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WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL

ERIK EGGERS / DER SPIEGEL

WERNER SCHUERING / DER SPIEGEL ERIK EGGERS / DER SPIEGEL Das deutsche Nachrichten-Magazin Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Hausmitteilung

Betr.: Titel, Handball, SPIEGEL BIOGRAFIE

Hausmitteilung Betr.: Titel, Handball, SPIEGEL BIOGRAFIE Schindler W ürzburg, Reutlingen, Ansbach … Ist Ihnen

Schindler

W ürzburg, Reutlingen, Ansbach … Ist Ihnen Deutsch- land nun bunt genug?“, schrieb die AfD-Chefin Frau-

ke Petry nach den Terrortaten der vergangenen Tage. Der bayerische CSU-Innenminister Joachim Herrmann forder- te, die „Abschiebung in Krisengebiete“ dürfe künftig „kein Tabu sein“. Wenn Angst eine Gesellschaft umtreibt, gibt es immer auch diejenigen, die sie für ihre Sache nutzen

wollen. Dieser Befund ist SPIEGEL-Redakteur Jörg Schind- ler schon länger vertraut; für sein Buch „Panikmache“, das demnächst erscheint, hat er sich mit solchen Fragen be-

schäftigt. In der Titelgeschichte dieses Heftes beschreibt er zusammen mit Kollegen die Folgen der Angst in Deutschland; oft wird sie befeu- ert von den sozialen Netzwerken, die live am Terror teilhaben lassen – und auch an dem, was gar kein Terror, sondern Fehlalarm ist. Besonders viel davon gab es am vorvergangenen Freitag nach einem Attentat im Münchner Olympia-Einkaufszen- trum, das die ganze Stadt in Aufruhr versetzt hat. Soll man deswegen nun Einkaufs- zentren meiden? Oder aus Angst vor einem Anschlag nicht mehr mit dem Regional- zug, sondern mit dem Auto fahren? Schindler: „Wer das tut, erhöht sein Risiko, statt es zu senken: Ein Autounfall ist um ein Vielfaches wahrscheinlicher.“ Seite 12

D ass in Island Menschen zu finden sind, die mit dem Ball umgehen

können (Huh!), hat sich herumgespro- chen. Und auch, dass es dort nicht nur gute Fuß-, sondern auch gute Handbal- ler gibt. Einer von ihnen trainiert die deutsche Nationalmannschaft und hat dafür gesorgt, dass diese nicht nur den EM-Titel geholt hat, sondern auch als Olympiafavorit gilt. Dagur Sigurdsson

wirkte sehr entspannt, als SPIEGEL-Mit- arbeiter Erik Eggers und Redakteur Detlef Hacke ihn und seine Frau in seiner isländischen Heimat besuchten – in einer Hütte ohne Stromanschluss, fünf Stun- den nördlich von Reykjavík. Sigurdsson, der sonst in Berlin lebt, mag dieses schlichte Leben. Er war dort, um Fensterrahmen zu streichen, Dielen zu schleifen und Ruhe zu suchen vor Olympia, als er den Besuch aus Deutschland bekam. Den Reiz des Kargen und des Dielenschleifens kann Hacke durchaus nachvoll- ziehen. Nicht aber, was Sigurdsson und seine Frau Ingibjörg außerdem noch tun: ins eiskalte Atlantikwasser springen. Hackes Ansicht: „Das ist ein Meer für Lachse.“ Für ihn selbst sei das eher nichts. Seite 96

Für ihn selbst sei das eher nichts. S e i t e 9 6 Sigurdsson, Hacke,

Sigurdsson, Hacke, Eggers in Island

S e i t e 9 6 Sigurdsson, Hacke, Eggers in Island A m 13. August

A m 13. August wird er 90 Jahre alt: Fidel Castro, Thema der neuen Ausgabe von SPIEGEL BIO-

GRAFIE. Er war der Schöpfer der tropischen Varian- te des Sozialismus, galt einstmals als Hoffnungsträ- ger und hat auch einiges für Kuba erreicht – ein funk- tionierendes Gesundheitssystem, Alphabetisierung für das Volk. Auf der Strecke blieben die bürgerli- chen Freiheiten, aber vielleicht kommen die ja bald. Was sicherlich kommen wird, ist mehr Kapitalismus.

SPIEGEL-Redakteure widmen sich Castros Leben, der Frage, wie er sein Land verändert hat – und wie sich sein Land wohl verändern wird in der Zeit nach ihm. Das Heft erscheint am kommenden Dienstag.

DER SPIEGEL 31 / 2016 5

ERFINDER- WETTBEWERB Macht euch Gedanken über die Welt von morgen!
ERFINDER-
WETTBEWERB
Macht euch
Gedanken
über die Welt
von morgen!

Wie sieht die Welt von morgen aus? Wie könnte sie aussehen? Jetzt ist eure Fantasie gefragt: Welche Erfindung wäre nötig, um das Leben für die Menschen in Zu- kunft besser und sicherer zu machen?

Der Wettbewerb wird in zwei Altersgruppen veranstaltet. Teilnehmen können alle Kinder, die in der 3. bis 5. Klasse sind (8 – 11 Jahre) oder Kinder der Klassen 6 bis 8 (12 – 14 Jahre). Ihr könnt als Schulklasse, Arbeitsgruppe oder als Team eines Vereins mitmachen.

Und darum geht es:

Welche Erfindung braucht die Welt noch? Das könnte beispielsweise eine Wassersparmaschine, ein Konzept zur Müllvermeidung oder auch etwas ganz anderes sein! Prämiert werden die besten Ideen und Konzepte. Eure Ideen können in einem Film, Fotobuch, in Textform oder als Präsentation vorgestellt werden. Ihr müsst eure Erfindungen also nicht bauen.

Und das sind die Preise:

Der erste Platz in jeder Altersgruppe gewinnt 1 500 Euro. Die Gewinner des zweiten Preises können sich bei „WIRmachenDRUCK“ einen selbst gestalteten Kalender im Wert von 300 Euro herstellen lassen. Der Preis für die beiden Dritt- platzierten: je drei „Dein SPIEGEL“ Jahres-Abos.

Wie kann man sich bewerben? Alle Informationen zum Wettbewerb und den Teilnahmebedingungen findet ihr unter:

www.wasunsmorgenerwartet.de Einsendeschluss ist der 1. September 2016.

findet ihr unter: www.wasunsmorgenerwartet.de Einsendeschluss ist der 1. September 2016. In Kooperation mit
In Kooperation mit
In Kooperation mit
findet ihr unter: www.wasunsmorgenerwartet.de Einsendeschluss ist der 1. September 2016. In Kooperation mit

ANDREAS GEBERT / DPA

WILMA LESKOWITSCH / DER SPIEGEL

LUIZ MAXIMIANO / DER SPIEGEL

MAURICE WEISS / DER SPIEGEL

Rezepte gegen die Gewalt Titel Während das Profil der Täter von Ansbach, München und Würzburg
Rezepte gegen die Gewalt
Titel Während das Profil der Täter von Ansbach,
München und Würzburg deutlicher wird, sucht
Deutschland eine Antwort auf die Gewalt. Gibt es
Wege, potenzielle Amokläufer und Attentäter
rechtzeitig zu stoppen – und Waffengeschäfte im
Darknet zu verhindern? Seiten 12 bis 25
Polizisten in Münchner U-Bahn-Station am 22. Juli
bis 25 Polizisten in Münchner U-Bahn-Station am 22. Juli Der Höllenjob Bundeswehr Flugzeuge, die nicht fliegen,

Der Höllenjob

Bundeswehr Flugzeuge, die nicht fliegen, Hubschrauber, die nicht abheben, Gewehre, die nicht gerade schießen – die Wehr- beschaffung ist ein Debakel. Seit zwei Jah- ren versucht die Ex-McKinsey-Beraterin Katrin Suder, das Rüstungschaos in den Griff zu bekommen. Seite 40

das Rüstungschaos in den Griff zu bekommen. Seite 40 Keine Lust auf Olympia Brasilien Als Rio

Keine Lust auf Olympia

Brasilien Als Rio de Janeiro den Zuschlag für die Olympischen Spiele erhielt, galt dies als Krönung einer Erfolgsgeschichte. Doch eine Woche vor der Eröffnung steckt das Land in einer tiefen Krise. Ein Besuch bei der suspendierten Präsidentin Dilma Rousseff. Seite 80

Präsidentin Dilma Rousseff. S e i t e 8 0 Heilung für Schwerkranke Medizin Ein niederländischer

Heilung für Schwerkranke

Medizin Ein niederländischer Pharma- unternehmer vermittelt über das Internet noch nicht zugelassene Medikamente. Für viele Patienten wie Miguel (Foto) sind die neuen Wirkstoffe die letzte Hoffnung. Hier- zulande ist es jedoch nur schwer möglich, an solche Mittel heranzukommen. Seite 106

SIPA PRESS / ACTION PRESSULLSTEIN

ALEXANDER SCHEUBER / BONGARTS / GETTY IMAGES

BILD

Titel

Sicherheit Deutschland sucht nach Antworten auf die Gewaltserie der vergangenen Tage Verbrechen Der Amokschütze von München war in psychiatrischer Behandlung und handelte mit grausamer Berechnung Ein Bekannter des Münchner Täters, ein Gymnasiast aus Baden-Württemberg, plante womöglich ebenfalls einen Amoklauf Islamisten Wie eng waren die IS-Verbindungen der Attentäter von Ansbach und Würzburg? Kriminalität Wie der Amokläufer seine Pistole im Darknet beschaffen konnte

Deutschland

Sportindustrie Adidas und Puma

machen sich von Musikstars wie Kanye West und Rihanna abhängig Haushalte Die Bundesländer legen Hunderte Millionen Euro für Beamtenpensionen in fragwürdige Unternehmen an Nachhaltigkeit Eine Kampagne will beweisen, dass Bioprodukte billiger sind als konventionell hergestellte Lebensmittel

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Ausland

Die Katalanen nutzen das Machtvakuum in Madrid / Schöner wohnen in Fukushima 78

Brasilien Kurz vor den Olympischen Spielen befindet sich das Land in der Krise Türkei Erdoğans Jagd auf die Gülen- Bewegung USA Russland greift zugunsten Donald Trumps in den Wahlkampf ein Südafrika Die vielen Skandale des Präsidenten Jacob Zuma gefährden den ANC

Sport

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Leitartikel Gelassen gegen Angst und Misstrauen

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Meinung Kolumne: Der gesunde Menschenverstand / So gesehen: Michelle Obama muss Präsidentin werden

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Cyberattacke auf Gabriel, Altmaier, Maas und Seibert? / Mütterrente begünstigt Westfrauen /

Umstrittene Zahlungen an DAK-Mitglieder Emanzipation Alice Schwarzer im SPIEGEL- Gespräch über den Aufstieg der Frauen und ihre eigene Kinderlosigkeit Parteien Die Linke Sahra Wagenknecht bringt die eigenen Leute gegen sich auf Medien Regierungssprecher – ein Job mit fragwürdigem Rückfahrticket Bundeswehr Staatssekretärin Suder will den Filz bei der Rüstungsbeschaffung beenden Umwelt Eine Wohnungsbaugesellschaft testete Passivhäuser – mit ernüchterndem Ergebnis SPD NRW-Ministerpräsidentin Kraft wünscht sich mehr Engagement vom Bund bei der Abschiebung von Flüchtlingen Antisemitismus Viele Übergriffe gegen Juden finden sich nicht in der polizeilichen Kriminalstatistik Hochschulen Rektoren klagen über Finanznot, obwohl die Unis genug Geld bekommen Hauptstadt Die fragwürdige Rolle der Polizei im Konflikt um das Autonomenhaus Rigaer Straße 94 Glücksspiel Anbieter von Lotterien mit Postleit- zahlen drängen auf den deutschen Markt

Gesellschaft

Früher war alles schlechter: Dicke Luft im eigenen Zuhause /Unsterbliche Videokassette 52

28

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Eine Meldung und ihre Geschichte Ein Mann

kauft einem Jungen sechs Donuts – und legt damit den Grundstein für ein neues Leben Karrieren Ein Forscher findet ein verheißungs- volles Mittel gegen Viren, scheitert aber an den Spielregeln des Forschungsbetriebs Big Data Was passiert weltweit während einer Minute im Netz? Kolumne Leitkultur

Wirtschaft

Oettinger wollte Geldbuße für Portugal und Spanien / Karstadt kauft Online-Modediscounter 62

Geldpolitik Die EZB steuert Europa in eine neue Planwirtschaft Lufthansa Warum sich die Fluglinie aus Asien zurückzieht Brexit Der Banker David Marsh über die Chancen eines EU-Ausstiegs und Extrawürste für Großbritannien Lobbyismus Wie Bahn-Vorstand Ronald Pofalla ein Gesetz aushebelte, das die Macht des Konzerns beschränken sollte

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Der Mexikaner Ortiz über sein gescheitertes Projekt, im Kajak die Niagarafälle hinunter- zustürzen / Die Renaissance des DDR- Dopingmittels Oral-Turinabol in Russland

Handball Wie der isländische Trainer Sigurdsson

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das deutsche Nationalteam wiederbelebte

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Olympia Der Chefzyniker – IOC-Präsident

Thomas Bach

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Turnen Fabian Hambüchen über seinen geschundenen Körper vor seinen vierten

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Olympischen Spielen

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Wissenschaft

Hightech in der Steinzeit / Die Menschen

werden immer größer / Kommentar: Solarflug-

zeuge sind nicht die Zukunft der Fliegerei

Medizin Noch nicht zugelassene Medikamente

– die letzte Hoffnung für Schwerkranke Geschichte Provinzposse um den Geburtstag des mittelalterlichen Kaisers Heinrich III.

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Internet Wohnhäuser lassen sich mit der Abwärme von Rechenzentren heizen

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Forensik Hunde am Tatort können die Aufklärung von Verbrechen behindern

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Kultur

Britische Mathematiker rekonstruieren 500 Jahre alte Buchmalerei / Erscheinen eines islamkritischen Buches in Frankreich abgesagt / Kolumne: Zur Zeit Ideen SPIEGEL-Gespräch mit dem belgischen Historiker David Van Reybrouck über die Krise der Demokratie Kino Hollywoods feministisches Remake des „Ghostbusters“-Klassikers aus den Achtzigerjahren Essay Der Psychologe Martin Altmeyer über Terroristen und Amokläufer Literatur Die Liebesbriefe des Hamburger Kultschriftstellers Hubert Fichte

Showkritik Wie Republikaner und Demokraten

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in den USA ihre Kandidaten kürten

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Bestseller Impressum, Leserservice Nachrufe Personalien Briefe Hohlspiegel/Rückspiegel

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Wegweiser für Informanten: www.spiegel.de/investigativ

In diesem Heft

Informanten: www.spiegel.de/investigativ In diesem Heft Melissa McCarthy Sie ist einer der höchstbezahl- ten

Melissa McCarthy

Sie ist einer der höchstbezahl- ten Hollywoodstars und spielt in der Neuauflage des Filmhits „Ghostbusters“, der fast nur mit Frauen besetzt ist – und sich über Männer lus- tig macht. Die Folge: ein Shitstorm im Internet. Seite 120

Folge: ein Shit storm im Internet. S e i t e 1 2 0 Fabian Hambüchen

Fabian Hambüchen

Er fährt mit angerissener Sehne in der Schulter nach Rio de Janeiro, zu seinen vierten Olympischen Spielen. 13 Jahre Hochleistungs- sport haben dem Körper des Turners zugesetzt: „Eine brutal lange Zeit.“ Seite 100

„Eine brutal lange Zeit.“ S e i t e 1 0 0 Alice Schwarzer Sie ist

Alice Schwarzer

Sie ist umstritten, aber immer noch wichtig im Feminismus. Glaubt sie, dass die Welt besser wird, wenn Frauen regieren? Nein, sagt sie im SPIEGEL- Gespräch. „Ich hatte noch nie die Illusion, dass Frauen die Welt gerechter oder mora- lischer machen.“ Seite 32

JOHN MACDOUGALL / AFP

JOHN MACDOUGALL / AFP Das deutsche Nachrichten-Magazin Leitartikel Im Deutschen Sommer Der Kampf gegen den Terror

Das deutsche Nachrichten-Magazin

Leitartikel

Im Deutschen Sommer

Der Kampf gegen den Terror ist kein Krieg, aber eine große Herausforderung für den Staat.

E s war eine Meldung, die zu schnell wieder unterging im Albtraum der letzten Tage: Am Mittwoch jagte ein Selbstmordattentäter des „Islamischen Staates“

(IS) einen Lastwagen voller Sprengstoff in Kamischli in die Luft, der De-facto-Hauptstadt des kurdischen Teils von Syrien. Dutzende Menschen starben, weit mehr als hundert wurden verletzt. Wahrscheinlich waren fast alle Muslime. Niemand kämpft so entschlossen gegen den IS wie Muslime, niemand bringt so viele Opfer.

Deshalb hilft der Anschlag von Kamischli, Perspektiven geradezurücken. Denn wer die furchtbaren Nachrichten

aus Deutschland und Frankreich liest, kann denken, isla- mistische Kämpfer hätten eine Großoffensive gegen den Westen gestartet. Und manch einer glaubt, Muslime ge- nerell wären eine Gefahr.

Die Rechtspopulisten in Europa schüren diesen Ver- dacht: „Jeder einzelne Migrant stellt ein Terrorrisiko dar“, sagte Ungarns Premier Viktor Orbán. Der niederländische Islamhas- ser Geert Wilders bedankte sich zynisch bei Angela Merkel „fürs Reinlassen dieser Terroristen“. Zumindest unklug war auch, dass der französische Präsident François Hollande sein Wort vom „Krieg“ wiederholte, in dem sich sein Land nun befin- de. Denn solche Sätze wollen die Islamisten hören, sie wollen einen Krieg auf Augenhöhe. Deshalb nennen sie ihre Grup- pe „Staat“ und ihre Terroristen „Soldaten“. Sie sehen sich als Elite in ei-

nem apokalyptischen Endzeit- kampf der Muslime gegen die Kreuzritter – der Mythos lockte manche Kämpfer unter die schwarze Flagge. Aber dies ist kein Krieg. Die Menschen in Ansbach oder Würz- burg, in Nizza oder bei Rouen sind auch keine Kreuzritter. Und IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi ist nicht Saladin, Feld- herr der muslimischen Heere, sondern ein Terrorist, der erkannt hat, wie effizient Anschläge gerade freie Gesell- schaften destabilisieren können. Attentate schüren Angst und Misstrauen. Sie spalten, sie schwächen die Mitte, stärken die Ränder. In Zeiten von Wahlen können rechte Parteien den Wettlauf um die radikalsten Antworten gewinnen. Eine in Ansätzen ähnliche Situation gab es schon ein- mal in der Geschichte, 1977 im sogenannten Deutschen Herbst. Die Rote Armee Fraktion mordete, die Republik geriet an den Rand des Ausnahmezustands, die Mehr-

heit der Deutschen forderte die Einführung der Todes- strafe.

