Sie sind auf Seite 1von 24

Ausgabe Oktober 2019

Magazin der
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

350 Jahre
Uni Innsbruck

Der lange Weg zur Uni Seite 4 ◼ Fünf nach zwölf beim Klima Seite 10 ◼

Tourismus von morgen Seite 12 ◼ Prägende Persönlichkeiten Seite 18 ◼

Beilage zur Tiroler Tageszeitung www.uibk.ac.at


Engagement für
Wissenschaft
und Bildung
Mit der aus Anlass des 350-Jahr-Jubiläums der Universität Innsbruck gegründeten gemeinnützigen
Universitätsstiftung können Sie als Stifterin und Stifter dazu beitragen, unsere Universität weiter nach vorne
zu bringen und Antworten auf die Fragen von morgen zu finden.

Doppelte Wirkung im
Jubiläumsjahr.

Seien Sie dabei!

Sie stiften.
Tirol, Vorarlberg, Südtirol
und Innsbruck verdoppeln
Ihren Beitrag.

Stiftungsvorständin Sabina Kasslatter Mur, Bürgermeister von Innsbruck Georg Willi, Landeshauptmann von Tirol
Günther Platter, Landeshauptmann von Südtirol Arno Kompatscher, Stiftungsvorstand Rektor Tilmann Märk

Der Landeshauptmann von Vorarlberg Markus Wallner gehört auch zu den Unterstützern der Stiftung Universität
Innsbruck.

Gründungskapital gestiftet von


Innrain 52 A-6020 Innsbruck 1669 - Wissenschafft Gesellschaft
www.stiftung-universitaet-innsbruck.at Förderkreis der Universität Innsbruck
3

Inhalt Ausgabe Oktober 2019


Editorial

4 Der lange Weg zur Universität


Innsbruck könnte bereits 100 Jahre länger Univer-
sitätsstadt sein – letztlich waren die Umstände
dagegen.

6 Interview
Das Jubiläumsjahr 2019 ist für die Universität Inns-
bruck Anlass, zurückzublicken und in die Zukunft

4
zu schauen. Rektor Tilmann Märk im Gespräch.

8 Historische Antworten
Robert Rollinger erforscht den kulturellen Aus-
tausch zwischen den Kulturen des Alten Orients
und der Klassischen Antike.

10 Fünf nach zwölf


Gletscher machen die Folgen des Klimawandels Liebe Leserin, lieber Leser!
heute bereits deutlich sichtbar.
In der kommenden Woche erreicht das
12 Der Tourismus von morgen Jubiläumsjahr, das die Universität Inns-
Das Forschungszentrum Tourismus und Freizeit bruck 2019 begeht, seinen Höhepunkt.
geht der Frage nach, wohin sich der Tourismus in Das 350. Jubiläum unseres historischen
Österreich zukünftig entwickelt. Gründungstages begehen wir am 15.
Oktober mit einem außergewöhnlichen

10
14 Industrie der Zukunft Festakt im Tiroler Landestheater, bei
Die Mikroelektronik bildet die Grundlage für neue dem Stadt und Land ihre Universität fei-
Systeme in der Medizin, in der Automobiltechnik ern. Eingebettet ist dieser Tag in eine
und in der industriellen Automatisierung. Festwoche vom 11. bis 19. Oktober, in der
wir zahlreiche weitere Aktivitäten ge-
16 Neue Fragen, neue Lösungen plant haben. Unter anderem stehen die
Mit dem neuen „Digital Science Center“ legt die Präsentation der neu erarbeiteten Uni-
Uni Innsbruck einen Schwerpunkt auf Digitalisie- versitätsgeschichte, ein Festkonzert so-
rung in Forschung und Lehre. wie unser traditioneller Dies Academicus
auf dem Programm. Mit einem Univer-
18 Wer war eigentlich …? sitätsball zum Jubiläum im Innsbrucker
Im Lauf ihrer Geschichte wurde die Universität Congress werden wir diese Festwo-
Innsbruck von zahlreichen Personen geprägt. Be- che gebührend beschließen. Ich lade Sie
wegt man sich an der Universität Innsbruck, be- hiermit herzlich ein, in dieser Festwoche
gegnet man täglich einer Vielzahl von Namen. mit uns mitzufeiern. Informationen zum
detaillierten Programm finden Sie unter

18
21 Förderkreis 1669 www.uibk.ac.at/350-jahre
Auch im Jubiläumsjahr 2019 engagieren sich zahl- Dem Universitätsjubiläum gewidmet ist
reiche Unternehmen und Einzelpersonen für Stu- auch diese Ausgabe von wissenswert.
dierende sowie junge Forscherinnen und Forscher Hier erfahren Sie mehr zur Geschich-
an der Universität Innsbruck. te unserer Universität: Wie sah Inns-
bruck zur Zeit der Universitätsgrün-
dung aus und welche Personen, deren
Namen heute noch am Campus präsent
sind, lehrten und forschten hier? Da wir
uns im Jubiläumsjahr zum Ziel genom-
ImprEssum men haben, nicht nur zurückzuschauen,
sondern auch Impulse für die Zukunft zu
wissenswert – Magazin der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – 8. Oktober 2019 setzen, stellen wir Ihnen in dieser Jubi-
Herausgeber und Medieninhaber: Universität Innsbruck; Hersteller: Intergraphik GmbH.
Sonderpublikationen, Leitung: Frank Tschoner.
läumsausgabe auch Forschungsthemen
Redaktionelle Koordination: Susanne E. Röck, Christa Hofer. unserer WissenschaftlerInnen vor, die
Redaktion: Melanie Bartos, Christa Hofer, Stefan Hohenwarter, Lisa Marchl, Daniela Pümpel, sich bereits heute mit Fragen von mor-
Susanne E. Röck, Uwe Steger. gen beschäftigen.
Covergestaltung: Catharina Walli.
Foto Titelseite: Universität Innsbruck; Fotos Seite 3: Universität Innsbruck, Institut für Atmosphären-
und Kryosphärenwissenschaften. Univ.-Prof. Dr. Tilmann Märk
Anschrift für alle: 6020 Innsbruck, Brunecker Straße 3, Postfach 578, Tel. 0512 53 54-1000. Rektor der Universität Innsbruck
4

Der lange Weg


zur Universität
Innsbruck könnte bereits 100 Jahre länger
Universitätsstadt sein – letztlich waren die Umstände
dagegen. Der Historiker Heinz Noflatscher beschäftigte
sich mit dem langen Weg zur Universitätsgründung
in Innsbruck.

1
669 ist das Gründungsjahr der Univer- zu geführt, dass Ferdinand schlicht kein für
sität Innsbruck – die Universität begeht die Lehre geeignetes deutschsprachiges Or-
dieses Jahr ihr 350-Jahr-Jubiläum. Inns- denspersonal gefunden hat – und das über
bruck hätte allerdings schon gut hundert mehrere Jahre hinweg“, erläutert der Histo-
Jahre früher eine Universität haben können, riker. Das eigens dafür errichtete Kolleg, das
wenn die Umstände andere gewesen wären: heutige Volkskunstmuseum mit Hofkirche,
„Ferdinand I., römisch-deutscher Kaiser von übernahmen schließlich 1563 Franziskaner
1558 bis zu seinem Tod 1564 und davor schon aus dem Veneto – eine Alternative mit Or-
Herrscher in den Habsburgischen Erblanden, densleuten von nördlich der Alpen hatte es
plante spätestens ab 1543 eine Universität in damals offenbar schlicht nicht gegeben. „Die
Innsbruck“, sagt der Historiker Prof. Heinz Franziskaner stießen, auch aufgrund ihrer
Noflatscher, der sich für eine für das Jubilä- italienischen Muttersprache, bei den Städ-
umsjahr neu ausgearbeitete Universitätsge- tern nicht auf uneingeschränkte Sympathie
schichte intensiv mit der Gründung und den und übernahmen statt der Lehre dann nur
Vorläufern der Universität Innsbruck ausein- noch die Liturgie der neuerrichteten Hofkir-
andergesetzt hat. che.“ Damit waren auch die Pläne für die Uni-
versität vorerst gescheitert.
Gescheiterte Pläne
Jesuitengymnasium
Ferdinand I., Enkel des dieses Jahr in Tirol ner einzogen. Die Gebäude beherbergen heu-
ebenfalls gefeierten Kaisers Maximilian I., Schon vor den Franziskanern waren die Je- te die Katholisch-Theologische Fakultät der
hatte seine Kindheit und Teile seiner Jugend suiten in Innsbruck eingetroffen und mach- Universität Innsbruck und das Volkskunst-
in Spanien verbracht, war katholisch geprägt ten sich an die Errichtung eines Gymnasiums museum. Gymnasien dienten damals – wie
und bewunderte die dortigen maßgeblich von – sie übernahmen den nordöstlichen Teil des auch heute noch – zur Vorbereitung auf ein
katholischen Geistlichen geführten Univer- neu gebauten Universitätskollegs, jenen, in universitäres Studium. Teil der Ausbildung
sitäten, insbesondere in Valladolid und Al- dem sich die Klassenräume befanden, und war eine umfassende Lateinschulung, galt
calá. „Die Universität in Valladolid war we- Latein doch noch in der Frühen Neuzeit als
gen ihres Rechtsstudiums bekannt und auch die Gelehrtensprache, ohne deren sehr gu-
damals schon älter, gegründet war sie 1346 te Kenntnis an ein weiterführendes Studium
worden. Daneben gab es in Valladolid auch gar nicht zu denken war. „Die damalige stän-
ein Dominikanerkolleg, dessen Theologie- dische Gesellschaft mit Adel, Bürgern und
ausbildung maßgeblich war“, erzählt Heinz Landbevölkerung spiegelte sich auch an den
Noflatscher. Nach dem Vorbild der theolo- Gymnasien wider – zwar gab es Angehörige
gischen Kollegien in Valladolid und Alcalá aller drei Stände an den Gymnasien, der Adel
sollte auch in Innsbruck ein Kolleg entstehen; war allerdings deutlich überdurchschnitt-
in seinem Testament von 1543 verfügte Fer- lich vertreten, außerdem kam ein großer
dinand I. die Errichtung dieses Kollegs späte- Der Historiker Teil der Gymnasiasten, damals nur Burschen
stens nach seinem Tod, begonnen wurde aber Heinz Noflatscher. bzw. junge Männer, aus den Städten“, erklärt
dann noch zu seinen Lebzeiten damit. Betrei- Foto: Universität Innsbruck Heinz Noflatscher. Die Betreiber der Gymna-
ben sollten die Institution Regularkanoniker, sien, häufig Orden, hatten auch ein Interesse
also Chorherren – die Suche danach gestal- daran, den jungen Adel als die künftige Eli-
tete sich allerdings schwierig. „Die religiösen te zu fördern. Weiterführende Studien be-
Spannungen zwischen den christlichen Kon- schlossen ihn durch einen Verbindungsgang suchten die Tiroler dann vor Errichtung ei-
fessionen zu der Zeit, aber auch Ferdinands an ihr Gymnasium und Kolleg an, während ner Universität in Innsbruck unter anderem
eigene Ansprüche haben letzten Endes da- im größeren westlichen Teil die Franziska- in Freiburg im Breisgau oder in Wien, beides
5

