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Ausgabe 1/2019, 11. Jg.

zukunft
zukunft forschung 01 | 19

forschung

FEST DER
WISSENSCHAFT
thema: wir feiern 350 jahre I chemie: leuchtender zufall I sprachwissenschaft:
digitalisierung mittelalterlicher quellen I sicherheit: optimal gerüstet für den ernstfall
mathematik: bewegung rechnen I musikwissenschaft: zwischen den notenlinien

DAS MAGAZIN FÜR WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG DER UNIVERSITÄT INNS­BRUCK


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2 zukunft forschung 01/19 Foto: Andreas Friedle
EDITORIAL

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

D
ie Universität Inns­bruck steht heuer ganz im Zeichen Fortsetzung. Im Oktober begehen wir den historischen Grün-
ihres 350-jährigen Bestehens. Mit vielfältigen Veranstal- dungstag mit einer Festwoche, deren Höhepunkte ein außer-
tungen haben wir dieses Jubiläum bereits gefeiert, uns gewöhnlicher Festakt im Tiroler Landestheater und ein großer
Minion
aber auch an dunkle Kapitel in der Geschichte unserer Univer- Uniball sein werden. Im November laden wir die Bevölkerung

DE
sität erinnert. Mit dem Fest der Wissenschaft von 14. bis 16. Juni zum Diskussionsforum „Zukunft denken“ ein, um gemeinsam
2019 folgt ein weiterer Höhepunkt, bei dem wir die Bevölke- über mögliche Szenarien, Denkansätze und Perspektiven für
rung einladen, in der Inns­brucker Innenstadt in das Abenteuer die Zukunft unserer Gesellschaft nachzudenken. Machen Sie
Forschung einzutauchen und mit uns und unseren Partnern sich selbst ein Bild vom vielfältigen Programm (www.uibk.
und Freunden das Universitätsjubiläum zu feiern. Entlang der ac.at/350-jahre), abonnieren Sie unseren Jubiläums-Newsletter
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Universitätsstraße warten zahlreiche Attraktionen, die Einblick und feiern Sie mit uns! stammt aus
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in die Welt der Forschung geben und zum Mitmachen einladen. bewirtschafteten
Wäldern und
bewirtschafteten
Wäldern und
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Im Schwerpunkt dieser Ausgabe unseres Forschungsmagazins Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre und freuen uns Quellen Quellen

stellen wir Ihnen einige Projekte aus den Forschungsschwer- über Ihre Fragen und Anregungen! www.pefc.at www.pefc.at

punkten unserer Universität vor, die im Rahmen des Festes der


Wissenschaft präsentiert werden: Vom lasergekühlten Quanten-
gas über die kulturelle Vernetzung der globalen Gesellschaft
bis zum Forschen mit Hilfe von Computersimulationen und
Modellen.

Nach dem Fest der Wissenschaft, zu dem wir Sie sehr herz- TILMANN MÄRK, REKTOR
lich einladen, findet das Jubiläumsprogramm im Herbst seine ULRIKE TANZER, VIZEREKTORIN FÜR FORSCHUNG
Myriad

IMPRESSUM
Herausgeber & Medieninhaber: Leopold-Franzens-Universität Inns­bruck, Christoph-Probst-Platz, Innrain 52, 6020 Inns­bruck, www.uibk.ac.at
Projektleitung: Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Kulturservice – Mag. Uwe Steger (us), Dr. Christian Flatz (cf); public-relations@uibk.ac.at PEFC zertifiziert PEFC zertifiziert
Dieses Produkt Dieses Produkt
Verleger: KULTIG Werbeagentur KG – Corporate Publishing, Maria-Theresien-Straße 21, 6020 Inns­bruck, www.kultig.at stammt aus stammt aus
Redaktion: Mag. Melanie Bartos (mb), Mag. Eva Fessler (ef), Mag. Andreas Hauser (ah), Mag. Stefan Hohenwarter (sh), nachhaltig
bewirtschafteten
nachhaltig
bewirtschafteten
Lisa Marchl, MSc (lm), Daniela Pümpel, MA (dp), Mag. Susanne Röck (sr) Wäldern und Wäldern und
kontrollierten kontrollierten
Layout & Bildbearbeitung: Florian Koch, Lara Hochreiter Fotos: Andreas Friedle, Universität Inns­bruck Druck: Gutenberg, 4021 Linz Quellen Quellen
www.pefc.at www.pefc.at

Foto: Uni Inns­bruck zukunft forschung 01/19 3


BILD DER
WISSENSCHAFT
INHALT

TITELTHEMA 8
PHYSIK. Inns­brucks Quantenforscher präsentieren beim Fest der
Wissenschaft das Herzstück ihrer Experimente – die Laserkühlung. 8

KULTUREN. Geschichte und Gegenwart zeigen, dass Migration


keine Einbahnstraße ist. 12

SCIENTIFIC COMPUTING. Informatiker unterstützen


verschiedenste Forschungsbereiche bei der Durchführung
­berechnungsaufwendiger Modelle und Simulationen. 14 TITELTHEMA. Beim Fest der Wissenschaft kann die
Bevölkerung in die Welt der Forschung eintauchen.
BIOWISSENSCHAFTEN. Inns­brucks Forscher arbeiten interdisziplinär ZUKUNFT FORSCHUNG stellt einige Projekte aus
über Alterungsprozesse und neurodegenerative Erkrankungen.16 den Forschungsschwerpunkten vor, die vom 14. bis
16. Juni präsentiert werden.
DIGITALISIERUNG. Am neuen Digital Science Center (DiSC)
bündelt sich die Digitalisierungskompetenz der Uni Inns­bruck.  18 22
ALPINER RAUM. Anhand der Jahresringe von Bäumen zieht
der Geograph Kurt Nicolussi Rückschlüsse auf Baugeschichte,
­Gletscherschmelze und Klimageschichte.20

FORSCHUNG
CHEMIE. Der neu entdeckte rote Leuchtstoff SALON soll STANDORT. Alexander Van der Bellen über machtbe-
­Leuchtdioden energieeffizienter machen.­ 26 wusste Professoren seiner S­ tudentenzeit, Universitäten
als Ort der faktenbasierten Argumentation und den eu-
MUSIKWISSENSCHAFT. Ein internationales Forschungsteam ropäischen Hochschulraum als Vorbild der Integration.
­möchte eine Theorie der musikalischen Schrift entwickeln. 30
32
SPRACHWISSENSCHAFT. Mittelalterliche Quellen zu Bergbau­
gebieten im Tiroler Unterland werden digital aufgearbeitet.  32

SICHERHEITSFORSCHUNG. Im „Disaster Competence Network


Austria“ konzentrieren sich Forschungsaktivitäten im Bereich
­ atastrophenforschung Österreichs. 
der ­Sicherheits- und K 36

MATHEMATIK. Hans-Peter Schröcker setzt auf Algebra, um


­Mechanismen und Roboter effizienter anzutreiben. 38 SPRACHWISSENSCHAFT. Elisabeth Gruber, Bettina
Larl und Gerald Hiebel widmen sich dem Bergbau
NEUROWISSENSCHAFTEN. Jörg Striessnig über acht Jahre im Mittelalter – die Namen der Gruben spielen dabei
­Forschung im SFB „Cell signaling in chronic CNS disorders“.  42 eine zentrale Rolle.

RUBRIKEN
EDITORIAL/IMPRESSUM 3 | BILD DER WISSENSCHAFT: ANAMMOXBAKTERIEN 4 | NEUBERUFUNG: KATHRIN THEDIECK 6 | FUNDGRUBE VERGANGEN­HEIT: HITLER-MOSAIK IN DER AULA 7 |
MELDUNGEN 24+41 | WISSENSTRANSFER 34 + 35 | PREISE & AUSZEICHNUNGEN 45 – 47 | ZWISCHENSTOPP: CEMAL TOSUN 48 | SPRUNGBRETT INNS­BRUCK: KAROLIN LUGER 49 |
ESSAY: SPUREN DER GESCHICHTE von Dirk Rupnow 50

Die erst in den 1990er-Jahren entdeckte Anaerobe Ammonium-Oxi- genutzt. Dort organisieren sich die roten Anammoxbakterien gemein-
dation – katalysiert von den danach benannten Anammox-Bakterien sam mit vielen anderen Bakterienarten selbstständig zu kompakten
– spielt eine bedeutende Rolle im globalen Stickstoffkreislauf. Die Bak- Granula mit einer Größe von 0,1 bis einem Millimeter, die oft von Glo-
terien wandeln Ammonium und Nitrit in molekularen Luftstickstoff um. ckentierchen besiedelt werden. Am Institut für Mikrobiologie sucht ein
In Kläranlagen wird dieser energiesparende Prozess nun zunehmend Team um Thomas Pümpel nach weiteren Anwendungsmöglichkeiten.

Fotos: Uni Innsbruck (1), HBF/Peter Lechner (1), Andreas Friedle (1); COVERFOTO: Uni Innsbruck; BILD DER WISSENSCHAFT: Thomas Pümpel
zukunft forschung 01/19 5
NEUBERUFUNG

SIGNALE VERSTEHEN LERNEN


Die Biochemikerin Kathrin Thedieck erforscht die Wechselwirkungen
zwischen zellulären Signal- und Stoffwechselnetzwerken.

W
ie merkt die Zelle, wie viele in mehreren Systemmedizin-Konsortien zinischen Universität ein hervorragendes
Nährstoffe in ihrer Umgebung sowohl zu häufigen Erkrankungen wie wissenschaftliches Netzwerk für unsere
vorhanden sind, und wie koor- Brustkrebs als auch an seltenen erblichen Forschungsarbeit“, sagt Kathrin Thedieck,
diniert sie als Antwort darauf ihren Stoff- Krankheitsbildern wie Glykogenosen und die gemeinsam mit zwölf Wissenschaftlern
wechsel, ihr Wachstum und Überleben? der Tuberösen Sklerose. und Wissenschaftlerinnen nach Inns­bruck
Diese Fragen sind die Grundlage der For- kommt. „Zudem ist die infrastrukturelle
schungsarbeiten des Teams um Kathrin Optimales Forschungsumfeld Ausstattung hier für uns perfekt.“
Thedieck, seit Februar 2019 Universitäts- Für die Universität Inns­bruck hat sich die In der Lehre will die Biochemikerin den
professorin für Biochemie an der Uni Wissenschaftlerin, die bis dahin im nieder- Fokus auf forschendes Lernen legen. „Ne-
Inns­bruck. „Wir wollen verstehen, wie ländischen Groningen und Oldenburg in ben dem notwendigen Grundlagen- und
Zellwachstum und Zellfunktion als Ant- Deutschland geforscht hat, entschieden, Faktenwissen ist mir besonders wichtig,
wort auf Nährstoffe auf mechanistischer weil sie hier optimale Bedingungen für dass unsere Studierenden lernen, mit In-
Ebene reguliert sind. Das Signalnetzwerk ihre Forschungsarbeit sieht. „In Inns­bruck formation sachgerecht und kreativ umzu-
um die Proteinkinase mTOR – mechanistic findet meine Arbeitsgruppe mit dem Insti- gehen. Die Inhalte in unserem Bereich
Target of Rapamycin – spielt hierbei eine tut für Biochemie und den KollegInnen an unterliegen einem ständigen Wandel.
Schlüsselrolle“, erklärt Kathrin Thedieck. der Fakultät für Chemie und Pharmazie, Umso wichtiger ist es, Menschen auszu-
Als Schrittmacher des Stoffwechsels diri- dem Centrum für Molekulare Biowissen- bilden, die Informationen eigenständig
giert mTOR in gesunden Zellen die Ant- schaften (CMBI), dem Institut für Alterns- bewerten und einordnen können und ba-
wort auf Nährstoffe und Stress und be- forschung und dem RNA-Schwerpunkt an sierend darauf ihre eigenen Ansätze erar-
stimmt ihren Alterungsprozess. Gerät die- der Universität Inns­bruck und der Medi- beiten“, ist Thedieck überzeugt.  sr
ser zentrale Regulator jedoch außer Kon-
trolle, sind schwerwiegende Krankheiten KATHRIN THEDIECK studierte an der Ecole Supériore de Biotechnologie Strasbourg und
wie Krebs, Diabetes, neurodegenerative promovierte am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig. Von
Erkrankungen und erbliche Syndrome 2006 bis 2008 forschte sie als Postdoktorandin am Biozentrum der Universität Basel in der
die Folge. „Deshalb hat das Verständnis Gruppe des mTOR-Entdeckers Michael N. Hall und wurde anschließend Forschungsgruppen-
der komplex verschalteten metabolischen leiterin für Functional Proteomics of Metabolic Signaling an der Albert-Ludwigs-Universität in
­Signalnetzwerke um mTOR eine hohe bio­ Freiburg. Von 2013 bis 2019 war Thedieck Associate Professor am University Medical Cen-
medizinische Relevanz“, so die Biochemi- ter Groningen (UMCG) und der European Medical School (EMS), einem Kooperationsprojekt
kerin. Um diese Komplexität besser zu der niederländischen Reichsuniversität Groningen und der Carl von Ossietzky Universität
verstehen und personalisierte Therapie- Oldenburg in Deutschland. Im Februar 2019 wurde sie als Professorin für Biochemie an die
ansätze zu entwickeln, forscht Thedieck Universität Inns­bruck berufen.

6 zukunft forschung 01/19 Foto: Andreas Friedle


FUNDGRUBE VERGANGENHEIT

HITLER-MOSAIK IN DER AULA


Löcher an der Westwand der Aula weisen als Mahnmal den Weg in das dunkelste Kapitel
in der 350-jährigen Geschichte der Universität Inns­bruck.

FOTOGRAFIEN des Hitler-Mosaiks tauch-

E
s war eine Weisung von Minister September war das Mosaik fertig und ten erst 2017 wieder auf. Den Entwurf für
Oswald Menghin, der die Univer- die Aula wurde mit einem Festakt „als das Mosaik hatte 1938 der Tiroler Maler
sität bereitwillig Folge leistete. Der Bekenntnis zur Mitarbeit im Dienst der Hubert Lanzinger persönlich übernommen,
gebürtige Südtiroler ordnete am 15. April nationalsozialistischen Idee“ eingeweiht. der mit dem Bild „Der Bannerträger“selbst
1938 an, dass in Amtsräumen Bildnisse die Vorlage geschaffen hatte. 2017
des Führers anzubringen seien. Inns­ Lücken nach 1945 brachte eine Tiefensondierung Reste des
brucks Rektor Harold Steinacker dach- Für seine Verdienste erhielt Lanzin- Mosaiks zutage, die Uni Inns­bruck ent-
te gleich an Großes, die Aula sollte mit ger 1939 die Ehrenmitgliedschaft der schloss sich, die Sondierungsbohrungen in
einem Mosaik Hitlers geschmückt wer- Uni und durfte 1941 das obligatorische die Vergangenheit offen zu lassen.
den. Die Vorlage dazu gab es bereits aus Rektoren-Porträt gestalten. Der über-
dem Jahr 1933/34, geschaffen vom Ti- zeugte Nationalsozialist Steinacker, der
roler Künstler Hubert Lanzinger, schon am 12. März 1938 nach der Amtsent- Zerschlagen wurde nach Kriegsende
in den 30er-Jahren illegaler Nazi: „Der hebung Josef Brunners zum Rektor er- auch das Hitler-Mosaik – der genaue Vor-
Bannerträger“, Hitler als nordischer Her- nannt wurde, da er unter den möglichen gang ist allerdings ungeklärt. Zunächst
renmensch in Ritterrüstung mit Haken- Kandidaten der „erste Parteigenosse“ wurde es durch eine neutrale Putzoberflä-
kreuzfahne. Im Mai 1938 suchte Stein- war, ließ sich nicht im Talar, sondern che mit ockerfarbenem Anstrich über-
acker in der Privatkanzlei Hitlers um in SA-Uniform malen. Nach 1945 klaff- tüncht, 1947 wurde stattdessen eine Tafel
Genehmigung einer Reproduktion des te damit allerdings eine Lücke in der mit dem Schriftzug „in veritate libertas“
Bannerträgers an (das Bild war in Hitlers Rektorengalerie. Im Sinne „Steinackers – der Wahlspruch der katholischen Stu-
Privatbesitz), diese wurde erteilt. Stein- Verdienste um die Universität und histo- dentenverbindung Austria – angebracht.
acker gab daraufhin das Mosaik bei der rischer Kontinuität“ wollte die Uni 1950 2017 kamen schließlich im Zuge einer Tie-
Tiroler Glasmalerei- und Mosaikanstalt in – auf eigene Kosten – ein neues Porträt fensondierung im Auftrag der Unileitung
Auftrag, Lanzinger schickte Anfang Juni anfertigen lassen, der inzwischen „als Reste des Mosaiks selbst und Spuren sei-
den Entwurf für die Neugestaltung der Minderbelasteter rehabilitierte“ Stein- ner Beseitigung zutage. 1938 vorausei-
Aula-Wand. Kurzfristig schien die Finan- acker (1945 war er ohne Pensionsbezü- lender Gehorsam, 1945 eilfertige Distan-
zierung durch die Hochbauabteilung des ge entlassen worden) fühlte sich geehrt zierung, dazu noch die Verdrängung der
Landes gefährdet. Der „bestürzte“ Rektor und schlug vor, die SA-Uniform solle mit eigenen Mitverantwortung und Schuld –
reagierte prompt, verwies auf die „größte dem Talar übermalt werden – und zwar diese Vielschichtigkeit und Ambivalenz
Verlegenheit“ der Uni gegenüber Hitlers von Hubert Lanzinger. Schlussendlich der Vorgänge bewog die Uni Inns­bruck
Privatkanzlei und drohte, den Gaulei- zerschlug sich aber diese universitäre dazu, die Sondierungsbohrungen in die
ter zu informieren. Das wirkte: Ende Rehabilitierung. Vergangenheit offen zu lassen.  ah

Fotos: Stadtarchiv/Stadtmuseum Inns­bruck/Sammlung R. Müller/N-060-Uni-Ibk-34, Uni Inns­bruck (2) zukunft forschung 01/19 7
8 zukunft forschung 01/19 Foto: Andreas Friedle
AM ABSOLUTEN
NULLPUNKT
In den letzten 20 Jahren haben Quantenphysiker der Universität Innsbruck mit zahlreichen
Experimenten und bahnbrechenden Theorien für weltweites Aufsehen gesorgt.
Beim Fest der Wissenschaft wollen sie einen Einblick in ihre Arbeit geben und zeigen das
Herzstück quantenphysikalischer Experimente – die Laserkühlung.

zukunft forschung 01/19 9


TITELTHEMA

HANNS-CHRISTOPH NÄGERL, gebo-

L
aser, Gläser, Spiegel, Detektoren, ments, am Labortisch – Maschine nennt ren 1967, studierte Physik und Mathe-
Kabel, metallene Würfel und Zy- es Nägerl – finden tausende Komponen- matik in Göttingen und San Diego. Sein
linder… für den Laien ein heilloses ten Platz, und die Maschine wächst und Doktoratsstudium in Physik absolvierte er
Tohuwabohu, für Physiker wie Hanns- wächst. „Wir legen unsere Maschinen unter Rainer Blatt in Göttingen und Inns­
Christoph Nägerl ein wohldurchdachtes, so an, dass wir mehrere Stoßrichtungen bruck. Nach einem Postdoc-Aufenthalt
fein ausgeklügeltes Experimentierfeld, verfolgen können. Nur eine Stoßrichtung am California Institute of Technology
auf dem Forscherinnen und Forscher wie wäre zu riskant“, sagt Nägerl in Blick- (1998 bis 2000) schloss er sich der
er tief in die Welt der Atome, Fermionen richtung der Konkurrenz, die auch in der Arbeitsgruppe von Rudolf Grimm in Inns­
und Bosonen eintauchen, auf dem sie Welt der Wissenschaft immer eine Nasen- bruck an, wo er sich auch habilitierte.
Bose-Einstein-Kondensate, Fermi-Gase, länge voraus sein will. 2006 wurde er zum außerordentlichen
Efimov-Zusände und andere Quantenzu- Nägerl konzentriert sich mit seiner Professor ernannt, im Jahr 2011 avan-
stände erstmals beobachten, um die ver- Maschine auf die Elemente Cäsium und cierte er zum Universitätsprofessor. Für
rückte Welt der Quantenphysik ein Stück Kalium. Elemente mit unterschiedlichen seine Leistungen wurde er unter anderem
weit besser zu verstehen. Inns­brucks For- Eigenschaften, die verschiedene Appara- mit dem Wittgenstein-Preis, einem ERC
scher haben in den letzten 20 Jahren mit turen – Laser, Beschichtungen, optische Consolidator-Grant, dem START-Preis
zahlreichen Experimenten und bahnbre- Komponenten… – benötigen, „aber und dem Rudolf-Kaiser-Preis ausgezeich-
chenden Theorien rund um Teleportation, nicht so weit auseinander sind, dass es net. 2018 erhielt er vom Europäischen
Quantensimulation oder Quantencom- schwierig ist.“ Beiden Elementen ist ge- Forschungsrat (ERC) einen Advanced
puting für weltweites Aufsehen gesorgt, meinsam, „dass wir sie sehr gut kontrol- Grant und damit über 2,4 Millionen Euro
haben lange zuvor Postuliertes im Labor lieren können“. Bei Quantenzuständen für seine Forschungen zu ultrakalter
erstmals experimentell bestätigt, aber von Cäsium waren die Inns­brucker rund Quantenmaterie. Es ist dies der höchstdo-
auch mit erfolgreichen Versuchen ihren um Rudolf Grimm und Nägerl inter- tierte und prestigeträchtigste europäische
theoretischen Kollegen neue Denkansät- nationale Vorreiter, „Kalium haben wir Wissenschaftspreis.
ze geliefert. sozusagen importiert“. Bei Cäsium will
Doch der Weg zu erfolgreichen Experi- Nägerl erstmals Einzelatomauflösungen
menten und vielgelesenen Publikationen detektieren, da dies, ist er überzeugt,
ist kein kurzer, zwei, drei oder mehr Jah- neuartige Messungen erlauben würde.
re dauert allein der Aufbau eines Experi- Kalium wiederum hat den Vorteil, „dass

