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Glaubenssachen

Glaubenssachen

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Sonntag, 23. März 2014, 08.40 Uhr

„Unterwegs in Lutherland“ Von Kirchenfernen und Sinnsuchern Von Joachim Jauer

Redaktion: Florian Breitmeier Norddeutscher Rundfunk Religion und Gesellschaft Rudolf-von-Bennigsen-Ufer 22 30169 Hannover Tel.: 0511/988-2395 www.ndr.de/ndrkultur

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„Am Anfang war das Wort“. Mit diesem ersten Satz des Johannesevangeliums ist das Porträt des Reformators Martin Luther überschrieben. Es ist das anspruchsvolle Gedenk-Motto für 500 Jahre Reformation. Damals zu Luthers Zeiten verschaffte die neue Technik des Buchdrucks den Reformationsgedanken eine ungeheuer schnelle Verbreitung. Heute wirbt Sachsen-Anhalt mit „luther-erleben.de“ im weltweiten Internet. Das Ursprungsland der Reformation erwartet einen Besucheransturm. Denn, so verheißt es die Werbung, „hier war Luthers Zuhause, hier ist Martin Luther geboren, hier hat er gelebt, hier ist der Reformator gestorben“.

Mit großem Aufwand bereitet sich das östliche Bundesland auf das Reformations- jubiläum in drei Jahren vor. Evangelische Kirche und Tourismusverband hoffen auf protestantische Wallfahrer, vor allem auf Pilger aus Übersee. Denn „die Gedanken der Reformation hätten Europa verändert und Anhänger in der ganzen Welt gefunden“, heißt es weiter und „an den Originalschauplätzen der Reformation sei noch heute Luthers Leben und Wirken zu erkunden“. Schärfer jedoch können die Gegensätze kaum sein. Das Land mit den Original- schauplätzen der Reformation zählt heute zu den Regionen der Welt, in denen Religion nur noch eine äußerst geringe Rolle spielt. Gerade 14 Prozent der Bevölkerung gehören noch Luthers Erbe, der evangelischen Kirche, an. In Wittenberg, wo mit Luthers Thesen zum verwerflichen Ablassmissbrauch im Jahre 1517 die Reformation begann, sind sogar nur noch gut 10 Prozent der Einwohner evangelisch. Und die Schlosskirchengemeinde, an deren Türen Martin Luther der Legende nach seine 95 Thesen anschlug, zählt nach eigenen Angaben gerade noch 110 Gemeindeglieder. Die übergroße Mehrheit der Einwohner Sachsen-Anhalts gehört keiner Kirche mehr an.

„Die Menschen in der ehemaligen DDR haben bereits vergessen, dass sie Gott vergessen haben“, so lautet die bittere Bilanz, die der evangelische Altbischof Axel Noack aus Magdeburg schon vor Jahren gezogen hat. Für ihn hat der Exodus aus der Kirche Martin Luthers schon früh eingesetzt. Bereits die junge Arbeiterbewegung nutzte im 19. Jahrhundert die Möglichkeit eines gesetzlich erlaubten Kirchenaustritts. In den zwanziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts wurde nicht einmal mehr die Hälfte aller Verstorbenen in der Region des heutigen Sachsen-Anhalt kirchlich beerdigt, sagt Axel Noack. Und dann haben zwei Diktaturen ihre tiefen Spuren hinter- lassen. Manche, die sich in den Hitler-Jahren zu den NS-begeisterten Deutschen Christen bekannten, verließen die Kirche nach 1945. Andere gingen aus Scham über die Shoah und das kirchliche Schweigen dazu. Im Kernland der Reformation hat es vor allem in den vergangenen Jahrzehnten große Wanderbewegungen der Christen gegeben. Hätten nicht Millionen von evangelischen Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten jenseits von Oder und Neiße nach Kriegsende in der damaligen sowjetischen Besatzungszone ein neues Zuhause gefunden, wären die Kirchen noch erheblich leerer.

