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Philippe Ariös

Geschichte des Todes

In zwanzigjrihrigcr Forschungsrrrbcit h:rt Ariös cine Füllc archäolo-


gischer, literarischer r.rnd liturgischcr Qucllcn gcsichtct, Sterberiten
und Bestattungsbräuche untcrsucht, clic (]cschicl'rtc der großcn
städtischen Fricdhöfe studicrt und z:rhlrcichc'l'cstrlncr.rte durch-
forscht. Entstanden ist eine Gcschichtc dcr Irinstcllr.rrrgcn clcs Men-
schen zum Tod und zum Sterben.
Fast zwei Jahrtausende lang - "von Homer bis'iblstoi" - lrlieb im
-Iird
Abendland die Grundeinstellung der Menschefl zum nahezu
unverändert. Der Tod war ein vertrauter Begleiter, ein Ilestandtcil
des Lebens, er wurde akzeptiert und häufig als eine letztc l-ebens-
phase der Erfüllung empfunden. Seit dem 19. Jahrhundert hat sich
ein entscheidender Wandel volizogen. Der Tod ist für den heutigen
Menscher.r angsteinflößend und unfalSbar, und cr ist außerdem in
der modernen, leistungsorientierten Gesellschaft nicht eingeplant.
Der Mensch stirbt nicht mehr urngeben von Familie und Freunden,
sondern einsam und der Öffentlichkeit entzogcn, um den ,eigenen
Tod« betrogen.

Pbilippe Ariäs (1914-1986) gehört zvr französischen Historiker-


schule der "Annale5o, die Methoden der Soziologie und dcr
Geschichte zu verbinden trachtet und sich um die Erforschung der
\ü7erke:
"civilisations« und der "mentalit6s" bemüht. \X/ichtigstc
,Les traditions sociales dans les pays dc Francc. (1943); '[.es temps
de I'histoire, (1954); in deutschcr Üb".r.t,.t'ns crschienen u.a.
,Geschichte der Kindheit. (1975;dw 1013s), ,Sttrrlicn zur Geschich-
te des Todes im Abendlan d, (1976) sowic ,IJilclcr zr-rr Gcschichte des
Todes. (1984). Deutscher Taschenbuch Verlag

I
I

Aus dcrn Französischen von Hans-Horst Hcnschcn und Una Pfau


Titel der Originalausgabe: L hommc dcv;rnt l:r mort.

Von Philippe Ariös bei cltv:


Geschichte der Kindheit (3013S)

FUR PRIMEROSE

in ntroque tempore semPer und


1

,j

Oktober 1982
9. Auflage Oktober 1999
Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG,
München
O 1978 Edirions du Seuil, Paris
O 1980 Carl Hanser Verlag, München
Umschlagkonzept: Balk & Brumshagen
Umschlagbild: ,Le fils puni. (1778) vonJean-Baptiste Greiz.c
(O AKG, Berlin)
Gesamtherstellung: C. H. Beck'sche Buchdruckerci,
Nördlingen
Gedruckt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Papier
Printed in Germanv . ISBN 3-423-30169-4

I
-

Vorbemerkung
Das Folgende ist nicht als Einleitung aufzufassen. Die eigentliche Einlei-
tung dieses Buches ist bereits 1975 erschienen, zu Anf ang der Essais sur I'hi-
stoire de la mort en occident fdt. Studien zur Gescbichte des Todes irn
Abendland,1976l, eines Textes, in dem ich mich zu erklären bemüht habe,
warum meine Vahl gerade auf dieses Thema fiel, welches mein Ausgangs-
punkt war, wie ich dann später über diesen Ausgangspunkt diesseits und
j.nr.its - von Jahrhundert zu Jahrhundert - hinausgetrieben wurde und
welche methodischen Schwierigkeiten mir eine derart angewachsene Auf-
gabe aufbürdete. Ich brauche nicht darauf zurückzukommen: es mag genü-
gen, den interessierten Leser darau{ zu verweisen.
Dieser vor der Zeit veröffentlichten Einleitung hatte ich 6"n Jilgl "Ge-
schichte eines Buches, das kein Ende findet" gegeben, und um die ietzt hier
vorliegende Arbeit handelte es sich. Ich vermochte ihr Ende damals so we-
nig abzusehen, daß ich mich entschloß, die ersten Aufsätze, Annäherungs-
versuche an den Gesamtkomplex, ohne weiteres Zögernzu publizieren. Ich
zweifelte nicht daran, daß ein glücklicher Umstand mir bald die Möglich-
keit eröffnen würde, die Gangart zu beschleunigen und das Proiekt schnel-
ler abzuschließen, als ich dachte. Im Januar 1976 wurde ich, dank der Ver-
mittlung meines Freundes O. Ranum, für sechs Monate im Woodrow
Wilson International Center t'or Scholars au{genommen, und während die-
ses Au{enthalts konnte ich meine ganze Zeit und alle Energie rneinem
Thema widmen und endlich ein Buch beenden, das mich seit etwa fünfzehn
Jahren in Anspruch nahm.
Bekanntlich gibt es in den Vereinigten Staaten einige hervorragende Ab-
teien von Thelema, in denen die \Wissenschaftler, ihrer Alltagsverpflichtun-
gen ledig, wie Mönche im Kloster ganz und gar in ihrem Arbeitsproiekt
au{gehen können.
Das Woodrou'Wilson International Center ist eine dieser weltlichen Ab-
teien. Es ist in einem phantastischen, aus rotem Sandstein errichteten
Schloß untergebracht, dessen Neo-Tudor-Stil zur weltabgewandten Kon-
zentration einlädt und, als ganz einzigartige Besonderheit, ein wirkliches
Grabmal birgt, das des Gründers des Smithsonian Institute. Das Fenster
meiner geräumigen Zelle, halb von wildem \flein umwuchert, öffnete sich
auf den gigantischen grünen Rasenteppich - Tbe Mall -, der das Zentrum
rJflashingtons deckt.
Dort wachen J. Billington, der Direktor, Fran Hunter,
der gute Hausgeist, und die Verwaltungsangestellten, Sekretäre und Bi- Erstes Buch
bliothekare über die Ruhe und das \ü/ohlbefinden der t'ellous.
Die Strenge dieser Abgeschiedenheit wurde durch die menschliche DIE ZETT DER RUHENDEN
'V/ärme gemildert,
über deren Geheimnis allein Amerika zu verfügen
scheint - eine menschliche lVärme, wie sie nicht nur ernsrhafte Freund-
schaften, sondern sogar kurzlebigere Zufallsbekanntschaften aufkommen
lassen. Man muß ein wenig auf Reisen herumgekommen sein, um den Sel-
tenheitswert dieser Art von Empfang richtig einzuschätzen.
Als ich rVashington verließ, hatte ich nur noch den Schluß, für den ich
ein wenig rückblickenden Abstand gewinnen wollte, die Anmerkungen
und Fußnoten und die Danksagung zu schreiben.

Dieses Buch verdankt viel den Freunden und Kollegen, die sich für meine
Untersuchungen interessiert haben und mir Material, Hinweise auf ört-
lichkeiten, Denkmäler, Inschriften und Texte, Literatur und Zeitungsaus-
schnitte zukommen ließen - insbesondere den Damen N. de La Blanchar-
diöre, M. Bowker, N. Castan, L. Collodi, M. Czapska, A. Fleury, H.
Haberman, C. Hannaway, J.-B. Holt, D. Schnaper, S. Straszewska, M.
\üolff-Terroine; und den Herren J. Adh6mar, G. Adelman, S. Bonnet,
P.-H. Butler, Y. Castan, B. Cazes, A. Chastel, P. Chaunu, M. Collart,
M. Cordonnier, J. Szapski, P.Dhers,J.-L. Ferrier,P. Flamand,J. Gl6nisson,
J. Godechot, A. Gruys, M. Guillemain, P. Guiral, G.-H. Guy, O. Hanna-
way, C. Jelinski, Ph. Joutard, M. Lanoire, P. Laslett, I. Lavin, F. Lebrun,
G. Liebert, O. Michel, R. Mandrou, M. Mollat, L. Posfay, O. Ranum,
D.-E. Stannard, B. Vogler und M. Vovelle.
Das Manuskript ist mit großer Sorgfalt von Annie FranEois durchgese-
hen worden.
Dieser Liste muß ich die Namen einiger Autoren hinzu{ügen, die mich
besonders beeinflußt haben oder denen ich spezielle Kennrnisse verdanke:
F. Cumont, f. Ual., E. Morin, E. Panofsky und A. Tenenti.
\ü'ie man sieht, war der '§fleg lang; zahlreich aber waren auch die hilfrei-
chen Hände. Nach einer ermüdenden Reise erreicht das Buch jetzt seinen
Hafen. Mögen dem Leser die Unsicherheiten der \Wegstrecke nicht mehr
zu Bewußtsein kommen.

8
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1. Der gezähmte Tod
Das Bild des Todes, das wir als Ausgangspunkt unserer Analysen wählen,
ist das des frühen Mittelalters - grob vereinfacht: der Tod Rolands. Es ist
jedoch noch älter: es ist der zeitlose Tod der langen Spannen der ältesten
Geschichte, vielleicht sogar der Vorgeschichte. Dieses Bild hat das Mittel-
alter andererseits aber auch überlebt, und wir begegnen ihm wieder beim
Holzf äller La Fontaines, bei den Bauern Tolstois, sogar noch bei einer alten
englischen Dame mitten im 20. Jahrhundert. Die Originalität des frühen
Mittelalters beruht jedoch darauf, daß das aristokratische Ritterum damals
die Bilderwelt der volkstümlichen, mündlich überlieierten Kulturen einer
Gesellschaft von gebildeten Klerikern aufdrängte, die sich als Erben und
Neubegründer des gelehrten Altertums verstanden. Der Tod Rolands ist
zum Tod des Heiligen geworden - nicht aber zum außergewöhnlichen
Tode des Mystikers wie bei Galaad oder König Mdhaigne. Der mittelalter-
liche Heilige ist von den gebildeten Geistlichen bei der profanen, ritterli-
chen Kultur entlehnt worden, die ihrerseits wiederum volkstümlichen Ur-
sprungs ist. (1)
Die Bedeutung dieser Literatur und dieser Epoche liegt also darin, daß
sie mit aller Deudichkeit, in leicht zugänglichen Texten, eine charakteristi-
sche Einstellung zum Tode zu erkennen gibt, die Einstellung einer sehr al-
ten und sehr dauerhaften Zivilisation, die bis in die Vorzeit zurückreicht
und sich in ihren letzten Ausläufern bis heute erstreckt. Auf ebendiese tra-
ditionelle Einstellung werden wir uns in diesem Buch fortgesetzt zu bezie-
hen haben, um jede der Veränderungen zu verstehen, deren Geschichte wir
hier zu entwerfen versuchen.

Sein Ende nahe fühlend...

Fragen wir zunächst ganz naiv, wie denn die Ritter in der Cbanson de Ro-
land,ind,enRomans de laTable ronde,in den Tristan-Epen eigentlich ster-
ben. ..

13
Sie sterben durchaus nicht beliebig: Der Tod wird von einem durch Von einer vergifteten Vaf{e verwun deg t'ühlte Tristan, ,daß sein Leben
Brauch und Herkommen gdregelten, verbindlich beschriebenen Ritual be- dahinschwand, er verstand, daß er werde sterben müssen". (4)
stimmt. Der gewöhnliche, normale Tod fällt den Einzelnen nicht aus dem Die frommen Mönche gebärdeten sich nicht anders als die heldenmüti-
Hinterhalt an, selbst wenn er - ers,.a im Falle einer Verwundung - als tödli- gen Ritter. In Saint-Martin in Tours fühlte, einem Bericht Raoul Glabers
cher Unfall auftritt, nicht einmal, wenn er Folge allzu großer emotionaler zu[olge, der sehr ehrwürdige Mönch Herv6 nach vier Jahren Klausnerda-
Verstörung ist, wie das zuweilen vorkommt. sein, daß er bald die Velt werde verlassen müssen, und zahlreiche Pilger
Der entscheidende Zug ist der, daß er Zeit zur Vorahnung läßt. ,,Lieber, kamen in der Hoffnung au{ ein rüTunder zuhauf . Ein anderer Mönch, medi-
guter Herr, gedenkt Ihr denn so bald zu sterben?. -,Ja, antwortet Gauvain zinisch erfahren, mußte die Brüder, die er umsorgte, zur Eile antreiben: , Er
(Gäwän), so erfahrt denn, daß ich nurmehr zwei Tage leben werde... (2) wußte, daß sein Ende nahe war." (5) Eine im Mus6e des Augustins in Tou-
Weder der ,Arzto, der ,Helfer", noch die Gefährten (noch die Priester, die louse aufbewahrte Inschrift aus dem Jahre 1 151 (6) berichtet, daß auch der
in diesen Texten abwesend und noch unbekannt sind) wissen das so ge- Großsakristan von Saint-Paul in Narbonne wußte, daß es ans Sterben ging:
nau wie er. Der Todgeweihte allein ermißt die Frist, die ihm noch ver- ,Mortem sibi instare cernerat tdmqudm obitus sui prescit4s« (Er erkannte,
bleibt. (3) daß derTod ihm bevorstand, und sah das nahe Ende gleichsam voraus). Im
König Ban hat einen schlimmen Sturz vom Pferd getan. Zugrundege- Kreise seiner Mönche machte er sein Testament, beichtete, ging zur Kirche,
richtet, von seinen Ländereien und seinem Schloß vertrieben, flieht er mit um das corpus Dominl zu empfangen, und starb dort.
seiner Frau und seinem Sohn. Er hält inne, um aus der Ferne sein brennen- Manche Vorahnungen hatten den Charakter des Vunderbaren; insbe-
sondere eine trog nie - die Erscheinung eines Verstorbenen, und sei es im
"das sein ganzer Trost warn. Er gibt sich seinem
des Schloß zu betrachten,
Kummerhin: "KönigBan war so in tiefes Nachdenken versunken. Er legte Traum. Die Witwe König Bans (7) ist nach dem Tode ihres Gatten und nach
seine Hände auf die Augen, und ein derart starker Kummer schüttelte und dem rätselhaften Verschwinden ihres Sohnes ins Kloster eingetreten. Jahre
bedrängte ihn, daß er, ohne Tränen vergießen zu können, vom Uber- vergehen. Eines Nachts sieht sie im Traum ihren Sohn und ihre Neffen, die
schwang seines Herzens überwältigt wurde und in Ohnmacht fiel. So hart man in einem schönen Garten verschollen glaubt: "Da verstand sie, daß
stürzte er von seinem Zelter,daß...«; man verlor damals häufig das Be- Gott, Unser Herr, sie erhört hatte, und daß sie würde sterben müs-
wußtsein, und die rauhen Krieger, so unerschrocken und tapfer sie auch Sen, <(

waren, sanken bei jeder Gelegenheit besinnungslos hin. Diese männliche Raoul Glaber (8) erzählt, daß ein Mönch namens Gaufier eine Vison
Empfindsamkeit erhält sich bis ins Barock. Erst nach dem 17. Jahrhundert hatte, während er in der Kirche betete. Er sah einen Zug gemessen schrei-
kam es zu dem bedeutsamen Umschwung, daß sich der Mensch, d. h. der render, weißgekleideter mit Purpurstolen geschmückter Männer, an dessen
Mann, gehalten fühlte, seine Emotionen zu bemeistern. Im Zeitaker der Spitze ein Bischof ging, das Kreuz in den Händen. Der näherte sich dem
Romantik war die Ohnmacht dann den Frauen vorbehalten, die ver- Altar und zelebrierte die Messe. Er gab dem Bruder Gaufier zu verstehen,
schwenderisch damit umgingen. Heute hat sie keine andere Bedeutung als daß sie in Kämpfen gegen die Sarazenen gefallene Kreuzritter seien und ins
die eines klinischen Signals. Land der Seligen zögen. Der Propst des Klosters, dem der Mönch von sei-
Als König Ban zu sich kommt, bemerkt er, daß das rote Blut ihm aus ner Vision berichtete, ,ein Mann von tiefer Gelehrsamkeito, bedeutete ihm :
Mund, Nase und Ohren quillt. "Er richtete seinen Blick zum Himmel und "Mein Bruder, suchet Trost im Herrn, aber da Ihr gesehen habt, was Men-
sprach, wie er's verstand: ,Hergott, stel-rt mir bei, denn ich sehe und ich schen selten zu sehen gewährt wird, müßt Ihr den Tribut allen Fleisches
weiß, daß mein Ende nahe ist.." Ich sehe und ich ueill. zahlen, damit Ihr das Schicksal derer teilen könnt, die Euch erschienen
Olivier und Turpin fühlen beide, daß der f'od sie bedroht, und bringen, sind." Immer sind die Toten inmitten der Lebenden gegenwärtig, an be-
unabhängig voneinander, ihre Angst in nahezu identischen Formulierun- stimmten Orten und zu bestimmten Zeiten. Aber ihre Gegenwart ist sinn-
gen zum Ausdruck:
"Roland fühlt, daß der Tod ihn ganz übermannt. Vom lich wahrnehmbar nur für die, die dem Tode nahe sind. So wußte der
Kopfe steigt er nieder nach dem Herzen.o Er t'üblt, "daß seine Zeit gekom- Mönch, daß sein Ende gekommen war: "Die anderen Brüder, eilig zusam-
men ist". mengerufen, statteten ihm den in solchen Fällen herkömmlichen Besuch ab.

14 15
Gegen Ende des dritten Tages, als die Nacht herniedersank, verließ seine In lVirklichkeit hat dieses wundersame Vermächtnis aus Zeiten, in denen
Seele seinen Leib." die Grenze zwischen Natürlichem und Übernatürlichem fließend war, den
Allerdings ist es wahrscheinlich, daß die hier von uns getroffene Unter- romantischen Beobachtern den durchaus positiven, tief im Alltagsleben
scheidung zwischen natürlichen Zeichen und übernatürlichen Fingerzeigen verwurzelten Charakter der Todesahnung verdeckt. Daß der Tod sich an-
anachronistisch ist: die Grenze zwischen dem Natürlichen und dem Über- kündigte, war ein uollkommen natürliches Phänomen' selbst wenn es von
natürlichen war damals {ließend. Nicht weniger bemerkenswert ist, daß ciie 'Wundern begleitet war.
Zeichen eines nahen Todes, auf die man sich am häufigsten berief, im Mit- Ein italienischer Bericht aus dem Jahre 1490 macht deutlich, wie sPontan
telalter Zeichen waren, die wir heute natürliche nennen würden: banale, diese deutliche Erkenntnis des nahen Todes war, wie natürlich und in ihren
unmittelbar einleuchtende'§V'ahrnehmungen geläufiger und vertrauter Ursprüngen dem Wunderbaren - übrigens auch der christlichen Frömmig-
Züge des Alltagslebens. Erst später, in modernen, aufgeklärten Epochen, keit - durchaus {remd. Das Folgende ereignet sich in einem moralischen
haben Beobachter, die durchaus nicht mehr daran glaubten, auf denwunder- Klima, das dem der cbansons de geste sehr fernsteht, in einer Handelsstadt
samen Charakter der Vorahnungen hingewiesen, die hinfort für volkstüm- der Renaissance. In Spoleto lebt ein hübsches Mädchen, jung, lebensfroh,
lichen Aberglauben gehalten wurden. den ihrem Alter gemäßen Zerstreuungen sehr zugetan. Da befällt sie eine
Dieser Vorbehalt tritt seit Anfang des 17. Jahrhunderts in Erscheinung, Krankheit. rVird sie sich ans Leben klammern, ohne sich des Schicksals be-
so etwa in einem Text von Gilbert Grimaud (9), der die Realität der Er- wußt zu werden, das ihrer harrt? Ein anderes Verhalten schiene uns heute
scheinung Verstorbener durchaus nicht bestreitet, sondern erklärt, warum grausam, widernatürlich, und die Familie und der Arzt würden zweifellos
sie Angst einflößen: "Was diese Furcht noch verstärkt, ist der Glaube des zusammenarbeiten, um ihr diese Illusion aufrechtzuerhalten. Die juven'
Pöbels, wie man ihn sogar noch in den Schriften des Abtes Pierre von Cluny cula des 15. Jahrhunderts aber hat sofort begrifien, daß es ans Sterben geht
antrifft, daß nämlich solche Erscheinungen Vorboten des nahen Todes de- (cum cerneret, infelix iuaencula, de proxima sibi imminere mortem). Siehar
rer sind, denen sie zuteil werden.« Es ist also nicht die verbreitete und allge- den nahen Tod gesehen. Sie bäumt sich auf , aber dieses ihr Aufbäumen hat
meine Auffassung, auch nicht die der gebildeten Minderheit: es handelt sich durchaus nicht die Bedeutung einer Verweigerung des Todes (davon hat sie
um den Glauben des Pöbels. nicht einmal eine Vorstellung), sondern die einer Herausforderung Gottes.
Im Zuge der Dichotomie, die die litterati von der traditionellen Gesell- sie Iäßt sich in ihre prächtigsten Gewänder kleiden wie zur Hochzeit und
schaft isolierte, wurden die Todesvorzeichen einem volkstümlichen Aber- weiht sich dem Teufel. (10)
glauben gleichgestellt, sogar von Autoren, die sie für poetisch und ehrwür- 1ü/ie der Sakristan von Narbonne hat das funge Mädchen in Spoleto den
dig hielten. Nichts ist in dieser Hinsicht bezeichnender als die Art und -lod gesehen.
'Weise, wie
Chateaubriand sich - in Le Gdnie du cbristianisme - dazu äu- Es kam sogar vor, daß die Ankündigung weiter ging als die Vorahnung
ßert, nämlich wie zu einem artigen volkstümlichen Brauch: "Der Tod, so und daß das ganze Geschehen, bis zum Ende, nach einem vom Sterbenden
poetisch, weil er an Dinge der Unsterblichkeit rührt, so rätselhaft aufgrund selbst entworfenen Zeitplan ablief. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kol-
seines Schweigens, konnte über hundert Arten, sich anzukündigen, gebie- portierte man Berichte wie diesen: "lhr Tod [Madame de Rhert] ist nicht
ren«, aber - wie er ausdrücklich hinzuf ügt - " t' ür das V olk " ; oaiver ließ sich weniger erstaunlich als ihr Leben. Sic selbst hat ihr Leichenbegräbnis vor-
nicht eingestehen, daß die gebildeten Klassen die Vorzeichen des nahen To- bereiten, ihr Haus in Schwarz hüllen und im voraus Messen für die Ruhe
des eben nicht mehr wahrzunehmen imstande waren. Zt Beginn des 19. ihrer Seele lesen lassen fwir werden im vierten Kapitel sehen, daß diese Art
Jahrhunderts glaubten sie nämlich nicht mehr wirklich an Dinge, die sie für von Frömmigkeit sehr verbreitet war] und ihre Angelegenheiten geordnet
bloß pittoresk, ja für faszinierend zu halten begannen. Für Chateaubriand - und dies alles, ohne daß ihr das Geringste fehlte. Als sie schließlich alle
sind die "hundert Arten, sich anzukündigen«, allesamt wundersam: "Bald norwendigen Anordnungen getroffen hatte, um ihrem Gatten alle Besorg-
ließ sich ein nahe bevorstehender Tod aus dem Läuten einer Glocke er- nisse zu ersparen, mit denen er ohne diese ihre Voraussicht belastet gewesen
schließen, die von selbst anschlug, bald hörte der vom Tode Gezeichnete ware, starb sie am Tag und zur Stunde, die sie bezeicbrss ba16s." (17)
drei dumpfe Schläge an die Wand seines Zimmers." Natürlich verfügten nicht alle über eine derartige Voraussicht, aber je-

16 l7
dermann wußte wenigstens, wann es ans Sterben ging, und ohne Zweifel mit dem Tod und den Mythen des volkes. Auf seinem Sterbelager, in einem
hat dieses spontane Erkennen sprichwörtliche Formen angenommen, die Provinzbahnhof, seufzte er: »[Jpd die Muschiks? 1ü[ie sterben denn die
sich von Jahrhundert zu Jahrhundert weitervererbten. "§gln Ende nahe Muschiks?" (13) Nun, die Muschiks starben wie Roland, die junge Beses_
fühlend", heißt es noch vom Landmann La Fontaines. sene von Spoleto oder der Sakristan von Narbonne: sie wullten es.
Sicher wollten manche diese Zeichen, diese Fingerzeige nicht wahrha- ln DreiTode (! ringt ein alter Postkutscher, in der Küche einer Her_
ben: berge, neben dem großen Kachelofen, mit dem Tode. In einem Zimmer ne_
benan ergeht es der Frau eines reichen Geschä{tsmannes nicht anders.
Que oous Arcs pressante, O diesse cruelle!
Vährend der nahe Tod der reiche' Kranken aber, aus Angst, sie zu er_
Moralisten und Satiriker bemühten sich, die Phantasten lächerlich zu schrecken, zunächst verheimlicht, dann jedoch nach romanrischer Manier
machen, die glaubten, die Gewißheit des nahen Todes in den lVind schlagen als großes Schauspiel inszeniert wird, hat der postkutscher in der Küche
und die natürliche Ordnung hintergehen zu können. Sie wurden im 17. und sofort verstanden, worum es geht. Einer gutherzigen Frau, die ihn freund-
18. Jahrhundert allerdings immer häufiger, und wenn man La Fontaine lich fragt, wie es um ihn stehe, antwortet er: ,Der Tod ist da, das isr es«,
Glauben schenken darf, rekrutierten sich diese Scharlatane vor allem aus und niemand versucht, ihn zu täuschen.
den Kreisen der Alten. Nicht anders bei einer alten französischen Bäuerin, der Mutter von pou-
get, dessen Biographie Jean Guitton aufgezeichnet hat: ,Im Alter von vier_
Le plus semblable aux morts meurt le plus ä regret. undsiebzig Jahren bekam sie eine colerine [Halsgeschwulst]. Nach vier Ta-
gen: ,Geht und holt mir den Herrn pfarrer.. Der pfarrer kam und wollte
Die Gesellschaft des 17. Jahrhunderts ging mit diesen Greisen (von fünf-
ihr die Letzte olung geben. ,Noch nicht, Herr pfarrer, ich werde sie be-
zig Jahrenl) nicht zimperlich um und verspottete schonungslos eine An-
nachrichtigen' wenn es soweit ist.. und zwei rage später: ,Geht und sagt
klammerung ans Leben, die uns heute nur allzu verständlich erscheint:
dem Herrn Pfarrer, er soll mir die Letzte ölung bringen!."
La mort dpdit rdison. l...) Ein Onkel desselben Pouget ist sechsundneunzig Jahre alt. ,[,1 war raub
Allons, 'uieillard, et sans rePlique. und blind, fortwährend betete er. Eines Vormittags sagre er: ,Ich weiß
nicht, was mir fehlt, ich fühle mich hinfällig wie nie zuvor, hoh mir doch
Sich den Vorankündigungen des Todes verweigern, heißt sich der Lä- den Pfarrer.. Der Pfarrer kam und versorgte ihn mit den sterbesakramen-
cherlichkeit aussetzen: Sogar der verstiegene Don Quichote, in Wirklich- ten. Eine stunde später war er tot.« (r5) Und Jean Guitton kommenriert:
keit weniger närrisch als die Greise La Fontaines, versuchte in den Träu- "Man sieht, wie die Pougets in diesen alten Zeiten [1g24!] aus dieser in die
men, in denen er sein Leben verzehrte, durchaus nicht, dem Tode zu andere §ü'elt hinübergingen, als praktische und ein{ache Leute, als Beob-
entfliehen. Im Gegenteil, die Vorzeichen des Todes bringen ihn zur Ver- achter der Zeichen [Hervorhebung ph. A.], und zwar zunächst an sich
nunft: "Liebe Nichte", sagt er sehr einsichtig, "ich fühle mich dem Tode selbst' Sie hatten es mit dem sterben nicht eilig, aber wenn sie ihre Stunde
nahe." (12) nahen fühlten, starben sie, nicht zu früh und nicht zu spät, ganz wie es sich
Daß der Tod sich ankündigt, dieser die Jahrhunderte überdauernde gehörte, als Christen.o Aber auch andere, Nicht-Christen, starben ebenso
Glaube hat sich in den volkstümlichen Mentalitäten lange erhalten. Tolstoi einfach.
gebührt das Verdienst, ihn wiederentdeckt zu haben, vertraut wie er war

Mors repentina
Que oous äres . .. \(/ie aufdringlich Ihr seid, grausame Göttin! (La Fontaine, Fables cboisies,
mises en oers,Ylll, I . Hier und im folgenden wird die Übersetzung von Ernst Dohm, München Damit der Tod sich auf diese veise ankündigen konnte, durfte er nicht
1978, zitiert.)
Le plus semblable... Am wenigsten gern stirbt, wer schon dem Tode angehört. (Ebenda.) plötzlich eintreten, als mors repentina. rwenn er sich nämrich nicht im vor-
La mort dpait raison . .. Der Tod hatt' recht. [. . .] Drum fort jetzt, Alter, ohne '§0immern! aus bemerkbar machte, hörte er auf, zwar furchtbare, aber doch wohl oder
(Ebenda.) übel erwartete und willig hingenommene Notwendigkeit zu sein. Er
setzte

18
19
dann die Ordnung der \I(/elt, an die jedermann glaubte, außer Kraft, absur- zen, gerade wegen des Zweifels, in dem man sich über seine Todesursache
des Instrument eines zuweilen als Zorn Gottes sich verkleidenden ZuIalls. befindet." (16) In der Tat: ,Der Gerechte ist erlöst, wann immer er auch
Ebendeshalb wurde die mors repentina als schimpflich und beschämend das Leben lassen muß.. Und doch ist Durandus versucht, dieser grundsätz-
aufgefaßt. lichen Aussage zum Trotz, sich der herrschenden Meinung zu beugen.
Als Gaheris, vergiftet von einer Frucht, die Königin Gueniövre (Ginevra) ,§flenn jemand plötzlich stirbt, der eines der üblichen Spiele wie Ball oder
ihm in aller Unschuld anbietet, hinscheidet, wird er "mit allen Ehren be- Kugel gespielt hat, so kann er auf dem Friedhoi bestattet werden, weil er
stattet, wie es einem solchen Edelmann gebührtu. Sein Angedenken aber niemandem übeltun wollte." Er kann: also nur ein Ermessensspielraum,
wird mit einem Bann belegt. "König Artus und alle Angehörigen seines und manche Kirchenrechtler machten denn auch Einschränkungen: "Veil
Ho{staates hatten so viel Kummer von einem so hrifilicben und gemeinen er mit den Zerstreuungen dieser Velt befaßt war, sagen einige, daß er ohne
Tod, daß sie untereinander kaum darüber sprachen." Wenn man sich die Gesang von Psalmen und ohne die anderen Bestattungszeremonien beige-
stürmische Heftigkeit der Trauerbekundungen der Zeir bewußt hält, er- setzt werden soll.o
tiüenn man andererseits angesichts des Todes eines ehrbaren Spielers auch
mißt man die Bedeutung dieses Schweigens, das von heute sein könnte. In
dieser mit dem Tode so vertrauten §üelt war der plötzliche Tod häßlich und Bedenken äußern kann, so ist kein Zweifel mehr am Platze beim Tode eines
gemein; er flößte Angst ein - ein fremdartiges und schreckliches Phänomen, Menschen durch Hexerei. Das Opfer kann nicht von Schuld freigesprochen
über das man nicht zu sprechen wagte. werden, es ist zwangsläufig entweiht durch die "Niedrigkeit" seines Todes.
Heute, da wir den Tod aus dem Alltagsleben verbannt haben, wären wir Gulielmus Durandus stellt ihn einem Menschen gleich, der bei einem Ehe-
umgekehrt angesichts eines unerwarteten und absurden tödlichen Unfalls bruch, bei einem Diebstahl oder einem heidnischen Spiel vom Tode ereilt
wohl eher bewegt und würden die sonst gültigen Verbote aus diesem unge- wird, d. h. bei allen Spielen mit Ausnahme des ritterlichen Turniers (nicht
wöhnlichen Anlaß vielleicht aufheben. Der häßliche und gemeine Tod ist alle kanonischen Texte behandeln das Ritterturnier allerdings mit derselben
im Mittelalter nicht nur der plötzliche und absurde Tod wie der von Ga- Nachsicht [17]). \trflenn die volkstümliche Verdammung, die die Opler eines
heris, sondern auch der heimliche Tod ohne Zeugen oder Zeremonien, der Mordes traf , ihnen auch nicht mehr die christliche Bestattung verweigerte,
Tod des Reisenden unterwegs, des im Fluß Ertrunkenen, des Unbekannten, erlegte sie ihnen zuweilen doch die Zahlung einer Art Buße auf : Die Er-
dessen Leichnam am Feldrain aufgefunden wird, oder sogar der des zufällig mordeten waren Gezüchtigte. Ein Kanoniker, L. Thomassin, schreibt in ei-
vom Blitz getroffenen Nachbarn. Es verschlägt wenig, daß er schuldlos nem Bericht aus dem Jahre 1710, daß bei den Erzpriestern von Ungarn im
war: sein plötzlicher Tod belastet ihn mit einem Fluch. Das ist eine sehr 13. Jahrhundert der Brauch gegolten habe, ,einen Geldbetrag auf alle die
alte Vorstellung. Vergil läßt im erbärmlichsten Vinkel der Unterwelt die zu erheben, die unglücklicherweise ermordet oder getötet worden waren,
Unschuldigen hausen, ,die man auf falsche Anklag'dem Tod in die Hände durch Schwert, Gift oder ähnliche Mittel, bevor man ihnen die Erdbestat-
gelieferr" und die wir, als Moderne, rehabilitieren würden. Sie teilen das tung freigab*. Und er fügte hinzu, daß es im Jahre 1279 eines Konzils in
Schicksal der "Schatten weinender Kinder: Die, an der Schwelle des süßen Buda bedurft habe, um der ungarischen Geistlichkeit verständiich zu ma-
Lebens, verstorben sind, die der Tod der säugenden Brust der Mutter ent- chen, ,daß dieser Brauch sich nicht auch auf die erstrecken durfte, die zu-
riß". Freilich bemühte sich das Christentum, den alten Glauben zu be- f ällig bei Unfällen, Feuersbrünsten, Einsturz von Gebäuden oder ähnlichen

kämpfen, der den plötzlichen Tod mit Ehrlosigkeit brandmarkte, aber mit Mißgeschicken zu Tode gekommen waren, sondern daß man ihnen eine
Zurückhaltung und Kleinmut. Im 13. Jahrhundert bringt der Liturgist Gu- kirchliche Bestattung zuteilwerden lassen sollte, vorausgesetzt daß sie vor
lielmus Durandus, Bischof von Mende, diese Verlegenheit zum Ausdruck. ihrem Tode Zeichen von Bußfertigkeit zu erkennen gegeben hatten". Und
Er meint, daß der plötzliche Tod nicht bedeutet, "aus irgendeiner offen- Thomassin kommentiert, als Mensch des 18. Jahrhunderts, Bräuche, die in
kundigen Ursache gestorben zu sein, sondern einzig nach dem unergründ- seinen Augen fraglos verblüffend waren, folgendermaßen: ,Man muß an-
lichen Ratschlusse Gottes.. Der Tote darf also nicht als Verdammter gelten. nehmen, daß dieses Konzil sich damit zufriedengab, sich der fortschreiten-
Er muß christlich bestattet werden, aus Mangel an Beweisen: ,Wo man ei- den Ausbreitung dieser Erpressung zu widersetzen, weil es sie doch nicht
nen toten Menschen findet, soll man ihn ins Leichentuch hüllen und beiset- mehr vollständig ausrotten zu können glaubte.. Das volkstümliche Vorur-

20 21
teil bestand zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch immer fort: In den Toten- Blut die Fliesen des Tempels Gottes beschmutzt." Die Messen und das Li-
gebeten für Heinrich IV. fühlten sich die Prediger verpflichtet, den König bera wurdenalso in Abwesenheit der sterblichen Hülle des Verschiedenen
angesichts der schimpflichen Umstände seines Todes unter dem Messer sei- gesprochen.
nes Mörders Frangois Ravaillac zu rechtfertigen.
A fortiori schambesetzt war der Tod der Verurteilten: Bis zum 14. Jahr-
hundert verweigerte man ihnen sogar die li(iederaufnahme in den Schoß der Der außergewöhnliche Tod des Heiligen
Kirche; sie mußten Verfluchte in der anderen §(elt ebenso bleiben wie in
dieser. Den Bettelmönchen gelang es schließlich - mit Unterstützung des Der derart angekündigte Tod wird nicht als Seelenheil aufgefaßt, wie es
Jahrhunderte einer christlichen Literatur glaubhaft zu machen suchten,
von
Papsttums -, von den weltlichen Mächten das Recht zugesprochen zu be-
kommen, den zum Tode Verurteilten bei der Hinrichtung beizustehen: den Kirchenvätern bis zu den gottesfürchtigen Humanisten: Der gewöhn-
Immer begleitete einer von ihnen die Opfer zum Schafott. liche und ideale Tod des Mittelalters ist kein im spezifischen Sinne christli-
Dagegen erstreckte sich in einer auf ritterliche und militärische Leitbilder cher Tod. Seit nämlich der auferstandene Christus über den Tod trium-
gegründeten Gesellschaft der Argwohn, der den plötzlichen Tod begleitete, phiert hat, ist der Tod in dieser liüelt der wirkliche Tod, und der physische
nicht auch auf die heldenmütigen Opfer kriegerischer Auseinandersetzun- Tod bedeutet Zrgangzum ewigen Leben. Deshalb ist der Christ verpflich-
gen. Zunächst ließ die Agonie des inmitten seiner Gefährten im Einzel- tet, sich freudig den Tod zu wünschen, als eine Art lViedergeburt.
kampf gefallenen Ritters ihm noch Zeit, die üblichen, wenn auch verkürz- M edia oita in morte sumus (Mitten wir im Leben sind von dem Tod um-

ten Zeremonien abzuhalten. Schließlich wurde der Tod Rolands, der Tod fangen), schreibt Notker im 9. Jahrhundert. Und wenn er hrnzufögr: Ama'
des Ritters überhaupt, von den Geistlichen ebenso wie von den Laien als rae morti ne tradas n os (dem bittern Tode überlaß' uns nicht), so ist der
der Tod des Heiligen aufgefaßt. Dennoch wird bei den Liturgisten des 13. bittere Tod der Tod in Sünde und nicht der physische Tod des Sünders.
Jahrhunderts eine andersartige Einstellung sichtbar, die einem neuen, rit-
Diese frommen Gefühle sind der weltlichen Literatur des Mittelalters
terlichen Leitbildern durchaus fernstehenden Ideal von Frieden und Ord- zweifellos nicht völlig fremd, und wir begegnen ihnen auch in den Romans
nung entspricht. Sie haben bestimmte Todesfälle von Rittern ienen bearg- de la Table ronde,bei König M6haign6, dem die Ölung mit dem Blut des
wöhnten Todesarten des alten Volksglaubens gleichgestellt. Für sie ist der Grals ,Seh- und Körperkraft. und das Heil der Seele zugleich wiedergibt'
Tod des kriegerischen Helden nicht mehr Vorbild des heilsamen Todes - ,Der alte König richtete sich im Bette au{, Schultern und Brust nackt bis
oder doch nur unter ganz bestimmten Bedingungen. "Der Friedhof und die zum Nabel, und streckte die Arme gen Himmel: 'Lieber' guter Herr Jesus
Totenmesseo, schreibt Gulielmus Durandus, ,werden ohne Vorbehalt dem Christus., sagte er, , jetzt [da ich Vergebung der Sünden und das Abendmahl
Verteidiger des Rechts und dem Krieger zugebilligt, der in einem Krieg erhalten habe] flehe ich Dich an, mich heimsuchen zu kommen, denn ich
[älk, dessen Grilnde gerecht u)aren. " Diese Einschränkung ist sehr schwer- könnte nicht in größerer Glückseligkeit hinscheiden als gerade ietzt; ich bin
wiegend und hätte weitreichende Konsequenzen nach sich ziehen können, nur noch Rosen und Lilien [gemäß der alten Vorstellung, daß der Körper
wenn in den zur selben Zeit entstehenden Staaten die Soldaten der weltli- des Heiligen den Verunstaltungen der Verwesung nicht anheimiällt].' Er
chen Kriege nicht sogleich an dem von Durandus den Kreuzzügen vorbe- nahm Galaad in seine Arme, umschlang ihn, drückte ihn an seine Brust, und
haltenen Privileg partizipiert hätten - und zwar dank der beständigen Bei- im selben Augenblick tat Unser Herr kund, daß er sein Gebet erhört habe,
hilfe der Kirche -, bis hin zum Ersten Veltkrieg. denn seine Seele verließ den Leib."
tifleiter: Am selben Tage, da Galaad (18) die Vision des Grals hatte,
Aufgrund ebendieser Abneigung der Kleriker gegen den plötzlichen Tod "be-
beschwor Gulielmus Durandus - trotz der fortschreitenden Entwicklung gann er zu zittern, und die Arme gen Himmel streckend, sprach er: ,Herr,
einer eher moralischen und vernünftigeren Mentalität - gleichwohl noch inständig danke ich Dir, daß Du mir meinen §(iunsch erfüllt hast! Ich sehe
immer die alten Glaubensvorstellungen der Verunreinigung heiliger Stätten hier Anfang und Ursache der Dinge. Und jetzt flehe ich Dich an, mir zu
durch die Säfte des menschlichen Körpers, durch Blut oder Samen: "Man erlauben, aus diesem irdischen Leben ins himmlische hinüberzugehen..
trägt die, die getötet worden sind, nicht in die Kirche, aus Angst, daß ihr Demütig emp{ing er das corpus Domini. [...] Dann küßte er Perceval und

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sprach zu Bohan: ,Bohan, grüßt mir Ritter Lancelot, meinen Vater, wenn tot hinstürzt, als sie von seinem grausamen Ende erfährt, noch an seine leib-
Ihr ihn seht.. §(/onach er wieder an der Silbertafel niederkniete, und bald lichen Eltern. Man vergleiche diese letzten Eindrücke des mittelalterlichen
darauf verließ seine Seele den Leib." Ritters mit denen von Soldaten der großen Kriege unserer Zeit, die ge-
Das ist der singuläre und außergewöhnliche Tod eines Mystikers, den das wöhnlich nach der Mutter riefen, bevor sie den Geist aufgaben. Roland da-
nahende Ende mit "himmlischer" Freude erfüllt. Es ist nicht der weltliche gegen hält noch an der Schwelle des Todes das Andenken an Güter, die er
Tod der geste oder des roman, nicht der gewöhnliche Tod. besessen, Länder, die er erobert hat und wie lebende lVesen betrauert, an
die Gefährten, die Männer seiner Familie und den Herrn fest, der ihn erzo-
gen und dem er gedient hat. "Er kann sich der Tränen und Seufzer nicht
Auf dem Sterbebett: Die vertrauten Todesrituale erwehren." Nach diesem seinem Herrn sehnt sich auch Turpin:
"Mein ei-
gener Tod bedrängt mich hart. Ich werde den gewaitigen Kaiser nie mehr
Der Sterbende, der sein Ende nahen fühlte, traf seine Verfügungen. In einer sehen." Die Romans de la Table ronde gönnen Frau und Kindern mehr
so vom Wunderbaren geprägten lVelt wie der der Romans de la Table ronde Raum; die Eltern jedoch werden immer ausgespart. König Bans Herz
war der Tod selbst eine ganz ein{ache Sache. Als Lancelot, verwundet und "pochte so stark beim Gedanken an seine Frau und seinen Sohn, daß die
im wüsten Wald verirrt, gewahr wird, "daß alle Kraft seinen Körper verlas- Augen ihm feucht wurden, die Pulse schlugen und das Herz in der Brust
sgn hxs", 5ieht er ein, daß es ans Sterben geht; er legt seine \ü/affen ab, streckt ihm brach".
sich ruhig auf dem Boden aus, die Arme auf der Brust gekreuzt, und schickt Schon diese fltichtige Schilderung erlaubt es, in der mittelalterlichen Ab-
sich an zu beten. König Artus liegt wie tot da, die Arme auf der Brust ver- schiedsklage die Vieldeutigkeit eines volkstümlichen und traditionellen
schränkt. Dennoch hat er noch so viel Kraft, seinen Mundschenken "so Todesgefühls zu erfassen, das alsbald in der gebildeten Schriftkultur Aus-
stark an seine Brust zu drücken, daß er ihm arg zusetzte, ohne es zu merken, druck gefunde n hat: contemptus m undi der mittelalterlichen Spiritualität,
und ihm brach das Herz". Der Tod entgeht dieser sentimentalen Hyperbel: sokratische \(eltabwendung oder stoische Verhärtung der Renaissance.
Immer wird er mit Ausdrücken beschrieben, deren Einfachheit einen Ge- Zweifellos läßt sich der Sterbende vom Rückblick auf das Leben, die be-
gensatz zur empfindsamen Gefühlsintensität des Kontextes bildet. Als sessenen Güter und die geliebten Wesen rühren. Aber seine schmerzliche
Isolde bei Tristan anlangt und ihn tot vorfindet, streckt sie sich in seiner Abschiedsklage überschreitet nie eine bestimmte Intensitär, die im Ver-
Nähe aus und wendet sich gen Osten. Der Erzbischof Turpin erwartet sei- gleich zur üblichen Pathetik der Epoche sehr gering ist. So wird es noch
nen Tod: ,Mitten auf der Brust hat er seine schönen weißen Hände ge- in anderen Zeiten sein, die sich - wie das Barock - ebenfalls überschweng-
kreuzt." (19) Das ist die gewöhnliche Stellung der Ruhenden: Der Ster- Iich auszudrücken liebten.
bende soll, gemdß Gulielmus Durandus, auf dem Rücken liegen, damit sein Der bedauernde Rückblick auf das Leben geht also ohne Viderspruch
Gesicht dem Himmel zugekehrt ist. Auch für den ins Grab Gebetteten ist mit der schlichten Hinnahme des nahen Todes einher. Er steht mit der To-
für lange Zeit diese Orientierung nach Osten, nach Jerusalem, verbindlich desvertrautheit in engem Zusammenhang, in einem Verhältnis, das über die
gewesen. "Man soll den Toten derart betten, daß sein Kopf nach \Westen Zeiten hin konstant bleibt.
und seine Füße gen Osten weisen." (20) Auch Achilles verweigert sich dem Tode nicht, aber sein Schatten murrr
noch in der Unterwelt: jetzt nicht tröstend den Tod, ruhmvoller
So hergerichtet, kann der Sterbende den letzten Akten des vorgeschrie- "Preise mir
benen Zeremoniells Genüge tun. Es beginnt mit dem traurigen, aber zu- Odysseus./ Lieber möcht' ich {ürwahr dem unbegüterten Meier,/ Der nur
rückhaltenden Gedenken an geliebte Dinge und W'esen, mit dem auf wenige kümmerlich lebt, als Tagelöhner das Feld baun,/ Als die ganze Schar ver-
entscheidende Bilder reduzierten kurzen Abriß des Lebens. Roland "be- moderter Toter beherrschen.o
gann sich an mancherlei Dinge zu erinnern". Zunächst »an manche Länder, Auch die Anklammerung an ein erbärmliches Leben steht der Vertraut-
die der Held erobert hatte, an das holde Frankreich, an die Männer seiner heit mit einem immer nahen Tod nicht im Vege: "Der du in Mühe und
Familie, an Karl den Großen, seinen Herrn, der ihn erzog, seinen Meister Plage all deine Zeit zu Ende lebrest, sterben mußt du, das ist gewiß", sagt
und seine Gefährten.. Kein Gedanke an Aude, seine Braut, die gleichwohl der Tod zum Tagelöhner des Totentanzes im 15. Jahrhundert.

24 25
La mort est souhaitöe souaent, Mes chers ent'ants, dx-il, je vais oi sont nos pöres,
Mais aolontiers je La t'uisse: Adieu, promettez-moi de viztre comme frires. [...)
fut pluie ou vent,
J'aimasse rnieux, Il prend ä tous les mains. Il meurt.
Ere e, oigne oi je fouisse.
Er stirbt wie der Ritter der cbanson, wie noch jene Bauern im tiefsten
Aber dieses Bedauern gibt ihm keine Geste des Aufruhrs ein. So der Rußland starben, von denen Solschenizyn spricht:
"Aber jetzt [...] erin_
Holzfäller bei La Fontaine: nerte er sich daran, wie diese Alten, ob Russen, Tartaren oder votjaken,
daheim an der Kama gestorben waren. Sie hatten sich nicht aufgebäumt, ge_
Il appelle la mort, elle vient sans tarder... wehrt, geprahlt, daß sie niemals srerben würden - sie alle hatten dem Tode
ruhig lHervorhebung von solschenizyn] entgegengesehen. Aber nicht nur,
Aber doch nur, um ihm beim Aufladen seiner Holzfuhre zu helfen. Der daß sie sich nicht wehrten, sie bereiteten sich in aller stille und beizeiten
Unglückliche, der auf den Tod vor, bestimmten, wer die Stute, wer das Fohlen bekommen
sollte' und gingen dann, solcherart erleichtert, unbeschwert hinüber, so als
AppeLait tous les jours würden sie nur in eine andere Hütte übersiedeln." (21)
La mort ä son secours, Der Tod des mittelalterlichen Ritters isr kaum weniger einfach. Der
Edelmann ist tapfer, kämpft als Held, mir herkulischer §tärke, und voll-
weist ihn zurück, als er dann tatsächlich kommt: bringt unglaubliche §(a{fentaten; seinem Tod selbst aber haftet nichts
Heroisches oder Außergewöhnliches an: er hat die Banalität des Todes von
N'approche pas, O mort! O mort! retire-toi. jedermann.
Deshalb fährt, nach dem klagenden Rückblick auf das Leben, der ster-
Entweder "Der Tod heilt alle Erdennor" oder ,Besser Not als Tod" - bende des Mittelalters mit der Erfüllung der gebräuchlichen Rituale fort:
zwei Formeln, die in Virklichkeit eher komplementär als gegensätzlich er bittet seine Gefährten um verzeihung, nimmt Abschied von ihnen und
sind, zwei Aspekte ein und desselben Gefühls: eins nicht ohne das andere. empfiehlt sie Gott. Olivier bittet Roland um Vergebung f ür den Hieb, den
Die Abschiedsklage nimmt der willigen Hinnahme des Todes das, was sie er ihm versehentlich zugefügt hat: ,,[nd ich verzeihe es Euch hier und vor
in der Gelehrtenmoral an Erkünsteltem und rhetorischem Schwulst hat. Gott.. Bei diesen \(orten verneigten sie sich voreinander.o
Der Bauer La Fontaines möchte sich dem Zrgri{f des Todes wohl entzie- Yvain (Iwein) r'erzeiht seinem Mörder Gauvain, der ihn verletzr hat,
hen, und weil er ein alter Narr ist, versucht er sogar, mit ihm zu feilschen; ohne ihn zu erkennen:
sobald er aber begreift, daß sein Ende wirklich nahe und keine Täuschung "Lieber Herr, es ist der ville Gottes und der Lohn
für meine sünden, daß Ihr mich hingestreckt habt, und ich vergebe Euch
mehr möglich ist, wechselt er die Rolle, hört er auf, den Lebenshungrigen von ganzem Herzen.o
zu spielen, wie man es um des Lebens willen zu tun harre, und stellt sich Gauvain, der seinerseits von Lancelot in ehrlichem Kampf getöret wird,
kurzerhand auf die Seite des Todes. Umstandslos schlüpft er in die klassi- verlangt vor seinem Tod von König Artus: ,Lieber Onkel, ich scheide da_
sche Rolle des Sterbenden: Er versammelt seine Kinder um sein Bett, um hin, vermeldet ihm [nämlich Lancelot], daß ich ihn grüße und ihn bitte,
ihnen letzte Anweisungen zu geben und letzte Grüße auszuteilen, wie es mein Grab aufzusuchen, wenn ich verschieden bin." (22)
alle Alten getan haben, die er hat sterben sehen: Dann empfiehlt der Sterbende Gott seine Angehörigen und die, die ihm
teuer sind.
La mort est souhaitie souvent. .. Der Tod wird oft herbeigewünscht,/ Ich aber fliehe ihn "Gott segne Karl und das holde Frankreich", 11.5, olivier, ,und
gern:/ Lieber wäre ich, 6ei Regen oder Vind,/ Im \§(einberg, den ich umgraben würde.
vor allen anderen meinen Gefährten Roland.. König Ban vertraut Gotr
Il appeLle... Er ruft den Tod herbei; der ist auch gleich zur Stell'. I, 16.
Appellan. . . Not ein arme r Mann/ Den Tod als Retter an. l,
Stets rief in seiner 15. Mescherenfants... Kinder,sagter,ichgeh,zumeinenVäterneben;/Fahrtwohl!Versprecht
N'approche pas... Komm näher nicht, o Todl O Tod, entferne dich. Ebenda. mir nur, als Brüder sters zu leben./ [. . .] Er faßt sie bei der Hand und srirbt. IV, I 8.

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seine Gattin Helene an: "Gebt Rat der Ratlosen.o V ar nicht das schlimmste laßt in mir nicht die Seele verloren gehen, die Ihr mir gegeben habt, steht
Unglück, ohne Rat dazustehen, das traurigste Los, allein zu sein? "riüolltet mir bei.o
Ihr Euch doch, o Herr, meines schwachen Sohnes erinnern, der so jung ln den Romans de la Table ronde sind die die Hinterbliebenen und die
\Waise wird, denn Ihr allein vermögt die zu erhalten, die ohne Vater Grabwahl betreffenden Verfügungen entschieden genauer gefaßt als in der
sind." Cbanson de Roland. Umgekehrt werden die Gebete seltener im vollen
'§üortlaut
Im Sagenkreis um König Artus tritt sogar schon in Erscheinung, was wiedergegeben. Man begnügt sich mit Hinweisen wie: Er beich-
später zu einem der Hauptmotive des Testamentes werden sollte: die Vahl tete seine Sünden einem Mönch, er empfing das corpus Cbristi. Zwei Leer-
des Grabes. Sie war für Roland und seine Gefährten noch fast ohne Bedeu- stellen fallen zwangsläufig auf : Es ist nie die Rede von der Letzten Olung,
tung. Gauvain aber wendet sich an den König: "Herr, ich ersuche Euch, die den Geistlichen vorbehalten bleibr, und es wird keine besondere Anru-
mich in der Kirche Saint-Etienne zu Camaalot beisetzen zu lassen, nahe fung an die Jungfrau Maria gerichtet. Das vollständ ige Aae M aria existierte
meinen Brüdern [...] und auf die Grahplatte schreiben zu lassen [...]." noch nicht (einem Mönch von Saint-Germain-l'Auxerrois aber, den Raoul
"Lieber, guter Herr«, fleht vor ihrem Tode die Jungfrau, die nie gelogen Glaber kannte, erschien die Jungfrau als Beschützerin vor den Gefahren der
hat, "ich bitte Euch, meinen Leib nicht in diesem Lande beisetzen zu lassen. " Reise).
Deshalb bestattet man sie in einem Nachen ohne Segel noch Ä.uder. Die Handlungen, die vom Sterbenden vollzogen werden, nachdem sein
nahes Ende sich ihm angekündigt hat
- er ruht mit dem Gesicht zum Him-
Nach seinem Abschied von der tVelt empfiehlt der Sterbende Gott seine mel, gen Osten gewendet, die Hände auf der Brust verschränkt -, haben
Seele. In der Chanson de Rohnd setzt sich das ausführlich kommentierte einen zeremoniellen, rituellen Charakrer. Es lassen sich darin noch mündli-
Schlußgebet aus zwei Teilen zusammen. Der erste Teil ist das Schuldbe- che Elemente dessen ausmachen, was später zum mittelalterlichen, von der
kenntnis : "Gott, erbarme Dich ! Vor Dir habe ich gesündigt mit großen und Kirche als Sakrament eingef ührten Tesramenr werden sollte: das Glaubens-
kleine Sünden, die ich begangen habe seit der Stunde meiner Geburt bis zu bekenntnis, die Beichte der Sünden, die Bitte um Verzeihung für die Hin-
diesem Tage, wo mich mein Ende erreicht.. (Roland) ,Er bekennt seine terbliebenen, die frommen Verfügungen zu ihren Gunsten, die Empfehlung
Sünden, blickt in die Höhe, streckt seine gefalteten Hände zum Himmel der eigenen Seele an Gott, die §(ahl des Grabes. Man hat den Eindruck,
empor und bittet Gott, daß er ihm das Paradies verleihe. Turpin ist tot, der als ob das Testament die Verfügungen und Gebete schriftlich aufzeichnen
Krieger Karls." "Beide Hände ge{altet zum Himmel erhoben, bekennt Oli- und verbindlich machen sollte, die die Dichter der Heldenepen der Sponta-
vier laut seine Sünden und bittet Gott, daß er ihm das Paradies schenke." neität der Sterbenden anheimstellten.
Das ist die Gebärde der Bußfertigen, der Edelleute, denen Turpin die kol-
lektive Absolution erteilt: "Bekennet Eure Sünden." Nach dem letzten Gebet bleibt nurmehr das Harren auf den Tod, und der
Den zweiten Teil des Schlußgebetes bildet die commendacio animae hat denn auch jetzt keinen Grund mehr, lange zu zögern. Man nahm jedoch
(Empfehlung der Seele), ein sehr altes Gebet des Urchristentums, das die an, daß menschliche Villenskraft manchmal imstande sei, ihm noch einige
Jahrhunderte überdauert und seinen Namen dem Gesamtkomplex von Ge- Augenblicke abzugewinnen.
beten gegeben hat, die seit dem 18. Jahrhundert unter dem Oberbegriff re- So hat Tristan ausgeharrt, um Isolde Zett fir ihre rechtzeitige Ankunft
commendaces, der Fürbitten, zusammengefaßt werden. In verkürzter zu verschaffen. Als er endlich einsehen muß, daß die Hoffnung vergeblich
Form wird es bereits von Roland gebraucht: " Wahrer Gott, der Du niemals ist, läßt er sich gehen:
"Ich kann mein Leben nicht länger festhalten.«
plsi-
gelogen hast, Du hast Lazarus vom Tode erweckt und Daniel von den Lö- mal spricht er: Geliebte Isolde. Beim vierten Mal gibt er den Geist auf.
wen gerettet. Rette auch meine Seele wegen der Sünden, die ich in meinem Kaum hat Olivier sein Gebet beendet, da setzt sein Herz aus, ,ds1 Hsl,
Leben beging." Als König Ban sich an Gott wendet, ist sein Gebet wie eine sinkt ihm vornüber, und sein ganzer Körper streckt sich auf dem Boden
liturgische Fürbitte aufgebaut: "Ich danke Euch, lieber Vater, daß es Euch aus. Der Graf ist tot, er weilt nicht mehr unter uns. « (23).Wenn es aber vor-
gefällt, mich dürftig und notleidend sterben zu lassen, denn auch Ihr habt kommt, daß der Tod auf sich warten läßt, so sieht ihm der Sterbende
unter Armut gelitten. Ihr, FIerr, der Ihr mit Eurem Blut mich erlöst habt, schweigend entgegen, er kommuniziert nicht mehr mit der \W'elt. ,Er

28 29
spricht [seine letzten Gebete, seine letzten Fürbitten] und gibt fürderhin
Historische Uberbleibsel:
kein Vort mehr von sich."
England im 20. Jahrhundert

Diese einfache und öffentliche Art und lVeise des Hinscheidens, nachdem
Die Offendichkeit man Abschied von seinen Lieben genommen hatte, ist in unserer Epoche
zwar aullergewöhnlich geworden, aber doch nicht völlig verschwunden. Zu
Die vertraute Einfachheit ist einer der beiden unabdingbaren Wesenszüge
des rituellen Todes. Der andere ist seine offentlichkeit, die sich bis
zum meiner Überraschung habe ich sie in der Literatur der Mitte des 20. Jahr-
Ende des 19. Jahrhunderts erhalten wird. Der Sterbende muß den Mittel- hunderts wiedergefunden, und zwar nicht im fernen und noch frommen
punkt einer Versammlung bilden. Mme' de Montespan hat weniger Angst Rußland, sondern in England. In ihrem Buch über die Psychologie der
iu ,trrbrn, als allein zu sterben. ,Sie schlief., nach dem Bericht Saint-Si- Trauerarbeit berichtet Lily Pincus zunächst über den Tod ihres Gatten und
mons, ,bei geöffneten Vorhängen und bei zahlreichen Kerzen in ihrem ihrer Schwiegermutter. Fritz hatte Krebs in einem bereits fortgeschrittenen
Zimmer, mit ihren wärterinnen um sich, die sie, wann immer sie erwachte, Stadium. Er war sich nach der Untersuchung sofort darüber im klaren. Er
plaudernd, scherzend oder essend vor{inden wollte, um sie gegen das Ein- verweigerte die Operation und die großen heroischen Heilungsveranstal-
schlafen zu versichern." Als sie aber, am 27'Mai des Jahres 1707, fühlte' tungen. Deshalb durfte er auch zu Hause bleiben. ,,Ich machte damals",
daß es ans Sterben ging (die Todesahnung)' hatte sie keine Angst mehr'
tat schreibt seine Frau, ,die wunderbare Erfahrung, daß ein Leben durch die
sie,was sie zu tun hatte: ihre Dienerschaft hinunter zum Geringsten" willige Annahme des Todes verlängert werden kann."
"bis
zusammenzurufen, sie um Verzeihung zu bitten, ihre Sünden zu bekennen Er stand im Alter zwischen sechzig und siebzig Jahren. "Als die letzte
und - wie es der Brauch war - die Zeremonie ihres Todes zu lenken. Nacht anbrach [die Ahnung], vergewisserte er sich, daß ich mir dessen
Die Arzte und Hygieniker vom Ende des 18. Jahrhunderts, die an den ebenso bewußt war wie er, und als ich ihm diese Sicherheit geben konnte,
sagte er mit einem Lächeln: ,Nun, dann ist alles gut.. Er starb einige Stunden
Erhebungen von vicq d'Azyr und der Acad'mie de m6decine teilnahmen,
später in tiefstem Frieden. Die Nachtschwester, die ihn zusammen mit mir
b.g"n.,.n üb.r die sich in den Sterbezimmern drängenden Menschenmen-
g.i X.l.g. zu führen. Allerdings ohne großen Erfolg, denn noch zu Beginn betreute, hatte glücklicherweise gerade das Zimmer verlassen [...], so daß
ich mit Fritz während dieser seiner letzten Stunde allein sein konnte, etwas,
äes tg.lahrhu.,derts konnte ieder, sogar ein der Familie Unbekannter,
wenn das Viatikum zu einem Kranken Eetragen wurde, sich dem Priester wofür ich immer dankbar sein werde.o
auf der Straße anschließen und das Haus und das zimmer des sterbenden Freilich läßt dieser "vollkommene Tod" ein romantisches Gefühl, eine
romantische Sensibilität erkennen, die zum Ausdruck zu bringen ,tor dem
betreten. So geht die fromme Mme. de La Ferronays in den Jahren um 1830
der 19. Jahrhundert durchaus unüblich war.
in Bad Ischl Jpari...n, als sie Glockengeläut hört und erfährt, daß nach
Priester zu bringen' den sie Umgekehrt steht der Tod der Mutter von Fritz dem alten und traditio-
Monstranz g".,rfen wird' um sie einem iungen
nicht gewagt, ihn zu besuchen, weil sie seine Be- nellen Leitbild näher. Eine alte Dame aus viktorianischem Milieu, aber-
krank weiß. Sie hat bisher
gläubisch und konformistisch, ein wenig frivol, unfähig, irgend etwas al-
kanntschaft noch nicht gemacht hat, aber das viatikum "läßt mich auf ganz
natürliche Werie [Hervorhebung Ph. A.] be i ihm Zutritt finden' Ich knie'
leine zustande zu bringen - und dann plötzlich ein Magenkrebs, eine
wie alle anderen, u.rt., d.- Torbogen nieder, als die Priester vorbeigehen, Krankheit, die ihr Situationen aufnötigte, die für ieden anderen peinlich-
demütigend gewesen wären - sie verlor ;egliche Kontrolle über ihren Kör-
dann gehe auch ich hinauf und werde Zeuge, wie er das Viatikum und
die
per -, ohne daß sie jedoch aufgehört hätte, etne perfect lady zu sein. Sie
Letzte Olung entgegennimmt." (24)
schien sich nicht darüber klarwerden zu können, was mit ihr geschah. Ihr
Man starb imm., off.ntli.h. Daher die Vucht der Prophezeiung Pascals'
To- Sohn machte sich Sorgen und fragte sich. wie sie, die sich der geringsten
daß man atlein sterben werde; denn man war dam als im Augenblick des
Satz Pascals zur Banalität Schwierigkeit des Alltagslebens nicht gewachsen zeigte, sich wohl ange-
des im physischen Sine nie allein. Heute ist dieser
sichts des Todes verhalten würde. Er täuschte sich. Die unfähige alte Dame
,..bl"lit,i.n., man hat in der Tat die denkbar größten Aussichten, in der
wußte ihren eigenen Tod sehr wohl in die Hand zu nehmen.
Einsamkeit eines Krankenhauszimmers zu sterben'

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sie einen schwächeanfall und Mentalität seiner Zeit bewußt war. Umgekehrt sehen Bellessort und sein
,An ihrem siebzigsten Geburtstag erlitt
Schüler, ihrer Bildung und ihrem guten Villen zum Trotz, darin nichts als
war einige Stunden lang bewußtlos. Nach dem Erwachen bat sie, man möge
pompöse Banalität. An dieser Verständnislosigkeit, die ihrerseits bereits
sie im Bett aufrichten, und dann verlangte sie, mit dem liebenswürdigsten
wieder älteren Datums ist, läßt sich die Differenz zwischen zwei Einstel-
Lächeln, mit glänzenden Augen, nach allen Bewohnern des Hauses. Sie
'weise, als ob sie auf eine lungen zum Tode ermessen. Als im Tristan-Epos Rohalt die Königin Blan-
nahm Abschied von iedem, auf ganz individuelle
Dankbarkeit für die Freunde, die chefleur über den Verlust ihres Herrn tröstet, sagt er: "Müssen nicht alle,
lange Reise ginge, und gab Zeichen der
Besonders ge- die geboren werden, auch sterben? Gott möge die Toten zu sich nehmen
Angehörige., und alle, die sich mit ihr beschäftigt hatten.
und die Lebenden schützen!" (27)
drÄt. ,i" der Kinder, die sich um sie gekümmert hatten' Nach diesem
Im spanischen Rornancero des Grafen Alarcos - historisch also bereits
Empfang, der länger als eine Stunde dauerte, blieben Fritz und ich an ihrer
später - spricht die von ihrem Gatten zu Unrecht zur Todesstrafe verur-
s.it", si, sie sich a,r.h ,on uns mir großer Bewegung verabschiedete und teilte Gräfin die §ü'orte und Gebete, die auf den Tod vorbereiten. Aber nach
sagte:,Jetzt laßt mich schlafen!. "
",qb.. der Abschiedsklage - "Ich traure um meine Kinder, die meiner Obhut ver-
.i,,.., im 20. Jahrhundert kann ein Sterbender nicht mehr sicher lustig gehen" - wiederholt sie die Formel: "Ich beklage meinen Tod nicht,
sein, daß man ihn auch wirklich schlafen läßt. Eine halbe Stunde später
da ich ja docb sterben mullte." (28)
kommt der Arzt, läßt sich Bericht ersrarten, beklagt sich über die Passivität
Im selben Romancero ruft der zu Tode verwundete Durandal: "Ich
der umgebung und schenkt den Erklärungen von Fritz und seiner Frau
sterbe in diesem Kampfe. Ich bedaure es nicht, den Tod vor mir zu sehen
drrchaui kein Gehör, daß nämlich die alte Dame bereits Lebewohl gesagt
sie in Ruhe lasse.
'§(ütend stürzt er ins Zimmer, fwohlgemerkt: da wir ja doch sterben müssen], wenn er mich auch zu früh
und verlangt habe, daß man
holt. Ich bedaure aber..." (es folgt die Abschiedsklage).
eine spritze in der Hand, beugt sich über die Kranke, um ihr eine Injektion
LJnserer Zeit näherstehend, zieht Tolstoi, in seiner 1 887 veröffentlichten
,u g.L.n, als sie, nur scheinbar bewußtlos, 'die Augen öffnete und, mit Erzählung DerTod des lvan Iljitsch, die alte Formel der russischen Bauern
de-selbe., freundlichen Lächeln, mit dem sie uns Lebewohl gesagt hatte'
erneut ans Licht, um sie den moderneren Einstellungen, wie sie dann von
ihm die Arme um den Hals legte und ihm zuflüsterte: 'Danke, Herr Dok-
den gehobeneren Schichten übernommen wurden, entgegenzusetzen.
tor!, Der Arzt brach in Tränen aus - keine Rede mehr von einer spritze. Ivan Iljitsch ist schwer erkrankt. Plötzlich wird ihm bewußt, daß ihm
Er ging als Freund und verbündeter, und seine Patientin schlief weiter ei-
wahrscheinlich der Tod bevorsteht; aber seine Frau, sein Arzt und seine
nen Schla{, aus dem sie nicht mehr erwachts'" (25)
Familie verschwören sich heimlich, ihn über die Schwere seines Zustandes
im unklaren zu lassen, und behandeln ihn wie ein Kind. "Einzig Gerassim
log niemals." Gerassim ist ein junger Bedienter der, vom Lande stammend,
Rußland im 19. und 20. Jahrhundert
den volkstümlichen und bäuerlichen Ursprüngen noch nahesteht. "Er al-
lein - das war aus allem ersichtlich - hatte begriffen, um was es sich han-
Die ö{fentliche vertrautheit mit dem Tode kommt in einer sprichwortähn-
delte, und er hielt es auch nicht für nötig, es zu verbergen, sondern er hatte
lichen Formel zum Ausdruck, auf die wir bereits gestoßen sind, und zwar
ganz einfach Mitleid mit seinem abgezehrten schwachen Herrn." Er scheut
in der Heiligen Schrift. In seinen Jugenderinnerungen kolportiert P.-H. Si-
sich nicht, dieses Mitleid zu zeigen, indem er ihm umstandslos die widrig-
mon (26) ein Sprichwort von Bellessort - oder was Bellessort für ein peinlichen Dienste erweist, deren Schwerkranke nun einmal bedürfen. Ei-
Sprichwort hieli: ,Ich sehe uns noch heute, in der hypohhägne ld,,s erste nes Tages beharrt Ivan, gerührt von seiner Ergebenheit, darauf, daß er ein
der beiden vorbereitungsjahre für dre Ecole Normale Supirieuref des wenig ausruht, und schickt ihn fort, damit er auf andere Gedanken kommt.
Gymnasiums Louis-le-Grand, unseren Bossuet lesen: ,§ü'ir sterben alle,
Da antwortet ihm Gerassim, wie Rohalt der Königin Blanchefleur geant-
,rgt. j..,. Frau, deren Weisheit Salomo im Buch der Könige lobt'' Schwei- wortet har: "Alle werden wir sterben. 'Warum sich nicht ein bißchen Mühe
g*a ti.ft er seine schwere Hand aufs Pult sinken und kommentierte: ,sie geben?" Und Tolstoi fährt fort: "Das sagte er und drückte damit wohl aus,
f,atte kluge Einfälle, diese Frau..o Der Text macht deutlich, daß Bossuet
daß die Mühe ihm darum nicht lästig fiele, weil er dies alles da für einen
sich noch des Gewichtes und der Bedeutung ds5 "\Xrir sterben alle" für die

33
32
I
Sterbenden täte und hofftc, daß einst, wenn ihm sein Stündlein schlüge, je- 1
Die Toten schlafen
mand ihm ein gleiches erweisen würde.. (29)
Rußland muß gleichsam eir.r Hort unverbrüchlicher historischer Treue Deshalb wurde der übergang vom Leben zum Tod, nach einer Formulie-
sein, denn die sprichwörtliche Formel kel.rrt in einer schönen Erzählung rung von Jank6l6vitch, nicht als
"radikaler Umschlag" empfunden. Er war
von Isaak Babel aus dem Jahre 1931 wieder. In einem jüdischen Dorf in auch nicht die gewaltsame überschreitung, als die ihn Georges Bataille je-
der Nähe von Cdessa feiert man, während der ,Butterwoche", sechs ner anderen überschreitung, dem Geschlechtsakt annäherte. Die Vorstel-
Hochzeiten zur gleichen Zeit, ein einziges großes Fest mit Gastmahl, Ge- lung einer absoluten Negativität, eines Bruches angesichts eines Abgrundes
.§(itwe,
sang und Tanz. Eine Dirne, tanzt,t^nzr. hingegeben und
Gapa, halb ohne Erinnerung gab es nicht. Ebensowenig empfand man Schwindel und
selbstvergessen, die Haare entflochten, und skandiert den Rhythmus mit existentielle Angst; genauer: nichts davon ging in die geläufigen Stereoty-
Stockschlägen an die Scheunenwand: ",Wir alle sind sterblich,, flüsterte pien des Todes ein. Umgekehrt glaubte man nicht an ein Nachleben, das
Gapa und schwang den Knüppel." Später dann tritt sie bei Iwaschko ein, einfach die Fortsetzung des Lebens auf Erden gewesen wäre. Bemerkens-
dem Kreisbevollmächtigten für die Zwangskollektivierung der bäuerlichen wert ist, daß der lerzte, so schwere Abschied von Roland und Olivier nicht
Betriebe: einem schwerfälligen, gewissenhaften Menschen. Vielleicht die geringste Anspielung auf ein §(iedersehen im Himmel enthält; war der
würde er sich ver{ühren lassen; aber sie merkt sofort, daß das vergebliche Trauerüberschwang einmal vorbei, war der andere schnell vergessen. Der
Mühe wäre. Bevor sie geht, fragt sie ihn, au{ ihre landläufig-sprichwortar- Tod war ein über-Gan g, inter-itus. Besser als jeder Historiker hat der phi-
tige li(eise, warum er denn immer so ernst sei: "\(arum fürchtest du dich losoph Jank6l6vitch diesen lVesenszug erfaßt, der seinen eigenen Intentio-
vorm Tode ? Wann hat es das je gegeben, dafi ein Bauer sicb gegen den Tod nen so entgegengesetzr ist: Der Hinscheidende gleitet in eine §flelt hinüber,
sträubte?" (30) die, wie er sagt, "sich von der hiesigen nur durch ihren sehr kleinen Expo-
Im ungezügelten Kode der Jüdin Gapa ist das "§(ir alle sind sterblich" nenten unterscheidet".
entweder Ausdruck und Ausruf der Lebensireude im Taumel des Tanzes Virklich verlassen Olivier und Roland einander, wie wenn sie jeder einen
und der großen Gelage oder Zeichen von Indifferenz gegenüber dem Mor- langen, endlosen Schlaf vor sich hätten. Man glaubte tatsächlich, daß die
gen, eines Lebens-in-den-Tag-hinein. Umgekehrt bezeichnet im selben Toten schliefen. Dieser Glaube ist alt und beständig. Schon in der Unter-
Kode die Angst vor dem Tode den Geist der planenden Voraussicht, der welt Homers, im Hades, ruhen die Verschiedenen, oein erloschenes Heeru,
Organisation, eine vernunft- und willensbestimmte Auffassung der '§(elt: ,fühllose Geister verblichener Menschenwesen., und ,schlafen im Tode".
die Moderne. Die Unterwelt Vergils ist noch ein "ftgigh der Schatten., ,Stätte der
Dank seiner Vertrautheit wird das Bild des Todes in einer volkstümlichen schlummernden Nacht und des Schlafes" - ein Ort, wo, wie im christlichen
Sprache zum Symbol des elementaren und naiven Lebens.. I)aradies, die Seligsten der Schatten wohnen und das Licht purpurfarben ist,
"DerTodn, schreibt Pascal, "ist, wenn man nicht an ihn denkt, leichter d. h. Dämmerung herrscht. (31)
zu ertragen, als der Gedanke an den Tod, wenn man gar nicht in Gefahr Am Tage der feralia, dem Toten-Gedenktag, opferten die Römer nach
ist.o Es gibt zwei Arten, nicht an den Tod zu denken: die unsere, die unserer Ovid der Tacita, der srummen Göttin, einen Fisch mit vernähtem Maul -
technizistischen Zivilisation, die den Tod verbannt und mit einem Verbot eine Anspielung auf das Schweigen, das bei den Manen herrscht, locus ille
belegt; und die der traditionellen Gesellschaften, die nicht Verweigerung silentiis aptus (iener dem Schweigen geweihte Ort [32]). Er war auch der
ist, sondern die Unmöglicbkeit, ihn mit Nachdruck zu bedenleen, weil er Tag der Grabopfer, denn die Toten erwachten zu besrimmten Zeiten und
ganz nahe und vertrauter Bestandteil des Alltagslebens ist. an bestimmten Orten aus ihrem Schlaf wie die schwankenden Bilder eines
Traumes und konnten die Lebenden aufstören-
Allerdings hat es den Anschein, daß die bleichen Scharten des paganis-
mus doch nachgerade lebhaft-reger agieren als die christlichen Schlafenden
der ersten Jahrhunderte. Gewiß, auch sie können unsichtbar unrer den Le-
benden umherirren und bekanntlich sogar denen, die ihrem baldigen Tode

34 35
entgegensehen im Traum erscheinen. Aber das Urchristentum hat die hyp- grüßten einander wie Roland und Olivier, bevor sie in den Tod hinüber-
notische Fühllosigkeit der Toten eher übertrieben, bis zur Bewußtlosigkeit, schliefen.) Tatsächlich hatten sie aber mehrere Jahrhunderte lang geschla-
zweifellos deshalb, weil der Schlaf nur die Erwartung eines glückseligen fen, ohne sich dessen bewußt zu sein, und einer unter ihnen, der in die Stadt
Erwachens am Tage der Au{erstehung des Fleisches war. (33) hinausging, erkannte nichts vom Ephesus seiner Zeit wieder. Der Kaiser,
Der Heilige Paulus lehrt die Gläubigen in Korinth, daß der tote Christus die Bischöfe und die von diesem \Wunder in Kenntnis gesetzre Geistlichkeit
auferstanden ist; ,darnach ist er gesehen worden von mehr denn fünfhun- versammelten sich mit der Menge im Umkreis der Grabgrotte, um die sie-
dert Brüdern auf einmal, deren noch viele leben, etliche aber sind entschla- ben Schläfer zu sehen und zu hören. Einer unter ihnen, der erleuchtete Ma-
fgn" (quidam autem dormierunt). ximianus, setzte dem Kaiser den Grund ihrer Auferstehung auseinander:
Der Heilige Stephanus, der erste Mirtyrer, stirbt gesteinigt. Die Apo- "Du sollst wissen, daß der Herr uns um deinetwillen auferweckt hat vor
stelgeschichte sagt: »obdormioit in Dornino" (er entschlief im Herrn), In dem Tage der großen Auferstehung, [...] denn siehe, wir sind wahrlich auf-
den Inschriften liest man neben dem bic jacet, dem man sehr viel später in erstanden und leben, und uie das Kind im M utterleib keinen Scbaden spürt
der französischen Form des ci-git wiederbegegnet, sehr häufig auch: hier und lebt, so lagen auch uir und lebten und schliefen, und spürten nichts."
schläft, hier ruht, hic pausat, hic requiescit, hic dormit, requiescit in isro Nachdem er diese W'orte gesprochen hatte, neigten die sieben Männer die
tumulo. Die Heilige Radegundis verlangt, daß ihr Körper bestattet werde Häupter zur Erde, entschliefen und gaben ihren Geist au{ nach Gottes Vil-
"in basilica ubi etiam multae sorores nostrde cond.itae sunt, in requie siae len. (35)
perfecta siae impert'ecta" (in der Basilika, wo schcn viele unserer Schwe- Läßt sich der Zustand der Schlafähnlichkeit, in den die Toten verfielen,
stern beigesetzt sind, in vollkommener oder unvollkommener Ruhe [34]). besser beschreiben?
Die Ruhe konnte also bereits im voraus gestört sein: requies sive pert'ecta \Wir werden (im fünften Kapitel) sehen, daß dieses Bild sich über
Jahr-
sive imperfecta. hunderte der Verdrängung seitens der litterati erhalten hat: es taucht erneut
Die mittelalterlichen gallikanischen Liturgien, die in karolingischer Zeit in der Liturgie und in der Grabkunst auf. Auch in den Testamenten fehlt
durch die römische ersetzt werden, zitieren die nomina pdusantit4m (Na- es nicht. Ein Pfarrer in Paris stellt noch im Jahre 1559 der umbrae mortis
men der Ruhenden), fordern zum Gebet aü pro spiritibus pausantium (fir die placidam ac quietam mansionem (den sanften und ruhigen Aufenthalt
die Seelen der Ruhenden). Die im Mittelalter den Kierikern vorbehaltene dem Schatten des Todes [36]) gegenüber. Und bis heute werden die Gebete
Letzte Olung heißr dormentium exercitiun (Sterbesakrament der Schla- für die Toten fiJrr die Ruhe ihrer Seelen gesprochen. Die Ruhe ist das zu-
fenden). gleich älteste, volkstümlichste und dauerhafteste Bild des Jenseits. Es ist so-
Kein Dokument erhellt diesen Glauben an den Schlaf der Toten besser gar heute noch nicht verschwunden, trotz der Konkurrenz anderer Typen
als die Legende von den sieben schlafenden Ephesern. Sie war derart ver- von bildlichen Repräsentanzen.
breitet, daß man ihr bei Gregor von Tours, bei Paulus Diaconus und noch
im 13. Jahrhundert bei Jacobus de Voragine wiederbegegnet: Die Leich-
name der sieben Märtyrer, Opfer der Christenverfolgung des Decius, sind Im Blumengarten
in einer zugemauerten Grotte verwahrt. Der volkstümlichen Version zu-
folge ruhten sie dort 377 Jahre; Jacobus de Voragine aber, der seine Chro- \Uenn die Toten schliefen, so in einem schönen Blumengarten. "Gott der
nologie kennt, macht darauf aufmerksam, daß sie bei genauer Überprüfung Glorreiche möge eure Seelen zu sich nehmen und im Paradies auf heilige
nicht mehr als 196 Jahre geschlafen haben können! Wie dem auch sei: Im Blumen betten", fleht Turpin angesichts der im Kampf gefallenen Edel-
Zeitaker des Theodosius verbreitete sich eine häretische Irrlehre, die die leute. Ebenso bittet Roland, daß "Gott euren Seelen [...] das Paradies
Auferstehung der Toten verneinte. Um die Häretiker in Verwirrung zu (schenke), und zwischen heiligen Blumen lasse er sie ruhen.. Diese beiden
stürzen, habe Gott beschlossen, die sieben Märtyrer auferstehen zu lassen, Verse enthalten die doppelte Repräsentanz des auf den Tod folgenden Zu-
d. h. er habe sie erweckt: "Die Heiligen erwachten, grüßten einander und standes: Ruhe oder fühlloser Schlaf, auf heiligen Blumen oder im Blumen-
meinten nicht anders, denn daß sie nur über Nacht geschlafen hätten." (Sie garten. Das Paradies von Turpin und Roland (oder wenigstens dieses ihr

36 37
'Winterstarreu
Bild vom Paradies, denn es gab noch andere) unterscheidet sich auf den er- dieser \Welt den " Lichtglanz", den "strahlenden Sommern im
sten Blick nicht sehr von "der Auen und Haine ewig leuchtendem Grün", Paradiese gegenüber. Die Verbindung von Frische und \7ärme - ebenso die
den "lachenden Fluren" des Vergilschen Elysiums, auch nicht vom Lust- von Schatten und Licht - beschwor für den mittelalterlichen Nordfranzo-
garten, wie ihn der Koran seinen Gläubigen verheißt. sen ebenso wie für den Orientalen das Glück des Sommers und des Paradie-
Demgegenüber gab es im homerischen Hades weder Garten noch Blu- ses.

men. Der Hades (wenigstens der des el{ten Gesanges der Odyssee) kennt Das Paradies hat aufgehört, frischer Blumengarten zu sein, als ein
"ge-
auch die schrecklichen Martern nicht, die später, in der Aeneis, die Flölle läutertes" Christentum diese materiellen Bildvorstellungen geächtet und sie
der Christen vorausnehmen. Die Distanz zwischen den unterirdischen als abergläubisch hingestellt hat. Sie haben dann Zuflucht gefunden bei den
rVelten von Homer und Vergil ist größer als die zwischen Vergil und den amerikanischen Farbigen: Die davon beeinflußten Filme zeigen den Him-
ältesten Darstellungen des christlichen Jenseits. Dante und das Mittelalter mel als grüne Veide oder als weißes Schneefeld.
haben sich in dieser Hinsicht nicht getäuscht. Das Wort refrigerium hat noch eine andere Bedeutung. Es bezeichnete
lm Credo oder im alten römischen Kanon bezeichnet die Hölle die tradi- das Gedächtnismahl, das die ersten Christen an den Gräbern ihrer Märtyrer

tionelle Bleibe der Toten, Raum des Harrens eher als der Marter. Die Ge- einnahmen, und die Opfergaben, die sie ihnen weihten. So brachte die
rechten oder Erlösten des Alten Testaments warten dort darauf , daß Chri- Heilige Monika »gemäß afrikanischem Brauch zu den Gräbern der Märty-
stus sie nach seinem Tode zu befreien oder zu erwecken kommt. Später erst, rer Hirsebrei, Brot und Vein" mit. Diese von heidnischen Bräuchen beein-
als die Vorstellung des Gerichts sich durchsetzt, wird die Hölle für einen {lußten Opferhandlungen wurden vom Heiligen Ambrosius untersagt und
ganzen Kulturkreis, was sie vordem nur in vereinzelten Fällen war, Reich durch eucharistische Gottesdienste erserzr. Sie haben sich im Christentum
Satans und ewige Bleibe der Verdammten. (37) byzantinischen Ursprungs erhalten, und Spuren davon lassen sich noch
Das Euchologium des Serapion, ein griechisch-ägyptischer Text aus der heute in unserer Folklore finden. Merkwürdig ist, daß ein und dasselbe
Mitte des 4. Jahrhunderts, enthält die folgende Totenfürbitte: "Gib Ruhe Vort die Wohnstatt der Seligen und die ihren Gräbern dargebrachte rituelle
seinem Geist an einem grünenden und stillen Orte." Mahlzeit bezeichnete.
ln den Acta Pauli et Tbeclae wird der Himmel, "wo die Gerechten woh- Die Haltung des liegend bei Tische tafelnden conaiaus ist auch die, die
die Vulgata dem Seligen beilegt:
nen", beschrieben als "Ort der Erfrischung, der Sättigung und der Freude". "Dico autem aobis quod mubi ab oriente
(38) Es ist das ret'rigerium. Ret'rigerium oder ret'rigere werden anstelle des tt occidentc aenient et recumbent cum Abraham et Isaac et Jacob in regno
requies oder des requiescere benutzt. ,Refrigeres nos qui omnia potes!o toelorwm [Aber ich sage euch: Viele werden kommen vom Morgen und
(Erfrische uns, der Du alles vermagst), sagt eine Inschrift in Marseille, die vonr Abend und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich sitzen;
vom Ende des 2. Jahrhunderts stammt. Matth. VIII, 111."
In der Vulgata nennt das Buch Dle \kisheit Salomos das Paradies re/ri- Die Bezeichnungen für das Paradies haben also drei Bedeutungsdimen-
gerium 1 oJustus, si morte preoccupatus t'uerit, in ret'rigerio erir " (Aber der sionen: die des blühenden Gartens, die des Totenopfers und die des escha-
Gerechte, ob er gleich zu zeitlich stirbt, ist er doch in der Ruhe; [IV,7]). Das tologischen Festmahls.
rVort erhält sich in seiner ursprünglichen Bedeutung im alten Kanon unse- Aber die mittelalterliche Ikonographie hat für diese Symbole wenig Nei-
rer römischen Messe, im Metnento der Toten: in locum refrigerii, lucis et gung gezeigt. Seit dem 12. Jahrhundert zieht sie ihnen den Thron oder den
pacis (zur Stätte des Paradieses, des Lichtes und des Friedens). Die franzö- Schoß Abrahams vor. Der Thron sramnlr zweifellos aus der orientalischen
sischen Versionen haben das Bild getilgt, weil, den Ubersetzern zufolge, llilderwelt, ist jedoch an einen feudalen Königshof transponiert. Inr Para-
wir Nordländer von der Frische nicht das gleiche sinnliche Behagen erwar- dies von Roland sind die Toten "Sirzende". Der Schoß Abrahams ist häufi-
teten wie die Orientalen oder mediterranen Südländer! Ich räume ein, daß ger. Zuweilen schmückte er clie Außenfassaden von Kirchen, die auf den
in den heutigen urbanen Gesellschaften dem Sonnenschein der Vorzug vor Irriedhof hinausführten. Die dort bestatteten Toten werden eines Tages ge-
der Schattenkühle gegeben wird. Aber bereits zu Zeiten des Heiligen Lud- rviegt wie die Kinder auf den Knien Abrahams. Mehr noch, Autoren wie
wig stellte ein frommer Klausner in der Picardie dem "dunklen Tal, der Honorius von Autun sehen im Friedhof ad sanctos den Schoß der Kirche,

38 39
dem die Leiber der Menschen anvertraut werden bis zum Letzten Tage und macht hatte. Bourget kommt ins Gefängnis und findet den Gefangenen da-
der sie wie Abraham trägt. bei, seine Henkersmahlzeit einzunehmen. "Jch war ganz Auge für diesen
Das Biid des Blumengartens ist, wenn es auch selten vorkommt, doch Banditen, der den Tod vor Augen sah, den ich sein Leben mit verbissener
nicht ganz unbekannt; es taucht gelegent.lich auf einem Gemälde der Re- Hartnäckigkeit verteidigen sehen hatte und der jetzt den gebratenen Fisch
naissancezeit auf, wo die Seligen paarweise spazierengehen, im kühlen seiner Henkersmahlzeit mit derart offensichtlichem Genuß verspeisre.«
Schatten eines wunderbaren Obstgartens. Gleichwohl bleibt richtig, daß Man verabfolgt dem Verurteilten schließlich die
"Hinrichtungstracht", ein
das verbreitetste und beständigste Bild des Paradieses das den Ruhenden neues Hemd. Er "erzitterte mit leichtem Schauder bei der Berührung des
der Grabkunst ist, des requiescens. (38) frischen Gewebes. Dieses Zeichen nervöser Reizbarkeit verlieh dem Mut,
den dieser sechsundzwanzigjährige Bursche angesichts der Vorbereitungen
entwickelte, noch größere Bedeutung.o Sein früherer Herr, Mr" Scotr, bitter
Die Fügung ins Unvermeidliche darum, einige Augenblicke mit ihm allein bleiben zu dürfen, und zwar um
ihn aufden Tod vorzubereiten und die Rolle des Beichtvaters zu überneh-
Die Praxis juristischer Verfahren und Dokumente vom Ende des 17. Jahr- men wie der Bettelmönch des 17. Jahrhunderts. Sie knien nieder und beten
hunderts macht die Mischung von Fühllosigkeit, Resignation, Vertrautheit gemeinsam das Vaterunser, und Paul Bourget beschreibt die Szene folgen-
und Offendichkeit in den volkstümlichen Mentalitäten deutlich, die wir dermaßen:
"Der bloß physische und gleichsam tierische Mut [er verstehr
bisher anhand anderer Quellen analysiert haben. §(as Nicole Castan an- die unvordenklich alte Resignation angesichrs des Todes durchaus nicht],
hand von Strafprozeßakten des Stadtparlamentes von Toulouse über den den er an den Tag gelegt harre, als er mit derart genußvollem Appetit aß,
Tod geschrieben hat, läßt sich ebenso auf das Mittelalter wie auf das bäuer- veredelte sich plötzlich und umgab ihn mit einer geradezu idealischen
liche Rußland des 20. Jahrhunderts beziehen: "Der Mensch des 17. Jahr- Aura." Bourget erfaßt nicht, daß es keinen Unterschied zwischen den bei-
hunderts., sagte sie, nzeigt eine schwächere Sensibilität Ials die unsrige] und den von ihm als gegensätzlich empfundenen Verhaltensweisen gibt: er er-
stellt im Leiden Ider Tortur] und im Tode eine erstaunliche Resignation und §/artet die Broße sentimentale Szene oder Revolte, und was er konstatieren
Hartnäckigkeit unter Beweis. Es mag am Formalismus der Gerichtsproto- muß, ist Indifferenz: ,Ich dachte an die erstaunliche Gleichgültigkeit, mit
kolle liegen, aber nie gibt ein Verurteilter Zeichen einer besonderen An- der dieser Mulatte das Leben ließ, an dem er doch mit sinnlicher Energie
klammerung ans Leben zu erkennen, nie schreit einer eine §ü'eigerung zu hing. Ich sagte mir noch: Velche Ironie, daß einem Menschen dieser Rasse
sterben heraus." Dabei ist durchaus kein Mangei an Ausdrucksmitteln im [...] auf Anhieb gelingt, was die Philosophie als kostbarste Frucht ihres
Spiel: "Bemerkenswert ist, daß man die Fasz-ination von Geld und Reichtü- Nachdenkens auffaßt, die Fügung ins Unvermeidliche."
mern sehr wohl zum Ausdruck zu bringen verstand.o Aber trotz dieser un- Angesichts des Galgens läßt Seymour, der Verurteilte, die Zigarre fallen,
gestümen Liebe zu den Dingen des Lebens bezeugt der Verbrecher "im all- die er bisher im Mund gehalten hatte. ,Dieses plötzliche Erschrecken war
gemeinen eher Angst vorm Jenseits als Vertrauen in diese \Y/elt". das einzige Zeichen dafür, daß auch dieser Mensch eine Gemütsbewegung

"Der Sterbende vermittelt den Eindruck der Fügung ins Unvermeidli- beherrschen mußte. Er hatte sich aber bald wieder in der Gewalt
[ist das
che." (39) aber wirklich eine Form stoischer Selbstbeherrschung, wie der rVesteuro-
Es lohnt sich, die Beobachtungen von Nicole Castan über Foltern im päer der Jahrhundertwende sie sich ausmalt?], denn er erklomm die Holz-
Languedoc des 17. Jahrhunderts der Darstellung einer Exekution im ame- stufen, ohne daß seine nackten Füße zitterten. Sein Verhalten war so gefaßt,
rikanischen Süden des ausgehenden 19. Jahrhunderts gegenüberzustellen : so einfach, so vollkommen würdevoll, selbst in der Schande der Hinrich-
Paul Bourget berichtet in Outre-M er,wie er auf einer Reise in die Vereinig- tung, daß sich unter den rauhen Zuschauern tiefes Schweigen ausbreitete..
ten Staaten im Jahre 1890 zufätlig Zeuge einer solchen Hinrichtung wurde. Unmittelbar vor der Urteilsvollstreckung, als er das Gesicht bereits mit ei-
Ein junger Farbiger war zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Er nem schwarzen Tuch verhüllt hat, läßt ihn Colonel Scott, immer noch in
war Diener eines alten Colonel aus dem Norden gewesenr Mr. Scott, der der Rolle des mönchischen Beichtvaters, einige fromme Beschwörungen
sich in Georgia niedergelassen hatte und dessen Bekanntschaft Bourget ge- nachsprechen: ,,,flgr1, gedenket meiner in Eurem Reich., wiederholte die

40 41
lispelnde Stimme des Mulatten; dann, nach einer Pau se ,l am allrigbt nou,, I
und, mit viel Gefaßtheit: ,Good bye, captain , . . good bye eoerybody. . - das
letzte Lebewohl. (40)
Bietet nicht den besten Kommentar zu dieser Szene die bereits zitierte
Formulierung von Nicole Castan: "Der Sterbende fVerurteilte] vermittelt
den Eindruck der Fügung ins Unvermeidliche"?

