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15.04.21 09:59
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22. APRIL N o 17 09:59
2021 15.04.21

»Schmerz-
haftester Tag
meiner politischen
Laufbahn«
Robert Habeck im
ersten Interview nach
der Entscheidung
Politik, S. 4

SIE ER?
Während die CDU noch kopfsteht,
stellen sich viele schon eine grüne
ODER
Im Hotel gibt es
Sputnik V
Ein organisierter
Impftrip nach Moskau
Entdecken, S. 61

Kanzlerin vor: Wie Annalena


Titelillustration: Benedetto Cristofani für DIE ZEIT

Baerbock immer mehr Macht


erobert und Armin Laschet wieder
auf die Beine kommen will
POLITIK

ALEXEJ NAWALNY IN LEBENSGEFAHR BILDUNG IN DER PANDEMIE


Hausmittel
gegen Fernweh

Wo ist Merkel? Geschenkte Zeit Eine Fotoreise zu


Sehnsuchtsorten
dieser Welt
Der Kreml eskaliert die Konflikte mit dem Westen. Die Kanzlerin Was hilft Schülern jetzt wirklich? Geld allein ist es nicht. ZEITmagazin, S. 14
hätte die Autorität, Putin entgegenzutreten  VON ALICE BOTA Aber vielleicht ein zusätzliches Jahr  VON ANNA MAYR

I D
PROMINENT IGNORIERT
mmer wenn man glaubt, die Beziehun­ Die deutsche Politik und Diplomatie, diesen ie besten Ideen klingen oft so Es wäre eine Holzhammermethode, aber mit
gen zu Russland hätten einen Tiefpunkt Eindruck gewinnt man in Gesprächen, will vor radikal, dass alle nur kurz feinem Nachklang: Die Ministerinnen würden
erreicht, wird’s noch schlimmer. Die allem ein bisschen Normalität retten – und Nord darüber lachen, um dann den Kindern zeigen, dass es in der Schule wirk­
jüngsten Schlagzeilen: Die russische­ Stream 2 gleich mit. Mitten in der Pandemie weiter über Kleinigkeiten zu lich um sie geht. Dass man sie nicht all diese
Armee zieht ihre Truppen nahe der reist der sächsische Ministerpräsident Michael diskutieren. Eine solche Idee Jahre zu 35st in enge Räume gequetscht hat,­
Ukraine zusammen. Tschechien weist Kretschmer für Gespräche und eine Ausstel­ hatte letztes Jahr der Leiter damit ihre Eltern arbeiten gehen können. Son­
18 russische Diplomaten aus, weil Moskaus­ lungseröffnung mit einer Delegation nach Mos­ eines Berliner Gymnasiums, sie wurde danach dern damit sie sich entwickeln, etwas entdecken,
Geheimdienst 2014 in die Explosion in einer kau – während etwa 190 Kilometer entfernt vom immer mal von Bildungsexperten aufgegriffen, Spaß haben.
tschechischen Munitionsfabrik verwickelt gewe­ Sektempfang Nawalny in der Strafkolonie um aber nie richtig diskutiert. Die Idee geht so: Logisch: Manche werden dagegen sein.­
sen sein soll. Und im Krankenhaus des Strafla­ sein Leben kämpft. Vor seiner Abreise hat Man könnte das Schuljahr verlängern. Statt bis Eltern werden rufen, dass ihre Christina sich
gers 3 könnte das Herz des Oppositionspolitikers
Alexej Nawalny jederzeit aufhören zu schlagen.
Kretschmer einen Artikel veröffentlicht: Ein
»Modus der Verständigung« mit Russland müsse
zum Sommer 2021 könnte es bis Dezember
dauern. Wer also jetzt in der fünften Klasse ist,
im Homeschooling doch so angestrengt habe
oder dass Ben schon 19 sei, wenn er Abitur
Lebenskunst
Das jedenfalls sagen Nawalnys Mitstreiter. gefunden werden. Es wäre so schön! würde erst im Januar 2022 zum Sechstklässler, mache. Kinder und Eltern haben in den letzten Geboren auf einer Farm in South
Überprüfen lässt es sich nicht – doch ist Nawalny Doch derzeit erlebt die russische Gesellschaft Erstklässler kämen im Januar in die Schule. Jahrzehnten leider eine Erzählung verinner­ Carolina, musste sie als Kind
seit drei Wochen im Hungerstreik, und die Infor­ die stärkste Repressionswelle seit 1991. Im Das darauffolgende Schuljahr würde dann licht, die nicht ihnen selbst nützt, sondern den Baumwolle pflücken und wurde
mationen des Teams über seinen Zustand waren Staatsfernsehen wird dazu aufgerufen, den ukrai­ wieder um ein halbes Jahr verlängert, womit späteren Arbeitgebern der Kinder. Viele den­ mit 15 zum ersten Mal Mutter. Sie
verlässlich, als er im August 2020 mit No­wi­tschok nischen Donbass »heimzuholen«. Nawalnys man im Sommer 2023 zurück im »normalen« ken, die Zeit in Schule und Kita sei verschwen­ gebar elf weitere Kinder, bekam
vergiftet und dank deutscher Hilfe gerettet wurde. Anti­kor­rup­tions­stif­tung soll dieser Tage als­ Rhythmus wäre, in dem die Sommerferien die dete Zeit. Dass das Leben erst beginne, wenn 68 Enkel, 125 Urenkel und 120
Damals konnte verhindert werden, dass Nawalny extremistisch eingestuft werden – wer gemein­ Schuljahre trennen. Man muss das eventuell man endlich im Arbeitsmarkt angekommen sei. Ururenkel. Jetzt ist die älteste Frau
vor aller Augen stirbt. Heute könnte er im Lager sam mit dem Oppositionspolitiker aufdeckt, zweimal lesen, um mitzukommen. Es lohnt Die Arbeitgeberverbände werden es eh hassen, der USA, Hester McCardell Ford,
elend zugrunde gehen. Damals setzte sich Angela dem droht Gefängnis. Auch Nawalnys Wahl­ sich aber. Denn von allen Maßnahmen zum dass sie etwas später mit neuen Arbeitskräften im Alter von 115 Jahren gestor­
Merkel persönlich für Nawalny ein. Heute hält kampfstäbe sollen als extremistisch gelten – wer Aufholen des Corona-Schuljahres wäre diese versorgt werden. Sie werden Schreckensszena­ ben. Wenn das Leben eine Kunst
sie sich zurück. Damals riskierte Merkel eine­ den Aufrufen zu Protesten folgt, muss ebenfalls am leichtesten umsetzbar: Die Schulen müssten rien zeichnen von unterforderten Leistungsträ­ ist, dann war diese Frau eine große
politische Zäsur. Heute riskiert sie einen Teil ihres mit Haft rechnen. Journalisten werden für Posts keine zusätzlichen Klassen einrichten, keine gern und von verlorenen Jahren sprechen.­ Künstlerin. GRN .
außenpolitischen Erbes. in den sozialen Medien festgenommen; den­ neuen Lehrer einstellen. Es gäbe nicht mehr Dabei kalkulieren sie nicht die Kosten mit ein,
Redakteurinnen eines Studentenmagazins wird Kinder und nicht mehr Unterrichtsstunden, die der Staat tragen wird, wenn der Druck auf Kleine Fotos (v. o.): Nanna Heitmann für DIE ZEIT;
Sam Youkilis; Diedra Laird/AP/dpa
Was den Deutschen irrational erscheint, vorgeworfen, Minderjährige zu illegalen Protest­ auch die Ferienzeiten blieben gleich. Die Kinder die Familien sich weiter erhöht. Die Kosten
kann für die Russen vernünftig sein aktionen aufgerufen zu haben. Worauf bis zu würden nur länger bleiben. von Schulabbrechern, die Kosten von Eltern
Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG,
drei Jahre Haft stehen. Man sollte keine Illusio­ mit Burn-out, die Kosten von 13-Jährigen mit 20079 Hamburg
Der Kreml verschärft die Spannungen, doch die nen hegen, was für ein Partner Putin ist. Einzelne Maßnahmen können den Zwangsstörungen. Telefon 040 / 32 80 ‑ 0; E-Mail:
Bundesregierung setzt einfach auf Weiter­ Angela Merkel hat 2014 dafür gesorgt, dass Verzicht nicht wiedergutmachen Die aktuellen Abiturklassen werden ihr DieZeit@zeit.de, Leserbriefe@zeit.de
machen. Dass Russland tatsächlich bereit ist, in alle EU-Staaten die Sanktionen gegen Russland Studium wohl »normal« im Oktober begin­ ZEIT ONLINE GmbH: www.zeit.de;
die Ukraine einzumarschieren, ist keineswegs wegen der Krim-Annexion mittrugen. Sie half, Der Bund plant Milliardenprogramme für Nach­ nen, ihre Prüfungen sind teils schon geschrie­ ZEIT-Stellenmarkt: www.jobs.zeit.de
klar. Womöglich geht es nur um eine Macht­ das Minsker Abkommen zu verhandeln, das hilfe und Freizeitangebote. Es ist ein alther­ ben. Der Jahrgang nach ihnen würde seine
demonstration, wie Wladimir Putin sie gern vor keinen Frieden gebracht, aber den Krieg einge­ gebrachtes deutsches Konzept, Geld auf Prob­ Prüfungen dann erst Ende 2022 schreiben, ABONNENTENSERVICE:
seiner alljährlichen Rede an die politische Elite dämmt hat. Doch jetzt gleicht ihr Vorgehen leme zu werfen. Aber die Kinder haben ja nicht also im Sommersemester 2023 das Studium Tel. 040 / 42 23 70 70,
Fax 040 / 42 23 70 90,
betreibt. Die Bundesregierung zeigt sich besorgt dem in der Pandemie: So wie sie sehr gut weiß, nur Inhalte verpasst. Viel schlimmer: Sie haben beginnen. Auch Ausbildungsbetriebe müssten E-Mail: abo@zeit.de
bis sehr besorgt. Sie plädiert für einen »vernünf­ was Inzidenzwerte bedeuten, so weiß sie bes­ sich nicht auf der Klassenfahrt zum ersten Mal auf ihre Azubis etwas länger warten als bis
tigen Dialog«. Vernunft klingt gut und Dialog tens Bescheid über Putins Machtkalkül. Und verliebt. Sie haben nicht Mathe geschwänzt, um zum Regelstart im August – aber Betriebe sind PREISE IM AUSLAND:
erst recht. Wo mehr geredet wird, da wird weni­ so wie sie bei den Corona-Maßnahmen ringt im Park Sekt zu trinken. So viele Altersgruppen zum Glück flexibler als das Schulsystem und DK 60,95/FIN 8,50/E 7,10/
CAN 7,60/F 7,10/NL 6,60/
ger geschossen. Doch wenn eine Lehre aus der und ­abwägt, zögert sie nun in einem gefährli­ haben auf tausend Dinge verzichtet, die sich können kreative Lösungen finden, um ein hal­ A 5,90/CH 8.20/I 7,10/GR 7,60/
Besetzung der Krim 2014 gezogen werden kann, chen Augenblick. nicht durch Maßnahmen wiedergutmachen las­ bes Jahr zu überbrücken. Ein Problem liegt B 6,60/P 7,40/L 6,60/H 2990,00
dann diese: Was den Deutschen irrational vor­ Für den Fall, dass Alexej Nawalny im­ sen. Sie alle eint nur der Verlust von: Zeit. auch bei denen, die 2022 erstmals eine Kita
o
N 17
kommt, kann für die Russen rational sein. Auch Gefängnis sterben sollte, kündigt der amerika­ Die Eltern sind nach zig Monaten der Schul­ besuchen sollten. Also ungefähr 800.000 Kin­
die Krim-Annexion und der russische Krieg in nische Präsident Joe B ­ iden Konsequenzen an, schließungen zu müde, um noch etwas zu for­ der. Für ihre Eltern müsste man das Elterngeld
der Ostukraine erschienen unvernünftig – den zugleich bietet er Gespräche an. Auch die­ dern. Die Kultusminister diskutieren über kleine verlängern, so wie schon Kurzarbeitergeld und
Europäern. Für die russische Seite ging jedoch Europäer sollten weiter mit Putin sprechen, Anpassungen. Ferienkurse, Nachhilfe, Leistungs­ Arbeitslosengeld wegen der Pandemie verlän­
7 6. J A H RG A N G C 7451 C
das Kalkül auf: Zusammenhalt im Innern schaf­ aber im selben Zug den Preis benennen, der stands­erhe­bun­gen. Klar, dass man sich da nie gert wurden.
fen; Destabilisierung der Ukraine; Machtsiche­ bei einer Es­ka­la­tion in der Ukraine oder im einig wird. Das Schulsystem ist widerständig Am Ende wird sich das alles auszahlen.
rung in der Region. Bis der Preis – internatio­nale russischen Straflager fällig würde. Am besten gegen Veränderung, es reproduziert sich, daran 17
Sanktionen – zu hoch war und ein fragiler klei­ tun sie das schnell. Und nicht erst, wenn Alexej wird die Pandemie nichts ändern. So ein System Beide Leitartikel finden Sie zum Hören unter
ner Frieden geschlossen wurde. Nawalny gestorben ist. kann sich nur selbst heilen. www.zeit.de/vorgelese 4 190745 105705
2 TITELTHEMA 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

DER ÜBERLEBENDE
A
m Morgen nach der Sitzung des Bun-
desvorstands, die manche Armin La-
schets »Feuertaufe« nennen, trifft man
Armin Laschet hat sich durchgesetzt, wieder Auch haben sich viele gemerkt, dass ausgerechnet­
einer der engagiertesten Christen aus der Parteispitze – der
Katholik Reiner Haseloff – seine Parteinahme für Söder
die CDU-Spitze in einer seltsam ge-
mischten Gefühlslage an. Einerseits einmal. Doch der Preis ist hoch: damit erklärte, Charakterfragen seien nicht entscheidend,
einzig auf die Umfragen käme es an. »Das meinst du

Ausgerechnet unter seiner Führung ist die CDU


empfinden viele so wie die nordrhein- doch nicht ernst, oder? Das bist du doch nicht«, hat ein
westfälische Staatssekretärin Serap Parteigrande den Ministerpräsidenten aus Sachsen-­
Güler: »Die vergangene Woche war eine Katastrophe, Anhalt bei der Trauerfeier für die Corona-Toten am ver-
machen wir uns nichts vor.« Andererseits muss es jetzt
weitergehen, schnell und möglichst geschlossen.
Katastrophal, so haben es viele Christdemokraten
so gespalten wie lange nicht  VON MARIAM LAU
gangenen Sonntag in Berlin gefragt. Haseloff musste mit
den Schultern zucken. Er schaut in den AfD-Abgrund,
im Juni wird in Sachsen-Anhalt gewählt.
empfunden, war nicht der Griff der CSU nach der Ernüchternd für das Laschet-Lager ist die innere Küh-
Macht – sondern die grell erleuchtete Schwäche der le, mit der viele der Parteifreunde sich für Söder starkge-
CDU. Ihre innere Gespaltenheit, ihr Potenzial zur Selbst- macht haben. »Ich trau dem keinen Meter über den Weg,
zerstörung. CDU gegen CDU – das war die Kampflinie. für Armin Laschet leg ich die Hand ins Feuer«, sagt einer
Einer fühlte sich an den Brand der Kathedrale von Notre- von ihnen. »Aber was hilft das, wenn die Leute ihn nicht
Dame erinnert: »Man steht hilflos da und sieht, wie alles wählen?« Auch die stellvertretende Fraktionsvorsitzende
in Flammen aufgeht.« Und jeder weiß: Hätte Markus Gitta Connemann, eine Wirtschaftsliberale und Land-
Söder nicht nachgegeben, dann wäre der Brand noch wirtschaftspolitikerin aus Ostfriesland, sieht jede Menge
immer nicht gelöscht. Laschet selbst sagt es am Dienstag- politischer Differenzen zu dem frisch ergrünten Bienen-
nachmittag so: Der CSU-Vorsitzende habe seine Kandi- küsser Markus Söder und seiner christlich-sozial grun-
datur »ermöglicht«. dierten Kritik am »Manchester-Liberalismus«. Aber an
Armin Laschet ist jetzt Kanzlerkandidat. Er hat das Laschets Zugkraft glaubt sie nun einmal nicht.
Feuer überlebt und ist noch einmal davongekommen, Connemann hat Laschet persönlich geschrieben. Wie
wie schon so oft in seiner Karriere. Nun muss er eine enttäuscht sie gewesen sei, dass man drei Monate lang prak-
Chance nutzen, die er vielleicht schon gar nicht mehr tisch nichts von ihm gehört habe. Dass er in der Masken-
hat. Aber wie soll das gehen? affäre so lange zugewartet habe. Dass er nicht längst nach
Norbert Lammert, der ehemalige Bundestagspräsi- der Macht gegriffen und seinen Anspruch auf das Kanzler­
dent, hat nicht nur die sechseinhalbstündige Sitzung des amt geltend gemacht habe, gleich nach seiner Wahl an die
CDU-Vorstands miterlebt, sondern auch das Scherben- Parteispitze im Januar. Dass man sich das Chaos und die
gericht in der Bundestagsfraktion in der Woche zuvor, bei Demütigung der vergangenen Woche selbst eingebrockt
dem die Angriffe auf den CDU-Vorsitzenden nur so hat – diese Auffassung teilt Connemann mit vielen, auch
niederprasselten. »Die Gründlichkeit, Schonungslosig- mit Laschet-Unterstützern. Eine Antwort auf ihren Brief
keit und Ernsthaftigkeit der Debatte hat mich schon be- hat sie bis heute nicht bekommen.
eindruckt«, sagt Lammert am Telefon über die Vorstands- Die Leute wollten Führung, eine starke Führung – das
sitzung, die erst in den frühen Morgenstunden des Diens- war der Tenor bei einer Sitzung der Mittelstandsvereinigung
tags endete. 31 von 46 Mitgliedern des Vorstands hatten der Union am Montag. »Wir werden keinen Wahlkampf
für Laschet gestimmt, neun für Söder, sechs enthielten haben«, erklärte eine Söderianerin dort düster, »sondern
sich. »Fast alle, die dabei waren, haben geredet«, sagt einen regelrechten Wahlkrieg. Alle werden uns angreifen,
Lammert. »Ich hatte zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, von rechts wie von links.« Es reiche nicht, gut im Stellungs-
hier zerlegt sich die Partei.« kampf zu sein, wie Armin Laschet. Jetzt sei Angriff gefragt.
Nicht nur Lammert versucht, dem zurückliegenden Wie kompliziert die Gemengelage heute in der Union
Streit etwas Gutes abzugewinnen, den brutalen Kampf ist – wo man früher darauf zählen konnte, dass die CSU
umzudeuten in ein Muster innerparteilicher Demokratie. rechts von der CDU stand –, wird auch daran deutlich,
Nicht einmal die Grünen würden sich noch eine solch dass explizit Konservative wie die frühere Familienminis-
offene Debatte über das eigene Personal zumuten – das terin Kristina Schröder Laschet klar unterstützen. Es ist
hört man in diesen Tagen öfter in der Union. ausgerechnet dessen Pandemiepolitik, die Schröder für
Für Wolfgang Schäuble stand die Katastrophenwoche den NRW-Ministerpräsidenten einnimmt. »Ihm ging es
ganz im Zeichen eines politischen Konflikts, der die nie um den härtesten Weg, auch wenn der derzeit oft
CDU sehr bald, vielleicht schon bei der Landtagswahl in populärer ist.« Das könne im Wahlkampf eine wichtige
Sachsen-Anhalt im Juni, wieder einholen könnte: der Rolle spielen. »Und ich sehe, dass Laschet in Nordrhein-
Konflikt zwischen Partei und Bewegung, zwischen Re- Westfalen einen Kurs fährt, der dem Helmut Kohls äh-
präsentation und Plebiszit. Während ein CDU-Minister- nelt: Er arbeitet mit starken Protagonisten des liberalen
präsident nach dem anderen ins Söder-Lager wechselte, und des konservativen Flügels eng zusammen und springt
beharrte Schäuble auf der Relevanz der Gremien, der nicht über jedes Stöckchen des grünen Zeitgeists.« Gerade
selbst gegebenen Strukturen. Die Kathedrale brennt, aber weil Schröder die »inhaltliche Beliebigkeit der letzten
das Gerüst ist noch da. »Wir sind keine Stimmungs­ Jahre so frustriert hat«, sei ihr klar, wo sie bei der Wahl
demokratie«, sagt Schäuble in Anspielung auf Söders zwischen Laschet und Söder stehe.
Umfragen-Getriebenheit. »Wohin das langfristig führt, Markus Söder erzeugte mit seinem Verweis auf den
kann man am Ende am Sturm auf das Kapitol in Wa- »Generationenunterschied« zwischen ihm, 54, und La-
shington sehen. Gemessen daran, ist die CDU ein Fels in schet, 60, zwar einige Heiterkeit. Aber dass in der Kata-
der Brandung.« Und soll einer bleiben. Auch in Schäub- strophenwoche auch ein Konflikt der alten Unionsgarde
les Offenburger Wahlkreis gibt es jede Menge Söder- gegen die neue verhandelt wurde, war kaum zu über­
Fans. Er versucht, sie im Gespräch zu überzeugen. sehen. 14 von 16 Landesverbänden der Jungen Union
Aber Laschets Unterstützern ist klar, dass die Kandi- (JU) positionierten sich pro Söder. Der Hamburger
datenkür nur ein Etappensieg war. Dass der Parteichef CDU-Landesvorsitzende Christoph Ploß, 35, lässt er-
jetzt vor der Aufgabe steht, die Partei wieder zu einen und kennen, was der Preis ist, den Laschet für die Unterstüt-
eine Wut zu domestizieren, die manche in der CDU zung der JU wird zahlen müssen: wichtige Rollen für den
schon seit der Flüchtlingskrise hegen. Mit der Niederlage Wirtschaftspolitiker Carsten Linnemann und für Fried-
von Friedrich Merz bei der Wahl des Parteivorsitzenden rich Merz, zwei Favoriten der Jungen.
und mit der Entscheidung gegen Markus Söder ist diese Laschet wird, das deutet sich am Dienstag schon an,
Wut neu entflammt. »Es gibt zwei Arten von Söderia- sein Heil einmal mehr darin suchen, möglichst viele ver-
nern«, sagt Serap Güler: »Die einen, der kleinere Teil, schiedene Köpfe und Stimmen um sich herum zu ver-
denen praktisch jeder recht ist, solange es nicht Armin sammeln. Konservative, Liberale und Christsoziale, mit
Laschet ist. Und die anderen, denen vor allem die kräfti- denen er versuchen will, die Vielfalt der Union zu de-
gen Ansagen und das Meinungsstarke an Markus Söder monstrieren. Die Neugierde und Risikofreude, die dafür
gefallen. Letztere kann Armin Laschet im Gespräch ge- Neugierde und Risikofreude nötig sind, hat er, das zeigt ein Blick auf sein Düssel­
winnen, da bin ich sicher. Erstere nicht.« Dass zur ersten hat Armin Laschet. Aber ob das reicht? dorfer Kabinett und seine engsten Mitarbeiter. Eigent-
Sorte auch Laschets früherer Weggefährte Norbert Rött- Die Zweifel in den lich kann er das: den Laden zusammenhalten. Nur ist
gen zählt, gehört zu den persönlichen Blessuren der­ eigenen Reihen sind groß dieser Laden ausgerechnet unter seiner Führung so ge-
Horrorwoche. Foto: Julia Sellmann/laif spalten wie lange nicht.

Rätselhaft. Oder doch genial?


Wie Markus Söder fast an die Kanzlerkandidatur der Union kam. Und warum er doch zurückzog  VON MATTHIAS GEIS

L
ange hätte Markus Söder nicht mehr Schwesterpartei »ein Angebot« gemacht hatte, das der Schwesterpartei hervorrief, wurde zugleich of- Ihm dürfte klar geworden sein, dass er nicht nur chenbarkeit rechtfertigen zu müssen: Politische
abwarten müssen, bis ihm der Sieg im sie offenbar nicht ablehnen konnte, wenigstens die fenkundig, wie sehr sich das Laschet-Lager gegen keine Aussicht auf eine geschlossene U ­ nion haben Wandlungsfähigkeit sei nichts anderes als die Be-
Rennen um die Kanzlerkandidatur der­ Chance eröffnen, die Entscheidung gesichtswah- den Eindringling verbarrikadiert hatte, wie erbit- würde, sondern dass der Schaden für ihn selbst dingung erfolgreicher demokratischer Politik in
Union zugefallen wäre. Doch in diese rend zu vollziehen? Glaubte er, sich die großzügige tert Teile der CDU-Führung auf dessen Anzie- umso gravierender ausgefallen wäre, je kompro- einer veränderten Realität. Zweifellos ist Söder ein
angespannte Erwartung hinein platzte Geste leisten zu können, weil die Christdemokra- hungskraft in den eigenen Reihen reagierten. missloser er an seiner Kandidatur festgehalten hätte. Machtmensch. Aber gerade deshalb verfügt er
zu Beginn der Woche der Coup, mit dem Söder ten nach seiner show of ­force gar nicht anders wür- Je mehr Söders Popularität innerhalb und au- Söder hat seit dem Sommer 2018 eine politische über ein entwickeltes Sensorium für die Heraus-
seine politische Zukunft in die Hände der großen den entscheiden können, als der erdrückenden ßerhalb der CDU wirkte, desto lauter wurden auch Wende vollzogen, die ihn vom rechtskonservativen forderungen, denen sich die ­Union stellen muss,
Schwesterpartei legte. Die CDU könne souverän, Stimmungslage ihrer Anhängerschaft nachzugeben? die Warnungen vor den vermeintlichen Schatten- Vorkämpfer in einen schwarz-grünen Merkel-­ wenn sie sich an der Spitze behaupten will.
»wo und wie« sie wolle, die Frage nach dem ge- Es mag bei Söder ein solches Restkalkül gegeben seiten des CSU-Vorsitzenden, seiner Machtfixiert- Anhänger verwandelte. Mit seiner Kandidatur für Hätte Söder mit Gewalt seine Kandidatur aus-
meinsamen Spitzenkandidaten für die Bundes- haben. Plausibler ist eine andere Erklärung. Der heit, seinem Opportunismus, seiner Ruchlosigkeit. das Kanzleramt stand plötzlich die Frage nach der gekämpft, wäre er Gefahr gelaufen, auf den
tagswahl beantworten. So stellte Söder, wenige CSU-Chef hatte erkannt, dass er trotz überborden- Dass er der CDU anfangs die Entscheidung zuge- Ernsthaftigkeit dieser Wandlung zur Debatte. Und Machtmenschen reduziert zu werden, als der er
Tage nachdem sein Triumphzug durch die CDU- den Zuspruchs aus der Schwesterpartei nicht ge- billigt hatte, dann aber den Laschet-freundlichen die Verbitterung über die unerbetene Konkurrenz sich früher des Öfteren präsentiert hat. Nur indem
Basis begonnen hatte, seine Kampagne als Kandi- winnen konnte – nicht unter seinen Bedingungen. Parteivorstand zu einer Art basisfernen Kungel- mündete überraschend schnell in grundsätzliche er auf die Durchsetzung seines Machtanspruchs
dat wieder ein und dementierte damit die vergifte- Lange bevor Söder seine Kandidatur erklärte, runde erklärte, war ein Fehler, der zum Anlass weit- Zweifel an Söders demokratischer Verlässlichkeit. verzichtete, wurde der andere Söder erkennbar.
te Vermutung, der bayerische Machtmensch wolle hatte er zu erkennen gegeben, dass ein Anwärter reichender Vorwürfe genutzt wurde: Söder als Ver- Vom politischen Gegner muss Söder das erwarten, Für den war die Woche, die mit seinem Ver-
seinen Anspruch ohne Rücksicht auf Verluste aus der CSU auf die geschlossene Unterstützung ächter der repräsentativen Demokratie, als Zerstö- aus den Reihen der Schwesterpartei, mit der er in zicht endete, alles andere als erfolglos. Söder hat
durchsetzen. der CDU angewiesen sein würde, um das Kanzler­ rer der CDU, ein deutscher Kurz, wenn nicht gar den Wahlkampf ziehen wollte, dürfte es ihn dann sein Potenzial gezeigt und seinen Anspruch hin-
Vor dem Hintergrund überwältigender Zu- amt für die ­Union zu behaupten. Aber diese Ge- Trump. Es war der Vorgeschmack auf das, was Sö- doch überrascht und getroffen haben. terlegt, Politik zu machen für »die Jungen und
stimmung innerhalb der CDU und ihrer Anhän- schlossenheit stand, bei aller Mobilisierung für der wohl als Kanzlerkandidat erwartet hätte – nicht So glaubte Söder zu Beginn der Woche, als er Modernen, die auf die Zukunft aus sind«. Das ab-
ger wirkte Söders plötzlicher Schritt zurück rätsel- Söder, dann doch nie in Aussicht. Denn neben der nur aus den Reihen des politischen Gegners, son- seinen Rückzug antrat, sich gegen den Vorwurf rupte Ende seiner Kandidatur könnte sich durch-
haft. Oder doch genial? Wollte er nun, da er der positiven Resonanz, die Söders Angebot innerhalb dern offenbar auch aus der CDU. des Opportunismus und der politischen Unbere- aus noch als strategisch kluger Rückzug erweisen.
DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 SIE ODER ER? 3

DIE ÜBERLEGENE
Annalena Baerbock hat das Rennen um die Kandidatur g­ ewonnen,
ohne ihren Konkurrenten zu besiegen. Doch wenn sie
Kanzlerin werden will, muss sie mit der Methode brechen,
die sie groß gemacht hat  VON ROBERT PAUSCH

In den Wochen der


Entscheidung nutzte
Annalena Baerbock
ihre Netzwerke
Foto: Dominik Butzmann
für DIE ZEIT
(Berlin, 19. 4. 2021)

S
o vollzieht sich also Geschichte: in Blick nimmt. Es konnte also nur eine geben. Oder verschwindet, wenn man es zwar kritisiert, sich aber Am Ende hat Annalena Baer­bock gewonnen, gegen Scholz: Das kann auch zum Kleinkrieg im
der Malzfabrik in Berlin, vor einer doch einen? im Ernstfall dann doch seiner Logik unterwirft. ohne zu besiegen. Sie hat die Macht erlangt, ohne Kleingedruckten werden.
Sonnenblume und einer Handvoll Noch Anfang 2020 gewann man im Gespräch In diesem Sinn wurde jedes Aber mit einem darum kämpfen zu müssen. Sie hat sie sich schlicht Die zweite Falle hingegen ist so offensichtlich, dass
Kameras. »Die Bühne gehört dir«, mit Annalena Baer­bock den Eindruck, dass in ihren »Erst recht« beantwortet. Aber – die zwei kleinen genommen. Mit Konsequenz, Geschick und dem die Kandidatin bereits am Montag zahllose Gelegen-
sagt Robert Habeck und tritt zur Augen vieles gegen eine eigene Kanzlerkandidatur Kinder? Gerade deswegen! Aber – die fehlende Re- Willen, den es dafür braucht. heiten hatte, sich eine Antwort zurechtzulegen: Kann
Seite. Er macht den Weg frei für spricht und nur wenig dafür. Doch während Habeck gierungserfahrung? Bei Friedrich Merz hat das nie- Die wahre Probe beginnt jetzt, wenn die Öffent- man ohne Regierungserfahrung Kanzlerin werden?
die erste Kanzlerkandidatin der im Sommer behandelt wurde wie ein Kanzler­kandidat manden gestört! Aber – vierzig ist noch sehr jung? lichkeit anfängt, Baer­bock durch das Kanzlerinnen- Baer­bocks Antwort: Ich stehe für Aufbruch. Dabei
Grünen, für die jüngste Bewerberin auf das mäch- (Pferdefoto-Exegese, breitgetretene Interviewpatzer, Frauen haben immer gewartet, zu lange! Aber – ist Okular anzusehen. Eine erste Falle erkennt man, springt ihr die aktuelle Wirklichkeit zur Seite: Hat
tigste Amt in der Geschichte der Republik. Für Häme), rückte Baer­bock weitgehend unbehelligt auf er nicht der bessere Redner? Gegenfrage: Ist Charis- wenn man die Rückseite ihres Erfolgs betrachtet. die geballte Re­gie­rungs­erfah­rung der großen Koa­li­
Anna­lena Baer­bock. Nach einem Entscheidungs- den Beliebtheitstreppchen der Demoskopen dicht an ma nur etwas für Männer? Und wer, wenn nicht Denn ihren Aufstieg hat Baer­bock auch ihrer Ver- tion etwa verhindert, dass das Land seit Monaten im
prozess, der sich so geräuschlos vollzogen hat, dass ihn heran. Die Hierarchie veränderte sich und eben- die Grünen, sollte dafür sorgen, dass zwischen all ankerung in der Partei zu danken, der Aufstieg der Schlamassel steckt? Regierungsferne könnte in dieser
selbst Christdemokraten das Gefühl bekamen,­ so Baer­bocks Blick auf sich selbst. Und auch die den Scholzens und Laschets eine Frau sitzt? Eben! Grünen seit 2018 basiert jedoch in gewisser Hin- Lage sogar ein strategischer Vorteil sein. Jedenfalls
einem historischen Ereignis beizuwohnen – wes- Scharmützel wirkten plötzlich anders, nicht mehr »Auf gewisse Weise hat Robert sie unterschätzt«, sicht auf dem Gegenteil. 2018 reisten die Vorsit- wenn Baer­bock es vermeidet, auf die Provokation,
halb sie den Grünen umgehend zu dieser bürger- so spielerisch. sagt jemand aus der Parteiführung. Denn hinzu trat zenden unter dem Motto »Des Glückes Unter- die ihre Kandidatur für Teile der Bevölkerung bedeu-
lichen Affektkontrolle gratulierten. Im Sommer 2020 sagte Baer­bock, der Unter- eine weitere Baer­bocksche Besonderheit. Anders als pfand« an deutsche Erinnerungsorte. Sie sprachen tet (jung, Frau, unerfahren), mit einer Selbstver-
Für die Grünen hätte das alles kaum besser schied zwischen ihnen beiden sei der, dass die Ex- Habeck verfügt sie über etwas, das eigentlich als von Heimat und Patriotismus, was in der Partei harmlosung zu reagieren – die dritte Falle.
laufen können. Sieg und Niederlage, Rache und pertise des Ex-Landwirtschaftsministers Habeck Spezialität von Männern gilt: Seilschaften, würde viele in Alarm versetzte, wegen zu viel Deutschland. Bei Baer­bocks letzter großer Rede auf dem Par-
Ehre, Kränkung und Kampf – vom machtpoliti- eher bei »Kühen und Schweinen« liege. Sie selbst man bei der ­Union sagen, die Grünen nennen es Am Ende jedoch war diese Reise der Beginn des teitag der Grünen lautete eine zentrale Passage: »Fürch-
schen Schmieröl, das in der CDU unterdessen aus dagegen komme »aus dem Völkerrecht«. lieber »Supportstrukturen«. Nach dem Studium ar- grünen Aufstiegs. In der Folge bekannten sie sich tet euch nicht! Diese Klimarevolution ist in etwa so
jeder Gremiensitzung spratzte, war bei ihnen beitete Baer­bock für eine grüne Europaabgeordnete. zur Gentechnik, waren plötzlich gegen Volks­ verrückt wie ein Bausparvertrag«, was einen erstaun-
nichts zu sehen. Es gab zwei, die es werden woll- Während Baer­bock größer wurde, Später wurde sie Landesvorsitzende in Brandenburg abstimmungen und nannten sich »Verfassungs- lichen Rückfall in die klassisch grüne Realo-Rhetorik
ten, und eine, die es wurde. Und am Montag gab schrumpfte Habecks Raum und Bundestagsabgeordnete. Insbesondere als Mit- schützer«. Mit jedem Klischeebruch wuchsen die markierte: Keine Angst! Wir sind nicht so schlimm.
es vor allem ein Thema: Gemeinsamkeit. glied der Antragskommission, die vor einem Parteitag Grünen ein Stück über das eigene Milieu hinaus. Generationen von Realo-Grünen sahen ihre
Tatsächlich muss man sich in diesem, ja doch, his- Ein anderes Mal, beim Politischen Aschermitt- die Positionen der Delegierten sortiert, knüpfte sie Hauptaufgabe darin, Vorurteile gegen die eigene
torischen Moment das Betriebsgeheimnis der Grü- woch im Februar, war sie es, die ihm inmitten eines Kontakte in alle Verästelungen der Partei. Baer­bock Für ihre Liebe zur Partei bekommt sie Partei zu widerlegen und vielstimmig zu bezeugen,
nen-Spitze vergegenwärtigen, um zu erkennen, was elliptischen Habeck-Satzes das Wort abschnitt und habe die Handynummer von jedem Kreisvorsitzen- eimerweise Gegenliebe dass es mit ihnen keine Ökodiktatur geben werde.
für sie gerade auf dem Spiel steht. Denn zum ersten die Veranstaltung kurzerhand beendete: »So, bevor den, heißt es bei den Grünen. Dies führte einerseits dazu, dass der strategische Raum
Mal in der deutschen Parteiengeschichte war bei ihnen wir uns jetzt um Kopf und Kragen reden, sagen Als sie auf einem Parteitag vor anderthalb Jahren Habeck verkörperte diesen neugrünen Mindest- der Grünen von ihren Gegnern definiert wurde.
eine Doppelspitze zu erleben, die im Mit­ein­an­der wir: vielen Dank fürs Zugucken.« mit einem historischen Ergebnis als Vorsitzende be- abstand zu sich selbst, den eigenen Ritualen und Andererseits bedeutete es, dass die Forderungen der
groß wurde. Drei Jahre lang verzichteten Annalena Bei einer Spitze, die die Harmonie sonst auf stätigt wurde, betrat sie am Abend die Hotelbar, Sprechgewohnheiten stets ein bisschen mehr als Grünen stets hinter den Problemen zurückblieben.
Baer­bock und Robert Habeck darauf, sich auf Kosten Flaschen zog und zum Frühstück trank, fielen sol- sah sich im Raum um und setzte sich dann auf den Baer­bock, was ein Grund dafür sein könnte, dass Das Revolutionäre der Grünen-Spitze in den Jahren
des anderen zu profilieren. Drei Jahre lang glichen die che Momente auf. Ebenso wie die sanften Hinweise Schoß der parlamentarischen Geschäftsführerin er bei den Anhängern anderer Parteien beliebter 2018 ff. ist, dass sie diese vererbte Ängstlichkeit ab-
Stärken des einen die Schwächen des anderen aus. Sie aus der Partei, die Kommunikation zwischen den der Bundestagsfraktion, die ihrerseits die Arme um ist. Im aktuellen Politbarometer lag er bei der schüttelte und es ihr gelang, aus der Opposition he-
ergänzten ein­an­der, statt sich zu bekämpfen. beiden verlaufe mittlerweile nicht mehr ganz so Baer­bock schlang, sie zu sich heranzog und ihr ins Kanzlerfrage unter Unions­anhän­gern fünf Punkte raus die Agenda zu bestimmen. Die anderen mussten
So jedenfalls lauten drei Viertel der Wahrheit. einhellig. Geschichten wie jene, Baer­bock und Ha- Ohr zu flüstern begann. Es war eine Szene der Ver- vor ihr. Bei einer Civey-Umfrage waren es sogar sich nun zu den Grünen verhalten, nicht umgekehrt.
Zum letzten (wohlgehüteten) Viertel gehört, dass beck hätten – ohne sich abzustimmen – zeitgleich schwisterung, die einem (zumal als Mann) wohl 18 Punkte. Je älter, geringqualifizierter und grünen­ Je näher der Wahltag rückt, desto enger wird Baer­
der Modus des Mit­ein­an­ders so lange besonders dieselben Influencer und Aktivistinnen für gemein- deshalb im Gedächtnis bleibt, weil die Bilder poli- ferner die Befragten, desto besser Habecks Werte. bock umstellt sein von Strategen, PR-Virtuosen und
reibungsfrei funktionierte, wie eine unausgespro- same Auftritte angefragt, wirkten fast ein bisschen tischer Nähe bislang fast immer männliche waren. Je jünger, gebildeter und grüner, desto besser Fokusgruppenhermeneutikern, die stets genau wissen,
chene Hierarchie zwischen den beiden noch nicht wie Wahlkampf in eigener Sache. Von Weitem be- Brandt und Scheel, wie sie die Köpfe zusammen- liegt Baer­bock. welche »Botschaften« man aus welchen Gründen
eingeebnet war. Habeck, der beliebte und bekannte trachtet herrschte Eintracht; nur wer näher heran- stecken. Kohl und Strauß beim Wandern. Die rot- »Ich liebe diese Partei!«, rief Baer­bock beim »setzen« sollte oder lieber nicht. In den Beraterstäben
Landesminister, wuchs in seiner neuen Rolle, weil trat, konnte allmählich Haarrisse erkennen. grünen Männer in der Bonner Kneipe, wo ein kom- letzten Parteitag der Grünen, und ein Fraktions- (insbesondere wenn sie, wie bei den Grünen, vor al-
er sich selbst zurücknehmen konnte. Und Baer­ Während Baer­bock mit den Monaten immer mender Superminister seinen späteren Bundeskanz- kollege sagt, die Gegenliebe, die ihr eimerweise lem aus Veteranen bestehen) herrscht eine Art berufs-
bock, deren Name zuvor nur Eingeweihten ein größer wurde, schrumpfte der Raum für Habeck ler dadurch beeindruckte, dass er sein Rachenzäpf- entgegengebracht wird, habe auch damit zu tun, bedingter Konventionalitätsdruck und eine Priorität
Begriff war, wurde stärker, je besser sie den Raum umgekehrt proportional zusammen. »Robert muss chen nach hinten klappen konnte und sein Bier da- dass sie ein »Parteigewächs« sei und genau wisse, auf Fehlervermeidung, die nachvollziehbar ist, aber
für sich zu nutzen wusste. die Kandidatur unbedingt wollen, aber er darf sie rum gern in einem Zug leerte. Noch immer sind wo die Schmerzgrenzen der Grünen verlaufen. gefährlich. Denn an dieser Stelle stößt man auf das
Die taz erinnerte neulich an eine Szene, kurz auch nicht zu sehr wollen«, sagte eine führende Männer, die an Tresen stehen und ein­an­der auf die Doch wer Kanzlerin werden will, darf diese grüne Professionalitätsparadox.
nachdem die beiden zu Vorsitzenden gewählt wor- Grüne im Februar. Jeder Schritt nach vorn könne Schulter hauen, die Norm. Frauen, die eine weibliche Schmerzgrenzen zwar kennen, muss sie aber gleich Durch fehlerfreie Inszenierung und eiserne­
den waren: Bei einer gemeinsamen Veranstaltung schließlich als Schritt gegen Baer­ bock gedeutet Form der Verbundenheit demonstrieren, fallen auf. wieder vergessen. Denn gesellschaftliche Mehr- message control haben sie sich Respekt erworben.
fiel Habeck ihr ins Wort, woraufhin sie ihm klar- werden, als Ausdruck männlicher Dominanz und In den Wochen der Entscheidung nutzte Baer­ heiten findet man kaum in der eigenen Partei. Wenn die Grünen aber wirklich ins Kanzleramt
machte, dass sie künftig nicht vorhabe, sich unter- joschkahaften Machismos. Wohl zum ersten Mal bock ihre Netzwerke. Nicht um Habeck zu schwä- (Nur zur Erinnerung: Als Annegret Kramp-Kar- wollen, benötigen sie zugleich das Überraschende,
brechen zu lassen. »Jetzt rede ich. Nix mit Mans- waren in dem Moment, als es um die Macht ging, chen, das betonen alle. Aber doch um sich selbst renbauer ein bisschen zu lang in die CDU hinein- Ungeschliffene und Überschießende. Jedenfalls wenn
plaining hier«, sagte sie. »Der Saal tobte«, schrieb nicht Männer die Herren des Verfahrens, sondern zu stärken. Sie telefonierte mit vielen Abgeordne- horchte, gewann sie die Überzeugung, die »Dienst- man die Differenz zum Status quo (programmatisch
die taz. eine Frau die Herrin. ten, und viele, mit denen sie sprach, rieten ihr zur pflicht« sei eine mobilisierungsfähige Idee.) und habituell) glaubhaft verkörpern will.
In dieser Szene steckte bereits das ganze Panorama Baer­bock selbst dachte über die Frauenfrage Kandidatur. »Du willst es, und du kannst es«, sagte Annalena Baer­bock hat zuletzt gezeigt, dass sie Doch wer sich mit vierzig Jahren zutraut, die
der Unmöglichkeiten, das sich in den nächsten Mo- lange nach, wie andere Frauen berichten, die mit eine einflussreiche Grüne zu ihr. Allmählich ent- willens ist, ihrer Partei unpopuläre Debatten zuzumu- größte Volkswirtschaft Europas zu regieren, der
naten entfaltete: Ein machtbewusster Feminist und ihr darüber sprachen. Einerseits hatte sie – wie jede stand so, sagt einer, eine »Annalena-Stimmung« in ten. Eher im Konkreten als im Diskursstrategischen, dürfte über genau die Unerschrockenheit verfü-
eine feministische Machtbewusste führen gemeinsam Frau, die nach der Macht greift – Sorge, als­ den Führungszirkeln der Partei, die auch Habeck aber um kluge Konkretion wird es in den nächsten gen, die man dazu braucht.
eine feministische Partei, die irgendwann so erfolg- Quotenfrau zu gelten. Andererseits wuchs bei ihr nicht entgehen konnte. Und irgendwann war Baer­ Monaten schließlich gehen, vor allem angesichts der
reich wird, dass sie die Führung der Republik in den die Erkenntnis, dass das Patriarchat keineswegs bock klar, dass sie nur wollen muss, um zu können. Gesamtkandidatenlage. Laschet gegen Baer­ bock  www.zeit.de/vorgelese
4 TITELTHEMA : SIE ODER ER? 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Was bei Frauen, die Bundeskanzlerin werden Was in Deutschland derzeit alles Was im beginnenden Wahlkampf
TORTEN DER möchten, eher kritisch gesehen wird geschlossen ist bislang keine große Rolle spielte
SCHWARZ-GRÜNEN wenn sie Kinder Theater sachorientierte Ziele
WAHRHEIT haben
wenn sie keine
Diskotheken
Schwimmbäder
politische Forderungen
die SPD
VON KATJA BERLIN Kinder haben die Union

Phase, und – auch wenn das angesichts des Leids, ZEIT: Aber wenn die Welt gleichberechtigter sein
das die Pandemie gebracht hat, natürlich nach- soll, als sie es im Moment ist, werden Männer häu-
rangig ist – meine politische Arbeit wurde ausge- figer zugunsten von Frauen verzichten müssen.
bremst. Nach dem Ausscheiden als Minister hatte Insofern sind Sie doch Avant­garde.
ich meine politische Rolle darin gesehen, die­ Habeck: Ich sagte ja: Ich bin nicht in der Position,
Distanz zu verringern zwischen den Typen, die man auf die ich hingearbeitet habe. Insofern war das
aus dem Fernsehen kennt, und denjenigen, die von heute der schmerzhafteste Tag in meiner poli­
politischen Entscheidungen betroffen sind. Und tischen Laufbahn. Oder sagen wir lieber: der
das fiel weg. Ich musste meine Rolle neu suchen. schwerste. Aber daraus gleich als Rollenverständ-
ZEIT: Sie haben Ihr Amt als Parteivorsitzender et- nis »Verlieren kann auch schön sein« abzuleiten
was anders interpretiert als Frau Baer­bock, sind überschreitet das, was ich in dem Tag sehe. Im po-
viel durchs Land gereist, haben sich ungern länger litischen Zirkus ist jeder Tag ein Tag, an dem man
in Berlin aufgehalten. War die Entscheidung für gewinnen oder verlieren kann.
Frau Baer­bock auch eine Corona-Entscheidung, ZEIT: Trotzdem werden Frauen wie Männer ge-
fehlte Ihnen der Rückenwind aus den Sälen? nau beobachten, wie Sie mit Ihrer neuen Rolle als
Habeck: Weiß ich nicht. Aber wenn man die Ver- Zweiter umgehen.
gangenheit ändern würde, wäre die Gegenwart Habeck: Kein Problem. Politiker sein bedeutet,
eine andere. Kann man aber nicht. Es ist also sinn- sich beim Arbeiten beobachten zu lassen.
los, darüber zu spekulieren. ZEIT: Sie sind jetzt in einer – leider – oft klas­
ZEIT: Annalena Baer­bock hat bei ihrer Vorstellung sischen Frauenrolle gelandet: der des Entsagenden.
als einzig konkretes Kriterium für die Entschei- Habeck: Ist das so? Gabriel hat Martin Schulz den
dung gesagt, »Eman­zi­pa­tion« habe eine Rolle ge- Vortritt gelassen und Söder jetzt Laschet.
spielt. Was heißt das? ZEIT: Aber keiner hat es bislang hinbekommen,
Habeck: Dass sie eine Frau ist und ich ein Mann ... danach nicht herumzurennen und klarzumachen,
ZEIT: ... aber doch ein emanzipierter Mann. dass er eigentlich der Bessere gewesen wäre.
Habeck: Das würde ich für mich in Anspruch­ Habeck: Das wird nicht passieren. Jetzt gilt es, das
nehmen. Persönliche abzuhaken und daraus die politische
ZEIT: Warum galt das Kriterium dann nicht für Erfolgsgeschichte weiterzustricken in einer Kon-
Sie? stellation, die sich erst finden muss. Und sich dabei
Habeck: Weil wir noch nicht in einer Gesellschaft treu zu bleiben. Ich habe so viel Zeit, Nerven und
leben, in der Gleichberechtigung verwirklicht ist. Geduld in dieses politische Projekt investiert, ich
ZEIT: Sie sagten kürzlich: Wenn Annalena Baer­ wäre ja ein Idiot, das nicht bis zu Ende zu wollen.
bock den Anspruch als Frau erhebt, dann wird sie ZEIT: Gab es einen Moment, in dem Sie überlegt
es. Der Fall ist jetzt eingetreten? haben aufzuhören?
Habeck: Wir haben Vertraulichkeit vereinbart, Habeck: Weil Annalena Kanzlerkandidatin wurde?
und daran werde ich mich halten. Nein.
ZEIT: Es geht nicht um Vertraulichkeit, sondern ZEIT: In den letzten Monaten wurden Sie in einer
um die politische Frage, welche Kategorien ent- Weise kritisiert wie kaum ein männlicher Politiker
scheidend sind für die Besetzung des wichtigsten vorher. Haben Sie das auch so wahrgenommen?
Amtes der Republik. Habeck: Etwas anders. Meine Arbeit als Minister
Habeck: Dass Annalena eine Frau ist in einem an- spielte in dem Moment keine Rolle mehr, in dem
sonsten männlichen Wahlkampf, war ein zentrales ich in Berlin aufgetreten bin. Ich wurde auf einmal
Kriterium. über Äußerlichkeiten beschrieben und nicht über
ZEIT: Wenn eine der anderen Parteien mit einer meine Leistungsbilanz und Erfahrung. Das hat ge-
Frau in den Wahlkampf gegangen wäre, wäre es nervt und war irritierend. Bei Frauen würde man
für Sie leichter gewesen, für sich selbst zu streiten? das sexistische Zuschreibungen nennen.
Habeck: Das ist spekulativ. ZEIT: Sie sagen »irritierend«. Hat es Sie auch­
ZEIT: Haben Sie im Nachhinein das Gefühl, Sie blockiert?
haben es mit der Gleichberechtigung ein bisschen Habeck: Ich habe irgendwann begriffen, was pas-
übertrieben? Wären Sie gern etwas söderesker? siert: Die Berliner Politikwelt ist sehr stark auf sich
Habeck: Nein, ganz im Gegenteil! Ich finde, dass selbst bezogen. Auf die Länder, wo aus politischen
man, gerade als Parteivorsitzender, zu gegebenen Entscheidungen Lebenswirklichkeit wird, wird et-
Worten stehen muss. was verächtlich herabgeblickt. So findet eine poli-
ZEIT: Welches Wort hatten Sie gegeben? tische Entkernung statt, um dann zu sagen: Ist al-
Habeck: Dass man Entscheidungen gemeinsam les nur Fassade. Politik ist kein neutrales Geschäft.
trägt und auch dann nicht infrage stellt, wenn es Ich habe versucht, dagegen anzuarbeiten. Aber das
gegen einen ausgeht. hat mäßig gut geklappt.
ZEIT: Ist Ihr Beitrag hauptsächlich, zu verzichten? ZEIT: Obwohl Sie beide sich um das Bild des
Habeck: Das hoffe ich nicht. Mein Beitrag ist, Teams bemüht haben, wurden Sie stark antagoni-
Foto: Steffen Roth für DIE ZEIT (Berlin, 19. 4. 2021)

diese Entscheidung nach außen zu vertreten und siert. Plötzlich galt Baer­bock als die Pragmatische,
daraus, obwohl sie für mich eine persönliche Nie- die Politik sehr gut organisieren kann, und Sie wur-
derlage ist, einen politischen Sieg zu machen. den zu dem, der Politik erklären, aber nicht umset-
Nichts wollte ich mehr, als dieser Republik als zen kann. Hätten Sie erwartet, dass Anna­lena Baer­
Kanzler zu dienen. Und das werde ich nach diesem bock stärker versucht, dieses Bild geradezurücken?
Wahlkampf nicht. Trotzdem haben wir die­ Habeck: Das ist nicht ihre Aufgabe. Mir ist es
Chance, mit einem geschlossenen, klugen Wahl- nicht gelungen, meine politische Vita so zu erklä-
kampf das Kanzleramt zu erobern oder zumindest ren, dass sie in Berlin verstanden wurde.
sehr, sehr stark zu werden. Und das ist größer als ZEIT: Ihrerseits haben Sie vor allem im ersten Jahr
das, was man sich persönlich zutraut oder will. Ihres gemeinsamen Parteivorsitzes es als Ihre Auf-
ZEIT: Die Kandidatenverkündung ist ein gefähr- gabe verstanden, Baer­bock kontinuierlich mit auf
»Über Äußerlichkeiten beschrieben«: Grünen-Chef Habeck licher Moment für die Grünen. Das Team ist jetzt die große Bühne zu nehmen.
kein Team mehr. Was soll Ihre neue Rolle sein? Habeck: Stimmt. Meine Analyse war, dass wir nur
Habeck: Natürlich wird sich das Rollenverständnis in einer gemeinsamen, gleichen Stärke das Ding