Altes Gemäuer: Im heutigen Gebäude


der Katholisch-Theologischen Fakultät,
seither mehrfach saniert, nahm die
Geschichte der Universität Innsbruck ihren
Anfang. Hier die Gebäuderückseite.
Foto: Uni Innsbruck

(damals) Städte in den Habsburgischen Erb- er erlaubte die Finanzierung durch den Haller Gymnasium in die Universität war fließend:
landen, daneben unter anderem in Salzburg Salzaufschlag – von jedem in Tirol verkauften „Im ersten Studienjahr 1669/70 wurden Logik
und Dillingen; für das Doktorat kamen dann Fuder Salz aus Hall sollte die Universität zwölf und bereits Physik gelesen, im folgenden Jahr
zusätzlich noch renommiertere Universi- Kreuzer erhalten. Maßgeblich dafür dürfte dem Curriculum der Jesuiten gemäß die Me-
täten in Frage, darunter jene in Italien oder in auch Leopolds Hofkanzler Johann Paul Hoch- taphysik, der letzte Kurs des philosophischen
Frankreich. er gewesen sein: „Hocher war als Hofkanzler Studiums. Die Professoren lehrten damals al-
einer der engsten Berater des Kaisers und war le drei Kurse, stiegen also wie im Gymnasium
Erneute Anläufe selbst lang in Tirol tätig. Er stand der Univer- mit den Studenten auf.“ 1671 folgten der Phi-
losophischen Fakultät eine Theologische und
Erneute Anläufe für die Einrichtung ei- eine Juridische und 1674 die Medizinische Fa-
»Ferdinand I. plante
ner Universität in Innsbruck scheiterten um kultät. Im April 1677 lehrten dann bereits 14
1600. Ab 1606 verlieh das Jesuitengymnasium spätestens ab 1543 eine Professoren an der Universität Innsbruck.
allerdings Bakkalaureate nach Absolvierung Universität in Innsbruck.« Auch spätere Krisen sollte die Universität
einer neu eingerichteten 7. (dann 8.) Klasse, letztlich gut überstehen, der Grundstein war
Heinz noflatscHer
in der Aristotelische Logik gelehrt wurde – gelegt: Heute besteht sie aus 16 Fakultäten,
das entsprach dem ersten Jahr der zu der Zeit über 260 Professoren und Professorinnen und
üblichen Universitätsausbildung. Das Recht sität sicher positiv gegenüber, das dürfte ei- über 3.200 weitere wissenschaftliche Mitar-
zur Verleihung dieses Titels war den Jesuiten nigen Einfluss gehabt haben.“ Allgemein gilt beiterinnen und Mitarbeiter forschen und
davor bereits vom Papst gewährt worden. Der Leopold I. als wissenschaftlich interessiert: lehren an der Universität.
Diskurs über eine Landesuniversität in Tirol Neben jener in Innsbruck unterstützte er Eine umfangreiche, wissenschaftliche Ge-
ebbte allerdings bis zur Gründung nie voll- auch die Gründung der Universitäten in Ka- schichte der Universität Innsbruck wird am 11.
ständig ab, die Jesuiten waren grundsätzlich schau (Košice) und Breslau (Wrocław). Räum- Oktober präsentiert und erscheint in der inns-
daran interessiert, die Tiroler Landstände lich war die Universität zuerst noch im Jesu- bruck university press. Sie enthält auch einen
auch, und bereits 1646 diskutiert der Landtag itengymnasium untergebracht, 1673 zog man ausführlichen Aufsatz von Heinz Noflatscher zur
darüber. Endgültig so weit sollte es, wie be- auch mit den philosophischen Vorlesungen in Universitätsgründung.
kannt, 1669 sein: Leopold I. war nun Kaiser, die heutige Herrengasse. Der Übergang vom stefan.hohenwarter@uibk.ac.at ◼
6

In der Region –
für die Region
Das Jubiläumsjahr 2019 ist für die Universität Innsbruck
Anlass, zurückzublicken – 350 Jahre Universität Innsbruck
sind aber auch ein Grund, in die Zukunft zu schauen.
Die Region spielt dabei eine große Rolle, wie Rektor Märk im
Interview erklärt.

2019 feiert die Universität Innsbruck ihr


350-jähriges Jubiläum. Wie sehen Sie die Uni-
Die Universität Innsbruck versität 350 Jahre nach ihrer Gründung?

auf einen Blick


Tilmann Märk: Die Universität Innsbruck ist
eine Universität mit Geschichte und Traditi-
on und stellt die führende Forschungsinsti-
tution im Westen Österreichs dar. Das ist ein
Die Universität Innsbruck ist mit rund 27.000 Studierenden, rund 5000 Mitar- Anspruch, aber auch eine Verantwortung, der
beiterInnen, 16 Fakultäten und sechs Forschungsschwerpunkten die größte und wir gerecht werden wollen. Unser 350-Jahr-
wichtigste Forschungs- und Bildungseinrichtung in Westösterreich. Jubiläum ist dabei eine sehr gute Gelegenheit,
bisher Erreichtes zu feiern. Dieses Jubiläum
ist für uns aber auch und vor allem Anlass,
Studierende gesamt 27.048 (Personen) die Bedeutung der Universität für die Region
und die Wechselwirkung mit der Gesellschaft
davon internationale Studierende 11.410 (42,2%) noch stärker herauszuarbeiten und vor allem
auch die zukünftige Entwicklung anzuden-
AbsolventInnen 4077 ken. Aus diesem Grund findet zum Abschluss
der Aktivitäten im Jubiläumsjahr 2019 ein Zu-
Studienfächer 129 kunftskongress statt. Dieses Diskussionsfo-
rum ist eine Einladung der Universität an ihre
Lehrveranstaltungen ca. 4.000/Semester Region und deren Bevölkerung. Expertinnen
und Experten werden dabei mögliche Szena-
MitarbeiterInnen gesamt 5006 (Personen) rien, Denkansätze und Perspektiven für die
Zukunft vorstellen und die Menschen aus der
davon wissenschaftlich 3489 (Personen) Region zur Diskussion einladen.

davon nichtwissenschaftlich 1536 (Personen) Tausende Besucherinnen und


Besucher beim Fest der Wissenschaft
Publikationen 4146
Stichwort Region – wie sehen sie die Universi-
Publikationen im Web of Science 1397 tät hier verankert?
Märk: Ich würde sagen, unser Standing in
davon mit internationalen Co-AutorInnen 1046 (74,9%) der Region ist ausgezeichnet. Sowohl Poli-
tik als auch Wirtschaft sehen in uns einen
Budget gesamt 301,3 Mio. Euro wichtigen strategischen Partner, wie zahl-
reiche Initiativen der Vergangenheit gezeigt
Drittmittelerlöse 60,7 Mio. Euro haben. Daneben versuchen wir auch immer,
(inkl. Bestandsveränderungen) die Bevölkerung zum Austausch einzuladen.
und eigene Einnahmen Jüngster Beweis dafür, dass dieses Angebot
gerne angenommen wird, ist das Fest der
Wissenschaft: Im Juni haben wir die Tirole-
(Stand Mai 2019)
rinnen und Tiroler eingeladen, mit uns 350
7

Foto: Gerhard Berger

Jahre Uni Innsbruck in der Innsbrucker In- Lienz, sowie Gesundheits- und Sporttouris- auf dem anderen bleiben wird, nicht hin-
nenstadt zu feiern – insgesamt über 10.000 mus in Landeck sind weitere Erfolgsbeispiele terher zu hinken, sondern gemäß unserem
Besucherinnen und Besucher nahmen dieses für die gute Kooperation mit dem Land Ti- Selbstverständnis voranzugehen, haben wir
dreitägige Angebot gerne an. rol. Auch mit der Tiroler Wirtschaft arbeiten bereits vor zwei Jahren in unserem Entwick-
Sie sprachen von Initiativen für die Region. wir eng zusammen. Erst letztes Jahr konnten lungsplan festgelegt, eine große Digitali-
Gibt es dafür konkrete Beispiele? wir an der Fakultät für Chemie und Pharma- sierungsinitiative an unserer Universität zu
Märk: In den letzten Jahren wurden zahl- zie gemeinsam mit dem Tiroler Erfolgsun- starten. Die von uns in enger Abstimmung
reiche Stiftungsprofessuren des Landes Ti- ternehmen Adler Lacke einen Lehrstuhl für mit der Digitalisierungsinitiative des Landes
rol und von Tiroler Unternehmen an der Materialprozesstechnik und in der Folge ein Tirol erarbeitete Strategie setzen wir derzeit
Universität Innsbruck geschaffen. So ist der entsprechendes Chemieingenieur-Master- sukzessive um, indem wir das Thema Digi-
Mechatronik-Schwerpunkt an der Univer- studium einrichten, das im Oktober gestar- talisierung in allen Bereichen, insbesondere
tet hat. in Lehre und Forschung, mitdenken. Im neu
eingerichteten Forschungszentrum werden
»Sowohl Politik als auch
Neuer Forschungsschwerpunkt sich künftig insgesamt 20 Professuren aus
Wirtschaft sehen in uns einen allen Fachbereichen interdisziplinär mit der
Digital Science Center
strategischen Partner.« Digitalisierung auseinandersetzen und die
Kürzlich wurde an der Universität Innsbruck Ergebnisse in die jeweiligen Fachbereiche
TilMann Märk
ein neuer Forschungsschwerpunkt eingerich- einbringen.
tet, worum geht es dabei?
Märk: Mit dem Forschungsschwerpunkt Di- Weitere Infos zum Programm im Jubiläumsjahr
sität in Kooperation mit der Technologie- gital Science Center haben wir im Bereich finden Sie unter www.uibk.ac.at/350-jahre
offensive des Landes Tirol entstanden. Auch Digitalisierung wichtige Weichen für die
die gemeinsam mit der UMIT angebotenen Zukunft gestellt. Um bei diesem zentralen Das Interview führte Susanne E. Roeck.
Studien für Elektrotechnik, Mechatronik in Thema der Gesellschaft, bei dem kein Stein susanne.e.roeck@uibk.ac.at ◼
8

Historische
Antworten
Robert Rollinger weiß, warum ein Blick
zurück helfen kann, die Zukunft zu
verstehen. Der Althistoriker erforscht
den kulturellen Austausch zwischen
den Kulturen des Alten Orients und der
Klassischen Antike und fordert einen
Perspektivenwechsel hin zu einer globalen
Weltgeschichte.