2. Ad sanctos; apud ecclesiam


Der gezähmte Tod
Im vorhergehenden Kapitel haben wir das jahrtausendelange überdauern
Von Homer bis Tolstoi der gleichen globalen Einstellung zum Tode wie- einer nahezu unveränderlichen Einstellung zum Tode konstatiert, die eine
derzubegegnen, bedeutet nicht, ihr eine strukturale Permanenz zuzu- naive und spontane Fügung ins Schicksal und in den \Villen der Natur zum
schreiben, die den im eigentlichen Sinne historischen Veränderungen fremd Ausdruck brachte. Dieser Einstellung zum Tode, diesem de morte, ent-
wäre. Viele andere Elemente haben diesen elementaren und unvordenklich spricht eine symmetrische Einstellung zu den Toten, ein de mortuis, das
alten Fundus überlagert. Er hat jedoch während nahezu zweier Jahrtau- dieselbe indifferente Vertrautheit in Hinsicht auf die Modalitäten der Grab-
sende allen Entwicklungsschüben widerstanden. In einer von Veränderung legung und die Grabstätten verrät. Diese Einstellung zu den Toten ist für
geprägten Velt wie der unseren bietet die traditionelle Einstellung zum eine historisch sehr genau eingrenzbare Periode bezeichnend: sie tritt, von
Tode den Eindruck eines §(alles von Trägheit und Kontinuität. der ihr vorausgehenden deutlich unterschieden, im 5. Iahrhundert n. Chr.
Unsere Alltagswirklichkeit hat diesen Vall inzwischen derart abgetra- in Erscheinung und vergeht mit dem Ende des 1 8. Jahrhunderts, ohne Spu-
gen, daß wir sogar Mühe haben, ihn uns auch nur vorzustellen und begreif- ren in unserer Alltagswirklichkeit zu hinterlassen. Der lange, aber genau
lich zu machen. Die alte Einstellung, für die der Tod nah und vertraut und umschriebene Zeitratm ihrer Geltung fällt also mit den Grenzdaten der
zugleich abgeschwächt und kaum fühlbar war, steht.in schroffem Gegen- weitläufigen Kontinuität des gezähmten Todes zusammen.
setzzrr unsrigen, für die er so angsteinflößend ist, daß wir ihn kaum beim Die Entwicklung dieser Einstellung setzt mit der wechselseitigen Annä-
Namen zu nennen wagen. herung von Lebenden und Toten ein, mit dem Eindringen der Friedhöfe
Aus diesem Grunde meinen wir, wenn wir diesen vertrauten Tod den ge- in die Städte und Dörfer, in die unmittelbare Nähe der liflohnstätten der
zähmten nennen, damit nicht, daß er früher wild war und inzwischen do- Menschen. Sie erlischt, als diese Promiskuität nicht mehr länger ertragen
mestiziert worden ist. §(ir wollen im Gegenteil sagen, daß er heute wild wird.
geworden ist, während er es vordem nicht war. Der älteste Tod war der ge-
zähmte. (41)
Der Schutz des Heiligen

Trotz,ihrer Vertrautheit mit dem Tode scheuten die Alten die Nachbar-
schaft der Toten und hielten sie abseits. Sie verehrten die Grabstätten, teil-
weise wohl deshalb, weil sie die \ü/iederkehr der Toten fürchteten, und der
Kult, den sie den Gräbern und den Manen stifteten, verfolgte das Ziel, die
Verstorbenen daran zu hindern, wiederzukehren und die Lebenden zu be-
lästigen. Die bestatteten oder eingeäscherten Toten waren unrein: in allzu
enger Nachbarschaft drohten sie die Lebenden zu besudeln. Die Bleibe der
einen mußte vom Lebensbereich der anderen geschieden sein, um jede Be-

42 43
rührung zu vermeiden, ausgenommen die Tage der Sühneopfer. Das war Christen jedoch bald versiegt, zunächst in Afrika, dann in Rom. Der lil(an-
eine absolut verbindliche Regel. Das Zwölftafelgesetz schrieb sie ausdrück- del ist bemerkenswerr: er bringt eine beträchtliche Differenz zwischen der
lich vor: "Kein Toter darf innerhalb der Stadt bestattet oder eingeäschert heidnischen und der neuen christlichen Einstellung zu den Toten zum Aus-
werden." Sie wird im theodosianischen Codex wiederaufgenommen, der drr.rck, der gemeinsamen Anerkennung des gezähmten Todes zum Trotz.
besagte, daß alle Grablegungen außerhalb von Konstantinopel stattzufin- Künftig - und für langeZeir, bis ins 18. Jahrhundert hinein - flößen die
den hätten: "Alle in Urnen oder Sarkophagen verwahrten Körper sollen Toten den Lebenden keine Angst mehr ein, und beide sollten fortan an den-
weggeschafft und außerhalb der Stadt beigesetzt werden." selben Orten, hinter gemeinsamen Mauern, zusammenwohnen.
Nach dem Kommentar des Rechtsgelehrten Paulus: "Kein Leichnam \üas ermöglichte diesen schnellen übergang vom
alten sfliderstreben zur
darf in der Stadt behalten werden, damit die sacra der Stadt nicht entweiht neuen Vertrautheit? Der Glaube an die Auferstehung des Fleisches, in Ver-
werden." Ne t'unestentur: vom Tode verunreinigt - das Vort bringt die bindung mit dem Kult der alten Märtyrer und ihrer Gräber.
Unduldsamkeit der Lebenden deutlich zum Ausdruck. Funestus, das durch Diese Entwicklung hätte jedoch auch anders verlaufen können: Manche
Bedeutungsabschwächung zum {ranzösis chen t'uneste Iunheilvoll] gewor- alten Christen legten dem Ort ihrer Bestattung nicht die geringste Bedeu-
den ist, meint ursprünglich durchaus keine beliebige Profanation, sondern tung bei, um den Bruch mit dem heidnischen Aberglauben und ihre Freude
die, die von einem Leichnam ausgeht. Es kommt von funus, das zugleich über die Heimkehr zu Gott um so deutlicher hervorzuheben. Sie verrraten
den toten Körper, das Leichenbegängnis und den Mord bezeichnet. (1) die Auffassung, daß der heidnische Grabkult in Viderspruch zum funda-
Deshalb lagen die Friedhö{e des Altertums auch außerhalb der Städte, an rnentalen Dogma der Auferstehung des Fleisches stehe. Der Heilige Igna-
den Rändern der Ausf allstraßen wie der Via Appia: auf Privatgrundstücken tius legte \üert darauf , daß die wilden Tiere von seinem Körper nichts übrig-
errichtete Familiengräber oder Gemeinschaftsgräber im Besitz und in der ließen. (5) Anachoreten aus der ägyptischen lWüste forderten, daß man ihre
Verwaltung von Funeralkollegien, die dem Urchristentum möglicherweise Leichname unbestartet lassen und sie der Gefräßigkeit von Hunden und
das gesetzliche Vorbild für seine Gemeinden geliefert haben. (2) §(ölfen preisgeben sollre - oder der Barmherzigkeit von Menschen, die
Die Christen haben sich anfangs den Bräuchen ihrer Zeit angepaßt und durch Zufall auf sie stießen. ,Ich fand., so einer dieser Mönche, ,eine
die geläufige Einstellung zu den Toten geteilt. Sie wurden zunächst auch Höhle, und bevor ich eindrang, klopfte ich dem Brauch der Brüder gemäß
in denselben Nekropolen bestattet wie die Heiden, dann jedoch abseits von an.« fi15 er ohne Antwort blieb, trat er ein und sah einen Bruder schweigend
ihnen in getrennten, immer aber außerhalb gelegenen Friedhöfen. clasitzen. "Ich reichte ihm die Hand, nahm seinen Arm, er zerfiel bei meiner
Noch der Heilige Johannes Chrysostomus empfand die Abneigung der Berührung zu Staub. Ich betastete seinen Körper und begriff, daß er tot
Alten vor der Nähe der Toten. Er ruft in einer Homilie den alten Brauch war. . . Also erhob ich mich, betete, bedeckte den Körper wieder mit seinem
in Erinnerung: ,Trage dafür Sorge, nie ein Grab in der Stadt anzulegen. Mantel, hob die Erde aus, bestarrete ihn und ging von dannen." (6)
'Wenn
man einen Leichnam da bettete, wo du schläfst und ißt, was würdest Jahrhunderte später machten Jean de Joinville und der Heilige Ludwig
du tun? Und gleichwohl bettest du die Toten lanimam mortuam) zwar lrei der Rückkehr vom Kreuzzug eine ähnliche Entdeckung auf der Insej
nicht da, wo du schläfst und ißt, aber in den Gliedern Christi [den Kir- l.ampedusa. Sie kamen durch eine verlassene Einsiedelei: ,Der König und
chen] . .. \üie kann man die Gotteshäuser besuchen, die heiligen Tempel, ich gingen bis ans Ende des Gartens und sahen unter dem ersten Gewölbe
wenn ein derart abstoßender Geruch darin herrscht!o (3) cin mit Kalk geweißtes Bethaus und ein Kreuz aus rotem Ton. rW'ir traten
Noch im Jahre 563 {inden sich Spuren dieser Geisteshaltung in einem tr.ter das zweite Gewölbe und {anden dort zwei menschliche Körper, deren
Kanon des Konzils von Braga, der jede Bestattung in den Basiliken der lrleisch ganz vermodert war, die Rippenbögen hielten noch zusammen, und
Heiligen Märtyrer untersagt: ,Man kann den Basiliken der Heiligen Mär- die Knochen der Hände waren über der Brust zusammengelegr; sie lagen
tyrer nicht dieses Privileg verweigern, das die Städte hartnäckig für sich al- nach Osten gewendet, in eben der'Veise, wie man Leichname in die Erde
lein in Anspruch nehmen, nämlich niemanden in ihrem Bannkreis bestatten bcttet." (7)
zu lassen." (4) Mit dieser Anspruchslosigkeit hätte man sich bescheiden k<innen, und
Dieses Viderstreben angesichts der Nähe der Toten ist bei den alten wirklich haben die östlichen Mönche, Erben jener Wüsteneremiten, ihren

44 45
sterblichen Resten gegenüber immer Gleichgültigkeit an den Tag gelegt. die Volksmeinung für sich zu gewinnen: dic hattc ein sehr lebhaftes Gef ühl
Die asketische Verachtung des lebenden wie des toten Körpers, wie sie von für die Einheit und Kontinuität des Seins und unterschied die Seele nicht
den Klostermönchen zur Schau getragen wurde, verbreitete sich jedoch vom Körper noch den glorreichen und unverweslichen vom fleischlichen
nicht in der gesamten christlichen Bevölkerung des Abendlandes. Dieses t.eib. Es ist mithin durchaus möglich, daß die Angst vor Grabschändung,
Abendland neigte dazu, den neuen Glauben an die Auferstehung des Flei- wie es Dom Leclercq im Artikel Ad sanctos des Dictionnaire d'archöologie
sches mit dem traditionellen Grabkult zu versöhnen. Diese Versöhnung chrötienne glaubhaft zu machen versucht, dem sich später allgemein ver-
trug iedoch nicht dazu bei, die aus der Antike ererbte Furcht vor den Toten breitenden Brauch zugrundegelegen hat, die Toten in der Nähe der Märty-
aufrechtzuerhalten, im Gegenteil: sie führte zu einer Verrraurheit, die eines rer-Gräber zu bestatten: die Märtyrer, die einzigen Heiligen (d. h. Gläubi-
Tages dann, im 18. Jahrhundert, an Gleichgültigkeit zu grenzen begann. gen), die sofort ihres Platzes im Himmel sicher waren, wachten über die
Die volkstümliche christliche Eschatologie hat eingesetzt mit der Anpas- l-eiber und bannten die Grabschänder.
sung an die alten tellurischen Glaubensvorstellungen. So waren viele Chri- Der Bestattun g ad sanctos, in größtmöglicher Nähe der Märtvrer, lag al-
sten überzeugt, daß am Jüngsten Tage nur die auferstehen würden, die ein ierdings noch ein anderes Motiv zugrunde. Sicher ist, daß sich die in den
angemessenes und unversehrtes Grab erhalten hatten: "Auferstehen wird crsten Jahrhunderten so lebhafte Angst vor Grabschändung sehr bald, und
nicht, wer unbestattet geblieben ist.n Die Angst davor, nicht auferstehen zwar seit dem Hochmittelalter, abschwächte. Sie hatte in Vahrheit auch
zu dürfen, brachte im christlichen Idiom die altüberkommene Angst, ohne kein ökonomisches Motiv mehr: Nichts zog die Grabräuber noch an Sar-
Grab zu sterben, zum Ausdruck. (8) kophagen an, die nichts Kostbares mehr bargen. Ebensowenig hatte sie
Tertullian zufolge verfügten allein die Märtyrer, vermöge ihres Blutop- noch ein spirituelles Motiv. Vorausgesetzr, daß die Toten im Schutz des
fers, über den ,einzigen Schlüssel zum Paradieso. verehrten Heiligen und im geweihten Bannkreis der Kirche verblieben,
"Niemand, dessen Seele
seinen Leib verläßt, erhält sofort die Vergünstigung, nahe dem Herrn zu hatterr die Veränderungen, die sie betreffen mochten, keine Bedeutung
wohnen..." (9) Die Toten erwarreten den Tag des Gerichm wie die schla- rnehr.'üie oft werden sie nicht von den Priestern selbst - und häufig ohne
fenden Epheser. Vie des Körpers und des Geistes, so auch des Gedächtnis- .rllzuviel Federlesens - ihres ursprünglichen Ruheplatzes, wenn man so sa-
ses beraubt, waren sie weder Freude noch Leid zu empfinden imstande. gen darf, beraubt, d. h. umgebetrer, wenn auch nicht profaniert worden
Erst am Jüngsten Tage gingen die "Heiligen., denen die ewigen Freuden sein, weil sie ja des Schutzes der Kirche nicht verlustig gingen!
verheißen waren, aus den "niederen Gefilden" (Tertullian) hervor, um ihre Das Hauptmotiv der Bestattung ad sanctos ist die Vergewisserung des
himmlischen \(ohnungen zu beziehen. Die anderen blieben ins Nichts ih- Schutzes des Märtyrers * nicht mehr nur für den srerblichen Leib des Da-
res ewigen Schlafes gebannt: den Unglückseligen blieb die Auferstehung Iringeschiedenen, sondern für sein ganzes Sein - für den Tag der Auferste-
versagt. Die Anathema-Formeln bedrohten den Verdammren mit der un- l,ung und des Gerichtes.
geheuerlichsten Bestraf ung - sie enthielten ihm die Auferstehung vor: »Am
Tage des Gerichtes wird er nicht auferstehen." 110;
Die volkstümlichen Glaubensinhalte waren durchdrungen von der Vor- Der Friedhofsvorort. Die Toten intra muros
stellung, daß eine Schändung oder Beraubung des Grabes die Erweckung
eines Verstorbenen am Jüngsten Tag und damit auch sein ewiges Leben aufs l)ie geistlichen Autoren waren von den glückverheißenden Auswirkungen
Spiel setze. "Niemals möge, zu keiner Zeit, dieses Grab versehrt werden, ,ler physischen Nachbarschaft dei- Lcibei der Seligen und der Märtyrer
damit ich sine impedimerzro [ohne Hindernis] ins Leben zurückkehren riberzeugt. "Die Märtyrer«, so Maximus Turinus,
"schützen uns, die wir
kann, wenn der Herr kommt zu richten die Lebendigen und die To- in unserem Körper leben, und nehmen uns in ihre Obhut, wenn wir ihn
ten.« (11) verlassen haben. Hier bewahren sie uns davor, in Sünde zu verfallen, da be-
Die gebildeteren geistlichen Autoren mochten ruhig beteuern, daß die schirmen sie uns vor dem Schrecken der lHöllelint'erni borrorl. Deshalb ha-
Macht Gottes ebenso weit reiche, die verv/esren Leiber wiederzubeleben, lrcn unsere Ahnen dafür Sorge getragen, unsere Körper den Gebeinen der
wie sie zu erschaffen; es gelang ihnen in den ersten Jahrhunderten nicht, Märtyrer zuzugesellen: es fürchtet sie der Tartarus, und wir entgehen der

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Züchtigung; Christus erleuchtet sie, und seine Klarheit nimmt von uns die Ruinen geradezu in die Augen, namentlich da, wo die alte Nekropole voll-
pinr1g1nis5s." (12) ständig freigelegt worden ist und die modernen Städte sie nicht völlig ver-
Die Grabinschriften benuzten häufig dasselbe Vokabular. Hier die eines deckt haben.
Subdiakons: ,Dessen Gebeine in diesem Grabe ruhn, hat das Verdienst er- Martyria oder memoriae sind zunächst direkt am Lageplatz der verehr-
worben, den Gräbern der Heiligen nahe zu sein: die Qualen des Tartarus ten Gräber errichtet worden, auf den Friedhöfen extra muros, Dann wurde
und die Grausamkeit seiner Martern mögen ihm erspart bleiben." Ebenso eine Basilika neben oder anstelle der Kapelle gebaut. Man findet in den f rü-
die in Vienne gefundene Grabinschrift eines reichen Christen, die aus dem hesten Bauabschnitten der Sanktuare der Vorstädte häufig eine danebenge-
Jahre 515 stammt: ,IJnter dem Schutz der Märtyrer muß man die ewige stellte kleine Kapelle mit rechteckigem, rundem oder polygonalem Grund-
Ruhe suchen; der sehr Heilige Vincent und die Heiligen, seine Ge{ährten riß und eine ein- oder mehrschiffige Basilika. Die mehrschiffigen Basiliken
und ihm Ebenbürtigen, wachen über diesen Platz und verbannen die Fin- mit einem vorgeschalteten weitläufigen atrium waren in der Tat notwendig
sternisse, indem sie den Schimmer des wahren Lichtes llumen de lumine geworden, um der zahlreichen Pilgermassen Herr werden zu können - ge-
vero) verbreiten... (1 3) schäftige, von der Berühmtheit des Heiligen angezogene Pilger. In einer al-
Der Heilige Paulus ließ den Leichnam seines Sohnes Celsus in die Nähe ten Nekropole wurde also die Lage der Basilika von der cont'essio des Heili-
der Märtyrer von Aecola in Spanien überführen: "'§(i'ir haben ihn in die gen fixiert. Später zog die Gegenwart der heiligen Reliquien nicht nur
Stadt Complutum fdas heutige Alcala bei Madrid] gebracht, um ihn den vorbeiziehende Pilger, sondern auch Tote auf der Suche nach einer endgül-
Märtyrern durch das Bündnis des Grabes zuzugesellen, damit er in der tigen Bleibe an. Die Basilika wird zum Kern eines neuen Friedhofs ad sanc-
Nachbarschaft des Blutes der Heiligen von ihnen iene Tugend entlehne, die ros, über oder neben der alten "gemischten" Nekropole.
unsere Seelen reinigt wie das Feuer.. §(ie man sieht, handelt es sich also Die Ausgrabungen römischer Städte in Afrika führen diesen Prozeß
nicht nur um Schutz gegen die Kreaturen des Tartarus, den die Heiligen deutlich vor Augen: §(irre Bruchstücke von Steinsarkophagen umgeben
gewähren; sie übertragen dem Verstorbenen, der ihnen zugesellr (sociatus) die Mauern der Basilika und besonders ihre Apsis-Seiten in nächster Nähe
ist, auch einen Teil ihrer Tugend und sühnen, Post mortem, seine Sünden. der confessio. Die Gräber dringen ins Innere vor, sammeln sich in den
Ungezählte Inschriften vom 6. bis hin zum 8. Jahrhundert wiederholen Schiffen, wenigstens in den Seitenschiffen - so in Tipasa, Hippo und Kar-
diese Formeln: ,Der das Verdienst erworben hat, den Gräbern der Heiligen thago. Ebenso eindrucksvoll ist dieses Schauspiel in Ampurias in Katalo-
nahe zu sein, ruhend im Frieden und in der Gemeinschaft der Märtyrer nien, wo die christliche Nekropole und ihre Basiliken die Ruinen einer
lmartyribus sociatus)", ist beigesetzt ad sanctos, inter sanctos, und manche Iange vorher verlassenen griechischen Stadt überformen: Die Archäologen
präzisieren darüber hinaus: "zu Füßen des Heiligen Martin". Andere sind haben den christlichen Friedhof abtragen müssen, um Spuren des alten
derart formelhaft-banal geworden, daß sich ihre ursprüngliche Bedeutung Neapolis aufzufinden, das heute unter umgestürzten christlichen Sarko-
nicht mehr erraten läß;.: in loco sancto, huic sancto loco sepubus. (14) phagen wiederauftaucht.
Die gleiche Situation liegt, wenn auch für das bloße Auge nicht unmittel-
So haben die Gräber der Märtyrer andere Grabstätten förmlich angezogen, bar einsichtig, in unseren gallo-romanischen Städten vor, wie sie nach Ab-
und da die Märtyrer im allgemeinen in den Gemeinschaftsnekropolen tragung der historischen Ablagerungen rekonstruiert wurden, deren
außerhalb der Städte beigesetzt wurden, verdankt das Christentum den 1üngste - die Vorstädte des 19. und 20. Jahrhunderts - die letzten Spuren
heidnischen Gräberfeldern seine ältesten und am meisten verehrten V'eihe- verwischt haben, die noch auf den gemalten oder gravierten "Ansichteno
stätten. vom Ende des 18. Jahrhunderts auszumachen sind. So erkennt man noch
Diesem Brauch schreibt man gewöhnlich einen afrikanischen Ursprung den Friedhof und die Basilika Saint-Victor bei Marseille, Saint-Marcel bei
zu: in der Tat sind die Archäologen auf seine ersten Manifestationen in l'aris, Saint-Sernin bei Toulouse, Saint-Seurin bei Toulouse, Saint-Hilaire
Afrika gestoßen (von wo aus er sich nach Spanien und Rom ausbreitete). in Poitiers, Saint-R6mis in Reims usw.
Der Zusammenfall von Friedhöfen und an der Peripherie gelegenen Kir- Die den Pilgern vorbehaltene Friedhofsbasilika, von Toten umgeben und
chen springt selbst dem wenig geübten Besucher bei iüngst ausgegrabenen iibervölkert, wurde von einer weltlichen Gemeinschait oder von Ordens-

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geistlichen verwaltet und in der Mehrzahl aller Fälle zum Sitz einer bedeu- Beginn des Mittelalters also zwei Zenrren christlichen Lebens, die Kathe-
tenden Mönchs- oder Nonnenabtei. In den römischen Städten in Afrika drale und das Friedhofssanktuar'; hier der Sitz der bischö{lichen Verwal-
und im katalanischen Ampurias haben sich die Wohnviertel der arrnen tung und einer zahlreichen Geistlichkeit, da die Gräber der Heiligen und
Christen offenbar um die außerstädtischen Basiliken gruppiert, obwohl der die Scharen der Pilger. Diese Dualität ging nicht ohne Rivalitäten ab.
Bischofssitz, das episcopium, innerhalb der Mauern lag. In Gallien bildeten
die Abteien auch den Kern neuer Vorstädte wie Saint-Sernin bei Toulouse, Es trat ein Zeitpunkt ein, zu dem die Trennung zwischen der Vorstadt, wo
Saint-Martin bei Tours, die bald mit dem Stadtkern zusammenwuchsen seit unvordenklichen Zeiten Bestattungen vorgenommen wurden, und dem
und in einem späteren Weichbild aufgingen. Die \Wohnstätten der Toten für Grablegungen noch immer unzugänglichen Stadtkern hinfällig wurde.
stießen die der Lebenden nicht mehr ab. Bereits die Entwicklung neuer Stadtviertel im Umkreis der Friedhofsbasi-
Die Friedhofsbasilika unterschied sich für lange Zeit deutlich von der Bi- lika bezeugte eine große Veränderung: Die Toten hatten, als erste Bewoh-
schofskirche, der Kathedrale, die, innerhalb der Mauern und zuweilen auf ner, die Lebenden nicht mehr daran gehindert, sich neben ihnen einzurich-
ihnen errichtet, kein Grab barg. Die Basiliken waren umgekehrt von Toten ten. Man beobachtet in den Anfängen also, wie sich die Abstoßung, die in
geradezu überschwemmt, von Toten, die nicht mehr immer nur von den der Antike von den Toten ausgegangen war, langsam abschwächt" Ihr Ein-
dort als erste verehrten Heiligen angezogen wurden, sondern auch von de- dringen in den eigentlichen Stadtbezirk, ins Herz der Städte, bedeutet die
nen, die neben und nach ihnen beigesetzt worden waren. So haben sich vollkommene Aufgabe des alten Verbotes und seine Ersetzung durch eine
Heilige jüngeren Datums in der Gläubigkeit der Frommen an ihre Stelle ge- neue Einstellung der Indifferenz oder Vertrautheit. Die Toten haben nun-
setzt und bei der Grabwahl die Würde der ältesten Reliquien übernommen. mehr - und für lange Zeir - aufgehört, Angst einzuflößen.
Überführte und an einen anderen Ort verpfianzte Reliquien haben Vie dieses Verbot außer Kraft gesetzt wurde, läßt sich an einem Beispiel
manchmal die Rolle des martyrium für eine neue Umgebung gespielt. So aus Arras verdeutlichen. (15) Der Heilige Vaast, Bischof von Arras, starb
hatte König Childebert eine Abtei errichten lassen, um die Schläfe des im Jahre 540. Er hatte sich ausbedungen, in einem am Flußufer des Crin-
Heiligen Vincent von Saragossa zu beschirmen, die er selbst, zusammen mir chon errichteten hölzernen Bethaus bestattet zu werden, gemäß der Regel,
einem Kreuz aus Toledo, aus Spanien mitgebracht hatte; aus der Abtei des die besagte, "daß kein Verstorbener innerhalb der Mauern einer Stadt seine
Heiligen Vincent wollte er die Nekropole seiner Dynastie machen, wie es Ruhe findeno sollte. Im Augenblick der Überführung aber gelang es den
Saint-Denis für die Capetinger war. Der Heilige Germain, Bischof von Pa- Trägern nicht, den plötzlich zu schwer gewordenen Körper von der Stelle
ris, der sie geweiht hatte, wurde darin bestattet: sowohl der König als auch zu rücken, wie wenn der Leichnam sich weigerte, sich forttragen zu lassen.
der Heilige Bischof suchten die Nähe der Reliquien des Heiligen Vincent. Der Erzpriester beeilte sich, eine übernatürliche Einwirkung festzustellen,
Saint Germain wurde nicht in der Kirche beigesetzt, sondern in porticu, rn und bat den Heiligen, Anweisung zu geben, "daß Du an den Ort geschafft
einer an die Kirche angrenzenden Kapelle. werdest, den wir [d. h. der Klerus der Kathedrale] für Dich ausgewählt ha-
Das Grab des Heiligen Germain wurde seinerseits zum Gegenstand gro- ben". Und alsbald wurde der Körper leichter, und die Träger vermochten
ßer Verehrung. Im Jahre 755 wurde der Leichnam ins Sanktuarium unter ihn ohne Mühe {ortzuschaffen "in das Grab, wie es einem Diener Gottes
dem Hauptaltar überführt, und die Kirche bekam den Namen Saint Ger- zukam, in der Kirche, zur Rechten des Altars, an dem er selbst den Gottes-
main, unser heutiges Saint-Germain-des-Prös, wobei der Heilige Germain dienst hielt, seines Bischofssitzes." Man ermißt, was sich hinter diesem
'§flunder
die Stelle des Heiligen Vincent einnahm. Dieselbe Art von Stellvertretung verbirgt: Der Klerus der Kathedrale weigerte sich, sich zugunsten
begab sich in Paris, wo der Bischof Marcel den Heiligen Cl6ment, einen der einer fremden Gemeinde zum Verzicht auf einen verehrungswürdigen
ersten Päpste, verdrängt hat, oder in Bordeaux, wo der Name der Kirche Leichnam, auf das Prestige und die seiner Kirche zufließenden Vorteile be-
vom Protomärtyrer Etienne auf den Bischof Seurin übergegangen ist. wegen zu lassen. Um aber das traditionelle Verbot außer Kraft setzen zu
Als die Kanonikergemeinschaften in den Kathedralkirchen gegründet können, mußte es bereits merklich abgeschwächt sein.
wurden, hatten die Kanoniker, wie die Bischöfe, ihre Gräber in den Vor- Dasselbe hat sich wahrscheinlich in Paris ereignet. Der Pariser Klerus
stadtabteien. Die chrisdichen gallo-romanischen Städte beherbergren zu hatte die Vergünstigung erhalten, daß ihm eine Kirche im Stadtkern geweiht

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wurde. Dort verehrte man bereits eine Reliquie des Heiligen Bischofs, für sie weiter nach dem gleichen Modell hergestellt, sie von jetzt an aber für
die Saint Eloi einen prachtvollen Reliquienschrein vorgesehen hatte. Man kirchliches Gebiet bestimmt.
rechnete jedoch damit, daß es damit nicht sein Bewenden haben würde, und Dieser'§(/echsel der Ordichkeiten läßt sich an den Ausgrabungen von Ci-
hoffte, eines Tages den Banzen Körper des Heiligen an diesen Ort überfüh- vaux sehr deutlich ablesen: Im Umkreis der Kirche hat man einen bedeu-
ren zu können, den Bischofssankruaren so nahe wie möglich. Dieser 'Iag tenden Friedhof freigelegt, der mehrere hundert Meter von der merowingi-
aber kam nie, und Saint Germain verblieb in der Abtei am linken Seine- schen Nekropole entfernt ist, die ihrerseits mitten auf freiem Felde liegt.
Ufer, wo er nach seinem Tode auch bestattet worden war. Dem Klerus von Dieselbe Beziehung zwischen Friedhof und Kirche tritt in Chätenay-
Paris schlug also fehl, was dem von Arras so erfolgreich gelungen war, sous-Bagneux in Erscheinung, wenn auch nur in Dokumenten des 18. Jahr-
zweifellos aufgrund hinreichender weltlicher lJnterstützung. Die neue ka- hunderts, weil sie au{grund der zeitgenössischen Besiedlung mit bloßem
rolingische Dynastie brachte Paris, seinem Stadtkern und seinen Kulten Auge nicht mehr erkennbar ist. (16) Die gallo-romanische und merowingi-
weniger Anhänglichkeit enrgegen als die Merowinger. sche Nekropole ist erst gegen Ende des Mittelalters auf gelassen worden. Im
Der Körper des Heiligen, der in ambitu murorum eingedrungen war, zog
lehre 1729 war sie beinahe völlig verschwunden; "das ganze um{riedete
seinerseits andere Gräber von Toten und Kreuzwegstarionen von Pilgern Gehege wurde dann vollständig urbar gemacht, und es existiert nur noch
nach sich. Die Unterschiede zwischen Kathedrale und Friedhofskirche, wie der Name des besagten Ortes, der Hauptf riedhof IGrand-Cimetiärel". Das
sie sich gerade in der Bestattungsfunktion äußerten, mußten also dahin- Uberdauern des Namens und der Örtlichkeit - während die Funktion er-
schwinden. Die Toten, die sich bereits mit den Lebenden der armen Vor- losch und Beisetzungen dort selten wurden (vielleicht nur noch in Pestzei-
stadtviertel vermischt harten, führten sich so ins historische Herz der Städte ten) - erklärt sich auch daraus, daß der Friedhof, wie wir später sehen v/er-
ein: Künftig gab es nirgendwo mehr Kirchen, die nicht auch als Gräber den, nicht nur Bestattungszwecken diente. Der entfernte Friedhof ist später
dienten und die nicht mit einem Friedhof verbunden waren. Die osmotische von der Kirche und ihrer Einfriedung ersetzt worden: Man hat im ältesten
Verbindung zwischen Kirche und Friedhof war endgültig besiegelt. Bauabschnitt der Kirche, im Chor, fünfzehn Sarkophage aus gegossenem
Gips gefunden, »unbestreitbar merowingischen Ursprungs". R. Dauvergne
Dieses Phänomen läßt sich nicht nur an den neuen P{arrkirchen der Bi- ist der Ansicht, daß sie vom Hauptfriedhof stammen, glaubt aber annehmen
schofsstädte, sondern auch an den Landkirchen beobachten. zu können, daß ihre Wiederverwendung in der Kirche ins 12./13. Jahrhun-
Die barbarischen oder merowingischen Friedhöfe sind, wie zu erwarren dertdatiert: in der Tat hat man in diesen Gräbern Grabbeigaben aus eben
war, abseits der Dörfer und bewohnten Ortschaften, immer mitren auf dem dieser Zeit gefunden. Also lassen sich wohl sogar noch frühere
'§(iederver-
Lande freigelegt worden. Man sieht beispielsweise noch heute in Civaux bei wendungen annehmen.
Vienne ungeheure Fluchten von monolithischen Sarkophagen für ein oder Ebenso hat man in Chätenay, zu einem unbestimmten Zeitpunkt zwi-
zwei Personen. schen dem 8. und dem 12. Jahrhundert, der Bestattung in der Kirche oder
Vom 7. Jahrhundert an läßt sich nun eine bezeichnende Veränderung in ihrer unmittelbaren Nähe den Vorzug vor dem abgelegenen Friedhof
dingfest machen, analog zu der, die den Toten Eingang in die Städte ver- mitten auf dem Lande gegeben.
schafft hat. Die Friedhöfe auf dem Lande werden aufgegeben, dem Wild- In Guiry-en-Vexin hat man, au{ freiem Felde, im Umkreis der Schloßal-
wuchs überlassen und vergessen oder doch nur gelegentlich benutzt (etwa lee unge{ähr dreihundert Sarkophage und Grabstellen entdeckt: Die Grab-
in Zeiten von Pestepidemien). In diesem Falle wird eine spätere, zuweilen beigaben erlauben es, diese Nekropole ins 5. bis 6. Jahrhundert zu datieren.
dem Heiligen Michael geweihte Kapelle dem Bestattungsort angegliedert. In derselben Gemeinde hat man kürzlich, diesmal aber mitten auf dem
Andererseits tritt zu ebendieser Zeit der Friedhof im Umkreis der Kirche Lande, einen Friedhof aus dem 7. Jahrhundert freigelegt: 47 Ernzelgrab-
in Erscheinung. Es kommt häufig vor, daß heute neben Kirchen, unter oder stellen und 10 Gemeinschaftsgräber mit den Gebeinen von 250 Personen.
in ihren Mauern Sarkophage ausgegraben werden, die mit den auf dem Vie in Chätenay hat es den Anschein, daß der Friedhof der Kirche in
freien Lande gefundenen identisch sind: entweder sind sie aus der mero- Guiry die Freilandfriedhöfe abgelöst hat. Man hat mehrere Särge aus Ein-
wingischen Nekropole überführt und erneur benutzt worden, oder man hat z.elsteinen gefunden, die merowingische SchriftzüBe tragen. (17) Ein ande-

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res Beispiel bietet Minot-en-Chätillonais, das von F. Zonabend untersucht im Falle der unterirdischen Kapelle von Saint-Maximin in der Provence:
wurde und gegen Ende des elften Kapitels des vorliegenden Buches analy- Die Bestattungen, die die legendenhafte Tradition später Marie-Madeleine
siert wird ("Der Besuch auf dem Friedhof"). zuschrieb, waren die Beisetzungen einer Familie. Ebenso verhält es sich,
Das Datum der Verlegung ist häufig schwierig zu bestimmen und kann nur wenige Kilometer von Saint-Maximin entfernt, mit der memoria der
von Region zu Region variieren; es ist jedoch eine allgemeine Regel, daß la Gayolle: ebenfalls eine Familienkapelle.
man in ländlichen Gegenden Beisetzungen zunächst abseits der §flohnstät- Solche Familiengräber müssen zu Zeiten des Ursprungs der Landpfar-
ten und danach, im 8. Jahrhundert und später, in der Kirche oder in ihrem reien häu{ig gewesen sein. Der Grundherr unterhielt in seiner pilla e\nen
Umkreis vorgenommen hat. Kaplan, und das Bethaus, in dem dieser Geistliche zelebrierte, konnte
Die bestimmende Rolle bei dieser Entwicklung fällt allerdings weniger ebensogut auch die memoria des Herrn sein.
den Märtyrern und heiligen Bischöfen der Städte und Vorstädte zu als viel- In Guiry-en-Vexin weist ein Dokument aus dem 16. Jahrhundert, das
mehr den Stiftungsherren. In heidnischen Regionen, die von den alten sich jedoch seinerseits auf noch ältere Zeugnisse beruft, darau{ hin, daß die
Christen für sich gewonnen und deren Einwohner - wie die des karolingi- Herren von Guiry, "die, dem Beispiel Clovis I. folgend, zurn Christentum
schen Germanien - massenhaft bekehrt wurden, sind die Auflassung der übergetreten waren. .., eine kleine Kirche oder Kapelie zu errichten began-
heidnischen Friedhöfe und die Bestattung in oder im Umkreis der Kirchen nen, die sie dem Apostel Andreas weihten; bekannt ist, daß darin im Jahre
mit Gewalt erzwunBen worden: ,Wir verfügen, daß die Leichname der 818 ein Seigneur Gabriel de Guiry bestattet worden ist." Diese Kirche
christlichen Sachsen ad cimeteria et non ad tumulos paganornm [auf die diente mithin ihren Stiftern und deren Nachfolgern als Bestattungsort. Der
Friedhöfe und nicht in die Grabhügel der Heidenl überführt werden." (18) Fall war häufig; deshalb räumen, wie wir später sehen werden, die kanoni-
Z't Zeiren des byzantinischen Kaisertums ließen sich gallo-romanische schen Texte den weltlichen Stiitern für die kirchliche Beisetzung dieselben
Großgrundbesitzer zuweilen auf ihren eigenen Domänen beisetzen. Einer Privilegien ein wie den Priestern und Mönchen. Diese Grabkapellen wur-
davon, aus der Gegend von Vienne, ließ sich die folgende, aus dem Jahre den nicht immer zu Pfarrkirchen, waren aber ausnahmslos Gegenstand ei-
515 stammende Grabinschrift einmeißeln: "Pentagothus, aus diesem ver- nes Ku.ltes: Man zelebrierte die Messe über den heiligen Reliquien, die dort
gänglichen Leben scheidend, hat nicht um einen Begräbnisplatz [auf einem verwahrt wurden. So im Falle der unterirdis chen memoria des Abtes Mel-
öffentlichen Friedhof] nachsuchen wollen; er hat seinen Leib dieser Erde lebaude. Sie lag nicht in agris, sondern gehörte zu einem alten Friedhof er-
anvertraut, die sein eigen ist." Der Brauch der Bestattung ad sanctos hatte trd muros, vor den Toren von Poitiers. Ihr Entdecker, Pater Camille de La
sich jedoch derart verbreitet, daß, wenn der Tote nicht zum Heiligen ging, Croix, S. J., der sie 1878 ausgegraben hat, glaubte darin ein Grabmal zum
der Heilige zum Toten kommen mußte. Deshalb hatte Pentagothus in sei- Gedenken an einen Märtyrer zu erkennen. Freilich täuschte er sich, weil
nem Grabe Reliquien von Märtyrern als Grabbeilagen um sich, gemäß ei- es in lVirklichkeit das Grab eines Abtes vom Ende des 7. Jahrhunderts war.
nem Brauch, wie er auch von anderen merowingischen und karolingischen Aber sein Irrtum ist durchaus verständlich, weil nichts der memoria eines
memoriae bezeugt wird; "im Schutze der Heiligenn, läßt er sich verneh- Märtyrers weniger ähnelt als dieses Grab. Der Verstorbene hat sein hypogöe
men, »mlr{l man die ewige Ruhe suchen; der sehr Heilige Vincent und die (Totengruft) ais Nachbildung der spelunca entworfen, der Grotte des
Heiligen, seine Gefährten und ihm Ebenbürtigen [je zahlreicher die Heili- Heiligen Grabes, und aus seinem Grab schließlich ein dem Kreuz Christi
Bent um so wirksamer war ihr Schutz], wachen über diesen domus.n Do- geweihtes Bethaus gemacht, mit einem Altar zur Lesung der Messe.
mus:Das Grab ist auch eine Art Tempel, ein geheiligter Ort, an dem man Die memoria des Abtes wird also zu einer Art martyrium, dient aber,
die Messe zelebrieren kann. Später wird man sagen: eine Kapelle. (19) wie alle Kirchen, überdies als Ort der Bestattung ad sanctos. "Gläubige
Noch im 9. Jahrhundert rügt Jonas, Bischof von Orl€ans, diejenigen, die höhlten in ihrem Boden Gräber aus, die sie mit Deckplatten verschlossen,
eine Bezahlung annehmen, um eine Bestattung der Toten in agris suis zu die ihrerseits aus Steinen bestanden, wie sie auch zum Bau des Monuments
ermöglichen. (20) Der Grab-ager des Großgrundbesitzers wird damals selbst verwendet worden waren. Dahinein ste.llten sie gewaltige Sarko-
zum locus publicus et ecclesidsticus und das Familien-Grabmal zur Land- phage, die noch heute an Ort und Stelle zu besichtigen sind, und um für
oder Pfarrkirche, manchmal sogar zur Stiftskirche oder zur Abtei. So erwa die Ihren oder sich selbst einen Platz in dieser Krypta zu sichern, zögerten

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sienicht [um das 9. bzw. 10. Jahrhundert], eine Mauer abzureißen oder die Humbert von Burgund stellt den an beliebiger Stätte begrabenen Heiden
Stufe eines Sanktuars zu schleifen." (21) die Christen gegenüber, die ausschließlich "an ehrwürdigen und öffentli-
Bestattung ad sanctos, Besiedlung der Vorstädte im Umkreis der Fried- chen, für diesen Brauch bestimmten und zu diesem Zweck geweihten Ört-
hofsbasiliken, Eindringen der Gräber in die Städte und Dörfer, in die un- lichkeiten. bestattet würden. (24) Man warf den Häretikern vor, dem
mittelbare Nähe der Wohnstätten - all das sind Phasen einer Entwicklung, F-riedhof den Charaktereines locwspublicus et ecclesiasticus zts verweiSern;
die die Lebenden und die vordem abseits gehaltenen Toten einander annä- die Waldenser und die Hussiten waren der Meinung, "daß es in keiner Hin-
hert. sicht von Bedeutung ist, in welcher Erde man die Toten beisetzt, ob geweiht
oder profano. (25) Die Ansammlung der Leichname von Christen im Um-
kreis der Reliquien der Heiligen und die über diesen Reliquien errichteten
Der Friedhof : "Schoß der Kirche" Basiliken waren zu einem spezifischen Wesenszug der christlichen Zivilisa-
tion geworden. Ein Autor des 16. Jahrhunderts merkt an, daß ,die Fried-
Als Entwicklung der Praxis, aber auch der kirchlichen Lehre und Recht- höfe nicht nur einfach Begräbnisplätze und Sammelstellen für Leichname
sprechung hat sich eine neue, ausdrückliche Vorstellung von der Heiligkeit sind, sondern mehr noch heilige oder geweihte, den Gebeten für die Seelen
der Toten entwickek, die die der Antike ersetzr. Die mittelalterlichen Au- der hier ruhenden Verstorbenen vorbehaltene Orte.: heilige und geweihte
toren haben sehr rasch gespürt, daß ihre Bestattungsbräuche von denen der Orte, ö{fentliche und häufig besuchte Stätten - und durchaus keine einsa-
Alten abwichen. Lange hatte man geglaubt, daß die Heiden für ihre Grable- men und unreinen.
gungen keinen besonderen Raum auswählten. lVenn Humbert von Bur- Der antike Gegensatz von Toten und Heiligen wurde also weniger abge-
gund (22) auch überzeugt ist, daß, im Unterschied zu den Tieren, die Men- schwächt als vielmehr umgestülpt: Der Leichnam eines Christen schuf
schen sich immer gehalten gefühlt haben, ihre Toten zu besratten, so glaubt schon von sich aus einen wenn auch nicht geweihten, so doch - nach der
er doch, daß die Heiden sie an beliebiger Stelle beisetzten, ,im Hause oder Unterscheidung des Durandus von Mende aus dem 13. Jahrhundert - reli-
im Garten, auf freiem Felde oder anderen ähnlichen Orteno. Ein Kanoniker giösen Raum um sich. Ein geistlicher Autor des 18. Jahrhunderts ist von
aus Le Mans spricht zu Beginn des 12. Jahrhunderts von einsamen Orten dem Unterschied zwischen christlichen Gefühlen und dem Glauben an die
- quaedam solitaria loca. Die alten Autoren - und noch Sauval im 18. Jahr- Unreinheit der'foten, wie er Juden und Römern gemeinsam war' nicht un-
hundert - neigten dazu, die heidnischen Friedhöfe (wo ihre Gräber noch beeindruckt geblieben. Er war es sich schuldig, ihn aus Glaubensgründen
längs der großen Ausfallsraßen, jenseits der Stadttore existierten) mit den zu erklären: ,Diese Vorstellung [der Römer] war um so eher verzeihlich,
solitaria loca zu verwechseln. So sagt Sauval: osolange Paris unter römi- rrls das mosaische Gesetz den Menschen einen derart starken Abscheu vor
scher Herrschaft stand [...], wurden die gerade Verstorbenen längs der gro- der Berührung von Leichnamen einflößte." "Seit Gottes Sohn den Tod
ßen Straßen bestatret.u Dabei ist zu beachten, daß die Straßen zu jener Zeir selbst nicht nur geheiligt, sondern auch aufgehoben hat, sowohl in seiner
unsichere Gegenden waren, von srreunendem Gesindel bevölkert und von I)erson als auch in seinen Gliedern, sowohl um seiner Auferstehung willen
Vagabunden und Soldaten verunsichert.
"Vor diesem Friedho{ [dem Cime- els auch durch die Hoff nung, die er einflößt, inden er in unsere sterblichen
tiöre des Innocents, d. h. vor sehr langer Zett]war es Familienvätern und [-eiber seinen beiebenden Geist einsenkt, der die Quelle der Unsterblich-
-müttern erlaubt, sich und die Ihren in ihren eigenen Grüften, Gärten, §7e- keit ist, sind die Gräber derer, die für ihn gestorben sind, als Schoß des Le-
gen und Alleen bestatten zu lassen., wahrscheinlich um sich nicht den bens und der Heiligkeit aufgefaßt worden. So hat man sie auch in die Kir-
»großen Straßen" ausserzen zu müssen. (23) chen überführt oder Basiliken errichtet, um ihre Leiber zu bergen." (26)
Diese Vorstellung, daß die Alten ihre Toten auf ihrem eigenen Grund Der Heilige Augustinus stand diesen Verehrungskundgebungen, in denen
und Boden bestatteren, bestand bis ins 18. Jahrhundert fort, und imZltge cr, wohl zu Recht, eine gewisse Verwandtschaft mit afrikanischen Grabma-
der Nachahmung dessen, was man für antikes Brauchtum hielt, bean- [i.n .,, entdecken glaubte, mit kühler Distanz gegenüber: er bestand dar-
spruchte man damals private Bestattungsplätze. Im Mirtelalter galt diese auf, daß die den Toten entgegengebrachten Ehrungen vor allem der Trö-
Form der Grablegung jedoch als verdammenswert. stung der Lebenden zu dienen hätten. Allein den Gebeten sei wirklich eine

56 57
sühnende Kraft eigen. Diese Vorbehalte gerieten im Mittelalter jedoch der im Fleische Toten wiedererweckt, um sie dem ewigen Leben zuzufüh-
schnell in Vergessenheit: Man glaubte, wie der Heilige Julian, daß die Ge- ren, so wie sie durch die Taufe die Ungeborenen erst eigentlich zur'\ü(i elt
bete der Lebenden um so wirksamer seien, je näher dem Grabe der Märty- kommen läßt.
rer sie gesprochen würden: "Die Nähe der memoria der Heiligen ist für
den Verstorbenen derart segensreich, daß, wenn man den in ihrer Nachbar-
schaft Ruhenden ihrem Schutz empfiehlt, die Virksamkeit des Gebetes ge- Die Bestattung der Verdammten
steigert wird." (27)
Das differenziertere Elucidarium greift, nicht ohne Vorbehalte und Ein- Im Verhältnis zur Antike - oder wenigstens zur Vorstellung, die man davon
schränkungen, auf die Prinzipien des Heiligen Augustinus zurück. Ein hatte - ist die Situation auch hier ins Gegenteil umgeschlagen. Gerade die
1ü(erk des Honorius von Autun, vorr Ende des 11. oder Anfang des 12. abgesonderte Grabstelle {lößt Angst ein. Es ist durchaus nicht unmöglich,
Jahrhunderts stammend, ist es bis zum Ende des Mittelalters viel gelesen daß sich noch alte Bräuche der Bestattung in agris szi erhalten haben: Vir
und praktiziert worden. "Es fügt den Gerechten nicht den geringsten Scha- haben gesehen, daß Jonas von Orl6ans sie im 9. Jahrhundert öffentlich be-
den zu, wenn sie nicht auf dem Friedhof der Kirche bestattet werden, denn klagte. Im Jahre 1 I 28 verteidigt der Bischof von Saint-Brieuc noch die Be-
die ganze Velt ist Tempel Gottes, geweiht von Christi Blut. Velches stattung zu Füßen der Kreuze an Veggabelungen. Aber solche Fälle sind
Schicksal ihre Körper auch erleiden mögen: Die Gerechten ruhen immer selten und verdächtig geworden. Allein die Verdammten werden auf freiem
im Schoß der Kirche." lWenn diese Präliminarien auch mit Rücksicht auf Felde oder - wie man später sagte - auf dem Schindanger beigesetzt.
die Kirchenväter vorgetragen werden, so bringt der Autor doch auch ge-
meinschaftliche Glaubensvorstellungen und die verbreitete Praxis zur Gel- Siie muir, ie vons t'ais savoir
tung und bemüht sich, sie zu rechtfertigen: "Gleichwohl ist es ratsam, an Plus ne aueil en ätre gesir
Orten bestattet zu sein, die durch die Grabstätten bestimmter Heiliger ge- Faites moi au chans ent'ouir.
weiht sind. Die noch um ihr Heil bangen müssen, ziehen Nutzen aus den
Fürbitten der neben ihnen bestatteten Gerechten und aus den Gebeten, die Die Exkommunizierten modern, wie die Verurteilten, deren Leichname
ihre Angehörigen für sie sprechen, wenn sie diese Orte aufsuchen und die von ihren Angehörigen nicht zurückerbeten worden sind oder die der
Gräber ihnen die Verscorbenen in Erinnerung rufen.o (28) Man bemerkt, Richter nicht hat aushändigen wollen, ohne Bestattung, einfach mit Stein-
daß die Fürbitten der Toten dieselbe Geltung haben wie die Gebete der Le- blöcken bedeckt, um die Nachbarschaft nicht zu belästigen: imblocati- (29)
benden, weil sich in beiden die physische Nähe der Grabstellen auswirkt Manfred, der natürliche Sohn Kaiser Friedrichs II., des Papstfeindes, fin-
und durchsetzt. det im Jahre 1266, exkommuniziert, den Tod in der Schlacht von Benevent.
Honorius von Autun zufolge ist von der wohltätigen \ü/irkung der Dante berichtet,daß er an der Stelle bestattet worden ist, wo er umkamr
Nachbarschaft der Heiligen eine Kategorie ausBenommen - die der Bösen. ,Bei Benevento dort am Brückenende,/ Im festen Schutze jener schweren
Im Gegenteil: "Die Bösen ziehen keinerlei Nutzen daraus. Es ist sogar Steine" - denn leder Soldat hatte einen Stein auf seinen Leichnam gelegt.
schädlich für sie, durch das Grab denen zugesellt zu sein, die ihnen durch (30) Aber Papst Clemens IV. wollte nicht dulden, daß dieser verdammte
Verdienst so fernstehen. Es steht zu lesen, daß die Zahl derer groß ist, die Leichnam innerhalb des Königreiches Sizilien, das kirchliches Leben und
der Teufel von den heiligen Stätten verwiesen und ausgestoßen hat." Diese damit geweihtem Boden gleichgestellt war, verblieb. Deshalb wurden, nach
Formulierung spielt auf wunderähnliche Begebenheiten an, wie sie von einem von Dante geschilderten Brauch, seine Gebeine exhumiert: "Nun
Gregor dem Großen erzählt und fortan ständig wiederholt werden. Die aber treibt der Vind sie und der Regen/ Zum Land hinaus, entlang dem
Leichname der Bösen entweihen den Friedhof, wie früher bereits die Verdeflusse,/ Vohin er [der Papst] sie gebracht hat ohne Lichter."
Leichname als solche den Boden der Städte verunreinigten. So ist der Fried-
hof zur heiligen Ruhestätte der Toten und - laut Honorius von Autun - Si je muir.. . Wenn ich sterbe - so tue ich Euch kund -,/ Möchte ich nicht im ätre rthen,/
zum Schoß der Kirche (ecclesiae gremium) geworden, in dem sie die Seelen LaJlt mich auf freiem Feide verscharren.

58 59
Alain Chartier nennt ,t'aulx ätre., d. h. unrechten Friedhof, ehrloses Lumpen, die die Verwesung davon übriggelassen hatte." Darüber, noch am
Grab, die örtlichkeit, wo man sich der Leichname der Verdammten enrle- Galgen befestigt, baumelten "die schrecklichen Kadaver, vom Vinde be-
digt. wegt, in grotesken Schwüngen hin und her, während schaurige Geier an ih-
nen zerrten, um ihnen Stücke Fleisches zu entreißen." Ohne Frage - diese
C'est ä la maniöre de t'aulx äte
Gehängten erinnern an die von Villon!
Et y gect-on les corps maudits.
Der Raum um die Galgen war von einem Vall eingegrenzt. Der innere
J'en y recongneus plus de quatre Bereich der Hinrichtungsstätte diente auch als Schindanger: die Überreste
Lä sont espars, noirs et pourris,
der Hingerichteten wurden so mit Kehricht bedeckt. Das t'aulx ätre von
Sur terre, sans estre ent'ouys.
Alain Chartier konnte also durchaus im Umkreis eines Galgens liegen. Je-
denfalls ist die sinistre Verquickung von Galgen, Kehrichthaufen des
Diese schreckliche Deponie fiel haufig nrit dem Galgenplatz zusammen.
Schindangers und den entsprechenden ekelhaften und unsauberen Gewer-
Die Leichen der Hingerichteten blieben oft monate-, ja sogar jahrelang auf -
ben von Louis Chevalier am Beispiel von Montfaucon untersucht wor-
gehängt und zur Schau gestellt.
den. (33)
So wurde am 12. November 1411 Colinet aus puiseux enthauptet, zer- Im Prinzip konnten die Leichen von kriminellen Straftätern durchaus in
stückelt und seine vier Gliedmaßen an je einem der Stadttore von paris auf-
geweihter Erde bestattet werden; die Kirche erlaubte es, weil Gott sein
gehängt, und sein Körper - oder das, was davon übrigblieb ,wurde in ei-
- Verdammungsurteil nicht zweimal aussprach: der Verurteilte hatte bereits
nem Sack zum Galgen geschafft". (31) Aber ersr am 16. September 1413,
bezahlt. Aber diese Empfehlung blieb bis hin zur Epoche der Bettelmönche
d. h. beinahe zwei Jahre später, -wurde der Körper jenes Verräters colinet
und der Bruderschaften rein theoretisch. Die Menschen des Mittelalters
aus Puiseux vom Galgen und seine Glieder von den Stadttoren herunterge-
und der beginnenden Neuzeit ließen nicht zu, daß der Lauf der Gerechtig-
holt. Gleichwohl hätte er es auch jetzt noch eher verdient, verbrannt und
keit und ihre Ausübung vor dem Tode haltmachten. Sie verfolgten den To-
den Hunden vorgeworfen zu werden, als seine Ruhe in geweihter Erde zu
ten bis vor den Richterstuhl Gottes; wenn es sich um einen Selbstmörder
finden; aber die Armagnacs handelten nach eigenem Gutdünken." Man
handelte, wurde seinem Leichnam der Friedhof verweigert: noch zu Beginn
hätte ihn also, dem Journal d'un bourgeois de paris zufolge, eigentrich ver-
dieses Jahrhunderts existierten in der Bretagne, wie G. Le Bras (34) berich-
brennen oder zu Füßen des Galgens vermodern lassen müssen, eine Beute
tet, Friedhöfe für Selbstmörder, wo der Sarg einfach über eine öffnungs-
der Vögel und Hunde.
und türlose Mauer gehoben wurde.
Ein sehr schöner Text aus dem Jahre 1 804 führt einen Galgen vor Augen. 'War
der Betreffende Opfer einer Hinrichtung, so bemühte man sich, ihn
Obwohl er jüngeren Datums ist, wird man einräumen müssen, daß die
vermodern zu lassen, ihn zu verbrennen oder seine Asche zu zerstreuen,
darin beschriebenen Einrichtungen sich seit dem Mittelalter eigentlich
c'ler manchmal die Prozeßakten oder die Liste seiner strafbaren Handlungen
kaum verändert haben. Es handelt sich um Die Handschrift aon saragossa
beigefügt u/aren. »Ihre Asche, die man dem \üind anheimgibt oder in die
von Jan Potocki. (32) Der Held des Romans wacht, nach phantastischen
Luft oder ins rVasser streut«, sagt Agrippa d'Aubign6 von den zum Tod
nächtlichen Abenteuern, unrer einem Galgen auf . ,Die Leichname der bei-
auf dem Scheiterhaufen verurteilten Reformierten. Als die Aussätzigen er-
den Brüder Zoto [verurteilte und hingerichtete Banditen] hingen nicht
fahren, daß Isolde von König Marke wegen Ehebruchs zum Tod auf dem
mehr da. Sie waren mir zur Seite niedergelegt worden
[nran band die Ge- Scheiterhaufen verurceilt worden ist, fordern sie, daß man ihnen die Un-
hängten los, oder sie fielen einfach von selbst herab und vermoderten zu
glückselige ausliefere - sie wüßten das besser zu besorgen als das Feuer:
Füßen des Galgens]. Ich ruhte auf Seilenden, Teilen von Rädern
[Folterin- "Herr, wenn Ihr Eure Frau der Feuersglut anheimgeben wollt, so ist das
strumente?1, Resten von menschlichen Skeletten und den widerwärrigen
zwar recht und billig, aber eine zu geschwinde Strafe. Dieses große Feuer
C'estiLamaniöre... undzwarnachArtdesfalschenirre,,/undhrerbettermandieLeich- wird sie rasch dahingerafft und der Sturm u.,ird ihre Asche bald zerstreut
name cler verdammten./ lch kannte deren mehr als Die dort, sch*,arz und verwest,/ Auf haben."
'ier./
der bloßen Erde verstrcut licgen, ohne verscharrt worden zu scin. Der Tod läßt den Rachedurst ebensowenig erlöschen wie die Justiz. Go-

60
6l
I
neval tötet Ganelon, den wortbrüchigen Feind seines Herrn Tristan. Er Das Kirchenrecht: Das Verbot der Bestattung in Kirchen -
"zerstückelt ihn ganz und gar [wie ein gejagtes Tier] und geht seines
lVeges, Die Praxis: Die Kirche als Friedhof
den abgeschnittenen Kopf mit sich tragend." Der Rest des verstümmelten
Leichnams wird den wilden Tieren überlassen. Er hängt das Haupt an den Die geistlichen Autoren und das Kirchenrecht bestätigten, als sie mit der
Haaren am Eingang der "Blätterlaube" auf, wo Tristan und Isolde schlafen, antiken Tradition brachen und die Bestattung der Toten im umkreis der
damit der Anblick sie beim Aufwachen erfreut. von den Lebenden besuchten Heiligtümer verordneten, den heiligen Cha-
In diesen Fällen verweigerte der Mensch des Hochmittelalters seinem rakter einer von den Alten als unheilig erachteren Nachbarschaft. Das an-
Feind - oder dem der Gese.llschaft - die Bestattung a/ sanctos, die die Theo- dächrige Gefühl, das die Toten einflößten, hatte sich bedeutungsmäßig ver-
logen toleriert oder gar vorgeschrieben hatten. Umgekehrt kam es vor, daß ändert. In welchem Maße aber hat das Heilige sich gegen die Vertrautheit
er sie für die Seinen forderte und die Kirche sie verweigerte, weil der Ver- des Alltäglichen behauptet?
storbene in keinem guten Einvernehmen mit ihr gestanden hatte: er war .Wenn J, zwischen Kirchenrecht und Alltagspraxis auch übereinstim-
ohne Testament oder exkommuniziert gestorben usw. (13./14. Jahrhun- mung in Hinsicht au{ den Nutzen der Bestattrsngad sanctos gab, so entwik-
dert). Dann übernahm, wenn das möglich war, die Familie des auf diese kelten sich doch gegensätzliche Standpunkte, wo es sich um den Friedhof
\(/eise Ausgeschlossenen an seiner Stelle die Verpflichtung, die von ihm an- neben der Kirche oder um die Bestattung in der Kirche handelte'
gerichtete Unbill zu vergelten und für ihn zu büßen. Dieser Vorgang be- Die Konzilien haben iahrhundertelang nicht auigehört, zwischen der
durfte manchmal geraumer Zeit, und man zitiert den Fall eines exkommu- Kirche und dem geweihten Raum im umkreis der Kirche genau zu unter-
nizierten Prälaten, der achtzig Jahre lang in einem Schloß, aufgebahrt in scheiden. \i(ährend sie den Gläubigen die verpflichtung auferlegten, ihre
einem Bleisarg, darauf zu warten hatte, daß er ein für allemal das Recht zu- Beisetzungen neben der Kirche vorzunehmen, ließen sie gleichzeitig nicht
gesprochen erhielt, in geweihter Erde zu ruhen. Wenn es unmöglich war, daron ab, das verbot der Grablegung im Kircheninneren zu wiederholen,
die kanonische Verdammung auf zuheben, versuchte die Familie wohl auch, vorbehaltlich einiger Ausnahmen zugunsren von Priestern, Bischöfen,
sich den Zugangzum locus publicus et ecclesiasticus zu erzwingen. lVeil sie Mönchen und manchen privilegierten Laien - Ausnahmen, die alsbald zur
nicht bestattet werden durften, wurden die Särge manchmal in den Astga- Regel werden sollten.
belungen der Friedhofsbäume aufbewahrt - ein bizarrer Anblick! Sie wur- I- 1"h.. 563 verbietet das Konzil von Braga die Bestattung in den Kir-
den heimlich verscharrt, aber die Teufel (oder Engel) ließen sie nicht immer chen und erlaubt lediglich, Grabstätten dicht bei den Kirchenmauern anzu-
des Platzes froh werden, den sie sich an dem von ihnen entweihten heiligen legen, aber außerhalb. (35) Das isr eine Regel, die die kirchenrechtlichen
Ort widerrechtlich erschlichen hatten: sie gruben sie nachts aus und ver- Texte bis zum 18. Jahrhundert nicht ablassen zu bekrä{tigen, selbst wenn
trieben sie entweder selbst oder riefen befremdliche Erscheinungen zu sie sich, unter dem Druck der Alltagswirklichkeit, mit Abrn'eichungen ab-
Hilfe, die den Klerus über den Betrug ins Bild setzten. Es gab Blanko-Peti- zufinden hatten.
tionsanträge, um bei der Obrigkeit um das Recht nachzusuchen, einen In den Konzilsprotokollen des Mittelalters begegnet man aiso der mono-
Leichnam zu exhumieren und ihn aus der Kirche oder vom Friedhof zu tonen wiederholung dieser Vorschrift, "daß kein Toter in der Kirche be-
verweisen. statter werden soll. (Mainz 813). "Gemäß den Lehren der väter und den
In allen diesen Fällen wollte man - im Namen einer privaten Rache, im Mahnungen der lwunder [zweifellos handelt es sich hier um die Leichname
Namen der Gerichtsbarkeit oder der Kirche - die Opfer oder Schuldigen uon nichi-entsühnten Missetätern, die auf wunderbare veise aus der Kir-
der Vorteile verlustig gehen sehen, die die Bestattung apud rnetnoriam mar- che, die sie entweiht hatten, vertrieben worden waren - jeden{alls gemäß
tyrt4m zwangsläufig verschaff te. Die Kirche andererseits bem ühte sich nach den Berichten Gregors des Großen] untersagen wir und ordnen an, daß
Kräften, die heiligen Stätten einzig für die Gläubigen zu reservieren, die in hinfort ldeincepsfkein Laie in der Kirche beigesetzt werden 5ell." (Tribur
Einklang mit ihren Geboten starben. 895) ,\Wir untersagen[. ..], daß irgendjemand in der Kirche bestattet wird.o
(Pseudo-Konzil von Nantes im Jahre 90Q)
Der Liturgist Durandus von Mende lebte im 13. Jahrhundert, zu einer

62 63
Zeit also, da die Kirchen ausgesprochene Nekropolen waren: er versuchte
I 2. ,die, denen Ehren und Würden zuteil geworden sind in der Kirche [die
wenigstens den Chor freiz-uhalten, der die am meisten begehrte Ruhestätte ordinierten Geistlichen] und im wehiichen Leben [die Großen], weil sie die
geblieben war, zunächst deshalb, weil er die cont'essio des Heiligen barg, Diener Gottes und die lnstrumente des Heiligen Geistes sind";
dann aber auch aus den eigentlichen Gründen der Fruchtlosigkeit des Ver- 3. ,überdies [die beiden ersten Kategorien sind rechtlicher Natur, wäh-
botes selbst: "Kein Leichnam darf in der Nähe des Altars bestattet werden, rend diese dritte dem freien Ermessen überlassen bleibt] die, die sich durch
wo der Leib und das Blut des Herrn bereitet oder dargeboten werden, es '§ü'erke im
ihre adelige Großmut, ihre Handlungen und ihre milcitätigen
sei denn die Leiber der Heiligen Väter." (36) Durandus von Mende wieder- Dienste Gottes und des Gemeinwesens ausgezeichnet haben''
holt also lediglich das Verbot des Pseudo-Konzils von Nantes, "neben dem Alle anderen haben mit dem Friedhof vorliebzunehmen'
Altar (zu bescatten), wo der Leib und das Blut des Herrn bereitet werden Das Konzil von Reims (1683) unterscheidet zwar zwischen denselben
fconficiuntur)". Diese Verbote der Konzilien vertrugen sich durchaus mit Kategorien, definiert sie jedoch nach traditionelleren Merkmalen:
Ausnahmen: mit Ausnahme der Bischöf e und Abte, der Priester, der t'ideles l.zwei Kategorien rechtlicher Natur, die der Priester und der Patronats-
hici,mit Erlaubnis des Bischofs, des Priesters oder des rector (Mainz 813). herren, wie sie bereits im Mittelalter anerkannt waren.
\(er sind diese Seligen? \(ir sind ihnen vor kurzem im Zusammenhang mit 2. "Die durch ihren Adel, ihr Beispiel und ihre mildtätigen
lWerke Gott
den ländlichen Pfarreien begegnet, in denen sie ihre Gräber hatten: die und der Religion einen Dienst erwiesen haben", werden, nach altem
,Herren der aillae und die Patronatsherren der Kirchen und ihre Gattin- Brauch, lediglich mit Erlaubnis des Bischofs zugelassen' (37)
nen, durch deren \(irken das Ansehen dieser Kirchen gemehrt worden ist". Die anderen werden auf dem Friedhof bestattet, den "ehedem auch die
Die Stif ter der Kirchen waren, angef angenmit den Königen, den Priestern als I..rlauchtesten nicht verschmäht haben".
den Gesalbten des Herrn gleichgestellt, die ihrerseits auf die gleiche Geltung Die lange Reihe dieser Texte könnte, nähme man sie wörtlich, durchaus
wie die Märtyrer und Heiligen Anspruch hatten: die geweihten Leiber ent- glauben machen, daß die Bestattung in der Kirche nur eine mehr oder weni-
heiligten ihre Nachbarschaft nicht; im Gegenteil: sie durften die Nähe des g.r r.lt.n. Ausnahme gewesen sei, aber eben eine Ausnahme' Ihre mit der-
Leibes und des Blutes des Menschensohnes auf dem Altar teilen. art geringen Varianten vorgetraBene Wiederholung vom 6. bis zum 17'
Nach der langen Phase des Mittelalters haben die Konzilien der Gegen- für mehr als ein Jahrtausend also - legt jedoch eher die Ver-
.f ahrhundert -
reformation ihrerseits versucht, auf den zur Gewohnheit gewordenen mutung nahe, wie wenig diese Verbote resPektiert wurden. Im Jahre 1581
Brauch einzuwirken und zum Geist und Buchstaben des alten Rechtes zu- cmpfahlen die Väter: in ecclesiis nulli deinceps sepeliantur. Deinceps -hin-
rückzufinden: in ecclesia Dero nulli deinceps sepelia.ntur (hinfort aber soll tori. Aber bereits die Kirchenväter des Jahres 895 hatten geforde rv ut dein-
niemand mehr in der Kirche bestattet werden). Sie führen Klage darüber, ceps nullus in ecclesia sepeliatur, denn seit dieser Zeit war ihre vorschrift
wie skandalös es sei, daß die Abweichungen von diesem Prinzip eher nicht mehr beachtet worden, und gegen Ende des 8. Jahrhunderts verur-
Privilegien von Geburt, Reichtum und Macht als von Frömmigkeit und teilte der Bischof Theodul{ von orl6ans den Brauch als ein bereits altes un-
Verdienst geworden sind: "Diese Ehre soll nicht um Geldes willen erwiesen *.5gn; ,Es ist eine alte Gewohnheit in diesem Lande, die Toten in den Kir-
werden, sondern vom Heiligen Geist.o Die Bischöfe räumten gleichwohl chen beizusetzen."
ein, daß die Bestattung in einer Kirche eine Ehre sei, und durften sich in lVirklichkeit ie
Man fragt sich mithin, ob die kanonische Verfügung in
einer Zeir, da die Menschen nach Ansehen ebenso gierten wie nach Reich- eingehaltcn worden ist. seit Beginn der Praxis der Beisetzun Ben 4d sdnctos
tum, also auch nicht wundern, §r'enn man mit derartiger Hartnäckigkeit hatten die Gräber, mit den Friedhofsbasiliken beginnend, die Innenräume
nach dieser Ehre strebte. der Kirchen mit Beschlag belegt. Die Kirchen des rijmischen Afrika waren
Das Konzil von Rouen ( I 581) teilt die Gläubigen, die auf eine Bestattung im 4. und 5. Jahrhundert, wenigstens teilweise, in den Seitenschiffen mit
in der Kirche Anspruch erheben dürfen, in drei Kategorien ein: mosaikartig angeordneten, mit einem Epitaph und dem Bildnis des Ver-
1. "Die sich Gott geweiht haben, und vor allem die Männer [die streng- srorbenen geschmückten Grabplatten ausgelegt. (38) In Damous el Karita
gläubigen Ordensgeisdichen], weil ihr Körper in ganz besonderem Maße und in Karthago bilden die Sargdeckel den Steinboden der Basilika. Die
Tempel Christi und des Heiligen Geistes ist"; Kirche saint-Honorar in den Alyscamps von Arles ist auf einer Schicht von

64 65
r
Sarkophagen errichtet, auf der ihre Mauern, ohne Fundament, unmittelbar alten Kirchen mit ihren Böden aus Grabplatten bis auf unsere TaSe erhalten.
aufruhen. Es hat den Anschein, daß die Beisetzungen in den Kirchen zeit- Dieser Brauch der Bestattung in der Kirche sollte den Reformatoren iedoch
gleich mit den Texten auftreten, die sie verbieten: Die kanonischen Verbote zwangsläufig mißfallen und ihnen als papistischer Aberglaube verdächtig
haben ihre dauerhafte Verbreitung im gesamten abendländischen Christen- ..schiinen. Er mußte also tief in der Alltagswirklichkeit verwurzelt sein,
tum nicht verhindert. um überdauern zu können.
\ü/eise ge-
Denn man hat - und zwar wenigstens bis zum Ende des I 8. Jahrhunderts Die niederländische Malerei hat Beerdigungsszenen in einer
- nie au{gehört, in den Kirchen Beisetzungen vorzunehmen. Im 17. Jahr- schildert, als wären sie ein ganz alltägliches schauspiel. So stellt E. de \(itte
hundert waren sie mit Gräbern im wörtlichen Sinne geradezu gepflastert, eine Beisetzung im Jahre 1655 (39) dar: Der Trauerzug ist in der Kirche an-
ihr Boden bestand aus Grabplatten wie der der Basiliken des römischen gekommen und nimmt seinen §VeB in Richtung des Chores' §(ährenddes-
Afrika. In den französischen Kirchen läßt sich im allgemeinen unter den sen bereiten der Totengräber und sein Gehilfe das Grab vor. sie haben den
im 18. und 19. Jahrhundert vollständig erneuerten Bodenfliesen das aus skulpturengeschmückten Stein gehoben, der das Grab verschlossen hat. Er
Grabplacten gebildete Schachbrettmuster nicht mehr deutlich erkennen, gibt kein,Gewölbe" frei, wie man im Frankreich des 17. Jahrhunderts
wenn es sich auch dort noch erhalten hat, wo der Eifer laizistischer oder sagte, d. h. keine Semauerte Gruft, sondern die nackte Erde' Die Totengrä-
kirchlicher Restauratoren sich nicht allzu drastisch ausgewirkt hat (in Chä- ber haben das Grab bereits vor geraumer Zeit ausgehoben, ohne es wieder
lons-sur-Marne zum Beispiel oder in kleinen, armen und abgelegenen zu schließen; manche Gräber blieben, wie wir wissen, so f ür nrehrere Tage
Marktflecken). Dort also, wo - wie in Frankreich und Österreich - die im geöffnet, nur notdürftig mit ein wenig Erde und Holzplanken bedeckt' Die
17. und 18. Jahrhundert aufeinanderfolgenden Säuberungen der Geistlich- ausgeworfene und seitwärts aufgeschüttete Erde enthält in krauser Mi-
keit nicht gewütet haben -und das heißt im katholischen Italien und im ,.h.,ng Gebeine und Schädel - die Überreste früherer Grablegungen' Und
kalvinistischen Holland. das war die vertraute Erscheinung einer protestantischen Kirche im l7'
In Sint Bavo in Haarlem ist der vollständig aus Grabplatten gebildete Jahrhundertl
Fliesenboden des 17. Jahrhunderts unversehrt erhalten. Der Anblick ist er- Die vom christlichen Altertum bis ins 18. Jahrhundert konstante Praxis
greifend, führt er doch vor Augen, was andernorts verschwunden oder un- war also die der Bestattung in den Kirchen-ausgesprochenen Nekropolen-,
kenntlich geworden ist: Die gesamte Bodenfläche der Kirche ist ein schach- und wenn die Konzilsväter auch in ihren Statuten kollektiv eine unbeug-
brettartig aufgefächerter Friedhof - die Gläubigen bewegen sich same juristische Position vertraten' so waren dieselben frommen Hohen-
unausgesetzt auf Gräbern. Diese großen Platten sind nicht zementiert. Eine priester, wenn es um ihr persönliches Schicksal ging, doch die ersten, die
jede ist in der Mitte mit einer Aushöhlung versehen, die einen Ansatzpunkt sie in ihren seelsorgerischen Amtshandlungen außer acht ließen'
für den Hebebaum des Totengräbers bot. Sie sind im allgemeinen numeriert Im 9. Jahrhundert schreiben die Bulgaren an Papst Nikolaus II', um an-
(arabische Zilfern aus dem 17. Jahrhundert, nach der Reformation ange- z-ufragen, ob es erlaubt sei, die Christen in einer Kirche beizusetzen' Der
bracht) wie heute der Aufriß eines Friedhofs: Eine derartige Sorgfalt der Papst antwortet, mit Bezug auf Gregor den Großen, daß man die Verstor-
räumlichen Lokalisierung dürfte übrigens sehr jungen Datums sein und benen, die keine Todsün den (grat'ia peccata) begangen hätten, durchaus
stellt eine rationelle Organisation des Erdreiches unter Beweis, die in frü- dort bestatten könne. Die Rechtfertigung, die er gibt, ist die des Elucida'
heren Epochen nicht denkbar Bewesen wäre. Sie macht aber auch deutlich, rium des Honorius von Autun (und damit nicht mehr das Argument der
in welchem Ausmaß die Gewohnheit um sich gegriffen hatte, den gesdmten Heilsgewißheir der Nachbarschaft der Märtyrer): Der Anblick des Grabes
Boden der Kirche für Grablegungen zu nutzen. Manche dieser Platten sind lädt dle Angehörigen des Verstorbenen ein, seiner zu gedenken und ihn
überdies mit einem Monogramm, einem Datum oder lVaffen geschmückt Gott zu empfehlen, wann immer sie den heitigen Ort aufsuchen' 'Gemäß
(manche davon sprechend wie die §Terkzeuge eines Seilers) oder mit ma- den Schriften dieser beiden Päpste [Gregor und Nikolaus]", kommentiert
kabren Symbolen - Totenköp{en, Skeletten oder Sanduhren. Reicher ver- ein Autor des 18. Jahrhunderts, L. Thomassin, ))war es {ür die Laien in Ita-
zierte sind selten, und wenn, dann immer mit heraldischen Motiven. lien völlig ausreichend, ein christliches Leben geführt zu haben und auf dem
Im kalvinistischen Holland hat sich das äußere Erscheinungsbild dieser Vege des Heils gestorben zu sein' um die Grabstellen, die sie sich in den

67
66
Kirchen gewählt hatten, zu segensreichen und heilbringenden zu machenn, T
I
ginn der Neuzeit verbreitete Mentalität kaum zwischen einer Bestattung in
den kanonischen Verboten zum Trotz.
der Kirche und in ihrem Umkreis. Es gab lediglich eine Hierarchie der Eh-
Gegen Ende des Mittelalters räumt Gerson umstandslos das Recht ein,
renplätze und der Andacht, von der cont'essio des Heiligen oder dem
sich durch temporalia ,sichere und ehrwürdige Orre für die Grablegung
Hauptaltar bis zum äußersten Rand des Friedhofs, und diese Kontinuität
in den Kirchen zu kaufen". Der Verstorbene stelle damit eine,fromme wurde durch die Scheidewand des Mauerwerks der Kirche durchaus nicht
Voraussicht [...] und ein gutes Herz" (40) unter Beweis.
aufgehoben. Man verhielt sich so, als ob dieses Mauerwerk nicht bestünde
Die einzige Auswirkung dieser kanonischen Verbote, wenn sie auch ein und als ob einzig die Distanz zum spirituellen Zentrum des ekklesiastischen
Prinzip aufrechterhielren, war also die, daß sie die übliche Bestattung in der
Gesamtkomplexes zählte, tumulatio in ecclesia oder sepelitio apud marty-
Kirche von der Entrichtung einer Gebühr abhängig machten. rum memorias (Bestattung in der Kirche oder in der Nähe der memoriae
Die Beisetzung konnte, wie die Sakramente oder die Einserzungsworte,
der Märtyrer), wobei beide Formulierungen bedeutungsgleich benutzt
nicht vom Klerus verkauft werden. Aber die Abweichung von dieser alge-
wurden.
meinen Regel konnte erkauft werden: das ist in etwa der Ursprung der Be-
Deshalb überrascht auch weniger die geringe Aufmerksamkeit, die man
stattungspfründen, wie sie von den Geistlichen erhoben und z.unächst einer
den kanonischen Empfehlungen schenkte (das war' üblich), als vielmehr die
Spende gleichgestellt, später dann als P{lichtleistung ge{ordert und mit dem
Beständigkeit und Hartnäckigkeit, mit der die geistlichen Autoritäten über
doppeldeutigen und ein wenig schamhaften Titel laudabiles consuetudines
ein Jahrtausend hinweg eine Regel aufrechterhielten, die doch nie beachtet
(löbliche Gewohnheiten) belegt wurden. rwenigstens erklärten die Kanoni-
wurde. Die Konzilsdekrete haben eine theoretische Vorstellung vom ge-
ker des 17. und 18. Jahrhunderts sie so. ln seinem Buch über L,Ancienne
heiligten Raum im \ü/iderspruch zur Praxis fortbestehen lassen; in einer
et la Nourelle Dßcipline de l'Eglise (1725) gibt der
Jurist Thomassin seinem Velt, die es nicht mehr verstand, perpetuierten sie das traditionelle Vider-
Kapitel über das Bestatrungsrecht den Titel
"Die Spenden für die Beiset- streben, den geweihten Raum des Tempels mit dem der Verwesung der To-
zungen seit dem Jahre 1000 und die Simonie, die damit begangen werden
ten zusammenfallen zu lassen. Ihre Annäherung zog keine Pro{anation
kann" und führt darin aus: ,Man hätte die Kirche nie genötigt, die Verbote,
oder Entweihung mehr nach sich.
die die Geschäftemacherei mit Grabstätten betreffen, derart oft zu wieder-
Den Laien und sogar den Klerikern war in ihrem persönlichen Verhalten
holen, wenn die Gläubigen sich allesamt damit zufriedengegeben hätten,
clie im Kirchenrecht noch immer festgehaltene Vorstellung eines geweihten
auf den öffentlichen Friedhöfen bestattet zu werden, um da die allen ge-
Raumes fremd geworden. Sie waren, ganz naiv, überzeugt, daß es, den ka-
wisse Auferstehung zu erwarren, die vielleicht sogar um so glorreicher ist
nonischen Verboten zum Trotz, keine Unverträglichkeit zwischen der
für die, die weniger auf diesen leeren und lächerlichen Ruhm hingearbeitet
heiligen Stätte und der Nachbarschaft der Toten gab, wie sie sonst im Hin-
haben, der sich noch durch den Ort der Bestattung auszeichnen möchte..
blick auf die alltägliche Präsenz der Lebenden bestand. Die geistige Grenze
Soweit die Auffassung eines gebildeten Priesters zur zeit der Aufklärung,
zwischen dem Sakralen und dem Profanen bleibt eher iließend, und zwar
die der mittelalterlichen und volkstümlichen Mentalität durchaus fer,st.hi.
bis hin zu den Reformen des 16. und 17. Jahrhunderts: das Profane wurde
"offensichtlich., fährt er fort, ,hat man für einen ansehnlicheren platz als vom Ubernatürlichen durchsetzt, das Heilige vom Naturalismus infiltriert.
den auf dem öffentlichen Friedhof [d. h. für einen platz in der Kirche] eine
bestimmte summe gefordert. Beisetzungen auf diesen Friedhöfen waren
kostenlos, die Reichen wollten sich aber hervortun, indem sie sich in den
Aitre und charnier
Kirchen bestatten ließen; man gewährte ihnen das aufgrund ihrer Gebete
und großzügigen Geschenke, und schließlich forderte man diese Ge- I)ie enge Beziehung zwischen Kirche und Friedhof läßt sich noch an den
schenke wie geschuldete Verbindlichkeiten." (40) \Worten zu ihrer Bezeichnung und an der Mehrdeutigkeit ihres Gebrauchs
Die Gebühren-"Erhöhung" im Verhältnis von Friedhof zu Kirche macht
ablesen.
sehr gut deutlich, daß zwischen beiden lediglich eine Differenz der Acht-
Um einen Friedhof anzulegen, erbaute man eine Kirche. In einer Ur-
barkeit bestand. In lvirklichkeit unterschied die im Mittelalter und zu Be-
kunde aus dem Jahre 870 erinnert Ludwig der Deutsche daran, daß seine

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69
V
Eltern eine Kirche haben errichten lassen, ,damit in deren Umkreis ein zunächst der halbkreisförmige Bereich, der die Apsis umgab: in exhedris
Friedhof für die Toren zur Verfügung srando. (a1) Die Basilika Notre- ecclesiae (in der Rotunde der Kirche). Anfangs barg er die verehrten Grab-
Dame in Tours ist zur Bestattung der Armen aufgeführt worden. Der Ci- stätten, die man noch nicht im Chor unterzubringen wagte, in cancello. Die
metiöre des champeaux in Paris ist der sehr große Friedhof der sehr kreinen Leichname des Heiligen Martin in Tours und des Heiligen Germain in Paris
Pfarrkirche saints-lnnocents, wobei in diesem Falle der Bereich der pfarrei ruhten dort in Kapellen, bevor sie ins Allerheiligste unter dem Hauptaltar
über den der Friedhofsmauern nicht hinausgeht. Die vorre ecclesia .-d, überführt wurden.
cirneterium sind nahezu synonym. Ducange nennt cimeterium ,eine Kir- Die andere privilegierte Zone war der paradisus oder Vorplatz. Eben da
che, in der die Gebeine der Verstorbenen bestatret sind". (+2) fand der erste Laie seine Ruhe, der beinahe in der Kirche bestattet worden
'Wenn
man aber auch eine Kirche erbaute, um einen Friedhof zur Verfü- wäre, der Eroberer Konstanttn.Der paradiszs war das irnpluaiurn sub stilli-
gung zu haben, so zögerte man doch, einen Friedhof zur Kirche werden cidio,wter den Wassertraufen, die ebenfalls zum geweihten Kirchenraum
zu lassen, und zwar, wie wir gesehen haben, aus rechtlichen Gründen. geworden waren, weil sie.längs des Daches und der Mauern verliefen: quod
"§(/enn vor der Veihe der Kirche Tote beigesetzt worden sind, so soll sie et impluvium dicebatur area ante ecclesiam quae dicebatur paradisus (der
nicht mehr geweiht werden." (43) Das Konzil von Tribur (g95) {ordert so- auch impluaium gena'nnte Bezirk vor der Kirche, der paradisus hieß). Im
gar, daß man für den Fall, daß zu viele Gräber vorhanden sind, den Altar Französischen sagte man sous les goufiieres.
i
wieder verrückt, wenn man ihn bereits aufgestellt hat. Eben deshalb sind
die merowingischen Nekropolen, wenn eine Kirche an Ort und Stelle Un sarkeu t'ist appareiller
fehlte, zugunsten der nächstgelegenen aufge.lassen worden. A metre empris sa ftiort sun cors
Die Friedhofsfunktion der Kirche trat zunächst im Kircheninnenraum { Suz La gutiere de det'ors. (47)
in Kraft und setzte sich, jenseits ihrer Mauern, in den Raum hinein fort, ,

der die passus ecclesiastici in circuitu ecclesiae (ekklesiastischen Gefilde Im südwestlichen Frankreich, wo Konstantin häufig zu Pferde an der
rings um die Kirche) bildete. Das lü(/ort Kirche bezeichnet also nicht nur lW
est{assade abgebildet wurde, über der Vorhalle, sagte man auch: ',sous le
das Bauwerk, sondern den ganzen sie umgebenden Raum. So umfaßten Constantin de Rome [unter dem römischen Konstantin], der sich im rech-
dem sprachgebrauch im Hennegau zufolge die öglises parocbiales (paroissa- ten Teil der Kirche befindet".
/es [Pfarrkirchen]) Schiff, den Glockenturm und den Friedhof". Sieht man von diesen bevorzugten Stellen ab, so bestattete man im Um-
"das 1++;
Der Friedhof im eigentlichen und restriktiven sinne war also einfach der kreis der Kirche, in atrio, im Ho{, der später zum Friedhof im eigentlichen
Hof der Kirche: atium id est cimeterium (Kommentar zum grazianischen Sinne werden sollte. Man darf also sagen, daß einer der ältesten Namen zur
Dekret). Attre und cbarnier sind die ältesten .Worte zur Bezeichnung des Bezeichnung des Friedhofes weder die religiöse Bedeutung der Ruhe oder
Friedhofs in der französischen Umgangssprache. Das wort cimetiire isr des Schlafes noch die realistische der Bestattung hat: er meint ganz einfach
lange vom gelehrten rJ(ortschatz der Geistlichen bevorzugt worden, ein la- den Hof der Kirche.
tinisiertes griechisches Fremdwort. Erzbischof rurpin drängt Roland, ins Ein zweites'Wort ist als Synonym zu aitre benutzt worden: cltarnier.
Horn zu stoßen, damit der Kaiser und sein Troß herbeieilen, um sie zu rä- Beide werden in der Chanson de Roland bedeutungsgleich benutzt. Als
chen, zu betrauern und in den ,Höfen" der Klöster (en aitres de moustiers Karl der Große und sein Heer in den Gefilden anlangen, wo die Leichname
[a5]) zu bestatten. Ein Chronist berichtet: ,Si prist en force et l,attre et Rolands und seiner Geiährten liegen, läßt er Rast machen: "All ihre
l'öglise de la oille.. Man sagte attre Saint-Maclou ebenso, wie man auch Freunde, die sie dort tot fanden, trugen sie alsbald zu einer gemeinsamen
öglise Saint-Maclou sagte. Im Französischen ist das rVort erst vom 17. Grabstätte" lAd un carner sernPres les unt Portet). "LJnter frommen Gesän-
Jahrhundert an durch cimetiöre ersetzt worden; es hat sich jedoch im Eng- gen lassen sie die Beinhäuser öffnen" fcbarnersf. "Nachdem die Getöteten
lischen, im Deutschen und im Holländischen erhalten (cburchyard,Kirci-
ho|, berkbof laQ). U n sarheu... Einen Sarg ließ er sich zurichten,/ Um darin nach seinem Tode seinen Leich-
Der Teil des atrium, wo man mit Vorliebe Beisetzungen vornahm, war nam/ Unter der Dachtraufe draußen beizusetzen.

70 71,
T
Iin der Schlacht von Formigny, la50] in großen Beinhäusern len de grands Im'W'ort cltarnier hat sich die allgemeine Bedeutung von Friedhof erhal-
cbarniers) beigesetzt worden v/aren...". (48) ten: gegen Ende des Mittelalters bezeichnet es überdies auch einen Teil des
Gegen Ende des Mittelalters scheint charnier sehr verbreiter gewesen zu Friedhofes, einen so spezifischen Teil, daß er später pro toto eintreten
sein und dasIV ort aitre erserzr zu haben. Aitre ist nur noch erhalten geblie- konnte: das Beinhaus, aber auch die Galerien, in denen die Gebeine zu-
ben vor dem Eigennamen eines Heiligen, der dann zum Ortsnamen gewor- gleich auf - und ausgestellt wurden. Diese Entwicklung hängt von der Form
den ist: aitre Notre-Dame, attre Saint-Maclou" ab, die der kirchliche Gesamtkomplex angenommen hat, das von Mauern
Nach Furetiöre leitet es sich von carnarium her,
"dx5 bei Plautus in der- umschlossene atrium.
selben Bedeutung vorkommto. Caro ist aus dem klassischen Latein mit Vie man Bestattungen sub stillicidio vornahm, so auch in porticu (im
mehreren Bedeutungen ins Kirchenlatein des Mittelalters übergegangen: Französischen pröau fKlosterhof]): unter den Vordächern oder an die Kir-
das §flort ist Fleisch (chair) geworden, die fleischliche Sünde, das Fleisch che angebauten Galerien, unter Nischen od.er enfeux, die wie ausgehöhlte
ist schwach usw. In der Umgangssprache ist dasselbe cdlo zü Ausdrücken Arkaden im Mauerwerk aufeinanderfolgten. Die Säulengänge setzten sich
weitergebildet, die Fleisch bezeichnen (das italienisch e carne), aber auch - an den Mauern fort, die ,Jas atrium umschlossen und ihm das äußere Er-
im Mittellatein - carona, das Aas. scheinungsbild eines Klosters verliehen (das seinerseits den Mönchen oder
Carnier meint bei Rabelais die Lokalität, wo man geräucherten Schinken Kanonikern als Friedhof diente). Die alten Friedhöfe ähnelten ganz und gar
und Speck aufbewahrt, wie bei Plautus. R.-J. Bernard weist solche Räu- Klöstern: eine - längs der Kirche - oder mehrere überwölbte Galerien, die
cherkammern noch im 19. Jahrhundert im Gdvaudan nach, ,wo sie häufig einen geschlossenen Hof säumen.
in nächster Nähe des Zimmers des F{ausherrn lagen.. (49) Heute bezeich- Um das 14. Jahrhundert entwickelte sich die Gewohnheit, die mehr oder
net das Vort die Umhängetasche des Jägers, den \(/aidsack. Im Alt{ranzö- weniger ausgebleichten Gebeine der alten Grabstellen zu exhumieren, um
sischen benennt carnier aber auch den geweihten Ort, an dem die Toten Platz für neue zu schaffen, und sie in den Dachstühlen der Galerien oder
ruhen: carnarium oder carnetilm im Kirchenlatein. Vir haben es gerade in den Gewölbezwickeln (wenn es welche gab) aufzuschichten. Sie waren
im Chanson de Roland zitiert, wo es ohne jede pejorative Nebenbedeutung dort manchmal dem Blick entzogen (so entdeckte man im Jahre 1812 in Pa-
gebraucht wird. Zv'ei{ellos hat der allgemeine Sprachgebrauch anfangs ein ris über den Gewölben einer nicht mehr benutzten Kirche bei deren Abriß,
grobes, volkstümliches \i(ort wie unser heutiges oieille carne (altes Aas) in der Gegend des heutigen Collöge de France, eine große Menge von Ge-
benutzt, um zu bezeichnen, was in den Schriftsprachen <J.er litterati keinen beinen), häufiger aber offen zugänglich. (50)
Namen hatte, mit Ausnahme der griechischen, noch zu gebildeten Vokabel Man nannte diese Beinhäuser und die sie überformenden Ossuarien
cimetiöre - eine Parallelentwicklung zu der, die zu tdre (aus mittellateinisch charniers,den "Ort in der Umfriedung der Kirche, der die Gebeine der To-
testa, Schale,1 geführt hat. ten enthält«. (51)"Dort auf dem Cimetiöre des Innocents", so Guillaume
Hier handelt es sich .jedoch nicht um die Ersetzung eines \flortes durch [.e Breton in seinem Paris sous Cbarles Vl
"ist ein sehr großer Friedhof,
ein anderes, sondern um eine Neuschöpfung, die auf ein neues Phänomen eingeschlossen von Häusern, die cbarniers heiße n, wo die Gebeine der To-
reagiert, das des Friedhofes. Und eben dieses Auftauchen ist interessanr. Bei ten aufgeschichtet sind." (52)
den Römern hatten das sepulcrum, der tumulus, das monumentum und Der Trösor von Ranconner-Nicot aus denr Jahre 1606 de{iniert charnier
später die tumba größere Bedeutung als der Raum, der diese Grabmäler wie folgt: "Der Ort, an den man die Gebeine der Verschiedenen schafft,
umgab. Man könnte sogar sagen, daß es keinen Friedhof gab, sondern nur ossuaria." Oder nach Richelet: ossium conditorium,,Ort auf einem Fried-
mehr oder weniger dicht nebeneinanderliegende Gräber. hof [hier also nicht der ganze Friedhof], wo man die Gebeine der Toten auf-
Für die mittelalterliche Mentalität hat, umgekehrt, der Friedhof mehr stapelt und ordnet" (so sprach man auch von den cltarniers Saints-lnno-
Gewicht. Zu Beginn des Mittelalters hat das anonym gewordene Grab i cents).
kaum mehr Bedeutung. \Was z-ählt, ist der öffentliche und geschlossene Diesen Dokumenten zufolge bez.eichnet charnier das ossuaire über der
R.-aum, der die Grabstellen in sich birgt. Daher das Bedürfnis, ihn zu benen- Galerie, aber auch die Galerie selbst. Auf dem Cimetidre des Innocenrs enr-
sprachjeder Arkade einer Galerie ein geschlossener Raum, den man char-

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nier nannte. Jedes cbarnier war wie eine Kapelle eingerichtet und trug den existieren) und der Rue aux Fers lag. Das nämlich waren die alten Grenzen
Namen ihres Stifters an der Mauer eingraviert. "Dieses Beinhaus wurde er- der Eglise des Saints-Innocents und ihres Friedhofs - und hier ist einmal der
baut und der Kirche übergeben um der Liebe Gottes willen im Jahre 1395. Friedhof beträchtlich größer als die Kirche.
Betet zu Gott für die Verschiedenen.. ,Armand Estable ließ von seinen Cbarnier: der Hof (oder aitre) ist von Beinhäusern umgeben, die zu-
hinterlassenen Gütern dieses Beinhaus errichten, zur Herberge für die Ge- gleich geschlossene Galerien, Grabkapellen und Ossuarien sind. Der
beine der armen Verschiedenen.. Ebenso äußert sich im 18. Jahrhundert Friedho{ der Sainrs-Innocents enthält, Corrozet zu{olge, "LXXX Bogenar-
Sauval: "Vas auf diesem Friedhof Ides Innocents] noch bemerkenswert ist, kaden und Beinhäuser ohne die Mauern der Kirche", d. h. im gesamten
ist das Grab des Nicolas Flamel und seiner Frau Pernelle, das ganz in der Umkreis der Kirche. (56) Der Cimetiöre des Innocents ist heute ver-
Nähe der Pforte an der Seite der Rue Saint-Denis liegt, unter den Beinhäu- schwunden; Beinhäuser aber gibt es noch in der Bretagne, so in Rouen, in
sern.n Testatare des 16. und 17. Jahrhunderts wünschten sich, "unter den Blois, in Montfort-l'Amaury usw. Die von den Galerien umschlossenen
Beinhäusern" (53) bestattet zu werden. Räume waren Grabkapellen, die für Bestattungszwecke ebenso begehrt
Schließlich schwand, als letzte Phase dieser semantischen Entwicklung, waren wie der Kircheninnenraum. Auf dem Cimetiöre des Innocents betrug
im 17. Jahrhundert der Ausdruck ossuaire aus dem Sprachgebrauch, wenn der Bestattungspreis in den Kapellen der Orgemont und Villeroy, zwei
auch nicht aus den Wörterbüchern, und das \X/ ort cbarnier bezeichnet nur- weitläufigen Beinhäusern neben dem Hof, im 18. Jahrhundert 28 Livres.
mehr die Galerie um die Kirche und ihren Hof. Es veraltet bald, wird ar- Unter dem kleinen charnier (an der Schmalseite) lag der Preis noch höher,
chaisch, und damals erobert sich dann das aus dem Kirchenlatein hervorge- und zwar aufgrund der Begehrtheit dieses Orres, wo die Gebeine nicht allzu
gangene und bereits seit dem 16. Jahrhundert benutzte cimetidre seinen schnell verwesen konnren: für jedes Grab mit beweglicher Grabplatte 25
festen Platz in der gesprochenen Sprache. Livres, ohne bewegliche Grabplatte 20 Livres. Unter den großen charniers
Soweit wenigstens die semantische Entwicklung im Französischen. Im (an den beiden Längsseiten) für ein Grab mit beweglicher Grabplatte 18,
Englischen scheint der Gebrauch des lüortes cemeter! in der Umgangs- ohne bewegliche Grabplatte 15 Livres. überall sonst im Umkreis des aitre
sprache sogar noch später üblich zu werden. Churcbyard oder graaeyard - wenn auch nicht in den großen Gemeinschaftsgräbern - 5 und 3 Livres
sind wohl erst im 19. Jahrhundert in der Umgangssprache durch cemetery. (darin einbegriffen die Lieferung des Leichentuches). lVir kennen die Be-
ersetzt worden, und dann auch nur, um, in direktem Gegensatz, den rural stattungspreise der Kirche Saint-Louis-en-l'Ile aus dem Jahre '1697; die
cemeteö) zu bezeichnen. (54) Rechnung des Totengräbers belie{ sich auf 12 Livres, dazu kamen 6 Livres
Pfarreigebühren für Rechnung des Priesters, insgesamr also 12 bis 18 Liv-
Die §0orte bringen die Dinge nicht unmittelbar zum Ausdruck: der mittel- res, eine Summe, die der der großen charniers der Saints-Innocents ver-
alterliche Friedhof ist aitre und charnier in eins. gleichbar ist.
Aitre: ein kleiner rechteckiger Hof, dessen eine Seite mit der Außen-
mauer der Kirche zusammenfällt. Durch seine beschränkten Ausmaße un-
terscheidet er sich ebenso vom modernen Friedhof wie vom weitläufigen Die großen Gemeinschaftsgräber
und nur undeutlich abgegrenzten Gräber{eld des Altertums. Wenn ein mit-
telalterlicher Friedhof an die Stelle eines galloromanischen oder merowin- Die offenen Kammern über den Galerien waren mit Schädeln und ausge-
gischen tritt, so nimmt er nur einen kleinen Teilbereich davon ein: der bleichten Gebeinen gefüllt, die der frischen Luft ausgesetzt und vom Fried-
Friedhof schrumpft, indem er sich hinter die kirchliche Einfriedung zu- hof aus deutlich sichtbar waren.
rückzieht. (55) \(ir können uns heute nicht mehr vorstellen - und auch zu Im freien Raum zwischen den Beinhäusern - der nur selten mit Bäumen
ienerZeir war das erstaunlich -, daß sich mehr als ein halbes Jahrtausend bestanden, häufiger jedoch mit Gras und Strauchwerk bewachsen war, und
Pariser Tote auf dem kleinen viereckigen Platz zusammenpferchen ließ, z-war so, daß sich der Geistliche und die Gemeinde das \Veiderecht und
der, kaum größer als der heutige Square des Innocents, zwischen der Rue manchmal sogar die Erträge streitig machten - fanden sich einige wenige
Saint-Denis, der Rue de la Ferronnerie, der Rue de la Lingerie (die alle noch deutlich als solche gekennzeichnete Gräber, einige Ehrenmäler zu liturgi-

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schen Zwecken, Kreuz, Altar, Predigtkanzel, Totenleuchte, die aber doch die Obrigkeit des Chätelet,
"einige separare und abseits liegende Friedhöfe"
den größten Teil des Innenhofes frei ließen. Ebenda setzte man die Armen zu finden, weiter abseits als die Rue Saint-Denis, ,um darauf die Leichname
bei, die die erhöhten Gebühren der Bestattung in der Kirche oder unter den derer, die künftig an der Pest sterben, und derer, die aus Armut eingewilligt
Beinhäusern nicht bezahlen konnten. Man schichtete sie in die großen Ge- haben, öffentlich und ohne Grab beigesetzt zu werden, zu betten und zu
meinschaftsgräber, regelrechte Senkgruben von 30 Fuß Tiefe und 5 mal 6 bestatten". 'Auf dem Friedhof des H öpital de la Trini16 sollen hinfort nicht
Metern Flächeninhalt, die 1200 bis 1500 Leichname fassen konnten, die mehr die Leiber derer bestattet werden, die im Krankenhaus der besagten
kleinsten noch immer 600 bis 700. Eines davon war immer geöffnet, stadt verstorben sind, damit wäre der besagte Friedhof der Trinit6
manchmal sogar zwei. Nach einigen Monaten oder Jahren, wenn sie gefüllt wachs eingerichtet und bestimmt, Bleibe und si/ohnstatt der armen ^ü2u- Kinder
waren, schloß man sie und hob daneben andere aus, und zwar in dem Teil zu sein, die im genannten Höpital ernährt und unterhalten werden. An
des Friedhofs, der am längsten nicht benutzt worden war. Die Gräber wur- Stelle des besagten Friedhofes wird ein geeigneter und hinreichender platz
den nur notdürftig mit Erde bedeckt, wenn sie geschlossen wurden, und auf der Isle Macquerelle gefunden werden, der vom Seineufer begrenzt
die Völfe, sagte man, hatten in kalten 1ü/intern keine Mühe, Leichname wird." "Abermit Rücksicht auf das, was die Stadt ein Jahr später [1555]
herauszuscharren (weder die Vö[fe noch die Diebe, die im 18. Jahrhundert befürchtete' daß nämlich vorherzusehen sei, daß jene, die mit der uberf tih-
die Sektionsamateure mit Material versorgten). Die Anlage derartiger Grä- rung der Leiber beauftragt seien, sie in den Fluß werfen würden, um
ber reicht wohl nicht weiter zurück als ins I 5. J ahrhundert, u nd sie is t sicher schneller mit der Arbeit fertig zu sein, ging man
Imit dem Friedhof] nicht
üblich geworden (das ist jedoch nur eine Hypothese !) zu Zeiten der großen weiter vor die Stadt hinaus... (59)
Pestepidemien, die die im Zuge des demographischen Aufschwungs des 13. Schließlich blieben die großen Gemeinschaftsgräber, von denen die Do-
Jahrhunderts bereits übermäßig aufgeblähten Städte entvölkerten. Seit den kumente vor allem im Zusammenhang mit Epidemien sprechen, nicht mehr
Zeiten Glabers hob man sie etwa bei Hungersnöten aus: "Da man wegen nur auf Phasen großer Seuchensterblichkeit beschränkt. Sie wurden we-
-
der großen Zahl der Opfer nicht jeden Leichnam einzeln bestatten konnte, nigstens seit dem 16. und bis zum Ende des I 8. Jahrhunderts zum allge-
-
erbauten die guten, gottesfürchtigen Seelen mancherorts Beinhäuser, in de- meinen Bestattungsort der Armen und der verstorbenen aus bescheidenen
nen sich mehr als 500 Leichname bestatten ließen." Das Journal d'wn bour- Verhältnissen. Im Jahre 1z6i schilderte ein mit der Beschreibu.g der pari-
geois de Parrs berichtet im Oktober 1418: ser Friedhöfe betrauter Untersuchungskommissar des Chätelet in seinem
"Es starben in so kurzer Frist
derart viele Menschen, daß man auf den Pariser Friedhöfen große Gräber Bericht den Cimetiire des Innocenrs wie folgt: ,\(ir bemerkten auch, daß
ausheben mußte, in die man 30 bis 40 Personen pferchte, wie Specksrrei{en es gegenwärtig ungefähr zwanzig Fuß von dem Notre-Dame-de-Blois ge_
zusammengeschichtet, und nur mit einer dünnen Erdkrume darauf." \(e- nannten Turm an der Nordseite ein Gemeinschaftsgrab gibt, das der To-
nig später spricht es dann von großen Gräbern, deren jedes ungefähr 600 tengräber, wie er uns sagte, im Januar dieses Jahres eröffnet hat, ungefähr
Leichname enthielt: ,Man mußte erneut große Gemeinscha{tsgräber aus- t5 auf 18 Fuß im Geviert und 20 Fuß tief [d. h. etwa 6 Meter], mit verschie-
heben, fünf auf dem Cimetiöre des Innocents, vier auf dem Cimetiöre de denen Brettern nur notdürftrg bedeckt; gen. Grab konnte 600 bis 700
la Trinit6 und an anderen Stellen." (57; l.eichname aufnehmen, deren es zur Zeit 500 enthielt. Er fügte hinzu, daß
Auch Sauval glaubt, daß der Cimetiöre de la Trinit6 aus der Zeit der gro- im Mai des laufenden Jahres ein anderes angelegt worden sei, ohne uns den
ßenschwarzenPestvon 1348 stammt: "Im Jahre 1348 gab es in Paris derart betreffenden orr nennen zu können, ueil er über die Reibent'olge dieser
viele Pestopfer, daß die Friedhöfe die toten Leiber geradezu wiederaus- Ausbebungen heine genaue vorstellung mebr babe. was gelegenrlich zur
spieen. Und das verpflichtete Philippe de Valois, dem Gildenmeister der Folge hat, dall man bei neuen Aushebungen auf nicht vollständig verwesre
Kaufleute zu befehlen, außerhalb der Stadt nach örtlichkeiten Ausschau Leichname stößt und innehält, sei es, um sie durch neue Besrattungen auf-
zu halten, wo man neue anlegen konnte, dergestalt, daß er einen großen, zufüllen, sei es, um sie zu schließen und sich anderswohin zu wenden..
an die Trinit6 grenzenden Garten an der Rue Saint-Denis wählte, den er Diese großen Gemeinschaftsgräber wurden nicht nur auf den alten
mit den Mönchen herrichtete." (58) Friedhöfen ausgehoben, die aus dem Mittelalter srammten. Auf einem ganz
Nach den Epidemien der Jahre 1.544,1545,1548 und 1553 bemühte sich rreuen Friedhof, den der Kirchenvorstand der Kirche Saint-Sulpice 1746 in

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f,

der Rue de Bagneux angelegt hatte, fand ein Kommissar imZuge derselben nommen. Umgekehrt hängt die Verwendung von Ossuarien im nicht-me-
Untersuchung ein Grab von 15 auf 15 Fuß im Geviert und 18 Fuß Tiefe, diterranen Frankreich mit ganz unterschiedlichen Vorstellungen zusam-
obedeckt mit einem Eisengitter, das 500 Leichname fassen konnte". Alles men. Es handelt sich um ein Massenphänomen, das sich im Hochmirtelalter
verläuft so, als ob die Maßnahmen und Gewohnheiten, die sich eingebür- gegen Ende des stürmischen Wachstumsprozesses der Städte verbreitet,
gert hatten, um in den Städten in aller Eile die Pestopfer des 13. und 14. etwa im 14. und 15. Jahrhundert, als die engen Räume der Kirchhöfe die
Jahrhunderts zu beseitigen, bei der Bestattung aller derer beibehalten wor- sterblichen überreste einer wachsenden Bevölkerung, die in periodischen
den wären, die die Beerdigungsgebühren für eine Beisetzung in der Kirche Abständen immer stärkeren, epidemiebedingten Sterblichkeitsschüben
oder unter den Beinhäusern nicht aufbringen konnten. (60) ausgesetzt war, nicht mehr fassen konnten. Man räumte also auf, indem
Die großen Gemeinschaftsgräber rechtfertigen den Namen "Fleischfres- man die Gebeine exhumierte und sie dahin schaffte, wo noch Platz war,
ser", den man dem Cimetiöre des Innocents gegeben hatte, den aber auch d. h. in die Söller über den Gewölbezwickeln.
andere Friedhö{e verdienten. "Auf diesem Friedhof gibt es so viele Gebeine Diese Praxis wurde noch gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf bretoni-
von Verstorbenen, daß es schier unglaublich ist«, sagt Corrozet; aber das schen Friedhöfen befolgt, wo man, wie Anatole Le braz berichtet, nach
liegt an einer besonderen Eigentümlichkeit: "Die Erde dess.'Iben [Friedho- fünf Jahren die Gebeine des letzten Grabinhabers ins Beinhaus schaffte, um
fes] ist derart faulig, daß ein menschlicher Leichnam in neun Tagen verwest wieder freien Platz zu haben. Der Totengräber von Penvenan hatte ,sechs
ist." Den Alyscamps von Arles schrieb man dieselbe Eigentümlichkeit zu, Mal die ganze Breite des Friedhofes durchgearbeitet", d. h. ,er hatte nach-
die man als übernatürlich auffaßte. §flenn die Testatare, zuweilen Bischöfe, einander in ein und dieselbe Grube bis zu sechs Tote gebettet". Er übte sein
die sich nicht au{ dem Cimetiöre des Innocents bestatten lassen konnten, Amt genau wie alle seine Vorgänger aus - die Totengräber des 16. und 17.
verlangten, daß man ihnen eine Handvoll dieser Erde als Grabbeigabe im Jahrhunderts, deren Verträge mit den Kirchenvorständen sich in den No-
Sarg mitgeben solle, so zweiiellos wegen dieser wunderbaren Eigenschaft. tariatsarchiven erhalren haben: der von Saint-Maclou in Rouen erhielt am
Die in den Beinhäusern zur Schau gestellten Gebeine stammten aus diesen 27. Oktober 1527 drei Livres,
"weil er den Friedhof hergerichtet und die
Gräbern. Es gab zwei sukzessive Behandlungsverfahren: das eine betraf den Gebeine der Verschiedenen in der Galerie aufgeschichtet hat". (61)
ganzen Leichnam, das andere - nach der Verwesung des Fleisches - nur die
"Ein erfahrener Totengräber läßt sich schwerlich finden", fährt Anatole
Gebeine. Bekanntlich ist die Praxis der doppelten Bestattung auch in ande- Le Braz fort. "Er behielt die übersicht über die Gräber, die er im tiefen
ren Kulturen verbreitet, so etwa in Madagaskar; sie hat dort jedoch nicht Erdreich ausgehoben hatte, wie bei hellem Tageslicht. Die feuchte Erde des
dieselbe religiöse Bedeutung. Friedhofes war für seine Augen durchsichtig wie \Wasser. Der Rektor ver-
Hier muß ein auch für den Süden Frankreichs bezeichnender Sonderfall langte eines Tages von ihm, eines seiner Pfarrkinder zu bestatten oder bes-
zitiert werden, der vom allgemeinen Brauch der Beinhaus-Bestattung ab- ser: ,ihm seine Grube da auszuheben, wo vor fünf Jahren der große Ropertz
weicht. In den kleinen romanischen Kirchen Kataloniens findet man im bestattet worden war,. Aber der Totengräber kannte seinen Friedhof und
Mauerwerk ausgesparte Höhlen, die nach draußen führen. Sie waren dazu dessen Insassen nur zu gut. ,In jenem'§(inkel da, seht lhr, halten sich die
bestimmt, die Gebeine aufzunehmen, und wurden mit einem Epitaph ver- Leichname lange. Ich kenne meinen Ropertz. In der Verfassung, in der er
schlossen. Noch heute stößt man au{ derartige Höhlen. Of{ensichtlich wa- jetzt ist, hat das Gewürm nur gerade erst ange{angen, ihm die Eingeweide
ren diese Gräber so etq/as wie ,zweite" Grabstellen oder doch Gräber für z-u zerfressen,, "
die Gebeine, denn der ganze Leichnam hatte darin nicht Platz. Das Skelett
war also zerlegt worden. §ü'aren diese Grabstellen bedeutenden Persönlich-
keiten vorbehalten, die, nach der Verwesung ihres Fleisches oder seiner Die Ossuarien
Ablösung (2. B. durch Verbrühen), hier ihre Ruhe fanden? Diese Praxis hat
sich da entwickelt, wo die kanonischen Verbote der Bestattung in Kirchen Der auffälligste Zug der Beinhäuser ist die Zurschaustellung der Gebeine.
genauer respektiert worden sind: man hat die Beisetzung dann eben so nahe Für lange Zeit - sicher bis etwa ins 17. Jahrhundert - lagen c'lie Ge-
wie möglich der Kirchenmauer - oder besser noch: iz der Mauer - vorge- beine unbeachtet zu ebener Erde, in wahlloser Mischung mit Steinen und

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T

Kieseln. Ein heute verschwundenes Glasfenster der Sakrisrei von Saint-De- Haare, lange, seidige Haare, die bewiesen, daß es sich um den Kopf eines
nis (1338)stellte die barmherzigen lVerke des Heiligen Ludwig dar, darun- jungen Mädchens handelte." Dem iungen Mann blieb, wie der befragte
ter seine Bestattung von Toten. Gleichwohl wird keine Bestattung vor Au- Rektor entschied, nichts anderes übrig, "als lhn ins charnier de Pommerie
gen geführt, sondern das Zusammenscharren von Gebeinen: der Heilige zurückzutragen, woher .. ,1x6616". (62)
Ludwig {üllt einen Sack mit Schädeln und Hüftknochen; seine Gefährten, Die bretonischen Bestattungsbräuche geben uns einen Schlüssel zum
die ihm helfen, den Sack zu tragen, halten sich Mund und Nase zu. Auf Bil- Verständnis der Zurschaustellung der Gebeine an die Hand, wie sie seit dem
dern von Carpaccio ist der Friedhof mit Skelettresten und sogar halbver- Hochmittelalter bis ins 18. Jahrhundert und später noch in der Bretagne,
scharrten Mumienteilen übersät. in Neapel und in Rom üblich war. Im 19. Jahrhundert wurden der makabre
'Wirrwarr und die Uberführung
Zu Zeiten von Pantagruel liegen die Schädel und Gebeine überall zuhauf der Gebein ein die prösentoirs der Beinhäu-
und dienen "den Meerkatzen auf dem Cimetiöre des Innocents, sich den ser durch Gesetz verboten. Im bretonischen'Westen wurden diese Bräuche
Hintern zu wärmen". Sie regen die Meditation eines Hamlet an. Maler und von den Behörden jedoch geduldet, und so blieben sie bis zum Ersten lWelt-
Radierer stellen sie dar, im Innern oder neben der Kirche, vermischt mit krieg erhalten. Aber - ein neues Lebensgefühl - die bretonische Familie,
aufgeworfener Erde. auch sie von jetzt an von der modernen Sorge um die Individualisierung
Allerdings hat man in den Städten vom 15. Jahrhundert an - und viel- des Grabes erfaßt,zogder traditionellen Anonymirdt des charnier eine Art
leicht sogar früher - begonnen, diese ungeheure, sich ständig aus der Erde kleines, individuelles Beinhaus vor, die boite ä cräne (Schädelkapsel). Diese
erneuernde Masse von Gebeinen aufzureihen und zu ordnen. Auf geradezu Kapseln waren mit einer zumeist herzförmigen Offnung versehen, die den
artistische Veise sind sie dann in den prösentoirs iüber den Galerien der Schädel zu betrachten erlaubte, wie man in den Reliquienkäsrchen eine Au-
Beinhäuser, in den Vorhallen der Kirchen oder in kleinen, eigens für diesen genöffnung anbrachte, um den Heiligen anschauen zu können. (63) Diese
Zweck bestimmten Kapellen neben den Kirchen zur Schau gestellt worden. Schädelkapseln waren nicht nur im lWesten gebräuchlich; sie kommen auch,
Von ihnen haben sich einige erhalten: eine an der französisch-belgischen zur selben Zeit, etwa im Beinhaus von Marville (Meuse) vor.
Grenze und die bretonischen Ossuarien. Sie haben keinen spezifisch breto- Eine bretonische Hymne ruft die Gläubigen auf, die in den Beinhäusern
nischen Namen. Man nennt sie garnal. Garnal - das ist das carnier der aufgeschichteten Gebeine zu betrachten (A. Le Braz):
Chanson de Roland, das charnier: diese garnals bilden in der Tat die
fremdartige und späte Hinterlassenschaft der Beinhäuser vom Ende des Venons au charnier, chrtltiens, voyons les ossements

Mittelalters und der beginnenden Neuzeit: "Hinter den Gitterstangen der De nos t'röres (. ..)
Gartenmaueröffnung, in bunter Mischung mit den Uberresten der Sarg- Voyons l'6tat pitoyable oü il sont rdduits (...)
bretter, sind die Gebeine zuhauf geschichtet; es kommt vor, daß sie gera- Vous les voyez, cassris, ömiettös (...)
dezu überquellen, und man kann, an der Außenlehne des Fensters, Reihen Ecoutez donc leur enseignement, öcoutez-le bien (...).
von moosigen Schädeln streifen, die aus leeren Augenhöhlen das Hin und
Her der Passanten beobachten." (Antoine Le Braz) Sehen mtß man. Die Beinhäuser waren prdsentoirs, dazu bestimmt, an-
So geschieht es, daß, ungefähr im Jahre 1800, eines Nachts geschaut zu werden.
"ein betrun-
kener junger Bursche einen Totenschädel mit nach Hause nimmt, den er Anfangs waren sie sicher nur zufälliges Behelfsdepot, wo man sich der
von einem Beinhaus aufgeklaubt hat; wieder nüchtern, packt ihn das nackte exhumierten Gebeine entledigte, einfach um Platz zu schaffen, und man
Entsetzen". So weit die allen Beiwerks entkleidete Geschichte. Sie hat der war durchaus nicht unbedingt darauf aus, sie zur Schau zu stellen. Dann
folgenden Legende zur Entstehung verholfen. Der Betrunkene glaubte, er aber hat man, unter dem Einfluß einer neuen, eben aufs Makabre gerichte-
könne einer Toten, die er auf dem Friedhof tanzen sah und die er einzufan-
Venonsaucbarnie,... LaßtunszumBeinhausgehen,ihrChristen,laßtunsdieGebeineunse-
gen versucht hatte, die Haube aus feinem Stoff abziehen. Er verbarg sie, rer Brider betracbren [. . .] Führen wir uns den erbarmungswürdigen Zustand, aor Augen, in d,en
heimgekehrt, in seinem Wandschrank, und am folgenden Tag "s156hisn, sie zurückgefallen sind. [...] Ihr seär sie, zerfallen, zerbröckelt [...] Hört also ihre Lehre, hört
anstelle der weißen Haube, ein Totenkopf, und auf dem Kopf §/aren noch sie gut.