Wenn die Region für Protestanten bereits Diaspora ist, und das bedeutet christliches Leben in nicht-kirchlicher Zerstreuung, dann ist für die Katholiken zwischen Harz und Elbe noch einmal Diaspora in der Diaspora. Nur etwa dreieinhalb Prozent der Bürger Sachsen-Anhalts sind katholisch, etwa 88000 Menschen. Viele der 44 Pfarreien

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wuchsen erst nach dem Zweiten Weltkrieg, einige Gemeinden waren schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet worden, als wegen der Industrialisierung Zuwanderer aus katholischen Gegenden in diese Region gezogen waren. Es waren nach 1945 Kriegs-Flüchtlinge, katholische aus Schlesien oder dem Sudetenland, die verstreut über Lutherland neue Gemeinden bildeten, 400 Jahre nach den Wirren der Reformation. Den größten Mitgliederschwund aber hatten evangelische wie katholische Kirchen- gemeinden bereits vor dem Mauerbau zu verzeichnen, weil Millionen meist dem bürgerlichen Lager zuzurechnende Gläubige Richtung Westen geflüchtet waren. Den Rest hat dann der aggressive Atheismus der SED besorgt. Die Kommunisten haben in mehreren Wellen christenfeindlicher Propaganda zahllose Menschen aus der Kirche getrieben. In der Folge verzichteten viele Eltern darauf, ihre Kinder taufen zu lassen und damit gingen die Mitgliederzahlen in den Kirchengemeinden zurück. Junge Christen aber, die kirchentreu geblieben Konfirmation oder Firmung der sozialistischen Jugendweihe vorzogen, durften nicht zur Oberschule und zum Studium. Die Eltern hatten Nachteile im Beruf. Inzwischen fehlt beiden Kirchen erkennbar der Nachwuchs. Denn, als die Jungen nach der Wende 1989 Arbeit im Westen suchten, blieben die Alten zurück.

Die übergroße Mehrheit der Bevölkerung ist heute zwar kirchenfern aber die Menschen zeigen sich nicht als Kirchenhasser. Religion und Kirche sind den meisten schlicht egal, allenfalls ist man neugierig auf Kirche im Zusammenhang mit Landesgeschichte, Kunst oder Tradition. Manche Pfarrer beobachten zuweilen auch bei kirchenfremden Menschen ein ernsthaftes Interesse für Fragen des Glaubens, wenn sie etwa zu einer Taufe oder einem christlichen Begräbnis eingeladen sind. Doch die meisten fremdeln bei derlei Ritualen. Früher hätten Eltern ihre Kinder christlich erzogen, sagt Altbischof Noack, heute wären kirchenferne Eltern eher durch ihre Kinder zu erreichen, wenn sie denn den Religionsunterricht besuchten und daheim davon berichteten. Und „Kirche muss heutzutage wie eine Fremdsprache gelernt werden, sie ist nicht mehr die Muttersprache“, weiß der evangelische Theologe, der wie Martin Luther nicht auf den Mund gefallen ist. Aber sinkende Mitgliederzahlen gibt es auch in den Gemeinden des Westens. Dabei waren vor allem die evangelischen Kirchen in Lutherland vor 25 Jahren während der friedlichen Revolution übervoll. Die meisten waren nicht gekommen, um zu beten, sondern, um offen über den Mängelkatalog des sozialistischen Alltags zu reden. Unter dem schützenden Dach der Kirche befreiten sich die Menschen aus der Isolation ihrer Angst, weil sie erstaunt entdeckten, wie viele sie waren. Die Friedensgebete dieser spontanen Massenversammlungen formulierten eine christliche Friedensethik gegen die staatlich propagierte Erziehung zum Hass, Hass auf den kapitalistischen Westen. Die SED, die östliche Raketen gut und westliche Panzer böse nannte und die behauptete, ihr durchweg militarisierter Machtbereich sei der „erste Friedensstaat auf deutschem Boden“, wurde durch das christliche Bekenntnis zu einem umfassenden Frieden der Lüge überführt. Bereits Mitte der 1960er Jahre haben Christen aus Magdeburg zu Friedensdiensten aufgerufen. Der Protestant Lothar Kreyssig und mit ihm der Katholik Günter Särchen gründeten die „Aktion Sühnezeichen“ und unternahmen erste Reisen in das damals