E
ine Geschichtsschreibung, die das Ver­ Syrien. Mit der Alphabetschrift vereinfachte
gangene nur durch die europäische sich das Schreiben noch einmal, schon mit
Brille wahrnimmt, wird ein verzerrtes 20 bis 30 Zeichen lässt sich alles sagen. Prak­
Bild der Geschichte zeichnen. Davon ist Ro­ tisch alle modernen Alphabete stammen vom
bert Rollinger vom Institut für Alte Geschich­ phönizischen Alphabet ab. Es wurde von den
te und Altorientalistik der Uni Innsbruck Etruskern aufgegriffen, die es an die Römer
überzeugt. Im Zentrum seiner Forschung weitergaben. Auch die Griechen übernah­
stehen die Kulturen des Alten Orients. Dieser men die Kulturtechnik von den Phöniziern,
reichte von der Türkei bis nach Persien, mit von dort wurde das Alphabet von der ortho­
dem Zweistromland im Zentrum. Hier entwi­ doxen Kirche über den Balkan bis nach Russ­
ckelten sich in den vorchristlichen Jahrtau­ land gebracht. „Wenn man heute eine Karte
senden Kulturtechniken, die unser Leben bis zur Schriftlichkeit zeichnet, dann ist fast der
heute in vielerlei Hinsicht prägen. Als Beispiel gesamte Globus mit Alphabetschriften über­ sie ihren Speiseplan aufzählen. Dabei stellen
nennt Rollinger die Schrift. Mitte des vierten zogen, die alle auf den Alten Orient zurück­ sie rasch fest, dass fast alle Getreidesorten,
Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung ent­ zuführen sind“, beschreibt Robert Rollinger die wir heute zu uns nehmen, wie Weizen und
standen in der Gegend des heutigen Irak die die Bedeutung der technologischen Revoluti­ Gerste, im Alten Orient zum ersten Mal ge­
ersten Silbenschriften. In keiner Region der on im Alten Orient. züchtet wurden. Gleiches gilt für Haustiere:
Welt fand diese technologische Revolution Schaf, Ziege, Schwein und Rind wurden dort
früher statt, in Ägypten kam sie einige Jahr­ Ursprung in der Alten Welt erstmals domestiziert. Vom Zwischenstrom­
hunderte, in China zwei Jahrtausende später. land traten sie ihren Siegeszug um die Welt
Mit den komplexen Schriftsystemen aus ver­ Noch weiter zurück reicht die neolithische an. Damit verbunden war eine enorme Stei­
schiedenen Silben und Zahlzeichen konnten Revolution, die aus Jägern und Sammlern gerung der Produktivität, die einen Mehrwert
mehrere Sprachen geschrieben werden, wes­ Bauern werden ließ. Auch sie nahm ihren Ur­ an Gütern entstehen ließ. Es bildeten sich ge­
halb sie sich innerhalb kürzester Zeit über ein sprung in Vorderasien. Wenn Rollinger seinen sellschaftliche Kräfte, die diesen Mehrwert
großes Gebiet ausbreiteten. Schrift versetzte Studierenden ein Gefühl für die Bedeutung der kontrollierten und aus dieser Kontrolle Macht
die Menschen erstmals in die Lage, Gedanken Entwicklungen dieser Zeit geben will, lässt er ableiteten. Die Gesellschaften differenzierten
niederzuschreiben und in Form von Briefen
zu transportieren. „Für uns Historiker ent­
standen damit Quellen von unschätzbarem
Wert“, sagt Robert Rollinger. „Erstmals gibt ZUR PeRson
es auch Selbstberichte und Dokumente zwi­
schenmenschlicher Kommunikation, durch Robert Rollinger, geboren 1964 in Bludenz, ist seit
die sich für die Geschichtsschreibung völlig 2005 Universitätsprofessor für Kulturbeziehungen und
neue Dimensionen erschließen.“ Kulturkontakte zwischen den Kulturen des Alten Orients
Im Laufe des zweiten Jahrtausends vor und des mediterranen Raumes am Institut für Alte Geschichte
Christus entstanden ebenfalls im Orient die und Altorientalistik der Universität Innsbruck, das er seit 2008
ersten Alphabetschriften – diesmal mehr im auch leitet.
Westen, im heutigen Libanon, in Israel und
9

Die Darstellung zeigt die wesentlichen Bewegungen


der „Völkerwanderung“ in Europa vom zweiten bis
ins fünfte Jahrhundert nach Christus.
Fotos: Eva Fessler; Novarte [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

sich aus und es entstand Ungleichheit. Die 4. Jahrhundert nach Christus, dass die Römer den war“, beschreibt Rollinger. „Da im vor-
Bevölkerung wuchs stark an und vollkom- infolge einer verlorenen Schlacht die Stadt herigen Jahrhundert die Christianisierung in
men neue Siedlungsstrukturen tauchten auf. Nisibis, eine antike Stadt im oberen Mesopo- Rom weit vorangeschritten war – große Teile
Im fünften Jahrtausend vor Christus entstan- tamien im heutigen Bezirk Nusaybin an der der Bevölkerung und Eliten christlich wur-
den daraus die ersten Städte und damit ver- türkisch-syrischen Grenze, aufgeben muss- den –, kam die Diskussion auf, ob die Chris-
bunden auch eine Staatlichkeit. ten. Die Stadt wurde sukzessive geräumt. Als tianisierung und die damit verbundene Auf-
Folge entstanden in römischen Grenzstäd- gabe der altbewährten Werte schuld an der
Wanderndes Wesen Mensch ten riesige Flüchtlingscamps, unter anderem Eroberung Roms seien. Die christlichen Eli-
in der osttürkischen Stadt Diyarbakır, einer ten erlebten dabei einen regelrechten Legiti-
Parallelen zur Vergangenheit sieht der Wis- Stadt, die heute im Zentrum des Konfliktes mierungszwang.“ In Hinblick auf die aktuelle
senschaftler auch in Bezug auf die aktuellen zwischen Türken und Kurden steht.“ Neben Diskussion zu Flüchtlingsströmen ist Rollin-
Diskurse zur Migration. „Dass der Mensch historischen Quellen, die diese Ereignisse ger davon überzeugt, dass eine historische
ein wanderndes Wesen ist, zeigt sich bereits sachlich als Folgen des Kriegsgeschehens Perspektive helfen könnte, die Situation
seit Anbeginn seiner Geschichte“, erklärt darstellen, gibt es, so der Althistoriker, auch nüchterner zu sehen. „Unser Bild von Europa
Robert Rollinger. „Der moderne Mensch Ho- Quellen, die Migrationsbewegungen dieser ist sehr stark geprägt von den Entwicklungen
mo sapiens hat seine Ursprünge in Afrika und Art mit einem Zerfall von Ordnung und Kon- der letzten 150 bis 200 Jahre, einer Zeit, in der
breitete sich von dort über Asien, Europa und trolle in Verbindung bringen. die Definition von Staat und Staatlichkeit auf
Amerika aus.“ Vor diesem Hintergrund fin- Als Beispiel für die Dynamik einer Kri- einer ethnischen Basis sehr präsent ist. Mit
det Robert Rollinger immer wieder Parallelen senstimmung nennt Rollinger die Eroberung dem historischen Blick zeigt sich allerdings,
zur Gegenwart. So verweist er beispielsweise Roms durch die Westgoten im Jahr 410 nach dass das Nebeneinander von Bevölkerungen
auf spätantike Quellen, die von einem großen Christus. „Die letzte Eroberung Roms lag aus unterschiedlichen Kontexten im Lauf der
Flüchtlingslager in der heutigen Osttürkei be- Jahrhunderte zurück, zuletzt wurde die Stadt Geschichte etwas ganz Normales war und
richten. „Die langen Auseinandersetzungen 387 vor Christus erobert. Für die Bevölkerung Multiethnizität und Vielsprachigkeit Kenn-
zwischen dem Imperium Romanum und den war es schlichtweg undenkbar, dass die Stadt zeichen aller Großreiche und Imperien wa-
Persern führten immer wieder zu Grenzver- Rom erobert werden kann. Deswegen suchten ren.“
schiebungen. So berichten Quellen aus dem sie einen Schuldigen, der auch schnell gefun- susanne.e.roeck@uibk.ac.at ◼
10

Fünf nach
zwölf
Gletscher machen die Folgen des Klimawandels
heute bereits deutlich sichtbar. Auch das weitere
Abschmelzen kann nicht mehr verhindert werden,
selbst wenn alle Emissionen jetzt gestoppt würden.
Fabien Maussion vom Institut für Atmosphären- und
Kryosphärenwissenschaften der Uni Innsbruck hat die
globale Entwicklung der Gletscher genau im Blick.

W
eltweit gibt es etwa 215.000 Glet- Tonnen Eis verloren, was einem Meeresspie-
scher, ihr Eisvolumen umfasst im gelanstieg von fast einem Millimeter pro Jahr
Moment rund 158.000 Kubikki- entspricht. Die Folgen des Eisverlustes sind
lometer. Aber obwohl die Eisschilde Grön- aber auch auf einer anderen Ebene von großer
lands und die Antarktis hier noch gar nicht Bedeutung: Gletscher sind bedeutende Trink-
einberechnet sind, sind die Konsequenzen wasserspeicher. „Mit dem schmelzenden Eis
des Abschmelzens bereits enorm. „Zwischen gehen Süßwasserreserven verloren, da sie das
1961 und 2016 haben die Gletscher mehr als Wasser vieler Flüsse während der Trocken-
9.000 Milliarden Tonnen Eis verloren“, sagt zeit speisen. Gerade in den Trockengebieten
der Glaziologe und Klimaforscher Dr. Fabien der Anden oder Zentralasiens spielt das eine
Maussion. „Damit war ihr Beitrag zum An- große Rolle“, so der Glaziologe.
stieg des Meeresspiegels in diesem Zeitraum
27 Millimeter – mehr als bisher angenom- Massive Konsequenzen
men.“ In den letzten 30 Jahren hat der Verlust
von Gletschereis zudem deutlich zugenom- Gletscher reagieren langsam auf klima-
men: Derzeit gehen pro Jahr 335 Milliarden tische Veränderungen. Gut ein Drittel des heute noch vorhandenen Gletschereises ist
bereits nicht mehr zu retten. Der Grund: In
der Vergangenheit wurden durch den Ausstoß
von Treibhausgasen bereits Entwicklungen
Im Bild eine Aufnahme des Hintereis- angestoßen, die sich nicht mehr rückgän-
ferners und der Weißkugel in Tirol, die im gig machen lassen, wie ein internationales
Rahmen eines Bildfluges des Instituts für Team mit Beteiligung Maussions bereits ver-
Atmosphären- und Kryosphärenwissen- gangenes Jahr in einer weltweit viel beachte-
schaften der Uni Innsbruck Ende August ten Studie zeigte. Für die Zukunft der Glet-
2015 entstand. Die beiden oberen Seiten- scher auch über dieses Jahrhundert hinaus ist
gletscher (im Bild von rechts) waren vor es daher von großer Bedeutung, wie hoch der
wenigen Jahren noch in Verbindung mit Anstieg der globalen Durchschnittstempera-
dem Hintereisferner. Die Schneerücklagen tur sein wird. „Langfristig gesehen hat unser
reichen nicht mehr aus, um den Gletscher heutiges Verhalten massive Auswirkungen“,
im Gleichgewicht zu halten. Der Hintereis- erklärt Maussion: „Unsere Berechnungen
ferner in den Ötztaler Alpen ist einer der haben ergeben, dass 500 Meter Autofahren
größten Gletscher Tirols und wird bereits mit einem Mittelklasse-Fahrzeug heute über
seit über 100 Jahren untersucht. Forsche- dieses Jahrhundert hinaus ein Kilo Gletscher-
rinnen und Forscher der Uni Innsbruck be- eis kosten werden.“
obachten den Gletscher mit Laserscannern Foto: Institut für Atmosphären-
und Kameras, alle 30 Minuten gibt es hier und Kryosphärenwissenschaften Moderne Rechenmethoden
neue Bilder zu sehen: https://www.foto-
webcam.eu/webcam/hintereisferner1/ Fabien Maussion hat sich in seiner For-
schungsarbeit schon seit vielen Jahren ganz
11