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ten Sensibilität, etwa vom 14. Jahrhundert an, sich ihre sinistre Pracht zu- Gemeinschaftsgräber. Die Kreuze sind der einzige Schmuck dieser kahlen
nutze gemacht: man hat die Gebeine und Schädel derart angeordnet, daß Flächen. Manchmal findet sich sogar nur ein einziges, monumentales, auf
sie, rings um den Hof der Kirche, ein Dekor für das Alltagsleben dieser einem Postament errichtetes: ein Hosianna-Kreuz. Anderswo gibt es deren
sinnlich-prunkenden Zeiten bildeten. gleich fün{. Auf dem Cimetiöre des Innocents standen insgesamt fün{zehn.
Solche Kreuze fand man auf allen Friedhöfen, aber weniger zahlreich, iso-
liert und weit voneinander entfernt stehend: nichts, was an die dichtge-
Der große Freilandfriedhof drängten Kreuzreihen unserer heutigen Friedhö{e erinnerte. Im Erzkloster
oder pröau (Klosterho{) der Kanoniker von Vauvert sieht man "auf dem
Das aitre-charnier erhält sich bis ins 18. Jahrhundert. Es gab.iedoch noch Friedhof, der sich linker Hand befindet, wenn man ins prdau eintritt, meh-
einen anderen Typus von Friedhof. Ein Historiker der mittelalterlichen rere Kreuze, sowohl aus Stein als auch aus Holz."
Grablegungsbräuche, A. Bernard, hat darauf aufmerksam gemacht, daß Die Kreuze waren Stiftungen. Die einen zu liturgischen Zwecken wie die
vom 12. Jahrhundert an weitläufigere Friedhöfe in Erscheinung treten. Zur großen Hosianna-Kreuze, die Kreuze der bretonischen Kalvarien. Die an-
selben Zeit läßt man davon ab, die Sarkophage eng zusammenzudrängen, deren, kleiner, weniger zahlreich, bezeichnen die Grabstelle oder dienen
ja, man beginnt sogar, Steinsarkophage überhaupt aufzugeben. Dieses 12. eher als Bezugspunkt: sie sind von den Familien errichtet worden, die rings-
Jahrhundert ist auch die Epoche der Totenleuchten. um bestattet liegen.
So existieren neben den Kirchhöfen mit kleinen, von Beinhäusern um-
schlossenen Höfen damals auch größere Friedhöfe, so daß Gabriel Le Bras
schreiben konnte: "Die alten Friedhöfe haben mitunter immense Ausmaße" Asyl und bewohnte Stätte.
(Hervorhebung Ph. A. [6+]). Hauptplatz und öffentlicher Ort
Diese großen Friedhöfe waren immer den Kirchen und dem Zentrum der
kirchlichen Einfriedung benachbart. 'Wir erkennen sie im 17. Jahrhundert Der mittelalterliche Friedhof war nicht nur der Ort, an dem man Bestattun-
auf Stadtplänen von Gaigniöres (Notre-Dame in Evreux, Saint-Etienne in gen vornahm. Das Wort selbst, cimeterium,bezeichnete auch, wie Gabriel
Beauvais, die Abtei Saint-Amand in Rouen [65]). Le Bras hervorgehoben hat, einen Ort, wo man es aufgegeben hatte, Grab-
Bei Saint-Savin-sur-Gartempe, in dem kleinen Dorf Antigny, findet sich legungen vorzunehmen (66), wo man manchmal sogar nie beigesetzt hatte,
neben der Kirche ein weiter Platz, der heute die Stelle des alten Friedhofes der jedoch eine allen Friedhöfen - unter Einschluß derer, die auch weiterhin
einnimmt, auf dem Steinsarkophage des 12. und 13. Jahrhunderts ausgegra- für Beisetzungen benutzt wurden - gemeinsame Funktion erfüllte: der
ben und zur Schau gestellt worden sind; in der Mitte ein Altar-Kreuz: ein Friedhof war, im Verein mit der Kirche, Brennpunkt des sozialen Lebens.
Beispiel für diesen anderen Typus des mittelalterlichen Friedhofes. Er vertrat das antike Forum. Im Mittelalter und bis ins 17. Jahrhundert hin-
Der Grundriß dieser Plätze ist nicht mehr geometrisch und rechteckig ein entsprach er ebenso der Vorstellung eines öffentlichen Platzes wie der
wie der der Beinhäuser, sondern leicht oval, von lockerer und unregelmäßi- (heute ausschließlich gültigen) eines den Toten vorbehaltenen Raumes. Das
ger Form. Keine leicht erkennbaren Galerien und Beinhäuser mehr. Der \(ort hatte also zwei Bedeutungen, von denen sich vom 17. Jahrhundert
Friedhof ist zuweilen geschlossen, dann aber durch eine niedrige Mauer, bis heute nur eine erhalten hat.
von Bäumen gesäumt wie eine Hecke, von großen Pforten oder Breschen Diese doppelte Funktion erklärt sich aus dem Privileg des Asylrechtes,
durchbrochen, die von Karren passiert werden können. Diese Mauer be- das aus etwa denselben Motiven wie die Bestattung ad sanctos zustandege-
grenzt einen weitläufigen freien Raum: §(enn Boudain, der Zeichner von kommen ist. Der Schutzheilige gewährte den Lebenden, die ihn verehrten,
Gaigniöres, nicht die genaue Bezeichnung hinzugefügt hätte, wäre nicht weltlichen Schutz, wie er den Toten, die ihm ihren Leib anvertrauten, geist-
ohne weiteres zu erraten, daß es sich hier um Friedhöfe handelt. Wenn man liche Sicherheit bot. Die Reichweite weltlicher Macht endete an der Kirche
näher hinschaut, erkennt man gleichwohl einige Kreuze und kleine Recht- und ihrem atrium.Innerhalb ihrer Mauern standen Lebende wie Tote im
ecke. Die Rechtecke markieren die Lage der großen, oben beschriebenen Frieden Gottes: omnino sunt lcimeteria) in pace Domini.

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Unabhängig von seiner Bestattungsfunktion bezeichnet,Friedhof. also \(ohnsitz, immer aber in einen Ort der öffentlichen Begegnung verwan-
einen Asylraum rings um die Kirche. Deshalb wird er von Ducange defi- delt, gleich ob man dort weiterhin Bestattungen vornahm oder nicht.
niert als "Asyl im Umkreis der Kirche". Diese Bedeutung ist auch aus dem Flüchtlinge, die auf dem Friedhof um Asyl nachgesucht hatten, richteten
Kirchenlatein ins Französische übergegangen. '§(enn das 1Wörterbuch von sich dort dauerhaft ein und weigerten sich, ihn zu verlassen. Manche be-
Richelet auch keine derart explizite Definition des Friedhofs als eines Asyl- gnügten sich mit Kammern über den Beinhäusern. Andere erbauten sich
raums gibt wie das Glossar von Ducange, so verbürgt es diese Funktion in dort regelrechte feste \üohnstätten und verlängerten so den Akt einer Inbe-
seinem Kommentar doch ganz unzweideutig: "Die Friedhöfe sind immer sitznahme, den die kirchlichen Autoritäten eigentlich nur als zeitlich be-
und allgemein als Orte des Asyls anerkannt gewesen.« Ein zeitgenössischer grenzr hatren gelten lassen woilen. Nicht etwa, weil die Geistlichen es als
Historiker stellt fest, daß in der Bretagne "der Friedho{ sehr schnell die Be- anstößig empfunden hätten, daß man auf dem Friedhof wohnte, sondern
deutung von Zufluchtsort, von Freistatt angenommen hat". (67) weil sie die Kontrolle über seine Nutzung in Händen behalten wollten.
Eine diesmal von den Bollandisten verbreitete Anekdote mag diese Asyl- Ein normannisches Konzil aus dem Jahre 1080 fordert, daß die Flücht-
funktion veranschaulichen: "In England drang, bei einer privaten Fehde, linge nach dem Ende des Krieges zum Aufbruch genötigt werden sollen (de
eine feindliche Partei in ein Dorf ein und bemühte sich, die Wertgegen- atrio exire cogantt4r [70]), setzt aber auch fest, daß die ältesten dort Ansäs-
stände als Beute an sich zu bringen, die die Einwohner, zu ihrer eigenen sigen wohnen bleiben können. So werden die Friedhöfe von über den Bein-
Rettung, in Kirche und Friedhof verwahrt hatten. Auf diesem letzteren häusern errichteten \üohnstätten überschwemmt, die zum Teil von Prie-
hingen die Kleider, Beutel und sogar die Truhen in den Zweigen der stern bewohnt, zurn Teil an Laien vermietet wurden. Deshalb hat das Wort
Bäume. Die Banditen kletterten hinauf ; aufgrund der Fürbitte des Schutz- cimeteriam die Bedeutung eines Ortes angenommen, der bewohnt wird,
heiligen der Kirche aber brachen die Aste, sie fielen herab, und ihr Sturz und zwar dicht neben der Kirche: locus seu vicus lOrt oder Stadtviertel,
- und der der aufgehängten Gegenstände - riß ihre zu Füßen der Bäume Vohnsiedlung)forte Prope ecclesiam constitutus (Ducange). Es kommt vor,
wartenden Gefährten zu Boden." (68) \(ir haben bereits gesehen, daß man daß diese bewohnten Inseln den Friedhof in einem Ausmaß überwuchern,
in den Asten der Bäume auch die Särge der Exkommunizierten verwahrte. daß für Grablegungen kein Platz mehr vorhanden ist: dennoch bleibt die
Man »verzweigte" in derselben Weise auch die Gehängten:Bäume als die bewohnte Insel noch immer Friedhof, ihre Bewohner beanspruchen das
"Mädchen für alles" der Vergangenheit! andernorts umstrittene Privileg des Asylrechts, und schließlich erhält sich
Es wird also verständlich, daß die Asylfunktion unter diesen Umständen sogar das lüort: die place du Vieux-Cimetiire-Saint-Jean.
manchmal das Übergewicht über die Bestattungsfunktion erlangte. Nichts Zu Beginn des 11. Jahrhunderts prüft ein Tribunal der geistlichen Ge-
hinderte im Mittelalter daran - wie absurd uns das auch erscheinen mag -, richtsbarkeit, ob der landesübliche Brauch die Lehnsherren, domini vil-
Friedhöfe anzulegen, auf denen keine Beisetzungen vorgenommen wurden, larum, autorisiert,census,customae et alia seroita (Pachtzins, Gewohnheits-
ja Bestattungen soBar verboten sein konnten. In diesem Falle wurde ein von rechte und andere Dienstleistungen) auch den Bewohnern der Friedhöfe
Mauern umschlossener Raum, der im allgemeinen in der Nähe einer Ka- abzufordern. In S6lestat wird im 13. Jahrhundert beschlossen, daß die
pelle oder eines Bethauses la'g, sub priori immunitatis (unter dem Vorrang I"riedhofsbewohner durchaus Immunität genießen. (71)
der Unverletzlichkeit) geweiht. Ducange gibt für einen solchen den Toten Man wohnte also auf dem Friedhof , ohne sich im geringsten vom Schau-
untersagten und ausschließlich der Sicherheit der Lebenden anempfohlenen spiel der Bestattungen und von der i.iachbarschaft der großen Gemein-
Friedhof ein Beispiel: ad refugium tantum oivorum, non ad sepuhuram schaftsgräber beeindrucken zu lassen, die so lange o{fenstanden, bis sie
mortuorum (zum Schutz für die Lebenden, nicht für die Beisetzung der rchließlich gefüllt waren und geschlossen werden konnten.
Toten). Durch eine solche Gründung wollte der Bischof von Redon die Die dort Ansässigen waren nicht die einzigen, die auf dem Friedhof Um-
Mönche, von denen die Pfarre abhängig war, durchaus nicht um ihre Be- gang hatten, ohne sich etvras aus dem Anblick oder den Gerüchen der Grä-
stattungspfründen bringen, ohne doch andererseits die Lebenden des Lan- be r und Ossuarien zu machen. Der Friedhof diente als Irorum, als Haupt-
des eines Zufluchtsortes zu berauben. (69) rund Spielplatz, auf dem alle Einwohner der Gemeinde sich treffen, sich ver-
Die Asyl{unktion hat den Friedhof zuweilen in eine Art ständigen ,ammeln und spazierengehen konnten, um ihre geistlichen und weltlichen

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Geschä{te zu erledigen und ihre Liebschaften und Belustigungen zu betrei- und das Steinpult, das ihm zuweilen angeiügt war, rrug während des Ge-
ben. Die mittelalterlichen Autoren waren sich des öffentlichen Charakters sanges der Prozession das Evangelium. Zu Füßen eines dieser Kreuze war
der Friedhöfe durchaus bewußt: sie stellten den locus publicus ihrer Zeir der Einzug Christi in Jerusalem dargestellt.
den loci solitarii der heidnischen Gräberfelder gegenüber. Noch heute ist in unseren Breiten der Palmsonntag auf dem Lande ein
Nach der Formulierung eines Historikers der mittelalterlichen Fried- Totengedenktag: Die Gräber werden mit geweihten Zweigen geschmückt.
hofsrechtsprechung, A. Bernard, war der Friedhof dis "gsräuschvollste, Es erhebt sich natürlich die Frage, ob dieser Brauch nicht ganz einfach da-
belebteste, rurbulenteste und geschäftigste Gegend des ländlichen oder her rührt, daß die Palmsonntagsprozession im Hof der Kirche stattfand und
städtischen Gemeinwesens". Die Kirche war das »gemeinsame Hauso (72), daß dieser Ho{ auch für Bestattungen benutzr wurde. Im Mittelalter wur-
der Friedhof war der ebenfalls gemeinschaftliche offene Platz, und das zu den die Toten damit von den Lebenden in die österliche Liturgie einbezo-
Zeiten, da es keine anderen öffentlichen Stätten, keine anderen Foren der gen, weil der 1ifleg der Prozessionsteilnehmer an ihren Gräbern vorbei oder
Begegnung gab als die Straße - so klein und übervölkert waren die Häuser darüber hinweg führte und sie zugleich ihrer frommen Andacht teilhaftig
im allgemeinen. wurden. Der häufige Besuch auf dem Friedhof machte die Lebenden im all-
lm aitre,imHof der Kirche, versammelte man sich zu allen regelmäßigen gemeinen gleichgültig und stumpfte sie ab, mit Ausnahme der großen ri-
Glaubenskundgebungen, denen die Kirche selbst nicht genug Raum bot: tuellen Höhepunkte und Feste einer Heilsreligion, die im Gedächtnis der
Predigt, Prozession, Austeilung der Sakramente usw. Gemeinde das Bild der Toten an der Stelle der Grablegung selbst wieder-
Im Jahre 7429 "pred,igte der Bruder Richard eine ganze Voche lang auf belebte. (74)
dem Cimetiöre des Innocents, jeden Tag von 5 Uhr morgens bis 10 oder An Vallfahrtstagen war der Friedhof auch eine Station der Prozession.
1 1 Uhr, vor einer Zuhörerschaft von 5-6000 Personen.
" Fünf- bis sechstau- "Zwölftausendfünfhundert Kinder vereinten sich auf dem Cimetiöre des
send Personen auf dem winzigen Friedhofsplatz zusammengepfercht! "Er Innocents, um in langer Prozession, mit Kerzen in den Händen, zur No-
predigte von einem Podium von etwa eineinhalb Klafter Höhe herab, den tre-Dame zu ziehen und Gott für den Sieg in der Schlacht von Formigny
Rücken den Beinhäusern, das Gesicht der Charronnerie [der Abschnitt der zu danken." (75)
Rue de la Ferronnerie zwischen Rue Saint-Denis und Rue de la Lingerie; Es versammelten sich dort auch, zur Zeit der gegen die Hugenotten ge-
A. d. U.] zugewandt, in der Nähe des Totentanzes.. (73) bildeten Liga, alle Arten von zivilen und militärischen Aufzügen: Im Jahre
An manchen Kirchen wie der von Gu6rande oder der Kathedrale von 1588 "fanden sich, um neun Uhr abends, auf dem Cimetiöre des Innocents
Vienne hat sich eine Steinkanzel erhalten, die in die Fassade des Bauwerks zahlreiche Obersten und Hauptleure aus mehreren Kasernen ein, anZahl
eingehauen ist und nach draußen weist, in Richtung des alten, heute ver- e.lf Kompanien starko.
schwundenen Friedhofs. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ma- Zu seinen lebenden Bewohnern zählte der Friedhof mitunter sehr unge-
chen die Urkunden darauf aufmerksam, daß der Totengräber des Cimetiöre wöhnliche; weibliche Einsiedler ließen sich häufig dort einschließen: ,Am
des Innocents ein kleines Häuschen mitten auf dem Friedhof bewohnte, das Donnerstag, dem 1 1 . Oktob er 11442), wurde die Klausnerin der Innocents,
man noch prächoir (Predigtraum) nannte. Den Grundrissen zufolge hat es Jeanne la Vairiöre mit Namen, vom Bischof f)enis Desmoulins in einem
den Anschein, daß die maison de gardien (Haus des Kustos) sich ursprüng- ganz neuen Häuschen untergebracht, und vor ihr und der eigens zu dieser
lich an die \(/indung eines Vandelgangs anschmiegte, der die Eglise des In- Zeremonie zusammengeströmten Menge wurde eine schöne Predigt gehal-
nocents umlief und sie vom Friedhof im eigentlichen Sinne trennte. Dieses ten.« Von einer anderen, im Jahre 1418
"eingeschlosseneno Klausnerin hat
Häuschen wurde schließlich zum Amtsraum und dann vergrößert: bnreau sich das Epitaph erhalten:
de Saint-Germain fder t'ossoyeur war gleichzeitig Mandatar des Stifts
Saint-Germain; A. d. ü.]. Man hat also den Kustos schließlich im pr|choir En ce lieu gist seur Aliz la Bourgotte
des Friedhofes §üohnung nehmen lassen müssen. A son aiaant recluse tris d4oote,
Die Palmsonntagsprozession fand auf dem Friedhof stett: das große Ho- Rendue ä Dieu t'emme de bonne aie.
sianna-Kreuz gab ihr den Namen; es diente an diesem Tage als Ruhealtar, En cet bostel aoulust itre asseruie

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Oi a rtlgni humblement et longtemps sprochen, auf einer eigens zu diesem Zweck erbauten Steinestrade in einer
Et demeuri bien quarante-six ans. der Ecken wo nicht des Friedhofes, so doch des Platzes, der seine Verlänge-
rung bildete und von ihm nur durch eine Einfriedung getrennt war. Selbst
Das reclusoir, die Einsiedlerklause, in der sie eingeschlossen waren, privatrechtliche Verhandlungen waren nicht nur vor dem Notar - oder dem
führte sowohl zur Kirche als auf den Friedhof hinaus. In Saint-Savin (Bas- Geistlichen - abzuwickeln, in Gegenwart einiger Zeugen oder Signatare,
ses-Py16n6es), dessen Friedhof einem ganzen Pyrenäental als Bestattungs- sondern mußten allen Gemeindemitgliedern zur Kenntnis gebracht wer-
ort diente, öffnete sich ein Fenster auch zur Kirche hin: die Legende den. Im Mittelalter, in einer Kultur des Sichtbaren und des Auges, war die
schreibt es frömmlerischen Neigungen zu. Handelt es sich aber nicht eher Gerichtsverhandlung Spe ktake l, das hinter geistlichen Mauern aufgeführt
um die Verbindung eines reclusoir mit der Kirche? wurde: In karolingischerZeit fanden die Freilassungen von Sklaven in der
Der Zufall fügte es zuweilen, daß die frommen Einsiedlerinnen Nach- Kirche statt, nahe dem Altar, und der Tauschhandel, die Stiitungen und
barn von Eingeschlossenen wider'§flillen wurden: von Prostituierten oder Verkäufe im atrium,dort, wo sich in der Regel die Gemeinde versammelte.
Straftäterinnen, die gerichtlich zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt Die Mehrzahl dieser Verrichtungen der Bestattungsfunktion der Kirche
worden waren. So lebte im Jahre 1485 auf dem Cimetiöre des Innocents, war äußerlich; eine gab es jedoch, deren dramatische Symboiik die Toten
"in einem kleinen Haus, das eigens {ür sie errichtet werden mußte", eine unmittelbar einbezog: Brauch und Herkommen (so erwa im Hennegau)
Frau, die ihren Mann getötet hatte und deren Todesstrafe in eine lebens- gestatteten es, daß eine'§(itwe sich den Verpflichtungen gegenüber ihrem
lange Haftstrafe umgewandelt worden war. Man verbannre dergleichen Familienverband durch eine Zeremonie entziehen konnte, im Zuge derer
Fälle ins reclusoir, wie man sie um anderer Delikte willen, aus Mangel an sie ihren Gürtel, ihre Schlüssel und ihre Geldbörse am Grabe ihres Gatten
Gefängnissen, ins Kloster oder ins Spital steckte. niederlegte. Ebenialls auf dem Friedhof fand im 12. und 13. Jahrhundert
Die Justiz nahm damals eine Mittelstellung zwischen den im eigentlichen eine Zeremonie statt, die, von den Trauerfeierlichkeiten beeinflußt, den
Sinne religiösen und den pro{anen Aktivitäten ein. Als entscheidende Aus- bürgerlichen Tod und den Verlust der Bürgerrechte für Leprakranke besie-
drucksform der Macht - weitaus mehr als in unseren modernen Staaten - gelte.
und zugleich volkstümliches Mittel der Teilnahme am öffentlichen Leben In modernere n Zeiten haben sich die privatrechtlichen Auseinanderset-
- eine heute verblaßte Funktion * hatte die Justiz sowohl am Bereich des zungen vom Friedhof ins Arbeitszimmer des Notars verlagert, so wie sich
Sakralen als auch an dem des Profanen Anteil. Obwohl irdische Gerichts- auch die juristische lJntersuchung und Beweisaufnahme in die Säle der Ge-
barkeit, stand sie doch mit der Kirche - oder eher mit dem Friedhof - in richtsgebäude zurückgezogen hat. Aber alle Prozeßergebnisse mußtenauch
Verbindung, denn ihr Virken vollzog sich öffentlich, unter freiem Him- weiterhin öf{entlich auf dem Friedhof verlesen werden, vor der gesamren
mel. Einwohnerschaft, die sich in der Regel nach der Hauptmesse dort versam-
In karolingischer Zeit hielten der Lehnsherr, der Bürgerhauptmann und melte. Dort hielt sie auch Rat, wählte sie ihre Treuhänder, ihren Schatzmei-
der Vikar dort ihre Gerichtstage (placita). Der Platz des Tribunals war zu ster und ihre Kirchenbeamren. Im 19. Jahrhundert gingen die meisten ihrer
Füßen des großen Hosianna-Kreuzes. Noch im 15. Jahrhundert ist die Befugnisse ans Bürgermeisteramt über, in dem der Magistrat seinen Sitz
Jung{rau Johanna von O116ans (von einem geistlichen Gerichtshof) auf dem hatte. In der Bretagne, wo sich viele alte Bräuche erhalten haben, hatte auch
Friedhol Saint-Ouen in Rouen verurteilt worden. die Informationsfunktion des Friedho{es länger Bestand, vor allem die Pro-
Als das inquisitorische Verfahren die Gottesurteile und gerichtlichen klamation privatrechtlicher Ubereinkünfte, wie es der folgende Auszug aus
Zweikamp{e ablöste, fanden die hochnotpeinlichen Verhöre und Folterun- einer von Antoine LeBraz gesammelten Erzählung deutlich macht:
"Nach
gen in den Gerichtssälen statt.
Gleichwohl wurde das Urteil öffentlich ge- Beendigung der Messe sprach der Sekretär des Bürgermeisteramtes sein
Gebet, von den Stuien des Friedhofes herab [d. h. von den Stufen des Kal-
En ce lieu grt. . . An diesem Orte ruht Schwester Alice la Bourgott e,/ Zu rhren Lebzeiten
varienberges oder des Kreuzes herab], und verlas den auf dem Platz ver-
eine sehr {romme Einsiedlerin,/ Gottergeben und von rechtschaffenem Lebenswandel./ In die-
sem Hause wollte sie beigesetzt sein,/ Vo sie lange und demütig gelebt/ Und sechsundvierzig sammelten Leuten die neuen Gesetze;man machte, im Namen des Notars,
Jahre verweilt hat. die Verkäufe bekannt, die in der lolgenden §ü'oche zusrandekommen wür-

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den." Die Redner »stiegen aufs Kreuz". Tatsächlich dient das "Piedestal des Markt oder zum Messegelände werden zu lassen und dort Brot, Geflügel,
Kreuzes, das, in manchen Gegenden, übrigens die Form einer Kanzel (für Fisch und andere Genußmittel zu verkaufen oder gar nur feilzubieten. Mit
die Predigten) hat, nahezu immer als eine Art öf{entlicher Tribüne' Von da der einzigen Ausnahme von Wachs, jenem erlesenen Rohstoff der Geist-
oben wenden sich die weltlichen Redner [und irüher auch die Prediger] an lichkeit, jenem kostbaren'§üerk der Mutter Biene - apis rnater eduxit -,wie
ihr Publikum.. Deshalb isr,,monter sur la croix (aufs Kreuz steigen) gleich- es die Osteriiturgie im Laus cerei feierte. Sie verwehrten es den Landarbei-

bedeutend mit barangueT" (eine Ansprache halten [76]). tern, den Tagelöhnern und Schnittern, sich dort zur Erntezeit zu versam-
Es überrascht durchaus nicht, daß an diesem volkstümlichen und von den meln und sich "dingen" zu lassen.
Gemeindemitgliedern häufig besuchten Ort kollektiv genutzte Einrichtun- Diese Einschränkungen der Konzilien reagieren auf dieselben Phäno-
gen zu finden waren. Ein Dokument vom Ende des 12. Jahrhundert befaßt mene wie die Verbote der Beisetzungen in Kirchen: sie wurden in der Ab-
sich mit der Errichtung eines Backofens auf dem Friedhoi' (77) Sieben sicht ausgesprochen, die geweihten Orte vor den Händlern in Schutz zu
Jahrhunderte später sprechen bretonische Legenden noch immer vom Vor- nehmen - wie sie das Allerheiligste vor den Leichnamen der Gläubigen in
handensein eines Backofens auf dem Friedhof. Auf dem von Lanrivoir6 Schutz nahmen. In manchen Fällen waren sie von Erfolg begleitet, und im
wies man Brote in Form von Stein-Laiben vor: Brote, die auf wunderbare 16. Jahrhundert gelang es ihnen zuweilen, kirchliches Gebiet und Gerichts-
\(eise in Stein verwandelt worden waren, weil der Lehnsherr, der den sitz oder Marktplatz säuberlich zu scheiden. Aber beide erhielten eine enge
Backvorgang auf dem Friedhof überwachte, sich geweigert hatte, einem Beziehung zum Friedhof au{recht, so als hätten sie sich der Personalunion
Armen ein Stück davon abzugeben. (78) mit ihm nur widerwillig begeben. Die Hallen der Foire Saint-Germain
Die unmittelbare Nachbarschaft von Backöfen, Gräbern, in denen die lehnten sich an den Cimetiöre Saint-Sulpice an, und der March6 des Cham-
Toten oberflächlich verscharrt und aus denen sie periodisch wieder exhu- peaux (die Hallen von Paris) war dem Cimetiöre des Innocents unmittelbar
miert wurden, und Ossuarien, in denen ihre Gebeine auf immerdar zur benachbart.
Schau standen, hat für uns Heutige etwas Überraschendes und Abstoßendes : Insgesamt gesehen sind die Verbote der Konzilien wirkungslos geblie-
sie hat die Anwohner vom Mittelalter bis an die Grenze der Neuzeit iedoch ben. In lVirklichkeit hat keine theologische Erwägung, keine juristische
kalt gelassen. oder moralische Autorität verhindern können, daß Kirche und Friedhof der
Das Asylrecht hat den Friedhof - in derselben §üeise wie zum öffentli- Gemeinde als Ort der Zusammenkunft dienten, solange sie, als lebendiges
chen und Versammlungsort - auch zum Markt- und Ausstellungsort ge- Ganzes, das Bedürfnis verspürt hat, sich in regelmäßigen Abständen zu
macht. Die Händler kamen in den Genuß der Immunitätsprivilegien, sie versammeln, um sich direkt selbst zu verwalten und ein Gefühl der Zusam-
profitierten vom Andrang der Kunden, die aus Anlaß von religiösen, rich- mengehörigkeit unter Beweis zu stellen.
terlichen oder die Gemeindebetreffendenkommunalen Kundgebungenund Als sich eine neue Form von Gemeinschaftshaus, das Bürgermeisteramt,
Veranstaltungen zusammenströmten. Die Vallfahrtstage waren immer auch cntwickelte, in dem die Beratungen auch weiterhin öffentlich blieben, das
Markttage. jedoch durch das von ihm repräsentierte Gesetz von der Masse der \ü/ähler
Manche Dokumente erkennen den Bewohnern des Friedhofs das Recht in stärkerem Maße isoliert war, ging der volkstümliche Charakter von Kir-
zu, dort Läden zu unterhalten, und Ducange zitiert einen solchen Fall, um che und Friedhof verloren. Das aber ist nicht die Folge einer Laisierung.
die Definition zu stützen, die er für den Begriff cimeterittm gibt: "Die Be- Der Positivismus phantasierte nicht, als er das Bürgermeisteramt zum welt-
wohner des Friedhofs von Jay verkauften §(ein oder Bier direkt auf dem lichen Gotteshaus machte: Die Kirche hatte diese Rolle jahrhundertelang
Friedhof." Längs den Beinhäusern richteten sich Ladeninhaber und Kauf- gespielt, in größter Vollkommenheit. Der Grund ist eher im fortschreiten-
leute ein. Die Synoden des 15. Jahrhunderts (ema die von Nantes, 1405, den Umsichgreifen bürokratischer Formen im öffentlichen Leben und in
oder die von A ngers,142) [79]) wollten die profanen und richterlichen Ak- der Verwaltung zu suchen, im Verblassen des umfassenden Gefühls geleb-
tivitäten verbieten: sie untersagten den weltlichen Richtern (im Gegensatz ter Gemeinschaft. Ehedem stellte die Gemeinschaft, die Gemeinde ihr kol-
zu den geistlichen), ihre Gerichtstage auf dem Friedhof zu halten und dort lektives Bewußtsein durch Feste unter Beweis, gab sie dem Überschwang
ihre Urteile zu verlesen. Sie verurteilten den Brauch, den Friedhof zum ihrer jugendlichen Kräfte in Spielen Ausdruck, an eben der Stelle, wo sie

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auch ihre religiösen, richterlichen, politischen und kommerziellen Zusam- tische Geruchsschwaden ausströmen ließ." Dieser Text aus dem Jahre 1657
menkünfte abhielt: au{ dem Friedhof. zeigt, daß diese Promiskuität von Lebenden und Toten nicht mehr immer
Der Friedho{ war das Zentrum der Begegnung, der Entspannung und des hingenommen wird. Die Spaziergänger und Besucher amüsierten sich je-
gesellschaftlichen Umgangs. Er diente als Korso, als Promenade. In der doch am pittoresken Gewimmel der Kleingewerbetreibenden: "Jch habe
Bretagne,wie Anatole LeBraz sie beschrieben hat, ist er es geblieben: ,Als ihn zu den charniers des Innocents geführt, wo ich ihm die berühmten
junger Mann wird er, unter den Ulmen und Eiben des Friedhofs, nach der Schreiber des Landes gezeigt habe; ich habe ihn der Vorlesung eines im vor-
Vesper dem jungen Mädchen entgegenfiebern, nach dem sein ,Sinn. steht nehmen Stil gehaltenen Briefes seitens einer dieser Herren beiwohnen las-
- demselben Ort, wo sie, am Vallfahrtstage, darauf wartet, daß er sie zum sen. Ich habe ihn einer Dienstmagd zusehen lassen, die sich dort eine Rech-
Spaziergang oder zum Tanz einlädt.. (80) nungsliste verbessern ließ, um Schwenzelpfennige zu machen [d. h. bei
Die iahrhundertelang ohne jede \üirkung wiederholten Bannflüche der Einkäufen für ihre Herrschaft mehr Geld berechnete, als sie tatsächlich
Synoden machen also nur deutlich, daß die Friedhöfe immer Stätten des ausgegeben hatte]." (Berthod)
Vergnügens, des Spiels waren, die ihrerseits mit der Atmosphäre von Markt ,ln den cbarniers und längs der Säulen findet man manche Schreiber, die
und Messe verquickt blieben. bei den des Lesens und Schreibens Unkundigen sehr bekannt sind."
Im Jahre 1231 untersagte das Konzil von Rouen, "auf dem Friedhof oder Diese Promenaden waren häuiig übel beleumundet und unsicher. Bereits
in der Kirche zu t^nzen (choreas), bei Strafe der Exkommunikation.. Ein im Jahre 1186 war der Cimetiöre des Innocents, Guillaume le Breton zu-
Verbot, dem man in nahezu unveränderter Form inr Jahre 1405 wiederbe- folge, als Ort der Prostitution berüchtigt (meritricabatur in illo [es wurde
gegnet: es ist iedermann untersagt, auf dem Friedhof zu tanzen und Spiele dort Hurerei getriebenl). Deshalb ließ Philipp der Schöne seine {ast einge-
aller Art zu spielen; es ist Pantomimen, Jongleuren, Maskenträgern, Spiel- ebnete Einfriedung wieder mit hohen Mauern beiestigen. Zu Zeiren von
leuten und Gauklern verwehrt, dort ihr verdächtiges Gewerbe auszuüben. Rabelais hatte der Friedhof durchaus keinen besseren Ruf: "Es war eine
(81) Der Cimetiöre des Innocents war im 17. und 18. Jahrhundert eine Art schöne Stadt [Paris], um dort zu leben, aber nicht, um dort zu sterben«,
Ladenstraße: die schau- und kauflustige Menge drängte sich dort wie in den wegen der ,liederlichen Frauenzimmer, Bettler und Strolche", die dort Tag
Galerien des Palais de la Cit6, wo es ebenfalls Buchhändler, Krämer und und Nacht den Friedhof unsicher machten.
Veißnäherinnen gab. Ö{fentliche Orte, die sie waren, zogen Kirche und Demselben Gesindel begegnet man im 18. Jahrhundert wieder: "Das
Gerichtsgebäude in gleicher Weise Händler und Kunden an. Zwei der vier armselige Pack lungerte dort herum, brachte Unflat, Krankheiten und Seu-
Beinhäuser verdankten ihren Namen den Gewerben, die dort betrieben chen hervor und gab sich allen möglichen Arten von Ausschweifungen
wurden: das cbarnier des lingöres (Beinhaus der lü/eißnäherinnen) und das hin." "Die Spitzbuben waren dort ebenso sicher, nachts ein Asyl zu finden,
charnier des icrioains (Beinhaus der Schreiber). "U.,ter den eineinhaib wie bei Tage die Genasführten, die Einfältigen finnocents], um ein altes
Klafter hohen Bogengewölben [...] findet sich eine Doppelreihe von Lä- \Wortspiel zu gebrauchen." (83)
den, von Schreibern, Veißnäherinnen, Buchhändlern und Purzwaren- In diesen Zeiten, da die Vachmannschaften bz-w. die Polizei die krimi-
händlerinnen." So zitierte Berthod: nelle Unterwelt nur gelegentlich und unzulänglich kontrollierten, suchte
das Gelichter Schutz und Profit an jenen öffentlichen Orten, in Kirchen
Les cinq cents badineries und auf Friedhöfen, wo sich Schenken und Läden eingenistet hatten.
Que I'on voit sous les galeries. (82) Markt, Plartform für geschäftliche Angebote, Versteigerungen, Prokla-
mationen und Urteilsverkündungen, für Versammlungen der Gemeinde
"lnmitten dieses Gewühls mußte man eine Bestattung vornehmen, ein bestimmter Raum, Ort der Begegnung, des Spiels, der heimlichen Zusam-
Grab öff nen und Leichname ausheben, die noch nicht gänzlich verwest v/a- menkünfte und anstößigen Gewerbe, war der Friedhof nicht mehr und
ren, während, selbst bei großer Kälte, der Erdboden des Friedhofes mephi- nicht weniger als der Hauptplatz. Er hatte sowohl die Funktion eines Plat-
Les cinq cents badineries ... Die fünfhundert Nichtigkeiten, deren man unter den Galerien zes - er war öf {entlich er Ort par exceLlence , Zentrum des gesellscha{tlichen
ansichtig wird. Lebens - als auch dessen Form, genauer: die beiden Formen, wie sie cier

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Stadtarchitektur des Mittelalters und der beginnenden Neuzeit geläuiig Die Kirche als Ersatz des Heiligen. \Welche Kirche?
waren - Forum und rechteckiger Hof.
Zweifellos hat gerade die Nutzung mancher Friedhöfe als Märkte seit Vieles von dem, was im vorhergehenden Abschnitt über den Friedho{ und
dem 12. und 13. Jahrhundert auf ihre Flächenausdehnung hingewirkt, wie seinen öffentlichkeitscharakter gesagt worden ist, läßt sich auch auf die
im Anschluß an A. Bernard und G. Le Bras bereits oben dargestellt worden Kirche anwenden. Beide waren \Wohnstatt der Toten und der Lebenden zu-
ist: sie ähnelten damals den großen Straßenkreuzungen der mittelalterli- gleich, und zwar anfangs dank der Verehrung für die Reliquien der Heili-
chen Städte, deren Zentrum von einem gewaltigen Kreuz beherrscht wurde, gen, für ihre memoriae. Später dann - und zwar seit dem 12. Jahrhundert
einem Hosianna-Kreuz oder einem Scheideweg-Kreuz. - blieben sie einander zwar nahe, die Andachtsformen aber haben sich ih-
Charnier oder Klosterhof - was hat dem quadratischen oder rechtecki- rem \flesen nach verändert. Dasselbe Gefühl, das die Sarkophage der ersten,
gen, von Händlergalerien gesäumten Platz als Vorbild gedient, was der frühchristlichen Jahrhunderte sich in der Nähe der martyria zusammen-
plaza major Spaniens, was der Place des Vosges oder den Galerien des Pa- drängen ließ, trieb die Menschen des Hochmittelalters, sich ihre Grabstelle
lais-Royal in Paris? Die Einwohner der - kleinen wie der großen - Städte in der Kirche oder doch dicht daneben zu wählen. Gleichwohl ist es nichr
des 16. bis 18. Jahrhunderts liebten cs, ihr öffentliches Leben in diesen ge- mehr die rnemoria gerade dieses Heiligen, die damals gesucht wurde, son-
schlossenen Räumen zusammenzudrängen, deren einige, wie die Innocents, dern die Kirche selbst, weil darin die Messe zelebriert wurde, und die be-
Friedhöfe waren. Nach seiner Auflassung ist der Cimetiöre des Innocents gehrteste Stelle war der Altar, nicht die cont'essio eines Heiligen, sondern
durch einen anderen rechteckigen Platz als Ort der müßiggängerischen Be- der Tisch des eucharistischen Opfermahles.
lustigung ersetzt worden, durch den Hof des Palais-Royal. Die Galerien Die Be:isetzun g apud ecclesiam ist an die Stelle der Bestattung ad sanctos
des Palais-Royal wurden im 19. Jahrhundert ihrerseits durch die großen getreten. Dieser lVandel ist um so bemerkenswerter, als die Verehrung der
Boulevards ersetzt - Zeichen einer Veränderung des Lebensgefühls des Heiligen zu der Zeir, als er deutlich erkennbar wird, ein neues und be-
großstädtischen Menschen und seiner Soziabilität. Ein Rest jener alten Ein- trächtliches Ansehen genießt. J. Le Goff hat zwei Schübe in der Geschichte
stellung mag sich in den gedeckten Passagen der Stadtarchitektur des 19. der Heiligenverehrung unterschieden (84): einen ersten im Hochmitteial-
Jahrhunderts erhalten haben. ter, den die frühesten hagiographischen Legenden belegen; einen zweiren
In den kleinen Ortscha{ten, den halb ländlichen, halb städtischen Vohn- seit dem 13. Jahrhundert, mit der Legenda aurea wd den wundersamen
siedlungen, bildeten im 17. Jahrhundert die place de la Baillie (Gerichts- Anekdoten einer auf pittoreske Folklore versessenen Kunst als Haupt-
platz) oder die balles (Markthallen) eine Fortsetzung des benachbarten zeugnissen. Die erste Phase fällt mit der Verbreitung der Bestattung a/
Friedhofes. Sie lösten sich schließlich davon, als eine ungleichmäßige Ent- sdnctos zusammen; die z.weite hat für die Grablegungsbräuche keine un-
wicklung, die manchenorts gegen Ende des 16. Jahrhunderts einsetzte, mittelbaren Folgen, und sie hat auch die Einstellung den Toten gegenüber
ohne allgemeine Verbreitung zu finden, den Friedhof von der Kirche nicht beeinflußt. Hält man sich an die Lektüre der Testamente, so wird ei-
trennte, wie im sechsten Kapitel des vorliegenden Buches deutlich werden nem durchaus nicht deutlich, welche volkstümliche Verbreitung die Heili-
wird. Sie hat dann auch eine Abschwächung der weltlichen Rolle des Fried- genlegenden gegen Ende des Mittelalters gefunden hatten. Nur ein einziger
hofs zur Folge, und zwar überall da, wo diese Rolle nicht - wie beim Cime- Zug dieser spezifischen Frömmigkeit tritt hier in Erscheinung: die Pilger-
tiöre des Innocents in Paris - durch eine tiefverwurzelte Tradition gestützt fahrt nach dem Tode.
wird. Die Funktion der ö{fentlichen Stätte ist dann an den nächstgelegenen In einem solcl.ren Fall verlangt der Testatar, daß an seiner Stelle ein ge-
Platz übergegangen. Für einen sehr langen Zeitraum aber ist der Friedhof, dungener Stellvertreter die Pilgerfahrt für die Ruhe seiner Seele unter-
bevor er dann isoliert wurde, der bestimmende öffentliche Platz gewesen. nimmt, die er selbst zu seinen Lebze iten nicht hat ableisten können und de-
renZiel und Preis er festsetzt: der Brauch wollte es, daß der Betrag dem
Pilger bei seiner Rückkehr ausgehändigt wurde, im Vertrauen auf ein vom
Klerus der besuchten Vallfahrtskirche ausgefertigtes Zertifikat. Ein aus
dem Jahre 1411 stammendes Testament eines Prokurators beim Stadtparla-

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ment von Paris {aßte "eine Reise und Pilger{ahrt" ins Auge, "die von Mme. und seinen Außerungen kaum: Dr'e Kirche hat sich lediglich an die Stelle
meiner Lebensgefährtin und Gattin und mir zu Schiff nach Notre-Dame des Heiligen gesetzt. Man wählt die Kirche, wie man ehedem den Heiligen
in Boulogne unternommen werden soll, weiter dann nach Notre-Dame in wählte. Der Unterschied wiegt schwer für eine Geschichte des religiösen
Montfort und nach Saint-Cöme und Saint-Damien in Lusarches. In Hin- Grundgefühls; er fällt kaum ins Gewicht für eine Geschichte der Beziehung
sicht auf das, was man mir zu verstehen gegeben hat, daß nämlich Mme. zum Tode.
meine Lebensgefährtin gewillt und ergeben sei, eine Reise nach Saint-Jac- Das Problem liegt also darin, auszumachen, welches Nlotiv die \{ahl der
ques in Galicien zu machen, obgleich sie mir nichts davon gesagt noch sich Kirche oder einer bestimmten Stelle in der Kirche oder auf dem Friedhof
erklärt hat und obgleich ich durchaus nicht eingewilligt habe, wünsche ich, beeinflußt. Die Testamente geben eine Antwort auf diese Frage: die lVahl
daß man allerwegen einen vertrauenswürdigen Botschafter mitschickt, der der Grabstätte ist eines ihrer erklärten Ziele. Ebensowenig aber haben die
ein Beglaubigungsschreiben heimbringen wird." A. Le Braz hat posthume Testatare bestimmte §Teisungen des Kirchenrechtes außer acht gelassen.
Pilgerfahrten dieser Art in der Bretagne des 19. Jahrhunderts belegt. (85) Anfangs war die Friedhofskirche die Kirche einer wegen ihrer Reliquien
Man findet sich also weiterhin zum Gebet am Grabe eines Heiligen ein, und Gräber verehrten Abtei. Die Anziehungskraft des Heiligen schwand
man sucht die Nähe der verehrten Reliquien, aber man trägt weniger Sorge dann vor der der Abtei dahin: Brauch und Herkommen verlangten, daß
dafür, sich ihm zur Seite bestatten zu lassen. Diese zweite Phase der folklo- man in einem Kloster beigesetzt wurde. Das wenigstens ist die einzige ge-
ristischen Heiligenverehrung hinterläßt in der religiösen Sensibilität nicht nauere Bestimmung, die Roland gibt, als er den Wunsch äußert, Karl der
derart tiefe Spuren wie die erste. Sie ist zweifellos bereits von einer klerika- Große möge seinen Leichnam und die seiner Gefährten finden.
len Mißtrauensreaktion begleitet und beginnt verdächtig zu erscheinen. Ein Durchaus nicht unwichtige materielle Interessen schalteten sich ebenfalls
Sekretär der Königin Isabella, Kanoniker in verschiedenen Kirchen, macht ein, denn der Verstorbene wurde sehr bald in die Pflicht genommen, in sei-
in seinenr aus dem Jahre 1403 stammenden Testament bindende Vorschrif- nem Testament bestimmte Legate zugunsten der von ihm gewählten Abtei
ten darüber, wie im Falle, daß er weit von seiner Heimat entfernt stürbe, festzusetzen. Deshalb machten die Bischöfe auch den Versuch, den Abteien
mit seinem Leichnam zu verfahren sei. Seine Vorlieben wechseln, entspre- das Bestattungsmonopol zu nehmen und es dem Friedhof ihrer Kathedral-
chend der Geltung der Kirche seines Sterbeortes. Er wünscht sich vorrangig kirche zu sichern, die zunächst außerhalb der Mauern gelegen war und dann
den Chor oder - wenn das unmöglich ist - das Schiff vor dem Bildnis Unse- einer Pfarre oder Episkopalkirche angegliedert wurde. "Die Bestattung der
rer Lieben Frau. lWenn aber die Kirche seines Sterbeortes einem anderen Toten muß da zelebriert werden, wo sich der Sitz des Bischo{s befindet."
Heiligen geweiht ist als der Jungfrau Maria, verzichtet der Testatar darauf, Venn der bischöfliche Friedhof zu v/eit vom Sterbeoru entfernr liegt, muß
sich die Nähe des Hochaltares, des Chores oder der Kapelle des Heiligen die Beisetzung in einer Gemeinde von Kanonikern, Mönchen oder Nonnen
auszubedingen; dieser Vorläufer der Reformation möchte dann im Schiff vorgenommen werden, um dem Leichnam die Fürsprache der Gebete der
vor dem Kruzifix beigesetzt sein. Es ergibt sich also die folgende Stufen- Ordensgeistlichen zu sichern. Nur wenn diese beiden Möglichkeiten sich
folge von Prioritäten: der Chor, die Bildsäule der Heiligen Jungfrau und nicht bieten, eriauben die Kirchenväter des Konzils von Tribur im Jahre
das Kruzifix, die allesanrt vor dem Heiligen rangieren. (86) Auch weniger 895 die Beisetzung an Ort und Stelle, im alten Bethaus, das dann zur P{arr-
Spitzfindige haben aufgehört, sich für ihren Leichnam anderen Schutz zu kirche geworden ist, da, wo der Verstorbene seinen Zehnten entrichtet hat.
erwirken als den von Notre-Danre oder vom Schutzheiligen ihrer Bruder- Der Beisetzung in der Landgemeinde wird erst stattgegeben, als man darauf
schaft. Die Kirche gewinnt künftig über andere Erwägungen die Oberhand. verzichtet, den bischöflichen Friedhof zwingend vorzuschreiben. In den
Sie verkörpert das Bild, das der Erblasser auf gtnz natürliche §(eise mit sei- Pyrenäen hat sich die Erinnerung an eine Zeit erhalten, da die Einwohner-
nem Leichnam in Verbindung bringt. So im Falle eines Ratsherrn des Stadt- scha{t eines Banzen Tales die Bestattung ihrer Toten auf einem einzigen
parlamentes von Toulouse, der im Jahre 1648 schreibt: "Meine Seele ver- Friedhof wie dem von Saint-Savin (in der Nähe von Pau) vornahm.
mache ich Gott, meinen Körper überlasse ich der Kirche der Augustiner Und doch gestattete das Kirchenrecht jedermann die Freiheit der Grab-
Iund nicht bloß der Erde] und der Grabstelle der Meinen." wahl. Eine gewisse Rechtsunsicherheit besteht lediglich im Falle der ver-
Dieser Frömmigkeitswandel verändert jedoch die Einstellung zum Tode heirateten Frau. Dem grazianischen Dekret zu{olge "muß die Frau ihrem

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Gatten sowohl im Leben als auch im Tode Gefolgschaft leisten". Das Ge- den, wo bereits ihre Familienangehörigen beigesetzt sind - prös da mari,
genteil behauptet ein Dekret von Urban IL: Der Tod emanzipiert die Frau pris de k fernrne,pris des enfants, die ihnen im Tode vorausgegangen sind -,
von ihrem Gatten. sei es in der Kirche: "in der Kirche Saint-Eustache, an der Stelle, an der
Es erhebt sich jedoch die Frage, was geschehen soll, wenn der Verstor- meine sehr liebe Ge{ährtin und Gattin und meine Kinder liegen, deren See-
bene keinen Letzten \(illen zum Ausdruck gebracht hat. Das Kirchenrecht len bereits bei Gott 5ini" (1411); zwei Eheleute {ordern in ihrem Testa-
sieht dann vor, daß er bei seinen Angehörigen bestattet werden soll (in ma- ment, daß sie, einander so nahe wie mög.lich, in der Kirche Saint-M6d6ric,
jorum suorum sepulcris jacet). Im wiederum bezeichnenden Falle der ver- ihrer P{arrkirche, beigesetzt werden (1663); - sei es auf dem Friedhof: die
'§(itwe eines Kaufmannes
heirateten Frau: Sie soll entweder mit ihrem Gatten zusammen oder an ei- "auf dem Friedhof der Kirche Saint-Gervais, ih-
ner von ihm ausgewählten Stelle oder bei ihren eigencn Angehörigen rer Pfarrkirche, an eben der Stelle, wo ihr verstorbener Gatte ins Grab ge-
beigesetzt werden. bettet ist" (160a); ein Gemeindemitglied von Saint-Jean-en-Gröve "auf
Es stand zu fürchten, daß die Familien sich aul bestimmte Präzed,enzfälle dem Friedhof der Saints-Innocents, an der Stelle, wo seine bereits verstor-
beriefen, um über ihre Grabstelle wie über einen durch l,rbiolge übertrag- bene Frau und seine Kinder beigesetzt und gebettet sind. (1609); ein
baren Besitz verfügen zu können. Deshalb war die \y/ahl der Pfarrkirche an- Schuhmachermeister der P{arre Saint-Martial möchte, "daß sein Leichnam
empfohlen. Folgendermaßen äußert sich etwa Hinkmar von Reims: auf dem Cimetiöre des Saints-Innocents gebettet und bestattet wird, nahe
der Stelle, wo seine verstorbene Frau und seine Kinder ruhen" (1654 [38]).
"Kein Christ darf über seine Grabstelle verfügen, als ob sie ihm in Erb-
pacht gehörte lbereditario jure]; er muß sich vielmehr mit einer Beisetzung In der Nähe seiner Angebörigen und seiner Gattin, auf dem Friedhof wie
in der P{arrkirche zufriedengeben, an der von den Priestern Iden Bischöfen] in der Kirche: "in der Abtei Saint-Sernin [Toulouse], in der zu Grabe getra-
bezeichneten Stelle." (87) Diese Unsicherheit des Brauchtums kommt in gen worden sind mein Großvater, Großmutter, Vater, Mutter, Schwester
der Sorge zum Ausdruck, die Pfarre nicht um ihre Bestatrungspfründen zu und Bruder und meine beiden Frauen" (1600);,in der Kirche Saint-
bringen. Die Pfarre mußte vielmehr immer einen durch Herkommen fi- Etienne-du-Mont, an der Stelle, wo ihre Angehörigen und ihr Gatte ruhen,
xierten "gerechten Anteil" erhalten, der zuweilen nach langen Prozessen im Kreise ihrer Kinder" (1644). In der Nähe seiner Angehörigez (d. h. ohne
erstritten wurde, wenn sich ein Gemeindemitglied sein Grab in einer ande- Nennung der Gattin bzw. des Gatten): Ein Hofrat des Herzogs von O116-
ren Kirche erwählt hatte. Uberdies konnten die Leichname, und zwar we- ans, Gemeindemitglied der Pfarre Saint-Nicolas-des-Champs, "auf dem
nigstens seit dem 17. Jahrhundert, in der Pfarrkirche aufgebahrt werden, Cimetiöre des Saints-lnnocents, an der Stelle, wo seine Väter, Mütter und
bevor sie in die erwählte Grabkirche überführt wurden. Schließlich wurde Brüder beigesetzt sind"; "im Ho{ der Kirche Saint-Germain-le-Vieil, wo
der Totengräber der betreffenden P{arre sogar dann im Sterberegister ein- meine beiden Schwestern ruhen" (1,787): "in der Kirche [Saint-S6verin], in
getragen, wenn die Beisetzung anderswo stattgefunden hatre (17./18. Jahr- der Grabstätte seiner Ahnen" (1690 [89]). Sind die zuletzt zirierten Testa-
hundert). Die kirchliche Rechtsprechung hat also gezögert, wem sie Priori- tare möglicherweise Junggesellen gewesen? Die liflitwen ziehen dagegen in
tät einräumen sollte - der Familie oder der Pfarrgemeinde. aller Offenheit die Grabstelle ihrer Angehörigen der ihres Gatterr vor: »in
der Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie, ihrer Pfarrgemeinde, an der
In der Praxis spiegelt sich dasselbe Zögern wider wie im Kirchenrecht. Die Stelle, wo ihre verstorbene Mutter ruht" (1661); ,erwählte [sich seine
Ritter der Cbanson de Roland - und noch die der Romans de la Table ronde Grabstelle] auf dem Friedhof der Kirche der Saints-lnnocents in Paris, nahe
- kümmerten sich anf angs durchaus nicht um eine Familiengrabstätte: W'e- dem Ort, wo ihr Vater und ihre Mutter beigesetzt sind., 1t+02;.
der Roland noch Olivier äußern den geringsten Vunsch, bei ihren Angehö- Ein handgeschriebenes Testament aus dem Jahre 1657 zeigt dasselbe
rigen bestattet zu werden, an die sie vor ihrem Tode überdies auch keinen Schwanken zwischen der Grabstelle der Ehegattin und der der eigenen An-
Gedanken gewendet haben. Die Ritter der Tafelrunde wünschten sich, in gehörigen: "Ich verlange, daß mein Grab an der Stelle ausgehoben wird,
der Abtei von Camaalot, neben ihren Vaffengefährten zu ruhen. wo meine Frau bestattet zu sein wünscht." Der Verstorbene wird in solchen
Vom 15. Jahrhundert an bringt die Mehrheit der Testatare den \(unsch Fällen also an einer vom jeweiligen Hinterbliebenen zu bestimmenden
zum Ausdruck, in der Kirche oder auf dem Friedhof ihre Grabstätte zu {in- Stelle beigesetzt, wenn nicht besondere Umstände dessen'!üünschen entge-

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I

t
Benstehen; in diesem Falle dann ,auf dem Friedhof, und zwar da, wo mein wählt sich sein Grab in einer Kapelle, in der auch ,sein verstorbener Vater
Vater, meine Mutter und meine Großeltern beigesetzt sind". (90) und seine anderen Freunde ruhenn. Vom 15. bis zum 17' Jahrhundert
Die Kirche wird also nahezu immer aus familiären Gründen gewählt, um kommt es sehr häufig vor, daß fromme Stiftungen zum Heil der eigenen
in der Nachbarschaft sei es der Angehörigen, sei es der Ehegattin und der Seele oder - "inehelicher Verbundenheit" - zu dem "der Gattin und dem
Kinderdie ewige Ruhe zu finden. Dieser Brauch findet seit dem 15. Jahr- aller Freunde" ausgesetzt werden. (92)
hundert allgemeine Verbreitung und bringt die wachsende Festigung eines Im Jahre 1574 wählt ein Notar seine Ruhestelle "nahe dem Grabe des
Gefühls zum Ausdruck,-das den Tod überlebte, das sich möglicherweise verstorbenen maitre Frangois Bastoneau [Notar wie er selbst], seines Vet-
sogar gerade im Augenblick des Todes dem klaren Bewußtsein aufgedrängt ters und guten Freundeso. Die Freundschaft war nicht nur - wie unter Er-
hat: 'W'enn die Familie damals im gewöhnlichen Ablauf des Alltagslebens wachsenen unserer Zeit - eine Ubereinkunft des geselligen Gemeinscha{ts-
auch nur eine geringe Rolle spielte, so übernahm sie in Krisenzeiten, wenn lebens; sie war, was sie noch heute f ür das Kind und den Heranwachsenden
außergewöhnliche Gefahr für Ehre oder Leben drohte, doch sofort die ist, nicht aber mehr f ür den Volliährigen: eine dauerhaf te, der Liebe gleich-
Herrschaft und ließ bis über den Tod hinaus äußerste Solidarität walten. wertige Beziehung, die zuweilen so stark war, daß sie den Tod überdauerte.
Die Familie triumphierte so über die kriegerischen Bruderschaften, die die Sie war in allen Gesellschaftsschichten heimisch, sogar in den untersten. Die
Ritter der Tafelrunde in ihren Grabstätten vereinten, weil deren einzige Fa- Stuhlvermieterin der Kirche Saint-Jean-en-Gröve wurde im Jahre 1642
milie die der '§flaffenbrüder war. Sie hat sich umgekehrt mit den Bruder- lWitwe, Witwe eines Soldaten im Regiment des Herzogs von Pidmont; sie
schaften des Standes und Gewerbes bald arrangiert, weil Gatte und Kinder wünscht sich, daß ihr Leichnam seine Ruhe f inden möge "auf dem Friedhof
häufig einträchtig in der Kapelle der Genossenschaft ruhten. in der Nähe der Kirche Saint-Jean [ein begehrter und guter Platz], in der
Es kam gelegentlich vor, daß der Testatar der Grabstelle seiner Familie Nachbarschaft des Grabes der Frau des Jacques Labb6, ihrer guten Freun-
eine andere vorzog, insbesondere dann, wenn er Junggeselle war; die An- din.,. (93)
ziehungskraft der Angehörigen und Eltern scheint weniger stark gewesen Es ist im 17. Jalrrhundert durchaus statthaft, der Familie und den leibli-
zu sein als die der Ehegattin und der Kinder im Falle eines verheirateten chen Freunden den geistlichen Freund, den Beichtvater vorzuziehen. Man
Mannes. Er wählte dann eine andere Stelle, die Nähe einer anderen Person, gibt sich nicht damit zufrieden, ihm einige Legate zukommen zu lassen, wie
etwa die eines Onkels, der sein Wohltäter gewesen war, eine Art Adoptiv- es der Brauch will;man wünscht sich überdies, in seinem Schatten zu ruhen,

vater - wie dieser Teppichhändler des Jahres 1659, der bestattet sein möchte wie dieser Pariser Arzt in einem handgeschriebenen Testament aus dem
"im Grabe des verstorbenen Herrn de la Vigne, seines Onkels". Man wählte Jahre 1651: sein Leichnam soll in der Kirche Saint-M6dard beigesetzt wer-
wohl auch das Grab eines Freundes; so erträumt es sich etwa Jean R€gnier: den, ,nahe dem Beichtstuhl von Hochwürden Cardos". Hier hat der
Beichtvater des 17. Jahrhunderts die Rolle des Heiligen des Hochmittelal-
Aux Jacobins eslu la terre ters übernommen: er wurde zu seinen Lebzeiten verehrt wie ein Heiliger.
En laquelle z.,euil estre m*, Es kommt schließlich vor, daß die Bediensteten nach ihrem Tode bei ih-
Pour ce qu'aux Jacobins d'Aucerre rer Herrscha{t ruhen wollen: ,So nahe wie möglich dem Grabe des verstor-
Gisent plusieurs de mes amts. (9L) benen Herrn Pierre de Moussey und seiner Gattin, zu ihren Lebzeiten Bür-
ger von Paris, die ihm Herr und Herrin waren und die Gott erlösen mögeu
Freilich konnte der leibliche Freund wohl auch ein Vetter oder ein ent- (16. Jahrhundert). "In der Kirche Sainte-Croix-de-la-Bretonnerie, nahe
fernter Verwandter sein. Er ähnelte ein wenig dem "Bruder" der archa- dem Grabe der Tochter seines Herrno (16aa)' In den meisten Fällen sind
ischen Gesellschaften. Das wird in Testamenten wie dem folgenden eines die Herren die Testamentsvollstrecker ihrer Bediensteten, die ihnen ge-
Präsidenten des Pariser Stadtparlaments aus dem Jahre 1413 deutlich: er wöhnlich auch die lVahl der Grabstelle überlassen. (94)
Den irdischen, familiären oder traditionellen Verbindlichkeiten zieht
AuxJacobins... BeidenJakobinernerwähleichmirdieErde,/lnderichbeigesetztseinwill,/ man in bestimmten Fällen im 17. und 1 8. Jahrhundert die geistliche Familie,
Und zwar deshalb, weil bei den Jakobinern von Auxerre/ Mehrere meiner Freunde ruhen. die Pfarrgemeinde vor: Ergebnis des Konzils von Trient, das der Pfarre die

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Funktion zurückerstatten wollte, die sie im Mittelalter (und vor allem im 18. Jahrhunderts allgemein verbreitet; die Gewohnheit, die Leichname zu-
14. und 15. Jahrhundert) verloren oder vermeintlich verloren hatte: "Ich sammenzupferchen, übereinanderzuschichten und umzubetten, erlaubte
fordere und verlange, daß mein Leichnam beigesetzt wird in der Kirche übrigens nicht, diese Praxis, die bestimmten Gräbern vorbehalten blieb,
Saint-Jehan-en-Gröve, meiner P{arre." überall anzuwenden. Es gab kein funeralistisches Grundbuch für das Erd-
Erfinderische Testatare kombinierten die heimische Piarrgemeinde und reich des Friedhofes. So machten die Seelenmessenregister, in denen die
eine andere Kirche ihrer lVahl: "Vill und verlangt, daß ihr Leichnam beige- Mönche des Mittelalters die Jahrestage der verstorbenen Vohltäter des
setzt und gebettet wird in der Kollegienkirche Saint-M6d6ric in Paris, im Konvents verzeichneten, den Ort der Grablegung nur vage kenntlich: Jah-
Herzen ihrer Pfarre, im Grabe, wo der verstorbene ehrwürdige Thibault, restag von C. A., Kanoniker von Limoges, "der in unserem Kloster an einer
ihr Herr und Gemahl, bestattet worden ist". Es handelt sich um eine \Witwe, Mauer oder einem P{eiler beigesetzt ist". (96) Der Testatar mußte also die
die nach dem Tode ihres Gatten ,eine der guten Frauen der Kapelle Saint- Koordinaten eines Ortes angeben, den häufig er als einziger kannte: im Ja-
Etienne-et-And16« geworden ist. Sie muß gleichwohl der Kirche Saint-Jean kobinerkloster, in der Kapelle, in der seine Frau, seine Schwester und die
eine besondere Art von Verehrung entgegenbringen, wie sie erläutert: "lch Frau seines Bruders beigesetzt sind, "welche Kapelle sich rechter Hand be-
fordere und verlange, daß mein Leichnam vor der Beisetzung in die Kirche findet, wenn man vom Schiff in den Chor eintritt" (1407). In der Kirche
Saint-Jehan-en-Gröve überführt wird, wo ein vollständiger Gottesdienst der Minimenbrüder zu Blois, Saint-Frangois, an der Stelle, die sie ihrer
gehalten werden soll, und der Beisetzung und dem Geleit sollen beiwohnen Cousine, der Frau des Gerichtsschreibers, gezeigr zu haben versichert" (16.
die Pfarrer, Vikare, Priester und Geistlichen von Saint-Jehan und die Her- Jahrhundert); "zwischen dem P{eiler am Au{erstehungsaltar und dem dar-
ren Kanoniker und ordinierten Kapläne der besagten Kirche Saint-M6- unter, an dem sich der Stuhl des Kirchenvorstehers Pierre Feuillet befindet"
dar,l", d. h. die Geistlichen beider Kirchen (1606 [95]). (1608); "im Schiff ihrer großen Kirche zu Paris, rechter Hand..., an der
Die Pfarrgebietsre{orm der Gegenreformation hat jedoch - und zwar Stelle, die ich meinem Bruder gezeigt habe"; "in Saint-Denis, vor dem Bilde
wenigstens bis zur zweiten Häl{te des 18. Jahrhunderts - die traditionelle derJungfrau"; "nahe dem Orte, den sonntags früh der Doyen von Paris
Verbundenheit mit den Gemeinden und Ordensbruderschaf ten (Jakobiner, einzunehmen pflegt, zur Stunde der Meßgebs16" (10. August 1612); "in dg1
Karmeliter) nicht auf gehoben, wie wir später am Beispiel von Dokumenten Kirche Saint-Nicolas-des-Champs ... am fünften Pfeiler" (1669); "in der
aus Toulouse sehen werden. Kirche der Karmeliterbrüder an der Place Maubert im Grabe seiner Ahnen,
das sich in der Kapelle des Heiligen Joseph unter einer großen Grabplatte
befindet [das Vorhandensein einer ,großen Grabplatte., die zweifellos mit
Der Ort der Beisetzung in der Kirche einer Inschrift geschmückt war, genügte also nicht, die genaue Lage des
Grabes zu verbürgen], die zu der Stufe ftihrt, die das Geländer des rechter
Var die Kirche als Ort der Beisetzung einmal gewählt - aus familiären oder Hand befindlichen Altars 5gijs21" (1661 [97]).
Gründen der Frömmigkeit -, so stellte sich das Problem, den genauen Platz Man konnte durchaus nicht immer sicher sein, auch wirklich an der der-
zu fixieren, an dem man bestattet zu sein wünschte: in der Kirche selbst art beschriebenen Stelle beigesetzt zu werden, selbst §/enn der Geistliche
oder auf dem Friedhof - und vor allem: an welcher Stelle. und die Kirchenvorsteher ihre Zustimmung erteilt (oder verweigert) hat-
'§[enn manche Erblasser diese \flahl auch ihrem Testamentsvollstrecker ten: Möglicherweise belegten frühere Grabstellen und noch nicht gänzlich
überlassen, so gibt die Mehrheit sich doch große Mühe, leicht auszuma- versreste andere Leichname den gewählten Platz mit Beschlag. Es war des-
chende Anhaltspunkte anzugeben und damit die gewünschte Örtlichkeit halb eher eine Umgebung als eine genau markierte Stelle, die man bezeich-
genau€r zu kennzeichnen. Es handehe sich im allgemeinen darum, den Ort nete: ,in der Eglise du Val-des-Ecoliers, an dem Platz oder in seiner Nähe,
zu markieren, an dem sich das Familiengrab befand, dem zu Seiten der Erb- wo seine verstorbene Frau bestattet liegt" (1401); "au{ dem Cimetiöre des
lasserzur Ruhe gebettet werden wollte. In den meisten Fällen war dieser Innocents, nahe dem Orte, da sein Vater und seine Mutter beigesetzt sind,
Ort nicht eindeutig bezeichnet. Der Brauch, den genauen Lageplan der oder an einer anderen nahegelegenen Stelle" (1407); "so nahe wie möglich
Grabstelle durch eine Inschrift zu markieren, hat sich ersr gegen Ende des dem Grabe von.... (16. Jahrhundert); "das besagte Grab seines Vaters und

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seiner Mutter, das nahe der Kirchenmauer liegt, gleich linker Hand, wenn Die nach dem Chor gesuchteste Stelle war die Kapelle der Heiligen Jung-
man eintritt. (1404 [98]). Man findet in den formelhaften Außerungen der frau oder ihr "Bildnis". Die Familie der'§(itwe des in Nicopolis getöteten
Testatare oder der Geistlichen, die die Testamente abfaßten, sehr häufig Kammerherrn Guillaume des Bordes hatte ihre Grabstelle "in der Kirche
'§(endungen wie derPropstei vonSaint-Didier, in der Kapelle Unserer Lieben Frau" (1416).
"nabe dem Orte, da bestattet liegt...., "nahe der Ka-
pelle. . ."- im Englisch en beneath. Diese Bezeichnung der Nähe ist die ge- Man konnte oor,aber nicht ln der Kapelle beigesetzt werden: so diese in
bräuchlichste; sie läßt jedoch auch Ausnahmen zu: einige Testatare setzen erster Ehe mit einem Pariser Bürger verheiratete \f itwe, zur Zeit Gattin ei-
das Tüpfelchen aufs i: "an der Stelle und in der Gegend, wo...« (1657); "an nes W'undarztes des Königs, die verlangt, daß ,ihr Leichnam beigesetzt
derselben Stelle, wo auch meine Frau Mutter bestattet liegt" (1652). wird in der Kirche Saint-Jacques-de-la-Boucherie, ihrer Pfarrkirche, vor
EinTestatar des 15. Jahrhunderts hat sich große Mühe gegeben, den Ort der Kapelle der Heiligen Jungfrau, an der Stelle, wo ihre verstorbene Mut-
seiner Grabstelle gleichsam geometrisch {estzulegen: "an dem Schnitt- ter bestattet liegt" (1601; ein Fall, wo die eigenen Angehörigen denen des
punkt, der sich ergibt, wenn man durch zwei Linien einerseits das Kruzifix Gatten vorgezogen werden). Ein anderer Testatar: 'in der Abteikirche von
und das Bildnis Unserer Lieben Frau, andererseits die Altäre der Heiligen Saint-Sernin, nahe der Kapelle IJnserer Lieben Frau' (1600).
Sebastian und Dominikus verbindet" (1416 [99]). Die begehrteste und Man wählte auch die Beisetzung vor dem Bildnis der Jungfrau, wie dieser
kostspieligste Stelle ist der Chor, in der Nähe des Altars, an dem die Messe \Winzer:,in der Kirche des besagten Montreuii, an derselben Stelle, wo
gelesen wird, da, wo der Priester das Cont'iteor spricht. Eben das ist der seine liebe Frau bestattet liegt, die sich vor dem Bildnis der Jungfrau befin-
Grund der Beisetzung ad sanctos: das Meßopfer, mehr noch als der Schutz det" (1628); oder in einem anderen Fall: "gegenüber dem Bildnis LJnserer
des Heiligen. ,seinen Leichnam möchte er die Ruhe finden lassen in der Lieben Frau, das sich in besagter Kirche be{indet". Ein königlicher Sekre-
Eglise de [a Terne, die dem Zölestinerkloster der Diözcse von Limoges zu tär: olch verlange und ordne an, daß mein Leichnam in der Kirche Saint-
eigen ist, und zwar im Chor der besagten Kirche, ziemlich nahe [d. h. sebr Jehan-en-Gröve bestattetwird, meiner Pfarre, in der ich zweiter
Kirchen-
nahe] dem Hochaltar zu seiten der Mauero (1a00). Ein Arz.t Karls Yl.: ,in vorstand gewesen bin, während Herr Graf d'Estr6es der erste war [eine
choro dictae ecclesiae ante magnum altare" (im Chor der besagten Kirche schöne Art von Verbung!1, und zwar vor dem Bildnis der Jungfrau, an der
vor dem Hochaltar). "Im Chor der Kirche der Minimenbrüder zu Blois, Stelle der Kapelle [...], *o die verstorbene Mme. Damond, meine Gemah-
Saint-Frangois, nahe dem Hauptaltar" (16. Jahrhundert). "Im Chor des lin, bestattet liegt" (1661).
Hötel-Dieu dieser besagten Stadt Paris.. (1662). Ein maitre des requ€tes Ein Bildnis der Heiligen Jungfrau gab es auch auf den Friedhöfen, so auf
(Bittschriften-Berichterstatter) möchte über{ührt werden "in die Kirche zu dem Cimetiäre des Innocents: ,Auf diesem Friedhof steht ein Türmchen
Boulay und beigesetzt sein im Chor dieser besagten Kirche" (1669). anstelle eines Grabes, mit einem in Stein gemeißelten Bildnis unserer Lieben
Es kam vor, daß die Hauptmesse der P{arre nicht immer am Hochaltar Frau, sehr schön gestaltet, welches Türmchen ein Mann für seine Bestat-
gelesen wurde; deshalb will der folgende Testatar beigesetzt sein "in der tung hat anfertigen lassen, weil er zu seinen Lebzeiten damit prahlte, daß
Kirche Saint-Merry, in der Kapelle, in der die Messe der Pfarre gelesen die Hunde nicht auf seinen Grabstein pissen sollten.. Im 16' Jahrhundert
wird" (1a13). Im 17. Jahrhundert war dieser Altar der Abendmahlsaltar; wählte man sich eine Grabstelle ,vor dem Bildnis der Schönen Dame", "zu
,unter dieser Grabplatte ruht der Leichnahm des Herrn Claude d'Aubray, seiten des Bildnisses LJnserer Lieben plxu«, auf dem Cimetiöre des Inno-
zu seinen Lebzeiten Ritter", gestorben am 31. Mai 1609 im Alter von 83 cents. Im Jahre 1621: ,auf dem Cimetiöre des Innocents, gegenüber dem
Jahren, ,der auf Erden eine tiefe und ganz besondere Verehrung für den Altar der Jungfrau Maria an besagtem Q11s"; ,auf dem Cimetiöre des Inno-
ehrwürdigen Leichnam LJnseres Herrn Christus hegte;er hat verlangt, Caß cents, vor der Kapelle der Jungfrau Maria, die sich mitten auf dem Friedhoi
er am Tage seines Hinscheidens beigesetzt und gebettet wird neben diesem befindet.. (101)
Abendmahlsaltar, um für sich Barmherzigkeit durch die Gebete der Gläu- Die anderen Heiligen wurden sehr viel seltener in Anspruch genommen:
bigen zu erlangen, die hier niederknien und sich diesem sehr heiligen und man verehrte sie ia überdies zuweilen als Schutzheilige der Bruderschaften,
verehrungswürdigen Sakrament nähern, und mit ihnen in der Glorie aufzu- denen die Kapelle geweiht war. Die Frau eines Gärtners möchte beigesetzt
s1516hsn." (100) sein ,in der Kirche Saint-Gervais, gegenüber der Kapelle des Heiligen Eu-

104 105
tropius« (1604);ein Staatsanwalt beim Chätelet in der Kapelle des Heiligen Ediktes von Nantes dieselbe Art von Verehrung für die Stelle aufbrachten,
Joseph, und zwar im Jahre 1661, d. h. in einer Phase, in der die Verehrung wo sie zu ihren Lebzeiten dem Gottesdienst gefolgt waren: Anne Gaignot,
des Heiligen Joseph als Schutzpatron eines erbaulichen Todes sich gerade die Frau Nicolas t. von Rambouillet, gestorben im Jahre 1684, verlangt, ne-
erst entwickelte. Die Auferstehungskapelle wurde in einem Fall aus dem ben dem Gotteshaus von Charenton bestattet zu werden, auf dem alten
Jahre 1647 aus denselben Gründen gewählt. Friedhof, nahe ihren Angehörigen, "gegenüber der Stelie, die sie gewöhn-
Nach dem Chor, nach der Kapelle und nach dem Bildnis der Heiligen lich im Tempel auisuchte". (104;
Jungfrau beginnt vom 15. Jahrhundert an - und noch im 17. - das Kruzifix In den Testamenten finden sich freilich auch andere Ortsangaben, die ie-
als Ort der Grabwahl in Erscheinung zu treten. Ein Pfarrer trifft im Jahre doch außergewöhnlich und wenig charakteristisch sind: "unter dem Veih-
wasserbecken.. (1404), »prope Piscinan " (1660 [105]).
1402 die genaue Anordnung, man möge ihn
"ante cruzifixum et ymaginem
beate Marie " zugleich beisetzen. Es konnte einem auch das Glück zuteil Die Vahl der vom Erblasser auf diese \(eise bezeichneten Grabstelle
werden, daß das Kruzifix im Chor aufgehängt war: »unter dem Kruzifix blieb von der Billigung des Klerus und des Kirchenvorstandes abhängig. Sie
des Chores" (1690). Im allgemeinen war das Kruzifix zwischen Schiff und war {ast immer eine Sache des Geldes; gewitztere Testatare aber gaben häu-
Chor aufgerichtet oder aufgehängt. Ein Pariser Bürger wünscht im Jahre fig gleich Ersatzmöglichkeiten an, die überdies von Interesse sind, wenn
1660 ,seinen Leichnam in der Kirche Saint-Germain-del'Auxerrois be- man sich die psychologische Beziehung zwischen Beisetzung in der Kirche
stattet zu sehen, seiner Pf arrkirche, zu Füßen des Kruzi{ixes". Das Kruzif ix und auf dem Friedhof verständlich machen will: ,in der Kirche Saint-Eu-
konnte sich auch an der Stelle der Kirchenvorstandssitze befinden. Manche stache; wenn die Kirchenvorsteher damit nicht einverstanden sind, dann im
Gläubige - sicher frühere Kirchenvorsteher - wählten es sich zur letzten Armengrab auf dem Cimetiöre des Innocents" (16a1); nin der Kirche der
Ruhestätte. Ein Bäcker und seine Frau etwa "in der Eglise de la Madeleine Minimenbrüder [...], unter inständigen Bitten an den Pfarrer der Kirche
vor dem Kirchenvorstandssitz der besagten Kirche" (1650); "in Saint-M6- Saint-M6d6ric, seinen hochverehrten geistlichen Hirten, dieser Verf ügung
d6ric, meiner Pfarrkirche, vor der Kanzel der Stifter, wo auch meine Ange- zuzustimmen« (16a8); "in der Pfarrkirche, in der besagter Erblasser ver-
hörigen bestattet liegen. (1649 [102]). scheiden wird, wenn sich das ohne große Umstände machen läßt; wo nicht,
.§(/ir auf dem Friedhof. (1590);,in der Kirche des Hötel-Dieu [...], wenn das
haben oben gesehen, daß Kreuze auf den Friedhöfen als eine Art
Markierungszeichen dienten. Die Testatare wiesen häufig auf sie als topo- möglich ist, oder anderswo in der Kirche oder auf dem Friedhof, an einer
graphischen Bezugspunkt hin, um den genauen Ort ihrer Grablegung zu Stelle, die Dame Marg. Picard, meine Nichte, auswählen wird" (1662); ,in
bezeichnen: »zwischen dem Kreuz und der Ulme des Friedhofs der Kirche der Kirche der Kapuzinerbrüder [...], die er anfleht, ihm diese Stelle zu ge-
Saint-Gervaiso - so ein Pariser Kaufmann und seine Frau (1602). währeno (1669); "in der Kapelle Notre-Dame-des-Su{frages zu Taur [bei
Eine der am häufigsten gewählten Ortlichkeiten war im 17. Jahrhundert Toulouse], wenn der Herr Rektor besagter Kirche zustimmt, wo nicht, auf
schließlich die Bank, die die Familie in der Kirche innehatte. Man verlangte, dem Friedhof der genannten Pfarre" (1678).
daß der Leichnam nahe der Stelle ruhen sollte, wo man zu seinen Lebzeiten Für den Friedhof entscheidet man sich hier also nur, wenn die Kirche
der Messe beigewohnt hatte, "im Schiff, nahe seiner Bank im unteren Teil keinen Platz mehr bietet. Gleichwohl wählen manche Testatare den Fried-
der Kirche, an einem der Pfeiler des Turms neben dem Taufbecken" (1622); hof aus freien Stücken, und zwar aus Gründen christlicher Demut. Claude
ein Büttel des Chätelet und seine Frau "in der Kirche Saint-Nicolas-des- de l'Estoile, Ritter, Herr von Soussy, ',der sich als großer Sünder bekennt,
Champs, ihrer Pfarrkirche, gegenüber ihrer Bank in besagter Kirche" will nicht in der Kirche bestattet sein, deren er sich nicht für würdig hält,
(1669). Eine Familie schließt im Jahre 1607 mit dem Kirchenvorstand ihrer sondern auf dem Friedhof seiner Pfarre. (1652). Auf dem Friedhof * das
Pfarre einen \./ertrag, »um eine Grabplatte gegenüber besagter Bank anlegen wollte zuweilen besagen: auf dessen begehrtestem Teil, in den Beinhäusern:
zu können und dort ihre Angehörigen, den Familienvorstand selbst, seine ,Laure de Mahault verlangt, daß ihr Leichnam auf dem Friedhof bestattet
Frau und seine Kinder, beizusetzen"; ein anderer "in der Kirche Saint- wird, der an die Kirche Saint-Jehan, ihre Piarrkirche, grenzt« (1660); "un-
Jehan -en-G röve, seiner Pfarrkirche, neben seiner Bank " ( 1 52 8-1 6 70 [ 1 03]).
ter den Beinhäusern der Pfarre Saint-Cosme" (1667). Das konnte auch be-
Auffallend ist, daß die Pariser Protestanten z'tr Zert der Gültigkeit des deuten: im Armengrab. Ein Rechtsanwalt am Chätelet fordert im Jahre

106 107
1406: "im großen Gemeinschaftsgrab für die Armen"; Geneviöve de Qua- Tabelle l.
trelivres im Jahre 1519:"im Armengrab auf dem Cimetiöre des Innocents, Beisetzungen in Kircben a{lerhalb der eigenen Pfarrgemeinde.
wie ihr Vater". (106) Man wird später - im dritten Teil des vorliegenden Prozentualer Anteil an der Gesamtzahl der Beisetzungen in Kirchen
Buches - sehen, daß die noch immer außergewöhnliche Beisetzung auf dem
Friedhof in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts häufiger wird - Zei- in 1o Daurade Dalbade St.-Etienne
chen eines Einstellungswandels, der die Aufgabe der Grablegurrg in den
1699 17A5 ß92
Kirchen ankündigt. (107) Franziskaner l3,5 17 l1
Jakobiner l3,5 t2
Karmeliter 4 1l 15,5
Pfarrkirche 11,5 62 )7 7
Bestattung in der Kirche? Auf dem Friedhof ?
A u gus ti ner- B arfüße r tt
Ein Beispiel aus Toulouse

Die obige Darstellung mag den Anschein erwecken, daß vom 15. bis zum
Tabelle 2.
17. Jahrhundert der begehrteste Ort
der Beisetzung die Kirche war. Eben
Soziale Verteilung der Beisetzungen in d.en Kirchen
das merkt auch Furetiöres Vörterbuch in seiner Fußnote zum Stichwort
und. auf den Friedhöfen (in Prozenten).
cirnetiöre an: "Früher wurde niemand in den Kirchen bestattet, sondern auf Zum Vergleich mit den Angaben von A. Fleury nach ihrer schematischen Darstel-
den Friedhöfen. Heute sind die Friedhöie fast nur noch für das gemeine lung VIII zu Paris im 16. Jahrhundert:607o in den Kirchen,407o auf den Friedhöfen.
Volk bestimmt."
1iüer aber gehörte zum gemeinen Volk? Untersuchen wir zunächst, in o/o-Anteil an der Gesamtz.ahl Adel und Handwerks- Gesellen
welchem Verhältnis sich die Beisetzungen aufteilen. \W'ir sind dazu dank der der Beisetzungen in der Richterstand" und
meister und
Kirchenbücher der P{arrgemeinden in der Lage, die den Ort jeder Grable- Pfarrgemeinde Kaufleute" Unbekannte"
gung verzeichnen, selbst wenn sie nicht im Kirchspiel stattgefunden hat. St.-Etienne Kirche 64 38 51 10
Ich habe die Kirchenbücher dreier Pfarrkirchen von Toulouse als Bei- 1692 Cimetidre
spiel ausgewählt,und zwar aus den letzten Jahren des 17. Jahrhunderts, di- Saint-Sauveur 36 3J 46 + 20(Kin-
rekt an der \Wende zum 18. Das erste ist das von Saint-Etienne, der Kathe- der) : 56
drale im Herzen der mittelalterlichen Stadt, in dem \Wohnbezirk, wo noch Daurade Kirche 48 2A 60 6

die Adeligen, die hohen Beamten, die Obersten und reichen Kaufleute in 1 698 Cimetiöre des

größerer Zahl als anderswo wohnten;dann die Piarre Dalbade, mitten im Comtes 21 60 l0
Cimetiöre de
Viertel der Handwerker und Gewerbetreibenden, aber auch der städtischen
Bearrrten; schließlich nimmt, weniger volkstümlich als Dalbade, aber auch
Toussaint 31034 50
Daurade Kirche 37 20 68 t2
weniger rristokratisch als Saint-Etienne, die Abtei von Daurade eine Son- 1699 Cimetiöre des 26 (Kinder)
12 60 17
derstellung ein. (108) Comtes
Die Kirchenbücher erlauben eine genaue Unterscheidung der Beisetzun- Cimetiöre de 37026 54 + 18(Kin-
gen in den Kirchen und auf den Friedhöfen. \ü'ir wollen zunächst den Fall Toussaint der) : 72
der Beisetzung von Gemeindemitgliedern außerhalb ihrer eigentlichen Dalbade Kirche 49 9 59+9 ll
P{arre ins Auge fassen. Die Frage ist nur für die Beisetzungen in der Kirche t705 :68:r:l
von Bedeutung: denn die auf dem Friedhof zur Ruhe Gebetteten stammen Cimetiöre 51 6 (Kinder) 48 46

alle aus der Pfarrgemeinde. Prozentanteil der Beisetzungen sei es in der Kirche, sei es auf dem Friedho{.
97, : Kaulleute; 687o = Handwerksmeister * Kauileute.

