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GESAMMELTE ROMANZEN

TORSTEN SCHWANKE

„Weiberwille – Gottes Wille!


Doppelt ist der Gotteswille,
Ist das Weib die Mutter Gottes!“

Heinrich Heine

DIE BRAUT GOTTES

Ja, ich sah die Himmelsdame


In dem Kleid der Sonnenstrahlen
Mit dem Mond zu ihren Füßen
Und dem Zodiak als Krone!

Sie gebar uns ihren Knaben,


Dann entfloh sie in die Wüste,
Schutz zu suchen vor der Schlange,
Die da ist der alte Satan.

Wenn das Böse überwunden


Ist durch den Triumph der Liebe,
Kommt die Braut aus Gottes Himmel,
Schön geschmückt dem Bräutigame,

Da sie vor ihm steht als Jungfrau,


Unbefleckte, Makellose,
Ohne Falten oder Runzeln,
Als die Heilige und Schöne!

Also in dem Hohen Liede


Sulamiths und Salomonis
Hören wir vom Bräutigame
Christus und der Braut, der Seele.

Aber in dem Hohen Liede


Hören wir die Doppelhochzeit
Jesu Christi mit Maria,
Jesu Christi mit der Seele.

Lausche nicht dem Lied der Wollust,


Nicht der leiblichen Erotik,
Lausche lieber dem geheimen
Geist der religiösen Hochzeit.

Erst wer seine sexuelle


Wollust geistig sublimierte,
Wird das mystische Geheimnis
Hören in dem Hohen Liede.

Denn im Hohen Lied singt Eros,


Jener hohe Eros Gottes,
Welcher liebevoll die Seele
In der Gottheit Schoß hineinzieht.

Ja, das Leben dieser Seele,


Dieser Braut des Christus Jesus,
Es beginnt bei Gott im Himmel
Vor der leiblichen Empfängnis.

Aber Anima, die Seele,


Sie ist Braut des Christus Jesus,
Ist als intellektueller
Geist geschaffen in dem Himmel,

Intellektuelles Wesen
Ganz aus Geist und reinem Lichtstoff,
Bild des Göttlichen, des Logos,
Geist im Lichtstoff, Braut des Logos.

Diese intellektuellen
Geister haben Gott verlassen,
In verschiednen Formenwelten
Leben sie nun fern der Gottheit.

Engel haben Feuerkörper,


Menschen haben Erdenkörper,
Teufel haben Schattenkörper,
Alles geistige Geschöpfe.

Nun die Wanderschaft der Seele


Ist moralische Erhebung,
Intellektuelle Bildung
Und der religiöse Glaube.
So erkennt die Seele wieder
Ihre intellektuelle
Geistform und verlässt den Körper
Der Materia des Chaos.

Meine Schule, liebe Seele,


Ist solch eine Freiheitsschule,
Lerne hier Moral und Weisheit
Und die mystische Erkenntnis.

Deinen Appetit des Fleisches


Und die Sinnlichkeit der Triebe
Überwinde und erhebe
Übers Niedrige die Seele.

Wenn du religiöse Reinheit


Durch die Heiligung empfangen,
Kommt der Bräutigam, der Christus,
Wird der Logos dich erleuchten.

Aber ist die Seele weiblich


Oder ist die Gottheit männlich?
Nein, das ist nur Menschensprache
Stammelnd von der Gottes-Ehe.

Nämlich Gott ist ungeschlechtlich


Wie die Seele ungeschlechtlich.
Alles sind nur Menschenworte
Aus dem armen Erdenleben.

Weisheit ist die Braut, die Gottheit,


Und ihr Bräutigam der Weise,
Bräutigam ist Logos, Gottheit,
Gottes Braut die fromme Seele.

Denn die Seele ist ein Abbild


Gottes, ist ein Gleichnis Gottes,
Gottheit aber ist geschlechtslos
Und die Seele ist geschlechtslos.

Das Geschlecht ist nur der Körper,


Als die Seele war gefallen
In den Körper, in den Kerker,
Trug ein Kleid von Ziegenfellen.

Aber wie die schöne Seele


Reift im religiösen Leben,
Wieder sie erlangt die Einheit,
Ihre Einheit mit der Gottheit.

In der Totenauferstehung
Werden Selige geschlechtslos
Wie die Engel in dem Lichtleib
Schweben in der Schönheit Gottes.

Seelen werden Herrlichkeiten


Dann durchwallen, Herrlichkeiten,
Imitierend Ewigkeiten
Der Natur der Einen Gottheit.

Gott ist männlich nicht noch weiblich,


Aber meinem Mädchen sag ich,
Christus wähl zum Bräutigame,
Nicht dem Mann im Körperschatten.

An das Schlüsselloch der Türe


Legt er den gesalbten Finger
Und berührt den Mädchenkörper
Seiner Freundin in dem Bette.

Bebend wirst du dann erwachen,


Stöhnend: Ah, ich beb vor Liebe,
Und er seufzt mit süßer Liebe:
Meine Schwester, meine Freundin,

Du, mein Garten, bist verschlossen,


Du, mein Brunnen, bist versiegelt,
Doch ich komm in meinen Garten
Und ich spalte deine Wabe!

Und die Jungfrau-Mutter Kirche


Mir erscheint als reife Herrin
In dem purpurnen Gewande
Mit dem Buch in ihren Händen.

Und die Jungfrau-Mutter Kirche


Als die reife weise Herrin
Sitzt in ihres Thrones Sessel,
Der aus weißem Licht gebildet.

Lesend in dem Weisheitsbuche,


Offenbart die weise Herrin,
Daß der Herr die Welt geschaffen
In der Zeit um ihretwillen.

Diese reife weise Herrin,


Sie vermittelt die Visionen,
Ist die Lehrerin der Weisheit
Und die Fürstin der Versöhnung.

Dieses Weib, die weise Herrin,


Diese Frau, die reife Dame,
Sie diktiert die Offenbarung
Ihren Sehern und Propheten.

Herrin, bist du die Sibylle?


Also sprach der Herrin Seher.
Sprach die Herrin: Warum, Seher,
Bin ich eine reife Dame?

Herrin, weil du bist geschaffen


Vor der Schöpfung dieses Kosmos,
Du bist eine reife Dame,
Weil du bist von Anbeginne.

Frau, präexistent und himmlisch,


Turm von Elfenbein, o Herrin,
Du, gebildet von den Engeln,
Du bist ganz aus Edelsteinen.

Herrin Kirche nun dem Seher


Offenbarte sieben Mädchen:
Glaube ist das erste Mädchen,
Schön sind auch die andern Mädchen.

Aus den sieben schönen Mädchen


Ist gebaut der Turm der Herrin.
Liebe Frau, so spricht der Seher,
Sprich, wann ist dein Turm vollendet?

Spricht die reife Herrin Kirche:


Christen, meine lieben Kinder,
Die ihr seid erlöst vom Bösen,
Warum seid ihr solche Sünder?

Als du mich zuerst gesehen,


War ich eine greise Mutter,
Doch ich wurde immer jünger,
Wurde Jungfrau siebzehnjährig.

Sieh, ich wurde immer jünger


Und ich wurde immer schöner.
So erneuert eure Jugend
Ewig Christi zweite Ankunft.

Siebzehnjährige Geliebte
Offenbar ich meinen Kindern,
Daß der Kosmos wird erneuert
In der makellosen Schönheit.

Unsre Mutter hat im Schoße


Uns geboren Gotteskinder
Und an ihren bloßen Brüsten
Trinken wir den Trank der Weisheit.
2

Als Sankt Anna und Joachim


Beteten um Frucht des Leibes,
Zu Sankt Anna trat ein Engel
Und verhieß ihr eine Tochter.

In Jerusalem, vorm Tempel,


In der Goldnen Pforte Anna
In der Gegenwart Joachims
In dem Schoß empfing die Tochter.

Makellose Meisterschöpfung
Ist Maria von dem Geiste,
Ihre Konzeption, die reine,
Ist ein Akt des Geistes Gottes.

Als Maria war geboren,


War sie schon von großem Glauben,
Früh schon eine Tempeljungfrau
Und Verlobte ihres Gottes.

Da beschloß der Hohepriester,


Daß sie brauche einen Wächter,
Einen alten frommen Witwer,
Die Jungfräuliche behütend.

Witwer von dem Stamme Davids


Freiten um die Maid Maria,
Josef vom Geschlechte Davids
Ward erwählt vom Geiste Gottes.

Josef war ein alter, frommer,


Weiser und gerechter Witwer,
Vater einer Schar von Söhnen,
Vater einer Schar von Töchtern.

Über Josefs Stab erschienen


War der Gottesgeist als Taube,
Darum war er der Erwählte
Unsrer Lieben Frau Maria.

Unsre Liebe Frau Maria,


Eben in dem Psalter lesend,
Sah im Geist den Engel Gottes,
Der die Gnadenvolle grüßte.

Bei dem Gruß des Engels Gottes


Und dem Ja-Wort reiner Jungfrau
Hat Maria von dem Geiste
In dem Ohr den Sohn empfangen.
Die jungfräuliche Empfängnis
Jesu in dem Schoß der Jungfrau
Bei dem unverletzten Hymen
Heiligte den Schoß der Jungfrau.

Auch bei der Geburt des Sohnes


Ging hervor der Sohn der Jungfrau
Wie der Duft aus einer Blüte
Und verletzte nicht das Hymen.

Auch nach der Geburt des Sohnes


Blieb der Jungfrau Jungfernhäutchen
Hymen der intakten Jungfrau,
Schleier vor dem Tabernakel.

Aber wie der Zweifler Thomas


Rührte an die Wunden Christi,
Salome erfüllt von Zweifeln
Rührte an den Schoß der Jungfrau.

Wie ein Lichtstrahl durch ein Fenster


Gott ging durchs intakte Hymen,
Salome berührte sanft die
Genitalien Mariens.

Da die Seele, die gezweifelt,


Mit dem Finger ihrer Rechten
Prüfend untersuchte sanft die
Genitalien Mariens,

Fühlte das intakte Hymen


In dem Schoß der Jungfrau-Mutter,
Wurde sie erfüllt von Feuer,
Ihre Rechte fasste Feuer!

Sankt Maria war und Josef


Auch war eine reine Jungfrau,
Wer da ist die Jungfrau Gottes,
Fall nicht in des Mannes Ehe.

Die Jungfräulichkeit des Himmels


Überragt die Erden-Ehe.
Alle Jungfraun sind wie Engel
Einzig die Verlobten Gottes.

Wer gelobt Verlöbnis Gottes


Als des Himmelreiches Jungfrau
Und dann wird des Mannes Gattin,
Ist gefallen in die Sünde.

Ja, Maria ist die Jungfrau,


Immerjungfrau, Ewigjungfrau,
Nie geschlechtliche Beziehung
Mit der Jungfrau Josef pflegend.

Die jungfräuliche Maria


Ist auch wahre Gottesmutter,
Die Gebärerin des Gottes
Jesus Christus, Theotokos.

Als der Titel Gottesmutter


Unsrer Lieben Frau Maria
Ward in Ephesos gegeben,
Jauchzte laut das Volk voll Liebe.

Und in Ephesos die Menschen


Tanzten singend in den Straßen,
Weil in Ephesos die Menschen
Ehrten stets die große Mutter.

Artemis, die Magna Mater,


Göttin mit den neunzehn Brüsten,
Die da war die Göttermutter,
Die Gebärerin der Götter,

Wurde nun erneut gefeiert


In Maria, Gottes Mutter.
Ja, Maria war als Mutter
Göttlich, Universums Mutter.

Menschen an dem Mittelmeere


Feierten die Magna Mater,
Die Panhagia Maria
Ihnen war die Muttergöttin.

Sankt Maria mit den Jüngern


Redete und diese fragten,
Wie Maria Gott empfangen,
Wie Maria Gott geboren.

Wie kannst du den Unbegriffnen


Denn in deinem Schoß begreifen?
Wie kannst du den Unbekannten
Denn in deinem Schoß erkennen?

Ihn, der trägt den ganzen Kosmos,


Hast du in dem Schoß getragen
Und geborgen unterm Herzen
Ihn, der größer als der Kosmos!

Und Maria warnt die Jünger:


Unbeschreiblich dies Geheimnis,
Feuer kommt aus meinem Munde
Und verzehrt die ganze Erde!

Doch die Jünger fragten wieder,


Wie Maria Gott empfangen.
Sprach Maria: Betet, betet,
Betet, meine lieben Kinder!

Und Maria hob die Hände


Zu des Universums Schöpfer,
Der die Finsternis geschieden
Von dem makellosen Lichte.

Alle sieben Himmelssphären


Können dich nicht fassen, Schöpfer,
Doch mein Schoß hat dich umfangen,
Weils dir so gefallen, Schöpfer.

Ich gebar dich ohne Schmerzen,


Du des Vaters Liebling, Weisheit,
Die du alle Welt geschaffen
Und in meinem Schoß gelegen.

Und Maria ruft die Jünger,


Zwölf Apostel, Jüngerinnen,
Jesu sieben Jüngerinnen,
Ihre Glieder zu berühren.

Jeder Jünger hält ein Gliedmaß,


Daß die Glieder ihres Leibes
Nicht zerfallen, wenn Maria
Sagt von der Empfängnis Gottes.

