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Ausgabe 2/2019, 11. Jg.

zukunft
zukunft forschung 02 | 19

forschung

GEMEINSAM
ZUKUNFT
DENKEN
thema: zukunft denken I pharmazie: heilende pilze I italien: kino der migration
gesundheitswesen: die vermessung der heilkunst I geotechnik: gefahr gebannt
geographie: digitalisierung der landschaft I politik: mediale stimmungsschwankungen­

DAS MAGAZIN FÜR WISSENSCHAFT UND FORSCHUNG DER UNIVERSITÄT INNS­BRUCK


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2 zukunft forschung 02/19 Foto: Andreas Friedle
EDITORIAL

LIEBE LESERIN, LIEBER LESER,

D
as vergangene Jahr war vom 350-Jahr-Jubiläum unserer und Bilder von der Veranstaltung sollen Ihnen einen Eindruck
Universität geprägt. Unser Dank gilt allen, die die vielen von diesem allseits als überaus gelungen bezeichneten, neuen
Veranstaltungen, Diskussionen, Führungen und Ausstel- Format geben. Minion
lungen einerseits vorbereitet und andererseits besucht und so

DE
das Jubiläumsjahr zu einem großen Erfolg gemacht haben. Wir Darüber hinaus finden Sie in dieser Ausgabe wieder zahlreiche
haben in den vergangenen Monaten neue Dinge ausprobiert Beiträge zu aktuellen Forschungsprojekten aus der Grundlagen-
und werden die eine oder andere Veranstaltungsform wohl forschung und der angewandten Forschung, in denen unsere
auch beibehalten, denn der Wunsch, mit Ihnen in Kontakt zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler tagtäglich am Fun-
kommen und zu bleiben, endet nicht mit dem Jubiläumsjahr. dament für unsere gemeinsame Zukunft arbeiten. PEFC zertifiziert
Dieses Produkt
PEFC zertifiziert
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Vielmehr verstehen wir das als Beginn eines Dialogs zur posi- stammt aus
nachhaltig
stammt aus
nachhaltig
tiven Weiterentwicklung unseres Standortes. Wir wünschen Ihnen eine interessante Lektüre und freuen uns bewirtschafteten
Wäldern und
bewirtschafteten
Wäldern und
kontrollierten kontrollierten
über Ihre Fragen und Anregungen! Quellen Quellen

Dieser Dialog stand auch im Zentrum der großen Abschluss- www.pefc.at www.pefc.at

veranstaltung unseres Jubiläumsjahres, dem „Diskussionsfo-


rum: Zukunft denken“, bei dem wir gemeinsam mit der Tiroler
Bevölkerung an drei Tagen Ende November über die Entwick-
lung der Gesellschaft und der Region diskutiert und neue Ideen
und Ansätze für die Zukunft entwickelt haben. Einen kleinen
Einblick in diese inhaltlichen Auseinandersetzungen geben wir
Ihnen im Schwerpunkt dieser Ausgabe unseres Forschungsma- TILMANN MÄRK, REKTOR
gazins. Ausgewählte Beiträge, zusammengefasste Ergebnisse ULRIKE TANZER, VIZEREKTORIN FÜR FORSCHUNG
Myriad

IMPRESSUM
Herausgeber & Medieninhaber: Leopold-Franzens-Universität Inns­bruck, Christoph-Probst-Platz, Innrain 52, 6020 Inns­bruck, www.uibk.ac.at
Projektleitung: Büro für Öffentlichkeitsarbeit und Kulturservice – Mag. Uwe Steger (us), Dr. Christian Flatz (cf); public-relations@uibk.ac.at PEFC zertifiziert PEFC zertifiziert
Dieses Produkt Dieses Produkt
Verleger: KULTIG Werbeagentur KG – Corporate Publishing, Maria-Theresien-Straße 21, 6020 Inns­bruck, www.kultig.at stammt aus stammt aus
Redaktion: Mag. Melanie Bartos (mb), Mag. Eva Fessler (ef), Mag. Andreas Hauser (ah), Mag. Stefan Hohenwarter (sh), nachhaltig
bewirtschafteten
nachhaltig
bewirtschafteten
Lisa Marchl, MSc (lm), Daniela Pümpel, MA (dp), Mag. Susanne Röck (sr) Wäldern und Wäldern und
kontrollierten kontrollierten
Layout & Bildbearbeitung: Florian Koch Fotos: Andreas Friedle, Universität Inns­bruck Druck: Gutenberg, 4021 Linz Quellen Quellen
www.pefc.at www.pefc.at

Foto: Uni Inns­bruck zukunft forschung 02/19 3


BILD DER
WISSENSCHAFT
INHALT

TITELTHEMA 8
GESELLSCHAFT. Die Angst vor der Zukunft prägt aktuell westliche
Gesellschaften. Daher wurde an der Universität Innsbruck die Frage
diskutiert, wie eine wünschenswerte Zukunft ­aussehen könnte. 8

DIGITALISIERUNG. Die digitale Transformation beeinflusst die


Arbeitswelt und birgt Chancen, mit der Klimakrise umzugehen.  14

ENERGIE. Sonne, Wasser, Holz und Umweltwärme sind in


Tirol vorhandene Ressourcen, die das Land der Vision von TITELTHEMA. Das „Diskussionsforum: Zukunft den-
­Energieautonomie im Jahr 2050 näherbringen. 16 ken“ bildete den Abschluss der Feierlichkeiten rund
um das 350-Jahr-Jubiläum der Universität Innsbruck.
NACHHALTIGKEIT. Das Klimabewusstsein in Tirol ist grundsätzlich ZUKUNFT FORSCHUNG blickt auf die drei span-
groß, die Bereitschaft zu ­nachhaltigem Handeln ausbaufähig.18 nenden Tage zurück.

INTERVIEW. „Wir leben“, sagt Isolde Charim, „in einer Gesellschaft 30


neuen Typs, die nicht mehr alle umfasst.“ Einen Ausweg sieht sie in
einem Umgang mit Unterschieden.22

FORSCHUNG
GEOGRAPHIE. Die Laserscanner des Instituts für Geographie l­ iefern
hochgenaue Daten über Wälder, Berghänge, ­Gletscher
und Permafrostgebiete, seit Neuestem auch aus der Luft. 26 GEOTECHNIK. Robert Hofmann arbeitet an Schutz-
maßnahmen vor Naturgefahren, so sollen etwa Wild-
GEOTECHNIK. Menschen und Siedlungsraum vor Naturgefahren bachsperren das Eingraben des Baches in den Boden,
zu schützen, ist eine der Aufgaben von Robert Hofmann. 30 aber auch das Rutschen von Hängen verhindern..

ROMANISTIK. Mit dem engagierten cinema di migrazione antworten 36


italienische Filmemacher auf Fremdenfeindlichkeit.  32

PHARMAZIE. Bianka Siewert forscht zur ökologischen Bedeutung


der Farbstoffe in Pilzen und untersucht ihre lichtaktivierbaren Stoffe
für neue Möglichkeiten in der Krebstherapie.  36

GESUNDHEITSWISSENSCHAFT. Inns­brucker Forscher untersuchen­


die Entwicklung und Anwendung der Qualitätsmessung für
­stationäre Krankenhausaufenthalte in Österreich.  38 PHARMAZIE. Bianca Siewert forscht an neuen Mög-
lichkeiten in der Lichttherapie, nutzt dazu Kreativität
POLITIKWISSENSCHAFT. Kohei Watanabe interessiert sich für und Vielfalt der Natur und verbindet sie mit bestehen-
­veröffentlichte Meinung und die darin ausgedrückte Stimmung. 42 dem Wissen zu lichtaktivierbaren Stoffen.

RUBRIKEN
EDITORIAL/IMPRESSUM 3 | BILD DER WISSENSCHAFT: QUASIKRISTALLINES LICHTMUSTER 4 | NEUBERUFUNG: EVELINE CHRISTOF 6 | FUNDGRUBE VERGANGEN­HEIT: SAMMLUNG AM
INSTITUT FÜR KUNSTGESCHICHTE 7 | MELDUNGEN 29 + 41 | WISSENSTRANSFER 34 + 35 | UNIHOLDING 44 | PREISE & AUSZEICHNUNGEN 45 – 47 | ZWISCHENSTOPP: CHRISTIANE OPITZ
48 | SPRUNGBRETT INNS­BRUCK: ELISABETH KUGLER 49 | ESSAY: ZUKUNFT – ZWISCHEN CHANCE UND BEDROHUNG von Claudia Paganini 50

In den von Nobelpreisträger Dan Shechtman entdeckten Quasikristal- Mivehvar vom Institut für Theoretische Physik untersuchten vierfach
len sind Atome oder Moleküle in einer geordneten, aber aperiodischen gekreuzten, optischen Resonator bildet das Licht spontan ein emer-
Struktur angeordnet. Ultrakalte Atome in optischen Resonatoren sind gentes quasikristallines, optisches Potenzial, wie im Bild dargestellt. Die
ein vielseitiges und sehr präzise kontrollierbares System zur Simulation eingeschlossenen Atome ordnen sich dann aufgrund dieses entstehen-
von solchen komplexen Festkörperphänomenen. In einem von Farokh den Potenzials selbst in einem quasikristallinen Muster an.

Fotos: Uni Inns­bruck (1), Robert Hofmann (1), Andreas Friedle (1); COVERFOTO: AdobeStock/greenbutterfly; BILD DER WISSENSCHAFT: Farokh Mivehvar
zukunft forschung 02/19 5
NEUBERUFUNG

GUTE SCHULE MACHEN


Sie lehrt und erforscht das Lehren: Als Professorin für Allgemeine Didaktik arbeitet
Eveline Christof an einer wichtigen Schaltstelle im Bildungssystem.

S
chule kann nur dann moderner
und besser werden, wenn sich an-
gehende Lehrerinnen und Lehrer
auch mit ihren eigenen Schulerfahrungen
auseinandersetzen, sagt Eveline Christof.
Sie ist seit Mai 2019 Universitätsprofes-
sorin für Allgemeine Didaktik und leitet
seit knapp drei Jahren das Institut für
Leh­rerInnenbildung und Schulforschung.
„Der Lehrberuf ist jener, in dem die Per-
sonen, die den Beruf erlernen wollen, die
längs­te Zeit auch selbst Teilnehmer in die-
sem Berufsfeld waren“, erklärt Christof:
„Die Studierenden haben viele Bilder im
Kopf, die ihr zukünftiges Verhalten im
Unterricht oft stärker beeinflussen als
das, was sie über Didaktik bei uns gelernt
haben.“ Neben der fachlichen Ausbildung
und den didaktischen Kompetenzen sind
die persönlichen Erfahrungen und deren EVELINE CHRISTOF, geboren 1966 in
Reflexion mit ausschlaggebend dafür, ob der Curricula für die Lehramtsstudien Wien, studierte Pädagogik an der Uni-
aus Studierenden gute Lehrerinnen und in Kooperation mit der Pädagogischen versität Wien. Am Institut für Bildungs-
Lehrer werden. Die Reflexion der eigenen Hochschule Tirol, der Katholischen Päda- wissenschaft war sie im Rahmen einer
Prägung muss daher einen festen Platz in gogischen Hochschule Edith Stein und der wissenschaftlichen Stelle in Lehre und
der PädagogInnenbildung haben, findet Pädagogischen Hochschule Vorarlberg Forschung tätig und promovierte 2008
Eveline Christof. In ihrer Forschung be- „von der Pike auf“ entwickelt. „Das war an der Universität Wien. Von 2008 bis
schäftigt sie sich immer wieder mit der in den vergangenen Jahren eine meiner 2011 leitete sie den Bereich Weiterbil-
Rollenwerdung von Lehrpersonen, be- Hauptaufgaben. Ich sehe die ganze Ent- dung an der Universität für Bodenkultur
sonders intensiv im Zuge ihrer 2017 abge- wicklung als Jahrhundertchance“, zieht in Wien. 2011 kam Eveline Christof als
schlossenen Habilitation: Darin hat sie die Eveline Christof Bilanz und verdeutlicht Universitätsassistentin an die Universität
Überzeugungen von angehenden Lehrern die Bedeutung der LehrerInnenbildung: Inns­bruck, an der sie sich im Rahmen
in Hinblick auf Faktoren wie Leistungsbe- „Wenn wir keine guten Lehrer haben, ha- einer Qualifizierungsstelle 2017 habili-
urteilung, Macht oder auch Lehren und ben wir auch keine guten Schüler und im tierte und die Leitung des Instituts für
Lernen ermittelt und Formate entwickelt, Weiteren keine guten Studierenden.“ LehrerInnenbildung und Schulforschung
mit denen man diese im Rahmen der Aus- Die laufende Verbesserung der Lehr- übernahm. Im Mai 2019 wurde sie zur
bildung aufarbeiten und reflektieren kann. amtsausbildung auf allen Stufen sieht sie Universitätsprofessorin für Allgemeine
als große persönliche und gesellschaft- Didaktik (Sekundarstufe Allgemeinbil-
Jahrhundert-Chance liche Herausforderung der nächsten Jah- dung) berufen.
Die PädagogInnenbildung ist aber nicht re. Im vergangenen Sommersemester ha-
nur zentraler Forschungsgegenstand von ben an der Uni Inns­bruck die ersten Stu-
Eveline Christof, sondern schon seit vie- dierenden das neue Bachelor-Studium Ansicht nach aufgrund der Neuausrich-
len Jahren in jeglicher Hinsicht Teil ihrer Lehramt abgeschlossen, das nun im Rah- tung der Lehramtsstudien ein wenig zu
täglichen Arbeit an der Universität Inns­ men einer Absolventenbefragung evalu- kurz gekommen ist. Über den erfolg-
bruck, an die sie bereits 2011 als Universi- iert wird. Neben der Ausbildung will reichen Beginn eines Forschungsprojekts
tätsassistentin gekommen ist. An der Fa- Christof gemeinsam mit ihren Kolle- in Kooperation mit der Humboldt-Uni-
kultät für LehrerInnenbildung hat sie die ginnen und Kollegen auch die Erfor- versität zu Berlin im Frühjahr 2020 kann
Reform der LehrerInnenbildung im Ver- schung der LehrerInnenbildung weiter- sich Eveline Christof jedenfalls schon jetzt
bund West maßgeblich mitgestaltet und entwickeln, fokussieren und international freuen. Darin geht es um Ethos im Lehr-
die bildungswissenschaftlichen Anteile sichtbar machen. Ein Aspekt, der ihrer beruf und dessen Erlernbarkeit.  ef

6 zukunft forschung 02/19 Foto: Eva Fessler


FUNDGRUBE VERGANGENHEIT

SAMMLUNGSSTÜCKE: Nachlass Hans Semper, Goldenes Dachl; Hilde Nöbl, Selbstporträt, 1954; Lois Weinberger, o. T., um 1983

KUNST FÜR DIE LEHRE


Kunst aus Tirol im 20. und frühen 21. Jahrhundert bildet den
Schwerpunkt der Sammlung am Institut für Kunstgeschichte.

B
etritt man das Büro von Martina Kuratorische Praxis in Kontakt zu bringen“, erläutert Mark das
Baleva, Leiterin der Sammlung „Das Prinzip, die Sammlung als Teil der Konzept. Um Teile der Sammlung öfters
am Institut für Kunstgeschichte, Lehre einzusetzen, blieb bestehen. Dazu der Öffentlichkeit präsentieren zu können,
nimmt man einen Teil dieser Sammlung kam die kuratorische Praxis mit einem ei- setzen Mark und Baleva auf einen ange-
in die Hand. Seit dem Jahr 2000 schmü- genen Ausstellungsraum, der von 1981 bis dachten neuen Ausstellungsraum, Samm-
cken kunstvolle Türschnallen die ansons­ 2008 bespielt wurde“, erklärt Mark. Teile lungsleiterin Balevea denkt dabei über-
ten kühlen Bürotüren am Institut, die der Sammlung wurden immer wieder in haupt an ein Schaudepot, um die Werke
Installation von Jeannot Schwartz ist Ausstellungen präsentiert, aktuell etwa in für Studienzwecke zugänglich zu machen.
Teil der Artothek des Bundes. Alljähr- „Schönheit vor Weisheit“ anlässlich des Baleva wurde im Frühjahr 2019 als Pro-
lich erwirbt Österreich im Rahmen der 350-Jahr-Jubiläums der Universität Inns­ fessorin für Kunstwissenschaft nach Inns­
Kunstförderungsankäufe Kunstwerke, bruck. Seit einigen Jahren läuft auch das bruck berufen, seither stöbert sie immer
seit 1986 verbleiben die Tiroler Ankäufe Projekt KIDS – Kunst in die Schule. „Wir wieder in den Kellerdepots und stieß da-
als Dauerleihgaben am Institut für Kunst- gehen mit Wanderausstellungen an Schu- bei „per Zufall auf Fotografien aus den
geschichte. „Als einziges Bundesland in len, um Kinder mit zeitgenössischer Kunst 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts – ein For-
Österreich­“, weiß Sammlungsbetreuerin schungsschwerpunkt von mir“. Bei ge-
Claudia Mark. Der Verdienst geht auf den nauer Durchsicht zeigte sich, dass es sich
Kunsthistoriker Christoph Bertsch zu- DIE SAMMLUNG des Instituts für Kunst- dabei um den Nachlass von Hans Semper,
rück, der lange Zeit Mitglied der Ankauf- geschichte geht auf Otto Lutterotti zurück, den ersten Inns­brucker Kunstgeschichte-
jury war. Neuland war eine Sammlung der von 1945 bis 1979 als Kunstge- Ordinarius, handelt. Semper nutzte Ende
nicht für das Kunstgeschichte-Institut, schichte-Professor in Inns­bruck lehrte. Die des 19. Jahrhunderts das neue Medium
Otto Lutterotti hatte nach 1945 mit einer anfängliche kleine Sammlung von Selbst- Fotografie und sammelte solche von
solchen begonnen. „Künstlerinnen und porträts wächst seit 1986 kontinuierlich Kunstwerken, um sie in der Lehre einzu-
Künstler stellten Selbstporträts zur Verfü- durch die Kunstförderungsankäufe des setzen. Derzeit werden sie digitalisiert,
gung“, erzählt Mark. Lutterotti setzte die- Bundes in Tirol, die als Dauerleihgaben die um sie wissenschaftlich aufzuarbeiten.
se in der Lehre ein, um die Studierenden Sammlung – derzeit rund 1.000 Werke – Baleva geht von knapp 10.000 Stück aus,
mit Material, Techniken etc. vertraut zu erweitern. Teil der Sammlung sind auch in dieser „Fundgrube Vergangenheit“ be-
machen. 73 solcher Werke zählte man in Nachlässe, unter anderem jener von Hans finden sich auch Raritäten, etwa von den
den 1970er-Jahren, das große Wachstum Semper, ab 1885 erster Professor am Insti- Brüdern Alinari, den Gründungsvätern
der Sammlung begann dann ab 1986. tut für Kunstgeschichte in Inns­bruck. der italienischen Fotografie.  ah

Fotos: Fotohandlung Groß (1), Institut für Kunstgeschichte/Jörg Moser (1), Institut für Kunstgeschichte (1) zukunft forschung 02/19 7
GEMEINSAM ZUKUNFT
DENKEN
Zum Abschluss ihre 350-Jahr-Jubiläums lud die Universität Inns­bruck die Bevölkerung zu einem
­Diskussionsforum ein, um gemeinsam mit Expertinnen und Experten über die Zukunft der
­Region und der Gesellschaft nachzudenken. Kuratiert wurde die Veranstaltung vom ehemaligen
­Wissenschaftsminister und Rektor Karlheinz Töchterle. ZUKUNFT FORSCHUNG fasst einige der
­diskutierten Themen zusammen und gibt Einblick in die dargelegten Standpunkte.
8 zukunft forschung 02/19 Foto: Andreas Friedle
Foto: Uni Inns­bruck zukunft forschung 02/19 9
TITELTHEMA

E
in Teil des Programms beim Dis- sie die Sozialphilosophin und Publizistin licher Gesellschaften: Soziale Ungleich-
kussionsforum stand unter dem Isolde Charim ein, ihre Gedanken über heiten, instabile politische und ökono-
Motto: „Leben – Vielfalt – Teilha- die Pluralisierung der Gesellschaft und mische Verhältnisse, rasante technische
be“. Die KuratorInnen dieses Themen- den damit einhergehenden Zukunftshe- Entwicklungen und schwer kalkulierbare
blocks – Michaela Ralser, Martina Kraml rausforderung dazulegen. populistische Strömungen bewirken Un-
und Timo Heimerdinger – betonten, dass sicherheit. Dadurch gewinnen Bedro-
bei aller Komplexität eine zukunftswei- Von der Angst zum hungsszenarien, Sicherheitsdiskurse
sende Gegenwartsbeschreibung zutrifft: guten Leben für alle und ein Forcieren gesellschaftlicher Spal-
die der Vielheit, der Pluralisierung von Angst vor der Zukunft ist eines der prä- tungen politisch zunehmend an Gewicht.
Biografien, von Zugehörigkeiten und da- gendsten Phänomene aktueller west- Die auch daraus erwachsende angstvolle
mit von Herkünften und Zukünften jeder
Art. „Wir sind überzeugt, dass uns diese
Pluralität ändert, und zwar alle: ob wir es
wollen oder nicht. Und, dass sie unhin-
tergehbar, also nicht rückgängig machbar
ist. Mehr noch, wir sind überzeugt, dass
die gegenwärtige Geschwindigkeit der
Pluralisierung einschließlich ihrer mi- „Die mittel- und langfristige
grationsgesellschaftlichen Mobilisierung, Zukunft wird sich nicht ­einfach
die ohne Zweifel eine Epochenschwelle schicksalshaft ereignen,
darstellt, letztlich bloß deutlicher anzeigt,
­sondern sie wird mit unseren
was auch sonst vonstatten geht und auch
schon früher und ohne diese eine macht-
­gegenwärtigen Vorstellungen
volle Illusion war: die Homogenität von und Entscheidungen angebahnt,
Kulturen und Gesellschaften“, so die vorbereitet und vorentschieden.“
ProgrammmacherInnen. Deshalb luden  Michaela Ralser, Institut für Erziehungswissenschaft

10 zukunft forschung 02/19 Fotos: Andreas Friedle (1), AdobeStock/greenbutterfly (1)


