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70.

 Jahrgang, 35–37/2020, 24. August 2020

AUS POLITIK
UND ZEITGESCHICHTE
Corona-Krise
Hans-Jürgen Papier Aladin El-Mafaalani
VERFASSUNGSRECHTLICHE „LASST DIE LEHRKRÄFTE
PERSPEKTIVEN IN RUHE, ABER NICHT
DIE SCHULEN“ –
Nathalie Behnke
EIN GESPRÄCH
FÖDERALISMUS IN DER
(CORONA-)KRISE? Frank Biess
CORONA-ANGST
Annelies G. Blom
UND DIE GESCHICHTE
ZUM GESELLSCHAFTLICHEN
DER BUNDESREPUBLIK
UMGANG MIT DER
CORONA-PANDEMIE Philipp Ther
DIE CORONA-PANDEMIE
Evelyn Moser
ALS HERAUSFORDERUNG
RÜCKZUG
FÜR DEMOKRATIE UND
DES POLITISCHEN?
EUROPÄISCHE INTEGRATION

ZEITSCHRIFT DER BUNDESZENTRALE


FÜR POLITISCHE BILDUNG
Beilage zur Wochenzeitung 
Corona-Krise
APuZ 35–37/2020
HANS-JÜRGEN PAPIER ALADIN EL-MAFAALANI
VERFASSUNGSRECHTLICHE PERSPEKTIVEN „LASST DIE LEHRKRÄFTE IN RUHE,
Die Corona-Pandemie stellt den Staat vor die ABER NICHT DIE SCHULEN“ – EIN GESPRÄCH
schwierige Aufgabe, einen angemessenen Aus- Mitte März 2020 wurden deutschlandweit die
gleich zwischen Freiheit und Sicherheit herzu- Schulen geschlossen. Präsenzunterricht soll
stellen. Dabei gilt, die für Grundrechtseingriffe erst im Schuljahr 2020/2021 wieder zur Regel
erforderliche demokratische Legitimation zu werden. Wer ist im Bildungsbereich von der
stärken und Rechtssicherheit zu gewährleisten. Corona-Pandemie am stärksten betroffen, und
Seite 04–08 wie lässt sich Ungleichheiten entgegenwirken?
Seite 29–32
NATHALIE BEHNKE
FÖDERALISMUS IN DER (CORONA-)KRISE? FRANK BIESS
Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in CORONA-ANGST UND DIE GESCHICHTE
Deutschland Anfang 2020 ist auch der deutsche DER BUNDESREPUBLIK
Föderalismus wieder einmal verstärkt in die Die in Deutschland bislang relativ erfolgreiche
öffentliche Kritik geraten. Entgegen der land­ Bewältigung der Corona-Pandemie ist auch ein
läufigen Kritik hat sich dieser gerade in der Krise Produkt historisch gewachsener Krisenkompe-
als effizient und leistungsfähig erwiesen. tenz. Die Diskussion über langfristige Folgen
Seite 09–15 und den Status des Ereignisses in der globalen
Moderne hat indes erst begonnen.
Seite 33–39
ANNELIES G. BLOM
ZUM GESELLSCHAFTLICHEN UMGANG
MIT DER CORONA-PANDEMIE PHILIPP THER
Welche Konsequenzen hat die Corona-Krise DIE CORONA-PANDEMIE ALS HERAUS­
für das Zusammenleben in Deutschland? Die FORDERUNG FÜR DEMOKRATIE
Antworten auf diese Frage sind vielfältig, zeigen UND EUROPÄISCHE INTEGRATION
aber, dass die Bevölkerung die implementierten Im Umgang mit der Corona-Pandemie
Maßnahmen gerade am Beginn der Pandemie im lassen sich mit China und den USA zwei Pole
Allgemeinen als sinnvoll einschätzte. ausmachen. Hat die EU trotz des Verfalls der
Seite 16–22 Demokratie in manchen ihrer Mitgliedsstaaten
eine Chance, als Sieger aus der Konkurrenz
zwischen zwei Großmächten hervorzugehen?
EVELYN MOSER Seite 40–45
RÜCKZUG DES POLITISCHEN?
Die deutsche Krisenpolitik zeigt, dass eine
liberale Demokratie zu einer erfolgreichen
Pandemiebekämpfung fähig ist, dabei jedoch
über ihre eigenen Prinzipien stolpern kann. Dies
gilt es zu reflektieren, um für künftige, ähnlich
gelagerte Probleme gewappnet zu sein.
Seite 23–28
EDITORIAL
Knapp ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem ab Mitte März 2020 bei dem Ver-
such, die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus in Deutschland einzugren-
zen, das wirtschaftliche und öffentliche Leben für mehrere Wochen weitgehend
heruntergefahren und tief in Grundrechte eingegriffen wurde. So etwas wie
diesen – im Vergleich zu anderen Ländern mit rigiden Ausgangsbeschränkungen
milden – „Shutdown“ hatte es in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie
zuvor gegeben. Mit Blick auf registrierte Infektionszahlen und Todesfälle, die
mit dem Virus in Verbindung gebracht werden, ist die Pandemie in Deutschland
bisher relativ glimpflich verlaufen.
Der Staat stand und steht dabei vor der schwierigen Aufgabe, einen angemes-
senen Ausgleich zwischen der Freiheit und dem Schutz des Lebens seiner Bür-
gerinnen und Bürger herzustellen. Die Verhältnismäßigkeit und demokratische
Legitimation von Grundrechtsbeschränkungen sind auch unter pandemischen
Bedingungen von zentraler Bedeutung. Mit Blick auf die vielfach als „Flicken-
teppich“ kritisierte Regelungsvielfalt im Föderalismus steht hingegen die Frage
im Raum, ob dieser in der Corona-Krise als Ursache von Problemen gelten kann
oder nicht vielmehr hilft, sie zu überwinden.
Ein Ende der Pandemie ist indes noch nicht absehbar. Bei Überlegungen, wie
mit ihren langfristigen Folgen umgegangen werden kann, gewinnen Fragen nach
der Problemlösungskompetenz von liberalen Demokratien, den Handlungs-
möglichkeiten der EU und der Gestaltung von (De-)Globalisierungsprozessen
an Relevanz. Viele der Aspekte, die auf nationaler und internationaler Ebene
in den vergangenen Monaten negativ hervorgetreten sind, sind nicht neu. Um
nicht nur für den weiteren Verlauf der Corona-Krise, sondern auch für künftige,
ähnlich gelagerte Probleme gewappnet zu sein, gilt es mehr denn je, den gesell-
schaftlichen Umgang mit diesen zu reflektieren.

Frederik Schetter

03
APuZ 35–37/2020

UMGANG MIT DER CORONA-PANDEMIE:


VERFASSUNGSRECHTLICHE
PERSPEKTIVEN
Hans-Jürgen Papier

Ab Mitte März 2020 wurden in Deutschland auf- AUSGLEICH ZWISCHEN


grund der Corona-Pandemie flächendeckende FREIHEIT UND SICHERHEIT
Grundrechtsbeschränkungen eingeführt, die in
ihrem Ausmaß und in ihrer Tragweite für die- Die Corona-Pandemie stellt den Staat und seine
se rechtsstaatliche Demokratie bislang einmalig zuständigen Organe vor die schwierige Aufgabe,
sind. Die Ausgangs- und Kontaktbeschränkun- einen angemessenen Ausgleich zwischen Freiheit
gen betrafen die allgemeine Handlungsfreiheit und Sicherheit herzustellen. Grundrechte sind in
und das Grundrecht der Bewegungsfreiheit. Das erster Linie dazu bestimmt, die Freiheit des Ein-
Verbot, Gottesdienste abzuhalten, schränkte die zelnen vor ungerechtfertigten und unverhältnis-
Religionsfreiheit ein, insbesondere die Freiheit mäßigen Eingriffen der öffentlichen Gewalt zu
der Religionsausübung. Inhaberinnen und Inha- schützen: Sie sind Abwehr- oder Freiheitsrech-
bern von Unternehmen verschiedener Branchen te der Bürgerinnen und Bürger gegen den Staat.
war es durch Betriebsschließungen und -ein- In dieser Funktionsausrichtung liegt ihr histo-
schränkungen mehr oder weniger nicht möglich, rischer Entstehungsgrund. Die zweite Schutz-
ihre Berufsfreiheit auszuüben. Viele Selbständi- funktion der Grundrechte besteht darin, dass
ge unterlagen oder unterliegen quasi einem zeit- sie als objektive Verfassungsprinzipien staatliche
weiligen Berufsverbot. Dies gilt ebenso für viele Schutzpflichten den Bürgerinnen und Bürgern
künstlerisch Tätige, sodass auch die Kunstfreiheit gegenüber begründen und dadurch die prinzipi-
hier erörtert werden könnte. Durch die weitge- elle Geltungskraft der Grundrechte in der Gesell-
hende Schließung der Universitäten war die For- schaft verstärken.
schungs- und Lehrfreiheit eingeschränkt. Ange- Wie die staatlichen Organe den grundrecht-
sichts der wirtschaftlichen Auswirkungen dieses lichen Schutzpflichten nachkommen, ist grund-
weitgehenden Lockdowns stellen sich ferner Fra- sätzlich von ihnen in eigener Verantwortung zu
gen der Eigentumsfreiheit. entscheiden. Das Grundgesetz (GG) verlangt
Inzwischen sind viele dieser Beschränkungen aber vom Gesetzgeber, von der Verwaltung und
wieder aufgehoben worden – angesichts immer der Justiz eine permanente Rückbesinnung auf
noch bestehender Ungewissheiten und Unwäg- die vom Staat zu verteidigenden Freiheitsrech-
barkeiten möglicherweise nur vorläufig. Zahlrei- te und die Herstellung und Wahrung einer an-
che Freiheitsbeschränkungen sind aber nach wie gemessenen Balance. Dabei haben sich die Väter
vor in Kraft und werden wohl auch noch eine und Mütter des Grundgesetzes dagegen ent-
nicht überschaubare Zeit lang bestehen bleiben. schieden, sämtliche verbürgte Grundrechte ab-
In Zeiten eines pandemischen Notstands von na- wägbar oder gar „wegwägbar“ zu machen. Die
tionaler und internationaler Tragweite ist eine Menschenwürdegarantie und der Menschen-
Besinnung auf grundlegende demokratische und würdegehalt der speziellen Freiheitsrechte ge-
rechtsstaatliche Prinzipien von Verfassungs we- hören zu diesem absolut geschützten Kernbe-
gen geboten. Es gibt verschiedene Aspekte von stand. Anders als frühere deutsche Verfassungen
Grundrechtsbeschränkungen, und jede muss im stellt das Grundgesetz die Grundrechte als ein-
Einzelnen überprüft werden, ob verfassungs- klagbare Freiheitsrechte des Einzelnen gegen
rechtlich ein noch zulässiger, insbesondere ein den Staat in den Mittelpunkt, sie sind nicht
noch verhältnismäßiger Eingriff vorliegt. mehr als bloße Programmsätze, verfassungsly-

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Corona-Krise  APuZ

rische Verheißungen oder Staatszielbestimmun- Satz 2 GG) und die allgemeine Handlungsfrei-
gen zu verstehen. Das zeigt nicht nur die Stel- heit (Art. 2 Abs. 1 GG) als auch für die Ver-
lung des Grundrechtekatalogs am Anfang der sammlungsfreiheit (Art. 8 Abs. 2 GG), die Frei-
Verfassung, sondern ganz deutlich auch Art. 1 zügigkeit (Art. 11 Abs. 2 GG), die Berufsfreiheit
Abs. 3 GG, der die Grundrechte als unmittelbar (Art. 12 Abs. 1 Satz 2 GG), die Unverletzlich-
geltendes Recht für alle staatlichen Gewalten, keit der Wohnung (Art. 13 GG) und die Eigen-
einschließlich der gesetzgebenden Gewalt, für tumsfreiheit (Art. 14 Abs. 1 Satz 2 GG). Soweit
verbindlich erklärt. Die staatlichen Eingriffe, mit dem Verbot des Abhaltens von Gottes-
nicht aber die Geltendmachung der Freiheits- diensten die Religionsfreiheit nach Art. 4 Abs. 1
rechte bedürfen der Rechtfertigung. und 2 GG eingeschränkt ist, fehlt zwar im Ver-
Bei der Wahl der Mittel zur Erfüllung seiner fassungstext ein ausdrücklicher Gesetzesvor-
grundrechtlich fundierten Schutzpflichten ist der behalt. Aber auch diese vorbehaltlosen Grund-
Staat also auf die Mittel beschränkt, deren Einsatz rechte, wozu auch die bereits erwähnte Kunst-,
mit den rechtsstaatlichen Gehalten der Verfas- Lehr- und Forschungsfreiheit nach Art. 5 Abs. 3
sung in Einklang stehen. Dabei gelten für ihn vor GG gehört, unterliegen verfassungsimmanenten
allem zwei verfassungsrechtliche Grenzen: Einer- Schranken, soweit es zum Schutz gleichwertiger
seits muss er nach dem „Untermaßverbot“ ein Verfassungsgüter, hier des Lebens und der kör-
gewisses Mindestmaß an Schutz gewähren. Die- perlichen Integrität der Bevölkerung, geboten ist
se Pflicht ist verletzt, wenn die öffentliche Ge- und die Grundsätze der Verhältnismäßigkeit ge-
walt Schutzvorkehrungen entweder überhaupt wahrt werden.
nicht getroffen hat oder die getroffenen Regelun- Der Staat muss unter Hinzuziehung externen
gen und Maßnahmen gänzlich ungeeignet sind, Sachverstands stets prüfen, welche Gefahrenab-
das gebotene Schutzziel zu erreichen, oder erheb- wehr- und Vorsorgemaßnahmen angemessen im
lich dahinter zurückbleiben. 01 Andererseits folgt Verhältnis zur aktuellen Gefahrenlage sind. Die-
aus der bereits angesprochenen Abwehrfunktion se Fragen der rechtlichen Abwägung sind zwin-
der Grundrechte ein „Übermaßverbot“, es dür- gend interdisziplinär zu beantworten und dürfen
fen also keine unverhältnismäßigen Grundrechts- nicht ausschließlich Virologinnen, Medizinern,
eingriffe vorgenommen werden. Epidemiologinnen und Naturwissenschaftlern
überlassen werden. Vor dem Hintergrund der in
VERHÄLTNISMÄ ẞ IGKEIT wissenschaftlicher Hinsicht mitunter schwer zu
DER EINGRIFFE beantwortenden Fragen nach der Effektivität von
bestimmten Schutzmaßnahmen und dem Gefähr-
Im Rahmen seiner Schutzpflichterfüllung gegen dungsgrad der Bevölkerung durch das neuartige
die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus Corona-Virus ist den zuständigen Organen des
aufgrund des Grundrechts auf Leben und kör- Staates zwingend ein gewisser Einschätzungs- und
perliche Unversehrtheit nach Art. 2 Abs. 2 GG Beurteilungsspielraum zuzubilligen, dessen Ein-
hat der Staat daher stets die Verhältnismäßigkeit haltung die Gerichte nur unter Vertretbarkeitsge-
der Eingriffe in die konfligierenden Grundrech- sichtspunkten nachprüfen können. Die gesetzli-
te zu prüfen: 02 Je größer die Gefahren für Leben chen Befugnisnormen in § 28 Abs. 1 und § 32 des
und Gesundheit der Bevölkerung sind, desto Infektionsschutzgesetzes (IfSG) sind notgedrun-
umfassender und massiver dürfen die Freiheits- gen sehr weit gefasst: Es sind demnach die „not-
beschränkungen sein. In diesem Zusammenhang wendigen Schutzmaßnahmen“ zu treffen, „soweit
ist darauf hinzuweisen, dass die hier von den und solange es zur Verhinderung der Verbreitung
Schutzmaßnahmen vorrangig betroffenen Frei- übertragbarer Krankheiten erforderlich ist“.
heitsrechte einen ausdrücklichen Vorbehalt ge- Immer noch besteht kein hinreichendes Maß
setzlicher Beschränkungen enthalten. Das gilt an Gewissheit über Inhalt und Umfang der Ge-
sowohl für die Freiheit der Person (Art. 2 Abs. 2 fahren sowie über die Eignung und Erforder-
lichkeit der ergriffenen beziehungsweise alter-
nativer Maßnahmen. Weil wir darüber nicht
01 Vgl. Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts
(BVerfGE) 125, 39 (78 f.); BVerfGE 88, 203 (159 f.).
genügend wissen, kann niemand sagen, dass die
02 Vgl. auch BVerfG, Beschluss vom 10. 4. 2020 – 1 BvQ 28/20 angeordneten Ausgangs- und Kontaktbeschrän-
Rn. 14. kungen von vornherein unverhältnismäßig ge-

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APuZ 35–37/2020

wesen sind. Daher können auch keine generellen ser Quadratmeterzahlbeschränkung von vornhe-
rechtlichen Bedenken gegen die im März erlas- rein ausgenommen. Das ist für Bürgerinnen und
senen Maßnahmen erhoben werden, obgleich sie Bürger und insbesondere für die Geschäftsleute,
zu schwerwiegenden Eingriffen in die erwähnten die von der Schließung oder der nur partiellen
Grundrechte führten. Auch die gegen diese Maß- Öffnung nachteilig betroffen sind, nicht einsich-
nahmen angerufenen Gerichte sehen sich – wie tig. Die in den Eilverfahren entscheidenden Ver-
die Politik und die Exekutive – mit diesen Un- waltungsgerichte sehen das zu einem großen Teil
gewissheiten über Art und Ausmaß der Gefah- ebenso. 04
ren sowie die Eignung und Erforderlichkeit der
eingesetzten Mittel konfrontiert. Angesichts die- PARLAMENTS­VORBEHALT
ser Lage kommen auch sie gar nicht umhin, den
zuständigen Organen der zweiten Gewalt einen Im Kontext der Grundrechtsbeschränkungen
erheblichen Einschätzungs- und Beurteilungs- durch die Corona-Schutzmaßnahmen drängt sich
spielraum sowie einen Ermessensspielraum bei ein weiteres Problem auf: Nach den grundgesetz-
der Auswahl der Einzelmaßnahmen einzuräu- lichen Strukturprinzipien von Demokratie und
men. Es konnte nicht erwartet werden, dass die Rechtsstaat im Sinne des Art. 20 GG, die den ver-
Gerichte abweichend von den Beurteilungen und fassungsrechtlichen „Wesentlichkeitsgrundsatz“
Einschätzungen der Exekutive die Verantwor- insbesondere bei Grundrechtsbeschränkungen
tung dafür übernehmen, den Schutz von Leben enthalten, sind alle wesentlichen Entscheidun-
und Gesundheit einer unbestimmten Zahl von gen zur Grundrechtsausübung und -einschrän-
Menschen hintanzustellen. kung durch das unmittelbar durch Wahlen vom
Da es sich allerdings um besonders schwer- Volk legitimierte Parlament zu treffen. Der Ge-
wiegende Grundrechtseingriffe handelt, die setzgeber ist in den Worten des Bundesverfas-
sich mit fortschreitender Zeit weiter intensivie- sungsgerichts dazu verpflichtet, „in grundlegen-
ren können, wird das Anforderungsprofil an die den normativen Bereichen, zumal im Bereich der
Rechtfertigung der Eingriffe mit zunehmender Grundrechtsausübung, soweit diese staatlicher
Dauer wachsen. Mit anderen Worten: Nicht die Regelung zugänglich ist, alle wesentlichen Ent-
Lockerungen der Corona-Beschränkungen be- scheidungen selbst zu treffen“.05
dürfen einer Rechtfertigung, sondern ihre Auf- Dies betrifft nicht allein die Frage, ob ein be-
rechterhaltung oder Wiedereinführung. stimmter Sachbereich überhaupt gesetzlich zu re-
Es bestehen berechtigte Zweifel, ob die recht- geln ist, sondern auch den Detaillierungsgrad ei-
fertigungsbedürftigen Beschränkungen – gera- ner parlamentsgesetzlichen Regelung, also die
de in den Zeiten einer Lockerung – vonseiten Frage, „wie weit diese Regelungen im Einzelnen
der Entscheidungsträgerinnen und -träger immer zu gehen haben“. 06 Das Parlament darf insbeson-
richtig und plausibel begründet werden können. dere die Festlegung der sachlichen Voraussetzun-
Wenn beispielsweise zeitweilig bestimmt wurde, gen für die Vornahme von Grundrechtseingriffen
dass Ladengeschäfte öffnen dürfen, es sei denn und die Regelung der wesentlichen Eingriffsmo-
ihre Verkaufsfläche liegt über 800 Quadratme- dalitäten nicht durch allzu weit und unbestimmt
ter, 03 dann konnte man sich fragen, ob dies un- gefasste Eingriffsermächtigungen der Exeku-
ter infektionsschutzrechtlichen Gesichtspunkten tive überlassen. Diese Anforderungen des Par-
gerechtfertigt ist. Es stellt sich nämlich die Frage, lamentsvorbehalts decken sich mit dem rechts-
ob nicht auch großflächige Geschäfte für die Ein- staatlichen Bestimmtheitsgebot. Dieses verlangt
haltung der Abstands- und Hygieneregeln sor- vom Gesetzgeber, der Regierung und Verwaltung
gen können – und dies vielleicht sogar besser als
kleinräumige Geschäfte, wo sich die Kunden sehr
viel mehr drängeln können. Zum anderen wurden 04 Vgl. Bayerischer Verwaltungsgerichtshof, Beschluss vom
bestimmte großflächigere Geschäfte, etwa Mö- 27. 4. 2020 – 20 NE 2.793; Verwaltungsgericht Hamburg,
belhäuser oder Garten- und Baumärkte, von die- Beschluss vom 21. 4. 2020 – 3 E 1675/20.
05 BVerfGE 49, 89 (126). Vgl. auch BVerfGE 98, 218 (251);
BVerfGE 101, 1 (34).
03 Vgl. z. B. Daniel Pokraka, 800-qm-Regel sorgt für Kopf- 06 BVerfGE 101, 1 (34). Vgl. auch BVerfGE 34, 165 (192);

schütteln, 16. 4. 2020, www.tagesschau.de/i nland/​corona-​ BVerfGE 49, 89 (127 ff.); BVerfGE 57, 295 (327); BVerfGE 83,
massnahmen-​117.html. 130 (142).

06
Corona-Krise  APuZ

„steuernde und begrenzende Handlungsmaßstä- EIGENTUM


be“ vorzugeben. 07 Dies ist Voraussetzung dafür, UND BERUFSFREIHEIT
dass die Gerichte eine wirksame Rechtskontrolle
vornehmen können. Nur bei einer hinreichenden Von den ergriffenen Schutzmaßnahmen sind vie-
Bestimmtheit und Klarheit des Gesetzes können le Unternehmen, etwa Handels- und Dienstleis-
sich die Normunterworfenen auf sie zukommen- tungsbetriebe, die Gastronomie sowie Beherber-
de Belastungen rechtzeitig einstellen. 08 Wie hoch gungsunternehmen in besonderem Maße betroffen.
die Anforderungen an präzise gesetzliche Vor- Angesichts der empfindlichen, nicht selten exis-
gaben und an die Bestimmtheit gesetzlicher Re- tenzbedrohenden wirtschaftlichen Verluste die-
gelungen sind, richtet sich dabei danach, ob und ser Unternehmen ist zu fragen, ob in diesen Fällen
wie intensiv durch die gesetzlichen Regelungen in nicht gesetzliche Entschädigungsregelungen von
Grundrechte Dritter eingegriffen wird oder ein- Verfassungs wegen geboten wären. Die Unter-
gegriffen werden kann. 09 nehmensinhaberinnen und -inhaber sind in diesen
Die Corona-Schutzmaßnahmen sind mitt- Fällen nicht betroffen, weil sie krankheits- oder
lerweile in allen Bundesländern durch Rechts- ansteckungsverdächtig sind, ihnen wird aufgrund
verordnungen geregelt worden, gestützt auf die der Betriebsschließungen gewissermaßen ein
§§ 28 und 32 IfSG. 10 Die Eingriffsermächtigung „Sonderopfer“ zum Wohle der Allgemeinheit ab-
nach § 32 IfSG mag hinreichend rechtsstaatlich verlangt. Es geht hier nicht um klassische Enteig-
und demokratiestaatlich adäquat sein, soweit nungen, aber um Eingriffe in das Eigentum und in
es um zeitlich, regional und personell limitierte die Berufsfreiheit, die man als „ausgleichspflichti-
Maßnahmen der Gefahrenabwehr und -vorsorge ge Sozialbindungen“ bezeichnen kann.11
geht. Ein sogenannter Shutdown nationalen Aus- Solche Eingriffe müssten an sich von Verfas-
maßes ist aber in diesem Gesetz weder angespro- sungs wegen durch gesetzliche Ausgleichs- bezie-
chen noch in grundsätzlicher Hinsicht geregelt. hungsweise Entschädigungsansprüche abgefedert
Eine derartige massive und nicht nur kurzzeitige werden. Zwar sieht das Infektionsschutzgesetz
Einschränkung des gesamten gesellschaftlichen durchaus Entschädigungsregelungen vor (§  56
und individuellen Lebens sollte nicht auf eine IfSG), aber eben nur für Personen, die anste-
solche Generalklausel gestützt werden dürfen, ckungs- oder krankheitsverdächtig sind und des-
also dem weitgehenden Ermessen von 16 Lan- wegen Beschränkungen, etwa eine Quarantäne,
desregierungen und ihrer nachgeordneten Be- hinnehmen müssen. 12 Diese gesetzlich vorgese-
hörden überantwortet sein. Für die freiheitli- henen Entschädigungsregelungen treffen aber
che Ordnung des gesamten Gemeinwesens nach für Unternehmerinnen und Unternehmer, die
Art, Ausmaß und Dauer wesentliche Einschnitte schwerwiegende wirtschaftliche Folgen tragen
müssen im förmlichen Verfahren der parlamen- müssen, nicht unmittelbar zu. Offenbar hat beim
tarischen Gesetzgebung bestimmt werden und Erlass des Infektionsschutzgesetzes im Jahr 2000
dürfen nicht anderen Normgebern überlassen niemand mit einer solchen Tragweite von Ge-
werden. Nur dann verfügen sie über die notwen- und Verboten gerechnet.
dige demokratische Legitimation, nur so sind Eine rechtsstaatliche Aufarbeitung des Ge-
auch Öffentlichkeit, Transparenz und Rechtssi- schehenen wird diesen Aspekt aufgreifen und
cherheit gewährleistet. etwa das Gesetz entsprechend novellieren müs-
sen. Das Problem ist in politischer Hinsicht zu-
nächst dadurch etwas entschärft worden, weil
07 Vgl. BVerfGE 110, 33 (106); BVerfGE 128, 282 (317 f. m. w. Bund und Länder mit haushaltsgesetzlich aus-
Nachw.).
gewiesenen Finanzleistungen oder Kreditgewäh-
08 Vgl. BVerfGE 145, 20 (Rn. 125 m. w. Nachw.).
09 Vgl. BVerfGE 145, 20 (Rn. 125); BVerfGE 93, 213 (238);
rungen reagiert haben. Aber von Verfassungs
BVerfGE 102, 254 (337); BVerfGE 131, 88 (123); BVerfGE 133, wegen wird man feststellen müssen, dass der Ge-
277 (336 f., Rn. 140).
10 Zuvor waren die Maßnahmen in manchen Bundesländern
noch durch Allgemeinverfügung im Sinne von § 35 Satz 2 Ver- 11 Vgl. etwa Entscheidung zum Denkmalschutzrecht im Hinblick
waltungsverfahrensgesetz geregelt. Für zwei Einzelfälle wurden auf Art. 14 GG: BVerfGE 100, 226 (245 f.).
sie in Bayern vom Verwaltungsgericht (VG) München deshalb als 12 Vgl. Landgericht Heilbronn, Urteil vom 29. 4. 2020 –
formell rechtswidrig erachtet, vgl. VG München, Beschlüsse vom I 4 O 82/20; Oberverwaltungsgericht Lüneburg, Beschluss vom
24. 3. 2020 – M 26 S 20.1252 und M 26 S 20.1255. 23. 4. 2020 – 13 MN 96/20 Rn. 37.

