetrag steigt entsprechend. Außerdem
eine schlechte Nummer eins hielt. Er gab will die Große Koalition für Grundschulkinder einen 194
Interviews, in denen er gegen den Vorsit- Rechtsanspruch auf Ganztagesbetreuung einführen.
zenden stichelte. Seine Spindoktoren lie- Nach Berechnungen der Prognos AG fehlen für 560 000
ßen selten eine Gelegenheit aus, Journalis- Kinder entsprechende Angebote. Einkommensschwa- 154
ten und Parteifreunde darauf hinzuweisen, che Familien sollen durch eine Erhöhung des Kinder-
wie unfähig Schulz doch sei. Auch das war zuschlags entlastet werden. Er steht Eltern zu, die kein
vielen in der Partei nicht verborgen geblie- Arbeitslosengeld II bekommen, aber den Bedarf des
ben. Auf dem Parteitag im Dezember er- Kindes nicht decken können. Zurzeit liegt der Kinder-
hielt Scholz mit 59,2 Prozent das schlech- zuschlag bei maximal 170 Euro. Künftig soll er zu-
teste Ergebnis aller Vizeparteivorsitzenden. sammen mit dem Kindergeld für das Existenzminimum Quelle: Bundesministerium
Trotzdem soll er nun zum Finanzminister des Kindes ausreichen, das derzeit auf 399 Euro im der Finanzen geplant
und sogar Vizekanzler aufsteigen. Das Duo Monat taxiert wird. 2008 2018 2021

DER SPIEGEL 7 / 2018 17


Triumph der Lobby schrift“, erklärt Schulz, als er das Werk
präsentiert. Das klingt großspurig, aber
Tabak Wie ein Verbot aus dem Koalitionsvertrag verschwand weder Merkel noch Seehofer, die neben
ihm stehen, widersprechen. Und es stimmt:
Wer sich durch die 177 Seiten des neuen

A
ls die Agrarexperten von Union nen Passus. Die SPD ergab sich. Der schwarz-roten Koalitionsvertrags arbeitet,
und SPD zu später Stunde Satz wurde gelöscht, auch im Koali- stellt sich am Ende vor allem eine Frage –
ihren Tagungsraum im Paul- tionsvertrag taucht er nicht mehr auf. wie hat die SPD das Kunststück vollbracht,
Löbe-Haus verließen, da waren sie gu- Wer mit „ganz oben“ gemeint war, ihre Verhandlungserfolge in den vergan-
ter Dinge. Die großen Streitpunkte wollte niemand in der Runde offen sa- genen Wochen derart kleinzureden?
hatten sie am Mittwoch vergangener gen, aber die Verhandler hegen kei- Das Steuerkonzept der Koalitionäre ent-
Woche ausgeräumt, an ihre Partei- nen Zweifel: Der Wirtschaftsflügel der lastet vor allem jene Klein- und Durch-
und Fraktionsspitzen mailten Teilneh- Union opponiert gegen das Projekt, schnittsverdiener, denen sich die Partei seit
mer einen ersten Entwurf des Ver- und Fraktionschef Volker Kauder hat je besonders verpflichtet fühlt. Unterneh-
handlungsstands. „Alles gut“, meldete es schon einmal ausgebremst. men dagegen werden zur Kasse gebeten;
ein Unterhändler per SMS. Erst in der vorigen Legislaturperiode so müssen sie künftig auch den Kranken-
Selbst eine der heikelsten Fragen hatte sich das Kabinett der Großen versicherungs-Zusatzbeitrag hälftig mit-
wähnten die Politiker geklärt. „Wir Koalition auf einen Gesetzentwurf ge- zahlen, den die Beschäftigten bislang ent-
werden das Tabakaußenwerbeverbot einigt, der Tabakwerbung an Außen- richten mussten. Zudem sollen befristete
umsetzen“, so hatte es die Runde in flächen ab 2020 verbieten sollte. Doch Arbeitsverträge auf Druck der SPD einge-
ihrem Papier notiert. Niemand hatte das Gesetz wurde nie beschlossen, schränkt, die Leiharbeit überprüft werden.
widersprochen, auch die Experten weil es von der Tagesordnung des Par- Was da vereinbart wurde, sagt Oliver
der Arbeitsgruppe Gesundheit signali- laments verschwand. „Leider gibt es in Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeit-
sierten Zustimmung. Der kurze Satz der Unionsfraktion derzeit noch Wi- geberverbands Gesamtmetall, sei „noch
derstände“, hatte sich der scheußlicher als erwartet“.
damalige SPD-Fraktions- Fast in jedem Politikbereich stimmte die
chef Thomas Oppermann Union SPD-Projekten zu, die sie bis vor
in einem Brief an die Bun- Kurzem noch bekämpft hatte. Eine Grund-
desärztekammer empört. rente für Geringverdiener? War in der
Es war Unionsfraktions- vergangenen Amtsperiode an der Union
chef Kauder, der damals gescheitert. Eine Altersvorsorgepflicht für
interveniert hatte. Auch Selbstständige? Galt Unionspolitikern als
heute argumentiert er in- Anschlag auf die Eigenverantwortung. Ein
tern, die Union dürfe sich staatlich organisierter Beschäftigungssek-
nicht als Verbotspartei in- tor für Langzeitarbeitslose? Wurde als
szenieren. Kommunalpoli- unfinanzierbar abgelehnt. Seit Mittwoch
ULLSTEIN BILD

tiker wiederum sträuben ist klar: Was gestern noch unmöglich war,
sich gegen das Verbot, könnte bald offizielle Regierungslinie sein.
weil sie um die Häuschen Dass die nächste Regierung versucht, die
Tabakwerbung auf Rügen an ihren Bushaltestellen jahrelang gewachsene Kluft zwischen Arm
„Leider gibt es Widerstände“ fürchten, die in vielen und Reich zumindest ein wenig zu ver-
Städten mit Werbung fi- ringern, gehört gewiss zu den positiven
hätte eine jahrelange Peinlichkeit be- nanziert werden. Die Tabaklobby Elementen des Koalitionsvertrags. Vernünf-
endet. nimmt beide Thesen dankbar auf. tig ist auch, dass sie mehr Geld für Straßen,
Deutschland ist der einzige Mitglied- Brüskiert sind nun gleich drei pro- Schulen oder Kitaplätze ausgeben will.
staat in der EU, in dem es der Tabak- minente Fraktionskollegen Kauders: Das Problem ist nur: Um Deutschland
industrie noch gestattet ist, für Zigaret- Bundeslandwirtschaftsminister Chris- moderner zu machen, fehlt es in vielen
ten an Hauswänden oder Litfaßsäulen tian Schmidt (CSU), die Drogenbeauf- Bereichen nicht am Geld, sondern an Re-
zu werben. Schon vor 14 Jahren hatte tragte Marlene Mortler (CSU) und formen. Beim Klimaschutz haben Union
sich die Bundesrepublik in einem inter- Gesundheitsminister Hermann Gröhe und SPD schon in der vergangenen Legis-
nationalen Abkommen verpflichtet, (CDU) hatten beharrlich für das Ver- laturperiode ihre Ziele verfehlt, weil sie
bis 2010 ein umfassendes Tabakwerbe- bot gekämpft. Noch vor gut einem es nicht wagten, in großem Stil Kohlekraft-
verbot einzuführen. Doch Druck aus Jahr hatten sie an ihre Kollegen ge- werke zu schließen. Nun soll eine Kom-
der Industrie hat das bis heute verhin- schrieben: „Jedes Jahr sterben in mission das Thema bearbeiten.
dert. Und nun hat es den Anschein, als Deutschland etwa 121 000 Menschen Die Frage, wie im alternden Deutsch-
hätten die Lobbyisten wieder ganze an den Folgen des Rauchens.“ Der Zu- land die Renten auskömmlich und die Bei-
Arbeit geleistet. sammenhang von Werbung und träge bezahlbar gehalten werden können,
Als sich die Landwirtschaftsexper- Krankheitshäufigkeit sei „wissen- soll ebenfalls in eine Kommission abge-
ten am folgenden Tag erneut trafen, schaftlich eindeutig bewiesen“. schoben werden. Oliver Ehrentraut, Sozial-
zeigten sich Politiker der Union zer- Geblieben ist von den großen Plä- experte der Basler Prognos AG, wirft
knirscht. Der Satz zum Werbeverbot nen im Koalitionsvertrag nur ein dür- den Verhandlern vor, die Bürger „orien-
könne doch nicht bleiben, teilten sie res Sätzchen. „Wir werden Drogen- tierungslos“ zurückzulassen. Käme es zu
der überrumpelten Runde mit. „Ganz missbrauch weiterhin bekämpfen und einer dauerhaften Festschreibung von Bei-
oben“ gebe es Widerstände, im Papier dabei auch unsere Maßnahmen zur trägen und Rentenniveau über 2025 hinaus,
zeigten diese sich später in einem Tabak- und Alkoholprävention gezielt wie es die SPD fordert, sei das auf Dauer
schwarzen Balken über dem umstritte- ergänzen.“ Cornelia Schmergal nicht finanzierbar. „Die Belastungen für
den Steuerzahler nähmen massiv zu, und
18 DER SPIEGEL 7 / 2018
Titel

R . Z E N S E N / I M AG O, C. E S S L E R / ACT I O N P R E S S , I . K J E R / P H OTOT H E K . N E T, C. B I L A N /
EPA -EFE / R EX / SH UT TER STO CK, S. DA R MER / DAV I DS, JEO N / EPA -EFE / R EX / SH UT TER -
STO CK, C. KOA LL / G ET T Y I MAG ES, DPA , F. BÜH / ACTI O N P R ESS, M. P O P OW / 3 60-
Wer übernimmt
welchen Posten?
Mutmaßliche Kabinettsriege

B E R L I N , H . B R E D E H O R ST / P O L A R I S / L A I F, R . Z E N S E N / I M AG O
bei Zustandekommen der
Großen Koalition
Martin Schulz Helge Braun
SPD, Außen- CDU, Kanzleramt
ministerium Peter Altmaier
Olaf Scholz CDU, Wirtschaft
SPD, Finanzen und Energie

Eva Högl
SPD, Arbeit Ursula von der Leyen
und Soziales CDU, Verteidigung

Heiko Maas Hermann Gröhe


SPD, Justiz und CDU, Bildung
Verbraucherschutz und Forschung
Angela Merkel
CDU, Bundeskanzlerin

Katarina Barley
SPD, Familie, Senioren, Annette Widmann-Mauz
Frauen und Jugend CDU, Gesundheit

Barbara Hendricks Julia Klöckner


SPD, Umwelt, CDU, Ernährung und
Naturschutz und Landwirtschaft
Reaktorsicherheit Dorothee Bär Andreas Scheuer
CSU, Wirtschaftl. Horst Seehofer CSU, Verkehr
Zusammenarbeit CSU, Innen, Bau und digitale
und Entwicklung und Heimat Infrastruktur

die Nachhaltigkeit der Rentenversicherung Stattdessen werden nun etliche Arbeits- die CDU zu sozialdemokratisieren. Ihre
würde ausgehöhlt“, schreibt Ehrentraut in gruppen tagen: Es soll eine E-Government- Annahme war, dass sich ihre Macht so am
einem Dossier zum Vertrag. Agentur geben, einen Digitalrat und eine leichtesten absichern lasse – und sie war
Am meisten aber enttäuschen die Pas- Daten-Ethikkommission sowie regionale richtig. Nun aber hat sie dieses Politikprin-
sagen zur digitalen Zukunft des Landes, „Open Government Labore“. zip so weit ausgereizt, dass sie vor allem
obwohl die Parteien dem Thema sogar Nachdem die letzte Regierung ihren von Unzufriedenen und Schlechtgelaunten
den größten Platz widmen. Kein anderer wenig ambitionierten Plan verfehlte, bis umgeben ist, egal ob es sich dabei um So-
Begriff taucht im Vertrag häufiger auf als 2018 zumindest jedem Haushalt eine zial- oder Christdemokraten handelt.
„digital“. Und nirgends sonst müsste so 50-Megabit-Verbindung zu gewährleisten, Auch das ist eine Bilanz.
viel geschehen. Bei der Schnelligkeit des soll es nun einen Rechtsanspruch auf Melanie Amann, Markus Feldenkirchen,
Internets liegt Deutschland hinter Ländern schnelle Onlineverbindungen für jeden Veit Medick, Ralf Neukirch, Marcel Rosenbach,
wie Ungarn und Rumänien zurück. Bürger geben. Der Wermutstropfen: Die Michael Sauga, Cornelia Schmergal, Anne Seith
Union und SPD konnten sich nicht mal Garantie soll erst im Jahr 2025 eingelöst Lesen Sie auch
auf eine Federführung einigen. Wie in der werden, in der nächsten Legislaturperiode Seite 28 Explodierende Mieten in Ballungs-
letzten Amtszeit sind die Kompetenzen also, wenn wohl nur noch wenige Mitglie- zentren
zwischen Wirtschafts-, Innen- und Ver- der des aktuellen Kabinetts im Amt sein Seite 38 Die Härtefallregelung beim Familien-
kehrsministerium verteilt, ein eigenes Di- werden. nachzug funktioniert nicht
gitalressort im Kabinett wird es nicht ge- Angela Merkel war einst angetreten, um Seite 65 Kassenärzte-Chef Andreas Gassen
ben, nicht einmal den angedachten Digi- Deutschland zu modernisieren. Dann wur- über die Zweiklassenmedizin
tal-Staatsminister im Kanzleramt. de sie Bundeskanzlerin und begann damit, Seite 118 Essay über das Elend der CDU

DER SPIEGEL 7 / 2018 19


Vorwärts, und
nicht vergessen
Essay Warum ich vom Beobachter

MICHAEL KAPPELER / DPA


zum Kanzlermacher geworden bin
Von Cordt Schnibben

Liebe Genossinnen, liebe Genossen, lieber Kevin, Als Nichtmitglied war ich in den vergangenen 50 Jahren
seit voriger Woche bin ich Mitglied der Sozialdemokrati- nur zweimal glücklich mit meiner Regierung: als Willy
schen Partei Deutschlands. Eurer Google-Anzeige „Jetzt Brandts sozialliberale Koalition die Ostpolitik auf den
SPD-Mitglied werden – stimme mit über die nächste Re- Weg brachte. Und 1998, als Gerhard Schröders rot-grüne
gierung Deutschlands ab“ konnte ich nicht widerstehen. Regierung den Mann aus dem Kanzler-Bungalow kippte,
Weltanschaulich und programmatisch stehe ich irgendwo der in 16 Jahren zur Karikatur geworden war.
zwischen Grünen, Linken und Sozialdemokraten, aber In jener Nacht, ich war damals als Journalist unterwegs
die Versuchung, nun mitzudebattieren und mitzuentschei- in Bonn, glaubte ich, die Aufbruchstimmung der Sechzi-
den darüber, wohin Deutschland treibt, ist groß genug. gerjahre spüren zu können. Mehr Demokratie wagen,
Ausschlaggebend war der letzte Parteitag vor drei Wo- neue Gesellschaft, Liberalität, Toleranz, Zukunft, Gerech-
chen, dessen Debatten für mich überraschend konkret tigkeit, neue Mitte, dritter Weg, Innovation, Atomausstieg
und konfrontativ waren. Lieber Kevin, Dein Beitrag und – die Parolen von damals mischten sich mit den Luftballons
die Kampagne der Jusos wurden zu Recht von vielen Me- des rot-grünen Projekts.
dien gelobt, auch die folgenden Talkshow-Auftritte waren Schon die Neujahrsansprache des Kanzlers drei Monate
so, dass ich mir wünsche, mit vielen Kevins in meiner später schaute ich mir allerdings wieder mit diesem skep-
neuen Partei zu diskutieren. Ich muss Dich allerdings ent- tischen Lächeln an, das zu Silvester gehört wie „Dinner
täuschen: Ich bin nicht eingetreten, um gegen die Große for One“.
Koalition zu stimmen. Und 2003 war das Land dann so verschuldet und so vol-
Ich kann Eure Sehnsucht verstehen, einer Partei anzu- ler Arbeitsloser, dass nur noch die Notbremse half, die
gehören, die nicht unter die 20-Prozent-Hürde rutscht. „Agenda 2010“, das Zukunftsprojekt, unter dem die Kevins
Und ihr glaubt, deshalb müsse man sich in der Opposition der SPD bis heute leiden.
erneuern. Wenn man nicht gerade Minister ist oder Staats- Liest man sich das Papier durch, mit dem die Jusos
sekretär, ist es wohl nicht sehr verlockend, Mitglied einer ihre Ablehnung einer Großen Koalition und ihren Weg
Regierungspartei zu sein. Man muss seinen Freunden und in die „Erneuerung der Partei“ begründen, dann wird
Kollegen jeden Tag erklären, warum da in Berlin Mautge- deutlich, dass sich diese Erneuerung in einem Satz zu-
bühren zugestimmt wird, irgendwelche Panzerdeals wie- sammenfassen lässt: „Weg mit der Agenda 2010, Schluss
der durchgewinkt oder Steuern nicht gesenkt werden. mit Hartz IV!“
Eine Woche nach meinem Aufnahmeantrag rief mich Richtig ist: Die Reform des Arbeitsmarktes und des So-
eine Genossin aus der örtlichen Parteileitung an. Sie wollte zialsystems wurde 2003 handstreichartig, ohne Wählervo-
mal hören, warum ich eintrete, und mal abklopfen, ob tum, ohne Mitgliederentscheid, durchgezogen, weil sie
ich so ein Trittbrettfahrer der Demokratie bin, mal so auf- nur so durchzusetzen war. Sie trieb mehr als 200 000 Mit-
springen, abstimmen, und dann wieder abspringen. Ich glieder aus der Partei, sie ließ bei den folgenden Wahlen
konnte sie beruhigen, als Ex-Redakteur des SPIEGEL im die Zahl der Wähler schmelzen. Sie kostete Vertrauen bei
Ruhestand, erklärte ich ihr, fühle ich mich nun frei, in den einstigen Stammwählern. Sie senkte die Arbeitslo-
einer Partei mitzumischen. Aus einem Interview mit Ber- senzahlen. Sie senkte die Reallöhne. Sie sanierte die Bun-
nie Sanders hatte ich mir den schönen Satz herausgepickt: desrepublik.
Demokratie sei nicht wie Football. „Demokratie ist kein Das „Agenda-Schisma“, so fordern die Jusos in ihrem
Zuschauersport.“ Papier, müsse beseitigt werden durch einen „radikalen
Die Genossin erzählte mir, dass unter den neuen Mit- Bruch mit der programmatischen Grundausrichtung der
gliedern zwei Drittel in meinem Alter seien und ein Drittel letzten 20 Jahre“. Auch auf meiner ersten Parteiversamm-
im Juso-Alter. 54 Prozent der SPD-Mitglieder sind über 60 lung – in Hamburg heißen die Ortsvereine „Distrikt“ –
Jahre alt, 7,5 Prozent unter 31. Meine Leitungsgenossin am Dienstag ging es genau darum: sich abzuwenden vom
hielt den hohen Anteil Älterer unter den neuen Mitgliedern Neoliberalismus der Schröder-Müntefering-Ära.
für eine gute Nachricht, daraus schloss ich, dass sie wohl Die deutsche Sozialdemokratie, solange ich sie von au-
für den Koalitionseintritt ist. Sie sei auch im Paritätischen ßen betrachtete, schwankte zwischen Keynesianismus und
Wohlfahrtsverband aktiv, der Sozialhilfevereinigung, die Neoliberalismus. In den goldenen späten Sechzigern und
war mir in den letzten Tagen aufgefallen durch heftige Kri- frühen Siebzigern, in der Hoch-Zeit von „Globalsteue-
tik an den Verhandlungsergebnissen in Sozialfragen – das rung“ und „Konzertierter Aktion“, als Willy Brandt, Karl
ist der Spagat, dem man als Parteimitglied ausgesetzt ist. Schiller und Helmut Schmidt die SPD glauben machten,

20 DER SPIEGEL 7 / 2018


Titel

auch im Kapitalismus könne der Staat wie in einer Plan- Täglich bekomme ich nun Mails, vom SPD-Parteivor-
wirtschaft die Wirtschaftsentwicklung wie von Zauber- stand aus Berlin, vom Verhandlungsteam, vom Generalse-
hand zu Wachstum führen und vor Krisen bewahren, ver- kretär, von der SPD Hamburg, vom Kreis Hamburg-Nord,
trauten Sozialdemokraten dem Keynesianismus. Üppige vom Administrator, von der SPD-Mitglieder-Betreuung,
Staatsausgaben seien das perfekte Mittel, wenn die Märkte vom Distrikt. Die SPD möchte mich rundum versorgen,
verrücktspielten. vor allem mit Informationen über die Erfolge, die der
Als Mitte der Siebziger gleichzeitig Staatsverschuldung CDU und der CSU abgerungen wurden; und mit Details
und Arbeitslosigkeit stark zunahmen, verlor die Sozial- darüber, in welcher Facebook-Gruppe und welchem Dis-
demokratie den Spielraum für Sozialpolitik, verlor ihre trikt ich mich einschalten kann. Im Hagel der Informatio-
Theorie und die Orientierung. Der Neoliberalismus er- nen lande ich dann prompt im falschen Distrikt, lerne
oberte von Margaret Thatchers Großbritannien aus also demnächst noch mal auf einem ganz anderen Mit-
Europa. Der Staat sollte den Marktkräften keine Fesseln gliederabend neue Genossen kennen (freue mich darauf).
anlegen, der Freihandel werde Wohlstand für viele brin- Ein Parteibuch kann ich noch nicht bekommen, sie sind
gen, vom ungebremsten Streben des Einzelnen nach Wohl- vergriffen, 24 339 neue Mitglieder in fünf Wochen sind zu
stand könne die Gesellschaft mehr profitieren als von der viel für eine Partei, die sich daran gewöhnt hatte, immer
Allgegenwart staatlicher Fürsorge. kleiner zu werden.
Der „Dritte Weg“ von Tony Blair und Gerhard Schröder „Die Abstimmungsunterlagen für das Mitgliedervotum
war die sozialdemokratische Antwort auf den Neolibera- werden in den nächsten Tagen verschickt“, heißt es in der
lismus; die SPD verpasste ihm eine wortgewaltige Hülle letzten Mail. „Ausländer dürfen über deutsche Regierung
und eine Agenda, die Steuersenkungen und Niedriglohn abstimmen“, titelt die „Bild“ alarmierend und treibt so
sozial begründeten. die Einwände gegen die Mitgliederbefragung auf ein eher
Wenn Kevin und die Jusos gegen die GroKo rebellieren, karnevalistisches Niveau. Wie eine Partei die innerpar-
dann geht es ihnen um mehr als um die Angst, in der teiliche Meinungsbildung betreibt, durch einen Parteitag
Umarmung von Angela Merkel zur Splitterpartei zu (wie die CDU) oder die Mitgliederbefragung, ist das eine;
schrumpfen. Es geht um den alten Streit der Linken über wie gewählte Abgeordnete eine Regierung bestimmen, das
Reform und Rebellion oder, wie Martin Schulz sagt: „Was andere.
ist wichtiger, die Leuchtkraft unserer Resolutionen oder Bin ich jetzt schon zu sehr SPD-Mitglied, wenn ich die
die Verbesserung der Lebensbelange der Menschen?“ Mitgliederbefragung als beispielhafte Aktion sehe, um
Die Kevins der SPD, und das merke ich schnell in mei- mehr Demokratie zu wagen? Als Chance, die zur Simu-
nem neuen Distrikt, sind nicht nur bei den Jusos. Vor den lation von Demokratie erstarrte Parteienroutine auf-
Sondierungen hat sich dieser Distrikt mit Mehrheit gegen zubrechen?
Sondierungen mit der CDU ausgesprochen. Die So- Und bin ich bereits auf dem Weg zum Parteitakti-
zialdemokraten, die an diesem Abend über die ker, wenn ich mir ausmale, dass die SPD nach
Mitgliederbefragung debattieren, beantworten
die Koalitionsfrage unterschiedlich, aber sie 463 723
SPD–Mitglieder ins-
zwei Jahren Koalition im Stil der CSU polternd
in Opposition zur Regierungsarbeit geht, um
sind sich einig in der Sehnsucht nach einer größer aus der Großen Koalition herauszu-
SPD, die man mit Fortschritt identifiziert, mit gesamt stimmberechtigt kommen, als sie hineingegangen ist?
Gerechtigkeit, mit Vertrauen und nicht mit Für die Zustimmung zur Großen Koalition
seit Jahresbeginn sprechen aus meiner Sicht fünf Argumente:
der Agenda 2010. Allerdings ist ihr Vertrauen
in die eigene Parteiführung geringer als das
Vertrauen so mancher SPD-Wähler, es hat ge-
24 339
Neueintritte
einige der Reformen und Vorhaben, die im
Koalitionsvertrag stehen; die Chance für die So-
litten in den Jahren ihres ergebnislosen Kampfes zialdemokraten, in den sechs Ministerien neue
um eine Korrektur der Parteilinie. politische Entwicklungen anzustoßen; eine Regierung
Diese Mitglieder hier, im Schnitt deutlich jünger als der zu haben, der man zutraut, auf viele Herausforderungen
Parteidurchschnitt, debattieren programmatisch jenseits und Krisen gute Lösungen zu finden, die durch keinen
des Koalitionsvertrags, sie sorgt vor allem die Digitalisie- Koalitionsvertrag der Welt vorgedacht werden können.
rung und deren Folgen für die Gesellschaft. Könnte sich Vor allem aber: Die Alternative zur Großen Koalition
die SPD als Partei der Digitalisierung so positionieren, wäre im Moment eine Geisterbahnfahrt zum Wohle aller
wie sie mal die Partei der kleinen Leute war, die Partei Populisten. Schließlich: Erneuern kann sich die SPD besser
für mehr Demokratie und mehr Bildung oder die Partei aus einer Position der Stärke als der Schwäche.
der Ostpolitik? Also ein schmetterndes Ja bei der Mitgliederbefragung?
Das Problem: Für die meisten Deutschen hat Digitali- Da melden sich die Zweifel eines neuen Parteidemokraten,
sierung den Klang von: Ich – weiß – nicht – genau – was da habe ich den Salat: Kann man für eine Regierung stim-
– das – ist – aber – es – ist – schrecklich. Wer ein wenig men, der auch jener Mann angehört, der im Brustton ver-
mehr weiß, denkt sich: Oh, das killt Arbeitsplätze, spaltet kündet hat, nie einer Merkel-Regierung angehören zu wol-
die Gesellschaft, vereinzelt Menschen, erlaubt ihre Über- len? Der in Merkel eine „Machtpolitikerin“ sieht, „von
wachung. der man Fairness nicht erwarten kann“? Deren Politikstil
Im Koalitionsvertrag, der mir wie allen Mitgliedern am „ein Anschlag auf die Demokratie“ sei?
Dienstag um 15.35 Uhr vom SPD-Generalsekretär Lars Sind Glaubwürdigkeit und Vertrauen nicht wichtiger
Klingbeil per Mail zugeschickt wurde, beschäftigen sich als Spiegelstriche in einem Koalitionsvertrag? Einerseits.
13 Seiten mit der Digitalisierung, als Unterpunkt in einem Andererseits: Ist die SPD nicht wichtiger als Martin
der 14 Kapitel. Nach flüchtiger Lektüre muss man sagen: Schulz?
Es überwiegt die Betonung der Chancen. Wenn die Vor- Bis Ende Februar habe ich noch Zeit, dann muss sich
haben und Versprechungen konsequenter umgesetzt wer- den Brief an den Parteivorstand abschicken.
den als die Vorhaben im Koalitionsvertrag von 2013, wird Mail: Cordt.Schnibben@spiegel.de
Deutschland tatsächlich ein (kleines) Digitalland. Twitter: @schnibben

DER SPIEGEL 7 / 2018 21


Titel

Nuancen kritisch gegenüberstehen. Entspre-


chend wächst der Druck auf die Union, ge-
gen Brüssel nicht allzu viel Milde walten
zu lassen. Er habe ja in der Vergangenheit
so manche Schlacht mit Schäuble ausge-
fochten, sagt der haushaltspolitische Spre-
cher der FDP-Bundestagsfraktion, Otto Fri-
cke. „Aber ich hätte nie gedacht, dass ich
mal sein Erbe verteidigen muss.“
Auch in EU-Hauptstädten von Den
Haag bis Helsinki ist die Begeisterung über
den Koalitionsvertrag überschaubar. Das
beginnt mit der Idee, den zum Europäi-
schen Währungsfonds ausgebauten Ret-
tungsschirm ESM in europäisches Gemein-
schaftsrecht zu überführen. Die meisten
Mitgliedsländer lehnen das Ansinnen der
Kommission ab, sich mithilfe eines Not-
fallparagrafen die Kontrolle über den
Fonds zu verschaffen. Die Abgeordneten

MAURICE WEISS / DPA


im niederländischen Parlament debattier-
ten am Donnerstag vorsichtshalber schon
Europafreunde Macron, Schulz in Paris 2017 mal über einen Beschlussvorschlag, der die
Preisgabe von Kontrollrechten ausschließt.
Die meisten EU-Regierungen können sich
bestenfalls vorstellen, dass der ESM künf-
tig in begrenztem Umfang zusätzliche Auf-
„Auf die Finger“ gaben übernimmt, etwa die Absicherung
der Bankenunion.
Ähnlich verhält es sich mit dem Vor-
Europa Der Neustart, den die Große Koalition in ihrem schlag von Frankreichs Präsident Emma-
Bündnisvertrag verspricht, könnte holprig ausfallen. nuel Macron, ein Budget einzurichten, um
außergewöhnliche wirtschaftliche Schocks
Die Union bremst, viele Nachbarländer sperren sich. abzufedern, zum Beispiel einen plötzli-
chen Konjunktureinbruch. Im neuen Ko-

E
uropa, so lautet die Antwort, wenn Stabilitätspakt im Europakapitel Erwäh- alitionsvertrag finden sich dazu ein paar
Spitzenpolitiker von Union und SPD nung fand. wohlwollende, aber vieldeutige Sätze, zu-
nach dem wichtigsten Thema ihres Einen Vorgeschmack auf die bevorste- gleich machen die Unionsvertreter der neu-
neuen Koalitionsvertrags gefragt werden. henden Debatten bekam die Kanzlerin en Regierung kein Hehl aus ihren Vorbe-
Viel Geld soll es geben für länderübergrei- zuletzt, als sie sich in der Unionsfraktion halten. Noch habe ihm niemand erklären
fende Investitionen sowie gemeinsame For- kritische Fragen zur künftigen parlamenta- können, für welchen Fall so ein Budget
schungs- und Bildungsprogramme, so steht rischen Kontrolle des Eurorettungsschirms überhaupt nötig sei, sagte Merkels Vertrau-
es auf den Seiten sechs bis zehn ihres ESM gefallen lassen musste. ter Peter Altmaier zuletzt in Brüssel. Etli-
Bündnisvertrags – und gute Worte oben- Erschwerend kommt hinzu, dass Merkel che EU-Staaten sehen das ähnlich.
drein. Die Staatengemeinschaft, heißt es, bei den künftigen Auseinandersetzungen Bleiben die vollmundigen Ankündigun-
sei „der Garant für eine Zukunft in Frie- auf einen wichtigen Verbündeten verzich- gen in der Arbeits- und Sozialpolitik. So
den, Sicherheit und Wohlstand“. ten muss. Bislang galt Wolfgang Schäuble will die Koalition die EU beim Kampf ge-
Kein Wunder, dass der neue Sound aus vielen Skeptikern in der Union als Ge- gen die Jugendarbeitslosigkeit unterstützen;
Berlin in Brüssel bestens ankommt. Kom- währsmann dafür, dass die Gelder deut- dumm nur, dass der Europäische Rech-
missionschef Jean-Claude Juncker ließ so- scher Steuerzahler in Brüssel nicht ver- nungshof zuletzt ausgerechnet die entspre-
gar streuen, er habe den Unterhändlern schleudert würden. Diese Autorität muss chenden Programme als weitgehend wir-
an der einen oder anderen Stelle mit Rat sich Scholz als künftiger Ressortchef erst kungslos rügte. Auch beim Sozialen könn-
und Tat beiseitegestanden. noch erarbeiten. Der Argwohn ist groß, so- ten sich die Versprechen als Luftnummern
Andernorts dagegen herrscht Skepsis. gar an der Spitze der Unionsfraktion: „Es entpuppen. Zwar stellen die Koalitionäre
In vielen europäischen Hauptstädten gibt ist ein Fehler, der SPD das Finanzministe- ein soziales Europa mit „gleichem Lohn
es wenig Bereitschaft, mehr Macht nach rium zu überlassen“, sagt Vizechef Georg für gleiche Arbeit“ in Aussicht, allerdings
Brüssel zu verlagern. Und im konservati- Nüßlein (CSU). „Gerade mit Blick auf die hat die EU auf diesem Gebiet bislang kaum
ven Flügel der Unionsfraktion stärkt Mer- Stabilitätskultur in Europa werden wir etwas zu sagen.
kels Niederlage bei der Ressortverteilung dem neuen Finanzminister genau auf die So wächst die Gefahr, dass sich die Gro-
den Widerstandsgeist. Finger schauen.“ ße Koalition in ideologischen Debatten
Keinesfalls, so heißt es dort, werde man Transferunion, Eurobonds – die Schlag- verirrt, anstatt rasch ein eigenes Konzept
den neuen SPD-Ministern Martin Schulz wörter aus den Tagen des Ringens um die für die notwendige Reform der Eurozone
(Außen) und Olaf Scholz (Finanzen) einen Rettungspakete könnten die Debatte schon vorzulegen. Eigentlich sollen bereits beim
allzu Brüssel-freundlichen Kurs durchge- bald wieder prägen, auch deshalb, weil mit Gipfel im Juni erste Entscheidungen fallen,
hen lassen. CSU-Landesgruppenchef Ale- AfD und FDP inzwischen knapp 25 Pro- ansonsten, so die Sorge in Brüssel, könnte
xander Dobrindt zum Beispiel sorgte in zent der Abgeordneten im Bundestag Mer- es knapp werden vor der nächsten Europa-
letzter Minute schon mal dafür, dass der kels Europapolitik in unterschiedlichen wahl. Peter Müller

22 DER SPIEGEL 7 / 2018


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Mautkontrollbrücke

Lkw-Maut

300 Millionen Euro zu viel berechnet


Ein Geheimbericht von Wirtschaftsprüfern belastet Toll Collect.
Der Lkw-Maut-Betreiber Toll Collect hat dem Bund offen- gericht in Auftrag gegeben, das seit mehr als zehn Jahren
bar überhöhte Rechnungen gestellt. Zu diesem Ergebnis versucht, den Streit um die Finanzierung des milliarden-
kommt ein geheimer Untersuchungsbericht der Wirtschafts- schweren Mautsystems beizulegen. Der 230 Seiten
prüfungsgesellschaft Mazars. Demnach hat das Konsortium starke Report liegt seit Ende 2017 im Bundesverkehrsminis-
um die Hauptgesellschafter Telekom und Daimler allein im terium.
Geschäftsjahr 2004/2005 Leistungen in Höhe von 211 Millio- Im August läuft der Vertrag mit dem Konsortium aus. Die
nen Euro berechnet, die „nicht vergütungsrelevant“ waren. Bundesregierung plant, Toll Collect vorübergehend zu ver-
Nach Feststellung der Wirtschaftsprüfer handelte es sich vor staatlichen. Auf diese Weise hätte der Bund die Chance, Ein-
allem um IT-Kosten und Berateraufträge. Im Geschäftsjahr blick in die gesamten Abrechnungen zu erhalten, heißt es
2008/2009 stießen die Wirtschaftsprüfer auf ungerechtfertigte aus dem Ministerium. Nur so ließe sich feststellen, welcher
Forderungen von 83 Millionen Euro. 2012/2013 kamen 4 Mil- Schaden durch die Öffentlich-Private Partnerschaft für den
lionen Euro zusammen. Bund entstanden ist.
Wie hoch der Schaden für den Steuerzahler insgesamt Ob dies gelingt, ist allerdings fraglich: Schon im kommen-
ist, lässt sich noch nicht genau beziffern. Die Wirtschafts- den Jahr will der Bund den Mautbetreiber eigentlich wieder
prüfer haben nur drei Geschäftsjahre durchleuchtet. privatisieren. Toll Collect und das Verkehrsministerium wol-
Das brisante Gutachten wurde von einem privaten Schieds- len sich zu dem Gutachten nicht äußern. sve, was

Pädo-Kriminalität 1969 hatte das Berliner Ju- sind nun enttäuscht, wie we- er die Untersuchung der Vor-
Betroffene von gendamt Straßenkinder in nig ihnen geholfen wurde. gänge mit einer parlamenta-
Senat enttäuscht die Obhut von Pädosexuellen
vermittelt, begleitet hatte
„Mich entsetzt, dass Frau
Scheeres scheinbar kein drän-
rischen Initiative vorantrei-
ben und „einen Sonderermitt-
Die FDP-Fraktion im Berli- dies der Psychologe Helmut gendes Interesse daran hat, ler installieren“. Die Senats-
ner Abgeordnetenhaus for- Kentler, der Pädophilie öf- die damaligen Vorgänge verwaltung betont, dass sie
dert weitere Aufklärung über fentlich verherrlichte. Betrof- lückenlos aufzuklären“, sagt die Aufklärung vorantreibe
das sogenannte Kentler-Expe- fene wandten sich vergange- der familienpolitische Spre- und den beiden Betroffenen
riment durch die Berliner nes Jahr an die Senatorin für cher der FDP-Fraktion, Paul jemanden an die Seite gestellt
Senatsverwaltung und mehr Bildung, Jugend und Familie, Fresdorf. Sollte die Senatsver- habe, der ihnen bei Behör-
Hilfe für die Betroffenen. Ab Sandra Scheeres (SPD), und waltung nicht handeln, will denkontakten helfen soll. akm

24 DER SPIEGEL 7 / 2018 Ein Impressum mit dem Verzeichnis der Namenskürzel aller Redakteure finden Sie unter www.spiegel.de/kuerzel
Deutschland
Psychologie standfähigkeit gegen belas-
Harte Polizisten tende Situationen wachsen
lasse. Stattdessen scheine das
Polizisten sind widerstands- Image des Polizeiberufs von
fähiger gegen Stress und ha- vornherein robuste Bewerber
ben mehr Selbstvertrauen anzuziehen. Anspruchsvoller
als der Bevölkerungsdurch- Sport bessere die Werte,
schnitt. Zu diesem Ergebnis starrer Schichtdienst senke
kommen zwei empirische sie, so die Studie. Dagegen
Studien der Deutschen Hoch- spiele keine Rolle, ob die
schule der Polizei in Münster, Person verheiratet sei, Kinder
bei der insgesamt fast 400 Be- habe, Frau oder Mann sei.
werber, angehende und erfah- Trotz der guten Ergebnisse
rene Polizisten befragt wur- beklagen die Autoren der

MICHAEL KAPPELER / DPA


den. Besonders gute Werte Studie die „erschreckend
haben demnach Berufsanfän- hohen Krankenstände“ und
ger. Das überrascht die Wis- eine „nicht akzeptable
senschaftler, die eigentlich Anzahl dienstunfähiger“
erwartetet hatten, dass Erfah- Beamter bei der deutschen
rung die psychische Wider- Polizei. bhu Einsatzkräfte bei G-20-Krawallen in Hamburg

Lobbyismus Justiz denburgs Justizminister Ste- Terror


Große Koalition Länder streiten über fan Ludwig (Linke). Auch Erst Aussage,
gegen Transparenz Schwarzfahrer sein Thüringer Kollege Dieter
Lauinger (Grüne), Vorsitzen- dann Abschiebung
Kurz vor Abschluss ihrer Ver- Die Länderjustizminister der der Justizministerkonfe- Die sächsischen Behörden
handlungen haben Union streiten, ob die Strafbarkeit renz, zweifelt an der „Sinn- planen, einen engen Kontakt-
und SPD die Einführung ei- des Schwarzfahrens noch haftigkeit“ von Freiheitsstra- mann des Breitscheidplatz-
nes Lobby-Registers aus dem zeitgemäß ist. Wer ohne Fahr- fen für Schwarzfahrer, heißt Attentäters Anis Amri nach
Koalitionsvertrag gestrichen. schein fährt, dem kann we- es aus seinem Haus. Die Tunesien abzuschieben. Mo-
Mit einer entsprechenden Da- gen des „Erschleichens von Minister von NRW, Peter Bie- hamed D., 28, soll mit Amri
tenbank könnte die Identität Beförderungsleistungen“ im senbach (CDU), und Ham- und einem weiteren Tunesier
von Lobbyisten, deren Auf- Wiederholungsfall sogar eine burg, Till Steffen (Grüne), Drogengeschäfte abgewickelt
traggeber, politischen Ziele Freiheitsstrafe drohen. Meh- nennen als Argumente für haben, wie Dutzende abge-
und Finanzierung offengelegt rere Länder, darunter Nord- eine Reform die hohen Justiz- hörte Telefongespräche nahe-
werden. In einem Vertrags- rhein-Westfalen, Hamburg kosten und Gerechtigkeits- legen. Im Sommer 2016 hatte
entwurf hieß es noch: „Wir und Brandenburg, wollen den gründe – Verkehrsbetriebe das Trio zudem in einer
wollen mit einem verpflich- Strafparagrafen aufweichen sollten wirksame Zugangs- Shishabar in Berlin-Neukölln
tenden Lobby-Register Trans- oder streichen. „Ich bin dafür, kontrollen einführen. Wider- mutmaßliche Konkurrenten
parenz schaffen, ohne wirk- dass Schwarzfahren als Ord- stand leisten Bayern und Hes- aus dem Milieu überfallen.
sames Regierungshandeln nungswidrigkeit geahndet sen. Die Reformpläne wären Auch wegen dieser Schläge-
oder die freie Ausübung des wird. Das Strafrecht ist offen- „eine Kapitulation des Staa- rei wurde D. im vergangenen
parlamentarischen Mandats sichtlich kein geeignetes tes vor den Massendelikten“, Jahr zu 20 Monaten Haft ver-
einzuschränken.“ Oppositi- Instrument, um solche Delik- warnt Hessens Ministerin Eva urteilt, er sitzt in Berlin im
onspolitiker und Initiativen te zu verhindern“, sagt Bran- Kühne-Hörmann (CDU). ama Gefängnis. Bevor die Behör-
wie LobbyControl und Abge- den den Tunesier abschieben,
ordnetenwatch kritisieren die will ihn der Berliner Breit-
Streichung. Die Linkenabge- scheidplatz-Untersuchungs-
ordnete Anke Domscheit- ausschuss befragen. Das Gre-
MARCO KNEISE / THUERINGER ALLGEMEINE / FUNKE FOTO SERVICES

Berg hätte sich „ein klares mium erhofft sich davon Ein-
Bekenntnis zum transparen- blicke in Amris Umfeld. Der
ten Staat gewünscht, auch um Präsident des Abgeordneten-
verlorenes Vertrauen in staat- hauses hat es allerdings abge-
liche Stellen wieder aufzu- lehnt, den Tunesier im Parla-
bauen“. SPD-Unterhändler ment zu befragen. Der Aus-
Ulrich Kelber macht die CSU schuss wird ihn nun wohl im
verantwortlich. Deren Wider- Gefängnis besuchen. Das
stand sei „erstaunlich“ gewe- Bundeskriminalamt hat ihn
sen. Am 22. Februar kann er bereits vernommen. Amri
beweisen, dass er für ein Re- habe eine „radikale Sichtwei-
gister ist. Dann wollen Linke se“ gehabt und gewusst,
und Grüne einen entspre- dass er unter Terrorismusver-
chenden Gesetzentwurf ins dacht stehe, berichtete D.
Parlament einbringen. sve, rom Fahrscheinkontrolle den Beamten. wow

DER SPIEGEL 7 / 2018 25


Deutschland

Europawahl aus, dass das den meisten AfD stoppen“. Der AfD-Politiker
Parlament gegen Staats- und Regierungschefs „Die Merkelnutte aus Bayern war sich seines
Macron klar sei. Der EU-Abgeordne-
te und Verfassungsexperte lässt jeden rein“ unflätigen Tons bewusst:
„Wer sich über die Sprach-
Das Europäische Parlament Jo Leinen (SPD) appelliert an Eine bislang unveröffentlichte wahl in diesem Mailing auf-
will, dass bei der nächsten den französischen Präsiden- E-Mail vom Januar 2016 regt: einfach abmelden.“ Es
Europawahl 2019 erneut Spit- ten: „Da Macron ein demo- bringt den AfD-Politiker handle sich um die „einzige
zenkandidaten für das Amt kratisches und souveränes Peter Boehringer in Erklä- angemessene Sprache ... ge-
des Kommissionspräsidenten Europa fordert, setze ich da- rungsnot. Der neue Vorsitzen- gen Merkel“. „Die Alternati-
antreten. Es stellt sich damit rauf, dass er die Aufstellung de des Haushaltsaus- ve zum Nicht-Wider-
gegen Frankreichs Präsiden- von Spitzenkandidaten ak- schusses im Bundestag stand gegen diese

BERND VON JUTRCZENKA / DPA


ten Emmanuel Macron. „Un- zeptiert.“ Die EU-Mitglieder hat sich bisher gegen Dirne der Fremd-
sere Statuten sehen den Spit- wollen bei einem Sondergip- den Vorwurf verwahrt, mächte ist der siche-
zenkandidaten vor“, sagt fel am 23. Februar über die er habe Kanzlerin An- re Bürgerkrieg, den
der Vizechef der Europäi- Frage beraten. Ungarn und gela Merkel als „Mer- wir ab spätestens
schen Volkspartei (EVP), Da- Tschechien haben bereits klar- kelnutte“ beleidigt. 2018 dann verlieren
vid McAllister, ein Vertrau- gemacht, dass sie eine Neu- Nun liegt dem SPIE- werden!“
ter von CDU-Chefin Angela auflage des Wahlkampfs mit GEL eine E-Mail vor, Boehringer Auf Anfrage teilte
Merkel. „Die EVP wird, wie Spitzenkandidaten ablehnen. in der offenbar Boeh- Boehringer mit, er
seit Langem vereinbart, im Auch Macron lässt bislang ringer die Flüchtlingspolitik könne in seinem Archiv
November in Helsinki ihren wenig Begeisterung für die kommentiert: „Die Merkel- nur eine weniger scharfe Fas-
Spitzenkandidaten wählen.“ Idee erkennen. Hintergrund nutte jedoch lässt jeden rein, sung finden. Falls er doch
Unterstützung erhält Mc- ist, dass seine Bewegung En sie schafft das“, heißt es da- die beleidigende Version ver-
Allister von EU-Kommissar Marche keiner Parteienfami- rin. Und weiter: Es handle sandt haben sollte, dann
Günther Oettinger: „Das lie angehört und so wenig sich „um einen Genozid, der nur an einen „ganz kleinen
Rad lässt sich nicht mehr zu- Chancen hat, den Präsiden- in weniger als zehn Jahren er- Privatkreis“. Öffentlich wür-
rückdrehen.“ Er gehe davon ten mitzubestimmen. mp folgreich beendet sein wird, de er solche Worte nicht be-
wenn wir die Kriminelle nicht nutzen. ama

Prävention Böhm, Abteilungsleiter


Streit um Hilfe Sport im Bundesinnenminis-
terium, erteilt der DSJ aller-
Die Deutsche Sportjugend dings eine Absage: „Alle an-
(DSJ) fordert Unterstützung, deren nicht staatlichen Ein-
um sexualisierter Gewalt im richtungen der Kinder- und
Sport vorzubeugen. Die DSJ Jugendhilfe – zum Beispiel
beschloss zuletzt ein Kinder- im Kultur- und sozialen Be-
schutzkonzept, will externe reich – erhalten für die Um-
Berater für die Sportverbän- setzung ihrer Schutzmaßnah-
de engagieren, Coachings für men und Präventionsarbeit
Funktionäre und Trainer an- keine staatliche Hilfe.“ Im
bieten und Fachtagungen ver- Sport löst die Haltung Unver-
anstalten. Finanzieren möch- ständnis aus. „Für den Anti-
te die DSJ dies mit einer Doping-Kampf, der ureige- Ausschnitt aus Boehringer-E-Mail
Million Euro jährlich von der nen Aufgabe des Sports,
Bundesregierung. „Die Prä- wird zu Recht Hilfe zur Ver-
vention sexualisierter Gewalt fügung gestellt“, sagt Holze,
ist eine gesellschaftliche „beim Schutz vor sexualisier- Bistum Eichstätt Darlehen der Diözese an die
Aufgabe, keine sportspezifi- ter Gewalt soll der Sport da- Geschäft im Unternehmen waren zum
sche“, betont der DSJ-Vorsit- gegen alleine bleiben? Das
zende Jan Holze. Gerhard leuchtet nicht ein.“ akm, le guten Glauben großen Teil nicht durch
Grundpfandrechte besichert.
Der Verbleib von insgesamt Die Staatsanwaltschaft Mün-
rund 60 Millionen Dollar, die chen II ermittelt nach einer
das Bistum Eichstätt unter Anzeige des Bischofs gegen
anderem in US-Einkaufszen- einen ehemaligen Mitarbei-
tren investieren wollte, ist ter und einen Geschäftspart-
ungeklärt. Das Geld floss an ner. Dabei hätten schon die
rund 20 Projektgesellschaf- Umstände das Bistum miss-
ten, die rund um die texa- trauisch machen müssen:
nische Metropole Dallas Bra- Trotz Niedrigzinsen stellten
BRITTA PEDERSEN / DPA

chen kauften – in der Hoff- die Kreditnehmer seit 2014


nung, dass sich dort zum eine Verzinsung von sieben
Beispiel Discounter ansiedel- bis zehn Prozent jährlich in
ten. Teilweise ging es auch Aussicht, bei Laufzeiten von
um Wohnimmobilien. Die zwei bis fünf Jahren. fri, was

26 DER SPIEGEL 7 / 2018


Wir alle brauchen Individualisierung
jemanden, der für uns da für Patienten.
ist, wenn wir allein sind. Wenn es um individuelle
Jemanden, der Antwor- Therapie geht, muss die
ten gibt, wenn wir Fragen Wirksamkeit immer im
haben. Besonders wenn Fokus bleiben. Dabei helfen
es um unsere Gesund- die Digitalisierung sowie
heit geht. In Zeiten der technischer Fortschritt
Digitalisierung ist das und ermöglichen in
leichter denn je. Wir Zukunft einfachere
können 100 Kilometer zu Gesundheitsvorsorge.
einem Mausklick machen.
Jede Grenze überwinden, Selbstbestimmung
sowohl geographisch als für Patienten.
auch zeitlich. Wir können Jeder möchte selbst ent-
sogar füreinander da scheiden, welches Angebot
sein, ohne beieinander zu er wann und von wem in
sein. Zum Beispiel durch Anspruch nimmt. Diese
einen Video-LiveChat, Wahlfreiheit muss auch in
der uns überall zusam- Zukunft weiter bestehen.
menbringt. Und eine App Deswegen erweitern wir
mit Wechselwirkungs- diese Angebote mehr und
prüfung, die uns Sicher- mehr, auch digital.
heit gibt, wenn wir sie
brauchen. Diese Möglich- Neuartige Produkte
keiten sind bestimmt für Patienten.
nicht das Ende. Aber ein Digitale Services verändern
guter Anfang. den Gesundheitsmarkt. Sie
verkürzen und vereinfachen
Denn wir haben noch Prozesse, die für mehr
viel vor: therapeutische Freiräume
und für eine verbesserte
Bessere Behandlung Patientenbeziehung sorgen.
für Patienten.
Durch transparentes Erfahren Sie mehr über
Handeln können wir uns auf DocMorris.de
den Wissensaustausch
zwischen Patient, Arzt,
Apotheke und Kranken-
kasse verbessern. Und die
bestmögliche Versorgung
für den Patienten schaffen.
CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL
Wohnungsbesichtigung in Berlin

Auf der Straße


Immobilien I Die Mieten in deutschen Ballungszentren explodieren, doch die
Politik findet keine überzeugende Antwort auf die drängendste
soziale Frage der Zeit. Daran ändert auch der Koalitionsvertrag wenig.

D
er Brief kam einen Tag vor Heilig- bisher. Das deutsche Mietrecht gibt das Doch auch für Normalverdiener werden
abend. Sein Inhalt traf Marco Sino- bislang her: Modernisierungskosten kön- die Mieten in deutschen Ballungszentren
radzki „wie ein Schlag ins Gesicht“, nen bis zu elf Prozent auf die Jahresmiete zunehmend unerschwinglich. In Berlin
erzählt der 41-jährige Berliner. Denn unter umgelegt werden, die Steigerungen sind müssen Wohnungssuchende mittlerweile
dem harmlos klingenden Betreff „Vorbe- oft drastisch – in Sinoradzkis Fall sogar so für eine 60- bis 80-Quadratmeter-Woh-
reitung von Modernisierungs- und Instand- drastisch, dass er wohl ausziehen muss, nung im Schnitt 76 Prozent mehr bezahlen
setzungsmaßnahmen“ kündigte die Haus- wenn es wirklich so weit kommt. als 2008, in München werden inzwischen
verwaltung ihm und seinen Nachbarn mo- Der Berliner ist wegen schwerer Krank- schon 15 Euro Nettokaltmiete pro Qua-
natelange Bauarbeiten an, für die eine heiten Frührentner und lebt von der dratmeter bei Neuvermietung fällig (siehe
„vollständige Räumung“ der Wohnung not- Grundsicherung. Seine Wohnung zahlt das Grafik).
wendig sei. Sozialamt, „1200 Euro werden die dort Sozialverbände warnen, dass die stei-
Außerdem, so erfuhren die Bewohner, aber niemals akzeptieren“, befürchtet er. genden Wohnkosten ein Armutsrisiko dar-
werde sich die Miete nach der General- Vielen seiner Nachbarn geht es kaum stellen. Über eine Million Haushalte in den
überholung erhöhen. Eine 75-Quadratme- besser. Der etwas triste, graue Gebäude- Großstädten haben schon jetzt nach Ab-
ter-Wohnung wie die von Sinoradzki wird komplex im Berliner Stadtzentrum wurde zug der Miete weniger Geld zum Leben,
dann voraussichtlich warm rund 1200 Euro in den Siebzigerjahren als Sozialbau er- als wenn sie den Hartz-IV-Regelsatz bekä-
pro Monat kosten, über 440 Euro mehr als richtet, hier hat niemand viel Geld. men. Die Obdachlosigkeit steigt.
28 DER SPIEGEL 7 / 2018
Deutschland

„Das Thema Wohnen hat die Spreng- Als zweite Sonderregel gilt: Wenn die ist er wieder zu Hause – wenn alles gut
kraft, eine der großen sozialen Fragen der Miete nach den Maßstäben der Mietpreis- geht.
heutigen Zeit zu werden“, fasst es Michael bremse schon beim Vormieter zu hoch war, Brandt hat eine gut bezahlte Stelle in
Müller (SPD), der Regierende Bürgermeis- darf sie auch in Zukunft weiter kassiert der Festnetzplanung bei einem großen Te-
ter von Berlin, zusammen. werden. lekommunikationsunternehmen, eine be-
Umso verwunderlicher ist, dass das The- In dem neuen Koalitionsvertrag haben zahlbare Wohnung in der bayerischen Lan-
ma in den am Mittwoch abgeschlossenen Müller und seine Genossen den Unions- deshauptstadt findet er für seine Freundin
Koalitionsverhandlungen zwischen CDU, vertretern nun abgerungen, dass der Woh- und sich aber trotzdem nicht.
SPD und CSU keine zentrale Rolle spielte. nungseigentümer künftig diese Vormiete Man müsse sich das mal vorstellen, sagt
SPD-Chef Martin Schulz und die Frak- tatsächlich auch offenlegen soll. Das ist er: Eine Bahncard 100 für fast 4300 Euro
tionsvorsitzende Andrea Nahles stritten nämlich bislang nicht der Fall. zuzüglich zu seinen Mietkosten in Nürn-
lieber lautstark über Themen wie die sach- Für Müller ist das ein Verhandlungser- berg komme billiger als eine Wohnung in
grundlose Befristung von Arbeitsverträgen. folg, für Mieterverbände eine Minimalre- München, „da kann doch etwas nicht
Die Frage des Mietwohnungsmarkts form. „Ich habe das Gefühl, dass die Gro- stimmen“.
blieb den Fachpolitikern überlassen, zu de- Ko noch keinen Eindruck hat, was wirklich Im Vergleich zu dem Rentnerehepaar
nen auch SPD-Mann Müller gehörte. Das in den Ballungszentren los ist“, sagt etwa Rosalie und Werner Maeder, 77 und 80,
Ergebnis der Verhandlungen feiert er nun Reiner Wild, der seit mehr als 35 Jahren hat es Brandt aber noch gut getroffen,
stoisch als „tragfähigen Kompromiss“. beim Berliner Mieterverein arbeitet und denn die Maeders stehen demnächst auf
Allerdings wird das, was da steht, die Zeiten wie diese noch nie erlebt hat. der Straße. Mitte Februar müssen sie ihre
Situation kaum entschärfen. Denn nicht nur Gering-, sondern auch Wohnung verlassen: Der Eigentümer hat
Zu den besseren Resultaten der Ver- Normalverdiener haben zunehmend Pro- Eigenbedarf angemeldet.
handlungen gehört, dass die Modernisie- bleme, die steigenden Mieten zu stemmen. Eine neue Bleibe haben die Rentner, die
rungsumlage – unter der der Berliner Früh- Wenn sie überhaupt eine Wohnung finden. beide gehbehindert sind, bis heute nicht
rentner Sinoradzki und seine Nachbarn so Bei Besichtigungsterminen in Großstädten gefunden. Dabei haben sie wegen ihrer ge-
leiden – reformiert werden soll: Künftig ist es normal, dass Hunderte Interessenten ringen Einkünfte sogar einen Berechti-
sollen nur noch acht Prozent der Kosten kommen. gungsschein für eine Sozialwohnung be-
pro Jahr auf die Mieter umgelegt werden Johannes Brandt, 25, steht deshalb kommen. „Der hat uns aber noch nichts
dürfen – und höchstens drei Euro pro Qua- gerade jeden Tag um halb fünf Uhr mor- gebracht“, sagt Rosalie Maeder verzweifelt.
dratmeter binnen sechs Jahren. Für eine gens auf, um zwei Stunden mit dem ICE Allein in Stuttgart stehen rund 4200
Wohnung in der Größe, wie sie Sinoradzki von Nürnberg zu seiner Arbeit nach Haushalte auf einer Warteliste für die öf-
hat, dürfte die Miete demnach nur um 225 München zu fahren. Abends um 20.30 Uhr fentlich geförderten Wohnungen, 2011 wa-
und nicht um 440 Euro steigen. ren es noch etwa 2800.
Doch auch Mietsteigerungen von drei Mietpreissteigerung In anderen Großstädten sieht es nicht
Euro pro Quadratmeter sind happig. viel besser aus: Die Zahl der verfügbaren
Wenn aber ein Problem so unterschied- bei Neuvermietung, Veränderung 2017 Sozialwohnungen ist in den vergangenen
lich angegangen wird wie in diesem Be- gegenüber 2008, in Prozent Euro je Jahren drastisch gesunken, obwohl die
reich, sind mehr als lauwarme Kompro- Quadratmeter* Zahl der Anspruchsberechtigten steigt.
misse eben nicht drin. Während die SPD 2017 Im neuen Koalitionsvertrag haben SPD
vor allem auf strengere Regeln für den und Union nun vereinbart, bis 2021 zwei
wild gewordenen Mietwohnungsmarkt Berlin +76 9,07 Milliarden Euro für den sozialen Woh-
setzt, gilt die Union vielen Sozialdemo- nungsbau zuzuschießen.
Wolfsburg +63 7,95
kraten als verlängerter Arm der Eigentü- Ob diese Gelder ihre Wirkung erzielen,
merlobby, weil sie von Verboten relativ München +43 15,06 ist aber längst nicht gesichert. Denn bei
wenig hält. dem Thema offenbarte sich in der Vergan-
Schon in der vergangenen Legislaturpe- Stuttgart +41 11,39 genheit eines der zentralen Probleme be-
riode führte das zu allenfalls halbherzigen Nürnberg +38 8,78 sonders deutlich, die eine Lösung der deut-
Versuchen, dem Problem beizukommen. schen Wohnmisere so schwierig machen:
Eindrücklichstes Beispiel ist die Mietpreis- Leipzig +35 6,18 die mangelnde Zusammenarbeit von Bund,
bremse, die die Große Koalition auf Drän- Bremen +35 7,60 Ländern und Kommunen.
gen der SPD 2015 in Kraft setzte. Seit der Föderalismusreform 2006 ist der
Das Prinzip ist simpel: Bei Neuvermie- Frankfurt a. M. +35 12,23 soziale Wohnungsbau allein Sache der Län-
tungen soll der Preis einer Wohnung die der. Seither zahlt der Bund regelmäßig
Dresden +34 6,85
ortsübliche Miete nicht um mehr als zehn jährliche Zuschüsse, die regulär 2019 aus-
Prozent übersteigen, Maßstab ist der ört- Dortmund +33 6,48 laufen. Diese Überbrückungsgelder flossen
liche Mietspiegel. allerdings teilweise in ganz andere Berei-
Man kann über solche Instrumente treff- Münster +31 9,20 che. Sachsen und das Saarland etwa bau-
lich streiten, etwa mit dem Argument, dass Hamburg +30 10,25 ten in manchen Jahren keine einzige neue
sie den dringend nötigen Neubau bremsen, Sozialwohnung, obwohl sie Millionen vom
weil sie Investoren abschrecken. Wenig Köln +30 10,00 Bund erhielten.
sinnvoll ist es allerdings, von vornherein Bonn +29 8,87 Als die letzte Große Koalition die Mittel
so viele Ausnahmeregeln in das Gesetz hi- für den Bereich 2016 außerdem deutlich
neinzuschreiben, dass es gar nicht wirken Düsseldorf +28 9,61 aufstockte, reagierte Bayern mit einer Hal-
kann. Genau dafür sorgte die Union. bierung der eigenen Wohnraumförderung.
Essen +17 6,74
So gilt die Mietpreisbremse beispielswei- Künftige Bundeszuschüsse sollen des-
se nicht für Wohnungen, die umfassend * Nettokaltmiete, inserierte Angebotspreise für Wohnungen halb nur zweckgebunden vergeben wer-
modernisiert oder nach dem Oktober 2014 (60 bis 80 Quadratmeter) den. Dafür ist allerdings womöglich eine
Quelle: IDN Immodaten GmbH, empirica-systeme.de
zum ersten Mal vermietet wurden. Grundgesetzänderung nötig – für die sich
DER SPIEGEL 7 / 2018 29
Deutschland

eine künftige Regierung eine Zweidrittel- derem Bundesminister für „Raumordnung, burger Programm der SPD wird das The-
mehrheit im Bundestag besorgen müsste Bauwesen und Städtebau“. Heute fordert ma weitgehend abgehakt mit dem Satz:
und noch dazu die Zustimmung der Län- der SPD-Politiker eine Neuorientierung „Wohnraum darf nicht zum Spekulations-
der im Bundesrat. Streit scheint da pro- der Politik. „Eine künftige Bundesregie- objekt werden.“
grammiert. rung muss sich Gedanken über eine grund- „Warum schweigen Gesellschaft und
Denn auch der soziale Wohnungsbau ist legende Neuordnung des Bodenrechts ma- Politik bisher, obwohl diese unglaublichen
vor allem eine Herzensangelegenheit der chen“, sagt er. Denn Grund und Boden sei leistungslosen Gewinne der Bodenwertstei-
SPD und durchaus umstritten. Studien zei- keine „je nach Bedarf produzierbare Ware, gerung zum größten Teil den ohnehin Hoch-
gen beispielsweise, dass die Fehlbelegungs- sondern eine Grundvoraussetzung mensch- vermögenden zuwachsen?“, fragt Vogel.
rate solcher Wohnungen hoch ist – weil licher Existenz“. Deshalb müsse der Staat Der Berliner Bürgermeister Müller ver-
das Einkommen vieler Mieter nach dem die Interessen der Allgemeinheit „in viel weist darauf, dass im neuen Koalitionsver-
Einzug steigt, aber nie überprüft wird. stärkerem Maß zur Geltung bringen als trag immerhin eine Art Spekulationsteuer
„Solche Instrumente schaffen keinen bei anderen Gütern“. vorgesehen ist: Über eine Reform der
Quadratmeter neuen Wohnraum“, sagt der Der neue Koalitionsvertrag unternehme Grundsteuern soll den Kommunen die
Augsburger Oberbürgermeister und CSU- „Detailschritte, die ich durchaus zu würdi- Möglichkeit gegeben werden, unbebautes
Vizechef Kurt Gribl, der den Koalitions- gen weiß“, sagt Vogel: „Aber er beschäf- Land höher zu besteuern als bebautes.
vertrag mit SPD-Mann Müller und weite- tigt sich mit Symptomen, nicht mit der Ur- Doch auch Müller glaubt, dass das nur
ren Gesandten ausgehandelt hat. sache des Problems.“ ein Anfang sein kann. „Ich hoffe, dass auf
Die Union hat deshalb in das Papier Seine Argumente sind nicht neu. In den Grundlage des Koalitionsvertrags noch viel
auch Steueranreize für den Mietwohnungs- Siebzigerjahren war die Forderung nach mehr möglich ist“, sagt er. Allerdings liegt
bau und ein neues Baukindergeld hinein- einer Bodenrechtsreform SPD-Parteitags- es in der Natur solcher Verträge, dass sie
verhandelt: 1200 Euro soll es demnach pro beschluss, weil die Bodenpreise schon da- eher das Maximum als das Minimum an
Jahr und Kind beim Bau eines Eigenheims mals beängstigend stiegen. Die Sozialde- Errungenschaften in der kommenden Le-
geben – zehn Jahre lang. mokraten forderten deshalb Bau- und Mo- gislaturperiode skizzieren.
Doch solch üppige Subven- Die Hoffnung von SPD-
tionen ergeben im Moment Urgestein Vogel liegt auf
wenig Sinn. einer Enquetekommission
Denn es fehlt weder an wil- für das Thema, die laut
ligen Investoren noch an Koalitionsvertrag eingesetzt
Häuslebauern. Es fehlt – da- wird – einer Arbeitsgruppe
ran zweifelt mittlerweile ei- also, die grundsätzliche Lö-
gentlich kaum einer mehr, sungsvorschläge erarbeiten
der sich mit dem Thema be- soll.
fasst – in erster Linie an Bau- Höchste Zeit wäre es,
land. Die steigenden Grund- denn viele Mieter fühlen sich
stückspreise sind der zentrale im Stich gelassen. „Was ist
Grund, warum die Mieten das für eine Politik in diesem
und das Bauen derart teuer Lande, die solche Zustände
geworden sind. duldet?“, sagt etwa ein 80-
CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL
CARSTEN KOALL / DER SPIEGEL