TITELTHEMA

Sorge lähmt: kollektiv wie individuell. seren Köpfen, sagte der Ethnologe Timo darüber gesprochen wurde, wie die Zu-
Zu beobachten ist einerseits ein Rück- Heimerdinger. Es sei an uns, denn wir kunft in unterschiedlichen gesellschaft-
griff auf Vergangenes und andererseits gestalten die Zukunft durch unsere Vor- lichen Bereichen gestaltet werden kann,
ein Festhalten an der Gegenwart, so als stellungskraft schon heute maßgeblich wie wir zusammenleben wollen, wenn
wäre sie vor einer unsicheren Zukunft zu mit. Die Gegenwart legt dabei Bahnen wir alt und pflegebedürftig sind, welches
schützen oder selbst schon die denkbar für das zukünftig Mögliche, aber Zukunft Verhältnis von Mensch und Maschine wir
beste Zukunftshoffnung. stößt uns nicht einfach bloß zu. Michae- zulassen, fördern und eingehen wollen,
Dem gegenüber stellte die Erzie- la Ralser betonte, dass eine passive und welche Barrieren und Grenzen wir ab-
hungswissenschaftlerin Michaela Ralser bloß reaktive Haltung womöglich dazu schaffen wollen und welche geistigen
in ihrer Einführung die Frage nach dem führen kann, den günstigen Zeitpunkt, Inspirationen wir dafür benötigen (siehe
„guten Leben“. Die Frage, wie wir mögli- der Veränderung möglich macht und von Boxen „Zukunftsthema“).
cherweise leben werden, was auf uns ge- uns eine Entscheidung fordert, ungenutzt
sellschaftlich und individuell zukommt, verstreichen lässt. „Wir denken also: Die Solidarität jenseits
verdrängt oft das Nachdenken darüber, mittel- und langfristige Zukunft wird der Gemeinschaft
wie wir eigentlich leben wollen. Die Ge- sich nicht einfach schicksalshaft ereignen, Am zweiten Tag des Diskussionsforums
spräche beim Diskussionsforum drehten sondern sie wird mit unseren gegenwär- sprach die österreichische Philosophin
sich deshalb vor allem auch um die Fra- tigen Vorstellungen und Entscheidungen und Publizistin Isolde Charim über die
ge, wie eine wünschenswerte Zukunft angebahnt, vorbereitet und vorentschie- Möglichkeit, Gesellschaft neu zu den-
aussehen könnte. den“, so Ralser. ken (ein ausführliches Interview finden
Nach dem Vortrag von Isolde Charim Sie auf den Seiten 22 und 23). Der Be-
Zukunftskräfte entfesseln luden die Gestalterinnen und Gestalter griff der Gesellschaft sei zentral, wenn
Zukunft ist nicht eigentlich morgen: Sie des Programms die Anwesenden zu acht man von Zukunft spreche, sagte Cha-
beginnt schon jetzt und sie beginnt in un- Thementischen, an denen sehr konkret rim in Inns­b ruck: In den vergangenen

ZUKUNFTSTHEMA ZUKUNFTSTHEMA ZUKUNFTSTHEMA

R E L I H I ROBO E
T E R
GION M A T Der künftige Einsatz von ROBOTERN in der
Pflege ist eine Entwicklung, die heute noch
in den Kinderschuhen steckt, die uns in
Zukunft aber sicher beschäftigen wird. Hier
In Hinblick auf RELIGION waren sich die Mit dem Kunstwort „mehrheimisch“ sei weder naiver Technikoptimismus noch
Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig, wurde auf eine gewisse Unvollständigkeit vorschnelle Maschinenstürmerei am Platz.
dass diese vor allem das Verhältnis der von „einheimisch“ verwiesen. Der Begriff Es gehe vielmehr darum, die Potenziale, die
Menschen untereinander und zueinander HEIMAT wurde allerdings nicht in Bausch sinnvollen Einsatzmöglichkeiten dieser Tech-
mitgestalten, da Religion vor allem Werte, und Bogen verabschiedet. Damit sich jeder nologien zu ermessen. Gleichzeitig müssten
Orientierung oder Handlungsoptionen heimisch fühlen kann, müssen entspre- auch die Gefahren, die gesellschaftspolitisch
anbiete, die wesentlich zum Verhältnis der chende Strukturen gestärkt werden: „Wir damit einhergehen können, im Blick behal-
Menschen beitragen. Es wurde auch fest- haben eine Heimat für alle und wir wollen ten werden. Die Diskussion habe aber auch
gestellt, dass Religion gerade heute immer mehr davon.“ Auf dieser Basis stellten die eine gender- und geschlechterpolitische
wieder auch als destruktiv oder konflikt- Teilnehmerinnen und Teilnehmer zum Bei- Dimension, denn der Pflegebereich ist ein
schürend wahrgenommen wird. Es brauche spiel die Frage, wie eine Stadtgesellschaft Bereich, in dem sich auch gesellschaftliche
daher Räume für geteilte Erfahrungen, um organisiert sein kann, so dass sie mit Vielfalt Herrschaftsverhältnisse widerspiegeln. Wie
jenes Positive sichtbar und erfahrbar zu umgehen kann. Wie müssen diese Städte sich diese Verhältnisse durch die Automa-
machen, das Religionen zu Gesellschaft also gebaut sein und welche Strukturen tisierung transformieren, müsse ebenfalls
beitragen können. braucht es dafür? diskutiert werden.

Fotos: unsplash/Alex Knight (1), Tirol Werbung/Aichner Bernhard (1), AdobeStock/1STunningART (1) zukunft forschung 02/19 11
TITELTHEMA

DER BEGRIFF der Gesellschaft sei zentral, wenn man von Zukunft spreche, sagte die Philosophin Isolde Charim in Innsbruck.

Jahrzehnten habe sich die ökonomische trag einseitig auf und damit auch jede einem Ausschluss neuen Typs zu tun: Die
Globalisierung durchgesetzt, aber kei- Vorstellung von Gleichheit“, so Charim. Ausgeschlossenen sind nicht einfach die
ne Gesellschaft hervorgebracht, weder Eine zweite Fliehkraft bilden für Isolde Unterschicht, sondern auch die Zurück-
national noch international. Ein Ver- Charim die Identitäten. Den Unterschied gelassenen, die Abgehängten.
hältnis, wo völlig autonome, vereinzelte zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft
Individuen in Konkurrenz zueinander macht sie für den Einzelnen am Unter- Zukunftskräfte
stehen, erzeugte Fliehkräfte für die Ge- schied zwischen Teil sein und teilhaben Gegen diese Entwicklungen präsentierte
sellschaft. Zum einen ökonomische, was fest. „In einer Gemeinschaft ist man eil Isolde Charim vier Strategien, die nicht
sich am deutlichsten an der Sezession des Ganzen, in einer Gesellschaft hat nur eine Zukunft, sondern eine andere
der Reichen zeige, die sich abtrennen, man teil“, sagt die Philosophin. „Und Zukunft denkbar und möglich machen:
distanzieren, vom Gemeinwohl zurück- Demokratie zielt auf Gesellschaft, auf Erstens erinnerte sie daran, dass Demo-
treten. „Kurzum: Die ökonomischen die Vergesellschaftung des Einzelnen.“ kratie die institutionalisierte Möglichkeit
Eliten kündigen den Gesellschaftsver- Heute haben wir es laut Charim mit darstellt, Konflikte auszutragen. „Das
Besondere an der Demokratie ist das
Verständnis jenes Potenzials, das durch-
ZUKUNFTSTHEMA Um Gesellschaft zu verändern, benötigen wir gefochtene Konflikte für die Gesellschaft
KRAFT. Nach Meinung der Diskutierenden haben. Uns verbindet nicht nur der Kon-
bedarf es einer besonderen Aufmerksamkeit sens, sondern ebenso sehr der gemeinsam
für die jeweils eigene Inspirationsquelle, ge- durchgestandene Konflikt.“ Die Wirkung
rade auch in Diskussionen mit anderen Men- dieser Strategie sei heute aber begrenzt:
schen, die vielleicht eine andere Inspirations- „In einer Gesellschaft mit Tendenzen zum
quelle haben. Für diese Gespräche brauche Auseinanderdriften, in einer Gesellschaft

KRAFT
es wiederum Räume, in denen „gefährliche mit massiver Gemeinschaftsbildung büßt
Begegnung“ – um es mit Isolde Charim zu der Konflikt sehr schnell sein produk-
sagen – möglich ist, wo wir uns trauen, über tives Moment ein.“ Für Charim braucht
das zu reden, was uns Kraft gibt, und wo wir es nicht mehr Zugehörigkeitsgefühl, son-
akzeptieren können, dass die oder der Ande- dern Vorstellungen, wie man Solidarität
re eine andere Kraftquelle hat. So bleiben befördert in einer Gesellschaft, wo die
wir offen für neue Ergebnisse. Leute einander eben nicht mehr alle ähn-

12 zukunft forschung 02/19 Fotos: www.vervievas.com (1) , pixabay/klimkin (1)


TITELTHEMA

lich sind. „Es braucht keine neue Heimat, ZUKUNFTSTHEMA An einem weiteren Thementisch wurde über
sondern vielmehr eine vermehrte soziale den Abbau von BARRIEREN diskutiert: Wie
Durchmischung in einer Gesellschaft, die kann Zugänglichkeit für alle Menschen er-
immer mehr zu allerlei Arten von Sepa-

BARRI
reicht werden? Dabei ging es um die Frage,
ratismus tendiert.“ Es brauche geteilte wie sind Institutionen, Einrichtungen und
Praxis, geteilte Erfahrungen, und dafür Alltag zu gestalten, so dass Zugänglichkeit
Orte der Durchmischung, Bereiche der gewahrt ist. Schon heute gibt es Struktur-
Kooperation statt Ghettoisierung und so- pläne, mit denen man diese Zugänglichkeit
ziale Abkoppelung. überprüfen kann. Zum anderen wurde in
„Wenn man heute den Eliten eine Rede
hält, wenn man sie überzeugen, bekeh-
ren, verführen will, dann nicht, indem
man an ihr Gewissen appelliert, sondern
EREN der Diskussion aber auch klar, dass niemand
glauben dürfe, nicht von dieser Frage betrof-
fen zu sein. Denn Barrieren sind keine Frage
für eine kleine Minderheit, im Laufe des
indem man ihnen ihren eigenen Diskurs Lebens sind eigentlich alle davon betroffen.
entgegenhält. Anders gesagt: Die neuen
Eliten werden nicht durch Moral gewon-
nen, sondern durch ihr eigenes Prinzip“, welche die Fridays-for-Future-Bewegung Denn die Gemeinsamkeit beruht weder
sagt Charim und verweist auf empirische eröffnet hat. „Es sind Ansätze eines neu- auf Herkunft noch auf Moral, sondern
Studien, die zeigen, dass gerechte Gesell- en Denkens jenseits der neoliberalen Ent- auf der reinen Existenz. „Es geht um Zu-
schaften besser funktionieren – und zwar hemmung, ohne Rückgriff auf alte Kon- kunftskräfte, die mehr sind als der Erhalt
für alle Beteiligten. Auch für Privilegierte zepte. Es ist dies eine Alternative, die des Gegenwärtigen. Denn um das Ge-
sind gerechtere Gesellschaften besser. nicht über den Rückgriff auf Gemein- genwärtige auch nur zu erhalten, muss es
Gleichheit sei daher ein Gebot der Effi­ schaft funktioniert.“ Gleichzeitig eröffnet auf neue Füße gestellt werden. Und das
zienz. Die letzte und vielleicht wichtigste es auch die Möglichkeit einer Solidarität heißt nichts anderes als Gesellschaft neu
Strategie aber ist für Isolde Charim jene, jenseits von Fragen der Ähnlichkeit. denken.“ cf

ZUKUNFTSTHEMA ZUKUNFTSTHEMA ZUKUNFTSTHEMA

R E S ZUSAM
S O U R M E N A LT E R
C E N
LEBEN
Wir leben in einer vollen Welt, in der wir
die RESSOURCEN oft schon über deren
Die persönliche Angst vor Abhängigkeit im
ALTER war für die TeilnehmerInnen gar
Grenzen hinaus nutzen. Dem setzt das nicht zentral, wichtig waren ihnen zwei an-
Konzept der Donut-Ökonomie ein Handeln Auch über mögliche Formen des ZUSAM- dere Aspekte: Einerseits in Isolation zu gera-
gegenüber, wo einerseits soziale und poli- MENLEBENS haben die TeilnehmerInnen ten und soziale Beziehungen zu verlieren
tische Bedürfnisse erfüllt und andererseits gesprochen, ausgehend von der Literatur und andererseits den Familienmitgliedern
die planetarischen Grenzen eingehalten als Darstellungsraum von verschiedenen zur Last zu fallen. Es müsse gesellschaftlich
werden. In der Diskussion wurde betont, Lebens- und Verbundenheitsmodellen, von anerkannt werden, dass die Pflege von
dass es für einen Wandel ganz viele Orte der gelungenen bis hin zu tragischen. Dabei Angehörigen eine enorme Last darstelle.
Veränderung brauche, zunächst auf indivi- zeigte sich, wie jede Zeit mit bestimmten Wichtig sei auch, wie in der Gesellschaft
dueller Ebene. Aber auch auf der Ebene des Familien- oder Partnerschaftsmodellen und in Familien mit Themen wie Tod,
Marktes seien neue Regeln und Bewertungs- haderte. Auch gegenwärtig haben wir uns Alterung und Gebrechlichkeit umgegan-
maßstäbe notwendig, so wie es auch einen die Frage zu stellen, wie wir die Menschen gen werde. Hier werden diese Themen oft
übergeordneten Rahmen und entsprechende zusammenbringen, wie Begegnungszonen einfach weggeschoben, weil sie nicht in die
Regeln brauche. Ein Wandel verlangt Verän- oder Begegnungsräume beschaffen sein Idealvorstellung vom körperlich und/oder
derung auf allen diesen Ebenen, es sind aber müssen. Und für manche war gerade dieses geistig aktiven Leben passen. Diese Teile
auch Schnittstellen zwischen den Ebenen Diskussionsforum der Universität Innsbruck des Lebens sollten deshalb stärker zu einer
nötig, um die Aktivitäten zu verhandeln und eine sehr gelungene Form einer solchen Realität gemacht werden, besonders in den
mögliche Risiken zu verteilen. Begegnungszone. Familien.

Fotos: unsplash/Andreea Popa (1), unsplash/William White (1), unsplash/Dominik Vanyi (1), AdobeStock/gradt (1) zukunft forschung 02/19 13
TITELTHEMA

ARBEIT IM ZEICHEN
DER KLIMAKRISE
Der digitalen Wertschöpfung in Zeiten der Klimakrise war ein Themennachmittag
beim „Diskussionsforum: Zukunft denken“ gewidmet.

D
ie digitale Transformation und dänischen Umweltministerin Ida Auken ermöglichen einen neuen Stil von nach-
ihr Einfluss auf unsere Arbeits- eine Expertin aus der politischen Praxis: haltigem Leadership. Wir brauchen digi-
und Lebenswelt stand im Mittel- Sie plädierte für ein Europa der grünen tale Stories, um diesen Ansatz weltweit
punkt des zweiten Themenblocks beim Regionen und zeigte auf, wie man digi- verbreiten zu können“, heißt es etwa als
„Diskussionsforum: Zukunft denken“, tale Werkzeuge sinnvoll zur Bewältigung Fazit eines der Themenkreise zum zu-
kuratiert von Annette Ostendorf, Leo- der Klimakrise nutzen könnte. künftigen Wirtschaften. Unternehmen
nard Dobusch und Martin Stuchtey. Die Im Anschluss wurden insgesamt drei müssten radikal anders entscheiden und
Digitalisierung befördert neue Formen Themenkreise in mehreren Untergrup- agieren, wenn sie in der „Klimafrage“ ei-
des Wirtschaftens, des Arbeitens und des pen diskutiert: Teilnehmerinnen und ne Rolle spielen wollten – und wir alle
Lernens. Beim Diskussionsforum ging es Teilnehmer des Diskussionsforums ha- unseren Konsum ändern, so lautet die
deshalb auch um die Frage, welche der ben die Themengebiete „Zukunft der Zusammenfassung einer zweiten Run-
historisch gewachsenen und kulturell in Arbeit“, „Wie wir zukünftig wirtschaf- de. Auch die Zukunft von Bildung und
Tirol verankerten Strukturen in der neu ten“ und die „Zukunft von Bildung Beruf sahen viele Teilnehmerinnen und
anbrechenden Zeit erhaltenswert, aus- und Beruf“ anhand provokanter Thesen Teilnehmer in der Vielfalt: Unter ande-
baufähig, veränderbar erscheinen und besprochen und ihre Kernbotschaften rem sollten Bildungsmöglichkeiten und
was gänzlich neu gedacht werden muss: in kurzen Tweets zusammengefasst: So -angebote an die Vielfalt heutiger Ar-
Eine Wanderung zwischen Bewahrung identifizierten die Teilnehmerinnen und beitsformen angepasst werden. Und ein
des Bewährten und Denken des radikal Teilnehmer dieser Diskussionen Wege kritisch-ethischer Diskurs über Digitali-
Neuen, zwischen Tradition und Disrupti- zu nachhaltigem Leadership – „Tole- sierung und Energiefragen müsste schon
on. Die Keynote hielt mit der ehemaligen ranz, Vielfalt und Chancengleichheit in den Schulen stattfinden.

14 zukunft forschung 02/19 Fotos: Uni Inns­bruck (1), www.vervievas.com (1)


TITELTHEMA

Klimakrise & Digitalisierung


In ihrer Keynote „Ein Europa der grü-
nen Regionen – Gedanken zu einem neuen
Wohlstandsbegriff im Zeichen veränderter
Anforderungen und technologischer Mög-
lichkeiten“ schlug die dänische Politikerin
Ida Auken einen Bogen zwischen den beiden
großen Herausforderungen der Gegenwart:
Der Klimakrise und der digitalen Disruption.
Dabei bietet die Digitalisierung auch Chan-
cen und Möglichkeiten, mit der Klimakrise
umzugehen. Themenkurator Martin Stuchtey
bezeichnete Ida Auken in seiner Einführung
als „Mutmacherin par excellence“: Die stu-
dierte Theologin und Autorin ist seit 2007
gewählte Politikerin, erst für die links-grüne
„Socialistisk Folkeparti“, seit Anfang 2014
für die links-liberale „Radikale Venstre“. Von ES GIBT VIELE Möglichkeiten, unseren Lebensstil nachhaltiger zu gestalten.
2011 bis 2014 war sie dänische Umweltmi-
nisterin, davor und seither Parlamentarie­ ebenfalls eine Batterie für die ganze Regi- stützt würden, etwa durch Rideshare-An-
rin. „Ida Auken gilt als die Architektin der on zu werden. Erneuerbare Energien sind bieter und automatisch berechnete Rou-
Energiewende, der Circular-Economy-Wende heute sehr viel billiger als die meis­ten an- ten. Wir müssen die Menschen auch dazu
in Dänemark, aber auch in Europa“, betonte deren Energieformen, wir haben aber ein bringen, Fahrräder oder Roller zu benut-
Martin Stuchtey in seiner Vorstellung. Hier Problem der Speicherung, und da kom- zen. So eine Stadt wäre sehr attraktiv, es
ihr Vortrag in einigen Auszügen: men die integrierten Märkte ins Spiel. gäbe keinen Lärm, keinen Stau, Parkplät-
Wir sollten auch die Verbraucher dazu ze könnten in Grünflächen umgewandelt
„Die Integration der Energiemärkte steht bringen, Energie zum richtigen Zeitpunkt werden. Das sind die Dinge, mit denen
an erster Stelle, wenn wir erneuerbare zu konsumieren: Ziel ist, Stromsicherheit wir jetzt anfangen müssen. Wir können
Energien einsetzen wollen. Ein Beispiel: zu haben und keine Energie dadurch das jetzt schon umsetzen und wir haben
Dänemark produziert Windenergie und zu verlieren, dass niemand Strom ver- die Technologie dazu.“
nutzt Norwegen als Batterie, weil sie dort braucht, etwa nachts. Wenn wir die Leute (…)
mit Pumpspeicherkraftwerken die Ener- dazu bringen könnten, ihre Elektrofahr- „Ein weiterer Trend ist Konsum und Ver-
gie speichern können. Das ist ein guter zeuge nachts aufzuladen, weil es auch brauch: In Schweden haben die Leute
Deal für Dänemark und für Norwegen, dort Windkraft gibt, ist das eine Lösung. vielfach aufgehört, Dinge zu kaufen, sie
da Norwegen die Energie von uns auch Auch mit dem Internet der Dinge und der weigern sich einfach. Das wird zu einem
billig bekommt. Österreich mit dem ho- Maschine-zu-Maschine-Kommunikation großen Trend. Wie gestalten wir Pro-
hen Wasserkraftanteil hat die Chance, könnte man das so gestalten – der Kühl- dukte für diese Welt? Entweder wir kon-
schrank muss nicht um vier bis fünf Uhr zentrieren uns auf High-End-Produkte,
nachmittags kühlen, wenn man Strom für von denen man eines statt zehn kauft
andere Dinge braucht, er könnte damit und es für eine lange Zeit hat, oder man
bis später in der Nacht warten. Die Leute geht zu Leasing- oder Leih-Lösungen
müssen sich darüber nicht einmal selbst über, bei dem man kein Produkt besitzt,
kümmern, die Maschinen machen das aber für eine Weile Zugang dazu hat.
von selbst. Man könnte auch Geschirr- Denken Sie an Dinge, die Sie besitzen
spüler und Waschmaschinen so program- und die Sie eine Zeit lang nicht benutzen,
mieren, dass sie zu Zeiten laufen, in de- wie z.B. eine Bohrmaschine, wenn Sie ei-
nen Stromnetze wenig ausgelastet sind.“ ne zu Hause haben – sie läuft insgesamt
(…) drei Minuten, aber sie liegt die ganze Zeit
„Auch die Mobilität ist ein großer Teil: bei Ihnen zu Hause. Denken Sie über all
Mein Traum wäre, dass wir uns in Rich- die Dinge nach, die Sie nicht benutzen.
„Wenn wir ein Geschäftsmodell tung Mobilität bewegen, im Gegensatz Uber hat das mit dem Auto gemacht: Ihr
für nicht ausgelastete Produkte dazu, Autos zu besitzen. Ich habe immer Auto läuft fünf Prozent der Zeit, das ist
noch keine dänische Stadt gefunden, die extrem wenig Auslastung. Wenn wir ein
entwickeln können, können wir
sich freiwillig dafür einsetzt. Aber ich Geschäftsmodell für die nicht ausgela-
neues Wachstum ermöglichen,­ bin überzeugt: Wenn man die private steten Produkte entwickeln können, kön-
das vom Material- und Autonutzung in einer Stadt verbieten nen wir neues Wachstum ermöglichen,
­Energieverbrauch entkoppelt ist.“ würde, hätte man sehr schnell Mobilitäts- das vom Material- und Energieverbrauch
 Ida Auken, Umweltministerin Dänemark 2011 bis 2014 lösungen, die auch technologisch unter- entkoppelt ist.“ sh

zukunft forschung 02/19 15


TITELTHEMA

ERNEUERBARE ENERGIE
NÜTZEN
Sonne, Wasser, Holz und Umweltwärme sind in Tirol vorhandene Ressourcen, die das Land der Vision
von Energieautonomie im Jahr 2050 näherbringen.