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APuZ 35–37/2020

setzgeber in der Pflicht steht, selbst Art und Aus- Schutzmaßnahmen erreichen. Regionalen und
maß der Entschädigungen oder des sonstigen fi- örtlichen Besonderheiten könnte durch gesetz-
nanziellen Ausgleichs zu regeln. liche Öffnungsklauseln zugunsten landesrechtli-
cher Regelungen Rechnung getragen werden, die
KRITIK AM für eine zielgenauere Präzisierung, Lockerung
FÖDERALISMUS oder Verschärfung der im Grundsatz bundesge-
setzlich geregelten pandemischen Notstandsord-
Der Föderalismus, der zum Identitätskern der nung sorgen könnten.
verfassungsmäßigen Ordnung der Bundesre-
publik gehört, wird in der politischen Öffent- AUSBLICK
lichkeit immer wieder als hemmend diskredi-
tiert. Der Vorwurf der „Kleinstaaterei“ und des Die Grundprinzipien unseres Verfassungsstaa-
„Flickenteppichs“ ist immer wieder schnell zur tes, nämlich Rechtsstaatlichkeit und Demokra-
Hand und wird auch im Kontext der Corona- tie, verlangen, dass der Gesetzgeber sich besser
Maßnahmen vorgebracht. Die Bundesstaatlich- auf epidemische und pandemische Notlagen nati-
keit Deutschlands ist aber ein wichtiger Faktor onaler beziehungsweise internationaler Tragwei-
für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, ins- te aufstellt. Das bisherige Instrumentarium des
besondere für die Gewaltenteilung und für das Infektionsschutzgesetzes musste angesichts der
Selbstbestimmungsrecht des Volkes, das auf be- akuten Gefährdungslage deshalb genutzt werden,
stimmten Feldern in kleineren politischen Ein- weil es keine besseren rechtlichen Instrumentari-
heiten eher möglich ist als in größeren. Es mag en gab. Dies gilt unabhängig von der Frage, ob die
sein, dass das Infektionsschutzgesetz des Bun- zuständigen staatlichen Instanzen es viel zu lan-
des an einigen Stellen ergänzungsbedürftig ist, ge versäumt hatten, die notwendigen und geeig-
aber die generelle Zuständigkeit der Länder für neten Maßnahmen zu treffen und nach solchen
den Vollzug dieses Bundesgesetzes sollte nicht Versäumnissen mit den schärfsten Mitteln re-
infrage gestellt werden. Prinzipiell sind die Län- agieren mussten. Zu erwähnen ist hier vor allem
der schneller in der Lage, den örtlichen oder re- die lange Zeit versäumte Anordnung des Tragens
gionalen Gegebenheiten gebührend Rechnung zu von Schutzmasken in der Öffentlichkeit, obwohl
tragen. Das Infektionsschutzgesetz geht von In- eine solche die Grundrechte der Bürgerinnen und
fektionslagen aus, die in aller Regel regional spe- Bürger am wenigsten beeinträchtigt. Der Gesetz-
zifisch oder lokal begrenzt verlaufen. Es macht geber sollte daraus lernen und Rechtsstaatlichkeit
daher durchaus Sinn, dass die regionalen Behör- und Demokratie auch in dieser Hinsicht krisen-
den – etwa Oberste oder Obere Landesbehörden fest machen. Für den Verteidigungsfall, also wenn
oder die örtlichen Gesundheitsämter – auf diese das Bundesgebiet mit Waffengewalt angegriffen
regionalen Herausforderungen angemessen re- wird oder ein solcher Angriff unmittelbar droht,
agieren können. Die gegenwärtige Besonderheit ist vor Jahrzehnten durch Etablierung einer soge-
ist aber, dass die Corona-​Pandemie Deutschland nannten Notstandsverfassung im Grundgesetz in
insgesamt und die ganze Welt erfasst. Zwar gab rechtlicher Hinsicht Vorsorge getroffen worden.
es bisher auch gewisse regionale Schwerpunk- Für den epidemischen Notstand von nationalem
te, aber grundsätzlich war die Infektionslage auf Ausmaß fehlt indes nach wie vor eine rechtlich
ihrem Höhepunkt relativ gleich verteilt. Gerade hinreichende Vorsorge. Dieser Frage sollte man
wenn es um die Frage der Verhältnismäßigkeit umgehend nachgehen und sie zukunftsorientiert
der Beschränkungen geht, ist es deshalb nicht angemessen lösen.
sonderlich sinnvoll, dies von Land zu Land un-
terschiedlich zu beurteilen und zu entscheiden.
Diesen Konflikt könnte man im konkre-
ten Fall auflösen, indem man den bundesweiten HANS-JÜRGEN PAPIER
Parlamentsvorbehalt umsetzt. Auf diese Weise ist emeritierter Professor für Öffentliches Recht
könnte man einerseits die für derartig schwer- an der Ludwig-Maximilians-Universität München
wiegende Grundrechtseingriffe erforderliche de- und war von 2002 bis 2010 Präsident des Bundes­
mokratische Legitimation stärken und anderer- verfassungsgerichts.
seits eine national einheitliche Grundstruktur der hans-juergen@prof-papier.de

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Corona-Krise  APuZ

FÖDERALISMUS IN DER (CORONA-)KRISE?


Föderale Funktionen, Kompetenzen
und Entscheidungsprozesse
Nathalie Behnke

Mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie in lismus. 04 Andererseits gibt es gute Argumente
Deutschland Anfang 2020 ist auch der deutsche dafür, dass Deutschland gerade wegen seiner fö-
Föderalismus wieder einmal verstärkt in die öf- deralen Staatsorganisation besser durch die Krise
fentliche Kritik geraten. Besonders augenfällig gekommen ist als andere Staaten. Die freiheitssi-
erschien die Hinderlichkeit der föderalen Staats- chernden, demokratie- und effizienzsteigernden
organisation im Krisenalltag im Nebeneinander Vorteile föderaler Koordinations- und Entschei-
von 16 Corona-Verordnungen der Länder. Vom dungsprozesse werden in der öffentlichen wie in
„Flickenteppich“ war allenthalben die Rede, und der wissenschaftlichen Diskussion gerne über-
in der Polit-Satire „Heute Show“ wurde fröhlich sehen. In diesem Beitrag werden daher die the-
das deutsche „Föderallala“ beschworen. 01 Durf- oretisch abgeleiteten Annahmen über Vor- und
te man im baden-württembergischen Teil des All- Nachteile einer föderalen Staatsorganisation em-
gäus auch zu Hochzeiten des Lockdowns legal pirisch hinterfragt. Anschauungsbeispiel ist das
mit den eigenen Familienmitgliedern wandern Infektionsschutzmanagement der deutschen Bun-
und picknicken, riskierte man, beim unsichtbaren desländer in der Phase des Corona-Lockdowns
Grenzübertritt ins benachbarte Bayern, mit dem im Frühjahr 2020.
gleichen Freizeitverhalten eine bußgeldpflichti-
ge Ordnungswidrigkeit zu begehen. Für Fern- FÖDERALISMUS
busse galten, als sie wieder fahren durften, in den ALS STAATLICHES
Ländern jeweils unterschiedliche Hygieneregeln, ORGANISATIONSPRINZIP
sodass gegebenenfalls Passagiere an der Länder-
grenze hätten ausgeladen werden müssen. Diese Warum ist Deutschland eigentlich ein Föderal-
und andere Kuriositäten wurden von den Medi- staat? Ist die föderale Ordnung noch zeitgemäß
en dankbar aufgegriffen und vielfältig bei der Fra- oder könnte man sie nicht abschaffen? Das sind
ge nach der Krisentauglichkeit des Föderalismus die Fragen, die implizit in der kritischen Dis-
thematisiert. Andererseits bescheinigte insbeson- kussion über den deutschen Föderalismus mit-
dere die ausländische Presse Deutschland ein vor- schwingen. Die Frage nach dem „Warum“ kann
bildliches Pandemie-Management, 02 nachdem man historisch, föderalismustheoretisch oder
relativ schnell die Zahl der täglichen Neuerkran- auch ökonomisch beantworten.
kungen auf unter 1000 und die Reproduktions- Historisch reicht die Tradition des Föderalis-
zahl, also die Anzahl der Menschen, an die eine mus als Staatsorganisationsprinzip bis ins Mit-
mit dem neuartigen Corona-Virus infizierte Per- telalter zurück und setzte sich über alle histori-
son dieses weitergibt, mit wenigen Ausnahmen schen Brüche hinweg bis in die Bundesrepublik
auf unter 1.0 gesenkt werden konnten. 03 fort. 05 Der Föderalismus ist somit gewisserma-
Tatsächlich zahlen wir im Alltag manchmal ßen in die DNA der deutschen politischen Kul-
einen Preis der Unbequemlichkeit für unser fö- tur eingewoben, was sich im Alltag vor allem in
derales System. Unübersichtlichkeit, uneinheitli- den ausgeprägten Mustern föderaler Koordina-
che Lebensverhältnisse, Unvergleichbarkeit oder tion und Verhandlung in nahezu allen Politik-
auch Ungerechtigkeit für Lebenschancen lau- bereichen zeigt. 06 Für wie grundlegend die fö-
ten die Vorwürfe der Kritikerinnen und Kritiker, derale Staatsordnung für das Selbstverständnis
insbesondere mit Blick auf den Bildungsfödera- der Bundesrepublik erachtet wurde, zeigt die

09
APuZ 35–37/2020

sogenannte Ewigkeitsklausel in Art. 79 Abs. 3 eines coming together federalism, 08 also durch
Grundgesetz, die die Gliederung des Bundes in den freiwilligen Zusammenschluss von Terri-
Länder sowie die Mitwirkung der Länder bei der torien mit dem Ziel, Wirtschafts- und Vertei-
Gesetzgebung des Bundes umfasst. Selbst wenn digungsmacht zu bündeln, stand er als Staats-
der politische Wille hierzu bestünde, schützt das organisationsprinzip für Deutschland in den
Grundgesetz die föderale Ordnung davor, ab- „Verfassungsmomenten“ 1848, 1871, 1919 und
geschafft zu werden. Die historische Pfadab- 1949 aktiv zur Disposition und benötigte weiter-
hängigkeit ist als Rechtfertigungsargument den- gehende Begründungen. 09 Dominant war hierbei
noch nur begrenzt tauglich. Sie mag zwar eine das Motiv der Machtbegrenzung. Weder in der
Begründung liefern, warum es schwer und somit Mitte des 19. Jahrhunderts noch nach dem Ers-
unwahrscheinlich ist, von diesem Pfad abzuwei- ten Weltkrieg konnte sich die preußische Hege-
chen. 07 Dass darüber hinaus der pfadabhängig monialmacht gegen die starken Fürsten im Sü-
bestimmte Zustand funktional oder normativ in den durchsetzen, obwohl sie von Reformern als
irgendeiner Hinsicht ausgezeichnet sei, ist da- Kristallisationspunkt für die Ausbildung und
durch hingegen nicht automatisch begründbar. Entwicklung eines deutschen Nationalstaates
Vielmehr belegt die Theorie der Lock-in-Effekte gesehen wurde. 10 Auch 1949, als die Wiederauf-
mit ihrem bekanntesten Beispiel der nicht mehr nahme des Bundesstaatsprinzips in das Grund-
zeitgemäßen, jedoch in historischer Kontinui- gesetz von den Alliierten unterstützt wurde, galt
tät weiterhin standardisierten QWERTZ-Tasta- deren Augenmerk der Machtbegrenzung. Ob-
tur, dass pfadabhängige Entwicklungen auch in wohl diese historisch primär territorial verstan-
Sackgassen führen können. den wurde – vor Großmachtansprüchen Preu-
Das führt uns zum zweiten Argumentati- ßens gegenüber anderen deutschen Territorien
onsstrang: der normativen Theorie des Födera- oder eines nationalstaatlichen Deutschlands ge-
lismus. Entwickelte sich der deutsche Födera- genüber seinen Nachbarn, denen das Trauma
lismus über lange Jahrhunderte nach der Logik zweier von Deutschland begonnener Weltkrie-
ge noch in den Knochen steckte –, schützt die
01 Vgl. ZDF, Heute-Show, 15. 5. 2020, www.zdf.de/comedy/ vertikale Gewaltenteilung auch die individuelle
heute-show/heute-show-vom-15-mai-2020-100.html. Freiheit. Dieser Aspekt wurde vor allem in der
02 Vgl. etwa Philip Oltermann, Germany’s Devolved Logic Is Hel-
Verfassungsdiskussion der USA betont. 11 Die
ping It Win the Coronavirus Race, 5. 4. 2020, w ​ ww.theguardian.
com/​​world/​2020/​apr/​05/​germanys-​devolved-​logic-​is-​helping-​
freiheitssichernde Wirkung föderaler Machtbe-
it-​win-​the-​coronavirus-​race; Guy Chazan, How Germany Got grenzung dadurch, dass Regierungen nur wenige
Coronavirus Right, 4. 6. 2020, www.ft.com/​content/​cc1f650a-​ Entscheidungen autonom treffen können, dass
91c0-​4e1f-​b990-​ee8ceb5339ea. immer ein Mitbestimmen Vieler das „Durchre-
03 Vgl. Robert Koch-Institut, COVID-19-Dashboard Germany,
gieren“ verhindert, ist selbst in unseren fried-
3. 8. 2020, https://experience.arcgis.com/experience/4782
20a4c454480e823b17327b2bf1d4; dass., Nowcasting und
lichen und stabilen demokratischen Zeiten ein
R-Schätzung: Schätzung der aktuellen Entwicklung der SARS-​ kaum zu überschätzender normativer Vorteil fö-
CoV-2-Epidemie in Deutschland, 3. 8. 2020, www.rki.de/DE/ deraler Staatsorganisation.
Content/InfAZ/​N/Neuartiges_Coronavirus/Projekte_RKI/ Allerdings wird die Beteiligung Vieler an ei-
Nowcasting.html.
ner Entscheidung – und somit ein Wesenskern
04 Vgl. Mathias Brodkorb/Katja Koch, Der Abiturbetrug. Vom
Scheitern des deutschen Bildungsföderalismus, Springe 2020.
föderaler Organisation – in der rationalen Ent-
05 Vgl. Albert Funk, Kleine Geschichte des Föderalismus. Vom scheidungstheorie in der Regel nicht primär als
Fürstenbund zur Bundesrepublik, Paderborn 2010; Arthur Benz, freiheitssichernd gelobt, sondern eher als Effi-
Lehren aus entwicklungsgeschichtlichen und vergleichenden zienzproblem kritisiert. Ganz allgemein zeigten
Analysen. Thesen zur aktuellen Föderalismusdiskussion, in:
schon die Wirtschaftswissenschaftler James M.
Politische Vierteljahresschrift Sonderheft 32/2001, S. 391–403;
Siegfried Weichlein, Föderalismus und Demokratie in der Bun-
Buchanan und Gordon Tullock, dass mit stei-
desrepublik, Stuttgart 2018.
06 Vgl. Yvonne Hegele/Nathalie Behnke, Horizontal Coordi- 08 Vgl. Alfred Stepan, Federalism and Democracy: Beyond the
nation in Cooperative Federalism: The Purpose of Ministerial U. S. Model, in: Journal of Democracy 4/1999, S. 19–34.
Conferences in Germany, in: Regional & Federal Studies 5/2017, 09 Zur Theorie der Verfassungsmomente vgl. Bruce Ackerman,
S. 529–548. We the People, Volume 1: Foundations, Cambridge MA 1991.
07 Vgl. Kathleen Thelen, Historical Institutionalism in Compa- 10 Vgl. Funk (Anm. 5), S. 155 ff.
rative Politics, in: Annual Review of Political Science 2/1999, 11 Vgl. Alexander Hamilton/James Madison/John Jay, Die
S. 369–404. Federalist Papers, Darmstadt 1993 [1787/88].

10
Corona-Krise  APuZ

gender Zahl der Entscheidungsbeteiligten die langsame Entscheidung ist an sich kein Fehler,
Kosten einer Einigung bis fast ins Unermessli- sofern sie dadurch bedingt ist, dass ihr ein län-
che steigen können, weswegen in großen Grup- gerer Abwägungs- und Deliberationsprozess
pen eine Einstimmigkeitsregel kaum umsetzbar vorausgeht. Sowohl in der Entscheidungstheo-
ist. 12 Ähnlich argumentierte der Politikwissen- rie, etwa im „Jury Theorem“ vom französischen
schaftler George Tsebelis in der „Vetospieler- Aufklärer Marquis de Condorcet, 16 als auch in
theorie“: Je mehr Vetospieler vorhanden sei- der Institutionenordnung repräsentativer Demo-
en, desto geringer müsse die Veränderung vom kratien 17 drückt sich die Annahme aus, dass mehr
Status quo ausfallen. 13 Explizit auf den Födera- Entscheidungsbeteiligte, Diskussion und Berat-
lismus zugeschnitten ist die Theorie der „Poli- schlagung die Qualität und die gesellschaftli-
tikverflechtung“, die der Politikwissenschaftler che Akzeptanz einer Entscheidung verbessern. 18
Fritz W. Scharpf formuliert hat. 14 Auch er zeigt, Umgekehrt zeichnen sich Entscheidungen, die
dass verflochtene Politikentscheidungen in fö- von „starken Staatschefs“ im Alleingang getrof-
deralen Institutionen Ergebnisse hervorbringen, fen werden, selten durch umfassende Informati-
die nach langen Verhandlungsprozessen zu Lö- onen, ausgewogene Risikoabwägung, Weitsicht
sungen auf dem kleinsten gemeinsamen Nenner und Zukunftsfähigkeit aus. Die populäre Anzie-
führen. Wenn politische Entscheidungsträgerin- hungskraft der neuen Autokraten beispielsweise
nen und -träger aber weder schnelle Maßnahmen liegt gerade darin, dass sie sich keiner Machtkon-
ergreifen noch weitreichende Reformen umset- trolle unterwerfen. Gegen diese Kontrastfolie ist
zen können, gilt das gemeinhin als Makel in der eine Entscheidung von Politikerinnen und Po-
Politik. litikern klar vorzuziehen, die sich erst intensiv
Die Frage ist aber, ob beziehungsweise unter über das verfügbare Wissen zu Handlungsopti-
welchen Bedingungen verzögerte und schritt- onen und deren Konsequenzen informieren und
weise erfolgende Entscheidungen tatsächlich mit anderen Akteurinnen und Akteuren beraten,
von Nachteil sind. Klassische Organisationsthe- um sich dann gemeinsam auf die wahrscheinlich
orien ebenso wie neuere Theorien des Umgangs beste Entscheidung zu einigen. Insofern hat eine
mit Krisen oder mit Komplexität weisen durch- föderale Machtteilung nicht nur den Effekt der
gängig darauf hin, dass unter Bedingungen ho- Freiheitssicherung, sondern sie reduziert auch
her Unsicherheit über die Auswirkungen einer systematisch das Risiko für politische Fehlent-
Handlung dezentrale und schrittweise Entschei- scheidungen.
dungen zu bevorzugen sind. 15 Auf diese Wei- Aus ökonomischer Sicht schließlich wird ty-
se lässt sich verhindern, dass Fehlentscheidun- pischerweise argumentiert, dass eine föderale
gen zu katastrophalen Folgen führen. Auch eine Staatsorganisation vorteilhaft sei, da sie eine ef-

12 Vgl. James M. Buchanan/Gordon Tullock, The Calculus 16 Vgl. Manfred J. Holler, Marquis de Condorcet and the Two-
of Consent. Logical Foundations of Constitutional Democracy, Dimensional Jury Model, in: Alain Marciano/Giovanni Ramello
Ann Arbor 1962. Buchanan und Tullock verdeutlichen auch die (Hrsg.), Law and Economics in Europe and the US, Basel 2016,
positive Funktion eines Vetos im Sinne des Minderheitenschut- S. 155–169; Joachim Behnke, Condorcet und die „soziale Ma-
zes, sehen also durchaus abgewogen die Vorteile und Risiken thematik“. Eine Einführung in Leben und Werk, in: ders./Carolin
verschiedener Entscheidungsregeln. Stange/Reinhard Zintl (Hrsg.), Condorcet. Ausgewählte Schriften
13 Vgl. George Tsebelis, Veto Players and Institutional Analysis, zu Wahlen und Abstimmungen, Tübingen 2011, S. 1–48, hier
in: Governance 4/2000, S. 441–474. S. 23 ff.
14 Vgl. Fritz W. Scharpf/Bernd Reissert/Fritz Schnabel, Politik- 17 Vgl. Nadia Urbinati/Mark E. Warren, The Concept of
verflechtung. Theorie und Empirie des kooperativen Föderalis- Representation in Contemporary Democratic Theory, in: Annual
mus in der Bundesrepublik Deutschland, Kronberg 1976. Review of Political Science 1/2008, S. 387–412.
15 Vgl. Charles E. Lindblom, The Science of „Muddling 18 Vgl. Robert E. Goodin/John S. Dryzek, Deliberative Impacts:
Through“, in: Public Administration Review 2/1959, S. 79–88; the Macro-Political Uptake of Mini-Publics, in: Politics & Society
Karl E. Weick, Enacted Sensemaking in Crisis Situations, in: 2/2006, S. 219–244; Charles Taylor, Multiculturalism and
Journal of Management Studies 4/1988, S. 305–317; Helen Bri- the Politics of Recognition: An Essay, Princeton 1992; Arend
assoulis, Policy Integration for Complex Policy Problems: What, Lijphart, Consociational Democracy, in: World Politics 2/1969,
Why and How, Berlin 2004; Paul Cairney, Complexity Theory S. 707–725; ders., Constitutional Design for Divided Societies,
in Political Science and Public Policy, in: Political Studies Review in: Journal of Democracy 2/2004, S. 96–109; Thomas Hueglin,
3/2012, S. 346–358; Arjen Boin et al., The Politics of Crisis Ma- Treaty Federalism as a Model of Policy Making: Comparing
nagement: Public Leadership under Pressure, Cambridge 2016, Canada and the European Union, in: Canadian Public Adminis-
S. 49–77. tration 2/2013, S. 185–202.

11
APuZ 35–37/2020

fiziente Verteilung knapper Ressourcen sicher- Zeitpunktes, an dem bestimmte Regelungen einge-
stelle und damit für die Bürgerinnen und Bür- führt, verändert oder zurückgenommen wurden,
ger auch materiell von Vorteil sei. Dezentrale codiert. 19
Einheiten können sich besser als zentrale an re-
gionale Notwendigkeiten, Rahmenbedingun- These 1:
gen und Bedürfnisse anpassen. Auch können Der Föderalismus führt
sie kurzfristiger und flexibler auf sich ändern- zu langsamen Entscheidungen
de Bedarfe reagieren. Dezentraler Verwaltungs- Nachdem mehrere Covid-19-Fälle Ende Februar
vollzug ist prinzipiell auch ohne eine politische 2020 festgestellt wurden, stiegen die Zahlen der
Dezentralisierung von Kompetenzen möglich. täglichen Neuinfektionen innerhalb der ersten
Frankreich und Italien haben beispielsweise zwei Märzwochen sprunghaft an – am 8. März
hochgradig dekonzentrierte Verwaltungskom- wurde die 1000er-Marke übersprungen, nur
petenzen, die politische Entscheidungsmacht zwei Tage später die 2000er-Marke und wiede-
bleibt aber vollständig (Frankreich) beziehungs- rum zwei Tage später, am 12. März, die 3000er-
weise weitgehend (Italien) zentralisiert. Wäh- Marke. 20 Am 12. März fand ein Treffen der Re-
rend dort ein flexibler Verwaltungsvollzug vor gierungschefinnen und -chefs der Länder mit
Ort ebenso möglich ist wie in Deutschland, Bundeskanzlerin Angela Merkel statt. Dabei ei-
existiert nur in Deutschland eine unmittelbare nigte man sich auf Versammlungsverbote und
demokratische Rückbindung der politischen In- Schulschließungen. Bereits drei Tage später, am
stitutionen an den Wählerwillen. 15. März, waren von Flensburg bis Garmisch-
Partenkirchen alle Schulen und Kitas geschlos-
ARBEITENDER FÖDERALISMUS sen, für die Kinder berufstätiger Eltern in soge-
IN DER KRISE nannten systemrelevanten Berufen wurde eine
Notbetreuung angeboten. In der Woche zuvor
Die föderale Machtteilung hat also erstens eine hatten bereits 14 von 16 Ländern erste Versamm-
individuell freiheitssichernde Wirkung, indem sie lungsverbote erlassen, die letzten beiden Länder
staatliche Gewalten in Konkurrenz zueinander folgten am 17. März. Betretensverbote für alle
bringt; sie erhöht zweitens die sachliche Quali- Arten von Betreuungs- und Pflegeheimen wur-
tät von Entscheidungen in komplexen Entschei- den bis zum 15. März in acht Bundesländern
dungssituationen, da mehr Deliberation und und in der Woche darauf in weiteren sieben Län-
Diskussion stattfinden und ein hoher Rechtferti- dern eingeführt, nur in Rheinland-Pfalz wurde
gungsdruck für die gefundenen Entscheidungen eine entsprechende Regel erst am 23. März ein-
herrscht. Und sie sichert drittens eine regional geführt. Der Lockdown für Geschäfte und Gast-
angemessene, flexible und effiziente Bereitstel- stätten mit entsprechenden Ausnahmeregelun-
lung öffentlicher Güter und Dienstleistungen. gen zur Sicherung des täglichen Bedarfs wurde
Diesen Vorteilen gegenüber stehen die vermeint- flächendeckend in der Woche ab dem 16. März
lichen Nachteile eines langsamen Entscheidungs- umgesetzt. Etwas verzögert und uneinheitlicher
prozesses und einer für die Bürgerinnen und sieht es bei den Quarantäne-Verordnungen für
Bürger unübersichtlichen Rechtszersplitterung Reiseheimkehrerinnen und -heimkehrer aus Ri-
im Territorium. sikogebieten aus: Diese wurden bis zum 15. März
Inwiefern sich diese Vor- und Nachteile im der- in acht und in der Woche darauf in weiteren vier
zeitigen pandemiebedingten Krisenalltag des ar- Bundesländern eingeführt. Die restlichen Län-
beitenden Föderalismus bestätigen lassen, wird im der zogen erst am 23. März (Rheinland-Pfalz),
Folgenden am Beispiel der sogenannten Corona-­ am 2. April (Berlin) und am 10. April (Sachsen
Verordnungen empirisch überprüft. Hierbei han- und Sachsen-Anhalt) nach.
delt es sich um die Rechtsvorschriften, die die Lan-
desregierungen seit März 2020 erlassen haben. Im 19 Der Datensatz kann auf Nachfrage von der Autorin für
Wesentlichen sind es Verordnungen, teilweise All- eigene Analysen angefordert werden. Ich danke sehr herzlich
meinem Team an Codiererinnen und Codierern (Marie Zegowitz,
gemeinverfügungen und einige wenige formelle
Vivien Reining, Till Jürgens und Jannis Kupfer), die als studenti-
Dienstanweisungen. Diese wurden für den Zeit- sche Hilfskräfte diese herkulische Aufgabe in wenigen Wochen
raum vom 9. März bis zum 21. Juni 2020 in allen bewältigt haben.
16 Bundesländern erhoben und hinsichtlich des 20 Vgl. Robert Koch-Institut (Anm. 3).

12
Corona-Krise  APuZ

Diese Zusammenschau verdeutlicht, dass in Tätigkeit, der Dauer des Aufenthaltes, der Ent-
Krisenzeiten die föderale Handlungsabstimmung fernung von der Wohnung und Ähnliches mehr,
kaum zu verzögerten Reaktionen führt. Fast alle die sich nicht mehr sinnvoll zusammenfassen
als notwendig erkannten Maßnahmen wurden in- oder vergleichen lassen.
nerhalb weniger Tage flächendeckend realisiert. Ebenfalls sehr uneinheitlich gestaltete sich
der Weg aus dem Lockdown heraus. Erste Lo-
These 2: ckerungen wurden im Einzelhandel bereits ab
Der Föderalismus führt Mitte April 2020 eingeführt, für Gastronomie,
zu Rechtszersplitterung Einrichtungen, Sport und Tourismus gingen die
Die Unübersichtlichkeit der geltenden Infekti- Länder dann in der Rücknahme der Lockdown-
onsschutzregelungen war, wie eingangs aufge- Maßnahmen sowohl im Zeitverlauf als auch hin-
zeigt, ein augenfälliges Merkmal des deutschen sichtlich der Schwerpunktsetzung unterschied-
Föderalismus in der Zeit des Corona-Lock- liche Wege, wobei die Tendenz über alle Länder
downs. Tatsächlich lässt sich dies – zumindest hinweg einhellig in Richtung Lockerung ging. Ab
in Teilen – empirisch bestätigen. Aus der breiten dem 27. April durften in zwölf Ländern Schüle-
Vielfalt der Regelungsinhalte in den Corona-Ver- rinnen und Schüler der Abschlussklassen wieder
ordnungen seien drei Bereiche exemplarisch he- zur Schule gehen, die übrigen vier Länder zogen
rausgegriffen: erstens die Hygienemaßnahmen, in der darauffolgenden Woche nach. Erst ab dem
insbesondere Maskenpflicht und Ausgehverbo- 15. Juni hatten alle Schülerinnen und Schüler zu-
te; zweitens die Kontaktbeschränkungen im öf- mindest phasenweise wieder Präsenzunterricht,
fentlichen und privaten Raum; sowie drittens der wobei am 25. Juni bereits in einigen Ländern die
Rückweg von Schließungen zur Wiederöffnung Sommerferien begannen.
von Einrichtungen. Die Beispiele zeigen, dass die Regelungsviel-
In der Telefonschalte der Regierungschefin- falt in der Tat erheblich war und leicht zu Un-
nen und -chefs der Länder mit der Bundeskanz- übersichtlichkeit für die Bürgerinnen und Bür-
lerin am 15. April 2020 wurde eine Empfehlung ger führen konnten. Diese ist aber nur teilweise
zum Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes be- der Uneinheitlichkeit der Regelungen zwischen
schlossen. Zwischen dem 20. und 29. April führ- den 16 Ländern geschuldet. Mindestens ebenso
ten alle Länder eine Maskenpflicht ein, in den zur Verwirrung beigetragen hat die hohe Fre-
meisten Ländern war diese Verpflichtung darüber quenz der Änderungen innerhalb eines Landes.
hinaus bußgeldbewehrt. Wesentlich uneinheitli- In Nordrhein-Westfalen wurden im Untersu-
cher stellten sich die Ausgehbeschränkungen dar. chungszeitraum von 15 Kalenderwochen insge-
In fünf Bundesländern (Bayern, Saarland, Sach- samt 45 Verordnungen, Bereinigungs- und Än-
sen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg) wurden derungsverordnungen erlassen, also im Schnitt
Ausgehverbote verhängt, die sich im Kern auf drei pro Woche. Für Bayern lassen sich 81 Re-
den Zeitraum vom 23. März bis zum 26. April er- gelungsdokumente recherchieren, was fast einer
streckten (in Bayern galten sie vom 9. März bis Änderung pro Tag entspricht. In Baden-Würt-
zum 3. Mai). In den anderen Ländern setzte man temberg ging man zunehmend dazu über, neben
auf moralische Appelle und Freiwilligkeit, um zentralen Rechtsverordnungen der Landesregie-
das Ausgehverhalten zu beschränken. rung die Regelungskompetenz für Detailfragen
Die Kontaktbeschränkungen schließlich va- an die Fachministerien zu delegieren, sodass ne-
riierten zwischen den Ländern und über die ben 18 Verordnungen und Allgemeinverordnun-
Zeit hinweg weit von einer Beschränkung auf gen weit über 50 weniger sichtbare Verfügungen
die Mitglieder des eigenen Haushalts über zah- und Erlasse von den Fachministerien herausgege-
lenmäßige Begrenzungen (eine, zwei, drei wei- ben wurden. Die Kritik der Rechtszersplitterung
tere Personen) oder die Beschränkung auf zwei kann am Beispiel der Corona-Infektionsschutz-
Haushalte. Noch unübersichtlicher waren die maßnahmen daher zwar prinzipiell bestätigt
Regelungen, die sich auf den Aufenthalt und werden. Aber es muss in Rechnung gestellt wer-
die Bewegung im öffentlichen Raum bezogen. den, dass aufgrund der hohen Dynamik, mit der
Hier finden sich viele denkbare Kombinatio- sich die Situation entwickelte, auch innerhalb der
nen von Abstandsgeboten, personenbezogenen einzelnen Länder eine unübersichtliche Rechts-
Kontaktbeschränkungen, Einschränkungen der lage herrschte.