108 109
Tabelle 3. Vergleichen wir in jeder Pfarrgemeinde jetzt die Zahl der Beisetzungen
Anteil der Kinder an der Gesamtzahl in der Kirche (welcher auch immer) und auf dem Friedhof .
de r B e is e tz unge n (pro z e nt ua le V er te il un g). Der Friedhof gehört immer zur Pfarre. Es gibt in manchen Pfarrgemein-
den jedoch verschiedene Kategorien von Friedhöfen.
P{arre Dalbade Daurade St.-Etienne In Dalbade zeigt sich die einfache Verbindung von Kirche und Friedhof ,
t7a5 1699 1692
wie sie bereits auf den vorhergehenden Seiten analysiert worden ist. Umge-
von 10 Jahren kehrt ist in der Kathedrale und in Daurade die Situation komplexer, einmal,
Kirchen 36 57 12 weil die beiden Kirchen Sitz von Kanoniker- und Mönchsgemeinden sind,
Friedhöfe 67 62,5 48 aber auch aufgrund ihres ehrwürdigen Alters, der Neugestaltung ihrer Ne-
von I Jahr bengebäude und ihrer Nachbarschait.
Kirchen 10 18 4
In Saint-Etienne ist der älteste Friedho{ das Kloster. Man nennt ihn noch
Friedhöfe 2(( 19 )9
im 17. Jahrhundert den "Friedhof des Klosters", im allgemeinen jedoch
einfach "das Kloster" oder den "kleinen Klosterhof ". In der Tat ist die Bei-
Tabelle I zeigr die hohe Zahl von Bestattungen außerhalb der Pfarre. Ich setzung hier ebenso begehrt und teuer wie im Kircheninnern. Es gibt also
wäre nach einer keineswegs umfassenden Lektüre von Pariser Testamen-
- nicht den geringsten Unterschied zwischen den beiden Toten-Populatio-
ten desselben Zeitraums - durchaus nicht überrascht, wenn sie in Toulouse nen. Deshalb habe ich sie auch in ein und derselben Kategorie von Kir-
höher läge als in Paris. In Paris wurde die Beisetzung außerhalb der eigenen chen-BestattunBen zusammengefaßt. Von 23 Grabstellen dieser Kategorie
Pfarre nicht befürwortet, es sei denn, es handelte sich um ein Familiengrab. liegen nur 9 im Schiff, die anderen im Kloster. Der Fall ist interessant, weil
Beim Vergleich der Pfarrkirchen fallen bedeutende Unterschiede ins er zeigt, daß das aitre oder Kloster unter besonderen Umständen - so in
Auge:627o der Bestattungen von Dalbade f inden in der Pfarrgemeinde statt Orl6ans und sicher auch in England - seine Funktion als vornehmer und
(Kirche und Klöster), gegen 777o von Daurade. In der volkstümlichsten ehrwürdiger Friedhol unter freiem Himmel beibehalten hat. In diesem
wurden also mehr als die Hälfte der Beisetzungen in der Pfarrkirche vollzo- Falle mußten die Klöster jedoch alt und die Armen von der Beisetzung auf
gen. In den weniger volkstümlichen Pfarren gab man dem Prestige anderer jeden Fall ausgeschlossen sein.
Sanktuare nach. In der ersten Entwicklungsphase der Beisetzung in der Die Situation ist annähernd die gleiche in der uralten Benediktinerabtei
Kirche, die Zeichen eines sozialen Aufstiegs war, fand die Bestattung also von Daurade. In übereinstimmung mit sehr alten Bräuchen, die sich hier
in der eigenen P{arre statt. erhalten haben, sonst aber im allgemeinen in Vergessenheit geraten sind
Velche Kirchen haben die Testatare nun ihrer eigenen Pfarrkirche vor- (mit Ausnahme des Südens ?), nahm man hier weder im Schiff noch im Chor
gezogen? Tabelle 7 weist das deutlich aus. Vor allem die Klöster der Bettel- Beisetzungen vor: die 117o der Grabstellen, die ich Grabstellen in der Kir-
orden (Jakobiner, Karmeliter, Augustiner und Franziskaner): Die Hälfte che gleichgestellt habe, lagen in'Sflirklichkeit sub stillicidio (unter den §flas-
aller Beisetzungen von Saint-Etienne, 80% der von Daurade. In Daurade sertraufen) oder in porticu (in der Vorhalle), um die alten Bezeichnungen
fiel ein Drittel aller Grablegungen auf die Jakobiner, ein weiteres Drittel wiederaufzunehmen, die hier gegen Ende des 17. Jahrhunderts noch ihre
auf die Barfüßer. Die Bettelorden sind die großen Spezialisren des Todes volle Bedeutung haben: "in der Vorhalle dieser Kirche", "vor dem Portal
- sie q/ohnen der Beisetzung bei - und der postmortalen Zeremonien: sie dieser Kirche", "im Konvent unserer Kirche" (das Kloster?), "auf dem Hof
halten die Totenwache, versuchen, die Nachfrage nach Grabstellen selbst dieser Kirche", "im Klosterhof", "in der Eingangshalle zur Kirche". Be-
zu befriedigen, und beten für die Seelen der Verstorbenen. Seit dem Ende merkenswert ist, daß die Priester, die die Kirchenbücher führen, nie das
des Mittelalters ist der Gürtelstrick des Heiligen Franziskus an die Stelle lVort cimetiire zur Bezeichnung des Ortes dieser Grablegungen unter
der Ablaßpfennige des Heiligen Bernhard getreten, wie sie sich in den {reiem Himmel benutzen.
Grabstätten des 12. Jahrhunderts finden. Das ist ein bis in die zweite Hälfte 'Wenden wir uns nun den Friedhöfen im eigentlichen Sinne zu, denen von
des 18. Jahrhunderts ganz allgemein verbreitetes Phänomen. Saint-Etienne und Dalbade. Der Friedhof , auf dem man im I 7. Jahrhundert

t10 111
die Gemeindemitglieder von Saint-Etienne beisetzte, grenzt nicht unmit- sowohl für die Aushebung besagter Gräber und ihre Zurichtung als auch
telbar an die Kirche; er ist von ihr sogar durch die ganze Breite der Schutz- für die Bestattung und Beisetzung der Leichname". (109) Ziehen wir zum
wehr bzw. des später an ihre Stelle tretenden Boulevards getrennt. Er heißt Vergleich die im selben Dokument festgelegten Bedingungen für "die Grä-
Cimetiöre Saint-Sauveur, trägt also den Namen der kleinen Kirche oder ber. heran, "die in der Kirche ausgehoben werden: für Gräber ohne be-
Kapelle, die innerhalb seiner Ein{riedung erbaut worden ist und ohne die wegliche Grabplatte 40 Sous, für solche mit beweglicher Grabplatte 50
er keine Existenzberechtigung hätte. Kein Friedhof ohne Kirche, kein Sous.. Also 12 Sous auf dem am geringsten eingeschätzten Friedhof,20 auf
Friedhof , der von der Kirche räumlich getrennt wäre. So war der Cimetiöre dem anderen, 40 in der Kirche, und zwar ohne Grabplatte, und 60 mit be-
des Champeaux ein Annex der kleinen Eglise des Saints-Innocents. Der weglicher Grabplatte, d. h. mit einem Gedenkstein.
Unterschied ist der, daß Saint-Sauveur keine Pfarre ist wie Saints-lnno- Es gab also, in Daurade wie in Saint-Jean-en-Gröve, eine Zwischenkate-
cents. Sie ist ein Annex der Kathedrale. Der Cimetiöre Saint-Sauveur stammt gorie zwischen der Kirche und dem gewöhnlichen Friedhof . Diese Katego-
aus einer Zei,da der Friedhof sich von der Kirche zu lösen begann. \Wir rie läßt sich weder in Saint-Etienne noch in Dalbade nachweisen.
werden andere Beispie.le dafür im sechsten Kapitel - oDer Rückfluß. - des Untersuchen wir jetzt die Befunde von Tabelle 2, und zwar zunächst die
vorliegenden Buches beibringen. Er ist angelegt worden, um der Pfarre der ersten Spalte: das Verhältnis zwisphen Beisetzungen in den Kirchen (al-
Saint-Etienne als Bestattungsplatz zu dienen. ler Arten, bei Einschluß der Klöster) und auf den Friedhöfen für alle drei
Die Pfarre Daurade hat ihrerseits zwei Friedhöfe (zusätzlich zum Kloster Pfarrgemeinden.
und zur Vorkirche der Abtei): der eine sehr alt und ehrwürdig - man nennt Ganz allgemein ist man verblüfft angesichts der Bedeutung der Bestat-
ihn den Cimetiöre des Comtes -, der andere sehr viel jünger und für die tungen in den Kirchen, ein Ergebnis, das unsere vorhergehenden Analysen
Armen bestimmt, der Cimetiöre de Toussaint. I)ieser letztere könr-rte aus besrätigt. Der prozentuale Anteil der Kirchen liegt sehr häufig um oder
derselben Zeit stammen wie der Cimetiöre Saint-Sauveur. Die beiden knapp über der Hälfte, er sinkt nicht unter ein Drittel (der Gesamtsumme
Friedhöfe lagen innerhalb der Grenzen der Abtei, der Cimetiöre des Com- der Beisetzungen). Dieser hohe Anteil stellt unter Beweis, daß gegen Ende
tes am Eingang zur Kirche und daneben. Er verlängerte, §/enn auch nicht des 17. Jahrhunderts ungef ähr die Hälfte der Bevölkerung der Städte - we-
dauerhaft, den Friedhofsbereich der Vorkirche: die Graien von Toulouse nigstens aber mehr als ein Drittel - in den Kirchen beigesetzt wird. Und
hatten dort ihre Grabstellen. Ein der Königin P6dauque zugeschriebener das besagt, daß das Privileg der Bestattung apud ecclesiam nicht mehr nur
Sarkophagvom Anfang des 5. Jahrhunderts, der heute im Musde des Augu- dem Adel und der Geistlichkeit vorbehalten war, sondern, schlicht und
stins aufbewahrt wird und zweifellos die Grabstätte von Ragnachilde dar- einfach, auch einem beträchtlichen Teil der Mittelschichten.
stellt, hatte seinen Platz - gemäß einer alten Beschreibung - "im außerhalb Die aristokratische Pf arrgemeinde Saint-Etienne weist mehr Grablegun-
der Ringmauer der Kirche von Daurade gelegenen Teil, nahe dem Cime- gcn in der Kirche (64%)als auf dem Friedhof (36To) au|. Recht bemerkens-
tiöre des Comtes" (möglicherweise in einer Nische). wert ist, daß der hier zutage tretende prozentuale Anteil dem sehr nahe
Der andere Friedhof lag im Umkreis der Apsis von Daurade. Sein Name kommt, den A. Fleury für das Paris des 16. Jahrhunderts ausgewiesen hat:
gibt zu verstehen, daß er später entstanden ist als die Feier des Totenfestes 607o in den Kirchen, 4OTo auf den Friedhöfen. Dieses Ergebnis läßt sich
(der Tag nach Allerheiligen), zu eben der Zeit, in der sie volkstümliche Ver- ,tls beständiges Kennzeichen reicher und adeliger Pfarrgemeinden festhal-
breitung fand. ten.
Der Fall, daß mehrere Friedhöfe für eine einzige P{arrgemeinde vorhan- In Dalbade verteilen sich die Beisetzungen je zur Hälfte auf Kirche und
den waren, ist im 16. und I 7. Jahrhundert nicht außergewöhnlich. ln Paris lrriedhof .

hatte Saint-Jean-en-Gröve einen »neuen« und einen »grünen« Friedhof. In Daurade ist die Situation, bezogen auf zwei aufeinanderfolgende
Der neue Friedhof war der begehrtere. Gemäß einem Vertrag, der im Jahre .lahre,verschieden. Im Jahre 1698 ist das Verhältnis das gleiche wie das von
1624 mir dem Kirchenvorstand geschlossen wurde, durfte "der Totengrä- I)albade im Jahre 1705. Im Jahre 1699 bildet es das genaue Gegenteil zu
ber für besagte Gräber des genannten neuen Friedhofes nicht mehr als 20 .lem von Saint-Etienne von 1692 - 637o aü den Friedhö{en und 377o in
Sous nehmen, und für die des genannten grünen nicht mehr als 12 Sous, ,len Kirchen.

tt2 113
Gehen wir jetzt zu den drei anderen Spalten von Tabelle 2 über, die eine bade bei den Franziskanern. Erinnert sei an das, was weiter oben über die
Vorstellung von der prozentualen Verteilung nach der Zugehörigkeit zu Treue zu den Bettelorden gesagt wurde. Ihre Kirchen bargen die Grabka-
bestimmten Gesellschaftsklassen vermitteln. pellen von Bruderschaften. §flahrscheinlich haben diese kleinen Leute und
Ich habe - durchaus grob - drei Kategorien unterschieden: zunächsr den ihre Frauen und Kinder gerade wegen ihrer Zugehörigkeit zu bestimmten
Schwert- und den Amtsadel, die Hauptleute, die höher- und die niedriger- Bruderschaften Grabstellen in den Kirchen erhalten.
gestellten Beamten (und zwar in bunter Folge Ratsherren im Stadtparla- Vohlgemerkt: 'Wenn sie auch eine Grabstelle erhielten, so mußten das
ment, Advokaten, Kammerpräsidenten, Unterabgeordnete, Beamte des doch nicht zwangsläufig sichtbare Gräber oder regelrechte Epitaphien sein.
die Geistlichkeit, die Arzte: die vorneh-
Seneschall, Steuererheber usw.), Aber die Mehrzahl der Grabstellen in den Kirchen fiel Angehörigen der
men Leute. Dann die Kaufmannschaft und die Gewerbetreibenden. zweiren Kategorie zu: zwischen 5O und 70%. 51 % in Saint-Etienne,60 oder
Schließlich die Gesellen, Handwerksgehilfen, Bediensteten, kleinen Leute 687o in Daurade, 68 7o in Dalbade: Kaufleute, Handwerksmeister mit ihren
und das Heer der Namenlosen. Frauen und Kindern; Schneidermeister, Maler, Glaser, Strumpfwirker,
Die mittlere Kategorie entbehrt nicht der Mehrdeutigkeir. Manche Schuster, Bäcker, Bürstenbinder, Apotheker, Perückenmacher, Backstu-
Kaufleute führen einen Lebenswandel wie höhere Justizbeamte. Manche benbesitzer,,Gastwirte. ; Maurer, Färber, Stiefelputzer, Messerschmiede,
Handwerksmeister unterscheiden sich nur wenig von den Gewerbetrei- Zimmerleute, Kerzenmacher, Tuchscherer, Sporenmacher, Sergeweber...
benden der unteren Kategorie. Auch sie müssen häu{ig Bruderschaften angehört haben: Man bemerkt, daß
Ein erstes Merkmal springt geradezu ins Auge. Es gibt auf dem Friedhof die Schuster sich ihre letzte Ruhestätte häufig bei den Karmelitern, die
keine vornehmen Leute der ersten Kategorie, mit Ausnahme einiger ihrer Schneider eher in Saint-Etienne und die Kaufleute bei den Franziskanern
Kinder: die l2Vo des Cimetiöre des Comtes, die 69o des Cimetiöre de la suchen.
Dalbade sind Kinder. Wir kommen darauf zurück. So scheinen die Grabstellen in den Kirchen das gesamte Reservoir der
Der prozentuale Anteil der vornehmen Leute in den Kirchen liegt höher Adeligen, des Richterstandes und der hohen und niedrigen Beamtenschaft
in Saint-Etien ne (387o der Gesamtzahl der Beisetzungen), er ist immer noch zu umfassen und zu mehr als der Hälfte von einem Großteil des gewerbe-
bemerkenswert in Daurade (20%) und ist niedrig in Dalbade (9%). \(enn treibenden Bürgertums benutzt zu werden.
lVenden wir uns nunmehr der sozialen Zusammensetzung der Friedho{s-
man die Kaufleute unter die erste Kategorie subsumierte, so ergäben sich
497o inSaint-Etienne, 18Vo inDalbade. Die allgemeine Bedeutung des Ver- population zu.
gleichs veränderte sich jedoch nichc. Die Adeligen, die Leute von Stand, die Der Cimetiöre Saint-Sauveur der Kathedral-Pfarre enthält zu 669o
Reichen in den Kirchen - soviel steht iest. Die Vertreter dieser Schicht, die Grabstellen von kleinen und armen Leuten und zu 337o von Angehörigen
in ihrem Testament aus Schlichtheit und Frömmigkeit den Friedho{ und das der mittleren Kategorie. Diese kleinen Leute sind namenlose Reisende,
Armengrab gewählt haben mögen, treten in den Gesamtstatistiken der hier rrhne Güter oder Namen an unbekannter Stätte Verstorbene, Findelkinder,
aufgelisteten Toulouser Jahre nicht in Erscheinung. Vir dürfen jedoch §fl'achsoldaten,,Gesellen" aller Handwerksberufe, Lakaien, Last- und Ge-
nicht außer acht lassen, daß es solche Testatare vom 15. bis zum 18. Jahr- päckträger.
hundert immer gegeben hat. Die auf dem Friedhof gebetteten Handwerksmeister unterscheiden sich
Das interessanteste Ergebnis dieser Erhebungen betrifft den prozentua- nur undeutlich von den anderen Gewerbetreibenden der zweiten Katego-
len Anteil der Beisetzungen von armen Leuten in den Kirchen. Er liegt im rie, die in den Kirchen beigesetzt sind.
Mittel um 10% und darf also durchaus nicht vernachlässigt werden. \W'ir Auf dem Friedhof Dalbade zählt man ebenso viele Handwerksmeister
{inden darunter die Hauer und Zubringer von Grabsteinen, Bäckergesellen, der zweiten Kategorie wie kleine Leute, während in Saint-Sauveur in der
Frauen von Arbeitern, Wachsoldaten, Droschkenkutscher und manche an- Kathedral-Pfarre zweimal mehr kleine Leute als Handwerksmeister bestat-
dere, deren Beruf der betreffende Priester nicht angegeben hat. Die Tochter tet liegen.
eines zur Pfarrgemeinde in Saint-Etienne gehörenden Kochs wird bei den Darf man daraus den Schluß ziehen, daß, je aristokratischer die Pfarrge-
rneinde, der Friedhof um so offensichtlicher Reservat der unteren Schichten
Jakobinern beigesetzt. Kinder von Bürstenmachern und Soldaten von Dal-

114 115
ist und daß, je volkstümlicher die Pfarre, der Gegensatz zwischen Kirche Ausnahme der 48Vo von Saint-Saveur). Man bemerkt, daß der prozentuale
und Friedhof um so weniger ausschlaggebend ist, wobei beide vom hand- Anteil von Kindern unter 1O Jahren, wenn er auf dem Friedhof auch höher
'W'eise frequentiert werden? ist, in den Kirchen doch ebenfalls beachdich bleibt.
werktreibenden Bürgertum in gleicher
Der Fall der beiden Friedhöfe von Daurade ist in dieser Hinsicht von be- Umgekehrt - und dieses Phänomen ist bemerkenswert - lieBen die weni-
sonderem Interesse, weil er die Einstellung dieses gewerbetreibenden Bür- ger als ein Jahr alten Kleinkinder nahezu alle auf dem Friedhof bestattet.
gertums verdeutlicht. Der Cimetiöre des Comtes, der älteste und prunk- \Y/ir haben bereits gesehen, daß die einzigen Beisetzungen von Adeligen
vollste, birgt mehr als die Hälfte (607o) der Verstorbenen der zweiten oder Leuten von Stand au{ dem Friedhof Beisetzungen von deren Kindern
Kategorie. Umgekehrt wird der Cimetiöre de Toussaint vor allen von An- sind,:727o auf dem Cimetiöre des Comtes, 67o auf dem Friedhof von Dal-
gehörigen der dritten Kategorie benutzt: 5O7oim Jahre 1698, 727o im lahre bade. Dasselbe dürfte der Fall beim gewerbetreibenden Bürgertum sein,
1699. Der Cimetiöre des Comtes muß ein Annex der Kirche sein, im Verein und ein großer Teil der Friedhofsbestattungen von Angehörigen dieser Ka-
mit dem, was man im 18. Jahrhundert dann später "private Grabstellen" tegorie betraf die Beerdigung von deren Kleinkindern. So endeten auch die
nennt, während der Cimetiäre de Toussaint sich vor allen Dingen aus den Kleinkinder der "besseren" Familien noch auf dem Friedhof. Ein Viertel
großen Gemeinschaftsgräbern für die Armen zusammensetzt' bis ein Drittel der Friedhofsbestattungen machten die Beisetzungen von
Die Schlußfolg€rung, die sich aufdrängt, ist die soziale Bedeutung des weniger als ein Jahr alten Kleinkindern aus. Der Friedhof war ihr Bestim-
gewerbetreibenden Bürgertums. Dessen gehobenere Schichten ftillen die mungsort, selbst dann, wenn ihre adeligen, bürgerlichen oder kleinbürger-
Kirchen, an der Seite des Adels, der Geistlichkeit, des Richter- und des lichen Elrern für sich selbst und ihre Angehörigen die Kirche als Grab ge-
Kaufmannsstandes; die bescheidensten Handwerksmeister heben sich an- wählt hatten. Der Friedho{ war die Ruhestätte der Armen und der kleinen
dererseits nur undeutlich von ihren Gesellen und dem gemeinen Volk der Kinder.
Friedhöfe ab. Die Grenze von Klassenzugehörigkeit und gesellschaftlichem Aber nicht aller - wenigstens nicht gegen Ende des 17. Jahrhunderts, in
Ansehen, die Kirche und Friedhof voneinander trennt, verläuft also nicht dem sich, wie wir wissen, die Mentalität wandelt: 10Vo der Verstorbenen
zwischen Adel und handwerktreibendem Bürgertum noch zwischen die- von Dalbade und 18 % von Daurade sind Kinder, die gleichwohl in der Kir-
sem Bürgertum und dem gemeinen Volk, sondern quer durch die gewerbe- che bestattet werden, zweifellos neben ihren Eltern oder Geschwistern. Es
treibende Bourgeoisie selbst. wird der Tag kommen - etwa hundertfünfzig Jahre später -, da gerade das
Es gab jedoch noch ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zwischen verstorbene Kleinkind in der Grabplastik der großen städtischen Friedhöfe
Friedhof und Kirche, über das der Klassenzugehörigkeit hinaus: das des Italiens, Frankreichs und Amerikas mit größter Hingabe dargestellt wird.
Alters, und zwar besonders des Kindheitsalters. Der Friedhof war nicht nur Welcher Umschwung!
den Armsten vorbehalten, sondern auch den Jüngsten: eben das ergibt sich
aus einer genaueren Betrachtung v onTabelle 3, die den prozentualen Anteil
von Kindern am Gesamtau{kommen von Beisetzungen - in den Kirchen Ein Beispiel aus England
und auf den Friedhöfen - verzeichnet.
In einem allgemeinen Sinne ist dieser prozentuale Anteil enorm, was die In einem allgemeinen Sinne läßt sich sagen, daß im Frankreich des Ancien
Demographen sicher nicht überraschen wird. Die Säuglings- und Kinder- R6gime - vom 16. bis zum 18. Jahrhundert- die Mehrzahl der in den Testa-
sterblichkeit war damals sehr hoch. Sie kommt nicht nur in der Gesamtzahl menten geäußerten Bestattungswünsche sich eher auf die Kirchen als auf
der Bestattungen zum Ausdruck, sondern sogar in der Zahl der Kirchen- die Friedhöfe bezog. Noch in den Kleinstädten des 18. Jahrhunderts schie-
Beisetzungen der vornehmen Leute, bei denen man eine geringere Kinder- nen die kirchlichen Beisetzungen des Bürgertums sich zu mehren, wenn
sterblichkeit erwarten würde: 36Vo der Verstorbenen von Dalbade, 32% man der zunehmenden Zahl der Grabplatten und Epitaphien Glauben
von Saint-Etienne und 579o von Daurade q/aren zur Zeit ihres Todes weni- schenken darf.
ger als 1O Jahre alt. Sie machten ein Drittel der iährlichen Beisetzungen in Umgekehrt hat es den Anschein, daß die Beisetzung in der Kirche im Be-
den Kirchen, aber mehr als die Häl{te aller Friedhofsbestattungen aus (mit reich der Landpfarreien immer nur einer kleinen Zahl von Privilegierten

116 't17
vorbehalten geblieben ist: der Familie des Lehnsherrn, einigen Bauern und gen Frau, die andere für die Hohe Messe, die immerwährend an jedem
Alteingesessenenvon bürgerlichem Lebenswandel und auch den Priestern, Festtag angezündet werden sollen". (l 12)
wenn sie nicht zu Füßen der Hosianna-Kreuze bestattet sein wollten, die In anderen Testamenten (Yorkshire) begegnet man überdies den vier
gegen Ende des 18. Jahrhunderts und im 19. zu ihrem angestammten Platz Bettelorden unserer französischen Testamente wieder.
wurden. Die li(ünsche zur Grabwahl betreffen sowohl die Kirche wie den Fried-
Es steht zu vermuten, daß die Situation in den anderen Ländern des west- hof. Wenn sie die Kirche bezeichnen, so tun sie das sehr häufig ohne jede
lichen Europas nicht sehr viel anders war, wobei die kleinen Unterschiede, genauere Präzisierung: ,My body to be berged in the parish church of the
wenn sie überhaupt hervortreten, denn auch sehr bezeichnend sind. aPPostilles petur fPerer) and pall [Paul] o/ \7.o \flenn aber genauere Be-
Eine aus genealogischen Inreressen im Jahre 1914 unternommene Veröf- zeichnungen vorkommen, so sind die Lokalisierungsformeln dieselben wie
fentlichung englischer, vom Beginn des 16. Jahrhunderts stammender Te- in Frankreich, mit denselben Prioritäten, namentlich dem Chor, dem
stamente erlaubt, Ahnlichkeiten und Differenzen in aller Kürze abzuwä- Kreuz, dem Abendmahlsaltar: im Chor oder im Hochchor, vor dem
gen. (110) Vierunddreißig d,er 224 Testamente enthalten keine religiösen Abendmahlsaltar, in der Kapelle Unserer Lieben Frau, vor dem Bildnis der
Formeln: sie sind zweifellos nur Abänderungen und Ergänzungen älterer Jungfrau Maria, vor dem Kruzifix, mitten im Schiff vor dem Kruzifix usw.
Testamente und beziehen sich ausschließlich auf die Verteilung der Hinter- Schließlich begegnet man in diesen Testamenten - wenn auch ebenso sel-
lassenschaft. Es verbleiben 190 Dokumente, die allesamt bestimmte Vün- ten wie in den französischen - den von Entsagung und Demut geprägten
sche zur Grabwahl äußern. Absichtserklärungen: gewünscht wird eine Beisetzung, wo es odem all-
Der Paragraph, der den Legaten ad pias cdusds entspricht, ist zuweilen mächtigen Gott. gefällt, ,in der Kirche oder auf dem churcbyard, nach
in lateinischer Sprache abgefaßt. '§(/enn auch manche besonderen Bräuche Gutdünken meines Testamentsvollstreckers".
vorkommen wie die Stiftung eines Haus- oder Herdentieres für das mortu- Große Ahnlichkeiten also. Der Aspekt, für den der Vergleich stärker ins
ar!, so sind doch Geist und Buchstabe dieser Testamente dieselben wie Gewicht fallende Differenzen hervorteten läßt, ist der des prozentualen
in Frankreich. Hier einige Stichproben: "Ich [...] möchte bestattet sein Anteils von Kirche und Friedhof : 46Yo der Testatare haben den Friedhof
au{ dem cburchyard von Allerheiligen zu Multon. Für mein mortaary gewählt, ohne daß ihr Testament sie in eine andere sozio-ökonomische Ka-
stifte ich, was Brauch und Recht vorsehen. Für den Hochaltar dieser Kir- tegorie verwiese als jene, die die Kirche gewählt haben.
che XX d. Für unsere Kathedralkirchefrnotberfzu Lincolr'. iV d. Für die Es gibt keine Bezeichnung eines besonderen Platzes, außer etwa "in der
Kirche zu Multonfür die neuen Chorstühle III s.IV d. Für diedreiLeuchter Vorhalle der Kircheo, dem parvis (Vorhof).
besagter Kirche IX d. Für die Bestückung der Totenleuchte, die beim Be- In Frankreich liegt der vergleichbare prozentuale Anteil von Friedhofs-
such der Todkranken vor dem Sterbesakrament hergetragen wird, II d" bestattungswünschen bei den Testataren sehr viel niedriger. Es kann als ge-
(15r3 [111]). sichert gelten, daß der eng.lis che cburcbyard in moderneren Zeiten von den
Leuten von Stand nicht derart vorbehaltlos aufgegeben worden ist wie das
"Ich [...] möchte bestattet sein auf dem churcbyard von Allerheiligen
von Fosdyke, wobei mein mortuary nach Brauch und Herkommen festge- franz-ösische aitre oder cbarnier, das seinerseits zur Armengrabstätte
setzt wird. Für den Hochaltar besagter Kirche, für vergessene Zehnte und wurde. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe dafür, warum das poe-
Spenden XII d. Für den Altar lJnserer Lieben Frau besagter Kirche III d. tische Bild des romantischen Friedhofs in England entsteht, zur Zeit von
Für den Altar des HeiligenNikolaus IV d. Für die Bruderschaft [grlde)Un- Thomas Gray.
serer Lieben Frau von Fosdyke III s. IV d. Für die Bruderschaft vom Heili- Es ist jedoch kein Hindernis dafür, daß in der Grafschaft Lincolnshire
gen Kreuz frode)zu Boston III s. IV d., damit die Träger bei meiner Beiset- 54Vo der Bestattungen in den Kirchen vollzogen werden - wie auf dem
zung ihre Pflicht tun. lJnserer Mutter Kirche zu Lincoln IV d. Für Kontinent.
St Catherine zu Lincoln 1! d." Eine im voraus auf ein grene (Ernte) enr-
nommene Stiftung für die Unterhaltung zweier zwei Mal im Jahr zu erneu- Vir haben in diesem Kapitel gesehen, daß sich bestimmte Bestattungsbräu-
ernder Kerzen, ,eine von einem P{und Wachs vor vor Unserer Barmhcrzi- che in der gesamten lateinischen Christenheit ausbreiten und für gut ein

118 119
Jahrtausend mit nur geringen regionalen Abweichungen fortbestehen. Sie
sind charakterisiert durch die Zusammenpferchung der Leichname in rela-
tiv kleinen Räumen, insbesondere in den Kirchen, die die Funktion von
Friedhö{en übernehmen, neben den eigentlichen Friedhöfen unter freiem
Himmel, durch die beständige Umschichtung der Gebeine und ihre Aushe-
bung und überführung in die Beinhäuser und schließlich durch die alltägli- Zweiter Teil
che Präsenz der Lebenden inmitten der Toten.
Der eigene Tod
3. Die Todesstunde:
Vergegenwärtigung des Lebens

Die Eschatologie als Indikator der kollektiven Mentalität

Bis ins Zeitaiter des wissenschaftlichen Fortschritts haben die Menschen


bereitwillig an eine Fortsetzung des Lebens nach dem Tode geglaubt. Die-
ser Glaube läßt sich bereits bei den frühesten Grabopfern des Moustdrien
konstatieren, und noch heute, da der szienti{ische Skeptizismus in vol-
ler Blüte steht, erhalten sich abgeschwächte Formen von Kontinuitätsver-
trauen oder starrsinniger Ablehnung der Vorstellung einer unverzüglichen
Vernichtung im Tode. Der Glaube an eine Fortsetzung des Lebens nach
dem Tode bildet einen allen alten Religionen und dem Christentum ge-
meinsamen Fundus.
Das Christentum hat die traditionellen Gedankengänge des gesunden
Menschenverstandes und der stoischen Philosophen zur "Abtötung" des
Menschen von Geburt an auf eigene Rechnung und auf seine W'eise wieder-
rufgenommen. "Mit der Geburt beginnen wir zu sterben, und das Ende
setzt mit dem Anfang ein" (Manlius) - ein Gemeinplatz, dem man beim
Heiligen Bernhard und bei Pierre de B6rulle ebenso begegnet wie bei Mon-
taigne. Ebenso hat es die sehr alte Vorstellung des \(eiterlebens in einer
traurigen und grauen Unterwelt und die jüngere, weniger volkstümliche
und strengere eines moralischen Gerichtes wiederaufgenommen. (1)
Es hat schließlich die Hoffnungen der Heilsreligionen wiederangefacht,
indem es das Heil des Menschen der Fleischwerdung und der Auferstehung
Christi überantwortete. Deshalb ist im paulinischen Christentum der Tod
clurch die Sünde in die \üelt gekommen, und der physische Tod ist Zugang
zum ewigen Leben.
Man geht wohl nicht fehl, wenn man die christliche Eschatologie als Er-
bin älterer Glaubensinhalte auf diese wenigen einfachen Grundzüge ver-

123
kürzt. Gleichwohl bleibt im Rahmen dieser sehr weit gefaßten Definition und der Hölle. Die sehr alte Paulusapokalypse beschrieb ein Paradies und
noch Raum für manche Veränderungen: Die Vorstellungen, die sich die eine an Höllenqualen reiche Unterwelt. (2) Der Heilige Augustinus und die
Christen von Tod und Unsterblichkeit gemacht haben, waren im Laufe der Kirchenväter haben eine nahezu endgültige Konzeption des Seelenheils
Zeiten großen Veränderungen unterworfen. Velche Bedeutung haben entwickelt. Deshalb ve rmitteln die Bücher von Kulturhistorikern dem viel-
diese Veränderungen? Einem Religionsphilosophen oder einem schlichten leicht allzusehr auf Veränderungen versessenen Leser den Eindruck von
und {rommen Gläubigen, die, einer wie der andere, ihren Glauben zu läu- Monotonie und Unveränderlichkeit.
tern und auf seine Ursprünge zurückzuführen bestrebt sind, mögen sie ge- Die Textsammlungen der gelehrten Autoren sind sehr bald vollständig
ringfügig erscheinen. Sehr bedeutsam sind sie dagegen für den Historiker, und abgeschlossen. In Virklichkeit wird fedoch nur ein kleiner Teil davon
denn hier werden für ihn die sichtbaren Zeichen von ebenso tiefgreifenden benutzt und von der kollektiven Praxis ausgewählt, die wir zu bestimmen
wie unbemerkt bleibenden Veränderungen der Vorstellung erkennbar, die versuchen müssen, den Irrtumsrisiken und Fallen dieser Art von Untersu-
der Mensch - und nicht nur ausschließlich der Christ - sich von seinem Ge- chungen zum Trotz. Es sieht demnach so aus, als ob der derart ausgewähhe
schick gemacht hat. Teil der Vorstellungen der einzig bekannte, der einzig lebendige und also
Der Historiker muß die "Geheim.-Sprache der Religionen während die- der einzig bedeutungsvolle wäre.
ser langen Phasen von Unsterblichkeitsgewißheit zu enträtseln verstehen. Vir wollen diese Methode zunächst auf die bildlichen Vorstellungen des
Unter den ekklesiastischen Formeln der Gelehrten, unter den frommen Le- Jüngsten Gerichtes anwenden.
genden des Volksglaubens muß er die zivilisatorischen Archetypen zu ent-
decken versuchen, die sie in den einzigen intelligiblen Kode zurücküber-
setzen. Ein solches Unterfangen verlangt, daß wir uns bestimmter Die letz.te Ankunft
Denkgewohnheiten entäußern.
Wir stellen uns die mittelalterliche Gesellschaft gewöhnlich als von der In unserem christlichen Abendland ist die erste bildliche Vorstellung vom
Kirche beherrscht oder - was aufs gleiche hinausläuft - gegen sie mit Häre- Ende der Zeiten keine Vorstellung des Gerichtes.
sien oder einem ursprünglichen Naturalismus au{begehrend vor. Sicher Es sei zunächst an das erinnert, was im ersten Kapitel aus Anlaß der
lebte diese Velt damals im Schatten der Kirche; das bedeutete jedoch keine Christen des ersten Jahrtausends gesagt worden ist: Nach ihrem Tode ruh-
totale und rückhaltlose Hinnahme aller christlichen Dogmen. Es besagte tcn sie, wie die sieben schlafenden Epheser, in Erwartung des Tages der
eher Anerkennung einer gemeinsamen Sprache, eines allgemeinverbindli- \fliederkehr Christi. Deshalb war ihre Vorstellung vom Ende der Zeiten die
chen Kommunikations- und Erkenntnissystems. Die aus den tiefsten des verklärten Christus, wie er am Tage der Auferstehung aufgefahren ist
Schichten der Seele aufsteigenden §üünsche und Phantasien wurden in ei- z.um Himmel oder wie ihn der Seher der Offenbarung Johannis beschreibr:
nem Zeichensystem zum Ausdruck gebracht, und diese Zeichen fanden . Und siehe, ein Stuhl war geserzr im Himmel, und auf dem Stuhl saß einer";

Rückhalt an einem christlichen Wortschatz.. Aber das Zeitalter - und eben .und ein Regenbogen war um den Stuhl, gleich anzusehen wie ein Sma-
das ist hier für uns von Bedeutung - wählte manche Zeichen ganz spontan ragd"; "uni mitten am Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorn
aus, weil sie die untergründig wirksamen Tendenzen des Kollektivverhal- rrnd hinten" (die vier Evangelisten), "und um den Stuhl waren vierund-
tens besser wiedergaben, und gab ihnen den Vorzug vor anderen, die im twanzig Stühle, und auf den Stühlen saßen vierundzwanzig Alteste mit
Entwurf steckenblieben oder in Reserve gehalten wurden. weißen Kleidern angetan.«
'§üenn
wir uns in dieser Hinsicht an die christlichen \Wortfelder und Diese außergewöhnliche Bildwelt tritt in romanischer Zeit sehr häufig in
Textsammlungen halten, stoßen wir sehr bald auf nahezu alle Themen der [:rscheinung, etwa in Moissac oder in Chartres (Königsportal). Sie führte
traditionellen Eschatolo gie : unsere Historiker-Neugier auf Veränderungen ,lie himmlische §flelt und die sie bevölkernden göttlichen oder überirdi-
wird rasch enttäuscht. Das Matthäus-Evangelium (2) enthielt, in Verbin- 'chen §flesen leibhaft vor Augen. Die Menschen des frühen Mittelalters er-
dung mit heidnischen, insbesondere ägyptischen Traditionen, bereits die *'arteten die \üiederkehr Christi ohne Angst vor dem Gericht. Deshalb war
gesamte mittelalterliche Konzeption des Jenseits, des Jüngsten Gerichtes ihre Auffassung vom Ende der Zeiten von der Apokalypse beein{lußt und

124 125
überging die dramatische. Szene der Auferstehung und des Gerichtes, wie Auferstandenen entsteigen nackt ihrem Sarkophag, und zwar paarweise,
sie im Matthäus-Evangelium niedergelegt ist, mit Stillschweigen. jeweils Mann und Frau in enger Umarmung. Der Engel stößt in ein pracht-
Venn es ausnahmsweise einmal vorkam, daß die Grabplastik das Jüngste volles Elfenbeinhorn. Zwar handelt es sich um das Ende der Zeiten, aber
Gericht darstellte, so läßt sich an diesen Darstellungen ablesen, wie wenig wie in Jouarre findet kein Gericht statt. Die Annäherung von Taufe und
es gefürchtet und wie sehr es immer und ausschließlich aus der Perspektive Auferstehung ohne Gericht ist unmißverständlich: I)ie Getau{ten sind der
der Viederkehr Christi und der Erweckung der Gerechten wahrgenommen Auferstehung und des ewigen Heils, das sie einschließt, gewiß.
wurde, die aus ihrem Schlaf erwachen, um ins himmlische Licht einzutre- Ein anderes Zeugnis bestätigt diesen Befund der Ikonographie. In christ-
ten. Bischof Agilbert ist im Jahre 680 in einem Sarkophag in der Krypta lichen Epitaphien des ersten Jahrhunderts lassen sich Bruchstücke eines al-
der Grabkapelle von Jouarre bestattet worden. (3) Auf einer der Schmalsei- ten Gebetes wiedererkennen, das die Kirche wahrscheinlich von der Syn-
ten des Sarkophages ist der verklärte Christus dargestellt, umgeben von den agoge ererbt hat, das also vor das dritte Jahrhundert zurückreicht und sich
vier Evangelisten: das traditionelle Bild, das die romanische Kunst wieder- in der religiösen Praxis bis heute erhalten hat. (7) lVir haben es bereits den
holen wird. Auf einer der Längsseiten sieht man die Erwählten mit erhobe- todwunden Roland aussprechen hören. (8) Es war Bestandteil der Gebete
nen Armen dem aufersundenen Christus entgegenjauchzen. Allerdings nur zur Empfehlung der Seele eines Verstorbenen an Gott, die das f ranzösische
die Erwählten, nicht die Verdammten. Es gibt nicht den geringsten Hinweis Idiom des 16. und 17. Jahrhunderts in den Testamenten häufig unter dem
auf das von Matthäus angekündigte drohende Gericht und seine Bannflü- Sammelnamen recommendaces zusammenfaßte. Noch in jüngster Vergan-
che. Und zwar sicherlich deshalb nicht, weil diese Bannflüche die "Heili- genheit begegnete man ihnen in Meßbüchern, die vor den Reformen
genu nicht betra{en und weil zu den "Heiligen« alle im Frieden der Kirche Pauls VI. in Gebrauch waren. (9)
entschlafenen Gläubigen zählten, die ihren Leib kirchlichem Boden anver- Das jüdische Gebet {ür die Fastenzeit wäre somit also zum ältesten
traut hatten. Und so nennt denn auch die Vulgata sancti diejenigen, die mo- christlichen Totengebet geworden. Es lautet folgendermaßen:
derne Übersetzer als Gläubige oder Selige bezeichnen. "Errette, Herr, die Seele Deines Dieners, wie Du Henoch und Elias vom
Die Heiligen hatten von der Strenge des Gerichtes nichts zu fürchten. Die allen gemeinsamen Tod errettet hast, wie Du Noah aus der Sintflut, Abra-
Apokalyse sagt in einem Textabschnitt, der die Lehre vom tausendiährigen ham bei seinem Auszug aus Ur errettet hast, Hiob aus seinem Leiden, Isaak
Reich Christi auf Erden begründet, ausdrücklich von denen, die der »ersten aus den Händen seines Vaters Abraham, Lot aus den Flammen von Sodonr,
Auferstehung" teilhaftig geworden sind: "Uber solche hat der andere Tod Moses aus der Hand des ägyptischen Pharao, Daniel aus der Löwengrube,
keine Macht." (4) die drei Jünglinge aus dem Feuero{en, Susanna vor falscher Anklage, David
Aber vielleicht waren die Verdammten auch weniger sichtbar als die Er- rus den Händen von Saui und Goliath, die heiligen Apostel Petrus und
wählten, weil sie ihres Seins entäußert waren, sei es dadurch, daß sie nicht Paulus aus dem Gefängnis und die heilige Jungfrau Thekla aus ihren drei
auferstanden, sei es, daß ihnen der verklärte Leib der Erwählten vorenthal- schrecklichen Prüfungen. "
ten blieb. In diesem Sinne muß wohl auch eine heute verworfene Version Dieses Gebet war so vertraut, daß die ersten christlichen Steinmetzen von
der Vulgata gedeutet werd enl. , Ecce mysterium oobis dico: Omnes qnidem Arles sich bei der Ausschmückung ihrer Sarkophage davon beein{lussen
resurgemr4r, sed non omnes immutabimuro (Siehe, ich sage euch ein Ge- ließen.
heimnis: wir werden zwar alle auferstehen, aber nicht alle verwandelt wer- Die angerufenen Gestalten aber, die Gottes Barmherzigkeit dem Beten-
den [5]). den geneigt machen sollten, sind - und darauf hat bereits J. Lestocquoy
Das Thema des Jüngsten Gerichtes taucht im 1 1. Jahrhundert wieder auf , aufmerksam gemacht - samt und sonders keine Sünder, sondern in Prüfun-
diesmal nicht im Zusammenhang mit Sarkophagen, sondern mit Taufbek- gen bewährte Gerechte: Abraham, Hiob, Daniel, schließlich die Heiligen
ken. Das älteste derart geschmückte Taufbecken findet sich in Neer Hespin Apostel und eine selige Märtyrerin der gebenedeiten Jungfrau, Thekla.
in der Nähe von Landen in Belgien. Ein anderes, das wie das vorhergehende Venn der Christ des {rühen Mittelalters also in der Stunde seines Todes
der Schule von Tournai zugeschrieben wird, ist in Chälons-sur-Marne frei- wie Roland dre commendacio animae sprach, hatte er den triumphierenden
gelegt worden. (6) Es kann nicht später als um 1150 entstanden sein. Die t.-ingriff Gottes vor Augen, der den Prüfungen der Heiligen ein Ende setzte.

126 t27
rechten und der Verfluchten. Diese Aspekte bringen im wesentlichen drei
Auch Roland hatte ,seine Schuid bekannt., und das war wahrscheinlich der
Elemente zum Ausdruck: die Auferstehung der Leiber, den Akt der Recht-
Beginn einer neuen Art von Sensibilität' Aber die commendacio tnimde
sprechung und die Scheidung der Gerechten, die zum Himmel auffahren,
schürte keine Gewissensbisse angesichts begangener Sünden, sie flehte
von den Verdammten, die ins ewige Höllenfeuer hinabgestürzt werden.
nicht einmal um Vergebung für den Sünder, so als ob der bereits Yerzei-
Die vorbereitende Entwicklung dieser Elemente des großen Dramas hat
hung erhalten hätte. Sie stellte ihn den Heiligen und die Qualen seines To-
sich langsam vollzogen, so als hätten der im 12. und 11. Jahrhundert dann
deskampfes den Prüfungen der Heiligen gleich.
klassisch werdenden Vorstellung des Jüngsten Gerichts bestimmte \iüider-
stände entgegengearbeitet. In Beaulieu fahren die Toten zwar aus dem
Grabe auf - auf dieser Stufe wahrscheinlich zum ersten Mal -, aber geradezu
Das Gericht am Ende der Zeiten.
unaufiällig und verschwiegen. Nichts legt den Eindruck einer Gerichtsver-
Das Buch des Lebens
handlung nahe; wie auf dem Sarkophag von Jouarre und dem Taufbecken
von Chälons-sur-Marne gehören die alsbald auferstandenen Toten dem
Vom 12. Jahrhundert an führt die Ikonographie für ungefähr vier Jahrhun-
I.Iimmel, ohne eine Prüf ung über sich ergehen lassen zu m üssen. Noch im-
derte auf der Bühne der mit historischen Szenen geschmückten Domportale
mer ist ihnen das Heil vorausbestimmt wie den Heiligen der Vulgata. Rich-
das Schauspiel vom Ende der Zeiten vor, Varianren des großen eschatologi-
tig ist aber auch, daß die Verdammten nicht mehr völlig fehlen. Bei genaue-
schen Dramas, die, unter der Oberfläche ihrer religiösen Sprache, die neuen
rer Betrachtung entdeckt man sie in einer der beiden Scharen von Monstern,,
Besorgnisse des Menschen angesichrs der Enthüllung seines schicksals
die den Bogensturz säumen. Unter diesen Monstern hat E. Mäle (10) das
durchscheinen lassen.
siebenköpf ige Tier der Apokalypse ausf indig gemacht. Einige verschlingen
In den ersten Darstellungen des Jüngsten Gerichts aus dem 12. Jahrhun-
Menschen, die keine anderen als die Verdammten sein können. Es ist
dert überlagern sich zwei Szenen, eine sehr alte und eine gänzlich neue'
schwer, sich der geradezu umsichtig-heimlichen Art und Weise der Ein-
Die ältere ist keine andere als die soeben beschriebene: der christus der
führungvon Hölle und Marter zu entziehen. Die höllischen Kreaturen un-
Apokalypse in seiner Glorie. Die Darstellung symbolisiert das Ende der
terscheiden sich nur wenig von der sagenhaften Tierwelt, die die romani-
vom Sündenfall Adams bewirkten Zerrissenheit der Schöpfung, die Aufhe-
sche Kunst aus dem Orient übernahm und mit ebenso dekorativen wie
bung der Besonderheiten einer interimistischen Geschichte in den unvor-
symbolischen Intentionen weiterentwickelt hat.
stellbaren Dimensionen der Transzendenz: der Glanz dieses Lichtes läßt
In Autun, dessen Kathedralportal später e ntstanden ist als das von Con-
keinen Raum mehr für die Geschichte der Menschheit, ebensowenig für die
t1ues, ist zwar ein Jüngstes Gericht dargestellt; aber der richterliche Eingrif{
eigene Biographie des Einzelmenschen.
in das Schicksal der Toten vollzieht sich dort erst nach der Auferstehung:
Im 12. Jahrhundert hat die apokalyptische Szene zunächst noch Bestand;
,lie einen iahren direkt zum Paradies auf, die anderen zur Hölle hinab. Man
sie nimmt iedoch nur noch einen Teil des Kathedralportals, und zwar den
lragt sich also nach der Daseinsberechtigung von Gerichtsverhandlungen,
oberen, in Anspruch. Auf dem zu Beginn des 12. Jahrhunderts entstande-
,lie sich o{fenbai ganz nebenbei abspielen. Man hat den Eindruck, daß zwei
nen Portal von Beaulieu füllen die trompeteblasenden Engel, die überirdi-
gänzlich verschiedene Konzeptionen hier einfach nebeneinandergestellt
schen rVesen und ein gigantischer Christus, der ungeheure Arme ausbreitet'
noch den größten Teil der verfügbaren Fläche aus und lassen anderen Ele- 'ind.
In Sainte-Foy in Conques kann es keinerlei Zwei[el über die Bedeutung
menten und Symbolen nur wenig Raum''§Venig später, in Sainte-Foy in
tler Szene geben: sie wird von Inschriften präzisiert. Dem Nimbus des ge-
Conques (1130-1150), ist der Christus im bestirnten Strahlenkranz, der
kreuzigten Christus ist das ri(ort/zdex einbeschrieben. Dasselbe Judex har
über den Wolken des endlosen Raumes schwebt, noch immer der der Apo-
Suger dem Christus von Saint-Denis beigelegt. An einer anderen Stelle hat
kalypse. Aber in Beaulieu - und mehr noch in Conques - tritt, unter der
,ler Bildhauer die betreffenden Textabschnitte aus dem Matthäus-Evange-
traditionellen Darstellung der zweiten Thronbesteigung' eine neue, vom
lrum eingemeißelt: " Kommet her, ihr Gesegneten meines Vaters; ererbt das
25. Kapitet des Matthäus-Evangeliums beeinflußte Ikonographie in Er-
lleich, das euch bereitet ist von Anbeginn der'§(elt ! (. . .) Gehet hin von mir,
scheinung: das Gericht des Jüngsten Tages und die "Scheidung' der Ge-

129
128
an. Fürsprecher greifen ein und spielen eine Rolle, die der Text des Mat-
ihr verfluchten, in das ewige Feuer. . .. (11). Hölle und Paradies haben ihre
der iuristischen thäus-Evangeliums nicht vorgesehen hatte, die Doppelrolle des Advokaten
ie eigene epigraphische Bildlegende. Man sieht die szene
treten, die der urteilsfindung vorausgeht und (patronus) und des Bittstellers (adoocare Deum), die an die Barmherzigkeit
Ermittlung in Erscheinung
vorbereitet: die berühmte lWägung der Seelen durch den Erzengel Mi- appellieren, d. h. an die Gnade des souveränen Richters. \trflie aber der Rich-
sie
ter der ist, der den Schuldigen begnadigt, so ist er doch auch der, der ihn
chael. Das aus der Apokalypse übernommene Paradies nimmt nurmehr den
verdammt, und einigen seiner Vertrauten obliegt es, ihn zur Milde zu stim-
gleichen Raum ein wie die Hölle. Schließlich - und das ist bemerkenswert
verschlingt die Hölle sogar Männer der Kirche, Mönche, die durch eine men. Hier fällt diese Rolle seiner Mutter und seinem Jünger zu, die ihm
-
zu Füßen seines Kreuzes Beistand geleistet haben - der Heiligen Jungfrau
corona gekennzeichnet sind, d. h. eine auffallende Tonsur. Die alte Gleich-
und dem Evangelisten Johannes. Am Portal von Autun sieht man sie zu-
stellung von Gläubigen und Heiligen ist damit zunichte geworden. Keiner
nächst noch ganz unauffällig in Erscheinung treten, ganz oben am Tym-
aus dem Volke Gottes ist seines Heiles mehr sicher, nicht einmal die, die
panon, zu seiten der großen Aureole, die Christus umgibt. Im 13. Jahrhun-
der profanen lVelt die Einsamkeit der Klöster vorgezogen haben'
So hat sich im 12. Jahrhundert eine Ikonographie verfestigt, in der das
dert sind sie dann zu Hauptfiguren der Handlung geworden, und ihre
Bedeutung kommt der des seelenwägenden Erzengels gleich. Sie liegen auf
Matchäus-Evangelium die o{fenbarung Johannis überlagert, die beide ver-
den Knien und flehen mit ge{alteten Händen den richtenden Christus an.
klammert und damit die zweite Thronbesteigung Christi mit dem Jüngsten
Gericht verbindet. Der König hält also Ho{, und da er sitzend dargestellt wird, ist seine
Hauptaufgabe die der Rechtsprechung.
Im 13. Jahrhundert hat sich der Einfluß der Apokalypse abgeschwächt,
Das apokalyptische "Herabfahreno des Himmels zur Erde ist also zur
und es bleiben nur in die Archivolten verwiesene Reste davon übrig' Die
Gerichtsverhandlung geworden, was ihr in den Augen der Zeitgenossen
Vorstellung des Gerichts hat sich durchgesetzt. Gewöhnlich wird dabei ein
nichts von ihrer Majestät raubte, denn der Gerichtshof war geradezu das
Gerichtshof dargestellt: Christus sitzt, umgeben von bannertragenden En-
geln, auf dem Stuhle des Richters; der ihn sonst aus seiner Umgebung her-
Vorbild höchster Feierlichkeit, Bild und Symbol der Größe, wie die Justiz
die reinste Außerungsform der Macht war.
aushebende ovale Heiligenschein ist verschwunden. sein Hofstaat umringt
Diese Verwandlung der Eschatologie in einen Apparat der Jurisdiktion,
ihn: die zwölf Apostel, die seltener ihm zur Seite dargestellt sind (wie in
wie prunkvoll er auch sei, hat für uns Moderne, die wir der Justiz und der
Laon), häufiger jedoch links und rechts in zwei Reihen in die Innenaus-
Ilürokratie gegenüber derart gleichgültig und skeptisch geworden sind, et-
schrägung des Portals eingebettet werden.
was Erstaunliches. Der heutige Gerichtssasse meidet sie, in schroffem Ge-
Zwei Handlungselementen kommt ietzt besondere Bedeutung zu: ein-
mal der Seelenwägung, die ins Zentrum der Komposition rückt, eine Szene, Bensatz zu seinen unheilbar prozeßsüchtigen Ahnen! Die Bedeutung, die
tler Justiz im Alltagsleben und im Rahmen der urwüchsigen Moral einge-
die Besorgnis und unruhe weckt. In den Archivolten des Portals sind, auf
räumt wurde, ist einer der psychologischen Faktoren, die jene alte und die
die himmlischen Altane gestützt, die Engel aufmerksame Zuschauer' Jedes
'§(/aage rnoderne Mentalität entzweien und einander entgegensetzen.
Leben wird auf die \üaagschalen der gelegt. Jeder Wiegevorgang
Diese Sensibilität für den Begriff und die Außerungsformen der Justiz
lenkt das Augenmerk der himmlischen und der höllischen Heerscharen auf
stammt in Vahrheit aus dem Hochmittelalter; sie sollte sich bis ins Ancien
sich.
It6gime erhalten. Das menschliche Leben erschien als langedauerndes Ver-
Keine Rede kann mehr davon sein, sich einer Prüfung zu entziehen, de-
lahren, in dem jede Teilhandlung durch einen Justizakt - oder wenigstens
ren Ergebnis nicht mehr im voraus bekannt ist. Ihre Bedeutung wird noch
tlurch einen wägenden Akt von Gerichtspersonen - gebilligt wurde. Sogar
verstärkt, in dem Maße, daß man sie manchmal sogar zu verdoppeln für nö-
rlie öff entlichen Einrichtungen wurden nach dem Vorbild von Gerichtshö-
tig befunden hat. Die Erwählten und die verdammten werden zwar von
der §(aage des Heiligen Michael deutlich geschieden; aber wie wenn diese
lcn organisiert, und jede Vereinigung von Polizeibeamten oder Bankiers
ist wie ein Tribunal aufgebaut, mit einem Präsidenten, Räten, einem Staats-
Operation nicht hinreichte, müssen sie ein zweites Mal in zwei Gruppen
geieilt werden, und zwar durch das Schwert des Erzengels Gabriel' .rnwalt und einem Protokollführer.
Gleichwohl schließt sich das Gericht nicht immer dem urteil der'§flaage Ein Text aus dem 14. Jahrhundert macht deutlich, in welchem Maße die

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Anrufung eines Richters in den Rechtsformen des A.lltags vertraut war wie machen. Denn es wird eine solche trübselige Zeit sein, als sie nicht gewesen
ein Reflex: Die Gattin des kastilischen Ritters Alarcos hat erfahren, daß ihr ist, seit daß Leute gewesen sind bis auf dieselbige Zetr. Zur selbigen Zeit
Mann sie zu töten beabsichtigt, um die Infantin von Kastilien heiraten zu aber wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buche geschrieben stehen.«
können. Sie spricht ihr Gebet, sagt ihren Angehörigen Lebewohl. Ihre Seele (XII,1) Und noch im fünften Kapitel der Offenbarung Johannis liest man:
ist im Frieden, sie schreit nicht nach Rache; aber sie ruft ihre Mörder vor "Und ich sah in der rechten Hand des, der auf dem Stuhl saß, ein Buch,
den himmlischen Richter. Die Gerechtigkeit muß in der Tat wiederherge- beschrieben inwendig und auswendig, versiegelt mit sieben Siegeln.. (V,1)
stellt werden, und sie wird merkwürdigerweise nicht vom spontanen Ein- Dieses Buch ist die Rolle, die der Christus von Jouarre im Angesicht der
griff des allwissenden Richters in Gang gesetzt: es kommt vielmehr dem ihm entgegenjauchzenden Erwählten in Händen hält. Es enthielt ihre Na-
unschuldigen Opfer zu, sein Anliegen vor Gericht zu bringen und sein men und wurde am Ende der Zeiten geöffnet. Zu Zeiren des Tympanons
Recht einzuklagen (12): von Jouarre aber diente es einem anderen liber aitae als Vorbild, diesmal
einem wirklichen Buch, in dem die Namen der Vohltäter der Kirche ver-
Je ,tous pardonne, bon comte, pour l'amour que j'ai pour vous, zeichnet standen, die man im Ztge der gallikanischen Opfergebete verlas:
Mais ne pardonne le roi ni ne pardonne l'infante, der Aufzählung der Heiligen. Eben dieses Buch Daniels oder der Apoka-
Et les aiourne tous d.eux ä paraitre en justice au haut tribunal de lypse hält am Portal von Conques ein Engel geöffnet vor sich, und es wird
Dieu dans trente jours de ddlai. durch eine Inschrift bezeichnet: signatur liber vitae. Es enthält die Namen
der Bewohner der terra viventium, wie die Lauda Sion am Fronleichnams-
Man kann nicht umhin, dieser Frau Bewunderung zu zollen, die, am
tage sagt, die so das Paradies bezeichnet.
Rande eines christlichen Todes, sich dennoch genug Besonnenheit bewahrt
Das ist die erste Bedeutung des liber aitae, die sich jedoch im 13. Jahr-
hat, um eine gerichtliche Forderung in derart korrekter und bündiger Form
hundert verändert. Das Buch ist nicht mehr der census der Einen Kirche;
vorzubringen.
es ist zum Register geworden, in dem die Angelegenheiten der Menschen
Zwischen dieser juristischen Konzeption der'§(elt und der neuen Vor-
aufgezeichnet sind. Das §flort Register taucht übrigens im Französischen
stellung des Lebens als persönlicher Biographie besteht eine enge Bezie-
des 13. Jahrhunderts als Zeichen einer neuen Mentalität auf. Die Handlun-
hung. Jeder Augenblick des Lebens wird eines {ernen Tages in feierlicher
gen eines jeden Menschen verlieren sich nicht mehr im grenzenlosen Raum
Sitzung gewogen werden, im Beisein aller Mächte Himmels und der Hölle.
der Transzendenz oder - wenn man so will - im kollektiven Geschick der
Das mit dieser Aufgabe betraute Vesen, der als signifer fungierende Erzen-
Gattung. Sie werden jetzt individualisiert. Das Leben wird jetzt nicht mehr
gel, ist zum volkstümlichen Schutzheiligen der Toten geworden: Man darf
,rur als Hauch (anima, spiritus), als Vermögen (airtus) aufgefaßt. Es setzt
nicht säumen, seine Gunst zu gewinnen. I!{an betet zu ihm, wie man später sich aus einer Summe von Gedanken, Handlungen und W'orten zusammen,
den Richtern "Sporteln" anträgt: "damit er sie dem Heiligen Lichte dar- oder, wie es in einem akenConfiteor aus dem 8.Jahrhundertheißt: Peccaai
bringe". (13) in cogitatione et in locutione et in opere (Ich habe gesündigt in Gedanken,
Vie aber kann dieser englische Untersuchungsrichter die Handlungen Worten und'§flerken [1a] )- die Summe der Fakten, die sich in einem Buche
kennengelernt haben, über die er zu richten hat? \ü(eil sie in einem Buch spezi{izieren und zusammenfassen lassen.
verzeichnet worden sind, von einem anderen Engel, der halb Kanzlist, halb
Das Buch ist also zugleich Geschichte eines Menschen - seine Biographie
Rechnungsführer ist. und Buch der Rechnungslegung oder Haushaitsbuch, mit zwei Spalten,
Das Symbol des Buches ist aus der Heiligen Schrift seit langem vertraut. ,leren eine die guten, deren andere die bösen Taten verzeichnet. Der neue
Man begegnet ihm bereits beim Propheten Daniel: "Zur selbigen Zeit wird rcchenhafte Geist der Geschäftsleute, die damals ihre eigene Welt zu ent-
der große Fürst Michael, der für die Kinder deines Volkes stehet, sich auf - ,lecken beginnen - die dann zu der unsrigen geworden ist -, läßt sich auf
,len Inhalt eines Lebens ebenso anwenden wie auf eine W'are oder auf Geld-
Je aous pdrdonne... Ich verzeihe Euch, lieber Graf, um der Liebe willen, dre ich {ür Euch
[)cträge.
hege,/ Nicht aber verzeihe ich dem König noch der In{antin,/ Und alle beide lade ich zu Gericht
vor den hohen Richterstuhl/ Gottes, nach einer Frist von dreißig Tagen. Deshalb hat das Buch seinen Platz unter den Symbolen des sittlichen Le-

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bens bis ins 18. Jahrhundert hinein behalten, während die \üIaage immer Die provenzalische Barockkunst des 17. und 18. Jahrhunderts hat am
weniger dargestellt wird und der Heilige Joseph oder der Schutzengel den Symbol des Buches festgehalten: In Antibes hebt die Zeir, in Gestalt eines
Platz des Erzengels signit'er oder psychoponpos (Seelengeleiter) eingenom- greisenhaften Alten, das Leichentuch hoch, das den Körper eines jungen
men hat. Mannes bedeckt, und weist zugleich ein Buch vor; in Salon enthält ein Re-
Ein Jahrhundert nach dem Portal von Conques, wo seine Bedeutung tabel des 18. Jahrhunderts in der Kirche des Heiligen Michael, des Schutz-
noch die der Apokalypse ist, lassen die franziskanischen Autoren des Dles heiligen der Toten, neben klassischen makabren Instrumenten auch ein ge-
irae es im dröhnenden Tumult des \Veltendes vor den Richter tragen, und öffnetesBuch,indemzulesensteht: liberscriptusprofect(...).Bestehteine
ietzt ist es ein Rechnungsbuch. Beziehung zwischen diesem Buch und dem der oanitis, der Vanitas-Still-
leben? (17)
Liber scriptus prot'eretur
Gegen [,nde des Mittelalters, im 14. und 15. Jahrhundert, werden die
In quo totum continetilr Konten dann von denen geführt, die daraus für sich Nutzen ziehen, also
Unde mundus judicetur.
von den Teu{eln, die sicher sind, daß das Böse den Sieg davonträgt - düstere
Merkwürdig und bezeichnend ist, daß das Buch, das anfangs das der Er- Konzeption einer übervölkerten Hölle, die sich nur dem unverdienten Ein-
wählten war, später zu dem der Verdammten wird. griff der göttlichen Barmherzigkeit beugen muß.
'§fliederum
ein Jahrhundert nach dem Dies irae zeigt ein Gemälde von Nach der tridentinischen Reform wird das Gleichgewicht - als Zuge-
ständnis an das makabre Zeitaher - wiederhergestellt. Die gegen Ende des
Jacopo Alberegno aus der Mitte des 14. Jahrhunderts den richtenden Chri-
stus, der auf dem Thron sitzt und das aufgeschlagene Buch auf den Knien Mittelalters dem Teufel überlassene Rechnungsführung stellt den Gläubi-
halt, in dem geschrieben steht: Chiunque scrixi so questo libro seri danadi gen oder den Moralisten der klassischen Epoche nicht mehr zufrieden. Die
(Ver in diesem Buche verzeichnet steht, wird verdammt sein). \flenn auch Traktate zur Vorbereitung auf einen heilsamen Tod erscheinen auch wei-
eigentlich den Verdammten vorbehalten, so ist es doch ein zusammenfas- terhin. In einem davon - einem Miroir de l'äme du pöcheur et dil j,,rste pen-
sendes "Richt"-Buch der ganzen Menschheit. Bemerkenswerter noch sind dant la vie et ä l'beure de la mort (Seelenspiegel des Sünders und des Ge-
die Seelen, die, unterhalb des richtenden Christus, in Form von Skeletten rechten während des Lebens und in der Todesstunde) aus dem lahre 1736
dargestellt sind. Jede dieser Seelen hält ihr eiBenes Buch in Händen und - verfügt jeder Mensch über zwei Bücher, eines für die guten §üerke, das
bringt in ihren Gesten die Bestürzung zum Ausdruck, die seine Lektüre von seinem Schutzengel (der eine der Rollen des Heiligen Michael über-
vermittelt hat. nommen hat), das andere für die bösen, das von einem Teufel geführt wird.
In Albi - gegen Ende des 15. oder zu Beginn des 16. Jahrhunderts - be- Das Bild des erbärmlichen Todes wird wie folgt kommentiert: ,Sein be-
gegnet man auf dem großen Fresko des Jüngsten Gerichts, im Hintergrund trübter Schutzengel sagt sich von ihm [dem Sterbenden] los, läßt das Buch
des Chores, denselben individuellen Büchlein wieder, die die Auferstande- fallen, in dem alle guten §V'erke, die da verzeichnet standen, ausgelöscht
nen, nackt, um den Hals gehängt tragen, als einziges Kleidungsstück - wie werden, weil alies Gute, das er getan hat, für den Himmel nicht zählt. Zu
einen Identitätsnachweis. (1 5) seiner Linken sieht man den Teufel, der ihm ein Buch darbietet, das die
'Wirwerden später sehen, daß das Drama sich in den drtes noriendi des ganze Gescbicüte seines unglückseligen Lebens zusammenfaßt Iich habe
t 5. Jahrhunderts in das Zimmer des Sterbenden verlagert hat. Gott oder der das W'ort Geschichte als bezeichnenden Beleg für eine biographische Kon-
Teu{el ziehen das Buch zu Häupten des mit dem Tode Ringenden zu Rate. z-eption des Lebens kursiviert]." (18)
Man möchte jedoch meinen, daß gewöhnlich der Teufel das Buch oder den Das Bild des heilsamen Todes verkehrt das ins Gegenteil: "Sein Schutz-
Zettelim Besitz hat, den er mit Vehemenz schwenkt, um seinen Teil einzu- engel hält ihm mit jauchzender Miene ein Buch vor, in dem seine Tugen-
klagen. (16) den, seine guten W'erke, Fasttage, Gebete, Kasteiungen us'q/. enthalten sind.
Der verwirrte Teufel zieht sich zurück und f ährt mit seinem Buch zur Hölle
Liber scriptus. .. "Und ein Buch wird aufgesch)agen,/ Treu darin ist eingerragen/ Jede Schuld nieder, in dem nichts geschrieben steht, weil seine Sünden durch aufrichtige
aus Erdentagen" (Missale Romanum). Ilußfertigkeit getilgt worden sind." (19)

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Das große Gemeinschaftsbuch vom Portal von Conques ist im 18. Jahr- sche - haben nicht aufgehört, sie sich zum Gegenstand zu nehmen. Sie ist
hundert also zum individuellen Buch geworden, zu einer Art Passierschein jedoch aus dem großen kosmischen Zusammenhang herausgelöst und ins
oder Vorstrafenregister, das man an den Pforten der Ewigkeit vorzuweisen persönliche Geschick des Einzeimenschen verlagert worden. Der Christ
hat. bekräftigte auf seinem Grabstein zwar gelegentlich noch die Hoffnung, daß
In der Tat enthält das Buch die ganze Geschichte eines Lebens; sie ist je- er eines Tages auferstehen werde; daß dieser Tag aber der der Viederkunft
doch nur auf gezeichet worden, um ein einziges Mal Verwendung zu f inden: oder des §(eltendes sein wiirde, bekümmerte ihn nicht mehr. Entscheidend
zu dem Zeitpunkt, da die Konten geschlossen, da Soll und Haben gegenein- war also die Gewißheit der eigenen Auferstehung, letzter Akt seines Lebens
ander aufgerechnet werden und eine Schlußbilanz gezogen wird. Das lVort - eines Lebens, von dem er in einem Maße besessen war, daß es ihn für die
Bilanz kommt, in der Sprache des 16. Jahrhunderrs, aus dem Italienischen, fernere Zukunft der Schöpfung unempfänglich machte. Diese Bekräftigung
von balancia. Die Etymologie unterstreicht die Beziehung zwischen der der Individualität ließ die Einstellung des 14. und 15. Jahrhunderts - mehr
Symbolik des Buches und der der '§üaage. Man wird also gewahr, daß es, noch als die des 12. und 13. Jahrhunderts - in Gegensatz zur traditionellen
wenigstens seit deni 13. Jahrhundert, einen kritischen, einen entscheiden- Mentalität treten. Die Zukunft im Jenseits, gemildert und der dramatischen
den Augenblick gibt. In der alten, traditionellen Mentalität vermischte und Aura des Jüngsten Gerichts entkleidet, an dessen Stelle sich künftig die
verquickte ein statisch-unveränderliches Alltagsleben alle individuellen Auferstehung vollzog, könnte als Rückkehr zur vertrauensvollen Auffas-
Lebenslinien. ZuZeien der lkonographie des Jüngsren Gerichts scheint je- sung des Frühchristentums interpretiert werden; der Vergleich ist jedoch
der einzelne Lebenslauf nicht mehr in eine lange, gleich{örmige Dauer ein- künstlich und trügerisch, denn die Angst vor dem Jüngsten Gericht hat, al-
gebettet zu sein, sondern auf den einen Augenblick hinzueilen, der ihn re- len Versicherungen der Grab-Epigraphie zum Trotz, nicht a'ufgehört, das
kapituliert und vereinzek: dies illa. Yor dem Hintergrund dieser Auferstehungsvertrauen in den Schatten zu stellen.
Verkürzung muß er bewertet und nachvollzogen werden. I)ie Trennung von Auferstehung und Gericht hat eine andere, weit of-
Das Bewußtsein eines langen Lebens zieht sich also im Brennpunkt eines fenkundigere Konsequenz. Das deutlich empfundene Intervall zwischen
kurzen Augenblicks zusammen. Bemerkenswert ist, daß dieser Augenblick Gericht (als endgültigem Lebensabschluß) und physischem Tod ist ver-
nicht der des Todes ist, sondern daß er über die Todesstunde hinausgreift schwunden, und das eben ist ein bedeutsames Ereignis. Solange an dieser
und - in der ersten christlichen Version - einem §fleltende zugeordnet wird, Zwischenphase festgehalten wurde, war der Tote nicht vollständig tot, war
das ein chiliastischer Glaube noch nahe wähnre. die Lebensbilanz noch nicht gezogen; er überlebte zur Hälfte in seinem
Man begegnet hier der hartnäckigen Weigerung wieder, das Ende des Schatten. Halb tot, halb lebendig, verfügte er immer noch über die Mög-
Seins und die physische Auflösung in eins zu serzen. Man stellte sich eine lichkeit, "wiederzukehren«, um den irdischen Menschen Beistand oder ihm
verzögernde Phase vor, die zwar nicht bis zur Unsterblichkeit dei Seligen vorenthaltene Opfer oder Gebete abzufordern. Es wurde also ein Aufschub
reichte, wohl aber einen zwischen Tod und endgültigem Lebensabschluß unterstellt, den die als Fürsprecher auftretenden Seligen oder die frommen
vermittelnden Grenzbereich bildete. (iläubigen sich zunutze machen konnten. Die Fernwirkungen der im Laufe
I.
tle s Lebens vollbrachten wohltätigen \Werke hatten noch Zeit, sich bemerk-
lrar zu machen.
Das Gericht am Ende des Lebens Von jetzt an wird über das Schicksal der unsterblichen Seele im Augen-
trlick des physischen Todes selbst entschieden. Es bleibt zunehmend weni-
Nach dem Ende des 14. Jahrhunderts ist das Thema des Jüngsten Gerichts ger Raum für "\fliederkehrenden und ihre bedrohlichen Außerungen. Um-
durchaus nicht völlig auf gegeben worden: es taucht in der Malerei eines Van gekehrt wird der lange auf die Gebildeten, auf Theologen oder Poeten
Eyck oder Hieronymus Bosch und gelegentlich auch noch im 17. Jahrhun- beschränkte Glaube an ein Purgatorium als Ort des Harrens jetzt wirklich
dert wieder auf, so in Assisi oder Dijon. volkstümlich, wenn auch nicht vor der Mitte des 17. Jahrhunderts, und
Die Auferstehung des Fleisches ist nicht in Vergessenheit geraten; tctzt sich an die Stelle der alten Bilder der Ruhe und des Schlafes.
Grab-Epigraphie und -Ikonographie - die protestantische wie die kathöli- Das Drama hat sich aus den Räumen des Jenseits zurückgezogen. Es ist

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in greifbare Nähe gerückt und spielt sich jetzt im Zimmer des Sterbenden mer eingetreten sind und sich ihm zu Häupten drängen. Auf der einen Seite
selbst ab, an seinem Sterbebett. die Heilige Dreifaltigkeit, die Jung{rau Maria, sein Schutzengel und der
Auch die Ikonographie des Jüngsten Gerichts wird im 15. Jahrhundert himmlische Hofstaat. Auf der anderen Satan und seine gräßlichen Heer-
durch eine neue ersetzt, wie sie auf durch den Buchdruck verbreiteten scharen. Die große Versammlung am Ende der Zeiten findet also im Sterbe-
Holzschnitten in Erscheinung tritt: einzelne bildliche Darstellungen, in die zimmer des Kranken statt. Der himmlische Hofstaat ist zwar anwesend, hat
sich .jedermann zu Hause versenken konnte. Diese Bücher sind nichts an- aber nicht mehr alle äußeren Attribute eines Gerichtshofes. Der Heilige
deres als Abhandlungen über die rechte Art und 'Weise eines heilsamen Michael wägt nicht mehr Gut und Böse auf seiner \i(aage. An seine Stelle
Sterbens: artes moriendi. Jede Textseite wird durch eine Abbildung illu- ist der Schutzengel getreten, der eher geistlicher Vächter und Beichtvater
striert, damit die laici, d. h. die des Lesens Unkundigen, die Bedeutung des als Advokat oder Büttel der Justiz ist.
Textes ebenso erfassen können wie die litterati. (20) Gleichwohl halten die ältesten Darstellungen des Todes im Bett an der
Diese Ikonographie führt, wenn sie auch neu ist, doch zum archaischen jetzt klassischen Gerichtsszene fest, die im Stil der Mysterienspiele behan-
Urbild des krank auf dem Sterbebette Ruhenden zurück, das die Szenen des delt wird. So etwa im Falle der Illustrationen zu Totenfürbitten aus einem
Jüngsten Gerichts überlagert hatten: Das Bett war, wie wir gesehen haben, Psalter von 1340. (22) Der Angeklagte sucht Zuflucht bei seinem Fürspre-
der unvordenklich alte Ort des Todes. Es ist es geblieben, bis es aufhört, cher: "Je aien oos mise m'esperancbe,/ Vierge Marie de Dieu mire:/ Deslo-
Bett zu sein, Symbol der Liebe und der Ruhe, um heute dann zum techno- iit m'äme de pesanche,/ et d'enfer oü est mort amöre." Satan, hinter dem
logischen Krankenhausgerät zu werden, wie es den Schwerkranken vorbe- Bett, verlangt ebenfalls seinen Anteil: "Je requiers aooi ä me part/ Par iu-
halten bleibt. stice selon droiture/ L'äme qui de ce corps se pdrt/ Qui est pleine de grand
Man starb in der Tat immer im Bett, sei es eines "natürlichen" Todes ordure.n Die Heilige Jungfrau schlägt sich an die Brust, Christus weist
(d. h. eines Todes ohne Krankheit und Leiden), sei es, häufiger, eines unna- seine lVundmale vor und gibt Marias Gebet an Gottvater weiter. Und Gott
türlichen, >,an Putd, Fieber, an apostema, Eiter{luß, oder anderen langen und teilt seine Gnade aus: "Six raisons est que ta requeste/ Soit exaucöe plaine-
schmerzhaften schweren Krankheiten". (21) Der plötzliche Tod, die rnors ment,/ Amour m'ömeut qui est bonneste,/ Nier ne le puis bonement.o
improaisa,war außergewöhnlich und gefürchtet; selbst schwere Verletzun- ln den artes rnoriend.i sind die Heilige Jungfrau und der gekreuzigte Chri-
gen, selbst gewaltsame Unfälle ließen im allgemeinen Zeit für den ritue]len stus stets gegenwärtig; und wenn der Sterbende in einem letzten Seufzer
Todeskampf auf dem Sterbebett. seine Seele aushaucht, erhebt Gottvater weder das Schwert noch die Hand
Das Sterbezimmer mußte in der makabren Ikonographie also eine neue tles Richters, sondern den barmherzigen Stachel des Todes, der die physi-
Bedeutungsdimension erhalten. Es war nicht mehr der Ort eines nahezu schen Leiden und die geistlichen Prüfungen abkürzt. Schließlich kommt es
banalen Ereignisses, das lediglich feierlicher war als andere; es wurde zur so weit, daß Gott weniger Richter vor dem Tribunal als Schiedsrichter eines
Bühne eines Dramas, auf der zum letzten Mal das Geschick des Sterbenden :, .rn,p{es zwischc.r den Mächten von Gut und Böse ist, dessen Einsatz die
gespielt und sein I-eben, seine Leidenschaften und seine Neigungen in Frage S- ;e des Sterbenden bildet.
gestellt wurden. Der Kranke sieht den Tod vor Augen. Venigstens erfahren Alberto Tenenti hat in seiner Analyse der Ikonographie der artes mo-
wir das aus den Texten, in denen zum Ausdruck kommt, daß sein Leiden ru:ndi die Auffassung vertreten, daß der Sterbende selbst seinem eiBenen
ihm hart zusetzt, während das aus den Bildern, auf denen sein Körper nicht I)rama eher als zuschauender Zetge denn als Akteur beiwohne: "Ein
ausgezehrt und noch kräftig wirkt, durchaus nicht ersichtlich wird. Dem Kampf zwischen zwei übernatürlichen Mächten, in dem der Gläubige nur
Herkommen gemäß ist das Zimmer von Besuchern überfüllt, denn man
starb immer öffentlich. Aber die Umstehenden nehmen nichts von dem Jeaienaos..-,lnEuch,MariaMuttergottes,habeichmeineHolfnunggesetzt:Rettetmeine
wahr, was vor sich geht, und der Sterbende seinerseits nimmt keinerlei \rcle aus der Bedrängnis und aus der Hölle, in der der bittere Tod harrt."
lerequiers...,IchverlantealsmeinTeilnachRechtundGesetzdieSeele,diediesenKörper
Kenntnis von ihnen. Nicht daß er das Bewußtsein verloren hätte: sein Blick
crläßt, der voll Unrates ist.*
'
haftet mit gebannter Aufmerksamkeit an .ienem außergewöhnlichen Schau- \ix raisons est . . . 'Sofern dein Verlangen begründet ist, soll es volles Gehör finden, die Liebe
spiel, das allein er wahrnimmt, an ienen überirdischen Wesen, die ins Zim- l,cwegt mich, dic aufrichtig ist, nicht wohl abschlagen kann ich es."

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eine begrenzteMöglichkeit der Vahl hat, aber kein Mittel, sich ihm zu ent- Ein derart hohes Risiko hat etwas Erschreckendes, und man versteht
ziehen- ein gnadenloser Kampf zu Häupten seines Bettes, die teuflische denn auch, daß die Angst vor dem Jenseits damals ganze Bevölkerungs-
Heerschar auf der einen, die himmlische auf der andern Seite." schichten erfaßte, die noch keine Furcht ,or denr Tode kannten. Diese
Diese Auffassung kommt tatsächlich in manchen Bildern zur Geltung: bange Angstvor dem Jenseits brachte sich durch die Darstellung der zu er-
in diesem Sinne deuten, die ein
so lassen sich sicher die Federzeichnungen wartenden Höllenqualen zum Ausdruck. Die Annäherung von Todes-
Manuskript mit dem Titel Miroir de la Mort von etwa 1460 schmücken. stunde und höchstrichterlicher Entscheidung drohte die von der Aussicht
(23)Eine davon stellt den Kampf zwischen dem Sterbenden und dem Teufel auf eine trostlose Ewigkeit ausgelöste Angst auf den Tod selbst auszudeh-
dar; andere den Eingrif{ des guten Engels oder die Kreuzigung als Heilsin- nen. Muß das Phänomen des Makabren nicht gerade in diesem Sinne inter-
strument; eine letzte schließlich den Kampf zwischen Engel und Teu{el zu pretiert werden?
Häupten des Sterbenden.
Es gab also die Vorstellung einer Auseinandersetzung zwischen den
Mächten des Bösen und des Guten. Sie scheint sich jedoch in der von Al- Die makabren Themen
berto Tenenti publizierten ars moriendi nicht durchgesetzt zu haben. Mir
drängt sich, im Gegenteil, der Eindruck auf, daß die Freiheit des Menschen Die makabren Themen treten in der Literatur wie in der Ikonographie un-
in diesem Dokument durchaus respektiert wird und daß Gott die Attribute gefähr zur gleichen Zeit in Erscheinung wie die artes moriendi.
der Rechtsprechung nur abgelegt hat, weil der Mensch selbst sein eigener Man nennt "makaber" (und zwar, ausgehend von den Totentänzen, in
Richter geworden ist. Himmel und Hölle liefern sich keinen Kampf wie im erweiterter Bedeutung) gewöhnlich die realistischen Darstellungen des
Miroir de la Mort von Avignon; sie wohnen nur der letzten Prüfung bei, menschlichen Körpers im Zuge der Verwesung. Das mittelalterliche Phä-
die dem Sterbenden auferlegt wird und deren Ausgang über den Sinn seines nomen des Makabren, das die Historiker seit Michelet in derart starkem
ganzen Lebens entscheidet. Sie sind Zuschauer und Zeugen. Beim Sterben- Maße in Atem gehalten hat, setzt mit dem Tode ein und findet beim ausge-
den selbst liegt die Macht, in diesem Augenblick alles zu gewinnen oder al- bleichten Gebein seinen Abschluß. Das im 17. und noch im 18. Jahrhundert
so häufige ausgetrocknete Skelett, la morte secca, gehört eigenclich nicht
les zu verspielen:
"Über das Heil des Menschen wird in seiner Todesstunde
entschieden.o Es ist also nicht mehr angemessen, den Lebenslauf des Ster- zur lkonographie, wie sie für den Zeitraum vom 14. bis zum 16. Jahrhun-
benden zu durchmustern wie beim Gericht über die Seelen am li(eltende. tlert bezeichnend ist. Der wird vielmehr von den abstoßenden Bildern
Es ist noch zu früh für diese endgültige Bilanz,denn die Biographie ist noch der Verwesung beherrscht: "O Aas, das du nichts als Abschaum bist!"
nicht abgeschlossen und muß sich noch rückwirkende Veränderungen ge- (25)
'§ü'ir
fallen lassen. Sie kann also zusammenfassend erst nach ihrem Abschluß be- können uns beim Durchblättern der Autoren und beim Anblick der
urteilt werden. Und das hängt vom Ausgang der letzten Prüfung ab, die der Kunstwerke des Eindrucks nicht erwehren, daß sich ein neues Gefühl be-
Sterbende in bora mortis ablegen muß, im Zimmer, in dem er die Seele aus- merkbar macht. Die makabre Ikonographie tritt etwa zeitgleich mit den ar-
hauchen wird. Seine Sache ist es, mit Hilfe seines Schutzengels und seiner tes moriendi auf: sie bringt jedoch eine gänzlich verschiedene Vorstellungs-

Fürsprecher zu siegen - und er wird den Frieden haben - oder den Einflü- welt zum Ausdruck - wenn auch vielleicht weniger verschieden, als es den
sterungen der Teufel nachzugeben - und er wird verloren sein. von der Originalität der Themen beeindruckten Historikern lieb wäre.
Die letzte Prüfung ist also an die Stelle des Jüngsten Gerichtes getreten Es ist sicher nicht schwierig, frühere Beispiele ausfindig zu machen. Die

- ein entsetzliches Spiel; und in Begriffen von Spiel und Spieleinsatz spricht lredrohliche Nähe des Todes und die Hinfälligkeit des menschlichen I-e-
auch Savonarola davon: "Mensch, der Teufel spielt Schach mit dir und trcns hatten bereits die romanischen Künstler inspiriert, die eine bronzene
'l-rinkschale
müht sich, dich zu schlagen und dir auf diesem Felde [dem Tode] Schach mit einem Skelett verzierten oder es im Mosaik eines Hauses
und Matt zu bieten. Halte dich also bereit und sei bedacht, weil du, wenn rrachbildeten: carpe diem. Harten sich die Christen diesem Gefühl ver-
du hier gewinnst, alles übrige gewonnen hast; wenn du aber verlierst, wird, schließen können, wo ihre Religion sich doch auf das Versprechen des ewi-
was du auch immer getan hast, nichts gelten." (24) gcn Heils gründete? Deshalb begegnet man dem Bild des Todes hier und

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da in Gestalt eines apokalyptischen Reiters. Auf einem Kapitell in Notre- Vir dürfen diese wenigen und wenig expressiven Vorgänger der großen
Dame in Paris und am Portal des Jüngsten Gerichrs in Amiens stürzt eine makabren Strömungen des 14. und 15. Jahrhunderrs Betrost außer acht las-
Frau mit verbundenen Augen einen Leichnam, den sie auf der Kruppe ihres sen. Das Bild, das der mittelalterliche Zeitraum vor dem 14. Jahrhundert
Pferdes mit sich führt. Andernorts hält der Reiter die §(aage des Gerichts von der universellen Zerstörung entwirft, ist tatsächlich von ganz anderer
oder den Todesbogen in Händen. Aber diese Darstellungen sind wenig Art: Staub und Asche - und nicht die Verwesung mit in den Eingeweiden
zahlreich, unauffällig und gleichsam marginal; ohne allzu direkten Hinweis sich ringelnden Würmern.
illustrieren sie eher die Gemeinplätze der humana mortalitas. In der Sprache der Vulgata und der alten Fastenliturgie vermischen sich
Ist die alte Literatur des Christentums in dieser Hinsicht beredter? Die die Begriff e Staub und Asche. Das'§fl ort cinis ist mehrdeutig. Es bezeichnet
Reflexion über die Vergänglichkeit des irdischen Lebens, der contemptus zum einen den Staub der Straßen, mit dem die Büßer als Zeichen von Trauer
mtndi, geht durch dieZeiten. Er ruft eine Vorstellungswelt wach, die von und Demut bedeckt sind, wie sie sich auch in Sackleinen oder härene Ge-
den großen makabren Dichtern wiederaufgenommen wird. wänder kleideten (in cinere et in cilicio, sacum et cinerem sternere). Es be-
Deshalb stellt im 11. Jahrhundert Odilon von Cluny die menschliche zeichnet aber auch die Asche der Verwesung und des Zerfalls: "Gedenke,
Physiologie in Begriffen dar, die denen von P. de Nesson nahekommen: Mensch, daß du Sraub fttuloisl bist und wieder zu Staub fin puberem)
o §(Ienn
iemand überdenkt, was in den Nasenlöchern, was in der Kehle und wirstu, sagt der Ministrant, wenn er am Aschermittwoch die Stirnen mit
was im Bauch alles verborgen ist, dann wird er stets Unrar finden..." Frei- Asche schwärzt. Asche versteht sich aber noch als Produkt der Auflösung
lich handelt es sich weniger darum, den Menschen auf den Tod vorzuberei- durch Feuer, was damals Reinigung bedeutet.
ten, als ihn vom Umgang und Verkehr mit Frauen abzulenken, denn - so Diese Bewegung von Staub und Asche, deren unaufhörliche Umschich-
fährt unser Moralist fort: "V'enn wir nicht einmal mit den Fingerspitzen tung und VerlaBerung Natur und Materie konstituieren, beschwört ein Bild
Schleim oder Dreck anrühren mögen, wie können wir dann begehren, den des Zerf alls, das dem des traditionellen Todes, dg5 , §( ir sterben alle
", sehr
Dreckbeutel selbst zu umarmen?" (26) nahe kommt.
Desgleichen feierten bereits die lateinischen Dichter des 12. Jahrhunderts Dem neuen, von den drtes moriendi geprägten Bild des pathetischen und
die Melancholie der großen vergangenen Herrlichkeiten: ,Est ubi gloria individuellen Todes des je einzelnen Gerichts sollte eine neue Gestalt des
nunc Babyloniae? nunc ubi diru/ Nabugodonosor, et D4rii aigor, illeque verwesenden Leichnams entsprechen.
Cyras?/ Qualiter orbita siribus incita praeterierunt,/ Fama reliquitur, illa- Die ältesten Darsteilungen makabrer Themen sind deshalb von Interesse,
que figitur, hi putruerunt." Und später Giacopone da Todi:
"Dic ubi Salo- weil bei manchen von ihnen der Zusammenhang mit dem Jüngsten oder
mon, olim tam nobilis/ Vel Sampson ubi est, dux inoincibilis.... (27) dem individuellen Gericht noch spürbar ist. So stellt beispielsweise auf dem
Man ließ in den Klöstern nicht ab, die von den Zeitläuften in Versuchung großen Fresko des Campo santo von Pisa, das sich etwa in die Zeit um 1350
geführten Mönche an die Vergänglichkeit von Machr, Reichtum und clatieren läßt, die gesamte obere - himmlische - Hälfte den Kampf der Engel
Schönheit zu mahnen. Bald - und zwar nur wenig vor der großen Blütezeit und Teufel dar, die sich die Seelen der Verstorbenen streitig machen. Die
des Makabren - sollten andere Mönche, die Mitglieder der Bettelorden, aus Engel tragen die Erwählten zum Himmel auf, die Teufel fahren mit den
den Klöstern ausziehen und, mit großem Aufwand an Bildern, Themen Verdammten zur Hölle nieder. An die Ikonographie des Gerichts gewöhnt,
verbreiten, die dann die städtischen Massen bis ins Mark trafen. Die The- fühlen wir uns da auf durchaus vertrautem Gebiet. Umgekehrt sucht man
men dieser Predigtsammlungen aber sind bereits dieselben wie die der ma- in der unteren Hälfte vergeblich nach den traditionellen Bildern der Aufer-
kabren Poeten und gehören dieser offensichtlich neuen Kultur an. stehung. An ihrer Stelle überfliegt eine Frau mit aufgelösten Haaren und
langen Schleiergewändern die rVelt, schlägt. mit ihrer Sense auf die Jugend
Est ubi gloria . . . Vo ist nun der Glanz Babylons ? Vo ist nun,/ Der furchtbare Nebukadne-
cines cozrs d'amour ein, die sich dessen durchaus nicht versieht, und läßt
zar, und des Darius Kraft, und jener Cyrus?/ \flie ein Rad, das mit Kraft gedreht wird, so
schwanden sie dahin;/ Ihr Ruhnr bleibt übrig, er festigt sich - sre aber vermodern. cioen cours des miracles (tüflunderhof) links liegen, der sie anfleht - eine
Dic abi Salomon . .. Sag, wo ist Salomo, der einst so herrliche,/ Und wo ist Simson, der unbe - lremdartige Gestalt, die einem Engel gleicht, weil sie fliegt und ihr Körper
siegliche Heerf ührer... :rnthropomorph ist, aber auch einem Teu{el oder Tierwesen, weil ihre Flü-

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gel Fledermausflügel sind. Man ist in der Tat häufig versucht, den Tod sei- deutet mahnend auf ihn hin. Er spielt die Hauptrolle in der makabren
ner Neutralität zu entkleiden und ihn in der lVelt des Teufels zu beheima- Ikonographie des 14. bis 16. Jahrhunderts. \Vir wollen ihn hier deshalb aus-
ten. führlicher würdigen.
Er tritt natürlich in der Hauptsache in der Grabplastik in Erscheinung,
Vieille ombre de la terre, aingois ombre d'ent'er. und sogar heute noch wäre den vorzüglichen Kommentaren von Emile
Mäle und Erwin Panolsky eigentlich nichts hinzuzufügen. (30) Gleichwohl
Aber auch als fügsamen Erfüllungsgehilfen des göttlichen \üTillens be- sind die Denkmäler, die sie untersucht haben, die Grabstätten bedeutender
trachtete man ihn, als brauchbaren Verbündetsn. "Folge diesem Gehilien Persönlichkeiten und gehören durchweg in den Bereich der großen Kunst,
Gottes" (P. Michault). So tritt er noch auf dem Jüngsten Gericht von Van in der der Erstarrte eines der Geschosse eines Monuments in Anspruch
Eyck in Erscheinung, wo er die Velt mit seinem Körper deckt, wie die nahm, das häufig über deren zwei verfügte: das untere für den Ruhenden
Heilige Jungfrau aus Barmherzigkeit die Menschheit mit ihrem Mantel ein- oder Erstarrten, der an seine Stelle tritt, das obere für den Erwählten im
hüllt; die höllischen Schlünde klaffen unter seinen gespreizten Beinen. Die Paradies (wir werden au{ diese lkonographie im fünften Kapitel zurück-
Gestalt einer lebendigen Frau aber, die er in Pisa hatte, hat der Tod hier kommen). So etwa im Falle des Grabes des Kardinals Lagrange im Museum
eingebüßt. (28) von Avignon oder in dem des Kanonikers Yver in Notre-Dame in Paris
In Pisa sinken unter den Hieben seiner Sense die Leiber der getroffenen (man vergleiche auch bei Gaigniöres das Grab von Pierre d'Ailly, Bischof
Menschen zu Boden, mit geschlossenen Augen, und Engel und Teufel eilen, von Cambrai [31]). Es mag genügen, hier kurz an diese eindrucksvollen
die Seelen einzusammeln, die sie aushauchen. Die Szene des letzten Atem- 'Werke zu erinnern, die so eindrucksvoll sind, daß sie über den geringen
zuges ist an die Stelle der Auferstehungsszene Betreten, in der die wiederer- Grad ihrer Verbreitung hinwegtäuschen. Sie sind in Virklichkeit nämlich
weckten Leiber aus der Erde auffahren. Der Ubergang vom Jüngsten Ge- wenig zahlreich und bringen, {ür sich genommen, keinen entscheidenden
richt zum entscheidenden Augenblick des individuellen Todes, den wir '§(esenszug
der Sensibilität der Epoche zum Ausdruck.
bereits in den drtes moriendi beobachtet haben, ist hier noch deutlich wahr- Es gibt aber einfachere Grabmäler, bei denen die Kadaver-Symbolik
nehmbar. zwar auch in Erscheinung tritt, aber ohne die abstoßenden Formen der
Es gibt, neben der Vorstellung des universellen Todes, jedoch noch eine Verwesungsbeschwörung. Der Ruhende ist ins Leichentuch eingehüllt, das
andere charakteristische Szene. Eine Schar von Reitern verhält angesichts den Kopf und einen Fuß freiläßt. Dieser Typus taucht häufig auf , so in Di-
des schrecklichen Schauspiels dreier offener Särge. Die darin ruhenden To- jon (Grab des Joseph Germain im Museum von Dijon, 7424; Gräber der
ten sind in einem jeweils verschiedenen Verfallsstadium dargestellt, im beiden Stifter einer Kapelle in Saint-Jean in Dijon). Daß es sich um einen
Sinne der Phasen, wie sie den Chinesen seit langem bekannt sind. Das Ge- Leichnam handelt, erkennt man an der vorspringenden entfleischten Kinn-
sicht des ersten ist unversehrt, und er hat Ahnlichkeit mit den gisants, die lade. Die Haare der Frauen hängen gewöhnlich unordentlich herab. Die
der Tod zwar gefällt, aber noch nicht völlig entstellt hat, wenn sein Bauch nackten Fül3e ragen unter dem Leichentuch hervor. Es ist der Leichnam in
auch von Gasen aufgetrieben ist. Der zweite ist merklich verunstaltet, ver- der Form, wie er in die Erde gebettet werden wird, nachdem man einige
modert und bis auf wenige Fleischreste verblichen. Der dritte schließlich Zeit hat verstreichen lassen. Noch heute ist der Anblick für unsere abge-
ist bis aufs Skelett reduzierr. (29) stumpften Augen beeindruckend, so in einer Kirche in Dijon.
Der halbverfallene Leichnam wird zum häufigsten Typus der Todesdar- Merkwürdig ist, daß diese Erstarrten nicht immer in der realistischen
stellung: der ,Erstarrte" Qransi). Man begegnet diesem Typus bereits um Stellung von Ruhenden verbleiben. Auf einer anderen Grabplatte in Dijon
7320 an den Mauern der unteren Basilika von Assisi, einem \iflerk eines (Saint-Michel, 1521)knien die beiden Erstarrten, anstatt nebeneinander zu
Giotto-Schülers: Er trägt eine lächerliche Krone, und der Heilige Franz liegen, zu seiten eines maiestätisch thronenden Christus. Sie haben die Stelle
der zum Himmel Flehenden eingenommen, nicht mehr die der Ruhenden.
-
Vieille ombre . . Alter Schatten der Erde, alter Schatten der Hölle. P. de Ronsard, Derriers Auf einem lothringischen Grabmal des 16. Jahrhunderts, das von einem
Vers,1586,1119. Irreilandfriedhof stammt (es handelt sich um eine von einem Kreuz über-

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ragte Stelle) ist ein Skelett in sitzender Haltung dargestellt, den Kopf in die er in dem Augenblick dargestellt, wo er über die Schwelle des Zimmers her-
Hand gestützt (Nancy, Mus6e Lorrain); gleichwohl haben der Bildhauer eintritt. (32)
und sein Kunde, was die drastischen Zeichen der Verwesung angeht, sich Der Tote als transi ist in den artes moriendi noch weniger häufig als in
eher Zurückhaltung au{erlegt, und ihr Erstarrter bleibt durchaus diskret. der Grabkunst. Sein eigentlicher Bereich ist eher der der Illustrationen von
Vir sind heute beeindruckt, wenn diese Zurückhaltung au{gegeben und Stundenbüchern für fromme Laien, insbesondere der Illustrationen von
durch einen makabren Expressionismus ersetzt wird. Aber wir dürfen uns Totenfürbitten - und das ist ein Hinweis auf die Beziehungen zwischen
durch die Seltenheit dieser Fälle nicht täuschen lassen. Wenn man eine Sta- makabrer Ikonographie und Predigt, namentlich der Predigt der Bettel-
tistik der Grabmäler des 14. bis 16. Jahrhunderts anfertigte, so würde deut- mönche.
lich, daß die Erstarrten - im Gesamtkomplex der makabren Ikonographie Der Übergang zu den Stundenbüchern läßt uns das Zimmer des Sterben-
- erst spät auftauchen, daß sie wenig zahlreich sind und in großen Provin- den nicht aus dem Blick verlieren. In einer Miniatur der Henres de Roban
zen des Christentums sogar völlig fehlen, so in Italien (vor der Invasion der tritt der Tod mit einem Sarg auf der Schulter herein - zum Entsetzen des
Skelette im 17. Jahrhundert), in Spanien, im mediterranen Frankreich. Sie angesichts dieser unzweideutigen Ankündigung fassungslosen Kranken.
treten gehäuft au{ im Norden und rüesten Frankreichs, in Flandern, in Bur- Bevorzugt wird der Tod in den Stundenbüchern jedoch aui dem Friedhof
gund, in Lothringen, in England und Deutschland. Diese geographische dargestellt; die Friedhofsszene wird sehr häufig und sehr verschiedenartig
Verteilung fällt nahezu genau mit der der Verhüllung des Toten zusammen gestaltet. Manche, darunter die schönsten, stellen einen Kompromiß zwi-
(vgl. Kapitei 4): Die makabre Ikonographie kommt besonders da zur Gel- schen dem Tod im Bett (der artes moriendr) und der Beisetzung des Toten
tung, wo das Gesicht des Toten bedeckt wird. Sie fehlt, wo es unverhüllt dar. So etwa die berühmte Miniatur der Heures de Rohan (um 1420), die
bleibt. den Titel Mort du chr€tien (Der Tod des Christen) trägt. Der Sterbende
Die Erstarrten sind kein charakteristischer Bestandteil der gegen Ende liegt nicht mehr auf dem Totenbett. Er ist - in einer Art surrealistischer An-
des Mittelalters verbreiteten Grabplastik; sie bilden lediglich eine ihrer tizipation - auf den Friedhof überführt worden und liegt da auf der Erde,
marginalen und kurzlebigen Episoden. Diese einschränkende Beobachtung auf einer Erde, wo, wie auf allen Friedhöfen, Gebeine und Schädel mit Gras
setzt iedoch nicht die Tatsache außer Kraft, daß sich das Thema des mehr und Strauchwerk in krauser Mischung durcheinandergewürfelt liegen. Er
oder weniger verv/esten transi im 15. und 16. Jahrhundert schließlich bei ruht auf einem schönen blauen, golddurchwirkten Leichentuch ausge-
den Grab-Steinmetzen, ungeachtet ihres Traditionalismus, auf breiter streckt, in das er später eingehüllt werden wird: Es war, wie wir gesehen
Frontdurchgesetzthat, nicht nur in den beredten W'erken der Hochkultur, haben, Brauch, manche Verstorbene in kostbare Gewebe zu kleiden. Der
sondern auch auf einfachen Grabplatten wie in Dijon oder in holländischen zweite unterschied zu d,en artes rnoriendi ist der, daß der Körper vollstän-
Kirchen. dig nackt ist - ein durchsichtiger Schleier verbirgt den Blicken nichts -, statt
Die Grabplastik ist gleichwohl die am wenigsten makabre Kunst dieser unter seinen Hüllen zu verschwinden, und dieser nackte Körper ist bereits
makabren Epoche. I)ie makabren Themen kommen offener und häufiger ein Leichnam, allerdings ein Leichnam vor der Verwesung, wie bei den
in anderen Ausdrucksformen zur Geltung, insbesondere in nichtrealisti- Grabmälern von Dijon.
schen Szenen, in Allegorien, die nicht wahrnehmbare Aspekte und Dinge Von diesen Vorbehalten abgesehen, werden hier die klassischen Themen
zeigen. So findet der Erstarrte, Personifizierung des Tndes wie auf dem von der artes moriendi und des Jüngsten Gcrichts deutlich: Der Sterbende
1320 stammenden Fresko in Assisi, ohne Vissen der Beteiligten Eingang haucht seine Seele aus, die der Heilige Michael und Satan sich streitig ma-
ins Sterbezimmer. Er war in den von uns kommentierten drtes moriendi chen. Die dem Erzengel zufallende Rolle des kosmischen Kämp{ers wird
so gut wie immer abwesend, wo - wie wir gesehen haben - alles Geschehen mit der des ps7 cltopompos verknüpf t. Gottvater, diesmal allein, ohne seinen
sich, ohne W'issen der Umstehenden, zwischen den Mächten von Himmel Hof , betrachtet den Sterbenden und vergibt ihm. Man spürt in dieser Kom-
und Hölle und dem freien §(illen des Sterbenden abspielte. Aber in der Arte position den Vunsch, die traditionelle Ikonographie und die eindrucksvol-
del bene morire (tm 1497) des Savonarola ist er, zu Füßen des Bettes sit- Ieren Aspekte des Todes einander näherzubringen: Leichnam und Fried-
zend, plötzlich zur Stelle. In einer anderen italienischen drte von 1511 ist hof.