Die sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt re- agierte hart. Sie verschärfte Gesetze, beschränkte die Rechte von Anwälten und Verdächtigen, führte die Ras- terfahndung ein. Die Republik wurde eine andere. So weit wird die Regierung Angela Merkels in diesem Deutschen Sommer nicht gehen, muss sie auch nicht. Ge- lassenheit hilft – unter der Überschrift „Reine Vernunft“ lobte der britische „Economist“ die Gelassenheit der Deut- schen. Die „dunkle Geschichte hat das Land gelehrt, nicht überzureagieren“. Auf jeden Fall gilt das für die Kanzlerin. Am Donnerstag verkündete Merkel in Berlin einen Neun-Punkte-Plan ge- gen den Terror, maßvoll und kompiliert aus bereits be- kannten oder beschlossenen Elementen. Die Sicherheits- behörden sollen mehr Leute

bekommen und sich besser mit ausländischen Geheimdiensten abstimmen. Eine neue Behörde soll die Internetkommunika- tion überwachen, ein Register soll erfassen, wer ein- oder aus- reist. Das europäische Waffen- recht soll verschärft werden. Doch folgen die Anschläge des IS nicht einem wiederkeh- renden Muster. Die Attentate von Paris, im Januar und No- vember 2015, wie auch der An- griff auf den Flughafen von Brüssel im März dieses Jahres waren organisiert. Es gab Ter- rorzellen, Absprachen, interna- tionale Verbindungen. Spuren also. Gut für Ermittler, gut für den Neun-Punkte-Plan. Deutschland sollte mehr

Staat wagen, denn der muss die Bürger schützen, so gut das geht, sonst gibt er sich auf. Nur: Gegen die sogenannten einsamen Wölfe, Ein- zeltäter also, hilft Fahndung selten. Jene, die man bislang kennt, sind der dunklen Faszination der IS-Ideologie er- legen, der Propaganda, dem Todeskult, dem Irrationalen. Man muss versuchen, sie früh zu erreichen, bevor es so weit ist. Vor allem Helfer, die sich um minderjährige Flüchtlinge in Deutschland kümmern, klagen: Es brauchte dafür mehr Betreuer, Sozialarbeiter, Psychotherapeuten, mehr Ver- lässlichkeit. Junge Männer aus Kriegsgebieten würden he- rumgeschubst, von einem Heim ins nächste, mit Unsicher- heit im Bauch, ohne eine Perspektive vor Augen. Und selbst wenn sich deren Lage verbessern würde, muss allen klar sein: Es wird Angela Merkel kaum anders ergehen als einst Helmut Schmidt. Seine Regierung verschärfte Gesetze, die Terroristen bombten trotzdem

weiter.

als einst Helmut Schmidt. Seine Regierung verschärfte Gesetze, die Terroristen bombten trotzdem weiter. Clemens Höges

Clemens Höges

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1und1.de

Meinung

Markus Feldenkirchen Der gesunde Menschenverstand

Unter Gartenzwergen

Die AfD kämpft nach eigenem Bekunden für den Erhalt der „Kulturnation“ Deutschland. Zur Kultur eines Landes zählt aber nicht nur der Verweis auf die alten „Dichter und Den- ker“. Es zählt auch der Umgang mitein- ander. Der politische Diskurs. Der Grad der Zivilisation. Zu den kulturlosen Zügen des Menschen gehört es, Tod und Tragödien zu missbrau- chen, um zu zeigen, dass man recht hatte. Spätestens seit den jüngsten Attentaten wis- sen wir, dass diese Eigenschaft unter Poli- tikern der AfD besonders ausgeprägt ist – und bei Horst Seehofer natürlich, der, wenn er nicht schon CSU-Chef wäre, auch einen prima AfD-Chef abgäbe. Seehofer stellte nach den Terrorakten jedenfalls um- gehend fest: „Wir haben in all unseren Pro- phezeiungen recht bekommen.“ Noch peinlicher als der Missbrauch von Tod und Tragödien für die eigene Recht- haberei ist nur, wenn man dabei nicht mal recht hat. „Der Terror ist zurück. Wann macht Frau Merkel endlich die Grenzen dicht?“, twitterte die sächsische AfD, kurz nachdem in München neun Menschen er- schossen wurden. Und Parteichefin Petry wusste sofort, welche Konsequenz jetzt zu ziehen sei: „#afdwählen“, lautete ihr Hashtag zu einem Foto vom Tatort. Es wirkte, als wäre endlich geschehen, worauf man in der AfD sehnlichst gewartet hatte. Inzwischen wissen wir aber, dass der At- tentäter von München kein Islamist, son-

dass der At- tentäter von München kein Islamist, son- dern offenbar ein rechtsextremer Anhän- ger der

dern offenbar ein rechtsextremer Anhän- ger der AfD war – was kein allzu gutes Ar- gument ist, AfD zu wählen. Der AfD-Chef von Sachsen-Anhalt, André Poggenburg, erklärte dennoch gleich, wer verantwort- lich war: „Deutsche verblendete Gutmen- schen – Ihr habt Mitschuld“, twitterte er. „Unser Abscheu den Merklern und Links- idioten die Mitverantwortung tragen.“ Ohne Klarheit in der Sprache, das wuss- te schon die Band Element of Crime, ist der Mensch nur ein Gartenzwerg. Dass es gar keine Merkler gibt und hinter Links- idioten, wenn schon keine Entschuldigung, dann mindestens ein Komma gehört, ist im Vergleich zum Inhalt des Tweets verzeih- lich, zeigt aber, dass die einzige Konstante in den Posts von AfD-Funktionären und ihren Anhängern neben einer ausgepräg- ten Fremdenfeindlichkeit ein ausgeprägtes Desinteresse an deutscher Grammatik ist. Die Alternative für Deutschland, die laut Programm gegen „eine Verunstaltung der deutschen Sprache“ kämpft, scheint auch eine alternative Zeichensetzung für Deutschland anzustreben. Ich bin mir nicht sicher, ob die Kultur- nation Deutschland bei der AfD in guten Händen ist. Unsere großen Dichter und Denker hätten ohnehin ihr Problem mit Petry und Poggenburg. Der große Denker Arthur Schopenhauer jedenfalls wusste:

„Die billigste Art des Stolzes ist der Natio- nalstolz. Denn er verrät in dem damit Be- hafteten den Mangel an individuellen Ei- genschaften, auf die er stolz sein könnte.“

An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.

Kittihawk

Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Kittihawk Michelle for President! So gesehen Die beste Wahl fürs
Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel. Kittihawk Michelle for President! So gesehen Die beste Wahl fürs

Michelle for President!

So gesehen Die beste Wahl fürs Weiße Haus tritt leider nicht an.

Es ist ein Wahlkampf des Missvergnügens. Auf der ei- nen Seite der Selbstdarsteller Donald Trump, dessen Sieg die Welt einen großen Schritt voranbringen würde in Rich- tung Abgrund. Auf der an- deren Seite die ehemalige First Lady, Senatorin und Au- ßenministerin Hillary Clinton, eine abgeklärte Routinistin, für die vor allem spricht, nicht Trump zu sein, keine Irre, und – höchst historisch! – die erste Frau an der Spitze der USA. Klingt nicht begeistert? Tja. Ist halt vernünftig. Auf dem Parteitag der De- mokraten machte die aktuelle First Lady Michelle Obama in einer bemerkenswerten Rede klar, worum es geht bei dieser Wahl. Nicht darum, welche Seite gewinnt. Sondern darum, wem man die Zukunft unserer Kinder anvertrauen möchte? Gute Frage. Jetzt mal ganz praktisch:

Wenn wir morgen ausgehen wollten und jemanden brauch- ten, der auf den Nachwuchs aufpasst, wen würden wir an- rufen? Trump? Wir sind doch nicht verrückt. Clinton? Kann die überhaupt mit Kindern? Könnten die schlafen, wenn bei ihr ständig das Handy klingelt, weil sie dringend und in scharfem Ton mit ihren Anwälten zu konferieren hat? Hm. Wenn doch nur Michelle Obama Zeit hätte! Dann müssten wir uns keine Sorgen machen, höchstens die eine, dass die Kleinen gar nicht mehr wegwollten von dieser fabelhaften, herzensklugen und grundsympathischen Frau. Leider strebt sie kein Amt an. Wir werden die nächsten Jahre wohl selbst gut aufpassen müssen auf unsere Kinder. Stefan Kuzmany

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Titel

Angst vor der Angst

Sicherheit War das erst der Anfang? Nach den Anschlägen von München, Würzburg und Ansbach stellen viele die Frage, wie sich die Gewalt stoppen lässt. Es gibt Antworten darauf. Aber werden sie in aufgewühlten Zeiten gehört?

N ach einem Platz im „Himmel der Bayern“ sehnt sich fast jeder Münchner. Wer seinen Namen auf

einer Bierbank im prächtigsten Zelt des Oktoberfests lesen darf, ist in der Regel ein glücklicher Mensch. Seit Kurzem muss Wiesn-Wirt Toni Roiderer jedoch ungewöhnliche Wünsche erfüllen: Sieben Wochen vor Beginn des größten Volksfestes der Welt haben bereits mehrere Kunden ihre Reservierung stor-

niert. Stell dir vor, es ist Wiesn, und keiner geht hin. „Die Welt hat sich verändert“, sagt der Münchner Ladenbesitzer Stephan Bau- manns. „Wir bleiben zu Hause.“ Das fröh- liche Gedränge unterm Zeltdach, das er vie- le Jahre lang genoss, erscheint ihm plötzlich nicht mehr sicher. Zu nah ist Baumanns dieser Tage schon dem Schrecken gekom- men. Seine beiden Kinder besuchen regel- mäßig das Olympia-Einkaufszentrum. Der

18-Jährige, der dort am 22. Juli neun Men- schen erschoss, wohnte in seiner Nachbar- schaft. „Ich habe Angst vor Nachahmungs- tätern“, gibt der Familienvater offen zu. Baumanns ist nicht der einzige Bayer, dem beim Gedanken ans Oktoberfest mulmig wird. Drei Gewalttaten in sieben Tagen haben das Selbstverständnis des Freistaats als Hort der Lebensfreude er- schüttert. Wie wohlig wird einem in einem vollen Bierzelt, wenn einer der Gäste eine

AFP

AFP Evakuierung des Olympia-Einkaufszentrums in München am 22. Juli*: Mehr als 4300 Notrufe Axt, eine Pistole

Evakuierung des Olympia-Einkaufszentrums in München am 22. Juli*: Mehr als 4300 Notrufe

Axt, eine Pistole oder eine Bombe dabei- haben könnte? München ist geschockt. Und mitten in die „Woche der Trauer“ hinein versuchen Lokalpolitiker, die Menschen zu beruhi- gen – mit eher zweifelhaftem Erfolg. Ein Rucksackverbot und ein Zaun um die Theresienwiese könnten das Oktoberfest sicherer machen, verkündete Josef Schmid, der Wiesn-Chef. Das sei „nicht der Königsweg“, befand Oberbürgermeis-

ter Dieter Reiter – dann werde sich ein At- tentäter womöglich in der Masse der war- tenden Menschen vor dem Eingang in die Luft sprengen. Manche Bürger verstanden die Bot- schaft so: besser nicht hingehen. Im Som- mer 2016 bleiben viele Menschen lieber mit sich und ihrer Angst allein.

* Die Besucher zeigen mit erhobenen Händen an, dass sie keine Waffen tragen.

Kann man es ihnen verdenken? Schon 2015 war ein Jahr des Schreckens. Dass dieses Jahr nicht friedlicher werden würde, zeigte sich bereits in der Silvesternacht, als in München ein – offenbar falscher – Terroralarm ausgelöst wurde. Und dann dieser Juli. Ein Monat so voller Heim- suchungen und Horrorszenarien wie die Bilder von Hieronymus Bosch. Am 14. Juli, an Frankreichs Natio- nalfeiertag, tötet ein 31-Jähriger in

Titel

Nizza mit einem Lastwagen 84 Men- schen. Am 18. Juli stürzt sich ein 17-Jähriger in einem Regionalzug nahe Würzburg mit Axt und Messer auf Passagiere. Am 22. Juli folgt der Amoklauf von München. Am 24. Juli sprengt sich ein 27-Jähriger in Ansbach in die Luft. Am selben Tag tötet ein 21-jähriger Syrer in Reutlingen eine Frau mit einem Dönermesser. Am 25. Juli erschießen mehrere Täter vor einem Nachtklub in Fort Myers, Flori- da, zwei Menschen – ganz so, als hätten sie den wenige Wochen zurückliegenden Anschlag mit 49 Toten in Orlando nachah- men wollen. Am 26. Juli stürmen zwei Männer, beide 19 Jahre alt, eine Kirche in Saint-Étienne- du-Rouvray und schneiden einem Pfarrer die Kehle durch. Ebenfalls am 26. Juli dringt ein 26-Jäh- riger nahe Tokio in ein Heim für geistig Behinderte ein und ersticht 19 Bewohner. Fast immer sind die Menschen in der vernetzten Welt hautnah dabei. Der Schrecken wird live auf ihr Smartphone gesendet. Frankreich, Japan, die USA und Deutschland verschwimmen in diesen Ta- gen zu einer großen Pixelwelt des Terrors. Dass es in jedem Einzelfall Terroristen waren, da sind sich viele in den sogenann- ten sozialen Netzwerken erstaunlich schnell erstaunlich einig. Noch während Forensiker Blutspuren analysieren, noch während Ermittler Puzzleteile zusammen- fügen, teilen Menschen auf Facebook und Twitter diese unumstößliche Wahrheit mit- einander. Jede Affekttat, jeder Amoklauf, jedes im Wahn angerichtete Blutbad, jeder minutiös geplante Anschlag von Fanati- kern ist für viele längst nur noch dieses

eine: Terror. Oder noch konkreter: islamis- tischer Terror. So kriecht die Angst in die Köpfe. Und das erst recht, seit sich abzeichnet, dass die Gewalttäter von Würzburg und Ansbach als „Soldaten“ der Terrormiliz „Is- lamischer Staat“ (IS) zugeschlagen haben. Die womöglich erste IS-Attacke und der erste islamistische Selbstmordanschlag auf deutschem Boden – in den Worten von Bundeskanzlerin Angela Merkel sind sie ein „zivilisatorischer Tabubruch“. Die „abstrak- te Gefahr“, vor der die Sicherheitsbehörden seit Jahren warnen, ist vor unserer Haustür auf bestialische Weise konkret geworden. Die Fragen, die nun die öffentliche Debatte dominieren, lauten: War das erst der An- fang? Und wie können wir es beenden? Vor allem aber: Sind wir stärker als unsere Angst, stärker als mögliche Attentäter? Wohltuend differenziert äußerte sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU). Es stimme schon, die Deutschen müssten sich auf Veränderungen einstellen. „Wir werden uns bei großen öffentlichen Veranstaltungen wie Faschingsumzügen, Fußballspielen, Kirchentagen oder Okto- berfesten mitunter an intensivere Sicher- heitsvorkehrungen gewöhnen müssen“, sagte er dem SPIEGEL. Gleichwohl sei es ratsam, besonnen zu bleiben. Reicht das schon? Nach einem allzu kurzen Moment des Innehaltens greift bei anderen längst wieder die Logik der Sicherheitsindustrie, die auf Gewalt – egal, ob sie eruptiv oder kalkuliert ist – nur eine Antwort kennt:

überwachen, wegsperren, bekämpfen. Die Israelisierung des Straßenbilds, mit schwer bewaffneten Uniformierten an Kreuzun- gen und Eingangskontrollen vor Geschäf- ten und Restaurants, ist plötzlich denkbar geworden. Der Alarmzustand könnte, wie

nebenan in Frankreich, schleichend zum Normalzustand werden. Die Politik scheint getrieben von der Angst der Menschen. „Der islamistische Terror ist in Deutsch- land angekommen“, entfuhr es CSU-Chef Horst Seehofer am Dienstag – ihm müsse man „mutig die Stirn bieten“. Er klang fast schon so wie Frankreichs Präsident François Hollande, der nach dem Pfarrermord von Saint-Étienne-du-Rouvray einmal mehr das Wort vom „Krieg“ im Mund führte. Beson- nenheit ersetze nicht den Schutz durch den Staat, befand Seehofer und kündigte einen langen Katalog staatlicher Maßnahmen an. Terrorbekämpfung ist damit wieder einmal das Gebot der Stunde – nicht Ter- rorursachenbekämpfung. Dass die Gefahr damit größer gemacht wird, als sie trotz allem ist, dass es auch andere, besonnene- re Ansätze gibt, dass eine Gesellschaft Ge- waltexzesse „bis zu einem gewissen Aus- maß aushalten muss“, wie Minister de Mai- zière sagt: Was kümmert es die Angstpoli- tiker? Für sie ist das Maß schon lange voll. Wie groß inzwischen die Bereitschaft der Deutschen zur kollektiven Panik ist, ließ sich am Abend des 22. Juli beobachten. Als der 18-jährige David Sonboly seinen Amoklauf vor einem Münchner Einkaufs- zentrum begann, glaubten viele reflexartig an einen Angriff des IS auf Deutschland. Binnen Minuten verbreiteten sich über das Internet Informationen, wonach ein Ter- rorkommando mordend durch die bayeri- sche Landeshauptstadt ziehe. Von Män- nern mit Sturmgewehren war die Rede, von Schüssen am Stachus, von Detonatio- nen in der Innenstadt. Die sozialen Netz- werke wirkten als Angstverstärker und schäumten über vor Spekulationen, Halb- wahrheiten, Falschmeldungen. Bis Mitternacht gingen mehr als 4300 Notrufe bei der Polizei ein, zahllose erwie-

Schlag auf Schlag

Attentate in den vergangenen Wochen

1
1
2
2
3
3

1 Orlando, USA

2 Atatürk-Flughafen,

Türkei

3 Dhaka, Bangladesch

4 Kabul, Afghanistan

5 Saint-Étienne-

du-Rouvray,

Frankreich

6 Sagamihara, Japan

12. Juni

28. Juni

1. Juli

14. Juli

18. Juli

Orlando/USA

Istanbul/ Türkei

Dhaka/Bangladesch

Nizza/Frankreich

Würzburg /Deutschland

Bei einem der schwersten Anschläge in den USA seit dem 11. September 2001 erschießt der Attentäter in

Bewaffnet mit einer Kalaschnikow und mit Sprengsätzen, greifen drei Selbstmordattentäter

Sieben bewaffnete Männer überfallen ein Café im Diplomatenviertel der Hauptstadt und nehmen

Nach dem Feuerwerk zum Nationalfeiertag rast ein 31-jähriger Tunesier mit einem

In einem Regionalzug fällt ein 17-Jähriger mit einer Axt und einem Messer über Mitreisende her. Vier Mitglieder einer Familie

seinem Hass auf Homosexuelle

den Atatürk-Flughafen

Geiseln. Die Polizei kann

Lkw in die Menge.

aus Hongkong werden schwer

49 Klubbesucher. 53 weitere

an und sprengen sich in

12

der Geiseln befreien.