13
APuZ 35–37/2020

These 3: der Wahlen als Krisenmanager oder als besonders


Der Föderalismus schützt volksnah profilieren zu können, wurde durch die-
die individuelle Freiheit se wechselseitige Beobachtung und Anpassung
Am 25. März 2020 stellte der Deutsche Bundestag stillschweigend dem Mainstream wieder angegli-
das Vorliegen einer „epidemischen Lage von nati- chen, sodass unter dem Strich – zumindest vergli-
onaler Tragweite“ gemäß dem neu gefassten § 5 des chen mit den europäischen Nachbarländern – eine
am selben Tag vom Bundestag geänderten Infekti- relativ weniger intensive Einschränkung der Indi-
onsschutzgesetzes (IfSG) fest. Diese Feststellung vidualrechte umgesetzt wurde.
ermächtigte das Bundesgesundheitsministerium,
die individuellen Grundrechte einzuschränken These 4:
und in die föderale Kompetenzverteilung nach Der Föderalismus führt
Art. 84 GG einzugreifen. 21 Die Sorgen, die von zu sachlich besseren Entscheidungen
Verfassungsjuristinnen und -juristen in Reaktion Diese These ist empirisch nicht überprüfbar, da
auf die Novelle des IfSG geäußert wurden, schei- der Test kontrafaktische Annahmen erfordert.
nen sich aber bislang kaum bestätigt zu haben. 22 Es kann lediglich auf Plausibilitätsargumen-
Hinsichtlich der föderalen Kompetenzverteilung te zurückgegriffen werden. Die enge Koordina-
hat das Bundesgesundheitsministerium den Erlass tion zwischen den Ländern und mit dem Bund
der Infektionsschutzverordnungen komplett den ist ein wichtiger Indikator für einen intensiven
Ländern überlassen und selbst nur wenige Rege- Suchprozess nach richtigen Lösungen. Zwischen
lungen beschlossen, die sich auf die Registrierung dem 12. März 2020 und dem 17. Juni 2020 fan-
bei der Einreise aus Nicht-EU-Staaten beziehen den insgesamt acht offizielle Treffen der Regie-
und somit ohnehin nicht in den Kompetenzbe- rungschefinnen und -chefs der Länder mit der
reich der Länder fallen. 23 Bundeskanzlerin statt, während unter norma-
Im Hinblick auf die Einschränkung individu- len Umständen im selben Zeitraum ein Treffen
eller Rechte sind Versammlungsverbote, Ausgeh- stattgefunden hätte. Ergänzt wurden diese Tref-
und Kontaktbeschränkungen und nicht zuletzt fen auf höchster politischer Ebene durch Kon-
die Maskenpflicht für Deutschland ungewohn- ferenzen der Leiterinnen und Leiter der jewei-
te Maßnahmen. Dennoch zeigt der empirische ligen Staatskanzleien sowie regionale Treffen.
Vergleich der Regulierungstätigkeit der Länder, Koordinationsgremien zwischen den Akteuren
dass gerade der Wettbewerb zwischen den Län- des Gesundheitssystems wurden im Rahmen der
dern den Rechtfertigungsdruck auf die politischen Pandemiepläne eingesetzt. Zahlreiche informel-
Entscheiderinnen und Entscheider und damit le Meetings, Telefonate und Absprachen sichern
letztlich auch die Transparenz der Begründungen schließlich einen stetigen engen Austausch zwi-
deutlich erhöht. Wenn im einen Bundesland Got- schen allen Akteurinnen und Akteuren. Der be-
tesdienste schon wieder erlaubt sind und im an- ständige Rückgriff auf laufende wissenschaftli-
deren noch nicht, stehen beide Regierungen unter che Erkenntnisse ist ein weiteres Kennzeichen
erhöhter Beobachtung der Öffentlichkeit, ob die- der Rationalität des Entscheidungsprozesses in
se Maßnahmen den gewünschten Effekt bringen. der Krise. Auch der Wettbewerb zwischen den
Manches Vorpreschen eines Ministerpräsidenten, Ländern kann zur Rationalisierung der Entschei-
der vielleicht glaubte, sich angesichts herannahen- dungen beitragen, denn er übt auf die Politike-
rinnen und Politiker einen Rechtfertigungs- und
21 Vgl. Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, Begründungsdruck aus. Andererseits zeigte sich,
Staatsorganisation und § 5 Infektionsschutzgesetz, WD-3-080- dass dieser Wettbewerbsdruck auch Spitzenpo-
2020, www.bundestag.de/resource/blob/690262/cb​718​0 05e​
litiker der Länder verleitete, von gemeinsamen
6d​37​ecce​82c​991​91​efbec​49/WD-3-080-20-pdf-data.pdf; dies.
Koordinierung der Maßnahmen zur Eindämmung des Coro-
Vereinbarungen öffentlichkeitswirksam abzu-
navirus durch die Bundesregierung, WD-3-105-2020, www. weichen, um sich zu profilieren. Der Effekt des
bundestag.de/resource/blob/692490/5883cb39172f495b6044 Wettbewerbs auf die Qualität der Entscheidun-
317360e67a00/WD-3-105-20-pdf-data.pdf. gen ist daher ambivalent. Schließlich deutet der
22 Vgl. dies., Staatsorganisation und § 5 Infektionsschutzgesetz
Vergleich des Pandemieverlaufs in Deutschland
(Anm. 21), S. 7.
23 Vgl. Bundesministerium für Gesundheit, Gesetze und Ver-
mit anderen westlichen Demokratien darauf hin,
ordnungen, 27. 7. 2020, www.bundesgesundheitsministerium.de/ dass die getroffenen Entscheidungen vermutlich
service/gesetze-und-verordnungen.html. sachlich nicht ganz falsch waren.

14
Corona-Krise  APuZ

These 5: ABSCHLIEẞ ENDE


Der Föderalismus sichert eine ÜBERLEGUNGEN
regionalen Bedürfnissen angepasste
Produktion öffentlicher Güter Im Ergebnis wird deutlich, dass zwar eine ge-
und Dienstleistungen wisse Unübersichtlichkeit und Zersplitterung
Der Notwendigkeit, auf ein von Anfang an regi- des rechtlichen Regelwerks von den Bürgerinnen
onal stark differenziertes Infektionsgeschehen zu und Bürgern ein hohes Maß an Informationsver-
reagieren, kam die föderale Kompetenzverteilung arbeitung erfordert; auch bietet der politische
entgegen. So konnte Bayern, das als eines der ers- Wettbewerb als unerwünschter Nebeneffekt po-
ten Bundesländer über die heimkehrenden Skifah- litischen Entscheidungsträgerinnen und -trä-
rerinnen und Skifahrer aus Tirol und Südtirol von gern mit Wahlambition Anreize für strategische
dem Virus betroffen war, schnell und autonom Kommunikation. In der Phase des Corona-­
reagieren. Die Stärke dieser Strategie gegenüber Lockdowns wurde im Frühjahr 2020 jedoch
einer zentral gelenkten Reaktion auf das Pande- letztlich eine effiziente Balance zwischen zentra-
mie-Geschehen wurde in einer Telefonschalte am len, multilateral verhandelten und koordinierten
6. Mai 2020 aufgegriffen, als die Kompetenz zum sowie individuellen, dezentral getroffenen Ent-
Erlass von Infektionsschutzmaßnahmen sogar scheidungen gefunden.
noch vom Land auf die Landkreise dezentralisiert Der deutsche Föderalismus war nie radikal
wurde. Seitdem kann jeder Landkreis beziehungs- dualistisch, sondern immer kooperativ und am
weise jede kreisfreie Stadt eigenständig darüber normativen Leitprinzip der gleichwertigen Le-
befinden, lokale und partielle Lockdowns zu ver- bensverhältnisse orientiert, sodass auch in Krisen-
hängen, wenn die Zahl der Neuinfizierten im Mit- zeiten keine große Gefahr einer Rechtszersplit-
telwert der vergangenen sieben Tage bei über 50 terung bestand. Die Routinen der Koordination
pro 100 000 Einwohner liegt. wurden intensiviert, und auf diese Weise konnten
Auch das Lob aus dem Ausland für Deutsch- in wesentlichen Punkten einheitliche Regelungen
lands erfolgreiches Krisenmanagement stellt da- innerhalb kürzester Zeit implementiert werden.
rauf ab, dass die dezentrale Handlungs- und Entgegen der landläufigen Kritik am Föderalis-
Aufsichtskompetenz der Gesundheitsämter es er- mus hat sich dieser gerade in der Krise als effizi-
möglicht habe, deutlich schneller Hygieneschutz- ent und leistungsfähig erwiesen. Zwar wurde auf
ausrüstungen zu beschaffen, Test- und Tracking- eine übergriffige Zentralisierung verzichtet, die
Kapazitäten auszubauen und man dadurch eine die Reform des IfSG ermöglicht hätte, aber dieses
große Handlungsfähigkeit gewonnen habe. Risiko gilt es auch für die Zukunft zu kontrol-
Das Argument sollte jedoch nicht im Sinne ei- lieren, um die freiheitssichernden, rationalitäts-
nes undifferenziert verstandenen Subsidiaritäts- und wohlfahrtssteigernden Vorteile der föderalen
prinzips dahingehend verallgemeinert werden, Machtteilung zu erhalten.
dass möglichst alle Entscheidungen auf der un-
tersten Ebene getroffen werden sollten. Vielmehr
setzt die Anwendung des Subsidiaritätsprinzips
voraus, dass man weiß, welche Entscheidung
welche Reichweite hat und daher auf einer hö-
heren oder niedrigeren Ebene getroffen werden
sollte. Die Corona-App etwa konnte schlicht nur
zentral für ganz Deutschland entwickelt werden.
Ähnlich gelagert sind Probleme des Datenschut-
zes oder etwa der Einführung von Lern- und
Kommunikations-Apps in Schulen, die in der Re-
gel besser zentral als dezentral organisiert werden NATHALIE BEHNKE
sollten. Gerade die hohe zeitliche und regionale ist Professorin und Leiterin des Arbeitsbereichs
Dynamik des Infektionsgeschehens legt jedoch „Öffentliche Verwaltung, Public Policy“ am Institut
eine stark dezentralisierte Regulierung der Infek- für Politikwissenschaft der Technischen Universität
tionsschutzmaßnahmen nahe, wie sie in Deutsch- Darmstadt.
land von Anfang an umgesetzt wurde. nathalie.behnke@tu-darmstadt.de

15
APuZ 35–37/2020

ZUM GESELLSCHAFTLICHEN UMGANG


MIT DER CORONA-PANDEMIE
Ergebnisse der Mannheimer Corona-Studie
Annelies G. Blom

Als Ende Februar 2020 deutlich wurde, dass die Menschen und das Zusammenleben in Deutsch-
Corona-Pandemie auch Deutschland nicht ver- land haben?
schonen würde, überschlugen sich alsbald die Er- Belastbare Erkenntnisse in den Wirtschafts-
eignisse. Während Bundesgesundheitsminister und Sozialwissenschaften beruhen oft auf sta-
Jens Spahn am 12. Februar noch geäußert hatte, tistischen Auswertungen amtlicher oder wissen-
es sei „noch nicht absehbar, ob sich aus einer regi- schaftlicher Datenerhebungen, deren Verfahren
onal begrenzten Epidemie in China eine weltwei- in der Regel nicht für einen kurzfristigen Einsatz
te Pandemie entwickelt oder nicht“, 01 wurde am genutzt werden können. In der amtlichen Statis-
28. Februar ein gemeinsamer Krisenstab des Bun- tik hapert es dabei an der Geschwindigkeit der
desgesundheitsministeriums (BMG) und Bundes- Meldeverfahren, während wissenschaftliche Da-
innenministeriums (BMI) eingesetzt, der sich ab tenerhebungen oft auf Umfragen der allgemeinen
dem 3. März zweimal pro Woche traf. 02 Ab dem Bevölkerung beruhen, die über einen mehrmo-
16. März wurden von der Bundesregierung und natigen Zeitraum mittels persönlich-mündlicher
den Regierungschefinnen und -chefs der Bundes- Interviews in Haushalten vor Ort geführt wer-
länder gemeinsam sukzessive weitreichende Ent- den. 04 Darüber hinaus hat der finanzielle Druck
scheidungen getroffen, die tief in die Freiheits- in der Datenindustrie in den vergangenen zwei
rechte der Bürgerinnen und Bürger eingriffen Jahrzehnten zu einer Zweiteilung in der Umfra-
und weiterhin eingreifen. 03 Großveranstaltun- gelandschaft geführt: Schnelle Datenerhebungen
gen wurden verboten, öffentliche Einrichtungen basieren heute meist auf nicht-zufälligen Stich-
wie Kindertagesstätten, Schulen und Universitä- proben aus höchst selektiven, kommerziellen
ten geschlossen, Auflagen für beziehungsweise Pools von Online-Befragten, die die Bevölkerung
Schließungen von Bars, Restaurants, Geschäften, nicht akkurat abbilden, während Datenerhebun-
Sportstätten sowie anderen Betrieben angeordnet gen, die Rückschlüsse auf die Allgemeinheit er-
und sogar die Grenzen zu den Nachbarländern lauben, meist längere Erhebungszeiträume ver-
innerhalb der EU geschlossen. Deutschland be- anschlagen. 05 Neben zeitnahen und akkuraten
fand sich im Ausnahmezustand. Daten waren außerdem Vergleichswerte zur wirt-
Das galt auch für Wissenschaftlerinnen und schaftlichen und gesellschaftlichen Ausgangsla-
Wissenschaftler. Entscheidungsträgerinnen und ge vor der Corona-Krise notwendig: Nur so lässt
-träger in Wirtschaft und Politik benötigten drin- sich feststellen, was die Ausnahme und was die
gend wissenschaftliche Erkenntnisse – und zwar Regel ist. Zudem wurden regelmäßige, beizei-
nicht nach jahrelanger, sorgfältiger Forschung ten gar tägliche Updates der Lage benötigt, um
und Diskussion, sondern unmittelbar. Dies betraf beispielsweise die Auswirkungen und die gesell-
primär die Virologie und Epidemiologie, deren schaftliche Akzeptanz eingeführter Maßnahmen
Erkenntnisse die medizinische Bekämpfung des genau verfolgen zu können.
Virus voranbringen und die Verbreitung des Sars- In dieser Situation entschied sich am 15. März
CoV–2-Erregers eindämmen sollten. Aber auch ein Team an der Universität Mannheim, eine täg-
die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften stan- liche Datenerhebung zur Frage, wie die Corona-
den schlagartig im Zentrum der Aufmerksam- Krise das Leben der Menschen in Deutschland
keit. Welche Konsequenzen würden die getrof- beeinflusste, ins Leben zu rufen. 06 Die Erkennt-
fenen Maßnahmen kurz- und langfristig für die nisse dieser Mannheimer Corona-Studie (MCS)

16
Corona-Krise  APuZ

wurden prominent medial aufgegriffen 07 und heit und Gesundheitsverhalten ab. Die erhobenen
unter anderem im Krisenstab des BMG und des Daten wurden in einem mehrstufigen Verfahren
BMI sowie vom Bundesministerium für Arbeit detailliert gewichtet. 10 Diese Methodik erlaub-
und Soziales (BMAS) genutzt. 08 te der MCS, auf den Tag genau gesellschaftliche
Entwicklungen in Deutschland auszuwerten und
ÜBERSICHT zu beobachten. Um die interessierte Öffentlich-
ZUR METHODIK keit sowie Entscheidungsträgerinnen und -träger
zeitnah über die sich verändernden Gegebenhei-
Die Grundlage der MCS bildet das German Inter- ten zu informieren, erstellte das Team der MCS
net Panel (GIP), eine langjährige, online durchge- jeden Werktag einen Tagesbericht mit einer Fort-
führte wirtschafts- und sozialwissenschaftliche schreibung der Auswertungen, der online frei zur
Befragung, die auf einer Zufallsstichprobe der all- Verfügung gestellt wurde. 11
gemeinen Erwachsenenbevölkerung in Deutsch- Im Folgenden werden zentrale Ergebnis-
land basiert. 09 Für die MCS wurde die Stichprobe se der Studie zu den gesellschaftlichen Entwick-
des GIP in sieben zufällige Substichproben un- lungen während der frühen Phase der Corona-­
terteilt, die jeweils einem spezifischen Wochentag Krise in Deutschland erläutert. Die Erkenntnisse
zugeordnet wurden. über Häufigkeit persönlicher Treffen, Akzeptanz
An jedem Wochentag erhielt eine dieser Sub- verschiedener Corona-Maßnahmen und Abwä-
stichproben per E-Mail eine Einladung zur Ta- gung des wirtschaftlichen Schadens gegen den
gesstudie. Die angeschriebenen Teilnehmerinnen gesellschaftlichen Nutzen implementierter Maß-
und Teilnehmer hatten dann 48 Stunden Zeit, sich nahmen reichen von Mitte März 2020 bis in die
zu beteiligen. Nach einer Woche wurde dies mit Wochen der Lockerungen und das Abflauen der
denselben Personen wiederholt. Jede Woche wur- Pandemie in Deutschland Anfang Juli. Die ent-
den so etwa 3600 Personen befragt. Die Studien- sprechenden Daten wurden vom 20. März bis
teilnehmerinnen und -teilnehmer waren 18 bis zum 10. Juli, also über 16 Wochen hinweg, in un-
83 Jahre alt. Die Studieninhalte der MCS deck- veränderter Weise bei denselben Personen erho-
ten zentrale Fragestellungen in den Bereichen ben, sodass sie individuelle Verhaltens- und Ein-
Wirtschaft, Politik, Gesellschaft sowie Gesund- stellungsänderungen widerspiegeln.

01 Zit. nach Bundesministerium für Gesundheit, Coronavirus Maximiliane Reifenscheid, Tobias Rettig und Alexander Wenz)
SARS-CoV–2: Chronik der bisherigen Maßnahmen, 12. 2. 2020, und studentischen Hilfskräfte (Nourhan Elsayed, Lisa Jäckel, Julia
www.bundesgesundheitsministerium.de/​coronavirus/​chronik- Kozilek, Elena Madiai, Sabrina Seidl, Marie-Lou Sohnius, Katja
coronavirus.html. Sonntag und Lisa Wellinghoff) für ihren großartigen Einsatz, sowie
02 Vgl. dass. Krisenstab des BMI und BMG beschließt Maß- an den Sonderforschungsbereich 884 „Politische Ökonomie von
nahmen zur Gesundheitssicherheit gegen Corona-Infektionen, Reformen“ (Projekt: 139943784) der Deutschen Forschungsgemein-
Pressemitteilung, 28. 2. 2020, www.bundesgesundheitsministe- schaft und das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Projekt:
rium.de/presse/pressemitteilungen/2020/1-quartal/krisenstab- FIS. 00.00185.20) für finanzielle und ideelle Unterstützung.
bmg-bmi.html. 07 Für einen Überblick siehe www.uni-mannheim.de/gip/​
03 Vgl. Bundesregierung, Vereinbarung zwischen der Bundes- presse/​das-gip-in-den-medien.
regierung und den Regierungschefinnen und Regierungschefs der 08 Vgl. Universität Mannheim, Krisenstab und Bundesministerien
Bundesländer angesichts der Corona-Epidemie in Deutschland, greifen auf Ergebnisse der Mannheimer Corona-Studie zurück,
Pressemitteilung, 16. 3. 2020, www.bundesregierung.de/-1730934. Pressemitteilung, 16. 4. 2020, www.uni-mannheim.de/newsroom/
04 Vgl. Anne Bohlender/Martin Rathje/Axel Glemser, SOEP- presse/pressemitteilungen/2020/april/corona-studie-teil-4.
Core – 2018: Report of Survey Methodology and Fieldwork, SOEP 09 Vgl. Annelies G. Blom/Christina Gathmann/Ulrich Krieger, Set-
Survey Papers Series B – Survey Reports (Methodenberichte), ting Up an Online Panel Representative of the General Population:
S. 824. The German Internet Panel, in: Field Methods 4/2020, S. 391–408.
05 Vgl. Carina Cornesse et al., A Review of Conceptual Ap- 10 Vgl. Blom et al. (Anm. 6). Zur Gewichtung wurden folgende
proaches and Empirical Evidence on Probability and Nonpro- Merkmale hinzugezogen: Berufstätigkeit und beruflicher Sektor,
bability Sample Survey Research, in: Journal of Survey Statistics Alter, Geschlecht, Familienstand und höchster Schulabschluss,
and Methodology 1/2020, S. 4–36. Haushaltsgröße und Bundesland.
06 Vgl. Annelies G. Blom et al., High-Frequency and High- 11 Vgl. Annelies G. Blom et al., Die Mannheimer Corona-
Quality Survey Data Collection: The Mannheim Corona Study, Studie: Das Leben in Deutschland im Ausnahmezustand. Bericht
in: Survey Research Methods 2/2020, S. 171–178. Mit großem zur Lage vom 20. März bis 9. Juli 2020, 10. 7. 2020, www.
Dank an alle mitwirkenden Wissenschaftlerinnen und Wissen- uni-mannheim.de/media/Einrichtungen/gip/Corona_Studie/​
schaftler (Carina Cornesse, Marina Fikel, Sabine Friedel, Sebastian 10-07-2020_Mannheimer_Corona-Studie_-_Bericht_zur_Lage_
Juhl, Ulrich Krieger, Roni Lehrer, Katja Möhring, Elias Naumann, in_den_Tagen_20_Mrz-09_Jul_2020.pdf.

17
APuZ 35–37/2020

Abbildung 1: Häufigkeit von Treffen mit Freunden, Verwandten oder privat mit Arbeitskolleginnen und
-kollegen in den sieben Tagen vor dem Befragungstag
2 2 2 2 2 2 3 3 4 4 5 4 5
100 6 6
7 9 7
10 14
16 16 20
26
22 30 36 38 38
Prozent der Bevölkerung

75 28 41 42
33 44 44
34 35 40
39
50 42
41
42 40 39
69 38 37 35
61 34
25 54 50 47 41 38
29 24
18 17 18 16 15 16 15
0
.

.6.

6.
.

. 4.

5.

. 5.

5.

5.

6.

.7.
.

4.

.
2. 7
3

2. 4

.4

3. 4

4.6

18.
26.

25.
3 0.

.–7.

21.

28 .

.–10
.–9

.–11
.–16

.–14

6.–
3.–

.–2

5.–
5.–

6.–
3.–

6.–
5.–
4.–

1. 5
3. 4

3.7
5. 6

26.
8. 5
4

17.4
27.

29.
15.
10.

12.
20 .

19.
22 .
24.

Befragungszeitraum
täglich mehrmals einmal gar nicht
An den Tagen vom 20. bis zum 26. März gaben 54 Prozent der Befragten an, sich an den sieben Tagen vor dem jeweiligen
Befragungstag „gar nicht“ mit Freunden Verwandten oder privat mit Arbeitskolleginnen oder -kollegen getroffen zu haben.
33 Prozent gaben „einmal“, 10 Prozent „mehrmals“ und 2 Prozent „täglich“ an.
Quelle: Mannheimer Corona-Studie, 20. März bis 10. Juli 2020, eigene Analysen

HÄUFIGKEIT Sie sich in der Woche vom 2. bis 8. März, also


PERSÖNLICHER TREFFEN in der Woche, bevor die ersten Corona-Maßnah-
men in Kraft traten, mit Freunden, Verwand-
Noch vor der Einführung von verbindlichen Vor- ten oder privat mit Arbeitskollegen getroffen?“;
schriften wurde die Bevölkerung von Politikerin- „Und wie oft haben Sie sich in den vergangenen
nen und Politikern gebeten, persönliche Kon- 7 Tagen mit Freunden, Verwandten oder privat
takte möglichst einzustellen, um die Verbreitung mit Arbeitskollegen getroffen?“ Ab der zweiten
des Virus weitestgehend einzudämmen. In un- Befragungswoche wurde ausschließlich die letzte
terschiedlicher Geschwindigkeit wurden in den Frage gestellt.
Bundesländern daraufhin Maßnahmen wie die Auf diese Weise lässt sich die Entwicklung
Schließung von sozialen Begegnungsstätten und der persönlichen Kontakte im Vergleich zu der
das Verbot von Zusammenkünften mit verschie- Situation kurz vor dem großflächigen Ausbruch
denen Teilnehmerzahlen implementiert. 12 der Corona-Pandemie in Deutschland und den
Zur Messung der Häufigkeit persönlicher damit verbundenen Eindämmungsmaßnahmen
Treffen griff die MCS auf Fragen zur Ermittlung nachvollziehen: Vor der Pandemie trafen sich
von Sozialkontakten zurück, die in vielen Studi- innerhalb einer Woche 15 Prozent der Bevölke-
en in der Vergangenheit bereits genutzt wurden rung gar nicht, 31 Prozent einmal, 42 Prozent
und somit auch längerfristigere Vergleiche erlau- mehrmals und 12 Prozent täglich mit Freunden,
ben. In der ersten Teilnahmewoche bekamen alle Verwandten oder privat mit Arbeitskolleginnen
Befragten zwei Fragen gestellt, „Wie oft haben und -kollegen. Der Höhepunkt der sozialen Ein-
schränkung wurde in der Woche vom 27. März
12 Siehe auch den Beitrag von Nathalie Behnke in dieser bis zum 2. April erreicht (Abbildung 1). Ab Os-
Ausgabe (Anm. d. Red.). tern nahmen die persönlichen Sozialkontakte

18
Corona-Krise  APuZ

wieder sukzessive zu, bis sie Ende Mai wieder Die Akzeptanz verschiedener Maßnahmen,
in etwa das Vor-Corona-Niveau erreichten und etwa die Schließung öffentlicher Einrichtung und
dann konstant blieben. Landesgrenzen, wurde mit der Frage erhoben,
Die Menschen in Deutschland haben also „welche der folgenden Maßnahmen“ die Befrag-
stark reagiert – zunächst freiwillig auf die emp- ten „in der heutigen Situation für angemessen“
fohlenen und dann auch gezwungenermaßen auf hielten. Mehrfachnennungen waren möglich, und
die verordneten Einschränkungen. Es ist davon die Befragten konnten außerdem angeben, wenn
auszugehen, dass sich die Diskussionen zu den sie „keine dieser Maßnahmen in der heutigen Si-
Lockerungen der Maßnahmen, 13 die Osterzeit tuation für angemessen“ hielten.
und dann auch tatsächliche Lockerungen Stück Zu Beginn der Corona-Krise fanden die Maß-
für Stück auf das Verhalten der Menschen ausge- nahmen zur Schließung von Universitäten, Schu-
wirkt haben. Im Juli 2020 kehrte man, mit ent- len und Kindergärten, zur Schließung der Landes-
sprechenden Abstandsregeln und der Masken- grenzen und zum Verbot von Veranstaltungen mit
pflicht, bei der Häufigkeit persönlicher Treffen mehr als 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern
wieder zu einer Normalsituation zurück, wie man überwältigende Unterstützung von über 90 Pro-
sie aus Zeiten vor der Corona-Pandemie kannte. zent (Abbildung 2). Danach brach die Akzeptanz
In einem MCS-Schwerpunktbericht zum The- der Schließung von Universitäten, Schulen und
ma „Social Distancing“ werden die Zusammen- Kindergärten am schnellsten ein. Zum Ende der
hänge der sozialen Einschränkungen genau- Osterferien Mitte April 2020 und den damit ein-
er beleuchtet. Dabei stellen die Autorinnen und hergehenden, teilweise heftigen Diskussionen in
Autoren fest, dass über 70 Prozent der Bevölke- Politik und Medien, schwand die Zustimmung zu
rung die Häufigkeit ihrer privaten Begegnungen diesen Maßnahmen. Dieser Trend hielt auch über
zwischenzeitlich reduziert haben. Die Einschrän- den gesamten Mai weiter an und stabilisierte sich
kungen wurden von allen betrachteten Bevölke- ab Anfang Juni bei einer Zustimmungsrate von
rungsgruppen mitgetragen. Insbesondere aber weniger als 25 Prozent. Auch die Akzeptanz der
reduzierten Personen, die sich stark vom Vi- Grenzschließungen nahm im Zeitverlauf ab, brach
rus bedroht fühlen, und Menschen, die in Bay- aber erst Anfang Mai deutlich ein und stabilisier-
ern leben, ihre privaten Begegnungen. Personen, te sich ab Anfang Juni bei einer Zustimmungsrate
die alleine in einem Haushalt wohnen, hatten im von knapp über 25 Prozent. Der Verlauf der ein-
gesamten Zeitraum mehr Sozialkontakte zu Men- geschätzten Angemessenheit eines Verbots von
schen außerhalb ihres Haushalts als diejenigen, Veranstaltungen mit mehr als 100 Teilnehmerin-
die mit anderen zusammenleben. 14 nen und Teilnehmern zeichnet da ein ganz an-
deres Bild. Zu keinem Zeitpunkt war ein klarer
AKZEPTANZ VERSCHIEDENER Einbruch der Zustimmung zu verzeichnen, auch
CORONA-MA ẞ NAHMEN Anfang Juli befürworteten noch rund drei Viertel
der Menschen in Deutschland diese Maßnahme.
Im Rahmen der MCS wurde auch die gesellschaft- Die weiteren erfragten Maßnahmen, etwa eine
liche Akzeptanz verschiedener Maßnahmen, die allgemeine Ausgangssperre, die Einstellung des
bereits zum Anfang der Corona-Krise weltweit als Nah- und Fernverkehrs oder die Ortung der Mo-
Möglichkeit zur Eindämmung der Pandemie zur biltelefone infizierter Personen ohne Zustimmung
Diskussion standen, untersucht. Es wurde also so- der Beteiligten, wurden in Deutschland in dieser
wohl die Zustimmung zu Maßnahmen erfragt, die Form nie eingeführt. Sie fanden auch bereits zu Be-
noch nicht, nicht mehr oder nie in Deutschland ginn der MCS deutlich weniger Zustimmung. Von
implementiert wurden, als auch zu denen, die wei- diesen Maßnahmen fand Ende März die allgemeine
terhin voll oder teilweise in Kraft waren. Ausgangssperre, wie sie beispielsweise in verschie-
denen Regionen Italiens und Spaniens verordnet
wurde, den größten Anklang. Rund die Hälfte der
13 Siehe auch den Beitrag von Evelyn Moser in dieser Ausgabe Bevölkerung hielt diese Maßnahme in der damali-
(Anm. d. Red.).
gen Situation für angemessen. Diese Zustimmung
14 Vgl. Roni Lehrer et al., Die Mannheimer Corona-Studie: Die
vier Phasen des Social Distancing in Deutschland, 27. 4. 2020,
nahm allerdings bis Mitte Mai schnell und stetig
www.uni-mannheim.de/media/Einrichtungen/gip/​Corona_​ ab. Die Einstellung des Nah- und Fernverkehrs
Studie/​Social_Distancing_Schwerpunktbericht_update.pdf. wurde Ende März immerhin von gut einem Viertel

19
APuZ 35–37/2020

Abbildung 2: Zustimmung zu diskutierten oder in Deutschland umgesetzten Corona-Maßnahmen


100
Prozent der Bevölkerung

75

50

25

0
. 4.