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Dieser Tod auf dem Friedho{ - während man doch im Bett starb - ist als Begründer der Totenfürbitten in hohem Ansehen standen. Zwar ist ihr
wohl nicht sehr häufig. Man begegnet ihm sehr viel später in einer merk- Namenstag durch das Toten-Gedenkfest am 2' November ersetzt worden;
würdigen, bei Gaigniöres auf geiührten Reproduktion des Grabes des 1542 es hat jedoch lange gedauert, bis sie in Vergessenheit gerieten, und ihr An-
verstorbenen Priors von Saint-Vandrille im Cölestinerkloster von Mar- denken hat sich in der volkstümlichen Frömmigkeit noch geraume Zeit
coussis wieder. (33) Das Original war ein Gemälde, auf dem der Ruhende, erhalten. so stellt ein Gemälde von Rubens für den Allerseelen-Altar von
im Priestergewand, den Kopf auf ein Polster gestützt, direkt auf dem Fried- Nantes Judas Makkabäus im Gebet für die Toten dar; und in der Scuola
hofsboden ausgestreckt liegt; der Tod, eine Mumie, ihm zu seiten, mit ei- Grande dei carmini in Venedig beschreiben zwei Altartafeln aus der Mitte
nem Schlegel bewaffnet, mit dem er ihn hingestreckt hat oder gleich hin- des 18. Jahrhunderts die Martern der Makkabäer.
strecken wird. So ist der Friedhof denn zum Königreich des Todes Der Totentanz ist ein tendenziell endloser Rundtanz, in dem sich ieweils
geworden: er herrscht dort in Gestalt eines mit einer Sense oder einem Sta- ein Toter und ein Lebender abwechseln. Die Toten {ühren den Reigen an
chel bewaifneten Skeletts. Hier sitzt er auf einem Grab wie auf einem Thron und sind die einzigen, die tanzen. Jedes Paar setzt sich aus einem nackten,
und hält mit der einen Hand seinen Stachel wie ein Zepter, mit der anderen entfleischten, geschlechtslosen und wilden Gerippe und einem je nach sei
einen Schädel wie den Erdball. Dort richtet er sich mit inbrünstigem Ei{er nem gesellschaftlichen Stand gekleideren und gänzlich verblüfften Mann
über einem offenen Grabe auf: der ausgestreckte Stachel weist auf die Ge- (später auch einer Frau) zusammen. Der Tod reicht seine Hand dem Le-
stalt eines transi.lsr dies aber der Tod als Herrscher über den Friedhof oder benden, den er sich ausersehen hat, der ihm aber noch nicht Folge leistet.
der aus seinem Grab aufgefahrene Tote, diese Mumie mit - abgesehen vom Die Kunstwirkung besteht im Kontrast zwischen der rhythmischen \(ild-
in Höhe der Eingeweide offenklaffenden Bauch - guterhaltener Haut und heit der Toten und der Gelähmtheit der Lebenden. Der moralisch-erziehe-
grimassierendem Schädel ? rische Zweck ist der, die ungewißheit der Todesstunde und die Gleichheit
Hier schwingt er überdies, aufrecht und herrisch, seinen "Stachel" und der Menschen angesichts des Todes vor Augen zu führen. Alle Alterstufen
bedroht den Leichnam, der at seinen Füßen auf dem Deckel eines Sarko- und Stände defilieren in einer Ordnung vorbei, die der sozialen Hierarchie
phages liegt, in Erwartung des baldigen Verfalls. Eine erstaunliche Szene: entspricht, wie man sie damals auffaßte. Diese Symbolik der Hierarchie
Die beiden Leichname sind identisch, der eine liegend und leblos, der an- wird heute zur Informationsquelle für den Sozialhistoriker: (35)
dere aufrecht und agil. In den Fällen, wo die beiden Mumien nicht neben- In den vor dem 16. Jahrhundert entstandenen Totentänzen, auf die wir
einanderliegen, weiß man nicht, ob es sich um einen " !V iedergekehrten" als uns in diesem Kapitel ausschließlich beziehen wollen, ist die Begegnung
Doppelgänger eines ieden Menschen, als Gestalt seines sich unterirdisch von Mensch und Tod durchaus noch nicht gewaltsam. Die berührende Ge-
vollziehenden Geschicks, oder um eine Personifizierung der Macht han- ste des Todes ist nahezu sank: ,ll t'aut qtte sur ttous la rnain mette'. (Die
delt, die alle lebenden §(esen vernichtet. (34) Hand muß ich auf euch legen.) Er bezeichnet den Lebenden eher, als daß
Die Totentänze sind an sich keine Miniaturen aus Stundenbüchern; sie er blind zuschlägt:
erhalten den Zusammenhang mit dem Friedhof, den die Totenfürbitten
hergestellt haben, aber schon deshalb aufrecht, weil sie nichts anderes als Approchez-ttous, je vous actens. '.
Friedhofsdekorationen sind: Fresken an den Mauern der Beinhäuser oder Il oous t'aut ennuYt trösPasser. ' .
Kapitelle von Säulen der Galerien. A demain ttous aient adiourner...
Man hat die Bedeutung des '§üorres ,makabero häufig diskutiert. Sie
scheint mir die gleiche zu sein wie die des macchabie (Leiche) unserer heu- Er lädt sein künftiges Opfer ein, ihn zu betrachten, und sein Anblick dient
tigen Umgangssprache, in der sich alte Formen erhalten haben. Es ist übri- als Mahnung:
gens nicht überraschend, daß man ungefähr im 14. Jahrhundert dem Leich-
nam, dem »toten Körper" (das §ü'ort Kadaver war noch nicht gebräuchlich)
den Namen der Heiligen Makkabäer beilegte: sie waren seit langem als Approcbez-oous. .. Kommt nahe herbei, ich erwarte euch. . ./ Noch heute nacht müßt ihr da-
Schutzheilige der Toten verehrt worden, weil sie, zu Recht oder Unrecht, vongehen. . ./ Auf morgen seid ihr vorgeladen. . .

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Marchand, regardez par-de1ä. . .
Bnation gedämpftes Bedauern - mehr Bedeuern bei den Reichen, mehr Re-
Usurier de sens diröglez, signation bei den Armen: eine Frage der Dosierung.
Venez tost et me regardez.
Pour Dieu qu'on me oas quörir
Er begleitet seine Vorladung - "Vor den großen Richter müßt ihr treten« M 6de cin et apothicaire,

- mit einer Mischung aus Ironie und Gottesfurcht.


{ordert das verhätschelte Veibchen, das einen mary de si bonne affaire (so
Car ce Dieu qui est merueilleux begüterten Geschäftsmann) hat. Umgekehrt nimmt die bäuerliche Land-
N'a pitiö de oous, tout perdez, frau den Tod willig hin:

sagt er zum lVucherer. Und zum Arzt: Je prens k rnort vaille que vaille
Bien grö et en patience ...
Bon rnire est qui se scet guirir.
Merkwürdig ist, daß sich hier, bei Figuren, die vom Anhauch des Todes
entstellt sein sollten, wieder das alte Gefühl der bereitwilligen Fügung ins
Emile Mäle war der Auf{assung, daß der Tod in der Kirche von La
Schicksal bemerkbar macht.
Chaise-Dieu sein Antlitz verhülle, um dem kleinen Kind, das er heimzuho-
Andere bildliche Darstellungen scheinen Weiterentwicklungen einfacher
len kommt, nicht Angst einzuflößen.
Konstellationen des Todestanzes zv sein, weil sie ebenfalls die Gleichheit
Dem armseligen Tagelöhner gegenüber wendet er jedenfalls eine Sprache
angesichts des Todes und das memento mori vergegenständlichen. So tritt
an, in der zugleich Mitleid und unabdingbares Verhängnis zum Ausdruck
zum Beispiel die Mumie oder das Skelett in einen Saal ein, in dem Prinzen
kommen.
und geistliche'§7ürdenträger versammelt sind, oder nähert sich einem fest-
Laboureur qui en soing et painne lichen Bankett - dem Bankett des Lebens -, um einen der Tafelnden von
Avez vescu tout Losffe temPs, hinten zu berühren, wie auf einem Stich des Stradanus. Der Akzent liegt
Morir t'auh, c'est cbose certainne, hier - mehr als in den drtes moriendi und den Totentänzen - auf der Plötz-
Reculler n'y aault ne contens. lichkeit seines Zugriffs. Der Tod gewährt keinen Aufschub mehr, er kün-
De mort devez estre contens tlrgt sich nicht mehr an, er schlägt hinterrücks zvt mors improaisa, der am
Car de grant soussy ttous delivre... rneisten gefürchtete Tod, außer bei den protestantischen und katholischen
Reformatoren und den neuen erasmischen Humanisten. Dieser plötzliche
Die Lebenden versehen sich der unerwarteten Begegnung nicht. Sie deu- Tod wird nur selten dargestellt: In der letztlich doch tröstlichen Ordnung
ten mit der Hand oder dem Kopf eine Geste der Veigerung, der Abwehr der sehr volkstümlichen Totentänz-e, die zunächst als Fresken an den Um-
an, aber sie verraten nicht mehr als diesen Re{lex der Überraschung und las- fassungsmauern der Beinhäuser, dann in Serien von Holzschnitten Ver-
sen weder tiefe Angst noch Auflehnung erkennen. Nur eben ein von Resi- breitung finden, gewährt der schreckliche Anführer des Reigens gewöhn-
lich noch eine kurze Frist.
Marcband . . . Kaufmann, schaut her . . ./ Wucherer mit lasterhaftem Sinn,/ Kommt näher und
Der "Triumph des Todes" ist ein anderes Thema, das, ebenfalls sehr ver-
betrachtet mich.
Car ce Diea. . . Dem dieser Gott, der so wunderbar ist,/ Hat kein Mitleid mit Euch, ihr da-
breitet, zur gleichen Zeit (wenn nicht {rüher) wie die artes lnd die Toten-
gegen verliert a[es. tänze auftritt. Das Motiv ist jedoch sehr verschieden: Es handelt sich nicht
Bon mire ... Ein guter Arzt ist, wer sich selbst zu heilen versteht.
Labourevr... Tagelöhner,derduinMüheundPlagel AllderneZeitzuEndelebtest,/Sterben Porr Dieu..- Um Gottes willen, man möge mir/ Arzt und Apotheker holen
mußt du, das ist gewiß,/ Kein Zurückbeben hilft und kein Widerstreben./ Dcs Todes mußt du Je prens .. . Ich ne hme de n Tod, es gehe wie es wili,/ Aus freie n Stücken auf mich und mit
froh sein,/ Denn von großer Sorge befreit er dich. . . (l cduld.

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mehr um die persönliche Auseinandersetzung zwischen Mensch und Tod, Er ist also eine Gestalt des blind zuschlagenden Schicksals, in offensicht-
sondern um die Vergegenständlichung der kollektiven Macht des Todes - lichem Gegensatz zum Individualismui der artes und Totentänze. Täu-
der Tod, Mumie oder Skelett, sein Waffenemblem, den Stachel, in der schen wir uns jedoch nicht: Die Vorstellungswelt dieser Allegorie ist vom
Hand,lenkt aufrechtstehend einen gewaltigen, langsamen, von Ochsen ge- ursprünglichen und traditionellen "!V'ir sterben alle" weiter entfernt als die
zogenen Karren. Man erkennt darin den schwerfälligen, von der Mytholo- Totentänze. Im "\(ir sterben alleu war der Mensch mit dem ihm bevorste-
gie beein{lußten Festwagen wieder, wie er für die großen Einzüge von Für- henden Tod vertraut und hatte Zeit, sich darein zu fügen. Der Tod der
sten in ihre Prunkstädte bestimmt war - eines Fürsten, dessen Embleme
"Triumphe" läßt keine Vorahnung zu:
hier Schädel und Gebeine sind. Der Karren konnte auch aus einem fürstli-
chen Trauergeleit stammen und die in Vachs oder Holz ausge{ührte reprö- Je picque et poinct quand je connais mon point
sentation (Bildnis) eines für die Trauerfeierlichkeiten geschmückten Kör- Sans aoiser qui a assez oescu. .. (36)
pers sein, die den realen nachbildete, oder den noch mit dem Bahrtuch
verhüllten Sarg aufnehmen. Im phantastischen Universum von Breughel Tatsächlich haben die Opfer, die er mit seinem schwerfälligen Fahrzeug
wird er zum ungeschlacht-lächerlichen Karren, in den die Totengräber die hingestreckt hat, durchaus nichts geahnt; sie sind in den Schlaf der Bewußt-
Gebeine schichten, um sie - in Kirchen oder Beinhäusern - von einer Stelle losigkeit entrückt worden.
zur anderen schaffen zu können. Ebensowenig findet man in der Vorstellungswelt der Triumphe die ftir
'§(ie immer aber
seine äußere Zurüstung auch beschaffen ist - der Vagen die Totentänze bezeichnende Mischung von Ironie und Gefügigkeit. Sie
des Todes ist ein Kriegswagen, eine Zerstörungsmaschine, die unter ihren geben Zeugnis von einem unbestreitbar anderen Gefühl, das bereits im
Rädern und sogar unter ihrem bloßen unheilbringenden Schatten eine un- Campo santo von Pisa aufscheint, sich dann aber weiterentwickelt und in
geheuerliche Menschenmenge aller Altersstufen und gesellschaftlichen der Folge deutlich hervortritt - dem bestimmten lVillen, nicht die Gleich-
Stände zermalmt. In den Versen von Pierre Michault spiegelt sich das fol- heit aller Stände und die Unabdingbarkeit des Todes, sondern seine Absur-
gendermaßen: dität und \Widernatürlichkeit zum Ausdruck zu bringen: Der Tod des Tri-
umphes schreitet starr geradeaus, wie ein Blinder. Aus seinen Hekatomben
Je suis la Mort de nature ennemye, von Opfern bleiben deshalb die Armseligsten ausgespart und verschont,
Qui tout finallement consomme, Bettler, Krüppel, die ihn anflehen, ihren Gebresten ein Ende zu setzen, und
Annihilant en tous humains la vie, :ruch die verzweifelten jungen Leute, die sich ihm freiwillig darbieten, aber
Rdduis en terre et en cendre tout bomrne. zu spät kommen. Er läßt die einen lebend am Straßenrand zurück und ver-
Je suis la Mort qui dure me surnomme, langsamt seine Gangart durchaus nicht, um auf die anderen zu warten. Man
Pour ce qu'il faut que maine tout ä fin.. . vergleiche diese Anspielung au{ die Verzweiflung mit der offenen Verdam-
Sur ce bnuf cy qui s'en aa pas a pds mung des Selbstmordes rn den artes, und die Unterschiede werden augen-
Assise suis et ne le baste point, fällig.
Mais sans courir je mets ä grief trespas
Les plus bruians quand mon dur dart les poinct.
\(ir haben ikonographische Quellen als Ausgangspunkt gewählt. Ebenso-
gut hätten wir jedoch von literatischen Dokumenten ausgehen können, von
denen einige, die wir bereits zitiert haben, dieselbe Sprache wie die Bilder
sprechen und ihnen als direkter Kommentar dienen können, wie Pierre Mi-
le suis la Mort. .. Ich bin der Tod, Feind der Natur,/ Der letzdich alles verzehrt,,/ In allen
Menschenwesen das Leben auslöschend,/ Verwandle ich jeden Menschen in Erde und Asche zu-
.:hault {ür den Triumph des Todes oder der anonyme Dichter für denToten-
rück./ Ich bin der Tod, hart nenne ich mich,/ Weil ich alles seinem tnde entgegenführen mu(l. . . txnz.
Auf diesem Ochsen. der Schritt für Schrit! voranrrottet,/ Sitze ich und treibe ihn nicht an,/ Ohne
Hast aber überliefere ich einem schwcren Hingang/ Die größten Prahlhänse, wenn mein harter le picqve et poinct... Ich spieße und stechc, wenn ich weiß, woran ich bin,/ Ohne Vomar-
Stachel sie rrifft. ,,ung alle, die lange genug gelebt haben.

152 153
Hier sei überdies Pierre de Nesson zitiert: Sie ist eine Eigenschaft des menschlichen Körpers selbst:

Et lors qae tu trespasseras Car les oers d'elle-m€me fde la charogne] risaezr [sortent]
Dis le jour que nort tu seras Qui la decirent et la döaorent.
Ton orde cltar cornmencera
Sie wohnt ihm von Anfang an inne. Der Mensch wird geboren, wie er
A prendre pugnaise pueur. ..
stirbt - in der infection (Durchseuchung).
'Was
mag aus diesem Menschen-"Aas«, aus diesem sac i t'iens (Kotnck) O trös orde conception
werden, wenn
O oil, nourri d'infection
I-'on t'ent'oyra dans la terre Dans le nentre a"ant ta naissance.
Et counrira d'une grant pierre
At'in que jamais oeu ne soyes? Die Stoife und Säfte der Fäulnis wirken unter der Oberfläche, unrer der
Haut:
Niemand wird ihm mehr Gesellschaft leisten wollen:
Job compäre cbair ä oest,.ffe
Qui te tenra lors compaignöe? (37) Caruestement est mis dessure
Le corps aft'in qu'on ne le ooie.
Ahnliche Beispiele ließen sich in den Predigtsammlungen finden, die un-
geduldig zur Bekehrung aufforderten, indem sie den Menschen Angst ein- 1ü(/enn man ihn aber zu Gesicht bekäme! Und den Dichtern und Predi-

flößten, ihnen die Vergänglichkeit des Lebens vor Augen führten und sie gern, den Moralisten, fällt die Aufgabe zu, ihn sichtbar zu machen:
das Grauen des Todes ahnen ließen. Aber weder die Literatur noch die Pre-
digtsammlungen fügen dem Kanon der Ikonographie bedeutsame Aspekte N'est que tor,tte ordr,,re
hinzu. Mor, crachats et pourritures
Manche Autoren, Dichter vor allem wie Pierre de Nesson, haben aller- Fiente puant et cofrompt4e.
dings nicht gezögert, einen neuen Zusammenhang zwischen körperlichem Prens garde ös eurtres naturelles...
Verfall nach dem Tod und alltäglichen Lebensäußerungen zu sehen. Die Tu oerras que chascun conduit [du corps]
Fäulnis, der die Leichname zum Opfer {allen, steigt nicht aus der Erde auf : Puante mdtiire produit
Hors du corps continuellement.
Les oers qui en terre demeurent
N'y atouc heraient, iaq u'ilz puissent.
Car les aers . - . Denn die \(ürmer kommen aus ihm selbst [dem Aas],/ Die es zer{ressen und
verschIingen.
O tris orde concePtion.. . O sehr schmutzige Empfängnis,/ O Elend, von Durchseuchung
Et lors... Und wenn du hinscheidest,/ So wird, vom Tage deines Todes an,,/ Dein ekles genährt/ Im Bauche yor deiner Geburt.
Job compäre ... Hiob vergleicht das Fleisch mit der Mönchsgewandung,/ Denn die[se] Klei-
Fleisch/ Einen abscheulichen Gestank zu verbreiten beginnen.
L'on t'enfoyra... [Venn] man dich in die Erde bettet/ Und mit e inem großen Grabstein zu- dung wird über dem Körper getragen,/ Damit man ihn nicht sieht.
deckt,/ Damit du niemals mehr gesehen werden mögest. N'est que togte ordure -. - Ganz und gar nur Unrat ist er,,/ Tod, Auswurf und Moder,/ Stin-
Qui te tenra . -. rffer wird dir Gesellscha{t leisten? kender und verfaulter Mist./ Hüte dich vor den Verken der Narur... Du wirst sehen, daß jeder
Les vers.. . Die Vürmer, die im Erdreich hausen,,/ liüürden sie nicht anrühren, obwohl sie es lleibhaftig, in Gestalt seines Körpers] stinkende Mate rie mit sich {ührt,/ Vie sie fortgesetzt aus
könnten. rlem Körper heraus erzeugt wird.

154 155
Hier erkennt man bereits den "intravitalen Tod" von V. Jankdl6vitch. Maintenant la santö je logeais en mon sein,
Man suchte damals "den Tod in den Tiefen des Lebens selbst". Tantost la maladie, exüAme t'liau de l'äme.
Demnach sind Krankheit, Alter und Tod nichts anderes als Eruptionen
der inneren Fäulnis, die die Körperhülle durchstoßen. Es ist also unnötig, Diese Krankheit - er kennt sie - ist die Gicht.
zur Erklärung der Krankheit auf körperfremde Elemente oder auf Tiergei-
La goutte jä aieillard rne bourrela les oeines
ster zurückzugreifen: sie ist stets präsent. Empfängnis, Tod, Alter und
Krankheit vermischen sich in Bildern, die eher ergreifen und anziehen, als
Er stirbt als Einundsechzigjähriger, im selben Alter wie der Greis von
daß sie abschrecken.
Eustache Deschamps; aber seit seinem dreißigsten Lebensiahr hat er die
Folgendermaßen läßt sich etwa der abstoßende Sechzigjährige von Eu-
Zeichen des Alters und der Krankheit verspürt und verweilt selbstquälerisch
stache Deschamps vernehmen:
dabei:

Je deaiens courbe et bossus, J'ay bs yeux tout battus, la t'ace toute päle,
J'oy trd dur, ma aie ddcline .. . Le cbef grison et cbauue, G je n'ay que trente dns.

Er muß es dulden, daß die Gerüche der Fäulnis seinen Körper auf blähen: So beschreibt er etwa seine Phasen von Schlaflosigkeit:
Alter und Tod stellen sich ein, wenn die fleischliche Hülle nicht mehr stark Mais ne Poupais dormir, c'est bien de mes malheurs
genug ist, sie in sich zu schließen: Le plus grand, qui rna oie G cbagrine G despite.
Seize lteures pour le moins, je meurs, les yet4x ou.oerts,
Mes dents sont longs, faibles, agus,
Me tournant, me r.tirant de droict & de traaers
flairant comme santine...
Jaunes, Sur l'un, sur l'autre t'lanc, je temp€te, je crie ...
Mis|ricorde! Ö Dieu! 6 Dieu, ne me consume
Das sind die Zeichen des Todes. Und der Sterbende Villons, der ,in
A t'aute de dormir.. .

Schmerzen dahinsiecht" :
Vieille ombre de la terre, aingoß ombre d'ent'er,
Son t'iel se cröpe sur son cuer Tu m'as ouvert les yeux d'une chaine de t'er,
Puis sue, Dieu scet quel sueur! Me consumant au lict, nderd de mille pointes...
Mecbantes nuits d'biver, nuits, filles de Cocyte , ..
Ebenso hat Ronsard gespürt und ausgesprochen, wie die Krankheit ins N'approchez de mon lit, ou bien tournez plus aite.
Leben eingebettet ist, wie Krankheit und Tod im Selbst nisten:
mir zwischen krank und gesund spann,/ Bald beherbergte ich die Gesundheit in meiner Brust,/
Bald wieder die Krankheit, schlimmste Geißel der Seele.
J'ay aarii rna pie en deaidant k trame
La goutte... Die Gicht hat mir, der ich schon ein Greis bin, die Venen äemartert.
Que Clothon me t'ilait entre malade et sain, l'ay les yeux... Die Augen liegen tief in ihren Höhlen, das Gesicht ist leichenblaß,/ Das
Haupt grau und kahl, und ich bin doch erst dreißig Jahre alt.
M4is ne Poiladis. .. Aber ich konnte nicht schla{en, von meinen vielen Leiden/ Ist das das
größte, das mein Leben bekümmert und verdrießlich macht./ Sechzehn Stunden wenigstens
le d,eaiens . . . Ich werde krumm und bucklig,/ Ich höre sehr schlecht, mein Leben neigt sich sterbe ich,/ Mich drehend und von rechts nach links,/ Auf die eine, die andere Seite wälzend,
seinem Ende zu. rase ich, schreie ich... Barmherzigkeit, o Gottl O Gott, verzehre mich nicht/ Durch Mangel an
Mes dents... Meine Zähne sind lang, kraftlos, spitz,/ Gelb und riechen nach Faulgrube. Schlaf . . . Alter Schatten der Erde, alter Schatten der Hölle,/ Du hältst mir die Augen mit einer
Son fiel. .. "Die Galle platzt ihm überm Herzen./ Dann bricht der Angstschweiß aus. Mein Eisenkette geöffnet/ Und vernichtest mich im Bett, von tausend Schmerzensstichen gebrochen '. .
Gott, wie schwer er schwitzt!" ('W. Vidmer) Elende V'internächte, Nächte, Töchter des Cocytus,/ Nähert euch meinem Bett nicht oder kehrt
J'ay oari6 .. . Ich habe mein Leben damit hingebracht, den Faden abzuhaspeln,/ Den Clotho euch ganz schnell um.

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Er nimmt zwar Opium; aber das Opium stumpft ihn ab, ohne ihm Schlaf Aber der Tod gibt keine Antwort: auf seinem Karren oben sieht er nicht
zu schenken: noch hört er die, die ihn anflehen:
Heureux, cent fois heureux, animaux qui dormez...
Mais elle t'ait la sourde' G ne aeut pas oenir' (38)
Sans manger du paoot qui tous les sens assomme!
J'en ay mang6, j'ay br de son ius oublieux, Bereits Michault hatte in seinem Ze Pdssetemps gesagt:
En salade, cuit, cru, & toutefois le somme
Ne vient par sa froideur s'asseoir dessus mes yeux. Mort requiert, mais molrt le ret'use.

Das ist die versuchung des Selbstmordes, eine der letzten Prüfungen der
Seine Gebrechen zwingen ihm einen Zustand von Magerkeit auf , der das
nahe Ende ankündigt: artes moriendi: Intert'icias re (Entleibe dich selbst), schlägt da der Teufel
einem Kranken vor, der bereits seinen Dolch zückt, um sich selbst den Tod
Je n'ay plus que les os, un Scbelette je semble, zu geben. (39)
Decbarnö, deneraö, demuscl|, depoulpö.. . Die Altersschwäche und die lWehklagen über die verlorene Jugend ma-
Que le trait de la mort sans pardon a frappö!... chen die schöne Helmschmiedin Villons einem ähnlichen Vorhaben ge-
neigt:
Dann ruft der tiefgebeugte Kranke nach dem Tod, und sein Ruf hat dies-
Ha! aieillesse t'ölonne et t'iöre,
mal nicht die sprichwortähnliche Form wie bei dem armen Holz{äller:
Pourquoy m'as si tost abattue!

J'appelle en aain le jour G la mort je supplie.. . Qui me tient que je ne me fiire


Et qu'ä ce couP je ne me tue? (40)
Donne moy 16 mort) tes presens en ces jours que la Brume
Fait les plus courts de I'an, ou de ton rameau teint
Dans le ruissear d'Oubly, dessus mon front estreint Die Verzweiflung {ührt iedoch nicht immer bis zum Selbstmord' Sie
Endor mes pdttares yeux, mes gouttes O mon rhume... kommt in weniger dramatischen Fällen in einer Art Betäubung zum Aus-
\trflillen hemmt:
Pour chasser mes douleurs ameine moy la Mort, druck, die das Gedächtnis lähmt und den
Ha! Mort, le port comrnun, des hommes le confort,
Viens enterrer mes mdux, ie t'en prie ä main jointes! Tant est sy fort qu'ik Perdent sot4oenance
Par quoi mömoire est bors de sa oigueur
Et Dieu est mis souvent en oubliance. (41)
Heureux, cent t'ois heure*x.. . Glücklich, hundert Mal glücklich ihr Tiere, die ihr Schlaf fin-
det. . . Ohne vom Mohn zu essen, der alle Sinne betäubt!/ Ich habe davon gegessen, ich habe sei- DerTod bringt keine Erleichterung mehr. Selbst dem leidenden Schwer-
nen vergessenschenkenden Saft/ Als Salat, gekocht und roh getrunken, und gleichwohl kommt kranken {lößt er Angst eirr:
der Schlaf/ In seinem Starsinn nicht, sich auf meine Lider zu senken.
Je n'ay plus. .. Nichts als Gebeine bin ich mehr, ein Skelett scheine ich zu sein,/ Entblößt
von Fleisch, Nerven, Muskeln und Mark, [.. .] Das der Pfeil des Todes ohne Erbarmen getroffen
hat. Mais eLle fai... Er aber stellt sich uub und will durchaus nicht kommen'
J'appelle en vain. .. Vergeblich rufe ich den Tag, und den Tod flehe ich an. . . Reiche mir [o Mort reqliert. . . Den Tod fordert er, aber der weist ihn zurück'
Tod] deine Geschenke in diesen Tagen, die der Nebel/ Zu den kürzesten des Jahres macht, oder Ha! eieillesse... ,§(lie jäh und rückisch hat das Alter mich befallen,/ mich, ehemals die
deinen/ Im Wasser des Vergessens gefärbten Stab, auf meiner beklommenen Stirn/ Schläfere Schönste von den Mädchen allen!/ Ver kann mich zwingen, daß ich noch am Leben bleibe?/
meine armen Augen ein, die Gichr und das Rheuma. . . Um meine Schmerzen zu verjagen, bring rver hält mich ab, daß ich mich selbst entleibe?. (Übertr. von Valter rVidmer)
mir den Tod herbei,/ O Tod, du allen bestimmter Hafen, der Menschen Tröster,/ Komm und Tant est sy fort . . . So stark nämlich ist sie , daß sie das Gedächtnis verlieren'/ Und aufgrund
setze meinen Leiden ein Ende, mit gefalteten Händen bitte ich dich! davon büßt die Erinnerung ihre Kraft ein,/ Und Gott gerät häufig in Vergessenheit'

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-]
Car quand ils sont serrez entre mes mains die Bettelmönche, die die vorstellungskraf r durch starke Bilder wie das des
fder Sprecher ist hier der triumphierende Tod selbst] Todes in Bann zu schlagen suchten.
Le pas mortel par sa dure rigueur Freilich mußte diese Sprache verstanden werden, mußten die Zuhörer auf
Leur donne angoisse et extrCme langueur. ihre Reizmittel reagieren. Heute würde man sie mit Abscheu von sich wei-
sen. Vor dem 14. Jahrhundert aber hat es, wie nach dem 16., den Anschein,
Aber selbst wenn sie nicht zum Selbstmord führt, so kann diese Angst daß sie mit der Indif{erenz von Menschen aufgenommen wurden, die mit
doch tiefe Verzweiflung und Auflehnung gegen Gott wachrufen. Und die den Bildern des Todes zu vertraur waren, als daß sie sich davon hätten er-
Verzweiflung nimmt gelegentlich die Form des Teuielspaktes an. schütrern lassen. Die Männer der Kirche haben immer versucht, Angst ein-
zuflößen - Höllenangst eher denn Todesangst. Sie haben damit nur zur
Hälfte Erfolg gehabt. Im 14.-16. Jahrhundert sieht es so aus, als ob man
Die Todesangst - Einfluß missionarischer sie ernster genommen hätte, wenn auch nicht buchstäblich ernst: Die Predi-
Seelsorge oder hoher Mortalität? ger sprachen vom Tode, um den Gedanken an die Hölle wachzurufen. Die
Gläubigen dachten vielleicht nicht notwendig an die Höllc, waren dann aber
Erstaunlich ist, daß die literarischen Quellen ebensoviel Nachdruck auf den um so mehr von den Bildern des Todes beeindruckt.
Verfall zu Lebzeiten wie nach dem Tode legen: auf die schlüpfrigen Säfte, Vom 14. bis zum 16. Iahrhundert ist der Tod, wenn auch die alte Ver-
au{ die abstoßenden Zeichen der Krankheit, auf die Verzweiflung. traurheir mit ihm in den gemeinschafrlichen Formen des Alltagslebens nicht
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die langsame Ent- geschwunden ist, teilweise verdrängt worden, und zwar dort, wo die To-
'Woher kommt
wicklung des traditionellen Vorbildes des Todes im Bett, wie es in den artes desdarstellungen an §(i'ucht und an Neuartigkeit gewannen.
moriend.i weiterbesteht, plötzlich gewaltsam unterbrochen wird. Ein diese Neuartigkeit?
Klima von Besorgnis und Angst scheint sich verbreitet zu haben, in einem Es ist verführerisch, den Erfolg der makabren Themen zur gewaltigen
Maße, daß man schließlich sogar dem wenn auch noch so gefürchreten Zahl der Pestopfer und zu den großen demographischen Krisen des 14' und
plötzlichenTod denVorzugvor dem rituellen, sich im voraus ankündigen- 15. Jahrhunderts in Beziehung zu setzen' die manche Regionen voilständig
den gibt. entvölkerten und einen regelrechten kulturellen Rückschritt, eine allge-
Vie sind diese Dokumente zu interpretieren, wie lassen sie sich in die meine ökonomische Krise auslösren. Die Mehrheit der Historiker hat dem
langen Entwicklungsreihen einordnen, die mit der Auferstehung des Flei- Ende des Mittelalters denn auch Katastrophencharakter zuerkannt - und
sches und dem Jüngsten Gericht einsetzen? tut es noch heute. ,Keine Zeit., schreibt Huizinga' "hat mit solcher Ein-
Eine erste Vermutung wäre die, daß die Beschwörung der Schrecknisse clringlichkeit fort und fort den Todesgedanken eingePrägt wie das fünf-
der Verwesung für die Bertelmönche ein willkommenes Mittel war, die lai- zehnte Jahrhundert.. Die großen Epidemien mußten im kollektiven Ge-
zistischen Bevölkerungsschichten aufzurütteln und zu bekehren, nament- dächtnis zwangsläufig starke ErinnerungssPuren hinterlassen. Pierre
lich die Massen in den Städten. Michault läßt den Tod seine "Helfershelfer" aufzählen: Alter, Krieg,
Vie bekannt, war das 15. Jahrhundert eine Zeit, in der die Kirche sich Krankheit - ,meine willige Dienelin" -, Hungersnot und Seuchenwut -
mit dem Vollkommenheitsideal der Klöster durchaus nicht zufriedengab ,mein sehr aufmerksames Zimmermädchen".
und sich bemühte, Menschen für sich zu gewinnen, die man früher mehr Der Triumph des Todes in Pisa und der von Lorenzetti sind etwa zeit-
oder weniger gleichgültig einer Art heidnisch-christlicher Folklore über- gleich mit dem Auftreten der großen Pestepidemien der Jahrhundertmitte.
lassen hatte, unter der Bedingung, daß sie allzu auffällige doktrinäre und Das Skelett von Assisi könnte möglicherweise früher enrstanden sein. Aber
moralische Häresien mieden. Tragende Kraft dieser Bestrebungen waren nicht immer tritt der Umsturz, wie er durch den Schock der Epidemien
ausgelöst wurde, zunächst in der realistischen Form des Kadavers oder der
Car quand ils . . . Denn wenn ich sie erst einmal in Händen habe,/ So jagt der tödliche Schritt, Ileschreibung des Todes in Erscheinung. Millard Meiss hat gezeigt, daß die
durch seine starre Unerbittlichkeit,/ Ihnen Angst und äußerste Mutlosigkeit ein. Florentiner Bettelmönche im letzten Drittel des 14. Jahrhunderts versucht

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waren, die traditionellen religiösen Darstellungen eher zu idealisieren als und Nöte zu übertreiben und ein deformiertes und romanha{tes Bild zu
sie mit realistischen Details zu überfrachten, und die Rolle der Kirche und entwerfen und die Prüfungen einer Menschheit zu beklagen, die sie vom
der Orden des Heiligen Franz und des Heiligen Dominikus stärker hervor- Zorn Gottes heimgesucht sahen - dazu beigetragen, eine Art schwarzer Le-
treten zu lassen, indem sie durch einen archaisierenden und abstrakten Stil gende ihrer Zeit zu beglaubigen'.
die hieratischen Aspekte des Heiligen und der Transzendenz hervorhoben: vrir haben ietzt eine andere Informationsquelle ins Auge zu fassen, die
eine Form der Rückkehr zu byzantinischen Vorbildern und zum rornani- uns auf eine weniger düstere version als die der historischen Tradition ver-
schen Geist, über die zwischenzeitlich wirksamen anekdotischen Tenden- pflichtet - die Testamente'
zen des 13. Jahrhunderts hinweg. Deshalb beschwört man die Pest künftig Antoinette Fleury hat ihre (unveröffentlichte) Dissertation an der Ecole
auch durch Symbole, um sie zu bannen: das des Heiligen Sebastian, der von des cbartes der Untersuchung von Pariser Testamenten des 16' Jahrhun-
Pfeilen durchbohrt wird wie die Menschheit von der Epidemie. Später, im derts gewidmet. Sie hat für die Zeit der Fertigstellung ihrer Arbeit vertrau-
16. und 17. Jahrhundert, zögert man umgekehrt nicht, die in den Straßen ten umgang mit diesen Texten gepflogen. Deshalb haben ihre eher naiven
sterbenden Menschen, die in den Leichenkarren zusammengeschichteten Eindrücke die Beweiskraft der Zeugenschaft. Über die die Beisetzung be-
Leiber und die Aushebung der großen Gemeinschaftsgräber darzustellen. treifenden Testamentsklauseln schreibt sie beispielsweise folgendes: "'wir
(a2) Aber die makabre Epoche im eigentlichen Sinne war vorbei, wenn die haben uns am Beispiel des Trauergefolges, der langen Lichterprozession
Pestepidemien ihrerseits auch weiterhin auftraten. und der Feierlichkeiten der Kirche, der die Kleinkinder anvertraut wurden,
\iüie verlockend auch immer die Beziehung zwischen der Dimension
- mit der nachgerade tröstlicben Vorstellung vertraut gemacht, die man zu
des Makabren und den Pestepidemien ist nicht völlig schlüssig und über- jener Zeit oom Tode batte [Hervorhebung von Ph. Ariös]' Damit dieZere-
zeugend. Sie ist es um so weniger, als die große Krise des Spätmittelalters monie den Anschein eines Festes hat, ist es Brauch geworden, den Teilneh-
von heutigen Historikern gelegentlich in Zweifel gezogen wird. Hier die mern eine Mahlzeit oder eine Art Imbi{l zu reichen."
Position von J. Heers (43): "Es hat den Anschein, daß die Historiker durch Heute freilich, einige Jahre später, würde die Autorin, jetzt Konservato-
einen übertriebenen und ungerechtfertigten Pessimismus gesündigt ha- rin am Minutier central fdem Depot der Archives narionales] und mit den
ben... Es handelte sich darum, die Hypothese einer Katastrophe oder we- Tendenzen und Moden der Historiographie vertrauter, als es die iunge Ar-
nigstens einer beträchtlichen ökonomischen Schrumpfung gegen Ende des chivarin war, ihre unmitrelbaren untersuchungseindrücke wohl nicht mehr
Mittelalters zu verifizieren, eine verbreitete Vorstellung, die wenigstens seit so direkt zum Ausdruck zu bringen gewagt haben. Sie hätte sicherlich vor-
Henri Pirenne [.. .] alle Historiker der mittelalterlichen Virtschaftsge- behalte und Einschränkungen gelrend gemacht und gezögert, die vorstel-
schichte beeinflußt hat. Diese Konzeption drängte sich mit solcher Eindeu- lung des Todes in der Hochblüte der makabren Epoche mit der des Festes
tigkeit auf und wurde als derart selbstverständlich hingenommen, daß es z-u vereinen.
nachgerade unmöglich war, auch nur irgend etwas über diese Epoche zu Man wird hier einwerfen, daß es sich um das 16. Jahrhundert handelt,
schreiben, ohne ihr seine Reverenz zu zollen; jede Untersuchung der Wirt- daß der makabre Höhepunkt bereits überschritten ist und daß ein neuer de-
schaftsgeschichte hatte davon auszugehen." Und nicht nur der \(/irt- mographischer und ökonomischer Aufschwung die makabren Phantasien
schaftsgeschichte! "Aber bereits vor zwtnzig Jahren haben klarsichtigere sogar verdrängt hat. In §(irklichkeit setzen sich die makabren Darstellun-
und besser unterrichtete Autoren [...] gezeigt, daß dieser Niedergang, be- gen im 1 6. Jahrhundert noch lange fort, vor allen Dingen in der Grabkunst'
zogen auf die gesamte abendländische Velt, durchaus unterschiedlich ver- ,Der Tod ist einer der Begleiter der Renaissance 8ev/esen«, merkt einleuch-
lief ; sie sprachen denn auch eher von Mutationen als von Katastrophen.u tend J. Delumeau an. (44) Man wäre durchaus überrascht, wenn die trau-
matisierte sensibilitär des 15. Jahrhunderts im 16. so rasch einen festlichen
"Ursprünglich war die Vorsteilung einer katastrophenbedingten Schrump-
fung von bestimmten Grundannahmen beeinflußt, die heute abgelehnt Charakter angenommen haben sollte.
werden müssen. So hat ein exzessives Vertrauen in manche Zeugnisse und Andererseits besteht im Tonfall kein großer Unterschied zwischen Te-
Zeugen der Zeit - Kirchenmänner, die, häu{ig wenig geübt, die Zeichen zu sramenten des 15. und des 16. Jahrhunderts. Die wahrscheinlichkeit, auf
entzif{ern, vielmehr au| ganz natürliche \(eise geneigt waren, die Verluste lworte wie charogne oder cadaoer anstelle von Leichnam zu stoßen, ist im

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15. Jahrhunderr nurmehr gering. Umgekehrt sind die Anspielungen auf den Höhepunkt der makabren Epoche des Todes nur, um die Illusion des Le-
Leichenschmaus im 1 5. Jahrhundert zahlreicher, wenn sie auch häufig nur bens - im Verein mit der der Ahnlichkeit - zu erwecken. So als gäbe es zwei
auftauchen, um ihn * bereits im Geiste der Reformation - zu unrersagen. säuberlich getrennte Bereiche, einerseits den der makabren Effekte, mittels
Man muß also einräumen, daß das makabre Arsenal der Künstler, Dich- derer der Tod Angst einflößte, andererseits den der Porträts, in denen er
ter und Prediger nicht von irgendwe.lchen belanglosen Menschen verwen- seinen täuschenden Zauber entfaltete.
det wurde, wenn sie ihren eigenen Tod bedachten. Es fehlt durchaus nicht Es gibt also nicht nur keine Beziehung, sondern sogar einen drastischen
an Literatur: die handgeschriebenen Testamenre sind geschwätzig, .sie bor- Gegensatz zwischen makabrer Inspiration und direkter, kraß-materialisti-
den über von weitschweifigen Ausführungen riber die lVechsellälle des scher Auffassung des Todes.
menschlichen Geschicks, über die der Seele drohenden Gefahren, über die '§(ir werden im folgenden Kapitel eine einschneidende Veränderung der
VergängJichkeit des dem Sraub vorherb€srimmren Leibes. Doch das sind Bestattungsbräuche untersuchen, die etwa im 1.2. bzw. 13. Jahrhundert
wenig mehr als alte Metaphern, hinter denen nicht das geringste Bedürfnis stattgefunden haben muß. Vor dieser zeitlichen §V'asserscheide wurde der
nach expressiveren Bildern steht. ,Eine tröstliche Vorstellung", sagr Anroi- Tote zur Schau gestellt und mit entblößtem Gesicht von seinem Sterbebett
nette Fleury. Ich würde eher sagen - und das widerspricht ihr durchaus z.ur Grabstelle überführt. Später wird es verhüllt - außer in den medi-
nicht: eine natürliche, vertraure Vorstellung. terranen Landstrichen - und bleibt künftig für immer unzugänglich, selbst
Allerdings ist der Tod der makabren Autoren keine realistische Beschrei- wenn sein Anblick gerade die Gefühlsregungen wachrufen könnte, auf die
bung des Todes. Huizinga, Opfer seiner schwarzen Vision, täuscht sich, die makabre Kunst abzielte. Vom 13. Jahrhundert an hat man sich also -
wenn er schreibt: In der bis ins letzte ausgestalteten Darstellung des Toten- und zwar ohne jede Reue, nicht einmal in der makabren Epoche - den An-
"
tanzes und des grausigen Gerippes versreinert die lebendige Empfin- blick des Leichnams versagt. Er wird den Blicken entzogen, nicht nur da-
dung." l(sin Realismus, natürlich nicht! Aber gleichwohl war die Epoche durch, daß man ihn von Kopf bis Fuß in ein Leichentuch hüllt, das dann
auf Ahnlichkeit versessen. rüü'ir werden in den beiden folgenden Kapiteln zugenäht wird, sondern auch dergestalt, daß man nicht einmal mehr zuläßt,
Gelegenheit haben, das seit dem 13. Jahrhundert in Erscheinung rrerende daß die menschliche Gestalt überhaupt noch erkennbar bleibt, indem man
Bedürf nis zu beschreiben, die Züge des Modells genau abzubilden. \Virwer- sie in einem Holzschrein birgt und diesen Schrein wiederum unter einem
den dann auch eingehender sehen, wie dieses Streben nach Genauigkeit mit Tüchern ausgeschlagenen Katafalk verschwinden läßt. (a6)
ganz zwanglos dazu geführt hat, Totenmasken abzunehmen. So etwa im 'W'enn
man diesen Hinweisen aufmerksam nachgeht, stellt man in der Tat
Fall der vom Anfang des 16. Jahrhunderrs stammenden Terrakotta-Statuen, fest, daß die makabre Kunst praktisch nie den im Todeskampf liegenden,
die früher im Chorumgang von Saint-Sernin in Toulouse aufgestellt waren aber schon entstellten Lebenden noch den unversehrten oder doch beinahe
und heute im Mus6e des Augustins aufbewahrt werden. Die Historiker ha- unversehrten Leichnam vor Augen führt: Einige wenige oben zitierte bur-
ben sie lange für Sibyllen gehalten; ehedem hießen sie im Volksmund je- gundische Grabmäler, manche Opfer von ,Triumphen des Todes" und
doch die "Mumien der Grafen", und man hat sich heute darauf geeinigt, cinige schöne Tote sind Ausnahmen, die der Allgemeingültigkeit dieser Be-
daß sie die gräfliche Familie Saint-Gilles, die Stifter der Abtei, darsrel- ,>bachtung durchaus nicht widersprechen.
len. (45) Die Gesichtszüge der Sterbenden der artes moriendi sind nicht entstellt.
In allen diesen Fällen wurden die an den Kadaver gemahnenden Zige der Weder Maler noch Bildhauer haben die Krankheit und den bereits im Leben
äußeren Erscheinung nicht reproduziert, um Angst einzuflößen, als me- olfenkundigen Tod abgebildet, wie er umgekehrt die Dichter faszinierte.
mento mori; man bediente sich ihrer vielmehr als einer Arr von Moment- Man erlaubte sich, ihn in der Symbolik der Sprache zu beschtpören. Man
aufnahme, als eines photographisch genauen Abbildes der Person. Die wcigerte sich, ihn im Realismus der faktischen Gegebenheiten zu zeigen.
Grimassen, die, aus unserer modernisrischen Sicht, das Gesichr des Ver- t'Jilas
die makabre Kunst vor Augen führte, war eben das, zaas nicht u,ahr-
storbenen entstellen und aus denen wir eben den Tod herauslesen, beein- ,,chmbarwar,was sich unterirdisch, im Verborgenen abspielte - die schlei-
druckten die Zeitgenossen durchaus nicht, die ihrerseits darin nichts ande- , hende Verwesung: also kein Resultat der Beobachtung, sondern Produkt
res als lebenswahre Realität sahen. So bediente man sich auf dem .lrr Imagination.
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'§flir sahen uns also veranlaßt, in sukzessiven Ansätzen eine Diskontinui- berufen, die Liebe zum Leben zu feiern und den vorrangigen §flert des irdi-
tät zwischen makabrer Kunst und dem Elend des Lebens oder der Angst schen Daseins zu proklamieren." (49)
vor dem Tode herauszuarbeiten und festzustellen. Bei manchen Autoren äußerte sich fortan "der unbedingte §üille, das Le-
ben als autonomen §f ert aufzufassen", ein herrischer Ville, der sich bis zur
Leugnung der Seele und ihres \i?'eiterlebens nach dem Tode versteigen
Die leidenschaftliche Liebe zum Leben konnte.
Jedenfalls ,behauptete der Mensch, in seiner eigenen Lebensführung
Alberto Tenenti macht eine weniger einfache Beziehung geltend, die der über eine hinreichende Grundlage für sein Seelenheil zu verfügen [. . .]. A"-
von uns angenommenen Komplexität Rechnung trägt. statt als schnell verrinnender Übergang galt das Leben jetzt als eine Zeit-
Er geht von der Beobachtung aus, daß der Tod gegen Ende des Mittelal- spanne, die zur Gewinnung des eigenen Heils vollaui genügte." Es entwik-
ters nicht mehr Hinscheiden oder Übergang, sondern Ende und Verfall ist. kelt sich also das Ideai eines erfüllten oder vollen Lebens, das sich von der
Das physische Faktum des Todes ist an die Stelle der Bilder des Jüngsten Angst ums Jenseits nicht mehr bedrohen ließ. In der ars moriendi trar "im
Gerichts getreten. ,Jahrhundertelang hat das Christentum kein Bedür{nis Grunde eine neue Bedeutung der Zeit und des tü/esens des Körpers als eines
verspürt, das Elend des verfallenden Körpers darzustellen'" Warum tritt lebenden Organismus in Erscheinung. Sie bezieht sich damit auf das Ideal
dieses Bedür{nis dann aber jetzt in Erscheinung? eines aktiven Lebens, dessen Schwerpunkt nicht mehr außerhalb des irdi-
''ihen Daseins lag.. (50)
Es konnte nur »aus dem Schrecken und aus dem Schmerz entstehen, d' "Sie bringt nicht mehr nur, wie früher, die Sehn-
der Glaube ausschloß". (a7) Wie Jank€l6vitch sagt: Der Glaube an ein ew ircht nach einer überirdischen Existenz zum Ausdruck, sondern eine im-
ges Leben verliert sich, der Tod aber nimmt kein Ende. 'rer ausschließlichere Anklammerung an ein rein menschliches Dasein.o
So ist die makabre Bildwelt ein Zeichen dafür, daß der Mensch neuc regen Ende dieser Entwicklung schwinden die makabren Zeichen dahin.
Anforderungen standzuhalten hat, deren er sich ietzt bewußt wird: "D 'Die bizarren Aspekte der ersten Kontakte sind bald verschwunden, das
weltlichen Lockungen und die Anklammerung an irdische Güter [die gr :-"nschliche Antlitz und die menschlichen Gefühle angesichts des Todes
ßere Bedeutung bekommen als früher] hätten den Menschen nie den Glat .nd geblieben." (51) Die Humanisten des 15. Jahrhunderts haben die ma-
ben an sich selbst vermittelt, wenn eine tiefinnere Erfahrung sie nicht be .abren Zeichen durch eine Art innerer Präsenz des Todes ersetzt: sie fühl-
reits aus der religiösen Bindung gelöst hätte." (48) en sich immer im Begriff zu sterben und dem Tode nahe. (52)
Diese tie{innere Erfahrung ist die des intravitalen Todes, von dem Janki^ Fassen wir zusammen: Für Alberto Tenenti brachte das scharfe Bewußt-
l6vitch spricht. Das Geftihl der Präsenz des Todes im Leben hat zwei Reak- sein der menschlichen Sterblichkeit im 14. und 15. Jahrhundert einen
"Um-
tionen ausgelöst: einerseits den christlichen Asketismus, andererseits einen sturz des christlichen Schemas" und den Beginn der Säkularisierungsbewe-
Humanismus, der sich noch als christlich verstand, aber schon den \iVeg der gung zum Ausdruck, die die Ivloderne charakterisiert.
"Die früher Christen
Laisierung einschlug. Zu Beginn der Renaissance war das kollektive Be- waren, haben sich jetzt als sterblich erkannt: sie haben sich des Himmels
wußtsein ,durch die halluzinatorische Realität des Todes zutiefst gespalten. entschlagen, weil sie nicht mehr die Kraft verspüren, auf verbindliche Veise
Die einen [Mystiker wie Suso, Prediger wie der Heilige Vincent Ferrier], daran zu glauben." (53)
gleichsam zwanghaft getrieben, sich in der Kontemplation der Verwesung Die Analysen Alberto Tenentis sind sehr verführerisch, und dennoch
und der physischen Vernichtung zu verlieren, zogen daraus ganz unirdi- stellen sie mich nicht völlig zuf rieden: Der Gegensatz zwischen einem aufs
sche, d. h. asketische Konsequenzen. Sie versetzten sich so in die spirituelle Jenseits gerichteten mittelalterlichen Christentum, für das das irdische Le-
Verfassung, die ihnen am geeignetsten erschien, sich für die Lockungen der ben nur Vorzimmer zur Ewigkeit war, und einer dem "Jetzt" verhafteten
modernen Kultur [die damals im Entstehen begriffen war] und der laizisti- Renaissance, für die der Tod durchaus nicht mehr den Beginn eines neuen
schen Sensibilität taub zu stellen. Die anderen [Petrarca, Salviati] fühlten Lebens bedeutete, scheint mir nicht einleuchtend. \i(enn es denn einen ein-
sich, indem sie der Spekulation über ihr leiblich-organisches Schicksal und schneidenden Bruch gibt, so liegt er eher zwischen dem Früh- und dem
über ihre physische Verwandlung im Schmerz die Stirn boten, im Gegenteil Iiochmittelalter; wenn es denn ein Christentum gibt, so kommt es in einer

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Bemeinsamen Sprache, einem gemeinsamen Bezugssystem zum Ausdruck; Vertrauen in die göttliche Barnrherzigkeit, fur die er Beispiele zitiert: den
aber die Gesellschaf t war im Mittelalter nicht christlicher als in der Renais- guten Schächer, Maria Magdalena und die Verieugnung des Petrus. \Wird
sance und sicher weniger als im 17. Jahrhundert. Wenn die Renaissance die bona inspiracio des Engels dem Sterbenden helfen, sein krankhaftes
auch eine Veränderung der Sensibiiität markiert, so läßt diese Veränderung Grübeln über sein Leben und seine Vergehen hintanzustellen? Oder wird
sich doch nicht als Beginn einer Laisierung interpretieren - oder wenigstens er Banz der Verzweiflung anheimfallen, der ihn bereits seine physischen
nicht mehr als andere intellektuelle Strömungen des Mittelalters. In dieser Leiden entgegentreiben? Vird er sich jenen "aufdringlichen Bußhandlun-
Richtung, die der ganzen hier vertretenen Auffassung des Geschichtsver- gen« verschreiben, die bis zum Selbstmord führen können? Zu Häupten
laufes zuwiderläuft, vermag ich Alberto Tenenti nicht zu folgen. seines Bettes zeigt ein Teufel ihm sein eigenes Bild, wie er gerade mit einem
Umgekehrt führt uns, was er über das volle Leben, über die Bedeutung Dolch Hand an sich legt, und spricht: "Entleibe dich selbstl.
des irdischen Daseins aussagt, auf eine meines Erachtens richtige Spur, un- Der Sterbende kann dieses selbe Leben auc,h in Sicherheit an sich vor-
ter dem Vorbehalt allerdings, da{l die Liebe zum Leben nicht als bezeich- überziehen lassen, aber der "eitle Ruhm" dessen, der in diesem Falle zuviel
nende Eigenart der Renaissance aufgefaßt wird, weil sie ebenso einer der Vertrauen in die Menschen gesetzt hat, wird nicht mehr wiegen als seine
spezifischsten Züge des Hochmittelalters ist. Verzweiflung: der Teufel zeigt ihm alle Kronen der eitlen Selbstbefriedi-
gung (gLoriare, coronam meruisti, exaha te ipsum. , .).
Fassen wir zusammen, bevor wir weiterzugehen versuchen. Das Makabre In dieser ersten Folge von Versuchungen wird das Leben dem Sterbenden
ist nicht Ausdruck einer besonders starken Todeserfahrung in einer Epoche nicht mehr als Gegenstand eines Gerichts, sondern als ietzte Möglichkeit
großer Seuchensterblichkeit und großer ökonomischer Krisen. Es ist nicht vorgeführt, seinen Glauben unter Beweis zu stellen.
nur Mittel für die Prediger, die Angst vor ewiger Verdammnis zu schüren In der zweiten Folge führt der Teufel dem Srerbenden alles vor Augen,
und zur'§Veltverachtung und Einkehr einzuladen. Die Bilder des Todes und was der bevorstehende Tod ihm zu rauben droht, was er inr Laufe seines
der Verwesung meinen weder die Angst vor dem Tode noch die vorm Jen- Lebens besessen und geliebt hat, was er behalten will, was fahrenzulassen
seits - selbst wenn sie zu diesem Zweck benutzt worden sind. Sie sind Zei- er sich nicht entschließen kann: omnia temporalia, die unter so viel Mühen, I

chen einer leidenschaftlichen Liebe zur hiesigen \(elt und eines schmerzli- Sorgen und zärtlicher Liebe zusammengetragen (congregata) worden sind,
chen Bewußtseins des Scheiterns, zu dem jedes Menschenleben verurteilt die menschliche'Wesen - Frauen, Kinder, sehr liebe Freunde - und Dinge
ist - und eben dieses Scheitern muß jetzt ins Auge gefaßt werden. zugleich umfassen können, "alle anderen Dinge dieser \üelt, die begehrens-
Zum besseren Verständnis der leidenschaftlichen Liebe zu Wesen und wert sind", Gegenstände der [.ust, Quellen von Reichtümern. Die Liebe
Dingen des irdischen Lebens sei die letzte Prüfung der artes moriendi in zu Dingen wird nicht anders bewertet als die zu Menschen. Beide fallen in
Erinnerung gerufen, von der das ewige Leben des Sterbenden abhängt. Vas die Kategorie d er avaritia, die nicht das Bedürfnis, Reichtümer anzuhäufen,
bedeutet die maßlose Anklammerung, die drrin zum Ausdruck kommt? oder das Widerstreben, sie auszuteilen, meint wie unser \X/ort aparice
(54) Die Prüfung besteht aus zwei Arten von Versuchungen, allerdings ganz (Knauserigkeit), sondern leidenschaftliche, gierige Liebe zum Leben, zu
unterschiedlichen Versuchungen. In der ersten wird der Sterbende aufge- menschlichen §Vesen wie zu Dingen - und sogar z-u Dingen, die wir heute
fordert, sein Leben unter dem Gesichtspunkt von Verzweiflung und Be- unbegrenzten Einsatzes für wert halten, Frau und Kind, die aber damals
friedigung zu durchmustern. Der Teufel führt ihm alle seine Missetaten vor als Abwendung von Gott galten. Avaritla ist "exzessive Anklammerung an
Augen. "Hier deine Sünden, du hast getötet, du hast Unzucht getrieben!" die temporalia und an die äußeren Dinge, in Hinsicht auf Frauen und leibli-
Er hat auch die Armen übervorteilt, hat ihnen Almosen verweigert und un- che Freunde oder materielle Reichtümer und andere Güter, die die Men-
redlich erworbene Reichtümer zusammengerafft. Alle diese seine Ver{eh- schen im Laufe ihres Lebens nur zu sehr geliebt haben."
lungen werden jedoch nicht namhaft gemacht und dargestellt, damit die Der Heilige Bernhard stellte bereits zwei Jahrhunderte zuvor zwei Kate-
'§(aagschalen
des Gerichts sich auf die Seite der Hölle neigen. Der Schutz- gorien von Menschen einander gegenüber: die oani oder aaari und die sim-
engel stellt der Nachtseite dieses Lebenslaufes nicht die guten Taten entge- plices oder deut-tti. Die zazi suchten, im Gegensatz zu den Demütigen, den
gen, wie er es durchaus könnte; er ermahnt den Sterbenden lediglich zum eitlen eigenen Ruhmesglanz . Die aoari liebten das Leben und die §(elt -

168 169

1
im Gegensatz zu cle nen, die sich Gott weihten. Die Kirche verdammte mit ihn dem Sterbenden aufs Bett, damit der ihn im Augenb.lick seines Hin-
der aaaritia clic L.iebe zu Dingen und Menschen zugleich, denn beide ent- scheidens in Reichweite hat. Er wagte nicht, das zu vergessen ! \ü'er von uns
fernten gleichermaßen von Gott. verspürte heute die Anwandlung, ein Paket mit Vertpapieren, das so sehr
Zweifellos entzog sich die Mehrheit der gewöhnlichen Christen solchen geliebte Auto oder ein prächtiges Schmuckstück mit in den Tod hinüber
Verzichtforderungen, aber der derr tentporalia verfallene Genußsüchtige zu nehmen? Der Mensch des Mittelalters mochte sich nicht darein fügen,
hatte teil an der Psychologie des Asketen oder Moralisten und machte kei- seine Reichtümer au{zugeben, nicht einmal im Tode: er erhob weiter An-
nen Unterschied zwischen Gütern und Menschen. Menschen wurden be- spruch darauf, wollte sie um sich haben, sie betasten, sie behalten.
sessen wie Güter, die man sich unbedingt erhalten mußte: "Begünstige Die Vahrheit ist ganz einfach die, daß der Mensch nie wieder eine solche
deine Freunde"; Dinge wurden geliebt wie Freunde: "Trage Sorge um dein Liebe zum Leben an den Tag gelegt hat wie gegen Ende dieses Mittelalters.
Vermögen." Der Sterbende läßt seinen Blick auf seinem großen und schö- Die Kunstgeschichte bringt dafür einen indirekten Beweis bei. Die Liebe
nen Haus ruhen, dessen Bild das Blendwerk des Teufels zu Füßen seines zum Leben hat sich durch eine leidenschaftliche Anklammerung an die
Bettes aufsteigen läßt, auf seinem mit Veinfässern wohlbestellten Keller, Dinge dieser'W'elt zum Ausdruck gebracht - eine Anklammerung' die der
seiner mit edlen Pferden bestückten Stallung. Er könnte sich auch von den Vernichtung im Tode widerstand und die Auffassung der \Velt und der Na-
Mitgliedern seiner Familie erweichen lassen, die ihn zu seinen Häupten tur verändert hat. Sie hat den Menschen veranlaßt, der bildlichen Darstel-
umringen und die er bald lassen muß; man hat jedoch den Eindruck, daß lung dieser Dinge eine neue Bedeutung beizulegen, sie hat ihnen eine Art
er ihnen weniger Vertrauen entgegenbringt als jenen verlockenden Dingen. Leben eingehaucht. Eine neue Kunst ist entstanden, die in den romanischen
Es kommt wohl auch vor, daß er vor ihren heuchlerischen Tränen auf der Ländern nature morte,in denen des Nordens still-life oder still-leten heißt.
Hut ist; er beargwöhnt sie, daß sie sich lediglich seiner Erbscha{t versichern Charles Sterling s/arnt uns vor der "gefälligen Poesie, die die moderne Ro-
wollen, und schließlich verjagt er sie, in einem Anfall von Vut und Ver- mantik heute [in diese Vorte] hineinlegt, indem sie sie als eine Art stummes,
zweiflung, gar mit Fußtritten, verschwiegenes Leben interpretiert." Sie bezeichnen, viel vordergründiger,
das Modell, das sich nicht regt. Aber derselbe Autor berichtet, daß die Zeitge-
"Den Veinberg mußt du lassen, Haus und Garten" - im Augenblick des
Todes, und eben das war die Versuchun g der ataritia: Der Mensch Iühlte nossen einem Künstler im Jahre 1649 den Ehrentitel eines "in Porträt wie
in sich die närrische Liebe zum Leben aufwallen und klammerte sich weni- Stilleben laie coyel sehr starken Malers" beilegten: Der Ville oder Trieb,
ger ans Leben selbst, ans Leben im biologischen Sinne, als an die im Laufe sich ein Bild zu machen - wie kann man sich ihm entziehen und wie läßt
dieses Lebens zusammengetragenen Güter. Der Ritter des Hochmittelal- er sich anders wiedergeben als durch »stummes Leben"?
ters starb naiv wie L.azarus. Der Mensch des Spätmittelalters und der begin-
nenden Neuzeit war von der Versuchung; bedroht, wie der böse Reiche zu
enden. Die avaritia und das Stilleben.
Er mochte sich nicht von seinen Gütern trennen und wünschte sie mit Der Sammler
sich hinüber zu nehmen. Freilich warnte ihn die Kirche, daß er, wenn er
nicht darauf verzichtete, den §(eg ins Fegefeuer zu nehmen hätte; aber letz- Es gibt meines Erachtens zwischen aaaritia und Stilleben eine Beziehung,
ten Endes lag in dieser bedrohlichen Aussicht sogar etwes Tröstliches, weil die einer näheren Untersuchung wert ist. Auch der weniger geübte Beob-
ihn die Verdammung, wenn sie ihn auch Höllenqualen aussetzte, doch achter ist nachgerade verblüfit angesichts des Unterschieds der bildlichen
nicht seines Schatzes beraubte: der böse Reiche des Gleichnisses behält am Darstellung von Gegenständen in der Phase, die dem 13. Jahrhundert vor-
Portal von Moissac (12. Jahrhundert) seine Börse um den Hals gehängt, und ausgeht, und der, die ihm folgt, vor allem dem 14. und 15. Jahrhundert.
alle Geizigen, die ihm in die Hölle des Jüngsten Gerichtes folgen, tun es Bis zum 13. Jahrhundert wird das Ob;ekt, der Gegenstand nahezu nie
ihm darin nach. Auf einem Gemälde von Hieronymus Bosch (55), das als als Quelle von Leben aufgefaßt, sondern als Zeichen, als Aufriß einer Be-
direkte Illustration zu einer ars moriendi aufgefaßt werden könnte, hebt der §/egung. Das gilt auch für'§ü'erke, die dieser These auf den ersten Blick zu
Teufel mit Mühe - so schwer ist er - einen grol3en Sack mit Talern und legt widersprechen scheinen, etwa für ein großes Fresko der Hochzeit zu Ka-

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naan, auf dem die Gegenstände auf dem Tisch im Vordergrund stehen und gleich mit den Illusionskünsten ihrer Nach{olger zu scheuen, den Malern
Bedeutung und Gewicht haben. Vom Thema her wäre das bereits ein Still- der Leintücher und Linnen der Verkündigungen und Geburten Christi des
Ieben, aber eher eines von C6zanne oder Picasso als voneinem Miniaturisten 15. Jahrhunderts. Aber die ganze Kunst der Anordnung und Drapierung
des 14. Jahrhunderts, einem Maler des 17. oder gar noch von Chardin. des Faltenwur{s eines Vorhangs ist ausschließlich dazu bestimmt, die ei-
Es handelt sich um ein großes, aus dem 12. Jahrhundert stammendes gentliche Bestimmung des Gegenstandes vergessen zu machen und ihn mit
Fresko in der Kirche von Brinay (56); auf dem Tisch des Hochzeitsbanketts einer anderen Funktion auszustatten. Er wird a)gezogen und geschlossen
sind in horizontaler Linie sieben Tonschüsseln - eine neben der anderen - wie in einem karolingischen Meßbuch, wo er den vom Heiligen Geist er-
- aufgereiht, Schalen, die nach einem einfachen und schönen Modell gear- griffenen Heiligen Gregor von der übrigen Welt trennt. Ein Mönch des
beitet sind. Einige enthalten große, schöngeschwungene Fische, die über scriptorium lüftet ihn gerade so weit, um das Diktat des Heiligen verneh-
die Ränder hinausragen. Sie werfen keine Schatten und r.'erden gleichzeitig men zu können. Häufig wird der Vorhang gefältelt und an einem Portikus
von der Seite und rücklings gezeigt, d. h. von schrägoben. Deshalbwird auch angebracht, an dessen Pfeiler er sich schmiegt, wobei er die heiligen Perso-
der Boden der Schalen sichtbar, der normalerweise auf dem Tisch au{ruhen nen von den über ihnen schwebenden göttlichen Emblemen scheidet - etwa
müßte; wir sehen ihn jedoch zu drei Vierteln, so als ob cii: Schalen ein wenig der Hand Gottes. Er wird von großen Knoten gestrafft; zwei Personen, die
gegen den Hintergrund des Freskos angehoben worden wären. Bekanntlich offenbar zur Architektur des Portikus gehören, strecken ihre Arme aus, um
Iegten die karolingischen und romanischen Künstler ihre Gemälde in einer dieZipfel einzufangen. Die Stoffbahnen hängen nicht reglos-starr herab;
anderen Perspektive als der des Betrachters aus und zeigten ihm, was er sie werden vom Hauch eines Windes gebauscht, der nicht von dieser 'Welt
nicht sehen konnte, wie wenn er es sehen so/ire, Der Effekt der horizontalen ist und sich stark genug regt, um den Vorhang um eine Säule im Sanktuar
Disposition der sieben nebeneinanderstehenden Schalen wird durch die zu schlingen, in dem die Heilige Radegundis betet. (57)
sieben großen Parallelfalten akzentuiert, die das herniederhängende Tisch- Vom 14. Jahrhundert an werden die unbelebten Gegenstände auf andere
tuch wirft. Diese Gegenstände - Schalen und Fische - verweisen auf jenen \ü'eise dargestelh. Nicht etwa, daß sie aufgehört hätten, als Zeichen zu fun-
anderen Tisch, den des Abendmahles. Sie haben weder Gewicht noch gieren: Leintuch und Buch sind damals nicht weniger symbolisch als in ro-
Dichre, und ohne daß die Schönheit ihrer gleichmäßigen Abfolge darunter manischer Zeit; aber die Beziehung zwischen Zeichen und Bezeichnetem
litte, zieht keiner dieser Gegenstände die Aufmerksamkeit besonders auf hat sich verändert: die Reinheit ist ebenso eine Eigenschaft der Lilie, wie
sich und lenkt sie auch nicht von der Gesamtkomposition ab. die Lilie ein Symbol der Reinheit ist. Die Gegenstände haben die abstrakte
Im allgemeinen werden die Gegenstände häuf ig in einer Ordnung darge- Velt der Symbole erobert. Jedes Ding hat ein neues Gewicht bekommen
boten, die nicht auf ihre eigene Gesetzmäßigkeit bezogen, sondern von me- und sich Autonomie erwirkt. Die Gegenstände werden ktinftig um ihrer
taphysischen Hierarchien oder anderen symbolischen oder mystischen selbst willen dargestellt, nicht aus Gründen eines wie auch immer beschaf-
Leitvorstellungen beeinfiußt ist. Fassen wir etwa die in der karolingischen fenen Realismus, sondern aus Liebe und kontemplativer Versenkung. Der
und romanischen Miniaturmalerei sehr häufigen Vorhänge ins Auge, häuf ig Realismus, die Trompe-l'cil-Technik und der Illusionismus sind mögli-
deshalb, weil sie eine Rolle in der Liturgie spielten. Sie gehörten, wenigstens cherweise Auswirkungen dieser direkten Beziehung, die sich zwischen Ge-
in karolingischer Zetr, zur Ausstattung des Allerheiligsten. Sie verbargen genstand und Betrachter hergestellt hat.
die geweihten Gegenstände vor profanen Augen, und man öffnete oder Alles vollzieht sich so, als ob der Maler künftig in jedes mit Personen und
schloß sie wie die Portale der Ikonostase in den Kirchen des oströmischen Figuren bevölkerte Gemälde eine oder mehrere Stilleben einarbeitete.
Ritus. Auf einer Miniatur des 11. Jahrhunderts sieht man die Vorhänge ge- Zwei charakteristische Merkmale des Stillebens treten seit dem Ende des
öffnet, um der Heiligen Radegundis Gelegenheit zu geben, sich dem Altar 14. Jahrhunderts in Erscheinung und setzen sich dann im 15. und 16. end-
zu nähern. Der Vorhang ist eine unlösbare Verbindung mit dem geweihten gültig durch: die dem Objekt eigene Dichte und die Ordnung, in der die
Raum eingegangen, der verhüllt oder enthüllt sein muß. Er ist aus einem Gegenstände - zumeist innerhalb eines geschlossenen Raumes - gruppiert
duftigen und reichgefältelten Stoff gewoben, der sich beim leichtesten werden. Ein gutes Beispiel dafür liefert eine der Verkündigungen des Mei-
Lufthauch regt. Die Virtuosität der Miniaturmaler braucht keinen Ver- \ters von Fldmalle aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Die Dinge

172 t73

§ I
haben da eine F'estigkeit erreicht, die sie in der von Arabesken umspielten nen Tisch, der einem Hocker ähnelt; darauf ein Napf, ein Löffel, eine um-
luftigen Velt des Frühmittelalters (58) nicht hatten. Betrachten wir das flochtene Flasche (wie man sie lange auf volksrümlichen Fayencen antrif{t)
lange Fransentuch: Velcher Unterschied zwischen diesem reglosen Stoff , und eine Tasse, das alles aus Terrakotta. (59)
'§(i
der mit seinem ganzen Gewicht herniederhängt, und den leichten, vom ir- elches Museum des Alltagslebens ließe sich nichr mit Hilfe solcher Ge-
realen \üind der romanischen Maler gebauschten Gewebe. Zeichen der mälde zusammentragen, denen alle Anlässe willkommen sind, die Dinge in
Reinheit, ist es zunächst ein schönes, handgewobenes Linnen, das teuer ge- liebender Versenkung abzubilden! Kostbare Gegenstände: Im 15. Jdhr-
wesen sein muß; vielleicht aber ist ein ordentlich gehaltenes Linnen auch hundert goldgetriebene Schalen, mit Goldmünzen gefüllt, die die Heiligen
mit einer bestimmten Vorstellung von {raulicher Ehrbarkeit, von Zuhause Drei Könige einem Jesuskind ohne alles Hab und Gut darbringen, oder mit
und Familie verknüpft. Dasselbe möchte man von den anderen Gegenstän- denen der Teufel, jetzt aber vergebens, Chrisrus in der '§üüste versucht (wo-
den sagen: von dem Kupferkessel, von der Blumenvase, von der polygona- bei die letzte Szene seltener wird, so als ob die zeitgenössische Ikonographie
len Tischiläche; ein leichter Schatten modelliert sie und stellt sie in einen die Entfaltung der Eschatologie und die üppige Pracht Maria Magdalenas
dichten Raum, in dem sie - schlimm genug für die Ausdrucks-uRomantik" vorzöge, bei Gleichgültigkeit oder ohne Rücksicht auf den versuchten
- wie lebende Wesen atmen. Christus); stattliche Stücke, die die Tafel großer Herren schmücken und
Im Mittelteil des Bildes sind die Gegenstände als Untereinheiten organi- unter denen man eines der berühmten Kleinodien der Sammlung des Her-
siert, die man als von der Gesamtkomposition abgespaltene Teilstücke zu zogs von Berry wiedererkennt (die 7r?s Ri cbes Heures);schmuckstücke auf
betrachten versucht hat. Deshalb kann diese Verkündigung sich in drei flämischen Frauen- oder sogar Männerporträts, Halsketten von Hans
Stilleben aufgliedern: die erste wird von einer Nische gebildet, in der ein Memling oder Petrus Christus, die aufgrund ihrer Präzision eines Pan-
Kessel mit Tülle und Henkel aufgehängt ist, der als §fasserbehälter für theons der Goldschmiedekunst würdig wären; Orientteppiche, Spiegel,
'§flaschungen Lüster; einfachere, aber manchmal verzierte Gegenstände, Tafelgerät, das
dient, und schließlich vom Handtuch und dem geschnitzten
und drehbaren Handtuchständer. Die zweite besteht aus dem Tisch, auf das Abendmahl von Dierick Bouts schmückr, Breinäpfe der Jungfrauen für
dem ein Stundenbuch und sein Stoffüberzug liegen, ferner ein kupferner das Kind, Becken und Bottiche, in denen das Neugeborene der Geburten
Leuchter, dessen Kerze man gerade geschneuzt hat - denn sie raucht noch Christi gebadet wird; in den Nischen der Propheten oder in der Klause des
- und eine orientalische Fayencevase, auf der die übliche emblematische Li- Heiligen Hieronymus aufgeschichtete Bücher; Papierkonvolute und Rech-
lie im Licht badet. Die dritte schließlich um{aßt die große Holzbank, den nungsbücher (Gossaert, Philadelphia), rusrikale und Gebrauchsgegen-
Rauchfang, das Fenster und seine hölzernen Fensterläden. Hier ist das Still- stände, Fliegenwedel und einfache Tongefäße. Die bescheidensten Objekte
leben im Begriff, sich vom Thema abzulösen und zu verselbständigen wie sind von der gleichen Aufmerksamkeit veredelt, mit der künftig die prunk-
die mit Büchern gefüllten Nischen der Verkündigung von Aix. vollsten bedacht werden. Sie haben die Anonymität ihrer Zweckbestim-
Diese Elemente des Stillebens, die im 15. Jahrhundert so selbstverständ- mung hinter sich gelassen, um zu liebenswerten und schönen Gebilden zu
lich sind, werden in der französischen Miniatur und in der Malerei seit dem werden, aus welchem Material und wie einfach sie auch sein mögen.
Ende des 14. Jahrhunderts zwar noch verhalten, aber doch vorsätzlich und Diese Kunst - !is "gotische" und flämische ebenso wie die italienische _
bewußt in Szene gesetzt. In einem aus dem Jahre 1336 stammenden minia- feierte in den einfachen Dingen das Zeichen einer häuslichen Behaglichkeit,
turengeschmückten Protokoll des Urkundenfälschungsprozesses gegen deren sich die evangelische Armut ohne Ungebührlichkeit nicht einf ach ent-
Robert d'Artois bereitet die lange Holzbank, die im Vordergrund der ledigen konnte. Wie die Mönche in ihrerZelle, so harte auch die Heilige Fa-
Zeichnung den für den Gerichtshof bestimmten Raum abgrenzt, die Bänke milie bei aller Armlichkeit das Recht auf einige wenige Gegenstände. Diese
der flämischen Verkündigungen vor. In einer Geburt Christi der Petites Gegenstände mehren sich im Umkreis der Personen und füllen die Räume
Heures von Jean de Berry ist der ausgestreckt daliegenden Jungfrau Maria der Säle, in denen der Künstler sich mit ihnen eingeschlossen hat, wie um sie
ein Topf mit §(i'asser beigegeben worden, und Joseph hat auf einem aus besser zu gruppieren: die Intarsien-Nischen der fürstlichen studioli, die für
Strohmatten gebildeten Sitz Platz genommen. Auf einer anderen Geburt die Personen und Gegenstände, die sie enthalten, zu klein sind, die Stallungen
Christi aus derselben Zeit sieht man im Vordergrund einen niedrigen klei- der Geburten Christi.

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In der zweitcn Hälfte des 16. Jahrhunderts hat man den Eindruck, daß Um Gegenstand des Begehrens des Todgeweihten zu werden, mußten
die Gegenstände die personenbezogenen Szenen geradezu überwuchern; die materiellen Reichtümer zugleich selten und gesucht sein, damit sie mit
sie mußten sich also davon loslösen und entwickelten sich damals zu The- einem Gebrauchs- und Tauschwert ausBestattet werden konnten.
men einer ganz eigenen Malerei. So entsteht das Stilleben im eigentlichen Im weiteren Verlauf der kapitalistischen Entwicklung hat die Neigung
Sinne. zur Spekulation sich erhalten; der Hang zur Kontemplation aber verflüch-
Das erste Stilleben, das "unabhängig und ohne jeden symbolischen reli- tigt sich, und es gibt keine sinnliche Beziehung mehr zvzischen dem Men-
giösen Charaklsl i51" (60), das "zeitlich erste [...] in der abendländischen schen und seinen Reichtümern. Ein anschauliches Beispiel dafür bietet das
Malerei seit der Antike, das der modernen Auffassung dieses malerischen Auto. Trotz seiner enormen Bedeutung für Phantasie und Tagtraum bietet
Genres entsprichtu, wäre demnach die Tür eines Arzneischrankes. Sie stellt, es, einmal erworben, der Kontemplation keinen Bez.ugspunkt mehr. Ge-
in Trompe-l'ceil-Technik, einen anderen Schrank dar, und darunter treten genscand des aktuellen Gefühls ist nicht mehr dieser-Wagen-da, sondern
Bücher und Flaschen in Erscheinung; auf einer weißen Porzellan-Büchse das neueste Modell, das ihn in der Vorstellung bereits ersetzt hat. Oder man
hat Panofsky die folgende deutsche Inschrift entziffert: Für Zanue (Zahn- liebt diesen lWagen sogar weniger als die Marke, die Serie, zu der er gehört
schmerzen). und deren Leistungsklasse er verkörpert. IJnsere Industriezivilisation bil-
Von nun an - und für mehr als zwei Jahrhunderte - gehören nicht nur ligtden Dingen keine Seele mehr zu, die ,an unserer Seele hängt", keine
geworden, zu Ob-
die Dinge selbst, sondern auch ihre pikturale Verdopplung zum vertrauten "Liebesfülle". Die Dinge sind zu Produktionsmitteln
Zrerrat des Alltagslebens. Die Liebe, mit der man an ihnen hängt, hat einer jekten des Konsums oder Verzehrs. Sie lassen sich nicht mehr zum "Schatz"
Kunst zur Entstehung verholfen, die sich bei ihnen Themen und Inspiration zusammentragen.
entlehnte. Die Liebe Harpagons [der Hauptfigur in Moliöres L'Attare (Der Gei-
Vir haben heute Mühe, uns die Intensität des früheren Verhältnisses zige); d. Übers.] zu seiner Schatulle wäre heutzutage ein Zeichen von Un-
zwischen Menschen und Dingen verständlich zu machen. Sie bleibt etwa terentwicklung, von ökonomischer Verspätung. Die materiellen Güter las-
noch beim Sammler erkennbar, der den Objekten seiner Sammlung eine sen sich nicht mehr durch gewichtige lateinische Wörter wre substantia
wirkliche Passion entgegenbringt und nicht müde wird, sie zu betrachten. oder fac u ltas bezeichnen.
Diese Passion ist überdies nie interesselos; selbst wenn die Gegenstände für Läßt sich von einer Zivilisation, die den Besitz von Gütern und sie selbst
sich genommen wertlos sein können, so verleiht ihnen die Tatsache, daß derart entleert hat, sagen, daß sie materialistisch sei? Es war - im Gegenteil
er sie in einer seltenen Häufung zusammengetragen hat, doch einen beson- - das Hochmittelalter bis zur beginnenden Neuzeit, das materialistisch
deren Wert. Ein Sammler ist also zwangsläufig ein Spekulant. Nun sind warl Der Niedergang der religiösen Glaubensinhalte, der idealistischen und
aber Kontemplation und Spekulation, die die Psychologie des Sammlers normativen Moralvorstellungen des Alltagslebens führt nicht zur Entdek-
charakterisieren, auch spezifische Wesenszüge des Frühkapitalisten, wie er kung einer'§üelt von größerer Stofflichkeit. Die Gelehrten und Philosophen
in der zweiten Hälfte des Mittelalters und in der Renaissance in Erschei- können ihren Anspruch auf die Erkenntnis der Materie ruhig für sich rekla-
nung tritt. Später, im Bannkreis des eigentlichen Hochkapitalismus, ver- mieren; der Durchschnittsmensch glaubt in seinem Alltag an die Materie
dienten es die Dinge durchaus nicht mehr, betrachtet, gesammelt oder gar nicht mehr als an Gott. Der Mensch des Mittelalters glaubte an die Materie
begehrt zu werden. Deshalb ist das frühe Mittelalter in dieser Hinsicht eher und an Gott zugleich, wie er ans Leben und an den Tod zugleich glaubte,
indifferent gewesen. §flenn Handel und Wandel im Abendland auch immer an den Genuß der Dinge und an die Entsagung. Es ist die Schuld der Histo-
heimisch $r'aren, wenn man auch nie davon abgelassen hat, Messen und riker, den Versuch einer Entgegensetzung dieser Begriffe unternommen zu
Märkte abzuhalten, so trat der Reichtum doch nie als bloßer Besitz an Din- haben, die sie auf verschiedene Epochen bezogen, während sie tatsächlich
gen in Erscheinung; er war verquickt mit der Macht über Menschen - wie doch zeitgleich auftraten und überdies ebenso komplementär wie gegen-
die Armut mit der Einsamkeit. Deshalb denkt der Todgeweihte der chanson sätzlich waren.
de geste nicht wie der der ars moriendi an seinen Schatz, sondern an seinen
Herrn, seine Gefährten, seine Krieger.
't77
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Scheitern und Tod Versager. Er sieht sich aber nie als Toten. Er stellt seine Bitterkeit nie dem
Tode gleich, bringt sie nie damit in Verbindung - wie der Mensch des
Huizinga hattc dic tse z.iehung zwischen leidenschaftlichem Lebensverlan- Hochmittelalters.
gen und den Bildcrn .les 'fodes völlig richtig erfaßt: "lst es ein wirklich Ist dieses Gefühl des Scheiterns ein durchgehender menschiicher We-
frommer Gedanke, der sich so in den Abscheu vor der irdischen Seite des senszuBl Möglicherweise dann, wenn es in Gestalt einer sich auf das ganze
Todes verstrickt ? Oder ist es die Reaktion einer allzu hef tigen Sinnlichkeit, Leben erstreckenden metaphysischen Unzulänglichkeit auftritr, nicht aber
die nur auf diese V'eise aus ihrem Rausch von Lebensdrang aufwachen in der der punktuellen und unvermittelten lVahrnehmung eines brutalen
kann?" Es gibt jedoch ein anderes Motiv, das Huizinga ebenfalls erschlos- Schocks.
sen hat: die "Stimnrung von Enttäuschung und Entmutigung", und hier Diesen Schock haben die langsamen und kalten Zeitläufte des gezähmten
kommen wir den Drngen möglicherweise auf den Grund. Todes nicht gekannt. Jedermann war einem Schicksal vorherbestimmt, das
Zum besseren Verständnis der Bedeutung, die das Spätmittelalter diesem zu ändern er weder wünschte noch imstande war. Das sollte für lange Zeit
Begriff von Enttäuschung und Scheitern beigelegt hat, müssen wir ein we- so bleiben, \'or allem da, wo Reichtum selten war. Das Leben eines jeden
nig Abstand nehmen und die Zeugnisse der Vergangenheit und die Pro- Armen unterlag immer von außen verhängtem Zwang, der nicht beeinfluß-
bleme der Historiker für einen Augenblick beiseitelassen, um uns selbst zu bar war.
befragen, uns selbst als Menschen des 20. Jahrhunderts. Umgekehrt sieht man seit dem 12. Jahrhundert bei den Reichen, den Ge-
Alle heutigen Menschen haben zu einem bestimmten Zeitpunkt ihres Le- bildeten und den Mächtigen die Vorstellung auftauchen, daß jedermann
bens das mehr oder weniger starke, mehr oder weniger deutlich eingestan- eine persönliche Biographie hat. Diese Biographie bestand zunächst einfach
dene oder verdrängte Gefühl des Scheiterns kennengelernt; familiäres nur aus - Buten oder bösen - Taten, die vor einem §(eltgericht zu verant-
Scheitern, berufliches Scheitern. Das gesellschaftliche Aufstiegsbedürfnis worten waren: aus dem Sein. Später trugen dann auch Dinge dazu bei, lei-
zwingt jedermann dazu, nicht auf halbem \Vege stehenzubleiben, sich neue denschaltlich geliebte Tiere und Menschen, ebenso das gesellschaftliche
und schwierigereZiele zu stecken und weiterzuverfolgen. Das Scheitern ist Ansehen: das Haben. Gegen Ende des Mittelalters geht das Bewußtsein des
um so häufiger und wird um so drastischer empfunden, je ungestümer der eigenen Selbst und der eigenen Biographie eine Verbindung mit der Liebe
Erfolg ersehnt wurde, der aber doch nie genügt, der immer weiter hinaus- zum Leben ein. Der Tod ist nicht mehr einfach nur Abschluß des Seins,
geschoben wird. Und dann kommt eines Tages der Zeitpunkt, da der sondern auch Trennung von Hab und Gut: ,Den W'einberg mußt du lassen,
Mensch dem RhYthmus seiner imnrer weiter ausgrei{enden ehrgeizigen Haus und Garten!"
Strebungen nicht mehr gewachsen ist; er bleibt hinter seinem Begehren zu- Der Genuß der weltlichen Dinge ist - selbst bei voller Gesundheit, selbst
rück, weiter und r.eiter zurück, und wird schließlich gewahr, daß das Ziel, in frischer Jugendblüte - durch die Aussicht auf den Tod getrübt. Damals
das er sich gesteckt hat, für ihn unerreichbar wird. Dann stellt sich das Ge- hat der Tod aufgehört, lWaage, Kontoauflösung, Gericht oder gar noch
frihl ein, das Leber-r versäumt zu haben. Schlaf zu sein, um Aas und Fäulnis zu werden; nicht mehr Lebensende und
Es ist das eine Prüfung, die bislang den Männern vorbehalten bleibt; die letzter Hauch ist er, sondern physischer Tod, Leiden und Verfall.
Frauen kennen sie vielleicht einfach deshalb weniger, weil das Fehlen von Die Prediger der Bettelorden waren tief in der urwüchsigen Sensibilität
Ehrgeiz und der niedrigere soziale Status sie vorerst noch schützen. ihrer Zeitgenossen befangen, selbstwenn sie sie zu religiösen Zwecken aus-
Der Zeitpunkt dieser Prüfung ist im allgemeinen etwa das vierzigste Le- beuteten. Eben deshalb hat sich ihr religiöses Bild des Todes zur gleichen
bensjahr, und sie zeigt die wachsende Tendenz, sich den Schwierigkeiten Zeit auch gewandelt. Er war nicht mehr Frucht der Erbsünde, Tod Christi
anzugleichen, die der Heranwachsende beim Eintritt in die Erwachsenen- am Kreuz, geistlich-theologische Entsprechung zur iaizistischen Fügung
welt zu meistern hat - Schwie rigkeiten, die zum Alkoholismus, zur Drogen- ins unentrinnbare Geschick. Er wird zum blutigen, am Kreuze hängenden
abhängigkeit uird zunr Selbstmord führen können. Jedenfalls liegt der Leichnam, zur Pietä- neue und aufwühlende Bilder, theologische Entspre-
Zeitpunkt dieser Prüfung imrner uor den großen Unzulänglichkeitskrisen chung des physischen Todes, der schmerzlichen Trennung, der universalen
des Alters und des Todes. Der Mensch von heute sieht sich eines Tages als Verwesung der makabren Vorstellungswelt.

178 179
So hat sich - sowohl im Bereich der religiösen Darstellungen als auch in
dem der natürwüchsigen Verhaltensweisen - der Übergang von einem 7ol
ak Bewu$tsein und Verdicbtung des Lebens zu einem Tod als Bewutltsein
und verzweifelter Liebe zu diesem Leben vollzogen. Die wirkliche Bedeu-
tung des makabren Todes wird deutlich, q/enn man ihn mit der letzten
Phase der Beziehung zwischen Tod und Individualität zusammensieht, ei-
ner langsamen Entwicklung, die im 12. Jahrhundert einsetzt und im 1 5. auf
einen später nie wieder erreichten Höhepunkt zusteuert. 4. Garantien fürs Jenseits

Die archaischen Rituale: Absolution,


Trauerüberschwang und Geleit des Leichnams

Im ersten, dem gezäl.rmten Tod vorbehaltenen Kapitel sind wir vom Tode
Rolands und seinerIi/affengefährten ausgegangen. Vor dem Aufbruch zum
Kreuzzug, den sie ohne Hoffnung auf Heimkehr antreten, haben sie die
Absolution erhalten, die ihnen in Form eines Segens erteilt wurde:

Ben sunt asols e, quites de lur pecbez


E l'arcet,eque de Dieu les ad seignez. (l)
ii
Asols und seignez - zu ihren Lebzeiten werden sie das nur noch einmal
sein, nach ihrem Tode jedoch noch mehrfach. Als Karl der Große und sein
Heer in Roncevaux anlangen, "wo die Schlacht stattgefunden hat., "steigen
die Franken vom Pferd", und es vzird die Bettung ins Grab oder charnier
(c'arner) vorgenommen. ihre Freunde, die sie dort tot fanden, trugen
il "All
sie alsbald zu einer gemeinsamen Grabstätte."
Diese Grablegung (enterrez) vollzieht sich "mit großen Ehren", und das
i
entscheidende Merkmal dieser Ehrerbietung ist eine zweite, feierlichere
'I Absolution und ein von lWeihrauchopfern begleiteter Segen:

Sis surtt asols er seignez de part Dieu.

Die'§üorte asols und seignez sind genau die gleichen vrie die, die Erzbi-
schof Turpin von Reims benutzt, §venn er seinen todgeweihten Vaffenge-
fährten durch seinen Segen die Absolution erteilt. Für den Dichter handelt

llensuntasols... Siehabendie,4üsolutionerhaltenundsindihrerSündenledig.DerErzbi-
,rhof segrete sie im Namen Gottes.
Sts silnt... [Die ihnen] im Namen Gottes die AbsoLution erteilren und sie segneten.