10 zukunft forschung 01/19


TITELTHEMA

es als Boson und als Fermion vorkommt“. „Wir kühlen die Wolke auf Temperaturen Kondensat rund eine Minute – genug Zeit
Bei beiden Elementen will er neue Quan- zwischen 100, 200 Mikrokelvin und einem für unsere Experimente“, so Nägerl.
tenzustände experimentell erzeugen, er Millikelvin ab“, erzählt Nägerl. Nun geht Das Fest der Wissenschaft wollen die
denkt auch an eine Kombination, an ein es darum, die Atome auf einen „Beobach- Inns­brucker Physiker nutzen, um die La-
Kalium-Cäsium-Molekül, um sogenannte tungsplatz“ zu bringen, benötigt wird serkühlung als Versuchsanordnung der
Dipol-Dipol-Wechselwirkungen (Nägerl: dazu Licht. „Wir strahlen Licht ein, z.B. Öffentlichkeit vorzustellen. Es sei zwar
„Sozusagen der Holy Grail der Quanten- Licht, das weit weg von jeglicher Reso- eine abgespeckte Version, räumt Nägerl
physik.“) zu untersuchen. Voraussetzung nanz ist. Es regt das Atom nicht richtig ein, schließlich können die Laborbedin-
dafür sind tiefe Temperaturen. Sehr tiefe – an, übt aber eine kleine Kraft, die soge- gungen in dem Ausstellungscontainer
knapp über dem absoluten Nullpunkt der nannte Dipol-Kraft, auf die Atome aus“, nicht nachgestellt werden, „doch das
Temperaturskala bei 0 Kelvin bzw. minus beschreibt Nägerl den nächsten Schritt. Prinzip lässt sich anhand der Apparatur
273,15 Grad Celsius. Die Dipol-Kraft kann so eingestellt wer- gut erklären“, sagt Nägerl, der auch den
den, dass die Atome in allen drei Raum- Forschungsschwerpunkt Physik an der
Laserkühlen als Herzstück richtungen eingefangen werden und sich Uni Inns­bruck leitet. Rund 35 Arbeits-
„Die Laserkühlung“, sagt Nägerl, „ist an eingestrahlten Laserwellen orientieren. gruppen rund um Astro- und Teilchen-
quasi das Herzstück quantenphysika- „Es bildet sich eine Art dreidimensio- physik, Ionen- und Plasmaphysik bzw.
lischer Experimente.“ Um Atome zu nales Gitter und in diesen Lichttöpfchen Angewandte Physik und Quantenphysik
kontrollieren, um mit ihnen Experimente kann man, wenn man es geschickt macht, decken ein breites Forschungsspektrum
durchzuführen, wird als erster Schritt die Atome lokalisieren“, fährt Nägerl fort. ab und bieten „viele Möglichkeiten, Inte-
in einer speziellen Apparatur das ge- Ein Atom pro Lichttöpfchen, eine Art ato- resse zu wecken“. Als besonderen „Hin-
wünschte Element mit der jeweils benö- mare „Reise nach Jerusalem“, verkom- gucker“ planen die Physiker in der Jesui-
tigten Hitze – von Raumtemperatur bis pliziert durch Dreidimensionalität und tenkirche die Installation eines Foucault-
zu 1.000 Grad Celsius – verdampft. Es spezielle Interessen der Forscher, „etwa, schen Pendels, mit dem ohne Bezug auf
bildet sich eine Wolke aus hunderttau- dass nur jedes zweite Lichttöpfchen be- Beobachtungen am Himmel die Erdrota-
senden Atomen. Laserstrahlen streuen setzt werden soll.“ Die Atome sind nun in tion anschaulich nachgewiesen werden
Photonen auf die Atome, diese „schlu- dem Zustand, um sie in den gewünschten kann. Ein kleines Problem hat Hanns-
cken“ die Photonen und emittieren sie Quantenzustand zu bringen z.B. ein Bose- Christoph Nägerl dabei noch: „Wir wis-
wieder. Dabei gibt das Atom Energie an Einstein-Kondensat. „Bei einem Druck sen noch nicht genau, wie wir es an der
das Photon ab – und kühlt dadurch ab. von 10-11 Millibar ‚lebt‘ ein Bose-Einstein- Kuppel aufhängen können.“ ah

INNS­BRUCKER (QUANTEN-)MEILENSTEINE
1995 – BAUPLAN FÜR DEN QUANTENCOMPUTER: Peter Zoller und Ignacio Cirac entwickeln ein Konzept
für den Bau eines Quantencomputers, das auf der Wechselwirkung von Lasern mit kalten, in einer elektromagne-
tischen Falle gespeicherten Ionen basiert. In Grundzügen wurde diese Idee in den vergangenen Jahren experi-
mentell umgesetzt, und sie zählt zu den erfolgversprechendsten Konzepten auf dem Weg zu einem zukünftigen
Quantencomputer.
2005 – ERSTES QUANTENBYTE ERZEUGT: In Inns­bruck gelingt es erstmals nachweislich, eine größere Anzahl
von Atomen vollständig miteinander zu verschränken. Die Forscher um Rainer Blatt und Hartmut
Häffner realisieren zum ersten Mal ein sogenanntes Quantenbyte, indem sie acht Ionen kontrolliert
miteinander verschränken.
2006 – GEHEIMNISVOLLE QUANTENZUSTÄNDE BEOBACHTET: Experimentalphysikern um Rudolf Grimm und
Hanns-Christoph Nägerl beobachten erstmals sogenannte Efimov-Zustände. Diese wurden in den 1970er-Jahren vom Rus-
sen Vitali Efimov theoretisch vorhergesagt und in den Laboren in Inns­bruck erstmals realisiert.
2012 – QUANTENKONDENSAT: DIE DREIZEHNTE ART: Das exotische Element Erbium
wird von einem Team um Francesca Ferlaino erstmals erfolgreich kondensiert. Damit haben die Inns­brucker
Physiker als weltweit einzige die ersten Bose-Einstein-Kondensate von gleich drei chemischen Elementen –
Cäsium, Strontium und Erbium – erzeugt.
2016 – TEILCHENZOO IM QUANTENCOMPUTER: Mit der ersten Quantensimulation einer Gitter-Eichfeldthe-
orie schlagen die Inns­brucker Physiker eine Brücke zwischen Hochenergiephysik und Atomphysik. Ein Team um
Rainer Blatt und Peter Zoller simuliert mit einem Quantencomputer die spontane Entstehung von Elementarteil-
chen-Paaren aus einem Vakuum.
2019 – QUANTENRECHNEN IN DER CLOUD: Mit einem Quanten-Coprozessor in der
Cloud stoßen die Inns­brucker Physiker die Tür zur Simulation von bisher kaum lösbaren Fragestellungen in der Che-
mie, Materialforschung oder Hochenergiephysik weit auf. Die Forschungsgruppen um Rainer Blatt und Peter Zoller
simulieren Phänomene der Teilchenphysik auf 20 Quantenbits und zeigen, wie der Quantensimulator das Ergebnis
erstmals selbstständig überprüfen kann.

Fotos: Andreas Friedle (1), IQOQI Inns­bruck/Harald Ritsch, Christof Lackner, Uni Inns­bruck zukunft forschung 01/19 11
TITELTHEMA

HIER UND DORT


DAZUGEHÖREN
Arbeit, Krieg, Liebe – unterschiedlichste Gründe bewegen Menschen dazu, ihre Heimat zu
verlassen und sich in einem anderen Land ein neues Leben aufzubauen.

W
issenschaftlerinnen und Wis- senschaften und Europäische Ethnologie, zeigen, dass sich Menschen ihre neue
senschaftler der Universität die gemeinsam mit Fatma Haron und Umgebung aneignen und dort zu Hause
Inns­b ruck beschäftigen sich Claudius Ströhle Migration aus einer fühlen, gleichzeitig aber auch in vielfa-
mit der Geschichte und Gegenwart der transnationalen Perspektive untersucht. cher Art und Weise mit der alten Heimat
Migration, die keine Einbahnstraße ist. Im kulturellen Reisegepäck werden Ge- verbunden bleiben können. „Migration
„Das Fortgehen und Heimatfinden ist genstände, Ideen und Lebensweisen mit- ist kein einmaliger Schritt von A nach
kein linearer Prozess der Ablösung und gebracht, die dann den lokalen Verhält- B, sondern ein zirkulärer Prozess des
des Ankommens. Es ist ein komplexer nissen angepasst und erneuert werden. Austauschs auf vielen Ebenen. Es gibt
Prozess der Vernetzung“, sagt Silke Dadurch verändern sich nicht nur die In- nicht nur ein ‚entweder-oder‘, sondern
Meyer, Professorin für Europäische Eth- dividuen, sondern auch die Gesellschaft. ein ‚sowohl-als-auch‘“, betont Claudius
nologie am Institut für Geschichtswis- Mit ihren Forschungen will das Team Ströhle.

12 zukunft forschung 01/19 Fotos: Andreas Friedle (1), Stadtarchiv/Stadtmuseum Inns­bruck/Wett (2)
TITELTHEMA

Sozialer Austausch keine Tiroler Wurzeln haben, ist nur we-


Im dreijährigen Forschungsprojekt „Fol- nigen bekannt. „Ihren Ursprung haben
low the Money. Remittances as Social Geranien in der Kap-Region in Afrika
Practice“ untersuchen Fatma Haron und und sie werden noch heute aus diesen
Claudius Ströhle unter der Leitung von Ländern importiert. Beim ‚Fest der Wis-
Silke Meyer die langjährige intensive Ver- senschaft‘ möchten wir auch zeigen, dass
bindung zwischen Uşak im Südwesten das vermeintlich Typische, oder das, was
der Türkei und Fulpmes im Stubaital. uns ausmacht, oft schon eine sehr weite
Als „Remittances“ werden Geldtransfers Reise hinter sich hat. So sind heute die ei-
von Migrantinnen und Migranten in ihre gentlich exotischen Gewächse nicht mehr
Herkunftsorte bezeichnet, die dort Fami- von den dekorativen Blumenkisten an
lie und Freunde finanziell unterstützen. vielen Tiroler Häusern wegzudenken“,
Remittances sind aber mehr als nur Geld- so Ströhle.
sendungen, sie umfassen auch soziale
Praktiken, Weltanschauungen und Nor- Döner und Skateboard
men. So erbauen Rückkehrer und Rück- AUSGEHEND VON DEM im For- Neben den vermeintlich typischen Tiro-
kehrerinnen Häuser nach Tiroler Vorbild, schungsprojekt entwickelten trans- ler Geranien wurde das Skateboarden
richten im Keller Fitnessstudios ein und nationalen Verständnis von Migration beleuchtet. In Deutschland stationierte
bringen einen Kaffee-Vollautomaten als und Gesellschaft erarbeiteten Claudius amerikanische Soldaten haben diesen
Gastgeschenk mit in das Tee- und Mok- Ströhle und Silke Meyer gemeinsam mit Trend nach Europa gebracht. Der Verein
kaland Türkei. Studierenden der Europäischen Ethno- „Skaid – all together“ in Inns­bruck ver-
„Man kann Stubaier und gleichzeitig logie Plakate für eine Ausstellung, die bindet den Sport mit der Unterstützung
Uşaker sein. Mit unserer Arbeit wollen ab Juni am Inns­brucker Domplatz zu für geflüchtete Jugendliche. So wird den
wir der Vorstellung entgegenwirken, dass sehen sein wird. Die Ausstellung ist Teil Jugendlichen ermöglicht, Freundschaften
sich Menschen entscheiden müssen“, so einer Kooperation mit dem Stadtarchiv/ zu schließen und gemeinsam Sport aus-
der junge Wissenschaftler, der nicht nur Stadtmuseum Inns­bruck und trägt den zuüben. „Das Skaten wird auch symbo-
in Fulpmes, sondern auch in der Türkei Titel „Fortgehen und Heimatfinden. Inns­ lisch so gesehen, dass es keine Konkur-
forscht, denn Migration verändert den brucker Migrationsgeschichten“. In drei renz schürt, sondern das Miteinander in
Ankunfts- und den Herkunftsort. „Trans- Teilen, die von den Fächern Geschichte den Vordergrund stellt. Gemeinsam wer-
national zu forschen bedeutet, Menschen, der Neuzeit, Europäische Ethnologie und den Dinge ausprobiert, man darf auch
die selbst oder in ihrer Familie Erfahrung Zeitgeschichte gestaltet werden, widmet hinfallen und lernt, wieder aufzustehen
mit Migration haben, nicht als ‚zwischen sie sich vom 14. März bis 29. November und weiterzumachen“, vertieft Claudius
den Stühlen‘ zu imaginieren. Vielmehr 2019 der historischen und gegenwär- Ströhle.
bringen diese Menschen Wissen, Ideen, tigen Migration von und nach Inns­bruck. Auch die Geschichte des Döner-Ke-
Ressourcen und Erfahrungen in Gesell- Die Ausstellung ist das Ergebnis von babs, der sich von einem türkischen Tel-
schaften ein, und zwar an mehreren Or- einem Lehrforschungsprojekt, das über lergericht zu einem Take-away-Essen
ten“, erläutert Meyer. Das Projekt wird zwei Semester erarbeitet wurde. Neben entwickelt hat und heute dem urbanen
vom Wissenschaftsfonds FWF und dem den Inhalten der Migrationsforschung Lifestyle angepasst wird, wird als Teil der
Land Tirol im Rahmen des Tiroler Mat- erlernten Studierende auch Möglichkeiten Ausstellung erzählt. „Aus unserer Sicht
ching Funds gefördert. Anhand unter- des Wissenstransfers und der Vermittlung ist es unerlässlich, Migration und Mobili-
schiedlicher Aspekte und Zeitepochen von Forschungsergebnissen an eine brei- tät als historisches Phänomen zu betrach-
möchten die Forscherinnen und Forscher tere Öffentlichkeit. Die Ausstellung wird ten. Erst die Geschichte der Geranie, des
verschiedene Migrationsbewegungen auch als Teil des „Fests der Wissenschaft“ Skateboards oder des Döners zeigen, wie
nachzeichnen, mit dem Ziel, ein trans- gezeigt. viel Fremdes im vermeintlich Eigenen
nationales Verständnis für Migration zu steckt und umgekehrt“, so Meyer. Auch
schaffen. Gemeinsam mit Studierenden kritische Tönen dürfen dabei nicht aus-
haben Ströhle und Meyer auch eine Aus- bleiben, wie ein Plakat über Saison- und
stellung zum Thema „Fortgehen und Erntearbeit, am Beispiel von Tiroler Ra-
Heimatfinden“ erarbeitet. Neben den dieschen, zeigt. „Menschen dürfen nur
klassischen Themen wie Arbeitsmigration noch zu uns kommen, um hier zu arbei-
und Flucht beschäftigen sie sich mit der ten, nicht aber um hier zu leben. Die zeit-
Frage, in welchem Verhältnis das Fremde lich limitierten Aufenthaltsbewilligungen
mit dem Eigenen steht, zum Beispiel Ge- für Erntearbeiter oder die 24-Stunden-
ranien und Tirol. Pflegerinnen und -Pfleger sind Ausdruck
Mit Pelargonien, besser bekannt als neuer Migrationsregime, die prekäre und
Geranien, dekorierte Holzfenster ste- diskriminierende Lebensbedingungen
hen nicht nur in Tirol für Tradition und mit sich bringen“, so das Forschungs-
Heimat. Dass diese Blumen aber gerade team.  dp

zukunft forschung 01/19 13


TITELTHEMA

AUF HOCHLEISTUNG
RECHNEN
Am Forschungsschwerpunkt Scientific Computing vernetzen Informatikerinnen und Informatiker
rund 40 Arbeitsgruppen aus verschiedensten Forschungsbereichen und unterstützen diese bei der
Durchführung berechnungsaufwendiger Modelle und Simulationen.

P
hysik, Astrophysik, Mikrobiologie, Das Hochleistungsrechnen verfolgt da-
Atmosphärenwissenschaften oder bei immer den gleichen Grundsatz: Ein
Bauingenieurswesen sind nur ei- sehr großes rechnerisches Problem wird
nige Beispiele für Forschungsbereiche, auf viele kleine Probleme aufgeteilt, die
die auf computerunterstützte Berech- dann von mehreren Computern parallel
nungen angewiesen sind. Während bis gelöst werden. Wird es beispielsweise auf
vor einiger Zeit die Wissenschaft vor zehn Computer aufgeteilt, beträgt die Re-
allem auf zwei Säulen beruhte, nämlich chenzeit im Idealfall nur ein Zehntel im
Theorien und Experimente, sind Com- Vergleich zu nur einem Computer. Die
putersimulationen und Modellierungen Informatik kommt dann ins Spiel, wenn
mittlerweile unverzichtbar. Hochleis- man nicht zehn, sondern 100, 1000 oder
tungsrechnen gilt als Schlüsseltechno- eine Million Rechner parallel hat. Dann
logie in Industrie, Wirtschaft und Wis- spricht man von einem sogenannten
senschaft. SEIT JANUAR besteht die LEO-Rechner- Hochleistungs- oder Supercomputer.
An der Universität Inns­bruck arbeitet Familie an der Universität Inns­bruck aus „Der Nutzen des Hochleistungsrechnens
der Forschungsschwerpunkt Scienti- vier Systemen. Das neue System, LEO zeigt sich beispielsweise in Wettervorher-
fic Computing an der Umsetzung und 4, besteht aus 48 einzelnen Computern sagen, die jeden Tag aktuell sein müssen.
Durchführung von berechnungsauf- (Knoten), die jeweils über 28 Intel Xeon Würde ich sie auf einem Laptop berech-
wendigen Modellen und Simulationen. Recheneinheiten verfügen. Bis auf vier nen, dauert das mehrere Wochen“, erläu-
Zentral bei dieser dritten, wesentlichen Knoten (512 GB) sind alle mit 64 Giga- tert Gschwandtner.
Säule ist es, Wissenschaftlerinnen und byte Arbeitsspeicher (RAM) ausgestattet, Doch nicht nur die kurze Rechenzeit
Wissenschaftler sowie Arbeitsgruppen was insgesamt etwa 4,9 Terabyte RAM macht den Einsatz von Hochleistungs-
aus unterschiedlichsten Disziplinen entspricht. rechnern für die Wissenschaft so attrak-
zusammenzubringen. „In den Anwen- Das System verfügt über eine leistungs- tiv. Sie schaffen auch die Möglichkeit,
dungswissenschaften gibt es oft viele Ge- starke Kommunikationsschnittstelle Versuchsreihen zu simulieren, die in
meinsamkeiten, die man als Forscherin basierend auf dem Message Passing der Praxis nicht möglich sind. „Die As-
oder Forscher selbst vielleicht gar nicht Interface (MPI) Standard, um einen trophysik bietet uns ein gutes Beispiel
sieht. Rein von der mathematischen Nachrichtenaustausch mit niedrigen für ein Ereignis, das man experimentell
Materie haben ein Tunnelbauer und ein Latenzzeiten zwischen den Knoten zu nicht nachstellen kann. Galaxienkolli-
Astrophysiker möglicherweise sehr viel gewährleisten. Für die Speicherung der sionen im Weltall kann man nicht aktiv
gemeinsam. Um das auch zu erfahren, Daten wird das für parallele Architekturen herbeiführen, man kann sie lediglich
brauchen sie eine Plattform, die wir ih- optimierte GPFS-Dateisystem verwendet. passiv beobachten und selbst dann dau-
nen am Forschungsschwerpunkt bieten“, Die nutzbare Kapazität beträgt momen- ert es Jahrmillionen. Deshalb werden sie
so Philipp Gschwandtner. Er arbeitet seit tan 147 Terabyte. Zum Einsatz kommt am Computer simuliert“, veranschaulicht
November 2018 als Senior Scientist am das neue System bei der Simulation und der Informatiker die Relevanz von Si-
Forschungszentrum Hochleistungsrech- Optimierung vielschichtiger Prozesse mulationen mit Hochleistungsrechnern.
nen an der Universität Inns­b ruck, das sowie der Analyse und Präsentation von Ihre Simulationsprogramme bringen die
zum Forschungsschwerpunkt Scientific Big Data, um immer komplexer werdende Arbeitsgruppen meist bereits selbst mit.
Computing zählt. Seine Hauptaufga- rechen- und datenintensive Probleme Diese sind dann so geschrieben, dass sie
ben sind das Vernetzen verschiedener in den verschiedensten Bereichen wie auf einem normalen Arbeitsplatzrechner
Forschungsgruppen und schließlich die den Naturwissenschaften, Technischen laufen würden. Informatiker wie Philipp
Umsetzung von Projekten, die Bedarf an Wissenschaften und Life Sciences lösen Gschwandtner bringen dann das nöti-
Hochleistungsrechnen haben. zu können. ge Know-how mit, um die Programme

14 zukunft forschung 01/19 Fotos: Uni Inns­bruck (1), Andreas Friedle (1)
TITELTHEMA

PHILIPP GSCHWANDTNER: „Würde ich aktuelle Wettervorhersagen auf einem Laptop berechnen, dauert das mehrere Wochen.“

für Hochleistungsrechner zu skalieren. es eine starke Tradition und viele För- lichen. „Mit Hilfe eines kleinen tragbaren
„Es bedarf doch einiges an Informatik- derprogramme. Davon profitieren auch Supercomputers, einem sogenannten
Wissen, um ein Programm auf einem Wissenschaftlerinnen und Wissenschaft- Cluster-Koffer, möchten wir gemeinsam
Hochleistungsrechner zum Laufen zu ler der Uni Inns­bruck. Können Projekte mit den Besucherinnen und Besuchern
bringen und vor allem, um die vorhan- aufgrund von hohem Ressourcenbedarf vor Ort eine Simulation, die sogenannte
denen Ressourcen effizient zu nutzen“, nicht in Inns­b ruck durchgeführt wer- Particle-in-Cell-Simulation, nachstellen.
so Gschwandtner. Neben der unglaub- den, besteht die Möglichkeit, in Wien Dabei interagieren Teilnehmerinnen und
lichen Rechengeschwindigkeit zählen oder europaweit um Rechenleistung Teilnehmer über eine Webcam mit dem
zu diesen Ressourcen auch die enormen anzusuchen. „Das macht nationales und Mini-Supercomputer“, erklärt Philipp
Speicherkapazitäten von Hochleistungs- internationales Networking zu einer zen- Gschwandtner. Hintergrund dieser Live-
rechnern. Davon profitieren beispielswei- tralen Aufgabe für uns am Forschungs- Simulation ist ein EU-gefördertes Projekt
se Mikrobiologen, die mit sehr großen zentrum. Die Uni Inns­bruck ist hier auch zur Weltraumwettervorhersage, an dem
Datenmengen arbeiten. sehr gut vertreten. So hat der Leiter des in den vergangenen Jahren an der Infor-
Forschungsschwerpunkts Scientific Com- matik geforscht wurde. Durch das Erd-
Vernetzt puting, Alexander Ostermann, die Aus- magnetfeld werden Partikel, die als Son-
An der Uni Inns­bruck gibt es derzeit vier trian High Performance Computing Con- nenwinde von der Sonne zur Erde trans-
Hochleistungsrechner. Der jüngste und ference ins Leben gerufen“, sagt Philipp portiert werden, von ihr abgehalten. Ge-
leistungsstärkste ist LEO 4. Er wurde An- Gschwandtner. meinsam mit einem schwedischen Part-
fang des Jahres offiziell in Betrieb genom- Beim Fest der Wissenschaft wird das ner haben Wissenschaftler der Uni Inns­
men. National gesehen ist der VSC-3, der Forschungszentrum Hochleistungsrech- bruck eine Simulation programmiert, die
dritte einer Reihe von Supercomputer- nen der Bevölkerung einen Einblick in vorhersagen kann, wie sich diese Partikel
Clustern, der schnellste Hochleistungs- die Informatik generell und zum Hoch- im Falle von starken Sonnenstürmen ver-
rechner. Vor allem in Deutschland gibt leistungsrechnen im Besonderen ermög- halten. lm

zukunft forschung 01/19 15


TITELTHEMA

DIE MITOCHONDRIEN spielen eine wesentliche Rolle im Alterungsprozess und einen damit Forschungsbereiche an der Universität Inns­bruck.

