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zur politischen Bildung / izpb

328 4/2015 B6897F

Parteien und Parteiensystem


der Bundesrepublik Deutschland
2 SOZIALPOLITIK

Inhalt

11 56

22 31

Grundlagen 4 Parteiensystem und Parteienwettbewerb 36


Begriff, Entstehung und „Lebenszyklus“ von Parteien 4 Parteitypen 37
Rechtliche Stellung, Rolle, Aufgaben 5

Entwicklung des deutschen Parteiensystems


Parteien als Organisationen 12 nach 1945 41
Gründungsphase und Ausprägung zum
Aufbau und Struktur 12
Dreiparteiensystem 41
Die Parteimitglieder 16
Erosion der Volksparteien und die deutsche Einheit 44
Die Mitgliederpartei 23 Das Parteiensystem der DDR 46
Parteiprogrammatik: Arten und Funktionen 25 Jüngste Tendenzen (1998 bis heute) 48

Gesellschaftliche Verankerung 26 Parteien in staatlichen Institutionen 52


Das Modell der Parteiendemokratie 26 Vielfältiges Hineinreichen in den Staat 52
Milieubildung und Konfliktlinien 27 Parteien in Regierungsverantwortung 53
Parteien in Verbänden und sozialen Bewegungen 28 Parteien in der Opposition 57
Die Parteienfinanzierung 58
Politik als Beruf 62
Parteien und Medien 30
Akteure der politischen Kommunikation 30
Medialisierung 31
Kommunikationsstrategien 32

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3

Editorial
Laut der jüngsten Shell-Jugendstudie hat das Interesse
von Jugendlichen an Politik zugenommen. Der Jugendfor-
scher Klaus Hurrelmann spricht gar von einer „veritablen
Trendwende“. Und wie nicht zuletzt die Reaktionen auf die
Zuwanderung von Flüchtlingen in den vergangenen Mo-
naten zeigten, ist bei vielen Menschen die Bereitschaft zu
ehrenamtlichem, gesellschaftlichem Engagement groß.
Allerdings sind sie eher bereit, sich in Initiativen oder zeit-
lich befristete Projekte einzubringen, als sich längerfristig,
etwa in Parteiorganisationen, zu binden. Auch viele Ju-
gendliche stehen einer Mitarbeit in Parteien eher distan-
ziert gegenüber.
Diese Distanz betrifft nicht nur die Parteien: Auch andere
69 etablierte Institutionen und Organisationen, beispielsweise
Gewerkschaften und Kirchen, haben in den vergangenen
Jahren in erheblichem Ausmaß an Anziehungskraft und
72
Mitgliederzahl verloren.
Doch politischen Parteien kommt nach wie vor eine zen-
trale Rolle im gesellschaftlichen Gefüge der Bundesrepublik
Deutschland zu: Sie sind unverzichtbar für das Funktionie-
ren des politischen Systems und seine Legitimation sowie
für die Vermittlung zwischen Staat und Gesellschaft, die
für eine Demokratie westlicher Prägung konstitutiv ist.
Ihren hohen verfassungsrechtlichen Rang belegt Artikel 21
Grundgesetz.
Diese Diskrepanz zwischen ihrer staatstheoretischen Rolle
und der tatsächlichen Wertschätzung für die Parteien ist An-
lass, in diesem Heft ihre Bedeutung und ihre aktuelle Situa-
tion zu analysieren sowie Chancen und Herausforderungen
zu beleuchten, denen sie sich gegenüber sehen.
In acht Kapiteln wird ein Einblick in Funktion und Wir-
kungsweise der deutschen Parteiendemokratie vermittelt.
Aktuelle Herausforderungen 63 Der Autor, der Parteienforscher Uwe Jun, Sprecher des Ar-
beitskreises „Parteienforschung“ der Deutschen Vereinigung
Vielfalt gesellschaftlicher Werte, Interessen und
für Politische Wissenschaft (DVPW), stellt neben den Partei-
Problemlagen 63
en auch deren Wechselbeziehungen vor, da beide Ebenen –
Krise oder Wandel? 67 Parteien und Parteiensystem – eng miteinander verflochten
sind und sich gegenseitig beeinflussen. Detailliert werden
die Aufgaben und die Organisation von Parteien, die Rol-
Literaturhinweise und Internetadressen 74 le von Mitgliedern und Programmen sowie das Wirken der
Parteien auf staatlicher wie gesellschaftlicher Ebene ebenso
beschrieben, wie die Entwicklung des Parteiensystems seit
Der Autor 75 1945 und der Parteienwettbewerb um politische Lösungen,
Ämter, Wählerstimmen und Macht.
Thematisiert werden die Herausforderungen, denen sich
Impressum 75 die Parteien und ihre Mandatsträger gegenüber sehen. Dazu
gehören sich stetig und grundlegend wandelnde gesell-
schaftliche Werte und Einstellungen, die von vielen konsta-
tierte Krise der repräsentativen Demokratie, eine veränderte
Medienlandschaft und komplexe globale Probleme, die sich
einfachen Lösungen versagen. Vor diesem Hintergrund wird
skizziert, welche Antworten Parteien darauf finden, um für
ihre Mitglieder attraktiv zu bleiben und Wählerinnen und
Wähler für ihre Programme und Ziele zu gewinnen.

Jutta Klaeren

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4 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

UWE JUN

Grundlagen
picture-alliance / dpa / Carsten Rehder

Parteien bewerben sich um Ämter und Mandate, um so die Interessen und den Willen ihrer Wählerschaft zu artikulieren und zu repräsentieren. Sie binden damit Gruppen
und Individuen in das politische System ein. Plakate verschiedener Parteien zur Europawahl 2014 in Nortorf, Schleswig Holstein

Im politischen System Deutschlands sind Parteien zentrale verstehen sind. Wie Interessenverbände, Massenmedien, Bür-
Akteure. Ihre rechtliche Stellung ist im Grundgesetz und gerinitiativen, Kirchen oder soziale Bewegungen agieren sie
einem eigenen Parteiengesetz verankert. Sie vertreten die als Vermittlungsagenturen zwischen den Bürgerinnen und
Interessen gesellschaftlicher Gruppen, vermitteln zwischen Bürgern und dem staatlichen Bereich. Im Unterschied zu Inte-
Gesellschaft und Staat und agieren in repräsentativen ressenverbänden oder sozialen Bewegungen verfügen politische
Demokratien als politische Handlungsbevollmächtigte. Parteien allerdings über das Privileg, auf die Handlungsmöglich-
keiten eigener und anderer nach politischer Macht strebender
Gruppen oder Organisationen einwirken zu können. Sie sind die
Begriff, Entstehung und „Lebenszyklus“ einzigen, die direkt politische Macht ausüben und somit auch
von Parteien ihren eigenen Handlungsspielraum wesentlich mitbestimmen.
Die oben genannte Begriffsdefinition soll für den Parteitypus
der westlichen Demokratien etwas erweitert und in den Zu-
Den Begriff der politischen Partei eindeutig zu bestimmen sammenhang der ihnen zugedachten Aufgaben gestellt wer-
ist kein einfaches Unterfangen. Denn bei Parteien handelt es den: Als politische Parteien werden politische Organisationen
sich um sehr komplexe Organisationen, die aus unterschied- verstanden, die
lichen Blickwinkeln betrachtet werden können. Sie entwi- ¬ das politische Personal auswählen und rekrutieren,
ckeln programmatische Entwürfe für die künftige Gestaltung ¬ Ziele und Programme zur Durchsetzung im politischen Wil-
der Gesellschaft, sie stellen sich mit diesen Programmen zur lensbildungsprozess formulieren,
Wahl und bilden spezifische Organisationsstrukturen heraus. ¬ für Verständigung zwischen den politischen Akteuren auf
Mit Blick auf ihre zentrale Position und ihre Aufgaben in po- der staatlichen Ebene und den Wählerinnen und Wählern
litischen Systemen charakterisierte der deutsche Politikwis- sorgen,
senschaftler Ulrich von Alemann Parteien als „auf Dauer an- ¬ an der staatlichen und gesellschaftlichen Meinungsbildung
gelegte gesellschaftliche Organisationen, die Interessen ihrer mitwirken und
Anhänger mobilisieren, artikulieren und bündeln und diese in ¬ Entscheidungen im staatlichen Bereich zu steuern und zu
politische Macht umzusetzen suchen – durch Übernahme von koordinieren, zumindest aber zu beeinflussen suchen.
Ämtern in Parlamenten und Regierungen“.
Der Hinweis auf die Verankerung in der Gesellschaft soll zum Bei den Wählerinnen und Wählern werben sie um Unter-
Ausdruck bringen, dass politische Parteien nicht primär als stützung, bündeln, artikulieren und repräsentieren deren In-
staatliche, sondern zuvorderst als gesellschaftliche Akteure zu teressen und integrieren so Gruppen und Individuen in das

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Grundlagen 5

politische System. Ziel von politischen Parteien ist es, im poli- Rechtliche Stellung, Rolle, Aufgaben
tischen Wettbewerb ein Machtfaktor zu sein, um auf politische
Entscheidungen Einfluss ausüben zu können. Darüber hinaus Rechtliche Stellung
kommt ihnen die Aufgabe zu, für das politische System Legiti- In modernen Demokratien sind politische Parteien zentrale
mität herzustellen und zu sichern. Das jeweilige politische Sys- Akteure. Ihre besondere Rolle wird schon allein dadurch deut-
tem bestimmt ihre Handlungsmöglichkeiten, gleichzeitig kön- lich, dass sie ausdrücklich im Grundgesetz (GG) genannt wer-
nen politische Parteien dessen Strukturen jedoch mitgestalten. den, sie haben also Verfassungsrang. In Artikel 21 GG heißt es:
Demokratische Systeme geben dem Parteienwettbewerb einen
Rahmen, der die Macht politischer Parteien begrenzt und den
Machtwechsel zu anderen politischen Parteien ermöglicht. „Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung
des Volkes mit. Ihre Gründung ist frei. Ihre innere Ordnung
Karrierestufen von Parteien muss demokratischen Grundsätzen entsprechen.“ […]
Der deutsche Parteienforscher Oskar Niedermayer unterschei-
det sechs Karrierestufen, die eine Partei in ihrer Entwicklung
durchlaufen kann. Sie sind hier in leicht abgewandelter Form Die freie Gründung, verbunden mit dem im Grundgesetz
dargestellt. verbürgten Prinzip der Chancengleichheit, lässt politischen
¬ Teilnahme an Wahlen: Die rechtlichen Voraussetzungen Parteien als gesellschaftlichen Vereinigungen einen weiten
sind erfüllt, und es stehen Kandidierende in den Wahlkrei- Handlungsspielraum.
sen und/oder auf Listen bereit, um bei einer Parlaments- Im internationalen Vergleich ist der oben genannte,  den
wahl gewählt zu werden. politischen Parteien zugestandene Verfassungsrang  schon
¬ Wettbewerbsbeeinflussung: Die Aktivitäten der Partei be- recht selten anzutreffen; weitaus ungewöhnlicher ist jedoch
einflussen das Verhalten anderer Parteien im Wettbewerb, die konstitutionelle Verankerung der innerparteilichen  De-
sichtbar an offenkundigen Reaktionen bzw. strategischem mokratie, die der Gesetzgeber damit den Parteien verpflich-
Verhalten (zumindest) einzelner Wettbewerber. tend auferlegt. Die herausgehobene Stellung in der  Verfas-
¬ Parlamentarische Repräsentation: Die Partei ist in einem sung sowie ein eigens für politische Parteien  geschaffenes
Landtag oder im Bundestag vertreten, in Deutschland bis- Gesetz verleihen den Parteien im Gegensatz zu anderen  –
lang zunächst immer auf Länderebene. Sie gewinnt damit ausschließlich  privatrechtlich organisierten gesellschaftli-
deutlich an Relevanz für die Wählerinnen und Wähler. chen Organisationen – eine privilegierte Position, sodass so-
¬ Einbeziehung in Koalitionsüberlegungen: Mindestens ein gar das Bundesverfassungsgericht von einem „Parteienprivi-
Mitbewerber erachtet die Partei für koalitionsfähig und be- leg“ spricht. Dies äußert sich zum einen darin, dass Parteien
kundet den Willen zu einer Regierungszusammenarbeit. staatlich finanziert werden können, und zum anderen darin,
¬ Regierungsbeteiligung: Die Partei übernimmt als kleinere dass nur das Bundesverfassungsgericht berechtigt ist, eine
Partei Regierungsgeschäfte und ist im Kabinett vertreten. Partei zu verbieten.
¬ Regierungsleitung: Die Partei stellt den Regierungschef. Das Verbotsverfahren kann ausschließlich auf Antrag des
Bundestages, des Bundesrates oder der Bundesregierung er-
Welche dieser Stufen eine Partei beschreiten kann, ist abhän- folgen. Antragsgegenstand ist die Verfassungswidrigkeit einer
gig von vielerlei Faktoren, die den Parteienwettbewerb prägen Partei. Eine Partei kann laut Artikel 21 (2) GG verboten werden,
(siehe auch S. 36 ff.). wenn sie darauf ausgeht, „die freiheitliche demokratische

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6 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder Wegen fehlender Ernsthaftigkeit ließ der Bundeswahlleiter
den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden“. 2009 die von Martin Sonneborn, dem früheren Chefredak-
Dazu muss sie eine aktiv kämpferische Haltung gegenüber teur des Satiremagazins „Titanic“ geführte Partei für Arbeit,
der bestehenden Ordnung des Grundgesetzes einnehmen, das Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokrati-
heißt, die Gegnerschaft zum Grundgesetz muss durch konkre- sche Initiative – „Die Partei“ – nicht zur Bundestagswahl zu.
te Handlungen belegt werden. Andere Organisationen, die ge- 2013 jedoch durfte sie teilnehmen. Das Bundesverfassungs-
gen Verfassungsgrundsätze verstoßen, können dagegen von gericht hat 2013 auch eine Entscheidung des Bundeswahllei-
der Bundesregierung (Innenminister) oder den Landesregie- ters aufgehoben, mit der er der Partei „Vereinigung Deutsche
rungen verboten werden. Nationalversammlung (DNV)“ wegen fehlender Ernsthaftig-
Laut Artikel 21 (3) GG sollen Bundesgesetze „[d]as Nähe- keit die Teilnahme an der Bundestagswahl verweigert hat-
re regeln“. Diese Regelungen finden sich im Parteiengesetz te. Obwohl die Partei zum Zeitpunkt der Anmeldung nur 42
(PartG) von 1967 wieder. Es definiert in Paragraf 2, Absatz 1 Mitglieder hatte, kam das Verfassungsgericht zu dem Urteil,
eine Partei als „Vereinigung von Bürgern, die dauernd oder dass der Partei die Ernsthaftigkeit ihres Willens, politisch in
für längere Zeit für den Bereich des Bundes oder eines Landes die Öffentlichkeit hineinzuwirken, nicht abzusprechen sei.
auf die politische Willensbildung Einfluss nehmen und an Diese Ernsthaftigkeit sollte objektiv gegeben sein, was be-
der Vertretung des Volkes im deutschen Bundestag oder ei- deutet, dass die Partei in der Lage sein sollte, in einem Parla-
nem Landtag mitwirken wollen, wenn sie nach dem Gesamt- ment mitzuwirken.
bild der tatsächlichen Verhältnisse, insbesondere nach Um- Gemäß dem Parteiengesetz müssen Parteien eine schrift-
fang und Festigkeit ihrer Organisation, nach der Zahl ihrer liche Satzung und ein schriftliches Programm haben, sich in
Mitglieder und nach ihrem Hervortreten in der Öffentlichkeit Gebietsverbände gliedern (außer im Falle eines Stadtstaates),
eine ausreichende Gewähr für die Ernsthaftigkeit dieser Ziel- regelmäßig Mitglieder- und Vertreterversammlungen abhal-
setzung bieten“. ten und mit dem Parteitag oder einer Hauptversammlung
Spezifiziert wurde diese Mitwirkung durch die Vorgabe, das oberste Organ des jeweiligen Gebietsverbandes bilden.
dass eine Partei in einem Zeitraum von sechs Jahren an min- Parteitage beschließen über die Programme, die Satzung,
destens einer Bundestags- oder Landtagswahl teilnehmen die Beitragsordnung, die Schiedsgerichte und die Fusion mit
muss, um ihren Status zu erhalten. Durch die Beschränkung anderen Parteien. Auch wählen Parteien einen Vorstand, der
auf die Bundes- oder Landesebene werden Parteien, die nur die Geschäfte des Gebietsverbandes führen soll und aus min-
auf der kommunalen Ebene antreten (Kommunalparteien, destens drei Mitgliedern bestehen muss. Diese Vorstände
sogenannte Rathausparteien), vom Parteienbegriff nicht mit können die tatsächlich anfallende Parteiarbeit jedoch nicht
eingeschlossen. Dies gilt auch für Parteien, die ausschließlich ohne weitere Unterstützung leisten. Daher steht ihnen ein
an Wahlen zum EU-Parlament teilnehmen, was möglicher- Parteiapparat zur Verfügung, der die Tagesgeschäfte führt,
weise dem Umstand geschuldet ist, dass das Parteiengesetz also beispielsweise den Großteil der Kommunikation mit
zwölf Jahre vor den ersten Direktwahlen zum Europäischen den Medien übernimmt, die Wahlkämpfe organisiert oder
Parlament verabschiedet wurde. Parteitage vorbereitet. (siehe auch S. 12 ff.)

Gesetz über die politischen Parteien


§ 1 Verfassungsrechtliche Stellung und Aufgaben der Parteien § 2 Begriff der Partei
(1) Die Parteien sind ein verfassungsrechtlich notwendiger Be- (1) Parteien sind Vereinigungen von Bürgern, die dauernd oder
standteil der freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Sie für längere Zeit für den Bereich des Bundes oder eines Landes
erfüllen mit ihrer freien, dauernden Mitwirkung an der politi- auf die politische Willensbildung Einfluss nehmen und an der
schen Willensbildung des Volkes eine ihnen nach dem Grund- Vertretung des Volkes im Deutschen Bundestag oder einem
gesetz obliegende und von ihm verbürgte öffentliche Aufgabe. Landtag mitwirken wollen, wenn sie nach dem Gesamtbild
(2) Die Parteien wirken an der Bildung des politischen Willens der tatsächlichen Verhältnisse, insbesondere nach Umfang
des Volkes auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens mit, in- und Festigkeit ihrer Organisation, nach der Zahl ihrer Mitglie-
dem sie insbesondere auf die Gestaltung der öffentlichen Mei- der und nach ihrem Hervortreten in der Öffentlichkeit eine
nung Einfluss nehmen, die politische Bildung anregen und ver- ausreichende Gewähr für die Ernsthaftigkeit dieser Zielset-
tiefen, die aktive Teilnahme der Bürger am politischen Leben zung bieten. Mitglieder einer Partei können nur natürliche
fördern, zur Übernahme öffentlicher Verantwortung befähigte Personen sein.
Bürger heranbilden, sich durch Aufstellung von Bewerbern an (2) Eine Vereinigung verliert ihre Rechtsstellung als Partei,
den Wahlen in Bund, Ländern und Gemeinden beteiligen, auf wenn sie sechs Jahre lang weder an einer Bundestagswahl
die politische Entwicklung in Parlament und Regierung Ein- noch an einer Landtagswahl mit eigenen Wahlvorschlägen teil-
fluss nehmen, die von ihnen erarbeiteten politischen Ziele in genommen hat.
den Prozess der staatlichen Willensbildung einführen und für (3) Politische Vereinigungen sind nicht Parteien, wenn
eine ständige lebendige Verbindung zwischen dem Volk und 1. ihre Mitglieder oder die Mitglieder ihres Vorstandes in der
den Staatsorganen sorgen. Mehrheit Ausländer sind oder
(3) Die Parteien legen ihre Ziele in politischen Programmen nie- 2. ihr Sitz oder ihre Geschäftsleitung sich außerhalb des Gel-
der. tungsbereichs dieses Gesetzes befindet.
(4) Die Parteien verwenden ihre Mittel ausschließlich für die
Parteiengesetz, Novelle vom 23. August 2011, Bundesgesetzblatt (BGBl.) I, S. 1748
ihnen nach dem Grundgesetz und diesem Gesetz obliegenden
Aufgaben.

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Grundlagen 7

Institutionelle Rahmenbedingungen
Politische Parteien handeln innerhalb eines jeweiligen poli-
tischen Systems mit seinen je eigenen Strukturen, Normen,
Regeln und Prozessen. Diese nehmen mittelbar Einfluss auf
Parteien, indem sie den Rahmen bestimmen, in dem politi-
sche Parteien sich bewegen. Diese Rahmenbedingungen von
Parteien begrenzen ihr Handeln wie etwa die Wahl ihrer Stra-
tegie, ihre programmatischen Alternativen oder organisati-
onsstrukturellen Möglichkeiten.
Das Regierungssystem Deutschlands ist eine demokratische,
parlamentarische Republik. Als solche muss sie Charakteristi-
ka aufweisen, die für eine Demokratie kennzeichnend sind:
¬ formale Gewaltenteilung zwischen gesetzgebender Gewalt
(Legislative), gesetzesausführender Gewalt (Exekutive) und
der Rechtsprechung (Judikative);
¬ Pluralismus von Werten, Meinungen und Anschauungen,
picture-alliance / dpa / Rainer Jensen

der wesentlich auch im Parteienwettbewerb zum Ausdruck


kommt;
¬ grundsätzliche Anerkennung von in der Regel in einer Ver-
fassung formulierten Grundrechten wie freie Entfaltung der
Persönlichkeit, allgemeine Handlungsfreiheit, Freiheit der
Person, Recht auf Leben, Recht auf körperliche Unversehrt-
heit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Vereinigungsfreiheit,
Schutz von Minderheiten, Versammlungsfreiheit; Staatsoberhaupt der Bundesrepublik ist der Bundespräsident. Er wird von der
¬ freie und faire Wahlen, in parlamentarischen Demokratien Bundesversammlung gewählt. Stimmabgabe im Plenarsaal des Bundestages 2012
auf gesamtstaatlicher Ebene fast ausschließlich von Partei-
en oder Personen, die für Parteien kandidieren;
¬ Volkssouveränität. Landesparlamenten gewählten Vertretern, die nicht zwingend
Mitglieder des Landtags sein oder in dem Bundesland wohnen
In einer demokratischen Republik ist ein gewählter Repräsen- müssen. Wählbar ist jede Person, die das passive Wahlrecht
tant Staatsoberhaupt, in Deutschland ist es der Bundespräsi- zum Bundestag besitzt.
dent. Er wird von der Bundesversammlung, die ausschließlich Während das Staatsoberhaupt in Deutschland primär reprä-
zur Wahl des Bundespräsidenten gebildet wird, indirekt mit sentative Aufgaben wahrnimmt, liegen wichtige Machtbefug-
Mehrheit gewählt. In der Bundesversammlung sitzen alle Mit- nisse bei der Bundesregierung (Exekutive), gebildet aus dem
glieder des Bundestages und eine gleiche Anzahl von in den Bundeskanzler bzw. der Bundeskanzlerin als Regierungschef/in

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8 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

In Deutschland besteht diese Möglichkeit jedoch nur unter


erschwerten Bedingungen und mit Hilfe des Bundespräsiden-
ten. So heißt es in Artikel 68 (1), Satz 1 GG: „Findet ein Antrag
des Bundeskanzlers, ihm das Vertrauen auszusprechen, nicht
die Zustimmung der Mehrheit der Mitglieder des Bundestages,
so kann der Bundespräsident auf Vorschlag des Bundeskanz-
lers binnen einundzwanzig Tagen den Bundestag auflösen.“
Der Bundeskanzler benötigt also eine gescheiterte Vertrauens-
frage und die Zustimmung des Bundespräsidenten zur Auflö-
sung des Bundestages. In der Geschichte Deutschlands kam
dieses Verfahren einer vorzeitigen Auflösung des Parlaments
dreimal zur Anwendung: am 22. September 1972, ausgelöst
durch Willy Brandt (SPD), am 17. Dezember 1982 durch Helmut
Kohl und am 1. Juli 2005 durch Gerhard Schröder (SPD).
In einer repräsentativen Demokratie wie der Deutschlands
wählen die Bürgerinnen und Bürger Volksvertreter, Personen,
die an ihrer Stelle und in ihrem Auftrag Entscheidungen tref-
fen. Dabei haben die Abgeordneten in Deutschland nach Ar-
tikel 38 GG ein verfassungsmäßig garantiertes freies Mandat,
das heißt, sie sind nicht unmittelbar an Weisungen und Auf-
träge ihrer Wähler, ihrer Partei oder ihrer Fraktion gebunden,
sondern ausschließlich ihrem Gewissen verpflichtet. Da in par-
lamentarischen Demokratien Parteien allerdings bei der Re-
picture-alliance / dpa / Kay Nietfeld

krutierung der Volksvertreter eine zentrale Stellung zukommt


und sie darüber hinaus durch ihre Fraktionen auch innerhalb
von Parlamenten Entschlussfähigkeit herstellen müssen, ver-
halten sich die Abgeordneten trotz ihres freien Mandats in der
Regel in hohem Maße solidarisch gegenüber den Vorgaben
ihrer Partei. Denn in parlamentarischen Demokratien sind es
die Parteien inner- und außerhalb des Parlaments, welche die
Funktionsfähigkeit des politischen Systems durch Regierungs-
Während der Bundespräsident eher repräsentative Aufgaben wahrnimmt, hat die
Bundeskanzlerin als Regierungschefin wichtige Machtbefugnisse inne. Angela Merkel bildung und anschließende Unterstützung der Regierungs-
gratuliert Joachim Gauck 2012 zu seiner Wahl zum Bundespräsidenten. mehrheit sicherzustellen haben (siehe dazu S. 53 ff.).
Neben dem staatlichen Handlungsfeld sind die Parteien auch
in gesellschaftlichen Aufgabenbereichen tätig: Sie wirken in
die Öffentlichkeit hinein, insbesondere in die mediale Öffent-
Artikel 38 (Grundgesetz) lichkeit (siehe S. 30 ff.), ihre Organisation dient zur Erfüllung der
„(1) Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages werden ihnen zugewiesenen Funktionen und ihrer gesellschaftlichen
in allgemeiner, unmittelbarer, freier, gleicher und geheimer Anbindung, und sie arbeiten mit organisierten Interessenver-
Wahl gewählt. Sie sind Vertreter des ganzen Volkes, an Auf- tretungen, wie etwa Gewerkschaften, Wirtschaftsverbänden,
träge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewis- Umweltschutzorganisationen oder Sozialverbänden, (siehe
sen unterworfen.“ S. 26 ff.) zusammen (denen sie daneben auch auf der staatli-
chen Ebene begegnen).
Gemäß Parteiengesetz sollen Parteien außerdem „auf die Ge-
und dem Ministerkabinett. Der Bundeskanzler bzw. die Bun- staltung der öffentlichen Meinung Einfluss nehmen, die politi-
deskanzlerin wird vom Parlament, dem Bundestag (Legislative), sche Bildung anregen und vertiefen, die aktive Teilnahme der
gewählt und kann von diesem jederzeit abberufen werden, in Bürger am politischen Leben fördern, zur Übernahme öffentli-
Deutschland jedoch mit der Maßgabe, gleichzeitig einen neu- cher Verantwortung befähigte Bürger heranbilden, sich durch
en Bundeskanzler ins Amt zu bringen. Dieses sogenannte kon- Aufstellung von Bewerbern an den Wahlen in Bund, Ländern
struktive Misstrauensvotum ist im Grundgesetz in Artikel 67 und Gemeinden beteiligen, auf die politische Entwicklung in
festgeschrieben und kam im deutschen Regierungssystem bis- Parlament und Regierung Einfluss nehmen, die von ihnen er-
lang nur einmal erfolgreich zum Einsatz: am 1. Oktober 1982 ge- arbeiteten politischen Ziele in den Prozess der staatlichen Wil-
gen den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und lensbildung einführen und für eine ständige lebendige Verbin-
zugunsten seines Nachfolgers Helmut Kohl (CDU). dung zwischen dem Volk und den Staatsorganen sorgen“.
Das Recht des Parlaments, den Regierungschef abzuberufen, Deutlich werden in den Formulierungen des Parteiengeset-
gilt als primäres Merkmal einer parlamentarischen Demokra- zes die beiden zentralen Handlungsebenen politischer Partei-
tie. Sie unterscheidet sich darin von einer präsidentiellen De- en: Sie agieren sowohl im Staat wie in der Gesellschaft, all ihre
mokratie wie etwa in Frankreich, bei der das Parlament den Funktionen können diesen beiden zentralen Handlungsorten
Regierungschef, der gleichzeitig Staatsoberhaupt ist, weder zugeordnet werden. Als gesellschaftliche Akteure wirken die
wählen noch abberufen kann. Umgekehrt darf in einem prä- Parteien weit in den Staatsapparat (Regierungen, Parlamente)
sidentiellen Regierungssystem der Regierungschef das Parla- hinein und stellen Rückkopplungseffekte zwischen beiden Ebe-
ment nicht auflösen, in parlamentarischen Regierungssyste- nen her. Diese Verbindungsposition oder Vermittlerrolle kenn-
men dagegen ist dies möglich. zeichnet politische Parteien nicht nur in theoretischer Hinsicht.

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Grundlagen 9

Denn dadurch, dass sie in beiden Ebenen verortet sind und ihre tion und Repräsentation gesellschaftlicher Gruppen auch von
Repräsentanten sowohl staatliche wie gesellschaftliche Aufga- einzelnen Parteien geleistet werden können.
ben wahrnehmen, sind politische Parteien die bedeutendsten In der Wissenschaft herrscht Einigkeit darüber, Parteien als
Akteure im politischen Willensbildungs- wie Entscheidungs- multifunktionale Organisationen zu betrachten, die ein breites
prozess. Von der Erfüllung ihrer Aufgaben hängt es wesentlich Funktionsspektrum ausfüllen bzw. versuchen zu erfüllen. Von
ab, ob und in welchem Ausmaß die auf Basis von Parteien aus- Verbänden oder Bewegungen unterscheiden sich Parteien, in-
geübte politische Herrschaft sowohl effizient wie auch reprä- dem sie Kandidierende für öffentliche Ämter und Mandate zur
sentativ gegenüber Wählerwünschen und Bevölkerungsanlie- Wahl stellen. Die daraus gegebenenfalls resultierende Rekrutie-
gen ausgeführt wird. Damit gewährleisten politische Parteien rung für öffentliche Ämter und Mandate kommt auf regionaler
die Legitimität des demokratischen Systems, das heißt Vertrau- oder nationaler sowie europäischer Ebene nahezu einem Rekru-
en in und allgemeine Zustimmung für das politische System. tierungsmonopol gleich. Parteien stellen somit das Personal für
Zwar ergibt sich die Legitimität eines politischen Systems politische Beratungs- und Entscheidungsgremien bereit.
letztlich aus der Erfüllung der verschiedenen, in Folge zu nen- Eine unerlässliche Parteienfunktion ist auch die Artikula-
nenden Funktionen durch das gesamte Parteiensystem, doch tion bzw. Repräsentation von Interessen. Eine Partei vertritt
kann jede einzelne Partei durch ihr Handeln und ihr Wirken gesellschaftliche und politische Interessen ihr nahestehender
Unterstützung für demokratische Werte und Prozesse hervor- Gruppen. Parteien greifen Werte, Anliegen und Meinungen
bringen und damit zur Legitimation des politischen Systems der Bürgerinnen und Bürger auf und bündeln diese.
beitragen. Parteien sind somit ein unmittelbares und wir- Responsivität liegt dann vor, wenn eine Partei sich aufge-
kungsvolles Symbol der Demokratie. schlossen gegenüber den Interessen, Werten und Meinungen
ihrer Mitglieder oder Wählerschaft zeigt und sie zentral berück-
Aufgaben von Parteien sichtigt. Tatsächlich zeigen empirische Untersuchungen, dass
Neben den beiden zentralen Ebenen Staat und Gesellschaft zwischen den Präferenzen der Wählerschaft, die eine Partei für
gibt es weitere Möglichkeiten, um die Vielfalt der Handlungs- sich gewinnen kann, und der Partei selbst enge Verbindungsli-
räume und Einflussnahme politischer Parteien gedanklich nien existieren und politische Parteien nach wie vor die Positi-
zu strukturieren. So teilt der deutsche Politikwissenschaftler onen und Wünsche ihrer Wählerschaft bei der Ausgestaltung
Winfried Steffani ihre Tätigkeiten vier Sektoren zu. Danach ihrer Programme und auch in der Regierungspolitik im Auge
fungieren politische Parteien: haben. Die gelegentlich beschworene Formel „Die da oben ma-
¬ als Ausdruck sozialer Gruppen sowie ideologisch-program- chen doch, was sie wollen“ trifft demnach nicht die empirisch
matischer Vorstellungen und Ziele; nachweisbare Realität. Einen hohen Grad an Responsivität be-
¬ als Instrument der Machtausübung; weist eine Partei, wenn sie auch kaum durchsetzungsfähige
¬ als Vermittler demokratischer Legitimation; oder nur schwer vermittelbare Interessen und Meinungen der
¬ als Interessenvertreter in eigener Sache und als Rekrutie- unmittelbaren Parteisympathisanten aufgreift.
rungsfeld politischer Führung (Elitenrekrutierung). Es gibt Parteien, die möglichst viele soziale Gruppen hinter
sich vereinen möchten. Sie müssen entsprechend vielfältige
Die Funktionen werden dabei nicht nur von einzelnen Partei- Interessen bündeln und zusammenfassen, was auch wider-
en wahrgenommen, sondern vom Parteiensystem insgesamt. streitende Positionen einschließt und den Kompromisscha-
Dies gilt besonders für die Legitimationsfunktion, die – wie rakter von Großparteien (siehe S. 38) wie der CDU oder der SPD
bereits gesagt – vornehmlich vom Parteiensystem in seiner erklärt. Diese Bündelung (Aggregation) unterschiedlicher
Gesamtheit erfüllt wird, während Elitenrekrutierung, Integra- Interessen und Meinungen zeigt sich oftmals im Inneren

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10 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

durch die Bildung verschiedener Flügel, Vereinigungen oder ¬ Bestimmung von politischen Inhalten (Policy-Funktion),
Strömungen, nach außen durch den Versuch, programmatisch ¬ Mobilisierung und Integration der Wähler- und Mitglied-
und pragmatisch möglichst umfassend soziale Gruppen anzu- schaft,
sprechen und zu integrieren. ¬ Rekrutierung des politischen Personals,
Das Formulieren von Programmen und die Interpretations- ¬ Regierungsbildung und Oppositionsarbeit.
angebote der Parteien zur Lösung politischer, sozialer oder
ökonomischer Probleme werden unter der Funktion der Ziel- Parteien im Föderalismus
findung zusammengefasst. Dabei kann die Formulierung ent- Das Wirken von Parteien hat auch eine territoriale Dimension.
sprechender Programme als nach innen gerichtete Aktivität In Deutschland verteilen sich politische Macht und Kompeten-
gelten, während die Vermittlung der Programme eine nach zen vertikal auf Bund, Länder und Kommunen. Diese bundes-
außen gerichtete Leistung der Parteien darstellt. Mit ihren Pro- staatliche, föderale Ordnung sichert den Ländern ein Mindest-
grammen präsentieren Parteien der Gesellschaft Deutungs- maß an Autonomie und beteiligt sie – vor allem durch ihre
muster bzw. Orientierungsrahmen und bringen damit im Par- Mitwirkung an der Gesetzgebung im Bundesrat, der instituti-
teienwettbewerb ideologische oder sachpolitische Differenzen onellen Vertretung der Länder – an der Entscheidungsfindung
bzw. Kontroversen zum Ausdruck. auf Bundesebene. Zu diesem nationalstaatlichen vertikalen
Gleichzeitig wirken Parteien integrativ, indem sie die In- Mehrebenensystem kommt eine supranationale Ebene in Ge-
teressen sozialer Gruppen vertreten. Denn auf diesem Weg stalt der Europäischen Union (EU).
binden sie diese Gruppen in das politische System ein, ma- Dies hat Rückwirkungen auf Parteien, die dementsprechend
chen sie mit dessen Werten und Normen vertraut und bieten nicht nur auf gesamtstaatlicher Ebene, sondern auch auf der
ihnen Mitwirkungsmöglichkeiten an. Die Integration erfolgt Ebene der Kommunen, der Bundesländer und der EU agieren.
durch Teilnahme an Wahlen, durch Engagement innerhalb Während der unmittelbare Einfluss der europäischen Ebene auf
der Parteiorganisation und durch Beteiligung an weiteren Parteien von der Forschung als relativ gering eingestuft wird,
Willensbildungsprozessen. Freiwilliges Engagement in Par- lässt sich von größerem Einfluss der regionalen Ebene, im deut-
teien stellt in dieser Lesart eine Art Bewegung von unten schen Fall: der Bundesländer, sprechen. Die Einflüsse wirken
dar, indem die Gesellschaft parteiliche Basisorganisationen aber nicht nur in eine Richtung, sondern sind wechselseitig. Sie
bildet, um das politische Geschehen mitbestimmen zu kön- zeigen sich zum Beispiel in
nen. Ähnlich wie ein Volksbegehren die Initiative gesell- Konsensorientierung: Die Parteien, bislang vor allem die
schaftlicher Gruppen verlangt, ist die Mitwirkung in politi- Großparteien CDU/CSU und SPD, stellen die Exekutiven des
schen Parteien der aktive Ausdruck von Teilnahmeabsichten. Bundes und der Länder, die jeweils über wesentliche Entschei-
Die Beteiligung an Wahlen verlangt demgegenüber weniger dungskompetenzen verfügen und auf enge wechselseitige Ko-
Engagement, hier wirkt die Partei immerhin als Mobilisator operation angewiesen sind, um ihrer Regierungsarbeit zum Er-
und Einflusskanal. folg zu verhelfen. Dies entspricht den Vorgaben des politischen
Um den Vorstellungen ihrer Anhängerschaft oder auch da- Systems, das, als kooperativer Föderalismus angelegt, Konsens-
von unabhängigen Positionen und Inhalten Wirkungsmacht zu und Kompromissbildung in den Vordergrund stellt.
verleihen, bedarf es in Parteiendemokratien öffentlicher Ämter. Diese Strukturen des föderalen Systems verstärken auch die
Daher sind Regierungsbeteiligung bzw. Oppositionsarbeit Konsensorientierung der Großparteien CDU/CSU und SPD, die
unmittelbare Funktionen von Parteien. Die Besetzung von Re- in der Parteienforschung weitgehend konstatiert wird. Denn
gierungsämtern mit Parteirepräsentanten und die Ausrichtung durch die Zusammenarbeit der verschiedenen Ebenen im Re-
der Regierungspolitik gelten als wichtige Charakteristika von gierungssystem, die zumeist durch die Suche nach gemeinsa-
Parteiendemokratien. Auch die Organisation parlamentari- men Lösungen für Probleme bestimmt wird, entstehen ähnli-
scher Prozesse wird durch Vertreter der Parteien vollzogen. Das che Denkmuster und Problemlösungsansätze, welche eher zu
Parlament bildet sich in modernen parlamentarischen Demo- einer Annäherung der Parteien beitragen und Konsens zu einer
kratien aus Parteifraktionen, die als eigenständige, aber mit gemeinsamen Aufgabe machen.
ihren jeweiligen außerparlamentarischen Parteiorganisatio- Insbesondere beiden Großparteien gelang es immer wieder,
nen eng zusammenwirkende Einheiten zu betrachten sind. Als mittels informeller Gespräche oder Verhandlungen Problemlö-
Regierungs- oder Oppositionspartei treffen sie Entscheidungen sungen und Kompromisse zu entwickeln. Daher hat der Politik-
über Politikinhalte und üben somit unmittelbaren Einfluss im wissenschaftler Manfred G. Schmidt nicht zu Unrecht von einer
politischen Entscheidungsprozess aus; sie fungieren als Kon- „informellen Großen Koalition“ gesprochen und einer seiner
fliktlöser und -schlichter. Staatliche Regelsetzung obliegt wei- akademischen Lehrer, Gerhard Lehmbruch, von einer Tendenz
testgehend ihnen. Entscheidungen über die Inhalte von Politik zur Allparteienregierung, wobei es hauptsächlich die beiden
fallen aber vermehrt in Netzwerken, in denen außer staatlichen Großparteien waren, die diesen Konsens herstellten.
auch gesellschaftliche Akteure (Nichtregierungsorganisatio- Wettbewerbs- und Signalwirkung: Dass die Parteienkonkur-
nen, Verbände, Bürgerinitiativen und Experten) mitwirken. renz vor dem Hintergrund der verflochtenen politischen Struk-
Um öffentliche Ämter und Mandate besetzen zu können, turen von Bund und Ländern betrachtet werden sollte, zeigt
muss eine Partei Erfolge bei Wahlen erzielen. Dies versuchen sich mit Blick auf die Bedeutung von Landtagswahlen für den
Parteien durch die Mobilisierung ihrer Anhänger oder Wech- gesamtdeutschen Parteienwettbewerb.
selwähler zu erreichen. Die Mobilisierungsleistung der Partei- So wird bei Landtagswahlen immer auch über die Zusam-
en ist nach wie vor vergleichsweise hoch. mensetzung des Bundesrates entschieden. Gewinnt in ihm die
Zusammenfassend lassen sich fünf zentrale Funktionen für politische Konstellation die Mehrheit, die auch im Bund die Re-
politische Parteien in westlichen Demokratien benennen, die gierung führt, kann die Regierungsmehrheit des Bundestages
wiederum weiter ausdifferenziert werden können: ihre Gesetzesvorhaben in der Regel reibungsloser durch den par-
¬ Responsivität durch Interessenartikulation, -repräsentation lamentarischen Gesetzgebungsprozess führen. Sind die Bundes-
und -aggregation, regierung und die Mehrheit des Bundestages jedoch parteipoli-

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Grundlagen 11

Jan Tomaschoff / Baaske Cartoons


Michael Staudt / Visum

Parteien agieren auf allen staatlichen Ebenen: in der Kommune, hier Ratssitzung
in Flensburg, …
tisch unterschiedlich ausgerichtet, nutzt der Bundesrat häufiger
die Möglichkeit, umstrittene Gesetzesvorhaben wirkungsvoll zu
picture-alliance / BeckerBredel

beeinflussen oder im selteneren Fall auch zu blockieren.


Ein anderer Aspekt von Landtagswahlen zeigt sich darin,
dass von ihnen nicht selten eine Signalwirkung für die gesamt-
staatliche Ebene ausgeht. Denn einzelne Landtagswahlergeb-
nisse können zu strategischen oder taktischen Reaktionen der
Bundesparteien führen, welche den gesamten Wettbewerb
beeinflussen. So veranlasste die Wahlniederlage der SPD in
Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 den früheren Bundeskanzler
Gerhard Schröder, im Bundestag die Vertrauensfrage zu stellen,
was letztlich zu vorgezogenen Neuwahlen des Bundestages im
September 2005 führte. Die Parteien setzt diese Verstärkung
der Konkurrenz auf der Länderebene zusätzlich unter Wettbe-
werbsdruck. Angesichts von 16 Landtagswahlen wird nicht sel-
… im Land, Plenarsitzung des saarländischen Landtages im Mai 2014, … ten von einem Dauerwahlkampf gesprochen.
Autonomie und Modellcharakter: Die einzelnen Landespar-
teien sind zwar mit der Bundespartei eng verbunden, verfügen
imago / IPON

aber über autonome Handlungsspielräume. Der Parteienwett-


bewerb in einem Mehrebenensystem wie dem Föderalismus in
Deutschland führt dazu, dass Parteien auf jeder Ebene aufgrund
unterschiedlicher Wettbewerbssituationen unterschiedliche
Strategien verfolgen können und somit die Eigenständigkeit
von Bundes- und Landespartei unterstreichen. Als Musterbei-
spiel dafür gilt der Aspekt der Koalitionsbildung. Dabei müssen
beide Ebenen den Gesamtkontext des Parteienwettbewerbs be-
achten und gewärtigen, dass sich Rückwirkungen von Entschei-
dungen der einen Ebene auf die andere ergeben.
Solche wechselseitigen Einflüsse der beiden Ebenen bei Koa-
litionsbildungen werden zum Beispiel daran deutlich, dass die
jeweilige Regierungskoalition im Bund wiederholt Modell für
… auf Bundesebene, Sitzung des Bundestages 2014, … die Bildung von Landesregierungen war und es zeitweise sogar
keinerlei vom Bund abweichende Koalitionen in den Ländern
gab. Aber auch umgekehrt wurden in der Geschichte der Bun-
desrepublik oft neue Koalitionsformate zunächst in den Bun-
desländern erprobt, bevor sie auf der gesamtstaatlichen Ebene
gebildet wurden.
Insofern kann die Länderebene eine Innovationsfunktion wahr-
nehmen. Das galt sowohl für die 1969 ins Leben gerufene sozial-
picture-alliance / dpa / Patrick Seeger

liberale Koalition wie für das 1998 im Bund installierte rot-grüne


Bündnis. Selbst die 1982 und 2009 jeweils erneut gebildete Koali-
tion von CDU/CSU und FDP hatte Vorläufer in den Ländern. Auch
die 2013 in Hessen ins Amt gelangte Regierungskoalition von
CDU und Bündnis 90/Die Grünen sehen einige ihrer Befürworter
in diesem strategischen Kontext, genauso wie die thüringische
Landesregierung aus Linke, SPD und Bündnisgrünen unter dem
ersten aus den Reihen der Partei „Die Linke“ gewählten Minister-
… sowie auf europäischer Ebene, das Europaparlament in Strasbourg 2014. präsidenten eines Bundeslandes, Bodo Ramelow.