181

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es sich um die gleiche Zeremonie, die sowohl für den Lebenden wie {ür den Hause zu, die den Friedenskuß des Sterbenden erhielt und während der
Toten Gültigkeit hat. Ein späterer Brauch behält den sakramentalen Titel Agonie, um ein tragbares Kreuz versammelt, {ür ihn betete.
der Absolwion dem Segen des Lebenden, den der Gelehrtenkultur ent- Die Grablegung der Heiligen tritt sehr viel früher in Erscheinung als der
stammenden Ausdruck absoute dagegen dem des Toten vor - um den Un- Tod der Jungfrau, so et§/a in Saint-Hilaire zu Poitiers. Für diese Reihe ste-
terschied deutlich herauszuheben. Im Vorbeigehen sei festgehalten, daß das hen ungezählte Beispiele ein. Ihre Geschlossenheit erhält sich so lange, wie
]i//ort absoute kein Bestandteil der Umgangssprache war; es wird in den das Grab ein Sarkophag ist, der auf den Boden gestellt oder zur Hälfte ein-
Testamenten des 15. bis 18. Jahrhunderts nie benutzt. Ich bin der Meinung, gegraben wird. Der in ein Laken, das Leichentuch, gehüllte Leichnam wird,
daß es erst im 19. Jahrhundert Eingang in den Grundwortschatz {indet: "Es stets mit unverhülltem Antlitz, auf den noch geöffneten Sarkophag gebet-
gibt im Heere IRolands]zahlreiche Bischöfe und Abte, Mönche, Kanoniker tet; wieder taucht derselbe Klerus auf (der Zelebrant, die Träger des Buches,
und Priester mit Tonsur lproaeirs coronez;) sie erteilen ihnen im Namen des lWeihwasserbeckens und -sprengels, des Weihrauchfasses, gelegentlich
Gottes die Absolution und den Segen, entzünden Myrrhen und \Weih- auch der Kreuz- und die Kerzenträger); nach Beendigung der Zeremonie
rauch und opfern ihnen andächtig; dann bestatten sie sie mit großen Eh- wird der Leichnam in den Sarkophag gesenkt, der dann endgültig geschlos-
ren.<< sen wird.
Zwei Elemente der absoute werden also genau beschrieben: der Segen, Die Besprengung mit Veihwasser gilt nicht nur dem Leichnam, sondern
die Geste der Absolution im Namen Gottes, und das '§(eihrauchopfer - mit auch dem Grabe. In den westgotischen Liturgien gibt es besondere, eigens
denselben Stoffen, die auch zur späteren Einbalsamierung der Leichname für diesen Zweck bestimmte Gebete, die Beschwörungsformein sind, Ex-
dienten. (2) orzismen zum Schutz des Grabes vor Angriffen der Dämonen. (3)
Es fehlt in diesem Bericht der Vortrag oder liturgische Gesang bestimm- Deshalb hat, wenn unsere Hypothese richtig ist, die Absolution als Ver-
ter Texte, die damals noch nicht wesentlicher Bestandteil der Liturgie wa- gebung der Sünden der Zeremonie am Grabe als Vorbild gedient. Weih-
ren. wasser und Veihrauch sind mit der Aura des Todes verbunden geblieben.
Diese sehr alte Szene taucht, ohne große Veränderungen, in zwei späte- Bis heute werden die Besucher von aufgebahrten Toten dazu angehalten,
ren ikonographischen Reihen wieder au{: dem Tod der Jungfrau und der ihnen durch Besprengen mit §üeihwasser die letzte Ehre zu erweisen. tüenn
Grablegung der Heiligen. Die erste bezieht sich auf die Zeremonie für den das Christentum auch den aus der Antike stammenden Brauch der Grab-
Lebenden, die zweite auf die für den Toten. Der Tod der Jungfrau wird beigaben zur Versöhnung der Verschiedenen außer Kraft gesetzt hat, so
seit dem Ende des Mittelalters dargestellt. Die Jungfrau ruht, sterbensmatt, iinden sich in mittelalterlichen Grabstellen doch zuweilen - und zwar bis
hält sie eine Kerze - ein späterer Brauch, zum 1 3. Jahrhundert - Schutzamulette und §(/ eihrauchgefäße aus Keramik,
"au{ dem Totenbetto. In der Hand
für den es in den alten Texten keinen Anhaltspunkt gibt. Um das Bett der rnit \Weihrauchkugeln gefüllt, wie es der Liturgist Durandus von Mende
Sterbenden drängt sich die übliche Menge von Anteilnehmenden, darunter vorschreibt: "Man bettet die Leichname ins Einzel- oder ins Gemein-
die Apostel, die hier die Rolle des Klerus übernehmen; einer von ihnen (der schaftsgrab, wo man ihnen, in manchen Gegenden, §(eihwasser und Veih-
manchmal sogar eine Brille tragen kann) singt oder liest die Texte eines Bu- rauchkugeln mitgibt.. (4)
ches vor, das gelegendich von einem Meßdiener gehalten wird. Ein anderer Diese sehr einfache Zeremonie (die Absolution und die Gebete, die sie
trägt Veihwasserbecken und -sprengel, ein dritter schließlich das Veih- begleiteten, ihr folgten oder vorausgingen) war damals die einzige, in die
rauchfaß. Man hat die Psalmen gelesen, die Fürbitten, man hat der Sterben- der Klerus mit einer religiösen Handlung eingriff, die das Ziel hatte, die
den die Absolution erteilt, man hat sie mit Weihwasser besprengt. Die Be- Sünden des Verstorbenen abzuwaschen; sie wurde mehrfach wiederholt, so
sprengung mit Veihwasser wird mit dem Kreuzzeichen verbunden. Hat als ob die rViederholung die Hoffnung auf größere Virksamkeit steigerte.
man dem Leib noch zu Lebzeiten lWeihrauch geopfert, oder ist das \Weih- Diese Beobachtung scheint den liturgischen Dokumenten des 5. bis 7. Jahr-
rauchfaß zur Stelle, um die Zeremonie nach dem letzten Seu{zer der Ster- hunderts zu widersprechen, die eine besondere Messe vorsehen. Schenkt
benden zu beginnen? \Weit vor dieser späten Ikonographie ließ bereits die rnan aber der ritterlichen Heldendichtung Glauben, so scheint sie eine sel-
westgotische Liturgie den Schluß auf eine große Menschenansammlung im tene Ausnahme Bewesen zu sein; jedenfalls wurde sie nicht in Gegenwart

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des I-eichnanrs urrtl'ruch nicht beim Überführungsgeleitvom Ortdes Todes betäubt zu Boden stürzte und länger in seiner Ohnmacht verharrte, als man
zu dem dcr Greblcgung zelebriert. braucht, um eine halbe Meile zu Fuß 7-urückzulegen." Und während er
Ein anderes bctie utsames Element war das der Trauerbekundung. "den blutigen Leichnam umhalste und küßte", "so
erfahrt denn, daß nie-
Der Sterbendc warf, wie wir bereits gesehen haben, einen schmerzlichen mand sich über seine Trauer verwunderte.. Als Gauvain seinen toten Bru-
Rückblick auf das Leben, kurz zwar, wie es Brauch und Herkommen vor- der erkannte, ,zitterten ihm die Knie, das Herz stockte ihm, er sank wie
schrieben. Aber er wahrte bis zum Ende seine Gefaßtheit und Schlichtheit. tot zu Boden [...]. Lange verharrte er so, schließlich erhob er sich, eilte zu
\Wenn der Tod aber auch gezähmt war, so äußerte sich die Trauer der Gaheris, umarmte ihn, und der Kuß, den er ihm gab, floßte ihm so großen
Hinterbliebenen doch wild oder erweckte jedenfalls den Anschein. Kaum Schmerz ein, daß er, ohnmächtig, auf den Toten niedersank."
ist der Tod mit Sicherheit festgestellt, spielen sich auch schon die herzzer- Es war Brauch, daß man diese großen Trauerbekundungen für kurze Zeit
reißendsten Verzweiflungsszenen ab. Als "Roland sieht, daß sein Gefährte unterbrach, um sein Bedauern über das Hinscheiden des Verstorbenen zum
[Olivier] tot ist und er mit zur Erde gewendetem Gesicht daliegt., schwin- Ausdruck zu bringen; dann aber konnten die \Weheklagen unverzüglich
den ihm die Sinne, "er drückt ihn an seine Brust, hält ihn engumschlungen". wiedereinsetzen. So etwa im Falle Gauvains, der, nachdem er die Toten-
Er kann sich gar nicht von ihm lösen. Als Karl der Große in Roncevaux klage angestimmt hatte, "zu ihnen eilte ['..] und, sie umarmend, mehrfach
das Schlachtfeld zu Gesicht bekommt, "kann er sich der Tränen nicht er- in Ohnmacht fiel, dergestalt, daß die Tafelritter schließlich fürchteten, ihn
vrehren. [...] Auf dem grünen Gras sieht er seinen toten Neffen ruhen. 'Wer vor ihren Augen verscheiden zu sehen.. Man starb vor Traurigkeit.
mag sich wundern, wenn er vor Schmerz bebt? Er steigt vom Pierd, er be- Es war Aufgabe der Umgebung, den leidenschaftlichen Regungen des
gibt sich eilends zu ihm.o Er umarmt den Leichnam, hält ihn mit beiden Hauptleidtragenden Einhalt zu gebieten. ,Herr Kaisero, spricht Gottfried
Armen, "er sinkt ohnmächtig über ihm zusammen, so sehr schnürt ihm die von Anjou zu Karl dem Großen, "überlaßt Euch diesem Schmerz nicht
Angst das Herz ab." Einige Augenblicke später wird er ein zweites Mal ganz und gar.« »Herr«, sagen die Ritter zum König Artus, "wir sind der
ohnmächtig. Aus der Besinnungslosigkeit erwachend, überläßt er sich lei- Meinung, daß man ihn von hier wegbringen und in irgendeiner Kammer
denschaftlichen Gebärden des Schmerzes. Vor dem gesamten Heer, vor den zur Ruhe betten soll, fern von allen Leuten, bis seine Brüder bestattet sind,
hunderttausend Franken, "unter denen nicht einer ist, der nicht laut weint", denn er wird sicher vor Schmerz sterben, wenn er ihnen nahe bieibt." Sicher

"der nicht betäubt zur Erde sinkt", rauft sich der Herrscher mit beiden kam es selten vor, daß man sich zu diesen Absonderungsmaßnahmen ge-
Händen seinen weißen Bart und zerwühlt sich das Haar. '§(elche hysteri- zwungen sah. Die Totenklage über dem Leichnam und eine uns heute hy-
sche Szene, wenn alle diese verwegenen Kämpen schluchzen, sich auf der sterisch anmutende Gebärdensprache genügten im allgemeinen, die Trauer
Erde wälzen, ohnmächtig hinsinken, sich Haar und Bart raufen und ihre zu vertreiben und die Trennung erträglich zu gestalten'
.Wie
Kleidung zerreißen! (5) lange dauerte dis5s "große. Trauer? Einige Stunden, zuweilen die
Als König Artus die Leichname seiner Tafelritter findet, gebärdet er sich ganze Zeitspanne der Totenwache, sogar der Beisetzung. Bei den Großen
wie Karl der Große in Roncevaux, "er sinkt vom Pferd, ganz betäubt". "Er höchstens einen Monat; als Gauvain König Artus den Tod Iweins und sei-
schlägt die Hände zusammen [das ist die rituelle Geste der Leidtragenden] ner Gef ährten mitteilt, ,begann der König bitterlich zu weinen, und er hatte
und ruft aus, daß er nun genug gelebt habe, da er die besten seiner Sippe einen Monat lang einen derart tiefen Kummer, daß er bald wahnsinnig ge-
erschlagen daliegen sieht fNicht länger mag ich leben, rief Karl der Große worden wäre",
aus]." "Er nahm dem Toten seinen Helm ab, und nachdem er ihn lange be- Die gebärdenreichen Trauerbekundungen wurden von der Lobrede auf
trachtet hatte, küßte er ihm die Augen und den erkalteten Mund Izweifellos den Verstorbenen unterbrochen, dem zweiten Akt der Trauerszene' Es war
küßte man sich damals schon auf den Mund]." Dann ging er zu einem ande- Aufgabe des Hauptleidtragenden, das Lebewohl anzustimmen' "Kaiser
ren Leichnam, der "kalt und starr dalag", "nahm ihn in seine Arme und Karl ist aus seiner Ohnmacht erwacht [...]. Er richtet seinen Blick zur Erde,
preßte ihn so heftig an sich, daß er ihn getötet hätte, wenn noch Leben in sieht seinen tot daliegenden Neffen. So schmerzlich ist es ihm' ihn zu be-
ihm gewesen wäre Ies sind Fälle bekannt, bei denen eine allzu heftige Um- trauern.« Das ist die lWeheklage, die auch Klageruf ffrz. plainte)heißt - der
armung einen der Beteiligten wie tot hinsinken läßt]". "So daß er erneut pLanctus:,Karl beklagt ihn um des Glaubens und der Liebe willen." Der

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Beginn der Lobrede ist nrühsam - sie wird immer wieder von Ohnmachts- triarchen von Alexandria belegen diese Absicht; "Die, denen Trruer be-
anfällen unterbrocher.r '-, schließlich faßt der Leichenredner sich ein Herz schieden ist, sollen sich in der Kirche, im Kloster, zu Hause aufhalten, still,
und findet Gelegenhcit zu elvr'a fünfzig Versen: "Freund Roland, Gott ruhig und würdig, wie es denen ansteht, die an die \üahrheit der Auferste-
möge dir Dank wissen [. . ], wer wird nun meine Heerscharen f ühren ?" Das
. hung glauben." Noch im Sizilien Friedrichs II. (9) waren diese Praktiken,
Klagelied schließt, wie es begonnen hat, rnit einem Gebet: "Deine Seele unter dem Namen rePutationes,öffentlich geächtet, die später von Ducange
möge den Veg ins Paradies finden.. (6) kurz und trocken folgendermaßen definiert werden: cantus et soni qui
'Weiter: Als König Artus Zeuge propter deft'tnctos celebrantur (Gesänge und Lieder, die für die Verstorbe-
des letzten Seufzers des Herrn Gauvain
wird, sinkt er mehrere Male über den Leichnam hin, rauft sich den Bart, nen angestimmt werden). Im Spanien des 14. Jahrhunderts scheinen sie ge-
zerkratzt sich das Gesicht und beginnt dann die große Totenklage: "Oh du billigt worden zu sein, wenn man einer Grabplatte Glauben schenken darf ,
armseliger und unglücklicher König, oh Artus, du magst wohl sagen, daß auf der Gruppen von Klageweibern in starrer Trance dargestellt sind.
du jetzt aller leiblichen Freunde ebenso beraubt bist, wie der Baum seiner Zu An|ang und für langeZeit verdammte die Kirche also die planctus-
Blätter beraubt ist, wenn der Frost darüber hingezogen ist.. Die Totenklage Rituale in dem Maße, wie sie dem \Wunsch der Hinterbliebenen entspra-
richtet sich in der Tat an den Hinterbliebenen, den der Verstorbene ratlos chen, den Toten zu beschwichtigen. In der mittelalterlichen Ritter-
und wehrlos seinem Schicksal überlassen hat. (7) dichtung sieht man deutlich, daß ihre Bedeutung sich verändert hat. Ziel
Vie ersichtlich, ähneln sich die Trauerszenen, die Gebärden und Klage- der Trauerbekundung ist es jetzt - und andeutungsweise wohl auch schon
rufe. Sie folgen einander wie herkömmliche und vom Brauchtum festge- im heidnischen Altertum -, das Leid der Hinterbliebenen zu lindern. Vie
legte Verpflichtungen - zweifellos -, bieten sich aber nicht als Rituale dar. hätte man, eines derart geliebten, derart unersetzlichen Wesens beraubt,
Sie geben vor, ganz persönliche Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Der einfach weiterleben können wie bisher? Das viele Fragen aber verdeckte nur
Nachdruck liegt auf der Spontaneität des Verhaltens. Das macht einen die Tatsache, daß man sich bereits daran gewöhnt hatte!
deutlichen Unterschied zum Rückgrif{ auf die käuflichen Klageweiber der Nach der ersten Absolution im Augenblick des Todes und nach den gro-
Antike aus (ein Brauch, der sich übrigens inr Mittelalter und darüber hinaus ßen Klageszenen wurde der Leichnam weggeschafft und zur eigentlichen
in den N{itrelmeerkulturen erhalten hat). Die Freunde, Herren und Vasal- Grabstelle überführt.
len, übernehmen seibst die Rolle der Klagenden. Er wurde zunächst in ein kostbares Gewebe gehüllt, wenn es sich bei dem
'Wenn Verstorbenen um einen großen Herrn oder einen verehrungswürdigen
auch die Trauerbekundung und das letzte Lebewohl nicht direkt
religiöser Bestandteil des Leichenbegängnisses sind, so läßt die Kirche sie Geistlichen gehandelt hatte. So läßt König Artus "Herrn Gauvain in sei-
doch gelten. Das war anfangs durchaus nicht so: Die Kirchenväter wider- dene, mit Gold und Edelsteinen durchwirkte Gewebe kleiden.. Einmal
setzten sich den traditionellen Totenklagen; der Heilige Johannes Chryso- verhüllt, wurde der Leichnam auf eine Bahre oder in einen Schrein gebettet,
stomos (8) z-eigte sich ungehalten angesichts der Christen, ,die Frauen, tier zu diesem Zweck eilends hergcrichtet worden war, und an einen der
e ndgültigen Grabstelle nahegelegenen Ort überführt.
heidnische frrauen, als Klageweiber mieteten, um die Trauer nachdrückli- ',Zwei'Wochen vor
cher zu bekunden und das Feuer tles Schmerzes zu schüren, ohne des Heili- dem Monat Mai iühlte Lancelot sein Ende nahen. Er bat seine Geiährten,
gen Paulus z-u gedenken.. ." Er geht sogar so weit, diejenigen, die sich pro- den Bischof und den Eremiten [mit denen er seit vier Jahren in der Einsam-
Iessioneller Klageweibcr bedienen, mit der Exkommunikation zr keit lebte, betend, fastend und wachend], seinen Leichnam in die Obhut
bedrohen. des Herrn zu überführen... Dann verschied er. Die beiden ehrbaren Män-
Man verurteilte an dieser Praxis weniger den kommerziellen Zug als viel- ner {ertigten also eine Bahre an, auf die sie den Toten betteten, und trugen
mehr den überschwang, der darin zum Ausdruck kam, weil man anderen ihn unter großen Mühen ins Schloß.n Ein kleines, ganz einfaches Totenge-
die Last eines Schmerzes aufbürdete, den man persönlich zwar nicht inten- leit von zwei Männern, die die Bahre tragen.
siv genug auf sich einwirken ließ, der jedoch um jeden Preis, und zwar Manchmal aber wurde der Leichnam mit größeren Ehrenbezeigungen
glanzvoll uncl heftig, nach außen dargetan werden mußte: Die Trauer hatte geleitet: König Artus ließ Herrn Gauvain "sehr rasch in einen Sarg betten;
grundsätzlich maßlos zu sein. Auch die kanonischen Richtlinien des Pa- dann trug er zehn seiner Ritter au{, den Leichnam nach Saint-Etienne zu

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Camaalot zu gcle itcn und ihn irrs (irab von (l,tlrt'rrs ztr lcgen. Untl so ging gen und Standesgenossen des Verschiedenen vorbel-ralten, die so Gelegen-
dertapfere Ritter von hinnen, geleitet vom Künig untl cincr Mengc Herren heit fanden, ihn zu beklagen, ihn zu lobpreisen und ihm ihre Ehrerbietung
und geringen Volkes, die alle weinten und schluchz.ten" (10) - ihre Toten- zu erweisen.
klage.
"So gingen sre drei M eilen @eit vor die Stadt; dann zogen der König und Die Totengebete
sein Gefolge sich mit dem Volk zurück, während die zehn Ritter ihren Veg
fortsetzten." Zehn Ritter, aber weder Priester noch Mönch: Das Gefolge §7enn der Anteil der Kirche an den Bestattungsriten beschränkt war - wel-
besteht ausschließlich aus Laien, den Gefährten des Verstorbenen. che Rolle spielten die Toten dann in der kirchlichenLiturgie vor der karo-
Manchmal wurde der Leichnam, §/enn er über weitere Strecken trans- lingischen Einigung? lVir rühren hier an einen entscheidenden und sehr
portiert werden mußte, einbalsamiert und in einem Lederbündel ver- schwer zu erhellenden Aspekt unserer Untersuchung: das Gebet für die
schnürt. Karl der Große "läßt alle drei Leichname [Roland, Olivier und Toten.
Turpin] vor seinen Augen eröff nen. " Er bettet die Herzen in ein poile Qto € le Die Schwierigkeit ergibt sich aus der Selbständigkeit und Unabhängig-
[Bahrtuch] ). Dann werden die sterblichen Reste der drei Edelleute mit aro- keit der Liturgie in Hinsicht auf das eschatologische Denken. Uberdies
matischen Essenzen und Vein gesäubert und gewaschen und in "Säcken aus dürfen die liturgischen Texte selbst nicht im buchstäblichen Sinne interpre-
Hirschleder" geborgen! tiert werden, denn die abgeschwächte und verharmloste Bedeutung, die die
Ebenso der Riese Morholt, der, von Tristan in ehrlichem Kampfe besiegt, Gläubigen der Zeit ihnen stillschweigend beilegten, tritt erst beim Vergleich
nach der Einbalsamierung "tot daliegt, in ein Bündel aus Hirschleder einge- mit anderen - etwa literarischen oder ikonographischen - Quellen zutage.
näht". Die makabre Last wird an seine Schwester, die blonde Isolde, abge- Hinzugefügt sei, daß sich die Historiker der Liturgie und der kirchenge-
sandt, die sie öffnet und aus dem Schädel das Stück des tödlichen Schwertes schichtlichen Überlieferung, gegen ihren Willen, von der späteren Ent-
herauszieht, das noch darin steckt. (1 1) wicklung von Vorstellungenidie in ihren Texten erst keimhaft auftauchten,
In Roncevaux läßt Karl der Große drei Ritter rufen und vertraut ihnen gefangennehmen lassen und dazu neigen, ihnen eine zu große Bedeutung
die drei Leichname in ihren Lederbündeln an. "Bringt sie auf drei Karren beizumessen: flüchtige perspektivische Irrtümer drohen gerade den Histo-
fortl", trägt er ihnen auf. Also reisen sie mit ihnen, wieder ohne Priester riker irrezuführen, der die religiösen Formeln nicht um ihrer selbst willen,
und Mönche, bis nach Blaye an der Gironde, wo Karl sie in "weiße Sarko- sondern als Zeichen kollektiver Mentalitäten auffaßtl
phage" betten läßt. In der heidnischen Tradition brachte man den Toten Opfergaben dar, um
Ebenso die schöne Aude: Als sie "ihr Ende gefunden hato, zu Tode be- sie zu besänftigen und sie daran zu hindern, die Lebenden heimzusuchen.
stürzt über den Hingang ihres Verlobten Roland, "bescheidet Karl, der ih- Dieser Eingriff der Lebenden hatte aber nicht zum Ziel, ihnen den Aufent-
ren Tod bemerkt hat, vier Gräfinnen zu ihr und läßt sie in ein Nonnenklo- halt in jener dämmrigen Unterwelt zu versüßen.
ster überführen. Die ganze Nacht über, bis zum Morgengrauen, wird die Die jüdische Tradition kannte nicht einmal diese kargen Praktiken. Der
Totenwache gehalten; zu Füßen eines Altars wird sie schließlich feierlich erste hebräische Text, den die christliche Kirche als Ursprung und Quelle
beigesetzt." (12) der Totengebete aufgefaßt hat, ist der Bericht über die Grablegung der
So beschränkte sich die im eigentlichen Sinne religiöse Seite der Zeremo- Makkabäer, der nicht weiter zurückreicht als ins erste vorchristliche Jahr-
nie in jenen fernen Zeiten auf die Absolution, die einmal dem noch Leben- hundert. Dic rnoderne Bibelkritik ui,terscheidet darin zwei Schichten - eine
den, einmal dem Verstorbenen erteilt wurde, und zwar im Augenblick des ältere, in der die Zeremonie dazu bestimmt war, die von den Toten be-
Todes und dann noch einmal über dem Grabe. Keine Messen - und wenn gangene Sünde der Abgötterei zu sühnen: an ihren Leichnamen waren
es überhaupt welche gab, blieben sie unbemerkt. heidnische Amulette gefunden worden. Die andere, die aber wohl spätere
Die anderen Elemente des Brauchtums - Trauerbekundung und Toten- Hinzufügung ist, läßt die Vorstellung der Wiederauferstehung durchschei-
geleit - waren ganz einfach weltlich, ohne jede kirchliche Beteiligung daran nen: Auferstehen werden nur die, die von ihren Sünden erlöst sind. Um
(es sei denn, daß der Verstorbene Kleriker war); sie blieben den Angehöri- dieser Vergebung willen flehen die Hinterbliebenen den Herrn an.

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Die Sorge ums ewige Leben des Verstorbenen und das Bedürfnis, die dern das ret'rigerium des römischen Kanons, das interim ret'rigerium. Dort
Heilsgewißheit durch religiöse Rituale zu stärken, waren umgekehrt gerade harrten die Gerechten ihrer Auferstehung am Ende der Zeiten, der consum-
in den Heilsreligionen heimisch, so in den dionysischen Mysterien, im Py- matio rerum,
thagoräismus und in den hellenistischen Mithras- und Isis-Kulten. Freilich wurde diese Auffassung von den gelehrten Autoren seit dem
Sicher ist, daß die christliche Urkirche die von heidnischen Vorstellungen Ende des 5. Jahrhunderts nicht mehr geteilt; sie glaubten vielmehr an einen
durchsetzten Bestattungsbräuche anfangs untersaBt hat, sowohl die großen direkten Eingang ins Paradies (oder Sturz in die Hölle). Vir wollen gleich-
\tr(eheklagen der Hauptleidtragenden, wie wir oben gesehen haben, als auch wohl die Vermutung äußern, daß die ursprüngliche Vorstellung eines Zwi-
die Grabspenden, wie sie noch die Heilige Monika als Op{er darbrachte, schenreiches der Erwartung der des Purgatoriums zur Entstehung verhol-
bevor sie Kenntnis vom Verbot des Heiligen Ambrosius hatte: das ret'rige- fen haben könnte, einer 'Wartezeit in einem Feuer, das nicht peinigendes
rium. Die Kirche ersetzte die rituellen Totenmähler durch die an Fried- Höllenfeuer, sondern Feuer der Läuterung ist. So hat sich im einfachen
hofsaltären zelebrierte Eucharistiefeier: solche Altäre sind etwa noch auf Volksglauben eine Verquickung der alten Vorstellu ng des ret'rigerium, der
dem christlichen Friedhof von Tebessa zu sehen; sie stehen inmitten der requies,des Schoßes Abrahams mit der neuen des Purgatoriums entwickelt.
Gräber, von denen wirangemerkt haben, daß sie ad sanctor angelegt waren. Denn die Mehrheit der Gläubigen ist - dem Verdammungsurteil der ge-
Handelte es sich da bereits um Fürsprache für die Toten? Diese Messen lehrten Autoren zumTrotz - der traditionellen Vorstellung des Harrens
qraren - im Sinne der integristischen Bischöfe - eher gottgefällige Handlun- treu geblieben, die, vor den Reformen Pauls VI., noch immer den ältesten
Ben aus Anlaß des Todes der Gerechten, der heiligen Märtyrer, der Chri- Fundus der Beisetzungsliturgie bildete. Die Seele (oder das Sein) des Ver-
sten, die in der Gemeinschaft der Kirche gestorben und zu Seiten der Mär- storbenen war, wenigstens in der Liturgie, noch nicht vom Teulel bedroht,
tyrer bestattet waren. Tatsächlich wurden diese Friedhofsmessen im für den Tag seines Todes und das darauffolgenden Jahresgedächtnis sah die
Volksglauben, der die heidnisch-antike Tradition bruchlos fortsetzte, so- Liturgie eine religiöse Zeremonie vor, die in Form einer Messe vollzogen
wohl mit dem Kult der Märtyrer als auch mit dem Gedenkkult für weniger wurde, eine Zeremonie, in der der sündige Mensch seine Ohnmacht be-
ehrwürdigeTote in Verbindung gebracht, dergestalt, daß [ange kein deutli- kannte, aber seinen Glauben bekräftigte, Gott dankte und den Eingang des
cher Unterschied zwischen dem Gebet zu Ehren der Heiligen und der Für- Verstorbenen in die Ruhe oder den Schlaf des glückseligen Harrens feierte.
bitte für das Seelenheil weniger erlauchter Toter gemacht wurde - eine
Mehrdeutigkeit, die wir dank der Mühe kennen, die der Heilige Augustinus
auf sich genommen hat, um sie zu beseitigen. Die alte Liturgie: Die Lesung der Namen
So gibt es weder im Alten noch im Neuen Testament irgendeinen Hin-
weis (abgesehen von jenem umstrittenen Makkabäer-Text), der als Beleg Diese durchaus volkstümlich zu nennende Auffassung der Kontinuität
für die Fürsprache der Lebenden für die Toten herangezogen werden zwischen Heidentum und Christentum, des undramatischen und bruchlo-
könnte. sen Übergangs und Zusammenhangs von Diesseits und Jenseits läßt sich
§(ie J. Ntekida geltend macht, hat diese christliche Praxis sich ihrem Ur- nicht nur in den Totengebeten, sondern auch in der Sonntagsliturgie erfas-
sprung nach aus der heidnischen Tradition entwickelt. Ihre erste Form ist sen.
eher die der commemoratio tls die der Fürbitte. Varum hätte es auch der Vor der Zeit Karls des Großen, d. h. vor der Einführung der römischen
Fürbitte bedurft, da die Hinterbliebenen doch keinen Grund hatten, sich Liturgie, gehörte zur Messe in Gallien, nach den Textlesungen, eine ausge-
um das Heil ihrerVerstorbenen zu sorgen? (13) Sie waren ja gerettet, wie dehnte Zeremonie, die heute nicht mehr gebräuchlich ist oder von der sich
wir im ersten Kapitel gesehen haben. Zwar gingen sie nicht sofort ins Para- nurmehr unverständliche Spuren erhalten haben. Sie hatte die Stelle inne,
dies ein; man räumte ein, daß lediglich den heiligen Märtyrern und Beken- die bis zu den Reformen Pauls VL das persönliche Gebet des Priesters, das
nern das Privileg gebührte, die beseligende Vision unverzüglich zu genie- sogenannte Offertorium, ausfüllte.
ßen, unmittelbar nach ihrem Tode. Tertullian lehrt, daß der Schoß Nach der Lesung des Evangeliums, auf die damals noch nicht das Credo
Abrahams weder Himmel noch Hölle ist (subliorem tamen int'eris), son- folgte, begann eine Reihe von Riten: die Rezitation der Gebetslitaneien, die

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der neue ordo Pauls VI. unter dem Namen Gebete der Gläubigen wieder- und alle Geistlichen und Laien lplebibus), clie der Kirche anvertraut sind,
hergestellt hat; dann, nach der Verabschiedung der Katechumenen oder - und für die allumfasser.rde Bruderschaft Itniaersa t'raternitas)." Die Be-
zu jener Zert - eher der Bußfertigen, der Gesang von Psalmen, sonus, und deutsam keit der Vorstellung einer uniaersa t'raternitas drängt sich geradezu
ein drei{aches Hallelujah, das die Prozession der Opfernden begleitete. Die auf ! "Das Opfer wird auch dargebracht von allen Priestern, Diakonen und
offerentes trugen, in feierlichem Zuge, nicht nur die Oblaten zu einem der Geistlichen, vom Volk der hier Anwesenden lcircumstantes ], zu Ehren der
Altäre, nicht nur lW'ein und Brot für die Eucharistiefeier, sondern alle Arten Heiligen Idie Tradition der Märtyrer- und Heiligenverehrung, Erinnerung
von Naturalien, die in der Kirche verblieben. Diese Zeremonie, die Na- an die triumphierende Kirche], für sie und die ihren." Folgt die Liste der
turaloblation, an der das einfache Volk sehr gehangen haben muß, kann in Laien, die Opfergaben gespendet haben: Sie sind die \Wohltäter der Kirche,
der römischen Liturgie keinen derart großen Anteil beansprucht haben. Sie undjedermann läßt es sich angelegen sein, seinen Namen in die immerwäh-
endete mit erner Praet'atio und einer Kollekte. rende Liste eintragen zu lassen, die dem Lebensbuch gleichgestellt wird, in
Daran schloß sich eine andereZeremonie, die einen direkteren Bezug zu dem Gott oder sein Erzengel die Namen der Erwählten verzeichnet. Nach
unserem Thema hat: die Lesung der Namen, auch Diptycha (Totenregister) dem Priester wiederholt der Chor: "Sie bringen das Opfer dar für sich und
genannt. (1a) Die Diptycha waren ursprünglich mit Schnitzwerk ge- die allumfassende Bruderschaft."
schmückte und gravierte Elfenbeintäfelchen, die von den Konsuln am Tage Diese erste Liste ist die de r uniaersa t'raternitas der Lebenden, vom Papst
ihres Amtsantrittes wie Familienanzeigen vorgewiesen wurden. Die Chri- in Rom, von den Bischöfen, den Königen und den großen Herren bis hin
sten schriebcn auf ähnliche Tafeln - oder sogar auf alte konsularische Di- zu den Opfernden und zum anonymen Volk.
ptvcha - die Liste der Namen, die nach derProzession der Opfernden vorge- Die zweite Liste, die ehrwürdigere der Heiligen, wird vom Bischof selbst
lesen wurden, "von der Höhe der Empore herab". Diese Liste enthielt verlesen und nicht vom Priester. Der Bischof sa'gr (dicat sacerdos): "Zur
"die
Namen der Opfernden, der ranghöchsten Amtspersonen, der höchsten Feier des Gedächtnisses der glückseligen Apostel und Heiligen.. ." (es kam
geistlichen \ü ürdenträger der Gemeinschaf t, die der heiligen Märtyrer oder vor, daß das ganz-e Alte Testament bis auf Adam zurückverfolgt wurde);
Bekenner, schließlich die der im Schoße der Kirche verstorbenen Gläubi- folgt die Aufzählung der Heiligen, wie bei den Commwnicantes des römi-
gen, um durch diese versammelten Personen das enge Band von Gemein- schen Kanons.
schaft und Liebe darzutun, das alle Glieder der triumphierenden, leidenden Und der Chor wiederholt: "Und aller Heiligen."
und kämp{enden Kirche eint." Die dritte, ebenfalls vom Bischof verlesene Liste ist die der Toten: Die
Ein jüngerer, fälschlich Alkuin zugeschriebener Traktat beschreibt c{ie Toten werden nicht nach den Lebcnden der ersten, sondern nach den Heili-
Diptycha [olgendermaßen: ,Es war ein alter Brauch, der sich noch heute gen der zweiten Liste zitiert: sie sind ihre Begleiter. Der Bischof sagt: »Das
in der römischen Kirche erhalten hat, alsbald die Namen der Verstorbenen gleiche gelte f ür die Seelen derer, die im ewigen Frieden rvhen lspiritibus
zu verlesen [nicht nur die der Verstorbenen!], die auf den Diptycha ver- pausantium), Hilarius, Athanasius..."
zeichnet standen, d. h. auf den Tafeln." Die Totenregister wurden auf dem Und der Chor wiederholt: "Und für alle, die im ewigen Frieden ruhen."
Altar verwahrt; die Listen waren manchmal in den Altar selbst eingraviert Diese drei Register der Lebenden, der Heiligen und der Toten werden
oder an den Rändern der Meßbücher niedergeschrieben. also nacheinander, in einem Zuge verlesen, unterbrochen nur durch drei
Man las die nomina m ir Iauter Stim me vor (distincte tocata). \iflir können kurze Einwürfe des Chores. Nach dieser Rezitation, die, wie die ihr vor-
uns eine Vorstellung von dieser langen Rezitation anhand eines Auszuges ausgehenden Gebete für die Kirche, den Charakter einer litaneiartigen
\Wiederholung hat, singt der Bischof ein feierliches Gebet, die oratio post
aus einer mozarabischen Liturgie (15) machen. Der Bischof ist von Prie-
stern, Diakonen und Klerikern umgeben, und das Volk, das seine Opferga- nomina, in der Gott angefleht wird, die Namen der Lebenden und Toten
ben dargebracht hat, drängt sich um den Altar oder im Chorraum. unter denen der Erwählten einzutragen (ascribe). "Von Stund an ver-
Nach den Gebeten für die Kirche sagt ein Priester (presbyter): "Das Op- schreibe, o Herr, uns deinem ewigen Beistand, damit wir nicht verloren
fer loblatio)wird Gott dargebracht clurch unseren Bischof lsacerdosf, den seien am Tage, da du kommen wirst die Velt zu richten. Amen.o
Papa Romensis, und die anderen... [folgt die klerikale Hierarchie], für sie Die Gerechten stehen auf einer'Warteliste verzeichnet und können damit

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sicher sein, am Tage des Jüngsten Gerichts nicht zu Schanden zu werden: Seite des Himmels." "Auf daß sie für würdig erachtet werden, in die himm-
Freilich mußte dieser Tag abgewartet werden. lischen Urkun denllitte ris c o e listib usf einzugehen. " ( 1 6) Man begegnet hier
Der Priester schließt mit den lWorten: "Da du das Leben der Lebenden der Schri{trolle wieder, die die Erwählten auf dem Sarkophag von Jouarre
bist, die Gesundheit der Kranken IBezug auf die Lebenden], die Ruhe aller tragen (eine Beziehung z:um volt4men [Bücherrolle], das die Toten der rö-
verstorbenen Gläubigen IBezug auf die Toten], von Ewigkeit zu Ewigkeit.. mischen Sarkophage in Händen hielten?). Es ist übrigens tatsächlich gerade
ln den orationes post nomina heben die gallikanische wie die mozarabi- diese Ikonographie von Jouarre, an die die gallikanische und die mozarabi-
sche Liturgie bis zum Uberdruß die Solidarität der Lebenden und der Toten sche Liturgie erinnern. Es handelt sich noch nicht um das Gebet der Leben-
hervor, die uniaersa fraternitas. Sie bitten in einem Atemzug um Gesund- den zur Rettung der Seele bestimmter Toter. Die Prozession des Volkes
heit des Leibes und der Seele für die Lebenden und um die ewige Ruhe für Gottes, der uniaersa t'raternitas, zieht zur Lesung der nomina in der Sonn-
die Toten: "Da du durch das Mysterium dieses Tages den Lebenden das tagsliturgie vorbei, wie zwischen Himmel und Erde in die iudicii auf den
Heil des Körpers und der Seele, den Verstorbenen aber die Glückseligkeit ältesten bildlichen Darstellungen. Die vor derZeir Karls des Großen ent-
der ewigen lViederkehr gewährst [Tribaens per hoc et aiais anime corporis- standenen Liturgien führen also zum Urbild unseres ersten Teiles zurück,
que salutem, et det'unctis eterne reparationts t'elicitaten ]..."."Damit Ver- zum ,\üir sterben alle": Bekräftigung eines kollektiven Geschicks, wie sie
gebung der Srinden erteilt werde dank der Fürsprache dieses Märtyrers, {ür durch die lange Abfolge der nomina symbolisiert wird (wie die genealogi-
die Lebenden wie für die Toten f{Jt preces bujus martyrii tam ohtentibus schen Kataloge der Bibel), und Unempfänglichkeit für die Vorstellung eines
quam defunctis donetur indulgentia criminum)..." besonderen Schicksals.
"Das Heil möge den Lebenden und die ewige Ruhe den Toten gewährr
sein." Das Heil wird den Lebenden in Aussicht gestellt, und zwar die Ge-
wißheit des ewigen Lebens, "die Ruhe den Toten, in der Erwartung des En- Die Angst vor ewiger Verdammnis.
des der Zeiren". Purgatorium und Reich des Harrens
In einigen Formeln werden die salus oder die vita für die ot't'erentes und
die requies für die Verstorbenen erbeten und damit der Glaube an ein Reich Es zeichnen sich bedeutsame Veränderungen ab, die die liturgischen Ver-
des Harrens unter Beweis gestel.lt. Andere Formeln verquicken dagegen re- sionen dieses Urbildes betrefien und in der Sprache der Kirche eine neue
quies und Paradies: ,Führe zur Ruhe der Erwählten die Seelen derer, die Auf{assung des Schicksals zum Ausdruck bringen.
schlafen und deren Namen eben ins Gedächtnis gerufen wurden.. Bereits die westgotischen Texte ließen mitunter die Vorstellung der Ge-
Es kommt schließlich, wenn auch noch selten, vor, daß das Jenseits in fährdung des ewigen Lebens durchscheinen, die, wenn auch nicht völlig
einem weniger mild-besänftigenden Licht erscheinr: "Auf daß wir nie den neu, so doch wenigstens im Begriff ist, sich weiter auszubreiten und Fuß
ewigen IViartern überantwortet werden..." "Auf daß sie nicht unter den zu {assen. Man spürt, daß das Grundvertrauen sich wandelt: das Volk Got-
sengenden Höllenflammen leiden." (16) Man beachte, daß diese ot't'erentes tes ist der göttlichen Barmherzigkeit weniger gewiß, und die Angst, der
zunächst an sich selbst und ihr eigenes Heil denken, wenn die Angst vor Macht Satans für immer ausgeliefert zu sein, wächst.
der Hölle sie befällt. Sicher schloß das alte Gefühl des Vertrauens die Angst vor dem Teufel
Im allgemeinen werden die Toten nicht als von den Lebenden strenB ge- nicht aus. Das Leben des Heiligen war ein einziger Kampf mit dem Versu-
s elbe n p h y I um inin t erro m p um, und. die
schiede n auf gef aß t ; sie gehören z.um cher, aber eben ein siegreicher. Von jetzt an - und möglicherweise unter
Anrufung der götrlichen Barmherzigkeit gilt dem vollständigen Verzeich- dem Einfluß des augustinischen Denkens - ist auch der Heilige selbst, die
nis derer, deren Namen verlesen worden sind. Dieses Namensregister ist Heilige Monika etwa, mehr und mehr in Gefahr, verdammt zu werden; in-
das Jahrbuch der einen und allumfassenden Kirche, irdischer Stellvertreter folgedessen fürchten auch die Lebenden zunehmend um ihr Heil. Bereils
des von Gott im Paradies gefiihrten Originals, Liber aitae, Pagina coeli bei Gregor dem Großen, zu Beginn des 7. Jahrhunderts also, erhebt der
oder Litterae coelestiae: "N{it der Eintragung der Namen fvocabula)der Teufel Anspruch auf die Seele des im Todeskampf liegenden Mönches
Opfernden ins Lebensbuch..." "Verzeichnet sind diese Namen auf der 'fheodor, und es gelingt ihrn, den Leichnam eines anderen Mönches aus der

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Kirche zu cntf iihrcrr. in de r dieser Mönch trotz seiner letztlichen Unbußfer- Zugleich mit der Verdammnis, die zur immer bedrohlicheren Gefahr
tigkeit bestattct worclen war. wurde, eröffnete sich in der Hoffnung,'die göttliche Barmherzigkeit auch
Deshalb umgibt den Tag des Jüngsten Gerichts in manchen westgoti- nach dem Tode noch erweichen zu können, ein vorbeugendes Mittel, dem
schen Texten eine sehr viel schrecklichere Aura (17): "Entreiße die Seelen man zunehmend Vertrauen schenkte. Eben das ist die wenn auch nicht völ-
der Ruhenden der ewigen Marterlu "Mögen sie aller Arten von Leid und lig neue, so doch früher außer acht gelassene Vorstellung einer Fürbitte der
Qualen der Hölle ledig sein!" "Befreit möge er werden aus den Zuchthäu- Lebenden für die Toten. Um sich aber einbilden zu können, es sei möglich,
sernlergastulis.] der Hölle!" "Es möge ihnen vergönnt sein, der Züchtigung die Situation der Toten durch Gebete zum Besseren zu wenden, bedurfte
'wahrscheinlichkeit der
des Jüngsten Gerichts und den Feuerbränden zu entkommen!" Hier tau- es der Alternarive von Ungewißheit des Heils und
chen also die schrecklichen Bilder au{, die die Liturgie des Leichenbegäng- Verdammnis als Ausgangspunkt. Und das ging nicht reibungslos und nicht
nisses bis in unsere Zeit bestimmen werden. Die römische Totenmesse ge- ohne tiefgreifenden Mentalitätswandel ab. Man hat lange zwischen der
hört, mit dem Requiem (Requiem aeterndm dona eß, Domine), noch zur Einsicht in die Unmöglichkeit einer Revision des göttlichen Gerichts und
ältesten Schicht von Vertrauen und Danksagung. Aus demselben Kern dem Bedürfnis, das Geschick der Verurteilten zu mildern, hin und her ge-
stammen auch die Vorgesänge wie das In Paradisum oder das Subaenite. schwankt. Manche Autoren malten sich die mitigatio, die Linderung der
Umgekehrt schöpfen die Absolutionsgebete, die - wie wir gesehen haben Schrecknisse und Marrern der Hölle aus. Sie sollten beispielsweise sonntags
- die einzige alte religiöse Zeremonie bilden, die in Gegenwart des Leich- ausgesetzt werden können, ohne daß iedoch ihre Ewigkeit ie in Frage ge-
nams und über dem Leichnam zelebriert wurde - drs Libera -, aus dieser stellt wurde. Die Theologen ließen bald von diesen Spekulationen ab, die
zweiten Schicht, die sich in den westgotischen Texten bereits unmerklich sich im Volksglauben aber dennoch lange erhielten.
andeutet: Man konnte die Fürbitte der Lebenden für die Toten nur gutheißen und
"Bringe keine Klage vor gegen deinen Diener [. ..], ". möge die Gnade ihr vertrauen, wenn die Verstorbenen nicht unverzüglich den Höllenqualen
finden, der Züchtigung des Gerichts zu entgehen [...]. Erlöse mich, o Herr, ausgesetzt wurden. Also räumt man ein - und Gregor der Große scheint
vom ewigen Tod [...]. Ich zittere und bebe vor der Rechnungslegungfdis- bei der Entwicklung dieses Gedankens maßgeblich beteiligt gewesen zu
cussio), wenn dein Zorn zu mir spricht. Ein Tag des Zornes wird jener Tag sein -, daß die non aalde mali, die nicht ganz Bösen, und die non valde boni,
sein." Das ist der Geist des ersten Abschnitts des Dies lrae , das das Jüngste die nicht vollkommen Guten, nach dem Tode einem Feuer überantwortet
Gericht beschwört, ohne daß Ho{fnung und Vertrauen bestünden - Hoff- würden, das nicht das der ewigen Marter, sonde rndas der purgatio war da-
nung und Vertrauen, die der Franziskanermönch des 1 3. Jahrhunderts dann her die Vorstellung und das \!'ort purgatorium. Man muß sich iedoch hü-
im zweiten Abschnitt zum Ausdruck gebracht hat: "Gedenke doch, lieber ten, dieser vorstellung zrtrzeitGregors des Großen und Isidors von sevilla
Herr Jesus, daß ich der Grund deines Kommens bin.o Es scheint so, als ob dieselbe genaue Bedeutung zu unterlegen wie zur Zeit der Theologen des
die römische absoute sich aus den westgotischen Gebeten nur die düster- 13. und 14. Jahrhunderts und Dantes. Noch zu Beginn des 17. Jahrhunderts
sten, die verzweifeltsten Formeln herausgeklaubt hätte. werden in den Präambeln der Testamente nur das Himmelreich und die
Deshalb wird die absoute, als sie vom ursprünglichen Vorbild der Abso- Hölle auigeführt, und erst in der Mitte des 17. Jahrhunderts wird im Fran-
lution abweicht, dem sie in der Chanson de Roland noch treu geblieben zösischen der Ausdruck purgdtoire, Fegefeuer, gebräuchlich. Bis zur
war, zum Exorzismus. Diese Entwickung scheint, vrenn man sich an die nach-tridentinischen Katechisierung - und mehreren Jahrhunderten theo-
Texte hält, fedoch beträchtlich früher stattgefunden zu haben als die Nie- logischen Denkens zum Trotz - blieb man also der alten Alternative von
derschrift der Chanson de Roland; aber die von den Klerikern beeinflußte Himmel und Hölle verha{tet. Und gleichwohl ließen die Christen seit lan-
Liturgie hatte vor dem Brauchtum der Laien einen deutlichen Vorsprung, gem und notgedrungen die Existenz eines interimisrischen Zwischenreiches
wie sie im Hinblick auf das Denken der Theologen im Verzug war. Es ver- der Prüfung gelten, weder Himmel noch Hölle, in dem ihre Gebete, ihre
breitete sich also die Vorstellung, daß die Verdammnis durchaus wahr- '§V'erke und verdienstlichen Handlungen sich zugunsten derer auswirken

scheinlich war. Eine Kleriker-ldee, eine Mönchs-Idee. Sie führte zu einer konnten, die dort dahindämmerten. In der Vorstellung dieses Raumes fan-
derart unerträglichen Situation, daß man ihr abzuhelfen gezwungen war. den sich alte heidnische Glaubensinhalte ebenso wie Visionen klösterlich-

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mittelalterlicher Sensibilität zusarnmen: Ort der ruhelos irrenden Scharten Die römische Messe - eine Totenmesse
(Vorhimmel) und Stätte der Geborgenheit, wo der sündige Mensch, dank
seiner Buße, dem ewigen Tod entrinnen konnte. Die Toten wurden nicht Es ist durchaus möglich, daß dieses immer häuf iger zutage tretende Bedürf -
ausnahmslos in jener wohlverwahrten und von Dante ersonnenen Einfrie- nis, Frirbitte für die Toten einzulegen, der Hauptgrund f ür die großen Ver-
dung versammelt noch den reinigenden und genau lokalisierten Flammen änderungen ist, die im 9. Jahrhundert in die Struktur der Messe eingreifen'
der Altartafeln des 1 8. und 1 9. Jahrhunderts ausgeliefert. Sie harrten damals In groben Zügen läßt sich folgendes sagen: Bis ztr Zeit Karls des Großen
häufig am Ort ihrer Missetat oder ihres Hinscheidens aus und erschienen war die westgotische, die gallikanische Messe Op{erhandlung der gesamten
den Lebenden, wenigstens in deren Träumen, um ihnen Messen und Gebete Menschheit seit Beginn der Schöpfung und der Fleischwerdung, ohne daß
abzuverlangen. zwischen Lebenden und Toten, kanonisierten Heiligen und anderen, ge-
Nicht weniger wahr ist, daß die Vorstellung eines Zwischenreiches zwi- ringeren Verstorbenen andere als formale und klassifikatorische Unter-
schen Himmel und Hölle sich in der Praxis der lateinischen Chrisrenheit schiede bestanden hätten. Nach Karl dem Großen wird die Messe, werden
durchgesetzt hat - ohne daß es ihr doch vor dem 17. Jahrhundert gelungen alle Messen zu Totenmessen für bestimmte Tote, wie sie auch zu Votivmes-
wäre, das alte Bild des Jenseits umzusrürzen. sen für bestimmte Lebende werden, wobei die einen feweils die anderen
Dieser lVandel muß von einem ursprünglichen Glauben an eine glückse- ausschließen. Und das gilt es ietzt näher ins Auge zu fassen.
ligeZeir des Harrens vor dem Eingang ins Paradies am Tage des Jüngsten Das entscheidende Ereignis ist der Ersatz der gallikanischen durch die
Gerichts begünstigt worden sein: refrigerium, requies, dormitio, sinus römische Liturgie, wie sie von Karl dem Großen eingeführt und vom Kle-
Abrabam. Ein alter Glaube, der von den Gelehrten zwar bald aufgegeben rus trotz mancher lokaler Viderstände gebilligt wird.
worden ist, der sich aber im allgemeinen Vorstellungsfundus mehr oder Die römische Liturgie, die in dieser Form bis zum ordo Pauls VI. besran-
weniger lange erhalten hat. In diesem Raum hat sich das künftige Purgato- den hat, war gänzlich verschieden von der, an deren Stelle sie trat. Sie hielt
rium der Theologen eingerichtet, auf ihn bezieht sich die Zei der Fürbitte an einem Vokabular fest, das das Überdauern der sehr alten Vorstellungen
um Vergebung. Diese Entwicklung hat sich beschleunigt vollzogen, weil des refrigerium , der requies bezeugt, und die düsteren und bänglichen Fär-
sich der Vorstellung der möglichen Erlösung die naheliegende, aber gänz- bungen der mozarabischen Formeln hatten darin keinen Platz (abgesehen
lich verschiedene Idee des Ablaß-Tarifs zugesellt hat. rom Libera, aber in welcher Epoche?). Die feierliche Opferprozession war
lü(enn das postmortale Geschick sich der Alternative des Alles oder
keineswegs eindeutig belegt, und die Lesung der nomina vollzog sich nicht
Nichts, der Dichotomie von Himmel und Hölle enrziehen konnte, so des- auf dieselbe \Weise. §(as an deren Stelle trat, war aus den Riten des Obla-
halb, weil jedes Menschenleben nicht mehr als anonymes Kettenglied des ten-Opfers entnommen und in den Mittelteil des Kanons aufgenommen
Schicksals, sondern als Summe von abgestuften E,lementen - von guren, worden, d. h. eines Gebetes, das eine geschlossene Einheit darstellte, von
weniger guten, schlechren, weniger schlechten - aufgefaßt wurde, die diffe- ,J,er Präfatio bis zum Pater noster. W'as wir heute den römischen Ka-
renzierter Bewertung zugänglich und rilgbar, weil taxierbar, waren. Es ist non nennen, besteht aus Konsekrations§ebeten, die die Einsetzung des
sicher kein Zuiall, daß die Fürbitten für Verstorbene zur gleichen Zeit in Abendmahles ins Gedächtnis ru{en, auslegen und erneuern, denen sich Ge-
Erscheinung traten wie die Bußrituale, in denen jede Sünde bewertet und bete zugesellen, die in der mozarabischen und gallikanischen Liturgie (und
die Strafe folgerichtig danach bemessen wird. Die Ablässe für verdienstliche vielleicht auch in der ältesten römischen) nach Beendigung der Op{erpro-
Handlungen, die Messen und Fürbitten wurden für die Toten des 9. Jahr- zession gesprochen wurden. Die oratio super oblatam, das stille Gebet der
hunderts, was die Bußübungen nach Tarif für die Lebenden waren: Es hatte römischen Messe, könnte das Überbleibsel eines ähnlichen Ritus sein, der
sich der übergang vom kollektiven zum je eigenen Schicksal vollzogen. verlorengegangen ist. Im weiteren Ablauf des Kanons haben die Gebete,
die die Lesung der nomina begleiten, sich in bezeichnender 'Weise verän-
dert. Sie sind nicht nur umgestellt, sondern auch zerstückelt worden, und
jedes dieser Teilstücke hat eine Behandlung erfahren, die es dem unbefan-
genen I-eseroderHörererschwert, die Einheit zu erraten, die sie in den an-

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deren Liturgien bildeten. Man hat das Verzeichnis der Heiligen, das der o/- persönlichen Charakter der Auswahl besser zur Geltung bringen als die al-
ferentes und das der Toten, die in Gallien und Spanien in einem Zuge ten nomina - eine endlose Namenliste.
verlesen wurden, auseinandergerissen. Die Liste der Heiligen ist ihrerseits Schließlich ist dieses besondere Gebet zu einem Privatgebet geworden'
noch einmal geteilt worden; der eine Teil wird vor der Konsekra:ion (Com- Die Namen de r illi undi//ae, Nutznießer des Gebetes des Priesters, werden
municantes), der andere danach verlesen (Nobis quoque peccatoribus) - nicht mehr in einer Art Litanei verlesen. Es kommt schließlich dahin, daß
Zeichen der wachsenden Bedeutung, die man der Fürsprache der Heiligen sie nicht einmal mehr mit leiser Stimme gesprochen werden wie der übrige
zubilligt. Kanon: bei jenem l//i angekommen, hält der Priester inne und legt eine
Die Liste der oft'erentes ist ebenfalls durch Teilung verdoppelt worden; während der er der Verstorbenen gedenkt, die ihm anempfohlen
Pause ein,
man macht jetzt einen deutlicheren Unterschied zwischen Klerikern und worden sind. Es handelt sich im Grenzfall also nicht nur um ein privates,
Laien. sondern um ein stilles Gebet in Gedanken.
Die Hauptveränderung betrifft jedoch die nomina der Toten. Sie sind
von denen der Lebenden getrennt worden. Sie scheinen nicht mehr in ein
und derselben Genealogie miteinander verknüpft zu sein. Der Tod hat die Die Verkündigungs gebete
Seelen der Verstorbenen in eine ganz besondere Sphäre entrückt, die diese
ihre Sonderstellung ins rechte Licht setzt. Wenn die römische Liturgie auch Hier haben wir uns von den gallikanischen Lesungen weit entfernt, die sich
der alten Vorstellung der reqwies treu geblieben ist, so bringt die Absonde- mit der Übernahme der römischen Liturgie iedoch nicht völlig verflüchti-
rung des Memento der Toten doch eine andere und neuartige Einstellung gen.
zum Ausdruck, die in den gallikanischen und mozarabischen Liturgien Die verdrängten Zeremonien haben sich außerhalb der Messe oder bei
nicht anzutreffen ist, es sei denn andeutungsweise. Die spontane Solidarität bestimmten anderen Gelegenheiten erhalten, so etwa das Opfer bei den To-
von Lebenden und Toten ist durch die Sorge um die bedrohten Seelen ersetzt tenmessen (bis heute im Südwesten Frankreichs) oder die Verteilung ge-
worden. Dasfrühere Vokabular hat sich erhalten;es wird iedoch in ande- weihten Brotes (die Opferprozession). Die nomina werden noch immer
rem Geiste und zu anderen Zwecken vervrendet: das Memento der Toten gelesen, nicht mehr am Altar, sondern von der Kanzel, und zwar im Rah-
ist zu einem Fürbittgebet geworden. men dessen, was man die Verkündigungen nannte. Nach der Predigt und
Es ist überdies zu einem besonderen Gebet geworden. In den Totenregi- den Verlautbarungen und Mitteilungen, die für das Gemeindeleben von
stern repräsentierten die zahllosen Namen die gesamte Gemeinde. Im an Belang waren, las der Priester auf französisch oder in einer anderen Landes-
ihre Stelle tretenden Memento - und das gilt für die Lebenden ebenso wie sprache - aber nicht auf lateinisch - die Namen der Vohltäter der Kirche
für die Toten - sind die Namen nicht die aller Gläubigen, deren Gedächtnis vor, der lebenden wie der toten. Zur Stunde, da ich dieses Kapitel schreibe,
die Kirche bewahrt, sondern lediglich die eines oder zweier Verstorbener, habe ich noch die Stimme des Priesters im Ohr, der von der Höhe der Kan-
die für diese Gelegenheit ausgewählt, dem Zelebranten besonders anemp- zel herab in der Hauptmesse rezitiert: ,Lasset uns beten, meine Brüder, für
fohlen und von ihm gebilligt worden sind. die Familien sourrdso..." Man sprach ein Pater noster. Dann setzte erneut
Ein Memento des 10. Jahrhunderts, aus dem berühmten Codex Pa- der Priester ein: "Und jetzt, da wir für die Lebenden gebetet haben, wollen
duanus, legt dem Priester das folgende sehr persönliche Gebet in den wir auch für die Toten beten.o Für den verstorbenen Soundso usw.; dann
Mund: ,[Im Namen] aller Christen, aller, die, aus Furcht vor Dir llnop- folgte ein De prot'undis. Die Listen waren lang; der Priester verlas sie des-
ter tuo timore], sich mir Sünder anvertraut und mir ihre Spenden.. . dar- halb in aller Eile, indem er die Hälfte der'Worte verschluckte. Im Ancien
gebracht haben, aller meiner Angehörigen und aller, die sich meinen R6gime machten es die Stifter dem Priester zur P{licht, ihre Namen im Rah-
Gebeten anverrraur haben, sowohl für die Lebenden als auch für die men der Verkündigungen zu rezitieren,und zwar an bestimmten Sonn- und
1o1"n." (18) Feiertagen.
-§/orte
In den Texten wird die Stelle der nomina durch die illi und illae Diese zuvreilen endlosen Rezitationen vermitteln eine Vorstellung da-
bezeichnet, die den Auswahlmodus der Aufzählung hervorheben und den von, wie diese - zweifellos psalmodierende - Lesung der Totenregister vor

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l
sich gegangen sein muß, und lassen den Unterschied zur besonderen Be- Die klösterliche Sensibilität :

stimmung des Memento hervortreten. Eine Messe fiir jemanden lesen las- Der Schatz der Kirche
sen, war eine Sache; seinen Namen bei den Verkündigungen lesen lassen
eine andere, sozial achtbarere. Es mag durchaus der Fall Bewesen sein, daß die Laien des Hochmittelalters
Die neue Bedeutung, die dem Memento der Toten durch die römische - in dem Maße, wie sie selbst betroffen waren - der Konzeption der Dipty-
Liturgie zugeschrieben wurde, machte alle Messen zu Totenmessen, was zu cha enger verbunden blieben als dem stillen, wo nicht sogar stummen Gebet
Zeiten der Diptycha nicht der Fall gewesen war. Deshalb war dieses ,Me- des Priesters beim Memento. Deshalb haben die Verkündigungen die Li-
mento in Rom auch anfangs durchaus nicht verbreitet: Man las es nicht bei quidierung der gallikanischen Liturgie überdauert, und zwar am Rande der
der Messe an Sonn- und Feiertagen. lateinischen Messe der Priester; ersr im 20. Jahrhundert ist ihre volkstümli-
Das Memento fehlte in jenem Meßbuch, das Papst Hadrian Karl dem che Verbreitung zurückgegangen.
Großen als Vorbild iür die römische Messe sandte. Ein anderes, florentini- Umgekehrt stammt der \Willensimpuls, der das Memento der Toten ab-
sches Meßbuch des 11. Jahrhunderts setzt hinsichtlich des Memento iest: gesondert hat, um es zum Fürbittgebet zu machen, aus einer spezi{isch kle-
,Man betet es nicht sonntags und nicht an Feiertagen." rikalen und mönchischen Sensibilität, und zwar zu einer Zeit, da sich diese
In diesem Falle wurden die Toten ganz einfach aus der geistlichen Ge- Kleriker vollständig von den Laien isoliert und eine streng abgesonderte ei-
nealogie ausgeklammert, wie sie in den Diptycha oder später in den Ver- gene Gesellschaft gebildet hatten.
kündigungen verlautbart wurde - eine Genealogie, die im Memento des Die Umwandlung der öffentlichen Opfergebete in private Fürbittgebete
Kanons nicht mehr erkennbar war. Sie wurden nicht aus Gleichgültigkeit muß mit der Bedeutung der persönlichen Messe im Klosterleben und im
ausgeklammert, sondern, umgekehrt, einfach deshalb, weil den ihnen zu- religiösen Kultus verglichen werden.
gedachten besonderen Gebeten eine neue, stärkere Bedeutung zugewach- Bekanntlich gab es in der alten Kirche nur eine einzige Messe, die Messe
sen war. Die zahlreichen Messen, die während des Hochmittelalters im des Bischofs und der Gemeinde. In den später entstandenen ländlichen
Laufe der'§(oche gelesen wurden (und die es in der älteren Kirche gar nicht Pfarrgemeinden sangen der Priester und seine Ministranten ohne den Bi-
gab), waren zu Totenmessen geworden. Das Festhalten am M emento hätte scho{ die missa solemnis des Bischofs; bis au{ einige geringfügige Abwei-
also dem festlichen Charakter der Sonntagszeremonie Abbruch tun kön- chungen hat sich daran denn auch nichts verändert' und dieser Zustand hat
nen. sich bis heute in den östlichen Kirchen erhalten. Im lateinischen Abendland
Man hörte im Frankreich des 9. Jahrhunderts auf, bei den Totenmessen bildete sich dann, unter Umständen, deren ganz im Dunklen liegende hi-
das Hallelujah zu singen. Begannen die Toten etwa schon Schauder einzu- storische Entwicklung den thematischen Bereich unserer Untersuchung
f
agen, Angst einzuflößen? Es steht jeden{alls außer Zweifel, daß sie von nun sprengt, die Gewohnheit heraus, wochentags und ohne assistierende Levi-
an abgesondert werden und keine bruchlose Einheit mehr mit dem Volke ten und Sänger (aber wenigstens mit der prinzipiellen Assistenz eines
Gottes bilden. Gleichwohl wird man für die Bedürfnisse ihrer bedrohten Geistlichen) eine stille Messe ohne Gesang zu lesen, die einerseits verein-
Seelen so hellhörig, daß man schließlich darauf verzichtet, sie von der facht, andererseits mit persönlichen, zuweilen improvisierten Gebeten
Sonntagsmesse, bei der die Fürbitten soviel mehr Gewicht haben, fernzu- überladen wurde. Diese Messen galten als von der missa solemnis durchaus
halten, und der Brauch, ihnen zu Ehren die Messe zu lesen, hat sich im 10. verschieden; man nannte sie missae pril)dtae, speciales, peculiares (Jtng'
Jahrhundert in einem Maße durchgesetzt, daß man sich keine religiöse mann).
Amtshandlung mehr vorstellen konnte, aus der sie ausgeschlossen Bewesen Man las nicht nur jeden Tag die Messe; sondern ieder Priester §/ar ver-
wären. sucht, mehrere Messen täglich zu zelebrieren, um seine zusätzlichen Ver-
dienste zu mehren und die soziale Geltung und die \W'irksamkeit seiner
Fürbitte wachsen zu sehen. Papst Leo III. (795-816) ging sogar so weit, an
ein und demselben Tage neun Messen zu zelebrieren. Alkuin beschränkte
sichauf drei(dieZahlder Heiligen Dreieinigkeit?). Im 12. Jahrhundert legt

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Honorius von Aurun überdies fest, daß die Lesung einer täglichen Messe Heiligen Makkabäer. In der Kathedrale von Rouen war noch im 17. Jahr'
die Regel ist, daß jedoch drei oder vier durchaus erlaubt sind. Dieser Zu- hundert eine Kapelle, deren Altar mit einem Gemälde von Rubens ge-
wachs an Messen ermöglichte es, den Schatz der Kirche zu mehren und schmückt war, den Heiligen Makkabäern geweiht. Schließlich gab man dem
seine wohltätige Virkung einem größeren Kreis von Seelen zukommen zu von Odilon von Cluny im Jahre 1048 festgesetzten 2. November den Vor-
lassen. Diese Phase, die sich vom 9. bis zum 11. Jahrhundert erstreckt, ist zug, der sich schließlich, wenn auch kaum vor dem 13. Jahrhundert, in der
eine Phase der rechenhaften Ausbeutung verdienstvoller Handlungen - wie gesamten lateinischen Christenheit durchsetzte - Zeichen des klösterlichen
die vom 14. bis zum 16. Jahrhundert. Zwischen beiden liegt eine Periode Ursprungs dieser frommen Andacht und zugleich Chiffre der langen Indif -
geistlicher Erneuerung und Läuterung: Vom 13. Jahrhundert an haben die ferenz der Massen angesichts dieser individualistischen Einstellung zu den
Konzilien die täglichen Messelesungen auf eine beschränkt, mit Ausnahme Toten.
des \Teihnachtstages. In dem Maße, wie die Messelesunge n anZahl zunahmen, mußte sich auch
Diese Messen waren Toten- oder Seelenmessen. Es ist sicher kein Zu{all, dieZa,hl der Altäre vermehren (19) - eine Tendenz, die sich vom 8. Jahr-
daß der Name Gregors des Großen einerseits mir dem leil des römischen hundert an überall beobachten läßt. Im Kircheninnern von Sankt Peter
Kanons verbunden bleibt, dem er seine endgültige Gestalt gegeben hat nahmen im 8. und in der ersten Häl{te des 9. Jahrhunderts "die Beträume
(oder dem er wenigstens den endgültigen und noch heute feststehenden anZahl zu; eine kleine Kapelle mit einer im Mauer- oder Pfeilerwerk der
Platz des Memento der Toten zugewiesen hat), andererseits mit den beson- Basilika ausgehobenen Apsis, ein durch einen Vorraum und eine pergula
deren Frömmigkeitskundgebungen zur Fürbitte für die Toten (ein grögo- abgegrenzter Altar., trug die Kapelle den Namen des Heiligen, der darin
rien : 30 bzw. 3l Messen, der sogenannte Meßtricenar). Derselbe Papst verehrt wurde. Der Papst, der sie hatte erbauen lassen, "um sich einen ange-
Gregor macht in den Geschichten von besessenen oder verdammten Mön- messenen Platz im Himmel zu sichern.,ließ sich zu Füßen des Altars be-
chen, die er verbreitet, auch beispielhaft deutlich, welchen Schrecken und statten (Jean Charles-Picard [20]). Benoit d'Aniane stattete in ähnlicher
welche Macht der Teufel über eine Ordensgemeinschaft wie die ausübte, lVeise die Kirche Saint-Saveur, die er im
Jahre 782 erbauen ließ, mit vier
deren Abt er war, und wie vieler anthumer und posthumer Gebete jeder Altären aus. I)ie im Jahre 798 vollendete Abteikirche von Centula verfügte
Mönch bedurfte, um sich dem Tode gewachsen zu fühlen. über deren eli. Der im Jahre 820 entworfene Rekonstruktionsplan der Ab-
Da die Mönche hinfort auch sehr häufig die Priesterweihe erhielten, folg- reikirche von Sankt Gallen sah deren siebzehn vor.
ten seit dem 9. Jahrhundert in vielen Bethäusern oder Klosterkirchen die Diese Altäre, die die verehrten Reliquien bargen, waren rn der Außen-
Messen mit trlemento der Toten, d. h. die Seelenmessen, unmittelbar auf- mauer der Kirche, sehr häufig auch an einem ihrer Pfeiler, aufgestellt, und
einander, ohne jede Pause. In Cluny sogar Tag und Nacht. Zu Beginn des zwar obne den Grundrifi des Bauwerhs zu beeinträchtigen" lVir können
11. Jahrhunderts erzählt Raoul Glaber, daß ein Mönch aus Cluny bei der uns diese Disposition, die die Architekturentwicklung seit dem 14. Jahr-
Heimreise von einer Kreuzfahrt ins Heilige Land wunderbarerweise von hundert überall sonst aufgegeben hat (Seitenkapellen), in den Kirchen des
einem siziiianischen Eremiten wiedererkannr wurde: der verrraure ihm an, deutschen Rheinlandes vor Augen führen, wo sie sich bis ins 17. Jahrhun-
daß er, in einer göttlichen Offenbarung, Kenntnis davon erhalten habe, wie dert erhalten hat. So sieht man in Trier Altäre mit Retabel, die einfach an
wohlgefällig Gott die permanenten Seelenmessen von Cluny und wie heil- einen Stützpfeiler gelehnt sind.
bringend sie für die dadurch erlösten Seelen seien. Cluny ist auch der Ur- In Cluny, in Sankt Gallen und in allen anderen Klöstern wurden diese
sprungsort eines besonderen, der Erlösung der Toten gewidnreten Feierta- Altäre zu gleicher Zeit oder nacheinander von den Zelebranten benutzt, die
ges. E,s hat den Anschein, daß lokale Initiativen einen besonderen ihre Messe summten (denn sie konnten sie nur mit Mühe, wie es die Bräuche
Jahrestag
für alle Toten bestimmten, d. h. für die Verstorbenen, die nicht - wie Kleri- von Cluny vorschrieben, in secretun lesen, d. h. mit halblauter Stimme);
ker und Mönche - des Beistandes ihrer Brüder sicher sein konnten, die Ver- die zweite Messe begann, bevor noch die erste beendet war, und so fort
Bessenen, die Mehrzahl der Laien. Diese Totengedenktage f anden zu regio- (Schachtelämter).
nal verschiedenen Zeiten stam: am 26. lanuar, am 17. I)ezember (der In eben diesen klösterlichen Ordens- und Kanonikergemeinschaften hat
Heilige Ignatius), am Pfingstmontag und sehr häufig auch am Tage der sich also seit dem 8. bzw. 9. Jahrhundert das der Menge der Laien noch un-

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bekannte Gefühl von Unsicherheit und Angst angesichts des Todes - oder ebendiesem Zweck zusammengeschlossen hatten, untereinander ein Do-
besser: des Jenseits- entwickelt. Um dieser Angst vor ewiger Verdammnis kument zirkulieren, das Totenregister hieß und in dem jede Ordensge-
zu entrinnen, trat man ins Kloster ein, zelebrierte man dort - obwohl das meinschaft die Namen ihrer eigenen Verstorbenen verzeichnete' gefolgt
durchaus nicht die ursprüngliche Funktion von Mönchen und Eremiten von einer biographischen Notiz, die sie den immerwährenden Gebeten der
war - die Messe, so viele Messen wie nur möglich, deren eine die andere anderen Gemeinschaften anempfahl' Es mußte folglich über alle Gebete
nach sich zog und deren jede zum Heil der Seelen beitrug. Der Heilige Bo- Buch geführt werden, nicht nur über die, die den Bruderschaften versPro-
nifatius schrieb an den Abt Optatus von Mileve: "Damit die Einheit brü- chen, sondern auch über die, die den wohltätigen Laien zugesagt waren, die
derlicher Liebe sich regelmäßig zwischen uns einstellt, soll ein gemeinsames ihrerseits Anspruch aui dieselbe Gunst erhoben. Man mußte also immer
Gebet für die Lebenden gesprochen, sollen Gebete und missarum solemnia wissen, für vren die Tagesmesse gelesen wurde, und eben das war die Rolle
für die Verstorbenen dieses Jahrhunderts gelesen werden, s/enn wir uns ge- der Seelenmessenre gister.
genseitig die Namen unserer Verstorbenen mitteilen.. (21 ) Es gab also Ver- Zwischen dem 8. und dem 10. Jahrhundert tritt also ein originärer To-
bindungen zwischen den Ordensgemeinschaften, die dem Austausch der tenkult in Erscheinung, der auf die Abteien, die Kathedralen, die Stiftskir-
Namen ihrer Verstorbenen dienten, um einen gemeinsamefl Fundus von chen und die Gebetsverbrüderungen beschränkt war' die sich zwischen ih-
Messen und Gebeten zu stiften, aus dem jede zu ihrer Zeit schöpfen konnte nen gebildet hatten - eine Gesellschaft innerhalb der Gesellschaft, mit einer
und der Quelle ihres geistlichen Heils war. Eine Situation, wie sie Guil- ganz eigenen Sensibilität.
laume Le Bras sehr treffend beschrieben hat: Im 8. Jahrhundert löschte die
"Theologie des transzendentalen Tausches alle administrativen Iund biolo-
gischen] Grenzen aus. Romanen wie Kelten beschrieben die Königreiche Die neuen Rituale des Hochmittelalters:
des Jenseits und wogen das Gewicht der Sünden ab [wie wir gesehen haben, Die Rolle des Klerus
war diese Epoche auch die der Abfassung der Bußrituale], Romanen wie
Kelten billigten die Kooperation zur Erlösung der Verstorbenen durch Um das 11. Jahrhundert zeichnen sich also, nach einer langen, frühmittelal-
wechselseitige Gebete und private Messen. Das Dogma der Gemeinschaft terlichen Phase, zwei deutlich voneinander geschiedene Einstellungen zum
der Heiligen konkretisierte sich in der besonderen Bestimmung des Meß- Leben nach dem Tode ab. Die eine, traditionalistisch, der großen Menge
opfers, der stellvertretenden Buße, in dieser ganzen Ausbeutung der zu- der Laien eigen, bleibt dem Bild eines kontinuieriichen pbylum von Leben-
sätzlichen Verdienste, die zum Ablaßwesen und zur Theorie des Schatzes clen und Toten treu, die, im Himmel wie auf Erden geeint, in den Verkündi-
der Kirche führen sollte [...]. Das ganze Abendland füllte sich mit diesen gungen jedes Sonntagsgottesdienstes beschworen werden. Die andere' in
klösterlichen Kolonien von Bittstellern.o Und nach Jungmann: "Auf der einer geschlossenen Gesellschaft von Priestern und Mönchen beheimatet,
Synode von Attigny (762) verpflichteten sich die anwesenden Bischöfe und legt dagegen Zeugnis von einer neuen, eher individualistischen Psychologie
Abte, für jeden, der aus ihrem Kreise sterben würde, u. a. zu hundert Mes- ab.
sen. Eine im Jahre 800 eingegangene Verbrüderung zwischen St. Gallen Vom 13. Jahrliundert an verläuft alles so, als ob die bis dahin entwickel-
und Reichenau bestimmte u. a.: für jeden verstorbenen Mönch sollte nach ten, und zwar in den Klöstern entwickelten W'esenszüge sich die offene
Eingang der Todesnachricht jeder Priester am betreffenden Tage drei Mes- Velt der Laien eroberten. Der Tod wird von ietzt an und für lange Zeit
sen und am dreißigsten Tage eine weitere Messe lesen, am Anfang jeden ,klerikalisiert. - eine bedeutsame Veränderung, die bedeutsamste vor den
Monats sollte nach dem Totenamt des Konvents wieder jeder Priester eine Säkularisationsschüben des 20. Jahrhunderts.
'W'ie
Messe lesen;endlich sollte alljährlich am 14. November Ieinerdieserlokalen bereits angemerkt, waren die Todesrituale des frühen Mittelalters
Totengedenktage, von denen oben die Rede war] ein allgemeines Totenge- vom Trauerüberschwang der Hinterbliebenen und von den Ehrenbezei-
dächtnis gehalten werden, wieder mit je drei Messen eines jeden Priesters." gungen beherrscht, die sie den Verstorbenen erwiesen (Lobeserhebung und
(2r) Trauergeleit). Die Rituale waren weltlich, und die Kirche schaltete sich nur
Noch weit bis ins Hochmittelalter hinein ließen Abteien, die sich zu z-ur Vergebung der Sünden ein: anthume Absolution und posthume aä-

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sorre wurden anfangs nur ungenau unterschieden. Vom 1 3. Jahrhundert an auch {ür die Laien so bcstimmt. Nur der Schauder vor Strafe und Enteh-
greifen VeränderunBen urir sich, die es jetzt zu analysieren und zu deuten rung [damals bereits!] hat diese heilige Praxis zum Versiegen gebracht."
gilt. 'W'ir wissen, daß auch die Laien sich derart zur Schau stellen ließen, wo
Zunächst die Totenwache und die Trauerbekundung. Beobachter des 1 8. nicht auf Asche, so doch au{ Stroh. Dokumente aus dem Jahre 1742 spre'
Jahrhunderts haben ihr Erstaunen über Gepflogenheiten geäußert, d ie zwar chen von in extremis wiederbelebten Toten, deren einer zu neuem Leben
seit jeher üblich waren, im Bestattungsritual der Mönche aber zu feierli- erwachte, nachdem er bereits ,mehrere Stunden auf dem Stroh geruht
chem Brauchtum geworden sind: die laoatio corporis (wie sie der Reisende hatteo. ,Vor zwölf oder dreizehn Jahren wurde eine Frau aus dem niederen
Mol6on beschreibt [22] ). ,Inmitten einer sehr weitläufigen und langge- Volke [...] für tot erachtet und mit einer Kerze zu Füßen aufs Stroh gebet-
streckten Kapelle, die man betritt, wenn man vom Klosrer in den Kapitel- ret, wie es der Brauch ist.. (24)
.§flir
saal kommt, liegt der'Waschraum, eine sechs oder sieben Fuß lange, etwa haben andererseits gesehen, daß in der Chanson de Roland oder in
sieben bis acht Zoll tiefe Vanne mit einer Kopistütze aus Stein, einem eben- den Romans de la Table ronde dem gezähmten Tod die wilde Trauer ent-
solchen Trog und einem Loch am Ende der Fußseite, durch das das Wasser sprach. Im Hochmittelalter scheint es durchaus nicht mehr so legitim oder
ablaufen kann, wenn man den Toten gewaschen hat [.. .]. In den Kathedra- gar üblich, die Selbstkontrolle bei der Beweinung der Toten zu verlieren'
len von Rouen und Lyon kann man noch heute solche Tröge oder '§(asch- \Wo wie im Spanien des 14. und 15.
- Jahrhunderts - die traditionellen Au-
steine sehen, in denen man die Kanoniker nach ihrem Tode wusch.n ßerungen ungezähmter Trauer {ortbestanden, haben sich der äußere An-
Moldon merkt übrigens an, daß dieses Ritual auch bei Laien verbreitet schein von Spontaneität und ihr Dolorismus doch abgeschwächt. Der Cid
war, wenn auch nicht überall mit derselben brauchtumsgeprägten Verbind- des Romancero sieht in seinem Testament eine Abweichung von den her-
lichkeit: "Noch heute wäscht man die Toten nicht nur in den alten Kloster- kömmlichen Regeln bei BeisetzunBen vor:
orden, sondern durchgängig auch bei den Laien, so im Baskenland, in der
Diözese Bayonne und an verschiedenen anderen Orten, etwa in Avranches J'ordonne pour me pleurer,
in der südlichen Normandie. Vielleicht rührt gerade von diesem alten Qu'on ne loue point de pleureuses;
Brauch die abergläubische Zeremonie in manchen Landpfarreien her, aus Ceux de Cbimdne suft'isent,
einem Haus, in dem gerade ein Sterbender verschieden ist, alles '§ü'asser, das Sans autres pleurs acbetös. (25)
darin auf bewahrt wird, auszugießen; es mußte früher nämlich weggescha{ft
Der Romancero räumt irnmerhin ein, daß die Spontaneität nicht die Re-
werden, weil es zur'Waschung des Leichnams des Verstorbenen gedient
gel ist; üblich ist vielmehr der rituelle planctus mit beruflichen Klagewei-
hatte. Im ganzen Vivarais machen es sich die nächsten Angehörigen und die
bern. Man sucht nicht mehr den Schein des Natürlichen wie in der Chanson
verheirateten Kinder zur Pflicht, die nur mit einem Hemd bekleideten
de Roland oder im Artus-Zyklus - es ist übrigens sehr wohl möglich, daß
Leichname ihrer Eltern oder Verwandten zum nächsten Fluß zu tragen, um
auch diese großen Lamentationen zu einem Ritual gehörten und zuweilen
sie zu baden und z.u waschen, bevor man sie ins Leichentuch hüllt.. 123)
sogar, in der Realität, gedungenen Akteuren überlassen wurden; im Kunst-
Es ist durchaus nicht unmöglich, daß die Zeremonie der '§ü'aschung des
werk aber trug man Spontaneität zur Schau.
Leichnams und der Ausgießung des Schmutzwassers, aus alter,. heidni-
Der Cid macht lediglich eine Ausnahme zugunsten von Chimena, seiner
schen Brauchtum ererbt, durch Nachahmung dessen erneuert wurde, wozu
unvergleichlichen Geliebten und Gattin. 'Was zur Zeit Karls des Großen
sie im Ritual der Mönche geworden war. Der klösterliche Einfluß ist zwei-
verbreitet war, wurde gegen Ende des Mittelalters zur Ausnahme. Chimena
felsfrei belegt im Brauch, die Toten auf Asche oder Stroh zu betten. "Mitten
stimmt also die Lobeserhebung - übrigens ziemlich kühl - ohne sonderliche
in diesem großen Siechenhaus [von Cluny]", berichtet wiederum Mol6on,
leidenschaftliche Regung an: sie begnügt sich damit, gegen Ende ihrer lan-
"gibt es noch eine kleine Vertiefung von etwa sechs Fuß Länge und zwei- gen Tiraden in Ohnmacht zu sinken:
einhalb bis drei ZollTiefe. Dahinein bettete man auf Asche die Mönche,
die in den letzten Zügen lagen. Man bettet sie noch heute Ium 1718] so, aber
J'ordonne ... Desgleichen verlange ich,/ Daß, mich zu beweinen, keine Klageweiber bestcllt
erst, nachdem sie verschieden sind [...]. Das ist in manchen alten Ritualen werden./ Die Tränen meiner Chimena genügen mir,/ Ohne zusätzlich erkaufte.

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Ce modöle de noblesse und der Leib wiederau{ersteht, ,diese harmonische Mischung, die Pietro
Ne put parler plus longtemps. zu seinem sohn macht, {ür immer zerstört ist". Ihm bleibt nur, sich Gott
Elle tomba sur le corps als der Quelle allen Trostes zuzuwenden: ,conperti me igitur ad t'ontem
En pämoison, comme morte. corrolatioris.* Er bestreitet jedoch nicht die Legitimität der Selbstbeherr-
schung im Augenblick des Todes und beim Leichenbegängnis' (26)
Vir haben ein anderes Zeugnis der neuen Einstellung zum Tode vor Au- Die sozialenkonventionen gaben dem offenen Ausdruck der Gewalt des
\Würde und
gen, das ungefähr zeitgleich mit dem des Cid ist, aber aus der humanisti- Schmerzes nicht mehr statt' sie drängten künftig eher auf
schen Gelehrtenwelt von Florenz stammt. Alberto Tenenti hat es beige- Selbstkontrolle.
steuert. (26) Der Florentiner Kanzler, Salutati, bedenkt seinen Tod. Unter rvas man mit worten und Gebärden nicht mehr ausdrücken wollte,
dem Einfluß der stoischen Philosophie der Antike und der patristischen srellte man - im Sinne einer Symbolik, die jenem Herbst des Mittelalters
Tradition sieht er im Tode das Ende aller Leiden und den Z'tgang zu einer lieb war - durch die Kleidung und deren Farbe zur schau. Hat sich das
besseren Welt. Er macht es sich zum Vorwurf , daß er den Tod eines Freun- schwarz als Trauerfarbe damals endgültig durchgesetzt? Das Gewebe, das
des beweint, weil er damit die Gesetze der Natur und die Prinzipien der den Leichnam einhüllte, konnte ledenfalls durchaus auch golden 8länzen.
Philosophie außer acht läßt, die uns davon abhalten, Personen wie mate- Ein Testatar verlangt im Jahre 14lo (27), daß sein Leib in ein golddurch-
rielle Güter zu betrauern, da beide in gleicher 'W'eise vergänglich sind. In wirktes Tuch gehüllt wird, aus dem später ein Meßgewand gemacht werden
diesen Erwägungen der Zeit macht sich eine gelehrte Rhetorik, aber auch soll. Im 14. Jahrhundert brachten die Freunde des verstorbenen zum Lei-
das gemeinschaftliche Gefühl bemerkbar, das Menschen den in ähnlicher chenbegängnis goldbestickte Stoffe und Kerzen mit wie wir heute Blumen.
Veise geliebten Dingen gleichstellte - omnia temporalia. Eingeräumt sei, M"n *a. in jenen Zeiten in Rot, Grün oder Blau, in die Farben seiner
daß darin viel bloße [.iteratur lag. Eines Tages aber, im Mai des Jahres 1400, prächtigsten Gewänder gekleidet, die man zu Ehren des Toten anlegte. Im
handelt es sich nicht mehr nur um Literatur: Salutati verliert seinen eigenen tz. 1rhÄ.,nd.rt faßte Baudry, Abt von Bourgueil, es als seltsamen Zug auf '
Sohn. Er wird sich der Vergeblichkeit der Argumente bewußt, die er vor- drß dl. Spanier sich beim Tode ihrer Angehörigen schwarz kleideten. Und
dem in seinen Trostbriefen vorgebracht hatte, als einer seiner Briefpartner, nach Quicherat wird eine feierlich-schwarze Trauerkleidung zum ersten
Ugolino Caccini, ihn auf dieselbe \(eise behandelt wie er seine betroffenen Mal am englischen Hof beim Tode Johanns des Guten erwähnt. Lud-
Freunde: Caccini wirft ihm vor, sich willenlos dem Schmerz zu überlassen, wig XII. kleidet sich beim Tode Annes von England schwarz und ver-
er ermahnt ihn, sich in den göttlichen Villen zu fügen. Salutati rechtfertigt pflichtete seinen Hofstaat, es ihm nachzutun'
sich mit Formeln, Cie uns die neue Sprache der Trauer vor Augen führen. Ein Gerichrsbütrel entschuldigt sich im Paris des Jahres 1400, daß er
Er antwortet, daß er seine Herzensnot jetzt ruhig eingestehen kann, weil nicht seine gestreifte Amtstracht trägt, sondern "ein einfacbes Gewand, das
er im Augenblick des Todes seines Sohnes sich vom Schmerz nicht hat er angelegt hat, weil der Vater seiner Frau verschieden war und man ihm
übermannen lassen: er hat ihm seinen letzten Segen erteilt, ohne eine Träne die letzte Ehre erweisen mußte". (28) Ein einfaches Gewand, d' h' sicher
zu vergießen, er hat ihn immotis at't'ectibus verscheiden sehen und ihn dann ein schwarzes.
'wenn das Schwarz als Trauerfarbe im 16. Jahrhundert auch verbreitet
schließlich klaglos ins Grab geleitet.
Man ginge, wie ich meine, fehl, wenn man diese Einstellung dem Stoizis- war, so war es damals doch noch nicht für die Könige selbst und ebensowe-
mus zuschriebe, welchen Einfluß er auch auf das humanistische Denken nig für die riüürdenträger der Kirche verbindlich. Es hat zwei Bedeutungen:
gehabt haben mag. Salutati hat eine Haltung an den Tag gelegt, wie sie bei es bezeichnet das düsrere Wesen des Todes, wie es sich mit der makabren
Leuten seiner Gesellschaftsschicht üblich war. Er ficht lediglich die Rheto- Ikonographie enrwickelt, und vor allem die ältere Ritualisierung der
rik der Trostbriefe an und sagt, daß, selbst wenn die Seele unsterblich ist Trauer. Die schwarze Trauerkleidung bringt aber auch die Trauer zum
Ausdruck und entbindet von einer persönlicheren und dramatischeren Ge-
Ce mod.ile de noblese . . . Dieses Vorbild aller edlen Tugenden/ Konnte nicht länger spre- bärdensprache.
chen./ Sie sank über dem Leichnam hin/ In tiefer Ohnmacht, wie rot.

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Das neue Geleit: der Kapuziner und der Franziskaner), dercn Gegen§/art bei allen städti-
Eine Prozession von Klerikern und Armen schen ieichenbegängnissen gleichsam oblig:rtorisch ist. sie werden von ei-
ner je nach Reichtum und Großzügigkeit dcs Verstorbenen variierenden
Im Umkreis des Toten bleibt also kein Raum mehr für die großen und Zahl von Armen und Kindern aus den Spitälern und von Findelkindern be-
langewährenden Vehklagen von ehedem; niemand trägt mehr mit lauter gleitet. Die werden in ein Trauergewand gekleidet, das der cagoule , der ir-
Stimme Lobeserhebungen und Schmerzesäußerungen vor wie früher. Die nrellosen Mönchskutte der stidländischen Büßer ähnelt, deren Kapuze das
Freunde und die Familie, die schweigsam geworden und verstummt sind, Gesicht verhüllt. sie tragen Kerzen und Fackeln und erhalten, außer dem
fungieren nicht mehr als die Hauptakteure eines jetzt entdramatisierten Trauergewand, als Lohn für ihre Anwesenheit ein Almosen. Es ist ihnen
Geschehens. Die Hauptrollen fallen krinftig den Priestern zu, namentlich gelungen, sowohl an die stelle der Gefährten des verstorbenen als auch der
den Bettelmönchen oder mönchsähnlichen Laien mit religiösen Funktio- gedungenen Klageweiber zu rreten. Manchmal nehmen vertreter der Bru-
nen wie den Dritten Orden oder den Bruderschaften - d. h. den neuen To- ä..r.h^ft, deren Mitglied der Verstorbene war' ihre Stelle ein, oder auch
des spezial isten. die einer Bruderschaft, die für die Beisetzungen der Armen sorgt'
Von seinem letzten Seufzer an gehört der Tote weder seinen Standesge- Die feierliche Prozession des Toterrgeleits ist vom 13. Jahrhundert an
nossen oder Gefährten noch seiner Familie, sondern der Kirche. zum Symbol desTodes und des Leichenbegängnisses überhaupt geworden'
Die Lesung der Totenmesse ist an die Stelle der alten Wehklagen ßetreten. Vordem war es die Grablegung, die diese Rolle spielte, wenn der Leichnam
Die Totenwache ist zur kirchlichen Zeremonie geworden, die im Hause des in den Sarkophag gebettet wurde und die Priester die Absolution sprachen
Verstorbenen beginnt und sich zuweilen in der Kirche fortsetzt, mit den - eine Vorstellung, die in Italien und in spanien bis zur Renaissance ver-
Stundengebeten für die Toten und den Gebeten zur Empfehlung der Seele, breiret geblieben ist. In Frankreich und Burgund ist die Darstellung der
den recommendaces. Absolution in der Ikonographie durch die des Trauergeleits ersetzt worden,
Nach der Totenwache beginnt eine Zeremonie, der in der Symbolik des das seither als das bezeichnendste Element der ganzen Zeremonie aulgefaßt
Leichenbegängnisses beträchtliche Bedeutung zuwächst: das Geleit. In der wird. Ein solches.Geleit ist auf der Grabplatte eines sohnes des Heiligen
alten mittelalterlichen Ritterdichtung wurde der Leichnam, wie wir gese- Ludwig dargestellt - ein Beweis daf ür, daß es als Brauchtum vom l3' Jahr-
hen haben, von den Freunden und Angehörigen zur Stelle cler Grablegung hundert an verbürgt ist. Diese traditionelle Aufstellung des Gefolges ist in
geleitet: letzte Außerung einer schließlich gestillten Trauer, bei der die Eh- der Grabkunst bis zur Renaissance ungezählte Male zum Thema gemacht
renbezeigung die Oberhand über die Klage gewinnt, die ein zurückhalten- worden. Hier möge es genügen, an die berühmten Gräber von Philippe Pot
der Akt von Laien ist. irl Louvre und an die der Herzöge von Burgund in Dijon zu erinnern'
Im Hochmittelalter - und mehr noch nach der Gründung der Bettelor- Die Ordnung und Gliederung des Geleits wurde nicht einfach dem Her-
den - hat sich diese Zeren:onie ihrem \Wesen nach verändert. Aus der §(eg- konrmen oder dem Klerus überlassen. Sie wurde vom Toten selbst in sei-
gemeinschaft ist eine feierliche geistliche Prozession geworden. Die Ange- nem Testament festgelegt, und der rechnete es sich häuiig zur Ehre an, die
hörigen, die Freunde sind zwar nicht aus dem Geleit verbannt worden; wir größtmögiiche Arrzahl von Priestern und Armen um seinen l-eichnam zu
wissen, daß sie zu einem der Gottesdienste geladen wurden, und sind si- u..r"--.lrr. Ein Testament aus dem lahre 12a2 verlangt hundert Presbyteri
cher, daß sie etwa am königlichen Trauergeleit teilnahmerr, dessen Proto- p.xuperes,d;e^rmen,Pfarrgehilfen" des 16. und 17. Jahrhunderts, das Prie-
koll urkundlich belegt und bei dem der Platz eines jeden getrau festgelegt sterproletariat ohne Pfründe, das sich durch die Teilnahme an Leichenbe-
ist. Bei gewöhnlichen Trauerkonvois ist ihre Anwesenheit jedoch derart gängnissen, durch Messen und Stiftungen seinen Unterhalt verdiente'
unau{fällig, daß man sie schließlich sogar bezweifelt. Sie haben sich ange- Die Testamente des 16. und 17. Jahrhunderts bestätigen die Bedeutung,
sichts jener neuen Off izianten ve rflüchtigt, die das Geschehen ganz für sich die die Zeitgenossen der Aufstellung ihrer Trauerkonvois auch weiterhin
in Anspruch nehmen. ln erster Linie die Priester und die Mönche, die häu- zubilligten. Sie widmeten sich ihr n.rit großer unbeirrbarkeit, bis ins klein-
iig den Leichnam tragen. Priester der Pfarrgemcinde, arme "Hilfspriester", ste Detail. Hier einige Beispiele. Ein §flinzer aus Montreuil verlangt im
Bettelmönche aus den "vier Bettelorden" (der Karmeliter, der Augustiner, Jahre 1628, daß sein Leichnam »am Tage seiner Beisetzung
von sechs Or-

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densbrüdern des Ave-Maria-Klosters getragen wird.. (29) Ein anderer, de- Ein Jahrhundert später hat sich die Zahl der Armen nicht vermindert,
mütiger noch, wünscht im Jahre 1647 , "daß das Geleit unter Glockengeläut und sie ist noch immer für den gesellschaftlichen stand des Testatars be-
vor sich gehen soll, bei gleichartigem Schmuck [die Trauerfarben in der zeichnend. Im Jahre 1 71 2 sollen dem Trauerkondukt vorausgehen »30 arme
li(ohnung und in der Kirche], daß eineinhalb Dutzend Fackeln zu je einem
Männer und 30 arme Frauen, denen vier Ellen stoff verabfolgt werden sol-
Pfund und ein Dutzend Kerzen vorhanden sein sollen [getragen von den len, um sie zu kleiden [anstelle des Trauergewandes besteht das Almosen
Armen] und daß die Brüder der vier Bettelorden teilnehmen, wie es der hier aus einem einfachen Kleidungsstück]. Sie sollen jeder einen Rosen-
Brauch ist" (30); im Jahre 1590: "Außer den Hilfspriestern der genannren kranz Ieine neue Art von Frömmigkeitskundgebung] und eine Kerze an ei-
Pfarre sollen auch zehn Brüder der vier Bettelorden bestellt werden, die be- .,., S.ite des Sarges tragen und in derselben Ordnung andächtig zur Stelle
sagten Leichnam tragen, und an fedes Mitglied dieses Ordens sollen nach meines Grabes gehen." (32)
beendetem Gottesdienst zwanzig Sous verteilt werden.; ein anderer uber die Armen und die armen Hilfspriester der Pfarre hinaus waren im
möchte, "daß die Hilfspriester bei seiner Beisetzung und beim Gottesdienst Kondukt die kleinen Insassen der \Waisenhäuser zugegen, verlassene oder
[...] dabei sind, und daß sein Leichnam von vier der besagten Priester der Findelkinder. In Paris sind das die Kinder von Saint-Esprit, aus der Trinit6
Pfarre getragen wird". und die Enfants rouges.lm verein mit den Bettelmönchen sind sie zu regel-
Die Priester haben sich das - gutbezahlte - Monopol als Leichenträger rechten Todesspezialisten geworden. Kein schickliches Leichenbegängnis
gesichert. DieZahlder Armen war nicht immer im voraus festgelegt: Man ohne eine Abordnung von ihnen. Ihre Anwesenheit bei Beerdigungen si-
verpflichtete für das Geleit alle, die sich gerade an Ort und Stelle fanden cherte den Findelhäusern bestimmte Einnahmequellen, wie etwa das fol-
und auI eine Gelegenheit dieser Art warteten:
"Ein kleiner Silberling [ein gende Legat eines Testatars bezeugt: "Dem Findelhaus des Faubourg
Geldstück] möge am Tage seines Hinscheidens jedermann ausgehändigt §aint-Victor soll eine einmalige Summe von 300 Livres zufallen mit der
werden, die ihn im Namen Gottes beklagen will." (30)
"Zur Stunde, da man Auflage, daß 1 5 Knaben und ebensoviele Mädchen an seiner Beisetzung teil-
seinen Leichnam in die Erde bettet, seien den Armen zur Ehre und um der zunehmen haben." (33)
Liebe Gottes und der VII Verke der Barmherzigkeit willen VII Franken Die auf diese'§(eise zusammengerufenen Kinder konnten auch aus den
als Almosen ausgehändigt.« Armenstiften kommen und in Begleitung eines Lehrers auftreten. Ein Legat
Rund hundertfünf zig Jahre später hat sich die Formulierung noch immer ,von 30 Livres für die armen Kinder, mit der Auflage, daß sie an seinem
kaum verändert: »Ich wünsche, daß am Tage meiner Beisetzung allen Ar- Geleit teilnehmen. - Empfänger: ein Armenstift. In einer Kostenabrech-
men, die unmittelbar nach dem Ende meiner Grablegung zugegen sind, ein nung über ,Gottesdienst, Geleit und BeisetzunS' aus dem Jahre 1697 liest
Sou ausgehändigt wird." (1650 [30]) ,Ich wünsche, daß am Tage meines man, als beiläufige Ausgabe: die Kinder der Armenschule, 4 L'" (33)
"Für
Hinscheidens die Armen der P{arre [also keine beliebigen Armen!] gerufen Deshalb ist das Geleit seit dem 13. Jahrhundert - und bis zum 18' - zu
werden, denen ich die Summe von hundert Livres auszuhändigen bitte." einer Prozession von Priestern, Mönchen, Kerzenträgern und Bedürftigen
Man gab allen Armen der Pfarre ein Almosen; einige wurden überdies geworden, die sich steif und feierlich in Bewegung setzt; die religiöse
auch eigens eingekleidet.
"Man kleide ein Durzend Arme, die am besagren Itrti.d. oder der Gesang von Psalmen sind an die stelle der wehklagen und
Geleit teilnehmen sollen, in ein Gewand mit Kappe aus Stoff nach her- der verzweifelten Gebärden des alten Trauerüberschwangs getreten. Über-
kömmlicher Art" (1611 [30]; also noch die gewöhnliche Trauerkleidung). dies bezeugen die Bedeutsamkeit dieser Prozession und die Fülle der Al-
Die Bruderschaft vom Heiligen Abendmahl wollte sich diese Versamm- mosen und Stiftungen, die dafür aufgewendet werden, die Großzügigkeit
lung von Armen zunutze machen, um sie den Katechismus zu lehren:
"Man und den Reichtum des verstorbenen, während sie zugleich beim himmli-
faßte den Entschluß, die Herren Geistlichen zu bitten, es nicht mehr zu schen Hofstaat Fürbitte für ihn einlegen'
dulden, daß Almosen verteilt werden, wenn Beisetzungen statt{inden, es sei Die Einbeziehung der Armen in sein Leichenbegängnis ist das letzte
denn nach einem Katechismusunterricht, den man den Armen erteilt, die barmherzige Werk des Verstorbenen.
sich gewöhnlich da einfinden, um milde Gaben in Empfang zu nehmen.«
(1633 [31])

214 215

t
Sarg und Katafalk als neue Mittel der polo in Rom bietet, in der Kapelle der Familie Mellini, ein Grabmal vom
Verhüllung des Leichnams Ende des 15. Jahrhunderts, das Grabmal von Pietro Mellini (gestorben im
Jahre 1483), ein Beispiel in Form eines offenen Sarkophages, auf dem der
Ungefähr im 13. Jahrhundert - z-ur gleichen Zeit also wie die Totenwachc Leichnam ruht: \Vie mag er sich über der Leere der Sarkophagwanne im
- werden Trauer und Totengeleit zu kirchlichen Zeremonien, die von M it- Gleichgewicht halten? Bei genauerem Hinschaun bemerkt man, daß er auf
gliedern des Klerus organisiert und geleitet werden; etwas scheinbar einer Holzbahre liegt: Der Realismus des Bildhauers hat ihn nicht ruhen
Nichtssagendes hat sich ereignet, das gleichwohl einen tief greifenden Van- lassen, bis er nrit täuschender Genauigkeit die Köpfe dreier Nägel nachge-
del der Einstellung des Menschen zum Tode ankündigt: der Leichnam, bildet hatte, die in jeder Ecke die beiden jeweils aufeinanderstoßenden Sei-
ehedem vertrauter und bildlicher Ausdruck des Schlafes, verfügt fortan tenwände des Bettes z-usammenhalten. Es handelt sich also um ein hölzer-
über eine solche bannende Macht, daß sein Anblick unerträglich wird. Er nes Gerät, das vom Sarkophag unabhängig ist und hineingestellt wird, eine
wird - und zwar für Jahrhunderte - den Blicken entzogen und in einem Bahre, deren Tragegestell entfernt worden ist. Ein glticklicher Zufall macht
Schrein oder unter einem Denkmal geborgen, das ihn unsichtbar macht. dieses Detail am Grabe von Pietro Mellini in aller Deutlichkeit kenntlich.
Das Phänomen der Verbergung des Toten ist ein wichtiges kulturelles Er- Sehr häufig ist es nämlich vom Polster der Bahre und vom Faitenwurf des
eignis, das wir jetzt zu analysieren haben;es kommt darin - wie im Gesamt- sie verhüllenden Tuches verborgen, das, nach der Absolution, geglättet und
komplex der Einstellungen zum Tode - eine anfangs geistliche Symbolik an jeder der beiden Seiten von den assistierenden Geistlichen gehalten wird,
zum Ausdruck. die mit der Aufgabe betraut sind, den Leichnam auf den Boden des Sarko-
lVährend des Hochmittelalters, so sagten wir oben, wurde der Leichnam phags zu betten.
nach dem Eintritt des Todes, nach den Trauerbekundungen und den lWeh- Ein anderes Grab in derselben Kirche, das des Kardinals Bernardo Lonati
klagen der Angehörigen entweder in ein kostbares Linnen, in Goldstoff, vom Anfang des 16. Jahrhunderts, zeigt eine etwas andere Anordnung, die
in starkfarbige - rote, blaue, grüne - Gewebe oder einfrch in ein Leichen- in Italien sehr häufig ist. Die Holzbahre ruht nicht in der offenen Sarko-
tuch gehüllt, d. h. ein Leinentuch, die Leinwand des Totenhemdes. Dann phagwanne, sondern auf dem umgestülpten Deckel, dessen Verzierungen
wurden der Leichnam und das ihn verhüllende Tuch auf eine Trage oder die gewölbte Seite in horizontaler Position über der '§ü'anne halten. \üenn
Bahre gebettet, einige Zeir vor der Haustür auf gebahrt und schließlich zur auch reich geschmückt, so sind diese Holzgestelle doch nicht sehr schön,
eigentlichen Grabstelle überführt, und zwar mit einigen Unterbrechungen, und der Künstler hatte keinen zwingenden Grund, eine derart bizarre
die im allgemeinen durch Brauch und Herkommen geregelt waren. Die Schichtung aus freien Stücken zu erfinden. Der Aufbau macht vielmehr die
Bahre wurde schließlich in den noch offenen Sarkophag gesenkt. Die Prie- seltsame Realität der Beisetzungen deutlich, mit ihrer dreifachen Uberein-
ster stimmten ein erneutes Libera mit Weihrauchopfer und Aussprengung anderstapelungvon Sargwanne, umgedrehtem Deckel und daraufstehender
von Weihwasser an, d. h. eine letzte Absolution oder absoute. So blieben Bahre für den Leichnam. Die traditionelle Zeremonie der Grablegung
der Leichnam und das Antlitz bis zur endgültigen Schliellung des Sarko- führte dazu, den Leichnam aufzurichten und ihn, immer frei sichtbar, auf
phags sicbtbar, und sie waren im Grabe und au{ der Bahre der stillen Be- einem Gerüst aufzubahren, das aus denselben Materialien wie das Grab be-
trachtung noch zugänglich, wie auf dem Totenbett zur Zeir des Hinschei- stand - eine Neigung zur dramatischen Inszenierung, die sich mit dem
dens. , Katafalk" entwickelt, aber immer noch die freie Zugänglichkeit des Leich-
Das war der Brauch, wie wir ihn aus alten Heldenliedern und späteren nams respektiert.
Bildern des i5^ und 16. Jahrhunderts haben rekonstruieren können, vor al- Vom 13. Jahrhundert an aber wird in der lateinischen Christenheit, mit
lem in ltalien und Spanien, wo sich die Tradition erhalten hat, das Gesicht Ausnahme der mediterranen Länder, wo der alte Brauch bis in unsere Zeit
des Verstorbenen unverhüllt zu lassen und - was dazu gehört * die Toten weiterbesteht, der Anblick des unverhüllten Totenantlitzes unerträglich.
in Sarkophage zu betten. Kurz nach dem Tode und sogar noch unmittelbar am Ort des Todeseintrit-
Ungezählte Gernälde des 15. Jahrhunderts rnachen den auf der Bahre tes wird der Leichnam von Kopf bis Fuß ins Leichentuch vernähr, so daß
hingestreckten Leichnam beim Geleit zunr Thcma. In Santa Maria del Po- nichts mehr von dem erkennbar ist, was er einmal war; dann wird er in ei-

