Sie sind auf Seite 1von 140
Das deutsche Nachrichten-Magazin Das deutsche Nachrichten-Magazin Hausmitteilung Betr.: Tempelberg, Titel, Erscheinungstag

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung

Betr.: Tempelberg, Titel, Erscheinungstag

N icola Abé hatte gerade ihre neue Stelle als Israel-Korrespondentin ange- treten, als die Lage mal wieder eskalierte: Auf eine Synagoge im Westen

Jerusalems war ein Anschlag verübt worden, fünf Menschen starben. Jüdische Extremisten wandern indes zum Tempelberg, um ihren Anspruch auf diesen Ort zu demons- trieren – „der Tempelberg ist das Symbol für einen territorialen Konflikt, der sich zu einem religiösen Kampf steigert“, sagt Abé. Dessen Konfliktlinien zeichnet sie in einer Reportage nach. Dazu traf sie zwei Aktivisten, die je- weils an vorderster Front stehen: die junge Palästinenserin Latifeh Abdellatif und den Rabbiner Yehuda Glick. Der erhob sich für das Interview vom Krankenbett – ein Atten- täter hatte nur wenige Wochen zuvor vier

Glick, Abé
Glick, Abé

Schüsse auf Glick abgefeuert und ihn schwer

Seite 76

verwundet.

E ines Nachts fielen SPIEGEL-Redakteur Frank Thadeusz alle Zähne aus – im Traum. Doch was hatte das zu bedeuten? Falls es denn etwas bedeutete?

Während seiner Recherche für die Titelgeschichte über die Macht der Träume suchte Thadeusz nebenher auch ein wenig Aufklärung über seine eigenen Schlaf- bilder; denn Hirnforscher und Psychologen können inzwischen viel darüber sagen, wie, warum und auf welch unterschiedliche Weise Frauen und Männer träumen. So werden beispielsweise beide Geschlechter relativ häufig von nega- tiven Gefühlen geplagt, träumen jedoch eher selten von Sex. Männer sind – zumindest in ihren Träu- men – meist freundlich zu Frauen, anderen Männern gegenüber ver- halten sie sich aggressiv. Und dann

erfuhr Thadeusz auch noch, dass es überwiegend Frauen sind, die im Traum Zähne verlieren – für Exper- ten ein Indiz für Ängstlichkeit und Depression. Seite 104

Thadeusz
Thadeusz
V or 68 Jahren, am 4. Januar 1947, erschien an einem Samstag die erste Ausgabe
V or 68 Jahren, am 4. Januar 1947, erschien an einem Samstag die erste Ausgabe
einer Zeitschrift, die später einige Bekanntheit erlangen sollte: DER SPIEGEL.
Das Heft hatte 28 Seiten, bot rund 50 Artikel und kostete eine Reichsmark. Ende
der Vierzigerjahre wurde der Erscheinungstag auf den Donnerstag, später auf
den Mittwoch verlegt; erst in den Sechzigerjahren eta-
blierte sich der Montag als SPIEGEL-Tag; das blieb er
dann über Jahrzehnte. In manchen Städten, in Berlin,
Frankfurt am Main und Hamburg etwa, konnte man
das Heft allerdings in den vergangenen Jahren bereits
sonntags kaufen – was gern genutzt wurde. Jetzt wird
der Erstverkaufstag vorverlegt: Von der nächsten Aus-
gabe an, also ab dem 10. Januar, erscheint der ge-
druckte SPIEGEL im Inland schon samstags. Und die
Digitalausgabe lässt sich am Abend zuvor herunter-
laden, freitags ab 18 Uhr. Der Preis für ein Heft steigt
um 20 Cent: Am Kiosk wird der SPIEGEL 4,60 Euro
kosten, im Abonnement 4,40 Euro.
FOTOS: THOMAS GRABKA / DER SPIEGEL (M.); JONAS OPPERSKALSKI / DER SPIEGEL (O.)

FOTOS V.L.N.R.: XINHUA / IMAGO; RUBEN HOLLINGER / DER SPIEGEL; PETER LINDBERGH, COURTESY OF DVF; ITAR-TASS / IMAGO; ANGELOS TZORTZINIS / AFP; KEVIN LEE/SÜDDEUTSCHER VERLAG/LAIF; NORIKO HAYASHI / DER SPIEGEL

LEE/SÜDDEUTSCHER VERLAG/LAIF; NORIKO HAYASHI / DER SPIEGEL Im Zentrum des Konflikts Israel Der Jerusalemer Tempel-
Im Zentrum des Konflikts Israel Der Jerusalemer Tempel- berg ist zum umkämpften Symbol geworden, Juden
Im Zentrum
des Konflikts
Israel Der Jerusalemer Tempel-
berg ist zum umkämpften
Symbol geworden, Juden und
Muslime tragen den Streit
darum zunehmend gewaltsam
aus. Israelis wollen ihn „zu-
rückerobern“, Palästinenser be-
gehen Anschläge im Namen
der heiligen Stätte – damit wird
der Konflikt immer stärker
religiös aufgeladen. Seite 76
der Konflikt immer stärker religiös aufgeladen. Seite 76 Generation der Abgekapselten Japan Mehr als eine Million

Generation der Abgekapselten

Japan Mehr als eine Million junge Frauen und Männer leben völlig zurückgezogen. Viele bewohnen noch ihr früheres Kinderzimmer, mei- den alle sozialen Kontakte und verzichten auf eine Karriere. Die „Hikikomori“ sind ein Phänomen, das viel über die Sinnkrise der japanischen Gesellschaft erzählt. Seite 88

Freihandel auf Chinesisch

Weltwirtschaft In der Asien-

Pazifik-Region treiben China und die USA die Gründung gigantischer Freihandelszonen voran. Sie wetteifern um die Vorherrschaft im Welthandel. Das Nachsehen könnten die Europäer haben – falls sie die Verhandlungen über das um- strittene TTIP-Abkommen nicht beschleunigen. Seite 58

TTIP-Abkommen nicht beschleunigen. S e i t e 5 8 Neue deutsche Härte Europa Die Ankündigung
TTIP-Abkommen nicht beschleunigen. S e i t e 5 8 Neue deutsche Härte Europa Die Ankündigung

Neue deutsche Härte

Europa Die Ankündigung von Neuwahlen in Griechenland haben Finanzmärkte und Politik kaltgelassen. Minister Schäuble und Kanzlerin Merkel wollen den Forderungen einer möglichen Links- regierung nach einem Stopp des Sparkurses und Schuldenerlass nicht nachgeben. Ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro halten sie inzwischen für verkraftbar. Seite 20

 

Titel

Medien

104 Psychologie Wach im Schlaf –

71

ARD steigt bei Tour de France ein / Game-Design-Professorin über umstrittene Computerspiele

 

was Träume wirklich bedeuten

Deutschland

72

Essay Der Hass von Verschwörungs- theoretikern sei eine Gefahr für den Jour- nalismus, warnt Bernhard Pörksen

14

Leitartikel Das größte Risiko für den Euro sind die Protestparteien

16

Tiroler Speck made in USA? / Ramelow beantragt Aufhebung seiner Immunität / Hohe Arbeitgeber- spende an die Grünen / Kolumne:

Im Zweifel links

 
 

Ausland

 

74

Das Urteil gegen die Brüder Nawalny

ist drakonisch und milde zugleich / Geisterschiffe mit Kurs auf Europa 76 Israel Wie Juden und Muslime um den

Tempelberg in Jerusalem streiten

20

Europa Kanzlerin Angela Merkel würde Griechenland notfalls abschreiben

22

Griechenland Was will Alexis Tsipras, der Anführer der linksradikalen Partei Syriza?

81

Spanien Der Aufstand der Populisten- partei Podemos gegen die Sparpolitik

24

FDP Parteichef Christian Lindner im SPIEGEL-Gespräch über seine Pläne, die Liberalen auf einen hart marktwirtschaftlichen Kurs zu führen

84

Syrien Die schleichende Erosion des Regimes von Baschar al-Assad

88

Japan Generation der Einzelgänger

28

Essay Die Politik ergeht sich in Symbolen, anstatt die Verhältnisse zu ändern

94

Global Village In einem brasilianischen Dorf haben die Frauen das Sagen

30

Recht Schlechte Gutachter zerstören vor Gericht Familien

Sport

95

Rechtsextreme Fußballfans verbünden sich europaweit / Rekordhonorare für Spielerberater im deutschen Profifußball

Stadionbau Der Architekt Albert Speer verteidigt im SPIEGEL-Gespräch seine Pläne für die umstrittene Fußball- WM 2022 in Katar

32

Kriege Ein junger Mann aus dem Ruhrgebiet schildert, wie er im syrischen Kobane kämpfte

96

34

Klima Dämmpflicht für Baden-Württem- bergs Hausbesitzer?

36

Justiz Ein Mann sägte sich Daumen und Zeigefinger ab – angeblich mit Absicht

40

Religionen Die ungewisse Zukunft der jüdischen Gemeinden in Deutschland

102

Wissenschaft

Ärztefunktionäre verweigern Debatte über Suizidbeihilfe / Die düstere Faszination von Enthauptungen

42

Zeitgeschichte Wie ein Kneipier aus Berlin vielen DDR-Bürgern zur Flucht verhalf

44

Gerechtigkeit Der Globalisierungskritiker Jean Ziegler erklärt im SPIEGEL- Gespräch, warum er das Wirtschafts- system für verwerflich hält

Gifte Weit verbreitet, vermutlich gefährlich – das Risiko durch Naphthalin

112

Archäologie Ausgräber erkunden ein pharaonenhaftes Grabmal aus der Zeit Alexanders des Großen

114

Soziologie Ein Atheismus-Professor erforscht den Glauben der Gottlosen

47

116

Luftfahrt Wie gefährlich ist das Fliegen bei Gewitter?

48

Gesellschaft

Sechserpack: Geld in aller Welt / Filmhauptstadt Berlin

117

Medizin Warum so viele Gedenktage Krankheiten gewidmet sind

Kultur

 

49

Ein Chat und seine Geschichte Ein Nieder-

länder auf der Jagd nach Kinderschändern

118

Livekonzerte könnten teurer werden / Der Film „Wild Tales“ gilt als Favorit für den Auslands-Oscar / Kolumne:

Besser weiß ich es nicht

50

Immigration Das multikulturelle Kranken- haus von Hoyerswerda

Homestory Wie man auf der Autobahn Menschen kennenlernen kann

55

120

Musiker Die Elektropop-Gruppe

 

Kraftwerk erklärt ihr eigenes Schaffen zur Kunst

 

Wirtschaft

57

Daimler durchleuchtet Mitarbeiter / Siemens spart / Europas gierige Lebens- mittelindustrie

124

Lebensläufe SPIEGEL-Gespräch mit der Designerin Diane von Furstenberg über ihre Liebe zu Mode und Männern

58

Weltwirtschaft China plant eine gigantische Freihandelszone

128

Literatur Eine Begegnung mit dem britischen Bestsellerautor Ian McEwan

62

Kriminalität US-Expertin Louise Shelley sieht im Terrorismus ein lohnendes Geschäftsmodell

131

Kino Schauspielerin Valeria Bruni Tedeschi verkörpert in ihrem neuen Film eine unglückliche, reiche Frau

64

Tourismus Die Dominikanische Republik mausert sich zum Luxusreiseziel

133

Buchkritik In „Doitscha“ erzählt eine jüdische Mutter von ihrem Alltag

66

Finanzen Ökonomen wollen Geld an die Bürger verschenken lassen, um den Euro zu retten

 

10

Briefe / Korrektur René Benko

130

Bestseller

68

Handwerk Artur Fischer, Erfinder des modernen Dübels, über ein Leben zwischen Kreativität und Familienzwist

134

Impressum/Leserservice

Wegweiser für

135

Nachrufe

Informanten:

136

Personalien

www.spiegel.de/

138

Hohlspiegel/Rückspiegel

briefkasten

In diesem Heft

Hohlspiegel/Rückspiegel briefkasten In diesem Heft Jean Ziegler, Globalisierungskritiker, streitet seit

Jean Ziegler,

Globalisierungskritiker, streitet seit Jahrzehnten für Menschenrechte weltweit. Warum Widerstand gegen die bestehenden Verhältnisse geboten sei, mehr denn je, das erklärt er im SPIEGEL- Gespräch. Seite 44

denn je, das erklärt er im SPIEGEL- Gespräch. Seite 44 Diane von Furstenberg, weltberühmte Modedesigne- rin,

Diane von Furstenberg,

weltberühmte Modedesigne- rin, erzählt von ihrem aufregenden Leben und von ihrer wichtigsten Erfindung:

dem Wickelkleid. „Damit bezahlte ich alle meine Rech- nungen.“ Seite 124

bezahlte ich alle meine Rech- nungen.“ Seite 124 Baschar al-Assad, syrischer Diktator, lässt zwar Städte

Baschar al-Assad,

syrischer Diktator, lässt zwar Städte bombardieren und demonstriert Stärke – doch in- zwischen zerfällt sein Regime. Sogar seine bislang treuesten Verbündeten protestieren ge- gen den Blutzoll, den sie zah- len müssen. Seite 84

Briefe „In unserer heutigen ichbezogenen Zeit ist es wichtiger denn je, auf wahre Freunde zählen

Briefe

„In unserer heutigen ichbezogenen Zeit ist es wichtiger denn je, auf wahre Freunde zählen zu können, die auch in schlechten Zeiten zu einem halten, wenn man die tiefsten Ebenen des Lebens durchqueren muss.“

Detlef von Seggern, Pforzheim

Unendlich schönes Leben

Nr. 1/2015 Beste Freunde – Das wichtigste Bündnis unseres Lebens

Der Idealisierung der Freundschaft stellt die Autorin wohltuend realistisch die Ge- fährdungen und unerfüllbaren, paradoxen Erwartungen gegenüber, die Freundschaft zu einem extrem prekären und widerruf- lichen Bündnis machen. Freundschaften sollen wärmende Herde oder Intimitäts- oasen in einer kalten Gesellschaft bilden, in der ansonsten die „gefühllose, bare Zahlung“ (Marx, Engels) als vorherr- schende Bindung zwischen den Individuen funktioniert. Der alerte Herr Bude wertet sie gleich zu einem „dritten Weg“ auf. Verlässlicher wären Nachbarschaften in Wohnquartieren, solidarische Beziehun- gen zwischen Menschen, die füreinander da sind, wenn es um die Bewältigung von Herausforderungen geht, die den Sozial- staat überfordern: Pflege, Aufnahme von Flüchtlingen. Wie ein solcher „dritter So- zialraum“ (Klaus Dörner) gelingen kann, wäre sicher ein lohnenderes Thema als der „Freundinnenabend“.

Alfred Blohm, Hamburg

Freundschaft ist oftmals der Beginn allen Übels eines Lebens. Manchmal aber kann sie auch der Anfang von etwas sein, das so fruchtbar ist wie das Studium der Philo- sophie.

Jürgen Schöfer, Manila (Philippinen)

Schon Schopenhauer wusste: „Wahre, echte Freundschaft setzt eine starke, rein objektive und völlig uninteressierte Teilnahme am Wohl und Wehe des an- deren voraus und diese wieder ein wirk- liches Sich-mit-dem-Freunde-Identifizie- ren.“ Entsprechend selten ist sie, was auch an einem selbst liegen kann.

Dr. Helmut Eschweiler, Berlin

In einer Zeit, in der das Wort von der Freundschaft seinen konkreten Gehalt zu verlieren droht, ist jeder Versuch, der sich nicht mit Halbfertigem zufriedengibt, von unschätzbarem Wert. Dem Menschen unserer Tage fehlt nahezu alles, was – im konkreten wie im abstrakten Sinne – einen Halt im Leben gibt: Geborgenheit, Heimat, Zugehörigkeit, Verwurzelung, nicht zu- letzt Freundschaft. Dabei stellt die Freund- schaft einen der bedeutendsten existen- ziellen Werte dar und ist imstande, das Menschenleben unendlich schöner und fruchtbarer zu machen, wo sich Denken

und Lebenspraxis zu einem Begriff jenseits von Nützlichkeitserwägungen und Interes- senausgleich vereinen.

André Beßler, Bremen

Auch Jesus war Asylant

Nr. 52/2014 Der Damm zwischen Bürgertum und rechtem Pöbel wird löchrig

Sie schreiben von Deutschland als „einem Land, in dem Rente und Jobs sicher sind und die Berufsaussichten der meisten jungen Menschen so gut wie seit Langem nicht“. Welcher Anonymus versteckt sich hinter diesem die Betroffenen verhöh- nenden, den Realitäten völlig entrückten Satz, um davon ausgehend die berechtig- ten Sorgen der meisten Demonstranten in die schon sattsam bekannte Nazi-Ecke zu verschieben? Ein nüchterner und offener Umgang wäre hier wohl eher angebracht, als pauschal gegen „rechtsextremes Ge- sindel“ und „Verschwörungsphilosophen“ zu polemisieren.

Michael Habersaath, Wesseling (NRW)

98 Prozent der Muslime in Deutschland leben in den alten Bundesländern. In Sachsen beträgt der Anteil von Muslimen 0,1 Prozent. 2,72 Prozent der Bevölkerung dort sind Ausländer. 15000 Leute demons- trieren in Dresden gegen die Islamisierung und Überfremdung. Da kann ich keine „Repolitisierung des Bürgertums“ erken- nen. Ich sehe nur uninformierte Ignoran- ten. Um nicht zu sagen: Ich sehe einen Haufen Schwachköpfe.

Wolfgang Klingner, Ober-Ramstadt (Hessen)

Nicht die Pegida-Demonstrationen an sich sind eine Gefahr für unsere Demokratie, sondern die politisch rechts stehenden Par- teien in unserem Land. Sie bitten darum, die Sorgen dieser Montagsdemonstranten ernst zu nehmen, sagen ihnen jedoch nicht, dass Ausländerhass keines der in Deutsch- land derzeit relevanten Probleme löst: die Mietpreise, Löhne unter dem Existenzmi- nimum, die wachsende Angst vor Alters- armut. Und diese Parteien sehen zu, wie mehrfach Vorbestrafte und Rechtsextreme unbehelligt die Demos organisieren, wäh- rend Personen, die Neonazi-Aufmärsche zu verhindern suchen, strafrechtlich ver- folgt werden.

Josef Gegenfurtner, Schwabmünchen (Bayern)

Pegida singt Weihnachtslieder in Dresden – was für ein Widerspruch! Geburtstags- ständchen für den Menschen zu singen,

der wie kein anderer für Nächstenliebe, Toleranz und Akzeptanz steht. Ich war auf einer dieser Veranstaltungen und habe vergebens „normale“ Menschen gesucht. Gesehen habe ich fast ausschließlich grö- lende Jugendliche, die Deutschlandfahne in der einen und eine fast leere Bierflasche in der anderen Hand. Gerade haben wir es geschafft, uns im Ausland einen passab- len Ruf zu erarbeiten, und nun das. Danke schön, Pegida. Nebenbei bitte nicht ver- gessen: Auch Jesus war Asylant – im Jahr null in Ägypten.

Friederike Nehls, Panketal (Brandenb.)

Angst vor Muslimen, Angst vor Juden, Angst vor „Itakern“, „Knoblauchfressern“, „Zigeunern“, „Polacken“? Ich habe auch Angst. Vor Nazis und Hosenscheißern.

Thomas Heidemann, Lemgo

Wer wenig weiß, glaubt viel

Nr. 52/2014 SPIEGEL-Autor Stefan Berg über die grauenhafte Kraft der Religion

Wenn Gott herrlich ist, dann braucht er dazu nicht den Menschen. Wenn er es nicht ist, dann wäre seine Verherrlichung eine Lüge. Ebenso verhält es sich mit der Macht: Wenn Gott allmächtig ist, braucht er keine Gotteskrieger. Wenn er es nicht ist, kämpfen sie für den Falschen.

Rainer Hüls, Hamburg

Dass wir mehr Freiheit von der Religion brauchen, zeigte sich Ostern 2011: Eine Bonner Buchhandlung entschuldigte sich förmlich dafür, in einem Prospekt vom „Hasenfest“ gesprochen zu haben. Vertre- ter der beiden großen christlichen Kirchen hatten die Formulierung als Missachtung religiöser Gefühle gewertet; ein Kirchen- funktionär hatte sogar indirekt zum Boy- kott der Buchhandlung aufgerufen.

Hergen Eilert, Bad Honnef

Herrn Berg ist es bravourös gelungen, das Dilemma zwischen Religionen und Glau- ben, zwischen kollektiv veranstaltetem Horror und individueller, spiritueller Ge- borgenheitssehnsucht auszudifferenzieren. Ein hervorragender Beitrag zum „Erkennt- niswissen“, dessen Qualität sich vom „Ver- neblungswissen“ (Religionen/Glauben) und „Verwertungswissen“ (Technik/Profit- maximierung) in vernunftgeleiteter Be- scheidenheit abgrenzt: Mit dem Wissen wächst das Nichtwissen – doch wer wenig weiß, der muss viel glauben.

Hans Scholz, Bad Neuenahr-Ahrweiler (Rhld.-Pf.)

Briefe

Gewandt zugepikt

Nr. 52/2014 SPIEGEL-Autor Dirk Kurbjuweit beschreibt sein kompliziertes Verhältnis zu Bayern Münchens Stürmerstar Arjen Robben

Worte können wie Messer sein. Es ist wahr- lich eine Freude für einen Leser, dabei zu sein, wenn der Autor das Messer zückt, genüsslich schleift und dann gewandt zu- pikt. Emotionalität hat hier einen Artikel hervorgebracht, der sich ebenso wunder- bar wie gelungen liest.