Und sie sprach vom Engel Gottes,


Der verkündet die Empfängnis
Gottes in dem Schoß der Jungfrau:
Freue dich, du Gnadenvolle!

Als sie sprach vom Gruß des Engels,


Von dem Ave, o Maria,
Feuer kam aus ihrem Munde,
Flammen flogen von den Lippen.

Als Maria sprach vom Ave,


Feuer kam aus ihrem Munde,
Beinah wär verbrannt die Erde,
Beinah wär verbrannt der Kosmos.

Aber Christus kam vom Himmel


Und er sprach zur Jungfrau-Mutter:
Liebe, sprich nicht mehr vom Ave,
Sonst verbrennt das Universum!
Und Maria ist entschlafen
In dem Kreise der Apostel,
Simon Petrus ihr zu Füßen
Und Johannes ihr am Herzen.

Und es meinen manche Dichter,


Daß Mariens schöner Körper
Sei in einer Grabeshöhle
Beigesetzt in Mutter Erde,

An dem dritten Tage aber


Ward Mariens schöner Körper
Heimgetragen von den Engeln
In den Paradiesesgarten,

Wo sie bei den Himmelsgeistern


Wartet auf die Auferstehung
Und die künftige Vereinung
Ihrer Seele mit dem Körper,

Unter Heiligen Maria


Als die Heiligste erwartet
So des Fleisches Auferstehung,
Also meinen manche Dichter.

Mir die Mutter offenbarte,


Daß beim Heimgang der Madonna
Ihre wunderschönen Glieder
Schimmerten im schönsten Lichte,

Fern der Korruption des Todes


War immun die Makellose
Von Verwesung ausgenommen
Und sie schaute nicht die Grube.

Alle zwölf Apostel Christi


Stehen um der Jungfrau Körper,
Als erschienen Jesus Christus:
Petrus, wie soll ihr nun werden?

Petrus, Erster der Apostel,


Wagen und Gespann der Kirche,
Sprach zum Meister Jesus Christus
Von dem Körper der Madonna:

Unsre Liebe Frau Maria


Soll mit meinem Herrn Messias
Schon im Körper auferstehen,
Körperlich gen Himmel fahren!

Christus, Todesüberwinder,
Herr der Herrlichkeit des Himmels,
Laß den Körper deiner Mutter
Heute herrlich auferstehen!

Christus, Sohn der Jungfrau-Mutter,


Deine Mutter, unsre Mutter
Herrsche mit dir in dem Himmel,
Königin im Paradiese!

Jesus sagte: Ja, mein Petrus,


Auferstehen soll Maria,
Körperlich gen Himmel fahren
Und im Paradies regieren!

Jesus sagte zu Maria:


Komm, erhebe dich, Geliebte,
Du Vertraute meines Herzens,
Meine Nächste, die ich liebe!

Fern der Korruption des Todes


Und den Makeln aller Menschen
Soll dein Körper nicht verwesen
In dem Loch der Mutter Erde.

Unsre Liebe Frau erhob sich


Und ward wie auf Engelsrädern
Und dem Wagenthron des Himmels
Heimgetragen in den Himmel,

Ihre Seele in dem Körper,


Hauch in geistiger Bekleidung,
Liebe in dem Lichtgewande
Trat die Frau in Edens Garten!

Auf der Erde weise Meister


Sprachen: Sklaven der Madonna,
Tief im Staub verehrt Maria,
Gott alleine anzubeten!

Ja, und der Madonna Sklave,


Der Geliebte der Madonna,
Träumte: Himmlische Geliebte!
Meine Frau und keusche Göttin!

Unsre Liebe Frau Maria


Ist der Sesselthron der Weisheit,
Ist der Weisheit Sitz und Wohnung,
Ist das goldne Haus der Weisheit.

Gottes Sohn, der Gottesmutter


Auf dem Mutterschoße thronend,
Dieses Kindlein ist die Weisheit
Und der Thron ist Gottes Mutter.

Mittlerin die Gottesmutter


Ist des menschgewordnen Gottes,
Sie stellt her die reine Menschheit,
Gott gab Fleisch sie ohne Sünde.

Durch der Jungfrau reinen Körper,


Körper, unberührt von Sünde,
Sie umgab die Weisheit Gottes
Mit dem unkorrupten Fleische.

In dem unkorrupten Fleische


Aus der makellosen Jungfrau
Gottes Weisheit hat erneuert
Eine makellose Menschheit.

Als die wahre Mutter Eva


Unsre Mutter hat empfangen
Ohne sexuellen Actus
Und gebar und blieb doch Jungfrau.

In Maria, wahrer Eva,


Ist die Harmonie des Ursprungs
Zwischen Gott und seiner Schöpfung
Hergestellt in schönster Weise.

Tod und Sünde überwunden


In der makellosen Jungfrau,
In der Jungfrau-Mutter Gottes,
Ist sie Mutter allen Lebens.

Halleluja, Mediatrix,
Dieser makellose Körper
Überwand den Tod, die Sünde,
Sieger ist dein Körper, Jungfrau!

O dein süßer Schoß, Maria,


Alle Kreatur erleuchtet
Mit des Schoßes reiner Blüte,
Des verschlossnen Gartens Blume.

Unsre Liebe Frau Maria


Die Union erneuert zwischen
Der Materie und der Gottheit,
Die Union von Stoff und Schöpfer.

Göttlich schöner Lichtglanz flutet


Durch der Jungfrau reinen Körper
Wie der Himmelssonne Strahlen
Scheinen durch das Glas des Fensters.

Strahlen eines Diamanten


Und der Himmelssonne Schönheit,
Frau, sind in dich eingegossen,
Quelle von dem Herzen Gottes.

Diese lichte Lebensquelle


Von dem Herzen der Urgottheit
Ist die schöpferische Weisheit,
Die erschuf die Urmaterie,

Welche Eva warf ins Chaos,


Aber für Maria Gott schuf
Seiner Weisheit einen Körper,
Menschliche Gestalt der Weisheit.

O Maria, die Materie


Bist du uns, durch die die Weisheit
Haucht die Tugenden der Weisheit,
Wie aus Urstoff Gott die Welt schuf.

Minne-Mystik will ich singen,


Da der sexuelle Eros
Und die religiöse Liebe
Sprache sind derselben Seele.

Diese religiöse Seele


Ist die Braut, die voll Begierde
Die Union des Gottesgatten
Sucht im Brautgemach des Eros.

Diese religiöse Seele


Aber ist auch Minne-Ritter,
Der die Königin des Himmels
Betet an, die Herrin Liebe!

Männer in der Minne-Mystik


Sehen sich als Bräute Gottes,
Durch die Küsse Jesu Christi
Füllen sich mit Milch die Brüste.

Frauen in der Minne-Mystik


Sehen sich als Minne-Ritter,
Die verwundet von der Herrin
Liebe, Königin des Himmels.

Frauen in der Minne-Mystik


Werden selbst die Gottesmutter
Und gebären Jesus Christus,
Frauen werden Schmerzensmütter.

Frauen in der Minne-Mystik


Wie Maria Magdalena
Sind in mystischer Erotik
Die Geliebten Jesu Christi.

Seele, schmücke dich im Schleier


Und im Schmuck zum Hochzeitstanze,
Trittst du in die Kammer Gottes,
Wird dich Gott der Herr entkleiden,

Kleid um Kleider von dir streifen,


Bis du stehst als nackte Seele
Vor dem Herrn, dem Vielgeliebten!
Dann gib ganz dich hin dem Gatten!

Siehe, Gott beugt seine Kniee


Vor der schönen Herrin Seele,
Gott ergibt sich ganz in Liebe
Ihrer Wunderschönheit Allmacht!

Nach der Einigung der Liebe


Und Union im Ehebette –
Gott ist immer krank vor Liebe
Und verlangt nach der Geliebten!

Und die schöne Herrin Seele


Reißt ihr Herz entzwei in Liebe,
Gott in ihre Brust zu setzen,
Sie wird Stillung seiner Wollust!

Sie wird Balsam seiner Wunde,


Sie wird Wein dem Liebeskranken,
Sie wird Trösterin des Schöpfers
Und die Liebende des Feuers!

Ich bin Braut, ich bin die Seele,


Ich verlange nach dem Gatten!
Führe mich zur Himmelshochzeit
Im Jerusalem des Himmels!

Friede, Friede, Friede allen,


Neue Freude allen Lieben!
Siehe, meine Braut, spricht Christus,
Voller Kraft ist deine Liebe!

Siehe, meine Braut und Mutter,


Bist wie keine andre fähig,
Mich zu lieben als die Gottheit
In Erscheinung meiner Menschheit!
Nun empfange du den Samen
Meines Worts in deiner Seele
Schoß, o Braut, und triumphiere!
Enkel sollen durch dich leben!

Seele bin ich, die geschmückte


Mit dem Schmuck der Tugendsamen
Und geleitet durch den Himmel
Vor das schöne Antlitz Gottes!

O das Antlitz voller Schönheit


Thront auf einer lichten Scheibe,
Die da die Union der Gottheit
Ist, Natur der drei Personen!

Durch die Heiligkeit der Tugend


Ist die tugendsame Seele
Eins geworden mit der Menschheit,
Der perfekten Menschheit Jesu.

Nun die Seele, die verlobte,


Kommt in ihren Garten Eden,
In ihr Reich des Paradieses,
Königliche Braut des Christus.

Und der Adler schreit am Himmel:


Seele, schaue durch das Antlitz
Und erkenn dich als Verlobte
Und besitze deinen Gatten!

Und die Seele sieht sich innig


Ganz vereinigt mit dem Einen,
Der da thronte überm Abgrund,
Einig in gewisser Einheit!

Meine Seele schwillt in Liebe


Und in schwellendem Verlangen
In den Herrn, der Vielgeliebte
Ganz vereint der Vielgeliebten!

Meine Seele ist ein Ritter,


Minneritter, Minnesänger,
Ich erlebe Abenteuer,
Zu gewinnen Herrin Liebe!

Ja, ich will sie mir erobern,


Meine distanzierte Herrin!
Feinde leg ich ihr zu Füßen,
Reite ich in ihren Schlosspark!

Herrin Liebe, du bist grausam!


Herrin Liebe, du bist launisch!
Herrin Liebe, dir zu dienen
Mir bereitet Todesschmerzen!

Du verrätst mich, Herrin Liebe,


Du verrätst mich an die Feinde,
Ich verlasse dich, o Herrin,
Und bleib immerdar dein Sklave!

Wahnsinn bringst du, Herrin Liebe!


Sind zwei Seelen mir im Busen,
Eine will der Erde Wollust,
Eine Seligkeit des Himmels!

Wahnsinn bringst du, Herrin Liebe,


Siinnverstörung, Liebeswahnsinn!
Meine Mörderin, o Liebe,
Muß ich mich für dich ermorden?

Seufzer, Seufzer, Tränen, Tränen!


Blutigrote Liebestränen
Tropfen mir aus meinem Herzen
Durch die Grausamkeit der Liebe!

Alle Leiden will ich dulden,


Will im Fegefeuer brennen,
Tausend Kreuzestode sterben,
Um die Liebe zu gewinnen!

Schüler bin ich in der Schule


Meiner Lehrerin, der Liebe,
Herrin Liebe voller Weisheit
Inspiriert den Minnesänger.

Die geheime Kunst der Liebe,


Wie die Liebe zu gewinnen,
Will ich meine Jünger lehren,
Buhlt nur um die Herrin Liebe!

DIE MEERJUNGFRAU

ERSTER GESANG

Liebe Margarethe Schwanke,


Du Großmutter eines Dichters,
Komm, erzähle uns dein Märchen
Von der Meerjungfrau der Nordsee!

Margarethe Schwanke also


Hob das dünne Zitterstimmchen.
Ihre Lesebrille ruhte
Auf der Bibel deutscher Sprache.

Sieh, es war einmal in Norddeich,


Lebte da ein armer Fischer,
Der zwölf schöne Töchter hatte,
Drunter auch zwei Dioskuren.

Diese wunderschönen Mädchen


Waren all gesund und zierlich.
Bei der lieben Eltern Armut
Unbegreiflich war die Reinheit.

Immer hatten sie zu essen,


Ja, selbst Butter auf dem Brote,
Trugen allzeit saubre Kleider,
Sonntags ihre schönsten Kleider,

Weil sie sonntags immer gingen


In der Gotteskirche Arche,
Gott zu singen und zu hören
Ihren Pfarrer Weisheit lehren.

Aber böses Volk in Norddeich


Sprach: Der arme Fischer sicher
Ist ein alter Hexenmeister,
Murmelt immer Zauber-Runen.

Aber nein! Die Frau des Fischers


Hatte heimlich eine Freundin,
Die ihr diesen Segen schenkte,
Die die lieben Kinder pflegte,

Wickelte die kleinen Kinder,


Putzte ihre Rotzenasen,
Sang den Kindern Wiegenlieder,
Las auch aus der Kinderbibel.

Als die Frau des Fischers nämlich


War ein junges schönes Mädchen,
Träumte sie zu Sankt Johannis,
Sah im Traume eine Dame,

Sprach die Dame in dem Traume,


Daß das Mädchen zu Johannis
An die Nordsee treten solle.
Dann vergaß den Traum das Mädchen.
In der Sommernacht die Menschen
Am Johannisfeuer saßen,
Hört das Mädchen leis ein Stimmchen
Etwa wie ein Bienensummen:

Geh zur Nordsee, liebes Mädchen,


Von der Nordsee kommt dir Segen!
Zwar erschrak das junge Mädchen,
Aber trat doch an die Nordsee.