Er tötet 84 Menschen

verletzt. Auf der Flucht attackiert

Menschen werden verletzt,

die Luft. 45 Opfer sterben,

20

Gäste – überwiegend

und verletzt mehr

der Täter eine Passantin. Er wird

ehe der Täter von der Polizei

239 werden verletzt.

Ausländer – sowie 2 Poli-

als 200 Besucher.

erschossen, als er Polizisten

getötet wird.

zisten werden ermordet.

angreift.

sen sich als Fehlalarm. Bewaffnete Beamte, darunter etliche in Zivil, überprüften die Meldungen und versetzten dabei unbeab- sichtigt weitere Bürger in Panik. So ver- festigte sich in Windeseile der Eindruck, dass in München eine Art Terrorkrieg nach Pariser Vorbild ausgebrochen sein musste. Bundesweit lief derweil die Medienmaschi- ne heiß, Journalisten ohne Sachkenntnis befragten Experten ohne Expertenwissen. Als sich dann noch am Abend US-Präsi- dent Barack Obama zu Wort meldete, um dem deutschen Bündnispartner seine Un-

Alles Terror? Mitnichten. Die Gewalt hat viele Väter. Aber weil sie in so kurzer Taktung daherkommt und weil die Angst das Denken erschwert, wird es schwieriger, die eruptive von der geplanten Tat zu un- terscheiden. Irrer oder Islamist? Oder we- der noch? Es ist ein Wimmelbild, auf das die Sicherheitsbehörden in diesen Tagen starren. Dabei beunruhigt sie, dass sie es immer wieder mit einem unheimlichen Phänomen zu tun haben: dem des Einzel- täters, der scheinbar aus dem Nichts he- raus den Tod bringt.

Die IS-Propaganda zielt pausenlos darauf ab, weltweit Aktivisten

für den Do-it-yourself-Dschihad zu animinieren.

terstützung zu versichern, schien das wie die Bestätigung des Terror-GAUs, vor dem so viele so lange schon gewarnt hatten. Selbst nachdem klar geworden war, dass die Bluttat nicht von dschihadistischen Fa- natikern begangen worden war, sondern von einem Jungen mit ausländerfeindlichen Ansichten, blieben Teile der Netzgemeinde dabei: Es war ein islamistischer Terrorist! Das werde wie gewohnt von einem „Lügen- kartell“ aus Politik und Medien verschwie- gen. Der Dschihad sei endgültig in Deutsch- land angekommen, schrieben Twitter-Nut- zer – und ernteten Likes für den Mut, die gefühlte Wahrheit ausgesprochen zu haben. Ein Junge mit iranischen Wurzeln, der Gleichaltrige aus womöglich rassistischen Motiven in einen Hinterhalt locken will und zeitweise als „Dschihadist“ gilt: Selten hat eine einzelne Tat die Besinnungslosig- keit in Zeiten der Gewalt so auf den Punkt gebracht. Es gibt keine einfachen Kate- gorien mehr, nicht in München, nicht in Würzburg, Ansbach oder Reutlingen. Also auch keine einfachen Antworten.

„Lone Wolf“, einsamer Wolf, wird dieser Tätertypus genannt. Er ist der Albtraum jedes Ermittlers. Von 2006 bis 2014 gingen fast drei Viertel aller Terrortoten in west- lichen Nationen auf das Konto von Einzel- tätern oder autonomen Kleinstzellen. Nach den Anschlägen der vergangenen Wochen stellt sich mehr denn je die Frage, ob es Mittel und Wege gibt, einsame Wölfe zu stoppen. Die USA und die Europäische Union be- treiben enormen Aufwand, um diese Frage zu klären. Aktuelle Erkenntnisse dazu überraschen. Sie belegen, dass Einzeltäter vor ihren Taten mehr Spuren hinterlassen, als sie selbst und als ihre Häscher bislang glaubten. Dass einsame Wölfe in vielen Fällen alles andere als einsam handelten. Und dass die Behörden gut beraten wären, auch nach 9/11 den Terror nicht nur aus islamistischer Richtung zu erwarten. So untersuchten mehrere europäische Thinktanks für ihre Studie „Lone-Actor Terrorism“ 98 Einzeltäterattacken in der EU, der Schweiz und in Norwegen und

stellten fest, dass von 2009 bis 2014 zwar 38 Prozent „religiös motiviert“ waren, aber auch 33 Prozent von Rechtsextremis- ten begangen wurden. Von Menschen wie Anders Behring Breivik, der am 22. Juli 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete – und von dem sich offenbar der Amok- läufer von München inspiriert fühlte. Die Wissenschaftler warnen deshalb davor, Europas Sicherheitsapparat, wie in den vergangenen Jahren geschehen, überwie- gend auf die Bedrohung durch Islamisten auszurichten. Keine andere extremistische Gruppe allerdings hat es je so gut verstanden, in Europa Einzeltäter für ihre Zwecke ein- zuspannen wie der „Islamische Staat“. Dessen Propagandaapparat zielt pausenlos darauf ab, weltweit Aktivisten für einen Do-it-yourself-Dschihad zu animieren. Und offenbar fühlen sich besonders Men- schen in Lebenskrisen oder mit mentalen Problemen von den viral verbreiteten Hasspredigten des IS angesprochen. Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass ein Großteil der Europäer, die im Namen des IS töten, schwere seelische Störungen aufweisen. Zu ihnen muss man nun wohl Mohammad Daleel zählen, den Attentäter von Ansbach. Er stand kurz vor der Abschiebung und hatte angeblich be- reits zwei Suizidversuche unternommen. Irrer oder Islamist? Womöglich beides. „Früher brachten Depressive sich einfach um“, sagt der französische Soziologe Farhad Khosrokhavar. „Jetzt nehmen sie andere Menschen mit in den Tod“ und berufen sich dabei auf den IS. Der Kampf gegen einsame Wölfe wird für die Ermittler damit beschwerlicher. Ein Lichtblick immerhin besteht für die Sicherheitsbehörden darin, dass die meis- ten Einzeltäter längst nicht so klandestin

4 JIM YOUNG / REUTERS; OZAN KOSE / AFP; NURPHOTO / DDP IMAGES; RAHMAT GUL
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JIM YOUNG / REUTERS; OZAN
KOSE / AFP; NURPHOTO / DDP IMAGES;
RAHMAT GUL / AP; IAN LANGSDON / DPA;
SHIZUO KAMBAYASHI / AP
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6
6

22. Juli

23. Juli

24. Juli

26. Juli

26. Juli

München /Deutschland

Kabul /Afghanistan

Ansbach /Deutschland

Saint-Étienne-du-Rouvray /

Sagamihara /Japan

Ein 18-jähriger Deutsch-

Während einer friedlichen

Ein 27-jähriger Syrer versucht,

Frankreich

In einem Heim für geistig

Iraner lockt Bekannte per Facebook in ein McDonald’s- Lokal. Dort und in der Umgebung erschießt er mit einer Pistole neun Menschen. Später tötet er sich selbst.

Demonstration in der Hauptstadt zünden zwei Selbstmordattentäter Sprengsätze. Dabei sterben mehr als 80 Menschen, mindestens 231 werden verletzt.

mit einem selbst gebastelten Splittersprengsatz auf ein Open- Air-Konzert in der Innenstadt zu gelangen. Als das misslingt, zündet er den Sprengsatz vor einer Weinstube. Die Detonation verletzt zwölf Menschen und tötet den Attentäter.

Während der heiligen Messe ermorden zwei Attentäter den 85-jährigen Priester Jacques Hamel. Als sie mit drei Geiseln die Kirche verlassen wollen, werden sie von einer Spezialeinheit der Polizei erschossen.

behinderte Menschen tötet ein ehemaliger Angestellter 19 Personen mit Messern. 26 weitere Bewohner werden verletzt. Dem 26-jährigen Täter droht die Todesstrafe.

Titel

und verschwiegen handeln, wie man lange Zeit annahm. Die beiden US-Wissenschaft- ler Mark Hamm und Ramon Spaaij schrei- ben in einer vom US-Justizministerium geförderten Untersuchung aus dem Jahr 2015: „Praktisch alle einsamen Wölfe zei- gen Affinität zu anderen Personen, Grup- pen oder Gemeinschaften, sei es online oder in der realen Welt.“ Insbesondere seit dem Siegeszug der sozialen Netzwerke hinterließen die ver- meintlichen Einzelgänger zumeist digita- le Hinweise auf ihre Pläne. Das bedeute:

„Wenn einsame Wölfe ihre gewalttätigen Absichten vorab annoncieren, dann kön- nen sie wahrscheinlich gestoppt werden.“ Es ist die alte Hoffnung von Kriminalis- ten, die daher in diesen Tagen der Gewalt wieder auflebt: den Täter an der Tat zu hindern. Deshalb arbeiten Geheimdienste und andere Behörden in Amerika und Europa längst an einer Art globalem digi- talem Frühwarnsystem – und dringen da- für immer tiefer in die Privatsphäre jedes Einzelnen ein. Weltweit haben Regierun- gen milliardenschwere Programme in Auf- trag gegeben, um den virtuellen Raum tag- hell auszuleuchten. Im Juli 2015 nahm bei Europol die „In- ternet Referral Unit“ ihre Arbeit auf, eine Taskforce, die nach Benutzerkonten fahn- det, auf denen terroristische Propaganda betrieben wird. In Deutschland gründete das Bundesamt für Verfassungsschutz die „Erweiterte Fachunterstützung Internet“, um poten- ziellen Tätern in der digitalen Welt auf die Schliche zu kommen. Der Bundes- nachrichtendienst soll im Rahmen seiner „Strategischen Initiative Technik“ künftig verstärkt soziale Netzwerke ausforschen. Das Bundeskriminalamt im Rahmen seines Projekts „Radar“ Gefährder frühzeitig er- kennen. Mit dem Amoklauf von München ist zudem das sogenannte Darknet noch stärker in den Fokus der Fahnder gerückt (siehe Seite 25). Die schiere Menge an digitalen Inhal- ten – allein auf YouTube erscheinen pro Minute mehrere Hundert Stunden neuer Videos – kann jedoch keine Behörde dieser Welt bewältigen. Deshalb setzen westliche Regierungen darauf, die nach Milliarden zählende Netzgemeinde für ihre Zwecke einzuspannen. Anfang 2016 trafen sich Vertreter der US-Regierung und ihrer Geheimdienste mit Vertretern der großen Internetkonzerne, darunter Apple, Facebook, Twitter und Microsoft. Hinter verschlossenen Türen be- ratschlagte die hochrangige Runde, ob und wie die „wachsende Bedrohung durch Ter- roristen und andere böswillige Akteure“ mit technischen Mitteln bekämpft werden kann. Dabei machten offenbar Überlegun- gen die Runde, eine Art dauerhafte Crowd- Fahndung nach Terroristen zu etablieren.

Als Vorbild könnte der Anti-Suizid- Alarm von Facebook dienen. Wenn dort ein Mitglied häufig düsteren Weltschmerz postet, kann es seit geraumer Zeit von di- gitalen Freunden gemeldet werden, um den Suizid zu verhindern. Wird künftig auch eine Warnlampe über jenen Computernutzern leuchten, die allzu internsiv nach Stichworten wie „IS“, „Ent- hauptung“, „Ungläubige“ suchen? Und wie viele Wissenschaftler, Kriminologen, Politiker, Journalisten werden dann ins Visier der Behörden geraten? Oder gar auf eine der staatlichen Listen mit Terrorver- dächtigen, die beständig anwachsen und kaum noch zu überblicken sind? Selbst wenn es den Behörden gelänge, mit Algorithmen und Bürgerhilfe ein Früh- warnsystem aufzubauen, bliebe die Frage, ob früh auch früh genug sein wird. Es stimmt zwar, dass viele Einzeltäter ihre Pläne vorab annoncierten, aber in etlichen Fällen ver- schlüsselt. Oder erst kurz vor der Tat.

Am Morgen des 1. November 2013 stürmte der 23-jährige Paul Anthony Ciancia ins Zimmer seines Mitbewohners und forderte, dieser möge ihn auf der Stelle zum Flughafen von Los Angeles fah- ren. Zudem schickte er eine SMS an seine Familie in New Jersey, in der er seinen Selbstmord andeutete. Ciancias Vater alar- mierte die Polizei, wenig später standen Polizisten vor Ciancias Wohnung. Zu spät. Der einsame Wolf war bereits am Flugha- fen, wo er vier Menschen anschoss. Einer starb. Lassen sich Terroranschläge und Amok- läufe dennoch verhindern? Gibt es wirk- same Rezepte gegen Radikalisierung von Jugendlichen? Kann man beizeiten erken- nen, wenn sich die Wut junger Migranten gegen ihre neue Heimat zu richten be- ginnt? Möglich ist das, glauben Wissen- schaftler der Universität Maryland und der Bremer Jacobs-Universität. Dafür müsse man sich allerdings von dem Fehlglauben befreien, die alles entscheidende Rolle in dieser Frage spiele die Religion.

SPIEGEL-UMFRAGE Gefühlte Gefahr „Hat durch die Anschläge in Deutschland bei Ihnen persönlich die Angst zugenommen,
SPIEGEL-UMFRAGE
Gefühlte Gefahr
„Hat durch die Anschläge in Deutschland bei Ihnen
persönlich die Angst zugenommen, selbst einmal
von einem Anschlag betroffen zu sein?“
mit dem Titel
Ja
36
Anhänger AfD
57
… SPD
37
… Union
37
… 33
FDP
… 29
Linke
noch in ihrem
… 26
Grüne
Nein
Anerkennung
63
Suche nach Schuldigen
„Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen den
jüngsten Anschlägen in Deutschland und der
Flüchtlingspolitik der Bundesregierung?“
mehr als 200
Ja
47
Anhänger AfD
88
… FDP
56
… Linke
46
… SPD
40
… Union
39
… 23
Grüne
Nein
49
TNS Forschung am 26. und 27. Juli; 942 Befragte ab 18 Jahren;
Angaben in Prozent; an 100 fehlende Prozent: „Weiß nicht“/ keine Angabe

In einer psychologischen Untersuchung wollten die amerikanischen und deutschen Wissenschaftler herausfinden, worin für junge, im Westen aufgewachsene Muslime

der Reiz des Dschihad liegt. Für die Studie

„Der Kampf um Zugehörig-

keit“ befragten sie 464 überwiegend junge und gebildete Muslime in den USA, den Niederlanden und Deutschland. Das Ergebnis: Je stärker die Jugend- lichen sich von der Mehrheitsgesellschaft abgelehnt fühlten, desto eher neigten sie zu einem fundamentalistischen Schwarz- Weiß-Denken.

Migranten, die sich weder in Deutschland

Herkunftsland zu Hause fühl-

ten, seien anfällig für radikale Ideen, sagt Klaus Boehnke, der Koleiter der Studie.

sei für sie von entscheidender

Bedeutung. „Wir aber teilen ihnen stattdes-

sen mit, dass sie Fremdkörper sind.“

Thomas Mücke glaubt, die Prävention müsse umfassender sein und viel früher ansetzen. Er ist Geschäftsführer des Vio- lence Prevention Network, das bundesweit

gefährdete Jugendliche be-

treut. Er spricht von einem „Frust-Cock- tail“, der nach und nach in entwurzelten jungen Menschen ent-

stehe und auf den Extre-

misten nur zu warten brauchten. „Wenn Inte- gration nicht gelingt, sich der junge Flücht- ling allein fühlt, ausgegrenzt, dann kom-

men sie und rekrutieren.“ Darauf nur mit Repression und Überwachung zu reagieren werde weitere Anschläge nicht verhindern. „Wir brauchen neben der Sicherheitsar- chitektur auch eine pädagogische Archi- tektur in Deutschland“, sagt Mücke. Diese Erkenntnis scheint nach Jahren auch die Bundesregierung erreicht zu ha-

/ FRIEBE / DPA ANDREAS GEBERT / DPASDMG

/ FRIEBE / DPA ANDREAS GEBERT / DPASDMG Antiterroreinheiten am Münchner Stachus, Polizeieinsatz in Ansbach: Die

Antiterroreinheiten am Münchner Stachus, Polizeieinsatz in Ansbach: Die abstrakte Gefahr ist konkret geworden

am Münchner Stachus, Polizeieinsatz in Ansbach: Die abstrakte Gefahr ist konkret geworden DER SPIEGEL 31 /

JOHANNES SIMON / GETTY IMAGES

JOHANNES SIMON / GETTY IMAGES Innenminister de Maizière, Herrmann: „Gewaltexzesse bis zu einem gewissen Ausmaß