Das geschmolzene Eis der Gletscher ist für 25 bis 30 Prozent


des aktuellen Anstiegs des globalen Meeresspiegels
verantwortlich. Im Bild Feldarbeiten am Langenferner
Gletscher in der Südtiroler Ortler-Gruppe.
Foto: Stephan Galos

der Erforschung der Gletscher verschrie- schermodell, dem Open Global Glacier Mo- mulationen an Studierende und Nachwuchs-
ben. Dabei arbeitet er in einem internatio- del (OGGM). OGGM wird federführend an wissenschaftlerinnen und -wissenschaftler
nalen Team stets an der Verbesserung der der Universität Innsbruck entwickelt und weitergegeben werden. „Der Umgang mit
betreut. „Es handelt sich dabei um das ers- großen Datenmengen und die richtige Inter-
te offen zugängliche globale Modell zur Si- pretation in Simulationen ist gerade in der
»Um die Konsequenzen
mulation der Entwicklung aller Gletscher Klimaforschung von großer Bedeutung. Mit
des Abschmelzens weltweit. Es ist in der Lage, vergangene und OGGM-Edu wollen wir junge Menschen opti-
präzise vorhersagen zu künftige Massenbilanzen, das Volumen und mal auf die Anforderungen in der Forschung
können, müssen wir den auch die Geometrie von fast jedem Gletscher vorbereiten und sie bereits direkt am Glet-
der Erde darzustellen. Und das Besondere: schermodell arbeiten lassen. Langfristig ge-
Zustand der Gletscher Es handelt sich um ein Open-Source-Pro- sehen möchten wir auch noch einen Schritt
weltweit möglichst genau jekt, das heißt, dass jede Forscherin und je- weiter gehen und das Programm auch für
kennen.« der Forscher, die oder der in diesem Bereich Jugendliche in höheren Schulen zugäng-
arbeitet, entweder Daten beisteuern oder lich machen.“ Im Rahmen ihrer Digitalisie-
Fabien Maussion
aber auch direkt an der Weiterentwicklung rungsoffensive unterstützt die Universität
des Programms mitarbeiten kann“, erklärt Innsbruck diese Vorhaben: Der Förderkreis
Berechnungs- und Modellierungsmetho- Fabien Maussion. 1669 – Wissenschafft Gesellschaft fördert
den. „Um die Konsequenzen des Abschmel- das Projekt aus dem Forschungsförderungs-
zens präzise vorhersagen zu können, ist es Gletschersimulation bereich „Digital Innovation in Research and
wichtig, die Entwicklung und den Zustand Teaching 2019“. Unter oggm.org und edu.
der Gletscher weltweit möglichst genau zu Aufgrund des großen Erfolgs wurde das oggm.org können sich alle Interessierten
kennen und zu dokumentieren.“ Dazu ist Projekt in den letzten Monaten bereits um über die Entwicklung der Gletscher infor-
Maussion an zahlreichen Projekten betei- eine Komponente erweitert. Im Projekt mieren.
ligt, unter anderem an einem globalen Glet- „OGGM-Edu“ soll die Arbeit mit Gletschersi- melanie.bartos@uibk.ac.at ◼
12

Forschung für den


Tourismus von morgen
Mike Peters ist Stiftungsprofessor für KMU & Tourismus und war selbst mehrere
Jahre in der Hotellerie tätig. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus
unterschiedlichsten Disziplinen wie der Informatik, der Soziologie oder der
Geographie geht er am Forschungszentrum Tourismus und Freizeit der Frage
nach, wohin sich der Tourismus in Österreich zukünftig entwickelt und wo seine
derzeitigen und zukünftigen Probleme liegen.

G
emessen an den klassischen Indika- zehn Jahre abzuleiten. „Das Interessante an auf der Durchreise, was sich in der Anzahl der
toren wie Ankünfte, Nächtigungen und dieser Studie war, dass wir nicht nur mit Be- Übernachtungen pro Person niederschlägt
Wertschöpfung ist die Lage des öster- schäftigten und Stakeholdern gesprochen ha- und zwangsläufig einen negativen Effekt auf
reichischen Tourismus derzeit generell gut“, ben, die direkt in der Tourismus-Branche tä- die Wertschöpfung hat“, analysiert Mike Pe-
sagt Mike Peters. „Betrachtet man die Ent- tig sind, sondern auch mit Verkehrs- oder IT- ters das Urlauberverhalten. Doch der häufige
wicklungen im Tourismus etwas genauer und Expertinnen und -Experten. Das hat uns noch Gäste-Wechsel birgt noch ein weiteres Pro-
bezieht man auch aktuelle Trends mit ein, so einmal eine neue Perspektive auf den Umgang blem: Die An- und Abreise erfolgt, vor allem
zeigen sich aber durchaus Herausforderungen, mit Chancen und Herausforderungen im Tou- in West-Österreich, nach wie vor überwie-
mit denen der Tourismus in Österreich umge- rismus gegeben“, sagt Peters. Besonders drei gend mit dem eigenen Auto. Auch im Sinn
hen muss“, so Mike Peters weiter. Zu dieser Faktoren haben sich dabei als entscheidend eines nachhaltigen Tourismus wird vermehrt
Einschätzung kam der Betriebswirt auch durch für einen auch weiterhin erfolgreichen Tou- eine Anreise mit öffentlichen Verkehrsmit-
eine Studie, die er, gemeinsam mit Kolleginnen rismus gezeigt: eine Steigerung der Aufent- teln, vor allem mit der Bahn, angestrebt.
und Kollegen am Forschungszentrum Touris- haltsdauer der Gäste, qualifizierte Arbeits- Markus Mailer, Professor am Arbeitsbereich
mus und Freizeit, bereits 2017 im Auftrag des kräfte und der Kompetenzaufbau hinsichtlich für Intelligente Verkehrssysteme und eben-
Bundesministeriums für Wissenschaft, For- Digitalisierung. falls Mitglied des Forschungszentrums Tou-
schung und Wirtschaft durchgeführt hat. Ziel rismus und Freizeit, beschäftigt sich mit Mo-
dieser Studie war es, aktuelle Trends im Tou- Chancen und Herausforderungen bilitätslösungen, die die autofreie Anreise von
rismus zu erheben, um Veränderungen in der Urlaubsgästen fördern sollen. Als Modellregi-
Nachfrage und im Angebot aufzuzeigen und „Besonders für weitgereiste Übersee-Gä- on hat er das Tiroler Ötztal untersucht. „Den
daraus Handlungsvorschläge für die nächsten ste ist Tirol oft nur ein kurzer Zwischenstopp Gästen zu ermöglichen, ohne Auto nach Tirol
zu kommen, ist ein Gebot der Stunde. Es geht
um die Bewältigung der Verkehrsprobleme
und um die Nachhaltigkeit, die auch im Tou-
Zur Person rismus eine immer größere Bedeutung hat.
Dass immer mehr Menschen in Städten gar
Mike Peters ist Professor am Institut für Strategisches kein eigenes Auto mehr besitzen, um damit
Management, Marketing und Tourismus an der Universität in den Urlaub zu fahren, spielt aber ebenso
Innsbruck. Nach Absolvierung der Restaurantfachmannlehre eine Rolle“, erklärt Markus Mailer. Neben der
und praktischen Jahren in der Hotellerie studierte er an den Mobilität stellt auch die Digitalisierung eine
Universitäten Regensburg und Innsbruck. In seiner Dissertation große Herausforderung für den Tourismus
beschäftigte er sich mit dem Internationalisierungsverhalten in dar. Sie ist Fluch und Segen zugleich: Soziale
der Hotellerie. Die 2005 abgeschlossene Habilitation analysierte das Medien können dazu beitragen, dass gerade
Wachstumsverhalten von kleinen und kleinsten Dienstleistungsunternehmen. Weitere schwach entwickelte Regionen plötzlich und
Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich Familienunternehmen und Nachfolge zum Teil auch nur kurzfristig im Zentrum der
im Tourismus und in der Erforschung unternehmerischen Verhaltens. Derzeit ist Aufmerksamkeit stehen und dadurch extrem
er Stiftungsprofessor für KMU & Tourismus an der Fakultät für Betriebswirtschaft, überfordert sind. Gleichzeitig ist es aber auch
Sprecher des „Interfakultären Forschungszentrums Tourismus und Freizeit“ sowie die Digitalisierung, die hier Abhilfe schaf-
des „Doktoratskollegs Tourism and Leisure in Mountain Regions“ und Leiter des fen kann. Online-Buchungssysteme könnten
Universitätslehrgangs „Digital Tourism Experts“. nicht nur die Hotel-Reservierung erleichtern,
sondern auch die Warteschlangen an viel be-
13

Gerade mit Blick auf internationale Gäste liegt


Innsbruck ideal im Zentrum Europas, zahlreiche
Top-Sehenswürdigkeiten sind leicht erreichbar.
Hinsichtlich der Aufenthaltsdauer stellt das aber
auch eine Herausforderung dar.
Foto: Innsbruck Tourismus/Christian Vorhofer

suchten Sehenswürdigkeiten verkürzen. das Angebot begrenzt ist, haben es hinge- satzgebiete: Sie können beispielsweise die
gen deutlich schwerer. „Vor allem Hotels mit Auswahl der Unterkunft durch eine virtuelle
Qualität vs. Quantität weniger als 30 Betten können hohe Kosten Hotelbesichtigung vorab erleichtern oder den
für Personal und Marketing oft nicht bedie- Museumsbesuch am Urlaubsort zu einem be-
Die Handlungsvorschläge, die Mike Pe- nen“, beschreibt Peters. Doch auch hier gibt sonderen Erlebnis machen. In starkem Kon-
ters gemeinsam mit seinen KollegInnen er- es Möglichkeiten, wie das Beispiel Boutique­ trast dazu steht ein fortschreitender Trend zu
arbeitet hat, zeigen, dass vor allem eine Ab- Hotel zeigt, das gerade bei jungem Publikum bewusstem Technologie-Verzicht im Urlaub.
kehr vom Massentourismus hin zu qualitativ sehr beliebt ist. Die zunehmende Segmentie- Abschalten, Entschleunigen und sogenann-
hochwertigen und zielgruppenspezifischen rung schlägt sich auch in Werbe- und Marke- tes Digital Detox stehen bei dieser Art des
Angeboten den österreichischen Tourismus tingmaßnahmen nieder. „Noch in den acht- Urlaubs im Vordergrund. Mike Peters selbst
auch künftig wettbewerbsfähig machen kön- ziger Jahren hat man kaum differenziert und beschäftigt sich in seiner Forschung und da-
nen. „In unserer Studie haben wir verschie- die Masse bedient. Nun wird viel gezielter rüber hinaus aktuell vor allem mit zwei der
dene Entwicklungsszenarien in Form von geschaut, wo man das gewünschte Publikum oben genannten Faktoren: Im Bereich Digi-
Ausschnitten eines fiktiven österreichischen abholen und in die jeweilige Urlaubsdestina- talisierung hat er gemeinsam mit der Uni-
Tourismusberichts 2025 erstellt. Obwohl die­ tion bringen kann“, sagt Mike Peters. Von der versitären Weiterbildung vergangenes Jahr
se bewusst überspitzt dargestellt sind, helfen Buchung bis zur Anreise, vor Ort, aber auch den Universitätslehrgang „Digital Tourism
sie uns, gewisse Trends und notwendige Ent- nach dem Urlaub wird moderne Technik für Experts“ ins Leben gerufen, der versucht,
wicklungen aufzuzeigen“, sagt der Touris- das perfekte Urlaubserlebnis immer wich- Unternehmen und ihre MitarbeiterInnen auf
mus-Experte. Was bereits gut funktioniert, tiger. Durch das Smartphone oder Action- die digitalen Herausforderungen im Touris-
in Zukunft jedoch noch weiter vorangetrie- Kameras sind Daheimgebliebene live im Ur- mus vorzubereiten. Außerdem arbeitet er mit
ben werden sollte, ist die Segmentierung des laub dabei. Die Vernetzung von Angebot und seinem Team an Projekten, die sich mit dem
Angebots. Gerade größere Hotels und Resorts Nachfrage vereinfacht das Konsumverhalten Fachkräftemangel, der speziell im Tourismus
verstehen es bereits gut, unterschiedliche und zeigt ortsgenau Freizeitmöglichkeiten durch Saisonarbeit und häufig fehlende Kar-
Zielgruppen mit spezifischen Angeboten und spezielle Angebote am Urlaubsort. Auch rieremöglichkeiten besondere Herausforde-
zu verschiedenen Saisonzeiten anzuspre- künstliche Intelligenz und Augmented Rea- rungen darstellt, beschäftigen.
chen. Kleinere Hotels und Regionen, in denen lity finden im Tourismus immer mehr Ein- lisa.marchl@uibk.ac.at ◼
14