In Berlin etwa sind die jähriger Nachbar des Berli-


Grundstückspreise innerhalb ner Frührentners Sinoradzki.
des S-Bahn-Rings in nur ei- „Da wundert man sich nicht
nem Jahr um rund 60 Pro- mehr, wenn 13 Prozent der
zent gestiegen, in München Menschen aus Wut die AfD
haben sie sich innerhalb der wählen.“
letzten zehn Jahre verdrei- Pendler Brandt, Ehepaar Maeder: „Da kann doch etwas nicht stimmen“ Der Mann gehört neben
facht. Und je mehr die Nach- Sinoradzki zu einer Gruppe
frage nach diesem knappen Gut steigt oder dernisierungsgebote für Grundstücks- und von Mietern, die seit dem erschrecken-
durch Zuschüsse und Steueranreize ange- Immobilienbesitzer, eine Steuer auf den den Schreiben des Hauseigentümers vom
heizt wird, desto teurer wird es. Bodenwertzuwachs und eine Steuer auf Dezember 2016 beharrlich gegen die dro-
Im Grunde, so fasst der Freiburger Öko- jene Bodenwertgewinne, die die Besitzer henden Mieterhöhungen kämpfen. Viele
nom Lars Feld die verzwickte Situation allein aufgrund der planerischen Arbeit von ihnen wollen als Härtefälle anerkannt
zusammen, könne die künftige Große Ko- der Gemeindeverwaltung erzielten. werden.
alition eigentlich kaum etwas tun, um für Mit einem entsprechenden Gesetzes- Bis vergangene Woche hat Sinoradzki
erschwingliche Mieten zu sorgen. „Der vorhaben scheiterte Vogel damals, aber die deshalb in seiner Wohnung ausgeharrt,
Bund kann allenfalls Symbolpolitik betrei- Diskussion zu dem Thema ging weiter. obwohl sein Haus längst zu einer lär-
ben“, sagt Feld. „Die Länder und Kommu- Noch im Parteiprogramm von 1989 forder- menden Großbaustelle geworden ist. Vie-
nen sind gefragt, weil es an ihnen ist, bei- ten die Sozialdemokraten ein „einfacheres le seiner Nachbarn dagegen sind längst
spielsweise mehr Bauland auszuweisen Enteignungs- und Entschädigungsrecht“ für weggezogen.
und die Errichtung neuer Wohnsiedlungen Grund und Boden, „ein preislimitierendes Dem Hausbesitzer – mittlerweile eine
auch gegen den Protest von Anwohnern Vorkaufsrecht der Gemeinden“ sowie ei- britische Firma – dürfte das nicht ganz un-
durchzusetzen.“ nen Vorrang des Erbbaurechts bei der Ver- gelegen kommen. Das Unternehmen will
Ist das wirklich so? Oder fehlt es einfach fügung von öffentlichen Grundstücken. die einstigen Sozialwohnungen nach der
an Ideen? Vogel versteht nicht, warum solche stra- Sanierung als schicke Stadtwohnungen ver-
Hans-Jochen Vogel war in den Sechzi- tegischen Überlegungen aufgegeben wur- kaufen.
ger- und Siebzigerjahren erst Oberbürger- den, gerade jetzt, wo die Preise rasant wei- Für 5700 Euro pro Quadratmeter und
meister von München und später unter an- tersteigen. Im mittlerweile geltenden Ham- mehr. Selina Bettendorf, Anne Seith

30 DER SPIEGEL 7 / 2018


Kreuzberg Tempelhofer Uf
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Dragoner Areal
Berlin

Kartenausschnitt

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Unrühmliche
ner Areal verkaufen ließ. Städtische Woh- auch, wenn die Städte Bundesareale für
nungsbaugesellschaften boten bis zu 18 Sozialwohnungsbau erwerben wollen.
Millionen Euro, sie wollten preiswerte Praktisch aber hat sich an der profit-

Rolle
Wohnungen errichten. Die dem Ministeri- orientierten Politik des Bundes wenig ge-
um unterstellte Bundesanstalt für Immo- ändert. Erst im Sommer 2017 erklärte das
bilienaufgaben (BImA) jedoch gab für 36 Bundesfinanzministerium auf Anfrage der
Millionen Euro einem Privatinvestor den Linken-Bundestagsfraktion, dass seit Ende
Immobilien II Der Bund verkauft Zuschlag. Im linken Kreuzberg stellten sich 2015 gerade mal acht Grundstücke für den
Bürger schon auf weitere Luxusbauten ein. Sozialwohnungsbau „verbilligt“ an Kommu-
seine Grundstücke bislang Kurz nach Vertragsschluss stimmte der nen verkauft wurden. 1,4 Milliarden Euro
meist zum Höchstpreis – Haushaltsausschuss des Bundestags dem hat die BImA insgesamt in den vergange-
Geschäft zu. Schließlich hatte die BImA nen vier Jahren mit Immobiliengeschäften
statt sie den Städten verbilligt nur ihren gesetzlichen Auftrag erfüllt, mög- erzielt. „Mit seiner Liegenschaftspolitik
zu überlassen. lichst viel Kapital aus der Immobilie für zum Höchstgebot spielt der Bund eine un-
den Bund herauszuschlagen. rühmliche Rolle als Preistreiber bei Grund-

E
inst residierte die preußische Armee Aber dann blockierte der Bundesrat den stücken und Mieten“, sagt Caren Lay, woh-
am heutigen Berliner Mehringdamm, Deal. Die Regierung war alarmiert. Am nungspolitische Sprecherin der Linken.
mit ihrem 1. Garde-Dragoner-Regi- 8. September 2015 bat Finanzstaatssekretär Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz-
ment „Königin Viktoria“. Die Kaserne Michael Meister den hessischen Minister- Ahnen sagt, die BImA solle nicht verges-
stand mitten in Kreuzberg, es gab Stallun- präsidenten Volker Bouffier (CDU) um sen, „dass sie eine gesellschaftliche Funk-
gen und Exerzierplätze, Mannschaftsquar- Hilfe. Der Grundstücksverkauf trage „in tion hat“ und kein „börsennotiertes Spe-
tiere, Wohnungen für die Offiziere. erheblichem Umfang zur Sicherung der kulationsunternehmen“ sei. Es sei nicht
Heute steht auf dem Kasernenhof ein Einnahmen der öffentlichen Haushalte von „ihr Job, auf Teufel komm raus das Ver-
Biosupermarkt, aus den Ställen ertönt kein Bund und Ländern“ bei, schrieb Meister mögen des Bundes zu versilbern“. Die
Gewieher, sondern Hip-Hop und House dem damaligen Bundesratsvorsitzenden. BImA sei nicht zuständig „für Profit, son-
vom Musikklub „Gretchen“. Große Teile Die Länderkammer lehnte dennoch ab. dern öffentlichen Mehrwert“. Der gesetz-
des Geländes liegen brach. Zum ersten Mal stoppte sie damit den liche Auftrag der BImA, sagt hingegen
Dabei soll es nicht bleiben. Der Wohn- Verkauf einer Bundesimmobilie zum Gehb, sei „eine Veräußerung zum vollem
raum in Berlin wird knapp, Immobilienprei- Höchstpreis, wie man aus Senatskreisen Wert, also zum Marktpreis“. Andere Zwe-
se steigen, und es gibt nicht mehr viele bun- hört. Für BImA-Chef Jürgen Gehb war cke als die „wirtschaftliche Verwertung“
deseigene Grundstücke, auf denen Hunder- das ein Schock. Die Hauptstadt habe den sehe das Gesetz nicht vor.
te neue Apartments entstehen können. Bundesrat dazu „angestiftet“, ihr „das Um Investoren abzuschrecken, erklärte
Fast alle Parteien wollen wieder preis- Dragoner Areal für billiges Geld zum der Berliner Senat im Juli 2016 das Drago-
werten Wohnraum schaffen, und der Schaden des Bundes zuzuschustern“, sag- ner Areal zum Sanierungsgebiet. Damit
Bund soll dabei künftig kräftig mithelfen. te er kürzlich. wolle die Stadt, so die Begründung, „die
Union und SPD haben sich im Koalitions- Bis heute verwaltet die BImA für den sozialorientierte Wohnraumversorgung“
vertrag darauf verständigt, Ländern und Bund mehr als 37 000 Wohnungen und langfristig sichern. Die BImA sprach von
Kommunen bundeseigene Grundstücke zu 480 000 Hektar Grundstücksfläche. Für den Willkür und reichte im April 2017 Klage
„vergünstigten Konditionen“ abzugeben – Bundeshaushalt machte es einen großen beim Berliner Oberverwaltungsgericht ein.
„rechtssicher und im beschleunigten Ver- Unterschied, ob sie ihre Immobilien an Mittlerweile aber bemühen sich Berlin
fahren“. einen Meistbietenden verkauft oder ver- und der Bund um eine pragmatische
So weit die Theorie. Die Geschichte des billigt an Kommunen abgibt. Lösung: Berlin bekommt das begehrte
Dragoner Areals zeigt, wie der Bund aus Pro- Mit seinen Grundstücken könnte der Dragoner-Gelände im Tausch gegen pro-
fitsucht lange eine soziale Wohnungspolitik Staat die Wohnungsnot zumindest etwas minente Kulturimmobilien aus dem Lan-
torpediert hat. Bisher hat er Immobilien lindern. Bereits 2015, als bundesweit Un- desbesitz, darunter die Ausstellungshalle
meist zum Höchstpreis veräußert. Kommu- terkünfte für Flüchtlinge gesucht wurden, Martin-Gropius-Bau, das Haus der Kultu-
nen kamen in der Regel nur zum Zug, wenn wies die Bundesregierung ihre Immobilien- ren der Welt und das Jüdische Museum.
sie die geforderten Marktpreise zahlten. verwalter an, den Kommunen bevorzugt Sie sind zwar Millionen wert. In Wahr-
In Berlin begann das Drama 2014, als Grundstücke und Gebäude anzubieten. heit aber unverkäuflich.
das Bundesfinanzministerium das Drago- Ähnliche Privilegien gelten prinzipiell Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 7 / 2018 31


Deutschland

Plastikrosen in Zellophan
Afghanistan Sie nennen es „strategisches Patt“. Im 17. Jahr am Hindukusch
will der Westen nur noch eines: die Macht der Taliban eindämmen. Bundeswehr
und US-Streitkräfte operieren dabei in zwei Welten.

K
urze Sicherheitsbelehrung. Wenn deswehr ohne eigenes Lagebild, weil sie wehr und den US-Streitkräften in Afgha-
es knallt, und es hat erst neulich auf ein Minimum zusammengeschrumpft nistan unterwegs ist, erlebt Soldaten, die
wieder geknallt, als die Taliban mit ist, das kaum noch vertretbar erscheint. in zwei Welten operieren, die unterschied-
ihren Raketen fast den Hubschrauber- Das Mandat ist auf 980 Soldaten be- licher kaum sein könnten.
landeplatz getroffen hätten, wenn es also schränkt und folgt damit einer ähnlichen

D
knallt, dann sofort zum nächsten Bunker Logik wie die 1,39 Euro für E-10 an der er Oberst hat in Kunduz 113 Solda-
laufen und abwarten. Wobei Bunker ein Tankstelle. Bisher durfte es nicht vierstel- ten unter sich, 48 davon sind Deut-
großes Wort ist für die grauen Betonklötze, lig werden, das wäre politisch zu gefähr- sche. Sie sollen die 20. Division der
die überall im Lager herumstehen und aus- lich gewesen. Der Einsatz, der ohnehin afghanischen Armee bei den Operationen
sehen wie ein umgekipptes eckiges U. Im zu einer reinen Ausbildungsmission ge- gegen die Taliban beraten. Weil die Bun-
Innern zwei Bierbänke, ein paar Wasser- schrumpft ist, soll so klein und risikoarm deswehr schon 2013 offiziell aus Kunduz
flaschen und vor den offenen Seiten je- wie möglich bleiben. Die Wähler mögen abgezogen wurde, darf nun auf keinen Fall
weils ein kleiner Betonklotz als Splitter- ihn nicht. der Eindruck entstehen, die Deutschen sei-
schutz. Okay? Das reicht, um gegenüber der Nato en insgeheim wieder zurückgekehrt.
Der General nickt, seine Begleiter ni- Bündnistreue zu beweisen, und es reicht, Alle paar Wochen werden die Bundes-
cken, alles okay. Na dann kann es ja los- um nach den USA und Italien immer noch wehrsoldaten also wieder nach Masar ver-
gehen. Der Oberst, der aus Sicherheits- der drittgrößte Truppensteller in Afghanis- legt, um die politische Fiktion aufrechtzu-
gründen anonym bleiben muss, baut sich tan zu sein und damit Anspruch auf die erhalten, dass es sich bei dem Einsatz um
vor der großen Wandkarte auf, seine Hand Führung eines der wichtigen Regional- eine „mobile Beratung“ handelt. Für die
fährt über die Plastikfolie mit den militäri- kommandos erheben zu können. Afghanen wechseln damit ständig die An-
schen Symbolen, es ist ein wirres Bild. Die Von Demokratisierung, Menschenrech- sprechpartner, das macht es schwer, ein
Lage in der nordafghanischen Provinz ten, Rechtsstaat oder Mädchenschulen ist Vertrauensverhältnis aufzubauen.
Kunduz scheint unübersichtlich zu sein. längst keine Rede mehr. Jetzt wären die Camp Pamir ist ein riesiges afghanisches
Jörg Vollmer kennt das Terrain, der Ge- Interventionsstaaten schon froh, wenn das Militärlager, das mit Mauern, Stacheldraht
neral hat zwei Einsätze als Kommandeur Land nicht kippen würde. Das wäre der und Wachtürmen gegen Angriffe geschützt
des Regionalkommandos Nord hinter sich, Albtraum: ein gescheiterter Staat und Mil- ist. Als die beiden russischen Hubschrau-
inzwischen ist er Inspekteur des Heeres lionen Flüchtlinge. „Insgesamt konnte und ber mit Vollmer und seinen Begleitern lan-
und damit Chef von 60 000 Soldaten. Voll- wird das strategische Patt in Afghanistan den, werden sie von schwer bewaffneten
mer ist am Morgen mit seinem schwer be- vermutlich gehalten“, heißt es in einem deutschen Soldaten empfangen. Militär-
waffneten Tross in zwei zivilen russischen vertraulichen Lagebericht der Bundes- fahrzeuge blockieren die Straßen, obwohl
Miethubschraubern die 90 Minuten von wehr, „maßgeblich dafür bleibt aber die sich der Landeplatz und das deutsche
Masar-i-Scharif nach Kunduz geflogen. Es fortgesetzte internationale Unterstüt- Camp innerhalb des gut geschützten afgha-
ging nicht anders, die Bundeswehrhelikop- zung.“ An dieser Einschätzung ändert nischen Lagers befinden.
ter waren mal wieder kaputt. auch die blutige Anschlagsserie der ver- Eine Kolonne weißer Pick-up-Trucks
Der Oberst vor der Wandkarte macht es gangenen Wochen nichts. bringt den General die wenigen Hundert
kurz. Hier ist Camp Pamir mit dem Haupt- Ein „strategisches Patt“ ist das kleinste Meter zu den Deutschen, auf den Ladeflä-
quartier der 20. Division und den deutschen politische Ziel, das sich formulieren lässt, chen stehen jeweils zwei Soldaten, das Ge-
Militärberatern, da sind die Stellungen der aber vielleicht ist es gerade deshalb rea- wehr im Anschlag. Am deutschen Check-
afghanischen Armee, und dort liegen die listisch. Es bedeutet, dass die Zentralregie- point wird jedes Auto mit einem Unterbo-
Taliban. Seine Hand zeigt auf kleine Fünf- rung in Kabul nie so stark sein wird, dass denspiegel auf Sprengsätze abgesucht, erst
ecke aus rosa Pappe, die mit Nadeln auf sie das Land wirklich unter Kontrolle be- dann darf es die hohen Mauern mit dem
die Karte geheftet sind. Jeder Zettel ist sau- kommt, und dass die Taliban und die Kämp- messerscharfen Nato-Draht passieren.
ber mit einer Zahl beschriftet, 571, 326, 438. fer des IS nie so übermächtig werden dür- Der Oberst und seine Leute haben sich
Als Vollmer nachfragt, muss der Oberst fen, dass sie die Regierung stürzen können. in ihrem Hochsicherheitsgefängnis halb-
grinsen. Tja, sagt er, die Afghanen liebten Die Amerikaner tragen die Hauptlast, wegs eingerichtet. Sie leben von Einmann-
es eben, exakte Zahlen ihrer Gegner zu dieses Minimalziel umzusetzen. Erst mit packungen, die in der Mikrowelle heiß ge-
melden. Der General nickt. Er weiß, was sehr großem Abstand folgen die Deut- macht werden. Das Cevapcici mit Reis aus
von den Zahlen zu halten ist, aber was soll schen. Wer einige Tage mit der Bundes- der Aludose erfreut sich einer gewissen
er machen? Die Bundeswehr hat keine Beliebtheit.
eigenen Erkenntnisse, sie ist auf die afgha- Die Soldaten dürfen das Lager nicht ver-
nischen Angaben angewiesen. „In Wahr- lassen, dafür fehlen die Personenschützer.
heit haben wir keine Ahnung, was hier Die Deutschen haben Den Gouverneur in der Stadt kann der
wirklich passiert“, hatte ein Stabsoffizier sich in ihrem Oberst also nicht besuchen. Wenn er Glück
beim Briefing am Tag zuvor in Camp Mar- hat, setzt der sich ins Auto und kommt zu
mal in Masar gestanden.
Hochsicherheitsgefängnis ihm ins Lager. Wenn er den afghanischen
So also ist die Lage: Im 17. Jahr ihres halbwegs eingerichtet. Divisionskommandeur sprechen will, muss
Einsatzes am Hindukusch operiert die Bun- er nur die Straße überqueren, aber auch
32 DER SPIEGEL 7 / 2018
ANDREW RENNEISEN / GETTY IMAGES
KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN / DER SPIEGEL

Afghanischer Rekrut bei Training in Helmand, Bundeswehrcamp in Masar-i-Scharif


„In Wahrheit haben wir keine Ahnung, was hier wirklich passiert“

DER SPIEGEL 7 / 2018 33


diese 200 Meter werden geplant wie eine
militärische Großoperation. Die Sicherheits-
vorkehrungen unter Partnern erscheinen
absurd, aber zu oft schon haben afghani-
sche Soldaten oder Polizisten plötzlich das
Feuer auf die eigenen Verbündeten eröffnet.
Und so sitzen bei Vollmers Gespräch mit
dem afghanischen General zwei bewaffne-
te deutsche Soldaten mit wippender An-
tenne und Hand am Abzug im Dienstzim-
mer, das mit seinen Plastikrosen in Zello-
phanfolie die gepflegte Anmutung einer
Aussegnungshalle verströmt. Geht die Tür
auf, weil ein afghanischer Feldwebel den
Tee bringt, folgen ihm von draußen die Ge-

RAHMAT GUL / REUTERS


wehrläufe der anderen Personenschützer.
Kaum denkbar, dass der Gastgeber diesen
Auftritt nicht als demütigend empfindet.
Die Beratungsleistung des Obersts und
seiner Leute muss man sich so vorstellen:
Die Afghanen wollen die Taliban aus einer US-Befehlshaber Nicholson*: „Heute sind es die Afghanen, die in der ersten Feuerlinie stehen“
Stellung vertreiben. Bisher haben sie das
mit Frontalangriffen versucht, weil der
Kommandeur seine Soldaten so besser im rikanischen Spezialeinheiten starten mit er in der Taliban-Hochburg Helmand ein-
Blick hat und aufpassen kann, dass sie ihren Hubschraubern in die Nacht. Wie je- gesetzt und zuletzt im Kabuler Hauptquar-
nicht desertieren. Doch die Verlustrate bei den Abend. tier der Nato-Mission.
diesen Angriffen ist enorm, und deshalb Es sind John Nicholsons Männer. Der Geht es nach ihm, soll Kunduz zum
schlägt der Oberst eine andere Taktik vor. amerikanische Viersternegeneral sitzt ei- Symbol für eine Trendwende werden.
Eine Einheit soll die Taliban frontal at- nige Wochen später im Kampfanzug mit Zweimal schon wurde die Stadt von den
tackieren, um sie zu täuschen, eine weitere Helm und riesiger Sonnenbrille in seinem Taliban überrannt. Nur mithilfe der US-
die Nachschublinien abschneiden und eine „Black Hawk“. Unter ihm zieht der Kun- Armee konnten die Afghanen die Aufstän-
dritte überraschend von hinten angreifen. duz-Fluss seine weiten Schleifen durch die dischen wieder vertreiben. Ein solches De-
Einmaleins der Taktik. Die Afghanen sind abgeernteten Parzellen der Bauern, in den bakel darf sich nicht wiederholen.
von der Idee angetan, die Deutschen hel- Bögen liegen kleine Dörfer aus Lehmhüt- In letzter Zeit hat Nicholson mehr Sol-
fen bei den Operationsplänen, dann findet ten im rötlichen Sonnenlicht. Im Süden daten nach Kunduz geschickt, seine Spe-
der Angriff statt. ragt der Hindukusch in den Himmel, auf zialkräfte beraten die Afghanen und zie-
Und? Tja, sagt der Oberst, danach haben den Spitzen liegt der erste Schnee. hen mit ihnen nachts durch die Dörfer auf
sie gesagt, sie hätten alles so gemacht wie Die beiden MG-Schützen an den offe- der Jagd nach den Taliban-Anführern. Sei-
geplant. Kann sein, kann aber auch nicht nen Türen haben für die Schönheit der ne Visite in der Provinzhauptstadt ist
sein, woher soll er das wissen? Er ist Deut- Landschaft keine Augen. Sie suchen nach generalstabsmäßig vorbereitet.
scher, er darf das Lager nicht verlassen, Angreifern, die auf den Helikopter feuern Rund um das weiß getünchte Gouver-
beim Angriff ist er nicht dabei. In Wahrheit könnten. Für den Notfall folgen ihm zwei neursbüro stehen Dutzende gepanzerte
hat er keine Ahnung, was da draußen pas- „Apache“-Kampfhubschrauber, die mit „Humvees“ der afghanischen Armee, Hun-
siert. Und es ist nicht seine Schuld. Luft-Boden-Raketen bewaffnet sind. derte Soldaten riegeln das Gelände ab. Als
Am Abend sitzt Vollmer mit deutschen Der General ist unterwegs zu seinem Nicholsons Helikopter auf einem Sportfeld
Offizieren in Masar im Camp Marmal beim „Sorgenkind“, Kunduz, einem Ort, um den aufsetzt, kreisen die „Apaches“ im Tiefflug
MAK, der mazedonischen Pizzeria. Es gibt er sich dringend kümmern muss. Nicholson über dem Landeplatz. Der General ver-
Bier und Balkanpizza mit scharfer Soße. Der befehligt die Nato-Trainingsmission „Reso- schwindet in einer gewaltigen Staubwolke.
General ist ernüchtert. Fast alle Soldaten, lute Support“ und die amerikanische Anti- Im Gebäude riecht es nach Schweiß und
mit denen er in den vergangenen zwei Tagen terroroperation, also fast 16 000 Soldaten. Hammelfett. Die etwa 20 Dorfältesten aus
geredet hat, haben sich darüber beklagt, dass Mit ihnen soll er die verfahrene Afghanis- der Region haben viele Stunden auf Ni-
sie von Afghanistan nichts mitbekommen. tanmission nach 16 Jahren irgendwie doch cholson gewartet. Schon am frühen Mor-
Selbst die Militärberater fliegen mit ihren noch zu einem Erfolg für die USA machen. gen hat die afghanische Armee sie in den
Personenschützern im Hubschrauber, wenn Auch er steht unter innenpolitischen Zwän- engen Konferenzraum gepfercht. Alle wur-
sie der Kaserne der afghanischen Armee auf gen, aber es sind andere als bei Vollmer. den streng kontrolliert, sie mussten die
der anderen Seite der Stadt einen Besuch ab- Nicholson weiß, worauf er sich einge- Telefone abgeben, niemand in der Stadt
statten. Mit dem Auto wäre es zu gefährlich. lassen hat. 2006 kommandierte er etwa sollte von dem Amerikaner erfahren.
Wie soll man ein Land und seine Menschen 5000 Soldaten im fragilen Osten des Lan- Die bärtigen Männer in ihren langen Ge-
beraten, wenn man es nicht betreten darf? des an der Grenze zu Pakistan, später war wändern sind gereizt. Die ersten wollen
Im Camp Marmal ist es dunkel gewor- schon gehen, als der General mit mehreren
den und kühl. Das Lager liegt direkt am schwer bewaffneten Special-Forces-Solda-
Flug-hafen, und von dort dringt plötzlich Die Strategie ging nicht ten den Raum betritt. Höflich bedankt er
ein Höllenlärm zum Mazedonier. „Special auf. Niemand konnte sich für die Geduld. Nun wolle er hören,
Forces“, sagt einer der deutschen Offiziere, wie die Ältesten die Lage sähen. Düster.
ohne das Gesicht zu verziehen. Die ame-
die Taliban an den Verhand- Der Chef des Provinzrats liest von einem
lungstisch bomben. Blatt die Sorgen der Bewohner vor. „Wir
* In Kabul 2016. haben hier keine Sicherheit“, schimpft er,

34 DER SPIEGEL 7 / 2018


Deutschland

„die Regierung in Kabul hat uns immer Ähnlich aggressiv schickte Nicholson kritische Situation, lösen sie und sind
wieder alleingelassen.“ Jede Nacht würden seine Truppen in den Kampf gegen die Ta- schon wieder weg.“
seine Leute in den Dörfern von plündern- liban. Bei mehr als 1600 Bodenopera- Zwölf Wochen lang absolvieren die af-
den und mordenden Taliban heimgesucht. tionen waren amerikanische Spezialein- ghanischen Rekruten einen Schnelllehr-
Je länger der Provinzpolitiker redet, des- heiten an den Einsätzen ihrer afghanischen gang. Für Einsätze im Schutz der Dunkel-
to ernster wird Nicholson. Der Afghane Kameraden beteiligt, 181-mal forderten sie heit werden sie mit Nachtsichtgeräten trai-
berichtet, wie nachts Kinder entführt wer- Luftschläge an, 220 Taliban-Kämpfer wur- niert. Töten statt getötet zu werden, sagt
den. „Selbst wenn wir das Lösegeld zahlen, den getötet. Oft traf es die berüchtigten Miller, das sei das Erfolgsrezept.
bekommen wir unsere Söhne und Töchter Schattengouverneure, die auf Anweisung Millers Spezialauftrag ist gleichzeitig das
mit abgeschlagenem Kopf zurück“, sagt er, der islamistischen Ratgebergremien in Eingeständnis, dass die bisherige Strate-
„seit dem Abzug der internationalen Sol- Pakistan, der Shuras, in der afghanischen gie der Amerikaner und der Nato geschei-
daten hilft uns niemand.“ Provinz eine Parallelregierung aufgebaut tert ist. Jahrelang wollte man eine riesige,
„Wir lassen Kunduz nie mehr allein“, haben. konventionelle Armee aufbauen, mehr als
verspricht der General. Zusammen mit der Die Nicholson-Strategie ähnelt den hef- 200 000 Männer wurden eingekleidet und
afghanischen Armee werde man die Tali- tigsten Zeiten des Afghanistankriegs. Da- trainiert. Nachhaltig war das nicht.
ban so lange bekämpfen, bis sie zu Frie- mals, vor etwa sieben Jahren, hatte die Die Verluste der Armee sind gewaltig,
densverhandlungen bereit seien: „Jeder Nato mehr als 100 000 Soldaten am Hindu- in Gefechten, aber auch durch Deserteure.
Taliban, der nicht verhandeln will, wird kusch stationiert. Jede Nacht machten sie Jedes Jahr verlieren die afghanischen Streit-
früher oder später von uns getötet.“ Jagd auf die Taliban-Führer, die in einer kräfte so fast ein Drittel ihrer Soldaten. Je-
Es sind keine leeren Worte. Vor sechs streng geheimen Todesliste („Joint Priority des Jahr müssten fast 80 000 neue rekrutiert
Monaten haben die Amerikaner ihre Stra- Effects List“) aufgeführt waren. werden, ein völlig unrealistisches Ziel.
tegie geändert. Seitdem jagen sie Bei den Kommandos sei die Ab-
wieder Taliban und versuchen, mit gangsrate viel niedriger, sagt Miller
Luftangriffen deren Führer zu töten. deutsches Feldlager in der Kantine des Camps: „Die Män-
Für Nicholson ist das ein Déjà-vu. Region Nord ner hier sind Brüder, sie kämpfen zu-
der Nato-Mission
Bei seinem ersten Einsatz in Ostaf- „Resolute sammen, sie sterben zusammen, des-
ghanistan ging er nach der gleichen Support“ Masar-i- Kunduz wegen verlässt kaum einer die Ein-
Methode vor. Man dürfe den Gegner Scharif heit.“ Zumal die Amerikaner dafür
nicht schlafen lassen, verkündete er. Bagram sorgen, dass die Kommandosoldaten
Und positionierte seine 5000 Män- Herat Kabul regelmäßig bezahlt werden.
ner entlang der pakistanischen Gren- AFGHANISTAN Doch Afghanistan ist Afghanistan,
ze. Jede Nacht machten sie Jagd auf Aktuelle und so hat sich jeder Hoffnungs-
die Taliban. Die Mission im Koren- Bedrohungslage schimmer am Ende immer als trüge-
gal-Tal zählt zu den verlustreichsten hoch risch herausgestellt. Der Kontrollver-
der westlichen Afghanistanmission. Kandahar lust der afghanischen Armee und die
erheblich
Trotzdem geben die Taliban dort mittel Verschärfung der Bedrohungslage
bis heute den Ton an. Der General PROVINZ seien „seit dem Jahr 2014 insbeson-
HELMAND 250 km gering
war es auch, der den afghanischen dere in den ländlichen Gebieten wei-
Quelle: Bundeswehr
Präsidenten von der neuen Strate- ter fortgeschritten“, heißt es in dem
gie überzeugte. Am Ende räumte vertraulichen Jahresbericht der Bun-
Ashraf Ghani den Amerikanern weitgehen- Mit ständigen Luftschlägen und Atta- deswehr: „Derzeit kontrollieren oder be-
de Rechte für Luftschläge ein. Bis dahin cken gegen die Anführer sollten die Tali- einflussen die Taliban circa 38 Prozent der
durfte die U. S. Air Force nur zuschlagen, ban so lange in die Enge getrieben werden, Distrikte Afghanistans, der IS kommt auf
wenn US-Truppen in Bedrängnis gerieten, bis sie sich am Ende auf einen Deal mit circa 2 Prozent.“
inzwischen kann sie auch offensiv werden, der afghanischen Regierung einlassen wür- Aber: „Insgesamt sind die Taliban ihrem
den Kommandos am Boden den Weg frei- den. Die Strategie ging nicht auf. Niemand strategischen Ziel, der Errichtung eines
schießen und Taliban-Führer attackieren. konnte die Taliban an den Verhandlungs- Emirates, nicht nähergekommen. Das stra-
Der Deal mit Ghani, den Nicholson tisch bomben. tegische Patt zwischen afghanischer Armee
mehrmals in der Woche in seinem Palast Nicholson weist auf die Unterschiede zu und Taliban wurde gehalten und gefestigt.“
besucht, verschafft ihm die nötige Bewe- damals hin. „Heute sind es Afghanen, die Von einem Friedensprozess allerdings kön-
gungsfreiheit. Ghanis Vorgänger Hamid in der ersten Feuerlinie stehen“, sagt er, ne auch keine Rede sein. Er sei zum jetzi-
Karzai hatte nach fast jedem Luftschlag „wir unterstützen unsere Partner nur gen Zeitpunkt vermutlich „keine öffentlich
die internationalen Truppen an den Pran- noch.“ Ihm geht es nicht mehr darum, eine zu diskutierende Option“.
ger gestellt, doch der jetzige Präsident riesige afghanische Armee aufzustellen. Das sind schlechte Nachrichten für Ni-
trägt die neue US-Strategie mit. Selbst bei Stattdessen will er etwa 20 000 Kommando- cholson, und es sind schlechte Nachrichten
Fehlschlägen hält er sich zurück, und seine soldaten trainieren, sie besser ausbilden für die Bundeswehr. Der endlose Einsatz
Leute regeln die Kompensationszahlungen und bezahlen und so eine schlagkräftige wird wohl ein endloser bleiben. Die Fol-
dezent im Hintergrund. Truppe gegen den Terror aufbauen. gerung, die die Deutschen am Schluss ihres
Nach internen Zahlen der US-Streitkräf- Der Mann, der für Nicholson die Turbo- Berichts ziehen, ist jedenfalls eindeutig:
te gab Nicholson von Juni bis November ausbildung der afghanischen Kommando- „keine Reduzierung der Kräfte zur Erfül-
2017 das Okay für 420 Bodenoperationen einheiten organisiert, spricht fließend lung des Auftrags absehbar“.
und 214 Luftschläge gegen den afghani- Deutsch. Colonel Joseph Miller steht auf Matthias Gebauer, Konstantin von Hammerstein
schen Ableger des „Islamischen Staates“. einem Berg südlich von Kabul, in der Fer-
174 IS-Kämpfer wurden dabei getötet, viele ne liegt die Hauptstadt im Smog. „Die US- Video: „Den Totalabsturz
davon beim Abwurf der größten konven- Armee hat vor Jahren erkannt, dass Kom- Afghanistans verhindern“
tionellen Bombe, die von der Air Force mandos am effektivsten sind“, bellt er ge- spiegel.de/sp072018afghanistan
jemals eingesetzt wurde. gen den Wind, „sie gehen schnell in eine oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 7 / 2018 35


Polemik

Heiter im Abgang
Die Zeit war reif für eine bayerische Ministerpräsidentin. Ilse Aigner war es leider nicht.

D
as „Fest der Demokratie“, wie CSU-General- „die Ilse“, war es nicht. Das ist ärgerlich. Weniger für
sekretär Andreas Scheuer den politischen Aigner als für all die anderen Frauen in der CSU, die
Aschermittwoch gern nennt, findet in Bayern auch gern nach oben gewollt hätten, denen aber nicht
auch dieses Jahr ohne Frauen auf der Rednerliste statt. der rote Teppich ausgerollt wurde.
Am Mittwoch wird Markus Söder seinen Witz über Es war einmal, vor ziemlich exakt fünf Jahren, da
die Grünen, die lieber Kantinenessen statt Bahnhöfe heimste Aigner auf dem politischen Aschermittwoch
videoüberwachen wollten, wiederholen. Horst See- der CSU in Passau den donnerndsten Applaus ein. Der
hofer wird versuchen, länger zu reden als Markus Gastgeber Manfred Weber hatte lediglich die damalige
Söder. Und der Generalsekretär wird am Mikrofon Bundesministerin im Publikum begrüßt. Aigner war
sehr laut werden müssen, damit die Zuhörer die neben Edmund Stoiber und Horst Seehofer zum Baye-
Aufmerksamkeit vom schäumenden Maßkrug weg rischen Defiliermarsch in die Halle eingezogen, wäh-
auf ihn richten. rend Söder auf der harten Bierbank im Takt klatschen
Auch Ilse Aigner, die bayerische Wirtschaftsminis- musste wie ein aufgezogenes Spielzeugäffchen.
terin, wird sprechen. Allerdings nicht in Passau vor Ihren ersten kapitalen Fehler machte Aigner 2013,
rund 4000 grölenden Teilnehmern am größten Stamm- als sie aus Berlin wie eine Kronprinzessin nach Mün-
tisch Bayerns. Sondern chen zurückkehrte. Sie begnügte sich mit dem Wirt-
158 Kilometer entfernt schaftsressort – und musste fortan die unpopuläre Ener-
im Trachtenheim Hitten- giewende verkaufen. Söder, den belächelten Konkurren-
kirchen. Eigentlich nie- ten, hätte sie trotzdem leicht bezwingen können. Der
mand außer dem Naviga- bedeutendste CSU-Verband Oberbayern stand hinter
tionsgerät ihres Dienst- ihr. Seehofer, dessen Stellvertreterin sie ist, unterstützte
wagens weiß, wo das ist. sie. Aber Aigner fehlte der Biss. Sie pflegte einfach wei-
Ihr Rückzug ins Trach- ter ihr nettes Image. Lächeln statt Zähne zeigen.
tenheim ist ein schönes

E
Sinnbild für die Zukunft inmal verhaspelte sie sich bei der Haushaltsrede,
von Frauen in der CSU. die sie für den erkrankten Ministerpräsidenten
Die GroKo-Verhandlun- halten musste, an der wichtigsten Stelle. Sie sagte:
gen hat dieselbe Boygroup „Die Zeiten werden heiter, äh, härter.“ Ihr Scheitern
MICHAEL TINNEFELD / AGENCY PEOPLE IMAGE

angeführt, die nun auch in ist eine Warnung an alle Frauen, die in Männerdomä-
Passau die Party schmeißt. nen nach oben kommen wollen und meinen, mit Fleiß
Die Fraktionschefin in und geräuschloser Effizienz punkten zu können. Mar-
Berlin heißt nicht mehr kus Söder sind die Sympathien nie zugeflogen. Dafür
Gerda Hasselfeldt, son- beherrschte er die Kunst des Schienbeintretens – und
dern Alexander Dobrindt. präsentiert sich erst, da er oben angekommen ist, als
Ministerin Aigner Und die Spitze des Frei- Kümmerer. Aigner hat das Spiel um die Macht immer
beim Deutschen Filmball staats erobern Frauen nach abgelehnt. Es darf sie nicht wundern, dass sie es ver-
wie vor nur dann, wenn sie loren hat. Es ärgere sie, sagte Aigner vor zwei Jahren,
den richtigen Vornamen dass die Nachfolgefrage politische Inhalte überlagern
tragen: Nach Karin Stoiber und Karin Seehofer wird im würde. Sie wolle nicht so werden wie Söder. „Ich will
März Karin Söder First Lady von Bayern. Teamarbeit für unser Land.“
Aigner, die alle in der Partei „die Ilse“ nennen, ist Dieser Wunsch, immerhin, ist in Erfüllung gegangen.
trotz ihrer Popularität krachend gescheitert, Seehofer Am Aschermittwoch werden Seehofer und Söder gern
im Amt des Ministerpräsidenten zu beerben. Sie selbst erläutern, wie die künftige Teamarbeit aussehen wird.
findet das nicht tragisch. Kurz nach der Nominierung Vielleicht ist Aigner wirklich so naiv zu glauben, ihre
von Markus Söder als Spitzenkandidat für die Landtags- Zeit werde noch kommen. Doch ihr Lauern darauf,
wahl im kommenden Herbst trank sie in der Landtags- dass die zwei bayerischen Löwen sich im Landtags-
gaststätte ein Glas Sekt und demonstrierte wie immer wahlkampf gegenseitig wegbeißen, wird vergebens sein.
Heiterkeit. Die Zeit sei „vielleicht noch nicht so weit Die Partei hat Aigner längst abgeschrieben. Neulich
für eine Frau an der Spitze“. Was für ein Unsinn. sagte einer ihrer Mitarbeiter scherzhaft über seine Che-
Der Freistaat hat die höchste Frauenerwerbsquote in fin: „Gute Mädchen kommen in den Himmel.“
den alten Bundesländern und die meisten Männer, die Aber sicher nicht in die Staatskanzlei.
in Elternzeit gehen. Bayern gehörte zu den ersten deut- Nächsten Monat wird Seehofers gescheiterter Kron-
schen Ländern, in denen 1919 das aktive und passive prinzessin ein Preis vom Verein der Regensburger
Frauenwahlrecht angewandt wurde. Die erste Bundes- Königstreuen verliehen. Die Auszeichnung soll ihr der
tagsvizepräsidentin war mit Maria Probst eine Frau aus Mann übergeben, der dieses Jahr zu Fasching als
der CSU. Aigner hätte die erste Ministerpräsidentin Prinzregent Luitpold von Bayern auftrat: Markus Söder.
Bayerns werden können. Die Zeit war reif. Nur sie, Ilse Aigner, so viel steht fest, wird lächeln. Anna Clauß

36 DER SPIEGEL 7 / 2018


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Migration Eine spezielle Klausel
ermöglicht es Flüchtlingen in
Härtefällen, ihre Familien
nachzuholen. In der Praxis greift
sie fast nie.

NAJEM AL-KHALAF
I
m vergangenen Sommer bekam Samer
Balo von seinen Ärzten in Goslar eine
schlechte Nachricht: Er leidet unter Handyfoto der zurückgelassenen Familie Balo in Jordanien: Ein Wiedersehen ist kaum machbar
Schilddrüsenkrebs. Nach dem Verlust der
Heimat und der Flucht 2015 aus Jordanien Alwasiti ihnen aber nicht machen. „Die Kinder Albträume hätten, nachts einnäss-
über die Balkanroute nach Deutschland – Chancen auf diesem Weg sind meistens ten und unter der Trennung von ihrem Va-
ohne seine Frau und die vier Söhne – war schlecht.“ ter litten“. Auch diese „ohne Weiteres
das ein harter Schicksalsschlag für den Ähnliches berichten auch die Anwälte nachvollziehbaren Probleme lassen sich
49-jährigen Syrer. von Jumen, einer Berliner Menschenrechts- auf die Lebensverhältnisse in Damaskus
Ein halbes Jahr zuvor erst hatte er er- organisation. „Diese scheinbar wunderbare zurückführen und sind nicht geeignet, eine
fahren, dass die Behörden ihm und seiner Lösung ist in der Praxis für die meisten besondere Dringlichkeit zu begründen“.
volljährigen Tochter Sara, die ihn begleitet Geflüchteten kaum zu erreichen“, sagt Ge- Jumen ist es immerhin im November ge-
hatte, nur sogenannten subsidiären Schutz schäftsführerin Adriana Kessler. Denn drin- lungen, die Familienzusammenführung für
gewähren würden. Diesen Status bekom- gende humanitäre Gründe kann ein Fami- einen 16-Jährigen aus dem syrischen Daraa
men etwa Bürgerkriegsflüchtlinge, die lienangehöriger nur dann geltend machen, zu erreichen, der bis vor Kurzem in einer
nicht individuell verfolgt sind, denen in wenn er sich in einer Sondersituation be- betreuten Wohneinrichtung für Jugend-
der Heimat aber trotzdem Gefahr droht. findet, die ihn von vergleichbaren Auslän- liche in Deutschland lebte. Die Richter sa-
Doch damit hat Balo keinen Anspruch da- dern abhebt. Da es aber vielen Syrern sehr hen das Kindeswohl als „erheblich und
rauf, seine Frau und die vier Jungs nach- schlecht geht, ist das nahezu unmöglich. akut gefährdet“ an, solange die Familie
zuholen. Hätte er Flüchtlingsschutz bekom- Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Bran- getrennt sei.
men, wäre er dazu berechtigt gewesen. denburg hat sich in den vergangenen Mo- Der Jugendliche litt einem psychologi-
Gerade erst haben Union und SPD ent- naten mit mehreren Fällen dazu befasst. So schen Attest zufolge unter einer posttrau-
schieden, dass dies grundsätzlich auch wei- hatten etwa die Eltern eines in Deutschland matischen Belastungsstörung und Depres-
terhin so bleibt. Ab August sollen dann lebenden Syrers argumentiert, sie seien in sionen. Schuldgefühle plagten ihn, weil er
aber pro Monat 1000 Familienangehörige „akuter Lebensgefahr“, weil ihr Schwieger- die Familie zurückgelassen habe. Mit dem
ein Visum erhalten. Mehrere Zehntausend sohn, ein Menschenrechtsaktivist, 2011 vom Urteil entschied das Gericht erstmals, dass
warten schätzungsweise darauf, nachzu- syrischen Geheimdienst ermordet worden bei Härtefällen nicht nur die Situation der-
kommen. Gesicherte Zahlen gibt es nicht. sei. Das Gericht bewertete das Szenario als jenigen relevant sein kann, die nachkom-
Wie die Glücklichen Monat für Monat „spekulativ“. Es sei nicht zu erkennen, dass men wollen, sondern auch die Verfassung
ausgewählt werden sollen, ist nicht be- es das Regime auch auf die weitere Ver- der Betroffenen in Deutschland. „Das müs-
kannt. Viele Juristen halten den Beschluss wandtschaft abgesehen habe. sen die Behörden nun berücksichtigen,
für fragwürdig, Menschenrechtler sind In einem anderen Fall formulierte das was neue Chancen eröffnet“, sagt Kessler.
aufgebracht. Der Koalitionsvertrag weist Gericht: „Finanzielle Schwierigkeiten, un- Ob das Urteil auch für Samer Balo mit
deshalb auf die bestehende Härtefallrege- regelmäßiger Schulbesuch und unregelmä- seinen 49 Jahren hilfreich sein kann, ist
lung hin. Diese ermöglicht zusätzlich eine ßige Versorgung mit Strom und Wasser“ nicht klar. Denn die Richter zielten vor al-
Einreise aus „dringenden humanitären reichten nicht aus, um die Kinder eines Sy- lem auf das Kindeswohl des 16-Jährigen
Gründen“. rers als Härtefälle zu bezeichnen. Entspre- in Deutschland ab.
Doch was tröstlich klingen mag, ist vor chendes gelte für das Argument, „dass die Ein Wiedersehen in Jordanien ist für die
allem gut fürs deutsche Gewissen. Betrof- Balos kaum machbar, weil der kranke Va-
fenen hilft es in der Praxis nur selten. Die ter kein Einreisevisum für das Land besitzt.
Behörden stellten im vergangenen Jahr „Er hat Angst, dass er seine Frau und seine
weniger als hundert solcher Visa aus. Söhne nie wiedersehen wird“, sagt Karim
Auch Balos Familie hat im Juli einen Alwasiti von Pro Asyl.
Antrag gestellt, nachdem sie vom Krebs- Was für den Menschenrechtler ohne
leiden des Vaters erfuhr. Pro Asyl betreut Zweifel ein Härtefall ist, könnten deutsche
den Fall. Dem Hilfsverein zufolge hat das Behörden und Richter anders bewerten.
Auswärtige Amt bis heute nicht über das Schätzungen zufolge hat der syrische Bür-
NAJEM AL-KHALAF

Gesuch entschieden. „Das ist meist kein gerkrieg bisher fast 500 000 Menschen das
gutes Zeichen“, sagt Karim Alwasiti von Leben gekostet. Ohne Vater aufzuwachsen
Pro Asyl. Ende Februar darf die Familie ist für viele Kinder dort kein Einzelschick-
nun zwar an der deutschen Botschaft in Vater Balo, Tochter Sara in Deutschland sal. In manchen Landstrichen ist es normal.
Amman vorsprechen. Hoffnung kann Harter Schicksalsschlag Katrin Elger

38 DER SPIEGEL 7 / 2018


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wusst, ob er die Einheit überhaupt noch

„Er ist unsterblich“ erleben werde.


Ausdrücklich warnt Kohl-Richter davor,
die friedliche Revolution in der DDR über-
zubewerten. Die mutigen Ostdeutschen,
Legenden Helmut Kohls Witwe Maike Kohl-Richter will eine „zentrale die gegen das SED-Regime aufstanden, sei-
Rolle“ beim Gedenken an den CDU-Politiker spielen. en ihrem Mann „hilfreich“ gewesen – mehr
In einem Rechtsstreit wird deutlich, wie sie sein Leben verklärt. aber auch nicht.
Wer anderes behaupte, suggeriere „den
Menschen weltweit, dass Demokratie,

M
aike Kohl-Richter, 53, drängt nicht Vom Bemühen um Objektivität ist darin Rechtsstaat und Wohlstand sich über die
in die Öffentlichkeit; selten gibt nichts zu spüren. Die Christdemokratin Revolution auf der Straße erkämpfen“ lie-
die Witwe Helmut Kohls Inter- verweist vielmehr auf den „Kampf um die ßen. Für die offenbar obrigkeitsgläubige
views. Dann allerdings erhebt sie An- Deutungshoheit“. Ob als Mensch, Kanzler Kohl-Ehefrau ist eine solche Sicht ein „Irr-
spruch auf die „zentrale Rolle“ beim Ge- der Einheit oder Vater des Euro – der his- tum“. Der Arabische Frühling habe das ja
denken an den Altkanzler. Schließlich torische Rang und die Qualitäten Kohls bewiesen, lautet ihr krudes Argument.
habe dieser sie zur „legitimen Alleinerbin werden teilweise bis ins Groteske über- Nach der Lesart Kohl-Richters hatte ihr
und Ansprechpartnerin“ bestimmt, wenn steigert. Mann nicht nur wesentlich zum Ende der
es um sein Lebenswerk gehe, erklärte sie Wörtlich heißt es im Schriftsatz: „Hel- DDR beigetragen, sondern er hatte auch
kürzlich im „Stern“. Nur: Was bedeutet mut Kohl ist nur als lebendige natürliche „entscheidenden Anteil“ daran, dass in
das? Person verstorben, aber als absolute Per- Osteuropa Freiheit, Demokratie und
Gut sieben Monate sind seit dem Able- son der Zeitgeschichte ist er unsterblich.“ Rechtsstaat „auf der Basis des christlich-
ben des CDU-Granden vergangen, und im- Auf die Wiedervereinigung hat Kohl abendländischen Menschenbildes“ Einzug
mer noch ist unklar, wie sich seine zweite demzufolge bereits viele Jahre vor dem hielten. Polen, Tschechen oder Rumänen
Ehefrau das Gedenken an Kohl vorstellt. Mauerfall „politisch hingearbeitet“. Dabei werden diese These mit Erstaunen lesen,
Ihr gehören der umfangreiche Nachlass räumte der Altkanzler in seinen Memoiren schließlich haben sie ihre kommunistischen
und das Haus in Oggersheim, das zu einem offen ein, er habe „lange Zeit“ nicht ge- Regime aus eigener Kraft gestürzt.
historischen Ort geworden Ein anderes Beispiel für
ist. Als Zeitzeugin kann sie die seltsame Sicht der Wit-
aus den letzten Jahren des we findet sich in Passagen
Verstorbenen berichten wie über die europäische Inte-
kein anderer. Kohl-Forscher gration. Kohl-Richter hat
werden schwerlich an ihr in den Neunzigerjahren in
vorbeikommen. der Wirtschaftsabteilung des
Aber hält sie unabhängi- Kanzleramts gearbeitet und
ge Aufklärung aus – etwa ist dort ihrem späteren
im Rahmen einer Bundes- Mann begegnet. Der weitere
stiftung, wie sie der Bundes- Zusammenschluss Europas
tag für Kohls Vorgänger Hel- war das wichtigste Thema.
mut Schmidt beschlossen Ernsthaft behauptet die
hat? Oder geht es ihr nur da- promovierte Volkswirtin
rum, den Ruhm ihres Man- nun, junge Menschen heute
nes zu mehren? Liebevolle würden es „ganz wesentlich
Nähe verträgt sich schließ- mit Helmut Kohl und sei-
lich selten mit kritischer nem Lebenswerk verbin-
Distanz. den“, dass sie in der EU rei-
Rückschlüsse auf die Ge- sen, mit dem Euro bezahlen,
dankenwelt der verschwie- innerhalb Europas studieren
genen Witwe, die ihren Bun- und arbeiten könnten.
galow mit etlichen groß- Dabei endete die Kanzler-
formatigen Kohl-Porträts schaft Kohls, der unbestrit-
dekoriert hat, ergeben sich ten viel für Europa erreicht
nun erstmals aus einem hat, 1998. Schwer zu glau-
Rechtsstreit Kohl-Richters ben, dass Italiener, Franzo-
gegen zwei Journalisten und sen oder Niederländer unter
einen Verlag. Zwar hat ihr dreißig in Dankbarkeit des
Anwalt Thomas Hermes die Pfälzers gedenken. Es wäre
Schriftsätze unterzeichnet. bemerkenswert, wenn viele
LUO HUANHUAN / XINHUA / IMAGO

Doch zahlreiche emotionale seinen Namen schon einmal


Passagen in den Dokumen- gehört hätten.
ten legen die Vermutung Menschliche oder politi-
nahe, dass Kohl-Richter dem sche Schwäche hat der „Un-
Juristen die Hand geführt sterbliche“ den Schriftsätzen
hat. In jedem Fall hat sie Her- zufolge offenbar nicht ge-
mes gewähren lassen; die zeigt. Über die Neigung des
Schriftsätze lassen sich schon Hinterbliebene Kohl-Richter am 1. Juli 2017 in Speyer, Kanzlersarg Patriarchen zu Kraftausdrü-
deshalb ihr zurechnen. „Kampf um die Deutungshoheit“ cken („hinterfotzig“, „am

40 DER SPIEGEL 7 / 2018


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Arsch des Propheten“) heißt es beschöni-


gend, das sei „etwas derbe“, aber nicht
böse gemeint. Sondern „eben typisch pfäl-
zisch“.
Migration nach rechts
Überhaupt sei Kohl nicht etwa ein rach- AfD Die Partei verbietet Kooperationen mit der rechtsextremen Iden-
süchtiger und verbitterter Mann gewesen,
sondern „bis in den Tod ein vor allem ver- titären Bewegung. Chatprotokolle zeigen: Der Austausch gedeiht.
söhnlicher Mensch mit Freude am Leben

A
und Humor“. m Ende jeder Tagesordnung steht der Verfassungsschutzbeobachtung nicht
Damit stellt sich allerdings die Frage, der Punkt „Verschiedenes“. Hier möglich. Allerdings muss und darf man
warum er zu Lebzeiten weder mit seinen verbergen sich oft die wirklich bri- fragen, wie sich die Beobachtung rechtfer-
Söhnen noch mit langjährigen Wegbeglei- santen Punkte einer Sitzung – so war es tigt. Vor allem sind Zweifel an den politi-
tern und Rivalen wie Heiner Geißler, Nor- auch auf dem Parteitag der AfD Sachsen schen Motiven angebracht.“
bert Blüm oder Richard von Weizsäcker am vergangenen Wochenende. Der Bun- Die „Patriotische Plattform“, wo sich
Frieden schloss, sondern in seinen „Erin- destagsabgeordnete Detlev Spangenberg der rechte Rand der AfD formiert, verkün-
nerungen“ und auch sonst noch ordentlich brachte den Vorschlag ein, die Partei fak- dete längst: „Wir sind identitär!“
nachkartete. tisch für Rechtsextreme zu öffnen. Die AfD Besonders eng sind die Verbindungen
Nicht einmal zur Spendenaffäre findet möge die Liste der Organisationen überar- in Mecklenburg-Vorpommern: In Rostock
sich ein Hauch von Kritik, obwohl diese beiten, forderte Spangenberg, mit denen befindet sich die Deutschlandzentrale der
bis heute einen großen Schatten auf die Parteimitglieder nicht kooperieren dürfen. Identitären, geführt von Daniel Fiß. Wie
Kanzlerschaft wirft, weil Kohl mit illegalen Auf der „Unvereinbarkeitsliste“ stehen viele IB-Leute ist Fiß trotz seiner 24 Jahre
Zuwendungen den demokratischen Mei- extremistische Gruppen und Parteien, die schon ein Veteran rechtsextremer Grup-
nungsbildungsprozess zu manipulieren in Verfassungsschutzberichten auftauchen. pen, in seinem Fall der NPD-Jugend „Jun-
suchte. Kohl-Richter wertet das Bestreben, Spangenberg wollte einige streichen, und ge Nationaldemokraten“, wo er einst als
die Vorgänge aufzuklären, als Versuch, ih- zuerst nannte er die „Identitäre Bewegung Schulungsbeauftragter fungierte.
ren Gatten „als Person zu kriminalisieren, Deutschland e. V.“. Fiß, Student der Politikwissenschaft, ist
um auf diese Weise seine 16-jährige Kanz- Die rechtsextreme Organisation propa- ein höflicher Mann, der schnell auf Anfra-
lerschaft zu diskreditieren“. giert eine Welt möglichst getrennter, ho- gen reagiert. Beim Treffen in einem Bahn-
Wer sich eine unabhängige Kohl-For- mogener Volksgruppen, sie agitiert gegen hofscafé in Rostock gibt er geduldig Aus-
schung wünscht, kann nur hoffen, dass die Zuwanderung als „ethnokulturellen Selbst- kunft, erklärt seine NPD-Phase mit jugend-
Witwe bewusst übertreibt, um vor Gericht mord“ und fordert die „Remigration“ mög- licher Verirrung. „Letztlich konnte ich den
zu überzeugen. In ihrem Rechtsstreit geht lichst vieler „Asylforderer“. Seit 2016 wird offenen Antisemitismus und das Huldigen
es schließlich um Millionen. die Bewegung, die sich jugendlich, trendig der NS-Zeit nicht mehr mittragen.“
Der Journalist Heribert Schwan – einst und gewaltlos gibt, vom Bundesamt für Und die AfD? „Es gibt persönliche Kon-
Ghostwriter Kohls – hatte diesen in den Verfassungsschutz beobachtet. Der AfD- takte von IB und Junger Alternative“, sagt
Jahren 2001 und 2002 über 600 Stunden Bundesvorstand und die Parteijugend Jun- Fiß, „aber keine formale Kooperation oder
lang interviewt. Die Aufnahmen dienten ge Alternative (JA) haben deshalb Koope- strategische Absprachen.“ Er habe „über
als Basis für Kohls Memoiren. Doch 2014 rationsverbote verhängt. zwei Ecken Kontakt zu einigen Landesvor-
machte Schwan zusammen mit einem Kol- Nur mit Mühe gelang es Parteifreunden, ständen“, aber man plaudere über Alltäg-
legen daraus dann ein eigenes Buch, das Spangenberg zur Rücknahme des Antrags liches, einen politischen Austausch gebe
zum Bestseller wurde. Kohl klagte noch zu überreden. Doch die AfD hätte ihn ruhig es nicht. Und nein, auch Dienstleistungen
zu Lebzeiten dagegen. Autoren und Verlag durchwinken können. Wenn es um die jun- für AfD-Politiker habe er nie erbracht.
wurden wegen Verletzung des Persönlich- gen Rechten geht, ist der Unvereinbarkeits- Merkwürdig ist nur, dass Chatprotokolle
keitsrechts zu einer Million Euro Entschä- beschluss nicht das Papier wert, auf dem er mit dem AfD-Mann Holger Arppe, die dem
digung verurteilt. steht. Bundesweit pflegen AfD-Leute und SPIEGEL vorliegen, anderes zeigen: „Moin
Beide Seiten haben Berufung eingelegt; Identitäre seit Jahren einen engen Aus-
Die einen hoffen auf eine Abwehr der Kla- tausch, demonstrieren gemeinsam, beraten
ge, weil Kohl verstorben ist. Kohl-Richter einander, verbreiten wechselseitig ihre Ver-
hingegen verlangt fünf Millionen Euro. In- lautbarungen. Die Kontakte reichen längst
zwischen hat sie auch den SPIEGEL ver- bis in die Landesvorstände. Letztlich dürfte
klagt, weil dieser ebenfalls aus den Ton- nur die Beobachtung durch den Verfas-
bändern zitierte. sungsschutz die AfD-Führung davon abhal-
Am kommenden Donnerstag wird nun ten, die Kontaktsperre aufzugeben.
vor dem Oberlandesgericht Köln verhandelt. Erste Funktionäre fordern nun ganz
Sollte Kohl-Richter sich danach ernst- offen, das Embargo aufzuweichen. „Die IB
haft für eine seriöse Aufarbeitung der befürwortet die Wahrung der nationalen
Kohl-Ära interessieren, könnte sie sich an Identität und die Remigration illegaler Mig-
einer anderen Kanzlergattin orientieren: ranten – das kann ich nicht anstößig fin-
der Witwe Willy Brandts, der in den frü- den“, sagt André Poggenburg, Landeschef
SVEN DÖRING / DER SPIEGEL

hen Siebzigerjahren regiert hatte. der AfD Sachsen-Anhalt. „Wo sich die
Auch Brigitte Seebacher vertritt eine Positionen von AfD und IB überschneiden,
Sicht auf ihren verstorbenen Mann, die sollten wir uns solidarisch mit den jungen
viele nicht teilen. Dennoch öffnete sie des- Leuten erklären.“ Es gehe primär darum,
sen Nachlass für die Forschung. Wie sie überhaupt „ins Gespräch zu kommen“.
Willy Brandt sieht, kann man trotzdem Auch Ralf Özkara, Landeschef Baden-
nachlesen. Sie hat eine Biografie über ihn Württembergs, zeigt sich offen für Kon- AfD-Mann Poggenburg
geschrieben. Klaus Wiegrefe takte. „Eine Zusammenarbeit ist aufgrund „Wahrung der nationalen Identität“