Innenminister de Maizière, Herrmann: „Gewaltexzesse bis zu einem gewissen Ausmaß aushalten“

ben. Erstmals arbeiteten Innen- und Fa- milienministerium bei dem Thema zusam- men und präsentierten vor zwei Wochen die „Strategie der Bundesregierung zur Extremismusprävention und Demokratie- förderung“. Nach Lektüre des 62-seitigen Papiers wird klar: Es stehen nun nicht mehr die „sicherheitspolitischen Aufga- ben“ im Vordergrund, wie es zuvor der Fall war. Präventionsangebote werden gleichwertig genannt. Jugendministerin Manuela Schwesig (SPD) hat ein neues Gesetz in Aussicht ge- stellt, das den zahlreichen Präventionspro- grammen in Deutschland eine konstantere Finanzierung garantieren soll. Bislang ist es oft so, dass die Initiativen fast jährlich um neues Fördergeld betteln müssen. Ins- besondere Organisationen, die präventiv mit Flüchtlingen arbeiten, sollen künftig gezielt unterstützt werden. Bei einem Treffen mit ihren Länderkollegen in der vergangenen Woche sagte Schwesig münd- lich zu, dass ihr Haus über den Sommer Vorschläge erarbeiten werde. Wie dringend notwendig das ist, lässt sich im Behandlungszimmer von Mecht- hild Wenk-Ansohn erleben. Die Ärztin und Psychotherapeutin arbeitet seit 23 Jahren in der Ambulanz des Behandlungs- zentrums für Folteropfer in Berlin, die seit einem Jahr von Flüchtlingen nahezu überrannt wird. Wenk-Ansohn schätzt,

dass mindestens ein Viertel der nach Deutschland geflohenen Menschen psy- chologische Betreuung benötigt. Ihr Behandlungszimmer ist eine Art Seismograf dafür, wie politische Entschei- dungen in der Hauptstadt sich auf das Gemüt der Flüchtlinge auswirken. Als die Regierung beschloss, den Familiennachzug einzuschränken, merkte die Ärztin das sofort an ihren Patienten. Als bekannt wurde, dass die Maghreb-Staaten zu siche- ren Herkunftsländern erklärt werden soll- ten, ebenfalls. „Jede politische Entschei- dung, jeder Brief einer Behörde kann eine Person, die sich in einem labilen Zustand befindet, in eine Krise stürzen, die sich dann sehr häufig in Selbstmordabsichten auswirkt“, sagt Wenk-Ansohn. Das gilt umso mehr für jugendliche Flüchtlinge, die ohne Eltern, ohne Kon- takte und oft auch ohne Perspektive in Deutschland gestrandet sind. Die Kran- kenhäuser im Umfeld von Asylbewerber- unterkünften sind immer wieder mit Teenagern konfrontiert, die versucht ha- ben, sich umzubringen. Die meisten Kli- niken sind personell darauf nicht einge- stellt. Im Saarland geht man deswegen neue Wege. Auch hier haben Jugendliche ver- sucht, sich das Leben zu nehmen. Sie aßen Reißnägel, verletzten sich mit Messern, schlugen ihren Kopf immer wieder an die

Heizung, bis er blutete, oder versuchten, sich zu erdrosseln. Doch seit vergangenem August bekom- men unbegleitete minderjährige Flüchtlin- ge, die im Saarland leben, psychotherapeu- tische Begleitung – ohne dass sie es mer- ken. Sie wird einfach in den Alltag inte- griert und findet hauptsächlich in Gruppen statt. Mit großem Erfolg: Während vor anderthalb Jahren fast jede Nacht ein unbegleiteter Flüchtling einen Suizid ver- suchte, sind es mittlerweile nur noch zwei pro Monat, sagt Eva Möhler, Chefärztin der Kinder- und Jugendpsychiatrie der SHG-Kliniken Sonnenberg in Saarbrücken. Sie hat sich das Konzept ausgedacht, es heißt START (Stress, Traumasymptoms, Arousal-Regulation, Treatment). „Es ist eine Kurzintervention, die helfen soll, die akute emotionale Krise zu überstehen und wieder zu lernen, sich und seine Gefühle selbst zu regulieren“, sagt Möhler. Die Flüchtlinge kämen nicht als ag- gressive, verschlossene Gewalttäter in Deutschland an, sondern hoffnungsvoll. Das dürfe man nicht zerstören, indem man ihnen ständig negative Attribute zu- schreibe: „Wenn man einem jungen Flücht- ling immer wieder sagt, dass er nicht er- wünscht ist, und ihn behandelt, als würde er stehlen oder als wäre er potenziell ge- walttätig, ist es nicht verwunderlich, wenn er die Rolle irgendwann annimmt.“

So, wie die Dinge stehen, wird Möhler es in diesen Tagen schwer haben, mit ihren Argumenten durchzudringen. Die Arbeit der Ärzte und Psychologen verspricht mittelfristig Hilfe. Die Unsicherheit vieler Menschen im Land aber ist akut. Sie wol- len Lösungen. Sofort. Schon vor den Anschlägen des Juli hatte die Terrorangst alle anderen Ängste der Deutschen in Umfragen verdrängt. Und mit ihr war die Ablehnung von Migranten und Muslimen gestiegen. Dass es nun muslimische Flüchtlinge waren, die in Würzburg und Ansbach eine Axt zückten und eine Bombe zündeten, ist für viele die Bestätigung der nächsten vermeintlich unumstößlichen Wahrheit: dass der Islam gleichbedeutend sei mit Terror. Die Mehrheit der Bürger bleibt zwar nach den jüngsten Anschlägen gelassen (siehe Umfrage Seite 16). Bei einer großen, stimmungsmachenden Minderheit jedoch könnte – wie schon während der Flücht- lingskrise im vergangenen Jahr – die Angst den Aggregatzustand wechseln und sich geradewegs in Wut verwandeln. Seit der Axtattacke von Würzburg je- denfalls greifen Bundesbürger wieder zur Selbstjustiz. Im niedersächsischen Gailhof und im nordrhein-westfälischen Rösrath wurden Asylbewerber auf offener Straße attackiert. Im sächsischen Niesky fielen aus einem Auto heraus Schüsse auf eine Asylunterkunft. In Dresden, Heidenau und Königstein malten Unbekannte Leichen- umrisse vor die Bahnhöfe und hinterließen Flugblätter mit der Aufschrift „Migration tötet“. Die Angst vor der Angst wächst angesichts solcher Aktionen. Zahllose Menschen kübeln nun wieder ihren Hass in die „sozialen“ Netzwerke. Unter dem Hashtag #merkelsommer giften sie gegen die Kanzlerin, die mit den Flüchtlingen massenhaft Verbrecher, Ver- gewaltiger und Terroristen ins Land gelas-

Sahra Wagenknecht – zur Empörung ihrer eigenen Genossen (siehe Seite 38). Die so Angegriffene versucht, mit einer Mischung aus Besonnenheit und Ent- schlossenheit die Bevölkerung zu beruhi- gen. Die „barbarischen Taten“ würden konsequent aufgeklärt, versprach Merkel am Donnerstag. Zugleich warnte sie vor Überreaktionen. Es sei das Ziel von Ter- roristen, „unsere Art zu leben zu zerset- zen. Sie säen Hass und Angst zwischen den Kulturen, und sie säen Hass und Angst zwischen den Religionen“. Wie heikel die Situation für sie ist, weiß Merkel. Bei ihren Auftritten wird sie im- mer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, der Staat habe die Kontrolle über die Er- eignisse verloren. Jede Gewalttat verstärkt dieses Gefühl. „Es ist unglaublich schwie- rig, dagegen anzugehen“, sagt ein enger Vertrauter. Merkel will ein Aufflammen der Dis- kussion um ihre Flüchtlingspolitik verhin- dern. Dabei hat sie allerdings die Rech- nung ohne CSU-Chef Horst Seehofer ge- macht. „Wir haben in allen unseren Pro- phezeiungen recht behalten. Vor allem in der Sicherheitspolitik“, sagte Seehofer am Dienstag vor der Klausur des bayerischen Kabinetts in St. Quirin. Dann präsentierte er eine Forderungsliste aus dem Werkzeug- kasten der Law-and-order-Politik: Einsatz der Bundeswehr im Innern, mehr Polizei, mehr Vorratsdatenspeicherung, mehr Überwachung von Flüchtlingsheimen. Sein Innenminister Joachim Herrmann ergänzte, „die Abschiebung in Krisenge- biete“ dürfe künftig „kein Tabu“ mehr sein. Justizminister Winfried Bausback schließlich forderte elektronische Fußfes- seln für Extremisten. Dumm nur: Beim Priestermord in Frankreich in derselben Woche stellte sich heraus, dass einer der Täter eine elektronische Fußfessel trug – hindern konnte sie ihn an der Tat nicht.

Angst stellt die Welt gern auf den Kopf. Sie ist oft dort

am größten, wo die Gefahr am geringsten ist.

sen habe. „Deutschland opfert seine Bür- ger auf dem Altar der Masseneinwande- rung“, schreibt ein Anonymus auf Twitter. Um aus den Gewalttaten politisches Kapital zu schlagen, ließ auch jene Partei wenig Zeit verstreichen, die das „Fürchtet euch!“ zum Programm erhoben hat. AfD- Chefin Frauke Petry fragte am Montag auf Facebook: „Würzburg, Reutlingen, Ans- bach … Ist Ihnen Deutschland nun bunt genug, Frau Merkel?“ Parteivize Alexan- der Gauland forderte, das Asylrecht für Muslime auszusetzen. Auf die Idee, Merkels Flüchtlingspolitik mit den Gewalttaten der vergangenen Tage in Beziehung zu setzen, kam nicht nur die AfD. Sondern auch Linken-Fraktionschefin

Es sind die gleichen Reflexe, die seit 15 Jahren die Sicherheitspolitik des Wes- tens dominieren. Rund zwei Dutzend Antiterrorgesetze oder Gesetzesänderun- gen wurden seit 9/11 allein in Deutschland erlassen – etliche von ihnen musste an- schließend das Bundesverfassungsgericht korrigieren oder verwerfen. Das auch des- halb, weil sie oft unmittelbar nach einer Gewalttat hastig geschrieben worden waren. Dass es mit der Ausweitung behörd- licher Befugnisse allein nicht getan ist, zeigt das Beispiel Frankreich: Dort herrscht seit mittlerweile neun Monaten der Ausnahmezustand, wurden Polizei und Geheimdienste mit noch weiter rei-

Titel

chenden Befugnissen ausgestattet als in Deutschland. Gegen die jüngsten Terror- taten waren sie anscheinend dennoch machtlos. Seehofer und seine Mannschaft sind gleichwohl überzeugt, dass der Staat in Zeiten der Verunsicherung etwas tun muss. Egal was. Einzuräumen, dass es nach der chaotischen Lage der vorigen Woche zu früh ist für substanzielle Antworten, scheint keine Option zu sein. Bislang immerhin hat der CSU-Chef der Versuchung widerstanden, den politischen Diskurs noch weiter zu radikalisieren. Ob er das durchhält, hängt von der Ent- wicklung der Umfragewerte ab, die sich für die Union zuletzt stabil zeigten. Falls es zu weiteren islamistischen Anschlägen kommt, wird die Rhetorik der CSU schär- fer werden. Und die Angstspirale sich wei- ter drehen. Dabei bleibt nach der Gewaltwelle in Bayern und anderswo festzuhalten: So nah der Terror nun gekommen sein mag, zu Hause ist er an ganz anderen Orten. Ansbach, Würzburg und München sind nicht New York, London oder Paris – und erst recht nicht Bagdad oder Kabul. Von den Tausenden Menschen, die jährlich durch Terroristen ums Leben kommen, sind die allerwenigsten Europäer oder gar Deutsche. Und wenn Verblendete oder Wahnsin- nige zur Verrichtung ihres Mordwerks auf Äxte oder Messer zurückgreifen müssen, zeigt das: Deutschland ist besser gerüstet, als viele glauben. Wer aus Angst um sein Leben nun Züge meidet und stattdessen Auto fährt, sollte wissen, dass er sich damit einem unvergleichlich größeren Risiko aus- setzt. Angst stellt die Welt gern auf den Kopf. Sie ist oft dort am größten, wo die Gefahr am geringsten ist. Und umgekehrt. Als in der Amoknacht von München un- klar war, wer und wie viele dort mordend durch die Straßen zogen, als das öffent- liche Leben zum Erliegen kam und Busse und Bahnen stoppten, passierte dies:

Münchner nahmen gestrandete, verängs- tigte und panische Menschen bei sich auf. Auch der Bayerische Landtag und mehrere Moscheen öffneten spontan ihre Pforten. Unter dem Hashtag #offenetuer organi- sierten Twitter-Nutzer Notunterkünfte in der Nachbarschaft. So fanden zahllose Fremde Schutz in den Wohnungen der Münchner. Die Angst blieb draußen.

Maik Baumgärtner, Anna Clauß, Martin Knobbe, Ann-Katrin Müller, Ralf Neukirch, Sven Röbel, Jörg Schindler, Wolf Wiedmann-Schmidt

Sven Röbel, Jörg Schindler, Wolf Wiedmann-Schmidt Video: Tätersuche via Social Media spiegel.de/sp312016angst

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Im Tunnel des Wahnsinns

Verbrechen Der Amokschütze von München war bis kurz vor der Tat in psychiatrischer Behandlung. Mit grausamer Berechnung verfolgte er seinen Plan.

Polizei bei Spurensicherung, toter Amokläufer Sonboly

D as Wort Seelenruhe beschreibt ei- nen Zustand, in dem jemand ganz bei sich selbst ist. Seelenruhe ist

das, was David Sonboly nach seiner Tat empfunden haben muss. Es gibt ein Video, das den Amokschützen aus München zeigt, wie er langsam die Rampe zu einem Park- deck hochläuft. Er hat zu diesem Zeit- punkt neun Menschen getötet und mehre- re schwer verletzt. Aber er wirkt auf den Bildern so, als ob er vom Training im Sportstudio zurückkehren würde. Man sieht, wie er auf dem verlassenen Dach des Parkhauses mit langen Schritten an einem Auto vorbeigeht, hin und wieder wirft er einen Blick nach unten auf die Straße. Unter ihm laufen Menschen, nicht ahnend, dass über ihnen der Mann steht, vor dem sie flüchten. In dem Rucksack, den er auf dem Rücken trägt, stecken noch rund 240 Schuss Munition. Es wäre ein Leichtes, aus dem Schutz der Betonbalus- trade das Feuer zu eröffnen, aber er scheint das Interesse verloren zu haben. Gleich nach dem Amoklauf war ein Video aufgetaucht. Es fand große Verbrei- tung, weil man darauf verfolgen konnte, wie sich Sonboly mit dem Bewohner eines angrenzenden Wohnblocks, der ihn auf dem Parkdeck des Olympia-Einkaufszen- trums erspäht hatte, ein Schreigefecht lie- fert. Die Szene endet damit, dass der Schü- ler seine Waffe nimmt und auf die Haus- fassade zielt. Auch auf dem neuen Material, das ein Anwohner von der gegenüberliegenden Seite mit seinem Handy aufgenommen hat, sind die Schüsse festgehalten. Man erkennt darauf, wie ruhig der Attentäter ist, als wäre es das Normalste der Welt, auf einem Parkdeck in München zu stehen und auf Leute am Balkon zu schießen, die einen beschimpfen. David Sonboly erweiterte am vorver- gangenen Freitag die Schreckensliste deut- scher Amokläufe um eine weitere Bluttat. Nach Erfurt, Emsdetten und Winnenden ist nun München-Moosach einer der Orte, an dem ein junger Mann die Waffe auf an- dere richtet, bevor er sich erschießt. Aber diesmal wählte der Schütze keine Schule, sondern einen öffentlichen Ort, um der Welt zu zeigen, wozu er fähig ist. Und die Tat fällt in eine Zeit, in der jeder sofort an islamistischen Terror denkt, das verschaff- te ihr weltweit Aufmerksamkeit. Nach der Tat finden sich immer Warn- zeichen, die man hätte beachten können. Wenn es passiert ist, fragen sich viele, die dem Täter nahestanden, ob sie früher hät- ten einschreiten müssen. Aber was ist ein Warnzeichen, dass etwas so sehr aus dem Ruder läuft, dass man die Behörden alar- mieren muss? Wenn einer Tag und Nacht damit zu- bringt, auf andere zu schießen, auch wenn es nur ein Spiel ist? Wenn er sich abfällig

über Ausländer äußert und sich im Internet „Hass“ oder „Amok“ nennt? Wenn er das Gesicht des Massenmörders Anders Brei- vik als Profilbild in seinem WhatsApp- Account hochlädt? Heranwachsende ma- chen oft schräge Sachen. Wenn man jedes Mal Alarm schlagen würde, hätte die Polizei viel zu tun. Im Nachhinein fügt sich vieles zu einem Bild. Nach allem, was man weiß, hatte es

Titel

wickelt, bringen sie ihn für zwei Monate in der Abteilung für Kinder- und Jugend- psychosomatik des Klinikums Harlaching unter. Dem Klinikaufenthalt folgt eine ambu- lante Diagnostik der Heckscher-Klinik für Jugendpsychiatrie. Insgesamt vier Termine hat er dort, die er zusammen mit seinen Eltern wahrnimmt: Der erste ist am 15. Ok- tober 2015, der letzte am 15. Februar dieses

Ein angeknackstes Leben, aber nicht so angeknackst, dass es

mit einem Schuss in den Kopf enden muss.

David Sonboly nicht leicht im Leben. Er war ein Junge, der schwer Anschluss fand und von anderen oft schikaniert wurde. Es gibt Kinder, auf denen alle herumhacken, weil sie die falschen Haare haben, die fal- schen Klamotten oder eine komische Art zu sprechen. Er habe so weibisch geredet, sagen Leute, die Sonboly aus der Schulzeit kannten. Auch sein Gang, der wirkte, als hätte er einen Handball zwischen den Bei- nen, gab Anlass zu Hänseleien. „Du Opfer“, sagen sie auf dem Schulhof zu Kindern, die sich nicht wehren können. Einmal erstattet der Junge Anzeige, nach- dem er bestohlen wurde. Ein anderes Mal meldet er sich bei der Polizei, weil er von drei Jugendlichen verdroschen wurde. Aber das ändert nichts. Es gibt Berichte, wonach jemand während des Sportunter- richts auf seine Kleidung uriniert haben soll. In dieser Zeit entwickelt David offen- bar einen Hass auf Türken und Araber, die, so berichten Mitschüler, zu seinen größten Peinigern gehörten. Er verbietet seinen Be- kannten, ihn weiter „Ali“ zu nennen, wie er noch zu Grundschulzeiten hieß. Es ist ein angeknackstes Leben, aber auch wieder nicht so angeknackst, dass es mit einem Schuss in den Kopf an einem Treppenabgang hätte enden müssen. Die Familienverhältnisse sind ordentlich, die Eltern nehmen die Probleme ihres Kindes ernst. Als David eine Angststörung ent-

ihres Kindes ernst. Als David eine Angststörung ent- Schüler Sonboly Eben ganz normal, dann aggressiv Jahres.