»Der Tag war ein


verändern müssen. Es ist ein Moment, der die erfolgreich stehen können. Es war auch nicht mein
Dinge neu formatiert. Wie das wird, ist noch nicht Interesse, der bekannte, beliebte Politiker zu sein
ganz klar. Ich will mich im Wahlkampf voll ein- mit einer Kollegin, die zurückfällt, wie es das frü-
bringen. Vielleicht, wenn die Impfungen voran- her bei uns gegeben hatte. Das war nicht erfolg-
gehen, gelingt es, wie im vorigen Sommer 4000 reich. Das Beste, was uns passieren konnte, war ein
Leute auf den Marktplatz zu kriegen und politi- gleichberechtigter, gleich starker Bundesvorstand
sche Leidenschaft zu entfachen wie schon einmal. mit zwei gleich starken Vorsitzenden.

bittersüßer«
ZEIT: Das heißt, Sie wollen Annalena Baer­bock ZEIT: Auf Twitter wurden Ihre Entscheidung und
nicht die Bühne überlassen? die Vorgänge bei der CDU so kommentiert: Die
Habeck: Nicht aufzutreten wäre auch nicht in­ einen machen Drama, die anderen Show. Ist es
Annalenas Sinn. Natürlich werde ich im Wahl- nicht am Ende doch bei Ihnen und der CDU ein
kampf helfen und für ein starkes Ergebnis kämpfen. ähnlicher Prozess gewesen, dass da nämlich zwei
ZEIT: Kann eine Nummer eins Nummer zwei Züge auf­ein­ander zugerast sind? Nur dass es den
werden? Wie kann Habeck Habeck bleiben? Grünen gelingt, aus dieser konfrontativen Aus­ein­
Robert Habeck spricht über die schmerzhafteste Erfahrung seiner Laufbahn – und erklärt, Habeck: Ich halte von diesem psychologisierenden
»Ist er noch er?«-Reden gar nichts. Es geht nicht
an­der­set­zung eine gute Show zu machen?
Habeck: (schweigt lange)
warum er trotzdem Minister in der nächsten Bundesregierung werden will darum, dass ich nicht ich bin, oder darum, immer ZEIT: Dürfen wir schreiben, wie lang Gesprächs-
so zu bleiben, wie man irgendwie mal war, das pausen waren?
macht ja jede Form von Wachsen, von Verände- Habeck: (lacht) Nein. Ich glaube, wenn eine
rung tot. Sondern darum, dass man als man selbst schwierige Entscheidung getroffen ist, hängt es in
DIE ZEIT: Herr Habeck, wir führen dieses Ge- chende politische Entscheidung, die erst mal ver- ZEIT: Dass die Kriterien damals eher zu Ihnen verschiedenen Ansprüchen genügt. Ich rechne fest der Tat wesentlich daran, ob derjenige, der es nicht
spräch, zwei Stunden nachdem die Grünen Anna- schiedene Emotionen auslöst, die sich langsam geführt hätten ... damit, dass wir in die Regierung kommen. Ich geschafft hat, die Entscheidung mitträgt. Das ist
lena Baer­bock zu ihrer Kanzlerkandidatin gemacht setzen. Deshalb war der zeitliche Abstand hilfreich. Habeck: ... spielt jetzt keine Rolle mehr. Damals habe mehrfach Koalitionsverhandlungen geführt die Grundlage für Einvernehmen auch in schwie-
haben. Sie verzichten. Wie geht es Ihnen? ZEIT: Wie muss man sich den Prozess der Ent- war erst noch Frau Merkel und dann Frau Kramp- und erfolgreich abgeschlossen, ich weiß also, wie rigen politischen Prozessen – vom Stromnetz­
Robert Habeck: Stabil. scheidung vorstellen? Wer hat zuerst gesagt: Ich Karrenbauer Parteivorsitzende der CDU, Andrea das geht. Ich war in der Regierung, ich kann die ausbau bis zur Endlagerung von Atommüll. Dass
ZEIT: Ist es schwer, diese Stabilität herzustellen? will es machen? Nahles war SPD-Vorsitzende, Ursula von der grüne Programmatik auf Regierungstauglichkeit Menschen etwas mittragen, was auch gegen das
Habeck: Es ist Arbeit, klar. Habeck: In den letzten dreieinhalb Jahren gab es Leyen­war gerade Kommissionspräsidentin gewor- weiterentwickeln und abklopfen, und das werde unmittelbare Interesse geht.
ZEIT: Sind Sie traurig? verschiedene Phasen, in denen es nach Neuwahlen den. Ich habe einmal auf einem Podium gewitzelt, ich tun. Die öffentliche Aufmerksamkeit wird sich ZEIT: Die Partei verlangt ganz schön viel von Ih-
Habeck: Nein. Aber der Tag war, sagen wir, ein roch: der Streit zwischen CDU und CSU, der ob Deutschland wohl reif ist für einen männlichen stärker auf Annalena konzentrieren, insofern gibt nen. Fordern Sie auch etwas von der Partei? Gibt
bittersüßer. Rücktritt von Andrea Nahles, im Herbst 2019 die Kanzler. Dann sind die Parteivorsitzenden von es Kapazitäten, die ich abrufen kann. es einen Deal zwischen Ihnen und Baer­bock?
ZEIT: Worin war er bitter und worin süß? Debatte um das Klimaschutzgesetz. Schon da ha- CDU und SPD zurückgetreten. Corona hat Live- ZEIT: Ist Annalena Baer­bock also das Maskott- Habeck: Wir haben einen Raum des Vertrauens
Habeck: Ich bin nach Berlin gegangen, um die ben wir darüber gesprochen, ob wir mit einer Kanz- Veranstaltungen unmöglich gemacht, und auch chen des grünen Wahlkampfs, die Vorzeigefigur? zwischen uns, und der schließt sich an dieser ­Stelle.
Partei in die Position zu bringen, dass sie den lerkandidatur antreten und wer es machen würde. parteiintern hat sich eine Debatte entwickelt. Habeck: Nein. Sie führt den grünen Wahlkampf ZEIT: Wo werden Sie in einem Jahr sitzen, wenn es
Kampf um die Kanzlerschaft führen kann. Jetzt Als Corona anfing, trat das etwas in den Hinter- ZEIT: Vor zwei Jahren zogen Sie zum ersten Mal an. Und sie ist die Frau, die Kanzlerin wird, wenn nach Ihnen geht?
schaffen wir das, das ist der süße Anteil. Aber ich grund. Als wir merkten, wir kommen stabil aus dem an Angela Merkel vorbei, als beliebtester Politiker. wir eine Regierung unter grüner Führung bilden Habeck: Wenn wir es gut machen, werde ich Teil
werde diesen Kampf nicht von der Spitze aus füh- Jahr 2020 heraus, war das Thema wieder da. An dem Abend wurden Sie in Gorleben in einem können. der Bundesregierung sein. Die Wirklichkeit zu ge-
ren, wie ich es wollte. Das ist der bittere Teil. ZEIT: In früheren Zeiten wäre die Entscheidung vollen Saal empfangen wie ein Messias. ZEIT: Bis gestern waren Sie als gleichberechtigt stalten ist für mich der Sinn von Politik. Das be-
ZEIT: Wie haben Sie sich auf diesen Moment­ wahrscheinlich anders ausgefallen, für Sie nämlich. Habeck: Das liegt lange zurück. Es gibt ja schon mit einer Frau in einer Doppelspitze führender deutet für mich Verantwortung.
vorbereitet? Wurde das ausgesprochen? lange keine vollen Säle mehr. Aber diese Energie Mann ein Role-­Model, nun prägen Sie das Bild
Habeck: Wir haben die Entscheidung in der Wo- Habeck: Wir haben nie wirklich entschieden. Es und auch der Streit – übrigens auch an dem des männlichen Verlierers. Die Fragen stellten Jana Hensel und
che vor Ostern getroffen. Das ist eine sehr weitrei- blieb im Konjunktiv. Abend – waren intensiv. Dann kam die Corona- Habeck: Das ist jetzt keine attraktive Rolle. Tina Hildebrandt
6 POLITIK 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

3,4

Zurück in keine Heimat


Dänemark

7,6

Dänemarks Regierung will syrische Flüchtlinge abschieben.


Deutschland
Bislang galt das als undenkbar. In Deutschland gibt es ähnliche Pläne 
VON PAUL MIDDELHOFF, YASSIN MUSHARBASH UND FREDERIK TILLITZ

Anerkannte Flüchtlinge
aus Syrien je 1000 Einwohner

E
(2011 bis 2020)

s könnte das vorerst letzte Fest sein, dass ziehungen zum Assad-Regime aufnehmen. Ohne einen

Fotos: Ólafur Steinar Rye Gestsson für DIE ZEIT; ZEIT-Grafik: Quelle: Eurostat Media Support
die Familie Al-Ata gemeinsam feiert. Die Ansprechpartner in Syrien kann es jedoch keine Abschie-
Wohnung ist zum islamischen Fasten­ bungen geben.
monat Ramadan geschmückt, an einer Daher liegt die Zukunft für Teile der Al-Ata-Familie
der Wände hängt ein gerahmtes Bild der wohl in einem Abschiebezentrum, weit entfernt von ih-
Kaaba, des heiligen Schreins in Mekka. rem Zuhause in Vejle. Mutter und Töchter dürften das
Draußen vor dem Fenster fällt Schnee­ Zentrum über Nacht nicht verlassen, die Mädchen nicht
regen. Mitte April. mehr zur Schule gehen. Und das auf unbestimmte Zeit.
»Wir werden nie zu einem Regime zurückkehren, das »Trotzdem ist es besser, dass sie hier in Sicherheit sind, da
meinen Vater, meine zwei Cousins und viele Familienmit- können wir sie wenigstens besuchen. Falls unsere Mutter
glieder umgebracht hat. Baschar al-Assad hat keinen Krieg zurückgeschickt werden sollte, riskiert sie, verhaftet und
gewonnen, und er hat auf keinen Fall Sicherheit gebracht«, gefoltert zu werden«, sagt Mohammed al-Ata.
sagt Mohammed Ahmed al-Ata, der in der syrischen Haupt- Was er und seine Familie gerade erleben, hat seinen
stadt Damaskus zur Welt kam. Er ist 18 Jahre alt. Ursprung in einem »Paradigmenwechsel«, den die däni-
Die Al-Atas haben es bis hierher geschafft, bis in diese schen Sozialdemokraten im Jahr 2019 gemeinsam mit
kleine Wohnung in der dänischen Stadt Vejle, gut zwei mehreren rechten Parteien im Parlament beschlossen ha-
Autostunden von Kopenhagen entfernt. Um Mohammed ben. Durch ihren harten Kurs in der Einwanderungspoli-
herum sitzen auf bunten Matratzen seine Mutter, der ältere tik haben die Sozialdemokraten unter Ministerpräsidentin
Mette Frederiksen dazu beigetragen, die Anzahl der Man-
date der rechten Dänischen Volkspartei bei den letzten
Parlamentswahlen zu halbieren. Die Kombina­ tion aus
Abschottung und klassischer Sozialpolitik gilt bei den­
dänischen Sozialdemokraten als neue Erfolgsformel. Die
neuen Abschiebepläne sind der nächste Schritt.
Heute leben etwa 44.000 Syrer in Dänemark. In
Deutschland hingegen haben in den vergangenen Jahren
654.000 Menschen aus Syrien einen Asylantrag gestellt.
Und ihn in der Regel bewilligt bekommen. Die Anerken-
nungsquoten lagen häufig weit über 90 Prozent, denn al-
len Beteiligten war klar: Der Bürgerkrieg ist ein veritabler
Fluchtgrund, und die Situation in Syrien ist nach wie vor
lebensgefährlich.
Recherchen der ZEIT zeigen nun jedoch, dass auch die
deutsche Bundesregierung daran arbeitet, syrische Flücht-
linge in ihre Heimat abzuschieben. Dabei soll es zuerst um
verurteilte Straftäter und islamistische Gefährder gehen.
In Berliner Regierungskreisen ist schon länger von einem
»Denkverbot« die Rede, das es zuvor zu überwinden gelte:
ebenjenem gesellschaftlichen Konsens, dem zufolge Ab-
schiebungen nach Syrien kategorisch abzulehnen sind.
Derzeit halten sich laut Schätzungen mehrere Tausend
»vollziehbar ausreisepflichtige« Syrer in Deutschland auf.
Es ist der Fall von Abdulla H., der die aktuelle Debatte
angestoßen hat. Der junge Syrer hatte am 4. Oktober
2020 ein schwules Pärchen in Dresden mit einem Messer
angegriffen, einen der beiden Männer tötete er, der andere
wurde schwer verletzt. Abdulla war den Behörden schon
vorher als Anhänger des »Islamischen Staates« bekannt.
Mohammed (18) kann in Dänemark bleiben Ein Terroranschlag. Der (nicht zum ersten Mal) die Fra-
gen aufwarf: Warum ist jemand wie Abdulla H. über-
haupt noch hier? Hat ein mutmaßlicher Terrorist wie H.
Bruder und die beiden jüngeren Schwestern. Am 25. nicht das Recht auf Asyl in Deutschland verwirkt?
März haben sie einen Brief bekommen, der die Familie In der Folge des Anschlags von Dresden ließ die Innen-
darüber informiert, dass die Aufenthaltsgenehmigung der ministerkonferenz (IMK) im Dezember 2020 den Ab-
Mutter und die der beiden Mädchen nicht verlängert schiebestopp für syrische Flüchtlinge auslaufen. Theore-
wurde. Die drei müssen nach Syrien zurück, so steht es in tisch sind Abschiebungen seitdem möglich. Politisch je-
dem Brief. In die alte Heimat. doch gab es dafür bislang kaum Rückhalt.
»Ich habe keine Erinnerung an Syrien. Wir haben kei- Denn die Lage in Syrien ist nach wie vor desolat. Der
nen einzigen Freund dort«, sagt die zehnjährige Sahed, in ZEIT liegt dazu ein 37 Seiten langer vertraulicher Bericht
fließendem Dänisch. »Ich habe alle meine Freunde hier in des Auswärtigen Amtes vor. Das Papier ist datiert auf De- Seit 2016 lebt die Familie Al-Ata in Dänemark
Vejle«, sagt ihre zwölfjährige Schwester Tasnim. zember 2020, es soll den Innenbehörden der Länder als
Nach Einschätzungen der dänischen Behörden droht Entscheidungshilfe in Abschiebefragen dienen. An einer
den beiden Brüdern der Zwangsdienst in der syrischen Stelle heißt es, die »Bedrohung persönlicher Sicherheit gefoltert zu werden oder ganz zu verschwinden. Der land enttarnte Schergen des Assad-Regimes, die in ent-
Armee, sollten sie je zurückkehren. Deshalb dürfen sie bleibt das größte Rückkehrhindernis«, sie sei »grundsätz- Schutz vor staatlicher Gewalt und Willkür sei »deutlich sprechenden Regionen wohl nichts zu befürchten hätten.
bleiben. Für Mutter Sabrie mit ihren Töchtern, deren lich nicht auf einzelne Landesteile beschränkt«. Damit verringert«. Das Regime führe einen verbrecherischen Für alle anderen Gruppen – und um die geht es in
Mann mutmaßlich im Jahr 2012 von einem Scharfschüt- wäre eine Abschiebung nach Syrien kaum mit den Genfer Krieg gegen die Zivilbevölkerung, der IS konsolidiere erster Linie – bliebe nur der Nordosten an der Grenze
zen des Assad-Regimes getötet wurde, gilt das nicht. Seit Flüchtlingskonventionen zu vereinbaren: Niemand darf sich. Eine politische Lösung sei »nicht absehbar«. zum Irak. Dort haben die syrischen Kurden die Kontrolle,
2016 lebt die Familie gemeinsam in Dänemark. Nun, in ein Land abgeschoben werden, in dem ihm aufgrund Trotzdem machen vor allem Landesinnenminister der auch wenn der Einfluss des Assad-Regimes zuletzt wuchs.
fünf Jahre später, droht ihr die Trennung. von Ethnie, Geschlecht, Religion oder politischer Orien- CDU Bundesinnenminister Horst Seehofer und seinen Anfang des Jahres sondierten die Deutschen mithilfe von
Dänemarks Regierung bricht mit einem europäischen tierung Gefahr droht. Leuten Druck, endlich Vorschläge zu präsentieren, wie Verbindungsbeamten des Bundeskriminalamts in Istan-
Konsens: Wer wie die Al-Atas vor dem Assad-Regime, vor Das Bild, das der Bericht zeichnet, ist erschütternd. In straffällig gewordene Syrer außer Landes gebracht werden bul die Lage in den Kurdengebieten. Sie kamen zu dem
Fassbomben, russischen Kampfjets und der Terrororgani- allen Landesteilen Syriens – egal wer dort gerade herrsche – könnten. Sie haben, anders als das Auswärtige Amt, nicht vorläufigen Ergebnis, dass Abschiebungen hierher mög-
sation »Islamischer Staat« (IS) aus Syrien in die EU ge- seien schwere Menschenrechtsverletzungen an der Tages- zuerst die Situation in Syrien im Blick, sondern die Sicher­ lich sein könnten. Ebenso ist aus einem CDU-geführten
flüchtet war, war zumindest vor Abschiebung sicher. Denn ordnung. In den Gegenden, die das Assad-Regime­ heitslage im eigenen Land. Und wohl auch die Wahlen im Landesinnenministerium zu hören, dass derzeit auch die
die Kämpfe gehen weiter. Und Sicherheit für Rückkehrer kontrolliert, komme es zu willkürlichen Verhaftungen, Herbst. Zur nächsten IMK im kommenden Juni sollen kurdischen Gebiete im Nordirak und in der Türkei für die
gibt es nicht. Europa war sich in dieser Frage lange einig. Tötungen und Zwangsrekrutierungen. Wer auch nur für nun konkrete Ideen vorgestellt werden. Abschiebung von Syrern in Betracht gezogen werden.
Nun geht ausgerechnet Dänemark einen anderen Weg, oppositionell gehalten wird, für den sei das Risiko hoch, Auf Anfrage der ZEIT antwortet das Bundesinnen­ Da islamistische Gefährder wie der Dresdner Attentä-
ein Land, das über Jahrzehnte für seine liberale Einwan- ministerium zwar noch unbestimmt: »Nach dem Auslaufen ter Abdulla H. in Deutschland häufig bereits im Gefäng-
derungspolitik bekannt war. Die regierenden Sozialdemo- des Abschiebestopps durch die IMK wird derzeit geprüft, nis sitzen, erwägen die Beamten, Straftätern mit syri-
kraten verschärfen seit Jahren den Kurs in der Migrations- wie sich Straftäter und islamistische Gefährder mit syri- schem Pass eine Verkürzung der Haft hierzulande anzu-
frage. Und sind damit bei Wahlen enorm erfolgreich. Was schem Pass abschieben lassen. (...) Auf diese Weise wollen bieten, wenn sie sich im Gegenzug freiwillig dazu bereit-
bislang kaum bekannt ist: Dänemark ist nicht das einzige die Beamten von einem generellen Abschiebestopp hin zu erklären, das Land zu verlassen. Die rechtlichen Möglich-
Land, das Abschiebungen nach Syrien vorbereitet. Die einer Überprüfung jedes Einzelfalls bei Straftätern und keiten dafür bietet die Strafprozessordnung. In den ver-
deutsche Bundesregierung arbeitet an ähnlichen Plänen. Gefährdern.« Zahlreiche Gespräche mit Beamten auf Län- gangenen Monaten gab es jedoch unterschiedliche Aussa-
Die Familie Al-Ata kommt aus Daraja, einem Vorort der- und Bundesebene ergeben jedoch ein detaillierteres gen über das mögliche Zielland einer solchen Aktion: Die
der syrischen Hauptstadt. Der dänische Rat für Flücht- Bild. Zwar entsteht auf diese Weise nur ein Zwischenstand Gefährder müssten demnach nicht unbedingt nach Sy-
lingsfragen hat die Region rund um Damaskus im Februar der Beratungen. Aber er belegt, dass die Abschiebepläne der rien ausreisen, wo ihnen unter dem Assad-Regime Folter
als »sicher« eingestuft. Sicher genug, um Menschen dort- Bundesregierung weiter gediehen sind als bisher bekannt. und die Todesstrafe drohen. Stattdessen kämen auch
hin zurückzuschicken. Seit einiger Zeit gebe es rund um Im Ausschlussverfahren haben die zuständigen Beamten Drittstaaten wie die Türkei infrage; vorausgesetzt, die
die Hauptstadt keine Kampfhandlungen mehr, Zivilisten in den vergangenen Monaten die einzelnen Regionen dortigen Behörden erklärten sich mit einem solchen Deal
erführen kaum mehr willkürliche Gewalt. So argumen- inner­halb Syriens daraufhin geprüft, ob eine Abschiebung einverstanden.
tiert der Rat, der zwar als unabhängige Behörde gilt, aber dorthin möglich ist. Sie mussten sich eingestehen, dass Der Grünen-Außenpolitiker Omid Nouripour ist em-
dem Ausländer- und Integrationsministerium in Kopen- kaum ein Teil des Landes infrage kommt. Im Südwesten pört über die Pläne der Bundesregierung: »Seit drei Jahren
hagen untersteht. Bis Ende des Jahres könnten 500 sy­ rund um Damaskus herrscht Assad, und mit ihm will wie werben Assad und seine russischen Unterstützer damit,
rische Flüchtlinge in Dänemark von der neuen Regelung die dänische auch die deutsche Regierung nicht koope- dass das Land wieder sicher sei, weil das Regime gewon-
betroffen sein. rieren. Die Region Idlib im Nordwesten ist noch immer nen habe. Wenn die Innenministerien genauso argumen-
Obwohl die Ausländerbehörde die Aufenthaltsgeneh- unter der Kontrolle islamistischer Terrormilizen, die als tieren, waschen sie Assad und seine Gräueltaten rein.«
migung von Sabrie und ihren beiden Töchtern nicht ver- Partner nicht infrage kommen. Im Norden kontrolliert Noch ist nicht klar, welche konkreten Ideen das Bundes­
längert hat, können sie derzeit nicht einfach in ein Flug- die Türkei einen 30 Kilometer breiten Streifen an der innenministerium den Ländern im Juni vorlegen wird.
zeug nach Syrien gesetzt werden, wie es etwa bei ab­ Grenze zum eigenen Staatsgebiet – doch der politische Doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass Dänemark nicht
gelehnten Asylbewerbern aus Afghanistan und dem Irak Preis für eine Einigung mit Ankara über Abschiebungen allein dasteht: Auch für Deutschland sind Abschiebungen
geschieht. Denn obwohl die dänische Regierung das Um- in diesen Teil Syriens ist den Deutschen zu hoch. Die ein- nach Syrien kein Tabu mehr.
land von Damaskus als sicher einschätzt, will sie nicht im zige, allerdings sehr kleine Personengruppe, derer man
Alleingang und ohne ihre EU-Partner diplomatische Be- Tasnim (12) droht die Abschiebung sich fast ohne Probleme entledigen könnte: in Deutsch- www.zeit.de/vorgelese
DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 POLITIK 7
Fotos: Guanghui Gu/Costfoto/dpa (o.); Kevin Lamarque/Reuters (u.)

Ein Schwarm Nachtreiher auf einer Solaranlage in der chinesischen Provinz Zhejiang

Da geht doch noch was


Mitten in einer neuen Großmachtkonkurrenz will die US-Regierung die Welt
beim Klimaschutz zusammenbringen  VON ANDREA BÖHM, PETRA PINZLER UND SAMIHA SHAFY

J
oe Biden hält dieser Tage wenig von nur die Abrissbirne übrig. Kaum war Biden im Amt, Neue Klimaziele wird China zum Biden-Gipfel nicht tralität zum Test für ihre eigene Legitimität erklärt. absolute Armut zurückgefallen, die Zahl der Hun­
leisen Tönen. Seinen Amtskollegen traten die USA wieder dem Pariser Klimaabkommen vorlegen. Aber für zwei Supermächte, die offen die Die Frage ist nun, ob und wie man ein »Wettrüsten« gernden wächst, ebenso die Verschuldung der be­
Wladimir Putin hat er als »Killer« be­ und der WHO bei und versprachen, ausstehende Systemkonkurrenz ausgerufen haben, ist die Erklä­ um die effektivere Klimaschutz-Politik in kooperati­ troffenen Länder.
zeichnet. Dem chinesischen Präsidenten Beiträge bei internationalen Organisationen nach­ rung von Shanghai ein Fortschritt. ven Bahnen halten kann. Das wüssten die Rivalen Beim Klimagipfel in dieser Woche werden auch
Xi Jinping bescheinigte er, keinen ein­ zuzahlen. Mit der Einladung zum Gipfel signalisiert Die neue multilaterale Ordnung, so William selbst nicht, sagt Burke-­White. »Wir waren ja noch der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa und
zigen demokratischen »Knochen in sei­ der US-Präsident nun nicht nur ein »Hi, wir sind Burke-­White, Politologe an der Universität von Penn­ nie in dieser Situation.« sein kongolesischer Amtskollege Félix Tshisekedi teil­
nem Körper« zu haben, und gelobte, wieder da!«, sondern auch den alten Anspruch auf sylvania und Autor einer Studie über einen neuen Auf den Erfolg von Shanghai folgte jedenfalls nehmen, derzeit Vorsitzender der Afrikanischen­
Chinas Aufstieg zur stärksten Supermacht nie und globale Führung. Der allerdings ist im Jahr 2021 amerikanischen Multilateralismus, »wird von der gleich wieder ein Schlagabtausch. China verglich die Union. Für sie geht es um weit mehr als ambitionier­
nimmer zuzulassen. An diesem Donnerstag und nicht mehr so einfach zu erheben. Rivalität der beiden Großmächte China und USA Rückkehr der USA zum Klimaschutz mit einem tere Klimaschutz-Ziele. Viele afrikanische Länder
Freitag aber will Biden mit Putin und Xi in aller An diesem Donnerstag sollen die Staats- und Re­ bestimmt«. Mit dem Kalten Krieg zwischen den USA »Schulschwänzer«, der sich wieder ins Klassenzimmer rutschen derzeit in eine Schuldenkrise, in der sie ihre
diplomatischen Höflichkeit über das größte Pro­ gierungschefinnen der 41 eingeladenen Länder zu­ und der Sow­jet­union sei das nicht zu vergleichen. schleicht. US-Außenminister Blinken entgegnete, ohnehin mageren Budgets für Klimaschutz streichen
blem der Menschheit verhandeln: den Klima­ sammenkommen. 17 von ihnen sind für rund 80 »Da hat sich die Kooperation darauf beschränkt, die man werde Menschenrechte nicht der Klimapolitik müssen. Den Finanzkollaps vor Augen, redet nie­
wandel. Der US-Präsident hat zu einem virtuellen Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen ver­ Gefahr eines nuklearen Angriffs abzuwehren.« Die unterordnen. Womit man in den politischen Niede­ mand von einer »grünen Transformation« zur Wie­
Gipfel eingeladen – außer Putin und Xi sollen noch antwortlich; anderen Teilnehmern, wie dem Inselstaat Rivalität mit China sei fundamental anders, weil man rungen der hässlichen Kompromisse gelandet ist. Ein derbelebung der Konjunktur.
38 andere Staats- und Regierungschefs, darunter Antigua und Barbuda, spült der steigende Meeres­ wirtschaftlich vernetzt sei und vor Herausforderun­ aktuelles Beispiel: China ist weltweit führend in der Das Kernproblem der globalen Klimapolitik, so
Angela Merkel, auf den Bildschirmen auftauchen. spiegel jetzt schon das Küstenland weg. Die USA gen stehe, die nur gemeinsam bewältigt werden Produktion von Solarmodulen, die laut Vorwürfen Maunganidze, habe durch die Pandemie eine viel­
Auf der Tagesordnung stehen strengere Ziele wollen möglichst viele Staaten dazu bringen, ihre könnten. Im Indopazifik belauern sich amerikanische von Menschenrechtsgruppen zumindest in Teilen von fache Wucht erhalten: die Frage nach einer gerechten
der Staaten, ihre Treibhausgas-Emissionen zu ver­ Klimaschutz-Ambitionen hochzuschrauben – ein und chinesische Kriegsschiffe, während John Kerry uigurischen Zwangsarbeitern hergestellt werden. Die Verteilung der Lasten. »Afrika ist ungleich härter von
ringern. Unausgesprochen geht es aber auch um Probelauf vor der nächsten UN-Klimakonferenz im und Xie Zhanhua gleichzeitig auf internationalen Frage an die USA, die EU und andere Länder: kaufen der Erderwärmung betroffen, zu der es ungleich
die Zukunft des Multilateralismus. Also um die November im schottischen Glasgow. Das ist dringend oder mit Importverboten belegen? weniger beigetragen hat als industrialisierte Länder.«
Frage, ob es angesichts eskalierender Spannungen nötig. Beim Pariser Klimagipfel 2015 hatten zwar Globale Kooperation auf der Grundlage univer­ Zu einer konsequenten Klimaschutz-Politik gehören
zwischen Großmächten, des globalen Corona- nahezu alle Staaten der Erde gelobt, ihre Emissionen seller Werte war nie einfach. Sie wird komplizierter für sie auch ein Schuldenerlass, größere Emissions­
Schocks und des desolaten Zustands der Vereinten zu reduzieren und dies in nationalen Plänen regel­ im Schatten eines Konflikts, bei dem China einen budgets für ärmere Länder, um ökonomisch aufzu­
Nationen noch ein tragfähiges internationales Sys­ mäßig anzupassen und zu dokumentieren. Tatsäch­ Multilateralismus ohne verbindliche Menschen­ holen, und mehr, viel mehr finanzielle Hilfe, um sich
tem zur Bewältigung globaler Krisen gibt. Oder ob lich jedoch sind die Emissionen global gestiegen – rechte durchsetzen will und die USA ebendiese uni­ vor immer heftigeren Dürren, Hitzewellen oder
die Welt gerade in eine Phase rutscht, in der selbst ebenso wie die Durchschnittstemperatur. Die liegt versellen Werte in den vergangenen zwanzig Jahren Überschwemmungen zu schützen. Finanzieller Aus­
Klimaschutz und Pandemiebekämpfung zum geo­ nach Schätzungen von Klimaforschern bereits um einem Bruchtest nach dem anderen unterzogen ha­ gleich für die jetzt schon dramatischen Klimaschäden
strategischen Machtkampf verkommen. rund 1,1 Grad Celsius höher als zu vorindustriellen ben. Die auf Werten und dem Völkerrecht basieren­ im globalen Süden ist auch Thema beim Gipfel
Zu Beginn der Pandemie im vergangenen Früh­ Zeiten. Schon 2030 könnte die Grenze von 1,5 Grad de internationale Ordnung ist nicht erst durch­ diese Woche. Und sie werden maßgeblich die UN-
jahr flackerte für einen Moment ein paradoxer Op­ erreicht werden, auf die sich die Weltgemeinschaft Donald Trump beschädigt worden. Die Methoden Konferenz im November in Glasgow bestimmen. Es

50
timismus auf. Corona sei ein »Weckruf für die Welt«, geeinigt hat, um die schlimmsten Folgen der Klima­ des »Kriegs gegen den Terror« und die Invasion im werden, gelinde gesagt, schwierige Debatten. Dass
hoffte UN-Generalsekretär António Guterres zu­ krise abzuwenden. Irak waren Angriffe auf internationales Recht. Und die reichen Länder beim Klimaschutz tief in der
sammen mit Wissenschaftlerinnen, Klimadiploma­ Washington will vorangehen und sich diese Wo­ unter ­George W. Bush haben die USA schon einmal Schuld der ärmeren stehen, ist im Westen keine
ten und NGOs. Wann, wenn nicht jetzt, würden che verpflichten, die Emissionen bis 2030 im Ver­ ein unterschriebenes Klimaschutz-Abkommen in den popu­läre Botschaft. Und die Haushaltskassen in den
Regierungen begreifen, dass Erderwärmung und gleich zu 2005 um 50 Prozent zu reduzieren. Damit Papierkorb geworfen – das Kyoto-Protokoll. USA und Europa sind aufgrund von billionen­
zerstörte Ökosysteme auch den Ausbruch von Pan­ würden die USA, in den vergangenen vier Jahren »Es gibt ein amerikanisches Problem mit Kon­ schweren Post-Corona-Programmen ausgedünnt.
demien fördern; dass konsequenter Klimaschutz­ einer der größten Saboteure des Klimaschutzes, den Prozent sistenz«, sagt trocken Ottilia Anna Maunganidze, Trotzdem verlangt Maunganidze massive multi­
folglich gute Gesundheitspolitik ist und globale Zielen der Europäischen ­Union nacheifern. Die EU, der CO₂-Emissionen Völkerrechtlerin und Analystin am In­sti­tute for Se­ laterale Kraftanstrengungen und setzt dabei auf die
Kooperation das Gebot der Stunde. Einige Wochen nach China und den USA der drittgrößte Verursacher (im Vergleich zu 2005) will curity Studies in Südafrikas Hauptstadt Pretoria. Wer EU, mag diese auch von der Pandemie geschwächt
lang staunten Forscher über den rasanten Rückgang von Treibhausgasen, hat ihr Reduktionsziel bereits der amerikanische garantiere denn, dass amerikanische Versprechen in sein. Entschuldung, Impfgerechtigkeit, Klima­
der CO₂-Emissionen im Lockdown. Ökologinnen von 40 auf 55 Prozent erhöht – im Vergleich zu 1990, Präsident Joe Biden bis vier Jahren noch irgendetwas wert sind, sollte das schutz – das eine wird ohne die anderen nicht funk­
träumten von einem Schub für grüne Transforma­ nicht wie die USA im Vergleich zu 2005. Eine end­ 2030 einsparen Pendel der Wähler in den USA wieder in Richtung tionieren. Der öffentliche Druck für entsprechende
tionen, um die Wirtschaft nach der Pandemie wieder gültige Einigung innerhalb der U ­ nion mit entschei­ Rechtspopulismus ausschlagen? Schritte wächst nicht nur innerhalb afrikanischer,
in Schwung zu bringen. Politiker wie Emmanuel denden konkreten Details stand Anfang dieser Woche Aus afrikanischer Perspektive wächst ohnehin die lateinamerikanischer und asiatischer Länder und
Macron und Angela Merkel erklärten Impfstoffe aber noch aus. Konferenzen über die Dekarbonisierung von Inves­ Verzweiflung mit dem Krisenmanagement der mäch­ vonseiten der Klimaschutz-Bewegung, sondern auch
gegen Covid-19 zum »globalen öffentlichen Gut«. Ambitioniertere Vorgaben haben auch Kanada, titionen verhandeln. Der Klimaschutz ist in dieser tigen und reicheren Staaten. Das Versprechen einer im Europäischen Parlament.
Ein Jahr später sind von weltweit bislang 900 Japan und Südkorea angekündigt. Indien, das nach neuen multilateralen Ordnung Teil des Systemkamp­ global gerechten Impfkampagne empfindet man in Vorschläge für einen neuen europäischen Vorstoß
Millionen Impfdosen 83 Prozent in den reicheren wie vor massiv auf Kohleenergie setzt, sperrt sich bis­ fes geworden. Joe Biden präsentiert seine gigantischen Afrika inzwischen als blanken Hohn. In Südafrika in Zeiten von Pandemie und Klimawandel gibt es
und 0,2 Prozent in den ärmsten Ländern verab­ lang. Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Investitionsprogramme in eine grüne Infrastruktur sind bislang gerade einmal 300.000 der knapp genug. Die EU sollte als Erstes, schreibt Anthony
reicht worden. Der globale CO₂-Ausstoß ist seit Bolsonaro erkennt weder die Erderwärmung noch als Antwort auf die »beiden größten Herausforderun­ 60 Millionen Einwohner geimpft, in einem Land wie Dworkin von der Denkfabrik European Council on
Dezember 2020 wieder auf vorpandemischem die Pandemie als Realität an. Im Falle Russlands gilt gen der USA: die Klimakrise und die Ambitionen Kamerun gerade mal ein paar Hundert. Gleichzeitig Foreign Relations, helfen, die globale Produktion von
Niveau. Laut einer aktuellen Studie des UN-­ es schon als Erfolg, dass Putin überhaupt am Gipfel eines autokratischen Chinas«. rollen immer neue Infektionswellen heran mit all Impfstoffen auszuweiten, indem sie die Weitergabe
Umweltprogramms verdienen bislang nur 18 Pro­ teilnimmt. Xi Jinping hatte vergangenen September ver­ ihren gesundheitlichen und ökonomischen Folgen. von Lizenzen und Know-how in Länder des globalen
zent aller Investitionen zur Wiederankurbelung Und China? kündet, China werde bis 2060 klimaneutral wirt­ Staaten des globalen Südens hatten zuletzt er­staun­ Südens forciert. Das würde Impfkampagnen in är­
nationaler Ökonomien das Prädikat »grün«. Glo­ Der Biden-Administration ist bereits vergangene schaften. Das klingt zunächst utopisch – das Land liche Fortschritte gemacht bei der Bekämpfung von meren Staaten beschleunigen, deren ökonomische
bale Krisenbewältigung sieht anders aus. Woche ein bemerkenswerter erster Erfolg gelungen. verursacht mittlerweile fast ein Drittel der weltweiten Hunger und Krankheiten sowie bei der Förderung Krisen abfedern und ihren Spielraum für Klimapoli­
Bidens Klimagipfel, passend terminiert auf den Da einigten sich der chinesische Klima-Beauftragte Kohlendioxid-Emissionen und baut derzeit ein von Bildung. Dahinter steckt – fast vergessen – eine tik wieder erhöhen. Und nebenbei die geostrategische
Internationalen Tag der Erde, erscheint da wie ein Xie Zhanhua und sein amerikanischer Kollege John Kohlekraftwerk nach dem anderen, um die Wirt­ der größten multilateralen Erfolgsgeschichten: die Reputation der ­Union aufbessern. Multilateralismus
Lichtstrahl in finsteren Zeiten. Das ist zunächst dem Kerry in Shanghai darauf, die Klimakrise gemeinsam schaft anzukurbeln. Aber gleichzeitig wächst der 2015 von allen UN-Mitgliedsstaaten beschlossenen ist nun einmal Europas Kerngeschäft und Daseins­
deutlichen Kontrast zu seinem Amtsvorgänger ge­ zu bekämpfen, Emissionen zu reduzieren und in die Anteil von Wind- und Sonnenenergie in Weltrekord­ »Ziele für nachhaltige Entwicklung«. Durch die zweck. Was derzeit fehlt, ist politische Energie – und
schuldet. Für Multilateralismus hatte D­ onald Trump Entkarbonisierung der Wirtschaft zu investieren. tempo – und die KP hat das Erreichen der CO₂-Neu­ Pandemie sind bereits 120 Millionen Menschen in eine Portion amerikanischen Führungsanspruchs.
8 POLITIK 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Freunde gesucht

Fotos: Serhiy Takhmazov/Reuters (o.); Handout Reuters (2x); Sputnik/Alexei Druzhinin/Kremlin/Reuters (u. r.)
Ein ukrainischer Soldat in der Nähe der Stadt Donezk

Im Konflikt mit Russland schmiedet die Ukraine eine überraschende Allianz  VON MICHAEL THUMANN

K
äme es zum Krieg, er wäre bei schen Drohgebärden, die Biden bewogen, Selens­kyj­ auf höchstem Niveau herauskommen. Aber eine am Centrum für angewandte Türkeistudien In Moskau hat man das natürlich bemerkt.
Ausbruch entschieden. Russ- anzurufen. Er versprach ihm uneingeschränkte bessere Idee hat in Europa offenbar auch niemand. (CATS) in Berlin. Es geht oft um Triebwerke. Die Kommentatoren fragen pikiert, »warum die Tür-
land hält rund eine Million Sol- Unterstützung für die territoriale Integrität der Überraschenderweise kommen die interessan- Türkei tut sich schwer mit dem Bau leistungsfähi- kei die Ukraine aufrüstet«. Außenminister Sergei
daten unter Waffen, die Ukrai- Ukraine – aber wie genau er sie unterstützen will, testen Angebote für die Ukraine derzeit aus dem ger Motoren. Die Ukraine hat genau das zu bieten Lawrow warnte die Türkei, die »militaristische
ne nur ein Viertel davon. Russ- sagte er nicht. Sein Außenminister sprach mit dem Süden. Mitte April flog Selenskyj nach Istanbul. und wird zum Beispiel einen neuen türkischen Stimmung der Ukraine nicht anzuheizen«. Putin
land gibt im Jahr mehr als drei- ukrainischen Amtskollegen über mögliche Waf- Er fährt gern in die Türkei, es war schon sein vier- Marschflugkörper mit einem Antrieb ausstatten. weiß, was er gegen Erdoğan in der Hand hat:
zehn Mal so viel Geld für Militär fenlieferungen. Auch eine Nato-Mitgliedschaft der ter Besuch seit seinem Amtsantritt 2019. Präsident Gemeinsam wollen die beiden Staaten auch einen Russland liefert der Türkei Erdgas und Abwehr­
und Rüstung aus wie die Ukraine. Russland hat Ukraine kommt für die USA grundsätzlich infrage. Erdoğan hieß ihn in seiner Bosporus-Residenz Motor für den türkischen Kampfpanzer Altay bau- raketen, es baut ein Atomkraftwerk und schickt
mit 13.000 Fahrzeugen die größte Panzerarmee Viel tun sie jedoch nicht dafür, denn den Donbass-­ herzlich willkommen und verurteilte die »Annexion en, ein Projekt, aus dem deutsche Firmen nach außerdem Urlauber. Als Erstes hat die russische
der Welt, die Ukraine kaum ein Fünftel dessen. Konflikt mit Russland wollen sie nicht in die Nato der Krim« durch Russland. Ganz offen unterstützt dem doppelten Putsch in der Türkei 2016 ausge- Regierung die Charterflüge für Touristen in die
Und nun stehen womöglich schon über 100.000 importieren. er den Beitritt der Ukraine zur Nato – empathi- stiegen sind. »Die beiden Länder ergänzen sich Türkei streichen lassen. Das wohltemperierte Bad
russische Soldaten an der ukrainischen Grenze. Wolodymyr Selenskyj fordert nun genau das: scher und entschiedener als die Europäer. Erdoğan ganz gut«, sagt Kınıklıoğlu. Man geht jeweils beim an der türkischen Küste solle »moralisch unmög-
Die Atom-Supermacht baut sich gegen eine Ukrai- die Mitgliedschaft in der Nato. Die Ukrainer ha- nervt Selenskyj auch nicht mit Reformen gegen anderen shoppen. Die Ukraine, die kaum leis- lich« werden, höhnte der Vizepräsident des Föde-
ne auf, die 1994 freiwillig auf ihre Atomwaffen ben bis heute nicht verwunden, dass ihnen auf die Korruption; das hört er selbst nicht so gern. tungsfähige Werften hat, kauft vier Korvetten in rationsrats Konstantin Kossatschow. Auch in Sy-
verzichtete – übrigens für die Garantie ihrer Gren- dem Nato-Gipfel 2008 zwar eine wolkige Bei- Die Ukraine hat umgekehrt schon geflohene­ der Türkei, Ankara hat einen Kaufvertrag über ein rien könnte Russland der Türkei erheblich scha-
zen durch Russland, Großbritannien und die trittsperspektive irgendwie irgendwann in Aus- türkische Oppositionelle an Ankara ausgeliefert. ukrainisches Luftabwehrsystem unterschrieben. den, indem es der türkischen Armee die Kontrolle
USA. Genau diese Grenzen stehen nun zum zwei- sicht gestellt, ihnen aber der dafür notwendige Doch Selenskyj hat noch mehr vor mit Erdoğan. Europäer und Russen bleiben außen vor. über weite Teile des Nordens streitig macht.

W
ten Mal seit 2014 infrage. membership action plan verwehrt wurde. Und »Die Türkei ist ein sehr verlässlicher strategi- Dreht sich die Türkei weg von Russland, hin
Was macht der Stärkere, wenn er den Schwä- Ukrainer mit langem Gedächtnis wissen: Angela scher Partner für uns geworden«, sagt die stellver- zur Ukraine? Tatsächlich schauen Selenskyj und egen dieser Verwundbarkeiten
cheren vor sich hat? Altes Schulhof-Prinzip: Er Merkel spielte bei der Verhinderung eine entschei- tretende Außenministerin Olga Stefanischyna der Erdoğan aus ähnlichem Blickwinkel auf das dürfte die Solidarität der Türkei
drängt ihn in eine dunkle Ecke und zeigt die Fäus- dende Rolle. ZEIT. »Wir sind dabei, ein Freihandelsabkommen Schwarze Meer. Die russische Annexion der Krim mit der Ukraine im Ernstfall
te. In diesem Fall entsprechen die den russischen Die Europäer sind bei der Ukraine viel vor- abzuschließen. Vor allem aber arbeiten unsere ist für die Ukraine eine nationale Katastrophe und Grenzen haben. Ein klares Weg-
Soldaten rund um die Ostukraine. Wie bei der sichtiger als die USA. Das Erste, was Selenskyj An- Rüstungs- und Verteidigungsindustrien vertieft für die Türkei eine Bedrohung. Die Halbinsel drehen von Russland ist nicht zu
Besetzung der Krim 2014 spricht die russische fang April aus Paris und Berlin zu den russischen zusammen.« selbst war bis zum 18. Jahrhundert unter osma­ erwarten. Eher ein Winden und Schlängeln bei

U
Propaganda von ukrainischen »Faschisten« und Truppen an der Grenze hörte, war, dass »beide nischer Kontrolle, daran erinnert der geschichts­ weiteren Streitereien mit Moskau. Es fällt doch
Kiewer »Provokationen«. Seiten sich zurückhalten« sollten. Die Äquidistanz nd das sieht so aus: Die Türkei liefert besessene Erdoğan gern. Er sieht sein Land als Be- auf: Wo immer ein Konflikt in der Region aus-
Und was macht der Schwächere? Er schaut sich zwischen dem Stärkeren und dem Schwächeren der Ukraine ihre gefürchteten Droh- schützer der muslimischen Krimtataren, deren bricht, ob in Libyen, Syrien, im Kaukasus oder am
nach Verbündeten um. Der Aufmarsch der russi- empörte die Ukraine. Auch ein Telefongespräch nen des Typs Bayraktar ­TB-2. Diese politische Vertreter heute unter russischer Herr- Schwarzen Meer – stets stehen Putin und Erdoğan
schen Streitkräfte hat alle Voraussetzungen für eine von Merkel und Emmanuel Macron mit Putin ir- unbemannten Kampfmaschinen hat schaft verfolgt werden. Aber wichtiger noch sind auf entgegengesetzten Seiten.
Weltkrise, und die ukrainische Regierung tut alles, ritierte Selenskyj, der nicht geladen war. Mitte die Türkei bereits in Syrien und Li- die geopolitischen Folgen. Dank der Krim hat Hat sich also das Werben um die Welt für die
damit das auch jeder begreift. Ihr Präsident sitzt April besuchte Selenskyj dann demonstrativ Präsi- byen eingesetzt und zuletzt an die Aserbaidschaner Russland seine Küstenlinie mehr als verdoppelt, Ukraine ausgezahlt? Tatsächlich hat Wolodymyr
am Telefon und im Flugzeug, spricht mit Ameri- dent Macron in Paris, die Bundeskanzlerin wurde in Bergkarabach geliefert. Die türkischen Drohnen die Südspitze der Krim liegt in der Mitte des­ Selenskyj viele warme Worte gesammelt. Davon
kanern und Europäern. Jüngst hat Wolodymyr zum Dreiergespräch digital dazugeschaltet. Ver- haben diese Kriege mit entschieden – sehr zum Binnenmeeres. wiegen die unterstützenden Erklärungen des US-
Selenskyj am Schwarzen Meer überraschend Ver- spätet schoben Franzosen und Deutsche nach, dass Entsetzen der Russen, deren Verbündete in Libyen Das nutzt Moskau aus. Das russische Militär Präsidenten sicherlich etwas schwerer als der vor-
stärkung bekommen von einem Land, das viele sie die »Unversehrtheit und Unabhängigkeit der und Armenien verloren. Wenn die Ukrainer von plant nach Moskauer Zeitungsberichten, Teile des sichtige Zuspruch aus Paris und Berlin. Aus An-
eher auf russischer Seite wähnten: der Türkei. Ukraine in den international anerkannten Gren- ihren Bayraktar TB-2 im Donbass-Gebiet Ge- Schwarzen Meeres und die Meerenge von Kertsch kara kommt derweil konkrete Hilfe. Alle sind
Russland versucht, den Konflikt bilateral auszutra- zen« unterstützen. Wie genau, sagten auch sie brauch machen, könnten sie die Stellungen der für ausländische Marine und staatliche Schiffe für alarmiert. Westliche Politiker warnen Putin. Auch
gen – und die Ukraine setzt alles daran, ihn zu in- nicht. Doch die Ukrainer kennen die Mittel der prorussischen Separatisten hart treffen. Nun wol- sechs Monate zu sperren. Die Ukraine wäre damit könnten Sanktionen folgen, um Russland abzu-
ternationalisieren. Kann diese Strategie aufgehen? Europäer: Ermahnungen an Kiew wegen schlep- len die Ukraine und die Türkei eine neue, größere nicht mehr in der Lage, ihre Häfen Mariupol und schrecken. Die Ukraine hat in der Krise viele
Der neue US-Präsident Joe Biden hatte den pender Reformen, Ermahnungen an die Russen Drohne gemeinsam entwickeln. Das Fluggerät Berdjansk am Asowschen Meer zu verteidigen. Freunde – solange niemand ernsthaft schießt.
ukrainischen Präsidenten im Frühjahr wochenlang wegen Unterstützung der Separatisten, vielleicht kommt aus der Türkei, der Motor aus der Ukraine. Das beunruhigt nicht nur Selenskyj, sondern auch Denn eine echte Sicherheitsgarantie, wie es
hingehalten. Wolodymyr Selenskyj sollte zunächst weitere Sanktionen gegen Moskau und die Ver- Die Verteilung ist kein Zufall. Erdoğan und die Nato. Die Türkei, das Land mit 1994 im Austausch für die Nuklearwaffen ver-
einige dringende Reformen gegen Korruption um- handlungen von Minsk. Seit sechs Jahren stehen »Die ukrainische Rüstungsindustrie hat Pro- der längsten Küstenlinie, muss zusehen, wie die sprochen wurde, gibt niemand. Wenn die rus­
setzen, bevor ihm die Ehre eines Anrufs aus dem diese auf der Stelle. Selenskyj fordert nun einen dukte, an denen die Türkei sehr interessiert ist«, russische Marine ganze Teile des Schwarzen Mee- sischen Truppen die Grenzen überschreiten wür-
Weißen Haus zuteil werden würde. Es waren An- Vierer-Gipfel mit Merkel, Macron und Putin. Da- sagt Suat Kınıklıoğlu, ehemals Berater von Er- res absperrt. Russlands Expansion erklärt Erdoğans den, stünde die Ukraine mit ihrer Verteidigung
fang April dann nicht Reformen, sondern die russi- bei könnte in dieser Lage nicht mehr als Stillstand doğan, später für die Opposition, heute Forscher warmen Empfang für Selenskyj. allein.