Franziska Rigot, Potsdam

Wenn der Autor eines Textes darin häufi- ger vorkommt als sein Sujet, haben meh- rere journalistische Sicherungen versagt. Dieses Stück ist unerträglich, eine schlim- me Selbstbeweihräucherung und eine un- terwürfige Bettelei von Kurbjuweit um Anerkennung bei seinem Lieblingsklub.

Thorsten Geil, Wasbek (Schl.-Holst.)

Arjen Robben polarisiert. Vielleicht macht das die Faszination eines wirklich großen Spielers aus. Ich selbst mochte ihn lange nicht so besonders – wegen seines Verhal- tens im Spiel. Bei der Mannschaftsvorstel- lung 2014 in der Allianz-Arena sah ich sein Auftreten außerhalb des Spiels: Es ist vor- bildlich. Robben war der einzige Spieler, der meine querschnittsgelähmte Tochter im Rollstuhl beachtet hat, als sie am Spiel- feldrand stand. Er hat ihr sein Trikot ge- schenkt, und von da an war ich nicht nur Bayern-, sondern auch Robben-Fan. Seine Spitzenleistung im vergangenen Jahr freut mich daher ganz besonders.

Alexander Lungmus, Ottobrunn (Bayern)

So viel Respekt

Nr. 52/2014 Der Zustrom von Flüchtlingen überfordert viele Schulen

Ich unterrichte zusammen mit einigen Kolleginnen und Kollegen an der Berufs- bildenden Schule 6 in Hannover männliche Flüchtlinge von 15 bis 18 Jahren. Meistens sind wir die einzigen Nichtmuslime in den Klassen. Aber wir sind Lehrer und damit Autoritätspersonen für die Menschen aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak. Egal ob Mann oder Frau – so viel Respekt zei- gen die deutschen Schüler kaum. Schwie- rig wird es erst, wenn die Neuankömmlin- ge gelernt haben, welch niedriges Ansehen Lehrer in Deutschland genießen.

Katrin Bajraktari, Hannover

Mehr Hirn, weniger Bauch

Nr. 52/2014 Kolumne: Im Zweifel links

Als politisch denkender Journalist sollte Jakob Augstein doch mittlerweile gelernt haben, dass „links“ und „rechts“ als poli- tische Kategorien unbrauchbar geworden sind. Linksextreme sind internationale Sozialisten, Rechtsextreme nationale – was ist schlimmer? Schwer zu beantworten, denn manche Linksextreme stehen so weit links, dass sie sich mit Rechtsextremen Rücken an Rücken berühren. Ich empfehle Ihnen, im selben Heft den Text „Die Glau- bensfrage“ zu lesen. Da sehen Sie, was Ideologie in der Geschichte schon ange- richtet hat. Also bitte mehr Hirn und we- niger Bauch beziehungsweise Herz!

Gert Tubach, Krauchenwies (Bad.-Württ.)

Jetzt ist es mir gelungen zu imaginieren, wie ich Humor in die stets trockenen Zei- len Jakob Augsteins bekomme: Ich stelle mir vor, da schreibt Jakob „Peppone“, der kommunistische Bürgermeister des Ört- chens in der Emilia-Romagna der Fünfzi- gerjahre – denn Sätze wie „Links liegt die Emanzipation. Rechts das Ressentiment“ sind in ihrer linken Schlichtheit Zeitgeist der Fünfziger. Doch wenn sie aus Peppo- nes Mund kommen, mit grimmiger Miene und geballter Faust in Richtung Kirche dro- hend, macht’s schon wieder richtig Spaß!

Werner Schultz, Neu-Anspach (Hessen)

Hauptsächlich Bockwurst

Nr. 52/2014 Klamauk-Ikone Dieter Hallervorden im neuen Til-Schweiger-Film

Sie behaupten, das Berliner Schlosspark- Theater mache „Volkstheater“. Das stimmt ebenso wenig wie die Unterstellung, im Hotel Adlon gebe es hauptsächlich Bulet- ten und Bockwurst. Wir präsentierten zum Beispiel gerade als Uraufführung „Ein- steins Verrat“ von Eric-Emmanuel Schmitt. Demnächst spielen wir Lessings „Minna von Barnhelm“. Allerdings ohne dass Major von Tellheim seine Minna nackt in der Sauna kennenlernt. Es stellt sich die Frage: Ist das klassische, unverfälschte Ori- ginal „Volkstheater“, nur weil am Anfang des Stücks keiner in einen Eimer pinkelt?

Dieter Hallervorden, Schlosspark-Theater, Berlin

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe ge- kürzt und auch elektronisch zu veröffentlichen:

leserbriefe@spiegel.de

Korrektur

zu Heft 52/2014, Seite 73, „Kalte Betten“:

Karstadt-Eigner René Benko hat nicht, wie wir berichtet haben, geschätzte 8,5 Millionen Euro für die Genehmigung gezahlt, das „Schlössle“ im österreichischen Lech abzureißen, um ein neues Gebäude zu errichten. Für die Erteilung der Abriss- und Baugenehmigung wurden lediglich die gesetzlichen Gebühren entrichtet.

FOTO: ULLSTEIN BILD

Das deutsche Nachrichten-Magazin Leitartikel Währungsrisiko Populismus Die größte Gefahr für den Euro sind nicht die

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Währungsrisiko Populismus

Die größte Gefahr für den Euro sind nicht die Märkte, sondern die Protestparteien.

D ie Eurokrise ist zurück, und das Auffälligste daran ist, wie ruhig diesmal alle sind. Die radikal linke Sy- riza-Partei wird wahrscheinlich die vorgezogenen

Neuwahlen in Griechenland Ende Januar gewinnen. Wenn sie ihre markigen Ankündigungen über ein Ende der Spar- politik wahr machen sollte, müssten die Griechen die Euro- zone verlassen. Die Milliardenausgaben, die Parteichef Alexis Tsipras seinen Landsleuten verspricht, werden ihm die übri- gen Eurostaaten nicht finanzieren, genauso wenig einen Schuldenschnitt. Vor zwei Jahren, als schon einmal der Austritt zur Debatte stand, gerieten die Märkte und Europas Spitzenpolitiker in Panik. Sie fürchteten, das kleine Griechenland könnte die Eurozone infizieren. Wenn die Vertrauenskrise auf Spanien, Portugal oder Italien übergreife, hieß es damals, werde der Euro auseinanderbrechen. Diesmal reagieren die Märkte kaum, und auch die Politiker in Berlin und Brüssel geben sich gelassen. Zu Recht. Ein Austritt Griechen- lands und ein Staatsbankrott, der vermutlich folgen würde, hätten heute wohl verheerende

Folgen für die Griechen – aber nur begrenzte für den Rest der Eurozone. Seit der Garantie der Euro- päischen Zentralbank, unbe- grenzt Staatsanleihen aufzukau- fen, sind die Schuldzinsen der meisten Euroländer fast so nied- rig wie vor der Krise. In Staaten wie Spanien oder Portugal, die sich vor zwei Jahren wirtschaft- lich im freien Fall befanden, hat

sich die Lage auf niedrigem Ni- veau stabilisiert. Ein Teil des verlorenen Vertrauens in die einheitliche Währung ist zurück- gekehrt. Doch im Erfolg von Syriza zeigt sich, dass das größte Risiko für den Euro langfristig nicht die Märkte sind, so un-

berechenbar sich diese manchmal verhalten, sondern die Pro- testparteien. Nicht nur in Griechenland, sondern auch in Spanien, Italien oder Frankreich haben sie Zulauf (siehe Seite 81). Mit dem Kampfbegriff der „Austerität“ und populistischen Angriffen auf Deutschland gewinnen vor allem politische Neulinge Zu- stimmung bei den Wählern. In Berlin gilt als ausgemacht, dass die Eurokrise in den jeweiligen Ländern selbst verschul- det wurde und dass der Krise nur mit einer Mischung aus Sparmaßnahmen und Reformen begegnet werden kann. Doch selbst im wichtigsten Partnerland Frankreich sehen viele Wäh- ler das ganz anders: Ihrer Meinung nach tragen der deutsche Exportüberschuss und die von Deutschland verlangte „Aus- terität“ Schuld daran, dass die Arbeitslosigkeit hoch bleibt

und die europäische Wirtschaft sich im Vergleich mit den USA deutlich schlechter entwickelt. Der Erfolg von Parteien, die mit diesen Ansichten Politik machen, ist ein Warnzeichen. Er zeigt, dass der politische

Konsens darüber, wie der Euro zu bewahren sei, fragil bleibt. Dieser wurde zwar auf unzähligen Gipfeln zwischen Staats- und Regierungschefs beschlossen, ist aber in vielen Ländern hoch umstritten. Eine Folge davon war, dass die politische Klasse in einigen Ländern, die stark von Spar- und Reform- auflagen betroffen waren, ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt hat. Manche neue Regierung musste unter europäischem Druck die Wirtschaftspolitik ihrer Vorgänger fortsetzen, ge- gen die sie eben noch Wahlkampf gemacht hatte. Europas Anführern ist es so gelungen, ein Auseinanderbrechen des Euro nach 2009 zu verhindern.

Dauerhaft lässt sich die gemein- same Währung aber nur bewah- ren, wenn alle Teilnehmer das Gefühl haben, von ihr zu profi- tieren. Das ist gegenwärtig nicht der Fall. Nicht nur in Griechen- land haben weite Teile der Be- völkerung leiden müssen. Die Gefahr, dass radikale Gegner des Sparens und Reformierens auch anderswo gestärkt werden, ist groß. Ein Risiko besteht um- gekehrt auch in Deutschland:

Die Euro-skeptische AfD würde profitieren, sollte Bundeskanz- lerin Angela Merkel die Schleu- sen für mehr griechische Schul- den öffnen. Es stimmt: Die politischen Spielräume sind eng. Merkel kann den Forderungen nicht nachgeben, die Wirtschaft mit neuen Krediten zu beleben. Dennoch war es ein Versäumnis, das Thema Wachstum den Kritikern ihrer Politik zu überlassen. So entstand in vielen Ländern Europas der falsche Eindruck, Wirtschaftsreformen und Wachstum seien Gegensätze. In den vergangenen Jahren war oft die Rede davon, dass durch die Krise eine neue euro- päische Innenpolitik entstanden sei. Dazu müsste aber auch die Fähigkeit zur Empathie gehören: zu verstehen, was die Bürger anderswo in Europa bewegt, und darauf zu reagieren. Merkel hat es wieder einmal nicht geschafft, gute Worte für ihre Politik zu finden. Damit hat sie es Populisten in Europa leicht gemacht, Deutschland als Feindbild zu zeichnen – als Land, das andere leiden lässt. Nur wenn die europäische Politik und damit auch die Kanzlerin den – trotz aller Reformanstrengungen – wirt- schaftlich immer noch schwächelnden Ländern des Südens eine Perspektive aufzeigen kann, werden die Populisten an Schwung verlieren.

Protest gegen Sparpolitik in Spanien
Protest gegen
Sparpolitik in Spanien

FOTOS V.L.N.R.: PATRICK SEEGER / PICTURE ALLIANCE / DPA; PHOTOSHOT; HJ SCHNEIDER / MEDIASKILL / COVERPICTURE; MEDIASKILL/COVERPICTURE/PETRI-FOTO

CSU

Mehr Schutz gegen Einbrecher

2

Die CSU fordert schärfere Maßnahmen zur Inneren Sicherheit. So wollen die Christsozialen Wohnungsein- brüche intensiver verfolgen und die Polizeipräsenz in Großstädten und Grenzregio- nen verstärken. „Das Sicher- heitsgefühl vieler Menschen ist erschüttert“, heißt es im innenpolitischen Strategiepa- pier der CSU-Landesgruppe im Bundestag für die Klausur- tagung in Wildbad Kreuth in dieser Woche. Die organi- sierte Kriminalität sei zu sehr „aus dem Fokus geraten“. Die CSU will zudem ein „eigenes Förderprogramm“ für jene entwickeln, die ihre Häuser und Wohnungen gegen Einbrecher sichern. In dem Papier wirbt die Partei auch für die Vorratsdaten- speicherung. Die Bürger wür- den ihre „schutzlose Aus- lieferung … auf Dauer nicht hinnehmen“. Vor allem bei Einbrüchen und Internet- kriminalität sei es „unerläss- lich“, die Täter durch „Tele- fonüberwachung, Speiche- rung der Verbindungsdaten und Funkzellenabfragen“ zu stellen: „Der Staat muss seine Bürger schützen und nicht die Verbindungsdaten von Kriminellen.“ ama

 

1

4
4
3
3

1 Schwarzwälder Schinken, 2 Feta-Käse, 3 Spreewaldgurken, 4 Pumpernickel

Freihandelsabkommen

Tiroler Speck made in USA?

 

Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) erwartet, dass viele europäische Hersteller regionaler Spezialitäten etwa aus Schinken oder Brot ihre Privilegien durch das deutsch-amerikanische Handels- abkommen TTIP verlieren könnten. „Wenn wir die Chancen eines freien Handels mit dem riesigen amerikanischen Markt nutzen wollen, können wir nicht mehr jede Wurst und jeden Käse als Spezialität schützen“, sagt Schmidt. Er hält die geltenden EU-Re- geln für regionale Lebensmittel für „sehr bürokratisch“: „Die EU schützt auch sol- che Spezialitäten, deren Grundstoffe längst nicht mehr nur in ihren Heimatregionen hergestellt werden“, kritisiert der Minister. Darüber habe sich der US-Handelsbeauf-

tragte Michael Froman anlässlich eines Treffens in Washington bei ihm beschwert. „Es wäre unseren amerikanischen Handels- partnern schwer vermittelbar, dass sie keinen Tiroler Speck oder Holländischen Gouda zu uns exportieren dürften, wenn wir in Europa selbst den Schutz nicht kon- sequent durchsetzen würden“, so Schmidt. Froman habe indes signalisiert, dass er be- reit sei, im Handelsabkommen Ausnahmen für mit Chlor desinfizierte Hühnchen zu akzeptieren: „Ich habe den Eindruck, die USA haben verstanden, dass Chlorfleisch in Europa nicht vermittelbar ist“, sagt Schmidt. Die US-Beamten hätten sich auch erstmals offen für eine Kennzeichnung von Gentechnik-Lebensmitteln gezeigt. ama

Oktoberfest-Attentat

Range sucht Geheimdienstakten

 
 

bestätigte, dass man „alle in- frage kommenden Behörden ersuchen“ werde, „gegebe- nenfalls vorhandene Akten und Unterlagen zu dem At- tentat zu übermitteln“. Am 26. September 1980 hatte der Neonazi Gundolf Köhler am Eingang des Oktoberfests einen Sprengsatz gezündet, der 13 Menschen tötete und 211 verletzte. Auch Köhler selbst starb bei der Explosion; ob er Helfer oder Hintermän- ner hatte oder etwa Verbin- dungen zu rechtsextremen Strukturen, konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden. mba, srö

Außenpolitik

Enthüllungen und der CIA- Folter, das geplante Freihan- delsabkommen TTIP sowie die europäische Verantwor- tung in der Sicherheitspolitik. Bis zum Sommer 2015 sollen die Experten ihre Ergebnisse öffentlich präsentieren. Auf US-Seite steht das Projekt unter der Schirmherrschaft der Washingtoner Denkfabrik German Marshall Fund. Deren neue Chefin ist Karen Donfried, frühere Europabe- raterin von US-Präsident Ba- rack Obama. In Deutschland ist Wolfgang Ischinger feder- führend, langjähriger Bot- schafter in Washington. gps

In dem wieder aufgenomme- nen Ermittlungsverfahren zum Münchner Oktoberfest- Attentat will Generalbundes- anwalt Harald Range die deutschen Geheimdienste zur Herausgabe sämtlicher rele- vanter Akten drängen. Wie es in Sicherheitskreisen heißt, sollen vor allem Unterlagen des Bundesnachrichtendiens- tes und des Bundesamts für Verfassungsschutz überprüft werden, die bei den bisheri- gen Ermittlungen noch nicht oder nur unzureichend krimi- nalistisch ausgewertet wur- den. Ein Sprecher Ranges

Transatlantische

Aufräumarbeiter

Eine hochrangig besetzte deutsch-amerikanische Exper- tenrunde soll das angeschla- gene transatlantische Verhält- nis reparieren helfen. Derzeit läuft das Auswahlverfahren für eine rund 25 Personen große Gruppe aus Wissen- schaftlern, Publizisten, Politi- kern und Wirtschaftsvertre- tern, die in bis zu drei Tref- fen die Spannungen zwischen Berlin und Washington analy- sieren sollen – etwa den Ver- trauensverlust nach den NSA-

PICTURE-ALLIANCE / DPA; ILLUSTRATION: PETRA DUFKOVA / DIE ILLUSTRATOREN / DER SPIEGEL

FOTO: ARNE MEYER /

Parteien

„Wir erleben einen Kulturkampf“

Hans-Gerd Jaschke, 62, ist

Politologe an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin.

SPIEGEL: Herr Jaschke, Bundes- kanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Neujahrsansprache die Bundesbürger vor „Hass“ und „Kälte“ der Pegida-Pro- teste gewarnt. Hat sie den richtigen Ton getroffen? Jaschke: Frau Merkel ist zu Recht sehr entschieden auf- getreten und hat sich gegen fremdenfeindliche Parolen gestellt. Aber ich fürchte, dass ihr Appell nicht viel ändern wird. Wir holen in Deutschland gerade eine Entwicklung nach, an die wir uns bedauerlicherweise gewöhnen müssen. Bei den Europawahlen im Mai 2014 haben fremdenfeindliche und islamkritische Parteien große Erfolge erzielt, nur bei uns blieben sie erfolglos. Nun erreichen Rechtsaußen- Protestbewegungen auch Deutschland, mit gewalttäti- gen Hooligans in Köln, mit Pegida in Dresden und mit der AfD in den Parlamenten. SPIEGEL: Was kann die Union tun, um konservative Wähler zurückzugewinnen – ohne populistische Parolen? Jaschke: Das konservative Denken hat sich heute ver- flüssigt. Es ist nicht mehr Domäne von CDU und CSU. Die Politik des Bewahrens der Natur, der Werte und

Jaschke
Jaschke

Traditionen, eingebunden in christliche, vor allem katho- lische Milieus, findet man heute mehr oder weniger bei vielen Parteien und Inter- essenverbänden. Deshalb be- trachtet das rechte Wähler- potenzial die Unionsparteien schon lange nicht mehr als einzige politische Heimat. Auch rechte Wähler entschei- den sich von Wahl zu Wahl. Es gibt sie bei den Nichtwäh- lern, aber auch bei SPD, Grünen und sogar in der Lin- ken-Wählerschaft. SPIEGEL: Die CSU hat für ihre Klausur in Wildbad Kreuth ein Papier für eine härtere Asylpolitik vorgelegt. Kann sie so wieder mehr rechte Wähler gewinnen? Jaschke: Pragmatische Schritte wie schnelle Abschiebungen verfehlen den Kern des Pegida-Protests: Wir erleben einen Kulturkampf. Es geht um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört oder nicht. Vor diesem Hinter- grund müssen wir diskutie- ren, wie wir in einer noch stärker multikulturellen Ge- sellschaft leben wollen. Da- rauf geben Schnellschüsse wie das Kreuther Papier der CSU zur Asylpolitik oder auch die Parole „Wer betrügt, der fliegt“ keine Antwort. SPIEGEL: Unions-Wahlkämpfe mit rechtspopulistischen Untertönen liegen lange zu- rück. Werden sie jetzt wieder in Mode kommen? Jaschke: Die Unionsparteien haben Ende der Sechziger- jahre mit ihrer Anti-Ost-Poli- tik die NPD aus sieben Land- tagen verdrängt und mit Anti-Asylbewerber-Politik nach 1990 die Republikaner erfolgreich bekämpft. Eine solche Politik ist heute ris- kant. Was die Union auf der rechten Seite gewinnt, droht sie in der Mitte zu verlieren. SPIEGEL: Wird die AfD zur neuen Heimat der Konser- vativen? Jaschke: Die AfD hat sich ein konservatives Image gege- ben, wohl wissend, dass es an Substanz fehlt. Sie muss noch beweisen, dass sie eine konservative Partei ist.