GEHEIMNIS DES ALTERNS


Alterungsprozesse und neurodegenerative Erkrankungen verstehen und mögliche Mechanismen
­finden, um diese zu verlangsamen oder gar ­umzukehren – Wissenschaftler verschiedener Disziplinen
der ­Universität Inns­bruck setzen bei diesem Ziel auf Zusammenarbeit.

O
hne sie könnte unser Herz nicht tochondrien eine Schwachstelle der Zelle hungsweise umkehren zu können, wur-
schlagen, wir könnten weder at- in Bezug auf Alterung“, erklärt Pidder de aufbauend auf diesem universitären
men noch uns bewegen – durch Jansen-Dürr, Leiter des Forschungsin- Doktoratskolleg mit ARDRE ein Marie-
den Abbau von Nahrung sorgen sie für stituts für Biomedizinische Alternsfor- Skłodowska-Curie-COFUND-Programm
den größten Teil der Energie, die unser schung und Sprecher des neugegründe- beantragt, das kürzlich aus europaweit
Körper für seine alltäglichen Funktionen ten Doktoratskolleg „Aging, Regenerati- 114 Anträgen als eines von 28 Exzellenz-
braucht: Mitochondrien, die sogenannten on and Drug Research (ARDRE)“ an der zentren bewilligt wurde.
Kraftwerke der Zelle. Als Forschungsge- Uni Inns­bruck. Es überrascht also nicht,
genstand vereinen sie an der Universität dass Mitochondrien im Fokus verschie- Forschungskompetenz bündeln
Inns­bruck auch Disziplinen. dener Wissenschaftsdisziplinen stehen. In diesem von der Europäischen Uni-
„Wir wissen, dass die Mitochondrien Im 2017 gegründeten Doktoratskolleg on geförderten neuen Ausbildungs-
die Orte in Zellen sind, die im Alter dys- „Aging and Regeneration“ vereinten sie programm sollen Doktorandinnen und
funktional werden. Das liegt vor allem bereits sieben Arbeitsgruppen aus den Doktoranden nicht nur interdisziplinär,
daran, dass bei den Oxidationsprozessen Instituten für Biomedizinische Alternsfor- sondern auch intersektoral ausgebildet
in diesen Brennstoffzellen – in jeder Zelle schung, Molekularbiologie, Zoologie und werden. „Zwölf Doktorandinnen und
sind zwischen 500 und 2000 Mitochon- Botanik. Um diese Vorgänge in den Zel- Doktoranden werden im Programm
drien vorhanden – Sauerstoffradikale frei len in Zukunft noch besser zu verstehen ARDRE umfassend in den Bereichen
werden. Aus diesem Grund sind die Mi- und möglicherweise verlangsamen bezie- Stammzellforschung, Biologie des Alterns

16 zukunft forschung 01/19 Fotos: AdobeStock/Kateryna_Kon (1), Andreas Friedle (1)


TITELTHEMA

MITOCHONDRIEN
und Wirkstoffforschung ausgebildet“, er-
klärt Jansen-Dürr. „Inhaltlich geht es dabei
einerseits darum, die Mechanismen zu er-
kennen, die dazu führen, dass die Regene-
rationsfähigkeit im Alter nachlässt und an-
dererseits die Methoden der regenerativen
Medizin zu nutzen, um altersabhängige
UND HAUTALTERUNG
Erkrankungen zu überwinden.“ Welche Bedeutung die Mitochondrien für Alterungsprozesse­
Vor allem Krebserkrankungen und neuro­
degenerative Erkrankungen wie Alzheimer
haben, konnte Pidder Jansen-Dürr im Rahmen seiner
oder Parkinson aber auch Autismus, eine im ­Forschungsarbeit an einem künstlichen Hautmodell zeigen.
frühen Kindheitsalter auftretende Entwick-
lungsstörung, stehen dabei im Fokus der
WissenschaftlerInnen. Bereits im Vorfeld
von ARDRE führte die Kooperation zwi-
schen Biologen und Pharmazeuten an der
Uni Inns­bruck zu einigen wichtigen Ergeb-
nissen. So konnte Pidder Jansen-Dürr zum
Beispiel gemeinsam mit Jörg Striessnig, der
sich in einem Sonderforschungsbereich der
Universität mit chronischen Erkrankungen
des zentralen Nervensystems beschäftigt,
einen in der Literatur noch nicht dokumen-
tierten Zusammenhang zwischen Autismus
und einem mitochondrialen Enzym aufzei-
gen, der nun weiter erforscht werden soll.
Von der strukturellen Intensivierung der
Zusammenarbeit verspricht sich Jansen-
Dürr große Synergieeffekte: „Es gibt bereits
hervorragende punktuelle Kooperationen
zwischen den einzelnen in ARDRE vertre-
tenen Arbeitsgruppen – die Zusammenfas-
sung dieser zwölf Arbeitsgruppen in ein PIDDER JANSEN-DÜRR: „Könnte man die Hautalterung verlangsamen, wäre das auch
Exzellenzzentrum birgt großes Potenzial eine krebsvorbeugende Maßnahme.“
für den Standort.“

A
uf Basis von einzelnen Hautzel- tiven Regenerationsmechanismus ver-
Einblicke len konnten wir künstliche Haut fügen: die Mitophagie. „Bei unseren
Einen Einblick in ihre Forschungsarbeit ge- herstellen, die sich wie mensch- Bestrahlungstests mit UV-Licht konnten
ben die Wissenschaftlerinnen und Wissen- liche Haut verhält“, erklärt Pidder Jan- wir beobachten, dass die Funktion der
schaftler dieses Schwerpunkts beim Fest sen-Dürr. Dazu legen die Wissenschaft- Mitochondrien während der Bestrah-
der Wissenschaft in Inns­bruck. Unter dem ler eine Matrix aus Kollagen an, auf der lung stark zurückgeht. Diese defekten
Titel „Autismus, Angst und Altern“ veran- sie Fibroblasten (Bindegewebszellen) Mitochondrien werden dann von der
schaulichen sie, warum wir altern und was anwachsen lassen. Auf diese Schicht bestrahlten Zelle quasi selbst verdaut,
wir dagegen unternehmen können. Dies bringen sie dann Keratinozyten – der also in sogenannte Autophagosomen
umfasst sowohl Medikamente, die gezielt in der Oberhaut zu 90 Prozent vorkom- eingeschlossen und dort in ihre Be-
alternde Zellen aus dem Körper entfernen, mende Zelltyp – auf. Die so künstlich standteile zerlegt. Die defekten Teile
wie auch bestimmte Lebensmittel und Le- angelegte menschliche Haut ermöglicht­ werden aussortiert und aus den übrigen
bensweisen, die gesundes Altern unterstüt- ihnen zahlreiche Experimente und hat werden wieder neue, gesunde Mito-
zen können. Sie informieren aber auch über auch den Vorteil, dass Tierversuche an chondrien gebildet“, erklärt der Al-
sogenanntes Superfood und erklären, wa- Säugetieren – die in Bezug auf Tests ternsforscher. „Ohne diesen Mechanis-
rum vermeintliche Anti-Aging-Wunder- an der Haut in der Europäischen Uni- mus wäre ein Leben ohne massive
waffen zwar im Zellversuch Erfolge zeigen, on verboten sind – vermieden werden Hautschäden nicht möglich.“ Warum es
in der für Menschen nötigen Dosis aber können. doch immer wieder zur Bildung von
rasch an ihre Grenzen stoßen. Darüber hi- An diesem Modell, als Skin-Äquiva- Melanomen kommt, erklärt der Wissen-
naus wird ein Alterssimulationsanzug zur lente bezeichnet, konnten die Wissen- schaftler mit einer Systemüberlastung.
Verfügung stehen, mit dem man die Ein- schaftler beispielsweise zeigen, dass die „Könnte man die Hautalterung verlang-
schränkungen des Alters selbst erfahren Mitochondrien der in der Lederhaut samen, wäre das auch eine krebsvor-
kann. sr liegenden Fibroblasten über einen effek- beugende Maßnahme.“ sr

zukunft forschung 01/19 17


TITELTHEMA

WETTERPROGNOSEN:
AUS FEHLERN LERNEN
Am neuen Digital Science Center (DiSC) bündelt sich Digitalisierungskompetenz der Uni Inns­bruck.
Das Know-how soll Wissenschaftlern vieler Fachdisziplinen helfen, ihre Forschung voranzutreiben.

R
eto Stauffer ist Meteorologe, inso- pografie, Staueffekten, Luftzirkulationen
fern verwundert es, wenn er betont: etc. abhängig, andererseits tritt er nicht
„Wettervorhersagen können eigent- jeden Tag und dazu noch unregelmäßig
lich nicht stimmen.“ Doch der Forscher er- (von Nieseln bis zu Starkregen) auf. Mit
läutert im selben Atemzug warum: „Denn der Gauß-Verteilung, eine der wichtigsten
Wettermodelle können die Welt nur in An- Wahrscheinlichkeitsverteilungen, sei da
näherung abbilden.“ Dazu komme noch, nichts mehr anzufangen, sagt Stauffer.
sagt Stauffer, dass das Wetter bzw. die At- Die Messstationen liefern exakte Daten
mosphäre ein chaotisches System sei – eine über Niederschlagsmenge und -intensität,
perfekte Prognose sei daher nicht möglich. im Rückblick können Prognosen und tat-
„Natürlich können wir versuchen, hö- sächlicher Niederschlag in eine statistische
her aufgelöste und genauere Modelle zu Korrelation gebracht werden, um daraus
entwickeln“, sagt Stauffer, „eine andere einen Algorithmus zu entwickeln, der
Möglichkeit besteht darin, aus den eige- Wetterdaten mit Prognoseungenauigkeiten
nen Fehlern zu lernen.“ Die Meteorologie kombiniert. „Wir sind uns zu 99 Prozent
greift schon seit rund 40 Jahren auf das sicher, dass es am nächsten Tag in einem
sogenannte Post-Processing zurück – das bestimmten abgegrenzten Gebiet regnen
Wissen um falsche Prognosen wird in die RETO STAUFFER: Der Meteorologe bringt wird, wahrscheinlich wird die Nieder-
Vorhersage des Wetters eingebaut. Auch sein statistisches Know-how in das neue schlagsmenge vier Millimeter betragen,
in Inns­bruck wandten sich die Forscher Digital Science Center der Uni Inns­bruck ein. mit einer zehnprozentigen Wahrschein-
des Instituts für Atmosphären- und Kry- lichkeit aber mehr als 20 Millimeter“, be-
osphärenwissenschaften dieser Methode weise jahrzehntealte Beobachtungen und schreibt Stauffer eine mögliche Prognose.
zu, Stauffer etwa legte seinen Studien- und speziell für solche Zwecke gerechnete Vor- „Exakt“, betont er nochmals, „wird es nie
Forschungsschwerpunkt auf angewandte hersageprodukte.“ Mit statistischer Hilfe sein.“ Möglichst exakte Prognosen mit
Statistik. „Bei uns hat sich aber eine wis- suchen wir Zusammenhänge, bei welcher einer definierten Unsicherheit seien aber
senschaftliche Lücke aufgetan“, blickt der Wetterlage und welchen Bedingungen als Risikoabschätzung für viele Branchen
Forscher zurück. Mit der Berufung von welche Fehler systematisch in den Pro- – Wasserkraft, Windenergie, Eventman-
Achim Zeileis an die Uni Inns­bruck beka- gnosen auftreten. Haben wir diese identi- gement, Landwirtschaft … – von großem
men Tirols Wetterforscher Unterstützung, fiziert, können wir davon ausgehen, dass wirtschaftlichen Interesse.
diese Lücke zu schließen, brachte der neue in der gleichen Situation der gleiche Feh- Wie die Digitalisierung so Einfluss auf
Professor für Statistik „doch eine riesige ler wieder auftreten wird – und können die Arbeit der Wetterfrösche nehmen
Palette an statistischen Methoden mit“. unsere Prognose in diese Richtung korri- kann, will Stauffer beim Fest der Wissen-
Die Atmosphärenwissenschaftler wiede- gieren.“ In mehreren Projekten widmeten schaft zeigen. Seit Kurzem ist er Teil des
rum hatten die riesigen Datenmengen, mit sich die Forscher solchen statistisch unter- neuen Digital Science Center (DiSC) der
denen das Team um Zeileis diese Metho- mauerten Prognosen und entwickel(te)n Universität, welches die 350-Jahr-Feier
den weiterentwickeln in die Anwendung Algorithmen für Windenergie-Vorhersa- nutzt, um sich der Öffentlichkeit vorzu-
bringen konnte. Eine ideale interdiszipli- gen für Windparks, Nebelprognosen für stellen. Das DiSC bringt wissenschaft-
näre Kombination, um mit dem Wetter den Flughafen Wien oder hochaufgelöste liches Personal verschiedener Disziplinen
von gestern dank digitaler Methoden Modelle für den Schneefall in Tirol. mit Forschungsaktivitäten im Bereich der
Genaueres über das Wetter von morgen Digitalisierung an einem Ort zusammen.
sagen zu können. Und eine Kombination, Algorithmen für Prognosen Die Plattform soll neue Synergien in der
die den Meteorologen Stauffer als Forscher Während Temperatur in solchen Modellen Forschung zwischen verschiedenen Fach-
an das Institut für Statistik brachte. relativ einfach zu handhaben ist, stellt Nie- disziplinen sowie Statistik, Informatik,
„Wir arbeiten mit Wetterdaten aus der derschlag die Forscher vor andere Heraus- und Mathematik nutzen bzw. neue auf-
Vergangenheit“, berichtet Stauffer, „teil- forderungen. Einerseits ist er stark von To- bauen. ah

18 zukunft forschung 01/19 Fotos: Andreas Friedle


TITELTHEMA

zukunft forschung 01/19 19


TITELTHEMA

HERR DER BAUMRINGE


Anhand der Jahresringe von Bäumen kann der Geograph Kurt Nicolussi Rückschlüsse auf
Baugeschichte, Gletscherschmelze und sogar Klimageschichte ziehen.

Ü
ber das Interesse an der Entwick- Die Dendrochronologie geht wesentlich ten Jahrringkurven, ermöglicht“, sagt
lung der Gletscher in der Vergan- auf den amerikanischen Wissenschaftler der Geo­graph. „Ausgehend von einem
genheit kam Kurt Nicolussi in Andrew Ellicott Douglass zurück, der lebenden Baum weiß man in welchem
den 1980er-Jahren zu seinem heutigen Anfang des 20. Jahrhunderts Jahrringab- Kalenderjahr der erste Jahrring unter der
Fachgebiet, der Dendrochronologie. folgen von verschiedenen Hölzern in eine Rinde gebildet wurde, der nächste im Jahr
Mittlerweile ist der Geograph Leiter der jahrgenaue Übereinstimmung gebracht zuvor und so weiter. So ist es möglich, mit
Arbeitsgruppe für Alpine Dendrochro- hat. Gelungen ist das über die Variabilität lebenden Bäumen einen Jahrringkalender
nologie. „Wir beschäftigen uns mit der der Baumzuwächse, der Jahrringe. „Jahr- zu erstellen. Anschließend synchronisiert
Analyse von Hölzern und versuchen als ringe gleichen nie denen aus den Vorjah- man älteres Holzmaterial dazu. So wird
ersten Schritt, deren Alter zu datieren“, ren. Diese Variabilität können wir unter- sukzessive ein absoluter, immer weiter in
beschreibt Kurt Nicolussi seine For- suchen, was wiederum das Erstellen von die Vergangenheit reichender Jahrringka-
schungsarbeit. charakteristischen Abfolgen, sogenann- lender erstellt, der es erlaubt, alte Hölzer

20 zukunft forschung 01/19 Fotos: Andreas Friedle (1), Kurt Nicolussi (2)
TITELTHEMA
TITELTHEMA

jahrgenau zu datieren“, beschreibt Kurt


Nicolussi die Vorgangsweise. Die Arbeits-
gruppe konnte mittlerweile einen Daten-
satz erarbeiten, der für die letzten 10.000
Jahre durchgängig ist. „Als ich meine For-
schung in den Achtzigerjahren begonnen
habe, hätte ich nie gedacht, dass man ein-
mal so weit zurückdatieren kann“, freut
sich Kurt Nicolussi über den Fortschritt
der Dendrochronologie in den Alpen.

Klimaarchiv FRÜHHOLOZÄNER STAMMREST vor HOCHMITTELALTERLICHER Balkenquer-


Neben der Datierung erlaubt die Den- dem Tschierva Gletscher in der Schweiz. schnitt (Schloss Tirol) mit Jahrringbreitenkurve.
drochronologie auch, Rückschlüsse auf
das Klima zu ziehen. Stellt man unter- sotop 14C enthalten, das zur Wachstums­ manche Gletscherenden zusammenbre-
schiedliche Jahrringabfolgen gegenüber, zeit dem 14 C-Gehalt der Atmosphäre chen, weil aus den Nährgebieten immer
zeigen sich unter gewissen Vorausset- entspricht. Über Messungen der heu- weniger Eis nachkommt“, sagt Nicolussi
zungen ähnliche Schwankungen im tigen 14C-Isotope in den Jahrringen alter zur aktuellen Entwicklung der Gletscher.
Zuwachs bei den einzelnen Jahrring­ Hölzer und unter Berücksichtigung der Archäologische Relikte, die durch das Ab-
abfolgen. „Bei einem Abgleich stoßen Halbwertszeit von 5.730 Jahren können schmelzen des Eises zum Vorschein tre-
wir allerdings auch auf Grenzen, weil die Radiokarbonmesswerte auf Basis der ten, geben Aufschluss über die Gletscher-
der Standort der Bäume für das in den jahrgenau datierten Holzproben in Ka- entwicklung in der Vergangenheit und
Jahrringen enthaltene Klimasignal ent- lenderalter umgerechnet werden. Neben einen Einblick in die Begehung des Hoch-
scheidend ist“, sagt Nicolussi. Ein gutes 14
C enthält Holz auch stabile Isotope wie gebirges Alpen durch den Menschen.
Beispiel dafür ist der sehr heiße und 13
C, 18O oder Deuterium, die sich nicht „Vor ein paar Jahren haben Touristen auf
trockene Sommer 2003: Bäume in den durch das Abgeben von radioaktiver circa 3.000 Meter Höhe zwischen dem
Tieflagen haben sehr schmale Jahrringe Strahlung zersetzen und ebenfalls Rück- Matschertal und dem Schnalstal eine Art
gebildet, da ihnen die Feuchtigkeit für schlüsse auf das Klima zulassen. Aktu- Holzschindel aus der Bronzezeit an einem
das Wachstum gefehlt hat. Bäume in ell arbeiten Nicolussi und sein Team im zurückschmelzenden Eisfeld gefunden“,
den Hochlagen hatten hingegen einen Rahmen eines vom FWF und vom SNF berichtet Nicolussi. Nicht selten sind es
sehr guten Zuwachs. „Jahrringe zeigen geförderten Projektes mit Schweizer Kol- Bergwanderer, die solche Funde machen.
das regionale Klimasignal. Es gibt jedoch leginnen und Kollegen an Messungen „Dadurch, dass das Holz durch Schnee
auch Ereignisse, die sich überregional, ja dieser stabilen Isotope in Jahrringen für und Eis konserviert wird, kann man meist
global auf das Baumwachstum auswir- die letzten 9.000 Jahre. nicht sofort sagen, ob ein Holz nun 100
ken können. Werden bei sehr großen oder 3.000 Jahre alt ist, hier ist dann wie-
Vulkanausbrüchen Asche und Schwefel- Vergangenes der die Dendrochronologie gefragt“, sagt
dioxid in die Stratosphäre geschleudert, Die Arbeitsgruppe Alpine Dendrochro- Nicolussi weiter.
führt das zu einer globalen Abkühlung nologie arbeitet viel mit Forscherinnen
des Klimas, was sich wiederum in zeit- und Forschern aus der Schweiz zusam- Fest der Wissenschaft
gleichen, abrupten Einbrüchen des Jahr- men. Aufgrund der dort höhergelegenen Die vielseitigen Anwendungsgebiete der
ringwachstums auf verschiedenen Kon- und größeren Nährgebiete mancher Dendrochronologie werden auch beim
tinenten auswirken kann“, erklärt Kurt Gletscher reichten deren längere Glet- Fest der Wissenschaft präsentiert. So ist
Nicolussi. scherzungen eher in den Wald hinein. Kurt Nicolussi gleich an zwei Stationen
Holz ist ein sehr robustes Material, das Dadurch ist hier die Anzahl an Funden vertreten. „Die Arbeitsgruppe Alpine
etwa zur Hälfte aus Kohlenstoff besteht von Hölzern an aktuellen Gletscherenden Dendrochronologie ist einmal im Volks-
und sich unter Luftabschluss kaum zer- größer. In den letzten drei Jahrzehnten kunstmuseum zu finden. Dort geht es um
setzt. So kommt das Holz für den langen sind durch die Gletscherschmelze viele die Datierung von gotischen Stuben. Au-
alpinen Jahrringkalender aus Gletscher- Hölzer freigegeben worden. In Österreich­ ßerdem sind wir auch in in der Universi-
vorfeldern, aber auch aus Mooren und gab es bisher nur an zwei Gletschern, tätsstraße anzutreffen, wo es um die Glet-
Seen. Durch eine weitere Eigenschaft der Pasterze am Fuße des Großglockners scher- und damit Klimaentwicklung in
von Holz konnte und kann die Dendro- und am Gepatschferner in den Ötztaler den letzten 10.000 Jahren bis heute gehen
chronologie auch zur Weiterentwicklung Alpen, größere Entdeckungen. wird: Mit Hilfe des Inputs von Klima-
der Radiokarbonmethode beitragen, die „Diese Funde belegen lange frühere daten treiben wir ein Gletschermodell an
beispielsweise in der Archäologie oder Rückzugsphasen, aber die Gletscher heu- und wollen so analysieren, wie weit die
der Geologie zur Altersbestimmung un- te hinken dem aktuellen Klima hinterher Gletscher noch zurückschmelzen müs-
terschiedlicher organischer Materialien und müssen erst weiter zurückschmelzen, sen, um im Gleichgewicht mit dem aktu-
zum Einsatz kommt. In den einzelnen um wieder in ein Gleichgewicht zu kom- ellen Klima zu stehen“, sagt Nicolussi
Jahrringen ist das instabile Kohlenstoffi- men. Deshalb erleben wir derzeit, dass zum Programm.lm

zukunft forschung 01/19 21


STANDORT

ORTE DES DISKURSES


Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen über machtbewusste Professoren
seiner S­ tudentenzeit in Tirol, über Universitäten als Ort der faktenbasierten Argumentation und den
europäischen Hochschulraum als Vorbild der Integration.