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12 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

UWE JUN

Parteien als Organisationen


Parteien sind Mitgliederorganisationen. Sie bestehen aus und sich auf eine einheitliche Richtung verständigen. Dies
vielfältigen Teileinheiten, die nur lose miteinander ist jedoch nicht selten ein schwierig zu bewerkstelligender
verbunden sowie vertikal und horizontal ausdifferenziert Prozess. Daher sprechen Parteienforscher mit Blick auf diese
sind. Wo liegen die Macht- und Entscheidungszentren in Organisationsstrukturen auch gern von „lose verkoppelten
einer Partei? Und welche Mitwirkungsmöglichkeiten bietet Anarchien“, um damit zu verdeutlichen, dass Parteien keine
sie ihren Mitgliedern? Hierarchie ausbilden, in der strikt von oben nach unten „he-
runterregiert“ werden kann. Gemäß dieser Anschauung sind
Parteien eher eine Sammlung von Teilen, „lose verbundene
Aufbau und Struktur Fragmente“, so die deutschen Politikwissenschaftler Peter
Lösche und Franz Walter, und weisen nur selten interne Ge-
Wenn man sich den Aufbau einer Partei vorstellt, sollte man schlossenheit auf.
besser nicht von einem menschlichen Körper ausgehen, bei Die formale Organisationsstruktur von Parteien gliedert
dem eine Schaltzentrale, also ein Kopf, alle Muskeln und sich in Bundes-, Landes-, Regional- und Kommunalverbände,
Körperpartien kontrollieren kann; Parteien haben zwar eine die zwar jeweils innerhalb der einzelnen Partei ein gewisses
Schaltzentrale, also Kopf und Hirn, doch wirkt – um bei dem Maß an Unabhängigkeit haben, aber auch zusammenwirken.
Bild zu bleiben – der Rest des Parteikörpers wie von einem Auf der untersten Ebene stehen die Ortsverbände, die
unkontrollierbaren Zucken befallen, bei dem das rechte Bein auch Stadt- und Gemeindeverbände (bei der CDU) oder
schon mal einen Schritt nach vorne machen kann, während Ortsvereine (bei der SPD) genannt werden. Hier findet Par-
das linke einen Fuß nach hinten setzt und damit einen unfrei- teiarbeit in einem lokal eng begrenzten Gebiet statt; die
willigen Spagat auslöst. Parteimitglieder organisieren nicht nur Wahlkämpfe, son-
Diesen Befund versucht das Stratarchie-Konzept (von lat.: dern treffen sich auch zu ehrenamtlichen Aktionen, die von
stratum, Lage) zu beschreiben. Es versteht Parteien als verti- einem einfachen Beisammensein über die Veranstaltung
kal und horizontal verschränkte und zerklüftete Organisati- kleinerer Feste bis zur gemeinsamen Reinigung von Stadt-
onen, die sich in verschiedene Teilorganisationen (wie etwa teilen reichen können.
Gruppen, Vereinigungen, Flügel oder Ortsvereine) unterglie- Über diesen Ortsverbänden stehen den Stadt- und Land-
dern, und als solche unterschiedliche, im Extremfall sogar kreisen entsprechende Kreisverbände (bei der SPD heißen
widersprüchliche Handlungen vollziehen können. Die Mög- diese „Unterbezirke“). Eine Stufe über diesen Kreisverbänden
lichkeit, beide Beine wechselweise in einem gleichmäßigen befindet sich dann der Landesverband, der eine wichtige
Takt nach vorne zu bewegen und damit laufen zu können, Scharnierposition wahrnimmt: Kommunikation und Kon-
erhält die Partei nur, wenn ihre verschiedenen Teilorgani- sens sowohl in als auch zwischen den Landesverbänden sind
sationen an einem Strang ziehen, Kompromisse schließen häufig auch für Entscheidungen auf der Bundesebene ton-

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Parteien als Organisationen 13

angebend. Entscheidungen auf Bundesparteitagen werden innerhalb der Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und SPD
gelegentlich von Landesverbänden vorbereitet, und auch Landesgruppen mit eigenen Statuten. Besonders Landesver-
Absprachen finden nicht selten bereits im Vorfeld statt. Wei- bände mit hohen Mitgliederzahlen haben innerhalb der Par-
terhin relevant sind die Landesverbände bei der Besetzung teien erheblichen Einfluss. Der Bundesverband einer Partei
von Ämtern und Mandaten auf der Bundesebene sowohl in umfasst alle bestehenden Landesverbände, bestimmt die
der Partei wie bei der Besetzung von Positionen in Parlamen- Parteiführung (Bundesvorstand, Präsidium) und unterhält
ten und in der Bundesregierung. So gibt es beispielsweise eine Bundesgeschäftsstelle in Berlin.

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14 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

imago / Jens Jeske

Parteien gliedern sich in Bundes-, Landes-, Regional- und Kommunalverbände. Oberstes Organ und formal Entscheidungsgremium einer Partei
ist der Parteitag, der auf allen Ebenen stattfindet. Abstimmung auf dem Bundesparteitag der Piraten 2013 in Neumarkt in der Oberpfalz

Höchstes Organ und damit formal zentrales Entscheidungs- in der Regel nicht in den Parteiensatzungen verankert und ha-
gremium einer Partei ist der Parteitag. Parteitage finden auf ben somit auch keine Entscheidungskompetenzen. Sie dienen
allen Ebenen (Kreis, Land, Bund) statt, wobei die Delegierten den Delegierten vielmehr dazu, Präsenz vor den Parteimitglie-
der jeweiligen Parteitage immer auf den Parteitagen der je- dern zu zeigen und geben den Mitgliedern an der Parteibasis
weils darunter liegenden Ebene gewählt werden. Parteitage die Möglichkeit, mit Parteiprominenten zu diskutieren. Auf
müssen nicht auf Vertreter, also Delegierte, beschränkt sein, diese Weise gelingt es den Vorsitzenden der Parteien vor allem
sondern können auch als für alle Mitglieder offen zugängliche in Wahlkampfzeiten, Mitglieder für sich zu begeistern und zu
Mitgliederversammlungen abgehalten werden. Aus Gründen mobilisieren sowie kontroverse Themen im direkten Kontakt
der Organisation und Logistik (alleine bei der CDU könnten zu besprechen.
potenziell auf Bundesparteitagen 476 000 Mitglieder erschei- Doch nicht nur Vorsitzende können die Regionalkonferen-
nen) überwiegt auf Landes- und Bundesebene jedoch die De- zen für sich nutzen: So veranstaltete Angela Merkel als dama-
legiertenversammlung, während die unteren Ebenen häufiger lige Generalsekretärin der CDU im Jahr 2000 sieben Regional-
Mitgliederversammlungen veranstalten. Die etablierten Par- konferenzen der CDU-Landesverbände und machte sich damit
teien sind – bis auf die FDP – dazu übergegangen, zwischen breiten Parteikreisen bekannt, bevor der amtierende Fraktions-
den jährlich oder alle zwei Jahre stattfindenden ordentlichen und Parteivorsitzende Wolfgang Schäuble zurücktrat. Mit der
Parteitagen „Kleine Parteitage“ einzuberufen, da die themati- gewonnenen Unterstützung der Basis konnte Angela Merkel
sche Breite, der sich Parteien stellen müssen, nicht mehr im im April 2000 dann zur Parteivorsitzenden gewählt werden.
Rahmen der ordentlichen Parteitage bewältigt werden kann. Wenngleich die Strukturen und Funktionen einer Parteior-
Ein weiteres wesentliches Organ bilden die Vorstände, die ganisation recht eindeutig beschreibbar scheinen, war doch
vor allem auf Bundesebene den schon erwähnten Parteiap- lange unklar, wie Parteizentralen konkret arbeiten. So ist es
parat benötigen (siehe S. 6), um die ihnen zugewiesenen Auf- gerade Aufgabe der hauptamtlichen Parteimitarbeiter in
gaben der „Geschäftsführung“ erfüllen zu können. Zur effekti- den Geschäftsstellen der Parteien (party in central office), die
veren Organisation bilden diese Vorstände Präsidien aus, die Zahnräder der Parteiarbeit ineinander greifen zu lassen und
als enger Zirkel entscheidungs- und leistungsfähig sein sollen das „Getriebe instand zu halten“. Sie erledigen die bürokra-
und den organisatorischen Kern der Vorstände bilden. tischen Arbeiten, welche die innerparteiliche Infrastruktur
Zusammenfassend kann man die Parteitage als eine Art gewährleisten und organisieren nicht nur Parteikampagnen,
„Legislativorgan“ begreifen, also als diejenige Instanz, die über sondern verwalten auch die Parteimitglieder, drucken und
grundsätzliche Fragen beschließt und diese Beschlüsse ver- versenden Informationsmaterial und sind meist eng verzahnt
bindlich für die Partei verabschiedet, während die Vorstände mit der Partei „vor Ort“. Zum größten Teil sind die bezahlten
und vor allem die Präsidien als „Exekutive“ die Beschlüsse der Geschäftsstellenmitarbeiter Mitglieder der jeweiligen Partei
Parteitage ausführen. Vorstand und Präsidium leiten die Par- und engagieren sich zusätzlich bei der örtlichen Parteiarbeit;
tei im Alltagsgeschäft der Politik. wer morgens noch in der Geschäftsstelle vor dem Rechner sitzt
und die Mitgliederkarteien verwaltet, der sitzt oft abends im
Informelle und formelle Parteigremien örtlichen Gemeinde-, Bezirks- oder Stadtrat.
Im Vorfeld zur Bundestagswahl 2013 war häufig die Rede von Ein weiteres Element der Organisationsstruktur von Partei-
sogenannten Regionalkonferenzen, auf denen sich die Vorsit- en sind die Parteischiedsgerichte. Diese können bei Satzungs-
zenden der Parteien zeigten. Diese Regionalkonferenzen sind streitigkeiten angerufen werden, Entscheidungen bei Wahlan-

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Parteien als Organisationen 15

Schaukämpfer der Politik – die General-

picture-alliance / dpa / Michael Kappeler


sekretäre
[…] Die Planstelle Generalsekretär hat bei CDU, CSU, SPD und
FDP Tradition, die Stelleninhaber bilden den Fachbereich At-
tacke der deutschen Politik. Sie müssen ständig reden, selbst
dann, wenn sie nichts zu sagen haben. Sie müssen immer ir-
gendwen beschimpfen, selbst wenn es gerade mal keiner ver-
dient. Für Generalsekretäre ist jeder Tag politischer Ascher-
mittwoch. Zumindest war das bisher so.
[…] Der Generalsekretär, vormals „Bundesgeschäftsfüh-
rer“, ist ja eine legendäre Gattung der Bonner und Berliner
Fauna, ihn umweht ein Hauch von Freiheit und Abenteuer,
das bezeugen alternative Jobtitel wie „Wadlbeißer“, „Minen-
hund“ oder „Bulldogge“. Nach außen ist er der zweite Mann
einer Partei, der sich viel mehr erlauben kann als der erste;
nach innen ist er Verwaltungschef und Wahlkampfleiter,
ullstein bild – Schöning Seelenstreichler und Zuchtmeister. Und im besten Fall auch
Vordenker.
In der FDP hat einst Karl-Hermann Flach die sozial-liberale
Koalition vorgedacht, in der SPD verströmten Egon Bahr oder
Peter Glotz programmatische Kraft. Franz Müntefering pack-
te kompakte Gedanken in noch kompaktere Sätze: „Opposi-
tion ist Mist.“ Die CDU hatte in Kurt Biedenkopf und Heiner
Geißler Generäle von natürlicher Autorität. In der CSU präg-
picture-alliance / Arco Images / Schoening Berlin

ten der Parteireformer Gerold Tandler und das „blonde Fall-


beil“ Edmund Stoiber den Posten […]. Lieber wäre Stoiber 1978
ja Hintersasse im Kabinett geworden, aber Franz Josef Strauß
lockte ihn mit simpler Mathematik: „Staatssekretäre gibt es
zum Saufuttern, Generalsekretär nur einen.“
[…] Die Generalsekretäre waren stets die Schaukämpfer der
Politik, sie teilten aus und steckten ein. […] Generalsekretä-
re können sich die lyrische Versicherung sparen, sie wollten
Deutschland dienen. Sie dienen ganz ungeniert ihrer Partei.
Im Dienen liegt freilich eine Gefahr: Der General, so hat das
Strauß verfügt, müsse seinen Kopf auch da hinhalten, wo
Matthias Luedecke

es ihn kosten kann. […] Im Dienen liegt aber vor allem eine
Chance, Angela Merkel war CDU-Generalsekretärin und hat
im Anschluss Karriere gemacht. Das hat auch Markus Söder,
von dem der Satz stammt, Beliebtheit gehöre nicht zur Stel-
lenbeschreibung. […]
Lautsprecher zu sein ist im Internet-Zeitalter leichter ge-
worden, weil jeder Wortfetzen irgendwo registriert wird.
Aber auch schwerer, weil es nun so viele Wortfetzen sind. […]
Ja, viele Wähler dürften reflexhaften Streit wirklich sattha-
ben. Aber es gibt auch weiterhin eine Sehnsucht nach leb-
hafter Auseinandersetzung. Wahrscheinlich ist es so: Wer es
leise mag, dem sind die Generalsekretäre zu laut; wer es laut
mag, dem sind sie zu leise.
Robert Haas / Süddeutsche Zeitung Photo

Die Generalsekretäre sind heute, frei nach Geißler, weni-


ger einflussreich und viel zahmer. Man kann diesen Wandel
auch positiv deuten: Die Debatte ist zivilisierter geworden,
die Teilnehmer sind bunter. Sie sind vielleicht nicht mehr die
klassischen Gesichter ihrer Partei, aber sie sind moderne Ge-
sichter […].
Roman Deininger, „Bulldogge gesucht“, in: Süddeutsche Zeitung vom 7. November
2015

In den Geschäftsstellen der Parteien erledigen hauptamtliche Mitarbeitende


die laufenden Geschäfte, organisieren Kampagnen und pflegen den Kontakt zu
den Mitgliedern. Das Konrad-Adenauer-Haus der CDU, das Willy-Brandt-Haus
der SPD, die Geschäftsstelle der Bündnisgrünen und das Karl-Liebknecht-Haus,
in dem sich die Geschäftsstelle der Linken befindet, jeweils in Berlin, sowie das
Franz-Josef-Strauß-Haus der CSU in München

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16 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Motiv nach einer Idee von www.tagesschau.de


Zu den Arbeitsgemeinschaften bzw. Vereinigungen der Parteien zählen die Jugendorganisationen, die mit den „Mutterparteien“ politisch nicht
immer in allen Fragen übereinstimmen. V. li. n. re.: die Jugendorganisationen der Linken, der SPD, der Bündnisgrünen, der FDP und der CDU

fechtungen treffen und Sanktionsmaßnahmen verhängen. Sie Die Parteimitglieder


können auch Parteimitglieder aus der Partei ausschließen, wo-
bei allerdings hohe Hürden gesetzt sind. Parteien in Deutschland sind formell als Mitgliederparteien
Beachtung verdienen auch die sogenannten Kollateralorga- zu charakterisieren. Welche Rechte die einzelnen Mitglieder
nisationen und Arbeitsgemeinschaften der Parteien, bei der haben, ist im Parteiengesetz grundsätzlich festgehalten, den-
SPD vor allem die Jungsozialist(inn)en (Jusos), bei der CDU die noch können die Satzungen der Parteien diese Rechte ent-
Junge Union (JU). Die Jugendorganisationen der Parteien er- weder stärker oder schwächer ausgestalten. Problematisch
möglichen eine Mitgliedschaft jedoch nur bis zu einem gewis- für die deutschen Parteien ist der kontinuierliche Mitglie-
sen Alter. Darüber hinaus gibt es innerparteiliche Organisatio- derschwund, der hauptsächlich mit einer sinkenden Zahl an
nen für einzelne gesellschaftliche Gruppen wie beispielsweise Beitrittswilligen zu erklären ist. Die Rolle der Parteimitglieder
Frauen, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, Schwule und und ihre Arbeit variieren erheblich: Sie reichen von Menschen,
Lesben, Senioren, Christen und Christinnen oder Menschen die Politik zum Beruf machen, über solche, die aktiv Parteiäm-
mit Zuwanderungsgeschichte. ter übernehmen, bis zu denen, die lediglich Beiträge zahlen,
Zudem gibt es innerhalb der Parteien Zusammenschlüsse, aber wenig an aktiver Parteiarbeit interessiert sind. Besonders
die sich bestimmten Interessengebieten zuordnen, wie bei- tritt die Differenz zwischen den ständig Politik betreibenden
spielsweise Wirtschaft, Ökologie, Verkehr oder Tierschutz. Die- professionellen Akteuren in Parlamenten und Regierungen
se Arbeitsgemeinschaften, die auch unter anderen Bezeich- von Bund und Ländern und den Mitgliedern, die sich ehren-
nungen wie „Themenforen“ (SPD) oder „Vereinigungen“ und amtlich mit Politik beschäftigen zutage. Einzelne Parteienfor-
„Sonderorganisationen“ (CDU) auftreten können, bieten Par- scher sprechen in diesem Kontext von einer Kluft zwischen
teimitgliedern die Möglichkeit, ein Thema gezielt mit anderen den eher wählerorientierten Berufspolitikern und den Ama-
Parteimitgliedern zu bearbeiten. teuren an der Parteibasis.
Davon zu unterscheiden sind jedoch Expertengremien, die
von den Vorständen eingesetzt werden und ihnen inhaltlich Rechtliche Regelungen
zuarbeiten sollen. Diese heißen beispielsweise auch „Fach- Wie schon erwähnt (siehe S. 5), gibt Art. 21 GG vor, dass der
ausschüsse“ (FDP) oder auch „Beiräte“ (so z. B. der „Koordinie- interne Aufbau der Parteien demokratischen Grundsätzen
rungsbeirat Medienpolitik“ bei den Bündnisgrünen) und kön- entsprechen muss. Das Parteiengesetz kennt sogar einen
nen zeitlich befristet sein. eigenen Paragraphen, der die Rechte der Mitglieder defi-
Eher informell existieren in Parteien sogenannte Flügel, de- niert: So haben die Mitglieder – wie auch die Wählerinnen
nen sich vor allem Delegierte und Mandatsträger ideologisch und Wähler allgemein – gleiches Stimmrecht, welches je-
zuordnen. Diese Zuordnung kann offen oder verdeckt erschei- doch eingeschränkt werden kann, wenn ein Mitglied sei-
nen. Im letzten Fall sind nur die führenden Akteure der Flügel nen Beitrag nicht entrichtet. Der Entzug der individuellen
bekannt, weitere Mitglieder bleiben jedoch verborgen. Diese Mitgliedschaft ist nur nach Anrufung und auf Entscheidung
Flügel bilden informelle Netzwerke, die untereinander um des Parteischiedsgerichtes möglich. Ein Entzug der Mitglied-
die ideologische Ausrichtung der Partei ringen. Gelegentlich schaft ist rechtens, wenn das Mitglied „vorsätzlich gegen die
provozieren sie Konflikte, die nach außen sichtbar werden Satzung oder erheblich gegen Grundsätze oder Ordnung der
und damit das Bild einer intern zerstrittenen Partei vermitteln Partei verstößt und ihr damit schweren Schaden zufügt“. Die
können. Möglichkeit des freiwilligen Austrittes vonseiten des indivi-
duellen Mitgliedes ist demgegenüber immer gegeben. In-
wieweit Mitgliederbeteiligung zugelassen, welche Beiträge

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Parteien als Organisationen 17

Parteiengesetz § 10: Rechte der Mitglieder


(1) Die zuständigen Organe der Partei entscheiden nach näherer 3. die Parteiorgane, die Ordnungsmaßnahmen anordnen kön-
Bestimmung der Satzung frei über die Aufnahme von Mitglie- nen. Im Falle der Enthebung von Parteiämtern oder der Aber-
dern. kennung der Fähigkeit zu ihrer Bekleidung ist der Beschluss
Die Ablehnung eines Aufnahmeantrages braucht nicht be- zu begründen.
gründet zu werden. Allgemeine, auch befristete Aufnahmesper- (4) Ein Mitglied kann nur dann aus der Partei ausgeschlossen
ren sind nicht zulässig. Personen, die infolge Richterspruchs die werden, wenn es vorsätzlich gegen die Satzung oder erheblich
Wählbarkeit oder das Wahlrecht nicht besitzen, können nicht gegen Grundsätze oder Ordnung der Partei verstößt und ihr da-
Mitglieder einer Partei sein. mit schweren Schaden zufügt.
(2) Die Mitglieder der Partei und die Vertreter in den Parteior- (5) Über den Ausschluss entscheidet das nach der Schiedsge-
ganen haben gleiches Stimmrecht. Die Ausübung des Stimm- richtsordnung zuständige Schiedsgericht. Die Berufung an ein
rechts kann nach näherer Bestimmung der Satzung davon ab- Schiedsgericht höherer Stufe ist zu gewährleisten. Die Ent-
hängig gemacht werden, dass das Mitglied seine Beitragspflicht scheidungen sind schriftlich zu begründen. In dringenden und
erfüllt hat. Das Mitglied ist jederzeit zum sofortigen Austritt schwerwiegenden Fällen, die sofortiges Eingreifen erfordern,
aus der Partei berechtigt. kann der Vorstand der Partei oder eines Gebietsverbandes ein
(3) In der Satzung sind Bestimmungen zu treffen über Mitglied von der Ausübung seiner Rechte bis zur Entscheidung
1. die zulässigen Ordnungsmaßnahmen gegen Mitglieder, des Schiedsgerichts ausschließen.
2. die Gründe, die zu Ordnungsmaßnahmen berechtigen, Parteiengesetz, Novelle vom 23. August 2011, Bundesgesetzblatt (BGBl.) I, S. 1748

erhoben und wie diese gestaffelt werden, obliegt den Partei- mitgliedschaften in den 1970er-Jahren auf ein Niveau an, das
en und ist in ihren Statuten bzw. Finanz-/Beitragsordnun- heute nicht mehr erreichbar scheint (alleine die SPD hatte 1976
gen geregelt. Parteien müssen übrigens nicht jedes beitritts- und 1977 mehr als eine Million Mitglieder). Die Vereinigung
willige Mitglied aufnehmen, sie können Aufnahmeanträge Deutschlands im Jahr 1990 konnte zwar einigen Parteien ein
ablehnen. Beispielsweise gilt in fast allen Parteien das Un- Kurzzeithoch der Mitgliederzahlen bescheren, doch zeigte sich
vereinbarkeitsgebot, das heißt, dass eine Mitgliedschaft in im Laufe der Jahre, dass die Parteien weiterhin mehr Austritte
der einen unvereinbar mit einer Mitgliedschaft in einer an- als Eintritte verzeichnen mussten. Woran liegt es, dass Mitglie-
deren Partei ist. der aus Parteien ausscheiden? Als Erklärungsansätze gibt es
¬ die demografische Begründung: Parteimitglieder sind im
Entwicklung der Parteimitgliedschaften Durchschnitt relativ alt. So lag 2012 das Durchschnittsalter
Die Parteimitgliedschaften sind im Rückgang begriffen. Dass der Mitglieder von Bündnis 90/Die Grünen bei 48 Jahren,
das nicht immer so war, zeigt der Blick auf die Entwicklung seit womit diese noch die „jüngste“ aller Parteien ist. Bei der FDP
der Gründung der Bundesrepublik 1949. So stiegen die Partei- betrug das Durchschnittsalter 53 Jahre, bei CDU, CSU und

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18 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

CDU Ortsverband Sylt / Oliver Ewald


In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Mitglieder bei nahezu allen Parteien rückläufig. Jahreshauptversammlung des CDU-Ortsverbandes der Gemeinde Sylt 2014

ge verstehen zu können. Externe Wirksamkeit erweist sich


mit dem Ausmaß, in dem Bürgerinnen und Bürger dem
politischen System bescheinigen, ihre politischen Hand-
lungen bzw. Willensbekundungen aufzunehmen und in
Entscheidungen umzuwandeln
¬ die parteibezogene Begründung: Hierunter fallen alle Aus-
trittsgründe, die in der Partei selbst zu suchen sind. Dies sind
beispielsweise Sachentscheidungen der Parteien, mit denen
Mitglieder regelrecht „verprellt“ werden können. Auch poli-
tische Richtungsänderungen der Partei können einen Aus-
trittsgrund darstellen, genauso wie Konflikte, Skandale oder
die allgemeine Unzufriedenheit des ausgetretenen Mitglieds
mit der Arbeit seiner Partei.

Die Gefahr, dass Parteimitglieder aus Parteien austreten,


ist also immer gegeben und kann mehrere Gründe haben.
Parteien schwimmen deswegen – gerade was ihre Mitglie-
der angeht – in sehr seichtem Fahrwasser, in dem sie leicht
auf Grund laufen können. Doch selbst wenn voraussicht-
lich weitere Mitglieder-Flutwellen ausbleiben, verheißt ein
Anteil von 40 Prozent relativ fest an die Partei gebundener
Mitglieder, dass die Parteischiffe auch in Zukunft weiter se-
geln können. Dennoch müssen die deutschen Parteien ihre
eigenen Mitgliederwerbekampagnen immer wieder kritisch
überprüfen und neu konzipieren. Wie im nächsten Abschnitt
SPD 59 Jahre und bei der Linken sogar 60 Jahre. Der Verlust gezeigt wird, gibt es allerhand Eintrittsmotive für Bürgerin-
an Parteimitgliedern lässt sich also mit dem durch Ableben nen und Bürger, die geneigt sind, einer Partei beizutreten. An
bedingten Ausscheiden erklären. diesen können Parteien ansetzen, um neue Mitglieder zu re-
¬ die mitgliederbezogene Begründung: Ausgetretene Partei- krutieren.
mitglieder geben zu einem Drittel an, aus privaten Grün-
den eine Partei verlassen zu haben. Für 13 Prozent spielen Beitrittsneigung und Parteibeitritt
persönliche politische Gründe eine Rolle, Politikverdros- Ob eine Person einer Partei beitritt, hängt an vielerlei Fakto-
senheit, aber auch veränderte politische Einstellungen und ren. Die Parteienforschung unterscheidet sogenannte expres-
das Nichterreichen eigener politischer Ziele. sive und instrumentelle Bindungsmotive. Unter expressiven
In Bezug auf die Erreichbarkeit von Zielen wird von Bindungsmotiven werden solche wie Gesinnung, Freund-
Wirksamkeit gesprochen, die sich in interne und externe schaft oder Identifikation mit den Zielen und Werten einer
unterteilen lässt: Interne Wirksamkeit liegt vor, wenn die Partei verstanden. Hierbei steht das Gemeinschaftserlebnis
Bürgerinnen und Bürger sich zutrauen, politische Vorgän- im Vordergrund und manifestiert sich im Besuch von Partei-

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Parteien als Organisationen 19

Zerreißprobe Agenda 2010


[…] Die Reaktionen auf die Hartz-IV-Gesetze, mit welchen Arbeits- sozialdemokratischer Arbeitnehmerwähler gemessen, stellten
losen- und Sozialhilfe zusammengelegt und die Bezugsdauer des Riesterrente, Nachhaltigkeitsfaktor bei Altersbezügen und Hartz IV
Arbeitslosengeldes gekürzt wurden, sind ein exemplarischer merkliche Pfadabweichungen dar. Der darob bei der SPD-Ge-
Anschauungsfall für den […] Sachverhalt, dass wertbezogene folgschaft eintretende Vertrauensverlust und das schließliche
Konfliktlinien die Gesellschaft durchziehen, die Parteianhän- Scheitern der Kanzlerschaft Schröders waren folglich nicht das
gerschaften spalten und zu innerparteilichen Machtkämpfen Erzeugnis einer „ehernen“ Logik „der Verhältnisse“, sondern die
führen können. Im Umfeld von Volksparteien, die unterschied- Konsequenz einer bewusst riskierten Richtungsentscheidung,
liche soziale Gruppen in ihren Reihen haben, werden dabei un- mit welcher Schröder exekutive Führerschaft demonstrierte.
ter Mitgliedern und Anhängern größere innerparteiliche Span- Das Projekt der Agenda 2010 mit Hartz IV als Kernstück hat
nungen und erheblich stärkere interne Fliehkräfte ausgelöst als in der SPD den innerparteilichen Gegensatz zwischen Gegnern
in Kleinparteien oder gar Ein-Themen-Parteien. Die SPD, welche und Befürwortern der Reform entlang der Konfliktachse sozial –
die Hartz-IV-Gesetzgebung als Regierungspartei verantwortete, neoliberal vertieft. Dass die SPD dabei von innen und außen
geriet darüber in eine Zerreißprobe, die sich schon während der als  Steigbügelhalterin des „Sozialabbaus“ hart kritisiert  wur-
rot-grünen Regierungszeit anbahnte, sich jedoch auf dem Wäh- de, wog doppelt schwer. Denn zum einen wurde der seit jeher
lermarkt erst bei den nächstfolgenden Wahlen von 2009 voll enge  Schulterschluss zwischen Gewerkschaftsbewegung und
auswirkte. Sozialdemokratie nachhaltig erschüttert. Zum anderen war
Der Prozess der Entfremdung zwischen regierender SPD und der Pol des Sozialen, von dem sich die offizielle Partei- und Re-
dem sozialdemokratischen Traditionsflügel, auf dessen Seite gierungslinie mit der Agenda-Politik wegbewegte, in der lan-
auch die DGB-Gewerkschaften standen, die dann zeitweise zur gen Geschichte der Partei das unumstrittene ideelle Gravitati-
SPD-Führung auf Konfrontationskurs gingen, entfaltete sich onszentrum gewesen, an dem sich die Mehrzahl der Mitglieder
im zeitlichen Vorfeld der vorgezogenen Bundestagswahl des und Wähler ausgerichtet hatte.
18. September 2005. Wie stets, so stellten auch bei diesem Streit- Die Wahrnehmung, dass die SPD die Partei sei, die „für sozia-
fall die gesamtstaatlichen Problemlagen – die Massenarbeits- le Gerechtigkeit sorge“, wurde nun bei der eigenen Anhänger-
losigkeit, die wirtschaftliche Rezession, die Staatsverschuldung schaft erschüttert. Seit etwa August 2005 konnte die PDS/Linke
und eben die Schieflage der sozialen Sicherungssysteme – be- in Umfragen bei der Parteikompetenz der sozialen Gerechtigkeit
lastende Rahmenbedingungen dar, die ein steuerndes Handeln gleichfalls punkten. Im Laufe der „Agenda-Jahre“ 2003 und 2004
der politischen Akteure einforderten, aber dieses nicht völlig büßte die SPD mit rund 100 000 Abgängen besonders viele Mit-
fremdbestimmten. glieder ein. Ersichtlich war: Der Agent SPD hatte sich zum Ende
Die Agenda 2010, mit welcher Gerhard Schröder den Paradig- seiner Regierungszeit hin von den Erwartungen und Aufträgen
menwechsel in der Sozialpolitik im März 2003 ankündigte, war des altsozialdemokratischen Prinzipals weit entfernt […].
eine bewusste, strategisch angelegte und ebenso riskante politi-
sche Entscheidung. An den Sicherheitsgarantien des herkömm- Everhard Holtmann, Der Parteienstaat in Deutschland, (bpb-Schriftenreihe Bd. 1289),
lichen Sozialstaates und entsprechenden Erwartungen des Gros Bonn 2012, S. 128 f.

versammlungen, aber auch in der Teilnahme an Festen und außerhalb der Partei, auf den Wunsch nach Mitwirkung bei po-
geselligen Runden. Diese Seite der Parteiorganisation hat ei- litischen Entscheidungen, generell nach Gestaltung von Politik.
nen Vereinscharakter und kann daher als die Vereinsseite des Immer wieder wird beim Thema Parteimitgliedschaften
Parteilebens bezeichnet werden. auf die Politik- und hier spezieller auf die Parteienverdrossen-
Instrumentelle Bindungsmotive liegen vor, wenn die Mit- heit der Bevölkerung hingewiesen. In der Tat: Parteien genie-
gliedschaft als Instrument zur Erreichung bestimmter indivi- ßen keinen allzu guten Ruf in der Bevölkerung. So ergab bei-
dueller Zwecke und Ziele dient, wobei diese in politisch-instru- spielsweise eine Befragung der Bertelsmann Stiftung im Jahr
mentelle und materielle zu unterscheiden sind. Von materiellen 2014, dass Parteien auf einer Skala von +5 (absolutes Lob) bis
kann dann gesprochen werden, wenn der/die Einzelne mit der -5 (absoluter Tadel) lediglich einen Wert von -0,8 erhalten. Die
Parteibindung eigene materielle Vorteile verbindet. Politisch-in- Parteienforschung steht der Behauptung, dass dies auf eine
strumentelle Bindungsmotive sind auf Ziele und Prozesse des grundsätzliche Parteienverdrossenheit schließen lasse, skep-
politischen Systems bezogen. Zielbezogen ist eine Parteibin- tisch gegenüber: Der Anteil der Bürgerinnen und Bürger, die
dung, wenn sie genutzt wird, um allgemein politische Anliegen den Parteien wohlwollend oder gar begeistert gegenüberste-
gesellschaftlicher Interessen zu unterstützen bzw. durchzu- hen, hat sich in den letzten Jahren eher erhöht, der Anteil der
setzen. Die entsprechende Person will mit ihrem Engagement Verdrossenen, also derer, die alle Parteien im Parteienspektrum
deutlich machen, welche gesellschaftlichen Zielverwirklichun- ablehnen, bleibt dagegen auf einem relativ niedrigen Niveau.
gen sie als zentral ansieht und versucht, ihren Beitrag zur Lö- Schöpfen können die Parteien aus einem Pool von Personen,
sung der Probleme einzubringen. Wer aus zielbezogenen poli- die prinzipiell bereit sind, einer Partei beizutreten, dies jedoch
tisch-instrumentellen Bindungsmotiven einer Partei beitritt, aufgrund gewisser Hemmnisse (noch) nicht tun. Diese Perso-
der hat konkret Mitwirkung an der Politikgestaltung im Sinn. nen, die zum Parteibeitritt bereit sind, machen circa 15 Prozent
Wer eher prozessbezogene Bindungsmotive hat, der will Poli- der Wahlberechtigten in Deutschland aus.
tik verarbeiten und sucht nach Information, Einsicht und blo- Parteimitglieder, sowohl langjährige als auch Neuzugän-
ßer Teilhabe am politischen Willensbildungsprozess. Die poli- ge, zeichnen sich dadurch aus, dass sie zumeist männlich
tisch-instrumentellen Bindungsmotive zielen insgesamt auf und im Alter zwischen 50 und 64 Jahren sind, einen höheren
Teilhabe ab, auf die Übernahme politischer Ämter inner- und Bildungsabschluss als der Bevölkerungsdurchschnitt haben

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20 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

(„Akademisierung“) und häufiger als Beamte oder Angestellte der haben in der „Mutterpartei“ dann jedoch weder aktives
im Öffentlichen Dienst arbeiten – in einem Berufsumfeld, das noch passives Wahlrecht).
ihnen nach landläufiger Meinung den notwendigen Freiraum ¬ die Mitgliedschaft in Unterorganisationen: Hier treten Mit-
gewährt und ein natürliches Interesse nahelegt, sich in der ei- glieder einer Unterorganisation der Partei bei, die relativ
genen Freizeit Parteiaktivitäten zu widmen. autonom ist, der Partei aber dennoch nahesteht. Die Unter-
Zusätzlich ist die schon oben angesprochene Wirksamkeit ein scheidung zur direkten Mitgliedschaft fällt schwer, weil die
ausschlaggebender Faktor zum Eintritt in eine Partei: Wenn be- Mitgliedschaft in Unterorganisationen meist untrennbar
stehenden Mitgliedern dieses Gefühl der eigenen Wirksamkeit mit der Mitgliedschaft in der „Mutterpartei“ verbunden ist.
verloren geht, treten sie aus einer Partei aus; wenn Menschen ¬ die direkte Mitgliedschaft: Dies ist der Parteibeitritt in „Rein-
jedoch das Gefühl eigener politischer Wirksamkeit gar nicht form“. Mitglieder treten der Partei direkt bei, indem sie den
erst entwickeln, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, Aufnahmeantrag ausfüllen und abschicken. Heutzutage ist
dass sie einer Partei überhaupt erst beitreten. Umgekehrt ist die dies auch online möglich, was das bürokratische Hemmnis,
Wahrscheinlichkeit des Beitritts hoch, wenn Bürgerinnen und einer Partei beizutreten, vermindern soll.
Bürger das Gefühl haben, sie könnten politisch wirksam sein.
Entscheidend für den Beitritt sind politisches Interesse und Zudem kann man das Aktivitätsniveau der Parteimitglieder
der formale Bildungsabschluss; je höher beides ausfällt, umso unterscheiden, wie es in der Deutschen Parteimitgliederstudie
wahrscheinlicher wird die Beitrittswilligkeit. von 2009 erfolgte: So ist der Teil der Mitglieder, die sich selbst
als sehr aktiv beschreiben, bei allen Parteien recht gering, wo-
Parteimitgliedertypen bei der Gesamtwert bei sechs Prozent liegt (berücksichtigt
Die Parteiforschung unterscheidet vier Formen der Parteimit- wurden CDU, CSU, SPD, FDP, Linke, Bündnis 90/Die Grünen).
gliedschaft Mitglieder der CSU sind dabei seltener sehr aktiv (4 Prozent),
¬ die korporative Mitgliedschaft: Hier treten Parteimitglieder Mitglieder der FDP sind häufiger sehr aktiv (10 Prozent). Die
gar nicht aktiv ein, sondern treten einer Partei über eine Mit- Spanne der ziemlich aktiven Mitglieder reicht von 20 Prozent
gliedschaft in anderen Organisationen bei, wie z. B. einer Ge- bei der CDU sowie der CSU bis hin zu 28 Prozent bei der Linken
werkschaft. Korporative Mitglieder haben häufig jedoch an- und beträgt im Mittel 21 Prozent.
dere Rechte und Pflichten als „ordentliche Parteimitglieder“. Wenig aktiv ist der Großteil der Mitglieder: Hierunter fallen
¬ die affiliierte (lat.: an-, eingliedern) Mitgliedschaft: Affi- „nur“ 35 Prozent der Grünen, aber 48 Prozent der Linken. Be-
liierte Mitglieder treten Organisationen bei, die formale trachtet man alle untersuchten Parteien, so kann ein Mittel-
Bindungen zu einer Partei haben (z. B. den Jusos, der JU). wert von 42 Prozent ausgemacht werden. Auch recht hoch ist
Diese nehmen auch an der Parteiarbeit teil, zum Beispiel damit der Anteil der überhaupt nicht aktiven Parteimitglieder,
dadurch, dass sie Vertreter in Gremien entsenden. Affiliier- die bei der Linken nur 16 Prozent, bei den Grünen hingegen 34
te Mitglieder müssen sich im Gegensatz zu korporativen Prozent ausmachen und einen Mittelwert von 31 Prozent aller
Mitgliedern aktiv für den Beitritt zu einer der Partei nahe- untersuchten Parteien bilden.
stehenden Organisation entschlossen haben, sie müssen Interessant ist der Zusammenhang von Aktivität der Parteimit-
dabei aber nicht notwendigerweise Mitglied der Partei glieder und den bereits oben beschriebenen Beitrittsanreizen: So
selbst sein (so z. B. bei den Jusos, bei denen eine Mitglied- sind die meisten aktiven Parteimitglieder dabei, weil ihnen die
schaft ohne SPD-Mitgliedschaft möglich ist; diese Mitglie- Parteiarbeit selbst Spaß macht. Dahinter folgen das Gefühl, die

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Parteien als Organisationen 21

Partei stärker machen zu können, sowie der Wunsch nach einem


öffentlichen Mandat. Addiert man nun die Zahlen der sehr akti-
ven und der ziemlich aktiven Parteimitglieder, so zeigt sich, dass
diese im Durchschnitt 27 Prozent aller Mitglieder ausmachen.
Aktivitäten, denen Parteimitglieder nachgehen, sind vor
allem der Besuch von Parteiversammlungen und von Festen
bzw. geselligen Veranstaltungen, aber auch die Übernahme ei-
nes Parteiamtes, das Verteilen von Informationsmaterial und
das bekannte „Plakate kleben“. Bestehende Mitglieder werben
zusätzlich neue Mitglieder, verfassen Beiträge in Parteimedi-
en und spenden außerhalb ihrer regelmäßigen Beitragszah-
lungen Geld an die Partei. All dies zeigt, dass Parteien auf die
Arbeit ihrer Mitglieder angewiesen sind; eine Auslagerung all
dieser Aufgaben an Drittanbieter, die dafür bezahlt werden
müssten, wäre zwar möglich, aber kostspielig.

„Nutzen“ und „Schaden“ von Parteimitgliedern


Parteimitglieder haben, wie schon in den vorherigen Abschnit-
ten festgehalten, einen großen Nutzen für die Parteien. Sie ver-
ursachen jedoch auch Kosten, die nicht unerheblich und nicht
nur finanzieller, sondern auch „ideologischer“ Natur sind.
Wie in der Tabelle sichtbar wird, steht dem Nutzen der Mit-
glieder fast immer auch ein möglicher Nachteil gegenüber. Als
Humanressource sind Mitglieder für Parteien unverzichtbar,
hat doch allein die SPD nach Aussage von Matthias Machnig,
dem ehemaligen Bundesgeschäftsführer der SPD, circa 70 000
Funktionen zu besetzen. Man kann vermuten, dass die Grö-
ßenordnung bei der CDU eine ähnliche sein wird. Insgesamt
müssen die Parteien 96 Sitze im Europäischen Parlament,
631 Sitze im Deutschen Bundestag, rund 1850 Landtagssitze
und circa 200 000 Kommunalmandate besetzen, wobei vor
allem auf kommunaler Ebene auch Kleinparteien und unab-
hängige Kandidaten eine Rolle bei der Besetzung von Ämtern
spielen. Auf der anderen Seite kann eine Vielzahl an Mitglie-
dern bereits auf lokaler Ebene eher einen Konflikt provozieren,
wenn es um die Besetzung von Posten geht, bei der mehrere
Kandidierende ein Amt anstreben.