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kommunistische Polen, besuchten die Stätten der Nazi-Verbrechen und suchten unter den misstrauischen Augen kommunistischer Funktionäre Versöhnung. Ein späterer Friedensaktivist war der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer. Er ließ 1983 im Lutherhof öffentlich ein Schwert von einem Schmied zu einer Pflugschar umformen. Das Wort des alttestamentarischen Propheten Micha, „sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Sicheln umschmieden“ wurde zum Leitsatz der evangelischen Friedensbewegung, an die Stelle von Waffen setzten die Christen friedliches Werkzeug. Später wiesen tausende Kerzen in den Händen der Demonstranten den gewaltfreien Weg zum Fall der Berliner Mauer. Frei nach dem Motto: Wer eine Kerze in der Rechten hält, muss die Flamme mit der Linken schützen. So hat er keine Hand frei, um einen Stein zu werfen. Heute, 25 Jahre danach, sind viele Kirchen ziemlich leer. Seit die Menschen wieder frei reisen und reden können, haben sie nicht nur Gott sondern auch so etwas wie Dankbarkeit gegenüber der Kirche vergessen.

Sachsen-Anhalt, in DDR-Zeiten Deutschlands krankes Herz, noch vor 20 Jahren Synonym für eine zerstörte Umwelt, versucht mit der „Strasse der Romanik“ eine neue Identität zu entwickeln. Der nach der Wende wieder vorzeigbare Reichtum an groß- artigen Denkmälern der Romanik, einmalig in ganz Deutschland, soll den Menschen zwischen Harz und Elbe eine neue Heimat schaffen. Vieles war dem Bildersturm und den Religionskriegen der Reformationszeit zum Opfer gefallen, was übrig blieb, wird heute in den Domen, Klöstern und Kirchen ganz überwiegend in evangelischer Obhut wieder gezeigt. Anderes kommt auf der Strasse der Romanik ungeahnt zu neuer Blüte. Das Land Sachsen-Anhalt präsentiert seine christlichen Ursprünge aufwendig. Dieses reiche Erbe soll, so CDU-Ministerpräsident Reiner Haseloff, „wieder stärker in das Bewusstsein der Bewohner und Gäste des Landes gelangen“. Denn, so Haseloff weiter, die alten Kirchen und Klöster „erinnern auch daran, dass das heutige Europa auf christlichen Fundamenten steht, die aus den Europäern eine Wertegemeinschaft machen“. Die Region zwischen Elbe und Harz war seit der Zeit der Ottonen-Kaiser vor tausend Jahren mittelalterliches und christliches Zentrum des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Geblieben ist die "Strasse der Romanik" mit ihren 80 Baudenkmälern, Domen, Kirchen und Klöstern in 65 Orten. Schon zu DDR-Zeiten hat der Denkmalschutz mit seinen begrenzten Mitteln historische Bauten vor dem Verfall gerettet. Dabei waren Reparaturkapazitäten durchaus vorhanden. Doch Kirchen mit Ausnahme der prominenten Dome hatten bei der Vergabe finanzieller Aufbauhilfen wenig Chancen. Viel Material wurde nach Berlin abgeben, denn die Hauptstadt hatte Priorität.

Heute wirbt das Land mit Blick auf 500 Jahre Reformation vor allem mit den Orten, in denen Martin Luther lebte und wirkte, vor allem Eisleben und Wittenberg. In Eisleben wurde der Reformator als Martin Luder geboren, dort starb er auch. Seinen späteren Namen Luther leitete er von dem griechischen Wort „Eleutherius“, der Befreite ab. Überall im Ort finden sich Wegweiser zu Luther. Der Reformator soll der Tourismus- magnet sein. Doch Eisleben wartet bislang auf einen Pilgerstrom. Dabei war die Stadt schon in früheren Zeiten ein evangelischer Wallfahrtsort. Da das Haus, in dem Luther geboren wurde, abgebrannt war, wurde bald eine Gedenkstätte über der Ruine

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errichtet. Preußen ernannte dann 1817 das neue Gebäude zum Geburtshaus. Ähnlich verfuhr man mit dem angeblichen Sterbehaus. Vor 150 Jahren erwarb Preußen das Gebäude, das seitdem offiziell als Sterbehaus gilt und für protestantische Pilger dem damaligen Geschmack folgend „spätmittelalterlich“ ausgestattet wurde. Zwar behauptet eine repräsentative Inschrift über dem Eingang bis heute, dies sei der historisch bedeutende Ort, doch wahrscheinlich starb Luther im ehemaligen Stadtschloss, das inzwischen „Hotel Graf von Mansfeld“ heißt.