Interview: Marc Hujer

Deutschland

Jakob Augstein Im Zweifel links

Unter Ungleichen

Jakob Augstein Im Zweifel links Unter Ungleichen „Von all dem Neuen, das wäh- rend meines Aufenthaltes

„Von all dem Neuen, das wäh- rend meines Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten meine Aufmerksamkeit auf sich zog, hat mich nichts so lebhaft beein- druckt wie die Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen. Alsbald wurde mir der erstaun- liche Einfluss klar, den diese be- deutende Tatsache auf das Le- ben der Gesellschaft ausübt.“

Der französische Publizist Alexis de Tocqueville schrieb das 1835, und der „erstaunliche Einfluss“, den er mein- te, war dieser: In der freien Gesellschaft erwächst aus der Gleichheit das Vertrauen und aus dem Vertrauen der Erfolg. Der hellsichtige Reisende hatte einen Zusammenhang beobachtet, der noch immer gültig ist: Gemeinschaft und Gleichheit bestärken sich gegenseitig – und beides ist Bedingung für die gelingende Gesellschaft. Für die USA hat der Politologe Robert Putnam diese These in seiner bedeutenden Studie „Bowling Alone“ bestätigt. Die Deutschen erleben zurzeit den umgekehrten Beweis: den Verfall des sozialen Kapitals. Der kalte Erfolg der AfD, die unsinnige Zustimmung für Pegida – das sind Krank- heitszeichen einer wachsenden Ungleichheit. Was treibt sie denn um, die Selbstgerechten, die Be- leidigten, die Furchtsamen unter den Bürgern? Doch nicht der Islam! Der CSU-Politiker Hans-Peter Friedrich verweist zu Recht auf Angela Merkel – mithin die Re- gierungspolitik – als wahre Urheberin dieses Winters un- seres Missvergnügens. Aber aus dem falschen Grund. Friedrich findet, Merkel habe die konservativen Wurzeln der Union vernachlässigt „in einer Zeit, in der die Men- schen wieder nach kultureller Identität, Heimat und Zusammenhalt fragen“. Aber warum stellen die Leute sol- che Fragen? Weil ihr Vertrauen in dem Maße schwindet, wie die Ungleichheit zunimmt. Was der Soziologe Émile Durkheim „mechanische Solidarität“ nannte, die Sehn- sucht nach der homogenen Gruppe, ist ein Krisenzeichen. Mit derselben Deutschlandfahne kann man Fußballfröh- lichkeit ebenso demonstrieren wie Fremdenfeindlichkeit. In Zahlen: Mitte der Achtzigerjahre verdienten die reichsten zehn Prozent der Deutschen fünfmal so viel wie die ärmsten zehn Prozent; heute liegt das Verhältnis bei sieben zu eins. Kein Wunder, dass da ein Murren laut wird. Die Leute ahnen, dass etwas mit dem System nicht mehr stimmt. Aber – und das sind die Früchte der „geistig-moralischen“ Wende, die sich nicht unter Helmut Kohl, aber unter Gerhard Schröder vollzogen hat – es fehlen ihnen die Begriffe, das zu benennen. Dabei ist der Weg nicht so schwer, man muss ihn nur gehen: Er heißt Umverteilung. Es sind die Steuern, über die gesteuert wird. Einkommensteuer, Erbschaftsteuer, Vermögensteu- er. Nur so wird Deutschland wieder gleicher und solida- rischer. Übrigens schätzt die OECD, dass das deutsche Wachs- tum zwischen 1990 und 2010 ohne wachsende Ungleich- heit um fast sechs Prozentpunkte höher ausgefallen wäre. Tocqueville lässt grüßen.

An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein und Jan Fleischhauer im Wechsel.

AfD „Was für ein Absturz“ Im Streit um die künftige Führungsstruktur der Alter- native für
AfD
„Was für ein Absturz“
Im Streit um die künftige
Führungsstruktur der Alter-
native für Deutschland (AfD)
verschärft sich der Umgangs-
ton. AfD-Bundessprecher
Bernd Lucke berief am 26. De-
zember – ohne Rücksprache
mit dem Vorstand – ein Tref-
fen aller AfD-Funktionäre
vor dem Parteitag Ende Ja-
nuar ein, um sie auf seinen
Kurs einzuschwören. Lucke
will die Partei künftig allein
führen. Vorstandsmitglied
Konrad Adam kritisierte
daraufhin in einer Rundmail
Luckes Alleingang. Das wie-
derum veranlasste Bundes-
vorstand Hans-Olaf Henkel
noch am selben Tag, Adam
eine E-Mail zu schicken:
Friedensdemonstration in Bonn 1981
Zeitgeschichte
Reagan wollte mehr A-Waffen in Deutschland
wollten. 1982 erfuhr dann ein Bonner
Lieber Herr Adam,
eine solche – verzeihen Sie –
niederträchtige Antwort auch
noch an einen solchen großen
Verteiler zu senden, hätte ich
Ihnen nicht zugetraut.
Sie sind total „von der Rolle“
und merken es offensichtlich
nicht einmal. Sie scheinen
von Enttäuschung über Ihre
Bedeutung in der Partei und
von Ihrem Ehrgeiz zerfressen
zu sein. Sie können Herrn
Lucke nicht im Entferntesten
das Wasser reichen. Anstatt
das anzuerkennen und sich
für das Wohl der Partei ein-
zusetzen, sind Sie nur noch
destruktiv – in der Presse mit
Ihren immer schrulligeren
Pressemitteilungen und weil
Sie Herrn Lucke mit immer
größerer Energie immer aufs
Neue ein Bein stellen. Neben-
bei machen Sie sich selbst
immer lächerlicher.
Was für ein Absturz! Gibt
es in Ihrem Umfeld denn nie-
manden mehr, der Ihnen mal
den Spiegel vorhält? Was
müssen Ihre ehemaligen Kol-
legen, Freunde und Verwand-
ten eigentlich aushalten?
Selten wurde ich Zeuge einer
so dramatischen Persönlich-
keitsveränderung. Ein Dra-
ma! Ich hoffe, der letzte Akt
wird bald aufgeführt und Sie
treten von der Bühne.
US-Präsident Ronald Reagan erwog ein-
gangs der Achtzigerjahre offenbar, mindes-
tens 198 ballistische Atomraketen in der
Bundesrepublik zu stationieren. Die Bun-
deskanzler Helmut Schmidt und Helmut
Kohl waren dagegen. Das zeigen Akten
des Auswärtigen Amtes, die das Institut für
Zeitgeschichte im Verlag de Gruyter ver-
öffentlicht. Es geht um die amerikanische
Pershing-II-Rakete, die von deutschem
Boden aus in wenigen Minuten bis kurz
vor Moskau fliegen konnte. Der sogenann-
te Nato-Doppelbeschluss von 1979 sah vor,
108 Pershings als Gegengewicht zur sowje-
tischen SS-20-Rakete aufzustellen, was zu
heftigen Protesten führte. Die Friedensbe-
wegung sprach sogar von einer Erstschlag-
waffe. Schon bald keimte in Bonn jedoch
der Verdacht, dass die Amerikaner mindes-
tens 90 weitere Pershings „als Nachladebe-
stand“ in der Bundesrepublik stationieren
Offizier „inoffiziell“ von US-Kollegen,
dass Washington sogar die Produktion von
394
Pershings plus 328 Atomsprengköpfen
plane.
Mehrfach verlangte die Bundesregierung
zwischen 1981 und 1984 eine schriftliche
Zusage Washingtons, dass die USA sich an
den Doppelbeschluss halten würden, doch
entsprechende Briefe blieben unbeantwor-
tet. Mitarbeiter des US-Verteidigungsminis-
teriums erklärten mündlich, man brauche
die überzähligen Raketen fast vollständig
zu „Übungsschießen, Tests, Bestandser-
haltung und Produktverbesserung“ in den
USA. Ob Außenminister Hans-Dietrich
Genscher intervenierte, ist ungeklärt; die
Bundesregierung hat die Akten nur bis
1984 freigegeben. Am Ende stationierten
die Amerikaner jedenfalls lediglich
108
Pershings in der Bundesrepublik. klw
SPD
Junge begehren auf
Hans-Olaf Henkel
Ein Kreis von 15 jüngeren
Bundestagsabgeordneten der
SPD fordert eine modernere
Ausrichtung der Partei. Mit
Themen wie Generationen-
gerechtigkeit und digitale
Infrastruktur wollen sie die
Sozialdemokraten für junge
Wähler wieder attraktiver
machen. Initiatoren der
flügelübergreifenden Gruppe
sind der Internetexperte Lars
Klingbeil und der Rechtspoli-
tiker Christian Flisek, auch
die nordrhein-westfälische
Abgeordnete Michelle Münte-
Klingbeil
fering gehört dazu. „Um aus
dem 25-Prozent-Tief heraus-
zukommen, reicht es nicht,
nur den Koalitionsvertrag ab-
zuarbeiten“, sagt Klingbeil,
„ein ,Weiter-so‘ wird uns mit
Blick auf die Bundestagswahl
2017 keinen Erfolg bringen.“
Vor Beginn der Klausur der
Bundestagsfraktion am Don-
nerstag hat die Gruppe ein
Papier vorgelegt, in dem sie
fordert, fünf Milliarden Euro
für die Förderung der digita-
len Infrastruktur auszugeben.
„Der Breitbandausbau ist
eines der wichtigsten Zu-
kunftsthemen überhaupt“,
sagt Flisek. gor
FOTOS:UTE GRABOWSKY / PHOTOTHEK / GETTY IMAGES (L.); RUDI MEISEL / VISUM (O.)
 

Deutschland

 

Parteispenden

heißt es, nur so könne die „für mich völlig inakzeptable

Strafverfolgung beendet wer- den“. Hintergrund ist ein Ver- fahren am Dresdner Amtsge- richt, in dem Ramelow vorge- worfen wird, am 13. Februar

den“. Hintergrund ist ein Ver- fahren am Dresdner Amtsge- richt, in dem Ramelow vorge- worfen wird,

Heikler Geldsegen für die Grünen

Eine Parteispende des Süd- westmetall-Verbands bringt

die Grünen in Erklärungsnot.

100000

Euro überwies das

2010

mit Tausenden anderen

Industriebündnis kurz vor Weihnachten an die Friedens- und Umweltpartei – ein neuer Rekord und nach den

Protestierenden einen Auf- marsch der rechtslastigen Jungen Landsmannschaft Ost- deutschland blockiert zu ha- ben. Weil die Dresdner Rich- ter sich zwei Tage vor Rame- lows Wahl zum Minister- präsidenten in Thüringen meldeten, stuft der Linke das Verfahren als „politisches Störmanöver“ ein. Es gehe nicht um die Sanktion strafba- ren Verhaltens, „sondern um eine dezidiert politisch moti- vierte Verfolgung eines Men- schen, der sich gegen rechts- radikale und geschichtsleug- nende Thesen“ gewandt habe. Er sei 2010 „als Vermittler für die polizeilichen Einsatzkräf- te“ und nicht als Blockierer vor Ort gewesen sei. stw

Krankenkassen

150000

Euro, die an die CDU

 

gingen, die zweithöchste Spende, die der baden-würt- tembergische Arbeitgeber- verband einer Partei in 2014 vermachte. Im Vorjahr hatten die Grünen mit ihrem Minis- terpräsidenten Winfried Kretschmann nur 60000 Euro von Südwestmetall erhalten. Zu den Mitgliedern der in Stuttgart beheimateten Orga- nisation zählen eine ganze Reihe von Rüstungsfirmen wie Heckler & Koch (Pisto- len, Gewehre), Diehl Defence (Lenkflugkörper, Munition) oder MTU (Militärtriebwer- ke). Benedikt Mayer, Bundes- schatzmeister der Grünen, erklärt zu dem Vorgang, bei Südwestmetall seien nicht nur Rüstungsfirmen organi- siert, sondern auch solche, „die etwa Umweltschutztech- nologie herstellen“. gor, gt, on

Die Augenzeugin

„Singen, beten, bangen“

Ute Kilger, 54, ist Rechtsanwaltsfachangestellte in einer Münchner Kanzlei. Sie überlebte das Fährunglück in der

Ute Kilger, 54, ist Rechtsanwaltsfachangestellte in einer Münchner Kanzlei. Sie überlebte das Fährunglück in der Adria, bei dem vergangene Woche mehr als ein Dutzend Menschen, darun- ter eine Deutsche, starben. Kilger macht der Schiffsbesatzung schwere Vorwürfe.

„Als ich zusammen mit einem Freund im Hafen von Patras ankam und dort die ,Norman Atlantic‘ sah, machte die Fähre schon keinen vertrauenerweckenden Eindruck. In der Nacht auf Sonntag bin ich in meiner Kabine plötz- lich von zwei Geräuschen wach geworden. Ich dachte zunächst, Wellen seien gegen die Schiffswand geprallt. Im Nachhinein ist mir klar: Das müssen Explosionen gewe- sen sein. Ich ging auf den Flur und hörte aufgeregte Stim- men. Dann roch ich auch schon etwas. Andere Passagiere donnerten gegen die Kabinentüren und brüllten, dass alle raus sollten. Ich packte schnell ein paar Sachen, Papiere, Geld, meine Handtasche, zog Mantel und Schal an. Kurz darauf war im Schiff schon alles voll dichtem Rauch. Von der Besatzung hatte ich bis dahin nichts gesehen. Es gab keine Anweisungen, keine Durchsagen, gar nichts! Mein Freund und ich flohen auf ein Außendeck. Plötz- lich schossen aus einer Tür Flammen heraus. Panik brach aus, die Menschen versuchten, zu den Rettungsbooten zu kommen. Manche Männer drängelten sich aggressiv vor – von wegen Frauen und Kinder zuerst! Jeder dachte nur noch an sein eigenes Leben. Schnell war klar, dass es nur ein kleiner Teil der Passagiere auf die Rettungsboote schafft. Irgendwann schwammen die Boote einfach davon. Mehrere Schiffe näherten sich der Fähre, aber ganz dicht heranmanövrieren konnten sie nicht. Das Meer tobte. Der Wind peitschte über das Deck, der Regen fühlte sich an wie Nadelstiche. Klatschnass kauerten wir vorn am Schiffsbug unter Decken, hielten wildfremde Menschen an den Händen. Wir sangen, beteten, bangten, heulten. Unsere letzte Hoffnung waren die Helikopter der ita- lienischen Marine, die am Nachmittag angeflogen kamen; aber jede einzelne Rettung dauerte wahnsinnig lang. In der folgenden Nacht bekam ich Angst, dass das Schiff irgendwann zerbirst und mich die Flammen schlucken. Immer wieder gab es Explosionen, das waren fast apo- kalyptische Szenen. Ich musste mir ständig sagen: Nein, ich sterbe jetzt nicht. Nach knapp 24 Stunden wurde ich an einem Seil in den Helikopter hochgezogen und nach Brindisi ausgeflogen. Der Freund, mit dem ich unterwegs war, musste noch einen halben Tag auf dem brennenden

Beiträge klettern 2016 wieder

Gesetzlich Versicherte müs- sen sich von 2016 an wieder auf steigende Beiträge für

Thüringen

ihre Krankenkasse einstellen. Nach Berechnungen des Gesundheitsökonomen Jür- gen Wasem von der Univer- sität Düsseldorf könnten die Zusatzbeiträge von aktuell durchschnittlich knapp 0,9 auf dann 1,15 Prozent des Bruttolohns klettern. 2017 dürften sie sogar auf 1,4 Pro- zent steigen. Diese Zuschläge müssen von den Arbeitneh- mern allein getragen werden. Am allgemeinen Beitragssatz dagegen, der bei 14,6 Prozent festgeschrieben ist, beteiligen sich derzeit auch die Arbeit- geber zur Hälfte. Die Ent- lastungen, von denen rund 20 Millionen Mitglieder seit dem Jahreswechsel profitie- ren, dürften damit nur von kurzer Dauer sein: Über die Hälfte der insgesamt 123 ge- setzlichen Kassen haben für

Ramelow will

vor Gericht

POLARIS / STUDIO X (O.R.)

FOTOS: MALTE OSSOWSKI/SVEN SIMON (R.); YANNIS KONTOS /

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) hat um die Aufhebung seiner Immunität gebeten, um sich vor Gericht verteidigen zu können. In einem Schreiben an den Landtagspräsidenten

Ramelow
Ramelow

2015

niedrigere Beitragssätze

Schiff ausharren. Was für ein Horror!

angekündigt. cos

 

Aufgezeichnet von Wolf Wiedmann-Schmidt

   

FOTO: ALKIS KONSTANTINIDIS / REUTERS

Kalte Schulter

Syriza-Chef Tsipras

Europa Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble wollen eher den Ausstieg Griechenlands aus der Währungsunion hinnehmen, als einer neuen Linksregierung größere Zugeständnisse zu machen. Die Eurokrise kehrt als politischer Nord-Süd-Konflikt zurück.

U m Mitternacht waren die Tage ohne Euro gezählt. Die Uhr für den Countdown über dem Eingang der

Zentralbank sprang auf null, ein Feuer- werk stieg in den Himmel über dem Stadt- schloss von Vilnius. Auf den Straßen und in den Bars der litauischen Hauptstadt wur- de gefeiert, an der Fassade der klassizisti- schen Kathedrale strahlte eine Lichtpro- jektion des Eurosymbols, und wenig später zog Ministerpräsident Algirdas Butkevicius feierlich einen Zehn-Euro-Schein aus ei- nem geschmückten Geldautomaten. Vorhang auf: Litauen ist seit Neujahr das 19. Mitglied der Eurozone. Der Litas

weicht dem „Euras“, wie die Gemein- schaftswährung hoch oben im Nordosten der Europäischen Union heißt. 2000 Kilometer weiter südlich, in Grie- chenland, läuft derweil ebenfalls ein Countdown, aber ein anderer. Auch hier werden die Tage gezählt, es könnten aller- dings die letzten mit dem Euro sein. Am 25. Januar ist Parlamentswahl, und ge- winnt – wie wohl zu erwarten – das Links- bündnis Syriza, könnte es um die Euro- mitgliedschaft des Landes bald geschehen sein. Rund fünf Jahre nach ihrem Ausbruch kehrt die Eurokrise an ihren geografischen

Ausgangspunkt zurück. Wieder wird Grie- chenland zur Bühne für eine Auseinander- setzung, die weit größer ist als die Bedeu- tung des Landes selbst. Es geht um den schwelenden Nord-Süd-Konflikt in der Eu- rozone, um den deutsch geprägten Spar- und Reformkurs, dem alle Krisenstaaten zu folgen hatten, weil sie Milliarden aus den Rettungsfonds brauchten. Und es geht um die Frage, was am Ende mehr zählen sollte: der demokratische Wil- le der Griechen, das Sparen und Kürzen sein zu lassen – oder die Gesetze der Fi- nanzmärkte, die dann keine Kredite mehr gewähren, verbunden mit dem Nein der

FOTO: FISCHER / DAVIDS

anderen Eurostaaten, mit Hilfen aus ihren Steuergeldern erneut einzuspringen. Wieder blicken große Teile Europas nach Berlin, auf Angela Merkel. Bis Mitte 2012 galt der Ausstieg der Griechen aus dem Euro als eine Option, wenn auch als riskante. Dann ging die Kanzlerin noch einmal ausgiebig mit sich selbst zurate, wie sie später im kleinen Kreis erzählte – und legte sich fest: Um den Euro insgesamt zu retten, müsse selbst Griechenland im Euro bleiben. „Alternativlos“ sei das. Das ist jetzt anders. Es gibt eine Alter- native: die kalte Schulter. Und Merkel scheint entschlossen, sie den Griechen not- falls zu zeigen. Sollte sich Oppositionsfüh- rer Alexis Tsipras als neuer Regierungschef in Athen daranmachen, einen weiteren großen Schuldenschnitt zu betreiben und wichtige Reformen zurückzudrehen, wäre ein Abschied seines Landes vom Euro, im Finanzsprech „Grexit“ genannt, die nahe- zu unausweichliche Folge. Auf über zehn Milliarden Euro summieren sich die Kosten für Tsipras’ Wahlversprechen; Geld, das Griechenland nicht hat und an den Märk- ten wohl auch nicht geliehen bekäme. Anders als 2012, als Griechenland zwei- mal wählen musste, um eine stabile Regie- rung zu bekommen, lösen solche Aussich- ten in Brüssel, Berlin und anderen euro- päischen Hauptstädten keine Panik mehr aus, jetzt dominieren Überdruss und Ge- reiztheit. „Nicht schon wieder Griechen- land“, stöhnte vergangene Woche ein Spitzenbeamter eines Finanzministeriums, nachdem er mit seinen Kollegen in einer Telefonschalte die Lage erörtert hatte. In der Bundesregierung etwa werden reichlich gelassen Szenarien erwogen, ob und wie Griechenland den Euro verlassen, aber in der Europäischen Union bleiben könnte. Dafür gebe es zwar keine konkreten Vor- gaben im EU-Vertrag, der gegenwärtig nur die Möglichkeit eines EU-Austritts vorsieht. „Notfalls klären das findige Juristen“, heißt es lakonisch in Kreisen der Bundesregie- rung. Tsipras sitze am kürzeren Hebel. Vor allem stimmte die Regierungsexper- ten gelassen, wie die Börsen auf die Nach- richt der anstehenden Neuwahlen reagier- ten: Der Eurokurs blieb unmittelbar nach der Ankündigung erstaunlich stabil, die Aktienindizes an den Handelsplätzen in Frankfurt, London oder Paris zuckten nur kurz. Auch bei Kanzlerin Merkel und ih- rem Finanzminister Wolfgang Schäuble ist die Furcht vor einem Scheitern der Wäh- rungsunion, die früher ihr Handeln be- stimmte, der Zuversicht gewichen, dass der Euro ein Ausscheiden Griechenlands überleben würde. Die Währungsunion, fin- den beide, sei für einen solchen Fall heute viel besser gerüstet als noch vor Jahren. Grund sind die Fortschritte, die die Euro- zone seit dem Krisenhöhepunkt 2012 ge- macht hat. Die Ansteckungsgefahr für an-

Deutschland

ge- macht hat. Die Ansteckungsgefahr für an- Deutschland Kanzlerin Merkel: Geleitet von der Ketten-Theorie dere

Kanzlerin Merkel: Geleitet von der Ketten-Theorie

dere Länder ist geschwunden, weil Portu- gal und Irland, die beiden Länder, die kurz nach Griechenland Hilfe brauchten, als sa- niert gelten. Zypern scheint auf gutem Weg, das überdimensionierte Finanzwesen der Insel ist gestutzt, nicht zuletzt die Bankeigentümer wurden erstmals für Ver- luste in Haftung genommen. Zudem steht für Turbulenzen eines Eurostaats mit dem Europäischen Stabili- tätsmechanismus ESM ein weiterhin prall gefüllter Rettungsfonds zur Verfügung. Für die Sicherheit der großen europäischen Kreditinstitute wiederum sorge die Ban- kenunion, heißt es in Berlin. Nur im ex- tremen Notfall müsse der Steuerzahler ein- springen, aber private Großbanken seien in Griechenland ohnehin kaum mehr en- gagiert. In Berlin und Brüssel beherrscht deshalb nicht mehr die sogenannte Domino-Theo- rie das Denken und Handeln. Kippt erst ein Land, so fallen auch andere, vielleicht sogar die ganze Währungsunion, lautete deren Kernthese. Jetzt lassen sich die Ak- teure eher von der Ketten-Theorie leiten.