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nem Holzschrein o,.ler Sarg ffrz. hier sarceu) geborgen - ein lWort, das sich prösentation suchten die Bildhauer genaueste Ahnlichkeit zu erzielen, die
von Sarkophag herlcitet. sie (wenigstens im 15. Jahrhundert) dank der Masken erhielten, die sie dem
Die Bettung in den Sarg fand im 14. Jahrhundert im eigenen Heim statt: Verstorbenen unmittelbar nach Eintritt des Todes abnahmen. Die Gesich-
Eine Miniatur zu einer Totenfürbitte in einem Stundenbuch zeigt den Tod, rcr der röpresentations wurden also zu Totenmasken.
wie er, den Sarg geschultert, ins Zimmer des Kranken hereintritt. Und die- Auf dem Sarg, zu Hause, während des Trauergeleits, in der Kirche zur
ser Kranke wird das Zimmer nur noch im festverschlossenen Sarg verlassen, Schau gestellt, waren sie Ebenbilder des mit gefalteten Händen Ruhenden.
den Blicken der Zuschauer entzogen. Sie blieben zuweilen auch nach dem Leichenbegängnis in der Kirche zu-
Die Armsten, die den Zimmermann nicht bezahlen konnten, wurden in gänglich und bildeten einen Ubergangsstatus zwischen dem liegenden To-
einem lediglich zum Transport bestimmten Gemeinschaftssarg zum Fried- ten, den sie mit größter Genauigkeit abbildeten, und der endgültigen Grab-
hof überführt. Die Totengräber hoben die Leichname heraus, verscharrten plastik des Ruhenden. In §ü'estminster Abbey haben sich einige dieser
sie und richteten den Sarg zur erneuten Benutzung her. Manche Testatare Darstellungen erhalten, die noch heute zu sehen sind, vom Kopf d.es 1377
forderten, beunruhigt angesichts der Gieichgültigkeit ihrer Erben, eine verstorbenen Eduard III. bis zur Figur Elisabeths I. Diese royal effigies
Beisetzung in ihrem eigenen Sarg. Aber Reiche wie Arme blieben in ihren wurden hoch genug geschätzt, um der Nachbildung für wert befunden zu
Leichentüchern dem Blick unzugänglich. Ein Holzschnitt stellt die Mön- werden. Die Figur der Königin Elisabeth ist im Jahre 1760 kopiert und er-
che des Hötel-Dieu dar, wie sie damit beschäftigt sind, ihre Toten in Lei- neuertworden. Diese Grabstatuen aus Holz und später aus \tr(achs (17. und
chentücher einzunähen. 18. Jahrhundert) blieben sogar in Gebrauch, als man aufgehört hatte, sie
Dieses verstohlene Beiseiteschaffen ging nicht widerstandslos vor sich. bei Trauerkondukten und Leichenbegängnissen zu benutzen. Das letzte
Die mediterranen Länder übernahmen wohl den Brauch der Einbettung des Bildnis, das für eine Trauerfeier angefertigt wurde, war das des Herzogs
Leichnams irr einen Holzschrein, ließen es aber nicht zu, daß er das Antlitz und der Herzogin von Buckingham, die in den Jahren 1735 und 1,793 star-
vollständig verhüllte, sei es dadurch, daß er bis zum Augenblick der Gra- ben (das der Herzogin wurde zu ihren Lebzeiten abgenommen). Die
blegung offengelassen wurde wie in Italien und - noch zu Beginn des 20' Vachsbildnisse von \üilhelm III. und Königin Maria II. (Vilhelm starb im
irrt'§ü'estminster aufgestellt und gleich
Jahrhunderts - in der Provence, sei es dadurch, daß er, wenn auch seltener, Jahre 1702, M aria1694) wurden 1725
nur mit einer Häifte des Deckels verschlossen wurde, damit der Oberkör- sehr bewundert und häufig besichtigt. Es handelte sich dabei nicht mehr
per und das Gesicht erkennbar biieben. So zeigt ein aus dem 15' Jahrhun- um gisants, sondern - wie bei Königin Anne - um auf dem Thron sitzende
dert stammendes Fresko der Kirche San Petrone in Bologna den Oberkör- Maiestäten. (34)
per des Heiligen auf dem Boden eines nur zur Hälfte verschlossenen Den reprösentations war in der Folge noch eine andere Entwicklung be-
Holzsarges, der sich ausnimmt wie ein kalifornisches cas,6el von heute, schieden, die ihren Ursprüngen genauer entspricht. Die Heiligen wurden
denn in Amerika haben sich Spuren des mediterranen Ursprungs der ar- in der römischen Kirche bis auf unsere Tage der Verehrung der Gläubigen
chaischen'§V'eigerung erhalten, das Antlitz des Toten zu verhüllen. in Form von Holz- oder \trüachsbildnissen dargeboten, die denen ähnelten,
Die Verhüllung des Leichnams vor den Blicken der Hinterbliebenen be- die vom 14. bis zum 17. Jahrhundert bei fürstlichen Leichenbegängnissen
ruhte nicht auf einem bloßen Entschluß. Sie brachte kein Bedürfnis nach mitgeführt wurden und den Verstorbenen in der idealen Haltung des aus-
Anonymität zum Ausdruck. Bei den Leichenbegängnissen der großen gestreckt Ruhenden mit gefalteten Händen abbildeten. lhr Ziel ist die Ver-
Herren - der weltlichen wie der geistlichen - ist der im Sarg verborgene ewigung des flüchtigen Bildes des Heiligen im Augenblick des Todes oder
Leichnam denn auch bald durch eine Holz- oder \Wachsfigur ersetzt wor- der letzten Ehrenbezeigungen oder Abschiedsklagen seiner Umgebung.
den, die zuweilen auf einem Prunkbett (so im Falle der Könige von Frank- Ein anonymes Bild aus der vatikanischen Pinakothek vom Ende des 15.
reich) zur Schau gestellt, immer aber au{ dem Sarg mitgeführt wurde (wie oder Anfang des 16. Jahrhunderts stellt das Grab der Heiligen Barbara dar.
bei den italienischen Gräbern des 15. Jahrhunderts, wo die Ruhenden auf Dieses kubische Grabmal wäre banal, wenn es nicht von einer reprösenta-
dem Sarkophag ausgestreckt liegen). Diese Statue des Toten wird mit einem tion au arai gekrönt wäre, wie man im Frankreich der Zeit sagte, einer Figur
sehr bezeichnenden Namen belegt: sie heißt reprösentation. Fir diese re- der Heiligen, die durch Kostüm, Farbe und Ahnlichkeit die Illusion von

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Realität zu vermitteln sucht. Ein Gepränge von Öllampen bildet das dritte den. lVährend des Geleits wurde er * wic f rüher der Leichnam selbst - mit
und letzte Stockwerk dieses Denkmals. Die Anordnung des Grabes ist vom einem Tuch verhüllt, dent pallium oder poAle (Bahrtuch [37]). Es war
Zeremoniell fürstlicher Leichenbegängnisse beeinflußt. (35) manchmal aus kostbarem, golddurchwirktem Stoff gefertigt, den der
'§üenigstens Testatar zur späteren Verwendung als Meßgcwand ftir die Priester seiner
vom 16. Jahrhundert an richtet sich die Verehrung der Pilger
nicht mehr auf die Grabmäler und Reliquienschreine, in denen die sterbli- Kapelle bestimmte; in der Folge wurde es dann zur schwarzen, mit ma-
chen Reste der Heiligen verwahrt und aufgebahrt sind, sondern eher auf kabren Motiven bestickten Hülle, die die Vappen des Verstorbenen oder
Bildnisse, die sie auf dem Totenbett darstellen, als ob sie gerade den letzten seiner Bruderschaft oder gar die Initialen des Toten trug.
Seufzer getan hätten, und die Illusion der [Jnverweslichkeit erwecken. Die \ü/ährend des Hochmittelalters verbreitet sich der zwar von alters her be-
Kirchen Roms sind voll von solchen Darstellungen, von beinahe noch Le- kannte, aber doch selten geübte Brauch, den Leichnam für einen Gottes-
benden (sie sind übrigens nicht die einzigen; man betrachte etwa nur die dienst in der Kirche aufzubahren, wie wir später sehen werden. In diesem
Heilige Theresa vom Kinde Jesu in Lisieux). Falle genügt dann das Bahrtuch allein nicht mehr, den Sarg zu verhüllen;
Die Holz- oder lW'achsstatuen bleiben den Beisetzungen der weltlichen der verschwindet unter einem Gerüst, einer Nachahmung ienes Gerüstes,
und geistlichen Fürsten vorbehalten. Die weniger großen Herren haben sie das vordem bei fürstlichen Leichenbegängnissen das Bildnis oder die re-
immer missen müssen. Aber manche noch in Spuren erhaltenen Bräuche prdsentation getragen hatte. Dieses Gerüst nannten die Testatare des 15. bis
lassen das Bedürfnis durchscheinen, ein Porträt des Verstorbenen auf dem 17. Jahrhunderts eben{alls reprösentation oder chapelle, weil es, wie die
Sarg zur Schau zu stellen. In Spanien, §/o man an der'§Veigerung festhielt, Kapelle eines Heiligen, mit zahlreichen Kerzen und Fackeln ausgestattet
die Toten in der Erde zu bestatten, lassen am Mauerwerk der Kirchen in war. unser lVort Katafalk, das diese Bedeutung übernommen hat, stammt
der Schwebe hängende Holzsärge auf ihrer Schauseite ein Bildnis des ru- viel späteren Zeit.
aus einer sehr
henden Verstorbenen erkennen, so als wäre es seine reprösentation - wahr- Der immer monumentale Aspekt des Kata{alks hat sich erhalten' Vom
scheinlich dieselbe Art von Gedenken, die polnische Herren des 17. und 14. Jahrhundert an lassen seine wenn auch vorerst noch bescheidenen Di-
18. Jahrhunderts bewogen haben mag, ihre Gesichtszüge auf dem Sarg ab- mensionen die des Sarges hinter sich, den er krönt. Von Kerzen und Fackeln
bilden zu lassen, als nur während des Leichenbegängnisses sichtbare und erleuchtet, mit bestickten Stoffen drapiert, regt er bereits die Phantasie an.
dann in die Erde gebettete Porträts. im 17. Jahrhundert machen die Jesuiten, die großen Regisseure des Ba-
In Virklichkeit aber sind diese Fälle des Überdauerns einer reprösenta- rockzeitalters, daraus dann eine ungeheure Opernmaschinerie, dre einem
,ioz selten. Bildnisse auf den Särgen kamen im allgemeinen nicht vor, und Thema wd einem Geschehen zuliebe konstruiert und mit bestürzten Per-
wenn, so waren sie Bestandteil eines ephemeren Gelegenheitsdekors, das sonen als Kommentatoren des zeitlichen Endes bestückt ist - castrum dolo-
doch bald vergraben wurde. (36) rrs, das wie ein richtiges Kastell wirkt. Aber die immer beeindruckenderen
Die Veigerung, den Leichnam zu betrachten, war nicht Ablehnung der Ausmaße und die begründetsten Absichten veränderten die Bedeutung des
physischen Individualität, sondern Ausdruck des \üüiderstrebens angesichts Zeremoniells nicht. Festgehalten werden muß: die bemerkenswerteste
des fleischlichen Todes des Leibes - ein sonderlicher Abscheu in der Hoch- Phase dieser historischen Entwicklung ist nicht die, die den Kata{alk mit
blüte einer makabren Epoche, die sich an Bildern körperlicher Verwesung Ornamenten 'tndZierat überladen hat, das 17. Jahrhundert, sondern die,
nicht genug tun konntel Ein Beweis dafür, daß die Kunst zuweilen zeigen die darauf hingearbeitet hat, das Antlitz des Verstorbenen unter dem Lei-
darf, was der Mensch in der Realität nicht wahrzunehmen bereit ist. chentuch, das Leichentuch im Sarg und den Sarg unter einem Katafalk zu
Merkwürdigerweise hat das'§(ort reprtisentation die Zurschaustellung verbergen, also das 13. und 14. Jahrhundert. In dieser Phase hat sich ein
der Statuen oder Bildnisse auf den Särgen überlebt: es hat sich bis ins 17. bemerkenswerter tWandel der Bestattungsbräuche vollzogen. Mochten die
Jahrhundert zur Bezeichnung dessen erhalten, was wir heute Katafalk nen- makabren Prediger, die Kanzelredner der Gegenreformation in ihren
nen. kirchlichen Ermahnungen ruhig die scheußliche Realität des Todes be-
Schließlich wurde der Sarg zum Gegenstand desselben Abscheus wie der schwören - weder die einen noch die andern sind je in der Lage gewesen,
nackte Körper; er mußte seinerseits verhüllt und unkenntlich gemacht wer- das theatralische Dekor zu verbannen, das ihren Zuhörern seit wenigen

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Jahrhunderten die früher so vertraute Nacktheit des Leichnams verbarg. Es den, für die sie häufig die einzige Einkommensquelle waren, und die iortan
ist unschicklich geworden, das Antlitz der Toten allzu lange den Blicken häufige Präsenz des illuminierten Katafalks bei den Morgen- und Abend-
preiszugeben, und doch ist ihre Präsenz noch immer vonnöten, weil sie es gottesdiensten.
sich in ihren Testamenten so ausbedungen haben, weil sie zur Bekehrung Sehr häufig begannen die Fürbitte-Messen bereits vor dem Tode, mit
der Lebenden unverzichtbar sind. Deshalb werden sie hin{ort durch den dem Einsetzen des Todeskampfes: "Möge es ihnen [den Testamentsvoll-
symbolischen Apparat dieses Kataf alks "dargestelltu, der sich schließlich an streckern] genehm sein, wenn er in agonia mortis liegt und es überhaupt
die Stelle des gleichsam eingezogenen Körpers setzt. Er vertritt den Leich- möglich ist, ins Augustinerkloster besagter Stadt Paris schicken und fünf
nam, wenn der nicht gegenwärtig ist, so vor allem bei den Zeremonien des Quinque plagie-Messen [der fünf Vunden Christi], fünf Beata Maria-Mes-
Jahresgedächtnisses des Todes. Ein Testament aus dem Jahre 1559 sieht sen und fünf Messen vom Kreuz lesen und überdies um Gottes willen von
vor, daß ,nach Ablauf des Jahres" die entsprechende Feier wie der Gottes- den Mönchen jenes Klosters für besagte arme Seele beten zu lassen. (1532
dienst am Tage der Beisetzung stattfinden soll, "ohne jede Veränderung, [39]). "Sie bittet ihre Töchter und Schwiegertöchter, wenn sie im Todes-
außer daß nur sechs Fackeln von eineinhalb P{und das Stück und die vier kampf liegt, in die Kirche Notre-Dame-de-la-Mercy zu schicken, um am
Kerzen der reprösentation brennen sollen". (38) Hauptaltar besagter Kirche eine Messe lesen zu lasseno (16a8 [39]). "Be-
Die Große Revolution und die Staaten des 19. und 20. Jahrhunderts ha- sagte Erblasserin [. ..] will, daß während ihres Todeskampfes sieben Messen
ben den Katafalk säkularisiert, aber dennoch an ihm {estgehalten; die Kir- zu Ehren des Todes und des Leidens Unseres Retters gelesen werden" (1655
che ist aus den öffentlichen, zivilen oder militärischen Zeremonien und [39]). Eine andere Testatarin wünscht, "daß während ihres Todeskampfes
Kundgebungen verdrängt worden, das castrum doloris hat sich darin be- für sie 30 Messen bei den Karmeliterbrüdern, 30 bei den Augustinern vom
haupten können. Der geschmückte und beleuchtete Katafalk hat fortan die Pont-Neuf,30 bei den Franziskanern und 30 bei den Jakobinern gelesen
alleinige Vertretung der ältesten Todesbilder und -rituale übernommen: der werden., d. h. bei allen vier Bettelorden. Vahrscheinlich versuchte man so,
Absolution am Bett des Sterbenden, des Kondukts und des Ge{olges der den höchsten Richter in aller Eile für sich zu gewinnen, bevor es zu spät
Trauernden, der Grablegung und der letzten absoute. war ("Zur gleichen Zeit, da Gott über meine Seele verfügt haben wird. [39]
- 1650). Aber diese Messen während des Todeskampfes waren nur der An-
fang einer ganzen Serie: "Tausend Messen, sobald das möglich ist und mit
Di: Begräbnismessen denen begonnen werden soll, wenn er im Todeskampf liegt." (1660 [39])
In anderen Fällen begann die Lesung dieser Serie von Messen mit dem
Der Vorrang des Katafalks vor den anderen Todessymbolen verdankt sich endgi.iltigen Todeseintritt und nicht früher: "Besagter Testatar bittet seine
der ungewöhnlichen Bedeutung, die künftig den tönend-feierlichen oder liebe Frau [.. .], i* Augenblick der Trennung der Seele vom Körper drei
stillen Zeremonien zuwächst, deren Schauplatz die Kirche ist. Die alten Messen zu Ehren der Heiligen Dreieinigkeit [die \flahl der Zahl drei!] an
Grablegungsriten, die sich damit begnügten, dem Leichnam vom Totenbett den Hauptaltären der Kirchen Saint-Mdd6ric, Sainte-Croix-de-la-Breton-
bis zur Grabstelle das Geleit zu geben, ohne anderes zeremonielles Element nerie und Blanc-Manteaux lesen und zelebrieren zu lassen, deren erste eine
als das der beiden Absolutionen am Totenbett und am Grabe, gingen vom Heiliggeist-Messe, die zweite eine Beata-Messe und die dritte eine Re-
12. bzw . 1 3. Jahrhundert an in einer geradezu phantastischen Menge von quiem-Messe sein soll, zur Vergebung seiner Sünden und zum Heil seiner
Messen und Gottesdiensten unter, wie sie von den Verstorbenen in ihren armen Seele. ( 1646 [39] ). In diesem Fall war die Anzahl der Messen auf drei
Testamenten vorgeschrieben wurden. Der Tod wurde für ein halbes Jahr- in jeder Kirche begrenzt, und zwar deshalb, weil sie am Hauptaltar gelesen
tausend - vom 12. bis zum 18. Jahrhundert - im wesentlichen zum Anlaß werden sollten. Gewöhnlich suchten die Testatare eher den Effekt der
für Messen. 'Was also den damaligen Besucher einer Kirche verblüffen Häufung zu erzielen. Es kam vor, daß dieZahl nicht im voraus festgelegt
mußte, war weniger das von den Totengräbern ständig umgegrabene und wurde: also tat man sein möglichstes und möglichst viel: "Am Tage seiner
aufgeworfene Erdreich des Kirchenbodens als die ununterbrochene Ab- Ileisetzung mögen ihm zu Ehren in der Kirche Saint-M6d6ric soviel Re-
folge von Messen, die morgens an allen Altären von Priestern gelesen wur- rluiem-Messen gelesen werden, wie sich Priester in der Sakristei der Kirche

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finden und sich z-ur Verfügung stellen." (1652139) ) Vom Tage seines Hin- des Testatars vermittelt: einerseits sorgte er sich um Kontinuität, was ihn
scheidens an sollen "alle Messen und Gebete besagten Konvents [der Mini- veranlaßte, die Messen zu strecken und zeitlich zu verteilen; zum anderen
menbrüder, bei denen sein Bruder Mönch warl, über die sie frei verfügen lag ihm an einer geballten Häufung, um eine möglichst große Zahl in einer
können, zur Ehre und zur Ruhe der Seele genannten Testatars bestimmt möglichst kleinen Zeitspanne zusammenzudrängen. Manche dieser ganz-
sein.. (1641 [39]) jährigen Meßreihen bezogen sich tatsächlich auf ein Jahr, andere auf
Sehr häufig ordnete man 30, 100 oder 1000 Messen an - 30 Messen oder kleinere Einheiten - so im Falle einer Jahresmesse, "die in den ersten drei
den [rire] grögorien: Zum Gedenken an den Stifter in grauer Vorzeit, den Monaten nach seinem Hingang er{üllt werden möge". (39) Der Testatar
Papst des Todes, Gregor den Großen, sagte man auch un trentin de saint präzisierte, daß diese Jahresmesse von ,vier Priestern für jeden Tag" gele-
Grdgoire . "Sobald mein Leichnam in die Erde gebettet worden ist, sollen sen werden sollte (4 x 90: 360).
33 [das Alter Christi] stille Messen gelesen werden", und zwar üglich drei; Diese dreimonatige Dauer scheint ein gebräuchlicher Zyklus gewesen zu
drei an \Veihnachten, drei am Fest der Beschneidung Christi Iam 1. Januar], sein. Ein anderer Testatar verlangt im Jahre 1661 drei Jahresmessen "wäh-
drei am Karfreitag, drei am Himmel{ahrtstage, drei zu Pfingsten, drei am rend der ersten drei Monate, d. h. zwölf Messen täglich in den beiden Klö-
Sonntag Trinitatis usw. "So bald wie möglich" (39) - eine Vorsichtsmaßre- srern, in denen seine Töchter als Nonnen leben". (39) Vieder ein anderer
gel, die sowohl Gott als alleinigen Richter als auch den Klerus der Pfarre bedingt sich aus, daß seine Jahresmesse,an dem meiner Grabstelle am
einbezieht, der der Nichtachtung verdächtig ist (1606). nächsten gelegenen fi11x1" gelesen werden soll (1a18 [39]).
Hundert Messen: "Am Tage meines Hingangs oder am darauffolgenden Die Meßtricenare werden in derselben 'ü/eise aufgeteilt: 33 in der Voche
Tage in zwei Kirchen", d. h. fünfzig Messen pro Tag und Kirche (1667). (1628), drei pro Tag (1606) oder - gemäß einer noch komplizierteren Buch-
f ührung: f ünf Messen an jeweils vier Tagen (
: 20) und dreizehn am fünften
"Am Tage des Todes oder am darauffolgenden Tage fwegen der überla-
stung des Klerus] ein Meßtricenar von 33 Messen, und darüber hinaus hun- Tag, wobei sich wiederum die Gesamtzahl 33 ergibt. Man kann sagen, daß
dert Requiem-Messen, sobald das möglich ist. (1650 [39]). der gewöhnliche Mittelwert einen Tricenar oder auch hundert Messen be-
Derselbe Testatar war in der Lage, mehrere Serien zu je hundert Messen trug - und sehr häufig außerdem eine Jahresmesse.
im voraus festzulegen, eine bei den Augusrinern, eine bei den Kapuzinern
usw. Ein Erblasser des Jahres 1780 (39)mochte noch 310 Messen verlangen,
auf den Tag der Beisetzung und den darauf folgenden konzentrier- Der Gottesdienst am Tage der Beisetzung
lj::"t
Tausend Messen war eine durchaus übliche Zahl: "Am Tage meines Lei- So setzte jedes Mal, wenn ein Leben an sein Ende kam, eine regelmäßige
chenbegängnisses und am Tage darauf [die Formulierung stammt aus dem Irolge von stilldn Messen ein, sei es mit dem Beginn des Todeskampfes, sei
Jahre 1 394 - derselben Sorge um gehörige Häufung begegnet man im Jahre cs unmittelbar nach dem Ableben - eine Folge, die Tage, Wochen, Monate,
1780 wiederl soll man tausend Messen von armen Hilfskaplänen [Priestcr, sogar ein ganzes Jahr dauern konnte' Diese Messen standen in keinem Ver-
dic von den Einkünften der Kapellen leben, d. h. von frommen, im allge- hältnis zu den eigentlichen Bestattungsriten. Die haben sich ihrerseits dann
meinen speziell auf die Bcstattung bezogenen Stiftungen] lesen und zele- unter dem Namen seroice (seelenmesse) weiterentwickelt. Die alten Litur-
brieren lassen, die von den Kirchen von Paris [500 Messen pro Tag!] über- gien sahen wohl eine feierliche Messe vor (die Requiem-Messe der römi-
nommen werden sollen, und fedem Kaplan sollen für seine Messe II Sous schen Liturgie), die der Grablegung vorausging; aber diese Praxis blieb si-
ausbezahlt werden." (39) In manchen selrenen Fällen kommt man auf die cherlich auf Kleriker und bestimmte hervorragende Laien beschränkt. Der
Zahl von l0 000 Messen, so im Falle von Simon Colbert, einem Geistlichen allgemeine Brauch beteiligte die Kirche mit keiner speziellen Zeremonie,
Rat im Parlament, dem Gerichtshof von Paris. (39) es sei denn de r Absolution der Grablegung. Vom 13. Jahrhundert an macht
'§flandel bemerkbar. Der Tag der Beisetzung, nahezu immer
Es gab schließlich die ein Jahr lang taglich gclesene Seelenmesse, den an- sich hier ein
nuel , also eine Messe von 360 Eirrz-clmessen, deren A ufteilung eine ziem lich der auf den eigentlichen Todestag folgcnde Tag, wird gewöhnlich zum An-
genaue Vorstellung von den beiden einander widersprechenden Strebungen laß genommen, einen Gottcsdienst zu zelebrieren, der mit einer letzten Ab-

zza 22s
solution am Grabc scin l,nde findet. Bis zum 16. Jahrhundert wird dieser Reliquien und vor dem Hauptaltar zurückkehren' um für den Rest des
Gottesdienst nicht mit der Präsenz des Leichnams verbunden, der erst zur Gottesdienstes Licht zu spenden, d. h. für die Laudes, den Vorgesang Saloa
eigentlichen Beisetzung eintrifft. Gleichwohl verbreitet sich bei den Testa- nos, die Fürbitten, die [Opfer-]Prozession und die Requiem-Mes§e. Des-
taren zunehmend die Gewohnheit, zu verlangen, daß der Leichnam am gleichen wünscht besagter Testatar und ordnet an, daß während ienes Vor-
Tage der Beisetzung in die Kirche überfrihrt wird. Im 17. Jahrhundert ist gesanges Sal'ua nos und während der Requiem -Messe in der Höhe vor den
diese Präsenz dann zur Regel geworden. Die Bedeutung, die dem Gottes- Heiligen Reliquien sechs §flachskerzen angezündet werden, und ebenso-
dienst mit oder ohne Leichnam zuwächst, macht die Rolle der reprisenta- viele auf dem Altar, zu beiden Seiten des Hauptes des Heiligen Ludwig, und
tion im Zeremoniell des Leichenbegängnisses vom Ende des Mittelalters bis eine, die beim Opfer getragen werden soll, zusammen mit einem Stück Sil-
geziemenden Brot und einem Gefäß mit
riflein, wie es der
heute verständlich. bergeld, einem
Derfeierliche Gottesdienst am Hochaltar unterbrach keineswegs die an- Brauch ist beim Gottesdienst für einen Verschiedenen." Hier fand die Bei-
deren Messen, die einander an den übrigen Altären der Kirche, eilends und setzung im Rahmen der Stundengebete statt, zwischen Vigilien und Laudes,
mit derselben Bestimmung, folgten. Ein Testatar wie der {olgende verlangt aui die eine Requiem-Messe folgte.
hundert Messen ,gleich nach meinem Hinscheiden, und zwar in allen Ka- In diesem Falle gab es nur eine einzige Messe' Ebenso im folgenden aus
pellen der Kirche Saint-Pierre-aux-Beufs, taährend des Gottesdienstes, dem Jahre 1520: ,'§(errn die Umstände es erlauben, so §oll der Leichnam
mit dem man meinen Leichnam zur Ruhe bettet, und der Rest ohne Pause zur Kirche getragen werden, während man dort die Totenmesse zelebriert,
an den darauffolgenden Tagen. (1658 [40] ). nach deren Ende er an dem Ort beigesetzt werden soll, der mit den in der
Eine dauerhaf te Praxis, der man noch im Jahre 1812 - in einem zweifellos katholischen Kirche gebräuchlichen Förmlichkeiten und Empfehlungen
historisch verspäteten und ungewöhnlichen Testament - wiederbegegnet: vorbereitet worden ist." (40) Es gab in der Tat keine feste Regelung. Bald
"lch bedinge mir aus, daß am Morgen meines Beisetzungstag,es sechs Mes- wurde nur eine Messe gelesen - bald mehrere - das war lange der häufigste
sen gelesen werden sollen, und zwar stündlich eine.. (40) Fall -, im allgemeinen aber waren es drei.
Der Einzug des Leichnams in die Kirche geht häu{ig zu den Klängen des Im Jahre 1559 verläuft der Gottesdienst für einen Priester, Geistlichen
Salve Regina oder des Vexilla Regis vor sich: "Sobald sein Leichnam in be- der Kirche Saint-Pierre-des-Arcis, nach einem etwas anderen Grund-
sagter Kirche der Madeleine angelangt ist, sei es morgens, bevor die letzte schema: ,Meine Trauerfeier soll vollständig sein und laut gelesen [gesun-
Messe beginnt, sei es nachmittags, bevor die Totenvesper beginnt, so soll gen] werden, und es sollen aufeinanderlolgen 1) die Vigilien mit neun Psal-
andächtig das Sal,ue Regina mit den herkömmlichen Versen und Strophen men und neun Kapiteln gemäß der Bestimmung der Totenmesse, 2) Laudes
gesungen werden." (40) Venn die Beisetzung nachmittags stattfindet, gibt und Fürbitten fwie im vorhergehenden Falle; die Bestattung hat je-
es keine Messe, und der Gottesdienst beschränkt sich auf die Toten-Vigi- doch noch nicht stattgefunden], 3) vier Hohe Messen fim vorhergehenden
lien. nur einel im 16. Jahrhundert waren, wie gesagt, drei üblich]. Deren eine
Der folgende Testatar verlangt im Jahre 1545, daß sein Leichnam in einer soll eine Heiliggeist-Messe sein, die zweite eine missa de Sancta M aria , die
Prozession in der Sainte-Chapelle anlangen soll, um dort bestattet zu wer- dritte eine missa de Angelis fsie ist ungewöhnlich; der Testatar hat sie aus
den: an der Spitze der Kreuzträger, neben ihm zwei Kerzenträger, dann der eigenem Antrieb hinzugefügt], die vierte eine Seelenmesse mit dem Toten-
Sarg mit vier Kerzenträgern, dem eine Prozession von zwölf weiteren Ker- gesang. 4)Zum Beschluß besagten Gottesdienstesein Libera me, Domine,
zenträgern folgt. Nach der Ankunft in der Kirche werden die zwölf Ker- ern De profundls, dann nach dem Saloe Regina [das also zweimal Sesungen
zenträger geteilt, und je sechs stellen sich am Altar und an den Reliquien- wird, einmal zu Beginn, beim Einzug des Leichnams, das zweite Mal zum
schreinen au{. So q'ar es in der Sainte-Chapelle Brauch. "Und sollen besagte Schlußl die gewöhnlichen Verse und Strophen [d. h. die Absolution mit an-
zwölf Träger mit brennenden Kerzen an ihren bez-eichneten Plätzen aus- schließender Beisetzung]."
harren während der Vigilien, nach deren Ende sie besagte Plätze verlassen, Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte sich das zeremonielle Brauchtum
um den Leicbnam bß zu der Stelle zu geleiten, uo er ins Grab gebettet uird , verfestigt; ein Pariser Kanoniker legt in seinem Testament aus dem Jahre
und danach sollen besagte Träger wieder an ihre Plätze vor den Heiligen 1612 den Gesang seiner Obsequien auf die foigende Weise fest:

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1 ." Am Tagc ncite s H inscbeidens soll ein Gottesdienst gehalten werd en, erste Absolutisn. ,\(enn mein Leichnam in die Erde gebettet ist, sollen 33

d. h. Vesper, Vigilien mit neun Kapiteln; nach Abschluß der Lesungen das Messen gelesen werden, und am Ende ieder Messe sollen die Priester, die
gesamte Libera,dann die L:rudes der Verstorbenen." Das ist die in der Kir- sie zelebriert haben, veihwasser auf das Grab besagter Erblasserin spren-
che rezitierte Totenmcsse. Zu beachtcn ist cler Ortswechsel vom eigenen g,en und ein Salae Regina,ein De prot'urtdis und die herkömmlichen Gebete
Heim in die Kirche (oder die diesmal feierlichere'§üiederholung in de r Kir- sprechen." Danach weitere Absolutionen.
che mit reicherem Lichterschmuck). Die Kirchenordnung des Jahres 1614 hat sich zum Ziel gesetzt, die Be-
2. "Am darauffolgenden Tage sollen [immer noch in Abwesenheit des gräbnisliturgie zu verein{achen. (al) Die Totenmesse hat an Bedeutung
Leichnams] zwei Hohe Messen gelesen werden, die Beata-Messe und die verloren, und der Gottesdienst wird auf eine einzige, die Requiem-Messe
Messe des Heiligen Geistes." beschränkt, während die beiden anderen, die Heiliggeist-Messe und die
3. Die Fürbitten. Messe lJnserer Lieben Frau fallengelassen wurden. Das war zuv/eilen be-
4. Die Ankunft des Trauergeleits in Notre-Dame. Der Kondukt hält in reits im 16. Jahrhundert der Fall; aber noch während der ganzen ersten
der Kirche vor dem Kruzifix inne, und es ertönt 'die vollständige Stro- Hälite des 17. blieben viele Testatare der traditionellen Dreizahl ebenso
phenfolge des Cre ator omnium rer um <<. I n diesem besonderen Fall tritt hier treu wie den Vigilien, den Fürbitten und den Laudes'
eine Pause ein, weil der Kanoniker in einer anderen, der benachbarten Kir- Gegen Ende des 17. Jahrhunderts setzt sich endgültig der Brauch durch,
che Saint-Denys-du-Pas beigesetzt werden möchte. ,daß eine Hohe Messe in Gegenwart des Leichnams Selesen werden soll"'
5. "\Während der Reziration d.es Libera [die hier wie eine Absolution Vie zahlreich aber auch die Messen, die Fürbitten, die Psalmen - die ein-
wirkt] soll mein Leichnam in die Kirche Saint-Denys-du-Pas überführt deutige Priorität hat der Gottesdiens t,der seruice, d. h. die Messe unterallen
werden, um während der letzten Messe zugegen zu sein", der Messe pro anderen, die in Anwesenheit des Leichnams gelesen wird und der Grab-
defunctis. Die folgte auf die beiden anderen, im Paragraphen 2 vorgesehe- legung unmittelbar vorausgeht. Bei der Lektüre der Testamente setzt in
nen Messen, und der Leichnam mußte also zwischen der zweiten (der Erstaunen, daß die Absolution und die eigentliche Beisetzungszeremonie
Beata-Messe) und der dritten, der Requiem-Messe in der Kirche anlangen. in den Hintergrund treten. Der Hauptakt des Leichenbegängnisses spielt
6. AbsoLution und Grablegung: "Nach dem Ende besagter Messe, nach sich fortan in der Kirche ab, wenn, angesichts der hellerleuchreten reprö-
der Strophenfolge des Domine, non secwildum peccata ilostra, nach dem sentdtion, die Hohen Messen des Gottesdiensres und die stillen F'ürbitte-
Psalm lliserere mei, Deus und dem De prot'undis mit Gesang und den her- Messen einander foIgen.
kömrllichen Gebeten und Fürbitten soll mein Leichnanr zum Ort nreiner
Grablegung getragen werden.. Ebenso isr Vorsorge getroffen ftir den Fall,
daß der Gottesdienst nicht morgens stattfinden kann: ,'Wenn mein Geleit Die Gottesdienste an den Tagen
und meine Beisetzung nicht morgens stattfinden können und es r-rötig sein nach der Beisetzung
sollte, sie nach den Kompleten zu vollziehen, so werden meine Mitbrüder
von Saint-Denis eine Stunde nach Mittag Vigilien und I-audes lesen und Der Gottesdienst am Tage der Beisetzung wurde nrehrf ach wiederl'rolt, und
dann, nach den Kompleten, Geleit und Bcisetzur-rg wie oben beschricben zw^r,d^der Leichnam ia zu Grabe getragen worden war, vor der reprö-
besorgen." (40) sentation;er um{aßte immer auch eine Absolutionam Grabe. EinTestament
\ü/ie viele andere Testamente richten den gefordertcn Cottesdienst nicht aus dem Jahre 1628 (42), das bereits mehrfach zitierte eines'winzers aus
am Vorbild der drei Messen aus! (40) Im allgemeinen langte der Leichnan.r Montreuil, sieht den Gottesdienst des Bcerdigungstages mit Fürbitten, drei
sicher zwischen der zvr'eiten und der dritten Messe, zwischen der Beata- Hohen Messen und Libera vor.
und der Requiem-Messe, in der Kirche an: ,Bei der letzten wird das Opler Der gleiche Gottesdienst beginnt am darauffolgenden Tage, ebenfalls
von Brot, lVein und Geld dargebracht" (dieses Opfer hat sich übrigens im ,mi Libera und De profundis am Grabe".
Brauchtum des meridionalen Frankreich bis heute erhalten). Dann wird der Ein Tesratar des Jahres 1644 (42) bedingt sich aus: "An den drei folgen-
Leichnarn zu den Gesängen von Libera und Salpe Regina beigesetzt. E,ine den Tagen Inach der Beisetzung] drei Gottesdienste, und bei iedem vigilien,

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drei Messen.. . Ein weiterer Gottesdienst nach Ablauf von acht Tagen.. pariser Livres, abgekürzt Liares par. oder Lp)Rente ausgestattet wird [...],
Dieser Gottesdienst nach Ablauf von acht Tagen war ebenso üblich wie der von welchen Lx tp L/p dem Kaplan zufallen sollen, der mit der verwaltung
nach einem Jahr. Er umfaßte die Totenmesse, die Hohen Messen, die Ab- besagter Kapelle terrft.rgt wird [viele Priester ohne Pfründe iebten von
solution mit Aussprengung von §üeihwasser am Grabe, das De profundis, Einkänften äieser Art; im 1 7. Jahrhundert nannte n'tan sie pr|tres habituis ,
das Libera, die
"herkömmlichen" Gebete und das Salve Regina. Zum Jah- Pfarrgehilfen oder Hilf spredigerl. Velcher Kaplan gehalten sein soll' ieden
restag der Beisetzung erhielten die Armen wie am Tage der Grablegung Tag in besagter Kapelle die Messe zu lesen und f ür die seelen meines vaters,
Freunde
selbst eine Almosenzuteilung. Ungeduldig wie sie waren, verkürzten man- -.1r.. Muit.r, meiner Brüder und Schwestern, meiner anderen /p sollen
che Testatare sogar diesen Jahreszyklus: " Bout de l'an lnach Jahresfrist], und Vohltäter und meine eigene zu beten. Und die anderen 10
die ich drei Monate nach meinem Hinscheiden gefeiert sehen möchte.u für die Unterhaltung der Kapelle bestimmt sein [zweifellos für Kerzenbe-
(1600 [42]) leuchtung, für Meßgewänder und deren Pflege]' Item, ich wünsche und
Nach Ablauf eines Jahres und mit den ganzjährigen Meßreihen schloß o.dn" ,n, daß besagte Kapelle mir, meinen Erben, Nachkommen und
sich der Zyklus von Messen, die im voraus festgelegt und unverzüglich be- Rechtsnachfolgern vorbehalten bleibt.. In einem anderen Testament aus
zahlt wurden, >>tnesses au dötail" (Messen im Kleinen), nach einer Formu- dem Jahre 1416 ist die allein übriggebliebene Bedeutung die der immer-
lierung von Michel Vovelle. (43) währenden Stif tung von Messen: ,lch wünsche und ordne an, daß in besag-
Dann begann ein neuer Zyklus, diesmal ein immerwährender - die Stif- ter pfarr- und Klosierkirche von S. Didier [. . .] eine Kapelle von 100 lp iähr-
tunBsmessen. Der Testatar vermachte in diesem Fall dem Kirchenvorstand, licher und immerwährender Rente gestiftet wird [" '], mit der Bedingung'
daß zwei Mönche der Abtei s. Florent [...] verpflichtet werden, ieden
Tag,.
dem Konvent, dem Spital oder der Bruderschaft entweder l.iegenschaften
(Haus, Acker, §fleinberg) oder Bargeld bzw. das Zinsaufkommen aus in und zwar immerwährend, die Messe zu lesen oder lesen zu lassen, nämlich
Renten oder Geschäften angelegten Kapitalien (ein Kramladen im Palais), sonntags die Frühmesse, dienstags und donnerstags die Heiliggeistmesse'
die Him-
mit der Aullage für die Kirche, das Konvent oder die Spitalgemeinschaft, -orr"g., mittwochs und freitags die Totenmesse und samstags
die mit größter Genauigkeit vorgeschriebenen Gottesdienste und Messen melfahrtsmesse, welche Messen gelesen werden sollen in besagter Kapelle
immerwährend lesen zu lassen. für die Ruhe und zum Heil der Seele meines sehr ehr{urchtgebietenden
Die Kapelle (im englischen Sprachraum chantry) ist eine der ältesten Herrn und Gemahls und meines teuren und vielgeliebten Sohnes, und da-
Stiftungsarten, überdies eine der bezeichnendsten und an historischen mir zusammen iedes Jahr ein feierliches Jahresgedächtnis [...], an welchem
13. Tag besagter mein sehr ehrfurchtgebietender Herr aus dem Leben
Deutungen reichsten. Das folgende Testament aus dem Jahre 1399 (44) er- ge-

möglicht eine genauere Analyse des Phänomens: "Ich wünsche und ordne schieden ist."
an, daß die Kapelle, die ich in der Kirche S. Ypolite zu Beauvais zu erbauen Vährend des ganzen 16. und der ersten Häl{te des 17. Jahrhunderts stif-
begonnen habe, weitergeführt und vollendet wird [der Testatar spricht ren Tesrarare Kapellen oder unterhalten die von ihren Angehörigen gestif-
wirklich vom Bau einer Kapelle: zweifellos einer Seitenkapelle, die zwi- teten Kapellen. Im Jahre 1612 (44) segt Jean Sablez, ständiger vorsitzender
schen die Strebpfeiler des Schiffs eingelassen ist - ein Kapellentyp, der im de. ober.echnungskammer, in seinem Testantent, daß er über eine Kapelle
14. Jahrhundert häufig war, früher jedoch kaum vorkam, es sei denn, im (,en *a chapelle") in der Kirche z-u Noyers verfügt, dessen Lehnsherr er
13., im Triforium oder im Kreuzarm des Querschiffes; der \i(andel ist irt;..in. F.au ist bereits darin beigesetzt, und er äußert den wunsch, es
durchaus bedeutsam], geräumig und gut ausgestattet mit Büchern, Kelchen ebenfalls zu werden. Diese Kapelle ist also nicht nur der zur Lesung der
und Kirchenschmuck, wie es für den Gottesdienst und die anderen für be- Stifungsmessen geweihte Ort, sondern auch der der Grablegung' Der
sagte Kapelle erforderlichen Dinge nötig ist Itestamentarisch vererbte Bü- T.rtrtr. möchte die Kapelle seiner Mutter, d. h. die Stiftungsmessen seiner
cher mancher Erblasser wurden in der Kapelle oft angekettet]." Aber das Mutter, in seine eigene Kapelle der Lehnsherrschaft Noyers übergehen las-
lü7ort Kapelle hatte zwei Bedeutungen, einmal die soeben verdeutlichte von sen: ,Item, ich wünsche und ordne an, daß die Stiftungsmesse, die,
wie ich
Bauwerk im materiellen Sinne, zum andern aber auch die der Sti{tung von meine verstorbene Frau Mutter in ihrem Testament bestimmt hat, in der
Messen: "Item, daß besagte Kapelle mit LX Liores par.ld.h. Livresparisis, Kirche S. Gervais et Protais zu Gisors gelesen werden soll, in det Kapelle,

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die sie dort äat, daselbst dreißig Jahre lang von ihrenr Todestag an gelesen Die mildtätigen Stiftungen und
wird, und danach soll sie an besagtem Orte oder in der Kirche N. D. zu ihre Öffentlichkcit
Noyers in meintr Kapelle immerwährend zelebriert werden, nach Vahl
und Ermessen meincr Erben und zu ihrem Heil, und von ihnen iährlich be- Diesen sehr zahlreichen stiftungen von Messcr.r tretcn die rnildtätigen stif-
zahlt werden, wenn ich nicht zu meinen Lebzeiten dafür Vorsorge getrof - tungen zur Seite: Schenkungen an ein Spital für cin Bett, für den Unterhalt
fen habe." Viele Tesratare und Erben zögerten möglicherweise, den einge- und die Mitgift eines armen Mädchens, die mit der Aufiage der Lesung eines
gangenen Verpflichtungen auch nachzukommen! obit, einer Seelenmesse verbunden werden' (a7) Die Schenkungen an Ab-
Den gewöhnlichen Frühmessen fügt der Herr von Noyers noch ein teien, Klöster und Kollegien waren im 12. und 13' Jahrhundert häufig und
Abendgebet hinzu: "ltem, ich stifte zunr Heil meiner Seele und zu dem hochdotiert. Es ist durchaus möglich, daß sie, nach längerem Stillstand, so-
meiner Frau ein Salt,e Regina und Gebet zu Ehren Gottes und der Jungfrau gar leichtem Niedergang, im 17. Jahrhundert wieder ansriegen, was immer-
Maria, das gelesen, zelebriert und gesungen werden soll in meiner unter der hi., ,r, Erklärung der wachsenden Zahl von mildtätigen Einrichtungen und
Kirche N. D. zu Noyers gelegenen Kapelle [?-Ph. A.], eine Stunde vor Krankenhäusern in dieser Epoche beitrüge. Aus ungezählten anderen seien
Sonnenuntergang, arn selben Tage, da sie aus dem Leben scheiden." hier zwei Beispiele herausgegriffen: das erste ist einc Stiftung, mit der im
Im 15. Jahrhundert bedeutet 'eine Kapelle stiften. soviel wie ,sie im mate- Jahre 1667 eine Mädchenschule in der Gegend
von Paris bedacht wird: "lch
riellen Sinne erbauen, und darin von einem bestallten Priester eine tägliche stifte und vermache zu immerwährendem Nießbrauch eine Rente von 100
Messe lescn zu lassen. Livres jährlich an die Schule des Hl. Martin, die einer Frau oder einem
Im 17. Jahrhundert bezeiclrnet der Ausdruck zwar immer noch die tägli- Mädchen ausgehändigt werdetr sollen, die in der Lage sind, die Mädchen
chen Messen, ohne z-wangsläufig auch die Ernennung eines Kaplans mit- <ies Dorfes Puteaux im Lesen und im Katechismus zu unterrichten. velche
einzuschließen. Mehr und mehr aber meint er den Ort der Grablegung. (45) Person von meinem Testamentsvollstrecker benannt werden soll, solange
Wohlgemerkt: Die Kapelle, die einer stillen Messe pro Tag und daz.u ei- der lebt, und nach seinem Hingang von den vikaren, Kirchenvorstehern
ner Hohen Messe anr Tage des Ablebens gleichwertig war, war nicht die und Altesten des Dorfes.o (48)Inr zweiten Beispiel aus dem Jahre 1678 geht
verbreitctste Form von Stiftung. Das zulässige Minimum war der Gottes- es um die Stifung einer Art Beginenhofes in Toulouse: "lch wünsche, daß
dienst am Jahrestage , dcr obit. Häufig ware n Stiftungen (46) von mittlerem nach dem Tode meines Erben der Pfarrer von Taur Nutzen und Nieß-
Aufwan.l rvie dic folgende dcs W'inzers von Montreuil aus dem Jahre 1628: brauch an meinem Haus erhält, solange er lebt, und daß dieses Haus nach
6 Requiem-Messcn pro Jahr, an Allerheiligen, am §Ueihnachtstage, an Ma- ihm von fünf arnren Mädchen oder'Witwen bewohnt wc'rden soll, zu Ehren
riae Lichtmeß, Ostern, Pfingsten und am Tage lJnserer Barmherzigen Frau. der f'jnf tWunden Unseres Herrn Jesu Christi [. ..], die inrmerwährend von
Ferner "soll in dieser Kirche, und zwar immerwährend, an allen Tagen den au{cinanderfolgenderr Rektoren zu Taur ausgewählt werden sollen, bei
[?-Ph. A.] unmittelbrr nach der Vesper die Passion LJnseres Herrn vor Mitsprache der ersren Richter oder der Vorsitzenden der Bruderschaften
dem Biidnis Unse-rer Lieben Frau gelesen werden, welche Passion durch vom Heiligen Abendmahl, von Notre-I)ame du Suffragc und Sainte-Anne
Glockengeläut verkündigt werden soll, wenn sie gelesen wird. Und zu die- und vom Kirchenvorstand." Man griff weit aus in seiner Vorsorge, denn
sem Zweck hat genannter Tcstatar besagter Kirche von Montreuil die der Stiltung des Beginenhofes hatte zunächst der Tod des Erben, dann der
\W'imper zv zuk-
Summe von 400 Livres ausgehändigt und vermacht, die von genanntem des Pfarres von Taur v61xu52ugchcn. Aber ohne mit der
Kirchenvorsteher in Form von Rcnten zu Nutz und Frommen von Schatz ken, wurde eineZeireinbezogcn, die man sich als ur-rveränderlich vorstellte,
und Vern'rögen besagter Kirchc verwendet wcrden sollen. . .o als ins Unendliche verlängerte Gegenwart.
Vom 13. b2w.1,4. Jahrhundert an - und bis ins 18. - waren die Testatare
von der Angst bescssen, daß der Klerus, die Kirchenvorsteher und die
Empfänger ihrer Schenkungcn sich ihrer Verpflichtungen nicht peinlich
genau entledigen würden. Deshalb machten sie die Vertragsbedingungen,
die Stiftungen, die sie ausgesetzt hatten, und die genaue Aufstellung der ih-

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nen dafür zukomnrcnden Messen, Gottesdienste und Gebete durch An- denkenden Spenders verzeichnet steht. Die Priester hatten ihn in der Sakri-
schlag in der Kirche ölfentlich bekannt.
"Item, ich wünsche und ordne an, stei täglich zu Rate zu ziehen, bevor sie ihre Messe lasen.
daß eine Kupfertafel angeferrigt wird. auf der der Name, der Beiname und In diesen Stiftungen vergegenständlichte sich, wie wir bereits angemerkt
derTitel besagten E.rblassers aufgezeichnet werden, dazu'Tagund Jahr sei- haben, ein beträchtliches Kapital, das aus dem ökonomischen Kreislau{ ab-
nes Hingangs und die Messe, die immerwährend für die Seelen seiner ver-
Bezogen und für das Heil der Seelen aufgewendet wurde, zur Verewigung
storbenen Eltern, Freunde, Angehörigen und li(ohlcäter in besagter Kirche des Andenkens ebenso wie für Mildtätigkeit und Beistand. Sie sicherten,
gelesen werden soll." (1400 [a8]) ,Ich wünsche, daß eine erzene Tafel auf- mehr schlecht als recht, eine Art Sozialhilfe, die heute vollständig an den
gestellt wird, die die Stiftung meines ersten Garten, des verstorbenen St. Staat übergegangen ist.
Jehan, und die rneine verzeichnet, und zwar möglichst nahe dem Orte, wo Diese Praxis bleibt vom 12. bis zum 18. Jahrhundert nahezu konstant,
er bestattet liegr, q/enn es den Damen der Töchter-Gottes gefällig ist, gemäß abgesehen davon, daß die verschwenderische Freigebigkeit der Stifter des
obigem Verzeichnis die Summe von III' Ll. in Emp{ang zu nehmen, die ich 12. Jahrhunderts bei den Testataren des 17. Jahrhunderts nicht mehr anzu-
ihnen für einen immerwährend zu lesenden Gottesdienst am Jahrestage tref{en ist, die gelassener, vernünftiger und vor allem mehr auf die Rechte
meines Hingangs ausgehändigt habe." (1560 [48]) ihrer Erben bedacht sind. Der eigentliche Kern der \(illensäußerung und
Diese Stiftungstafeln sind bis ins 17. Jahrhundert sehr häufig. Sie stehen der Absichtserklärung bleibt jedoch derselbe.
stellvertretend für das Grab, und deshalb werden sie m it größerer Ausführ- Um gekehrt läßt sich in den J ahren von 1740 bis I 760 ein Vandel dingiest
lichkeit erst im folgenden Kapitel unrersuchr werden, und zwar irn Zusam- machen, den Michel Vovelle mit wünschenswerter Deutlichkeit analysiert
menhang mit den "Seelen-Gräbern". hat. (49) "Schluß mit den Stiftungsmessen, die immer seltener werden und
Es gab, außer der Stiftungstafel am Mauerwerk, noch zwei weitere Mittel, an deren Stelle die 'Messen im Kleinen. treten«: ,Die Testatare, selbst die
die Erinnerung an die Absichten des Stifters wachzuhalten. Das eine war reichsten, zoBen es vor, die potentielle, aber trügerische Ewigkeit der im-
das der Aufnahme in den Kanon der Verkündigungsgebete merwährenden Gottesdienste, die ihre Vorfahren gestiftet hatten, in Hun-
- deren gefühls-
mäßige Bedeutung wir zu Beginn dieses Kapirels herausgehoben haben: derte, ja Tausende von sicheren Messen [die Ordensgemeinscha{ten, mit
,\ü'enn besagte 6 Messen gelesen werden, sollen die Kirchenvorsteher ver- Verpflichtungen überhäuft, erhielten von der geistlichen Obrigkeit eine
pflichtet sein, sie bei den Verkündigungen besagter Kirche zu erwähnen."
"Herabsetzung" der Messenzahl zugebilligt, eine Art "geistlicher Bank-
(1628 [48] ) rott«] umzumünzen."
Das andere war die Eintragung in ein nach dem Vorbild der Seelenmes- Lassen wir die tieferliegenden Motivacionen dieses sehr bedeutsamen
senregister geführtes verzeichnis, das der Pfarrer verwaltete und das ihn in Phänomens hier außer acht. Es bringt eine lange historische Entwicklung
die Pflicht nahm. Es trug derr suggesriven Namen marteloyge (d. h. rnarty- z-um Abschluß, die im 12. und 13. Jahrhundert einsetzt und von der Beiset-
rologe, lvlärtyrerverzeichnis), und,sie soll [diese Stiftung] im marteloyge zung des noch sichtbaren Leichnams zur Häufung von Messen und Gebe-
besagter Kirche oder Klosters zum Gedächtnis verzeichnet werden«, sagr ten und zur Verhüllung der sterblichen Reste im Sarg oder unter dem Kata-
ein Testatar im Jahre 1416. (48) falk iührt.
Im Museunr von Cavaillon wird eine ganze Reihe solcher donatifs
(Schenkungsregister) aufbewahrt, d. h.
"Tafeln" aus bemaltem Holz (und
nicht aus stein oder Metail), die zeitlich von7622 bis in die Mitte des 19. Die Bruderschaften
Jahrhunderts reichen. Sie stammen aus denr alten Spital, in dessen Kapelle
das Museum eingerichret worden ist. Jedes Schenkungsregister trägt den Alle diese Veränderungen haben dazu geführt, die weltlichen Vertrauten
Namen des stifters und die Höhe seiner Zuwendung. Mit dieser Reihe ist des Verstorbenen in den Hintergrund zu verweisen und die geistlichen -
etwas verbunden, das durchaus einem Märtyrerverzeichnis ähnelt, ein Ka- Priester, Mönche oder Arme als Repräsentanten Gottes - stärker hervor-
lender im stil des 1 8. Jahrhunderts, auf zwei rafeln verteilt, ,Jeren jede sechs treten zu lassen. Die Abschiedsklage der Hinterbliebenen am Grabe wird
Monate umfaßt und auf denen für jeden Tag der Name des jeweils zu be- von einer Vielzahl von Messen und Gebeten am Altar übertönt, wenn nicht

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ersetzt - einc re gcl.cchrc Klarikalßierurtg tlcs'l <tdt,s. Zur gleichen Zeit aber gramm ist in aller Ausführlichkeit auf den Altarretabeln der Kapellen dar-
- und zwar scit tlenr 14. Jahrhundcrt - bildcn sich Vercinigungen von Laic. gelegt, über die sie in Pfarrkirchen oder andernorts verfügen und von denen
mit dem Ziel der Untcrstützung von Mönchen und Priestern beim t.ci sich viele erhalten haben. Ihre Analyse ist sehr aufschlußreich, sowohl auf-
chenbegängn is. grund der der schriftlichen Bibeltradition entlehnten Elemente als auch der
\Wir haben gesehen, daß sich Verbindungen von wohltätigen
Laien :rn neuen, die sie ihr hinzugefügt haben und die sich eben auf den Tod bezie-
Klöster rnschließen, um in den Genuß der heilsamen Virkung der langc hen.
den Mönchen vorbehaltenen Gebete zu kommen - die Gebetsbruderschaf - .§(erke
Die Ikonographie der der Barmherzigkeit stammt aus der Gleich-
ten. Diese Bestrebungen haben nicht aufgehört, wie das folgende Tesramenr nisrede vom Jüngsten Gericht im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums,
aus dem Jahre 1667 (50) zeigt:
"lch wünsche, daß nach meinem Hingang das, wie im dritten Kapitel erwähnt, auch die Hauptquelle der Eschatologie
den ehrwürdigen Kartäuserbrüdern zu Paris davon Mittei.lung gemacht und des Hochmittelalters ist. ,Wenn aber des Menschen Sohn kommen wird
ihnen die Aufnahme- und Mitgliedsurkunden zugeschickt werden, die ich in seiner Herrlichkeit und alle heiligen Engel mit ihm, dann wird er sitzen
[zweifellos aufgrund von Geldzuwendungen] für meine Familie vom ehr- auf dem Stuhl seiner Herrlichkeit, und werdetr vor ihm alle Völker versam -
würdigen Abt des Klosters La Grande Chartreuse erhalten habe, damit sie, melt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, gleich als ein Hirte die
\venn es ihne, genehm ist, in ihrem Ordenshaus die herkömmlichen Gebete Schafe von den Böcken scheidet." Und zu den Schafen zu seiner Rechten
sprechen und, zum Heil meiner See.le, auch ihre Mitbrüder an anderen Or- spricht er: "Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich,
ten davon in Kenntnis setzen fwie zuzeien der ,schriftrollen" der Toten], das euch bereitet ist von Anbeginn der 1Welt. Denn ich bin hungrig gewesen,
da ich großes vertrauen in das Gebet so heiliger persönlichkeiren setze, an und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich ge-
denen ich im Laufe meines ganzen Lebens mit herzlicher Liebe gehangen tränkt. Ich bin ein Gast lbospesl gewesen, und ihr habt mich beherbergt.
h abe. u Ich bin nackt gewesen, und ihr habt mich bekleidet. Ich bin krank gewesen,
Aber die Bruderschaften des I 4. bis 1 8. Jahrhunderrs unterschieden sich und ihr habt mich besucht. Ich bin gefangen fin carcere) gewesen, und ihr
von den Dritten orden ocler den Klostervereinigungen ebenso sehr wie von seid zu mir gekommen.« (Matthäus 25,31-36)Die ersten Darstellungen des
den Zunft-Bruderschaften und den Verwaltungsbürokratien, die Michel Jüngsten Gerichts hatten diese bewegenden Szenen mit Stillschweigen
Agulhon Bruderschaftsinstitutionen genannr hat. Richtig ist gleichwohl, übergangen, so sehr war die Ikonographie noch vom großen Hauch des
claß alle funktionalen Verbände der letzten Jahrhunderte des Ancien R6- Endes der Zeiten bestimmt. Die Bruderschaften lösen sie aus dem weitläu-
ginre eine Art religiösen Doppelgänger haben - eben eine Bruderschaft. figen eschrtologischen Fresko heraus und stellen sie, abseits, zu einer Folge
Die Bruderschaften, die allen neuen Formen der Frömmigkeit (etwa der vertrauter Szenen zusammen, in denen die Bettelmönche Brot, '§üein und
Abendmahls-verehrung) als vorbild gedient haben, sind Gesellschaften, Kleidung erhalten und die umherschvrei{enden Pilger in den Klosterhospi-
die auf dem freiwilligen Zusammenschluß von Laien beruhen - nach der zen beherbergt, versorgt und besucht werden. Unter den so betreutcn Be-
Formulierung von M. Agulhon (51) "Gesellschaften, in denen niemand dürftigen erkennt man auch Christus. Der Künstler hat es jedoch nicht ge-
aufgrund sei.er Funktion. seines Alters oder Berufsstandes, sondern aus- wagt, Christus auch hinter Gefätrgnisgitterstäben und in Folterkammerr.r
schließlich eufgrund seines freien \ü/illens Mitglied ist". \ron Laien geleitet mitabzubilden. V/enn ihm aber die Gesellschaft der Verurteilten auch er-
und verwaltet (selbst wenn zuweilen einige Geistliche sich aus eigenem An- spart bleibt, so ist er doch immer an der Seite des Redlichen zu f inden, der
trieb eingefunden haben), treten sie in Gegensatz- zur'Welt der Kleriker, dcm Henker ein Geldstück reicht, um die Folter zu mäßigen, oder den Ver-
und ihrc wachsende Bedeutung für alle Aspekte des Umgangs mit dem urteilten am Pranp;er zu essen und zu trinken bringt. Diese lebendigen und
Tode scheint dem zu widersprechen, n,as oben über de. klerikalen Kolo- pittoresken Darstellungen schmückten die Altarau{sätze und die Glas{en-
nialismus ausgeführt wurcle. vergeltung der Laien? oder eher klerikare ster der Kapellen. Keine Ikonographie war volkstümlicher. (52)
Mimikry der Laien unrer der cagoule der Bußfertigen ? Die Bruderschaf ten Der \üIerke der Barmherzigkeit waren, nach dem \Wortlaut des Mat-
widmen sich den Verken der Barmherzigkeit - daher der Ntme charitö, thäus-Evangeliurrs, sechs an der Zahl. Sie werden nun aber in den bildli-
der im Norden und lweste, Frankreicl.rs fiir sie gebräuchlich ist. Ihr pro- chen Darstellungen der Bruderschaften vom Ende des Mittelalters um ein

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siebentes erweitert, das den Menschen sehr am Herzen liegen mußte, wenn Nachbarn bei ihrem Totengeleit, sehr altern Brauch und Herkommen ge-
es denn schon Eingang in den Heiligen Text f and: mortuus sepellitur . Die mäß, völlig sicher sein. In den Städten aber, deren Aufschwung im Hoch-
Toten zu bestatten - das hat den gleichen geachteten Grad von Mildtätigkeit mittelaIter derart ungestüm verlief , verf ügte der Arme oder Alleinstehende
erreicht wie die Hungrigen zu speisen, die Durstigen zu erquicken, die (und das ging Hand in Hand) in den Todesliturgien nicht mehr über die
Frierenden zu kleiden, die Pilger zu beherbergen und die Kranken und Ge- Solidarität seiner Gruppe, die auf dem Lande intakt blieb, noch gar über
{angenen zu besuchen. Das Evangelium ist jedoch hinsichtlich der Grable- den neuen Teilnehmerkreis der beruflichen Spender von Ablaß und Aner-
gungsriten sehr zurückhaltend. Als Jesus auf Scharen von Klageweibern kennung verdienstlicher\Werke - Priester, Mönche und Arme der Pfarrge-
trifft, die die Toten zum Klang von Flöten aus der Stadt geleiten, sagt er meinde (ein "Orden" von Armen, die ein weiter Abstand vom unglückseli-
nichts. Er äußert vielmehr sogar jene rätselhaften Worte, die man durchaus gen Alleinstehenden trennte). Er wurde dort verscharrt, wo er starb, nicht
auch als Verdammung jedes Leichengepränges auffassen könnte: "Laß die einmal immer in kirchlicher Erde, wenigstens nicht vor dem 16. Jahrhun-
Toten ihre Toten begraben!" Es sieht so aus, als hätte das Hochmittelalter dert. Deshalb belasteten sich die Bruderschaften mit der Aufgabe, ihn mit
die Totenfeier wieder in ein Evangelium eingesetzt, dessen Schweigen in ihren Gebeten zu Grabe zu geleiten. In Rom wurde die Compagnia della
dieser Hinsicht ihm geradezu unerträglich schien. Orazione e della Morte im Jahre 1560 mit dem ausdrücklichen Ziel gegrün-
Das mortuus sepellitur fehlt noch in der Liste der '§(erke der Barmherzig- det, auf dem Friedhof ihrer Kapelle die auf freiem Feld entdeckten oder aus
keit, wie sie das Speculum Ecclesiae des Honorius von Autun aufstellt. (52) dem Tiber geborgenen Leichname zu bestatren. Die Bruderschaften erset-
Es wird dagegen im Rationale d.iainorum ot'ficiorum des Theologen und zen dem Verstorbenen aiso das nichtvorhandene Vermögen.
Liturgisten Jean Beleth verzeichnet. In der Ikonographie tritt es etwa zeit- In Frankreich setzte sich die Compagnie du Saint-Sacrement (Bruder-
gleich mit den Bruderschaften auf : man begegnet ihm im 14. Jahrhundert schaft vom Heiligen Abendmahl) nicht nur für die Bestattung der Armen
auf Giottos Basreliefs am Campanile von Florenz. Vom 15. Jahrhundert ein, sondern leistete ihnen auch Hilfe und Beistand im Augenblick des To-
wird es als Motiv dann alltäglich, und zwar deshalb, weil die Fürsorge für des: ,Sie wünschte ihnen besseren Beistand zukommen zu lassen, als sie es
die Toten von allen Werken der Barmherzigkeit das vorrangige für die Bru- herkömmlicherweise hoffen durften.. Das war, wohlgemerkt, nur der Fall
derscha{ten ist. Ihre Namenspatrone rekrutieren sich häufig aus der Schar in den großen Städten. Sicher erhielten die Armen auch vordem die Sterbe-
der Schutzheiligen, der Beschirmer vor Pest und Seuchen: der Heilige Se- sakramente; die Bruderschaft war jedoch der Ansicht, das reiche nicht aus:
bastian, der Heilige Rochus, der Heilige Gondebertus. ,Sie wußte, daß, seitdem alle Bettelmönche die Letzte Ölung erhalten hat-
Die Bruderschaft steht für drei Bedürfnisse ein. Zum ersten für das nach ten, niemand sich mehr die Mühe machte, ihnen im Todeskampf Beistand
Garantien {ürs Jenseits: Die Verstorbenen dürfen der Gebete ihrer Mitbrü- zu leisten, und man sie sterben ließ, ohne ihnen auch nur das geringste \iüort
der sicher sein, sie werden häufig im Grabgewölbe der Bruderschaft beige- des Trostes zu gönnen. Diese Behandlung bewog sie, diesen so verlassenen
setzt, unter dem Fliesenboden der Kapelle, in der die Gottesdienste für ihr Armen in einer Zeit beizustehen und nach ihnen zu sehen, da sie ein derart
Seelenheil stattfinden. Das Bahrtuch (palliurn) der Bruderschaft verhüllt die großes Bedür{nis nach geistlicher Hilfe hatten." Sie wurden zweifellos nicht
Bahre, und die Mitbrüder nehmen an der Seite (oder an der Stelle) des Kle- der Einsamkeit preisgegeben; sie hatten wohl noch leibliche, aber keine
rus und der Vertreter der vier Bettelorden am Geleit teil. Die Bruderschaft geistlichen freunde. ,Deshalb schickte sie einige Mitbrüder, um sich mit
sorgt sich ktinftig um die Gottesdienste und Gebete, die Kirchenvorsteher den Pfarrern der Gemeinden zu beraten, in die die größte Zahl der Bettel-
und Klöster zu vernachlässigen oder.zu vergessen beargwöhnt werden. mönche sich zurückzogen. Man sieht ledoch nicht, daß dieser gute Ville
Das zweite Bedürfnis ist das des Beistands für die Armen, die ihre Mittel- großen Erfolg gehabt hätte.. (53;
losigkeit aller Möglichkeiten beraubt, sich geistliche Fürsprecher gewogen Das dritte Bedürfnis schließlich, dem die Bruderschaft ihre Daseinsbe-
zu machen. Die Sensibilitär der Zeir empört sich kaum angesichts der unge- rechtigungverdankte, war das Bedürfnis nach Ausrichtung der Leichenbe-
heuren Zahl von Seuchenopfern; aber sie läßt es nicht zu, daß die Toten gängnisse der Pfarre. In vielen Gegenden haben die Kirchenvorstände ihnen
ohne Fürbittegebet ihrem Los überlassen werden. In den ländlichen Ge- die Organisation der Obsequien und vor allem die des Geleits übertragen:
meinden durften selbst die Armen der Anwesenheit ihrer Freunde und ,Die Bruderschaften der Bußfertigen waren aiso im Ancien R6gime fak-

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tisch, wenn auch rricht rechtmäßig, mit der Ausübung einer regelrechten wenig in Verzug geraten sind? Oder setzt sich hier die Treue zu alten, auf
öf{entlichen Funktion betraut... Danach Inach ihrenr Verschwinden] ste- dem Lande noch immer praktizierten Bestattungsformen durch? In diesem
hen der Abwicklirng der Leichenbegängnisse zuweilerr Hindernisse inr Falle müßte - in einem Atemzug mit der »entwurzelnden" Rolle der kirch-
\Wc.ge. Diese Hindernisse geben sogar eines der Hauptargumente ab, die, lichen Re{ormen - das hartnäckige uberdauern einer vergangenheitstreuen,
unterm Konsulat, von den Anhängern der \ü/iedereinführung der Bruder- den Priestern gegenüber ebenso zurückhaltenden wie von ihnen beeinfluß-
schalt ins Feld geführt werden" (M. Agulhon [5a]). In der Normandie las- ten Religion selbst bei den {rommen Laien konstantiert werden - leden{alls
sen sich, nach M. Bee, die charitds auch heute noch in der Erfüllung ihrcr vor dem Tridentiner Konzil. Gleichwohl so[[te man dieser Remanenz des
traditionellen Aufgaben nicht beirren, und die Gemeinderäte haben ihnen Grabes in einem Beisetzungsbrauchtum, das es im allgemeinen eher ver-
bis auf unsere Tage das Monopol an den Trauerfeierlichkeiten überlassen. deckt, nicht allzu große Bedeutung beimessen.
So sind die Bruderschaften sehr rasch zu lnstitutionen des Todes ge§/or- Die Bruderscha{ten nehmen auch am feierlichen vollzug der großen Lei-
den- und es auch sehr lange geblieben. Ihre Entwicklung steht im 14. Jahr- chenbegängnisse reil. sie gesellen sich dann - so im Midi von Michel Vovelle
hundert mit den Veränderungen in Zusammenhang, die den Leichenbe- - den vertretern der vier Betelorden zu. und manchmal treren sie - so in
gängnissen und Seelenmessen damals den Charakter religiöser Feierlich- der Normandie, die von M. Bee untersucht worden ist- sogar an deren
keircn und kirclrlicher Ereignisse verleihen. Und doch ist das Bild des stelle. Die Tracht der Mitbrüder, die im süden :Zvr cagoule der Büßer wird,
Todes, an dem die Tafelbilder der Bruderschaften festhalten, nicht das des ist die Trauerkleidung, die die Teilnehmer am Geleit anlegten, wie man sie
Gottesdienstes in der Kirche, der in Anwesenheit des Leichnams, aber vor auf den Grabmälern von Philippe Pot im Louvre und der Herzöge von
seiner reprösentation abgehalten wird. Es ist im Gegenteil die sehr alte Burgund in Difon sieht: eine Art geistliches Gewand, das sie - ihrem offen
Szene der Grablegung: Die Mitbrüder tragen den Toten, manchmal in ei- bekräftigten und unabhängigen Laientum zurnTrotz - zu einer Art von
nem Sarg, manchmal einfach nur im Leichentuch (ir.r einer serpillidra Mönchen macht, ähnlich den Mitgliedern eines Dritten Ordens. Deshalb
[Sackleinwand]), und Beleiten ihn mit vorangetraBenem Kreuz und unter ist ihnen, in und außerhalb der Kirche, eine offizielle Funktion zugebilligt
Aussprengung von Weihwasser ins Grab eines Beinhauses. worden.
Es liegt sicherlich daran, daß diese Bilder eine Beisetzung als Verk der unter dem Druck dieser neuen Andachtsformen - neu wenigstens für die
Barmherzigkeit, die eines Armen darstellen, dessen Leichnam nicht in der Mehrheit der Laien - hat sich die Topographie der Kirchen im 14' Jahrhun-
Kirche aufgebahrt wird: Die Grablegung wird in seinem Falle nicht mehr dert verändert, jenem entscheidenden'Wendepunkt, der in unseren Analy-
von all den kirchlichen Zeremonien verdeckt, die sie sonst umranken und sen srändiB wiederkehrt: Den Messen und Fürbittgottesdiensten ist da-
nahezu unkenntlich machen. Das Geleit- in der Form, wie es von den Mit- mals ein besonderer Raum zugewiesen worden. In den alten karolingischen
brüdern geleistet wird - {ällt mit der Beisetzung zusammen. Abteien v/aren zusärzliche Altäre an den Pfeilern aufgestellt (wie es auch
Irn Veltbild der Bruderschaften hat sich das Bild des Todes und der Bet- in Notre-Dame in Paris vor der großen Säuberung der Kanoniker des 18.
Praxis aber, ohne
tung ins Erdreich eine Bedeutung bewahrt, die es bei Klerikern und Mön- Jahrhunderts der Fall war). Möglicherweise hat sich diese
chen verloren hat - selbst wenn es sich nicht um eine Armenbeisetzung aus allgemein verbreitet zu sein, auf die Abteien, die Kathedralen und die Stifts-
Barrnherzigkeit handelte. Ein Bruderschaftsretabel vom Anfang des 16. kirchen Leschränkt.
Jahrhunderts, das inr Rijksmuseum von Amsterdam aufbewahrt wird, Vom 14. Jahrhundert an mußte allen Kaplänen und Hilfspriestern' die
zeigt, im Hof eines Friedhofs, ein gemauertes Grabgewölbe, wie es für jene ihren Gläubigern hohe ,Summen.. an Messen, Laudes, Vigilien, Fürbitten
Zeit eine Ausnahme ist, und den Totengräber, der mit einer Vinde die wd Liberas schuldeten, Platz eingeräumt werden. Zu diesem Zweck wur-
Grabplatte anhebt. Dieses archaische Bild des Todes, an dem die Bruder- den eigene Kapellen erbaut, und zwar entweder von Familien, wie bereits
scha{ten festhalten, macht deutlich, wie sehr sie der Tradition der Ver- angemerkt, oder von Bruderschaften, die die Seitenwände des Schiffs mit
sarnmlung des Geleits um das Grab verhaftet bleiben. Beschlag belegten. Es gab fortan kaum noch Kirchen ohne Seitenkapellen,
Liegt das daran, daß sich die Bruderschalten aus Laien z-usammensetzen, die sehr häufig auch zu Beisetzungszwecken benutzt wurden - als Grab-
die hinsichtlich der allgemeinen Tendenz zur Klerikalisierung des Todes ein stellen von Familien oder Gemeinscha{tsgrdbern von Bruderschaften.

240 24t
Garantien fürs Diesseirs und fürs Jenseits. AIs das Testament im Alltagsbrauchtum de s 12. Jahrhunderts wieder auf-
Die Funktion des Testaments. taucht, ist es nicht mehr das, was es in der römischen Antike war und was
Die Umverteilung der Vermögen es gegen Ende des 18. Jahrhunderts wieder werden sollte: ein Akt des Pri-
vatrechts, ausschließlich dazu bestimmt, den Erbgang der hinterlassenen
Der Leser, der unserer Geschichte der Bestattungsbräuche vom 12. bz*'. Güter zu regeln. In erster Linie war es nämlich ein religiöser Akt, den die
13. Jahrhundert an gefolgt ist, hat sich schwerlich des Eindrucks des ddjä Kirche selbst den völlig Mittellosen abforderte. \Wie das Weihwasser als Sa-
uz, der \üiederholung von etwas längst Gehörtem entziehen können. Alles krament aufgefaßt, wurde es von der Kirche als verbindlicher Brauch
verläuft in derTat so, als ob die srädtischen Menschenmassen des 13. und durchgesetzt und bei Strafe der Exkommunikation obligatorisch gemacht:
'Wer
14. Jahrhunderts in einem Abstand von mehreren Jahrhunderten die Prak- ohne Hinterlassung eines Testamentes starb, konnte im Prinzip weder
tiken und Vorstellungen der karolineischen Mönche einfach wiederhoIten in der Kirche noch auf dem Friedhof beigesetzt werden. Die Niederschrift
- Fürbittgebete, die sich zu immerwährenden Stiftungen weiterentwickeln, und Aufbewahrung des Testamentes oblag ebenso dem Pfarrer wie dem
Serien von ,Messen im Kleinen" (M. Vovelle), vielleicht sogar prozessions- Notar. Venn der Notar schließlich auch im 16. Jahrhundert alle Testa-
artige Trauerkondukte, Gebetsverbrüderungen mit Pries;ern, Totenrollen mentsangelegenheiten für sich allein reklamieren kann, so fallen sie für
und Seelenmessenregister, die wie Vorbilder oder Vorwegnahmen der lange Zeit doch in den Zuständigkeitsbereich der Kirche.
späteren Bruderschaf ten wirken. Der Gläubige bekennt gegen Ende seines Lebens also seinen Glauben,
Eine bestimmte Auffassung des Todes, die sich von der der alten Kirche gesteht seine Sünden ein und sühnt sie durch einen öffentlichen, ad pias
unterschied, reifte und entwickelte sich bei den Mönchen der karolingi- causas schri[tlich niedergelegten Akt. Die Kirche ihrerseits kontrolliert,
schen Epoche. Sie brachte ein gelehrtes religiöses Denken zum Ausdruck, durch das Testament verpflichtet, das Versöhnungswerk des Sünders und
das des Heiligen Augustinus, das des Heiligen Gregor des Großen. Sie griff erhebt auf seine Hinterlassenschaft einen Zehnten, der zugleich ihr mate-
allerdings nicht unverzüglich auf die \(elt der Laien über, die der Ritter und rielles Vermögen und ihren geistlichen Schatz mehrt.
Bauern. Die blieben ihrer unvordenklich alten, traditionellen heidnisch- Deshalb besteht das Testament, wenigstens bis zur Mitte des 18. Jahr-
christlichen Einstellung treu. Vom 12.b2w.13. Jahrhundert an aber - und hunderts, aus zwei gleichermaßen wichtigen Abschnitten, den causae piae
zweifellos unter dem Einfluß der Bettelmönche, namentlich in den neuen einerseits, den Verlautbarungen zur Aufteilung der Erbschaft andererseits.
Städten - ließ sich die Menge der [.aien ihrerseits von den aus den alten Ab- Die causae piae folgen einander in unveränderlicher Reihenfolge, und diese
teien stammenden Impulsen gefangennehmen, von Vorstellungen wie den ihre Reihenfoige ist noch die gleiche wie die der Gebärden und Formeln
Fürbittgebeten, dem Schatz der Kirche, der Gemeinschaft der Heiligen und Rolands in seiner Todesstunde, so als ob das Testamenc - oder sein f rommer
der Macht geistlicher F'ürsprecher. Teil -, bevor es schriftlich niedergelegt wurde, mündlich weitergegeben
\(enn sich die Menge der Laien aber damals diesen Vorstellungen öff- worden wäre: ,Bei sich bedenkend [die beiden Testatare: ein Pariser Bäcker
nete, so nur deshalb, weil sie jetzt dafür aufnahmebereit war: Früher waren und seine Frau im Jahre 1560], daß die Tage aller menschlichen Geschöpfe
die Mentalitätsunterschiede zwischen ihr und den Klostergemeinschaften gezählt sind, und sie davon müssen, ohne zu wissen, wann und wie, ohne
als Inseln der Schriftkultur und Vorläufern der Moderne allzu groß gewe- aus diesem Leben in das andere hinübergehen zu wollen ohne Testament,
sen. Umgekehrt hatten die beiden Mentalitäten sich im städtischen Milieu aber bei klarem '\üissen und Verstand [die Notare hatten im allgemeinen
des 13. und 14. Jahrhunderts einander angenähert. Eines der Bindeglieder eine banalere Formulierung zur Hand: "Bedenkend, daß nichts gewisser ist
dieser Annäherung haben wir gerade untersucht: die Bruderscha{ten. Ein als der Tod, nichts ungewisser aber als die Stunde des Todes, und deshalb
anderes ist das Testament. Das Testament ermöglichte es jedem Gläubigen, in Erwägung des nahen Endes seines Lebens, ohne das Zeitliche ohne Te-
sogar jedenr Gläubigen ohne Familie und Bruderschaft im strengen Sinne, stament segnen zu wollen" - so ein Stadtparlamentspräsident im Jahre
in den Genuß der Vorteile zu kommen, die die auf wechselseitigem Aus- 1413], haben sie, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Gei-
tausch beruhenden Gebetsvereinigungen des Hochmittelalters ihren Mit- stes, ihr Testament auf die folgende Art und \üeise abgefaßt." (55)
gliedern boten. Es folgt dann zunächst das Glaubensbekenntnis, das das Confiteor pa-

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raphrasiert und den himmlischen Hofstaat beschwört, wie er sich im Zim- An dieser Stelle wurden die {rommen Legate eingefügt, die dem Testa-
mer zu Häupten des Sterbenden oder am Tage des Endes der Zeiten im ment vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert seine tiefe Bedeutung verlei-
lVeltenhimmel versammelt. hen.
"Zunächst empfehle ich meine Seele Gott, meinem Schöpfer, der sehr Erinnert sei an das, was im vorhergehenden Kapitel über die leiden-
holden und glorreichen Jungfrau Maria Muttergottes, dem Erzengel Mi- schaftliche Liebe zum Leben und zu den irdischen Dingen, wie sie der
chael, den Heiligen Peter und Paul und dem ganzen gebenedeiten Hofstaat Mensch des Hochmittelalters und der Renaissance empfand, und über den
des Paradieses.. (1394).
"Zunächst, als gute und au{richtige Katholiken [im Ein{luß dieser Liebe auf den Sterbenden gesagt wurde'
Jahre 1560, nach der Reformation also], haben sie empfohlen und empfeh- Der Sterbende sah sich Bedrängnissen ausgesetzt, die für uns Heutige nur
len sie ihre Seelen, wenn sie den fleischlichen Leib verlassen, Gotr unserm schwer nachvollziehbar sind und die ihm das Testament hinter sich zu las-
Herrn und dem Erlöser Jesus Christus, der gebenedeiten Jungfrau Maria, sen ermöglichte. Diese Bedrängnisse rühren von der gleich he{tigen An-
dem Engel und Erzengel Michael, den Heiligen Peter und Paul, dem Evan- klammerung ans Diesseits wie ans Jenseits her. Die modernen Kommenta-
gelisten Johannes [der Heilige Johannes als Fürsprecher beim Jüngsten Ge- toren, die in dieser Hinsicht der traditionellen christlichen Predigt folgen,
richt war der Eoangelisr - es bahnt sich ein übergang zum Täufer im end- neigen dazu, diese beiden für sie unversöhnlichen Gefühle einander entge-
gültigen und heute au{gegebenen Text des Cont'iteor an], dem Heiligen genzusetzen. In der bloßen Alltagswirklichkeit koexistierten sie iedoch und
Nikolaus, der Heiligen Maria Magdalena und dem ganzen himmlischen schienen sich sogar gegenseitig zu bestätigen. In unseren Tagen müssen wir
Hofstaat des Paradieses." feststellen, daß sie sich gegenseitig abschwächen.
Es folgen die Viedergutmachung der unrechtmäßigen Handlungen und Der Sterbende des Mittelalters hatte die folgende Alternative vor AuBen:
die Vergebung anderer Schuldiger: "Item, er will und verlangt, daß von sei- entweder nicht auf den Genuß der temporalia - Menschen und Dinge - zu
nem Testamentsvollstrecker seine Schulden bezahlt und seine unrechtmä- verzichten und Schaden an seiner Seele zu nehmen, wie die Männer der Kir-
ßigen Handlungen, wenn es welche gibt, vergolten und wettgemacht wer- che und die gesamte christliche Tradition ihm einredeten, oder sich ihrer
den." Der \üinzer aus Montreuil benutzt im Jahre 1628 das zu entäußern und das ewige Heil zu retten: temporalia aut aeterna?
zusammengeschriebene \lort tortsfaits (begangenes Unrecht), wie es auch Das Testament §/ar also das religiöse und gleichsam sakramentale Mittel,
Jean R6gnier zur Mitte des 15. Jahrhunderts tut: sich die aeterna zu erwirken, ohne gänzlich auI die temporalia verzichten
zu müssen, die Reichtümer mit dem persönlichen Heilswerk zu verbinden.
Je aeuil que mes debtes se palent Das Testament ist gewissermaßen ein zwischen dem sterblichen Indivi-
Premiirement et mes tortst'aiz. duum und Gott durch Vermittlung der Kirche geschlossener Versiche-
rungsvertrag: ein Vertrag mit doppelter Zweckbestimmung; einerseits
"Ich vergebe von ganzem Herzen allen, die mir irgendeine Unbill oder ,Passierschein {ür den Himmel" - nach einer Formulierung von J' Le Goff
ein Argernis zugefügt haben, und bitte Gott, ihnen diese Fehler zu verzei-
(56); in dieser Hinsicht garantierte es den Bund mit der Ewigkeit, wenn
hen, wie ich auch die bitte, die von mir irgendwelche Verstöße, Übergriffe
auch die Prämien dafür mit zeitlich-weltlichem Geld bezahlt wurden, den
oder Schäden zu erdulden hatten, mir um der Liebe Gottes willen zu verge-
frommen Legaten.
ben." (55) Das Testament ist aber auch ,Passierschein auf Erden", und in dieser
Daran schließt sich die lVahl der Grabstelle, für die wir bereits mehrere
Hinsicht legitimiert und ermächtigt es zum - sonst verdächtigen - Genuß
Beispiele zitiert haben. Endlich dann die Anordnungen und Wünsche zum
der im Laufe des Lebens erworbenen Güter, der temporalia. Die Prämien
Geleit, zur Fackel- und Kerzenbeleuchtung und zur Gottesdienstordnung,
für diese Garantie werden diesmal in geistlicher lVährung entrichtet, in
mildtätige Stiftungen, Almosenverteilungen und die Verfügungen hin-
Messen und mildtätigen Stiftungen als spirituellem Gegenstück zu den
sichtlich der Grabschrift oder des Bildnisses.
frommen Legaten.
Je aeuil... Ich will, daß zunächst meine Schulden beglichen werden und meine unrechtmä-
So gewährte das Testament einerseits eine Option au[ die aeterna ; ande-
ßigen Handlungen. rerseits rehabilitierte es dre temporalia.

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Die erste Bedeutung ist die bekanntere. Die Historiker haben auf den dert. Der Adelige ,läßt seine Erben durch seine frommen und mildtätigen
Umfang der Güterübertragung während des Mittelalters und lange nachher Stiftungen verarmen: Legate zugunsten cler Armen, der Hospitäler, der
hingewiesen. Kirche und der religiösen orden, Messen fur die Ruhe seiner Seele, die nach
In den ältesten Fällen wurden die Erbgänge vor dem Tode abgewickelt, Hunderten und Tausenden zählen." J. Heers sieht in solchen Verhaltens-
so, wenn Grafen und re iche Kaufleute sich aller ihrer Reichtümer entäußer- weisen weniger einen globalen Vesenszug der Mentalität als ein klassen-
ten, um sich ins Kloster zurückzuziehen und dort zu sterben - das Kloster spezifisches Merkmal: ,Die \ü(eigerung, sparsam zu wirtschaften und die
war im allgemeinen der Hauptnutznießer dieser Einkehr. Für lange Zeit er- Zukun{t des eigenen Hab und Guts ins Auge zu fassen, ist ein Zeichen der
hält sich der Brauch, vor dem Tode die Kutte des Mönchs zu nehmen, wie Mentalität einer Klasse, die sich in dieser Geschäftswelt verspätet aus-
auch die Mitgliedschaft in einem Dritten Orden dazu berechtigte, die den nimmt.. Aber fanden sich die gleichen Gewohnheiten nicht auch au{ seiten
neu Hinzukommenden die Gebete der Mönche und eine Grabstelle in der der reichen Kaufleute ? Ein häuf ig zitierter Text von sapori über die Bardi,
Kirche des Konvents sicherte. eine Florentiner Kaufmannsf amilie, unterstreicht ,den Kontrast zwischen
Vollständige Entsagung und vorzeitiger Rückzug ins Kloster, im 12. und dem Alltagsleben dieser draufgängerischen und beharrlichen Menschen, die
I 3. Jahrhundert noch ziemlich häufig, werden vom 1 5. an seltener: In einer .,ng.heu.. vermögen zusammenrafften, und der Angst vor ewiger strafe,
bereits urbanisierteren und seßhafteren §üelt war der Greis (von 50 Jahren !) in Jer sie lebten, weil sie eben diese Reichtümer mit zweifelhaften Mitteln
der Versuchung ausgesetzt, sich seine ökonomische Aktivität zu bewahren an sich gebracht hatren.. Im Jahre 13OO vermacht ein Kaufmann in Metz
und die Verwaltung seiner Reichtümer nicht aus der Hand zu geben. Aber .ien Kirchen mehr als die Hälfte seines Kapitals. J. Lestoquoy ist im 13. und
die Erbgänge po st mortem , dnrch Testament abgewickelt, blieben zahlreich 14. Jahrhundert bei Handelsherren und Bankiers aus Arras und Flandern
und durchaus bemerkenswert. Auf jeden Fall geht lediglich ein Teil des auf dieselbe Freigebigkeit gestoßen. (5s) Muß in einer solchen umvertei-
Nachlasses auf die Erben über; der andere wurde von der Kirche und von lung der Einkünfte aber nicht ein in entwickelten vorindustriellen Gesell-
frommen Stiftungen erhoben. "'Wenn man sich", schreibt J. Le Goff, "nicht ,chrft.n sehr verbreiteter Brauch gesehen werden - Gesellschaften, in de-
ständig die zwanghafte Besessenheit von der Sorge ums Seelenheil und der nen Reichtum rhesauriert wird ? Dieses Problem ist in aller Deutlichkeit von
Angst vor ewiger Verdammnis vor Augen hält, von der die Menschen des p. veyne (5g) gesehen worden: ,Die vorindustriellen Gesellschaften sind
Mittelalters umgetrieben wurden, wird sich auch kein Verständnis für ihre durctL für uns unvorsrellbare Sprünge und Brüche in der Stufenleiter der
Mentalität einstellen, und man bleibt ratlos angesichts dieses Verzichts auf individuellen Einkün{te und durch das Fehlen von Investitionsmöglichkei-
die geballte Anstrengung eines habsüchtigen Lebens, Verzicht auf Macht, ten charakterisiert, wenn man von einigen beruflichen spezialisten und zu
Verzicht auf Reichtum, der auf eine außergewöhnliche Mobilität der Ver- fedem Risiko Entschlossenen absieht. Bis ins
vorige Jahrhundert bestand
mögen hinausläuft und, sei es auch in extremis, unter Beweis stellt, daß die das veltkapital im wesentlichen aus bewirtschafteten Ländereien und
\webstühle - spielten
am entschiedensten nach irdischen Gütern gierenden Persönlichkeiten Häusern;die Produkrionsmittel - Pflüge, schiffe oder
letztlich immer der ri(elt entsagen [aber, möchte ich hier einf lechten, m ußte in diesem Invenrar nur eine begrenzte Rolle. Erst seit der industriellen
man, um ihr entsagen zu können, sie nicht zuvor bis zum ttrü ahnsinn geliebt Revolution kann der jährliche Mehrwert wieder ins produktive Kapital
haben - so wie heute der Rückzug aus der Konsumgesellschaft zunächst investiert werden, in Maschinen, Eisenbahnen usw.. ' Früher ging dieser
in den Kreisen derer vorkommt, die sie bevorzugt behandelt hat, und um- Mehrwert, selbst in ziemlich primitiven Gesellschaften, gewöhnlich in öf-
gekehrt zum Argernis nur für die wird, die sich von ihr noch Vorteile er- fentliche oder religiöse Bauvorhaben sin', und - wie ich hinzufügen
hoffen?], und dieser'§(/esenszug, der der Akkumulation der Vermögen ent- möchte - in gehortete schätze und in sammlungen von Goldschmuck und
gegenarbeitet, trägt dazu bei, den Menschen des Mittelalters vorerst Kunstwerken, Sammlungen von schönen Objekten {ür die weniger Rei-
Aufschub vor den materiellen und psycho.logischen Bedingungen des Ka- chen, Schätze von \iv'issenschaft und schöner Literatur schließlich für die
pitalismus zu gewähren.n (56) Männer der Kirche und des Richterstandes. "was die Reichen ehemals von
J. Heers (57) seinerseits sieht im ungeheuerlichen Ausmaß der Stiftungen ihren Einkünlten nicht verzehrten, horteten sie. Aber ieder gehortete
einen der Gründe für den ökonomischen Ruin des Adels im 14. Jahrhun- Schatz mußte eines Tages ,dethesauriert' werden; war dieser Tag gekom-

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men, zögerte man v/eniBer als wir heute, ihn zum Bau eines Tempels, einer Max'§ü'eber hat dem Kapitalisten, der keinen unmittelbaren Genuß aus
Kirche oder für fromme oder mildtätige Stiftungen zu verwenden, denn das seinem Reichtum zieht, aber Profit und Kapitalakkumulation als Zweck an
waren keine verpaßten Gewinnchancen. Wohltäter und fromme oder mild- sich auffaßt, den präkapitalistischen Menschen gegenübergestellt, dem be-
tätige Stifter haben vor der industriellen Revolution einen sehr verbreiteren reits der bloße Umstan d, d.al| er Besitz hat, Ilef riedigung verschafft' Aber
Typus des homo oeconomiczs dargestellt, von dem sich nur noch wenige er mißversteht die Beziehung, die in beiden Fällen zwischen Reichtum und
Vertreter erhalten haben, die Brößten ihrer Art, Emire von Kuweit oder Tod besteht, wenn er schreibt: 'Daß jemand zum Zweck seiner Lebensar-
amerikanische Milliardäre, die Krankenhäuser oder Museen für moderne beit ausschließlich den Gedanken machen könne, dereinst mit hohem ma-
Kunst stiften." teriellen Gewicht an Geld und Gut belastet ins Grab zu sinken, scheint ihm
perverser Triebe: der
Paul Veyne räumt ein, daß "die antike Stadt sich [auf der Grundlage die- Idem präkapitalistischen Menschen] nur als Produkt
ses §(ohltätertums] fünf Jahrhunderte lang erhalten hat". Eine ebenso ,auri sacra fames., erklärlich." 1e t1
grundlegende Funktion muß im Mittelalter der Umverteilung eines Teiles Tatsächlich ist das genaue Gegenteil richtig: Gerade der präkapitalisti-
der akkumulierten Vermögen durch testamentarische Schenkungen zuer- sche Mensch will ,mit Geld und Gut belastet ins Grab sinken" und seinen
kannt werden, die, wenn auch bescheidener und in angemessenerem Ver- schatz in aeternum behalten, weil er danach giert und sich ohne gewaltsame
hältnis zum betreffenden Gesamtnachlaß, auch im 16. und I 7. Jahrhundert Bekehrung nicht davon lösen kann. Zwar nahm er den Tod hin; aber er
noch fließen. J. Lestoquoy hat im 16. Jahrhundert in Arras einen Nieder- konnte sich nicht entschließen, 'den §V'einberg, Haus und Garten' zu las-
gang der Großzügigkeit und, umgekehrt, im 17. eine Rückkehr zur Gene- sen.
rosität des Mittelalters dingfest gemacht. Erst seit der Mitte des 18. Jahr- Umgekehrt gibt dem Pöre Grandet, der noch die traditionelle atta-
es seit
hunderts läßt sich, Michel Vovelle zufolge, ein rapides Sinken der Legate ritia bizeugt,wenig Beispiele dafür, daß ein Geschäftsmann des 19' oder
ad pias causas beobachten. Im 17. und noch im 18. Jahrhundert beruhte in 20. Iahrhunderts im Augenblick des Todes eine derart zähe Anhänglichkeit
den katholischen und protestantischen Ländern jede Art von öffentlicher seinen Unternehmungen, seinem'§üertpapiervermögen, seinem Rennstall,
Sozialfürsorge auf {rommen Stiftungen: Die Regenten und Regentinnen der seinen villen oder Yachten gegenüber an den Tag gelegt hätte! Die zeitge-
'§flert, nicht
holländischen Hospitäler haben es vollauf verdient, daß ihre Porträts der nössische vorsrellung von Reichtum räumt dem Tod nicht den
Nachwelt erhalten geblieben s.ind. (60) die Bedeutung ein, die ihm im Mittelalter und bis zum 18. Jahrhundert vor-
behalten war; zweifellos deshalb, weil sie weniger hedonistisch und {leisch-
lich, sondern eher metaphysisch und moralisch ist.
Reichtum und Tod: Die Nutznießung Für den Menschen des Mittelalters war die a,udritia eine zerstörerische
Leidenschaft, weil sie ihn als christen der ewigen Verdammnis auslieferte,
Es gibt dennoch einen sehr bedeutsamen Unterschied zwischen der antiken aber auch deshalb, weil die Vorstellung, im Augenblick des Todes seine
und der mittelalterlichen und modernen \üohltätigkeit mittels Stiftun- Reichtümer einzubüßen, ihm geradezu Qualen bereitete. Deshalb hat er
gen. lVenn auch jeder gehortete Schatz eines Tages den Rettungsring ergriffen, den die Kirche ihm hinhielt; die Gelegenheit
"dethesaurierto werden
muß, so ist der Zeitpunkt dieser ,DethesaurierunS« d6sh nicht gleichgültig. des Todes wurde also genutz-r, um mittels des Testamentes die ökono-
In der Antike bestimmten ihn Zufälle des Lebenslaufes des Spenders. Seit mische Funktion zu erfüllen, die in anderen Gesellschaften von Stiftungen
dem Hochmittelalter und in der gesamten Neuzeit fällt er mit dem Zeit- oder kirchlichen Pfründen ausgeübr wurde. Im Austausch für seine Legate
punkt des Todes oder mit dem Gefühl zusammen, daß dieser Zeitpunkt erhielt er die Sicherheit der aeterna, und zugleich wurden - das ist der
nahe ist. Es hat sich eine in der Antike wie in den Industriegesellschaften zweite wichtige Aspekt des Testamentes - die temporalia rehabilitiert und
unbekannte Beziehung zwischen der Einstellung zum Reichtum und der die aaaritia rückwirkend gerechtfertigt. (62)
zum Tode entwickelt. Diese Beziehung ist ohne Zweifel eine der Hauptei- A. Vauchez ist, unabhängig von mir, zn Banz ähnlichen Ergebnissen ge-
gentümlichkeiten dieser Gesellschaft, die sich vom Hochmittelalter bis zum langt: ,Der Reiche, d. h. der Mächtige, ist besonders gut imstande' sich sein
ersten Drittel des lZ. Jahrhunderts kaum verändert. Seeienheil zu sichern.. Er kann andere Menschen an seiner Stelle für sich

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fasten oder \(allfahrten unternehmen lassen. Er profitiert von einer "Straf- von Messen und Gebeten verwandelten? Sic verurteilten sie, es sei denn im
Falle von lviedergurmachung und umverteilung. ubrigens waren auch
milderung", die dem Armen unzugänglich bleibt. Er kann "durch Schen- sie,

kungen, fromme Stiltungen und Almosen unaufhörlich neue Verdienste im innersten Kern des contemPtus mundi,der t-iebe zu den Dingen verfal-
vor dem Angesicht Gottes erwerben. Der Reichtum scheint, ohne im ent- len, und die religiöse Kunst des Hochmittelalters - die der verkündigun-
ferntesten Fluch zu sein, sogar eher einen privilegierten Zugang zur Heilig- gen, der Heims.r.hrrnge.r, d.r Geburten der Jungf rau, der Pietäs und Kreu-
keit zu eröffnen [...]. Das in den Klöstern vorherrschende asketische Ideal Iigrrng.r, - hat sich an dieser Liebe, im Verein mit der zu Gott, ger^dezt)
steigert die Fähigkeit zur Entsagung - dem sichtbaren Zeichen der Einkehr. berauscht.
Aber wer kann entsagen, der nicht zuvor besessen hätte ? Der Arme verf ügt Man hüte sich jedoch vor der Annahme, daß die letztendliche Bestim-
nur über eine einzige Heilsquelle: das Gebet für seinen §(ohltäter." ,Diese mung dieser Reichtümer - Kirchen, Hospitäler - die einzige Rechtfertigung
Spiritualität sieht für den freizügigen Reichen nicht nur eine Belohnung in der irdischen Güter war, wie es voltairianische Böswilligkeit annehmen
der anderen Welt vor. Sie garantiert sie ibm scbon hieniedez fHervorhe- würde. In der Literatur der Testamente rauchr eine Formel auf, die unter
bung v. Ph. A.]. Viele toskanische VerfügunBen zugunsren von Klöstern bestimmtcn Bedingungen Skrupel milderte und eine bestimmte Verwen-
beginnen mit den folgenden Formeln: 'Ver den Heiligen Stätten spendet dung des Reichtums legitimierte.
[...], wird in diesem Leben hundertfachen Lohn erhalten., Deshalb ist den Si-e ist bereits in den Testamenten des 14. Jahrhunderts greifbar: "Die
Kreuzfahrern Sieg und Beute sicher, Zetchen dafür, daß sie auserwähltes Güter, die Gott, mein Schöpfer, mir zugezaendet und aerliehen hat' will
\üfleise
Rüstzeug Gottes sind. ,Kommt also herbei, beeilt euch, den doryelten Lohn ich in Form eines Testamentes oder letzten w'illens auf die folgende
\i(illen, das Mei-
IHervorh. v. Ph. A.] zu empfangen, der euch zusteht, die Erde der Leben- übereignen und verteilen. (1314). "In dem §(unsch und
den und die, wo Milch und Honig fließen [gemeinsamer Brief der abend- nig. ,rid meine Güter auszuteilen' die Herr Jesus Christus m* gescbenht
ländischen Bischöfe über die Kreuzzüge]." hr"t, ,r.r- Nutzen und Heil meiner Seeleo ( 1399). ' Mit der Absicht, zur Ehre
Zu Beginn des 14. Jahrhunderts bringt einer der reichsten Bürger von und Huldigung Gottes die Güter und Dinge auszuteilen, die ihm in dieser
'§(elt von ,.inä Initag.sinnten Retter Jesus Christus oerliehen wurden"
Arras, Baude Crespin, seine letzten Tage in der Abtei Saint-Vaast zu, deren
Vohltäter er ist. Sein im Nekrolog wiedergegebenes Epitaph sagt, daß er, (1401). ,Um Vorsorge]ür das Heil und die Ruhe seiner Seele zu treffen und
wenn auch Mönch, doch kein Mönch wie andere war: ,Nie wird man Ahn- ,rn1 dff Seinige und seine Güter zur verfügung zu stellen und zu
verteilen,
liches sehen." Seine Demut war in der Tat um so verdienstvofler und be- mit denen Gott ihn versehen und ausgestattet hat" (1413 [65])'
wunderungswürdiger, als er früher reich und mächtig gevr'esen s/ar: »Von Die Formel taucht, unverändert, in den Testamenten des 17. Jahrhun-
ihm wurden mit großen Ehren mehr Menschen unterhahen als von hundert derts wieder auf, jetzt aber mit der neuen und bedeutsamen vorstellung
anderen." (63) verknüpft, daß diese freiwillige Erbver{ügung für das Sute Einvernehmen
In der Abtei von Longpont stand auf einer bei Gaigniöres reproduzierten ,nt., d"r, Hinterbliebenen zwingend erforderlich ist: ,Da ich nicht gehen
Grabplatte aus dem 1 3. Jahrhundert folgende Inschrift zu lesen: "Auf wun- und aus dieser §flelt scheiden will, ohne meine Angelegenheiten geordnet
dersame Weise verließ er Kinder und Freunde, gab seine Giter fdie amnia und meine Güter zur Verf ügung gestellt zu haben, die es dem Großen Gott
temporalia der artes moriendi) auf, um Gott zu dienen, harrte an dieser gefallen hat, mir zu verleihen" (1612). "Um Vorsorge [" '] für die Verfü-
es Gott gefallen, hat' ihm in
Stätte als Mönch in der Frömmigkeit des Ordens aus und vertraute ehrer- [u.,g tber alle zeitlichen Güter zu treffen, die
bietig und freudig Gott seine §ssls xn.. (64) äi.rlr r.rgänglichen und sterblichen §ü'elt zu verleihen" (1648)' "In dem
'§(/'unsch, zugunsten seiner Kinder die Güter zu verteilen, die es Gott gefal-
Felix aoaritia ! Glücklich, weil die Größe der Verfehlung das Ausmaß der
\üiedergutmachung bestimmte, weil sie die Quelle derart beispielhafter Be- len hat, ihm zu verleihen, und um durch dieses Mittel Frieden, Freundschaft
kehrungen und wohltätiger Übereignungen war. §üie konnten die Männer und Eintracht unter seinen Kindern zu erhalteno (1652 [65]): Frieden,
der Kirche da die Ideen, die sie sich in den Kopi gesetzt hatten, radikal ver- Freundscha{t und Eintracht, die offenbar wenig Aussicht hatten, anders als
treten und in letzter Instanz Dinge verurteilen, die schließlich doch ihren auf diese Veise gewahrt zu bleiben!
Scheuern und Kellern zugute kamen und sich in einen geistlichen Schatz

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rI ich'r che Autor gibt sich damit zufrieden, dem Sterbenden zu empfehlen, sein
'"' "::I;::,*,[;l';'*sp persönliches Heil nicht dadurch zu gefährden, daß er seine Angehörigen
zu sehr bedenkt: ,Hütet euch schließlich davor, daß ihr, wenn ihr zu sehr
So ist also die Verfügung über seine Güter - und nicht nur die Verfügung für andere sorgt [d. h. wenn ihr euch bemüht, eure Güter gleichmäßig unter
-
ad pias cdusas, sondern die Aufteilung unter den Erben zur Gewissens- euren Erben zu verteilen], euch selbst in eurem Testament nicht vergeßt i

pflicht geworden. Im 18. Jahrhundert gewinnt diese moralische Verpflich- [d. h. euerSeelenheil, dadurch, daß ihr eure Sünden sühnt, und zwar durch
liüerke"
tung sogar die Oberhand über die Almosenverteilung und die frommen Almosen], indem ihr der Armen gedenkt und anderer frommer -
Stiftungen, die im Begriff sind, ungewöhnlich zu werden, oder doch wenig- und das alles ohne Überschwang, vernünftig, d. h. "im Einklang mit euren iI

stens nicht mehr das Hauptziel des Testaments ausmachen. Diese Verschie- Möglichkeiten". Uberdies müssen versteckte Prestige- und Reputationsab-
bung ist bedeutsam und muß festgehalten werden. sichten im Testament gemieden werden, weil sie der christlichen Demut
Ein frommer Autor schreibt im Jahre 1736 (66) im ersten Kapitel eines fremd und geeignet sind, die leqitimen Rechte der Familie zu schmälern.
Buches mit dem Untertitel M ötbode cbrötienne pour f inir saintement sa aie Und nicht jedem beliebigen irgend etwas vermaclr.n; "Es müssen immer
(Christliche'§V'eise, sein Leben gottgefällig zu beschließer,), also einer Art die Gebote der Gerechtigkeit gewahrt werden, ohne auf die Stimme von
arsmoriendi des 18. Jahrhunderts: ,!(as tut ein Kranker, der den Tod her- Fleisch und Blut [keine Bevorzugung eines Günstlings!] zu hören noch es
annahen fühlt? Er läßt einen Beichtvater und einen Notar holen." Beide an menschlicher Achtung fehlen zu lassen [keine Stiftung aus Ehrgeiz und
sind gleich wichtig - und eben das ist ganz außergewöhnlich für ein Hand- Ruhmsucht!]."
buch des heilsamen Sterbens, das Entsagung und Verachtung der \(ielt Das Hauptziel des Testamentes als eines religiösen Aktes hat sich von der
lehrt. Der Autor fährtfort: "Einen Beichtvater, um seine Gewissensangele- früheren selbstlosen Opferbereitschaft in Richtung einer straffen Herr-
genheiten zu ordnen, einen Notar, um sein Testament zu machen.o Mit schaft über die Familie verschoben, und zugleich damit ist es zum Akt der
Hilfe dieser beiden Personen hat der Sterbende drei Dinge zu tun: erstens Vorsorge und der Umsicht geworden, den man in Voraussicht des Todes
seinen Glauben zu bekennen, zweitens das Abendmahl zu nehmen. auf sich nimmt, des möglichen Todes, nicht des wirklichen (non in articulo
"Das
dritte, was ein Sterbender tun muß, um sich auf sein Erscheinen bei Gottes mortis [67)).
Jüngstem Gericht vorzubereiten, ist, seine weltlichen Belange so genau wie Diese Verpflichtung beschränkt sich nicht auf die Reichen. Auch ein-
möglich zu ordnen, zu prüfen, ob alles in gutem Zustand ist, und über seine fache Leute, ja sogar die Armen haben die P{licht, den wenigen Besitz, über
Güter zu verfügen.n Es sei darauf hingewiesen, daß es sich hier nicht um den sie verfügen, ordentlich zu übereignen, so etwa im Jahre 1'649 etne
eine menschliche Vorsichtsmaßnahme, um einen Akt der Umsicht und der ,Hausmagd, die nicht überrascht werden will [vom Tode], ohne ihre klei-
weltlichen Klugheit handelt wie heute beim Abschluß einer l-ebensversi- nen Angelegenheiten [ihr Bett, ihre Kleider] gebührend geordnet zu ha-
cherung, sondern um einen religiösez , wenn auch nicht sakramentalen Akt, ben." (68)
von dessen Vollzug auch das Seelenheil abhängt. Es ist sogar eine Vorberei- Man verfällt durchaus nicht darauf, die Dinge und Güter für nichts zu
tungsübung auf den Tod, in einer Epoche, in der die neue Seelsorge der Ge- achten, sich nicht um sie zu kümmern. In den Testamenten lassen sich Spu-
genreformation darauf hinarbeitet, daß der Mensch nicht seine Todes- ren derselben ambivalenten Liebe zum Leben wiederfinden, die bei den
stunde abwartet, um sich zur Einkehr bereit zu finden, sondern sich Kranken der artes moriendi oder den makabren Themen dingfest zu ma-
lebenslang auf den Tod vorbereitet. "\Wer sich dem Tode gewachsen fühlen chen war. Liebe zum Leben, Eigenliebe.
will, muß sich beizeiten und bei bester Gesundheit bereithalten. Obwohl Religiöser, nahezu sakramentaler Akt - konnte das Testament gleich-
das einer der wichtigsten Gesichtspunkte der Vorbereitung auf den Tod ist, zeitig auch persönlicher Akt sein? Mußte es sich nicht der fixierten starrheit
wird er im allgemeinen doch meist vernachlässigt." der Liturgie angleichen und sich der Konvention des Genres beugen? Mi-
Zur Mitte dieses 18. Jahrhunderts hören Almosen und Stiftungen von chel Vovelle stellt, in Hinsicht auf das 12. und 13. Jahrhundert, die Frage,
Messen auf, Hauptzweck des Testaments zu sein. Man hält zwar noch an ob ,die notarielle Formel zum massiven Stereotyp geronnen« oder "sensi-
ihnen fest, aber nicht mehr mit der früheren Ausschließlichkeit. Der geistli- bles Anzeichen der geistigen Veränderungen sowohl des Notars als auch

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seiner Klienten" geblieben sei. (69) Nach einer Stichprobenuntersuchung des Menschen im Angesicht seines Todes und des Bildes seines Lebens, das
vertritt er die Auffassung, daß persönliche Herzensergießungen sicher sehr ihm im Spiegel des Todes erschien: ein beunruhigendes Bild, zusammenge-
selten vorkommen, auch in den handgeschriebenen Testamenten, daß man s.trt und Sehnsüchten, alten Gef ühlen, Klagen und Hoff-
".]r^'W'ünschen
deshalb iedoch nicht von bloßen Stereotypien sprechen kann; er legt im nunBen.
Gegenteil eine ganze Flut von variierenden Textfassungen frei: "Es gibt na- v"ir begegnen in diesen Gedichten allen den Gliederungselementen, die
hezu ebenso viele stehende Formeln, wie es Notare gibt." Wenn das Testa- wir bereits am Beispiel der Testamente analysiert haben'
ment des 17. und 18. Jahrhunderts auch keine so intimen Konfessionen bie-
tet, wie unser gegenwärtiges Bedürfnis nach unzensierter, vertraulicher On dit que tout bon cbritien
Mitteilung sich wünschen mag, so schließt die Mannigfaltigkeit der formel- Quand a son tresPassement
haften \flendungen doch auch eine gewisse Freiheit ein. Diese beschränkte Si doit on disPoser du sien
Freiheit reichte immerhin weit genug, spontane Regungen der Sensibilität Et faire aucun testament'
zutage treten zu lassen, dem Panzer gesellschaftlicher Konventionen zum
Trotz. So auch im Falle der Hausbücher. Ohne authentisches Zeugnis zu So unrschreibt es Jean R6gnie r ('.1392-1468) in seiner Ge{ängniszelle. (70)
sein, das ihre Individualität bestätigte wie die ,Tagebücher" des 18. Jahr- Ebenso Villon, der in einer kaum weniger ersprießlichen Situation zur
hunderts, liefern sie doch eine Vielzahl kleiner Modelle, und jedes dieser traditionellen PräambeI greift:
kleinen Modelle stellt eine bezeichnende statistische Stichprobe dar.
Et Puis que ddPartir tne t'ault
Et du retour ne suis certain,

Das Testament als literarische Gattung $e ne suis bomme sans dest'ault i


Ne qu'autre d'assier ne d'estain
Viare aux hutnains est incertain
Dieser Modellcharakter erlaubt uns Historikern, die Testamente als auf-
Et aPrös mort n'Y a relaz
schlußreiche Dokumente der Mentalitäten und ihrer \üandlungen zur
Je rn'en vais en Pais loingtain)
Kenntnis zu nehmen. §ü'ir können sogar noch weiter gehen und das Vie-
Si establis ces Presens laiz'
derauftauchen des Testamentes und seine Entwicklung im Mittelalter als
kulturelles Phänomen ins Auge fassen. Das mittelalterliche Testament ist
Bei Jean R6gnier findet sich das Glaubensbekenntnis, die Anrufung der
nicht nur der zugleich freiwillige und von der Kirche auferlegte religiöse
Fürsprecher beim himmlischen Hofstaat und die Emp{ehlung der seele:
Akt gewesen, als den wir es bis jetzt analysiert haben. Im 14. und 15. Jahr-
hundert hat es seine bereits traditionellen Formen der poetischen Literatur En la foy de Dieu aueil mourir
geborgt und ist zur literarischen Gattung geworden, und die Dichter haben
Qui pour moi so{t'rit Passion...
es, trotz seines konventionellen Charakters, gewählt, um ihre Gefühle an- Sainctz et sdin.ctes t,ueil requörir
gesichts der Kürze des Lebens und der Gewißheit des Todes zum Ausdruck Tous et toutes ensemblement
zu bringen - wie die Romanciers des 18. Jahrhunderts den Brief : sie haben
sich für das spontanste aller Kommunikationsmittel ihrer Zeit entschieden,
Über das
das der persönlichen Herzensäußerung am nächsten stand. Die Autoren des On dit... Man sagt, daß ieder gute Christ,/ Zum Zeitpunkt seines Hinscheidens/
Mittelalters haben kein falsches Spiel getrieben, sie haben an der konventio- Seinige verfügen/ Und ein Testament machen muß'
ich ganz sicher
Et-puis qni döpartir'-. 'Da ich denn gehn muß, ohne daß/ Der Rückkehr
nellen Form des Testamentes festgehalten und den notariell-förmlichen Stil
binl - Ich bin ein Mensch nur (glaubt mir das)r Gleich andren' nicht von Erz noch Zinn'l
Unsi-
respektiert; aber die Zwänge der Gewohnheit haben sie nicht gehindert, fernen Ländern
cher geht das Leben hin,u Nichts nach dem Tod sich wechseln läilt -'l Strebr
diese Testamente zu den persönlichsten und direktesten Gedichten ihrer ,, -Jin Sinn;/ Drum setz ich diese Gaben f e st'" Le Petit Testamezl ' übertragen v V' Küchler'
Zehzrtmachen, zum ersten halb spontanen, halb erzwungenen Bekenntnis Heidelberg 1956, S. ll.