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22 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

picture-alliance / Wolfgang Minich


Im Wahlkampf mobilisieren Parteimitglieder vor allem andere Wählerinnen und Wähler, indem sie Diskussionen mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern führen und
Werbematerial verteilen, wie anlässlich der Bundestagswahl 2013 am Wahlstand der Partei Die Linke in Frankfurt/M. …

ihrer Partei. Andererseits lassen sich auch hitzige Diskussio-


picture-alliance / dpa / Fredrik von Erichsen

nen zwischen Bürgern und Parteimitgliedern am Wahlstand


beobachten, bei denen die Parteimitglieder eine deutlich
höhere Ideologisierung artikulieren können, als es der Partei
wahlkampfstrategisch lieb ist. Der direkte Kontakt zwischen
Bürgerinnen und Bürgern und den Parteimitgliedern eröffnet
wiederum einen weiteren Nutzen: Parteimitglieder stellen die
Verbindung von der Parteiorganisation zur Gesellschaft her und
befördern damit einen gesellschaftlichen Willensbildungspro-
zess. Parteispitzen können darüber hinaus über moderne Me-
thoden und Ergebnisse verschiedenster Umfrageinstitute ge-
sellschaftliche Meinungen und Ansichten herausfiltern.
Unverzichtbar sind Mitglieder, wenn es um die Legitimierung
einer Partei geht: So bezeichnen sich eigentlich alle etablierten
deutschen Parteien als Mitgliederparteien, egal ob sie 480 000
… oder am Wahlstand der SPD in der Mainzer Innenstadt. Sie stellen so die Verbin- oder 20 000 Mitglieder haben. Je höher die Zahl der Mitglieder,
dung zwischen Parteiorganisation und Gesellschaft her. umso eher greift das Legitimationsargument, können Parteien
mit einer hohen Mitgliederzahl doch immer darauf verweisen,
dass sie den hohen Ansprüchen der deutschen Parteiendemokra-
Mitglieder sind wiederum von Nutzen, wenn es bei Wahlen um tie genügen. Im Rahmen der seit Jahrzehnten sinkenden Mitglie-
Rückhalt geht, wählen doch die meisten Parteimitglieder selbst- derzahlen wird es für Parteien jedoch immer beschwerlicher, die-
verständlich auch ihre eigene Partei. Andererseits können sich ses Argument aufrechtzuerhalten. Auch ist die in den vorherigen
Mitglieder auch frustriert vor Wahlen von ihrer Partei abwenden Abschnitten bereits besprochene Struktur der Mitglieder proble-
und ihrem Umfeld von deren Wahl abraten. Ein prominentes matisch, wenn es darum geht, die Mitgliederbasis einer Partei als
Beispiel bildet der ehemalige „Superminister“ für Wirtschaft und Spiegelbild der Gesellschaft zu bezeichnen – dies ist sie nicht.
Arbeit, Wolfgang Clement, der vor der hessischen Landtagswahl Dem vorletzten Punkt „Mitglieder als Multiplikatoren“ bleibt
2008 in einem Zeitungsinterview davor warnte, die SPD zu wäh- wenig anzufügen, was nicht in den vorigen Kategorien schon
len. Es kam danach zu einem Parteiordnungsverfahren, bei dem genannt wurde. Interessanter ist hier die gegenteilige Wirkung,
das Parteischiedsgericht dem ehemaligen Minister eine Rüge er- die Mitglieder aussenden können: Der „closed-shop“-Charakter,
teilte, woraufhin dieser freiwillig aus der Partei austrat. den Ortsverbände ausstrahlen können, das heißt, dass Mitglie-
Neben der Funktion, dass Parteimitglieder selbst meist die der sich eher abschotten wollen und nur ungern neue Mitglie-
eigene Partei wählen, mobilisieren sie vor allem andere Wähle- der integrieren, sowie die Zusammensetzung aus überwiegend
rinnen und Wähler durch ihre Arbeit am Wahlstand, das Kleben älteren Mitgliedern wirken vor allem für junge Leute wenig
von Plakaten sowie das Verteilen von Flyern und Werbemitteln attraktiv.

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Parteien als Organisationen 23

Zuletzt bleibt anzufügen, dass Mitglieder als Politikinnovato- ¬ Die Parteiführung ist den Mitgliedern für ihr Handeln re-
ren gelten können, neue Ideen entwickeln und Vorschläge zur chenschaftspflichtig.
politischen Praxis, aber auch zur Mitgliederwerbung einbrin-
gen können. Diese Funktion ist jedoch heute eher in den Hin- Die andere Spielart ist die elektorale Mitgliederpartei: Für die-
tergrund getreten und nur der Vollständigkeit halber genannt, se steht vor allem der Stimmengewinn im Vordergrund, der
denn in dieser Rolle herrschen heute meist externe Politikbera- Wählermarkt ist also das primäre Ziel dieser Parteien, während
ter und strategische Zentren vor, an denen das „einfache“ Mit- die innerparteiliche Demokratie sowie die Mitgliederpartizipa-
glied nicht teilnimmt. tion eher sekundär sind. Dennoch müssen auch diese Parteien
Es lässt sich also festhalten: Parteimitglieder generieren weit die rechtlichen Vorgaben des demokratischen Aufbaus einhal-
überwiegend einen Nutzen für ihre Partei, können jedoch auch ten und ein Mindestmaß an Teilhabe gewährleisten.
Nachteile mit sich bringen. Die Ambitionen der Mitglieder, inner- Fraglich bleibt, ob die Mitgliederparteien nach der Unter-
halb von Parteien auch substanziell mitwirken zu können, stellen schreitung eines gewissen kritischen Schwellenwertes in der
die Parteispitzen vor neue organisatorische Herausforderungen, Lage sind, den Geboten des Grundgesetzes sowie des Partei-
die in den nächsten Abschnitten diskutiert werden sollen. engesetzes Folge zu leisten. Während die Parteien gegenwär-
tig zwar Mitglieder verlieren, so scheinen sie doch noch lange
nicht an diesem kritischen Punkt angelangt zu sein.

Die Mitgliederpartei Innerparteiliche Demokratie


Über das notwendige Ausmaß innerparteilicher Demokratie
Selbstverständnis und Konzept lässt sich in der Parteienforschung keine einheitliche Position
Die etablierten Parteien in der Bundesrepublik Deutschland finden. Unbestritten hat oftmals die professionelle Parteifüh-
sehen sich in ihrer Selbstzuschreibung allesamt als Mit- rung eine herausgehobene Bedeutung. Diese wird im Regelfall
gliederparteien und sprechen einer breiten Mitgliederbasis von den Parteimitgliedern auch nicht in Frage gestellt, sondern
eine hohe Bedeutung zu. Damit versuchen die Parteien, den bereitwillig akzeptiert. Schließlich ist die Parteiführung durch
Ansprüchen einer repräsentativen Demokratie gerecht zu Wahlen legitimiert, verantwortlich gegenüber der Parteibasis
werden, die sich der Bürgerbeteiligung nicht verschließen und prägt das Außenbild der Partei wesentlich mit.
möchte. Sind es doch gerade die Parteien, die als Agenten der Sie kann ihre Position nach innen und außen festigen,
Willensbildung ihre Fühler an der Gesellschaft haben sollen. wenn es ihr gelingt, ein handlungs- und durchsetzungsfähi-
Sie versuchen daher, durch Mitgliederwerbung und Mitglie- ges Zentrum zu etablieren, das den Personenkreis umfasst,
derkampagnen neue Mitglieder an die Partei zu binden sowie der strategisch zentrale Positionen in der Parteiorganisation
bestehende Mitglieder von einem Austritt abzuhalten. innehat. Idealerweise soll dieses Zentrum nach bisherigen
Eine Definition der Mitgliederpartei, die dies berücksichtigt, Erkenntnissen der Entscheidungstheorie aus drei bis sechs
gibt der deutsche Parteienforscher Elmar Wiesendahl: Er ordnet Personen bestehen.
Mitgliederparteien einen „festen und dauerhaft organisierten In den letzten Jahren, vor allem mit dem Aufkommen der Pi-
Mitgliederstamm“ zu; Mitgliederparteien bedienen sich weiter- ratenpartei, hat das Wort „Basisdemokratie“ wieder an öffentli-
hin „freiwilliger Mitglieder und der von ihnen bereit gestellten cher Aufmerksamkeit gewonnen. Darunter sind innerparteilich
Ressourcen […], um den Parteibetrieb zu unterhalten und um alle Formen der politischen Beteiligung zu verstehen, bei denen
ihre Kernaufgaben zu erfüllen“. Mitgliederparteien würden die- politische Entscheidungen unmittelbar von den Mitgliedern
ser Definition zufolge also dann nicht mehr reibungslos arbei- getroffen werden. Die Diskussion um Basisdemokratie in Par-
ten können, wenn ihr Mitgliederfundament erodiert. teien ist keineswegs neu: So gaben sich beispielsweise die Grü-
Problematisch bei der Definition der Mitgliederpartei ist die nen bei ihrer Gründung 1980 eine Organisationsstruktur, die
genaue Bestimmung der Mitgliederzahl, ab der eine Partei betont auf basisdemokratische Entscheidungsmechanismen
schließlich zu einer Mitgliederpartei wird. In der Forschung und innerparteiliche Diskussion setzte.
vorgeschlagen wird ein Anteil von 0,5 Prozent der Wahlbe- Instrumente basisdemokratischer Entscheidungsmechanis-
rechtigten. Bei einer Zahl von circa 61,9 Millionen wahlbe- men sind beispielsweise Urwahlen, in denen die Mitglieder über
rechtigten Deutschen wären dies also 309 500 Mitglieder, Spitzenposten in der Partei entscheiden, Mitgliederbegehren
eine Zahl, die in Deutschland nur die SPD sowie die CDU auf- sowie Mitgliederentscheide, bei denen die Mitglieder ihre Präfe-
bringen können. Alle anderen Parteien wären also nur ihrer renzen bei Sachfragen äußern können, sowie Befragungen in den
Selbstzuschreibung zufolge Mitgliederparteien und verfügen
nicht über eine Infrastruktur, die enge Mitgliedernetzwerke
auch auf der Ortsverbandsebene ermöglicht (wobei auch die
www.debatingeurope.eu

„großen“ Parteien in den neuen Bundesländern hierbei vor Pro-


bleme gestellt sind).
Mitgliederparteien sind auf ihre Mitglieder angewiesen,
können jedoch in zwei voneinander unterscheidbaren Spiel-
arten auftreten: In der ersten Spielart, der sogenannten de-
mokratischen Mitgliederpartei, stehen drei Prinzipien im
Vordergrund:
¬ Mitglieder müssen eine aktive Rolle im innerparteilichen
Entscheidungsprozess übernehmen können.
¬ Parteiinterne Ämter sind Mitgliedern vorbehalten, Nicht-
Basisdemokratische Orientierung: 2013 konnten alle EU-Bürgerinnen und -Bürger
mitglieder werden von der Besetzung dieser Ämter ausge- ab 16 Jahren, die für „grüne Werte“ einstehen, online in Vorwahlen über die beiden
schlossen. Spitzenkandidaten der Bündnisgrünen für die Europawahl im Mai 2014 abstimmen.

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24 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Chancen und Risiken des Mitgliederentscheids


Wenn sie wollten, könnten sie. „Eine Mitgliederbefragung ist auf auch als „links“, und wie gewünscht schwächte sie das Schrö-
der Ebene der Bundespartei, der Landes- oder Kreisverbände in der-Lager. Scharping bekam 40 Prozent, Schröder 33 Prozent und
Sach- und Personalfragen zulässig“, ist in der Satzung der CDU nie- Wieczorek-Zeul 26 Prozent. Weil sich die führenden Leute darauf
dergelegt. Heißt: Die CDU-Mitglieder könnten per „Urwahl“ über verständigt hatten (oder, wie Schröder, gezwungen waren, das
den Kanzlerkandidaten befinden, sie hätten auch per „Mitglieder- zu akzeptieren), es reiche die einfache Mehrheit, wurde der Sie-
votum“ über den Koalitionsvertrag mit der SPD entscheiden kön- ger Scharping dem Parteitag zur Wahl vorgeschlagen. Er wurde
nen. In der Satzung ist zwar nur von einer „Mitgliederbefragung“ SPD-Vorsitzender und später – ohne „Urwahl“ – auch Kanzler-
die Rede. Doch jeder weiß: Das Ergebnis einer solchen Befragung kandidat. Die Personalquerelen aber waren nicht bereinigt. Im
mag die Führung nicht rechtlich binden; in der politischen Wirk- Gegenteil: Schröder kämpfte so lange, bis der Makel von 1993 be-
lichkeit aber kommt sie an deren Ergebnis nicht vorbei. Das Verfah- seitigt und er Bundeskanzler war.
ren zur Einleitung einer Mitgliederbefragung in der CDU ist trotz Urmutter aller Mitgliederentscheidungen in der FDP war jene
eines niedrigen Quorums nicht einfach: „Sie ist durchzuführen, 1995 über den „großen Lauschangriff“. Über Jahre hinweg war die
wenn sie von einem Drittel der jeweils nachgeordneten Gebiets- Führung in dieser Sache zerstritten und blockiert. Der rechte Flü-
verbände beantragt wird und der Vorstand der übergeordneten gel war für Kompromisse zum Abhören, der linksliberale Flügel
Organisationsstufe die Durchführung mit der absoluten Mehrheit dagegen. Mit deutlicher Mehrheit votierten die FDP-Mitglieder
seiner stimmberechtigten Mitglieder beschließt.“ Das bedeutet für den „großen Lauschangriff“. Sabine Leutheusser-Schnarren-
auch: Laut Satzung kann ein CDU-Vorstand eine Mitgliederbefra- berger, „linksliberale“ Justizministerin schon damals, trat zurück.
gung zwar verhindern; er kann sie aber nicht beliebig herbeiführen. Der Friede in der Partei war damit nicht hergestellt.
[…] In der Satzung der SPD, die „Organisationsstatut“ heißt, So war es auch, als 2004 die CDU in Baden-Württemberg per
wird zwischen „Mitgliederbegehren“ und „Mitgliederentscheid“ „Mitgliederbefragung“ entschied, wer auf Ministerpräsident Er-
unterschieden. Wie bei der CDU kann der Mitgliederentscheid win Teufel folgen solle: Günther Oettinger oder Annette Schavan.
von der „Basis“ her eingeleitet werden. Doch anders als bei der Vom Sieg Oettingers hat sich das Gefüge der Südwest-CDU bis
CDU kann auch der Parteivorstand von sich aus mit Dreiviertel- heute nicht erholt. […]
mehrheit einen Mitgliederentscheid herbeiführen. […] Längst haben die Führungen großer und kleiner Landesverbän-
Ehedem hatte der Mitgliederentscheid gegen den Ruf zu kämp- de von CDU und SPD die Chancen der „Befragung“ ihrer Mitglie-
fen, er dokumentiere allein die Handlungsunfähigkeit einer Par- der erkannt. Sie kommen den Forderungen der Untergliederun-
teiführung. 1993 war das noch so, bei der Urmutter aller Mitglieder- gen und der Mitglieder nach, es müsse mehr Transparenz und
entscheide in den Parteien. Im Frühjahr 1993 war Björn Engholm, Mitwirkungsmöglichkeiten geben. Sie können schwierige Perso-
der schleswig-holsteinische Ministerpräsident, auch vom Amt nalfragen „nach unten“ delegieren. Sie können einen Wettstreit
des SPD-Vorsitzenden zurückgetreten. Die Ministerpräsidenten zwischen Bewerbern organisieren – zur Mobilisierung ihrer Basis
Rudolf Scharping (Rheinland-Pfalz) und Gerhard Schröder (Nie- und als Ausdruck innerparteilicher Demokratie. Sie können sogar
dersachsen) waren alsbald zur Kandidatur bereit. Im SPD-Spek- Sachentscheidungen herbeiführen und auf diese Weise die inner-
trum damals galt Scharping als Vertreter der Mitte und Schröder parteiliche Minderheit disziplinieren. Einzig eine Basis-Entschei-
als Mann der Parteilinken. Die Parteiführung schaffte es nicht, dung über einen Kanzlerkandidaten hat es noch nicht gegeben.
sich wie bis dahin immer auf einen Kandidaten zu verständigen. Wie lange noch? Die Vorbehalte bröckeln.
Der Ausweg: eine „konsultative“ Mitgliederbefragung.
Günter Bannas, „Die Vorbehalte bröckeln“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom
Weil Schröder Favorit war, bewegten Scharpings Freunde 12. November 2014 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH,
Heidemarie Wieczorek-Zeul ebenfalls zur Kandidatur. Die galt Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Gliederungen der Partei. Betrachtet man die Nachfrageseite, also


die Mitglieder selbst, so sind insgesamt 66 Prozent aller befragten
Parteimitglieder der Meinung, dass Bundestagskandidaten di-
rekt von den Mitgliedern gewählt werden sollten. Die Urwahl des
Bundesvorsitzenden der Parteien wird von 58 Prozent der Mitglie-
der begrüßt, eine Urabstimmung in Sachfragen ebenfalls.
Wenngleich in den letzten Jahren Wahlkreisabgeordnete ten-
denziell häufiger per Mitgliederentscheid und damit zulasten
des Delegierten-, also des Vertreterprinzips, aufgestellt wur-
den, so stellt innerparteiliche Partizipation für Parteien immer
auch einen wesentlichen Kosten- und Verwaltungsfaktor dar.
Das Internet eignet sich dabei nur bedingt als Hilfsinstrument,
ddp images / Adam Berry

zum einen aus rechtlichen Erwägungen, zum anderen, weil das


Durchschnittsalter der Mitglieder jedenfalls zur Zeit auf eine
im Vergleich zur jüngeren Bevölkerung geringere Internetaf-
finität hindeutet; eine Umfrage unter SPD-Mitgliedern ergab
zum Beispiel, dass 40 Prozent der Mitglieder auf die Frage, ob
eine Meinungsbildung im Web 2.0 verstärkt eingesetzt werden
Mehr innerparteiliche Beteiligung durch Abstimmungen über das Internet zu errei-
sollte, mit „eher nein“ antworteten, fünf Prozent gar mit „auf chen, ist bisher wenig erfolgreich. Selbst die digital affine Piratenpartei erreichte 2012
keinen Fall“. Doch selbst in der Piratenpartei, die sich durch ih- nur ein Zehntel ihrer Mitglieder, als per Liquid Feedback abgestimmt werden sollte.

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Parteien als Organisationen 25

ren niedrigen Altersdurchschnitt und ihre Sympathien für die


digitale Welt auszeichnet, erweisen sich die tatsächlichen Betei-
ligungsraten als überraschend niedrig: Zwar existiert ein „Tool“
zur digitalen Meinungsbildung, die Plattform Liquid Feedback,
auf der Mitglieder nicht nur über bestehende Anträge abstim-
men, sondern auch eigene verfassen können. Doch lediglich ein
Zehntel der Parteimitglieder der Piraten hat einmal per Liquid
Feedback abgestimmt (2012), auch haben technische Probleme
den Einsatz der Software bisher eher erschwert.
Diskutiert wird zudem eine Einbeziehung der Nichtmitglieder
in die Parteiarbeit. Doch im Vergleich zu 1998 zeigten die Par-
teimitglieder 2009 eine geringere Bereitschaft, Nichtmitglieder
gleichberechtigt in der Partei mitarbeiten zu lassen (Gesamt: 38
Prozent). Die Kandidatur von Nichtmitgliedern für Parteiämter
befürworteten nur 34 Prozent aller Parteimitglieder, was zeigt,
dass Parteimitglieder sich selbst eher im Modell der demokra-
tischen Mitgliederpartei sehen; hier sei vor allem noch einmal
an den zweiten Punkt erinnert, der diese ausmacht: die Beset-
zung von innerparteilichen Ämtern durch Mitglieder und der
Ausschluss von Nichtmitgliedern bei dieser Ämterbesetzung.
Da Mitglieder also immer noch ein eher exklusiveres Mitglied-
schaftsverständnis präferieren, Parteien jedoch Neumitglieder
rekrutieren wollen, versuchen die Mitgliederparteien mit neuen
Formen der Mitgliedschaft wie beispielsweise einer „Mitglied-
schaft light“, einer Gastmitgliedschaft oder Unterstützermit-
gliedschaft zu werben, wobei letztere eine Hinwendung zum
amerikanischen Sympathisantenmodell anzeigt. Hier existiert
dann lediglich eine lose formale Bindung zur Partei, die in der
Regel mit einer geringeren Beitragsverpflichtung einhergeht.
picture-alliance / ZB / Jens Kalaene

Parteiprogrammatik: Arten und Funk-


tionen

Programme spielen im Parteienwettbewerb eine nicht unerheb-


liche Rolle. Nach innen erfüllen sie die parteiinterne Funktion
der Selbstverständigung über Werte, Ansichten, Meinungen
Mit Parteiprogrammen können sich die Mitglieder über die Werte, Ansichten und
und Positionen der Mitglieder und zunehmend, dank stärkerer Meinungen ihrer Partei vergewissern, nach außen dienen sie der Profilbildung und In-
Einbindung, auch der Sympathisanten einer Partei und geben formation, in den Fraktionen sind sie Richtschnur für das parlamentarische Handeln.
deren Mehrheitsmeinung wieder. Nach außen, gegenüber der
Wählerschaft, dienen sie der Profilbildung und Information
und bieten damit Orientierung über politische Ziele und Hand- Falle einer Koalitionsvereinbarung zwischen Parteien. In ihnen
lungsabsichten der Parteien. Nicht zu vernachlässigen ist auch spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungslinien wider, wel-
die vierte Funktion von Programmen: Sie gelten als Anleitung che in Parteien hineinwirken und von diesen aufgenommen
und Richtschnur für das parlamentarische Handeln der Frakti- werden. Innerparteiliche Entwicklungen und äußere Faktoren
onen als Parteien im Parlament. des Parteienwettbewerbs durchdringen sich und sind wechsel-
Zu unterscheiden sind Wahlprogramme, welche die Ziele ei- seitig aufeinander bezogen.
ner Partei für eine Legislaturperiode (4 bis 5 Jahre) definieren, In den meisten Parteien sind unterschiedliche Gruppierungen
von Grundsatzprogrammen, welche längerfristig Werte, Ziele mit jeweils eigenen Interessen, Zielen und programmatischen
und Überzeugungen sowie Handlungsanleitungen einer jewei- Vorstellungen zu finden. Diese werden in Programmen durch
ligen Partei festlegen. Regierungsprogramme formulieren die Kompromisse ausgeglichen oder in Auseinandersetzungen um
unmittelbaren inhaltlichen Grundlagen der Regierungsarbeit die Inhalte des Programms ausgetragen.
für eine bestimmte Amtszeit, in Deutschland meist in Form
von Koalitionsvereinbarungen. In diese Koalitionsvereinbarun-
gen von Regierungen (siehe auch S. 54 f.) fließen die Inhalte von
Wahlprogrammen ein, die zuvor in den Verhandlungen der be-
teiligten Parteien festgelegt wurden.
Wahl-, Grundsatz- und erst recht Regierungsprogramme in
Form von Koalitionsvereinbarungen stellen immer eine Art
Kompromiss dar, etwa zwischen verschiedenen horizontalen
und vertikalen Gruppierungen innerhalb der Parteien oder im

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26 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

UWE JUN

Gesellschaftliche
Verankerung

In einer Parteiendemokratie sollen Parteien Interessen,


Meinungen und Werte gesellschaftlicher Gruppen
vertreten und ihre Anhängerschaft politisch und sozial in
das demokratische System integrieren. Traditionell sind
sie spezifischen soziomoralischen Milieus verhaftet und
unterhalten entsprechende Verbindungen zu Verbänden
und Interessengruppen. Durch neuzeitliche Trends werden
die wechselseitigen Bindungen zunehmend gelockert.

Das Modell der Parteiendemokratie


Parteien in westlichen Demokratien sind in vielerlei Hinsicht
mit ihren gesellschaftlichen Wurzeln verbunden; am augen-
fälligsten durch ihre Bindung zur Wählerschaft, deren Interes-
sen, Meinungen oder Werte, zumindest bezogen auf einzelne
Bevölkerungsgruppen, sie nach dem Modell der Parteiendemo-
kratie vertreten sollen. Das heißt, nach dem Modell der Par-
teiendemokratie sollen Parteien Interessen, Meinungen oder

Stefan Puchner / Süddeutsche Zeitung Photo


Werte von zumindest einzelnen Bevölkerungsgruppen vertre-
ten. Voraussetzung dafür ist, dass ihre potenziellen Wählerin-
nen und Wähler die verschiedenen politischen Positionen der
jeweiligen Partei (er-)kennen.
Diese Repräsentationsleistung erfolgt durch Programme,
Stellungnahmen, politische Aktionen oder durch konkrete
Politik in parlamentarischen Gremien oder Regierungen. Je
mehr sich eine Partei mit den politischen Wünschen und Vor-
stellungen ihrer Wählerinnen und Wähler im Einklang be-
findet, umso responsiver ist sie. Responsivität beschreibt also
Die Geschäftsstellen in Städten und Gemeinden halten auch die Verbindung
die Bereitschaft, den Versuch und letztlich die Fähigkeit von zwischen den Amtsträgern und den Mitgliedern bzw. den Wählerinnen und
Parteien, in Übereinstimmung mit ihrer Wählerschaft zu han- Wählern vor Ort. Wahlkreisbüro der CSU-Kreisverbände in Donauwörth
deln. Dazu bedarf es kommunikativer Vermittlungsleistungen,
die wechselseitig sein sollten. Einerseits vermittelt die Partei
ihren Wählerinnen und Wählern ihre Standpunkte und poli- ¬ Parteien konkurrieren um Wählerstimmen in einem offen
tischen Positionen, andererseits trägt sie die Positionen ihrer ausgetragenen Wettbewerb;
Wählerinnen und Wähler in öffentliche Institutionen hinein. ¬ Parteien bieten in Form von Programmen, Statements oder
Voraussetzung für Letzteres ist, dass eine Partei öffentliche politischen Entscheidungen inhaltliche Positionen in ein-
Ämter und Mandate in Parlamenten oder Regierung innehat. zelnen Politikfeldern wie etwa Wirtschafts-, Außen- und Si-
Vier Voraussetzungen sollten also für das Modell einer voll- cherheits- oder Umweltpolitik an, und die Wählerinnen und
ständig funktionierenden repräsentativen Parteiendemokra- Wähler kennen diese;
tie gegeben sein, die im weiteren Sinne auch zu den Grundla- ¬ Das Programm bzw. die inhaltliche Politik weisen einen ge-
gen einer Demokratie gehören: wissen inneren Zusammenhalt auf, sodass die Wählerinnen

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Die gesellschaftliche Verankerung von Parteien 27

und Wähler ein konturiertes Bild über die Politik der Partei Milieubildung und Konfliktlinien
haben;
¬ Ein Mindestmaß an Responsivität der Partei in Form von Selbstständig außerhalb des Parlaments organisierte Parteien
Übereinstimmung zwischen Wählerwillen und Parteihan- wurden in Deutschland nach der Gründung des Deutschen
deln ist erkennbar. Kaiserreichs 1870/71 zu nahezu dauerhaften Instrumenten der
politischen Meinungs- und Willensbildung. Kollektiv geteilte
Mit der Verbreitung des allgemeinen Wahlrechts zu Beginn Werte- und Deutungssysteme mit spezifischen Leitbildern und
des 20. Jahrhunderts und der daraus hervorgehenden Mas- -ideen wie soziale Gleichheit, Gerechtigkeit oder Betonung von
sendemokratie wurde es für politische Parteien unerlässlich, Freiheitswerten bildeten integrative Klammern und sollten
komplexere organisatorische Strukturen zu entwickeln, um die die Identifikation und Motivation der jeweiligen Anhänger-
politische sowie die soziale Integration ihrer Anhängerschaft schaft garantieren. Weltanschauungen wie Liberalismus,
in der Demokratie sicherzustellen. Auch für das demokratische Konservatismus, Sozialismus oder die katholische Soziallehre,
Prinzip, dass Entscheidungen auf das Volk zurückgehen, wurde Parteiprogramme und einzelne Symbole, gemeinsam geteilte
der Parteienwettbewerb unerlässlich. Moderne Massendemo- Werte, aber auch Erfahrungen und Erlebnisse sind Ausdruck
kratien sind ohne Parteien nicht möglich. Nur durch den Partei- einer kollektiven Identität. Die daraus hervorgegangenen ge-
enwettbewerb haben die Bürgerinnen und Bürger die Chance, sellschaftlichen Milieus haben sich zwar im Laufe des 20. und
zwischen konkurrierenden Angeboten der Parteien zu wählen zu Beginn des 21. Jahrhunderts weitgehend aufgelöst, aber in
und so den Kurs der Politik zu bestimmen. Bieten Parteien diese abgeschwächter Form prägen sie die Identität und die Images
Alternativen nicht an, dann haben die Stimmberechtigten nicht von Parteien heute nach wie vor. Hervorzuheben sind:
ernsthaft eine Möglichkeit, der politischen Mehrheit im Bun- ¬ die gewerkschaftlich gebundene Arbeiterschaft und Hand-
destag ein inhaltlich bestimmtes Mandat zu erteilen. werker als traditioneller Kern sozialdemokratischer und so-
Um eine stabile gesellschaftliche Verankerung zu garantie- zialistischer Parteien;
ren, bilden politische Parteien Organisationsstrukturen aus, ¬ das katholische Milieu, das als Gesinnungsgemeinschaft
das heißt, sie etablieren Strukturen, um einerseits in die Ge- auftrat und nach 1945 den überkonfessionellen Parteien
sellschaft hinein zu wirken und andererseits in staatlichen In- CDU und CSU nahe stand;
stitutionen wirksam agieren zu können. Sichtbarstes Zeichen ¬ das zahlenmäßig deutlich kleinere protestantisch-bürger-
einer solchen Organisationsstruktur sind die Mitglieder in liche Milieu aus freiberuflich Tätigen, Mittelständlern und
den Ortsvereinen oder die Geschäftsstellen in Städten und Ge- Bildungseliten, das mit liberalen Parteien sympathisierte.
meinden. Die Mitgliederbasis stellt ein wichtiges Bindeglied
einer Partei zur Gesellschaft her, denn die Mitglieder kommen Diese Milieus manifestierten bis in die 1970er-Jahre hinein
aus der Gesellschaft und wirken in diese hinein. prägende Konfliktlinien im deutschen Parteiensystem. Eine
picture-alliance / Magnussen-Foto

picture-alliance / Roland Witschel

Traditionelle Milieuverbundenheit: Das katholische Milieu stand eher der CDU/CSU nahe: Bundeskanzler Konrad Adenauer 1961 beim Gottesdienstbesuch in Rhöndorf bei
Bonn. Die Arbeiterschaft wählte dagegen eher die Sozialdemokraten: Willy Brandt 1965 auf einer Wahlkampfveranstaltung in Frankfurt/M.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


28 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

dieser Konfliktlinien bestand im sozioökonomischen Gegen- Parteien in Verbänden und sozialen


satz zwischen Arbeitnehmern und Kapitalbesitzern, eine an- Bewegungen
dere Konfliktlinie verlief zwischen denjenigen, die einen sä-
kularen Staat befürworteten, und denen, die für einen großen
Einfluss der christlichen Religionen auf Werte und Entschei- Eine weitere Verknüpfung zwischen Parteien und der Gesell-
dungen in der Politik eintraten. schaft wird durch die Bindung zu organisierten gesellschaft-
Die aus traditionellen Milieus hervorgegangenen Parteien, lichen Gruppen hergestellt, wie Verbänden, Nichtregierungs-
die wiederum auf gesellschaftliche Konfliktlinien zurückge- organisationen und sozialen Bewegungen. Gemeinsam mit
hen, hatten vielfältige Verbindungslinien zur Gesellschaft auf- diesen Gruppen und Organisationen agieren Parteien im soge-
gebaut, die über die Milieugrenzen hinweg reichten. Das Han- nannten intermediären Raum, das heißt, sie vermitteln wech-
deln und die Entscheidungen der politischen Eliten soll(t)en mit selseitig zwischen Staat und Gesellschaft. Sie tragen Werte,
Hilfe dieser wechselseitigen Verbindungslinien an die Bürger- Meinungen und Interessen der Gesellschaft an die staatliche
schaft zurückgebunden werden, um Legitimität für die Politik Ebene heran und vermitteln gleichzeitig den Bürgerinnen und
herzustellen und zu sichern sowie gesellschaftlichen Rückhalt Bürgern politische Entscheidungen.
zu gewährleisten. Alle organisierten gesellschaftlichen Gruppen versuchen
Auf solchen und ähnlichen Beobachtungen fußt die sehr ein- durch Kooperation, durch Androhung von Sanktionen oder
flussreiche Konzeption des US-amerikanischen Soziologen und Druckausübung politische Entscheidungen auf der staatlichen
Politikwissenschaftlers Seymour Lipset (1922–2006) und sei- Ebene zu beeinflussen. Soziale Bewegungen sind weniger straff
nes norwegischen Kollegen Stein Rokkan (1921–1979). Danach organisiert als Parteien, Verbände oder Nichtregierungsorga-
prägen einzelne gesellschaftliche Konfliktlinien, sogenannte nisationen und versuchen häufiger, auf informellem, indirek-
Cleavages (Bruchlinien) im Zuge der Industrialisierung und tem Weg Entscheidungen zu beeinflussen, während Verbände
Demokratisierung moderner Gesellschaften die Entstehung die Interessen ihrer Mitglieder auch dadurch einbringen kön-
von politischen Parteien. Parteien sind demnach Ausdruck be- nen, dass sie an formellen Beratungsgremien der Regierung
stimmter soziostruktureller Konflikte, Beispiele sind der Klas- oder des Parlaments beziehungsweise an öffentlich-rechtli-
senkonflikt (Arbeit/Kapital), der Konflikt zwischen Agrarinte- chen Einrichtungen teilnehmen. Bewegungen, Verbände und
ressen und industrieller Massenproduktion (Stadt/Land), der Nichtregierungsorganisationen können darüber hinaus ihre
zwischen einer dominanten Kultur und Minderheitenkulturen Anhängerschaft mobilisieren und öffentlichkeitswirksamen
(Zentrum/Peripherie) oder der zwischen Kirche und Staat. In Protest inszenieren. Gewerkschaften als vergleichsweise mit-
jüngster Zeit hervorgetreten ist ein ökologisch-postmateria- gliederstarke Verbände haben die Möglichkeit, zur Durchset-
listisches Milieu, das sich libertären Werten wie etwa Emanzi- zung ihrer Interessen die Arbeit niederzulegen und zu streiken.
pation, Toleranz oder Selbstentfaltung und Umweltschutz ver- Die Verflechtungen zwischen Parteien und Verbänden bzw.
pflichtet fühlt (zu modernen Milieus siehe auch S. 63 f.). sozialen Bewegungen sind vielfältig. Nicht selten geht die

picture-alliance / dpa / Rainer Jensen

Inhaltliche Nähe und gemeinsame Interessen sind auch für die Kooperation zwischen Verbänden und Parteien bestimmend. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit
(v. li. n. re.) dem Präsidenten des DIHT, dem BDI-Vorsitzenden und dem Arbeitgeberpräsidenten im November 2015 auf dem Deutschen Arbeitgebertag in Berlin, …

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


picture-alliance / dpa / Rainer Jensen 29

… Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) mit den Vorsitzenden der IG-Metall und des DGB im November 2015 beim DGB-Digitalisierungskongress in Berlin

Gründung einer Partei auf das Engagement sozialer Bewegun-

picture-alliance / dpa / Christine Pfund


gen zurück, die gegen die herrschende politische Elite oder ein-
zelne Entscheidungen der Regierungspolitik opponierten. Die
SPD ging aus der Arbeiterbewegung hervor; noch heute pflegt
sie engere Kontakte zu den Gewerkschaften, wenngleich sie
in den letzten 20 Jahren loser geworden sind. CDU und CSU
unterhalten seit ihrer Gründung vielfältige Verbindungen zu
den Kirchen, insbesondere zur katholischen Kirche. Neue so-
ziale Bewegungen der 1970er-Jahre wie die Studenten-, Um-
welt-, Anti-Atomkraft-, Frauen- und Friedensbewegung un-
terstützten die Gründung der Grünen, die wiederum Werte,
Interessen und Meinungen dieser Gruppen in Parlamenten
und Administrationen repräsentierten. Ein Teil der heutigen
Linken geht auf die Partei „Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die
Wahlalternative“ (WASG) zurück, die sich in den Jahren 2003
bis 2005 aus Protest gegen die damaligen Reformen in der Ar-
beitsmarkt- und Sozialpolitik zusammenschloss.
Inhaltliche Nähe und gemeinsame Interessen bilden den
Ausgangspunkt und die weiterführende Basis für eine Koope-
ration zwischen Verbänden und Parteien, die auch in überlap-
penden Mitgliedschaften und in finanzieller Unterstützung
zum Ausdruck kommen können. Abgeordnete der SPD im
Bundestag und in den Landtagen sind häufig auch Mitglied
einer Gewerkschaft, während bei CDU/CSU und FDP eine hö-
here Intensität der Zusammenarbeit mit Unternehmens- oder
Wirtschaftsverbänden zu verzeichnen ist und Grüne nicht sel-
ten in Umwelt- und Sozialverbänden aktiv sind.
Im Verlauf der letzten 50 Jahre hat die organisatorische Ver-
knüpfung zwischen Verbänden und Parteien abgenommen
und ist nunmehr beiderseits stärker von mittel- und kurzfris-
tigen strategischen Überlegungen bestimmt als in der Vergan-
genheit. Der Potsdamer Politikwissenschaftler Thomas von
Winter konstatiert, dass die „Beziehungsmuster zwischen Par-
teien und Interessenverbänden in Deutschland kontinuierlich
an Intensität eingebüßt“ haben. Für soziale Bewegungen gilt
ohnehin, dass das Verhältnis zwischen ihnen und den Partei-
en eher informell ist und von eher kurz- und mittelfristigen Viele Mitglieder der Bündnisgrünen sind in Umwelt- und Sozialverbänden aktiv. Der
Erwägungen bestimmt wird. damalige Vorstandssprecher der Grünen, Rainer Trampert, in Offenburg 1985

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


30 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

UWE JUN

Parteien und Medien

Medien nehmen als zentrale Informationsvermittler und Insbesondere, wenn es um die Politikvermittlung geht, neh-
Interpreten politischer Entscheidungen in modernen Demo- men Medien als Anbieter von Informationen und Interpreten
kratien eine herausragende Stellung ein. Die Parteien suchen politischer Entscheidungen eine herausragende Stellung ein.
der vielfältigen Medienlandschaft und ihren steigenden Dabei sind sie keineswegs nur Vermittler politischer Informa-
Anforderungen durch Professionalisierung und Ausdifferen- tionen, sondern handeln autonom und sind neben den politi-
zierung der politischen Kommunikation zu entsprechen. schen Akteuren sowie den Bürgerinnen und Bürgern als eine
der drei Hauptakteursgruppen zu verstehen.
Anhand eigener Kriterien, sogenannter Nachrichtenfaktoren,
Akteure der politischen entscheiden Medien selbstständig, welche der täglich zahlreich
Kommunikation zur Verfügung stehenden Informationen von ihnen aufgenom-
men und verbreitet, somit einer politischen Öffentlichkeit zu-
gänglich gemacht werden. Sie erschaffen auf diesem Weg eine
Ohne Medien und die durch sie hergestellte Öffentlichkeit mediale Realität des politischen Geschehens, welche nur aus-
wäre es ungemein schwierig, Kenntnis von politischen Ereig- schnitthaft, medialen Logiken folgend, die viel umfassendere
nissen und Vorgängen zu bekommen. Schließlich haben nur politische Gesamtrealität abbildet.
wenige Bürgerinnen und Bürger unmittelbaren Kontakt zu Auf diese Weise regeln Medien den Zugang von politischen
politischen Akteuren und Organisationen wie Parteien. Was Akteuren zur Öffentlichkeit, definieren Spielregeln und len-
wir über Politik wissen, haben wir weit überwiegend aus den ken die Aufmerksamkeit ihrer Nutzerinnen und Nutzer (Rezi-
Medien erfahren, seien es die Fernsehnachrichten, die Ta- pienten) auf einzelne Themen und Personen, auf andere dafür
geszeitung, das Rundfunkinterview oder Internet-Angebote, nicht. Sie bilden Rangfolgen von Nachrichten (was kommt auf
Blogs und Tweets. Für sehr viele Bürgerinnen und Bürger ist die Titelseite bzw. welche Nachricht steht am Anfang einer
Politik mittlerweile ein reines Medienereignis. Nachrichtensendung), sie stellen eine Information in einen
Medien sind also in modernen westlichen Demokratien bestimmten Kontext, und sie entscheiden über die Relevanz
zentrale Akteure im Bereich der politischen Kommunikation. von politischen Themen oder über die Wahrnehmung von
Ohne sie lässt sich keine breite politische Öffentlichkeit her- einzelnen Persönlichkeiten des politischen Lebens wesentlich
stellen, um die Akzeptanz und Legitimität von demokratischer mit. Sie nehmen Einfluss auf die Politik wie auf die Wählerin-
Politik sicherzustellen. Politische Legitimität und Akzeptanz nen und Wähler, ohne dass methodisch erfassbar wäre, wie
stützen sich auf mediale Kommunikation. hoch der jeweilige Einfluss ist.

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Parteien und Medien 31

imago / Jens Jeske


picture-alliance / dpa / Stephanie Pilick

Medien entscheiden, ob und wie Personen des öffentlichen Lebens wahrgenommen wer- Medien brauchen Stoff für ihre Berichterstattung, Parteien wollen öffentliche Auf-
den. Eine besondere Rolle spielten dabei die Titelseiten der Boulevardpresse. Schlagzeile merksamkeit für ihre politischen Positionen. Pressetermin des NSU-Untersuchungs-
zum Rücktritt Christan Wulffs vom Bundespräsidentenamt am 18. Februar 2012 ausschusses im Deutschen Bundestag am 11. September 2012

Veränderte gesellschaftliche Bedingungen wie der bereits dar- von Medialisierung die Rede ist, bedeutet dies das Ineinander-
gelegte Zerfall der traditionellen sozial-moralischen Milieus, greifen unterschiedlicher Entwicklungen:
die Individualisierung bzw. Pluralisierung von Lebensstilen ¬ Medien sind der wichtigste Informationskanal. Die Men-
und Wertegemeinschaften, denen die Politik Rechnung tra- schen wenden sich vermehrt dem ebenfalls spürbar größer
gen muss, haben im Verhältnis von Politik und Medien eine gewordenen Medienangebot zu und verbringen mehr Zeit
eindeutige Gewichtsverschiebung zugunsten der Medien be- mit Medien.
wirkt. Medien können einzelnen Politikern hohe Popularität ¬ Mediale Gesetzmäßigkeiten wirken verstärkt auf politi-
verschaffen oder ihnen wenig Beachtung schenken bzw. sie sches Handeln ein. Die Auswahlkriterien und die Visualisie-
sehr kritisch beäugen, sie können Themen große Aufmerk- rungszwänge (Zwang zur Verbildlichung von Information)
samkeit verleihen und durch ihre Nachrichtenauswahl die öf- insbesondere des Fernsehens lassen die Politik abhängiger
fentliche Agenda wesentlich mitbestimmen. von der Vermittlungsleistung der Medien werden.
¬ Medien werden zur politischen Bühne. Ob in Nachrichten-
sendungen, in Zeitungsartikeln, in sozialen Netzwerken wie
Facebook, in Talkshows oder sogar in Unterhaltungssen-
Medialisierung dungen – überall dort präsentiert die Politik sich, ihre politi-
schen Positionen und ihre Kandidaten, um Gehör und Auf-
Gesprochen werden kann von einer „Medialisierung“ von Po- merksamkeit zu erreichen.
litik und Gesellschaft. Medien durchdringen zunehmend sozi- ¬ Medienrealität wirkt erheblich auf die soziale und politische
ale Lebenswelten und haben steigende Bedeutung im Prozess Realität ein. Diese Realitätsebenen sind in der Alltagswelt der
der politischen und gesellschaftlichen Kommunikation. Wenn Medienrezipienten teilweise nicht mehr eindeutig zu trennen.