E
ine vernetzte Welt, verflochtene
Wirtschaftssysteme, steigender Be-
darf an Wohnraum und eine hoch-
motorisierte Gesellschaft fordern einen
hohen Energiebedarf. Noch wird dieser
zum größten Teil durch den Einsatz von
fossilen Energieträgern gedeckt. Die stei-
genden Treibhausgasemissionen und
der dadurch verursachte Klimawandel
zeigen deutlich, dass sich das System
radikal verändern muss, um auch den
zukünftigen Generationen eine weiter-
hin lebenswerte Umwelt zu hinterlassen.
Welche Chancen neue Technologien und
IT bieten, um diese Herausforderungen
zu bewältigen, sollte beim „Diskussions-
forum: Zukunft denken“ zum Thema
„Siedlungsraum – Verkehr – Energie“
diskutiert werden. Ruth Breu, Leiterin
des Instituts für Informatik, Markus Mai-
ler, Professor am Institut für Infrastruktur
im Arbeitsbereich Intelligente Verkehrs-
systeme und Wolfgang Streicher, Pro-
fessor am Institut für Konstruktion und
Materialwissenschaft im Arbeitsbereich
Energieeffizientes Bauen, waren als Ku-
ratorin und als Kuratoren für die Gestal-
tung des Themenblocks verantwortlich.
Unter anderem präsentierten Streicher MIT WASSERKRAFT, Biomasse, Sonnen- und Windenergie hat Tirol viele erneuerbare
und Mailer eine Studie, in der Wasser Potenziale, mit denen das Land fit für kommende Generationen gemacht werden könnte.
Tirol, die Universität Inns­bruck und das
MCI gemeinsam untersucht haben, ob Mobilität und Industrie die Möglich- Dazu ist es notwendig, das aktuelle Ener-
Tirol 2050 ein fossilfreies Energiesystem keiten bieten, das Ziel der Energieautono- giesystem in den nächsten Jahrzehnten so
haben kann. mie und die Energiewende zu erreichen. umzubauen, dass die derzeit eingesetzten
Da Technologien besonders im Gebäude- fossilen Energieträger vollständig durch
Aus Potenzialen schöpfen bereich langlebig sind und das Treibhaus- erneuerbare, vorzugsweise heimische,
Tirol bietet viele erneuerbare Potenziale, gas-Emissionsbudget zur Erreichung des Energieträger ersetzt werden.
die genutzt werden können, um das Land 2 -°C-Klimaziels nur mehr sehr begrenzt „Im Rahmen der Studie haben wir
fit für die kommenden Generationen zu ist, muss mit dem Umbau des Energiesys­ auch untersucht, wie weit der Energiebe-
machen. Die untersuchten Technologie- tems sofort begonnen werden. Wege, um darf im Jahr 2050 reduziert werden kann
einsatzszenarien zeigen, dass die verfüg- dieses Ziel zu erreichen, gibt es viele. „Die und wie wir diesen Bedarf durch in Tirol
bare Wasserkraft, Biomasse, Sonnen- und Vision ist vorgegeben. Die Aufgabe der vorhandene erneuerbare Energien decken
Windenergie sowie Umweltwärme in Studie war es, abzuschätzen, mit welchen können“, so Streicher. Insgesamt zeigt
Kombination mit einer höheren Ener- Technologien und Strategien das Ziel er- sich, dass die erneuerbaren Ressourcen in
gieeffizienz in den Sektoren Gebäude, reicht werden kann“, verdeutlicht Mailer. Tirol theoretisch ausreichend zur Verfü-

16 zukunft forschung 02/19 Fotos: AdobeStock/Alberto Masnovo (1), www.vervievas.com (1)


TITELTHEMA

gung stehen, um den Bedarf im Jahr 2050 den Energiebedarf um fast 70 Prozent zu Neben den neuen Antrieben werden
decken zu können. Die Realisierbarkeit reduzieren. Die geringsten Einsparungen neue Konzepte zur gemeinsamen Nut-
der Vision wurde von den Wissenschaft- sehen die Autoren in der Industrie, da zung von Fahrzeugen oder neue Möglich-
lern durch den Einsatz unterschiedlicher hier der Umstieg auf Strom und erneuer- keiten der Vernetzung im öffentlichen
Energieträger geprüft. „In der Studie ha- bare Energieträger bereits eine sehr große Verkehr die Mobilität verändern. „Unum-
ben wir vier Grenzwertszenarien und ein Herausforderung darstellt. stritten ist, dass sich Mobilität verändern
Energiemix-Szenario erstellt“, so Strei- wird. Damit Verkehr dabei auch nachhal-
cher. Neben der Möglichkeit, in der zu- Eine gute Mischung tiger wird, muss sich das Verhalten auch
künftigen Energieversorgung hauptsäch- Für am ehesten politisch umsetzbar hal- entsprechend ändern, das heißt beispiels-
lich auf Strom zu setzen, wurden auch ten die beiden Wissenschaftler das von ih- weise vermehrt Autos so zu teilen, dass
Szenarien mit dem verstärkten Einsatz nen berechnete Energiemix-Szenario. Den der Besetzungsgrad steigt, aber auch
von Wasserstoff oder Methan untersucht. Hauptanteil an eingesetzten erneuerbaren Kurzstrecken wieder zu Fuß oder mit dem
Dabei war das Strom-Szenario das effizi- Energien sollen Strom und Umweltwär- Rad zurückzulegen“, sagt Mailer. „Wenn
enteste. Das Energiemix-Szenario bein- me bilden, unterstützt von Wasserstoff wir all die uns zur Verfügung stehenden
haltet sowohl Strom als auch Wasserstoff und Methan. In gewissen Bereichen wird erneuerbaren Energien nützen und gleich-
und Methan in der Bedarfsdeckung. es nicht möglich sein, nur auf Strom zu zeitig alle Effizienzmaßnahmen voll aus-
setzen. So sind in der Industrie prozess- schöpfen, dann geht sich die Realisierung
Mit Strom in die Zukunft bedingt manchmal eine Flamme oder der Energieautonomie im Jahr 2050 für
„In allen von uns durchgerechneten Sze- kohlenstoffhaltige Energieträger notwen- Tirol gerade aus“, so Streicher. Es wird
narien ist die Erreichung des Ziels mög- dig. Auch der E-Mobilität sind Grenzen aber wesentlich von den Rahmenbedin-
lich. Die Frage ist nur, mit welchen Maß- gesetzt, selbst wenn Autobahnen für gungen und der Akzeptanz der Menschen
nahmen“, erläutert Mailer. Alle betrach- den Güter- und Personenfernverkehr abhängen. Jede zusätzliche Verhaltensän-
teten Szenarien zeigen, dass dem Strom mit Oberleitungen elektrifiziert werden derung der Bevölkerung in Richtung we-
zukünftig eine wesentliche Rolle zukom- könnten. Doch im Flugverkehr erschei- niger Energiebedarf ist zudem hilfreich.
men wird und dass der Ausbau der Stro- nen flüssige Treibstoffe noch lange un- „Es geht uns so gut wie noch nie. Dieses
merzeugung notwendig ist. „Dafür ist es verzichtbar zu sein, wenn auch zukünftig Leben sollten wir auch unseren Kindern
jedenfalls erforderlich, die Wasserkraft erzeugt aus erneuerbarem Strom und CO2 und Enkeln ermöglichen“, sind sich die
weiter um 50 Prozent auszubauen, zu aus der Atmosphäre. Wissenschaftler einig. dp
beginnen, das Windpotenzial zumindest
in beschränktem Maße zu nutzen, nahe-
zu alle nutzbaren Dachflächen mit Photo-
voltaik-Modulen zu bestücken sowie die
gesamte heimisch nachwachsende und
für energetische Nutzung zur Verfügung
stehende Biomasse zu verwenden“, führt
Streicher aus. Ergänzend müssten bei
dem Wasserstoff- und Methan-Szenario
auch beträchtliche Freiflächen mit Pho-
tovoltaikanlagen errichtet werden. In der
Raumwärme wird es künftig statt Öl und
Gas vor allem Wärmepumpen zur Nut-
zung der Umweltwärme aus Luft, Erde
und Wasser, aber auch Biomasse und
Fernwärme aus erneuerbaren Energieträ-
gern geben. Aber auch Bio­gas spielt eine,
wenn auch aufgrund der begrenzten Ver- „ES GEHT ZU LANGSAM!“, ruft Jonas www.VerVieVas.com
Buchholz, Sprecher der „Fridays for Future“, auf.
Zukunft denken
Impulsvortrag 21.-22.11.2019
fügbarkeit geringe, Rolle in der zukünf- Als Vertreter der Bewegung hielt er einen Impulsvortrag zum Auftakt der Veranstaltung
tigen Energiebedarfsdeckung. „Diskussionsforum: Zukunft Denken“ und vertrat somit die Meinungen, Ängste und Sor-
„Im Bereich von Gebäuden können wir gen der jungen Generation, die unzufrieden mit den derzeitigen Entwicklungen ist. „Die
den Energiebedarf um fast ein Drittel re- jungen Menschen sind so unzufrieden, dass sie jede Woche auf die Straße gehen, um mit
duzieren, wenn wir den Gebäudebestand einem gewaltfreien Protest radikale Veränderungen in der Klimapolitik zu erreichen“, so
hochwertig sanieren und im Neubau Buchholz. Basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und Berichten des IPCC betonte
höchste Qualitätsstandards – wie etwa er die Notwendigkeit des Handelns der „Fridays for Future“-Bewegung. „Wir sind der
Passivhausstandard – ansetzen, die sich Meinung, dass eine umfassende Veränderung in der Klimapolitik sofort nötig ist, um eine
wesentlich über dem heutigen Niveau Klimakatastrophe noch irgendwie verhindern zu können“, verdeutlichte der junge Aktivist.
befinden“, so Streicher. In der Mobilität Mit den Forderungen nach sofortigem Handeln ist er nicht allein. In Österreich haben sich
bietet der Wechsel von Verbrennungs- über 150.000 Menschen beim letzten Earth Strike beteiligt. Buchholz bedankte sich auch
motoren auf Elektromobilität die Chance, für das große Interesse in Inns­bruck.

zukunft forschung 02/19 17


TITELTHEMA

18 zukunft forschung 02/19 Fotos: AdobeStock/smolaw11 (1), Uni Innsbruck (1)


TITELTHEMA

KLIMASCHUTZ ALS DIÄT


Das Klimabewusstsein im Tourismusland Tirol ist grundsätzlich groß, die Bereitschaft
zu ­nachhaltigem Handeln – wie anderswo auch – ausbaufähig: Warum das so ist und
wie man das ändern könnte, versuchte der Psychologe Claus Lamm beim letzten Panel
des ­Diskussionsforums zu erklären.

N
achhaltigkeit war das dominieren- Sachstandsbericht 2018, dass Österreich und Affektive Neurowissenschaften an
de Schlagwort beim Diskussions- mit 8,24 Tonnen CO2-Ausstoß pro Kopf der Universität Wien, in seiner Keynote
forum am Nachmittag des 22. No- und Jahr deutlich über dem EU-28-Schnitt Speech mit dem Titel „Wir wissen es und
vember: Das letzte Panel war dem The- von 6,97 liegt. haben sogar Mitgefühl – und trotzdem
menbereich „Tourismus – Klima(wandel) munter weiter wie immer?“.
– Konsum“ gewidmet, und bereits die Nachhaltigkeit als Wert Die mangelnde menschliche Fähigkeit
Eingangsreferate der Kuratorin und der Immerhin lässt sich jedoch ein gewisser zur Verhaltensänderung in Bezug auf den
Kuratoren Kerstin Neumann, Mike Pe- Bewusstseinswandel feststellen: Nach- Klimawandel begründete Lamm aus ko-
ters und Mathias Rotach machten deut- haltigkeit sei, so formulierte es Mike Pe- gnitionswissenschaftlicher Sicht mit einer
lich, dass nachhaltiges Handeln auf allen ters – Universitätsprofessor am Institut Reihe von individuellen, evolutionär ent-
gesellschaftlichen Ebenen erforderlich ist, für Strategisches Management, Marke- standenen Denk- und Verhaltensmustern:
um dem Klimawandel entgegenzutreten. ting und Tourismus – nicht mehr nur ein
„Die Begrenzung des Klimawandels er- Wort, sondern mittlerweile auch ein Wert,
fordert eine substanzielle nachhaltige Re- der „ganz stark in unser Wertesys­t em WARUM SOLLTEN wir nachhaltig han-
duktion von Treibhaus-Gasen“, verdeut- aufgenommen wurde“. Das untermau- deln und wie? Menschen mit unterschied-
lichte Mathias Rotach, Universitätspro- erten auch die Aussagen der im Vorfeld lichsten Hintergründen und Motivationen
des Diskussionsforums befragten Tirole- haben beim Diskussionsforum ihre persön-
rinnen und Tiroler und die Beiträge des lichen Antworten dazu geben. Per Video-
anwesenden Publikums. botschaft, im Rahmen einer Mentimeter-
Auch Kerstin Neumann, Universitäts- Umfrage und in der Abschlussdiskussion.
professorin für Corporate Sustainability, Hier ein kleiner Einblick:
bekräftigte das theoretisch hohe Klima-
bewusstsein, stellte diesem in ihren ein- Maureen Habermann (Initiative Nachhal-
leitenden Worten aber ein eindringliches tige Uni Innsbruck): „Nachhaltigkeit ist für
Beispiel unseres tatsächlichen Konsum- mich, mein Konsumverhalten zu überden-
verhaltens im Bereich Mode gegenüber: ken, weil die Ressourcen auf dieser Welt
Bei einer repräsentativen Umfrage in nicht unendlich sind.“
Deutschland gaben zwar über 50 Prozent
„Wir müssen den Klimawandel­ der Befragten an, dass sie bereit wären, für Marcus Hofer (Geschäftsführer Standorta-
als unmittelbares, ­lokales nachhaltige Mode mehr Geld auszugeben gentur Tirol): „Für uns als Standortagentur
als für konventionelle. Eine weitere Studie ist es wichtig, (... ) die Unternehmen gerade
und p ­ ersönliches Risiko
mit mehr als 1.000 Teilnehmerinnen und im Bereich Energie – Klimaanpassung –
­veranschaulichen und seine­ Teilnehmer ergab jedoch, dass Nachhal- Energieeffizienz bestmöglich zu betreuen,
emotionale und ­greifbare tigkeit beim Kaufentscheid letztendlich damit wir Tirol als saubere alpine Region
­Erlebbarkeit steigern.“ nur eine marginale Rolle spielt. Aus- entwickeln können.“
 Claus Lamm, Universität Wien schlaggebend sind letztendlich Preis und
Design – und das obwohl mittlerweile Tilmann Märk (Rektor): „Nachhaltigkeit
fessor für Dynamische Meteorologie an bekannt ist, dass die Textilbranche, was ist – glaube ich – eine selbstverständliche
der Universität Innsbruck, bei seiner Prä- den sozialen und ökologischen Einfluss Lebenshaltung. Alles andere wäre Ver-
sentation von Daten und Fakten über den betrifft, eine der schmutzigsten Produk- schwendung.“
Klimawandel. Ein nicht ganz unwichtiges tionszweige ist.
Detail daraus: Die Österreicherinnen und Warum wir beim Kleiderkauf und in Florian Phleps (Geschäftsführer Tirol
Österreich stehen, was die Pro-Kopf- vielen anderen Situationen wider besseres Werbung): „Ein nachhaltiges regionales
Emission von Treibhausgasen betrifft, auf Wissen handeln und weitermachen wie Handeln ist die Basis für unser Tun, um
europäischer Ebene eher schlecht da. So bisher, thematisierte Claus Lamm, Uni- auch in Zukunft ein Leben und Wirtschaften
zeigen die Zahlen aus dem europäischen versitätsprofessor für Soziale, Kognitive mit der alpinen Natur abzusichern.“

zukunft forschung 02/19 19


TITELTHEMA

WORDCLOUD AUS DER MENTIMETER-UMFRAGE: Beim Diskussionsforum startete Mike Peters, Professor am Institut für Strategisches
Management, Marketing und Tourismus, eine Mentimeter-Umfrage, um den TeilnehmerInnen und Teilnehmern die Möglichkeit zu geben,
zu sagen, was sie tun, um dem Klimawandel zu begegnen: Jene Argumente, die groß sichtbar sind, wurden am meisten genannt: Neben
der Vermeidung von Plastik betreffen die meisten nachhaltigen Aktionen die Mobilität, den Konsum, häufig auch den Fleischkonsum.

So bewerten Menschen beispielsweise Si- logien zwischen einem wirksamen Ab- setzen. Sich mit Gleichgesinnten zusam-
tuationen grundsätzlich intuitiv und nicht nehmprogramm und einem Programm menzuschließen ist eine weitere Möglich-
faktenbasiert. Was den Menschen in der für mehr Nachhaltigkeit. Wie bei einer keit, die es erleichtern kann, persönliche
Evolution weitergebracht hat, funktio- Diät müsse man klare persönliche Ziele Ziele zu erreichen. „Natürlich muss man
niert jedoch angesichts der Komplexität definieren, diese niederschreiben, in re- das Vorhaben auch positiv framen“, ver-
des Klimawandels nicht mehr. gelmäßigen Abständen überwachen und deutlichte Lamm eine weitere Parallele
bei Fehlverhalten Ausgleichsmaßnahmen zur Diät.
Klimaschutz-Diät Diese Diät will der Neuropsychologe
Ein weiteres Beispiel sei die sogenannte nicht nur jedem einzelnen Menschen ver-
menschliche Verlustaversion, also die Tat- ordnen, sondern auch dem politischen
sache, dass der Großteil von uns Verluste System. Alle EntscheidungsträgerInnen
emotional stärker bewertet als potenzielle in den Institutionen müssten sich zu die-
Gewinne: Der Verzicht aufs Auto wird al- ser Klima-Diät verpflichten. „Denn die
so emotional stärker wahrgenommen als beschriebenen Handlungsmechanismen
die Vorstellung, welchen positiven Effekt können wir nicht nur auf individueller
dieser aufs Klima hat. Hinzu kommt, dass Ebene, sondern auch auf gesellschaft-
der subjektive Wert für etwas, das man licher und politischer Ebene anwenden“,
gleich haben kann, höher ist, als wenn IN BEWEGUNG GESETZT sagte Lamm: „Entscheidend ist allerdings,
der positive Effekt zu einem späteren Um unser Verhalten zu reflektieren und zu dass wir jetzt damit beginnen!“ Denn
Zeitpunkt eintritt, vielleicht sogar erst die hinterfragen, lud Theaterpädagoge und sonst ist irgendwann in naher Zukunft je-
Nachkommen betrifft. Politologe Armin Staffler nach der Pause ner Punkt erreicht, an dem das Klima der
„Wir müssen deshalb den Klimawan- das Publikum zu einem Experiment ein, Erde kippt und Mechanismen in Gang
del als unmittelbares, lokales und per- bei dem er Anweisungen gab, welche die gesetzt werden, die jeder möglichen Kon-
sönliches Risiko veranschaulichen und Teilnehmerinnen und Teilnehmer zunächst trolle durch den Menschen entzogen sind.
seine emotionale und greifbare Erlebbar- befolgen sollten, in einer weiteren Runde Lamm legte mit seinem Vortrag beim
keit steigern“, ist einer der Vorschläge, sollten sie das Gegenteil des Kommandos Diskussionsforum klar dar, dass der Kli-
die Lamm am Schluss seines Vortrags tun. In einer öffentlichen Feedbackrunde mawandel keineswegs nur ein physika-
machte, den er mit der Idee einer Klima- konnten alle Interessierten ihre Beobach- lisches, sondern vor allem auch ein zu-
schutz-Diät abschloss. Er sieht viele Ana- tungen teilen. tiefst soziales Phänomen ist. ef

20 zukunft forschung 02/19 Foto: Uni Innsbruck; Screenshot: mentimeter.com


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der UMIT – Private Universität für Gesundheitswissenschaften, Medizinische Informatik und Technik und der Wirtschaftskammer Tirol.
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TITELTHEMA

GESELLSCHAFT NEU DENKEN


„Wir leben“, sagt Isolde Charim, „in einer Gesellschaft neuen Typs, die nicht mehr alle umfasst.“ Einen
Ausweg sieht sie nicht in einem neuen Wir-Gefühl, sondern in einem Umgang mit Unterschieden.