UKR AINE Donbass


Berdjansk Mariupol
Der ukrainische Der türkische Der russische Asowsches
Präsident Präsident Recep Präsident Wladimir Meer
Wolodymyr Tayyip Erdoğan Putin droht der Krim RUS S L A N D
Selenskyj sammelt laviert biegsam Ukraine mit Krieg Sewastopol Straße
Verbündete und zwischen und der Türkei mit von Kertsch
Waffen allen Fronten Urlauberschwund Bosporus Schwarzes
Meer
TÜRK EI 400 km
Istanbul Ankara ZEIT- GRAFIK
DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 POLITIK 9

Macht unter Mächten Wenn Europa in der Welt bestehen will, muss es von China lernen –
das fällt vor allem Deutschland schwer  VON LUUK VAN MIDDELAAR

S
o einsam war die Europäische­ politik Europas gegenübersteht. Öffentliches Dafür sollten wir von den Besten lernen. Chi- Die schwierigste Aufgabe für Europa besteht letzten Stunden des Jahres 2020 verabredet, um
Union noch nie – auch dies ge- Unbehagen machte sich breit. nas strategische Fähigkeiten basieren zum einen jedoch darin, die eigene Strategie in eine lang- Handel und Investitionen zu erleichtern.­
hört zu den neuen, bitteren Er- Dieses Unbehagen hat sich vor wenigen­ auf dem Zentralismus; die von Xi Jinping als Ge- fristige Perspektive einzubetten. Die europäi- Beobachter waren jedoch am meisten davon
fahrungen der Pandemie. Wochen noch einmal verstärkt. Nachdem die neralsekretär geführte Kommunistische Partei ist sche Staatengemeinschaft hat eine historische überrascht, dass Europa eine selbstständige geo-
Am Anfang, als die Seuche EU-Außenminister vier regionale chinesische mächtiger als der Staat. Das zweite wesentliche und kulturelle Identität; für alle Beobachter­ politische Tat vollbracht hatte, gegen den Wil-
ausbrach, musste jede Regie- Funktionäre, die sie für die Unterdrückung der Element ist ein integraler Ansatz: Politik, Wirt- außerhalb des Kontinents ist das klar. Woran es len Washingtons. Das Team Biden hatte die EU
rung der Welt zunächst alles muslimischen Minderheit der Uiguren mitver- schaft und Sicherheit werden in Peking selbstver- mangelt, ist der Wille – oder die Fähigkeit – der ausdrücklich gebeten, bis zum Amtsantritt des
versuchen, um die eigene Bevölkerung zu antwortlich machen, auf eine Sanktionsliste­ ständlich als ein Ganzes betrachtet, das gilt für die Europäer, diesem Narrativ eine politische Form neuen Präsidenten im Januar zu warten, um
schützen. Aber schnell wurde deutlich, dass die- gesetzt hatten, reagierte Peking überraschend Neue Seidenstraße genauso wie für die Impf- und zu geben. Die Verlockung des Universalismus dann eine gemeinsame Botschaft an China zu
se Krankheit auch die Gelegenheit bietet, ande- scharf. Die chinesische Regierung verhängte­ Maskendiplomatie. Der dritte Trumpf ist das­ ist stark, ebenso die Versuchung, in einem senden. Hätte die EU sich darauf eingelassen,
re Länder und Akteure zu schwächen oder zu ihrerseits Sanktionen gegen zehn Europaabge- Geschichtsbewusstsein. Als große, bevölkerungs- »Westen« aufzugehen, der auch die Vereinigten hätte sie aller Welt vorgeführt, dass sie sich nur
manipulieren. ordnete, 27 EU-Diplomaten und mehrere wis- reiche Zivilisation denkt China politisch in Jahr- Staaten und Kanada umfasst. Doch die Verhält- traut zu handeln, wenn sie dafür grünes Licht
Während die Großmächte China und Verei- senschaftliche Institute, darunter das renom- zehnten und Epochen statt in Jahren oder bis zum nisse haben sich verändert. Ein deutlich ausge- aus Washington bekommt.
nigte Staaten jeweils eine geomedizinische Teile- mierte Mercator-Institut in Berlin. prägtes, starkes Selbstbild erfordert deshalb eine
und-herrsche-Politik verfolgten, wartete die Die EU ist es gewohnt, Diktatoren aus doppelte narrative Emanzipation. Werte predigen und Autos verkaufen –
Europäische Union im Frühjahr 2020 zunächst armen, weit entlegenen Ländern Auf der einen Seite hat der Auf- das funktioniert nicht mehr
ab, einsam und unentschlossen. Nicht genug aus einer Position der mora- stieg Chinas den Universalis-
Masken und Schutzanzüge; überfüllte Kranken- lischen und ökonomi- mus »provinzialisiert«. Während das Abkommen also von einem neu-
häuser; Mitgliedsstaaten, die miteinander um schen Überlegen- Welche politische em Selbstbewusstsein kündete, traten auch die
Ressourcen ringen. Wie kaum jemals zuvor heit zu bestra- Bedeutung Schwächen schnell zutage. Die Übereinkunft
spürte Europa seine Verwundbarkeit. fen oder zu können wurde heftig kritisiert; Merkel, die darauf ge-
So gelangte die europäische Öffentlichkeit boykot- »uni- drängt hatte, verteidigte sie nur leise, Macron
im pandemisch-politischen Mahlstrom des ver- gar nicht. Von der Leyen vermittelte im Europa-
gangenen Jahres zu vier genauso entlarvenden parlament sogar den Eindruck, sie distanziere
wie erschütternden Erkenntnissen. Erstens: Eu- sich von dem eigenen Beschluss. Europa hatte
ropa war in dieser Katastrophe nicht das Rote zwar gehandelt, aber fast niemand übernahm in
Kreuz der Welt, sondern selbst der Patient. der Öffentlichkeit die Verantwortung dafür.
Zweitens: Bei der Bekämpfung der Pande- Bereits 2019 hatte die EU in einem Stra-
mie war der große Verbündete, der seit tegiepapier drei Rollen für China definiert:
1945 in allen internationalen Krisen die Das Land sei gleichzeitig ein Partner im
Führungsrolle gespielt hat – die Verei- Hinblick auf globale Ziele wie etwa in
nigten Staaten –, abwesend, ja sogar der Klimapolitik, ein Wettbewerber auf
selbst in einem mitleiderregenden wirtschaftlichem und technologi-
Zustand. Auch wenn die Töne aus schem Gebiet und ein Systemrivale,
Washington nun wieder freund- der ein alternatives politisches
licher geworden sind, wird man Modell verkörpert. Das war ein
das »America first« in einem konzeptioneller Durchbruch,
Moment der Wahrheit nicht aber seitdem steht das Denken
vergessen. Drittens: Es war still. Wie interagieren diese
das ferne, fremde und von Rollen? Kann man sie gleich-
den meisten Europäern zeitig spielen? Was sind die
verkannte oder unter- roten Linien, die wir bei der
schätzte China, das per Wahrung unserer Werte zu
Flugzeug tonnenweise verteidigen bereit sind?
medizinisches Material in Vor allem Deutschland
alle Welt liefert, auch zu fällt es schwer, diese De-
uns. Und viertens, um batten zu führen.
die Demütigung vollstän- Geht es um die Welt-
dig zu machen: Die euro- macht China, zahlen wir
päische Öffentlichkeit politisch und wirtschaftlich
lernte aus eigener Erfah- einen Preis, wenn wir über
rung, dass zwischen Not- Werte reden. Darüber müs-
hilfe und Machtpolitik ein sen wir uns im Klaren sein.
schmaler Grat liegt. Es gibt gute Gründe, etwa
All diese Erkenntnisse die Unterdrückung der­
stellen das geografisch-his- Uiguren zu kritisieren. Aber
torische Selbstbild Europas wir brauchen auch die Mög-
auf den Kopf. Auf der Welt- lichkeit, Werte und Interessen
karte der Emotionen tau- abzuwägen. Bidens Washington
schen Mitleid und Respekt die spitzt die Auseinandersetzung
Plätze. Die Pandemie zwingt mit Xis China narrativ zu – als
uns zu einer postkolonialen Sicht einen neuen globalen Kampf von
der Volksrepublik China, einer Demokratie gegen Autokratie. Es ist
post­atlantischen Sicht der Vereinig- verführerisch – und für Deutschland
ten Staaten und einer Neubestim- fast zwingend –, in dieser Erzählung auf
mung der eigenen kontinentalen Posi- der Seite des Guten zu stehen. Und nie-
tion und Identität. mand plädiert für eine Äquidistanz zwi-
Der Aufstieg Chinas hat sich wirt- schen der amerikanischen Demokratie und
schaftlich seit Langem angekündigt, nun dem Ein-Parteien-Regime in Peking. Aber­
rückt er alle weltpolitischen Verhältnisse in ein Europa muss seine eigenen wirtschaftlichen und
neues Licht. Im Verhältnis zu Europa stechen geostrategischen Interessen verfolgen, die nicht
vier Etappen hervor. Nach der Bankenkrise Ist China für die EU mehr so selbstverständlich mit denen der USA
2008 – und der darauf folgenden Euro-Krise ein Partner oder ein Rivale? übereinstimmen wie früher. Ist den deutschen und
– suchten viele europäische Regierungen hän- tieren. Oder beides? verselle anderen Progressiven, die ihre Empörung gegen
deringend nach Geldquellen, Käufern von Aber wäh- Werte« China herausschreien, die strategische Konsequenz
Staatsanleihen und Exportmärkten. China trat rend deren haben, wenn klar? Wenn Europa seine Position nicht selbst­
als ökonomischer Retter in Erscheinung, vor Gegenmaßnah- die größte Nation bestimmt, werden wir automatisch Teil des US-
allem im Osten und im Süden des Kontinents. men leicht ironisiert der Welt nicht die­ Drehbuchs eines neuen »Kalten Krieges«, in der
Der Verkauf des Hafens von Piräus an eine werden können, hat dies- Absicht hat, sich jetzt oder Rolle von Vasallen.
volkseigene chinesische Reederei steht hierfür mal niemand gelacht. Zum ersten in Zukunft an sie zu halten? Die zweite, in Deutschland ebenso große
als Fanal. Mal seit Jahrzehnten wird Europa von Auf der anderen Seite hat die Selbst- Gefahr, ist die Heuchelei. Sie entsteht, wenn
Der zweite Schritt folgte 2016 mit dem­ einer nicht westlichen Macht diszipliniert – der sucht von Trumps Amerika den Zauber des wirtschaftliche Interessen verfolgt werden, ohne
»Kuka-Schock«. Nachdem ein chinesischer vierte und bislang letzte Schritt. »Westens« gebrochen. Nach den Jahren 2016 darüber zu reden. Sonntags Werte predigen,
Konzern den Augsburger Roboterbauer, einen Die neuen Machtverhältnisse spiegeln sich in nächsten Wahltermin. Die langfristige Perspek­tive bis 2020 wird es für die Europäer schwierig sein, aber von montags bis samstags Autos und Pipe-
Weltmarktführer, erworben hatte, verstand die der Verteilung politischer Verantwortlichkeiten sorgt für das nötige Selbstvertrauen, während der noch einmal an die Verheißung der Pax Ameri­ lines verkaufen – dieses Geschäftsmodell funk-
deutsche Industrie: Peking meint es ernst mit wider: China wird Gegenstand der Innenpolitik Zentralismus und der integrale Ansatz Entschei- cana zu glauben. tioniert nicht mehr. Die europäische Öffent-
dem 2015 beschlossenen Plan, China innerhalb und Chefsache. Im Oktober 2020 bekennen sich dungen erleichtern. Die Geschichte, die die EU von sich selbst lichkeit toleriert die deutsche Doppelmoral
eines Jahrzehnts weltweit zur technologischen Merkel, Macron und ihre europäischen Kollegen Im Grunde »kopiert« China die im 20. Jahr- erzählt, beginnt am 9. Mai 1950. Damals hatte nicht länger.
Führungsmacht zu machen. Das Land ent- einstimmig zum Ziel der »strategischen Autono- hundert von den USA verfolgte globale Strate- der französische Außenminister Robert Schu- Europa braucht, um sich geopolitisch zu
puppte sich als Rivale der starken Staaten, statt mie«. Was das bedeutet, wird nun in der Pandemie gie, angepasst an die Bedingungen des 21. Jahr- man vorgeschlagen, die Kohle- und Stahlpro- emanzipieren, Gremien, in denen politische
nur Wohltäter der schwachen zu sein. Jetzt deutlich: Will die Union nicht in der Falle zwi- hunderts. Pax Sinica. Auch die Vereinigten duktion Deutschlands und Frankreichs zusam- Urteile gefällt und zuweilen tragische Entschei-
wachten auch die westeuropäischen Länder auf. schen China und den USA sitzen, muss sie künf- Staaten verbanden und verbinden ja ganz offen menzulegen. Die Versuchung eines klaren dungen getroffen werden können. Das ist keine
tig selbst die ausreichende Produktion oder Be- Wirtschaft und Militärstrategie, Handel, kultu- Bruchs mit der Vergangenheit ist verständlich, Angelegenheit für die herkömmliche Brüsseler
Zum ersten Mal wird Europa von einer schaffung von Impfstoffen und medizinischer relle Ausstrahlung und Geopolitik. erst recht aus deutscher Perspektive. Aber die Technokratie. Solche Entscheidungen erfordern
nicht-westlichen Macht diszipliniert Ausrüstung gewährleisten. Es geht um den Schutz Europa dagegen neigt dazu, die einzelnen zeitliche Verengung ist nicht hilfreich, Europa das narrative Selbstbewusstsein, der Welt und
der eigenen Bevölkerung, aber auch um geopoli- Politikfelder zu trennen und die Aufgaben auf wurde nicht erst mit dem Schuman-Plan­ der eigenen Öffentlichkeit zu sagen: Das ist es,
Dann die dritte Etappe, die Masken- und Impf- tische Handlungsfähigkeit. viele Akteure zu verteilen, was die Möglichkei- »geboren«. Und es kann sich nicht als geopoliti- was wir Europäer sind, das ist es, was wir ver-
diplomatie. Die Machtentfaltung und Selbst­ Die Europäische Union versteht sich als ten geostrategischen Handelns beschneidet. scher Akteur entwickeln, der von den jungen teidigen, das ist der Preis, den wir zu zahlen be-
sicherheit Chinas reicht in diesem Fall weit über Cham­ pion des Multilateralismus. Aber um Zentralismus kann für unsere liberalen Demo- EU-Institutionen alleine getragen wird: Europa reit sind. Nur dann kann es eine Macht unter
einen kleinen Kreis von Betroffenen und­ eine multilaterale Ordnung zu stützen, muss kratien kein Mittel sein. Aber wir müssen besser muss als Staatenverbund handeln. Mächten werden, in einer multipolaren Welt.
Illustration: Martin Burgdorff für DIE ZEIT

Experten hinaus, sie wird im Herzen der euro- die schwachbrüstige Union auch eine multi­ darin werden, Politik, Wirtschaft und Sicher- Es muss sich als politischer Ausdruck unseres
päischen Öffentlichkeit spürbar. In Berlin rea- polare Ordnung fördern. Die Voraussetzung heit miteinander zu verbinden. In der Europäi- Kontinents und eines jahrhundertealten Zi­vi­li­ Luuk van Middelaar, 47, ist Historiker und
gierten Parlamentarier schockiert auf einen dafür ist, dass sie selbst zu einem relevanten Pol schen Union wird das mehr und mehr erkannt. sa­
tions­raums verstehen – so kompliziert das Philosoph, er lehrt an der Universität Leiden.
Zeitungsbericht, laut dem chinesische Diplo- wird, zu einer Macht unter Mächten. Nur dann Zum Beispiel wurde nach dem Kuka-Schock auch sein mag. Ohne eine gemeinsame Vergan- In dieser Woche erscheint sein Buch: »Das
maten deutsche Ministerialbeamte dazu ermun- wird Europa von den Vereinigten Staaten und auf Betreiben von Berlin sehr rasch ein Mecha- genheit gibt es keine gemeinsame Zukunft. europäische Pandämonium. Was die Pandemie
tern wollten, sich positiv über Xi Jinpings China als Mitakteur auf der Weltbühne ernst nismus zur Überprüfung ausländischer Direkt- Die Sackgasse, in der Europa und Deutsch- über den Zustand der EU enthüllt« (Suhrkamp)
Corona-­Management zu äußern. Die Pandemie genommen werden. Das ist eine gemeinsame investitionen geschaffen, der geopolitische Kri- land Gefahr laufen, sich zu verfangen, wird mit
führte vor, dass China eine strategische Europa- Aufgabe für die Brüsseler Institutionen und für terien einbezieht – ein Wendepunkt für die dem europäisch-chinesischen Investitions­ Zum Einf luss Chinas in Europa siehe auch
politik verfolgt, der keine strategische China- die Hauptstädte. Brüsseler Freihandels-Orthodoxie. abkommen deutlich. Dieser Deal wurde in den Wirtschaft, Seite 27
22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

10 STREIT
Cheers! Nein, prost!

Ein Hoch auf


den Brexit-
Wagemut – oder
doch lieber auf
die deutsche
Gemütlichkeit?
Foto: Daniel Stier für DIE ZEIT; kl. Fotos: privat; Sebi Berens für DIE ZEIT (v. l.)

Während Deutschland noch zusperrt, treffen sich die geimpften Briten schon in Pubs. Trotzdem machen die Deutschen es besser,
sagt der englische Journalist und Bestsellerautor John Kampfner. Überhaupt nicht!, entgegnet sein deutscher Kollege Jan Roß

DIE ZEIT: John Kampfner, Sie haben ein Bundes- lichkeit, die nicht nur ihnen nutzt, sondern am damit zu tun, dass der Brexit mein Land ins ­Chaos ZEIT: Seriosität heißt in Deutschland aber eben meistern? Das wird zweifellos eine harte Frage für
republik-Bewunderungs-Buch geschrieben, in dem Ende vielleicht sogar der EU. Denn Großbritannien gestürzt hat. Daher das Interesse an Deutschland, schon oft Status quo, oder? die neue deutsche Führungsgeneration.
es heißt, Deutschland sei zu beneiden: »Es hat sich wird ein interessanter, leichtfüßiger Wettbewerber, das man mit einer reiferen Politik verbindet. Kampfner: Klar ist: Angela Merkels Zeit ist vorbei. Roß: Dass mir der Brexit plausibel vorkommt,
eine Reife erworben, die vielen anderen Ländern der die EU hoffentlich eines Tages an ihrem zen- Roß: Klar, Großbritannien stolpert gerne in Dinge Es wird Zeit für Deutschland, sich zu bewegen. heißt nicht, dass ich einen Dexit für vertretbar
fehlt.« Wirklich? In der Corona-Krise präsentiert tralistischen Kurs zweifeln lässt. hinein, das war oft so. Ihr verliert ja auch immer die Viele Firmengründer in Berlin haben mir zum hielte.­Unser Schicksal ist unweigerlich mit dem der
es sich als Land der Faxgeräte, der zankenden Mi- Kampfner: Jan, unsere Tendenz, Flaggen zu ersten Schlachten in euren Kriegen, und trotzdem Beispiel erzählt, dass ihr Ruf ruiniert sei, weil ihr EU verknüpft. Aber diese Feststellung bereitet mir
nisterpräsidenten und der fehlenden Impfstoff­ schwenken und im Badezimmer ­Rule, Britannia! kommt ihr am Ende meist ganz gut raus – siehe Start-up pleitegegangen ist. Banken geben ihnen mittlerweile mehr Sorgen als noch vor ein paar Jah-
ampullen. Ist nicht in Wahrheit Ihre Heimat zu singen, ist in den vergangenen Jahren zu einer Corona. Dieses Dilettantische, mit dem man man- kein Geld mehr. In Großbritannien ist Scheitern ren. Zum Beispiel wird die europäische Agenda
Großbritannien das reifere, modernere Land? Obsession geworden. Klar, man könnte darüber ches anfasst, das hat eben auch seine Vorzüge. Die kein solcher Makel. Also, die mangelnde Risiko- immer stärker davon bestimmt sein, den Euro – der
John Kampfner: Ich beschreibe Deutschland oft einfach schmunzeln: ist halt eine Form von Patrio- Briten stecken dadurch weniger tief in gewohnten toleranz ist schon ein deutsches Problem, ja. in vielerlei Hinsicht ein problematisches Konstrukt
mit dem Satz: Langsam, aber sicher. Den verstehe tismus. Ich war ja auch mal stolz auf mein Land. Bahnen fest. Sie sind in der Lage, Überraschendes zu ZEIT: Jan, der Brexit war andererseits nicht nur ist – überlebensfähig zu halten. Deswegen sehe ich
ich sowohl als Lob wie als Kritik. Deutschlands­ Aber das war zu einer Zeit, als es noch in der Lage tun. Der deutschen Kritik am Brexit hingegen liegt ein risikofreudiger Schritt, sondern auch eine Deutschlands Zukunft in der EU nicht rosig.
Internet-Standard zum Beispiel ist schlechter als der war, Britishness mit einem europäischen und glo- auch ein Mangel an politischer Fantasie zugrunde: Brechstangen-Antwort auf Konflikte, die Groß- ZEIT: Scheint fast so, als hätten Deutschland und
Albaniens. Ich weiß noch, wie Tankwarte vor eini- balen Flair zu verbinden. Ich weiß noch, als Tony »Das ist doch gefährlich! Wo soll das hinführen!« britannien schon länger plagen, etwa die politische Großbritannien jahrzehntelang ne­ben­ein­an­der­her
gen Jahren reagierten, wenn ich ihnen meine Kre- Blair an seinem ersten EU-Gipfel teilnahm: 1997 Man muss aber manchmal was riskieren! Wenn man Fokussierung auf London und die Vernachlässi- gelebt, ohne Wesentliches von­ein­an­der zu lernen.
ditkarte entgegenhielt: Was soll ich denn damit?! fuhren er und seine Amtskollegen auf Fahrrädern sich das verbaut, weil man so unheimlich professio- gung der Provinz. Wie »gesund« ist die britische Brauchte es erst die Scheidung, um zu sehen, was
Und natürlich bin ich froh, dass ich, anders als mein durch Amsterdam. Der Ablauf war so choreogra- nell sein will, verliert man politische Freiheit. Politik also wirklich? man hätte lernen könnte?
deutscher Gesprächspartner, schon geimpft bin. fiert, dass Blair als Erster ins Ziel kam. Doch alle Kampfner: Aus der Perspektive eines Deutschen, Roß: Das politische System ist gesund, aber in der Roß: Das Problem geht noch tiefer. Die »angelsäch-
Trotzdem hatte Großbritannien eine der höchsten waren happy: Er war halt ein Brite, aber einer, der der in einer sehr durchregulierten Gesellschaft Gesellschaft gibt es starke Ungleichheiten, vor al- sische Kultur«, die es in Wahrheit nicht gibt, ist zu
Covid-Todesraten der Welt – ein Desaster. Ich glau- sich in Europa zu Hause fühlte. Das »Best of Bri- lebt, kann ich verstehen, wenn Dilettantismus­ lem zwischen Stadt und Land, einem reichen Sü- einer Art Mythos geworden, zu einer gedachten
be, kurzum, der fundamentale Unterschied zwi- tish« waren für mich schließlich die Olympischen einen gewissen ­Charme versprüht. Aber als Brite den und einem vergessenen Norden. Für viele war Kombination aus Marktliberalismus à la USA und
schen den beiden Ländern ist die außergewöhnliche Spiele 2012 in London – es fühlte sich an, als sei sehe ich die Dinge halt aus der britischen Perspek- das Brexit-Votum der Ausdruck von Frust über Thatcherismus à la UK. Dabei ist Großbritannien
Ernsthaftigkeit der Deutschen, ihr Hang zur Selbst- das Land endlich im Reinen mit sich. Das ist jetzt tive. Und da erlebe ich eine infantile Schau’n-wir- diese Lage, das würde ich gar nicht leugnen. Ich ein vielschichtigeres Land, auch mit vielen wohl-
kritik und sogar zur Selbstkasteiung. Diese Attitüde alles zerstört. Wir haben den Sinn für Zusammen- mal-dann-sehen-wir-schon-Politik, die unter der glaube aber, dass Johnson den Brexit auch in dieser fahrtsstaatlichen Traditionen. Das ist in Deutsch-
finde ich so viel besser als die Bombastik und Hy- arbeit und Freundschaft verloren, nach innen wie Würde einer erwachsenen Demokratie bleibt. Au- Hinsicht als Weckruf verstanden hat: Er weiß, dass land aus dem Blick geraten. Die Tatsache, dass viele
bris des heutigen Großbritanniens, für die Boris nach außen. Es ist eine Tragödie. ßerdem ist Deutschland doch zwei gewaltige Risi- er innenpolitisch liefern muss. Deutsche Englisch ganz gut verstehen, lässt das
Johnson das leider perfekte Symbol ist. Roß: John, du urteilst zu hart über dein Land und ken eingegangen in seiner jüngeren Geschichte Kampfner: Ich werde zwar noch auf dem Sterbe- Land vertrauter erscheinen, als es in Wahrheit ist.
ZEIT: Jan, in Ihrem Buch loben Sie ebenjenen zu freundlich über meins. Du schilderst da eine und hat gezeigt: Es kann Krisen. Das eine war die bett den Brexit für falsch halten, aber ich werde Kampfner: Die Deutschen sind offenbar von
britischen Premierminister Johnson. Er sei kein amerikanische Krankheit, keine britische; das­ Wiedervereinigung, das andere die Flüchtlings­ niemals die Wähler verurteilen, die für ihn ge- Großbritannien angezogen: Wo immer man in
missgünstiger Populist, sondern »lebensfreundlich Union-­Jack-­Schwen­ken ist doch etwas anderes als krise. Für beides gab es keine Regeln, und beides stimmt haben, weil sie sich zu Recht eine Dis- Cornwall oder Schottland hinreist, steht schon ein
und optimistisch«, ein »Repräsentant des Ja«. War der »America first«-Nationalismus. Die deutsche hat Deutschland mustergültig gemeistert. ruption gewünscht haben. Nur, so gut wie nichts, deutsches Wohnmobil. Aber obwohl wir uns so
Johnsons Ja zum Brexit also auch richtig? Neigung zur Selbstkritik halte ich für etwas Gutes, Roß: Nein, John, die britische Politik ist alles andere was diese Leute plagt, hat mit der EU zu tun – nahe sind, wissen wir wenig von­ein­an­der. Ich glau-
Jan Roß: Das Lebensfreundliche und Optimis­ gerade mit Blick auf die Geschichte. Aber in der als infantil. In der ersten Corona-Welle, ja, da hatte dafür vieles mit der London-Zentriertheit Groß- be, das hängt auch mit falschen Referenzpunkten
tische, das mir an Johnson und seinem Großbri- Debatte hierzulande über den Brexit gab es ver- Großbritannien desaströse Infektionszahlen. Aber britanniens. Nur mal eine Zahl: Die ostdeutschen zusammen: So ziemlich jedes englische Buch über
tannien gefällt, gefällt mir erst einmal unabhängig störende Züge von Selbstgefälligkeit: Es galt als gleichzeitig gab es lebhafte Parlamentsdebatten, es Bundesländer haben mittlerweile 80 Prozent des Deutschland ist ein Buch über die Weltkriege. Was
von einzelnen politischen Entscheidungen. Es sind völlig klar, dass Johnson ein Clown ist, dass der gab eine Regierung, die dauernd unter Druck stand, Pro-Kopf-Einkommens der westdeutschen Län- soll man da über den Nachbarn im Heute lernen?
gerade heutzutage kostbare Eigenschaften. Als­ Brexit eine idiotische Idee ist und dass die blöden während in den Medien ein ehemaliger Verfassungs- der erreicht. Währenddessen ist das Pro-Kopf- Ich hoffe sehr, dass sich das allmählich ändert. Wo-
Brite hätte ich zwar, anders als Johnson, 2016 ge- Briten das alles noch bereuen werden. Darin zeigte richter die Lockdown-Beschränkungen in einer Einkommen im Norden Englands geringer als möglich, ja, ist die Brexit-Katastrophe in dieser
gen den Brexit gestimmt. Aber im Nachhinein sich eher provinzieller Hochmut. Weise in Grund und Boden gestampft hat, wie sich das der Ostdeutschen. Das ist nicht die Schuld Hinsicht der Beginn von etwas Neuem.
glaube ich, dass die Briten das Richtige getan ha- Kampfner: Ich habe in Deutschland mehr Traurig- das keiner seiner deutschen Amtsbrüder trauen der EU, das ist ein hausgemachtes Versagen.
ben. Sie gewinnen durch den Brexit eine Beweg- keit über den Brexit erlebt als Selbstgefälligkeit. Ich würde. Sprich: Ihr habt eine robuste, antagonisti- ZEIT: Bloß gibt die EU auch kein glänzendes Bild Moderation: Jochen Bittner
glaube, dahinter steckt die unerwiderte Liebe, ja sche Streitkultur bewahrt. Diese Sicherung der po- ab. Sie zieht immer mehr Kompetenzen an sich,
fast Ehrerbietung der Deutschen gegenüber Groß- litischen Gesundheit ist in einer solchen Krise ge- ohne dabei kompetenter zu werden. Warum sollte
John Kampfner arbei- britannien – die ja auch verständlich ist angesichts nauso wichtig wie die Sicherung der öffentlichen sich Deutschland in dieser Art der europäischen Jan Roß ist Groß­
tete für die BBC und der Rolle, die Großbritannien in und nach den Gesundheit. Und da wart ihr besser als wir. Integration wohlfühlen? britannien-Experte
die »Financial Times«. beiden Weltkriegen spielte. Aber diese Bewunde- Kampfner: Rhetorik und Parlamentsdebatten sind Kampfner: Gute Frage. Es stimmt ja, die EU wird der ZEIT. In seinem
Sein Buch »Warum rung wird von den Briten selten zurückgespielt ... in der Politik wichtig, keine Frage. Aber in Groß- gerade geschwächt durch autoritäre Regierungen Buch »Boris Johnson –
Deutschland es besser ZEIT: Moment, Ihr Buch ist in Großbritannien ein britannien sind sie alles. Kompetenz rangiert da- im Inneren und chinesisches Eindringen von­ Porträt eines Stören­
macht« war auf der ziemlicher Erfolg. hinter. Im Bundestag ist die Arbeit in Ausschüssen außen, außerdem hat sich die Kommission als un- frieds« (2020) lobt er
Insel ein Erfolg. Jetzt Kampfner: ... das überrascht mich offen gesagt ein hochrespektiert. In Westminster geht’s ums Thea- fähige Adresse für die Impfstoffbeschaffung erwie- den politischen
ist es auch auf bisschen. Das steht, glaube ich, tatsächlich für eine ter. Wenn ich Clowns sehen will, gehe ich in den sen. Wie kann die EU künftig Großherausforde- Aufbruchsgeist des
Deutsch erschienen neue Wertschätzung Deutschlands. Und die hat Zirkus. Ich will aber Seriosität. rungen wie Klimaschutz und neue Pandemien britischen Premiers
»Eine Demokratie, in der
nicht gestritten wird, ist keine.«
DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 HELMUT SCHMIDT 11

Eltern?
Stören den Betrieb!
Ähnlich wie Minderheiten werden Mütter und Väter
im Job diskriminiert. Es ist höchste Zeit,
sie per Gesetz zu schützen  VON SANDRA RUNGE

ennen wir sie Frau A. Frau A. war erfolg­ welche Eltern heute nur allzu gern diskrimi­ der Erziehung ihrer Kinder beteiligen wol­ etwa schützt nur den Zeitraum von Schwan­ mögliche Erweiterungen seines Anwen­
reich in ihrem Job. Sie arbeitete in einer nieren. Denn das ist in Deutschland immer len. Weil es immer weniger Fachkräfte gibt gerschaft und Stillzeit. Aber was ist mit der dungsbereichs erst recht nicht. Und so viel
Kommunikationsagentur in Berlin in lei­ noch Alltag – und es ist rechtlich möglich. und Firmen es sich nicht mehr leisten kön­ Zeit danach? Und was haben Väter davon? stimmt ja auch: Für die Tatsache, dass eine
tender Funktion, sie hatte Spaß an der Gegen Fälle wie den von Frau A. und Herrn nen, gute Mitarbeitende schlecht zu be­ Auch das Elternzeitgesetz hilft hier Mutter oder ein Vater mal nicht befördert
Arbeit, sie mochte ihre Kollegen. Es gab B. gibt es kaum juristische Handhabe. Und handeln und zukünftige Mitarbeitende so nicht, denn das regelt vor allem Anmelde­ oder nicht eingestellt wird, mag es viele
nur ein Problem: Sie wurde schwanger. das, obwohl wir in Deutschland ein soge­ gar nicht erst für sich gewinnen zu können. bedingungen und Fristen. Das AGG wie­ sachliche Gründe geben, die rein gar nichts
Mit Zwillingen. »Schwierig«, sagte ihr nanntes Antidiskriminierungsgesetz haben. Aber es hat sich unfassbar wenig getan in derum verbietet zwar die Diskriminierung mit der familiären Situation zu tun haben.
Chef, als er davon hörte. Die Babys, der Eltern wurden darin einfach nicht ausrei­ den vergangenen Jahren: Für Mütter und aufgrund des Geschlechts – aber wenn es Aber Eltern darf nicht per se unterstellt
Job, der Stress – er sehe nicht, wie das alles chend mitgedacht. ganz besonders für Väter existieren immer um Eltern geht, bezieht sich das AGG pri­ werden, dass sie weniger leistungsfähig, zu­
funktionieren könne. Mündlich bot er Das Antidiskriminierungsgesetz, eigent­ noch große rechtliche Schutzlücken. mär auf Schwangere und auf Mütter direkt verlässig oder engagiert seien. Wer will schon
seiner Mitarbeiterin eine Vertragsauf­ lich »Allgemeines Gleichbehandlungs­ Auf meinem Schreibtisch stapeln sich nach der Entbindung. Das alles ist extrem wissen, wie der eine oder die andere ihre
lösung an, kündigen durfte er einer gesetz« (AGG), schützt vor Benachteili­ Fälle, jeder einzelne ein Beleg für die All­ löcherig und für Laien kompliziert. Daher Kinderbetreuung organisiert hat? Oder
Schwangeren nicht. Sie lehnte ab. gung aus sechs Gründen: ethnische Her­ täglichkeit und Selbstverständlichkeit, mit brauchen wir eine allgemeine, klare Regel, umgekehrt: wie gut oder schlecht belastbar
Aber kaum war Frau A. nicht mehr kunft, Geschlecht, Religion, Behinderung, der Eltern im Beruf Diskriminierung aus­ die jegliche Benachteiligung von Müttern kinderlose Menschen sind?
schwanger und zurück im Job, bekam sie die Alter, sexuelle Identität. Wer aufgrund­ gesetzt sind. Da sind die Fälle von Frauen, und Vätern verhindert und sanktioniert. Eine Erweiterung des AGG würde einen
Kündigung: Nur einen Tag nach ihrer Rück­ eines dieser Merkmale zum Beispiel im die im Bewerbungsgespräch abgelehnt Und: eine Beweislastumkehr. überfälligen Kulturwandel befördern – ge­
kehr aus der Elternzeit lag das Schreiben auf Berufsleben ungleich behandelt wird, kann werden, sobald sie ihre Schwangerschaft Heute verhält es sich nämlich noch so: rade während der Corona-Pandemie zeigt
ihrem Tisch. Weil die Firma weniger als dagegen klagen. offenbaren. Da sind die Männer, deren Wirft der Chef Herrn B. wegen seiner ver­ sich, wie wichtig der wäre: Unternehmen
zehn Mitarbeiter hatte, durfte der Chef Frau Das ist gut – aber es fehlt ein weiteres Elternzeit-Anmeldung torpediert wird meintlich unambitionierten Elternzeit­ würden gezwungen, ihre Arbeitsweisen und
A. ohne große Begründung entlassen. Diskriminierungsmerkmal: Elternschaft. (»Sind Sie sicher, dass Sie das beantragen nahme aus dem Rennen ums Führungs­ -zeiten familienfreundlicher zu gestalten.
Oder der Mann, nennen wir ihn Herrn Oder, noch weiter gefasst: Fürsorgearbeit, wollen, Herr C.? Länger als zwei Monate nachwuchsprogramm, so muss Herr B. Betriebsräte hätten eine klare Handhabe,
B. Herr B. arbeitete in einem Technik­ schließlich geht es auch um den Schutz von Elternzeit, das gab es in unserer Firma noch seinem Chef im Streitfall nachweisen, dass um gegen Elterndiskriminierung vorzu­
konzern in Süddeutschland. Er war gerade pflegenden Erwerbstätigen. Denn Eltern, nie«). Die Alleinerziehenden, die gar nicht diese Entscheidung mit dessen diskrimi­ gehen. Am Ende liegt darin eine Chance:
Illustration: Karsten Petrat für DIE ZEIT; kl. Fotos: privat; Urban Zintel für DIE ZEIT (u.)

Vater geworden und noch nicht lange aus die ihre Kinder oder vielfach nebenbei sogar erst zum Jobinterview eingeladen werden, nierender Einstellung zu tun hatte. Firmen mit diversen Teams, die Themen
der Elternzeit zurück, er war jung und noch ihre pflegebedürftigen Mütter oder denn wer kümmert sich um die Kinder, Das aber ist gar nicht so leicht. Die we­ aus ganz verschiedenen Blickwinkeln und
motiviert, also bewarb er sich für ein Pro­ Väter versorgen, werden im Arbeitsleben wenn ein Meeting um 17 Uhr stattfindet? nigsten Vorgesetzten sind schließlich leicht­ Lebensrealitäten betrachten, sind oft inno­ Die Anwältin
gramm zur Führungsnachwuchsförderung. systematisch benachteiligt. Um das deutlich Die Mütter und Väter, die sich abfällige sinnig genug, derartige Aussagen schriftlich vativer und erfolgreicher. Sandra Runge
»Schade«, sagte sein Chef da, für dieses zu machen, brauchte es nicht erst eine Pan­ Bemerkungen gefallen lassen müssen, weil festzuhalten. Und wer wollte Herrn B.s Wer eine moderne, diverse und gerechte berät Eltern in
Programm komme Herr B. nicht infrage – demie mit geschlossenen Kitas und Schulen, die Kita schon wieder wegen Quarantäne Chef schon beweisen, dass dieser B. nicht Gesellschaft will, in der das Alleinverdiener­ Rechtsfragen.
schließlich habe er ja Elternzeit genommen. mit Homeschooling auf der einen und aus­ zu ist oder weil sie mit dem kranken Kind schlichtweg für weniger talentiert als seine modell der Vergangenheit angehört und Mit der Initiative
Ehrgeizige männliche Nachwuchskräfte fallenden ambulanten Pflegediensten auf zu Hause bleiben müssen. Mitbewerber um das Nachwuchsprogramm ganz selbstverständlich beide Elternteile #Pro­p arents hat
stelle er sich anders vor. der anderen Seite, mit täglichen Familien­ Der kritischste Zeitpunkt in der elter­ hielt? Mindestens so leicht, wie Menschen erwerbstätig sein können, der muss auch sie im März eine
Das klingt diskriminierend? Das ist es krisen neben der Arbeit. Diese Krise hat lichen Berufsbiografie aber ist der Wieder­ zu diskriminieren, ist es, diese Diskrimi­ dafür sorgen, dass Eltern in dieser Erwerbs­ Online-Petition
auch! Was Frau A. und Herr B. erlebt haben, alles nur auf die Spitze getrieben. einstieg nach der Elternzeit: Die Mütter oder nierung im Nachhinein zu leugnen. tätigkeit nicht mehr ständig benachteiligt gestartet, die zu
ist ein Skandal. In Deutschland erziehen laut Ich arbeite als Fachanwältin für Arbeits­ Väter bekommen oft ihre alte Stelle nicht Das AGG sieht deshalb eine Beweis­ werden. Wie oft das noch vorkommt und mehr Schutz von
Statistischem Bundesamt gut 20 Millionen recht in Berlin. Als ich vor zehn Jahren mit zurück (»Ihre Vertretung hat sich so be­ lastumkehr vor: Im Streitfall müsste künf­ wie falsch das ist, muss in die Köpfe. Wie Müttern und
Menschen Kinder. Etwa 80 Prozent von meiner Kanzlei startete, war mir gerade währt, Frau D.«), sie werden degradiert tig Herrn B.s Chef beweisen, dass er kein man sich dagegen wehrt, muss über das Vätern vor Dis­
ihnen haben daneben noch einen zweiten, selbst erst gekündigt worden – am Tag eins (»Natürlich freuen wir uns, wenn Sie wie­ Problem mit B.s Elternzeit hatte, sondern AGG ins Gesetzbuch. Das ist kein Instru­ kriminierung im
bezahlten Job, wie Frau A. und Herr B. nach der Elternzeit mit meinem ersten Kind. derkommen, Herr E., das Archiv im Keller andere Gründe gegen dessen spezielle ment zur Gängelung von Arbeitgebern. Es Arbeitsleben
Dieses Land könnte einpacken ohne all die Damals hatte ich noch die Hoffnung, die muss sortiert werden«) oder gleich entlassen. Förderung sprachen. ist ein wichtiges Korrektiv, von dem wir alle, aufruft. Mehr als
Mütter und Väter, die sicherstellen, dass Zahl solcher Fälle werde abnehmen. Weil Um solche Herabsetzungen zu verhin­ Auch deshalb ist es leider bis heute so, Eltern und Nichteltern, profitieren werden. 17.000 Menschen
auch morgen noch jemand die Renten be­ sich, so dachte ich, die Gesellschaft daran dern, sind die bestehenden Regelungen dass viele Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber haben schon
zahlt und die Produkte jener Betriebe kauft, gewöhnen würde, dass auch Väter sich an nicht ausreichend: Das Mutterschutzgesetz das AGG nicht gerade beklatschen – und Protokoll: Charlotte Parnack unterschrieben

Dausend Prozent

48,5 %
der Deutschen sind dagegen, dass Falschparken künftig nicht mehr wie bisher
15 Euro, sondern bis zu 55 Euro kosten soll. Unter den Gegnern dürfte die
Generation Granu Fink besonders stark vertreten sein, glaubt unser Kolumnist
Aktuelle Civey-Umfrage für die ZEIT

Peter Dausend
Über den Zusammenhang von Autoliebe nehmen, wenn es ums Auto geht«, nicht sitzen – junge Männer, vor allem die moder­ zent) hält es für falsch, dass Falschparker Ausgang des Autonarren aus seiner selbst ver­ ist politischer
und Harninkontinenz habe ich mir bisher aber, »wenn der Harndrang immer häufi­ nen, carsharen oder steigen auf ihr ­Bike. künftig bis zu 55 Euro für ihre Verkehrs­ schuldeten Abhängigkeit gratulieren. Und Korrespondent im
wohl nur deshalb keine Gedanken ge­ ger wird«. Daraus folgen drei Erkenntnisse: 3. Aus 1. und 2. ergibt sich zwingend: sünde berappen sollen statt wie bisher 15. für diejenigen, die das nicht geschafft haben, Hauptstadtbüro
macht, weil mich die Tatsache, dass mein 1. Mit »Wir Männer« können echte Nur Männer, bei denen der Harndrang Was sie in diesem Fall von »wenn es ums bleibt gleich doppelter Trost: Für den bib­ der ZEIT
E-Mail-Account seit geraumer Zeit von Männer nicht gemeint sein, da echte Männer immer häufiger wird, unternehmen sofort Auto geht« sofort unternehmen, ist schimp­ lischen Tanz ums Goldene Kalb wurden die
Kauftipps für Treppenlifte geflutet wird, in keinen Harndrang haben – echte Männer etwas, wenn es ums Auto geht. Anders ge­ fen: »Abzocke«, »Autohasser«, »Scheißstaat«. Tänzer einst mit der Zerschlagung des Kult­
eine mentale Schockstarre versetzt hat. müssen pinkeln. sagt: Autoliebe ist nur noch etwas für die Haltet ein, möchte man der Generation bildes bestraft. Daran gemessen, kommen
Granu Fink Prosta forte hat diese Blockade 2. Mit »Wir Männer« können auch jun­ Generation Granu Fink. Mehr rasen und Granu Fink zurufen. Wäre unschön, wenn die Goldkalb-Tänzer der Moderne mit den
nun gelöst, genauer gesagt: der Werbe­ ge Männer nicht gemeint sein, weil junge kaum bestraft falsch parken dürfen ist ihnen Andi Scheuers verschärfter Bußgeldkatalog 55 Euro noch gut davon – ihrem geliebten
spot für das Anti-Harndrang-Mittel. »Wir Männer, vor allem die modernen, nie »sofort noch wichtiger als weniger müssen müssen. vor lauter Aufregung noch in die Hose ginge. Auto wird keine Felge gekrümmt. Und: Wer
Männer«, so heißt es dort, seien »schon etwas unternehmen, wenn es ums Auto Womit wir bei unserer Umfrage wären. Den rund 43 Prozent der Deutschen, die bei einem solch geringsten Anlass in die Luft
eigen­artig«, weil wir »sofort etwas unter­ geht«, da junge Männer gar kein Auto be­ Knapp die Hälfte der Deutschen (48,5 Pro­ die Maßnahme befürworten, darf man zum gehen kann, braucht keinen Treppenlift.

Online mitdiskutieren: Mehr Streit finden Sie unter zeit.de/streit


12 INHALT 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Titelthema: Sie oder er? Duell ums Kanzleramt

POLITIK Grüner leben  Eine Behördenstudie Oper  Kirill Serebrennikows »Parsifal« in

VON CHRISTINE LEMKE-MAT WEY  • 52


beflügelt die Gegner der Windkraft – Wien hat prophetische Qualitäten 
Titelthema: Sie oder er?  Armin Laschet doch ihre Ergebnisse sind zweifelhaft 
hat sich im Kandidatenkampf mühsam VON SUSANNE GÖTZE UND
durchgesetzt. Wie will er jetzt weiter­ ANNIK A JOERES  24 Radio  Wird beim WDR gerade die
machen?  VON MARIAM L AU  2 Klassiksparte zu Tode reformiert? 
Der deutsche Klimapabst John Schelln- VON RONALD DÜKER  53
Die Methode Söder  huber will mit Holzhäusern das Klima
VON MAT THIAS GEIS  2 Kolumne  Von unterwegs gesendet 
verbessern 
VON CHRISTINE LEMKE-MAT WEY  54
VON UWE JEAN HEUSER 25
Annalena Baerbock hat gewonnen, ohne
zu besiegen. Um Kanzlerin zu werden, Kunst  Die große japanische Malerin
Politischer Fragebogen  Diese Woche Yayoi Kusama im Berliner Gropius-Bau 
•3
muss sie ihr Erfolgsrezept aufgeben  mit der neuen ARD-Programmchefin
VON ROBERT PAUSCH  VON TOBIAS TIMM  54
Christine Strobl 26
Robert Habeck spricht im Interview Kino  »Songs My Brothers Taught Me«,
China  Kredite aus der Volksrepublik das Filmdebüt der Oscar-Favoritin
über seine Rolle als Nummer zwei  4 bringen den EU-Beitrittskandidaten ­ Chloé Zhao  VON GEORG SEES SLEN  55
Geflüchtete  Das Bundes­innen­ Montenegro in Bedrängnis 
ministerium möchte Straftäter und ­ VON ULRICH L ADURNER  27 Bryan Fogels Dokumentarfilm
Gefährder nach Syrien abschieben  »The Dissident« über die Ermordung
des saudi-arabischen Journalisten
Foto: Sebi Berens für DIE ZEIT

VON PAUL MIDDELHOFF,


UNTERHALTUNG
• 55
Jamal Khashoggi 
•6
YAS SIN MUSHARBASH UND
VON THOMAS AS SHEUER 
FREDERIK TILLITZ  Jürgen Michaelsen  Der Designer war
der erste Deutsche, der in der Pariser Philosophie  Die hilfreiche Erkenntnis-
Multilateralismus  Joe Biden lädt die
Modewelt Fuß fasste. Dabei konnte er kritik postmoderner Denker in Zeiten
Welt zum Klimagipfel – kehrt der Geist
nicht mal einen Knopf annähen. von Corona-Debatten und Identitäts­
der Kooperation in die Welt zurück? 
Was war der Schlüssel zu seinem lebens- politik  VON THOMAS BIEBRICHER  56
VON ANDREA BÖHM , PETR A PINZLER
UND SAMIHA SHAF Y  7 langen Erfolg?  28
Zeitgeschichte  Hermann Stresau
ZEITNAH »Von den Nazis trennt mich eine Welt.
Ukraine  Im Konflikt mit Russland
WISSEN Tagebücher aus der inneren Emigration
Königsblaues Herzblut sucht und findet das osteuropäische
Land überraschende Verbündete 
Corona  Soll man die strenge Impf­
1933–1939« 
VON STEPHAN SPEICHER  57
VON MICHAEL THUMANN  8
reihen­folge ändern oder gleich aufheben?
Das wandfüllende Bild des Schalker Jahrhundertstürmers Klaus Fischer hängt in Stefan Und wann?  VON JAN SCHWEITZER  29 Roman  Jenny Offill »Wetter« 
Europa  Nur wenn die EU lernt, ihre
Willekes Büro. »Seine Fallrückzieher sind Kunst – Sinnbilder dafür, dass ein Spieler das eigenen Interessen zu bestimmen, kann sie
VON CHRISTOPH SCHRÖDER  57
Massentierhaltung  Der Fleischkonzern
Unwahrscheinliche schaffen kann«, sagt der ZEIT-Reporter. Aber jetzt rettet nicht mal gegenüber China und den USA bestehen 
Tönnies will sein Image aufpolieren – Peter Handke »Mein Tag im anderen
VON LUUK VAN MIDDEL A AR  9
mehr ein Wunder den Verein vor dem Abstieg in die Zweite Liga. Willeke erklärt, wie es und entfernt sein Logo vom Dach  Land«  VON IRIS R ADISCH  58
VON ANDREAS SENTKER 
so weit kommen konnte – und dass es auch diesmal weitergehen wird  DOSSIER, S. 13 30 Mary Gaitskill »Das ist Lust« 
STREIT VON MARLEN HOBR ACK  58
Medien  Drei aktuelle Beispiele dafür,
Cheers! Nein, prost! Während wie schlecht Forschungs- und
Nachrichten­logik zusammenpassen  GLAUBEN & ZWEIFELN
© Yayoi Kusama, Courtesy: Ota Fine Arts, Victoria Miro & David Zwirner

Deutschland noch im Shutdown fest-


steckt, treffen sich die geimpften Briten VON STEFAN SCHMIT T  30
wieder im Pub. Trotzdem machen die Trauer  Bei der staatlichen Gedenkfeier
Deutschen es besser, sagt der englische Familie  Die Kinderrechte sollen ins für die Corona-Toten sprachen Anita
Bestseller-Autor John Kampfner. Grundgesetz, doch der Entwurf ist ein Schedel aus Passau und Esrin Korff-
fauler Kompromiss 
• 31
Überhaupt nicht, entgegnet sein Avunc aus Bremen über den Verlust
deutscher Kollege Jan Roß 10 VON JEANNET TE OT TO  ihrer Angehörigen. Sie berichten, warum
sie in Berlin dabei sein wollten
Technik  Pflanzenreste zu verkohlen
Foto: Cyril Zannettacci/VU für DIE ZEIT

Elterndiskriminierung  Ähnlich wie VON EVELYN FINGER  60


Minderheiten werden Mütter und Väter schont die Atmosphäre – und düngt 
im Job systematisch benachteiligt. Es ist VON STEFAN SCHMIT T  33
höchste Zeit, sie per Gesetz zu schützen  ENTDECKEN
VON SANDR A RUNGE  11 Ökologie  Das Reizwort Waldsterben
steht für die größten Umweltproteste der Wo geht’s hier zur Impfung? Ein
Kolumne  Dausend Prozent  alten Bundesrepublik. Heute geht es dem Reise­veranstalter bietet Kurztrips nach
VON PETER DAUSEND  11 Wald schlechter als damals – doch aus Moskau – Immunisierung mit Sputnik V
ganz anderen Gründen  inklusive. MICHAEL ALLMAIER hat es

DOSSIER
VON CHRISTIANE GREFE  • 34 ausprobiert 61

Meine Schule des Lebens  Der isla­ Entdeckt  Was Kryptowährungen über
Genie aus der Anstalt Der deutsche Dior Fußball  Der Traditionsclub Schalke 04
steigt ab – wie konnte das passieren? 
mische Theologe Mouhanad Khorchide
über den Drill in seinem Elternhaus und
die Zukunft verraten 
VON AL ARD VON KIT TLITZ  63
VON STEFAN WILLEKE  13
1977 wies sich die japanische Künstlerin Yayoi Kusama Der Modemacher Jürgen das Islamverständnis in Deutschland 36 Frag doch Ella  Wo ist mein altes,
selbst in die Psychiatrie ein. Dort lebt und malt sie bis Michaelsen alias Yorn über seine Infografik  Noch immer sind Frauen in
abenteuer­lustiges Ich geblieben?  64
GESCHICHTE
heute und ist längst ein Weltstar. In Berlin werden erstaunliche Karriere in Paris der Wissenschaft unterrepräsentiert. Eine Bodyshaming  Eine Lehrerin wird von
Holocaust  5000 Dokumente auf fast Auswahl europäischer Pionierinnen 46 der Gleichstellungsbeauftragten zur
nun die alle Sinne verwirrenden Werke der inzwischen und das beste Kleidungsstück
• 65
14.000 Seiten: Ein Gespräch mit Rede gestellt, weil sie keinen BH trägt 
92-Jährigen gefeiert  FEUILLETON, SEITE 54 von allen  UNTERHALTUNG, S. 28 der Historikerin Susanne Heim zum ­ VON LISA MARIE PETERS 
Abschluss der 16-bändigen Quellen-­ LEO – DIE SEITE
Edition ­»Verfolgung und Ermordung FÜR KINDER Getrennt befragt  Sigrid und Levi
der europäischen Juden«  17 lernten sich in Brasilien kennen und
IN DEN REGIONALAUSGABEN ZUM HÖREN Spezialeffekte  Warum können im Film leben nun in Wien 
Menschen fliegen und Tiere sprechen? VON SAR AH LEV Y  66
ZEIT im Osten  Armin Laschet Alpen-Porträt  Elfie Semotan Die so gekennzeichneten VERBRECHEN Sebastian Bulst kennt sich aus und lüftet
Artikel finden Sie als einige Geheimnisse. Ein Interview 45 Wohnungstausch  Auch wenn man
ist der Kanzlerkandidat, den in fotografierte Super­models. Im
Audiodatei im »Premium- Familientragödie  Jahrelange Streitig- nicht mehr verreisen darf, kann man
der Ost-CDU die wenigsten Gespräch erzählt sie, weshalb sie
bereich« unter keiten nach einer Trennung entladen Auszeichnung  Jeff Kinney, der Autor immer noch die Tapeten wechseln:
wollten. Beginnt jetzt die große trotz ihres internationalen Erfolgs
www.zeit.de/vorgelesen sich in einer Gewalttat. Zurück bleiben von »Gregs Tagebuch«, will besonders Fünf aufregende Tage im Reihenhaus
Rebellion?  VON M . DEBES , glaubt, gescheitert zu sein   28
zwei Mütter, die um ihr Kind trauern  netten Kindern einen Preis verleihen  meiner Tante 
A . HÄHNIG, M . MACHOWECZ UND
ZEIT Österreich  Ein Pfleger
ANZEIGEN IN VON ALEX ANDER RUPFLIN  18 VON K ATRIN HÖRNLEIN  45 VON LISA FRIEDA COS SHAM  67
A . MODERSOHN 16 DIESER AUSGABE
fotografiert den Alltag in der Not­
Foto: Paula Winkler

Wie es wirklich ist ...  in den Nieder-


Die Grünen im Osten freuen sich aufnahme und erzählt, warum Bildungsangebote und
über die Lösung der Kandidatin- viele seiner Kollegen an der Grenze Stellenmarkt WIRTSCHAFT FEUILLETON landen Wein anzubauen 
VON WIEBKE NEDDERMANN  68
nenfrage. Aber nicht unbedingt sind   16 (ab Seite 37),
Agenda Kultur: Apple  Frühere Fans wenden sich gegen Theater  In der Debatte über Rassismus
wegen Annalena Baerbock 
• 19
Kanzler Kurz nutzt Kritik an der Museen, Kunstmarkt, den Konzern  am Düsseldorfer Schauspielhaus spiegeln
»Warum sind meine VON MARTIN NEJEZCHLEBA  17
EU für innenpolitische Zwecke  Bühnen (Seite 58) VON ANN-K ATHRIN NEZIK  sich die großen gesellschaftlichen
RUBRIKEN
Single-Freunde nicht
Auseinandersetzungen der Gegenwart 
• 51
ZEIT Schweiz  Die Schweizer VON U. LADURNER UND F. GASSER 17 Leserbriefe  16
glücklich?« FRÜHER Mietendeckel  Was ist die Alternative? 
In unserer Kolumne Biobauern wehren sich gegen eine VON PETER KÜMMEL 
Auf seinen Reisen sammelte Kaiser INFORMIERT! VON UWE JEAN HEUSER  19
»Hilfe!« antwortet diesmal umweltfreundlichere Landwirt- Der Zweifel29
Joseph II. die Ideen für sein
• 33
schaft. Sie fürchten um Die aktuellen Themen Corona-Impfung  So läuft es in den TV-Serien  Endlich gibt es mit »MaPa«
die Paartherapeutin
ihr boomendes Geschäft   großes Reformprojekt. Ein neues der ZEIT schon am eine tolle deutsche Produktion. Doch Stimmt’s?
Tara Christopeit Betrieben VON LISA NIENHAUS 21
VON SAR AH JÄGGI  16 Buch erzählt davon, wie der Mittwoch im ZEIT-Brief, die Fortsetzung ist ungewiß 
Habsburger inkognito das Europa dem kostenlosen VON L ARS WEISBROD  51 Die Position37
Pharmaforschung  Ein Interview mit
Bosco Gurin verliert seine Skilifte  der Aufklärung erkundete  Newsletter dem Hedgefonds-Gründer Andrew Lo
VON ALE X ANDER GR AS S  18 VON FLORIAN GAS SER  18 www.zeit.de/brief Oscars  Die Verleihung wird dieses Jahr 3 ½ Fragen38
über die richtige Finanzierung  22
von Steven Soderbergh als Film präsen- Impressum 54

wirklich?  VON OLIVER FRITSCH  • 23


Fußball  Kommt die Super-Liga ­ tiert – das ist der Cast des Jahrtausends 
Die ZEIT inklusive aller Regional- und Wechselseiten finden Sie in der ZEIT-App und im E-Paper. VON K ATJA NICODEMUS  51 Was mein Leben reicher macht 68

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Foto: John von Pamer/Gallery Stock/The California Sunday Magazine

In diesem Jahr hat DIE ZEIT sich auf die Suche


begeben nach Menschen, Projekten und Initiativen, Nächste
die mit ihrem Beispiel das Leben im Kleinen wie Woche im
im großen Weltmaßstab ein bisschen besser
machen. Die ersten Ideen finden Sie unter:
Wissen-Teil
der ZEIT.
www.zeit.de/75ideen
Artwork: Amy Friend,

109865_ANZ_371x70_X4_ONP26 1 13.04.21 11:35


22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

DOSSIER
Schalke-Fans
13

Fotos: Max Slobodda/


11FREUNDE (2); Koepsel/Witters;
feuern ihren Christoph Buckstegen; El-Saqqa/
Verein vor der Witters; Bernd Thissen/dpa;
action press; Bernd Jonkmanns/
Arena im Frühjahr laif (im Uhrzeigersinn)
2021 beim Derby
gegen Dortmund
an. Es bringt
nichts: Schalke
verliert 0 : 4

Bernhard Klodt
hält 1958 die
bislang letzte
Meisterschale
für Schalke 04
in die Höhe

Schalke 04 sieht sich noch immer gern als


Arbeiterverein. Doch die Nähe zu den Fans, wie bei
diesem öffentlichen Training 2006 (Bild Mitte),
schwindet seit Jahren immer mehr

Auf den Trikots


Manager Rudi stehen Namen
Assauer zeigt von Fans.
den Fans 1997 Sie zieren die
den Uefa-Cup leeren Tribünen
– Schalkes der Schalker
größter Erfolg Arena

Sinnbild der
aktuellen Saison:
Schalke-Spieler Nahe dem alten
Nabil Bentaleb Parkstadion
am Boden nach in Gelsenkirchen
der Niederlage bejubeln Fans
gegen Stuttgart 1994 einen Sieg
im Februar gegen Dresden

Verlierer der Herzen


Schalke 04, viertgrößter Fußballclub der Welt, muss in die Zweite Liga. Was ist da schiefgelaufen?
Eine Geschichte über Herrscher und Beherrschte  VON STEFAN WILLEKE

I
n der politikwissenschaftlichen Dis- Demokratie eine überwältigende Erfolgsgeschichte. und dann das. Mit einem Mal war der Weg frei für Mei- hat mehr als 200 Millionen Euro Schulden und muss-
kussion über den Zerfall autoritärer Das sagt zwar nichts über Weimar, aber viel über nungsvielfalt, Mut und Aufbruchstimmung. Doch es te die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen um
Regime wird der 30. Juni 2020 wohl Schalke. zogen bloß ein paar Hundert Schalke-Fans zum Gelände eine Bürgschaft bitten.
nie eine Rolle spielen. Dennoch sollte Der 30. Juni 2020 war ein milder, klarer Frühsom- vor dem Fußballstadion und feierten die Abdankung des Wer sich mit den Gründen des Niedergangs be-
man sich dieses Datum merken. Denn mertag. Von der Arena des Fußballclubs Schalke 04, der Monarchen. Ein Augenblick der Erleichterung, aber der schäftigt, stößt auf unbequeme Fragen: Kann es sein,
es war der Tag, an dem die Demokra- auffälligsten Erhebung in der Stadt Gelsenkirchen, konn- Aufstand fiel aus. dass sich die ehemals Beherrschten nicht von der Mo-
tie nach Schalke kam. Das Irrwitzige te man fast bis ins Münsterland blicken. Nichts hatte auf Im Aufsichtsrat rückte der Stellvertreter des Vor- narchie lösen wollen? Weil sie sich von der gewonne-
daran ist allerdings, dass mit dieser eine Sensation hingedeutet, als um 15.52 Uhr die Deut- sitzenden unsicher auf den freien Platz, nichts We- nen Freiheit bedroht fühlen?
Demokratie niemand etwas anzufan- sche Presse-Agentur meldete: Der 64-jährige Clemens sentliches änderte sich, und der FC Schalke setzte sei- Schalke 04. Das ist nicht einfach ein Verein, das ist
gen wusste, noch heute ist das so. Ver- Tönnies, Chef im Aufsichtsrat des Fußballvereins und ne beispiellose Serie des Misserfolgs fort. In den letzten so etwas wie die Ursuppe der westdeutschen Fußball-
glichen mit der Schalker Demokratie Herrscher von Schalke, ist von seinem Posten zurück- 46 Bundesligaspielen hat die Mannschaft nur zweimal
war die viel geschmähte Weimarer getreten. 19 Jahre lang hatte er unangefochten regiert, gewonnen. Schalke steigt bald in die Zweite Liga ab, Fortsetzung auf S. 14
14 DOSSIER 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Von Leid 1904


Auf einer Wiese nahe der Gelsenkirchener
1924
Die Fußballer benennen sich um:
1934
Schalke steht im Finale um die deutsche
und Steinkohlezeche Consolidation kicken ein
paar Jungs im Alter von 14 und 15 Jahren.
Sie spielen jetzt für Schalke 04.
Erste Erfolge stellen sich ein:
Meisterschaft. Der Gegner ist Rekordsieger
Nürnberg. Angeführt von Stürmer Ernst

Leidenschaft
Sie gründen den Fußballverein Emscherkreismeister, Ruhrgaumeister, Kuzorra, der trotz Leistenbruch spielt, holt
Westfalia Schalke. Der Mythos beginnt. Westdeutscher ­Kreisligameister. Königsblau seinen ersten Meistertitel.