Auf dem Deiche vor der Nordsee


Sah sie sitzen jene Dame,
Königlich, in weißen Kleidern,
Um den Hals ein Perlenkettchen.

Sah die Dame, wie das Mädchen


Sich entsetzte, sprach die Dame:
Habe keine Angst, mein Mädchen,
Denn ich bring dir Gottes Segen!

Schau, im Märzen wirst du freien,


Wird dein Freier sein ein armer
Fischer, nimm ihn doch zum Manne,
Stör dich nicht an seinem Branntwein.

Weil du gut bist, liebes Mädchen,


Bringe ich dir Gottes Segen.
Sei nur fleißig, sie nur sittsam,
Ohne Tugend keine Freude.

Hast du dann ein Kind geboren,


Brings zur Taufe in die Kirche.
Wirf ein Steinchen in die Nordsee,
Dann erscheine ich dir wieder.

Und ich komme in die Kirche


Gottes zu des Kindes Taufe,
Werde deines Kindes Patin,
Deines Kindes Patenmutter.

Damit schwand die schöne Dame.


Und das Mädchen hätt gezweifelt
An der Dame, hielte sie nicht
In der Hand ein weißes Steinchen.

Doch im Märzen kam der Freier,


Wie die Dame prophezeite,
Hochzeit wurde bald gefeiert
Unterm Orgelspiel der Sturmflut.

Siehe da, neun Monde später


Hat ein Kind geborn die Gattin,
Eine Tochter, und sie dachte
An die Dame von Johannis.

Und sie eilte an die Nordsee,


Warf ins Meer das weiße Steinchen,
Da erschien die schöne Dame,
Weißverschleiert, weißgekleidet.

Dank, dass du mich nicht vergessen,


Sprach zur Frau die schöne Dame,
Bring die Tochter nur zur Taufe,
Ich komm dann als Patenmutter.

An dem Tag der Taufe nahte


Nun fürwahr die schöne Dame,
Nahm die Tochter in die Arme,
Gab ein Küsschen auf die Stirne,

Legte in das weiße Taufkleid,


In die weiße Linnenwindel
Einen Taler mit dem Bilde
Der Meerjungfrau ganz aus Silber.

Also wars bei jeder Taufe,


Bis zwölf Töchter sind geboren.
Bei Geburt des letzten Kindes
Sprach zur Frau die schöne Dame:

Fortan wirst du mich nicht sehen,


Aber ungesehen will ich
Deine Kinder stets begleiten
Und mit Gottes Gnade segnen.

Feiern deine Töchter Hochzeit,


Gib als Brautgeschenk den Taler
Ihnen, den ich bei der Taufe
Legte in die Linnenwindel.

Sorge, dass die Töchter allzeit


Schöne saubre Kleider tragen,
Schönste Kleider tragen sonntags,
Gehen zu dem Gottesdienste.

O die Kinder waren herrlich,


Eine wahre Lust und Wonne!
Lebten zwar in großer Armut,
Aber stets in Gottes Gnade.

Nun die erste Tochter freite


Einen schönen reichen Wirtssohn
Und als Brautgeschenk das Mädchen
Brachte mit der Taufe Taler.

Als die Männer nun den Koffer


Mit des Mädchens Sachen hoben,
War er schwer vom vielen Golde,
Hunderttausend goldnen Talern.

Alle andern Töchter fanden


Eilends ebenfalls Gemahle,
Da ihr Reichtum weitberühmt war,
Nannte man sie goldne Schätzchen.

Einer dieser Schwiegersöhne


Aber war ein Mammonsklave,
Gierig nach dem gelben Gelde,
Nicht zufrieden mit der Liebe.

Ging der Schwiegersohn zum Vater,


Sprach: Gib mir noch mehr vom Golde,
Unersättlich bin ich, durstig
Nach dem Segensstrom des Geldes.

Sprach der Vater: Ach ich armer


Fischer, habe nichts zu geben,
Alles war ja reine Gnade
Nur der lieben Patenmutter.

Doch der Schwiegersohn voll Geldgier


Glaubte nicht dem armen Vater,
Sprach vorm Pöbel, dieser Fischer
Sei ein alter Hexenmeister,

Habe durch den Pakt mit Satan


Große Truhen voll des Goldes.
Doch der Fischer, fromm und gläubig,
Bangte nicht vor Satans Listen.

Doch die Obrigkeit von Norddeich,


Staat und Kirche, hörten beide
Von dem alten Hexenmeister,
Untersuchten diese Sache.

Und der Schwiegersohn und alle


Schwiegersöhne aller Töchter
Und die Obrigkeit von Norddeich
Kamen zu dem Haus des Fischers.

Plötzlich war da großer Lichtglanz,


Über Bäumen goldne Wolken,
Sichtbar ward ein Schloß von Golde,
Buntglas, Spiegeln, Perlen, Kerzen.
Vor dem Tor zwei Helden standen,
Hohe blonde Friesenhünen,
Goldne Schwerter in den Händen,
In den Händen Feuerschwerter.

Trat ein Jüngling vor im Samtkleid,


Sprach: Die Königin gebietet,
Daß der Richter zu ihr trete.
Und der Richter folgt dem Jüngling.

Wer beschreibt die Herrlichkeiten


In der Königin Palaste?
Der Palast schien eine Kirche,
Schien ein großer Tempel Gottes.

In der Mitte auf dem Throne


Saß in Gold die schöne Dame
Und dabei auf goldnen Thronen
Zwölf Jungfrauen hochentzückend!

Da der Richter sich verneigte,


Sprach die Königin, die Dame:
Warum kommt ihr wie die Räuber,
Den Gerechten zu ermorden?

Antwort wollt der Richter geben,


Aber Angst lähmt ihm die Zunge.
Sprach die Königin: Ich kenne
Eure Listen, Trügereien!

Und der schönen Dame Diener


Nun den Schwiegersohn in Fesseln
Und die Schwiegersöhne alle
Sie in Eisenketten brachten.

Sprach die Königin, die Dame:


Meerjungfrau von Gottes Gnade
Bin ich, Königin der Meere,
Nymphe Gottes, Stern der Meere!

Meine lieben Patenkinder


Stehen unter meinem Schutze,
Meine liebe Frau, das Mädchen,
Und der treue arme Vater,

Alle meine Kinder, alle


Töchter und die Dioskuren,
Die ich in der Taufe annahm,
Daß sie meine Kinder seien!

Ihnen soll kein Unglück, Unheil


Widerfahren, sondern freudig
Sollen sie in Licht und Schatten
Meiner Liebe sich erfreuen!

Aber ihr, der Geldgier Sklaven,


Ihr, die lästerlichen Zungen,
Ihr sollt siebenhundert Jahre
In dem Fegefeuer schmoren!

Da verschwand die schöne Dame,


Die Taufkinder dieser Dame
Aber gingen in das Kloster,
Das Marienkloster Nordens.

Also die Großmutter sagte,


Lächelnd Margarethe Schwanke
Sagte zu dem Enkelsohne,
Welcher die Großmutter liebte:

Komm, trink mit mir vom Liköre,


Nasche von dem Salzgebäcke,
Schon dein Nachthemd auf dem Ofen
Angewärmt ist für die Nachtruh,

Daß in Frieslands Federbetten


Du gemütlich schlafen mögest
Und in deinen Träumen schauen
Gottes Gnade, Gottes Mutter!

ZWEITER GESANG

Liebe Margarethe Schwanke,


Du Großmutter eines Dichters,
Tröste deinem Enkelsohne
Alle Leiden seiner Seele!

Und entrücke in die Reiche


Schöner Märchen seine Seele,
Komm, du große Mutter Muse,
Singe uns dein Lied zum Troste!

Lieber Enkelsohn, mein Dichter,


Hör prophetisch nun mein Märchen:
War einmal ein frommer Jüngling,
Suchte Gott von ganzem Herzen.

Liebte er ein junges Mädchen,


Siebzehn Jahre jung das Mädchen,
Trug das Mädchen auch den Namen
Unsrer Lieben Frau Maria.
Und der Jüngling liebt das Mädchen,
So als sei sie selbst Maria,
Unsre Liebe Frau Maria,
Doch sie war ja nur ein Mädchen.

Sah der Jüngling nun das Mädchen


An dem Strand der Insel Baltrum
In der Nordsee, wo das Mädchen
Muscheln sammelte am Strande.

Weht der Wind in ihre Locken,


Lange, dunkelbraune Locken,
Ging sie in dem weißen Kleide,
Seide, weiß wie Schaum des Meeres.

Sah der Jüngling an sein Mädchen,


Sah er von des Strandes Ende
An dem Strand am andern Ende
Stehn sein vielgeliebtes Mädchen.

Winkte gar das schöne Mädchen,


Lächelnd lieblich voll Verheißung,
Schien ihm eine Himmelsjungfrau,
Eine himmlische Erscheinung.

Plötzlich sah der Jüngling aber


Mitten in der Mordsee Nordsee
Vor dem Strand der Insel Baltrum
In dem Meere seine Amme.

Sah der Jüngling seine Amme


Kämpfen mit der Mordsee Nordsee,
Mit dem blanken Hans, dem Tode,
Sah er seine Amme ringen.

Und die liebe Kinderamme


Ward verschlungen von den Fluten!
Doch der Jüngling, blind vor Liebe,
Eilte zu dem jungen Mädchen.

Zwar vernahm er noch die Stimme


Seiner lieben Kinderamme
Hilfe rufen: O mein Liebling,
Mich verschlingt die Mordsee Nordsee!

Doch der Jüngling wie ein Tauber


Hörte nicht der Amme Stimme,
Hörte nur in seinen Ohren
Seines Blutes Liebe rauschen.

So versank die liebe Amme


In der Flut der Mordsee Nordsee,
Aber nur drei Augenblicke,
Tauchte wieder auf die Amme,

War nicht mehr die alte Amme,


War Meerjungfrau jetzt der Nordsee,
Meeres Mädchen schönster Jugend,
Eine Göttin, Baltrums Venus!

War die allerschönste Jungfrau,


Schlank und weiß wie eine Birke,
Nur in einem Schaumgewande
Und geschmückt mit Perlenketten,

Nur im Lichtkleid weißen Schaumes


Sie spazierte auf dem Wasser,
Wie dereinst der Christus Jesus
Auf dem Meer von Galiläa!

Schöner war des Meeres Jungfrau


Wandelnd auf dem Wasserspiegel
Als das schlichte deutsche Mädchen
Stehend an dem Strand von Baltrum.

Da ergriff den frommen Jüngling


Solche Sehnsucht nach der Jungfrau,
Nach des Meeres Göttermädchen,
Sankt Meerjungfrau, seiner Göttin,

Daß er ganz das deutsche Mädchen


An dem Meeresstrand von Baltrum
Und die Minnelust vergessen
Und die sterbliche Geliebte,

Daß der fromme Jüngling einzig


Sankt Meerjungfrau, seiner Göttin,
Nachsah voller heißer Sehnsucht
Und Verlangen nach der Jungfrau,

Nur Verlangen nach der Jungfrau,


Nur Verlangen nach der Göttin
In der frommen Seele, alle
Seine Minne galt der Meermaid!

Sankt Meerjungfrau, schönstes Mädchen,


Wie der Schöpfer sie gebildet,
Schwamm sie stolz wie eine Schwanin,
Weiße Schwanin, auf dem Schaume,

Badete den Schwanenbusen


In dem weißen Meeresschaume,
Mit dem langen Schwanenhalse
Taucht sie in den Wasserspiegel.
Immer weiter schwamm die Schwanin,
Immer weiter in die Ferne,
Bis dahin, wo sich die Nordsee
Mit dem Horizont vereinigt.

Nur von Zeit zu Zeit die Schwanin


Wendete zum frommen Jüngling
Liebevoll ihr Jungfraun-Antlitz,
Voller Zauber, Charme und Schönheit!

Und der Jüngling voller Sehnsucht,


Ins Unendliche ihr folgend,
Schwand dahin in Meer und Himmel,
Schwand in den Unendlichkeiten.

Aber du, mein lieber Junge,


Sagte Margarethe Schwanke,
Sei nun länger nicht mehr traurig.
Aber bist du einmal traurig,

Denke an Großmutters Märchen,


An Großmutters Mutterliebe,
In der Mitternacht der Trauer
Schreib als Dichter auf das Märchen,

Und du merkst, die Trauer schwindet


Mit dem Singen dieses Märchens.
Aber nun, mein lieber Junge,
Segne dich die Mutter Gottes!

DRITTER GESANG

Muse, Margarethe Schwanke,


Leg die Brille auf die Bibel,
Auf die Bibel deutscher Sprache
Des Poeten Martin Luther.

Wende dich zu mir, dem Dichter,


Der schon längst im Himmelreiche
Zu der Seraphinen-Harfe
Gott Jehowah preisen möchte!

Ach, mein lieber Junge, lächelt


Meine Muse, Margarethe
Schwanke, bleibe noch auf Erden,
Ruhm zu schaffen der Madonna!

In den guten alten Zeiten,


Ach, da lebten bessre Menschen,
Denen auch der Herr des Himmels
Manches Wunder offenbarte,

Die verborgen heutzutage


Oder nur von Sonntagskindern
Noch erfahren werden, Wunder,
Die der Herr des Himmels wirkte.