ZUKUNFT: Als wirtschaftliches Modell ha-


ben sich freier Markt und ökonomische
Globalisierung durchgesetzt und gesell-
schaftliche Institutionen wie z.B. Sozial-
staat oder Gewerkschaften geschwächt
bis aufgelöst. Hat dieses Modell aber eine
neue Gesellschaft hervorgebracht? Wenn
nein, warum nicht?
ISOLDE CHARIM: 1987 sagte Margaret
Thatcher ihren legendären Satz: „There
is no such thing as society.“ Heute, mehr
als 30 Jahre später, zeigt sich: Thatchers
Diktum war Drohung und Prophezei-
ung in einem. Der enthemmte Markt, die
ökonomische Globalisierung ist tatsäch-
lich das Modell, das sich durchgesetzt
hat. Es ist dies ein Modell, das keine Ge-
sellschaft, die ihm entsprechen würde,
hervorgebracht hat. Weder national noch
international. Eben weil diesem Modell
keine Gesellschaft entspricht.
Denn Gesellschaft ist kein Ding, son-
dern ein Verhältnis – das Verhältnis zwi-
schen Individuen. Wenn es nur Indivi-
duen und keine Gesellschaft gibt – was
ist dann deren Verhältnis? Für Thatcher
war klar: Das Verhältnis zwischen den In-
dividuen soll nicht eines der Gesellschaft,
sondern eines des Marktes sein – also ein
Verhältnis von Angebot und Nachfrage,
ein Verhältnis, wo völlig autonome, ver-
einzelte Individuen in Konkurrenz zu­
einander stehen. Das alte Verhältnis ist al-
so zu einem Nicht-Verhältnis geworden.
ZUKUNFT: Statt einer Gesellschaft be­
obachten Sie einen Zerfall in Gemein-
schaften. Was hat dies für Konsequen­
zen?
CHARIM: Gemeinschaften sind Gruppie-
rungen mit einer eigenen Verbundenheit
– durch Emotion, durch Tradition –, eine Haben: In einer Gemeinschaft ist man „Das gesellschaftliche Band
Verbundenheit, die als „natürliche“, or- Teil des Ganzen – in einer Gesellschaft der Demokratie ist kein
ganische erlebt wird. Eine Gesellschaft hat man teil. ­konsensuales, sondern ein
hingegen ist eine wesentlich losere Ver- Die Erosion der Gesellschaft erzeugt
­konfliktuelles. Das heißt: Uns
bindung, in der die Individuen mitei- heute einen Ausschluss neuen Typs: Die
nander in Austausch treten, interagieren, Ausgeschlossenen sind nicht einfach die
­verbindet nicht (nur) der ­
kooperieren – aber doch getrennt bleiben. Unterschicht, sondern die Zurückgelas- Konsens, sondern ebenso
Für den Einzelnen bedeutet das den Un- senen, die Abgehängten. Ob dem reale sehr der ­gemeinsam
terschied zwischen Teil-Sein und Teil- Entwertungen zugrunde liegen – etwa durchgestandene Konflikt.“

22 zukunft forschung 02/19 Fotos: Andreas Friedle


TITELTHEMA

von Ausbildungen – oder ob dies „nur“ CHARIM: Wir haben nicht nur eine rasante CHARIM: Man kann hier Ansätze eines neu-
empfunden wird, macht da keinen Un- Verschärfung des Gegensatzes oben-unten en Denkens jenseits der neoliberalen Ent-
terschied. In Reaktion darauf gibt es nun – sondern eine Situation, die zugleich auch hemmung ausmachen – ohne Rückgriffe
die Tendenz dieser „Ausgeschlossenen“, einen neuen Gegensatz hervorbringt: den auf alte Konzepte. Es ist dies das Angebot,
sich zu Gemeinschaften zusammenzu- Gegensatz zwischen innen und außen. Der eine Alternative zur kapitalistisch usur-
schließen. Begriff der „Ungleichheit“ reicht nicht aus, pierten Gesellschaft zu konzipieren, die
Auf der anderen Seite stehen die li- um das heutige soziale und gesellschaft- nicht über den Rückgriff auf Gemeinschaft
beralen Eliten. Diese werden von den liche Defizit zu benennen. Das Problem ist funktioniert. Es sind Konzepte für ein Ge-
„Ausgeschlossenen“ aber nicht als Ge- zugleich umfassender und diffuser. meinwohldenken, das nicht auf unhinter-
sellschaft, sondern als eine andere Ge- Wir haben es heute mit einem Aus- fragtem Wachstum basiert. Es ist dies ein
meinschaft erlebt. Eine Gemeinschaft, zu schluss neuen Typs zu tun: Die Aus- doppelter Einspruch: gegen die Vorstel-
der sie nicht dazugehören. Selbst wenn geschlossenen sind, wie gesagt, nicht lung eines Immer-mehr ebenso wie gegen
dies nur eine perspektivische Illusion einfach die Unterschicht. Neben den die Vorstellung eines Immer-weiter-so.
wäre – so hat das alleine schon enorme ökonomischen ist noch ein anderer Typ ZUKUNFT: Können auch Universitäten ih-
Auswirkungen. Denn Demokratie wird von Ausschluss getreten: Jener der Ab- ren Teil dazu beitragen? Wenn ja wie?
damit als Elitenprojekt erfahren. Und das gehängten, die in vielfältiger Weise – kul- CHARIM: Universitäten können durch ihre
ist eine katastrophale Entwicklung. turell, technisch, geografisch – nicht An- ureigenste Aufgabe, der Begriffsarbeit, da-
ZUKUNFT: Sie sagen, um eine andere Zu- schluss finden an eine völlig veränderte zu beitragen. Gleichzeitig aber können sie
kunft denkbar zu machen, müsse man Welt. Deshalb ist ein neuer Gegensatz hin- nur dann eine gesellschaftliche Wirksam-
dem Missverständnis, Demokratie sei zugekommen: jener zwischen innen und keit entfalten, wenn sie ihre Mauern ver-
Harmonie, entgegentreten. Benötigt eine außen. Damit ist nicht die nationale oder lassen und aktiver Teil des öffentlichen
demokratische Gesellschaft Diskussion völkische Zugehörigkeit der Populisten Diskurses werden. ah
und Streit, aber auch Kompromiss und gemeint. Das Innen wird nicht durch die
Konsens? äußeren Landesgrenzen bestimmt. Men-
CHARIM: Das Besondere an der Demo- schen in strukturschwachen Regionen et-
kratie ist, dass sie nicht über Harmonie wa fühlen sich von der Politik vergessen,
funktioniert. Ihr Ziel ist eben nicht eine von der Gesellschaft ausgeschlossen. Das
versöhnte Gesellschaft, denn das wäre ei- gesellschaftliche Außen sind soziale oder
ne völlige gesellschaftliche Stillstellung. geografische Räume an der Peripherie. Ei-
Das Besondere an der Demokratie ist ne andere Art von No-go- Area: Nicht ei-
das Verstehen, das Erkennen, das Hand- ne, wo keiner sich hintraut – sondern eine,
haben, das Institutionalisieren des Po- wo keiner hin will. Wir leben in einer Ge-
tenzials, das durchgefochtene Konflikte sellschaft neuen Typs: eine „Gesellschaft“,
für die Gesellschaft haben. Das gesell- die nicht mehr alle umfasst.
schaftliche Band der Demokratie ist kein ZUKUNFT: Wie kann diesen Gegensätzen
konsensuales, sondern ein konfliktuelles. entgegnet werden?
Das heißt: Uns verbindet nicht (nur) der CHARIM: Die Gesellschaft, wenn sie eine
Konsens, sondern ebenso sehr der ge- Gesellschaft sein möchte, müsste sich
meinsam durchgestandene Konflikt. heute dort versammeln, wo die neue De- ISOLDE CHARIM (* 1959 in Wien) stu-
Zugleich aber muss man sagen, dass markationslinie verläuft: an der Trennung dierte Philosophie in Wien und Berlin und
die gesellschaftliche Produktivität von zwischen innen und außen. Diese Trenn- arbeitet als freie Publizistin und ständige
Konflikten natürlich nicht unendlich ist. linie gilt es zu bearbeiten. Dazu braucht Kolumnistin der „taz“ und des „FALTER“.
Sie bedarf vieler Voraussetzungen, um es kein neues Wir-Gefühl, sondern einen Charim war über lange Jahre Lehrbeauf-
sich entfalten zu können. So muss der Umgang mit Unterschieden – mit unter- tragte an der philosophischen Fakultät
Konflikt eingehegt – also eingeschränkt schiedlichen Gemeinschaften, mit unter- der Universität Wien mit Schwerpunkt
werden. Das heißt, es braucht eine wech- schiedlichen Vorstellungen vom guten Ideologietheorie, sie war auch Gastpro-
selseitige Anerkennung der Streitpar- Leben. Es braucht nicht mehr Zugehörig- fessorin für Politische Theorie am Institut
teien als gesellschaftliche Akteure – sie keitsgefühle, sondern Vorstellungen, wie für Politikwissenschaft der Universität
müssen sich als Gegner und nicht als man Solidarität befördert in einer Gesell- Wien. Seit 2007 ist sie am „Bruno Kreisky
Feind akzeptieren. Das heißt, es braucht schaft, wo die Leute einander eben nicht Forum“ wissenschaftliche Kuratorin der
eine grundlegende Akzeptanz der gesell- mehr alle ähnlich sind. Es braucht keine Reihen „Demokratie reloaded“, „Funda-
schaftlichen Ordnung – das ist das Mi- neue Heimat, sondern vielmehr eine ver- mentalismus und Moderne“ sowie der
nimum an gemeinsamem gesellschaft- mehrte soziale Durchmischung in einer Reihe „Diaspora. Erkundungen eines Le-
lichen Boden, auf dem man steht. Gesellschaft, die immer mehr zu allerlei bensmodells“, die sich mit den Problemen
ZUKUNFT: Sie sprechen von einer Ver- Arten von Separatismen tendiert. und Fragen der Pluralisierung beschäftigt.
schärfung des Gegensatzes oben-unten ZUKUNFT: Sie sehen in Fridays for Future Beim Diskussionsforum: Zukunft denken
und einem neuen Gegensatz innen und eine Möglichkeit, Gesellschaft neu zu den- der Universität Inns­bruck hielt Isolde Cha-
außen. Wie ist dies zu verstehen? ken. Warum? rim die Keynote „Gesellschaft denken“.

zukunft forschung 02/19 23


ZUM JUBILÄUM
Das „Diskussionsforum: Zukunft denken“ bildete den Abschluss
des Jubiläumsjahrs 2019 und war eine Einladung der Universität
Inns­bruck an ihre Region und deren Bevölkerung. Expertinnen
und Experten stellten mögliche Szenarien, Denkansätze und
Perspektiven für die Zukunft unserer Gesellschaft vor. Interaktive
Formate luden die Menschen aus der Region zur Diskussion ein.
Vier verschiedene Themenschwerpunkte wurden behandelt. Für
jeden dieser vier Themenblöcke hatte die Universität aus dem
Kreis der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Kuratoren
bestellt, welche die Halbtage ausgestalteten. Namhafte Red-
nerinnen und Redner wie die Philosophin und Publizistin Isolde
Charim, der Neuropsychologe Claus Lamm und die ehemalige
dänische Umweltministerin Ida Auken luden zum Zuhören und
Mitdiskutieren ein. 
Fotos: Universität Inns­bruck

24 zukunft forschung 02/19


GEOGRAPHIE

MULTICOPTER-LASERSCANNING ermöglicht Inns­brucker Geografen Einblicke mit einem bisher nicht möglichen Detaillierungsgrad.

26 zukunft forschung 02/19 Fotos: Andreas Friedle (1), Thomas Zieher (1)
GEOGRAPHIE

DIE DIGITALISIERUNG
DER LANDSCHAFT
Die Laserscanner des Instituts für Geographie liefern hochgenaue Daten über Wälder, Berghänge,
­Gletscher und Permafrostgebiete, seit Neuestem auch aus der Luft. Mit dem Multicopter-Laserscanner
­können schwer zugängliche Gebiete beflogen werden, die gewonnenen Informationen erlauben
­Aussagen über große Flächen und kleinste Details, über ganze Blockgletscher und Blätter im Wald.

A
m Anfang“, gibt Magnus Bremer die TU Wien, die Uni Graz und das Institut
lachend zu, „konnte ich mir nicht für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der
mal vorstellen, dass er fliegen Österreichischen Akademie der Wissen-
kann.“ Er – das ist eine 25 Kilo schwere schaften dabei – gemeinsam will man die
Kombination aus einem Unmanned Aerial­ neuen Laserscann-Möglichkeiten nutzen.
Vehicle, kurz UAV genannt, und einem
Laserscanner, und dass das Ding fliegen Laserscanning in den Alpen
kann, weiß Bremer in der Zwischenzeit. „Laserscanning ist ein aktives Fernerkun-
Zwar habe es noch einigen Feinschliff dungsverfahren zur berührungslosen Er-
gebraucht, um den Octocopter für seine fassung der Erdoberfläche. Aktiv bedeu-
Forschungsaufgaben im Gebirge fit zu tet, dass das Verfahren sich sein eigenes
machen, inzwischen liefert er aber Daten Licht macht. Im Gegensatz zur Fotografie
über Wälder, Berghänge, Gletscher und braucht es kein Sonnenlicht“, beschreibt
Permafrostgebiete. „Und das in einem De- Rutzinger die Methode. „Laserscanning ist
taillierungsgrad, der zuvor nicht möglich auch das einzige Verfahren, mit dem man
war“, erläutert Martin Rutzinger, der am Informationen über das Gelände unter ho-
Institut für Geographie die Forschungs- her Vegetation erhalten kann, da der Laser-
gruppe Laserscanning leitet. Bremer etwa strahl die Vegetationsdecke durchdringt“,
erstellt mit den Laser-Aufnahmen aus schildert Rutzinger. Die Auswertung der
der Luft und nach intensiver Rechenzeit Daten erlaubt somit einen „Blick unter den
exakte 3D-Modelle von Waldflächen, die Wald“ und dort die Untersuchung von ge- „Laserscanning ist das einzige
als Basis weiterer wissenschaftlicher Ana- omorphologischen Strukturen und Prozes- Fernerkundungsverfahren, mit
lysen dienen können – z.B. wie viel Sau- sen. Ermöglicht wird dies alles durch La- dem man Informationen über
erstoff hier durch Photosynthese erzeugt serpulse, die von einer Quelle ausgesendet das Gelände unter hoher
wird. und von Objekten oder Oberflächen zur
Vegetation erhalten kann, da der
Seit über 15 Jahren forschen Inns­brucker Quelle zurück reflektiert werden. Über
Geografen im Bereich Laserscanning, Aus- die Laufzeit des Laserpulses kann die Ent-
Laserstrahl die Vegetationsdecke
gangspunkt war das EU-Projekt OMEGA, fernung berechnet werden, mit dem Wis- durchdringt.“ Martin Rutzinger

bei dem die Volumensänderungen von sen über den Standort der Quelle und den
österreichischen und norwegischen Glet- Aussendewinkel lassen sich Objekte und enorm, Projektgrößen von bis zu 1,5 Mil-
schern untersucht wurden. 2006 wurde Oberflächen in geografischen Koordinaten liarden Punkten sind möglich. „Anfangs
der erste eigenständige terrestrische La- als 3D-Punktwolken abbilden. gab es noch kaum Methoden, um diese
serscanner angeschafft, heute zählen vier „Beim Laserscanning mit unserem Oc- 3D-Daten auszuwerten, am Institut ist
Hightech-Messgeräte zur Infrastruktur tocopter kommt noch dazu, dass wir für daher ein Schwerpunkt entstanden, solche
des Instituts, die von Forscherinnen und jeden Laserpuls die Raumlage des Copters Methoden zu entwickeln“, sagt Rutzinger.
Forschern rund um Johann Stötter ge- wissen müssen“, erklärt Bremer. Mithilfe Verwendet wird Laserscanning vor
nutzt werden. Die letzte Neuanschaffung, von Trägheitssensoren und GNSS (Glo- allem in urbanen Gebieten operationell
der 2017 erworbene Octocopter, wurde im bal Navigation Satellite System) wird der als 3D-Datenerfassungsmethode, für den
Rahmen des Projekts 4D-LAMB (4D Lidar Octocopter lokalisiert, um den Ausgangs- Einsatz im Umweltmonitoring hat sich
mountAin Monitoring laB) über Infra- punkt der 820.000 pro Sekunde abgege- erst in den letzten Jahren eine eigene Com-
struktur- und Hochschulraumstrukturmit- bene Laserpulse exakt zu verorten. Die munity herausgebildet. Die Inns­brucker
tel des Bundes finanziert. Als Partner sind Datenmengen, die dabei anfallen, sind Geografen spezialisierten sich dabei auf

zukunft forschung 02/19 27


GEOGRAPHIE

MAGNUS BREMER: „Mit dem Octocopter können wir ein Waldstück mit der Größe von 200 mal 200 Meter in zehn Minuten aufnehmen.“

alpines Gelände, die Durchführung und untersuchen z.B. tiefgründige gravitative Scannen flachgründiger Rutschungen, zu
Auswertung der Messungen führe dabei, Massenbewegungen, also Hangrutschun- denen es z.B. nach extremen Niederschlä-
so Rutzinger, zu besonderen Herausforde- gen, die sich langsam, aber kontinuierlich gen kommt, dient mehr der Dokumen-
rungen: „Dafür haben wir als eine der we- nur um wenige Zentimeter bis zu einem tation, Aufnahmen dieses Geländes über
nigen Gruppen das entsprechende Know- Meter im Jahr verändern“, führt Rutzin- einen längeren Zeitraum hinweg geben
how.“ Auch für den Octocopter-Einsatz ger ein Beispiel an, mit dem wichtige Einblick, wie und ob sich Flächen wie-
galt es, einige Schwierigkeiten zu überwin- Aussagen bezüglich Naturgefahrenma- der begrünen oder nicht. Diese Dynamik
den. So benötigt es etwa für den Transport nagement getroffen werden können. Das wollen die Forscher besser verstehen. Rut-
ins Gelände ein vierköpfiges Team, das zinger: „Mit dem freien Auge sind Ent-
Gerät samt Zubehör und Ersatzakkus an 1 wicklungen solcher Erosionszonen kaum
den Einsatzort bringt. „Wir machten die erkennbar, wir sehen Veränderungen im
Erfahrung, dass Thermik und Fallwinde Zentimeterbereich.“
nicht gut für das Flugverhalten sind“, Magnus Bremer wiederum hat sich in
nennt Magnus Bremer einen weiteren seinem Bereich der Landschaftsdigitali-
Punkt – geflogen wird daher meist direkt sierung auf Wälder konzentriert. In zehn
nach Sonnenaufgang. Auch die Höhenla- Minuten wird eine 200 mal 200 Meter
ge muss berücksichtigt­werden, pro 1.000 große Waldfläche aufgenommen, die an-
Höhenmeter braucht es um einen Zoll schließende automatisierte Rechenzeit
größere Propeller. „Wir können derzeit bis 2 beträgt oft mehrere Tage, das Ergebnis ist
3.000 Meter Seehöhe fliegen“, berichtet der ein 3D-Modell des Waldstücks mit Infor-
Geo­graf, der auf einen im ganzen DACH- mationen über Anzahl, Größe und Holz-
Raum gültigen „Drohnen-Führerschein“ volumen der Bäume, über die Dichte der
verweisen kann. Gemeinsam mit dem Blätter etc. Bremer entwickelte dafür die
Hersteller wurde das System so weiterent- entsprechenden Algorithmen, „um zu er-
wickelt, dass mit stärkeren Motoren und kennen, dass ein bestimmter Punkt­haufen
30-Zoll-Propellern im nächsten Jahr 4.000 in der riesigen Punktwolke ein Stamm,
Meter möglich sein werden. ein anderer ein Blatt ist.“ Seine 3D-Model-
3 le bieten nun einzigartige Informationen
Gletscher, Hänge & Wälder für diverse Fachdisziplinen. „Über das
Die Effektivität, mit der die Forscher Modell bekommt man z.B. Informationen
nun Daten erheben können, hat durch über das Holzvolumen der Bäume. In
den fliegenden Laserscanner extrem zu- Richtung Klimawandel ist dies von Inte-
genommen. Bremer: „Wir können einen resse, weil man damit weiß, wieviel Koh-
ganzen Blockgletscher in einer Stunden lenstoff im Wald gespeichert ist. In Rich-
aufnehmen und sind in der Lage, jeden 4 tung Forstwirtschaft wiederum, wie viel
einzelnen Block zu erkennen und zu ver- Holz im Wald vorhanden ist“, sagt Bre-
folgen“ Trotz beschwerlicher Arbeit, weil mer. Ähnlich verhält es sich mit der Blatt-
Fußmarsch, ist der organisatorische und fläche. Bremer: „Kennt man deren Größe,
finanzielle Aufwand geringer als eine kann man Aussagen treffen, was der
Flugzeugbefliegung. Im Gegensatz zur Wald zur Abkühlung beiträgt oder wie
klassischen punktuellen Vermessung kön- viel Sauerstoff er durch Photosynthese
nen auch flächenbezogene Aussagen ge- MIT LASERSCANNING kann man durch produziert.“ ah
troffen werden. „Wir haben jetzt erste Ge- das Vegetationsdach hindurch Informa-
biete, die schon mehrmals aufgenommen tionen über den Boden erhalten (1,2)
Ein Video zum Projekt des Innsbrucker
wurden, um Veränderungen fest- und bzw. detaillierte 3D-Modelle von Wäldern Forscherteams finden sie auf Youtube:
darstellen zu können“, sagt Bremer. „Wir erstellen – mit Belaubung und ohne (3,4). www.youtube.com/watch?v=F1Nb0JB6eGE

28 zukunft forschung 02/19 Fotos: Andreas Friedle (1), Thomas Zieher (2); Renderings: Magnus Bremer (4)
KURZMELDUNGEN

QUANTENCOMPUTER INS HERZ DER CHEMIE


GETROFFEN

VERGLEICHEN
Physiker der Universität Inns­bruck und des kanadischen Institute for
Quantum Computing haben eine Methode vorgestellt, mit der die
Leistungsfähigkeit von Quantencomputern gemessen werden kann.
Quantencomputer mit nur wenigen
Quantenbits zu realisieren“, sagt Alexan-
der Erhard aus dem Team der Experi-
D ie unter dem Namen Ribozyme zu-
sammengefassten RNA-Moleküle
beschleunigen chemische Reaktionen
mentalphysiker um Rainer Blatt und in der Zelle. Vor einigen Jahren wur-
Thomas Monz. Die Forscher an der Uni- den vier neue Klassen dieser Moleküle
versität Inns­bruck entwickeln Prototypen entdeckt, an deren funktioneller Auf-
von Quantencomputern auf Basis von klärung die Arbeitsgruppe um Ronald
gespeicherten Ionen, die mit Hilfe von Micura (Institut für Organische Che-
Laserpulsen manipuliert werden. Ihre mie) federführend mitwirkt. 2016 war
kanadischen Kollegen Joseph Emerson es dem Inns­b rucker Wissenschaftler
und Joel Wallman am Institute for Quan- gelungen, die funktionelle Struktur
tum Computing sind auf stringente ma- des Pistol-Ribozyms erstmals zu be-
thematische Methoden zur Quantifizie- schreiben und somit ein dynamisches
rung und Verifizierung von Fehlern in Bild des Moleküls zu liefern. Ein Jahr
Quantencomputern spezialisiert. Ge- später konnten die Forscher jene Nu-

I
m Vergleich zu einem herkömmlichen meinsam haben sie nun ein Verfahren zur kleotide und ein Metallion identifizie-
Computer können Quantencomputer Charakterisierung aller Fehlerraten ent- ren, deren chemische Reaktion für die
bestimmte Arten von Problemen effi- wickelt, die in einem Quantencomputer Aufspaltung des Ribozyms verantwort-
zienter lösen. Allerdings sind Quanten- entstehen können. Sie implementierten lich zeichnet. Diese Moleküle aktivieren
bits sehr fragil; jede Unvollkommenheit diese neue Technik für den Ionenfallen- sich nämlich, in dem sie sich selbst ent-
oder Rauschquelle im System verursacht Quantencomputer an der Universität zweischneiden.
Fehler, die zu falschen Lösungen führen. Inns­bruck und fanden heraus, dass die In einer Arbeit in der Fachzeitschrift
„Ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg Fehlerraten nicht zunehmen, wenn die Angewandte Chemie International Edition
zu einem skalierbaren Quantencomputer Anzahl der Quantenbits im Quanten- gehen die Forscher um Micura gemein-
ist, die Kontrolle über einen kleinen computer vergrößert wird. sam mit Kollegen in den USA und in
China nun noch einen Schritt weiter.
Während die Strukturaufklärung von
MEHRJÄHRIGE ÜBERREAKTION IM ÖKOSYSTEM Ribozymen in der Regel an Molekülen
direkt vor dem Auseinanderschneiden

S eit mehr als 50 Jahren beobachten Forscher in Island die Erwärmung von Böden aufgrund
geothermischer Aktivität. Ein internationales Team unter Beteiligung von Michael Bahn
vom Institut für Ökologie untersuchte nun, wie subarktisches Grasland auf die Erwärmung der
erfolgt, konnten sie jetzt auch den
Übergangszustand mimetisch nachbil-
den und damit den gesamten mecha-
Erde reagiert. „Es zeigte sich, dass fünf- bis achtjährige Erwärmung zu einer Überreaktion des nistischen Ablauf der chemischen Re-
Ökosystems führte und sich nach mehreren Jahrzehnten ein neues Gleichgewicht einstellte“, aktion dokumentieren. „Diese Über-
erklärt Bahn. „Verringerter gange sind hochenergetische Zustände,
Artenreichtum, geänderte die im Allgemeinen nicht direkt unter-
Artenzusammensetzung, eine sucht werden können. Deshalb haben
deutlich geringere Biomasse und wir eine Anleihe in der anorganischen
drastisch weniger Kohlenstoff- Chemie genommen und mit einem so-
speicherung im Boden waren genannten Vanadat-System den che-
die Folge“, ergänzt Andreas mischen Übergangszustand nachgebil-
Richter von der Uni Wien. Hier det. Auf diese Weise konnten wir den
werde klar, so die Forscher, dass chemischen Mechanismus aufklären“,
sich natürliche Ökosysteme mit erzählt Micura. Das Pistol-Molekül ist
langfristiger Erwärmung nach- erst das dritte Ribozym, das auf diese
haltig verändern. Weise beschrieben werden konnte.