Fortsetzung von S. 13 achtmal in der Cham­pions ­League spielte und fünf­ Endlich löste jemand das Versprechen Schalke Glasfront seines Büros aufs Spielfeld. Aber das DDR-Spion und Stasi-Hauptmann, der als Ver­
mal deutscher Vizemeister wurde, droht der Unter­ 04 tatsächlich ein. Aus der Skandalnudel wurde Glamouröseste, was Rheda-Wiedenbrück zu bie­ treter des Konzerns Gazprom noch heute im
gesellschaft. Rund 160.000 Mitglieder hat Schalke gang. Wie konnte es so weit kommen? Die meisten eine ernst zu nehmende Macht. Schalke war ten hat, ist die Dachterrasse eines Hotels am Aufsichtsrat des Vereins sitzt.
04, der viertgrößte Fußballclub der Welt. Unter Vereinsfunktionäre, die darauf in diesem Dossier plötzlich ein Ort, auf den man stolz sein konnte Schlosspark. Hatte Tönnies Pech, tauchte seine Da feierten sie zusammen. Ein Unternehmer,
Deutschlands Sportvereinen kommen nur der FC Antworten geben, tun dies anonym, oft, weil sie – ein Wahrzeichen der Stärke in einer nicht gera­ Firma wegen dubioser Geschäfte im Spiegel auf. der vom Massenschlachten lebt. Ein ehemaliger
Bayern und der Deutsche Alpenverein auf mehr fürchten, sich selbst zu schaden. Auch darin steckt de erfolgsverwöhnten Region. In dem kleinen Hatte er Glück, schaute ein Redakteur der Le- Kanzler, der von einer Gazprom-Tochterfirma
Mitglieder. Schriller als die meisten anderen Profi­ eine Dia­gno­se. Schalke, das Größe verkörperte, wollte sich das bensmittelzeitung vorbei. Wenn Tönnies eine bezahlt wird. Der Boss eines Energiekonzerns,
clubs ist Schalke 04, und dennoch erkennen sich Dem FC Schalke, so viel lässt sich vorausschi­ Ruhrgebiet erkennen. Bühne suchte, die ihm Aufmerksamkeit ver­ der sich als Putins außenpolitische Waffe benut­
viele traditionsreiche Vereine in dem leicht ver­ cken, ist ein Kunststück geglückt, das Beachtung In Gelsenkirchen zog Assauer in ein Haus, das schaffte, dann war sie allein auf Schalke zu fin­ zen lässt. Ein ehemaliger Spitzel, der im Auftrag
zerrten Spiegelbild Schalke. verdient, aber nicht zur Nachahmung empfohlen unbedingt in der Nähe des Fußballstadions zu sein den. Fast 63.000 Menschen versammelten sich einer Diktatur bei Geschäftsleuten im Westen
Man könnte die Geschichte dieses Clubs als eine werden kann: Das 20. Jahrhundert wurde mit aller hatte, damit er frühmorgens zur Geschäftsstelle des bei Heimspielen im Stadion, mehr Leute, als in herumschnüffelte.
Abfolge von Siegen und Niederlagen erzählen, von Gewalt ins 21. Jahrhundert gerettet und dort so Vereins laufen konnte. Er rieb sich für den Club auf. ganz Rheda-Wiedenbrück überhaupt lebten. Wer diese Fotos betrachtet, könnte denken,
großen Momenten, Skandalen, dem Wahn des Fuß­ lange in ein Museum gesperrt, bis aus dem Museum Und doch blieb er der Spross einer untergehenden Innerhalb weniger Jahre wurde Tönnies im Ver­ jemand habe mithilfe von Laiendarstellern den
balls. Das wäre naheliegend. Aber aufschlussreicher ist ein Mausoleum wurde. Am Ende starb sogar das Welt, die ihre ostentative Zigarrenraucher-Herrlichkeit ein zu einem Alleinherrscher, der sich in Zeitungen Paten neu verfilmen wollen.
es, die langen Linien zu verfolgen und zu fragen: An Publikum vor den Bildschirmen, allerdings vor zu einem Zeichen ewigen Lebens umdeutete. »Schalke-Boss« nennen ließ, obwohl er bloß an der Das war die zweite entscheidende Zäsur. Schal­

D
welchem Punkt schlägt der Erfolg in Misserfolg um, Entsetzen – oder vor Langeweile. Einmal stieg Assauer zu seiner Tochter Katy ins Spitze des Kontrollgremiums stand. »Es wird oft ke war nun ein Produkt, das sich glänzend ver­
und warum? Auto, um gemeinsam mit ihr zu einem Trainings­ behauptet, Tönnies habe sich stark ins operative markten ließ, und sei es mithilfe von Potentaten.
Als sich die junge Fernsehmoderatorin Carmen as war mal ganz anders. lager im Münsterland zu fahren. Wie selbstver­ Geschäft eingemischt«, sagt ein Schalker Funk­ Das Größenversprechen führte auf Wege, die ge­
Thomas 1973 im Aktuellen Sportstudio versprach und Schalke war eine Metapher ständlich steckte sich Rudi Assauer eine seiner Zi­ tionär, »aber das stimmt nicht: Tönnies war das fährlich wurden für die Glaubwürdigkeit des Ver­
»Schalke 05« sagte, löste sie damit einen Fern­seh­ für Erfolg. Im Jahr 2001 garren an und verpestete die Luft. »Spinnst du, operative Geschäft.« Und er fügt hinzu: »Unser eins. Mochte sich der Club noch so sehr darum
moment der Fassungslosigkeit aus. In der Bild-Zeitung wurde Schalke beinahe deut­ Papa?«, habe die Tochter ihn gefragt. So erzählt es Fehler war, dass wir das alle mitgemacht haben.« bemühen, sein unverwechselbares ­Image mit Sym­
las sie kurz danach, sie müsse wegen des Versprechers scher Meister. Viel fehlte Katy Assauer heute. Als der Vater sich weigerte, die Im Jahr 2007, als Tönnies dank der Unter­ bolen aus dem Arbeitermilieu zu dekorieren: Mit
sofort gefeuert werden. Das geschah zwar nicht, aber nicht, dann wäre es passiert. Zigarre auszumachen, warf ihn die Tochter aus stützung des früheren Kanzlers Schröder für den der Realität passte dies immer weniger zusammen.
undenkbar wäre es nicht gewesen. Schalke, das war Überwunden waren die Ka­ dem Wagen. Ein ausgesetzter Patriarch blieb am FC Schalke den Sponsorenvertrag mit dem russi­ Im Jahr 2010 trat Schnusenberg ab, um Platz
schon immer die Überdehnung eines manisch-de­ priolen während der neobarocken Phase, in der Straßenrand zurück, unsicher, ob er den Rest der schen Energiekonzern Gazprom eingefädelt hat­ zu schaffen für einen Mann, der viel Herrschafts­
pressiven Gemütszustandes. Männer wie Günter Siebert und Günter Eichberg Wegstrecke zu Fuß bewältigen müsse. Fassungslos te, reiste er mit einer Delegation des Vereins nach raum für sich beanspruchte: den Trainer und
Im Jahr 1930, als sich der 1904 gegründete Verein an der Spitze des Vereins gestanden hatten – in stand er da, aber rauchend. Russland. Auch ein paar Journalisten flogen mit. Sportdirektor Felix Magath, der sich als harter
kurz vor dem Ruin glaubte, ertränkte sich sein Schatz­ der Zeit der Güntarchie. Der eine Günter trug Assauer setzte alles daran, Schalke ein neues Sta­dion Sibirien, Moskau, St. Petersburg. Von Andreas Hund einen Namen gemacht hatte und zuvor
meister im Rhein-Herne-Kanal. Im Jahr 2003 stürzte den Spitz­namen »Forelle«, weil er angeblich mit bauen zu lassen, das besser sein musste als jeder ande­ Müller, dem Nachfolger Rudi Assauers, sah man mit dem VfL Wolfsburg Meister geworden war.
sich der Politiker Jürgen Möllemann bei einem Fall­ bloßen Händen und vor den Augen der Mann­ re Fußballtempel in Deutschland. Im Jahr 2001 wur­ in jenen Tagen nicht viel, umso mehr von Cle­ Clemens Tönnies sah in Magath einen sensatio­
schirmsprung in den Tod. Der Suizid hatte mit Schal­ schaft eine Forelle aus einem Bach gefischt hatte. de die Arena fertig. Sie war das Werk eines Modernisie­ mens Tönnies. Tönnies neben Bohrtürmen, nellen Fang. »Ich habe ihn!«, rief er triumphie­
ke offenbar nichts zu tun, aber wer kann das schon mit Den anderen Günter nannte man »Sonnenkö­ rers, der besessen war, auch von sich selbst. Doch Tönnies in der Schaltzentrale von Gazprom, rend. Mit dem Neobarock war es nun endgültig
letzter Gewissheit behaupten? Zuvor war Möllemann nig«, wegen seiner Vorliebe für kostspielige An­ diese Leidenschaft wurde teuer erkauft. Das Stadion Tönnies überall. vorbei, die stalinistische Epoche begann. Der
als Chef des Schalker Aufsichtsrates abserviert worden. schaffungen. Im Januar 1990 nahm Günter, der verschlang rund 190 Millionen Euro, wurde mit Am Ende rief er die Reporter in einem Ho­ Verein ließ sich darauf ein, Magath sechs Millio­
Der Schauspieler Peter Lohmeyer, seit Jahrzehnten ein Zweite, auf den Bahamas einen zu späten Flug Fremdkapital finanziert, eine riskante Wette auf sport­ telzimmer in St. Petersburg zusammen, im nen Euro Gehalt im Jahr zu zahlen, und nahm es
hartnäckiger Schalke-Fan, drückt es so aus: »Leiden­ und verpasste die Beerdigung des legendären lichen und wirtschaftlichen Erfolg. Raum 737. Eine wichtige Sache habe er zu ver­ sogar hin, dass sich Magath über seinen Arbeit­
schaft, die Leiden schafft.« Schalker Spielers Ernst Kuzorra in Gelsenkirchen. Assauers Zeit ging im Jahr 2006 zu Ende, als der künden, die Petersburger Erklärung: Von nun an geber lustig machte. »Ich verdiene immer zu we­
Was ist nur geschehen mit diesem Club, der sich Damit der Sonnenkönig die Zeremonie trotzdem Schalker Aufsichtsrat ihn entmachtete. Das war sei Josef Schnusenberg hauptamtlicher Präsident nig«, sagte er der Süddeutschen Zeitung.
stets seiner Volksnähe rühmte, sich aber dem Haupt­ erleben konnte, habe er die Trauergäste noch ein­ ganz im Sinne von Clemens Tönnies, dem Fleisch­ des Vereins. Magath residierte in einem vornehmen Hotel
sponsor Gazprom auslieferte? Einem Verein, der sich mal zum Friedhof kommen lassen, um den Toten fabrikanten. Seinen rasanten Aufstieg im Familien­ »Der Schnusi macht bei uns die Kasse«, hatte in Düsseldorf und fuhr morgens ins aschgraue
als »Polacken- und Proletenclub« feiert, auf seine eher ein zweites Mal zu bestatten. Aber das ist nur eine betrieb verdankt Tönnies seiner Fähigkeit, sich un­ Rudi Assauer gesagt, als »Schnusi« noch Finanz­ Gelsenkirchen. Das Leben in zwei Welten wurde
linke Anhängerschaft stolz ist, sich aber von einem dieser halbwahren Geschichten aus der Güntar­ terzuordnen, bevor er die Macht an sich reißt. Als vorstand vor. Schon diese Position war anrüchig, nun zu einem Modell, auch für die meisten Spieler:
Mil­liar­där, dem Großmetzger Clemens Tönnies, so chie, die von Imitationen feudaler Gesten lebte Heranwachsender beugte sich Clemens den An­ weil der Steuerberater Schnusenberg extrem eng auf Schalke trainieren und danach möglichst
bereitwillig führen ließ, als sei Schalke ein Schlachthof? und der Erhöhung von Majestäten. ordnungen des Vaters, eines Metzgers, der den Jun­ mit Tönnies verbunden war. Der Schlachthof schnell zurück nach Düsseldorf fliehen, dem Ort
Wird der Verein von seinen Widersprüchen zerrissen? Dann jedoch wurde Rudi Assauer, der Mana­ gen zwang, ebenfalls Fleischer zu werden. In der gehörte zu Schnusenbergs wichtigsten Kunden, der Flaniermeilen. Mochte der Mannschaftsbetreu­
Schalke 04. Das ist ein proletarisches Versprechen, ger des FC Schalke, zur tragenden Figur. Er mute­ Firma blieb Clemens Tönnies eine unscheinbare der Steuerberater hatte sogar Büros in die Ge­ er noch so sehr für einen Wohnort in der Nähe
auf Halden aus Nostalgie errichtet, eine Hall of F ­ ame. te dem Verein eine neue Sachlichkeit zu. Ruhe, Gestalt, so lange, bis sein dominanter Bruder Bernd schäftsräume des Fleischkonzerns verlegt. Ohne Gelsenkirchens werben und betonen, wie sehr die
Klaus Fischer. Rüdiger Abramczik. Stan Libuda. Die Stabilität, Realitätssinn. Er stellte eine Mannschaft im Jahr 1994 starb. die Aufträge des Schlachthofs wäre aus der Fans eine solche Geste der Verbundenheit schätz­
Zwillinge Erwin und Helmut Kremers. Klaus Fichtel. zusammen, die 1997 den Uefa-Cup gewann. Nach Auf Schalke stahl Assauer dem Metzger pausen­ Steuer­be­ra­tung Schnusenberg niemals eine Fir­ ten: Nur in Einzelfällen gelang das tatsächlich.
Wilder als viele andere Profivereine ist Schalke stets dem dramatischen Kampf um die deutsche Meis­ los die Show. Betrat Assauer einen Raum, stürzten ma mit heute fast 50 Angestellten geworden. Unter den Spielern sprach sich herum, dass teure
gewesen, wütender, melancholischer, durchgeknallter. terschaft im Jahr 2001 saß Assauer verzweifelt im sich die Kameraleute auf ihn, und Tönnies stand Und nun sollte der Unternehmer Tönnies, der Boutiquen in Düsseldorf einen besonderen Service
Allein der Name, wie geschaffen für eine Klangkurve Stadion und weinte. Noch heute wird er von vie­ hilflos daneben. Chef im Schalker Aufsichtsrat, seinen lieb ge­ anboten, das »russische Shoppen«: Sobald sich
in einem seligen Fußballstadion. Schalke – wo sonst len Fans verehrt, weil sie ihren Gefühlsüberschuss Im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück, wo wonnenen Steuerberater Schnusenberg, den Prä­ einer der Fußballer mit seiner Freundin oder Ehe­
ist der Name eines kleinen Stadtteils bekannter als der in ihm wiedererkannten. Und weil sie ihn auf dem die Fleischfabriken ihre Zentrale haben, war für sidenten des Vereins, kontrollieren? Klebriger frau ungestört die Kollektion anschauen wollte,
Name der ganzen Stadt? Weg zu einem sportlichen Durchbruch begleite­ Tönnies kein Ruhm zu holen. Er ließ sich zwar ein konnte eine Berufsbeziehung kaum sein. wurde der Laden abgeschlossen. Einige Spieler
Und doch ist etwas passiert, das unerklärlich ten, den ihnen niemand nehmen konnte. Das war Fußballstadion neben den Schlachthof bauen, Eigentlich wäre dies ein Fall für den Schalker leisten sich für den Weg ins ungeliebte Gelsen­
scheint. Einem Verein, der in den letzten 20 Jahren die erste entscheidende Zäsur. nannte es »Tönnies-Arena« und schaute durch die Ehrenrat gewesen, ein vereinsinternes Schieds­ kirchen noch heute einen Chauffeur.
gericht. Aber auch dort saßen Vertraute des So begann etwas, das sich inzwischen zu einer
ANZEIGE Metzgers, unter ihnen ein Jura-Professor, der Vertrauenskrise gesteigert hat: die fehlende Iden­
Tönnies vor Gericht verteidigte – im sogenann­ tifikation der Spieler mit dem Ort ihrer Arbeit,
ten Hackfleisch-Skandal, einem jahrelangen gefolgt von der fehlenden Identifikation der Fans
Streit um Etikettenschwindel beim Fleisch. mit den Spielern – eine Kaskade der wechselseiti­
Gegenüber der ZEIT äußert sich Tönnies zu gen Entfremdung.
den Vorgängen auf Schalke nicht, und wenn Der Sportmanager Magath sah darin kein
man heute den 80-jährigen Schnusenberg in Problem, weil er glaubte, dass Erfolg und Zu­
Rheda-Wiedenbrück besuchen will, dann erklärt neigung nichts mit­ein­an­der zu tun hätten. Un­
er den Weg zu ihm so: »Fragen Sie einfach ir­ gehörige Untertanen bestrafte er durch demons­

5x DIE ZEIT für
gendjemanden, wo Schnusenberg wohnt. Das tratives Schweigen. »Ich lasse die Spieler die
weiß hier jeder.« Schnusenberg öffnet die Tür Härte der Welt spüren«, sagte er damals zur
seines Hauses und bittet in den Wintergarten, ZEIT. Nie danach hat ein Trainer kälter über

nur 5,– € testen!


der mit Wimpeln des FC Schalke vollgehängt ist. Schalke gesprochen, nie hat einer den Verein
Auf dem Tisch ein Büchlein mit dem Titel Shit gründlicher missverstanden als Felix Magath.
happens! Das Tröstbuch. Mit Schalke, sagt er, habe Sein Verlangen nach Macht, das mit Tönnies’

O
das Buch nichts zu tun. Sehnsucht nach Ruhm korrespondierte, sprengte
die bisherigen Grenzen. Magath blähte den Ka­
Mit der ZEIT sind Sie immer bestens informiert. Testen Sie jetzt 5 Ausgaben für b er die Ämterverquickung der auf, 36 Spieler. Es gelang ihm, den Weltstar
nur 5,– € statt 28,50 € im Einzelkauf – gedruckt oder digital. Wenn Sie danach mit seinem Freund Tön­ Raúl an dessen Karriereende zu verpflichten –
weiterlesen, bedanken wir uns mit einem hochwertigen Geschenk Ihrer Wahl. nies heute in einem ande­ ein Scoop. Zugleich heuerte Magath jede Menge
ren Licht betrachtet? »Das zweitklassiger Fußballer an, für die der Verein
Geschenk war für Schalke nur gut«, noch lange aufkommen musste. Nie konnte es
zur Wahl sagt Schnusenberg lä­ genug sein. Im Aufsichtsrat – so erinnern sich
chelnd, »kurze Dienstwe­ Teilnehmer der Sitzungen – spielte Tönnies Sze­
ge. Selten hatten wir unterschiedliche Auffassun­ narios durch, wie schnell Schalke ins Finale der
gen. Alles gar kein Problem.« An der Logik im Cham­pions ­League einziehen könne.
Reich des Schnusi hat sich nie etwas geändert. Manchmal ließ Tönnies die Runde im Fleisch­
Von nun an konnte man ahnen, wie das Herr­ konzern tagen. Einer der Teilnehmer erfuhr von
schaftssystem künftig funktionieren würde: mit den Beschlüssen einer noch anstehenden Sitzung

+
einer Riege aus Abhängigen und Dankbaren, die schon auf dem Weg dorthin auf der Autobahn: Die
es nicht wagen würden, den Monarchen heraus­ Ergebnisse wurden bereits im Radio gemeldet.
zufordern. Wer aber – was selten geschah – ver­ Manchmal flogen die Aufsichtsräte nach Mallorca,
suchte, sich Tönnies entgegenzustellen, musste um sich dort in Tönnies’ Finca zu vergnügen. In der
mit Konsequenzen rechnen. So weigerte sich WhatsApp-Gruppe des Aufsichtsrates wurden die
Schalke-Manager Andreas Müller im Jahr 2008, Fotos dann etwas privater.
Tönnies’ Verdikt zu folgen und den umstrittenen Gelegentlich bestellte Tönnies seinen Aufsichts­
Trainer Fred Rutten zu feuern. rat zu seinem Anwesen an einem See bei Rheda-
Müller hatte sich in seinen Vertrag schreiben Wiedenbrück. Ein langer, kerzengerader Asphalt­
Print oder lassen, er allein habe über den Trainer zu ent­ weg, der vor einem Portal mit mächtigen Eisen­
digital scheiden. Aber Tönnies wurde am Telefon laut. flügeln endet. Dahinter das Wohnhaus, der Eingang
»Leck mich am Arsch«, sagte Müller und legte zu einem langen unterirdischen Tunnel, an dessen
auf. Wenige Monate später waren beide draußen, Wänden Hunderte Geweihe hängen. Über das Ge­
Müller und der Trainer. lände verstreut weitere Gebäude, darunter ein Haus,
»Tönnies meint, er kann übers Wasser gehen.« das für Gäste geschaffen worden war. Manche von
Das stand für Müller fest. »Und seine Freunde ihnen fühlten sich dort wie in einer Geisterbahn.
von der Bild-Zeitung lassen ihn glauben, dass er Das Haus ist vollgestopft mit den Souvenirs des
nie fallen kann.« Großwildjägers Tönnies: einem Elefantenkopf, den
Seither stellen sich Schalke-Fans quälende Schädeln eines Büffels, einer Löwin, eines Elches,
Fragen: Wie viel falsches Leben darf im richtigen eines Bären – die Welt als Trophäensammlung.
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* richtige Leben sein, um das falsche Leben noch die Aufsichtsräte und ließen sich bewirten.
www.zeit.de/5euro auszuhalten? Man versteht diese Fragen besser,
wenn man sich Fotos aus dem Dezember 2008
Außer Tönnies mussten sie nur eines fürchten:
die Demokratie. Alle drei Jahre wird ein Teil des
en: 1993768 · 1993769 Stud. · 19938
28 Digital · 1993829 Digital Stud. anschaut: ein beseelt blickender Clemens Tön­ Aufsichtsrats von den Mitgliedern des Clubs neu
*Bitte die jeweilige Bestellnummer angeb Bucerius GmbH & Co. KG, Buceriusstraße, Hamburg
Anbieter: Zeitve rlag Gerd nies in der Gazprom-Loge des Schalker Stadions, gewählt, so ist es üblich in dem eingetragenen Ver­
neben ihm Gerhard Schröder und der Gazprom- ein. Das gilt aber nur für sechs der insgesamt elf
Chef Alexej Miller, außerdem ein ehemaliger Aufsichtsräte, die übrigen fünf werden vor dem

109873_ANZ_220x220_X4_ONP26 1 12.04.21 10:26


DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 DOSSIER 15

1971 1994 1997 2021


Die Bundesliga hat ihren ersten großen Der »Kotelett-Kaiser« Bernd Tönnies, ein Die sogenannten Eurofighter um »Willi, Nach Jahren der Misswirtschaft und einer
Skandal – und Schalke ist mittendrin. Wurstfabrikant aus Rheda-Wiedenbrück, das Kampfschwein« Wilmots gewinnen Saison mit vier verschlissenen Cheftrainern
Schalke-Stars wie Stan Libuda werden ­ wird Präsident von Schalke 04. den Uefa-Cup. Unter Manager Rudi ­ steht der Verein vor dem Abstieg in die
gesperrt. Sie hatten Geld vom Gegner ­ Sieben ­Jahre später rückt sein Bruder Assauer beginnt eine erfolgreiche Ära mit ­ Zweite Liga. Dass der Mythos Schalke 04
angenommen und absichtlich verloren. Clemens zum Chef des Aufsichtsrats auf. Pokalsiegen und Vize-Meisterschaften. damit endet, ist nicht zu erwarten.

Willen des Vereinsvolks geschützt. Diese fünf wer- der öffentlichen Tränen zu verfassen, käme er an dem Zwang zur Konformität, und sie dachte sofort präsidentin Leichen angeschaut und eigenwillige Gemeinsam mit anderen exponierten Schalke-
den entsandt oder kooptiert, zum Beispiel von Gaz- Schalke 04 nicht vorbei. an Schalke. Tätowierungen entdeckt: ein Herz neben dem Schrift- Fans und ehemaligen Angestellten des Vereins hat er
prom. Als die Wiederwahl des Rechtsanwalts Jens Der neue Manager von Tönnies’ Gnaden, Dass die Monarchie schließlich zerfiel, lag auch an zug Schalke. Es gibt auch einen Friedhof allein für einen Zusammenschluss gegründet, der sich »die
Buchta, Tönnies’ Stellvertreters im Aufsichtsrat, auf Chris­tian Heidel, trat 2016 an. Das war das Jahr, zwei Schalke-Fans: Stefan Barta und seiner Partnerin Schalke-Fans. Gruppe« nennt – zwölf bis fünfzehn Menschen, die
der Kippe stand, wurde der Vertraute des Metzgers in dem der Metzger seinen 60. Geburtstag be- Katharina Strohmeyer. Im vergangenen Juni saßen die Fußballfans sind flatterhafte Wesen. Fünf hohe Kontakt mit Sponsoren und Spielerberatern aufneh-
einfach entsandt. So läuft es bis heute. ging. »Nur eine kleine Feier«, so kündigte Tön- beiden in einer Pizzeria in Hamm. Über Tönnies war Siege in Folge, und aus einem fürchterlichen Trainer men. Paet­zel wünscht sich »einen Ausbruch aus der
Und dennoch ließ sich das Volk nie vollkom- nies es Freunden an – und lud rund tausend Gäs- gerade eine Debatte entbrannt – nach einem besonders wird ein Supermann. Fünf Niederlagen, und der Lethargie« in einer Zeit des Siechtums. Die Gruppe
men entmündigen. Es konnte sich auf Versamm- te ein. Wer sich Videos des Abends anschaut, der heftigen Corona-Ausbruch in der Fleischfabrik. »Wir Trainer ist wieder ein Voll­idiot. Fans bleiben träumen- versuchte, Ralf Rangnick als neuen Trainer und
lungen artikulieren, es konnte Liebe, Hohn und könnte glauben, eine Promi-Society der alten müssen was tun«, sagte Stefan Barta an diesem Tag. de Kinder, ein Leben lang. Als Schalke im Januar gegen Manager durchzusetzen, aber das ging schief. Gehalt,
Hass verströmen. Bis zum Beginn der Corona- Bundesrepublik sei über Rheda-Wiedenbrück Und so kamen die beiden Fans auf die Idee mit der Hoffenheim gewann, setzte sich der Schauspieler Prämie für den Wiederaufstieg, Vertragslaufzeit, alles
Krise war die Nordkurve im Schalker Stadion die hergefallen. Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Menschenkette. Das Wetter spielte nicht mit, ein Peter Lohmeyer sofort hin und rechnete aus, dass stand schon auf einem Blatt Papier. Man könnte
Heimat der Unerschütterlichen, vereint in ihrer Peter Maffay, Vicky Leandros, Carsten Masch- Wolkenbruch setzte ein, und dennoch verbanden sich Schalke noch deutscher Meister werden könne. diese Gruppe für eine Notstandsregierung halten,
Begeisterung für Fußball und zersplittert in Frak- meyer – sie alle folgten dem Ruf des Metzgers. etwa 1200 Schalke-Fans zu einer Phalanx des Wider- Das Einzige, was heute auf Schalke noch ein- doch diesen Begriff lehnt Paet­zel ab. Vielleicht ist das
tionen. Die Leute aus dem Schalker Fanclub- Als Stargast wurde die Sängerin Helene Fischer stands gegen das System Tönnies. wandfrei funktioniert, ist das Gedächtnis. Sechsmal Ganze auch eher eine Apo, oder ein Rebellennest,
Verband standen dort neben den Supporters, engagiert, die ein rückenfreies Jackett trug, auf der »Ich habe noch jedem den Koffer gepackt«, hatte deutscher Meister zwischen 1934 und 1942, ein wer weiß das schon. Fünf aus der Gruppe wollen
den Ultras und Hugos, nicht alle mit tadellosen Bühne »dem lieben Clemens« einen Kuss auf die Tönnies gern gesagt, bevor Fußballmanager oder weiteres Mal 1958, das wissen die Fans. Das Pro- sich im Juni in den Aufsichtsrat wählen lassen.
Führungszeugnissen ausgestattet, aber mit über- Wange hauchte, ihn umarmte und das Happy Birth- Trainer verschwinden mussten. Nun war es an der blem an der Vergangenheit ist allerdings, dass sie Vielleicht wird dann alles ganz anders, wie bei
wältigender Mehrheit zum Kampf gegen die day-Lied anstimmte. Danach trippelte sie über die Zeit, den eigenen Koffer zu packen. Unklar blieb, was immer vergangener wird, je mehr Gegenwart hin- Yves Eigenrauch. Als Abwehrspieler wurde er auf
Diskriminierung von Ausländern bereit. Bühne und sang: »Let me entertain you.« Tönnies zum Rücktritt brachte. War es Liebeskum- zukommt. Und diese Gegenwart ist bedrückend. Schalke berühmt, weil er einen noch viel berühmte-
Als die Fans spürten, wie respektlos der Sport- Dieses Lied wurde von dem Sportvorstand mer? Die Treuesten der Treuen wollten ihn nicht mehr. Vor wenigen Monaten hat der Verein geprüft, ob ren Gegner ausgeschaltet hatte, den brasilianischen
direktor Magath mit ihnen umging, fürchtete Chris­tian Heidel auf Schalke neu interpretiert, als Klar ist, was seither passiert: Schalke taumelt eine planmäßige Insolvenz infrage komme – immer Weltstar Ronaldo. Sobald Eigenrauch den Ball be-
Tönnies, zwischen die Fronten zu geraten, und Hintergrundmelodie des Geldverbrennens. Heidel dem Abstieg entgegen. Ein Trainer nach dem ande- noch besser als eine ungeordnete Pleite. rührte, rief die Fankurve begeistert ­»Iiiief«. Besucht
holte im Jahr 2010 einen zusätzlichen Vorstand verstand es, sich als smarter Manager zu verkaufen. ren wird geholt und gefeuert, aber die Mannschaft Dieses Szenario ist vom Tisch, aber weiterhin man ihn heute in der Stadt Porta Westfalica, erlebt
nach Schalke, der mit Magath befreundet war: Wieder einmal hatte Tönnies im Aufsichtsrat ver- spielt unverändert, wie traumatisiert. regiert die Ratlosigkeit. Die Führung dünnt sich selbst man einen nachdenklichen Mann. Er sagt: »Wir
Horst Heldt. Seine Aufgabe war es, dem Stali- kündet, er habe »den besten Mann« geholt, »den Der Aufsichtsrat könnte einen Neubeginn wa- aus, ein Rücktritt nach dem anderen. Die neue Chefin sollten uns alle selbst überprüfen.« Als Sonderling
nismus ein menschliches Antlitz zu verleihen. allerbesten«. Während einer Präsentation kündigte gen, auf eine Versammlung der Mitglieder hinwir- für Kommunikation, die erst vor gut zwei Monaten galt er schon früher, weil er im Trai­nings­lager die
»Was Heldt qualifizierte: dass er diesen fürchter- Heidel an, nur noch Spieler zu verpflichten, die ken, aber ihm fällt nichts Besseres ein, als Führungs- eingestellt wurde, hat hingeworfen. Überhaupt fällt linke taz las und sich für Moral im Sport interessier-
lichen Magath ertragen hat«, sagt ein Funktionär wirklich zu Schalke passten: Kämpfer, die alles ge- kräfte wegzuschicken und das ­Chaos regieren zu auf, wie viele Angestellte auf Schalke in den letzten te. Aber was gestern als sonderbar galt, kann mor-
des Vereins heute. ben. Aber was tat er? Er brachte ein Karussell der lassen. Schon werden Stimmen laut, die nach der Jahren das Wort »Kommunikation« auf ihre Visiten- gen systemrelevant sein. Als die Menschenkette in
In dem Moment, da Horst Heldt auf Schalke Gigantomanie in Gang. Kaufen, kaufen, kaufen. Rückkehr des Monarchen verlangen. Astrid Erle- karten drucken ließen, in einem Club, der sich wie die Gelsenkirchen gegen das System Tönnies protes-

I
ankam, endete Magaths Freundschaft zu ihm. 600 Angestellte arbeiten seither auf Schalke, rund bach, Redakteurin beim Fan-Magazin Schalke Un- Deutsche Gesellschaft für Kakofonie aufführt. tierte, reihte sich Yves Eigenrauch dort ein. Kein
Wochenlang erhielt Heldt keine Visitenkarten. 80 mehr als beim wirtschaftlich stärkeren Rivalen ser, sagt: »Ich verstehe es nicht. Wir könnten die anderer früherer Fußballprofi tat das.
An keiner wesentlichen Entscheidung durfte er in Dortmund. Demokratie leben, aber wir sehnen uns schon wie- n der Geschäftsstelle wird noch immer In Eigenrauchs Wohnküche trällert ein altes Nord-
mitwirken, Magath handelte allein. Das war die dritte entscheidende Zäsur. Der der nach dem starken Mann. Warum glaubt man, ängstlich geflüstert, ganz so, als könne der mende-Radio vor sich hin, als er sagt: »Fußball ist
In der Geschäftsstelle des Vereins waren die Verein versuchte, Erfolge finanziell zu erzwingen. dass man mit Demokratie nicht weiterkommt?« Herrscher jederzeit zur Tür hereinkom- Business. Das ist okay. Aber das Business hat jedes Maß
Türen fast immer geschlossen, Gespräche wur- Das Größenversprechen wurde auf die Spitze ge- Die Basis dafür ist so stark wie nirgendwo sonst in men. Die Richterin Toporzysek sagt: »Es verloren.« Nur mal angenommen: Auf dem Parkplatz
den selten. Oft war Heldt so unglücklich, dass er trieben, die Realität geriet außer Sichtweite. Wel- Deutschland. Als sich die 39-jährige Britta Zur, ist wie bei einer unterdrückten Ehefrau, vor dem Schalker Trainingsgelände stehen keine teu-
alles hinwerfen wollte, wäre da nicht eine Haupt- cher Spieler machte sich überhaupt noch be- Deutschlands jüngste Polizeipräsidentin, im ver- die 20 Jahre lang unter einem herrischen ren Sportwagen mehr, die Spielergehälter sinken
versammlung der Mitglieder gewesen, die Ma- wusst, wo er sein Geld verdiente? Gelsenkirchen gangenen Jahr zum ersten Mal in Gelsenkirchen Mann gelitten hat. Und plötzlich ist der drastisch, und mit dem Abstieg setzt eine Zeit der
gath bremste. Durch eine Änderung in der Ver- ist die Stadt mit der krassesten Kinderarmut weit umsieht, fragt sie sich: »Sind die hier verrückt gewor- Mann weg. Das schüttelt diese Frau nicht einfach Besinnung ein. Wäre das alles unvorstellbar?
einssatzung wollte Magath erreichen, dass er und breit. Die Arbeitslosenquoten zählen bun- den?« Die Verwunderung schlägt schnell in Bewun- ab.« Astrid Erlebach vom Fan-Magazin Schalke Un- Käme es so, dann würde der heilige Ort Schalke
auch Geschäfte mit einem Volumen von mehr desweit zu den höchsten. Wann immer jemand derung um, als die Polizeichefin ihre neue Dienst- ser drückt es so aus: »Leider glauben viele Fans noch seiner Umgebung wieder ein wenig ähnlicher. Von
als 300.000 Euro eigenmächtig abschließen die soziale Lage in Deutschland untersucht: Auf stelle auf sich wirken lässt. Überall Schalke-Wimpel immer, dass man uns den Kopf abgeschlagen hat. der Cham­pions ­League dürfte man weiterhin träu-
durfte. Aber die Versammlung stimmte nicht zu, den hintersten Plätzen landet Gelsenkirchen. Als in den Büros des Präsidiums. Ein Beamter wird von Wie bei einem Huhn, das ohne Kopf durch die men, aber niemand würde einen Traum noch mit

N
und Magath rannte zornig aus der Halle. es noch Bergwerke gab, wurden für die Schalker Kollegen hervorgehoben, als Schwiegersohn der Gegend flattert.« der Wirklichkeit verwechseln. Die Zweite Liga äh-
Spieler hin und wieder Grubenfahrten organi- Spielerlegende Klaus Fischer. Ein anderer Polizist will Dem Herrscher kann man vieles vorwerfen, aber nelte einer Rückkehr auf die Erde. Man könnte das
achdem Magath im März siert, um ihnen eine Idee davon zu vermitteln, seine Pensionierung hinauszögern, damit er sich noch gewiss nicht, dass die Beherrschten zehn Monate auch als Bauchlandung empfinden, schon klar.
2011 den Verein verlassen wie hart früher gearbeitet wurde. Seitdem 2018 eine Weile um das Fußballstadion kümmern darf. Die nach ihrer Befreiung vor ihren Möglichkeiten zu- Yves Eigenrauch hat inzwischen eine andere Wirk-
hatte, ereignete sich etwas, die letzte Zeche geschlossen wurde, ist es auch Polizeichefin hört den Satz: »Die Stadt atmet nur, rückschrecken. Uli Paet­zel, der Chef der Emscher- lichkeit als die des Profifußballs kennengelernt, er ist
das einer der Beteiligten so mit diesem Annäherungsversuch an die Wirk- wenn Schalke spielt.« Eine Kirche, in der Gläubige genossenschaft, würde gern mehr Verantwortung ja fast 50. Eine Weile lebte er in einem Wohnwagen
beschreibt: »Der Prager lichkeit vorbei. vor Spielen für den FC Schalke beten. Dächer, Gara- auf Schalke übernehmen. Paet­zel, Schalke und die in der Nähe von Oer-Erkenschwick. Er half auch mal
Frühling begann.« Binnen Auf Schalke wurde der Spieler Breel Embolo gentore und Gartenzwerge in der Vereinsfarbe Königs- Emschergenossenschaft – das ist ein verschlungenes in einem Callcenter aus. Der Mann, der einst Ronaldo
fünf Jahren baute Horst aus der Schweiz angeheuert, der teuerste Ein- blau. Nachts erstrahlt ein Band blau leuchtender Verhältnis. Die Genossenschaft renaturiert eine kaltgestellt hatte, hörte sich die nörgelnde Kundschaft
Heldt rund 100 Millionen Euro Schulden ab. Er kauf der Vereinsgeschichte. 27 Millionen Euro, Straßenlaternen quer durch den Stadtteil Schalke. einstige Kloake, den kanalisierten Fluss Emscher. eines Baumarktes an.
engagierte den Trainer Ralf Rangnick. In einem für einen, der schließlich als »Mister Chancen- Sogar die öffentlichen Abfallkörbe sind blau. So hin- Paet­zel hat jedoch keinesfalls vor, Schalke zu rena- Yves Eigenrauch hat sein Auto abgegeben, er
spektakulären Spiel besiegte Schalke den Titel- tod« verspottet wurde. Um Embolo zu ver- gebungsvoll hat sich keine andere deutsche Großstadt turieren, denn das wäre gleichbedeutend mit der fährt jetzt oft mit dem Fahrrad durch die Gegend.
verteidiger in der Cham­pions Lea­gue, Inter Mai- pflichten, war der Fußballmanager Heidel im verzaubern lassen. Ein paarmal hat sich die Polizei- Rückkehr zum Neobarock. Aber was will er? Er kommt langsamer voran, aber er sieht viel mehr.
land, 5 : 2. Das Wunder von Mailand. Dreimal Privatflugzeug seines Gönners Tönnies nach
hin­ter­ein­an­der schaffte es der FC Schalke wäh- Montpellier geflogen. Heidel holte auch den ANZEIGE
rend des Prager Frühlings in die höchste euro­päi­ Algerier Nabil Bentaleb, für 19 Millionen Euro,
sche Spielklasse. Nie zuvor war das gelungen. einer, der sich auf Schalke so sehr daneben be-
Das größte Wunder war Horst Heldt selbst. nahm, dass er fünfmal suspendiert wurde. Der
Zum ersten Mal in der Vereinsgeschichte führte deutsche Nationalspieler Se­bas­tian Rudy kam,

Gut fürs Karma.


ein zurückhaltender Mann die Geschäfte, einer, für 16 Millionen Euro, einer, der vor seiner Auf-
der auch bei sich selbst Fehler suchte und nicht gabe als Führungsspieler einknickte. Keiner von
einmal seinen ärgsten Gegnern Böses nachrief. ihnen verhielt sich integrativ, im Gegenteil:
Hörte er widerstreitende Meinungen, sagte er »Die Kabine zerfiel«, sagt ein Schalker Funktio-
gern: »Beides ist nicht falsch.« när. »Zu Schalke kamen Leute, die sich für
Heldt war schwer beeindruckt von Gelsen- Schalke nicht interessierten.«

Und fürs Konto.


kirchen, einer Stadt, die sich so sehr wünschte, Einmal, Anfang 2015, versuchte jemand,
dass Schalke endlich wieder deutscher Meister sich gegen die Autokratie aufzulehnen. Axel
würde. Heldt spürte eine Sehnsucht, für deren Hefer, einem noch neuen Mitglied im Auf-
Erfüllung er sich mitverantwortlich fühlte. Die sichtsrat, missfiel, wie sehr sich das Kontroll-
Spieler sollten der Welt der Fans nahe kommen. gremium zu einem Bündnis der Ja-Sager hatte
Mit einigen Fußballern besuchte er die Ultras, degradieren lassen. Axel Hefer verlangte von
einen ganzen Abend lang arbeiteten sie an einer Tönnies, vor Entscheidungen gründliche Infor-
Choreografie. Jeder neue Spieler hatte sich nun mationen zu bekommen, beriet sich mit einem
bei Fangruppen vorzustellen. Horst Heldt glaub- Rechtsanwalt und wurde daraufhin mit einer Smartes Geld erzielt nachhaltig exzellente Renditen: LIQID Impact.
te an die Kraft einer Gemeinschaft. dreimonatigen Sperrzeit bestraft, wegen ver-
Seine Sonntage verbrachte er regelmäßig bei einsschädigenden Verhaltens. Der Ausgeschlos- Investieren Sie Ihr Vermögen in ein Portfolio, das ausschließlich aus
Tönnies zu Hause. Einmal kam Tönnies wütend sene zog vor ein Gericht und klagte sich zu- Unternehmen besteht, die strengsten ökologischen, sozialen und
von einem Fußballspiel zurück. In London hatte rück. Später wurde er abgewählt.
er neidisch verfolgt, wie der Rivale Borussia Als Kornelia Toporzysek im Jahr 2019 in den ethischen Wertmaßstäben gerecht werden. Und erzielen Sie dabei
Dortmund das Finale der Cham­pions ­League be- Schalker Ehrenrat, das Vereinsgericht, aufgenom- eine Top-Rendite: Im firstfive-Ranking belegt LIQID Impact Platz 1
stritt. »Ich musste mich beleidigen lassen«, habe men wurde, glaubte sie noch, sie könne so unabhän-
Tönnies erzählt, »um mich herum war alles gig agieren wie im Oberlandesgericht Düsseldorf, – mit einer 6 Prozent besseren Performance als der Zweitplatzierte.
schwarz-gelb.« So berichten es Menschen, die in dem sie als Richterin arbeitet. Ihr Bild änderte
diese Sätze hörten. »Ich will auch ins Finale«, sich, als sich der Ehrenrat mit einer Äußerung von
habe Tönnies zu Heldt gesagt, und: »Besorg du Clemens Tönnies zu beschäftigen hatte. Öffentlich
die Spieler, ich besorg das Geld.« hatte Tönnies über Deutschlands Investitionen in Ausgezeichnet: durch Experten bestätigte Anlageempfehlung
Das klang, als habe der Unternehmer den Verein die Klimapolitik erklärt: »Warum gehen wir ei-
finanziert. Aber das war nur ein Märchen, das gern gentlich nicht her und geben das Geld dem Gerd
erzählt wurde. Ein paarmal lieh der Metzger dem Müller, unserem Entwicklungsminister, und der
Verein tatsächlich viel Geld, aber er ließ sich die spendiert jedes Jahr 20 große Kraftwerke nach Afri-
Kredite zurückzahlen, üppig verzinst. ka? Dann hören die auf, die Bäume zu fällen, hören
Am Ende unterliefen Horst Heldt Fehler, die auf, wenn’s dunkel ist, wenn wir die nämlich elek- Risikoklasse ausgewogen
man in der heutigen Situation des Vereins lächerlich trifizieren, Kinder zu produzieren.« Top-Rendite 2020
24 Monate
finden mag: Die Mannschaft erreichte nicht mehr Die Richterin machte sich im Ehrenrat dafür
die Cham­pions ­League, sondern nur noch die stark, diese Sätze »rassistisch« zu nennen, aber die
Europa L ­ eague, die zweithöchste Spielklasse Euro­ Männer im Gremium widersetzten sich, allen
pas. Das galt bereits als Misserfolg, so weit hatte sich voran der wortgewaltige Jura-Professor Klaus
die Operation Größenwahn in den Verein gefressen. Bernsmann, der den Metzger schon im Hack-
Ein neuer Sportvorstand wurde gesucht. Horst fleischprozess verteidigt hatte. Der Professor be-
Heldt lud die Aktiven des Vereins zu seiner Ab- rief sich auf eine Spiegel Online-Kolumne des
schiedsfeier ein, rund 300 Leute tauchten auf. Er bekannten Strafrechtlers Thomas Fischer und
wurde mit Komplimenten überhäuft. nannte sie »ein Gutachten«.
Kurz bevor die Bundesligasaison 2015/16 zu Kornelia Toporzysek fühlte sich an etwas er-
Jetzt informieren:
Ende ging, stellte sich Tönnies mitten ins Sta­ innert, das sie aus Gerichtssälen kannte: Kon-
dion und verkündete stolz die Verlängerung des
Vertrages mit Gazprom. Aber die Fans pfiffen
fliktverteidigung um jeden Preis, die aggressive
Methode. An der Loyalität zu Tönnies prallte sie .de
ihn aus. Nach dem letzten Spiel trat Horst Heldt ab und verließ das Gremium. Heute sagt sie: 030 3080 7083
vor die Fankurve. Er wurde gefeiert. Verloren »Der Verein hat die eigenen Interessen den Inte-
stand er da, der Heldt des Prager Frühlings. Er ressen von Tönnies untergeordnet. So funktio-
konnte sich nicht mehr beherrschen und begann nieren autoritäre Systeme.« Später las sie in einer
zu weinen. Hätte jemand vor, eine Geschichte Zeitung von der Führung des VW-Konzerns,
16 LESERBRIEFE 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Zur Ausgabe Nr. 15 Weitere Leserbriefe finden Sie unter


blog.zeit.de/leserbriefe

Es ist der Geiz,


Dummerchen
Mark Schieritz:
Bloß keine Religionsquote! Welche Schuhgröße
braucht ein Kanzler?
99 Fragen an
»Ist die EU zu doof?«  ZEIT NR. 15 Bülent Güven: »Konservative Muslime in den Bundestag!«  ZEIT NR. 15 Armin Laschet  ZEITMAGAZIN NR. 15