Vögel singen zwar noch heute,


Tauben gurren auch noch heute,
Doch die Menschenkinder leider
Nicht verstehen mehr die Sprache,

Wie sie weiland Salomonis


Weisheit oder auch Franziskus’
Armut sie verstanden, all das
Gotteslob der Nachtigallen.

Bei der Herrlichkeit von Dornum


An dem grauen Meer der Nordsee
Lebte einst des Meeres Mädchen,
Die sich oft den Menschen zeigte.

Wahrlich, noch mein Urgroßvater


Sah als Seemann diese Meermaid,
Seine Base, das Mariechen,
Oftmals sah des Meeres Jungfrau.

Manchmal kam die Jungfrau Kindern


Nah als kleines schwarzes Lämmchen
Oder auch als kleines Pony
Oder auch als Turteltaube.

Oftmals ließ sie sich’s gefallen,


Daß die Kinder mit ihr spielten,
Denn die Jungfrau liebte Kinder
Fast so wie die Engel Gottes.

Wie mein Urgroßvater sagte


Und Mariechen dies bestätigt,
Saß die Jungfrau sonntagsmorgens
An dem Meer besonders strahlend,

Wehte in dem Wind ihr Schleier,


In der Hand die Perlenkette,
Sah sie auf das Meer als auf den
Ozean der Gnaden Gottes!

Sang die Jungfrau solche Lieder


Von der güldnen Sonne Gottes,
Daß die Menschenherzen schmolzen
Von dem süßen Stil der Jungfrau.

Aber scheu und schüchtern war sie,


Duldet nur noch kleine Kinder,
Die erwachsnen Menschen floh sie,
Deren Herzen waren steinern.

Nur die lieben Kinderherzen


Sind so rein wie Engelherzen
Und allein die reinen Herzen
Werden Gottes Schönheit schauen!

In der Herrlichkeit von Dornum


Lebte einst ein Schornsteinfeger,
Seine Ehefrau war fleißig,
Die zwei Söhne ihm geboren,

Einer war, der Erstgeborne,


Wie der Vater und die Mutter
Fleißig, er wird einst auch werden
Wie der Vater Schornsteinfeger.

Doch der Jüngere der Söhne


War ein Taugenichts und Träumer,
Ein Poet und Grillenfänger,
Haschte immer nach dem Winde,

Haschte nur nach Luftgespinsten,


Nach der Träume Seifenblasen,
Nach dem Wolkenkuckucksheime,
Wandelte im Schlaf mondsüchtig,

Sprach im Wald mit Turteltauben,


Küsste Frösche, haschte Falter,
Sammelte am Strand die Muscheln,
Lebte wie im Arm der Götter!

War er aber unter Menschen,


War er schweigsam. Die Erwachsnen
Nannten ihn den Träumer, nannten
Ihn den Taugenichts, den Toren.

Aber wenn im Herbst die Stürme


Wühlten auf die Meeresbrandung,
Lief er nackend an die Nordsee
Wie ein Barfußmönch des Meeres,

Und er warf sich in den Nachen,


Lachte laut wie eine Möwe,
Fuhr dahin wie eine Wildgans,
Schaukelnd auf dem Schaum des Meeres,
Jauchzte in der Meeresbrandung,
Sprach zum Wind: O Gott, wie herrlich,
Wie gewaltig deine Sprache,
Gott, dein Wort ist Windes Brausen!

Aber faul war dieser Knabe,


Jede Arbeit ließ er liegen,
Ob der Vater mit der Rute
Ihn auch oftmals drum gezüchtigt.

Gab der Vater ihn als Diener


Einem alten Seemann, aber
Lange hielts nicht aus der Jüngling
In der Sklaverei der Arbeit.

Zählte eben siebzehn Jahre,


Als er von dem Schiffe kehrte
In die Herrlichkeit von Dornum,
Doch das Haus des Vaters meidend.

War fürwahr ein schöner Jüngling,


War so schlank wie eine Birke,
Pfirsichweich die glatte Wange,
Goldblond seine wilden Haare.

Zwar zuhause bei dem Vater


Und der Mutter war er schweigsam,
Doch er wusste schön zu reden
Von der Schönheit junger Mädchen.

Seine Märchen von der Nordsee,


Seine süßen Liebeslieder
Manch ein Mädchen wohl betörten,
Er war Magier des Wortes.

Aber doch zum Ehemanne


Wollt ihn keins der schönen Mädchen:
Taugenichts, du bist ein Träumer,
Du liebst ja nur eine Traumfrau,

Liebst nicht mich, das arme Mädchen,


Staub vom Staub, des Lehmes Rippe,
Liebst ja nur die schöne Traumfrau,
Liebst ja nur der Nordsee Venus!

Also sprachen alle Mädchen,


Eine nach der andern, immer
Sagten alle sie das gleiche.
Trat der Träumer an die Nordsee,

War ein schöner Sommerabend,


Schon versunken war die Sonne,
Einsam schien der Stern der Venus
Auf dem Ozean des Himmels.

An dem Strande ging der Träumer,


Hörte die Meerjungfrau singen,
Dachte er: Sie ist ein Mädchen,
Wird sie mir ja niemals schaden.

Nach ging er dem Lied der Jungfrau,


Schaute an die schöne Möwe,
Stieg er auf den Deich und schaute
Die Meerjungfrau in der Nordsee

Mit dem Schleier auf dem Haupte,


Quollen draus die langen Haare,
Sang ein wunderschönes Lied sie,
Sang das Lied der Schmerzensmutter:

Ach, dahin ist meine Ruhe,


Wehe, wehe, wehe, wehe,
Du allein kennst meine Schmerzen,
O du Mater Dolorosa!

Wünschte sich der Jüngling tausend


Ohren, dieses Lied zu hören,
Wünschte sich der Jüngling tausend
Augen, diese Frau zu schauen!

Sah die Jungfrau zwar den Träumer,


Doch sie floh nicht vor dem Träumer,
Kam sie lächelnd ihm entgegen,
Reichte ihm das schlanke Händchen,

Sagte: Lang hab ich gewartet,


Daß du kommst, geliebter Träumer,
Weil der Herrgott mir in Träumen
Deine Ankunft prophezeite.

Keiner liebt dich von den Menschen,


Keine liebt dich von den Frauen,
Fremd bist du im Elternhause,
Fremd auch unter allen Leuten.

Aber ich war immer mit dir,


Ungesehen deine Schutzfrau,
Komm mit mir, mein kleiner König,
Sei der Königin Geliebter!

Jeden Wunsch will ich erfüllen


Deiner Seele, will dich hüten
Wie den Apfel meiner Augen,
Sollst der Mann sein der Meerjungfrau!
Dieses Wort der schönen Jungfrau
Traf als Feuerpfeil im Herzen,
Sprach der Träumer zu der Jungfrau:
Jungfrau, wo ist deine Wohnung?

Sprach die Jungfrau: Komm, mein Träumer,


Eilen wir mit Sturmes Eile,
Habe du nur fest Vertrauen,
Kommst so bald in meine Wohnung.

Da bedachte sich der Träumer,


Zweifel bang ihn überfielen,
Dachte er, was Menschen reden
Von der Meerjungfrau der Nordsee.

Sprach er: Laß mich nur bedenken,


Mich bedenken nur drei Tage.
Gab sie ihm von reinem Golde
Einen Ring an seinen Finger.

Mögest du mich nie vergessen,


Sprach sie, kommst du aber wieder,
Wird aus diesem Freundschaftsringe
Gar ein Ringlein der Verlobung.

Dann zerfloß sie in den Lüften,


Stand der Träumer wie im Traume,
Glaubte seinem Traume nimmer,
Wär da nicht der Ring gewesen.

Aber mit dem Ring der Jungfrau


War der Geist in ihn gefahren,
Ließ ihn ruhen nicht noch rasten,
Saß er bald am Meere wieder.

Saß er hungrig da und durstig,


Klebt die Zunge ihm am Gaumen,
Harrt er träumend auf den Abend,
Daß die Jungfrau ihm erscheine.

Sank die Sonne an dem Abend,


Wer nicht kam, das war die Jungfrau.
Möwen bargen ihre Schnäbel
Müde in dem Federkleide.

Weinen musste da der Träumer.


Ach, er wollte gerne sterben,
Hätt sich selber fast ermordet
Gar aus Sehnsucht nach der Jungfrau!

Trübsal war die Nacht der Seele,


Öde war der Tag, der folgte,
Abends saß er voller Trauer
Auf dem Deich am Rand der Nordsee.

Kommt sie heute nicht, die Jungfrau,


Ach dann will ich nicht mehr leben!
Sei willkommen, Tod, mein Heiland,
Zeige sich das Jenseits freundlich!

Lang saß er in Gram versunken,


In den Ängsten seiner Seele,
Tief beschattet von den Schatten,
Trunken von dem dunklen Kummer.

Plötzlich fühlt er eine weiche


Hand auf seiner Träumerstirne,
Schlug er auf die feuchten Augen,
Sah er hochentzückt die Jungfrau.

Ach ich kenne deinen Kummer,


Sprach sie, hörte deine Seufzer!
Lang die roten Lockenfluten
Um den nackten weißen Körper,

Ihre langen roten Locken


Deckten keusch die nackten Brüste,
Trug sie auch ein kurzes Röckchen
Mit den Mustern von Mäandern.

O Madonna Aphrodite,
Ach verzeih und hab Erbarmen,
Daß ich lang gezögert habe,
Bin nun dein in Ganzhingabe!

Lachte die Meerjungfrau heiter,


Girrte wie ein junges Mädchen:
Taugenichts, du sollst nicht sterben,
Ich will dich zum Ehemanne!

Nahm den Jüngling bei den Händen,


Führte ihn zum Meere, plötzlich
Stürzten sie und er ins Wasser,
Da verlor er sein Bewusstsein,

War entrückt, ich aber weiß nicht,


War die Seele noch im Leibe,
War sie außerhalb des Leibes,
Schwamm er in dem Meer der Liebe!

Fand er sich in weichen Kissen,


Sich auf einem seidnen Bette,
Das Gemach von Glas und Spiegeln,
Roter Samtstoff an den Wänden.

Lebte er noch, war er tot schon?


Ah, er reckte seine Glieder,
Fasst die Nase mit den Fingern,
Rieb die Nase: Ja, er lebte!

Angetan mit weißem Hemde,


Angetan mit blauer Hose,
Dehnte er sich in dem Bette,
Ja fürwahr, er war lebendig!

Traten ein zwei schöne Mädchen:


Herr, was möchtet Ihr zum Frühstück?
Gab es Lachssalat und Schwarzbrot,
Eine große Kanne Kaffee.

Und der Taugenichts im Bette


So ekstatisch faul sich reckte
Und sich streckte, und die Mädchen
Kamen wieder zu dem Träumer.

Herr, nun wandelt in den Garten,


Bis die Frau sich angekleidet,
Sich gekämmt die langen Haare
Und das Frühstück eingenommen.

Fand der Taugenichts im Garten


Lauter Schönheit, Tannenzapfen,
Silberbirnen, goldne Äpfel,
Vögel auch mit goldnen Flügeln.

Die zwei Mädchen zu dem Träumer


Traten in dem Wundergarten,
Ihn herumzuführen, alle
Zier und Schönheit ihm zu zeigen.

Kam er an den Rand des Teiches,


Spielten dort verliebte Enten
Und als Ehemann und Gattin
Höckerschwan und Höckerschwanin.

Schimmerglanz der Morgenröte!


Rosenarmige Aurora
Streute mit den Rosenfingern
Rote Rosen auf die Erde.

Große goldne Honigbienen


Flogen um die Lindenblüten.
Und die beiden Mädchen sprachen,
Daß die Frau ihn nun erwarte.
In der Halle großen Kirche
Thronten wunderschön zwölf Jungfraun,
Auch zwei Throne da von Golde
Strahlten, königliche Throne.

In dem einen saß die Herrin,


Saß die Königin des Meeres,
Doch der andre Thron, der leere,
War der Königsthron des Träumers.

Sprach die Königin des Meeres:


Dieser Träumer ist mein Gatte!
Meine Mädchen, ehrt den Träumer,
Ehrt den Taugenichts, ihr Mädchen!

Nahm die Königin des Meeres


An die schlanke Hand den Träumer,
Führte ihn durch alle Kammern,
In die siebte Kammer schließlich.

Hier erkannte er die Jungfrau,


Die Meerjungfrau seiner Seele,
Nacktes Weib mit roten Locken,
Weib mit rötlichblonder Haarflut.

O Madonna Aphrodite,
Rief der Taugenichts ekstatisch.
Sprach die Herrin: Lieber Träumer,
Nenn mich nicht mehr Aphrodite,

Nenne mich den Meerestropfen


Oder auch den Stern des Meeres,
Nenne Meer mich der Erleuchtung,
Ozean der Gnaden Gottes!

Ich blieb immer reine Jungfrau,


Unverletzt am Mädchentume,
Bin die Königin des Meeres,
Königin der Schönen Liebe!

Stumm vor Seligkeit der Träumer,


Bis das Bier die Zunge löste,
Speiste er auch gut und lecker,
Hering, Brot und Rote Beete.

Konnte er sich unterhalten


Mit der Königin der Liebe
Und begann auch übermütig
Einen Witz ihr zu erzählen.