Fotos: IQOQI Inns­bruck/Harald Ritsch (1), Olga Krasheninina (1), Andreas Richter (1) zukunft forschung 02/19 29
GEOTECHNIK

GEFAHR GEBANNT
Menschen, Infrastruktur und Siedlungsraum vor Naturgefahren zu schützen, ist eine der Aufgaben von
Robert Hofmann, Professor am Institut für Infrastruktur am Arbeitsbereich Geotechnik und Tunnelbau.

M
uren, Wildbäche, Steinschlä-
ge, Überschwemmungen oder
Hangrutschungen – Robert
Hofmann arbeitet gemeinsam mit seinem
Team und in Kooperation mit der Wild-
bach- und Lawinenverbauung, Agentur
für Bevölkerungsschutz-Südtirol, der ÖBB
und der ASFINAG daran, Siedlungsräu-
me und Infrastruktur vor Naturgefahren,
wie die sogenannten Massenbewegungen,
zu sichern. Vor seiner Berufung an die Uni
Inns­bruck hat sich der Wissenschaftler
als Ziviltechniker mit Schutzbauwerken
beschäftigt. Basierend auf seinen um-
fangreichen Erfahrungen in der Praxis ist
ihm die Verbindung zwischen den theore-
tischen Berechnungen, Modellversuchen,
Messungen und den Beobachtungen in
der Natur besonders wichtig. Dämme,
Wildbachsperren, Steinschlag- und Lawi-
nenschutz oder die Sicherung von Mas-
senbewegungen sind Gegenstand seiner
Forschungen an der Uni Inns­bruck.

Wildbäche zähmen
Um zu verhindern, dass sich Wildbä-
che weiter in die Bachsohle eingraben
und damit auch die Hänge ins Rutschen
kommen, sollen sogenannte Wildbach-
sperren helfen. „Diese, meist aus Beton
hergestellten Querbauwerke in Wildbä-
chen, sollen genau diese Bewegungen
stoppen oder reduzieren. Als Murbrecher
oder Konsolidierungssperren sind sie ein
wichtiges Instrument, um Menschen vor
diesen Gefahren zu schützen“, erläutert
Hofmann. Berechnungen deuten in der
Theorie darauf hin, dass der enorme Erd-
und Wasserdruck auf die Bauwerke diese ROBERT HOFMANN: „Die Beobachtungen in der Natur widersprechen den Berechnungen
langfristig schädigen wird. „Die Beobach- auf dem Papier. Diese Diskrepanz werden wir genauer untersuchen.“
tungen in der Natur widersprechen den
Berechnungen auf dem Papier. Wenn der Je höher der Druck auf die Bauwerke, die Gefahren für die Arbeiterinnen und
Druck von Boden und Wasser tatsächlich umso weiter müssen sie auch in die Hän- Arbeiter, aber auch die Gefahr einer Mas-
so groß wäre, wie das die Berechnungen ge eingebunden werden, um sie zu stabi- senbewegung besonders groß.
zeigen, dann wären viele Bauwerke schon lisieren. Zu große seitliche Einschnitte in Hofmann und sein Team arbeiten des-
eingestürzt. Diese Diskrepanz zwischen den Hang führen aber zu einem erhöhten halb daran, den Druck auf die Bauwerke
Theorie und den tatsächlichen Beobach- Risiko, dass gerade in rutschgefährdeten besser zu berechnen, um die Notwendig-
tungen in der Natur werden wir genauer Bereichen eine Massenbewegung entsteht. keit des Einschneidens in die Böschung zu
untersuchen“, so Hofmann. Insbesondere im Bauzustand sind somit minimieren. Dazu werden die Wildbach-

30 zukunft forschung 02/19 Fotos: Andreas Friedle (1), Robert Hofmann (2)
GEOTECHNIK

sperren mit Porenwasserdruckgebern Dammtypen ermittelt werden kann. Mit


und Erddruckmessgebern instrumentiert. der Entwicklung von Ö-Norm-Regeln für
„Diese Messungen führen wir derzeit Wildbachsperren, Steinschlag und Lawi-
an unterschiedlichen Standorten in Tirol nen nimmt Österreich eine Vorreiterrolle
durch. Es ist wichtig, die Einwirkungen im Bereich der Naturgefahren ein.
auf diese Schutzbauwerke zu kennen,
damit man sie standsicher dimensio- Wandernde Hänge
nieren und die Notwendigkeit des Ein- Mit den Klimaveränderungen beobachtet
schneidens in die Böschung minimieren Hofmann auch eine Zunahme an Massen-
kann“, so Hofmann. „Im Lattenbach im bewegungen. „Der Motor von Massen-
Tiroler Oberland befindet sich der ‚Fried- bewegungen ist oft das im Schuttstrom
hof der Wildbachsperren‘. Über 30 Sper- vorhandene Wasser“, so Hofmann. Ein
ren wurden bei Murgängen zerstört. Bei heikles Beispiel zur raschen Stabilisierung
der Entwicklung neuer Bauwerke sollen eines sich bewegenden Hanges ist die
unsere neuen Berechnungen berücksich- Kerschbaumsiedlung in Navis. „82 Häu-
tigt werden“, betont der Wissenschaftler. ser haben sich mit dem Hang etwa vier
Ziel der Forschungen ist es, mithilfe der Zentimeter pro Jahr nach unten bewegt.
Berechnungen, standsichere und wirt- Die unterschiedlichen Geschwindigkeiten
schaftlichere Bauwerke, die über einen ROBERT HOFMANN arbeitet gemein- von zwei Schuttzungen haben zu Schäden
längeren Zeitraum die e­ normen Bean- sam mit seinem Team an Schutzmaßnah- an den Häusern geführt“, erläutert der Ex-
spruchungen schadlos überstehen sollen, men vor Naturgefahren, wie hier am Eibl- perte. Mithilfe von 50 Brunnen ist es den
zu entwickeln. So wird nicht nur das Ein- schrofen in Schwaz, wo es im Jahr 1999 Beteiligten gelungen, das Wasser auszu-
graben des Baches in die Sohle reduziert, zu einer Massenbewegung gekommen ist. leiten und den Wasserdruck abzubauen,
sondern auch die Kriechbewegung des die Bewegung deutlich zu reduzieren
Hanges aufgehalten. und so den Hang zu stabilisieren. „Durch
die Notwendigkeit rasch zu handeln und
Brückenschlag durch fehlende Theorien ist es schwierig,
Die Verbindung von Wissenschaft und die Wirksamkeit der Maßnahmen schon
Praxis ist dem Ziviltechniker ein großes vorab abzuschätzen. Mit unseren For-
Anliegen. Neben den unterschiedlichen schungen und Erfahrungen möchten wir
Druckeinwirkungen auf Wildbachsper- helfen, Prognosen in Zukunft genauer
ren arbeiten Hofmann und sein Team gestalten zu können“, so Hofmann. Der
auch daran, beispielsweise Sturzbahnen WILDBACHSPERREN sollen das Eingra- Einsatz von Brunnen hat sich auch in ei-
von Felsstürzen genauer zu berechnen ben des Baches in den Boden, aber auch ner Notsituation beim Gschliefgraben am
und auch so neue Schutzbauwerke zu das Rutschen von Hängen verhindern. Traunsee bewährt, wo eine sich schnell
entwickeln. „Wir untersuchen, wie weit bewegende Massenbewegung Häuser am
Auslaufbereiche reichen müssen und wie damms im Einsatz. „Die Möglichkeiten Seeufer bedroht hat.
groß die Drücke auf Schutzbauwerke wie zur Bemessung solcher Schutzbauwerke Eine neue Erosionsanlage zur Untersu-
Dämme oder Stahlbetonbauwerke sein sind heute ganz andere. Mithilfe einer chung von Materialtransport soll zukünf-
werden“, verdeutlicht der Wissenschaft- Schussanlage können Steinschlagschutz- tig die Forschungen im Labor ergänzen.
ler, der unter anderem an Berechnungen netze oder Dämme in einem Eins-zu- „Mit der neuen Anlage wird es möglich,
von Schutzbauwerken in Tirol beteiligt eins-Versuch überprüft werden. Diese verschiedene Böden zu untersuchen, um
war. Neben der Wahl des geeigneten Ortes aufwendige Möglichkeit haben wir aber die Veränderungen des Materials und die
für eine solche Maßnahme, Berechnungen nur selten“, erläutert der Experte, der Dichte zu messen. Gerade im Hochwas-
für die Transportzone und Auslaufbe- normalerweise auf Modellversuche an- serschutz in Tirol ist Erosion ein zentrales
reiche, ist auch der Vergleich zwischen gewiesen ist. „In über 200 Modellversu- Thema. So könnten wir zukünftig auch
Modellversuch, der Berechnung und chen haben wir untersucht, wie hoch das dazu beitragen, ein einfaches Kriterium
der Beobachtung in der Natur wichtig. Freibord von der Blockoberkante bis zur für Erosionsstabilität zu entwickeln“, ver-
„Auch hier sind die Beobachtungen eine Dammkrone sein muss, damit der Block deutlicht der Wissenschaftler. Dieses Wis-
wesentliche Ergänzung zur Theorie. Für bei dem Steinschlag den Schutzdamm sen gibt der Experte auch gerne an seine
Parameterstudien arbeiten wir aber auch nicht überspringt. Zudem haben wir auch Studierenden weiter, die ihn bei seinen
mit Modellversuchen, um Schutzdämme die maximale Neigung berechnet, damit Forschungen unterstützen. Mit dem Ziel,
bestmöglich zu dimensionieren“, so Hof- ein Damm auch nicht zur Sprungschanze die Menschen zu sichern, arbeitet Robert
mann. So geschehen auch im Jahr 1999 wird“, erläutert der Wissenschaftler. Ba- Hofmann in Kooperation mit unterschied-
nach dem Steinschlag am Eiblschrofen in sierend auf den Ergebnissen hat Hofmann lichen Partnern aus der Praxis ständig da-
Schwaz. ein Diagramm entwickelt, mit dem eine ran, Problemstellungen mit Konstrukti-
Robert Hofmann war damals schon für einfache und schnelle Ermittlung der Ein- onen zu bearbeiten und Siedlungsräume
die Beratung zur Errichtung des Schutz- dringtiefe von Blöcken in unterschiedliche und Infrastruktur zu sichern.  dp

zukunft forschung 02/19 31


ROMANISTIK

CINEASTISCHES GEGENBILD
Italien ist seit 1980er-Jahren ein Einwanderungsland, die mediale und politische Reaktion darauf ist
eine polemisch-fremdenfeindliche. Der italienische Film hingegen antwortet mit dem engagierten cinema
di migrazione. Wie diese Antwort umgesetzt wird, untersucht die Romanistin Sabine Schrader.

E
s waren erschütternde Bilder, es wa- kommt zu Unruhen, schließlich werden
ren unvorstellbare Ereignisse – doch sie in ein altes Fußballstadion verbracht,
wir haben sie (fast) schon wieder dort festgehalten und letztendlich mit Mi-
vergessen. Am Morgen des 8. August 1991 litärflugzeugen und konfiszierten Fähren
steuert der albanische Frachter Vlora den nach Albanien zurückgebracht.
Hafen von Brindisi an, mehr als zehntau- Ende der 1980er-, Anfang der 1990er-
send Albanerinnen und Albaner befinden Jahre, mit dem Zusammenbruch der kom-
sich an Bord. Am Vor­abend haben sie im munistisch regierten Länder Osteuropas, DER FILM Lamerica (1994) von Gianni
Hafen von Durrës das 150 Meter lange ist Italien mit einer ersten großen Flücht- Amelio thematisiert die albanische Emi-
Frachtschiff gestürmt, verzweifelt ob der lingswelle konfrontiert. Schon vor der gration Anfang der 1990er-Jahre und ver-
katastrophalen wirtschaftlichen Bedin- Vlora fliehen allein im März 1991 mehr als knüpft dies mit der Geschichte Albaniens,
gungen, verzweifelt ob der unsicheren 20.000 Albaner übers Meer, auch aus Jugo- in der Italien als faschistische Besatzungs-
politischen Verhältnissen in ihrer Heimat. slawien kommen Flüchtlinge nach Italien. macht eine wichtige Rolle spielt (großes
Brindisi jedoch verweigert die Einfahrt. „Italien war immer ein Auswanderungs- Bild, in der Bildmitte Hauptdarsteller
Erst rund 36 Stunden später, ohne Wasser land, ab Mitte der 1980er-Jahre wandelt es Enrico Lo Verso). Mit Lamerica nimmt
und Nahrung der heißen Augustsonne sich zum Einwanderungsland“, sagt die Amelio Bezug auf die Ereignisse rund um
ausgesetzt,legt das vollkommen überla- Romanistin Sabine Schrader. In der Folge den Frachter Vlora, auf dem 1991 über
dene Schiff in Bari am. Die Flüchtlinge kippt die Stimmung, auch die Berichter- 10.000 Albanerinnen und Albaner nach
aber dürfen den Pier nicht verlassen. Es stattung in den Medien. Nicht so das Ki- Italien flüchten wollten (kleines Bild).

32 zukunft forschung 02/19 Fotos: Andreas Friedle (1), Alamy Stock Foto/RGR Collection (1)
ROMANISTIK

no. Das cinema di migrazione antwortet mit ren, führte bis in die Stummfilmzeit, zu
einer Art Gegenbild. Wie diese Antwort einer US-amerikanischen Produktion
künstlerisch verarbeitet wird, untersucht aus dem Jahr 1905, „die italienische Im-
Schrader mit ihren Mitarbeiterinnen und migranten auf Zelluloid bannt“. Auch
Mitarbeitern in dem FWF-Projekt Cinema Charlie Chaplin befasst sich mit Migra-
of Migration in Italy since 1990 – Ausgangs- tion, dass es sich bei The Immigrant aus
punkt ist die Beobachtung, dass Migrati- dem Jahr 1917 um Italiener handelt, zeigt
on ab den 1990ern im italienischen Film allerdings nur das Filmplakat. Schrader:
vermehrt zum Thema wird. Ein Jahrzehnt „Chaplin sitzt vor einem Teller Spa-
zuvor befand sich das italienische Kino in ghetti.“ Schließlich wurde man auch in
einer Krise, „die Zeit der großen Filmema- Italien fündig, im Film Napoli che canta
cher war vorbei, das Fernsehen kam von (1926) kommt, so Schrader, „Migration
der Bar ins Wohnzimmer, es gab kaum aber nur als Leerstelle vor: Man sieht,
Filmförderung“, nennt Schrader einige wie in der Stadt Plätze leer werden,
Gründe. Als Folge organisiert sich die wie zum Abschied gewinkt wird, wie
Filmlandschaft ab Ende der 1980er neu, Schiffe wegfahren.“ Insofern zeige der
es entstehen neue kleine Filmfirmen, die Film, dass das Thema Migration in dem
auf alternative Arten der Produktion und jungen italienischen Staat, im aufkom-
Finanzierung setzen – und sich neuen menden Faschismus keinen Platz hat,
Themen widmen. dementsprechend dominieren in dieser
Zeit Historien- und Monumentalfilme,
Filmografie der Migration „die an die Größe Italiens erinnern“. In
„Mit Pummarò macht Michele Placido 1990 späteren Jahren sind es oft Koprodukti-
den ersten Film, in dem Migration eine onen mit Frankreich, in denen Migration SABINE SCHRADER studierte Romani-
entscheidende Rolle spielt“, weiß Schra- abgehandelt wird. „Das zieht sich bis stik, Geschichte und Philosophie/Pädago-
der. Der Regieerstling des Schauspielers in die 1950er-Jahre“, sagt Schrader, „in gik an den Universitäten Göttingen, Vene-
beschreibt die Suche eines jungen Afrika- Cammino della Speranza nimmt es eine dig und Köln, an letzterer promovierte sie
ners nach seinem Bruder, der in Süditalien süd­italienische Familie auf sich, durch im Jahr 1998. Von 1999 bis 2005 war sie
als Tomatenpflücker gearbeitet hat – eine ganz Italien zu reisen, um über die Berge Wissenschaftliche Assistentin am Institut
Suche, die ihn von Süd- über Norditalien nach Frankreich zu kommen – also der für Romanistik der Univer­sität Leipzig,wo
gleichen Weg wie ihn heute Menschen sie 2006 über Literatur und Film in der
aus Afrika nehmen.“ Viele Filme beschäf- Stummfilmzeit Italiens habilitierte. Von
„Die eigene italienische tigen sich damit, wie Italienerinnen und 2006 bis 2009 war sie Wissenschaftliche
­Migrationsgeschichte wird Italiener im Ausland Fuß fassen, geht Mitarbeiterin an der TU Dresden, 2009
in aktuellen filmischen es dabei um Amerika, ist dies meist mit wurde sie als Professorin für Romanische
­Immigrationsgeschichten kaum Kriminalität und Mafia verbunden, oft Literatur- und Kulturwissenschaften an
reflektiert.“ Sabine Schrader umgesetzt von Regisseuren wie Francis die Universität Inns­bruck berufen.
Ford Coppola oder Martin Scorsese – bei-
de selbst Italoamerikaner.
bis nach Deutschland führt. „Einer unser Mit der eigenen italienischen Ge- fa il suo giro (2005), Io sono Li (2011), La pri-
ersten Schritte im Projekt war die Erstel- schichte setzt sich auch Lamerica (1994) ma neve (2013), sind die „Einwanderer“
lung einer Filmografie zum Thema Mi- auseinander. Angeregt durch die Ereig- schon im Land, die Thematisierung der
gration“, berichtet Schrader. Auf rund 300 nisse rund um die Vlora schickt Regis- Migration, sagt Schrader, „ist ein erster
Kinofilme kann man in der Zwischenzeit seur Gianni Amelio zwei Männer, Fiore Schritt der Repräsentation“, sie räumt
verweisen, der Schwerpunkt liegt auf Pro- (Michele Placido) und Gino (Enrico Lo aber auch ein, dass dabei viele Klischees
duktionen nach 1990. Das Projekt-Team Verso), nach Albanien – dort wollen die bedient werden, unter anderem das des
interessiert aber auch der historische Blick beiden vom Zerfall Albaniens profitieren. Opfers. „In vielen Filmen sind Migran-
auf das größte Auswanderland Europas, „Der Film verschränkt die Zeit Albaniens tinnen und Migranten nur Opfer der itali-
das allein zwischen 1876 und 1915 rund 14 als italienische Kolonie, die faschistische enischen Gesellschaft, die scheitern müs-
Millionen Menschen verließen – ein Drit- Besatzung, die Goldgräberstimmung des sen. Es wird unterschlagen, dass sie auch
tel der damaligen Bevölkerung Italiens. Wild-West-Kapitalismus und die Emigra- Akteure ihres Lebens sind“, hält Schrader
„Wir haben festgestellt, dass diese eigene tion der Albaner“, erzählt Schrader. „La- fest, „da müssen wir unsere Ausgangsthe-
italienische Migrationsgeschichte in aktu- merica“, als Hoffnung auf das gelobte se, dass das cinema di migrazione ein cinema
ellen filmischen Immigrationsgeschichten Land, nennen die Flüchtlinge – unter ih- d’impegno, ein engagiertes Kino ist, doch
kaum reflektiert wird“, schildert die For- nen auch Gino – das Schiff, das tausende kritisch hinterfragen.“ Zeit dafür bleibt
scherin. von ihnen nach Italien bringen soll. Sabine Schrader und ihrem Team: Das
Die Suche nach Filmen, welche diese In anderen Filmen, wie etwa Quando sei FWF-Projekt ist auf drei Jahre angelegt,
italienische Auswanderung thematisie- nato non puoi piú nasconderti (2005), Il vento Start war im Herbst 2018.  ah

zukunft forschung 02/19 33


WISSENSTRANSFER

KINCON-BIOLABS TEAM: Eduard Stefan, Philipp Tschaikner, Florian Enzler und Rainer Schneider (v.li.)

NEUE BIOSENSOREN
Mit einem neu entwickelten Biosensor validieren Inns­brucker Forscher Kinase-Medikamente. Eine von
der FFG geförderte Machbarkeitsstudie soll die Basis für die Gründung der KinCon-biolabs schaffen.

V
ier visionäre Wissenschaftler, die von den eingesetzten Arzneimitteln ein- Wirkstoff, um deregulierte Kinasen, die
auf dem Gebiet der Biochemie, her. „Die mangelnde Wirksamkeit von patienten-spezifische Mutationen aufwei-
Zellbiologie und Biotechnologie klinisch eingesetzten Kinase-Hemmern sen, effizient zu hemmen?“
in Inns­bruck forschen und lehren, haben motivierte uns, dem auf den Grund zu
KinCon-biolabs ins Leben gerufen, um gehen“, erzählt Projektmanager Philipp Basis für Firmengründung
mit einer einzigartigen und patentierten Tschaikner. „Deshalb haben wir hier am Als Ausgangspunkt validieren die Mitar-
Biosensor-Plattform direkt in lebenden Institut zelluläre Reporter entwickelt, um beiter von KinCon-biolabs in Zellkultur-
Zellen zu testen, wie Medikamente die die molekularen Mechanismen der Ki- modellen eine Reihe krankheitsrelevanter
Struktur und damit die Funktion von Ki- nase-Hemmung direkt in Zelllinien von Kinaseaktivitäten, die bei der Entstehung
nasen verändern. „In den vergangenen Patienten zu untersuchen.“ vom Melanom und von Lungenkrebs eine
Jahren wurde die Proteinfamilie der Kina- Die Mission des KinCon-biolabs für die wichtige Rolle spielen. Zudem sind die
sen zu einem Hauptziel für die Medika- nächsten 18 Monate ist die Ausweitung Wissenschaftler sehr daran interessiert,
mentenentwicklung und dies mit einem der Kinase-zentrierten Biosensorplatt- ihre KinCon-Reporteranalysen auf bis-
besonderen Fokus auf die Eindämmung form für eine systematische und zellba- lang vernachlässigte Kinase-Wirkstoff-
von Tumorwachstum“, erzählt Eduard sierte Validierung von Kinase-Hemmern, ziele der Kinase-Superfamilie – mit insge-
Stefan, der sich gemeinsam mit Rainer die sich in der Entwicklung oder auch samt mehr als 500 Mitgliedern – auszu-
Schneider, Philipp Tschaikner und Flo- schon in klinischer Anwendung befinden. dehnen. Das mit beinahe 380.000 Euro
rian Enzler zum KinCon-biolabs zusam- Die Forscher haben sich dabei für einen dotierte Spin-off-Fellowship soll dazu
mengeschlossen hat. Bisher wurden mehr präzisionsmedizinischen Ansatz ent- beitragen, den universellen Nutzen der
als 50 Kinase-Hemmer für die klinische schieden, indem sie Wechselwirkungen patentierten KinCon-Biosensorplattform
Anwendung, und hier vor allem für die von Wirkstoffen mit mutierten Kinasen für die Vorhersage der Wirksamkeit von
Krebstherapie, zugelassen. Diese auf Ki- analysieren. Das zukünftige Hauptziel Kinase-Arzneimitteln zu bestätigen. Auf
nasen ausgerichteten Therapien gehen von KinCon-biolabs ist es, Pharmaunter­ dieser Basis hoffen die vier Wissenschaft-
aber tragischerweise häufig mit erwor- nehmen bei der Entscheidungsfindung ler, das Biotech-Unternehmen KinCon-
benen Resistenzen und Nebenwirkungen zu unterstützen: „Welcher ist der richtige biolabs gründen zu können. cf

34 zukunft forschung 02/19 Fotos: Uni Inns­bruck


WISSENSTRANSFER

QUANTENCHIP
Infineon Austria forscht mit der Uni Inns­bruck an konkreten
­Fragestellungen zum kommerziellen Einsatz von Quantencomputern.