Lutherstadt Wittenberg, historisches Zentrum der Reformation und zugleich ein Markt der frommen Erinnerungen. Überall ist Luther. Doch die Stadtkirche, in der Martin Luther gepredigt hat, hat heute nur noch 3400 Gemeindeglieder, das sind nicht einmal zehn Prozent der Stadtbevölkerung. In einer Gasse neben der Stadtkirche liegt noch heute mit katholischem Namen die kleine Fronleichnamskapelle. Von hier aus hat Martin Luther an Papst Leo X. appelliert, er möge ein Konzil einberufen, das den drohenden Ketzerprozess gegen ihn abwenden sollte. Heute wird die Kapelle von drei Schwestern der evangelischen Christusbruderschaft aus dem oberfränkischen Selbitz genutzt. Sie halten hier dreimal am Tag Stundengebet. Vor fast 500 Jahren, sagt Schwester Elisabeth Häfner, die den Habit einer Klosterfrau trägt, haben die Nonnen Wittenberg verlassen oder wurden vertrieben. Sie und ihre Mitschwestern seien vor sechs Jahren aus dem Westen in die Stadt der Reformation gekommen, um „Gebets- Präsenz“ zu leben, wie sie es nennt. Zweimal in der Woche feiern sie „Eucharistie“, so Schwester Elisabeth wörtlich, und empfangen „das heilige Abendmahl“. Die Schwestern bieten Exerzitien und Seelsorgegespräche an. Immer wieder nehmen Touristen, Neugierige und manchmal auch kein Gast am Stundengebet teil.

Als DDR-Relikt grüßt in Wittenberg nur noch der Ost-Sandmann überlebensgroß im Schaufenster des „Hauses der Geschichte“. Denkmäler des Reformators und seines Mitstreiters Melanchthon dominieren den Marktplatz. Katholiken bieten zuweilen Heiligenbilder, Rosenkränze und frommen Kitsch an, in Wittenberg gibt es die Luther- Rose als Kühlschrankmagnet, Luthersocken mit der Aufschrift: „Hier stehe ich – ich kann nicht anders“ oder ein T-Shirt mit dem Slogan: „95 Mal hat Martin den Nagel auf den Kopf getroffen“. Auch ein Luther-Kräuterlikör und Luther-Bier sind im Angebot.

Das ehemalige Augustinerkloster, einst Wohnsitz der Eheleute Martin Luther und Katharina von Bora, verfügt über die weltweit umfangreichste Reformations- Ausstellung mit etwa 1000 originalen Erinnerungsstücken. Die Schau lässt nicht den Verdacht aufkommen, hier sollte Heiligenverehrung betrieben werden. Besonders die Sammlung reformatorischer Druckschriften erklärt, warum die Reformation sich so rasch ausbreiten konnte. Bis zum Jahr 1500 wurden in Europa insgesamt 15 Millionen Bücher gedruckt. Im Jahrhundert der Reformation waren es dann 500 Millionen. Dieser Boom wurde durch Flugschriften ausgelöst, in denen Lutheraner und „Papisten“ heftig gegeneinander polemisierten und in denen „dem Volk aufs Maul geschaut“ wurde. Als Beweisstück für den unseligen Ablasshandel steht dort auch eine Truhe, in der einst „das Geld im Kasten klang, damit die Seele in den Himmel sprang“.

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Neben den Indikatoren einer deutlichen Kirchenferne gibt es aber überall auch Leucht- türme christlichen Lebens. Der Magdeburger Domprediger Giselher Quast, einst der evangelische Lautsprecher, der aus dem stillen Protest gegen das SED-Regime eine Massenbewegung machte, versammelt im Remter des Doms jeden Sonntag gut 200 Gläubige, überwiegend junge Familien. Es gibt in Halle an der Saale auch das Beispiel der Marktkirche „Unser Lieben Frauen“. Eine Kirche, in der Luther dreimal predigte, Georg Friedrich Händel getauft wurde und deren große Orgel Johann Sebastian Bach eingeweiht hat, das ist einmalig auf der ganzen Welt. An jedem Wochentag lädt die Marktkirche mittags um 12 Uhr zu einer halben Stunde geistlicher Musik - gespielt wird auf der historischen Orgel. Eine Pfarrerin betet mit jeweils etwa 50 Menschen Psalmen in moderner Fassung: „Wenn Gott spricht, gibt es neues Leben. Bleibe bei uns, lieber Gott, du bist unsere ganze Hoffnung.“