.6.

6.
5.

6.

.7.
.

4.
.

. 5.

5.

5.

2. 7
3

2. 4

.4

3. 4

4.6

25.
3 0.

.–7.

21.

28 .

18.
26.

.–10
.–9

.–11
.–14
.–16

6.–
3.–

.–2

5.–
5.–

6.–
3.–

6.–
5.–
4.–

1. 5
3. 4

3.7
5. 6

26.
8. 5
4

17.4
27.

29.
15.
10.

12.
20 .

19.
22 .
24.

Befragungszeitraum
Schließung von Unis, Schulen, Kitas Einstellen des Nah- und Fernverkehrs
Grenzschließungen Ortung von Mobiltelefonen ohne Zustimmung
Veranstaltungsverbot (ab 100 Teilnehmer) Keine dieser Maßnahmen
Allgemeine Ausgangssperre
Das Konfidenzintervall beträgt 95 Prozent.
Quelle: Mannheimer Corona-Studie, 20. März bis 10. Juli 2020, eigene Analysen

der Bevölkerung befürwortet, doch auch die An- schiedlichen Zeitpunkten an Zustimmung verlo-
gemessenheit einer solchen Maßnahme wurde zu- ren. Ohne einen definitiven kausalen Zusammen-
nehmend skeptisch betrachtet, bis sie Mitte Mai hang feststellen zu wollen, lässt die Betrachtung
ebenfalls keinerlei Unterstützung mehr bekam. In- der politischen Diskussionen zur Zeit der Zustim-
teressant ist der Verlauf für die Ortung von Mo- mungseinbrüche vermuten, dass diese politischen
biltelefonen. Diese Maßnahme wurde in manchen Debatten nicht ganz unabhängig vom Meinungs-
asiatischen Ländern sehr effektiv zur Eindämmung bild gesehen werden können. Tiefergehende Ana-
der Pandemie eingesetzt und fand im liberaleren lysen werden hierzu in den nächsten Monaten und
Deutschland trotz Datenschutzbedenken Ende Jahren gewiss weitere Erkenntnisse bringen.
März immerhin die Zustimmung von 30 Prozent
der Erwachsenenbevölkerung. Interessant ist da- ABWÄGUNG DES
bei, dass sich die Akzeptanz kaum veränderte und WIRTSCHAFTLICHEN SCHADENS
Anfang Juli weiterhin von fast einem Viertel der UND GESELLSCHAFTLICHEN
Menschen befürwortet wurde, Mobiltelefone auch NUTZENS
ohne Zustimmung der Beteiligten zur Nachverfol-
gung der Infektionsketten zu orten. Die Maßnahmen, die getroffen wurden, um die
Das Bild der Akzeptanz verschiedener Maß- Corona-Pandemie einzudämmen, greifen tief in
nahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie die deutsche Wirtschaft ein. Mit zunehmender
in Deutschland ist also bunt gemischt. Im Allge- Dauer der Pandemie drängt sich daher die Frage
meinen wurden Maßnahmen Ende März und zum auf, wie lange die wirtschaftlichen Konsequenzen
Höhepunkt der Infektionszahlen noch für deut- hinnehmbar sind, um das Virus zu bekämpfen.
lich angemessener gehalten als Anfang Juli, also zu Dabei wird in den Medien bislang insbesonde-
einer Zeit sehr niedriger Verbreitung des neuarti- re die Meinung aus Politik und Wirtschaft wie-
gen Corona-Virus. Allerdings ist auch zu sehen, dergegeben. Die einen warnen vor den möglichen
dass die verschiedenen Maßnahmen zu ganz unter- Schäden der Maßnahmen und fordern Locke-

20
Corona-Krise  APuZ

rungen, 15 die anderen stellen die negativen Kon- WEITERE


sequenzen einer ungebremsten Ausbreitung des ERKENNTNISSE
Virus für die Gesundheit der Gesellschaft in den
Vordergrund. 16 Mit der MCS lässt sich dieses Bild Neben dem Einfluss und der gesellschaftlichen
der Diskussion erweitern und herausfinden, wie die Akzeptanz der Maßnahmen zur Eindämmung der
(allgemeine) Bevölkerung in Deutschland die Frage Corona-Pandemie wurden im Rahmen der MCS
beantworten, ob der „wirtschaftliche Schaden, den auch weitere Aspekte des Umfangs mit der Pan-
die derzeitigen Maßnahmen zur Eindämmung der demie analysiert. In einem Schwerpunktberich-
Corona-Pandemie anrichten, größer als ihr Nutzen te der Studie wird beispielsweise aufgezeigt, wie
für die Gesellschaft“ sei oder umgekehrt. die Bevölkerung die erweiterten Sonderbefugnisse
Während zu Anfang der umfassenden Maß- der Bundesregierung zur Bekämpfung der Pande-
nahmen Ende März beziehungsweise Anfang mie wahrnahm: Als sich die Corona-Krise Ende
April lediglich 28 Prozent der Bevölkerung den März zuspitzte, befürwortete eine Mehrheit der
wirtschaftlichen Schaden höher einschätzten als Menschen die Machtverschiebung zugunsten der
deren gesellschaftlichen Nutzen, stieg dieser Wert Bundesregierung. Nachdem sich aber Bund und
über die nächsten Wochen beständig, bis er Anfang Länder am 22. März auf ein gemeinsames Vorge-
Juni die 50-Prozent-Marke erreichte und seitdem hen einigten und auch Bundestag und Bundesrat
dort in etwa verweilt. Interessant bei dieser Ent- im Schnellverfahren entscheidende Gesetzespa-
wicklung ist vor allem, dass sie sich wohl nicht an kete bewilligten, nahm diese Unterstützung der
der Schwere der Maßnahmen und deren tatsäch- Sonderbefugnisse in der Bevölkerung Schritt für
lichen Eingriffen in die Wirtschaft orientiert: In Schritt ab. Interessanterweise hing die Zustim-
den ersten vier Wochen der MCS waren die ange- mung zu erweiterten Exekutivrechten dabei nicht
ordneten Maßnahmen wohl am strengsten. Viele damit zusammen, wie zufrieden oder unzufrieden
Betriebe, Geschäfte und Einrichtungen mussten die Menschen jeweils mit der amtierenden Bun-
entsprechend der Corona-Verordnungen im Lock- desregierung bereits vor der Pandemie waren.
down die Türen schließen. Folglich war in diesem Stattdessen waren Menschen, die Pandemie als
Zeitraum auch der Schaden für die Wirtschaft am eine schwerwiegende Bedrohung für sich selbst
größten. Allerdings waren zu dieser Zeit auch die wahrnahmen, eher bereit, der Bundesregierung
Infektionszahlen hoch, ebenso wie die damit ein- weitreichende Befugnisse einzuräumen. 18
hergehenden Sorgen und Ängste in der Bevölke- Zudem wird die Entwicklung sozialer Ungleich-
rung. Womöglich schätzte die Bevölkerung zu die- heiten während der Corona-Krise in Deutschland
sem Zeitpunkt daher auch den gesellschaftlichen untersucht. Mit Blick auf Geschlechterunterschie-
Nutzen der Maßnahmen als sehr hoch ein, weshalb de unter Erwerbstätigen kommen die Autorinnen
dieser dann im Durchschnitt den wirtschaftlichen und Autoren dabei zu dem Schluss, dass vor der
Schaden klar in den Schatten stellte. Mit Abnahme Pandemie mehr Männer (23 Prozent) als Frauen
der Infektionszahlen nahmen in den darauffolgen- (16 Prozent) ab und an im Homeoffice arbeiteten
den Wochen dann auch die Sorgen und Ängste der und sich von den nicht im Homeoffice Arbeitenden
Menschen ab. Relativ zum gesellschaftlichen Nut- mehr Frauen (39 Prozent) als Männer (31 Prozent)
zen gewann in diesen Wochen dann der wirtschaft- wünschten, auch von zu Hause arbeiten zu dür-
liche Schaden wieder an Bedeutung. 17 fen. Während des Corona-Lockdowns verringer-
ten sich die geschlechtsspezifischen Unterschie-
de deutlich auf nur noch 3 Prozentpunkte. Daher
15 Vgl. z.B. Sebastian Matthes et al., Wirtschaft fordert einen kla- lässt sich vermuten, dass die Geschlechterdifferenz
ren Exit-Fahrplan von der Regierung, 4. 5. 2020, www.handelsblatt.​
in diesem Punkt, bei entsprechendem Willen der
com/​25797478.html.
16 Vgl. z.B. „Ruf nach weiteren Lockerungen halte ich für
Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber, in Teilen über-
völlig falsch“. Interview mit Karl Lauterbach, 21. 4. 2020, w
​ ww. wunden werden konnte. Darüber hinaus weist
deutschlandfunk.de/diskussion-​ueber-​corona-​massnahmen-​ruf-​
nach-​weiteren.​694.​de.html?dram:article_id=475083.
17 Vgl. Elias Naumann et al., Die Mannheimer Corona-Studie: 18 Vgl. Sebastian Juhl et al., Die Mannheimer Corona-Studie:
Schwerpunktbericht zum Angstempfinden in der Bevölkerung, Demokratische Kontrolle in der Corona-Krise, 22. 4. 2020,
15. 5. 2020, www.uni-mannheim.de/media/Einrichtungen/​gip/​ www.uni-mannheim.de/media/Einrichtungen/gip/Corona_​
Corona_​Studie/Schwerpunktbericht_​Angstempfinden_​Mann- Studie/​2020-04-22_Schwerpunktbericht_Befugnisse_​der_​
heimer_​Corona_​Studie.pdf. Bundesregierung.​pdf.

21
APuZ 35–37/2020

die Studie die Auswirkungen von Bildungsunter- So vielfältig die Ergebnisse zu den gesell-
schieden für die Erwerbstätigkeit während der ers- schaftlichen Implikationen der Corona-Krise
ten Welle der Corona-Pandemie nach: Je niedriger auch waren, und so zentral diese auch für Ent-
der Bildungsabschluss, desto wahrscheinlicher ist scheidungsträgerinnen und -träger in der Politik
es, dass eine Person in Kurzarbeit geschickt, mit und Wirtschaft sein können, für die an der MCS
oder ohne Lohn freigestellt oder seit der Corona- beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissen-
Krise arbeitslos wurde. Der Verlust der Arbeit war schaftler beginnt mit Ende der ersten Phase der
dabei für jemanden mit niedrigem oder mittlerem Studie erst die wirkliche Forschungsarbeit. In den
Bildungsabschluss doppelt so wahrscheinlich wie kommenden Monaten werden Ergebnisse in Be-
für Menschen mit höherem Bildungsabschluss. zug zu zeitlichen und räumlichen Daten zum In-
Des Weiteren können Vollzeiterwerbstätige mit fektionsgeschehen gestellt, die Veränderung der
höherem Bildungsabschluss viermal so häufig im Gesellschaft vor, während und nach der ersten
Homeoffice arbeiten als Vollzeiterwerbstätige mit Phase der Corona-Pandemie untersucht sowie
niedrigem Bildungsabschluss. 19 Kausalzusammenhänge erforscht. 20

AUSBLICK ANNELIES G. BLOM


ist Professorin für „Politikwissenschaft, Data
In diesem Beitrag wurden drei zentrale Fragestel- Science“ an der Fakultät für Sozialwissenschaften
lungen im Rahmen der eingeführten Maßnahmen der Universität Mannheim und leitet am Sonder-
zur Eindämmung des Virus untersucht. Die Ana- forschungsbereich 884 „Politische Ökonomie von
lysen legen dar, dass die Bevölkerung im Großen Reformen“ das German Internet Panel und die
und Ganzen die implementierten Maßnahmen Mannheimer Corona-Studie.
als sinnvoll einschätzte. Verhaltensweisen wur- blom@uni-mannheim.de
den schnell und drastisch angepasst, wie beispiels-
weise die Entwicklung der persönlichen Kontakte
im Zeitverlauf zeigt. Als sich die Lage jedoch ent-
schärfte, wurden Maßnahmen zunehmend kritisch
beäugt, ihr relativer Schaden für die Wirtschaft als
höher eingestuft und die Möglichkeit, wieder mehr
Sozialkontakte aufzunehmen, zügig aufgegriffen.
Interessant ist in diesem Kontext auch die Rol-
le der Streitgespräche in der Politik. Diese sind für
eine Demokratie unverzichtbar. Allerdings zeigen
die Ergebnisse zur rückläufigen Akzeptanz der
Maßnahmen auch, dass, gerade in der hektischen
Zeit zu Beginn der Corona-Krise, Zerstrittenheit
zu zusätzlicher Unsicherheit in der Bevölkerung
ob der auferlegten Einschränkungen führen konn-
te, was wiederum eine Ursache für die schwinden-
de Unterstützung für einzelne Maßnahmen wie
beispielsweise die anhaltenden Schulschließungen
nach Ostern sein könnte.

19 Vgl. Katja Möhring et al., Inequality in Employment During


the Corona Lockdown: Evidence from Germany, 10. 7. 2020,
https://uni-tuebingen.de/en/faculties/faculty-of-economics-and-
social-sciences/subjects/department-of-social-sciences/ifp/insti-
tute/people/comparative-public-policy-professor-seeleib-kaiser/
journal-of-european-social-policy/jesp-european-social-policy-
blog/newsfullview-jesp/article/inequality-in-employment-during-
the-corona-lockdown-evidence-from-germany.
20 Für zukünftige Veröffentlichungen siehe www.uni-mannheim.​
de/​gip/corona-studie.

22
Corona-Krise  APuZ

RÜCKZUG DES POLITISCHEN?


Beobachtungen zur politischen Soziologie
der Corona-Pandemie
Evelyn Moser

Die Corona-Pandemie setzt die Politik unter Zug- Feststellung schmälert nicht die Erfolge, stimmt
zwang: Sie bedroht global und massenhaft Men- aber nachdenklich mit Blick auf die Nachhaltig-
schenleben. Damit gefährdet sie liberale De- keit des Vorgehens. So betrachtet, ist das Verständ-
mokratien in einigen ihrer obersten Ziele, dem nis der demokratischen Stolpersteine, die im Zuge
Wohlergehen ihrer Bürger*­ innen und Schutz der Pandemiepolitik sichtbar werden, ein wichti-
menschlichen Lebens, die gemeinsam die Grund- ger Schritt, um Demokratien für künftige, ähnlich
lage individueller Freiheit und Entfaltungsmög- gelagerte Probleme zu wappnen.
lichkeiten bilden. Das Ausmaß der Herausforde-
rung spiegelt sich in der Radikalität der politischen ÜBERWÄLTIGENDE EXPERTISE
Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie wi-
der. Auch in demokratischen Staaten wurden in- In Reaktion auf erste Corona-Fälle in Nordrhein-
dividuelle Freiheitsrechte abrupt außer Kraft ge- Westfalen und Bayern im Februar 2020 bezie-
setzt, tief in das Privatleben der Bürger*­ innen hungsweise auf die Erkenntnis, dass eine massen-
eingegriffen und drastische Einschränkungen in hafte Verbreitung des Virus (auch) in Deutschland
allen Gesellschaftsbereichen vorgenommen. ein wahrscheinliches Szenario war, schien die Poli-
Dass derartige massive Interventionen we- tik auf einmal omnipräsent. Ununterbrochen und
der an der Gesellschaft noch an der Demokratie auf allen politischen Ebenen fielen Entscheidun-
selbst spurlos vorübergehen werden, ist anzuneh- gen mit kollektiver Bindungswirkung, die tief in
men, 01 und es mehren sich nachdenkliche, kriti- den individuellen Alltag eingriffen und das öffent-
sche und auch verärgerte Stimmen, die die Pande- liche Leben über Wochen nahezu stilllegten: Die
mie nicht nur als Herausforderung, sondern auch Regierungen von Bund, Ländern und Gemein-
als Bedrohung demokratischer Ordnung betrach- den erließen Kontaktverbote, beschlossen Qua-
ten. Die Debatten kreisen um zwei Argumente: rantänen, beschränkten individuelle Freiheiten
Bedenken richten sich erstens auf die Beobach- und Partizipationsmöglichkeiten, hierarchisierten
tung, dass bei der Gestaltung der Pandemiepoli- ganze Gesellschaftsbereiche nach dem Kriterium
tik vielerorts demokratische Verfahren umgangen der „Systemrelevanz“ und vieles andere mehr.
oder auf ein Minimum reduziert wurden. Zwei- Formal getroffen, öffentlich verkündet und mit
tens wird ein (weiterer) globaler Reputationsver- Sanktionen versehen, wurden diese Entscheidun-
lust demokratischer Ordnung und ein Prestige- gen von demokratisch legitimierten Institutionen,
gewinn autokratischer Regime befürchtet. Beide den Parlamenten und Regierungen. Ihr sachlicher
Argumente sind berechtigt. Gehalt, so schien es, folgte allerdings nahezu un-
Der vorliegende Beitrag ergänzt sie um eine gebrochen der zu Handlungsempfehlungen kon-
dritte Beobachtung und blickt dazu über die for- densierten Expertise des Robert Koch-Instituts,
malpolitischen Institutionen hinaus auf das Wech- einer medizinisch-gesundheitswissenschaftlichen
selverhältnis von Politik und Gesellschaft. Spezi- Forschungseinrichtung des Bundes, und einer
ell das Beispiel der deutschen Krisenpolitik zeigt, Handvoll weiterer Akteur*­innen aus der medi-
dass ein demokratischer Staat zwar zu einer erfolg- zinischen Forschung wie dem Virologen Christi-
reichen Pandemiebekämpfung fähig ist, die libera- an Drosten. Und mehr noch: Was diese öffentlich
le Demokratie dabei jedoch in verschiedener Hin- äußerten, hatte in seiner Rezeption und Wirkung
sicht über ihre eigenen Prinzipien stolpert. Diese auf Öffentlichkeit und Politik nicht formal, wohl

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aber faktisch beinahe Gesetzeskraft. Ob zur Ef- Pluralismus mittels universeller Vernunftkriteri-
fektivität von Gesichtsmasken, zur Dauer von en in Homogenität überführt wird und Entschei-
Kontaktverboten oder zur Notwendigkeit digi- dungen als letztgültig einrasten. Was dann bleibt,
taler Überwachung – was relevante Forschungs- sind allein kollektiv verbindliche Regeln.
institute als Standpunkt mitteilten, setzte die po- Zweifellos findet diese Idealform der „reinen“
litischen Entscheidungsträger*­innen direkt unter politischen Auseinandersetzung auch im Normal-
Zugzwang und wurde von den Massenmedien betrieb moderner Demokratien nicht immer statt.
meist so berichtet und kommentiert, als habe es In dem Maße, wie moderne Politik niemals Selbst-
bereits formale Bindungswirkung. Ignorieren, zweck ist, sondern instrumentell beobachtet und
kritisches Diskutieren oder gar Zuwiderhandeln an ihrer Leistungsfähigkeit sowie dem Bereithal-
war gleichsam undenkbar. Und sobald eine Regu- ten von Lösungen für gesellschaftliche Probleme
lierungsentscheidung gefallen war, ließ sich me- gemessen und beurteilt wird, 04 spielen Fremdex-
dizinische Expertise als Letztkriterium ins Feld pertise und vor allem wissenschaftliches Wissen
führen und der Verweis auf „die Virologen“ wur- zwingend eine Rolle. Entsprechend gibt es auch
de zur Routinelegitimation. im demokratischen Normalbetrieb diverse Hand-
Angesichts der überwältigenden Problemla- lungsfelder, auf denen Fremdexpertise klar domi-
ge folgten die demokratischen Institutionen wis- niert und die Politik sich radikal selbst beschränkt.
senschaftlicher Expertise und deren Organisatio- Die Geldpolitik durch Notenbanken, Wettbe-
nen. Dies geschah mehrheitlich mit Zustimmung werbspolitik, aber auch Bereiche der Gesundheits-
der Öffentlichkeit und politikintern meist kon- politik wie die Medikamentenzulassung funktio-
sensual. Das Einvernehmen von Regierung und nieren nach diesem Schema und erlauben einen
Opposition, das Lob oder zumindest das zurück- Umgang mit komplexen Themen und Problemla-
haltende Schweigen letzterer angesichts radikaler gen, der rein politisch nicht in vergleichbarer Sach­
Maßnahmen waren weitere bemerkenswerte Mo- orientierung und Qualität zu bewältigen wäre. In
mente der Pandemiepolitik. In der Tat wirkte die Demokratien geschieht diese Auslagerung von
schnelle und konfliktfreie Einigung auf – in der Kompetenzen jedoch stets unter der Bedingung
Außendarstellung – alternativlose Vernunftlö- sachlich klar definierter Zuständigkeitsbereiche
sungen angesichts der diffusen Bedrohung durch und Entscheidungsmandate. Deren Grenzen wer-
das Virus beruhigend. Ausdruck demokratischer den in aller Regel penibel überwacht.
Leistungsfähigkeit ist sie nicht zwingend. Viel- Der Kontrast zum Politikverzicht im Kon-
mehr steht sie – ungeachtet aller Erfolge – für die text der Corona-Pandemie ist unübersehbar: Mit
(Selbst-)Stilllegung demokratischer Politik, deren Verweis auf Fremdexpertise griff die Politik um-
Kern gerade in der offenen Debatte um alterna- fassend in die Gesellschaft ein, anstatt einer sach-
tive Handlungsoptionen und im Streit um Ge- lichen Begrenzung erfolgte lediglich eine Be-
meinwohlkonzepte besteht. Das Politische, so grenzung in der Zeitdimension, etwa durch die
formulierte die Politikwissenschaftlerin Chantal Bezugnahme auf das Infektionsschutzgesetz und
Mouffe, ist die permanente Auseinandersetzung den Ausnahmecharakter der Lage. Deren Ein-
unter Gegnern, der Raum vielfältiger, divergie- haltung lässt sich gesetzlich rahmen und juris-
render Positionen mit Blick auf das Gemeinsame, tisch überwachen, bleibt aber ein Verweis auf die
die um stets kontingente Entscheidungen rin- per se ungewisse Zukunft, die zwar beteuert, aber
gen. 02 Für die Philosophin Hannah Arendt hieß gegenwärtig nicht eingelöst werden kann.
politisches Denken, die Dinge aus einer Vielzahl Das „Hochfahren“ der meisten Gesellschafts-
von Perspektiven zu betrachten, von denen nicht bereiche begann in Deutschland Ende April 2020
bereits im Vorhinein eine als die dominierende mit Lockerungen der Ausgangsbeschränkungen,
feststeht. 03 Das Politische verschwindet, sobald der Einführung der Maskenpflicht, der schritt-
weisen Wiederaufnahme des Schulbetriebs und
der Öffnung des Einzelhandels. Obgleich die
01 Vgl. z. B. Rudolf Stichweh, Simplifikation des Sozialen, in: ersten Schritte vom erhobenen Zeigefinger der
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 7. 4. 2020, S. 9.
Regierung(en) und besorgten Warnungen vor
02 Vgl. Chantal Mouffe, Agonistik. Die Welt politisch denken,
Berlin 2016, S. 29.
03 Vgl. z. B. Hannah Arendt, Zwischen Vergangenheit und 04 Vgl. dies., Vita activa oder vom tätigen Leben, München
Zukunft, München 2016 [1961], S. 342. 2019 [1960], S. 291 f.