I
onenfallen haben sich als sehr erfolg- Auch lassen sich auf diese Weise komple-
reiche Technologie für die Kontrolle xere und umfangreichere Fallenkonzepte
und Manipulation von Quantenteil- umsetzen, die robust gegenüber äußeren
chen erwiesen. Sie bilden das Herzstück Störeinflüssen sind. Mit den ersten Quan- GEMEINSAMES
der ersten funktionsfähigen Quanten- tenchip-Prototypen, entwickelt in der
UNTERNEHMEN
computer und gelten neben supraleiten- MEMS-Abteilung in Villach, führen Inns­
den Quantenbits als vielversprechendste
Technologie für den Bau von kommerzi-
ellen Quantencomputern. In dem EU-Ho-
brucker Physiker um Silke Auchter bereits
Experimente durch. Auchter arbeitet als
Doktorandin bei Infineon und wird am
D ie Bank für Tirol und Vorarlberg
AG (BTV) und die Universität
Inns­bruck haben gemeinsam das Un-
rizon-2020-Projekt PIEDMONS – Partner Institut für Experimentalphysik der Uni ternehmen Innfoliolytix gegründet.
sind Infineon Technologies Austria, die Inns­bruck vom Quantenphysiker Rainer Dieses entwickelt Kapitalmarktstrate-
Universität Inns­bruck, die ETH Zürich Blatt betreut.  gien, die ausschließlich auf neuesten
und Interactive Fully Electrical Vehicles wissenschaftlichen Forschungser-
aus Italien – loten Ingenieure und For- gebnissen basieren. Als universitäres
scher seit 2018 gemeinsam aus, wie Io- Spin-off forscht es im Bereich der mo-
nenfallen mittels Halbleiter-Fertigungs- dernen Kapitalmarkttheorie macht die
technologien gebaut werden können Forschungsergebnisse in Form von
und welche Quantenchip-Architekturen quantitativen Anlagestrategien Kapi-
besonders von der erhöhten Präzision talmarktanlegern zugänglich. Wichtig
und Skalierbarkeit moderner Halbleiter- sei aber vor allem der gegenseitige
fertigung profitieren. Know-how-Transfer, betont BTV-Vor-
Silke Auchter forscht in ihrer Doktorar- standsvorsitzender Gerhard Burtscher:
beit an solchen Ionenfallen. Diese sollen „115 Jahre Erfahrung der BTV an den
mittels Halbleiter-Fertigungstechnologien Kapitalmärkten und wissenschaftliche
weiterentwickelt werden. So können die Kapitalmarktforschung mit moderns-
Fallen sehr einheitlich und präzise produ- SILKE AUCHTER mit dem Wafer, auf ten Methoden durch die Universität
ziert und leichter mit miniaturisierter dem sich etwa 1.000 Chips für die Quan- Inns­bruck bilden die Basis für heraus-
Elektronik und Optik verbunden werden. tenforschung befinden. ragende Lösungen und Ergebnisse.“
„Modernes, erfolgreiches Asset Ma-
nagement basiert mehr und mehr auf
QUANTENTECHNOLOGIEN „MADE IN AUSTRIA“ Erkenntnissen der quantitativen Kapi-
talmarktforschung. Durch die Koopera-

I m vergangenen Jahr hat sich die Universität Inns­bruck am Spin-off Alpine Quantum Tech-
nologies (AQT) beteiligt. Das 2017 gegründete Unternehmen hat sich der Entwicklung und
dem Vertrieb eines kommerziellen Quantencomputers verschrieben. Der Marktvorsprung
tion der BTV mit der Uni Inns­bruck ist
es gelungen, den Grundstein dafür zu
legen, dass wissenschaftliche Forschung
von AQT entsteht aus der engen Zusammenarbeit mit der im Bereich der Vermögensveranlagung
Inns­brucker Quantenphysik, welche die theoretischen und einen sichtbaren Nutzen für Privatanle-
experimentellen Grundlagen für den Quantencomputer ger in der Region schaffen kann“, erklärt
geschaffen hat und bereits über einen programmierbaren Geschäftsführer Jochen Lawrenz. Er ist
Ionenfallen-Quantencomputer mit 20 Quantenbits ver- genauso wie Matthias Bank als Mitei-
fügt. Rainer Blatt, gemeinsam mit Peter Zoller und Thomas gentümer maßgeblich an der Gründung
Monz einer der drei Quantenphysiker, welche die AQT beteiligt. Beide sind ausgewiesene Ex-
gegründet haben, berichtet: „Die enge Zusammenarbeit perten im Bereich der Banken- und Ka-
zwischen Universität Inns­bruck, IQOQI Inns­bruck und pitalmarktforschung: Jochen Lawrenz
der AQT wird es uns erlauben, den wissenschaftlichen ist Professor für Risikomanagement am
Vorsprung Europas bei den Quantentechnologien auch in Institut für Banken und Finanzen der
einen kommerziellen Vorsprung Europas umzumünzen.“ Universität Inns­b ruck und Matthias
Neben der Universität hat sich auch die Österreichische Bank Dekan der Fakultät für Betriebs-
Forschungsförderungsgesellschaft FFG an dem zukunfts- wirtschaft und Professor für Bankwirt-
trächtigen Unternehmen beteiligt. schaft.

Fotos: Infineon Austria (1), IQOQI Inns­bruck/Harald Ritsch (1), Gerhard Berger (1) zukunft forschung 02/19 35
PHARMAZIE

BUNTE, HEILENDE PILZE


Die Chemikerin Bianka Siewert forscht mit ihrem Team zur ökologischen Bedeutung der Farbstoffe in
Pilzen und untersucht ihre lichtaktivierbaren Stoffe für neue Möglichkeiten in der Krebstherapie.

B
ereits seit einigen Jahren forscht Bi-
anka Siewert im Bereich der Krebs-
therapie – zu Beginn an Natur-
stoffen und später an lichtaktivierbaren
Tumormedikamenten, basierend auf
synthetisch hergestellten Metallverbin-
dungen. Seit 2016 arbeitet die junge Wis-
senschaftlerin am Institut für Pharmazie
und versucht, diese beiden Bereiche zu
verbinden. „Ich forsche an neuen Mög-
lichkeiten in der Lichttherapie. Dazu
nutze ich die Kreativität und die Vielfalt
der Natur und verbinde sie mit bereits
bestehendem Wissen zu lichtaktivier-
baren Stoffen“, erklärt Siewert. Ihr Ziel
ist eine bessere und gezieltere Therapie
von TumorpatientInnen. Dafür möchte
Siewert aus Pilzen gewonnene Wirkstoffe
entwickeln, die mittels lokaler Belichtung
nur im Tumorgewebe aktiv sind.

Lichttherapie
Neben der lokalen Aktivierung bringen
lichtaktivierbare Medikamente weitere
Vorteile: Zum einen geht man davon
aus, dass es nicht zur Ausbildung resis­
tenter Tumoren kommt, zum anderen ist
die Rückkehrrate gering. Das liegt daran,
dass lichtaktivierbare Verbindungen, so-
bald sie belichtet werden, reaktive Sau-
erstoffspezies produzieren, die alle be-
strahlten Zellen vernichten. Klassische,
selektive Tumormedikamente hingegen
erkennen Krebszellen an spezifischen Re-
zeptoren, die diese an ihrer Außenwand
tragen. Da ein Tumor von Natur aus aber
ein Konglomerat verschiedenster mutier-
ter Zellen ist, die nicht alle den gleichen
Rezeptor tragen, können nie alle Tumor-
zellen getötet werden. Zudem setzen sich
während der klassischen Therapie ver-
mehrt die Mutationen im Tumor durch,
die keinen oder einen anderen Rezeptor
tragen. Die photodynamische Lichtthera-
pie ist bereits seit mehreren Jahren zuge-
lassen. Durch die zusätzlich notwendige
Belichtung ist ihre klinische Anwendung
BIANCA SIEWERT forscht an neuen Möglichkeiten in der Lichttherapie, nutzt dazu Kreativität wesentlich komplexer als klassische Che-
und Vielfalt der Natur und verbindet sie mit bestehendem Wissen zu lichtaktivierbaren Stoffen. motherapien, weshalb sie bisher nur ei-

36 zukunft forschung 02/19 Fotos: Andreas Friedle


PHARMAZIE

ne Nebenrolle spielt. Das soll sich aber Bianka Siewert mit ihrem Team kürzlich
ändern: „Immense Fortschritte in der aus rot-orangen, in Tirol beheimateten
LED-Technik führten in den vergange- Waldpilzen isolieren und charakterisie-
nen Jahren zu signifikanten Fortschritten ren. Damit sind sie der Frage nach der
in den Lichtdarbietungsformen, die die ökologischen Bedeutung der Farben in
photodynamische Therapie revolutionie- Pilzen und dem Ziel, neue lichtaktivier-
ren“, sagt Siewert. bare Verbindungen zu finden, bereits ein
Ein noch bestehender Nachteil dieser Stück nähergekommen.
Therapieform ist die limitierte Anzahl
zugelassener Medikamente. Eines, Hy- Antimikrobielle Forschung
pericin, kommt natürlich im Johannis- Pilze spielen in der Medizin spätestens
kraut vor, alle anderen sind synthetisch BIANKA SIEWERT studierte an der seit der Entdeckung von Penicilline 1928
hergestellte Moleküle. Aktuell wird Martin-Luther-Universität Halle-Witten- eine große Rolle. Denn auch das Antibio­
viel an lichtaktivierbaren Metallverbin- berg und promovierte 2013 auf dem tikum wird durch Pilze, genauer durch
dungen geforscht, wie etwa an Platin- Gebiet der antitumoraktiven Natur- Schimmelpilze, erzeugt. Trotz zahlreicher
verbindungen, die in der Chemothera- stoffe. Anschließend forschte sie an der Bakterienstämme, die gegen dieses An-
pie eingesetzt werden. Diese sind dem Universität Leiden (Niederlande) auf dem tibiotikum mittlerweile resistent sind, ist
menschlichen Körper jedoch fremd. Eine Gebiet der lichtaktivierbaren metallorga- es nach wie vor erfolgreich im Einsatz.
Hypothese von Siewert ist, dass lichtakti- nischen Verbindungen. Seit 2016 ist sie „Wirtschaftlich gesehen haben Pilze ei-
vierbare Verbindungen aus Naturstoffen an der Universität Inns­bruck tätig, wo sie nen großen Vorteil: Sie synthetisieren
harmonischer im menschlichen Organis- 2017 eine Nachwuchsförderung für ihr schnell und kostengünstig chemische
mus wirken. Projekt „neue Photosensibilisatoren aus Moleküle“, sagt die Chemikerin. Die-
Pilzen“ erhielt. Darauf aufbauend konnte se Eigenschaft von Pilzen will Siewert
Pilze sie 2018 erfolgreich ein TWF- sowie ein nicht nur für die Krebstherapie, sondern
Während von Pflanzen bereits bekannt FWF-Projekt einwerben und ein hochmo- auch für die Behandlung multiresistenter
ist, dass sie chemische Verbindungen be- tiviertes Forscherteam aufbauen. Bakterieninfektionen nutzen. Gemeinsam
sitzen, die durch Licht aktiviert werden mit Mikrobiologinnen und Mikrobiolo-
und sie so vor Fraßfeinden schützen, gen der Uni Inns­bruck geht sie deshalb
wurden Pilze dahingehend noch nicht Tieren angebissen werden. Könnten auch der Frage nach, ob lichtaktivierbare
untersucht. Erste Forschungsergebnisse Siewert und ihr Team zeigen, dass es Pilz­inhaltsstoffe zur antimikrobiellen Be-
von Siewert weisen jedoch darauf hin, sich dabei um lichtaktivierbare Verbin- handlung eingesetzt werden können.
dass auch Pilze solche Verbindungen dungen handelt, die der Pilz erst produ- Gefördert wird ihre Forschung vom
aufweisen. „Pilze und ihre bunten Farben ziert, wenn er beschädigt ist, wäre das FWF und auch vom TWF. Die gute For-
üben schon länger eine große Faszination ein weiterer Fortschritt. „Wenn wir das schungsinfrastruktur in Inns­bruck und
auf mich aus“, sagt Siewert. „Aus Neu- nachweisen könnten, ist es in Zukunft Siewerts gutes Netzwerk bieten ihr ideale
gierde habe ich mich gefragt, was das vielleicht möglich, dass das lichtakti- Voraussetzungen für ihre Projekte: „Ich
für Stoffe sind, die ihre Farben entste- vierbare, natürliche Medikament erst in forsche interdisziplinär. So arbeite ich zur
hen lassen. Aufgrund meiner bisherigen der Tumorzelle synthetisiert wird, bevor genauen Bestimmung meiner zu untersu-
Forschungsarbeit konnte ich sehen, dass es durch das Licht seine Wirkung entfal- chenden Pilze eng mit der Mikrobiologie
die Pilz-Farbpigmente anderen, bereits tet. Dadurch könnte die unangenehme zusammen. Die Universität Inns­bruck ist
bekannten lichtaktivierbaren Verbin- Nebenwirkung der Lichttherapie, die durch den 2002 verstorbenen Mykologen
dungen sehr ähnlich sind“, erklärt die Lichtsensibilität, bezwungen werden“, Meinhard Moser, der den Grundstein für
Chemikerin. erklärt Bianka Siewert. Die ersten drei ein systematisches Pilzregister gelegt hat,
Einige Pilzarten ändern ihre Farbe Photosensibilisatoren, das sind durch ja quasi prädestiniert für die Forschung
erst dann, wenn sie beispielsweise von Licht aktivierbare Verbindungen, konnte mit und an Pilzen“, sagt Siewert. lm

DREI PHOTOSENSIBILATOREN konnte Bianka Siewert mit ihrem Team kürzlich aus Pilzen isolieren und charakterisieren.

zukunft forschung 02/19 37


GESUNDHEITSWISSENSCHAFT

INNS­BRUCKER Forscherinnen und Forschern untersuchten „A-IQIs“, die Indikatoren zur Bewertung der Qualität in Krankenhäusern.

VERMESSUNG
DER HEILKUNST
Wie wird in österreichischen Krankenhäusern Qualität gemessen? Und welche Kriterien
können dafür herangezogen werden? Forscherinnen und Forscher vom Institut für Organisation
und Lernen untersuchen die Entwicklung und Anwendung der Qualitätsmessung
für stationäre Krankenhausaufenthalte in Österreich.

I
m Rahmen der Gesundheitsreform Organisation und Lernen der Universi- gewendet und bundesweit in Form einer
2013 wurde österreichweit ein neues tät Inns­bruck. Sie leiten gemeinsam mit sogenannten Ergebnisqualitätsmessung
System zur Qualitätsmessung von ihrem Team seit Herbst 2018 ein vom ös- einheitlich erfasst“, sagt Silvia Jordan.
Gesundheitsdienstleistungen in Kran- terreichischen Wissenschaftsfonds FWF Die Qualitätsindikatoren basieren dabei
kenhäusern eingeführt. Dieses System gefördertes Projekt mit dem Titel „Qua- auf Daten, die ohnehin von den Kranken-
orientiert sich vor allem an einem zuvor litätsmessung im Gesundheitswesen: häusern erhoben werden müssen.
in Deutschland entwickelten Verfahren. Diskurse und Praktiken“. Die A-IQIs ste- „In den österreichischen Krankenhäu-
„Im Zuge der Reform wurde das Sys- hen dabei im Mittelpunkt des Interesses sern – und das gilt für viele andere Sys-
tem dann für die österreichischen Ver- des vierköpfigen Projektteams. „Bei den teme in anderen Ländern auch – erfolgt
hältnisse adaptiert und die sogenannten ­A-IQIs handelt es sich um Indikatoren die Abrechnung nach einem stationären
A-IQIs, die Austrian Inpatient Quality zur Bewertung der Qualität der Resul- Aufenthalt nicht auf Basis der tatsäch-
Indicators, eingeführt“, erklären Silvia tate von stationären Aufenthalten. Diese lich erbrachten Leistungen. Es gibt für
Jordan und Albrecht Becker vom Bereich Indikatoren werden für alle Kranken- jede Diagnose- und Leistungsgruppe,
Management Accounting am Institut für häuser in Österreich gleichermaßen an- also im Grunde für bestimmte Erkran-

38 zukunft forschung 02/19 Fotos: Bernhard Mayr (1), Uni Inns­bruck (1)
GESUNDHEITSWISSENSCHAFT

kungen und Behandlungsformen, einen


Standardwert, dem eine gewisse Punk-
teanzahl zugewiesen ist. Nach erfolgter
Behandlung werden dem Krankenhaus
dann die entsprechenden Punkte gutge-
schrieben und in einen Geldwert umge-
rechnet. Dieser Vorgang wird als LKF, als
leistungsorientierte Krankenanstaltenfi-
nanzierung, bezeichnet und ist bereits
seit 1997 in dieser Form in Österreich
im Einsatz“, verdeutlicht Becker. Die
Herausforderung aus Sicht der Kranken-
häuser ist offensichtlich: „Es handelt sich DAS FORSCHUNGSPROJEKT „Qua-
um eine Pauschale. Im Wesentlichen un- individuellen Erkrankungen und Bedürf- litätsmessung im Gesundheitswesen:
abhängig davon, wie der Eingriff verlau- nissen der Patientinnen und Patienten Diskurse und Praktiken“ wird vom Wis-
fen ist, ob Komplikationen aufgetreten betraut sind, ist äußerst schwierig. „Die senschaftsfonds FWF gefördert und läuft
sind oder wie lange der stationäre Auf- Qualitätsmessung ist im Gesundheitswe- noch bis September 2021. Das Projekt-
enthalt gedauert hat: Der an das Kran- sen einerseits ein zentraler Steuerungspa- team wird von Silvia Jordan und Albrecht
kenhaus ausbezahlte Geldbetrag bleibt rameter, andererseits eine hochkomplexe Becker geleitet, Patrick Neff und Michael
der gleiche. Das ist bereits eine Form der Herausforderung“, wie Silvia Jordan Wörndle sind Projektmitarbeiter und
Qualitätskontrolle, da dadurch natürlich erklärt. „Eine statistisch stärker ausge- verfassen im Rahmen ihrer Verantwort-
Anreize zu möglichst effizientem Han- prägte Sterberate heißt zum Beispiel noch lichkeit für Teilprojekte ihre Dissertati-
deln geschaffen werden sollen.“ lange nicht, dass im Krankenhaus etwas onen. Das Projekt ist in den Life & Health
nicht gut läuft. Es kann auch heißen, dass Science Cluster Tirol eingebunden. (Im
Komplexität das Einzugsgebiet des Krankenhauses Bild v.l.n.r.: Michael Wörndle, Albrecht
Im Zuge der Abrechnung erheben Kran- in einem von Umweltfaktoren negativ Becker, Patrick Neff und Silvia Jordan)
kenhäuser somit eine Reihe von Daten, beeinflussten Bereich liegt oder dass es
die auch für andere Bereiche von großem besonders viele Hochrisikopatientinnen
Interesse sind. Aus ihnen ergeben sich in und -patienten versorgt.“ Ein System wie historischen Perspektive – genau an, wie
gleicher Weise auch die Qualitätsauswer- die A-IQIs bildet „Qualität“ nicht einfach sich die A-IQIs, die Qualitätsindikatoren,
tungen in Form der genannten A-IQIs: neutral ab, sondern jede Art der Quali- für Österreich entwickelt haben und auf
Dazu zählen insbesondere Parameter tätsmessung basiert auf einer bestimmten Basis welcher Kriterien sie speziell für
wie Sterbehäufigkeiten, Aufenthalte in Sichtweise von Qualität und spiegelt spe- Österreich entstanden sind. Dabei inte-
Intensivstationen, Komplikationen bei zifische Interessen wider. ressiert uns auch die Frage, welche Per-
Eingriffen oder im Heilungsprozess, Eine weitere Herausforderung betrifft spektiven auf die Leistungen eines Kran-
Operationstechniken oder Versorgungs- die Diskussion dieser Kennzahlen in den kenhauses dabei tatsächlich ermöglicht
einzelnen Krankenhäusern in Hinblick werden – und welche Alternativen dazu
„Eine statistisch stärker auf mögliche Qualitätsverbesserungen. vielleicht auch ausgeblendet werden“,
­ausgeprägte Sterberate heißt „Innerhalb der immer noch sehr stark ergänzen Jordan und Becker.
hierarchisch geprägten Krankenhausor- Das zweite Teilprojekt umfasst einen
zum Beispiel noch lange nicht,
ganisation ist es alles andere als selbst- detaillierten Blick in die inneren Abläufe
dass im Krankenhaus etwas verständlich, dass fächer- und hierarchie- der Krankenhäuser. Dazu hat das Team
nicht gut läuft. “ Silvia Jordan
übergreifend medizinische Behandlungs- Krankenanstalten ausgewählt, in denen
weisen und Prozesse diskutiert werden. so genannte ethnografische Fallstudien
bzw. Prozessindikatoren. „Dadurch soll Kennzahlen, die einen solchen Dialog in durchgeführt werden. „Mit diesen Fall-
die Qualität stationärer Leistungen in Krankenhäusern anregen sollen und die studien untersuchen wir den tatsäch-
Österreichs Krankenhäusern transparent, noch dazu außerhalb der Organisation lichen Umgang mit diesen Qualitätsindi-
vergleichbar und steuerbar werden“, so entwickelt wurden, können daher auf katoren im Krankenhausalltag. Hier ist es
Jordan. diverse Widerstände treffen“, ergänzt uns wichtig, die Perspektiven und Erfah-
Die Ergebnisse der Erhebungen wer- Becker. rungen der Beteiligten zu erfassen und
den in Jahresberichten veröffentlicht und zu identifizieren, welche Möglichkeiten
sind – zumindest teilweise – einsehbar, Fallstudien oder auch Schwierigkeiten sich aus die-
die Daten sind allerdings nicht einzelnen Das Team nähert sich in seinem For- ser Form der Qualitätsbewertung erge-
Krankenhäusern zuordenbar. Das Di- schungsprojekt der Thematik von ver- ben.“ Die Ergebnisse des Projekts sollen
lemma: Die Bewertung von Qualität in schiedenen Seiten und hat zwei Teilpro- auch den Entscheidungsträgerinnen und-
teilweise sehr großen, logistisch heraus- jekte definiert, in denen derzeit die Da- trägern im Ministerium und den Kran-
fordernden Krankenhausbetrieben, die tenerhebung stattfindet. „Wir schauen kenhäusern zugutekommen – beispiels-
mit der Behandlung von wiederum sehr uns im ersten Teilprojekt – auch aus einer weise in Form von Workshops. mb

zukunft forschung 02/19 39


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KURZMELDUNGEN

DAS GROSSE QUAKEN


Ein Forschungsteam um Michael Traugott hat gemeinsam mit der
Bevölkerung 100 Gewässer in Tirol untersucht.