Mikroelektronik:
Die Technologie,
die uns umschließt
Für den Bereich Mikroelektronik und implantierbare Systeme hatte Thomas
Ußmüller für fünf Jahre eine Stiftungsprofessur der Firma Med-EL in Innsbruck
inne. Seine wissenschaftlichen Themenschwerpunkte sind RFID (Radio Frequency
Identification), drahtlose Sensornetzwerke, Funkkommunikation und Funksensorik
sowie IC-Entwurf für Mobilkommunikation und Medizinelektronik.

D
ie Mikroelektronik ist ein Zweig der doch prägt, erleichtert und gestaltet. „Die Mi­ elektronischen Schaltung zu arbeiten, son­
Elektronik, der den Entwurf und die kroelektronik ist die Basistechnologie für ei­ dern den Forschungsprozess bis zum fertigen
Herstellung von integrierten elektro­ ne Vielzahl von Innovationen in unterschied­ System zu begleiten. Die wissenschaftlichen
nischen Schaltungen mit hoher Dichte der lichsten Bereichen. Sie bildet die Grundlage Arbeiten der Arbeitsgruppe sollen möglichst
sehr kleinen Bauelemente zum Gegenstand für neue Systeme in der Medizin, in der Au­ experimentell ausgerichtet sein. Dies bein­
hat“, so zitiert Ußmüller die Definition seines tomobiltechnik, in der industriellen Automa­ haltet für den Wissenschaftler, von der Idee
Forschungsgegenstandes. Der Wissenschaft­ tisierung wie auch im Endkundenbereich“, bis zum fertigen Chip selbst an den Projekten
ler forscht in jenem Bereich der Elektronik, erklärt der Spezialist für Mikroelektronik. zu arbeiten. Ußmüller betont: „Die Mikro­
der scheinbar unsichtbar ist, unser Leben je­ Für Ußmüller ist es wichtig, nicht nur an der elektronik nimmt eine Schlüsselrolle für alle
modernen elektronischen Systeme ein. Sie ist
auch eine wichtige Verknüpfung und Schnitt­
stelle zu anderen Bereichen der Elektronik,
Sensorik, Nachrichtentechnik, Hochfre­
quenztechnik, Automatisierungstechnik und
Mechatronik. Diese Interdisziplinarität so­
wie die unzähligen Anwendungsbereiche und
Applikationen machen die Entwicklung neu­
er Technologien besonders spannend.“ Seit
einem Jahr wird an der Uni Innsbruck auch
der Bachelor für Elektrotechnik angeboten.

Höhere Lebensqualität
Der demographische Wandel prägt nicht
nur das Bild unserer Gesellschaft, sondern
beeinflusst vor allem auch Kranken­ und
Pensionskassen. Neue technologische An­
sätze werden nötig, um den zunehmend äl­
ter werdenden Menschen einen hohen Stan­
dard in der Krankenversorgung zu gewähr­
leisten. Ußmüller betont, dass hier vor allem
auch die kontinuierliche Kontrolle wichtiger
Vitalfunktionen mittels implantierbarer Sy­
steme ein wichtiger Teil der Gesundheitsvor­
Thomas Ußmüller und sein Team arbeiten im
sorge werden könnte. Diese kleinen implan­
Bereich der Mikroelektronik mit winzigen
tierten Systeme würden autonom mit Ener­
Chips, hier im Bild im Vergleich mit einer
gie versorgt und drahtlos ausgelesen. „Aus
10-Cent-Münze.
Forschungssicht ist es eine besonders inte­
Fotos: Manuel Ferdik, Fotostudio Kutscha
ressante Herausforderung, den Funkkanal
zwischen Implantat und externem Sender
15

zu optimieren. Aufgrund der elektromagne-


tischen Eigenschaften des Körpers müssen
diese Systeme speziell an das Körperumfeld
angepasst werden“, so der Wissenschaftler.
Ein weiterer wichtiger Zweig der Medizin-
elektronik ist die Verbesserung der Lebens-
bedingungen für physisch beeinträchtigte
Personen. Ein großes Interesse von Ußmüller,
ehemaliger Inhaber einer Stiftungsprofessur
der Firma Med-EL, ist die Verbesserung und
Weiterentwicklung der Cochlea-Implantate
der Firma, die tauben Patientinnen und Pa-
tienten das Hören wieder ermöglichen. Ein
Teil des Implantates wird in die Hörschne-
cke im Innenohr eingefädelt, es kann Infor-
mationen und Daten von den am Außenohr
angebrachten Mikrofonen aufnehmen und in
Komplett abgeschirmt von allen
elektrische Impulse umwandeln. Diese Tech-
Seit einem Jahr wird elektromagnetischen Strahlungen
nologie ermöglicht es Menschen, wieder zu
an der Uni Innsbruck werden in der EMV-Kammer,
hören und aktiv am Leben teilhaben zu kön-
auch der Bachelor deren Abkürzung für Elektro-
nen. Auch bei diesen Implantaten erfolgt die
für Elektrotechnik angeboten. magnetische Verträglichkeit
Energie- und Datenübertragung drahtlos,
Fotos: Die Fotografen steht, Messungen durchgeführt.
deren Optimierung ist eine große Herausfor-
derung für den Wissenschaftler.

Drahtlose Kommunikation
kömmliche 100-Watt-Glühbirne betreiben Vorarlberg und Salzburg zum Thema Indus-
Ußmüller erklärt eine besondere Techno- kann, dann sollten mit derselben Leistung trie 4.0 geschult. „Die Digitalisierung nimmt
logie, mit der es möglich ist, ein System zu zehn Millionen dieser kleinen Funksysteme immer mehr Einfluss auf unsere Arbeitswelt,
betreiben, das die benötigte Energie nicht aus betrieben werden können.“ Bisher können verändert Prozesse und Anforderungen“, be-
einer externen Quelle, wie beispielsweise ei- mit solch kleinen Leistungen beispielswei- tont Ußmüller. Ziel der Weiterbildung war die
ner Batterie, sondern aus der elektromagne- se Chips zum Öffnen einer Tür mit Energie Zusammenführung moderner Informations-
tischen Welle generiert. Gemeint ist damit versorgt werden. In der Forschung wird stark und Kommunikationstechnik mit der indus-
die sogenannte RFID, Radio Frequency Iden- daran gearbeitet, die Reichweiten solcher triellen Fertigung. „Das Qualifizierungsnetz
tification. „Diese Systeme unterscheiden sich Chips auszubauen und weitere Funktionen zu lieferte den beteiligten Unternehmenspart-
von gewöhnlichen drahtlosen Kommunika- integrieren. „Ein Ziel wird sein, zusätzliche nern das nötige Rüstzeug für Industrie 4.0,
tionssystemen grundlegend in der Art und Sensoren, Möglichkeiten zu einer Lokalisie- um frühzeitig auf die geänderten Rahmen-
Weise, wie Informationen übertragen werden. rung des Chips oder auch verschlüsselte Da- bedingungen zu reagieren und langfristig
Anstelle einer aktiven Sendeschaltung setzen tenübertragungen möglich zu machen“, be- wettbewerbsfähig zu bleiben“, so Ußmüller.
diese Systeme auf eine gesteuerte Reflexi- geistert sich der Wissenschaftler. Mit diesen Ermutigt durch den Erfolg der Weiterbil-
on der elektromagnetischen Welle“, erklärt neuen Möglichkeiten ergeben sich eine Viel- dung bietet der Wissenschaftler gemeinsam
der Wissenschaftler. „Aus Anwendungssicht zahl von Herausforderungen und Fragestel- mit FH Vorarlberg, FH Salzburg und FH Ku-
ist hierbei insbesondere der Verzicht auf ei- lungen für die weitere Forschung. fstein ein weiteres von der FFG gefördertes
ne Batterie zur Energieversorgung des Sy- Qualifizierungsnetz an. In „Q-NNECT“ steht
stems zu nennen. Dies impliziert allerdings Digitalisierung die Digitalisierung im Vordergrund. „Ziel der
ein äußerst geringes Leistungsbudget der in- maßgeschneiderten Weiterbildung ist, die 28
tegrierten Schaltungen, welches typischer- Neben Forschung und Lehre engagiert sich beteiligten Unternehmen aus Westösterreich
weise 10 MW nicht überschreiten sollte“, Ußmüller auch in der universitären Weiter- auf die Herausforderung der Digitalisierung
verdeutlicht Ußmüller. Diese geringe Größe bildung. Im Rahmen eines von der Österrei- vorzubereiten, um sie erfolgreich gemein-
veranschaulicht der Wissenschaftler mit dem chischen Forschungsförderungsgesellschaft sam zu meistern. Digitalisierung bietet groß-
Vergleich einer Glühbirne und der genannten (FFG) geförderten Qualifizierungsnetzes artige Chancen und ist Treiber der eigenen
kleinen Leistung von 10 MW: „Nimmt man wurden bereits über 150 Mitarbeiterinnen Wirtschaftskraft. Langfristig soll durch die-
dieselbe Leistung, mit der man eine her- und Mitarbeiter aus 21 Betrieben in Tirol, se Weiterbildung ein Wettbewerbsvorsprung
erreicht und neuartige Produkte von den Un-
ternehmenspartnern auf den Markt gebracht
werden“, erläutert Ußmüller, der sich auch
ZUr Person bemüht, innovative Lehrmethoden nicht
nur in der Weiterbildung zu verwenden. In
Thomas Ußmüller entschied sich nach seinem Studium der aufwändig produzierten Videos werden den
Elektrotechnik an der Universität in Erlangen für seine Promotion auf Teilnehmenden die Basisinhalte vermittelt,
dem Gebiet mikroelektronischer Schaltungen für Industriesensorik. bevor sie dann in weiteren Workshops prak-
Schon während seiner Promotion war er sieben Jahre lang, bis tisch am Thema arbeiten. Mit der Initiative
2014, Gruppenleiter im Chip-Design am Lehrstuhl für Technische von Ußmüller in der universitären Weiterbil-
Elektronik an der Universität Erlangen-Nürnberg unter Professor dung sollen die Unternehmen in Westöster-
Weigel. Von März 2014 bis Februar 2019 war er Stiftungsprofessor der reich so geschult werden, dass sie im Bereich
Firma Med-EL an der Uni Innsbruck. Seit 2014 ist er Professor für Mikroelektronik und Innovation und Digitalisierung ganz vorne
implementierbare Systeme an der Universität Innsbruck. mit dabei sind.
daniela.puempel@uibk.ac.at ◼
16

Digitalisierung:
„Neue Fragen und
neue Lösungen“
Mit dem neuen „Digital Science Center“ legt die Uni Innsbruck einen
Schwerpunkt auf Digitalisierung in Forschung und Lehre. Prof. Justus
Piater leitet den Forschungsschwerpunkt.