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Leichtsinn und verfrühtem Optimismus deutlich STOLPERSTEINE


begleitet wurden, schien die Politik der Alterna- LIBERALER DEMOKRATIE
tivlosigkeit nun in mehrfacher Hinsicht zügig in
eine Politik vielfältiger Alternativen überzuge- Zweifellos sprechen überzeugende sachliche
hen. Die Verlagerung von Entscheidungskom- Gründe dafür, die Pandemie mittels Isolation und
petenzen vom Bund auf die Länder führte zu physischer Absonderung einzuhegen. Auch in der
einer schwer überschaubaren Regulierungsviel- Bevölkerung scheint dies in der Phase des Lock-
falt, die Positionen der Politiker*­innen drifteten downs im Frühjahr 2020 umfassend zu verfangen:
auseinander und mündeten in teilweise überra- Verschärfte Hygieneregeln wurden schnell zur
schenden Meinungskoalitionen. Nachdem die Alltagsroutine, und auch ohne formale Ausgangs-
wissenschaftliche Corona-Expertise über Wo- sperre blieben die meisten zu Hause. Das gegensei-
chen in den Massenmedien faktisch nur einstim- tige Abstandhalten in der Öffentlichkeit erfolgt(e)
mig vorkam, wurden Vielfalt und vor allem Kon- beinahe intuitiv. Die Sensibilität für die unmittel-
flikt plötzlich beinahe zelebriert: Der weiterhin baren Folgen des eigenen Verhaltens für Dritte und
oft zitierte Christian Drosten erhielt mit Hend- die Bereitschaft zur Rücksichtnahme gegenüber
rik Streeck und Alexander Kekulé Widersacher, Schwächeren und Hilfsbedürftigen sind gesell-
die „Bild“-Zeitung mischte sich in die Diskussion schaftsweit so hoch und selbstverständlich wie sel-
um den Preprint einer wissenschaftlichen Studie ten – vielleicht wie überhaupt nie zuvor. Und bei
ein, 05 und generell schien sich – überspitzt formu- alldem bestärkt man sich gegenseitig im Durchhal-
liert – jede politische Maßnahmenvariante mit der ten. Das alles ist eine gleichermaßen unerwartete
passenden Expertise stützen zu lassen. wie positive Entwicklung.
Der Kontrast der Lockerungspolitik zum Blickt man jedoch über das staatliche Institu-
Lockdown könnte damit einerseits kaum stär- tionengefüge und die politischen Entscheidungs-
ker sein. Andererseits offenbart sich bei genauem prozesse hinaus auf die Politik in ihrem gesell-
Hinsehen eine überraschende, tieferliegende Pa- schaftlichen Kontext, dann wird deutlich, dass
rallele. Auch der Modus des „Hochfahrens“ der all dies nicht ohne Reibung geschieht. Und die-
Gesellschaft umfasst einen Rückzug – oder eine se Reibung resultiert nicht (nur) aus dem Offen-
bestenfalls verhaltene Präsenz – des Politischen. sichtlichen, wie der Einschränkung bürgerlicher
Der Umgang mit der Pandemie und ihren Risi- Freiheitsrechte oder der scheinbar erwachenden
ken wird nicht mehr der Expertise eines anderen Untertanenmentalität der Deutschen 06 – auch
Funktionssystems unterstellt. Stattdessen obliegt wenn all dies zweifellos Wachsamkeit erfordert.
das Risikomanagement nun dem Verhalten und Reibung entsteht vielmehr dadurch, dass die Pan-
den individuellen Entscheidungen der Bürger*­ demiepolitik auf Bedingungen beruht und Effek-
innen. Die umfassende Inklusivität der Pandemie, te zeitigt, die dem Wesen liberaler Demokratie
die den demos deckungsgleich mit dem Kollektiv fremd sind, sodass die Demokratie letztlich über
der (potenziell) Betroffenen werden lässt, spiegelt ihre eigenen Prinzipien stolpert. Dies lässt sich
sich so in der Bewältigungsstrategie wider: Jede*r anhand von drei Beobachtungen darstellen.
Einzelne wird fortan unmittelbar für das gemein-
same Ziel in die Pflicht genommen und trägt für Privatheit als Bürgertugend
Erfolg oder Scheitern gleichermaßen Verant- Artikuliert durch die Politik setzt sich die Gesell-
wortung. Dabei verschwinden die Expert*­innen schaft mit der Pandemiebewältigung ein umfas-
nicht, ihr letztes Wort reduziert sich aber auf sendes Ziel, für das jede*r ausnahmslos und ent-
eine Maßzahl – die Anzahl derjenigen Personen, schieden zur Mitwirkung aufgerufen ist. Diese
an die ein mit dem neuartigen Corona-Virus in- Mitwirkung besteht in Disziplin und Gehorsam bei
fizierter Mensch dieses überträgt –, die zugleich der Befolgung von Verhaltensregeln zur Vermei-
die Grenze der Individualisierung markiert. Wird dung (physischer) sozialer Kontakte und – während
der Schwellenwert von 1,0 überschritten, kippt des Lockdowns – der Beschränkung des Daseins
die Pandemiepolitik und begibt sich zurück unter auf das Private, das eigene Zuhause, wo plötzlich –
die Fittiche virologischer Expertise. digital unterstützt – alles stattfinden sollte: Arbeit,

05 Vgl. u. a. Silvia Stöber, Wie „Bild“ auf Drosten losgeht, 06 Vgl. z. B. René Schlott, Um jeden Preis?, 17. 3. 2020, www.
26. 5. 2020, www.tagesschau.de/corona-drosten-bild-101.html. sueddeutsche.de/1.4846867.

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Schule, Studium, selbst die Teilnahme an Kultur- Solidarische Denunziation


oder Sportveranstaltungen. Und in der Tat wurde Der Kern der Pandemiepolitik, räumliche Abson-
das Zuhausebleiben, die radikale Reduktion sozia- derung respektive die Vermeidung physischer Ko-
ler Kontakte, der angemahnte (räumliche) Rückzug präsenz – etwas unscharf als „social distancing“
ins Private nicht nur vollzogen. Unterstützt von in die Alltagssprache übernommen – und die zu-
hashtagtauglichen Mantras wie „stay at home“ oder nächst beinahe vollständige und auch gegenwär-
„flatten the curve“ steigerte sich das Zuhauseblei- tig noch weitreichende Stilllegung des öffentlichen
ben speziell zu Beginn des Lockdowns in eine Art Lebens mussten nicht nur beschlossen, sondern
Überbietungslogik. „Anti-Corona“-Symbole sor- auch vermittelt werden – und dies so, dass die po-
gen auch noch seit Beginn der Lockerungen sicht- litisch geforderten Spielregeln freiwillig akzeptiert
bar für gemeinschaftlichen Zusammenhalt. In den und befolgt werden. Ein Schlüsselbegriff der Pub-
Sozialen Medien lässt sich das individuelle „richti- likumsadressierung war und ist „Solidarität“: mit
ge“ Verhalten (netz-)publikumswirksam demons- den anderen, mit den sogenannten Risikogruppen
trieren. Und Anregungen, wie sich die Zeit zu Hau- und mit all jenen, die bei der Bekämpfung des Vi-
se kreativ nutzen und unterhaltsam vertreiben lässt, rus an vorderster Front stehen. Ergänzt wird der
gibt es online ohnedies zuhauf. politische Aufruf zur Solidarität durch Appelle an
Das Private, dies betonte Arendt, 07 zeichnet die individuelle Vernunft und Verantwortung; ge-
sich durch die Abwesenheit anderer und die in- rahmt wurde er speziell zu Beginn des Lockdowns
terne Ungleichheit der Mitglieder aus. Es ist ein durch eine Erziehungsrhetorik, die mit Verschär-
Schutzraum, der durch den Ausschluss anderer fung drohte, falls die erwünschten Verhaltenswei-
Intimität ermöglicht. Eine Politik, die scheinbar sen ausbleiben, nach dem Motto „Wir versuchen
selbstverständlich ins Private hineinreguliert, engt es im Guten, können aber auch anders“.
diesen Schutzraum ein und bricht ihn zugleich auf. Unbestritten ist Solidarität, das Gefühl von Zu-
Eigentlich Privates – Verwandtschaftsbesuche, sammengehörigkeit und die Bereitschaft zu wech-
Geburtstagsfeste, selbst Beerdigungen – erscheint selseitiger Unterstützung und Rücksichtnahme,
auf einmal kollektiv relevant und erhält unwei- ein unverzichtbares Prinzip jedes harmonischen
gerlich eine politische Dimension. Hinzu kommt, Miteinanders. Je solidarischer sich Menschen zu-
dass das Private ursprünglich, im Kontext der an- einander verhalten, umso besser. Dabei ist Solida-
tiken griechischen polis, einen Zustand der Berau- rität niemals universell, sondern bezieht sich stets
bung (Deprivation) markiert. Das Sein im Privaten auf eine Gemeinschaft, die zwischen Mitgliedern
impliziert die Nicht-Existenz als öffentliche und und Ausgeschlossenen unterscheidet. Kein „wir“
politische Person und damit den Ausschluss von kommt ohne die exkludierten „anderen“ aus. 08 Das
der Beteiligung an der Gemeinwohlgestaltung. aber bedeutet: Auch Solidarität ist begrenzt, selek-
Diese strikte Sphärentrennung ist sicher nicht tiv und in aller Regel an Bedingungen geknüpft.
direkt auf die Moderne übertragbar, doch speziell Werden diese verletzt, wird sie entzogen.
der Deprivationsgedanke erscheint unter Pande- Das Funktionieren moderner Gesellschaften
miebedingungen durchaus naheliegend: Plötzlich schließt Solidarität unter den Mitgliedern nicht
absorbiert allein die zeitaufwendige Alltagsbe- aus, setzt sie aber auch nicht zwingend voraus.
wältigung die Bürger*­innen von allem Öffent- Ebenso wenig ist Solidarität ein Grundprinzip li-
lichen, und nicht selten wird dies begleitet vom beraler Demokratie. Zwar braucht es auf der In-
beinahe blinden Vertrauen in eine starke politi- putseite, der Herrschaft durch das Volk, ein Min-
sche Führung, die eigenes Nachdenken schein- destmaß an kollektiver Identität und erwarteter
bar überflüssig macht und bestimmte öffentliche Solidarität, um das Vertrauen in den Wahlakt und
Debatten mindestens zeitweise für unpassend er- die Akzeptanz von Mehrheitsentscheidungen
klärt. Plötzlich gibt es die konkrete Erwartung zu sichern. 09 Auf der sogenannten Outputseite,
bürgerlicher Tugend, also der Bereitschaft, priva- bei der es um die Bearbeitung kollektiv relevan-
te Interessen dem Gemeinwohl unterzuordnen – ter Probleme geht und die bei der Bewertung der
und diese Bürgertugend bemisst sich daran, wie Leistungsfähigkeit liberaler Demokratie im Vor-
sehr Disziplin gelingt und wie radikal das Zuhau-
sebleiben umgesetzt wird. 08 Vgl. Chantal Mouffe, The Democratic Paradox, London 2000.
09 Vgl. Fritz W. Scharpf, Regieren in Europa. Effektiv und
07 Vgl. Arendt (Anm. 4), S. 38 ff. demokratisch? Frank­furt/M. 1999, S. 16 ff.

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Corona-Krise  APuZ

dergrund steht, spielt Solidarität keine entschei- Demokratische Dissident*­innen


dende Rolle. Ein abgrenzbares Kollektiv ist aus Nicht nur im Alltag etablieren sich im Fahrwasser
praktischen Gründen erforderlich, aber ein ausge- der Corona-Maßnahmen neue Sanktions- und Ex-
prägtes Gemeinschaftsempfinden ist – so zynisch klusionsmuster gegenüber jenen, die sich nicht er-
das klingt – mit Blick auf die Herrschaft für das wartungskonform verhalten. Auch die Politik ha-
Volk überflüssig. Entsprechend sparsam sind in li- dert auf zuvor ungekannte Weise mit Abweichung
beralen Demokratien die normativen Erwartun- und Widerspruch. In dem Maße, wie das Politi-
gen an die Bürger*­innen. sche sich selbst beschränkte und Fremdexpertise
Erklärt die Politik selbst Solidarität buchstäb- respektive den daraus abgeleiteten Vernunftlösun-
lich über Nacht nicht nur zum höchsten gesell- gen wich, setzte kollektiv bindendes Entscheiden
schaftlichen Prinzip, sondern instrumentalisiert sie auf Wahrheit statt auf Meinung. 10 Damit nahm
zudem für die Vermittlung und Durchsetzung ein- die Politik sich selbst die Möglichkeit zur Ausei-
schneidender Regulierungsmaßnahmen, entsteht nandersetzung mit Gegner*­innen – jenen, die ab-
unweigerlich Reibung. Sie wird deutlich, wenn die weichende, aber grundsätzlich als legitim erach-
Allgegenwart von Verhaltensempfehlungen und tete Positionen vertreten. Übrig blieb stattdessen
Vorschriften im öffentlichen Raum und die ihnen die binäre Unterscheidung zwischen jenen, die
anhaftende kollektive Dimension – „Schütze dich die Regierungsentscheidungen unterstützten, und
und andere!“ – es naheliegend und beinahe unaus- dem widerständigen Rest, der den Rationalitätsan-
weichlich machen, sich selbst und andere perma- forderungen nicht entsprach. Bestimmte Debat-
nent auf Konformität und Abweichung hin zu be- ten galten als „unangebracht“, offener Wider-
obachten. Jede Abweichungsbeobachtung lässt spruch als „unvernünftig“ und Bundeskanzlerin
sich nun als Handeln interpretieren: im günstigs- Angela Merkel erfand den Begriff der „Öffnungs-
ten Fall als Gedankenlosigkeit, in weniger wohl- diskussionsorgien“. Plötzlich gab es Dissident*­
wollender Interpretation als bewusste Gefährdung innen – eine Rolle, die üblicherweise mit autori-
Dritter, und in jedem Fall als zu missbilligender tären Regimen assoziiert wird, nun aber von den
Mangel an Solidarität. Das prompte Sanktionieren Kritiker*­innen des Lockdowns aufgegriffen und
unerwünschter Verhaltensweisen wird zur Routi- mit der Selbstpositionierung als Widerstands- und
ne – durch Blicke, Gesten, dezente Kommentare Freiheitskämpfende gefüllt wurde. Wie sehr diese
oder unverblümtes Zurechtweisen. Jede Sankti- Rolle der freiheitlich-demokratischen Logik zu-
on scheint legitim, denn wer sich den Regeln wi- widerläuft, zeigt sich darin, dass die trotzige Po-
dersetzt, riskiert nicht nur die eigene Gesundheit, sition des „Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dür-
sondern auch das Wohlergehen der anderen. fen“ hierzulande zuletzt jene einnahmen, die mit
Und plötzlich gibt es innere Feinde – all jene, einer offenen, liberalen Gesellschaftsordnung ha-
von denen man sich abgrenzt, weil sie das gemein- dern. Unter Corona-Bedingungen wurde sie zur
schaftliche Ziel der Pandemiebekämpfung ver- Position derjenigen, die die offene Debatte einfor-
meintlich gezielt unterlaufen. Sogenannte Coro- derten – und war paradoxerweise zugleich Aus-
na-Partys waren vor allem in der Anfangszeit der druck einer Kluft, die jeder konstruktiven politi-
Pandemie das Feindbild schlechthin, und all jenen, schen Auseinandersetzung im Wege steht.
die sich darüber hinaus nicht ordnungsgemäß ver- In radikaler Form war dieser Zustand ein vo-
halten, werden Vernunft und Verantwortungsfä- rübergehender – zu kurz, um die Demokratie
higkeit gleichermaßen abgesprochen. Zum anderen nachhaltig ins Stolpern zu bringen, aber lang ge-
– und besonders beängstigend – wird die Denunzi- nug für einen holprigen Ausweg. Deutlich wurde
ation zum sich verbreitenden Mittel gegen jene, die dies nicht zuletzt im Umgang mit den Protesten
gegen Regeln verstoßen, und erfährt dabei eine er- nach dem Einsetzen der Lockerungsmaßnahmen
schreckende moralische Aufwertung. Insofern Soli- Ende April. Zweifellos trat dabei auch ein verwor-
darität politisch eingefordert und an Gehorsam und renes Konglomerat aus Rechtspopulist*­innen und
Regelbefolgung gekoppelt wird, motiviert sie nicht Verschwörungstheoretiker*­innen in Erscheinung,
nur zur Einhaltung von Abstandsregeln und dem welche die Pandemie als Instrument der Regie-
Tragen eines Mundschutzes. Sie schafft zugleich rung zur Umsetzung biopolitischer Allmachtsfan-
Anhaltspunkte, um Denunziation zur Handlung tasien betrachten und vor einer Gesundheitsdikta-
im Sinne des Gemeinwohls umzudeuten und Ex-
klusion als solidarischen Akt erscheinen zu lassen. 10 Siehe dazu die Überlegungen in Arendt (Anm. 3), Kapitel 12.

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tur warnen – Positionen, deren Berücksichtigung das in kollektiver Anstrengung durch die Mitwir-
für jede ernsthafte politische Debatte fatal wäre. In kung aller erreicht werden soll, mag in Autokra-
derselben Schublade fanden sich aber auch schnell tien oftmals stabilisierend wirken. In einer plura-
sachkundige und oft konstruktive Appelle, die Be- listischen, demokratischen Ordnung sorgt es für
sorgnis angesichts der radikalen Einschränkung Irritationen. Es erfordert eine Art von Bürgerver-
von Freiheitsrechten ausdrückten und Alternati- halten, ein Maß an Homogenität und einen Grad
ven zur aktuellen Pandemiepolitik skizzierten. 11 an Unterordnung und Vertrauen in eine starke
Durch die umfassende Beschränkung des Politi- Führung, die einer liberalen Demokratie mittel-
schen legte sich die Politik selbst auf ein Beobach- fristig das Wasser abgraben.
tungsschema fest, das den Blick auf Abweichun- Wer stolpert, fällt nicht zwingend. Und ange-
gen und Kritik einengte und so Reflexions- und sichts der genannten Widersprüchlichkeiten sind
Handlungsmöglichkeiten beschränkte. eher die bisher beeindruckenden Erfolge vieler De-
mokratien bei der Pandemiebekämpfung erstaun-
FAZIT lich als die Beobachtung, dass demokratische Ord-
nungen angesichts dieses Kraftakts ins Stolpern
Die Corona-Pandemie führt nicht in eine Gesund- geraten. Im Hinblick darauf, dass die Corona-Pan-
heitsdiktatur. Eine solche Behauptung verhöhnt demie noch nicht abschließend bewältigt ist, dass
nicht nur die Opfer jedes totalitären Regimes, eine zweite Welle droht, dass sich zukünftig ande-
sondern verkennt auch einen wichtigen Unter- re Krankheiten massenhaft verbreiten könnten und
schied. Totalitarismen ordnen bei der Verfolgung dass die Weltgesellschaft mit vergleichbaren He-
ihrer gesellschaftlichen Ziele das Individuum in rausforderungen konfrontiert sein wird – darunter
menschenverachtender Weise dem Kollektiv un- der in vielerlei Hinsicht ähnlich gelagerte Klima-
ter. Die Pandemiepolitik westlicher Demokrati- wandel –, spricht vieles dafür, die aktuellen Stol-
en hingegen erklärt gerade das Individuum, den persteine nicht unbesehen aus dem Weg zu räumen.
Schutz jedes einzelnen Menschenlebens, radikal Vielmehr geben sie Anlass zur Reflexion, und die
zur höchsten Priorität. Damit einher geht nicht hier erörterten Beobachtungen legen dafür drei An-
nur ein umfassender Ideologieverzicht, sondern satzpunkte nahe: erstens die Vermutung, dass auch
vor allem die Unterordnung des Kollektivs gegen- liberale Demokratien bei der Umsetzung von Pro-
über jedem Einzelnen seiner Mitglieder – auch um blemlösungen nicht ohne Gemeinsinn auskommen.
den Preis der Reduktion individueller Freiheits- Für diesen ist jedoch eine Form zu suchen, die mit
räume. Und dennoch formte die unter Pandemie- der Komplexität der modernen Gesellschaft ver-
gesichtspunkten bislang relativ erfolgreiche deut- einbar ist und auf totale politische Integration auf
sche Politik unwillkürlich und erstaunlich schnell Kosten individueller Freiräume verzichtet. Zwei-
einen demos, der zu den Prämissen einer liberal- tens die Beobachtung, dass normative Erwartungen
demokratischen Ordnung in vielerlei Hinsicht an die Bürger*­innen auch in liberalen Demokratien
nicht so recht passt. Gehorsam und Disziplin als durchaus legitim und wichtig sind. Sie höhlen sich
höchste Bürgertugenden, eine durchregulierte Öf- jedoch selbst aus, wenn sie zur Durchsetzung von
fentlichkeit, der Rückzug ins Private, innerer Zu- Regulierungsmaßnahmen instrumentalisiert wer-
sammenhalt durch die Unterscheidung zwischen den. Und drittens die Herausforderung, bei der Be-
guten und schlechten Bürger*­innen, legitimes De- arbeitung gesellschaftlicher Probleme die Kluft zu
nunziantentum sowie das Zurückweisen von De- überbrücken, die unweigerlich aus der Berücksich-
batten mit dem Verweis auf ihre Unangebrachtheit tigung von Expertise in kollektiv bindenden Ent-
ähneln teils mehr den Gesellschaften in autokrati- scheidungsprozessen und der offenen, politischen
schen Regimen als einem vitalen demokratischen Auseinandersetzung folgt.
Kollektiv. Hinter alldem steht sicher nicht eine un-
demokratische Gesinnung der Regierenden. Ent-
scheidend ist etwas anderes: Ein gesellschaftswei- EVELYN MOSER
tes Ziel, auf das alle eingeschworen werden und ist promovierte Soziologin und wissenschaftliche
Mitarbeiterin in der Abteilung Demokratieforschung
11 Vgl. z. B. den Debattenbeitrag von Alexander Kekulé et al.,
am Forum Internationale Wissenschaft der
Raus aus dem Lockdown – so rasch wie möglich, 24. 4. 2020, www. Universität Bonn.
spiegel.de/​a-00000000-0002-0001-0000-000170604448. emoser@uni-bonn.de

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Corona-Krise  APuZ

INTERVIEW

„LASST DIE LEHRKRÄFTE IN RUHE,


ABER NICHT DIE SCHULEN“
Ein Gespräch mit dem Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani
über Bildung in Zeiten der Corona-Pandemie

Die Corona-Krise wird oft mit ihrer Lern- und Kompetenz- gemeinsamen Nutzung digi-
einem Brennglas verglichen, das entwicklung eine tiefere Kurve taler Mittel in der Schule ge-
bestehende Probleme verschärft haben werden als vor und nach macht, wäre es ungleich leich-
und verdeutlicht. Trifft das auch Corona. Die Schere geht wahr- ter gewesen, das dann auch in
auf das Thema Bildungsunge- scheinlich auseinander, wäh- die Fernlehre zu übertragen.
rechtigkeit zu? rend sie sich nach unten neigt. Der dritte Punkt ist eine
Aladin El-Mafaalani – Das ist grundsätzliche Sache: Selbst die
zumindest ganz stark anzu- Woran liegt das, und wovon ist Lehrkräfte, die sich auf länge-
nehmen. Noch kann man das gelungenes Lernen zu Hause ren Fernunterricht eingestellt
nicht umfassend empirisch be- abhängig? haben, hatten das Problem,
legen. Aus der jahrzehntelan- – Ich sehe mindestens drei dass sie über die Kinder fak-
gen Forschung zu Bildungsun- wichtige Punkte. Erstens ha- tisch nichts wussten. Sie wuss-
gleichheit wissen wir jedoch, ben wir keinen Hinweis, dass ten nicht, was überhaupt zu
dass die Ungleichheit kaum bis es irgendwelche Konzep- Hause für Arbeitsvorausset-
gar nicht in der Schule selbst te gibt, bei denen Fernlehre zungen vorliegen, ob die Fami-
entsteht, sondern mehr mit der gleichwertig mit Präsenzunter- lien einen Laptop, einen Dru-
Familie, dem häuslichen Um- richt sein kann, vorausgesetzt, cker, ob die Kinder ein eigenes
feld, dem Milieu zu tun hat. dass eine Lehrkraft eine Klasse Zimmer, einen Schreibtisch ha-
Der Schule und den Bildungs- mit 25 bis 30 Kindern unter- ben und so weiter.
institutionen kann man vor- richtet. Natürlich gibt es Kon- Wir haben vorher faktisch
werfen, dass sie die Ungleich- zepte von Fernlehre mit einer keine systematische Kommu-
heit, die in unserer Gesellschaft 1 : 1- oder höchstens 1 : 5-Be- nikation mit den Eltern betrie-
strukturell verankert ist, nicht treuung, die anständig funkti- ben. Das heißt, wir haben in
zufriedenstellend ausgleichen. onieren. Aber dafür fehlen uns der Breite Wochen gebraucht
Aber während der Schulschlie- einige Millionen Lehrkräfte. – die Ausnahmen sind eher
ßungen haben die Faktoren, die Zweitens haben relativ wichti- Leuchttürme –, bis die Lehr-
Ungleichheit erzeugen, einen ge wissenschaftliche Akteure, kräfte eine Idee von den Vo-
noch größeren Raum. meist Psychologen, die Digi- raussetzungen bei den Kindern
Da hilft auch die Fernleh- talisierung im Bildungsbereich zu Hause während des Shut-
re nicht. Die funktionierte in regelrecht verteufelt – neben downs hatten. Das ist dann
der einen oder anderen Schule der allgemeinen Zurückhal- tatsächlich wie ein Brennglas.
recht gut, wobei wir selbst dort tung in Deutschland im Hin- Denn es ist immer, nicht nur
wahrscheinlich feststellen wer- blick auf Digitalisierung war in der Corona-Krise, sinnvoll
den, dass sie nicht so gut funk- das sicher auch ein Grund da- zu wissen, wie die Kinder ei-
tioniert wie die Präsenzlehre. für, dass wir auf den Einsatz gentlich aufwachsen und wie
An den meisten Schulen pas- digitaler Mittel in der Präsenz- die Rahmenbedingungen zu
sierte aber praktisch gar nichts lehre bisher weitgehend ver- Hause sind – insbesondere,
und schon gar nicht ungleich- zichtet haben. Hätten Kinder wenn man die Bildungschan-
heitssensibel. Gleichzeitig glau- und Lehrkräfte vor dem Shut- cen für Benachteiligte verbes-
be ich aber, dass alle Kinder in down schon Erfahrung mit der sern möchte.

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Welche Gruppen sind mit Blick kunft haben. Die Eltern – und spektive hat das eine hochgra-
auf die Corona-Krise besonders damit auch die Kinder und Ju- dige Plausibilität. Ein Roboter
von Bildungsbenachteiligung gendlichen – bringen immer oder ein Algorithmus kön-
betroffen? weniger von dem mit, was in nen wahrscheinlich deutlich
– Vermuten muss man, dass der Schule erwartet wird. Des- eher Talente entdecken als eine
es alle benachteiligten Grup- halb stimmt beides: Die Schu- Lehrkraft. Das hat viele Grün-
pen sind, die sich also gemes- len haben sich deutlich besser de, zum Beispiel, dass Lehr-
sen am Bildungsniveau der auf benachteiligte Kinder ein- kräfte häufig bestimmte Poten-
Eltern und der Schichtzugehö- gestellt, aber die Prekarität, in ziale und Talente bei Kindern
rigkeit in prekären Lebensla- der diese aufwachsen, hat sich nicht erkennen, weil es sich je
gen befinden, und zudem alle, verschärft, weshalb die Schu- nach Milieu, nach sozialer Her-
die ohnehin Probleme haben, len dann doch überfordert kunft des Kindes anders aus-
dem Unterricht zu folgen. Zu- sind. Und ich würde wirklich drückt. Lehrkräfte kommen in
sätzlich auch Kinder, die in von Überforderung sprechen. der überwiegenden Zahl selbst
Familien aufwachsen, die von Denn circa 20 Prozent der aus einem bildungsbürgerli-
Suchterkrankungen oder psy- Kinder in Deutschland leben chen Milieu. Wenn sich Kinder
chischen Erkrankungen oder in Armut, aber die allermeisten entsprechend so verhalten wie
auch Behinderungen betrof- Kinder wachsen in soliden und die eigenen Kinder, führt das
fen sind, Familien, in denen gesicherten Verhältnissen auf wechselseitig zu einer ganz an-
Gewalt eine große Rolle spielt und zudem ganz überwiegend deren Resonanz. Ich habe die
und in denen die Kinder zu- so behütet, gewaltfrei und an- Redewendung geprägt, dass
nehmend auf sich gestellt sind. erkennungsreich, wie es noch Armut das Talent für Lehr-
Während eines Shutdowns nie der Fall war. Die beiden kräfte verdeckt. Die Aufgabe
geht es nicht mehr nur um die Extreme, also immer stärker wäre es also, Talent zu entde-
feinen Unterschiede, sondern auseinanderklaffende Kindhei- cken. Man bräuchte folglich
um wirklich massive unglei- ten, muss die Institution Schu- Forschergeist. Und ähnlich wie
che Familien- und Lebensver- le bewältigen. weite Teile der empirischen
hältnisse. Außerdem sollte man sich Forschung ohne digitale Un-
durchaus fragen, warum Mili- terstützungssysteme überhaupt
Abseits von Corona: Wie ist eus resigniert haben und sich nicht mehr möglich sind, kön-
Schule generell aufgestellt für apathische Strukturen etablie- nen digitale Mittel auch Lehr-
Kinder aus armen Familien ren konnten. Das hat nicht kräften helfen, Potenziale zu
oder aus sozial benachteiligten nur mit dem Schulsystem zu erkennen.
Verhältnissen? tun und kann auch nicht nur Es gibt beispielsweise ein
– Es hat viele gute Entwick- im Schulsystem bearbeitet Projekt, in dem ein Algorith-
lungen in den vergangenen werden, aber für Kinder aus mus im Mathematikunter-
Jahrzehnten gegeben, aber man diesen Milieus sind die Bil- richt erkennt, was die Kinder
muss wissen, dass die Proble- dungsinstitutionen die einzige bei einer Aufgabe nicht kön-
matik von Kindern, die heu- Chance. nen. Ohne dass das Kind in
te in prekären Verhältnissen irgendeiner Form beschämt
aufwachsen, eine grundlegend Können digitale Tools helfen, um wird, sagt er dem Kind, dass
andere ist als noch vor 30 Jah- dem Auseinanderklaffen der es offenbar diese Regel, die
ren. Das Problem ist, dass wir Bildungsschere entgegenzuwirken? vor zwei Jahren in der Schu-
es in den untersten benach- – Dafür gibt es gute Indizien. le behandelt wurde, nicht
teiligten Milieus heute häufig Beispielsweise gibt es schon mehr beherrscht, und gibt
mit Resignation zu tun haben. Berichte von Projekten aus an- ihm Übungen für diese Re-
Die Kinder wachsen nicht nur deren Ländern, wo die Kinder gel. Und wenn es diese Regel
in ökonomisch prekären La- Feedbacks von digitalen Medi- erklärt bekommen und dann
gen auf, sondern dazu auch en total gut finden, weil sie das ein, zweimal angewendet hat,
noch in einem Milieu, in dem Gefühl haben, das ist fairer, als kommt die alte Aufgabe zu-
die Erwachsenen häufig keine wenn das eine Lehrkraft macht. rück. Dann schaut man er-
Hoffnung auf eine bessere Zu- Aus habitustheoretischer Per- neut, ob das Kind diese Auf-