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32 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Zwar ist die heutige Medienlandschaft im Vergleich zu den ¬ Zurückdrängung von Themen, die im politischen Wettbe-
1980er-Jahren, als es beispielsweise für die meisten TV-Zu- werb keine Vorteile versprechen; sollte sich also eine Partei
schauer nur drei Fernsehstationen gab, stark fragmentiert Nachteile von der öffentlichen Beschäftigung mit einem
und die politische Öffentlichkeit diffus. Auf Anbieter- und Thema ausmalen, kann sie strategische Schritte unterneh-
Nutzerseite herrschen höhere Dynamik, Unstetigkeit und men, um dieses Thema von der politischen Agenda zu ver-
Unübersichtlichkeit; die Fähigkeit der Medien, größere Rezi- drängen.
pientenkreise dauerhaft an sich zu binden, hat spürbar nach- ¬ erfolgreiche Platzierung von Kandidierenden; Personen
gelassen. Dennoch gilt nach wie vor das Fernsehen aufgrund werden in der politischen Kommunikation und vor allem im
seiner hohen Reichweite, seiner starken Nutzung, seiner re- Wahlkampf immer wichtiger, weil sie durch ihr Auftreten
lativ hohen Glaubwürdigkeit und der Attraktivität visualisie- Politik für die Wählerinnen und Wähler greifbar machen, ih-
render Vermittlung als das Hauptmedium politischer Kom- nen helfen, komplexe politische Sachverhalte einzuordnen
munikation. und ihnen damit eine Orientierung geben. Zentrales Ziel
Die politischen Parteien haben auf die wachsende Bedeutung ist es, die eigenen Spitzenpolitiker im Parteienwettbewerb
der Massenmedien aktiv reagiert. Sie haben entsprechende um die Gunst der Wählerschaft vorteilhaft zu positionieren,
Kommunikationsstrategien und Formen der Selbstpräsentati- um damit möglichst gute Voraussetzungen zur Erreichung
on entwickelt, Themen- und Ereignismanagement betrieben der Parteiziele zu schaffen. Personalisierung ist durch die
und stärker für die Visualisierung ihres politischen Wirkens Attraktivität visualisierender Vermittlung politischer Infor-
gesorgt – selbstverständlich immer abhängig von ihren jewei- mation bedeutsamer geworden.
ligen finanziellen, personellen und organisatorischen Möglich- ¬ Dominanzposition bei der Deutung oder Interpretation von
keiten und den Bedingungen, die die direkten politischen Wett- politischen Problemen;
bewerber, die Struktur des Mediensystems oder institutionelle ¬ erfolgreiche Negativdarstellung politischer Mitbewerber,
Grundlagen wie das Wahlsystem ihnen stellten. die damit Kompetenz- und Sympathieverluste erleiden oder
sogar ein schlechtes Image bekommen.

Entstanden ist ein recht professioneller Kommunikationsap-


Kommunikationsstrategien parat innerhalb der Parteien, der sie bei der Platzierung von

Um in der politischen Öffentlichkeit erfolgreich zur Geltung


zu kommen, verfolgen Parteien Kommunikationsstrategien.
Sie zielen auf:
¬ Aufbau eines positiven Erscheinungsbildes; die Partei will
bei den Wählerinnen und Wählern Akzeptanz und Zustim-
mung erreichen und sucht daher einen Gesamteindruck zu
vermitteln, der sowohl emotional wie rational die Wahlent-
scheidung zugunsten der Partei erleichtern soll. Wahrneh-
mungen und Assoziationen gegenüber der Partei sollen zu
ihren Gunsten wirken.
¬ erfolgreiche Durchsetzung der eigenen Themen in der öf-
Stefan Bones / IPON

fentlichen Diskussion; hier spielen die Kompetenz- und Pro-


blemlösungswerte eine wichtige Rolle, die einer Partei von
den Wählerinnen und Wählern zugeschrieben werden. Je
kompetenter eine Partei bei einem Thema erscheint, umso
höher versucht sie es zu gewichten.
Personalisierung ist eine erfolgversprechende mediale Kommunikationsstrategie.
Im Bundestagswahlkampf 2013 erlaubt es der hohe Bekanntheitsgrad von Angela
Merkel, sie bildlich auf eine typische Handhaltung zu reduzieren.
imago / Rüdiger Wölk

Medien werden zur politischen Bühne, wobei das Fernsehen bislang als Leitmedi-
um fungiert. Aber auch das Internet gewinnt an Bedeutung. Der Fernsehauftritt der
Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl 2013 wird live auch im Internet übertragen.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Parteien und Medien 33

Die Checkliste für Kandidaten Nachrichtenagentur in eigener Sache


Und zwar in dieser Reihenfolge: […] Jeder zweite Bundestagsabgeordnete ist beim Kurznach-
1. Wer bin ich? Was kann ich? Was kann ich nicht? richtendienst Twitter registriert, einem Marktplatz, auf dem
2. Was will ich? nonstop Informationen, Meinungen und auch mancher Un-
3. Was haben die Menschen davon? fug ausgetauscht werden: blitzschnell, direkt und nie länger
4. Was denken die Menschen heute über das, was ich will? als 140 Zeichen. Alles ist offen und prinzipiell einsehbar. Wer
5. Was denken die Menschen heute über das, was ich nicht den „Folgen“-Button aktiviert, wird wie bei einem Abonne-
will? ment automatisch mit allen Wortmeldungen („Tweets“) aus-
6. Wie sieht die Wählerkoalition aus, die ich zum Sieg benö- gewählter Personen versorgt.
tige? Richtig begonnen hat der Twitter-Hype im Regierungs-
7. Was wollen meine Gegner? viertel vor dreieinhalb Jahren. Da setzte der damalige
8. Wo ist mein strategisches Fenster – wo bin ich stark und Unions-Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier seine erste
andere schwach? Nachricht ab und schwärmte, das neue Medium sei „der ide-
9. Wie lautet die zentrale Botschaft, die glaubwürdig zu mir ale Entwicklungsrahmen für demokratische Prozesse“. Heute
passt und für die Menschen attraktiv ist? (ein Satz, nicht folgen Altmaier mehr als 70 000 Leute. […]
mehr als 2 Kommata) Andere Politiker nutzen inzwischen die Kommunikations-
10. Wie bringe ich die Botschaft unters Volk? plattform noch emsiger. So versorgt Merkels Regierungsspre-
Frank Strauss, Höllenritt Wahlkampf. Ein Insider-Bericht © 2013 dtv Verlagsgesell-
cher Steffen Seibert rund 351 000 Follower mit Informationen.
schaft, München, S. 189 SPD-Vize Ralf Stegner hat bereits 19 000 Kurznachrichten
abgesetzt. Nach einer Erhebung des Internetportals Bundes-
twitter.de zählen auch Abgeordnete wie Johannes Kahrs (SPD),
Volker Beck (Grüne), Erika Steinbach (CDU), Dieter Janecek
Themen, der Imagesteuerung sowie bei der Binnen- und Au- (Grüne), Dorothee Bär (CSU) und Renate Künast (Grüne) mit
ßenkommunikation berät und entsprechende Maßnahmen mehr als zehn Botschaften pro Tag zu den Twitter-Junkies.
operativ umsetzt. Zusätzlich arbeiten Parteien häufig mit ver- Doch Tweet ist nicht gleich Tweet. Wer von seinen Mit-
schiedenen Werbe-, Kommunikations- und Eventagenturen, arbeitern langweilige Pressemitteilungen im Parteisprech
mit Meinungsforschern oder Internetteams zusammen, sodass online stellen lässt, wird von der Netzgemeinde schnell mit
von einer „doppelten Professionalisierung“ der politischen Missachtung bestraft. Aussicht auf Weiterleitung und damit
Kommunikation gesprochen werden kann. Parteiinterne und schnelle Verbreitung haben nur knackige, provokative oder
externe Berater kommen zusammen, um gemeinsam Strate- witzige Botschaften. Authentisch müssen sie sein und mög-
gien zu entwerfen und umzusetzen. lichst die Person dahinter durchscheinen lassen. Zudem ar-
Kommunikationsstrategien werden von den Parteien alltäg- beitet Twitter in beide Richtungen: Zeitnahe Antworten auf
lich eingesetzt, besonders intensiv und verdichtet jedoch im Leserantworten und gelegentliche Teilnahme am direkten
Wahlkampf. Dieser erstreckt sich meist über mehrere Monate, Schlagabtausch werden erwartet.
die heiße Phase sind die letzten sechs Wochen vor dem Wahltag. Der Form sind keine Grenzen gesetzt. Pointierte Meinun-
In diesen Wochen gilt es, bereits längerfristig bestehende Loya- gen gehen ebenso wie ironische Anmerkungen oder Hinwei-
litäten zu aktualisieren und kurzfristig wirkende Bestimmungs- se auf Fundstellen anderswo im Netz. […]
faktoren des Wahlverhaltens wie das Image von Kandidaten oder Die Chancen der digitalen Kommunikationsplattform lie-
die Besetzung aktueller Themen für sich zu optimieren. Kandida- gen auf der Hand: Ohne Zeitverzögerung und ohne medialen
ten und Themen werden mediengerecht präsentiert und insze- Filter können sie ihre Botschaften direkt zum Wähler bringen.
niert, marketingstrategische Überlegungen werden angestellt. Sie bilden gleichsam ihre eigene Nachrichtenagentur und er-
Wie verschiedenste Untersuchungen zu Wahlkämpfen der halten sekundenschnell Feedback. Gleichzeitig können sie an
jüngeren Vergangenheit aufzeigen, rücken in den Wahlkam- ihrem Selbstbild arbeiten. […]
pagnen Aspekte wie Personalisierung, zielgruppenorientierte Persönliche Färbung, provokante Zuspitzung, sofortige
Nutzung verschiedenster Medienangebote sowie Befunde der Verbreitung – was den Reiz von Twitter ausmacht, birgt
qualitativen und quantitativen Meinungsforschung verstärkt zugleich die größten Gefahren. Flüchtigkeitsfehler wie der
in den Vordergrund. Ob sich tatsächlich eine deutlich stei- Vertipper von Regierungssprecher Seibert, der aus dem Ter-
gende Personalisierung von Wahlkämpfen konstatieren lässt, ror-Chef Osama den US-Präsidenten Obama machte, sind
wird in der Forschung kontrovers diskutiert. Images von Glaub- legendär. Vor allem aber können heikle Spontan-Äußerun-
und Vertrauenswürdigkeit sowie Authentizität haben in den gen in Windeseile einen Tsunami auslösen, der den Urheber
letzten Jahren (wieder) an Bedeutung hinzugewonnen. verschluckt. […]
Insbesondere die Parteizentralen auf nationalstaatlicher Nicht zuletzt wegen solcher Gefahren lassen die Regie-
Ebene schenken der massenmedialen Kommunikation star- rungsspitzen lieber die Finger von Twitter. […]
ke Beachtung. Dabei wird den verschiedenen Medientypen Der Trend aber geht in die andere Richtung. Nicht nur in
(Zeitungen, Zeitschriften, TV, Radio, Internet) gleichermaßen Deutschland, wo mit Justizminister Heiko Maas und Fami-
Relevanz zugemessen, wobei das Fernsehen weiterhin als Leit- lienministerin Manuela Schwesig zwei jüngere Kabinetts-
medium fungiert und das Internet in jüngster Vergangenheit mitglieder bei Twitter aktiv sind. Auch US-Präsident Barack
bedeutender geworden ist. Obama und Papst Franziskus nutzen (wenngleich über Mit-
Auch die überregionalen Printmedien (Tages- wie Wochen- arbeiter) den Kurznachrichtendienst. […]
zeitungen) spielen weiterhin eine wichtige Rolle – insbeson- Karl Doemens, „Zwitschernde Politiker“, in: Frankfurter Rundschau vom 24. März 2015.
dere durch ihre Bedeutung für das intermediale agenda-set- © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt
ting, das Setzen konkreter Themenschwerpunkte. Denn die

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34 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Medien beobachten einander wechselseitig und übernehmen und um mögliche Handlungsspielräume von Politik geht,
ggf. Themen anderer Medien, die dann zum Schwerpunkt der wird von einer Atmosphäre des Dauerwahlkampfs gespro-
öffentlichen Diskussion werden. chen. Der Unterschied zwischen dem eigentlichen Wahl-
Darüber hinaus ist mit der Verbreitung onlinebasierter kampf und einem in der Forschung als permanent cam-
Kommunikations- und Partizipationsangebote für die Partei- paigning bezeichneten „Alltag“ zeigt sich allenfalls darin,
enkommunikation ein neues Feld entstanden. Es ermöglicht dass die Kommunikationsexperten in Wahlkampfphasen
den Parteien die Nutzung der Plattformen des Web 2.0 für besonders bemüht sind, die öffentliche Agenda durch The-
ihre Außen- und Wahlkampfkommunikation, wirft aber auch men- und Ereignismanagement (News-Management) zu be-
wichtige Fragen zur künftigen Organisation innerparteilicher stimmen.
Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse auf. Längst sind Sie suchen die Techniken zur Thematisierung von Inhal-
alle Parteien in den verschiedenen sozialen Medien wie Face- ten zu verfeinern (Themenmanagement) sowie Kandidaten-
book oder Twitter präsent und haben dort eigene Auftritte. und Themenimages aufzubauen und strategisch zu steuern.
Vor allem in Wahlkämpfen, aber auch im politischen Alltag
Themen- und Ereignismanagement wird verstärkt auf „Pseudoereignisse“ gesetzt. Diese werden
Nicht nur bezogen auf die politische Kommunikation, son- inszeniert und instrumentalisiert, um dem Trend zur Erzeu-
dern auch, wenn es um Fragen der politischen Steuerung gung von Bildern und der Forderung nach charismatischen

Leben im Aquarium
[…] Die elementare Wirkung [eines neuen Typus von Macht] […] Die Flucht in die Floskel, eine möglichst blasse Rhetorik, das ste-
besteht darin, dass die Schonräume der Intransparenz, die Sphä- te Bemühen, öffentliche Erregung durch glatte Inszenierungen
ren der Unschärfe und der Unbefangenheit verschwinden, weil zu vermeiden und die permanente Selbstzensur in Richtung
alle permanent beobachtet, gefilmt oder fotografiert werden, des ohnehin gerade Konsensfähigen erscheinen vor diesem
weil alle senden und posten und die Archive der Gegenwart mit Hintergrund als konsequente Reaktion, als Strategie der smar-
frischem Material versorgen. Im Verbund mit den klassischen ten Vermeidung von Provokationen. Bloß nicht auffallen! Bloß
Medien und einem aktiv gewordenen Publikum entsteht auf nicht die Kontrolle verlieren […]. […]
diese Weise eine grell überbelichtete Welt, ein monströses, von Was sollte man auch sonst tun? Es gab einmal eine erfolg-
allen Seiten aus einsehbares Aquarium, in dem kaum noch et- reiche Partei, die ein paar Sommer lang versucht hat, alles
was verborgen bleibt. Die Medienmacht […] zeigt sich in Form anders zu machen, authentische Berührbarkeit in Zeiten der
eines hochnervös reagierenden Wirkungsnetzes, das man nur totalen Transparenz zu erproben. Das waren die Piraten, die
leicht reizen muss, um kaum noch eingrenzbare Erregungs- experimentell nachgewiesen haben, dass man unter solchen
schübe zu erzeugen, Impulsgewitter, die vielleicht in den Sozia- Bedingungen äußerer und innerer Überbelichtung sehr rasch
len Netzwerken beginnen, sich online in Livetickern fortsetzen, verglüht – und wenig mehr übrig bleibt als Erschöpfung, Hass
um schließlich in Zeitungen, Radio und Fernsehsendern zu ei- und verzweifelte Desillusionierung. Das heißt, die totale Offen-
nem Höhepunkt zu gelangen. […] [E]s reicht mitunter ein erster, heit kann man niemandem wirklich empfehlen. Sie befördert
minimaler Impuls, der zündet und plötzlich zum großen Drama den eigenen Untergang. Natürlich ist auch der Rückzug aus der
explodiert. Medienwelt keine irgendwie plausible Idee, die man Politikern
[…] Die unmittelbare, für jeden erkennbare Folge dieser me- anraten könnte. […]
dialen Überbelichtung der Politik besteht darin, dass banale Es sind die Medienmacher und das Publikum selbst, die in
Normverletzungen und echte, gesellschaftlich relevante Ent- dieser Situation ihre Maßstäbe zur Beurteilung des politischen
hüllungen permanent bekannt werden. […] Das ist im Konkre- Personals überdenken müssen. Sie müssen lernen, mit Nor-
ten nicht einfach nur schlecht, denn natürlich werden im Tre- malsterblichen zu leben, die Schwächen haben, eitel sind und
molo der Dauer-Entlarvung auch echte Skandale und wirkliche manchmal erschöpft, übellaunig und unbeherrscht und deren
Sauereien offenbar, von denen die Öffentlichkeit wissen muss. Frisur, Vorleben oder Gesamtpersönlichkeit einem nicht not-
Aber in der Summe verschärft die totale Sichtbarkeit eine ohne- wendig gefällt. […] Wer seine Maßstäbe ins Übermenschliche
hin grassierende Politikverachtung […]. […] dehnt, kann in der gegenwärtigen Situation zwar permanent
Für den Politiker […] entsteht eine Art Big Brother-Gefühl, weitere Kandidaten auf die öffentliche Streckbank legen, rui-
das von der permanent drohenden Eventualität handelt, dass niert aber nebenbei den Berufsstand, weil eine politische Karri-
man gerade jetzt beobachtet und kurz darauf attackiert wer- ere zum endgültig unwägbaren Risikospiel wird, von dem man
den könnte. Was macht der Parteifreund mit seinem Smart- jedem, der irgendwie bei Verstand ist, dringend abraten muss.
phone, sticht er soeben womöglich die Ergebnisse interner Be- Was also tun? Die neue Medienmacht verlangt eine neue Tole-
ratungen aus einer laufenden Sitzung an Journalisten durch? ranz und die Einsicht, dass Stilfehler alltäglich, unvermeidlich
[…] Was heißt es, wenn man weiß, dass jede klare Positionie- und damit normal werden, wenn die Kontexte verschwimmen.
rung und moralische Festlegung, jede aus dem Moment ent- Den Typus des Angstpolitikers, der nur vorsichtig abtastet, was
standene Rede und jede große Reformerzählung allgemein gerade Mode ist, um dann auf der momentan aktuellen Mei-
zugänglich in den Archiven des Netzes schlummert, um eines nungswelle zu surfen, kann niemand wollen.
Tages zu neuem Leben erweckt zu werden? Ganz nach dem
Motto des gängigen Entlarvungsspiels: Seht her, das sind doch
Widersprüche, Indizien der Inkonsequenz, Beweise, dass hier Bernhard Pörksen, 46, ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

mal wieder einer oder eine an den selbst gestellten Ansprü- Bernhard Pörksen, „Es entsteht eine grell ausgeleuchtete Welt, ein monströses Aquarium,
chen scheitert! […] in dem kaum noch etwas verborgen bleibt", in: DIE ZEIT Nr. 8 vom 19. Februar 2015

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Parteien und Medien 35

Skandalisierung von Belanglosigkeiten


[…] Ja, Twitter, YouTube, Instagram und andere Soziale Netze Grundlage der Programmatik seiner Partei vertreten. Er soll-
und Veröffentlichungsplattformen bescheren nicht nur der Po- te also qua Beruf immer wieder eine andere Perspektive, eine
litikberichterstattung eine Fülle von neuen Quellen. Aber ger- andere Rolle einnehmen als die rein individuelle. […] Volksnah
ne wird vergessen, dass diese Quellen oft erst durch die klassi- zu sein bedeutet […] in der Lage zu sein, immer wieder aus der
schen Medien überhaupt eine öffentliche Relevanz bekommen. Politikblase heraustreten zu können, um zu verstehen, welche
Es braucht immer noch die Printmedien oder das Fernsehen, Bedürfnisse das Volk hat. Das ist eine moderierende, im Zweifel
um bestimmte Nichtigkeiten einer breiteren Öffentlichkeit zu- polarisierende, aber keine anbiedernde Rolle.
gänglich zu machen. Gleichzeitig kenne ich auch die Perspektive von Journalisten,
Bei den Piraten lief es immer so: Mandatsträger oder Vor- die Politik vor allem als Stillstand erleben, als Aufschieben ge-
standsmitglied XY macht irgendetwas, auf Twitter gibt es einen sellschaftlicher Themen, die dringend neu verhandelt werden
Shitstorm, klassische Medien greifen das Thema auf und zitie- müssten. Ich erlebte das anfängliche Wohlwollen vieler Journa-
ren wahllos irgendwelche Tweets, die wenig mit dem eigentli- listen gegenüber den Piraten als Ausdruck einer Hoffnung, jetzt
chen Sachverhalt zu tun haben. […] Komplett ad absurdum wur- könnte sich wirklich mal etwas ändern. Diese Hoffnung schlug
de diese Form der Berichterstattung immer dann geführt, wenn mit derselben Wucht in Verbitterung um, als klar wurde, dass
es nach einem Bericht noch mal einen Bericht darüber gab, wie die Piratenpartei die selbst gesetzten Erwartungen nicht mal
das Internet auf den ersten Bericht reagiert hatte. im Ansatz erfüllen konnte. Diese Verbitterung mag es auch ge-
[…] Es würde dennoch helfen, einige Spielregeln zwischen genüber anderen Parteien und Politikern geben. […] Das kann
Medien und Politik neu zu bestimmen. Pörksen schlägt hier vor, ich nicht beurteilen. Für mich steht fest: Große öffentliche De-
dass die Öffentlichkeit Politiker verständnisvoller betrachten batten werden vielleicht über das Internet beschleunigt, aber
sollte, als Menschen, die Fehler haben, die auch mal Scheiße sa- noch immer von den klassischen Medien bestimmt. Es ist also
gen, denen man auch mal einen Fehltritt verzeiht. Diese Forde- an Journalisten, […] sich zu entscheiden, worüber sie wie berich-
rung ist wünschenswert, aber meiner Ansicht nach weltfremd. ten wollen. Und Politiker sollten aufhören, sich in die Tasche zu
Politiker und Politik sind Projektionsflächen. Es ist für den Ein- lügen. Sie können gar nicht authentisch sein. Und müssen es
zelnen und erst recht für eine Partei nicht möglich, die ganze auch nicht.
Zeit authentisch zu sein. […] Nicht weil die Politiker allesamt
finstere Gestalten sind, sondern weil die Rolle dem Politiker Christopher Lauer, 30, zog 2011 für die Piratenpartei ins Berliner Abgeordnetenhaus ein.
Halt in seinem bizarren Alltag gibt. […] Im September 2014 trat er aus der Partei aus.

Der Volksvertreter kann per Definition nicht authentisch sein. Christopher Lauer, „Es ist einfacher, irgendeine Indiskretion über Parteifreunde in den
Er muss im Idealfall ständig die Interessen des Volkes auf der Medien zu platzieren als ein politisches Konzept“, in: DIE ZEIT Nr. 9 vom 26. Februar 2015

oder zumindest medial überzeugend wirkenden Personen eines Ereignis- und Themenmanagements erhöht, ist der
zu entsprechen, dem das Fernsehen und zunehmend auch Übergang zu einer kampagnenorientierten Politik und da-
das Internet unterliegen. mit der Dauerkampagne fließend.
Mit diesen gesteigerten Aktivitäten verwischen mehr und Dass sich die Medien von den politischen Akteuren nicht
mehr die Grenzen zwischen den „politischen Jahreszeiten“ – ohne Weiteres vereinnahmen lassen, zeigt ihre Reaktion in
also zwischen kommunikativem Alltag und Wahlkampf. Gestalt zuletzt spürbar gestiegener öffentlicher Skandalbe-
Denn das Credo lautet: Der nächste Wahlkampf kommt be- richterstattung. Diese ist zwar auch einer zunehmenden Öko-
stimmt. Die Intensität von Wahlkämpfen ist hierzulande nomisierung des Mediensektors geschuldet, denn der mediale
aus Ressourcengründen sowie aufgrund verfassungsrechtli- Wettbewerb um Aufmerksamkeit, Exklusivität und Auflage
cher Beschränkungen für die Kommunikation von Parteien hat sich verschärft.
weniger stark ausgeprägt als etwa in den USA. Keineswegs aber stellen politische Skandale heute einzig von
Doch die Anforderungen an moderne Kommunikation den Medien initiierte oder konstruierte Ereignisse dar. Die Ge-
sind deutlich gestiegen: Sie muss beschleunigten Vermitt- schehnisse beispielsweise um den früheren Wirtschafts- und
lungsgeschwindigkeiten entsprechen und Umbrüchen in- Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg haben ge-
nerhalb des Mediensystems wie Fragmentierung, Konkur- zeigt, dass es sich bei politischen Skandalen meist um genuine
renzdruck und Medienkonzentration gerecht werden, wobei Ereignisse handelt, mit denen die Politik moralisch-ethisch ba-
bereits die Dualisierung des Rundfunks (Nebeneinander von sierte Angriffsflächen bietet, die dann von den Medien thema-
öffentlich-rechtlichen und privaten Anbietern) seit Beginn tisiert und inszeniert werden.
der 1980er-Jahre eine deutliche Zäsur darstellte. Darüber hinaus gibt die mediale Skandalberichterstattung
Zur modernen Kommunikation gehört weiterhin, dass Par- der jüngsten Zeit auch zu erkennen, dass sich die Massenme-
teien zur Agenda und allgemeinen „öffentlichen Stimmung“ dien ungeachtet des vorherrschenden wechselseitigen Abhän-
passende Inhalte transportieren, die geeignete Sprache ver- gigkeitsverhältnisses wieder verstärkt als Kontrolleure der Po-
wenden, angemessene Methoden einsetzen und eine klare litik verstehen und diese Rolle im Sinne einer „vierten Gewalt“
Einteilung der (institutionellen) Kommunikation in stra- neben Legislative, Exekutive und Judikative in emotionalisier-
tegische, taktische und operative Ebenen vornehmen. Die ter und dramatisierter Darstellungsform wahrnehmen.
Selbstmedialisierung der Parteien wird dann zu einer zen-
tralen Handlungsstrategie. Werden hierbei wahlkampfge-
prägte Motive, Kalkulationen und Vermarktungen bemüht
und so der Einfluss professioneller Politikberater innerhalb

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36 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

UWE JUN

Parteiensystem und
Parteienwettbewerb

Das Parteiensystem spiegelt die soziale Vielfalt der des Wettbewerbs sind unterschiedliche Lösungsangebote für
Gesellschaft wider. Unterschiedliche Parteitypen, die in politische Fragen oder Probleme. Mit diesen Lösungsange-
Konkurrenz zueinanderstehen, werben mit ihren pro- boten treten die Parteien an die Öffentlichkeit und konkur-
grammatisch-ideologischen Positionen um die Gunst der rieren mit anderen Parteien um Wählerstimmen, politische
Wählerinnen und Wähler und streben Parlaments- und Überzeugungen, Parlamentsmandate und Regierungsämter,
Regierungsämter an. letztlich um Machtpositionen in einem politischen System.
Die Wissenschaft unterscheidet zwischen der Konkurrenz um
Wählerstimmen (elektorale Ebene des Parteienwettbewerbs)
Der Begriff Parteiensystem bezeichnet die Gesamtheit der in und der Konkurrenz um Parlamentsmandate und Regierungs-
einem politischen System handelnden Parteien und deren ämter (parlamentarisch-gouvernementale Ebene).
regelmäßige Wechselbeziehungen. Diese Wechselbeziehun- Die programmatisch-ideologische Positionierung ist die in-
gen werden bestimmt durch die Anzahl der Parteien, deren haltliche Seite des Parteienwettbewerbs. Sie lässt sich in eine
jeweilige Größenordnung (hauptsächlich Wähler- bzw. Man- sozioökonomische und eine kulturelle Dimension unterschei-
datsanteil im Parlament, aber auch Mitgliederzahl), ihre Bin- den. In der sozioökonomischen Wettbewerbs- oder Konflikt-
nenstruktur sowie durch die ideologisch-programmatischen dimension positionieren sich die Parteien zwischen Markt-
Unterschiede zwischen den Parteien. Parteiensysteme spie- liberalismus und Staatsinterventionismus, hauptsächlich in
geln die soziale Vielfalt der Gesellschaft wider, indem sie den der Wirtschafts- und Sozialpolitik, zunehmend aber auch bei
gegebenen sozialen Interessenlagen und Weltanschauungen Fragen der Umwelt- oder Familienpolitik. Es geht darum, ob
Ausdruck verleihen. vornehmlich der Markt als Steuerungsinstrument fungieren
Das Parteiensystem ist Teil oder Subsystem des politischen soll oder primär der Staat. In der kulturellen Wettbewerbs-
Systems insgesamt. Wie es sich ausprägt, ist abhängig von ge- oder Konfliktdimension stehen libertäre Werte wie Toleranz,
sellschaftlichen Konflikten, Interessen und Werten, aber auch Selbstentfaltung, kollektive Freiheitsrechte, Emanzipation,
vom Wahlsystem und der institutionellen Struktur des jewei- Pazifismus, kulturelle und politische Inklusion autoritären
ligen politischen Systems. Der Konflikt gesellschaftlicher Inte- Wertstellungen gegenüber, die den Vorrang innerer und äu-
ressen findet in Demokratien seinen in die Politik übersetzten ßerer Sicherheit, kultureller Mehrheitsidentitäten oder res-
Ausdruck im Parteienwettbewerb. Ausdruck und Gegenstand triktiver Kriminalitätsbekämpfung betonen (siehe Abbildung).

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Parteiensystem und Parteienwettbewerb 37

Entwicklung eines Landes. Denn auf ökonomische und soziale


Fragen müssen die Parteien Antworten in Form von Program-
men und anderen Aktivitäten finden. Auch bestimmen öko-
nomische und soziale Prozesse das Wahlverhalten der Bevöl-
kerung mit und wirken damit indirekt auf die Strukturen des
Parteiensystems zurück. Das berühmte Zitat „It‘ s the economy,
stupid“, das dem früheren US-amerikanischen Präsidenten
Bill Clinton bei seiner Wahl im Jahr 1992 zugeschrieben wird,
illustriert einprägsam, welche Bedeutung der aktuellen wirt-
schaftlichen Situation eines Landes für Wahlausgänge zukom-
men kann. Die USA befanden sich 1992 in einer wirtschaftli-
chen Rezession, die dem damaligen Amtsinhaber George Bush
sen. von großen Teilen seiner Wählerschaft angelastet wurde.
Folgerichtig verlor er bei den Präsidentschaftswahlen gegen
seinen Herausforderer Bill Clinton.
Damit sind wir bei einem wesentlichen Faktor des Partei-
enwettbewerbs angekommen, den Kompetenzwerten, die
Charakteristika einzelnen Parteien von den Wählern zugeschrieben werden.
Die Parteienkonkurrenz wird bestimmt durch die sozioöko- Wirtschaftskompetenz gehört zu den zentralen Kompetenz-
nomische und die kulturelle Konfliktdimension, in denen die bereichen (einschließlich Arbeitsmarkt und Finanzen) eben-
einzelnen Parteien Werte, Haltungen, Meinungen und Interes- so wie soziale Gerechtigkeit oder ökologische Nachhaltigkeit.
sen ihrer Anhängerschaft zusammentragen und artikulieren. Kann eine Partei oder ihr Spitzenpersonal bei Themen, die
Veränderungen des Parteienwettbewerbs sind festzustellen, zum Zeitpunkt von Wahlen im Zentrum des Interesses stehen,
wenn sich die Wählerschaft und deren Wahlverhalten wan- hohe Kompetenzwerte verbuchen, begünstigt das ihre Wahl-
deln und einzelne Parteien dem mit strategischen Anpassun- chancen. In Deutschland werden in der Regel der CDU die
gen begegnen oder durch ideologisch-programmatische Neu- höchsten Werte bei der Wirtschaftskompetenz zugemessen,
ausrichtungen zentrale Charakteristika des Parteiensystems die SPD punktet bei Fragen sozialer Gerechtigkeit, Bündnis 90/
verändern. Drei Charakteristika sind zur Beschreibung und Die Grünen in der Umweltpolitik.
Analyse der Parteienkonkurrenz von besonderer Bedeutung: Doch nicht nur ökonomische, auch sozio-kulturelle Aspekte
Fragmentierung, Polarisierung und Segmentierung. bestimmen die Programmatik von Parteien sowie das Wahl-
Fragmentierung beschreibt die Anzahl der Parteien und verhalten der Bevölkerung und wirken somit auf das Partei-
deren relatives Größenverhältnis zueinander und misst damit ensystem ein. Zu diesen Aspekten gehören die Sozialstruktur
die effektive Zahl relevanter Parteien in einem Parteiensystem. eines Landes, die politische Kultur, die zentralen Werte und
Durch die Betrachtung der Stärkeverhältnisse werden die Re- Normen einer Gesellschaft, die Relevanz von öffentlicher und
lationen von Groß- und Kleinparteien zueinander ausgedrückt. medialer Kommunikation sowie der Einfluss organisierter In-
Die Fragmentierung in Deutschland ist seit den 1970er-Jahren – teressen in Gestalt von Verbänden, Vereinen, sozialer Bewe-
wenn auch nicht kontinuierlich – angestiegen. gungen oder Bürgerinitiativen. Politische Parteien sind ein-
Polarisierung misst die programmatisch-ideologischen Un- gebunden in institutionelle, kulturelle und gesellschaftliche
terschiede der Parteien in der sozioökonomischen und der kul- Strukturen, werden von diesen geprägt und wirken auf sie
turellen Wettbewerbsdimension. Die Differenzen können un- zurück.
terschiedlich bestimmt werden, etwa durch eine Analyse von
Grundsatz- oder Wahlprogrammen oder durch eine Verortung
der Wertorientierungen der Parteianhängerschaft.
Segmentierung eines Parteiensystems bezieht sich aus- Parteitypen
schließlich auf die parlamentarisch-gouvernementale Ebene
und misst den Anteil der politisch machbaren gegenüber den Die Parteienforschung unterscheidet Typen von Parteien –
rechnerisch möglichen Koalitionsformationen. Keinerlei Seg- nicht nur aus Gründen der Systematik, sondern auch um Sinn-
mentierung eines Parteiensystems besteht, wenn alle Partei- zusammenhänge erkennbar zu machen, Komplexität zu redu-
en die grundsätzliche Bereitschaft haben, jeweils mit jeder an- zieren und um Trends und Entwicklungen aufzeigen zu kön-
deren Konkurrenzpartei zu koalieren. Seit den 1970er-Jahren nen. Typisierungen sind somit ein wesentlicher  Bestandteil
lässt sich ein Anstieg der Segmentierung im deutschen Partei- der Vergleichenden Politikwissenschaft.
enwettbewerb feststellen. Seit der Vereinigung Deutschlands Ein Parteientyp kann anhand unterschiedlichster Aspekte
1990 bis zum Jahre 2005 hatte die sogenannte Lagerbildung konstruiert werden. Zu nennen sind:
Hochkonjunktur, indem auf Bundesebene ausschließlich in ¬ Programmatik und Ideologie;
den jeweiligen Lagern Koalitionen zusammenfanden. Dem ¬ der historische Ursprung einer Partei und ihre Nähe zum
„bürgerlichen Lager“ aus CDU/CSU und FDP standen die in der Staat bzw. zur Gesellschaft;
sozioökonomischen Konfliktdimension links davon angesie- ¬ ihre Organisationsstruktur, vor allem bezogen auf Rekrutie-
delten Parteien SPD und Bündnis 90/Die Grünen gegenüber. rungsprozesse und auf die innerparteiliche Macht der Par-
teiführung;
Externe Faktoren ¬ ihre zentrale Zielsetzung bzw. ihr wesentlicher Handlungs-
Das Parteiensystem als Teilsystem des politischen Systems ort und
wird von zahlreichen externen Faktoren beeinflusst. Zu diesen ¬ ihre Anziehungskraft für die Wählerschaft bzw. deren
zählen an vorderer Stelle die wirtschaftliche und die soziale Struktur.

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38 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Groß- bzw. Volksparteien teiligung. Prinzipiell haben taktische Überlegungen zur Stim-
Ein prägender Typus in der Geschichte der Parteiendemokra- menmaximierung Vorrang vor ideologischer Grundsatztreue.
tie der Bundesrepublik Deutschland war die Volkspartei. Sie Die Funktion der Interessenaggregation steht daher neben
ist eine typische Mitgliederpartei, das heißt, freiwillige Mitar- der Mobilisierung der Wähler und der Rekrutierung des poli-
beit der Mitglieder wie auch deren finanzieller Beitrag werden tischen Personals bei einer Volkspartei im Zentrum des Han-
nach wie vor als wichtige Ressource im Parteienwettbewerb delns. Ihre idealtypische Wählerschaft entspricht der sozio-
geschätzt. Eine große Mitgliederzahl sichert Legitimität und hat strukturellen Zusammensetzung der gesamten Bevölkerung.
weitere Vorteile: Die Volkspartei ist damit auf allen politischen Als Groß- bzw. Volksparteien gelten in Deutschland die
Ebenen eines staatlichen Gemeinwesens präsent und aktiv, ver- „Christlich-Demokratische Union“ (CDU), ihre bayerische
fügt über vielfältige innerparteiliche Gruppierungen (Arbeits- Schwesterpartei, die „Christlich-Soziale Union“ (CSU) und die
gemeinschaften, Faktionen) und unterhält enge Beziehungen „Sozialdemokratische Partei Deutschlands“ (SPD). Als „Pro-
zu maßgeblichen Interessenorganisationen und Verbänden. totyp einer Volkspartei“ gilt laut dem Trierer Politikwissen-
Zentraler Orientierungspunkt des Parteihandelns ist der schaftler Peter Haungs die CDU. Keine andere Partei hat die
Stimmengewinn, das heißt, die Werte, Haltungen und Mei- politische Geschichte Deutschlands so geprägt wie die CDU,
nungen der Wählerschaft werden in starkem Maße berück- die in Kooperation mit der CSU in 51 von 66 Jahren der bisheri-
sichtigt, und die Partei öffnet sich aus wahlstrategischen gen Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die führende
Erwägungen heraus für nahezu alle Wählersegmente einer Regierungspartei war.
Gesellschaft. Um als Volkspartei mehrheitsfähig zu werden Dem Modell der Volkspartei entsprechend sind Wahlerfolge
oder zu bleiben, kommt es in dieser Sichtweise weniger auf und Regierungstätigkeit zentrale Aspekte im Handeln von CDU
die soziale Verankerung einer Partei als vielmehr auf mehr- und CSU. Als Heimat des politischen Konservatismus, der katho-
heitsfähige politische Inhalte und auf vermittelbare, populäre lischen Soziallehre und eines sozial verstandenen wirtschaftli-
Spitzenkandidaten an. chen Liberalismus haben die Unionsparteien sich in Abgren-
Folge der Öffnung für nahezu alle Wählersegmente ist eine zung zu jeglichem Extremismus als „Volkspartei der rechten
inhaltliche Annäherung der Programme und Konzeptionen an Mitte“ verstanden, worunter sie programmatisch den Rückbe-
die politische Mitte („Entideologisierung“), ohne dass es damit zug auf christliche Werte, auf Tradition, auf Nation, Sicherheit
jedoch zu einer völligen programmatischen Angleichung der und Marktwirtschaft verstehen. Als überkonfessionelle Samm-
einzelnen Parteien kommt. Unterschiedliche Schwerpunkt- lungsparteien gelang es der 1945 in Würzburg gegründeten
und Themensetzungen aufgrund eines vorgeprägten Images CSU bzw. 1950 als Bundespartei in Goslar gegründeten CDU mit
und ihrer Pfadabhängigkeit bleiben bestehen oder werden einer pragmatischen Politik nahezu alle Gruppen des Wähler-
neu fundiert, um die nach wie vor nicht zu vernachlässigende spektrums für sich zu mobilisieren und zu integrieren.
Gruppe der Stammwähler an sich zu binden. Die traditionelle Die SPD, die auf die Gründung des Allgemeinen Deutschen
Stammwählerschaft soll erhalten bleiben, und Wählerinnen Arbeitervereins (ADAV) im Jahre 1863 zurückgeht, entwickelte
und Wähler aus angrenzenden politischen und sozialen Mili- sich im Lauf ihrer Geschichte zur „Volkspartei der linken Mitte“.
eus sollen an die Partei gebunden werden. Eine Zäsur in dieser Hinsicht war das Godesberger Programm
Um möglichst viele Wählerinnen und Wähler aus unter- von 1959, welches nach dem Göttinger Politikwissenschaftler
schiedlichen Milieus zu gewinnen, ist die Volkspartei auf In- Peter Lösche „den Wandel von der proletarischen Klassenpar-
teressenausgleich inner- und außerhalb der Partei hin orien- tei zur Volkspartei symbolisiert“. Entsprechend ihrer Herkunft
tiert. Kompromisslösungen und konsensfähige Inhalte sollen als Interessenvertreterin der Arbeiterschaft setzte die SPD seit-
integrierend wirken und bestimmen die sachlichen Auseinan- dem als pragmatische Reformpartei auf einen ausgebauten
dersetzungen, stets mit Blick auf die Chance zur Regierungsbe- Wohlfahrtsstaat, der möglichst umfassende Sozialleistungen
und einen hohen Beschäftigungsgrad garantieren sollte.
Die Schaffung und den Erhalt von Erwerbsarbeit rückte die
Partei stets in den Mittelpunkt ihrer Sozialpolitik. Um dieser
Ziele willen schreckte sie auch vor unkonventionellen und in
Teilen der Anhängerschaft unpopulären Maßnahmen nicht
zurück, als in den Regierungsjahren unter Bundeskanzler
Schröder aufgrund eines wirtschaftlichen Strukturwandels
Massenarbeitslosigkeit herrschte. Ganz im Sinne des Typs der
Volkspartei hat die SPD eine pragmatische Reformpolitik in
nahezu allen Politikfeldern in den Vordergrund gestellt.

Kleinparteien
Trotz ihrer geringeren Erfolge an den Wahlurnen können
Kleinparteien eine wichtige Rolle im politischen System spie-
len. Als Anwälte spezifischer Interessen oder Themenfelder
können sie die großen Parteien zwingen, sich mit diesen aus-
einanderzusetzen. Zugleich können sie als demokratisches
Ventil dienen, indem sie Bürgerinnen und Bürgern, die sich
von den etablierten Parteien abwenden, die Möglichkeit ge-
ben, innerhalb des politischen Systems ihren Protest zu be-
kunden. Schließlich bieten sie wie andere Parteien und die
zivilgesellschaftlichen Organisationen die Möglichkeit zur ak-
tiven Gestaltung öffentlichen Lebens.