42 DER SPIEGEL 7 / 2018


HERMANN BREDEHORST / POLARIS / LAIF

Aufmarsch der Identitären Bewegung in Berlin 2017: Enge Zusammenarbeit trotz offiziellen Kooperationsverbots

Holger“, schrieb Fiß 2016, und informierte sich stärker auf die IB zu konzentieren. Er Nun ist die Netzallianz transparent
Arppe über Kontakte zu einem Reporter. sei aber „in Niedersachsen stark mit AfD- geworden: Ein Twitter-Konto namens Alt-
„Der macht wohl gerade ne Story, inwieweit Mitgliedern vernetzt. Das wird halten“. rightLeak veröffentlichte vergangene Wo-
IB und AfD zusammenarbeiten und hatte Auch in Berlin, Hessen und Sachsen-An- che Inhalte des Hetzforums „Reconquista
mich da viel ausgefragt. Ich habe die orga- halt gibt es Überschneidungen, die höchs- Germanica“, auf dem ein Mitglied vor der
nisatorische Verbindung und persönliche tens gestoppt werden, wenn sie auffällig Bundestagswahl schon mal schwadronierte,
Kontakte grundsätzlich verneint, da dies werden. In Niedersachsen kämpft derzeit Grüne „abzuschlachten“ (SPIEGEL 37/2017).
vor der Wahl vielleicht nicht so günstig Lars Steinke, JA-Landeschef und IB-Un- „Reconquista“ ist ein IB-Schlachtruf, der auf
wäre. Falls der bei euch auch nochmal nach- terstützer, gegen seinen Ausschluss. die christliche Rückeroberung der iberischen
fragt, wollte ich nur Bescheid geben, dass Viele AfDler sehen den Austausch mit Halbinsel im Mittelalter anspielt. Ein „Vip“
da keine Widersprüchlichkeiten entstehen.“ den Extremisten als strategisch wichtig: im Forum, das vorige Woche zweimal vom
Die Protokolle zeigen, dass Fiß seit 2015 „Wir brauchen auch im rechten Spektrum Netz genommen wurde, war der österrei-
enge Kontakte mit Arppe pflegte und viele Milieustrukturen mit der AfD in der Mitte chische IB-Aktivist Martin Sellner.
Parteifreunde im Bilde waren. Die Männer und allerlei anderen Gruppierungen (IB, Tausende „patriotische“ Forumsmitglie-
tauschten Strategiepapiere aus, besuchten Burschenschaften) drumherum“, schrieb der mühten sich hier, die etablierten Partei-
gemeinsam politische Stammtische. Fiß ein AfDler Ende 2016 im Chat. „Nur so er- en, deren Mitglieder sie als „Köterrasse“ dif-
stellte IB-Leute als Ordner für AfD-Termi- langen wir die Lufthoheit in Deutschland.“ famierten, „kaputtzuschießen und der AfD
ne ab, im Gegenzug durfte er Lesezirkel Die Identitären suchen schon länger neue einen größeren Stimmenanteil zuzuschus-
in Arppes Rostocker Galerie abhalten. Kanäle für ihre Aktivitäten. So beteiligen tern“ – wenig überraschend war neben dem
Gegen Arppe läuft nun ein Parteiaus- sie sich etwa an den fremdenfeindlichen gelb-schwarzen Logo der Identitären das
schlussverfahren, aus der Fraktion in Schwe- Demonstrationen des Vereins „Zukunft Blau-Rot der AfD die dominierende Farbe
rin trat er aus. Doch Fiß braucht ihn nicht Heimat“ in Cottbus. Ein anderes Vehikel auf dem Server. Hier mischten sich Anhän-
mehr: Seine Kontakte reichen schon bis in ist der Verein „Ein Prozent“ in Sachsen, ger beider Gruppen ganz selbstverständlich.
die Landesspitze. Im Juli 2017 meldete er der sich als Sammelbecken „besorgter Bür- Einer der Aktivisten im Forum war Yan-
die Internetseite von Landeschef Dennis ger“ inszeniert. Unter dem Dach von „Ein nick Noé, AfD-Chef in Leverkusen und
Augustin an – ein klarer Vertrauensbeweis. Prozent“ können Identitäre unter neutra- Gründer des rechten Magazins „Arcadi“,
Identitäre halfen in Augustins Verband lem Namen operieren, so gelang oft der das wie ein Propagandablatt für Identitäre
im Bundestagswahlkampf bei der Plakatie- Schulterschluss mit AfD-Leuten. wirkt. Noé lehnte eine Stellungnahme zu
rung, enthüllte das rechte Watchblog End- Besonders eng läuft die Kooperation der seinen Aktivitäten im Forum ab.
station Rechts. Zuvor unterstützten sie den rechten Gesinnungsgenossen dort, wo sie Die AfD wird dem Thema nicht mehr
Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt, sich unbeobachtet wähnen – in abgeschie- lange ausweichen können: Anfang März
wie Fiß im Chat sagte: AfD-Kandidaten hät- denen Netzforen. Dort planen Identitäre ist eine Klausurtagung des Vorstands mit
ten „ihre Wahlkampagne maßgeblich … und AfD-Jungvolk den „Infokrieg“ gegen den Spitzen der Länder geplant. Dann dürf-
von vielen IB Leuten machen lassen“. „Systemlinge“ und „degenerierte Abfall- te die Haltung zur IB auf der Tagesordnung
Die Chats verdeutlichen den regen Aus- menschen“. Sie versuchen, soziale Medien stehen. „Wenn es nicht jemand anderes
tausch zwischen Partei und Bewegung. 2015 zu manipulieren, eigene Themen zu setzen anbringt“, kündigt André Poggenburg an,
meldete der damalige AfD-Landesschatz- und Gegner mit massenhaften Hasskom- „werde ich das gerne tun.“
meister, ein Mitstreiter sei ausgetreten, um mentaren und „Dislikes“ fertigzumachen. Melanie Amann, Sven Becker, Marcel Rosenbach

DER SPIEGEL 7 / 2018 43


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D
as Anziehen, das beschäftigt die

Nicht ohne uns Menschen besonders. Wie findet


sie die passende Kleidung, wenn
sie doch keine Farben erkennen kann?
Das werde sie immer wieder gefragt. Und:
Chancen Die blinde Ex-Skiläuferin Verena Bentele ist Wie trifft sie beim Biathlon, ohne die Ziel-
seit vier Jahren die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung. scheibe zu sehen?
Wie hat sie den politischen Betrieb erlebt? Verena Bentele, 35, geboren in Lindau
am Bodensee, ist blind, von Geburt an.
Dennoch hat sie schon als Kind Skifahren
und Reiten gelernt, sie läuft Marathon,
hat den Kilimandscharo bestiegen und
fährt Rennrad, im Tandem. Bentele hat
Abitur gemacht, Literaturwissenschaften
studiert und war Spitzensportlerin: Zwölf-
mal holte sie die Goldmedaille bei den
Paralympics im Skilanglauf und Biathlon,
sie ist mehrfache Weltmeisterin.
Als Andrea Nahles, damals Bundesso-
zialministerin, sie im Dezember 2013 an-
rief und fragte, ob sie die Behindertenbe-
auftragte der Bundesregierung werden
wolle, hatte sie ihre Sportkarriere schon
beendet. Vier Jahre ist Bentele nun im
Amt, die erste Beauftragte für die Belange
von Menschen mit Behinderungen, die
selbst behindert ist. Ihre Vorgänger waren
stets Bundestagsabgeordnete, zwei hatten
behinderte Kinder.
Donnerstagmorgen im Berliner Kleist-
haus in der Mauerstraße, ihrem Dienstsitz.
Bentele trägt einen schwarzen Hosenan-
zug, einen pinkfarbenen Pulli und hoch-
hackige, schwarze Stiefel. Sie bewegt sich
ohne Stock, ihr Büro und die Wege drum
herum sind ihr vertraut.
Bentele ist ein offener Typ, sie antwortet
ohne Belehrungen, ohne Kommentare wie
etwa: Haben Sie noch nie eine Blinde ge-
troffen? Auf die Frage, ob sie sich passende
Kleider im Schrank zusammenlege, sagt
sie: „Ich mach das wie alle: Pullis bei Pullis,
Hosen bei Hosen.“ Aber sie notiere sich,
was sie zusammen anziehen könne. Und
ja, auch Blinde wissen, ob sie Grün, Blau
oder Grau tragen – mithilfe eines Farb-
erkennungsgeräts. Bentele hat dafür zu
Hause einen Aufsatz, den sie auf ihren
MP3-Player steckt. Beim Biathlon kann
sie treffen, weil die Zielscheibe ein Infra-
rotsignal aussendet, das in einen Ton um-
gewandelt wird. Je mehr sich der Gewehr-
lauf dem Mittelpunkt nähert, desto höher
wird der Ton.
Bentele ist dezent geschminkt, das kann
sie selbst. Beim Lidstrich allerdings brau-
che sie Hilfe, sagt sie. Sie trägt roten Na-
gellack, das macht das Nagelstudio. Bevor
sie den Job antrat, buchte sie eine Stil-
MILOS DJURIC / DER SPIEGEL

beratung. Sie weiß, wie wichtig Aussehen


in einer öffentlichen Funktion ist.
Mit ihrer Referentin bespricht Verena
Bentele die Kulturveranstaltung am Abend
im Kleisthaus. Die Unterlagen dazu liest
sie im Computer mit, der vor ihr auf dem
Beauftragte Bentele in ihrem Berliner Büro: Barrieren in den Köpfen abbauen Tisch steht. Er hat eine Sprachausgabe, alle
Dateien werden ihr vorgelesen. Deshalb
46 DER SPIEGEL 7 / 2018
Deutschland

hat sie bei Besprechungen meist einen werk antippen sollte. Bloß: wo tippen? Ei- Ein Problem für sie sind schweigsame
Kopfhörer im Ohr. Die Texte werden so ne Sprachansage gab es nicht. „In meinem Menschen. „Viele haben nicht auf dem
rasend schnell gesprochen, dass nur ein ge- Leben ist das eine echte Zeitverschwen- Schirm, dass sie etwas sagen müssen, da-
übtes Ohr sie erfasst. dung“, klagte Bentele. Da klatschten alle. mit ich auf sie aufmerksam werde“, sagt
Die Vernissage, die sie abends eröffnen Sie wolle „Barrieren in den Köpfen ab- Bentele. „Es gibt tatsächlich Leute, die ni-
wird, hat sie sich vorher beschreiben las- bauen“, erklärte sie, als sie die neue Auf- cken mir zu, um mich zu begrüßen.“
sen. „Ich habe sie mir schon mal angese- gabe übernahm. An einigen Stellen sei ihr Selbst wenn Bentele anwesend ist, wen-
hen“, sagt sie. Sie hat die Kerzen berührt, das auch gelungen, glaubt sie. Aber noch den sich manche an ihre Mitarbeiter: Wie
die behinderte Künstler hergestellt haben, immer passiert es, dass ihr jemand in einer hätte Frau Bentele das gern? „Ich weiß,
und die Mosaike. „Die Ausstellungsstücke Sitzung ein Papier in die Hand drückt. Und keinen Blickkontakt zu haben kann man-
sind toll geworden“, wird Bentele später wenn einer das zum dritten oder vierten che Menschen verunsichern“, sagt Bentele,
in ihrer Rede sagen. Viele Behinderte sind Mal macht, ärgert es sie. „aber ich möchte einfach direkt angespro-
gekommen, es ist ein barrierefreier Abend, Dabei sei es eigentlich ganz leicht, und chen werden.“
es ist so, wie es sein sollte. Rollstuhlfahrer meist klappe es auch, sagt sie. Sie braucht Auch Überfürsorge kann ausgrenzen,
finden problemlos Platz, Gebärdendolmet- die Unterlagen vorher per E-Mail oder in das erlebt sie mitunter. Wenn man ihr et-
scher übersetzen das Programm für Ge- der Sitzung auf einem Stick. Den steckt was nicht zutraut, ohne sie zu fragen: „Na,
hörlose, und für Blinde beschreibt eine sie dann in ihren Rechner, den sie immer Frau Bentele, wir gehen mal lieber nicht
Sprecherin live über Kopfhörer, was auf dabeihat. Lesen kann sie Texte im Com- auf die Rolltreppe.“ Dabei sei das kein Pro-
der Bühne passiert. puter mithilfe der Braillezeile, einer Art blem für sie. Auch Bahnhöfe seien für sie
„Wer noch Unterstützung braucht, bitte Tastatur, die die Buchstaben in Blinden- eher einfach zu bewältigen: „Der Aufbau
die Hand heben“, sagt Bentele und fügt schrift überträgt. ist meist sehr klar.“ An den Bahnsteigkan-
hinzu: „Ich sehe das natürlich nicht, aber Donnerstagmittag, Jurysitzung zum In- ten gibt es taktile Linien, die ließen sich
andere.“ Sie will offen mit ihren Grenzen klusionspreis für die Wirtschaft. Er zeich- mit dem Stock gut ertasten. Schwieriger
umgehen. So scherzt sie auch sind Flughäfen, da braucht sie
gern mal damit, dass sie es eben eine Begleitung, um das richtige
nicht sehe, „wenn mir ein Typ Gate zu finden.
nett zuzwinkert“. Damit Schwer- Im Amt hat sie einen Fahrer,
hörige ihre Rede und die Lieder der sie zu Terminen bringt, doch
des jüdischen Re’ut-Chores gut abends geht sie auch manchmal
verstehen, werden die Tonsigna- zu Fuß nach Hause und nimmt
le über eine Induktionsschleife die U-Bahn. Auf der Straße gibt
an Hörgeräte übermittelt. es viele Hindernisse, sie stieß
Im politischen Betrieb ist das schon gegen Laternenpfähle
alles noch immer keineswegs und Baustellenabsperrungen,
JULIAN STRATENSCHULTE / DPA

selbstverständlich. Als Bentele Container oder Litfaßsäulen,


2010 zum ersten Mal an der Bun- holte sich Platzwunden oder Na-
despräsidentenwahl teilnahm, senbluten. Aber sie hat sich nie
stellte sich die Frage: Wie füllt entmutigen lassen, auch wenn
sie den Wahlzettel aus? Vor ihr Radfahrer zubrüllten: Mann,
Wahlen bekommt sie sonst ei- hast du keine Augen im Kopf?
ne Schablone zugesandt, die Skiathletin Bentele*: Nach dem Unfall noch fünf Medaillen Einmal rutschte sie am Karls-
den Wahlzettel in Blindenschrift ruher Bahnhof beim Aussteigen
überträgt; die gab es hier nicht, auf ein net Arbeitgeber für beispielhafte Projekte in den Spalt zwischen Zug und Bahnsteig
blindes Mitglied der Bundesversammlung zur Ausbildung und Beschäftigung behin- und kam unverletzt, aber mit ölverschmier-
war die Bundestagsverwaltung nicht vor- derter Menschen aus. Ein Assistent hat ter Hose wieder heraus. Wie sollte sie nun
bereitet. Man fand eine pragmatische Lö- Bentele am Arm in den Besprechungsraum ihren Vortrag halten? Sie wusste sich zu
sung: Ihre Cousine durfte in die Wahlka- begleitet. Dann geht er mit ihr zu einzel- helfen: Sie lieh sich die Jeans ihres Assis-
bine mitkommen. „Die hat mir gezeigt, nen Jurymitgliedern, man kennt einander, tenten, und der zog eine kurze Hose an,
wo der Name steht“, sagt Bentele. „Ge- arbeitet gern zusammen. Auf Veranstal- die er noch im Gepäck hatte.
wählt hab ich natürlich alleine.“ tungen geben ihre Assistenten Hinweise: So hat sie immer weitergemacht, auch
Im Bundestagsplenum saß sie auf der Wer ist im Raum? Wer spricht mit wem? nach ihrem schweren Unfall bei den Deut-
Regierungsbank in der dritten Reihe bei Wer fehlt noch? schen Meisterschaften in den nordischen
den anderen Beauftragten. Als sie im März Als die Sitzung beginnt, sagt Bentele: Disziplinen 2009 in Nesselwang, als ihr Be-
2016 zum Behindertengleichstellungsge- „Ich vertrete hier 7 bis 11 Millionen Men- gleitläufer sie aus Versehen in die falsche
setz sprach, klatschten viele, bloß die Grü- schen mit Behinderung.“ 7,6 Millionen Men- Richtung schickte und sie einen Abhang
nen anfangs nicht. Das entging ihr, denn schen, fast zehn Prozent der Bevölkerung, hinunterstürzte. Sie brauchte Monate, um
eine Audiodeskription gibt es im Bun- gelten in Deutschland als schwerbehindert. sich von den Verletzungen und dem
destag nicht. Auch Gebärdendolmetscher Auf den Tischen liegen dicke Ordner Schock, dem Vertrauensverlust zu erholen.
werden nur bei bestimmten Themen ein- mit den Präsentationen der Firmen, die „Vorher hatte ich eigentlich nie Angst“,
gesetzt – „wenn abzusehen ist, dass Ge- sich für den Preis bewerben. „Vielen Dank sagt sie. „Nun musste ich die Vorstellung
hörlose auf der Tribüne sitzen“, sagt ein für den tollen Ordner, sehr hilfreich“, lobt aus dem Kopf kriegen, was alles passieren
Bundestagssprecher. Bentele kritisiert die ein Jurymitglied. Bentele kann ihn als Ein- kann – und dass ich nicht alles kontrollie-
Begrenzung: „Menschen mit Behinderun- zige nicht anschauen. Sie sagt: „Es wäre ren kann.“ Dafür nahm sie sich einen Men-
gen interessieren sich auch für Glyphosat.“ gut, das auch digital aufzubereiten, wenn taltrainer. 14 Monate nach dem Unfall ge-
In ihrer Rede erzählte sie, wie sie einmal wir schon über Barrierefreiheit reden.“ wann sie fünf weitere Goldmedaillen.
in einem Hotelaufzug stand mit Touch- 2011 beendete sie ihre Sportkarriere, trat
screen, auf dem sie das gewünschte Stock- * Bei den Paralympics 2010 in Kanada. in die SPD ein, ließ sich zum Systemischen
DER SPIEGEL 7 / 2018 47
Deutschland

Coach ausbilden, hielt Vorträge dukte und Dienstleistungen zu


zu Personaltraining, ihre Themen: entwickeln, die auch Behinderte
Vertrauen, Kommunikation, Team- nutzen können; Arztpraxen zu-
arbeit. Der damalige Münchner gänglicher zu machen.
Oberbürgermeister Christian Ude Auch sonst sei noch viel zu tun:
(SPD) holte sie 2012 in sein Team Es gebe nicht genug barrierefreie
zur Landtagswahl. 2014 wurde sie Wohnungen, und mehr als 80 000
in den Münchner Stadtrat gewählt, behinderte Menschen mit Betreu-
verzichtete aber für den Job in ung in allen Angelegenheiten sei-
Berlin. en vom Wahlrecht ausgeschlossen.
„Wir brauchen mehr Menschen Das abzuschaffen stehe nun im
mit Behinderung in politischen Koalitionsvertrag, lobt Bentele.
Ämtern“, sagt sie, „in allen Politik- Für den Abbau von Barrieren wer-
bereichen, auch in Führungsposi- de aber nicht genug getan.
tionen.“ Die Maxime: Politik nicht Als Erfolg ihrer Amtszeit wer-
ohne uns – über uns. Engagement tet sie die Schlichtungsstelle für
für Behinderte dürfe „kein Betrof- Beschwerden, wenn öffentliche
fenheitsthema“ sein. „Barrierefrei- Dienste für behinderte Menschen
heit bringt allen etwas“, sagt Ben- nicht zugänglich sind. Das um-
tele, „Teilhabe ist eine Chance für strittene Teilhabegesetz kritisiert
die ganze Gesellschaft.“ In der auch sie. Es gebe nun eine unab-
Vielfalt liege kreatives Potenzial. hängige Beratung und ein Budget,
Gleich nach Amtsantritt sprach um den Wechsel aus Werkstätten
sie mit Wolfgang Schäuble, zu der in den inklusiven Arbeitsmarkt
Zeit noch Bundesfinanzminister, zu fördern, sagt Bentele. „Doch
über mehr Geld für die Teilhabe noch immer haben Menschen mit
behinderter Menschen. Müsste er Behinderung und hohem Assis-
als Rollstuhlfahrer nicht besonde- tenzbedarf kein uneingeschränk-
res Verständnis dafür haben? Ben- tes Recht auf umfassende per-

MARCO-URBAN.DE
tele hat vor allem einen Satz von sönliche Assistenz, die für ein
ihm in Erinnerung: Der Staat kön- selbstbestimmtes Leben zentral
ne nicht alle Nachteile ausgleichen. wäre.“
Kerstin Griese (SPD), Vorsitzen- Sozialdemokratin Bentele im Bundestag 2017 Einfluss hat die Behinderten-
de des Sozialausschusses, hat Ben- Chance für die ganze Gesellschaft beauftragte, die zum Sozialminis-
tele oft erlebt. „Sie ist ein Gewinn terium gehört, nur begrenzt: Sie
für die Politik“, sagt Griese, sie habe in ih- gesetz, mangelhaft. Und der Unionspoli- wird gehört, beteiligt, sie kann fordern,
rem Amt eine „große Ausstrahlung und tiker Uwe Schummer spricht zwar von mehr nicht. In der Rolle zwischen Re-
Vorbildfunktion“, sei kompetent und kom- einer „Bereicherung“, aber auch sein gierung und Behindertenverbänden füh-
munikationsstark. Durch Bentele habe sie Fraktionskollege Hubert Hüppe, vor Ben- le sie sich manchmal wie eine „Tomate
selbst viel gelernt: „Ich nehme viele Dinge tele Behindertenbeauftragter, habe einiges in einem Sandwich“, klagte Verena Ben-
jetzt ganz anders wahr, versuche zu sehen, durchgesetzt. Als die SPD-Abgeordnete tele im Mai 2016, als sich Rollstuhlfahrer
wie sich die Welt für Behinderte darstellt.“ Elfi Scho-Antwerpes im Bundestag lobte, aus Protest gegen den Entwurf zum Teil-
Verena Bentele, der blinde Skistar, der die „zwölffache Olympiasiegerin“ Bentele habegesetz am Reichstagsufer angekettet
in die Politik kam, könnte ein Glücksfall sei ein Vorbild für Kinder und Jugend- hatten. Verbandsvertreter wie Ilja Seifert
sein in diesem Job. Doch so einfach ist es liche, korrigierte Hüppe: „Paralympics!“ beklagen, das Amt sei zu schwach, es
in der Politik nicht. Nicht alle sind so be- Wie die ganze Regierung ist Bentele nur gehöre als Querschnittsaufgabe ins Kanz-
geistert wie die SPD-Abgeordnete Griese. noch geschäftsführend im Amt. Der oder leramt.
Natürlich sei es gut, wenn Betroffene die Behindertenbeauftragte wird vom So- Abends im Kleisthaus sind all die Be-
politische Ämter ausübten, aber Behinde- zialminister vorgeschlagen. schwernisse weit weg. Der Kantor Daniel
rung allein sei ja noch keine Qualifikation, Genannt wird die Berliner SPD-Politi- Kempin singt jüdische Lieder zur Gitarre.
sagt Ilja Seifert, Vorsitzender des Allge- kerin Eva Högl, doch noch steht nicht fest, Die Audiosprecherin sagt: „Der Chor er-
meinen Behindertenverbands in Deutsch- wer das Arbeits- und Sozialministerium hebt sich und stellt sich auf, am vorderen
land. Seit einem Badeunfall sitzt er im Roll- übernimmt, und damit ist auch die künf- Bühnenrand steht auf einem Podest ein
stuhl. Er war 16 Jahre lang Bundestagsab- tige Besetzung im Amt des Beauftragten Chanukkaleuchter aus Kunststoff, er hat
geordneter der Linken. Verena Bentele sei offen. So wie es derzeit aussieht, macht acht Arme.“ Auch Verena Bentele hat den
„eine starke Persönlichkeit“, die im Amt Bentele nicht weiter, denn sie hat sich ent- Kopfhörer auf. So also erlebt sie das Pro-
gewachsen sei, sagt Seifert. „Sie hat sich schlossen, als Präsidentin des Sozialver- gramm? Oder doch ganz anders?
großteils befreit von der Vormundschaft bands VdK zu kandidieren, der bayerische An diesem Abend wird Verena Bentele
des Sozialministeriums, ist eigenständiger Landesverbandsvorstand hat sie als Nach- mit ihren Gästen in inklusiven Teams noch
und regierungskritischer geworden.“ Doch: folgerin von Ulrike Mascher nominiert. Kreisel spielen und Krapfen essen. Ein wirk-
„Sie war nicht in der politischen Behinder- Eine „spannende Herausforderung“, fin- lich schöner Abend, sagt sie danach, auch
tenbewegung verwurzelt und deshalb nicht det Bentele, dort könne sie mit ihrem Wis- viele Nichtbehinderte seien gekommen.
ausreichend vernetzt.“ sen und ihren Erfahrungen „in allen Fel- Was rät sie der Politik? Bei der Auswahl
Die grüne Bundestagsabgeordnete Co- dern der Sozialpolitik wirken“. für Posten und Funktionen mehr auf Kom-
rinna Rüffer kritisiert, trotz Bentele seien In die Koalitionsgespräche speiste Ben- petenz zu setzen als auf Proporz, sagt sie,
zwei bedeutsame Gesetzesprojekte, das tele noch Themen ein, die ihr wichtig sind, und: „Sie sollte sich mehr als Mannschafts-
Teilhabegesetz und das Gleichstellungs- wie private Anbieter zu verpflichten, Pro- sport verstehen.“ Annette Großbongardt

48 DER SPIEGEL 7 / 2018


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Deutschland

Wahn und
Wirklichkeit
Mode Die Debatte über „Germa-
ny’s next Topmodel“ erreicht die
Politik. Experten von Union
und SPD befürworten gesetzliche
Vorgaben gegen Magermodels.

F
ür Kera Rachel Cook war das Leben

RICHARD HÜBNER / PROSIEBEN


vor der Kamera kein Traum, es war
die Hölle. „Ich habe mir damals nicht
nur einmal überlegt“, sagt sie, „von einem
Hochhaus zu springen.“
Das frühere Model steht in einer Real-
schule in Sindelfingen. Die 29-Jährige war
Teilnehmerin der Castingshow „Ger- Castingshow-Teilnehmerinnen*: Risiko für Körper und Seele
many’s next Topmodel“, hat viele Jahre
für Mode- und Werbefotografen posiert enorm erhöht. Eine im Januar veröffent- gar der Berufsverband Freie Fotografen
und hält nun Vorträge über die dunkle Sei- lichte Studie der AOK Nordost zeigt die und Filmgestalter fände es wünschenswert,
te des Gewerbes: über Bulimie, Übelkeit Entwicklung bei Versicherten zwischen wenn entsprechende Bildmanipulationen
und Fressattacken. Wie sie manchmal drei 2010 und 2016. In den Bundesländern Ber- zumindest gekennzeichnet würden.
Tafeln Schokolade in einer halben Stunde lin, Brandenburg und Mecklenburg-Vor- In anderen Ländern ist das längst Pflicht.
aß, um danach verzweifelt ins Fitness- pommern stieg der Anteil diagnostizierter Seit Oktober vergangenen Jahres dürfen
studio zu rennen. Und warum die Fotogra- Essstörungen um 50 Prozent bei den 13- in Frankreich auf Werbebildern keine Kör-
fen ihre Bilder wieder und wieder bear- bis 17-jährigen Versicherten. perteile mehr ohne Kennzeichnung retu-
beiteten, um sie noch schöner und manch- In der gesamten Bundesrepublik waren schiert werden. Zudem dürfen Frauen mit
mal auch dünner aussehen zu lassen, als 2016 laut Statistischem Bundesamt gut Untergewicht nicht mehr als Model arbei-
sie war. „Es muss dringend etwas gesche- 10 000 Mädchen und Frauen wegen Essstö- ten – sie müssen einen bestimmten Body
hen“, sagt sie, „damit nicht noch mehr rungen in stationärer Behandlung. Hen- Mass Index vom Arzt nachweisen lassen.
junge Frauen unrealistischen Schönheits- riette Hömke, Model und ehemalige Miss Wenn ein Auftraggeber die Vorschriften
idealen nacheifern.“ Sachsen, starb 2017 an den Folgen ihrer missachtet, muss er mit bis zu sechs Mo-
Nicht ausgeschlossen, dass ihr Wunsch Magersucht. naten Haft und einer Geldstrafe von
schon bald in Erfüllung geht. Während am Wally Wünsch-Leiteritz, Ernährungs- 75 000 Euro rechnen. Neben Frankreich
vergangenen Donnerstag die 13. Staffel medizinerin und Vorstandsmitglied des haben auch Spanien und Israel ähnliche
der Heidi-Klum-Show angelaufen ist, Bundesfachverbands Essstörungen, plä- Vorschriften.
wächst unter Politikern von Union und diert deshalb nicht nur für Vorgaben zum In der italienischen Modeindustrie gibt
SPD die Bereitschaft, politisch gegen den Körpergewicht von Models. Sie fordert es eine freiwillige Selbstverpflichtung,
Schlankheitswahn in der Modeindustrie auch „Standards“ für das Bearbeiten von und in Großbritannien wurden mehrfach
vorzugehen. Modefotos. So soll verhindert werden, dass verfälschende Werbeaufnahmen zurück-
„Wir brauchen eine gesetzliche Regelung Mädchen einem Körperideal nacheifern, gezogen.
zum Schutz vor Magersucht“, sagt Karl das nicht der Wirklichkeit entspricht. So- Auch in Deutschland müsse reagiert wer-
Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD. den, fordern Politiker. Noch immer werde
Seine CSU-Kollegin Dorothee Bär ist eben- Essstörungen bei Frauen das Problem unterschätzt, klagt etwa SPD-
falls der Auffassung, dass „Aufklärung al- Anteil* in Prozent Experte Lauterbach. „Es gibt kaum eine
lein an ihre Grenzen zu stoßen scheint“.
1,7 + 55 % Erkrankung bei jungen Frauen, die eine
Und auch die saarländische Ministerpräsi- + 44 % gegenüber
2010
so hohe Sterblichkeitsrate hat wie Mager-
dentin Annegret Kramp-Karrenbauer sieht gegenüber sucht – und die Heilungschancen sind ge-
Handlungsbedarf: „Size-Zero-Models gau- 1,3 2010 Quelle: GeWINO ring.“ Auch seine CSU-Kollegin Bär hält
keln ein Ideal vor, welches weder ästhe- „die Zeit für gekommen, sich die Regelun-
tisch noch gesund ist – mit gefährlichen 1,1 gen unserer Nachbarn genau anzusehen“.
Langzeitschäden für Körper und Seele bis 0,9 Bilder, fordert sie, müssten wieder stärker
hin zum Tod.“ „Abbilder der Wirklichkeit sein“.
Die Statistik gibt den Politikern recht. Was passiert, wenn Ideal und Realität
In den vergangenen zehn Jahren, in denen zu weit auseinanderliegen, weiß niemand
Castingshows und Instagram-Influencer besser als Kera Rachel Cook, die als Model
das Model-Leben zum Ideal stilisierten, ihre Gesundheit ruinierte. Nach ihrem Auf-
hat sich die Zahl der essgestörten Mädchen tritt in der Klum-Show musste sie für sechs
2010 2016 2010 2016 Wochen in stationäre Behandlung, insge-
* Szene aus der jüngsten Staffel der Castingshow „Ger- 13 bis 17 Jahre 18 bis 24 Jahre samt litt sie fast zwölf Jahre an Bulimie.
many’s next Topmodel“. *bei den AOK–Nordost–Versicherten Selina Bettendorf

50 DER SPIEGEL 7 / 2018


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Culicidae Cimex lectularius Pulex irritans Simuliidae

Früher war alles schlechter


Nº 111: Hygiene
Ein paar Mitbewohner des Menschen
Zecke Gnitze
Ixodida Ceratopogonidae

Pärchenegel Nierenwurm Kopflaus Krätzmilbe


Schistosoma Dioctophyme renale Pediculus humanus capitis Sarcoptes Scabiei

Allzu sauber ist ungesund. Kriebelmücken und Nierenwürmer, her hat nicht nur eine „Privatisierung des Exkrements“ statt-
Milben und Schnabelkerfen, Gnitzen aller Art, Lungenwurm gefunden, sondern ein allgemeine Desodorisierung und Säu-
und Pärchenegel. Wie eng und vertraut lebte es sich doch mit berung von Stadt und Sprache. Seit 1840, so Corbin, werde
all diesen Parasiten des Menschen zusammen, sogar in den der Hygieniker als Held gefeiert. Die Geruchs- und Schmutz-
Metropolen der Zivilisation. „Wie ein Mensch es hier aushält, toleranz hat in einem Maße nachgelassen, dass die Medizin
in diesem dreckigen Schlupfwinkel aller nur denkbaren Laster den Parasiten schon wieder hinterhertrauert. Man spricht von
und Übel, inmitten einer von tausend fauligen Dämpfen ver- „Epidemien der Absenz“: Ohne üppige Darmflora, Völker-
gifteten Luft, zwischen Schlachtereien, Totenäckern, Hospitä- scharen von Mikroorganismen, ohne Wurmerkrankungen wür-
lern, Abzugsrinnen, Urinbächen, Kothaufen …“ Das notiert den häufiger Allergien auftreten und Autoimmunkrankheiten.
ein Zeitgenosse in Paris um das Jahr 1785. Der Sozialhistori- Wer etwa im Dreck und im Gestank eines Bauernhofs auf-
ker Alain Corbin führt den Ausbruch der Französischen Revo- wachse, so Schweizer Forscher, erkranke weniger (diesen Satz
lution nicht zuletzt auf den unerträglichen Dreck zurück. Seit- bitte von Kindern fernhalten). alexander.smoltczyk@spiegel.de

Werbung Deutsch gelernt, und jetzt konkret gemacht hat. Das


Macht die Flucht im Schlauchboot willst du aufgeben? schreiben wir in den Lebens-
SPIEGEL: Welche Ratschläge
teamfähig, Frau Driewer? geben Sie?
lauf und gehen damit zum
möglichen Arbeitgeber.
Grit Driewer, 52, vom Verein Tür- zynisch. Viele sind durch ihre Driewer: Ich will herausfinden, SPIEGEL: Was ist für die Ar-
öffner, der Flüchtlingen Arbeits- Flucht eher traumatisiert als wo die Stärken bei jedem beitgeber entscheidend?
plätze vermittelt, über eine gestärkt. Andererseits: In Einzelnen liegen. Wenn je- Driewer: In erster Linie die
provokante Werbekampagne Deutschland suchen etwa mand sagt, er war Schneider, deutsche Sprache. Dann ist
500 000 Flüchtlinge einen Ar- müssen wir wissen, was er das persönliche Gespräch aus-
SPIEGEL: Eine Kampagne der beitsplatz. Dass dieses Poten- schlaggebend, idealer-
Agentur Jung von Matt will zial stärker ins Bewusstsein weise auch ein Prakti-
Flüchtlingen zu Jobs verhel- rückt, ist begrüßenswert. kum. Ein Unterneh-
fen und deutet ihre Flucht- SPIEGEL: Sollten Flüchtlinge in mer interessiert sich
erfahrungen zu „Soft Skills“ Bewerbungsgesprächen gar zunächst wenig für
um: Belastbarkeit, Stressresis- nicht über ihre Fluchterfah- die Flucht. Er will
tenz, Zielorientierung. Darf rungen sprechen? wissen: Was kann die
man das? Driewer: Doch. Manche Be- Person, und passt das
Driewer: Für mich ist das frag- werber sind fast verzweifelt, zum Anforderungs-
würdig. Eine Mittelmeer-Über- weil sie keine Arbeit bekom- profil? Das gilt für ei-
SOCIAL BEE

fahrt in einem Schlauchboot men. Da sage ich manchen: nen deutschen Bewer-
als Lektion in „Teamfähigkeit“ Du bist so weit gelaufen, hast ber wie für einen
zu verstehen scheint mir gar es bis hierher geschafft, hast Plakat der Kampagne „Employ Refugees“ Flüchtling. red

52 DER SPIEGEL 7 / 2018


Gesellschaft
kaputte Maschinen. Morgens wurde er mit dem Auto vom
Fischnase Hotel abgeholt, und abends stieg er mit ölverschmierten
Händen ins Flugzeug. Manchmal sah er dann aus dem
Fenster unten das Meer glitzern. Dort schwammen die Fi-
Ein Video und seine Geschichte Wie der sche. Er flog hier oben. Fischneid, sagt Brix, das ist, wenn
die anderen mehr fangen als man selbst.
Hamburger Angler Klaus Brix den größten Man könnte denken, dass Angeln viel mit Geduld zu
Fang seines Lebens machte tun habe, Brix dagegen findet, Angeln habe viel mit Auf-
regung zu tun. Er sagt, keiner hyperventiliere dabei so

I
n Frankreich, sagt Klaus Brix, haben manche Fische wie er. Er denke ständig an Verbesserungen, Köder zum
eigene Namen. Sie sind so groß oder so schön oder so Beispiel, da wolle er mal was zeigen. Er steht auf und
schwer zu fangen, dass sie von sehnsüchtigen Anglern geht ins Schlafzimmer. Aus seinem Kleiderschrank zieht
getauft werden. „Riffelschweif“ heißen sie dann oder er schnaufend eine Maschine hervor. Sie wiegt 50 Kilo
„Halbmond“, manchmal auch „die Hure“. Die meisten und sieht aus wie ein Raketenantrieb. Ein Jahr lang hat
Angler fangen diese Fische nie. Karpfen sind schlau und er daran gearbeitet. Die Maschine, sagt er, sei sein Ge-
scheu und werden alt. Sie verstecken sich gern am Grund, heimnis. Sie stellt Köder her, Karpfenköder aus Eiern und
sie kämpfen zäh, sie lernen dazu. Sojamehl und Duftstoffen wie Vanille oder Schellfisch. Er
Aber er sei auch zäh, sagt Brix. Und er habe auch viel hat hier mal drei Tage lang 200 Kilogramm Köder abge-
gekämpft. Und ihn haben sie auch getauft. „Der Karpfen- dreht, bis die Nachbarn kamen und sich über den Geruch
könig“ heißt er. Er hat sich diesen Namen unter anderem beschwerten. Brix sagte ihnen, er backe Plätzchen.
mit einem Video verdient, das den schönen Titel trägt: Ein Karpfen über zehn Kilo ist ein mächtiger Fisch, ein
„32 Kilo Schuppenkarpfen“. Während Brix davon erzählt, Karpfen über zwanzig Kilo selten wie ein Diamant. Die
sitzt er still auf seinem Sofa im Osten Hamburgs, nur alte „Benson“, berühmtester Karpfen Englands, den man
manchmal dreht er den Kopf und schaut in den Nebel dort als Fisch des Volkes verehrte, wog fast 30 Kilogramm.
draußen. Karpfen sind im Irgendwann hörte Brix von
Winter träge. einem Fisch in Frankreich,
Er war neun Jahre alt, der über 30 Kilo wiegen sol-
als er seine Hausaufgaben le. Ein Ungetüm von einem
schwänzte und die Männer Fisch. Ein Monster. „Die Kö-
am Osterbekkanal beobach- nigin“ nannte er den Fisch.
tete, wie sie schweigend am Unmöglich zu fangen, hieß
Ufer saßen, als ob sie ein Ge- es. Brix fuhr hin.
heimnis teilten. Irgendetwas Acht Tage lang saß er am
beeindruckte ihn daran, er Ufer des französischen Sees
kann nicht genau sagen, was. und kämpfte. Er studierte
Vielleicht war es dieses War- den See Tag und Nacht. Er
ten auf ein großes Ereignis, probierte alle Tricks, suchte
das selten eintrat. Die Mög- die Gewässerkanten ab, lote-
lichkeit, dass etwas passie- te die Krautfelder aus. Er
ren könnte, etwas Besonde- holte seine besten Köder he-
res vielleicht. „Das Ungewis- raus, die mit dem Krabben-
se“, sagt Brix. Der Junge aroma. Die Königin biss
suchte nachts Tauwürmer Brix mit Karpfen nicht an. Irgendwann gab
im Park und verkaufte sie Brix auf. Er fuhr nach Hause.
für einen Pfennig das Stück als Köder. Nach tausend Wür- Mit etwa 50 Jahren beschloss Brix, nur noch zu angeln.
mern hatte er seine erste Angel zusammen. Er wartete Aber sein Chef ließ ihn nicht gehen. Er kannte alle Ma-
jetzt auch. schinen, einige hatte er erfunden. Er werde noch ge-
Brix sagt, er habe die Fischnase. Es gibt Menschen, die braucht, um sie zu reparieren, sagte sein Chef. Brix dachte
kaufen sich die teuerste Ausrüstung, stehen wochenlang nach. Wie konnte er sich seine Freiheit fangen? Er über-
am Ufer, machen alles nach Vorschrift, aber fangen nie legte sich zu Hause einen Köder: den Bauplan für eine
etwas. Brix macht das anders. Er denke wie der Karpfen, bessere Maschine, die seiner Firma viel Geld sparen würde.
sagt er, er wisse, wie er den See lesen müsse. Schaut, wo Dann sagte er seinem Chef, wenn sie den Plan haben
die Seerosenfelder sind, die versunkenen Bäume, die zit- wollten, müssten sie ihn gehen lassen. Am nächsten Tag
ternden Schilfhalme, die Sandbänke und Muschelfelder hatte Brix seine Freiheit.
und Scharkanten. Dort warten sie auf ihn. Charakterfische, Er saß zu Hause und träumte von der Königin. Er fand,
sagt Brix. Ausnahmefische. so könne die Geschichte nicht ausgehen. Er lud seinen
Der junge Brix wurde Maschinenbauingenieur und kon- Wagen voll und fuhr zurück an den See. Er versuchte
struierte in einem großen Betrieb Maschinen für den Bau nichts Neues, er versuchte es einfach nur noch mal. Und
von Messwandlern. Am Abend fuhr er mit der S-Bahn die Königin biss an. In dem Video „32 Kilo Schuppen-
raus an den Fluss und ging zu Fuß am Ufer durch die karpfen“ sieht man, wie Brix mit ihr kämpft, mit beiden
Nacht, bis er es glucksen hörte, dann machte er Feuer Händen die Angel umklammert hält, die ihn fast ins Was-
und warf seine Angel aus. Tagsüber arbeitete er wieder ser reißt, wie er gebeugt, ganz langsam, die Leine einholt,
an den Messwandlermaschinen und dachte über Fische damit sie nicht reißt. Er hebt den Fisch mit seiner ganzen
nach. Sein Leben gefiel ihm nur zur Hälfte. Er wollte Kraft hoch. Er schaut ihn an. Dann lässt er ihn zurück in
mehr, also schickte sein Chef ihn um die Welt. Brasilien. die Freiheit. Ein schöner Fisch, sagt Brix, wunderbare
Mexiko. Australien. Shanghai. Er sah nichts, sagt er, nur Schuppen. Jonathan Stock

DER SPIEGEL 7 / 2018 53


Für immer nackt
Digitales Leben Jeder vierte Teenager in Deutschland verschickt mit dem Handy erotische
Fotos von sich. Doch „Sexting“ kann zur persönlichen Katastrophe führen,
wenn ein Nacktbild öffentlich wird. Wie im Fall von Anna. Von Maik Großekathöfer
Eine Frage … schicken könne. Es folgte ein Dialog, der stelle mich an.“ Es sei ein „komisches Ge-
Jap. ganz ähnlich lautete wie das Beispiel am fühl“ gewesen, als sie sich auszog und vor
Würdest du mir ein Bild von dir schicken? Anfang dieses Textes*. Zunächst lehnte dem Spiegel posierte. „Aber aufregend
Was meinst du mit Bild? Anna ab. Der Junge versprach, er werde war es schon irgendwie auch.“
… du weißt, was ich meine. das Bild sofort wieder löschen. Und er Annas Mutter schüttelt den Kopf. „Kind
Was willst du denn sehen?? schwor, es nicht weiterzuleiten. halt“, sagt sie knapp, weil sie weiß, eine
Keine Klamotten. „Ich hatte Angst, ihn zu verlieren“, sagt bessere Erklärung gibt es nicht. Die Mutter
Und weiter? Anna heute. „Er sollte nicht glauben, ich ist eine zierliche Frau mit erschöpften Au-
Hä? Wie weiter? Ja, keine Klamotten.
Du willst, dass ich mich nackt vor den
Spiegel stelle und für dich ein Bild mache?

An einem Nachmittag im April vor zwei


Jahren zieht sich Anna in ihrem Zimmer
so weit aus, bis das Einzige, was sie noch
trägt, ihr Smartphone ist. Sie hält es in der
rechten Hand. Anna ist 13 Jahre alt und
geht in die sechste Klasse einer Realschule.
Sie steht neben ihrem Bett vor dem Spiegel
und fotografiert sich selbst, auf dem Bild
sind ihre Brüste zu sehen, der Unterleib
ist zu erahnen. Annas Mutter ist bei der
Arbeit, der Stiefvater mit ihrem kleinen
Bruder im Garten. Per WhatsApp schickt
Anna das Foto ihrem Freund. Dann löscht
sie es.
Drei Monate später sieht sie das Selfie
wieder. Es geht in ihrer Klasse herum, in
der Parallelklasse, der ganzen Schule, alle
sehen es. Das Foto verfolgt sie bis heute.
Anna sitzt neben ihrer Mutter am Wohn-
zimmertisch, um über etwas zu reden, zu
dem sie lieber schweigen würde. Von dem
sie sich wünschte, es wäre niemals gesche-
hen. Sie hat braune Haare und eine Zahn-
spange, ein hübsches Mädchen, ein ganz
normaler Teenager. Ihren vollen Namen
will sie nicht nennen, auch nicht den der
Stadt, in der sie wohnt, irgendwo in Hes-
sen. Die Familie will sich schützen, sie ver-
sucht, einen Weg zurückzufinden in die
Normalität. Erzählen wollen Anna und
ihre Mutter trotzdem, „damit so was an-
deren Mädchen erspart bleibt“, sagt die
Mutter.
Was ist passiert?
Der Junge, dem Anna das Bild gesendet
hat, ist drei Jahre älter als sie, seine Schule
lag direkt gegenüber von ihrer. Die beiden
waren seit zwei Monaten zusammen, als
er Anna in jenem April auf WhatsApp eine
Frage stellte: ob sie ihm ein Nacktfoto

* Die hier wiedergegebenen, tatsächlich geführten Chat-


Dialoge entstammen Beispielsammlungen, die in der
Präventionsarbeit eingesetzt werden.

54 DER SPIEGEL 7 / 2018


Gesellschaft

gen, sie trägt Fleecejacke und Hausschuhe. Den Begriff „Sexting“, eine Mischung aus eine Untersuchung, für die sie 160 Berufs-
Als Anna zehn war, hat sie ihr ein Handy „Sex“ und „Texting“, definiert Wikipedia schüler und Gymnasiasten zwischen 16 und
erlaubt, „es hat ja heute jeder so ein Ding“. als „private Kommunikation über sexuelle 19 Jahren befragt hatten: Damals gaben nur
Das Nacktfoto ihrer Tochter hat sie noch Themen per Mobile Messaging“ – wobei zehn Jugendliche an, Nacktbilder von sich
nie gesehen. Will sie auch nicht. das Problem beginnt, wenn diese Kommu- verschickt oder ins Internet gestellt zu haben,
Als die Beziehung zwischen Anna und nikation nicht mehr privat bleibt. Es geht gut sechs Prozent. Drei Jahre später hatte
ihrem Freund vier Wochen später zu Ende um Texte, Bilder oder auch Videos, um laut einer Untersuchung an der Universität
ist, schickt der Junge das Bild einer Be- freizügige Botschaften, die per Handy ver- Bielefeld bereits mehr als jeder vierte Schüler
kannten weiter. Die lässt es einem Kumpel schickt werden. In Deutschland gibt es zu zwischen 14 und 17 mindestens einmal ein
zukommen. Der sendet es an ein paar Mit- diesem relativ neuen Phänomen erst we- erotisches Foto oder Video von sich gesendet
schüler. Die leiten es weiter. Kurz vor den nige Studien, doch die vorhandenen Un- (28 Prozent), jeder zweite Schüler eines emp-
Sommerferien erreicht das Bild Annas tersuchungen lassen den Schluss zu, dass fangen (55 Prozent). Die Autorin interviewte
Schule. Sexting unter Jugendlichen bereits weit 254 Jugendliche, auch das ist eine schmale
verbreitet ist. Datenbasis, weshalb man die Resultate eher
Hi. Und je aktueller die Studie, desto höher als Trendmeldungen lesen muss, weniger als
Huhu. die Zahlen. 2013, vor fünf Jahren, veröffent- exakte Werte. Bei einer anonymen Online-
Was machst du? lichten Mitarbeiter des Instituts für Sexual- befragung in den USA antwortete jeder zwei-
Nichts, gehe gleich duschen. forschung und Forensische Psychiatrie der te Teilnehmer, als Teenager mit dem Partner
Würdest du mir vorher ein Foto schicken? Universitätsklinik in Hamburg-Eppendorf sexuell explizite Nachrichten getauscht zu
haben, mal ohne Foto, mal mit.
Meist folgen diese Bilder einer ähnli-
chen Ästhetik, wirken wie vom selben
Regisseur inszeniert: ein nackter oder halb
nackter Teenager im Bad oder im Kinder-
zimmer, jedenfalls in einem abschließ-
baren Raum, im Hintergrund zufälliger
Alltag, ein Schrank, eine Badewanne, ein
Bett. Alles von schräg oben ins Bild ge-
rückt, aus der Perspektive, zu der ein
ausgestreckter Arm mit dem Handy eben
zwingt. Oder man sieht das frontal ab-
fotografierte Spiegelbild samt dem
Smartphone in der Hand.
Sexting muss nicht grundsätzlich zum
Problem werden, nicht jedenfalls, wenn
die Beteiligten damit einverstanden sind
und die Fotos unter ihnen bleiben, was
meistens der Fall ist. Man könne Sexting
als eine „durchaus normale Form des ero-
tischen Austauschs im Handyzeitalter“ be-
greifen, sagt die Psychologin Nicola Döring
von der Technischen Universität Ilmenau.
Man muss es vielleicht sogar als eine durch-
aus unvermeidliche Form des zeitgemäßen
Paarungsverhaltens sehen, wie es sie ver-
mutlich jedes neue Medium mit sich brach-
te: Die Schrift führte zur Briefromanze,
das Telefon zum Telefonsex, die Videoka-
mera zu „Sex, Lügen und Video“. Aller-
dings ist beim Sexting die Missbrauchsge-
fahr wesentlich höher. Ein Klick, und das
Privateste ist öffentlich.
Wie oft es zum Missbrauch kommt, wie
oft solche Bilder oder Videos bei Adressa-
ten landen, für die sie nicht gedacht waren,
weiß niemand genau. Die Folgen können
schwerwiegend sein. Im Februar vergange-
nen Jahres nahm sich ein 14-jähriger Junge
in den Niederlanden das Leben. Er sprang
vom Balkon, nachdem eine frühere Mit-
schülerin sein Nacktbild auf Instagram
hochgeladen hatte. In seiner letzten E-Mail
schrieb er seiner aktuellen Freundin: „Ich
JAN FEINDT / DER SPIEGEL

werde sterben. Sorry für alles. Ich habe


dich geliebt, Baby.“ Auch in den USA, in
Kanada und Italien haben sich jugendliche
Sexting-Opfer umgebracht.
DER SPIEGEL 7 / 2018 55
Anna hat eine Freistunde, als eine Freundin rer beginnen das Gespräch mit einer Frage, her haben die Teenager stundenlang das
sie auf dem Schulhof anspricht: Du, da gibt die sie schon kennt: Was hast du dir bloß Festnetztelefon blockiert, heute chatten
es so ein Bild von dir. Sie sagt nicht, was dabei gedacht? sie mit dem Handy. Früher haben sie sich
für ein Bild, Anna ist sofort alles klar. Sie Nichts wird besser. Das Bild hat ein di- Zettel mit zweideutigen Botschaften zuge-
fühlt sich, als hätte ihr jemand in die Ma- gitales Spinnennetz um ihr Leben gezogen, steckt, heute schicken sie sich eindeutige
gengrube geschlagen. Als sie am Nachmit- sie fühlt sich gefangen. Anna wechselt auf Fotos. Sexting ersetzt nicht das Händchen-
tag nach Hause kommt, verkriecht sie sich eine andere Schule in einem anderen Ort. halten und auch nicht den ersten Griff un-
in ihr Zimmer und weint. Hier hat niemand das Foto je gesehen oder ter den Pulli, es kommt bloß hinzu, als
Die nächsten Tage werden zur Tortur. davon gehört. Ein Neuanfang. Vorspiel zum Vorspiel. Und kein Erwach-
Anna sieht, wie andere Schülerinnen sich sener soll glauben, er würde es nicht ge-
über ihre Handys beugen, sie hört, wie die Also, machst du das Bild? nauso machen, wenn er heute jung wäre.
Mädchen tuscheln. Ständig spricht jemand Gute Nacht. Der pubertäre Kampf um Aufmerksam-
sie an, zeigt ihr das Selfie eines nackten Na los. Oder sollen alle die anderen keit hat mit den sozialen Medien eine
Mädchens, sagt: Guck mal, das bist doch Bilder sehen? riesige neue Bühne erhalten. Katzer sagt,
du! Anna streitet ab, weil man ihr Gesicht Nein, bitte. unter Teenagern bestehe ein „immenser
auf dem Foto nicht sehen kann, sie sagt, Ja, dann mach doch ein Bild. Selbstdarstellungsdruck“, es habe sich eine
das sei doch bloß irgendein Bild aus dem
Internet. Die anderen lachen nur, sie wis-
sen es besser.
Warum hat sie sich nicht an einen Leh-
rer gewandt?
„Weil ich mich geschämt habe. Mir war
die Sache total peinlich.“
Ihr Bruder kommt die Treppe herunter,
er ist sieben und neugierig, worüber sich
die Großen so lange unterhalten. „Nichts
für deine Ohren“, sagt die Mutter und
schickt ihn zum Nachbarsjungen.
Anna textet einigen Schülerinnen, die
das Foto verschickt haben, fragt sie, was
der Blödsinn solle. Die Antworten lauten
immer gleich: Selber schuld, was bist du
auch so doof und machst so ein Bild!
Hilfe oder Mitleid erhält sie nicht, und
zwischen den Spott mischt sich etwas, das
alles eher schlimmer macht: Bewunderung.
„Ab und zu habe ich gehört, ich hätte voll
den guten Körper“, sagt Anna. Ansonsten
immer dieselben Fragen, monatelang. Wie
konnte das passieren? Warum hast du das
JAN FEINDT / DER SPIEGEL

gemacht?
Nach den Sommerferien beginnt die
siebte Klasse, es wird ein qualvolles Schul-
jahr für Anna. Die Pausen verbringt sie
aus Scham nicht mehr auf dem Hof, sie
lungert allein im Flur herum. Zu Hause
verlässt sie kaum noch ihr Zimmer, sie
wird immer schweigsamer, hört den gan-
zen Tag Musik, vermeidet den Kontakt zur
Mutter und zum Stiefvater, denen sie alles Catarina Katzer leitet das Institut für Cyber- „Selfie-Manie“ entwickelt. Je mehr Likes,
verschweigt. Ihre Noten werden schlechter, psychologie und Medienethik in Köln, sie un- desto größer das Selbstwertgefühl. Sie
bald ist die Versetzung gefährdet. tersucht, wie digitale Kommunikation unser schätzt, dass jeder dritte Teenager sextet.
„War mir völlig egal. Ich habe mir kom- Verhalten beeinflusst: Wo liegt die Grenze Forscher sprechen vom „Privacy-Para-
plett andere Gedanken gemacht. Wie soll zwischen Privatem und Öffentlichem? Wa- dox“, der Privatsphärenfalle im Digitalen.
das weitergehen? Was soll ich tun, wenn rum können gerade Teenager diese Grenze Allein mit sich und dem Computer, hat der
mich die Leute auf der Straße erkennen oft schlecht erkennen? Katzer nennt ein paar Nutzer das Gefühl, er sei unbeobachtet.
und ansprechen?“ Zahlen: 92 Prozent der 12- und 13-Jährigen Die Hemmschwelle sinkt. Ein Schüler, der
Erst sieben Monate nachdem sie das besitzen ein Smartphone, und ab 14 herrscht ein Nacktfoto von sich verschickt, denkt
Foto gemacht hat, nimmt Anna all ihren in Deutschland quasi Vollausstattung. Kein nicht daran, dass ihn damit möglicherweise
Mut zusammen und erzählt der Mutter, Gerät nutzen Kinder und Jugendliche öfter, mehr Menschen hüllenlos sehen werden,
was passiert ist. Bald darauf wird der Vor- um online zu gehen, im Schnitt sind sie mehr als wenn er splitternackt ins Klassenzim-
fall auch offiziell zum Thema an der Schu- als drei Stunden pro Tag im Netz. „Die Pu- mer liefe. Ein Viertel der 14- bis 17-Jährigen,
le, zwei Lehrer holen Anna aus dem Un- bertät wird im Digitalen gelebt“, sagt Katzer, die sexten, senden Bilder an eine Person,
terricht, um mit ihr über das Nacktfoto zu „und das Digitale verschärft die Pubertät.“ die sie nur aus dem Internet kennen.
reden. Anna denkt, sie wollten mit ihr be- Als ob die Zeit, in der das Begehren und „Bewunderung und Bestätigung sind vor
sprechen, was man tun könne, damit sie das Begehrt-werden-Wollen erwachen, allem für Mädchen wichtig“, sagt Catarina
nicht länger gemobbt werde. Aber die Leh- nicht schon analog schwer genug wäre. Frü- Katzer. „Sie möchten sich begehrenswert
56 DER SPIEGEL 7 / 2018
Gesellschaft

und sexy fühlen und auch so wahrgenom- „Nee, du bist was Besonderes.“ noch in der Schule den Umgang mit digi-
men werden.“ Darum schicken Mädchen „Wieso denn?“ talen Medien. Als Nächstes fragt Artmann,
häufiger Bilder als Jungen. „Mag dich. Komm schon, bitte, bitte, bit- warum man sein Kind erst dann mit einem
Schüler leiten die Fotos aus Spaß weiter, te, Smiley, bitte, bitte, bitte, Smiley.“ scharfen Taschenmesser schnitzen lasse,
aus Langeweile oder Rache. Oder um anzu- Elena dreht den Zuschauern den Rücken wenn es den Umgang damit beherrsche,
geben: Bei Jungs gelten Nacktbilder auf dem zu. Sie deutet an, wie sie ihr Sweatshirt es aber mit dem Handy von Anfang an al-
Handy als Trophäe. Weil sie, die Täter, nicht hebt und ein Foto von ihren Brüsten macht. lein hantieren lasse. „Obwohl es das ge-
direkt miterleben, wie das Opfer auf Mob- „Nein!“, ruft ein Mädchen im Publikum. fährlichere Gerät ist.“ Jedes Mal herrsche
bing und Hetze reagiert, empfinden sie kei- Eine Reihe dahinter beugt sich ein Schüler betretenes Schweigen.
ne Empathie. In einer österreichischen Stu- grinsend zum Nachbarn und flüstert ihm Auf der Bühne steht Elena, das Mauer-
die waren vier von fünf Befragten der Mei- etwas zu. blümchen, und sagt: „Warum ich das ge-
nung, wer ein Nacktfoto von sich verschicke, Elena schickt Leo das Bild, und der leitet macht habe? Keine Ahnung. Hab mich
müsse in Kauf nehmen, dass man es ver- es an sein komplettes Adressbuch weiter. halt gefreut, dass auch mal jemand auf
breite. Die Täter legitimieren ihr Verhalten, Aus den Lautsprechern in der Aula erklin- mich guckt. Und wenn’s nur auf die Titten
indem sie dem Opfer die Schuld geben. „Im gen die Wörter „Hashtag Tittchen“. Die ist.“
Netz sieht man keine Tränen“, sagt Katzer. Schüler lachen, die Schülerinnen nicht. Leo sagt: „Wie’s mir geht? Ich bin jetzt
mit Kiara zusammen. Läuft.“ Kiara setzt
sich auf seinen Schoß, sie sagt: „Ich häng
auch nicht mehr mit Elena ab. Voll die
Bitch!“ Sie nimmt Leos Handy, spielt
damit rum. „Warum hast du mich eigent-
lich noch nie nach ’nem Nacktfoto ge-
fragt? Bin ich hässlich? Du Spast! Du Fick-
fehler!“
Seit 1990 gibt es das Tourneetheater Co-
mic On! aus Köln. Das Ensemble will Kin-
der und Jugendliche aufmerksam machen
auf Risiken, die es in ihrer Lebenswelt gibt.
Angefangen hat es mit einer Vorstellung
über einen Neonazi, dann folgten Ecstasy
und Aids, Übergewicht und Fremdenfeind-
lichkeit. Die aktuelle Produktion über Sex-
ting läuft 90-mal im Jahr, in ganz Deutsch-
land. Die Theatergruppe ist noch vor kei-
ner Klasse aufgetreten, in der niemand mit
Sexting in Berührung gekommen ist.

Nein. Sorry.
Wenn du zu schüchtern bist, schick eins
in Unterwäsche. Nicht nackt.
JAN FEINDT / DER SPIEGEL

Hahaha. Warum willst du es unbedingt?


Ich mag dich.