ZUKUNFT: Sie haben 1962 Ihr Studium der Hilfskraft, dann Dissertation, Habilitati- tun, unbestritten aber ist, dass heute Stu-
Volkswirtschaft an der Universität Inns­ on und schließlich ordentlicher Professor dierende aus allen sozialen Schichten an
bruck begonnen. Wie kamen Sie zu dieser an der Universität Wien. Wie erlebten Sie den Universitäten vertreten sind. Damit
Entscheidung? die Institution Universität damals, wie bilden sie auch einen Spiegel der Gesell-
ALEXANDER VAN DER BELLEN: Ich hatte sehen Sie sie im Vergleich zur heutigen schaft. Und schließlich wirkt die Wissen-
damals das Glück, dass mir durch die Universitätslandschaft? schaft heute insgesamt ganz anders und
Unterstützung meiner Eltern alle Bil- VAN DER BELLEN: Damals wie heute sind viel intensiver in die Gesellschaft hinein.
dungswege offen standen. Ich wollte ei- Universitäten jene Stätten, an denen sich
gentlich immer gerne Architekt werden. junge Menschen viele wichtige Fähigkei-
Mit Bauklötzen zu hantieren und Phan- ten aneignen können. Es geht ja nicht nur
tasiegebäude zu errichten, gefiel mir als um die Wissensvermittlung, um später
Kind sehr. Aber später, im Gymnasium, verschiedenste Karrierewege einschlagen
merkte ich meine Grenzen. Ich wäre in zu können. Ich finde, dass die Heranfüh-
Darstellender Geometrie fast durchge- rung zu kritischem Denken und zur Ana-
fallen. Keine sehr gute Voraussetzung lysefähigkeit bzw. zum Verstehen von
für ein Architekturstudium. Die Berufs- größeren Zusammenhängen besonders
beratung empfahl mir dann Psychologie. wichtig ist. Denken Sie nur daran, wie
Aber letztlich habe ich mich für Ökono- drängend inzwischen die Frage gewor-
mie entschieden, so wie auch schon mein den ist, wie wir auf die Auswirkungen
Vater und mein Schwager. Ich hab‘s nie der Klimakatastrophe reagieren können.
bereut, obwohl mich Vergleichende Lite- Eine weitere große Herausforderung ist
raturwissenschaft schon sehr reizen wür- die Rasanz, mit der in der globalisierten
de, hätte ich noch einmal die Wahl. Welt das Wissen verbreitet wird und an-
ZUKUNFT: Was ist Ihre Erinnerung an die wächst. Unsere gesamte Kreativität ist
Studentenjahre? herausgefordert, damit umzugehen und
VAN DER BELLEN: Die Herausforderungen­ Antworten zu finden. ALEXANDER VAN DER BELLEN
waren anders als heute. Ich war noch ZUKUNFT: Die Universität Inns­b ruck (geboren 1944 in Wien) wuchs im Tiroler
konfrontiert mit machtbewussten, kon- blickt heuer auf eine 350-jährige Ge- Kaunertal auf. Nach dem Besuch des
servativen Professoren. Wir waren viel schichte zurück. Welche Rolle können Gymnasiums in Inns­bruck studierte er an
festgezurrter in den Strukturen, in den Universitäten – im Vergleich zu früher – der Universität Inns­bruck Volkswirtschafts-
Autoritätsverhältnissen. Transparenz in unserer Gesellschaft einnehmen? lehre und schloss das Studium 1966 als
und Mitspracherechte waren noch VAN DER BELLEN: Schon alleine der Um- Diplom-Volkswirt ab, die Dissertation
Fremdworte. Aber in den späten 1960er- stand, dass heute viel mehr Menschen folgte 1970. Die wissenschaftliche Karri-
Jahren gab es die berühmt-berüchtigten studieren, dass wir – um ein wenig char- ere führte ihn von Inns­bruck an die Uni-
Studentenunruhen, von denen auch an mantes Wort zu gebrauchen – Massen­ versität Wien, wo er von 1980 bis 1999
der kleinen Universität Inns­bruck Notiz universitäten in vielen Städten Öster- als ordentlicher Universitätsprofessor für
genommen wurde. Ich hatte zu dieser reichs haben, verändert die Bedeutung Volkswirtschaftslehre tätig war. 1994 zog
Zeit schon eine Stelle als wissenschaft- der Universitäten für die Gesellschaft. Alexander Van der Bellen für die Grünen
liche Hilfskraft angetreten. Wir waren In Graz sind fast 20 Prozent der Bevöl- als Abgeordneter in den N ­ ationalrat ein,
fasziniert, zu sehen, dass Autoritäten kerung Studierende, in Innsbruck sind 1997 wurde er zum Bundessprecher ge-
auch zerbröckeln können. Ich habe da- es rund 28 Prozent, in Wien rund elf wählt und blieb es bis 2008. 2012 schied
mals viel gelernt über Politik. Vor allem, Prozent. Das prägt selbstverständlich er aus dem Nationalrat aus und wechselte
was passiert, wenn die Verantwortlichen das Leben in einer Stadt. Hinzu kommt, bis 2015 in den Wiener Gemeinderat.
nicht die Zeichen der Zeit erkennen. dass heute die soziale Durchmengung ei- 2016 kandidierte er für das Amt des
ZUKUNFT: Ihre Forscherkarriere begann ne ganz andere ist als noch vor hundert Österreichischen Bundespräsidenten und
auch in Inns­bruck, zuerst – wie Sie schon oder zweihundert Jahren. Zwar ist auf wurde am 4.12.2016 in der – wiederhol-
erwähnt haben – als wissenschaftliche diesem Gebiet sicherlich noch einiges zu ten – Stichwahl gewählt.

22 zukunft forschung 01/19 Fotos: Wolfgang Zajc (1), HBF/Peter Lechner (1)
STANDORT

„Eine Wissensgesellschaft kann nur dann erfolgreich sein, wenn sie langfristig denkt, Neugier belohnt, Risiko
des Scheiterns akzeptiert und gleichsam einen wissenschaftlichen Generationenvertrag schließt.“ Alexander Van der Bellen

ZUKUNFT: Die Feierlichkeiten stehen unter Orte, an denen man lernt, faktenbasiert Großinvestitionen wie jene gerade jetzt
dem Motto „Wir bauen Brücken“. Welche zu argumentieren. Alleine der letzte von Böhringer, dass die Industrie sich der
Brücken kann eine Universität bauen? Punkt ist von enormem gesellschaftlichen hohen Qualität des Forschungsstandortes
VAN DER BELLEN: Gerade die Universität Nutzen. Wenn wir aber die Grundlagen- Österreich durchaus bewusst ist.
Inns­bruck ist ein Paradebeispiel für die forschung als solche betrachten, dann ZUKUNFT: Mit dem Beitritt Österreichs zur
Brückenfunktion der Universitäten. Als wissen wir aus Erfahrung, dass eine Wis- EU sind die heimischen Universitäten
Brücke zu Südtirol und Deutschland, als sensgesellschaft nur dann erfolgreich sein – Stichwort Erasmus, Arbeitnehmer-
Institution, die das Leben in der Stadt kann, wenn sie langfristig denkt, Neugier freizügigkeit, EU-Förderprogramme…
maßgeblich mitprägt. Oder, denken wir belohnt, Risiko des Scheiterns akzeptiert – internationaler geworden. Kann diese
nur an die Medizinische Universität und gleichsam einen wissenschaftlichen gelebte europäische Integration Vorbild
Inns­bruck, die ja früher ein Teil der Uni Generationenvertrag schließt. für andere Gesellschaftsbereiche sein?
Inns­bruck war, als Verbindung von Wis- ZUKUNFT: Wird Österreich eigentlich als Wenn ja, wie?
senschaft und Anwendung – in dem Fall Land der Forschung wahrgenommen – VAN DER BELLEN: Der europäische Hoch-
in den Kliniken. Wir müssen aber auch oder sieht man uns als Land der Skifah- schulraum ist ja bereits ein Vorbild für die
immer darauf achten, dass die Universi- rer und der Kultur? Integration in anderen Bereichen. Denken
täten auch zwischen den sozialen Schich- VAN DER BELLEN: Österreich ist ein Land Sie nur an Erasmus+, das die Mobilität
ten verbindend wirken. Dass ein Studi- der Forschung, das ist unbestritten. So- auf europäischer Ebene auf außeruniver-
um keine Frage der Herkunft ist, sondern gar der Spitzenforschung – sowohl im sitäre Einrichtungen ausgeweitet hat.
eine Frage der Begabung, des Fleißes, der angewandten Bereich wie in der Grund- Und ganz generell denke ich, dass die
Leistung. Und schließlich ist die Univer- lagenforschung. Dass Leistungen auf heute 30-Jährigen schon eine ganz andere
sität als Lebensphase zwischen Schule diesen Gebieten nicht so sichtbar sind europäische Selbstverständlichkeit haben
und Berufsleben ebenfalls eine mächtige wie etwa im Sport oder bei der Kultur, und leben als deren Elterngeneration.
und wichtige Brücke. ist keine neue Entwicklung. Innerhalb Wenn wir den Verführungen der heute
ZUKUNFT: Universitäten sind der Ort der der Scientific Community ist die österrei- wieder stärkeren Nationalismen wider-
Grundlagenforschung. Wo sehen Sie de- chische Grundlagenforschung allerdings stehen und das europäische Projekt wei-
ren Bedeutung für unsere Gesellschaft? durchaus anerkannt. Das bemerkt man ter vorantreiben, wird sich die Frage nach
VAN DER BELLEN: Universitäten sind auch auch daran, dass immer wieder Persön- einer Integration des Kontinents irgend-
Orte der Grundlagenforschung. Darüber lichkeiten von Weltruf an heimischen In- wann nicht mehr stellen – so wie heute
hinaus sind sie Orte der Bildung, der stitutionen verpflichtet werden können. schon die Universitäten transnational
Wissensvermittlung, des Diskurses und Bei der angewandten Forschung zeigen handeln und kooperieren.ah

zukunft forschung 01/19 23


KURZMELDUNGEN

LEBEN AUS DEM EIS

A uch der Rotmoosferner in den Ötz-


taler Alpen zieht sich immer wei-
ter zurück. Forschern der Universität
Inns­bruck erlaubt dies die Beobachtung
früher Phasen der Bodenentwicklung.
Einem Team um die Mikrobiologin
Ursula Peintner ist es gelungen, Mikro-
organismen vor allem in Form von Pil-
zen im Gletschervorfeld nachzuweisen.
Selbst im kargen Boden direkt an der
Gletscherzunge konnten die Forsche-

FEST & SUPRAFLÜSSIG


rinnen und Forscher eine hohe Diver-
sität an Pilzarten nachweisen. Durch
Untersuchungen sowohl im Sommer

ZUGLEICH
als auch im Winter konnten sie zudem
erstmals einen saisonalen Wechsel von
Arten dokumentieren. „Bereits in frü-
heren Arbeiten haben wir festgestellt,
dass Mikroorganismen in schneebe- Forscher um Francesca Ferlaino beobachteten in dipolaren Quanten-
decktem Boden zehnmal mehr Bio- gasen aus Erbium- und Dysprosiumatomen suprasolide Zustände.
masse bilden als im Sommer. Bis jetzt
haben wir uns aber noch nicht an Stel-

S
len herangewagt, an denen Leben erst uprasolidität ist ein paradoxer Zu- on der Österreichischen Akademie der
stand, in dem die Materie sowohl Wissenschaften haben nun Merkmale
supraflüssige als auch kristalline dieses exotischen Zustands in ultrakal-
Eigenschaften besitzt. Die Teilchen sind ten Quantengasen beobachtet.
wie in einem Kristall regelmäßig ange- Die Forscher schafften es, diese Eigen-
ordnet, bewegen sich aber gleichzeitig schaften von Suprasolidität sowohl in
ohne Reibung wie in einer Supraflüs- Erbium- als auch in Dysprosium-Quan-
sigkeit. Vor 50 Jahren vorhergesagt, tengasen zu zeigen, indem sie die Wech-
wurde bisher versucht, diesen unge- selwirkung zwischen den Teilchen der
wöhnlichen Materiezustand mit seinen starken dipolaren Quantengase entspre-
widersprüchlichen Eigenschaften in chend regelten. „Während in Erbium das
supraflüssigem Helium nachzuweisen. suprasolide Verhalten wie bei ähnlichen
Nach jahrzehntelanger theoretischer Experimenten in Pisa und Stuttgart nur
und experimenteller Forschung fehlt vorübergehend erscheint, ist es im Dys-
entsteht, wie etwa im gerade von Eis jedoch noch ein eindeutiger Nachweis prosium-Quantengas beispiellos stabil“,
befreiten Boden. Sogar in der erst seit von Suprasolidität in diesem System. sagt Francesca Ferlaino. „Hier zeigt sich
kurzem eisfreien Fläche haben wir Pilze Zwei Forschungsgruppen unter der das suprasolide Verhalten nicht nur sehr
im Boden gefunden und noch dazu je Leitung von Francesca Ferlaino am Ins­ lange, es kann auch direkt durch Ver-
nach Saison andere. Im Winter zum Teil titut für Experimentalphysik der Uni- dampfungskühlung erreicht werden.“
sogar mehr verschiedene Arten als im versität Inns­bruck und am Institut für Dies bietet spannende Perspektiven für
Sommer“, erzählt Peintner. Quantenoptik und Quanteninformati- neue Experimente und Theorien.

NACHWUCHSFORSCHUNG „IM AUGE DES BETRACHTERS“

D ie Verarbeitung visueller Signale im Herzen der Netzhaut steht im Mittelpunkt


eines EU-finanzierten Trainingsprogramms für Nachwuchsforscher, das in
diesem Jahr endet. Ende Mai kamen die 15 beteiligten Doktoranden aus acht
verschiedenen europäischen Labors zu einem Abschlusstreffen an der Universität
Inns­bruck zusammen, um ihre Arbeiten an der Schnittstelle von Neurobiologie,
Informationsverarbeitung und Neurotechnologie in größerem Rahmen zu präsen-
tieren. Auf dem Programm standen außerdem drei Plenarvorträge von international
renommierten Professoren. Das Europäische Trainingsnetzwerk „switchBoard – In
the Eye of the Observer“ ist Teil des Horizon 2020 Programms.

24 zukunft forschung 01/19 Fotos: S.flaischlen, CC BY-SA 4.0 (1), Uni Inns­bruck (1), istockphoto.com (1)
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Westösterreichs ist dafür unverzichtbar! Markus Wallner
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Spitzenposition in Österreich ausbauen. Zukunft im Herzen Europas!
Georg Willi Arno Kompatscher
Bürgermeister von Innsbruck Landeshauptmann von Südtirol

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Universität Innsbruck gestiftet von

1669 - Wissenschafft Gesellschaft Innrain 52 A-6020 Innsbruck


Förderkreis der Universität Innsbruck www.stiftung-universitaet-innsbruck.at
CHEMIE

„VIEL ZEIT und einige falsche Fährten“ führten Gregor Hoerder und Hubert Huppertz (v.li.) zum neuen Leuchtstoff SALON.

26 zukunft forschung 01/19 Fotos: Andreas Friedle (1), Uni Inns­bruck (2)
 CHEMIE

LEUCHTENDER ZUFALL
Um LEDs zu verbessern, setzen Chemiker um Hubert Huppertz und das Unternehmen OSRAM Opto
­Semiconductors auf Rot und Grün. Während der in dieser Kooperation entdeckte rote Leuchtstoff
SALON Leuchtdioden energieeffizienter machen soll, geht es bei Grün um eine bessere Differenzierung
und mehr Grüntöne für effizientere Displays.

A
lles unreaktiver Müll“ – Mitte der dotierte Phasen der Zusammensetzung Das Potenzial der Energieeinsparung
1990er-Jahre urteilte Hubert Hup- M2Si5N8 (M = Ca, Sr, Ba), auch 258-Fami- durch optimierte Leuchtstoffe ist enorm,
pertz hart über die Substanzen, die lie genannt – diese roten Leuchtstoffe sind im Jahr 2015 war der Beleuchtungssek-
im Mittelpunkt seiner Doktorarbeit stan- mitverantwortlich, dass LEDs nicht mehr tor in den USA für rund 15 Prozent des
den. Zwar hatte er mit Eu2Si5N8 erstmals kalt-weiß, sondern warm-weiß leuchten. gesamten Stromverbrauchs des Landes
ein Nitridosilicat mit Europium, einem „Bei einer weißen LED werden rote verantwortlich. Das Energieministerium
Metall der seltenen Erden, synthetisiert, und gelb-grüne Phosphore durch das der USA schätzt das mögliche Energie-
doch es war „bombenstabil“ und reagier- Licht einer blauen Diode angeregt. Die einsparpotenzial aufgrund der sogenann-
te mit nichts mehr. In der Natur kommen Partikel emittieren entsprechendes Licht ten Solid-State-Lighting-Technologie –
solche Nitridosilicate – statt Sauerstoff im roten und grünen Bereich, die Kom- Leuchten mit Leuchtdioden (LEDs), orga-
bindet Stickstoff an Silicium – nicht vor, bination mit dem blauen Licht ergibt nische Leuchtdioden (OLED), Polymer-
weißes Licht“, beschreibt Leuchtdioden (PLED) sowie Laserdioden
„SALON emittiert mehr im orangen als im Huppertz das Prinzip ei- als Lichtquellen – bis zum Jahr 2035 auf
ner LED. Das Problem der bis zu 75 Prozent im Vergleich zu einem
roten Bereich, genau in dem Bereich,
Phosphore der 258-Familie Nicht-SSL-Szenario.
den wir sehen können. Als Folge haben wir ist eines des menschlichen
­weniger Energieverlust.“ Hubert Huppertz Auges. Am sensibelsten rea- Ein rotes Krümelchen
giert unser Auge auf die Far- Huppertz‘ Team und Forscher von OS-
Festkörperchemiker wie Huppertz erzeu- be Grün, weshalb wir Grüntöne als sehr RAM Opto Semiconductors beschäfti-
gen sie im Labor. „Dabei muss man einige hell wahrnehmen. Im blauen und roten gen sich jedenfalls seit einigen Jahren
Tricks anwenden“, berichtet Huppertz, Bereich ist das Auge hingegen weniger wieder mit dem Thema, das ehrgeizige
etwa müssen Wasser und Sauerstoff aus- empfindlich. Zwar emittieren 258-Phos- Ziel: „Wir arbeiten an roten und grünen
geschlossen werden, in einem Hochfre- phore im roten Bereich, den unser Auge Leuchtstoffen, wollen neue synthetisieren
quenzofen benötigt es extrem hohe Tempe- wahrnimmt, ein Teil der Energie aber, so und damit LEDs verbessern.“ Für einen
raturen und Schutzgasbedingungen. Die Huppertz, „geht in den tiefroten Bereich, neuen roten Leuchtstoff verfolgen die
derart synthetisierten Nitridosilicate sind den wir kaum sehen können“. Teams die Strategie, die Emission von
Hochtemperaturkeramiken und stabil bis Rot in Richtung Blau zu verschieben.
1.600 Grad Celsius – eben bombenstabil. Und bei dieser Arbeit kam Gregor Hoer-
„Eine fortführende Synthese war mit der, Dissertant bei Huppertz, der Zufall
Eu2Si5N8 nicht möglich, für einen Che- zu Hilfe.
miker war diese Substanz also eher un- „Wir haben es mit einer Substitution
interessant.“ Eine Anwendung war, so versucht“, benennt Hoerder die che-
Huppertz, trotz „der herrlich-schönen mische Reaktion, bei der Atome bzw.
knackeroten Farbe“ auch nicht vorstell- Atomgruppen in einem Molekül durch
bar, die Idee, es als neues Farbpigment ein anderes Atom oder eine andere Atom-
z.B. für Feuerwehrautos einzusetzen, gruppe ersetzt werden. „Das erste Ergeb-
scheiterte am astronomischen Preis von nis war ein Phosphor, der gelb emittiert
Europium. Und doch sind mit Eu2Si5N8 hat“, erinnert er sich. Die Verschiebung
verwandte Materialien heute omniprä- Richtung Blau war somit zu weit geraten,
sent. „Wir wussten damals schon, dass zudem war noch eine andere erwünschte
es fluoresziert“, erinnert sich Huppertz. chemische Eigenschaft verloren gegan-
Unter anderem arbeitete in München die gen. In dem kleinen, gerade mal 200 Mil-
Gruppe rund um Huppertz‘ Doktorva- ligramm leichten Häufchen, bestehend
ter Wolfgang Schnick weiter an dieser BEI EINER LED werden Phosphore aus Staub und klitzekleinen Krümelchen,
Phase, optimierte sie, verdünnte das durch blaues Licht angeregt, die Partikel fanden die Forscher bei der Charakteri-
Europium. Am Ende standen Europium- emittieren dann entsprechendes Licht. sierung noch eine Nebenprobe, nicht