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Parteiensystem und Parteienwettbewerb 39

Die Vielzahl von Kleinparteien lässt sich kaum unter einen darüber entschied, welche Großpartei den Bundeskanzler
gemeinsamen definitorischen Nenner bringen. Zu betrach- stellen durfte.
ten sind quantitative Bestimmungselemente (wie Wähler- Mit der im Jahr 1980 in Karlsruhe gegründeten Partei „Die
anteil, Mitgliederstärke, organisationsstrukturelle Verbrei- Grünen“ entstand eine neue Kraft im Parteiensystem, die
tung, finanzielle Ressourcen) und qualitative Faktoren (wie ökologische, aber auch partizipatorische und postmateria-
die Befähigung zur Regierungs- bzw. Koalitionsbildung, Ein- listische Themen in den Vordergrund stellt und vornehm-
flussmöglichkeiten auf politische Entscheidungen sowie die lich aus den neuen sozialen Bewegungen wie der Frauen-,
gesellschaftliche und politische Akzeptanz). Ausgehend von Anti-Atomkraft-, Umwelt- oder Friedensbewegung und der
diesen Maßstäben unterscheidet die Parteienforschung eta- Studentengeneration der 1968er-Bewegung hervorging. Sie
blierte und nichtetablierte Kleinparteien. tritt für die Anerkennung von Minderheiten, kulturelle To-
Etabliert ist eine Kleinpartei, wenn es ihr gelingt, bei drei leranz, rechtliche und soziale Gleichstellung unterschiedli-
aufeinanderfolgenden Wahlen mehr als 0,5 Prozent der cher Lebensformen, mehr direkte Demokratie, Pazifismus,
Stimmen auf der jeweiligen Ebene zu erreichen. Damit er- Abrüstung und eine nachhaltige Berücksichtigung von
hält sie eine günstigere Ressourcenausstattung und größere ökologischen Aspekten in allen Bereichen der Politik ein.
öffentliche mediale Aufmerksamkeit. Sie kann dann die für Die Grünen verbinden diese libertären Werte mit der Forde-
weitere Erfolge notwendige Infrastruktur aufbauen: eine flä- rung oder dem Wunsch nach Bewahrung wohlfahrtsstaat-
chendeckende Organisation, einen festen Stamm hauptamt- licher Politik. Im Jahr 1993 vereinigten sich die Grünen mit
licher Mitarbeiter, ein daraus hervorgehendes Mindestmaß der ostdeutschen Bürgerbewegung „Bündnis 90“ zur Partei
an Strategiefähigkeit und professioneller Wahlkampffüh- „Bündnis 90/Die Grünen“. Mittlerweile können die Bünd-
rung, einen gesicherten Zugang zu Medien und den Aufbau nisgrünen eindeutig als etablierte Partei gelten, die in den
eines Netzwerks einer ausreichend großen Zahl an Sympa- Jahren 1998 bis 2005 in einer Koalition mit der SPD an der
thisanten. Als relevant haben etablierte (Klein-)Parteien Regierung beteiligt war.
dem italienischen Politikwissenschaftler Giovanni Sartori Mit der „Partei des Demokratischen Sozialismus“ (PDS)
zufolge zu gelten, wenn sie das Potenzial besitzen, an Koa- (heute „Die Linke“) trat nach der Vollendung der politischen
litionen beteiligt zu werden oder zumindest ein Faktor sind, Einheit Deutschlands im Jahr 1990 eine weitere etablierte
der den Parteienwettbewerb mitbestimmt. Kleinpartei in das deutsche Parteiensystem ein. Die Partei
Als etablierte Kleinparteien in Deutschland sind die FDP, ging aus der Staatspartei der DDR, der „Sozialistischen Ein-
Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke zu betrachten. Die im heitspartei Deutschlands“ (SED) (siehe auch S. 46 f.), hervor.
Jahr 1948 gegründete „Freie Demokratische Partei“ (FDP) Ihr Hauptaugenmerk legt die Linke auf einen erheblichen
vereinigte national-, links- und wirtschaftsliberale Strö- Ausbau sozialstaatlicher Leistungen in allen Bereichen; sie
mungen zu einer Partei. Sie versteht sich als Vertreterin des versteht sich als antikapitalistisch sowie pazifistisch und
politischen Liberalismus, die für individuelle Bürgerrechte, favorisiert gleichzeitig libertäre Werte wie Toleranz und
den Vorrang des Marktes vor staatlichen Eingriffen in der Emanzipation. Ihre Hochburgen in der Wählerschaft liegen
Wirtschafts- und Sozialpolitik und für vermehrte Beteili- in den ostdeutschen Bundesländern.
gungsmöglichkeiten der einzelnen Bürgerinnen und Bürger Auch die „Alternative für Deutschland (AfD)“ hat ihre
eintritt. Der Wert der Freiheit nimmt in der FDP eine heraus- Hochburgen in den ostdeutschen Ländern. Bei den Wahlen
gehobene Stellung ein wie es im Bekenntnis zu individueller zum EU-Parlament 2014 kam sie bundesweit auf 7,1 Prozent,
Selbstbestimmung und zu einer liberalen Marktwirtschaft bei Landtagswahlen im gleichen Jahr erreichte sie in Sach-
zum Ausdruck kommt. Als langjährige Regierungspartei sen einen Stimmenanteil von 9,7 Prozent, in Thüringen 10,4
(1949–1966; 1969–1998; 2009–2013) gestaltete sie wesent- und in Brandenburg 12,2 Prozent. Die im Februar 2013 ge-
liche Entscheidungen der Bundesregierungen mit. Bis weit gründete Partei wandte sich zunächst gegen die sogenann-
in die 1980er-Jahre war sie das „Zünglein an der Waage“, da te Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung, mit der diese
ihre Koalitionspräferenz zugunsten von CDU/CSU oder SPD durch Kredite und Hilfszahlungen in eine akute Finanzkrise
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Die FDP konnte bis 2013 bei Bundestagswahlen immer wieder die Fünfprozenthürde Die 2013 gegründete nationalkonservative AfD ist im EU-Parlament und einigen
überspringen und sich sogar häufig an der Regierung beteiligen. Bundesparteitag Landesparlamenten vertreten. Mit der Nationalhymne endet ihr Bundesparteitag
im Mai 2015 unter Vorsitz von Christian Lindner in Hannover im November 2015. Im Bild der Parteivorstand

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40 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Selbstverwaltung stärken, tritt für mehr direkte Demokra-


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tie (Volksentscheide, Volksbegehren) ein, ist EU-skeptisch


und fordert einen verstärkten Kampf gegen Kriminalität.
Bei der Bundestagswahl 2013 holte sie 1,0 Prozent der Stim-
men, bei der Wahl zum EU-Parlament 2014 1,5 Prozent.
¬ Die im Jahr 1981 gegründete „Familienpartei“ versteht
sich hauptsächlich als Interessenvertreterin kinderreicher
Familien und fordert beispielsweise eine stärkere Berück-
sichtigung von Kindererziehung bei der Zumessung staat-
licher Leistungen oder eine Wählerstimme für minder-
jährige Kinder, wobei deren Eltern diese Stimme abgeben
sollen. Familienpolitik steht im Vordergrund der gesamten
Programmatik. Bei der Wahl zum EU-Parlament 2014 er-
reichte sie 0,7 Prozent, bei der Bundestagswahl 2013 0,0
Prozent oder etwa 7000 Stimmen.
¬ Die im Jahr 1982 gegründete, aus der Umweltbewegung her-
vorgegangene „Ökologisch-Demokratische Partei“ (ÖDP)
setzt sich für mehr Umweltschutz, Stärkung der Familien
in der Gesellschaft und für mehr direkte Demokratie  ein.
Den meisten Beobachtern gilt sie als wertkonservative
Partei. Angestrebt wird von Seiten der Partei eine Wende
im Lebens- und Wirtschaftsstil: Die „Überfluss- und Ver-
Die Partei „Freie Wähler“ ist aus den kommunalen Wählervereinigungen in den
Ländern hervorgegangen. Die Europaabgeordnete Ulrike Müller bei der Landes- schwendungswirtschaft“ soll zugunsten von nachhaltigem
versammlung der bayerischen Freien Wähler 2015 Umgang mit den Ressourcen und „echter Lebensqualität“
aufgegeben werden. Bei der Wahl zum EU-Parlament 2014
kam sie auf 0,6 Prozent, bei der Bundestagswahl 2013 auf
geratene EU-Partnerländer unterstützt hat. Mittlerweile 0,3 Prozent.
spielen Themen wie Migration und Asyl eine größere Rol- ¬ Die im Jahr 1993 gegründete Partei „Mensch Umwelt Tier-
le als die Kritik an der Währungspolitik. Die Partei kann als schutz“ (Tierschutzpartei): folgt dem Leitgedanken, sich für
nationalkonservative Vereinigung mit erkennbaren populis- die Rechte von Mensch, Tier und Umwelt einzusetzen. Par-
tischen Zügen gelten. teienforschern gilt sie allerdings als Ein-Thema-Partei, da ihr
Nichtetablierte Kleinparteien werden in der Regel an primäres Anliegen die Vertretung der Belange von Tieren
Wahltagen unter „Sonstige“ zusammengefasst, erreichen ist. Insgesamt tritt sie für verstärkten Umwelt- und Natur-
kaum mediale Aufmerksamkeit, verfügen meist über weni- schutz ein. Bei der Wahl zum EU-Parlament 2014 erhielt sie
ger als 10 000 Mitglieder und weniger als drei Prozent der 1,2 Prozent, bei der Bundestagswahl 2013 0,3 Prozent.
Stimmen, haben keine parlamentarische Vertretung in Bund ¬ „Die PARTEI“, gegründet 2004, erreichte bei der Wahl zum
und Ländern und repräsentieren meist Einzelinteressen oder EU-Parlament 2014 0,6 Prozent, bei der Bundestagswahl
Protesthaltungen. 2013 0,2 Prozent. Sie wird als „Spaßpartei“ eingestuft. Ihr
Einige Beispiele mögen dies verdeutlichen. Aufgeführt Vorsitzender Martin Sonneborn bringt sich immer wieder
(nach Gründungsdatum) sind im Folgenden diejenigen Par- mit satirischen Lösungsvorschlägen in aktuelle Diskussio-
teien, die von dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur nen ein. So fordert Die PARTEI unter anderem die Einfüh-
Aufhebung einer Sperrklausel bei den letzten Wahlen zum rung einer „Faulenquote“, die Abschaffung der Sommerzeit,
EU-Parlament 2014 direkt profitiert haben, indem sie einen die Reformation des Schulsystems zu einem G1-System,
Sitz im Parlament erringen konnten: also die Kürzung der Schulzeit auf ein Jahr, und die Begren-
¬ Die schon im Jahr 1964 gegründete „Nationaldemokrati- zung von Managergehältern auf das 25 000fache eines Ar-
sche Partei Deutschlands“ (NPD) gilt als nationalistische beiterlohns.
Partei und wird sehr häufig als rechtsextrem eingestuft. ¬ Die im Jahr 2006 gegründete Piratenpartei verweist seit ih-
Ein Verbotsantrag des Bundesrates gegen die NPD liegt seit rer Entstehung auf die Folgen der digitalen Revolution und
Dezember 2013 beim Bundesverfassungsgericht. Das Ver- tritt gegen Überwachung und Regulierung im Internet ein.
fassungsgericht hat zu prüfen, ob die NPD kämpferisch-ag- Sie plädiert für den Ausbau von Bürgerrechten in der digi-
gressiv und offen gegen Verfassungsgrundsätze agiert und talen Sphäre und für den allgemeinen und freien Zugang
damit, ob ihre Ziele und Handlungen verfassungskonform aller Individuen zum Internet. Grundlegend befürwortet
sind oder nicht. 2003 scheiterte ein Antrag auf Verbot der sie die freie Selbstentfaltung in allen Lebensbereichen und
NPD an formaljuristischen Gegebenheiten, weshalb eine kann daher eindeutig als libertäre Partei bezeichnet wer-
inhaltliche Prüfung der Partei durch das Bundesverfas- den. Die Piraten feierten 2011 und 2012 eine Reihe von spek-
sungsgericht zum damaligen Zeitpunkt nicht stattfand. takulären Erfolgen bei Landtagswahlen und zogen in die
Bei der Bundestagswahl 2013 gewann die Partei einen Landtage von Berlin, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Hol-
Stimmenanteil von 1,3 Prozent, bei der EU-Wahl 2014 nur stein und dem Saarland ein, sind aber anschließend – nicht
noch 1,0 Prozent. zuletzt aufgrund zahlreicher innerparteilicher Zerwürf-
¬ Die Partei „Freie Wähler“ ist aus den kommunalen Wähler- nisse – wieder in der Versenkung verschwunden. Bei der
vereinigungen in den deutschen Bundesländern hervorge- Bundestagswahl 2013 kam die Piratenpartei noch auf einen
gangen und versteht sich als „Anti-Partei“. Ihr Bundesver- Anteil von 2, 2 Prozent, bei der EU-Wahl 2014 waren es nur
band wurde 1965 gegründet. Sie möchte die kommunale noch 1,4 Prozent.

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41

UWE JUN

Entwicklung des deutschen


Parteiensystems nach 1945

Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten sich in den beiden ne (SBZ)/DDR siehe S. 46 ff.) die Funktionsfähigkeit der sich neu
deutschen Staaten unter Aufsicht der Alliierten rasch entwickelnden demokratischen Strukturen sichergestellt sehen.
Parteien. In Westdeutschland entwickelte sich ein Dreipar- Daher erfolgte die Lizenzvergabe relativ restriktiv: an die Christ-
teiensystem, das in den 1980er-Jahren zu einem Vier- lich-Demokratische Union (CDU) bzw. in Bayern die Christ-
parteiensystem wurde. In der DDR herrschte die SED. Seit lich-Soziale Union (CSU) als interkonfessionelle Sammlungspar-
der Einheit Deutschlands hat sich das Parteiensystem teien, die Katholiken und Protestanten vereinten; an die bereits
zunehmend fragmentiert. 1863 erstmals gegründete Sozialdemokratische Partei Deutsch-
lands (SPD), an die links- und rechts- bzw. nationalliberale Strö-
mungen vereinende Freie Demokratische Partei (FDP) und an
Gründungsphase und Ausprägung die 1919 gegründete Kommunistische Partei Deutschlands (KPD).
zum Dreiparteiensystem Diese Parteien genossen damit zunächst einen Startvorteil
im Parteienwettbewerb und erreichten bei den ersten Wahlen
zum Deutschen Bundestag im September 1949 auch 77,8 Pro-
In Deutschland wurde die Gründung der Parteien nach dem zent der abgegebenen Stimmen. Dabei schnitt die Union aus
Zweiten Weltkrieg durch Lizenzen der alliierten Siegermächte CDU und der bayerischen Schwesterpartei CSU mit 31 Prozent
ermöglicht. Diese knüpften dabei zum einen an traditionelle Stimmenanteil am besten ab und konnte durch die Koalitions-
Strukturen aus der Weimarer Republik beziehungsweise dem bildung mit der FDP und der in Norddeutschland angetretenen
Kaiserreich an, andererseits wollten sie in den drei westlichen bürgerlichen Deutschen Partei (DP) mit Konrad Adenauer den
Besatzungszonen (zur Situation der Sowjetischen Besatzungszo- ersten Bundeskanzler stellen.
ullstein bild – dpa

Demokratischer Neubeginn: Im Nachkriegsdeutschland konnten sich Parteien nur dann bilden, wenn sie eine Lizenz der alliierten Siegermächte erhalten hatten. Verlaut-
barungen von KPD, SPD und CDU vor den Gemeindewahlen in Groß-Hessen im Januar 1946

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42 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

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Im August 1949 finden in der neugegründeten Bundesrepublik erstmals Bundestagswahlen statt. Es sind zugleich die ersten freien landesweiten Wahlen seit der Reichs-
tagswahl vom 6. November 1932. Entsprechend hoch waren das Engagement – hier Parteianhänger der CDU in Hamburg und der SPD in Frankfurt/M. – und die schließliche
Wahlbeteiligung (78,5 Prozent). Am Wahlabend warten Menschen in Hamburg auf die Ergebnisse ihres Wahlkreises.

1949 galt die Fünfprozenthürde, nach der nur Parteien ins und integrierten sehr unterschiedliche soziale Gruppen
Parlament einziehen, die mindestens fünf Prozent der ab- durch ein breites und umfassendes Politikangebot. Entspre-
gegebenen (Zweit-)Stimmen auf sich vereinen, noch nicht chend waren und sind sie einer pragmatischen Politik des
bundesweit, sondern nur für die einzelnen Bundesländer. Interessenausgleichs verpflichtet, für Regierungsbeteiligun-
Deshalb erreichten mehr als zehn Parteien Sitze im Bun- gen offen und streben die Führung der Regierungsgeschäfte
destag. Nach der Aufhebung des Lizenzzwangs durch die an. Als Pioniere der Volksparteien in Deutschland können
Alliierten im Januar 1950 entstanden sogar etwa 30 neue CDU und CSU gelten. Mittlerweile hat das Selbstbild, Volks-
Parteien, die bei mindestens einer Landtagswahl kandi- partei zu sein, eine prägende Wirkung für deren Identität.
dierten. Dass dennoch keine „Weimarer Verhältnisse“ mit Die Union trat das Erbe der katholischen „Zentrumspar-
einer Zersplitterung des Parteiensystems und instabilen tei“ an, konnte also auf das gewachsene katholische Milieu
Regierungsmehrheiten entstanden, lässt sich aus Sicht der als Basis bauen, erweiterte aber ihre Wählerschaft im Sinne
Parteienforschung unter anderem mit dem Aufstieg des Ty- einer interkonfessionellen Sammlungspartei um das eher
pus der Volkspartei erklären und mit der Fünfprozenthürde, der protestantischen Kirche verpflichtete Bürgertum. Wenn-
die ab 1953 bei Bundestagswahlen eingeführt wurde. Nur gleich das katholische Milieu die tragende Säule der CDU/
vorübergehend, bis Mitte der 1950er-Jahre, ist von höherer CSU war und ist, so ist es ihr im Stile der Volkspartei seit den
Bedeutung kleiner Interessenparteien zu sprechen. Außer 1950er-Jahren gelungen, Wählerinnen und Wähler aus sehr
den Großparteien CDU/CSU und SPD gelang es lediglich der unterschiedlichen sozialen Schichten für sich einzunehmen.
FDP als liberal-bürgerlicher Partei und kirchenferner Wett- Als bürgerliche „antisozialistische Sammlungspartei“ konnte
bewerberin zur Union, dauerhaft die Fünfprozenthürde zu sie gerade im geteilten Deutschland alle bürgerlichen Grup-
überspringen. Die anderen Kleinparteien des bürgerlichen pen für sich gewinnen, die im Zeichen des Ost-West-Konflikts
Lagers konnte die CDU im Laufe der 1950er-Jahre mehr und der Idee einer sozialistischen Politik und eines sozialisti-
mehr verdrängen bzw. absorbieren. schen Staates auf deutschem Boden skeptisch bis ablehnend
Volksparteien wurden ab den 1950er-Jahren zu dominan- gegenüberstanden. Ihren Erfolg verdankten CDU und CSU
ten Akteuren im Parteienwettbewerb und konnten diese Po- nicht zuletzt der erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung
sition bis in die frühen 1970er-Jahre zunächst ausbauen. Sie in Westdeutschland („Wirtschaftswunder“) und den daraus
versuchten, möglichst alle Wählergruppen anzusprechen, resultierenden sozialpolitischen Spielräumen (Steigerung

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ullstein bild – dpa Entwicklung des deutschen Parteiensystems nach 1945 43

ullstein bild – dpa


Im August 1956 wird die KPD wegen verfassungsfeindlicher Bestrebungen vom Bun- Bis in die 1960er-Jahre hinein profitieren CDU und CSU von der hohen Popularität
desverfassungsgericht verboten. Zwei Stunden nach der Urteilsverkündung besetzen Bundeskanzler Konrad Adenauers und seiner erfolgreichen Politik der Westintegrati-
Polizisten die Räume des Landesverbands Hamburg. on. 1961 empfängt ihn der damalige US-Präsident John F. Kennedy im Weißen Haus.

der Sozialleistungen, Aufbau des Wohlfahrtsstaates mit er- zwischen religiös-kirchlich-konfessioneller Bindung (vertre-
höhten Leistungen etwa für Rentner und Familien). Seitdem ten durch CDU/CSU) und Säkularisierung (vertreten durch SPD
gilt die sogenannte Wirtschaftskompetenz, das heißt, die und FDP). Diskreditiert wurde die SPD anfänglich außerdem
Fähigkeit, wirtschaftliche Probleme lösen zu können, als ein durch die Entwicklung in der Sowjetischen Besatzungszone/
Markenkern der Union. DDR. Dort erfolgte, gesteuert durch die sowjetische Besat-
Als Parteien der sozialen Marktwirtschaft, des Wirtschafts- zungsmacht, die Vereinigung der dortigen SPD mit der KPD
wunders und auch des außenpolitisch anerkannten Kurses zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), was die
der Westintegration wurden CDU und CSU zu erfolgreichen SPD unter den Generalverdacht rückte, für sozialistische Be-
bürgerlichen Sammlungs- und Integrationsparteien, die zu- strebungen anfällig zu sein.
dem dem hohen Bedürfnis nach Sicherheit in Zeiten des Kal- Die Wahlniederlagen 1953 und 1957 veranlassten die
ten Krieges entgegenkamen. Verstärkt durch die große Popu- SPD-Führung zu einer Veränderung ihres Kurses. Da es der SPD
larität Adenauers und des damaligen Wirtschaftsministers nicht gelungen war, über ihre Kernwählerschaft hinaus wei-
Ludwig Erhard gelangen der CDU/CSU in den 1950er-Jahren tere zentrale gesellschaftliche Gruppen für sich zu gewinnen,
große Wahlerfolge. Erst- und einmalig erreichte die Union bei kam es zu einer volksparteilichen Öffnung: zunächst durch
der Bundestagswahl 1957 mit 50,2 Prozent sogar die absolute eine Reform der Parteiorganisation auf dem Stuttgarter Partei-
Mehrheit der Stimmen. tag 1958, mit der bestimmt wurde, dass nicht mehr hauptamt-
Die SPD verharrte dagegen bis 1966 in der Opposition. Un- liche, von der Partei bezahlte Sekretäre, sondern gewählte
mittelbar nach 1949 war sie noch keine Volkspartei und ver- Repräsentanten innerparteiliche Spitzenpositionen übernah-
stand sich traditionsgemäß mehr als Interessenpartei der men. Anschließend erfolgte mit dem Godesberger Programm
Arbeiterschaft. Entlang der sozioökonomischen Konfliktlinie von 1959 die Anerkennung der Marktwirtschaft und schließ-
der bundesdeutschen Gesellschaft und ihres Parteiensystems lich 1960 die der Westintegration Deutschlands. Nach und
verfolgten CDU/CSU und FDP eher eine marktwirtschaftliche nach legte die SPD ihr Profil als traditionelle Arbeiterpartei
Orientierung und vertraten mittelständisch-freiberufliche In- ab, um im Sinne einer Volkspartei bei Wahlen mehrheitsfähig
teressen, während sich die SPD eher für Arbeitnehmer- bzw. zu werden. Ihr Programm, ihr Image und ihre gesellschaftli-
Gewerkschaftsinteressen einsetzte und Staatsinterventionis- che Verankerung veränderten sich im Laufe der 1960er- und
mus befürwortete. Dazu kam die soziokulturelle Konfliktlinie 1970er-Jahre. Zwar blieb das gewerkschaftlich gebundene Ar-

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44 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Davon ausgenommen blieb lediglich die FDP, die sich als kir-
ullstein bild – AP

chenferner bzw. antiklerikaler Gegenpol zur CDU/CSU mit libe-


raler Wirtschaftspolitik und nationalliberaler Haltung auf der
kulturellen Konfliktlinie ihre Existenzberechtigung bewahrte.
Zwei Parteien wurden vom Bundesverfassungsgericht we-
gen verfassungsfeindlicher Bestrebungen verboten: die rechts-
extreme „Sozialistische Reichspartei“ (SRP) im Jahr 1952 und
die „Kommunistische Partei Deutschlands“ (KPD) im Jahr 1956.
In den 1960er- und 1970er-Jahren war das Dreiparteiensys-
tem aus CDU/CSU, SPD und FDP bestimmend. Der FDP kam als
„Zünglein an der Waage“ oder als „Partei der zweiten Wahl“ die
Rolle als Königsmacherin zu. Taktisch denkende Wählerinnen
und Wähler, die eine Regierungskoalition unter Einbezug der
FDP anstrebten, gaben ihr als bevorzugter Koalitionspartei ihre
Stimme.
Bildete sie im Bund zunächst fortwährend Koalitionen mit
Ab 1969 regiert in Westdeutschland erstmals eine sozialliberale Koalition unter
Willy Brandt (SPD, re.) und Außenminister Walter Scheel (FDP, li.). Beraten von Egon den Unionsparteien, so veränderte sie aufgrund von Diffe-
Bahr (M.) setzen sie innenpolitische Reformen und eine neue Ostpolitik in Gang. renzen in der Haushalts- und Steuerpolitik im Jahr 1966 ihr
Koalitionsverhalten. Es erfolgte eine Umorientierung zu-
gunsten der SPD, deren Wandel zur Volkspartei sich in dop-
pelter Hinsicht auswirkte: Zum einen wurde die Partei damit
mehrheits- und regierungsfähig – im Jahr 1966 wurde sie Ju-
niorpartner von CDU und CSU in der ersten Großen Koalition
in der Geschichte der Bundesrepublik unter Bundeskanzler
Kurt Georg Kiesinger. Drei Jahre später stellte die SPD mit
Willy Brandt erstmals den Bundeskanzler, im Jahr 1972 wur-
de sie zum ersten und bis 1998 auch letzten Mal stärkste Par-
tei bei Bundestagswahlen.
Zum anderen war mit dem Wandel der SPD zur Volkspartei
auch eine Koalitionsbildung mit der FDP möglich geworden.
Die liberale Partei stellte im Jahr 1969 ihre Zuverlässigkeit
als künftige Koalitionspartnerin der Sozialdemokraten un-
ter Beweis, als sie bei der Wahl des Bundespräsidenten in der
Bundesversammlung im März 1969 fast geschlossen für den
SPD-Kandidaten Gustav Heinemann votierte. Damit waren
die Voraussetzungen für einen Koalitionswechsel geschaffen.
Nur wenige Monate später bildeten SPD und FDP erstmals
eine gemeinsame Bundesregierung.
Während die erste Phase der sozialliberalen Koalition unter
Willy Brandt noch von Aufbruchsstimmung und Reformeu-
phorie geprägt war, kühlte sich das Verhältnis beider Partei-
ullstein bild – dpa

en im Zuge des Krisenmanagements unter Helmut Schmidt


(Ölkrisen, RAF-Terrorismus, spürbarer Anstieg der Arbeits-
losigkeit) merklich ab. Die sozialliberale Koalition unter den
Bundeskanzlern Brandt und Schmidt wurde mehrfach nach
Die zweite sozialliberale Koalition unter Helmut Schmidt (SPD, li.) und Hans
Dietrich Genscher (FDP, re.) von 1974 bis 1982 steht im Zeichen des Managements Bundestagswahlen erneuert und hielt bis zum Herbst 1982.
innenpolitischer und wirtschaftlicher Krisen. Anschließend wechselte die FDP erneut den Koalitionspartner
und bildete wieder mit der Union unter Bundeskanzler Hel-
mut Kohl die Bundesregierung bis zum Jahr 1998.
beitnehmermilieu die Basis der sozialdemokratischen Wäh-
lerschaft, wurde aber nun durch andere Wählergruppen wie
Beamte, Angestellte im Dienstleistungsbereich und in sozia-
len Bereichen sowie Lehrberufen erweitert. Erosion der Volksparteien und die
Das bundesrepublikanische Parteiensystem war anfäng- deutsche Einheit
lich durch eine Zweiparteiendominanz gekennzeichnet. Die
kleineren Parteien verschwanden nach und nach von der
Bühne. Die Union vermochte kleinere bürgerliche Parteien zu Im Parteiensystem der späten 1970er-Jahre war ein spürbarer
absorbieren; durch den wirtschaftlichen Aufschwung in den Wandel zu beobachten. Es kam zum Aufstieg der Grünen, wel-
1950er-Jahren verloren kleine Interessenparteien wie etwa der cher mit der Erosion der Volksparteien, insbesondere der SPD,
„Bund der Heimatlosen und Entrechteten“ (BHE), der die Inte- Hand in Hand ging. Teile der Wählerschaft standen der eta-
ressen der Millionen Vertriebenen aus den ehemaligen Ostge- blierten Politik skeptisch bis ablehnend gegenüber. So wand-
bieten des früheren Deutschen Reiches vertrat, an Rückhalt in ten sie sich gegen den Nato-Doppelbeschluss, der vorsah, dass
der Wählerschaft. amerikanische Mittelstreckenraketen in Deutschland statio-

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Entwicklung des deutschen Parteiensystems nach 1945 45

niert werden sollten, und protestierten gegen die Nutzung von Bis dahin bildeten beide Parteien die parlamentarische Op-
Atomkraft und gegen eine zunehmende Umweltzerstörung. position. Von 1982 bis 1998 regierte eine Koalition von CDU/
Die etablierten Parteien unterstützten dagegen weiterhin öko- CSU und FDP; diese Koalition schaffte auch nach dem Fall
nomisches Wachstum, ohne ökologische Aspekte in den Vorder- der Berliner Mauer 1989 die Mehrheitsbildung. Dazu trug der
grund zu rücken, traten für den Bau von Atomkraftwerken ein Umstand bei, dass es Bundeskanzler Helmut Kohl gelang, den
und favorisierten die atomare Nachrüstung. Daraufhin bildete anschließenden Einigungsprozess nach mehrheitlicher Auf-
sich ein Protestlager heraus. Mobilisiert durch die Umwelt- und fassung der Bevölkerung effektiv und erfolgreich zu gestalten,
Anti-AKW-Bewegung, die Frauenbewegung und schließlich die was seiner Partei, der CDU, Auftrieb gab. Die FDP wurde da-
Friedensbewegung, stellte es die bisherige Politik in Frage und gegen immer stärker rein machtpolitisch und immer weniger
unterstützte die neu gegründete Partei der Grünen, die sich an- durch inhaltliche Positionsbestimmung wahrgenommen, was
fangs als „Anti-Partei-Partei“ verstand. Grundlage der Wahler- dazu führte, dass sie zunehmend als bloßes Anhängsel der
folge der Grünen seit den 1980er-Jahren ist eine soziostrukturell Union und nicht als eigenständige Kraft mit inhaltlichem Pro-
abgrenzbare Wählergruppe, die sich einer gemeinsamen Werte- fil angesehen wurde.
orientierung verbunden fühlt. Dazu gehörten vorzugsweise zu- Die Grünen sollten nicht der einzige Neuzugang im Kreis der
nächst die jüngeren Generationen mit höherer formaler Bildung, etablierten Parteien bleiben. Mit der Vollendung der politischen
die meist in Universitätsstädten lebten und libertäre Werte wie Einheit Deutschlands nach 1990 kam die Nachfolgeorganisati-
Umweltschutz, Pazifismus, Toleranz und Selbstentfaltung ver- on der DDR-Staatspartei SED (siehe S. 46 ff.), die „Partei des De-
traten. Durch verschiedene soziale Bewegungen verdichteten mokratischen Sozialismus“ (PDS) hinzu. Sie verfolgte zu ihrer
sie sich zu spezifischen Milieus und begründeten auf diese Wei- Existenzsicherung eine doppelte Strategie: Als sozialistische
se eine neue Konfliktlinie im deutschen Parteienwettbewerb. Alternative, welche soziale Gerechtigkeit mit einer Präferenz
Prägend für das Binnenleben der Partei wurde die Ausei- für ein ausgebautes Sozialstaatsmodell propagierte, forderte sie
nandersetzung zwischen zwei Flügeln, den sogenannten Fun-
damentalisten und den „Realos“. Nachdem der harte Kern des
radikalen Flügels ausgeschieden war, begann der innerpartei-
ullstein bild – Ulrich Baumgarten

liche Erfolgsweg der Realos um den späteren Außenminister


Joschka Fischer, der unter anderem auch Regierungsbeteili-
gungen an der Seite der SPD anstrebte. Die Entwicklung der
Partei verlief recht schnell weg von radikal-systemoppositio-
nellen Politikentwürfen hin zu eher pragmatisch-reformeri-
schen Konzepten.
Dieser programmatische Wandel der Grünen verlief im Ein-
klang mit ihrer Wählerschaft. Auch die Organisationsstruktu-
ren wurden an die der etablierten politischen Konkurrenten
angeglichen, vom idealistischen Konzept der Basisdemokratie
ist kaum etwas übrig geblieben. Immerhin ist der innerpartei-
liche Dualismus der Partei noch immer bestimmend und spie-
gelt sich beispielsweise in ihrer als Doppelspitze gestalteten
Führungsstruktur bis heute wider. Als endgültig etabliert im
deutschen Parteiensystem können die Grünen seit ihrer Koali- Neue soziale Bewegungen bringen 1983 Die Grünen als neue Partei in den
tionsbildung mit der SPD im Jahr 1998 gelten. Bundestag – im Hintergrund Bundeskanzler Helmut Kohl.
ullstein bild – BPA

Dieser wiederum kann als Bundeskanzler von 1982 bis 1998 die CDU/CSU in Koalition mit der FDP an der Regierung halten und mit Erfolg den Prozess der deutschen
Einheit gestalten. Bad in der Menge in Leipzig vor den ersten freien DDR-Volkskammerwahlen im März 1990

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46 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

vermehrte sozialstaatliche Leistungen, um soziale Ungleichhei- zweiter Ordnung (dazu zählen auch Wahlen zum Europäischen
ten zu verringern. Parlament) Wählerinnen und Wähler eher zu einer insgesamt
Daneben trat sie als ostdeutsche Regionalpartei auf, denn geringeren Mobilisierung und zu Protestverhalten oder Wech-
in den neuen Ländern konnte die PDS sehr viel ungehemmter selwahl animieren als gesamtstaatliche Wahlen. Landtagswah-
den Ost-West-Gegensatz im Wettbewerb mit anderen Partei- len werden nicht selten als Test- oder Stimmungswahl über die
en zu ihrem Thema machen. Als einzige „geborene“ Ostpartei Politik der Bundesregierung genutzt.
wurde die PDS zur Stimme einer Abwehrhaltung gegenüber Enttäuschte Erwartungen der Wählerschaft, Unsicherheits-
dem Westen, die sich mit „Teilnostalgie“ gegenüber der DDR gefühle und Abstiegsängste können für diese Entwicklung
verband. Die PDS sah sich als Sprachrohr einzelner ostdeut- mitverantwortlich gemacht werden. Sie speisten sich in den
scher Interessen und Mentalitäten. Damit konnte sie Protest- 1990er-Jahren auch aus den Folgen des tiefgreifenden wirt-
wähler einbinden, welche aus subjektiver Haltung das politi- schaftlichen Strukturwandels in Ostdeutschland und den Fol-
sche System Deutschlands skeptisch beurteilten, wozu auch gen der Globalisierung für den innerstaatlichen Arbeitsmarkt.
größere Teile der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aus Sicht eines nicht unerheblichen Teils der Wählerschaft
Eliten der ehemaligen DDR zählten. Reale ökonomische Pro- haben speziell die Großparteien seit jeher für subjektiv wahr-
bleme und soziale Verwerfungen im Zuge des Einigungspro- genommene soziale Schieflagen und Statusbedrohungen die
zesses förderten bei einem Teil der ostdeutschen Bürgerinnen Verantwortung zu übernehmen. Staatliche Verantwortung für
und Bürger ein Einstellungsmuster aus enttäuschten Erwar- soziale und wirtschaftliche Fragen wird von weiten Teilen der
tungen, Benachteiligungs- und Kolonialisierungsgefühlen, Wählerschaft gefordert, der Wunsch nach umfassender Absi-
nostalgischer Verklärung der Geschichte der DDR, Misstrauen cherung durch den Staat ist relativ weit verbreitet. Von den
gegenüber etablierter westlicher Politik und Bejahung einzel- zentralen politischen Akteuren wird erwartet, Probleme zu
ner sozialistischer Grundtendenzen. lösen und vor Risiken zu schützen.
Die Erfolge der kleineren Parteien gingen zu Lasten der Weiterhin problematisch für die Großparteien ist die gerin-
Großparteien CDU/CSU und SPD, die bei Bundestagswahlen gere Parteibindung der Wählerinnen und Wähler im Osten
bis 2013 durchgängig Stimmenanteile und Mitglieder verloren. Deutschlands, was den Wettbewerb um Wechselwähler in-
Offensichtlich zu erkennen waren Probleme wie Integrations- tensiviert und spezifische Mobilisierungs-, Identitäts- und Or-
und Mobilisierungsschwächen, schwindende Organisations- ganisationsprobleme beider Volksparteien in Ostdeutschland
kraft und Vitalitätsverluste infolge des Altersanstiegs ihrer nach sich zog. Während die SPD sich in den neuen Bundeslän-
Mitglieder. Das Durchschnittsalter der Mitglieder von CDU dern neu gründete, konnte die CDU zwar auf die Organisati-
und SPD beträgt 59 Jahre. on und Mitglieder der ehemaligen Blockpartei der Ost-CDU
Zu diesen Problemen, die vor allem die Großparteien betra- zurückgreifen, musste aber aufgrund der unterschiedlichen
fen, trugen langfristige Entwicklungen bei, die bis in die Ge- Sozialisation Integrationsschwierigkeiten bewältigen; zudem
genwart andauern (siehe auch S. 63 ff.). Zu ihnen zählen ein war die CDU im Osten Deutschlands geringer verankert. Der
sozioökonomischer und soziokultureller Wandel, ein Werte- Antikommunismus, der bis 1990 bürgerliche Wählerinnen
wandel sowie Trends zu Säkularisierung und Individualisie- und Wähler mobilisiert hatte, konnte nach dem Ende der DDR
rung. Die traditionellen Milieus, die mentalitäts- und bewusst- nicht mehr in gleichem Ausmaß als integrative Klammer für
seinsprägend waren, sind geschrumpft, so beispielsweise das Unionswähler wirken.
der SPD nahe stehende gewerkschaftlich geprägte (Fach-)Ar-
beitermilieu oder das der CDU nahe stehende katholische Mi-
lieu. Die Zahl derer, die sich zur Arbeiterschicht zählen, ist von
mehr als 50 Prozent in den 1950er-Jahren auf unter 30 Prozent Das Parteiensystem der DDR
zurückgegangen. Bei den Katholiken verringerte sich der An-
teil der regelmäßigen Kirchgänger im gleichen Zeitraum von Bereits im Juni 1945 erlaubte die sowjetische Militäradminis-
über 70 auf weniger als 25 Prozent. tration in Deutschland (SMAD) die Gründung von Parteien.
Parallel dazu verliefen Prozesse der Individualisierung und In der sowjetisch besetzten Zone entstanden daraufhin die
Pluralisierung der Lebensstile: Konsumgewohnheiten, Part- „Kommunistische Partei Deutschlands“ (KPD), die „Christlich
nerschaftsverhalten, Erwerbsformen oder Freizeitaktivitäten Demokratische Union“ (CDU), die „Liberal-Demokratische Par-
haben sich ausdifferenziert und prägen das Identitätsgefühl tei Deutschlands“ (LDPD) und die „Sozialdemokratische Par-
häufig mehr als die formale Schichtzugehörigkeit. Hinzu tei“ (SPD). Im Jahr 1948 kamen zwei weitere bürgerliche Par-
kommt, dass sich die sozialen Schichten hinsichtlich ihrer Inte- teien hinzu, die „Demokratische Bauernpartei Deutschlands“
ressen, Alltagskulturen, ihres politischen Informationsverhal- (DBD) und die „National-Demokratische Partei Deutschlands“
tens und ihrer Lebensstile auseinanderbewegen. Die Fülle der (NDPD).
Optionen zur Freizeitgestaltung vergrößert die Unterschiede. Schon früh versuchte die sowjetische Besatzungsmacht
Entstanden sind vielerlei kleinteilige Milieus, die wiederum alle Parteien in einer „antifaschistischen Einheitsfront“ zu-
zu erhöhter Volatilität, das heißt zu einer Zunahme der Wech- sammenzuführen. Im April 1946 kam es auf ihren Druck zur
selwahlbereitschaft geführt haben. Das bedeutet, die jeweili- Verschmelzung von KPD und SPD zur SED, die fortan die domi-
gen sozialen Gruppen wählen weit weniger geschlossen ihre nierende Staatspartei in der DDR werden sollte. Nicht wie in
einstigen Stammparteien. Bei Jugendlichen ist zumeist kaum demokratischen Verfassungsstaaten üblich wurden die Regie-
noch von einer Parteibindung auszugehen. Seit den 1970er-Jah- rung und das Parlament durch freie, gleiche, geheime Wahlen
ren lässt sich eine abnehmende Loyalität gegenüber den eta- legitimiert, sondern die SED beanspruchte ihre führende Rolle
blierten Parteien, insbesondere gegenüber den Großparteien im Staat aufgrund der Ideologie des Marxismus-Leninismus,
CDU und SPD, verzeichnen. Diese abnehmende Loyalität findet wie es in Art. 1 der Verfassung von 1974 zum Ausdruck kommt:
bei Landtagswahlen noch stärkeren Ausdruck als bei Bundes- „Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer
tagswahlen. Das hat seinen Grund wohl darin, dass Wahlen Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisa-

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ullstein bild – ADN-Bildarchiv Entwicklung des deutschen Parteiensystems nach 1945 47

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ullstein bild – Rieth

Bereits 1945 erlaubt die sowjetische Militäradministration die Gründung von Parteien, die sie in einer „antifaschistischen Einheitsfront“ zusammenfassen will. Ein wichti-
ger Schritt dazu ist 1946 die Verschmelzung von KPD und SPD zur führenden Staatspartei SED, besiegelt durch Wilhelm Pieck (KPD, li.) und Otto Grotewohl (SPD, re.) auf dem
Vereinigungsparteitag in Berlin. Mit dem Ende der DDR wird die SED zur PDS, Partei des Demokratischen Sozialismus, unter ihrem Vorsitzenden Gregor Gysi.