Schüler Sonboly Eben ganz normal, dann aggressiv

Jahres. Danach ist David bei einem nie- dergelassenen Arzt in Behandlung. Den letzten Termin hier nimmt er im Juni wahr. Da er inzwischen volljährig ist, sind diese Besuche freiwillig erfolgt. Der Vater, der aus Iran nach Deutsch- land gekommen war, ist Taxifahrer, die Mutter Verkäuferin bei Karstadt. Sonboly war im Hasenbergl aufgewachsen, keine einfache Gegend für ein Kind, das schüch- tern ist. Aber seit mehr als drei Jahren wohnt die Familie in der Münchner Innen- stadt, in unmittelbarer Nähe zum Königs- platz. Die Sonbolys bezogen eine Woh- nung in den Nymphenburger Höfen, einer Anlage, in der man leicht 20 Euro Miete für den Quadratmeter zahlt. Dass sich der Vater hier eine Bleibe leisten kann, verdankt er der Münchner Politik, die von Bauherren verlangt, bei Neubauprojekten eine bestimmte Anzahl preiswerter Wohnungen anzubieten. Im Sommer 2015 hatte David die Mittelschule verlassen, um die Fachoberschule zu be- suchen. Wenn er nicht Zeitungen austrug, um sich sein Taschengeld aufzubessern, hockte er in seinem Zimmer vor dem Computer. Die Jungs, die er im Netz traf, trugen alle Fantasienamen. Aber sie hatten vor ihm wenigstens Respekt, weil er bei „Counter- Strike“ genauer zielen konnte als die meisten. Es ist immer schwer, den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem jemand den Tunnel des Wahnsinns betreten hat, der ihn zu seiner Tat führt. Wie viele Amokschützen hat Sonboly seinen großen Auftritt akri- bisch geplant. Wenn das Leben auf einen finalen Akt zusteuert, in dem man für ei- nen Augenblick die Macht über Leben und Tod erlangt, überlässt man nichts dem Zu- fall. In seinem Zimmer fanden die Ermitt- ler das Buch „Amok im Kopf. Warum Schüler töten“ des amerikanischen Psycho- logen Peter Langman. Das Buch richtet sich vor allem an ein Fachpublikum, es soll dabei helfen, Schulmassaker zu ver- hindern. Sonboly hat offenbar die Lebensläufe studiert, die Langman ausbreitet. Er hat die Schilderung der Tatverläufe gelesen,

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REUTERS Titel Polizeieinsatz in München: Ein öffentlicher Ort, um der Welt zu zeigen, wozu er fähig

Polizeieinsatz in München: Ein öffentlicher Ort, um der Welt zu zeigen, wozu er fähig ist

um Schwachstellen zu identifizieren, die es der Polizei erlauben würden, das Vor- haben, viele Menschen mit in den Tod zu nehmen, vorzeitig zu beenden. Amoktäter wie die Columbine-Schützen Eric Harris und Dylan Klebold waren für den Jungen aus München keine Soziopathen, sondern Vorbilder, an deren Taten er sich orien- tierte. Ganz besonders verehrte er Tim K., den Attentäter von Winnenden. Im Internet war er Mitglied der „Tim K. Memorial“- Gruppe, eines Zusammenschlusses von Computerspielern, die dort ihre Bewunde- rung für den baden-württembergischen Schüler teilten. Spätestens seit Frühjahr vergangenen Jahres, so ergeben es die Ermittlungen, ver- folgte Sonboly einen Plan. Im Mai 2015 war er in Winnenden gewesen, um sich die Tatorte anzusehen, an denen Tim K. seine Opfer gefunden hatte. Die Polizei entdeck- te auf seiner Kamera entsprechende Bilder. Zu dieser Zeit muss er auch angefangen haben, sich im Internet nach einer Waffe umzusehen, das legen Suchanfragen nahe (lesen Sie dazu auch Seite 25 über die Be- schaffung der Waffe). Die Wahl fiel auf eine Glock 17, die glei- che Pistole, die Anders Breivik benutzt hatte und auch Robert Steinhäuser, der Amoktäter von Erfurt. Mit der Glock kön- nen selbst ungeübte Schützen gut umge- hen, weil sie wenig wiegt und sich der Ab- zug leicht bedienen lässt. Wie planvoll Sonboly vorging, sieht man auch daran, dass er Monate vor der Tat

bei Facebook unter dem Namen „Selina Akim“ einen falschen Account anlegte. Bevor er sich am Nachmittag des 22. Juli auf den Weg zum Olympiapark machte, schrieb er, dass er alle einladen werde, die sich um 16 Uhr beim McDonald’s neben dem Einkaufszentrum einfänden. Derzeit weiß niemand, ob oder wie viele der Facebook-Freunde von „Selina Akim“ der Aufforderung folgten. Unter den Jugend- lichen, die am Ende dieses schrecklichen Nachmittags sterben mussten oder verletzt wurden, war keiner, der auf „Selinas“ Ein- ladung reagiert hatte. Manche Amokläufer sind bis zum Schluss nach außen die angepassten Aller-

dann aggressiv. Mit einem Mal habe er einen „Riesenhass auf Ausländer“ an den Tag gelegt, immer streitsüchtiger sei er geworden. Irgendwann habe er sogar sei- nen Freunden gedroht, sie alle umzubrin- gen, aber das nahm niemand ernst. „Kei- ner von uns hätte gedacht, dass Ali zu einem Amoklauf imstande war“, sagt der Freund. Vier Monate ist es her, dass sich die bei- den das letzte Mal sahen. Die Clique war zum Kino verabredet. Alle standen auf der Straße, als David plötzlich anfing, wüste Beleidigungen auszustoßen. Danach brach die Gruppe den Kontakt ab. Zwei Monate nach dem Eklat erkundig- te sich der 17-Jährige über WhatsApp bei seinem alten Freund, wie die Schule so laufe. Selbst diese harmlose Konversation sei irgendwann eskaliert: „Auf einmal schrieb er wirres Zeug und beleidigte mei- ne Familie.“ Die Auseinandersetzung en- dete damit, dass David den Kumpel auf dem Chat-Programm blockierte. Kaum hatte sich die Nachricht vom Blutbad in München herumgesprochen, begann die politische Schuldverrechnung. „Unser Abscheu den Merklern und Linksidioten“, schrieb der sachsen-an- haltische AfD-Vorsitzende André Poggen- burg auf Twitter. Aber je mehr über die Überzeugungen des Attentäters be- kannt wird, umso schwerer dürfte es fallen, den Amokläufer von München ausgerech- net für die Sache der AfD zu verein- nahmen. Er sei sehr nationalistisch gewesen, sagt einer, der Sonboly übers Spielen im Inter- net kennenlernte. Auf den Plattformen, auf denen sich die Spieler austauschen, äußerte er sich so offen fremdenfeindlich, dass viele den Kontakt abbrachen. Ein Schüler, der mit dem Jungen über die gemeinsame Begeisterung für „Counter Strike“ zusammenfand, erinnert sich, wie sie sich über den Fall Tuğçe Albayrak aus-

Davor lagen mehrere Stunden, in denen er wohl glaubte,

die totale Kontrolle zu besitzen.

weltsjungen, bei David Sonboly zeigte sich schon vor der Tat, dass er sich verändert hatte. Bei seinen wenigen Freunden habe er als netter, ruhiger Typ gegolten, dessen großes Hobby die Fliegerei gewesen sei, so berichtet es ein 17-jähriger Russland- deutscher, der mit Sonboly über viele Jah- ren denselben Freundeskreis teilte. David sei oft mit der S-Bahn zum Münchner Flug- hafen gefahren, um vom Besucherpark aus die Maschinen auf dem Rollfeld zu foto- grafieren, ein richtiger „Flugzeug-Freak“ eben. Aber dann habe Sonboly angefangen, Stimmungsumschwünge zu zeigen. Eben noch sei er ganz normal gewesen und

tauschten, jene türkischstämmige Studen- tin, die gestorben war, nachdem es zu einem Streit in einem Schnellrestaurant gekommen war. „Fuck Tuğçe“, habe Son- boly alias „Hass“ im Chat geschrieben. Tut sie dir nicht leid?, fragte sein Spielkamerad nach. „Zum Glück ist sie tot“, antwortete „Hass“, „wieso mischt die Missgeburt sich ein?“ Sonboly ist am 20. April 1998 in Mün- chen geboren. In der „Frankfurter Allge- meinen Zeitung“ konnte man lesen, er habe es als „Auszeichnung“ verstanden, dass sein Geburtstag auf den von Adolf Hitler fiel. Dass seine Eltern aus Iran stammten, habe er als weiteres Privileg ge-

sehen: Iran gilt als eine Heimstätte der Arier, jenes mythologischen Volksstamms, der bei den Nationalsozialisten überragen- de Bedeutung gewann. Die Münchner Staatsanwaltschaft wollte die Hinweise auf Nachfrage nicht bestäti- gen. Der mehrseitige Text, den Sonboly hinterlassen hat, hilft leider wenig weiter, um seine politische Gesinnung genau zu bestimmen. Das sogenannte Manifest ist eher ein Sammelsurium von Gedanken, die um schulische Misserfolge, die fami- liäre Situation und das Gefühl der Perspek- tivlosigkeit kreisen.

Alle Opfer des Münchner Amoklaufs ha- ben einen Migrationshintergrund. Drei Jugendliche waren türkischstämmig, drei weitere waren Kosovo-Albaner, ein Opfer stammte aus Griechenland. Von Anfang an gingen die Ermittler deshalb der Frage nach, ob Sonboly seine Opfer möglicher- weise gezielt nach ihrem Aussehen ausge- wählt habe. Aber alles, was man über den Tathergang weiß, spricht eher dagegen. Das Olympia-Einkaufszentrum liegt in einer Gegend, in der der Anteil von Mi- granten besonders groß ist. Nach den Vi- deoaufnahmen zu urteilen, die Sonboly

vor dem McDonald’s-Restaurant zeigen, sieht es so aus, als habe er wahllos auf jeden geschossen, der sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen konnte. Dass er ein „Wichser“ sei, ein „Loser“, wurde David Sonboly in der Schule immer wieder gesagt. „Wichser“ war auch eines der letzten Wörter, die er hörte, bevor er seinem Leben ein Ende setzte. Davor la- gen mehrere Stunden, in denen er wohl glaubte, die totale Kontrolle zu besitzen. Für diesen Machtrausch mussten neun Menschen ihr Leben lassen.

Laura Backes, Jan Fleischhauer, Conny Neumann

„Bleib ruhig und knall alle ab“

Gewalt Ein Gymnasiast kannte den Münchner Täter aus Amokforen und baute selbst Bomben.

I m Netz wird David Sonbolys mons- tröse Tat von einer Sympathisanten- szene für Amokläufer bejubelt. In

der Gruppe mit dem Namen „Killer zu vermieten“ freut sich ein „Ivan der Judenjäger“ über den Attentäter von München: „Er hat es getan, er hat es wirklich getan.“ Es gibt Onlinegruppen, in denen die Grenzen zwischen Ausländerhass, Rechtsextremismus und allgemeiner Menschenverachtung zerfließen. Die „social club misfit gang“ begrüßt Besu- cher mit einem Hakenkreuz und den Worten „Willkommen, potenzieller zu- künftiger Amokläufer“. Rund 1600 Mit- glieder aus aller Welt gehören dieser virtuellen Gang an. Natürlich plant nicht jeder, seine Fantasie in die Tat umzusetzen. Aber zumindest ein deutscher Teenager, der zu dieser Szene gehört, hatte offenbar mit konkreten Planungen begonnen. In der Nacht zum Dienstag stürmte die Polizei die Wohnung eines 15-Jäh- rigen und seiner Eltern in Gerlingen bei Ludwigsburg. Man befürchtete, der Junge könnte ebenfalls einen Amok- lauf planen, womöglich vor Beginn der Schulferien in Baden-Württemberg am Donnerstag. Der 15-Jährige war, wie David Son- boly, Mitglied in mehreren dieser Onlinegruppen. Zumindest virtuell waren die beiden Freunde und tausch- ten sich per Chat über Amokläufer aus. Nach dem Attentat postete der Ger- linger Gymnasiast auf der Plattform Instagram ein Foto eines Profils von David Sonboly: „Ich kannte den Münchner Schützen übrigens.“ An anderer Stelle schrieb er: „Freund von David S.“

An anderer Stelle schrieb er: „Freund von David S.“ „Diabolic Psychopath“-Waffen auf Instagram

„Diabolic Psychopath“-Waffen auf Instagram „Brandbomben an Menschen testen“

Dass der Schüler aus Baden-Württem- berg aufflog, ist der Aufmerksamkeit ei- nes Berliner Computerspielers zu ver- danken. Der 34-Jährige zockt jeden Tag stundenlang Computerspiele und über- trägt das Ganze per Livestream im In- ternet. Erstaunlich viele Menschen in Deutschland sind offenbar bereit, dafür Geld zu zahlen. Der Mann kann davon leben. Aus privater Neugierde versuch- te er, so viel wie möglich über den Münchner Attentäter herauszufinden. Dabei stieß er auf die Onlineaktivitäten eines Jugendlichen aus Deutschland, der sich „Diabolischer Psychopath“ nannte. Zuerst dachte der Computer- freak, der tote Amokläufer habe sich so genannt. Bis „Diabolic Psychopath“ plötzlich online war. Der Berliner wandte sich an die Poli- zei, die nahm den Jungen in derselben Nacht fest. Auf Instagram hatte der Schüler zahlreiche Collagen des Colum- bine-Amokläufers Eric Harris gepostet, etwa mit Kreuzen, Einschusslöchern und Herzen, darauf den Spruch: „Keep calm and shoot everyone up“ (Bleib ru-

hig und knall alle ab). Er lud Fotos von Messern, Schusswaffen und offenbar selbst gebauten Bomben hoch, dazu gab er alle chemischen Bestandteile an. Das Video einer explodierenden Bom- be kommentierte er auf Englisch: „Ich wünschte, ich könnte meine Brandbom- ben an einem lebendigen Körper testen. Ich würde so gerne die verbrannte Haut und den Ruß auf dem Fleisch sehen.“ Daneben stellte er einen Smiley mit Herzaugen. Zwölf Personen gefiel das. Bei der Hausdurchsuchung stellte die Polizei fest, dass dies mehr war als nur Fantasie. In der Wohnung des Jun- gen fand sie Waffen, größere Mengen Chemikalien – und Pläne der Flucht- wege seiner Schule. In einem Compu- terspiel hatte er das örtliche Robert- Bosch-Gymnasium nachgebaut, die Schule, die er vermutlich besuchte. Laut Polizei hat der Jugendliche ge- sagt, aufgrund von „persönlichen und schulischen Problemen“ über einen Amoklauf nachgedacht zu haben. Er habe aber auch ausgesagt, dass er dies jetzt nicht mehr tue. Der Junge wurde in eine jugendpsychiatrische Einrich- tung gebracht, die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Verstößen gegen das Waffen- und das Sprengstoffgesetz. Unklar ist, wie weit die Pläne des 15-Jährigen gediehen waren. Die meis- ten seiner Instagram-Beiträge stammen aus dem Herbst 2015. Doch noch 24 Stunden vor dem Attentat in Mün- chen stellte der Junge das Foto einer Pistole im Gras online, womöglich eine Softairwaffe, die nicht tödlich ist und mit Druckluft funktioniert. Dazu schrieb er: „Was macht mehr Spaß als ein bisschen Training im Wald?“

Laura Backes

DPA

AFP

DPA AFP Inzwischen fragen sich Ermittler, ob der IS gezielt eine labile Person angeworben und instrumentalisiert
DPA AFP Inzwischen fragen sich Ermittler, ob der IS gezielt eine labile Person angeworben und instrumentalisiert

Inzwischen fragen sich Ermittler, ob der IS gezielt eine labile Person angeworben und instrumentalisiert hat – oder ob Daleel schon lange Islamist war und seine deut- schen Gesprächspartner getäuscht hat. Jedenfalls trügt in seinem Fall das Bild vom sich selbst schnell radikalisierenden Attentäter. Der Anschlag von Ansbach hatte einen Vorlauf, genau wie der bei Würzburg, wo der 17-jährige Afghane Riaz Khan A. fünf Menschen mit einer Axt at- tackierte. Laut Ermittlern hatte auch A. bis kurz vor seiner Tat Kontakt zu einer Person im Nahen Osten, die dem IS zugerechnet wird. Das ergab sich aus der Auswertung von teils verschlüsselten Datenträgern. Sein Bekennervideo übertrug A. demnach per Facebook an den IS. In den Tagen vor der Attacke telefonier- te A. viel, seinen Pflegeeltern im kleinen Ort Gaukönigshofen erzählte er, in Afgha- nistan sei ein Freund von ihm ums Leben gekommen. Doch womöglich nutzte er nur die Ge- legenheit, nun ungestört kommunizieren und dann zur Tat schreiten zu können. Denn im Kolpinghaus Ochsenfurt, wo A. bis zwei Wochen vor der Tat lebte, teilte er ein Zweibettzimmer. Bis Juli 2015 wohn- te er in einer Passauer Turnhalle, die als Notunterkunft diente. Außerdem war er seit Anfang Juni die- ses Jahres unter Beobachtung: In einem ungeklärten Streit um eine Spielkonsole soll A. laut einem Zeugen gegenüber ei- nem anderen Jugendlichen das Messer ge- zückt, ein anderes Mal mit einem Mitbe- wohner gerangelt haben. Das Jugendamt Würzburg hatte den- noch einen guten Eindruck von dem af-

Flüchtlinge Daleel, A.: „Sehr positiver, motivierter und offener Eindruck“

Angeleitete Attacken

Islamisten Die Attentäter von Ansbach und von Würzburg lebten monatelang unauffällig – doch vor ihren Taten erhielten sie wohl Instruktionen vom IS.

U m sein Taschengeld aufzubessern, half Mohammad Daleel im Hotel Christl gelegentlich beim Putzen.

Er erhielt dafür eine kleine Aufwandsent- schädigung, zusätzlich zu den 320,14 Euro, die ihm nach dem Asylbewerberleistungs- gesetz monatlich ausgezahlt wurden. „Freundlich und unauffällig“ habe sich der 27-jährige Syrer bei Besuchen auf dem Sozialamt gezeigt, heißt es von der Stadt Ansbach. Und auch ein pakistanischer Mit- bewohner aus der zur Flüchtlingsunter- kunft umgewidmeten Pension kann nur Harmloses berichten: Man habe einen Plausch auf dem Gang gehalten, dann habe sich Daleel in sein Zimmer zurückgezogen. Am Montagmorgen stürmte ein Einsatz- trupp der Polizei ins Hotel Christl. Aus Da- leels Einzelzimmer trugen die Beamten unter anderem: Chemikalien zur Herstel- lung von Sprengstoff, Glühbirnchen, die sich als Zünder eignen, eine Geldrolle mit 50-Euro-Scheinen. Dazu zwei Mobiltelefo- ne, mehrere SIM-Karten und einen Laptop. Darauf gespeichert: ein IS-Propaganda- video mit Enthauptungsszenen. Wenige Stunden zuvor, am Sonntag- abend gegen 22 Uhr, hatte Daleel am Ein- gang eines Musikfestivals in der Ansbacher Innenstadt eine selbst gebaute Bombe ge- zündet. Er starb, 15 Menschen wurden ver- letzt. Seither versuchen die Behörden fieber- haft, die Vorgeschichte des Anschlags auf- zuklären. Wie nach dem Axtattentat bei Würzburg am Montag zuvor beschäftigt sie vor allem eine Frage: Handelten die Täter allein oder im Auftrag und mit Un- terstützung des „Islamischen Staats“? In beiden Fällen verdichten sich nun die Hinweise auf enge Verbindungen der At- tentäter zum „Kalifat“. Mit Fortgang der von der Bundesanwaltschaft geführten Er-

mittlungen wird deutlich, dass Daleels be- schauliche Existenz in Ansbach nur Fassa- de war. Sein wahres Ich offenbarte er nur in seiner elektronischen Kommunikation per Handy oder Computer, in seinem Zim- mer bei heruntergelassenen Rollläden. Einen Tag nach der Tat feierten die Pro- pagandisten des IS Daleel als einen ihrer Soldaten. Inzwischen zeichnet sich ab, dass diese Aussage mehr ist als reine Kraftmeie- rei. Denn der Attentäter hatte bis kurz vor dem Anschlag mit einer Person im Nahen Osten per Chat kommuniziert. Diese Per- son wusste von Sprengstoff und vom ge- planten Anschlag. Sie instruierte Daleel, wie er die Taschenkontrolle am Festival- Eingang umgehen sollte.