30
Corona-Krise  APuZ

gabe lösen kann. Meistens ja In den vergangenen Monaten eben auch, dass es um Gesund-
– und wenn nicht, wird noch wurde vieles an der Schule und heit geht. Zum Beispiel, indem
eine andere Regel identifiziert, an den Lehrkräften kritisiert. Sind man systematisch mit medizi-
die es nicht beherrscht. Dafür die Erwartungen an Lehrende zu nischem Personal kooperiert.
haben Lehrkräfte keine Zeit hoch? Diese Fachkräfte könnten zum
und die meisten auch nicht die – Ja, sie sind viel zu hoch. Im Beispiel die Vorsorgeunter-
Kompetenz. Auf der anderen Augenblick erwarten wir von suchungen, die U-Untersu-
Seite können solche digita- den Lehrkräften, dass sie für al- chungen, übernehmen, damit
len Hilfen auch systematisch les Experten sind. Für Gewalt- es nicht mehr von den Eltern
erkennen und speichern, was prävention, für Rassismus, für abhängt, ob sie gemacht wer-
die Kinder beherrschen. Di- Antisemitismus, für religiösen den oder nicht. Das alles kos-
gitalisierung kann also helfen Fundamentalismus, für digita- tet gar nicht so viel Geld, denn
bei der individuellen Diagnose les Mobbing – egal, was gerade das meiste Personal ist schon
von Defiziten und Potenzi- aktuell gesellschaftlich passiert, da. So geht etwa der vielfälti-
alen und bei der individuel- das sollen Lehrkräfte dann auf- gen Vereinslandschaft und den
len Förderung derselben. Und fangen, und das in einem auf Musikschulen in Deutschland
das hilft den Kindern und der Kante genähten Schulsystem. der Nachwuchs aus, weil die
Lehrkraft. Das ist allerdings Das funktioniert nicht. Inter- Kinder mittelmäßig betreut in
weitgehend eine Begleitung nationale Studien zeigen, dass Ganztagsschulen sitzen. Hier
der Arbeit der Lehrkräfte und es kaum ein anderes Schulsys- geht es in erster Linie um Um-
kein Ersatz. tem gibt, das so stark wie das organisation. Erst in zweiter
Was Lehrkräfte richtig gut deutsche von Lehrkräften als Linie auch um Geld.
können, ist ein Klassenunter- professionellen Akteuren ge-
richt, in dem man 20 bis 30 prägt ist. Was wünschen Sie sich von der
ganz junge Menschen in eine Deswegen wäre mein Bildungspolitik für das Schuljahr
Richtung lenkt. Eine hoch an- Hauptansatzpunkt, die Lehr- 2020/21?
spruchsvolle Aufgabe, die sie kräfte in Ruhe zu lassen, aber – Beim letzten Shutdown
so gut wie niemand anderes nicht die Schulen. Nach dem wurden die Schulen als erstes
machen. Aber Diagnostik und quantitativen Ausbau des geschlossen, beim nächsten
individuelle Förderung sind Ganztags sollten wir ihn statt- sollten die Schulen als letztes
eine große Schwäche. Jetzt dessen auch qualitativ mit mul- schließen. Ich wünsche mir,
kann man sagen, dann müssen tiprofessionellen Teams ver- dass man verschiedene Sze-
wir das ändern, die Lehrkräfte bessern. narien zur Entwicklung von
fortbilden und so weiter. Man Corona durchspielt, und in je-
kann aber auch sagen, hier liegt Aus wem sollten diese Teams dem Szenario ist das Mindest-
in den digitalen Mitteln ein rie- bestehen? ziel, dass jedes Kind jeden Tag
sengroßes Potenzial. – Das sollte je nach Ort, Schul- mehrere Stunden zur Schu-
Es geht also darum, wie milieu und Stadtteil relativ le geht. Wichtig ist auch, dass
man digitale und analoge For- flexibel gehandhabt werden. man sich um Berufsschülerin-
men des Lernens in der Schule Auf jeden Fall geht es um So- nen und Berufsschüler küm-
ineinander verschränkt, auch ziale Arbeit und Psychologie, mert, die dadurch, dass ihre
und insbesondere damit für aber auch Handwerk, Sport, Ausbildungsbetriebe sowie zu-
soziale und kommunikative Kunst und Kultur müssen da- künftige mögliche Arbeitgeber
Prozesse, die nicht digitalisiert bei sein und im Prinzip alles, von Insolvenz bedroht sind,
werden können, mehr Raum was für Kindheiten und zum sowohl von der Bildungskrise
bleibt. Selbst bei einem Fach Ausgleich von ungleichen Le- als auch von der Wirtschafts-
wie Mathe muss man sich un- benschancen wichtig ist. Dazu krise unmittelbar betroffen
terhalten, diskutieren und re- gehört für mich auch, dass sind.
flektieren – die meisten Men- Kinder in der Schule ein Mu- Außerdem wünsche ich
schen eignen sich erst über sikinstrument erlernen und äs- mir, dass kein Aktionismus im
Kommunikation und Emotion thetische Erfahrungen in um- Hinblick auf die Digitalisie-
Inhalte oder Fähigkeiten an. fassender Weise machen, aber rung stattfindet. Denn es ist

31
APuZ 35–37/2020

überhaupt nicht trivial, digitale teuren in der Mehrheit befür-


Medien einzusetzen, mit de- wortet wird. Denn richtig gute
nen erstens die Kinder wirk- Ganztagsschulen wären gut im
lich gut oder sogar noch besser Hinblick auf die Entlastung
lernen, die zweitens von den von Lehrkräften, für die Ar-
Lehrkräften akzeptiert, ge- beitsmarkt- und Karrierechan-
nutzt und gut eingebaut wer- cen von Müttern und ­Vätern,
den und die drittens den ge- für den Erhalt der deutschen
samten (regionalen) Kontext Vereinslandschaft und des
berücksichtigen, etwa die In- Kunst- und Kulturbereichs
ternetversorgung vor Ort. Das und vieles mehr. Deshalb soll-
muss unbedingt in Koopera- ten Schulen umfassend erwei-
tion mit den Schulen und den tert werden.
Lehrerverbänden stattfinden ALADIN EL-MAFAALANI
und wissenschaftlich evaluiert Das Interview wurde in leicht ist Inhaber des Lehrstuhls für
werden. längerer Fassung zuerst auf Erziehung und Bildung in der
Wir hatten historisch gese- www.bpb.de/coronavirus Migrationsgesellschaft an der
hen selten die Situation, dass veröffentlicht. Das Interview Universität Osnabrück.
das, was armen Kindern helfen führte Lea Schrenk am 2. Juli aladin.el-mafaalani@​
würde, eigentlich von allen Ak- 2020. uni-osnabrueck.de

32
Corona-Krise  APuZ

CORONA-ANGST UND DIE


GESCHICHTE DER BUNDESREPUBLIK
Frank Biess

Die Katastrophe kam nicht völlig überraschend. gen Maßnahmen in der Bundesrepublik „nicht oder
Sie war in der für den modernen Staat charakteris- nur sehr spät“ eingeleitet wurden, wie die Philoso-
tischen Präventionsplanung bereits imaginiert. In phen Nikil Mukerji und Adriano Mannino in ei-
einem Bericht zur Risikoanalyse für den Bevölke- ner der ersten Analysen der Pandemie kritisierten, 02
rungsschutz entwickelte die Bundesregierung un- muss dahingestellt bleiben. Festzuhalten bleibt,
ter Federführung des Robert Koch-Instituts und dass das 2012 entwickelte Szenario nicht Wirklich-
weiterer Bundesbehörden wie dem Bundesamt für keit wurde. Dies lag auch an der deutlich geringe-
Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe Ende ren, unter ein Prozent liegenden Letalität von Sars-
2012 folgendes Szenario: Durch eine zoonotische CoV-2. Aber auch im internationalen Vergleich
Übertragung von Tieren auf Menschen auf einem schnitt die Bundesrepublik bei der Bekämpfung des
Wildtiermarkt wird ein neuartiges Corona-Virus Virus – zumindest bisher – relativ gut ab.
von zwei Reisenden aus China nach Deutschland Dieser Aufsatz zielt darauf, die historische
eingeschleppt. Eine der Personen betreut einen Spezifik der Corona-Krise genauer zu bestimmen
Messestand in einer norddeutschen Großstadt, und gleichzeitig den relativen Erfolg der Bun-
die andere nimmt nach einem Auslandssemester desrepublik in der Pandemiebekämpfung zu er-
ihr Studium in einer süddeutschen Universitäts- klären. Dies geschieht durch die Verortung der
stadt wieder auf. Das Virus verbreitet sich schnell Corona-Krise in zwei unterschiedlichen histo-
und verursacht Fieber, trockenen Husten, Atem- rischen Kontexten: der längeren Angstgeschich-
not sowie durch Röntgenaufnahmen sichtbare te der Bundesrepublik seit 1945 sowie den Glo-
Veränderungen in der Lunge. Die Inkubationszeit balisierungskrisen seit der Jahrtausendwende. Da
beträgt in der Regel drei bis fünf, in manchen Fäl- die Corona-Krise noch nicht beendet und die Zu-
len bis zu 14 Tage. Während jüngere Patientinnen kunft offen ist, müssen historische Wertungen
und Patienten die Infektion oft schon nach einer notgedrungen provisorisch bleiben.
Woche überwinden, beträgt die Letalität bei über
65-Jährigen fast 50 Prozent. Nachdem zehn Per- HISTORISCH GEWACHSENE
sonen an dem Virus verstorben sind, beschließt die KRISENKOMPETENZ
Bundesregierung die Einleitung antiepidemischer
Maßnahmen wie Schulschließungen und Quaran- Spätestens ab Mitte März 2020 war sich die Bun-
tänemaßnahmen nach dem Infektionsschutzge- desregierung der Ernsthaftigkeit der Krise be-
setz. Begünstigt durch Mutation des Virus, durch wusst. Am 18. März beschwor Bundeskanzlerin
die auch bereits infizierte Personen ihre Immuni- Angela Merkel in einer ihrer wenigen Fernsehan-
tät verlieren, breitet sich dieses in drei Wellen aus. sprachen die historische Einzigartigkeit der Situ-
Insgesamt infizieren sich 78 Millionen Menschen ation. „Seit der Deutschen Einheit, nein, seit dem
in Deutschland, die Letalität beträgt etwa zehn Zweiten Weltkrieg“ habe die Bundesrepublik kei-
Prozent. Das Gesundheitssystem wird überlastet, ner ähnlichen „Herausforderung“ gegenüber-
es sterben mindestens 7,5 Millionen Menschen an gestanden, bei der „es so sehr auf unser gemein-
den direkten Folgen des Virus. Ein Impfstoff ist sames solidarisches Handeln“ ankomme. 03 Die
erst nach drei Jahren verfügbar. 01 Fernsehansprache markierte einen Wendepunkt in
Dies war die Entwicklung, die es Anfang 2020 der offiziellen Reaktion auf die Ausbreitung des
beim Ausbruch einer tatsächlichen, durch ein Co- neuartigen Corona-Virus. Nur wenige Tage spä-
rona-Virus verursachten Pandemie zu verhindern ter, am 22. März, erließ die Bundesregierung eine
galt. Ob die zur Bekämpfung des Virus notwendi- umfassende Kontaktsperre für das gesamte Bun-

33
APuZ 35–37/2020

desgebiet. Es kam zu einem weitgehenden Erlie- die Formierung handlungsfähiger politischer Mehr-
gen des öffentlichen Lebens. heiten zunehmend schwierig wurde, war das Aus-
Die von Angela Merkel, aber auch in der Be- maß dieses gesellschaftlichen Konsensus durchaus
richterstattung propagierte These der Corona-Kri- bemerkenswert. Es war auch vor dem Hintergrund
se als historisch einzigartig war für die Legitimation der bundesrepublikanischen Geschichte keines-
der ergriffenen Maßnahmen notwendig. Eine wei- wegs selbstverständlich. Denn in der Vergangenheit
ter gefasste historische Tiefenschärfe erlaubt es je- erschien der bundesdeutsche Staat vielen Bundes-
doch, besser zu erkennen, was genau „neu“ an der bürgerinnen und -bürgern entweder als zu schwach
Krise war und ist. Das Virus traf nicht auf eine hei- oder aber als zu stark und potenziell autoritär. Kri-
le „Welt von Gestern“, wie sie ohnehin nur in der tische Stimmen sahen in den Corona-Einschrän-
nostalgischen Rückschau erscheinen kann, sondern kungen eine autoritäre Politik der Angst und be-
auf eine Gesellschaft mit einer ausgesprochenen werteten die zivilgesellschaftliche Kooperation als
Krisenerfahrung. 04 Die Geschichte der Bundesre- Indiz einer latenten Autorität- oder Staatshörigkeit
publik ist geprägt von einer Abfolge existenziel- in der deutschen Gesellschaft. 08 Das der Bundes-
ler Krisen und daraus entstehenden Angstzyk- regierung entgegengebrachte Vertrauen war aber
len – von den Gründungskrisen des Anfangs, der auch die emotionale Kehrseite der Angst vor dem
Wirtschaftskrisen der 1970er Jahre, der Konfron- Virus: In der Pandemie konstituierte sich die bun-
tation mit Links- und (oft vergessen) Rechtsextre- desdeutsche Gesellschaft als Angstgemeinschaft.
mismus, der Vereinigungskrise nach 1990 bis hin Diese intensive emotionale Reaktion war in ei-
zur Finanz-, Euro- und sogenannten Flüchtlings- nem historisch spezifischen Gefühlsregime begrün-
krise in jüngerer Zeit. 05 Die Corona-Krise steht in det. Dies zeigt sich im Vergleich mit vergangenen
der Kontinuität dieser Krisen, ihre bisher relativ er- Gesundheitskrisen. An der „Asiatischen Grippe“
folgreiche Bewältigung war auch ein Produkt die- 1957/58 und der „Hongkong Grippe“ von 1968 bis
ser historisch verankerten Krisenkompetenz. 1970 starben in Deutschland nach Schätzungen je-
Die Bekämpfung der Pandemie basierte auf ei- weils zwischen 20 000 und 30 000 Menschen, welt-
ner bemerkenswert hohen Zustimmung der Be- weit eine bis zwei Millionen Menschen. 09 Dennoch
völkerung zu den massiven Einschränkungen der verliefen beide Pandemien ohne größere öffentliche
Grundrechte. So erklärten am 27. März 2020 bei- Aufmerksamkeit, ganz im Gegensatz zur derzeiti-
spielsweise 75 Prozent der Bundesbürgerinnen gen Corona-Pandemie. Die vergangenen Grippe-
und -bürger, dass die staatlichen Einschränkungen Pandemien standen im Zeichen eines Emotions-
„genau richtig“ seien, 20 Prozent gingen sie nicht regimes, das geprägt war von dem Bemühen, eine
weit genug, nur vier Prozent hielten sie für über- Panik zu vermeiden: Es dominierte die „Angst vor
trieben. 06 Noch Anfang Juni 2020 waren 84 Pro- der Angst.“ Seit den 1970er Jahren kam es jedoch zu
zent der Deutschen der Meinung, Bundeskanzle- einer deutlichen kulturellen Aufwertung der Angst.
rin Merkel mache ihre Arbeit „eher gut“. 07 In einer Sowohl die normative Bewertung der Angst als ei-
Gesellschaft, in der noch kurz vor der Corona-Kri- ner grundsätzlich funktionalen Emotion wie auch
se eine immer größere Fragmentierung beklagt und die emotionale Praxis, Angst in privaten und öf-
fentlichen Zusammenhängen offen auszudrücken,
nahm deutlich zu. Die Umwelt- und Friedensbe-
01 Vgl. Bundestagsdrucksache (BT-Drs.) 17/12051, 3. 1. 2013,
insb. S. 55–87.
wegung der 1970er und 1980er Jahre beruhte auf ei-
02 Nikil Mukerji/Adriano Mannino, Covid-19: Was in der Krise nem positiven Angstverständnis, das diesem Gefühl
zählt. Über Philosophie in Echtzeit, Ditzingen 2020, S. 41.
03 Fernsehansprache von Angela Merkel, 18. 3. 2020, w ​ ww.
bundeskanzlerin.de/​-1732134. 08 Vgl. z.B. René Schlott, Um jeden Preis?, 17. 3. 2020, www.
04 Vgl. Stefan Zweig, Die Welt von Gestern. Erinnerungen sueddeutsche.de/​1.4846867; „Die Bestrafungstaktik ist bedenk-
eines Europäers, Frank­furt/M. 2010 [1942]. lich“. Interview mit Juli Zeh, 5. 4. 2020, www.sueddeutsche.de/​
05 Vgl. hierzu Frank Biess, Die Republik der Angst. Eine andere 1.4867094.
Geschichte der Bundesrepublik, Reinbek 2019. 09 Vgl. Bettina Hitzer, Angst, Panik? Eine vergleichende Gefühls-
06 Vgl. Corona: Drei Viertel finden Maßnahmen richtig, geschichte von Grippe und Krebs in der Bundesrepublik, in: Malte
27. 3. 2020, www.zdf.de/politik/politbarometer/corona-krise- Thießen (Hrsg.), Infiziertes Europa? Seuchen im langen 20. Jahrhun-
grosse--massnahmen-regierung-100.html. dert, München 2014, S. 137–156; Hartmut Berghoff, Hingenommen
07 Siehe https://de.statista.com/statistik/daten/studie/675140/ und Vergessen. Die „Asiatische“ Grippeepidemie 1957/58, digitaler
umfrage/bewertung-der-arbeit-von-angela-merkel-als- Vortrag, 27. 5. 2020, www.youtube.com/watch?v=xoJcdTvrHTc&list
bundeskanzlerin. =PLgoiCMgV-zrcnrrYsoaxxD10d8h4Mgg2F&index=8&t=0s.

34
Corona-Krise  APuZ

eine zentrale Rolle bei der Perzeption gesellschaft- deutschen Opfermythos und minimierte die eigene
licher Missstände wie der Umweltverschmutzung Verantwortlichkeit. Aber die Erinnerung an die ei-
oder auch dem Wettrüsten beimaß. In der Corona- gene Viktimisierung hatte auch eine vorausschau-
Krise manifestierte sich diese etablierte Sichtweise, ende Funktion: Sie prägte die Wahrnehmung von
die der Angst eine durchaus nützliche Funktion bei Krisensituationen in der Gegenwart und die Ima-
der Eindämmung der Pandemie zuwies. Die Mer- gination möglicher Katastrophen in der Zukunft.
kelsche Ermahnung, die Gefahr ernst zu nehmen, Ganz im Gegensatz dazu traf die Corona-Pan-
erwies sich in der Krise als deutlich hilfreicher, als demie auf eine Gesellschaft, für die der vorzeitige
der Appell an Mut und Männlichkeit angesichts des Tod generell unakzeptabel war. Im Zuge des me-
Virus, wie er von Rechtspopulisten wie dem US- dizinischen Fortschritts und steigender Lebenser-
Präsidenten Donald Trump oder Brasiliens Staats- wartung, aber auch angesichts der fehlenden Erfah-
chef Jair Bolsonaro artikuliert wurde. Die Denunzi- rung von Massentod im historischen Bewusstsein,
ation der Angst ist nach wie vor insbesondere in der wird jedem einzelnen Mitglied der Gesellschaft
politischen Rechten zu Hause. Das zeigt auch die das Recht auf ein erfülltes Leben und einen natür-
Beschimpfung von Thüringens Ministerpräsident lichen Tod zugestanden. Dies ist zu Recht als ei-
Bodo Ramelow durch den AfD-Rechtsaußen Bjorn ner der großen Verdienste der Moderne gewürdigt
Höcke als „Ministerpräsident[en] der Angst.“ 10 wurden. 12 Die in Frankreich oder auch den USA
Ein weiterer kultureller Kontext erklärt die un- schnell mobilisierte Kriegsrhetorik im Kampf ge-
terschiedlichen Reaktionen auf vergangene Grip- gen das Virus lehnte beispielsweise Bundespräsi-
pe-Pandemien und das Corona-Virus: das ge- dent Frank-Walter Steinmeier explizit ab. 13 Tat-
wandelte Verhältnis zum vorzeitigen Tod. Die sächlich funktioniert historische Erinnerung nun in
Grippe-​Pandemien trafen auf eine Gesellschaft des geradezu gegenteiliger Richtung. So bewirkte eine
Nachkrieges, die noch im Bann des massenhaften kritische Erinnerung an die NS-Zeit, einschließlich
gewaltsamen Todes während des Zweiten Welt- der Erinnerung an die sogenannten Euthanasie-
krieges stand. Die durchschnittliche Lebenserwar- programme, dass die Rede vom „lebensunwerten
tung lag Ende der 1950er Jahren noch unter 70 Jah- Leben“ in Deutschland, mehr noch als anderswo,
ren, die Kindersterblichkeit war relativ hoch – auf als Skandal gilt. 14 Vielmehr schien ein grundsätzli-
1000 Geburten starben 1955 noch knapp über cher Konsens darüber zu existieren, dass die soge-
45 Kinder in den ersten fünf Jahren, 2019 nur nannten Risikogruppen, also vor allem ältere Men-
noch vier. 11 Der vorzeitige Tod eines Familienmit- schen, trotz hoher gesamtgesellschaftlicher Kosten
gliedes war somit noch Teil eines Erfahrungsrau- zu schützen seien. So fragte der Philosoph Jür-
mes der deutschen Gesellschaft, die in die Kriegs- gen Habermas, ob nicht der „Kerngehalt des Le-
zeit zurückreichte. Leid und Trauer konnten in der bensschutzes vielleicht aufgrund des individualis-
Nachkriegsgesellschaft nur schwer artikuliert wer- tischen Charakters unserer Rechtsordnung einen
den, existenzielle Verlusterfahrungen lagen jenseits Sperrklinken­effekt [habe], den andere Grundrech-
des Sagbaren. Diese Gefühle erschienen allenfalls te nicht“ hätten. Er ging von einer „unbedingte[n]
als Teil einer schicksalshaften Welt, der man hilf- Schutzverpflichtung des Staates“ aus, die sich auch
los ausgeliefert war. Diese Erinnerung an die NS- „auf Leben und körperliche Unversehrtheit sowie
Zeit als von außen oktroyiertem Schicksal war na- auf die Bewegungs- und Handlungsfreiheit dieser
türlich zutiefst apologetisch. Sie zementierte den Person selbst“ beziehe. 15 Auch wenn diese Posi­tion

10 Zit. nach Thüringer Landtag, Plenarprotokoll 7/11, 12 Vgl. Elisabeth von Thadden, Vom guten Recht zu überleben,
8. 5. 2020, S. 693, www.thueringer-landtag.de/uploads/tx_tltca- 9. 4. 2020, www.zeit.de/2020/16/corona-pandemie-statistik-
lendar/protocols/zzDruckfassung11.pdf. covid-19-todesfaelle.
11 Vgl. Statistisches Bundesamt, Lebenserwartung von Männern 13 Vgl. Bundespräsidialamt, Fernsehansprache des Bundes-
und Frauen in Deutschland, 2020, www.destatis.de/DE/Themen/ präsidenten zur Corona-Pandemie, 11. 4. 2020, www.bundes­
Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Sterbefaelle-Lebenser- praesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Frank-Walter-Steinmeier/
wartung/_inhalt.html;, United Nations Inter-agency Group for Reden/2020/04/200411-TV-Ansprache-Corona-Ostern.html.
Child Mortality Estimation, Germany. Under-five Mortality Rate, 14 Vgl. Shimon Stein/Moshe Zimmermann, Vor steilen Abhän-
2019, https://childmortality.org/data/Germany; Statistisches gen, 25. 4. 2020, www.tagesspiegel.de/25773700.html.
Bundesamt (Hrsg.), Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland, 15 Jürgen Habermas/Klaus Günther, „Kein Grundrecht gilt
Stuttgart–Mainz 1959, S. 54, www.digizeitschriften.de/dms/ grenzenlos“, 9. 5. 2020, www.zeit.de/2020/20/grundrechte-
toc/?PID=PPN514402342_1959. Vgl. auch Berghoff (Anm. 9). lebensschutz-freiheit-juergen-habermas-klaus-guenther.

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APuZ 35–37/2020

im öffentlichen Diskurs nicht unwidersprochen gungswege und Gefährlichkeit des Virus entwi-
blieb, 16 so verwies sie doch auf eine historisch ge- ckelte sich dynamisch und hat bis heute zu keiner
wachsene Hochachtung des individuellen Lebens, endgültigen Sicherheit geführt, reichte aber deut-
die in der Nachkriegskultur der Bundesrepublik lich weiter als dies während der Grippe-Pande-
noch nicht im gleichen Maße verankert war. mien der Nachkriegszeit der Fall war. Dennoch
Schließlich unterscheidet sich die Gegenwarts- stellte sich auch in der Corona-Pandemie das
kultur von der frühen Bundesrepublik auch durch klassische Problem der Risikogesellschaft: Gera-
eine voranschreitende Individualisierung. Die Pan- de, weil gesellschaftliche Risiken nur noch über
demie traf auf eine Gesellschaft, in der spätestens Expertinnen und Experten wahrgenommen wer-
seit den 1990er Jahren die individuelle Selbstent- den, werden sie Teil des gesellschaftlichen Dis-
faltung zu einer wichtigen kulturellen Norm ge- kurses und verlieren ihre Monopolstellung. Un-
worden war. Gerade in der neuen Mittelklasse der terschiedliche politische Positionen werden mit
urbanen, gebildeten Schichten nahm das Streben jeweils konfligierenden wissenschaftlichen Posi-
nach Selbstverwirklichung eine besondere Bedeu- tionen begründet und abgesichert. Die politische
tung ein. In einer „Gesellschaft der Singularitäten“ Diskussion wird auch zur Diskussion um die
definierte sich das „spätmoderne Subjekt“ über das Geltungsansprüche konträrer wissenschaftlicher
„Individuelle, Besondere, Nichtaustauschbare“. 17 Einschätzung, wie dies beispielsweise im Kon-
Die Pandemie konterkarierte diese Sehnsucht nach flikt um die Atomenergie der Fall war. Es kommt
dem Singulären. Das Virus attackiert den Men- zur „Feudalisierung der Erkenntnis­praxis“. 18 Die
schen als Gattungswesen. Die betroffenen Gesell- breite Verunsicherung resultierte nicht nur aus
schaften streben genau das Gegenteil des Singulä- dem Expertendissens beispielsweise hinsichtlich
ren an, nämlich die sogenannte Herdenimmunität. des Maskentragens oder der Notwendigkeit von
Um es pointiert zu sagen: Die Pandemie reduziert Schulschließungen. Expertinnen und Experten
uns von dem singulären Individuum, als dass wir sahen sich auch mit der Aufgabe konfrontiert,
uns qua Lebensweise definieren, zu einem reinen die Reichweite ihrer Expertise zu definieren. So
Gattungswesen in Analogie zur Schafherde. Das bemühte sich Christian Drosten von der Berliner
sichtbarste äußere Merkmal der Pandemie – das Charité beispielsweise dezidiert, die eigene viro-
Tragen einer Maske – verhüllt genau jenen Teil un- logische Expertise abzugrenzen von genuin po-
seres Körpers, der wie kein anderer für unsere In- litischen Entscheidungen. Darüber hinaus waren
dividualität steht: das Gesicht. die Virologinnen und Virologen insbesondere in
den Sozialen Medien mit einer Art von „Gegen-
MODERNE expertise“ konfrontiert, die die gesamte Reali-
UNSICHERHEITEN tät der Pandemie in Frage stellte. Trotz wissen-
schaftlicher und gesellschaftlicher Unsicherheit
Die Corona-Angst war und ist eine dezidiert mo- offenbarte die Pandemie jedoch auch die Gren-
derne Angst. Ähnlich wie Radioaktivität ist das zen der Manipulierbarkeit von Wahrheit. Die
Virus (ohne Elektronenmikroskop) weder sicht- biologische Realität des Virus wurde zu einer
bar noch anderweitig sinnlich wahrnehmbar. Die „Tatsachenwahrheit“, die der „Mensch nicht än-
Gefahr bedarf somit der Vermittlung durch Ex- dern kann“. 19 Die eskalierenden Infektionszah-
perten und Expertinnen. Die Krise wurde zur len in den USA, in Brasilien und in Russland, wo
Stunde der Virologen und Virologinnen. Deren rechtspopulistische Regierungen die Pandemie
Wissenstand im Hinblick auf Ursprung, Übertra- herunterspielen oder gar leugnen, belegen diese
Feststellung eindrucksvoll.
Wenngleich die etablierte Gefühls- und Angst-
16 Vgl. z.B. Wolfgang Schäuble stellt Lebensschutz als
oberstes Ziel infrage, 26. 4. 2020, www.zeit.de/politik/deutsch-
kultur der Bundesrepublik vielfältige Anknüp-
land/2020-04/corona-krise-wolfgang-schaeuble-schutzmass- fungspunkte für die spezifische Corona-Angst
nahmen. Ähnlich, aber deutlich undifferenzierter argumentierte bot, blieb die politische Bedeutung und poten-
Boris Palmer, vgl. „Wir retten möglicherweise Menschen, die in
einem halben Jahr sowieso tot wären“, 28. 4. 2020, www.tages-
spiegel.de/25782926.html. 18 Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere
17 Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, Moderne, Frank­furt/M. 1986, S. 274.
Berlin 2017; ders., Das Ende der Illusionen. Politik, Ökonomie 19 Hannah Arendt, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei
und Kultur in der Spätmoderne, Berlin 2019, S. 215. Essays, München 2013, S. 92.