Nur sechs Monate lang hat Anna Ruhe


an ihrer neuen Schule, dann geht der Irr-
sinn wieder los. Dieses Mal zirkuliert nicht
nur das Nacktselfie. Unter dem Foto
steht auch ihre Handynummer. Anna
bricht in Tränen aus, rennt zum Lehrer-
An einem Montagnachmittag rutschen die Neben dem Mischpult steht Nadine Art- zimmer, sie will mit dem Schulleiter reden,
Schüler der Klassen 9a und 9b des Georg- mann, Chemielehrerin und Medienbeauf- sofort, sie will das alles nicht noch einmal
Büchner-Gymnasiums in Kaarst auf ihren tragte des Gymnasiums. Es war ihre Idee, durchmachen.
Stühlen hin und her, in der Aula ist es dun- eine Aufführung über Sexting an der Schu- Es ist noch nicht lange her, dass eine an-
kel. Auf der Bühne stehen Schauspieler le zu zeigen. Sie war der Meinung, reden dere Schülerin wegen eines Nacktfotos ge-
einer Kölner Theatergruppe, das Stück, allein reiche nicht, durch Theater werde mobbt wurde, darum weiß der Direktor,
das sie aufführen, heißt „Update“. Es han- die Problematik anschaulich. was zu tun ist. Er informiert die Klassen-
delt von Elena und Kiara, die beste Freun- Artmann sagt: „Wir sind eine kleine lehrer, sagt ihnen, sie sollen ihre Schüler
dinnen sind, bis ein Neuer an ihre Schule Schule im Grünen, bislang sind wir zum auffordern, das Foto zu löschen. Wer sich
kommt: Leo, Fußballtalent und Mädchen- Glück von massiven Fällen verschont ge- weigere oder das Bild vorher teile, müsse
schwarm. Als Leo bei Kiara abblitzt, macht blieben, aber wir dürfen nicht warten, bis mit einem Verweis rechnen.
er sich an Elena ran. der Horror eingetreten ist.“ Anna sagt, es sei furchtbar gewesen, in
Leo schreibt ihr gerade eine Nachricht Bei Elternabenden zum Thema Medien- den nächsten Tagen zur Schule zu gehen.
mit dem Handy, den Text liest er laut mit: kompetenz fragt sie gern, wer mit seinem Sie fragte sich, ob die Drohung des Direk-
„Schick doch mal ein Bild, so eins ohne Kind regelmäßig darüber rede, was es mit tors wirke, sie hatte Angst, fühlte sich be-
Klamotten.“ dem Smartphone machen dürfe. Meist mel- obachtet.
Elena antwortet: „Will nicht. Guck doch det sich keiner, was nicht verwundert: Fast Das Foto verschwindet so schnell, wie
einen Porno.“ jedes zweite Kind lernt weder zu Hause es aufgetaucht ist. Trotzdem bleibt Anna
DER SPIEGEL 7 / 2018 57
zensgeld. „Frage an die Schüler: Was glaubt
ihr, wer muss zahlen? Die Eltern oder das
Kind?“ Die Schüler stimmen per Knopf-
druck ab. Ihre Antwort: die Eltern. „Das
ist falsch. Das Kind muss zahlen.“
Ein Schüler aus Sofia meldet sich zu
Wort: „Was ist, wenn das Kind nicht so
viel Geld hat?“ Stückmann sagt, dass der
Richter das Kind dann trotzdem zur Zah-
lung verurteile. Sie lässt die Klassen schät-
zen, wie lange ein Urteil gültig ist: 3 Jahre
oder 5? Sind es 10? Vielleicht 20? Sogar
30? Die meisten Klassen vermuten 10 Jah-
JAN FEINDT / DER SPIEGEL

re. Richtig ist 30. Nach dem Urteil hat das


Opfer 30 Jahre lang das Recht, den Scha-
densersatz zu erhalten. „Mit Zinsen“, sagt
Stückmann.
Auch Annas Mutter hat Anzeige erstat-
tet. Weil Anna zur Zeit des Vorfalls noch
nicht 14 war, hätte ihr damaliger Freund
möglicherweise wegen Verbreitung von
Kinderpornografie belangt werden kön-
misstrauisch, sie sucht im Netz nach dem ting-Opfer wehren können. Wie sieht die nen. Der Staatsanwalt hat das Verfahren
Bild, googelt ihren Namen, googelt ihn zu- Rechtslage aus? Welche Ansprüche kön- jedoch eingestellt, weil es keine Beweise
sammen mit dem Wort „Selfie“, mit dem nen sie geltend machen? für die Tat mehr gab: Anna hatte das Foto
Wort „Nacktfoto“. Anna entdeckt es nicht. Ab dem 14. Geburtstag gilt in Deutsch- und die Chats gelöscht, der Junge auch.
Und kann sich trotzdem nicht sicher sein, land ein Kind nicht mehr als Kind, son- Gesa Stückmann ist immer erstaunt, wie
dass es für immer weg ist. dern als Jugendlicher. Wer 14 ist oder älter, unbekümmert gerade die Erwachsenen
Vom zweiten Fall hat Anna ihrer Mutter darf erotische Bilder von sich machen, sind. Keiner habe zum Beispiel gehört,
noch am selben Tag erzählt. Sie sagt, am darf sie an den Freund oder die Freundin dass Kinder unter 16 WhatsApp eigentlich
Wohnzimmertisch: „Ich kenne jetzt voll verschicken. Sind aber Jüngere beteiligt, nur mit ihrer Zustimmung benutzen dür-
viele an meiner neuen Schule, die Bilder kann es gefährlich werden. Gesa Stück- fen. Stückmann sagt, wenn sie rede, säßen
von sich verschickt haben. Ich bin die Per- mann nennt folgendes Beispiel: „Ein Schü- die Eltern oft erschrocken da „wie eine
son, der man es erzählen kann. Weil die ler, 16 Jahre alt, lässt sich von einer Schü- Kuh, wenn’s donnert“.
wissen, ich behalte es für mich, bei meiner lerin, 11 Jahre alt, ein explizites Nacktfoto Den Schülern will Stückmann vermit-
Geschichte.“ schicken.“ Schon die Aufforderung des teln, dass sie die Kontrolle über ein Foto
Ihre Mutter schüttelt den Kopf: „Ich bin Schülers ist unzulässig, weil er dadurch verlieren, sobald sie es verschicken. Das
schockiert.“ Kinderpornografie anfordert. Leitet er das Opfer dürfe nicht glauben, jemand leite
„Ihr Eltern wisst doch gar nicht, was in Bild weiter, verstößt er gleich gegen meh- ein erotisches Foto aus Versehen weiter.
meinem Alter abgeht.“ rere Paragrafen. „Das ist eine dämliche Ausrede.“ Denn der
„Ich wünsche mir, dass Anna jetzt früher Erstens, Paragraf 201a des Strafgesetz- Moment, in dem er auf den Sende-Button
zu mir kommt, wenn mal was ist“, sagt buchs: Es ist verboten, ein Foto einer Per- drückt, ist der Ursprung des Unglücks.
die Mutter. „Ich bin wieder näher an ihr son gegen ihren Willen zu verbreiten, wenn
dran.“ Sie macht sich immer noch Sorgen. dieses geeignet ist, ihrem Ansehen „erheb- Du willst meinen Körper sehen?
„Irgendwann muss sich meine Tochter für lich zu schaden“. Zweitens, Paragraf 184b: Yeah.
einen Job bewerben – was passiert denn, Der Schüler macht sich schuldig, weil er Was willst du sehen? Meine Schenkel?
wenn ihr Chef von dem Foto erfährt?“ Kinderpornografie verbreitet. Auch wenn Meine Brüste?
das Mädchen zwischen 14 und 17 wäre, Jedes Bild, was du hast.
Gesa Stückmann steht morgens um kurz dürfte er das Foto nicht in Umlauf bringen.
vor zehn in ihrer Kanzlei vor einer Kame- Je nachdem, was auf dem Bild zu sehen Und Anna? Sie macht jetzt eine Therapie,
ra, zwei Scheinwerfer strahlen sie an. ist, liegt eine jugendpornografische Dar- die ihr Selbstbewusstsein stärken soll. Einen
Stückmann, 49, ist Anwältin und speziali- stellung vor. Wer 18 oder älter ist und so neuen Freund hat sie auch, er wohnt hun-
siert auf Cybermobbing und Sexting. ein Bild versendet, muss schlimmstenfalls dert Kilometer weit weg, von der Sache
Gleich beginnt ihr Web-Seminar, eine in- für drei Jahre in Haft. mit dem Nacktfoto weiß er nichts. Anna
teraktive Schulung im Netz, live übertra- Stückmann spricht ins Mikrofon, appel- wollte ihm davon erzählen, ließ es dann
gen, das Thema lautet: „Recht im Inter- liert an die Klassen: „Wenn ihr so ein Bild aber bleiben. Sie hofft, dass er das Bild
net“. Gesa Stückmann drückt den Rücken bekommt, sendet es nicht weiter. Unter- nie erhält, dass es überhaupt niemals mehr
noch einmal durch, dann sagt sie: „Guten brecht die Kette! Und dann löscht es.“ irgendwo auftaucht.
Morgen aus Rostock!“ Denn schon der Besitz eines solchen Bil- Und was, wenn ihr Freund ein Nacktfoto
Sie gibt dieses Seminar bis zu 30-mal des ist nicht erlaubt. Stückmann rät den von ihr verlangen würde?
im Monat, für Lehrer, Eltern und Schüler. Schülern, WhatsApp so einzustellen, dass „Dann muss er akzeptieren, dass er
An diesem Morgen sind neun Klassen zu- Fotos nicht automatisch heruntergeladen keins bekommt.“
geschaltet, sechs aus Bayern, zwei aus werden. „Unwissenheit schützt vor Strafe
Mecklenburg-Vorpommern und eine aus nicht“, sagt sie. Video:
Bulgarien, von der deutschen Schule in So- Wenn Stückmann ein Sexting-Opfer ver- Das Phänomen Sexting
fia. In den nächsten anderthalb Stunden tritt, schickt sie dem Täter eine Abmahnung, spiegel.de/sp072018sexting
erklärt sie anhand ihrer Fälle, wie sich Sex- kommt es zum Prozess, fordert sie Schmer- oder in der App DER SPIEGEL

58 DER SPIEGEL 7 / 2018


Gesellschaft

drei Männer erinnerten mich an Trump, das Gesicht des


Untergangs. Lindner wegen der Haare, Schulz, weil er
das Gegenteil von dem behauptet, was er gestern erzählt
hat. Und Altmaier, weil er aussieht, als würde er jeden
Abend mit einem Cheeseburger ins Bett gehen.
Konservative Politik wird aus irgendeinem Grund gern
Oh. Oh. mit schwerem Essen in Verbindung gebracht.
Helmut Kohl wurde oft in einem Atemzug mit dem
Saumagen genannt. Gerhard Schröder aber versuchte, we-
Leitkultur Alexander Osang niger Currywurst zu essen, um besser in die neue Zeit zu
passen. Schröder erinnerte uns mit seinen hageren Frauen
über deutsches Essen und linke Politik an die gesunde Ernährung. Scharping fuhr Rad. Sahra Wa-
genknecht sieht aus, als habe sie einen Personal Trainer,

N
eulich habe ich gelesen, dass die SPD das deutsche der auch viel Zeit mit ihrem Ehemann Oskar verbringt.
Essen gesünder machen will. Weniger Fett. Weni- Ich bin mal mit Sigmar Gabriel in einer kleinen, schnittigen
ger Zucker. Weniger Salz. Es waren die Tage, als Regierungsmaschine geflogen. Es gab gutes Essen, aber
die SPD in der Mitte durchzureißen schien, aber das wurde Gabriel pickte nur ärgerlich in seinem Salat herum. Kein
von der Fraktion beschlossen. Steak für Gabriel, keine Wurst für Schröder. Und jetzt:
Die Welt brannte, die deutsche Sozialdemokratie dachte kein Salz für Schulz. Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
über Salz nach. Auf zum letzten Gefecht. die stets man noch zum Hungern zwingt.
Es erinnert mich an den Sommer ’89 in Ostberlin. Da- Als Kind dachte ich: Es geht bergauf. Feudalismus, Ka-
mals war ich Jungredakteur der „Berliner Zeitung“. Es pitalismus, Sozialismus, Kommunismus. Heute weiß ich:
gab jede Menge Versammlungen. In meiner Erinnerung Es geht immer wieder von vorn los. Die große Koalitions-
wurde kaum noch geschrieben und redigiert, sondern verhandlung bildet meine Vorstellung von Politik am bes-
vor allem versammelt. Vielleicht auch, um durchzuzäh- ten ab. Wir hüpfen auf der Stelle. Wir drehen uns im
len, wer eigentlich noch da war. Draußen rannten die Kreis. Deswegen hätte ich Claudia Pechstein als Trägerin
Leute in Scharen aus dem Land, der deutschen Fahne als beste
manchmal war auch ein Redak- Besetzung für die Olympischen
teur der Zeitung dabei, drinnen Spiele empfunden. Pechstein
aber gab es Politinformationen ist Eisschnellläuferin, ein Sport,
zu den wirklich wichtigen Fra- bei dem man endlose Runden
gen. Einmal lud ein stellvertre- dreht, um am Ende erschöpft
tender Chefredakteur in den am Anfang anzukommen. Sie
Konferenzraum, um uns darü- hat das als Pionier in Ostberlin
ber zu informieren, wie schäd- gelernt und dann später im Ka-
lich Salz sein könne. Der Mann pitalismus weitergemacht. Sie
ALEXANDER OSANG / DER SPIEGEL

war einer der hellsten Köpfe gilt als störrisch, eckig, beharr-
der Zeitung, er sprach Latein lich und erfolgreich. Sie dreht
und fuhr einen Mazda. Wir ihre Runden, unbeirrt wie die
nannten ihn den Doktor. Jetzt deutsche Sozialdemokratie.
sagte er: „Salz bindet das Was- Vorige Woche war ich in einer
ser im Körper, Kollegen.“ Er Ausstellung im Kunstmuseum
esse weniger, auch seine Frau von Tel Aviv. Es wurden sowje-
probiere es. Sie fühlten sich be- Konservatives Essen: Saumagen tische Fotografien aus den Zwan-
reits besser. ziger-, Dreißiger- und Vierziger-
Die Genossen fühlen sich besser. Darum geht es, glau- jahren gezeigt, wunderbare, schwarz-weiße Bilder vom
be ich. Aufbau des Sozialismus. Dazu lief in Endlosschleife der
Der Doktor der SPD heißt Ursula Schulte. Sie war Haus- Klassiker „Oktober“ des sowjetischen Regisseurs Sergej
frau und sitzt heute im Bundestag. Sie ist Ernährungs- Eisenstein. Er beginnt im Februar 1917 mit dem Sturz des
politikerin. Ich stelle mir vor, wie sich alle in der Fraktion Zarendenkmals und jubelnden Arbeitern. Er beschreibt,
auf die Fingernägel sahen, weil keinem mehr einfiel, wie wenn man so will, die Anfänge linker Politik.
es jetzt weitergehen sollte. Es war ja alles gesagt, zum Fa- Der Saal war schon fast leer, das Museum schloss, der
miliennachzug, zur Linken, zu Glyphosat, da meldete sich Sabbat begann. Auf einem Stuhl in der Ecke saß die Mu-
Ursula Schulte. seumswärterin, eine ältere, blonde Frau mit russischem
Martin Schulz sagte: „Uschi?“ Gesicht. Sie war vor 15 Jahren aus Moskau nach Israel ge-
Ursula Schulte sagte: „Zucker, Salz und Fett verur- flohen. Jetzt sah sie hier unaufhörlich, wie Lenin auf dem
sachen Krankheiten.“ Finnischen Bahnhof von Petrograd ankam. Der endlose
Am nächsten Tag zitierte sie die „Bild“-Zeitung damit. Auftritt des Messias.
Auf Seite eins. Je dramatischer die Lage wird, desto bana- Ich habe sie gefragt, wie sie das finde.
ler wird die Rede. Erich Mielke gelang sein berühmtester Auf der Leinwand fordern die Revolutionäre: „Schluss
Satz, als er die Schlinge um den Hals trug: „Ich liebe doch mit der Übergangsregierung!“ Ein ewiger Satz der Linken.
alle.“ Lindner von der FDP sagte neulich, als das Land Ich dachte an zu Hause. Die Museumswärterin sah mit il-
auseinanderzufallen drohte, in der „Anne Will“-Talkshow: lusionslosem Blick auf die Leinwand, in die feurigen Au-
„Es geht um die große Richtung.“ gen der bärtigen Revolutionäre.
Neben Lindner saßen noch Altmaier von der CDU in Sie sagte nur: „Oh. Oh.“ Besser hätte es auch Martin
der Runde und Schulz von den Sozialdemokraten. Alle Schulz nicht sagen können.

DER SPIEGEL 7 / 2018 59


INA FASSBENDER / DPA
E-Auto-Ladestation

Umwelt

Klimafreundliche Elektroautos
Fahrzeuge mit alternativem Antrieb sind besser als ihr Ruf.
Elektroautos sind klimafreundlicher als Wagen mit Ver- dern die Batterien aufgeladen werden. In Deutschland
brennungsmotoren, auch wenn Studien oft das Gegenteil werden dabei größere Mengen Treibhausgas produziert als
behaupten. Das geht aus einer Untersuchung des For- in Norwegen oder Frankreich. Doch auch hierzulande
schungsinstituts International Council on Clean Trans- erweist sich die neue Antriebsform unterm Strich als über-
portation (ICCT) hervor, das elf Forschungsarbeiten legen. Laut der ICCT-Studie hat das Elektroauto spä-
zu dem Thema analysiert hat. Demnach sparen die strom- testens nach drei Jahren den Diesel oder den Benziner in
betriebenen Fahrzeuge über einen Lebenszyklus von seiner Klimabilanz überholt. „Dieser Vorsprung wird sich
150 000 Kilometern zwischen 28 und 72 Prozent des Treib- noch weiter vergrößern, wenn die Batterieproduktion
hausgases Kohlendioxid ein. Die Bandbreite ist so groß, und die Stromquellen grüner werden“, sagt der Deutsch-
weil auch der unterschiedliche CO2-Ausstoß bei der Pro- land-Chef von ICCT, Peter Mock. Seine Organisation
duktion der Batterien von E-Autos einkalkuliert werden war maßgeblich an der Aufdeckung der Abgasmanipula-
muss. Außerdem ist zu berücksichtigen, in welchen Län- tionen von VW beteiligt. gt

BayernLB LB-Vorstand und wäre dort ler scheidet aus. Ihn selbst
Aufsichtsrat kommt auch gern Chef geworden, kann Dreesen nicht beerben,
vom FC Bayern was ihm jedoch verwehrt
blieb. Zuvor hatte er Füh-
andernfalls müsste er seinen
Hauptjob als Finanzchef
Den Vize- und Finanzchef rungspositionen bei der Hy- beim Rekordmeister Bayern
des FC Bayern München, Jan- poVereinsbank und beim München aufgeben. Stattdes-
Christian Dreesen, zieht es Deutschlandableger der sen soll er in dem Gremium
zurück an seine alte Wir- Schweizer Großbank UBS eines der Mandate der
kungsstätte, die Bayerische bekleidet. Im zweiten Anlauf Sparkassen übernehmen, zu
Landesbank. Allerdings soll scheint Dreesen nun doch denen er enge Kontakte
Dreesen dort nicht in den noch einen Topjob der pflegt. Sie halten 25 Prozent
SVEN SIMON / IMAGO

Vorstand einrücken, sondern BayernLB übernehmen zu an der BayernLB, der Rest


in den Aufsichtsrat. Der ge- dürfen – als Kontrolleur. Dort gehört dem Freistaat. Die
bürtige Ostfriese verantworte- werden ab April einige Pos- endgültige Entscheidung trifft
te von 2009 bis 2013 das Mit- ten im Aufsichtsrat frei, auch die Generalversammlung der
telstandsgeschäft im Bayern- FC-Bayern-Vorstand Dreesen der Vorsitzende Gerd Häus- BayernLB im Frühjahr. baz

60 DER SPIEGEL 7 / 2018


Wirtschaft
Verbraucherschutz ren. Konkret geht es um eine Im Kleingedruckten wird dann schung. Procter & Gamble will
Shampoo-Reklame Sonderedition des Anti-Schup-
pen-Shampoos „Head & Shoul-
erklärt, dass nur 20 Prozent
des Plastikmaterials der Fla-
prüfen, ob man gegen den
Beschluss Widerspruch einlegt.
verboten ders“, bei der auf dem Etikett sche am Strand gesammelt Der US-Konzern inszenierte
Das Landgericht Frankfurt die Werbeaussage prangt: worden seien und der Deckel seine kleine Ökoaktion – die
hat dem Konsumgüterkonzern „Hergestellt mit Plastik, das nicht dazuzähle. Den Antrag speziellen Flaschen sind in
Procter & Gamble (Ariel, am Strand gesammelt wurde“. stellte der Schutzverband Deutschland nur bei einer Su-
Braun, Pampers) verboten, auf Auf der Flaschenrückseite gegen Unwesen in der Wirt- permarktkette erhältlich –
einer Shampooflasche beson- steht: „Diese Flasche war ein- schaft; er sieht in dem Auf- 2017 beim Weltwirtschafts-
dere Ökoreklame zu platzie- mal Plastikabfall am Strand.“ druck eine Verbrauchertäu- forum in Davos. mum

Unternehmen 2011 hatte der CDU-Politiker


Ausgeliehener TUI--Jet
Kehraus bei Bilfinger und frühere hessische Minis-
terpräsident eine weltweite
Der Mannheimer Industrie- Einkaufstour gestartet und in
dienstleister Bilfinger trennt großem Stil Firmen übernom-
sich von Altlasten aus der men. Sie sollten das Ange-
Ära seines glücklosen damali- botsspektrum erweitern und

MATT ALLISON
gen Vorstandschefs Roland neue Märkte erschließen.
Koch und dessen Vorgänger – Doch die meisten von ihnen,
auch wenn ihn das unter dem etwa der indische Ableger
Strich Geld kostet. Kurz nach Neo Structo, kamen nur
seinem Einstieg bei dem ehe- selten aus den roten Zahlen Luftfahrt schen Nummer N748MA un-
maligen Baukonzern im Jahr heraus. Mit anderen Unter- Im TUI-Jet nach terwegs und fliegt unter ande-
nehmen – etwa dem Leittech-
nikspezialisten Mauell – han- Guantanamo rem den US-Marinestütz-
punkt Guantanamo Bay auf
delte sich Bilfinger sogar Kor- Der Reiseveranstalter TUI Kuba mit dem berüchtigten
ruptionsvorwürfe ein. Damit nimmt Imageprobleme in gleichnamigen Gefangenenla-
ist nun Schluss. Kochs aktuel- Kauf, um die eigenen Maschi- ger an. Hintergrund ist ein
ler Nachfolger, der ehemalige nen auch im Winter besser Vertrag von Miami Air mit
Linde-Vorstand Tom Blades, auszulasten. Das zeigt das der US-Regierung, der den
hat bis Ende Januar bereits Beispiel einer Boeing 737, die Transport von Beamten und
FRANK RUMPENHORST / PICTURE ALLIANCE / DPA

zehn der Verlustbringer ver- der Konzern von November leitenden Mitarbeitern des
kauft. Weitere drei sollen bis bis April an die US-Charter- US-Militärs wie Offizieren
zum Sommer folgen. Als fluggesellschaft Miami Air In- vorsieht. Ein TUI-Sprecher
Preis kassierte Bilfinger im- ternational vermietet hat. versichert, „ein kurzfristiges
merhin noch einen niedrigen Die Maschine mit dem bishe- Verleihen von Flugzeugen“
zweistelligen Millionenbe- rigen Kennzeichen D-ATUK sei in der Ferienflugbranche
trag. Dem stehen jedoch be- und dem TUI-Smiley an der „gängige Praxis“. Einfache
trächtliche Abschreibungen Heckflosse wird normalerwei- Truppenangehörige oder
gegenüber, weil die angeb- se zu Ferienzielen wie Mallor- Häftlinge dürften in der Ma-
lichen Perlen einst viel zu ca oder Ibiza eingesetzt. Nun schine allerdings nicht trans-
Bilfinger-Mitarbeiter teuer erworben wurden. did ist sie mit der amerikani- portiert werden. did

Samstagsfrage Braucht es eine Robotersteuer?


Regelmäßig taucht in der steuerpolitischen Debatte des Fiskus unterliegt. Ein einfaches Beispiel macht
ein Phantom auf. Politiker, Ökonomen oder Journa- Industrieroboter das anschaulich. Ein Unternehmen ersetzt einen
listen fordern dann eine Robotersteuer. Ihre Be- Geschätzte Auslieferungen Facharbeiter mit einem Gehalt von 50 000 Euro
gründung: Nur so komme der Staat auf seine Kos- in Deutschland, in Tausend durch einen Roboter. Abgesehen von steuermin-
ten, wenn immer mehr menschliche Arbeit durch Quelle: IFR dernden Abschreibungen auf die Anschaffungs-
Maschinen ersetzt werde, nur so leisteten die 22 kosten der Maschine erhöht die Maßnahme den
Unternehmen, die die Rationalisierungsgewinne 2018 Gewinn des Unternehmens im gleichen Umfang.
14 (Prognose)
einstrichen, auch weiter einen Beitrag, um das Dieser Zusatzgewinn von 50 000 Euro unterliegt
Gemeinwesen zu finanzieren. Die Argumentation 2010 der normalen Besteuerung, das Finanzamt kassiert
hört sich schlüssig an, ist aber falsch. Seit Beginn der sowohl bei Personen- als auch bei Kapitalgesellschaf-
Industrialisierung verdrängen Maschinen oder Automaten ten auf Unternehmens- und Eigentümerebene knapp die
Menschen aus Fabrikhallen oder Büros. Anlass für eine Hälfte des zusätzlichen Gewinns. Das wäre sogar mehr, als
Maschinensteuer oder Automatisierungsabgabe hätte es also dem Fiskus durch die ausgefallene Einkommensteuer des weg-
schon lange gegeben, doch sie kam nie. Warum nicht? Weil sie rationalisierten Arbeitnehmers entgeht. Dessen persönlicher
nichts besteuern würde, was nicht ohnehin schon dem Zugriff Durchschnittssteuersatz liegt unter 30 Prozent. rei

DER SPIEGEL 7 / 2018 61


T.J. KIRKPATRICK / BLOOMBERG / GETTY IMAGES
US-Notenbankchef Powell: Zum Arbeitsbeginn des Neuen brachen weltweit die Aktienmärkte ein

Kalter Währungskrieg
Welthandel Die US-Wirtschaft boomt. Trotzdem befeuert Präsident Donald Trump die
Konjunktur weiter und redet einem schwachen Dollar das Wort. Damit bringt er
Europas Aufschwung sowie deutsche Exporte in Gefahr – und die EZB gegen sich auf.

S
eit 15 Jahren lässt Rolf Philipp in Philipps wichtigste Kunden, Airbus und bei ist der Anstieg des Euro, der vor etwas
Übersee am Chiemsee „Knochen für Boeing, verkaufen einen Großteil ihrer über einem Jahr begonnen hat, im Prinzip
Flugzeuge“ bauen. So nennt der Flugzeuge gegen Dollar und wälzen das eine gute Nachricht, dokumentiert er doch,
Gründer und Chef von Aircraft Philipp Währungsrisiko ab, indem sie auch ihre wie sehr sich die jahrelang schwache Kon-
jene Aluminium- und Titanteile für die Zulieferer in Dollar bezahlen. Ihre Markt- junktur des Kontinents erholt hat.
Luft- und Raumfahrtindustrie, die seine macht erlaubt es ihnen. Fällt der Kurs der Hinzu kommt, dass der Wille zur Zu-
Firma mit 250 Mitarbeitern in Oberbayern US-Währung, sinkt auch der Gewinn von sammenarbeit, zumindest in Europas Kern-
und am zweiten deutschen Standort Karls- Aircraft Philipp. Denn die Kosten entste- ländern, nach dem Brexit-Votum der Bri-
ruhe herstellt. Das Geschäft läuft gut, über hen überwiegend in Euro. ten zugenommen hat – vor allem dank des
60 Millionen Euro hat das Familienunter- „Wir haben in Deutschland einen tech- neuen französischen Staatspräsidenten.
nehmen zuletzt umgesetzt. nologischen Vorsprung, aber wenn der „Seit der Wahl von Emmanuel Macron ist
Doch seit einiger Zeit erschwert die Ent- Dollar wie ein Hammer auf uns fällt, dann die Euro-Skepsis weg. Die großen Investo-
wicklung in Übersee Philipp das Leben, nützt das nichts“, sagt Philipp. Läge der ren sind nach Europa zurückgekehrt, weil
genauer gesagt: in den Vereinigten Staaten, Kurs dauerhaft bei 1,35 Dollar oder höher, sie sehen, dass es wieder läuft“, sagt David
wo der amerikanische Dollar binnen acht dann würde es für Kunden immer attrakti- Folkerts-Landau, der Chefvolkswirt der
Monaten mehr als zehn Prozent seines ver, im Dollarraum einzukaufen. Deutschen Bank.
Wertes verloren hat. Zuletzt war ein Euro Je mehr die Gemeinschaftswährung an Doch die selbst gemachte Eurostärke ist
1,23 Dollar wert, noch vor einem Jahr hatte Wert gewinnt, desto schwieriger wird es nur die eine, erfreuliche Seite der Medaille.
Aircraft Philipp von Kursen unter 1,10 Dol- für europäische Exporteure wie Philipp, Die andere ist die America-First-Politik
lar profitiert. ihre Waren im Dollarraum abzusetzen. Da- von Donald Trump: Sein unverhohlenes
62 DER SPIEGEL 7 / 2018
Wirtschaft

Interesse an einem schwachen Dollar so- vom Währungskrieg geisterte plötzlich Der zweite Teil des Trumpschen
wie sein brisanter Cocktail aus Angebots- durch den Graubündner Wintersportort. Programms macht jedoch die Stoßrichtung
und Nachfragepolitik – Steuern senken, „Es dürfte kein Zweifel mehr bestehen, klar: In derselben Woche, in der sein
Vorschriften abschaffen, im Ausland ge- dass die US-Regierung nicht nur einen kal- Finanzminister den Dollar schwachredete,
parkte Vermögen repatriieren. Damit geht ten Währungskrieg führt, sondern auch im verhängte die US-Regierung Importzölle
der Präsident enorm ins Risiko. Begriff ist, ihn zu gewinnen“, kommentiert auf Waschmaschinen und Solarzellen. Die
Obwohl die amerikanische Wirtschaft Joachim Fels, Chefökonom der Fondsge- Kombination aus einem niedrigeren Wech-
bereits seit Jahren boomt und sich mit sellschaft Pimco, das Geschehen. Trumps selkurs und protektionistischen Maßnah-
einer Erwerbslosenquote von 4,1 Prozent Politik gefährdet die Erholung in Europa. men soll amerikanischen Unternehmen im
der Vollbeschäftigung nähert, befeuert Die Krisenpolitiker in der Europäischen Wettbewerb mit dem Rest der Welt einen
Trump den Aufschwung weiter – und ris- Zentralbank (EZB) sind daher ziemlich Vorteil verschaffen.
kiert eine Überhitzung, die für die gesamte verärgert. Aber auch ziemlich machtlos. „Die Regierung mag im Moment eindeu-
Weltwirtschaft zur Gefahr werden kann. Mit seiner Konjunkturpolitik ohne Rück- tig einen schwachen Dollar, weil die Infla-
Oberflächlich scheint alles gut. In Ame- sicht auf die Handelspartner – Ökonomen tion moderat ist und ein schwacher Dollar
rika, Europa und Asien wird im Gleich- sprechen von „Beggar-thy-Neighbour- es für das verarbeitende Gewerbe leichter
schritt mehr produziert, konsumiert und Politik“ – knüpft der Präsident an eine alte macht zu wachsen“, sagt der Ökonom
investiert. Gerade hat der Internationale amerikanische Tradition an. Anfang der Barry Eichengreen von der University of
Währungsfonds seine Prognose für das 1970er-Jahre war es Finanzminister John California, Berkeley.
Wachstum in der Welt auf je 3,9 Prozent Connally, der ein für damalige Verhältnisse Die spendierfreudige Fiskalpolitik drückt
in den Jahren 2018 und 2019 angehoben. gewaltiges Budgetdefizit von 40 Milliarden den Kurs der Währung ebenfalls. Wenn
Doch wie schnell aus Euphorie Panik Dollar in Aussicht stellte, als „fiskalischen Steuern sinken und der Staat die Ausgaben
werden kann, war zu Beginn vergangener Stimulus“ rechtfertigte und seine ob der erhöht, verfügen Haushalte über mehr
Woche zu sehen, als an den Börsen plötz- Dollarschwäche besorgten Amtskollegen Geld. Sie fragen mehr Waren aus dem Aus-
lich die Angst vor ausufernden Staatsschul- aus Europa mit einem inzwischen legen- land nach, kaufen dafür Devisen und
den, Inflation und Zinserhöhungen umging dären Bonmot abkanzelte: „Der Dollar ist schwächen damit ihre eigene Währung. Im
und die Wall Street den größten Punkte- unsere Währung, aber euer Problem.“ Inland treibt die höhere Nachfrage die Prei-
verlust ihrer Geschichte verzeichnete. Lloyd Bentsen, Finanzminister unter se, erst recht, wenn billige Einfuhren mit
Auch wenn der Kursrutsch an den Bör- dem Demokraten Bill Clinton, ließ 1993 Zöllen belegt werden, sodass die Kaufkraft
sen prozentual weniger dramatisch ausfiel, die Japaner wissen, dass er sich dringend des Dollar sinkt.
dürfte er Trump mächtig geärgert haben. einen stärkeren Yen wünsche, um den ho- Es sei denn, die Notenbank hält mit hö-
Den schwächeren Dollar dagegen hat seine hen Exportüberschuss des asiatischen Han- heren Zinsen dagegen. Das würde Anleger
Regierung regelrecht herbeigeredet. So delspartners einzudämmen. aus dem Ausland anlocken, die auf der Su-
will sie Exporte fördern, die Importe dros- Heute hat Donald Trump die amerika- che nach höheren Renditen sind, und den
seln und das Leistungsbilanzdefizit verrin- nische Tradition, Politik auf Kosten der Dollar stärken – aber auch den Auf-
gern – eines der zentralen Versprechen des Nachbarn zu machen, mit der America- schwung gefährden. Die Lage in der Wirt-
Wahlkämpfers Trump. First-Doktrin zum Programm erhoben. schaft und an den Finanzmärkten ist so
Auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum Trumps wirtschaftspolitische Agenda angespannt, dass Trumps Politik einem
ließ der Commander-in-Chief seinen sieht einerseits vor, die Konjunktur durch Zündeln am Pulverfass gleicht.
Finanzminister Steven Mnuchin verkün- Steuersenkungen und öffentliche Investi- Seine Politik könnte das über Jahre be-
den, dass ein schwacher Dollar ganz im tionen in die Infrastruktur anzukurbeln. hutsam gehegte Krisenmanagement der
Sinne der US-Wirtschaft sei. Zwar klang Das hilft amerikanischen Konzernen, auch Zentralbanken in Amerika und Europa
Trump selbst kurze Zeit später wieder et- der Rest der Welt könnte zunächst profi- über den Haufen werfen und die Noten-
was versöhnlicher, aber der Geist war aus tieren, wenn die US-Wirtschaft stärker banken zu einem rasanten Kurswechsel
der Flasche, die verbale Intervention wirk- wächst und Firmen aus Europa oder Asien zwingen. „Es ist nicht der richtige Zeit-
te: Der Dollar fiel rapide, das böse Wort mehr Aufträge erhalten. punkt für ein derartiges fiskalpolitisches

Wert eines Euro in US-Dollar US-Leitzins und US-Staatsanleihen US-Aktienindex Dow Jones
1,25 in Prozent in Punkten
Leitzins 26000
Rendite zehnjähriger Staatsanleihen 26000

25000
2,5 23 860

22. Jan. 5. Feb.


2018

1,5

1,05 Quelle: Thomson Reuters Datastream


Stand: 8. Februar, 23:00 Uhr
0,5 18000
2017 2018 2017 2018 2017 2018

DER SPIEGEL 7 / 2018 63


Wirtschaft

Programm“, sagt einer der einflussreichs- Avenue, nur vier Blocks vom Weißen Haus dem Ziel, die Inflation nahe an die Richt-
ten Zentralbanker der Welt. entfernt, gespürt haben: Just zu seinem marke von zwei Prozent zu bringen, jetzt
Der aktuelle Boom hängt wie wohl kein Arbeitsbeginn brachen weltweit die Ak- fürchten sie um die Früchte ihrer Arbeit.
Aufschwung zuvor an der Politik des billi- tienmärkte ein. Dem Notenbanker könnte „Wir sind zuversichtlich und zugleich
gen Geldes in den zehn Jahren seit Aus- Ähnliches blühen wie seinen Vorgängern wachsam. Zuversichtlich, weil unsere Geld-
bruch der Finanzkrise. Sie hat nicht nur Alan Greenspan und Ben Bernanke: politik wirkt und der Aufschwung robuster
die Konjunktur wieder in Gang gebracht, Greenspan, kaum zwei Monate im Amt, geworden ist, das bringt uns unserem
sondern auch die Aktien- und Immobilien- musste 1987 mit dem größten Börsencrash Ziel näher“, sagt EZB-Chefvolkswirt Peter
preise nach oben getrieben. Für Firmen- seit 1929 fertigwerden, Bernanke ab 2007 Praet. „Aber es gibt eine Reihe von inter-
übernahmen werden Mondpreise bezahlt die Folgen der Immobilienkrise mitsamt nationalen Risiken, und die beobachten
wie zuletzt 2007 vor der Finanzkrise. gewaltiger Rezession abfedern. wir genau.“
Der Kurssturz vom Montag hat auch of- Schon im März, wenn die Fed erstmals Als großes Risiko gilt im EZB-Rat ein
fenbart, dass Banken und Hedgefonds an unter Powell eine Zinsentscheidung treffen zu schwacher Dollar. Jahrelang haben
den Finanzmärkten wieder mit riskanten muss, könnte Powell gezwungen sein, den Europas Notenbanker den Leitzins unter
Wetten hantieren, die wie Brandbeschleu- Märkten zu signalisieren, ob er 2018 öfter null gehalten und in großem Stil Staats-
niger wirken, wenn die Stimmung an den die Zinsen anheben wird als die bislang und Unternehmensanleihen aufgekauft,
Börsen einmal umschlägt. Milliardenschwe- prognostizierten drei Mal. um die Konjunktur anzukurbeln. Auch
re sogenannte Exchange-Traded Notes „Das Inflationsrisiko in den USA steigt, wenn die EZB immer betont hat, keine
(ETN), die auf geringe Kursschwankungen die Zinsen an den Anleihemärkten sind Wechselkurspolitik zu betreiben, setzte
wetten, wurden im Zuge der Turbulenzen viel zu niedrig“, glaubt Folkerts-Landau, auch sie die Währung als ökonomische
zu Wochenbeginn schlagartig wertlos und der Powell als unabhängigen Geist schätzt. Waffe ein: Eine – gewollte – Begleiterschei-
verstärkten den Abwärtstrend. Am Don- „Er ist sehr pragmatisch und dürfte nicht nung ihrer Politik war ein niedriger Euro-
nerstag setzte sich die Talfahrt fort. einfach das tun, was andere wollen.“ kurs, noch vor einem Jahr näherte er sich
Jetzt grassiert die Angst, dass die schöns- Trump hat wohl angesichts der hohen der Parität von einem Dollar.
te aller Welten für Unternehmen, Regie- Staatsverschuldung an höheren Zinsen Der rasche Euroanstieg seither kam den
rungen und Spekulanten enden könnte; ebenso wenig Interesse wie an einem star- EZB-Lenkern ohnehin ungelegen, deshalb
eine Welt, in der wegen der Nullzinsen ken Dollar. Seine Steuerreform, so schät- reagierten sie ungewöhnlich schroff auf die
Schulden fast kein Problem waren, Inves- zen Experten, könnte das Haushaltsdefizit amerikanische Verbalintervention zulasten
titionen unfassbar billig und Geldanlagen binnen zehn Jahren um weitere 1,5 Billio- des Dollar. „Ein Währungskrieg ist das Letz-
aller Art scheinbar risikolos. nen Dollar vergrößern. te, was die Welt jetzt braucht“, schimpfte
Diese brisante Lage macht Jerome Powell Ob Trump sich durchsetzt oder Powell Praets Ratskollege Benoît Cœuré beim
zur vielleicht spannendsten Personalie im kraftvoll gegensteuert, ist auch für Europa Weltwirtschaftsforum in Davos. Und EZB-
Washington dieser Tage. Seine von Trump von großer Bedeutung. Bleiben die Zinsen Chef Mario Draghi erklärte Anfang der Wo-
weggelobte Vorgängerin Janet Yellen hat in den USA niedrig und hält Trump an sei- che vor dem Europaparlament in Straßburg,
dem neuen Chef der amerikanischen Zen- ner Politik des schwachen Dollar fest, be- durch die starken Kursschwankungen des
tralbank Federal Reserve (Fed) eine fast kommen die Europäer ein Problem. Euro entstehe „neuer Gegenwind“.
unlösbare Aufgabe hinterlassen. Im EZB-Turm im Frankfurter Ostend ist „In einem Währungskrieg ist es so:
Was auf ihn zukommt, dürfte Powell die Stimmung deshalb geladen wie lange Wenn man nicht auf einen Vorstoß rea-
schon an seinem ersten Tag in der gewal- nicht mehr. Die Mitglieder des mächtigen giert, wie Amerika ihn jetzt gemacht hat,
tigen Fed-Zentrale an der Constitution Zentralbankrats wähnten sich kurz vor dann wird der Angreifer ermutigt, weiter-
zumachen“, erklärt Ulrich Kater, Chef-
volkswirt der DekaBank. „Deshalb musste
die EZB schnell und scharf reagieren, und
das hat sie getan.“
Noch ist es nur ein Krieg der Worte,
doch dabei dürfte es nicht bleiben.
„Ein starker Euro könnte vor allem in
den Peripherieländern das Wachstum
bremsen“, sagt Deutsche-Bank-Chefvolks-
wirt Folkerts-Landau. „Die EZB könnte
sich daher gezwungen sehen, den Ausstieg
aus der ultralockeren Geldpolitik zu ver-
zögern, wenn der Dollar weiter fällt.“
US-Ökonom Eichengreen hält das Spiel
der Trump-Regierung mit dem Wechsel-
kurs noch aus einem anderen Grund für
MICHAEL NAGLE / BLOOMBERG / GETTY IMAGES

gefährlich. Es könne ein Moment kommen,


in dem Investoren an der Entschlossenheit
der US-Regierung zweifeln, ihre Kredit-
würdigkeit hochzuhalten. „Dann könnten
sie Dollar auf den Markt werfen, und der
Kurs könnte schneller fallen als erwartet.
Das wäre in niemandes Interesse.“
Vor allem nicht im Interesse europäi-
scher Unternehmen.
Noch ist der Dollar für die europäische
Kurstafel der New Yorker Börse: Wetten, die wie Brandbeschleuniger wirken Wirtschaft kein Problem, die meisten Ex-
64 DER SPIEGEL 7 / 2018
perten sehen den fairen Eurokurs zwi-
schen 1,25 Dollar und 1,30 Dollar. Fällt die
US-Währung weiter, ändert sich das Bild.
„Für die europäischen Exporte wird es ab
„Das ist eine Tortur“
einem Eurokurs von 1,35 oder 1,40 Dollar Gesundheit Kassenärzte-Chef Andreas Gassen über die
schwierig – und es ist gut möglich, dass sich
der Kurs auch dorthin bewegt“, glaubt Öko- Zweiklassenwelt in deutschen Wartezimmern
nom Folkerts-Landau. Ein schwacher Dollar und die neuen Pläne der angehenden Großen Koalition
sei nicht so sehr für die großen Dax-Kon-
zerne ein Problem, aber für den Mittelstand
mit seinen teils geringeren Gewinnspan-
nen – und erst recht für Unternehmen in
Italien und Spanien, „die tendenziell weni-
ger hochwertige Produkte exportieren und
damit stärker über den Preis konkurrieren“.
Zwar erzielen Dax-Konzerne wie Frese-
nius, SAP, Daimler, Bayer oder Linde
20 bis 50 Prozent ihrer Umsätze in den
USA, oft mehr als in Deutschland. Dennoch
leiden sie nicht mehr so stark unter Wech-
selkurskapriolen wie früher, als die Globa-
lisierung noch nicht so vorangeschritten war.
„Wir haben in den vergangenen zehn
Jahren die Wertschöpfung stark interna-
tionalisiert und so das Risiko durch Kurs-
schwankungen beim Dollar und anderen
Währungen deutlich verringert“, erklärt
Norbert Mayer, Leiter Konzernfinanzwe-
SILVIA KRÖGER-STEINBACH

sen bei BMW. Ein Aha-Erlebnis hatte May-


er kurz vor der Weltfinanzkrise. Damals
kletterte der Euro bis auf 1,50 Dollar, was
dem US-Geschäft von BMW sehr schadete.
Seitdem haben BMW und viele andere
Konzerne reagiert.
BMW setzte 2017 zwar in den USA Gassen, 55, ist Orthopäde und Vorstands- der Privatversicherten binnen einer Woche
353 000 Autos ab, produzierte aber rund vorsitzender der Kassenärztlichen Bundes- einen Termin beim Facharzt bekommen,
400 000 Fahrzeuge im Werk in Spartanburg vereinigung (KBV). bei Kassenpatienten sind es aber nicht mal
im Bundesstaat South Carolina. Unter dem 40 Prozent.
Strich bleibt dennoch ein Dollarrisiko im SPIEGEL: Herr Gassen, wenn Sie mal einen Gassen: Ich streite nicht ab, dass es sein kann,
einstelligen Milliardenbereich, unter ande- Arzt brauchen, wie lange müssen Sie da dass gesetzlich Versicherte vielleicht auch
rem weil die Münchner neben Fahrzeugen auf einen Termin warten? mal länger warten. Doch wenn es um ernst-
auch Motoren in die USA verkaufen. Da Gassen: Ich brauche nur selten einen Arzt. hafte Erkrankungen geht, dann wird im Not-
BMW aber Rohstoffe und andere Vorpro- Um einen Schnupfen auszukurieren, ken- fall der behandelnde Arzt für einen schnel-
dukte in Dollar einkauft und sich mit ne ich selbst genügend Hausmittel. Und len, oft taggleichen Termin beim Kollegen
Finanzgeschäften gegen Kursschwankungen wenn es sich um eine ernstere Erkrankung sorgen. Nichts anderes berichten auch Kol-
absichert, ist das Restrisiko überschaubar. handelt, bekommt jeder Patient in vertret- legen und Patienten. Ich glaube allerdings,
Für Mittelständler wie den Airbus-Zulie- barer Zeit einen Termin. dass das Gesundheitssystem in Wahrheit
ferer Rolf Philipp lohnt sich eine Produk- SPIEGEL: Wie sind Sie denn versichert? ein ganz anderes Gerechtigkeitsproblem hat.
tion im Ausland in der Regel nicht. Und je Gassen: Ich bin privat versichert, wie die SPIEGEL: Wo sehen Sie das?
weiter unten man in der Lieferkette stehe, meisten Ärzte und Freiberufler, allerdings Gassen: Es gibt tatsächlich Unterschiede
desto schwieriger sei es auch, sich beispiels- mit hohem Selbstbehalt. zwischen privatem und gesetzlichem Sys-
weise Vorprodukte in Dollar zu beschaffen, SPIEGEL: Über kein Thema haben Union tem, die sich auf die Versorgung auswirken.
erklärt Philipp. Deshalb bleibt ihm wie vie- und SPD in den Koalitionsverhandlungen In der privaten Krankenversicherung kann
len anderen Firmen nur, einen möglichst länger gestritten als über das Gefühl, dass ein Arzt beinahe unbegrenzt Leistungen
großen Teil der Aufträge über Banken ge- Privatpatienten in den Wartezimmern be- verordnen. In der gesetzlichen Kranken-
gen Wechselkursschwankungen abzusi- vorzugt werden. Gibt es in Deutschland versicherung gilt das Gebot der Wirtschaft-
chern. Aber das ist teuer – und es wird eine Zweiklassenmedizin? lichkeit. Es geht also nicht um das Maxi-
umso teurer, je länger die Dollarschwäche Gassen: Dass so viel über die Wartezeiten mum an Möglichkeiten oder Innovationen.
anhält und je tiefer der Kurs sinkt. gesprochen wird, macht mich fassungslos. Deshalb gibt es an einigen Stellen Grenzen:
Noch schlimmer als ein schwacher Dol- Wir haben in Umfragen mehrfach nachge- Leistungen für Kassenpatienten sind durch
lar aber wäre für Philipp, die Konzerne wiesen, dass wir in Deutschland an dieser Budgets gedeckelt.
und die gesamte Weltwirtschaft, wenn Do- Stelle im internationalen Vergleich ziem- SPIEGEL: Dann ist es also doch ein Unter-
nald Trumps riskante Politik in Inflation, lich gut liegen. In fast allen anderen euro- schied, ob ein Patient in Ihrer Orthopädie-
höhere Zinsen und ein abruptes Ende des päischen Ländern warten die Patienten praxis bei der AOK oder bei der AXA ver-
Wirtschaftsbooms münden sollte. Es wäre länger auf Arzttermine. sichert ist?
das Ende eines kalten Krieges, der nur Ver- SPIEGEL: Selbst Ihre eigene Versichertenbe- Gassen: Ich nehme mir für jeden Patienten
lierer kennt. Tim Bartz, Martin Hesse fragung zeigt doch, dass rund 60 Prozent die gleiche Zeit, aber die Systeme sind un-
DER SPIEGEL 7 / 2018 65
Wirtschaft

terschiedlich. Es gibt Fälle, in denen Mas- das etwa zwei Milliarden Euro kosten.
sagen aus medizinischer Sicht sinnvoll sein Aber das ist nicht unser erstes Ziel. Als
können, zum Beispiel bei Spastiken oder ersten Schritt könnten wir dafür sorgen,
schmerzenden Muskelerkrankungen. Bei dass der Erstkontakt des Patienten mit
einem Privatversicherten schreibt man ein dem Arzt immer bezahlt wird. Das wären
Rezept über 20 Massagen auf, und fertig. weniger als 500 Millionen Euro.
Bei einem gesetzlich Versicherten muss SPIEGEL: Ist es nicht zu platt, wenn ausge-
ein Arzt zwangsläufig darauf achten, ob rechnet die Ärztelobby nach mehr Millio-
er mit einer Verordnung sein Budget über- nen für die Mediziner ruft?
schreitet – und damit auch für die Behand- Gassen: Das ist einfach nur ehrlich. Wenn
lung aller anderen Patienten keine Leis- die Politik von uns verlangt, dass wir Pa-
tungen mehr verordnen kann, ohne in tienten schneller Termine anbieten sollen
einen Regress zu laufen. Zudem wird ja als bisher und dass Versicherte mehr Leis-
auch ein Teil der Arztbesuche durch die tungen in Anspruch nehmen sollen, dann
Honorarbudgetierung gar nicht bezahlt. muss sie dafür auch Geld auf den Tisch le-
SPIEGEL: Demnach ist ein Kassenpatient gen. Alles andere wäre unlauter. Auch den
doch ein Versicherter zweiter Klasse. Umfrage zu Wartezeiten Patienten gegenüber.
Gassen: Das stimmt so pauschal nicht. Die für einen Termin beim Facharzt*, SPIEGEL: Die Politik wirft den Ärzten vor,
gesetzlichen Kassen übernehmen viele Angaben in Prozent dass sie die Terminvergabe boykottieren,
Leistungen wie Reha-Kuren oder Haus- weil die Terminservicestellen oft nicht er-
haltshilfen, von denen viele Privatversi- gesetzlich privat reichbar sind. Eine bundesweite Service-
versichert versichert
cherte nur träumen können. Aber im Pra- nummer soll das Problem lösen, so steht
xisalltag führen die starren Budgets tat- es jetzt im Koalitionsvertrag.
sächlich dazu, dass ein Arzt genau rechnen keine Gassen: Die Nachfrage ist einfach sehr ge-
muss, was er verordnen und wie viele Wartezeit 16 19 ring. Die Menschen wollen nämlich meist
Patienten er sich leisten kann. nicht von irgendeinem Arzt behandelt
SPIEGEL: Gibt es neue Behandlungen, die werden, sondern von ihrem Wunscharzt.
den Versicherten von AOK, Barmer und ein Tag 4 7 Wenn sie zu Dr. Müller wollen, dann hilft
Co. aus Kostengründen vollkommen vor- es ihnen nicht, wenn wir ihnen einen Ter-
enthalten werden? min bei Dr. Meier anbieten. Die ganze
Gassen: Nichts, was lebensnotwendig wäre. 2 bis Idee der Servicestellen war ein politischer
Wenn es ernst wird, sind gesetzlich Versi- 3 Tage 6 10 Flop.
cherte genauso gut versorgt wie Privatver- SPIEGEL: Die angehenden Koalitionäre
sicherte. Aber natürlich gibt es einige Un- wollen eine Kommission einrichten, um
terschiede, bei ganz neuen Medikamenten bis eine die Honorare der Ärzte zu reformieren.
Woche 12 20
oder Behandlungsmethoden. Private Ver- Spricht überhaupt irgendetwas dagegen,
sicherer beispielsweise zahlen in der Regel die Bezahlung der Ärzte für die Behand-
eine Haarwurzelentfernung per Laser, bis 3 lung von gesetzlich und privat Versicher-
wenn die ärztlich verordnet ist. Bei den Wochen 22 20 ten völlig anzugleichen?
gesetzlichen Kassen ist das erst seit kurzer Gassen: Ja, ganz einfach: Selbst wenn die
Zeit für wenige Patienten möglich. Aber Ärzte sich in der Summe nicht schlechter-
eine Wurzelentfernung per heißer Nadel über 3 stellen sollen, wären die Folgen regional
ist eine Tortur. Wochen 30 17 höchst unterschiedlich verteilt. Im Osten
SPIEGEL: Und wie könnte man das Gesund- leben vergleichsweise wenige Privatversi-
heitssystem aus Ihrer Sicht gerechter ma- cherte. Dort würden die niedergelassenen
* Versichertenumfrage der Kassenärztlichen Bundesvereinigung;
chen? 1978 Befragte von Mai bis Juni 2017; an 100 Prozent fehlende: sonstige Ärzte bei einer Angleichung der Honorare
Gassen: Ganz einfach: Man sollte die Bud- überproportional profitieren. In vielen
gets in der gesetzlichen Krankenversiche- verstehen, wenn Kollegen in einer ähn- Gegenden im Westen dagegen würden
rung aufheben. lichen Situation dreimal überlegen, ob Ärzte unter teils massiven Einbußen lei-
SPIEGEL: Das würde bedeuten, dass Ärzte sie noch die letzten Patienten annehmen, den. Kein Patient würde dadurch besser
unbegrenzt verordnen dürfen. Damit ma- die um fünf vor fünf vor der Praxistür versorgt werden. Außerdem lassen sich die
chen Sie sich und allen niedergelassenen warten, wenn das Budget schon ausge- Prinzipien von gesetzlicher und privater
Medizinern nur selbst ein Geschenk. schöpft ist. Krankenversicherung nicht ohne Weiteres
Gassen: Im Gegenteil, heute sind wir die, SPIEGEL: Haben Sie am Quartalsende schon zusammenführen.
die Geschenke machen. Wir wollen ein- mal Patienten abgewiesen, weil Ihr Budget SPIEGEL: Mal ehrlich. Würden Sie engen
fach nur, dass jeder Besuch eines Patienten ausgeschöpft war? Freunden guten Gewissens raten, sich ge-
honoriert wird, dass vor allem bei jeder Gassen: Nein. Die Patienten können für setzlich zu versichern?
Erstkonsultation die Grundpauschale für diese Problematik ja nichts, zahlen ihren Gassen: Auf jeden Fall. Ich halte die gesetz-
jeden Patienten gezahlt wird. vollen Krankenkassenbeitrag und gehen liche Versicherung langfristig sogar für das
SPIEGEL: Ist das derzeit nicht so? wohl davon aus, dass der Arzt für ihre Be- überlegene System. In der PKV gibt es viel
Gassen: Nein. Ich kann da aus meiner handlung auch ein Honorar erhält. Aber Reformbedarf. Rein medizinisch ist die
eigenen Praxis berichten. Pro Quartal be- jeder Arzt stellt sich natürlich die Frage, Versorgung hier allerdings nicht besser.
handeln wir knapp 4000 gesetzlich versi- wie es sein kann, dass man für die Behand- Man kann das mit der Businessclass bei
cherte Patienten. Davon wurden uns im lung nicht mehr bezahlt wird. Flügen vergleichen: Man kann schneller
vergangenen Jahr aber nur 3500 Abrech- SPIEGEL: Was würde Ihr Vorschlag kosten? einsteigen und Champagner trinken. Aber
nungsscheine vergütet, 500 Patienten be- Gassen: Wenn wir die Budgetdeckel in ans Ziel kommt man mit Economy genau-
handeln wir quasi unentgeltlich. Ich kann einem Schritt komplett aufheben, würde so sicher. Interview: Cornelia Schmergal

66 DER SPIEGEL 7 / 2018


Wirtschaft

würde. Dieter von Holtzbrinck war über ner Zeit beim „Handelsblatt“ Redakteur

Sturz die Wortwahl offenbar so erbost, dass er


nicht nur ein paar Zeilen der Entschuldi-
gung an Schulz schrieb, sondern er ent-
beim SPIEGEL war, eher in die Riege derer
ein, denen die Zukunft gehört. Seine Bran-
chenkollegen ließ er gern als zaudernde,

eines Ikarus schloss sich auch, den Schreiber der Zeilen


vor die Tür zu setzen.
Für Steingart kam das Zerwürfnis
jammernde, nostalgische Innovationsmuf-
fel dastehen. Vollends oben angekommen
muss er sich gewähnt haben, als ihm Holtz-
Karrieren Gabor Steingart machte angeblich völlig überraschend. Für die brinck drei Prozent der Anteile an der Ver-
Branche ist es der Sturz eines Ikarus. Stein- lagsgruppe übertrug. „Eine große Geste
aus dem verschlafenen gart genoss unter Kollegen den Ruf eines des Verlegers“ sei das gewesen, nach der
„Handelsblatt“ ein machtvolles journalistischen Zirkusdirektors, der die er nicht gefragt und mit der er nicht ge-
Manege „Handelsblatt“ nach Belieben do- rechnet habe, schwärmte Steingart einmal.
Sprachrohr. Nun hat er die minierte. Er hatte das einst grundlangwei- Er selbst war ja auch äußerst findig da-
Gunst seines Verlegers verloren. lige Wirtschaftsblatt zu einem machtvollen rin, dem Haus neue Erlösquellen zu er-
publizistischen Instrument umgebaut – schließen – und zeigte dabei weniger Be-

E
r hatte sich früh festgelegt. Andere und damit für lange Zeit auch das Vertrau- rührungsängste als vielleicht die meisten
feierten Martin Schulz gerade als en des Verlegers errungen, der das „Han- deutschen Pressemanager. So wie es keine
neuen Heilsbringer der SPD – da delsblatt“, wie er intern sagte, endlich so Zeitungskrise gebe, sagte Steingart, gebe
keilte „Handelsblatt“-Herausgeber Gabor hatte, wie er es sich wünschte. es auch keine sinkenden Werbeerträge.
Steingart bereits gegen ihn. Nicht politisch, Ob es wirklich die paar kantigen For- Die Werbung suche sich nur andere Wege.
sondern persönlich. mulierungen über Martin Schulz waren, Und auf diesen Wegen sollte das „Han-
Er polterte gegen den „im Volk weithin delsblatt“ dabei sein.
unbekannten Mann – der die Zulassung Die Grenze von redaktionellen Inhalten
zum Abitur nicht schaffte, wenig später und kommerziellen Verlagsinteressen
zum Trinker wurde, bevor er als granteln- schien jedenfalls flexibel. Das „Handels-
der Abstinenzler für 22 Jahre im Brüsseler blatt“ suchte die Nähe von Unternehmen,
Europaparlament verschwand“. Er hielt über die es berichtete, manches Mal mehr
Schulz für dumm, und er schrieb das auch. als nötig. Konzerne traten als Sponsoren
Nur etwas eleganter. Wer als Kanzlerkan- auf, Topmanager brachten Glanz auf „Han-
didat gegen Angela Merkel antrete, müsse delsblatt“-Veranstaltungen, das hauseigene
„eine Dachstube mit Innenausbau vorwei- Research Institute bot ökonomische Exper-
sen können“. tise auch Unternehmen an.
Gegen diese Ausfälle nahm sogar die Am augenfälligsten war das Verwischen
„FAZ“ den SPD-Mann in Schutz. Steingart der Grenzen im Fall General Electric (GE),
denke über das Abitur offenbar, „es gehöre den das Magazin „Wirtschaftsjournalist“
zum Gehirn oder hinterlasse besondere 2013 beschrieb. Der US-Konzern buchte
Spuren im Denken“, ätzte das Blatt. Werbepakete und bekam redaktionelle
Steingart schrieb solche Dinge im „Mor- Präsenz: GE-Chef Jeffrey Immelt durfte
ning Briefing“, das er alltäglich per E-Mail etwa auf der Website des „Handelsblatts“
an über 500 000 Abonnenten verschickte. in einem Artikel Werbung machen. Bei
LENA BÖHM / IMAGETRUST

Wer es regelmäßig las, wusste: Wen er liebt, Steingarts „Deutschland Dinner“ war Im-
den liebt er lange. Wen er hasst, der hat melt als „Ehrengast“ geladen. Das „Han-
nichts zu lachen. Es soll Leser gegeben ha- delsblatt“ sah keinen Interessenkonflikt.
ben, die nach diesen morgendlichen Scharf- Ging es am Ende um diese Dinge? Um
richtereien süchtig waren. Steingart selbst, teure Projekte wie die „Global Edition“,
so viel ist sicher, genoss die Perspektive „Handelsblatt“-Herausgeber Steingart die bis zuletzt offenbar Verluste einfuhr –
des Urteilenden, bisweilen Aburteilenden. Erst einmal ausgehämt die Dieter von Holtzbrinck aber klaglos
Nun hat es sich für Steingart selbst erst hinnahm, weil er den Elan Steingarts
einmal ausgehämt. Am Donnerstag be- die Steingart den Chefposten kosteten, ist schätzte. Ziemlich lange habe der Altver-
sprach sich Steingarts Chef, der Verleger zumindest fragwürdig. Noch umstrittener leger seinen umtriebigen Ziehsohn vertei-
Dieter von Holtzbrinck, mit seinem inners- nämlich, vielleicht noch angreifbarer war digt, heißt es. Eigentlich habe er auch die
ten Zirkel. Bald war klar: Steingart muss er in seiner Rolle als Geschäftsführer. „Morning Briefings“ gemocht. Doch um
gehen. Anlass war die letzte Salve, die er Denn: Wie erfolgreich war er wirklich? Holtzbrinck herum war die Zahl der Freun-
gegen Schulz losgelassen hatte: ein paar Nach außen hin wirbelte Steingart per- de Steingarts nicht eben groß. Mancher Ma-
fiese Sätze darüber, wie Schulz sich das manent, schuf neue digitale Produkte wie nager des Hauses hätte sich weniger öf-
Außenministerium von Sigmar Gabriel ge- die englischsprachige „Global Edition“, fentliche Selbstdarstellung Steingarts ge-
griffen hatte. (Gabriel, man kann das ah- Leserevents und Konferenzen, ließ Dut- wünscht und dafür mehr ökonomischen
nen, kam in den „Morning Briefings“ deut- zende Redakteure anlässlich der Brexit- Erfolg.
lich besser weg als im Rest der deutschen Berichterstattung nach London fliegen Zwei Dinge jedenfalls sind über Dieter
Presse, aber das nur nebenbei.) oder zur US-Wahl nach Washington, von Holtzbrinck bekannt: dass er sich in
Steingart fabulierte von einem „perfek- schrieb Bücher, moderierte und unterteilte redaktionelle Inhalte nicht einmischt. Und
ten Mord“, den Schulz an Gabriel begehe, die Welt in Freunde und Feinde. Auch die dass er der SPD nicht nahesteht.
und malte sowohl die Tötung wie auch die Manager der deutschen Konzerne teilt Vielleicht kamen Steingarts Entgleisun-
verlogenen Tränen des Täters mit dem Steingart gern in Stars und Verlierer ein. gen zu Martin Schulz für Dieter von Holtz-
breiten Pinsel aus. Grautöne gibt es selten. Die einen sind brinck gerade zur richtigen Zeit.
Er konnte da nicht ahnen, dass dies wohl eben von morgen, die anderen von gestern. Markus Brauck, Isabell Hülsen,
sein letztes „Morning Briefing“ werden Sich selbst ordnet Steingart, der vor sei- Veit Medick, Martin U. Müller

DER SPIEGEL 7 / 2018 67


Der China-Algorithmus
Digitalisierung Die Regierung in Peking schirmt die heimischen Internetkonzerne vor
ausländischer Konkurrenz ab. Doch das erklärt ihren steilen Aufstieg nur zum Teil.