Abends sprach zu ihm die Jungfrau:


Morgen, lieber Mann, am Freitag
Muß ich beten, muß ich fasten,
Christus such ich am Karfreitag!

Du darfst mich beim Freitagsfasten


Nicht beschaun, laß mich alleine,
Meine beiden Dienerinnen,
Meine Mädchen, solln dich trösten.

Also an dem Freitagmorgen


Sah der Taugenichts die Jungfrau
Nirgends. Zwar die Mädchen scherzten,
Herzten, aber er blieb traurig.

Und so ging es jeden Freitag.


Zweifel wuchs im Herz des Träumers,
Speise wurde ihm zum Ekel
Und der Schlummer ihm zum Alptraum.

An dem Freitag im Aprile


Trat er vor der Jungfrau Kammer,
Wo sie einsam hielt ihr Fasten,
Einsam betete zu Christus.

Spionierte nun der Träumer


Durch das Schlüsselloch der Pforte.
O Mysterium des Schreckens,
Faszinierendes Geheimnis!

Sah er doch des Meeres Jungfrau


Nackt mit schönen bloßen Brüsten,
Aber statt des Unterleibes
Sah er eine goldne Schlange!

Dreimal hörte er das Krähen


Eines Hahnes auf dem Miste.
Traurig war er, voller Schwermut,
Tief verwirrt an seinem Geiste.

Abends kam des Meeres Jungfrau,


Doch in schwarzen Trauerkleidern,
Vor dem kummervollen Antlitz
Trug sie einen schwarzen Schleier.

Sprach sie voller Schmerz und Jammer:


Weh dir, Tor! Wir müssen scheiden,
Siehst mich heut zum letzten Male,
Mußt zurück du auf die Erde.

Riß der Himmel auf mit Blitzen,


Sprach der Himmel Donnerworte,
Bebte Meer und Mutter Erde,
Wie ins Nichts versank der Träumer!
Fand sich wieder an dem Strande
Bei der Herrlichkeit von Dornum
An dem grünen Deich der Nordsee,
Saß er da in Bettlerlumpen.

In der Herrlichkeit von Dornum


Sucht bei der Allee der Birken
Er das Haus des Schornsteinfegers,
Aber leer war diese Wohnung.

In der Herrlichkeit von Dornum


Bei dem Schloß und bei der Kirche,
Nirgendwo war ein Bekannter,
Er war fremd auf dieser Erde.

Frug er einen Rinderhirten


Nach dem Schornsteinfeger, aber
Staunend sprach der Rinderhirte:
Was fragst du nach diesem Manne,

Der seit dreißig Jahren tot ist?


Und wer bist du selber, Alter?
Auch des Schornsteinfegers Kinder
Alle sind schon längst begraben!

Was fragst du nach längst vergangnen


Zeiten, Greis in Bettlerlumpen,
Alter mit dem grauen Barte?
Laß doch das Vergangne ruhen!

Schaute nun der arme Träumer


Sein Gesicht in einem Spiegel:
Lebensmüde seine Augen,
Rot von Rotwein seine Nase,

Schwarz im Maul die Stummelzähne,


Braun von Tabak seine Lippen,
Sorgenfurchen auf der Stirne,
Grau der Bart und grau das Haupthaar.

In derselben Nacht verschwand er,


Ward nicht mehr gesehen, aber
Doch die graue Mordsee Nordsee
An den Strand warf seinen Leichnam.

Die Meerjungfrau aber meidet


Fortan die erwachsnen Menschen.
Nur die Kinder reinen Herzens
Manchmal die Meerjungfrau schauen.

Oma Margarethe Schwanke,


Muse eines deutschen Dichters,
Schwieg und faltete die Hände
Auf der Bibel Martin Luthers.

Oma Margarethe Schwanke,


Sprach der Enkelsohn, der Dichter,
Ach, mich schaudert vor der Schwermut
Und mich ekelt an das Leben!

Ach mein Junge, Lieblingsenkel,


Auf dem Ofen liegt dein Schlafrock,
Geh im warmen Rock zu Bette,
Schlaf den Schlummer des Gerechten.

VIERTER GESANG

Meine Gottheit, große Mutter,


Trösterin mit Mutterliebe,
Schließ mir auf das Haus der Weisheit,
Alte Weisheit schöner Märchen.

O mein wilder lieber Junge,


Sagte Margarethe Schwanke,
Höre noch ein Friesenmärchen
Von der Liebe eines Schwanes.

War es einst im Städtchen Norden


Bei dem Hügel der Druiden
Neben der Ludgeri-Kirche
Und beim Haine der Druiden,

Da, wo heut der Teich der Schwäne


Schlummert unter Trauerweiden,
Stand ein Wasserschloß, ein goldnes,
Lebten Gatte dort und Gattin,

Stolze weiße Höckerschwäne,


Höckerschwan und Höckerschwanin,
Strahlend weiße Eheleute,
Stolze Schwanenmajestäten.

Königin und König hatten


Sieben schöne Schwanenkinder,
Die drei weißen Schwanensöhne,
Die drei weißen Schwanentöchter,

Waren all der Stolz des Königs


Und der Königin, sie stammten
Von der Schwanengöttin Leda,
Lohengrin, der Schwanenritter,

War ihr Schutzpatron im Himmel.


Doch das siebte ihrer Kinder
War ihr Sorgenkind, ihr Kummer,
Eine schwarze Trauerschwanin!

Warben viele stolze Prinzen


Um die schwarze Trauerschwanin,
Weil sie schön war, schwarze Schönheit,
Wie dereinst die Sulamithin

Und die Königin von Saba.


Aber Königin und König
Waren stolz wie weiße Schwäne,
Wiesen ab die Freier alle.

Rief die Königin, die stolze:


Ehe so ein Prinz vermählt sich
Unsrer Trauerschwanin, werden
Alle wir zu wilden Schwänen!

Ach mein lieber wilder Junge,


Das war in den alten Zeiten,
Da der Herrgott die Gebete
Kaum gesprochen schon erhörte.

Königin und König wurden,


Schwanensöhne, Schwanentöchter,
Alle wurden wilde Schwäne,
Ungezähmte freie Schwäne.

Und das Wasserschloß, das goldne,


Stürzte ein und sank in Trümmer
Und an seiner Stelle schlummert
Still der Schwanenteich von Norden.

Schwamm die schwarze Trauerschwanin


In dem stillen Schwanenteiche
Unter grünen Trauerweiden,
Grüner, grüner Weiden Schleier,

Kam ein Trauerschwan von Osten


Aus dem fernen Morgenlande,
Minneritter, Minnesänger,
Warb er um die schwarze Schwanin.

Waren sie ja vor der Schöpfung


In dem Ozean der Gnaden
Gottes schon vorherbestimmte
Ewigliche Eheleute.
Da sie sich im Teich erkannten,
Gleich erkannten sie sich wieder,
Liebten sich wie vor der Schöpfung
In dem Schwanenteich zu Norden.

Flog der Trauerschwan im Maien,


Im Marienmond, spazieren,
Flog zum Teuteburger Walde,
Zu dem Teich der Externsteine.

Ging am Schwanenteich zu Norden


Unbeweibt ein armer Fischer,
In dem Schwanenpfad sein Hüttchen,
Schmutzig war es ohne Hausfrau.

Von dem Schwanenpfad der Fischer


Ging allein am Schwanenteiche,
Sah die schwarze Trauerschwanin,
Fing er sie mit einem Netze,

Nahm sie mit sich in sein Häuschen,


Lebte dort mit ihr verborgen,
Sprach nur mit der Trauerschwanin,
Denn er sprach die Schwanensprache.

Seine Wohnung wurde sauber,


Wurde das Geschirr gewaschen,
Fortgebracht die leeren Flaschen,
Staub gewischt auch unterm Sofa.

Sah der Fischer nämlich einmal,


Daß um Mitternacht die Schwanin
Sich in eine Frau verwandelt,
Schwarze Schönheit, Sulamithin,

Zierlich schlank die schwarze Schönheit,


Braun die Haut von Hals und Busen,
Schwarzer Onyxstein die Augen,
Schwarz die Lockenkunst ägyptisch,

Eine schwarze Weisheitsgöttin


Der Mysterien Ägyptens.
Von der Gegenwart alleine
War des Fischers Haus so reinlich.

Da der Fischer dieses schaute,


Diese schlanke schwarze Jungfrau,
Nahm er fort das Kleid der Schwanin,
Fort das Federkleid der Schwanin

Und verbarg es in der Truhe


Seines alten Urgroßvaters,
Eines Seemanns Schiffertruhe,
Einer Bundeslade Frieslands.

Also blieb die schwarze Jungfrau


Bei dem hochbeglückten Fischer
In dem Schwanenpfad beim Teiche
Und vergaß, dass sie ein Schwan war.

Ja, sie lebte mit dem Manne


Wie ein liebevolles Mädchen,
Eine vielgeschickte Hausfrau,
Eine Dame voller Weisheit.

Ganz vergessen war für Jahre,


Daß in Wirklichkeit die Jungfrau
Eine schwarze Trauerschwanin
War von Wesen und Bestimmung.

Doch in einem Herbste schaute


Sie die wilden Schwäne fliegen
An dem winddurchbrausten Himmel,
Diese waren ihre Brüder.

Hörte sie die Schwanenbrüder


Rufen: Komm, o Trauerschwanin,
Wilde Schwanin, in die Freiheit,
Diesen Sterblichen verlasse,

Laß den sterblichen Geliebten,


Der zur Hausfrau dich erniedrigt,
Tochter du der Göttin Leda,
Wilde Schwanin, Himmelstochter!

Zwar die schwarze Jungfrau hörte


Diesen Ruf der Schwanenbrüder,
Doch alleine mit den Ohren,
Hörte nicht mit ihrem Herzen.

In dem nächsten Herbste schaute


Sie am winddurchbrausten Himmel
Fliegen ihre Schwanenschwestern,
Die sie riefen in die Freiheit:

Bist du eines Mannes Hausfrau,


Sollst du ihm die Wohnung putzen?
Deine Mutter in dem Himmel
Ist die Große Schwanen-Göttin!

Doch die schwarze Jungfrau hörte


Mit den Ohren nur die Worte,
Nicht mit ihrem Herzen, aber
Es erwachte süße Sehnsucht.
In dem dritten Jahre schaute
Durch den Sturm die schwarze Jungfrau
Ihre Schwaneneltern segeln,
Königin und König adlig.

Schwarze Jungfrau, schwarze Jungfrau,


Bist du Sklavin eines Narren?
Du bist Königin von Adel,
Denk an deine Schwanenwürde!

Doch die schwarze Jungfrau hörte


Mit den Ohren nur die Worte,
Hörte nicht mit ihrem Herzen,
Was ihr sang die Schwanenmutter.

O du große Mutter Weisheit!


Wahrlich, in dem Herbst am Himmel
Durch den Wettersturm in Friesland
Flog ein wilder Schwan alleine,

War der Trauerschwan, der schwarze,


Trauerschwan vom Morgenlande,
Der vorherbestimmte Gatte
Er der schwarzen Trauerschwanin.

Rief er in dem Wettersturme:


O bei Jesus und Maria!
Komm, Geliebte, komm, Geliebte,
Wo der Geist weht ist die Freiheit!

Jesus schenkt den Geist der Freiheit!


Sei nicht Sklavin eines Sünders!
Unsre Liebe Frau Maria
Ist der Dichter Göttin Freiheit!

Komm, Geliebte, komm, Geliebte,


Ewigkeiten Ewigkeiten
Sind vor Gott wir Eheleute,
Trauerschwan und Trauerschwanin!

Diese Worte aber hörte


Unsre schöne schwarze Jungfrau
Mit dem Herzen in dem Busen,
Es erwachte in ihr Liebe.

Und sie schleicht sich zu der Truhe,


Zu der Bundeslade Frieslands,
Nimmt das Federkleid der Schwanin,
Und sie fliegt zu dem Geliebten!

Trauerschwan und Trauerschwanin


Über Friesland in der Freiheit
Fliegen selig wie die Götter
Zu dem Meer im Morgenlande.

Aber einsam blieb der Fischer


In dem Schwanenpfad im Häuschen,
Aber oftmals sah am Himmel
Er die wilde Schwanin fliegen.

Sie besuchte ihn noch manchmal


Und erinnerte den Fischer,
Daß die schönste Schwanenjungfrau
Einst in seinem Hüttchen lebte.

Und der Fischer denkt voll Wehmut


An die selig schönen Zeiten,
Da die Jungfrau bei ihm wohnte,
Bei ihm war die schwarze Jungfrau.

Oma Margarethe Schwanke


Schwieg und lächelte so zärtlich,
Ihre blauen Augen Himmel,
Ihre Silberhaare Wolken,

Und sie sprach zum Enkelsohne:


Speise ein gebratnes Hähnchen,
Iß dazu die Bratkartoffeln,
Geh dann, spiele mit den Kindern!

FÜNFTER GESANG

Meeresperle, Margarethe
Schwanke, o Großmutter-Schwanin,
Sing dem Schwanensänger Schwanke
Noch ein Märchen von der Schwanfrau!

Schwanensänger, deutscher Dichter,


Sagte Margarethe Schwanke,
Heut muß ich ans Sterben denken,
Will dich weihn der Mutter Gottes.