Die funktioniert so: Fällt das schwächste Glied aus einer Kette heraus, ist der Rest insgesamt stärker. Einer neuen grie- chischen Linksregierung trotzdem nach- zugeben, so fürchtet man in der Bundes- regierung, würde den weiterhin umstritte- nen Spar- und Reformkurs grundsätzlich infrage stellen – worauf weniger reform- freudige Regierungen wie die in Frank- reich oder Italien nur warteten. „Wir wür- den außerdem die innenpolitische Lage in diesen Ländern geradezu destabilisieren“, warnt ein Euroexperte der Bundesregie- rung. Vom Front National über die spani- sche Podemos bis zu Beppe Grillos Fünf- Sterne-Bewegung in Italien bekämen alle Radikalen Aufwind, wenn sich in Grie- chenland eine Anti-Reform- oder Anti- Europa-Regierung gegen die Mehrheit der restlichen EU-Staaten durchsetzen könnte. „Ein starkes Bekenntnis zu Europa und breite Unterstützung der griechischen Wähler und Politiker für den notwendigen wachstumsfreundlichen Reformprozess sind essenzielle Voraussetzungen, damit Griechenland wieder innerhalb der Euro-

Deutschland

zone einen Aufschwung erleben kann“, mahnt nicht nur EU-Währungskommissar Pierre Moscovici. Tatsächlich hat das Land Fortschritte ge-

griechischen Wählermehrheit, die gern im Euro bleiben will – auch wenn die nicht

zu leisten bereit ist, was die Finanzmarkt- anleger verlangen, wenn sie Griechenland ihr Geld leihen sollen? Diese Debatte gefällt der Bundesregie- rung überhaupt nicht, denn ihre Antwort darauf steht unter verschärfter innenpo- litischer Beobachtung. Für Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble kommen größere Zugeständnisse oder gar ein Forderungsverzicht nicht infrage, weil die Euroretter den Griechen schon weit entge- gengekommen sind. Für Schul-

macht, die Wirtschaft wächst wieder, der wichtige Tourismusbereich etwa hatte 2014 eines seiner besten Jahre überhaupt, und der griechische Staatshaushalt erwirt- schaftete einen Überschuss, wenn man Zins und Tilgung der Staatsschulden herausrechnet. Doch das Beharren der Euroret- ter auf dem Reformkurs weckt Er- innerungen an den Gedanken der Bundeskanzlerin von der

„marktkonformen Demokratie“. Gemünzt hatte sie das im Jahr 2011 auf den Bundestag, der not- falls mit ungewöhnlich raschen Beschlüssen über Hilfskredite

die großen Anleger auf den Fi- nanzmärkten beeindrucken müs- se, bevor diese machtvoll auf den Zusammenbruch des Euro zu spe- kulieren begönnen. Verstanden und heftig kritisiert wurde Merkels Äuße- rung jedoch anders, nämlich als Abgesang auf den Vorrang demokratischer Regeln vor jenen der internationalen Kapital- märkte. Dieser Streit wird im griechischen Wahlkampf wieder aufleben: Wie viel So- lidarität schulden die Eurostaaten einer

davon bei öffentlichen Gläubigern 54,7 10,9 141,8 Sonstige Griechische Europäischer Banken Rettungsschirm
davon
bei öffentlichen
Gläubigern
54,7
10,9
141,8
Sonstige
Griechische
Europäischer
Banken
Rettungsschirm EFSF
4,3
Griechische
Bank of Greece
Staatsschulden
Anteil
321,7
Deutschland
25,0
Europäische
Mrd. €
64,9
Zentralbank
Mrd. €
32,1
IWF
52,9
Quellen: EZB, EFSF,
griechisches Finanz-
ministerium
Bilaterale Kredite
von Euroländern

dentilgung darf Athen sich mehr Zeit lassen als ursprünglich ver- einbart, Zinszahlungen sind weitgehend ausgesetzt. Nach Berechnungen der Troi- ka aus EZB, EU und Internatio- nalem Währungsfonds liegt die durchschnittliche Verzinsung der gesamten griechischen Staatsschuld derzeit bei 2,4 Prozent. Finanzminis- ter Schäuble muss im Schnitt 2,7 Pro- zent aufbringen. Auch wegen dieser Zahlen wäre selbst in der Großen Koalition die Mehrheit für großzügiges Entgegenkommen nicht si- cher. Außerdem würde die Euro-kritische AfD davon profitieren. „Die aktuelle

Dienstags Euro, freitags Drachme

Griechenland Europa rätselt über Alexis Tsipras: Was will der Chef der radikalen Syriza wirklich?

D er griechische Wahlforscher Elias Nikolakopoulos scheut keine kla- ren Urteile. Er kommentiert re-

gelmäßig und klug die Athener Politik. Aber wenn es um Alexis Tsipras geht, fehlen auch ihm manchmal die Worte. Dass Tsipras mit seiner radikallinken Syriza-Partei die vorgezogene Neuwahl am 25. Januar für sich entscheiden wird, hält Nikolakopoulos für „sehr wahr- scheinlich“. Ebenso, dass Syriza an der gemeinsamen Währung festhalten wür- de. „Wir bleiben im Euro, kein Zweifel“, sagt er. Gleichzeitig warnt er vor Druck und Drohungen aus Brüssel oder Berlin:

Die seien kontraproduktiv und einten höchstens die Anhänger der Linken. Doch welche Pläne Tsipras tatsächlich hat und wie glaubwürdig er eigentlich ist – bei der Frage muss auch der erfah- rene Analytiker passen: „Das kann ich nicht beantworten“, sagt Nikolakopou- los und lacht etwas hilflos.

Genau das wird im restlichen Europa seit einer Woche von Politikern und Kommentatoren mal ängstlich, mal rat- los diskutiert: Was will Alexis Tsipras, 40, wirklich? Wohin driftet Griechen- land, falls der jungenhafte Charmeur, der stets in offenem Hemd auftritt und selbst bürgerliche Wähler um den Finger wickelt, jüngster Regierungschef in der Geschichte der Hellenischen Republik wird? Die Antwort darauf bei Tsipras selbst zu finden ist nicht ganz einfach. Er äu- ßert sich mal so und mal so. Seine wi- dersprüchlichen Positionen haben auch damit zu tun, dass sich Syriza erst vor anderthalb Jahren aus sehr unterschied- lichen linken Splittergruppen vom Wahl- bündnis zur Partei formierte. „Unsere Partei als Ganzes will das Land im Euro sehen“, sagte Tsipras zum Beispiel über die gemeinsame Währung, um sogleich einzuschränken: „Voraus-

gesetzt, der soziale Zusammenhalt ist nicht bedroht.“ An anderer Stelle beteu- erte er, dass der Euro für ihn „kein Fe- tisch“ und Griechenland „niemandes Geisel“ sei, was immer das heißen mag. Deutlicher wurde Panagiotis Lafaza- nis, jetzt Anführer des einflussreichen linken Parteiflügels. „Wir wollen den Austritt aus dem Euro und den vollstän- digen Bruch mit der totalitären EU“, ver- kündete er. Tsipras spricht davon, „Europa von der Zwangsjacke der Schulden“ zu be- freien – durch einen weiteren radikalen Schuldenschnitt und ein Moratorium für Krisenstaaten. Dazu soll eine europäi- sche Schuldenkonferenz einberufen wer- den, ähnlich der Londoner Zusammen- kunft für Nachkriegsdeutschland bis 1953. So weit, so staatsmännisch. Andererseits droht Tsipras, Verein- barungen über Sparauflagen und Kredi- te einfach zu „zerreißen“ und Zinszah-

FOTO: ALFREDAS PLIADIS / XINHUA / ACTION PRESS

FOTO: ALFREDAS PLIADIS / XINHUA / ACTION PRESS Euroeinführung in Litauen am 1. Januar: Feuerwerk und

Euroeinführung in Litauen am 1. Januar: Feuerwerk und Feierstimmung

Staatskrise in Griechenland bietet dem Land nun endlich die Möglichkeit, die Notbremse zu ziehen und aus dem Euro auszutreten“, sagt AfD-Chef Bernd Lucke. „Das sollte ein Umdenken bei Frau Mer- kel auslösen.“ Der immer wieder propa- gierte Erfolg der Eurorettungspolitik sei „ein Märchen“, so Lucke. „Denn derzeit lehnt die Mehrheit der griechischen Be- völkerung den geforderten Sparkurs und die Rettungspolitik für ihr Land strikt ab.“ Den Griechen hätte viel Leid erspart wer- den können, „wenn man dem AfD-Vor- schlag, Griechenland aus der Eurozone

lungen von heute auf morgen einzu- stellen. Manchmal bezeichnet er die europäi- schen Nachbarländer als Partner, dann wieder sind sie für ihn Gegner „wie die USA und Russland im Kalten Krieg“:

„Drückt einer den roten Knopf, gibt es nur Verlierer.“ Mal will Tsipras Voraussetzungen für Finanzhilfen aus Brüssel seriös neu ver- handeln, dann wieder kündigt er ohne Wenn und Aber an, das Sparprogramm werde „in ein paar Tagen Geschichte sein“. Dann müssten „die Finanzmärkte nach unserer Pfeife tanzen“. Die noch amtierende konservative Re- gierung scherzt, bei Tsipras sei alles klar:

„Dienstags, donnerstags und samstags will er in die Eurozone, montags, mittwochs und freitags haben wir die Drachme, und am Sonntag will er ein Referendum.“ Selbst Wahlforscher Nikolakopoulos erinnert eine Wahl von Syriza ein wenig an russisches Roulette: Man wisse nicht, was man kriege. Das sei allerdings 1981 nicht anders gewesen. Da kam der So- zialist Andreas Papandreou mit großspu- rigen Versprechungen an die Macht. Am Ende hielt er wenig. Griechenland trat zum Beispiel nicht aus der Nato aus, son- dern in die Europäische Wirtschaftsge-

ausscheiden zu lassen, schon früher ge- folgt wäre“. Allerdings käme auch der Grexit alles andere als billig für die öffentlichen Kassen. Technisch wäre es so weit, wenn sich etwa die EZB weigern würde, griechische Ban- ken mit Geld zu versorgen, weil deren Si- cherheiten nicht mehr ausreichen. Oder wenn der griechische Staat kein Geld mehr aus den Hilfsfonds oder von den Finanz- märkten bekommt, um seine laufenden Ausgaben zu decken. Aus Not müsste er eine eigene Währung drucken, die neue Drachme. Verlässt Griechenland die Wäh-

meinschaft ein, und die US-Truppen wur- den nicht aus dem Land geworfen. Auch Syriza, die Partei der radikalen Linken, werde „jede Stunde braver, sobald sie sich der Macht nähert“, sagt der Wahl- forscher. Rund 13,5 Milliarden Euro will Tsipras kurzfristig für soziale Reformen zu Hau- se ausgeben, bezahlen soll das, direkt oder indirekt, Europa. Aber auch Tsipras wird sich wohl bewegen müssen, will er nicht wieder schnelle Neuwahlen pro- vozieren wie im Sommer 2012. Auch wenn er die Wahlen gewinnen sollte, wäre er wohl auf eine Koalitions- regierung angewiesen – entweder mit der neuen linksliberalen Partei To Potami, die der spanischen Podemos äh- nelt (siehe Seite 81), oder sogar mit den rechtspopulistischen „Unabhängi- gen Griechen“. Auch Expremierminister Georgios Papandreou, der mit einer ei- genen linken Partei antreten will, könnte Syriza noch entscheidende Stimmen ab- nehmen. Am Ende werden sich wohl nicht alle Forderungen eins zu eins um- setzen lassen. Zudem läuft das Hilfsprogramm von EU und Internationalem Währungsfonds bereits Ende Februar aus, mögliche Koa- litionsverhandlungen brauchen aber

rungsunion, blieben die alten Staatsschulden in Euro dennoch bestehen. Rund 80 Prozent davon halten derzeit vor allem der ESM, die EZB, aber auch der IWF sowie die ein- zelnen Partnerländer (siehe Grafik). In einer neuen, vermutlich massiv abgewerteten Währung könnte Griechenland das Geld für Zins und Tilgung vermutlich nicht aufbrin- gen. Die Folge: Die Geberländer müssten auf große Teile ihrer Forderungen verzich- ten, allen voran Deutschland. Der legendäre US-Investor George So- ros warnt denn auch seit Längerem, dass die EU sich nach den Herausforderungen an den Finanzmärkten nun auf „politische Krisen“ einstellen müsse. „Griechenland wird seine Schulden niemals zurückzahlen können“, sagt Soros. Weil aber ein Schuldenerlass aus politi- schen Gründen derzeit nicht denkbar sei, vergleicht der Investor die Lage mit der Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Da- mals habe französisches Beharren auf ex- trem hohe deutsche Reparationszahlungen zum Aufstieg Adolf Hitlers beigetragen. „Rechtsextreme Gruppierungen wie die Goldene Morgenröte in Griechenland sind damit natürlich nicht vergleichbar“, so So- ros, „der Trend geht aber in eine ähnliche Richtung: Populismus und Extremismus.“

Nikolaus Blome, Giorgos Christides, Christian Reiermann, Gregor Peter Schmitz

wohl länger. Deshalb vertrauen hochran- gige Diplomaten in Brüssel darauf, dass die wirtschaftliche und politische Rea- lität den linken Ideologen einholen wird. Die Reaktionen der Märkte würden Tsipras schon zähmen, glaubt ein Spit- zenbeamter. In Brüssel sieht man einem möglichen Wahlsieg von Tsipras gelassen entgegen. „Es erscheint mir übertrieben, dass eini- ge den Teufel an die Wand malen“, sagt der ehemalige EU-Währungskommissar Olli Rehn. Allerdings sei „Syriza eine Kirche mit vielen Strömungen, es wird schwierig sein, diese Allianz zusammen- zuhalten“, so der Finne, der jetzt Abge- ordneter im Europaparlament ist. Auch deshalb werde es Zugeständnis- sen aus Brüssel bedürfen. Einen Schul- denschnitt, wie vom Griechen Tsipras gefordert, hält Rehn für vermeidbar. „Dass wir die griechische Schuldenlast reduzieren müssen“, glaubt der Ex-Kom- missar jedoch ebenfalls: „Das können wir aber auch durch eine Verlängerung der Laufzeiten der Kredite erreichen.“ Eines sei trotzdem sicher: „Jede mög- liche Turbulenz, die Griechenland ver- ursachen mag, könnte die Eurozone nicht so erschüttern wie 2010 oder 2012.“

Manfred Ertel, Christoph Schult

FOTOS: CHRISTIAN THIEL/DER SPIEGEL

„Vor nichts mehr Angst“

Deutschland

SPIEGEL-Gespräch Parteichef Christian Lindner, 35, erklärt, wie er die FDP zurück zu markt- wirtschaftlichen Tugenden führen will und wer die Liberalen eigentlich noch braucht.

SPIEGEL: Herr Lindner, bevor wir das Auf- nahmegerät eingeschaltet haben, sprachen Sie von dem Gefühl, das man in seiner ers- ten eigenen Mietwohnung hatte. Wenn man das erste Mal so richtig auf eigenen Füßen steht. Was hat das mit der FDP zu tun? Lindner: Erinnern Sie sich an dieses Gefühl, zum ersten Mal für sich selbst verantwort- lich zu sein? Voller Vorfreude auf das, was nun kommt? Dieses Gefühl von Tatkraft und die Freude an Unabhängigkeit, am Ei- genen, das haben Millionen Deutsche. Noch mehr davon würde unserem Land guttun. Wo aber gibt es dafür ein politi- sches Angebot, wenn nicht bei den Freien Demokraten? SPIEGEL: Meinen Sie das ernst? Lindner: Aber ja. Wenn Sie sich vom Opa anschreien lassen wollen, wählen Sie am besten AfD. Wenn Sie bemuttert werden wollen, am besten Angela Merkel. Und wenn Sie sich gern kommandieren lassen, sind es die Grünen. Aber wo ist die Partei für den Gründergeist, für die, die Lust ha- ben, ihr Leben in eigene Hände zu neh- men – wie in der ersten eigenen Wohnung? SPIEGEL: Wir haben einen etwas anderen Eindruck von der großen Mehrheit der Deutschen. Man ist derzeit recht zufrieden, man sehnt sich nicht groß nach neuer Frei- heit oder neuer Verantwortung. Lindner: Die große Zufriedenheit scheint mir nur noch Fassade. Es gibt dahinter eine große Verunsicherung. Die Große Koali- tion flüchtet in den Staatsinterventionis- mus und Pegida in Ressentiments gegen- über jeder Form von Liberalität. SPIEGEL: Die Umfragewerte der Großen Ko- alition sind stabil. Darin zeigt sich doch keine große Verunsicherung. Lindner: Die Verhältnisse sind wie eingefro- ren, das ist ungewöhnlich, zugegeben. SPIEGEL: Demoskopen sagen, das habe es seit Beginn der Messungen nicht gegeben. Lindner: In allen internationalen Krisen strahlt Angela Merkel Ruhe und Beruhi- gung aus. Das ist nicht zu kritisieren. Aber ansonsten verweigert sich die Bundesre- gierung Zukunftsaufgaben wie Digitalisie- rung, Alterung und globaler Wettbewerbs- fähigkeit, sie lullt uns mit sozialpädagogi- scher Politik ein. Ursula von der Leyen zum Beispiel redet mit den Deutschen wie mit Vierjährigen, und die Kanzlerin hat Psychologen eingestellt, um Politik zu ma- chen, die sanft zu einer Verhaltensän- derung der Bürger führen soll. Da ist es nur noch ein Schritt zum harten Paterna- lismus …

SPIEGEL: … und wenn die Deutschen, der- zeit zumindest, genau das gut fänden? Lindner: Das glaube ich nicht. Deutschland wird links der gesellschaftlichen Mehrheit regiert. Ich nehme eine politische Tiefen- strömung wahr, die bürgerliche Werte wie Leistungsbereitschaft und Verantwortung unterspült. Unser Horizont verengt sich. Union und SPD betreiben Vollkaskopoli- tik, und die anderen von rechtsaußen ho- len die Frustbürger auf die Straße. Das ist gefährlich für Deutschland. SPIEGEL: Und Sie wollen mit mehr Freiheit oder mehr Marktwirtschaft antworten? Das sind doch andere Worte für Verän- derung, die die Leute womöglich gerade nicht wollen. Lindner: Es ist doch eine Frage von politi- scher Führung und Mut, mehr Menschen für diese Werte und für Zukunftsgestaltung zu gewinnen. Exportweltmeister, ja; Rei- seweltmeister, ja; aber ansonsten Schotten dicht und abwarten, was kommt? Sehen Sie, es mischen sich bei der AfD nicht um- sonst Ressentiments, die Ablehnung des Freihandels mit Nordamerika und größtes Verständnis für den autoritären Wladimir Putin, wenn er von einem vermeintlich de- kadenten westlichen Liberalismus schwa- droniert. SPIEGEL: Die AfD hat einigen Zulauf, anders als die FDP. Macht Sie das nicht stutzig? Lindner: Das motiviert mich eher zu mehr Klarheit. Weltoffenheit, individuelle und wirtschaftliche Freiheit, Toleranz in der Gesellschaft, das sind unsere Überzeugun- gen. Wir sind das Gegenmodell. SPIEGEL: Früher war das gut für Wahlergeb- nisse deutlich oberhalb der Fünfprozent- hürde. Alle aktuellen Umfragen sehen an- ders aus. Lindner: Warten Sie es ab. SPIEGEL: Ein Politiker, der an die Geduld der Medien appelliert, im Ernst? Lindner: Wir haben ein anstrengendes Jahr hinter uns seit der Niederlage bei der Bun- destagswahl, eine sehr umfassende Diskus- sion über unsere Tradition und unsere Auf- gaben. Es gab über 250 Veranstaltungen, rund 15000 Mitglieder haben teilgenom- men. Die Trümmer sind beiseitegeräumt, die Selbstzweifel, alte Rechnungen und Hofschranzen sind weg – wer heute zu den Freien Demokraten kommt, ist Überzeu- gungstäter. SPIEGEL: Was war unter den Trümmern? Lindner: Die Liebe zur Freiheit. SPIEGEL: Was ist das in der Politik, die Liebe zur Freiheit?