Und nicht zu vergessen die wenigen aktiven Klöster: das ehemalige Damenstift, heute evangelische Kloster Drübeck mit Stundengebeten, täglicher Abendmahlsfeier, Bibelarbeit und Einkehrtagen. Am Rande der Lutherstadt Eisleben haben katholische Zisterzienserinnen das Kloster Helfta nach der Wende von der Treuhand gekauft. Das ehemalige Klostergelände war zu DDR-Zeiten ein volkseigenes Gut für Tierzucht, in der Klosterkirche standen die Traktoren. Die Nonnen haben es zu einem spirituellen Zentrum im Osten Deutschlands gemacht. Benediktinermönche sind auf die Huysburg zu Füßen der Harzberge zurückgekehrt.

Zum Gedenkjahr 2017 bereitet die Evangelische Kirche allen voran die eigens ernannte „Luther-Botschafterin“ Margot Käßmann – ein umfangreiches Jubiläums- programm vor. Ihr sei „am wichtigsten, dass die Menschen im Land überhaupt wissen, was da gefeiert wird". Ein sehr ambitioniertes Vorhaben. Denn die bestehende Kirchenferne hat dazu geführt, dass eine religiöse Allgemeinbildung nicht mehr vorausgesetzt werden kann. Die Aufgabe der „Luther-Botschafterin“ scheint viel umfangreicher und grundsätzlicher zu sein, als den Menschen in Lutherland nur zu erklären, „was da 2017 gefeiert wird". Und auch ökumenisch ist da noch vieles nicht geklärt. Wo Protestanten die „Freiheit des Christenmenschen“ als Errungenschaft der Reformation betonen, verweisen Katholiken eher auf die schmerzliche Trennung der Konfessionen. Dennoch kann sich der katholische Magdeburger Bischof Gerhard Feige ein gemeinsames Reformationsgedenken vorstellen. Feige ist in der Bischofskonferenz für die Ökumene zuständig. Viele Anliegen Luthers habe die katholische Kirche inzwischen aufgegriffen, so der Magdeburger Bischof. Die katholische Kirche habe sich vom Weg der Gegenreformation auf den der Mitreformation begeben. Und dann regte der Bischof an, katholische und evangelische Gemeinden sollten sich ihre Konfessionsgeschichtegegenseitig erzählen. Dass sich Getrennte besser kennen lernen sollen, war auch ein Vorschlag, der zwischen West und Ost zu Zeiten der deutschen Wiedervereinigung kursierte. Im Geschichtswettbewerb des Bundes- präsidenten hat die Schülerin Jana Märkisch aus Wernigerode, bereits über die Nachbarschaft zwischen katholischer und evangelischer Kirchengemeinde, von der Reformation bis heute, geforscht. Sie fand heraus, dass es im Umfeld des Klosters Hedersleben nach der Reformation nur eine Kirche, die Klosterkirche, im Ort gab, und diese musste als Simultankirche von beiden Konfessionen 150 Jahre lang genutzt

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werden. Interessant dabei ist, dass das katholische Kloster der evangelischen Gemeinde nicht nur die Kirche zur Verfügung stellte, sondern auch den evangelischen Pastor einstellte, versorgte und bezahlte.“

Der Rückblick der Schülerin Jana in die Vergangenheit könnte angesichts der kleiner werdenden Christenschar ein Fingerzeig in die ökumenische Zukunft sein, und das nicht nur in Lutherland.

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Zum Autor:

Joachim Jauer, der Hörfunk- und Fernsehjournalist war langjähriger ZDF-Korrespondent in der DDR und Osteuropa

Literaturhinweis:

Joachim Jauer: „Urbi et Gorbi - Christen als Wegbereiter der Wende“, Herder-Verlag 2009