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Qa'il leur plaue de acqudrir
Je oeuil que mes debtes sc paynt
A mon äme son sauaement.
Premiirement et mes tortst'aiz. (R6gnier)
Themen, wie sie Villon auf seine Veise aufnimmt:
Jeder der beiden Autoren bezeichnet den Ort seiner Grabwahl:
Et cecy le commencement;
Au nom de Dieu, pire dternel, Aux Jacobins eslis la terre
Et du t'ils que Vierge parit, En laquelle oeuil estre mri. (R6gnier)
Dieu au Pire coöternel
Item mon corps j'ordonne et ldisse
Ensemble le sdint Esperit
A nostre grdnt mire la terre . (Villon)
Qui sauoa ce qu,Adam pdrit
Et du pery pare les cieux 1...)
Meine Seele Gott, meinen Leichnam der Erde - das ist eine klassische
Formel. Dem Brauch entsprechend fügt er hinzu:
Premier je donne ma ptuore äme
A la benoite Trinitö Item j'ordonne ä Sainte Avoye
Et la commande ä Notre Dame Et non ailleurs ma s€pillture.
Chambre de la diainit1
Priant toute la cbaritd Und schließlich regelt man das Geleit und trifft seine Verfügungen für
Des dignes neuf Ordres des cieux, die Totenmesse:
Que par eulx soit ce don porti
Deaant le Tröne pricieux. [Die Himmelfahrt der Seele] Item au noustier je aeuil estre
Portö par quatre laboureurs [...).
Es folgt der Ubergang zum Geständnis der eigenen Fehler, zur'§(ieder- Et quant est de mon luminaire
gutmachung begangenen Unrechts und zur Vergebung der Schmähungen le n'en vueil en rien deaiser
anderer: L'exöcuteur le pourra t'aire
Tel qu'il luy plaira adaiser
A tout le monde mercy crie ... Il me suffira d'une messe
Pour Dieu qu'il me soit pardonnö De Requiem baute chantöe;
Au ccpur me t'erait grande lyesse
Si estre pouoait deschantöe 1...1
Enlafo1... ImFriedenGottesq'illichsrerben,/Derummeinerwillenseinepassionerlirren
Et encore trop bien je aould.raTe
hat.../ Alle Heiligen und Seligen Nonnen will ich binen,/ Sie alle gemeinsam,/ Es möge ihnen
gefallen,z Meiner Seele die Rettung zu erwirken.
Et cecl le comnencemeilt . . .
"Nun heb ich an. [. . .] In des dreicinigen Gottes, unsres Vaters, A tout le monde . .. Alle Velt bitte ich um Verzeihung [. . .]/ Um Gones willen, damit mir ver-
Namen,/ im Namen Christi, seines Sohns, den Frau Marie gebar,/ die
Jungirau, daß er ewig wie geben werde,/ Vill ich, daß zunächst meine Schulden beglichen werden und meine unrechtmäßi-
Gott vater war',/ in seinem und des HeiJigen Geistes Namen. Amen./ Er rertete, was Adam einsr
,erkommen ließ,r e rhöhte Erdenstaub zur Zier ins hehre Himmelszelt." ,Zuvörderst geb ich gen Handlungen.
- ArxJacobins... BeidenJakobinernerwähleichmirdieErde,/lnderichbeigesetztseinwill.
Sünder meine arme seele/ der benedeiten göttlichen Drei{altigkeir./ Maria, Gones Mutrer, ich
(Rdgnier)
sie anbelehle,/ der gnadenreichen Lilie aller HeiJigkeir.r Dann bet ich zu den neungestufren En-
gelschören,/ daß sie des schächers herßes Flehn erhören,/ und seine Gabe tragen vor den Men- Itemmoncorps...,DesgleichenseimeinLeibimGrabebeigesetzt./IhnsolldieErde,unsere
große Mutter, haben.. (Villon, übertr. von \lfl. Vidmer)
schensohn/ und dann empor zu Gortes höchsrem Richterthron." Le Grant Testament. ilrertra-
I tem j'ordonne...
gen von V. lVidmer, München 1964, S. 56 und 58. "Zu Sankt Avoye, im Oberstock, will ich begraben sein,/ An keinem an-
dern Orte soll mein Grabmal 51shp." (De rs.)

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t
i
E
Qu'ä tous chdntres qui chanteront menr hält die mündlich rradierten Todesrituale von ehedem schriftlich fest.
'W'elt des schriftlichen Dokuments und des
Qu'on leur donnast or ou monnaye Indem es ihnen Zugang zur
De quoy bonne chiire feront. Rechts verschafft, beschneider es ihren liturgischen, kollektiven, brauch-
tumsgeprägten - ich würde sogar sagen: folkloristischen Charakter' Es
Ein später Nachfahr dieser Art Literatur ist im 16., 17. und 18. Jahrhun- p..rorr.li.i.r, sie - aber doch nicht restlos. Der alte Geist der mündlich tra-
dert wahrscheinlich das, was Michel Vovelle etwas ironisch als das ,schöne di..t.n Ritu"le schwindet nicht ganz. Deshalb steht das Testament der ma-
Testament" bezeichnet hat, das am Lebensabend geschriebene Bravour- kabren Gefühlswelt und den überschwenglichen Formen von Lebensan-
stück zur eigenen und zur Erbauung seiner Angehörigen. klammerung und Todesklage fremd gegenüber.
Allen Konventionen zum Trotz, denen der Testatar sich unterwirft, Bemerkenswert ist, daß Anspielungen aufs Fegefeuer im Testament erst
bringt er seit dem Hochmittelalter ein Gefühl zum Ausdruck, das dem der spät auftauchen (kaum vor der Mitte des 17. Jahrhunderts). Aber wenn der
artes moriendi sehr nahesteht und in dem sich mehrere Komponenten zu- Tod im Bannkreis der Testamente auch vereinzelt und personalisiert wird,
sammenfinden: das Bewußtsein des eigenen Selbst, die Verantwortlichkeit wenn er auch der ie eigene Tod ist, so bleibt er doch zugleich immer auch
für das eigene Geschick, das Recht und die Pflicht, über sich selbst, seine der unvordenklich alte, der öffentliche Tod des auf dem Sterbebett Ruhen-
Seele, seinen Leib und seine Güter zu verfügen, und die Bedeutung, die die- den.
sen letzten Villensäußerungen zukommt.

Der gezähmte Tod - noch einmal

Hier handelt es sich also um den eigenen Tod, den Tod des alleinigen Selbst,
rllein vor Gott, vor den es mit seiner je einzelnen Biographie, mit seinem
ganz persönlichen Kapital von Werken und Gebeten hintritt, d. h. mit den
Taten und leidenschaftlichen Verstrickungen seines Lebens, mit seiner ver-
schämten Liebe zu den Dingen hienieden und seinen erworbenen Garan-
tien fürs Jenseits - ein komplcxes System, in das der Mensch sich einge-
sponnen hat, um das Leben und das Leben nach dem Tode leichter zu
ertragen.
Dieser Individualismus des Diesseits und des Jenseits scheint zwischen
dem Menschen des Hochmittelalters und der vertrauensvollen oder müden
Resignation .iener uralt-fernen Zeiten eine unüberbrückbare Kluft aufzu-
tun. Sicher geht seine Entwicklung in diese Richtung; aber die Praxis des
Testamentes weist uns doch darauf hin, daß er mit den altüberkommenen
Gewohnheiten nicht gänzlich und nicht übergangslos bricht. Das Testa-

Item au moustier .. . Item, zum Kloster möchte ich/ Getragen werden von vier Tagelöhnern
[...]./ Undwas Kerzen und Fackeln angeht,/ §(/ill ich nichts veranschlagen,/ Das soll der Testa-
mentsvollstrecker tun,/ So wie es ihm geraten scheinen mag./ Mir genügt eine Requiem-Messe,/
Laut gesungen;/ Es würde mir eine große Freude bereiten,/ §flenn sie zweistimmig g(sungen
werden könnte [...] Und sehr gern sähe ich auch,/ Daß allen Sängern, die sie ausführen,/ Gold
oder Münzgeld ausgehändigt werden möge,/ Für das sie gute Arbeit leisten werden.

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'wenn das Grab die zwangsläufig genaue Srätte des Grabkultes bezeich-
nete, so deshalb, weil sein Zweck auch der war, das Andenken des Verstor-
benen kommenden Generationen zu überliefern. Daher der Name monu-
mentrrm oder memoria: Das Grab ist eine Gedenkstätte. Das Nachleben
des Toten konnte - im eschatologischen Bereich - nicht einfach nur durch
Spenden und Opfergaben erkauft werden; es hing ebenso vom Ansehen ab,
ori. ., ,uf Erden wachgehalten vrurde - durch Gräber mit ihren signa und
5. Ruhende, Betende und Inschriften ebenso wie durch Lobreden der Schri{tsteller'
Sicher gab es zahllose armselige Grabstätten ohne Inschrift oder Porträt,
wandernde Seelen die der Nachwelt nichts zu überliefern hatten; so sind etwa die in der Erde
vergrabenen urnen des Friedhofs der Isola sacra an der Tibermündung
Die Anonymisierung des Grabes ,rony-. Aber man errät ohne Mühe, daß sich durch die Sesamte Geschich-
te der Beisetzungsbruderschaften und Mysterienkulte der-wunsch der ar-
Archäologische und epigraphische Fragmente römischer Grabstätten aus men Leute, ja sogar der Sklaven zieht, dieser Anonymität zu entrinnen, die
den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung sind in den Museen, den der wirkliche, vollständige und endgültige Tod ist. Die schlichten /oczä
Ausgrabungsstätten und an Mauern und Vandflächen von altchristlichen oder Alveolen in den Katakomben, zur Au{nahme der Leichen bestimmt,
Kirchen im Überfluß vorhanden: Sie wiederholen in monotoner Einför- wurden mit Platten verschlossen, die häufig mit kurzen Inschriften und
migkeit dieselben Formeln, die in ihrer landläufigen Verbreitung für uns bestimmten Unsterblichkeitssymbolen geschmückt waren'':'
Heutige aufschlußreich werden. Beim Durchstreifen der Ruinen dieser Friefhöfe hat selbst der oberfläch-
\Wir bemerken zunächst, daß das Grab auf einem antiken heidnischen lichste zeitgenössische Beobachter doch das Geiühl, daß ein und dieselbe
-
oder christlichen - Friedhof dazu dient, den genauen Ort zu bestimmen, an geistige Einstellung die drei Phänomene eint und verbindet, die hier ins
dem der Leichnam geborgen ist: sei es steinerne Hülle des Leibes oder der Ärg. frll.n die strikte Koinzidenz von sichtbarem Grab und Aufbewah-
'
Asche (Sarkophag), sei es ein Bauwerk, das einen Raum umschließt, in dem rungsorr des Leichnams, der'wunsch, die Persönlichkeit des verstorbenen
die Körper verwahrt werden. Kein Grab ohne Leichnam; kein Leichnam durch Inschrift und Bildnis aurhenrisch zu definieren, und schließlich die
ohne Grab. Notwendigkeit, das Andenken an diese Persönlichkeit zu verewigen, in-
Eine deutlich sichtbare, mehr oder weniger lange, mehr oder weniger dem man die eschatologische unsterblichkeit mit der irdischen Erinnerung
abgekürzte Inschrift auf dem Grab nennt den Namen des Verstorbenen, verbindet. (1)
seinen Familienstand, manchmal auch sein Gewerbe oder seinen Beruf, sein Ungeiähr vom 5. Jahrhundert an zerbricht jedoch diese kulturelle Ein-
Alter, sein Todesdatum und seine verwandtschaftliche Beziehung zu dem heit: Inschriften und Porträts verschwinden; die Gräber werden anonym'
mit der Grablegung beauftragten Angehörigen. Inschriften dieser Art sind Ein bloßes verschwinden der Schrift, möchte man meinen; man schreibt
zahllos. Ihr Korpus bildet eine der Hauptquellen zur römischen Geschich- nicht mehr, weil es niemanden mehr gibt, der noch Inschriften meißelte
te. Ihre textlichen Hinweise werden zuweilen durch Porträts ergänzt: und läse, wobei diese Indifierenz der Schrift gegenüber widerspruchslos
Mann und Frau, oft durch das Zeichen der Ehe verbunden, die toten Kin- hingenommen und an allen Gräbern geduldet wird, selbst an Gräbern von
der, der Mann bei der Arbeit in seiner 'W'erkstatt, seinem Geschäft, oder e.lruchten Persönlichkeiten, ausgenommen die mancher Heiliger. Zweinel-
einfach Büste oder Kopf des Verstorbenen in einer Muschelschale oder ei-
,! ,Die Leichname der Sklaven und Armen, die nicht einmal die wenigen Sous für ihren Schei-
nem Medaillon (imago clipeata). Das sichtbare Grab muß also zu erkennen gewor-
terhau{en und ihre Grabstelle zusammenscharren konnten, wurden auf den schindanger
geben, wo der Leichnam gebettet ist, zu dem es gehört, und zugleich das fen; ihren Hingang begleitete keine religiöse Zeremonie, und die bloßen Anstalten des Leichen-
physische Bild des Verstorbenen wachrufen, als Zeichen seincr Persönlich- begängnisses *r... di. einzig mögliche Feier.' P. Veyne, le Pain et le Cir4ze, Paris, Le Seuil'
keit. 1976, s. 291 .

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los läßr eine mündliche zivilisation der Anonymirät immer größeren
ben, so etwa gelochten Vasen, die Kohlc" enthielren, \i(eihwasserkesseln
Raum' Gleichwohl ist es bemerkenswert, daß diese Anonymität der Gräber
aus Terrakotta, die gegen Ende des 12. und vor allem im 13. Jahrhundert
sich bis um die Jahrtausendwende erhält, ein Zeitpunkt, zu dem sich die
verbreitet waren, oder Kleidungsstücken (Gürteltaschen etc.). Auf diese
Schriftkultur bereits wieder einen unübersehbaren platz zurückerobert \Weise haben die Archäologen den Friedhof von Souillac in die Zeit vom 13.
hatte. Dieses Phänomen setzte bereits die gelehrten Archäologen des rg.
bis zum 15. Jahrhundert datieren können. Aber diese Anhäu{ung von mo-
Jahrhunderts in Erstaunen, erwa den Abb6 Lebeuf, der im Jahre 1746, an_ nolithischen Sarkophagen ähnelt denen der Phase vom 6. bis zum 8. Jahr-
läßlich des \üTiederaufbaus des Klosters der Abtei Sainte-Geneviöve in paris
hundertl Die Archäologen sind sich der überwiegenden Benutzung im 13.
bemerkte: "Man durchwühlte damals das gesamte Erdreich des Klosterho-
Jahrhundert sicher, räumen aber gleichwohl ein, "daß es möglich ist [. . .],
fes und fand eine sehr große Anzahl von steinsarkophagen mit Skeretten
daß die letzten Beisetzungen dort nicht weiter zurückreichen als bis ins 15.
darin_, aber heine einzige Inscbrit't
fHervorhebung uon ph. A.]." (2) Alles, Jahrhundert".
was früher die Persönlichkeit des Verstorbenen kenntlich machte wie
die Diese Unsicherheit hängt damit zusammen, daß, abgesehen von einigen
Insignien seines Berufsstandes, die auf Grabstelen des römischen Gallien so seltenen Objekten und morphologischen Eigenheiten, diese Gräber durch-
häufig auftauchen, ist verschwunden: manchmal ist noch der zinnoberrot aus kein persönlichkeits- oder zeitgebundenes Merkmal aufweisen. Voll-
eingefärbte Name erkennbar, der später zuweilen in eine Kupferplatte ein- kommen anonym, weiß man von ihnen eigentlich nur, daß sie nicht die
graviert ist, aber im Innern des sarkophages. Sichtbar bleiben im g. und 9. Gräber von unbekannten Armen waren. Die bescheidene Herkunft man-
Jahrhundert nur ein floraler oder abstrakter zierat und religiöse szenen cher Grabinsassen kann eigentiich nur bei zusammengestückelten Sarko-
oder Zeichen. Um eine Formulierung panofskys wiederaufzunehmen: Die phagen erschlossen werden, d. h. bei allen, die aus aneinandergefügten
eschatologische Tendenz hat die oberhand über das Bedürfnis nach irdi-
Steinplatten gefertigt sind und die man neben den monolithischen Sarko-
schem Andenken behalten - wenigstens im großen Maßstab gesehen, denn
phagen gefunden hat. Die Gräber sub porticu oder sub stillicidio waren
die alte Beziehung zwischen der irdischen und der himmrisÄen unsterb- ebenso begehrt und ebenso prunkvoll und kostspielig wie die im Kirchen-
lichkeit, auf die wir zurückkommen werden, har sich in außergewöhnli- innern, und dennoch weist nichts, absolut nichts auf den Ursprung, den
chen Fällen behauptet, so bei Königen und Heiligen, die Gegeistand öf- Namen, den Stand, das Alter oder die Epoche hin, aus der der Verstorbene
fentlicher Verehrung waren.
stammte. Man hat also wohl am Brauch des monolithischen Sarges als fer-
Als Beispiel sei eine der zahlreichen sarkophagschichten gewählt, die ner Erbschaft aus der römischen Antike festgehalten; aber man hat ihn
man jüngst bei städrebaulichen Erdarbeiten zufällig entdeckt hat: die Sar- jedes Unterscheidungsmerkmals beraubt, indem man ihn auf eine alterslose
kophage unter der vorhalle der Abteikirche von souillac. (3) Die Gräber Steinwanne reduzierte. Der Autor, selbst Archäologe, kommt zu dem
sind sarceus aus stein, die an manchen stellen bis zu drei Schichten überein-
Schluß: "Sich in der Vorhalle der Abteikirche bestatten lassen zu dürfen,
andergestapelt worden sind. Manche, wahrscheinlich die ältesten, waren war sicherlich ein gesuchtes Privileg, und diejenigen, die in seinen Genuß
unter dem heutigen Eingang zur vorhalle des Turms eingelassen und ragten kamen, mußten über Ansehen und Reichtum ver{ügen; aber sie haben die-
ein wenig ins Innere des schiffs hinein. Man findet auf Ausg.abungsphätos
sen Reichtum bei ihrer Grablegung nicht genutzt. « Aber wer weiß, ob nicht
ähnliche Bilder von übereinandergeschichteren sarkophalen, wie sie die manche Verstorbene sich in der Abteikirche selbst, weit entfernt von ihrer
aus römischer Zeit srammenden Ruinen Afrikas, spaniens oder Galliens
eigentlichen Grabstätte, ein Denkmal haben errichten lassen - Grabplatte,
bergen. Aber dieser Friedhof ist mehr als siebenhunJert
Jahre später ange- liegende Statue oder lüandtafel -, das heute verschwunden ist? Es bleibt
legt worden I Die untersten schichten sind zweifellos sehr art, ,i.h.. ali..
nur der Schluß, daß die Menschen des Hochmittelalters, vom 13. bis zum
als die gegenwärtig sichtbare Bauanlage; andere aber, die ihnen völlig gleich-
1 5. Jahrhundert, der Hülle ihres Leibes gegenüber hier durchaus gleichgül-
artig sind und sie dachziegelartig überlagern, sind sehr viel jünger. Sie tig gewesen sind und sich nicht darum gekümmert haben, sie urkundlich zu
lassen sich datieren, enrweder aufgrund der Formen
- trapezfö.mige. bezeichnen. Das Beispiel von Moissac beweist, daß der monolithische Sarg,
Grundriß oder vorhandensein einer Alveole zur Aufnahme des KopfeJ-,
die eine spätere Epoche charakterisieren; oder aufgrund von Grabteiga- '!üeihrauchgefäße
" Eine Art Räucherpfannen oder aus Ton.

262
261
I
l,tj', :''lr 5'I.,ti.frh orh.as,
rrrs rns u ndert
während des ganzen Mi
ttelar ters _ wah rscheinlich
Später bezeichneten Sarg und Bahre dann - rvie in dcr heutigcn Um-
Jah - benutzc worä.rr;;. ünd dieser Far, in Frankreich
selten, in Italien häufiger,
ir, ,i.1,,;;ä.;;' gangssprache - den Schrein, in dem der Leichnarn später cndgültig zur
Ruhe gebettet wurde.
In der Chronik des Enguerrand de Monstrelet werden "das Herz- und der
Der übergang-llT,li.k.p Leichnam des guten Herzogs, beide für sich, in flache Sirge [.serczs) gelegt,
hagzumsarg oder zur
Die,a Bahre.
bedeckt nrit einer Bahre fbiire) aus irischem Holz-".
Ein anderes orr.",,.,]oLo,i.i:1"f.."*,;:.Tf Im 17. Jahrhundert definiert P.-C. Richelet in seinem §üörterbuch Bahre
Zusammenhang gebracht.werden :;_**.,rr,",, Art Schrein aus Holz oder Blei". (4)
als "eine
_rß: ,r;;,. räumliche Trennung von
Grabmonumenr wenn jrJ, Aus der Analyse der Begriffe Sarkophag, Sarg und Bahre ergeben sich
- d*n .ib".h.upt _.und Hülle
des Körpers, des
eena.u;n Orte-s ""rf,."Oen ist
der a.Ui.rr"*. mithin zwei Beobachtungen:
wicklung ist der verzicht. Ein Zeichen dieser Enr_
1. Die Bedeutung, die dem Sarg und der Bahre zuwächst, macht sich etwa
auf den ,r.;.,..n.i*ir.g. In den sertenen
großer und nach dem vorbild Fären zur gleichen Zeit bemerkbar wie die des Transports des Leichnams, d. h. in
a". persönlichkeiten
an die Stelle des Steinsarkopi,rg.,
""lii*"r'r..1h.,.. an der tritt der Phase, in der das Geleit zum entscheidenden Bestandteil des Beiset-
das ebenso unveränderricr-,, "o,n'älri.ir"r.* Sarg aus Blei,
;r,'*;"i,.;;. ä,":" Breisärge weisen zun!aszeremoniells wird.
spröde Schmuckrosigkeit dieserbe 2. Die Einschließung des Leichnams in den Sarg (vgl. das vierte Kapitel)
auf die
re.at zurückzuführen ist, denn ' *r.,.r*"rri'r,.ht auf das verwendete Ma-
ist eine psychologische Konsequenz des Verschwindens des Sarkophages,
srammenden Bleisärse der "r'd..",
;;;j. aus dem 18.
Jahrhundert
Habsburg".;;;.; und dieses Verschwinden hat seinerseits den genauen Begriff des Grabes
durchaus mit Ve.zieiungen ü,.n., Kapuzinergrufc, sind
und Inschrifren geschmückt. unschärfer gemacht. In der Antike gab es in der Tat nur zwei Typen von
In der Mehrheir der Fälle ;., Gräbern: den Sarkophag oder seine armselige Nachahmung und die Alveo-
a". ..r"'ir.!
Holz - eine bedeutsame..Veränderu.*,
;;;;; ""_ ,r. Jahrhundert an aus le eines Gemeinschaftsfriedhofs. Solange der Leichnam in einen steinernen
samkeit gewidmet noch nicht die Aufmerk_
hat' die si" Sarkophag oder Schrein gebettet wurde, blieb er einfach verhüllt, d. h. in
nung dieses Sarkophags "..a;.rL.)o,;;*r.,. wcrden zur Bezeich-
aus.Holz od., _ *;. .nrn ein Laken oder Grabtuch gewickelt. AIs der herkömmliche Steinsarkophag
tern,, benutzr : Sarg (cercueil) auch sagte _ -aus Brer_
und Bahre f tirlr",' aufgegeben wurde, hätte der ins Leichentuch eingenähte Körper eigentlich
Cercueitteiet sich sprachlich direkt in die Erde gebettet werden können, ohne zusätzliche Schutzhülle
.;;;;;i;;'ilu.r.l her wie Sarkophag: * das ist übrigens ein alter Brauch, der sich in den Ländern des Islam bis
ffi:i. :[T'no;:'"T "" i n s ein em §0.. J ""i,
ce r c u e i t ats
" s.1.. ;1, l,]. heute erhalten hatl es hat jedoch den Anschein, als ob das mittelalterliche
Abendland sich dieser dürftigen Behandlung verweigerte. Aus diesem
;j:t*#I$:il*;:T:?ü:,"*,ffi ::::,*H::ilf :s;:J:'Jir*; Grunde wird die zum Transport verwendete Bahre in einen z-ur Beisetzung
Die Bahre aber ist nichts.and.eres bestimmten geschlossenen Holzschrein verwandelt, den Sarg. Dieses Ver-
als die cirftre die Trage.
bezeichnen also unterschl.a.to. Sarg und
überführung der Toten zu ihrer
Jr. ;#,;;lr" Traggestell, dasBahre zur
fahren entspricht gleichzeitig dem neuen Bedürfnis, den Leichnam und das
G.rbr;i;;;",.'r,.r" ursprüngliche Be_ Antlitz des Verstorbenen den Blicken der Hinterbliebenen zu entziehen.
deutung bleibt noch bei den Der Sarg wird also zum Ersatz des Grabes, zu einem Grab, das ebenso
erhalten, die,6lns Schrein""Ur._i""-;*..] "Oi. ,^._"n._Bestatrungen anonym ist wie das aus Stein und überdies verweslich: es ist einem raschen
rottrog.rr?u.jä',,rnr. Schrein.
besagen, daß der t.eichnam,cinfach wollte und erwünschten Verfall im Erdreich vorherbestimmt. Die Bestattungen
Allerwettsbahre zum Friedhof "r.;, ai *rp,i,iör, auf einer
gestell, von dem er dann
,..r;;;;l;i ill;.. d. ";nger;l_rt,
h. auf einem Trap_
ohne Sarg kommen einer Verweigerung des Grabes gleich; die f rüher vom
herunr..r"-,r"U., lrä ,"r. Sarkophag übernommene Rolle wird hinfort dem Sarg übertragen. Im Un-
Die "!3h1s.. wurrie ansch,i.ß.rd ,.*O geworfen *r.dI. terschied zu den Ländern des Islam ist eine Beisetzung ohne Sarg eine uneh-
dergleichen noch heute häufig
i;;l";i*,r" rr.u.urerra[Jen. Man sieht
in U.;".ir"it1Ln",,. renhafte Beisetzung - oder wenigstens eine Armenbestattung.
England.
Der Übergang vom Sarkophag zum Sarg hat also die Anonymität der
264
265

l
Grabstelle und die Gleichgriltigkeic hinsichtiich ihres genauen Lagepiatzes Luxus; zweifellos verbreitete sich dieser Brauch der Personalisierung in
noch stärker akzentuiert. Dieser eigentümliche kulturelleZug,der, wie u,ir immer weiteren Kreisen, vor allem unter den Handwerksmeistern der
gesehen haben, die Periode vom Ende der christlichen Antike bis zum 1 1. Städte; es wurde aber noch nicht als unerträgliche Versagung empfunden,
und 12. Jahrhundert charakterisiert, scheint in die möglicherweise mehrere wenn das Grab anonym blieb,
Jahrtausende währende Kontinuität des Totenkultes einen Hiatus, einen Überdies äußerte sich das Bedürfnis, sich in einem sichtbaren Denkmal
scharfen Bruch einzuiühren. zu verewigen, bei den Reichen und Mächtigen lange sehr zurückhaltend.
Noch im 16. und 17. Jahrhundert brachten z.ahlreiche Verstorbene, wenn
sie auch ausgesprochene Honoratioren ge§/esen sein mochten, in ihrem
Erinnerung ans Dasein, Ruhestätte des Leichnams Testament durchaus nicht den \Wunsch nach einem sichtbaren Grabe zum
Ausdruck, und die, die sich wirklich auf solche Forderungen versteiften,
'W'ir
werden jetzt sehen, daß diese Einstellung in der lateinischen Christen- bestanden nicht darauf, daß es mit dem Ort der Bettung ihres Leichnams
heit vom 12. Jahrhundert an fortschreitend rückläufig wird, zunächst bei dann auch wirklich genau zusammenfiel : die ungefähre Nähe genügte ih-
den Reichen und Mächtigen. Sie erhält sich jedoch - und zwar mindestens nen. Für sie war das Grab nicht die Hülle des Leibes.
bis ins 18. Jahrhundert - bei den Armen, denen aufgrund ihrer Bedür{tig- Man ließ gelten, daß diese erste §V'ohnstatt des Leichnams keine bleiben-
keit die Gedenkstätte vorenthalten wird, wie ihnen früher der Sarg vorenr- de war, und niemand nahm Anstoß daran, daß seine Gebeine, einmal ausge-
halten wurde. Einer der großen Unterschiede zwischen den Reichen und trocknet, früher oder später in die Beinhäuser geschafft werden würden,
den nicht ganz Armen einerseits und den wirklich Armen andererseits be- ,auf einem Haufen kunterbunt in wirrem Durcheinander", wie Villon sagt.
steht darin, daß die einen immer häu{iger sichtbare, individuelle Gräber Es bedurfte scharf er Brillengläser,
erhalten, die das Gedenken an ihre Leiblichkeit wachhalten, die anderen
dagegen nicht, Die Leiber der Armen - ebenso wie die der Kleinkinder der Pour mettre ä part aux Innocents
Reichen, die wie die Armen behandelt werden - haben, ins Leichentuch Les gens de bien des desbonn|tes,
eingenäht, den §fleg in die großen Gemeinschaftsgräber zu nehmen. Die
barmherzigen Menschen des 14. und 17. Jahrhunderts haben, bestürzt an- und nicht nur Schuft und Ehrenmann, sondern auch Arm und Reich,
gesichts dieser Vernachlässigung der toten Armen in einer doch bereits rela- Mächtige und Elende:
tiv urbanisierten Gese[schaft, zu lindern versucht, was ihnen als grausam-
Quand je consid|re ces testes
ste Auswirkung dieser Verlassenheit galt, nämlich das Fehlen geistlichen Entassöes en ces cbarniers
Beistandes: Sie haben es nicht ertragen, daß die Ertrunkenen und die durch Tous t'urent maistres des requestes
Unglücksfälle zu Tode Gekommenen auf den Schindanger geworfen wur- Au moins de la cbambre aux deniers
den wie Tiere, Hingerichtete oder Exkommunizierte. Also schlossen sie Ou tous furent porte pannierlportefaix]
sich zu Bruderschaften zusammen, um für eine Bestattung in geweihter Autant puis I'un que l'autre dire
Erde, mit den Gebeten der Kirche, zu sorgen) ohne deswegen allerdings an
Car d'örtesques ou knterniers
der Anonymität der Gräber Anstoß zu nehmen, die dann, im Gegenzug,
Je n'y cognais rien ä redire. (5)
zwei Jahrhundert später ihrerseits unerträglich zu werden beginnt.
Das liegt im Grunde daran, daß das Bedürfnis, der eigenen Grabstelle Pour mettre... "Um nach getaner Arbeit fauf den lnnocents] zu sondern sodann,rDen
und der der Angehörigen öffentliche Reputation zu verschaffen, zu Beginn [-umpenkerl und Schuft vom biederen Ehrenmann" (übertr. von V. Vidmer).
der Neuzeit nicht als dringlich empfunden wurde. Die Beisetzung in kirch- Quand je consid,ire . . . "Wenn ich die Totenschädel alle so berrachrere,/Die hier im Beinhaus
ruhn, zu Haufen aufgeschichtet,/ Und überiege, *'as ein jeder trieb und machte,/ Ais er noch
licher Erde war eine Pflicht der Barmherzigkeit den Armen gegenüber, lcbend wrr und nicht so zugerichter,/ So dünkr es mich, sie waren Männer allesamt/ Von hohem
denen die Umstände sie versagt ha*en (miserere);dre Personalisierung und Stande, wohlversehn mit Ehren, Vürde, Amt./ Ob Bischof einer war, Landsrörzer oder
der Öffentlichkeitscharakter des Grabes waren noch eine Art geistlicher Schmied,/ Hier gibr es zwischen hoch und niedrig keinen Unterschied!. (Ders,)

266 267
Die moderne Vorstellung einer "immerwährenden Begräbnisstätte" war Die Ausnahme der Heiligen
der Mentalität dieser mehrere Jahrhunderte umfassenden Epochc völlig und der großen Persönlichkeiten
fremd.
'W'enn
das Andenken des Verstorbenen und der Lageplatz seines Leich- Allerdings war die Identifikation von Grablegungs- und Gedenkstätte der
nams ihrer Funktion nach auch nicht zwangsläufig an ein und demselben Verstorbenen im Frühmittelalter nicht derart vollständig geschwunden,
Ort vereint sein mußten wie beim antiken Grab oder auf unseren heutigen wie wir behauptet haben. Es gab einige illustre Ausnahmen: die der Heili-
Friedhöfen, so waren beide Komponenten doch auch nicht streng geschie- gen und der großen, verehrungswürdigen Männer.
den, sondern innerhalb des Kirchenbereichs einander nachbarschaftlich Die Heiligen waren allesamt Wundertäter und Fürsprecher, und das
verbunden. Überdies war es immer möglich, daß ein einziger Leichnam Volk mußte mit ihren Reliquien direkt kommunizieren und sie berühren
mehrere Grabstellen erhielt, sei es, daß er zerstückeIt §/urde (Grab des Flei- können, um des von ihnen ausgehenden magischen Heilsstroms teilhaftig
sches, Grab der Eingeweide, Grab des Herzens, Grab der Gebeine), sei es, zu werden. Deshalb fielen Gedenk- und Grabstätte bei ihnen zwangsläuiig
daß sich die Funktion des Andenkens verselbständigte, sich von der Grab- zusammen; tatsächlich gab es ebensoviele Gräber und Reliquienschreine
stätte löste und daß der Verstorbene so an mehreren Stellen zugleich verehrt wie Fragmente ihrer Leiber. §üenn also das Grab des Bischofs und Märty-
wurde, ohne sonderliches Privileg des authentischen Grabes. rers von Toulouse, Saint Sernin, auch in der confesslo der ihm außerhalb der
Vom Sirius - oder von heute - aus gesehen, mag diese Entwicklung als Stadt geweihten Abtei lag, so wurde ein Teil seines Leibes doch in einem der
Anfang einer Ablösung des von alten, heidnisch-abergläubischen Bräuchen Antike nachgeahmten Sarkophag aus dem 12. Jahrhundert in der Abtei von
befreiten Menschen von seiner sterblichen Hülle erscheinen, die, hatte das Saint-Hilaire-de-l'Aude aufbewahrt und zur Schau gestellt worden, wo er
Leben sie einmal verlassen, für nichts mehr galt. Jedenfalls war diese Ein- noch heute bewundert werden kann. Die Leiber der Bekenner, Märtyrer
stellung durchaus nicht dieselbe wie die des wissenschaftlichen Agnostikers und Missionare des Christentums in Gallien sind so zum Gegenstand eines
oder des christlichen Reformers unserer zeitgenössischen Kultur. Überdies Berührungskultes geworden, der nie ausgesetzt hat : Ich habe im Jahre 1944
werden wir vom 11. Jahrhundert an Zeugen eines \üü'iederauftauchens der mit eigenen Augen in der Kirche Saint-Etienne-du-Mont in Paris Gläubige
individuellen Grabstätte und - in ihrem Gefolge - einer erne uten positiven das Reliquienkästchen der Heiligen Genoveva küssen sehen.
Einschätzung des Leichnams. Das ist eine lange und keineswegs geradlinige Diese Gräber waren in der Mehrzahl der Fälle Steinsarkophage mit oder
Entwicklung, die in mancher Hinsicht wie ein Rückgriff auf den römischen ohne Gedenk-Inschrift, wobei der Grad der öffentlichen Bekanntheit des
Paganismus wirkt und, auf lange Sicht, schließlich doch in den Kult der Heiligen oder die Ikonographie die Rolle der Identifizierung übernahm.
Toten und Gräber, wie er das 19. und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts Die angebliche Krypta r.on Jouarre erlaubt uns, dieser Mischung von
bestimmt, einmündet und darin gipfelt. erwünschtem Gedenken und Schweigen auf die Spur zu kommen. Sie ist
Das alles sei hier nur angemerkt, um die Tendenz der historischen Bewe- dem Heiligen Adon geweiht, dem Stifter der Abtei (im Jahre 630), und den
gung anzudeuten und auf ihre noch kaum wahrnehmbare Bedeutung hin- Heiligen, Abtissinnen und Bischöfen seiner Familie. Sie ist die einzige ver-
z-uweisen. Es bedarf j edoch noch mehrerer Jah rhu nderte u nd versch iedcnc r bliebene Spur einer Friedhofskirche, in der sich die Beisetzung en ad sanctos
kultureller Revolutionen, um bei ienem terminus ad quemdes 19. Jahrhun- im Umkreis der Gräber der verehrten Stifter häuften, die auf einer Art er-
derts anzulangcn. In der Epoche, bei der wir augenblicklich innehalten höhter, heute verschwundener Tribüne in einem der Seitenschiffe des Bau-
-dem Hochmittelalter -, ist, was uns in Erstaunen setzt, im Gcgcnte ilgcra- werks lagen. Im ältesten Bauabschnitt haben sich noch die alten Sarkophage
de die Schwerfälligkeit und Langsamkeit, mit der die Anonymität des erhalten, die aus merowingischer Zeit stammen. Der des Heiligen Adon,
Frühmittelaltcrs aufgegeben wird. eines Bruders des Heiligen Omer und Schülers des großen irischen Missio-
nars Columbanus, ist vollkommen schmucklos, ohne irgendeine Inschrift
oder Verzierung. Der seiner Kusine, der Heiligen Th6odechilde, der ersten
Abtissin dieser Gemeinschaft von Nonnen, ist dagegen mit einer prächti-
gen Inschrift in sehr schöner Schrift geschmückt: "Hoc Membra Post Ubi-

268 269
ma Teguntur Fata Sepulchro Beatae* (Dieses Grab birgt die sterblichen quem der Papst beigesetzt sein wollte, und cinem Sarkophag gebildet, von
Reste der glückseligen Th6odechilde). "Eine makellose Jungfrau, von edler dem Jean Charles-Picard vermutet, daß er in manchen Fällen zu drei Vier-
Herkunft, von Verdiensten leuchtend..." Ein biographischer Hinweis: teln in die Erde eingelassen wurde, so daß nur noch der Deckel zu sehen
,Mutter dieses Klosters, lehrte sie ihre Töchter, die dem Herrn geweihten war. Hier treten also zwei Möglichkeiten in Erscheinung: Entweder ist der
Jungfrauen, Christus entgegenzueilen. . ." Und die Inschrift schließt mit Papst ein kanonisierter Heiliger oder er wird zum Zeitpunkt seines Todes
der Verkündigung der himmlischen Glückseligkeit: "
H aec Demu[mJ Exul- nicht als Heiliger betrachtet, verspürt aber trotzdem das Bedürinis, sich zu
tat Paradisi Tiimpbo* (Sie frohlockt letztlich, als Tote, in der Glorie des seinen Lebzeiten ein sichtbares und öffentliches Grab zu errichten (manche
Paradieses [5]). dieser Gräber sind später versetzt worden, weil sie an der ursprünglichen
lVahl
Die beiden anderen, die seiner Kusine, der Heiligen Agilberte, und seines Stelle nicht sichtbar genug waren). Jean Charles-Picard sieht in dieser
Bruders, des Heiiigen Agilbert, der zunächst Bischof von Dorchester, dann des Ortes und der Form der Grablegung eine Bekräftigung der Pontifikalen
von Paris war, sind mit Skulpturen bedeckt, weisen aber keine Inschrift Autorität. Die memoria von Mellebau de im bypogöe des Dunes zu Poitiers
auf : der des Heiligen Agilbert ist mit der Szene der Parousie, der Vieder- unterscheidet sich nur geringfügig von diesem päpstlich-römischen
kehr Christi geschmückt, wie sie im dritten Kapitel des vorliegenden Bu- Vorbild.
ches kommentiert worden ist. Man ist namentlich im Falle der Päpste - angesichts dieses W'unsches
-
Von den obersten, sichtbaren Sarkophagen der heiligen Stifter enthält nach Verewigung des Andenken geradezu verblüfft. In dieser Hinsicht ist
also nur einer eine Inschrift, zwei sind ohne Inschrift, aber skulpturenver- die Grabinschrift des Heiligen Gregor aufschlußreich, die häufig nachge-
ziert, und einer ist vollkommen schmucklos. Man kann offensichtlich aber ahmt worden ist und etwa auch in der folgenden Notiz der Legenda aurea
nicht behaupten, daß ursprünglich keine Inschriften im Mauerwerk hätten zum Tode des großen Papstes zitiert wird:
vorhanden gewesen sein können, und zwar über den anonymen Sarkopha-
gen. Jedenfalls sind sie verschwunden, und niemand hat es sich einfallen Suspice,Terra, tuo Corpus de Corpore Sumptum(A)
lassen, sie zu konservieren oder zu restaurieren. Die graphische Qualität Reddere Quod Valeas, Viaificante Deo. (B)
der Inschrift der Heiligen Th6odechilde und die formale Schönheit der Spiritus Astra Petit, Leti Nil Supra Nocebunt,(C)
Skulpturen sind derart augenfällig, daß es angesichts dieser Meisterwerke CuiVitae Alterius Mors Magis lpsaVita Est.(D)
schwer ist, die Hypothese der Unfähigkeit der Schreiber und Künstler als Pontificis Summi Hoc Clauduntur Membra Sepulcbro(E)
Ursache für den Übergang zur Anonymität und Schmucklosigkeit der Sar- Qui Innumeris SernperViait Ubique Bonis.(F)
kophage aufrechtzuerhalten."'
Ein anderes Beispiel liefern die Grabstätten der Päpste vom 3. bis zum Jede Zeile dieses Textes (A, B . . . F) bringt ein interessantes
und bezeich-
10. Jahrhundert, die von Jean Charles-Picard minuziös untersucht worden nendes Thema zum Ausdruck:
sind. (S) Diese ad sdnctos-Gräber bestehen entweder aus einfachen Stand- 1 . Das Thema des {J bi sunt : die Viederkehr des Leibes zur Erde (A). Es

Sarkophagen (sursum) mit einer erhaltenen Inschrift darüber oder aus Bet- wird jedoch nur gestreift und nicht weiterentwickelt. Die eigentliche Ent-
räumen in einer Kirche (Sankt Peter). Der Betraum dieser Art wird von faltung der Vorstellung geht eher in die entgegengesetzte Richtung.
einer Chorkapelle, einem Altar, der die Reliquien des Heiligen birgt, ad 2. Das Thema der \Wiederkehr zur Erde wird unverzüglich durch das der
verheißenen Auferstehung abgelöst: Vhtit'icante Deo (B).
" Die Sarkophage sind im Jahre 1627 im Beisein der Königin Maria von Medici geöffnet wor- 3. Das Thema der \(anderung der Seele gen Himmel (C) wird der einst-
den: "Als man die Särge öff nete, fand man die Leichname der beiden Heiligen Abtissinnen noch
unversehrt und in Nonnentracht vor, in eine Art Mantel aus golddurchwirkten Stoff gekleidet,
von dem nurmehr die Goldfäden und eine ebenfalls goldene Agraffe übriggeblieben waren, die Suspice, Tena .. . ,Nimm den Leib auf , Erde, der von deinem Leib ist genommen,/Gib da-
Mme. Jeanne de Lorraine [die amtierende Abtissin] Königin Maria von Medici zum Geschenk von wieder, was du vermagst, so Gott ihn auferweckr./ I)er Geisr .chwebt zu den Sternen. der
machte. [. . .] Man barg die drei heiligen Leiber in Schreinen und ihre Häupter in eilends angefer- Tod hat keine Macht über den,/ Dem er nur ein Weg ist zu dem ewigen Leben.,' Des Papstes Reste
rigten goldroten Reliquienkästchen." (7) ruhen in diesem Grab./ Der immer und allenthalben in guten Verken lebte "

270 271
weiligen Viederkehr des Leibes zur Erde entgegengesetzt - eine aite Vor- 3. Doppelter Lohn seiner Tugend untl soiner rastlosen Tüchtigkeit ist
stellung, die in christlichen Inschriften wie der folgenden ( 1 I . Jahrhundert) sein Ansehen hienieden (per secula) untl das e wige Leben im Himmel (iz
häufig wiederkehrt: "Clauditur boc tumulo Bernardi corpus in atro ipsiuso aeternum): .Hic est laudandus per seculd. Vir aenerandus aioat in aeter-
(In diesem schwarzen Grabe ist der Leib Bernhards geborgen) - dies in num Regem laudando supernum [Zu loben ist e r immerdar. Der ehrwürdi-
Hinsicht auf den Körper - "et anima deerrat superna per astra« (und seine ge Mann möge in Ewigkeit in der Lobpreisung des himmlischen Königs
Seele schwebt zu den höchsten Gestirnen [9]) - dies mit Rücksicht auf die lebenl."
unsterbliche Seele. Hier ist die Inschrift Bestandteil des Grabes und ebenso kostbar wie es
4. Das paulinische Thema des besiegten Todes als eines wahreren Lebens selbst. Es handelt sich um eine §ü'andtafel, um ein Flachrelief, das die In-
als des irdischen - ein Topos der traditionellen Eschatologie (D); aber wie schrift birgt, in einer Nische außerhalb der Kirche, an der Südwand des
die §(iederkehr zur Erde wird auch dieses Thema durch den glorreichen Transepts (die bereits seit den Tagen der ersten Päpste in der ersten Peters-
Schluß der Inschrift wenn auch nicht abgeschwächt, so doch erweitert. kirche begehrteste Seite). Der Ursprung dieses sehr alten Grabtypus ist der
Dieser Schluß (F) folgt auf die Beglaubigung des Grabes - um wen handelt Sarkophag unter einem arcosolium. Es gibt hier iedoch keinen Sarkophag
es sich ?
mehr - was nicht besagen will, daß es nie einen gegeben hätte. Man hat
5. Qui innumeris semper vivit ubique bonis(F). Ein frommer Ubersetzer heute jedoch das Gefühl, daß das, was hier ins Gewicht fällt, weniger der im
des 19. Jahrhunderts hat angesichts des oivit gesturzt und die folgende Um- Sarkophag ruhende Leichnam selbst ist als die Gedenktafel, d. h. das Flach-
schreibung benutzt: "dessen universale Wohltaten immer und überall ver- relief, unter dem der Leichnam gebettet gewesen sein mochte, ohne daß
kündet werden". (10) Sie werden aber nicht nur einfach verkündet. Sie er- diese Ruhestätte deswegen eine Bedeutung ohnegleichen gehabt hätte.
halten den Toten auf Erden lebendig, in derselben Veise, wie seine Seele im Dieses Flachrelief, das zweifellos von Begon selbst in Auftrag gegeben
Himmel frohlockt, ad astra.'t' worden ist, stellt die Himmelfahrt des Abtes und seine Zwiesprache im
Ein anderes Beispiel sei hier zitiert - ein späteres Grab vom Anfang des Himmel dar. Christus steht in der Mitte, zwischen Begon und einer Heili-
12. Jahrhunderts, ebenfalls das einer bedeutenden kirchlichen Persönlich- gen, die wohl Foy, die Schutzheilige des Klosters, sein muß. Auch zwei
keit, Begon, der von 1087 bis 1107 Abt von Conques war. Es rrägt eine Engel sind dargestellt: der eine krönt den Heiligen, der andere streckt seine
Inschrift, in der zum Ausdruck kommt Hände zum tonsurierten Haupt Begons empor. Man bemerkt, daß die In-
1. die Beglaubigung des Grabes: Hic est abbas situsl. . .f de nomine Bego schrift hier von einem Porträt begleitet wird, das übrigens nicht das des
pocatus (Hier liegt ein Abt bestattet [...] mit Namen Begon). Keinerlei irdischen Menschen ist, sondern das Bildnis eines beatus, eines Heiligen,
Datum, und dieses Fehlen einer Zeitangabe ist bezeichnend: wir befinden der hinfort, eine glückselige Ewigkeit lang, in der Lobpreisung des Herrn
uns noch nicht in "historischer" Zeit. (Regem laudando) am Himmlischen Hofstaat lebt. Begon ist kein kanoni-
2. Die Lobpreisung: Ein gelehrter Theologe (divina lege peritus), ein sierter t{eiliger; aber wie die nicht kanonisierten Päpste ist er gleichwohl
heiliger Mann (air Domino gratus), ein Wohltäter der Abtei: er hat das ein wahrer beatus, ein Auserwählter, zugleich des ewigen Heils und des
Kloster erbauen lassen. irdischen Ansehens sicher. Da er kein Thaumaturg ist, kein wundertätiger
Heiliger, braucht sein Leichnam nicht mehr zwangsläufig zum Zwecke der
't Mens oidet astrL sa1t eine möglicherweise aus derselben Zeit wie dic Gregors stammende Berührung seitens der Giäubigen z"ur Schau gestellt zu werden. Deshalb
Inschrift, die in Toulouse aufbewahrt wird, die Inschrift eines gewissen Nymphius, eines Förde-
bemühte man sich in Fällen wie dem seinigen auch nicht um eine genaue
rers und \Wohltäters seiner Sradt. Aber diese himmlische Unsterblichkeir aufgrund der sancta
Lokalisierung der Ruhestätte und stand ihr gar gleichgültig gegenüber. Da-
fides, die die Finsrernisse vertreibt, wird von der irdischen Unsterblichkeir begleitet, die sich dem
erworbenen Ansehen verdankr (t'ama): "Der für deine tugendhaften Verdienste dir im hohen gegen ist die Persönlichkeit bedeutend und der öffentlichen Ehrerbietung
Himmel qeschuldete Ruhm trug und leirere dich zu den Sternenlad astraf. Unsterblich wirst du würdig - deshalb die Notwendigkeit einer sichtbaren Gedenkstätte, die
sein limmortahs erls1", oln. 6"6 -"n wüßte, um welche der beiden Unsterblichkeiten es sich hier
man pflegt und, wenn das Alter sie versehrt hat, zu gegebenerZeit erneuert :
handelt, "denn die Lobpreisung wird deinen Ruhm bei den kommenden ()enerationen [perzez-
turos populos) lebendig erhalten." Das ist das gloriam quaerere des klassischen Altertums, das
die Beispiele für sehr alte und hochverehrte Gräber, die im 12. und 13.
Sallust zu Beginn seincs Catilinahervorho5. (11) Jahrhundert restauriert worden sind, sind zahllos.

273
272

1
Die beiden Arten des Nachlebens: kung mit dem ritterlichen Kult des Ruhmes durchaus nicht. Der Autor des
im Himmel wie auf Erden Ubi sunt,der Villon als Vorbild gedient haben mag, räumt ein, daß von den
ehedem berühmten Männern hier auf Erden nichts mehr bleibt. Aber alles
Mit oder ohne Inschrift, mit oder ohne Bildnis - die Gräber, die sich bis ins hängt vom Ursprung dieser Berühmtheit ab ! Die großen christlichen Auto-
Frühmittelalter erhalten haben, reagieren a]so auf das Bedürfnis, das An- ren sind von dieser Erosion derZeir nicht betroffen, eben weil sie "den
denken zu betoahren. Sie bringen die Uberzeugung zum Ausdruck, daß beständigen Ruhmo für sich in Anspruch nehmen dürfen!So der Heilige
zwischen himmlischer Ewigkeit und irdischem Ansehen eine genaue Ent- Gregor der Große, der "immer und überall lebt., wie es bereits sein Grab-
sprechung besteht - eine überzeugung, die sich damals auf einige wenige epitaph ankündigt, und zwar - wie noch Bernhard von Cluny fortsetzt:
Übermenschen beschränkt haben mag, sich dann aber verbreitet und zu - "{ern den weltlichen Erfolgen" in der Einsamkeit der Klöster, des Velt-
einem der bezeichnendsten Züge des Hochmittelaiters wird . . . um dann im verzichts. "Sein [irdischer] Ruhm wird nimmerdar enden, die Velt wird
ebenso positivistischen wie romantischen 19. bzw.20. Jahrhundert erneut sein Lob anstimmen, und seine Glorie dauert und wird weiterdauern. Die
aufzutauchen. La aie de Saint Alexis (Das Leben des Heiligen Alexius, das Schrift von Gold und Feuer wird nicht erlöschen, und die Schätze, die diese
Alexislied) erkennt an, daß die Ewigkeit des Himmels zwar ,den beständig- Seiten enthalten, werden von der Nachwelt geborgen werden." (16)
sten Ruhm" bietet, den ein wohlverstandenes Interesse dem nur weltlichen Diese Beziehung zwischen den beiden Arten des Nachlebens, der der
Ansehen vorzuziehen einlädt; er ist aber keineswegs von ganz anderer Art. Eschatologie und der des Andenkens, bleibt sehr lange bestehen: durch die
ln der Chanson de Roland sind die Glückseligen im Himmel die Glorrei- ganze Renaissance und die beginnende Neuzeit hindurch wirksam, ist sie
cben. (12) sogar im positivistischen Kult erlauchter Toter des 19. Jahrhunderts noch
Der Heilige ist nicht immer klerikalen Ursprungs (13): \Vir haben ge- erkennbar. In unseren Industriegesellschaften werden die beiden Arten von
zeigt, wie Roland zum Vorbild des weltlichen Heiligen geworden ist, das Nachleben über den Tod hinaus gleichzeitig fahrengelassen, so als ob sie
dann die \(elt der Kleriker und der christlichen Spiritualität geprägt hat. zusammengehörten und verschwistert wären. Und doch würden wir sie
Der feudalistische Heilige beherrscht den gesamten Artus-Zyklus. Kom- heute eher für einander entgegengesetzt und widersprüchlich halten; die
plexe \Wechselwirkungen zwischen profaner und geistlicher Kultur führen laizistischen und rationalistischen Ei{erer des 19. Jahrhunderts wollten die
im 11. Jahrhundert zu neuen Auffassungen von Frömmigkeit und Heilig- eine durch die andere ersetzen, und diese ihre Bestrebungen beeinflussen
keit, in denen sich \Werte, die wir heute für schlechthin religiös halten, und uns heute noch immer. Die Menschen des Mittelalters und der Renaissance
andere, die uns eher der materiellen und irdisch-hiesigen rVelt verhaftet hielten sie umgekehrt - wie die der klassischen Antike - für einander kom-
scheinen, auf bez.eichnende \Weise mischen. Bis etwa zum 16. Jahrhundert plementär.
ist eine genaue Unterscheidung sogar schwierig. §ü'ir begegnen hier, in an- Autoren der Renaissance haben diese deutlich bewußte Mehrdeutigkeit
derer Gestalt, der Mehrdeutigkeit der deterna und der temporalia wieder, auch theoretisch erhellt. 1ü/ir kennen deren einige, und zwar dank Alberto
die wir bereits in den Testamenten, in den artes moriendi und bei den ma- Tenenti. (17) Gilbertus Porretanus läßt den Dominikaner Giambattista sich
kabren Themen nachgeu,iesen hatten. Der Kreuzzugsmythos hat die ritter- über das Paraclies äußern. Das Glück im Paradiese, meint der, hat zwei
liche Ineinssetzun€i von Unsterbiichkeit und Ruhm wiederbelebt und Ursachen. Die erste versteht sich von selbst: die beseligende Vision, die
schwärmerisch gesteigert: "Man wird jetzt sehen, wer [die künftigen unmittelbare Nähe Gottes; die zweite aber ist für uns überraschender: die
Kreuzfahrer] sind, die sich das Lob der Welt und das Gottes erwerben wol- Erinnerung an das §fl'ohlverhalten auf Erden, d. h. das erworbene Ansehen,
len, denn sie können auf ehrliche \ü7eise beide gewinnen.u (14) "Ehre und denn man hätte sich schwerlich ein Gut vorstellen können, das völlig ver-
Preis, die Gott erwiesen werden", sind verquickt mit "Ehre und Ruhm, die borgen geblieben wäre. Dieses erworbene Ansehen ist zwar nur eine Ne-
iür die Ewigkeit erworben werden". Die toten Kreuzf ahrer »gewannen das benursache (praemium accidentale), fällt aber doch ins Gewicht. Für das
Paradies [. . .] und erwarben sich ewiges Ansehen, wie es Roland und die weltliche Auditorium des Dominikaners liegen die Dinge noch einfacher:
zwölf Pairs getan hatten, die in Roncevaux im Dienste Gottes fielen". (15) "Der Mensch muß in dieser Welt alles versuchen, um die Ehre, den Ruhm
Die asketischen Schüler des contemptus mundi entgingen der Anstek- und das Ansehen zu erlangen, die ihn des Himmels würdig machen und

274 275
ihm so den Genuß des ewigen Friedens verschaffen." Das größte Glück sche Funktion zugunsten der Beisetzun g ad sanctos eingebüßt. Veder für
besteht also, wie ein anderer Humanist, G. Conversano, schreibr, darin, in das Heil des Toten noch für den Frieden der Hinterbliebenen ist es noch
dieser Welt gefeiert und geehrt zu sein und in der anderen dann die ewige erforderlich, die Hülle seines Leichnams öffentlich zugänglich zu machen
Seligkeit zu genießen. oder auf den genauen Ort der Ruhestätte hinzuweisen. Die einzige aus-
Die Devise des Herzogs Federico de Montefeltre, die man noch heute auf schlaggebende Bedingung ist die Beisetzung ad sdnctas. Die öffentlichen
den Intarsien seines Studiolo in Urbino lesen kann, bringt in knappster und durch Inschriften beglaubigten Gräber sind also verschwunden, außer
Verkürzung denselben Glauben an die zwangsiäufige Fortsetzung des irdi- im Falle der Heiligengräber (ihre Grabmäler mußten also mit der Ruhestät-
schen Ruhmes in die himmlische Unsterblichkeit hinein zum Ausdruck: te ihres Leichnams zusammenfallen) und der Gräber von Heiligen mehr
"Virtutibus itur ad astra [Tugenden werden ihm den Himmei öffnen]." Die oder weniger gleichgestellten Persönlichkeiten (die auf den Mosaiken des 6.
Formel erinnert natürlich an das Epitaph Gregors des Großen;sogar die und 7. Jahrhunderts eine viereckige - und nicht etwa runde - Aureole tru-
Päpste mußten sich durch ihre Tugenden und ihr Verdienst Ansehen ver- gen und deren Grabmonument nicht zwangsläufig auch ihren Leichnam
schaffen, wenn sie wünschten, daß ihre Gräber für kommende Generatio- bergen mußte). Das sind jedoch Ausnahmefälle.
nen davon Zeugnis ablegen sollten. Es gab also zwei Kategorien von Personen: die eine umfaßte nahezu die
Die Schwierigkeit einer solchen reinlichen Scheidung zwischen himmli- Gesamtheit der Bevölkerung, für die der absolute Glaube an ein Leben
scher Unsterblichkeit und während des Lebens auf Erden erworbenem An- nach dem Tode wichtiger war als das Andenken an den (den Heiligen anver-
sehen rührt vom Fehlen einer scharfen Trennlinie zwischen der 'Welt des trauten) Leib und an das irdische Leben, die der Nachwelt jedoch nichts zu
Diesseits und der des Jenseits her. Der Tod bedeutete weder vollständige überliefern und auch nichts Bemerkenswertes geleistet hatte. Die andere
Trennung noch unverzügliche Vernichtung. Das rationale und wissen- enthielt die sehr seltenen Individuen, die eine Botschaft oder Losung zu
schaftliche Denken wird - wie die religiösen Reformationen, die prorestan- übermitteln hatten - eben die, die mit einer runden (oder rechteckigen)
tische ebenso wie die katholische - versuchen, diese beiden Arren von Aureole dargestellt wurden. Die Angehörigen der ersten Kategorie bedur{-
Nachleben über den Tod hinaus zu dissoziieren. Das gelingt nicht sofort: ten keines Grabes, weil sie ihren Glauben und ihre Heilsgewißheit dadurch
Das mediterrane Barock hat sich, noch auf dem Höhepunkt der Gegenre- unter Beweis gestellt hatten, daß sie eine Grabstelle ad sanctos forderten.
formation, einen Rest der alten Verbindungen diesseits und jenseits der Die anderen hatten Anrecht auf ein Grab - jene anderen, die zwar auch
Schwelle des Todes bewahrt. Ebenso blieb im Puritanismus der irdische dieselbe eschatologische Zuversicht zum Ausdruck brachten, sich darüber
Erfolg mit der Vorstellung der Prädestination verknüpft. In den Festen und hinaus aber das Andenken an ihre außergewöhnlichen und überlieferns-
Feierlichkeiten der Großen Französischen Revolution und in den Auseinan- werten Verdienste sichern durften. Im zweiten Falle entsprach das sichtbare
dersetzungen um Gräber und Grablegungsrituale zur Zeit des Direkto- Grab einem eschatologischen Akt und zugleich dem Wunsch nach immer-
riums und des Konsulats erhält sich noch etwas von dieser Verbindung, die währendem Andenken.
sich erst heute, mitten im 20. Jahrhundert, gänzlich auflöst. In der Praxis, Dieser hier in aller Kürze zusammengefaßte Zustand hätte wenigstens
wie sie dem 16., dem 17. und sogar noch dem 18. Jahrhundertgemeinsam ebenso lange fortbestehen können wie die Beisetzungen a d sanctos oder die
war, ist das Andenken des Lebenden vom Heil seiner Seele nicht geschie- Bestattungen in den Kirchen. Das fortschreitende Umsichgreifen des Mate-
den, und dies ist in \ü/ahrheit die eigentliche Bedeutung des Grabes. rialismus, der Laisierung oder des Agnostizismus (welchen Namen man
diesem Phänomen der Moderne auch beilegen mag) hätte im 19. und 20.
Jahrhundert den alten Glauben an ein Leben nach dem Tode ablösen und,
Die Situation gegen Ende des 10. Jahrhunderts wenn auch aus anderen Gründen, auf die §üahrung der Anonymität der
Gemeinschaftsgräber hinarbeiten können. In diesem Falle hätten wir im 19.
Die Situation, wie wir sie uns nach den vorhergehenden Analysen ausmalen Jahrhundert keinen Gräber- und Friedhofskult gehabt und heute keine ad-
können, ist also gegen Ende des Frühmittelalters - um das 10. bzw. 11. ministrativen Probleme mit der Verwesung der Leichname.
Jahrhundert - etwa die folgende: Das sichtbare Grab hat seine eschatologi- Aber die Dinge haben sich so nicht abgespielt! Im Gegenteil :Vom 11.

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Jahrhundert an setzt nämlich die neue, langsam und kontinuierlich verlau- schweifig und sogar überschwenglich, und von der kurzen Notiz zum Per-
fende Phase ein, in der der Gebrauch des sichtbaren, vom Leichnam häufig sonenstand bis zur Lebensgeschichte, vom zurückhaltenden Identitäts-
räumlich gerennten Grabes wieder häufiger wird. Der Vunsch nach Wah- nachweis bis zum Ausdruck familiärer Solidarität reicht.
rung des Andenkens geht dann von den erlauchten Persönlichkeiten auf die
Mehrheit der Sterblichen über, die, sehr zurückhaltend und ganz allmäh-
lich, ihre Anonymität hinter sich zu lassen versuchen, sich aber nichts- Das Epitaph - zunächst Identitätsnachweis und Gebet
destoweniger weigern, eine bestimmte Schwelle der Zurschaustellung und
der realistischen Präsenz zu überschreiten, deren Grenze je nach denZeit- Die ältesten Epitaphien (die aligemein verbreiteten - ich spreche nicht von
umständen variiert. denen der Päpste oder Heiligen, die am Stil der römischen Grabepigraphie
länger festgehalten haben) beschränken sich auf eine kurze Identitätsanga-
be und auf ein gelegentliches §7ort der Lobpreisung. Sie gelten wohlge-
Die \(iederkehr der Grabinschrift merkt bedeutenden Persönlichkeiten - so im Faile der Bischöfe von Chä-
lons, die vom 10. bis zum 12. Jahrhundert in ihrer Kathedrale beigesetzt
Deshalb ist das erste bemerkenswerte und bedeutungsvolle Phänomen das werden, im Jahre 998 - Hic jacet Gibuinus bonus epis.'oder noch im Jahre
der \(iederkehr der Grabinschrift, die fast genau mit dem Verschwinden 1247 - Fridus I Epis. (20); so auch im Falle des Abtes von Citeaux, der im
des anonymen Sarkophages zusammenfällt, der seinerseits durch den Blei- Jahre 1083 stirbt (LIic jacet Bartbolomeus quond.am abbas loci istiusl2l)).
sarg oder durch die bloße Einhüllung ins Leichentuch ersetzt wird, d. h. Dem Namen fügte man bald auch das Todesdatum hinzu (das Jahr und
durch die Beisetzung des lediglich in sein Grabtuch gehüilten Leichnams. manchmal auch Monat und Tag), wie auf einer im Museum von Colmar
Auf dem Pariser Friedhof Saint-Marcel (1 8) bemerkt man, um das 12. Jahr- aufbewahrten Grabplatte (Anno Domini MCXX, XI Kalendas Martii
hundert herum, das erneute Auftauchen dieser seit der altchristlichen Epo- Obät bone memorie Burcard miles de Gebbiswill f. . .) Fundator loci istius
che verschwundenen Inschriften. Es wird "der Renaissance der antiken [22]), oder wie auf einem kleinen Stein, der in die Außenmauer der Kirche
Vorliebe für die Epitaphien" zugeschrieben. Vir werden jedoch sehen, daß von Auvillar im D6partement Tarn-et-Garonne eingelassen ist (N. Marcii
der epigraphische Stil den der Antike kaum vor dem 15., jedenfalls aber incarnationis MCCXXXW obiit Reverend.us Pater Delesmus Capellanus
nicht vor dem 16. Jahrhundert bewußt nachahmt. Die ersten mittelalterli- bujus ecclesiae). Das ist alles.
chen Epitaphien stellen das neue Bedürfnis, die eigene Identität im Tode zu Die ersten Versuche haben dann zu einem epigraphischen Stil geführt,
bekräftigen, eher ganz sponran unter Beweis - eine Entwicklung, die unge- den man noch im 14. Jahrhundert und darüber hinaus antrifft, trotz der
fähr zeitgleich mit der der Ikonographie des Jüngsten Gerichts und der Konkurrenz überschwenglicherer und aus anderen Motiven gespeister
religiösen Erblassungsverpflichtung auftritt. Das Epitaph hat sich als Formeln. Im 12. und 13. Jahrhundert ist das Epitaph nahezu immer in latei-
Brauch nicht mit einem Schlage verbreitet, sondern ist auf starke \Wider- nischerSpracheabgefaßt: HiciacetN.,gefolgtvonseinergesellschaftlichen
stände gestoßen. Das aus dem 12. Jahrhundert stammende Grab eines gro- Stellung (rniles, rector, capellanus, cantor, prior claustralis usw.), dem obüt
ßen Kirchenherrn, des Abb6 de La Bussiöre in Burgund, das bei Gaigniöres und einer abschließenden Formel, die verschiedene Varianten haben kann:
(19) aufgeführt wird, ist einfach noch mit dem Zeichen der vier Krummstä- Hic requiescit, Hic situs est, Hic est sepuhura, Ista sepuhura est, Hic sunt
be geschmückt, die zwei Drachen zu Boden strecken, deren Symbolik übri- in fossa corporis ossa, In boc tumulo, Clauditur corpus (sekener und ge-
gens gebieterischer ist als die Schrift. Und lange nachher, als das Epitaph die suchter).
Regel geworden ist und redselig zu werden beginnt, wird diese archaisch- Im 14. Jahrhundert ist diese Formulierung immer noch gebräuchlich,
bündige Kürze noch auf manchen Gräbern aufrechterhalten, besonders auf wenn sie auch häufiger in französischer Sprache vorgebracht wird (das La-
Gräbern von Mönchen und Abten. Nicht weniger wahr ist, diesem Vorbe- tein kommt erst wieder gegen Ende des 15. und im 16. Jahrhundert zur
halt zum Trotz, daß sich, nach Jahrhunderten des Schweigens, eine biogra- Geltung), und liefert zahllose Variationsmöglichkeiten für das schlichte
phische Rhetorik abzeichnet, die genau ist, wenn auch manchmal weit- Cy-gist (ct-git lHier ruht]): "Hierruht der ehrbare und bescheidene N.,

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verstorben im Jahre des Heils. . ."; "hier ruht der edle und weise Rit- rnevtento mori, die wir allzusehr xuf dis 'makabre" Phase des ausgehenden
ter. . .«; "hier ruht der Schuster und Bürger von Paris. . ."; "hier ruht der Mittelalters zu beziehen geneigt sind.
Schenkwirt X., Bürger von Paris". Mit einer frommen Hinzu{ügung als Deshalb wendet sich der verstorbene Schreiber direkt an den Hinterblie-
Schluß, die lateinisch oder französisch abgefaßt sein kann: ,Qui migrat;it benen. Ein Kanoniker aus Saint-Etienne zu Toulouse, gestorben im Jahre
ad Dominumo (1352) oder "Anima gaudeat in Cbristo tempore pet?etilo« 1177 (23), redet den Leser an und spricht: '§üenn du wissen willst, was ich
(1639) oder ,Anima ejus requiescat in pace" (sehr verbreitet); ,der Herr früher gewesen bin, und nicht, was heute, so täuscht du dich, o Leser, der
nehme seine Seele zu sich. Amen" ; "der Herr vergebe ihm seine Sünden um du es mißachtest, Christi Lehre gemäß zu leben. Der Tod ist für dich ein
seiner Gnade willen. Amen"; "Gott der Herr hole seine Seele heim. Gewinn, denn sterbend trittst du ins Glück des ewigen Lebens ein."
Amen" ; "Bitten wir Gott, seiner zu gedenken" usw. Es existierte ehedem im Kloster Saint-Victor in Paris eine aus etwa der
gleichen Zeit stammende Inschrift eines Arztes von König Ludwig VI., der
zwischen l130 und 1138 den Tod fand und das gleiche Gefühl zum Aus-
Die Anrufung des Vorübergehenden druck bringt; auf ganz ähnliche \fleise beklagt er, sich direkt an den Vor-
übergehenden wendend (qui transi), die Hinfalligkeit der Medizin vor
Bis zum 14. Jahrhundert setzt sich das allgemein verbreitete Epitaph also dem Auge Gottes, von der er sich aber doch wünscht, sie möge Balsam für
aus zwei Abschnitten zusammen: der eine, ältere, ist eine Identitätsangabe, seine Seele sein, und er fügt hinzu: 'W'as wir einst waren, bist du jetzt, und
die den Namen, die Stellung, das Todesdatum und zuweilen ein kurzes was wir sind, wirst du sein." Das ist alles * und es ist banal genug. (24)
Lobeswort mitteilt. In der Mehrzahl der Fälle wird hier innegehalten und Diesen beiden Texten des 12. Jahrhunderts läßt sich entnehmen, daß der
weder das Alter noch das Geburtsdatum erwähnt. Der zweite, im 14. Jahr- Verstorbene oder der in seinem Auftrag Schreibende durchaus nicht um die
hundert verbreitete Abschnitt ist ein an Gott gerichtetes Gebet für die Seele Gebete des Vorübergehenden werben. Er wird lediglich eingeladen, den
des Verstorbenen: Das Seelenheil des ad sanctos bestatteten Christen ist Tod zu bedenken und Einkehr zu halten.
nicht mehr so sicher wie in den vorausgegangenen Epochen und im Früh- Das Thema hält die Gemüter weiter in Atem. Vir begegnen ihm - ein
mittelalter. Das Gebet ist von der damaligen Besorgnis angesichts des Jüng- Beispiel unter zahllosen anderen - auf dem Friedhof von Saint-Sdverin auf
sten Gerichts und von der Bemühung um testamentarische Stiftungen be' einer bei Sauval (25) zitierten Grabplatte aus dem Jahre 1545 wieder - es
einflußt. handelt sich um einen friesischen Schüler, der im Alter von dreiundzwanzig
Dieses Gebet tritt zunächst als anonymes Gebet der Kirche in Erschei- Jahren, fern seiner Heimat, in Paris stirbt. "'\)ü'as ich gewesen bin, zeigt dir
nung. Mit großer Beharrlichkeit in Stein oder Kupfer geschnitten, in den mein liegendes Bildnis. '§(as ich bin - soweit ich es weiß -, lehrt dich mein
Fliesenboden oder die Mauern von Kirchen oder Kapellen geritzt, ist es verstreuter Staub." Nach einem Glaubensbekenntnis, das die Lehre zusam-
jedoch dazu bestimmt, von irgend jemandem gesprochen zu werden; es menfaßt (Erbsünde, Fleischwerdung Christi, Auferstehung der Toten),
stiftet einen Dialog zwischen dem verstorbenen Schreiber und dem gegen- drängt er den Vorübergehenden zur Einkehr : "Damit du dich abtötest und
wärtigen Leser. In \ü/irklichkeit hat sich eine zweiseitige Kommunikation Gott dich zum I-eben erwecke."
hergestellt, eine Kommunikation in Richtung des Toten - mit dem Gebet In wenn auch weniger entwickelter Gestalt begegnet man diesem Au{ruf
iür die Ruhe seiner Seele - und eine andere, dte oon ibm aus geht, zvr Erbav. zur Einkehr bei Inschri{ten des 17. Jahrhunderts wieder.
ung der Lebenden. Die Inschrift wird also zur Lektion und zum Aufruf. Im 14. Jahrhundert macht sich ein anderes Thema bemerkbar" Der Tote
Vom 12. Jahrhundert an kommt es, wenn auch zunächst noch selten, gele- wendet sich nicht einfach an den Lebenden, um ihn zur Einkehr aufzufor-
gentlich vor, daß die Epitaphien kirchlicher Grabstätten, die also von Kleri- dern, sondern eher, um ihm ein Fürbittegebet abzuverlangen, mit dessen
kern, manchmal sogar vom Verstorbenen selber abgefaßt worden sind, als F{ilfe er der ewigen Verdammnis oder den Martern des Fegefeuers zu ent-
fromme Einladung an die Hinterbliebenen formuliert werden, sich durch rinnen hofft. So das folgende Vandepitaph eines Mitglied der berühmten
Augenschein ein tieferes Verständnis der großen paulinischen Lehre vom Familie der Montmorency, das im Jahre 1387 verstorben und in der Kirche
Tode zu eröffnen. Das ist die alte Tradition des contemptus rnundi und des von Teverny beigesetzt ist:

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Bonnes gens qui parcy passös, um für sich Barmherzigkeit durch die Gebete der Gläubigen zu erlangen,
De Dieu prier ne oous lassös die hier niederknien und sich diesem sehr heiligen und verehrungswürdigen
Pour l'äme du corps quirepose cy dessous. Sakrament nähern, und mit ihnen in der Glorie aufzuerstehen". (26)
,Vor dem Kruzifix", so berichtet Sauval, "habe ich [in der Kirche Saint-
Auffällig ist die Bemühung, zwischen Seele und Körper zu unterschei- Jean-en-Gröve] ein Epitaph gefunden, das wie folgt schließt:
Halt ein' Vor-
den - ein neuer Zug in dieser Art Literatur des 11. und 14. Jahrhunderts. Es übergehender, hier ruht ein ehrbarer Mann Igestorben im Jahre 1 575]. Bete
folgt dann der Hinweis auf den bürgerlichen Stand, begleitet von der tradi- fürihn, derdu deines §ü'eges gehst." (27)
tionellen kurzen Lobpreisung : Hier ist der Vorübergehende ein Andächtiger. Er kann aber auch einfach
ein Spaziergänger oder Neugieriger sein:
Homme fut de grant dövocion.
Boucbard du Ru si fut son nom O toy passant, quimarcbe sur leurs cendres
Lä trespassa cofiime l'on scet Net'öbabis...
MCCCI fx Voys, passant, je te prie, la noble söpuhure.
II et sept, 25" iour d'otobre.
Prions Dieu que de lui se remembre. Amen !
Man schuldet diesem gleichgültigen Passanten einige Erklärungen zu be-
Diese Identitätsangabe vom Ende des 14. Jahrhunderts verzeichnet noch stimmten Besonderheiten des Grabes oder des Lebens des Verstorbenen,
immer nicht das Alter des Verstorbenen. und man wendet sich ihm nicht nur zu, um um seine Gebete zu werben,
\Wer aber ist jener Vorübergehende ? Als Menschen des 20.
Jahrhunderts sondern um ihm eine Geschichte zu erzählen, eine Biographie, wobei man
haben wir uns hier vor einem schwerwiegenden Mißverständnis zu hüten. voraussetzt, daß er sich dafür interessiert und in der Lage ist, sie im Ge-
Der Vorübergehende ist nicht - wie wir, unserer eigenen Praxis verhaftet, dächtnis zu behalten und weiterzutragen: So setzt sich der Kreislauf von
uns vorzustellen versucht sind - Angehöriger, Freund oder Vertrauter des Ansehen und Andenken in Bewegung.
Verstorbenen, der ihn gekannt hat, der ihn beklagt und beweint und sein Im 13. und 14. Jahrhundert hat das Epitaph nicht mehr immer die äußer-
Grab besuchen kornmt. Dieses Gefühl war bis zum Ende des 18. Jahrhun- ste Knappheit des Hochmittelalters; es wird länger und ausführlicher,
derts vollkommen unbekannt. Der Gesprächspartner des Toten ist wirklich wenn es sich auch von Ubertreibungen frei hält; so etwa das folgende eines
)eder Vorübergehende (qui parry passös - qui transis), jeder Fremde, der den Bischofs von Amiens, Evrard de Fouilloy, gestorben im Jahre 1222, dessen
Friedho{ durchstreift oder die Kirche betritt, um seine Andacht zu verrich- Grabplatte in der Kathedrale von Amiens eines der Meisterwerke der mit-
ten oder weil ihn sein §ü'eg gerade vorbeiführt, denn Kirche und Friedhof telalterlichen Grabplastik ist :
sind öffentliche Stätten und Orte der Begegnung. Deshalb suchen sich die ,Er hat sein Volk genährt. Er hat die Fundamente dieses Gebäudes ge-
Testatare für ihre Grabstätten die heiligsten Gegenden aus, die zugleich den legt." ,Die Stadt war seiner Fürsorge anvertraut.. ,Hier ruht Edouard,
größten Zulauf haben. So das folgende Epitaph in der Kirche Saint-Andr6- dessen Ansehen den Geruch von Narde atmet.« ,Er hat Mitleid gehabt mit
des Arts zu Paris, das Epitaph eines im Jahre 1609, im Alter von 83 Jahren bekümmerten '§ü'itwen. Es ist der Hüter der Veriassenen Sewesen. Es war
verstorbenen Greises, der sich gewünscht hat, ,x6 Tage seines Hinschei- Lamm unter den Sanften, Löwe unter den Großen, Einhorn unter den
dens beigesetzt und gebettet zu werden neben diesem Abendmahlsaltar, Hochmütigen."

Bonnes gens.. . Ihr guten Leute, die ihrhiervorüberkommt,/ Verder um Gotres willen nicht
müde, zu beten/ Für die Seele des Leichnams, der hier unten ruht.
Homme t'ut .. . Er war ein Mann von großer Frömmigkeit./ Bouchard du Ru war sein Name/
Er verstarb hier, wie man weiß,/ Im Jahre 1387, am 25. Oktober. / Bitten wir Gott, er möge seiner O toy passant... O du, Vorübergehender, der du über ihre Asche hinschreitest,/Erstaune
gedenken. Amen ! nicht [...]/ Ich bine dich, Vorübergehender, betrachte die edle Grabstäme'

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Das Epitaph als ausführlicher biographischer Bericht schen Auffassung des menschlichen f.ebcns, drs hinfort eher durch seine
über moralische und heldenhafte Großtaten Dauer als durch seine'§flirksamkeit de{iniert wird - eine Auffassung, die die
unserer technisierten und bürokratisierten Industriegesellschaft ist.
In diesem Text, der ausführlicher ist als sonsr üblich, trifft man die verrraute Schließlich vervollständigt vom 15. Jahrhundert an ein letzter auffallen-
altchristliche Grabepigraphie ebenso an wie neuere Lobesformeln, die spä- der Zug die alte Identitätsangabe des 13. und 1.1. Jahrhunderts: sie be-
ter gebräuchlich werden. Eben diese Tendenz zur Beredsamkeit und zur schränkt sich künftig nicht mehr nur auf einzelne Individuen, sondern wird
langatmigen Ausschweifung charakterisiert die für die phase des Ancien
- im 15. und vor allem im 16. und 17. Jahrhundert - auf die ganze Familie
R6gime, für das 15. bis 18. Jahrhundert bezeichnendste Form der Epigra- bezogen und fügt dem zuerst Verstorbenen die Namen seiner Ehegattin
phie. (\üir werden im dritten Teil des vorliegenden Buches und in einem und Kinder oder, wenn er jung war, seiner Eltern hinzu - ein neues und
anderen Zusammenhang die gleichzeitig auftretende Neigung zur Schlicht- bemerkenswertes Phänomen, das darauf hinausläuft, öffentlich und auf ei-
heit untersuchen, die an beiden Enden der sozialen Stufenleiter zum Aus- ner sichtbaren Grabplatte eine familiäre Beziehung kundzugeben, die bis-
druck kommt, bei den auf Demut bedachten Mächtigen wie bei den kleinen her in diesem äußersten Augenblick der Vahrheit außer acht gelassen
Handwerkern und Bauern, die gerade ersr schüchtern in die Sphäre des wurde. Die Inschriften werden immer häufiger zu Kollektivinschriften;
"geschriebenen" Todes eingerreten sind.) Im 14. Jahrhundert nimmt diese hier das Beispiel einer in die Außenmauer von Notre-Dame zu Diion einge-
Beredsamkeit die Form der frommen Ermahnung an, eine Art paraphrase lassenen Steintafel, in die - zweifellos auf Verlangen der Mutter als letzter
der Totenfürbitten. Das Latein als schriftsprache ist verbreiteter und redse- Hinterbliebener einer durch mehrere Pestepidemien dezimierten Familie
liger, das Französische selrener und vor allem bündiger. Ich zitiere die for-
- die folgende Inschrift eingraviert ist: "Hier ruhen N., verstorben am 27.
gende Inschrifr eines Mitgliedes der Familie der Montmorency in der Kir- Oktober 1428", seine Frau, die am 28. Juni 1439 verschied, und -zwischen
che von Taverny: diesen beiden Grenzdaten - zwei Kinder, die im September und Oktober
"Hier liegt bestattet ltegitur et sepelitur) der Ritter philippe'r, der, wie 1428 demselben Leiden zurn Opfer fielen wie ihr Vater, schließlich eine im
bekannt fpro ut asseritur), wegen seiner Ehrbarkeit lltrobitatus)in hohem
lahre 1,437 verstorbene weitere Tochter, ohne "mehrere ihrer Kinder" zu
Ansehen stand. öffne ihm den Himmel, der Du richtest und über die Er- zählen, die nicht im einzelnen verzeichnet sind. Und die Liste schließt
haltung aller Dinge entscheidest ldiceris),und geruhe, diesem erbärmlichen
'Wesen Deine Barmherzigkeit
- ohne biographische Hinweise - mit der geläufigen Anrufung: "Der Herr
zu gewähren, o König, der Du Vater bist. . .. nehme ihre Seelen zu sich. Amen."
Es handelt sich hier weder um einen Kleriker noch um eine berühmte per- Damit haben sich alle formalen Elemente der epigraphischen Literatur
sönlichkeit, sondern um einen Ritte r (miles), der als Beispiel für d ie probitas zusammengefunden: die Identitätsangabe, die Anrede des Vorübergehen-
zitiert wird. Die Verlängerung der Inschrift hängt also zunächst von den den, die {romme Formel, dann die rhetorische Veitschweifigkeit und die
bemerkenswertesten Tugenden ab, die damals die Attribute der Heiligkeit Einbeziehung der Familie. Diese Elemente werden sich im 16. und '17 . Jahr'
oder der edlen Gesinnung sind. hundert dann weitläu{ig entwickeln.
Vom 14. Jahrhundert an tritr gelegentlich - und im 15. nahezu immer Die früher auf einige wenige tüorte oder Zeilen beschränkte fromme
- ein anderer originärer Zug d,er Grabepigraphie in Erscheinung : Dem To- Ermahnung wird im 16. Jahrhundert zum erbaulichen Lebensbericht des
desdatum, das von altersher üblich ist, wird das Alter des Verstorbenen Verstorbenen. Im Konvent der Augustiner zu Paris gibt Anne de Marle ein
hinzugefügt. Vom 1 6. Jahrhundert an hat sich diese praxis allgemein durch- Beispiel für einen heilsamen Tod in noch jugendlichem Alter. (28) "Der
gesetzr - mit der Ausnahme mancher Gräber von Handwerkern, für die der widrige'I"d [. . .] kündigte ihr das Ende ihres Lebens an [ein Anfang wie in
soziale Aufstieg in den Kreis der ,sichtbareno und ,sprechenden. Toten einem Totentanz],/ Als sie noch kaum ihr achtundzwanzigstes Jahr vollen-
noch ganz überraschend ist. Dieser Zusatz entspricht einer mehr statisti- det hatte [das Alter wird in einem Bericht, der sich zur Biographie entwik-
kelt, zum bedeutsamen Element],/Ohne Rücksicht auf den Ort, aus dem
" Der griechische Name Philippe wurde in Frankreich von Anne de Russie (oder Anne de sie kam,/ Und unter Geringschätzung des Ruhmes, den man/ In dieser
Kiev) einge{ührt. armseligen §V'elt erwerben kann [der legitime Ruhm, der dem Leichenge-

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pränge seine Daseinsberechtigung verleiht], gebot jene Anne,/ Daß ihr Er fand jedoch nur Undank:
Leichnam bei den Armen gebettet werden sollte [ein bemerkenswerter Akt
Et pour tout son labeur n'a conquis en tous biens
der Demut, der auf unvergänglichem Material festgehalten werden muß]/
In diesem Gemeinschaftsgrab [sie war also nicht an der Stelle des Epitaphs Qu'un öternel oubly pour luy et Pour les siens,
beigesetzt, das in der Apsis angebracht ist, sondern im Armengrab auf dem Qu'un öternel oubly, une oaine espörance
Et qu'une mort enfin pour toute röcompense.
Friedhof ; hier schließt der fromme Bericht über ein mustergültiges Leben,
und es beginnt die Anrufung des Vorübergehenden, die die Tonart einer
Aber die Ungerechtigkeit der Großen dieser lVelt hat nicht den Glanz
Beradezu vertraulichen Ermahnung anschlägt]./ Beten wir nun aber, liebe
Freunde,/ Daß ihre Seele unter den Armen zu finden sei,/ Die in der Kirche eines Ansehens auslöschen können, das sich auf diese Tugenden berufen
als die Seligen besungen werden.o Anne de Marle starb am 9. Juni 1529. darf, selbst wenn sie von seinen Herren nicht - wie billig - anerkannt wor-
lVie aus diesem Beispiel ersichtlich, das eines unter zahllosen anderen ist, den sind. Er bewahrt sich den "Ruf eines guten Menschen". Er bleibt auf
wird das Epitaph im 16. und 17. Jahrhundert zur Lebensgeschichte, die irnmerdar
kurz sein kann, wenn der Verstorbene jung war, oder lang, wenn er alt und
Ricbe de cette gloire
berühmt verstorben ist.
Qui grave dans le ciel ä jamais sa mömoire,
Im 16., 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts kommt es sehr häufig
Ricbe de ce beau nom qui surmonte l'effort
vor, daß das Epigraph zur biographischen Erzählung zum höheren Ruhm
Dösormais duTombeau, duTemps et de la Mort.
des Verstorbenen gerät, zu einer Art Auszug aus einem Lexikon berühmter
Persönlichkeiten, vorzugsweise mit einer Aufstellung aller militärischen
Der Verstorbene erhebt Anspruch auf einen Ruhm, den die Menschen
Auszeichnungen, denn diese Auszüge beschränken sich nicht mehr nur auf
ihm zu seinen Lebzeiten verweigert haben, den seine Tugend und die sitt-
Männer der Kirche (die werden vielmehr in dieser Phase der Gegenrefor-
liche Geltung dieser Tugend ihm iedoch zusprechen und von dem sein Epi-
mation immer spärlicher); sehr häufig sind sie den Großtaten und Verdien-
taph in aller öffentlichkeit Zeugnis ablegt.
sten von Heerführern gewidmet. Die einzigen Kleriker, die sich dieser
Diese Art von vorwurfsvoll-bitterer Grabinschrift ist selten. Umgekehrt
weltlichen Mode der Grabepigraphie anschließen, sind ebenfalls Soldaten
ist das heroische Epitaph sehr verbreitet, namentlich im 17. Jahrhundert,
- die Malteserritter. Man muß sich also die Inschri{ten, die die Fliesenbö- vor allem aufgrund der zahlreichen Kriegsgefallenen aus derZeir Ludwigs
den und Mauern der Kirchen und Beinhäuser bedecken, als Seiten eines
Lexikons erlauchter Persönlichkeiten vorstellen, als eine Art Who's zabo,
XIIL und Ludwigs XIV. und der Türkenkriege. Der Boden der Kirche
Saint-Jean-de-La-Valette ist mit zahllosen Auszeichnungen aus Anlaß der
der den Passanten zur Lektüre anheimgestellt wird. Die gedruckten Führer
Kreuzzüge bedeckt ! Trotz der Revolutionswirren und der archäologischen
kündigen sie überdies als Sehenswürdigkeiten an.
und kirchlichen Restaurierungen haben sich einige dieser Epitaphien an
Manche Verfasser, vom Leben gebeutelt, fanden hier Gelegenheit, in ei-
den §?'änden unserer französischen Kirchen erhalten. Unsere Epitaphien-
ner Art feierlichen Protests die Ungerechtigkeiten des Geschicks anzukla-
sammlungen sind voll davon - der Ruhm des Adels und der franz-ösischen
gen. So Pierre Le Maistre (1562) in der Kirche Saint-Andr6-des-Arrs in
Nation schlug sich in ihnen nieder, erste individuelle Andeutung und Anti-
Paris (29):
zipation der späteren Kriegsgefallenendenkmä1er.
Dessoubs I'ombre saoö de cette pierre dure,
Vois,passant, je prye, hnoble söpilture
te
Et Pour tout son labeur. . . Und für alle seine Mühen hat er als einzige Gegenleistung erhal-
D'un sentiteur Dieu, de lustice et de Foy,
de
für sich und die Seinigen,/ Als ewige Vergessenheit und
ten./ N