Lindner: Das Vertrauen der Liberalen darauf, dass Menschen im vernünftigen Miteinander die besseren Antworten finden als die Bü- rokratie. Weil wir den Grundgedanken wie- dergefunden haben, bringt das Gelassenheit – auch im Ertragen von Kritik von außen. Wir sind innerlich unabhängig. Wir haben uns frei gemacht und schielen nicht mehr darauf, was könnten die anderen denken. SPIEGEL: Das ist das Neue an der FDP? Lindner: Erwarten Sie von mir irgendeine politische Mode? Nein, was in der Politik fehlt, sind die klassischen liberalen Posi- tionen. Und die vertreten wir umfassender als je zuvor. Wir wollen den Liberalismus nicht verwässern, sondern im Gegenteil die liberale Dosierung deutlich erhöhen, damit er nicht nur für einzelne Branchen oder Einkommensklassen attraktiv ist, son- dern für alle freiheitsliebenden Menschen. SPIEGEL: Haben Sie nicht selbst vor einem Jahr von einer weicheren FDP gespro- chen? Das Wort vom „mitfühlendem Li- beralismus“ stammt doch von Ihnen. Lindner: Das stimmt so nicht. SPIEGEL: Wie bitte? Lindner: Das Wort stammt aus meiner Drei- königsrede 2010. Es hat danach ein Eigen- leben entwickelt, das den Inhalt ins Ge- genteil verkehrt hat. Mir geht es nicht um eine Sozialdemokratisierung der FDP, son- dern um gesellschaftliche Sensibilität und faire Chancen, damit Menschen in unserer Wettbewerbsgesellschaft etwas aus ihrem Leben machen können. Deshalb wird ja Bildung für die Freien Demokraten zum dritten Kernthema neben Marktwirtschaft und Bürgerrechten. SPIEGEL: Sie selbst haben gesagt, die FDP müsse wieder sympathischer werden. Lindner: Ist sie auch, aber nicht durch An- biederei. Aber sei’s drum. Wenn die FDP als Opposition im Bundestag jeden Tag in den Medien vorkäme, wären unsere Kon- turen schneller wieder klar. SPIEGEL: Die Medien sind wieder schuld? Lindner: Nein, ich liebe die Pressefreiheit, aber ich beschreibe die Realität. Der Bun- destag als Bühne ist nun einmal durch nichts zu ersetzen, zumindest wenn Sie nicht nur auf Tabubrüche setzen. Das wer- den wir nicht, denn wir wollen ja wieder mitgestalten. Und zwar stärker orientiert an der Marktwirtschaftsidee eines Otto Graf Lambsdorff … SPIEGEL: … also am kühlen Wirtschaftslibe- ralismus. Lindner: Für die Idee der Freiheit und Selbst- bestimmung zu brennen ist doch nicht

FOTO: CHRISTIAN THIEL/DER SPIEGEL

Deutschland

kühl. Es ist nichts Kühles daran, den Leu- ten zu sagen: Du kannst das! SPIEGEL: Das Leistungsorientierte dieser li- beralen Gedankenwelt kam den Leuten kalt oder gar herzlos vor. Dieses Image war eines der Probleme der FDP, oder? Lindner: Mir geht es nicht ums Image, son- dern um Grundsätzliches. Ich habe mich als junger Mann mit einer Werbeagentur ganz erfolgreich selbstständig gemacht und im Internetboom des Jahres 2000 dann ein Start-up gegründet. Mit Ende der New Economy war das schlagartig vor- bei. Von politischen Gegnern wird mir das bis heute vorgeworfen. Dieser Anwurf juckt mich nicht, aber wie wirkt das auf den Studenten, der das Risiko abwägt, eine Firma zu gründen? In Deutschland ziehen Sie Neid auf sich, wenn Sie ge- schäftlich erfolgreich sind, und Häme und Spott, wenn Sie scheitern. Kein Wunder, dass heute rund 30 Prozent der Hochschul- absolventen in den Öffentlichen Dienst wollen. Nichts gegen den Öffentlichen Dienst, aber ich wünsche mir eine Menta- lität der Anerkennung von Risikobereit- schaft und der zweiten Chance. SPIEGEL: Herr Lindner, wollen Sie eigentlich gemocht werden? Lindner: Ich will Respekt für die FDP. Wa- rum fragen Sie? SPIEGEL: Es klingt, als hätten Sie Angst vor dem Wort kühl … Lindner: … ein FDP-Vorsitzender hat heute per Definition vor gar nichts mehr Angst. Ich will einfach die gute alte FDP erneuern, die das frühere Spektrum von Otto Graf Lambsdorff bis Gerhart Baum in zeitge- mäßer Weise verbindet. Das ist unser An- gebot, und so ein Angebot schafft sich sei- ne Nachfrage. Genauso wie Steve Jobs nicht nach Marktforschung gefragt hat, sondern danach, welches Telefon er gern selbst hätte. Dann erfand er das iPhone. SPIEGEL: Gibt es die Milieus noch, die die gute alte FDP wählen würden? Lindner: Natürlich. Was glauben Sie, wie es ein Handwerksmeister findet, dass er we- gen der Mindestlohnbürokratie die Ar- beitszeiten in seinem Betrieb dokumentie- ren muss, obwohl jeder Beschäftigte mehr als Mindestlohn verdient? Wie finden es Facharbeiter, dass ihnen der Staat ohne Parlamentsbeschluss mit der kalten Pro- gression die Gehaltserhöhung wegnimmt? Oder wie finden Sie ein Rentenpaket, das die Jüngeren bis 2030 230 Milliarden Euro kostet? Wir stecken in einer rasant drehen- den Spirale staatlicher Eingriffe. Da muss Deutschland ausbrechen. Mag sein, dass die Menschen bei Umfragen oder Wahlen weiterhin für Merkel sind, aber sie sind es mit immer schlechterer Laune. SPIEGEL: Das nutzt Ihnen erst etwas, wenn diese Bürger zur FDP wechseln.

* Nikolaus Blome und Ralf Neukirch in Berlin.

Die Rumpf-Partei Bundesländer, in denen die FDP derzeit im Landtag vertreten ist Landtagswahlen 2015 2016
Die Rumpf-Partei
Bundesländer, in denen die FDP
derzeit im Landtag vertreten ist
Landtagswahlen
2015
2016
Schleswig-Holstein
Mecklenburg-
Vorpommern
Hamburg
Bremen
Brandenburg
Niedersachsen
Berlin
Sachsen-
Nordrhein-
Anhalt
Westfalen
Sachsen
Thüringen
Hessen
Rheinland-
Pfalz
Saarland
Bayern
Baden-
Württemberg

Lindner: Wir nehmen einen starken Zulauf an Unterstützern gerade aus dem Mittel- stand wahr. Das sind Leute, die sagen, uns fehlt etwas ohne Freie Demokraten. Un- sere Spitzenkandidatin in Bremen, Lencke Steiner, ist so jemand. Eine junge Fami- lienunternehmerin ohne Parteibuch. Wir haben uns für solche Persönlichkeiten von außen geöffnet, was vor ein paar Jahren noch kaum denkbar gewesen wäre. SPIEGEL: In Hamburg hat die FDP eine Spal- tung hinter sich und liegt bei zwei Prozent in den Umfragen zur Bürgerschaftswahl im Februar. Lindner: Eine Handvoll Mitglieder haben uns verlassen, aber die Verhältnisse muss- ten geklärt werden. Diese Phase ist abge- schlossen. Die FDP ist die Alternative zu Rot-Grün auf der einen und einer AfD auf der anderen Seite, die zum Großteil aus Ex-Mitgliedern der Schill-Partei besteht. SPIEGEL: Und diese Konstellation macht Sie zuversichtlich? Lindner: Ja. Ein paar Tausend Hamburger Wähler können den Kurs ihrer Stadt bestim- men. Wenn die Freien Demokraten dort schon das Comeback schaffen, ändert das das politische Klima in ganz Deutschland.

ändert das das politische Klima in ganz Deutschland. Lindner, SPIEGEL-Redakteure* „Ohne FDP kein

Lindner, SPIEGEL-Redakteure* „Ohne FDP kein Politikwechsel“

SPIEGEL: Der Dreh- und Angelpunkt für

Wahlerfolge in der jüngeren Vergangenheit war immer derselbe: Glaubwürdigkeit. Nach vier Jahren schwarz-gelber Koalition war die der FDP dahin.

Lindner: Das stimmt leider. In Wahrheit sind wir schon in den Koalitionsverhandlungen

2009 gescheitert. Nachdem wir ein Jahr-

zehnt lang die Neuordnung des Steuersys- tems gefordert hatten, hätten wir das Fi- nanzministerium übernehmen müssen. SPIEGEL: Und nun? Wie baut man in Ihrer Lage neue Glaubwürdigkeit auf? Lindner: Indem wir uns mit Klarheit und ohne Weichmacher zu unseren Überzeu- gungen bekennen, selbst wenn manche aufheulen: Der Soli muss weg, TTIP ist gut, die leistungslose Schule ein Irrweg, die USA sind unser Partner, Europa die Zukunft, und der Einzelne hat seine Chance verdient, bevor der Staat eingreift. So sind wir eben.

SPIEGEL: Klingt alles herrlich einfach … Lindner: … ist es aber nicht, wollten Sie sagen, stimmt’s? SPIEGEL: Stimmt es nicht? Lindner: Natürlich stimmt es. Unser Pro- blem ist die Mobilisierung. SPIEGEL: Die Bundeskanzlerin hat kürzlich auf dem CDU-Parteitag gesagt, die FDP sei ihr natürlicher Koalitionspartner. Lindner: Na ja, was folgt denn daraus? An- gela Merkel würde mit uns regieren, aber genauso gern auch mit den Grünen. Den entscheidenden Schritt muss die FDP also

selbst schaffen, das ist der von „Eigentlich brauchen wir die Liberalen“ hin zu „Ich wähle die jetzt“. Klar ist: Ohne FDP würde es 2017 keinen Politikwechsel geben. Bis

2017 wollen wir möglichst gut bei den

Landtagswahlen abschneiden, das ist doch klar. Aber strategisch ist alles auf den Wie- dereinzug in den Bundestag 2017 ausge- richtet. Das ist die Schicksalswahl. SPIEGEL: Ist die Marke FDP nicht schon jetzt unwiderruflich beschädigt? Lindner: Nein, das ist sie nicht. Es gibt nicht nur die Zeit von 2009 bis 2013, sondern auch eine große Tradition davor. Aus zahl- losen Gesprächen wissen wir, dass viele Bürger eine klare, kantige liberale Kraft im Parlament vermissen. SPIEGEL: Wirklich? Lindner: Ich rede nahezu jeden Tag bei einer großen Veranstaltung. Seit einigen Mona- ten fragt da keiner mehr, warum brauchen wir euch überhaupt noch? Da wird nur ge- fragt, wie schafft ihr es wieder in den Bun- destag? Wir müssen unseren Wählern ver- mitteln, dass die Wahl der Freien Demo- kraten eine Frage der inneren Einstellung und ein Statement ist. Und dass deshalb keine Stimme verloren geht. Dahin führt nur ein Weg: wenn wir anders sind und stolz darauf.

SPIEGEL: Herr Lindner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

FOTO: ZENSEN / CARO

Deutschland

Alle Macht den Gesten

Essay Die Große Koalition erfindet eine neue Politik. Symbole stehen nicht mehr für künftiges Handeln, sie sind bereits das ganze Handeln. Von Nikolaus Blome

E s ist gut 25 Jahre her, da stieg ein Mann im Taucheranzug in den Rhein und schwamm ein paar Minuten darin. Es war Klaus Töpfer, der Bundesumweltminister und damals

so etwas wie ein moderner Politiker auf einem modernen Poli- tikfeld. Der Rhein, das muss man wissen, war in den Achtziger- jahren nicht nur bei Mainz eine üble Brühe, voller giftiger Ab- wässer. Die Fische wurden immer weniger, und die Menschen durften an Baden eigentlich nicht denken, bestenfalls eben im Taucheranzug und nur für ein paar Minuten. Nachdem die Probleme lange ignoriert worden waren, wollten Töpfer und viele andere sie nachhaltig angehen. Darum machte der Minister Symbolpolitik und wurde heftig dafür kritisiert, der Begriff Symbolpolitik ist von jeher negativ besetzt. Aber es war gute Symbolpolitik, muss man hinzufügen, jedenfalls gemessen am Ergebnis. Der Rhein ist heute vergleichsweise fischreich und sauber. Die Umweltpolitik seit den Achtzigerjahren hat ihren Anteil daran.

Neuerdings wird vermehrt eine andere Symbolpolitik gemacht, und die ist schlecht. Der Unterschied wird erst beim genaueren Hinsehen deutlich, aber er hat große Bedeutung, wenn es um

die Frage geht, ob die Große Koalition gerade dabei ist, Teile ihrer Politik von, ja, Politik zu lösen, sie an vielen Stellen vom Konkreten zu entkernen. Gute Symbolpolitik öffnet Wege, hilft Mehrheiten zu bilden und befördert damit bestimmte Taten, seien es die einer Regie- rung, eines Politikers oder einer Partei. Schlechte Symbolpolitik lässt das Symbol die ganze Tat sein. Der Kniefall Willy Brandts vor dem Mahnmal des Warschauer Gettos war gute Symbolpolitik. Im Namen seines Volkes bat einer, der selbst ohne Schuld war, um die Vergebung einer Schuld. Allein die Geste hatte deshalb unerhörte Wucht, aber erst als Brandt die Taten seiner neuen deutschen Ostpolitik fol- gen ließ, fixierte sich das Bild im kollek- tiven Gedächtnis der Deutschen. Erst als aus der Geste etwas Konkretes wur- de, wurde aus dem Foto die Ikone. Ähnlich war es, als sich Helmut Kohl und François Mitterrand an den Händen fassten, 1984, an den Gräbern von Ver- dun. Da gab es die Aussöhnung der frü- heren Erbfeinde schon, aber weil deutsch-französische Großprojekte wie der Euro folgten, wuchs das Bild zum Sinnbild. Erinnert sich dagegen noch je- mand an die mindestens ebenso innige Geste des heutigen Bundespräsidenten, der im Jahr 2013 gemeinsam mit dem französischen Staatschef einen Überle- benden des SS-Massakers von Oradour in den Arm nahm? Aus diesem Symbol konnte nichts konkretes Politisches fol- gen, nicht zuletzt, weil der Bundesprä- sident keine politischen Zuständigkeiten hat, die ihm solche Taten erlauben wür- den. Ohne das Konkrete im Gefolge aber wird das politische Symbol blass

und blasser. Und vergeht.

Umgekehrt ist für die meisten Bürger ein Kanzler, der in Gum- mistiefeln durch Hochwasser stapft, nur dann keine Provokation, wenn rasch nach seinem Besuch auch das Geld kommt, um die Häuser zu reparieren oder die Deiche höher zu ziehen. Und spä- ter eine kluge Politik, die das übermäßige Begradigen von Fluss- läufen unterbindet. Ob überflutete Dörfer oder ein schmelzender Eisberg, was als Kulisse für Symbolpolitik herhält, muss hinterher auch etwas davon haben, sonst ist es um die Glaubwürdigkeit des Politikers schnell geschehen. So weit hat es die Bundeskanzlerin bislang nicht getrieben, weshalb sie enormes Vertrauen bei den Bürgern genießt. Nun aber posiert ihre Verteidigungsministerin vor Bundeswehrflug- zeugen, das Kabinett beschließt eine Placebo-Frauenquote, und die Familienministerin verfolgt den Plan, die Rechte von Kindern im Grundgesetz zu verankern. Man kann auch den Vorstoß für ein Burkaverbot hinzunehmen, die Pseudodebatte um den Abbau der kalten Progression oder die Idee, Ausländer zum Gebrauch der deutschen Sprache anzuhalten, auch wenn sie daheim im privaten Kreis sind. Es sind dies alles Gesten einer neuen, be- denklichen Form von Symbolpolitik.

F ür mehr Wehrhaftigkeit gegen Russland, für mehr Geschlech- tergerechtigkeit in Unternehmen, für mehr Rücksicht auf die Belange der Kinder, für all das kann man gute Argumente

ins Feld führen. Ebenso offen kann man erörtern, ob die gewählten Symbole angemessen sind, eine solche Politik jeweils einzuleiten und auf Dauer voranzutreiben: die vier deutschen Eurofighter für „Air Policing“ im Baltikum, das 30-Prozent-Quorum für Frauen in rund einhundert Unternehmen, der Artikel im Grundgesetz.

in rund einhundert Unternehmen, der Artikel im Grundgesetz. Kanzlerin Merkel, Ministerin Manuela Schwesig beim Empfang

Kanzlerin Merkel, Ministerin Manuela Schwesig beim Empfang weiblicher Führungskräfte 2014

FOTO: AKG

Nur eines kann man nicht ernsthaft bestreiten: Wer in die- se Richtungen jeweils wirklich will, darf es keinesfalls bei der ersten Geste, bei dem Symbol, belassen. Vier Eurofighter könn- ten nicht das Baltikum verteidi- gen, einhundert Firmen sind nicht die deutsche Wirtschaft, und ein Artikel im Grundgesetz steht auf geduldigem Papier. Es müsste etwas folgen: ein erhöh-

ter Wehretat zum Beispiel oder wenigstens die ernsthafte Debatte darum. Ein weiteres Gesetz, das die Frauenquote in Tausenden Firmen einführt, und zwar nicht nur im Aufsichtsrat, sondern auf den oberen Hierarchie- ebenen des Managements. Eine ganz andere, vielleicht noch kostspieligere Kinder- und Bildungsförderung. Nichts davon wird geschehen. Nicht in dieser Koalition. Nicht mit dieser Kanzlerin. Was man an Symbolen ausstellt, soll reichen. Es soll – für ein Symbol geradezu widersinnig – ausdrücklich kein Versprechen auf mehr sein. Das Thema gilt als erkannt und abgearbeitet, wie- wohl es nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert ist. Unter diesen Bedingungen muss niemand, erst recht nicht die harmoniebewusste Kanzlerin, den eigentlich fälligen Streit austragen. Darüber etwa, ob eine flächendeckende Frauenquote vielleicht doch männerdiskriminierender Schwachsinn ist, eine umfassende Aufrüstung Deutschlands ein geopolitischer Irrweg und die Lage von Kindern nichts, was sich am ehesten vor dem Karlsruher Verfassungsgericht verbessern ließe. Mit dem harm- losen Symbol können auch jene halbwegs leben, die allem Wei- tergehenden erbitterten Widerstand entgegensetzen würden. So wird Politik beendet, bevor sie die Verhältnisse ernsthaft ver- ändern kann. Aber genau dazu ist sie da. Für die Bundeskanzlerin bedeutet es eine bemerkenswerte Ver- änderung, sich auf diese Spielart von Politik einzulassen. Bislang war sie der Überzeugung, dass, wer regiert, nichts ankündigen dürfe, was er nicht alsbald auch zu „liefern“ in der Lage sei. Anders

So wird Politik beendet, bevor sie die Ver- hältnisse ernst- haft verändern kann. Aber dazu ist sie da.

eine Partei in der Opposition, die fordern könne, was sie mag, ohne dass der Wähler sie für die Erfüllung haftbar machen würde.

I hr Handeln und Reden nach diesem Grundsatz auszurichten ist eines der merkelschen Machtrezepte. Trotzdem ist die Kanzlerin in den drei genannten Punkten davon abgewichen.

Offenkundig nimmt sie ein wachsendes Bedürfnis des Publikums nach politischen Symbolen wahr und will ihm entsprechen. Dabei steckt dieses Bedürfnis auch in dem neuen Protest auf den Stra- ßen von Dresden und anderswo, den die Kanzlerin so scharf kri- tisiert hat. Angela Merkel wäre nicht Angela Merkel, wenn sie ihr neues Handeln nicht mit ihren alten Rezepten zu versöhnen versuchte. Heraus kommt jedoch schlechte Symbolpolitik, in der das Symbol und die Lieferung, nämlich das Handeln, ein und dasselbe Ding sind. Ein Taschenspielertrick ist das. Dabei ist die Macht der Großen Koalition so groß, dass sie die Kraft der Symbole nicht einmal nötig hätte. In allen Fällen handelt es sich um Themen, die eine Bundesregierung mit einer derart großen Parlamentsmehrheit auf wirksame Weise in die Hand nehmen könnte. Eine Macht aber, die etwas durchsetzen könnte, wenn sie nur wüsste, was und wofür, macht sich lächerlich, wenn sie sich auf Symbolhandlungen beschränkt. Viele Bürger scheinen den Unterschied gleichwohl nicht zu se- hen, oder er scheint sie nicht zu stören. Vermutlich sind diese Bürger vor allem darüber erleichtert, dass die Politik sie nicht mit allzu viel Politik behelligt. Und indem die Regierung ihnen

diesen Gefallen tut, nährt sie das Desinteresse daran weiter: Man gewöhnt die Bürger an den Gedanken, dass Politik folgenlos ist. Wenn man entsprechenden Umfragen Glauben schenkt, haben viele Wähler und Nichtwähler diesen Verdacht ohnehin, verbun- den mit der Unterstellung, die Regierenden gäben eh nicht viel auf die Meinung der Bürger. Beides steht im Zentrum der oft be- klagten Politikverdrossenheit. Mehr noch: Auf im Kern folgenlose Symbolpolitik zu setzen wird dazu beitragen, den Unterschied zwischen Regierung und Opposition zu verwischen. Auch das kann sich keine Demokratie wünschen, und schon gar nicht in Phasen, wo eine Große Koali- tion die Opposition durch die schiere Übermacht ihrer Mandats- mehrheit an den Rand der öffentlichen Wahrnehmbarkeit drückt. Bleibt die Frage, was im Lauf des Jah- res 2015 überwiegen wird: konkretes oder symbolisches Regierungshandeln. Einiges spricht dafür, dass es im Inland auf Letzteres hinauslaufen wird: Zu „80 Prozent“ sei der Koalitionsvertrag schon abgearbeitet, ließ Kanzleramtschef Peter Altmaier unlängst wissen. Was er für die restlichen drei Jahre der Regie- rung an schon beschlossenen Vorhaben skizzierte, blieb recht vage im Vergleich zu dem bereits Erledigten, dem Min- destlohn etwa oder der Rente mit 63. In früheren Jahren wurde viel vor ei- ner „Postdemokratie“ gewarnt. In ihr werden die demokratischen Verfahren nur noch zum Schein exerziert, derweil hinter den Kulissen die wirtschaftlichen Eliten ihre Interessen durchsetzen und sich dabei einer willfährigen, bestenfalls noch technokratisch orientierten Politik bedienen. So weit ist es in Deutschland bislang nicht gekommen. Aber wenn die neue Symbolpolitik der Großen Koali- tion weiter Raum greift, kommt es nicht

der Großen Koali - tion weiter Raum greift, kommt es nicht Kanzler Brandt vor dem Ehrenmal

Kanzler Brandt vor dem Ehrenmal des Warschauer Gettos 1970

besser, nur anders.