M
it dem als Forschungsschwerpunkt sind aber bewusst in gemeinsamen Räum- wann passieren soll, schreibt man Systeme,
eingerichteten „Digital Science lichkeiten: Wir wollen ein Klima fördern, wo deren Verhalten von Daten abhängt. Auf diese
Center“ (DiSC) stellt sich die Uni- Leute interdisziplinär zusammenarbeiten, Weise kann das System aus Beispielen lernen,
versität Innsbruck den Herausforderungen sich gegenseitig bei ihren Problemen helfen, statt dass ein menschlicher Programmierer
der Digitalisierung. Der Informatiker Prof. auch neue wissenschaftliche Fragestellungen sich Regeln für jeden Einzelfall ausdenken
Justus Piater leitet dort ein interdisziplinäres erarbeiten und dann methodisch fächer- muss. Das hält gerade in großem Stil auch in
Team. Im Interview spricht er über das DiSC, übergreifend forschen. Wir fangen aber ge- der Robotik Einzug. Statt jeden Schritt für ei-
über Chancen und Gefahren der Digitalisie- rade erst an, die ersten Mitarbeiterinnen und nen Roboter zu programmieren, möchte man
rung und über seine eigene Forschung. Mitarbeiter haben wir seit Juni. Das reicht ihm einfach zeigen können, was er machen
Wie würden Sie Digitalisierung eigentlich de- derzeit von den Atmosphärenwissenschaften soll, indem ein Mensch das vormacht. Das
finieren? bis zur Politikwissenschaft. (Zu den aktuellen ist mittlerweile ziemlich weit fortgeschrit-
Justus Piater: In Zusammenhang mit dem Forschungsbereichen siehe die Box.) ten. Sinnvoll, aber bei Weitem nicht so weit
DiSC ist Digitalisierung für mich die Trans- Sie arbeiten selbst an Robotern. Wohin bewe- fortgeschritten ist die Fähigkeit des Robo-
formation der Wissenschaften durch digitale gen wir uns in der Robotik? ters, selbst zu erkennen, worum es bei einer
Methoden. Neue Daten stehen zur Verfügung, Piater: Allgemein ist derzeit Künstliche In- bestimmten Aktion überhaupt geht. Das wäre
neue Verarbeitungsprozesse werden mög- telligenz, KI, ein großer Hype. Mit dem Be- ein großer Durchbruch, denn dann könnte der
lich und damit verändert sich auch die Art, griff sind eigentlich datengetriebene Metho- Roboter selbsttätig generalisieren und zum
wie Wissenschaft betrieben wird. Zum Bei- den gemeint: Statt dass sich jemand hinsetzt Beispiel dieselbe Arbeit unter verschiedenen
spiel kann in der Archäologie jedes Sandkorn und ein Programm schreibt, das festlegt, was Umständen ausführen. Man könnte auf einer
dreidimensional rekonstruiert werden, wäh-
rend einer Ausgrabung werden jeder Schritt
und sämtliche Positionen im Detail festge-
halten, sodass alles rekonstruierbar ist. In
den Literaturwissenschaften arbeitet man
Digital Science Center
mit Methoden, die zum Beispiel den Schreib-
stil automatisch quantifizieren können. Da- Die Wissenschaftlerinnen und Wis- chen Umständen Menschen einer Maschine
durch, dass es automatisiert ist, kann man senschaftler des „Digital Science Center“ vertrauen, und dabei auch ethische Frage-
das in sehr großem Stil anwenden, was oh- (DiSC) sind jeweils zur Hälfte an einem stellungen beleuchtet, der Mathematiker
ne die computergestützten Methoden über- fachlichen Institut und zur Hälfte am DiSC Sébastien Court, der dynamische mathe-
haupt nicht möglich gewesen wäre. Da öffnen angestellt – auch mit dem Ziel, interdiszi- matische Modelle mit neuronalen Netzen
sich ganz neue Möglichkeiten und Fragestel- plinären Austausch zu fördern. Die ersten entwickelt; weiters Matteo Saveriano, ein
lungen, das sind nur zwei kleine Beispiele. fünf wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Mitarbeiter an Justus Piaters Arbeitsgrup-
Wie geht das DiSC dabei konkret vor? und Mitarbeiter neben dem Leiter Justus pe in der Robotik (siehe Interview), und
Piater: Die Strategie ist, dass Wissenschaft- Piater selbst sind der Atmosphärenwis- der Politikwissenschaftler Kohei Watana-
lerinnen und Wissenschaftler am DiSC ein- senschaftler Reto Stauffer, der statistische be, der Medientexte auf das Vorkommen
gestellt werden, die Kompetenzen sowohl in Modelle zur Korrektur und Erhöhung der von Schlüsselwörtern analysiert und damit
einer Anwendungswissenschaft als auch in Auflösung von Wettervorhersagen entwi- die Entwicklung von freund- oder feind-
digitalen Methoden haben und die die For- ckelt, die Philosophin Katherine Dormandy, schaftlichen Beziehungen zwischen Natio-
schung an ihrer wissenschaftlichen Hei- die sich mit Fragen beschäftigt, unter wel- nen über Zeiträume hinweg auswertet.
mat-Fakultät unterstützen. Die DiSC-Wis-
senschaftlerinnen und -Wissenschaftler
17

Prof. Justus Piater


leitet das DiSC.
Foto: Universität Innsbruck

viel höheren Abstraktionsebene mit ihm in- schirrspüler. Den Weg halte ich aus heutiger sozialen und politischen Zusammenhänge.
teragieren. Das ist das Zentrum des Interes- Sicht für plausibler als superintelligente All- Leute müssen verstehen, dass man sauber
ses meiner Arbeitsgruppe. round-Roboter. recherchierten Journalismus lesen muss und
Wann haben wir Roboter, die das können? Sehen Sie Gefahren bei der Digitalisierung? dass das auch Geld kostet.
Piater: Ich denke, dass in den nächsten fünf Piater: Vor heutigen Datenanalysemethoden Auch Jobverluste durch Digitalisierung sind
bis zehn Jahren viel passieren wird. Aber ob sollten wir mehr Angst haben, als wir haben. immer wieder Thema.
wir eines Tages Roboter haben, die tatsäch- Nämlich im Zusammenhang mit sozialen Piater: Die düsteren Szenarien mit Arbeits-
lich jede beliebige Aufgabe lernen können, Medien, die nicht nur Kommunikation zwi- platzverlusten halte ich für nicht besonders
weil sie sich die Konzepte mit der erforder- schen Menschen erlauben, sondern auch In- plausibel. Es hat sich in den vergangenen 200
lichen Flexibilität selbst erarbeiten können – teressengruppen ein enorm mächtiges Pro- Jahren nirgendwo gezeigt, dass Automatisie-
da bin ich nicht ganz optimistisch. Wissen- pagandawerkzeug in die Hände legen. Ein rung auf Dauer Arbeitsplätze kostet. Eine grö-
schaftlich finde ich das sehr interessant und Werkzeug, das möglicherweise zum Ausgang ßere Gefahr ist die Entkoppelung zwischen
deswegen arbeite ich daran. Aber in der Pra- der US-Präsidentenwahl 2016 oder des Bre- Produktivität und menschlicher Arbeitskraft.
xis muss man eher fragen: Was ist der gang- xit-Referendums geführt hat. Früher war das so: Wenn ich ein Auto baue,
barste Weg in Richtung Automatisierung in Was können wir dem entgegenstellen? brauche ich eine bestimmte Anzahl an Arbei-
möglichst vielen Lebensbereichen? Da ver- Piater: Einmal muss der Gesetzgeber ein- tern und wenn ich zwei Autos baue, brauche
mute ich eher, dass das nicht über hochkom- greifen, was ja zum Teil auch geschieht. ich ein paar mehr. Wenn ich mehr produziere,
plexe, sehr vielseitige Roboter passieren wird, Aber das Problem ist das Geschäftsmodell. dann verdienen auch mehr dadurch ihr Brot.
sondern über eine Vielzahl kleiner und spe- Solange die Internetriesen ihr Geld damit In der digitalen Welt ist das weitgehend ent-
zialisierter Roboter, bis hin zur Ausstattung verdienen, dass Leute möglichst lange an koppelt: Ich kann mein Betriebssystem an
von Alltagsgegenständen mit ihren eigenen ihre Inhalte gefesselt werden, so lange wer- einen verkaufen oder an eine Million, das
Aktuatoren, die keine externen Roboter mehr den absurde und polarisierende Inhalte vor- macht keinen Unterschied. Das beschleunigt
brauchen. Um das jetzt etwas zu übertrei- ne liegen. Solche Geschäftsmodelle richten die Tendenz, den Reichtum zu konzentrieren,
ben: Eines Tages haben wir vielleicht keinen großen gesellschaftlichen Schaden an; hier und wir beobachten in den letzten Jahren zu-
Roboter, der den Geschirrspüler einsortiert, sind dringend neue Ideen gefragt. Auf der nehmend, dass die Schere zwischen Arm und
sondern Teller, die sich von selbst bewegen anderen Seite brauchen wir mehr Verständ- Reich immer schneller auseinanderklafft. Da
und in den Geschirrspüler fallen lassen oder nis für diese Phänomene auf Seiten der Be- ist die Politik gefragt, kreativ zu werden.
die sich sogar selbst säubern, ganz ohne Ge- völkerung, ein Grundverständnis für diese stefan.hohenwarter@uibk.ac.at ◼
18

Der Christoph-Probst-Platz vor dem


Hauptgebäude, das Bruno-Sander-Haus und
zahlreiche weitere Plätze und Gebäude
der Universität Innsbruck erinnern
an prägende Persönlichkeiten.
ÖNB Wien Bildarchiv E 20.626_B, commons.wikimedia.org,
Fotos: Uni Innsbruck, ÖNB Wien Bildarchiv E 20.485-B,

Universitätsarchiv Innsbruck

Wer war eigentlich …?