WARUM FRAUEN PERSONAL-


VORSTAND WERDEN

E s gehört inzwischen dazu, dass


wenigstens eine Frau im Vorstand
vertreten ist. Wenn Unternehmen über
die Neuberufung weiblicher Vorstands-
mitglieder berichten, fällt auf, dass Frauen
häufig für das Personalressort bestellt
werden. Der Frage, warum das so ist, sind
Forscherinnen der Universitäten Inns­bruck
und Salzburg um Julia Brandl auf Basis
von Daten zu Vorstandsgremien aus 172

I
n den heimischen Gewässern leben der, der Bergmolch, der Teichmolch, der Unternehmen nachgegangen. Ihre Studie
nicht nur Erdkröten, Bergmolche oder Alpen-Kammmolch, die Gelbbauchunke, legt nahe: Wo der gesellschaftliche Druck
Grasfrösche. Ein Forschungsteam um die Erdkröte, der Laubfrosch, der Gras- hoch ist, im Vorstand Genderdiversität zu
Michael Traugott vom Institut für Öko- frosch und der Teichfrosch. „Zusätzlich fördern, berufen Unternehmen Frauen
logie hat in dem Citizen-Science-Projekt wurden auch DNA-Spuren des italie- systematisch als Personalvorstand. Und
„Der Frosch im Wassertropfen“ gemein- nischen Wasserfrosches gefunden. Sollte sofern Unternehmen bislang kein eigenes
sam mit der Bevölkerung 100 Gewässer in dieses Vorkommen bestätigt werden, Personalressort haben, richten sie dieses
Tirol untersucht. Neben einer großen Fülle dann ist das der erste Nachweis für Ti- Ressort oftmals mit der Berufung des
an unterschiedlichen Amphibien wurde rol“, erläutert Daniela Sint. weiblichen Vorstandsmitglieds erstmals
dabei auch die DNA des für Amphibien „Mit dieser ersten Untersuchung in ein. Im Ergebnis bestätigt die Studie, dass
gefährlichen Chytridpilzes festgestellt. Teichen aus allen Bezirken Tirols ist es Druck auf Unternehmen zur Berufung von
Der Pilz befällt die Haut der Amphibien, uns gelungen, einen Überblick über das Frauen in den Vorstand wirksam ist. Sie
ein wichtiges Atmungsorgan der Tiere. Amphibienleben zu bekommen. Für den zeigt allerdings auch, dass Unternehmen
Von den 13 für Tirol nachgewiesenen Natur- und Artenschutz ist es von Be- ihren Spielraum unter diesem Druck so
in Gewässern lebenden Amphibienarten deutung, weitere Untersuchungen in den nutzen, dass die traditionelle Arbeitstei-
konnten neun Arten sicher nachgewiesen vom Pilz betroffenen Gebieten durchzu- lung zwischen Frauen und Männern im
werden. Das waren der Feuersalaman- führen“, verdeutlicht Traugott. Management bestehen bleibt.

NACHHALTIGE MOBILITÄT

E lektroautos, mit Wasserstoff betriebene LKW, neue Konzepte zur gemeinsamen Nutzung
von Fahrzeugen oder neue Möglichkeiten der Vernetzung im öffentlichen Verkehr wer-
den die Mobilität verändern. Wie die Menschen darauf reagieren werden, welche Angebote
sie annehmen und wie sehr sie ihr eigenes Mobilitätsverhalten anpassen und verändern
müssen, ist noch unklar. „Unumstritten ist, dass sich Mobilität verändern wird. Damit Ver-
kehr dabei auch nachhaltiger wird, muss sich das Verhalten auch entsprechend ändern, das
heißt beispielsweise vermehrt Autos zu teilen, aber auch Kurzstrecken wieder zu Fuß oder
mit dem Rad zurückzulegen“, so Markus Mailer vom Institut für Infrastruktur der Universität
Inns­bruck. Das von ihm geleitete Centre for Mobility Change – Zentrum für Mobilitätsverhal-
tensänderung (CMC) sammelt Wissen zu Potenzialen und Herausforderungen der Mobilitäts-
verhaltensänderung im digitalen Zeitalter und gibt dieses an alle Akteurinnen und Akteure
weiter, die mit Verkehrsproblemen konfrontiert sind und Lösungen dazu erarbeiten und
entwickeln. „Das CMC will dazu beigetragen, Rahmenbedingungen und disruptive Potenzi-
ale zu identifizieren sowie die Praxiswirksamkeit themenrelevanter Forschung zu erhöhen“,
so Markus Mailer.

Fotos: Bianca Zerobin (1), Snapwire (1), Commerz Real (1) zukunft forschung 02/19 41
POLITIKWISSENSCHAFT

MEDIALE STIMMUNGS-
SCHWANKUNGEN
Der Politikwissenschaftler Kohei Watanabe untersucht veröffentlichte
Meinung und die darin ausgedrückte Stimmung in großem Stil.

S
eit 2014 herrscht in der Ukraine Watanabe die Unabhängigkeit der staatli- „Interessant ist, dass diese Änderungen
Krieg: Russland annektierte die chen Agentur TASS durch einen Vergleich im Tonfall der Berichterstattung bei der
Halbinsel Krim, Verwaltungsbe- ihrer Berichterstattung mit jener der TASS deutlicher ausgeprägt waren als
zirke im Osten der Ukraine werden von kommerziellen Agentur Interfax näher bei Interfax. Interfax ist im Gegensatz zur
Separatisten beherrscht und bezeichnen beleuchtet – der Untersuchungszeitraum TASS privatwirtschaftlich organisiert.
sich als von der Ukraine unabhängig. reichte vom Rückzug der Janukowitsch- Aber auch bei Interfax ist ein gewisser
„Um derartige Konflikte zu verstehen, Regierung aus den Verhandlungen mit Einfluss zu bemerken, besonders im Fra-
ist die breite Bevölkerung auf Berichte in der EU im November 2013 über das Re- ming von politischen Ereignissen – auch
Medien angewiesen. Besonders einfluss- ferendum über die Abspaltung der Krim Interfax ist von der staatlichen Agentur
reich sind dabei größere Nachrichten­ im März 2014 bis zur Militäroperation der TASS abhängig, was den Zugang zu be-
agenturen, deren Berichte anderen Me- pro-westlichen ukrainischen Regierung in stimmten Informationen betrifft, und
dien als Grundlage dienen. Die Unab- ihren östlichen Regionen im April dessel- übernimmt damit deren Sicht.“
hängigkeit dieser Agenturen ist deshalb ben Jahres.
besonders wichtig“, erklärt der Politik- „Wir können natürlich nicht beobach- Digitale Methoden
wissenschaftler Kohei Watanabe. Für den ten oder miterleben, wie konkret Regie- Derartige statistische Auswertungen
Westen, insbesondere für Westeuropa und rungen Einfluss auf Presseagenturen beruhen auf Medientexten, die ein Al-
Nordamerika, sind hier Reuters, Associa- nehmen. Was wir aber messen können, gorithmus auf darin ausgedrückte Stim-
ted Press (AP) und der englischsprachige ist der Output der Agenturen. Im Fall von mungen untersucht und einordnet. Kohei
Dienst der Agence France Presse (AFP) ITAR-TASS, die ja ein Staatsunternehmen Watanabe verwendet einen Großteil sei-
einflussreich; für Russland erfüllen TASS ist, lässt sich ein Einfluss des russischen ner Zeit dafür, diesen Algorithmus wei-
(bis 2014: ITAR-TASS) und Interfax eine Staates deutlich nachweisen“, sagt Wa- terzuentwickeln und zu verfeinern; das in
ähnliche Rolle. Diese beiden Agenturen tanabe. Positive Entwicklungen für Russ­ der Programmiersprache R geschriebene
verfügen auch über einen englischspra- land in der Ukraine wurden von TASS Paket heißt „Quanteda“ und ist vielfältig
chigen Dienst für ein internationales Pu- positiver berichtet, während negative einsetzbar. Watanabe ist seit Sommer 2019
blikum. In seiner Dissertation hat Kohei Ereignisse ebenfalls negativer vorkamen. am Institut für Politikwissenschaft und
am Digital Science Center (DiSC) der Uni
Inns­bruck tätig. Derzeit arbeitet er an ei-
ner Auswertung des Archivs der New York
Times: „Ich interessiere mich dafür, wel-
che Länder zu welchen Zeitpunkten in
der New York Times – und damit im Main-
stream der Meinungen in den USA – als
Bedrohung für die Sicherheit beschrieben
wurden. Grundlage sind Beitragszusam-
menfassungen der New York Times seit
den 1860ern“, sagt der Wissenschaftler.
Die Beiträge werden nach zwei Kri-
terien sortiert und klassifiziert: Der Al-
gorithmus durchsucht sie nach geogra-
fischen Informationen, außerdem auf
den Achsen zwischen Feindseligkeit und
BERICHTERSTATTUNG in der New York Times über Deutschland und Japan von den Freundlichkeit einerseits und Bedrohung
1860ern bis heute: Die y-Achse zeigt das Maß, in dem die Länder als Bedrohung für die für die Sicherheit oder Harmlosigkeit an-
USA gezeigt werden, die x-Achse den Zeitverlauf. dererseits. Das Ergebnis ist faszinierend

42 zukunft forschung 02/19 Foto: Andreas Friedle; Grafik: Kohei Watanabe


POLITIKWISSENSCHAFT

KOHEI WATANABE studierte Literatur


– und im Nachhinein in Kenntnis histo- Luft liegt oder ob der Zusammenhang und Soziologie an der Seikei-Universität
rischer Ereignisse auch leicht erklärbar: nicht viel eher umgekehrt funktioniert, und der Musashi-Universität (beide Tokio,
So zeigen zum Beispiel Berichte über ist nicht klar zu sagen.“ Japan), danach Politikwissenschaft an der
Deutschland in der Statistik im Vorfeld Central European University in Budapest.
und während des Ersten und des Zwei- Einsatz in der Lehre 2017 promovierte er an der London School
ten Weltkriegs eindeutige Ausschläge Grundsätzlich lassen sich mittels Quan- of Economics and Political Science (LSE).
teda ganz unterschiedliche statistische Zwischen 2014 und 2019 forschte Wa-
Auswertungen erstellen. Watanabe selbst tanabe an der LSE, der University of Oxford
„Wir können natürlich nicht hat mit Kollegen auch japanische und is- und der Waseda University, zudem war er
­beobachten oder miterleben, wie raelische Medien auf deren Berichte über Chefentwickler der Quanteda Initiative,
konkret Regierungen Einfluss auf das Ausmaß der Bedrohung durch Nord- UK. Seit Sommer 2019 ist er am Institut für
Presseagenturen nehmen. Was korea (im Fall von Japan) und durch den Politikwissenschaft und am Digital Science
wir aber messen können, ist der Iran (für Israel) untersucht, jeweils eine Center (DiSC) der Uni Inns­bruck tätig.
konservativere und eine liberalere Zei-
Output der Agenturen.“ Kohei Watanabe
tung. „Unsere Grundannahme war, dass
konservative Medien die Bedrohung stär- Quanteda ist komplett quelloffen und
nach oben – in Richtung Feindseligkeit ker betonen als liberale. Für Japan lässt kann von jedem und jeder Interessierten
und Bedrohung –, während für Russ- sich das bestätigen, für Israel nicht so eingesetzt und angepasst werden. Wa-
land bzw. die Sowjetunion Ähnliches ab deutlich.“ Derzeit ist der Algorithmus für tanabe setzt Quanteda auch in der Lehre
Mitte der 1940er-Jahre zu beobachten ist. Englisch und Japanisch, Watanabes Mut- in Inns­bruck ein. Ein Problem ist hier der
Lassen sich so, mit der Untersuchung tersprache, optimiert, kann aber für jede Zugang zu den Quellen: Um Aussagen
aktueller Berichte, mögliche künftige andere Sprache angepasst werden. „Die treffen zu können, braucht es Zugriff auf
Konfliktherde ausmachen? Watanabe ist Grundlage bildet ein Lexikon von rund die Archive von Medien. Hier ist vieles
vorsichtig: „Das kann man so klar nicht 1.000 Wörtern und Phrasen, die – ein- nicht oder nur sehr kompliziert oder teu-
beantworten. Wir untersuchen ja Daten fach gesagt – auf einer Skala von ‚gut‘ bis er zugänglich. „Die New York Times bietet
im Nachhinein und da kennen wir die ‚schlecht‘ eingeteilt sind, und Synonyme derzeit noch durch eine Programmier-
Zusammenhänge. Ob die Stimmung in dieser Begriffe. Diese Einteilung muss für schnittstelle Zugriff auf Artikeldaten für
den Berichten und der veröffentlichten jede Sprache gemacht und überarbeitet wissenschaftliche Zwecke, das ist aller-
Meinung negativer wird, weil ein mili- werden, da steckt einiges an Arbeit da- dings international leider eher die Aus-
tärischer Konflikt mit einem Land in der hinter“, erklärt der Forscher. nahme als die Regel.“  sh

zukunft forschung 02/19 43


UNI-HOLDING

DAS SPIN-OFF incremental3d hat eine 3D-Drucktechnik für Beton entwickelt.

NEUE UNTERNEHMENS-
GRÜNDUNGEN
Im vergangenen Jahr hat sich die Universität Inns­bruck über
die Uni-Holding an mehreren Spin-off-Unternehmen beteiligt.

D
ie aktuell 17 Unternehmen im In Kooperation mit dem Baustoffpro- Das Spin-off-Unternehmen Sinsoma ist
Portfolio der Beteiligungsgesell- duzenten Baumit entwickelten drei Archi- ein ist ein Generalanbieter für DNA-Ana-
schaft entwickeln Ergebnisse tekten der Uni Innsbruck eine 3D-Druck- lysen, verfügt über das breiteste Spek-
aus der Forschung zur Marktreife wei- technik für Beton, mit der sie Betonobjekte trum an Analyseverfahren am Markt und
ter und verwerten diese kommerziell. in fast jeder beliebigen Form schnell und kann auf mehr als 20 Jahre Know-how in
So konnten in den vergangenen Jahren günstig herstellen können. Die 2017 ge- Umwelt-DNA-Analysen verweisen. Sin-
knapp 100 neue Arbeitsplätze in Tirol gründete incremental3d GmbH produ- soma bestimmt das Vorkommen von Or-
geschaffen werden. Eine Studie des In- ziert derzeit vor allem Objekte für den ganismen über DNA-Spuren in verschie-
stituts für Höhere Studien (IHS) atte- öffentlichen Raum und die Gartengestal- densten Lebensräumen und Probentypen,
stiert der Universität Inns­bruck mit ihrer tung – vertrieben werden sie unter dem analysiert Nahrungsbeziehungen mittels
erfolgreichen Spin-off-Strategie samt Namen myPot. Gemeinsam mit der ETH Hochdurchsatz-DNA-Methoden und bie-
Beteiligungsportfolio und Beteiligungs- Zürich wollen die Jungunternehmer die tet populationsgenetische Analysen an.
management eine Sonderstellung in der Technologie auch für den Hochbau markt- Das ehemalige Kompetenzzentrum
österreichischen Universitätslandschaft. fähig machen. alpS wurde als kommerzielle Beteiligung
Bestätigt wird diese Rolle auch in einer in das Portfolio aufgenommen und hat
aktuellen OECD-Studie zum Thema Sup- sich mit seinen Consultingleistungen in
porting Entrepreneurship and Innovation UNI-HOLDING: Die Universität Inns­ den Bereichen Klimawandelanpassung
in Higher Education in Austria. bruck Unternehmensbeteiligungsgesell- und Klimaschutz als international tätiges
Zu den erfolgreichen Ausgründungen, schaft mbH ist ein Unternehmen, das sich Ingenieur- und Beratungsunternehmen für
an denen sich die Universität Inns­bruck seit seiner Gründung 2008 an kommerzi- Betriebe, Kommunen und Länder etabliert.
direkt beteiligt hat, zählt die Urisalt ell ausgerichteten Spin-offs der Univer- Als weitere Beteiligungen wurden im
GmbH, die eine patentierte Lösung für sität Inns­bruck beteiligt. Aktuell umfasst vergangenen Jahr die beiden Quanten-
die Bestimmung gesundheitsrelevanter das Portfolio insgesamt 17 Unternehmen Spin-offs Alpine Quantum Technologies
Elektrolytwerte vermarktet. Mit dem aus den Bereichen Chemie und Ökologie, (AQT) und ParityQC aufgenommen, eben-
nicht-invasiven Test können Ärzte und Digitalisierung, Finanzen, Umwelttechnik, so das von der Bank für Tirol und Vorarl-
Laien mit Hilfe von Urin-Teststreifen und Geoinformatik, Informations- und Kom- berg sowie der Uni Innsbruck gegründete,
einem tragbaren Analysegerät den Status munikationstechnik, Textiltechnologie, auf Kapitalmarktstrategien spezialisierte
aufwendiger Blutanalysen überprüfen. Betondruck und Quantenphysik. Spin-off Innfoliolytix (siehe Seite 35).

44 zukunft forschung 02/19 Foto: incremental3d


FÖRDERUNGEN

PHOTONISCHE PLATTFORM
Barbara Kraus und Gregor Weihs sind an einer neugegründeten FWF-Forschungsgruppe
zu Multiphotonen-Experimenten mit Halbleiter-Quantenpunkten beteiligt.

GREGOR WEIHS ist Universitätsprofessor für Photonik am Institut für Experimentalphysik der Universität Inns­bruck.

F
orschungsgruppen sind ein neues war immer das Fehlen von Lichtquellen, Nanometerbereich liefern, wie sie nun
FWF-Förderinstrument, mit dem die imstande sind, „auf Befehl“ Einzel- von den österreichischen Forscherinnen
Teams aus drei bis fünf internatio- und Mehrfachphotonen zu emittieren. und Forscher entwickelt werden. Sie kon-
nal herausragenden Forscherinnen und Die Lösung dieses Problems könnten zentrieren sich auf Halbleiter-Quanten-
Forschern unterstützt werden. Die Theo­ Strukturen von Halbleitermaterialien im punkte aus Galliumarsenid, welche sehr
retikerin Barbara Kraus und der Experi- vorteilhafte Eigenschaften zeigen, wie
mentalphysiker Gregor Weihs von der etwa die Fähigkeit, einzelne und ver-
Universität Inns­b ruck haben sich nun schränkte Photonen mit Emissionsraten
gemeinsam mit Armando Rastelli von im Gigahertzbereich zu erzeugen. Dabei
der Universität Linz und Philip Walther passt die Farbe ihres Lichts zu dem Be-
von der Universität Wien das Ziel ge- reich, in welchem Silizium-Detektoren
setzt, eine weltweit führende photo- sehr empfindlich sind. Es werden aller-
nische Plattform zu etablieren, die sich dings noch erhebliche Anstrengungen
auf einen neuartigen Typ von Halblei- nötig sein, um die Helligkeit der Licht-
terphotonenquellen in Kombination mit quellen und die Qualität der Photonen zu
innovativen photonischen Schaltkreisen erhöhen. Parallel zur Verbesserung der
stützt, und diese zur Demonstration von Photonenquellen werden die Wissen-
Multiphotonen-Quantenprotokollen zu schaftler immer komplexere Anwen-
benutzen. Sie werden dabei vom öster- dungen realisieren und in photonische
reichischen Wissenschaftsfonds FWF Hochleistungsbauelemente integrieren.
finanziell unterstützt. In der letzten Ku- Unter anderem ist ein Ziel die Erzeugung
ratoriumssitzung wurden für die ersten von „Clusterzuständen“ einiger Pho-
drei Forschungsgruppen insgesamt 4,2 tonen für sichere Quantencomputer.
Millionen Euro bewilligt. „Auf lange Sicht erwarten wir, dass die-
Photonen eignen sich ideal für die ser Ansatz es uns ermöglichen wird, uns
Quantenkommunikation und sind auch BARBARA KRAUS konzentriert sich in den ultimativen Grenzen der photo-
geeignet für Anwendungen im Bereich ihrer Forschung auf die Untersuchung nischen Quanteninformationsverarbei-
der Quantencomputer. Eine der Hürden grundlegender Probleme der Quanteninfor- tung anzunähern“, sagen die vier For-
auf dem Weg zu diesen Anwendungen mationstheorie. scherinnen und Forscher.

Fotos: Andreas Friedle, ÖAW zukunft forschung 02/19 45


PREISE & AUSZEICHNUNGEN

PREISE DER
GEMEINSAM GEEHRT
Der Quantenphysiker
Helmut Ritsch (li.

STADT INNSBRUCK
ob.) vom Institut für
Theoretische Physik
erhielt den Erwin
Schrödinger-Preis
der Österreichischen Sechs PreisträgerInnen, darunter vier der Universität Inns­bruck,
Akademie der Wissen-
schaften. Er wurde für seine hervorragenden
wurden mit dem „Preis der Landeshauptstadt Inns­bruck für
Forschungsleistungen auf dem Gebiet der wissenschaftliche Forschung 2019“ ausgezeichnet.
Quantenoptik ausgezeichnet. Ritsch teilt sich
den mit 15.000 Euro dotierten Preis mit dem
Wiener Mathematiker Karlheinz Gröchenig.
Den ebenfalls von der ÖAW vergebenen Dis-
sertationspreis für Mi-
grationsforschung in
Höhe von 4.000 Euro
erhielt Claudius Ströh-
le (li. un.) vom Institut
für Geschichtswissen-
schaften und Europä-
ische Ethnologie.