F
reitagabend, 20 Uhr, Primetime in der Drohne, die sich ihre eigene Flugbahn Gang, ihrer einzigartigen Weise, sich zu
Chinas Staatsfernsehen. Im ersten suchte, mit dem Computer, der Gedichte bewegen.
Programm beginnt eine große Unter- schrieb, mit dem Basketball-Roboter, der Zuerst ist nur das körnige Bild einer
haltungsshow, die seit Monaten Millionen aus allen Lagen so präzise Körbe warf, wie Überwachungskamera zu sehen: Ein
vor den Bildschirm lockt: „Ji zhi guo ren“, es keiner der Kandidaten schaffte. Mann, den Kopf unter einer Mütze ver-
wörtlich: „Maschinenweisheit gegen den Der Star dieses Abends aber ist Huang steckt, huscht über einen Hinterhof. Dann
Menschen“. Yongzhen, 34, der ein Start-up namens kommt er mit sieben anderen, exakt gleich
Die Sendung ist eine Mischung aus „Wet- Watrix führt, das sich auf eine spezielle gekleideten Männern auf die Bühne, sie
ten, dass..?“ und einer Wissenschaftsshow: Anwendung künstlicher Intelligenz kon- drehen eine Runde. Wer von den acht war
Vier Kandidaten, darunter ein Informatik- zentriert hat. Seine Software kann Men- es, der vorher über das Studiogelände lief?
professor, treten gegen die neueste Erfin- schen identifizieren – nicht anhand ihres Die Kandidaten versagen, Watrix iden-
dung eines chinesischen Start-ups an. Meis- Gesichts, ihrer Stimme oder ihres Finger- tifiziert ihn sofort: Es war Kapuzenmann
tens gewinnt die Maschine. So war es mit abdrucks. Sie erkennt sie allein an ihrem Nummer 7. Erwischt. Applaus.
68 DER SPIEGEL 7 / 2018
Wirtschaft
Tencent-Zentrale in Shenzhen
„Kraftwerke der Innovation“

dem Weg an die Weltspitze. Fernsehshows australischen Start-up-Unternehmers und


wie „Ji zhi guo ren“ bringen nur unters Futuristen Brett King.
Volk, was Regierung, Unternehmen und Domingos’ Buch gilt als Standardwerk
Forschung vorantreiben. Ziel der Sendung über die künstliche Intelligenz, Kings
sei es, so das Staatsfernsehen, „die Neugier „Augmented“ beschreibt, wie die zuneh-
der Menschen auf die Möglichkeiten der mende Vernetzung unser Leben künftig
Wissenschaft zu erregen“. verändern wird. Beide Bücher sind ins Chi-
Die Erregung hat auch westliche Exper- nesische übersetzt (ins Deutsche übrigens
ten erfasst. „Chinas Internet-Player ver- noch nicht).
schieben das Zentrum der Schwerkraft in Xis Botschaft ist nicht schwer zu deuten:
der globalen Digitalwirtschaft“, schrieb die Die Führung der Kommunistischen Partei
Unternehmensberatung PwC in einer Stu- hat keine Angst vor der Digitalisierung,
die, die sie „The Rise of China’s Silicon sondern sie fördert sie auf eine Weise, die
Dragon“ nannte. „Wie Gladiatoren“ schlü- gleichzeitig Chinas Volkswirtschaft und
gen sich die Start-ups auf dem „umkämpf- dem „digitalen Leninismus“ dient, dem
testen Markt der Welt“ und verwandelten zunehmend autoritären Überwachungs-
sich dabei von Imitatoren in „Kraftwerke staat.
der Innovation“ – so ein Kollege von Seit Langem schirmt Pekings Internet-
McKinsey. zensur chinesische Onlinefirmen gegen
Wie weit sind die Chinesen wirklich? ausländische Konkurrenten wie Google,
Europa haben sie wohl abgehängt. Doch Facebook und Twitter ab und hält damit
werden sie auch Amerikas Onlinegiganten zugleich kritische Ideen auf Abstand. Zur-
überholen? Was macht die Stärke von Chi- zeit plant die Regierung, die letzten noch
nas IT-Sektor aus? verbliebenen Verbindungen zu kappen,
Das Internet hat die Mehrheit der Chi- die sogenannten VPN-Tunnel, über die
nesen später erreicht als die Gesellschaften sich Ausländer, ausländische Firmen, aber
des Westens. Die Chinesen waren jünger auch Chinesen Zugang zum freien Internet
und ärmer, als die digitale Revolution sie verschaffen. Noch zögert Peking mit der
traf. Viele von ihnen haben das Zeitalter totalen Abschottung, doch vieles deutet
des Desktop-Computers nicht mehr mit- darauf hin, dass noch in diesem Frühjahr
bekommen. Daraus folgen zwei wichtige die letzten Schlupflöcher geschlossen wer-
Unterschiede zum Westen: Die meisten den könnten.
Chinesen kennen die digitale Welt nur Die „Große Brandmauer“ nach außen
vom vertrauten Anblick ihres Smartphones. ist aber nur die eine Seite von Chinas In-
Und die Unternehmer unter ihnen sahen dustriepolitik. Die andere ist die massive
das Internet von Anfang an als eine Mög- Unterstützung der Digitalwirtschaft im In-
lichkeit, Geld zu verdienen. neren. Von der Mandschurei im Norden
Doch es sind nicht nur die Größe seines bis in die südchinesische Hightech-Metro-
ZHU MIN / IMAGINECHINA / LAIF

Marktes und der Einfallsreichtum seiner pole Shenzhen richtet die Regierung Tech-
Forscher, die China diesen digitalen Boom nologiezentren ein, bietet Konzernen at-
bescheren. Es ist das Zusammenspiel von traktive Grundstücke, Start-ups günstige
mindestens fünf Faktoren, die sich gegen- Mieten an und fördert den Zuzug von Ta-
seitig verstärken und das Land internatio- lenten.
nal wettbewerbsfähig machen: der massive, Vor einem Jahr zog der Software-Inge-
steuernde Eingriff des Staates; die über nieur Zhou Liuyang, 30, nach Shenzhen
Jahre aufgetürmten Vermögen seiner gro- und gründete Webot, ein Start-up, das
Europäische Zuschauer mag es inner- ßen Unternehmen; der Eifer, mit dem Re- Sprachassistenten für Versicherungen ent-
lich frösteln, wenn die Kamera den Iden- gierung und Unternehmen Daten sammeln wickelt. Er hatte in Hongkong promoviert
tifizierten ins Visier nimmt. Doch das chi- und verarbeiten; die Stärke von Chinas und zunächst überlegt, seine Firma dort
nesische Publikum ist hingerissen. Was verarbeitender Industrie – und eine Bevöl- aufzubauen. „Das Leben ist sehr einfach
Science-Fiction-Filme wie „Mission Im- kerung, die neue Technologien mit einer in Hongkong, das Essen großartig“, sagt
possible“ nur vorhersagen – Chinas Inge- Euphorie begrüßt, die im Westen wachsen- er. „Aber ich wollte mehr.“
nieure können das heute schon: „Gait- der Skepsis weicht. Zum Beispiel wollte er wegen der teuren
Recognition“, Gang-Erkennung, ein neues Daten, mit denen seine Firma arbeitet, den
Überwachungsinstrument, das selbst aus Zugang zu den Büros mit einem Fingerab-
50 Meter Entfernung funktioniert und
I. Der Staat druckverfahren sichern. „Um das zu tun,
gegen das keine Vermummung hilft. Wa- Als Chinas Präsident Xi Jinping Anfang muss man in Hongkong seine Mitarbeiter
trix arbeitet bereits mit den Sicherheitsbe- Januar seine Neujahrsansprache hielt, fiel abstimmen lassen. Das kann sehr lange
hörden zusammen. Als Erstes werden Chi- den Zuschauern eine kleine Veränderung dauern – und am Ende doch scheitern,
nas Atomkraftwerke mit seiner Software auf. Im sorgfältig arrangierten Bücherregal, wenn mehr als die Hälfte der Leute das
ausgestattet. vor dem die Rede aufgezeichnet wurde, vielleicht nicht wollen.“
Die Zuversicht der Chinesen angesichts standen wie üblich das „Kommunistische In Shenzhen hat ein Gründer freie Hand,
ihrer Digitalwirtschaft ist derzeit grenzen- Manifest“ und Marx’ „Kapital“, daneben wenn es um verschärfte Sicherheit geht.
los. Ob künstliche Intelligenz (KI), virtu- aber auch zwei neue, überraschend aktu- „Außerdem läuft alles schneller hier: Ich
elle Realität (VR), Online-Shopping, mo- elle Titel: „The Master Algorithm“ des US- brauchte genau eine Woche, um meine Fir-
bile Zahlmodelle oder Finanzdienstleistun- Informatikers Pedro Domingos sowie ma zu registrieren, alles online. In Hong-
gen – das Reich der Mitte sieht sich auf „Augmented. Life in the Smart Lane“ des kong hätte ich von Amt zu Amt laufen
DER SPIEGEL 7 / 2018 69
Wirtschaft

und Papiere ausfüllen müssen. Zwei bis


drei Monate hätte das gedauert.“
Vor allem aber helfe der Staat bei einem
der größten Probleme für Start-ups, die
sich mit künstlicher Intelligenz befassen:
der Talentsuche. „Wer an einer der 150 bes-
ten Universitäten der Welt studiert hat, ist
hier sehr willkommen“, sagt Zhou. Über-
flieger von Oxford bis Stanford werden in
Shenzhen nicht nur steuerlich, bei der Ge-
sundheitsversorgung und beim Schulgeld
für ihre Kinder bevorzugt. Sie kassieren
auch bares Geld: Bis zu 600 000 Yuan, um-

GILLES SABRIÉ / DER SPIEGEL


gerechnet 75 000 Euro, erhalten Absolven-
ten wie Zhou Liuyang von der Stadtre-
gierung zusätzlich zu ihrem Einkommen,
jährlich, steuerfrei, fünf Jahre lang vom
Zeitpunkt ihrer Niederlassung an.
„Peacock-Plan“ heißt dieses Förderpro-
gramm, das bislang knapp 2000 Toptalente Firmengründer Pan: „Wir stehen hier in einem Regenwald von Zulieferern“
nach Shenzhen gelockt hat und sich nicht
nur an Chinesen und Software-Ingenieure Handy bezahlt, 50-mal so viel wie die teiligungen. Alibaba vertreibt Waren von
wendet, sondern an Promovierte aller Län- Amerikaner. Die Chinesen erledigen nicht Firmen wie Aldi oder Zara und hat zuletzt
der und Disziplinen, an Ärzte, Architek- nur ihre täglichen Einkäufe über die Be- den von den deutschen Samwer-Brüdern
ten, Natur- und Geisteswissenschaftler, zahldienste von Alibaba und Tencent. Sie gegründeten Onlinehändler Lazada ge-
selbst an Sänger und Dirigenten. legen auch Ersparnisse über das Smart- kauft. Tencent ist unter anderem am US-
26 Linguisten, Finanzexperten und In- phone an oder nehmen Kredite auf. Autobauer Tesla und am schwedischen Mu-
genieure drängen sich bei Webot an Shen- Interessant ist, was Chinas Internetfirmen sikstreaming-Dienst Spotify beteiligt und
zhens „Hightech-Allee“. Das Büro ist mit dem Geld machen, das sie einsammeln: hat die Mehrheit am finnischen Spiele-Ent-
längst zu klein, nach dem chinesischen Sie knüpfen Wertschöpfungsketten, die weit wickler Supercell („Clash of Clans“) über-
Neujahrsfest Mitte Februar zieht die Firma über ihre angestammten Geschäftsfelder nommen.
in einen der vielen neuen Wolkenkratzer hinausgehen und immer mehr Lebensberei- In den bevölkerungsreichen Ländern
um. Ende des Jahres, schätzt Zhou, will che erfassen – Mobilität, Tourismus, Einzel- Südostasiens betreiben die Chinesen be-
er gut hundert Leute beschäftigen, seine handel, Immobilien, Gesundheit. reits eigene Unternehmen, dort funktio-
Software so bald wie möglich international Beispiel Tencent, Beispiel Unterhaltung: nieren ihre Geschäftsmodelle sehr gut.
vermarkten und dann an die Börse gehen. Im November ging in Hongkong die „China Ob das auch für Europa und die USA
Den Hauptsitz wird er aber in Shenzhen Literature Group“ an die Börse, Tencents gilt, ist offen. Tencent und Alibaba haben
belassen. Dass ihn die Regierung dort för- Onlineverlag, bei dem mehr als sechs Mil- jedenfalls damit begonnen, ihr zukunfts-
dert, ist Zhou wichtig, auch wenn der Staat lionen Autoren unter Vertrag stehen. Chi- trächtigstes Geschäft zu exportieren, ihre
ihm auf die Finger schaut. Davon scheint nesen schreiben und lesen gern online, vor Bezahldienste. An europäischen Flughäfen,
er auszugehen: Die Kamera an seinem allem Science-Fiction-Texte. Am Abend auch in Filialen deutscher Drogeriemärkte
Notebook hat er jedenfalls mit schwarzem des ersten Handelstages hatte sich der Wert wie Rossmann und dm, können chinesi-
Isolierband zugeklebt. der „China Literature“-Aktie zwischenzeit- sche Touristen bereits mit ihrem Handy
lich verdoppelt. zahlen. In China wiederum können Aus-
Über seinen Onlineverlag verfügt Ten- länder seit ein paar Tagen ihre internatio-
II. Das Geld cent über eine potenziell unerschöpfliche nalen Kreditkarten mit WeChat Pay ver-
Im Januar überholte der Börsenwert von Quelle von Stoffen, die andere Bereiche knüpfen.
Chinas Digitalkonzern Tencent zwischen- des Konzerns dann verwandeln können: Bevor sich aber das zweifellos prakti-
zeitlich den von Facebook – mehr als 500 in Fernsehserien (Tencent Video), Kinofil- sche chinesische Bezahlmodell weltweit
Milliarden Dollar, doppelt so viel wie ein me (Tencent Pictures) und, besonders ein- gegen die Kreditkarte durchsetzt, müsste
Jahr zuvor. Das Unternehmen begann mit träglich, in Videospiele (QQ Games). aber wohl eine grundsätzliche Frage ge-
einem Messengerdienst, stieg dann zu Mit der populären Fantasy-Saga „Kämp- klärt sein: Was würden die Chinesen mit
Chinas größter Gaming-Firma auf und fer des Schicksals“, 2014 als E-Book er- unseren Daten machen?
bedient mit seiner Universal-App WeChat schienen, steht der Konzern kurz vor dem
(SPIEGEL 41/2016) inzwischen viele andere Abschluss einer solchen Verwertungskette:
Bedürfnisse: chatten, spielen, navigieren, Als Zeichentrick- und Streamingserie ist
III. Die Daten
bestellen – und bezahlen. In diesen Tagen der Stoff verarbeitet, demnächst kommen Wenn die Software von Watrix einen Men-
dürfte die Zahl der WeChat-User die Mil- ein Kinofilm und ein Handyspiel auf den schen an seinem Gang identifiziert hat,
liardengrenze überschreiten. Markt. Ist Tencent, fragt das US-Magazin dann reicht ein Video von zwei Sekunden
Vor allem das mobile Bezahlen hat Ten- „Forbes“, so etwas wie „Chinas Disney“? aus, um ihn über jede moderne Überwa-
cent und den Onlinehändler Alibaba (Bör- Doch Entertainment ist nur eines von chungskamera wiederzuerkennen. „Wir
senwert: 460 Milliarden Dollar) so reich vielen Feldern, in die der Konzern inves- müssen nur genug von ihm zu sehen krie-
gemacht und könnte sie langfristig über tiert – und China nicht das einzige Land, gen“, sagt Huang Yongzhen, der das Start-
US-Rivalen wie Google und Facebook (je- das er erobern will. up bei „Maschinenweisheit gegen den Men-
weils rund zwei Milliarden Nutzer) hinaus- Bislang beschränken sich die globalen schen“ vorgestellt hat. Etwa 60 Prozent des
wachsen lassen. 5500 Milliarden Dollar ha- Aktivitäten von Chinas Onlineriesen auf Körpers sollten sichtbar sein, um ihn aus
ben chinesische Kunden 2016 über ihr Kooperationen und strategische Be- einer Menschenmenge herauszufiltern.
70 DER SPIEGEL 7 / 2018
len Ambitionen ist dieser Vorteil ein Nach-
teil: Niemand wird ihnen vertrauen.

IV. Die Macher


Die Werkstatt von Pan Hao, 34, sieht aus
wie die Kulisse eines Erfindertraums. Mo-
dernstes Gerät steht herum: 3-D-Drucker,
Kompressoren, frisch gelötete Platinen,
ein Roboter des Augsburger Hightech-
Unternehmens Kuka, das kürzlich von
einem chinesischen Konzern übernom-
men wurde.

GILLES SABRIÉ / DER SPIEGEL


„Hier kommen Leute her, die Ideen ha-
ben“, sagt Pan, Gründer des Start-ups
„Seeed Studio“ in Shenzhen. „Wir helfen
ihnen dabei, sie umzusetzen.“
Pan führt zwei Sphären zusammen, de-
ren Kombination sich noch als „Killer-
Unternehmer Liu: „Wer hat in China schon eine Garage?“ App“ der chinesischen Digitalwirtschaft
erweisen könnte: den Einfallsreichtum jun-
In spätestens zehn Jahren, schätzt Hu- Doch die Rüge der Regierung war bes- ger Nerds und Ingenieure – und die Res-
ang, werde sich die Gangerkennung in Chi- tenfalls Kosmetik. Der Staat selbst sam- sourcen einer verarbeitenden Industrie, die
na flächendeckend durchgesetzt haben, melt noch viel eifriger als jedes chinesische 40 Jahre lang die „Werkbank der Welt“
um Straßenkreuzungen und U-Bahn-Sta- Unternehmen, ja er hält selbst ausländi- war. Wer ein neues Gerät oder ein digitales
tionen zu überwachen und Verbrecher zu sche Firmen an, für ihn mitzusammeln. Gadget, ein besonderes Design im Sinn
fangen. Ein paar „technische und gesetzli- Das im Juni verabschiedete Cybergesetz hat, dem stellt „Seeed“ die Ausrüstung be-
che Hürden“ seien noch zu nehmen, aber verpflichtet alle Unternehmen, die Netz- reit, um einen Prototyp zu bauen. Wenn
für beides sei China gut gerüstet. „Das werke oder Cloud-Dienste betreiben, ihre er weiter vorankommt, vermittelt ihn das
wird im Silicon Valley nicht so schnell ge- Daten auf chinesischen Servern zu spei- Start-up an einen Betrieb, der eine Klein-
hen. Mit einem Produkt wie diesem haben chern und die Protokolle mindestens sechs serie herstellen kann; wenn die erfolgreich
wir in China einen Vorteil.“ Monate lang aufzubewahren: Vorratsda- ist, an eine Fabrik, die das Gerät in Massen
Gesichtserkennung, Stimmenerkennung, tenspeicherung auf Chinesisch. produziert.
Gangerkennung, Verkehrsströme, indivi- Als Amnesty International die führen- „Wir haben wie früher die Deutschen
duelle Konsumentenprofile – chinesische den elf Messaging-Dienste der Welt auf ih- und die Japaner lange nur kopiert. Nun
Unternehmen sammeln und verarbeiten ren Schutz der Privatsphäre hin überprüfte, fangen wir an, Dinge auch selbst zu ent-
Daten in einem Ausmaß, das in anderen landete Tencent mit 0 von 100 Punkten auf wickeln“, sagt Pan. Die Unzahl der Betrie-
Ländern unvorstellbar wäre. Die künst- dem letzten Platz. Chinas Meisterschaft im be aller Größen und Kompetenzen sei eine
liche Intelligenz, die diese unstrukturierten Datenlesen ist eine fragwürdige Errungen- historische Chance für China. „Wir stehen
Datenmassen lesbar und verständlich schaft. Sie mag chinesischen Unternehmen hier in einem Regenwald von Zulieferern.“
macht, beschleunigt die Entwicklung. Chi- einen Vorteil verschaffen – für ihre globa- Es gebe kaum etwas, das sich in China
nas Regierung ist bereit, Hun- nicht zur Serienreife bringen
derte Milliarden Dollar zu in- ließe, gerade hier am Perlfluss-
vestieren, um das Land bis Chinas Tech-Riesen delta, wo Chinas industrieller
2030 zur Nummer eins in Sa- Die Gegenspieler zu den US-Marktführern Aufstieg seinen Anfang nahm.
chen künstliche Intelligenz zu Pan arbeitet nicht nur mit
machen. Chinesen zusammen, in seiner
Die Sammelwut hat Dimen- Werkstatt und den modern
sionen angenommen, die of- u. a. soziale Netzwerke, u. a. Handelsplattform, Suchmaschine, verglasten Konferenzräumen
Bezahlsysteme, ähnlich vergleichbar mit Amazon ähnlich wie Google
fenbar selbst Chinas Regie- wie Facebook stehen seine Landsleute mit
rung nicht mehr geheuer sind. Europäern, Australiern und
Anfang des Jahres bestellte sie 504 Marktkapitalisierung, 462 88 Amerikanern am Bildschirm.
Vertreter der Suchmaschine in Mrd. $ „Makers“, „Macher“, nennen
Baidu und des Nachrichten- (7. Februar) sich diese Leute, die Apparate
Aggregators Toutiao ein. Sie wie neuartige Wifi-Messgeräte
sollten offenlegen, welche Da- und Bluetooth-gesteuerte Gra-
ten sie sammeln, mit wem sie vurmaschinen entwerfen. Der
sie teilen und warum sie ihre 25,2 Umsatz, 21,2 9,0 Ausdruck beschreibt ziemlich
in Mrd. $*
Kunden nicht darüber infor- genau, was man im Deutschen
mierten. Ant Financial, der als Schrauber oder Tüftler be-
Finanzdienstleister von Ali- Gewinn,
2,1 zeichnet – allerdings mit ei-
baba, hatte in den mobilen 7,4 in Mrd. $* 6,3 nem entschieden digitalen
Geldbörsen seiner Nutzer still- Dreh.
schweigend eine Einstellung Forschung und „In China hat man lange
vorgenommen, die Geschäfts-
1,9 Entwicklung, 2,1 1,4 auf diese ,Macher‘ hinunter-
partnern Zugriff auf deren Ausgaben in Mrd. $* geschaut“, sagt Pan. „Aber
Konsumentendaten erlaubte. * 1. bis 3. Quartal 2017 Quelle: Thomson Reuters Datastream, „Handelsblatt“ das ist vorbei. Waren es nicht
DER SPIEGEL 7 / 2018 71
die ,Macher‘, die Deutschlands Wirtschaft
zu dem gemacht haben, was sie heute
ist?“
Nächstes Jahr will Pan sein Start-up an
die Börse bringen, in Shenzhen oder in
Hongkong.

V. Der Spirit
Der Chang’an Boulevard, Pekings impe-
riale Ost-West-Achse, ist eine der teuers-
ten Adressen Chinas. In einem Hochhaus
gegenüber dem Gebäude des chinesi-
schen Staatsfernsehens hat Liu Cheng-
cheng, 29, gerade vier Büroetagen gemie-
tet. Es ist sein 8. Standort in Peking, der

XINHUA / IMAGO
30. in China.
Liu, kurz „CC“ genannt, betreibt ein
Unternehmen, das man als Chinas „Tech-
crunch“ bezeichnen könnte, das US-Nach- Kundin beim Bezahlen per Smartphone: Chatten, bestellen, bezahlen
richtenportal für die IT-Branche. Aber die-
sen Vergleich mag er nicht mehr, und da Inzwischen hat er 700 Mitarbeiter an- Chengcheng, „aber nicht für die etablier-
hat er einen Punkt. gestellt und seine Firma in drei Bereiche ten Börsenunternehmen, deren Aktienkur-
Als ihn der SPIEGEL vor vier Jahren aufgespalten: Der erste berichtet nach wie se man auf einem großen Terminal ver-
zum ersten Mal traf, hatte Liu seinen Stu- vor über Chinas Start-up-Szene. Der zwei- folgt, sondern eine App, die genauso
dentenblog „36Kr“ über Chinas Soft- und te ist eine mobile Datenbank, auf der sich schnell ist wie die Start-ups, denen wir
Hardwarefirmen gerade zu einer Plattform Investoren über 600 000 chinesische IT- folgen.“
ausgebaut, auf der sich Gründer und In- Firmen informieren können. Der dritte Bereich, „Kr Space“ genannt,
vestoren fanden (SPIEGEL 7/2014). Er hatte „Ich möchte in China einen Wirtschafts- vermietet Büros und Arbeitsplätze – ähn-
50 Mitarbeiter. dienst wie Bloomberg schaffen“, sagt Liu lich wie „WeWork“, Amerikas Kurzzeit-
1882

1986

Schlittenfahren ist kinder-


leicht – bis aufs Bremsen.
Die erste Kunsteisbahn in Frankfurt war Gut, dass Funktionskleidung aus
eine glatte Sensation. Ihre Kältemaschine atmungsaktiven Mikrofasern
erzeugte mit Ammoniak als Kältemittel Kälte und Wasser ausbremst,
eine so makellose Eisfläche, dass so mancher falls die Fahrt unverhofft im
Besucher spontan auf die Knie fiel. nächsten Schneehaufen endet.

Dank der Chemie können Sie

Hang Loose!
So entspannt grüßen
1962

1998

Der Skiweltmeister von sich Snowboarder.


1962 folgte einer einfachen Seit ihr Sport olympisch
Regel: Wer Erster werden ist, sind die meisten
will, muss Erster sein. bei der Materialwahl
Und so fuhr Karl Schranz weniger locker. Da setzen
als Erster auf Skiern mit sie auf Hochleistungs-
glasfaserverstärktem Boards aus innovativen
Kunststoff und gewann Verbundwerkstoffen.
zwei WM-Titel.
Wirtschaft

vermieter für kleine Unternehmen. Diesen aus der er selbst stammt. Sie haben ein gehen, wenn die Firma das Wort ,Yachting‘
Vergleich mag Liu. sechs Monate altes Baby. „Seit wir uns im Namen trägt. … Vor allem Jachtbesit-
„China hat mehr kleine und mittelstän- auf den Börsengang vorbereiten, habe ich zer lockt der EU-Zwerg mit Sonderange-
dische Internetunternehmer als die USA kein Privatleben mehr“, sagt Liu, „meine boten – bei der Mehrwertsteuer.“
und Europa zusammen“, sagt er. „Die Frau organisiert alles für mich. Sie sucht
meisten von ihnen sitzen immer noch in mir sogar jeden Morgen raus, was ich an- Hierzu stelle ich fest:
ihren privaten Wohnungen. Wer hat in ziehen soll.“
China schon eine Garage?“ Die Nachfrage Vor vier Jahren hatte er gerade noch die Der in dieser Veröffentlichung zum Aus-
sei stark, Alibaba und Chinas Uber-Pen- Zeit gefunden, den Führerschein zu ma- druck kommende Verdacht ist falsch. Die
dant Didi haben in seinen „Kr Space“ in- chen. Auf die Frage, was für ein Auto er Cloverleaf Yachting Ltd. wurde nicht ge-
vestiert. Nächstes Jahr will er mit der Fir- sich denn kaufen wolle, antwortete er da- gründet, um Mehrwertsteuer zu sparen.
ma in New York an die Börse gehen. mals: „Ein blaues.“ Der beschriebene Mehrwertsteuervorteil
Nicht nur die Größe und das Wachstum Inzwischen hat er ein Auto, einen blau- auf Malta kommt bei der Jacht der Clo-
des chinesischen IT-Sektors würden im en Tesla. „Ich komme nur leider nie dazu, verleaf Yachting Ltd. nicht zum Tragen.
Westen immer noch unterschätzt, sagt Liu, ihn zu fahren. Dafür müsste ich mir Urlaub
auch der Umstand, wie mobil Chinas In- nehmen. Aber wenn ich in China bin, gibt Hamburg, den 18.8.2017
ternet inzwischen sei. „Viele Volkswirt- es keinen Urlaub.“ Bernhard Zand Johannes B. Kerner
schaften des Westens sind im Grunde im-
mer noch E-Mail-basiert“, sagt er. „Das Anmerkung der Redaktion:
gibt es in China nicht mehr. Meine Gene- Der SPIEGEL hätte die Möglichkeit dieses
ration macht alles auf dem Mobiltelefon. Gegendarstellung Mehrwertsteuervorteils nicht in Bezug auf
Ich verwalte sogar mein ganzes Portfolio Herrn Kerner erwähnt, wenn dieser schon
auf dem Handy.“ In DER SPIEGEL vom 20.05.2017 heißt es zu den vor der Veröffentlichung gestellten
Es ist zwölf Uhr, Liu Chengchengs As- in einem Artikel mit der Überschrift Fragen und nicht erst vor Gericht mitge-
sistentin hat per App ein paar Lunchpakete „Wenn kein Postmann klingelt“ auf Seite teilt hätte, dass die Cloverleaf Yachting
bestellt. Bevor das Essen kommt, stellt sie 64: Ltd. für den Kauf des als „Commercial
ihm aber eine Thermosflasche mit Hühner- Yacht“ geführten Bootes wie auch nach
suppe hin. Die hat seine Frau eingepackt. „… Johannes B. Kerner und seine Clover- deutschem Recht keine Mehrwertsteuer
Chengcheng hat vor zwei Jahren gehei- leaf Yachting Ltd. … Es gibt zumindest ein zahlen musste, weil es sich nicht um einen
ratet, eine junge Frau aus der Provinzstadt, paar naheliegende Gründe, nach Malta zu Ersterwerb handelte.
2027

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2016

und Sicherheit unter einen Helm:


das neuartige Anpassungssystem
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Wenn die Natur Winterschlaf hält, blühen Wintersportler richtig


2021

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Brasilien feiert
Der Karneval ist los, und zwar nicht nur in Rio: Der
Umzug durch São Paulos Partyviertel Baixo Augusta
bringt wild geschminkte Tänzer auf die Straße. Sie
haben auch eine politische Botschaft: Ihre Fahnen und
Slogans richten sich gegen Zensur, soziale Ungleich-
NACHO DOCE / REUTERS

heit und Rassismus. Insgesamt rechnet die Metropole


bis zum Ausklang der Umzüge am 18. Februar mit
einer Rekordzahl von bis zu vier Millionen Besuchern.

Analyse

Polnischer Frust
Warum das Holocaust-Gesetz die Gefühlslage vieler Bürger trifft
Wieder hat Polen weltweit eine katastrophale Presse – wegen Nation „zu retten“. Das ist typisch für die Nationalisten: Sie
des „Holocaust-Gesetzes“ der nationalkonservativen Regie- fühlen sich den lebenden und den toten Polen in einer Schick-
rung. Es verbietet nicht nur, die deutschen Vernichtungslager salsgemeinschaft verbunden. Dass es darunter auch Täter
auf polnischem Boden als „polnische“ Lager zu bezeichnen, gab, stört diese Identifikation und ist für sie schwer erträglich.
sondern es soll auch Äußerungen unterbinden, die Polen eine Verständlich ist auch, dass Polen sich über den Begriff „pol-
Mitverantwortung an Naziverbrechen zuschreiben – und da nische Todeslager“ ärgern, den auch Barack Obama schon acht-
wird es problematisch. Es gab durchaus Polen, die jüdische los verwendet hat. Viele Bürger schließen daraus, die Welt
Nachbarn an die Gestapo verraten haben oder die Pogrome glaube tatsächlich an eine polnische Mitschuld, wo die Mehr-
veranstaltet haben wie in Jedwabne 1941, wo sie rund 350 Ju- zahl der Polen doch unter den Deutschen gelitten hat. Ver-
den ermordeten. Aber Polen haben auch unzählige Juden ge- breitet ist das Gefühl, die Welt wisse nicht, was das Land im
rettet, keine Nation stellt mehr „Gerechte unter den Völkern“ Lauf der Geschichte durchgemacht habe, und schätze es nicht
in Yad Vashem als die Polen. so, wie es das verdient hätte. Mit dem neuen Gesetz will
Jarosław Kaczyński, der Chef der rechten Partei PiS, ist kein Kaczyński seine Landsleute erlösen – doch Geschichtsbilder
Antisemit, aber ein glühender Nationalist. Er beteuert, ihm formen sich nur in freier Debatte, nicht unter Androhung von
gehe es mit dem neuen Gesetz nicht darum, die Vergehen pol- Strafe. International hat die Regierung das Gegenteil dessen
nischer Täter zu leugnen, sondern darum, den Ruf Polens als bewirkt, was sie erreichen wollte. Jan Puhl

74 DER SPIEGEL 7 / 2018


Ausland
Korea rauf, dass das Kim-Regime
Kims Ivanka sein Nuklearprogramm
stoppt. Strategen in Washing-
Erst schickte Nordkoreas Dik- ton fürchten, Nordkorea kön-
tator Kim Jong Un Sportler, ne schon in wenigen Mona-
Musikerinnen und Funktionä- ten mit seinen Nuklearraketen
re. An diesem Wochenende Ziele in den USA erreichen. Kolumne
soll gar seine jüngere Schwes- Der südkoreanische Geheim- 12 Wochen in Riad
ter Kim Yo Jong zu den dienst warnte vor einem er-
Olympischen Winterspielen neuten Atomtest im Versuchs- Seit mehr als 40 Jahren wird
von Pyeongchang reisen. gelände Pyunggye Ri im die Trennung von Frauen
Die 30-Jährige gilt als engste Nordosten des Landes. Dort und Männern in Saudi-Ara-
Vertraute des Diktators und sei Tunnel Nummer 3 bereit. bien besonders streng ge-
wird von südkoreanischen Auch ein vierter Tunnel wer- handhabt. Doch selbst hier
Medien als „Ivanka“ des Nor- de schon gegraben. ww zeigt der neue reformerische
dens bezeichnet – in Anspie- Geist Wirkung, im Alltag
lung auf die Tochter von treffen die Geschlechter im-
US-Präsident Donald Trump, mer häufiger aufeinander.
die im Auftrag ihres Vaters Neulich lud ich in Riad ein
an der Abschlussfeier teilneh- Dutzend saudi-arabische und
men soll. Mit Kim Yo Jong internationale Gäste zum
besucht erstmals ein Mitglied Abendessen ein. „Kommen
der Kim-Familie den Süden. Frauen?“, fragt Khalil, mein
Um die Lage auf der koreani- Musiker-Freund, vorher am
schen Halbinsel dauerhaft Telefon. „Natürlich“, sage
zu entschärfen, reicht das ich. „Hast du deinen Vermie-

AP
nicht: Die USA beharren da- Geschwister Kim ter gefragt?“, will er wissen.
„Natürlich nicht“, antworte
ich. Sittenwidrigkeiten sol-
cher Art waren bis vor Kur-
Syrien und andere Ausländer der zem ein klarer Fall für die
Was macht mittleren IS-Führungsebene „Haia“, die Religionspolizei,
eigentlich der IS? an Kontrollen der türkischen
Grenzschützer vorbeige-
die auch in Privathäuser ein-
drang. Dazu sind die bärtigen
Zwar hat der „Islamische bracht. Jene aber, die weiter- Moralwächter allerdings seit
Staat“ fast sein gesamtes Ter- kämpfen wollten, konnten knapp zwei Jahren nicht
ritorium verloren, doch konn- unbehelligt von Assads Ar- mehr berechtigt. Gerne hätte
ten viele Kämpfer und Fami- mee nach Westen fahren. An ich als Münchnerin bayerisch
lien entkommen: in syrische der Grenze der Provinzen gekocht: Schweinebraten mit
Wüstengebiete nahe der ira- Idlib und Hama nahmen Hun- Knödeln und Salat. Aber
kischen Grenze oder in die derte IS-Männer mehrere das geht leider nicht. Es gibt
Türkei. Aber manche kämp- Dörfer ein – unter anderem Halal-Rouladen, ohne Speck,
fen bereits anderswo im Land von dem ehemaligen al-Qai- Traubensaft statt Wein, dazu
weiter. Mitte Oktober ließ da-Verbündeten „Haiat Tah- alkoholfreies Holsten-Bier.
Fußnote ausgerechnet der Verbündete rir al-Scham“. Ein Augen- Einer meiner Gäste, ein ge-

39
der USA, die „Syrian Demo- zeuge sagt: „Die erste Welle bildeter Saudi-Araber aus
cratic Forces“, knapp 4000 IS- kam am 28. Oktober abends.“ der Ostprovinz, bittet um
Kämpfer und Angehörige aus Es seien IS-Kämpfer auf Pick- „Special Tea“. Ich biete grü-
Millionen Rakka entkommen, um nicht ups gewesen. Einen Monat nen Tee und frische Minze.
Baht, umgerechnet eine weitere Kräfte beim Kampf später seien weitere 700 ge- Ein landeskundiger Gast be-
Million Euro, sind die um die Stadt zu verlieren. Für kommen, die seither gegen lehrt mich jedoch unauffällig,
25 Luxusuhren wert, die fünfstellige Dollarbeträge pro Rebellen kämpften, nicht ge- der Herr frage vermutlich
der thailändische Vertei- Kopf wurden Saudi-Araber gen Assads Truppen. cre verklausuliert nach Alkohol.
digungsminister Prawit Über den verfügen hier
Wongsuwan im Laufe Rückzugsgebiete des „Islamischen Staates“ nämlich oft Ausländer mit
seiner Amtszeit getragen TÜRKEI
guten Verbindungen zu west-
100 km
hat. Die Preziosen seien lichen Botschaften. Ich leider
„eine Leihgabe von Freun- nicht. Wie sich herausstellte,
SYRIEN
den“, gab er an. Die regie- Aleppo suchte mein Gast aber tat-
rende Militärjunta hatte Rakka IRAK sächlich nur eine bestimmte
Idlib
eigentlich angekündigt, Sorte der deutschen Firma
scharf gegen Korruption Deir al-Sor TeeGschwendner, die hier in
Hama
vorzugehen. Auf den ausgesuchten Shoppingmalls
Uhrenskandal folgten Homs erhältlich ist.
deshalb Straßenproteste Quelle: syria.liveuamap.com,
Susanne Koelbl berichtet an dieser
8. Februar 2018
und Spott im Internet. Stelle bis März aus Saudi-Arabien.

DER SPIEGEL 7 / 2018 75


„Moderne Autokraten sind Diebe“
SPIEGEL-Gespräch Der konservative Autor David Frum, 57, sieht Amerika auf dem Weg in die
Trumpokratie. Mit einem Kleptokraten als Präsidenten, der demokratische Institutionen schwächt.

E
s ist Januar 2021, und Donald Trump
steht nach einer erfolgreichen Wie-
derwahl vor seiner zweiten Vereidi-
gung als Präsident – mit diesem Szenario
begann David Frum einen Essay, den die
Zeitschrift „The Atlantic“ vor knapp einem
Jahr druckte. Frum ist Mitglied der Repu-
blikaner, arbeitete einst für das „Wall
Street Journal“ und beriet George W. Bush
in Wirtschaftsfragen. Es war eine Dystopie,
die er damals skizzierte: ein Präsident, der
Schulden macht, um künstlich das Wirt-
schaftswachstum anzuheizen; ein Familien-
clan im Weißen Haus, der sich bereichert;
und ein Volk, das längst zu zynisch ist,
um gegen einen Autokraten aufzustehen.
Im Frühjahr 2017 klang all das noch alar-
mistisch.
Inzwischen mehren sich die Hinweise
darauf, dass Frum nicht komplett falschlag.
Trump wirbt gerade für ein Infrastruktur-
programm von 1,5 Billionen Dollar, das
Arbeitsplätze schaffen und dazu dienen
soll, seine Anhänger noch stärker an ihn
zu binden. Gleichzeitig sind Trumps Ge-
schäfte eng mit dem Regierungshandeln
verflochten, in seinem Hotel in Washing-
ton steigen Diplomaten aus aller Welt ab,
um dem Präsidenten zu gefallen. Und
Trumps Hetze gegen die Presse und das
FBI zeigt, wie wenig er für demokratische
Institutionen übrighat.
Aus Frums Essay wurde ein Buch, das
gerade auf Englisch erschienen ist: „Trum-
pocracy: The Corruption of the American
Republic“.

SPIEGEL: Herr Frum, vor knapp einem Jahr


schrieben Sie, Amerika drohe in eine Au-
tokratie abzugleiten. Heute beobachten
wir einen Präsidenten, der bis zu acht Stun-
den am Tag fernsieht, nebenbei twittert
und einfach zu unkonzentriert wirkt, um
ordentlich zu regieren. Haben Sie sein au-
toritäres Talent überschätzt?
Frum: Meine Thesen sind bis heute relevant,
fürchte ich. Vor allem wollte ich betonen,
dass der moderne Autoritarismus weniger
spektakulär ist, als es die Zusammenbrü-
che der Demokratien in den Dreißigerjah-
ren waren. Sogar Wladimir Putin, der über
das schlimmste Beispiel einer zerfallenden
Demokratie wacht, ist kein Massenmörder.
Staats- und Regierungschefs wie Jacob
LEXEY SWALL / DER SPIEGEL

Zuma in Südafrika oder Viktor Orbán in


Ungarn sind nicht ideologisch, sie teilen
auch nicht den verrückten Idealismus von
Hitler, Mussolini, Mao oder Stalin. Moder-
ne Autokraten sind Diebe. Republikaner Frum

76 DER SPIEGEL 7 / 2018


Ausland

SPIEGEL: Was sie antreibt, ist nicht Ideolo- SPIEGEL: Aber auch andere Präsidenten ha- Kongress, von Senatoren bestätigt werden,
gie, sondern Gier. ben Normen verletzt, Gerald Ford veröf- obwohl die Senatoren genau wissen, dass
Frum: Richtig, und dabei verletzen sie die fentlichte seine Steuererklärungen nur teil- die Bewerber zuvor vertrauliche Gesprä-
demokratischen Institutionen so wenig weise. Franklin D. Roosevelt und John F. che mit Trump geführt haben. Ein Teil der
wie möglich. Der Schaden geschieht eher Kennedy holten Familienmitglieder in die Trumpokratie besteht in der passiven Hal-
schrittweise, er ist nie vollständig, nie total. Regierung. Was ist an Trump so besonders? tung des republikanisch geführten Senats,
Meine zweite These war, dass Trump dann Frum: Das moderne Präsidentenamt hat während der Präsident die Strafverfolgung
Erfolg haben wird, wenn er mit anderen sich durch die beiden Weltkriege und den politisiert. Trump ist so mächtig, wie die
kooperiert. Insofern ist der Begriff Auto- Kalten Krieg gewandelt. Der Nationale Si- Institutionen es zulassen. Insofern ist die
krat etwas irreführend, weil er ja eine Ein- cherheitsrat und die CIA entstanden da- Lage heute schlechter als vor einem Jahr.
Mann-Herrschaft voraussetzt. Jeder mo- mals, und der Präsident bekam besondere SPIEGEL: Wie hat Trump das geschafft?
derne Autokrat ist in Institutionen einge- Befugnisse – wenn eine sowjetische Atom- Frum: Er hat einen Pakt mit den Republika-
bunden. Trump ist charismatisch, aber rakete innerhalb von Minuten in den USA nern im Kongress geschlossen. Historisch
nicht im Sinne Max Webers. Seine Herr- einschlagen kann, muss der Oberbefehls- war es so, dass der Präsident eine Agenda
schaft ist eine bürokratische. haber schnell reagieren können. Um das hatte und der Kongress mit allen möglichen
SPIEGEL: Trotz der Attacken Donald zu kompensieren, haben wir das Amt mit Einwänden seiner Mitglieder gegen diese
Trumps gegen Presse, Justiz, Geheim- mehr Regeln und Normen versehen. Noch Agenda klarkommen musste. In der Trum-
dienste und Strafverfolgungsbehörden mal zum FBI: Als das letzte Mal ein Direk- pokratie funktioniert es umgekehrt: Paul
sind doch sämtliche Institutionen überaus tor entlassen wurde, unter Bill Clinton, Ryan, der Parlamentssprecher der Konser-
lebendig. Widerspricht das nicht Ihrer ging es um Vorwürfe der Veruntreuung. Es vativen, hat Pläne. Und so sagen die Repu-
These? gab eine Untersuchung, der Mann durfte blikaner zu Trump: Wir bieten dir Rücken-
Frum: Es stimmt, dass vor allem deckung, wenn du unsere Gesetze
die Justiz sehr veränderungsre- unterschreibst.
sistent ist. Selbst in den schlimms- SPIEGEL: Wie erklären Sie, dass
ten autoritären Zeiten unserer Trump so unpopulär ist, obwohl
jüngeren Geschichte, in den Jah- die Wirtschaft doch stark ist?
ren nach dem Ersten Weltkrieg Frum: Eine der großen Geschich-
zum Beispiel, konnte man sich ten dieses Jahres wird sein, dass
PAT BYRNES / THE NEW YORKER COLLECTION / THE CARTOON BANK

seiner Rechte gewöhnlich sicher seine Popularitätswerte steigen.


sein, wenn man vor einem Bun- Unsere Wirtschaft wächst, die Ar-
desgericht stand. Trump hat der beitslosigkeit geht weiter zurück,
Unabhängigkeit des Justizminis- einzelne Unternehmen haben so-
teriums und des FBI erheblich ge- gar ihren Angestellten Sonderzah-
schadet. Als er voriges Jahr FBI- lungen versprochen, weil die Ge-
Chef James Comey entließ, er- winne so hoch sind. Davon wird
zählte er später im Fernsehen, er Trump profitieren.
habe das getan, damit diese SPIEGEL: Sie nennen sich selbst
„Russland-Sache“ verschwinde. konservativ.
Nun ist der stellvertretende FBI- Frum: Ich bin registriertes Partei-
Direktor Andrew McCabe zu- mitglied der Republikaner.
rückgetreten, den Trump seit Mo- SPIEGEL: Ist eine Partei, die sich als
naten angegriffen hatte. konservativ bezeichnet, nicht mo-
SPIEGEL: In der vorigen Woche „Wem wirst du glauben, Donald – uns oder der Lügenpresse?“ ralisch und ethisch völlig verfault,
gab Trump ein von den Republi- wenn sie einen homophoben, frau-
kanern im Kongress verfasstes Memo frei, sich rechtfertigen, der Kongress wurde ein- enverachtenden, rachsüchtigen, latent ras-
das zeigen soll, wie voreingenommen die bezogen. Schließlich, nach monatelanger sistischen Präsidenten stützt, egal, was er
Ermittler in der Russlandaffäre seien. Was Diskussion, wurde der FBI-Chef entlassen. auch macht?
verspricht er sich davon? SPIEGEL: Aber Trump hatte das Recht, Co- Frum: Sie malen ein sehr düsteres Bild, wie
Frum: Dieses Memo des Abgeordneten De- mey zu feuern. Es war nicht illegal. eines dieser Gemälde aus dem deutschen
vin Nunes sollte niemanden überzeugen. Frum: Das stimmt, aber nicht alles, was ein Expressionismus. Das ist mir zu verallge-
Es ist eine Requisite. Ein bedrucktes Papier, Präsident darf, ist auch legitim. Es geht da- meinernd. Aber ich gebe zu, dass wir an
das man im Fernsehen hochhalten kann, rum, ein Verständnis dafür zu entwickeln, einem Wendepunkt stehen. Es gibt drei
um Trump-Unterstützer zu beeindrucken, was man macht und was nicht. Ein anderes Szenarien für die Republikaner. Im besten
die es nie lesen werden. Beispiel: Jeder Präsident ernennt Bundesan- Fall entwickeln wir uns wieder zu einer
SPIEGEL: Gewinnt Trump trotzdem mit sol- wälte, meist nach politischer Präferenz. Nach Mitte-rechts-Partei, wie die Konservativen
chen Mitteln die Desinformationskampagne der Ernennung sind sie aber unabhängig. Ba- in Kanada, die Christdemokraten in
gegen Sonderermittler Robert Mueller? rack Obama hat zu einer Kandidatin gesagt: Deutschland oder die australischen Libe-
Frum: Trump gewinnt nicht die Debatte, Ich habe dich ernannt, aber du dienst mir ralen. Sie alle akzeptieren den Wohlfahrts-
aber die politische Schlacht. Sein Ziel ist nicht. Trump dagegen sucht gezielt Leute, staat, der nach dem Zweiten Weltkrieg ge-
es, die Republikaner im Kongress zu über- die loyal sind. Das ist der Unterschied. schaffen wurde. Ein zweites Szenario ist
reden, das Ergebnis von Muellers Ermitt- SPIEGEL: Macht das die USA zu einer eine Partei Paul Ryans, die wirtschaftlich
lungen zu ignorieren. Außerdem will er ver- „Trumpokratie“, wie Sie es nennen? extrem individualistisch denkt. Dafür gibt
hindern, dass er seine Auslandsgeschäfte Frum: Die Trumpokratie zeichnet sich da- es kaum Mehrheiten. Das führt uns zum
offenbaren muss. Und er will sich weiterhin durch aus, dass der Präsident, um beim dritten Szenario, in dem wir gerade ste-
weigern können, die Russlandsanktionen letzten Beispiel zu bleiben, zunächst einige cken: Weil die Vorhaben von radikal kapi-
vollständig umzusetzen. Bislang scheint er ihm gewogene Bundesanwälte findet. Und talistischen, libertären Hardlinern wie
mit dieser Strategie Erfolg zu haben. diese anschließend, bei der Anhörung im Ryan so unpopulär beim amerikanischen
DER SPIEGEL 7 / 2018 77
Ausland

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Donald Trump Berlin, der immer noch nicht vom Kon-
der amerikanischen Demokratie irrepara- gress bestätigt ist.
blen Schaden zufügen kann? SPIEGEL: Was schlagen Sie vor, um die de-
Frum: Vor allem in der Außenpolitik scheint mokratischen Institutionen zu stärken?
Frum: Am wichtigsten ist bürgerliches En-

LEXEY SWALL / DER SPIEGEL


manches schwer reparierbar zu sein. Unsere
Beziehungen zu Südkorea werden nicht gagement. Es muss für den Präsidenten und
mehr dieselben sein, das Land wird seine Si- auch für die republikanische Partei einen
cherheit anders organisieren müssen. Auch politischen Preis haben, wenn man mit der
unser Verhältnis zu Europa hat schweren Integrität des FBI oder des Sonderermittlers
Schaden genommen, zumal Großbritannien Mueller spielt. Es gibt gerade eine riskante
Frum, SPIEGEL-Redakteur* bald nicht mehr EU-Mitglied sein wird. Das Strategie der Distanzierung bei den Ge-
„Manches scheint schwer reparierbar“ Furchtbare war ja, dass die Republikaner heimdiensten und dem Militär. Die Geheim-
dem Kandidaten Trump in der Debatte um dienste haben von Anfang an damit begon-
Volk sind, braucht man antidemokratische die Nato-Beistandspflicht 2016 zustimmten nen, dem Präsidenten Informationen vor-
Lösungen, um sie durchzusetzen. und fragten: „Warum haben wir eigentlich zuenthalten, und sie verweigern zum Teil
SPIEGEL: Werden die Republikaner Trump unterschrieben, Estland zu verteidigen?“ Befehle. Vor einigen Monaten hat der Ver-
überleben? SPIEGEL: Und doch scheint die Nato intakt teidigungsminister seinen Soldaten durch
Frum: Es wird einen Generationenwechsel zu sein. Zudem schickt Trump mehr Sol- die Blume zu verstehen gegeben, dass der
geben müssen. Als die meisten Menschen daten nach Afghanistan, voriges Jahr ließ Oberbefehlshaber seines Amtes nicht wür-
noch Zigaretten rauchten, änderte sich Poli- er einen syrischen Luftwaffenstützpunkt dig ist. Das mag richtig sein. Aber wenn
tik etwas schneller, auf natürliche Weise. bombardieren, nachdem Assad Nervengift sich das Militär von der zivilen Kontrolle
SPIEGEL: Trump soll in exzellenter gesund- gegen Zivilisten eingesetzt hatte. Sehen entfernt, kann das gefährlich werden.
heitlicher Verfassung sein, wie sein Leib- wir nicht in der Außenpolitik, dass Trump SPIEGEL: Das klingt beunruhigend.
arzt bestätigt hat. gewöhnlicher agiert, als viele dachten? Frum: Ich sage nicht, dass wir kurz vor ei-
Frum: Früher war Politik etwas für 40- bis Frum: Ob die Nato wirklich noch funktio- nem Militärputsch stehen. Womöglich ver-
60-Jährige. Jetzt, wo unsere Gesellschaft niert, wissen wir erst, wenn es zum Bünd- hält sich unsere Demokratie wie ein Auto-
immer älter wird – und damit auch die nisfall kommt. Europa vernachlässigen wir fahrer, der in einen Sekundenschlaf gefal-
Politiker – konservieren wir die Konflikte gerade vollständig. Spanien steckt mit Ka- len ist und das Steuer im letzten Moment
der Vergangenheit. Wir sind so weit von talonien in seiner vielleicht größten Krise, herumreißt, nachdem er die Scheinwerfer
1968 entfernt wie Woodrow Wilson vom aber monatelang fehlte uns ein Botschafter eines Lastwagens auf der entgegenkom-
amerikanischen Bürgerkrieg. Unsere Poli- in Madrid. Wir haben derzeit keinen EU- menden Spur gesehen hat. Vielleicht ist
tik kommt mir manchmal vor wie in der Botschafter, was bedeutet, dass wir bei den Trump dieser Lastwagen. Am Ende ist die
Zeit festgefroren. Wir kämpfen immer Brexit-Verhandlungen außen vor sind. Und Gesellschaft hoffentlich wacher und unser
noch die alten Schlachten. um sein Desinteresse an Deutschland deut- politischer Diskurs kompromissbereiter.
lich zu machen, nominierte Trump einen SPIEGEL: Herr Frum, wir danken Ihnen für
* Christoph Scheuermann in Washington. Twitter-Süchtigen zum Chefdiplomaten in dieses Gespräch.

Frau Kirsch weiß von nichts


Affären Ausgerechnet eine Deutsche spielt eine wichtige Rolle in den Ermittlungen zu den Russland-
kontakten rund um Donald Trump. War sie die Strohfrau für illegales Lobbying in den USA?

T
reffpunkt Berlin: Ina Kirsch sitzt im fort“ spielt die Deutsche eine wichtige Rol- schen Regierung gemacht haben könnte.
Café Einstein; im ersten Stock, weil le für den Kernpunkt der Anklage: dass Um Dinge also, die den Präsidenten das
hier meistens nicht viel los ist. Sie hat nämlich Manafort, verdeckt und deshalb Amt kosten könnten.
den Platz in der Ecke genommen, und ihr illegal, in den USA Lobbyarbeit gemacht Der Sonderermittler hält die Deutsche
Blick sagt, was sie schon am Telefon gesagt haben soll; für die ukrainische Regierung, für Manaforts Handlangerin beim gut ge-
hatte: dass sie dieses Treffen nicht wolle. bevor er ins Team von Trump einstieg. tarnten Lobbying in den USA. Sie soll ihm
Ein „Bringen-wir-es-hinter-uns“-Gesicht. Gleichzeitig besetzt Ina bis 2014 geholfen haben,
Kirsch ist knapp 50, sie trägt Rollkragen- Kirsch damit aber auch eine den Ruf des ukrainischen
pulli, Jackett, Hose, Halbschuhe, alles in Nebenrolle in einem Kö- Regimes aufzupolieren. Ein
Schwarz. Als wollte sie lieber unsichtbar nigsdrama – dem Kampf schmutziger Job, der Mana-
sein, wenigstens unscheinbar. Was vermut- ums Weiße Haus. Denn die fort Millionen gebracht ha-
lich jeder gern wäre, der wie sie plötzlich Anklage ist nur ein Aus- ben soll. In der Anklage-
ins Räderwerk einer Weltaffäre gerät. In schnitt aus einem größeren schrift fällt der Name
die Ermittlungen zu den Russlandkontak- Bild. Sie soll Manafort so Ina Kirsch nicht. Aber sie
ten von Donald Trumps Team. unter Druck setzen, dass er ist immer da gemeint,
US-Sonderermittler Robert Mueller hat über andere Vorgänge aus- wo der Name des „Euro-
im Oktober eine Anklage gegen den frü- packt. Da geht es um die pean Centre for a Modern
heren Wahlkampfchef des Präsidenten ein- Frage, ob das Trump-Team Ukraine“ auftaucht. Kirsch
gereicht. Auf den 31 Seiten „Vereinigte im Wahlkampf gemein- Politikberaterin Kirsch hat das Centre in Brüssel ab
Staaten von Amerika gegen Paul J. Mana- same Sache mit der russi- 2011 geführt, einen Verein,
78 DER SPIEGEL 7 / 2018
ALEX WONG / AFP
Sonderermittler Mueller: Ein Brüsseler Verein als Tarnung für PR-Kampagnen des ukrainischen Regimes in den USA

angeblich unabhängig und mit einem no- auf der Landkarte ein paar Millimeter von dafür mit Russland oder dem Westen ver-
blen Ziel: die Ukraine stärker an den Wes- China entfernt. Ihre Mutter arbeitete dort bünden würde, war lange unklar. Jedenfalls
ten zu binden. bei einer Zeitung, ihr Vater war ein gro- kämpfte der Westen um ihn. Der Frak-
Doch früh stand das Centre im Verdacht, ßer Name in der DDR. Rainer Kirsch, Ly- tionschef der EU-Sozialdemokraten, Mar-
ein Tarnverein für den korrupten Präsiden- riker und Schriftsteller. Er war aus der tin Schulz, schloss damals einen Vertrag
ten Wiktor Janukowytsch und seine Partei SED geflogen, hatte sich auch geweigert, mit der Janukowytsch-Partei ab, versprach
zu sein. Und so wie Sonderermittler Muel- mit der Stasi zusammenzuarbeiten. Nach Spitzentreffen und Unterstützung.
ler das sieht, versteckte sich hinter der Fas- der Wende war er zehn Monate lang der Der entscheidende Schritt, an dem auch
sade des Vereins auch Paul Manafort, der letzte Präsident des DDR-Schriftsteller- Ina Kirsch arbeitete, sollte aber das Asso-
für Janukowytsch arbeitete. Das lässt Ina verbandes. ziierungsabkommen mit der EU werden.
Kirsch heute wie die Frau aussehen, die Seine Tochter Ina wuchs in der DDR auf. Ein Vertrag, der die Ukraine endgültig zum
bereitwillig mitspielte. 1987 beging sie Republikflucht, kam von Westen herüberziehen sollte. Wie die Sa-
Oder war es doch anders? Wird sie mit einer Englandreise nicht zurück; da war sie che ausging, ist heute Geschichte: 2013 ver-
Muellers Anklage in ein falsches Licht ge- noch keine 20. Nach dem Mauerfall klinkte weigerte Janukowytsch die Unterschrift
rückt, wie sie beteuert? Kirsch bestellt sich sie sich bei der SPD ein. Sie ging für die nach langem Hin und Her, was zur Mai-
einen Milchkaffee, an dem sie lustlos nippt. Friedrich-Ebert-Stiftung nach Moskau, dan-Revolte und seinem Sturz führte.
Der einzige Grund, warum sie gekommen dann als Mitarbeiterin der Sozialdemokra- 2011 war das aber noch nicht absehbar.
ist: den Reportern klarzumachen, dass es ten im EU-Parlament nach Brüssel. Kirsch schied als Fraktionsmitarbeiterin
keinen Grund gibt, über sie zu schreiben. Die EU-Sozialdemokraten arbeiteten aus und gründete das „European Centre
Weil sie nie für Manafort gearbeitet habe. 2010 an einem Pakt mit der ukrainischen for a Modern Ukraine“. Jenen mysteriö-
Nie Anweisungen, nie Aufträge von ihm be- „Partei der Regionen“, die auch den Präsi- sen Verein, den Ex-FBI-Chef Mueller für
kommen haben will. Und eine Sprechpuppe denten stellte, Wiktor Janukowytsch. Ein eine Strohpuppe des Regimes hält. Für
der ukrainischen Regierung sei sie schon mal schwieriger Partner: Der Mann entpuppte diese Sichtweise spricht: Die Idee stamm-
gar nicht gewesen. „Das ist schlicht falsch.“ sich als Raffke, der sich nach oben durch- te von einem Janukowytsch-Vertrauten,
Dann sagt sie noch: „Im Nachhinein ist man geboxt hatte und exklusive Autos, exotische dem späteren Außenminister Leonid Ko-
immer schlauer.“ Ina Kirsch, die Naive, die Tiere und exorbitante Geldsummen hortete. schara. Er gehörte zu den Vereinsgrün-
ausgenutzt wurde, ohne es zu merken? Gleichzeitig war er so eitel, dass er auch dern, Kirsch übernahm die Geschäfte. Of-
Kirsch spricht fließend Russisch, sie ist als Politiker bewundert werden wollte und fiziell sollte das Centre mit der herrschen-
in Chabarowsk geboren, ganz im Osten, nach Prestige gierte. Ob Janukowytsch sich den Clique nichts zu tun haben. Es habe
DER SPIEGEL 7 / 2018 79
Ausland

kein Geld, keine Anweisungen gegeben, zu schildern. Es ist die Geschichte einer Firmen offenbar auch noch andere Aufträge
sagt Kirsch. Frau, die dafür gebrannt hat und am Ende für Manafort über genau dieselben Verträge
Bei Sonderermittler Mueller liest sich sogar noch eigenes Geld verbrannt hat, da- laufen ließen. „Der mit uns vereinbarte Leis-
das anders. In seinen Augen war der Ver- mit die Ukraine eine bessere Zukunft hat, tungsumfang war viel geringer als die Tä-
ein nur ein „Sprachrohr“ für Januko- im Westen, in der EU. Und gleichzeitig die tigkeiten, die Podesta und Mercury offenbar
wytsch und die herrschende Partei; das Geschichte von Leuten wie Manafort, den in Abstimmung mit Paul Manafort erledigt
Centre habe unter der „Befehlsgewalt“ der Kirsch einen „Goldgräber“ nennt. Der haben.“ Kirsch behauptet, sie habe nie eine
Regierung gestanden. Entscheidender habe die Ukraine und auch sie nur benutzt. Abrechnung von Podesta oder Mercury er-
Strippenzieher: Manafort. Den Verein Wenn ihre Geschichte stimmt, dann läge halten. Keine Arbeitsberichte. Sie wisse
habe er genutzt, um auch in Amerika seine Mueller, zumindest was ihre Rolle betrifft, beim besten Willen nicht, was da alles in ih-
zahlenden Kunden glänzen zu lassen. falsch. Aber stimmt sie? rem Namen gelaufen sein soll.
Der Lobbyist und spätere Trump-Bera- Kirsch gibt zu, dass sie Manafort dreimal Aber merkwürdig: Wie wurden Podesta
ter hatte schon seit den Achtzigerjahren getroffen hat. Sie spricht von Widerstän- und Mercury dann bezahlt? Wenn Kirsch
für korrupte Diktatoren gearbeitet, die viel den in den USA gegen den Versuch, die nie eine Rechnung von den PR-Firmen be-
Geld dafür zahlten, dass man ihnen das Ukraine in den Westen zu ziehen. Also kam – wer, dachte sie, würde dafür auf-
Blut von den Händen wusch. Er hatte sich habe das Centre 2012 beschlossen, auch kommen? Ihr Brüsseler Verein habe Spon-
mit Ferdinand Marcos auf den Philippinen dort ein wenig Lobbyarbeit zu machen. soren gehabt, erklärt sie. Die hätten nicht
und Mobutu Sese Seko im damaligen Zaire Manafort habe ihr den Tipp gegeben, dafür ans Centre gezahlt, sondern gleich an die
eingelassen; nun verkaufte er Januko- Podesta und Mercury anzuheuern. Des- PR-Agenturen in Amerika. Welche Spon-
wytsch als seriösen Politiker, im Kampf ge- halb habe sie die Verträge mit den Firmen soren? Europäische Firmen. Welche Fir-
gen die Rivalin Julija Tymoschenko. abgeschlossen, für kleinere Aufträge in men? Das dürfe sie nicht sagen.
Laut Anklage benutzte Manafort das Amerika. Etwa einen englischsprachigen Damit hat sie nun ein Problem: nicht
Centre dabei als Deckmantel. Wer in den Newsletter des Centres zu verteilen. Sie nur, weil der Verdacht bleibt, das Geld sei
USA Lobbyarbeit für eine ausländische Re- habe aber nicht geahnt, dass die beiden PR- doch vom Janukowytsch-Regime gekom-
gierung machen will, muss das anmelden. men. US-Ermittler Mueller dürfte auch in-
Das heißt, man muss auch die Auftraggeber teressieren, dass Kirsch vor ihren beiden
nennen und Zahlungen offenlegen. Das pass- Verträgen mit Podesta und Mercury noch
te Manafort wohl nicht. Außerdem sollen er einen dritten Vertrag geschlossen hatte.
und sein Partner für ihre Arbeit insgesamt Mit einer Briefkastenfirma auf Zypern.
mehr als 75 Millionen Dollar kassiert haben. Eine Kopie davon liegt in der Ukraine. Die
Die wollten sie vermutlich an der US-Steuer Firma hieß Marziola und war eine Art
vorbeischleusen. Das Geld landete bei ihren Sammelbüchse: Sie sollte für den Verein
CHIP SOMODEVILLA / AFP

Briefkastenfirmen auf Zypern und in der das Geld der Sponsoren bündeln und nach
Karibik. Seitenweise listet die Anklage auf, Amerika schicken. Muellers Anklage legt
wie von dort riesige Summen an Antiquitä- offen, wer nach seiner Erkenntnis hinter
tenhändler, Edelboutiquen und Autohäuser Lobbyist Manafort Marziola stand: ausgerechnet Manafort.
in den USA flossen, von denen sich Mana- Und das will Kirsch nicht gemerkt ha-
fort sein Luxusleben ausstatten ließ. ben? Will auch nie nachgebohrt haben, mit
So wie Mueller es heute umreißt, lief Die Akte Manafort wem sie es bei der Marziola zu tun hatte?
die Sache mit dem Centre dann so: Mana- Das ukrainische Lobbynetzwerk Nein, dass die Marziola Manafort gehörte,
fort hatte das Sagen, hielt sich aber im Hin- laut US-Sonderermittler Robert Mueller habe sie erst in der Anklage gelesen. Von
tergrund; und Ina Kirsch unterschrieb Ver- Manafort will Kirsch heute nichts mehr
träge mit zwei der teuersten PR-Firmen in Janukowytsch-Regime wissen: „Der Missbrauch unseres Engage-
Washington, Podesta und Mercury. Darin Ukraine ments für persönliche Interessen Einzelner
stand, dass Kirschs Verein die PR-Profis ist eine große Enttäuschung.“
bezahlt. Auch das war für Muellers Ermitt- Zahlungen Weder Manafort noch die Lobbyisten
lerteam nur Tarnung. In Wirklichkeit soll kontrolliert von Podesta und Mercury reagierten auf
das Geld von den Manafort-Firmen gekom- Briefkastenfirmen Fragen des SPIEGEL. Manafort hat inzwi-
men sein. Dafür sprechen schon die Zah- Zypern/Karibik schen Sonderermittler Mueller verklagt
len: Der Verein soll im Jahr nur auf rund und behauptet, dass das Firmengeflecht
10 000 Euro Einnahmen gekommen sein;
ca. 2 Mio. $ ca. 12 Mio. $ auf Zypern und in der Karibik den US-Be-
für luxuriösen
Podesta und Mercury kassierten laut An- Lebensstil hörden schon seit Jahren bekannt sei.
klage aber mehr als zwei Millionen Dollar. Nach vier Stunden steht Ina Kirsch im
Die Frau in Schwarz tut sich zunächst Café auf, sie hat genug gesagt und findet,
schwer mit einer Erklärung. Die Stimme Ina Kirsch Paul Manafort dass jedes Wort über sie ohnehin zu viel ist.
European Treffen Politikberater,
kalt und beherrscht, der Blick misstrauisch, Man soll bitte nicht schreiben, wo sie wohnt,
Centre for a 2016 Wahl-
hakt sie immer wieder ein, wenn ihr eine Modern Ukraine kampfchef von und kein Wort über ihren Mann – „was hat
Frage nicht zu passen scheint. Sie versucht, Donald Trump mein Mann damit zu tun?“ Nun, zum Bei-
die Kontrolle über eine Geschichte zu be- spiel, dass auch der einen kurzen Draht zum
halten, die ihr längst entglitten ist. Sie müs- offizielle heimliche Janukowytsch-Umfeld hatte. Die Frau in
se Verschwiegenheitsklauseln in den Ver- Verträge Aufträge Schwarz hofft nur, dass kein Anruf von
trägen mit Podesta und Mercury beachten, Muellers Team kommt und sie wieder un-
sagt sie – dabei sind die Klauseln schon sichtbar werden kann. Sie hätte das alles
vor mehr als einem Jahr ausgelaufen. Podesta/Mercury gern hinter sich. Möglichst schnell, möglichst
Später, nach dem Treffen in Berlin, wird Politik-Beratungsfirmen leise. Ohne weitere Treffen. Ohne weitere
sie drei eng beschriebene Seiten brauchen, Pro-Janukowytsch-Lobbyarbeit Fragen. Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp,
um dem SPIEGEL noch mal ihre Version im US-Kongress und in US-Medien Gunther Latsch, Jörg Schmitt

80 DER SPIEGEL 7 / 2018


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Ausland

Petro Incognito
Ukraine Vier Jahre nach dem Maidan ist die Enttäuschung über Präsident Petro Poroschenko
groß. Will er das Land überhaupt reformieren – oder geht es ihm nur ums Geldverdienen?