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48 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

tion der Werktätigen in Stadt und Land unter Führung der Ar- rem in der neu gegründeten ostdeutschen SPD, im Bündnis 90,
beiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei.“ bei den Grünen oder – in erheblich geringerer Zahl – im bür-
Alle anderen Parteien und sonstige Massenorganisatio- gerlichen „Demokratischen Aufbruch“ (DA).
nen wie Gewerkschaften, Genossenschaften oder Vereine Die Volkskammerwahl im Jahr 1990 entschied die „Allianz
mussten den Führungsanspruch der SED anerkennen. Wett- für Deutschland“ – bestehend aus der CDU, der „Deutschen So-
bewerb und realer Pluralismus waren somit ausgeschlossen. zialen Union“ (DSU), die der CSU nahe stand, und dem DA – mit
Die SED sah es als ihre Aufgabe an, die staatlichen Institu- knapp 48 Prozent der abgegebenen Stimmen für sich und bil-
tionen anzuleiten, diese wiederum hatten die Aufgabe, die dete anschließend eine Koalition mit der SPD und den Libera-
Politik der SED umzusetzen. Die anderen Parteien, CDU, LDPD, len („Bund Freier Demokraten“) mit Ministerpräsident Lothar
NDPD und DBD, galten als sogenannte Blockparteien, die je- de Maizière an der Spitze. Diese Regierungskoalition bereitete
nen Bürgerinnen und Bürgern eine politische Heimat bieten dann im Folgenden mit der westdeutschen Bundesregierung
sollten, welche der SED skeptischer gegenüberstanden. Real unter Helmut Kohl die politische Einheit Deutschlands vor, die
besaßen die Blockparteien jedoch so gut wie keinen politi- am 3. Oktober 1990 vollendet wurde.
schen Einfluss, da sie sich dem Machtanspruch der SED zu
unterwerfen hatten.
Der revolutionäre Umbruch 1989/90 in der DDR erreich-
te das Ziel seiner Unterstützer: Das Machtmonopol der SED Jüngste Tendenzen (1998 bis heute)
wurde aufgebrochen. Das Ende der sozialistischen Staatsherr-
schaft einer Partei konnte herbeigeführt werden. Am 18. März Für die derzeitige Struktur des Parteiensystems lassen sich
1990 kam es erstmals seit 1946 wieder zu freien Wahlen auf mit Blick auf die drei Eigenschaften Fragmentierung, Pola-
dem Gebiet der DDR. risierung und Segmentierung (siehe S. 37) im historischen
Die SED hatte sich zu diesem Zeitpunkt in „Partei des De- Vergleich drei Tendenzen beobachten:
mokratischen Sozialismus“ (PDS) umbenannt. An der Parla- ¬ Zunahme der Fragmentierung bis zur Bundestagswahl
ments-(Volkskammer-)wahl nahmen viele Gruppierungen 2013
teil, bestimmt wurde sie jedoch – neben der PDS – hauptsäch- ¬ Zunahme der Polarisierung des Wettbewerbs durch das
lich von den etablierten Parteien der Bundesrepublik wie Hinzukommen von Grünen und Linkspartei, später auch
CDU/CSU, SPD, FDP und Grüne. Die Grünen Westdeutschlands der Piratenpartei und der „Alternative für Deutschland“
vereinten sich erst im Jahr 1990 nach der Bundestagswahl (AfD) sowie durch Positionsverschiebungen der FDP bei
mit den ostdeutschen Grünen, und erst im Jahr 1993 mit dem gleichzeitiger „Mitte-Orientierung" und Konsensfähigkeit
„Bündnis 90“, der Organisation, in der sich viele DDR-Bürger- der beiden Großparteien;
rechtler zusammengeschlossen hatten. Alle anderen etablier- ¬ Zunahme der Segmentierung mit größerer Unübersicht-
ten westdeutschen Parteien vollzogen die Einigung mit ihren lichkeit unterschiedlicher Koalitionsformen.
Schwesterparteien recht schnell in den ersten Monaten nach
dem Fall der Berliner Mauer. Teile der DDR-Bürgerrechtsbe- Entstanden ist dem deutschen Politikwissenschaftler Oskar
wegung waren zunächst gegenüber den Parteien abwartend Niedermayer zufolge eine „fluide Wettbewerbssituation“, die
bis skeptisch, später in einigen Parteien aktiv, so unter ande- durch eine relative Unbestimmtheit der Konkurrenzlage ge-
kennzeichnet ist, verbunden mit großen Unsicherheiten für
die Parteien hinsichtlich ihrer Stimmenanteile und der Regie-
rungsbildung. Die Gunst der Wählerinnen und Wähler verteilt
ullstein bild – Sven Simon

sich immer weniger nach eingefahrenen Beweggründen und


immer häufiger nach situationsbedingtem Kalkül.
Symptom der gestiegenen Fragmentierung bis zum Jahr
2013 sind das Aufkommen der Grünen zu Beginn der 1980er-
Jahre und der Aufstieg der PDS, seit 1990 „Linkspartei. PDS“,
seit der Fusion im Jahre 2007 mit der Partei „Arbeit & soziale
Gerechtigkeit – Die Wahlalternative“ (WASG) „Die Linke“. Beide
Parteien haben zeitweise auch politischen Protest aufnehmen
und daraus Wählerinnen und Wähler rekrutieren können.
In jüngster Zeit konnten die Piratenpartei (2011/12) oder die
„Alternative für Deutschland“ (AfD) (seit 2013) Protestwähler
für sich gewinnen. Protestparteien nutzen das Unbehagen
von Wählerinnen und Wählern gegenüber einzelnen politi-
schen Entscheidungen oder der etablierten Politik insgesamt,
indem sie durch provokantes Auftreten, eine gezielte Anti-Es-
tablishment-Haltung sowie kalkulierte Tabubrüche auf sich
aufmerksam machen und damit verschiedenste Protestwäh-
ler hinter sich vereinen.
Deutlich bei der Analyse der Polarisierung wird, dass die
kleinen Parteien jeweils einen Pol für sich einnehmen: Die
FDP tritt von allen Parteien am deutlichsten für marktwirt-
schaftliche Prinzipien ein, die Linke für Staatsinterventio-
Am 18. März 1990 finden die ersten freien Wahlen zur DDR-Volkskammer statt. nismus in der Wirtschafts- und Sozialpolitik, Bündnis 90/
Mit 48 Prozent der abgegebenen Stimmen gewinnt die „Allianz für Deutschland“. Die Grünen für libertäre Werte, insbesondere für die kultu-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Entwicklung des deutschen Parteiensystems nach 1945 49

relle Anerkennung aller gesellschaftlichen Gruppen. Die erst In beiden Wettbewerbsdimensionen liegen beide Parteien
im Jahr 2012 neu entstandene Alternative für Deutschland aber nicht so weit auseinander, dass nicht Kompromisse erzielt
(AfD) propagiert autoritäre Werte der inneren und äußeren und ein Konsens hergestellt werden könnte. Dieser Wille zum
Sicherheit, des Nationalismus und des Traditionalismus. Konsens wird zum einen verstärkt durch die prinzipielle Be-
Diese programmatisch-ideologischen Positionierungen fin- reitschaft beider Großparteien zur Regierungsbeteiligung, wie
den auch in der Selbstbeschreibung ihren Ausdruck: Die FDP sie in der derzeitigen Großen Koalition zum Ausdruck kommt:
sieht sich als einzige „Marktpartei“ im Wettbewerb, die Lin- Auf der Arbeitsebene der Regierungspolitik kann nach über-
ke als einzige Sozialstaatspartei, Bündnis 90/Die Grünen als einstimmender Auffassung von Beobachtern ein ausreichen-
Partei kultureller Vielfalt und Toleranz, die AfD als „nationa- der Konsens zur Problembewältigung des Regierungsalltags
le Alternative“. hergestellt werden, was aufgrund der inhaltlichen Nähe im
Die Großparteien CDU/CSU und SPD sind dagegen als „Volks- Parteienwettbewerb nicht verwundert. Diese ohnehin schon
parteien“ Parteien der politischen Mitte, welche die unter- vorhandene Nähe im Parteienwettbewerb wurde zum andern
schiedlichen Meinungen, Werthaltungen und Anschauungen durch externe Einflüsse weiter verstärkt.
auszubalancieren versuchen, um mehrheitsfähig zu sein und
(nahezu) alle gesellschaftlichen Gruppen bei Wahlen für sich Trends seit 1998
zu gewinnen. Beide Parteien tragen somit schon einen aus- Mit der Bundestagswahl 1998 gelang erstmals und bisher ein-
geprägten Konsensgedanken in ihren Programmen und ihrer malig in der Geschichte ein vollständiger Regierungswechsel:
Organisation mit sich, wie es für den Typus der „Volkspartei“ SPD und Bündnis 90/Die Grünen lösten CDU/CSU und FDP als
kennzeichnend ist, dem beide nach eigenen Vorstellungen ent- Regierungsparteien ab und regierten unter Bundeskanzler
sprechen wollen. Thematische Vielfalt und Flexibilität sowie Gerhard Schröder bis zur vorgezogenen Neuwahl im Herbst
eine gewisse programmatische Unbestimmtheit kennzeichnen 2005. In dessen Amtszeit vollzog sich eine bedeutsame Positi-
diesen Parteientypus – eine notwendige Voraussetzung für er- onsverschiebung der SPD im Parteiensystem, vornehmlich in
folgreiche Stimmenmaximierung, das zentrale Ziel der Volks- der ökonomischen Konfliktdimension. Mit der sogenannten
parteien im Parteienwettbewerb. Agenda 2010 gelang eine im Ausland viel beachtete, im Inland
Um keinen falschen Eindruck zu erzeugen, soll hier klarge- kontrovers diskutierte Reform des Wohlfahrtsstaates und des
stellt werden, dass zwischen SPD und CDU/CSU durchaus Un- Arbeitsmarktes, welche mehr Eigenverantwortung einforder-
terschiede zu erkennen sind. Unterschiedliche Schwerpunkt- te und eine partielle Verringerung der staatlichen Fürsorge
und Themensetzungen bleiben bestehen oder werden neu mit sich brachte. Die Regierungskoalition aus SPD und Bünd-
fundiert, um die nach wie vor vorhandene unterschiedli- nisgrünen reagierte damit auf ökonomische Schwierigkeiten
che Interpretation von Werten beizubehalten und die nicht Deutschlands im Zuge der Anpassung an die Herausforderun-
zu vernachlässigende Gruppe der Stammwähler an sich zu gen der Globalisierung.
binden. Man könnte von politischen Tendenzbetrieben spre- Damit vertrat die SPD zu weiten Teilen pragmatisch zentris-
chen, die ihre traditionelle Milieuverhaftung nicht gänzlich tische Positionen, ohne sich vollständig von sozialdemokrati-
abstreifen können, bieten sie doch Wählerinnen und Wäh- schen Traditionsbeständen zu lösen. Dennoch stellte ihr Vor-
lern sowie Mitgliedern Identität und Identifikation im Par- gehen sie vor eine Zerreißprobe. Die Partei hatte in Folge bei
teienwettbewerb. der Wählerschaft erheblich um ihre Anerkennung zu kämpfen

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50 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

und verlor innerhalb eines Jahrzehnts von der Wahl 1998 bis habe die SPD zum Schaden der CDU mit ihrer Wahlkampfstra-
zur Wahl im September 2009 rund zehn Millionen Wähler- tegie erfolgreich zum Image der CDU/CSU als „Partei der sozi-
stimmen. Aus Protest gegen die Arbeitsmarkt- und Sozialrefor- alen Kälte“ umgemünzt. Der Kurs der CDU/CSU in der Regie-
men gründete sich die Partei „Arbeit und soziale Gerechtigkeit – rungspolitik ist, unabhängig von der Notwendigkeit, mit der
Die Wahlalternative (WASG)“, die 2007 in der Partei „Die Linke“ SPD in Großen Koalitionen Kompromisse anstreben zu müs-
aufging. sen, seitdem von Vorsicht gegenüber wirtschafts- und sozial-
Von diesen Verlusten konnten die Unionsparteien bis zur politischen Reformen geprägt. Das marktliberale Programm
Bundestagswahl 2013 jedoch nicht vollständig profitieren. La- von 2005 wurde den Parteiarchiven überantwortet, und die
gen sie in Meinungsumfragen vor der Bundestagswahl 2005 Union bewegt sich wieder in Richtung Sozialstaatspartei.
zum Teil sehr deutlich vorn, so büßten sie diesen Vorsprung Die CDU/CSU setzte diesen sozialstaatlich orientierten Kurs
bis zum Wahltag fast vollständig ein und landeten nur knapp auch in der Koalition mit der FDP von 2009 und in der dritten
vor der SPD, mit der sie in Folge die zweite Große Koalition in Großen Koalition seit 2013 fort. Angela Merkels Politik ist von
der Geschichte der Bundesrepublik unter Angela Merkel als dem Ziel bestimmt, den Modernitätsrückstand der CDU in Fra-
Bundeskanzlerin bildeten. gen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und moderner
Als Hauptursache des aus Sicht der Union enttäuschenden Lebensstile abzubauen und sie in ihrem kulturellen Ausstrah-
Wahlergebnisses von 2005 wurde von vielen Christdemokra- lungsprofil auf die Höhe der Zeit zu hieven. Beispiele dafür sind
ten die Vernachlässigung sozialer Themen im Wahlkampf das Leitbild der berufstätigen Frau, die Anerkennung gleichge-
betrachtet, das marktliberale Programm der Union von 2005 schlechtlicher Partnerschaften und die Akzeptanz von Einwan-
derung und kultureller Vielfalt. Mit teilweise atemberaubender
Geschwindigkeit löste sich die CDU von programmatischen
Traditionsbeständen wie beispielsweise der Nutzung der Atom-
energie oder der allgemeinen Wehrpflicht. Dieser Parforceritt
droht jedoch ihr Stammwählerfundament zu überfordern, wie
selbst parteiintern kritische Stimmen anmerken.
Tatsächlich ist der Union eine wettbewerbsstarke Konkur-
renz in der soziokulturellen Konfliktdimension erwachsen: Die
2013 bei der Bundestagswahl nur knapp an der Fünfprozent-
hürde gescheiterte AfD verbindet eine europaskeptische Hal-
tung (insbesondere im Hinblick auf die Gemeinschaftswäh-
rung Euro) mit Themen der Migration, der inneren Sicherheit
und dem traditionellen Familienbild. Nach Auffassung des
Bonner Politikwissenschaftlers Frank Decker schickt sich mit
der AfD eine neue Gruppierung an, die Geschichte der Erfolg-
losigkeit des Rechtspopulismus in der Bundesrepublik zu be-
enden. Die AfD vertritt in ihrem Programm eher national-kon-
servative Positionen und zieht unzufriedene Wählerinnen und
Wähler aus unterschiedlichen Bevölkerungssegmenten an.
Zuletzt jedoch machte die AfD mit erheblichen innerpar-
teilichen Streitigkeiten auf sich aufmerksam. Sie gipfelten in
der Spaltung zwischen dem nationalkonservativen Flügel und
der liberaleren europaskeptischen Strömung, die sich 2015 als
neue „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ (ALFA) formierte.
Da die AfD und ALFA in der Wirtschaftspolitik eher klassi-
sche liberale Positionen vertreten, bleibt auch die Zukunft der
FDP ungewiss: Erstmals in ihrer Geschichte schieden die Libe-
Klaus Stuttmann

Burkhard Mohr / Baaske Cartoons

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Entwicklung des deutschen Parteiensystems nach 1945 51

ralen 2013 aus dem Bundestag aus. Dies war das einschneiden- Markenkern in der Umwelt- und Energiepolitik in den Vorder-
de Ergebnis der Bundestagswahl 2013, bei der mit der FDP und grund rücken. Mit Interesse wird zu beobachten sein, ob die
der AfD gleich zwei Parteien nur knapp die Fünfprozenthürde Partei künftig offen in Koalitionsentscheidungen zugunsten
verpassten. Die schwarz-gelbe Regierungskoalition von 2009 von CDU/CSU oder SPD (/Linke) gehen wird.
bis 2013 endete für die FDP mit einem Desaster. Die Wählerin- Die Bundestagswahl 2013 beendete die „Durststrecke“ der
nen und Wähler stellten der Regierungstätigkeit der FDP ein Großparteien CDU/CSU und SPD; der gegen sie laufende Trend
denkbar schlechtes Zeugnis aus. Weder ihr Personalangebot, der zunehmenden Fragmentierung hat sich umgekehrt, sodass
noch ihre thematische Ausrichtung konnte ihre Wählerschaft mit Blick auf das deutsche Parteiensystem wieder eine Zwei-
ausreichend mobilisieren. Die programmatische Ausrichtung parteiendominanz erkennbar ist.
auf den Marktliberalismus stieß nach der Finanz- und Wirt- Ob sich diese Entwicklung fortsetzt, lässt sich abschließend
schaftskrise von 2008 auf verbreitete Skepsis. nicht endgültig sagen, denn vieles im Parteienwettbewerb ist
Die Unionsparteien profitierten von der hohen Popularität situativer und unkalkulierbarer geworden.
der Bundeskanzlerin und wurden mit Abstand zur stärksten
Partei; insgesamt konnten sie um 7,7 Prozentpunkte zulegen.
Der SPD, die mit Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns
Burkhard Mohr / Baaske Cartoons

und Modellen zum Eintritt in den vorgezogenen Ruhestand


ab dem Alter von 63 Jahren wieder ihre klassischen sozialpo-
litischen Themen in den Vordergrund stellte, gelangen nur
leichte Zugewinne. Doch hat sich bei der Bundestagswahl 2013
insgesamt der Trend gegen die Großparteien umgekehrt. Da
Bündnis 90/Die Grünen nach der Wahl nicht in die Regierung
eintreten wollte, blieb als einzige realistische Koalitionsmög-
lichkeit die Wiederauflage einer Großen Koalition übrig. Die
SPD befragte dazu erstmalig ihre Mitglieder, die bei einer
Wahlbeteiligung von über 78 Prozent mit überwältigender
Mehrheit dem Koalitionsvertrag zustimmten. Die Bündnis-
grünen wiederum hatten im Bundestagswahlkampf 2013 ver-
mehrt auf sozial- und wirtschaftspolitische Themen gesetzt,
was die Wählerinnen und Wähler jedoch nicht honorierten.
Zukünftig wollen die Bündnisgrünen wieder stärker ihren

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52

imago / Christian Thiel


Die größten Gestaltungsmöglichkeiten bieten sich Parteien als Teil einer Regierung. Die Ministerinnen und Minister der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD bei einer
gemeinsamen Sitzung am Kabinettstisch des Bundeskanzleramts im Dezember 2014

UWE JUN

Parteien in staatlichen Institutio-


nen
Ohne Parteizugehörigkeit sind Parlamentsmandate bzw. ihr Einfluss selbst in die Judikative hinein. Auch in großen
Regierungsämter in der Kommune, im Land, im Bund und Teilen der öffentlichen Verwaltung (insbesondere Ministerial-
in der EU kaum erreichbar, und auch in Ministerien und bürokratie und Parlamentsverwaltung), im öffentlich-rechtli-
gesellschaftlichen Organisationen sind Parteimitglieder chen Rundfunk, in staatlichen Lottogesellschaften oder ande-
häufig vertreten. Viele Abgeordnete haben die Politik zu ren quasi-staatlichen Einrichtungen und Unternehmen sind
ihrem Beruf gemacht. In jährlichen Rechenschaftsberichten Vertreter der Parteien anzutreffen.
legen die Parteien dem Bundestagspräsidenten ihre Finan- Auf allen vier staatlichen Ebenen – Kommunen, Ländern, Bun-
zen dar, die sich aus unterschiedlichen Quellen speisen. desstaat und EU – sind sie Mitglieder parlamentarischer Gremi-
en: im Gemeinde- und Stadtrat, im Landesparlament, im Bun-
destag sowie im EU-Parlament. In herausgehobenen Ämtern
Vielfältiges Hineinreichen in den dominieren Repräsentanten der Parteien: als Bürgermeister,
Staat Ministerpräsidenten oder Minister bzw. Senatoren in den Län-
dern und im Bund bis hin zum Amt des Bundeskanzlers bzw. der
Bundeskanzlerin. So hatte beispielsweise jeder Bundeskanzler
Die zentrale Stellung von politischen Parteien in der deut- (mit Ausnahme von Helmut Schmidt) genauso wie momentan
schen Parteiendemokratie wird deutlich beim Blick auf ihre die Bundeskanzlerin zumindest zeitweise auch das Amt des/
Rolle in den staatlichen Institutionen. Nach der (Mitglieder-) der Parteivorsitzenden inne und nutzte es als Absicherung bzw.
Organisation auf der gesellschaftlichen Ebene in Ortsvereinen Ressource seiner/ihrer Machtposition. Das Beispiel illustriert die
und Kreisverbänden (party on the ground), der strukturierten enge Verknüpfung von Partei und öffentlichen Ämtern.
(Binnen-)Einheit mit Präsidium, Geschäftsstellen und bewuss- In den Städten und Gemeinden, also auf der kommunalen
ter Außenwirkung beispielsweise in Wahlkämpfen (party in Ebene, agieren zumeist Parteienvertreter in den Gemeinde- und
central office) ist ihr Wirken in staatlichen Institutionen (party Stadträten bzw. als Bürgermeister, Landrat oder Dezernent in
in public office) das dritte Gesicht einer Partei. den Rathäusern. Hier erlangen jedoch auch nicht selten partei-
Sie entsendet Abgeordnete und/oder Regierungsvertreter in lose Kandidaten oder Wählervereinigungen Ämter und Manda-
staatliche Institutionen der Exekutive und Legislative. Durch te. Selbst in Großstädten kann es – wenn auch sehr selten – vor-
die (Aus-)Wahl der Bundesverfassungsrichter erstreckt sich kommen, dass der Bürgermeister keiner Partei angehört.

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Parteien in staatlichen Institutionen 53

Parteianhänger in den Ministerien


[…] Dass die Parteien an der „politischen Willensbildung des das in der Zeit, da die Politik ideologisch noch hoch aufgeladen
Volkes“ mitwirken, regelt das Grundgesetz im Artikel 21. Selbst- war, in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhun-
verständlich ragt diese Mitwirkung auch in das Regierungsge- derts, in Ausläufern auch noch in den Neunzigern. […]
schehen, in die Ministerien hinein. Nach jeder Bundestagswahl In jenen parteipolitisch aufgeladenen siebziger und achtziger
teilen die Parteien, die eine Regierung bilden, die Ministerien Jahren wurden die Betriebsgruppen wichtig. […] In manchen
unter sich auf. Ministerinnen und Minister pflegen Parteibü- Ministerien ist […] der Begriff Betriebsgruppe durch freundli-
cher zu haben. Im engsten Umfeld der Minister sind Vertraute chere Namen wie Freundeskreis abgelöst worden.
im Einsatz, die oft dasselbe Parteibuch haben wie dieser. Da, wo Obwohl es […] mit dem parteipolitischen Kampf weniger ge-
das nicht der Fall ist, muss der Ressortchef sich zumindest da- worden ist, […] haben die Betriebsgruppen neben der Organisati-
rauf verlassen können, dass die Leute aus seinem engsten Um- on von Treffen mit Gastrednern noch ihre Bedeutung. Ein erfah-
feld nicht das Spiel einer anderen Partei spielen. rener Ministerialbeamter nennt zum einen die Schutzfunktion.
Höchste Beamte wie die Staatssekretäre werden ebenfalls oft Gebe es einen Machtwechsel im Ministerium und drohe einem
nach politischen Kriterien ausgesucht, was freilich keinesfalls Beamten, der sich zu seiner Parteimitgliedschaft bekennt, eine
bedeutet, dass sie die fachlichen nicht erfüllen. Ein Minister Verschiebung im System, die seiner Laufbahn über Gebühr scha-
muss sicher sein, dass die obersten Beamten der Ministerial- den würde, so melde sich zuverlässig die Betriebsgruppe zu Wort.
hierarchie hinter den politischen Projekten stehen, welche die Eine zweite Funktion bestehe in der Bildung von Personalreser-
entsendende Partei sich auf die Fahnen geschrieben hat. Der ven. Wenn etwa eine Bundestagsfraktion Fachleute aus einem
Staatssekretär einer Arbeitsministerin, die nach Beschlusslage der Ministerien braucht, kann die Betriebsgruppe schnell Na-
ihrer Partei einen Mindestlohn durchsetzen soll, muss dieses men nennen von Mitarbeitern, die das richtige Parteibuch haben.
Projekt mittragen. Staatssekretäre sind sogenannte politische Nicht von ungefähr bemühen sich einige Betriebsgruppenvorsit-
Beamte, für die es sogar einen eigenen Paragraphen im Beam- zende um Positionen mit Personalzuständigkeit.
tengesetz gibt. Sie können – anders als weniger ranghohe Be- Die Parteizugehörigkeit spielt nach wie vor eine große Rol-
amte – ohne Nennung von Gründen jederzeit in den einstweili- le für die Werdegänge vieler Ministerialbeamten. Zum einen
gen Ruhestand versetzt werden. An der Spitze von Regierungen kann das im operativen Alltagsgeschäft der Fall sein. Ein lang-
ist also das Zusammenwirken von Beamtentum und Parteipoli- jähriger Beamter schildert einen Fall, in dem er innerhalb des
tik einigermaßen klar geregelt. Hauses Hilfe gebraucht habe. Er wandte sich an einen Kollegen,
Schwieriger wird es weiter unten in der Hierarchie. Auch hier von dem er sicher sein durfte, dass er ihm parteipolitisch nahe-
gibt es Regelungen im Bundesbeamtengesetz. So dürfen schon stand. Er bekam die gewünschte Hilfe. Wie sehr Parteibücher
bei der Auswahl der Bewerber für eine Beamtenlaufbahn nur eine Rolle spielen, zeigt sich regelmäßig, wenn neue Minister
„Eignung, Befähigung und fachliche Leistung“ eine Rolle spie- ein Haus übernehmen, vor allem wenn sie von einer anderen
len, nicht aber Geschlecht, Abstammung, Rasse oder ethnische Partei als der Vorgänger sind. Denn noch lauter als die Betriebs-
Herkunft, Behinderung, Religion, Herkunft, Beziehungen oder gruppen verschaffen sich häufig die Personalratsvorsitzenden
sexuelle Identität oder aber: politische Anschauungen. Beamte Gehör, wenn sie der Ansicht sind, dass der neue Minister Par-
in Bundesministerien dürfen solche Anschauungen auch durch teifreunde auf attraktive Posten setzt, denen die fachliche Qua-
eine Parteimitgliedschaft dokumentieren. Daraus darf ihnen kein lifikation fehlt, die vor allem aber langjährigen Mitarbeitern
Nachteil erwachsen. Das gehe, so schildert es ein erfahrener Ak- den Weg nach oben versperren. […]
teur des bundespolitischen Geschäfts, bis auf Bismarck zurück. […] Ausgebuffte Strategen des Machtspiels in Ministerien vertre-
Daher dürfen bis heute diejenigen, die nicht in die kleine ten die These, dass noch wirkungsvoller als eine Betriebsgruppe
Gruppe der politischen Beamten gehören, nur innerhalb ihrer keine Betriebsgruppe ist. So gibt es Beispiele dafür, dass Partei-
Hierarchieebenen versetzt werden. Ein Minister von der CDU en bewusst auf die Gründung eines solchen Zusammenschlus-
kann zwar dafür sorgen, dass ein missliebiger Unterabteilungs- ses verzichten. Der Grund: Gibt es eine solche Gruppe erst, so
leiter von der SPD auf einen Posten von minderem operativem ist jedes ihrer Mitglieder geoutet als Roter, Schwarzer, Grüner
Einfluss versetzt wird. Er kann ihm aber nicht aus politischen oder Gelber. Das erschwert Versuche, mit Parteifreunden Ziele
Gründen seine Lebensgrundlage oder auch nur seinen Rang im durchzusetzen, ohne dass es gleich jeder merkt.
ministerialen Gefüge nehmen.
Eckart Lohse, „Hauseigene Sympathisantenszene“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
Manche Beamte könnten sogar darauf hoffen, dass eine Par- vom 31. März 2014 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH,
teimitgliedschaft ihnen Vorteile einbringt. Mehr als heute galt Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Parteien in Regierungsverantwortung am deutlichsten als (stärkste) Regierungspartei. Denn in die-


ser Rolle kommt einer Partei am meisten Macht zu, um die In-
Oberhalb der kommunalen Ebene ist ein Parlamentsmandat teressen, Werte und Vorstellungen ihrer Mitglieder und Wäh-
bzw. Regierungsamt ohne Parteizugehörigkeit kaum oder lerschaft umsetzen zu können.
höchst selten zu erreichen – es herrscht quasi ein Parteienmo-
nopol. Voraussetzung für ein Parlamentsmandat oder Regie- Fraktionen
rungsamt ist also der Eintritt und die aktive Mitwirkung in ei- Parteien im Parlament bilden Fraktionen. Als Fraktionen gel-
ner Partei. Ein wichtiges Ziel von Parteien ist es, im Parlament ten im Bundestag und in den Landtagen freiwillige Zusam-
vertreten zu sein, um bei der konkreten Politikgestaltung in menschlüsse von Abgeordneten, welche in keinem Wettbe-
Kommune, Land und Bund mitwirken zu können. Die größten werb zueinander stehen (wie es beispielsweise bei CDU und
Gestaltungsmöglichkeiten bieten sich als Teil der Regierung, CSU der Fall ist) und gleiche oder ähnliche politische Vorstel-

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54 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

stützung und Durchsetzung der politischen Ziele der Regie-


rungsparteien, die diese zuvor in Wahlprogrammen propa-
giert haben. Die parlamentarische Mehrheitsunterstützung
ist auch notwendig für die Umsetzung der von den Regie-
rungsparteien nach Wahlen abgeschlossenen Koalitionsver-
einbarungen. Diese werden von den Vorsitzenden der Par-
teien unterzeichnet und von den Parteien getragen; für die
Umsetzung des Programms sind wesentlich die Parlaments-
fraktionen der Regierungsparteien verantwortlich.
In Deutschland hat sich ein enges Zusammenwirken von
Partei, Fraktion und Kabinett (Bundeskanzler und Fachmi-
nister) herausgebildet. Dies schließt auftretende Unstim-
migkeiten im Verhältnis der Akteure keineswegs aus. Eine
Regierung braucht aber, um erfolgreich handeln zu können,
die Unterstützung von Fraktion und außerparlamentarischer
Partei gleichermaßen. Erodiert die Zustimmung von Partei
und Fraktion zur Regierungspolitik, ist der Fortbestand der
Bundesregierung gefährdet. Insofern können Fraktionen als
„Resonanzboden des Zumutbaren“ (Winfried Steffani) be-
trachtet werden. Die beiden sozialdemokratischen Bundes-
kanzler Schmidt und Schröder mussten jeweils am Ende ihrer
lungen haben. Sie genießen einen besonderen Status, der Amtszeiten die Erfahrung machen, dass ihre Regierungspo-
durch zahlreiche parlamentarische Rechte und finanzielle litik teilweise von der eigenen Partei und Fraktion in Frage
Zuwendungen sichergestellt wird. Den Fraktionsstatus im gestellt wurde. Es fehlte ihnen der starke Rückhalt bzw. die
Bundestag und in den Landesparlamenten erhält eine Grup- bedingungslose Unterstützung.
pe von Abgeordneten, wenn sie mindestens fünf Prozent aller
Mitglieder des Parlaments umfasst. Im kleinsten Landespar- Koalitionsvertrag und Koalitionsbildung
lament Deutschlands, dem saarländischen Landtag, reichen Mit einer Ausnahme – im Jahr 1957 – war bislang eine Regie-
entsprechend zwei Abgeordnete. rungsbildung in Deutschland auf Bundesebene nur möglich,
Im Grundgesetz werden Fraktionen nur in Art. 53a Abs. 1 wenn sich mindestens zwei Parteien zu einer Regierungskoa-
Satz 2 GG ausdrücklich erwähnt. Sie sind die wichtigsten Ak- lition zusammenschlossen. Unter einer Regierungskoalition
teure der politischen Willensbildung im Parlament, wirken wird eine organisierte Kooperation von mindestens zwei mitei-
aber auch in das politische Geschehen außerhalb des Parla- nander im Wettbewerb stehenden Parteien verstanden, vorwie-
ments hinein. Der Bundestag gilt als ein Fraktionenparlament, gend innerhalb, aber auch außerhalb des Parlaments. Primäre
in dem Fraktionen zentrale Rechte haben, wie etwa das Recht Ziele sind die gemeinsame Regierungsbildung und -unterstüt-
zur Gesetzesinitiative, und zahlreiche Kontrollrechte. Frakti- zung sowie die Durchsetzung von politischen Inhalten. Deren
onen organisieren, strukturieren und koordinieren den par- zentrale Festlegungen werden in einem gemeinsamen Regie-
lamentarischen Alltag und prägen damit letztlich den Bun- rungsprogramm, dem sogenannten Koalitionsvertrag, verein-
destag. Sie setzen fest, welche Abgeordnete in Ausschüsse bart. Diese Kooperation auf Zeit – festgelegt für eine Wahl- bzw.
entsandt werden oder Reden im Plenum halten. Das Fraktio-
nenparlament ist Kern der Parteiendemokratie, in dem es dem
Prinzip politischer Repräsentation konkret Ausdruck verleiht
und es in legitimiertes staatliches Handeln überführt.
Im 18. Deutschen Bundestag gibt es vier Fraktionen: Die
CDU/CSU-Fraktion ist mit 310 Sitzen die stärkste Fraktion, ge-
folgt von der SPD-Fraktion mit 193 Sitzen, der Fraktion Die
Linke mit 64 Sitzen und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen
mit 63 Sitzen.
Im parlamentarischen System Deutschlands kommt den
Regierungsfraktionen und ihrem disziplinierten Abstim-
mungsverhalten eine besondere Bedeutung bei der Wahl
des Bundeskanzlers und in der Gesetzgebung zu. Regie-
rungsfraktionen sind an allen zentralen Entscheidungen
der jeweiligen Bundes- oder Landesregierung beteiligt; sie
müssen letztlich im Parlament ihre Zustimmung zu Ge-
setzen geben, denn ohne die Zustimmung in Parlamenten
kommen Gesetze nicht zustande. Für die Funktionsfähigkeit
der „Aktionseinheit“ (Winfried Steffani) von Regierung und
Parlamentsmehrheit ist es notwendig, Fraktionsdisziplin zu
gewährleisten, also ein einheitliches Abstimmen der Regie-
rungsfraktionen. Dies ist in Deutschland – wie in vielen an-
deren parlamentarischen Demokratien – auch weitgehend
gegeben. Die Fraktionsdisziplin erst ermöglicht die Unter-

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Parteien in staatlichen Institutionen 55

Parteiübergreifende Gesetzesinitiativen
[…] [K]aum ein Minister muss bei null anfangen, wenn er […] Matthias Engelsberger starb 2005. Inzwischen ist längst nicht
ein Gesetz umschreibt. Oder: umschreiben lässt. Die Vorarbeit mehr von Millionen, sondern von Milliarden die Rede. Die Re-
hat […] meist ein anderer gemacht. Einer, der die Idee für das form der Ökostrom-Förderung, die das Kabinett schon gebilligt
ursprüngliche Gesetz hatte oder sie umsetzen sollte, einer, der hat, sollte vor allem Kosten senken – allerdings kassierten die
gerechnet, gefeilscht, gekämpft hat, […]. […] Länderchefs einen Teil der Pläne. Beim Fördermodell von Dani-
els und Engelsberger wird es indes vorerst bleiben. […]
Heimliche Koalition für Ökostrom ...
Er rede ja eigentlich nicht mit den Grünen, soll Matthias En- … Zusammenarbeit für die Rentenreform
gelsberger gesagt haben, als man einmal zwei Stunden lang Andreas Storm […] saß 2005 in den Verhandlungen zur vorigen
gemeinsam auf dem Flughafen wartete, „aber Sie sind ja großen Koalition für die CDU als Rentenexperte am Verhand-
Physiker“. So erinnert sich Wolfgang Daniels an sein erstes lungstisch, zusammen mit seinem Gegenpart Franz Thönnes
Gespräch mit Matthias Engelsberger, Ingenieur von der CSU; von der SPD, der sich später auf Außenpolitik verlegte. Die bei-
1990 war das. Von ferne war man sich längst aufgefallen: Der den waren isoliert: Bis 2005 war die Rente im Gesundheitsmi-
CSU-Hinterbänkler, der stets die kritischen Fragen zur Wasser- nisterium angesiedelt. Erst in den Koalitionsverhandlungen
kraft an die schwarz-gelbe Regierung stellte; und der Grüne, wurde sie im Arbeitsressort einsortiert. Zuständig fühlte sich
der nachhakte, wenn die Antwort unbefriedigend ausfiel. niemand.
Ein Anliegen verband die beiden: Strom aus erneuerbaren Im Wahlkampf des Jahres [2004] waren alle Parteien bei ih-
Energien sollte ein Geschäftsmodell werden, mit garantierten ren Rentenplänen eher vage geblieben. Aber als das Wahler-
Preisen pro Kilowattstunde. Bis dahin mussten die Betreiber gebnis auf Schwarz-Rot stand, war schnell klar, wohin die Reise
etwa von Wasserkraftanlagen, unter ihnen Engelsberger, mit ging. „Der Arbeitsauftrag in den Koalitionsverhandlungen an
den Energieversorgern den Preis selbst aushandeln. Wegen Franz Thönnes und mich war: ‚Macht die Rente mit 67‘“, erzählt
deren Machtposition war dieser oft ein Schnäppchen für die Andreas Storm […]. Nur, wie eigentlich? „Ich dachte, da gibt es
einen, kaum kostendeckend für die anderen. „Matthias Engels- eine Blaupause, aber die Anhebung der Altersgrenze war unter
berger und ich haben dann auf einer Seite einen Entwurf für Rot-Grün ein Tabuthema, das Ministerium hatte nichts vor-
ein Gesetz geschrieben“, sagt Daniels. Seine Parteikollegen im bereitet“, sagt Storm. Er habe dann das Modell einer Enquête-
damals einzigen grün geführten Ministerium, dem hessischen Kommission mitgebracht, die sich schon im Jahr 2002 für die
Umweltministerium, hätten noch mal drüber geschaut, einige Rente mit 67 ausgesprochen hatte. Darüber wurde man sich
Korrekturen, fertig. schnell einig. So kam die Anhebung des Rentenalters in Tippel-
Damit Einzelne ein Gesetz einbringen können, müssen schritten, Monat für Monat, ins Gesetz.
mindestens fünf Prozent der Bundestagsabgeordneten es un- Aber was war mit denen, die lange hart gearbeitet haben?
terstützen, damals waren das 25. Also ließ das schwarz-grüne „Ich habe den Vorschlag eingebracht, dass man für Menschen,
Team das Papier […] herumgehen, unter anderem in der CDU/ die mit 65 schon 45 Jahre gearbeitet haben, auf die Anhebung
CSU-Fraktion, wo viele es für einen Fraktionsantrag hielten verzichtet“, sagt Storm. Die Beamten im Ministerium seien da-
und ungelesen unterschrieben. „Als das bekannt wurde, gab rüber nicht begeistert gewesen, so etwas passte schlecht ins
es einen ziemlichen Aufruhr", erzählt Wolfgang Daniels. Un- Rentenrecht. Aber in einer Sitzung der großen Runde griff Franz
terschriften wurden zurückgezogen, Engelsberger wurde zum Müntefering den Vorschlag auf […]; die Anhebung des Rentenal-
parlamentarischen Geschäftsführer seiner Fraktion zitiert. […] ters wäre der SPD-Basis sonst kaum zu verkaufen gewesen. Da-
Irgendwann war die Unionsfraktion […] einverstanden – mit war das auch geregelt; zur großen Überraschung von Storm
aber es sollte ein CDU/CSU-Antrag sein […]. Im Bundestag wur- und Thönnes, die sich erstaunt ansahen. „Der erste 45-Jah-
de das Stromeinspeisegesetz 1990 schließlich an einem Frei- re-Vorschlag, das war wirklich selbst gestrickt“, sagt Storm. Er
tagabend von müden Abgeordneten durchgewinkt, mit der wirkt noch heute ziemlich verblüfft darüber. Im Rentenpaket,
deutschen Einheit hatte man anderes im Kopf. Es ging ja auch über das derzeit der Bundestag berät*, findet sich das Konzept
um lächerliche Beträge, hieß es, ein paar Millionen nur, und ausgebaut wieder, schon mit 63 Jahren sollen langjährig Versi-
das bisschen Ökostrom werde das Energiesystem schon nicht cherte aufhören dürfen, und auch Arbeitslosenzeiten sollen zu
groß erschüttern. Was für ein Irrtum. Aus dem Stromeinspeise- den 45 Jahren zählen. Kritiker sehen das als fatalen Schritt weg
gesetz wurde im Jahr 2000 das Erneuerbare-Energien-Gesetz von der Rente mit 67. Vielleicht kommt also Storms eigene Idee
(EEG), und schließlich kam die Energiewende. seinem Werk noch in die Quere. […] [*Im Mai 2014 wurde das
Wolfgang Daniels war nur eine Legislaturperiode Bundes- Rentenpaket vom Bundestag verabschiedet – Anm. d. Red.]
tagsabgeordneter. […] Er glaubt noch ans EEG, trotz allem, Wolfgang Daniels, 62, ist promovierter Physiker. Von 1987 bis 1990 war er Bundestags-
weil es kleine Einzelanlagen ermöglicht – das Genossen- abgeordneter. Er ist Geschäftsführender Gesellschafter der Sachsenkraft GmbH und saß
von 2011 bis 2014 für die Grünen im Dresdner Stadtrat.
schafts-Windrad, die Solaranlage auf dem Dach. „Letztendlich
Andreas Storm (CDU), 49, saß von 1994 bis 2009 im Bundestag und war von 2005 bis 2011
geht es darum, ob die Bürger auch ein Stück vom Kuchen abbe- Staatssekretär. Von 2011 bis 2014 gehörte er der Regierung des Saarlands an.
kommen, nicht nur die großen Konzerne“, sagt er. Marlene Weiss / Johann Osel, „Die Gesetz-Geber“, in: Süddeutsche Zeitung vom 23. April 2014

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56 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Gesetzgebungsperiode (im Deutschen Bundestag 46–48 Mona- eigenen Partei bestellt ist. In diesem Kontext haben die Parteien
te) – kann jederzeit von den beteiligten Parteien aufgekündigt auch die Koalitionspräferenzen ihrer Wählerschaft zu beach-
werden. Dann muss innerhalb von 60 Tagen neu gewählt wer- ten, wollen sie diese nicht verprellen. Dies gilt insbesondere für
den. Das Erfordernis der parlamentarischen Mehrheitsbildung kleinere Parteien, die auf Zweitstimmen oder Koalitionsstim-
ist in Deutschland ein zentrales Motiv der Koalitionsbildung, da men in Folge des sogenannten Stimmensplittings setzen, nach
gemäß Grundgesetz der Bundeskanzler bzw. die Bundeskanz- dem Wähler mit ihrer Zweitstimme Koalitionspräferenzen zum
lerin vom Bundestag in den ersten beiden Wahlgängen mit Ausdruck bringen. Denn eine fehlende Koalitionsaussage ist für
absoluter Mehrheit gewählt werden muss. Es gehört zu den kleine Parteien, die nicht primär die Oppositionsrolle anstreben,
Funktionslogiken parlamentarischer Regierungssysteme, dass nach empirischen Erkenntnissen nicht von Vorteil und wird
die Parlamentsmehrheit und die Regierung eine politische Ak- von der Wählerschaft nicht belohnt.
tionseinheit bilden. Die Regierung ist abhängig von der Mehr- Um eine Regierung zu bilden und ihren Bestand zu sichern,
heit im Parlament, welche wiederum die Regierung nicht nur muss in Regierungskoalitionen der zwischenparteiliche Wett-
stützt, sondern aktiv unterstützt. bewerb reduziert werden. Kooperative Verhaltensmuster ergän-
Auch die Koalitionsbildung erfolgt im Rahmen des Parteien- zen somit in Regierungskoalitionen das Wettbewerbsverhalten.
wettbewerbs. In einer strategischen Situation wie der Koaliti- Dabei erweist es sich als vorteilhaft, wenn die Koalitionspart-
onsbildung, die in erheblichem Maße durch Unsicherheiten ner sich in zentralen Politikbereichen programmatisch-inhalt-
gekennzeichnet ist, müssen die unmittelbaren Konsequenzen lich nahe stehen. Noch günstiger ist es, wenn eine Partei in
und mittel- bis langfristigen Folgen einer zwischenparteilichen die Regierungskoalition integriert wird, die in den für die Re-
Kooperation im Hinblick auf die eigene Wettbewerbssituation gierungspolitik zentralen bzw. entscheidenden Politikfeldern
kalkuliert werden (siehe Grafik S. 54). Erfahrungen aus frühe- eine gegenüber allen im Wettbewerb stehenden Parteien ver-
ren Koalitionen fließen in die Entscheidung ebenso mit ein wie mittelnde Position einnehmen kann. Denn so wird die Kompro-
das erwartete Verhalten potenzieller Koalitionspartner und missfindung nach innen und außen stabilisiert. Das heißt also,
mögliche Auswirkungen einer Koalitionsbildung auf die Wäh- dass in Parlamenten diejenige Partei einen erheblichen Vorteil
lerschaft. Es wird geprüft, inwieweit die anderen Parteien koa- hat, die in einzelnen Politikfeldern inhaltlich in der Nähe einer
litionsfähig sind und wie es um die Koalitionsbereitschaft der mittleren Position steht (Medianansatz).

Koalitionsausschuss
Im politischen Alltagsgeschäft kommen die Regierungspartei-
picture-alliance / dpa / Kay Nietfeld

en, ihre Fraktionen und die Mitglieder des Kabinetts häufig zu


Entscheidungen zusammen, planen und koordinieren die we-
sentlichen Grundzüge der Regierungspolitik. Gibt es zwischen
den Regierungsparteien in Koalitionen strittige Fragen, wird
zur Klärung ein besonderes Gremium, der Koalitionsausschuss,
einberufen: In ihm sind Parteispitzen, Fraktionsvorsitzende und
führende Minister bzw. der Regierungschef / die Regierungs-
chefin vertreten. Der Koalitionsausschuss gilt als ein zentrales
informelles Machtzentrum der Politik in Deutschland, weil die
Koalitionsparteien in diesem Gremium wesentliche Themen der
Regierungspolitik diskutieren und zwischen den Koalitionspar-
teien politische Lösungen und Entscheidungen finden können.
Die genannten Faktoren bilden in unterschiedlichem Maße
den Rahmen für Koalitionsentscheidungen. Sie beeinflussen
und begrenzen die koalitionspolitischen Aktivitäten der Spit-
Im Koalitionsvertrag fixieren Parteien ihr gemeinsames Regierungsprogramm. Die
Bundesvorsitzenden Angela Merkel (CDU), Horst Seehofer (CSU, re.) und Sigmar Ga- zenakteure in den Parteien, wobei auch deren Präferenzen Ein-
briel (SPD, li.) bei der Unterzeichnung am 27. November 2013 fluss haben.