Bewegt man sich an der Universität Innsbruck,
I
m Lauf ihrer Geschichte wurde die Uni-
versität Innsbruck von zahlreichen Per-
begegnet man täglich einer Vielzahl an Namen: Die sonen geprägt. Schon der Name der Uni-
versität Innsbruck verweist auf ihre Grün-
Katholisch-Theologische Fakultät findet man am derväter Kaiser Leopold I. und Kaiser Franz I.
Die vier Nobelpreisträger Fritz Pregl (Chemie
Karl-Rahner-Platz, die Fakultät für Geographie und 1923), Adolf Windaus (Chemie 1928), Hans Fi-
scher (Chemie 1930) und Victor Franz Hess
Atmosphärenwissenschaften ist im Bruno-Sander- (Physik 1936) sowie zahlreiche weitere For-
schungspersönlichkeiten prägten die Reputa-
Haus untergebracht und will man ins Hauptgebäude der tion der Innsbrucker Universität im Lauf der
Jahre. Aber auch wenn man sich nicht mit der
Universität, geht man über den Christoph-Probst-Platz. Universitätsgeschichte beschäftigt, begegnet
19

Gründung. Leopold Ignaz Joseph Balthasar werk-Platz“ erinnert auch eine Vortragsreihe
Franz Felician von Habsburg war von 1658 bis der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik
1705 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches an den großen Ökonomen.
sowie König in Germanien (ab 1654), Ungarn
(ab 1655), Böhmen (ab 1656), Kroatien und Bruno Sander
Slawonien (ab 1657). Leopolds Regierungszeit
(1884–1979)
gilt als Beginn der Großmachtstellung der

B
Habsburgermonarchie. Innenpolitisch setzte runo Sander
Leopold in den Habsburger-Ländern auf einen begründete mit
absolutistischen Herrschaftsstil. Leopold war seiner Abhand-
sprachbegabt, literarisch, wissenschaftlich lung „Über die Zu-
und historisch interessiert und unterstützte sammenhänge zwi-
neben der Uni Innsbruck auch die Universi- schen Teilbewegung
tätsgründungen in Olmütz und Breslau. und Gefüge in Gestei-
nen“ die statistische
Kaiser Franz I. Gefügekunde, einen
neuen Zweig der Erd-
(1768–1835)
wissenschaften, der

N
ach einer Anwendung in der
wechselvollen Felsmechanik und
Zeit mit zwei Ingen ieurgeolog ie
Auflösungen und findet. Sander promovierte 1907 in Innsbruck
Wiedereröffnungen und kehrte nach kurzer Assistenzzeit an der
war es der zweite Na- Technischen Hochschule in Wien wieder nach
menspatron der Uni- Innsbruck zurück, wo er sich 1912 habilitierte.
versität Innsbruck, 1922 wurde er an den Lehrstuhl für Minera-
Kaiser Franz I., der logie und Petrographie der Uni Innsbruck be-
1826 die endgültige rufen; dort lehrte und forschte er bis zu seiner
Wiedererrichtung der Emeritierung 1955. Neben seiner Tätigkeit als
Philosophischen und Geologe war er auch Schriftsteller und publi-
der Juridischen Fa- zierte unter dem Pseudonym Anton Santer. Er
kultäten veranlasste. gehörte schon vor dem Ersten Weltkrieg zur
Franz Joseph Karl aus dem Haus Habsburg- Brenner-Gruppe und veröffentlichte Gedichte
Lothringen war von 1792 bis 1806 als Franz in deren Zeitschrift „Der Brenner“, später in
II. der letzte Kaiser des Heiligen Römischen der Zeitschrift „Wort im Gebirge“ und der
Reiches Deutscher Nation. 1804 begründete „Seefelder Zeitung“. Das Gebäude der Fakul-
er das Kaisertum Österreich, das er als Franz tät für Geo- und Atmosphärenwissenschaften
I. bis zu seinem Tod regierte. am Innrain wurde nach ihm benannt.

Eugen Ritter von Böhm-Bawerk Victor Franz Hess


(1851–1914) (1883–1964)

D D
ie Fakultäten as Victor-
für Betriebs- Fra n z-Hess-
w irtschaft, Haus am Cam-
Volkswirtschaftsleh- pus Technik behei-
re und Statistik sowie matet unter anderem
Soziale und Politische die vier Institute für
man an den Innsbrucker Universitätstandor- Wissenschaften in Physik der Univer-
ten täglich Namen aus der Geschichte. der Universitätsstra- sität Innsbruck. Be-
ße erreicht man über nannt ist dieses prä-
Kaiser Leopold I. den Böhm-Bawerk- gende Gebäude in der
Platz. Benannt ist Technikerstraße 25
(1640–1705)
dieser nach dem Na- nach dem Physiker

E
in Teil des Na- tionalökonomen Eu- Victor Franz Hess. Er
mens der Le- gen Ritter von Böhm- wurde 1931 Vorstand
o p o l d-F r a n- Bawerk. Böhm-Bawerk hatte von 1880 bis des neu errichteten Instituts für Strahlen-
z e n s-U n i v e r s i t ä t 1889 den Lehrstuhl für Politische Ökonomie forschung an der Universität Innsbruck. Mit
geht auf ihn zurück: an der Rechts- und Staatswissenschaftlichen einem Forschungslabor auf dem Hafelekar
Kaiser Leopold I. si- Fakultät der Universität Innsbruck inne. Sein bot ihm Innsbruck ideale Bedingungen für
cherte mit der Ein- zweibändiges Werk „Kapital und Kapitalzins“ seine Forschungen auf dem Gebiet der kos-
führung einer Son- leitete die Wende in der Volkswirtschaftslehre mischen Strahlung, die er bereits mit Bal-
dersteuer auf das des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein. Im An- lonfahrten während seiner Tätigkeit in Wien
Haller Salz, dem schluss an seine Professur war Böhm-Bawerk entdeckt hatte. Noch während seiner Lehrtä-
„Haller Salzauf- als Finanzminister (1895, 1897/98, und 1900– tigkeit in Innsbruck erhielt Hess gemeinsam
schlag“, die Finan- 1904) maßgeblich für die Reform der Perso- mit dem amerikanischen Physiker Carl David
zierung der Uni- nal- und Erwerbsteuer in Österreich verant- Anderson den Nobelpreis für Physik.
versität Innsbruck und ermöglichte so ihre wortlich. Neben dem „Eugen-von-Böhm-Ba- Fortsetzung auf Seite 20
20

Christoph Probst Universitäten seinen Namen in ihren offizi- Nach ihr benannt ist ein Frauenförderungs-
(1919–1943) ellen Anschriften, und das Gedenken an seine programm an der Universität Innsbruck, das
Person und an all die anderen unter dem NS- Erika-Cremer-Habilitationsprogramm.

E
iner der zen- Regime Verfolgten und Vertriebenen nimmt
tralsten Plätze damit einen festen Platz an der Universität Karl Rahner
der Universität Innsbruck ein.
(1904–1984)
Innsbruck, der Chri-

D
stoph-Probst-Plat z Erika Cremer ie Katholisch-
vor dem Universi- Theologische
(1900–1996)
t ät sh auptgebäude, Fakultät der

Z
erinnert an einen u den bedeu- Universität Inns-
dunklen Teil der Uni- tendsten For- bruck ist eng mit dem
ver sit ät sgesc h ic h- s c her p er sön- Namen Karl Rah-
te: Christoph Probst, lichkeiten der Uni- ner verbunden, was
deutscher Medizin- versität Innsbruck man schon an ihrer
student und Mitglied nach 1945 gehört die Adresse sieht: Karl-
der Widerstands- langjährige Leiterin Rahner-Platz 1 und 3.
gruppe gegen den Nationalsozialismus, der des Instituts für Phy- Karl Rahner
Weißen Rose, war im Herbst 1942 mit seiner sikalische Chemie, zählt zu den bedeu-
Studentenkompanie nach Innsbruck verlegt Erika Cremer. 1940 tendsten Theologen
worden und hat hier sein in München begon- wurde sie nach Inns- des 20. Jahrhunderts.
nenes Medizinstudium weitergeführt. Sein bruck berufen, wobei Er wirkte bahnbrechend für eine Öffnung der
Verhältnis zu den anderen Mitgliedern der ihr als Frau lange nur katholischen Theologie für das Denken des
Weißen Rose blieb weiter eng. Als diese im eine Außenseiterrolle 20. Jahrhunderts und nahm mit seiner The-
Februar 1943 nach einer Flugblattaktion an zustand. ologie Einfluss auf das Zweite Vatikanische
der Münchner Uni verhaftet wurden, wur- Trotz hervorragender wissenschaftlicher Konzil, an dessen Vorbereitung und Durch-
de Christoph Probst als Mitglied enttarnt, Leistung wurde Erika Cremer erst 1959 zur führung er als Sachverständiger mitarbei-
in Innsbruck verhaftet und von der Univer- ordentlichen Universitätsprofessorin für tete. Im Mittelpunkt seiner Forschung stand
sität Innsbruck ausgeschlossen. Nach einem Physikalische Chemie bestellt und zur Lei- der Versuch, die Theologie neu zu definieren.
kurzen Prozess wurde er gemeinsam mit So- terin des Physikalisch-Chemischen Instituts Er forderte, dass man sie lebendig machen
phie und Hans Scholl hingerichtet. 1994 be- ernannt. Cremer hat in den 1940er Jahren die und in den Dienst des Glaubens stellen sollte.
nannte die Stadt Innsbruck auf Antrag der Grundlagen der Gaschromatographie entwi- Rahner promovierte 1936 und habilitierte sich
Österreichischen HochschülerInnenschaft ckelt, einer heute weit verbreiteten Analyse- 1937 in Innsbruck und hat viele Jahre hier ge-
den Platz vor dem Hauptgebäude in „Chri- technik in der Chemie, mit der sie sich auch lehrt (1936–1939 und 1948–1964).
stoph-Probst-Platz“ um. Seither tragen die international einen Namen gemacht hat. susanne.e.roeck@uibk.ac.at ◼

Das Victor-Franz-Hess-Haus
am Campus Technik wurde einem
Nobelpreisträger der
Universität Innsbruck gewidmet.
Fotos: Uni Innsbruck, Privatbesitz/Reproduktion
Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Karl-Rahner-Archiv München
21

Regelmäßiger Austausch der


Förderkreis-Mitglieder mit dem Rektorat und den
DekanInnen unterstützt die Entwicklung der Universität.
Foto: Manuela Tessaro

Fördern für die Zukunft


Der Förderkreis „1669 – Wissenschafft Gesellschaft“ blickt auf erfolgreiche Jahre
zurück. Auch im Jubiläumsjahr 2019 engagieren sich zahlreiche Unternehmen und
Einzelpersonen für Studierende an der Universität Innsbruck.