W
arum nur ein Leben führen, nezker Clan entmachtet. Das Land suchte die eigentlich Kiew helfen wollten, die Kor-
wenn man sich zwei leisten einen Neuanfang. Poroschenko wollte es ruption zu bekämpfen, müssen feststellen:
kann? Das wird sich Petro Poro- nach Westen führen, sein Geschäftsimpe- In Kiew wollen sie das gar nicht.
schenko gedacht haben, als er Anfang des rium verkaufen, er versprach Transparenz Vier Jahre nach dem Sturz von Januko-
Jahres in den Urlaub flog. Während das und Reformen und ein schnelles Ende des wytsch ist kein einziger hochrangiger Be-
ukrainische Fernsehen den Präsidenten Krieges im Donbass. Vier Jahre später amter wegen Korruption verurteilt worden.
zeigte, wie er mit Frau und Kindern das schwelt der Krieg weiter, die Reformen sto- Und jener Mann, der dem US-Vizepräsiden-
orthodoxe Weihnachtsfest beging, machten cken, die Einkommen sind drastisch gesun- ten damals „solide“ schien, hat nichts Bes-
die Poroschenkos in Wahrheit Urlaub auf ken. Und seinen Süßwarenkonzern Roshen seres zu tun, als die neue Antikorruptions-
den Malediven. Ein Privatjet hatte sie dort- hat Poroschenko auch nicht verkauft. polizei NABU zu beschädigen, die mithilfe
hin gebracht, es war eigens eine Insel ge- Der Westen, der die Proteste auf dem des amerikanischen FBI aufgebaut wurde.
mietet. Und weil niemand davon erfahren Maidan begrüßt hatte, ist von Poroschenko Er ließ eine verdeckte Antikorruptionser-
sollte, war der Präsident unter falschem ebenfalls enttäuscht, weil er den Kampf mittlerin festnehmen, im Parlament verglich
Namen unterwegs: Petro Incognito. gegen die Korruption höchst widerwillig er die auf westlichen Druck geschaffene Be-
Die Geschichte von Mr Incognitos Spritz- führt. Joe Biden, der ehemalige US-Vize- hörde mit Lenins Geheimpolizei.
tour hat in Kiew Unmut erregt. Was ist das präsident, schilderte folgende Szene: Er Poroschenko sah derweil zu. Will er die
eigentlich für ein Präsident, der mal eben habe Poroschenko 2016 mit dem Streichen Reformen nicht? Und wenn das so ist: Was
abtaucht? Und der für eine Woche Urlaub einer US-Kreditgarantie von einer Milliar- will er stattdessen? Man kriegt auf diese
eine halbe Million Dollar ausgibt, während de Dollar gedroht, damit die Ukrainer end- Frage unterschiedliche Antworten, je nach-
sein Land in Armut versinkt? Genau vier lich den völlig diskreditierten General- dem, wen man fragt.
Jahre liegt die Euromaidan-Revolution in staatsanwalt Wiktor Schokin auswechsel- Poroschenko wolle Geld, alles andere
Kiew nun zurück, und weder Poroschenkos ten. „Ich sagte: Ich bin noch sechs Stunden zähle für ihn nicht – so formuliert es Mi-
Bürger noch seine Partner im Ausland wis- in der Stadt“, so Biden. „Wenn der Gene- cheil Saakaschwili, Ex-Präsident von
sen, mit wem sie es zu tun haben: mit ei- ralstaatsanwalt bis dahin nicht gefeuert ist, Georgien und ukrainischer Politiker ohne
nem Präsidenten, der ernsthafte Reformen kriegt ihr das Geld nicht. Well, son of a Pass. Er kennt Poroschenko aus Studien-
umsetzen will, so wie er es nach seiner bitch – er wurde gefeuert, und es kam je- zeiten, sie haben beide am Kiewer Institut
Wahl im Mai 2014 versprach? Oder mit ei- mand ins Amt, der damals solide war.“ für Internationale Beziehungen studiert;
nem Geschäftsmann, der sein Amt vor al- Biden erzählte das vor dem Publikum das war gegen Ende der Sowjetzeit. Poro-
lem zur Bereicherung nutzt? eines Thinktanks in Washington, es wurde schenko, Sohn eines Werkdirektors aus
„Auf neue Weise leben“, mit diesem Slo- gelacht wie über einen guten Witz. Dabei Bendery in Moldawien, interessierte sich
gan war der Milliardär einst angetreten. ist die Geschichte traurig, sie handelt von fürs Geschäftemachen. „Er hatte viel Geld,
Der Spruch passte zur Stimmung; der bis- einer doppelten Enttäuschung: Die Ukrai- und er wählte auch seine Freunde danach
herige Präsident Wiktor Janukowytsch war ner sehen sich von Washington entmün- aus, ob sie Geld hatten. Deshalb kann ich
nach Russland geflohen, sein korrupter Do- digt. Und die Amerikaner und Europäer, nicht sagen, dass ich dazugehörte“, sagt
Saakaschwili heute.
Ihre Wege trennten sich, aber sie hielten
Kontakt. Poroschenko baute seinen Scho-
koladenkonzern auf, und nebenbei betrieb
er Politik. So war es üblich in der Ukraine,
der junge Nationalstaat verwandelte sich
mehr und mehr in ein Joint Venture von
Milliardären. Und daran änderte auch die
prowestliche Orange Revolution 2004
nichts, die Poroschenko mit seinem eige-
nen Fernsehkanal unterstützt hatte.
Saakaschwili dagegen, der 2004 nach
einer ähnlichen friedlichen Revolution
Staatschef in Georgien wurde, entwickelte
sich zum Radikalreformer. Deshalb bot
ihm Poroschenko ein Jahrzehnt später an,
beim Neuanfang in der Ukraine zu helfen.
Als Gouverneur sollte Saakaschwili in der
VALENTYN OGIRENKO / REUTERS

Hafenstadt Odessa aufräumen. Es gab da


allerdings seltsame Einschränkungen, be-
richtet Saakaschwili: „Poroschenko sagte
mir, ich dürfe auf keinen Fall den Bezirks-
polizeichef antasten, der für den größten
Markt von Odessa zuständig ist. Das sei
Femen-Aktivistin in Kiewer Roshen-Geschäft 2017: Schokoladenproduzent – das klang harmlos sein Mann.“ Es sei um die Kontrolle von

82 DER SPIEGEL 7 / 2018


MYKOLA LAZARENKO / POLARIS / STUDIO X
Oberbefehlshaber Poroschenko auf Militärbasis: Je weniger die Reformen vorangehen, desto öfter sieht man den Präsidenten im Tarnanzug

Geldströmen gegangen. Damals erst habe kandidierte er für den „Block Petro Poro- einträgliche Posten, die Kononenko an dem
er verstanden, was Poroschenko antreibe: schenko“. Dessen Namensgeber kannte er Minister vorbei besetzen wollte. Kononen-
„Seine Idee heißt: Geld. Reformen sind für damals schon 13 Jahre lang, von seiner Ar- ko gilt als der Mann, der nach Poroschenkos
ihn bloß PR. Geld dagegen ist real.“ beit als Reporter. „Verglichen mit den an- Geschäftsinteressen schaut. Der Präsident
Heute sind die beiden verfeindet. Saa- deren Politikern wirkte er vernünftiger, mo- ließ den alten Freund nicht fallen.
kaschwili hat eine Antikorruptionsbewe- derner, gebildeter.“ Poroschenko war reich, Der Präsident sei im Sternzeichen „hab-
gung gegründet und fordert Poroschenkos aber er hatte sich nicht auf Kosten des Staa- gierige Waage“ geboren, so hat es die Jour-
Absetzung. Seine Anhänger blockieren seit tes bereichert wie andere Oligarchen. Scho- nalistin Julija Mostowaja in einem Leitarti-
Oktober die Straße vor dem Parlament mit koladenproduzent – das klang harmlos. kel formuliert. Er wäge ständig seinen Vor-
einer Zeltstadt. Es ist eine Art Mini-Maidan. Poroschenko war prowestlich, er hatte teil ab, anstatt strategische Entscheidungen
Aber die Kiewer haben keine Lust auf eine die Maidan-Proteste von Anfang an unter- zu treffen. Vielleicht ist Poroschenkos Ge-
neue Revolution. Sie sind damit beschäftigt, stützt. Und er war mutig: Im Dezember 2013 schäftssinn das kleinere Problem. Das grö-
über die Runden zu kommen. Poroschenko stellte er sich gewalttätigen Protestierern ßere ist, dass er keinen Plan hat.
wiederum hat Saakaschwili nicht nur das entgegen. Dass er anders als die schrille Kon- Ihor Hryniw muss täglich an der Zelt-
Amt, sondern auch den Pass entzogen. kurrentin Julija Tymoschenko stets den Aus- stadt vorbei, wenn er in die Rada will oder
War es naiv, ausgerechnet von einem gleich suchte, galt als Vorteil. Ihm traute in sein Abgeordnetenbüro. Hryniw ist so
Milliardär zu erwarten, er könne die Kor- man zu, das Land zusammenzuhalten, das etwas wie Poroschenkos Spindoktor, er hat
ruption in der Ukraine bekämpfen? Noch 2014 vom Nachbarn Russland zerlegt wurde. die Wahlkampagne 2014 entworfen: Der
dazu von einem, der selbst unter dem kor- Poroschenko hatte gute Beziehungen zum Spruch „Auf neue Weise leben“ stammt
rupten Präsident Janukowytsch kurze Zeit Westen und zum Osten. Er war befreundet von ihm und auch die Idee, dass Poro-
als Wirtschaftsminister gedient hatte? mit dem russischen Botschafter, aber er schenko den Verkauf seines Schokoladen-
„Die Gesellschaft hat sich in ihm ge- sprach auch fließend Englisch. konzerns versprechen sollte. Poroschenko
täuscht, und ich mich auch“, sagt Serhij Die Enttäuschung kam schleichend, und siegte im ersten Wahlgang.
Leschtschenko knapp. Er ist 37 Jahre alt sie hatte viele Gründe. Es war nicht Poro- In seinem Büro sitzt Hryniw zwischen
und zwei Meter lang, trägt eine runde schenkos Schuld, dass es für den Krieg im zwei großen Fotos: links eines von der
Hornbrille und sieht aus, wie man sich Donbass keine schnelle Lösung gab und Orange Revolution, an der hängt noch heu-
den jungen, westlichen Kiewer vorstellt. dass die Wirtschaft darunter litt. Es war te sein Herz. Rechts eines vom Euromai-
Leschtschenko ist Parlamentsabgeordneter auch nicht seine Schuld, dass die Struktu- dan, der gefällt ihm im Rückblick weniger
und Investigativjournalist, keiner kann im ren erst einmal die alten blieben. Im Par- gut. Wenn es Poroschenko bloß ums Geld
Fernsehen so gut wie er erklären, wie die lament saßen, wie zuvor, vor allem Ge- ginge, fragt Hryniw, warum habe er dann
Korruption im Land funktioniert. Aller- schäftemacher. Leschtschenko nennt die bei den beiden Aufständen so früh und of-
dings, sagt er, laden ihn die großen Sender Rada „Europas größten Business-Klub“. fen Partei für die Protestierer ergriffen?
nicht mehr ein, seit er den Präsidenten an- Spätestens im Februar 2016 offenbarte Geschäftsleute warteten doch eher ab und
greift. „Anstatt Reformen durchzuführen, Poroschenko seine Prioritäten. Damals stieß handelten aus dem Hintergrund. „Poro-
hat Poroschenko seine Macht konsolidiert einer der ausländischen Reformer, der als schenko dagegen hat gezeigt, dass er seine
und sich bereichert“, sagt er. Wirtschaftsminister in der Regierung saß, Komfortzone verlässt“, sagt Hryniw.
Leschtschenko hat das nicht erwartet. mit Ihor Kononenko zusammen, Poroschen- Für die Wahl 2014 hatte Hryniw unter-
Als er nach dem Maidan in die Politik ging, kos Freund aus Armeezeiten. Es ging um sucht, wie Poroschenko auf die Wähler
DER SPIEGEL 7 / 2018 83
Für SPIEGEL-Abonnenten:
Digital-Upgrade nur € 0,50. wirkte. Dafür hatte er gefragt, mit welchem
Fahrzeug sie den Kandidaten assoziierten.
Das Ergebnis von Poroschenko: ein Trak-
tor. Das hat Hryniw gefallen. „Die Leute
haben radikalere Taten von Poroschenko
erwartet. Aber gekauft haben sie damals
ein Nutzfahrzeug, kein revolutionäres
Gadget!“ Heute reden die Bürger anders
Jetzt über Poroschenko – sie vergleichen ihn mit
einem Auto, das sich kaum mehr bewegt.
4 Wochen Poroschenko, sagt Hryniw, ist zu sehr
gratis Geschäftsmann geblieben – vor allem was
seine Art angeht, Entscheidungen zu tref-
testen fen und Ziele zu setzen. Er müsste den
Ukrainern erklären, wohin er das Land
führen will. Aber er kann das nicht. Er
denkt in viel zu kleinen Schritten. Statt-
dessen ist er damit beschäftigt, seine Macht
zu konsolidieren. Und da sind die neuen
Antikorruptionsbehörden eine Gefahr.
Nach der unabhängigen Spezialpolizei
NABU und der Spezialstaatsanwaltschaft
soll ein Spezialgericht für schwere Korrup-
tionsfälle geschaffen werden, so will es der
Westen, und so hat es Kiew versprochen.
Die Sondergerichtsbarkeit wäre dann kom-
plett. Es könnte endlich verurteilt werden,
nicht nur ermittelt. Aber Poroschenko hat
Rosenzweig & Schwarz, Hamburg
die Einführung erfolgreich hinausgezögert.
Er hat Angst, dass ihm die Kontrolle über
die Justiz entgleitet. Dabei ist er schon jetzt,
verglichen mit seinen Vorgängern, ein
schwacher Präsident. Nicht einmal den In-
nenminister hat er im Griff.
Nicht nur Poroschenko, die gesamte Eli-
te fürchtet die neuen Institutionen. Er-
schrocken schauen sie ins Nachbarland Ru-
mänien, wo ähnliche Reformen zu aufse-
henerregenden Verurteilungen geführt
haben. In Kiew haben sie zu spät verstan-
Ohne Verpflichtung lesen den, worauf sie sich eingelassen haben.
Es ist nicht so, dass es unter Poroschenko
Bereits ab freitags 18 Uhr
keine Reformen gäbe. Parlamentarier müs-
Auch offline lesbar sen ihr Vermögen im Internet offenlegen,
die Staatsfinanzen wurden dezentralisiert,
Auf bis zu 5 Geräten marode Banken geschlossen und die Armee
neu aufgebaut. Aber es geht viel zu langsam
Inklusive SPIEGEL DAILY – Die neue digitale Tageszeitung voran. Und vor der Präsidentschaftswahl im
nächsten Jahr, in der Poroschenkos wichtigs-
te Gegnerin Julija Tymoschenko heißen dürf-
te, ist an weitere Reformen nicht zu denken.
Je weniger jedoch reformiert wird, desto
patriotischer ist die Rhetorik im Kampf ge-
gen Russland und die Separatisten und des-
Ja, ich möchte den SPIEGEL digital testen! to öfter sieht man den Präsidenten im Tarn-
anzug und als Oberkommandierenden.
Ich lese 4 Wochen den SPIEGEL digital kostenlos, danach als Aber wer weiß, vielleicht fällt Poroschen-
ko bis zur Wahl 2019 auch noch ein, was
SPIEGEL-Abonnent für nur € 0,50 statt € 4,10 pro Ausgabe. er als Präsident eigentlich mit seinem Amt
Ich gehe keine Verpflichtung ein, denn ich kann jederzeit zur und mit seinem Land anfangen will.
nächsterreichbaren Ausgabe kündigen. Christian Esch
Twitter: @Moskwitsch

Video: Was von Poroschenkos


Einfach jetzt anfordern: Versprechungen geblieben ist
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84 DER SPIEGEL 7 / 2018


Ausland

Die Freibeuter
Analyse Raus, raus, raus: Die britischen Brexit-Hardliner treiben Theresa May und ihr
Land immer näher an den Abgrund – kein Preis ist ihnen dafür zu hoch.

F
ür den Valentinstag kommende Woche hat sich Boris rung. Verschwörungstheorien und Dolchstoßlegenden: Das
Johnson etwas furchtbar Nettes ausgedacht. Wie kennt man in dieser Schlichtheit eigentlich nur von Donald
man hört, will der britische Außenminister eine güt- Trump. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.
liche Rede zum Brexit halten und damit EU-Freunde und Und May? Beeilte sich, das peinliche Papier als „vor-
-Feinde im Land wieder versöhnen. Es ist eine Idee, auf läufige Interpretation“ zu schmähen. Die Regierungschefin
die nur jemand wie Johnson mit seinem galaktischen Ego ist ganz offensichtlich zu schwach, den Brexiteers die Stirn
kommen kann. Es ist, als diente sich der Marder an, Streit zu bieten. Die haben May gerade erst wieder mit ihrem
im Kaninchenstall zu schlichten. Sturz gedroht, um sie – Überraschung! – durch Johnson
Johnson und seine Vasallen haben zuletzt in Sachen zu ersetzen, sollte sie den Brüsseler Bürokraten auch nur
Brexit unverhohlen klargemacht, dass die Zeit für Zuge- einen Fußbreit zu weit entgegenkommen.
ständnisse vorbei ist. Im Dezember, als Regierungschefin Die Freiheitskämpfer um den Außenminister haben sich
Theresa May einen wackligen Kompromiss mit der Rest- behaglich eingerichtet in ihrer Vorstellung von einem „glo-
EU schloss, um sich in die nächste Phase der Verhandlun- balen Großbritannien“, das endlich wieder um den Globus
gen zu hangeln, schwiegen die Brexiteers noch aus takti- segeln kann, sobald der Brüsseler Anker gelichtet ist. Sie
schen Gründen. Für einen Moment schien es, als hätten laben sich an der Erzählung von einer großen Nation, die
sich besonnenere Stimmen in der Regierung durchgesetzt, sich verzwergte, indem sie einem Klub von 27 Krämer-
die Großbritannien nach der Scheidung eng an die EU seelen beitrat. Und auf die die Welt mit all ihren Schätzen
binden wollen. Der Weg dorthin blieb jedoch offen. und Abenteuern wartet. Dass die Welt bislang dankend
Jetzt aber hat das Endspiel um abwinkt; dass Dutzende über die
den Ausstieg begonnen, und May EU bestehende Handelsverträge
wird sehr bald etwas tun müssen, sich nicht ohne Weiteres ersetzen
was sie verabscheut: klare Ent- lassen; dass die Insel wirtschaft-
scheidungen treffen. Deswegen er- lich darben wird, es sei denn, sie
höhen die EU-Hasser in ihrer Par- machte aus sich selbst eine Art
tei den Druck auf sie fast täglich. Cayman Islands XXL: All das sind
Und immer offensichtlicher wird, für die Brexiteers nur alternative
worum es ihnen dabei geht: um Fakten, von denen sie sich den
eine nationale Wiedererweckung. Traum einer souveränen Zukunft
Egal zu welchem Preis. nicht trüben lassen wollen. Und
Fast vergessen scheint, dass die weil sie im Parlament über ausrei-
Briten im Sommer 2016 nur da- chend Mitstreiter verfügen, könn-
rüber abgestimmt haben, ob das ten sie ihre Premierministerin je-
WOLFGANG AMMER

Land die EU verlassen soll. Und derzeit stürzen.


nicht, wie. Seither aber diktieren Deswegen ist May mehrfach
die Hardliner ihre Bedingungen. eingeknickt. Ohne Not stellte sie
Diese lauten: raus aus dem Bin- die Rechte von EU-Bürgern in ih-
nenmarkt, raus aus der Zollunion, rem Land wieder infrage. Und
raus mit den EU-Arbeitern, von denen ganze Industrie- auch die Formulierung, dass es eine Zollunion mit der EU
zweige abhängen. Raus! Raus!! Raus!!! Und rein in eine geben soll, ist wieder obsolet. Man will nun lieber eine
Zukunft, die keiner plüschiger skizziert als Johnson. Frei- „Zollvereinbarung“. Klingt nach Kleinkram – könnte ne-
heit ist das überragende Motto – und sei es die Freiheit, benbei aber den mühsam errungenen irisch-nordirischen
das Land mit Karacho gegen die Wand zu fahren. Frieden torpedieren, wenn dort wieder Grenzposten ent-
Das ganze Ausmaß dieses Zynismus wurde jüngst deut- stünden. Ein weiterer Kollateralschaden, den die Hardliner
lich, als eine von der Regierung erstellte Analyse durch- offenbar in Kauf zu nehmen bereit sind.
sickerte, wonach ein von der EU-Mitgliedschaft erlöstes Wie May es schaffen will, diese Regierung hinter einer
Großbritannien in jedem Fall mit erheblichen wirtschaft- Brexit-Vision zu versammeln, bleibt ihr Geheimnis. Zwei-
lichen Schäden zu rechnen habe. Selbst wenn es London mal traf sie sich diese Woche mit einer Ministerrunde, sin-
irgendwie doch noch gelänge, dem Land einen privile- nigerweise „Kriegskabinett“ genannt, aber viel schlauer
gierten Zugang zum EU-Binnenmarkt zu sichern, würde war danach niemand. Die EU wartet händeringend darauf,
die Wirtschaft in den kommenden 15 Jahren leiden. dass London mitteilt, welches Brexit-„Endstadium“ es an-
Die Reaktion der Brexit-Hardliner zeigte deren fort- strebt. Derzeit sieht vieles eher nach Endstation aus.
schreitende Realitätsverweigerung: Ein Staatssekretär Wer weiß, vielleicht gelingt Boris Johnson mit seiner
wischte den Bericht mit der originellen Begründung bei- Liebesbotschaft nächste Woche ja der ganz große Wurf.
seite, Regierungsprognosen seien „immer falsch“. Andere Eine Versöhnung der Unversöhnlichen. Und wenn doch
EU-Feinde innerhalb der Tories unterstellten sogar dem nur ein Valentinstag-Massaker daraus folgt? Dann hat er
Beamtenapparat, er konspiriere gezielt gegen die Regie- das ganz sicher nicht gewollt. Jörg Schindler

DER SPIEGEL 7 / 2018 85


Ausland

Ein Arbeitsamt für Afrika


Migration Um Fluchtursachen zu bekämpfen, vermittelt Deutschland Jobs in Ghana. Was passiert, wenn
deutsche Bürokratie und ghanaische Realität aufeinandertreffen? Von Marian Blasberg

W
enn der Wind in diesen Tagen tion and Reintegration“, so steht es drau- Hohn und Spott. Verstoßen von Familien,
den Staub aus der Sahara Rich- ßen an der Fassade, und in der Tat könnte die zur Finanzierung der Flucht häufig ihr
tung Süden wirbelt, schimmert man meinen, dass sich in diesen Räumen Hab und Gut aufbrachten, ziehen sie ziel-
die Sonne auf der Glasfassade in mattem Wege nach Europa auftäten. Aber das ist los durch die Städte, frustriert, gebrand-
Glanz. Im Erdgeschoss des siebenstöckigen es nicht, im Gegenteil. Was Tette anbietet, markt als Verlierer, nicht selten traumati-
Geschäftsgebäudes schluckt eine Klima- sind Ausbildungs- und Arbeitsplätze in siert durch die Erlebnisse der Reise.
anlage den Lärm der Independence Ave- Ghana. Es geht um die, die bleiben wollen, Für die ghanaische Regierung bedeuten
nue, über die sich der Verkehr ins Zentrum und um Rückkehrer aus dem Ausland. diese jungen Männer ein unberechenbares
der ghanaischen Hauptstadt Accra schiebt. Ein paar Tage zuvor, in seiner Eröff- Potenzial. Den Aufprall ihrer Rückkehr ab-
Die Wände sind jetzt grau gestrichen. Die nungsrede, hatte Tette gesagt, es sei nicht zufedern ist eine Frage des inneren Frie-
neuen Büromöbel sind aus schlichtem so, dass es in Ghana keine Perspektiven dens. Und man kann auch fragen, was es
schwarzem Holz, und im Wartebereich vor gebe. Anders als in Deutschland gebe es mit einer Gesellschaft macht, wenn inner-
den Beratungszimmern liegen auf einem nur niemanden, der sie den jungen Leuten halb weniger Jahre schätzungsweise eine
Ständer ein paar Infoblättchen, die noch zeige. „Every German who leaves school, halbe Million Menschen ihre Heimat ver-
nach Druckerschwärze riechen. goes to the Arbeitsamt“, rief er – und der lassen, weil sie dort keine Zukunft sehen.
Vier Stühle stehen dort. Für den Anfang, deutsche Bundespräsident nickte mit eben- Selbst wenn Ghana oft als Musterbei-
glaubt Tette, müsste das genug sein. so staatstragender Miene wie der ghanai- spiel einer stabilen afrikanischen Demo-
David Tette, der aus einem armen Dorf sche Arbeitsminister Ignatius Baffour Awu- kratie beschrieben wurde, ist das Land
im Osten Ghanas stammt und jetzt so etwas ah, der kurz zuvor mit feierlicher Geste dem Kreislauf immer wiederkehrender Kri-
wie der Chef des ersten deutschen Arbeits- ein gelbes Band durchschnitten hatte. sen nie entkommen. Infolge weltweit kol-
amtes südlich der Sahara ist, hat alles dafür Ein Arbeitsamt für Afrika also. labierender Rohstoffpreise schrumpften
getan, um seinen Landsleuten den Eindruck Es ist ein Experiment, das an einer Weg- die Exporterlöse zuletzt um mehr als 15
einer seriösen deutschen Behörde zu ver- gabelung entsteht, an der sich deutsche Prozent. Nana Akufo-Addo, ein Jurist, der
mitteln. An einem Morgen im Dezember, und ghanaische Interessen treffen. seit Januar 2017 Präsident von Ghana ist,
kurz nach der Eröffnung, steht Tette in sei- Es ist, aus deutscher Sicht, ein Echo auf hat kürzlich in einer viel beachteten Wut-
nem fensterlosen Büro und kramt in einem mehrere traumatische Flüchtlingssommer, rede erklärt, dass sein Land nicht länger
Regal nach einer Packung Jacobs Krönung, in denen das Land damit begann, langsam abhängig sein dürfe von der Großzügigkeit
von der er sich, wie er sagt, zurzeit haupt- seine Grenzen zu verschieben. In Libyen europäischer Steuerzahler. All die Hilfen
sächlich ernährt; ein kleiner, helfen deutsche Polizisten hätten nichts gebracht, sagte er, und auch
55-jähriger Mann mit akku- beim Aufbau einer Küsten- künftig würden sie nichts bringen.
rat gestutztem Schnauzer, wache. In Niger lassen sie Was Akufo-Addo fordert, ist eine zweite
Karojackett und Bügelfalten- AFRIKA Zäune in den Wüstensand Unabhängigkeit, 60 Jahre nach der ersten.
hose, der sich nie hätte träu- rammen. Im Sudan wollen Deshalb will er in Schulen und Universitä-
GHANA ten investieren. Deshalb entstehen jetzt
men lassen, einmal im Mit- sie Grenztruppen ausrüsten.
telpunkt der Aufmerksam- Diese Maßnahmen, die den überall im Land Gewächshäuser, die die
keit zu stehen. Accra Strom der Menschen immer Agrarproduktion erhöhen sollen. Deshalb
Tettes Blick fällt auf ein früher stauen sollen, werden gibt es nun das Programm „One District,
Foto, das ihn mit stolzem Lä- flankiert von einer Politik, One Factory“, dessen Ziel es ist, Rohstoffe
cheln neben dem Bundes- die tief im Inneren des afri- schon in Ghana weiterzuverarbeiten.
präsidenten Frank-Walter kanischen Kontinents soge- Tausende Stellen will Akufo-Addo schaf-
Steinmeier zeigt, als plötz- nannte Fluchtursachen be- fen, aber das Problem ist, dass Job und
lich einer seiner beiden Jobberater in der kämpfen soll. Zu diesem Zweck eröffnete Mensch zusammenfinden müssen.
Tür erscheint und ihm zuruft, dass da ge- im März das erste Migrationszentrum in Offiziell gibt es zwar 46 über das Land
rade ein junger Mann war, der sich auf Tunis, im September dann in Casablanca, verstreute „Public Employment Centres“,
eine Stelle bei einer Offshore-Ölfirma in auf Accra folgte im Januar Dakar; allesamt aber dort hängen nur ein paar leere
Deutschland bewerben möchte. Tette fasst finanziert aus Bundesmitteln, organisiert Schwarze Bretter. Eine zentrale Daten-
sich an den Kopf. „Offshore?“, ruft er. „In von der Deutschen Gesellschaft für Inter- bank für offene Stellen gibt es nicht. In
Deutschland?“ So geht es jetzt also los. nationale Zusammenarbeit (GIZ). „Wir diesem Punkt, so sieht es aus, könnten die
Gestern standen 13 Mitarbeiter von der müssen Argumente liefern, warum es für Deutschen mit ihrem Arbeitsamt durchaus
Telefonfirma aus dem dritten Stock bei ihm die Menschen sinnvoller ist, einen Beitrag nützlich sein.
auf der Matte und wollten wissen, ob Tette in ihrem Heimatland zu leisten“, erklärte Das ist also die Versuchsanordnung.
einen Job in Deutschland für sie habe. Heu- Steinmeier am Rande der Eröffnung. Die Frage ist, was es bedeutet, wenn
te früh kam dann ein Hausmeister mit Na- 4098 Ghanaer leben derzeit ohne Bleibe- zwei Kulturen aufeinandertreffen. Was
men Freewill, der angab, eine Stelle als recht in Deutschland, statt auszureisen, kommt dabei heraus, wenn deutsche Bü-
„Top Manager/Operations Executive“ zu verschwinden viele irgendwann in der Il- rokratie auf ghanaische Wirklichkeit trifft?
suchen, nach Möglichkeit im Ausland. legalität. Der Rückweg in die Heimat Und, wichtiger noch, nehmen die Ghanaer
Tette guckt ein bisschen ratlos. scheint ihnen versperrt. Auf gescheiterte das Angebot der Deutschen überhaupt an?
„Vielleicht liegt es am Schild“, sagt er. Migranten, die mit leeren Händen aus An jenem Morgen in seinem Büro sagt
„Ghanaian-German Centre for Jobs, Migra- Europa zurückkommen, warten in Ghana Tette, dass sich für die nächsten Tage der

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Koordinator Tette: „Every German who leaves school, goes to the Arbeitsamt“

FOTOS: RUTH MCDOWALL / DER SPIEGEL

Beratungszimmer im Jobcenter: Graue Wände, schwarzes Mobiliar, ein paar Infoblättchen – alles wie in Deutschland

DER SPIEGEL 7 / 2018 87


Ausland

erste richtige Klient angekündigt habe, ein


junger Fußballspieler, der seit Kurzem wie-
der zurück in Ghana sei. Außerdem hätten
die Lokalzeitungen ausführlich über Stein-
meiers Besuch berichtet. Der Sturm, glaubt
Tette, werde also bald losbrechen.
Dabei müsste er nach dem Stress der
vergangenen Wochen eigentlich mal etwas
runterkommen. Da waren all die Möbel-
lieferanten, die erst ihre Fristen dehnten
und dann gegen die Türen donnerten. Und
schließlich all die Träumer. Es ist nicht so,
dass Tette diese Leute nicht verstehen
könnte. Er hat ja selbst neun Jahre in Ber-
lin gelebt, in einer Zeit, als er für ein Visum
nicht viel mehr brauchte als einen Pass, Grundstück für den Neubau: Im Takt der Deutschen
die Zulassung von einer Uni und 3000
D-Mark. Tettes Familie konnte es sich leis-
ten. Seine Mutter leitete ein Mädchen-
internat, sein Vater führte eine Straßen-
baufirma.
Tettes älteste Schwester war die Erste,
die ging. Für ihr Medizinstudium in den
USA hatten die Eltern noch ihr Klavier
verkauft. Eine zweite Schwester studierte
in Hannover. Ein Cousin ist Braumeister
in Bremen. Diese Sehnsucht nach der Fer-
ne, glaubt Tette, liege an seinem Großva-
ter, der Deutschlehrer war und auf dessen
Röhrenfernseher immer „Spiel ohne Gren-
zen“ flimmerte. „Ältere Braunschweiger,
die sich mit älteren Bielefeldern duellieren,
so etwas prägt“, sagt Tette.
Mit 27 fasste er den Entschluss, nach Bio-
chemie in Kumasi noch Lebensmitteltech-
nologie in Berlin zu studieren. Er lernte
Walzer tanzen, um bei Feiern seiner ka-
tholischen Studentengemeinde nicht am Helfer beim Aufbau des Arbeitsamtes: Prüfmissionen, Mapping, Schnittstellenworkshops
Rand zu stehen. Seine Schrittgeschwindig-
keit hat sich beschleunigt, und im Restau- nen „bilateralen Partner“, der das Projekt neues Haus, das sie in einem halben Jahr
rant entschuldigt er sich heute, wenn er sei- im besten Fall als das seinige betrachtet. beziehen wollen. Damit es finanzierbar ist,
nen Fufu mit den Händen isst. Die Frage, In mehreren Gesprächen, sagt Tette, schwebt Tette „eine modulartige Struktur
ob er bleiben wolle, stellte sich ihm nie. Er habe er den neuen Arbeitsminister Baffour aus recycelten Schiffscontainern“ vor.
wollte „Wissen akquirieren“, sagt er, „um zur Einsicht „gepusht“, dass es sich bei der Zurzeit evaluieren sie drei Entwürfe ein-
damit in Ghana etwas aufzubauen“. Arbeitsvermittlung um eine Kernaufgabe heimischer Architekten. Das heißt, Tette
Nach Jobs bei einer Chemiefirma und seines Ministeriums handle. war schon Ende November fertig, aber Baf-
einem Institut für Marktökologie kam Tet- Während die Tunesier in dem Projekt fours Leute halten ihn hin. „Die bringen
te 2010 zur GIZ. Sieben Jahre half er Gha- der Deutschen zunächst einen Winkelzug mich zur Weißglut“, ruft er, während er
naern dabei, nach einem Auslandsstudium vermuteten, um islamistische Gefährder zum dritten Mal an diesem Morgen die
in der Heimat Fuß zu fassen. Es ist kein loszuwerden, fragten die Ghanaer vor al- Nummer von Emma Ofori wählt, seiner
Zufall, dass man ausgerechnet ihm das Ar- lem nach der Höhe des Budgets. Außer- Ansprechpartnerin im Arbeitsministerium.
beitsamt anvertraut hat. Es braucht einen dem fand Baffour, dass das ein schöner Dass Tette längst ein Deutscher sei,
Brückenbauer, der beide Welten kennt. Anlass wäre, um die über die gesamte glaubt Emma Ofori, erkenne man daran,
Tette spricht die Sprache der Entwick- Stadt verteilten Abteilungen seines Minis- dass er sich selbst viel zu sehr unter Druck
lungshelfer mittlerweile fließend. In sei- teriums unter einem Dach zu versammeln. setze. Ofori, eine junge Frau mit kurzen
nem Büro berichtet er von einer „Prüfmis- Tette sagt, er habe das geprüft und sich Rastalöckchen, muss es wissen. „Ich sehe
sion“, die die Lage in Accra sondierte. Er mehrere Gebäude angesehen, unter ande- ihn ja häufiger als meinen Mann“, sagt sie
erzählt von einem „Mapping“, das er in rem eines, in dem mal die Unesco saß. ein paar Tage später, während sie ihren
Auftrag gab, um auszuloten, inwieweit er Aber: alte Mauern, alles mit Asbest ver- schwarzen BMW-Geländewagen fluchend
bei der Arbeitsplatzvermittlung auf beste- seucht. Tette senkt den Daumen. „Eine durch die Rushhour von Accra steuert. Als
hende Programme der Entwicklungshilfe Komplettsanierung ist mit unseren Buch- Ministerialbeamtin gehört Ofori zu einer
zugreifen kann. Es folgten Skype-Konfe- haltern nicht drin.“ kleinen Oberschicht in Accra, die eine Art
renzen, Schnittstellenworkshops, Dauer- Sie einigten sich schließlich auf einen Jetset-Leben führt und Businessclass zu
kommunikation. Es ist eine sensible An- Kompromiss. Weil die Zeit drängte, miete- internationalen Konferenzen fliegt.
gelegenheit. Damit es nicht so wirkt, als te Tette zunächst die Räume an der Inde- „Mein Minister“, sagt sie, „wäre begeis-
würden sie sich in die Belange eines sou- pendence Avenue an. Parallel planen sie tert, wenn er das neue Haus noch während
veränen Staats einmischen, brauchte es ei- auf einem Parkplatz vor Baffours Büro ein seiner Amtszeit einweihen könnte.“ Aber

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wusstsein für die Kolonialgeschichte, Au-
genhöhe. Dass er sich als Boss bezeichnet,
deuten sie als positives Zeichen. Wir wol-
len Ownership, sagen die Deutschen, aber
sie sagen es auch mit einem Schmunzeln.
An einem Mittwochmorgen, an dem Tet-
te noch immer Baffours Evaluierungs-
bericht hinterhertelefoniert, sitzt im Büro
des Jobberaters Kwaku Yeboah der erste
Rückkehrer. Yeboah, Anfang dreißig, trägt
einen grauen Anzug. Er hat in Osnabrück
studiert und später das Diasporareferat des
Außenministeriums mitaufgebaut. Auf sei-
nem Schreibtisch liegt ein Fragebogen.
„Hey Jude, wie geht’s?“, wendet sich Ye-
boah an den jungen Mann, der ihm mit
zitternden Händen gegenübersitzt.
„Gut. Beziehungsweise: geht so.“
„Wie alt bist du?“
„27.“
Yeboah mustert ihn. Am Telefon hatte
ihm Jude erzählt, dass er Fußballer sei,
und mit seinen fein rasierten Bartlinien,
den schicken Turnschuhen und der großen
Uhr sieht er tatsächlich wie einer aus.
„Wie lange warst du in Deutschland?“
„Etwa zwei Jahre.“
„Wie bist du dorthin gekommen?“
Während sich Yeboah ein paar Notizen
FOTOS: RUTH MCDOWALL / DER SPIEGEL
macht, erzählt Jude von einem Erstligaver-
ein im Norden Ghanas, von Prämien, die
nicht zum Leben reichten, von der Arbeit
in illegalen Goldminen. Ein ghanaischer Ge-
schäftsmann, sagt er, habe ihn dann bei ei-
nem Freizeitkick entdeckt und mit einem
tschechischen Agenten in Kontakt gebracht,
der ihm versprach, seinen Traum von einer
Fußballer Jude: Zu viel Kopfschmerzen in Deutschland Karriere in Europa wahr werden zu lassen.
„Aber der Mann war schwul, weißt du“,
wie Tette hat auch Ofori den Eindruck, nach, aber die Sache lässt sich nicht klären. sagt Jude.
dass die Dinge dauern. Jedes Möbelstück Dann fallen ihm die Augen zu. „Schwul?“, fragt Yeboah.
muss Tette sich von seinen Procurement- Walsch redet weiter, über die Entwürfe In ihr Kichern hinein erzählt Jude weiter,
Leuten absegnen lassen. Er hält ihr lange der Architekten. Als er ankündigt, sie zeit- dass er nicht wisse, ob der Tscheche über-
Vorträge über Steuergelder und Asbest, nah in die Zentrale nach Eschborn schi- haupt ein Spieleragent war. Irgendwann
aber was sollen sie tun? cken zu wollen, meldet sich Baffour mit habe er sich abgesetzt aus Prag und in
„Wir passen uns dem Takt der Deut- einem Räuspern zurück. „Selbstverständ- Deutschland einen Antrag auf Asyl gestellt.
schen an“, sagt Ofori. „Wir wollen nicht lich kriegt ihr sie vorher“, beschwichtigt Es folgten Flüchtlingsheime, Duldungen,
zu sehr drängeln.“ Tette, was Baffour mit einem zufriedenen ein Brief des Bürgermeisters der Stadt Lan-
Im November, einen knappen Monat Brummen kommentiert. genfeld, der sich bei den Behörden für ihn
vor der Einweihung, sitzt sie mit Tette und Am nächsten Morgen sitzt der Minister einsetzte, auch weil er die örtliche Kreis-
dessen Vorgesetztem Alan Walsch in Baf- hinter seinem Schreibtisch und hält auf die ligatruppe auf ein besseres Niveau geho-
fours Büro, wo die gelb gestrichenen Wän- Frage, was sein Beitrag sei zu dem Projekt, ben hat.
de schimmeln. Während sich Baffour tief einen ausführlichen Vortrag über die neue „Warum bist du zurück?“
in einem Polstersessel rekelt, hocken Arbeitspolitik des Präsidenten. Baffour er- „Zu viel Kopfschmerzen.“
Walsch und Tette wie Schüler vorn auf der wähnt kurz die Knappheit seines Budgets. „Hast du einen Platz zum Schlafen?“
Stuhlkante. Sie sind froh, dass der Minister Dann blickte er entschuldigend aus dem „Kein Problem, kein Problem.“
eine halbe Stunde für sie hat. Nach dem Fenster. Unten liegt der Parkplatz, den er Yeboah lehnt sich zurück.
Austausch von ein paar Nettigkeiten er- für den Bau des neuen Amtes zur Verfü- Hinter den heruntergelassenen Lamel-
wähnt Tette, dass sie in der Frühe eine gung stellt, ein Flecken rote Erde, auf dem len rauscht die Independence Avenue. Ye-
Konferenz mit einigen lokalen NGO hat- ein paar alte Autos vor sich hinrosten. Baf- boah sagt, er kenne jemanden, der viel-
ten. Baffour richtet sich an Ofori und fragt four macht eine Pause. leicht ein Probetraining beim Spitzenklub
etwas spitz: „Waren wir eingeladen?“ Ofo- „Mein Beitrag?“, sagt er schließlich. Wa All Stars organisieren könnte. Wenn
ri schüttelt den Kopf. Baffour blickt zu „Well, I am the boss.“ er Neuigkeiten habe, rufe er an.
Walsch hinüber, aber ehe der etwas sagen Die Deutschen sagen, der Arbeitsminis- Später, als Jude längst aus der Tür ist,
kann, erklärt Tette, dass sie beim nächsten ter sei eigentlich niemand, der sich quer- geht Yeboah ein paar andere Optionen
Mal ganz sicher wieder dabei seien. „Wa- stelle. Sie erkennen in ihm einen Mann, durch. Auf der größten Müllhalde von Accra,
rum nicht dieses Mal?“, hakt der Minister dem Umgangsformen wichtig sind, Be- sagt er, habe die GIZ seit Kurzem ein Pro-
DER SPIEGEL 7 / 2018 89
Ausland

jekt, in dem sie junge Leute darin unterrich- „Ich ging davon aus“, sagt Jude, „dass
ten, wie man Elektroschrott wiederverwer- Yeboah es schon wissen würde.“
tet. Andererseits, meint er, sei heute früh Schwer zu sagen, ob Jude konkreter hät-
ein Chief, ein lokaler Clanchef, im Büro ge- te werden können. Ob ein Fragebogen aus-
wesen, der IT-Kurse anbietet. Seine Schüler reicht, um ein Leben zu erfassen wie das
schlafen in einem Heim. Warum nicht so von Jude. Der erste Rückkehrer, so sieht
was, wenn aus den All Stars nichts wird? es aus, ist jedenfalls kein Mann, der sich
Auf rund 600 Stellen, schätzt Yeboah, dauerhaft reintegrieren will. Die Frage ist,
könne er bislang zurückgreifen. Sie haben was das für die Zukunft des Arbeitsamtes
Agrartrainings im Angebot, wo man ler- bedeutet.
nen kann, wie Reis und Zuckerrohr ge- Tette sagt, er sei sich des Problems be-
pflanzt werden, und sie kooperieren mit wusst. Von einem Psychologen, der sich

RUTH MCDOWALL / DER SPIEGEL


sozialen Organisationen, die Fischfarmen künftig um ihre Härtefälle kümmern soll,
betreiben, Schneidereien oder Werk- weiß er, dass es bei einer Rückkehr Über-
stätten. Bei jenem Treffen, zu dem das gangsphasen gibt. „Es dauert, bis der Kopf
Arbeitsministerium nicht eingeladen war, da ist“, sagt Tette.
haben sie lokale NGOs darüber informiert, Die Köpfe, darum geht es eigentlich: um
wie sie bei der GIZ Projekthilfen beantra- diesen Mythos, wonach es jeder in Europa
gen können. Und ihnen erklärt, dass jene Minister Baffour mit geringem Aufwand schnell zu Reichtum
Anträge mehr Aussicht auf Erfolg hätten, „Mein Beitrag? Well, I am the boss“ bringen kann. An dessen Stelle muss Tette
die nicht 90 Prozent des Budgets für Rei- die Einsicht pflanzen, dass harte Arbeit und
sekosten und Gehälter vorsehen. Was hatte es mit dem tschechischen ein bescheidenes Auskommen in der Heimat
Die ersten dieser Anträge trudeln jetzt Agenten auf sich? die bessere Wahl sein können. Aber es ist
ein, und der Jobvermittler Yeboah, der sie Judes Blick verliert sich in einem Man- nicht leicht. Die 300 Euro, die Jude jeden
durchsieht, runzelt die Stirn über surreale gobaum. „Drei Wochen war ich in seiner Monat vom deutschen Staat geschenkt be-
Summen und vage formulierte Ziele. „Es Wohnung“, sagt er. „Er hat mich angefasst. kam, verdient in Ghana nicht mal ein Lehrer.
muss für Eschborn lesbar sein“, hat er am Er hat versucht, mich in sein Bett zu zie- „Wir brauchen Zeit“, sagt Tette. „Und
Morgen dem Chief erklärt, ehe sie dessen hen, aber ich habe mich gewehrt, auch als wir brauchen Vorbilder.“
blumig formuliertes Dokument Zeile für er einmal eine Pistole auf mich richtete.“ Auf einem Fernseher im Wartezimmer
Zeile zusammen durchgegangen sind. Jetzt Jude schlug sich nach Deutschland läuft jetzt eine Al-Jazeera-Doku, die in
liegt es auf einem hohen Stapel vor Yeboah durch, dort erzählte er den Beamten, was Endlosschleife Horrorbilder von sinkenden
auf dem Schreibtisch; ganz oben liegt die geschehen war, aber natürlich ahnte er, Gummibooten im Mittelmeer zeigt.
Vita jenes Hausmeisters, der von einer Kar- dass dies kein Asylgrund war. Stattdessen Dann reißt Tette der Geduldsfaden.
riere als Topmanager träumt. teilte man ihm mit, dass er nur dann eine Nachdem ihn Emma Ofori ein weiteres
Yeboah greift den Wisch und wedelt mit Chance habe, wieder einzureisen, wenn Mal wegen des Evaluierungsberichts wort-
ihm durch die Luft. er zunächst seiner Ausreisepflicht nach- reich vertröstet hat, schickt er seinen Se-
„Fünf Seiten bla, bla, bla!“, ruft er. komme. Würde er abgeschoben, bliebe er kretär ins Ministerium. Eine halbe Stunde
„Manchmal kommt es mir so vor, als pro- für bis zu drei Jahre gesperrt. Er will später kommt per SMS die Nachricht, dass
duzierten wir Afrikaner nur Papier.“ daher jetzt auch lieber nicht mit vollem es ein Problem mit dem Kopierer gebe.
Deutsche und Ghanaer haben verschie- Namen genannt und erkennbar fotogra- Tette bläst die Backen auf.
dene Arten zu kommunizieren. Die Deut- fiert werden. „Ein Mann, ein Wort“, sagt er und lacht
schen, glaubt Tette, seien direkter. Ein Jude zieht sein Handy aus der Tasche. hysterisch. „Ein Ghanaer, tausend Worte.“
Mann, ein Wort, so hat er es von seinem Fotos einer älteren blonden Frau leuchten Seit Monaten, sagt Tette, arbeite er 120
Großvater gelernt. Die Ghanaer zögen sich in der Dämmerung auf. Prozent, aber manchmal komme es ihm
zurück ins Vage, vor allem wenn sie einer „Elka“, sagt er. vor, als baue er keine Brücken, sondern
Respektsperson gegenübersäßen. Wie Sie trafen sich in einem Flüchtlingsheim gerate zwischen die Fronten. Es sind ja
schnell dann Missverständnisse entstehen in Hilden, der Nachbarstadt von Langen- nicht nur die Ghanaer, die ihm zusetzen.
können, begreift man, wenn man den Rest feld. Elka, die gerade ihren Job verloren Auch die Deutschen, die für alles einen
von Judes Geschichte kennt. hatte, half dort als Freiwillige aus. Sie ver- Bericht anfordern. An manchen Tagen füh-
Der Geruch von gebratenem Hühnchen liebten sich. Er kochte Fufu für sie, und le es sich so an, als müsste er immer noch
sättigt die Abendluft des Vororts Teshie sie begleitete ihn mit dem Fahrrad, wenn beweisen, dass man einem schwarzen
am Rand von Accra, als Jude erschöpft in er durch die Erdbeerfelder zum Training Mann wie ihm vertrauen kann.
einen Plastikstuhl vor einer Kirche sinkt. fuhr. Von den 50 Euro, die Elka ihm am 2000 Klienten, hatte das Haus in Tunis
Er wartet auf einen Bekannten, der ihm Düsseldorfer Flughafen zusteckte, kaufte angekündigt, wolle man im ersten Jahr be-
für die Nacht eine Matratze angeboten hat. er Schuhe für das Baby seiner Schwester. raten. Am Ende waren es deutlich weniger,
Jeden Tag, sagt Jude, schlafe er woan- „Wir wollen heiraten“, sagt Jude. und auch deshalb hütet Tette sich vor einer
ders. Die Leute, die ihm Obdach gäben, Nächstes Jahr, wenn sie genügend Geld Prognose. Fest steht nur, dass er das Ar-
guckten ihn schief an, als würde er etwas gespart hat, will Elka ihn in Ghana abho- beitsamt in zwei Jahren vollständig in die
verschweigen. Als er sich gestern am Ha- len. Bis dahin muss er über die Runden Hände der Ghanaer übergeben wird. Tette
fen nach einem Tagelöhnerjob umhörte, kommen. Jude ist sich nicht sicher, ob ein weiß, um wirklich etwas zu verändern,
scheuchte man ihn weg wie eine Fliege. Probetraining die richtige Idee ist. Bei sei- brauchte es Jobs, die nicht an Projekthilfen
Außer Fußball, sagt Jude, habe er nichts nem letzten Klub Eleven Wise zahlten sie hängen. Es brauchte Minister, die dieses
gelernt. Mit 15 verkaufte er Sachen auf der im Monat sieben Euro. Eigentlich, sagt er, Projekt tatsächlich als ihres begreifen, aber
Straße. Da war sein Vater bereits tot, und hatte er gehofft, dass Yeboah ihm etwas fürs Erste wäre er schon glücklich, wenn
wo seine Mutter war, wusste er nicht. Seine vermitteln würde, wovon er leben könnte. er bald damit beginnen könnte, den Park-
Schwester, sagt er, habe jetzt ein Baby. Er Zum Beispiel was mit Landwirtschaft. platz vor Baffours Büro zu asphaltieren.
wolle ihr nicht zur Last fallen. Warum hat er das nicht gesagt? Mitarbeit: Marc Hujer

90 DER SPIEGEL 7 / 2018


Sport
Deutsche Medaillen* bei Olympischen Winterspielen 2002
1998 Salt Lake City
1988 Nagano
Gold 36
Calgary 1992 1994 29 Olympia
Silber 33
Bronze BRD
Albertville
26
Lillehammer Mehr Gegner
24
Mit 136 Goldmedaillen ist
1984 2006 Deutschland bei Winter-
Sarajevo DDR Turin spielen die bislang erfolg-
28 29 reichste Nation. Bei den
BRD Spielen 2014 schwächelte
DDR 2010 das „Team D“ allerdings
1980 Vancouver mit acht Siegen. 16 Jahre
Lake Placid 30
28 zuvor in Nagano hatte die
BRD
Mannschaft noch zwölf
DDR
erste Plätze eingefahren.
1976
Der Rückgang ist umso
Inns- 2014 gravierender, weil das
BRD
bruck DDR Sotschi Programm aufgebläht
29 19 wurde. In Südkorea wer-
1924 Chamonix Ausschluss den jetzt 102 Olympiasie-
1972 DDR ger gekürt, 50 Prozent
BRD DDR
Sapporo 1928 St. Moritz 1
19 mehr als 1998. Allerdings
BRD 1932 Lake Placid 2 ist die Konkurrenz größer
1968
Grenoble 1936 Garmisch-Partenkirchen 6 geworden: Nach Japan
12 1964
Inns- 1960 1948 St. Moritz Ausschluss
schickten 72 Nationen 2176
*1928 bis 1952 Deutschland, bruck Squaw Athleten, nach Pyeong-
1956 bis 1964 Gesamtdeutsche Mannschaft, 1952 Oslo 7
9 Valley chang kommen 2925
1968 bis 1988 Bundesrepublik und DDR,
seit 1992 Deutschland 8 1956 Cortina d’Ampezzo 2 Sportler aus 92 Ländern.

Magische Momente
TOBIAS HASE / DPA

„Mit der Flagge in die Geschichtsbücher“


Boblegende Wolfgang Hoppe, 60, aus Apolda über das Glück des olympischen Fahnenträgers

SPIEGEL: Bei der Eröffnungs- punkt meiner Karriere wer- zwei meinen Einsatz als staut. In meiner langen Kar-
feier in Pyeongchang führte den könnte. Fahnenträger rechtfertigen riere habe ich so viele Tro-
Eric Frenzel die deutschen SPIEGEL: Und, wurde es ein konnte. phäen gewonnen – meine
Athleten ins Stadion. Eine Höhepunkt? SPIEGEL: Hängen Ihre insge- Wohnung wäre gar nicht
gute Wahl? Hoppe: Absolut. Medaillen samt sechs olympischen Me- groß genug, um die alle aus-
Hoppe: Er hat es sicher ver- kann man viele gewinnen, daillen zu Hause an der zustellen.
dient, auch wenn ich Claudia aber mit der Flagge in der Wand? SPIEGEL: Haben Sie in Albert-
Pechstein gewählt hätte. Hand lief ich in die Ge- Hoppe: Meine Medaillen sind ville zünftig gefeiert?
Wir kennen uns gut, aber bei schichtsbücher des Sports. alle in einem Alukoffer ver- Hoppe: Nein. Wir fuhren mit
dieser Entscheidung geht es Ich fand diesen Moment unserem Lkw und den Bobs
ja nicht um persönliche noch etwas größer als meine gleich weiter zum Weltcup-
Sympathien. Olympiasiege von Sarajevo. Finale nach St. Moritz. Und
SPIEGEL: Sie hatten 1992 bei SPIEGEL: Heute halten die in unserem abgelegenen Ho-
den Spielen in Albertville Sportler mit ihren Handys tel in La Plagne gab es nicht
die Ehre. den Moment für die Ewig- mal Sekt.
Hoppe: Das kam völlig über- keit fest. SPIEGEL: Sandra Kiriasis, die
raschend. Einen Tag vor der Hoppe: Ich habe kein einziges Sie 2006 als Trainer zum
Zeremonie sagte mir der Foto von der Feier. Die Tech- Olympiasieg führten, hat
Bundestrainer, dass man nik war noch nicht so weit. nun als Trainerin den ersten
mich als ersten gesamtdeut- Handys waren damals leider Damen-Bob aus Jamaika fit
schen Fahnenträger ausge- fast so groß wie ein Akten- gemacht. Finden Sie das gut?
wählt habe. koffer, und einen Videorekor- Hoppe: Deutsche Trainer ge-
SPIEGEL: Sagten Sie spontan der besaßen wir noch nicht. ben seit Jahrzehnten ihr
zu? SPIEGEL: Aber eine Silberme- Know-how an die Konkur-
Hoppe: Selbstverständlich. daille haben Sie mitgebracht. renz weiter. Ich finde das
IMAGO SPORT

Ich überlegte kurz, ob mich Hoppe: Gott sei Dank. Uns bedenklich, wenngleich ich
die Aufgabe in der Wett- fehlten zwar zwei Hunderts- natürlich verstehe, dass man
kampfvorbereitung stören tel zum Gold, aber ich war irgendwie seinen Lebensun-
würde oder ob es ein Höhe- glücklich, dass ich mit Platz Hoppe 1992 terhalt bestreiten muss. pk

DER SPIEGEL 7 / 2018 91


Sport

Grüße aus der Nische


Olympia I Deutsche Wintersportler investieren viel für ihren Traum von der Medaille.
Einige machen es nicht nur für sich, sie kämpfen auch um die Existenz ihrer Disziplin.