zukunft forschung 01/19 27


CHEMIE

DIE KRISTALLSTRUKTUR von SALON ist die Ursache für die hervorragenden Lumineszenzeigenschaften. Die Entdeckung war ein Zufall,
wie Gregor Hoerder sagt: „Die 200-Milligramm-Probe hat gelb emittiert, nur ein Krümel von knapp 0,01 Millimeter Größe hat rot geleuchet.“

ganz einen Hundertstel Millimeter groß Phase mit dieser Anordnung synthe- Huppertz jedenfalls will SALON noch
– und dieser Krümel leuchtete rot. Nach tisch eingerastet ist“. Die Teams ga- mit weiteren analytischen Methoden un-
einer fluoreszenztechnischen Charakte- ben dem neuen leistungsstarken roten ter die Lupe nehmen, um es noch besser
risierung stellten die Forscher fest: „Das Phosphor Sr[Li 2Al 2O 2N 2]:Eu 2+, dessen zu verstehen. Die Weiterentwicklung der
ist genau das, was wir haben wollen. Wir Lumineszenz­e igenschaften LED-Be- LED hat er weiterhin im Auge, geht es bei
haben aber keine Ahnung, was es ist.“ leuchtungsmittel deutlich energieeffizi- Rot um mehr Effizienz, geht es den For-
Für Huppertz ein Zufall, der Teil der enter machen sollten, den Namen SA- schern bei Grün um eine bessere Differen-
Festkörperchemie ist, er spricht vom LON und publizierten ihre Erkenntnisse zierung. „Es ist eine der faszinierendsten
Serendipity-Prinzip. Horace Walpole, in in Nature Communications. Sachen, die unheimlich vielen und unter-
der Literaturgeschichte als Begründer „SALON emittiert mehr im orangen als schiedlichen Grüntöne im Frühjahr zu
der Gothic Novel („The Castle of Otran­ im roten Bereich, genau in dem Bereich, sehen. Die derzeitige Darstellung auf
to“) bekannt, sprach 1754 in einem Brief den wir sehen können. Als Folge haben Bildschirmen und Displays kommt da
erstmals von Serendipity in Zusammen- wir weniger Energieverlust“, erläutert nicht mit“, sagt Huppertz. Daher sucht er
hang mit neuen und überraschenden Huppertz. Und Hoerder ergänzt: „Das mit seinen Mitarbeitern neue Phosphore,
Entdeckungen, welche die Protagonisten US-Energieministerium sieht für rotes die stärker im grünen Bereich emittieren,
von The Three Princes of Serendip, ein ins Licht den optimalen Wellenlängenbe- ein kleiner Schritt in diese Richtung „be-
Englische übertragenes persisches Mär- reich bei 614 Nanometer – genau da liegt deutet eine Vielzahl neuer Farben, die
chen, machten. „Synthesen der Festkör- ­SALON.“ An der weiteren Charakterisie- man generieren kann.“ Finden wollen sie
perchemie sind so komplex, dass eine rung des neuen Materials waren auch das diese mit Alkalilithosilikaten, erste lumi-
Vorhersage sehr selten möglich ist. Man Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur neszierende Vertreter dieser Substanz-
muss vielmehr schauen, was passiert – von Werkstoffen und Systemen IMWS klasse wurden schon synthetisiert. Und
oftmals ist das etwas völlig Unerwar- in Halle und die Forschungsgruppe um Huppertz ist überzeugt, dass sich damit
tetes. Daraus gilt es dann intelligente Dirk Johrendt an der Ludwig-Maximi­ unzählige Grüntöne auf Bildschirme zau-
Schlüsse zu ziehen, die einen wissen- lians-Universität München beteiligt. Die bern lassen, damit „auch der Rasen eines
schaftlich weiterbringen“, erläutert Entwicklung wurde bereits zum Patent Fußballfelds im Fernsehen wie ein natür-
Huppertz das Serendipity-Prinzip für angemeldet. licher Rasen ausschaut.“ah
die Festkörperchemie.

SALON für neue LED HUBERT HUPPERTZ (*1967 in Münster) studierte an


Für Hoerder bedeutet der rote Krümel der Universität Bayreuth Chemie und dissertierte in der
jedenfalls „viel Zeit und einige falsche Arbeitsgruppe von Wolfgang Schnick zum Thema Struk-
Fährten“ bis er den Synthese-Prozess turelle Erweiterungen der Nitridosilicate. Danach forschte
nachvollziehen, mehr rote Krümelchen er als Post-Doc an der Ludwig-Maximilians-Universität
herstellen, mehr über diese erfahren München am Lehrstuhl für Anorganische Festkörperche-
und ihre Struktur durch OSRAM Op- mie in der Arbeitsgruppe von Schnick und wurde 2003
to Semiconductors aufgeklärt werden mit Arbeiten zu neuen Oxoboraten durch Multianvil
konnte. Heute wissen die Forscher, Hochdruck-/Hochtemperatursynthesen habilitiert. 2008
dass es „reines Glück war, dass die wurde Huppertz an das Institut für Allgemeine, Anorga-
Bedingungen in dem Batch an dieser nische und Theoretische Chemie der Universität Inns­bruck
Stelle exakt so gewesen sind, dass die berufen.

28 zukunft forschung 01/19 Fotos: Uni Inns­bruck (1), Andreas Friedle (2)
Ihre Idee ist zu gut,
um sie links liegen zu lassen! *
Bild: Werkstätte Wattens (Fotograf: Clemens Ascher)

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zukunft 01/19
forschung 29
MUSIKWISSENSCHAFT

SARAH LUTZ und Bernhard Achhorner arbeiten an einer Theorie der musikalischen Schrift.

ZWISCHEN DEN
NOTENLINIEN
Von Musik im Mittelalter über klassische Musik bis hin zur modernen Popmusik haben Komponistinnen
und Komponisten ihre Ideen in vielfältiger Art und Weise verschriftlicht. Die Art der Notation hat sich
über die Jahrhunderte mit den Anforderungen und technischen Möglichkeiten gewandelt.
Ein internationales Forschungsteam möchte nun eine Theorie der musikalischen Schrift entwickeln.

B
eethoven, Haydn und Mozart In Inns­bruck arbeiten Bernhard Achhor- Die musikalische Schrift erlaubt über
haben ihre eigenen Systeme zur ner und Sarah Lutz unter der Leitung von Musik anders zu denken, denn plötzlich
Verschriftlichung ihrer musika- Federico Celestini, Professor am Institut wird ein Zeitphänomen in den Raum
lischen Ideen entworfen und so ihre für Musikwissenschaft, an performativen übertragen. Damit beschäftigt sich die
großartigen Kompositionen zu Papier Aspekten der Notation. Die im Projekt ver- Frage nach der Operativität, die in Wien
gebracht. Von der Notation auf Perga- ankerten Forschungen in Wien und Inns­ behandelt wird. „Es ist nicht einfach, sich
ment bis zu den heute gängigen digitalen bruck werden vom FWF gefördert. „Wir an alle Details eines dreißigminütigen
Methoden haben Komponistinnen und haben uns entschieden, die ikonischen, Satzes zu erinnern. Habe ich aber die
Komponisten über alle Epochen die mu- performativen, operativen und materialen Notenschrift vor mir liegen, sehe ich den
sikalische Schrift weiterentwickelt und Aspekte musikalischer Notation zu unter- Anfang, die Mitte und das Ende auf einen
neuen Möglichkeiten angepasst. Wissen- suchen“, verdeutlicht Celestini. Neben den Blick“, betont Celestini.
schaftlerinnen und Wissenschaftler aus Forschungen an der Uni Inns­bruck be- Mit der Perspektive der Ikonizität von
Deutschland, der Schweiz und Österreich schäftigen sich Wissenschaftlerinnen und Schrift setzen sich die Forschenden in
haben sich in einem Projekt zusammenge- Wissenschaftler der Universität für Musik Gießen auseinander. Das Notenbild hilft
schlossen und sich zum Ziel gesetzt, mit und darstellende Kunst Wien, der Univer- Musikerinnen und Musikern, einen ersten
der Analyse unterschiedlicher Aspekte sität Gießen und der Paul Sacher Stiftung Eindruck des Werkes zu bekommen. „Mit
musikalischer Schrift eine Theorie zu in Basel mit konkreten Fragestellungen im etwas Erfahrung kann man sofort erken-
entwickeln. Projekt „writing music“. nen, ob es sich beim vorliegenden Stück

30 zukunft forschung 01/19 Fotos: Andreas Friedle (1), Milijana Pavlović (1), Sarah Lutz (2)
MUSIKWISSENSCHAFT

um ein Werk von Haydn, Beethoven oder von Beethoven deutlich wird: „Seine der Komposition, die auch im Schriftbild
Brahms handelt oder aus welcher Epoche Schrift wird kleiner und größer, schwillt Konsequenzen mit sich bringt. „Entschei-
die Musik stammt“, so der Wissenschaft- an, verändert die Schräglage und entwi- dungen, die bis dahin im Bereich der Auf-
ler. Ein weiterer Schwerpunkt im Projekt ckelt eine große Dynamik, wie sie ent- führung zu treffen waren, werden nun
ist die Materialität der Schrift, die in Basel steht, wenn man eilig eine spannende durch die auktoriale Verschriftlichung als
behandelt wird. In der privaten Paul Sa- Idee zu Papier bringen möchte.“ So war Teil der Komposition angesehen und so-
cher Stiftung werden Nachlässe der wich- der Akt des Schreibens für Beethoven mit verbindlich gemacht“, erläutert Lutz,
tigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts wohl ein Hilfsmittel, seine Gedanken zu die verdeutlicht, dass große Traktate be-
aufbewahrt. Die Qualität von Pergament
oder günstigeren Formen von Papier,
die Wahl der Tinte und der Schreib­ „Es ist nicht einfach, sich an alle Details eines dreißigminütigen Satzes
instrumente oder die unterschiedlichen zu erinnern. Habe ich aber die Notenschrift vor mir liegen, sehe ich
Formen von Druck sagen viel über den den Anfang, die Mitte und das Ende auf einen Blick.“ Federico Celestini
Prozess des Komponierens aus. Neben
diesen Schwerpunkten in der Forschung
beschäftigen sich die Expertinnen und Ex- fassen und so seine weiteren Ideen per- schrieben, wie beispielsweise ein Triller
perten an der Uni Inns­bruck mit der Per- formativ hervorzubringen und zu entwi- zu formen ist.
formativität in der musikalischen Schrift. ckeln. Ähnlich dazu sucht die Musikwissen-
Im Vergleich soll etwa Haydn sehr schaftlerin auch im vermeintlich streng
Körperlichkeit von Musik strukturiert gearbeitet und bereits mit programmierten digitalen Raum nach
Der besondere Zusammenhang zwischen seinen Skizzen eine Reinschrift vorgelegt der Körperlichkeit: „Diese Annahme ent-
Sprechen und Handeln wird als Perfor- haben. „Zu untersuchen, welchen Stel- wickelt sich genau gegensätzlich, denn
mativität bezeichnet. Bernhard Achhor- lenwert das Schreiben für die Komponis- im digitalen Bereich verschmelzen die
ner und Sarah Lutz folgen den Spuren tinnen und Komponisten hatte und diese Kompositionsleistung mit der performa-
der Körperlichkeit in der musikalischen Stile auch miteinander zu vergleichen, ist tiven Leistung.“ Heute ist es möglich, mit
Schrift und kommen so den großen Kom- sehr spannend“, verdeutlicht Achhorner, Tasteninstrumenten, aber auch mit Wind­
ponistinnen und Komponisten näher. der so dem musikalischen Schaffens- instrumenten die Musik direkt in digitale
„Handlungen wie das Schreiben und das prozess der großen Meister ganz nahe- Programme einzuspielen. Diese Form der
Spielen von Musik sind für uns von zen- kommt. Komposition ähnelt am Ende mehr dem
traler Bedeutung. In unterschiedlichen Musizieren als dem Schreiben selbst,
Epochen möchten wir zeigen, wie bedeu- Digitale Freiheit denn die Gleichzeitigkeit von Notieren
tend und prägend diese performativen Im Vergleich dazu widmet sich Sarah und Improvisieren war so noch nie mög-
Akte für das Komponieren sind“, erläu- Lutz den körperlichen Spuren in Drucken lich. „Der digitale Raum ist im Gegensatz
tert Bernhard Achhorner, der genau wie und im Digitalen. „Die Wende vom 16. zu einem Blatt Papier virtuell navigierbar
Sarah Lutz an seiner Dissertation arbeitet. zum 17. Jahrhundert markiert in Italien und der Komponist bekommt eine zu-
Der Wissenschaftler widmet sich dem eine Zeit musikhistorischer Umbrüche. sätzliche Ebene mehr an Freiheit, denn
Akt des musikalischen Schreibens und Die erste Oper und das erste Oratorium mit zwei Klicks können Dinge ersetzt
dessen Bedeutung für die Komponisten sind entstanden und der Generalbass oder neu angeordnet werden“, erläutert
dieser Zeit wie Beethoven, Mozart, Schu- wird eingeführt. Wir haben uns gefragt, die Wissenschaftlerin. Im Austausch mit
bert oder Haydn. Bringen Komponisten ob sich diese Umstellungen nicht auch ihren Kolleginnen und Kollegen wollen
ihre Ideen zu Papier, so lassen sich noch auf die Schrift auswirken“, so die Wissen- Celestini, Lutz und Achhorner bis zum
Jahrhunderte später mögliche Gefühlsre- schaftlerin. Neu ist ab diesem Zeitpunkt Projektende im Jahr 2020 zum Erstellen
gungen in der Art und Weise ihrer No- die Verschiebung der Grenze zwischen einer Theorie der musikalischen Schrift
tizen erkennen, wie etwa in den Skizzen der früher gängigen Improvisation und beitragen. dp

GUSTAV MAHLER, Ausschnitt aus der CLAUDIO MONTEVERDI, „Il quinto libro SCREENSHOT eines Cubase 8.5 Projektes
Faksimile-Edition „Das Lied von der Erde. de madrigali“, Typendruck von Amadino, mit Markern, Tempo- und Taktspuren, MIDI-
Abschied“, Den Haag 2017. Venedig 1608. und Audiospuren, Inns­bruck 2019.

zukunft forschung 01/19 31


SPRACHWISSENSCHAFT

DIE DIGITALISIERUNG
DES BERGBAUS
Inns­brucker Forscherinnen und Forscher arbeiten erstmals mittelalterliche Quellen
zu Bergbaugebieten im Tiroler Unterland umfassend digital auf.

DER GEOINFORMATIKER Gerald Hiebel und die Sprachwissenschaftlerinnen Bettina Larl und Elisabeth Gruber (v.li.) arbeiten an der Digi-
talisierung zweier Bergbau-Quellen aus dem Mittelalter, hier im Tiroler Landesarchiv.

32 zukunft forschung 01/19 Fotos: Andreas Friedle


SPRACHWISSENSCHAFT

V
iele der Gruben hießen nach Bar- Einträge in den Quellen sind meistens tive waren maßgeblich für die Gruben-
bara oder Anna, das sind Berg- nach dem gleichen Schema aufgebaut: namen?“, erläutert Elisabeth Gruber.
bauheilige. Wir haben auch die Eine Person übernimmt in diesem und
Heiligen Drei Könige, die 14 Nothelfer, jenem Gebiet die Grube mit diesem und Karten der Grubenlandschaft
vergleichsweise selten aber Namen von jenem Namen. Dazu gibt es dann noch An der geografischen Komponente des
Bergleuten als Namen der Grube“, sagt ein Datum“, erklärt Bettina Larl. Projekts arbeitet insbesondere Gerald
die Sprachwissenschaftlerin Elisabeth Die uneinheitliche Rechtschreibung Hiebel: Er entwickelt eine geografische
Gruber. Gemeinsam mit Bettina Larl und im Mittelalter ist hier eine Herausforde- Repräsentation der (ehemaligen) Berg-
Gerald Hiebel widmet sie sich im Projekt rung, welche die beiden Wissenschaftle- baugebiete mit genauer Zuweisung der
„Text Mining Medieval Mining Texts“ rinnen und der Wissenschaftler zumin- einzelnen Gruben. „Hier hilft uns ein
(T.M.M.M.T.) dem Bergbau im Mittelal- dest teilweise mit schon vorhandenen Verzeichnis von Stollen und Gruben aus
ter – und auch die Namen der Gruben Registern abfedern können: Die Germa- 1961 des Geologen Herwig Pirkl. Dort
spielen eine zentrale Rolle. Konkret for- nistin Yvonne Kathrein, ebenfalls von sind an die 900 Stollen eingezeichnet, et-
schen die beiden Sprachwissenschaftle- der Universität Inns­bruck, hat etwa in wa die Hälfte auch mit Namen versehen“,
rinnen und der Geoinformatiker an zwei ihrer Dissertation die historische Fami- erklärt er. Hier schließt sich der Kreis: So-
historischen Quellen: Das „Verleihbuch liennamenlandschaft der Landgerichte genannte Gazetteers, Ortsverzeichnisse,
der Rattenberger Bergrichter“ (TLA Hs. Freundsberg und Rottenburg aufgear- verknüpfen die Namen von Gruben,
37) und das „Schwazer Berglehenbuch“ beitet und stellt damit eine gute Quelle geografische Koordinaten und Jahres-
(TLA Cod. 1587). für historische Personennamen und de- zahlen und erlauben, am Material weiter
Beide Quellen beschreiben die wech- ren Schreibweisen zur Verfügung. Unter zu forschen. „Wir könnten uns vorstel-
selseitigen Beziehungen zwischen Gru- anderem mit derartigen Registern funk- len, dass das Material, wie wir es am
benverleihern, Bergleuten und den ein- tioniert die „named-entity recognition“, Ende zur Verfügung stellen, einen guten
zelnen Gruben und geben außerdem also die automatisierte Erkennung von Ausgangspunkt für Historikerinnen und
Aufschluss über die geografische Veror- Eigennamen: Am Ende werden Tabellen Historiker bietet, zum Beispiel einzelnen
tung der einzelnen Gruben: Das „Ver- mit Orts- und Personennamen stehen, die Bergleuten nachzugehen – und den Da-
leihbuch“ über die Jahre 1460 bis 1463 im untereinander verknüpft werden können tensatz dadurch auch zu erweitern, etwa
Bergbaugebiet Rattenberg-Brixlegg, das – basierend auf den semantischen Anga- mit biografischen Daten. Oder auch mit
„Berglehenbuch“ über das Abbaugebiet ben in den untersuchten Quellen. „Wir makroökomischen Informationen aus
Falkenstein in Schwaz um ca. 1515. Bei- haben da aber auch ein sprachwissen- der Region zur betroffenen Zeit, je nach
de Quellen sind im Tiroler Landesarchiv schaftliches Interesse: Wie wurden Na- Fachinteresse“, sagt Hiebel.
(TLA) zugänglich. „Wir haben hier zwei men geschrieben und was sagt uns das Die Daten – sowohl die Transkripte der
einzigartige Quellen, von denen eine über den Wandel der Sprache über die digitalisierten Originalquellen als auch
noch gar nicht und die zweite bereits in Jahrhunderte, welche Benennungsmo- die Gazetteer-Datensätze mit Karten –
editierter Form in einem Buch von Wolf- werden offen zugänglich zur Verfügung
gang Tschan aus 2009 vorliegt. In einem stehen. „Das ist eine Bedingung der
ersten Schritt geht es uns darum, diese Öster­reichischen Akademie der Wissen-
Quellen zu digitalisieren, zu transkribie- schaften, die unser Projekt fördert, und
ren und der Öffentlichkeit zur Verfügung eine Bedingung, die wir auch vollinhalt-
zu stellen“, erklärt Bettina Larl. lich unterstützen. Wir wollen mit dem
Projekt einerseits eine Lücke schließen,
Transkription andererseits aber auch eine Basis schaf-
Für die Digitalisierung der Quellen nut- fen, an der Kolleginnen und Kollegen
zen die Forscherinnen und der Forscher weiterarbeiten können“, sagt Gruber.
das in Inns­bruck entwickelte Tool „Tran- T.M.M.M.T. wird im Rahmen der Schiene
skribus“, das – nach Training auf die je- „go!digital“ der ÖAW gefördert, mit der
weilige Quelle – eine weitgehend automa- die Wissenschaftsakademie insbesondere
tische Transkription erlaubt. „Transkribus Projekte der Digital Humanities unter-
erleichtert uns die Arbeit sehr, aber auch stützt – Projekte aus den Geisteswissen-
hier müssen wir jeweils nochmals kor- schaften, die wissenschaftliche Fragestel-
rigierend eingreifen. Es sind auch un- lungen mit technischem Know-how ver-
deutlich geschriebene Passagen dabei, binden. Das Projekt läuft seit Februar
verschmutzte Seiten oder zum Beispiel 2019 und ist auf zwei Jahre angelegt. Ihr
Seiten mit Wasserschäden“, sagt Elisabeth­ für das aktuelle Projekt erworbenes
Gruber. Ein zentrales Ziel ist es, Gruben- Know-how bringen Gruber und Larl üb-
und Personennamen automatisch zu ex- rigens auch in der Wissensvermittlung
trahieren und sie in ihrem räumlichen für Kinder ein: Im Rahmen der „Jungen
und zeitlichen Kontext in einer digitalen BETTINA LARL bei der Digitalisierung der Uni“ bieten sie dieses Jahr „Machine
topografischen Karte darzustellen. „Die Quelle TLA Hs. 37 mithilfe des ScanTent. Learning für Kinder“ an.  sh

zukunft forschung 01/19 33


WISSENSTRANSFER

PORENTIEFER BLICK
Egal ob bei Beton, Keramik oder anderen porösen Materialien, Poren haben einen großen Einfluss auf
die Eigenschaften von Materialien. Ein neues Röntgenmikroskop hilft Inns­brucker Wissenschaftlern,
einen tiefen Blick in die Porenräume von Materialen zu werfen.