FOTO: PETER KNEFFEL / PICTURE ALLIANCE / DPA

Fragwürdige

Instrumente

Recht Gutachten für Familien- gerichte weisen oft eklatante Mängel auf. Gesetzliche Standards fehlen. Die Regierung greift das Thema auf – aber nur halbherzig.

M an kann der Sachverständigen für familienrechtliche Gutachten Bir- git Heyer nicht vorwerfen, dass

ihr der Mut zum klaren Urteil fehlte. In ei- nem Gutachten für das Amtsgericht Pan- kow-Weißensee schrieb die Diplom-Psy- chologin über eine Mutter, die Frau habe eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur mit Defiziten in der Impulskontrolle bei bestehendem Beziehungswahn. Außerdem gebe es eine erweiterte Suizidgefahr. Das heißt, die Mutter werde möglicherweise sich und ihr Kind umbringen. Auf dieser Grundlage entschied das Gericht vorläufig, das Kind von der Mutter zu trennen. Man kann Birgit Heyer aber vorwerfen, dass ihre Gutachten manchmal von man- gelndem Sachverstand zeugen. So warnte der sozialpsychiatrische Dienst des Be- zirksamts Berlin-Mitte, die Gesamtein- schätzung in Heyers Analyse sei „keines- falls nachvollziehbar“. Es gebe keine Hin- weise auf eine psychische Erkrankung der Mutter, die gesamte Einschätzung der El- tern-Kind-Beziehung sei nicht sauber be- legt. Dem Gericht empfahlen die Experten, Beschlüsse, die auf diesem Gutachten be- ruhten, kritisch zu überprüfen. Die Richter beschlossen daraufhin, das Kind vorerst der Mutter wieder zurückzugeben. Es war nicht das einzige Mal, dass Heyer als Gerichtssachverständige auffällig wurde. Das Oberlandesgericht (OLG) Braunschweig gab 2013 einem Befangenheitsantrag gegen Heyer statt, da sie in einem Gutachten fal- sche Angaben gemacht hatte und sich vor Gericht weigerte, Fragen zu beantworten. Eine Stellungnahme des angesehenen Gutachternetzwerks „Institut Gericht und Familie“ kam zu dem Ergebnis, ein weiteres Gutachten Heyers weise „einige derartig bedeutende Mängel, Fehler und rechtlich nicht einwandfreie Vorgehensweisen auf, die eine neue Begutachtung rechtfertigen“. Heyer hat reagiert, auf ihre Weise. Den Titel Psychotherapeutin entfernte sie von ihrer Homepage. Eine Beschwerde bei der Berliner Psychotherapeutenkammer hatte ergeben, dass sie dort kein Mitglied war. Womöglich durfte sie den Titel gar nicht tragen. Eine entsprechende Anfrage beant- wortet sie mit einem dreiseitigen Schrei-

Anfrage beant- wortet sie mit einem dreiseitigen Schrei- Gerichtssaal in München: Dringender Verbesserungs- und

Gerichtssaal in München: Dringender Verbesserungs- und Handlungsbedarf

ben, das entweder gar nicht oder nur in voller Länge zitiert werden darf. Trotzdem ist Heyer weiter als Sachver- ständige in Familienrechtsverfahren tätig. Sie ist ein Extrem-, aber kein Einzelfall. Experten beklagen seit Jahren, dass die Qualität der Gutachten in familienrecht- lichen Streitigkeiten zum Teil sehr schlecht sei – gerade wenn Kinder betroffen sind. Eine im Sommer veröffentlichte Untersu- chung der Fernuniversität Hagen fand viele, zum Teil gravierende Mängel in Gut- achten zu Sorgerechtsverfahren. Die Wis- senschaftler monierten „zahlreiche man- gelnde psychologische Fundierungen des gutachterlichen Vorgehens und den Ein- satz fragwürdiger Diagnoseinstrumente“. Dabei gibt es nur wenige zivilrechtliche Bereiche, die so tief in das Leben von Men- schen eingreifen wie das Familienrecht. „Angesichts der Tragweite der Aussagen in und Schlussfolgerungen aus einem fa- milienpsychologischen Gutachten wäre es zu erwarten, dass diese Gutachten beson- ders hohe methodische Standards aufwei- sen“, heißt es in der Hagener Studie. „Dies ist jedoch in der untersuchten Stichprobe bei einem erheblichen Teil der Gutachten nicht zu beobachten.“ Während in Deutschland die Frage, wer Autos untersuchen darf, im „Kraftfahrsach- verständigengesetz“ geregelt ist, gibt es für Gutachter in Kindschaftsfällen keine speziellen Vorgaben, nur die Grundregeln der Zivilprozessordnung. Die verlangt die- sen Gutachtern keinen spezifischen Studien- abschluss ab – nicht einmal Sachkenntnis. In Gerichtskreisen erzählt man sich gern die Geschichte vom Schornsteinfeger, der nach kurzer Weiterbildung Gutachten schrieb. Ob sie stimmt, ist unklar. Erlaubt wäre es. In der Praxis werden zwar die meisten Gutachten von Psycholo- gen erstellt. Allerdings befähigt ein Psycho- logiestudium nicht unbedingt dazu, die Be- ziehung zwischen Vater oder Mutter und Kind zu begutachten. Ob ein Sachverstän- diger sich auf Familien- oder auf Werbe-

psychologie spezialisiert hat, interessiert in der Gerichtspraxis offenbar wenig. Wer ein Wochenendseminar in familiärer Konflikt- lösung belegt hat, gilt als halber Experte. Auf dem Land sind Amtsrichter ohnehin froh, wenn sie Experten finden. Die schlechte Qualität der Gutachter ist fatal, weil sie so große Macht haben. Viele Richter verlassen sich weitgehend auf Sach- verständige, obwohl diese ihnen eigentlich nur eine Hilfe bei der Urteilsfindung sein sollten. „Richter dürfen sich Gutachten nicht ungeprüft zu eigen machen“, sagt Stefan Heilmann, Familienrichter am Ober- landesgericht Frankfurt am Main. „Der Ge- setzgeber setzt großes Vertrauen in ihre Urteilskraft, wenn es um die Qualität von Expertisen geht.“ Leider seien nicht alle Richter dafür hinreichend ausgebildet. „Derzeit schaffen Gutachten minderer Qualität noch zu oft Fakten.“ Bereits in den Achtzigerjahren ergab eine Umfrage der Universität Freiburg, dass Familienrichter den Empfehlungen ih- rer Sachverständigen meistens einfach fol- gen. Diesen Trend dürfte ein Beschluss des Bundesverfassungsgerichts von 1999 ver- stärkt haben. Damals schrieb Karlsruhe den Familienrichtern vor, sie dürften von fachpsychologischen Gutachten nur mit ei- ner eingehenden Begründung und dem „Nachweis eigener Sachkunde“ abweichen. Gerade diese Sachkunde fehlt jedoch oft, deshalb weichen viele Richter vorsichts- halber gar nicht erst ab. Das Oberlandesgericht München bekam im Herbst 2014 den Fall einer Mutter auf den Tisch, die ihre vier und sechs Jahre al- ten Kinder aufgrund eines Gutachtens hat- te ins Heim geben müssen. Ein vom Amts- gericht bestellter Sachverständiger hatte eine akute Kindeswohlgefährdung durch die Mutter attestiert. Die Richter der hö- heren Instanz wollten das Gutachten nicht selbst kassieren, sie beriefen eine Zweit- gutachterin. Als die promovierte Psycho- login die Arbeit ihres Kollegen las, sträub- ten sich ihr die Haare.

Stichpunktartig listet sie die gravierends- ten Mängel des Gutachtens auf:

‣ „viele Ausführungen sind inhaltlich nicht nachvollziehbar ‣ Zusammenfassung der Daten nicht nach- vollziehbar, sehr viele irrelevante Daten erhoben ‣ sprachlich nicht nachvollziehbar, wirr, unsachlich, zum Teil beleidigend ‣ Kinder wurden kaum mit einbezogen; null Diagnostik mit Kindern“. Noch dazu habe der Gutachter die Mut- ter „1,5 Jahre nicht gesehen“. Eine Ent- scheidung des Oberlandesgerichts steht noch aus, die Kinder sind seit über einem Jahr von ihrer Mutter getrennt. Im Koalitionsvertrag haben sich Union und SPD verpflichtet, endlich eine Lösung

Familienrichter werden. „Es wäre besser, diese menschlich wie juristisch komplizier- ten Fälle erfahrenen, speziell ausgebilde- ten Richtern zu überlassen“, fordert er. Stattdessen werden Richter in Crashkur- sen wie denen des „Instituts für Lösungs- orientierte Arbeit im Familienrecht“ in zwei Schulungstagen trainiert. Für das Thema „psychologische Gutachten“ sind 1,5 Stunden eingeplant, es folgt die Kaf- feepause, danach geht es noch flott für Eineinviertelstunden um „Herausnahme und Fremdunterbringung von Kindern“. Immerhin ist die Politik seit der Hagener Studie sensibilisiert. Im Bundesjustizminis- terium diskutierte am 8. Juli 2014 eine ver- trauliche Runde über die Qualitätsmängel vieler Gutachten. Neben Experten aus

Deutschland

seit Jahrzehnten.“ Schon 1979 habe der Familiengerichtstag das Thema diskutiert, seither sei es siebenmal auf der Tagesord- nung gewesen – auch 2015 wieder. Willutzki hält dennoch wenig davon, dass der Gesetzgeber selbst Qualitätsstan- dards festlegt. Für ein allgemeines Gesetz sei die Welt der Kindschaftsfälle zu viel- seitig. Mal streiten Eltern miteinander, mal mit dem Jugendamt. Die Themen reichen von Rechtsmedizin über Psychotherapie und Religion bis zu finanziellen Fragen. „Angesichts der großen Bandbreite von Fragen in kindschaftsrechtlichen Verfahren wird ein Handeln des Gesetzgebers im Be- reich des Gutachterwesens Eltern und Kin- dern nicht unbedingt helfen“, sagt auch OLG-Richter Stefan Heilmann.

zu finden. Das dürfte nicht leicht werden, weil sie an zwei Stellen ansetzen müssten – bei den Sachverständigen und bei der Justiz. Eine Lösung könnte sein, Richter ähn- lich wie Fachanwälte zu Fortbildungen zu verpflichten. Doch die verschanzen sich gern hinter dem Grundsatz richterlicher Unabhängigkeit. Ob dieser die Richter frei- lich auch vor dem Erwerb neuer Kennt- nisse schützen soll, ist zweifelhaft. Das Justizministerium Nordrhein-Westfalen je- denfalls plant vorsorglich nur „Fortbil- dungsangebote“ für Familienrichter. Dabei wäre eine bessere Qualifizierung der Richter ein wesentlicher Schritt, um die Schäden durch schlechte Gutachter zu reduzieren. „Regelmäßige, obligatorische Fortbildungen für die Richter halte ich für unverzichtbar“, sagt der Gründer und langjährige Vorsitzende des Deutschen Familiengerichtstags, Siegfried Willutzki. Schon junge, unerfahrene Juristen könnten

dem Referat Familiengerichtliches Verfah- ren hatten sich Vertreter der Anwälte, Rich- terschaft und Psychologen eingefunden. Einig waren sich die Anwesenden, „dass dringender Verbesserungs- und Handlungs- bedarf bestehe“, wie es in einem Ge- sprächsprotokoll heißt. Doch vorerst wird es keine gesetzliche Regelung geben.

Stattdessen sollen die Berufsverbände

Regelung geben. Stattdessen sollen die Berufsverbände Qualitätsstandards für Gutachter entwi- Es ist also nicht

Qualitätsstandards für Gutachter entwi-

Berufsverbände Qualitätsstandards für Gutachter entwi- Es ist also nicht ausgeschlossen, dass auf absehbare Zeit

Es ist also nicht ausgeschlossen, dass auf

absehbare Zeit nichts geschieht. Manche

dass auf absehbare Zeit nichts geschieht. Manche Gutachter selbst halten die Debatte über ihre Zunft ohnehin

Gutachter selbst halten die Debatte über

ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist

über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht
über ihre Zunft ohnehin für übertrieben. „Es ist ein Hype im Gange, der unserer Arbeit nicht

ein Hype im Gange, der unserer Arbeit

nicht gerecht wird“, sagt Rechtspsychologe

Harry Dettenborn, bis 2004 Inhaber eines

Lehrstuhls an der Humboldt-Universität

zu Berlin. „Von Einzelfällen wird auf

zu Berlin. „Von Einzelfällen wird auf

zu Berlin. „Von Einzelfällen wird auf den ganzen Berufsstand geschlos- ckeln. Die gibt es freilich

den ganzen Berufsstand geschlos-

Einzelfällen wird auf den ganzen Berufsstand geschlos- ckeln. Die gibt es freilich in Ansätzen sen.“ Doch

ckeln. Die gibt es freilich in Ansätzen

sen.“ Doch sogar er schätzt, dass jedes zehnte Gutachten schlecht sein dürfte. Melanie Amann, Ralf
sen.“ Doch sogar er schätzt, dass
jedes
zehnte
Gutachten
schlecht sein dürfte.
Melanie Amann,
Ralf Neukirch
Ab 10. Januar
durchwachsener
besteht
erscheint der SPIEGEL
immer samstags!

schon: Sachverständige können den Titel

„Fachpsychologe für die Rechtspsycholo-

gie“ erwerben. Und der Berufsverband

Deutscher Psychologinnen und Psycholo-

gen gibt Richtlinien für die Erstellung von

Gerichtsgutachten heraus. Nur muss sich

niemand daran halten. „Diese Standards

hätte man schon längst für verbindlich er-

klären können“, sagt Jurist Willutzki.

„Das Problem

Gutachtenqualität

FOTO: YOUTUBE

bilder war natürlich militärisch – aber nicht so schroff, wie man es aus den Filmen kennt. Wir waren ja alle freiwillig da. Geschlafen haben wir in Häusern, nur mit Decken auf dem Boden, und oft unter freiem Himmel. Es war damals noch un- glaublich heiß in Syrien. Wenn ich nicht so erschöpft war, dass ich sofort eingeschla- fen bin, habe ich in die Sterne geschaut und an meine Mutter gedacht. Und an das, was wohl kommen würde. Und manchmal an den Tod. Man muss den Tod vor Augen haben, wenn man in den Krieg zieht. Mit meinen Kameraden sprach ich hauptsächlich über ihre Familien und die Länder, aus denen sie kamen. Wie es den Kurden dort geht, über Straßenschlachten, wie die Polizei sich so verhält. Angst hatte niemand von uns, glaube ich. Wir alle nann- ten uns nur bei unserem Kampfnamen, die richtigen Namen kannten wir nicht. So eine militärische Basisausbildung dauert normalerweise ein bis zwei Monate, je nachdem, wie dringend Kämpfer benö- tigt werden. Damals brauchten die Kurden unbedingt Kämpfer, der IS war überall auf dem Vormarsch. Nach einem Monat ka- men Autos, die uns abholten. Es gab eine kleine Zeremonie, wir umarmten uns, und jemand filmte mit einer Videokamera. „Der da ist aus Deutschland, der soll auch was sagen“, rief einer. Ich stammelte etwas davon, dass alle kommen sollten, um uns zu helfen. Ich rief meine Mutter an, um ihr zu sagen, wo ich bin. Zunächst wurde ich an einem ruhigeren Teil der Front eingesetzt, an einem Posten zum Schutz des Korridors zwischen Koba- ne und Sindschar im Irak. Ich bekam eine Kalaschnikow, die ich dann immer bei mir hatte, ich nahm sie mit aufs Klo und mit unter die Dusche. Von unserem Posten aus konnten wir die IS-Kämpfer mit dem Fern- glas sehen. Manchmal fuhren sie auf uns zu, und wir schossen auf sie. Dann drehten sie meistens ab. Einmal sah ich, wie ein

„Ich habe getötet“

Kriege Ein 21-Jähriger aus dem Ruhrgebiet schloss sich in Syrien kurdischen Einheiten an – und landete im Häuserkampf um Kobane.

Der Warteraum der Anwaltskanzlei füllt sich, doch das ist BariŞ Yeşil an diesem Tag egal. „Sag ihnen, dass es um die kurdische Sache geht“, ruft der Anwalt einer Mitarbeiterin zu. In seinem Büro sitzt ein 21-Jähriger im Kapu- zenpulli. Der junge Mann aus dem Ruhrgebiet war im Krieg, er hat in Syrien gekämpft: auf- seiten der YPG, einer Schwesterorganisation der PKK, gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS). Im Oktober hatte der SPIEGEL da- von erfahren und die Mutter gebeten, ein Ge- spräch zu vermitteln, nun ist der Sohn zurück und will berichten. Vermutlich geht es ihm auch darum, das Image der PKK zu verbes- sern: Die kurdische Arbeiterpartei, in Deutsch- land als terroristische Vereinigung eingestuft und verboten, macht, was vielen westlichen Staaten schwerfällt – den Kampf mit der IS- Miliz aufzunehmen. D. hat weiche Gesichts- züge, sein Oberlippenbart ist kurz getrimmt, im schwarzen Schopf schimmern erste graue Haare. „Super“ sei es gewesen in Syrien, sagt er. Sein Anwalt beteuert: „Strafrechtlich hat er sich nichts vorzuwerfen.“ Der syrische Ab- leger der PKK sei in Deutschland schließlich nicht verboten. Dann fängt D. an zu erzählen, er redet fast drei Stunden lang. Was er sagt, klingt plausibel, überprüfen lässt sich nicht alles. Hier ist seine Geschichte:

I ch hatte über Monate beobachtet, was in Syrien passiert, und diese Videos des IS gesehen. Die schrecklichen Bilder

von Enthauptungen und Erschießungen im Irak und in Syrien. Ich muss etwas tun, sagte ich mir. Denn Kurdistan ist meine Heimat, obwohl ich in Deutschland gebo- ren bin. Meine Eltern stammen von da, fast alle meine Verwandten leben dort. Na- türlich habe ich schon an Kurden-Demons- trationen teilgenommen, es geht ja um un- sere Sache. Ich bin ein PKK-Sympathisant, so kann man das sagen. Meiner Mutter habe ich erzählt, ich wür- de einen Monat Urlaub machen. Dann bin ich aufgebrochen, das war im Juni. Ich hatte Angst, an einem deutschen Flughafen nicht ausreisen zu dürfen. Deshalb bin ich mit dem Zug nach Amsterdam gefahren und mit einem One-Way-Ticket nach Arbil im Nordirak geflogen. Mit Kleinbussen und Sammeltaxen ging es weiter an die Grenze. Ich hatte nicht viel Geld dabei, also schlief ich auf der Fahrt oder draußen. Ich habe mich an einem Grenzübergang gemeldet, den die kurdischen Peschmerga bewachten, denn ich wollte legal einreisen.