Mark Schieritz suggeriert, dass Länder wie Bülent Güven klagt darüber, dass diejenigen, die lediglich eine Phrase. Dass jedoch die Zustim- Glauben praktizieren. Diese schwindende Zahl Nun also fordert er den Brücken-Lockdown –
Großbritannien und Israel ihre Impferfolge er »Mitte-Muslime« nennt, so wenig in Politik mung zur derzeitigen türkischen Politik gelinde steht in keinem Verhältnis zu ihrer Medienprä- ausgerechnet Armin Laschet, der Lockerungs-
der Tatsache zu verdanken hätten, dass sie und Medien repräsentiert sind. gesagt ein erhebliches Karrierehindernis »in den senz. Leider auch in dieser Zeitung. Ich wünschte drängler von einst, tut sich jetzt als Bremser
sich bei der Vergabe der Impfstoffe vordrän- Er fordert von Deutschland, »eine weltoffene, eta­
blier­
ten Parteien« darstellt, sollte wiederum mir deutlich mehr Artikel, in denen auf die säku- hervor. Leider ist dabei allzu offenkundig,
gelten und der EU dadurch Impfstoff weg- plurale und demokratische Gesellschaft zu sein«; Herr Güven akzeptieren.  lare Ausrichtung unserer Demokratie geachtet dass es mehr um die Kanzlerkandidatur geht:
nahmen. Diese Argumentation ist falsch. und das sei nur gewährleistet durch eine stärkere DR . CHRISTIAN SCHÄFER , BONN wird und weniger auf die religiösen Hintergrün- Seine Beliebtheitswerte stagnieren, da muss
Denn die EU hat versäumt, rechtzeitig den Beteiligung konservativer Muslime. Es ist be- de. Wir möchten im Sinne der Gleichberechti- noch schnell Aktivität und Stärke demons-
Ausbau von Produktionskapazitäten durch zeichnend, dass ihm der darin liegende Wider- Die SPD in Hamburg ist nur zu beglückwün- gung den Begriff der Rasse aus dem Grundgesetz triert werden, nach dem Motto: »Bei Söder
Abnahmegarantien zu fördern, um so eine spruch nicht auffällt; denn der konservative, der schen, dass sie Bülent Güven nicht als Kandida- tilgen, reduzieren gleichzeitig aber Menschen auf klappt’s doch auch!« 
ausreichende Produktion nicht nur für die politische Islam, dem er anhängt, ist das Gegen- ten für die Bürgerschaftswahl aufgestellt hat. Sei- ihre Religion. Vielleicht mögen Sie Ihre Artikel DAGMAR GÖSTEL, HEIKENDORF
EU sicherzustellen. Die dadurch entstandene teil von weltoffen, plural und demokratisch. Eine ne Auffassungen sind mit der verfassten Grund- auch einmal aus der Sicht eines Atheisten lesen
Knappheit führt in einer Marktwirtschaft Gesellschaft, die solchen Strömungen mehr Re- ordnung der Bundesrepublik Deutschland unver- und bewerten? INES HUBOLD, PER E-MAIL Armin Laschet hat dem ZEITmagazin Fragen
dazu, dass die Verteilung des knappen Guts präsentation bietet, wird nicht mehr lange eine einbar. Bei uns gilt die Trennung von Staat und beantwortet. 99 Stück. Ich komme nicht um-
über die Zahlungsbereitschaft reguliert wird. »weltoffene, plurale und demokratische« sein. Kirche. Für die Volksvertretungen sollten Bewer- Unser Grundgesetz garantiert die Religionsfreiheit. hin, dem Interviewten meine Bewunderung
Die Impferfolge von Großbritannien und Is- JOACHIM SCHIEB , PER E-MAIL ber nach ihrem Einsatz für die Interessen aller Religion kann im Privatbereich zelebriert werden. für seine Toleranz auszudrücken, bei so viel
rael sind also schlichtweg Ausdruck einer hö- Bürger aufgestellt und gewählt werden und nicht Ich möchte keine religiös begründete Gesetzgebung gefragtem Unsinn.
heren Zahlungsbereitschaft. Die EU war nicht Herr Güven nennt selbst den Grund dafür, dass nach denen einzelner Religionsgemeinschaften. im Parlament der BRD! Von keiner Religion! Ich CL AUS RICHTER-HAFFELDER , PER E-MAIL
zu doof, sondern zu geizig.  so wenige Menschen, die er als »Mitte-Muslime« Ein Mann, der im türkischen Präsidenten Erdo­ fühle mich bedroht von Scharia-Rechtsprechun-
DR . CHRISTOPH KIND, HAMBURG bezeichnet, im Bundestag sitzen: Diese seien der ğan keinen Diktator sieht, gehört nicht als Volks­ gen, ich möchte nicht im Mittelalter landen. Und Armin Laschets Antworten zu den großen
Türkei »loyal verbunden«. Versteht es sich nicht vertreter in unsere demokratischen Institutionen. nein, so wie ich es erlebe, vertritt die Mehrzahl Fragen unserer Zeit hätten mich mehr inte-
Bei all den kosmopolitischen Träumereien ver­ von selbst, dass die Abgeordneten des Deutschen DR . PETER GÜLDENPFENNIG, UNTERHACHING der Muslime nicht die Meinung von Bülent Gü- ressiert als diejenigen nach seiner Schuhgröße
gisst der Autor, dass es hier nicht um Plüsch Bundestages der Bundesrepublik Deutschland ven. Oft werde ich von Muslimen angesprochen, und seiner Haustür. Auch der Hinweis des
und Plunder geht, sondern um Menschen­ loyal verbunden sein sollten? Wieso geben Sie dieser Aufforderung so viel weshalb wir die pubertierenden Mädchen in den Autors auf die gesprächstaktische Funktion
leben. Jede aus der EU exportierte Impfstoff- KONSTANTIN CHY TIRIS , DINKELSBÜHL Raum? Ich brauche keine konservativen Muslime Schulen nicht stärker schützen und ihnen nicht (»das Abtasten ist also vorbei, jetzt werden die
dosis kann im schlimmsten Fall den Tod eines im Bundestag. Oder wollen Sie auch konservative die Möglichkeit geben, in diesem Land gleich­ Geraden rausgehauen«) kann nicht darüber
betagten Familienangehörigen bedeuten.  Was ist denn in Sie gefahren? Sie drucken den Christen im Bundestag? berechtigt und frei wie ihre Brüder zu leben. Ich hinwegtäuschen, dass es sich vielfach um
RENÉ KL AUER , MAINZ Propaganda-Artikel eines Erdoğan-Fans, der den In der gleichen Ausgabe würdigen Sie den großen schätze die säkularen Muslime, die sich auch kri- sinnlose Fragen handelt. 
konservativen Islam feiert! Theologen Hans Küng, über den man sich kräf- tisch mit ihrer Religion auseinandersetzen und DR . EDWIN FISCHER , DAISENDORF
Man kann es drehen und wenden, wie man Kein kritisches Wort über die Zustände in der tig streiten kann, nur mit einem Einspalter. Wer das Grundgesetz als die Basis dieser Gesellschaft
will: Die europäische Idee ist nicht unbedingt Türkei, kein Wort zur katastrophalen Außenpoli- lesen kann, der lese ... akzeptieren.
attraktiver geworden. tik der Türkei. WOLFGANG REIFFER , IHRINGEN Herr Güven befindet sich in einem Land, in dem

Nur im Doppelpack
DR . CHRISTIAN VOLL, PAS SAU Ich bin fassungslos, so etwas in der ZEIT lesen zu Vielfalt möglich ist, sicher hat er Gründe, hier zu
müssen! FRIEDHELM HORN , ROTENBURG Wie verbissen doch alle gesellschaftlichen und leben und nicht in der Türkei. Möge er die Frei-
politischen Themen mit der Religion verbunden heiten nutzen, Unzulänglichkeiten verzeihen,
Sicherlich können Muslime erwarten, dass die werden. Gab es nicht mal die Trennung von Kir- dank­bar sein für Demokratie, Menschenrechte, Cohn-Bendit/Leggewie: »Er kann
deutsche Mehrheitsbevölkerung das Tragen des che und Staat? Und was ist aus den Rechten und Tierschutz – und auch dafür, seine Meinung in
Heikle Manöver Kopftuchs akzeptiert, wäre doch andernfalls die
viel beschworene Toleranz gegenüber dem Islam
Interessen der nicht glaubenden Bürger gewor-
den? Seit Jahren schwindet die Zahl derer, die den
dieser Zeitung veröffentlicht zu wissen. 
BRIGIT TE SENTKER , BIELEFELD
Macht und Dialog«  ZEIT NR. 15

Jörg Lau: »Übergriff Mit ihrem schwachen Plädoyer für Robert


und Überdruss«  ZEIT NR. 15 Habeck haben die Autoren den möglichen

Der Staat, das sind wir


Kanzlerkandidaten abgeschossen.
Denken kann Annalena Baerbock auch, oft
Es ist beruhigend, dass der »nie beigelegte, besser, weil viel konkreter. Und sie weiß viel
verdrängte Konflikt am Ostrand Europas« es öfter, wovon sie spricht. Sie hat es noch nicht
doch wieder auf die Titelseite der ZEIT ge- in ein Buch geschrieben, aber wer ihr zuhört,
schafft hat. Anna Mayr: »Im Land der schweren Geburten«  ZEIT NR. 15 weiß auch ohne die Autoren: Sie kann Macht
Sie schreiben, Putin halte den Westen für und Dialog und noch viel mehr von dem, was
schwach. Vollkommen zu Recht: der Westen eine Kanzlerkandidatin braucht. 
ist schwach. Nord Stream 2? Da muss schon Anna Mayr beklagt zu Recht, dass die unfassbare mehr reintun oder ihn umbauen. Aber ohne Leis- Flüchtlinge, Klassenmedizin, Mietwucher ... Alle DR .-ING. ROBERT KIRCHNER , EISENACH
mehr passieren als die Vergiftung eines rus­ Bürokratie den schlechtergestellten Bevölkerungs­ tung funktioniert das nicht.  schon vor Corona evident. Doch die Zustände
sischen Regimekritikers mit Nowitschok, um gruppen schon seit Längerem erhebliche Probleme THOMAS BER ARD, WESTERHOLZ bleiben.  WERNER BOHN , BAD SOBERNHEIM Für mich ist das Ganze sonnenklar. Sowohl
dieses Projekt zu stoppen, es zu hinterfragen bereitet und dass viele Bürger erst durch die­ Anna­lena Baer­bock als auch Robert Habeck
und klare Kante für eigene Werte zu zeigen. Corona-Krise mitbekommen, wie dysfunktional Ich frage mich nach der Lektüre des Artikels, wo Politik wird in Deutschland von Menschen be- sind nahbar, empathisch, durchsetzungsstark,
MICHAELE KRUMBACH , DIEBURG der Staat bereits ist. Dieser Umstand ist meines denn hier der mündige Bürger bleibt. Das hier stimmt, die selbst erfolgreich sind – etwa als­ entscheidungsfreudig, machtbewusst. Sie ma-
Erachtens jedoch eine direkte Folge davon, dass gezeichnete Wunschbild entspricht nach meiner Bundestagsabgeordnete oder als Lobbyisten. Die chen einen sehr guten Job als Co-Vorsitzende
Warum Herr Putin wieder gegen Kiew mobi- die Politik – und hier sind es eben vor allem die Auffassung einem Staatsgebilde, in dem der Bür- meisten von ihnen können sich offenbar nicht der Grünen. In anderen Parteien läuft das mit
lisiert ... ein angebliches Manöver? linken Parteien – durch immer neue Gesetze und ger komplett betreut und damit auch überwacht eingestehen, dass Erfolg nicht nur auf eigener dem Führungspersonal ja eher suboptimal. Es
Dass auf der anderen Seite ebendieser Grenze Verordnungen eine Einzelfallgerechtigkeit zu wird. Wollen wir das wirklich?  Leistung, sondern auch auf glücklichen Umstän- werden also beide – Baer­bock und Habeck –
gerade Defender 2021 anläuft, das große schaffen versucht, die schlichtweg nicht erreich- CL AUDIA PLÖTNER , IDSTEIN den beruht. Entsprechend führen sie Miss­erfolg in für das oberste Regierungsamt kandidieren.
Nato-Manöver, an dem 26 Staaten beteiligt bar ist. Prominente Beispiele sind hier das Bau- der Regel auf Faulheit und Dummheit und nicht Ganz einfach. Nach der Wahl ziehen sie dann
sind, darunter auch die Ukraine, erwähnen Sie und das Steuerrecht, die beide schon lange breite Tatsachen, Vermutungen, Verallgemeinerungen, auf unglückliche Umstände wie arme, bildungs- gemeinsam (!) mit ihren Familien ins Kanz-
nicht einmal. Teile der Bevölkerung von Gerechtigkeit aus- in einem Aufsatz zusammengerührt – und schon ferne Eltern, Krankheiten oder Unfälle zurück. leramt. Platz gibt’s dort sicher genug. 
Da üben nun ehemalige Warschauer-Pakt- schließen, indem sie die Herstellung bezahlbaren wird deutlich: Wir leiden an Omni-Staatsversa- Selbst bei den Linken und Grünen gibt es offen- ACHIM BOTHMANN , HANNOVER
Staaten Truppenverlegungen von West nach Wohnraums verhindern und Steuervorteile nur gen. Ist das so? bar nur relativ wenige, die die Erfahrung von gra-
Ost, aber dieses Schauspiel soll sich Putin gut verdienenden Experten gewähren. Die FDP Wer lässt uns mit unseren Sorgen allein? Das sind vierender Hilfsbedürftigkeit ge­macht haben. Und
Ihrer Überzeugung nach wohl mit schlottern- als einzige Partei, die das immer wieder anpran- wir! Wir, die wir mit unserem täglichen Verhalten da die Hilfsbedürftigen ihre Interessen offensicht-
den Knien anschauen?! gert, hat leider den Schwanz eingezogen, als sie das Wirtschaftsmodell des Homo oeconomicus lich selbst nicht wirkungsvoll vertreten können,
Dass Sie Europa in diesem Glaubenskrieg auf die Chance gehabt hätte, in einer Jamaika-Koali- bestätigen: Nutzenmaximierung als Konsument, unterbleibt die Hilfe, die sie benötigen.  IHRE POST
Teufel komm raus zu instrumentalisieren hel- tion in die richtige Richtung zu wirken.  Gewinnmaximierung als Produzent. Eine Um- DR . ULRICH WILLMES , PADERBORN
fen, das nehme ich Ihnen persönlich übel. DR . ANDREAS Z ABEL, DORTMUND schreibung lautet sinngemäß: »Wenn jeder an erreicht uns am schnellsten unter der
Schämen Sie sich.  sich denkt, ist an alle gedacht!« Welch ein Irrtum. In der Schweiz, wo ich das Glück habe zu leben, E-Mail-­Adresse leserbriefe@zeit.de. Mit der
MONIK A FATH-KELLING, PER E-MAIL Natürlich ist es populär, einen all you can eat- Die Fakten: Zerstörung der Lebensgrund­lagen, höre ich wenig bis nichts von Staatsversagen, ob- Einsendung geben Sie Ihr Einverständnis,
Staat zu fordern. Auf dieser Welle surfen AfD, Spaltung der Gesellschaften, globale Ungerech- wohl auch hier viele Menschen existenzielle Pro- Ihren Brief in der ZEIT, deren digitalen Aus-
Linkspartei und leider auch Teile der SPD sowie tigkeiten. bleme haben. Einen wesentlichen Unterschied zu gaben und im Leser-Blog auf www.zeit.de
der Grünen. Aber ein solidarischer Staat ist kein Wir betreiben umfassend Wissenschaft und geben Deutschland sehe ich in der direkten Bürgerbetei- unter Nennung Ihres Namens und des
Wunschbrunnen. Ein solidarischer Staat schöpft uns Empfehlungen – und handeln zu oft doch ligung an politischen Entscheidungen auf unter- Wohnortes zu veröffentlichen. Für den
BEILAGENHINWEIS aus den Produktivquellen der Gemeinschaft, in nicht danach. Wir sind der Staat! schiedlichen Ebenen. Inhalt sind Sie als Einsender verantwortlich;
Deutschland heißt dies, mehr als 50 Prozent des PETER VOLLMER , ROSENGARTEN-VAHRENDORF Das Rad muss also nicht neu erfunden werden. die Redaktion behält sich Auswahl, Kürzung
Die heutige Ausgabe enthält folgende Publikation Bruttoinlandsprodukts gehen in den Sozialtrans- Manchmal hilft es, einmal über die Landesgrenze und redaktionelle Bearbeitung vor. Zudem
in der Auflage Christ & Welt: Walbusch Walter fer (Rente, Gesundheit, Sozialleistungen). Wer Staatsversagen ist der Vorwurf von Anna Mayr. hinauszuschauen. können Sie die Texte der ZEIT auf Twitter
Busch GmbH, 42655 Solingen. daraus mehr schöpfen möchte, muss entweder Sie nennt allseits bekannte Beispiele: Klima, DR . JOHANNES PANGRITZ, A AR AU, SCHWEIZ diskutieren und uns auf Face­book folgen.

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ZEIT FORUM Gesundheit

GESUND ESSEN
Essen ist die Erotik des Alters. Doch wo bleibt der Genuss, wenn man mehr auf die eigene Linie achten muss oder weniger
Appetit verspürt? Mit den Jahren verändert sich der Körper. Müssen ältere Menschen also anders essen? Und kann
gesunde Ernährung vielleicht sogar das Altern verlangsamen? Wie schafft man es, jahrzehntealte Essgewohnheiten
abzulegen und noch einmal neu anzufangen – um ausgewogen zu genießen?

MIT SPASS Über diese und weitere Fragen diskutieren Greta Silver, YouTuberin, Model und Autorin, Prof. Dr. Hans Hauner, Direktor
des Else Kröner Fresenius Zentrum für Ernährungsmedizin, TU München, Prof. Dr. Verena Klusmann-Weißkopf, Arbeits-
bereichsleitung Gesundheitswissenschaft, Universität Hamburg, mit Jan Schweitzer, DIE ZEIT.

Beginn:  18.30 Uhr | Die Teilnahme ist kostenlos | Programm und Anmeldung: www.zeit.de/forumgesundheit
WIE GUTE ERNÄHRUNG IM ALTER GELINGT
Eine Veranstaltungsreihe von: In Zusammenarbeit mit:
29. APRIL 2021 · WWW.ZEIT.DE/FORUMGESUNDHEIT

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DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 GESCHICHTE 17

Abb.: Privatbesitz Eva u. Michael Werner; kl. Foto: A. Gerhäuser


»Ich konnte nicht mehr zurückkommen.
Bitte alle Adressen benachrichtigen! Dank, Juscha«
Diese Postkarte schrieb die Ärztin Justina Bischofswerder am 27. Februar 1943, kurz vor ihrer ­
Deportation aus Berlin. Die Bleistiftnotizen hat ihr Bruder Simon Horowitz später hinzugefügt;
seine Ehefrau Maximiliane vermerkte für die Nachkommen: »Letzte Nachricht von Papas Schwester«

»Bald sprechen nur noch die Quellen«


Im Mai erscheint der letzte Band der 16-teiligen Edition »Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden«.
Wie ist diese einzigartige Dokumentensammlung entstanden? Fragen an die Historikerin Susanne Heim, die das Projekt geleitet hat

DIE ZEIT: Frau Heim, 15 Jahre lang haben Sie die lassen, hohe Funktionsträger und Dorfbürgermeis- ZEIT: Weil sich im Nationalsozialismus vieles in Heim: Ja. Deshalb haben wir uns auch bemüht, zu hoch! Das machen wir auch. Vater und ich sind zu-
Arbeit an der Quellen-Edition Verfolgung und Er- ter, Kirchen- und Wirtschaftsführer, Zivilisten und einem Geflecht konkurrierender Zuständigkeiten jeder handelnden Person eine Kurzbiografie zu er- sammen und kommen wieder zurück.« Aber selbst-
mordung der europäischen Juden wissenschaftlich Militärs, Bittsteller und Widerstandskämpfer, An- und Initiativen durchgesetzt hat? stellen. Was ist aus den Menschen geworden? verständlich ließen sich die Massenverbrechen an
koordiniert. 15 Jahre, 16 Bände, gut 5000 Doku- gehörige aller sozialen Schichten. Keine leichte Heim: Hans Mommsen nannte das »kumulative Haben sie überlebt? den Juden Europas nicht völlig verbergen. Es gibt
mente auf fast 14.000 Seiten. Sind Sie erleichtert, Aufgabe, wenn man sich auf rund 300 Texte pro Radikalisierung« – und dafür liefert die Edition in ZEIT: Die 16 Bände sind auch eine Art Mahnmal? viele Dokumente, die belegen, dass es sich um ein
dass es geschafft ist? Band beschränken muss. der Tat starke Indizien. Verwaltungsbeamte betteln Heim: Ein Schriftdenkmal haben wir sie im ersten »offenes Geheimnis« handelte.
Susanne Heim: Ich bin glücklich, dass wir diese ZEIT: Woher stammen die Dokumente? darum, die Juden endlich kennzeichnen zu dürfen. Band genannt. Der Begriff behagt mir nicht ganz, ZEIT: 2004 hat die Projektarbeit begonnen, knapp
Mammutaufgabe gestemmt haben. Zehn Jahre Heim: Aus unterschiedlichsten Archiven, von klei- Ein Mieterschutzverein regt an, Straßen umzube- weil er suggeriert, hier sei etwas in Stein gemeißelt, 60 Jahre nach Kriegsende. Warum so spät?
hatten wir eingeplant, ein internationales Team von nen Sammlungen jüdischer Gemeinden bis zu den nennen, die nach »Nicht­ariern« heißen. Insbeson- aber die Edition versteht sich durchaus als ein Bei- Heim: Es herrschte lange Zeit in der Öffentlichkeit
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, und großen Nationalarchiven. Auch bereits publizierte dere die deutschen Stellen in den besetzten Gebie- trag zur Gedenkkultur und nicht nur als Nach- der Eindruck vor, dass alles längst bekannt und hin-
es war keineswegs klar, ob das, was wir vorhatten, Quellen haben wir gesichtet. Daneben finden sich ten eilten oft mit Entscheidungen voraus. Von schlagewerk für die Wissenschaft. reichend dokumentiert sei. Darin drückte sich auch
funktionieren würde: ein Dokument nach dem Leihgaben aus Privatbesitz wie die Postkarte der oben war nur die grobe Richtung vorgegeben: ZEIT: Werfen die Dokumente in der Zusammen- das Bedürfnis nach einem Schlussstrich aus. Als
anderen zu drucken über Hunderte Seiten, chrono- Ärztin Justina Bischofswerder (die wir auf dieser »gegen die Juden«. Da konnte man als Bürokrat schau neue Fragen auf? nach 1989/90 die osteuropäischen Archive geöffnet
logisch, aus wechselnden Perspektiven Seite zeigen, Anm. d. Red.). Man sieht ungebremst erfinderisch werden. Heim: Aus dem Ländervergleich ergeben sich etli- und auch in vielen westeuropäischen die Zugänge
– Briefe, amtliche Dokumente, Tage- den Worten förmlich an, unter wel- ZEIT: Aus den besetzten Gebieten finden sich che Fragestellungen. Weshalb gelingt es in einigen erleichtert wurden, hat dies die Forschung noch mal
bucheinträge, Eingaben, Sitzungs­ chem Druck sie geschrieben wurden. zahlreiche Dokumente, in denen buchhalterisch Ländern, Juden vor der Deportation zu bewah- stark belebt und die Debatte auf eine neue Grund-
protokolle, Zeitungsartikel ... Frau Bischofswerder hat mit dieser vermerkt wird, wie viele Juden – Männer, Frauen, ren? Warum werden sie in anderen fast vollständig lage gestellt. Und schließlich hatte die Entscheidung
ZEIT: Hatten Sie keine Vorbilder? Karte eine Bekannte über ihre Ver- Kinder – bei Exekutionen erschossen wurden.­ ausgeliefert? Der Antisemitismus in den jeweiligen für ein solches Dokumentationsprojekt auch damit
Heim: Eine Inspiration war Saul haftung durch die Gestapo informiert, Haben Sie beim Lesen manchmal gedacht: Ich Gesellschaften erklärt das nur zum Teil. So wie in zu tun, dass nach und nach die letzten Zeitzeugen
Friedländers multiperspektivische kurz bevor sie nach Auschwitz depor- kann nicht mehr? Ungarn, wo man schon nach dem Ersten Welt- sterben. Bald sprechen nur noch die Quellen.
Darstellung Das Dritte Reich und die tiert und dort ermordet wurde. Heim: Manchmal habe ich mich ertappt, wie ich krieg antisemitische Gesetze erlassen hat. Andern- ZEIT: Glauben Sie, dass die Originaldokumente
Juden. Eine wissenschaftliche Quel- ZEIT: Präsentiert die Edition vor allem ganz grauenhafte Schilderungen lese, mich aber nur orts verfiel man eher auf eine Art Deal-Denken. nun, nach dem absehbaren Ende der Zeitzeugen-
lensammlung in dieser Art aber gab es neue Quellen? darauf konzentriere, ob die Fußnoten zu lang sind. In Frankreich etwa wurden die Juden, die keinen schaft, öffentlich stärker wahrgenommen werden?
nicht. So haben wir uns vor allem da- Heim: Wann immer es möglich war, In einem anderen Moment konnte mich dasselbe französischen Pass hatten, schneller der Vernich- Heim: Ich hoffe das. Historische Quellen gehören
Susanne Heim ist
von leiten lassen, was uns bei anderen haben wir unbekannten Dokumen- Dokument plötzlich fassungslos machen. Dann tung preisgegeben als die alteingesessenen franzö- nicht nur ins Archiv. Sie können Geschichte auch in
Mitherausgeberin
Editionen fehlte. Meist sind die einem ten den Vorzug gegeben. Auf Schlüs- hatte ich die Situation der polnischen Juden vor sischen Juden. Man glaubte: Wenn wir die einen Lesungen, in Theaterinszenierungen, im Schul­
der Edition
eng definierten Thema, einem Ort seltexte wie das Protokoll der Wann- Augen: Die Ghettos werden eines nach dem ande- ausliefern, können die anderen bleiben. In Bel- unter­richt lebendig machen oder in einer Hör­-Edi­
oder Ereignis gewidmet oder stellen seekonferenz konnten wir aber nicht ren geräumt, ein paar Leute verstecken sich, schrei- gien, wo der Großteil der Juden keine Staatsbür- tion, wie sie der Bayerische Rundfunk aus den
ein Archiv vor. Unser Ziel war ein umfassendes verzichten. Mehr als die Hälfte der Dokumente ben letzte Briefe und wissen dabei ganz genau, dass ger waren, ist das anders gelaufen. Wieder anders 16 Bänden der Edition zusammenstellt. Die Wis-
Bild. Wir wollten den Holocaust in seiner ganzen waren bislang unveröffentlicht oder wurden für sie nicht überleben werden. Oder ich habe mir die in den Niederlanden, wo viele Juden deportiert senschaft können sie hoffentlich davor bewahren,
Geschichte und seiner geografischen Breite darstel- die Edition erstmals übersetzt. Lage des Judenrats in Kaunas vergegenwärtigt, der wurden, obwohl sie gut integriert waren. Welche nur noch Metadiskurse über die NS-Zeit zu führen,
len, aus Sicht der Opfer, der Täter und der »Zu- ZEIT: Waren einzelne Quellen besonders schwer ein Geburtenverbot im Ghetto durchsetzen muss Dynamiken da jeweils wirkten, ist längst nicht zur je ferner sie rückt. Die Quellen stellen fast immer
schauer«, die wir »Dritte« nennen. zu finden? und alle schwangeren Frauen zur Abtreibung Gänze erforscht. eine große Nähe her. Sie ersetzen natürlich nicht die
ZEIT: Anfangs rief das Kritik hervor. Die Edition Heim: Auffällig ist, wie wenig die nichtjüdischen drängt, weil sie sonst erschossen werden. So etwas ZEIT: Saul Friedländer hat geschrieben, dass die Erzählungen der Zeugen und Überlebenden. Aber
sei eine bloße Dokumentenlawine, erschlagend, Deutschen über die Judenverfolgung zu Papier ge- kann man nicht acht Stunden am Stück lesen. Opfer der Schoah »sowohl die Klarheit der Einsicht was die Leute an deren Berichten bewegt – dass sie
erdrückend, ungeordnet. bracht haben, die sich vor ihren Augen abspielte. ZEIT: Gibt es ein Dokument, das Sie besonders als auch die totale Blindheit von Menschen ver- einen Ausschnitt des großen Ganzen so beleuchten,
Heim: Ja, es hieß, die Leute würden die wichtigen ZEIT: Ein Ausdruck von Desinteresse? bewegt hat? mittelten, die mit einer völlig neuen und zutiefst dass es die Leute wirklich angeht –, das, glaube ich,
Quellen gar nicht finden. Wir haben deshalb ab Heim: Vor allem zeigt es, wie isoliert die Juden in Heim: In einem der Sowjetunion-Bände schildert entsetzlichen Realität konfrontiert waren«. Was schaffen zum Teil auch die Dokumente, die wir­
Band zwei einen Sachindex hinzugefügt, und die der deutschen Gesellschaft waren. Die Juden sind ein deutscher Soldat, wie er Zeuge einer Massen- verrät die Edition darüber, wie viel die Zeitgenos- zusammengetragen haben.
englische Ausgabe, die in Kooperation mit der israe- den Nichtjuden aus den Augen geraten – und aus erschießung wird. Lastwagen fahren vor, Juden sen über die Judenvernichtung wussten?
lischen Gedenkstätte Yad Vashem entsteht, wird dem Sinn. Und dann hatten die Leute ihre eigenen werden von der Ladefläche gejagt und erschossen. Heim: Sie bestätigt viele bisherige Annahmen: etwa, Das Gespräch führte Christian Staas
voll verschlagwortet sein. Außerdem ist die Edition Sorgen; die Väter, Brüder, Söhne im Krieg. Da frag- Er beschreibt, wie die Opfer aussehen, und er- dass sich die Massenerschießungen in der besetzten
ja geordnet. Jeder Band befasst sich mit einem Land, ten sich die wenigsten beim Briefeschreiben, wo der wähnt einen Mann, einen Metzger, der noch seine Sow­jet­union sehr viel schneller herumgesprochen
einer Region, der 15., der als letzter fertig geworden jüdische Nachbar geblieben ist.
ist und am 10. Mai erscheint, mit Ungarn. Auch die ZEIT: Gab es Dinge, die Sie erst durch die Arbeit
Schürze umhat, als er an die Grube geführt wird.
Die Vorstellung, dass sie diesen Mann aus seinem
haben als der Mord in den Vernichtungslagern. Das
hatte auch damit zu tun, dass sich das massenhafte
Mehr Geschichte
Abfolge der Dokumente ist nicht beliebig. an der Edition erfahren haben? Laden geholt haben, ihm noch nicht mal die Zeit Auslöschen von Menschen in Todesfabriken ein
ZEIT: Wie sind Sie vorgegangen? Heim: Ich war erstaunt, wie viel vermeintlich Be- gelassen haben, seine Schürze abzunehmen, ihn Stück weit durch seine Ungeheuerlichkeit tarnte.
Heim: Wir hatten eine Faustregel: 40 Prozent­ kanntes wir gar nicht genau wissen: Wer etwa hat auf den Wagen geschubst und dann zur Erschie- Selbst Hannah Arendt und gut informierte US-Di- Zensiert! Die Geschichte
Opfer-Dokumente, 40 Prozent Täter-Dokumente angefangen mit der Kennzeichnung jüdischer Ge- ßungsgrube gefahren und ihn ermordet haben – plomaten wollten das zunächst nicht glauben. Auch der Meinungsfreiheit
und 20 Prozent Darstellungen von Dritten, wobei schäfte? Ging das von der SA aus, die das Wort das ist mir nicht aus dem Kopf gegangen. Manch- viele Verfolgte klammerten sich an die Vorstellung, vom Mittelalter bis heute.
man beim Lesen nie zu lang in einer Perspektive »Jude« an die Schaufenster geschmiert hat? Gab es mal zeigt sich das ganze Grauen in einem Detail, sie kämen in Arbeitslager, so wie jenes jüdische Ehe- Das aktuelle Heft von
verharren sollte. Dann war uns natürlich wichtig, Direktiven der Städte oder von ganz oben? Dasselbe in einer Metzgerschürze. paar, das 1942 seinen Kindern schrieb: »Wir sind ZEIT Geschichte,
grundlegende Fakten abzubilden und möglichst gilt für die Parkbänke, auf denen stand »Nicht für ZEIT: Ist das auch ein Ziel der Edition: den Op- auf dem Weg nach Birkenau, glauben wir. Auf je- 116 S., 7,50 €. Jetzt am Kiosk
viele verschiedene Akteure zu Wort kommen zu Juden«. Wer das wann entschieden hat, ist unklar. fern ihre Individualität zurückzugeben? den Fall sind wir auf dem Weg irgendwo hin. Kopf und unter www.zeit.de/zg­-heft

»Sehr geehrter Herr Bürgermeister, im Anschluß an mein Schreiben Die Edition »Betr.: Waffenschaden – Gewehr Nr. 6682. Bei der am 3. 11. 1943 in
vom 8. Dezember [...] richte ich an Sie die ergebene Bitte, mir zu gestatten, Die Edition »Die Verfolgung und ­ Trawnicki stattfindenden Judenaussiedlung wurde ich von einer Jüdin durch
noch einige jüdische Wohnungen wegen Überlassung von Möbeln zu Ermordung der europäischen Juden durch einen Schlag ins Gesicht tätlich angegriffen und leicht verletzt.
das ­nationalsozialistische Deutschland
besichtigen. Wir beziehen ab nächster Woche unsere neue Dienststelle im 1933 –1945« umfasst 16 geografisch ­ Da die Person Anstalten machte, nochmals zum Schlage auszuholen,
alten Rathaus und müssen uns einrichten. Dazu fehlen noch einige gegliederte Bände. Gefördert wurde sie von sah ich mich genötigt, abzuwehren, und schlug ihr mit dem Kolben meines
Schreibtische, Stühle usw., besonders aber auch kauk. Nußbaumstühle, der Deutschen Forschungs­gemeinschaft, ­ Gewehrs auf den Schädel, wobei der Kolben leicht beschädigt wurde.
Herausgeber sind das Institut für ­
die zu den Möbeln aus der jüdischen Wohnung Durst, Friedrichstraße, Zeitgeschichte München-Berlin, die Albert-­
Der Schaden selbst ist unerheblich (leichter Riß am Kolben) und beeinträchtigt
passen. Für einen baldigen Bescheid bin ich dankbar. Heil Hitler!« Ludwigs-Universität Freiburg und das ­ die Feuerkraft und Sicherheit nicht im geringsten, was durch den Gebrauch
Bundesarchiv. Alle Bände sind bei ­De Gruyter im Anschluß an diesen Vorfall unter Beweis gestellt werden konnte.«
Schreiben der Kreisfrauenschaftsleiterin der NSDAP, Marie Bleß, erschienen. Weitere Informationen:
an den Bürgermeister von Teschen, Koperberg, vom 13. 12. 1939 ifz-muenchen.de/edition-judenverfolgung Meldung von SS-Hauptscharführer Miller vom 31. 1. 1944
18 VERBRECHEN 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

S
ie nennt sich selbst am liebsten ein- hat, dann verdrängt er gerne. Will nicht drüber
fach Mutti. Sie ist stolz darauf, die reden, sagt: »Ach, Mutti, es ist alles in Ordnung«,
Mutti zu sein. In dieser Nacht vor und macht seine Späße. Er kann sehr charmant
dem ersten Prozesstag ihres Sohnes sein, das sagen alle.
kann sie, wie schon seit Wochen, Was an diesem Junitag 2020 in den nächsten
nicht schlafen. Sie steht gegen drei circa zwei Minuten genau passiert, bleibt unklar.
Uhr auf und geht in die Küche, Altin B. wird vor Gericht keine Aussage machen.
um sich einen Eintopf für den Abend zu kochen. Mit seiner Lebenspartnerin Frauke W. ist er in-
Sie nimmt einen nur handflächengroßen Topf, zwischen verlobt, und auch sie macht von ihrem
doch wird es für sie allein am Ende trotzdem zu Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch.
viel sein. Sie legt einen Deckel drauf, lässt es kö- Es muss in der Einfahrt sofort zum Streit ge-
cheln. In der Zwischenzeit duscht sie, frisiert ihre kommen sein. Eine Nachbarin hört, wie Frauke
weißen Haare und zieht ihre graue Stoffhose mit W. ruft: »Das werden wir ja noch sehen!« Oben in
der akkuraten Bügelfalte an. In den letzten Tagen seinem Kinderzimmer telefoniert währenddessen
hat sie die einsame Zeit genutzt, um ihre Woh- das älteste der fünf Kinder der Familie, der 17-jäh-
nung weihnachtlich zu dekorieren. Das lenkte ab. rige Sohn, mit seiner Freundin. Er klingt nervös,
Sie breitete auf dem Küchentisch die rote, schnee- wird diese Freundin aussagen. Seine Eltern hätten
flockenverzierte Tischdecke aus, faltete Weih- ihm gesagt, er solle vom Fenster wegbleiben. Seine
nachtsservietten, bastelte einen Adventskranz. Für Stimme zittert. Dann ruft er nur noch: »Ich habe
den Couchtisch im Wohnzimmer steckte sie gleich einen Schuss gehört!«, und legt auf.
noch einen zweiten. Und sie kaufte sich einen Bis heute ist nicht klar, wer von beiden diesen
klitze­
kleinen Weihnachtsbaum, dessen Spitze ersten Schuss aus einer halbautomatischen Selbst-
selbst ihr nur bis zur Hüfte ragt. ladebüchse der Marke Erma abgefeuert hat – Altin
Bevor sie an diesem Tag die Wohnung gegen B. oder seine Partnerin. Das alte Gewehr stammt
sieben Uhr verlässt, zieht sie noch ihr weißes Stirn- von Frauke W.s Vater. Die Patrone, Kaliber .22 lr,
band über die Ohren. Manchmal wünscht sie sich, bohrt sich durch Dimitris Brust. Sie bricht ihm die
dass sie jetzt einfach die Augen schließen könnte, dritte Rippe, durchstößt Lungenober- und -unter-
für immer, und man sie zu Grabe trägt. Bei diesem lappen und bleibt im Unterhautfettgewebe ste-
Gedanken kommen ihr jedes Mal die Tränen. cken. Dimitri hält sich dennoch auf den Beinen.
Mit dem Bus fährt sie zum Bahnhof Hamburg- Er flieht. Er läuft vorbei an Gärten mit Schaukeln,
Altona und von dort weiter mit dem Zug nach Sandkästen und Trampolinen. Eine Mutter mäht
Itze­hoe. Ein Wachmann führt sie durch die Sicher- den Rasen. Als sie ihren immer so kinderlieben
heitsschleuse des Landgerichts. Sie setzt sich in die Nachbarn sieht, wie er mit einem Gewehr im An-
zweite Zuschauerreihe des Saals 11. schlag einen jungen Mann verfolgt, fragt ihr klei-
Um kurz vor neun führen zwei Justizvollzugs- ner Junge neben ihr: »Mama, was macht der da?«
beamte einen kahlköpfigen, feingliedrigen Mann Statt zu antworten, reißt die Mutter das Kind
in Sakko und Handschellen in den Raum. Er er- schützend an sich. Altin B. läuft zurück, steigt in
kennt seine Mutter, hebt kurz den Kopf, will ihr sein grünes Cabrio und nimmt die Verfolgung von
wohl ein aufmunterndes Lächeln zuwerfen, aber es Dimitri auf.
reicht nur zum Blick eines verschämten Jungen.
Als sie Wochen später von diesem ersten Pro- Für den Todesschuss wird er freigesprochen,
zesstag und der Zeit davor erzählt, erinnert sie sich nur für den zweiten wird er verurteilt
an jede Einzelheit. Sie fängt an zu zittern, als sie
ihren Sohn so sah. Sie reibt Zeigefinger und Dau- Dimitri P. läuft um die Ecke in die Nachbarstraße.
men auf­ein­an­der. Sie weint. Sie flüstert: »Jetzt ist Hundert Meter vor ihm ein Rewe-Markt. Luft
finito ...«, und denkt Dinge in ihrer Sprache, auf dringt durch die Schusswunde in seinen Brust-
Albanisch. Sie denkt: Mein Herz ist gebrochen, korb und kann nicht mehr entweichen. Durch
mein Kopf ist zertrümmert. Seit fast einem Jahr den Druck kollabiert der rechte Lungenflügel.
hat sie ihren Jungen nicht mehr gesehen. Seit Das Blut fließt nicht mehr richtig zum Herzen.
Sommer 2020 ist er wegen des dringenden Ver- Dimitri P. bricht auf dem Bürgersteig zusammen.
dachts auf Totschlag in Untersuchungshaft. Mutti Um 15.34 Uhr nimmt er sein Handy. Er wählt
sitzt da unter den Zuschauern und hält sich den Notruf: »Ich brauche Hilfe! Ich bin ange-
schließlich selbst die Hand vor den Mund. Sie schossen. Ich bin angeschossen ...« Dann versagt
zwingt sich, dem zu lauschen, was ihrem Sohn, ihm die Stimme.
Altin B., vorgeworfen wird. Ein vorbeifahrendes Ehepaar sieht den Mann
auf dem Gehweg liegen. Sie wollten gerade zum
Dimitri P. rächte sich an seinem Stiefvater Baumarkt. Sie laufen zu ihm, wählen ebenfalls den
und verprügelte ihn mit einer Eisenstange Notruf, wollen Erste Hilfe leisten. In diesem Au-

Illustration: Thomke Meyer für DIE ZEIT


genblick steigt Altin B. mit dem Gewehr aus sei-
Es war der 16. Juni 2020. Dienstagmittag, ein nem Cabrio. Die Eheleute versuchen noch, ihn
warmer Sommertag. Ein Finanzbeamter klingelt aufzuhalten, doch Altin B. schießt Dimitri in den
an der Hausnummer 10 einer Straße in der nord- Kopf. Er wird zu den Polizisten später sagen: »Es
deutschen Kleinstadt Meldorf. Er kann nicht ah- tut mir leid, es musste sein.«
nen, dass er genau damit eine tödliche Kettenreak- Einige Minuten später wird Altin B., vor seiner
tion auslöst. Das Haus steht inmitten einer saube- Haustür auf die Polizei wartend, festgenommen.
ren Wohngegend, in der am Wochenende viel Die Tatwaffe und noch ein zweites Gewehr hat er
weggemäht und weggefegt wird. Eine Frau über in der Zwischenzeit seinem Sohn überreicht, da-
sechzig mit schwarzem Pony, die aussieht wie eine Es war keine Tat im Affekt, urteilte das Gericht: Altin B. verfolgte den Verwundeten und schoss mit dem Gewehr ein zweites Mal mit dieser sie versteckt. Die Ermittler werden
Primadonna, öffnet die Haustür. Sie stellt sich als beide­Waffen finden.
Vasiliki P. vor. Der Finanzbeamte zeigt seinen Aus- Die Gerichtsmedizin wird feststellen, dass der

Muttersöhne
weis. Er fragt nach einem Herrn Altin B. Die Frau Kopfschuss selbst nicht tödlich war. Doch der erste
erklärt, dass es sich dabei um ihren Ex-Partner Schuss in die Brust reichte aus, um ein Leben zu
handle und dass das auch – zumindest auf dem be­enden – nur ob dieser eben tatsächlich von Altin
Papier! – dessen Haus sei, er hier aber längst nicht B. abgefeuert wurde und nicht von seiner Partne-
mehr lebe. Nur sie wohne noch in dem Haus, da rin, bleibt unklar; auch deswegen, weil die Ermitt-
sie nach der Trennung vor inzwischen acht Jahren ler von Anfang der Ermittlungen an Frauke W. als
völlig mittellos gewesen sei. Das sei ihr gutes mögliche Täterin nicht mal in Erwägung zogen.
Recht, findet sie. All das hört die Mutter von Altin B. in der Zu-
Es war 1991, als sie Altin B. kennengelernt schauerreihe des Saals 11 an diesem und weiteren
hatte. Er war damals 21 Jahre alt, sie selbst über 30. Jahrelanger Streit in einer Patchworkfamilie entlädt sich in einer Gewalttat. Prozesstagen im Landgericht Itzehoe. Von ihrem
Sie hatte aus erster Ehe einen 13-jährigen Sohn –
Dimitri. Sie verliebte sich in den jungen Filou B.,
Zurück bleiben zwei Frauen, die um ihr Kind trauern  Platz aus sieht sie nur auf den kahlen Hinterkopf
ihres Jungen. Nicht immer gelingt es ihr, die Trä-
der gerade mit seinen Eltern aus dem kommunis- VON ALEXANDER RUPFLIN nen zurückzuhalten. Sie ist ihm nicht böse für das,
tischen Albanien geflohen war und als großes Fuß- was er angerichtet hat. Die Liebe einer Mutter ist
balltalent galt. Kaum war er in Deutschland ange- unendlich und bedingungslos. Sie hatte geahnt,
kommen, spielte er für den HSV – bis er sich am dass dieser seit Jahren schwelende Streit eines Ta-
Bein verletzte und die Karriere be­endet war. Sie persönlich sprechen. Er werde in zehn Minuten heitsscheibe, dass er jetzt zur Aussprache wegen »Doch, ich muss da hin. Aber wenn es Schwierig- ges eskalieren würde. Altin habe doch Angst um
eröffnete mit ihm in Meldorf ein griechisches Res- zu ihm kommen, und dann werde das geklärt. So finanzieller Aus­ein­an­der­set­zun­gen mit dem Ex keiten gibt, geht das nicht von mir aus.« seine Kinder gehabt, habe sie schützen wollen. Sie
taurant. Sie nannten es Taverne Elena. 2012 lernte zumindest erinnert sich seine Mutter Vasiliki P. seiner Mutter fahren müsse und ob ihn nicht je- Monate später, im Sitzungssaal 11 des Itzehoer ist überzeugt, dass ihr Junge ein guter Mensch ist.
Altin B. eine neue Frau kennen und trennte sich an das Telefonat. Der 17-jährige Sohn der Part- mand begleiten könne, damit es keinen Ärger Landgerichts, wird sich weder dieser Polizeibeamte Der Beste! Schuld an alldem sei allein die Ex-
von einem auf den anderen Tag von Vasiliki. Er nerin von Altin B. wird den Polizeibeamten spä- gebe – schließlich sei er gerade nur auf Bewährung noch einer seiner Kollegen einer Verantwortung Freundin ihres Sohnes, Vasiliki P. Sie habe zugelas-
zog aus dem Haus, in dem sie heute noch lebt. ter etwas anderes erzählen. Seine Mutter habe ihn in Freiheit. Der Polizeibeamte antwortet: »Wir für das folgende Geschehen bewusst sein. Man sen, dass wiederum ihr Sohn Dimitri glaubte, er
Kurz darauf überfiel ihr Sohn Dimitri mit einem und seine vier Geschwister nach diesem Telefon- sind keine Streitschlichter. Wenn Sie glauben, das habe, so versichern beide dem Gericht, über all das müsse seine Mutter mit aller Gewalt verteidigen.
Onkel seinen Stiefvater Altin B. und dessen neue gespräch aufs Zimmer geschickt, weil Dimitri in läuft nicht gesittet ab, dann sollten Sie dort gar im Nachhinein auch gar nicht wirklich nachge- Es scheint, als habe der unbedingte Wunsch, mit
Partnerin Frauke W. in deren neuer Wohnung. Sie den Hörer gebrüllt habe: »In zehn Minuten wer- nicht erst hinfahren.« Dimitri P. entgegnet nur: dacht oder gesprochen. Der Verteidiger von B. allen Mitteln das vermeintlich Beste zu erreichen,
schlugen die beiden mit einer Eisenstange nieder – det ihr alle sterben!« Leon Kruse wertet im Gerichtssaal das Nichtein- zwei Männer vernichtet. Am Ende gibt es zwei
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der griechischen Familienehre wegen, so sahen sie Doch selbst wenn Dimitri P. nicht derart brutal greifen des Hauptmeisters als »totales Polizeiversa- Mütter, die um ihren Sohn weinen.
es jedenfalls. Eine Woche lang lagen Altin B. und seinem früheren Stiefvater gedroht hat – dass es gen«, die Gefahrenabwehr sei schließlich die zen- An einem späten Nachmittag, als der Prozess
Frauke W. im Krankenhaus. Für diese Gewalttat jetzt höchst gefährlich werden konnte, war klar. In trale Aufgabe der Polizei. für diesen Tag endet, fährt die Mutter von Altin B.
wurde Dimitri P. verurteilt. Es scheint, als habe seinem bisherigen Leben hatte sich Dimitri quer
Altin B. sich nach alldem nicht mehr getraut, seine durchs Strafgesetzbuch gearbeitet und insgesamt IM BANN DES Damals, an diesem 16. Juni, setzt Dimitri sich mit dem Zug zurück nach Hamburg. Es ist dunkel
wieder ins Taxi und bittet die Fahrerin, nun zu draußen. In ihrer Wohnung hängen über dem
Ex-Frau aufzufordern, aus dem Haus, dessen­ 19 Vorstrafen angesammelt. Einmal hielt er eine
Eigentümer er bis heute ist, auszuziehen oder­ Frau in einer Wohnung fest und drohte ihr: »Das VERBRECHENS Altin B.s Adresse zu fahren. Vor dem Haus fordert Sofa zahlreiche holzgerahmte Familienfotos. Auf
er die Fahrerin auf, den Wagen so anzuhalten, dass einem der Bilder sitzt Altin B. in seinem griechi-
wenigstens Miete zu verlangen. Stattdessen ver- hier ist dein letztes Abendmahl.« Altin B., der da schon neben seiner Partnerin­ schen Restaurant neben seiner Mutter, die den
schuldete er sich über die Jahre hinweg, bis an Nach dem Telefonat bestellt sich Dimitri P. ein Frauke W. in der Einfahrt wartet, nicht mit seinem Arm um ihn gelegt hat. Er lacht mit offenem
diesem 16. Juni 2020 der Finanzbeamte vor dem Taxi. Er packt seinen Führerschein und 50 Euro grünen BMW-Cabrio flüchten kann. Die Fahrerin Mund in die Kamera. Sie sieht sich dieses Foto im
Haus auftaucht. in die Tasche seiner Shorts. Seine Mutter bittet tut es. Dimitri zahlt und steigt aus. Es ist jetzt kurz Halbdunkel ihres Wohnzimmers lange an, und
Der Finanzbeamte fragt, wo Altin B. nun woh- ihn, zuerst zur Polizei zu fahren und die Beamten vor halb vier. wieder muss sie weinen. Dann geht sie in die Kü-
ne. Auch hier in Meldorf, sagt Vasiliki P., mit dem aufzufordern, ihn zu begleiten. Wenn die Si­tua­ Über mehrere Sitzungstage hinweg versucht che und wärmt sich ohne Appetit den Eintopf auf,
Auto nur sechs Minuten entfernt. Da taucht hin- tion eskaliere, sei nur wieder er der Böse. Dimitri das Gericht mithilfe zahlreicher Zeugen, die Vor- den sie sich in der Früh gekocht hatte. Morgen will
ter Vasiliki P. ihr Sohn Dimitri in der Tür auf. Er verspricht es. Vasiliki P. weiß, ihr Sohn würde alles geschichte und diesen entscheidenden Tag zu re- sie zum Grab ihres Mannes und ihm von diesem
lebt inzwischen in der Schweiz, ist nur zu Besuch für sie tun. Er behandelt seine Mama wie eine NEU AM konstruieren. Die Mutter sitzt immer an ihrem Tag erzählen. Und dann schwört sie sich, dass sie
da. »Hat Altin schon wieder Scheiße gebaut?«, Göttin (so wird sie es später selbst mehrfach im KIOSK! Platz und beobachtet ihren angeklagten Sohn, wie mindestens so lange am Leben bleibt, bis man ih-
fragt er den Beamten. Der erklärt, dass er dazu Gericht betonen). Die kommende Stunde an die- er seinen beiden Anwälten Leon Kruse und Ro- ren Sohn aus dem Gefängnis entlässt. Am vergan-
keine Angaben machen dürfe, und verabschiedet sem Dienstagnachmittag wird die letzte seines nald Krey immer wieder Zettelchen mit Notizen genen Freitag, 16. April, wird Altin B. zu acht
sich. Doch Vasiliki P. und ihren Sohn macht der Lebens sein. zuschiebt. Sie hatte Sorge, ihr Junge könne durch Jahren Haft wegen versuchten Totschlags verur-
Besuch des Finanzbeamten nervös. Was, wenn Um 15.10 Uhr steigt er ins Taxi. Auf die Fah- die Untersuchungshaft abgemagert und blass­ teilt, wegen des zweiten Schusses auf Dimitri P.
das Haus, in dem sie lebt, zwangsversteigert wer- rerin macht Dimitri einen gelassenen Eindruck, wirken. Aber er macht einen ganz gesunden Ein- Für den töd­lichen ersten Schuss wird er freigespro-
den soll? das wird sie später aussagen. Er lässt sich tatsäch- druck auf sie, sagt sie. Wie immer ist er gut ge- chen, weil letztlich nicht geklärt werden konnte,
»Mach dir keine Sorgen«, sagt Dimitri P. zu lich zum Polizeirevier fahren. Dort erscheint er um Hier mit Rabatt bestellen: kleidet, mit seinem blauen Sakko und den Wild- wer den Schuss abgefeuert hatte, Altin B. oder
seiner Mutter. Er nimmt ihr Handy und ruft Altin 15.20 Uhr an der Pforte. Er erklärt dem Polizei- www.zeit.de/abo-verbrechen lederschuhen von Tommy Hilfiger. Er ist ein klu- Frauke W. Verteidiger Leon Kruse kündigt an, in
B. an. Er sagt ihm, er müsse jetzt sofort mit ihm hauptmeister auf der anderen Seite der Sicher- ger Junge, sagt sie, nur wenn er Schwierigkeiten Revision zu gehen.