Ach, mein Enkelsohn, mein Junge,


Was wird aus dem wilden Jungen,
Wenn Großmutter stirbt? Maria
Möge dich behüten, Liebling!

Will zu Ehren der Madonna


Und des Rosenkranzes heute
Und der Sankt-Marien-Kirche
Dieses Märchen dir erzählen.

Oldenburg im Oldenburger
Land hat eine weisheitsfromme
Universität, studierte
Ein Student dort Platons Schriften.

Der Student ging nachts spazieren,


Zu erholen sich vom Denken,
Kam er zu dem Flötenteiche,
Silbern schimmernd in dem Mondlicht.

War führwahr ein runder Vollmond,


Prall und drall, ganz weiß und marmorn,
Die jungfräuliche Diana
Schien ein wahres Weib der Wonne!

Klar und rein und licht, kristallen


Schien der Vollmond wie ein Spiegel
Gottes, wie des Urlichts Spiegel,
Also Hagia Sophia.

Und die Mondin weiß sich badet


Nackt und schön im dunklen Wasser,
In dem dunklen Flötenteiche,
Diesem Teiche holder Schwermut.

In dem Schilfrohr an dem Rande


Dieses Teiches ruhen Vögel,
Erpel, Enten, Entenküken,
Auch im Schilf die Möwen ruhten.

Aber auf dem Flötenteiche


Schwamm ein Paar von Trauerschwänen,
Trauerschwan und Trauerschwanin,
Leib an Leib und engumschlungen.

Auf dem Paar der Trauerschwäne


Saß das weiße Weib des Wassers,
Lang das Seidenkleid von Lichtglanz,
Silberseide, Wassergaze.

Überm Haupt der Jungfraunschleier,


Schleier einer Nymphe Gottes,
Quoll hervor das Haar, das schwarze,
Doch mit hennaroten Strähnen.

Auf dem Haupte mit dem Schleier


Trug sie einen Kranz von Blumen,
Mohn und Malven, rote Rosen,
Blaue Iris goldnen Kelches.
Schwamm die Dame auf den Schwänen
An den Rand des Flötenteiches,
Hielt in ihrer Hand ein Zepter,
Einen Eichenzweig mit Eicheln.

Und des Flötenteiches Nymphe


Reichte dem Studenten Platons
Nun den Eichenzweig mit Eicheln,
Lächelt keusch, zugleich erotisch,

Schwamm dann auf den Trauerschwänen


Wieder in die Nacht, die dunkle.
Der Student, er ging nach Hause
Mit dem Eichenzweig der Nymphe,

Doch zuhause sah der Jüngling,


Daß der Eichenzweig der Nymphe
Eicheln trug von reinstem Golde,
Hochkarätig goldne Eicheln.

Und er ging zum Juweliere


In der Innenstadt und tauschte
Diese goldnen Eicheln gegen
Schmuck für seine Vielgeliebte.

Denn beim Flötenteiche wohnte


Seine Freundin im romantisch
Wilden Garten in dem alten
Bauernhäuschen hoch romantisch.

Dieser schenkte er nun Schmuckstück


Über Schmuckstück, goldne Spangen
Für die langen schwarzen Haare,
Silberreifen für die Arme,

Schlangenringe für die Finger


Ihrer schlanken weißen Händchen,
Einen Mondstein an dem Ohrring
Für das Muschelohr der Schönen,

Lapislazuli am Kettchen
In der Art des Jugendstiles
Für die hochgebenedeiten
Brüste seiner Vielgeliebten,

Einen liebreizreichen Gürtel


Für die Hüfte der Geliebten,
Silberkettchen leise klingelnd
Für der Freundin schlanke Fesseln.

Also schön geschmückt die Schönheit


Saß als Meisterwerk des Schöpfers,
Als ein Kunstwerk des Erzkünstlers,
Gottes Tochter, vor dem Minner.

Saßen sie allein im Zimmer,


Fiel er nieder auf die Kniee,
Betet an der Herrin Schönheit,
Spricht von Liebe in Äonen,

Von dem Anbeginn der Schöpfung


Liebt er sie im Geiste Gottes
Und auch in der Weltvollendung
Ewigkeit wird er sie lieben!

Sieh, da trat herein die Nymphe


Von dem Flötenteich, die Jungfrau,
In dem Arm ein nackter Knabe,
Lieblich wie ein Page Gottes.

Trat des Flötenteiches Nymphe


Still zu des Studenten Freundin,
Trat die Jungfrau zu der Freundin,
Gab ihr eine Schnur von Perlen.

Ja, die lichte weiße Jungfrau,


Dame von dem Flötenteiche,
Trug die fromme Schnur von Perlen
Oft in benedeiten Händen,

Aber nun das Weib des Wassers


Legte diese Schnur von Perlen
In die schlanke Hand der Freundin
Des Studenten, Platons Jünger.

Dann verschwand die weiße Dame


Mit dem Kind, dem Pagen Gottes.
Eine feuchte Spur am Boden
Blieb zurück nach dem Besuche.

Aber des Studenten Freundin


Lebte in dem Aberglauben,
Diese Perlen seien Tränen,
Einer Liebesgöttin Tränen.

Daß die Tränen aber keinen


Schaden stiften, Unglück bringen,
Wünschte sich die schöne Freundin
Von dem Engel, dem sie glaubte.

Sagte der Student, der fromme


Jünger Platons, Jünger Christi:
Bringen wir die Schnur der Perlen
Gottes Mutter dar als Opfer!
Weihen wir die Schnur der Perlen
Unsrer Lieben Frau Maria
In der Sankt-Marien-Kirche,
Die dort steht am Flötenteiche.

Traten der Student, die Freundin,


In die Sankt-Marien-Kirche.
Warf sich der Student aufs Antlitz
Nieder vor der großen Mutter!

Weihte des Studenten Freundin


Ihre Perlenschnur Maria.
Gottes Mutter segnet liebreich
Den Verliebten und die Schöne!

Lob und Ruhm sei Gottes Mutter,


Große Mutter der Großmütter
Ist Maria, wahre Mutter!
Sagte Margarethe Schwanke.

SECHSTER GESANG

Ach Großmutter meiner Seele,


Ach wie traurig ist der Alltag,
Ach wie böse sind die Träume,
Komm und singe mir ein Märchen!

Sagte Margarethe Schwanke:


Wenn die Frau ihr Kind nicht lieb hat,
Gott liebt dich mit Liebe ewig,
O mein Enkelsohn. Nun höre!

War es auf der Insel Baltrum,


Die Großmutter eines Dummchens
Lebte mit dem Idioten
Still in einem Haus im Ostdorf.

Leider war das Dummchen hässlich,


Schielte seltsam mit den Augen,
Flohn ihn alle schönen Mädchen,
Sprach man auch vom bösen Blicke.

Gut der Idiot von Herzen


War, zu gut für diese Erde,
Gab er noch sein letztes Brötchen
All den armen kleinen Kindern.

Nannten ihn die Leute Dummchen,


Einen armen Idioten,
Weil er mehr noch als sich selber
Seinen Nächsten tätig liebte.

Vor der Hässlichkeit die schönen


Jungen Mädchen alle flohen
Und die alten frommen Leute
Sprachen von dem bösen Blicke.

Eines Tages die Großmutter


Sagte zu dem Idioten:
Balde wird vom Lebensbaume
Abgetrennt die Frucht des Lebens

Und der Apfel meines Lebens


Fällt der Großen Mutter Erde
In den Schoß zur Auferstehung,
Wird ein Baum im Paradiese!

Aber du, mein süßer Liebling,


Kleines Närrchen, holdes Dummchen,
Sei nicht bange, sei nur mutig,
Gottes Mutter wird dich schützen!

Nur in meinem Testamente


Will ich dich beschwören, Liebling,
Nimm dir keine Frau zur Ehe,
Denn die Ehe ist die Hölle!

Fürchte Gott und lies die Bibel,


Bete morgens, bete abends,
Nie Großmütterchen vergesse,
Will ich dir dein Engel werden!

Also starb die weise Alte.


Traurig ging das arme Dummchen
In den großen grünen Garten
Der Natur der Insel Baltrum.

Schaute an die Heckenrosen,


Immer schöner all die Blüten,
Immer schöner ward der Garten,
Hagebutten immer röter.

Also kam er an die Nordsee,


Saß am Strande eine Jungfrau,
Strahlend wie die Frau der Sonne,
Nackig wie sie Gott geschaffen.

Sprach die Jungfrau zu dem Dummchen:


Bade du nur in der Nordsee,
Denn ich hab das blaue Wasser
Hier in lauter Licht verwandelt!

Wenn du badest in dem Wasser,


Das von meinem Lichtglanz Licht ist,
Wirst du schön wie König David,
König Salomo und Samson!

Tauchte ein das liebe Dummchen


In das lichte Bad der Nordsee,
War er weiß und rot, erlesen,
Schönster unter Myriaden!

Sprach der wunderschöne Jüngling


Zu dem Sonnenweib, der Jungfrau:
O du Schönste aller Schönen!
Willst du mich zum Manne nehmen?

Sprach das Sonnenweib, die Jungfrau,


Nackend in der Nordsee badend:
Ich, die Meerjungfrau, ich nehme
Mir zum Mann nur einen Weisen,

Willst du also mein Gemahl sein,


Suche du der Weisheit Quelle,
Trinke von der Weisheit Quelle,
Werde weise, mein Geliebter!

Aber, sprach der schöne Jüngling,


Wo ist diese Weisheitsquelle?
Sprach die Meerjungfrau, die nackte:
Kennst du nicht dies Wort von Jesus:

Suche, also wirst du finden,


Klopfe an, dir wird geöffnet,
Bitte und dir wird gegeben!
Also mach dich auf die Wallfahrt.

Und die Jungfrau ward unsichtbar,


Blieb zurück nur Schaum des Meeres
Und die Muscheln an dem Strande.
Fing der Jüngling an zu pilgern.

Kam der Jüngling zu den Deutschen,


Zu den Deutschen auf dem Festland,
Sah er eine schöne Dame
Dort in goldenen Gewändern.

Sprach die Dame: Ich, die Goldfrau,


Bringe Segen dir des Reichtums,
Bade nur in meinem Blute,
Kriegst du goldene Paläste.
Also sprach die goldne Dame,
Biß sich in den eignen Busen
Und verschlang den eignen Busen,
Schlang das eigne Fleisch hinunter.

Wie entsetzt entfloh der Jüngling!


Floh ins Land der leichten Liebe,
In das sinnlich-süße Frankreich,
In das Reich der Troubadoure.

Dort in der Provinz der Minne


Irrte in des Lebens Mitte
Er in einem dunklen Walde
Und verirrte sich im Dickicht.

Da erschien ein Hirsch dem Jüngling,


Im Geweih das Kreuzeszeichen,
Floh der Hirsch mit großen Sprüngen,
Folgt der Jüngling nach dem Kreuze.

Kam zum Fuß der Pyrenäen,


Dort in das berühmte Heilbad,
In den Wallfahrtsort der Jungfrau,
Lourdes der Unbefleckt Empfangnen!

Sah er dort die Quelle sprudeln,


Saß daran der Heil’ge Vater,
Saß daran der Papst der Kirche,
Der so sehr Maria liebte!

Sprach der Diener aller Diener


Gottes: Trink von dieser Quelle!
Wer der Lieben Frau geweiht ist,
Der wird alsbald weise werden!

Trank der Jüngling von der Quelle,


Keusche Küsse der Madonna
Sind vergleichbar dieser Quelle
Mit dem Labetrunk der Weisheit.

Also weise ward der Jüngling.


Kam er wieder heim nach Baltrum,
Auf der Insel zu verkünden
Gottes Weisheit allen Menschen.

Trat er an den Strand der Nordsee,


Zu dem Sonnenweib, der Jungfrau,
Zu der Meerjungfrau, der nackten,
Zu der Schönsten aller Schönen!

Hatte ihr in einem Fläschchen


Etwas Wasser von der Quelle
Mitgebracht, das sie getrunken
Und ein Weib der Ehe wurde

Für drei wunderschöne Tage...


Die drei wunderschönen Tage
Lebten glücklich in der Ehe
Die Meerjungfrau und der Jüngling!

SIEBENTER GESANG

Aber du, o Herr!... sprach leise


Oma Margarethe Schwanke,
Lehre meinen Lieblingsenkel
Deine Weisheit durch ein Märchen.

Lebte einst im Oldenburger


Land in Oldenburg ein frommer
Mann, der jeden Sonntagmorgen
In die Kirche ging zur Messe.

Zwischen seiner stillen Wohnung


Und der heiligen Kapelle
War ein kleines grünes Wäldchen,
Da er gerne ging spazieren.

Im Advent am vierten Sonntag


Ging er durch das grüne Wäldchen,
Wollte zu dem Gottesdienste,
Ging zur Kirche trotz des Regens.

Aber in dem grünen Wäldchen


Strömten nieder Regenströme
Und im Regen ist erschienen
Eine Jungfrau, rein wie Wasser.

Sprach die Jungfrau in dem Regen:


Danke, dass du trotz des Regens
In die Kirche gehst, Geliebter,
Ich belohne deinen Glauben.

Sieh, ich will dich heut erwählen


Zum Gemahle meiner Liebe!
Wollen wir uns heut verloben
Und die Ehe uns versprechen!