Einflüsse des Wahlsystems


Burkhard Mohr / Baaske Cartoons

Koalitionsbildungen werden im politischen System Deutsch-


lands vom Wahlsystem begünstigt, denn dieses ist bei Bun-
destagswahlen als personalisierte Verhältniswahl mit Sperr-
klausel (Fünfprozenthürde) ausgestaltet. Befürworter von
Verhältniswahlen möchten im Parlament möglichst viele
Werte, Meinungen und Interessen entsprechend ihrer Stärke
in der Bevölkerung repräsentiert sehen. Angestrebt wird daher
eine möglichst hohe Proportionalität von Stimmenanteil bei
Wahlen und anschließendem Mandatsanteil im Parlament.
Um eine Zersplitterung des Parlaments zu vermeiden, wird
eine Sperrklausel als mehrheitsbildendes Element hinzuge-
fügt. Im deutschen Wahlrecht ist dies die Fünfprozenthürde,
nach der nur jene Parteien in den Bundestag einziehen, die
mindestens fünf Prozent der abgegebenen Zweitstimmen
erhalten haben. Die einzige Ausnahme stellt die Direktman-
datsklausel dar. Danach zieht eine Partei, welche aufgrund

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Parteien in staatlichen Institutionen 57

der Erststimme in den Wahlkreisen mindestens drei Direkt- schen Union (EU) und auch nicht bei Kommunalwahlen. Für
mandate gewinnt, proportional entsprechend des Zweitstim- EU-Wahlen hat das Bundesverfassungsgericht mit dem Ver-
menanteils in den Bundestag ein. weis auf Grundsätze der Wahlrechtsgleichheit der Bürgerinnen
Dies verweist auf eine Besonderheit des deutschen Wahl- und Bürger und der Chancengleichheit der Parteien im Februar
rechts: Bei Bundestagswahlen hat jeder Wähler bzw. jede Wäh- 2014 selbst eine Dreiprozenthürde für verfassungswidrig er-
lerin zwei Stimmen. Mit der Erststimme wird ein Wahlkreiskan- klärt. Damit wurde die Wahl zum EU-Parlament 2014 erstmals
didat gewählt, mit der Zweitstimme die Landesliste einer Partei. in Deutschland ohne jegliche Sperrklausel durchgeführt.
Entscheidend für die Zusammensetzung des Bundestages ist –
abgesehen von der Direktmandatsklausel – aber mittlerweile
ausschließlich die Zweitstimme, da nach der Wahlrechtsreform
von 2013 sämtliche Überhangmandate vollständig ausgegli- Parteien in der Opposition
chen werden. Überhangmandate können entstehen, wenn eine
Partei in einem Bundesland mehr Direktmandate gewinnt, als Oppositionsfraktionen üben hauptsächlich Kontrolle und
ihr nach dem Zweitstimmenanteil in diesem Bundesland zu- Kritik gegenüber der Regierung aus und stellen im Parteien-
stehen. Diese werden dann für alle Parteien in Zusatzmandate wettbewerb eine Alternative zu den Regierungsparteien dar.
umgewandelt. Die Fünfprozenthürde gilt ebenso bei Landtags- Grundlegend zu unterscheiden ist eine fundamentale Oppo-
wahlen, nicht jedoch bei Wahlen zum Parlament der Europäi- sition, welche Grundprinzipien der Verfassung in Frage stellt,

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


58 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

von einer systemloyalen. In Deutschland ist bislang im Par- Die Parteienfinanzierung


lament von einer weit überwiegend systemloyalen Opposi-
tion auszugehen. Ihre Aufgabe ist es, das Regierungshandeln Die staatliche Finanzierung der Parteien gründet auf ihrem pri-
zu kontrollieren, und zwar nicht nur im Nachhinein, sondern vilegierten Verfassungsrang und ihrer herausgehobenen Bedeu-
schon während des Entscheidungsprozesses, um gegebenen- tung für den politischen Willensbildungsprozess in der Demo-
falls mitgestalten zu können und zumindest die Regierungs- kratie. Schließlich übernehmen Parteien vielfältige Aufgaben
mehrheit zu Reaktionen zu zwingen. Gleichzeitig hat die Op- für deren Funktionsfähigkeit und müssen dafür eine Organisati-
position kritische Punkte der Regierungsarbeit aufzuzeigen on sowie politische Infrastruktur bereitstellen, die Kosten verur-
und Alternativen dazu anzubieten. Sie kann wählen zwischen sachen. Daher wurde 1959 in der Bundesrepublik erstmals eine
Formen der kooperativen und der kompetitiven (wettbewerbs- staatliche Parteienfinanzierung eingeführt. Die im Bundestag
orientierten) Opposition: Bei kooperativer Opposition bietet vertretenen Parteien erhielten zunächst jährliche Finanzmittel
sie zumindest zeitweise der Regierung eine konstruktive Zu- zur Erfüllung ihrer Aufgaben. Nachdem das Bundesverfassungs-
sammenarbeit an, ohne auf Kontrolle und Kritik vollständig gericht diese Regelung 1966 für verfassungswidrig erklärt hatte,
zu verzichten. Kompetitive Formen der Opposition dominie- trat ein Jahr darauf eine Wahlkampfkostenpauschale an ihre
ren, wenn der Wettbewerb betont wird und Kritik sowie Al- Stelle. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus
ternativen öffentlichkeitswirksam in den Vordergrund gestellt dem Jahr 1992 wurde diese wiederum abgelöst durch eine seit
werden. Diese Alternativen können sowohl Personen wie in- dem Jahr 1994 gültige allgemeine staatliche Teilfinanzierung
haltliche Aspekte der Politik einschließen. Die Strategie der der Parteien, die jedes Jahr neu berechnet wird.
Opposition kann auch Mischformen bilden und in einzelnen Zahlreiche wichtige Entscheidungen des Bundesverfassungs-
Politikfeldern kooperative, in anderen kompetitive Formen gerichts haben stets auf drei Prinzipen der Parteienfinanzie-
annehmen. Die Wahl der Strategie ist abhängig von der Inten- rung verwiesen:
sität des Parteienwettbewerbs und den strategischen Zielen ¬ Die Chancengleichheit der Parteien sollte gewährleistet sein.
der Partei, aber auch von der Polarisierung der Parteien in ein- ¬ Die Chancengleichheit der Bürgerinnen und Bürger in Be-
zelnen Politikfeldern bzw. deren Bedeutung für die Identität zug auf ihre politische Teilnahme sollte ebenso gewährleis-
einer Partei. tet sein.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Parteien in staatlichen Institutionen 59

Parteiengesetz
§ 18 Grundsätze und Umfang der staatlichen Finanzierung 3. 0,45 Euro für jeden Euro, den sie als Zuwendung (eingezahl-
(1) Die Parteien erhalten Mittel als Teilfinanzierung der all- ter Mitglieds- oder Mandatsträgerbeitrag oder rechtmäßig
gemein ihnen nach dem Grundgesetz obliegenden Tätigkeit. erlangte Spende) erhalten haben; dabei werden nur Zuwen-
Maßstäbe für die Verteilung der staatlichen Mittel bilden der dungen bis zu 3300 Euro je natürliche Person berücksichtigt.
Erfolg, den eine Partei bei den Wählern bei Europa-, Bundestags-
und Landtagswahlen erzielt, die Summe ihrer Mitglieds- und Die Parteien erhalten abweichend von den Nummern 1 und 2
Mandatsträgerbeiträge sowie der Umfang der von ihr einge- für die von ihnen jeweils erzielten bis zu vier Millionen gültigen
worbenen Spenden. Stimmen 1 Euro je Stimme. Die Beiträge erhöhen sich ab dem
(2) Das jährliche Gesamtvolumen staatlicher Mittel, das allen Jahr 2017 entsprechend Absatz 2 Satz 2 bis 5.
Parteien höchstens ausgezahlt werden darf, beträgt für das Jahr (4) Anspruch auf staatliche Mittel gemäß Absatz 3 Nr. 1 und 3
2011 141,9 Millionen Euro und für das Jahr 2012 150,8 Millionen haben Parteien, die nach dem endgültigen Wahlergebnis der
Euro (absolute Obergrenze). Die absolute Obergrenze erhöht jeweils letzten Europa- oder Bundestagswahl mindestens 0,5
sich jährlich, jedoch erstmals für das Jahr 2013, um den Pro- vom Hundert oder einer Landtagswahl 1,0 vom Hundert der
zentsatz, abgerundet auf ein Zehntel Prozent, um den sich der für die Listen abgegebenen gültigen Stimmen erreicht haben;
Preisindex der für eine Partei typischen Ausgaben im dem An- für Zahlungen nach Absatz 3 Satz 1 Nr. 1 und Satz 2 muss die
spruchsjahr vorangegangenen Jahr erhöht hat. Grundlage des Partei diese Voraussetzungen bei der jeweiligen Wahl erfüllen.
Preisindexes ist zu einem Wägungsanteil von 70 Prozent der Anspruch auf die staatlichen Mittel gemäß Absatz 3 Nr. 2 haben
allgemeine Verbraucherpreisindex und von 30 Prozent der In- Parteien, die nach dem endgültigen Wahlergebnis 10 vom Hun-
dex der tariflichen Monatsgehälter der Arbeiter und Angestell- dert der in einem Wahl- oder Stimmkreis abgegebenen gülti-
ten bei Gebietskörperschaften. Der Präsident des Statistischen gen Stimmen erreicht haben. Die Sätze 1 und 2 gelten nicht für
Bundesamtes legt dem Deutschen Bundestag hierzu bis spätes- Parteien nationaler Minderheiten.
tens 30. April jedes Jahres einen Bericht über die Entwicklung (5) Die Höhe der staatlichen Teilfinanzierung darf bei einer Par-
des Preisindexes bezogen auf das vorangegangene Jahr vor. Der tei die Summe der Einnahmen nach § 24 Abs. 4 Nr. 1 bis 7 nicht
Bundestagspräsident veröffentlicht bis spätestens 31. Mai jedes überschreiten (relative Obergrenze). Die Summe der Finanzie-
Jahres die sich aus der Steigerung ergebende Summe der abso- rung aller Parteien darf die absolute Obergrenze nicht über-
luten Obergrenze, abgerundet auf volle Eurobeträge, als Bun- schreiten.
destagsdrucksache. (6) Der Bundespräsident kann eine Kommission unabhängiger
(3) Die Parteien erhalten jährlich im Rahmen der staatlichen Sachverständiger zu Fragen der Parteienfinanzierung berufen.
Teilfinanzierung (7) Löst sich eine Partei auf oder wird sie verboten, scheidet sie
1. 0,83 Euro für jede für ihre jeweilige Liste abgegebene gültige ab dem Zeitpunkt der Auflösung aus der staatlichen Teilfinan-
Stimme oder zierung aus.
2. 0,83 Euro für jede für sie in einem Wahl- oder Stimmkreis ab-
gegebene gültige Stimme, wenn in einem Land eine Liste für www.gesetze-im-internet.de/partg/_18.html sowie http://dipbt.bundestag.de/dip21/
diese Partei nicht zugelassen war, und btd/18/068/1806879.pdf

¬ Das Prinzip innerparteilicher Demokratie muss auch bei Re- angehoben. Das jährliche Gesamtvolumen staatlicher Mittel
gelungen zur Parteienfinanzierung beachtet werden. wurde für 2011 auf 141,9 Millionen Euro und für 2012 auf 150,8
Millionen Euro festgelegt. Ab 2013 erhöht sich die absolute
Daraus haben sich drei wesentliche Quellen der Finanzierung Obergrenze im Rahmen der in Paragraf 18 Abs. 2 PartG vorge-
von Parteien entwickelt: gebenen Dynamisierung.
¬ selbst erwirtschaftete Finanzmittel (aus Mitgliedsbeiträgen Einen wesentlichen Beitrag zu den Parteifinanzen leisten
oder unternehmerischer Tätigkeit; wobei Mitgliedsbeiträge weiterhin Parteimitglieder. So finanzieren sich die Parteien
real den Löwenanteil stellen), nach eigener Auskunft durch die Rechenschaftsberichte zu ei-
¬ Spenden, nem großen Teil aus Mitgliedsbeiträgen, bei der CDU zu 25,6
¬ staatliche Unterstützung. Prozent (2013), bei der SPD zu 30,1 Prozent und bei der Linken
gar zu 33,2 Prozent.
Für die staatliche Parteienfinanzierung hat das Bundes- Wesentlich ist hierbei auch die relative Obergrenze, nach der
verfassungsgericht sowohl eine relative wie eine absolute die staatliche Parteienfinanzierung die Summe der jährlich
Obergrenze festgelegt. Die relative Obergrenze besagt, dass selbst erwirtschafteten Einnahmen einer Partei nicht über-
wenigstens die Hälfte der Einnahmen einer Partei nicht- schreiten darf (§ 18 (5) PartG). Die Mitgliedsbeiträge und die
staatlich, also von dieser selbst erwirtschaftet sein muss. Da- Spenden an die Parteien sind also auch bei der Vergabe staat-
mit soll der vom Grundgesetz vorausgesetzten Staatsfreiheit licher Mittel ein gewichtiger Berechnungsfaktor. In der Partei-
der Parteien Rechnung getragen werden, indem nicht nur enforschung ist die Rolle der Mitgliedsbeiträge aber umstritten:
ihre Unabhängigkeit vom Staat sichergestellt wird, sondern So verweisen nicht wenige Forscher auf die Möglichkeiten der
auch, dass die Parteien sich ihren Charakter als frei gebildete, Parteien, andere, vor allem staatliche Finanzierungsquellen zu
im gesellschaftlich-politischen Bereich wurzelnde Gruppen erschließen und Fraktionsgelder zur „Querfinanzierung“ zu
bewahren. Die absolute Obergrenze war ab dem Jahr 2002 nutzen. Auch stellt sich die Frage, wie hoch die tatsächlichen,
auf 133 Millionen Euro festgesetzt worden. Mit dem 10. Än- durch ein Parteimitglied verursachten Verwaltungskosten sind.
derungsgesetz zum Parteiengesetz wurde diese Obergrenze Zu diesen Verwaltungskosten gehört zum Beispiel, dass Partei-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


60 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

mitgliedern in der Regel eine periodisch erscheinende Mitglie-


derzeitung, E-Mails und Briefe zugestellt werden.
Umstritten im Zusammenhang der Parteienfinanzierung sind
auch die sogenannten Mandatsträgerbeiträge. Das sind Mittel,
welche von Abgeordneten und anderen Mandatsträgern in Par-
lamenten sowie von Vertretern der Exekutive (Bürgermeister,
Landräte, Senatoren, Minister) auf allen Ebenen regelmäßig an
ihre jeweilige Partei abgeführt werden. Sie gehen deutlich über
den Mitgliedsbeitrag hinaus und gelten als Gegenleistung für
geldwerte Leistungen der Parteien und Fraktionen. Da Kandidie-
rende im Namen einer Partei antreten und dieser ihre Nominie-
rung zu verdanken haben, zeigen sie sich, wenn sie ein Mandat
errungen haben, mit einer finanziellen Abgabe erkenntlich. Die-
se Abgaben machen einen nicht unerheblichen Teil der Einnah-
men von Parteien aus, sind aber umstritten, weil sie zwar frei-
willig, aber doch unter einem gewissen Druck erfolgen.
In der Öffentlichkeit ist Parteienfinanzierung ein Reizthema,
obwohl die Notwendigkeit einer staatlichen Politikfinanzie-
rung von kaum jemandem bestritten wird. Eine Parteiende-
mokratie darf und muss finanzielle Mittel erhalten, um leis-
tungsfähig zu bleiben. Jedoch werfen kritische Stimmen den
Parteien gelegentlich eine Mentalität der Selbstbedienung aus
der Staatskasse vor. Gewarnt wird vor der Gefahr einer Über-
versorgung, weil die im Parlament etablierten Parteien durch
die Gesetzgebung selbst über die Höhe und Verwendung der
Mittel entscheiden und somit die öffentlichen Haushalte un-
nötig stark belasten könnten.
Diese Missbrauchsgefahren und eine Reihe emotional auf-
geladener Skandale im Bereich der Politikfinanzierung, die im
Laufe der vergangenen Jahrzehnte auftraten, zeigen wie brisant
die Parteienfinanzierung ist. Insbesondere Großspenden von
Unternehmen oder Interessenorganisationen an Parteien stan-
den immer wieder im Blickpunkt der Kritik, selbst wenn die Re-
gelung eingeführt wurde, dass Spenden über 50 000 Euro dem
Bundestagspräsidenten unverzüglich anzuzeigen und zu veröf-
fentlichen sind. Als weniger problematisch gelten Kleinspen-
den oder sogenannte geldwerte Sach- und Dienstleistungen.
Diese sind jedoch ebenfalls anzeigepflichtig. Wenn beispiels-
weise eine Bäckerei kostenlos Brote oder eine Getränkefirma

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Parteien in staatlichen Institutionen 61

kostenlos Mineralwasser für das Sommerfest einer Partei zur nete und jeden Abgeordneten einer Fraktion. Derzeit liegt die
Verfügung stellt, so muss dies als Spende im Rechenschaftsbe- monatliche Grundpauschale pro Fraktion im Bundestag bei
richt der Partei festgehalten werden. 371 258 Euro, die monatliche Pauschale pro Abgeordnetem einer
Nach Artikel 21 GG müssen politische Parteien über die Fraktion bei 7751 Euro. Die Zuwendungen an die Bundestags-
Herkunft ihrer Mittel öffentlich Rechenschaft ablegen. Ihre und Landtagsfraktionen übersteigen insgesamt deutlich die
jährlichen Rechenschaftsberichte werden dem Bundestags- der direkten Parteienfinanzierung und liegen in der Summe
präsidenten zugeleitet, welcher diese prüft und bei falschen jährlich bei mehr als 180 Millionen Euro. Mit dem Geld werden
oder fehlerhaften Angaben Sanktionen verhängen kann. Der überwiegend die Mitarbeiter in den Fraktionsverwaltungen
Rechenschaftsbericht ist in der Regel von einer unabhängigen bezahlt, aber auch beispielsweise Öffentlichkeitsarbeit, wis-
Stelle zu prüfen (Wirtschaftsprüfer, Wirtschaftsprüfungsgesell- senschaftliche Studien oder Veranstaltungen. Diese Fraktions-
schaft, ausnahmsweise auch Buchprüfer bzw. Buchprüfungs- gelder dürfen nicht für die außerparlamentarische Parteiorga-
gesellschaft) und mit dem entsprechenden Prüfungsvermerk nisation verwendet werden.
beim Präsidenten des Deutschen Bundestages einzureichen, Zur indirekten Parteienfinanzierung zählen manche auch die
der ihn als Bundestagsdrucksache veröffentlicht. Anspruch Gelder an die sogenannten parteinahen Stiftungen wie die
auf staatliche Teilfinanzierung haben gemäß § 18 Abs. 4 PartG Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU), die Friedrich-Ebert-Stiftung
grundsätzlich diejenigen Parteien, die nach dem endgültigen
Ergebnis der jeweils letzten Wahl zum Europäischen Parlament
oder zum Deutschen Bundestag mindestens 0,5 Prozent oder
bei einer der jeweils letzten Landtagswahlen 1 Prozent der ab-
gegebenen gültigen Stimmen für ihre Listen erreicht haben.
Spenden sind grundsätzlich erlaubt und bis zu einer Höhe von
3300 Euro je natürlicher Person steuerlich absetzbar, unterlie-
gen jedoch, wie oben gesagt, oberhalb von 50 000 Euro der An-
zeigepflicht und sind öffentlich einsehbar.
Neben der direkten Parteienfinanzierung existieren noch
Formen der Finanzierung, die gern als „indirekte Parteienfi-
Thomas Plaßmann / Baaske Cartoons

nanzierung“ bezeichnet werden. Darunter fallen wesentlich


die Mittel für die Parlamentsfraktionen der Parteien, die sämt-
lich aus den Haushalten der Parlamente in Bund und Ländern
kommen, also unabhängig von der direkten staatlichen Partei-
enfinanzierung sind und weniger der öffentlichen Kontrolle
unterliegen. Zu unterscheiden ist zwischen einem Grundbe-
trag für jede Fraktion und einer Pauschale für jede Abgeord-

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62 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

(SPD), die Hanns-Seidel-Stiftung (CSU), die Heinrich-Böll-Stif- treibt, von der Politik lebt, das heißt ein Einkommen bezieht,
tung (Bündnis 90/Die Grünen), die Friedrich-Naumann-Stiftung gesellschaftliche Reputation erwirbt und im Gegenzug nicht
(FDP) oder die Rosa-Luxemburg-Stiftung (Die Linke). Die partei- geringe Anforderungen im Hinblick auf Zeit für den Beruf
nahen Stiftungen engagieren sich in der politischen Bildungsar- und politisches Engagement erfüllen muss. Eine moderne De-
beit, in der Begabtenförderung und in der sozialwissenschaftli- mokratie mit ihren gestiegenen Anforderungen an die Politik
chen Forschung. Sie stellen (Partei-)Archive bereit, unterhalten und der Ausdifferenzierung sehr unterschiedlicher Politik-
Büros weltweit und leisten wirtschaftliche und humanitäre felder kommt ohne Berufspolitiker und -politikerinnen nicht
Unterstützung in anderen Staaten sowie Politikberatung. Die mehr aus. Generalisten, die aufgrund ihrer Expertise und po-
einzelnen Stiftungen arbeiten zwar in vielen Bereichen mit ihrer litischen Erfahrung unterschiedliche Politikbereiche kennen,
„Mutterpartei“ eng zusammen, sind jedoch formal unabhängig und Spezialisten, die sich in ein Politikfeld intensiv eingear-
und nicht jedes Handeln der Stiftung ist mit der „Mutterpartei“ beitet haben, ergänzen sich bei der Aufgabenbewältigung.
abgestimmt oder im Einklang. Die den Stiftungen gewährten Die in vielen Bereichen zu beobachtenden gesellschaftlichen
Zuschüsse aus Bundesmitteln sind beträchtlich. Im Jahr 2014 lag Tendenzen zur Ausdifferenzierung sind auch in der Politik stär-
die Gesamtsumme mit 491 Millionen Euro deutlich über der ab- ker geworden, sodass in zunehmendem Maße hauptamtliche
soluten Obergrenze der direkten Parteienfinanzierung. Die Stif- Politik direkt nach einem Studium als eigener Berufsweg einge-
tungen beziehen ihr Geld aus den vier Ministerien Wirtschaftli- schlagen wird. Diese Tendenzen erfordern gleichzeitig klare in-
che Zusammenarbeit und Entwicklung, Inneres, Bildung sowie stitutionelle Regelungen für die Berufspolitik, wie etwa finanzi-
Auswärtiges Amt. Am meisten bekommen die Stiftungen aus elle Entschädigungen bei Amtsverlust oder Bestimmungen für
dem Etat des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusam- den Wechsel in einen anderen beruflichen Bereich.
menarbeit und Entwicklung (BMZ) (2014: 266,06 Millionen Euro). Da die Parteien insgesamt einen deutlichen Mitglieder-
rückgang zu verzeichnen haben, kommt den Personen, die
hauptamtlich Politik betreiben, auch auf der kommunalen
Ebene eine wachsende Bedeutung zu; viele von ihnen beklei-
Politik als Beruf den entsprechend kommunale Partei- oder Wahlämter, nicht
selten auch mehrere nebeneinander. Daneben übernehmen
Egal, ob es sich um Abgeordnete der Fraktionen in den Landta- sie für die Funktionsfähigkeit der Organisation tragende Rol-
gen, im EU-Parlament und im Bundestag handelt, um Mitglie- len und halten die alltäglichen Geschäfte zusammen mit den
der der Regierungen in Bund und Ländern, um Bürgermeister Angestellten in den Geschäftsstellen auf dem Laufenden.
in Großstädten oder um Landräte – sie alle sind fast ausschließ-
lich Berufspolitiker. Nur in den Stadtstaaten Berlin, Bremen
und Hamburg sind in den jeweiligen Landesparlamenten noch
vereinzelt Nicht-Berufspolitiker anzutreffen. In den allermeis-
ten Fällen sind diese Personen zunächst innerhalb der Partei
in wichtige Ämter auf kommunaler und regionaler Ebene ge-
langt, bevor sie außerparteiliche Ämter und Mandate erreich-
ten. Noch immer ist das kommunalpolitische Engagement die
Grundlage für den Aufstieg in öffentliche Ämter und Mandate.
Die wachsende Komplexität der Probleme, die stärkere Aus-
differenzierung gesellschaftlicher Teilsysteme und die gestie-
genen Kompetenzanforderungen haben eine fortwährende
Professionalisierung der Politik notwendig gemacht. Sie hat
in den zurückliegenden Jahrzehnten eine Führungsgruppe
in den Parteien und Fraktionen (einschließlich ihrer Mitar-
beiterstäbe) hervorgebracht, die hauptamtlich Politik be-

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


63

UWE JUN

Aktuelle Herausforderungen
In den postindustriellen Gesellschaften hat sich in den durchdringen, ist ebenso wie ihre gesellschaftliche Relevanz
vergangenen Jahren ein Wertewandel vollzogen, der auch in repräsentativen Demokratien gesunken.
die Bindung an die Parteien gelockert hat. Diese sehen Zur gesellschaftlichen Erosion der etablierten Parteien hat
sich komplexen gesellschaftlichen und politischen Heraus- ein sogenannter Wertewandel in postindustriellen Gesell-
forderungen gegenüber. Obwohl das Vertrauen den Parteien schaften ebenso beigetragen wie die kontinuierliche Höher-
gegenüber gesunken ist, konnten sie ihre zentrale Stellung qualifizierung der Gesellschaft. Parallel zum Prozess der In-
institutionell aufrechterhalten. dividualisierung ist der Anteil der Absolventen mit höherem
formalem Bildungsabschluss erheblich gestiegen („kognitive
Mobilisierung“). Verbunden damit hat auch die Wählerschaft
Vielfalt gesellschaftlicher Werte, Inte- insgesamt ihre Ansprüche gegenüber den politischen Partei-
ressen und Problemlagen en gesteigert, ist weniger auf Kommunikationsleistungen und
Deutungsangebote der Parteien angewiesen oder hat sich von
diesen emanzipiert.
Die traditionellen Konfliktlinien haben in den letzten 50 Jah- In den postindustriellen Gesellschaften Westeuropas hat
ren an Bedeutung verloren und sind nicht vollständig durch sich eine bunte Vielfalt von Wertegemeinschaften herausge-
neue ersetzt worden. Die gesellschaftliche Anbindung von po- bildet, die unterschiedliche Mentalitäten, Einstellungen, Le-
litischen Parteien hat sich infolgedessen erheblich gelockert bensformen und Orientierungen aufweisen. Die Herstellung
und das Ausmaß, in dem politische Parteien die Gesellschaft eines allgemein akzeptierten gesellschaftlichen Wertekonsenses

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64 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

ist damit schwieriger geworden. Postmaterialistische Werte Zeitraum von 55 auf 32 Prozent. Das Verhältnis von Stamm- und
wie Selbstentfaltung oder die Bevorzugung nachhaltiger öko- Wechselwählern hat sich also zugunsten der Wechselwähler ge-
logischer Lebensformen haben an Bedeutung gewonnen. Ma- ändert. Einer Umfrage der Konrad Adenauer-Stiftung aus dem
terialistische Werte, aber auch traditionell-autoritäre Werte Jahr 2013 zufolge haben 30 Prozent der Wahlberechtigten eine
wie hierarchische Ordnungsvorstellungen, Paternalismus, die Bindung zu den Unionsparteien und 20 Prozent zur SPD. Mit den
Akzeptanz konservativ-religiöser Moralvorstellungen und die Bündnisgrünen identifizieren sich 7, mit der Linken 4 und mit der
Bevorzugung konformistischer Lebensstile haben dagegen an FDP 2 Prozent. Jüngere Wähler haben der Umfrage zufolge selte-
Bedeutung verloren. An ihre Stelle tritt bei einzelnen sozialen ner eine langfristige Bindung an eine Partei: In der Altersgruppe
Gruppen eine bewusste Hinwendung zu libertären Werten der 18- bis 29-Jährigen sind es 40 Prozent, in der Altersgruppe
wie Emanzipation, höhere Lebensqualität durch Freizeitakti- der über 60-Jährigen 17 Prozent, die keinerlei Parteibindung
vitäten, Toleranz gegenüber Minderheiten oder Bevorzugung angeben. Eine Parteiidentifikation wirkt übrigens tendenziell
nonkonformistischer Lebensstile. wie eine gefärbte Brille: Die Parteiidentifikation beeinflusst die
Wahrnehmung der einzelnen Parteien maßgeblich zugunsten
Rückgang der Parteibindung der präferierten und zuungunsten der anderen Parteien.
Folge dieser Wandlungsprozesse ist eine deutlich spürbare Ab- Da die Präferenzen der Wählerschaft vielfältiger geworden
nahme der Zahl parteigebundener Wählerinnen und Wähler. sind und weniger aus sozialen Verankerungen hervorgehen
Nicht nur die einstmals vorhandene relative Geschlossenheit und gleichzeitig die Komplexität und Vielfältigkeit gesell-
soziostruktureller und -kultureller Gruppen ist einer Diffusion schaftlicher und politischer Probleme spürbar angewachsen
gewichen. Auch die Loyalität der weiterhin vorhandenen Kern- sind, fällt es Parteien, die aus sich heraus möglichst viele Wäh-
milieus gegenüber ihnen nahestehenden politischen Parteien lerinnen und Wähler erreichen wollen, immer schwerer, zu-
ist eingeschränkter vorhanden. Zwar neigen aktive Gewerk- sammenhängende Programmangebote zu erstellen.
schafter nach wie vor zur Wahl von sozialistischen oder sozial-
demokratischen Parteien, praktizierende Katholiken zur Wahl Erschwernis ideologischer Positionsbestimmung
von konservativen beziehungsweise christdemokratischen Damit ist bei den politischen Parteien ein Verlust der klaren
Parteien. Diese traditionelle Unterstützung ist jedoch nicht nur ideologischen Positionsbestimmung einhergegangen, zumin-
quantitativ, sondern auch qualitativ in erheblichem Maße rück- dest bei den traditionellen Großparteien wie Sozialdemokratie
läufig. Freizeitverhalten, Konsumgewohnheiten oder konkrete oder Christdemokratie. Innerhalb der Europäischen Union lässt
Wertvorstellungen prägen das Identitätsgefühl der Menschen sich beispielsweise ein programmatischer Annäherungsprozess
ebenso wie soziale Gruppenzugehörigkeiten. sowohl innerhalb der sozial- und christdemokratischen Partei-
Gaben nach Zahlen der Forschungsgruppe Wahlen im Jahr enfamilien als auch zwischen diesen beiden finden, wenngleich
1972 noch 20 Prozent der Wählerschaft in Deutschland an, sich programmatische Unterschiede fraglos weiter bestehen.
mit keiner Partei zu identifizieren, so stieg dieser Anteil auf 38 Im Besonderen sozialdemokratische Parteien sahen sich zu-
Prozent im Jahr 2009. Die Zahl der Wählerinnen und Wähler, nächst gezwungen, auf den ökonomischen Wettbewerb der
die sich mit einer Partei stark identifizierten, sank im gleichen nationalen Volkswirtschaften zu reagieren, der in Folge der

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Aktuelle Herausforderungen für das deutsche Parteiensystem 65

Thomas Plaßmann / Baaske Cartoons


Globalisierung die Finanz- und Kapitalmärkte, die Handels- Anspruch nach Führung der Regierungsgeschäfte und einem
ströme und die Produktion von Gütern erfasste. Um in diesem möglichst hohen Anteil an Stimmen stecken in einem Dilem-
überstaatlichen Wettbewerb inländische Arbeitsplätze zu er- ma: Denn nach wie vor orientieren sich die Wählerinnen und
halten, sahen sie sich veranlasst, an ihren originären Zielen Wähler trotz aller genannten Wandlungstendenzen an alther-
(wie etwa Gleichheit) und Instrumenten (etwa Steuerung der gebrachten Identitäten der Parteifamilien, deren Images und
Nachfrage durch staatliche Politik, Keynesianismus) Abstriche Ausrichtungen. Diese Identitäten sind trotz verschwimmen-
zu machen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß und mit der Konturen weiterhin erkennbar. Von einer gänzlichen De-
verschiedener Intensität. Die Finanz- und daraus hervorge- polarisierung der (west-)europäischen Parteiensysteme kann
hende globale Wirtschaftskrisen ließen nach 2008 staatliche keineswegs gesprochen werden.
Eingriffe in die Wirtschaftsabläufe wieder attraktiver erschei- Das Wählerverhalten ist nicht nur aus Sicht der Parteien un-
nen, was wiederum eine Annäherung christdemokratischer durchsichtiger und weniger vorhersagbar geworden. Auch auf
bzw. konservativer Parteien an frühere sozialdemokratische Seiten der Wissenschaft gibt es einzelne Stimmen, die als Fol-
Positionen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik bewirkte. ge der soziokulturellen Wandlungsprozesse und ihrer Auswir-
Deutlich wird ein ausgeprägter Pragmatismus, der gesell- kungen ein Ende der Massendemokratie und ein Aufweichen
schaftlichen Veränderungen Rechnung trägt und nun auch die des Mehrheitsprinzips näher rücken sehen. Sie vermuten, dass
kulturelle Wettbewerbsdimension betrifft: So haben sich christ- gesellschaftlich akzeptierte Entscheidungen künftig nur noch
demokratische und konservative Parteien von traditionellen über Konsens- und Kompromisslösungen der unterschiedli-
Wertvorstellungen (etwa in der Familienpolitik) zu lösen begon- chen Kleinstgruppen herbeigeführt werden könnten – für po-
nen. Diese schrittweise Abkehr von ideologischen Grundsätzen litische Parteien fraglos eine Entwicklung, die ihre Position in
der Parteifamilien lässt sich mit der Notwendigkeit erklären, politischen Systemen erheblich unterminieren würde.
sich gegenüber den verschiedenen Gruppen der Gesellschaft mit
ihren diversen Lebenslagen, materiellen Ansprüchen und men- Aufkommen populistischer Strömungen
talen Bedürfnissen zu öffnen. Geworben wird besonders um Als Folge der Fragmentierung gesellschaftlicher Interessen-
die Mittelschichten, in denen Parteien das wahlentscheidende lagen, Mentalitäten und Lebensstile sowie gewachsener
Wählerreservoir vorfinden. In einer mobilen und individualisier- subjektiver Unsicherheiten infolge der Globalisierung ent-
ten Gesellschaft müssen politische Parteien fähig sein, sich an standen neue Parteien, die von der Unzufriedenheit gesell-
veränderte Umstände anzupassen; andererseits müssen sie sich schaftlicher Gruppen mit den etablierten Parteien profitier-
programmatisch von anderen Parteien unterscheiden und die ten. Seit den 1990er-Jahren lässt sich das Aufkommen oder
Erwartungen ihrer Wählerschaft und ihrer Mitglieder erfüllen. Erstarken von rechtspopulistischen oder rechtsextremen
Dem Wunsch einzelner Teile der Bevölkerung nach schar- Parteien beobachten, die sich häufig als Verkörperung des
fem Profil und stringenten Positionen der Parteien stehen in Protests gegen das etablierte Parteiensystem verstehen. Sie
der Realität heterogene und widersprüchliche gesellschaftli- widmen sich bevorzugt Themen wie innerer Sicherheit, dem
che, kulturelle und ökonomische Werte und Problemlagen der Ausmaß europäischer Integration, der Ausländerpolitik oder
Gesellschaften entgegen. Insbesondere Großparteien mit dem der Ausgrenzung von Minderheiten und sprechen häufig

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66 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Thomas Plaßmann / Baaske Cartoons

Angstpolitik
Auf die Freiheit gibt es kein Patent. Jede und jeder kann sich auf Drittens: Die Sicherheit und Geborgenheit, die die Rechtspopulisten
sie berufen, und sei es, um sie zu zerstören. Auch das gehört zur versprechen, findet „das Volk“ gemäß ihrer Ideologie nur im Schoß
Freiheit. Die französische Rechtspopulistin Marine Le Pen führt im einer pathetisch überhöhten, nach außen abgeschotteten und eth-
Europaparlament eine Fraktion namens „Europa der Nationen und nisch möglichst homogenen Nation unter straffer bis autoritärer
der Freiheit“. Ko-Vorsitzender ist ein Niederländer aus der ebenso Führung. Freiheit wird vom Weltbürgerrecht zum Privileg des eige-
rechtspopulistischen „Partei für die Freiheit“, Vize-Fraktionschef ein nen Volkes, das „den anderen“ im Zweifel vorenthalten werden darf
Gesinnungsgenosse aus der „Freiheitlichen Partei Österreichs“. und muss.
Der Name ist bloße Tarnung, denn Europas Rechtspopulisten  – Nicht zufällig stehen viele dieser Parteien an der Seite von Wladi-
von Le Pens Front National über die „freiheitlichen“ Österreicher mir Putin, der in Russland zeigt, wie man „Sicherheit und Ordnung“
und die polnische PiS bis zur ungarischen Fidesz – stehen an vor- auf Kosten der Freiheit wahrt. Aber ideologische Spurenelemente fin-
derster Front einer Entwicklung, die die Freiheit bedroht: Sie geben den sich zum Teil auch in linken Bewegungen und Parteien. Bei den-
ein Sicherheitsversprechen, das unter Wahrung der in Jahrhunder- jenigen zum Beispiel (zum Glück wenigen), die in ehrendem Anden-
ten erkämpften Freiheitsrechte nicht einzuhalten sein wird. Das ken an die DDR lieber einen diktatorischen Sozialstaat hätten, als um
Gleiche gilt für die deutsche AfD. die Koexistenz von sozialer Sicherheit und Freiheit zu kämpfen. […]
All diesen Gruppen ist ein ideologischer Kern gemein, der sich in Die Spannung zwischen Sicherheit und Freiheit hat in konflikt-
drei Bestandteile aufgliedern lässt. reichen Zeiten noch zugenommen. Wo Gewissheiten schwinden –
Erstens: Vor der unordentlichen Welt „da draußen“ soll ein starker einst gewohnte Arbeits- und Familienverhältnisse, soziale Siche-
Staat seine Bürgerinnen und Bürger schützen. Das bedeutet gna- rungen, kulturelle Homogenität, internationale Ordnungen –, da
denlose Härte im Umgang mit Kriminellen, auch wenn mehr Stra- wächst die Unsicherheit des auf sich selbst gestellten Individuums.
fen an den Verbrechenszahlen nichts ändern. Es bedeutet so viel Sie wächst teils objektiv, etwa durch den Abbau der Sozialsyste-
Überwachung wie möglich unter dem Motto der Terrorbekämp- me oder die zumindest latent stets vorhandene Terrorgefahr. Teils
fung. Es bedeutet die Ächtung, wenn nicht Verfolgung „abweichen- wächst sie auch „nur“ subjektiv. Aber so oder so gibt sie den Nähr-
den“ Verhaltens, von Schwulenparaden bis zu aufmüpfigen Tönen boden, in dem die „Sicherheitsparteien“ ihre falschen Versprechun-
in Kultur und Medien. Und es bedeutet die Stilisierung von Zuwan- gen pflanzen. Und das macht es ihnen leicht, dazu beizutragen, dass
derern zu einer Bedrohung, die mit Stacheldraht gebannt werden Angst und Abwehr sich gegen Menschen aus fremden Kulturen
muss. Verschont bleibt – zunächst – der „rechtschaffene Bürger“, der richten. […]
der Illusion anhängt, ihn werde die harte Hand schon nicht treffen. Wer der Angstpolitik wirklich Paroli bieten will, muss seiner-
Zweitens: Vor dem „internationalen Finanzkapital“ (die Stigma- seits die ersehnte Sicherheit bieten. Aber er muss sie in der Sprache
tisierung als „jüdisches Finanzkapital“ schwingt mit) soll „das Volk“ der Freiheit definieren. Wichtigster Bestandteil dieser Definition:
durch sozialstaatliche Sicherung und wirtschaftlichen Protektio- Sicherheit – auch soziale – ist nicht Selbstzweck, sondern immer zu-
nismus geschützt werden. Die polnische PiS hat den Protest gegen erst ein Mittel zur Ermöglichung von Freiheit. Vor allem für jene, die
die neoliberale Politik der bisherigen Regierung abgeschöpft, und wegen Herkunft oder Lebenslage diese Freiheit nicht ohne Unter-
in Frankreich lehnt Marine Le Pen Freihandelsabkommen wie TTIP stützung leben könnten. […]
ebenso heftig ab wie viele Linke – allerdings anders als diese mit Stephan Hebel, „Freiheit? Aber sicher!“, in: Frankfurter Rundschau vom 31. Oktober 2015
knallhart nationalistischen Begründungen. © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Rundschau GmbH, Frankfurt.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Aktuelle Herausforderungen für das deutsche Parteiensystem 67

Wählerinnen und Wähler an, die von den ökonomischen Fol- Hinzu kommt eine stärkere Hinwendung zur Familie und zu
gen der Globalisierung benachteiligt werden oder sich sub- vielfältigen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung außerhalb
jektiv auf der Verliererseite wähnen. des Politischen, kurz, zu einer individualisierten und privati-
Auf diese Wählergruppen setzen auch linkspopulistische sierenden Lebensgestaltung. Doch nicht nur Jüngere sind in
Parteien. In Abgrenzung zu weiten Teilen der etablierten Sozi- den Parteien unterrepräsentiert; auch andere soziale Grup-
aldemokratie verschließen sie sich den ökonomischen Folgen pen wie Zugewanderte, Frauen und insbesondere bildungs-
der Globalisierung oder stellen sich ihnen entgegen, indem sie ferne Schichten sind als Mitglieder entweder geringer reprä-
vehement den Wert der sozialen Gerechtigkeit betonen. sentiert als im Bevölkerungsdurchschnitt oder sogar kaum
Die etablierten Parteien reagieren darauf wiederum, in- noch präsent. Auch unter den Wählerinnen und Wählern
dem sie Positionen und Themen populistischer Parteien lässt sich eine ähnliche Tendenz ausmachen: Bildungsferne
teilweise übernehmen. Aus diesen Veränderungsprozessen und einkommensschwache Haushalte sowie Bürgerinnen
hat die Parteienforschung eine neue zentrale Konfliktlinie und Bürger mit Migrationshintergrund geben seltener ihre
entwickelt: Sie verläuft zwischen autoritärer und libertärer Stimme ab. Hinzu tritt ein bestehendes, demografisch be-
Staats- und Politikauffassung und ist neben die andere do- dingtes Ungleichgewicht: Die Bürgerinnen und Bürger ab 60
minante Konfliktlinie Marktfreiheit gegen staatliche Steue- Jahren stellen schon heute mehr als ein Drittel aller 61,9 Mil-
rung/soziale Gerechtigkeit getreten. Das Aufkommen neuer lionen Wahlberechtigten. Im Gegensatz dazu sind die unter
Parteien hat zu einer Erhöhung der Fragmentierung der Par- 30-Jährigen mit 9,8 Millionen Wahlberechtigten eine weni-
teiensysteme beigetragen. ger als halb so große Gruppe.