109620_ANZ_71x100_X4_ONP26 2 29.03.21 15:16


22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

WIRTSCHAFT 19

iPhone
Computer

Trau dich,
Das Apple-
2020
29
Staat!
2020
138
Sonnensystem 2015 Das Ausland zeigt, was gegen
26

D
Wohnpreis-Explosionen hilft
Umsatz der Geschäftsbereiche 2010
in Milliarden US-Dollar 18
2015
155

2010
25

er deutsche Staat traut sich in der Wirt-


schaftspolitik heute erstaunlich viel zu. Er
schnürt ein Corona-Hilfspaket nach dem
anderen, reguliert Banken und Bäcker, för-
dert neue Industrien und rettet alte. Nur
wenn es um den Wohnungsmarkt geht, ist
Geschäftsjahr 2020 es mit der Traute vorbei.
Doch dieser Markt ist ein besonderer,
275 Milliarden weil seine immensen Wertsteigerungen vor
iPad US-Dollar allem auf der Knappheit von Grund und
Boden beruhen – und nicht etwa auf dem
2010 Wert der Gebäude. Nur sind Grundstücke
2015 5 nicht wie andere Güter das Produkt einer
2020 23 besonderen Leistung, Innovation oder­
24 Erfindung. Der Staat hat sie einmal als
bebaubar ausgewiesen, und das war’s.
Weil es beim Wohnen außerdem zentral
um das Leben der Menschen und den­
Zusammenhalt der Gesellschaft geht, darf
2010 und muss sich der Staat hier mehr engagie-
8 ren als in anderen Teilen der Wirtschaft.
2015 In Berlin hat er es mit dem Mieten­
20 deckel probiert und ist aus verständlichen
Gründen an den obersten Richtern des
Landes gescheitert. Einen solchen Deckel
2020 einzuführen war ohnedies eine Verzweif-
2010 54 lungstat, weil er den Bau neuer Wohnun-
10
gen erschwert – und der ist grundsätzlich
2015 immer noch die Methode Nummer eins,
10 um gegen die Explosion von Mieten und
Kaufpreisen vorzugehen.
Dienstleistungen Dass sich in einer gerade veröffentlich-
2020 ten Umfrage des Civey-Instituts trotzdem
30 (App-Geschäft, Musik- und
mehr als 60 Prozent der Bundesbürger ein
Videostreaming) nationales Gesetz wünschen, das regionale
Deckel ermöglicht, zeigt: Viele Bundes-
bürger verzweifeln an den steigenden Mie-
ten und Kaufpreisen, die ärmere Familien
Weitere Produkte aus gemischten Stadtvierteln vertreiben
(Apple Watch, Kopfhörer und insgesamt die Teilung der Stadt in rei-
und anderes Zubehör) che und arme Zonen befördern.
Hier kann der Staat wirklich einmal Mut
beweisen – und vom Ausland lernen. Von
Wien zum Beispiel, dessen Wohnkosten

Ein Stern verblasst


mäßig steigen, weil die Stadt relativ zu ihrer
Größe über mehr sozial geförderten Wohn-
raum verfügt als jede andere Metropole in
Europa. In Singapur ist der Staat außerdem
besonders gut darin, die Viertel durch sein
Engagement gemischt zu halten. Beim
Wohnen gäbe es also ein riesiges Investi­
tions- und Planungspotenzial für den Staat,
Der Apple-Konzern macht weiter Rekordumsätze, aber aus früheren Anhängern sind der dann aber die eigenen Wohnungen auch
Gegner geworden. Was ist passiert?  VON ANN-KATHRIN NEZIK UND NORA COENENBERG (GRAFIK) nicht wie schon einmal in ruhigen Zeiten
wieder verkaufen darf.
Einen enormen Preisschub bescheren

D
deutschen Städten ausländische Investoren
von Amerika bis China. Zeitweise kam die
avid Heinemeier dass Basecamp dem Konzern 30 Prozent hat auch das Gefühl, auf der richtigen Seite hen (und eine Luxusmarke ist Apple bei Hälfte der Großinvestitionen aus dem Aus-
Hansson war einmal seiner Einnahmen zahlte. In der Vergangen- zu stehen. Seit seiner Gründung vor 45 Jah- Preisen von bis zu 1399 Dollar pro Telefon land. In Berlin zeugen viele Kaufanzeigen
ein Apple-Jünger. Der heit habe es Apple toleriert, dass Basecamp ren wollte Apple besser sein als andere­ zweifellos): Wie schafft man es, dass die Lei- auf Englisch ebenso vom internationalen
dänische Softwareent- Apples Bezahlsystem umgehe, indem es Unternehmen. Der 2011 verstorbene Fir- denschaft der Kunden nicht erkaltet? Interesse wie Batterien von chinesischen
wickler verehrte die Abos über die eigene Website abschließe, mengründer Steve Jobs verstand Apple als Schon jetzt gibt es Anzeichen für einen Klingelschildern und Quartiere, in deren
Produkte des kalifor- sagt Heinemeier Hansson. Und nun sollte Gegenentwurf zum Establishment der Com- Liebesentzug. Seit 2016 sind die Verkäufe von Wohnungen so gut wie nie das Licht brennt.
nischen Unterneh- das plötzlich anders sein? »Das war der­ puterwelt, zu IBM und Microsoft. »Think Apples wichtigstem Gerät, dem iPhone, rück- Kein Wunder, der Euro ist relativ billig, der
mens. So sehr, dass er vor einigen Jahren mit Moment, in dem ich explodiert bin.« different« lautete ein Werbeslogan der Ära läufig. Während Kunden früher vor Apples Zins gering, der Quadratmeterpreis in den
seinem Geschäftspartner ein Video drehte, Heinemeier Hansson empörte sich auf Jobs. Apple sollte in seinen Augen für das Läden kampierten, lösen Neuheiten wie das deutschen Metropolen oft immer noch viel
das man heute noch auf YouTube anschauen Twitter, wo seine Tweets tausendfach geteilt Schöne und Gute stehen, nicht wie die Kon- am Dienstag vorgestellte iPad und der Com- niedriger als in London oder San Francisco.
kann. Heinemeier Hansson schwärmt darin wurden. Nach einigem Hin und Her einigte kurrenten für Ideenlosigkeit und Kommerz. puter iMac keinen Hype mehr aus. Solchen oft spekulativen, von Finanz-
vom genialen Design der Apple-Computer. er sich mit Apple auf einen Kompromiss: Er Heute ist aus dem Underdog, der Ende Die Frage ist, ob es Apple noch einmal und Währungsmärkten getriebenen Investi-
Von ihrer Schönheit und Eleganz. darf seine Einnahmen zu hundert Prozent der Neunzigerjahre fast pleite war, ein gigan- gelingt, ein Produkt zu erfinden, das eine­ tionen werfen sich andere Staaten entgegen.
Apple hatte ihn für das Video nicht­ behalten, dafür aber nur eine abgespeckte tischer Konzern geworden. Apple hat seit Industrie revolutioniert. So wie der Macin- Die Schweiz verbietet es Ausländern, eine
bezahlt. Heinemeier Hansson, der seit 20 Version seines Programms im App Store­ 2007 fast zwei Milliarden iPhones verkauft. tosh-Computer Mitte der Achtzigerjahre, der Wohnung oder ein Haus zu kaufen, wenn
Jahren Software programmiert, war einfach anbieten. Glücklich ist er damit nicht. Wenn Im August erreichte Apple als zweites Unter- als einer der ersten Rechner einen eingebauten sie dort nicht dauerhaft leben – Ausnahmen
ein Fan der Ingenieurskunst des Unterneh- Heinemeier Hansson sich vor seinem nehmen überhaupt einen Börsenwert von Bildschirm besaß. Oder der iPod, der die Art sind Kontingente von Ferienwohnungen. In
mens. Das ist er noch immer. Und doch sagt Computer­ bildschirm in Kopenhagen in mehr als zwei Billionen Dollar. Weil sich die veränderte, wie die Menschen Musik hören. Österreich müssen solche Käufe unter teils
er heute: »Es bricht mir das Herz, wenn ich Rage ­redet, wenn er Apple einen »Monopo- Menschen auf der ganzen Welt während der Spekulationen um ein Apple-Auto reißen strengen Auflagen genehmigt werden.
sehe, was aus Apple geworden ist.« listen« nennt und dem Konzern vorwirft, Corona-Pandemie stärker digital vernetzten, seit Monaten nicht ab. Fest steht, dass Apple Dänemark macht es Ausländern sehr
Im vergangenen Juni überwarf sich Hei- einen »Kalten Krieg« gegen ihn zu führen, profitierte Apple von der Krise. Noch nie offenbar wieder verstärkt daran arbeitet, schwer, ein Ferienhaus an der Küste zu­
nemeier Hansson mit Apple. Er erzählt die dann wirkt es, als ginge es nicht bloß ums machte das Unternehmen so viel Umsatz wie nachdem es das Projekt zwischenzeitlich­ erwerben. In Australien dürfen diese nur
Geschichte so: Sein Unternehmen Basecamp Geschäft. Es wirkt wie enttäuschte Liebe. im letzten Quartal. zurückgefahren hatte. Zu Jahresbeginn wur- noch Neubauten kaufen, in Neuseeland
hatte ein E-Mail-Programm entwickelt, das Wer wie Heinemeier Hansson ein Apple- Und doch steht Apple fast zehn Jahre de bekannt, dass ein hochrangiger Porsche-­ gar keine Wohnbauten mehr. Wem das zu
es über den App Store von Apple verkaufen Produkt kauft, der hofft nicht nur, ein Stück nach Steve Jobs’ Tod an einem Punkt, an weit geht, der kann auch in die kanadische
wollte. Doch Apple machte zur Bedingung, vom Glanz der Marke abzubekommen, der dem fast alle Luxusmarken irgendwann ste- Fortsetzung auf S. 20 Boomstadt Vancouver schauen, die kau-
Quelle Daten: Apple

fende Ausländer erheblich besteuert.


Es gibt Alternativen zum Mietendeckel.
Und es wird Zeit, dass Deutschland sie
ernsthaft diskutiert.  UWE JEAN HEUSER
20 WIRTSCHAFT 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Ein Stern verblasst Fortsetzung von S. 19

Ingenieur zu Apple wechselt. Doch ob und wann erbarer Energien investiert. Daneben gilt Jacksons bald ein kleines Fenster angezeigt bekommen: Stim- lern auf seiner Plattform Bedingungen aufzwingen, Auch David Heinemeier Hansson hat sich der
ein solches iCar kommt und wie es aussieht, ist Aufmerksamkeit den Rohstoffen: Wie lassen sich men Sie zu, dass diese App Ihre Daten auf anderen die viele von diesen als unfair empfinden. Google Koalition angeschlossen. Neulich sagte er in Arizona
ungewiss. Denn Apple sagt dazu offiziell: nichts. die Aluminiumgehäuse der Computer energiespa- Apps und Websites sammelt? Oder lehnen Sie das wird vom US-Justizministerium verklagt, weil es aus. Das Repräsentantenhaus des Bundesstaats woll-
Für die Marke Apple ist eine andere Frage render herstellen? Kann man das Kobalt und­ ab? Nachdem Apple es mehrfach verschoben hat, soll Konkurrenten aus dem Markt gedrängt haben soll. te ein Gesetz verabschieden, das Apple und Google
wichtiger: Wie geht der Konzern mit seiner Größe Lithium, das in den Batterien steckt, recyceln? das Update kommende Woche erscheinen. Und Facebook muss sich vor der amerikanischen dazu zwingen sollte, in ihren App Stores andere­
um und der daraus resultierenden Macht? Ist aus Doch Produkte, die man anfassen kann, sind Cook hat es zu einer moralischen Frage erklärt, Kartellbehörde wegen der Übernahme von Whats- Bezahlsysteme zuzulassen. Das Vorhaben scheiterte
dem Anti-Konzern ein Unternehmen wie jedes nur ein Teil des Apple-Kosmos. Dann gibt es noch bei der Apple ähnlich wie beim Klima eine gesell- App und Instagram verantworten. Mit ihr soll sich am Widerstand der Demokraten im Senat. Doch
andere geworden, dem es vor allem um die eigenen jene Produkte, die bloß virtuell existieren – Apps, schaftliche Verantwortung trage. In den vergangenen Facebook zweier Rivalen entledigt haben. Heinemeier Hansson hofft, dass Bundesstaaten wie
Interessen geht? Oder kann Apple seinen Kunden die man downloaden, Streamingdienste, die man Monaten hat er sich mit für einen Konzernchef ­ Aber Apple? Lange wirkte es, als habe der Kon- Illinois oder Massachusetts, die ähnliche Initiativen
noch immer glaubhaft versichern, das Gute in die abonnieren kann. Unter Cook hat sich Apple von ungewöhnlich scharfen Worten zum Datenschutz zern mit solchen Dingen nichts zu tun. Als der planen, bald erfolgreicher sein könnten.
Welt zu tragen? einem Unternehmen, das sein Geld fast aus- positioniert. Ende Januar kritisierte er in einer Rede US-Kongress die Chefs von Big Tech vor einem Der einstige Apple-Fan verbringt inzwischen
Seit zehn Jahren steht Tim Cook an der Spitze schließlich mit Computern, Tablets und Smart- den »datenindustriellen Komplex«, der die Menschen Jahr wegen ihrer Marktmacht zu einer Befragung einen bedeutenden Teil seiner Zeit damit, Abge-
von Apple. Ein Mann, der anfangs vor allem­ phones verdient, zunehmend in einen Software- ausspioniere. »Wenn ein Geschäft darauf basiert, die lud, war zwar auch Tim Cook dabei, aber kaum ordneten und Journalisten zu erklären, warum sich
dadurch auffiel, dass er nicht so war wie sein Vor- konzern verwandelt. Der Umsatz mit Dienstleis- Nutzer hinters Licht zu führen, Daten abzuschöpfen ein Abgeordneter stellte ihm eine Frage. Apple in seinen Augen wie ein mittelalterlicher
gänger Steve Jobs. Cook galt als hölzern und blass. tungen, also etwa mit Apps oder Abos, hat sich in und Wahlmöglichkeiten zu suggerieren, die keine Das hat sich geändert. Die EU-Kommission Herrscher benimmt. »Apple tut so, als seien die
Bevor er zum CEO aufstieg, kümmerte er sich um den letzten fünf Jahren fast verdreifacht. Wenn sind, dann verdient es nicht unseren Applaus«, sagte führt zwei Kartellverfahren gegen Apple, eines Regeln des App Stores gottgegeben. Sind wir etwa
den Vertrieb und die reibungslose Herstellung der auch später als Spotify oder Netflix, hat Apple­ Cook. »Dann muss es reformiert werden.« wegen der 30-prozentigen Gebühr, die das Unter- wieder im Zeitalter der Könige?«
Produkte. Unglamouröser geht es kaum. Heinemeier Hansson sagt, Apple erwecke den
Doch schon bald profilierte sich Cook mit seiner Eindruck, als habe es eine sichere Festung errich-
progressiven Haltung in gesellschaftlichen Fragen. tet, die Barbaren abwehrt. Die Barbaren, das sind
2014 outete er sich öffentlich als homosexuell. Unter die Betrüger, die versuchen, App-Nutzer abzu­
Cook investierte Apple hundert Millionen Dollar in zocken. Die Festung, das ist der Sicherheitscheck,
schnellere Internetanschlüsse für amerikanische den jede App durchläuft und mit dem Apple die

30
Schulen. Steve Jobs wollte die Welt mit seinen Pro- 30-prozentige Gebühr rechtfertigt. Doch Heine-
dukten verbessern. Cook reicht das nicht. Er möch- meier Hansson hält das für eine Farce. Wenn die
te, dass Apple den Planeten »in einem besseren Zu- Prüfung so streng sei, warum gebe es dann un-
stand hinterlässt, als wir ihn vorgefunden haben«. seriöse Apps auf der Plattform, wie ein Kinder-
Apples Umweltbilanz sah lange düster aus. spiel, das sich bei näherem Hinsehen als Online-
Noch vor einigen Jahren bauten Greenpeace-­ Casino entpuppt?
Aktivisten vor Apples Firmenzentrale einen riesi- Apple widerspricht: Von 100 Apps, die Ent-
gen iPod auf, um gegen die mit Kohlestrom­ wickler einreichten, sortiere man 40 wegen Sicher-
betriebenen Rechenzentren des Unternehmens zu
protestieren. Kurz zuvor waren 50 Arbeiter eines »Apple tut so, als Prozent
ihrer Einnahmen müssen
»Wir wollen heitsmängeln aus. Auch beute Apple Entwickler
nicht aus. 85 Prozent aller Apps seien kostenlos
taiwanischen Apple-Zulieferers schwer erkrankt,
nachdem sie iPhone-Bildschirme mit nervenschä- seien seine Regeln App-Entwickler normalerweise
an Apple abgeben. Bei Abos Vorreiter beim oder werbefinanziert, Apple verdiene mit ihnen
keinen Cent.
digenden Chemikalien polieren mussten. Tim Cook hat aus Apple ein freundlicheres
Cook reagierte auf solche Skandale, indem er Lisa
Jackson, die ehemalige Chefin der US-Umwelt­
gottgegeben« reduziert sich dies nach einem
Jahr auf 15 Prozent Umweltschutz sein« Unternehmen gemacht. Für Wutanfälle oder­
Intrigen, wie Steve Jobs sie regelmäßig inszenierte,
behörde, zu Apple holte. Seit acht Jahren ist sie im David Heinemeier Hansson, Lisa Jackson, ist Cook nicht bekannt. Offener ist das Unterneh-
Apple-Vorstand unter anderem für Nachhaltigkeit Programmierer und Apple-Gegner Apple-Vorständin für Nachhaltigkeit men unter Cook aber nicht geworden. Verschlos-
zuständig. Cook habe ihr versprochen, dass sie bei senheit ist bei Apple Prinzip. Mitarbeiter dürfen
Apple wirklich etwas verändern könne, erzählt Jack- mitunter nicht einmal intern erzählen, woran sie
son im Gespräch mit der ZEIT. »Tim hat klarge- arbeiten. Für diese Recherche hat Apple zwar eine
macht, dass Nachhaltigkeit einer der Werte ist, für Reihe von Interviewpartnern aus dem Manage-
die Apple in der Welt steht«, sagt sie. »Wir wollen ein einen Musikstreamingdienst gestartet und produ- Auch wenn Cook keine Namen nannte, meinte nehmen von App-Entwicklern verlangt, und eines ment vermittelt, aber zitieren darf man die meis-
Vorreiter beim Umweltschutz sein und zeigen, was ziert eigene Serien. In einer Welt, in der fast jeder er damit Facebook. Ein Unternehmen, das Cook für wegen des Bezahlsystems Apple Pay. Margrethe ten von ihnen nicht.
Unternehmen tun können und tun sollten.« schon ein Smartphone besitzt, birgt dies das größ- Extremismus und die Verbreitung von Desinforma- Vestager, die Vizepräsidentin der Kommission, Apple will bei allem, was es tut, die Kontrolle
Jacksons Ziel ist es, Apples gesamte Wertschöp- te Wachstumspotenzial für den Konzern. tionen mitverantwortlich macht und das von dem hält beides für womöglich wettbewerbswidrig. behalten. Deshalb wehrt sich das Unternehmen so
fungskette bis 2030 klimaneutral zu gestalten – von Das liegt auch am App Store, ohne den das Update hart getroffen werden dürfte, da es sein Geld In den nächsten Wochen dürfte der Streit um sehr gegen eine Öffnung des App Store. Deshalb
Fotos: privat; Dave Kotinsky/Getty Images (v. l.); ZEIT-Grafik

der Herstellung der Bauteile für die Produkte über iPhone bloß ein schickes Telefon wäre und den das mit datenbasierter Werbung verdient. diese Fragen noch weiter eskalieren. Anfang Mai soll konstruiert es Stecker so, dass sie nur in Apple-
ihre Montage bis zu ihrer Auslieferung an die Kun- Unternehmen 2008 für externe Entwickler öffne- Es dauerte deshalb nicht lange, bis Facebook in Kalifornien ein Gerichtsprozess beginnen. Epic Geräte passen, und behandelt Produktneuheiten
den. Das ist eine gewaltige Aufgabe. Noch 2015­ te. 13 Jahre später ist um den App Store ein Öko- sich wehrte: Apple gehe es überhaupt nicht um die Games, Erfinder des Videospiels Fortnite, hat Apple wie Staatsgeheimnisse.
betrugen Apples CO₂-Emissionen 38 Millionen system entstanden, das nach Angaben von Apple Privatsphäre seiner Nutzer, sagte Facebook-Chef verklagt. Apple nutze sein Monopol aus und ver- Die Frage ist nicht, ob Apple gut oder böse ist.
Tonnen, fast die Hälfte der Menge, die alle deutschen jährlich über 500 Milliarden Dollar umsetzt. Wer Mark Zuckerberg in einer Telefonschalte mit­ lange in seinem App Store unverhältnismäßig hohe Das Problem liegt woanders. Apple ist Apple­
Haushalte jährlich an Kohlendioxid freisetzen. heute in der digitalen Welt Geld verdienen will, Investoren. Schließlich nehme es Apple bei seinem Gebühren, glaubt Epic Games. geblieben. Nur hat sich die Welt drum herum ver-
Seit dem vergangenen Jahr betreibt Apple seine kommt daran kaum vorbei. Der App Store ist­ Nachrichtendienst iMessage mit dem Datenschutz Das Unternehmen hat sich an die Spitze einer ändert, nehmen Apples Gegner die Eigenarten des
Büros, Rechenzentren und Geschäfte weltweit aus- neben der konkurrierenden Plattform von Google selbst nicht so genau. Stattdessen wolle Apple Truppe von Entwicklern gesetzt, die den App Store Unternehmens trotz ihrer Bewunderung für die
schließlich mit Ökostrom. »Das war der ver- der wichtigste Vertriebskanal für Software. Des- Facebook schaden, behauptete Zuckerberg. Denn in seiner derzeitigen Form zu Fall bringen will. Viele Produkte nicht mehr so einfach hin.
gleichsweise einfache Teil«, sagt Jackson. Jetzt­ halb überrascht es nicht, dass sich um ihn gerade Apple sei mit seiner Expansion ins App-Geschäft von ihnen haben sich in der Coalition for App Fair- David Heinemeier Hansson sagt, er sei bereit
arbeitet sie daran, den ökologischen Fußabdruck einige sehr grundsätzliche Konflikte drehen. einer der härtesten Wettbewerber Facebooks. ness organisiert, einer Lobbygruppe, die bei Politikern für einen langen Kampf. »Das hier ist der Beginn
der Zulieferer zu reduzieren, die Apples Produkte Schon vor einer Weile kündigte Apple eine Neue- Die anderen Tech-Konzerne müssen sich schon und Behörden Stimmung gegen Apple macht. Sie einer weltweiten Bewegung.«
zusammenbauen. Dafür hat Apple etwa in China rung an, die auf den ersten Blick unscheinbar wirkte: seit einer Weile gegen den Vorwurf wehren, ihre will unter anderem erreichen, dass Apple auf seinen
dreistellige Millionenbeträge in den Ausbau erneu- Wer eine App auf dem iPhone oder iPad öffnet, soll Marktmacht auszunutzen. Amazon soll den Händ- Geräten App Stores von Dritten zulässt.  www.zeit.de/vorgelese

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DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 WIRTSCHAFT 21

Thema: Impfen

Die Spritze im Werk


Viele Unternehmen sind bereit. Sie könnten ihre Mitarbeiter rasch impfen.
Wann bekommen sie Stoff?  VON LISA NIENHAUS UND MELANIE RAIDL

Mitarbeiter in
einer BASF-
Anlage in
Ludwigshafen

Foto (Ausschnitt): BASF SE; ZEIT-Grafik


D
as Impfzentrum im Lud- im Ausland, etwa in Frankreich. Bei der HypoVer- Die Allianz und die HVB mit ihren Hauptsitzen in Flexibilität und pragmatisches Handeln gefordert.« Und in Ludwigshafen wird es schon rein rechne-
wigshafener Werk des Che- einsbank (HVB) verkündet der Vorstandsvorsit- München sind offenbar erst einmal nicht dabei. Alli- Den Bund forderte er auf, »seine Impfverordnung risch interessant. Für die geschätzt 6000 Impfungen,
mieherstellers BASF be- zende Michael Diederich: »Wir sind bereit, inner- anz-Chef Oliver Bäte hat seiner Enttäuschung schon anzupassen«. die die BASF nach der aktuellen Priorisierung vor-
kommt seinen Impfstoff halb von 7 bis 10 Tagen nach grünem Licht an auf der Plattform Linkedin Ausdruck verliehen. Da Da ist also gerade ein großes Bundesland dabei, nehmen könnte, bräuchte sie, wenn es so weitergeht,
bislang sehr spontan. Kurz drei Standorten mit dem Impfen loszulegen. Nach gratulierte er der französischen Allianz-Tochter zum laut und öffentlich an der eisernen Impf-Reihenfolge insgesamt zehn Impftage, bis die Erstimpfungen durch
vorher gibt es einen Anruf vier Wochen hätten wir dann 20 Impfstraßen an Impfstart und merkte dabei an, dass man auch in des Bundesgesundheitsministeriums zu rütteln. Dazu sind. Da sie schon eine Woche impft, wäre das noch
von der Spedition: »Gleich 15 Standorten in Betrieb. Wir könnten 14.000 Deutschland bereit sei, sofort an 15 Standorten los- passt, dass auch Clemens Fuest, Präsident des in etwa eine weitere Woche. Wenn sie damit schneller ist
sind wir da!« Dann kommt der Lkw – und es Mitarbeiter impfen. Wir warten nur noch auf ein zulegen. »Aber leider wurde der Beginn der Lieferung München ansässigen Ifo Instituts für Wirtschafts- als der Durchschnitt des Landes, stellt sich die Frage:
wird erst einmal gezählt. »Wir wissen nie genau, Signal, wann es losgehen kann, um dann den an Betriebsärzte als Teil der deutschen nationalen Impf- forschung, seit Wochen dazu rät, die Priorisierungen Was geschieht dann?
ob wir eine Impfstoff-Lieferung bekommen und Knopf bei uns zu drücken.« Den »industrialisier- strategie nach hinten verschoben.« aufzuweichen. Der Bund will davon allerdings noch Rund 40.000 Menschen arbeiten am Standort
wenn ja, wie viele Dosen es sind und welche ten Ansatz« nennt man das intern. Das Interessante am bayerischen Modellprojekt nichts wissen. Deshalb veranstaltet Bayern seine Ludwigshafen. Mit mehr Impfstoff könnten sie hier
Art von Impfstoff«, sagt Michael Heinz, BASF-­ Eigentlich ist das eine gute Idee. Die Unterneh- ist allerdings, dass es in einem entscheidenden Punkt Modellprojekte erst einmal nur in Hochinzidenz­ sogar in zwei Schichten gegen Covid-19 impfen: 1200
Vorstand und Standortleiter in Ludwigshafen. men und ihre Betriebsärzte könnten ein entschei- anders ist als das mit BASF: Bayern möchte es den gebieten. Denn nur dort kann man es aktuell wohl Menschen täglich. Dann wäre der Standort – rein rech-
»Das war bei den nun ersten beiden Lieferungen dender Faktor sein, wenn es darum geht, das Impf- beteiligten Firmen gezielt nicht zur Vorschrift ma- juristisch rechtfertigen, die offizielle Impf-Reihen- nerisch – in 33 Impftagen komplett durch mit dem
eine echte Überraschung.« Tempo in Deutschland deutlich zu beschleunigen. chen, dass sie die offizielle Impf-Reihenfolge beach- folge außer Acht zu lassen. ersten Termin. BASF-Vorstand Michael Heinz sagt:
Beschweren will Heinz sich darüber aber nicht. Sie sind vorbereitet, sie sind schnell. Und sie können ten. Der Landesgesundheitsminister Klaus Holetschek Geht es nach vielen Firmenlenkern, weist der baye- »Schon bald muss es heißen: Lasst uns so schnell wie
Denn die BASF darf etwas tun, das viele Unterneh- viel Geld dafür ausgeben. (CSU) sagt: »Damit die Belegschaften der Unterneh- rische Vorstoß aber in die richtige Richtung. Der Hypo- möglich sein und in die Breite gehen. Diese Entschei-
men in Deutschland anstreben, das aber bis auf VW Allein, ihnen fehlt der Stoff. men einen unkomplizierten Zugang zum Impfange- Vereinsbank-Chef Diederich etwa sagt: »Bevor wir dung liegt aber selbstverständlich bei der Politik.«
in Zwickau und eben BASF in Ludwigshafen bis- Den gibt es aktuell nur von Bund und Ländern, bot erhalten, müssen dort starre Priorisierungen auf- beginnen zu impfen, müssten die Impf-Prioritäten
lang keiner darf: Sie impft ihre Mitarbeiter. Ver- und hier sind gerade noch andere dran. Die Haus- gelöst werden.« Das heiße nicht, dass er die Stufen freigegeben sein. Wir rechnen damit, dass das bald ge- Siehe auch Wissen S. 29:
gangene Woche Montag kam der erste Stoff, seit ärzte etwa, die kommende Woche 500.000 Impf- insgesamt aufheben wolle. »Jetzt sind aber eine gewisse schieht. Denn der Impfstoff wird ja wöchentlich mehr.« Soll das Land die Priorisierung auf heben?
Mittwoch wird er in die Arme der Mitarbeiter ge- dosen mehr bekommen als zuvor, insgesamt zwei
spritzt. Im großen Stil, fast schon industriell. Am Millionen Einheiten. Offiziell sind Betriebsärzte ANZEIGE
ersten Tag 400, dann 600 Impfungen täglich. noch nicht dran. Zwar erwähnt Bundesgesundheits-
Einer der Geimpften, der an diesem Montag in minister Jens Spahn sie mittlerweile regelmäßig als
der großen Veranstaltungshalle sitzt, die der BASF Teil der Impfkampagne, doch hochoffiziell Stoff
aktuell als Impfzentrum dient, ist der Laborarbeiter vom Bund sollen die Firmen nach neuesten Infor-
Thomas Dietrich. Trotz Pandemie verbringt er je- mationen aus dem Bundesgesundheitsministerium
den Arbeitstag im Werk und prüft die Chargen erst im Juni erhalten.

VORFREUDE
verschiedener Produkte des Chemiekonzerns: Holz- Dass die BASF in Ludwigshafen und auch VW
leim, Ammoniak, Harnstoff, Desinfektionsmittel. in Zwickau jetzt schon starten konnten, liegt daran,
»Das geht eben nicht von zu Hause aus«, sagt er. dass es sich um regionale Modellprojekte handelt.
Ohne Mitarbeiter wie ihn, der Produkte vor der Das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium
Lieferung im Labor analysiert, würde das Geschäft hat dafür die BASF ausgewählt, wahrscheinlich
nicht funktionieren. auch, weil sie besonders viele Mitarbeiter an einem

ALASKA
Das ist aber nicht der Grund, weshalb er geimpft Standort hat, die in die aktuellen priorisierten
wurde. Die BASF muss sich, das war Bedingung Gruppen fallen. Zudem spart der Steuerzahler
für das Pilotprojekt, an genau dieselben Priorisie- dabei auch ordentlich Kosten. Die BASF hat einen
rungen halten wie der Rest des Landes. Sprich: Jetzt
ist Impfgruppe 2 dran, das sind Menschen über 70
mittleren sechsstelligen Betrag investiert, um das
Impfzentrum zu finanzieren. Zusätzlich bezahlt sie
AUF
Jahre und solche mit Vorerkrankungen sowie di- das gesamte notwendige Personal. Nur der Impf-
rekte Angehörige von Schwangeren. Der Konzern stoff kommt vom Land.
hat geschätzt, dass das bei ihm in Ludwigshafen Dass die Impf-Industrie bislang nicht im großen
rund 4000 Menschen sein müssten. Dazu kommen Stil loslegen kann, hat mehrere Gründe. Nicht nur
aus Impfgruppe 3 die Menschen über 60 und An- der Stoff fehlt, sondern auch der politische Wille.
gehörige von Pflegefällen, noch einmal 2000. Niemand möchte den Anschein erwecken, dass
einzelne Gruppen bevorteilt werden. Erst recht
Eine Impf-Industrie entsteht in vielen nicht, wenn es sich dabei um Mitarbeiter von erfolg-
Konzernen und auch in kleineren Firmen reichen Dax-Konzernen handelt. Auch in den Be-
trieben möchte man nicht den Anschein erwecken,
Dietrich ist wegen eines Angehörigen dabei, der sich vorzudrängeln. Nur wenn unsere Mitarbeiter
pflegebedürftig ist. Als er vor ein paar Tagen ge- dran sind, heißt es dort offiziell. Ja, man ist gerade-
hört hat, dass er sich für eine Impfung anmelden zu panisch darum bemüht, sich nach außen hin
kann, hat er direkt einen Termin gebucht. Das vorbildlich zu verhalten. Im Hintergrund aber
funktioniert alles elektronisch. Die Frage, ob er drängeln die Firmenchefs heftig. So ist es zumindest
wirklich zur Impfung berechtigt ist, klärt ein ex- aus den Gesundheitsministerien einiger Bundes-
terner Dienstleister. Der Arbeitgeber selbst darf länder zu hören.
schließlich Gesundheitsinformationen nicht ein- Das liegt auch daran, dass einigen Unternehmen
fach abfragen. Nach der Impfung kann Dietrich schon länger signalisiert wurde, dass es schneller
schnell zurück an seinen Arbeitsplatz, ohne dass losgehen könnte. Denn auf Länderebene bröckeln
© Adobe Stock/majk101 © Dan Avila

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er viele gefährliche neue Kontakte oder einen die Fronten. RUSSLAND
66 ° 3 3′ N
weiten Weg hätte. Die erste Dosis von BioNTech BERING-
PO LA RK RE
IS
macht ihn sicherer, sie schützt auch andere Men- In Bayern werden gerade zehn Betriebe
schen, aber eben auch den Konzern. Dietrich ausgesucht, die impfen dürfen IHRE HURTIGRUTEN VORTEILE STRASSE
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läuft ja den ganzen Tag im Betrieb umher, ist St. Matthew ALASKA
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ständig mit Kollegen in Kontakt. Zum Beispiel in Bayern. Dort startet bald ein Pi- ƒ Deutschsprachiges Expeditionsteam an Bord
Kein Wunder, dass andere Firmen auch impfen lotversuch, ähnlich denen in Rheinland-Pfalz und ƒ Erkundungstouren an Land inklusive (nicht an Ein- und Ausschiffungstagen)
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wollen. Es ist eine regelrechte Impf-Industrie, die Sachsen. Noch im April möchte das bayerische ƒ Vollpension mit Tischgetränken an Bord (Softdrinks, Bier und Wein) St. Paul
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gerade in vielen Konzernen und auch in kleineren Gesundheitsministerium loslegen. Dazu sollen aus ƒ
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Firmen im Land entsteht. Sie bauen Impfstraßen der Impfallianz für die bayerische Wirtschaft, der ƒ Eine wind- und regenabweisende Jacke
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selbst auf oder nutzen dafür Dienstleister, die sich über 300 Firmen, darunter bekannte Namen wie Sitka Petersburg
darauf spezialisiert haben. Der Autobauer Daim- die Allianz und die HypoVereinsbank, angehören, JETZT TRÄUMEN–2022 REISEN Dutch Harbor
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Im Reisebüro, Tel. (040) 874 087 11 oder unter hurtigruten.de PAZIFISCHER Butedale
70 Betriebsärzte stehen dafür bereit. Die Luft- dürfen. Hoffnungen haben sich viele gemacht. OZEAN
hansa hat in Frankfurt, München und Hamburg Nun aber sollen es vor allem kleinere und mittel- Alert Bay KANADA
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Impfzentren aufgebaut. Ab vergangenen Montag ständische Firmen sein oder kleinere Niederlassun- **Frühbucher-Preis, limitiertes Kontingent. Vancouver
hätten sie loslegen können, wenn es denn Impf- gen von Konzernen, die alle in Hochinzidenz­ Hurtigruten GmbH • Große Bleichen 23•20354 Hamburg
stoff gegeben hätte. Der Versicherungskonzern gebieten liegen, vorrangig in den Grenzregionen. USA
Allianz ist ebenfalls startklar, impft auch bereits In den nächsten Tagen sollen sie benannt werden.
22 WIRTSCHAFT 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Thema: Medizinforschung

Die Gesundmacher aus dem Großkapital


Mehr Impfstoffe, bessere Krebstherapien und neue Medikamente gegen seltene Krankheiten:
Der MIT-Professor und Hedgefonds-Gründer Andrew Lo behauptet, dass der Schlüssel dazu in der Hightech-Finanzwelt liegt

DIE ZEIT: Professor Lo, Sie behaupten, dass Fi­ ZEIT: Das Investment könnte sich lohnen, wenn ZEIT: Diese Idee solcher Anlage-Portfolios steht ZEIT: Weil alle Eier in einen Korb gelegt werden. nenswerte Investments, und es kam eine Zeit in

Illustration: Asuka Grün für DIE ZEIT; Foto: privat (u.)


nanztechnik aus der Welt der Hedgefonds die Ent­ die zu erwartenden Erträge besonders groß sind. doch im Grunde hinter jedem Investitionsfonds der Lo: Und aus wissenschaftlicher Sicht mag das meinem Leben, da starben über vier Jahre hin­
wicklung neuer Impfstoffe und Arzneimittel beflü­ Lo: Ja, das sind sie aber in aller Regel nicht. Nicht Welt. Wenn es so einfach ist, warum werden Bio­ Sinn ergeben, aber aus Investorensicht erzeugt es weg sechs Menschen aus meinem engeren Um­
geln kann. Aber einige Ihrer Kollegen haben mich groß genug, um die Risiken wettzumachen. tech und Pharma dann nicht längst auf diese Weise ein höheres Risiko. feld an Krebs. Ich sprach dann mit den Entwick­
schon gewarnt: Wenn Sie den Lo interviewen, wird ZEIT: Trotzdem wollen Sie ganz normale Privat­ finanziert? ZEIT: Schlagen Sie vor, dass die Investoren den lern von Medikamenten gegen diese Krankheit
es kompliziert, da verstehen Sie kein Wort ... leute und kommerziell gesinnte Investoren auf die­ Lo: Die Kultur unter den Pharma- und Biotech- Forschern mehr hineinreden sollen? und wunderte mich. Jede Menge Entwicklungen
Andrew Lo: So kompliziert ist das doch gar nicht. ses Feld locken. Forschern macht es den Investoren schwer. In dieser Lo: Die beiden Bereiche müssen zusammen ge­ waren schon begonnen worden, aber überall er­
Es sei denn, wir gehen zu sehr ins Detail. Die Ent­ Lo: Ich habe inzwischen Firmen gegründet, in de­ Szene fokussiert man sich darauf, seine bereits vor­ dacht und organisiert werden. Bis vor einigen zählten sie mir, dass für den weiteren Fortschritt
wicklung eines Impfstoffs oder eines neuen Medi­ nen wir Investitionsstrategien für so etwas entwi­ handene Expertise einzusetzen und sie weiter aus­ Jahren noch wurden Pharma-Entwicklungen vor das Geld fehlte. Ich stellte fest, dass es entschei­
kaments bringt aus der Sicht eines Investors viele ckeln. Wir bauen auf einer sehr alten Technik am zubauen. Wenn ein Wissenschaftler einen be­ allem von Pharmakonzernen gemacht, die ihre dende frühe Phasen in der Entwicklungskette
Probleme mit sich. Erstens dauert es lange, bis Finanzmarkt auf: Wenn man Portfolios aus recht stimmten Mechanismus entdeckt hat, mit dem er Risiken intern verwaltet haben: Die Pfizers, GSKs, gibt, die den Investoren zu riskant erschienen.
man überhaupt eine Chance hat, sein Geld wie­ unterschiedlichen Biotech- und Pharmaentwick­ Krebszellen beeinflussen kann, dann will er immer Novartis und Roches dieser Welt haben stets eine Mit der Finanzierung riskanter Anlagen kenne
derzusehen. Zweitens sieht man es häufig gar nicht lungsprojekten bildet, wenn man also die Risiken weiter damit herumexperimentieren, andere Varia­ Fülle von Entwicklungen gleichzeitig laufen. ich mich aber aus. 2012 habe ich dann ein erstes
wieder, denn die Erfolgsrate einer neuen Entwick­ bündelt und sie auf die richtige Art und Weise zu­ tionen ausprobieren und den Mechanismus und ZEIT: Hat das nicht gut funktioniert? Forschungspapier über Risikoanlagen in der Bio­
lung ist sehr gering. Sie liegt bei etwa 30 Prozent sammenlegt, kann man das Gesamtrisiko des In­ seine Möglichkeiten vollständig verstehen. Er kon­ Lo: Doch, aber die Struktur der wissenschaft­ technologie und Pharmazeutik veröffentlicht.
für Krebsmedikamente, und in manchen Medizin­ vestments verringern. Dann reichen ein oder zwei zentriert also seine Ressourcen auf eine Sache und lichen Forschung hat sich verändert. Im Jahr ZEIT: Wenn Investoren Portfolios bilden, versu­
gebieten beträgt sie nur fünf Prozent. Drittens ist Erfolge in einem großen Bündel gewagter Projekte, versammelt möglichst viele Forscher um das gleiche 2000 waren noch 26 der 30 umsatzstärksten chen sie, die Risiken der unterschiedlichen An­
so eine Entwicklung um das Vielfache teurer als um die Sache unterm Strich zu einer lohnenden Problem. Ein Investor aber schaut auf dieses Ver­ Pharmazeutika auf der Welt von großen Pharma­ lagen darin auszubalancieren. Dafür muss man
etwa eine neue App oder eine Erfindung in der Geldanlage zu machen. Wir wissen inzwischen, halten und sagt: Das ist das genaue Gegenteil von konzernen entwickelt worden. 2018 kamen be­ aber erst mal genau verstehen, was diese Risiken
Technologiebranche. dass sich dann auch mehr Investoren finden. Diversifizierung! reits 24 der Top-30-Pharmazeutika von Biotech- sind und wie sie sich zueinander verhalten. Wie
Unternehmen oder von Universitätsinstituten. In kann denn ein Finanzinvestor ausreichend gut
ANZEIGE der wissenschaftlichen Forschung hat sich also verstehen, was es mit dieser oder jener Biotech-
etwas verändert, das kleine Biotech-Start-ups be­ Innovation auf sich hat?
deutsamer macht. Die aktuellen Impfstoffe gegen Lo: Hier kommt der Punkt, wo die Grundidee
Covid-19 sind doch die besten Beispiele dafür. zwar noch einfach ist, die praktische Umset­
Biotech-Firmen wie Moderna und BioNTech zung aber kompliziert. Mit dieser Frage ver­
haben die entscheidenden Durchbrüche erreicht, bringe ich meine Zeit. Man braucht Daten,
und der AstraZeneca-Impfstoff wurde im Umfeld und man braucht Analysemethoden für diese
der Universität Oxford entwickelt. Daten. In anderen Bereichen der Finanzwelt,
ZEIT: Aber denen fehlt häufig das Geld, vor etwa bei Technologie-Investitionen, ist dafür
allem für die etwas exotischeren Entwicklun­ bereits eine riesige Branche spezialisierter Ana­
gen, etwa im Fall sehr seltener lysefirmen entstanden. In Biotech
Krankheiten. gibt es das fast noch nicht. In den
Lo: Und daran lässt sich etwas ver­ vergangenen Jahren habe ich daher
ändern. Ich habe selbst schon in einige Grundlagen für solche Ana­
diese Branche investiert. Ich und lysen in meiner Arbeit am Massa­
einige Freunde und Familienmit­ chusetts Institute of Technology
glieder haben Gründungskapital (MIT) gelegt. Wir stellten uns im­
zur Verfügung gestellt, und das ha­ mer wieder die Frage: Was sind die
ben wir vor fünfeinhalb Jahren in Erfolgschancen dieser oder jener
Respekt Vielfalt Weitsicht ein Bündel von Biotech-Entwick­
lungen gegen seltene Krankheiten
Andrew Lo ist
Biotech-Investition?
ZEIT: Und?
investiert. Dann wurden einige tra­ Lo: Das ist nach Unternehmen,
Professor und
ditionelle Biotech-Investoren auf aber auch nach Kategorien unter­
Finanzexperte
unser Portfolio aufmerksam, und schiedlich. Wir haben am MIT
sie sahen, dass es uns gelang, ganz eine Website eingerichtet, wo man
dramatisch unser Investitionsrisiko zu reduzie­ sich die bisherigen Ergebnisse unserer Arbeit
ren. Seither investieren sie auch bei uns. Inzwi­ kostenlos herunterladen kann. Vor anderthalb
schen ist so viel Kapital zusammengekommen, Jahren habe ich außerdem mit einem früheren
dass damit schon bedeutsame klinische Studien Doktoranden ein Unternehmen aufgebaut, um
finanziert werden konnten. Eine Arznei aus un­ Investoren beim Entwickeln von Anlagestrate­
serem Portfolio ist inzwischen zugelassen, weitere gien zu helfen.
Blindtext 20 sind in der Entwicklung. ZEIT: Verstehen Sie denn inzwischen selber, was
te odit qu odit qu ZEIT: Und noch mal: Darauf ist vorher wirklich die Forscher in ihren Biotech-Labors da treiben?
odit quasDo noch niemand gekommen? Lo: Nein, ich bin kein Biopharma-Experte. Es
Lo: Doch, die großen Pharmafirmen hatten ja geht darum, dass wir solche Expertise, die für In­
schon lange hausintern so kalkuliert, und einige vestoren nützlich ist, gemeinsam mit Wissen­
Risikokapitalfonds haben auch schon Portfolios schaftlern und Pharma-Managern entwickeln.
von Biotech-Entwicklungen gebildet und nach Wir haben uns aber auch schon die Daten aus
diesem Prinzip investiert. Wir machen das aber einer Fülle klinischer Studien besorgt, aus 50.000

Teilhabe Verantwortung Vorsorge mit moderneren Verfahren viel effizienter.