VIELFACH AUSGEZEICHNET
Die Experimental-
physikerin Francesca
Ferlaino erhielt den
Cécile DeWitt-Moret-
te, School of Physics
of the Houches Preis, PREIS-ÜBERREICHUNG: Rektor Tilmann Märk (li.) und Vizerektorin Ulrike Tanzer ge-
den die Französische meinsam mit den PreisträgerInnen (v.l.): Walter Kuntner, der den Preis für Sandra Heinsch-
Akademie der Wissen- Kuntner entgegengenommen hat, Jerome Mertens, Florian Martin Müller und Thomas
schaften 2019 zum ersten Mal vergab. Der Magauer bei der Verleihung in der Stadtbibliothek Innsbruck.
Preis erinnert an die französische Physikerin

A
Cécile DeWitt-Morette, die in Savoyer Alpen us Anlass des 350-Jahr-Jubiläums brucks als Universitäts- und Bildungs-
eine international bekannte Denkwerkstatt der Universität Inns­bruck wurde standort hervor.
für die moderne Physik gegründet hat. Fer- das Preisgeld für den Preis der Von der Universität Inns­bruck wur-
laino wurde außerdem mit dem BEC 2019 Landeshauptstadt Inns­bruck für wissen- den die ERC-Preisträger Jerome Mertens
Junior Preis ausgezeichnet und zum Fellow schaftliche Forschung 2019 einmalig auf (Institut für Molekularbiologie) und
der American Physical Society (APS) gewählt. 30.000 Euro erhöht. Während der Preis Thomas Magauer (Institut für Orga-
regulär jeweils in einem Jahr an die Me- nische Chemie) sowie Sandra Heinsch-
ERIKA-CREMER-PREIS dizinische Universität Inns­bruck und Kuntner und Florian Martin Müller
Die Molekularbiologin Nadine Jasmin Ort- in den beiden darauffolgenden Jahren vom Institut für Archäologien ausge-
ner erhielt für ihre an die Leopold-Franzens-Universität zeichnet. Von der Medizinischen Uni-
hervorragenden For- in den Sparten Geisteswissenschaft versität wurden Peter Willeit von der
schungsleistungen und Naturwissenschaft verliehen wird, Universitätsklinik für Neurologie und
die Förderung des wurden im Jubiläumsjahr Wissenschaft- Victoria Klepsch vom Institut für Zell-
Erika-Cremer-Habilita- lerinnen und Wissenschaftler beider genetik geehrt. Bei einem Festakt in der
tionsprogramms. Mit Universitäten ausgezeichnet. Stadtbibliothek im Dezember nahmen
dem Erika-Cremer-Ha- „Die Stadt Inns­bruck fördert damit die jungen Forscherinnen und Forscher
bilitationsprogramm junge Forscherinnen und Forscher die Auszeichnung entgegen.
fördert die Universität Inns­bruck seit 2009 und rückt den Wert der Wissenschaft Der Preis wurde 1979 von der Landes-
gezielt wissenschaftliche Frauenkarrieren. in den Vordergrund,“ würdigte Vize- hauptstadt Inns­bruck ins Leben gerufen.
Ortner forscht am Institut für Pharmazie zum bürgermeisterin Uschi Schwarzl die Seit 2006 wird die Auszeichnung jedes
Dopamin-System in einem Kalziumkanal- akademischen Leistungen und hob den Jahr in Anerkennung der wissenschaftli-
Autismus-Modell. wichtigen Beitrag der universitären For- chen Forschung an den beiden Universi-
schung zum internationalen Ruf Inns­ täten im Wechsel vergeben. 

46 zukunft forschung 02/19 Fotos: ÖAW (2), Uni Inns­bruck (1), Andreas Friedle (1), Stadt Inns­bruck/Lerche (1)
PREISE & AUSZEICHNUNGEN

SÜDTIROL-EXPERTIN
Die italienische Regie-
rung hat Esther Hap-
pacher, Professorin für
Italienisches Verfas-
sungsrecht und Südti-
roler Autonomierecht
an der Rechtswissen-
schaftlichen Fakultät,
als deutschsprachige Vertreterin des Staates
und Expertin für die Südtirolautonomie in der
sogenannten 6er- und 12er-Kommission er-
nannt. Diese paritätisch zusammengesetzten
Gremien befassen sich mit den Durchfüh-
rungsbestimmungen zum Sonderstatut der
Autonomen Region Trentino-Südtirol, auch
LAUDATOR Roland Psenner, Preisträgerin Ulrike Tappeiner, Preisträger Alexander Oster- bekannt als Südtiroler Autonomiestatut.
mann und Laudator Michael Oberguggenberger (v.li.)
TIROLER DES JAHRES

LEISTUNGEN
Beim „Tirol-Empfang“
des Landes Tirol in
der Aula der Wis-

AUSGEZEICHNET
senschaften in Wien
wurde Peter Zoller
zum Tiroler des Jahres
2019 gekürt. „Es ist
beachtlich, was Peter
Ulrike Tappeiner und Alexander Ostermann wurden für ihr Zoller mit seinen Forschungskolleginnen
­wissenschaftliches ­Gesamtwerk mit dem Wissenschaftspreis der und -kollegen auf dem Gebiet der Quan-
Stiftung Südtiroler Sparkasse ausgezeichnet. tenphysik leistet. Österreich ist in der Quan-
tenphysik weltweit angesehen und Peter
Zoller prägt diese Entwicklung maßgeblich

S
eit dem Jahr 2008 verleiht die Uni- wurden in diesem Jahr die Ökologin mit“, sagte Landeshautmann Günther Plat-
versität Inns­bruck im Namen der Ulrike Tappeiner und der Mathemati- ter. Zoller erhielt im Herbst auch den Preis
Stiftung Südtiroler Sparkasse den ker Alexander Ostermann gewürdigt. der chinesischen Micius Quantum Foun-
„Wissenschaftspreis für außergewöhn- Tappeiner hat sich auf die ökologische dation sowie den John-Stewart-Bell-Preis
liche Forschungsleistung der Stiftung Forschung in Bergregionen spezialisiert, für die Erforschung grundlegender Fragen
Südtiroler Sparkasse“ als Würdigung die Laudatio für sie hielt Roland Psen- der Quantenmechanik und ihrer Anwen-
für das wissenschaftliche Gesamtwerk ner, emeritierter Professor am Institut dungen.
von Wissenschaftlerinnen und Wissen- für Ökologie und ehemaliger Vizerektor
schaftlern an der Universität Inns­bruck. der Uni Innsbruck. Ostermann bewegt EHRENKREUZ
Der Preis ist mit insgesamt 10.000 Euro sich in seiner Forschung im Spannungs- Karl Weber vom In-
dotiert. Stellvertretend für Konrad Berg- feld von mathematischer Grundlagen- stitut für Öffentliches
meister, Präsident der Stiftung Südtiroler forschung und angewandten Fragestel- Recht, Staats- und
Sparkasse, überreichte Marjan Cescutti lungen aus dem mathematisch-natur- Verwaltungslehre
die Wissenschaftspreise an die Ausge- wissenschaftlichen Bereich, die Lobrede erhielt für seine he-
zeichneten. „Der Preis der Stiftung Süd- für ihn hielt Michael Oberguggenberger, rausragende wissen-
tiroler Sparkasse ermöglicht es uns, enga- Professor am Institut für Grundlagen der schaftliche Arbeit und
gierte wissenschaftliche Mitarbeiterinnen Technischen Wissenschaften. sein verdienstvolles
und Mitarbeiter zu unterstützen und zu Die Forschungspreise gingen heuer an Wirken an der Leopold-Franzens-Universität
fördern. Dafür möchte ich mich bedan- Elisabeth Dietrich-Daum vom Institut das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst
ken“, sagte Rektor Tilmann Märk. „Die für Geschichtswissenschaften und Euro- I. Klasse. „Karl Weber hat sich stets durch
Motivation, welche die öffentliche Aner- päische Ethnologie, Barbara Kraus vom aktuelle und originelle Forschungsthemen in
kennung hervorragender Leistungen mit Institut für Theoretische Physik, Hubert den unterschiedlichsten Bereichen wie dem
sich bringt, trägt zu einer erfolgreichen Huppertz vom Institut für Allgemeine, Umweltrecht, dem Energierecht oder der
Universität und zu Forschungsleistungen Anorganische und Theoretische Chemie Bundesstaatsreform profiliert. Auf manche
auf hohem internationalen Niveau bei.“ sowie Martin Messner vom Institut für Themen wurde dadurch erst aufmerksam
Für ihr wissenschaftliches Gesamtwerk Organisation und Lernen. gemacht“, sagte Laudator Arno Kahl.

Fotos: M.R.Knabl (1), Uni Inns­bruck (2), Axel Springer (1) zukunft forschung 02/19 47
ZWISCHENSTOPP INNS­BRUCK

CHRISTIANE OPITZ studierte in Heidel-


berg Medizin (1998 – 2005) und absol-
vierte parallel dazu den Internationalen
Masterstudiengang Molecular Cell Biology
(2001 – 2004). Auslandsaufenthalte führten
sie nach Uppsala/Schweden, Indianapolis/
USA sowie Bern/Schweiz. Ende 2005 legte
sie die Ärztliche Prüfung ab, 2006 wurde
sie in Heidelberg mit summa cum laude
promoviert. Ihre ärztliche Tätigkeit begann
sie 2006 als Ärztin an der Neurologischen
Klinik der Universität Tübingen, seit 2007 ist
sie als Ärztin in der Neurologischen Univer-
sitätsklinik Heidelberg tätig. Anfang 2013
übernahm sie parallel dazu die Leitung
einer Arbeitsgruppe am Deutschen Krebs-
forschungszentrum, DKFZ, Heidelberg.

DIE LÜCKE SCHLIESSEN


Die Neurologin und Zellbiologin Christiane Opitz versucht komplexe Stoffwechselprozesse zu verstehen,
um durch einen immunonkologischen Ansatz neue Wege für die Krebstherapie zu eröffnen.

N
icotinamid-Adenin-Dinukleotid der NAD-Stoffwechsel ein möglicher stic target of rapamycin (mTOR). Zwi-
(NAD) stellt eine Drehscheibe Angriffspunkt dafür sein, diese immun- schen mTOR und meinem Forschungsge-
dar, die den Zellstoffwechsel mit suppressive Fähigkeit der Tumoren zu bieten – dem Aminosäure- und NAD-
der Signalweiterleitung in der Zelle ver- unterbinden und es so dem Immunsys­ Stoffwechsel – gibt es sehr viele Schnitt-
bindet. Viele dieser Signalwege sind bei tem zu ermöglichen, die Krebszellen zu stellen und so ist unsere Kooperation
Krebs fehlreguliert, was NAD zu einem bekämpfen“, beschreibt Christiane Opitz. schon vor einigen Jahren entstanden und
attraktiven Ziel für die Krebstherapie „Dies wäre auch für mögliche Rückfälle hat mittlerweile in zahlreiche internatio-
macht. „Die komplexen Abläufe des optimal, da Immunzellen über ein Ge- nale Konsortien gemündet“, sagt Christi-
NAD-Stoffwechsels in Krebszellen sind dächtnis verfügen und so mögliche Rezi- ane Opitz. Während ihres zweimonatigen
allerdings noch wenig verstanden, ins- dive sehr früh erkennen und bekämpfen Forschungsaufenthalts an der Universität
besondere unter Stressbedingungen wie könnten.“ Inns­bruck im Rahmen einer vom Förder-
beispielsweise Nährstoffmangel, unter kreis der Universität Inns­b ruck finan-
dem schnell wachsende Tumoren lei- Kooperation zierten Gastprofessur hat sich die Krebs-
den“, erklärt Christiane Opitz. Die Neu- Mit der Universität Inns­bruck verbindet forscherin gemeinsam mit Kathrin The-
rologin und Zellbiologin beschäftigt sich die Wissenschaftlerin vor allem eine er- dieck auf die Zusammenhänge zwischen
in ihrer Arbeitsgruppe am Deutschen folgreiche Zusammenarbeit mit Kathrin dem NAD-Stoffwechsel und Signalnetz-
Krebsforschungszentrum Heidelberg in- Thedieck, der Leiterin des Instituts für werken fokussiert. „Enorm profitiert ha-
tensiv mit diesem wichtigen Stoffwech- Biochemie. „Kathrin Thedieck verfügt ben wir dabei neben dem Austausch un-
selprozess und verspricht sich davon, über jahrelange Expertise in der Erfor- serer Expertisen zu den jeweiligen Signal-
einen neuen Weg für die Krebstherapie schung der Wechselwirkungen zwischen wegen auch von den hervorragenden
zu eröffnen. „Solide Tumoren verfügen zellulären Signalnetzwerken und dem Bedingungen am Institut für Biochemie,
über Mechanismen, die das menschliche Stoffwechsel in Tumoren. Unter anderem die uns neue massenspektrometrische
Immunsystem daran hindern, sie zu be- erforscht sie den bedeutenden metabo- Untersuchungen ermöglicht haben“ be-
kämpfen. Sehr vereinfacht erklärt, könnte lischen Regulator mammalian/mechani- schreibt Christiane Opitz.  sr

48 zukunft forschung 02/19 Foto: Uni Inns­bruck


SPRUNGBRETT INNS­BRUCK

KUGELN IM GEHIRN
AUFGESPÜRT
Elisabeth Kugler erforscht das Herz-Kreislauf-System von Zebrafischen und liefert
dabei mögliche ­Hinweise für die Ursachen von Erkrankungen beim Menschen.

„Österreich bietet eine sehr


­laborbasierte Ausbildung,
­während das englische S­ tudium
sehr auf Rhetorik
und ­Kommunikation fokussiert.“
 Elisabeth Kugler

gutes Grundlagenwissen vermittelt.“ Vor


allem aber die Chance, Praktika absolvie-
ren zu können und mit interdisziplinär
ausgerichteten Forscherinnen und For-
schern zusammenzuarbeiten, hat sie sehr
geschätzt. Diesen Weg geht sie nun auch
an der Universität Sheffield weiter, wo sie
in der Forschungsgruppe von Tim Chico
am Department of Infection, Immunity
und Cardiovascular Disease arbeitet.

W
er in der Wissenschaft etwas lysieren, sammelt sie diese auch selbst. Zwischen den beiden Wissenschaftskul-
Neues entdeckt, der kann ihm „Die direkte Arbeit an Zebrafischen und turen sieht sie deutliche Unterschiede:
einen Namen geben. Diese Tra- Mikroskopen war ausschlaggebend, um „Persönlich würde ich sagen, dass Öster-
dition durfte auch die PhD-Studentin Eli- die ‚kugeln‘ zu entdecken“, erzählt die reich eine sehr laborbasierte Ausbildung
sabeth Kugler in der Forschungsgruppe Biologin. „Das bestätigt einmal mehr, bietet, während das englische Studium
von Tim Chico an der Universität Shef- dass interdisziplinäre Arbeit neue Ent- sehr auf Rhetorik und Kommunikation
field fortsetzen. Die Bio­wissenschaftler deckungen und Entwicklungen hervor- fokussiert.“ cf
haben vor Kurzem im Gehirn von Ze- bringen kann.“ Dieser interdisziplinäre
brafischen kugelförmige Ausformungen Ansatz hat Elisabeth Kugler auch an die
der Zellmembran von Blutgefäßen ent- Universität Sheffield gebracht. Nach dem
deckt. Diese bisher unbekannten Struk- Studium an der Universität Inns­bruck
turen nannten die Forscher „kugeln“. hatte sie sich einen Forschungsaufenthalt
Sie könnten neue Erkenntnisse über die am Europäischen Molekularbiologischen
Ursachen von Schlaganfällen und Er- Labor in Heidelberg organisiert und im
krankungen des Blutgefäßsystems lie- Anschluss ihr Masterstudium am Institut
fern, denn wie die Forscher in Sheffield für Molekularbiologie der Uni Inns­bruck
herausfanden, haben die zellulären Si- erfolgreich abgeschlossen.
gnalwege, die im Zusammenhang mit Während ihrer Ausbildung in Inns­ ELISABETH KUGLER wurde in Wels
genetischen Formen von Schlaganfällen bruck hat Kugler als Fachtutorin ver- geboren und hat an der Universität Inns­
eine Rolle spielen, auch einen Einfluss schiedener Kurse an den Instituten für bruck Biologie studiert. Ihren Master in
auf die „kugeln“. Zoologie und Mikrobiologie gearbeitet. Zell- und Entwicklungsbiologie absol-
Eigentlich arbeitet Elisabeth Kugler „Dies hat mir geholfen, das Studium aus vierte sie an der Uni Inns­bruck und dem
in ihrem PhD-Projekt an einer Bildana- der lehrenden Perspektive zu betrach- Europäischen Molekularbiologischen
lyse-Software zur Quantifizierung des ten“, erzählt die Biologin, die ihrer Aus- Labor (EMBL) in Heidelberg. Seit 2017 ist
Herz-Kreislauf-Systems im Zebrafisch. bildung in Inns­b ruck ein sehr gutes Elisabeth Kugler PhD-Studentin an der
Aber anstatt einfach nur Daten zu ana- Zeugnis ausstellt: „Sie hat mir ein sehr Universität Sheffield in Großbritannien.

Fotos: University of Sheffield zukunft forschung 02/19 49


ESSAY

ZUKUNFT: ZWISCHEN CHANCE


UND BEDROHUNG
Philosophin Claudia Paganini zu hoffnungsvollen Utopien
und negativen Zukunftserwartungen.

D
ie Zukunft hat immer schon die gleich wird die Wahrnehmung davon beein-
„Die Faszination der menschliche Vorstellungskraft inspi- flusst, welche Diskurse in einer Gesellschaft
Zukunft war und ist riert. Als Spielraum des Möglichen ist vorherrschen. Auch diese sind häufig ambiva-
so groß, dass in der sie Gegenstand strahlender Hoffnungen eben- lent. So etwa das Sprechen über Neue Medien
Populärkultur sogar so wie düsterer Befürchtungen. Literarische und Digitalisierung, wo einerseits euphorische,
ein eigener Terminus­ Zeugnisse dieser ambivalenten Haltung gibt den Fortschritts-Topos bedienende Szenarien
­geprägt wurde: es viele: Platons Atlantis um 400 v. Chr., Utopia dominieren – wenn etwa eine Universität wie
von Thomas Morus im 16. Jh. oder 1984 von die Uni Inns­bruck sehr viel Geld in die Hand
­Science-Fiction.“
George Orwell im 20. Jh. Die Faszination der nimmt, um ein Digital Science Center zu grün-
Zukunft war und ist so groß, dass in der Popu- den –, andererseits aber düstere Bilder – wenn
lärkultur sogar ein eigener Terminus geprägt sich Bücher mit dem Titel Digitale Demenz zu
wurde: Science-Fiction. Gesichertes Wissen Bestsellern entwickeln und einer ganzen Ge-
und die Erfahrungen mit dem bisherigen Gang neration von Eltern tiefe Sorgenfalten auf die
der Geschichte werden extrapoliert, um Bilder Stirn treiben, sobald sie ihre Kinder beim Com-
dessen zu entwerfen, was noch nicht existiert. puterspielen ertappen. Diese von Psychologen
Einmal mehr finden sich hier fantastisch schil- wie George Milzner als „digitale Hysterie“ be-
lernde Phantasien Seite an Seite mit schaurigen zeichnete negative Zukunftserwartung ist das
Szenarien des Weltendes. Ergebnis eines Bedrohungs-Topos, den man
regelmäßig finden kann, wenn es zu sogenann-
Und das ist kein Zufall. Denn auch der Ab- ten Medienumbrüche kommt.
grund ist ein Thema, das die Einbildungskraft
des Menschen seit jeher beflügelt hat. „Ich bin Dann nämlich passen die alten Gewohnheiten
verschont geblieben, aber ich beschreibe den nicht mehr zu den je neuen Medien, müssen
Untergang“, hat der Schweizer Dramatiker reflektiert und verändert werden. Dies wird üb-
Friedrich Dürrenmatt einmal gesagt. Wie er licherweise am schmerzlichsten bewusst, wenn
CLAUDIA PAGANINI studier- haben viele Künstler – Literaten, Maler, Kom- die neue Technologie massenhafte Verbreitung
te Philosophie und Theologie ponisten – das Scheitern in dunklen Farben findet. So im alten Rom, wo der Siegeszug der
an den Universitäten Inns­ und bedrückenden Tönen ausgemalt. Der Sonnenuhr von lauten Unkenrufen begleitet
bruck und Wien. Nach einer tragische Held, das bloß vorgestellte Scheitern wurde. Denn für die Zeitgenossen war klar:
Promotion in Kulturphilosophie vermögen in gewisser Weise zu beruhigen, Mit der Sonnenuhr hatte man einen Abgott ge-
2005 widmete sie sich in ihrer weil ich selbst davon nicht betroffen bin. Mit- schaffen, der wahre Glaube war in Gefahr, der
Habilitationsschrift der Medien­ unter aber sind wir nicht nur im Roman, auf Mensch der Tyrannei der Technik von nun an
ethik. Weitere Forschungs- der Bühne oder im Film mit dem Untergang hilflos ausgeliefert. Wenig besser ging es lange
schwerpunkte sind Medizin-, konfrontiert. Manchmal steht man sehr kon- danach dem Kabeltelefon, dem man aufgrund
Tier- und Umweltethik. Derzeit kret vor einem Abgrund, wenn man am Berg der zu erwartenden Reizüberflutung und des
lehrt und forscht Paganini als den Weg verfehlt hat oder wenn man sich mit durch das Klingeln ausgelösten gesundheits-
Vertretungsprofessorin an den Zahlen und Statistiken zum Klimawandel schädlichen Schocks höchste Gefährlichkeit
der Universität Erfurt, in den bzw. dem Arm-Reich-Gefälle in der globalen attestierte. Beispiele wie diese gibt es viele. Sie
vergangenen Jahren war sie als Gesellschaft auseinandersetzt. Zukunft, hoff- sollen aber nicht dazu ermuntern, aus der pri-
Gastdozentin an den Univer- nungsvolle Utopie, antizipierter Untergang vilegierten Position der später Geborenen über
sitäten von Mailand, Athen oder reale Bedrohung? die Dummheit anderer zu spotten, sondern
und Zagreb tätig. Als erfahrene vielmehr aufzeigen, wie subjektiv und fehler-
Science-Slammerin ist es ihr Welche Interpretation man wählt, hängt zu anfällig Zukunftsprognosen sein können. Vor
ein besonderes Anliegen, die einem guten Teil vom eigenen Charakter ab, diesem Hintergrund scheint es nicht zu scha-
Inhalte der moralphilosophi- davon, wie ich mit Unsicherheit umgehen den, die eigenen Zukunftserwartungen immer
schen Forschung für ein breites kann, ob es mir wichtig ist, Gewohntes bei- wieder kritisch zu hinterfragen und vor allem
Publikum verständlich und zubehalten oder ob ich dazu tendiere, mich der Versuchung zu widerstehen, dogmatische
spannend aufzubereiten. begeistert in neue Abenteuer zu stürzen. Zu- Positionen einzunehmen.

50 zukunft forschung 02/19 Foto: Andreas Friedle


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52 zukunft forschung 02/19 Foto: Andreas Friedle