Sein wahres Ich offenbarte Daleel nur in seiner elektronischen

Kommunikation per Handy oder Computer.

Schon im Vorfeld muss Daleel einschlä- gige Kontakte in den Nahen Osten gehabt haben: Der IS befand sich im Besitz des Videos, auf dem Daleel dem irakischen IS- Führer Abu Bakr al-Baghdadi die Treue schwört. Auch die Bombe kann Daleel kaum un- angeleitet gefertigt haben. Er verbaute eine kleine Lautsprecherbox und ein Fahr- radlämpchen, den Sprengsatz spickte er mit Befestigungskrallen aus Metall, wie sie zum Anbringen von Dämmplatten verwen- det werden. Zum Zeitpunkt des Anschlags lebte Da- leel seit fast zwei Jahren in Ansbach. Er hatte den Status eines Geduldeten; seine Abschiebung nach Bulgarien wurde zu- nächst nicht vollzogen, weil er psychische Probleme und Verletzungen durch Granat- splitter aus dem Bürgerkrieg in Syrien gel- tend machen konnte.

ghanischen Jugendlichen. Er habe „einen sehr positiven, prosozialen, motivierten und offenen Eindruck gemacht“. Seine Vormündin habe „einen sehr guten Ent- wicklungsverlauf festgestellt“. Flüchtlinge in Ansbach und Würzburg tun sich unterdessen schwer, die beiden Täter zu verstehen. „Uns wurde doch alles gegeben“, sagt der pakistanische Nachbar Daleels aus dem ehemaligen Hotel Christl in Ansbach, „Unterkunft, Essen, Geld.“ Wie könne man unter diesen Umstän- den nur einen Anschlag planen? „Die deut- sche Regierung“, so der Mitbewohner, „war wie eine sorgende Mutter zu uns.“

Anna Clauß, Jörg Diehl, Jan Friedmann, Sven Röbel, Andreas Ulrich

Lesen Sie auch auf Seite 122 Essay über die öffentliche Inszenierung von Allmacht und Größenwahn

Titel

Die Glock aus dem Darknet

Kriminalität Wie konnte sich ein 18-jähriger Junge eine scharfe Pistole für ein geplantes Attentat im Internet besorgen? Der Verfolgungsdruck auf Waffenhändler nimmt zu.

W er eine Pistole braucht, sollte nicht einfach ins nächstbeste Bahnhofsviertel spazieren. Leu-

te, die dumm herumfragen, machen sich dort schnell als Polizeispitzel verdächtig. Das Milieu ist paranoid, ohne gute Kon- takte kommt man nicht weit. Waffenge- schäfte werden gern nachts im Gewerbe- gebiet oder auf einem Autobahnparkplatz abgewickelt. Solche Umstände blieben dem Attentä- ter erspart, der am 22. Juli in München neun Menschen und dann sich selbst tötete. David Sonboly musste sich vor der Tat nicht erst Zugang zur Unterwelt verschaf- fen. Er machte einfach seinen Computer an und ging ins Internet: „Hallo, ich suche nach einer Glock 17 mit insgesamt 250 Schuss Munition.“ Diese Anfrage, unterzeichnet mit „Mau- rächer“ fanden die Münchner Ermittler in einem abgeschiedenen Onlineforum für Kriminelle. Sie vermuten, dass Sonboly sie geschrieben hat, doch den Beweis ha- ben die Ermittler noch nicht geführt. Demnach registrierte sich der User Mau- rächer am 29. Mai 2015 in einem der be-

kanntesten deutschsprachigen Darknet-Fo- ren und machte sich auf die Suche nach ei- ner Pistole; damals war er 17 Jahre alt. We- nige Monate später hatte sich Maurächer mit den Gepflogenheiten des Forums ver- traut gemacht und bewegte sich in den Tie- fen der kriminellen Netzwelt. In dem Fo- rum ist noch heute nachzulesen, wie er über Monate hinweg mit Dutzenden Nachrichten versuchte, den Kauf einzufädeln. Maurä- cher konnte sich Zeit lassen mit seiner Ein- kaufstour, zu befürchten hatte er wenig. Selbst wenn die Polizei mitlas: In der Regel bleibt ihr verborgen, wer hinter den Deck- namen steckt, die hier herumgeistern. In diesem Winkel des Internets, genannt Dark- net, dürfen sinistre Gestalten sich unangreif- bar fühlen. Für gewöhnliche Browser ist das Dark- net nicht sichtbar, daher der Name. Wer aber die nötige Software installiert, etwa den sogenannten Tor-Browser, dem tut sich eine Parallelwelt auf: Hier gibt es alles, was das finstere Herz begehrt. Das Einkaufsportal AlphaBay führt al- lein in der Abteilung Drogen und Pharma- zeutika gut 120000 Produkte – von Ha-

schisch über Ecstasy-Pillen bis hin zu He- roin. Aber auch eine kleine Auswahl an Waffen ist im Angebot: Wer 4100 Dollar hinlegt, soll eine Maschinenpistole („Uzi“) mit Schalldämpfer bekommen. Auch eine Glock 17, „fast neu“, wird für 1500 Dollar angeboten – hier hätte ein angehender At- tentäter sich ebenfalls ausstatten können. Auch Kleinkriminelle finden allerhand im Sortiment: Blüten (300 falsche Euro ge- gen 50 echte) oder geknackte PayPal-Ac- counts für 23 Dollar das Stück („drei kau- fen, zwei bezahlen“). Wer die Zugangsda- ten erwirbt, kann damit angeblich shoppen auf Kosten der oft ahnungslosen Inhaber. Neben den Händlern haben sich seltsa- me Dienstleister angesiedelt. Ein gewisser „wtfjustwork“ bietet ferngesteuerte E-Mail- Bomben feil. Der Kunde nennt die Adresse eines missliebigen Mitmenschen, dessen Postfach ruiniert werden soll – und der Bomber aus dem Darknet schreitet zur Tat:

Tausende E-Mails verschiedener Absender, so die Verheißung, gehen auf das Opfer nieder. Schon nach wenigen Tagen sei so eine E-Mail-Adresse rettungslos überlau- fen. 512 solcher Bomben hat „wtfjustwork“

Tor-Station 2 Tor-Station 1 Tor-Station 3
Tor-Station 2
Tor-Station 1
Tor-Station 3

Absender

Tarnkappe Tor-Netzwerk

Wie die Anonymisierung von Daten im Darknet funktioniert

Empfänger

Anonymisierung von Daten im Darknet funktioniert Empfänger Die Nachricht wird mehrfach verschlüsselt und über drei
Anonymisierung von Daten im Darknet funktioniert Empfänger Die Nachricht wird mehrfach verschlüsselt und über drei
Anonymisierung von Daten im Darknet funktioniert Empfänger Die Nachricht wird mehrfach verschlüsselt und über drei
Anonymisierung von Daten im Darknet funktioniert Empfänger Die Nachricht wird mehrfach verschlüsselt und über drei
Anonymisierung von Daten im Darknet funktioniert Empfänger Die Nachricht wird mehrfach verschlüsselt und über drei

Die Nachricht wird mehrfach verschlüsselt und über drei zufällig ausgewählte Stationen durchs Tor-Netzwerk verschickt.

Station 1 entfernt die äußere Verschlüsselung und erfährt so die Adresse der nächsten Station.

Station 2 entfernt die zweite Verschlüs- selung und ermittelt so das nächste Ziel. Sie kennt weder den ursprünglichen Absender noch den Empfänger.

Station 3 entfernt die letzte Verschlüsselung und schickt die Nachricht an den Empfän- ger im offenen Internet.

Wer den Empfänger ausspäht, weiß nicht, woher die Nach- richt kommt – Tor-Station 3 ist scheinbar der Absender.

BORIS ROESSLER / DPA

bislang abgesetzt, 90 Prozent der Käufer zeigten sich mit der Ausführung zufrieden. Es geht hier zu wie bei Amazon: Die Kunden können die Händler bewerten, weshalb diese sich um Sternchen bemühen. Der Handel im Darknet beruht auf öffent- lich sichtbarer Reputation – andernfalls würden sich die Geschäftspartner wohl nach Kräften übers Ohr hauen. Schließlich kann hier niemand die Poli- zei zu Hilfe rufen; sie müsste im Zweifels- fall schon bei der Aufnahme der Persona- lien passen: In diesem Schattenreich ist je- der Nutzer anonym unterwegs – wer keine Fehler macht, ist für seine Taten kaum zu belangen. Dafür sorgt die ausgeklügelte Verschleierungstechnik des Tor-Netzwerks (siehe Grafik Seite 25). AlphaBay ist die führende Handelsplatt- form; daneben gibt es noch etwa ein Dut- zend kleinere Einkaufsparadiese sowie zahlreiche Händler, die auf eigene Faust gefälschte Führerscheine oder gestohlene Goldbarren zum halben Preis verhökern. Über Jahre hinweg übte das Darknet aufs interessierte Publikum den Zauber ei- ner Schattenwelt aus, in der die Polizei we- nig ausrichten kann. Schon 2014 stellte das Bundeskriminalamt fest, dass auf den ille- galen Handelsplätzen zunehmend soge- nannte Dekowaffen auftauchten. Das sind Pistolen oder Gewehre, die unbrauchbar gemacht wurden und fortan als Theater- requisiten oder einem Waffennarren als Wandschmuck dienten. In Deutschland sind die Regeln für den Umbau streng, anderswo geht es weit lo- ckerer zu. In der Slowakei genügt es, einen oder zwei Stahlstifte in den Lauf zu trei- ben. Sie lassen sich mit wenig Aufwand wieder herausbohren. Dann ist die Waffe scharf wie zuvor. Auch die Glock 17, mit der David Son- boly im Münchner Olympia-Einkaufszen- trum um sich schoss, war eine reaktivierte Dekowaffe aus der Slowakei. Die Ermittler suchen zudem nach einer zweiten Pistole vom Kaliber.45. Sonboly alias Maurächer soll sich in einem Darknet-Forum nach pas- sender Munition erkundigt haben. Auch wollen Zeugen bei Sonboly eine silberne Waffe gesehen haben, die benutzte Glock ist jedoch schwarz. Nach dem Verkäufer im Darknet wird noch gesucht. „Der Kreis möglicher Lieferanten reicht inzwischen über das kriminelle Milieu hi- naus“, sagt der Frankfurter Staatsanwalt Georg Ungefuk. Er ist Sprecher der Zen- tralstelle zur Bekämpfung der Internetkri- minalität und verfolgt die Szene seit Jahren. „Das Darknet zieht heute auch Waffen- sammler an, die ihre legalen Bestände um begehrte Stücke erweitern wollen“, sagt Ungefuk. „Anderes schlagen sie dafür los.“ Auch Deutsche versuchten, im Darknet ihre Waffenleidenschaft zu Geld zu ma- chen. Ein Sportschütze aus Heidelberg kam

Mutmaßliche Wortmeldung des Attentäters unter dem Namen „Maurächer“ im Darknet Pistole vom Typ Glock 17

Mutmaßliche Wortmeldung des Attentäters unter dem Namen „Maurächer“ im Darknet

Wortmeldung des Attentäters unter dem Namen „Maurächer“ im Darknet Pistole vom Typ Glock 17 Waffenangebot im

Pistole vom Typ Glock 17

Wortmeldung des Attentäters unter dem Namen „Maurächer“ im Darknet Pistole vom Typ Glock 17 Waffenangebot im

Waffenangebot im Darknet

unter dem Alias „Dosensuppe“ zu zweifel- hafter Bekanntheit. Im Portal Agora, das heute nicht mehr existiert, betrieb er schwunghaften Handel mit Kalaschnikows, Maschinenpistolen und Pumpguns. Er sei, so rühmte er sich einmal, der „größte Waf- fen- und Munitionsverkäufer Europas“. Solche Typen konnten sich eine Weile für unbezwinglich halten. Einkäufe wer- den im Darknet fast ausschließlich mit ano- nymen Bitcoins bezahlt. Spezielle Online- börsen bieten diese virtuelle Kryptowäh- rung zum Kauf; sie wechseln die Bitcoins auch wieder in Euro zurück. Überweisun- gen mit dem digitalen Geld haben den Vor- zug, dass sie kaum rückverfolgbar sind. Absender und Empfänger bleiben geheim. Wer sich im Darknet bewegt, ist auch sonst kaum zu identifizieren. Dafür sorgt der Tor-Browser; er funktioniert wie eine Tarnkappe für Surfer. Diese können damit unerkannt jede beliebige Adresse im Web aufrufen. Die Tarnung ist klug umgesetzt: Bevor der Browser eine Website lädt, verschlüs- selt er seine Anfrage zunächst mehrfach. Dann hüpft sie durch ein globales Netz von mehr als 6000 Tor-Servern blitzschnell zum Ziel. Die Route verläuft über zufällig ausgewählte Zwischenstationen; zudem wechselt sie häufig. Einem Überwacher, der die Daten un- terwegs abfängt, sagen sie nichts. Er kann weder sehen, woher sie ursprünglich kom- men, noch, wohin sie letztendlich reisen. Davon profitieren nicht nur Kriminelle. Auch Dissidenten in Syrien oder Ägypten sind auf Onlinekanäle angewiesen, über die sie sich unbewacht austauschen kön- nen. Nicht umsonst wird das Tor-Netzwerk seit 2006 von einer gemeinnützigen Orga- nisation betrieben. Zudem nutzen es Journalisten in aller Welt, auch beim SPIEGEL, zur sicheren Kommunikation mit Informanten. Medien betreiben im Darknet anonyme Briefkäs- ten, wo jedermann ohne Angst vor Repres- salien heikles Material deponieren kann. Selbst Facebook bietet dort seit fast zwei Jahren einen klandestinen Zugang – Mit- glieder aus Ländern, in denen Zensur herrscht, können sich unbemerkt von der Obrigkeit einwählen. Für Menschen, die Grund zur Vorsicht haben, gehört die Anonymisierungstech- nik zum Alltag. Die meisten Anwender nutzen sie, um unerkannt durchs gewöhn- liche Internet zu surfen. Nur ein kleiner Bezirk im Tor-Netzwerk besteht aus be- sonders abgeschirmten Websites, genannt Hidden Services, versteckte Dienste. Dort finden sich die Einkaufsportale für Waffen und Drogen. In den abgeschiedensten Win- keln haben sich die Anbieter von Kinder- pornografie eingenistet. Die Zahl dieser Hidden Services bewegt sich schätzungsweise um die 50000. Vom

gesamten Datenverkehr im Tor-Netzwerk entfällt nur eine einstellige Prozentzahl auf solche Adressen. Das ist einer der Gründe, warum Krimi- nelle zumindest einen Teil ihrer Geschäfte lieber im offenen Internet betreiben – hauptsächlich in teils vielbesuchten Dis- kussionsforen. Dort handeln sie mit ge- stohlenen Kreditkartendaten oder Pass- wörtern. „Selbst Waffen sind da vereinzelt zu finden“, sagt Staatsanwalt Ungefuk. Die Server, auf denen der krumme Han- del im offenen Internet läuft, sind meist in Weltgegenden registriert, in denen deut- sche Strafverfolger kaum Zugriff bekom- men. Die Kokosinseln und das Königreich Tonga gehören zu den Favoriten. Für die Betreiber ist das Risiko dennoch größer als im Darknet. Sie nehmen es in

Titel

werden, kann die klassische Polizeiarbeit ansetzen – mit verdeckten Ermittlern, die sich in die Szene hineinpirschen; mit Kri- minalbeamten, die wochenlang verdächti- ge Packstationen observieren. Die Fahndungserfolge der letzten Zeit haben die Szene verstört. Läden machten zu, Onlineforen schalteten ihre Waffenab- teilungen ab. „Bei AlphaBay werden we- niger Waffen angeboten als früher“, sagt Staatsanwalt Ungefuk. „Die Händler zie- hen sich zurück, sie wickeln ihre Geschäfte noch konspirativer ab.“ Es mag mal eine Zeit gegeben haben, da konnte ein junger Mann in einem On- lineshop des Darknet einfach ein paar Knarren in den Warenkorb legen. Aber das ist vorbei. Heute gehe ein Käufer, sagt Ungefuk, meist vorsichtiger ans Werk. Er

Die Fahndungserfolge der letzten Zeit haben die Szene verstört.

Die Geschäfte laufen jetzt noch konspirativer ab.