ZEIT: Erklären Sie mal, was Sie anders machen.
Unternehmungen über eine Periode von 20 Jah­
ren. Wir haben künstliche Intelligenz darauf an­
Lo: Es ist zum Beispiel ganz entscheidend in unse­ gesetzt, um Voraussagen über künftige Erfolgs­
rem Businessmodell, dass man gleich von Beginn chancen zu treffen. Das alles versuchen wir sinn­
an in eine Vielzahl von Biotech-Unternehmen voll zusammenzubringen.
gleichzeitig investiert, zur Risikominimierung. ZEIT: Und die Investoren, die Sie anlocken wol­
Das ist anders als der traditionelle Weg von Wag­ len, werden am Ende reich?
niskapitalgebern. Die bauen Schritt für Schritt Lo: Das ist das Ziel. Bisher sind hauptsächlich

Weil’s um mehr
ihr Investitionsportfolio auf, was zwar solide und private Investoren involviert, aber Institutionen
vorsichtig klingt, aber insgesamt ist es ein riskan­ wie Pensionsfonds entdecken schon diesen Be­
terer Weg. Das gleichzeitige Investieren in sehr reich. Ich glaube, dass sich Biomedizin als eine

als Geld geht.


viele Entwicklungen, von Anfang an, verringert ausgezeichnete langfristige Anlage erweisen
das Risiko. Das ist heute auch praktisch möglich. wird. Dieser Markt ist sehr volatil, es gibt Ent­
Es gibt eine Fülle von Durchbrüchen in der Bio­ wicklungssprünge und Rückschläge, aber auf
technologie, die gute Investitionsmöglichkeiten Dauer werden gut finanzierte Biotech-Unter­
Wir setzen uns ein für das, was im sind. Seit 2003 das menschliche Erbgut ent­ nehmen immer wieder Durchbrüche gegen
schlüsselt worden ist, gibt es in der Biotech-­ Krebs, Alzheimer oder die nächste globale Pan­
Leben wirklich zählt. Für Sie, für Forschung viel mehr Ideen als Geld. Wenn wir demie finden.
mit unseren finanztechnischen Methoden jetzt
die Region, für uns alle. Mehr auf mehr Investorengelder anlocken, begründen wir Andrew Lo, 1960 in Hongkong geboren, hat in
sparkasse.de/mehralsgeld ein goldenes Zeitalter der Medizintechnik. den USA Hedgefonds und Hightech-Analyse­
ZEIT: Wie sind Sie drauf gekommen, sich auf firmen für Investoren gegründet. Er erforscht und
dieses Feld zu stürzen? unterrichtet Finanzen am MIT
Lo: Das waren auch persönliche Gründe. Ich bin
Finanzökonom, ich entwickle Modelle für loh­ Die Fragen stellte Thomas Fischermann
DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 WIRTSCHAFT 23

Liga der Milliardäre


Die Idee einer Super League löst Proteste aus. Sie verspricht aber Geld und Innovationen für den Fußball  VON OLIVER FRITSCH

D
ie Idee war gewagt. Die Re- starke Gegner aus entfernteren Regionen und Län- großen Stadion austrug. Eigentlich hatte sich jedoch
aktionen gewaltig. Zwölf dern. Sie wollen damit einen besseren Wettbewerb der FK Pirmasens qualifiziert. Bei der neuen Super-
Spitzenclubs aus England, schaffen – und sie wollen auch mehr Geld verdienen. liga waren der AC Mailand und Arsenal aus London
Italien und Spanien verkün- Schon im England des 19. Jahrhunderts gründe- gesetzt, beide spielen schon seit ein paar Jahren nicht
deten vergangenen Sonntag ten Vereine gegen Widerstände Ligen mit unter- mehr in der Champions League.
die Absicht, eine Super­ schiedlichen Professionalisierungsgraden, während Die Vergangenheit lehrt, dass laut geklappert wird
League zu gründen, an der vor einer wirtschaftlichen Spaltung zwischen dem bei den Verhandlungen. »Berufsspieler sind Schäd-
am Ende die 16 bis 20 wertvollsten Clubs aus Eu- Norden und dem Süden des Landes gewarnt wurde. ANZEIGE
ropa teilnehmen sollen – und aus der die edelsten Kapitalismusskeptische Bedenken, wie sie nun zu
Vereine noch nicht einmal absteigen können. Das beobachten sind, waren der Gründung des Europa-
Geld dafür, so der Plan, soll von der amerika­ pokals der Landesmeister 1955 sowie der Champions
nischen Investmentbank J.P. Morgan kommen. League 1992 vorausgegangen. Lange wehrte sich der LESEN SIE IN UNSERER
Nicht weniger als 3,5 Milliarden Euro verspricht altbackene Deutsche Fußball-Bund (DFB) gegen eine AKTUELLEN AUSGABE:
das Geldhaus den Teilnehmern, die Banker hätten einheitliche Nationalliga, weil er am Amateurstatut
dann die Vermarktungsrechte inne und müssten sie festhalten wollte. Doch 1963 gründete man in
mit keinem Verband teilen.
Fußball als teuer zu verkaufende Marke – für die
Deutschland auf Initiative der Vereine die Bundes-
liga. All diese Liga-Neuschöpfungen brachten öko- Adidas:
Initiatoren war das verlockend. Für den Rest der
(Fußball-)Welt war es Verrat.
Die Pläne waren gerade auf den Websites der teil-
nomischen Erfolg und sportliche Innovation.
Anfang der Sechziger waren Köln oder Dort-
mund einfach zu gut geworden für Westfalia Herne
Der ewige
nehmenden Vereine veröffentlicht, da äußerten sich
auch schon die Regierungsoberhäupter Frankreichs
und Englands. Boris Johnson sagte, »das Herz des
und die Sportfreunde Hamborn, ihre damaligen
Lokalrivalen in der Oberliga West. Sie wollten sich
lieber mit Hamburg und Nürnberg messen. Heute
Zweite
nationalen Fußballs« sei in Gefahr. Emmanuel Ma- sind Juventus Turin, Paris Saint-Germain, der FC
cron sah das sportliche Leistungsprinzip außer Kraft Bayern München, Real Madrid, der FC Barcelona, AB FREITAG IM HANDEL
gesetzt. Der ehemalige englische Nationalspieler Gary Manchester City und United der Konkurrenz in
Neville schimpfte, es seien »Kriminelle« am Werk. ihren Hei­mat­ligen entwachsen. In den vergangenen
Rudi Völler sprach von »einem Verbrechen«. zehn, zwanzig Jahren sind auf nationaler Ebene
Der Vorschlag hat Fans und Clubs gleichermaßen Mono- oder Duopole entstanden. Der frühere Na-
in Aufruhr versetzt. Bei Liverpool beriefen die Spieler tionalspieler Philipp Lahm nennt sie »globale Top-
eine Krisensitzung ein, wiewohl der Verein zu den Brands«: Clubs aus den Metropolen, die von ihrem
Foto (Ausschnitt): Zac Goodwin/empics/dpa Picture-Alliance

Initiatoren zählt. Bei Manchester United trat Vor- Standort profitierten, vom wachsenden Fußball-
stand Ed Woodward zurück. Einige Clubs wollten markt, von den vielen Millionen Euro in der Cham-
bereits am Dienstagabend ihre Aufnahme in die Edel- pions League und auch von der Digitalisierung, die
Liga schon wieder rückgängig machen, der erste war ihnen riesige Reichweiten und Kunden in allen Erd- linge des Sports«, teilte der DFB schon in seinem
der FC Chelsea aus London. teilen beschert. Die ewige Frage lautet: Welcher Jahresbericht 1918/19 mit, als er eine private Fußball-
Der Grund hinter dem Ärger: Angeblich hat mit Wettbewerb ist für den FC Bayern wichtiger, die liga bekämpfte, bei der Spieler statt der Funktionäre
der Super League die Gier den Fußball nun endgültig Bundesliga oder der Europapokal? Welches Spiel ist Geld verdienten. Womöglich waren die lancierten
besiegt. Dabei ist an der Idee im Prinzip nichts ­Neues. für die Fans attraktiver: das gegen Werder Bremen Pläne ohnehin nur als Drohung zu verstehen, um bei
Eine Superliga wäre in der Tat eine Zäsur. Doch oder das gegen den FC Liverpool? der Uefa mehr Mitsprache und mehr Geld rauszu-
all das, worüber sich nun viele empören, begleitet den Nicht einmal die Diskussion über die Auswahl- schlagen. Aber die Idee ist in der Welt. Früher oder
organisierten Fußball seit 150 Jahren. Es ist eine Art Aus Protest verbrennen Fans kriterien ist neu. Sportliche Leistung gab bei der später wird es wohl dazu kommen. Die Frage ist ver-
Naturgesetz dieses Sports: Ein paar Vereine sind zu des FC Liverpool ein Shirt ihres Vereins Schaffung neuer Ligen selten allein den Ausschlag. mutlich nicht, ob, sondern wann.
groß für ihre Konkurrenz geworden und schließen So wurde der 1. FC Saarbrücken 1963 in die Bundes-
sich zusammen. Sie suchen sich andere, etwa gleich liga aufgenommen, weil er seine Heimspiele in einem www.zeit.de/vorgelese

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24 WIRTSCHAFT 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Grüner Leben

27
Prozent des Stroms
29.600 Windräder
in Deutschland kamen im standen 2020 auf deutschen
Jahr 2020 aus Windkraft Feldern und Weiden

Foto [M]: Mark Mühlhaus/attenzione/Agentur Focus


Leiser als gedacht? Die neueste Forschung sieht kein Lärmrisiko für Anwohner nach der Montage von Windrädern

Viel Lärm um nichts


Die Studie einer Bundesbehörde bremste die Energiewende und beflügelte Windkraftgegner. Zu Unrecht  VON SUSANNE GÖTZE UND ANNIKA JOERES

W
indkraftanlagen verschan- tigten Folgeerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. zellen. In einer ZDF-Dokumentation wurde auf ihrer Das zugrunde liegende Windrad sei viel größer als Im vergangenen Jahr stellten erneuerbare Ener-
deln nicht nur die Land- Infraschall ist ein Schall, dessen Frequenz so tief ist, Grundlage behauptet, der Infraschall raube Anwoh- angenommen und die Umrechnung in Frequenz- gieformen erstmals über 50 Prozent des deutschen
schaft, sie machen auch dass er vom menschlichen Ohr nicht wahrgenommen nern im Umfeld der Windräder »den Schlaf«. spektren fehlerhaft. Strommixes. Die Windkraft allein lieferte 27 Pro-
krank. Mit solchen Be- wird. Solcher Schall ist selbst im Innenraum von Au- Doch die Studie ist in einem zentralen Punkt »Natürlich irren sich auch Forscher immer zent – mehr als Braun- und Steinkohle. Doch damit
hauptungen verhindern tos messbar, aber zum großen Thema wird er in der falsch: Ausgerechnet die in Dezibel ausgedrückte wieder – aber auf Hinweise von Kollegen werden die Klimaziele noch erreicht werden, müsste allein
Bürgerinitiativen in Windkraftdebatte. Lautstärke ist zu hoch berechnet. Vor wenigen Tagen Fehler dann auch umgehend korrigiert«, sagt Hund- die Windkraft an Land um rund acht Gigawatt pro
Deutschland immer wie- Immer wieder wird dabei dieselbe Studie zitiert. hat das Bundesamt sie nach unten korrigiert. Es gebe hausen. Dies sei besonders bei politisch bedeut­ Jahr zulegen, rechnet das Fraunhofer-Institut vor.
der den Bau von Windparks. Zum Beispiel in Bay- Der unhörbare Schall von Windkraftanlagen wurde einen »systematischen Fehler« – die Veröffentlichung samen Aussagen geboten. 2020 lag der Zuwachs nur bei 1,4 Gigawatt.
ern: In Speichersdorf bei Bayreuth wurde vor einem 2009 von der Bundesanstalt für Geowissenschaften sei nun »in Überarbeitung«, heißt es auf der Internet- Doch die BGR ignorierte offenbar über Jahre
Jahr die Planung neuer Windkraftanlagen gestoppt. und Rohstoffe (BGR) in Hannover publiziert, einer seite. Die Lautstärke sei 36 Dezibel niedriger als­­ Studien mit stark abweichenden Resultaten. So Der Alarmismus der Windkraftgegner
Mit Warnhinweisen wie »Auf Dauer tödlich« ver- direkt dem Bundeswirtschaftsministerium unter- ursprünglich angegeben. Klingt nach wenig, macht kommen das Landesumweltamt Baden-Württem- macht selbst Gesunde krank
breitete die Bürgerinitiative »Windparkfreie Hei- stellten Behörde. Darin heißt es: Der Infraschall »mo- aber einen riesigen Unterschied: Zehn Dezibel mehr berg (LUBW), internationale Studien und auch
mat – Rund um den Rauhen Kulm« Unsicherheit. derner und großer Windkraftanlagen mit Leistungen bedeuten ein zehnmal so lautes Geräusch – der Un- neue Berechnungen der Physikalisch-Technischen Das liegt auch an Gemeinden, in denen oftmals nur
Die kleine Gruppe von elf Windkraftgegnern postete von mehr als 500 kW« produziere Infraschall von mehr terschied ist so groß wie der zwischen einem Vier- Bundesanstalt nur auf Schalldrücke von 60 Dezibel mit einer Handvoll gut organisierter Bürger Wind-
Videos, verteilte Infoblätter, und am Ende entschied als 100 Dezibel Lautstärke. Die Studie des BGR hat es augengespräch und einem in zehn Meter Entfernung in 200 Meter Entfernung zu Windrädern. Einzig parks verhindert werden. So wie in Speichersdorf
sich der Gemeinderat gegen das Projekt. von den wissenschaftlichen Diensten des Bundestages vorbeifahrenden Auto. die BGR publizierte Werte von 90 Dezibel und bei Bayreuth. Nach dem Beschluss des Gemeinde-
Deutschlandweit behaupten Windkraftgegner, bis zum Deutschen Ärzteblatt in allerlei anerkannte Der Erlanger Physik-Professor Martin Hund- mehr. »So eine große Diskrepanz ist physikalisch rates ist Windkraft dort unmöglich geworden. Die
durch Windturbinen erzeugte Infraschallwellen ver- Publikationen geschafft, auch ein Mainzer Kardiologe hausen sagt, dass die BGR-Studie den Windräder- absolut ausgeschlossen. Das hätte der BGR früher Angst vor Infraschall habe auf jeden Fall eine Rolle
ursachten Tinnitus oder Schlafstörungen und begüns- nutzte die Dezibelzahl für seine Forschungen an Herz- Infraschall um den Faktor 10.000 zu hoch ansetze. auffallen müssen«, sagt Hundhausen. gespielt, sagt Bürgermeister Chris­tian Porsch.
Ist es aber nicht, was auch daran liegen könnte, Womöglich führte die BGR-Studie mit den
ANZEIGE dass es die Aufgabe der BGR ist, die Einhaltung des fälschlich hohen Dezibelzahlen sogar zu realen Be-
internationalen Atomwaffensperrvertrages zu über- schwerden bei Anwohnerinnen und Anwohnern
prüfen. Dafür betreibt sie an zwei Standorten in von Windradanlagen. Dies beweist ein viel beach-
Deutschland große Infraschall-Messstationen, die tetes Experiment von Gesundheitspsychologinnen
illegale Atomtests in weiter Ferne aufspüren sollen. der neuseeländischen Universität Auckland. Sie
2004 wollte sie offenbar untersuchen, ob der Betrieb führten eine Gruppe von Probanden in einen Raum
von Windrädern solche Messungen beeinträchtigen mit erhöhtem Infraschall. Die eine Hälfte las vorher
könnte. Mittlerweile aber hat sie dazugelernt. beunruhigende Berichte über gesundheitliche
Die BGR schreibt auf Nachfrage, man habe »in Folgen des unhörbaren Schalls, die andere nicht.
der Folge eines fachlichen Austausches mit der Das Ergebnis: Die durch die Berichte alarmierte
Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) in Gruppe verspürte Kopfschmerzen, Schwindel oder
diesem März intern eine vertiefte Prüfung veran- Herzklopfen – der zweiten Gruppe ging es so gut
lasst«. Dabei habe sich ein Fehler bei der Program- wie vorher. Das Fazit der Forschenden: »Psycho-
mierung des Algorithmus herausgestellt, durch den logische Erwartungen könnten erklären, warum
die Störsignale an Windanlagen überschätzt worden Windräder zu gesundheitlichen Problemen führen.«
seien. Die BGR plane nun neue Messreihen an Die BGR verteidigt ihre Studie auf Anfrage.
»modernen Windanlagen«. Ein »unsachgerechtes Einbringen« ihrer Arbeit
Der Bayreuther Umweltwissenschaftler Stefan durch Interessengruppen sei zu bedauern, jedoch
Holzheu sagt, er habe dem Autor der BGR-Studie, seitens der BGR nicht zu verhindern. »Die BGR
Lars Ceranna, seit Frühjahr 2020 insgesamt 18 weist stets darauf hin, dass sich ihre Arbeiten auf
E-Mails mit seinen Anmerkungen und Korrekturen die oben beschriebenen hochempfindlichen Mess-
geschickt, um mit ihm »von Wissenschaftler zu systeme beziehen, nicht jedoch auf die Auswirkung
Wissenschaftler« zu diskutieren. Holzheu wurde auf des von Windenergie-Anlagen generierten Infra-
das Thema aufmerksam, als wenige Kilometer ent- schalls auf Menschen.«
fernt von seinem bayerischen Dorf eine Bürger­ Allerdings trat der für die fehlerhafte Veröf-
initiative wegen der angeblichen Infraschall-­ fentlichung verantwortliche Mitarbeiter der
Belästigung ein Windrad verhindern wollte – das BGR, Lars Ceranna, in einer ZDF-Dokumenta­
kam ihm, dem Sensortechniker, seltsam vor. tion auf – das Thema: Welche Folgen hat Infra-
schall für Nachbarn von Windrädern? Darin
Der schleppende Ausbau der Windräder zeigt Ceranna seine Kurven mit 100 und mehr
bremst den Klimaschutz Dezibel und behauptet, große Windkraft­

9 7
SEIT 19
anlagen würden »noch in 20 Kilometer Entfer-
»Der Fehler der BGR ist keine Lappalie«, sagt Holz- nung ein möglicherweise detektierbares Infra-
heu. Die falschen Zahlen hätten dazu beigetragen, schallsignal generieren«. Von dieser vielfach
Windradprojekte mit dem Infraschall-Argument kritisierten Angabe weicht die BGR auch heute
zu verhindern. Die BGR aber habe ihm zunächst nicht ab: Es bleibe bei dem für Störsignale rele-
ausweichend geantwortet und schließlich gar nicht vanten Entfernungswert von 15 Kilometern,
mehr. Nachdem Holzheu dem Autor ankündigte, schreibt sie. Für den Physiker Hundhausen ist
auf seiner Web­site über die falschen Zahlen infor- dies der nächste Fehler: »Die 15 Kilometer sind
mieren zu wollen, sollte er seine Darstellung nicht nicht realistisch und widersprechen gängiger
ändern, habe Ceranna Holzheus Chef angerufen. wissenschaftlicher Erkenntnis.« Die BGR habe
Bank mit Werten? Holzheus Ankündigung sei der Rechtsabteilung des
BGR aufgefallen, und sie denke nun darüber nach,
keine Messung dazu vorgelegt. Schon bei einem
Abstand von 800 Metern sei der Infraschall von

Aber natürlich. »rechtliche Schritte einzulegen«, heißt es in einer


anschließenden E-Mail des Chefs an Holzheu.
Doch Holzheu publizierte weiter auf seiner
Windrädern nicht größer als allgemeines Hinter­
grundrauschen.
Der Bundesverband Erneuerbare Energien
Die UmweltBank ist die einzige Bank in Deutschland, bei der Internetseite zur BGR-Studie – und die recht­ (BEE) kennt die Kritik an den Zahlen der BGR
jeder angelegte Euro garantiert in nachhaltige Unternehmen lichen Schritte blieben aus. Holzheu setzt sich und hält eine Korrektur für überfällig. »Bundes-
auch in seinem Dorf für Windräder ein. »Ohne behörden müssen ihre Aussagen wissenschaftlich
oder Projekte fließt. Das ist unser Versprechen an Sie und die
Erneuerbare werden wir unsere Klimaziele nie fundiert treffen und dürfen nicht zum Stich-
Umwelt. Jetzt informieren! erreichen.« Der Ausbau des Ökostroms ist längst wortgeber der Energiewende-Gegner werden«,
Gesetz: Bis 2030 soll der Anteil erneuerbarer sagt BEE-Präsidentin Simone Peter. Infraschall
Energien an der gesamten Stromgewinnung laut sei weder gefährlich noch in irgendeiner Weise
www.umweltbank.de/zeit Klimapaket auf 65 Prozent steigen. Wenn schädlich, er sei zum Beispiel bei Autofahrten
Deutschland klimaneutral werden will, muss höher als bei Windenergieanlagen. »Zahlen wie
seine Energie vor allem aus Wind, Sonne und aus der BGR verdrehen die Realität«, sagt Peter.
Biogas gewonnen werden. Sie schürten nur eines: Angst.
DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 WIRTSCHAFT 25

Grüner Leben

40
Prozent
50 Prozent
der Treibhausgase entstehen der Abfallmasse entstehen beim Bauen.
beim Bauen und durch den Betrieb von Dieser Müll ließe sich mit Holzbau und einer

Fotos: Ricardo Foto/Voll Arkitekter AS; Reiner Zensen/imago (u.)


Häusern und Infrastruktur Kreislauf-Bauwirtschaft verringern

Mjøstårnet (Turm am Mjøsa-See): Das Gebäude steht im norwegischen Brumunddal und gilt als das höchste Holzhaus der Welt

Nichts für Betonköpfe


Der deutsche Klimapapst John Schellnhuber möchte mit natürlichen Baustoffen das Klima retten  VON UWE JEAN HEUSER

H
ans Joachim, genannt John, hervorbringt. Der deutsche Klimaforscher sah, wie Hoch bauen lässt sich mit dem nachwachsenden erneuerbaren Energien und der Elektromobilität andere Naturstoffe neben Holz ebenso gelten wie
Schellnhuber wurde vor durch die Beschneidung »das Leben sprießt«, und Material auch. Im norwegischen Brumunddal öff- schlichte Unterfangen. Doch Schellnhuber rechnet Mischbauten, bei denen 90 Prozent der künftigen
gut siebzig Jahren in einem konnte sich auf einmal die Zone südlich der Saha- nete 2019 schon ein über 85 Meter hohes Holzhaus mit ähnlichen Mustern des Widerstands. Noch sei sein Baumasse aus Holz sind, und selbst bei nur 70 Prozent
niederbayerischen Holzhaus ra als riesige CO₂-Senke vorstellen, in der Holz seine Türen, und in Eindhoven soll eine riesige Hoch- Bauhaus der Erde zwar »unter dem Radarschirm« der Holz »hätte das noch einen großen Effekt«. Haupt-
geboren. Jetzt will er zum massenweise wächst und das Klimagas bindet. hausstruktur entstehen, die zwei Stadtteile verbindet. Stahlbetonlobby. Aber auch diese läuft seines Erach- sache, es geht richtig los.
Holzhaus zurück. Nicht für Beim deutschen Umweltministerium hatte Grundsätzlich könne man mit Holz sogar höher tens wie die Energie- und die Autoindustrie Gefahr, Damit das geschehen kann und die Wende über
sich selbst, sondern für alle Schellnhuber es später in einem Rat für Baukultur bauen als mit Beton, sagt Schellnhuber. in die »Effizienzfalle« zu tappen und die alte Techno- einzelne Leuchtturmprojekte hinausgeht, müssen sich
Menschen. Der deutsche Klimapapst, der bis mit führenden Architekten zu tun. Er sah eine neue Aber hat der Plan nicht doch einen Haken? Die logie immer weiter auszureizen, statt das Potenzial der allerdings Gesetze ändern, in denen noch die Angst
2018 einer der Chefs beim Potsdam-Institut für Form der Urbanisierung mit Holzbauquartieren Aufforstung würde ja lauter Monokulturen entstehen neuen zu nutzen. So könne man mit Textilbeton vor Bränden und Termiten dominiert. Sie schränken
Klimafolgenforschung war, ist zum Aktivisten entstehen. In dieser Vision wurden Kunst und lassen, die gefährdeter sind als natürliche Mischwälder, vielleicht 15 Prozent CO₂ einsparen. Auch forsche die den Holzbau kräftig ein. Dem langjährigen Politik-
geworden. Handwerk sowie die Einbettung von Umwelt und oder? »Bei uns auf der Nordhalbkugel sind die Mono- Industrie an der klimaneutralen Zementherstellung berater Schellnhuber schwebt ein Zukunftsressort für
In dieser Woche stellt er seine neuen Pläne Sozialem eins – wie vor gut hundert Jahren in der kulturen durch die Fichte schon da«, antwortet mithilfe von Wasserstoff. Aber all das erinnert ihn an Bauen und Raumplanung in der Bundesregierung vor.
vor. Die unbescheidene Mission: eine weltweite Weimarer Bauhaus-Schule. Der Physiker nannte Schellnhuber. Fürs Bauen könne man dagegen Misch- besonders effiziente Kohlekraftwerke oder verbrauchs- Ermutigt fühlt er sich von den Reaktionen junger
Wende beim Bauen herbeizuführen. Die feste sein Projekt daher Bauhaus der Erde. Ende 2019 wälder aufforsten und verschiedene Baumarten sowie arme Turbodiesel-Motoren, die jeweils die Wende CDU-Abgeordneter, auch in dem SPD-Kanzlerkan-
Überzeugung: Die Rückkehr zum Holz als dem versammelte sich der Initiativkreis dafür erstmals auch geschädigtes Holz nutzen. Gleichzeitig müsse aufgeschoben haben und die Industrie selbst in didaten Olaf Scholz sieht er einen Anhänger seines
zentralen Baumaterial ist der wichtigste Beitrag bei der Philosophin und Siemens-Aufsichtsrätin man die Urwälder vor allem im Süden schützen. Schwierigkeiten brachten. Bauhauses. Und Annalena Baerbock ist längst die
gegen die Erwärmung der Erde. Das entschei- Nathalie von Siemens im Seebad Caputh nahe Betrachtet man sie genauer, wird aus der einfachen Doch der Kipppunkt sei nah, meint Schellnhuber, prominenteste offizielle Botschafterin seiner Idee.
dende Mittel: eine Erzählung, die Bürgerinnen Berlin, wo sich vor rund hundert Jahren Albert Ein- Erzählung eben doch ein kompliziertes Weltprojekt. die organischen Materialien würden kommen. Dabei Man kann John Schellnhuber nicht vorwerfen, dass
und Politiker weltweit zu überzeugen vermag. stein sein Sommerhaus errichten ließ – aus Holz! Gegen solch eine Bauwende waren die Einführung der will er keineswegs als Fundamentalist dastehen, lässt er schlecht vorbereitet sei.
Kurz gesagt geht sie so: Holz ist ein vielseitiges, Aus dem Initiativkreis wurden die heutigen Bot-
natürliches Baumaterial und kann jahrhundertelang schafter des Projekts, zu denen neben von Siemens, ANZEIGE
große Mengen des Klimagases CO₂ speichern. Wird Wissenschaftlern und Architekten auch Kultur-
nun großflächig aufgeforstet und mit Holz statt staatsministerin Monika Grütters (CDU) gehört.
Beton gebaut, wird der größte Klimasünder über- Eine gemeinnützige GmbH wurde gegründet und
haupt, das Bauen nämlich, zum Klimafreund. Nicht von der Laudes-Stiftung der C&A-Familie Bren-
nur entsteht dabei kein neues CO₂ mehr, die Dör- ninkmeijer auf zwei Jahre finanziert. Schellnhuber
fer und Städte binden dann vielmehr altes und sucht gerade eine Geschäftsführerin und erzählt von
schaffen es dadurch für lange Zeit aus der Welt. ehrgeizigen Wachstumsplänen für die Organisation.
Wenn John Schellnhuber seine Erzählung vor- Er sagt, dass er auch Ursula von der Leyen von
trägt, nennen die Leute, die mit ihm arbeiten, das der Bauhaus-Idee berichtet habe. Die EU-Kommis-
den »Pitch«. Doch wie ein Start-up-Unternehmer sionschefin setzte dann noch vor dem deutschen
plakativ für seine Idee zu werben ist Professor ihre eigene Initiative um,
dem gelernten Physiker nicht ganz das Neue Europäische Bauhaus, das
gegeben. Sein Kern-Sprachbild würde den Green Deal der EU in lokalen
wahrscheinlich beim Massenpubli- Projekten umsetzen soll. Schelln­
kum durchfallen: die »Wald-Bau- huber, der Menschenfänger mit der
Pumpe«, die versinnbildlichen soll, sanften, nimmermüden niederbaye-
dass CO₂ erst in heranwachsenden rischen Stimme, ist im Führungs-
Bäumen gebunden und dann in Ge- gremium dabei.
bäuden gespeichert wird. Auch sein Der Professor kommt mit seinem
eher spontan entworfener Slogan Vorstoß gerade rechtzeitig. Holz-
»Reforest and retimber the city« (Auf- bauten sind en vogue, in der Ham-
John
forsten und die Stadt wieder mit Holz burger HafenCity entsteht derzeit das
Schellnhuber will
versehen) dürfte es nicht in die Lehr- mit 65 Metern höchste deutsche
mehr Holz
bücher des Marketings schaffen. Aber Holzhaus, das 128 Eigentumswoh-
in der Sache hat Schellnhuber gleich nungen fassen wird. Und in Berlin-
so viel zu sagen, dass man merkt: Der Mann hat Tegel soll das Schumacher Quartier mit rund 5000
sich das in allen Facetten überlegt. Wohnungen für über 10.000 Menschen über­

laden günstig,
Gleichzeitig wundert er sich, wie er so lange wiegend aus Holz entstehen und klimaneutral
blind sein konnte für dieses zentrale Element der werden. Schellnhuber liefert nun die große Klima-
Klimawende. Rund 40 Prozent des Ausstoßes von geschichte für diesen Aufbruch, sein »Narrativ« für

wenn alle schlafen


Treibhausgasen gingen auf das Konto des Bauens die Bauwende.
und des Betreibens von Gebäuden und Infrastruk- Als Gegner hat er einen seiner Meinung nach
tur, rechnet er vor. Und zumindest im Westen ent- überkommenen Begriff von Moderne ausgemacht.
stehe gut die Hälfte der Abfallmasse durch Abriss Er klagt, dass Holzbaufreunde als verirrte Natur-
und Bau. Wer da nicht ansetze, könne die Erderwär- romantiker wahrgenommen würden. Bloß sei die
mung gar nicht anhalten. Natur nicht rückständig, sondern höchst innovativ,
Tatsächlich ist der Bauvorgang heute eine ein- was die »unglaublichen Eigenschaften« des Holzes Mit E.ON SmartStrom Öko
zige Abfolge von Klimasünden. Mit hohem Ener- zeigten, das ebenso stabil wie flexibel sein könne. und der passenden Wallbox lädt
gieaufwand wird Kalk bei extremen Temperaturen In komplexen Systemen wie der Umwelt sind dem- Thomas sein E-Auto jetzt nachts
gebrannt, um Zement herzustellen, wobei das im nach die Ergebnisse von Jahrmillionen der Evolu-
Kalk gebundene CO₂ frei wird. In immer weiteren tion oft die besten Lösungen. Den Menschen sei besonders günstig – und mit
industriellen Prozessen wird daraus schließlich mit der Idee von der Überlegenheit des Maschinel- 100 % Ökostrom. So spart er gleich
Stahlbeton. Der Stahlbeton wird oft Hunderte len aber einfach »das Gehirn gewaschen« worden, doppelt: Geld und CO2. Und je mehr
Kilometer weit mit Diesellastern transportiert und sagt der Klimaforscher. Dagegen tritt er an – baue
wir alle auf E-Mobilität setzen, desto
schließlich mithilfe weiterer klimagiftiger Maschi- die Menschheit weiter wie derzeit, dann werde sie
nen verbaut. Da aber der Großteil der Sünden au- allein damit den Planeten überhitzen. mehr freut sich auch die Umwelt.
ßerhalb der Städte stattfindet, wurde das Bauen dort Bewaffnet ist er mit Studien und Argumenten. Gemeinsam für ein besseres Morgen.
lange gar nicht als Klimakatastrophe wahrgenom- Tatsächlich hat er Natur und Innovation oft auf
men und auch bei Klimabilanzen kaum mitgezählt. seiner Seite. Moderne Holzhäuser brennen keines-
Schellnhuber erinnert sich noch an die Momen- wegs leicht, und bricht ein Feuer aus, bleiben De- Das WIR bewegt mehr.
te, in denen er das Potenzial schließlich doch er- cken und Pfeiler aus Holz sogar länger stabil als
kannte. Einmal war er in der Sahelzone mit dem Betonkonstruktionen. Die oberste Schicht wird
australischen Agrarökonomen Tony Rinaudo un- zwar angekokelt, diese Holzkohle schützt dann aber
terwegs. Der hat den Alternativen Nobelpreis für die darunterliegenden Schichten. Man braucht
eon.de/emobility
seine Methode erhalten, mit der er versandete auch keine gefährlichen Chemikalien mehr, um das
Baumwurzeln beschneidet und neues Wachstum Bauholz zum Beispiel gegen Termiten zu sichern.
26 WIRTSCHAFT 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Der politische Fragebogen

1 Welches Tier ist das politischste? 19 Welche Politikerin,


Der Löwe. Weil er der König der Tiere ist welcher Politiker
– und am machtvollsten seine Interessen sollte mehr zu sagen haben?
durchsetzt. Jede und jeder Oppositionelle in einem
Land, in dem die Meinungsfreiheit unter-
2 Welcher politische Moment hat drückt wird.
Sie geprägt – außer dem Kniefall
von Willy Brandt? 20 Welche politische Phrase möchten Sie
Willy Brandt im Bonner Hofgarten, 1983, verbieten?
bei der Demo gegen den Nato-Doppel- »Man hätte doch wissen müssen ...« –­
beschluss. Da habe ich Politik zum ersten Besserwisserei im Nachhinein finde ich
Mal als etwas verstanden, für das man ein- furchtbar.
treten muss, selbst wenn man eine Men-
schenmenge gegen sich hat. Das hat mich 21 Ist der Staat ein Mann oder eine Frau?
als Kind fasziniert. Momentan ist der Staat ein Mann, aber er
wäre besser eine Frau!
3 Was ist Ihre erste Erinnerung an Politik? Und wie ist es bei der ARD?
Wahlplakate von meinem Papa in Gengen- Wir sind noch ein Mann. Aber es wird:
bach. Das fand ich furchtbar peinlich: ihn Wir haben neuerdings vier Intendantin-
auf den Plakaten in den Straßen zu sehen, nen, von neun insgesamt. Das macht die
in der Schule darauf angesprochen zu Runden, an denen ich künftig teilnehmen
werden. In meiner frühen Erinnerung sind darf, sicher noch diskussionsfreudiger und
Wahlkämpfe etwas Unangenehmes. fröhlicher.
Ihr Vater ist Wolfgang Schäuble, der CDU-
Politiker und heutige Bundestagspräsident, 22 Finden Sie es richtig, politische
der 1972 zum ersten Mal in den Bundestag Entscheidungen zu treffen,
einzog. auch wenn Sie wissen, dass die
Es gab dieses Plakat von der Wahl 1976: Mehrheit der Bürger dagegen ist?
Wie mir erzählt wurde, trug mein Papa Unbedingt. Politik darf nicht die Summe
beim Fototermin ein Hemd, das zu groß der aktuellen Meinungsumfragen sein.
war. Ihm musste am Nacken eine Streich- Politiker müssen den Menschen auch
holzschachtel in den Kragen geschoben manches zumuten. Was richtig war, weiß
werden. Erst dann hat es gepasst. man ohnehin oft erst Jahre später.

4 Wann und warum haben Sie 23 Was fehlt unserer Gesellschaft?


wegen Politik geweint? Der Mut, nicht alles bis ins Letzte zu re-
Geweint noch nie. Es gab Momente, in geln. Und das ständige Nörgeln mal sein
denen ich sehr gerührt war von Politik. zu lassen.
Kürzlich zum Beispiel, als ich Charlotte
Knobloch am Holocaust-Gedenktag im 24 Welches grundsätzliche Problem kann
Bundestag sagen hörte: »Ich stehe als stolze Politik nie lösen?
Deutsche vor Ihnen ... Passen Sie auf unser Dass wir alle einmal sterben müssen.
Land auf!« Oder als mein Papa 1991 die
Berlin-Rede gehalten hat, wenige Monate 25 Sind Sie Teil eines politischen Problems?
nach dem Attentat auf ihn. Das hat mich Nicht dass ich wüsste.
sehr gerührt, ihn da so schmal und im Roll- Sie haben immerhin eine Führungsrolle bei
stuhl zu sehen, wie er sich in diese Bundes- den Öffentlich-Rechtlichen, die Teile der
tagsdebatte wirft und dafür kämpft, dass Gesellschaft spalten oder gar nicht mehr­
Berlin Hauptstadt wird – obwohl er eigent­ erreichen.
lich in der Reha sein müsste. Sein Arzt Ja, deshalb müssen wir auch Angebote
hatte nach der dritten Operation gesagt: Er schaffen für Menschen, die bei uns poli­
wird vielleicht nie mehr sitzen, nie mehr tische Vielfalt vermissen. Und für die
reden können, wegen seiner Lähmung. Jüngeren – was ehrlicherweise bei uns
Aber er hat sich ins Leben und in die Politik heißt: für unter 50-Jährige.
zurückgekämpft.
Wir hatten gedacht, Sie nennen das Attentat 26 Nennen Sie ein politisches Buch,

»Der ist nett. Der Seggl«


auf Ihren Vater im Wahlkampf 1990, das das man gelesen haben muss.
Sie aus nächster Nähe miterleben mussten. Darf ich als Filmfrau einen aktuellen Film
Das ist ja für mich kein politischer, sondern nennen? Je suis Karl von Christian Schwo-
ein privater Moment. Ich habe über Stun- chow, der dieses Jahr auf der Berlinale
den gedacht, dass er nicht überlebt. So arg Premiere hatte und den die ARD mit-
viel denken kann man da nicht. Man steht produziert hat. Der Film erzählt davon,
unter Schock und funktioniert einfach. Ich wie schöne junge Anführer einer euro-
wollte unbedingt, dass meine Mutter die päischen rechten Bewegung, die hip ge-
schlimme Nachricht von mir und nicht aus Die neue ARD-Programmchefin Christine Strobl über gute Beleidigungen, kleidet in der Musikszene und in Netz-
dem Radio erfährt. Ich fuhr schnell nach
Hause, wo meine drei kleinen Geschwister
ihren ersten Farbfernseher und ihren Vater Wolfgang Schäuble werken aktiv sind, Menschen fischen und
sogar zu Gewalt verleiten.
waren. Bis ich wirklich verstanden habe,
was passiert ist und was daraus folgt, war 27 Bitte auf einer Skala von
es ein langer Prozess. Ich weiß gar nicht, eins bis zehn: Wie verrückt
ob er schon abgeschlossen ist. ist die Welt gerade?
Und wie verrückt sind Sie?
5 Welche gesellschaftlichen Konventionen meinen beiden Neffen die Backrezepte Ich traue mir zu, dass ich auch Menschen Die Welt ist bei neun, ich sehe mich bei
gehen Ihnen auf die Nerven? meiner Oma geben. Etwa für Apfelkuchen. überzeugen kann, die mich nicht mögen. fünf.
Dass viele Menschen so tun, als könnte
man hierzulande nicht offen seine Mei- 9 Sind Sie eher dafür oder dagegen? 15 Welche politische Ansicht Ihrer Eltern 28 Der beste politische Witz?
nung sagen. Ich bin dafür. Dagegensein ist mir zu­ war Ihnen als Kind peinlich? Gibt es einen Telefonjoker? Dann würde
einfach. Die politischen Ansichten meiner Eltern ich jemanden wie Wolfgang Bosbach­
6 Wann hatten Sie zum ersten Mal haben mich als Kind nicht furchtbar in- anrufen.
das Gefühl, mächtig zu sein? 10 Welche politischen Überzeugungen teressiert. Anders als heute haben wir
Ansatzweise, als ich im Sportteam Kapitä- haben Sie über Bord geworfen? früher zu Hause gar nicht viel politisch 29 Was sagt Ihnen dieses Bild
nin wurde und die Mannschaft zusammen- Als junge Frau, die nicht benachteiligt auf- diskutiert. Sport war wichtig, Musik und (siehe links)?
stellen durfte. Wirklich mächtig bin ich gewachsen ist, dachte ich immer, dass es Lesen. Mir war peinlich, dass wir der Babylon Berlin – mein spannendstes
bis heute nicht. Aber vielleicht kommt das die Frauenquote für Führungspositionen letzte Haushalt in der Straße waren, der Degeto-Projekt: eine Serie über die­
ja noch. nicht braucht. Heute weiß ich: Es geht einen Farbfernseher bekommen hat. Zwanzigerjahre, die zeigt, dass eine Ge-
Sie werden nun Programmdirektorin der nicht von selbst. Meine Eltern fanden nicht, dass Fern­ sellschaft, wenn sie nicht aufpasst, auch
ARD und verantworten damit, was Millio- sehen wichtig ist. Wohin das führt, sehen untergehen kann. In meinen Augen war
nen Menschen abends im Fernsehen gucken. 11 Könnten Sie jemanden küssen, Sie ja an mir. das unser Aufbruch in eine neue Art Serie
Ist das nicht Macht? der aus Ihrer Sicht falsch wählt? fürs Fernsehen. Inzwischen sind wir bei
Das ist Verantwortung. Film und Fern­ Küssen und Wählen haben für mich nichts 16 Nennen Sie eine gute Beleidigung für Staffel vier.
sehen entstehen in Teamarbeit. Ich habe miteinander zu tun. Die Serie »Babylon Berlin« wurde einen bestimmten politischen Gegner. Braucht es davon mehr, damit die ARD mit
darauf Einfluss, klar. Aber Macht ist das von der ARD mitproduziert »Der ist nett. Der Seggl!« Netflix konkurrieren kann?
nicht. 12 Haben Sie mal einen Freund oder eine (siehe Frage 29) Unbedingt! Bei den Streamingdiensten
Freundin wegen Politik verloren? Und 17 Welche Politikerin, welcher Politiker hat werden wir von Amerika geradezu be-
7 Und wann haben Sie sich besonders wenn ja – vermissen Sie ihn oder sie? Ihnen zuletzt leidgetan? herrscht. Wir brauchen dringend mehr
ohnmächtig gefühlt? Über den Streit um Stuttgart 21 habe ich Frau Merkel, als sie sich für die voreilig eigene Angebote, die da mithalten kön-
Immer bei Krankheit und Tod in meiner eine Freundin verloren, mit der ich früher beschlossene Osterruhe entschuldigt hat. nen – und die in unseren Mediatheken
engsten Umgebung. Damit umzugehen gut diskutieren konnte. Plötzlich ging es Weil ich Politik auch ein wenig aus der rund um die Uhr abrufbar sind.
fällt mir schwer. Da kriege ich fast keine nicht mehr, sachlich Argumente auszu­ Nähe kenne, weiß ich, wie schwer es fällt,
Luft zum Atmen. tauschen, weil dieser Bahnhofsneubau so unter großem öffentlichen Druck ein- 30 Wovor haben Sie Angst – außer dem Tod?
Wegen Ihres Mannes, der stellvertretender eine Aggression bei ihr ausgelöst hat. Wir zugestehen: »Ich habe einen Fehler ge- Dass es jemandem in meiner Familie
Ministerpräsident in Stuttgart ist, haben Sie haben nicht mehr zueinandergefunden, macht.« Ich kann nur ahnen, zu welchen schlecht geht.
2019 auf eine Bewerbung um die Intendanz aber das ist dann eben so. furchtbaren Verkrampfungen diese Selbst-
beim dortigen SWR verzichtet. War das kein Regelmäßig stellen wir Politikern erkenntnis geführt hat. Da schmerzt es 31 Was macht Ihnen Hoffnung?
Ohnmachtsmoment? 13 Welches Gesetz haben Sie mal gebrochen? und Prominenten die stets selben mich fast selbst, wenn ich mir das­ Menschen. Momentan die Inhaber eines
Nein, ich finde, das gehörte sich so. Erwischt! Ich habe als Kind schon mal vorstelle! Ladens, der meine Schuhe repariert. Ob-
Brausestäbchen geklaut. Sogar im Laden.
Fragen, um zu erfahren, was sie wohl das Geschäft im Shutdown kaum
8 Wenn die Welt in einem Jahr als politische Menschen 18 Welche Politikerin, welcher Politiker Umsätze macht, begrüßen die jeden, der
untergeht – was wäre bis dahin Ihre 14 Waren Sie in Ihrer Schulzeit beliebt ausmacht – und wie sie dazu müsste Sie um Verzeihung bitten? vorbeikommt, mit einem Lächeln. Als
Aufgabe? Sie dürfen allerdings keinen oder unbeliebt, und was haben Sie daraus Niemand. Mich hat mal eine AfD-Politi- wollten sie sagen: Das wird schon wieder!
Apfelbaum pflanzen. politisch gelernt? wurden. Und wo sich neue Fragen kerin übelst beschimpft wegen eines ARD- Ich finde das so toll, dass ich schon nach
Vier Apfelbäume und einen Birnbaum Ich war recht beliebt in der Schule – o Gott, ergeben, haken wir nach. Films, der Mi­gra­tion andersherum erzählt: Sachen suche, die ich reparieren lassen
habe ich schon. Ich würde eine Feige pflan- hoffentlich meldet sich jetzt keiner und dass Deutsche 2030 vor Rechtsextremis- kann.
zen. Ich würde versuchen, alle Menschen, protestiert! Ich habe gelernt, dass Beliebt-
Die Nachfragen setzen wir kursiv mus nach Afrika fliehen. Ich habe in dem
die mir was bedeuten, noch mal zu sehen sein nicht das oberste Ziel sein muss, weil Fall keine Entschuldigung vermisst, son- Die Fragen stellten
und ihnen was Gutes zu tun: zum Beispiel Überzeugungskraft davon nicht abhängt. dern Argumente. Hannah Knuth und S­ tefan Schirmer

Illustration: Oriana Fenwick für DIE ZEIT; Abb.: ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky Deutschland (u.)

Christine Strobl, 49, wird zum 1. Mai ARD-Programmdirektorin, zuständig für Das Erste. Zuvor leitete sie
acht Jahre lang die Degeto, eine Tochterfirma der ARD, die Filme und Serien produziert
DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 WIRTSCHAFT 27

BOSNIEN UND
HER ZEGOW INA SER BIEN
Mit viel Geld und
Boljare
auch Arbeitern aus MON T E
China entsteht N E GRO
ein Prestigeprojekt KOSOVO
an der Adria geplante
Autobahn Bar A LBA
NIEN
Mittelmeer
50 km

Montenegros chinesische Autobahn


Ein EU-Beitrittskandidat hat hohe Schulden in China gemacht. Er setzt damit den Rest Europas unter Druck  VON ULRICH LADURNER

M
ontenegro ist ein kleines Auffällig ist auch, dass der Bau der Autobahn Euro, obwohl ihr Nutzen laut Kovaćević ähnlich Kaste große Geschäfte witterte. »Viel Geld in Gewänne China noch mehr Einfluss auf die monte-
europäisches Land mit seit Beginn von Korruptionsvorwürfen begleitet zweifelhaft blieb. Es gibt noch etliche solcher In- dunkle Kanäle«, mutmaßt sie. negrinische Regierung, säße es bei der Nato und eines
einem großen Problem. wird. Die Regierung von Milo Djukanović handelte vestitionsleichen im Balkangebiet. China aber sah offenbar eine Chance, seinen Ein- Tages in der EU de facto mit am Tisch. Das wiederum
Es kann seine Schulden 2014 die Verträge aus. Djukanović ist seit Jahr- Zurück nach Montenegro: Als die neue Auto- fluss auf dem Westbalkan zu erweitern. Was so etwas kann die EU nicht einfach zulassen.
nicht bezahlen. zehnten der mächtigste Mann Montenegros. Der- bahn geplant wurde, unterbreitete Montenegro bedeuten kann, zeigen Ungarn und Griechenland. In Ein Sprecher der EU-Kommission sagt bisher
Die Regierung hat zeit ist er der Präsident des Landes, was er auch in die Pläne auch europäischen Geldgebern. Die beiden Ländern gibt es erhebliche chinesische Inves- nur: »Die Kommission hat ein Schreiben aus Mon-
2014 bei der chinesischen einer früheren Phase schon war, und zwischendurch lehnten aber mehrfach ab, wegen der offenkundi- titionen, und beide haben in den vergangenen Jahren tenegro erhalten und arbeitet an einer Antwort.«
Staatsbank Exim einen Kredit in Höhe von 944 wurde er mehrfach Premierminister. Er gilt als gen Unwirtschaftlichkeit. Fragt sich, warum Mon- mehrmals gegen chinakritische Resolutionen der Wahrscheinlich wird die EU Montenegro am Ende
Millionen Euro aufgenommen, um ein gigantisches notorisch bestechlich. tenegro trotzdem darauf beharrte. Vanja Ćalović EU ihr Veto eingelegt. Montenegro ist nicht nur EU-­ bei Umschuldungsverhandlungen beistehen. Falls
Autobahnprojekt zu finanzieren. Nun sind im Juli Ein erheblicher Teil des Kreditbetrags wurde an von Mans vermutet, dass eine korrupte politische Beitrittskandidat sondern auch noch Nato-Mitglied. die chinesische Seite das zulässt.
die ersten Raten an China fällig, und es wird eng. lokale Subunternehmer vergeben, die Djukanović
Der Finanzminister des 600.000-Einwohner-­ nahestehen. Auch die nachfolgenden Regierungen ANZEIGE
Landes warnt, dass seine Regierung die Schuldenlast haben bisher eine komplette Offenlegung der
nicht bedienen kann – und Montenegro bittet, in Kredit­verträge verweigert.
seiner Eigenschaft als Beitrittskandidat, die EU um Stecken hinter der chinesischen Kreditvergabe
Hilfe. In Brüssel denken sie gar nicht daran: »Wir also strategische und politische Absichten? Das
zahlen die Kredite an Drittländer nicht zurück.«
Seither ist in Montenegro ein Schreckgespenst
amerikanische Center for Global Development
(CGD) hat das 2018 zum Thema einer Studie ge-
vr.de
namens Hambantota aufgetaucht, eine Hafenstadt macht und die Kreditpolitik Chinas entlang der
im fernen Sri Lanka. Der asiatische Inselstaat konn- Belt-and-Road-Initiative analysiert. Von den 68
te 2017 ebenfalls seine Schulden an chinesische untersuchten Länden riskieren demnach acht Län-
Banken nicht mehr bedienen und musste seinen der, in eine Schuldenfalle zu geraten. Montenegro
größten Hafen, Hambantota, für 99 Jahre an die gehört dazu.
Volksrepublik abtreten. Im Gegenzug wurden Sri Allerdings konnten die Autoren dieser Studie
Lanka seine Schulden erlassen. kein eindeutiges Muster ausmachen, wie China an-
Seit der Geschichte in Sri Lanka steht China in schließend mit diesen hoch verschuldeten Ländern
dem Ruf, kleine Länder mit Schulden in die Ab- verfährt. »Chinas Regierung trifft von Fall zu Fall
hängigkeit zu treiben. »Schuldenfallendiplomatie« Entscheidungen«, heißt es beim CGD. Einige dieser
lautet das böse Wort dafür, das der indische Geo- Entscheidungen haben es aber in sich und verschaff-
strategie-Experte Brahma Chellaney geprägt hat. ten China bereits ganz erhebliche Vorteile. 2011
Kritiker wie Chellaney werfen der Volksrepublik etwa erließ China Tadschikistan Schulden und be-
sogar vor, dass sie entlang der Strecke ihrer Belt-and- kam im Gegenzug dazu 1158 Quadratkilometer
Road-Initiative Vasallenstaaten errichten wolle. »Belt umstrittenes Grenzland. Im selben Jahr erließ­
and Road« ist ein mindestens 900 Milliarden Euro China Kuba einen Teil seiner Milliardenschulden
schweres Infrastrukturprojekt, mit dem China welt- und stimmte einer Umschuldung zu, die Kuba durch
weite Handelsrouten für seine Importe und Exporte weitere Kredite bloß noch stärker an China band.
und für den Zugang zu Rohstoffen ausbaut.
Montenegro könnte so gesehen zu einem chi- Die offizielle Erklärung für
nesischen Brückenkopf in Europa werden – und die Autobahn lässt Fragen offen
nicht der erste. 2016 schon hatte die chinesische
Großreederei Cosco den griechischen Hafen von Auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat
Piräus erworben, durch den eine besonders wich- im März 2021 eine Studie veröffentlicht, die
tige Handelsroute verläuft, die China-Europe Land- 100 chinesische Kreditverträge unter die Lupe
Sea Express Line. Sie führt aus Fernost über Nord- nimmt. Daraus geht hervor: China besteht auf
mazedonien, Serbien und Ungarn bis in die Mitte der absoluten Geheimhaltung der Verträge.
Europas. Außerdem kaufte 2019 ein zu Cosco­ Deshalb strebt das Land auch keine Mitglied-
gehörendes Bahnunternehmen auch Anteile der schaft im sogenannten Pariser Club an, einem in-
griechischen Bahngesellschaft Pearl. Damit be­ ternationalen Gremium, dem die 22 wichtigsten
kamen die Chinesen eine Genehmigung für den staatlichen internationalen Kreditgeber angehören.
Bahnbetrieb in Europa. Beim Pariser Club läuft der Umgang mit plat-

i ng ,
zenden Krediten üblicherweise so: Alle Gläubiger

Ban k
Fast die gesamte Kreditsumme für das legen ihre Forderungen offen, und gemeinsam
Projekt ist bereits verschlungen wird eine Lösung gefunden, bei der alle Seiten

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gleich behandelt werden. Chinas Kreditverträge

e l w
Konkret haben sie in Montenegro jetzt Angst­ aber untersagen es den Schuldnern sogar, Kredite

e x i b
davor, dass sie im Fall eines platzenden Kredits in Koordination mit anderen Gläubigern zu­

so fl
einen Teil ihres Territoriums abgeben müssen. restrukturieren. China möchte bilateral ver­
»Möglicherweise geht es um den Hafen Bar«, handeln. Das erhöht die Hebelwirkung auf das

.
sagt Vanja Ćalović von der montenegrinischen Schuldnerland.

n e s s
Nichtregierungsorganisation Mans, die gegen Im Fall des Autobahnprojekts von Montenegro

B u s i
Korruption arbeitet. hat der serbische Ökonom Aleksandar Kovaćević

I h r
Schwierig ist, dass diese Befürchtungen zwar noch ein paar ganz grundsätzliche Fragen. Eine
gerade viel geäußert werden, dass aber niemand davon lautet: »Welchen Sinn hat diese Autobahn
Belege dafür hat. Das liegt unter anderem daran, überhaupt?«
dass weite Teile des Vertrags, den die monte­ Die offizielle Antwort lautet, dass die Autobahn
negrinische Regierung mit der Exim-Bank ge- den Hafen Bar mit Belgrad verbinden soll, um
schlossen hat, geheim sind. Bekannt sind nur die die montenegrinische Wirtschaft anzukurbeln. Im
Kreditsumme, die Laufzeit und die Verzinsung Augenblick erwirtschaftet das Land pro Jahr gerade
von zwei Prozent. einmal vier Milliarden Euro. Doch Kovaćević sagt,
Das allein ist aber schon auffällig. Diese Auto- dass der Hafen von Bar dafür gar nicht entwickelt
bahn wird zu großen Teilen von Chinas Road sei, und in Belgrad gebe es nicht einmal einen Ter- Sie bringen Ihr Business voran, arbeiten flexibel
and Bridge Corporation gebaut, mit Baufirmen minal für die Warenannahme. Die Erklärung sei on- und offline. Und wir sind die Banken, die
aus der Region als Auftragnehmern und auch also nicht überzeugend. immer für Sie da sind, egal wie und egal wann:
mit chinesischen Bauexperten und -unterneh- Er habe deshalb immer wieder in Montenegro persönlich vor Ort, telefonisch, per App oder mit
men. Ihr Bau verschlingt bisher 21 Millionen nachgefragt, warum es diese Autobahn brauche. unserem neuen VR OnlineBanking für Firmen-
kunden. Damit sich Banking Ihrem Business
Euro pro Kilometer. Sie gehört zu den teuers­ten Neue Antwort: für den Tourismus. Dabei seien im
anpasst und nicht umgekehrt.
Autobahnen des Kontinents. Sommer »Montenegros Strände doch ohnehin
Fotos: Fabian Weiss/laif; ZEIT-Grafik

167 Kilometer lang soll sie werden, 1000 voll«, sagt der Ökonom. »Alles ausgelastet.«
Meter Höhenunterschied überwinden, über 40 Diese Art der schwer nachvollziehbaren
Brücken und durch 90 Tunnel führen. Ein ge- Strukturpolitik ist nichts Neues in der Region.
waltiges Ingenieursvorhaben, was die hohen Mit ähnlichen Argumenten wie in Montenegro
Kosten teilweise erklärt. Bisher ist nur das erste, wurde 2008 in Kroatien eine Autobahn gebaut,
40 Kilometer lange Teilstück fertig gebaut – und die den Hafen Rijeka mit der Hauptstadt Za-
allein das hat schon fast die gesamte Kreditsumme greb verbindet. Die Europäische Investitions-
aus Peking verschlungen. bank (EIB) finanzierte sie mit 210 Millionen
22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

28
UNTERHALTUNG
»Tue etwas, was andere nicht tun!«
Was zieht man zu einem Interview mit streichen. Das ist keine Kritik, sondern nur eine
einem Mode­designer an – vor allem wenn die
Dem Modedesigner Yorn zu begegnen heißt, auf 1,92 Meter reine Lebensfreude Feststellung. Das hat sich so ent­wickelt. Ich bin
Auswahl im Kleiderschrank nicht so riesig ist?
Ich wählte das kleine Blau-Weiße mit den gel-
in Lässig-Leger zu treffen. Als einziger Deutscher wurde er in den glücklich, etwas anderes gekannt zu haben.
ZEIT: Warum ist es für Sie wichtig, dass Menschen
ben Margeriten und ging zum Friseur, damit Fünfzigerjahren von Christian Dior in Paris engagiert und erhielt von ihm, schön angezogen und nicht nur bekleidet sind?
der Kopf notfalls vom Kleid ablenkte. »Fabel- Yorn: Das ist schwierig zu beantworten. Wir Cou­
haft«, sagte Yorn, als ich ihn in einer Lücke wie Yorn es nennt, die »Eintrittskarte ins Glück« turiers lieben natürlich von vornherein eine gewisse
zwischen zwei Lockdowns in der Pro­vence traf. Harmonie, und die Schönheit ist eine gewisse Har­
Ich weiß bis heute nicht, ob er die Frisur oder monie. Das betrifft die Kleidung, aber auch die
das Kleid meinte. Oder ob er einfach sehr Harmonie, die ein Mensch ausstrahlt. Und wenn
höflich sein wollte. ein Mensch schlecht gekleidet ist, dann ist eben
diese Harmonie gestört; das stört meinen Blick und
DIE ZEIT: Der Modeschöpfer Christian Dior gab auch mein Empfinden für diesen Menschen.
Ihnen gleich zwei Namen: Yorn war der eine ... ZEIT: Welches Kleidungsstück sollte jede Frau
Yorn: ... Dior konnte meinen deutschen Namen und jeder Mann im Schrank haben?
Jürgen Michaelsen nicht gut aussprechen und Yorn: Ein weißes Herrenhemd. Lässig, elegant.
sagte­mir: »Wenn Sie eines Tages in Paris Karriere Aud­rey Hepburn sah nie besser aus als in einem
machen wollen, dann ist der Name Jürgen Micha­ weißen Herrenhemd.
elsen nicht das Richtige. Ich nenne Sie Yorn.« Da­ ZEIT: Sie sind inzwischen 85 und können zurück­
mit hat Dior mir ein fabelhaftes Geschenk ge­ blicken auf viele Jahrzehnte Mode. Was hat die
macht, denn Yorn ist eine super Marke geworden. Mode geschafft, und was wird sie immer schaffen?
ZEIT: Und L’intrépide, »der Waghalsige«, war der Yorn: Mode ist in erster Linie ein Bedürfnis, und
andere Name. Wie kam Dior darauf? unsere Bedürfnisse ändern sich ständig. So sind
Yorn: Ich glaube, es gehört eine große Portion Wa­ auch die Revolutionen in der Mode entstanden.
gemut dazu, sich als Couturier in Paris zu eta­blie­ Eine der letzten Revolutionen weltweit war die
ren. Denn alle sechs Monate neu herausgefordert Jeansmode. Am Anfang stand nur das Material:
zu sein und eine neue Kollektion herauszubringen Denim. Das war die Kurzform für ­»serge de ­Nîmes«,
ist natürlich ein sehr aufregender, stressiger Beruf. Gewebe aus ­Nîmes: blauer, strapazierfähiger Stoff
Aber das macht ihn auch gerade so interessant, für robuste Handwerkerkleidung, komfortabel und
weil es überhaupt keine Routine gibt. preiswert. Das Material wurde zum internationa­
ZEIT: Was braucht man neben viel Fantasie, um len Bestseller, mit dem zum Beispiel Levi Strauss
immer wieder etwas Neues zu kreieren? die amerikanischen Farmer ausstattete. Erst nach
Yorn: Auf der einen Seite braucht man natürlich dem Krieg wurde die Jeans bei den Jugendlichen
Talent. Man ist Zeichner, man kann seinen Strich auch in Europa zum Inbegriff der absoluten­
verfeinern, man kann ihn anpassen. Aber das Wich­ Freiheit und des friedlichen Protests gegen das
tigste ist, dass ein Couturier die Zeit, in der er lebt, Establishment.
erkennt und genau zur richtigen Zeit die Mode ZEIT: Welchen Anteil haben die Designer an sol­
bringt, die verlangt wird. Da sind wir wie ein chen Revolutionen und an der Unisex-Mode, die
Schwamm, der all diese Richtungen und Strömun­ sich daraus entwickelt hat?
gen aufnimmt und dann versucht, den voraus­ Yorn: Die Revolution hat kein Designer ausgelöst.
geahnten Trend in seiner Kollektion wiederzugeben. Aber so wie ein Arzt, der im richtigen Augenblick
Ein Couturier, der eine Mode macht, die nicht sei­ die richtige Dia­gno­se stellt, haben Designer mit
ner Zeit entspricht, sollte besser Zahnarzt ­werden. viel Geschick aus der Arbeiterkluft ein Objekt der
ZEIT: Sie stammen aus einer Bremer Kaufmanns­ Begierde gemacht. Die Jeans hat sehr viel im Zeit­
familie. Hätten die Eltern gerne gesehen, dass der bild verändert und soziale Unterschiede aufge­
Sohn Zahnarzt wird? hoben, das Ganze ein bisschen nivelliert. Ich finde,
Yorn: Selbstverständlich! In Bremen wird man der Mode ist es gelungen, was der Politik nie ge­
Zahnarzt, Rechtsanwalt oder Bankier. Entspre­ lungen ist: die Menschheit »unter einen Hut zu
chend musste ich kämpfen. Meine Eltern beschlos­ bringen«, ein gemeinsames Interesse zu erwecken.
sen: Wenn du schon etwas in der Mode machen Die Mode vereint die Menschen auf der ganzen
willst, dann muss es etwas Solides sein – Textilinge­ Welt, und ich finde, das ist eins der schönsten
nieur. Eine trostlose Perspektive für mich. Meine Dinge, die einem überhaupt passieren können,
Eltern schickten mich zu den Glanzstoffwerken in wenn man Menschen harmonisch zusammenbrin­
Köln und zur Textilingenieurschule nach Krefeld. gen kann. Und das ist eben dieses Wunderwerk
Da »studierte« ich dann kurze Zeit den Diolen-­ der Pariser Mode oder der Mode überhaupt.
Faden und das bügelfreie Oberhemd, was ich ganz ZEIT: Wie ordnen Sie in diesem Zusammenhang
fürchterlich fand. Eine Schneiderlehre habe ich nie das Wunderwerk Handtasche ein?
gemacht. Ich konnte nicht einmal einen Knopf Yorn: (stöhnt gespielt) Eine unterschwellige Angst
annähen. Aber das konnte Dior auch nicht. vor dem ungewissen Morgen veranlasst Frauen
ZEIT: Wann hatten Sie Ihre erste Begegnung mit dazu, ihre »Koffer zu packen«. Diese total über­
der ­Haute Cou­ture? dimensionierten Handtaschen werden zum »Must«,
Yorn: Als Zehnjähriger. Nach dem Krieg durfte ich ohne dass sich ihre Trägerinnen darüber im Klaren
im hessischen Hundelshausen bei der Familie sind, was sie zu diesem Trend veranlasst, völlig
Foto: Cyril Zannettacci/VU für DIE ZEIT