DAVID RAMOS / GETTY IMAGES / DER SPIEGEL

Snowboarderin Mittermüller: „Meine Schutzengel verdammt hart getestet“

92 DER SPIEGEL 7 / 2018


A
nfang Dezember stand Silvia Mit- Die Sportlerinnen und Sportler von blutung, Lebensgefahr. Sechs Wochen ab-
termüller vor einer fast 50 Meter „Team D“ wissen: Olympia vergeht. In die- solute Ruhe, kein Sport, kein Bildschirm,
hohen Sprungschanze im Hockey- sen 17 Tagen richtet sich das Scheinwerfer- kein Buch. „Der Arzt meinte, ich hätte
park Mönchengladbach. Für einen Big-Air- licht der Öffentlichkeit auf die Skeletonis, meine Schutzengel verdammt hart getes-
Weltcup im Snowboarden hatten die Ver- Shorttracker und Freestyler, danach geht tet“, sagt sie.
anstalter tausend Kubikmeter Schnee he- es für die meisten zurück in die Nische. Mittermüller kämpfte sich zurück, doch
rangefahren. Am Abend sorgte der Rapper Die Olympischen Spiele können Ge- jetzt ist sie Teil dieser Medienmaschine
Cro für ein Spektakel. schichten von Menschen und ihrer Liebe Olympia. Früher sei der Sport jung und
Genussvolles Snowboarden sei das für zum Sport erzählen. Und von ihrer Sorge wild gewesen, es ging um Freiheit und
sie nicht, sagte Mittermüller, ein wenig ver- um das Fortbestehen ihrer Disziplin. Kreativität. Doch Sturm und Drang sind
gehe man sich mit solchen Events an der Die Snowboarderin Silvia Mittermüller vorbei. „Snowboard ist erwachsen gewor-
Sportart: „Seit Snowboard in Olympia vertritt Deutschland in zwei der spekta- den“, findet Mittermüller.
drinhängt, hat es sich verändert.“ kulärsten Winterdisziplinen: Big Air gibt sich hip und ex-
Silvia Mittermüller, 34, ist hin- und her- Im Slopestyle, seit 2014 olym- trem, aus den Stadionboxen
gerissen. Einerseits fürchtet sie die Abkehr pisch, muss ein waghalsiger wie in Mönchengladbach er-
von Idealen, die sie einst zu ihrer Sportart Hindernisparcours bewältigt tönt Bassmusik, die Fahrer zei-
gebracht haben. Auf der anderen Seite ist werden; beim Big Air, erst- gen Sprünge, die „Switch Back-
Olympia für die Snowboarderin aus Mün- mals im Programm, springen side Double Cork 1260“ heißen
chen ein Karrierehöhepunkt: „Es ist die die Fahrer über eine Rampe oder „Frontside 720“. Hinter
vielleicht größte Mission meines Sportler- und zeigen Schrauben und Sal- der coolen Fassade verbirgt
lebens.“ ti in der Luft. Es ist ein Trend- sich Leistungssport. Die Inthro-
Am Mittwoch ist Mittermüller dick ver- sport, für das ansonsten sehr nisierung als Olympiadisziplin
mummt im Phoenix Snow Park von traditionsbewusste Internatio- habe sich auch im Teilnehmer-
Pyeongchang, blondes Haar unter lilafar- nale Olympische Komitee (IOC) ein Tür- feld bemerkbar gemacht, sagt Mittermüller.
benem Helm. Über der Jacke mit dem öffner zur Erschließung neuer, junger Ziel- „Turner-Athleten“ seien hinzugestoßen,
Bundesadler trägt sie ein Leibchen mit den gruppen. durchtrainierte Typen, die Snowboard erst
fünf Ringen, zum ersten Mal, sie feiert Davon profitiert Mittermüller: Pyeong- seit wenigen Jahren praktizieren.
Olympiapremiere. chang wird für sie wohl ein einmaliges Er- Deutschlands Beste sieht diese Entwick-
Bei ihrem lang ersehnten ersten Sprung lebnis sein. „In den beiden Disziplinen ist lung kritisch. „Ob so jemand Snowboard
auf dem olympischen Snowboardparcours es für mich die letzte Chance“, sagt sie. im Herzen verstanden und gefühlt hat? Ich
jubeln ihr nur ein paar Dutzend freiwillige Sie ist dankbar für jede Möglichkeit, auf weiß es nicht.“ Aber bei Olympia geht es
Helfer zu, es ist Training, zwei Tage vor sich und ihre Sportart aufmerksam zu ma- statt um Gefühle um Vermarktungspoten-
der Eröffnungsfeier. Die jungen Frauen chen: Für die Fotostrecke in einer Zeitung ziale. „Ich glaube, wir tun Olympia gut“,
und Männer in weiß-roten Jacken stehen hat sie sogar ihre Kleidung abgelegt. sagt Mittermüller. Doch tut Olympia auch
im Ziellauf Spalier, klatschen die Fahrer ab. Silvia Mittermüller fehlte 2014 in Sot- dem Snowboardsport gut? „Dafür ist es
Es ist gute Laune auf Anweisung: Um Punkt schi nach einem Achillessehnenriss, sie jetzt zu spät, sich Gedanken zu machen.“
12 Uhr werden die Helfer abkommandiert, verfolgte den Wettkampf auf ihrem Lap- Die Manager Olympias haben ein Gespür
verlassen die Piste. Mittermüller ist es recht, top an einem karibischen Strand. Diesmal für den Massengeschmack bekommen. Sie
ihr sind solche Aktionen suspekt. hat sie es geschafft, trotz eines Trainings- richten das Programm danach aus, was viel
„Der Vibe ist hier ein anderer“, sagt sie. sturzes in Neuseeland vorigen September. Quote und den besten Verkauf der Spiele
Der Preis für Olympia ist die Unschuld des Mittermüller fiel auf den Kopf, erst eine verspricht. Und was gute Stimmung bringt.
Snowboardens. Kommerz statt Lebensge- Woche später, zurück in Deutschland, In Südkorea tut vor allem Shorttrack
fühl. stellte ein Neurologe die Diagnose: Hirn- Olympia gut. Hier ist der Rudelsprint rund
Silvia Mittermüller ist nicht die Einzige,
die für Olympia Abstriche in Kauf nimmt.
154 Athleten schickt der Deutsche Olym-
pische Sportbund (DOSB) bei den
23. Olympischen Winterspielen an den
Start, einen mehr als in Sotschi vor vier
Jahren. Sie sind Stars und Favoriten, De-
bütanten und Außenseiter.
Für alle bedeutet Olympia ein High-
light, allen Dopingskandalen und Korrup-
tionsaffären zum Trotz. Mit Bestleistun-
gen sollen Medaillen errungen, Karrieren
DEAN MOUHTAROPOULOS / GETTY IMAGES / DER SPIEGEL

gekrönt werden.
Im Schatten des übermächtigen Fußballs
investieren Deutschlands Spitzensportler
viel für das Projekt Olympia. Oft gegen
jede Menge Widerstände. Der Wintersport
ist eine Mehrklassengesellschaft: Es gibt
die Biathlonstars und die Abfahrtasse, es
gibt Athleten wie Mittermüller, die auch
Spaß haben wollen, und es gibt die Starter
anderer Sportarten, die neben den Medail-
len um ein knappes Gut kämpfen: Auf-
merksamkeit. Shorttrackerin Seidel (3.v.l.) beim Training in Pyeongchang: „Warum tust du dir das überhaupt an?“

DER SPIEGEL 7 / 2018 93


vier Standorten gerodelt, Skeleton oder
Bob gefahren werden. Zum Freizeitsport
taugen diese Disziplinen nicht. Es sind
Sportarten, die wenige kennen und kaum
jemand selbst betreibt.
Als Jacqueline Lölling Skeleton für sich
entdeckte, lebte sie anderthalb Stunden
von der Bahn in Winterberg entfernt. „Bei

MATTHIAS HANGST / GETTY IMAGES / DER SPIEGEL


meinem ersten Probetraining wusste ich
in der Bahn nicht, wo oben und unten ist“,
sagt die 23-Jährige. „Ich wusste nur, dass
ich weitermachen wollte.“ Jahrelang fuh-
ren ihre Eltern sie also zum Training, in
der Schule musste sie sich für 200 Fehlstun-
den entschuldigen. Schließlich wechselte
sie ins Sportinternat in Winterberg. „Ske-
leton nur als Hobby, das geht gar nicht“,
sagt sie, „das wäre ein zu großer Aufwand
Skeletonfahrerin Lölling: 200 Fehlstunden in der Schule und viel zu teuer.“
Mittlerweile hat die Siegerländerin zwei
um ein Eishockeyfeld Nationalsport, die sechs Stunden lang trainierte sie so täglich Gesamtweltcups gewonnen und ist als ers-
Athleten werden bei den Winterspielen vor Pyeongchang. te Skeletonpilotin überhaupt bei der
vor vollen Rängen laufen. Die deutsche Parallel stemmte die Dresdnerin ihr Abi- „Sportler des Jahres“-Gala ausgezeichnet
Shorttrackerin Anna Seidel wird diese At- tur, weitgehend als Autodidaktin. Alle drei worden – als beste Newcomerin. Sportlich
mosphäre vermutlich genießen. „Hier wer- bis fünf Wochen pendelte sie in die Hei- haben sich die Investitionen ausgezahlt.
den die Sportler auf Händen getragen“, mat, um am Sportgymnasium Prüfungen Reich geworden ist die jüngste Skeleton-
sagt sie Mitte November beim Weltcup in abzulegen oder neue Aufgaben abzuholen. weltmeisterin der Geschichte bisher nicht.
Seoul, am Vortag habe selbst die Doping- Noch plant Seidel für einen weiteren „Man kann Skeleton nicht mit Skispringen
kontrolleurin sie um ein Foto gebeten. Dut- Olympiazyklus, will auch 2022 in Peking oder Biathlon vergleichen. Dazwischen lie-
zende koreanische Mädchen mit knallro- dabei sein, vielleicht nebenbei ein Studium gen Welten.“
ten Lippen und gezückten Smartphones beginnen, Marketing interessiert sie. Doch Biathlon, in Deutschland die beliebteste
laufen vor den großen Glastüren des Mok- die Rahmenbedingungen müssen stimmen: Wintersportart, steht im grellen Rampen-
dong-Eisstadions an ihr vorbei. „Alles steht und fällt mit dem Bundestrai- licht. In Pyeongchang starten die Rennen
Seidel kennt solche Szenen nur aus dem ner, den der Verband organisieren müsste.“ extra abends, damit sie in Europa zur Mit-
Ausland. In Deutschland verlieren sich we- Momentan sucht die DESG per Stellenan- tagszeit übertragen werden können. Mitte
nige Hundert Zuschauer in die Eishallen, zeige nach geeigneten Kandidaten, auf Januar schaltete jeder dritte Fernsehzu-
im Fernsehen findet der rasante Sport Deutsch und Englisch, Bewerbungsschluss schauer nachmittags das Staffelrennen der
kaum statt. Daran kann auch ein Nach- ist Mitte März. „Wenn da keiner oder kein Damen in Ruhpolding ein. Mit 5,37 Millio-
wuchsstar wie Seidel nichts ändern. Mit guter kommt …“, sagt Seidel und führt den nen Menschen hatte der Wettkampf an die-
15 war sie schon in Sotschi, mit 19 zählt Satz nicht zu Ende. Abschied vom Spitzen- sem Tag mehr Zuschauer als die durch-
sie nun zur erweiterten Weltspitze. „In sport scheint eine Option, mit 19 Jahren. schnittliche Bundesliga-„Sportschau“.
Südkorea wird man als Shorttrackerin Die Sportler in der Winternische werden „Wir können froh sein, dass Biathlon die-
ganz anders wahrgenommen“, sagt Seidel. jede Saison erneut auf die Probe gestellt. sen Stellenwert in Deutschland hat“, sagt
„In Deutschland wird einem gesagt: O Gott, Viele deutsche Olympioniken sind offiziell Arnd Peiffer, 30. Er gehört seit acht Jahren
warum tust du dir das überhaupt an?“ Bundespolizisten, Zollbeamte oder Berufs- zum deutschen Kader und hat die Werbe-
Seidel hat den Shorttrack hierzulande soldaten, dort meistens für den Leistungs- tafeln und Zuschauerzahlen wachsen sehen.
in seiner Entwicklung überholt. Ihr Spon- sport freigestellt. Die Spitzenathleten kom- Bei den Weltcups in Ruhpolding und
sorenpool umfasst Weltmarken wie Red men dank staatlicher Förderung und Spon- Oberhof säumen über 20 000 Fans die Stre-
Bull und Zurich, bei Instagram posiert sie sorengelder über die Runden. Dass sie es cken. Doch mit der Kulisse steigt auch die
für Zehntausende Abonnenten. Seidel überhaupt bis Pyeongchang geschafft ha- Erwartungshaltung. „Machst du einen
taugt zur Marke. ben, verdanken sie jahrelangen Entbeh- Schießfehler, kannst du schnell Zwanzigs-
Ihr Verband, die Deutsche Eisschnell- rungen und Investitionen in eine unsichere ter werden“, sagt Peiffer, „und dann heißt
lauf-Gemeinschaft (DESG), kann bei die- Zukunft. Meistens beginnt das im Kindes- es wieder: Warum ist der denn so
sem Tempo nicht mithalten. Dort fehlt alter. schlecht?“
es bereits am Grundsätzlichen – etwa ei- Wintersport ist ein kompliziertes, ein Der mediale Erfolg des Biathlon hat seine
nem Bundestrainer. Vor acht Monaten kostspieliges Vergnügen, oft sind die Sport- Schattenseite. Peiffer hadert mit der Erwar-
trennte man sich vom bisherigen Trainer, ler auf eine spezielle Infrastruktur ange- tungshaltung in Deutschland: „Unsere Geg-
die als Ersatz vorgesehene Juniorentrai- wiesen. Ganz im Gegensatz zur liebsten ner sind doch auch alle Profis“, sagt er,
nerin ging in Elternzeit. Damit waren die Sportart der Deutschen: Kicken kann man „aber die Leute haben den Anspruch, dass
Kapazitäten ausgereizt. Also wurden Sei- überall. „Man braucht nur einen Ball, und die Deutschen immer gewinnen müssen.“
del und fünf andere Kaderathleten im schon kann es losgehen“, sagt Paul Fentz, Manchmal wünscht sich Peiffer mehr
August ausgelagert, ins niederländische 25, olympischer Eiskunstläufer. „Für meine Verständnis. „Bei uns gibt es auch mal
Utrecht. Die Sportler bezogen Bungalows Sportart braucht man eine Halle, einen Tage, da weiß man: Das sind jetzt 20 Kilo-
auf einem Campingplatz, das Training Eismeister, Schlittschuhe, einen Trainer, meter, stumpfe Strecke, das wird richtig
übernahm eine Holländerin auf Honorar- Kostüme, Programme, Choreografen.“ wehtun, und wahrscheinlich zahlt es sich
basis. Seidel teilte sich die Zeit auf dem Besonders schwierig wird es bei den am Ende nicht aus.“
Eis mit einem Juniorenteam. Fünf bis Bahnsportarten. In Deutschland kann an Thilo Neumann, Christoph Winterbach

94 DER SPIEGEL 7 / 2018


Sport

Sehnsucht nach Vollkommenheit


Olympia II Bei ihren fünften Winterspielen will die Eiskunstläuferin Aljona Sawtschenko endlich
Gold gewinnen. Dafür brach sie mit Partner und Trainer.

E
iskunstlauf ist gnadenlos. Spitzenläu-
fer verbringen Jahrzehnte mit har-
tem Training in zugigen Eishallen.
Geht es schließlich um Medaillen, müssen
die Athleten die Sprünge und Pirouetten
in einer Zeitspanne präsentieren, die nicht
länger dauert als das Hartkochen von Ei-
ern. Misslingt eine Hebung oder wird ein
Sprung nicht auf der millimeterbreiten
Kufe gelandet, war die Schinderei umsonst.
Nur Perfektion ist gut genug.
Für Aljona Sawtschenko ist das Streben
nach dieser Perfektion eine Lebensaufga-
be. Die ersten Schlittschuhe bekam sie
zum dritten Geburtstag, ein Geschenk der
Eltern im ukrainischen Obuchiw, einem
Städtchen südlich von Kiew. Seit über
30 Jahren hält der Sport sie nun gefangen,
er hat sie nach Deutschland geführt, zum
Star gemacht. „Mein Herz gehört dem Eis-
kunstlauf“, sagt sie. Eine fast manische Ar-
beitsweise wurde ihr nachgesagt, „die Al-
jona konnte in der Eishalle übernachten“,
sagte ihr ehemaliger Partner Robin Szol-
kowy. Mit dem Chemnitzer holte
Sawtschenko fünf Weltmeistertitel, zusam-
men bildeten sie mehr als ein Jahrzehnt
lang das Traumpaar ihrer Sportart.
Doch das Duo blieb unvollendet: Bei
Olympia 2006, inmitten der Aufregung um
die Stasi-Vergangenheit ihres damaligen
Trainers Ingo Steuer, wurden sie Sechste;
2010 und 2014 fuhren sie als Goldkandidaten
zu den Spielen, beide Male reichte es nur
zur Bronzemedaille, nach Stürzen in der
Kür. Schon Silber wäre „hässlich“ gewesen,
sagte Sawtschenko nach der Enttäuschung
von Sotschi vor vier Jahren. Die Medaille
lagert sie heute in einer Kiste im Keller.
Wenige Wochen nach dem Debakel
brach sie mit Szolkowy, sie trennten sich
im Streit. Bei der Weltmeisterschaft in Ja-
pan, ihrem letzten gemeinsamen Wett-
kampf, habe man sich an der Eisbahn ge-
troffen, das Programm gelaufen, kurz für
die Kameras gelächelt, bevor jeder wieder
seiner Wege ging, erinnert sich Szolkowy.
Die Leistung beeinflusste das nicht: Noch
einmal wurden sie Weltmeister. Kurz da-
rauf war Schluss, eine Aussprache zwi-
RAUCHENSTEINER / PICTURE ALLIANCE

schen beiden steht bis heute aus.


Vergangenen Dienstag steht die Perfek-
tionistin Aljona Sawtschenko in Südkorea
erneut auf olympischem Eis, stemmt die
Hände in die Hüften und lacht; um ihre Au-
gen bilden sich Fältchen. 34 Jahre ist sie mitt-
lerweile alt, eine Grande Dame ihres Sports.
Die Härte, die Besessenheit von einst
Eiskunstläufer Sawtschenko, Massot: „Heute ist Käse“ scheint gewichen, sie wirkt frei und unbe-
DER SPIEGEL 7 / 2018 95
Sport

DEAN MOUHTAROPOULOS / GETTY IMAGES


Olympiateilnehmerin Sawtschenko: „Ich wusste, dass ich es eines Tages schaffen werde“

kümmert an diesem Nachmittag. Im Trai- das Gefühl, seit zehn Jahren zusammen- Massot sagt, das sei nicht der wahre Grund
ningsareal der Gangneung Ice Arena, zulaufen“, sagt Massot. gewesen. Politik, nichts, worüber er mehr
unter nackten Lüftungsrohren und einer Die beiden kannten sich: Seit 2011 hatte sagen möchte, die Entscheidung sei wenige
schmucklosen Digitaluhr, bereitet sich Massot mit seiner vorigen Partnerin zeit- Wochen vor Sotschi getroffen worden.
Sawtschenko auf ihre fünften Winterspiele weise in Chemnitz trainiert, stand zusam- Massot hatte sich da schon die olympi-
vor. Ein Stockwerk höher findet kom- men mit Sawtschenko und Szolkowy auf schen Ringe auf den rechten Oberarm ste-
menden Mittwoch und Donnerstag vor bis dem Eis. „Ich habe Robin damals eine Ab- chen lassen, ein Freund hatte ihm die Tä-
zu 12 000 Zuschauern das Paarlauffinale sprungtechnik gezeigt“, erinnert sich Mas- towierung geschenkt. Vier Jahre trug er
statt. sot. Für ihn selbst sei die Übung einfach seinen geplatzten Traum auf der Haut,
An Sawtschenkos Seite: Bruno Massot, gewesen, Szolkowy habe kämpfen müssen. ohne Reue: „Ich wusste, dass ich es eines
ihr neuer Partner, ein gebürtiger Franzose, „Ich war nicht sonderlich überrascht, dass Tages schaffen werde.“
das Gegenstück zum eher schmächtigen Aljona mich gewählt hat.“ Aber: Er selbst Kurz nach ihrem gemeinsamen Start
Robin Szolkowy. Massot überragt sie um war damals sportlich nur Mittelmaß. kappte Aljona Sawtschenko auch die
31 Zentimeter, hebt sie scheinbar mühelos Kurz vor Sawtschenkos Entscheidung zweite Verbindung ihres alten Lebens:
kopfüber meterhoch über das Eis. hatte er bei der Weltmeisterschaft Platz 15 Zusammen mit Bruno Massot verabschie-
Für einen erneuten Anlauf auf Olympia- belegt, sein bestes Ergebnis bei den wich- dete sie sich von Trainer Ingo Steuer, der
gold hat Sawtschenko ihr Leben neu aus- tigsten internationalen Wettkämpfen war die beiden zusammengeführt hatte. „Der
gerichtet. „Mit Bruno kann ich viel errei- ein fünfter Rang bei einem Grand Prix ge- muss irgendjemand was ins Gehirn ge-
chen, mit ihm komme ich vielleicht ein wesen. pflanzt haben“, ließ sich Steuer kurz da-
kleines Stückchen weiter“, sagt Sawtschen- In Südkorea erlebt Massot seine Olym- rauf zitieren.
ko über den 1,84 Meter großen Läufer aus piapremiere. Bereits für Sotschi hatte Die Arbeit mit Steuer war den beiden
der Normandie. 2014, bei der Suche nach er sich qualifiziert, mit Darja Popowa, zu kostspielig, er hätte privat finanziert
einem neuen Partner für den nächsten einer Russin, die für Olympia einen fran- werden müssen – die Deutsche Eislauf-Uni-
Olympiazyklus, habe sie sich Videos von zösischen Pass beantragt hatte. Doch be on (DEU) hatte den einstigen IM „Torsten“
ihm angeschaut, sich gedanklich neben ihn vor die Wettkämpfe begannen, wurden nach Aufdeckung seiner Stasi-Geschichte
auf das Eis projiziert. Ihr Fazit: Aus dem Popowa/Massot von der Startliste gestri- im Jahr 2006 von der Gehaltsliste genom-
kann man was machen. Der Praxistest be- chen. Bei ihrer Einbürgerung habe es Pro- men, um nicht die Förderung durch den
stätigte sie. „Nach einer Woche hatten wir bleme gegeben, so die offizielle Version. Bund zu verlieren.

96 DER SPIEGEL 7 / 2018


Sawtschenko, der über Jahre auch ein
privates Verhältnis mit Steuer nachgesagt
wurde, zahlte den Trainer deshalb aus
eigener Tasche. Preisgelder, Spenden, klei-
nere Sponsoreneinnahmen mussten das
Trio über Wasser halten. Ein Leben, das
sich mit Massot nicht wiederholen sollte.
Heute mag der Ausgebootete nicht mehr
über die Vergangenheit reden. Er habe

HOW HWEE YOUNG / EPA-EFE / REX / SHUTTERSTOCK


„mit dem Thema abgeschlossen“, richtete
er per Textnachricht aus.
Die Trennung von Steuer bedeutete für
Aljona Sawtschenko einen Einschnitt. Seit
sie 2003 aus Mangel an geeigneten Lauf-
partnern aus der Ukraine nach Chemnitz
gekommen war, hatte sie sich dem autori-
tären Führungsstil ihres Trainers gebeugt.
„Ingo hat bestimmt, Robin hat zugestimmt,
meine Meinung zählte nicht“, fasst sie das
Arbeitsverhältnis zusammen. Dass man
sich auch im Dialog miteinander ver- Eislaufpaar Sawtschenko, Massot: „Die hauen mich um“
bessern kann, musste Sawtschenko erst
lernen. Sawtschenko, als sie zurück zur Bande Massots Einbürgerungsurkunde datiert auf
Alexander König wusste das, als er das kommt. Am nächsten Tag geht es für das den 29. November.
frisch formierte Paar 2014 übernahm. Kö- Duo in die Schweiz, zum Schaulaufen, drei Beim Training in der Olympia-Eishalle
nig, ein freundlicher Mann mit rundem weitere Trainingstage entfallen. „Man von Gangneung trägt Massot ein graues
Gesicht und starkem Berliner Akzent, be- muss es nehmen, wie es kommt“, sagt Funktionsshirt, „GERMANY“ steht quer
schreibt seine Funktion eher als Dienstleis- Sawtschenko und zuckt mit der Schulter. über seiner Brust. Die Sprünge klappen,
ter denn als Ansager. „Ich besitze nichts, Nervös sei sie deswegen nicht. Vor zwei die Würfe, die Hebungen. Zufrieden gehen
kann nur mein Wissen anbieten“, sagt er. Jahren hat sie einen britischen Künstler sie nach 30 Minuten vom Eis. „Wir sind
In dieser Rolle sah er eine Weltklasseath- geheiratet, sie scheint ihre Ruhe gefunden gerüstet“, sagt Sawtschenko. Für Gold?
letin, die es mit einem international wenig zu haben. Die Chance ist groß. Im Dezember des
erfahrenen Läufer zu Olympiagold bringen Sawtschenko weiß, dass sich Geduld aus- vergangenen Jahres gewann das Paar in
wollte. Verständlich, dass in dieser Kon- zahlen kann. Die Partnerschaft mit Massot Japan das Grand-Prix-Finale, die Wertung
stellation nicht alles auf Anhieb funktio- startete holprig. Zunächst verweigerte der der Punktrichter: Weltrekord. Hinter der
nierte. Für Sawtschenko war es dennoch französische Verband Massots Freigabe. Bande weinte Trainer König vor Rührung.
zunächst schwer zu ertragen. König näher- Erst nach über einem Jahr die Lösung: Die „Menschen, die uneigennützig tolle Sachen
te sich im Gespräch an: Was erwartest du DEU überwies 30 000 Euro an die Fran- schaffen, die hauen mich um“, sagt er.
eigentlich noch von dir, fragte er seine zosen, Sawtschenko und Massot kamen König wird nach Olympia das Paar ver-
Schülerin. „Durch neue Denkanstöße hat für ein Drittel der Summe auf, über Face- lassen, zurück nach Berlin gehen. Mit 50,
sie neue Horizonte entdeckt“, sagt er. Es book sammelten sie rund 3000 Euro an so habe er sich vorgenommen, wolle er
war der Anstoß zum Wandel, zur Milde Spenden, den Rest trieben sie über Preis- sich noch mal umorientieren, etwas Neues
gegenüber anderen, aber auch gegenüber gelder ein. ausprobieren. Er macht eine Ausbildung
sich selbst. Für Olympia brauchte es aber neben zum Mediator, im August wurde er 51. Pye-
Als Aljona Sawtschenko an einem kal- einem Verbands- auch einen Nationalitä- ongchang ist sein Abschluss.
ten Morgen Anfang Januar in die Trai- tenwechsel, Massot musste die Sprache ler- Noch einmal will König das Gefühl der
ningshalle des EC Oberstdorf kommt, sind nen, den Deutschtest bestehen. Massot be- Rührung erleben. Doch die Konkurrenz in
es noch knapp sechs Wochen bis zu Olym- suchte eine Sprachschule, belegte Volks- Südkorea ist groß. „Für mich ist alles, was
pia. Die Kür muss geprobt, das Tempo an- hochschulkurse, übte mit Privatlehrern. Es kommt, ein Pluspunkt“, sagt Sawtschenko,
gezogen werden. Doch Massot fehlt, er half nicht, zweimal fiel er beim Test durch sie mache sich keinen Druck. Eine goldene
liegt beim Arzt. Am Vortag war es ihm die schriftliche Prüfung, einmal trennte Plakette wäre aber praktisch. „Ich habe
bei einem Sprungversuch in den Rücken ihn ein einziger Punkt vom deutschen Pass; eine Silberallergie“, sagt sie. „Aber nur
gefahren, Bandscheibe, L5/S1, zwischen die rechtzeitige Einbürgerung bis zu Olym- bei Schmuck.“ Sie lacht.
Lendenwirbel und Steißbein, schon im pia geriet in Gefahr. Wie es nach Olympia weitergeht, lassen
November hatte ihm die Stelle Probleme „Ich habe mich über mich selbst ge- Sawtschenko und Massot derzeit noch of-
bereitet. König vermutet zu schwere Lauf- ärgert, dass ich nicht früher mit dem Ler- fen. Ob Massots Rücken die Belastungen
partnerinnen in zu jungen Jahren als Ur- nen angefangen habe“, sagt er. In der eines weiteren Vierjahreszyklus aushält,
sache, die vielen Hebungen hätten ihm Phase sei es ihm schwergefallen, sich auf ist fraglich.
zugesetzt. das Training zu konzentrieren. Für den Sawtschenko sagt, sie könne sich vorstel-
Eine Stunde später steht Massot doch dritten Anlauf half Trainer König nach, len, ihre Karriere fortzusetzen. In Peking
auf dem Eis, er spürt noch die Betäubung, setzte sich mit seinem Schützling in ein 2022 wäre sie zwar 38 Jahre alt, aber ver-
fährt gehemmt. König steht an der Bande Oberstdorfer Café, studierte mit ihm die mutlich noch entspannter. Thilo Neumann
und bedient die Musikanlage, spielt das Tagespresse: Was meint die Überschrift?
Thema des Kürprogramms an. Sawtschen- In welchem Tempus ist der Artikel ge- Video: Aljona Sawtschenko
ko und Massot schieben sich langsam über schrieben? „Die ‚Bild‘-Zeitung mit ihren auf dem Eis
die Eisfläche, versuchen weder Sprünge kurzen Texten war hervorragend dafür“, spiegel.de/sp072018savchenko
noch Würfe. „Heute ist Käse“, sagt sagt König und lacht. Es funktionierte, oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 7 / 2018 97


Supersprinter
Mit knapper Not entwischt die Els-
ter einem angreifenden Goldscha-
kal. Der schnelle Jäger, bekannt
für seine Spurtstärke, ist ein naher
Verwandter des Wolfs. In Europa
blieb sein Vorkommen lange auf den
Balkan begrenzt (die Aufnahme
entstand in Bulgarien). Inzwischen
wandert der Goldschakal aber
nach Norden und nach Westen. In
Österreich wurde er häufiger ge-
sichtet – dort brachte ein Weibchen
sogar schon Junge zur Welt. In
Deutschland, wo Raubtiere schnell
verteufelt werden, sind bislang nur
vereinzelt Exemplare aufgetaucht.
NIKOLAY PLAMENOV NIKOLOV / CATERS NEWS AGENCY

Kommentar

Einspruch, Frau Mortler!


Die Bundesdrogenbeauftragte verhindert einen besseren Schutz Jugendlicher.
Na endlich: Sogar der Bund Deutscher Kriminalbeamter blemprodukts besser kontrolliert. In Kanada zum Beispiel, wo
spricht sich jetzt für die Legalisierung von Cannabis aus. Nur Cannabis ab Juli in lizenzierten Fachgeschäften erhältlich sein
Marlene Mortler (CSU) ficht das nicht an. Die Bundesdrogen- soll für den Freizeitgebrauch Erwachsener, gilt ein knallhartes
beauftragte beharrt auf dem strikten Haschverbot; sie werde Abgabeverbot an Jugendliche. Wer es unterläuft, riskiert bis
„nicht tatenlos zuschauen, wie Jugendliche im wahrsten Sinne zu 14 Jahre Haft. Wie gut sind dagegen deutsche Teenies vor
des Wortes ihre Zukunftsperspektive verkiffen“. Pausenhof-Dealern geschützt, Frau Mortler?
Einspruch, Frau Mortler. Niemand will Teenagern Cannabis Im US-Bundesstaat Colorado ist das Kiffen seit 2014 legal.
geben. Im jugendlichen Alter wirkt Cannabis – übrigens wie Seither sinkt dort die Zahl der jungen Cannabisnutzer, weil
Alkohol – besonders schädlich auf das sich entwickelnde Ge- der Zugang zur Droge für sie schwieriger geworden ist. In
hirn. Legalisierung bedeutet nur, dass der Staat endlich seiner Deutschland hingegen steigt die Zahl kiffender Teenager seit
Pflicht nachkommt und eine im Volk offensichtlich beliebte Jahren. Und Sie, Frau Mortler, schauen eben doch tatenlos zu.
Substanz dem Klammergriff der Unterwelt entreißt. Dass er Viele westliche Länder nehmen gerade Kurs auf eine libera-
denen, die volljährig sind und sich aus freien Stücken dazu lere, pragmatische Drogenpolitik, die zu mehr Menschlichkeit
entscheiden, den möglichst sicheren Konsum ermöglicht; im und weniger Leid führen soll. Die Ergebnisse, ob in Portugal,
Gegenzug entrichten die Nutzer Steuern auf ihre Droge. Lega- Spanien oder den Niederlanden, sind vielversprechend.
lisierung bedeutet auch, dass der Staat die Abgabe des Pro- Deutschland sollte diesen Vorbildern folgen. Marco Evers

98 DER SPIEGEL 7 / 2018 Mail: wissenschaft@spiegel.de · Twitter: @SPIEGEL_Wissen · Facebook: facebook.com/spiegelwissen


Wissenschaft+Technik
Gesundheit
Keime aus dem
Wasserhahn
Eine strengere Kontrolle des
Trinkwassers fordert Martin
Exner, Direktor des Bonner
Instituts für Hygiene und
Öffentliche Gesundheit. Die

JOERG AXEL FISCHER / VISUM


großen städtischen Wasser-
werke nehmen zwar täglich
Proben auf Keime, kleinere
Versorger aber sind nur vier-
mal im Jahr dazu verpflichtet. Steg am Zwischenahner Meer
„Einmal im Monat wäre das
Mindeste“, sagt Exner. „Zu-
dem müsste schon das Roh- sind, rechtzeitig entdeckt wer- bei erkanntem Bedarf mit
wasser, bevor es in die Auf- den. Andernfalls, so Exner, Chlor desinfiziert. In nieder-
bereitung geht, untersucht bestehe die Gefahr, dass sie sächsischen Gewässern, da-
werden.“ Nur so könnten sich im Leitungsnetz vermeh- runter das Zwischenahner
Krankheitserreger, die gegen ren – denn in Deutschland Meer, wurden solche Keime
vielerlei Antibiotika resistent werde das Trinkwasser nur kürzlich nachgewiesen. mdw

Umwelt händlern wollen Sie den Ar- sich. Da kommt man um das
„Ein Schritt zurück tenreichtum fördern? Anlegen ökologisch wertvol-
Berthold: Wenn wir schon im-
ins Paradies“ mer mehr Natur für Gewerbe-
ler Flächen gar nicht herum.
In den Wohngebieten domi-
Der Ornitholo- flächen verbrauchen, dann nieren leider die kahlen Psy-
ge Peter Bert- können wir diese wenigstens chopathengärten mit Roll-
hold, 78, über gut gestalten: abwechslungs- rasen. Die Gewerbegebiete
GEISLER-FOTOPRESS / PA

seine Idee, Ge- reich strukturiert, mit Höhlen, werden von der öffentlichen
werbegebiete Verstecken und Nistgelegen- Hand gesteuert, da gibt es
in Inseln des heiten. Vielen Tieren wäre so ganz andere Möglichkeiten.
Naturschutzes ein künstlich angelegter Le- SPIEGEL: Wäre es nicht besser,
zu verwandeln bensraum vielleicht sogar lie- mehr wertvolle Naturflächen
ber als die offene Natur ne- unter Schutz zu stellen?
SPIEGEL: Herr Berthold, die benan. Und ganz sicher lieber Berthold: Nein. Es gibt schon
Stadt Überlingen am Boden- als die Monokulturen der viele Naturschutzgebiete, die
see will auf Ihre Anregung Landwirtschaft. Auf unseren kaum den Namen verdienen.
hin ein grünes Gewerbege- Maisfeldern halten es nur Teilweise werden sie noch
biet schaffen. Was dürfen wir noch die dazugehörigen landwirtschaftlich genutzt,
uns darunter vorstellen? Schädlinge wie etwa der Mais- und überall laufen Spazier-
Fußnote Berthold: Dort würden die Flä- wurzelbohrer aus. Am Feld- gänger, Hunde und Naturfo-

8848
chen nur so weit versiegelt rand finden Sie vielleicht tografen herum. Die Flächen
oder gekiest, wie es nötig ist. noch ein Wildstiefmütterchen, sind meist zu klein, und sie
Stattdessen denke ich an Blu- das die Spritzmittel überlebt liegen zu weit auseinander.
menwiesen, die nur selten ge- hat, und einen Laufkäfer – Was nützt ein Stück Trocken-
Meter – das gilt bislang mäht werden, an Hecken und mehr ist da nicht. Im Ver- rasen, auf dem zwei seltene
als offizielle Höhe des Blühstreifen. Imker dürften gleich wäre ein begrüntes Ge- Enziane und eine Orchidee
Mount Everest. Chine- dort ihre Bienenstöcke auf- werbegebiet geradezu ein wachsen, wenn der nächste
sische Forscher maßen stellen. Zwischen den Nutz- Schritt zurück ins Paradies. Trockenrasen 80 Kilometer
aber auch schon mal flächen wäre Platz für kleine SPIEGEL: Glauben Sie, dass entfernt ist? Wie soll da je ein
8844 Meter, Teams aus Biotope und vielleicht einen Kommunalpolitiker sich da- Austausch stattfinden? Das
anderen Ländern kamen Teich. Auch die Fassaden und von überzeugen lassen? sind verlorene Inseln.
auf noch andere Werte – Dächer könnte man begrü- Berthold: Die können sich mit SPIEGEL: Gewerbegebiete gibt
wohl auch, weil der Gipfel nen, dazu ringsum Sträucher solchen Projekten profilieren. es dafür dicht an dicht. Spe-
sich infolge von Erdbe- und Bäume pflanzen. So ent- Die Politik gerät ja ohnehin kulieren Sie auf Nachahmer
wegungen zuweilen hebt stünde ein Zuhause für viele unter Druck. Nicht nur, dass anderswo?
oder senkt. Der Dauerdis- Vögel und Insekten, die in die Insekten uns wegsterben, Berthold: Ja. Ich hoffe, dass
put reizt nun offenbar der ausgeräumten Nutzland- auch die Vögel verschwinden. in zehn Jahren keine Gewer-
den Nationalstolz Nepals. schaft keines mehr finden. Wir zählen nur noch ein begebiete mehr genehmigt
Das arme Land plant erst- SPIEGEL: Ausgerechnet zwi- Fünftel der Bestände, die wir werden, wenn sie nicht eine
mals eine Expedition, schen Lagerhallen, Wertstoff- vor 200 Jahren hatten, und ökologische Mindestgüte
um selbst nachzumessen. höfen und Gebrauchtwagen- der Rückgang beschleunigt aufweisen. mdw

DER SPIEGEL 7 / 2018 99


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Wissenschaft

Göttlicher Groove
Anthropologie Der Mensch ist ein Tänzer. Doch warum nur? Forscher beginnen, das
rauschhafte Verhalten zu enträtseln. Experimente zeigen: Die rhythmische
Bewegung zu Musik verführt und verbindet – und kann sogar Kranken helfen.

E
s ist ein Fest der Körper, eine Ode halt und Kooperation. „Es ist leicht zu er- Der US-Neurowissenschaftler Aniruddh
an die Ästhetik, getanzter Sex und kennen, wie kulturübergreifend wichtig Patel hat Snowball erforscht. Patel beschäf-
getanzte Leidenschaft. der Tanz für den Menschen ist“, sagt Wis- tigt sich mit der Fähigkeit des Menschen,
Wenn das argentinische Tangoduo Ger- senschaftler Fitch. Rhythmen wahrzunehmen. Als er im In-
man Cornejo und Gisela Galeassi die Büh- Im Kern ist Tanz die Fähigkeit des Ge- ternet auf den Kakadu stieß, sei ihm „die
ne betritt, ist das knisternde Verführung hirns, einen Rhythmus zu erkennen und Kinnlade runtergefallen“, erinnert sich der
und athletische Präzision zugleich. Der diesen dann in Bewegungen umzusetzen. Forscher.
Beat des Elektro-Tango vereint das Paar Die Koordination unterschiedlicher Hirn- Patel hatte schon zuvor vermutet, dass
im Tanz. Kurz darauf kommen Break- regionen ist dafür erforderlich. Während Rhythmuswahrnehmung etwas mit dem
dancer auf die Bühne. Ihre trainierten Kör- des Hörvorgangs muss zunächst der Beat Vermögen zu tun haben könnte, Geräu-
per strahlen Kraft und Virilität aus. Das herausgefiltert werden. Ist ein Rhythmus sche nachzuahmen. Menschen sind zu die-
Publikum springt auf, applaudiert, ist hin- erkannt und im Gehirn zentral verarbeitet ser „vokalen Imitation“ befähigt – und Pa-
gerissen. worden, feuern für Bewegung verantwort- pageien auch.
„Break the Tango“ heißt die Show, die liche Neuronen. Snowball bestätigt also Patels Hypothe-
derzeit durch Europa tourt, ein Feuerwerk Ob dann allerdings nur der Fuß im Takt se. Auch gut ein Dutzend anderer Papa-
aus Erotik, Virtuosität, Athletik. Es ist Tan- wippt oder sich der ganze Körper zum geien sind inzwischen beim Headbangen
zen in seiner schönsten Form, furios und Cha-Cha-Cha aufschwingt, hängt von wil- erwischt worden. Hunde oder Katzen zum
sinnlich. Auch an diesem Abend im Ham- lentlichen Entscheidungen in der Groß- Beispiel sind dagegen nicht in der Lage,
burger Kampnagel-Theater sind die Zu- hirnrinde ab (siehe Grafik Seite 102). einen Takt zu halten – auch wenn ihre Be-
schauer begeistert von der Mischung aus Schon bei Neugeborenen löst Rhythmus sitzer häufig das Gegenteil behaupten.
Streetdance und argentinischem Tango. eine starke Resonanz aus. Hirnstrommes- „Tanz erfordert ein Gehirn, das für die
Der Mensch ist ein Tänzer. Zwar fühlt sungen haben enthüllt, dass Babys den Nachahmung komplexer Laute verdrahtet
sich nicht jeder gleichermaßen dazu beru- nächsten Beat einer Musik regelrecht er- ist“, glaubt Patel.
fen. Doch seit es den Menschen gibt, wird warten. Mit etwa zehn Monaten – noch Um diese Hypothese zu testen, untersu-
getanzt – für Fruchtbarkeit und gutes Wet- bevor viele von ihnen sprechen oder sin- chen die Forscher immer mehr Tierarten.
ter, für Jagd- und Kriegsglück, für ein lan- gen können – fangen Kinder spontan an, Auf dem Gelände der Seehundstation Pie-
ges Leben und aus schierer Lust an der zu Musik zu tanzen, haben Forscher der terburen an der niederländischen Nordsee-
Bewegung. Berliner Charité festgestellt. küste planschen drei junge Kegelrobben
Tanzen verführt Menschen und verbin- „Wir müssen uns zähmen, um uns nicht in einem Schwimmbecken. Ihr Heulen ist
det sie miteinander. Wer sich der Musik zu einem starken Rhythmus zu bewegen“, herzerwärmend. Die Anlage ist eine Auf-
hingibt, kann das Glück des Gleichklangs sagt der Mediziner Joachim Richter, der fangstation für verletzte oder verwaiste
von Rhythmus und Bewegung erleben, die an der Studie beteiligt war. Tanzen, sagt Nordsee-Robben.
innige Nähe synchronisierter Körper, die Richter, scheint dem Menschen in die Wie- Andrea Ravignani stellt sich an den Be-
weltvergessene Ekstase im Takt wummern- ge gelegt. Doch noch rätselt die Wissen- ckenrand, ein Mikrofon in der Hand. Der
der Bässe. Und gut für die Gesundheit ist schaft: Warum fährt uns der Rhythmus in Kognitionsforscher von der Freien Univer-
Tanzen sogar auch; es vermag chronische die Glieder? Woher stammt das eigentüm- sität Brüssel will wissen, ob und wie die
Schmerzen, Bewegungsstörungen und De- liche Verhalten? Robben, die ebenfalls zur vokalen Imita-
pressionen zu lindern. Ein Gelbhaubenkakadu brachte die For- tion befähigt sind, ihre Laute aufeinander
Typisch menschlich erscheint die Fähig- scher auf eine heiße Spur. abstimmen. „Wie gut hören die Tiere auf-
keit, beschwingt im Dreivierteltakt des Snowball heißt das schneeweiße Ge- einander?“, fragt Ravignani, „können sie
Walzers zu wirbeln oder dem Wiegeschritt schöpf. Auf YouTube ist der Vogel ein Star ihr Heulen synchronisieren?“ Das wäre
der Rumba zu folgen. Und Forscher fragen mit Millionen Klicks. Der Kakadu kann der erste Schritt zum Rhythmusempfinden.
sich: Warum nur tanzt der Mensch? Ist die richtig abrocken. In Videos groovt er zu Ist die Fähigkeit zum Tanz also ein
Liebe zum Rhythmus ein evolutionärer Queen und den Backstreet Boys und glücklicher Zufall der Evolution, eng ver-
Zufall, oder war sie sogar notwendig für steppt zu deutscher Blasmusik. Im Takt knüpft mit der Fähigkeit zu Lautmalerei
den Siegeszug des Homo sapiens? Und hebt Snowball dabei abwechselnd seine und Sprache? Ravignani ist zurückhaltend.
was für ein Gehirn ist nötig, um dem Beat Beine und wippt gleichzeitig frenetisch mit In seiner Karriere hat er schon ein
zu folgen? dem Kopf. Schlagzeug für Schimpansen gebaut (muss
Die Bewegung im Takt von Trommeln extrem stabil sein) und ein Drum-Pad für
oder Musik, so zeigt sich, ist tief im Seehunde (wird mit der Schnauze bedient).
Menschsein verankert. „Tanz und Rhyth- Der Verhaltensforscher Doch die Forschungsergebnisse sind bis-
mus gehören zum Menschen wie die baute ein Schlagzeug für lang nicht eindeutig.
Sprache oder der aufrechte Gang“, sagt Auch eine Kalifornische Seelöwin na-
der Kognitionsforscher Tecumseh Fitch
Schimpansen und ein mens Ronan bereitet den Tanzforschern
von der Universität Wien. Das merkwür- Drum-Pad für Seehunde. noch Kopfzerbrechen. Wie Kakadu Snow-
dige Verhalten fördere Liebe, Zusammen- ball wurde sie durch ein YouTube-Video

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berühmt, in dem sie ihren Kopf zu Mu- Rhythmus im Kopf Hirnregionen, die beim Tanzen aktiv sind
sik bewegt. Ronan rockte jedoch nicht
spontan. Knapp anderthalb Jahre lang
bimste ihr ein Trainer den Groove ein. 1 Musik wird im Innenohr
in elektrische Impulse
Nur lange genug geübt also? Oder doch umgewandelt, die
Veranlagung? vom Hörnerv an das
„Wir wissen noch zu wenig“, sagt Ra- Hörzentrum im Gehirn
vignani. Das gelte auch für den Menschen. geleitet werden.
Wie tief verankert ist der Groove im Men- 3
schenhirn? Was ist genetisch, was kulturell
bedingt? 2 Der Nucleus geniculatus 3
Immerhin: Sechs universelle Rhythmus- medialis ist durch die
muster haben Forscher identifiziert, die Hörbahn mit der Hörrinde
Menschen kulturübergreifend zu gefallen verbunden. Er hilft, 1
scheinen. Dazu gehören etwa der Zwei- den Beat in der Musik 2
zu erkennen, und löst
oder Dreivierteltakt sowie Abfolgen be-
unbewusste Reaktionen
tonter und weniger betonter Schläge. Men- aus, etwa das Wippen
schen mögen es zudem, wenn Rhythmen mit den Füßen. 4
leicht erkennbare Motive enthalten, die
sich häufig wiederholen.
Ravignani hat erforscht, wie fest diese 3 Die Tanzschritte werden
Muster im Gehirn verdrahtet sind. Dafür im Frontallappen des
bat er Gruppen von jeweils acht Nicht- Hirns geplant. Ent-
musikern, computergenerierte, komplett sprechende Nerven-
arhythmische Folgen von Trommelschlä- signale gelangen von
gen nachzuklopfen, und zwar – ähnlich dort an die Muskeln.
wie bei dem Spiel „Stille Post“ – eine Per- Der Precuneus (hinten)
son nach der anderen. Das Ergebnis: Bald ist wichtig für Orien-
bildeten sich erstaunlich klare Rhythmen tierung und Raumsinn.
heraus.
„Die Teilnehmer verwandelten zufällige
Sequenzen in strukturierte Muster“, sagt 4 Der Lobus anterior
der Forscher. Rhythmusempfinden sei of-
cerebelli, ein Teil des 5 Durch die Körperbewegung und den
Kleinhirns, erhält Rück- Musikeindruck wird im Gehirn Dopamin
fenbar „tief verwurzelt“ im menschlichen meldungen aus dem ausgeschüttet, das Glücksgefühle
Gehirn. Damit Musik mitreiße, gehöre al- Rückenmark und hilft auslöst. Mit dem Groove lässt die Kontroll-
lerdings noch mehr dazu: „Ein Beat muss dabei, Tanzschritte funktion des Gehirns nach. Es feuern
vorhersehbar sein und dennoch überra- und Musik ständig Nerven, die eher für Bindung und Nähe
schen“, sagt Ravignani. zu synchronisieren. zuständig sind.
Gute Musiker wissen intuitiv, wie wich-
tig die Magie des Unregelmäßigen ist. Sie
lassen bestimmte Schläge aus, betonen da- rikanischen Wurzeln, aufgeladen mit star- tigen. Deutlich wird das beim Paartanz:
für andere stärker. Erst der Akzent auf ken Emotionen, dazu gedacht, Menschen Sich gemeinsam in einen Rhythmus einzu-
dem letzten Achtel treibt den Tango voran. in Bewegung zu versetzen. schwingen schafft innige Nähe, die als Be-
Walzer schwingt durch mehr Wumms auf Doch was ist der Grund, dass der ziehungskitt dienen kann, hat der Psycho-
der ersten Zählzeit, Reggae wird lässig, Mensch überhaupt so vernarrt ist in Musik loge William Brown von der University of
weil zwischen den Grundschlägen betont und Tanz? Die Forscher verfolgen mehrere Bedfordshire herausgefunden.
wird. Ansätze. Eine naheliegende Theorie be- Tanzende senden Signale der Verbun-
„Groove“ nennen es Musiker, wenn ein sagt: Es geht um Sex. denheit aus. Ob brasilianische Samba, spa-
Rhythmus wirklich jedem in die Glieder „Der Tango ist der vertikale Ausdruck nischer Flamenco oder senegalesischer Sa-
fährt. Der US-Neurowissenschaftler Petr eines horizontalen Verlangens“ – so soll bar: Rhythmus und Tanz sind tief greifen-
Janata hat das Phänomen untersucht. Für es der irische Schriftsteller George Bernard de soziale Erfahrungen.
sein „Groove Project“ an der University Shaw formuliert haben. Die US-Anthro- Es entsteht, was der französische Sozio-
of California in Davis spielte Janata Pro- pologin Judith Hanna notierte es allge- loge Émile Durkheim als „kollektives Auf-
banden Ausschnitte von Musiktiteln vor. meingültiger: „Tanz und Sex benutzen bei- wallen“ bezeichnete, das Gefühl, Teil von
Aus den Bewertungen hat er eine Hitliste de dasselbe Instrument: den menschlichen etwas Größerem zu sein. Und das gilt für
der packendsten Songs erstellt. Körper.“ Tanz sei symbolischer Ausdruck die Schaumparty auf Mallorca genauso wie
König des Groove ist demnach Stevie für Romantik, Begehren und Orgasmus. für traditionelle Tänze.
Wonder mit seinem Stück „Superstition“ Psychologische Experimente zeigen, wie Auf den Marquesas-Inseln im Südpazifik
von 1972. Unter den Top 10 finden sich Tänzer auf das jeweils andere Geschlecht beispielsweise lebt seit einiger Zeit das
auch „Lady Marmalade“ von Labelle wirken. Männer scheinen aus den Tanz- „Matava’a“ neu auf, das „Augen auf“-Fes-
(„Voulez-vous coucher avec moi ce soir?“) Moves von Frauen unbewusst deren tival. Bis zu 2000 Tänzerinnen und Tänzer
oder Klassiker wie „Sing, Sing, Sing“ von Fruchtbarkeit herauslesen zu können. versammeln sich alle zwei Jahre auf einer
Benny Goodman und „In the Mood“ von Frauen wiederum finden kräftige Tänzer der Inseln, um die alten Traditionen zu
Glenn Miller. besonders attraktiv. pflegen und in die Moderne zu führen.
Vor allem viele Soulnummern animier- Tanz hat aber nicht nur eine wichtige Dem Spektakel beizuwohnen gilt als zu-
ten die Testhörer zum Mitwippen – für Ja- Funktion bei der Partnerwahl, sondern tiefst spirituelle Erfahrung. Zum monoto-
nata kein Zufall. Es ist Musik mit afroame- hilft auch, bestehende Beziehungen zu fes- nen Ton der Trommeln tanzen die Einhei-

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Wissenschaft

mischen den „putu“, einen Kriegstanz. macht. Bei Parkinsonkranken etwa kann
Männer mit massigem Körper stampfen Tanzen die Bewegungsfähigkeit verbes-
mit den Füßen den kraftvollen Rhythmus, sern. Schmerzpatienten schenkt der Tanz
in den Händen die ‘U’u, die traditionelle Linderung. Auch Traumapatienten, Autis-
Kriegerkeule der Marquesaner. Viele der ten, Demente und Depressive lassen sich
Tänzer sind tätowiert. Schweiß glänzt auf so behandeln.
ihren muskulösen Oberkörpern. Die Frau- Dies alles ist möglich, weil Rhythmus
en sitzen zwischen ihnen und setzen mit und Tanz auf heilsame Weise Körper und
hohen Stimmen Kontrapunkte zum mono- Geist zusammenzuführen scheinen. Wie
tonen Beat. sich das anfühlt, lässt sich bei einem
„Früher hatten diese Tänze eher rituelle Workshop des österreichischen Musikers
Bedeutung“, erläutert der Ethnologe Mi- und Komponisten Reinhard Flatischler
chael Koch, der die Kultur der Marquesa- erahnen.
ner seit vielen Jahren erforscht. Bei Hoch- Dumpf hallt an diesem Februarmorgen
zeiten oder Trauerfeiern habe Tanz eine der Klang einer brasilianischen Basstrom-
wichtige soziale Funktion gehabt, auch um mel durch den Joseph Haydn-Saal der Uni-
in einer schriftlosen Kultur „Erinnerungen versität für Musik und darstellende Kunst
zu beleben und Gegenwärtigem Ausdruck in Wien. Mit stoischem Gleichmut schlägt
zu verleihen“. Heute dagegen gehe es eher Assistentin Katharina Loibner den „Sur-
um Identitätssuche und Wiederbelebung do“. Neben ihr steht Flatischler, den „Be-
von Traditionen. „Ein Volk, das nicht mehr rimbau“ in der Hand, ein Saiteninstrument
tanzt, ist tot – so würden es die Einheimi- mit sirrendem Ton, dessen eine Saite ähn-
schen formulieren“, sagt Koch. lich wie eine Trommel angeschlagen wird.
„Tanzen wirkt wie sozialer Klebstoff“, Etwa 75 Seminarteilnehmer haben zwei
bestätigt auch Neurowissenschaftler Fitch. Kreise um die beiden Musiker gebildet.
Sich gemeinsam im Rhythmus zu bewegen Flatischler dirigiert die Menge. „Taketina“
fördere, „was Menschen einzigartig macht: nennt er seine Methode, eine Mischung
in einer Gruppe gemeinsam zu handeln“. aus Rhythmusmeditation und musikali-
Auf diese Weise könnte Tanzen die Ent- scher Selbstfindung, die er zum Beispiel
wicklung von Zivilisationen begünstigt für Musiker, Schauspieler und Manager an-
oder vielleicht sogar die Menschwerdung bietet. Auch einige Kliniken und therapeu-
selbst befördert haben. Allianzen schmie- tische Praxen arbeiten mit der Technik.
den, sich für den Krieg und für die Jagd Flatischler will „Leerräume“ im Kopf
stählen – all das geht besser im Tanz. Von schaffen, um so „kreative Ressourcen“ frei-
jeher putschen sich Menschen auf diese zulegen. Eine „tiefe Rhythmuserfahrung“
Weise gegenseitig auf. verspricht er den Teilnehmern.
Jahrtausendealte Versammlungsorte, an Zu archaisch anmutenden Rhythmen
denen die Überreste prähistorischer Mu- geht es zunächst im Seitwärtsschritt im
sikinstrumente gefunden wurden, zeugen Kreis. Bald kommt rhythmisches Hände-
von ausgiebigen Steinzeitfeten. In Isturitz klatschen hinzu, schließlich monotoner Ge-
etwa, einer weitläufigen Höhle in den fran- sang, „Ta-Ke-Ti-Na“, vier Silben mit rei-
zösischen Pyrenäen, bargen Ausgräber nem Klang, ohne Bedeutung.
20 000 bis 35 000 Jahre alte Knochenflöten. Komplexe Rhythmen laufen schließlich
So wirkmächtig kann die Kombination durcheinander. Was macht die Stimme,
aus Bewegung und Musik erlebt werden, was machen die Hände, was die Füße?
dass sich manche Menschen dadurch sogar Überforderung stellt sich ein, die nur durch
bis ins Transzendente befördert fühlen. inneres Loslassen zu meistern ist. „Desta-
Die Anhänger des muslimischen Mevle- bilisierung“ nennt Flatischler das. Dann
vi-Ordens beispielsweise praktizieren bis passiert Erstaunliches: Der Kopf wird frei.
heute den Wirbeltanz. Ihr Drehen gilt als Der Körper bewegt sich wie von selbst, im
eine Form des Gebets, die den Tänzer Gott Einklang mit der Gruppe.
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näherbringen und die Menschheit in Liebe Irgendwann wird Flatischlers Stimme


umfassen soll. wieder ruhiger. Viele der Tänzer haben
Auch bei den Ritualen der afrobrasilia- nun die Augen geschlossen, sind ganz in
nischen Candomblé-Religion tanzen sich sich gekehrt. Die Tänzer legen sich auf den
die „filhos de santo“, die Auserwählten, Boden. Tiefe Entspannung macht sich
in einen tranceähnlichen Zustand. Die breit.
Gläubigen sind davon überzeugt, dass sie „Lasst uns aus dem Denken ins Spüren,
ihren eigenen Körper dabei dem Geist ins Hören, ins Dasein gehen“, hat Flatisch-
eines ihrer Götter zur Verfügung stellen, ler zuvor erklärt. Alles esoterischer Unfug?
der erst dadurch mit den Menschen in Kon- Nicht für den Musiker und die meisten sei-
takt treten kann. „Tanz und Sex benutzen ner Seminarteilnehmer.
Entrückt wirken die Tänzer, wenn sie beide dasselbe „Es gibt nichts, was nicht Rhythmus ist“,
sich ganz und gar dem Rhythmus hinge- sagt Flatischler. „Wenn ich mit dieser Ur-
ben. Der Hormonrausch beim Tanzen
Instrument: den mensch- kraft in Verbindung komme, verändert sich
macht gelassen und glücklich – ein Um- lichen Körper.“ mein Leben.“ Philip Bethge
stand, den sich auch die Medizin zunutze Mail: philip.bethge@spiegel.de

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Wissenschaft

Das Kettensägen-Massaker
Umwelt Unbekannte zerstören in großer Zahl die Horste von Rotmilanen und Schreiadlern.
Naturschützer vermuten: Die Täter wollen damit den Bau von Windrädern beschleunigen.

A
ls die Vogelkundler den Wald bei
Blesewitz besuchen, ist nichts mehr,
wie es war. Wo eigentlich Rotmi-
lane, Schreiadler und Mäusebussarde in
den Baumkronen nisten, ist alles kaputt.
Die Brutplätze südwestlich von Anklam
sind zerstört. Jemand hat die Bäume ein-
fach gefällt.
Das vorpommersche Kettensägen-Mas-
saker soll sicherstellen, dass keiner der
dort heimischen Greifvögel mehr sein Zu-
hause findet. Im vorigen März entdeckten
Mitglieder vom Naturschutzbund Deutsch-
land (Nabu) die Schäden bei einem Kon-
trollgang.
Zwar sind die Täter bis heute unbekannt,
doch Naturschützer hegen einen Verdacht:
Es könnte sich um Bürger handeln, die
wirtschaftlichen Nutzen aus einer ge-
planten Windenergieanlage ziehen wollen.
Das Phänomen im Landkreis Vorpom-
mern-Greifswald ist nicht neu. Seit 2015
haben die Behörden 10 Fälle mit insgesamt
35 zerstörten oder beseitigten Horsten re-
gistriert. Alle befanden sich im Schutz- und
Prüfradius eines Windenergieprojekts.
Ähnlich läuft es vielerorts: Die Täter
kommen bei Tag oder bei Nacht, hinter-
lassen meist Spuren – und werden trotz-
dem fast nie erwischt. Manche Tiere wer-
den vergiftet, erschossen oder durch Lärm
vertrieben. Andere verlieren ihren Horst,
weil Unbekannte den Baum mit Steigeisen
erklettern und den Brutplatz von Hand
zerstören – oder wie bei Anklam mit der
Kettensäge anrücken. Fast immer liegen
die Tatorte in auffälliger Nähe zu soge-
nannten Windeignungsgebieten.
Bundesweit zählt allein der Nabu seit
2010 mehr als 60 Fälle, mit einzelnen oder
mehreren zerstörten oder verschwunde-
nen Horsten. Lars Lachmann, Vogelschutz-
experte beim Nabu, beobachtet eine stei-
gende Tendenz – der Grund seien geän-
derte Schutzbestimmungen. „Früher
hatten die Tiere keinen Einfluss auf die
Planung und den Bau von Windparks.“
Heute blockierten die Vögel den Bau. Also
müssten sie aus Sicht mancher Leute ver-
schwinden.
Experten gehen von einer hohen Dun-
THOMAS LOBENWEIN / DER SPIEGEL

kelziffer aus. Die Naturschutzorganisation


„Komitee gegen den Vogelmord“ fordert
seit Jahren den Einsatz spezialisierter Er-
mittler für Attacken auf Greifvögel und
andere Wildtiere, wie sie in anderen euro-
päischen Ländern längst Standard sind.
„Nur selten werden Täter in Deutschland
ermittelt“, kritisieren die Vogelschützer, Biologin Vielhaber in einem Wald bei Zinzow: Reifenspuren am Tatort

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SPIEGEL TV MAGAZIN
SONNTAG, 11. 2., 22.00 – 23.05 UHR | RTL

Notstandsgebiet Pflegeheim – Personal


und Patienten klagen an; Panzer-
kolonnen, SS-Uniformen und Zyklon B –
Das Kriegsmuseum von Colorado;
Der Anti-Schulz – Juso-Chef
Kühnert auf No-GroKo-Tour.