Rückgang und Überalterung der Parteimitglieder


In nahezu allen westlichen Demokratien ist die Anzahl
der Parteimitglieder rückläufig, einhergehend mit einer Krise oder Wandel?
Schwächung der Organisationskraft und ohne Aussicht auf
grundlegende Besserung. Deutschlands Parteiendemokra- Die Rede von der Krise des bundesdeutschen Parteiensys-
tie reiht sich in diesen Trend ein. Seit ihrer Blütezeit in den tems ist fast so alt wie das Parteiensystem selbst; spätestens
1970er-Jahren verloren einzelne deutsche Parteien mehr als ab Mitte der 1970er-Jahre wuchs die Zahl der kritischen und
50 Prozent ihrer Mitglieder. So büßte allein die SPD in die- skeptischen Stimmen. Dies erstaunt heutige Beobachter inso-
sem Zeitraum fast 600 000 Mitglieder ein und zählt nun nur fern, als die Parteien gerade in den 1970er-Jahren einen in der
noch gut 460 000 Mitglieder. Dies wirkt sich auch auf die Geschichte der Bundesrepublik beispiellosen Zulauf an neuen
Dichte der flächendeckenden Organisation aus: Im Zeitraum Mitgliedern verzeichnen konnten und auch die Wahlbeteili-
von 2006 bis 2014 verlor die SPD fast 3000 Ortsvereine, de- gung sowie die Zustimmung zu den etablierten Parteien hohe,
ren Zahl von etwa 12 000 auf zurzeit etwa 9000 sank. Diese zum Teil bislang höchste Werte aufwiesen.
Situation stellt sich bei der CDU nicht grundlegend anders
dar. Von den etablierten Parteien konnte lediglich Bündnis Krisensymptome
90/Die Grünen in den letzten zehn Jahren leichte Zugewin- Die Situation hat sich seitdem zuungunsten der Parteien
ne verbuchen. Neu gegründete Parteien wie die Piraten oder gewandelt, und mögliche Krisensymptome sind deutlicher
die AfD weisen ohnehin bislang relativ geringe Mitglieder- sichtbar: spürbarer Niedergang der Mitgliederzahlen einher-
zahlen aus. gehend mit einer Überalterung und sehr geringen Anteilen
Die Rekrutierungsmöglichkeiten der Parteien für öffentli- junger Mitglieder, sehr niedrige Vertrauenswerte den Par-
che Ämter und Mandate sind damit geringer geworden. Für teien insgesamt gegenüber, Rückgang der Parteibindungen,
(oftmals ehrenamtliche) kommunale Ämter mangelt es nicht gesunkene Wahlbeteiligung (insbesondere auf Landes- und
selten schon an geeigneten Bewerberinnen und Bewerbern. Kommunalebene) einhergehend mit einer Abwendung ein-
Insbesondere junge Menschen zeigen eine nur geringe Bereit- zelner sozialer Gruppen von den etablierten Parteien (in
schaft, Parteien beizutreten; attraktiver erscheint vielen ein erster Linie Bürgerinnen und Bürger mit geringer formaler
punktuelles, zeitlich begrenztes Engagement in Initiativen Bildung und geringem Einkommen). Neue Protestparteien
oder Nichtregierungsorganisationen, von dem sie sich mehr gewinnen an Zulauf; sie profitieren vom Unbehagen einzel-
Erlebniswert und eine unmittelbarere Wirksamkeit verspre- ner Wählergruppen gegenüber den traditionelleren Partei-
chen als von der Mitgliedschaft in Großorganisationen. en, wie temporäre Erfolge der Piratenpartei 2011/2012 oder
Doch auch dieses Engagement kann die insgesamt gerin- jüngst der AfD belegen.
ge Neigung zu politischer Mitarbeit nicht ausgleichen. Denn Doch sind diese Anzeichen eindeutig als Zeichen einer Kri-
nicht nur Parteien, sondern auch Verbände, Gewerkschaften se zu bewerten, oder ist eher von einem Wandel der Parteien
oder die Kirchen leiden unter einer Bindungsunwilligkeit ge- und des Parteiensystems auszugehen?
genüber Großorganisationen, geringer Motivation und feh- Dazu ist zunächst ein Blick auf die Krisensymptome selbst
lenden Loyalitäten ihnen gegenüber. Diese Zurückhaltung zu werfen: Ist etwa der Rückgang der Mitgliederzahlen eindeu-
bei den unter 35-Jährigen führt zu einer deutlichen Unterre- tig Anzeichen eines Niedergangs oder nicht vielmehr Zeichen
präsentation Jüngerer in den Parteien. Die Gruppe der über einer Normalisierung nach dem Anstieg in den 1970er-Jahren?
60-Jährigen ist dadurch in vielen Parteien (CDU, SPD, Linke) Waren nicht jene 1970er-Jahre eher der historische Ausnah-
mittlerweile in der Mehrheit. Die Verbindung zwischen bür- mefall, als die Nachkriegsgenerationen sich, angefeuert durch
gerschaftlichem Engagement und parteipolitischer Partizi- die sozialliberale Aufbruchsstimmung, politisierten und
pation ist dünner und brüchiger geworden; es ist einfacher, daraufhin eine konservative Gegenmobilisierung erfolgte?
punktuellen Einsatz für konkrete Anliegen, wie zum Beispiel Musste diese Politisierung der Nachkriegsgesellschaft nicht
gegen den Neubau eines Bahnhofs oder gegen Fluglärm, zu zwangsläufig die Parteien erfassen? Schließlich folgten viele
mobilisieren als für die langfristige Mitarbeit in einer Partei. Anhänger des damaligen Studentenführers Rudi Dutschke

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68 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Die Lücke bei der Wahlbeteiligung


[…] Unter den 18 Millionen Bürgern, die bei der Bundestagswahl und eine Vorabregistrierung ist nicht notwendig. Die Wahlun-
2013 von ihrem Wahlrecht nicht Gebrauch machten, fanden terlagen werden den Wahlberechtigten automatisch zugestellt,
sich zwar Angehörige aller Schichten. Aber die Wahrscheinlich- und Briefwahl ist unkompliziert möglich.
keit, nicht zu wählen, unterschied sich systematisch zwischen Dennoch kann das Wählen voraussetzungsvoller sein, als es
ihnen. […] Noch in den frühen achtziger Jahren lagen alle sozia- auf den ersten Blick scheint, und diese Voraussetzungen sind
len Gruppen nahe beieinander. […] So gaben bei Umfragen nach ungleich verteilt. Insbesondere vor einer Wahl müssen pro-
der Bundestagswahl 1983 in allen Einkommensgruppen 90 Pro- grammatische Unterschiede zwischen den Parteien erkannt
zent oder mehr der Befragten an, gewählt zu haben. Bei jeder werden und mit den eigenen Präferenzen abgeglichen werden.
nachfolgenden Bundestagswahl vergrößerte sich der Abstand Je stärker die Parteien auf Polarisierung verzichten und je grö-
zwischen dem untersten und dem obersten Einkommensdrit- ßer die Überlappung in den Parteiprogrammen, desto schwieri-
tel. Im Jahr 2013 betrug der Unterschied mehr als 20 Prozent- ger ist es, sich über Unterschiede klarzuwerden. Der Aufwand,
punkte. Ein mit diesem Befund übereinstimmendes Bild ergibt sich zu informieren, ist für diejenigen besonders groß, die ein
sich, wenn statt des Einkommens der Bildungsgrad, die Schicht- geringes Vorwissen haben und die ohnehin Parteien und Poli-
zugehörigkeit oder die Berufsgruppe als Vergleichsmaßstab ge- tik fernstehen. […] Es ist daher kein Zufall, dass sich ein höherer
wählt werden. […] Bildungsgrad, wie zahlreiche Studien zeigen, positiv auf das
[…] Bei den über Sechzigjährigen unterscheidet sich die Be- politische Wissen und damit auf die Wahlbereitschaft auswirkt.
reitschaft, zu wählen, kaum. Unabhängig vom Schulabschluss Neben dem Können entscheidet auch das Wollen darüber,
oder dem Einkommen gibt eine überwältigende Mehrheit in ob jemand wählt. Wer sich für Politik interessiert und sich mit
Umfragen an, gewählt zu haben. Dasselbe gilt auch für jene einer Partei identifiziert, der hält es für wichtig, wählen zu ge-
unter Dreißigjährigen, die die Schule mit Abitur abgeschlossen hen. Auch die Überzeugung, wählen gehöre zu den staatsbür-
oder studiert haben. Ganz anders sieht es jedoch bei Jüngeren gerlichen Pflichten, erhöht die Wahlbereitschaft, selbst wenn
aus, die höchstens einen Hauptschulabschluss vorzuweisen das Interesse an einer konkreten Wahl gering ist. Im Gegensatz
haben. In dieser Gruppe wählt die Mehrheit nicht mehr. Unter dazu gehen Nichtwähler häufig davon aus, die eigene Stimme
den Erstwählern bei der zurückliegenden Bundestagswahl ga- bewirke nichts, außerdem interessierten sich die Parteien nicht
ben 80 Prozent mit Hochschulreife an, gewählt zu haben, aber für die eigenen Anliegen. Wer nicht wählt, ist mit der Regierung,
weniger als 40 Prozent mit höchstens Hauptschulabschluss. den Parteien insgesamt sowie mit der Funktionsweise der De-
Wenn jüngere Kohorten in der Zukunft ältere ersetzen, steht zu mokratie eher unzufrieden und erhofft von einem Regierungs-
befürchten, dass die Wahlbeteiligung weiter sinkt und die Be- wechsel wenig. […]
teiligungsunterschiede noch größer werden. Für die Demokratie besteht die Gefahr ungleicher Partizipa-
Wie stark sich das Wahlverhalten auseinanderentwickelt tion darin, dass die Politik sich an den Aktiven und Vernehm-
hat, zeigt auch der Blick auf räumliche Muster der Nichtwahl. baren orientiert, während die Passiven und Stillen übergangen
In Städten wie Köln oder Hamburg lagen 2013 mehr als 40 Pro- werden. Dass unterschiedliche Gruppen unterschiedlich wehr-
zentpunkte zwischen dem Stadtteil mit der höchsten und dem haft sind, merken Politiker an vielen Stellen. Entscheidungen,
mit der niedrigsten Wahlbeteiligung. Dabei folgt das Ausmaß die den gut Organisierten zuwiderlaufen, stoßen auf Wider-
der Nichtwahl einem klaren Muster: Je ärmer ein Stadtteil ist, stand – von den Politikfernen werden sie hingenommen. So
desto mehr Menschen verzichten auf die Stimmabgabe. Selbst erzählte ein Mitglied des Kölner Stadtrats, dass schon ein Kin-
bei Bundestagswahlen gibt dort, wo die Arbeitslosigkeit hoch derspielplatz an der falschen Stelle im wohlhabenden Stadtteil
und das Durchschnittseinkommen niedrig ist, nur eine Min- Lindenthal massive Proteste hervorrufen würde, während auf
derheit der Wahlberechtigten die Stimme ab. In besonders dem zentralen Platz im armen Chorweiler ein Atomkraftwerk
wohlhabenden Stadtteilen wählen weiterhin fast neun von gebaut werden könne, ohne dass mit Widerstand zu rechnen
zehn Berechtigten. Dieses Muster zeigt sich nicht nur in allen sei. Man muss schon ein heroisches Bild von Entscheidungsträ-
Großstädten, sondern auch bei 640 repräsentativ ausgewähl- gern haben, um anzunehmen, dass derartige Unterschiede in
ten Stimmbezirken aus ganz Deutschland. Es sind also nicht al- der politischen Beteiligung deren Entscheidungen nicht beein-
lein großstädtische Problemquartiere, in denen wenige wählen, flussen. […]
sondern alle Wohngegenden, in denen die Lebensumstände Wahlen und Abstimmungen sind ein Fest der Demokratie,
unter dem Durchschnitt liegen. doch die Gäste der Party kommen ganz überwiegend aus der
Wie kommt es zu diesen Unterschieden? Eine berühmte For- Mittel- und Oberschicht, während die anderen noch nicht ein-
mel der politikwissenschaftlichen Forschung lautet: Menschen mal mehr sehnsüchtig von draußen zuschauen.
partizipieren nicht, weil sie nicht können, weil sie nicht wollen
Der Verfasser lehrt Politikwissenschaft an der Universität Osnabrück und ist Mitglied im
oder weil sie niemand dazu auffordert. Auf den ersten Blick Vorstand der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft.
mag es verblüffen, wenn davon gesprochen wird, dass jemand
Armin Schäfer, „Demokratie? Mehr oder weniger“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung
sich an Wahlen nicht beteiligen kann. Denn im Vergleich zu vom 9. November 2015 © Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH,
anderen Arten des politischen Engagements ist der Aufwand Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

gering. In Deutschland wird sonntags gewählt, die Wahllokale


sind meist fußläufig erreichbar, verhältnismäßig lange offen,

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Aktuelle Herausforderungen für das deutsche Parteiensystem 69

seiner Aufforderung von 1967 zum „Marsch durch die Institu- Ihre einst hohen basisdemokratischen Ansprüche sind bei
tionen“, um das bestehende politische System in ihrem Sinne Bündnis 90/Die Grünen nur noch zum Teil vorhanden. Den-
zu verändern. noch hat die Partei die Potenziale der aktiven Beteiligung der
Mitglieder nie ganz aus den Augen verloren. So befragte sie
Gegenstrategien beispielsweise im Bundestagswahlkampf 2013 ihre Mitglieder,
Einsatz direktdemokratischer Verfahren: Im Zuge der neue- wer bei der Bundestagswahl ihre Spitzenkandidaten werden
ren Tendenzen zur Milieuauflösung und der Individualisie- sollten.
rung innerhalb der Gesellschaft sind die Möglichkeiten der Mit einer stärkeren Einbeziehung der Basis folgen nicht
Parteien, Interesse an politischer Beteiligung zu wecken und nur die Bündnisgrünen und die Piraten, sondern inzwischen
dem Mitgliederschwund entgegenzuwirken, eher gesunken. alle im Bundestag vertretenen Parteien dem Wunsch der
Sie können allerdings Impulse setzen, indem sie bei perso- Mitglieder nach vermehrter Partizipation und gewachsenen
nellen Fragen den Mitgliedern mehr Rechte geben und mehr Ansprüchen auf Mitentscheidung. Darüber hinaus bieten
direktdemokratische Elemente einführen wie Urwahlen sie Möglichkeiten des Mitmachens und Mitdiskutierens an:
von Kandidierenden für Parlamente oder innerparteiliche Bürgerdialoge und Mitmach-Tools, Diskussionsforen, Bürger-
Spitzenpositionen (Parteivorsitz oder Spitzenkandidatur im konvente und Regionalkonferenzen – alles sowohl online als
Landes- oder Bundestagswahlkampf). Oder sie können Mit- auch außerhalb des Internets. Nahezu jede Partei reklamiert
gliederentscheide bei inhaltlichen Fragen durchführen, also für sich, den Bürgerinnen und Bürgern bei der Wahlpro-
insgesamt die Mitgliederbasis direkt in Entscheidungspro- grammgestaltung nicht nur ihr Ohr geschenkt, sondern de-
zesse einbinden. ren Vorstellungen direkt ins Wahlprogramm aufgenommen
Diese Ideen wurden bei den Grünen seit ihrer Gründung zu haben. Es stellt sich jedoch die entscheidende Frage nach
konsequenter eingesetzt als bei den bis dato etablierten Par- der politischen Verbindlichkeit und Transparenz der einzel-
teien. Ähnliches versuchte die Piratenpartei nach ihrer Grün- nen Instrumente und der Ergebnisse. Die bei Programment-
dung, die ebenfalls das Prinzip der Basisdemokratie in den scheidungen nicht gerade überwältigende Beteiligung weist
Vordergrund rückte. Auch sie wollte sich damit nicht nur von gleichzeitig auf Grenzen der Basispartizipation hin. Gibt es
den etablierten Parteien CDU, CSU, SPD und FDP (und auch (noch) Skepsis gegenüber genau dieser Wirksamkeit, oder
den Grünen und Linken) abgrenzen, sondern gleichzeitig ein herrscht das Gefühl einer möglichen Instrumentalisierung
neues Demokratiebewusstsein und eine neue demokratische im Wahlkampf vor?
Kultur erzeugen. Die Piraten setzten dabei hauptsächlich auf Fraglos jedenfalls bemühen sich die jeweiligen Parteispit-
internetbasierte Willensbildungs- und Entscheidungsprozes- zen um vermehrte Rückbindung an die Parteibasis und damit
se, mussten aber die Erfahrung machen, dass sie der Komple- um Legitimationsgewinne. Mit einer Mitgliederbefragung zu
xität und der Langwierigkeit der Prozesse kaum Herr wurden. ihren Spitzenkandidaten erreichten die Bündnisgrünen eine

picture-alliance / dpa / Kay Nietfeld

Ihrer traditionell hohen basisdemokratischen Ausrichtung entsprachen die Bündnisgrünen, indem sie im November 2012 ihre Mitglieder in einer Urwahl das Spitzenduo
für die Bundestagswahl 2013 bestimmen ließen. Wahlhelfer bei der Auszählung der Stimmzettel, die rund 62 Prozent der Befragten abgegeben hatten.

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70 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND
picture-alliance / dpa / Rainer Jensen

Bürgerdialoge bieten Möglichkeiten zur Mitdiskussion über den Parteirahmen hinaus. Zum Thema „Gut leben in Deutschland“ stellt sich Bundeswirtschaftsminister
Sigmar Gabriel (SPD) im August 2015 den Fragen Jenaer Bürgerinnen und Bürger.

Öffnung gegenüber Nichtmitgliedern: Um dauerhaft poli-


tisch interessierte Mitglieder zu überzeugen und Begeisterung
zu wecken, reichen temporäre Maßnahmen allerdings nicht
aus. Für Parteien mit dem Anspruch der „Mitmachpartei“ gilt
es, Partizipationsangebote zu verstetigen: Erste Schritte hin zu
mehr Urwahlen und mehr Mitgliederentscheiden sind getan.
Dazu kommen auch zaghafte Schritte der Öffnung gegenüber
Nichtmitgliedern, um eine breitere gesellschaftliche Veranke-
rung zu erreichen. Hier jedoch sind es häufig die Mitglieder
selbst, die den von den Parteiführungen vorgeschlagenen Öff-
imago / Rüdiger Wölk

nungsversuchen Widerstand entgegensetzen. Beispielsweise


traf der Vorschlag des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel, die
Bundestagskandidaten der SPD durch offene Vorwahlen nach
US-amerikanischem Vorbild zu bestimmen, auf Ablehnung der
aktiven Mitglieder seiner Partei und wurde daraufhin wieder
Eine Rückbindung an die Parteibasis erreichte die SPD durch den Mitgliederent-
scheid über den Koalitionsvertrag mit der CDU/CSU 2013, an dem sich nahezu fallen gelassen. Die Parteimitglieder wollten exklusive Rechte
78 Prozent der Mitglieder beteiligten und dem 75,96 Prozent zustimmten. behalten und zentrale Kompetenzen bei der Rekrutierung des
politischen Personals nicht abgeben. Sobald es um die Abga-
be von Entscheidungsrechten an Nichtmitglieder geht, ist das
vergleichsweise hohe Verbindlichkeitsstufe und Offenheit. Die klassische Modell der Mitgliederpartei „von oben“ offenkun-
bislang öffentlichkeitswirksamste und spektakulärste Mitglie- dig nur begrenzt reformfähig.
derbefragung führte die SPD nach der Bundestagswahl 2013 Professionalisierung: Problematischer als der quantitative
durch. Sie ließ ihre Mitglieder über den Koalitionsvertrag mit Rückgang der Mitgliederzahlen ist für die Parteiendemokratie
den Unionsparteien abstimmen und erreichte damit einen die geringe Neigung junger Menschen, in Parteien einzutre-
sehr hohen Mobilisierungsgrad: Fast 78 Prozent der Mitglieder ten, da sich damit das Reservoir an Kandidierenden für öffent-
beteiligten sich, knapp 76 Prozent stimmten der Koalitionsver- liche Ämter und Mandate deutlich verringert. Insbesondere
einbarung zu und folgten damit der entsprechenden Empfeh- auf kommunaler Ebene können die zumeist ehrenamtlich
lung der Parteiführung. Damit erhöhte sich die Legitimation oder mit geringer Aufwandsentschädigung zu besetzenden
für die Bildung der Großen Koalition aus CDU/CSU und SPD. Ämter und Mandate in einzelnen ländlichen Regionen zuwei-
Weitere direktdemokratische Verfahren waren etwa im Jahr len kaum mehr vollständig besetzt werden. Die Parteien re-
2014 die Entscheidung des Berliner Landesverbandes über die agieren darauf mit einer zunehmenden Professionalisierung,
Nachfolge von Klaus Wowereit als Regierender Bürgermeister indem Mitarbeiter bzw. überregional tätige Abgeordnete ver-
oder die Abstimmungen über eine Koalitionsbildung in Thü- mehrt auf kommunale Ressourcen zurückgreifen und Ämter
ringen, die von allen drei Parteien, Linke, SPD und Bündnis 90/ übernehmen. Für eine Parteiendemokratie ist aber auch eine
Die Grünen, durchgeführt wurden. Die CDU plant eine Befra- Erneuerung ihres Personals von unten, an der kommunalen
gung in Baden-Württemberg über die Spitzenkandidatur zur Basis, von Vorteil. Kollektiver Protest oder temporäre Bürgerini-
Landtagswahl 2016. tiativen, wie sie etwa beim Bürgerprotest gegen den Neubau

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Aktuelle Herausforderungen für das deutsche Parteiensystem 71

Neulinge in der Kommunalpolitik


[…] Tim Achtermeyer sieht müde aus. Es ist ein Dienstag An- und Gewissen und zum Wohl der Stadt“. Jürgen Wehlus sitzt
fang November. Am Wochenende hat er viel zu verlieren. Und in der vorletzten Reihe am äußeren Rand des CDU-Blocks. Der
das gleich an zwei Fronten. „Ich habe das Gefühl, ich verbringe 62-jährige Angestellte beim Verband Deutscher Kühlhäuser ist
mehr Zeit hier als zu Hause“, sagte er. Hier, das sind die Frakti- als Direktkandidat […] gewählt worden. Im Februar 2015 wird er
onsräume der Grünen im schmucklosen Nebengebäude des Al- nach 45 Jahren aktivem Dienst aus der Freiwilligen Feuerwehr
ten Rathauses. […]. 21 Jahre ist der junge Mann im Kapuzenpulli verabschiedet. Zeitgleich wird Wehlus in den Ruhestand gehen.
alt. Seit dem 23. Juni [2014] sitzt der Student im Bonner Stadtrat. „Ich hatte Angst, in ein Loch zu fallen, deswegen habe ich mich
Achtermeyer ist das jüngste Ratsmitglied, überhaupt sind nur entschieden, für die CDU zu kandidieren“, sagt er. „Und, weil ich
vier der 86 Stadtverordneten unter 30. gerne mein Wissen und meine Fähigkeiten einbringen will.“
Monatelang haben Achtermeyer und seine 16 Fraktionskol- […] Nach der konstituierenden Sitzung folgt erst mal die som-
legen mit CDU und FDP verhandelt. Jetzt steht der Koalitions- merliche Sitzungspause. Es ist Anfang September. Am Freitag
vertrag. An jenem Samstag stimmt die Basis über das 50-seitige ist Jürgen Wehlus […] aus dem 14-tägigen Urlaub […] zurück-
Werk ab. Achtermeyer wird nicht dabei sein. Er will sich bei der gekommen. Auch dort war sein neues Amt präsent. „Abends
Landesmitgliederversammlung in Gelsenkirchen in den Vor- liegt da das Ratstablet, das private Tablet und das Handy. Dann
stand der Grünen Jugend NRW wählen lassen. In der Fraktion werden Mails geschickt, aus dem Fraktionsbüro werden Bürger-
gab es ein Patt bei der Abstimmung über die Jamaika-Koalition. briefe […] weitergeleitet, Anträge und Stellungnahmen der Ver-
Achtermeyer hat für den Vertrag gestimmt, das nehmen ihm waltung trudeln ein.“ […] Neben dem Rat, der mindestens alle
gerade bei den jungen Grünen viele übel. „Ich bekomme Anrufe, zwei Monate zusammenkommt, meist aber häufiger, gibt es
Mails, SMS: ‚Was ist da los?‘. Ich sitze zwischen den Stühlen.“ Die 42 weitere Gremien: Ausschüsse Bezirksvertretungen, Beiräte.
Mittlerposition zwischen Fraktion und Jugendorganisation, das 538 Stunden lang haben sie 2013 insgesamt getagt, dem letzten
sei Teil seiner Aufgabe, sagt er. „Es nervt nur, wenn es mitten in vollen Jahr ohne Sitzungspause durch die Kommunalwahl, 5479
der Nacht passiert.“ Tagesordnungspunkte wurden behandelt. Die Ausschüsse und
15 Stunden, so schätzt Achtermeyer, bringt er in der Woche Unterausschüsse werden zu einem großen Teil mit Stadtverord-
für seine Arbeit in der Fraktion auf. Daneben das Politikstu- neten besetzt.
dium. „Mein Privatleben muss ich mir in den Terminkalender […] Fenja Wittneven-Welter […] wird die Rolle der SPD-Spre-
schreiben“, sagt er und lacht. An beiden Fronten zumindest cherin im Bürgerausschuss übernehmen. Auch im Sportaus-
siegt er: Die Mehrheit der Basis gibt der Jamaika-Koalition am schuss wird sie sitzen, und in verschiedenen anderen Gremien
8.  November ihren Segen. Und Achtermeyer wird in den Vor- als Stellvertreterin. „Respekt“ habe sie vor der Rolle als Spreche-
stand der Grünen Jugend NRW gewählt. rin, die im Normalfall für die Fraktion im jeweiligen Ausschuss
86 Stadtverordnete sitzen im Bonner Rat […]. 36 von ihnen das Wort ergreift, sagte sie im September vor der ersten Bürger-
sind im Juni [2014] neu in das kommunalpolitische Gremium ausschusssitzung. „Ich habe kein Problem, öffentlich zu spre-
eingezogen. „Sie werden, so hoffe ich, eine realistische Vorstel- chen. Aber in dieser Manege mit gegnerischen Parteien und
lung von den kommenden sechs Jahren haben und von der vielen alten Hasen muss man sich ein dickes Fell zulegen.“ […]
harten Arbeit, die Sie hier erwartet“, hat sich [der damalige] Neben dem Einarbeiten in die Bürokratie, den wöchentli-
Oberbürgermeister Jürgen Nimptsch bei der konstituierenden chen Fraktionssitzungen, Koalitions- und Positionstreffen, dem
Ratssitzung an die Neulinge gewandt. „Sie, liebe Stadtratsmit- Taktieren um die Posten stellt das Amt die Neulinge auch vor
glieder, werden weder einen eigenen Arbeitsplatz haben noch ganz andere Probleme. „Bei Sommerfesten, Vereinsjubiläen
eine Sekretärin, noch einen Dienstwagen oder andere Status- und Ähnlichem […] steht man auf der anderen Seite, ist unter
symbole, die der Politik nachgesagt werden. Sie werden mehr Beobachtung, muss immer ein paar Worte parat haben“, sagt
Sitzungswochen haben als irgendein Parlament auf Landes- Wehlus. […]
oder Bundesebene und sich daran gewöhnen müssen, dass Zwei Dinge haben Fenja Wittneven-Welter bewogen, für den
unübersehbar viele Vereine und Initiativen Sie auch am Abend Rat zu kandidieren. Sie erhoffe sich, besser über vieles, was in
befragen und am Wochenende sehen wollen.“ dieser Stadt läuft, informiert zu sein, hat sie vor der ersten Sit-
[…] Erster-Schultag-Stimmung. „Die Piraten nebenan machen zung im Juni 2014 gesagt. Es sei tatsächlich ein gutes Gefühl, zu
einen sympathischen Eindruck, die Grünen unterhalten sich wissen, wen man anrufen muss, wenn etwas nicht rund läuft,
lautstark untereinander, die männerlastige CDU ist ein beein- sagt sie ein Jahr später, nicht nur bei den Fachpolitikern, son-
druckender grauer Anzugblock“, so beschreibt Fenja Wittne- dern auch in der Verwaltung. Und sie werde dort auch gehört.
ven-Welter ihre ersten Beobachtungen als Stadtverordnete im „Das bringt die Position einfach mit sich.“ […]
Ratssaal. 45 Jahre alt ist die […] Angestellte bei der Akademie 347,50 Euro bekommen die Bonner Stadtverordneten pro Mo-
für internationale Bildung, die Auslandsstudienprogramme nat als Aufwandsentschädigung, 17,80 Euro gibt es pro Sitzung
für amerikanische Studenten organisiert. Sie […] ist über die an Sitzungsgeld. Viele spenden einen Teil ihrer Partei. […] „Viele
SPD-Liste in den Rat eingezogen. „In diesem Moment schaust Bürger sehen einfach nicht, dass das ein Ehrenamt ist, was wir
du dich um und fragst dich: Mit wem werde ich etwas zu tun machen“, sagt Wittneven-Welter. „Ein Ehrenamt wie jedes an-
haben?“ Die Cliquen auf diesem Schulhof stehen fest, das Par- dere, aber leider mit deutlich schlechterer Reputation.“ […]
teibuch entscheidet, wer wohin gehört. Doch einige Neue sind
Johanna Heinz, „Die ersten Schritte auf dem politischen Parkett sind getan“,
auch mit der Mission angetreten, über die Parteigrenzen hin-
in: General-Anzeiger Bonn vom 19. Juni 2015
weg sachlich und gut miteinander auszukommen. […]
Der Oberbürgermeister trägt die schwere, goldene Amtsket-
te, alle Ratsmitglieder haben sich formell schick gemacht. Die
Verpflichtung wird im Chor gesprochen, „nach bestem Wissen

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72 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

des Hauptbahnhofs in Stuttgart („Stuttgart 21“) auftraten, kön- etwa die Hälfte aller Wählerinnen und Wähler sich noch mehr
nen Entscheidungen gewählter Parlamente mangels breiterer oder weniger stark (wenn auch mit abnehmender Tendenz)
gesellschaftlicher Repräsentation oder geringer Verantwort- einer Partei verbunden fühlt. Besteht eine Bindung zu einer
lichkeit ihres Handelns nicht ersetzen. Die Parteiendemokra- politischen Partei, so ist tendenziell auch das Vertrauen grö-
tie braucht zu ihrer Funktionserfüllung dauerhaftes ehren- ßer. Das Verhältnis zu den Parteien ist für viele Wählerinnen
amtliches Engagement in Form der Hinwendung zu einzelnen und Wähler flüchtiger, brüchiger und auch instrumenteller
Parteien. geworden. Es kann zwar nicht von völliger Bindungslosigkeit
Die spürbar gesunkenen Vertrauenswerte gegenüber Partei- im Verhältnis von Wählerschaft und Parteien gesprochen wer-
en lassen Legitimationsverluste offenkundig werden. Laut Be- den, aber die Bereitschaft zum Parteiwechsel bei Wahlen steigt
völkerungsumfragen vertrauten 2010 nur noch 29 Prozent der unverkennbar.
Bürgerinnen und Bürger den Parteien, während der Wert zu Die Parteien haben längst erkannt, dass Glaubwürdigkeit
Beginn der 1980er-Jahre noch bei mehr als 50 Prozent lag. Da- und Vertrauen in sie bedeutsame Faktoren sind, um die Le-
mit belegen Parteien 2010 hinter allen anderen Institutionen gitimität des Parteiensystems zu erhöhen. Jedoch kann ver-
den letzten Platz. Im europäischen Vergleich liegt Deutschland loren gegangene Glaubwürdigkeit nur mittel- bis langfristig
damit im Mittelfeld. wieder zurückgewonnen werden. Dies gelingt nur mit Ste-
Diesem generellen Trend steht aber entgegen, dass die tigkeit, einem Handeln, das als authentisch wahrgenommen
Mehrheit der Bevölkerung nicht alle im Bundestag vertrete- wird, und mit Entscheidungen, die von den Bürgerinnen und
nen Parteien grundsätzlich negativ beurteilt, sondern dass Bürgern als erfolgreiche Politik wahrgenommen werden.

picture-alliance / dpa / Uwe Anspach

Temporäre Initiativen genießen bei der Bevölkerung tendenziell mehr Zuspruch als das langfristige Engagement in Parteien. Bürgerprotest gegen den Umbau des Stutt-
garter Hauptbahnhofs 2010
imago / Christian Mang
imago /Christian Mang

Start einer Unterschriftensammlung für einen Volksentscheid über soziales Woh- Freiwillige und ehrenamtliche Helferinnen und Helfer bestücken im Sommer 2015
nen in Berlin 2015 eine Flüchtlingsnotunterkunft in Berlin Wilmersdorf mit Möbeln.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


Aktuelle Herausforderungen für das deutsche Parteiensystem 73

Nicht nur der mehr politische Teilhabe ermöglichende „in-


put“ in die Partei, sondern auch ein „output“, der Lebenslage
und -situation der Wählerinnen und Wähler verbessert, ist
von Belang.
Der mediale Anteil parteipolitischen Handelns gewinnt
angesichts der gewachsenen Relevanz von Medien in der po-
litischen Kommunikation an Bedeutung. Eine weitgehende
Anpassungsfähigkeit an die Medienlogik sehen die meisten
Parteien als eine unabdingbare Voraussetzung, um im Wett-
bewerb um die Aufmerksamkeit der Medien und damit der
Wählerschaft bestehen und Medien als potenzielle Ressource
für Wahlerfolge nutzen zu können. Die Parteien haben mit
einer Professionalisierung ihrer Kommunikationsapparate
und -leistungen reagiert, indem sie sich bei ihrer Außendar-
stellung vermehrt von dafür ausgebildeten Kommunikati-
onsexperten, Meinungsforschern und Werbefachleuten be-
raten lassen.
Parteien sind der Schwächung ihrer gesellschaftlichen Basis
nicht nur mit einem teilweisen Ausweichen auf mediale Po-
litikvermittlung begegnet, sondern haben sich teilweise auch
stärker zur staatlichen Ebene hin verlagert. Während ihre Ver-
bindung zur Gesellschaft loser geworden ist, ragen sie dafür
stärker in den Staat hinein und nehmen staatliche Ressourcen
(öffentliche Finanzierung, Ämter, Mandate und Positionen) in
Anspruch.

Ein Schlusswort gegen Niedergangsszenarien


Auf den Rückgang der rein nationalstaatlichen Steuerungs-
möglichkeiten zugunsten kooperativer Formen überstaatli-
chen Regierens (vom government zu governance), verbunden
mit einer zunehmend engeren Einbindung der Nationalstaa-
ten in internationale Organisationen (wie z. B. EU und NATO)
haben die Parteien bislang nur sehr begrenzte Reaktionsstra-
tegien entwickelt. So lassen sich noch kaum Anpassungspro-
zesse der nationalstaatlich orientierten Parteien in Hinblick
auf eine stärkere Integration in die Europäische Union (EU)
verzeichnen. Die Werte, Normen, Regeln, Verfahren, Paradig-
men und Handlungen, die von der Ebene der Europäischen
Union in nationalstaatliche Diskurse einfließen und unter
dem Begriff der Europäisierung zusammengefasst werden,
haben laut empirischen Studien die politischen Parteien in
Deutschland nur sehr eingeschränkt erfasst.
Dennoch verdeutlichen die Ausführungen zu den Reak-
tionen der Parteien, dass moderne Ansätze der Parteienfor-
schung sich gegen bloße Niedergangszenarien wenden. Statt-
dessen betonen sie die Wandlungsfähigkeit von Parteien und
bekräftigen auch deren Fortbestehen als Mitgliederparteien,
wobei das Zeitalter der Massenmitgliedschaft nach aktuellem
Eindruck wohl der Vergangenheit zuzurechnen ist.
Die im politischen System etablierten Parteien der Zukunft
werden – sollten sich die derzeitigen Trends fortsetzen – bei ge-
ringerer gesellschaftlicher Verwurzelung noch immer wertege-
bundene Akteure der Interessenbündelung und der politischen
Zielfindung sein. Weit mehr werden sie aber auch professionel-
le Organisationen im Parlaments- und Regierungsbereich eines
politischen Systems sein, die mit ausgefeiltem Kommunikati-
onsmanagement politische Entscheidungen nach innen und
außen darstellen und im intensiven Wettbewerb untereinan-
der mit wählerzentrierten Instrumenten und Mitteln Kandida-
ten für öffentliche Ämter rekrutieren, ohne ihren Anspruch als
Mitgliederpartei mit gesellschaftlicher Verankerung aufzuge-
ben. Letzteres werden sie durch vermehrte Mitmachangebote
für Mitglieder unter Beweis stellen können.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


74 PARTEIEN UND PARTEIENSYSTEM DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Literaturhinweise Niedermayer, Oskar (Hg.): Parteien nach der Bundestagswahl 2013,


Wiesbaden 2015, 264 S.
Alemann, Ulrich von, unter Mitarbeit von Erbentrau, Philipp / Walther, Jüngste Entwicklungen der einzelnen relevanten Parteien in Deutsch-
Jens: Das Parteiensystem der Bundesrepublik Deutschland, 4. vollst. land und des Parteiensystems insgesamt werden detailreich ana-
überarb. u. aktual. Auflage, Wiesbaden 2010, 276 S. lysiert und in den Kontext der Bundestagswahl 2013 gestellt. Wahl-
kampf, Wahlergebnis und sich daraus ableitende Schlussfolgerungen
Dieses Lehrbuch beschreibt die historische Entwicklung der deut-
für Parteien und Parteiensystem werden empirisch fundiert darge-
schen Parteien und des deutschen Parteiensystems seit dem Kaiser-
stellt.
reich, geht auf Parteienrecht und Parteienfinanzierung näher ein,
behandelt ausführlich interne Strukturen und die gesellschaftliche Ders. (Hg.): Handbuch Parteienforschung, Wiesbaden 2013, 916 S.
Dieses Handbuch gibt einen umfassenden Überblick über alle Facet-
Verankerung von Parteien. Jüngste Entwicklungen werden ebenso an-
ten der Parteienforschung in Deutschland. Es ist gegliedert in Grund-
gesprochen wie die Frage nach der Funktionsfähigkeit der deutschen
lagen, Binnenansicht von Parteien, Parteien und ihre Umwelt (wie
Parteiendemokratie.
Recht, Medien, Verbände oder Verfassungsorgane), Parteienanalysen,
Andersen, Uwe (Hg.): Parteien in Deutschland, Krise oder Wandel, Parteiensystemanalysen und internationale Analysen. Es vermittelt
Schwalbach/Ts. 2009, 144 S. detailliertes Wissen und kann gleichzeitig als Einführung in jeden
Themen wie Parteienforschung, die Entwicklung des Parteiensystems einzelnen Aspekt der Parteienforschung genutzt werden.
in der Bundesrepublik, Besonderheiten des Parteiensystems der DDR, Ders. / Höhne, Benjamin / Jun, Uwe (Hg.): Abkehr von den Parteien? Par-
die Stellung der deutschen Parteien im europäischen Gefüge sowie die teiendemokratie und Bürgerprotest, Wiesbaden 2013, 310 S.
Rahmenbedingungen des Parteienwettbewerbs in Deutschland wer- Parteien in der Gesellschaft und deren Rolle im Zuge der Protestbe-
den umfassend behandelt. Daneben sind auch fachdidaktische Aspek- wegungen der jüngsten Vergangenheit werden aus verschiedenen
Perspektiven betrachtet. Der aktuelle Zustand der deutschen Parteien-
te berücksichtigt worden.
demokratie wird ebenso analysiert wie Protestphänomene oder Inno-
Decker, Frank / Neu, Viola (Hg.): Handbuch der deutschen Parteien, vationsoptionen. Reformprozesse werden ausführlich diskutiert.
2. Auflage, Wiesbaden 2013, 444 S.
Nohlen, Dieter: Wahlrecht und Parteiensystem. Zur Theorie und Empi-
Dargestellt werden alle wichtigen Parteien Deutschlands in mehr als rie der Wahlsysteme, 7., überarb. Auflage, Stuttgart 2013, 588 S.
90 Einzelstudien. Daneben werden übergreifende Kapitel zur deut- Wahlsysteme, Wahlrecht und Parteienlandschaft stehen, nicht nur in
schen Parteiendemokratie im Wandel, zu rechtlichen Grundlagen Deutschland oder Europa, in vielfältigen Zusammenhängen. Dieses
oder zur Entwicklung des Parteiensystems beschrieben, um die Einzel- zum Standardwerk gewordene Buch informiert über alles Wissens-
analysen in einen Gesamtkontext einzubetten. werte rund um Wahlsysteme, Wahlrecht und Parteien innerhalb der
modernen Staatenwelt.
Detterbeck, Klaus: Parteien und Parteiensystem, Konstanz 2011, 300 S.
Dieses Lehrbuch betrachtet in international vergleichender Perspek- Schmidt, Manfred G.: Das politische System Deutschlands. Institutio-
tive sowie theoriegeleitet alle relevanten Aspekte zu Parteien und nen, Willensbildung und Politikfelder, 2., Auflage, München 2011, 600 S.
Parteiensystemen in westlichen Demokratien. Historische Entwick- (Die 3. Auflage erscheint demnächst)
lungen wie empirische Befunde zu Parteien und Parteiensystemen Das sich an ein breiteres Publikum wendende Handbuch informiert
werden zusammengefasst und in den Kontext von Strukturmerkma- über die politischen Institutionen und analysiert wichtige politische
len westlicher Demokratien gestellt. Akteure und Einrichtungen. Es beleuchtet darüber hinaus das inter-
nationale Umfeld, das die deutsche Politik von Anfang an geprägt hat.
Jesse, Eckhard / Sturm, Roland (Hg.): Bilanz der Bundestagswahl 2013.
Voraussetzungen, Ergebnisse, Folgen, Stuttgart 2013, 718 S. Wiesendahl, Elmar: Volksparteien. Aufstieg, Krise, Zukunft, Opladen/
Die Bundestagswahl im Herbst 2013 führte zu einer Großen Koalition Berlin 2011, S. 240.
aus CDU/CSU und SPD. Welcher Strategien bedienten sich die Parteien Der die Parteiendemokratie in Deutschland prägende Typus der Volks-
im Wahlkampf? Wer wählte wie? Welche Rolle spielten die Medien für partei wird umfassend dargestellt. Gründe für die Erfolge wie für Kri-
die Wahlentscheidung? Diesen und weiteren, nach wie vor spannen- sen von CDU/CSU und SPD werden in historischer Perspektive erörtert
den Fragen widmet sich der Band. und die Frage nach der Zukunft der Volksparteien aufgeworfen.

Holtmann, Everhard: Der Parteienstaat in Deutschland. Erklärungen,


Entwicklungen, Erscheinungsbilder, Bonn 2012, 302 S.
Diese Studie untersucht Strukturen, kulturelle Deutungsmuster, Hand-
lungslogiken und historische Verlaufslinien der Parteien und der Par-
teiendemokratie Deutschlands. Im Vordergrund steht das Verhältnis Internetadressen
von Parteiendemokratie und Bürgergesellschaft, seine Ausprägungen,
www.bpb.de/politik/grundfragen/parteien-in-deutschland/
Spannungen sowie Koexistenzen. Die zentrale Relevanz von Parteien
für die repräsentative Demokratie wird an vielen Beispielen aufgezeigt. www.bundeswahlleiter.de

Ismayr, Wolfgang: Der Deutsche Bundestag, 3., völlig überarb. und www.cdu.de
aktual. Auflage, Wiesbaden 2012, 503 S.
www.fdp.de
Wie arbeitet der Bundestag? Welche Funktionen haben die Frakti-
onen? Wer übt wie, wann und wo Kontrolle aus? Das Standardwerk www.spd.de
informiert über alles Wissenswerte rund um das Hohe Haus und be- www.csu.de
leuchtet aktuelle Fragen zu dessen Stellung im politischen System.
www.die-linke.de/partei/partei/
Marschall, Stefan: Das politische System Deutschlands, 3. Auflage,
Konstanz und München 2014, 291 S. www.gruene.de
Das Buch behandelt systematisch und allgemein verständlich alles, www.polsoz.fu-berlin.de/polwiss/forschung/systeme/empsoz/
was man über die deutsche Demokratie wissen sollte und möchte: auf news/Parteimitgliederstudie-2015-online.html
welchen Grundlagen, Strukturen und Institutionen unser politisches
System beruht, welche Aufgaben und Funktionen Parteien, Regierung,
Bundestag, die Verbände, die Verwaltung, die Gerichte und die Medien
haben, welchen Regeln die Akteure unterliegen und wer die Einhal-
tung von Recht und Gesetz kontrolliert.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


75

Der Autor
Uwe Jun ist Professor für „Regierungslehre – Regierungssystem der
Bundesrepublik Deutschland“ an der Universität Trier, Sprecher des
Arbeitskreises „Parteienforschung“ der Deutschen Vereinigung für
Politische Wissenschaft (DVPW) sowie Mitglied der DVPW, der Deut-
schen Vereinigung für Parlamentsfragen (DVParl) und des European
Consortium for Political Research. Seine Forschungsschwerpunkte
sind: Parteienforschung, Vergleichende Parlamentarismusforschung,
Föderalismus, Politische Kommunikation und Koalitionsforschung.
Bei der Konzeption und der Materialrecherche wurde er unterstützt
von Isabel Bähr, Sebastian Exner und Simon Jakobs.

Impressum
Herausgeberin: Text und Fotos sind urheberrechtlich geschützt. Der Text kann in Schu-
Bundeszentrale für politische Bildung/bpb, Adenauerallee 86, 53113 len zu Unterrichtszwecken vergütungsfrei vervielfältigt werden.
Bonn, Fax-Nr.: 02 28/99 515-309, Internetadresse: www.bpb.de/izpb,
Der Umwelt zuliebe werden die Informationen zur politischen Bil-
E-Mail: info@bpb.de
dung auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.
Redaktion:
Christine Hesse (verantwortlich/bpb), Jutta Klaeren
PEFC zertifiziert
Redaktionelle Mitarbeit:
Dieses Papier stammt aus nachhaltig
Katja Pfeiffer, Bonn; Lena Röllicke, Maastricht; Martin Fendt, Thierhaupten bewirtschafteten Wäldern und kontrollierten
Quellen.
Gutachten:
Prof. Dr. Klaus Detterbeck, Institut für Gesellschaftswissenschaften, www.pefc.de

Abt. Politikwissenschaft, der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch


PEFC/04-31-2449

Gmünd; Prof. Dr. Oskar Niedermayer, Arbeitsstelle Empirische Politi-


sche Soziologie / Otto-Stammer-Zentrum der Freien Universität Berlin

Titelbild:
KonzeptQuartier® GmbH
Anforderungen
Umschlag Rückseite: bitte schriftlich an
KonzeptQuartier® GmbH Publikationsversand der Bundeszentrale für
politische Bildung/bpb, Postfach 501055, 18155 Rostock
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Fax: 03 82 04/66-273 oder www.bpb.de/informationen-zur-politischen-
KonzeptQuartier® GmbH, Art Direktion: Linda Spokojny, Schwabacher
bildung
Straße 261, 90763 Fürth
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modalitäten bitte melden an informationen@abo.bpb.de
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tische Bildung/bpb erhalten Sie unter der o. g. bpb-Adresse.
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vierteljährlich
Für telefonische Auskünfte (bitte keine Bestellungen) steht das Info-
ISSN 0046-9408, Auflage dieser Ausgabe: 500 000
telefon der bpb unter Tel.: 02 28/99 515-115 von Montag bis Donners-
Redaktionsschluss dieser Ausgabe: tag zwischen 8.00 Uhr und 16.00 Uhr und freitags zwischen 8.00 Uhr
Januar 2016 und 15.00 Uhr zur Verfügung.

Informationen zur politischen Bildung Nr. 328/2015


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