Aber solcher Gnadengabe


Ist kein andrer jemals würdig,
Als wer gläubig jede Prüfung
Treu besteht und wahrt die Liebe.
Willst du dich mit mir verloben,
Mußt du aber sieben Jahre
In der Fremde dienen, siehe,
Sei ein Diener aller Menschen.

In den Krieg muß ich dich schicken,


Aber nicht des Teufels Kriege,
Sondern kämpfen um die Seelen
Sollst du mit der Liebe Waffen.

Karitas! sei deine Losung,


Karitas! sei deine Fahne!
Ich vertraue deiner Liebe
An die kleinen Waisenkinder.

Sei du Kindern wie ein Vater,


Sei dem Heil’gen Vater ähnlich,
Dann wird Gott der Herr dich lieben
Mehr als deiner Mutter Mutter! –

So verschwand die Regen-Jungfrau.


Und der Mann ging in die Kirche
Und verfolgte die Gebete
Aufmerksam mit wachem Geiste,

Sprach die Liturgie der Kirche:


Josef, du Gerechter, Frommer,
Nimm Maria, die Verlobte,
In dein Haus als Ehegattin!

Ging der Fromme an die Nordsee,


Auf die Insel Sylt, die schöne,
Dort im Waisenkinderheime
Nährte, pflegte er die Kleinen.

Ward zu einem Pelikane,


Einem Mutterpelikane,
Mit dem Blut des eignen Herzens
Nährte er die kleinen Küken.

Wurde eine Vogelmutter,


Breitete die Vogelschwingen,
Barg die Küken im Gefieder
An dem Pochen seines Busens.

Wurde eine Mutterglucke,


Wie die Große Glucke Jesus,
Sammelte die kleinen Küken,
Barg sie unter seinem Fittich.

War wie Jesus zu den Kindern,


Lud sie ein in seinen Himmel,
Herzte, streichelte, liebkoste,
Legte segnend auf die Hände.

Ward zu einem lieben Papa,


Den die Kleinsten Mama nannten,
Den die frommen kleinen Kinder
Für den lieben Gott gehalten.

Doch verwundet in dem Kriege,


Blutend an dem offnen Herzen,
Schrie der Fromme zu der Jungfrau,
Taucht sie lächelnd aus der Nordsee,

Schaumgeborne, Meergeborne,
Mutter sie der schönen Liebe,
Schlich sie sich in seine Kammer,
Schenkte Wein ein in den Becher.

Dieser Wein, der Jungfrau Tränen,


Wirkte wunderbare Heilung.
Und so rasch genas der Fromme,
Daß die Christenbrüder staunten.

Saß er bei den Christenbrüdern


In dem Oldenburger Lande
Und im Herzogtum Rastede,
Trank er mit den Christenbrüdern.

Sprachen seine Christenbrüder:


Sprich dich aus von dem Geheimnis
Deiner großen Kinderliebe
Und der Weisheit deiner Liebe!

Sprachen seine Christenbrüder:


Eben offen deine Wunde,
Blutete wie Wein im Becher,
Nun schon lachst du wie ein Engel!

Sprach der Fromme, der Verlobte


Jener wundervollen Jungfrau:
Der Geheimnisse Geheimnis
Ehrt man nur durch tiefe Stille

Und durch Schweigen, das ist Mystik,


Augen schließen, Lippen schließen,
Sagt ich doch von dem Geheimnis
Nicht der Mutter meines Leibes,

Nicht den Menschen dieser Erde,


Aber auch den Christenbrüdern
Sag ich nichts von dem Geheimnis,
Dem Geheimnis meiner Liebe.

Machten ihn die Christenbrüder


Trunken mit dem Wein der Franken,
Trank er allzu viel vom Weine,
Ward er wie ein Narr betrunken.

Aber Wein und wilde Weiber,


Sie betören auch die Weisen,
Leidenschaft in ihm erwachte
Und wollüstige Begierde.

Zwar des Frommen Geist ist willig,


Aber schwach das Fleisch des Menschen.
Sah er an ein Weib der Wollust,
War ein Weib wie eine Venus.

Lud der Vater dieses Weibes


Und die Mutter dieses Weibes
Ein den Frommen zur Verlobung
Mit der schaumgebornen Venus.

Und sie feierten auf Rügen,


Standen an dem Kap Arkona.
Sprach die wunderschöne Venus:
Frommer, willst du mich zum Weibe?

Sprach der Fromme: Aber, Venus,


Ich bin doch ein Gottverlobter!
Venus schüttelte die Brüste,
Ihren großen Wonnebusen!

Venus, wildes Weib voll Wollust,


Wollustvolles Weib der Wonne,
Sie entblößte ihren Busen,
Rührt den Frommen an der Lende!

Schwankend eben ward der Fromme,


Schwankend, wankend, voller Zweifel.
War es in dem siebten Jahre
Der Verlobung mit der Jungfrau.

Saß der Fromme nachts im Zelte,


Hörte er die Ostsee rauschen,
Meeresrauschen, Gottes Stimme,
Donnerte voll Macht der Himmel!

Öffnete mit lichten Blitzen


Sich der Himmel, lichte Blitze
Strahlten bis zum Throne Gottes,
Meeresrauschen, Donnerschläge!
Kam herab des Himmels Jungfrau
In dem Regen überm Zelte,
Trat die Jungfrau zu dem Frommen,
Schloß mit ihm den Bund der Ehe:

Ich will dich zum Manne nehmen,


Ist vor Gott die Ehe gültig,
Nenn mich HAGIA SOPHIA,
Gottes Frau sollst du erkennen!

Und die Jungfrau stieg gen Himmel,


Und der Fromme wie ein Singschwan
Flog zur Jungfrau in den Himmel,
Dort vollzogen sie die Ehe. –

Schau, das war mein Schwanenmärchen,


War die Mär von der Meerjungfrau,
Sagte Margarethe Schwanke,
Gottes Mutter sei dir gnädig.

REINHARD FUCHS

ERSTER GESANG

Singe, meine liebe Muse,


Mir von Reinhard Fuchs, dem schlauen!
Widmen will ich meine Verse
Benedikt, dem deutschen Papste.

Sagen will ich von dem Landmann,


Welcher Hof und Felder hatte,
Mais und Weizen, grüne Wiesen,
Runzela hieß seine Gattin.

Um den Bauernhof gezogen


War ein Zaun zum Schutz der Hühner.
Nämlich Reinhard Fuchs, der schlaue,
Liebte sich zur Mahlzeit Hühnchen.

Runzela, die Bauersgattin,


Sprach zu Lanzelin, dem Bauern:
Bauer! Reinhard Fuchs, der schlaue,
Fraß mir auf ein Dutzend Hühner!

Bauer Lanzelot gehorchte


Seiner Bäuerin und Herrin,
Zog den Zaun um das Gelände,
Um den Hühnerhof zu schützen.

Und der Hahn hieß Schantekleros,


Starker Hahn mit rotem Kamme,
Schantekleros aber liebte
Von den Hennen meistens Pinte.

Ja, der Hahn aus seinem Harem


Fetter Hennen-Konkubinen
Liebte oft und lang und heftig
Pinte meist, die fette Henne.

Eines Tages aber nahte


Reinhard Fuchs, der schlaue, wollte
Schantekleros Arbeit machen
Und ihm dann das Leben rauben.

Reinhard sah den dicken Zaun an,


Schien zu dicht und hoch der Zaun ihm,
Doch ein Loch im Zaun entdeckte
Reinhard, durch das Loch sich zwängend.

Reinhard schlich sich durch den Garten.


Da spazierte Schantekleros
Müßig. Doch die fette Henne
Pinte schon gewahrte Reinhard.

Reinhard kommt! schrie laut die Henne,


Alle fetten Hennen schrieen,
Flüchteten mit lautem Schreien
In des Hühnerstalls Behausung.

Schantekleros seinen Hennen


Sprach beruhigend zu Gemüte:
Kommt kein Tier in diesen Garten,
Füchse nicht, nicht andre Räuber.

Aber meine lieben Weiber


Und mein Lieblingsweibchen Pinte,
Betet zu dem lieben Gotte
Für das Leben eures Hahnes!

Denn mir träumte nachts prophetisch,


Daß ich lag im roten Blute!
Komme, was da kommen möge,
Doch ich fürchte großes Unheil.

Möge mich der Engel Gottes


Schützen vor dem bösen Feinde!
Ach, mir ist so schwer zumute,
Meine Seele bangt und zittert!

Herrin Pinte sprach, die Herrin


Seines Harems fetter Hennen:
Schleicht was in den grünen Gräsern,
Ist der Feind wohl schon im Garten.

Möge Gott der Herr uns schützen,


Dich vor allem, Herr und Gatte!
Ach, ich bin verzagt und ängstlich,
Fürchte große Todesnöte!

Schantekleros sprach, der starke


Hahn mit feuerrotem Kamme:
Banger ist ein Weib doch immer
Als wir Männer jemals bangen.

Aber ich hab schon vernommen,


Was geschehen wird, im Traume
Sah ich’s schon vor sieben Jahren,
Heute muß es sich erfüllen.

Herrin Pinte aber sagte:


Mein Gebieter und mein Gatte,
Rette dich auf diesen Dornbusch,
Denk an unsre kleinen Küken!

Wenn du sterben solltest, Gatte,


Wär ich eine arme Witwe,
Müßt den Rest des Lebens weinen,
Würd mich in der Welt verlaufen.

Ach, ich bin verzagt und bange,


Fürchte um dein Leben, Liebster,
Darum bin ich so voll Kummer!
Soll der Zaun dich doch beschützen!

Reinhard Fuchs den Draht des Zaunes


Bog zur Seite, durchzuschlüpfen,
Eindrang in den grünen Garten.
Schantekleros saß im Dornbusch.

Reinhard Fuchs sprach vor dem Dornbusch


Zu dem Hahn und sagte listig:
Wer denn bist du? Bist du Sengel?
Hahn, bist du der stolze Sengel?

Schantekleros sprach zu Reinhard:


Sengel war mein lieber Vater,
Aber ich bin Sengels Erbe,
Schantekleros ist mein Name.
Reinhard Fuchs, der schlaue, sagte:
Tot ist Sengel, tot ist Sengel?
Ich beklag den Tod des Sengel!
Ehrenwert war wahrhaft Sengel.

Denn dein edler Vater Sengel


War Genosse meines Vaters.
Und dein Vater Sengel hockte
Nicht so hoch auf einem Dornbusch.

Schantekleros darauf töricht


Flatterte mit seinen Flügeln
Von dem Dornbusch auf den Rasen,
Hieß den schlauen Fuchs willkommen.

Flatternd fröhlich mit den Flügeln


Hüpfte freudig er im Garten,
War erregt und voller Wonne
Wie begattend eine Henne.

Sprach: So lehrte mich mein Vater,


Freunde seien stets willkommen.
Schantekleros war voll Freude,
Später sollte er’s bereuen.

Schantekleros krähte lautstark,


Reinhard Fuchs des Hahnes Kopf nahm
Zwischen seine scharfen Zähne,
Henne Pinte schrie voll Jammer!

Lanzelin der Landmann hörte


Seiner Henne Pinte Jammer,
Drohend trat er in den Garten,
Voller Zorn den Fuchs verjagend!

Reinhard Fuchs lief fort zum Walde.


Schantekleros aber flatternd
Hüpfte wieder auf den Dornbusch,
Seine Wunde dort zu pflegen.

Aber oben von dem Dornbusch


Höhnisch spottend Schantekleros
Rief dem Fuchs nach böse Worte.
Reinhard Fuchs rief zu dem Hahne:

Narren reißen so das Maul auf,


Nichts Vernünftiges zu sagen,
Besser wärs, du würdest schweigen,
Könnt ich dich für weise halten.

Aber Schantekleros krähte:


Bei dem lieben Gott im Himmel!
Hat mich Gott doch heut behütet,
Das kann ich wohl lauthals künden.

Aber Reinhard zog vondannen,


Nahezu vor Hunger sterbend.
Aber heimlich sann er Rache,
Reinhard Fuchs, der Schelm, der schlaue.

ZWEITER GESANG

Reinhard aber einmal schaute


Eine wunderschöne Meise
Hüpfen oben auf dem Zweige
Eines frühlingsgrünen Baumes.

Also sagte aber Reinhard:


Schönste aller Vögelinnen,
Süße Meise, ich begehre
Einen Kuß von deinem Schnabel!

Sieh mich Dürsten und Gelüsten,


Ich will küssen, sag ich, küssen!
Sei Feinsliebchen mir, treuherzig,
Gib aus Treue mir ein Küsschen!

Einen Schmatz, mein Schatz und Schätzchen!


Gib mir doch ein süßes Mäulchen!
Laß uns schnäbeln, laß uns picken!
Küssen, küssen! Picken, picken!

Denke doch daran, mein Schätzchen,


Vögelin mit goldnem Busen,
Daß ich bin der Patenonkel
Deiner kleinen Meisenkinder.

Hab ich doch dem Herrn versprochen,


Jesus Christus nachzufolgen
Und dem Teufel abzuschwören
Bei der Taufe meiner Paten.

Sprach die Vögelin, die Meise:


Reinhard Fuchs, du Schelm und Schalksknecht,
Ganz genau kenn ich dein Wesen
Und ich kann dir nicht vertrauen.