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Corona-Krise  APuZ

zielle Funktion dieser Angst zunächst ambiva- CORONA-ANGST


lent. Einerseits führte sie zum Anwachsen von ALS GLOBALISIERUNGSANGST
Angst eindämmenden Emotionen, also vor allem
Vertrauen in staatliche Handlungs- und Problem- Globalisierungsängste zeichnen sich vor allem da-
lösungskapazität und gesellschaftliche Solidarität. durch aus, dass sie die in der Geschichte der Bun-
Andererseits begann der anfängliche Vertrauens- desrepublik wichtige Unterscheidung von „inne-
vorschuss gegenüber den staatlichen Maßnahmen ren“ und „äußeren“ Ängsten überwinden. Anders
Anfang Mai 2020 zu bröckeln. Allerdings schei- als den Atom- oder Umweltängsten fehlt ihnen
nen sich die kurzfristig aufflackernden Corona- ein konkreter Ort, sie sind entterritorialisiert. Im
Demonstration nicht in eine nachhaltige Protest- jährlich neu erstellten Angstindex der R&V Ver-
bewegung zu verstetigen. Rechtspopulistische sicherung nehmen solche entterritorialisierten
Bewegungen scheiterten, anders als während der Ängste seit 2011 die Spitzenposition in Deutsch-
sogenannten Flüchtlingskrise 2015, mit dem Ver- land ein. Ängste vor „Kosten für Steuerzahler
such, ein wachsendes Unzufriedenheitspotenzial durch EU-Schuldenkrise“ (2011 bis 2015), „Ter-
zu mobilisieren und politisch zu binden. rorismus“ (2016/17), einer „gefährlichere[n] Welt
Darüber hinaus stand die Angst vor den wirt- durch Trump-Politik“ (2018) oder einer „Über-
schaftlichen Auswirkungen der epidemiologi- forderung durch Flüchtlinge“ (2019) hatten alle-
schen Maßnahmen zunehmend in Konkurrenz samt ihren Ursprung in einer zunehmenden Ver-
zur Angst vor dem Virus. Diese emotionale Dy- netzung der Welt. 21 Diese Ortlosigkeit bestimmte
namik konkurrierender Ängste war immer schon auch die Corona-Angst. Das Virus kam von au-
Teil der Geschichte der Bundesrepublik. Im Kal- ßen, veränderte aber massiv das innere Leben
ten Krieg neutralisierte die Angst vor dem Kom- der Gesellschaften. Es war potenziell allgegen-
munismus die Angst vor einem neuen Krieg, eine wärtig in der Welt, drohte aber durch das Einat-
Dialektik linker und rechter Ängste prägte lan- men – und damit durch unser lebensnotwendiges
ge die innenpolitische Auseinandersetzung. Al- Verhältnis zur Welt 22 – in unseren Körper einzu-
lerdings entsprach die im öffentlichen Diskurs dringen und diesen von innen zu vernichten. Ge-
oft behauptete Unvereinbarkeit konkurrierender rade die Unmöglichkeit, das Virus zu lokalisieren,
Ängste nicht den Tatsachen: Im Mai 2020 zeigte war ein Grund für die wachsende Popularität von
eine gemeinsame Studie des Ifo-Instituts und des Verschwörungstheorien. Denn diese behaupteten,
Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, den Ursprungsort wie auch die Verantwortlichen
dass eine effektive Bekämpfung des Virus auch für die Pandemie identifizieren zu können: Bill
wirtschaftlich sinnvoll ist. Studien zu den Er- Gates, das Wuhan-Labor, die Pharmaindustrie.
fahrungen unterschiedlicher Städte während der Neue Infektionskrankheiten bilden die perfek-
Spanischen Grippe kamen zu einem ähnlichen te Metapher für die unsichtbaren und ortlosen Ge-
Ergebnis. 20 fahren der Globalisierung. Bereits die Aids-Pande-
Sowohl bei der Bekämpfung des Virus wie mie der 1980er Jahre unterlief den weitverbreiteten
bei der Analyse der historischen Bedeutung der epidemiologischen Optimismus der Zeit nach
Pandemie ist eine rein nationale Perspektive aller- 1945, demzufolge sich die tödlichen Krankheits-
dings unzureichend. Die Pandemie war vielmehr ursachen von natürlichen auf menschengemachte
auch Teil einer verstärkten und beschleunigten verschoben hätten. 23 Immunologische Erfolge wie
Krisenhaftigkeit der Globalisierung seit der Jahr- die Polio-Schutzimpfung oder die Ausrottung der
tausendwende, die Corona-Angst war mithin Pocken nährten die Vorstellung einer Stabilität der
auch eine Globalisierungsangst.
21 Vgl. R+V Allgemeine Versicherung, Die Top-Ängste der ver-
20 Vgl. Florian Dorn et al., Das gemeinsame Interesse von gangenen 15 Jahre, 2019, www.ruv.de/static-files/ruvde/down-
Gesundheit und Wirtschaft: Eine Szenarienrechnung zur loads/presse/aengste-der-deutschen/grafiken/StaticFiles_Auto/
Eindämmung der Corona-Pandemie, 12. 5. 2020, www.ifo.de/ ruv-top-aengste-15-jahre.jpg.
DocDL/sd-2020-digital-06-ifo-helmholtz-wirtschaft-gesundheit- 22 Vgl. Hartmut Rosa zit. nach Helene Endres et al., Das
corona_1.pdf. Zur Spanischen Grippe vgl. Emily Badger/Quoc- Krisengefühl, 10. 4. 2020, www.spiegel.de/kultur/​a-00000000-
trung Bui, Cities That Went All in on Social Distancing in 1918 0002-0001-0000-000170435631.
Emerged Stronger for It, 3. 4. 2020, www.nytimes.com/interac- 23 Vgl. Jörg Vögele, Vom epidemiologischen Übergang zur
tive/2020/04/03/upshot/coronavirus-cities-social-distancing- emotionalen Epidemiologie. Zugänge zur Seuchengeschichte, in:
better-employment.html. Thießen (Anm. 9), S. 29–49.

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APuZ 35–37/2020

mikrobischen Welt. Neue Krankheitserreger seien trielle Westen, also Europa und Nordamerika,
nicht zu erwarten, existierende Viren würden zu- schnell zum Epizentrum der Corona-Pandemie.
nehmend weniger virulent werden. Aids enthüllte Darin manifestierte sich auch eine globale Auf-
diese Vorstellungen als trügerisch. Denn das HI- merksamkeitsstruktur, die generell den Westen
Virus war ein neues, bisher unbekanntes Virus, ge- betreffende Ereignisse privilegiert. So war bei-
gen das es weder Therapie noch Impfschutz gab. spielsweise die Ebola-Epidemie 2014 erst dann in
Allerdings wurde die öffentliche Wirkung von den Blickpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit ge-
Aids dadurch abgeschwächt, dass die Krankheit rückt, als Amerikanerinnen und Amerikaner in
lange als spezifische „Homosexuellen-Seuche“ de- den USA mit dem Virus diagnostiziert wurden. 27
nunziert wurde. Selbst als das Übergreifen auch In weit größerem Maße als die vorangegangen
auf Heterosexuelle zunehmend bekannt wurde, Globalisierungskrisen wirkte sich die Corona-
haftete der Krankheit dennoch der moralische Ma- Pandemie auf das Alltagsleben und das subjekti-
kel sexueller Promiskuität an. 24 ve Empfinden der Menschen aus. Die Pandemie
Die neu auftauchenden Epidemien und Pandemi- repräsentierte ein kaum zu übertreffendes Bei-
en seit der Jahrtausendwende haben den epidemio- spiel für jene „Unverfügbarkeiten“, die laut dem
logischen Optimismus des späten 20. Jahr­hunderts Soziologen Hartmut Rosa für das spätmoderne
beendet. Sie transformierten die Krisen­haftig­keit der Subjekt zunehmend schwerer zu ertragen sind. 28
Globalisierung in sinnlich erfahrbare Körperängste. Während das sukzessive Verfügbarmachen der
Mit anderen Worten, die Sars-Pandemie ab 2002, Welt zur Grunderfahrung der Moderne gehört,
die sogenannte Schweinegrippe ab 2009 oder die zwingt uns das Virus zum Zurückweichen. Die
Ebola-Epidemie ab 2014 evozierten die Gefahr, die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie wie
Risiken der Globalisierung am eigenen Körper zu Quarantäne, Schulschließungen, das Herunter-
erfahren. In diesen Bedrohungen verband sich das – fahren des öffentlichen Lebens oder Verbote von
wenn auch nur vage – Unbehagen an der Globali- Massenansammlungen schränken unseren Welt-
sierung mit der Angst um die Integrität des eigenen zugang radikal ein, sie sind rein defensiv und re-
Körpers. Zwar gelang es in diesen Fällen, die Krank- kurrieren auf Modelle, die schon die Bekämpfung
heiten relativ schnell lokal zu begrenzen oder sie er- der Pest in der Frühen Neuzeit oder die Epide-
wiesen sich, wie im Fall der „Schweinegrippe“, als miologie des 19. Jahrhunderts prägten.
weniger gefährlich als zunächst vermutet, auch auf- Im Vergleich mit anderen Globalisierungskrisen
grund von bestehenden Immunitäten bei der älteren unterschieden sich auch die betroffenen Gruppen.
Bevölkerung. 25 Doch insbesondere in der rechtspo- Während die Klima-Angst vor allem von der jünge-
pulistischen Imagination vermischte sich die Be- ren Generation, die um ihre Zukunft fürchtet, arti-
drohung durch grenzüberschreitende Viren mit der kuliert wurde, betrifft die Corona-Angst vor allem
durch unregulierte „Migrantenströme“. ältere Menschen. 29 Und anders als die Klima-Angst
Vor diesem Hintergrund offenbart sich in der als Angst „ohne Ereignis“, 30 deren Ursprung ge-
Corona-Krise auch eine „zivilisatorische Krän- rade in unserer alltäglichen Lebensweise liegt, war
kung“. 26 Im Gegensatz zu vergangenen Pande- die Corona-Krise ein einschneidendes Ereignis,
mien war es nämlich nicht mehr möglich, die dass gerade diese Alltäglichkeit massiv veränderte.
Ausbreitung des Virus als Phänomen in einer Natürlich akzentuierte die Krise bestehende sozi-
räumlich und mental weit entfernten und ver- ale Unterschiede. Das Virus wirkte keinesfalls de-
meintlich unterentwickelten Welt in Asien oder mokratisierend. Soziale Distanzierung war und ist
Afrika zu verorten. Vielmehr wurde der indus- immer auch ein Mittelklasseprivileg, die Opferzah-
len unter sozial Schwachen und Minderheiten sind
um ein Vielfaches höher. Dennoch: Mehr als die
24 Vgl. Frank M. Snowden, Epidemics and Society. From the
Black Death to the Present, New Haven 2019,  S. 458. Zur
vergangenen Krisen, die in vielerlei Hinsicht Eli-
Entwicklung der Aids-Pandemie vgl. Peter Baldwin, Disease and
Democracy. The Industrialized World Faces Aids, Berkeley 2007.
25 Vgl. Snowden (Anm. 24), S. 459–490. Zu den Gründen für 27 Vgl. Snowden (Anm. 24), S. 490.
die Fehleinschätzung der Schweinegrippe von 2009 vgl. Bei der 28 Vgl. hier und im Folgenden Hartmut Rosa, Unverfügbarkeit,
Schweinegrippe kam alles anders. Podcast mit Christian Drosten, Wien 2018.
19. 5. 2020, www.ndr.de/audio684806.html. 29 Vgl. Ivan Krastev, Ist heute schon morgen? Wie die Pande-
26 Mark Siemons, Die zivilisatorische Kränkung. Corona und mie Europa veränderte, Berlin 2020, S. 43.
der Westen, 29. 3. 2020, www.faz.net/-16700907.html. 30 Eva Horn, Zukunft als Katastrophe, Frank­furt/M. 2014, S. 111.

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Corona-Krise  APuZ

ten- und Medienphänomene waren – wessen Alltag tenz gesellschaftlicher Strukturen letztlich über den
veränderte sich wirklich einschneidend durch die durch das Ereignis provozierten Veränderungs-
Flüchtlinge? – transformierte das Virus unsere ele- druck triumphieren wird. 33 Dennoch sollte in ei-
mentare Erfahrung des In-der-Welt-Seins. ner globalen Medienlandschaft das einem Ereignis
innewohnende Veränderungspotenzial nicht unter-
AUSBLICK schätzt werden – die durch den Tod des Afroameri-
kaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz aus-
Es ist diese subjektive Erfahrung der Corona-Kri- gelösten Proteste in den USA und in Europa sind
se, in der möglicherweise ihre Langzeitwirkung dafür das beste Beispiel. Globale Ereignisse wie die
begründet liegt. Selten schlug die Krisenhaftigkeit Corona-Pandemie unterlaufen selbstzufriedene
der Globalisierung so massiv auf die Alltagserfah- Fortschrittsnarrative und lassen die Ungewissheit
rung der Menschen durch. Zu Beginn der Pande- der Welt erscheinen. In der Bundesrepublik war die-
mie offenbarte sich beispielsweise die Abhängigkeit se Kontingenzwahrnehmung lange eine negative –
von globalen Lieferketten im Hinblick auf plötz- sie bestand aus einem dezidierten Krisen- und Kata-
lich essenzielle Güter wie Masken, Schutzkleidung strophenbewusstsein, dass auf die Gewalterfahrung
oder Beatmungsgeräte. Historisch bietet sich hier der ersten Hälfte des Jahrhunderts zurückging.
die Analogie zur Erfahrung der ersten Globalisie- Doch die dem Ereignis inhärente Kontingenzerfah-
rungskrise nach dem Ersten Weltkrieg an. So führ- rung ermöglicht auch die Zukunftsprojektion einer
te auch die durch die britische Seeblockade provo- grundsätzlichen Veränderbarkeit der Welt. Immer-
zierte Hungersnot während des Ersten Weltkrieges hin provozierte die Corona-Krise Reaktionsmuster,
in Deutschland zu einer neuen Sehnsucht nach Au- die in den vorangegangen Krisen noch explizit aus-
tarkie und „Lebensraum im Osten“. Die Erfahrung geschlossen waren: die temporäre Aussetzung von
der Spanischen Grippe stärkte womöglich ebenso Grundrechten, wie sie auch in Zeiten der Bedro-
die Tendenzen zur Deglobalisierung in der Zwi- hung durch den Terrorismus von liberalen Staaten
schenkriegszeit. 31 Auch während der Corona-Krise dezidiert abgelehnt wurden; massive Konjunktur-
ließ sich bisher eine neue Wertschätzung des Nati- programme unter Inkaufnahme hoher Staatsver-
onalen beobachten. Dies lag nicht nur an den vie- schuldung, einschließlich einer Europäisierung von
len Grenzschließungen, sondern manifestierte sich Schulden, die in der Euro- und Finanzkrise kaum
auch in nationalen Statistiken der Fall- und Todes- denkbar gewesen wären; umfassende Grenzschlie-
zahlen, die – trotz der Unzuverlässigkeit der Daten ßungen, die in der sogenannten Flüchtlingskrise aus
– die jeweiligen Stärken und Schwächen nationaler gutem Grund unmöglich erschienen. 34
Bewältigungsstrategien reflektieren. Andererseits Wie immer man im Einzelnen diese Maßnah-
unterstrich die Corona-Krise jedoch auch die Not- men bewerten mag, in der Krise offenbaren sich
wendigkeit internationaler Solidarität und Koordi- neue Möglichkeitsräume der Politik, die auch für
nation in der Pandemie-Bekämpfung, gerade ange- die Zukunft bedeutsam sein könnten. Aus dem
sichts der zunehmenden Vernetzung der Welt. Gefühl, einer potenziell allgegenwärtigen und un-
Schließlich wirft die Corona-Pandemie und die sichtbaren Gefahr ausgeliefert zu sein, erwuchs
damit zusammenhängende Angstwelle auch die somit paradoxerweise ein neues Bewusstsein po-
Frage nach dem Status des Ereignisses in der glo- litischer Handlungsfähigkeit. Die Krise wurde im
balen Moderne auf. 32 Denn unsere Erwartungen eigentlichen Sinn des Wortes zu einer Entschei-
für die Zukunft werden nicht nur durch vergan- dungssituation. Die bisher relativ erfolgreiche Be-
gene Erfahrungen geprägt, sondern auch durch wältigung der Pandemie in der Bundesrepublik
auf einschneidenden Ereignissen basierenden Zu- scheint weitgehend Konsens zu sein, auch wenn ein
kunftsprojektionen. Es mag sein, dass die Resis- abschließendes Urteil angesichts wieder steigender
Infektionszahlen hier noch nicht möglich ist. Die
31 Vgl. Laura Spinney, Pale Rider. The Spanish Flu of 1918 and Diskussion über ihre langfristigen Folgen hier und
How It Changed the World, London 2017. anderswo hat dagegen gerade erst begonnen.
32 Vgl. Michael Geyer, Die Welt als Ereignis, in: Mittelweg 36
2/2020, S. 81–103.
FRANK BIESS
33 Vgl. „Ausnahmezustand“. Interview mit Armin Nassehi,
27. 3. 2020, www.spiegel.de/kultur/​a-00000000-0002-0001-
ist Professor für Europäische Geschichte an der
0000-000170213716. University of California, San Diego.
34 Vgl. Krastev (Anm. 29). fbiess@ucsd.edu

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APuZ 35–37/2020

WETTBEWERB DER SYSTEME


Die Corona-Pandemie als Herausforderung
für Demokratie und europäische Integration
Philipp Ther

Die Covid-19-Pandemie begann als Herausfor- Die Regierung der USA ist aus innen- und au-
derung für eine postmoderne Diktatur. Als Ende ßenpolitischen Gründen voll in diesen Wettbe-
2019 in der chinesischen Provinz Hubei die ersten werb eingestiegen. US-Präsident Donald Trump,
Krankheitsfälle infolge einer bis dahin unbekann- der zuvor einen Handelskrieg mit China begon-
ten Viruserkrankung auftraten, erinnerte die Reak- nen hatte, bezeichnete den Covid-19-Erreger als
tion der chinesischen Regierung an die Haltung der „chinesisches Virus“, um von der Gefahr für die
So­wjet­union nach dem Atomunfall von Tscher- USA und dann vom eigenen Versagen abzulenken.
nobyl. Das Regime unterdrückte die Nachrich- Doch mit der Mär, das Virus sei absichtlich in ei-
ten über den Krankheitsausbruch und machte ei- nem Labor in Wuhan erzeugt worden, hat Trump
nen Arzt, der als einer der Ersten auf die Gefahren wieder einmal überzogen und seine Glaubwürdig-
des neuartigen Corona-Virus hinwies, mundtot. 01 keit auch in diesem Bereich verspielt. Sein Slogan
Als sich der Ernst der Lage nicht mehr bestreiten „America First“ bekommt angesichts der Opfer­
ließ, sperrte die Regierung Stadtviertel, Großstädte zahlen bei den Ansteckungen und Todesfällen
und ganze Provinzen ab. China griff so stark in das durch Covid-19 eine traurige Bedeutung.
Privatleben seiner Bürger ein wie zuletzt während Das liegt jedoch nicht allein am überforderten
der Kulturrevolution unter Mao. Die Machtha- Präsidenten der USA, der das Virus sträflich un-
ber kontrollierten die Ausgangssperren mit ihrem terschätzte. Die unter Präsident Ronald Reagan in
orwellschen Überwachungsstaat, den sie in den den 1980er Jahren geförderte Privatisierung des
vergangenen Jahren mit Handy-Apps und Arti- Gesundheitssystems führte zu einer Fokussierung
ficial-Intelligence-Instrumenten wie der Gesichts- auf Gewinne anstatt auf eine gute Grundversor-
erkennung aufgebaut hatten, wohlgemerkt auf Ba- gung. Die USA geben im Verhältnis zum BIP fast
sis amerikanischer Technologien. sechs Prozent mehr für ihr Gesundheitssystem
aus als vergleichbar wohlhabende westeuropäi-
GLOBALER sche Länder, doch 45 Millionen US-Bürger sind
SYSTEMWETTBEWERB nicht krankenversichert, noch mehr können sich
den Besuch eines Arztes wegen der Zuzahlun-
Inzwischen ist der Umgang mit der Pandemie zu gen kaum leisten. 02 Die tiefe Spaltung zwischen
einem globalen Systemwettbewerb mutiert. Jeden Arm und Reich und das Fehlen einer allgemeinen
Tag melden die Medien und internationale Orga- Krankenversicherung haben während der Pande-
nisationen, wie sich die Pandemie in verschiede- mie auf die USA zurückgeschlagen. Besonders
nen Staaten entwickelt, welches Land die meisten betroffen sind Afroamerikaner, sie sind gemessen
neuen Infektionen, Todesfälle und Genesungen an ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung mehr
verzeichnet. Die Datenbasis ist zwar ungleich und als zweieinhalb mal häufiger an der Viruserkran-
nicht überall vertrauenswürdig, aber der globale kung verstorben als Weiße. 03 Barack Obama hat-
Wettbewerb liegt in der Logik der Quantifizie- te als einziger US-Präsident in den vergangenen
rung der Welt seit den 1990er Jahren. Das haben fünf Jahrzehnten den Willen und die nötige Über-
als erstes die chinesischen Kommunisten begrif- zeugungskraft, das überteuerte und sozial selekti-
fen, die den Rückgang der Infektions- und Opfer- ve Gesundheitssystem zu reformieren. Doch die
zahlen im In- und Ausland als Erfolg ihres Landes „Obama-Care“ war nur ein Teilerfolg und hat die
und des „weisen Führers“ Xi Jinping anpreisen. Grundversorgung kaum verbessert.

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Corona-Krise  APuZ

Ein weiteres Problem beim Umgang mit der fungieren innerhalb der EU vor allem als Zulie-
Pandemie in den USA war das mehrfache Hin- ferer von Wertschöpfungsketten. Die Reisekon-
und Herschwenken zwischen Lockdown und takte nach China, in die USA und die Zentren
Öffnung sowie die Weigerung republikanischer Europas waren geringer, daher hatten die Regie-
Gouverneure, dem Rat von Gesundheitsexperten rungen mehr Zeit, auf die Pandemie zu reagie-
zu folgen. Selbst angesichts einer großen Gefahr ren. Bei ihrem radikalen Lockdown spielte die
schielte die Politik ständig auf Meinungsumfra- Einsicht eine Rolle, dass die schlecht ausgebau-
gen und Social-Media-Analysen. Es gehört zum ten und ausgestatteten Gesundheitssysteme ei-
Wesen von Demokratien, dass sie an Volkes Mei- ner Ansteckungswelle noch weniger gewachsen
nung orientiert sind, doch die gleichzeitige Ab- sind als in Italien und Spanien. Insofern war das
frage und Manipulation von Debatten in den strenge Vorgehen auch der Not geschuldet. Das
Sozialen Medien haben den zeitlichen und inhalt- wollten die ungarische und die polnische Regie-
lichen Horizont der Politik weiter verkürzt. Die rung selbstverständlich nicht einräumen. Die
demoskopischen Demokratien des Internet-Zeit- Schließung der Grenzen – hier agierten die bei-
alters haben offenbar ein großes Problem bei der den Länder als Vorreiter in Europa – war von
Verarbeitung von Informationen, die die der So- Hetze gegen Ausländer, Migranten und in Un-
ziologe Manuell Castells Mitte der 1990er Jahre garn auch gegen den aus einer jüdischen Fami-
als Insigne und Chance des „Information Age“ lie stammenden Investor George Soros begleitet.
erfasste. 04 Stattdessen dienen das Internet und vor Die Rhetorik weist somit Parallelen zu Trump
allem die sozialen Medien heute primär der Des- auf, im Gegensatz zum US-Präsidenten können
information, auf die von Castells als Chance be- die rechtpopulistischen Regierungschefs in Ost-
trachtete Globalisierung folgt nun ein Zeitalter mitteleuropa jedoch auf den bisher relativ mil-
der Deglobalisierung.05 den Verlauf der Pandemie verweisen.
Die gleichzeitige Katastrophe in Großbri- Die stärker regulierten sozialen Marktwirt-
tannien, das in Europa die meisten Todesop- schaften und liberalen Demokratien in Europa,
fer hinnehmen musste und relativ zur Bevölke- allen voran die Bundesrepublik, haben die Pan-
rungsgröße noch schlechter dasteht als die USA, demie bislang ebenfalls relativ gut bewältigt. Da-
belegt einmal mehr das Versagen rechtspopulis- bei gehörte eine Portion Glück dazu. Deutsch-
tischer Governance und bestätigt die Faustregel, land konnte die Ausbreitung der Pandemie in
dass alles noch viel schlimmer kommt als erwar- Italien beobachten und sich entsprechend vor-
tet, wenn Rechtspopulisten an die Macht gelan- bereiten. In Südkorea, Taiwan und Japan half
gen. Dass es so weit kommen konnte, hängt al- der zeitliche Vorsprung ebenfalls, rechtzeitige
lerdings auch mit dem Mehrheitswahlrecht und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Diese unter-
der dadurch begünstigten politischen Polarisie- scheiden sich jedoch aufgrund kultureller Vor-
rung zusammen. prägungen. Das technikaffine Südkorea setzte
Dagegen hatten die rechtspopulistischen Re- ähnlich wie China auf Handy-Apps, gegen die
gierungschefs im östlichen Europa während der es in den individualistischer geprägten europä-
Pandemie eine andere und vorteilhaftere Aus- ischen Gesellschaften Europas Bedenken we-
gangsposition. Länder wie Ungarn und Polen gen des Eingriffs in die Privatsphäre gab, sodass
liegen an der Peripherie der Weltwirtschaft und die Regierungen dort mehr auf das Verantwor-
tungsbewusstsein ihrer Bürger und entsprechen-
de Verhaltensänderungen setzten.
01 Vgl. Friederike Böge, Er schlug als Erster Alarm, 3. 2. 2020, Auch die USA zählen bekanntlich zu den Ge-
www.faz.net/​-16613471.​html.
sellschaften, in denen der Freiheit des Individu-
02 Vgl. Philipp Ther, Das andere Ende der Geschichte. Über die
Große Transformation, Berlin 2019, S. 43–72.
ums große Bedeutung beigemessen wird, doch sie
03 Vgl. American Public Media Research Lab, The Color of Co- waren seit jeher stärker auf sich selbst bezogen.
ronavirus: COVID-19 Deaths by Race and Ethnicity in the U. S., Das liegt an der schieren Größe der Vereinigten
8. 7. 2020, www.apmresearchlab.org/​covid/​deaths-​by-​race. Staaten und ihrer geografischen Lage, fast wie auf
04 Vgl. Manuel Castells, The Rise of the Network Society,
einem eigenen Kontinent. Die mangelnde Lern-
Malden–Oxford 1996.
05 Die Universität Wien und die University of Chicago werden
fähigkeit während der Pandemie hängt mit men-
am 12. und 13. November 2020 eine Konferenz über „De- talen Vorprägungen zusammen, die sich im Laufe
Globalization“ veranstalten. des 20. Jahrhunderts verstärkt haben. Ein Land,

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APuZ 35–37/2020

das zwei Weltkriege gewonnen hat, lange Zeit als einen Impfstoff entwickelt zu haben, wobei Präsi-
Modell für viele Staaten und Gesellschaften der dent Wladimir Putin hinter der Fassade der Sput-
Welt diente und sich nach 1989 als Sieger des Kal- nik-Rhetorik eigentlich nur bekannt gab, dass
ten Krieges fühlte, ist offenbar weniger aufnah- sein Land in die Phase eines Massentests eintreten
mefähig für fremde Impulse und Vorbilder als würde. Über die Wirksamkeit dieses Impfstoffs
die aufholende Großmacht China und die EU- weiß man noch nichts, aber die damit verbundene
Staaten. Der „America-First“-Nationalismus von PR zielte klar auf den Systemwettbewerb im Um-
Donald Trump trägt zu einer weiteren Abgren- gang mit Covid-19. Wir wissen außerdem nicht,
zung bei, die EU gilt bei vielen Republikanern ob es eine staatliche Forschungseinrichtung sein
als dekadenter Sozialstaatskontinent, und China wird, die der Entwicklung eines Impfstoffs die
wird mehr emotionale Ablehnung als echtes Inte- Pionierrolle übernehmen wird, oder ein multi-
resse entgegengebracht. nationaler Konzern. Im Moment sieht es danach
Das Schlagwort vom „Systemwettbewerb“ aus, als würden Konzerne unabhängig von ihrem
könnte ähnlich wie das Denken in Blöcken und Standort jenem Land den Zuschlag zur ersten Be-
Einflusssphären während des Kalten Krieges lieferung mit einem Impfstoff geben, das ihnen
dazu verführen, interne Unterschiede zu unter- die höchste Forschungsförderung oder den bes-
schätzen. Innerhalb der EU schlugen sich nicht ten Kaufpreis anbietet. 06 Das wäre dann eine Art
nur einzelne Länder sehr verschieden durch die Meistbieterverfahren, das zum globalisierten Ka-
Krise, sondern auch bestimmte Regionen. In Ita- pitalismus passt, der sich nach 1989 entwickelt
lien beispielsweise verzeichnete Venetien we- hat.
sentlich weniger Todesfälle als die benachbar- Hat Europa eine Chance, wie im Kalten Krieg
te Lombardei. Das lag an den unterschiedlichen als der heimliche Sieger aus der Konkurrenz zwi-
Gesundheitssystemen, die in Italien föderal or- schen zwei Großmächten hervorzugehen? Die
ganisiert sind. Die Lombardei setzte stärker auf Covid-19-Statistiken, die in den internationalen
Ärztezentren und Krankenhäuser, die dann teil- Vergleichen bezeichnenderweise für die einzel-
weise selbst zu Inkubationszentren wurden. Da- nen Mitgliedsländer, nicht für die EU als Gesam-
gegen gibt es in Venetien eine gut ausgebaute Ver- tes geführt werden, sprechen nicht dafür. Eine
sorgung mit Hausärzten, die schnell reagierten, Wende, auch in der Außen- und Selbstwahrneh-
Verdachtsfälle nicht mehr in die Praxis ließen, zu mung, wäre wohl nur möglich, wenn eine euro-
Hause behandelten und dort isolierten. Etwas ab- päische Forschungsinstitution einen Impfstoff
strakter betrachtet funktionierte das dezentrale entwickeln und sich dann als Weltenretter prä-
System mit seinem Schwerpunkt auf lokale Res- sentieren könnte.
sourcen besser. In dieselbe Richtung deuten die
hohen Opferzahlen in Frankreich, einem stark RISIKEN FÜR DIE
zentralisierten System. In Spanien und Großbri- LIBERALE DEMOKRATIE
tannien spielten auch die Sparmaßnahmen nach
der Finanz- und Währungskrise von 2008/09 eine Bis es so weit kommt, wird die Weltwirtschaft
Rolle, wobei es schwierig ist, deren langfristige die tiefste Rezession seit den 1930er Jahren
Auswirkungen genau zu bemessen und mit ande- durchlaufen. 07 Wie welches Land aus der Kri-
ren Faktoren abzugleichen. se kommt, ist ein zweites und länger relevantes
Trotz dieser Varianten im Umgang mit der Element des globalen Systemwettbewerbs. Chi-
Pandemie kann man zwei Pole ausmachen, die na hat nach vier Jahrzehnten hohen Wachstums
sich derzeit dezidiert als solche positionieren: erstmals eine tiefe Rezession durchgemacht, im
China und die USA. Wie dieser Systemwettbe-
werb ausgeht, lässt sich erst mit mehr zeitlichem 06 Vgl. Christian Schubert, Sanofi: Die Amerikaner bekom-
Abstand sagen. Außerdem fehlt noch eine Tro- men den Impfstoff von uns zuerst, 13. 5. 2020, www.faz.net/​
phäe in diesem Wettbewerb: ein Impfstoff. Bei -16768601.​html.
dessen Entwicklung verfügen Länder wie Chi- 07 Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostizierte
im Juni 2020 ein globales Minuswachstum von 4,9 Prozent.
na, die schon früher mit anderen Sars-Viren, der
Vgl. IWF, A Crisis Like No Other, An Uncertain Recovery,
Obergruppe des Covid-19-Erregers, konfrontiert World Economic Outlook Update, Juni 2020, www.imf.org/​
waren, über einen Vorsprung. Im August 2020 en/​Publications/​W EO/​Issues/​2020/06/24/​W EOUpdateJune​
gab Russland überraschend die Meldung heraus, 2020.