S
eit zehn Jahren gibt es an der Fa- die sich in Größe, Form und Verbindung Steka-Werke und Luxner Engineering
kultät für Technische Wissenschaf- der Poren voneinander unterscheiden. wollen die Inns­brucker Wissenschaftler
ten der Universität Inns­bruck das Darüber hinaus verändert sich der Po- um Lackner die Poren in technischen Ke-
NanoLab. Dort steht seit Kkurzem ein renraum im Zuge der Verwendung der ramiken gezielt verändern und dadurch
von der Europäischen Union gefördertes Materialien durch thermische, mecha- neue Anwendungsmöglichkeiten schaf-
Röntgenmikroskop. Dieses Mikroskop nische aber auch chemische Prozesse. fen.
ermöglicht einen tiefen Blick in Materia­ Dies spiegelt sich schließlich auch in „Diese Methode ist aber nicht auf tech-
lien, die inneren Strukturen können bis der Belastbarkeit und Leistungsfähig- nische Keramiken beschränkt“, betont
auf 700 Nanometer aufgelöst werden. keit von Materialien wider. „Mit den am Roman Lackner. „Die meisten Materia­
Bei den Messungen können die Proben neuen Röntgenmikroskop generierten lien wie auch biologische Stoffe besitzen
auch mechanisch und thermisch belastet Daten können wir virtuelle Modelle des einen Porenraum, welcher die physika-
werden. „Uns interessieren besonders die Porenraums erzeugen und dadurch die lischen Eigenschaften stark beeinflusst.“
Poren, sozusagen die Luft im Material“, Leistungsfähigkeit von Materialien mo- Als Beispiel nennt er Baustoffe wie Beton,
sagt der Materialwissenschaftler Roman dell- und simulationsbasiert bestimmen Dämmstoffe und Holz aber auch Bioma-
Lackner vom Arbeitsbereich für Material­ und auch optimieren“, erklärt Lackner. terialien wie Knochen. In einer Koopera-
technologie. „Der Porenraum hat einen Zurzeit wird das Gerät im Rahmen tion mit der Medizinischen Universität
starken Einfluss auf die physikalischen eines vom Europäischen Fonds für regio- Inns­bruck will Lackner zum Beispiel die
Eigenschaften der Materialien.“ Der Po- nale Entwicklung (EFRE) geförderten Ko- Verankerung von Implantaten in gesun-
renraum entsteht während der Herstel- operationsprojekts zur Optimierung von den und kranken Knochen untersuchen
lung. Je nach Herstellungsart ergeben technischen Keramiken eingesetzt. Ge- und hinsichtlich ihrer Belastbarkeit und
sich klar unterscheidbare Porenräume, meinsam mit den Tiroler Partnerfirmen Dauerhaftigkeit verbessern. cf

UNTERSCHIEDLICH poröse Keramikpro-


ben wurden mit dem Röntgenmikroskop
untersucht und am Computer in Ausschnit-
ten rekonstruiert. Die unterschiedlichen Po-
renräume sind als dunkle Bereiche deutlich
erkennbar.

34 zukunft forschung 01/19 Fotos: Uni Inns­bruck


WISSENSTRANSFER

GENIALER VERBINDER
Mit einem neuen Verbinder können Holzdecken mit einer
Spannweite von über fünf Metern ohne Unterzüge realisiert werden.

U
m den Betonbau durch den klima- se der Holzbauproduzenten und Verbin-
freundlicheren Holzbau ersetzen dungsmittelhersteller an dieser Neuent-
zu können, muss sich der kon- wicklung zeigt das hohe Potenzial dieses
struktive Ingenieurholzbau an dessen Systems. Die Erfindung wurde gemein- NEUES LABOR FÜR
Leistungsfähigkeit messen lassen. Eine sam mit dem project.service.buero der
LEISTUNGSELEKTRONIK
neue Entwicklung von Mitarbeitern des Universität Inns­bruck zum Patent ange-
Arbeitsbereichs Holzbau an der Universi-
tät Inns­bruck um Roland Maderebner
bringt diese Bemühungen nun um einen
meldet. Die Markteinführung erfolgt nun
gemeinsam mit der Südtiroler Firma
Rotho­blaas über eine Europäische Tech-
P etar Grbović wurde zum Stiftungs-
professor für das von der Infineon
Technologies Austria AG und der Uni-
entscheidenden Schritt weiter. Waren für nische Bewertung (ETA).  versität Inns­b ruck gegründete Inns­
Spannweiten wie im Stahlbetonbau bis- bruck Power Electronics Lab (i-PEL)
her deutlich dickere und schwerere Holz- berufen. Mit dieser Professur verstär-
decken notwendig, kann mit dem in Inns­ ken Infineon Austria und die Univer-
bruck entwickelten Spider-Verbinder der sität ihre Kooperation im Bereich Leis­
Holzbau hier in Zukunft mithalten. Der tungselektronik. „Es freut mich sehr,
Systemverbinder, der die Decke mit der dass es in intensiver Zusammenarbeit
Stütze verbindet, besteht aus strahlenför- mit der Universität Inns­bruck gelungen
migen Auslegern, die mit Schrauben mit ist, Petar Grbović für die Stiftungspro-
der Holzplatte verbunden werden. Dank fessur Leistungselektronik zu gewin-
einer Laststeigerung im Anschlussbereich nen. Mit seiner umfassenden internati-
um fast das Dreifache können die Stützen onalen Erfahrung im Industrie­bereich
im gleichen Abstand wie bei einer Stahl- kombiniert mit intensiver Lehr- und
betonkonstruktion mit gleicher Decken- Forschungstätigkeit deckt er das An-
stärke gesetzt werden. Das große Interes- forderungsprofil der Professur bestens
ab“, betont Sabine Herlitschka, Vor-
standsvorsitzende von Infineon Tech-
DAS TIROLER PHYTOVALLEY WÄCHST WEITER nologies Austria.
„Mein Ziel ist es, mit i-PEL weltweit

D as Phytovalley Tirol sorgt mit der Forschung zum hohen Wirkstoffpotenzial von Pflan-
zen nicht nur für Innovationen und Arbeitsplätze, sondern nimmt auch eine Vorrei-
terrolle in der erfolgreichen Anwendung ein. „Das Projekt Phytovalley ist ein Leuchtturm-
als starker Player auf dem Gebiet der
Leistungselektronik wahrgenommen
zu werden“, sagt Grbović. „Neben der
Projekt am Forschungsstandort Tirol. Ein großer Dank gilt den Beteiligten – allen voran wissenschaftlichen Arbeit mit den Stu-
Michael Popp für sein Vertrauen in das Tiroler Know-how“, sagt Landeshauptmann Gün- dierenden werden wir Infineon bei der
ther Platter. In den vergangenen Jahren wurden zahlreiche Arbeitsplätze im Bereich der Entwicklung von energieeffizienten
Phytowissenschaften geschaffen, aktuell arbeiten rund 140 Forscherinnen und Forscher im Spitzentechnologien unterstützen. In
Phytovalley. Ab Herbst 2019 nimmt das Michael-Popp-Institut an der Universität Inns­bruck fünf Jahren sollte i-PEL als führendes
seine Forschungsarbeit auf, das mit 3,5 Millionen Euro von Bionorica und mit 1,5 Millionen Labor für Leistungselektronik in Ös-
Euro vom Land Tirol gestiftet terreich und Europa gelten.“
wird. „Ziel des neuen Instituts Mit der Uni Inns­bruck steht ein idea-
ist es, die Pharmakognosie an ler Partner mit internationaler Reputa-
der Universität auszubauen tion, hervorragenden Leistungen in der
und voranzutreiben. Ab Herbst Grundlagenforschung und einem guten
startet ein siebenköpfiges Team Verständnis für die Bedürfnisse der In-
mit der Forschung, das bis dustrie zur Verfügung. Rektor Tilmann
2020 auf 20 Personen anstei- Märk: „Die Kooperation mit Infineon
gen wird. Das bringt unser Phy- Austria entspricht unserer Strategie des
tovalley auf ein neues Level,“ aktiven Wissens- und Technologietrans-
erläutert Günther Bonn, Leiter fers in Gesellschaft und Wirtschaft so-
TILMANN MÄRK, Michael Popp, Günther Bonn und des Instituts für Analytische wie eines Ausbaus der technischen Wis-
Günther Platter (v.li.) Chemie und Radiochemie. senschaften.“

Fotos: P8 (1), Uni Inns­bruck (1), Rothoblaas (1) zukunft forschung 01/19 35
SICHERHEITSFORSCHUNG

OPTIMAL GERÜSTET
FÜR DEN ERNSTFALL
Im 2018 neu gegründeten „Disaster Competence Network Austria“ werden­
die vielfältigen Forschungsaktivitäten im Bereich der Sicherheits- und
­Katastrophenforschung Österreichs erstmals gebündelt. Die Uni Inns­bruck
beteiligt sich am interdisziplinären Netzwerk in mehreren Bereichen.

VOR UND IM Katastrophen-

B
fall gilt es viele Aspekte zu estmögliche Prävention und Reaktion: Das Netzwerk zur Katastrophenpräventi-
berücksichtigen: Das Disaster Katastrophen-Ereignisse wie Hoch- on DCNA wurde 2018 auf Initiative der Uni-
Competence Network Austria wasser, Erdbeben, Lawinen, Erdrutsche versität für Bodenkultur (BOKU) Wien und
arbeitet an der Bündelung der oder auch Cyberangriffe lassen sich leider der TU Graz ins Leben gerufen und ist als
Kompetenzen in Österreich. nicht immer verhindern. Das Eintreten der Verein organisiert. Bereits kurz nach seiner
Katastrophen aber so gut wie möglich zu ver- Gründung trat die Universität Inns­bruck im
meiden bzw. im Krisenfall schnell und effizi- Sommer vergangenen Jahres dem Netzwerk
ent zu reagieren – dazu möchte das Disaster bei. „Ziel des Netzwerkes ist es, wissenschaft-
Competence Network Austria (DCNA) einen liche Erkenntnisse in die Praxis zu transferie-
Beitrag leisten und die bereits vorhandene Ex- ren und sowohl in der Prävention als auch
pertise in Theorie und Praxis durch interdis- im Ernstfall als kompetenter Ansprechpartner
ziplinäre Zusammenarbeit weiter verbessern für Einsatzorganisationen und politische Ent-
und ausbauen. scheidungsträgerinnen und -träger zu fungie-

36 zukunft forschung 01/19 Fotos: AdobeStock/ Peter Buchacher (1), Andreas Friedle (1)
SICHERHEITSFORSCHUNG

ren. Die Wissenschaftlerinnen und Wissen- lerinnen und Wissenschaftlern und Einsatz-
schaftler der Universität Inns­bruck können kräften ist sehr fruchtbar und wichtig, wie
sich hier auf verschiedenen Ebenen mit ihrer sich bereits in den ersten Treffen in den letzten
Expertise einbringen. Wissenstransfer in Ge- Monaten gezeigt hat“, freut sich Juen über die
sellschaft und Wirtschaft ist ein wichtiger Teil Etablierung des Netzwerkes. Zwei Themenbe-
unseres Leitbildes an der Universität Inns­ reiche standen etwa auf der Agenda eines ers­
bruck. Gerade in diesem Bereich ist es uns ten gemeinsamen Meetings der Arbeitsgrup-
ein Anliegen, als Volluniversität mit unseren pe, das Ende März in Wien stattfand. „Die
vielfältigen Kompetenzen einen Beitrag zu intensiv diskutierten Themen zeigen, wie
leisten“, erklärt Ulrike Tanzer, Vizerektorin komplex die zu berücksichtigenden Aspekte
für Forschung, die Motivation der Universität sind – und zwar sowohl vor dem Eintreten ei-
Inns­bruck, am Netzwerk teilzunehmen. Ne- ner Katastrophe als auch im Krisenfall, wenn
ben der Universität Inns­bruck sind auch die rasches und koordiniertes Handeln vonnöten
Universitäten Salzburg, Graz und die Mon- ist“, sagt Juen.
tanuni Leoben beteiligt sowie Forschungs- Die Arbeitsgruppe „Katastrophenrisiko“
einrichtungen und Einsatzorganisationen aus beschäftige sich dazu unter anderem mit der
ganz Österreich. Frage, wie Modelle für die Nutzung von Räu-
„Aktuell liegen die Projekt-Schwerpunkte men im Katastrophenfall aussehen könnten.
unserer Universität in den Bereichen der „Hier gilt es vieles schon in der Planung von
psychosozialen Aspekte der Katastrophenbe- öffentlichen Gebäuden zu berücksichtigen:
wältigung, der Spuren- und Atemgasanaly- Wie können Räume aus baulicher, sozialer,
tik, des Wasserbaus sowie der Cyberrisiken. soziokultureller und psychologischer Sicht
Aber auch Gebiete wie etwa die Translati- für den Katastrophenfall gestaltet werden?
onswissenschaften – ein vielleicht in diesem Gerade in Extremsituationen ist es wichtig,
Zusammenhang nicht sofort auf der Hand dass die betroffenen Menschen nicht ‚nur’ ei-
liegender Bereich – werden eine Rolle spie- ne Unterkunft haben, sondern sich dort auch
len“, verdeutlicht Tanzer. Die Universität geborgen und wohl fühlen und den Raum
Inns­bruck hat die Aktivitäten im Rahmen des für kurz- oder auch langfristige temporäre
DCNA auch in ihrer Leistungsvereinbarung Aufenthalte bestmöglich nutzen können“, so
verankert und strebt einen kontinuierlichen Juen. Ein weiterer Bereich der Arbeitsgruppe
Ausbau der beteiligten Wissenschaftlerinnen umfasst die Analyse von Systemrisiken unter
und Wissenschaftler – etwa auch mit der um- Einbeziehung der betroffenen Bevölkerung.
fassenden Kompetenz im Forschungsschwer- „Hier geht es beispielsweise um die Frage,
punkt „Alpiner Raum“ – in allen Bereichen wie Menschen sowohl im städtischen als
und Arbeitsgruppen des DCNA im Laufe der auch im ländlichen Raum für die Katastro-
nächsten Jahre an. phenvorsorge aber auch für die Mitwirkung
im Katastrophenfall aktiviert werden kön-
Komplexe Aufgabengebiete nen. Dabei geht es um die Entwicklung einer
Das Netzwerk hat sich in fünf Arbeitsgruppen möglichst allgemein verständlichen Kommu-
organisiert: „Massenbewegungen, Lawinen nikationsstrategie unter Berücksichtigung BARBARA JUEN studierte
und Erdbeben“, „Kritische Infrastruktur und von soziokulturellen Aspekten, aber auch um Psychologie an der Universität
Industriegefahren“, „Hochwasser“, „Extrem- Berücksichtigung des lokalen Wissens vor Inns­bruck, wo sie 1989 pro-
wetterereignisse“ und „Katastrophenrisiko“. allem auch der älteren Bevölkerung“, erklärt movierte. Seit 1992 ist Juen
Die Arbeitsgruppe „Katastrophenrisiko“ steht Barbara Juen. am Institut für Psychologie tä-
unter der Leitung von Barbara Juen. Die au- Im kommenden Herbst werden die jähr- tig, seit 2003 als außerordent-
ßerordentliche Universitätsprofessorin am lichen Disaster Competence Days mit Beteili- liche Universitätsprofessorin.
Institut für Psychologie der Uni Inns­bruck ist gung aller Institutionen in Graz stattfinden, Dort leitet sie die Arbeitsgrup-
bereits seit 2004 fachliche Leiterin der Psycho- um die weitere Vorgehensweise und bereits pe Psychotraumatologie und
sozialen Dienste des Österreichischen Roten erarbeitete Konzepte zu diskutieren. „Die Notfallpsychologie. Barbara
Kreuzes und verfügt über jahrelange Erfah- Universität Inns­bruck freut sich, Teil dieses Juen ist Mitbegründerin des
rung in Theorie und Praxis der Kriseninter- Netzwerkes sein zu können und strebt in den ersten Kriseninterventions-
vention. Vor rund 20 Jahren war die Psycho- zahlreichen Bereichen, die für die Krisenprä- Teams des Österreichischen
login Mitbegründerin des ersten Kriseninter- vention von Bedeutung und wissenschaftlich Roten Kreuzes und entwickelte
ventions-Teams beim Roten Kreuz. hier angesiedelt sind, die Etablierung von Dis- das entsprechende Curricu-
„Das DCNA bringt zahlreiche Expertinnen sertantinnen- und Dissertanten-Stellen, die lum. Seit 2004 ist sie Fachliche
und Experten auf dem Gebiet der Katastro- Anschaffung von Gerätschaften oder die Leiterin der Psychosozialen
phenforschung zusammen. Die interdiszi- Durchführung von Summer-/Winterschools Dienste des Österreichischen
plinäre Zusammenarbeit von Wissenschaft- an“, ergänzt Tanzer abschließend.mb Roten Kreuzes.

zukunft forschung 01/19 37


MATHEMATIK

„ES BEWEGT SICH DOCH“


Der Mathematiker Hans-Peter Schröcker setzt mit seinem Team auf Algebra,
um Mechanismen und Roboter effizienter anzutreiben.

E
s schaut so einfach aus. Der Arm zeugposition, dieser merkt sich den Weg als die Numerik. Im konkreten Roboter-
des Roboters hebt und senkt sich, und spult diesen in Folge automatisiert Anwendungsfall werden dabei Bewe-
bewegt sich vor und zurück, macht ab. Doch beide Möglichkeiten, so Schrö- gungen in mathematische Gleichungen
eine Drehung und am Ende ist das Werk- cker, haben den Nachteil, dass die Wege übersetzt. Ausgangspunkt ist die geo-
zeug in der exakten Position, um die ge- nicht optimal, nicht effizient genug sind: metrische Betrachtung des Problems,
wünschte Arbeit durchzuführen. Doch „Wird eine Bewegung millionenfach „das dient der effizienten algebraischen
ganz so einfach ist es natürlich nicht, durchgeführt, spielt es schon eine Rol- Beschreibung“.
dahinter steckt eine Menge Technik und le, wie oft ein Drehgelenk dafür bewegt Mathematiker wie Schröcker arbeiten
eine gehörige Portion Mathematik. Für wird.“ Auch werden sogenannte singu- daran, Gleichungen „besonders schön
jede Bewegung müssen die Drehgelenke läre Positionen, in denen der Roboterarm und einfach zu formulieren“. Wie das
des Roboters exakt und zeitlich koordi- instabil oder unsteuerbar ist, großräumig funktioniert, demonstriert der Wissen-
niert angesteuert werden. „Eine Mög- umschifft, „man verliert dabei“, erklärt schaftler am Beispiel zweier Geraden
lichkeit besteht darin, die gewünschten Schröcker, „einen großen Bereich, der im Raum: „Gesucht werden alle Punkte,
Bewegungen am Computer zu planen“, nutzbar wäre.“ Schröcker und seine Kol- die von beiden Geraden den gleichen
beschreibt Hans-Peter Schröcker, Mathe- legen vom Arbeitsbereich setzen daher Abstand haben.“ Gleichung 1 füllt eine
matiker am Arbeitsbereich für Geometrie beim Programmieren auf Variante 3 – al- ganze Folie einer Power-Point-Präsenta-
und CAD der Universität Inns­bruck, Va- gebraische Lösungsalgorithmen. tion, setzt man die Geraden allerdings in
riante 1 der Programmierung. Variante 2 „Bei Algebra ist das Schöne, dass ein Koordinatensystem und macht eine
findet sozusagen online mit dem Robo- sie garantierte Antworten liefert“, sagt Gerade zur z-Achse, wird die Gleichung
ter statt – der Programmierer führt den Schröcker. Zudem ermöglicht sie ex- schon kürzer. Trifft dann die y-Achse
Roboterarm bis zur gewünschten Werk- aktere und umfassendere Berechnungen noch in einem bestimmten Winkel auf

38 zukunft forschung 01/19 Fotos: Andreas Friedle (4), Hans-Peter Schräcker (6)
MATHEMATIK

HANS-PETER SCHRÖCKER studierte


beide Geraden, befindet sich dazu deren mehr oder weniger schwieriges mathe- an der Technischen Universität Graz
Fußpunkt auf der y-Achse, ist die Glei- matisches Problem“. Eine Möglichkeit Mathematik und Darstellende Geome-
chung nur mehr zwei Zeilen lang. „Noch besteht darin, bestimmte Schlüsselposi- trie, wo er im Jahr 2000 dissertierte. Von
immer nicht ganz schön“, befindet Schrö- tionen vorzugeben, die erreicht werden 1999 bis 2003 war er als Assistent an der
cker, orientiert die Geraden am Gemein- sollen, „anschließend“, so Schröcker, Universität für angewandte Kunst in Wien
lot, macht sie „gleichzeitig einfach“ – mit „wird ein Bewegungsvorgang gesucht, tätig. Im Anschluss forschte er am Institut
xy+pz=0 ist die Gleichung fertig. der diese Positionen interpoliert.“ für Diskrete Mathematik und Geometrie
Schröckers Team hat dafür ein Konzept der TU Wien, ehe er 2004 an das Institut
Komplexe Mechanismen entwickelt, wie man aus solchen Bewe- für Grundlagen der Technischen Wissen-
Ähnlich den Geraden sucht Hans-Peter gungsvorgängen zu einem Mechanismus schaften/Arbeitsbereich Geometrie und
Schröcker die mathematische Umset- kommt. CAD der Universität Inns­bruck wechselte.
zung von Bewegungen für Objekte, die Was abstrakt und theoretisch klingt, 2010 führte ihn eine Gastprofessur an das
über Gelenke und Gestänge miteinander ist im Alltag allgegenwärtig. Mischvor- Department of Computer and Graphic
verbunden sind. Ein geschlossener Kreis richtungen funktionieren nach diesem Science, Graduate School of Arts and
etwa, bestehend aus sechs Gliedern, die System, Schreibtischlampen, auffaltbare Sciences, der Universität Tokyo. Schröcker
jeweils mit einem Drehgelenk verbunden Cabriodächer, zusammenklappbare Sofas habilitierte sich im Jahr 2007, 2018 wurde
sind. „Normalerweise bewegt sich so et- – überall stecken Mechanismen dahinter. er als Professor für Geometrie & Kinematik
was nicht“, sagt Schröcker, kann aber an „Man muss zwischen einem Mechanis- an die Universität Inns­bruck berufen.
seinem Anschauungsmechanismus zei- mus und einem Roboter unterscheiden.
gen, „dass es sich doch bewegt.“ Viele Ein zusammenhängender Mechanismus
bewegliche Beispiele sind bekannt, aber hat wenig Freiheitsgrade, ändert man bei gelenke einzustellen, um die gewünschte
nicht alle. Unzählige Trial-and-Error-Ver- einem Gelenk den Winkel, bewegt sich Endposition zu erreichen. Die Inns­
suche wären eine Möglichkeit, die syste- alles mit – man braucht also nur einen brucker Forscher haben dafür einen alge-
matische mathematische Methode aller- Motor, der alles antreibt. Ein typischer braischen Algorithmus entwickelt, diesen
dings der elegantere Weg, alle möglichen Industrieroboter hingegen hat sechs mit- optimiert, beschleunigt – ohne Genauig-
Bewegungen herauszufinden. Wünscht einander verbundene Achsen, jede wird keit und Sicherheit zu verlieren – und an
man z.B. in der Mitte des Systems eine mit einem eigenen Motor separat ange- einem Prototyp implementiert. Zehn Mil-
bestimmte Bewegung, stellt sich die Fra- trieben“, sagt Schröcker. lisekunden benötigt die Rechnung – „Das
ge, wie das System aufgebaut sein muss, Für so einen sechsachsigen Roboter gilt als gut“, mein Schröcker. Und noch
die Lösung „ist je nach Mechanismus ein gibt es 16 Möglichkeiten, die sechs Dreh- dazu so effizient wie möglich.ah

MATHEMATIKER wie Hans-Peter Schröcker wollen Glei-


chungen „besonders schön und einfach formulieren“. Füllt
etwa die Lösung für alle Punkte, die von zwei Geraden
den gleichen Abstand haben, anfangs eine ganze Seite, ist
es am Ende eine kurze Zeile.

zukunft forschung 01/19 39


DIE UNI
INNSBRUCK
FEIERT 350
JAHRE.
Feiern Sie mit!