Verfahren würden oft fest im Blick, übersehen


gegen Geldzahlungen manche Rotmilane die SPIEGEL GESCHICHTE

BLICKWINKEL / IMAGO
eingestellt. Rotoren und verlieren DIENSTAG, 13. 2., 20.15 – 21.05 UHR | SKY
Seit 2015 sammeln sie im Sturzflug ihre Ge- Despot Housewives –
mit ihrer „Erfassungs- sundheit oder ihr Leben. Die Verfluchten
und Dokumentations- Das Thema beschäf-
stelle Greifvogelverfol- Zielobjekt Rotmilan tigt auch die Industrie. Sie stiegen zu Kaiserinnen auf und
gung und Artenschutz- Vergiftet, erschossen, vertrieben „Eine Methode ist, an- glaubten, sie blieben es auf ewig.
kriminalität“ (Edgar) dere Futteranlaufstellen
bundesweit Fälle. Nach ihren Erkenntnis- zu errichten, damit der Rotmilan nicht zu
sen liegt die Aufklärungsquote unter zehn den Anlagen fliegt“, sagt Geschäftsführer SPIEGEL TV REPORTAGE
Prozent. Wolfram Axthelm vom Bundesverband DIENSTAG, 13. 2., 23.10 – 0.15 UHR | SAT.1
Zu den betroffenen Arten gehört der Windenergie. Dieses Verfahren komme be-
Rotmilan. Der Vogel, leicht zu erkennen reits erfolgreich zum Einsatz. Die Einbrecherjäger – Notruf aus
an seinem rostroten Gefieder, hat eine Sein Verband ist wegen der Horstzer- dem Schrank
Spannweite von bis zu 1,95 Meter. Am störungen besorgt. Axthelm sagt, dass die Als der 16-jährige Jakob Einbruchs-
Himmel ist der Rotmilan kaum zu überse- Behörden endlich aktiver gegen Täter vor- geräusche hört, versteckt er sich
hen, wenn er über dünn besiedelte Land- gehen müssten. „Die Staatsanwaltschaften im Schrank, ruft die Polizei. Die Tä-
striche gleitet. Majestätisch zieht er seine entfalten zu wenig Ermittlungsdruck, es ter sind schon in seinem Zimmer,
Kreise, bevor er zum Sturzflug ansetzt und scheint bei dem Thema an Engagement zu
Mäuse, Feldhamster oder kleinere Vögel fehlen.“ Wer Nistplätze geschützter Arten
greift. Mehr als die Hälfte der geschätzten zerstört, begeht eine Straftat, den Tätern
25 000 Brutpaare ist in Deutschland behei- drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis.
matet – viele in Mecklenburg-Vorpommern. Naturschützer aus Mecklenburg-Vor-
Etliche Rotmilane nisten rund um das pommern sprechen von einem „nahezu
Schloss Zinzow und den zugehörigen eng- mafiösen Schweigen“ in vielen Orten.
lischen Landschaftspark bei Anklam. Jo- „Wenn man nichts gesehen oder gehört ha-
hanna Vielhaber, die das Gut mit ihrem ben will, deckt man einander oder liefert
Mann und dessen Familie bewirtschaftet, abenteuerliche Erklärungen und Lügen.“
beobachtet die Vögel seit Langem, karto- Dabei genießen die Brutreviere der Rot-
grafiert ihre Standorte und meldet sie der milane in dem Bundesland Bestandsschutz:
Naturschutzbehörde. Wenn die Horste und damit oft die Vögel
Vor gut einem Jahr konnte die Biologin verschwinden, ist erst nach Ablauf einer
einen Horst bei einem Spaziergang plötz- dreijährigen Frist der Weg für Windener-
SPIEGEL TV

lich nicht mehr in den Baumkronen aus- gieanlagen frei. „Die Menschen müssten
machen. „Er stand mitten in einem ge- begreifen, dass sie von getöteten oder ver-
planten Windeignungsgebiet“, erzählt triebenen Tieren keinen Profit haben“, Soko-Castle-Leiterin Alexandra Klein
Vielhaber. Man habe noch Reifenspuren sagt Nabu-Experte Lachmann.
erkennen können, ergänzt ihr Mann. Sie Er sieht vor allem Politiker in der Pflicht, als die Retter eintreffen. Die Soko
erstatteten Anzeige. Die Polizei stellte fest, Gesetze zu schaffen, und verweist auf die Castle übernimmt. Eine unge-
dass der Baum mit großer Forsttechnik Notwendigkeit eines erweiterten Bestands- wöhnliche Nahaufnahme moderner
entfernt wurde, doch die Täter wurden schutzes. Dieser müsse auch greifen, wenn Polizeiarbeit.
nicht gefasst. Horste während der Planung einer Wind-
Zu viele Menschen seien in der Region kraftanlage verschwinden.
wirtschaftlich verflochten mit oder abhän- „Bisher werden die Tiere und ihre Plätze ARTE RE:
gig von der Windenergie, beklagt Vielha- beseitigt, sie tauchen nicht mehr in Gut- DONNERSTAG, 15. 2., 19.40 – 20.15 UHR | ARTE
ber. „Wir sind nicht gegen Windenergie“, achten auf, und schon steht der Genehmi-
sagt sie. Es gehe der Familie allein um den gung nichts mehr im Weg.“ Da die Planung Weniger ist mehr – Vom Glück,
Naturschutz und das empfindliche lokale vier bis fünf Jahre dauern könne, sei die anders zu wirtschaften
Ökosystem. Der Rotmilan habe zwar auch Methode, vor der Prüfung die Vögel zu be- Ein Erwachsener in Deutschland be-
natürliche Feinde, doch das größte Risiko seitigen, bislang lukrativ. „Hier reichen die sitzt durchschnittlich 95 Kleidungs-
für den Vogel sei der Mensch. bisherigen Richtlinien längst nicht aus.“ stücke – Strümpfe und Unterwäsche
Gefahr droht zudem von anderer Seite. Wolfram Axthelm will nicht warten, bis nicht mitgerechnet. Rund 40 Pro-
Rund um Windräder ist der Boden wärmer, der Gesetzgeber handelt. Mit seinem Bun- zent davon werden kaum oder nie
daher siedeln sich verstärkt Mäuse dort desverband Windenergie will er nun selbst getragen. Der Film zeigt Menschen,
an, eine wichtige und einfache Futterquelle Vogelkiller ermitteln: „Wir überlegen, bun- die umdenken. Sie konsumieren
für die Vögel. desweit Belohnungen zur Ergreifung der bewusster, gestalten ihre Gemeinde
Sind sie auf der Jagd, richten sie ihre Au- Täter auszuloben.“ Maik Baumgärtner nachhaltiger oder gründen eine so-
gen permanent auf den Boden. Die Beute Mail: maik.baumgaertner@spiegel.de ziale Initiative.
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WINNI WINTERMEYER / DER SPIEGEL
Lernrevolutionär Wieman: „Die Vorlesung ist eine Tradition aus dem Mittelalter – damals galten auch Zaubersprüche als Allheilmittel“

Der Fehlerengel
Pädagogik So wird jeder zum Genie: Der amerikanische Physiknobelpreisträger Carl Wieman
feiert große Erfolge mit einer Ausbildungsmethode, die auf „aktives Lernen“ setzt.

E
in sonniger Dienstagmorgen auf dem Wieman, ein zupackender Lehrmeister mit „Aktives Lernen“ heißt diese Methode
weitläufigen Campus der kaliforni- Wanderstiefeln, kurzärmligem Hemd und heute: Studenten machen lassen, korrigie-
schen Stanford University bei San einer Uralt-Quarzuhr am Handgelenk: ren, weitermachen lassen, wieder korrigie-
Francisco. Entspanntes Büffeln unter Pal- „Doch das ist Quatsch. Mit dem richtigen ren, eine Art Autodidaktentum, aber unter
men. Nur in einem Seminarraum im Un- Unterricht kann jeder in jedem Fach riesi- Anleitung eines Mentors – quasi nach dem
tergeschoss geht es hoch her: Zwölf Stu- ge Fortschritte machen.“ Vorbild von Papa Mozart.
denten palavern in kleinen Grüppchen, Niemand werde als Genie geboren, ist In der Tat zeigen aktuelle Studien, dass
streiten und lachen miteinander. Wieman überzeugt – nicht einmal ein (fast) jeder (fast) alles lernen kann. So be-
Willkommen im Seminar des Physik- Wolfgang Amadeus Mozart. Genial sei vor sagte eine Lehrmeinung früher, dass das
nobelpreisträgers Carl Wieman! Mit einer allem sein Vater Leopold gewesen, ein mit- absolute Gehör eine angeborene Sonder-
ungewöhnlichen Methode bringt er heute telmäßiger Geiger, aber ausgebuffter Mu- begabung sei. Nur einer von 1000 Men-
zwölf Studenten aus Fachbereichen wie sikpädagoge, der eines der ersten Bücher schen verfügt über die Fähigkeit, die Höhe
Geologie, Mathe und Medizin bei, wie zur Musikerziehung für die Violine schrieb. eines gehörten Tons exakt zu bestimmen.
sie Studenten später besser unterrichten Er ließ Wolferl schon komponieren, als die- Doch im Jahr 2014 zeigte eine japani-
können. ser ein kleiner Junge war – und schaute sche Wissenschaftlerin mit einem Experi-
„Viele glauben, sie seien für Naturwis- ihm permanent über die Schulter, um je- ment, dass auch alle anderen das absolute
senschaften einfach nicht begabt“, sagt den kleinsten Fehler zu verbessern. Voilà. Gehör erlernen können. Sie rekrutierte
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Wissenschaft

24 normale Kinder, zwischen zwei und Dass der berühmte Physiker so viel vom Doch Wieman blieb hungrig und neu-
sechs Jahren alt. Dann trainierten Musik- aktiv angeleiteten Lernen hält, kommt gierig. Nach der Nobelpreisehrung stellte
lehrer mit ihnen, Tonhöhen zu erkennen, nicht von ungefähr. Schon als Kind war er er seine Physikkarriere zurück und wid-
pro Tag ein paar Minuten. Manche Kinder ein eigenwilliger Selbermacher – notge- mete sich fortan seinem Lebensthema: Ler-
brauchten nur wenige Monate, andere drungen. Wieman wuchs in den Wäldern nen lernen. Mit seinem Nobelpreisgeld
über ein Jahr. Am Ende aber hatten alle, Oregons auf. Sein Vater arbeitete in einem startete er eine Bildungsinitiative, baute
die das Programm durchzogen, das Abso- Sägewerk, einen Fernseher gab es nicht die Curricula von 235 universitären Kursen
lute Gehör. im Haus, so verschlang Carl stapelweise um und ließ die Lernerfolge von unabhän-
Derlei faszinierende Geschichten gibt Bücher aus der Leihbibliothek. gigen Bildungsforschern testen.
es inzwischen zuhauf. Der Entwicklungs- Mit einem Bruder tüftelte er an kompli- Nebenher überprüfte er etliche weitere
psychologe Anders Ericsson von der Flori- zierten Spielzeugen. Als er in die 8. Klasse reformpädagogische Ideen, die als Erfolg
da State University sorgte beispielsweise kam, zog die Familie um, er freundete sich versprechend galten: charismatische Pro-
für Aufsehen, als er ebenfalls mit einem mit dem Sohn eines Mathematikprofessors fessoren? Kommen bei Studenten gut an,
Experiment den Kult um angeblich begna- sorgen für Unterhaltung – bringen aber we-
dete Gedächtniskünstler entzauberte. Die Verbesserte Lernleistungen nig Lernerfolg. Kleinstgruppen? Kein mess-
meisten Menschen können sich in ihrem mit der Unterrichtsmethode „Aktives Lernen“ barer Vorteil. Unterricht mit Smartboards
Kurzzeitgedächtnis nur rund sieben belie- und Handys? Digitalschnickschnack lenke
bige Zahlen merken, die ihnen vorgelesen Die eher ab, hat er herausgefunden: „Auch das
wurden. Ericsson dagegen brachte einem Biologie Durchfallquote Mitschreiben per Hand stört beim aktiven
sank um Mitdenken, das Mitschreiben am Notebook
Studenten durch intensives Training bei,
sich bis zu 82 beliebige Zahlen zu merken. Informatik 12 aber ist noch störender.“
Wichtig bei der Methode des aktiven Prozentpunkte Gut dagegen schneiden spielerische
Mathematik von durchschnittlich Techniken ab, etwa interaktive Abstim-
Lernens ist der richtige Umgang mit Feh- 33,8% auf 21,8%
lern oder falschen Vorstellungen. „Viele mungen („Clicker“ genannt), bei denen
Menschen glauben, dass Sommer und Win- Chemie die Studenten einfache Ja-Nein-Fragen be-
ter dadurch entstehen, dass die Erde mal antworten müssen, wie man es von Quiz-
näher an der Sonne ist und mal weiter Ingenieurs- shows kennt. Die häufige Rückmeldung
weg“, berichtet ein Geologiestudent beim wissenschaften von Studenten erlaubt den Lehrenden, den
heutigen Seminar. Lernfortschritt besser einzuschätzen.
Wieman ist begeistert, er liebt solche Geologie Am besten aber, so zeigte sich, sind die
Irrtümer. Er ist überzeugt, dass Fehler wert- Ergebnisse beim aktiven Lernen. Die von
voll sind – je abwegiger, desto besser. Denn Psychologie Wieman propagierte Methode hat inzwi-
er sieht Fehler nicht als Niederlage, son- schen auch deutsche Universitäten er-
dern als Chance, daran zu wachsen. Physik reicht. „Aber Deutschland ist in Bildungs-
Bei ihm im Seminar muss jeder Student fragen eher konservativ“, klagt die Physi-
ständig für sich allein neue Aufgaben be- 0 +0,5 +1,0 kerin Cynthia Heiner, die unter Wieman
Effektstärke
arbeiten. Die Lösungen werden dann ge- gearbeitet hat und heute an der FU Berlin
meinsam im Kreis mit allen anderen Stu- Quelle: Scott Freeman u.a.: „Active learning increases student
performance in science, engineering, and mathematics“
lehrt. „Hierzulande gelten Fehler eher als
denten diskutiert – angeleitet von Wieman, Tabu und Makel, nicht als Anreiz zum Bes-
der als oberster Fehlersucher und Korrek- an, der mit den Kindern nachmittags auf sermachen.“
tor fungiert. Selbst Unsinn feiert er noch spielerische Weise Geometrieprobleme lös- „Doch in den letzten Jahren hat sich viel
als Erfolg. Bei ihm wird der Fehlerteufel te. Außerdem lernte Carl Wieman Schach getan an deutschen Unis, vor allem an
zum Fehlerengel. und wurde durch fortwährendes Üben so Fachhochschulen“, sagt Peter Riegler, Do-
Den größten Fehler hat er indes in den gut darin, dass er bald auf Turnieren antrat. zent an der Ostfalia-Hochschule in Wol-
Köpfen der Professoren ausgemacht – weil „Aber im reifen Alter von 16 Jahren gab fenbüttel, wegen seiner Lehrkünste zum
sie an einer so rückständigen Lehrmethode ich diese Karriere auf“, sagt er. Professor des Jahres 2011 gekürt. „Grob
wie der Vorlesung festhalten. Schließlich schrieb er sich als Physikstu- geschätzt wird das aktive Lernen hierzu-
Er verweist auf eine aktuelle Vergleichs- dent am MIT bei Boston ein, doch seine lande wohl bereits in einem von hundert
studie unter Leitung des amerikanischen wahre Leidenschaft blieben damals Tennis Seminaren eingesetzt.“
Bildungsforschers Scott Freeman. Dem- und Squash: „Ich habe gegen ein paar der Und was war der größte Fehler, dem
nach schneiden durchschnittliche Studen- besten Spieler des Landes verloren, sogar Wieman selbst aufgesessen ist? Sein Glau-
ten, die bislang einer Vorlesung gelauscht gegen einen späteren US-Meister.“ be an die Vernunft, antwortet er: „Ich
haben, durch aktives Lernen besser ab als Die Vorlesungen in Optik oder Atom- dachte, dass eindeutige Forschungsergeb-
68 Prozent ihrer Kommilitonen. Außerdem physik dagegen schwänzte er oft. Lieber nisse die meisten meiner Kollegen über-
sinkt die Durchfallquote um rund ein Drit- bildete er sich im Labor fort, durch Aus- zeugen werden.“
tel (siehe Grafik). probieren und Scheitern und Weiter- Doch das war nicht der Fall. Zu seiner
„Handelte es sich um eine medizinische machen. Mit dieser zupackenden Lerntech- Überraschung kam der größte Widerstand
Studie, müsste man traditionelle Vorle- nik schaffte er es bis in den Olymp seines ausgerechnet von den Meistern der Zahlen:
sungen sofort abbrechen, weil es nicht Fachs. Mathematiker waren oft am zögerlichsten,
zu verantworten wäre, Patienten einer Im Jahr 1995 gelang es ihm mit seinem auf Vorlesungen zu verzichten.
solch untauglichen Therapie auszusetzen“, Team, eine 70 Jahre alte Vorhersage von Hilmar Schmundt
schimpft Wieman. „Die Vorlesung ist eine Albert Einstein zu bestätigen: dass stark Twitter: @hilmarschmundt
jahrhundertealte Tradition aus dem Mit- heruntergekühlte Materie eines bestimm-
telalter – aber damals galten teils auch ten Typs in einen neuartigen Aggregatzu- Rubrik: Forscher
Aderlass und Zaubersprüche als Allheil- stand übergeht, weder flüssig noch fest Carl Wieman über das Lernen
mittel. Beides hat sich als weitgehend un- oder gasförmig – das legendäre Bose-Ein- spiegel.de/sp072018lernen
wirksam erwiesen.“ stein-Kondensat. oder in der App DER SPIEGEL

DER SPIEGEL 7 / 2018 107


FOTOS: PETE SOUZA / THE WHITE HOUSE
Souza-Fotografien, 2009 bis 2012

Zeitgeschichte ten während der Arbeit im Oval Office und bei privaten
Glamouröse Nostalgie Momenten mit seiner Familie. Oder bei jenen Terminen, die
Obama „OTR“ nannte, „off the record“-Begegnungen mit
Mehr als 600 Bilder machte der Fotograf Pete Souza jeden Tag amerikanischen Bürgern. Nach dem Amtsantritt von Donald
von seinem Chef, acht Jahre lang. Knapp zwei Millionen Fotos Trump verließ Souza das Weiße Haus, er sichtete sein
sind so innerhalb von acht Jahren entstanden, eine Chronik der Archiv. Mehr als 300 Aufnahmen hat er jetzt für einen präch-
jüngsten amerikanischen Geschichte und zugleich Polit-PR vom tigen Fotoband ausgewählt: Obama – Bilder einer Ära dürfte
Feinsten. Denn Souzas Boss war US-Präsident Barack Obama. viele Betrachter nostalgisch stimmen. So lässig und glamourös
Als offizieller Fotograf des Weißen Hauses reiste Souza mit ihm konnte einst ein US-Präsident rüberkommen (Prestel Verlag;
durch Amerika und um die Welt; er beobachtete den Präsiden- 352 Seiten; 42 Euro; erscheint am 19. Februar). mwo

Theater lobte junge Dramatikerin gegenwärtigen Gesellschaft“ größeren Theaterhäusern be-


Ibsen neu gedichtet Olga Bach, amtierende erzählen. Angereichert hat schäftigte Regisseurin Lilja
– aus Frauensicht „Nachwuchsautorin des Jah-
res“, hat eine Neufassung des
die Dramatikerin Bach den
Stoff unter anderem mit dem
Rupprecht. In der Rolle der
Ellida Wangel, die zumindest
Das Berliner Theater Ramba- einst als Aufruf zur Frauenbe- Auftritt von Geistererschei- in Ibsens Original die
Zamba, bekannt für das oft freiung gefeierten modernen nungen wie der des Wasser- zentrale Figur des Stücks ist,
furiose Zusammenspiel von Klassikers geschrieben und geists Undine. Überhaupt, so ist die große Schauspielerin
nicht behinderten und behin- nennt sie Die Frauen vom Meer. verspricht die Dramaturgie Angela Winkler der Gaststar
derten Schauspielern, präsen- In der Ankündigung des des Theaters, vermischen sich der Produktion. Winklers
tiert am kommenden Frei- Theaters heißt es, Bach wolle in der Neufassung „die Ebe- Tochter Nele gehört seit vie-
tag (16. Februar) die Urauffüh- einen „Freiheitsbegriff von nen zwischen Leben und Tod, len Jahren fest zum Ramba-
rung einer Umdichtung des heute“ definieren, „sich dem Wunsch und Wirklichkeit, Zamba-Ensemble und spielt
mehr als hundert Jahre alten weiblichen Prinzip nähern“ Ende und Unendlichkeit“. Ellida Wangels älteste Toch-
Henrik-Ibsen-Dramas „Die und von den „nach wie vor Die Regisseurin der Berliner ter Bolette in „Die Frauen
Frau vom Meer“. Die hochge- patriarchalen Strukturen der Uraufführung ist die sonst an vom Meer“. höb

108 DER SPIEGEL 7 / 2018


Kultur
Superhelden nend an Black Panther ist vor Nils Minkmar Zur Zeit
König von Wakanda allem, wie hier die Stereo-
typen Hollywoods durchbro- Sprechen Sie GroKo?
Im Kosmos der Comic-Super- chen werden. Die Handlung
helden sind weiße und männ- wird maßgeblich von afro- Eine längere Regierungsbildung ließe
liche Idole wie Batman, Su- amerikanischen und weibli- sich besser überstehen, wenn die Be-
perman oder Captain Ameri- chen Figuren bestimmt – und teiligten mit der Sprache pfleglicher
ca die berühmte Regel und hinter der Fassade einer alter- umgingen. Manche Ausdrücke ver-
schon Frauen wie Wonder nativen „Dritten Welt“ er- breiten sich viral: sind überall und
Woman die spektakuläre Aus- scheint eine hoch technisierte verursachen Kopfschmerzen. Da ist
nahme. Besonders rar jedoch fremde Zivilisation. In Wa- etwa die „sachgrundlose Befristung“
sind schwarze Superhelden kanda mischen sich traditio- von Arbeitsverträgen. Ich hatte zwar
wie Black Panther, der nun nelle Stammesbekleidungen von einem Jagdgrund, einem Scheidungs-
im gleichnamigen Film von und geräuschlose Hightech- grund oder einem Wiesengrund gehört, aber nie von ei-
Ryan Coogler im Kino an- Turnschuhe zu einer bemer- nem Sachgrund. Jeder Grund taugt, um etwas zu begrün-
tritt. Erzählt wird von König kenswerten afrofuturistischen den – ob man ihn von einer Sache herleitet oder nicht.
T’Challa (Chadwick Bose- Ästhetik. Dem Plot des Films Ganz verflixt wird es, wenn das Fehlen eines solchen
man), der, ausgestattet mit hätte man etwas mehr Kom- Sachgrunds festgestellt und ebendieses Fehlen dann kriti-
übermenschlicher Kraft, die plexität gewünscht; so ein- siert wird. Gemeint ist wohl Folgendes: Das Arbeitsver-
Thronfolge im Königreich drucksvoll „Black Panther“ hältnis kann bis zu jenem Zeitpunkt befristet werden, an
Wakanda übernommen hat; als Demonstration von afro- dem die Arbeit getan ist, wenn beispielsweise die Ernte
nur leider hält ihn ein weißer amerikanischem Selbst- eingefahren ist. Der Vertrag soll nicht dann enden, wenn
Krimineller auf, und auch bewusstsein und Coolness ist, es für den Arbeitgeber irgendwie praktisch ist. Im Deut-
ein aus dem Nichts auftau- so vorhersehbar steht der schen könnte man von einer grundlosen Befristung reden.
chendes Familienmitglied for- Superheld seine Abenteuer Oder, wenn man es zuspitzen möchte, von einer will-
dert ihn zum Kampf. Span- durch. skr kürlichen. Andere Wörter wiederum werden gemieden,
als würde bei ihrer Ausrufung der Leibhaftige in der
Schwefelwolke erscheinen. Dazu zählt die Obergrenze
für Flüchtlinge. Niemand erwähnt sie, niemand schreibt
Filme mit traumatischen Erinne- sie auf. So weit kein Problem, ich zum Beispiel vermisse
Thriller im Eis rungen an den gewaltsamen
Tod seiner eigenen Tochter
sie nicht. Das Problem entsteht nur, wenn man eine
Obergrenze beschlossen hat und dennoch ihren Namen
Der Schneefall ist oft so konfrontiert. Regisseur nicht nennt. Wer von einer Obergrenze nicht reden
dicht, dass Fußspuren, Patro- Taylor Sheridan hat aus möchte, soll keine beschließen. Sooft das Fehlen des
nenhülsen und Tote binnen dieser Geschichte einen har- Sachgrunds bemängelt wird, so heftig wird die Präsenz
Minuten unter einer weißen ten, lakonischen Thriller der Obergrenze beschwiegen.
Decke verschwinden. Der gemacht und gewann damit Ein weiterer Hit aus der Jargonliste ist das Koopera-
amerikanische Kinofilm Wind bei den Filmfestspielen von tionsverbot. Es könnte für bessere Schulen sorgen, so viel
River handelt von der Jagd Cannes einen Regiepreis. kann sich jeder aus dem Kontext seiner Verwendung
nach Verbrechern und vom „Wind River“ ist einer die- erschließen, aber auch nur, wenn es – so das dann immer
Kampf gegen die Natur. Mör- ser immer wieder ver- angefügte Verb – „fällt“. Gemeint ist vielleicht, dass
derisch ist beides. Im Wind- blüffenden amerikanischen Bund und Länder gemeinsam an einer Verbesserung der
River-Reservat in Wyoming Genrefilme aus den ent- Bildung arbeiten, obwohl das Grundgesetz dies nicht
wird die Leiche einer jungen legensten Winkeln der Ver- vorsieht. Man kann es erklären, aber wer versteht schon,
Ureinwohnerin gefunden; ein einigten Staaten, die von dass nur ein fallendes Verbot für renovierte Schulklos
Wildhüter und Jäger (Jeremy aufregend fremden Lebens- sorgt? Eher zieht man den Kopf ein: Achtung, fallende
Renner) nimmt die Ermitt- welten erzählen und dafür Verbote! Nächster Gro-Kopfschmerzverursacher ist
lungen auf und wird dabei neue Bilder finden. lob die Bürgerversicherung. Eine Feuerversicherung entschä-
digt nach einem Brand, die Krankenversicherung hilft
dem Patienten, und die Versicherung der Hochachtung
beschließt den Brief – aber in welchem Fall wirkt eine
Bürgerversicherung? Schützt sie den Politiker vor dem
Bürger oder den Bürger vor sich selbst? Dabei ist die Ein-
führung der Bürgerversicherung im Wesentlichen eine
Abschaffung, der privaten Krankenversicherung nämlich.
Warum sagt man nicht einfach, was man vorhat? Die
Sprache muss quietschen, damit alle froh sind, dass die
Verhandlungen irgendwann beendet sind. Die Kanzlerin
immerhin weiß, für wen sie das alles macht: Das sind
„die Menschen“. Wer auch immer das sein mag, sehr helle
scheint diese Spezies nicht zu sein. Denn, so die Kanzle-
rin, obwohl alles gut gemeint sei, fänden „die Menschen“
die Verhandlungen und die Rede darüber „zu technisch“.
WILD BUNCH

Sie sagte es, als finde sie das ganz süß, aber sachgrundlos.

Renner, Gil Birmingham An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.

DER SPIEGEL 7 / 2018 109


Kultur

Erweiterte
Kampfzone
Politische Korrektheit In Manchester verschwindet ein
Gemälde, in Berlin ein Gedicht. Kevin Spacey
wird aus einem Film herausgeschnitten – und immer geht
es dabei um Sexualität. Bedroht die Debatte
um das Geschlechterverhältnis die Freiheit der Kunst?

E
s gibt auf dieser Welt ein Bild, das oder mythologisches Alibi abgebildet,
alle Fragen stellt und keine Antwort durchaus verherrlicht und auch noch got-
gibt. Auf geheimnisvolle Weise hat teslästerlich überhöht, eine unglaubliche
es mit allen Menschen zu tun, also auch Provokation – die allerdings bis heute fort-
mit Catherine Deneuve und mit Harvey wirkt. „Der Ursprung der Welt“ darf im
Weinstein, mit #MeToo-Aktivistinnen und Februar 2018 noch immer als so gefährlich
Herrn Dr. Wedel, mit den Asta-Leuten der und als so gefährdet gelten, dass das Mu-
Alice-Salomon-Hochschule, mit Kuratoren seum einen Bediensteten eigens zu seiner
in Manchester und mit Kevin Spacey, der Überwachung abstellt. Mit Bilderstürmern
nicht mehr zu sehen ist in Ridley Scotts und anderen Zensoren ist jederzeit zu rech-
neuem Film „Alles Geld der Welt“, ob- nen und neuerdings auch mit Bilderstür-
wohl er darin doch mitgespielt hat. merinnen und Zensorinnen. Facebook hat
Das Bild hängt, Öl auf Leinwand, 46 mal den „Ursprung der Welt“ gelöscht, ein Pa-
55 Zentimeter groß, in einem kleinen Saal riser Lehrer führt nun einen Prozess des-
des Pariser Musée d’Orsay. Sein Maler, wegen, im März soll das Urteil fallen.
Gustave Courbet, nannte es „L’Origine du Wenn es nicht um Moral und Anstand,
monde“, das heißt „Der Ursprung der Pornografie und Jugendschutz geht, dann
Welt“, und das Gemälde zeigt, in vollen- um die Frau als Objekt und als Opfer, um
detem Naturalismus, den Unterleib einer die pornografische Zerstückelung des weib-
Frau, ein entblößtes weibliches Geschlecht. lichen Körpers, um Männerfantasien, um
Vor dem Gemälde spielen sich tagtäglich maskulin dominierte Machtverhältnisse.
viele kleine Szenen ab, die zur großen Aber müsste es nicht mindestens ebenso
menschlichen Komödie gehören. Auch die- laut darum gehen, was Kunst darf und dür-
se Woche, als der Winter mit tanzendem fen muss und wer das zu bestimmen hat?
Schnee nach Paris kam, war es nicht an- Hat die Kunstfreiheit Grenzen? Und wer-
ders. Da waren die Besucher, die zum aller- den die von Berliner Studenten definiert?
ersten Mal vor das Bild gerieten und zwi- Oder von wem? Führen unser neues Leben
schen zwei Wimpernschlägen um Fassung in der digitalen Empörungsdemokratie und ein Bild abgehängt wird, wie in Manches-
rangen. Da waren junge Frauen aus aller das Veröden in selbst geschaffenen Blasen ter, in der Art Gallery, einem klassizis-
Herren Länder, die vor dem Bild in fröhli- dazu, dass Toleranzschwellen sinken? Dass, tischen Kunsttempel aus dem 19. Jahr-
ches Gelächter ausbrachen, oder war da was früher einfach ignoriert oder abgetan hundert, jener Zeit, als die Kunst für das
auch eine kleine, kichernde Angst? Es gab wurde, heute als unerträglich gilt und zum Schöne, für das Edle stand, keinen Ärger
wie stets die jungen Männer, die so taten, Verschwinden gebracht werden muss? machte, sondern ihre Betrachter zu erbau-
als hätten sie das Gemälde wirklich fast Das sind Stichworte der aktuellen De- en hatte. Saal Nummer zehn im ersten
überhaupt nicht bemerkt, es gab die Lie- batte. Wer sich hinstellt vor Courbets un- Obergeschoss ist dem viktorianischen
bespaare, die sich im Angesicht der pracht- glaubliches Gemälde, lernt binnen weni- Schönheitsideal gewidmet, gegenüber der
vollen behaarten Vulva noch ein wenig tie- gen Momenten des Betrachtens, dass die Tür hängt im aufwendig verzierten Rah-
fer in die Augen schauten. Es gab Men- Frontverläufe zu gerade, die Argumente men das Gemälde, über das seit vergange-
schen, in deren Augen echte Panik stand, zu clean, die Gewissheiten gerade viel zu ner Woche weltweit geredet wird. Eben
und dann spazierten wieder ruhige alte groß sind. Wer aber über das Verhältnis weil es nicht mehr da war.
Damen vorbei, hoben kurz den Blick und von Männern und Frauen reden will, kann Die Dielen knarzen auf dem Weg dort-
gingen lächelnd davon. über Sexualität, Eros, Leidenschaften, hin, als wären sie eine Alarmanlage, die
Courbets Werk, entstanden 1866, gilt auch die dunklen, nicht schweigen. Dort Botschaft, je nach Sichtweise: „Vorsicht,
Kunsthistorikern als ein entscheidender beginnt, in jedem Menschen, unkartiertes Kunst!“, „Vorsicht, Zensur!“, „Vorsicht, Se-
Schritt auf dem Weg in die Moderne. Das Gelände, also die Domäne der Kunst, die xualität!“. Das Bild heißt „Hylas und die
Bild stellt eine radikale Geste schöpferi- nicht nach Korrektheit fragt und die Welt Nymphen“, gemalt hat es 1896 ein Mann
scher Freiheit dar, einen Bruch: Hier wur- zum Beben bringen kann – und sei es, weil namens John William Waterhouse, ein so-
de ein Geschlechtsorgan ohne historisches die Kunst plötzlich verschwunden ist, weil genannter Präraffaelit, das ist eine etwas

110 DER SPIEGEL 7 / 2018


PHILIPPE WOJAZER / REUTERS
Courbet-Gemälde „Der Ursprung der Welt“ im Pariser Musée d’Orsay: Radikale Geste

in Vergessenheit geratene englische Kunst- ist der Täter, nicht die Nymphe das Opfer. „Traurig.“
richtung des 19. Jahrhunderts. Waterhouse Es ist umgekehrt. Vielleicht die erste Poin- „Befreit die Nippel.“
zeigt sieben sehr junge Frauen in einem te dieser Geschichte. Eine zweite könnte „Das ist Zensur.“
mit Seerosen bedeckten Tümpel. Lange sein, dass Hylas der jugendliche Geliebte „Der Feminismus schnappt über. Ich
Haare, sinnlicher Blick, ein bisschen sieht des Herakles war, man könnte das Pädo- schäme mich, Feministin zu sein.“
jede so aus, als hätte man Uschi Obermaier philie nennen. Aber was wäre dann die Nur wenige vertreten eine andere An-
in ein Gemälde des 19. Jahrhunderts ver- Nymphe? Eine Frau, die einen Jungen aus sicht.
bannt. Eine Männerfantasie. Womöglich. den Fängen eines Pädophilen befreit? Es „Danke für das Anstoßen einer offenen
Und dann ist da dieser Knabe am Rande gibt so viele Lesarten, für die Literatur, Diskussion, 100 Jahre später, wir haben
des Teichs, Hylas. Er kniet, streckt seinen und auch für ein Gemälde. noch einen langen Weg zu gehen (trauri-
Arm aus. Es ist eine Szene aus der grie- Aber wer kennt diesen mythologischen gerweise).“
chischen Mythologie. Gustav Schwab hat Plot heute noch? „#MeToo.“
sie, auch im 19. Jahrhundert, in seinen „Sa- Unter dem Bild und auch auf dem Bo- Da ist er, der Hashtag, der so viel ausge-
gen des klassischen Altertums“ ins Deut- den kleben gelbe Post-it-Zettel, es sind löst hat seit dem vergangenen Herbst, das
sche übertragen: „Wie er sich nun eben weit mehr als hundert, auf denen die Motto einer Revolte gegen die Raubtier-
mit dem Kruge nach dem Wasserspiegel Museumsbesucher ihre Meinung notiert männer, einer Revolte, die dazu geführt
neigte, erblickte ihn die Nymphe des Quel- haben. hat, dass Schauspielerinnen in Hollywood
les. Von seiner Schönheit betört, schlang „Hände weg von diesem Gemälde.“ den Filmproduzenten Harvey Weinstein
sie den linken Arm um ihn, mit der Rech- „Welcher Scheiß. Waterhouse’ Hylas & als Vergewaltiger anklagten und Schauspie-
ten ergriff sie seinen Ellenbogen und zog Nymphen abgenommen für diesen Un- lerinnen in Deutschland den Fernsehregis-
ihn so hinunter in die Tiefe.“ Nicht Hylas sinn.“ seur Dieter Wedel – beide bestreiten die
DER SPIEGEL 7 / 2018 111
Kultur

Vorwürfe. Das Motto, das dazu geführt nicht mit einem Schlag, sondern, wie sich Alice-Salomon-Hochschule, und darum,
hat, dass Frauen sich wehren, dass sie den nun zeigt, langsam und gewaltig. Bei Mul- ob dieses Gedicht übermalt werden soll,
Mund aufmachen, reden über männlich vey ging es unter anderem um die Filme weil es eben den männlichen Blick feiere.
dominierte Machtstrukturen, über se- Alfred Hitchcocks, um die Kamera, die Es wurde viel diskutiert und gestritten,
xualisierte Unterdrückungsmechanismen. den Blickwinkel des Mannes einnimmt, selbst die Leser des sonst verlässlich lyrik-
Doch dieses Reden hat praktische Folgen, um die Frauen, dargestellt von sehr blon- fernen Boulevardblatts „Berliner Kurier“
weil es ja nicht nur darum geht, was war, den, sehr grazilen Schauspielerinnen wie kennen nun ein Beispiel der eher spröden
sondern auch darum, was nicht mehr sein Kim Novak, Tippi Hedren oder Grace Kel- konkreten Poesie der Fünfzigerjahre, al-
soll. Es ist ein Umbruch, zumindest, viel- ly, vom Mann begehrte Objekte, oder, wie lerdings nur weil der „Kurier“ es als „Sex-
leicht gar eine Revolution. Mulvey schrieb: „Insbesondere in ‚Vertigo‘, Gedicht“ verkaufte. Ende Januar hat der
Doch kein Umbruch, keine Revolution aber auch in ‚Marnie‘ und ‚Das Fenster Akademische Senat der Hochschule ent-
der Weltgeschichte kam ohne Bildersturm zum Hof‘ ist der Blick für die Handlung schieden: Das Gedicht soll weg.
aus. Nicht die Reformation, als Anhänger zentral, er oszilliert zwischen Voyeurismus Verschwindet da ein Kunstwerk? Oder
von Luther, Calvin oder Zwingli in den und fetischistischer Faszination.“ Kein reicht es, dass man dieses Gedicht ja wei-
Kirchen wüteten, die Gemälde und Heili- ganz unwesentlicher Hinweis, es ist ja bei terhin nachlesen kann, in Büchern, im In-
genfiguren zerstörten und dabei Kunst- Hitchcock nicht so, dass die Frauen seine ternet, zwischenzeitlich sogar auf der LED-
schätze vernichteten, Gemälde und Schnit- Gefangenen wären, es ist eher so, dass die Leuchttafel am Dach des Berliner Axel-
zereien, als gälte es, Brennholz für das Faszination ihres Anblicks ihn gefangen Springer-Verlags, der mit seinem Hausblatt
Fegefeuer zu besorgen. Und dann erst die nimmt. Wer wäre dann Subjekt und wer „Bild“ sonst nicht gerade als Verfechter
Französische Revolution: Allein in Notre- Objekt? des Feinsinnigen bekannt ist, aber kaum
einen Kulturkampf scheut.
Und von einem Kulturkampf kann man
„Wir leben in einer Zeit der Verbote, des Tabuisierens und durchaus sprechen. Der Mainzer Histori-
ker Andreas Rödder, der sich mit der „Kul-
des teilweise übersteigerten Moralisierens.“ tur des Regenbogens“, wie er sie nennt,
der Emanzipationsbewegung im Zeichen
Dame zertrümmerten im Jahr 1793 die Pa- Mit Laura Mulveys Formel vom männli- der Antidiskriminierung, befasst hat, sieht
riser Aufständischen 90 der 109 Statuen chen Blick lassen sich nicht nur Filme ana- hier die „Talibanisierung des Regenbo-
der Kathedrale, aus den Bruchstücken bau- lysieren, sie gilt auch in der Kunst, in Man- gens“: „Diversität, die nur eine Meinung
te man eine Latrine. Vor einer Büste des chester lässt sie sich ebenfalls anwenden, gelten lässt, wird zur Ideologie.“ Kultur-
Jakobiners Marat errichteten die Revolu- auch auf John William Waterhouse’ Bild staatsministerin Monika Grütters zeigte
tionäre einen Scheiterhaufen mit Bildern von Hylas und den Nymphen im Sumpf sich „fassungslos“ angesichts der Berliner
aus den königlichen Sammlungen. So ähn- des Begehrens. Clare Gannaway, die Ku- Entscheidung: „Wir sind eines der wenigen
lich ging es weiter, bis ins 20. Jahrhundert ratorin des Museums, hat indirekt Bezug Länder der Welt, die die Kunstfreiheit in
hinein, bis zur Ausstellung „Entartete auf Mulveys Formel genommen, nachdem der Verfassung festgeschrieben haben.“
Kunst“ des Jahres 1937, als die Nazis die Waterhouse’ Gemälde von der Museums- Wo käme man nun hin, meint sie, wenn
Werke der Moderne verhöhnten; bis zu wand verschwunden war; Gannaway teilte kleine Gruppen für sich in Anspruch näh-
den kulturellen Säuberungen im Stalinis- mit, eine Präsentation, in der die männli- men, dies oder das müsse weg? „In diesem
mus und während Maos chinesischer Kul- chen Künstler den weiblichen Körper als Fall verbunden mit dem Totschlagargu-
turrevolution. passiv dekorativ oder als eine Femme fa- ment, das im Moment Konjunktur hat: ‚Ich
Von derartigem Terror sind die westli- tale zeigten, sei überholt. fühle mich sexuell belästigt.‘ Wenn nach
chen Gesellschaften des frühen 21. Jahr- Hysterie machte sich breit in den Me- diesem Maßstab Kunst eliminiert werden
hunderts denkbar weit entfernt – und doch dien, sie lässt sich nur damit erklären, dass dürfte, wie sähen dann unsere Museen und
hallt die Erinnerung daran nach, als sei sie das Museum in Manchester mit seiner Ak- Städte aus?“
ein schlecht bewältigtes Trauma. Ein ent- tion eine unterschwellige Angst vor einem Grütters und Rödder stehen auf der kon-
sprechendes Reizwort, eine kleine Erinne- neuen Bildersturm geschürt hat – diesmal servativen Seite, doch der „Guardian“, das
rung genügen, und schon läuft der Film unter feministischen Vorzeichen. Plakativ Blatt, das linke britische Intellektuelle
wieder ab im kollektiven Gedächtnis, er- zugespitzt lautet die Frage: Bedroht die beim Frühstück lesen, sah die Folgen der
lebt die Menschheit, oder zumindest ihr politische Korrektheit nun womöglich die Aktion in Manchester ähnlich, als er die
kunstsinniger Teil, den Schrecken aufs Freiheit der Kunst? Frage stellte: „Ist Picasso der Nächste?“
Neue. Aber ist dieser Schrecken eingebil- „Ja“, sagt Marion Ackermann, Direkto- Wenn es nur um Picasso ginge. Die Mu-
det oder wirklich auch da? rin der Dresdner Kunstsammlungen. „Wir seen sind voll mit Werken des männlichen
Ganz sicher jedenfalls gibt es Anzeichen leben weltweit in einer Zeit der Verbote, Blicks. Er zieht sich durch alle Epochen,
einer Bewegung, die über #MeToo hinaus- Tabuisierungen und des teilweise überstei- lässt sich zurückdatieren bis etwa 30 000
geht und doch davon Auftrieb bekam, gerten Moralisierens. Kunst war und ist Jahre vor unserer Zeit: die „Venus von Wil-
einer Bewegung, der es nicht nur um die eben nicht nur gut, sondern auch unbe- lendorf“, eines der ältesten Kunstwerke
Herrschaft von Männern geht, sondern quem, provokant.“ Wenn Kunstwerke ein der Menschheit – männlicher Blick. In der
auch um den „männlichen Blick“ und da- Frauenbild zum Ausdruck brächten, das Renaissance: Botticellis „Geburt der Ve-
mit auch um die Kunstwerke, die davon im Widerspruch zu gesellschaftlichen Nor- nus“ – männlicher Blick. Im Barock: Ru-
geprägt sind, um eine ästhetische Neube- men stehe, sei die Pflicht des Museums bens’ „Raub der Sabinerinnen“ – männli-
wertung und Neuordnung der Museen, zur Vermittlung umso größer. cher Blick. In der Moderne und Post-
vielleicht auch um eine ästhetische Revolte, In Deutschland dreht sich die Debatte moderne: Egon Schieles „Schwarzhaariges
eine Revolution. um politische Korrektheit und die Freiheit Mädchen mit hochgeschlagenem Rock“ –
Die britische Filmwissenschaftlerin Lau- der Kunst seit September um ein Gedicht, sehr männlicher Blick. Man könnte fast
ra Mulvey hat die Formulierung vom das auf den ersten Blick gar nicht sonder- meinen, ohne den männlichen Blick wäre
männlichen Blick erfunden, schon 1973, lich provokant ist, um Eugen Gomringers die Kunstgeschichte erst gar nicht entstan-
sie hat Kulturgeschichte geschrieben damit, „Avenidas“ auf der Fassade der Berliner den. Doch, Verzeihung, Spott allein hilft
112 DER SPIEGEL 7 / 2018
DUNCAN ELLIOTT / DER SPIEGEL
„Hylas und die Nymphen“ in Manchester,
Gomringer-Gedicht in Berlin,
Balthus-Gemälde „Thérèse, träumend“

FONDATION PIERRE GIANADDA / REUTERS


PUBLIC ADDRESS / ACTION PRESS

DER SPIEGEL 7 / 2018 113


Kultur

nicht weiter – Frauen hatten keine Chance, sal interveniert, wie immer, wenn es da- weil man darauf das Höschen des porträ-
die Geschichte der Kunst ist eine Geschich- rum geht, Epoche zu machen – und ist das, tierten Mädchens sehen kann, gilt ihm nun
te der Unterdrückung der Frau. was da gerade in Berlin, Manchester oder der Vorwurf, es verkläre „in diesem aktu-
Vielleicht aber hilft ein bisschen Ab- im Schneideraum von Ridley Scott gesche- ellen Klima den Voyeurismus und die Se-
stand von der lodernden Debatte. Die Ber- hen ist, etwa nicht epochal, zumindest ein xualisierung von Kindern“. Bereits 2014
liner Historikerin Ute Frevert meint, wenn bisschen? Der männliche Blick jedenfalls, hatte das Essener Folkwang-Museum eine
man alle Kunstwerke, die unsere heutigen im Museumsbesucher mit dem iPad hat er Ausstellung mit Polaroids von Balthus ab-
Sensibilitäten störten, aus den Museen ent- seine Verkörperung gefunden. gesagt, weil es sich damit nach deutschem
fernte, seien die bald leer – und doch sei Im Januar schließlich lud Sonia Boyce Recht strafbar gemacht hätte. Ab Septem-
es nötig, über Kunstwerke öffentlich zu zu einer Performance ins Museum ein. ber ist in Basel eine große Balthus-Retro-
diskutieren, eigene Lesarten vorzubringen. Zwei Mitarbeiter der Manchester Art Gal- spektive geplant, ob sie wirklich stattfindet,
Der Leipziger Kunsthistoriker Wolfgang lery nahmen Waterhouse’ Bild von der ist fraglich angesichts eines Künstlers, dem
Ullrich sagt, wer Werke der Kunstgeschich- Wand, luden es auf einen Wagen und fuh- immer wieder der Vorwurf gemacht wird,
te „zu stark nur nach Maßstäben und Mo- ren es weg. Es sei nicht ihre Entscheidung er stilisiere die Pädophilie. Aber was wäre
ralstandards der Gegenwart“ beurteile, gewesen, sondern die der Menschen im Kunst, wenn sie sich nicht auch mit den
verkenne, dass das Museum ein ganz be- Museum, sagt Boyce. Auch den Entschluss, Seiten des Begehrens auseinandersetzen
sonderer Raum sei, in dem alles, was his- wann das Bild wieder aufgehängt wird, hät- würde, die unsere Gesellschaft juristisch,
torisch einmal eine Rolle spielte, konser- te sie gern dem Personal überlassen. Doch politisch oder moralisch sanktioniert? Max
viert werden könne (und solle), egal was dann brandeten die Proteste über das Mu- Hollein, früher Städel-Chef, heute Muse-
man heute darüber denke. seum herein, die Vorwürfe von „kulturel- umsdirektor in San Francisco, erinnert da-
Was aber hat Sonia Boyce, die Künstle- lem Marxismus“, „Puritanismus“, „Vikto- ran, dass die Altersgrenze für sexuelle Be-
rin, die den Anstoß gab, sich mit John Wil- rianismus“, auch wenn es begrifflich ein ziehungen in Kalifornien bis 1889 bei zehn
liam Waterhouse zu beschäftigen, mit ihrer bisschen durcheinanderging – die Chefin Jahren lag, in Delaware sogar bei sieben.
Aktion vorgehabt? Immerhin ist sie Mit- des Museums sei nach den Protesten „Was für uns heute nicht nur moralisch,
glied der Royal Academy of Arts, wie gut schnell nervös geworden. Jetzt hängt das sondern auch rechtlich ausgeschlossen ist,
hundert Jahre vor ihr Waterhouse auch. Bild schon nach sieben Tagen wieder. war vor hundert Jahren noch ganz anders
Sie lehrt als Professorin, eines ihrer For- Täglich würden in Museen Bilder auf- normiert.“ Die Vorstellung, dass jeder
schungsgebiete ist „Schwarze Künstler und gehängt, abgehängt, umgehängt, die Ent- Künstler ein nach heutigen Maßstäben mo-
die Moderne“. Im März hat sie eine Aus- scheidung träfen Kuratoren hinter ver- ralisch einwandfreies Leben geführt haben
stellung in der Manchester Art Gallery, und schlossenen Türen, meint Boyce. „Spricht müsse, damit wir seine Werke akzeptieren
wie schon andere Künstler vor ihr soll sie da auch jemand von Zensur?“ könnten, sei „vollkommen abwegig“.
sich da mit dem Bestand des Museums aus- Was sie verkennt, ist, dass es in Man- Trotzdem wurde in Hamburg eine Aus-
einandersetzen. Die Kuratoren des Muse- chester nicht nur darum ging, ein Bild an- stellung, in der die Deichtorhallen ab
ums nennen diese Reihe „Take over“, zu derswohin zu räumen. Waterhouse ist nur Herbst die Fotografien des Amerikaners
Deutsch: „Übernahme“ – oder sollte man der jüngste Fall in einer Reihe von Fällen, Bruce Weber zeigen wollten, vorerst „auf
eher „Machtübernahme“ sagen? Um sich in denen Bilder unter Verdacht geraten Eis gelegt“, wie es in einem Statement
darauf vorzubereiten, spazierte Boyce im sind. Anlässlich der Biennale im New Yor- kühl heißt. Im Januar hatte die „New York
vergangenen September durch die Räume ker Whitney Museum hatte es im März Times“ einen Bericht veröffentlicht, in
des Museums, an ihrer Seite Mitarbeiter 2017 Wortgefechte wegen Dana Schutz’ Ge- dem 15 Models dem Fotografen sexuelle
des Hauses, auch das technische Personal. mälde „Open Casket“ gegeben – weil die Belästigung vorwerfen.
Irgendwann standen da plötzlich 30 Leute. Künstlerin weiß ist, der auf dem Bild ge- Wenn die Vorwürfe stimmen – das muss
man in diesen Tagen trotz des naheliegen-
den moralischen Bedürfnisses, zu den Op-
„Die Vorstellung, dass jeder Künstler ein einwandfreies fern zu halten, immer dazusagen –, dürfte
Bruce Weber sich strafbar gemacht haben;
Leben geführt haben muss, ist vollkommen abwegig.“ wenn die Vorwürfe stimmen, wäre, wer
sich als Model in seine Nähe begibt, ge-
Boyce war erstaunt, wie groß das Interesse zeigte tote Junge aber schwarz; er hieß Em- warnt; wenn die Vorwürfe stimmen, hätte,
war, über die Bilder zu sprechen. „Manches mett Till und ist bis heute eine Symbolfigur wer Weber beauftragt, sich mit der Frage
wird sehr kritisch gesehen, doch all diese für die US-amerikanische Bürgerrechtsbe- auseinanderzusetzen, ob er damit ein
Leute, die doch immerhin im selben Muse- wegung, in den Fünfzigern von weißen Ras- System deckt und finanziert, in dem ein
um arbeiten, haben sich nie darüber unter- sisten gefoltert und ermordet. Die schwarze Mann seine Macht nutzt, um andere zu
halten.“ Auch um Waterhouse’ Bild ging britische Künstlerin Hannah Black verlang- missbrauchen; könnte man hoffen, dass
es, manche Kollegen, so Boyce, hätten es te, das Bild zu zerstören: „Es ist nicht ak- die Enthüllungen ein offeneres Klima för-
am liebsten ins Depot verbannt, sie hielten zeptabel, dass eine Weiße das Leid eines derten, dass sie das Ende der machistisch
es für eine Art pädophilen Softporno. Schwarzen in Spaß und Profit verwandelt.“ geprägten Machtkonglomerate beschleu-
Und dann geschah es. Sonia Boyce erin- Die Schriftstellerin Zadie Smith, selbst nigten. Aber ist damit auch die Kunst die-
nert sich, wie ein Besucher den Saal betrat, schwarz, selbst Britin, wandte sich öffent- ses Mannes – schlimmes, aber zeitgemäß
ein Mann mittleren Alters, er habe ein iPad lich gegen Black, verglich sie mit Nazis und wirkendes Wort – unzeigbar?
dabeigehabt, er habe den Nymphen von zensurwütigen Evangelikalen. Die Chefs der Deichtorhallen meinen
John William Waterhouse auf die gemalten Der nächste Kunststreit brach ein paar offenbar: fürs Erste, ja. Da es in der ge-
Brüste gestarrt, sie mit seinem iPad gefilmt Monate später aus: In einer Onlinepetition genwärtigen Debatte keine Trennung zwi-
und dabei geschnauft. Ein anderer Besu- forderten gut 10 000 empörte Bürger, dass schen Künstler und Werk gebe, sei „eine
cher habe den Schnaufenden mit dem iPad „Thérèse, träumend“, ein Gemälde des freie Betrachtung nicht mehr möglich“.
empört angesprochen. Künstlers Balthus, aus dem New Yorker Müsste man nicht vielmehr umgekehrt
Fast zu schön, diese Geschichte. Als Metropolitan Museum of Art verschwin- argumentieren? Gerade weil in der aktu-
habe der Weltgeist eingegriffen, das Schick- den solle. Das Bild ist 80 Jahre alt, doch ellen Debatte die Trennung zwischen
114 DER SPIEGEL 7 / 2018
Künstler und Werk verschwimmt, wäre es
angebracht, sich mit Bruce Weber auch an-
hand seiner Arbeit zu befassen. Denn ne-
ben der Diskussion um den männlichen
Blick läuft noch eine zweite Auseinander-
setzung: Es geht um die Frage, inwiefern
Kunstwerke noch tragbar sind, wenn der
Künstler gefehlt hat oder zumindest einer
Verfehlung verdächtigt ist.
Sie betrifft die Fernsehserien von Dieter
Wedel, die Filme von Woody Allen, von
Roman Polanski. Auch die von Quentin
Tarantino, dem die Schauspielerin Uma
Thurman kürzlich vorwarf, sie beim Dreh
in Lebensgefahr gebracht zu haben. Sie
betrifft im Theater die Inszenierungen von
Matthias Hartmann, dem 60, zum Teil ehe-
malige, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
des Wiener Burgtheaters in einem offenen
Brief nachsagten, in seiner Zeit als Inten-

ULLSTEIN BILD
dant eine „Atmosphäre der Angst“ ge-
schaffen zu haben.
Ganz besonders betrifft sie die Serien
und Filme mit Kevin Spacey – weil sie hier
„Unschuld“-Inszenierung in Berlin, Dana-Schutz-Gemälde „Open Casket“ konkrete Folgen hat: Der Schauspieler Spa-
in New York, Szene mit Kevin Spacey aus „Alles Geld der Welt“ cey ist derzeit eine solche Unperson, dass
verschiedene Produzenten und Regisseure
beschlossen haben, ihn aus ihren aktuellen
Produktionen zu entfernen.
Als sich im Oktober ein Schauspieler
meldete, der behauptete, Spacey habe ihn
in den Achtzigerjahren als Minderjährigen
missbraucht, als sich nach diesem Vorwurf
viele andere Schauspieler meldeten, die
beschrieben, dass Spacey bis in die heutige
Zeit hinein beim Dreh oder am Theater
Männer aus dem Team belästigt habe, ent-
schied sich der Streamingdienst Netflix
schnell: Spaceys Rolle in der Serie „House
of Cards“, immerhin die Hauptrolle, wur-
NATAN DVIR / POLARIS / STUDIO X

de gestrichen. Das allerdings war, bei allem


Respekt vor den möglichen Opfern Spa-
ceys, ein Schachzug von geradezu arche-
typischer Bigotterie – spielte Spacey in
„House of Cards“ doch den US-Präsiden-
ten Frank Underwood, einen Mörder, dem
für sein politisches Fortkommen jedes Mit-
tel recht ist, einen der Lieblingsschurken
des Serienzeitalters. Der Privatmann Spa-
cey aber hat sich, soweit wir wissen, nicht
annnähernd ähnlicher Abgründe verdäch-
tig gemacht wie seine populäre Figur; er
hat sich durch sexuelle Übergriffe als fehl-
bar erwiesen, doch seine Fehlbarkeit wird
zur Weltnachricht, innerhalb kürzester
Zeit verhandelt vor einem Milliarden-
publikum. Nun ist er erst mal erledigt. Das
ist der globale Entertainmentkapitalismus,
in dem ein umstrittener Schauspieler im
Zweifelsfall nicht viel mehr wert ist als ein
Schokoriegel mit gefährlichen Inhaltsstof-
fen: Droht schlechte Presse, verschwindet
das Produkt vom Markt.
Wer will da noch über die Freiheit des
Künstlers diskutieren?
SONY PICTURES

Das allerdings verschafft Tugendwäch-


tern eine ungeheure Macht. Gerüchte, üble
DER SPIEGEL 7 / 2018 115
rän sich selbst ermächtigt hat, im Internet
über eine sexualisierte Bilderflut gebietet,
die jeden Museumsdirektor, jeden Hoch-
schulsenat erröten ließe? Liegt das daran,
dass die alten Bildmuster sich in den Köp-
fen festgesetzt haben, oder geht es hier um
etwas Grundsätzlicheres? Um das Begeh-
ren, das auch die Frauen, Männer und
Zwischengeschlechter des 21. Jahrhunderts
mit ihren vormodernen Müttern und

PATRICK MCMULLAN / GETTY IMAGES


Vätern verbindet?
Zumindest in der westlichen Welt hat
der Mensch längst die Flüsse begradigt,
die Insekten vernichtet, die Epidemien
gebändigt, er beherrscht die Natur, ist
der König der Löwen und des restlichen
Tierreichs sowieso. Er forscht, um das
Bruce-Weber-Fotografien in Los Angeles: „Freie Betrachtung nicht mehr möglich“ ewige Leben zu gewinnen, um sich künftig
selbst zu erschaffen. Nur sein sexuelles
Begehren zu rationalisieren, das ist ihm
Nachrede genügen – und schon nimmt die hauptberuflichen Bilderstürmern und Ge- trotz aller gut und weniger gut gemeinten
vermeintliche Gerechtigkeit ihren Lauf. sinnungskontrolleuren. Mühen von Moralisten und Tugendwäch-
Am 15. Februar kommt Ridley Scotts Gesinnungskontrolleure haben ein tern, von Freiheitskämpfern und Gleich-
„Alles Geld der Welt“ in die deutschen schlechtes Image, gemein ist ihnen aber heitsdenkern nie vollendet gelungen. Die
Kinos. Der Film, in dem es um die Entfüh- auch, dass sie ihr niederes Handwerk fast Sexualität ist ein Atavismus, ein überflüs-
rung des Milliardärsenkels John Paul Getty immer aus höheren Motiven betreiben, weil siges, eigentümliches Relikt in Zeiten, in
III. geht, war – mit Kevin Spacey – bereits es die Religion so will oder die Ideologie. denen zur menschlichen Fortpflanzung
fertig gedreht und geschnitten, die Werbe- Doch in der Geschichte jeder Ideologie gibt nicht einmal die direkte Beteiligung von
kampagne lief, als Spacey als zweiter Pro- es einen Moment, in dem sich ihr Gedan- Mann und Frau nötig ist. Das macht sie
minenter nach Harvey Weinstein ins #Me- kengebäude, oftmals errichtet zur Befrei- so unheimlich.
Too-Kreuzfeuer geriet. ung des Menschen, gegen den Menschen Und so führt diese Geschichte am Ende
Wie auch in „House of Cards“ hatte Spa- richtet, ihn nicht mehr befreit, sondern ein- wieder dorthin, wo sie ihren Ausgang
cey in „Alles Geld der Welt“ eine kaltblü- engt oder erdrückt. Auch die politische Kor- nahm, zu Courbets „Ursprung der Welt“
tige, düstere Figur gespielt: J. Paul Getty, rektheit ist eine hehre, eine gute Idee, er- oder, genauer gesagt, zu dem, was dieses
den einstmals reichsten Mann der Welt, sonnen, um die Welt gerechter zu machen. Bild eigentlich zeigt, zur Sexualität, zu den
der sich in den Siebzigerjahren weigerte, Doch wie gerechtigkeitsfördernd ist es Begierden des Menschen und damit auch
für seinen eigenen entführten Enkelsohn heute noch, wenn Kontrolleure, die sich zu Sigmund Freud, der diese Begierden er-
Lösegeld zu zahlen; der erst dann nachgab, Bühnenwatch nennen, in deutschen Thea- forscht und beschrieben hat und sie dabei
als die Entführer das abgeschnittene Ohr tern darauf achten, dass, wie in Dea Lohers auf ein paar Begriffe brachte, die heute
des Jungen per Post an eine Zeitung schick- Stück „Unschuld“ am Deutschen Theater noch hilfreich sind, wenn es darum geht,
ten. Dem Milliardär Getty ging es darum, in Berlin, nicht etwa weiße Schauspieler das verstehen zu wollen, was derzeit pas-
drei Millionen Dollar zu sparen, die Pro- mit schwarz geschminkten Gesichtern siert. Es sind die Begriffe vom „Über-Ich“
duktionskosten für „Alles Geld der Welt“ Schwarze darstellen; wenn Kontrolleure, und vom „Es“ . Wörter, die das Spannungs-
betrugen 45 Millionen, und die Reaktion die sich Münkler-Watch nennen, darauf verhältnis beschreiben, um das es auch im
Ridley Scotts stellte sogar die seiner Film- achten, dass Herfried Münkler, Professor Streit um die Bilder geht: auf der einen
figur Getty in den Schatten: Er entschied an der Berliner Humboldt-Universität, Seite das Bemühen, das Ideal. Auf der an-
sich dafür, das Geld zu retten. Die Debatte nicht die falsche Meinung vertritt? deren das Begehren. Lange hat man das
um Spacey drohte den Filmstart zu über- Das Ideal der Befreiung, für das in west- eine als hoch und das andere als nieder
schatten, Scotts Chancen bei der Oscargala lichen Gesellschaften gerade die Linke ein- beschrieben. Es wäre an der Zeit, sich von
zu schmälern und, erst recht, den Kino- getreten ist, hat gelitten unter dem Treiben dieser zweigeteilten Weltsicht zu verab-
umsatz zu verderben. mancher Gedankenpolizisten und Sitten- schieden. Und den Künsten die volle Frei-
„Man kann herumsitzen und untergehen, wächter, die heute das Banner der Linken heit zu überlassen. Stellt sie dar, die Ideale
oder man kann etwas unternehmen“, sagte schwingen, während die Rechte feixt und und das Begehren, in allen ihren Formen,
Scott, „ich habe etwas unternommen.“ Er sich als Vertreter der Freiheit geriert. egal ob weiblich oder männlich, schwarz
drehte alle 22 Szenen, in denen ursprüng- Wenn man den Kampf gegen sexualisier- oder weiß, queer oder hetero – aber macht
lich Spacey vorkam, mit einem anderen ten Machtmissbrauch und für eine andere es so, wie ihr wollt, ohne Rücksicht auf ir-
Darsteller neu. Der, Christopher Plummer, Repräsentation von Frauen in den Künsten gendeine Moral.
ist nun sogar für den Oscar als bester Ne- aber wieder trennt vom Kampf gegen den Xaver von Cranach, Ullrich Fichtner,
bendarsteller nominiert. Sollte er den be- sexualisierten Blick, bleibt die Frage: Was Sebastian Hammelehle, Wolfgang Höbel,
kommen, wäre das ein bitterer Witz am kann der Bildersturm gegen diesen Blick Ulrike Knöfel, Martin Wolf
Ende dieses #MeToo-Winters; zumindest eigentlich ausrichten in einer Welt, in der
ist „Alles Geld der Welt“ ein Platz in der die Kontrolle über das Bild nicht mehr die Videokommentar:
Filmgeschichte sicher – bislang kannte man Sache von Museen, Hochschulen oder In- Die Freiheit der Kunst
derartige Retusche nur von den Propagan- stitutionen ist, weil derartige Torwächter spiegel.de/sp072018kunst
daabteilungen totalitärer Staaten, den ausgedient haben und der digitale Souve- oder in der App DER SPIEGEL

116 DER SPIEGEL 7 / 2018


IN DER SPIEGEL-APP

HELENA LEA MANHARTSBERGER / DER SPIEGEL


Im Auftrag des SPIEGEL wöchentlich ermittelt vom Fachmagazin „buchreport“ (Daten: media control);
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Belletristik Sachbuch

1 (1) Jojo Moyes Mein Herz 1 (1) Gregor Gysi


in zwei Welten Wunderlich; 22,95 Euro Ein Leben ist zu wenig Aufbau; 24 Euro

2 (–) Elena Ferrante Die Geschichte des 2 (3) Axel Hacke Über den Anstand
verlorenen Kindes in schwierigen Zeiten und die Frage,
Suhrkamp; 25 Euro wie wir miteinander umgehen

HELENA LEA MANHARTSBERGER / DER SPIEGEL


Kunstmann; 18 Euro

Der vierte Teil der nea- 3 (7) Ildikó von Kürthy


politanischen Saga steht Hilde Wunderlich; 19,95 Euro