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Corona-Krise  APuZ

ersten Quartal 2020 schrumpfte das BIP um im Prinzip am liebsten auf die Justiz und eine
6,8 Prozent. 08 Der in den Diskursen über die starke Polizeipräsenz reduziert, in länger repu-
Pandemie häufig bemühte Vergleich mit einer blikanisch regierten Bundesstaaten haben sie das
kriegs­artigen Situation und einem dann nötigen weitgehend umgesetzt. Wird eine derart redu-
„Wiederaufbau“ verweist indes auf eine Stärke, zierte Verwaltung imstande sein, ein Aufbaupro-
die kommunistische Kommandowirtschaften in gramm zu organisieren und zu koordinieren?
der Vergangenheit in beiden Kontexten gezeigt Und wem wird dann geholfen? Die Armut der
haben. Beim Wiederaufbau nach dem Zweiten Unterschichten hat seit den Sozialreformen Mit-
Weltkrieg lagen ihre Wachstumsraten zeitwei- te der 1990er Jahre zugenommen, die Mittelklas-
lig höher als in Westeuropa. Erst ab Ende der se steht ebenfalls schon länger unter Druck und
1960er Jahre gerieten die Ostblockstaaten ins nun vor einem weiteren sozialen Abstieg. 11
Hintertreffen. 09 Mit einer Zunahme sozialer Spannungen muss
Nun ist China keine kommunistische Plan- auch die EU rechnen. Die Entlassungen infolge
wirtschaft mehr, und die Nachfrage lässt sich der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie
nicht mehr so steuern wie vor dem Beginn der treffen vor allem arbeits- und kontaktintensive
Wirtschaftsreformen 1979. Dennoch könnten sich Berufe zum Beispiel in der Gastronomie. Men-
der Dirigismus und die helfende Hand des Staa- schen mit einem geringen Einkommen sind häu-
tes in der Schwerindustrie und anderen Branchen, figer von der Pandemie und von Arbeitslosigkeit
bei denen die Regierung direkt mitmischt, sowie betroffen als gut bezahlte und hoch qualifizier-
bei der Kreditvergabe der Banken als Vorteil er- te Arbeitnehmer, die auf Homeoffice umstellen
weisen. Auch die Abkehr von der Orientierung können. Letztere profitieren eher von den staat-
auf globale Exporte könnte in einem System mit lichen Stützungs- und Rettungsprogrammen für
teilweiser staatlicher Lenkung leichter gelingen große Konzerne. Daher hat wie während der Fi-
als in einer rein marktwirtschaftlich organisier- nanzkrise von 2009 eine Umverteilung von unten
ten Exportwirtschaft wie die der Bundesrepublik nach oben begonnen.
Deutschland. Das derzeitige Comeback des staatlichen In-
In den USA hingegen rächt sich in der Pan- terventionismus in der gesamten westlichen Welt
demie das weitgehende Fehlen eines Sozial- bedeutet das Ende des neoliberalen Rückzugs des
staates. Ein Land, das schon Probleme hatte, Staates aus der Wirtschaft. Umso drängender wird
Gegenmaßnahmen gegen die Pandemie zu or- die Frage, in wessen Händen die Macht im Staate
ganisieren, wird noch größere Schwierigkeiten liegt. Sollte das im Juli 2020 beschlossene Corona-
haben, die zeitweise über 45 Millionen zusätz- Krisenprogramm der EU12 ohne verschärfte Auf-
lichen Arbeitslosen zu versorgen und Hundert- sicht umgesetzt werden, ist in Ungarn zu erwarten,
tausende strauchelnde Betriebe zu stützen. 10 dass die Gelder erneut in den Taschen von Unter-
Unter US-Präsident Franklin D. Roosevelt in nehmern landen, die der Fidesz-Partei sowie ihrem
den 1930er Jahren führte die Regierung die Wirt- Vorsitzenden und ungarischen Regierungschef
schaft mit großen Bauprogrammen und Investi- Viktor Orbán nahestehen. 13 Unabhängige Gerich-
tionen aus der Rezession. Doch der libertäre und te, die die Ausgaben kontrollieren könnten, exis-
der rechts­ populistische Flügel der Republika- tieren nicht mehr, freie Medien nur noch in kleinen
ner haben seit den 1980er Jahren gegen das „Big Nischen, die parlamentarische Kontrolle ist fak-
Government“ polemisiert. Sie hätten den Staat tisch ausgeschaltet. In Polen gibt es keine so offen-
sichtliche Korruption und noch Meinungsplura-
lismus, aber auch dort benachteiligt die Regierung
08 Vgl. Dana Heide, Chinas Wirtschaft bricht ein – Corona-
Unternehmen, die der Opposition nahestehen und
virus beendet jahrzehntelanges Wachstum, 17. 4. 2020, www.
handelsblatt.​com/​257​489​74.​html.
09 Vgl. Ivan Berend, Central and Eastern Europe, 1944–1993. 11 Vgl. Kevin M. Kruse/Julian E. Zelizer, Fault Lines: A History
Detour from the Periphery to the Periphery, Cambridge 2009. of the United States Since 1974, New York 2019.
10 Mehr als 45 Millionen US-Bürger haben seit Beginn der 12 Vgl. Europäischer Rat/Rat der Europäischen Union,
Corona-Pandemie Arbeitslosengeld beantragt, 20,5 Millionen COVID-19: Reaktion der EU auf die wirtschaftlichen Folgen,
erhielten es nach Stand vom Juni 2020. Vgl. Eli Rosenberg, 24. 7. 2020, www.consilium.europa.eu/de/policies/coronavirus/
1.5 Million Workers Filed for Unemployment Insurance last covid-19-economy.
Week, 18. 6. 2020, www.washingtonpost.com/business/​ 13 Vgl. Bálint Magyar, Post-Communist Mafia State. The Case
2020/06/18/​unemployment-claims-coronavirus. of Hungary, Budapest 2016, S. 73–105.

43
APuZ 35–37/2020

bringt die Justiz immer mehr unter ihre Kontrolle. servative Parteienbündnis möchte seine relati-
Wie sich die politische Stimmung verändert, wenn ve Mehrheit im europäischen Parlament wahren.
die Wirtschaftskrise voll durchschlägt, bleibt abzu- Die mangelnde Abgrenzung liegt zum anderen
warten. In Polen wird der Regierung das Geld feh- an den fließenden Übergängen zwischen Konser-
len, um weiterhin kostspielige So­zial­pro­gramme vativen und Rechtspopulisten. Wo die Österrei-
zu finanzieren, den Garanten ihrer bisherigen Be- chische Volkspartei mit ihrem Vorsitzenden und
liebtheit. Doch nach Stand der Dinge hat Covid-19 Bundeskanzler Sebastian Kurz hier steht, wurde
die autoritären und rechtsnationalistischen Partei- im vergangenen Frühjahr einmal mehr deutlich.
en und Politiker in Ostmitteleuropa gestärkt. Als Orbán die Corona-Pandemie im März 2020
zum Erlass eines Notstandsgesetzes nutzte, das
HERAUSFORDERUNGEN nochmals einen großen Schritt auf dem Weg in
FÜR DIE EU ein autoritäres System bedeutete, kam von der
Regierung in Wien kein Wort der Kritik, sondern
Für die EU ist der Verfall der Demokratie und nur der Hinweis, man werde Gespräche führen
die Aufhebung der Gewaltenteilung in manchen und dabei die Sorgen deponieren. Die EU und ihr
ihrer Mitgliedsländer eine existenzielle Heraus- mächtigstes Parteienbündnis sind bei der Schwä-
forderung, welche durch die Pandemie eine neue chung der Gewaltenteilung, des Rechtsstaats und
Dringlichkeit erreicht hat. Die Koexistenz von der Demokratie ein Teil des Problems und nicht
liberalen Demokratien sowie antilegalistischen dessen Lösung, worauf die liberale Opposition in
und rechtsnationalistischen Regimes bedroht den Ungarn gehofft hatte. 15
Stand der europäischen Integration, von einem Entscheidend ist daher, wie sich die deut-
weiteren Zusammenwachsen ganz zu schweigen, sche Regierung verhält, und ob sie die Ratsprä-
das jetzt zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise sidentschaft dazu nutzt, bei den Corona-Hilfs-
nötig wäre. programmen auf Rechtsstaatlichkeit zu beharren.
Bereits die bisherigen Transferzahlungen der So feierte Orbán das Corona-Krisenprogramm
EU haben Orban und Fidesz massiv gestärkt. Als und das Fehlen eines klaren Sanktionsmechanis-
vor zwei Jahren die Central European Universi- mus bei Verstößen gegen die Rechtsstaatlichkeit
ty (CEU) auch aufgrund ihrer kritischen Haltung als großen Erfolg „gegen“ Brüssel. Umso mehr
zur Regierung ihren Standort in Ungarn aufge- wird es jetzt auf die Verfahren ankommen, so-
ben musste – immerhin handelt es sich dabei auch bald die Vergabe der Gelder ansteht. Auch hier
um ein mittelgroßes Unternehmen – konnten sich hat Deutschland als größter Nettozahler der EU
die EU und die Europäische Volkspartei (EVP) eine große Machtposition und sollte diese ent-
zu keinen Sanktionen durchringen, wobei oh- sprechend nutzen, damit die Gelder im Rahmen
nehin infrage steht, ob sich eine antilegalistische der Hilfsprogramme nicht wieder in die bekann-
Regierungspartei von einem Rechtsstaatsverfah- ten Kanäle fließen. Im vergangenen Jahrzehnt ha-
ren nach Artikel 7 des EU-Vertrags wirklich be- ben sich enge Weggefährten Orbáns enorm be-
eindrucken ließe. Inzwischen ist die Gelegenheit reichert, sein Jugendfreund Lőrinc Mészáros ist
dazu ohnehin vertan, weil Orbán durch seine Ver- zum reichsten Mann Ungarns aufgestiegen. 16
bündeten in Warschau und seit der Regierungsbil- Außerdem ist die deutsche Wirtschaft gefor-
dung vom März 2020 in Slowenien faktisch eine dert. BMW verkündete 2018 seine Entscheidung,
Vetomacht aufgebaut haben. In Slowenien hatten als dritter großer deutscher Autokonzern in Un-
Orbán nahestehende Unternehmer massiv in eine garn eine Fabrik zu errichten, just zu jener Zeit,
Boulevardzeitung und einen Fernsehsender in- als die CEU Ungarn verlassen musste. Offenbar
vestiert und auf diese Weise das Meinungsklima gehen die deutschen Konzerne davon aus, dass
für den erwünschten Rechtsruck verstärkt. 14 der in diesem und anderen Fällen verletzte Inves-
Dass die EVP die Fidesz bislang gewähren torenschutz für sie noch gilt. Das Beharren auf
lässt und sich lediglich zu einer Suspendierung
durchringen konnte, hängt zum einen mit einem
15 Vgl. János Mátyás Kovács/Balázs Trencsényi (Hrsg.), Brave
Machtkalkül zusammen: Das christlich-kon-
New Hungary: Mapping the „System of National Cooperation“,
Lexington 2019.
14 Vgl. Tamas Kaszas, Orban will Einfluss im Ausland auswei- 16 Vgl. ebd. Zu den einzelnen Profiteuren und als Systemanaly-
ten, 14. 2. 2020, https://orf.at/stories/3154324. se vgl. Magyar (Anm. 13).

44
Corona-Krise  APuZ

Rechtsstaatlichkeit wäre außerdem wichtig, um eine Nord-Süd-Konfrontation wie während der


einen etwaigen Missbrauch von EU-Hilfsgeldern Euro-Krise zurückfiel, hat die Stimmung noch-
durch die italienische Mafia zu verhindern. 17 mals verschlechtert. Die selbstmitleidige Saga
Dass Italien angesichts der hohen Verschul- vom armen, alleingelassenen Italien stimmt so
dung und einem geschätzten Rückgang des BIP selbstverständlich nicht. Sie unterschlägt unter
um 12,8 Prozent im laufenden Jahr Hilfe benö- anderem die Rolle der Europäischen Zentralbank
tigt, 18 steht außer Frage. Durch die schwere Re- beim Ankauf italienischer Staatsanleihen. Aber es
zession wird sich das Verhältnis zwischen Staats- handelt sich um ein mächtiges Narrativ, das die
schulden und BIP nochmals verschlechtern, radikale Rechte bei den nächsten Wahlen in Itali-
wahrscheinlich wie nach der globalen Finanzkrise en für sich nutzen wird.
von 2009 um mehr als 30 Prozent. 19 Eine Schul- Werden das EU-Ausgabenprogramm in Höhe
denlast in Höhe von bald 170 Prozent des BIP von 750 Milliarden Euro wirklich wirken? 20 Dem
entspräche dem Stand Griechenlands vor der Eu- steht die inhaltliche Leere und Konzeptlosig-
ro-Krise, bringt das Risiko steigender Zinsen mit keit neoliberaler Politik entgegen, die lange auf
sich und könnte mittelfristig zu einer Zahlungs- finanzpolitische Maßnahmen als Wachstums­
unfähigkeit und dem Ende der Eurozone führen. treiber gesetzt hat. Wenn die EU gemeinsam die
Eine unmittelbare Folge der prekären Haushalts- tiefe Wirtschaftskrise bewältigen will, sollte sie
lage ist schon jetzt, dass Rom nicht mit Stüt- sich nicht allein auf Investitionsanreize und eine
zungsprogrammen für die Wirtschaft gegensteu- finanzielle Hebelwirkung verlassen wie im nach
ern kann wie Berlin. Erfolgt der „Wiederaufbau“ 2014 schrittweise umgesetzten „Juncker-Plan“, 21
unter ungleichen Ausgangsbedingungen, würde sondern selbst Investitionen veranlassen. Doch
das die italienische Wirtschaft weiter schwächen. ein „Green New Deal“ ist von Brüssel aus mit
Obendrein gibt es eine politische Dimension. gut 30 000 EU-Beamten, was nicht einmal einem
Nur mit einem großzügigen Unterstützungspa- Drittel des Personalstands im öffentlichen Dienst
ket wird sich der während der Pandemie entstan- des Landes Berlin entspricht, 22 schwer umsetzbar.
dene Eindruck korrigieren lassen, in der Krise Die Kluft zwischen den Erwartungen an die EU-
von den europäischen Partnern im Stich gelassen Kommission und ihren tatsächlichen Möglich-
worden zu sein. Während die Bundesrepublik ei- keiten ist während der Pandemie nochmals ge-
nen Lieferstopp von medizinischer Schutzausrüs- wachsen. Daher sollten die Mitgliedsstaaten auch
tung verhängte und Österreich die symbolträch- bilateral aktiv werden – zum Beispiel Deutsch-
tige Grenze am Brenner schloss, inszenierten land beim Ausbau erneuerbarer Energien oder
China und Russland zum damaligen Höhepunkt digitaler Infrastrukturen in Italien – und sich bei
der Corona-Pandemie medienwirksam die Liefe- der europäischen Solidarität nicht allein auf Brüs-
rung von Hilfsgütern. Die Debatte um die „Co- sel verlassen. Das läge zudem in der Logik der
rona-Bonds“, in der die EU im Frühjahr 2020 in (allerdings bedauernswerten) Verlagerung der
Macht von der EU-Kommission zum Europäi-
17 Vgl. Yvonne Staat, Der Rest des neuen Europas, 14. 3. 2013, schen Rat beziehungsweise den Mitgliedsstaaten,
www.faz.net/​-12108597.html. die sich seit der Euro-Krise beobachten lässt. Eine
18 Vgl. IWF (Anm. 7).
unbestreitbare Aufgabe der Kommission läge da-
19 Die Zahlen zur Verschuldung beruhen auf einem For-
schungsbericht der Denkfabrik The European House – Ambro-
rin, mögliche Erfolge so zu kommunizieren, dass
setti in Anhang 6. Die Langversion ist dort auf Anfrage erhält- sie die Menschen der EU anrechnen. Der System-
lich. Eine Kurzversion wurde von Federico Fubini veröffentlicht. wettbewerb in und nach der Pandemie ist ein gro-
Vgl. Federico Fubini, Cernobbio, il livello record del debito: ßes Experiment mit offenem Ausgang.
l’Italia come ai tempi di guerra, 5. 4. 2019, https://roma.corriere.
it/​notizie/​cronaca/​19_aprile_05/​livello-​record-​debito-​come-​
tempi-​guerra-​df2f9b6a-​57da-​11e9-9553-f00a7f633280.shtml.
20 Vgl. Europäischer Rat/Rat der Europäischen Union
(Anm. 12).
21 Vgl. dies., Investitionsoffensive für Europa, 16. 6. 2020, PHILIPP THER
www.consilium.​europa.​eu/​de/​policies/​investment-​plan.
ist Professor für Geschichte Ostmitteleuropas
22 Vgl. Statistikstelle Personal bei der Senatsverwaltung für
Finanzen (Hrsg.), Personalbestand des unmittelbaren Landes-
an der Universität Wien und Direktor des Research
dienstes Berlin, Januar 2019, S. 13, www.berlin.de/​sen/​finanzen/​ Center for the History of Transformations (RECET).
personal/​personalstatistik/​artikel.​13543.php. philipp.ther@univie.ac.at

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69. Jahrgang, 12/2019, 18. März 2019 68. Jahrgang, 24/2018, 11. Juni 2018 68. Jahrgang, 32–33/2018, 6. August 2018

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UND ZEITGESCHICHTE UND ZEITGESCHICHTE UND ZEITGESCHICHTE

„BESTSELLER SIND DIE ÖKONOMISIERUNG LABORATORIEN DER KAMPF DER NARRATIVE. INSELN
WIE FIEBERTHERMOMETER“. DES ÄSTHETISCHEN ÖKOLOGISCHEN MODERNE? IM FOKUS GEOPOLITISCHER
EIN GESPRÄCH KONFLIKTE
KRANKHEIT ALS WERTURTEIL. VON DER
LESEKULTUR IM WANDEL
EINE KLEINE GESCHICHTE KRANKHEITSBEKÄMPFUNG ZUR KLIMAWANDEL AUF
DIE MULTIPLEN LEISTUNGEN „INSULARISCHES DENKEN“
DES UMGANGS MIT GESUNDHEITSOPTIMIERUNG. HALLIG HOOGE
UND FUNKTIONEN UND DAS PROBLEM DER
DER KONTAKT ZU UNSERER KRANKHEIT UND KRANKEN AKTUELLE TECHNIKVISIONEN
DER KULTURTECHNIK LESEN KULTURBEGEGNUNG
KULTUR STEHT AUF DEM SPIEL. FÜR MEDIZIN UND
EIN GESPRÄCH GESUNDHEIT VOM TAL AUF DIE INSEL?
SOZIALE UNGLEICHHEIT VOM KALIFORNISCHEN
HISTORISCHE AMBIVALENZEN GUAM ALS ARCHIPEL?
DER GESUNDHEITSCHANCEN LIBERALISMUS ZUR
DES LESENS EINFÜHRUNG IN DIE
LESEN UND UND KRANKHEITSRISIKEN ZWISCHEN STIGMATISIERUNG SOZIALUTOPIE SEASTEADING ISLAND STUDIES
GELESEN WERDEN UND DIFFERENZIERUNG.
LESEKOMPETENZ KRANKHEIT IN FILMEN
GESUNDHEIT, KRANKHEIT ST. HELENA UND DAS
UND LESEBEGRIFF UND FERNSEHSERIEN EINE WELT FÜR SICH.
UND GESCHLECHT ZEITALTER DER REVOLUTIONEN DIE INSEL ALS LITERARISCHER
UND SPRACHLICHER GRENZ-
ÜBERGÄNGE MIT
BAUSTELLE GESUNDHEITS UND DENKRAUM
BESONDEREN HÜRDEN.
SYSTEM. AKTUELLE HERAUS
ERWACHSENWERDEN MIT
FORDERUNGEN DER
CHRONISCHER ERKRANKUNG
GESUNDHEITSPOLITIK

ZEITSCHRIFT DER BUNDESZENTRALE ZEITSCHRIFT DER BUNDESZENTRALE ZEITSCHRIFT DER BUNDESZENTRALE


FÜR POLITISCHE BILDUNG FÜR POLITISCHE BILDUNG FÜR POLITISCHE BILDUNG

68. Jahrgang, 38–39/2018, 17. September 2018 68. Jahrgang, 48/2018, 26. November 2018 68. Jahrgang, 49–50/2018, 3. Dezember 2018

AUS POLITIK AUS POLITIK AUS POLITIK


UND ZEITGESCHICHTE UND ZEITGESCHICHTE UND ZEITGESCHICHTE

DIE GESCHICHTEN GESELLSCHAFTS ARCHÄOLOGIEN MÜLL ALS STRUKTURFAKTOR


DER ANDEREN GESCHICHTLICHE DES MÜLLS ALS SPIEGEL GESELLSCHAFTLICHER
PERSPEKTIVEN AUF DER GESELLSCHAFT UNGLEICHHEITSBEZIEHUNGEN
„ACHTUNDSECHZIG“ ZUR „WIEDERKEHR“ HINDU-NATIONALISMUS.
JÜDISCHE GESCHICHTE
DES NATIONALISMUS INDIEN AUF DEM WEG
ALS GESCHICHTE WAS PASSIERT MIT KLEINE GESCHICHTE
IN EINEN HINDU-STAAT?
DER „ANDEREN“ BEHINDERT/NICHT BEHINDERT. UNSEREM MÜLL? DEUTSCHER ABFALLDISKURSE
DISABILITY HISTORY NATIONALGESCHICHTE BIS 1990
UND GLOBALGESCHICHTE VON DER AUTONOMEN
HEGEMONIALE IDENTITÄTS MÜLLGOVERNANCE
GEMEINSCHAFT ZUR
POLITIK IN DEN USA QUEERE GESCHICHTE IN DEUTSCHLAND ZERO WASTE.
UNABHÄNGIGEN NATION?
UND DER HOLOCAUST DER HEIMAT-DISKURS UND DIE UND EUROPA (K)EIN DING
SEPARATISMUS IN KATALONIEN
TRANSNATIONALISIERUNG DER UNMÖGLICHKEIT?
RASSISMUS ALS
VON KLASSENSTRUKTUREN
KONTINUITÄTSLINIE IN DIVERSITÄT UND MÜLL ALS RESSOURCE
DIE NEUE DIASPORAPOLITIK
DER GESCHICHTE HISTORISCHES LERNEN
DER TÜRKEI UND
DER BUNDESREPUBLIK
POSTNATIONALE POTENZIALE. TÜRKEISTÄMMIGE
PRAKTIKEN JENSEITS IN DEUTSCHLAND
MINDERHEITENGESCHICHTE DER NATION
AM BEISPIEL
DER SINTI UND ROMA

ZEITSCHRIFT DER BUNDESZENTRALE ZEITSCHRIFT DER BUNDESZENTRALE ZEITSCHRIFT DER BUNDESZENTRALE


FÜR POLITISCHE BILDUNG FÜR POLITISCHE BILDUNG FÜR POLITISCHE BILDUNG

69. Jahrgang, 12/2019, 18. März 2019 69. Jahrgang, 16–17/2019, 15. April 2019 69. Jahrgang, 27–28/2019, 1. Juli 2019

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UND ZEITGESCHICHTE UND ZEITGESCHICHTE UND ZEITGESCHICHTE

„BESTSELLER SIND DIE ÖKONOMISIERUNG


WIE FIEBERTHERMOMETER“. DES ÄSTHETISCHEN WIE ROBUST IST ARISTOTELES’ REISE
EIN GESPRÄCH DAS GRUNDGESETZ? NACH AMERIKA.
EIN GEDANKENEXPERIMENT ZUR IDEENGESCHICHTE
LESEKULTUR IM WANDEL VON VERFASSUNGEN DER GRO E VERSTÄRKER. MEHR ALS DIGITALKOMPETENZ.
DIE MULTIPLEN LEISTUNGEN SPALTET DIE DIGITALISIERUNG BILDUNG UND BIG DATA
UND FUNKTIONEN DAS GRUNDGESETZ
DER KONTAKT ZU UNSERER DIE BILDUNGSWELT?
DER KULTURTECHNIK LESEN IM STROM DER ZEIT. WÜRDE.
KULTUR STEHT AUF DEM SPIEL. ENTSTEHUNG UND ZEITLICHE ZU EINEM SCHLÜSSELBEGRIFF BILDUNG DER JUGEND
EIN GESPRÄCH VERORTUNG DER DEUTSCHEN DER VERFASSUNG „DIGITALPAKT SCHULE“. FÜR DEN DIGITALEN WANDEL
HISTORISCHE AMBIVALENZEN VERFASSUNGEN VON 1949 FÖDERALE KULTURHOHEIT
DES LESENS ZULASTEN DER
LESEN UND VERFASSUNG ALS POTENZIALE UND RISIKEN
GELESEN WERDEN ZUKUNFTSFÄHIGKEIT
DIE WEIMARER INTEGRATIONSPROGRAMM VON DIGITALISIERUNG IN
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REICHSVERFASSUNG. KINDERTAGESEINRICHTUNGEN
UND LESEBEGRIFF VORBILD ODER GEGENBILD
DER BILDUNGSAUFTRAG
DES GRUNDGESETZES? DIGITALE BILDUNGSMEDIEN
DES GRUNDGESETZES
IM DISKURS HOCHSCHULE(N)
IM DIGITALEN WANDEL

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Redaktionsschluss dieser Ausgabe: 14. August 2020


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