Kauf, weil sie auf diese Weise mehr Lauf- kundschaft erreichen. „Viele Händler fah- ren zweigleisig“, sagt Ungefuk. „Im offe- nen Internet werben sie um Kunden, die Geschäfte wickeln sie dann im Darknet ab, wo sie sich ungestört glauben.“ Aller- dings stimmt das nur mehr bedingt. Tech- nisch sei das Darknet nach wie vor nicht zu knacken, glaubt der Ermittler. „Aber der Verfolgungsdruck auf die Szene ist trotzdem gestiegen.“ Am vergangenen Donnerstag verurteilte das Heidelberger Landgericht den Händler „Dosensuppe“ zu fünfeinhalb Jahren Haft. Er war aufgeflogen, weil er Waffenteile aus den USA bestellt hatte – dass der Zoll ab und zu Pakete durchleuchtet, hatte der Mann wohl nicht bedacht. Zuvor hatte es schon den Händlerkolle- gen „Max Mustermann“ erwischt, einen Mechatronikstudenten aus Unterfranken. Der stand wie „Dosensuppe“ im Ruf, prak- tisch jedes Schusswaffenfabrikat auftreiben zu können. Er kaufte in großen Mengen Dekowaffen, machte sie scharf und ver- kaufte sie weiter, gelegentlich zum zehn- fachen Preis. Inzwischen sitzt der krimi- nelle Heimwerker in Haft. Ihn überführten die Ermittler, indem sie Waffen zum Schein bestellten – die Spur konnten sie dann zu einer Paketbox in Schweinfurt zurückverfolgen. Das ist die große Schwäche der illegalen Geschäfte im Darknet: Irgendwann muss ein echtes Paket auf den Weg zum Kunden gebracht werden. Die Händler nutzen zwar Packstationen mit gefälschten Zu- gangskarten, und sie ersinnen trickreiche Camouflage für die Ware – wie aus ver- traulichen Polizeiunterlagen hervorgeht, reisten Waffen auch schon zerlegt und ver- teilt auf mehrere Kisten mit Stahlschrott durchs Land. Aber sobald Waren versandt

suche erst einmal die einschlägigen Foren auf und frage dort in die Runde. Oder es habe ihm schon jemand zugesteckt, wen man da am besten anspricht. Kann ein Fo- rumsmitglied die gewünschte Waffe liefern, so kommt die Antwort in der Regel per Privatnachricht auf einem verschlüsselten Kanal. Der Rest wird vollends unter Aus- schluss der Öffentlichkeit ausgehandelt. Auch David Sonboly alias Maurächer fragte ausgiebig herum; möglicherweise er- schien ihm ein Kauf auf AlphaBay nicht sicher genug. Oder er fürchtete, hereinge- legt zu werden. Ein Jahr lang war Maurächer damit be- schäftigt, sich seine Schusswaffe zu organi- sieren. Schon viermal sei er an Betrüger ge- raten, klagte er vorigen Dezember. Im Früh- jahr suchte er nachweislich immer noch. Sei- ne letzte Nachricht verfasste er mutmaßlich am 8. Mai dieses Jahres. Wieder ging es um eine Glock. „Schreibe noch auf ein leeres Blatt Papier die Forenadresse und das heuti- ge Datum. Bilder vom Lauf und Munitions- lager“, forderte er. Damit wollte er offenbar klären, ob der Anbieter tatsächlich über die angebotene Ware verfügte. Irgendwann danach hat es offenbar ge- klappt. Belege für den Kauf sind bislang nicht aufgetaucht. Ob Maurächer über- haupt im Darknet fündig wurde, ist hoch wahrscheinlich, aber derzeit nicht zu be- weisen. Sicher ist nur: Mit dem Aufwand, den er da trieb, wäre er wohl auch auf her- kömmliche Weise zu seiner Waffe gekom- men – beim Hehler im Bahnhofsviertel.

Maik Baumgärtner, Jörg Diehl, Manfred Dworschak, Fidelius Schmid

Jörg Diehl, Manfred Dworschak, Fidelius Schmid Animation: Was ist das Darknet? spiegel.de/sp312016darknet

Animation:

Was ist das Darknet?

spiegel.de/sp312016darknet

oder in der App DER SPIEGEL

IMAGO

HENNING SCHACHT

Union

Mehr Mütterrente für Westfrauen

Streit um neue Wohltaten für Seniorinnen

In der CDU gibt es Widerstand gegen Pläne der CSU, die Mütterrente noch weiter auszubauen. „Wir müssen mehr über diejenigen nachdenken, die in 15 bis 20 Jahren in Rente gehen, und nicht über die heutigen Rentnerjahr- gänge. Die sind gut abgesichert“, sagt Karl-Josef Lau- mann, Chef des Arbeitnehmerflügels CDA. Der Ausbau der Leistungen sei „richtig und gut“ gewesen. Bei der nächsten Reform sollten aber „neue Prioritäten“ gesetzt werden, ganz oben stünden dabei Verbesserungen bei der Erwerbsminderungsrente. Die CSU möchte allen Müttern, die vor 1992 Kinder zur Welt gebracht haben, ein weiteres Erziehungsjahr gut- schreiben. Diese wären damit Eltern mit später geborenen Kindern gleichgestellt. Die zusätzlichen Kosten beziffern Rentenexperten auf jährlich 6,5 Milliarden Euro. Vor allem Seniorinnen aus den alten Bundesländern haben bisher von der jüngsten Reform profitiert. Nach einer Statistik der „Deutschen Rentenversicherung Bund“ erhielten westdeutsche Frauen, die 2015 in den Ruhestand gingen, eine durchschnittliche Altersrente von 635 Euro – ein Plus von rund 13 Prozent. 2014 lag der Durchschnitt noch bei 562 Euro. Nach Einschätzung der Rentenkasse geht der starke Anstieg auch auf die geänderten Regeln bei der Mütter- rente zurück: Seit Mitte 2014 werden den Versicherten für jedes vor 1992 geborene Kind mehr rentensteigernde Erziehungsjahre als zuvor anerkannt. Davon profitieren vor allem jene Westseniorinnen, die nach der Geburt ihrer Kinder oft längere Zeit aus dem Beruf ausgestiegen waren. In den neuen Bundesländern fiel das Plus für Neu- rentnerinnen mit 2,4 Prozent bescheidener aus. Hier stieg der durchschnittliche Monatsbetrag von 841 auf 861 Euro im Jahr 2015. cos

Soziale Medien

Cyberattacke auf Bundesregierung?

Mehrere Mitglieder der Bundesregierung, darunter Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD), Justizminister Heiko Maas (SPD), Kanzleramts- minister Peter Altmaier (CDU) und Regierungsspre- cher Steffen Seibert, sind am vergangenen Wochenende offenbar Opfer eines Cyber- angriffs auf ihre Twitter- Accounts geworden. In der Nacht des Amoklaufs von München meldeten sich auf ihren Accounts Tausende neuer Follower an. Betroffen

sind auch die Parteien CDU, CSU, SPD und Grüne. Entdeckt hat die mutmaß- liche Attacke der Hambur- ger Politikberater und Blog- ger Martin Fuchs, der mit einem speziellen Portal („plu-

ragraph“) die Social-Media- Aktivitäten deutscher Partei- en und Politiker verfolgt. Fuchs, der seine Erkenntnisse über Twitter mitgeteilt hat, spricht von einer „echten Gefahr“ und vermutet dahin-

Gabriel
Gabriel

ter aus dem Ausland gesteuer- te, automatisch arbeitende Computerprogramme (Bots). Das Bundespresseamt erklär- te, es sei erst durch die Me- dienanfrage auf den Anstieg der Follower aufmerksam ge- macht worden. Fuchs rechnet in einigen Wochen mit geziel- ter, destruktiver Unterwande- rung von Debatten auf Twit- ter und sogar mit Auswirkun- gen auf Wahlkämpfe. Ernüchtert spricht der Experte von Ignoranz der Regierung: „Auf der Füh- rungsebene haben sie kein Sensorium dafür – die haben die Relevanz schlicht noch nicht erkannt.“ kn

MAURIZIO GAMBARINI / DPA

Sexueller Missbrauch

Geld für Opferhilfe wird knapp

In einem Mahnbrief an 13 Ministerpräsidenten hat der Bundesbeauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmiss- brauchs die Länder aufgefor- dert, endlich Geld für einen Hilfsfonds zur Unterstützung von Missbrauchsopfern be- reitzustellen. Nur wenn alle Länder einzahlten, könnten Betroffene weiterhin die „dringend erforderliche“ Hilfe erhalten, mahnt der Be- auftragte Johannes-Wilhelm Rörig in dem am Donnerstag verschickten Brief. Der Hilfsfonds war 2013 von der Bundesregierung ein- gerichtet worden. Er sollte 100 Millionen Euro umfassen, um etwa Beratungs- und Be- treuungskosten oder psycho-

therapeutische Hilfen für die Opfer von Kindesmissbrauch in Familien zu finanzieren. Doch bislang haben lediglich der Bund sowie die Länder Bayern und Mecklenburg-Vor- pommern eingezahlt. Hessen hat in dieser Woche angekün- digt, seinen Anteil für 2017 und 2018 leisten zu wollen. Doch selbst nach dieser Zu- sage sei absehbar, so Rörig, dass dem Fonds bald das Geld ausgehe. Bisher lägen schon über 5500 Anträge von Missbrauchsopfern aus dem familiären Bereich vor, damit sei das aktuelle Fondsvolu- men von 58 Millionen Euro nahezu aufgebraucht. Die Be- troffenen hätten große Hoff- nungen in den Fonds und die Zusagen der Politik gesetzt, sagt Rörig. Es sei nun „höchs- te Zeit, die Politik der kalten Herzen zu beenden“. mab

Serienmörder

Spurensuche im Grab

Der Polizei könnte es nach 40 Jahren gelingen, einen Serien- killer zu überführen: den „Anhalterinnenmörder“, der in den Siebzigerjahren nahe Münster und im Raum Heidelberg mutmaßlich acht Frauen erwürgt hat. Die Ermittler vermuten, dass der Mann vor einigen Jahren gestorben und auf einem Friedhof in Norddeutschland bestattet worden ist (SPIEGEL 17/2016). Weil gegen Tote eigentlich nicht weiter ermittelt wird, hatte es der zuständige Richter im März abgelehnt, das Grab des möglichen Täters öffnen und eine DNA-Probe entnehmen zu lassen. Nun änderte der Jurist seine Meinung – auch deshalb, wie es heißt, weil durch die Maßnahmen andere Verdächtige entlastet werden könnten. Die DNA-Probe soll mit Hautresten verglichen werden, die unter dem Fingernagel eines Opfers gefunden wurden. Sie stammen laut einem Rechtsmediziner mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Täter. gui

Deutschland

hoher Wahrscheinlichkeit vom Täter. g u i Deutschland Bundesverkehrsminister Dobrindt Dieselaffäre Experten

Bundesverkehrsminister Dobrindt

Dieselaffäre

Experten wollen nicht prüfen

Die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestags haben es abgelehnt, die Die- sel-Abgasaffäre juristisch zu bewerten. Die Grünen-Ab- geordnete Bärbel Höhn hatte gefragt, ob sich Beamte im Verkehrsministerium oder die politische Spitze um Mi- nister Alexander Dobrindt (CSU) strafbar gemacht hät- ten, wenn sie von erhöhten Stickoxidwerten oder den Abschaltvorrichtungen bei Dieselfahrzeugen wussten und nichts unternahmen. Es lägen keine Angaben „zum konkreten Ablauf eines mög- lichen Tatgeschehens“ vor, die seien aber für eine „seriö- se strafrechtliche Beurtei- lung“ notwendig, teilte ihr der Fachbereich der Dienste

für Strafrecht, Umweltrecht und Verkehr mit. Üblicher- weise fragen die Wissen- schaftlichen Dienste die nöti- gen Informationen bei den Ministerien an, dies versuch- ten sie in dem Fall offensicht- lich nicht einmal: Bereits einen Tag nach Eingang wies der Bundestag Höhns An- frage ab. „Die Absage ist ungewöhnlich und in ihrer Begründung für mich nicht nachvollziehbar“, kritisiert die Abgeordnete. Ein Spre- cher der Bundestagsverwal- tung bestätigt, dass 2016 nur ein Auftrag abgelehnt, aber 600 bearbeitet wurden. Höhn verweist auf die Kontroll- funktion des Bundestags ge- genüber der Exekutive: „Si- cherlich ist die Fragestellung heikel, aber das Parlament ist nun einmal dazu da, den Ministerien auf die Finger zu schauen.“ akm

Korruption

Halbwahrheiten vom Minister

In der Affäre um zwei Beam- te des Landeskriminalamts (LKA) Mecklenburg-Vorpom- mern steht Innenminister Lorenz Caffier (CDU) im Ver- dacht, dem Innenausschuss des Landtags wichtige Infor- mationen vorenthalten zu haben. Eine Nachrichten- händlerin soll den LKA-Poli- zisten mehrere Hunderttau- send Euro gezahlt haben, da-

mit sie Informationen für ei- nen ukrainischen Oligarchen beschaffen. Caffier hatte in der Aus- schusssitzung am 12. Mai erklärt, „alle erforderlichen Schritte“ seien „eingeleitet worden, um den Sachverhalt aufzuklären“. Dass der Hauptverdächtige Heinz- Peter H. über Jahre hinweg intensive Verbindungen zum Bundesnachrichtendienst (BND) hatte und vom deut- schen Auslandsgeheimdienst sogar zwei Jahre lang Geld

erhielt (SPIEGEL 28/2016), verschwieg der Minister jedoch. Vergangene Woche konfrontierten die Ausschuss- mitglieder der Grünen und der Linkspartei Caffiers Staatssekretär Thomas Lenz mit den SPIEGEL-Recherchen. Lenz räumte ein, dass das Innenministerium bereits seit Mai 2015 über die geheime Kooperation des BND mit dem beschuldigten Landes- beamten informiert war. Doch auch dieses Eingeständ- nis ist, so ergibt es sich aus

den Akten, nur die halbe Wahrheit. Bereits am 8. April 2015 schrieb ein Kriminal- oberrat des LKA in einem „Sachstandsbericht“, ihm sei „bekannt, dass H. über gute Kontakte zum BND“ verfüge. Überdies war Heinz-Peter H. bereits im September 2005 vom LKA zu zweitägigen Be- ratungen mit dem Nachrich- tendienst entsandt worden, wie der BND den Schweriner Ermittlern in einer als Ver- schlusssache gestempelten Mitteilung gemeldet hatte. gla

MARKUS HEINE / IMAGO

Deutschland

Wahlkampf

Kiffer für die AfD

Weil die Berliner AfD für ihre Werbekampagne keine deutsche Agentur finden konnte, musste sie sich Hilfe aus dem Ausland besorgen. „Wir hatten erhebliche Schwierigkeiten, eine Werbe- agentur in Deutschland zu bekommen“, so Landeschef Georg Padzerski. Die Werbeleute hätten Sorge gehabt, durch einen Auftrag für die AfD andere

Kunden zu verprellen. Wer die Kampagne nun erdacht hat, wollte Padzerski nicht sagen, nur so viel: Die Agen- tur stamme aus dem deutsch- sprachigen Ausland. Für die Werbeaktion, mit der sie ihren Einzug ins Berli- ner Abgeordnetenhaus beför- dern will, hat die rechtspopu- listische Partei ein fünfstelli- ges Budget bereitgestellt. In der vergangenen Wo- che hatte die AfD im Berli- ner Wahlkampf bereits mit einem Kiffer geworben, der

ner Wahlkampf bereits mit einem Kiffer geworben, der Wahlplakat der AfD sich über Sozialhilfe für sei-

Wahlplakat der AfD

sich über Sozialhilfe für sei- nen Dealer beschwert, und einem schwulen Paar, das über die angebliche Homo- phobie von Muslimen klagt. Demnächst soll auf den Pla-

katen eine sportliche blonde Frau folgen, die auf die Kölner Silvester-Übergriffe anspielt, und sogar eine Muslimin, allerdings ohne Kopftuch. akm, jfl

Streit um Erdoğan

„Klare Kante zeigen“

m , j f l Streit um Erdoğan „Klare Kante zeigen“ Ali Ertan Toprak, 47, Bundesvorsit-

Ali Ertan Toprak, 47, Bundesvorsit- zender der Kurdi- schen Gemeinde, CDU-Mitglied und ZDF-Fernsehrat, über die Eskala- tion der Konflikte unter Türken in Deutschland

SPIEGEL: Für Sonntag planen Anhänger von Präsident Recep Tayyip Erdoğan eine Großdemo in Köln mit etwa 15000 Teilnehmern, auch Gegenmärsche sind angekün- digt. Wie stehen die kurdi- schen Gruppen dazu? Toprak: Wir haben als Ge- meinde bewusst nicht zu ei- ner Gegendemo aufgerufen, um das Erdoğan-Lager nicht aufzuwerten. Wir wollen auch verhindern, dass mög- liche Zusammenstöße uns Kurden zugeschrieben wer- den. Aber einzelne linke Gruppen, auch kurdische, werden zu den Gegendemos gehen. SPIEGEL: Politiker befürchten, dass der türkisch-kurdische Konflikt auch hierzulande eskalieren könnte. Zu Recht? Toprak: Ja, leider, die Stim- mung ist aufgeheizt, aller- dings geht die Aggression im Moment von den Erdoğan- Anhängern aus. Und die Hetze in den sozialen Netz- werken richtet sich nicht nur gegen Anhänger des islami- schen Predigers Fethullah

Gülen, sondern auch gegen Kurden. SPIEGEL: Was erleben Sie persönlich? Toprak: Ich werde seit Länge- rem attackiert, beleidigt und bedroht, weil ich zu den wenigen Türkeistämmigen gehöre, die Erdoğan noch öffentlich kritisieren. In Erdoğan-nahen Zeitungen bin ich schon als PKKler und „Terrorunterstützer“ tituliert worden. Das ist Rufmord, damit hat man mich zur Zielscheibe gemacht. Freun- de und Verwandte in der Türkei haben Angst, sich zu mir zu bekennen, sie ent- freunden sich auf Facebook oder WhatsApp, weil sie Repressalien fürchten. SPIEGEL: Wodurch könnte eine weitere Verschärfung der Situation hierzulande verhindert werden?

Toprak: Die deutsche Politik, die bisher teilnahmslos rea- giert, muss jetzt klare Kante zeigen und sagen, Menschen, die Autokraten verteidigen, sind hier fehl am Platze. Das Verhältnis zwischen unserem Staat und den islamischen Verbänden wie Ditib muss ge- klärt werden: Wer vom Aus- land dirigiert wird, wer sich mehr mit einem ausländischen Staat identifiziert als mit der hiesigen Gesellschaft, kann nicht erwarten, dass er bei der Integration der Muslime und der Gestaltung der Islampoli- tik als Gesprächspartner ak- zeptiert wird. Wir müssen un- terbinden, dass Erdoğan die Türken hier als seine fünfte Kolonne instrumentalisiert. Er hat inzwischen Gegenge- sellschaften in Deutschland etabliert, die aggressiv gegen unsere Werte agieren. agr

die aggressiv gegen unsere Werte agieren. a g r Putschgegner bei Demonstration in Berlin Krankenkassen

Putschgegner bei Demonstration in Berlin

Krankenkassen

Verbotene Prämie für DAK-Mitglieder?