Bindbeutel Ferien machen. Die Familie Bindbeu­ unmotiviert ständig all ihre Habe mit sich herum­
tel hatte ein kleines Gasthaus und gleichzeitig eine zutragen. Aber auch das nennt man Mode ...
Schlachterei. Ich wurde wunderbar verpflegt, hatte ZEIT: ... die ein schöner Luxus sein kann. Welchen
herrliche Ferien und überlegte mir, meiner Familie Luxus haben Sie sich in Ihrem Leben gegönnt?
eine feine Wurst mitzubringen. Aber dann ent­ Yorn: Mein größter Luxus war die Freiheit, immer
deckte ich in einem kleinen Laden einen goldenen entscheiden zu können, wo ich mich gerade auf­
Karton mit der Aufschrift: »Dernier Cri«. Der halten möchte.
letzte Schrei. Ich dachte: Das kann nur aus Paris ZEIT: Deshalb wechseln Sie mehrfach im Jahr den
sein! Tue etwas, was andere nicht tun! Und ich Wohnort und ziehen von der Pariser Wohnung
kaufte dieses rote Negligé mit schwarzer Spitze. Wo alles begann: Jürgen Michaelsen alias Yorn vor einem Porträt seines Entdeckers Christian Dior, mal in die Pro­vence, mal in die Normandie?
Anstatt der Leberwurst. in dessen Pariser Office fotografiert von Cyril Zannettacci am 15. April 2021 Yorn: (lacht) Ja. Deshalb begreife ich mich ja auch
ZEIT: Ich ahne Schreckliches. als Gast im Glück und lasse meine Familie und
Yorn: Als ich in Bremen ankam, hatten sich alle meine Freunde an meinem Glück teilhaben. Dem
auf die Wurst gefreut. Sogar der Hund stand vor Glück, gerne und gut leben zu ­dürfen.
dem Paket. Meine Mutter packte das Päckchen ZEIT: Sie teilen Ihren Reichtum ...
aus, und alle waren sprachlos. Dem Hund verging Enthusiasmus für Paris? Meine Begeisterung für das große Glück, auch in anderen anerkannten meine Modelle im Schaufenster. Nach einer Wo­ Yorn: ... ja, ich bin seit 30 Jahren Mitglied bei der
das Wedeln. Den Karton habe ich nie mehr im seine Mode? Mein komischer Akzent, meine­ Modehäusern Erfahrungen zu sammeln. Mit 27 che gab es keinen blauen Rock mehr und keine Assoziation »Les blouses roses«, den »Rosa Kitteln«.
Schrank meiner Mutter entdeckt. Wer weiß, ob sie deutsche Herkunft? Ich weiß es nicht. Auf jeden Jahren konnte ich mich deshalb selbstständig ma­ weiße Bluse. Wir schlossen einen Vertrag, der 34 Wenn ich in Paris bin, gehe ich jeden Dienstag ins
das Negligé je getragen hat? Das war meine erste Fall war ich eine Stunde später als Assistent enga­ chen und als erster deutscher Couturier meine Jahre gehalten hat. Hôpital Necker und besuche Kinder, spiele mit
Begegnung mit ­Haute Cou­ture. giert, und es begann eine fabelhafte Zeit im Mai­ Kollektion zeigen. In der Hoffnung, dass die Kasse ZEIT: Also auch 34 Jahre lang Druck? ihnen, unterhalte mich, erfülle kleine Wünsche.
ZEIT: Wie kam es, dass der berühmteste Couturier glöckchenduft von Miss Dior. voll würde wie bei Dior, bei dem die amerika­ Yorn: Dem Druck bin ich entgangen, weil ich Wenn du da abends rauskommst und total fertig
der Welt 1956 ausgerechnet einen Deutschen als ZEIT: Wie war die Atmosphäre im Atelier? nischen Warenhäuser einkauften. mich der schönen Scheinwelt und dem trüge­ bist, weil du viel Leid miterlebt hast, weißt du
Assistenten anstellte? Yorn: Fabelhaft. Bis auf Yves Saint Laurent nah­ ZEIT: Was sagten Ihre Eltern dazu? rischen Rampenlicht entzogen habe. Im Gegensatz doch: Du hast etwas Gutes getan. Und du bist be­
Yorn: Das Haus Christian Dior in Paris war für men mich alle mit offenen Armen auf. Das Einzig­ Yorn: Meine Eltern waren sprachlos. Denn ein­ zu den anderen Couturiers habe ich immer sehr schenkt worden.
mich der Inbegriff des Paradieses überhaupt. Ich artige an der ­ Haute Cou­ ture, also der hohen Haute-­Cou­ture-­Haus in Paris zu eröffnen war in darauf geachtet, gute Freunde zu haben. Ich ZEIT: Vermutlich denkt man an solchen Tagen
hatte schon als Schüler in den Modezeitschriften­ Schneiderkunst, sind all die Menschen, die es uns ihren Augen ähnlich frivol wie der Erwerb eines brauchte keine Beweihräucherung, keine Schmeich­ auch über die Endlichkeit des eigenen Lebens
Vogue und Harper’s Bazaar geblättert, die im­ Designern möglich machen, unseren Traum von Eta­ blis­ ments auf der Reeperbahn. Dennoch ler, die mir einflüsterten: Du bist der Größte!­ nach. Existiert schon eine Skizze für das letzte
se­
Bremer Institut Français lagen, und dabei die einem Kleid zum Ausdruck zu bringen und ihn zu wagte ich den Schritt. Und war nach meiner ersten Daran sind viele Couturiers zugrunde gegangen. Hemd von Yorn?
Mannequins wie Ala und F ­rance angehimmelt. realisieren. Nehmen Sie die Näherinnen: Diese Art großen Modenschau restlos pleite. Ich hatte wahre Freunde und konsumierte weder­ Yorn: Nein. Die Idee ist mir noch nie gekommen.
Jacque­line, eine Freundin meiner Schwester, arbei­ von Handarbeit gibt es nur in Paris. ZEIT: Kam Pannenhilfe aus Bremen? Drogen noch Alkohol. Nicht dass ich nicht darüber nachdenke. Natürlich
tete in der Parfum-Abteilung bei Dior und besorgte ZEIT: Wie war Dior als Arbeitgeber? Yorn: Nein. Die Rettung kam in Gestalt von Herrn ZEIT: Yorn, Sie haben für viele internationale Auf­ denkt man darüber nach. Aber auch das ist kein
mir eine Einladungskarte zu seiner Modenschau. Yorn: Dior sorgte sich sehr um alle seine Mitarbei­ Dahlbender, Chef der Damenoberbekleidung bei traggeber gearbeitet, genossen weltweiten Erfolg, Problem für mich. Ich weiß, man wird geboren,
ZEIT: Welchen Status hatten Sie zu der Zeit? ter und Mitarbeiterinnen, aber er selbst war kein Karstadt in Essen. Der rückte damals im Privatjet und so gut wie jeder von uns hat Ihr Label einmal um zu sterben. Ich bin so dankbar und so glück­
Yorn: Mittelloser Student mit Zeichentalent. Ich glücklicher Mensch. Ebenso wenig wie Saint Lau­ mit seiner Karstadt-Crew an, und ich konnte den im Nacken getragen. Mode ist ja immer auch ein lich, die Energie zu haben, die ich jetzt noch habe.
saß im Paradies, sah die Modenschau, fand es rent und viele andere Couturiers, die der Konkur­ Damen und Herren in den Räumen der Hut­ Spiegel ihrer Zeit. Was erzählt die heutige Mode Wenn ich abends ins Bett gehe, meinen schnar­
wunderbar und wusste: Hier möchtest du bleiben renz, dem Erfolgsdruck und auch dem Neid aus­ macherin Madame Vigneron meine Kollektion über uns und unsere Zeit? chenden Hund auf dem Teppich neben dem Bett,
und arbeiten. Ich bin ins Hotel zurückgegangen gesetzt waren. Als Dior mit 50 Jahren einsam starb, vorführen. Herr Dahlbender sah sich also die Kol­ Yorn: Ich empfinde die Mode heute oft als vulgär. dann sage ich: Danke schön für den schönen Tag,
und habe, inspiriert von den Modellen, ein paar war es ihm nicht vergönnt gewesen, sich seinen lektion an und sagte: »Tja, Yorn, Ihr Nofretete- Im Sommer zeigen die Menschen manchmal mehr den wir gehabt haben. Und danke schön über­
Zeichnungen angefertigt. Am nächsten Tag stand Traum vom Leben auf dem Land zu erfüllen. Look ist zwar wunderbar.« Aber das war nicht der Haut, als gut ist, sie ziehen sich zum Einkaufs- haupt für das Leben. Und wenn es denn dann so
ich zitternd in der Avenue Montaigne 30 vor der ZEIT: Wie sind Sie denn mit Hektik und hohen ideale Look für Größe 48 in Gelsenkirchen. Herr oder Stadtbummel so an, als gingen sie zum weit ist, bin ich auf diesem wunderbaren Friedhof
Studiotür von Dior und fragte, ob ich empfangen Erwartungen umgegangen? Dahlbender empfahl mir, exklusiv für Karstadt Strand: in Shorts und Schlappen. Ich finde so et­ in Bremen, im Fa­mi­lien­grab der Familie Michael­
werden könnte. Die Antwort lautete: »Oui, pour Yorn: Mein Lebensmotto war immer: »Tue etwas, fünf weiße Blusen und fünf blaue Röcke zu ent­ was respektlos. Heute gibt es Nieten, heute gibt es sen. Da steht kein Jürgen Michaelsen. Da steht
cinq minutes« – für fünf Minuten. Und Dior emp­ was die anderen nicht tun.« Nach Diors Tod 1957 werfen. Das war für mich als Couturier zwar keine Ketten, Springerstiefel. Es ist fast ein brutaler Look kein Yorn. Da steht gar nichts.
fing mich. Warum er mich vom Fleck weg enga­ entließ mich Saint Laurent sofort. Damals gab es große Herausforderung, aber ich willigte ein. Im geworden. Und das Wort Eleganz kann man leider
gierte, weiß ich bis heute nicht. War es mein­ etwa 24 Haute-­Cou­ture-­Häu­ser in Paris. Ich hatte Frühjahr 1964 präsentierten alle Karstadt-Filialen aus dem Wortschatz – auch dem der Franzosen – Das Gespräch führte Gisela Steinhauer
22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

WISSEN
Corona ․ Agrar ․ Familie ․ Technik ․ Ökologie ․ Bildung ․ Wissenschaftlerinnen
29

Der Zweifel
Schlüpfrige
Bodenproben

W
eiße Unterhosen im Dienst der Wissen-
schaft? Was zunächst nach einem April-
scherz klingt, hat bei genauem Hinsehen
einen absolut seriösen Hintergrund: In

Nicht drängeln, bitte!


schweizerischen Gärten und Äckern wer-
den bald mehr als 2000 Schlüpfer ver-
graben – und dem Appetit der Boden-
organismen überlassen.
Anhand des Zersetzungsgrades der
standardisierten Kleidungsstücke möch-
ten Forscher herausfinden, wie es um die
Bodengesundheit des ganzen Landes be-
stellt ist. Das Projekt, das von der Uni-
Wäre es besser, die bisherige strenge Reihenfolge zu ändern? versität Zürich und dem Kompetenz­
zentrum Agroscope geleitet wird, trägt
Oder das Impfen gleich ganz freizugeben? Experten haben es ausgerechnet  VON JAN SCHWEITZER den nicht gerade unverfänglichen Na-

E
men »Beweisstück Unterhose«. Die jetzt
naheliegenden Wortwitze sollen an die-
s gibt sie noch, die Orte, und kränkere Menschen bevorzugt, sol- Scholz, Statistiker am RKI. Deswegen Wann aber wird dieser Fortschritt bei ser Stelle unerwähnt bleiben.
an denen was los ist, an che also, die besonders gefährdet sind. Es gelte es momentan, diese Gruppe beson- den Menschen so ankommen, dass sogar Die Idee, Baumwollwäsche zur Un-
denen sich massenhaft geht darum, Menschen individuell zu ders zu schützen. Man sollte also über erste Kontaktbeschränkungen aufgehoben tersuchung des Bodens zu nutzen, ist
Menschen begegnen. In schützen, nicht darum, Betriebe wie eine Aufhebung der Priorisierung nicht werden können? Viola Priesemann vom nicht ganz neu: In Kanada vergraben be-
dieser dritten Welle sind Volkswagen am Laufen zu halten, jünge- nachdenken, allein schon, »um den Max-Planck-Institut für Dynamik und reits seit einigen Jahren Ökologen Un-
das gerade: die Impfzen- ren Menschen Bewegungsfreiheit zu ver- Druck auf die Intensivstationen nicht zu Selbstorganisation in Göttingen hat das terhosen in der Erde. Noch ist allerdings
tren. Dort (und bei den schaffen – oder die Verbreitung des Virus vergrößern«. zusammen mit Kollegen in einem Modell nicht eindeutig nachgewiesen, dass es
Hausärzten) werden nun die guten Nach- auszubremsen. Zumal man genau in dieser Alters- mit verschiedenen Szenarios für europä­ wirklich einen Zusammenhang zwischen
richten herbeigepikst, auf die alle so Empfohlen hat das die Ständige Impf- gruppe momentan noch gar nicht richtig ische Länder durchgerechnet und kommt der rapiden Zersetzung der Wäsche­
sehnlich warten: München impft bis zu kommission (Stiko), angesiedelt am Ro- losgelegt hat mit den Impfungen. Vorher zu einem Ergebnis, das Mut macht: Ab Mai stücke und einem besonders aktiven, ge-
12.000 Personen täglich, Hamburg hat bert Koch-Institut (RKI) in Berlin. Sie kommen noch die über 60-Jährigen an könne es eine stetige Zunahme der Kon- sunden Erdreich gibt. Das Schweizer
inzwischen fast 450.000 Spritzen gesetzt, hatte dafür gute Gründe. Statistiker des die Reihe, die höher priorisiert sind. Und takte geben, ab dem Herbst sei es möglich, Forschungsteam vermutet: Je löchriger
Berlin sogar beinahe 920.000. RKI konnten etwa in mathematischen von den gut 20 Millionen Menschen aus die meisten Beschränkungen zu lockern – die Unterhose, desto schneller wurde der
Mit der steigenden Menge an Impfstoff Modellierungen zeigen, dass man Men- den höchsten drei Priorisierungsgruppen wenn viel geimpft werde, das zeigten die Zellstoff durch viele Pilze, Bakterien und
wachsen die Begehrlichkeiten. Firmen wol- schen mit einem hohen Risiko nicht nur sind noch längst nicht alle zweimal ge- Szenarios. Priesemann schätzt auch, dass kleine Tiere abgebaut.
len ihre Mitarbeiter impfen; Menschen mitt- aus ethischen Gründen priorisieren soll- impft, insgesamt sind erst 23,5 Millionen die Inzidenz »in fünf bis sieben Wochen In einem ersten Anlauf hatten die
leren Alters überlegen, ob sie nicht noch eine te. Mit ihrem Schutz erziele man auch Dosen verabreicht. Laufe allerdings alles dank des Impffortschritts wohl sinken Studienteilnehmer noch ihre eigene­
ältere Verwandte haben, die sie als »enge den besten Effekt für uns alle, sagt Tho- wie geplant, sagt Mertens, dann halte er wird, das zeigen auch die Erfahrungen aus Unterwäsche vergraben. Wenig überra-
Kontaktperson« angeben und die ihnen da- mas Mertens, Vorsitzender der Stiko, es für möglich, »dass wir die aktuelle Israel und Großbritannien«. Auch der RKI- schend: Das war keine wissenschaftlich
mit den Weg zu einer Impfung ebnen könn- »weil man so Krankenhauseinweisungen Priorisierung im Juni be­enden können«. Statistiker Stefan Scholz denkt, dass voraus- zuverlässige Methode. Denn Unterhose
te. In den sozialen Netzwerken fordern vermeiden kann, die Intensivstationen Bis dahin sind es noch ein paar Wochen, sichtlich ab Anfang Juni »so viele Men- ist wahrlich nicht gleich Unterhose. Die
Mütter und Väter, früher dranzukommen vor einer Überlastung bewahrt und die das aktuelle Begehr ist dennoch nachvoll- schen geimpft sein werden, dass es auf das Ergebnisse waren daher nur bedingt ver-
(#Elternimpfen), schließlich hätten sie be- meisten Todesfälle verhindert«. Stefan ziehbar. Wie schön wäre es, wenn man die Pandemiegeschehen einwirkt«. gleichbar. Für den zweiten Anlauf ent-
sonders viele Kontakte. Und dann gibt es da Flasche, Impfstoff-Epidemiologe an der gegenwärtige Dynamik mit Impfungen Damit wird zwar nicht alles vorbei sein; schied sich das Forschungsteam nun­
noch den verlockenden Gedanken, die London School of Hygiene & Tropical stoppen könnte und ihr nicht erneut mit auch im Sommer werden weiter Einschrän- dafür, einheitliche Exemplare zu verschi-
Vakzine einzusetzen, um damit die aktuelle Medicine, führt noch einen weiteren schärferen Einschränkungen begegnen kungen nötig sein, um ein Ansteigen der cken. Jeweils ein nagelneuer Baumwoll-
Infektionswelle auszubremsen: Wenn in der Grund an. Klar könne man überlegen, müsste! Doch die Modellrechnungen zeig- Inzidenz zu verhindern. Wichtig wird aber schlüpfer soll für einen Monat, ein zwei-
Gruppe der Jüngeren mehr geimpft sind, die Menschen zu impfen, die das Virus ten alle das Gleiche, so Mertens: dass sich vor allem sein, eine Erkenntnis mit in die ter für zwei Monate etwa 30 Zentimeter
verlangsamt sich das Virus doch auf seinem besonders stark verbreiten. Wer das sei, die dritte Welle nicht wesentlich durch unbeschwerteren Monate zu nehmen: dass tief unter die Erde. Als Referenz für den
Weg durch die Bevölkerung. sei aber schwer zu bestimmen: »Eine Impfungen beeinflussen lässt. Zwar ist jede die Vakzinen schützen und dass nur sie aus Zerfall dienen Teebeutel, deren unter­
Die Forderung nach einer Aufhebung deutlich bessere Evidenz haben wir zur Geimpfte eine Hürde, die das Virus um­ der Pandemie herausführen können. Mit irdisches Schicksal gut erforscht ist.
der aktuellen Impfreihenfolge wird lauter. Bestimmung der klinisch relevanten gehen oder überspringen muss, wenn es sich dem zu erwartenden Rückgang der Fall- Nach dem Ausgraben werden Unter-
So laut, dass Bundesgesundheitsminister Risiko­gruppen.« verbreiten will. Zudem deuten erste Daten zahlen werden immer weniger Menschen hosenreste, Teebeutel und eine Boden-
Jens Spahn bald nachgeben könnte. »Ich Dass anfangs fast ausschließlich Be- darauf hin, dass zumindest der BioNTech- die Notwendigkeit sehen, tatsächlich zur probe ins Labor geschickt und dort ge-
rechne damit, dass im Mai die Priorisie- wohnerinnen von Alten- und Pflegehei- Impfstoff nicht nur vor (schweren) Erkran- Impfung zu gehen. Doch um einen erneu- wogen und durchleuchtet. Die Analyse
rungsvorschriften sukzessive fallen«, sagte men und sehr alte Menschen geimpft kungen, sondern auch vor einer Ansteckung ten Anstieg im Herbst zu verhindern, müs- soll zeigen, ob Unterhosen genauso viel
Andreas Gassen, Vorsitzender der Kassen- wurden, zeigte dann auch schnelle Erfol- und damit auch vor der Weitergabe schüt- sen sich auch im Sommer noch täglich über die Aktivität im Erdboden verraten
ärztlichen Bundesvereinigung, der FAZ. ge. Die Infektionszahlen bei den über zen kann. Noch aber ist die Zahl der Ge- Hunderttausende piksen lassen. Wie man wie die Teebeuteldaten. Außerdem soll
Dann dürfte jeder Erwachsene geimpft 80-Jährigen sanken, auch die Einweisun- impften zu gering, um die Virusverbreitung es schafft, dass die Menschen dann mit die Studie auf die Beeinträchtigung der
werden, der das möchte. gen in Krankenhäuser wurden weniger. in der gesamten Bevölkerung maßgeblich derselben Begeisterung in die Impfzentren Bodenqualität durch Bebauung, Um-
Auch wenn einzelne Gruppen berech- Jetzt in der dritten Welle werden im- verlangsamen zu können. strömen wie jetzt – dafür sollte sich die weltverschmutzung oder übermäßiges
tigte Ansprüche haben, kommt der Druck mer noch dieselben Ziele verfolgt – To- In absehbarer Zeit jedoch wird es genug Politik schon heute etwas einfallen lassen. Düngen aufmerksam machen.
noch etwas zu früh. Bislang ist es nicht sinn- desfälle verhindern und die Intensivsta- Impfstoff geben. Schon jetzt steigen die Tausend Gartenbesitzer und Land-
voll, die Impfstoffe lockerer zu verteilen. tionen schützen. Nach seinen Informa- Liefermengen fast wöchentlich, im Juni soll Lesen Sie auch: Über Betriebsimpfungen wirtinnen nehmen an dem Versuch teil,
Momentan werden bei der Priorisie- tionen seien die gerade vor allem von allein BioN­Tech jede Woche mehr als fünf (Wirtschaft, Seite 21) und eine Impf-­ sehr viel mehr hatten sich beworben.
rung, vereinfacht gesagt, vor allem ältere 50- bis 60-Jährigen belegt, sagt Stefan Millionen Dosen nach Deutschland liefern. Reise nach Moskau (Entdecken, Seite 61) Das erste Teilexperiment der Forscher
kann als gelungen betrachtet werden.
Illustration: Jan-Peter Thiemann für DIE ZEIT

Hätten sie nur ein Küchentuch vergra-


ben lassen, die Studie fände ganz gewiss
weniger ­Beachtung. SAR AH KOLDEHOFF

Mehr Wissen:
Impfen und schimpfen lagen lange nahe beieinander. Doch so viele Dosen, wie zu Beginn der Impfkampagne binnen eines
Monats verabreicht wurden, sind mittlerweile täglich verfügbar. Durchschnittlich erhalten fünf Menschen pro Sekunde ihren Piks
Links zu den Quellen der Themen dieser WISSEN-Ausgabe finden Sie unter www.zeit.de/wq/2021-17
30 WISSEN 22. April 2021 DIE ZEIT N o 17

Agrar ․ Medien

Am Image schrauben
Der Fleischkonzern Tönnies hat sein Logo demontiert. Für ein Unternehmen, dessen Widersprüche die Pandemie
gnadenlos offengelegt hat, ist das mehr als ein symbolischer Akt  VON ANDREAS SENTKER

Foto: Christoph Hardt/Future Image/action press; Illustration: Oriana Fenwick für DIE ZEIT (u.)

Hier dreht sich


das Nutzvieh noch.
Der Abbau
dauerte Stunden,
die Schrauben
am Sockel leisteten
Widerstand

D
er Himmel über Rheda ist leer. Der leichte Abschied vom Erkennungszeichen hat ins Zentrum einer neuen Imagekampagne rücken. »In Um der Region zu beweisen, dass sein Unter- Was aber ist das Ziel der Imagekampagne? Im
Jahrelang hatten dort Bulle, aber einen weiteren Grund. Die freundlich lächelnde dieser schwersten Krise der Unternehmensgeschichte nehmen ihr nicht schadet, ließ Clemens Tönnies März streute der Nachrichtendienst Bloomberg
Kuh und Sau um sich selbst Nutzviehgruppe wurde im Juni 2020 durch den mas- haben unsere Mitarbeiter bewiesen, dass sie das Rück- den ­Betriebswirtschaftler Manfred Schwaiger von Verkaufsgerüchte. Bis zu vier Milliarden Euro kön-
gekreist. Die Rinderschwänze siven Corona-Ausbruch im Unternehmen bundesweit grat des Unternehmens sind«, sagt Personalvorstand der Ludwig-Maximilians-Universität München ein ne das Unternehmen wert sein. Als Interessenten
formten ein Herz, das Schwein ­bekannt: 6139 Tests hatten in der Belegschaft 1413 Martin Bocklage. »Jeder Einzelne steht für das Team 69 Seiten starkes Gutachten erstellen. Der Professor nannte Bloomberg internationale Fleischkonzerne:
lachte fröhlich, während zu positive Befunde ergeben. Die Produktion wurde für Tönnies.« Was er nicht sagt: Außerhalb der Kernberei- kam vergangene Woche nach Ostwestfalen, um die das US-Unternehmen Tyson Foods Inc., die brasilia-
seinen neonleuchtenden Fü- Wochen stillgelegt. Werksvertragsarbeiter und ihre che – etwa beim Reinigungsservice – arbeitet die Ergebnisse zu präsentieren: Ohne Tönnies würde nische JBS SA und die ­chinesische WH Group.
ßen jedes Jahr 700.000 Tiere geschlachtet wurden. Angehörigen wurden unter Quarantäne gestellt, ihre Firma weiter mit prekären Verträgen. der Kaufkraftindex im Kreis Gütersloh auf 97,2 Clemens Tönnies dementierte prompt. Mit
Am vergangenen Freitag ließ der Konzernchef und Wohnblocks mit Bauzäunen abgeriegelt. Aber selbst Kritiker bescheinigen Clemens Tönnies fallen, und damit unter den mit 100 bezifferten seinem Sohn Max sei schon die nächste Generation
Milliardär Clemens Tönnies das meterhohe Firmen- Das Bundeskabinett reagierte im Juli 2020 mit der den überfälligen Aufbruch. Nachdem er jahrelang die Bundesdurchschnitt. Mit Tönnies wächst die Kauf- der Familie Teil der Unternehmensführung.
logo vom Dach des gewaltigen Fleischkühllagers im Formulierung des Arbeitsschutzkontrollgesetzes. Seit Kritik an seiner Unternehmenskultur ignorierte, in- kraft auf den Indexwert 103,4. Der wirtschaftliche In Zukunft wird Fleischkonsum mehr und
ostwest­fälischen Rheda-Wiedenbrück holen. dem 1. Januar 2021 muss die Fleischindustrie ihre vestiert Tönnies nun in das Image seines Unterneh- Nutzen für die Region liege bei mindestens 325 mehr zum Streitthema. Ist es Teil der Strategie, dass
»Wir haben im vergangenen Jahr erlebt, was das Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Kernberei- mens – auch in die Arbeits- und Lebensbedingungen Millionen Euro im Jahr, könne aber bis zu 626 Mil- man den riesigen weißen Hallen an der Stadt-
Corona­virus anrichten kann«, erklärt Geschäftsführer chen Schlachtung und Zerlegung fest anstellen. Seit seiner Mitarbeiter. Die Tönnies Immobiliengesell- lionen Euro betragen. Schwaiger hatte die­ grenze von Rheda nicht mehr auf den ersten Blick
André Vielstädte auf der firmeneigenen Homepage. dem 1. April ist zudem die Zeitarbeit streng reglemen- schaft hat bis Ende März neue Unterkünfte für 3800 Kommunen im Kreis befragt, die Industrie- und ansieht, was in ihnen vor sich geht? So wie sich
»Seitdem haben wir den Prozess der Erneuerung be- tiert. Tönnies gibt an, mehr als 6000 Kolleginnen und Schlachter und Zerleger aus Rumänien und Bulgarien Handelskammer Bielefeld, die Gesellschaft Pro auch moderne Mastställe fenster- und gesichtslos
schleunigt. Erfolgreiches wird fortgesetzt, alte Zöpfe Kollegen in seinen deutschen Betrieben übernommen geschaffen. 500 bestehende Wohnungen wurden­ Wirtschaft GT (Autokennzeichen von Gütersloh). unauffällig in die Landschaft ducken? Der Ver-
werden aber auch abgeschnitten. Und dazu zählt auch zu haben, davon 3500 am Stammsitz Rheda. saniert. Statt bis zu acht Betten sollen künftig nur noch Allerdings: Mit Gewerkschaftern oder Landwirten, braucher soll das Schnitzel, von dem in Deutsch-
das ursprüngliche Logo der Tiergruppe, das nicht Die Arbeitskräfte, die das Unternehmen früher bei zwei in einem Raum stehen – vermietet für durch- das gab der Münchner Ökonom gegenüber der Süd- land jedes dritte von Tönnies produziert wird, am
mehr in unsere Zeit passt.« Subunternehmern billig einkaufte, will Tönnies nun schnittlich 190 Euro im Monat. deutschen Zeitung zu, habe er nicht gesprochen. besten erst in der Verkaufstheke sehen.

News? Nur Chimären


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Drei Beispiele dafür, wie wenig Wissenschaft als steter Prozess


und die von Aktualität getriebene Nachrichtenlogik zusammenpassen 
VON STEFAN SCHMITT

* DIE ZEIT erreicht die höchste verkaufte


Auflage seit ihrer Gründung (IVW Q1/2021).
Und das zum vierten Mal in Folge.
578.253* Was für eine Schlagzeile: »Forscher erschaffen
Mischwesen aus Mensch und Affe«, hieß es ver-
teilchen Myon bekannt gegeben. Noch so ein
Feinschmeckerthema für Physik-Gourmets, aber
gangene Woche in Zeitungen und auf Nachrichten- inszeniert als Breaking News. Wieder ging es um
Wir bedanken uns herzlich bei Ihnen, seiten. Ein Team von Wissenschaftlerinnen und kumulierte Forschungsergebnisse von vielen Jah-
liebe Leserinnen und Leser, für Ihr Vertrauen Wissenschaftlern am kalifornischen Salk Institute ren. Denn Wissenschaft ist in aller Regel ein
in Deutschlands größte Qualitätszeitung. hatte menschliche Stammzellen in Embryonen von Prozess und nicht ein Ereignis – doch das passt
Langschwanzmakaken eingeschleust. Das Ergebnis schlecht mit dem journalistischen Drang nach
war eine sogenannte Chimäre, ein Mischwesen ver- Aktualität zusammen.
schiedener Arten. Knapp zwanzig Tage lang wuch- Hinzu kommt eine weitere Schwierigkeit: Die-
sen drei der Schöpfungen im Labor, bis sie starben. ser Prozess ist so vielgestaltig, kleinteilig und kon-
Klingt spektakulär, vor allem, wenn die News tinuierlich, dass schon die Fokussierung auf ein
mit Bildern von großäugigen Makaken bebildert einzelnes Ergebnis problematisch ist. Wenn nicht
werden. Ist es letztlich aber vor allem für einen gar völlig verzerrend. So wie über Ostern, als die
überschaubaren Kreis von Fachleuten. Laien hin- Nachricht um die Welt ging, dass der Pine-Island-
gegen bekommen eher einen falschen Eindruck Gletscher in der Westantarktis womöglich einen
davon, wie weit die Wissenschaft tatsächlich dabei entscheidenden Kipppunkt des Abschmelzens über-
ist, Mischwesen aus verschiedenen Arten zu er- schritten haben könnte. Zwar fand sich noch in den
zeugen, denn viel mehr als Zellhaufen, die man meisten Meldungen korrekterweise der Konjunktiv.
gerade einmal unterm Mikroskop entdecken kann, Doch der Hinweis, dass die zugrunde liegende
hat das Team nicht erschaffen (was dennoch eine Forschung eine technische Fingerübung war (ein
große Leistung ist). bestimmtes Rechenmodell wurde erstmals auf eine
Es offenbart sich hier ein grundsätzliches Gletschersimulation angewendet), ging völlig unter.
Foto: Philotheus Nisch

Missverständnis zwischen Forschung und (Wis- Natürlich kennen die Kommunikationsabtei-


senschafts-)Journalismus. Da ist zunächst das lungen der Forschungseinrichtungen die Logik von
Tempus: »Forscher erschaffen«. Tatsächlich liegt Medien und inszenieren sich entsprechend (Myon!).
die eigentliche Arbeit teils Jahre zurück, aktueller Auch Zufall spielt eine Rolle, etwa beim Timing
Anlass für die Meldung des Salk Institute und die der Gletscher-News, die just zu Ostern lief, als es
Berichterstattung war diesmal die Begutachtung wenig Konkurrenz zu anderen Forschungsthemen
der Arbeit durch Experten und die Veröffentli- gab. Und bei den Affen-Chimären drängte sich der
chung in der Fachzeitschrift Cell. Das zeigt, wie simple journalistisch-kritische Dreh gleich mit auf:
schlecht das journalistische Format Nachricht bioethische Bedenken!
zum Gegenstand Forschung passt. Meist stellt Das kann problematisch werden, wenn kom-
Jetzt 4 Wochen testen: der Moment der Meldung bestenfalls eine künst- plexe Forschung in das simplere Korsett medialer
www.zeit.de/anders liche Aktualität dar. Jüngst etwa eine groß insze- Verwertungslogik gepresst wird und die Bericht-
nierte Pressekonferenz am amerikanischen Teil- erstattung dann dort stehen bleibt. Denn weder die
chenbeschleuniger Fermilab. Dort wurden ziem- Affen noch der Gletscher oder das Myon waren
lich hermetische (man könnte auch sagen: schwer streng genommen Nachrichten. Sie waren selbst
verständliche) Erkenntnisse über das ­Elementar­ Chimären: Prozessschnipsel in News-Gestalt.

109866_ANZ_IVW_220x220_X4_ONP26 1 19.04.21 15:51


DIE ZEIT N o 17 22. April 2021 WISSEN 31

Familie

Foto: Christiane Wöhler


Kinder wollen nicht an die Macht. Sie wollen, dass man sie auch mal fragt

Hört! Uns! Zu!


Endlich sollen die Kinderrechte ins Grundgesetz. Der vorliegende Entwurf ist gut gemeint, wird Kinder aber nicht stärken  VON JEANNETTE OTTO

E
s wäre mehr als eine Geste, mehr »Beteiligungsrechten«. Und schließlich das Kindes­ Was würden Erwachsene gewinnen, wenn sie die den können.« Aufklärung, Information, Weiterbil­
anfassen. Sie schätzen die Gefahren höher ein als den
als ein Zeichen der Aufmerk­ wohl: Geht es nach dem Willen von ­Union und SPD, Perspektive der Kinder einbeziehen, sie mit an ihre Nutzen.« Gefahren wittern die Christdemokratendung – hier müsse mehr geschehen, und zwar nicht
samkeit. Die Rechte von Kindern wird es »angemessen«, nicht aber »vorrangig« be­ Verhandlungstische, auf ihre Bühnen lassen? Kinder etwa im Dreiecksverhältnis zwischen Eltern, Kind und
erst, wenn die Kinderrechte in der Verfassung stünden,
und Jugendlichen könnten noch achtet. Für Experten ein entscheidender Punkt, denn sehen, was Erwachsene oft übersehen. Sie spüren, was Staat. Die Konservativen fürchten einen übergriffigen
sagt Zeleke. Kinderrechte gehören in die Lehrpläne,
in den nächsten Monaten ins die vorrangige Berücksichtigung würde bedeuten, andere nicht mehr spüren. Wenn ihr Lieblingsbaum Staat auch aus historischen Gründen – und verweisen
in die Ausbildung von Erziehern und Pädagoginnen.
Grundgesetz aufgenommen wer­ dass Entscheidungs- und Abwägungsprozesse zu­ gefällt wird, leiden sie. Wenn ihr Schulweg durch eine dabei häufig auf Nazi-Zeit und DDR-Diktatur. »Die
Auch Eltern müssen mehr d ­ arüber wissen, wie sie
den. Nach jahrelangem Ringen künftig viel genauer begründet werden müssten, Schnellstraße gefährlicher wird, merken sie, dass Kinderrechte einfordern können und in welchen
Erstverantwortung der Eltern für ihre Kinder muss
hat die schwarz-rote Regierungskoalition einen sollten sie nicht im Sinne des Kindes ausfallen. keiner an sie gedacht hat. Sie wollen nicht nur in ihren gewahrt bleiben«, sagt Frei. Seiner Partei haben gera­
Fällen ihre Kinder für sich selbst entscheiden sollten.
Entwurf dafür vorgelegt. Viele Juristen, Kindheitsforscher und Op­po­si­ Familien mitreden, wenn es um Essen, Schlafenszei­ de auch die gesellschaftlichen Umbrüche der jüngeren
Dürfen sich Kinder allein ans Jugendamt wenden,
Doch es gibt Streit. Politiker, Juristen, Kinder­ tionspoliti­ker sind sich einig: Statt die Rechte der ten, den nächsten Urlaub oder den Umzug in eine Vergangenheit zugesetzt. Nach dem Recht auf einen
wenn es ihnen in ihrer Familie nicht gut geht? Dürfen
schutzorganisationen und Wissenschaftler protestie­ Kinder zu stärken, schmälere der vorliegende Ent­ andere Stadt geht. Ihnen zuzuhören hilft, Ungerech­ Kita-Platz, nach Homo-Ehe und Frauenquoten – jetzt
sie ohne das Wissen ihrer Eltern einen Arzt auf­
ren: Der Entwurf sei in seiner aktuellen Formulierung wurf ihren Schutz und falle hinter geltendes Recht tigkeiten zu erkennen, nach Trennungen Sorgerechts­ suchen, eine Therapie beginnen? Dürfen sie sich
auch noch: Kinder an die Macht? »Beteiligung ist ja
ein schlechter Kompromiss, voller Worthülsen, nicht zurück. Auch ein breites zivilgesellschaftliches Bünd­ streitigkeiten zu be­enden und nicht kindgerechte gegen den Willen von Mutter und Vater für eine
in Ordnung«, sagt Frei. »Kinder können doch heute
wert, dafür das Grundgesetz anzurühren. Sollte es­ nis zeigt sich empört und fordert ein ­»Gesetz, das den Lebensverhältnisse zu ändern. andere Schule entscheiden? All das sind offene Fra­
schon Wünsche äußern, die Entscheidungen sollten
Union und SPD nicht gelingen, rechtzeitig vor der Ansprüchen der UN-Kinderrechtskonvention ge­ Der Konflikt um die Kinderrechte handelt von am Ende aber legitimierte Gremien treffen.« gen, auf die Kinder eine klare rechtliche Antwort
Wahl im September die in Bundestag und Bundesrat recht wird«. Zu den Grundprinzipien des inter­ viel mehr als juristischen Spitzfindigkeiten. Hier bräuchten, sagt die grüne Familienpolitikerin Ekin
Punktuelle Alibi-Mitbestimmung sei das, was in
notwendigen Zweidrittelmehrheiten zu organisieren, nationalen Regelwerks gehören das Recht auf Nicht­ streiten Bewahrer mit Modernisierern, Mutige mit Deligöz. Sie zählt Fälle auf, in denen Kinder durch
Deutschland oft als Beteiligung gelte, sagt Clara
droht das Vorhaben zu scheitern. Ausgerechnet in­ diskriminierung, die vorrangige Berücksichtigung Ängstlichen. Es geht um ein neues Bild vom Kind – Wengert, die Geschäftsführerin des Bundes­ die Verletzung ihrer Rechte und verant­wortungsloses
mitten der Pandemie, in der besonders sichtbar wird, des Kindeswohls, das Recht auf Entwicklung und und um die Frage, ob die Ansichten und Meinungen jugendrings. Kinder- und Jugendparlamente in den
Handeln von Jugendämtern, Verwaltung und Justiz
wie hilflos und ignorant dieses Land mit den Rechten das Recht auf Gehör und Berücksichtigung der An­ der Jüngsten ihren Platz finden im Machtgefüge von Kommunen hätten oft beschränkte Gestaltungs­ lebensbedrohlichen Notlagen ausgesetzt wurden.
und Bedürfnissen von Kindern und Jugendlichen sichten eines Kindes. Deutschland hat die Konven­ Politik und Gesellschaft. »Wenn das Kindeswohl ­vorrangig oder zumindest
möglichkeiten und würden meist nur jene Kinder und
umgeht: Verantwortung sollen die Heranwachsenden wesentlich Beachtung ­fände, dürfte keinem von ei­
übernehmen, Regeln befolgen, Kontakte einschrän­ nem Missbrauchsverbrechen traumatisierten Kind
ken, selbstorganisiert lernen, sich nicht beschweren,
vor Einsamkeit nicht krank werden. Vier neue Sätze fürs Grundgesetz mehr eine psychologische Behandlung verweigert
werden, nur weil das seine Aussage vor Gericht­
Nun könnte die Politik der jungen Generation verändern könnte«, sagt Deligöz. Jedes gerichtliche
endlich zeigen: Wir sehen euch! Wir verankern eure Verfahren, an dem Kinder beteiligt sind, müsste vor­
Rechte auf höchster normativer Ebene. Doch wieder »Die verfassungsmäßigen Rechte der Kinder einschließlich ihres Rechts gezogen werden. Ihre Hoffnung ist groß, dass eine
tut sich Deutschland schwer mit seinen Kindern, der sorgfältig g­ emachte Grundgesetzänderung in die ge­
Widerstand der Opposition zum vorgelegten Gesetz­ auf Entwicklung zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten sind zu achten und samte Gesellschaft hineinwirken könnte: »Für jeden,
entwurf ist massiv. Warum ist das so – und worüber
wird hier eigentlich gestritten?
zu schützen. Das Wohl des Kindes ist angemessen zu berücksichtigen. der mit Kindern zu tun hat, ist das ein moralischer
Auftrag, diesen Job besonders ernst zu nehmen.«
Vier Sätze sind es, um die das Grundgesetz in Der verfassungsrechtliche Anspruch von Kindern auf rechtliches Gehör ist zu wahren. Was ist so schwer daran, Kindern und Jugend­
Artikel 6, Absatz 2 erweitert werden soll. Vier Sätze, lichen eine Stimme zu geben, ihnen zuzuhören?
die Bundesjustizministerin Christine Lambrecht als Die Erstverantwortung der Eltern bleibt unberührt.« Kindheits- und Jugendforscher machen das und
eine »historische ­Chance« begreift, die bald jedoch wissen: Junge Menschen leiden unter der Ignoranz
schon vertan sein könnte: Diese Formulierung könnte in Artikel 6, Absatz 2 des Grundgesetzes aufgenommen werden der Erwachsenen. »Die schlechten Erfahrungen
Die verfassungsmäßigen Rechte der Kinder ein­ wirken sich auf ihr Selbstbild und Selbstbewusst­
schließlich ihres Rechts auf Entwicklung zu eigen­ sein aus«, sagt Sabine Andresen von der Universität
verantwortlichen Persönlichkeiten sind zu achten und tion 1992 ratifiziert. Von den Vereinten Nationen Die Sozialdemokraten wollen Deutschland zum Jugendlichen ansprechen, die ohnehin schon be­ Frankfurt. »Wer die Bedürfnisse der Kinder nicht
zu schützen. Das Wohl des Kindes ist angemessen zu kam mehrfach die Aufforderung, die Kinderrechte »kinderfreundlichsten Land Europas« machen, so hat sonders aktiv sind. Alle anderen blieben außen vor. kennt, kann sie nicht schützen.« Kinder und­
berücksichtigen. Der verfassungsrechtliche Anspruch ins Grundgesetz aufzunehmen. es eine Abgeordnete in der Bundestagsdebatte ver­ »Die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugend­ Jugendliche bräuchten das Gefühl, Wahlmöglich­
von Kindern auf rechtliches Gehör ist zu wahren. Die Der Frankfurter Familien- und Sozialrechtler gangene Woche verkündet. Sie wollen mit der Grund­ lichen so auszublenden verhindert gesellschaftliche keiten zu haben, in bestimmten Bereichen auto­
Erstverantwortung der Eltern bleibt unberührt. Ludwig Salgo gehörte lange zu jenem Lager, das­ gesetzänderung in die Geschichte eingehen. Dafür Modernisierung«, sagt Wengert, die sich für ein ge­ nom agieren zu können. Das bedeute nicht, Kin­
Jeder Eingriff in das Grundgesetz ist ein hoch­ einen Eingriff ins Grundgesetz unnötig fand. haben sie allerdings viele ihrer Ideale an die U ­ nion nerelles Wahlrecht ab 14 Jahren einsetzt. »Politik wird dern die Macht zu geben und sie alles bestimmen
sensibler Akt, jedes hinzugefügte Wort muss ihn Schließlich gälten alle in der Verfassung relevanten verkauft. »Es ist mir ein Rätsel, wie es zu so einem nur dann auf die Bedürfnisse Heranwachsender ein­ zu lassen. »Kinder kooperieren, sie können gut mit
rechtfertigen können. Der vorgelegte Entwurf aber Grundrechte auch für Kinder. Heute sagt er: »Die schlechten Kompromiss kommen konnte«, sagt eine gehen, wenn deren Stimmen zählen.« Entscheidungen von Erwachsenen leben, wenn sie
enthalte überflüssige Wiederholungen und spare zu Missachtung von Kinderrechten in Deutschland SPD-Frau, die seit Jahren für Kinderrechte kämpft. Es kann anstrengend werden, wenn man Kinder vorher gefragt wurden – und sie wollen keine Ver­
sehr mit klaren Formulierungen, bemängeln die ist inzwischen so offensichtlich, die kann keiner Wie stark es in der Kinderrechte-Debatte für die und Jugendliche ernsthaft in Entscheidungen­ antwortung, der sie nicht gewachsen sind.«
Kritiker. Bei der Überbetonung des Elternrechts etwa, mehr vom Tisch ­wischen.« Gerade bei schweren Union auch um die Verteidigung traditioneller Fami­ einbezieht. Gerade bei Themen wie sozialer­ Angenommen, man hätte schon vor dem ersten
mit dem der aktuelle Absatz 2 ohnehin beginnt: Fällen von sexuellem Missbrauch und anderen lienwerte geht, wird in einem Gespräch mit Thorsten Gerechtigkeit, Umwelt- und Verkehrspolitik oder Corona-Fall die Kinderrechte mit einer ernst zu neh­
»Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Gewalt­verbrechen an Kindern sehe er, wie unzu­ Frei deutlich. Frei ist stellvertretender Fraktions­ Städtebau. Die üblichen autoritären Argumente – menden Formulierung im Grundgesetz verankert –
Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende reichend Kinder in behördlichen und gerichtlichen vorsitzender von CDU/CSU und sitzt im Rechts­ kein Geld, keine Zeit, nicht genug Relevanz – könn­ die Monate der Krise wären für viele Kinder und
Pflicht.« Durch die nun geplante Ergänzung t­ auchen Verfahren beteiligt werden: »Das ist skandalös.« ausschuss des Bundestages. Seit Februar tagt er­ ten Kinder zerplatzen lassen wie Seifenblasen. Denn Jugendliche anders verlaufen. Da sind sich Wissen­
die Eltern am Ende des Absatzes noch einmal auf – Die Verfassung regele zudem nicht explizit genug, regelmäßig mit SPD, Grünen und FDP. Die Ver­ für sie geht es um ihre Zukunft, um ein L ­ eben mit schaftler und Kinderschutzorganisationen einig. Weil
die Kinderrechte würden von den Elternrechten­ dass Kinderrechte in allen gesellschaftlichen Be­ handlungen der nächsten Wochen werden ent­ den Folgen des Klimawandels, mit den Folgen ver­ Pandemiepläne dann auf die Bedürfnisse der Jungen
regelrecht umklammert. Auch der Anspruch auf reichen wirksam angewendet werden. Der aktuelle scheidend sein. Die Regierung möchte das Gesetz zur passter Bildungschancen. Rücksicht genommen hätten. Und kein Erwachsener
»rechtliches Gehör« ist im Grundgesetz längst ver­ Gesetzentwurf ist für Salgo ein Zeichen dafür, Verfassungsänderung noch vor der Sommerpause »Wir Erwachsenen müssen uns jetzt endlich­ mehr hätte infrage stellen können, dass auch Kinder
ankert. Neu hingegen wäre gewesen, in die Formu­ »dass die Politik in Kindern und Jugendlichen kein verabschieden. »Es gibt zahlreiche Kollegen in CDU bewegen«, sagt Miriam Zeleke, die Kinderrechts­ und Jugendliche systemrelevant sind.
lierung aufzunehmen, die Ansichten e­ ines Kindes echtes Potenzial für gesellschaftliche Veränderun­ und CSU, denen es aus guten Gründen lieber wäre, beauftragte von Hessen. »Kinder wissen ja oft gar
berücksichtigen zu wollen – Experten sprechen von gen sieht«. wenn wir das Grundgesetz für die ­Kinderrechte nicht nicht, welche Rechte sie haben, an wen sie sich wen­  www.zeit.de/vorgelese
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NICOLE MAIBAUM eine WG zu gründen, wird zu der Art des Zusammenfi ndens. schussprogramm zum alters- gangenen Jahre verstorben, zwei
einem festen Plan. Doch bis es tat- So können Senioren-Wohnge- gerechten Umbau. Demzufolge von ihnen an Krebs. Gepflegt und
Selten sind die Dinge so klar: sächlich zur Umsetzung kommt, meinschaften entweder, wie im wurden denn auch die Bundes- rund um die Uhr in ihrer Krankheit
Selbstbestimmt und selbst- vergehen weitere fünf Jahre. »Das Fall von Henning Scherf, privat mittel im vergangenen Jahr auf begleitet wurden sie von den ande-
ständig möchte das Gros der Schwierigste war, eine geeignete organisiert sein oder – dies ist 150 Millionen Euro aufgestockt ren im Haus, unterstützt von einem
Deutschen im Alter wohnen Immobilie zu finden. Alle wollten ein wachsender Trend – auch und bereits bis Ende September befreundeten Arzt. Auch rückbli-
und dies am besten auch noch mitten in der Stadt wohnen. Als von ausgebildeten Pflegekräften, knapp 16.700 Wohnungen geför- ckend für Scherf immer noch eine
in den eigenen vier Wänden. wir dann schließlich im Bahn- Pflegeeinrichtungen und anderen dert. Zum Vergleich: Im gesamten »Herausforderung«, aber ebenso
Ein Wohnmodell, das all diese hofsviertel eine nahezu abbruch- Trägern angeboten werden. Un- Jahr 2019 waren es rund 13.600 ein Zeichen der Vertrautheit und
Wünsche bedient und bei dem es reife Stadtvilla angeboten beka- abhängig davon steht außer Fra- Wohnungen, im Jahr 2018 sogar der Freundschaft. »Als wir hier zu-
quasi als Bonus gegen das Allein- men, haben wir diese gekauft und ge, dass zusätzlicher Wohnraum nur knapp 6.300 Wohnungen. sammengezogen sind, haben wir
sein noch eine »Gemeinschaft« erst einmal renovieren und gleich uns einem Ehegelöbnis gleich ver-
dazugibt, ist eine Senioren-WG. alterstauglich umbauen lassen«, Bis zum Jahr 2035 werden in Deutschland sprochen, in guten wie in schlech-

Es könnte keinen Besseren geben


erzählt Scherf. Auf fünf Etagen
war und ist so Platz für insgesamt
voraussichtlich rund zwei Millionen alters-
ten Zeiten füreinander da zu sein«,
sagt er und ergänzt: »Ich bin sehr
Das