Mit einem vielfältigen Programm


begeht die Leopold-Franzens-Universität
Innsbruck 2019 ihr 350-jähriges
Bestehen. Zum Jubiläum öffnen wir die
Türen und machen die Faszination von
Forschung und Wissenschaft mit ihren
vielen Facetten für alle erlebbar.

Das Programm und alle Informationen


www.uibk.ac.at/350-jahre
KURZMELDUNGEN

NEUES CHEMIE-STUDIUM
Ab Herbst gibt es an der Universität Innsbruck mit dem Master
Chemieingenieurwissenschaften einen neuen Studiengang.

Ziel dabei ist es, Prozesse zu entwickeln,


die es ermöglichen, Materialien mög-
lichst kostengünstig, energieeffizient und
umweltschonend herzustellen.

Neues Institut
Mit der Einführung des neuen Studiums
geht auch die Einrichtung eines neuen
Instituts für Chemieingenieurwissen-
schaften einher. Dort angesiedelt werden
gleich zwei neue Professorinnen oder
Professoren: Eine von ADLER-Werk
Lackfabrik gestiftete Professur für Che-
mieingenieurwesen und Materialpro-
zesstechnik und eine vom Land Tirol ge-
stiftete Professur für Thermische Verfah-
renstechnik. Ab Oktober dieses Jahres

M
it dem Start des Studienjahrs wird, konzentriert sich die technische sollen am neuen Institut zwischen zehn
2019/2020 können Studierende Chemie darauf, diese auf einem indus- und 20 neue Studierende betreut werden.
an der Uni Innsbruck künftig triellen Maßstab umzusetzen“, beschreibt „Langfristig und nach Schaffung der nö-
auch eine technische Richtung im Bereich Dekan Hubert Huppertz den Mehrwert tigen Infrastruktur werden wir 30 und je
der Chemie einschlagen. „Aufbauend auf des neuen Studiums. Ein großer Teil des nach Nachfrage auch mehr Studierende
der chemischen Grundlagenforschung, Masterprogramms wird sich mit der Ma- am neuen Institut ausbilden können“,
die bei uns an der Fakultät betrieben terialprozesstechnik auseinandersetzen. sagt Dekan Huppertz.

MASTER FÜR DIGITALE KOMPETENZEN NEUE PODCAST-FOLGE:


WAS IST ZEIT?
D ie Uni Innsbruck bietet den einjährigen Universitätslehrgang „Digital Business (MSc)“
an. „Dieses Studienangebot, das alle Aspekte der Digitalisierung für Unternehmen
abdeckt, ist im heimischen Raum einzigartig“, so Matthias Bank, Lehrgangsleiter und D as „Was
existiert,
Dekan der Fakultät für Betriebswirtschaft. Ziel des Programms ist es, die Auswirkungen existiert in der
und Zusammenhänge der Digitalisierung von Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft Zeit. Umge-
zu verstehen und Praxis und Theorie verknüpfen zu können. Mit dem Masterprogramm kehrt setzt Zeit
werden Absolventinnen und Absolventen im Bereich Wirtschaft, Wirtschaftsrecht oder voraus, dass
auch der Informatik, etwas existiert
sowie der Internationalen und sich dabei
Wirtschaftswissenschaften verändert.“
angesprochen. Rund 50 Aber was ist eigentlich die Zeit? Und was
Prozent der Studierenden bedeutet es, zu existieren? In einer neuen
mit einem Bachelorab- Ausgabe von „Zeit für Wissenschaft“, dem
schluss gehen nach dem Podcast der Universität Innsbruck, geht es
Studium in die Wirtschaft. um die Zeit und ihr (vielleicht vermeint-
„Wer mit dieser Praxiser- liches) Vergehen. Melanie Bartos spricht
fahrung dann nach drei bis mit Peter Kügler, dem Leiter des Instituts
vier Jahren einen Master für Philosophie der Uni Innsbruck, über die
macht, hat einfach bessere Frage, was Zeit eigentlich ist – von Aristo-
Job-Chancen“, so Matthias teles bis zur Quantentheorie. Zu hören hier:
Bank. www.bit.ly/zfw-zeit

Fotos: Gerhard Berger (2), M.R.Knabl (1) zukunft forschung 01/19 41


NEUROWISSENSCHAFTEN

IM ZEICHEN DER
ZELLKOMMUNIKATION
Inns­brucks Neurowissenschaftler haben ihre Expertise in einem Spezialforschungsbereich (SFB)
gebündelt, um Erkrankungen des Zentralnervensystems besser zu verstehen. Koordinator und Forscher
Jörg Striessnig zieht nach acht Jahren Bilanz.

ZUKUNFT: 2011 wurde der SFB „Cell si- Austausch zusammenzuschweißen und neuropsychiatrischer und neurodege-
gnaling in chronic CNS disorders“ durch an einem Strang ziehen zu lassen, waren nerativer Erkrankungen relevant. Diese
den Wissenschaftsfonds FWF genehmigt. die Meilensteine, die wir im hochkompe- Krankheitsmechanismen – mit Fokus auf
Vor welchen Herausforderungen standen titiven, zweistufigen Genehmigungspro- Morbus Parkinson, Multiple System Atro-
Sie als Koordinator? zess mit internationalen Expertengutach- phie, Morbus Alzheimer, Angststörungen
JÖRG STRIESSNIG: Die grundsätzliche tern erfolgreich erreicht haben. und Autismus – auf molekularer Ebene
Herausforderung für die Etablierung ZUKUNFT: Am SFB hat man sich auf zwei besser zu verstehen und Möglichkeiten
eines solchen institutionen- und fächer- Signalwege der Zellkommunikation zu finden, wie man sie pharmakologisch
übergreifenden Netzwerks ist, dass man fokussiert, die im Zusammenhang mit beeinflussen kann, war unser Ziel. Auf
ganz klar umrissene Fragestellungen mehreren neurologischen Erkrankungen die Praxis bezogen heißt das, dass wir uns
definiert, welche die lokale Stärke in der stehen… auf die Suche nach geeigneten Ansatz-
Forschung abbilden. Gemeinsam mit der STRIESSNIG: …genau. Es hat sich heraus- punkten für mögliche neue Therapien ge-
Medizinischen Universität haben wir kristallisiert, dass einerseits eine lokale macht haben. Man darf nicht vergessen,
hier am Standort eine hohe neurowissen- Kompetenz in der Forschung an Ionen- dass der Leidensdruck durch chronische
schaftliche Forschungskompetenz im Be- kanälen besteht, anderseits im Bereich Erkrankungen des Zentralnervensystems
reich chronischer Erkrankungen des Zen- der epigenetischen Regulationsmecha- enorm und die bestehenden medikamen-
tralnervensystems. Diese durch die Aus- nismen. Beide Mechanismen regulieren tösen Therapien oft unbefriedigend sind.
wahl geeigneter Forschungsgruppen zu die Aktivität neuronaler Schaltkreise und ZUKUNFT: Waren diese Forschungsschwer-
bündeln, das Team durch regelmäßigen sind dadurch auch für die Entstehung punkte so vielversprechend wie erwartet?

„Basierend auf den Initiati-


ven, die im Rahmen des SFB
gestartet wurden, arbeiten
wir bereits an Nachfolgepro-
jekten.“ Jörg Striessnig

42 zukunft forschung 01/19 Fotos: Andreas Friedle (1), Stefanie Geissler (1)
NEUROWISSENSCHAFTEN

DER SPEZIALFORSCHUNGSBEREICH „Cell signaling in chronic CNS disorders“ (SFB F-44)


wurde durch den Wissenschaftsfonds FWF mit insgesamt ca. 7,5 Millionen Euro über zwei
Finanzierungsperioden von acht Jahren gefördert. Zusätzliche Unterstützung (ca. zwei Millio-
nen Euro) kamen von den Rektoraten der Universität Inns­bruck, der Medizinischen Universität
und vom Land Tirol. Jörg Striessnig (Institut für Pharmakologie und Toxikologie) leitete über
acht Jahre lang mit seinen Stellvertretern von der Medizinischen Universität Inns­bruck, Gregor
Wenning und Nadia Stefanova, die Geschicke des SFB. Insgesamt lieferten 13 Teilprojekte
Ergebnisse, die in über 200 Publikationen veröffentlicht wurden – fast ausschließlich in Peer
Reviewed Journals. Mehr als 120 WissenschaftlerInnen und StipendiatInnen aus dem In- und
Ausland leisteten Beiträge zur Forschung.
Vier Universitäten waren mit ihren Forschungsgruppen am Konsortium beteiligt:
Universität Inns­bruck: Nicolas Singewald: Pharmakologie und Toxikologie • Jörg Striessnig,
Alexandra Koschak: Pharmakologie und Toxikologie
Medizinische Universität: Georg Dechant, Galina Apostolova: Neurowissenschaften •
Francesco Ferraguti: Pharmakologie • Alexander Hüttenhofer, Diana Scutelnic: Genomik
und RNomik • Gerald Obermair, Bernhard Flucher: Physiologie • Nadia Stefanova, Gregor
Wenning: Universitätsklinik für Neurologie • Christian Humpel, Josef Marksteiner: Universi-
tätsklinik für Allgemeine und Sozialpsychiatrie • Alexandra Lusser: Molekularbiologie
Paracelus Medizinische Privatuniversität: Ludwig Aigner, Sebastien Couillard-Despres: Mole-
kulare Regenerative Medizin
Universität Ulm: Birgit Liss: Angewandte Physiologie

STRIESSNIG: Ja auf jeden Fall. Das zeigt gefunden, dass ein ebenfalls im Einsatz unsere NachwuchswissenschaftlerInnen
sich auch in der Vielzahl an Publikati- befindliches Parkinson-Medikament – von großer Bedeutung. So konnten wir
onen und Erwähnungen in internatio- das sogenannte L-Dopa – dazu dienen auch eine ganze Reihe von internationa-
nal renommierten wissenschaftlichen könnte, die Erinnerung an bestimmte len Kongressen organisieren. Ein ganz
Journalen. Vier davon zählen im Web Angst auslösende Ereignisse leichter wesentlicher Punkt war außerdem, dass
of Science bereits zu den sogenannten wieder zu löschen. In Kooperation mit wir ein externes Beratergremium hatten,
„Highly Cited Papers“ – finden also be- einem deutschen Forschungsnetzwerk dessen Feedback unglaublich wichtig
sonders viel Beachtung in Fachkreisen. konnte diese Hypothese bereits in einer für uns war. Außerdem haben wir uns
Aber natürlich entwickelt sich so ein klinischen Studie an gesunden Proban- darum bemüht, über unterschiedlichste
Forschungsnetzwerk niemals nur so, den bestätigt werden. Und in diesem Zu- Formate die Neurowissenschaften und
wie man es plant, schon gar nicht über sammenhang möchte ich noch eine Ent- unsere Forschung einer breiteren Öf-
acht Jahre. Es sind Aspekte weggefallen, wicklung nennen: Ein Teil des Konsorti- fentlichkeit näherzubringen. Wir haben
aber auch neue dazugekommen – bei- ums – nämlich die Gruppe von Ludwig beispielsweise Mitmachstationen entwi-
spielsweise in der neuropsychiatrischen Aigner an der Paracelsus Medizinischen ckelt, die wir bei Veranstaltungen, aber
Forschung. Universität – hat begonnen, sich sehr auch in Schulen zeigen. Es gab im Rah-
ZUKUNFT: Der Output des SFB ist tatsäch- stark auf Entzündungszellen zu fokus- men eines von uns jährlich organisier-
lich beeindruckend, können Sie dennoch sieren, die im Gehirn beobachtet werden ten Tag des Gehirns (Brain-Day) auch
das eine oder andere wichtige – vielleicht und zwar sowohl im Rahmen des Alte- Abendvorträge zu unterschiedlichen, das
auch unerwartete – Forschungsergebnis rungsprozesses, als auch beispielswei- Gehirn betreffende Gesundheitsthemen
hervorheben? se bei Morbus Alzheimer. Und auch in wie z.B. Angsterkrankungen, Burn-Out,
STRIESSNIG: Gemeinsam mit unserem diesem Fall gibt es Hinweise aus präkli- Autismus, die immer sehr gut besucht
Forschungsnetzwerk haben Mitarbei- nischen Untersuchungen, die vermuten waren. Auch nach Auslaufen unseres
terInnen meiner Arbeitsgruppe bei- lassen, dass ein derzeit in der Asthma- Forschungsnetzwerks wollen wir diese
spielsweise entdeckt, dass bestimmte therapie verwendetes, gut verträgliches Aktivitäten fortführen.
Ionenkanal-Fehlfunktionen, die gene- Medikament die Abnahme von Gedächt- ZUKUNFT: Und wie geht es nach dem
tisch entstehen, zu einer seltenen Form nisleistungen verzögern könnte. Auch Auslaufen des SFB weiter?
von Autismus führen, meist assoziiert dazu laufen bereits klinische Studien. STRIESSNIG: Natürlich wollen wir die Ko-
mit zusätzlichen neurologischen Symp­ ZUKUNFT: Welcher Mehrwert ist durch operationen weiter aufrechterhalten und
tomen, wie etwa Epilepsie, und dass das Forschungsnetzwerk noch entstan- sogar auf andere Gruppen ausweiten,
bereits am Markt befindliche, Blutdruck den? um so den Forschungsstandort in den
senkende Medikamente verwendet wer- STRIESSNIG: Ein Spezialforschungsbereich Neurowissenschaften weiter zu stärken
den könnten, um Symptome bei diesen stellt ausreichend Mittel zur Verfügung, und das Momentum des SFB dabei aus-
Patienten und Patientinnen zu verbes- mit welchen internationale Spitzenfor- nützen. Basierend auf den Initiativen,
sern. Wir sind aktuell dabei, dies in prä- scher zu Vorträgen und zum Wissens­ die im Rahmen des SFB gestartet wur-
klinischen Studien zu beweisen. Nicolas transfer nach Inns­bruck geholt werden den, arbeiten wir bereits an Nachfolge-
Singewald und sein Team haben heraus- können. Das ist insbesondere auch für projekten.  ef

zukunft forschung 01/19 43


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FÖRDERUNGEN

INGEBORG HOCHMAIR mit den neu berufenen Professorinnen Ivana Stiperski (links) und Gina Moseley (rechts).

HOCHMAIR-PROFESSORINNEN
Die Meteorologin Ivana Stiperski und die Paläoklimatologin Gina Moseley wurden als neue Ingeborg-
Hochmair-Professorinnen berufen. Mit diesen nach der erfolgreichen Tiroler Unternehmerin benannten
Professuren fördert die Universität Frauenkarrieren.

W
issenschaftliche Karrieren von die Quantenphysikerin Tracy Northup die kroatischen Frauenexpeditionen auf
Frauen an der Uni Inns­b ruck als Ingeborg-Hochmair-Professorin be- den Cho Oyu und den Mount Everest.
zu fördern, liegt der Universi- rufen. „Mit Ingeborg Hochmair leiht ein Gina Moseley möchte mit ihren For-
tätsleitung sehr am Herzen. Zur Förde- idealtypisches ‚Role Model’ diesem Pro- schungen zu einem besseren Verständnis
rung exzellenter Wissenschaftlerinnen gramm seinen Namen. Dafür sind wir der Entwicklungen des Klimas beitragen.
schreibt die Universität Inns­bruck seit der erfolgreichen Forscherin und Un- Die Paläoklimatologin untersucht an-
2016 auf fünf Jahre befristete Ingeborg- ternehmerin sehr zu Dank verpflichtet“, hand von Analogien aus den letzten
Hochmair-Frauenprofessuren aus. „Mit betont Rektor Tilmann Märk. 500.000 Jahren, wie sich das Klima und
Gina Moseley und Ivana Stiperski konn- Ivana Stiperski arbeitet mit experimen- die Umwelt in einer sich schnell verän-
ten auch bei der zweiten Ausschreibung tellen Daten aus aller Welt an der Ent- dernden und wärmeren Welt verändern.
der Hochmair-Frauenprofessuren zwei wicklung einer universellen Theorie der Dazu rekonstruiert sie Aufzeichnungen
ausgezeichnete Nachwuchswissen- oberflächennahen atmosphärischen Tur- über vergangene Klima- und Umweltver-
schaftlerinnen berufen werden. Ich bin bulenz. Eine solche Theorie würde nicht änderungen aus geochemischen Variati-
mir sicher, dass die beiden jungen Kol- nur das grundlegende Verständnis dafür onen, die Schicht für Schicht in Höhlen-
leginnen von der Fakultät für Geo- und erhöhen, wie die komplexen Verhältnisse mineralablagerungen wie z.B. Stalag-
Atmosphärenwissenschaften ihren Weg Turbulenz beeinflussen, sondern letztlich miten eingeschlossen sind. Ihre zukünf-
erfolgreich fortsetzen und die ihnen ge- auch genauere Wettervorhersagen und tige Forschung wird sich auf die ark-
botene Chance nützen werden. Dass eine Klimaprognosen ermöglichen. Stiperski tische und periglaziale Umwelt konzen-
Hochmair-Professur wie von uns geplant kam 2011 an die Universität Inns­bruck trieren, die beide sehr empfindlich auf
als Sprungbrett funktionieren kann, hat und arbeitete in der Gruppe von Mathias den Klimawandel reagieren. Moseley
Daniela Schuster bewiesen, die inzwi- Rotach über bergige Grenzschichten so- kam 2011 an die Universität Inns­bruck
schen an die Paracelsus Medizinische wie am Aufbau der Messplattform i-Box. und forschte hier in der Gruppe von
Privatuniversität in Salzburg berufen Seit 2015 war sie Hertha-Firnberg-Stipen- Christoph Spötl an rasanten Klimaverän-
wurde“, so Ulrike Tanzer, Vizerektorin diatin des FWF. Neben der Forschung derungen der letzten Eiszeit. 2015 erhielt
für Forschung an der Uni Inns­bruck. Im unterstützte sie mit ihren Prognosen auch sie ein Hertha-Firnberg-Stipendium, 2018
Jahr 2017 wurde neben Schuster auch mehrere Bergsteigexpeditionen, darunter den österreichischen START-Preis.