Sie fragten, was ich in Syrien wolle, und ich habe gesagt: mich den Kämpfern der YPG anschließen. Das ist der syrische Arm der PKK. „Die Grenze ist zu, nur Hilfs- konvois und Flüchtlinge kommen durch“, sagten sie (Peschmerga und PKK koope- rieren nur in Ausnahmefällen Red.). Einen Tag später habe ich einen Mann gefunden, der mich und sechs andere mit seinem Schlauchboot über den Tigris brin- gen wollte. Der Fluss fließt dort sehr schnell, es gibt Stromschnellen und Felsen, es ist ganz schön gefährlich. Drei von uns konnten nicht schwimmen, und wir hatten nur eine Rettungsweste dabei. Neben dem Bootsmann musste immer einer von uns mitrudern. Das war extrem anstrengend. In Syrien fragten wir nach dem nächsten YPG-Stützpunkt. Dort bekamen wir Essen und trockene Kleider. Der Empfang war herzlich, und wir konnten uns einen Tag lang ausruhen. Danach brachte man mich in ein Ausbildungslager. Das war nötig: Ich wollte ja kämpfen, hatte aber noch nie eine Waffe in der Hand gehabt. In dem Camp trafen sich Kurden aus vielen Ländern: aus Deutschland, Frank- reich, dem Libanon. Wir wurden morgens um vier Uhr geweckt, der Tag begann mit zwei Stunden Sport. Danach gab es Früh- stück und dann zwei Stunden Unterricht, manchmal militärischen, oft ideologischen; man muss schließlich wissen, wofür man kämpft. Dann Schießtraining und ziemlich viel Drill, zum Beispiel unter Feuer auf den Ellenbogen robben. Der Ton der Aus-

unter Feuer auf den Ellenbogen robben. Der Ton der Aus- Kurdische Ausbilder, Kämpfer in Syrien: „Ich

Kurdische Ausbilder, Kämpfer in Syrien: „Ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand gehabt“

FOTO: DER SPIEGEL

FOTO: DER SPIEGEL PKK-Sympathisant D.: „Ich schoss noch mehrere Male, dann fiel er hin“ Auto mit

PKK-Sympathisant D.: „Ich schoss noch mehrere Male, dann fiel er hin“

Auto mit hoher Geschwindigkeit auf einen unserer Posten zukam. Die Freunde feu- erten auf den Wagen, plötzlich gab es eine gewaltige Explosion. Wahrscheinlich wa- ren es Selbstmordattentäter. Eines Tages kamen Männer und fragten mich, ob ich bei der Verteidigung von Ko- bane helfen wolle. Ich kann nicht genau sagen, wann das war. Wir rechneten da nur noch in Tagen des Widerstands, der Beginn der Belagerung Kobanes durch den IS war der erste Tag. Am 14. Tag des Wi- derstands kam ich in Kobane an. Ich traf dort einen Jungen aus Heilbronn. Später hörte ich, dass er gefallen sei. Meine Aufgabe sollte es sein, zusammen mit zehn anderen in den Häuserkampf mit dem IS zu gehen. Wir verschanzten uns in verlassenen Häusern. Je nachdem, wie es gerade so lief, waren die Kämpfer des IS zwischen 20 und 50 Meter entfernt. Strom und fließendes Wasser gab es nicht mehr. Wir ernährten uns von dem, was die ge- flohenen Familien zurückgelassen hatten. Tag und Nacht hörten wir die Schreie der IS-Kämpfer: „Allahu akbar!“ – Gott ist groß! Dazu ständig Gefechtslärm: Maschi- nengewehre, Mörser, Bomben. Die amerikanischen Bombardements des IS begannen ungefähr am 17. Tag des

Widerstands. Noch bevor es donnerte und knallte, gab es unglaublich helles Licht, überall. So hell, dass wir uns fürchteten, auf den Dächern zum Ziel der IS-Scharf- schützen zu werden, vor denen man uns immer gewarnt hatte. Drinnen im Haus wackelte dann alles, die Druckwellen lie- ßen den Putz von der Decke fallen, Le- bensmittel fielen aus den Regalen. Aber die Bombardements halfen, auch wenn wir manchmal fürchteten, sie würden uns er- wischen – so nahe waren wir dem IS. In diesen Tagen habe ich getötet. Ich erinnere mich genau an das erste Mal. Ei- ner der IS-Kämpfer wollte um eine Ecke herum vorrücken, ich traf seine Beine. Er sank auf die Knie, vielleicht um noch ein- mal zu beten. Ich schoss noch mehrere Male, dann fiel er hin und blieb liegen. Gespürt habe ich nichts. Das sind schließ- lich Teufel, keine Menschen. „Daisch“, so nannten wir sie. Für uns war es nur ein anderes Wort für Teufel. Ihre Gefallenen ließen die Daisch meis- tens einfach liegen. Wenn die Leichen zu sehr stanken, versuchten unsere Leute, sie zu bergen und zu begraben. Kamen die IS-Leute doch mal, um ihre Toten zu holen, schichteten sie die Leichen manchmal wie Sandsäcke. Oder sie legten sie auf einen

Deutschland

Haufen, gossen Benzin darüber und zün- deten sie an. Manchmal wunderte ich mich, wie schlecht die IS-Leute ausgebildet waren. Sie hatten ihre Kalaschnikow meistens auf Automatik gestellt, feuerten das ganze Magazin leer. Oft stürmten sie in kleinen Gruppen heran, nur einer von ihnen war wohl militärisch geschult. Trafen wir den, rannten die anderen weg. „Ihr seid die Un- gläubigen“, riefen wir manchmal hinüber, um sie zu provozieren. Dann kamen sie laut brüllend an und waren leichte Ziele. Ich weiß nicht, ob sie Drogen nahmen, an- ders kann ich es mir nicht erklären. Trotzdem hatten wir alle eine letzte Kugel bei uns. Denn nichts ist schlimmer, als in die Hände der Daisch zu fallen. Ka- meraden haben mir erzählt, sie hätten Lei- chen mit gespaltenem Kopf gesehen, de- nen Salz aufs Gehirn gestreut worden war. Ich selbst habe einen Mann in einer Jau- chegrube gefunden, dem hatten sie am gan- zen Körper mit einer Rasierklinge die Haut eingeritzt. Wahrscheinlich hatten sie ihn lebend da hineingeworfen. Ja, ich hätte meine letzte Kugel benutzt. Und hätte gewusst, wofür ich gestorben wäre. Eines Tages umstellten 17 IS-Kämpfer das Haus, in dem wir uns verschanzten. Zwei konnten wir schwer verwunden. Über Funk hörten wir, was ihr Anführer mit seinem Kommandeur besprach:

Anführer: „Ich brauche einen Kranken- wagen, Munition und Verstärkung.“ Kommandant: „Es gibt keinen Kranken- wagen und keine Verstärkung.“ Anführer: „Dann müssen wir uns zu- rückziehen.“ Kommandant: „Wenn ihr zurückkommt, schneide ich euch den Kopf ab.“ Sie zogen trotzdem ab. Keine Ahnung, was mit ihnen passiert ist. Das war gegen Ende meiner Zeit in Kobane. Obwohl ich noch so jung bin, habe ich seit zwölf Jah- ren Rheuma. Dort wurde es schlimmer, dieses ganze Knien, immer in der Hocke verharren, das ging irgendwann nur noch schlecht. Ich wurde zu einem Risiko für die Freunde, weil ich sie nicht mehr so gut verteidigen konnte. Das war allen klar, auch mir. Ich habe mit meinem Komman- deur darüber gesprochen, und er hat mich nach Hause geschickt. Das war am 30. oder 31. Tag des Widerstands. Über Wege der Freunde gelangte ich aus Kobane hinaus, dann ging es zurück auf derselben Route, auf der ich gekommen war. Nun bin ich seit ein paar Tagen wieder hier. Einer meiner besten Freunde ist in Kobane gestorben. Ich glaube, ich habe mir noch gar nicht bewusst gemacht, was das bedeutet. Aber ich kann mir vorstellen, dass ich wieder in die Gegend fahre. Wenn es sein soll und ich es schaffe, dann auch, um zu kämpfen.

Aufgezeichnet von Fidelius Schmid

FOTO: TOBIAS HASE / PICTURE ALLIANCE / DPA

Hauptsache, es grünt

Klima Dämmplatten, Dach- pflanzen, Fahrradständer: Baden- Württemberg legt Hausbesitzern neue Ökopflichten auf. Was die Umwelt davon hat, ist fraglich.

A ls Baden-Württembergs grüner Um- weltminister Franz Untersteller vor einigen Jahren eine Doppelhaus-

hälfte in Nürtingen bei Stuttgart bezog, ließ er gleich die Handwerker kommen. Die alten Fenster wurden gegen neue aus- getauscht, die Heizanlage modernisiert und die Fassade mit Dämmstoff beklebt. Untersteller sagt, dass sich die Investitio- nen gelohnt hätten, zumal im Vergleich zu seinem Nachbarn: In dessen unsanierter Haushälfte sei der Energieverbrauch fast doppelt so hoch wie in seiner. Lohnt sich Dämmen? Die Nachbarn wer- den es womöglich bald herausfinden, denn

Arbeiter bei Gebäudeisolierung
Arbeiter bei Gebäudeisolierung

Untersteller will den Dämmmuffeln in sei- ner Heimat Beine machen. Baden-Würt- temberg soll das Bundesland mit den strengsten Umweltvorschriften für Haus- besitzer werden: ein Musterländle für öko- logisch korrekten Immobilienbesitz, ein Vorbild für ganz Deutschland. „Wenn wir unsere Klimaschutzziele erfüllen wollen,

dann müssen wir an den Gebäudebestand ran“, so Untersteller. Sein Entwurf für eine Gesetzesnovelle sieht vor, dass Haus- und Wohnungsbesitzer neue Heizungsanlagen nur noch dann einbauen dürfen, wenn diese mindestens 15 Prozent Ökoenergie nutzen, also zum Bei- spiel Solarthermie oder Erdwärme. Bislang

reichten 10 Prozent. Wer die 15 Prozent nicht schafft, muss sich ökologische Ersatz- leistungen einfallen lassen, etwa eine Dämm- schicht für die Kellerdecke oder die Außen- wände. Immerhin ein Drittel der Auflage kann ein sogenannter Sanierungsfahrplan ausgleichen, der Immobilienbesitzer laut Untersteller auf mögliche Einsparpotenziale aufmerksam machen soll. Sozusagen frei- willig: „Wir zwingen die Leute nicht nur, wir bieten auch Beratung und Förderung an.“ In der Realität jedoch werden sich Un- terstellers Vorgaben ohne Wärmeisolie- rung kaum erreichen lassen. Faktisch läuft der Gesetzesplan für viele Hausbesitzer auf eine Dämmpflicht hinaus, auch wenn sie eigentlich nur die Heizung modernisie- ren wollten. Die Frage ist, ob der Dämmplan wirk- lich der Umwelt nutzt – oder ob es sich um leere Ökosymbolik handelt. Kritiker wenden ein, dass die kostspieligen Um- weltauflagen viele Hausbesitzer davon ab- halten könnten, ihre Immobilie zu sanie- ren. Unterm Strich würde demnach sogar weniger für den Klimaschutz getan als bei weniger strengen Vorgaben. Tatsächlich zeichnet sich in Baden-Würt- temberg schon länger eine unerfreuliche Entwicklung ab. Ausgerechnet hier im Süd-

westen Deutschlands, wo das Bausparen, die Kehrwoche und das Wort „Häuslebau- er“ miterfunden wurden, halten sich die Bürger beim Aus- und Umbau merklich zurück. Die Sanierungsquote liegt unter dem Bundesschnitt. Handwerksverbände sprechen von einem „Sanierungsstau“ und beklagen maue Umsätze. Dazu hat auch ein Gesetz von Unterstellers CDU-Amts- vorgängerin Tanja Gönner beigetragen, die Anfang 2008 erstmals schärfere Energie- sparregeln in Kraft setzte und damit viele Hausbesitzer verschreckte. Die Landesregierung unter dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretsch- mann ist dennoch entschlossen, ihren Kurs der Zwangsbegrünung Baden-Würt- tembergs fortzusetzen. Wer ein Haus baut, muss laut neuer Landesbauordnung in der Regel auch mehrere Stellplätze für Fahrräder errichten, und zwar „wetterge- schützt“, wie es heißt, sonst gibt es keine Genehmigung. Die Kosten taxiert das zu- ständige Infrastrukturministerium auf etwa 400 Euro pro Stellplatz, der Immo- bilienbesitzerverein Haus & Grund geht freilich eher vom Drei- bis Vierfachen aus. Jedes neue Haus soll außerdem begrünt werden, damit es einen, wenngleich be- scheidenen, Zusatzbeitrag zu einer mög-

Deutschland

lichst klimaschonenden CO ² -Bilanz leistet. Den Besitzern der Immobilie bleibt im- merhin freigestellt, ob sie lieber einen Dachgarten anlegen oder die Fassade mit Efeu beranken: Hauptsache, es grünt. Wer indes einen Garten besitzt, wird ermuntert, dort ein Kleinwindrad aufzustellen. Ob es dem Nachbarn passt oder nicht, spielt nach dem Willen der Landesregierung künftig keine entscheidende Rolle mehr. Die Hauptleidtragenden könnten die Mieter sein. Für sie zählen Stuttgart, Frei- burg oder Tübingen schon heute zu den teuersten Städten Deutschlands. Jede neue Vorschrift, die den Bau oder die Sanierung von Wohnraum erschwert, lässt die Mieten weiter steigen. Mieterschutzvereine for- dern deshalb bereits, die Umlage von Sa- nierungskosten auf die Hausbewohner zu begrenzen, damit nicht noch mehr Gering- verdiener und Rentner aus ihrer Wohnung vertrieben werden. Umweltminister Untersteller indes ver- langt von den Mietern etwas mehr Geduld. „Eine Haussanierung rechnet sich natürlich nicht von heute auf morgen. Wir reden hier über Investitionen für 30 bis 40 Jahre“, so der Grünen-Politiker: „Sie müssen eine mittelfristige Perspektive haben.“

Alexander Neubacher

FOTO: MARIA FECK/DER SPIEGEL

Finger im Schnee

Kläger Dietrich im Landgericht Hamburg

Justiz Ein Versicherungsvertreter hat angeblich versucht, mehrere Versicherungen zu betrügen – indem er sich Daumen und Zeigefinger absägte. Von Bruno Schrep

S eit vielen Jahren verteidigt er Ange- klagte, denen schwere Verbrechen vorgeworfen werden: Raub, Verge-

waltigung, schwere Körperverletzung, auch Mord. Rechtsanwalt Jürgen Meyer aus Verden glaubt inzwischen, Lüge und Wahrheit auseinanderhalten zu können. Öfter mal bestreiten seine Klienten vor Gericht jeglichen Vorwurf, längst nicht al- len nimmt der Anwalt das ab. Noch nie in seiner Laufbahn, sagt Meyer, sei er jedoch so von der Unschuld eines Mandanten überzeugt gewesen wie im Fall des Versi- cherungsvertreters Ralf Dietrich: „Für den lege ich meine Hand ins Feuer, der hat nie und nimmer etwas Unrechtes getan.“ Mit dieser Überzeugung steht der An- walt ziemlich allein da, jedenfalls bisher. Viele, die mit einem mysteriösen Unfall dieses Mannes befasst sind, Juristen, Me- diziner, Versicherungsexperten, kommen zu einem anderen Resultat. Für sie ist Ralf Dietrich ein Betrüger. Passiert ist im schleswig-holsteinischen Henstedt-Ulzburg Folgendes: Am 11. Fe-

bruar 2010 geriet Versicherungsagent Die- trich im Keller seines Reihenhauses mit der linken Hand in eine Tischkreissäge. Der Daumen und der Zeigefinger wurden abgetrennt. Seitdem tobt auf mehreren juristischen Ebenen ein Streit um die Frage, ob es sich um einen Unfall handelte oder um eine raffiniert eingefädelte Selbstverstümme- lung. Es geht um viel Geld, um den Ruf eines Einzelnen und um die Glaubwürdig- keit mehrerer namhafter Assekuranzen. Und es geht um die Effektivität eines Jus- tizapparats, der es auch nach über vier Jahren nicht fertiggebracht hat, zu rechts- kräftigen Ergebnissen zu kommen. Zwei Urteile sind bislang gefällt worden. Ein Schöffengericht verurteilte den Kauf- mann Anfang November wegen versuch- ten Betrugs zu einem Jahr und zehn Mo- naten Freiheitsentzug auf Bewährung, eine Kieler Zivilkammer wies nur Tage später seine Klage gegen die Generali-Versiche- rung auf Zahlung einer hohen Schadens- summe ab. Gegen beide Entscheidungen

legte Ralf Dietrich Berufung ein. Insgesamt vier Verfahren sind derzeit anhängig: zwei beim Hamburger Landgericht, eines beim Landgericht Kiel, ein weiteres beim Ober- landesgericht Schleswig. Hamburger Justizgebäude, Saal 272:

Ralf Dietrich sitzt erwartungsvoll vor der 6. Zivilkammer. Der 50-Jährige – kurz ge- schnittene graue Haare, braun gebranntes rundes Gesicht – hat die Heidelberger Ja- nitos-Versicherung und den Gerling-Kon- zern verklagt, möchte wenigstens von diesen Gesellschaften Geld erhalten. Wie unter Zwang umklammert er mit seiner rechten Hand die linke – jene Hand, der zwei Finger fehlen. Ralf Dietrich kann seine Anspannung nur schwer verbergen. Die Verurteilung im Strafprozess spielt vor dem Zivilgericht keine Rolle, alles wird neu aufgerollt, neu bewertet. Es gibt eine zweite Chance – und die will Dietrich nutzen. Er hat mit seinem Anwalt Maximilian Wittig, der ihn in den Zivilverfahren vertritt, neue Beweisanträ- ge formuliert, neue Zeugen benannt, nun

Deutschland

rutscht er ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, kann den Beginn der Verhand- lung kaum erwarten. Hier und jetzt will er den Richter von seiner Version über- zeugen. Es ist die Version vom unbescholtenen Kaufmann, der eine Tischkreissäge im Son- derangebot kauft, um sich ein großes Re- klameschild für seine neue Agentur zu schreinern. Handwerkern kann er; er hat Installateur gelernt, später als Fliesenleger gejobbt, ist dann in die Versicherungsbran- che gewechselt. Seine Ausbildung beim Gerling-Konzern hat er gerade erst abge- schlossen, für den Sprung in die Selbst- ständigkeit hat ihm das Unternehmen eine Kartei mit 500 Kunden anvertraut. Nach seiner Darstellung läuft beim ers- ten Test mit der Säge – er will ein paar Kanthölzer zerkleinern – alles schief. Als er kurz den Raum verlässt, springt der grö- ßere seiner beiden Hunde, Lizzy, zur lau- fenden Säge hoch, um sich ein Stück Holz zu schnappen. Dietrich: „Ich lief hin und wollte ihn wegziehen. Dabei bin ich mei- nem anderen Hund auf den Schwanz ge- treten. Er sprang jaulend hoch, und ich stolperte, wollte mich wohl am Tisch der Säge abstützen.“ Was danach geschah – keine Ahnung. Blackout. Die Erinnerung setzte erst später wieder ein, „als ich in der Küche stand und mir ein Geschirrtuch um die blutende linke Hand wickelte“. Weil ein Kran- kenhaus in der Nähe liege, habe er seine abgetrennten Finger in das Handtuch gepackt, sich in sein Auto gesetzt und sei trotz Straßenglätte und Schneegestö- bers zur Notaufnahme gefahren. Für alles, was danach ge- schieht, gibt es Zeugen. Der Ver- letzte wird zwecks Operation in eine andere Klinik geschafft, die Finger sollen schleunigst ange- näht werden. Doch Daumen und Zeigefinger sind verschwunden. Er habe sie wohl in der Auf- regung verloren, sagt Dietrich. Krankenschwestern und Polizis- ten, die rund um die Klinik und

an Dietrichs Wohnhaus hektisch im Neuschnee suchen, finden die Finger nicht. Es bleibt nichts an- deres übrig, als die Wunden zu schließen. Zurück bleiben zwei Stümpfe. Als Dietrichs Ehefrau die Fin- ger zehn Tage später beim Schneeschippen in der Garagen- einfahrt entdeckt, ist es längst zu spät. Die Frau erleidet einen Schwächeanfall, muss von einem Notarzt versorgt werden; die Kör- perteile landen in der Pathologie. Kurz nach seiner Klinikentlas- sung – die stationäre Behandlung

dauerte nur drei Tage – meldet Dietrich den Schaden. Erste Zweifel kommen auf. Denn es stellt sich heraus: Wenige Wochen zuvor hat er vier Unfallversicherungen ab- geschlossen. Nicht nur bei seinem Ausbil- dungsbetrieb HDI-Gerling, sondern auch bei der Hamburger Grundeigentümerver- sicherung, der Münchner Generali und der Heidelberger Janitos. Jährliche Kosten:

rund 1800 Euro. In allen Verträgen sicherte sich Dietrich hoch gegen den Verlust von Fingern ab, buchte jeweils die sogenannte Gliedertaxe. Bei der Janitos-Versicherung etwa ent- schied er sich für das Sonderangebot „Best Selection Gliedertaxe Hand“; eine Varian- te, die beim Verlust von Daumen und Zei- gefinger knapp eine Million Euro bringt. Die Verträge versprechen Dietrich, wenn er bei einem Unfall die beiden Finger ver- liert, mindestens 1,4 Millionen Euro. Das kann nur Schmu sein, folgern die Sachbearbeiter der betroffenen Assekuran- zen. Es wäre kein Einzelfall: Der jährliche Schaden durch Versicherungsbetrug wird auf rund vier Milliarden Euro geschätzt, die Dunkelziffer sei, vermutet ein Sprecher der deutschen Versicherungswirtschaft, weitaus höher. Zur Abwehr von Tricksern und Täuschern beschäftigen die Gesell- schaften ein Heer von Juristen und ande- ren Spezialisten, die jede Meldung eines hohen Schadens akribisch prüfen.