Z
ur Erfolgsgeschichte hat sich der För- derinnen und Förderer gleichzeitig junge
derkreis „1669 – Wissenschaft Ge- Forscherinnen und Forscher unterstützen
sellschaft“ entwickelt. Seit der Grün- und Raum für Innovation schaffen. Alle Mit- Mitglieder des
dung im Jahr 2015 unterstützen Dutzende glieder des Förderkreises sehen ihren Beitrag
Unternehmen und auch Einzelpersonen den als Investition in die Zukunft. Förderkreises
Förderkreis und machen so die Umsetzung
mehrwertstiftender Projekte in Forschung Wirkung nach außen und innen * 33 Unternehmen
und Lehre möglich. aus Nordtirol
Dank der Förderkreis-Mitglieder wurden seit * 16 aus Südtirol
Sinnstiftend wirken 2016 bereits rund 60 Projekte umgesetzt. U. a. * 2 aus Osttirol
wurden heuer Wettbewerbe zu Digitalisierung * 7 aus Vorarlberg
Die Gründe, warum sich die Förderinnen und Prototypenentwicklung ausgeschrieben. * 2 aus Luxemburg
und Förderer für die Universität Innsbruck Bereits 15 Studierende erhielten internationale * 3 aus Liechtenstein
einsetzen, sind vielfältig: Viele wollen damit Konferenzstipendien und damit die Chance, in
einen Beitrag zu einer qualitätsvollen Ausbil- der Scientific Community bekannt zu werden.
dung leisten, denn: Gut ausgebildete Mitar- Mit Dr. Christiane Opitz vom Deutschen Krebs- * 63 Einzelpersonen,
beiterinnen und Mitarbeiter sind nicht nur für forschungszentrum in Heidelberg konnte mit darunter befinden sich
die Zukunft der Unternehmen selbst wichtig. Hilfe des Förderkreises außerdem eine nam- auch Absolventinnen
Hervorragende Aus- und Weiterbildung wirkt hafte Gastprofessorin nach Innsbruck eingela- und Absolventen
sich, so der Tenor der Förderkreis-Mitglieder, den werden. Ihre Forschung ist wesentlich für der Universität
auch auf die Region und die Gesellschaft po- die Entwicklung neuer Krebsmedikamente. Innsbruck
sitiv aus. Mit ihrem Beitrag wollen die För-  foerderkreis1669@uibk.ac.at◼

1669 – Wissenschafft Gesellschaft


Die Mitglieder des Förderkreises unterstützen die Universität Innsbruck gemeinsam in einem Netzwerk, als Brücke in die Gesellschaft,
sowohl ideell als auch materiell. Wenn Sie mehr über den Förderkreis erfahren wollen, kontaktieren Sie uns bitte unter der Tel. 0 512/507-
38 554, E-Mail: foerderkreis1669@uibk.ac.at – Weitere Infos: www.uibk.ac.at/foerderkreis1669
22

Jubiläum erreicht
Höhepunkt
Eine Festwoche rund um den historischen Gründungstag am 15. Oktober 1669, die
dazu einlädt, gemeinsam zu feiern, nachzudenken und zu genießen, bildet den
Höhepunkt der Feierlichkeiten zum 350-Jahr-Jubiläum der Universität Innsbruck.

A m Beginn der Festwoche vom 11. bis zum


19. Oktober steht die Präsentation der
neuen Universitätsgeschichte. Anlässlich
Die Feierlichkeiten im
ihres 350-jährigen Bestehens wurden die un-
Jubiläumsjahr 2019 erreichen
terschiedlichen Phasen der Universitätsge-
im Oktober ihren Höhepunkt.
schichte wissenschaftlich untersucht und in Foto: Eva Fessler
drei Bänden ausführlich dargestellt. Außer-
dem wird an diesem Tag eine künstlerische
Intervention am Adler-Ehrenmal vor dem
Universitätshauptgebäude enthüllt.

Religiöse Veranstaltungen
Da die Universität Innsbruck aus dem Je-
suitengymnasium hervorgegangen ist, wird
in einem Jubiläumsgottesdienst an die Rol-
le des Jesuitenordens erinnert. Die Diversi-
tät an der Universität soll eine multireligiöse
Begegnung mit elf Glaubensgemeinschaften
zum Ausdruck bringen.

Festakt Universität Innsbruck zwei herausragende dabei das Ensemble Phace unter anderem mit
Persönlichkeiten mit dem Ehrendoktorat einer Uraufführung - für das Unijubiläum
Am historischen Gründungstag der Uni- auszeichnen: Anita Lasker-Wallfisch und - des aus Tirol stammenden Komponisten
versität bildet der Festakt im Tiroler Lan- Heinz Fischer, die am Vortag der Ehrung über Wolfgang Mitterer.
destheater den Höhepunkt der Feierlich- die wechselvolle Geschichte des 20. Jahrhun-
keiten zum 350-Jahr-Jubiläum der Universität derts sprechen werden. Jubiläumsball
Innsbruck. Zu sehen ist eine Inszenierung in
fünf „Festakten“, geschrieben von Carolina Festkonzert Mit einem Universitätsball findet die Fest-
Schutti, Erika Wimmer, Christoph W. Bauer, woche zum 350-Jahr-Jubiläum der Universi-
Elmar Drexel und Klaus Rohrmoser. Im Festkonzert „Bewegte Zeiten“ ste- tät Innsbruck ihr festliches Ende. Gleichzeitig
hen die Musik Kaiser Leopolds I. und die von bildet der einen Auftakt: Von nun an wird der
Ehrungen und Diskussion Komponisten, die in seinen Diensten standen, Uniball alljährlich im Oktober das neue Studi-
sowie Musik aus jenen Ländern, die Anspruch enjahr einläuten und einen Vorgeschmack auf
Beim traditionellen Ehrungstag der Uni- auf Teile des Reiches Leopolds I. erhoben, auf die Ballsaison bieten.
versität Innsbruck, dem Dies Academicus, der dem Programm des Marini Consort Inns- Alle Infos zum Programm der Festwoche
auch in die Festwoche gelegt wurde, wird die bruck. Den Bogen zum 21. Jahrhundert spannt im Detail: http://bit.ly/festwoche1669

Zukunft denken
E ine Einladung der Universität an ihre Re-
gion und deren Bevölkerung stellt den
Abschluss des Jubiläumsjahres 2019 dar. Beim
sellschaft vor. Interaktive Formate laden die
Menschen aus der Region zur Diskussion ein.
Für jeden der vier geplanten Blöcke hat die
Isolde Charim, Neuropsychologe Claus Lamm
und die ehemalige dänische Umweltministe-
rin Ida Auken, nehmen spannende Themen
Diskussionsforum „Zukunft denken“ stel- Universität aus dem Kreis der ProfessorInnen auf und laden zum Zuhören und Mitdiskutie-
len Expertinnen und Experten von 20. bis 22. KuratorInnen bestellt, die die Halbtage aus- ren ein.
November mögliche Szenarien, Denkansätze gestalten. Namhafte RednerInnen, wie die Weitere Informationen unter:
und Perspektiven für die Zukunft unserer Ge- österreichische Philosophin und Publizistin http://bit.ly/zukunftdenken
23

Schönheit vor
Weisheit Die Pop Up University kann in
kürzester Zeit vor Ort aufgebaut
werden.
Foto: Uni Innsbruck

E nde September wurde die Sonderaus- tungsraum, offenem Wissensraum, Bibli-

Zwei neue Formate


stellung „Schönheit vor Weisheit“ an- othek und Ort der Kommunikation. Mehr
lässlich des 350-Jahr-Jubiläums der Uni- als 30 gemeinsame, kostenlos zugängliche

für Gemeinden
versität in Kooperation mit den Tiroler Veranstaltungen vermitteln zentrale ge-
Landesmuseen eröffnet. Die Ausstellung sellschaftliche Fragestellungen ebenso wie
beleuchtet und diskutiert, wie sich die zwei künstlerische und wissenschaftliche Po-
Bereiche Kunst und Wissenschaft sowohl sitionen. In der Gesprächsreihe „Wissen- Die Uni Innsbruck geht auf Tour. Egal ob
ergänzen als auch in Wettstreit miteinan- schaftlerInnen im Gespräch“ erzählen 16 Social Media, Chemie, Klimawandel, Schwar-
der treten. Gezeigt werden darin Werke von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ze Löcher, Migration oder Mikrobiologie –
mehr als dreißig Kunstschaffenden, die die der Universität von ihrer Arbeit und ihrem die Uni Innsbruck kommt mit maßgeschnei-
gegenwärtige künstlerische Praxis mit der Leben. Den Auftakt machen am 24. Okto- derten Workshops zu den Jugendlichen in die
wissenschaftlichen Arbeit der letzten Jahr- ber Georg Kaser (Institut für Atmosphä- Gemeinden. Die „Pop Up University“ besteht
hunderte verbinden. Die Universität ist mit ren- und Kryosphärenwissenschaften) und aus einem E-Auto, zur Verfügung gestellt von
der Sonderausstellung für ein Semester lang Józef Niewiadomski (Institut für Systema- den Innsbrucker Kommunalbetrieben (IKB),
Gast im Ferdinandeum. Zur Ausstellung ge- tische Theologie). und einem coolen Anhänger, der das geladen
hört zudem die „Aula Ferdinandeum“, eine Weitere Informationen: http://www.tiro- hat, was man braucht, um Wissenschaft und
Mischung aus konventionellem Veranstal- ler-landesmuseen.at Forschung direkt vor Ort, bunt und vielfältig
zu vermitteln. Auf Wunsch kommt die Pop Up
University in die Gemeinden und bringt Wis-
senschaft zu den Jugendlichen.

Unter anderem zu sehen: Unsere Uni vor Ort


die Mikroskopische Forschungswelt
Mit einem weiteren neuen Angebot wer-
von Bruno Sander.
Foto: Günter Richard Wett
den auch interessierte Bürgermeisterinnen
und Bürgermeister eingeladen, Wissenschaft
auch in die Gemeinden zu holen. In verständ-
lich aufbereiteten Vorträgen und Workshops
wollen Wissenschaftlerinnen und Wissen-
schaftler die interessierte Bevölkerung, unter
dem Motto „Unsere Uni vor Ort“, in die Welt
ihrer Forschung entführen.

Einblicke in die
Universität
I m Jubiläumsjahr ermöglichen zwei Füh-
rungsreihen an der Universität neue Per-
spektiven auf vermeintlich bekannte Orte.
In der eigens für das Jubiläumsjahr konzi-
pierten Führungsreihe „EinBlick hinter die
Kulissen der Universität“ zeigen Uni-Mitar-
beiterinnen und -Mitarbeiter ihre Arbeits-
plätze und bieten damit bisher unbekannte

Fields-Medaillen-Träger zu Gast
Einblicke.
Darüber hinaus werden vier speziell auf
Symbole, Geschichte und Architektur der

I m Rahmen der Vortragsreihe „Ausge-


zeichnete Forschung zu Gast in Inns-
bruck“ anlässlich des 350-Jahr-Jubiläums
Vortrag an der Universität Innsbruck.
Martin Hairer wurde für seine mathe-
matischen Arbeiten im Jahr 2014 mit der
Universität Innsbruck zugeschnittene Stadt-
führungen angeboten, die einen Spaziergang
durch die Geschichte ermöglichen. Für beide
hielt am 23. September der renommierte Fields-Medaille ausgezeichnet, der höchsten Formate werden noch bis Jahresende Termine
Mathematiker Prof. Martin Hairer, auf Würde auf dem Gebiet der Mathematik, die angeboten.
Einladung des Forschungsschwerpunkts gerne auch mit dem Nobelpreis verglichen Weitere Informationen: http://bit.ly/uni-
„Scientific Computing“, einen öffentlichen wird. fuehrungen