Die DAK-Gesundheit hat möglicherweise mehreren Versicherten Geld gezahlt, damit sie nicht zu einer anderen Krankenkasse wech- seln. Das könnte den aktuel- len Wettbewerbsgrundsätzen widersprechen. Laut Bundes- versicherungsamt richten sich Beschwerden anderer Kassen bei der Aufsichtsbe- hörde der gesetzlichen Kran- kenversicherungen dagegen, dass die DAK einen „Sofort- bzw. Aktivbonus in Höhe von 210,- bzw. 330,- € ange- boten“ oder bei Rücknahme der Kündigung die Zahlung einer Prämie von 110 Euro „für die Teilnahme an einer Marktforschung“ in Aussicht gestellt habe. Mit sechs Mil- lionen Versicherten ist die DAK nach TK und Barmer GEK die drittgrößte gesetz- liche Krankenkasse Deutsch- lands. Nachdem sie ihre Bei- träge erhöhen musste, verlor sie seit Jahresbeginn mehr als 180000 Mitglieder. Ein Sprecher der Kasse bestätig- te sechs Fälle, in denen „im Rahmen der Mitgliederhalte- arbeit“ Zahlungen „vorge- nommen wurden, obwohl erforderliche Auszahlungs- voraussetzungen nicht vor- lagen“. Ein Fall verstoße gegen die „interne Anwei- sungslage“; gegen einen Mitarbeiter seien deshalb „disziplinarische Maßnah- men ergriffen“ worden. mop

Herz. Haltung. Hayali. ZDFdonnerstalk mit Dunja Hayali donnerstags 4.,18. und 25. August
Herz. Haltung. Hayali. ZDFdonnerstalk mit Dunja Hayali donnerstags 4.,18. und 25. August
Herz.
Haltung.
Hayali.
ZDFdonnerstalk
mit Dunja Hayali
donnerstags 4.,18. und 25. August
Herz. Haltung. Hayali. ZDFdonnerstalk mit Dunja Hayali donnerstags 4.,18. und 25. August

Deutschland

„Zu selten geweint“

SPIEGEL-Gespräch Die Feministin Alice Schwarzer über Frauen in Spitzenämtern, die Wut der Männer und die verspätete Einsicht in eigene Fehler

SPIEGEL: Frau Schwarzer, Angela Merkel re- giert Deutschland seit fast elf Jahren. The- resa May ist seit gut zwei Wochen britische Premierministerin, und Hillary Clinton könnte die erste Präsidentin der USA wer- den. Wird die Welt besser, wenn sie von Frauen regiert wird? Schwarzer: Sie wird auf jeden Fall anders. Frauen haben eine andere Geschichte, eine andere Lebensrealität als Männer. Bis heu- te. Sie bringen also andere Erfahrungen ein. So hat Merkel in ihrer Kanzlerschaft von Anbeginn an einen sehr uneitlen, sach- bezogenen Stil gepflegt, an dem sich The- resa May ganz offensichtlich orientiert. Es war kein Zufall, dass Mays erste Auslands- reise nach Berlin ging. Dort sagte sie den schönen Satz: „Wir sind zwei Frauen, die ihren Job machen.“ SPIEGEL: Woran liegt es, dass Frauen anders regieren? Schwarzer: Bei den Hahnenkämpfen der Männer geht es ja immer darum, das Ge- sicht zu wahren. Frauen hatten jahrhun- dertelang gar kein Gesicht zu verlieren. Die einzige Ehre, die sie verlieren konn- ten, lag zwischen ihren Beinen. Und na- türlich haben Frauen in den vergangenen Jahren begriffen, dass ihr Verhalten immer noch mit zweierlei Maßstäben gemessen wird. Wenn eine Frau nach oben will, ist sie eiskalt und karrieregeil. Bei Männern heißt es anerkennend: weiß sich durch- zusetzen. SPIEGEL: Im Grundsatzprogramm der SPD steht der Satz: „Wer die menschliche Ge- sellschaft will, muss die männliche über- winden.“ Ist das nicht ein bisschen naiv? Schwarzer: Es ist schlicht und einfach das Recht der Frauen, die Hälfte der Macht für sich zu beanspruchen. Punkt. Ich hatte noch nie die Illusion, dass Frauen die Welt dann gerechter oder moralischer machen. Frauen sind nicht automatisch besser als Männer. Sie hatten in der Vergangenheit nur seltener Gelegenheit, sich die Hände schmutzig zu machen. SPIEGEL: Wenn man Ihren Gedanken kon- sequent zu Ende denkt, heißt das: Irgend- wann wird es einen weiblichen Hitler ge- ben? Schwarzer: Monster wie Hitler gab es ja nun nicht so oft in der Geschichte. Aber sicher:

Wenn mehr Frauen an die Macht kommen,

Das Gespräch führten die Redakteure Susanne Beyer und René Pfister in Köln.

dann wird es auch welche geben, die diese missbrauchen. SPIEGEL: Ist so gesehen der Aufstieg von rechtspopulistischen Politikerinnen wie Marine Le Pen und Frauke Petry eine Art Normalisierung? Schwarzer: Ja. Frauen sind links und rechts. Fair und gemein. Schlau und dumm. Der Weg, den Marine Le Pen geht, ist übrigens sehr interessant. Ihr Vater war noch ein knallharter Rechter, ein Faschist und Antisemit. Marine Le Pen hat mit ih- rem Vater gebrochen, sich für die Homo- Ehe ausgesprochen. Sie ist soft rechts- populistisch. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich hege keine Sympathien für Le Pen, auch sie ist Nationalistin. Aber wenn man sich für Machtpolitik der Geschlech- ter interessiert, ist sie ein interessanter Fall. SPIEGEL: Hat die Frauenbewegung die Leis- tungen von Margaret Thatcher, der kon- servativen britischen Premierministerin, zu wenig gewürdigt? Schwarzer: Die linken Feministinnen ja. Sie müssen sehen, dass gerade die westdeut- sche Frauenbewegung sehr im politischen Lagerdenken verhaftet war. Für eine auf- rechte Linke war es verboten, Thatcher in- teressant zu finden. Es gab da nur wenige Ausnahmen, die unterschieden zwischen der berechtigten Kritik an Thatchers Poli- tik einerseits und ihrer Funktion als Rol- lenmodell andererseits. Wir müssen lernen, dass man eine Frau an der Macht bis auf Weiteres bemerkenswert finden kann, auch wenn man ihren Umgang mit der Macht kritisiert. SPIEGEL: Gibt es aus Ihrer Sicht eigentlich eine Verpflichtung für Politikerinnen, sich für die Sache der Frauen einzusetzen? Schwarzer: Überhaupt nicht. Ich hoffe das, aber ich erwarte es nicht. SPIEGEL: Angela Merkel wurde ja anfangs kritisiert, weil sie sich als Kanzlerin nicht für Frauenthemen engagiert hat. Schwarzer: Ich bin die Erste, die das versteht. Für den westdeutschen Mann war es ja schon Zumutung genug, dass eine Ostdeut- sche ins Kanzleramt einzog. Und dann auch noch eine Frau! Wenn sie da auch noch angefangen hätte, die Frauenrechtle- rin zu geben, dann hätte sie sich gleich eine Bombe unter den Stuhl legen können. Aber sie hat dann ja ihre Familienministe- rin eine sehr fortschrittliche Frauenpolitik machen lassen.

SPIEGEL: Viele amerikanische Feministinnen haben es Hillary Clinton übel genommen, dass sie ihrem Mann auch noch die Treue hielt, als herauskam, dass er ein notori- scher Fremdgänger ist. Schwarzer: Es gibt keine Frau, die in den vergangenen Jahrzehnten öffentlich so vor- geführt und gedemütigt worden ist wie Hil- lary Clinton. Für mich ist es ein Wunder, dass sie nicht schon längst in der Psychia- trie gelandet ist. Als Bill angetreten ist, sagte er: „Wählt mich, und ihr bekommt zwei zum Preis für einen.“ Das war eine stolze Ansage, aber natürlich auch die Ein- ladung für alle Frauenhasser, Hillary ins Visier zu nehmen. Plötzlich war sie die böse Hexe im Weißen Haus. Natürlich hat sie das getroffen. Unter dem Druck der Angriffe machte sie sich klein und wurde scheinbar die First Housewife, die wö- chentlich die Frisur wechselte, Cookies buk und ihrem Bill ein schönes Heim be- reitete. Es hat ihr alles nichts genutzt. Als die Monica-Lewinsky-Affäre losbrach, hieß es nun auch noch: Na ja, sie mag zwar intelligent sein, und Bill kann sich mit ihr über Politik unterhalten, aber er begehrt sie nicht. Das war perfide und verletzend. Die uralte Teilung von Frauen in Kopf und Körper! Jetzt sehen wir den finalen Kampf:

der Supermacho Trump gegen die Femi- nistin Clinton. SPIEGEL: Warum werden Frauen, die an die Macht wollen, so stark über Äußerlichkei- ten angegriffen? Schwarzer: Weil unser Wert als Objekt lange entscheidend war. Frauen waren ganz real relative Wesen. Ohne die Gunst eines Man- nes waren wir verloren. Diese Vorstellung sitzt immer noch tief. Ich bin überzeugt, dass man bis heute fast jede Karrierefrau kippen kann mit der Aussage: „Du magst zwar tüchtig und intelligent sein, nur leider bist du nicht begehrenswert.“ Inzwischen gibt es die Versuche erfolgreicher Frauen, dem offensiv zu begegnen. Indem sie sich demonstrativ weiblich inszenieren, sie tra- gen dann High Heels und sehr kurze Rö- cke. Ich bezweifle allerdings, dass das die richtige Strategie ist. SPIEGEL: Was ist die richtige Strategie? Schwarzer: Den eigenen Stil wahren, seine Wurzeln nicht durch Überanpassung kap- pen. Merkel trägt einfach praktische Sa- chen, Blazer, Hosen und flache Schuhe; das mag langweilig sein, aber es passt zu ihrer nüchternen Art. Theresa May wagt

ULLSTEIN BILD

ULLSTEIN BILD DER SPIEGEL 31 / 2016 33

Deutschland

eine extravagante Eleganz, dieses Augen- zwinkern mit den Tigerpumps finde ich witzig. Ich finde es allerdings traurig, wenn Frauen sich hinter einer rüstungsartigen Kleidung verbergen wie Hillary Clinton. Obwohl: Gerade bei ihr verstehe ich das sehr gut! SPIEGEL: Als Sie in den Siebzigerjahren eine bekannte Figur wurden, gab es auch viele unfreundliche Kommentare über Ihr Aus- sehen. Sie waren die „Nachteule mit dem Sex einer Straßenlaterne“. Wie erträgt man so was? Schwarzer: Da war ich Anfang dreißig und hatte bis dahin die Erfahrung gemacht, dass die Männer eher zu viel von mir woll- ten als zu wenig. Jeder Feministin wird grundsätzlich abgesprochen, attraktiv zu sein, egal wie sie aussieht. Ich weiß noch gut, wie im Jahr 1977 im „Stern“ ein Foto von mir erschien. Ich trug ein Leinenkleid von einer Pariser Designerin, die damals sehr angesagt war. Die Bildunterschrift lau- tete: „Schwarzer in einem Sack“. Das Kli- schee hält sich bis heute. Ich habe Gott sei Dank ein robustes und fröhliches Gemüt. Aber schauen Sie sich bekannte amerika- nische Feministinnen an, Kate Millett oder Shulamith Firestone. Beide waren immer mal wieder in der Psychiatrie. Dahin hatte nicht zuletzt die Hetze ihrer eigenen Mit- kämpferinnen sie befördert. SPIEGEL: Woher kam der Hass gegen Sie? Schwarzer: Na ja. Seit dem „Kleinen Unter- schied“, der im Jahr 1975 erschien, ging es um Sex und Liebe, die Machtverhält- nisse im Bett. Ich habe sozusagen in deut- schen Schlafzimmerbetten auf der Ritze gelegen. Viele Frauen lasen in dem Buch zum ersten Mal, was sie bis dahin kaum zu denken gewagt hatten. Das hat so man- chen Mann irritiert. SPIEGEL: Das Erscheinen des „Kleinen Un- terschieds“ fällt ziemlich genau zusammen mit dem Ende Ihrer langjährigen Bezie- hung zu Bruno, Ihrem französischen Le- bensgefährten, und dem Beginn einer Be- ziehung mit einer Frau. War der „Kleine Unterschied“ auch biografisch gefärbt? Schwarzer: Sicher. Das war die Zeit der fe- ministischen sexuellen Revolution. Plötz- lich fanden Frauen auch Frauen liebens- wert. SPIEGEL: Warum haben Sie eigentlich nicht schon damals öffentlich gemacht, dass Sie bisexuell sind? Viele lesbische Frauen hät- ten das als Ermutigung begriffen. Schwarzer: Das Buch war eine enorme Er- mutigung für viele Frauen, egal wie sie lebten: in einer Beziehung mit einem Mann, mit einer Frau oder dazwischen. Doch ich war noch nie der Ansicht, dass es zu meinem feministischen Engagement gehört, privaten Striptease zu machen. Auch die Exempel im „Kleinen Unter- schied“ sind ja anonymisiert. Sicher hat auch der Gedanke eine Rolle gespielt, dass

ich schon genug Ärger hatte und nicht noch eine Front eröffnen wollte. SPIEGEL: Viele Menschen, die in der Öffent- lichkeit stehen, legen sich mit der Zeit ei- nen Panzer zu, um die Angriffe aushalten zu können. Das bedeutet aber auch, dass berechtigte Kritik nicht mehr durchdringt. Schwarzer: Worauf wollen Sie hinaus? SPIEGEL: Viele haben nicht verstanden, wa- rum Sie sich für eine Imagekampagne der „Bild“-Zeitung hergegeben haben. Schwarzer: Ach Gott, die olle Kamelle von vor fast zehn Jahren. Eine befreundete Werberin hat mich gefragt, ob ich nicht bei einer Kampagne mitmachen will, in der bis dahin nur Männer vorkamen, von Gandhi bis Willy Brandt. Ich dachte: Na ja, wenn das Blatt, das dich bisher so be- kämpft hat, sich nun mit dir schmücken will, dann ist das ja auch ganz schön. Ich habe übrigens auch schon mal bei einer Imagekampagne der „FAZ“ mitgemacht. Dabei sehe ich als Feministin und Blattma- cherin alle Medien kritisch – den SPIEGEL allen voran. Trotzdem hätte ich mir das mit „Bild“ vielleicht sparen sollen. Wenn ich die Reaktionen sehe. SPIEGEL: Ein noch größerer Fehler war, dass Sie die Zinsen für Ihr Konto in der Schweiz nicht versteuert haben. Schwarzer: Ja, das war ein echter Fehler! SPIEGEL: Als der SPIEGEL im Februar 2014 die Affäre enthüllte, erklärten Sie, Sie hät- ten ursprünglich das Geld deswegen ge- hortet, um einen Notgroschen zu haben, falls die Angriffe in Deutschland gegen Sie zu heftig werden. Schwarzer: Stimmt. Ich fand es beruhigend, außerhalb von Deutschland Geld zu ha- ben. Aber es war dumm, das öffentlich zu sagen. SPIEGEL: Fühlen Sie sich ungerecht behan- delt? Schwarzer: Vom SPIEGEL auf jeden Fall. Der hat sich ja die Freiheit genommen, in mei- nem Fall das für alle Bürger geltende Steu- ergeheimnis zu brechen. SPIEGEL: Wir haben da ein berechtigtes öf- fentliches Interesse gesehen. Sie galten ja als moralische Instanz. Und vielleicht war auch deswegen die öffentliche Enttäu- schung so groß. Schwarzer: Das müssen Sie beurteilen. SPIEGEL: Als die Steueraffäre vor mehr als zwei Jahren bekannt wurde, sagten Sie so- fort, Sie wollten eine Stiftung für die Rech- te von Frauen gründen und sie mit einer Million Euro ausstatten. Jetzt ist heraus- gekommen: Die Stiftung gibt es immer noch nicht. Schwarzer: Das Steuerverfahren hat sich über zwei Jahre lang hingezogen, und vor Abschluss konnte ich die Stiftung, die seit Jahren beim Notar liegt, gar nicht gründen. Darf ich jetzt vielleicht einmal einen klei- nen Moment lang verschnaufen? Doch seien Sie beruhigt: Die Stiftung kommt

irgendwann. Die gehört seit Langem zu meiner Lebensplanung. SPIEGEL: Können Sie loslassen?

Schwarzer: Wen?

SPIEGEL: Die „Emma“ zum Beispiel. Schwarzer: Ich soll die „Emma“ fallen las- sen? Also hören Sie! Ich bin nur wenige Jahre älter als Hillary Clinton, die Präsi- dentin werden will. Ich habe nicht das Ge- fühl, dass ich dringend in den Ruhestand treten muss. Ich glaube außerdem, meine Kolleginnen würden verzweifeln, wenn ich sagen würde: Macht den Laden alleine. SPIEGEL: Ihre Argumentation kennt man von anderen Patriarchen, die furchtbar ger- ne aufhören würden, aber leider keinen geeigneten Nachfolger finden. Schwarzer: Nennen Sie mal eine Nachfol- gerin! SPIEGEL: Wir halten fest: Sie sind unersetz- lich. Schwarzer: Ich habe einfach Freude an mei- ner Arbeit, die sehr sinnvoll ist. Sinnvoller denn je. SPIEGEL: Ihre Biografin Bascha Mika hat ge- schrieben, im System Schwarzer geht es um Machterhalt. Empfinden Sie das als Kompliment? Schwarzer: Nun, dieses 18 Jahre alte Buch ist weniger Biografie und mehr Projektion. Interessiert mich Macht? In der Kategorie habe ich noch nie gedacht. SPIEGEL: Frau Schwarzer, bitte, das ist jetzt eine ganz öde Politikerantwort. Schwarzer: Ist aber so. Was mich interessiert, ist Unabhängigkeit. Und die Möglichkeit zu handeln, die Verhältnisse zu verbessern. SPIEGEL: In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, dass Sie nach der Gründung der „Emma“ oft in Schwulendiscos gegangen sind, weil Sie Frauen nicht mehr ertragen konnten. Schwarzer: Stimmt. Das war sehr erholsam mit den Jungs an der Theke. SPIEGEL: Was hat Sie mehr getroffen: die Angriffe der Männer oder der Frauen? Schwarzer: Die der Frauen natürlich! Bis heute. Bei Männern kann man die Sache ja immer rationalisieren, so nach dem Mot- to: Du stellst deren Privilegien infrage, da ist es doch klar, dass das Patriarchat zu- rückschlägt. SPIEGEL: Was wurde Ihnen vonseiten der Frauen vorgeworfen? Schwarzer: Zu stark. Zu dominant. Zu selten geweint. Hinzu kamen die politischen Dif- ferenzen. Ich stand immer für einen anti- biologistischen Feminismus, der die Macht- frage stellt. Ich konnte nie etwas anfangen mit Frauen, die sich auf ihre sogenannte Weiblichkeit beriefen, den Mutterkult pflegten und darauf ihr Selbstbewusstsein bauten. Gleichzeitig wurde ich von linken Frauen bekämpft, für die der Feminismus nur ein Unterpunkt des Klassenwider- spruchs war. Wenn Sie so wollen, wieder- holt sich jetzt gerade diese Geschichte wie- der.

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DOUG MILLS / NYT / REDUX / LAIF