Die Versicherungen verweigern Ralf Dietrich jede Zahlung. Er wird vielmehr wegen Betrugs angezeigt – und geht dann seinerseits gegen die Versicherungen vor. So beginnt das juristische Tauziehen, das bis heute andauert. Natürlich braucht es Gutachten. Mehre- re Mediziner beschäftigen sich mit so we- nig appetitlichen Details wie zerfetzten Wundrändern, waagerechten oder schrä- gen Operationsschnitten, hohem oder nied- rigem Blutverlust, glatten oder zerfaserten Fingerstümpfen. Die Ergebnisse widerspre- chen sich teilweise. „Der Mann hat sich absichtlich selbst verletzt“, so urteilt ein vom Gerling-Kon- zern beauftragter Medizinprofessor aus Frankfurt am Main, über dessen Auftritt sich Dietrich noch immer empört. „Der kam zu uns nach Hause, ließ sich die Säge zeigen, guckte sich freundlich die Hunde an, tat sehr, sehr mitleidig. Und dann haut mich dieser Heuchler so in die Pfanne.“ Ein Hamburger Chirurg, den Dietrich

engagiert hat, erklärt hingegen: „Es war eher ein Unfall.“ Die Schilderung des Ver- letzten sei „schlüssig und nachvollziehbar“. Ein Arzt vom Gerichtsmedizinischen In- stitut Kiel, auf dessen Gutachten sich die Gerichte in der ersten Instanz hauptsäch- lich stützen, kommt zu einem für Dietrich verheerenden Resultat. Danach konnten die glatten Schnittverletzungen nur entste- hen, weil die Hand mit Absicht rund 20 Zentimeter in die Säge hineingeschoben wurde. Zufällig dort hineinzugeraten, etwa durch einen unglücklichen Sturz, sei un- wahrscheinlich. Zu seiner Einschätzung gelangt der Arzt durch gruselige Experi- mente. Er zersägt mit einer identi- schen Tischkreissäge mehrere linke Leichenhände und filmt den Vor- gang mit einer Hochgeschwindig- keitskamera. Die Hände stammen von Menschen, die verfügt hatten, dass ihr Körper nach ihrem Tod wissenschaftlichen Zwecken die- nen solle. Die ursprünglich geplan- ten zehn Versuche finden aller-

dings nicht statt: Beim vierten Test geht die Säge kaputt, ein umher- fliegender Finger zerschlägt mit großer Wucht die Abdeckungsvor- richtung. Dietrichs Verteidiger Jürgen Meyer bezeichnet die Versuche des Arztes als Pseudowissenschaft:

„Hätte er 100 Hände zersägt, dann hätte er 100 verschiedene Ver- letzungsbilder gekriegt.“ Es kom- me doch nur darauf an, in welchem Winkel und mit welcher Wucht man die Experimente durchführe. Darauf einen Richterspruch zu gründen sei „ungeheuerlich“. Al-

einen Richterspruch zu gründen sei „ungeheuerlich“. Al- Säge nach dem Zwischenfall 2010, Hund Lizzy Beim ersten
einen Richterspruch zu gründen sei „ungeheuerlich“. Al- Säge nach dem Zwischenfall 2010, Hund Lizzy Beim ersten

Säge nach dem Zwischenfall 2010, Hund Lizzy Beim ersten Test läuft alles schief

FOTO: TRISTAN VANKANN/FOTOETAGE/DER SPIEGEL

Deutschland

lerdings kommen viele Verdachtsmomente zusammen: die zahlreichen Versicherun- gen, die hohen Deckungssummen, der kur- ze Abstand zwischen Vertragsschluss und Verletzung. Es fehlt an Zeugen, es fehlt die Erinnerung. Und warum versicherte der Mann, ein Kopfarbeiter, mit solchem Aufwand ausgerechnet seine Hände? Als typisches Merkmal einer Selbstver- stümmelung gilt auch, wenn die abgetrenn- ten Gliedmaßen abhandenkommen. Wenn jemand selbst zur Klinik fährt. Oder wenn ein Rechtshänder an der linken Hand Scha- den nimmt. Auch Tiere werden von Betrü- gern immer wieder als Unfallursache an- gegeben, Hunde, Katzen, Mäuse, sogar Wespen. Und seltsam zumindest, dass Dietrich neun Monate lang die Raten für seine private Krankenversicherung schul- dig blieb, den Rückstand erst zwei Tage vor dem Zwischenfall im Hobbykeller be- glich. Alles nur Zufall?

Durchaus, meint Anwalt Meyer, für vie- les gebe es plausible Erklärungen. Die vier hohen Verträge? Dietrichs Ehefrau sei nach einem schweren Unfall extrem unterver- sichert gewesen und habe nur wenig Geld bekommen; für das Ehepaar ein Trauma. Der kurze Abstand zwischen

Vertragsabschluss und Verlet- zung? Der spreche gerade gegen eine Betrugsabsicht – als Versi- cherungsfachmann habe Die- trich doch gewusst, dass dies au- tomatisch zu Misstrauen und Nachforschungen führe. Und die Erinnerungslücke sei ebenso mit Dietrichs Schockzustand nach dem Unfall zu erklären wie das Verlieren der Finger. Im Gegensatz zu vielen Ver- sicherungsbetrügern habe sein Mandant auch nicht in einer fi- nanziellen Klemme gesteckt, ar- gumentiert der Anwalt, im Ge- genteil. Dietrich habe 48000 Euro brutto verdient, der Auf- bau einer großen Agentur sei fast abgeschlossen gewesen, von Schulden keine Spur. Die Kran- kenkassenbeiträge, okay, „die hat er halt verschludert“. Jeden- falls: Die strenge Anforderung, die etwa der Bundesgerichtshof an eine überzeugende Beweis- führung stelle, diese „objektiv hohe Wahrscheinlichkeit“ sei in den bisherigen Verfahren nicht annähernd erfüllt worden. Mey- er: „Bauchgefühl reicht nicht.“ Ralf Dietrich macht nicht nur die Justiz für seine Lage verant- wortlich, sondern auch die Ver- sicherungen. Jeder wisse doch, dass den Gesellschaften fast alle Mittel recht seien, um hohe Zah- lungen abzuwenden. Da werde

jahrelang verzögert, zermürbt, hinterfragt. Und oft genug werde auch versucht, die Redlichkeit des Kunden infrage zu stellen. Oder zumindest Druck ausgeübt, um durch faule Kompromisse die Ansprüche zu mindern. Ihm selbst, behauptet Dietrich, habe eine der vier Versicherungen kurz nach dem Unfall telefonisch und inoffiziell 60 000 Euro angeboten, wenn er denn Ruhe gäbe. Dies sei ihm aber viel zu wenig gewesen. Auch den Vergleichsvorschlag einer Kieler Zivilkammer, durch den er 50000 Euro kassiert hätte, lehnte er ab; übrigens ebenso wie die von ihm verklagte Generali-Versicherung. Um die Macht der Konzerne zu demons- trieren, beschreibt Ralf Dietrich die Ängste eines Bonner Mediziners, den er in seiner Not um eine weitere Begutachtung bat. Der Arzt sah zwar Chancen für eine Neu- betrachtung des Falls, lehnte den Auftrag jedoch dankend ab. In einer E-Mail schrieb er: „Die Begutachtung stellt für mich ein Risiko dahingehend dar, dass ich bei mög- licher anderer Bewertung nie mehr Auf- träge für Gutachten von diesen Versiche- rungen bekomme.“

Aus Dietrichs Absicht, seine Klage vor der 6. Zivilkammer mit solchen Details zu untermauern, wird so schnell nichts. Der Einzelrichter bricht die Verhandlung bereits nach wenigen Minuten mit Bedauern ab:

Unverzichtbare Akten sind auf dem Weg von Kiel nach Hamburg irgendwo im Jus- tizapparat hängen geblieben oder verloren gegangen. Oder sie wurden noch gar nicht abgeschickt. Das Verfahren wird vertagt. Für Ralf Dietrich und seine Ehefrau ging es seit der blutigen Verletzung abwärts. Der Gerling-Konzern kündigte die Zusam- menarbeit fristlos. Solange das Strafver- fahren läuft, besteht in der Versicherungs- branche praktisch Berufsverbot. Bei der Jobsuche hagelte es Absagen. „Wenn ich auf dem Fragebogen die Ermittlungen er- wähne, ist schon Schluss“, sagt Dietrich. Selbst im Lager eines Supermarktes, wo er Dosen stapeln sollte, wurde er abge- lehnt. Seine Karriere als Hemdenverkäu- fer endete nach einem Tag. Er könne ihn nicht engagieren, habe ihm der Ladenbe- sitzer erklärt, „aus ästhetischen Gründen“. Den Kunden sei der Anblick der verkrüp- pelten linken Hand nicht zuzumuten. Das Paar lebt vom Einkommen der Frau und, seit Kurzem, von den 450 Euro,

die Ralf Dietrich monatlich als Aushilfskraft auf einem Wo- chenmarkt verdient. Ein Haus können sich die Eheleute nicht mehr leisten, die Miete für die kleine Dachwohnung am Ham- burger Stadtrand drückt schwer genug. Um Gläubiger abzu- wehren, musste Dietrich unter Eid erklären, dass er restlos plei- te sei. Frühere Kollegen, alte Freun- de und selbst Verwandte haben sich abgewandt, mit einem Ver- sicherungsbetrüger wollen sie nichts zu tun haben. „Um uns ist es einsam geworden“, sagt Dietrich. Seine Frau leidet unter dem Verdacht, einen Schwindler zu decken. Sie wurde schwer krank, erholt sich nur langsam. „Wer haftet für all das, wenn sich die Unschuld meines Mandan- ten herausstellt?“, fragt Anwalt Meyer. Und gibt selbst die Ant- wort: „Das kann doch niemand mehr gutmachen.“ In der Tat: Entweder ist dieser nicht vorbestrafte Mann, der harmlos und unscheinbar wirkt und seine Unschuld schon mal unter Tränen beteuert, ein skru- pelloser Hasardeur, der mit ei- nem Schlag sein persönliches Glück erzwingen wollte, der alles riskiert und alles verlo- ren hat. Oder ihm widerfährt schreckliches Unrecht.

ren hat. Oder ihm widerfährt schreckliches Unrecht. ■ Anwalt Meyer: „Bauchgefühl reicht nicht“ 38 DER

Anwalt Meyer: „Bauchgefühl reicht nicht“

FOTO: GEORG HILGEMANN

Teilnehmer des Musikwettbewerbs „Jewrovision“
Teilnehmer des Musikwettbewerbs „Jewrovision“

Kurze

Renaissance

Religionen Jahrelang sind die jüdischen Gemeinden in Deutsch- land gewachsen. Jetzt überaltern sie, neue Einwanderer bleiben aus. Ist der Boom vorbei?

W er den Gebetssaal der jüdischen Gemeinde in Oranienburg be- tritt, soll sich ins 19. Jahrhundert

zurückversetzt fühlen. Mosaike und Male- reien sehen fast aus wie früher. Aber der Eindruck täuscht. Die Säulen des Thora-Schreins sind aus Gips geformt, nicht aus Marmor wie das Original von 1838. Die SA hat es hundert Jahre später geschändet, im Krieg wurde es zerstört. „Zum Glück gab es Fotos“, sagt die Ge- meindevorsitzende Elena Miropolskaja. An ihnen konnten sich ein jüdischer Mo- saikkünstler aus Weißrussland und eine Malerin aus Usbekistan orientieren, als sie den alten Glanz wiederbeleben wollten. „Wiedergeburt“ – so nannten Miropol- skaja und andere jüdische Einwanderer ihre neue Gemeinde, als sie vor etwa 15 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Oranienburg zogen. Wenige Kilo- meter entfernt sind in einer Gedenkstätte noch heute Fundamente einer Gaskam- mer des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen zu besichtigen. Hier, in der Nähe Berlins, befand sich außerdem die Verwaltungszentrale aller Konzentrations- lager im Reich. Es gibt wieder jüdisches Leben, selbst unweit von Orten des Schreckens. Seit An- fang der Neunzigerjahre ist die jüdische Gemeinschaft in Deutschland von 30000 auf mehr als 100000 Mitglieder gewachsen. Weil zahlreiche, vor allem russischsprachi-

ge Juden einwanderten, konnten kleine und mittelgroße Gemeinden ihre Mitglie- derzahlen oft vervielfachen. Jüdischer Glaube, jüdische Kultur wurden wieder erlebbarer im Land. Doch das Wachstum ist ins Stocken ge- kommen, nachdem die Bundesregierung bereits vor einigen Jahren die vereinfachte Einwanderung aus dem Osten gestoppt hat. Viele Gemeinden sind überaltert. Fast die Hälfte der Gläubigen ist mehr als 60 Jahre alt, auf eine Geburt kamen 2013 laut Mitgliederstatistik fünf Todesfälle. In Deutschland sei keineswegs eine Renaissance jüdischen Lebens zu beob- achten, sagt Julius Schoeps, es gebe viel- mehr eine „Scheinblüte“. Schoeps ist Lei- ter des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Uni- versität Potsdam. Mittelfristig könnten nur die größten Gemeinden wie in München, Frankfurt, Berlin oder Köln überstehen, sagt er: „Das bedeutet: Hundert Gemein- den werden verschwinden.“

Jüdische Gemeinden in Deutschland unter dem Dach des Zentralrats Mitglieder unter 100 100 bis unter
Jüdische Gemeinden in Deutschland
unter dem Dach des Zentralrats
Mitglieder
unter 100
100 bis unter 3000
3000 und mehr
Oranienburg
Berlin
Hannover
Düsseldorf
Dortmund
Köln
Quelle:
Frankfurt a. M.
Zentralwohl-
fahrtsstelle
der Juden in
Deutschland
München

Gleichzeitig gibt es, ähnlich wie bei den Kirchen, Probleme, jüngere Mitglieder langfristig zu binden. „Die junge Genera- tion ist hoch flexibel und mobil. Sie tut sich schwer mit Gemeindestrukturen, die der Idee nach auf lebenslange Mitglied- schaften ausgelegt sind“, sagt die Soziolo- gin Karen Körber, die an der Akademie des Jüdischen Museums Berlin über junge Juden geforscht hat. Dass junge Menschen dauerhaft in Kleinstadtgemeinden bleiben, hält sie für unwahrscheinlich. Neugründungen wie in Oranienburg gehen weniger auf die Ab- sicht der Einwanderer zurück, das jüdische Leben zu revitalisieren, sondern auf die deutsche Bürokratie. Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion wurden nach dem „Königsteiner Schlüssel“ auf Bundes- länder verteilt; sie landeten nicht selten in Kleinstädten, die vielen auf Dauer zu eng werden. Oft gibt es in den Gemeinden Dif- ferenzen in Grundsatzfragen. Soll auf den Veranstaltungen Russisch, Deutsch, Englisch gesprochen werden? Dürfen nur halachische Juden mitmachen, die ihre Religion mütterlicherseits („matrilinear“) geerbt haben? Oder auch Kinder aus Mischehen, die nur einen jüdischen Vater haben? Andere Identitätskonflikte kommen hinzu. Manche Einwanderer wurden in der Sowjetunion jahrzehntelang diskrimi- niert – aber galten, als sie in Deutschland jüdischen Gemeinden beitraten, mitunter als nicht religiös genug. Doch jüdisches Leben erschöpfe sich nicht nur in Religion, sagt Sergey Lagodinsky, ein führendes Mit- glied der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Auch säkulare jüdische Identitäten seien legitim. Wie die Zukunft der jüdischen Gemein- schaft in Deutschland aussieht, wird die dritte Generation der Zuwanderer zeigen. In jedem Fall müsse man die Erwartungen zurückschrauben, meint Lagodinsky. „Das Wiederaufleben des Judentums war immer schon eine romantische Vorstellung in Poli- tik und Medien.“ Dass die Jugendarbeit verstärkt werden muss, hat auch der Zentralrat der Juden in Deutschland erkannt. Für Ende Februar hat er die nächste „Jewrovision“ angekün- digt – der Gesangs- und Tanzwettbewerb ist vom Eurovision Song Contest inspiriert und soll, heißt es in der Einladung, „fröh- liche Jüdischkeit“ vermitteln. Optimistisch zeigt sich auch Elena Mi- ropolskaja aus Oranienburg. Nach dem Stopp der Masseneinwanderung zählte zwar auch ihre Gemeinde nur wenige Neuzugänge. Inzwischen gibt es aber be- reits vier Kinder unter sieben Jahren, de- mografisch keine ganz schlechte Bilanz, findet sie: „Ich denke, die Gemeinde wird weiterleben.“ Pavel Lokshin

FOTO: RUST / ULLSTEIN BILD

Grenzübergang Helmstedt-Marienborn 1986
Grenzübergang Helmstedt-Marienborn 1986

Flucht im Kofferraum

Zeitgeschichte Wilde Verfolgungsjagden, scharfe Kontrollen: Wie ein Berliner Kneipier auf Transitstrecken DDR-Flüchtlinge über die Grenze schmuggelte

M achen Sie das Radio leiser“, be- fiehlt der Grenzposten, als Heinz Sander seine Papiere aus dem

Fenster reicht. Sander dreht gehorsam am Knopf. Doch außer der lauten Musik gibt es ein weiteres Problem: Es fehlt der Durchlaufschein, den Sander bei der Ein- reise in die DDR am Grenzkontrollpunkt bei Hof erhalten hat und den er nun bei der Ausreise aushändigen muss. „Ich bitte drum“, sagt der Grenzer höflich, doch San- der findet das Dokument nicht. Er muss seinen Mercedes an die Seite fahren, vier Soldaten umstellen das Fahr- zeug. „Warum stimmen Ihre Papiere nicht?“, fragt ein Offizier. Er beginnt, das

Auto zu untersuchen, sieht unter dem Bei- fahrersitz nach, schaut über die Rückbank; der Zettel findet sich nicht. Schließlich lässt der Kontrolleur Sander ziehen. „Ich mache bei Ihnen eine Aus- nahme. Aber das darf nicht ein zweites Mal passieren.“

Sander biegt wenige Minuten später nach rechts in die West-Berliner Potsdamer Chaussee ein. „In einer dunklen Ecke ohne viel Straßenlicht“, so erinnert er sich, öff- net er den Kofferraum. Darin: zwei Flücht- linge, die an einer unbeobachteten Stelle auf der Transitstrecke hineingeschlüpft wa- ren – und die zum Glück während der Suche nach dem Laufschein die Nerven behielten und keinen Mucks machten. Bei der Aktion muss Sander der Laufzettel aus dem Auto gerutscht sein. Die Geschichte spielt im Jahr 1973. Wie- der war eine Flucht nach West-Berlin ge- glückt. Kurz zuvor war der Verkehrsver- trag zwischen der Bundesrepublik und der DDR in Kraft getreten. Er ermöglichte es, über drei Transitstrecken von und nach West-Berlin zu fahren, ohne für das Visum das Fahrzeug zu verlassen und ohne Auto und Gepäckstücke durchsuchen lassen zu müssen. Bundesbürger bekamen von nun an lediglich einen Stempel in den Pass

gedrückt, West-Berliner einen Laufzettel in ihren Personalausweis gelegt. Die Bon- ner Regierung überwies der DDR-Regie- rung dafür zunächst jedes Jahr knapp 235 Millionen Mark. Am Ende kassierte die DDR pro Jahr sogar über eine halbe Milliarde Mark. Das Abkommen hatte einen Neben- effekt: Es erleichterte auch Fluchthelfern das Geschäft. Heinz Sander war einer von ihnen. Der Pächter des Schwarzen Adlers, einer Knei- pe im feinen West-Berliner Bezirk Zehlen- dorf, war über einen Kneipengast in das Geschäft gerutscht: Kay-Uwe Mierendorff, damals einer der führenden Köpfe im Fluchthelfergeschäft – von der Stasi ge- hasst, von vielen Flüchtlingen verehrt und von der konservativen Springer-Presse als Held gefeiert. Sander, gerade nach Berlin gekommen und in Geldnöten, biss an. Bald heuerte er im Schwarzen Adler weitere Helfer an:

FOTOS: ULLSTEIN BILD (U.); PETER WENSIERSKI/DER SPIEGEL (O.)

„Kalle“, „Manne“, „Frank“, „Bernd“, „Hansen“ und einen Mann mit dem Spitz- namen „Glöckner“. Vier Jahrzehnte später arbeitet der nunmehr 80-jährige Sander an seinen Erinnerungen – und räumt mit der Legende auf, der Autohändler Mieren- dorff habe den unterdrückten DDR- Bürgern allein aus Menschlichkeit zur Flucht verholfen. Die Zeit der Idealisten, die vor allem der DDR schaden wollten und beispielsweise Fluchttunnel unter der Mauer hindurch gruben, war damals schon weitgehend vorbei. Mierendorff verlangte von den Flüchtlin- gen ein hohes Honorar, 15000 D-Mark pro Person waren die Regel. So viel Geld konn- ten nur wenige Privilegierte aufbringen, etwa DDR-Mediziner. „Wir haben damals“, sagt Sander, „vor allem Ärzte geholt.“ Sander war fasziniert von der Gelegen- heit, eine schnelle Mark zu machen. Pro gelungener Flucht kassierte er bis zu 5000 Mark von Mierendorff. „Ich habe“, erin- nert er sich, „innerhalb von sechs Wochen 30000 Mark verdient.“ Seinen Chef be- urteilt er heute so: „Mierendorff war der Kopf und Geldgeber“, sagt Sander. „Er war ein hochgradiger Verbrecher.“