Foto: Uni Inns­bruck zukunft forschung 01/19 45


PREISE & AUSZEICHNUNGEN

LIECHENSTEIN-PREIS
NEUE ÖAW-MITGLIEDER

Der Preis des Fürstentums Liechtenstein für wissenschaftliche


Forschung an den beiden Inns­brucker Universitäten stand heuer
im Zeichen von 300 Jahre Fürstentum Liechtenstein und 350 Jahre
Leopold-Franzens-Universität Inns­bruck.
Martin Korenjak wurde Mitte April zum
korrespondierenden Mitglied der Öster-
reichischen Akademie der Wissenschaften
gewählt. Er ist seit 2009 Professor für
Klassische Philologie an der Uni Inns­bruck
und erhielt 2017 einen Advanced Grant
des Europäischen Forschungsrats. In die
Junge Akademie aufgenommen wurde die
Geologin Gina Moseley. Sie ist Ingeborg-
Hochmair-Professorin und erhielt 2017 einen
START-Preis. Insgesamt 19 Wissenschaftle-
rinnen und zehn Wissenschaftler verstärken
künftig die Reihen der ÖAW.
PREIS-ÜBERREICHUNG: Gert Mayer (Medizinuni Inns­bruck), Ulrike Tanzer (Uni Inns­
EHRENKREUZ bruck), die Preisträger Eduard Stefan, Farokh Mivehvar und Andreas Mair sowie Liechten-
Für seine Verdienste steins Regierungsrätin für Bildung, Inneres und Umwelt Dominique Hasler (v.li.)
um den Verband der

D
Professorinnen und er Preis des Fürstentums Liech- men membranständige Proteine die
Professoren der Uni- tenstein wird seit 1983 jährlich Signalweiterleitung. Second-Messenger-
versität Inns­bruck und verliehen und zählt zu den re- Moleküle sind an der Umwandlung von
der Medizinischen nommiertesten Auszeichnungen für wis- extrazellulären in intrazelluläre Signale
Universität Inns­ senschaftliche Forschung an der Univer- beteiligt. Der Biochemiker charakterisier-
bruck (UPVI), dessen sität Inns­bruck und der Medizinischen te mit seiner Arbeitsgruppe Proteine, die
Vorsitzender er zwei Jahrzehnte war, und Universität Inns­bruck. Dominique Has- durch diese Moleküle aktiviert werden.
sein wissenschaftliches Werk im Bereich der ler, Regierungsrätin für Bildung, Inneres Der aus dem Iran stammende Quan-
englischsprachigen Literatur- und Kultur- und Umwelt des Fürstentums Liechten- tenphysiker Farokh Mivehvar erhielt
wissenschaft wurde der emeritierte Anglist stein, betonte die gute Beziehung zwi- den Preis für seine Forschung an Syste-
Wolfgang Zach mit dem Österreichischen schen dem Fürstentum Liechtenstein men aus Licht und Atomen. Diese erlau-
Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. und den beiden Inns­b rucker Univer- ben es, komplexe Quantenphänomene
Klasse ausgezeichnet. sitäten: „Ich bin sehr dankbar für die zu simulieren und so kontrolliert zu
hervorragende Zusammenarbeit, denn analysieren. In drei Artikeln untersuchte
HOUSKAPREIS der gegenseitige Zugang zum jewei- er mit Kolleginnen und Kollegen an der
Der Quantenphysiker ligen Hochschulraum ist sehr wertvoll.“ Uni Inns­bruck die Selbstorganisation
Wolfgang Lechner Auch für Rektor Tilmann Märk ist der ultrakalter Atome, die an dynamische
erhielt im Mai den Liechtenstein-Preis von großer Bedeu- Hohlraumfelder gekoppelt sind.
mit 150.000 Euro tung: „Die Auszeichnung ist für unsere Jurist Andreas Mair erhielt die Aus-
dotierten Houskapreis Forscherinnen und Forscher eine große zeichnung für seine Arbeit zur rechtli-
in der Kategorie „Uni- Anerkennung. Es freut mich, auch in die- chen Stellung von Kollektivverträgen, in
versitäre Forschung“. sem Jahr wieder zu Forschung auf höchs- der er die Problempunkte der gesetzlich
Lechner wurde tem Niveau gratulieren zu dürfen.“ 2019 angeordneten Außenseiterwirkung ana-
für die Entwicklung eines spezialisierten konnte er Eduard Stefan, Farokh Miveh- lysiert und ein Modell erarbeitet, das die
Quantencomputers ausgezeichnet, der var und Andreas Mair von der Uni Inns­ Vereinbarkeit der Außenseiterwirkung
Optimierungsaufgaben effizienter lösen bruck sowie Marta Campiglio von der mit den Vorgaben der Rechts- und Ver-
kann als jeder bisherige Algorithmus. Auf Medizinuni Inns­bruck gratulieren. fassungsordnung sicherstellen soll.
dieser Architektur basierend baute Lechner Eduard Stefan vom Institut für Bio­ Marta Campiglio arbeitet an span-
eine Forschungsgruppe auf, die sich mit chemie wurde für eine Arbeit zu Second- nungsaktivierten Kalziumkanälen und
fundamentalen Eigenschaften, Hardware- Messenger-Molekülen ausgezeichnet. zeigte, wie die Feineinstellung des Kal-
Realisierungen und Anwendungen dieser Wenn Zellen im menschlichen Körper ziumeinstroms in Muskel- und Nerven-
Technologie beschäftigt. miteinander kommunizieren, überneh- zellen bewerkstelligt wird.

46 zukunft forschung 01/19 Fotos: Uni Inns­bruck (4), Robbie Shone (1)
PREISE & AUSZEICHNUNGEN

US-PREIS
Eine Forschungsarbeit
von Physikern um
Hans Briegel (im Bild)
und Anton Zeilin-
ger wurde mit dem
Cozzarelli-Preis der
Fachzeitschrift Procee-
dings of the National
Academy of Sciences of the United States of
America (PNAS) ausgezeichnet. In der Arbeit
präsentieren die österreichischen Forscher
ein lernfähiges Computerprogramm, das ba-
sierend auf einem in Inns­bruck entwickelten
Modell für künstliche Intelligenz eigenstän-
dig Quantenexperimente entwerfen kann.

INTERNATIONAL
Die Auswahl der sechs besten Beiträge aus
den 3.200 im Vorjahr erschienenen Artikeln
traf die Redaktionsleitung der Zeitschrift.

GEWÜRDIGT WASSER-PREIS
Barbara Brinkmeier er-
hielt mit ihrem Team
vom Arbeitsbereich
Die Quantenphysiker Rainer Blatt und Peter Zoller wurden Wasserbau beim
Neptun Wasserpreis
im Frühjahr für ihre herausragenden Leistungen mehrfach
2019 den zweiten
­international ausgezeichnet. Preis in der Kategorie
Forschung. Ausge-

D
ie chinesische Micius Quantum zu sicherer Quantenkommunikation zeichnet wurde sie für die Entwicklung eines
Foundation vergibt in diesem über lange Distanzen ausgezeichnet. Die Elektro-Seilrechens zum Schutz von Fischen
Jahr zum ersten Mal Preise zur Auszeichnung wird im September in der vor Wasserkraftanlagen. Ähnlich wie ein
Förderung herausragender anwendungs- chinesischen Stadt Hefei verliehen. elektrischer Weidezaun hält dieser die Tiere
offener Forschung in der Quantenphysik. Ebenfalls Ende April wurde Blatt von gefährlichen Turbinen ab und leitet sie
Die mit bis zu einer Million Yuán (jeweils als „Foreign Associate“ in die US- zu Abstiegsrouten weiter. Die Stromschläge
rund 150.000 US-Dollar) dotierten Aus- amerikanische National Academy of im Niedrigvoltbereich sind für die Tiere un-
zeichnungen gehen heuer an zwölf Phy- Sciences (NAS) gewählt. Die NAS ist gefährlich. Die Wirkung der Anlage wurde in
siker, die mit ihren Arbeiten wichtige eine der ältesten und angesehensten mehreren Versuchen nachgewiesen.
Grundlagen in der Quantenforschung Wissenschaftseinrichtungen der USA.
geschaffen haben, mit denen weltweit Sie wurde durch Abraham Lincoln 1863 WEISS-PREIS
neue Anwendungsmöglichkeiten eröff- ins Leben gerufen, mit der Aufgabe, die Der von der Weiss-
net werden. Allein fünf der Preisträger Regierung und Öffentlichkeit in wissen- Wissenschaftsstiftung
sind oder waren an der Uni Inns­bruck schaftlichen Fragen zu beraten. Sie zählt verliehene For-
tätig: der Experimentalphysiker Rainer aktuell 2.347 US-amerikanische Mitglie- schungsförderungs-
Blatt (Universität Inns­bruck, IQOQI) er- der aus verschiedenen Disziplinen sowie preis wurde im Bereich
hält einen Micius-Preis für seine wegwei- 487 assoziierte Mitglieder im Ausland. Meteorologie bereits
senden Experimente zu Quantencompu- Neben Blatt sind mit Wolfgang Lutz, Pe- zum dritten Mal an
tern, der Theoretische Physiker Peter ter Schuster, Rudolf Zechner, Zeilinger einen Forscher der Uni
Zoller (Universität Inns­bruck, IQOQI) und Zoller nun insgesamt sechs Öster- Inns­bruck verliehen. Das mit rund 400.000
mit seinem ehemaligen Inns­brucker Kol- reicher in der NAS vertreten. Euro geförderte Projekt von ­Christoph Spötl
legen Ignacio Cirac (Max-Planck-Institut Anfang Mai wurde Peter Zoller für soll jenseits der instrumentellen Messperi-
für Quantenoptik) für entscheidende seine Leistungen ein Ehrendoktorat der ode Klimadaten der sogenannten „Kleinen
theoretische Arbeiten zu Quantenrech- University of Colorado Boulder verlie- Eiszeit“ erheben, jener kühlen und wechsel-
nern. Anton Zeilinger (Universität Wien, hen. Zoller war vor seiner Berufung vollen Klimaperiode, die von etwa 1250 bis
ÖAW) wird mit seinem ehemaligen Dok- nach Inns­bruck vier Jahre Professor in 1850 n. Chr. währte. Der Geologe wird dazu
toranden Jian-Wei Pan (Chinesische Uni- Boulder sowie Fellow am JILA und ar- Eishöhlen in den österreichischen Ostalpen
versität der Wissenschaften und Tech- beitet noch heute mit dortigen For- im Hinblick auf darin gespeicherte Klimapa-
nik) für bahnbrechende Experimente schungsgruppen eng zusammen. rameter untersuchen.

Foto: IQQOI/M.R.Knabl (1), Uni Inns­bruck (2), privat (2) zukunft forschung 01/19 47
ZWISCHENSTOPP INNS­BRUCK

RELIGIÖSE BILDUNG IN EINER


PLURALEN GESELLSCHAFT
Als Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Ankara beschäftigt sich Cemal Tosun
vor allem mit der religiösen Bildung muslimischer Kinder in Deutschland und in anderen europäischen
Ländern. Im Frühjahr war er an der Uni Inns­bruck zu Gast.

A
uf Einladung von Zekirija Sejdini bereich international als sehr renommiert Für die Studierenden bot Cemal Tosun
von der Fakultät für LehrerInnen- wahrgenommen werden. Das kann neue eine Lehrveranstaltung zum Thema isla-
bildung besuchte Cemal Tosun Wege in der Ausbildung schaffen, die mische außerschulische Bildungsarbeit
im März und April die Universität Inns­ internationale Vernetzung und Koopera- an. Daneben hielt der Professor am Insti-
bruck. „Da wir uns von früher kannten tion stärken, aber auch helfen, mancher tut für Islamische Religionspädagogik
und ich die erfreulichen Entwicklungen Skepsis vor Ort entgegenzuwirken“, be- mehrere Vorträge, in denen er versucht
im Bereich der islamischen Theologie tont Sejdini. hat, Menschen für Bildung, Zusammenle-
und Religionspädagogik an der Uni- ben und Integration und damit auch für
versität Inns­bruck kenne, habe ich die Wissenschaftliche Fundierung das Studium zu sensibilisieren. cf
Einladung zur Gastprofessur mit großer Die größte Herausforderung für die
Freude angenommen“, sagt Tosun, der Islamische Religionspädagogik sieht
im Rahmen des GastprofessorInnenpro- Gastwissenschaftler Cemal Tosun in CEMAL TOSUN ist Professor für
gramms der Universität in Inns­b ruck der wissenschaftlichen Fundierung sei- Islamische Religionspädagogik an der
weilte. nes Fachbereichs. Die Frage nach den Theologischen Fakultät der Universität
„Eine Internationalisierung im Bereich Grundlagen seines Faches war deshalb Ankara. Er beschäftigt sich mit religi-
der Islamischen Religionspädagogik ist auch ein wichtiges Thema in der Zu- öser Bildung und neuen Ansätzen im
für die Etablierung und Akzeptanz die- sammenarbeit mit Zekirija Sejdini und Religionsunterricht und war an verschie-
ses Fachgebiets in Österreich dringend seinem Team. „Natürlich habe ich mich denen europäischen Universitäten in
notwendig“, ergänzt Zekirija Sejdini hier auch in das sehr spannende Projekt Forschung und Lehre tätig. Am Institut
vom Institut für Islamische Theologie der interreligiösen Religionspädagogik, für Islamische Theologie und Religions-
und Religionspädagogik. „Dabei können welches gemeinsam mit der katholischen pädagogik wirkt er im Sommersemester
wir vor allem von jenen Ländern profi- Religionspädagogik an der Universität 2019 als Gastprofessor in Lehre und
tieren, deren Universitäten im Bildungs- Inns­bruck entwickelt wird, eingebracht.“ Forschung mit.

48 zukunft forschung 01/19 Foto: Uni Inns­bruck


SPRUNGBRETT INNS­BRUCK

SCHWIERIGE
PROBLEME LÖSEN
Die in Vorarlberg geborene Biochemikerin Karolin Luger erforscht an der
University of Colorado die Verpackung des Erbguts in Zellen.

K
arolin Luger hat sich immer schon
für die Natur interessiert, und hier
vor allem für die Botanik. Was sie
dazu in der Schule hörte, langweilte sie
eher. Und dass ihr Biologielehrer keine
Ahnung davon hatte, wie bei der Synthe-
se von Proteinen in der Zelle die Transfer-
RNA mit der richtigen Aminosäure bela-
den wird, war für sie ein Erweckungser-
lebnis: „Das hat mir die Augen geöffnet,
dass es noch viele Rätsel zu lösen gilt“,
sagt die Biochemikerin mit Vorarlberger
Wurzeln. Es war der Start einer wissen-
schaftlichen Karriere, die Karolin Luger
über Inns­bruck, Basel und Zürich nach
Boulder, USA, geführt hat, wo sie heute
als Professorin für Strukturbiologie an
der University of Colorado arbeitet.
Im Mikrobiologiestudium an der Uni-
versität Inns­bruck konnte Luger endlich
etwas Spannendes lernen, wie sie sagt.
Vor allem die Vorlesungen in Molekular-
biologie und Biochemie faszinierten sie.
„Wir untersuchen, wie das kompliziert verpackte Erbgut mit den
Neben dem Studium lernte sie hier neue
Freunde kennen und genoss die winter-
­nuklearen Maschinen interagiert, um Gene zu übersetzen.“ Karolin Luger

lichen Skitouren in den Bergen. Fachlich


spezialisierte sie sich rasch auf Bioche- Gebiet, die Kristallografie, einzutauchen. versität. „Das ist eine ganz spannende
mie und arbeitete mit Professor Manfred Nach unzähligen Misserfolgen und sehr Methodik, die in den letzten Jahren re-
Schweiger. „Hier erlebte ich täglich die langer, harter Arbeit gelang es ihr und volutioniert wurde.“ Im Labor arbeitet
sehr hart arbeitenden Doktoranden, die ihren Kollegen erstmals die Struktur der sie freilich nur noch selten, sie versteht
oft frustriert, immer aber motiviert und Nukleosomen aufzuklären. Die in Nature sich heute vor allem als Vermittlerin und
sehr kollegial waren“, erinnert sich Luger veröffentlichte und international gefei- Unterstützerin für ihre talentierten Mit-
an die leidenschaftlich geführten Diskus- erte Beschreibung dieser ersten Verpa- arbeiter.
sionen am Mittagstisch über experimen- ckungsstufe der DNA im Zellkern beflü- Luger, die schon vielfach ausgezeich-
telle Erfolge und Misserfolge. „Da wusste gelte die weitere Erforschung des Chro- net und ihm Vorjahr in die US-amerika-
ich, dass das genau das Leben ist, das ich matins, in dem das Erbgut verpackt ist. nische National Academy of Sciences
führen möchte.“ An diesem Thema arbeitet Karolin Lu- aufgenommen wurde, genießt ihre Wahl-
ger auch heute noch: „Wir untersuchen, heimat Colorado. „Ich liebe die Weite,
Schönheit der Strukturen wie das kompliziert verpackte Erbgut mit das ‚ländliche‘ Gefühl und den unkom-
„Ich liebe es, schwierige Probleme zu den nuklearen Maschinen interagiert, um plizierten Lebensstil“, schwärmt sie.
lösen“, beschreibt Karolin Luger ihr Ar- Gene zu übersetzen. Im Prinzip sind wir Doch auch ihre Vorarl­berger Heimat ver-
beitsmotto. Dies bewies sie auch, als sie an der ‚Mechanik‘ dieser Prozesse inte- misst sie manchmal. „Vorarlberg hat den
nach dem Abschluss ihrer Studien in ressiert.“ Um hier weitere Einblick zu See, die Berge, und jede Menge Natur,
Inns­bruck nach Basel und später nach gewinnen, etabliert sie aktuell gerade und wäre deshalb fast perfekt für einen
Zürich ging, um an der ETH in ein neues die Elektronenmikroskopie an ihrer Uni- Outdoor-Menschen wie mich.“ cf

Foto: Angie D. Branson zukunft forschung 01/19 49


ESSAY

SPUREN DER GESCHICHTE


Zeithistoriker Dirk Rupnow zum Umgang mit der Inns­brucker
Universitätsgeschichte im Jubiläumsjahr.

D
as österreichische Gedenk- und Erinne- Als emblematisch für die Verstrickung der
rungsjahr 2018 bot nicht nur Anlass, Er- Universität Inns­bruck in den Nationalsozialis-
folge zu feiern – die Republikgründung mus und den Umgang damit nach dem Krieg
„Es entstand der 1918, aber auch die Allgemeine Erklärung der kann die Gestaltung der Aula gelten: In Überer-
Entschluss, die Menschenrechte durch die Vereinten Nationen füllung der Vorgaben gab der damalige Rektor
Sondierungsbohrungen im Dezember 1948 –, sondern machte vor allem Harold Steinacker kurz nach dem „Anschluss“
in die Vergangenheit die Gefährdetheit von Demokratie sichtbar, Österreichs an Nazi-Deutschland das Mosaik
als ein Mahnmal offen denn wir wurden gleichzeitig an ihren Unter- einer Hitler-Darstellung für die Stirnseite der
zu lassen.“ gang erinnert: Durch die von Engelbert Dollfuß Aula in Auftrag. Die Vorlage lieferte der Inns­
betriebene Ausschaltung des Parlaments vor brucker Künstler Hubert Lanzinger – unter
jetzt mittlerweile 86 Jahren Anfang März 1933; Rückgriff auf sein Gemälde „Der Bannerträ-
und durch den – von den meisten bejubelten ger“, das Adolf Hitler in silberner Rüstung
– sogenannten „Anschluss“ Österreichs an das zu Pferde zeigt, mit der Hakenkreuzfahne in
nationalsozialistische Deutsche Reich vor heuer der Hand. Nach Kriegsende 1945 wurde das
81 Jahren Mitte März 1938, auf den schließlich Mosaik offenbar weitgehend abgeschlagen
Verfolgung, Krieg und Völkermord folgten. und zunächst durch eine neutrale Putzoberflä-
Der Blick in die 350-jährige Universitätsge- che übertüncht. 1947 wurde an der Stelle eine
schichte lässt währenddessen nicht nur deut- stuckumrahmte Tafel mit dem Schriftzug „in
lich werden, wie tiefgreifend sich diese Insti- veritate libertas“ – der Wahlspruch der katho-
tution Universität verändert hat und wie sich lischen Studentenverbindung Austria – ange-
die Wissenschaften in einem ständigen Wand- bracht.
lungsprozess befinden – im Sinne des wis- Da außer den Akten im Universitätsarchiv
senschaftlichen Fortschritts ebenso wie ihres bis vor Kurzem kein fotografisches Zeugnis
Selbstverständnisses und Funktionierens und des Mosaiks in situ bekannt und auch sein Ver-
ihres Verhältnisses zu Gesellschaft und Politik. schwinden nicht nachvollziehbar dokumentiert
Auch Wissenschaft ist ständig Gefährdungen war, beauftragte das Rektorat 2017 eine Tiefen-
DIRK RUPNOW studierte in ausgesetzt, allerdings nicht nur von außen, wie sondierung, die Reste des Mosaiks selbst und
Berlin, Wien und Klagenfurt es gängige Begriffe wie „missbrauchte Wissen- die Spuren seiner Beseitigung zutage brachte.
Geschichte, Germanistik, Philo- schaft“ nahelegen. Wissenschaftler selbst und Angesichts der Vielschichtigkeit und Ambiva-
sophie und Kunstgeschichte. Er so auch Angehörige dieser Universität haben lenz der damit sichtbaren Vorgänge – der vo-
forscht und lehrt seit 2009 am keinesfalls immer „ihr Wissen und Können in rauseilende Gehorsam der universitären Amts-
Institut für Zeitgeschichte der sozialer Verantwortung eingesetzt, zum Abbau träger 1938, die eilfertige Distanzierung und
Uni Inns­bruck, das er von 2010 von Irrtum und Vorurteilen beigetragen und Verdrängung 1945, die Ausblendung der eige-
bis 2018 auch leitete. Seit 2018 sich um eine Kultur der geistigen Freiheit und nen Mitverantwortung und Schuld über lange
ist er Dekan der Philosophisch- Toleranz bemüht.“ – wie wir es heute unsere Zeit und der mühsame Vorgang des Freilegens
Historischen Fakultät. Seine AbsolventInnen geloben lassen – und obwohl der Spuren dieser Geschichte – entstand der
Arbeitsschwerpunkte liegen sie früher auch Menschlichkeit gegen alle, Red- Entschluss, die Sondierungsbohrungen in die
in der europäischen Zeit- und lichkeit und Gerechtigkeit gelobt haben. Vergangenheit als ein Mahnmal offen zu lassen.
Gegenwartsgeschichte, der So kann dies kein selbstzufriedenes Jubel- Die Universität Inns­bruck und ihre Ange-
Wissenschafts- und Migrati- jahr für die Universität sein, wie 2018 kein hörigen waren auf vielfältige Art und Weise in
onsgeschichte, den Holocaust- selbstzufriedenes Jubeljahr für die Republik menschenverachtende Ideologien und Prak-
und Jüdischen Studien sowie war – zumal in einer Zeit, die einerseits zwar tiken verstrickt – und das nicht nur während
im Bereich von Erinnerungskul- wissenschaftsgläubig ist, allerdings gleichzei- des „Dritten Reiches“. Wenn wir etwas einse-
turen und Geschichtspolitiken. tig immer wissenschaftsfeindlicher wird. Aber hen wollen, „schlicht und einfach, allein dem
auch in einer Zeit, in der – durchaus global – Verstand zuliebe, des Anstands wegen, sozusa-
soziale Verantwortung, geistige Freiheit und gen“, wie es im „Roman eines Schicksallosen“
Den Essay in gesamter Toleranz erneut in Frage stehen und der Abbau des Holocaust-Überlebenden und späteren Lite-
Länge finden Sie auf der
Homepage der Uni Inns­ von Irrtum und Vorurteilen keineswegs mehr raturnobelpreisträgers Imre Kertész heißt, dann
bruck unter: selbstverständlich ist, sondern eher deren Wie- müssen wir die Spuren dieser Geschichte freile-
www.uibk.ac.at/forschung/magazin derkehr betrieben wird. gen und können sie nicht erneut übertünchen.

50 zukunft forschung 01/19 Foto: Andreas Friedle


52 zukunft forschung 01/19 Foto: Andreas Friedle