Viele böse Zungen lästern


Böse Worte über Reinhard,
Alles das hab ich vernommen,
Das ist mir ins Herz gedrungen.
Und ich fürchte deine Augen,
Zittere vor deinen Blicken,
Deine Blicke sind wie Dolche,
Mir des Busens Herz durchbohrend.

Aber weil du süchtig bittest


Um ein Küsschen, um ein Schmätzchen,
Nennst mich Schätzchen, nennst mich Liebchen
Und beschwörst mich bei der Treue,

Darum werde ich dich küssen,


Will drei Stunden lang dich küssen,
Schließe du nur deine Augen,
Wenn ich küsse deine Schnauze.

Sprach die Meise, saß im Baume,


Dreck geknetet mit den Krallen,
Ließ den Dreck geknetet fallen
Auf das rote Mündchen Reinhards

Und beschmierte seine Zähne:


Schöne Zähne, grade Reihe,
Nun befleckt mit Dreck die Zähne,
Schwarze Zähne, schmutzig, stinkend!

Reinhard merkte so, wie listig


Ist nicht nur der Fuchs alleine,
Auch die Meise ist sehr listig,
Listigste der Vögelinnen!

Während Reinhard seine Zähne


Putzte, reinigte vom Drecke,
Ist entwischt die süße Meise
Mit dem goldnen Vogelbusen.

Reinhard aber klagte Jesus:


Ach mein Jesus, ach mein Jesus,
Wie bin ich betrogen worden
Von der Vögelinnen Schönsten!

DRITTER GESANG

Reinhard hatte großes Wissen


Und beherrschte viele Künste.
Aber heute war sein Tag nicht,
Sollte ihm geschehn ein Unglück.

Sah er hoch auf einem Baume


Einen schwarzen Raben stehen,
Dizzelin des Raben Name,
Dieser Rabe war sein Neffe.

Und der Rabe hielt im Schnabel


Einen Käse, der war lecker,
Reinhard leckte sich die Schnauze
Vor Verlangen nach dem Käse.

Reinhard gönnte diesen Käse


Nicht dem Neffen, nicht dem Raben,
Voller Neid begehrte Reinhard
Für sich selber diesen Käse.

Wollte Reinhard Fuchs betrügen


Seinen Neffen um den Käse.
Er gebrauchte eine Lüge,
Um den Käse zu gewinnen.

Reinhard sprach zum Raben-Neffen:


Bist du Dizzelin der Rabe?
O wie freu ich mich, mein Neffe,
Daß dich meine Augen schauen!

Gerne hörte ich dich singen,


Singt doch herrlich deine Mutter,
Deine Mutter sperrt den Schnabel
Auf, singt Oden an die Freude!

Dizzelin der Rabe sagte:


Nie will ich die Mutter schmähen,
Denn so schön singt meine Mutter,
Süßer selbst als Nachtigallen!

Nachtigallen lieblich schmelzen


Süß verliebte Liebeslieder,
Aber meine Rabenmutter
Singt Prophetenworte Gottes!

Also riß der Raben-Neffe


Seinen Schnabel auf und krächzte.
Fiel der Käse aus dem Schnabel,
Fiel zu Grund vor Reinhards Pfoten.

Aber Reinhard selbstvergessen


Ganz vergaß den gelben Käse,
Lauschte nur dem Rabenkrächzen
Und der Ode an die Freude.

Aber Reinhard Fuchs besann sich,


Wollt er doch den Raben fressen,
Reinhard hatte seinen Neffen
Ganz genau zum Fressen gerne!

Reinhard sprach zum Raben-Neffen:


Ach mein Neffe, ich hab Herzweh!
Ich hab großen Liebeskummer!
Liebe hat mein Herz verwundet!

Und nun lieg ich krank, ermattet,


Und ich kann mich nicht bewegen,
Liegt der Käse mir vorm Maule,
Könnte mich der Käse trösten,

Doch ich komm nicht an den Käse,


Denn mein Körper ist zerschlagen!
Komm herab vom Baum, mein Neffe,
Schieb den Käse mir ins Mäulchen.

Flog der schwarze Raben-Neffe


Von dem Baum herab zu Reinhard,
Wollt er ihm aus Treue helfen,
Das gereichte ihm zu Schaden.

Schnappte Reinhard mit den Zähnen


Nach dem schwarzen Raben-Neffen,
Lachend: Meine Tante sagte,
Blut ist dicker doch als Wasser,

Du bist doch von meiner Sippe,


Uns verbindet die Familie.
Darum hab du nur Vertrauen,
Ich will doch ja nur dein Bestes.

Riß ihm aus die schwarzen Federn!


Doch entkam ihm noch der Rabe,
Setzte hoch sich auf die Zweige!
Reinhard schlich enttäuscht vondannen.

VIERTER GESANG

Gegen Reinhard ist geschritten


Diebrecht, eine wilde Katze.
Reinhard sprach: O meine Nichte,
Gut, dass ich gesund dich sehe.

Ich hab ein Gerücht vernommen,


Wie du schnell vermagst zu laufen.
Laß mich deine Künste sehen,
Laß uns in den Wettstreit treten.
Diebrecht sprach, die wilde Katze:
Reinhard, das ist meine Freude,
Daß du Kamerad mir sein willst,
Darum möchte ich dir dienen.

Reinhard aber war sehr treulos,


Treu nur seinem eignen Sterne,
Liebte nicht gemeine Treue,
Treu war er allein der Schönheit.

Und er schaute eine Falle


Auf dem Wege, sprach zur Katze:
Laß uns eilen nun des Weges!
So sehr liebte er die Nichte.

Reinhard sprach zur wilden Katze:


Laß mich deine Kräfte schauen!
Schau, da ist ein Weg, ein schmaler,
Eile nun, geliebte Nichte.

Diebrecht doch, die wilde Katze,


Wußte selber von der Falle,
Sagte: Schütze mich Sankt Georg
Vor den bösen Listen Reinhards!

Diebrecht sprach, die wilde Katze,


Über die versteckte Falle,
Kehrte wieder um zu Reinhard,
Grüßte Reinhard, leise schnurrend:

Reinhard, ist kein Tier auf Erden,


Das so schnell wie Reinhard Fuchs ist!
Reinhard sprach zur wilden Katze
Diebrecht: Aber du bist schneller!

Mach doch einmal große Sprünge


Wie als ob dir Hunde folgen,
Springe hoch, als ob umgehend
Du verlierst die sieben Leben.

Diebrecht sprach, die wilde Katze:


Große Sprünge will ich machen,
Aber Reinhard soll mir folgen,
Selber große Sprünge machen.

Diebrecht sprach, die wilde Katze:


Wer kann wohl am höchsten springen?
Reinhard lachte: Du, mein Kätzchen!
So sie wollten sich betrügen.

Diebrecht übersprang die Falle,


Reinhard folgte dann der Katze.
Katze Diebrecht stürzte Reinhard
Und so fiel er in die Falle.

Katze Diebrecht schnurrend spottet:


Reinhard Fuchs, mein Kamerade,
Schau, nun sitzt du in der Falle,
Sei dem Teufel anbefohlen!

Also schlich die wilde Katze


Sich mit diesem Fluch vondannen.
Reinhard Fuchs saß in der Falle
Und er war in Todesnöten.

Meinte er, er müsse sterben,


Er befahl die Seele Jesus!
Siehe, da kam an der Jäger,
Der die Falle ausgelegt hat.

Reinhard Fuchs versprach dem Jäger


Dreißig Münzen für die Rettung.
Schlug der Jäger auf die Falle,
Ward gerettet also Reinhard.

Reinhard sprach zu seiner Seele:


Dreißig Silbermünzen kostet
Meine Rettung vor dem Tode?
O wie teuer ist das Leben!

FÜNFTER GESANG

Reinhard war der Not entkommen,


Nun kam Isegrimm, der Wolf, an.
Als er Isegrimm, den Wolf, fand,
Reinhard Fuchs sprach zu dem Wolfe:

Edler Herr, Gott sei dir gnädig!


Gerne möchte ich dir dienen,
Dir und deinem Eheweibe
Gieremund, dem schönsten Weibchen!

Unsre Herrin Gieremunde


Wähle ich zu meiner Dame,
Will ihr sein geringster Sklave
In der Religion der Liebe!

Ich hab in der Welt vernommen,


Starker Wolf, dass du gehasst bist.
Aber nimm zum besten Freunde
Mich, zum Hausfreund deines Weibes!
Ich bin schlau und du bist kräftig,
Laß uns beide unsre Gaben
Gieremund zum Wohl verbinden,
Deine Kraft und meine Schlauheit.

Bei der Heiligkeit der Ehe!


Ich will euch ein Helfer werden.
Listig bin ich wie Odysseus
Und mit List besiegt man Burgen.

Isegrimm, der Wolf, besprach sich


Über diesen Vorschlag Reinhards
Treuer Freundschaft mit dem Weibchen
Und den beiden wilden Söhnen.

Und das Weibchen und die Söhne


Stimmten zu, dass Reinhard werde
Treuer Hausfreund der Familie.
Das ward Isegrimm zum Schaden.

Reinhard wandte seine Liebe


An die Herrin Gieremunde,
Diente ihr als Liebesdiener,
Höflich ihr den Hof zu machen.

Isegrimm, der Wolf, hat töricht


Reinhard Fuchs geschenkt Vertrauen,
Das gereichte ihm zum Schaden.
Isegrimm ward oftmals unfroh.

Isegrimm ging eines Tages


Mit den beiden wilden Söhnen
Durch das Land auf Raub und Beute,
Fleisch für Gieremund zu rauben.

Als der Wolf bei seiner Arbeit


Um das täglich Brot der Erde,
Reinhard Fuchs verliebter Liebe
Warb um Herrin Gieremunde.

Isegrimm erlangte wirklich


Einen schlechten Kameraden.
Untreu seines Freundes Name,
Hinterlist sein ganzes Wesen.

Reinhard sprach zu seiner Dame:


O du Schönste aller Frauen!
Wolltest du doch gnädig schauen
Hier auf meine Liebesschmerzen!

Unsagbarer Jammer fasst mich


Und durchbohrt mein Herz mit Schwertern!
Liebe raubt mir meinen Atem!
Ich versterbe noch vor Liebe!

Aber Gieremund, die Herrin,


Sagte ohne alle Gnade:
Sprich mir nicht von deiner Liebe,
Ich bin meines Wolfes Wölfin!

Isegrimm, mein Ehegatte,


Hat so einen schönen Körper,
Daß ich gern auf andre Männer
Ohne jeden Schmerz verzichte.

Aber selbst den Fall genommen,


Daß ich einen lieben wollte,
Einen andern Mann als meinen,
Dann doch nicht so einen Schwächling!

Reinhard aber seufzte traurig:


Ach, du sehr gestrenge Herrin!
Glaube mir, ich bin ein Kaiser,
Der dir schenkt die halbe Erde!

Wäre ich der Papst der Kirche,


Schenkt ich dir den höchsten Himmel,
Wo im Paradies Frau Liebe
Herrscht im Himmelreiche Gottes!

Ohne Ende meine Liebe!


Ja, mit Herzblut unterschreib ich
Einen Bund mit meiner Herrin,
Müßte ich auch in die Hölle!

Was wär mir der höchste Himmel


Ohne meine Gieremunde?
Aber in der Hölle bin ich
Jammernd, weil du mich nicht lieb hast!

Aber Isegrimm kam wieder


Von der Raubes schwerer Arbeit:
Ach mein Weib! Wie schwer die Armut!
Ach wir müssen Hunger leiden!

Schaute Isegrimm zu Reinhard,


Dachte er voll Stolz im Stillen:
Jeder Walfisch seine Laus hat,
Jeder Hirte hat sein Hündchen.

SECHSTER GESANG
Reinhard schaute einen Bauern,
Der trug einen großen Schinken.
Reinhard da begann zu lachen,
Leckte lustvoll sich die Lippen.

Sagte Reinhard zu dem Wolfe:


Isegrimm, du magst doch Schinken?
Isegrimm und seine Söhne
Riefen: Gerne essen Fleisch wir!

Reinhard also auf der Straße


Ging vorm Bauern auf und nieder,
Tat als wär gekrümmt sein Rücken,
Tat als müsst er humpeln, hinken.

Schrie der Bauer böse Worte,


Wollt den Fuchs er eilig fangen,
Ließ er fallen seinen Schinken,
Eilend Reinhard nachzujagen.

Aber Reinhard lief zum Walde


Und entkam dem wilden Bauern.
Aber Isegrimm indessen
Stillte sich am fetten Schinken.

Isegrimm den ganzen Schinken


Fraß alleine voll Begierde
Und vergaß den Kameraden
Reinhard, der so treu geholfen.

Kam der Bauer an die Stelle,


Wo er ließ den Schinken fallen,
Sah er Isegrimm gesättigt,
Hörte er des Wolfes Lachen.

War vom Schinken nichts geblieben,


Nichts vom roten, nichts vom weißen,
Isegrimm war gut gesättigt,
Und der Bauer ward verspottet.

Isegrimm sprach zu dem Bauern:


Glück sei meinem Kameraden,
Dem ich diesen Schinken danke!
Und vom Wald erklang das Echo.

Reinhard nahte voll Verlangen,


Voll Begierde nach dem Fleische,
Nach dem roten, nach dem weißen,
Sagte: Wo ist nun mein Fleischstück?
Isegrimm sprach so zu Reinhard:
Frage deine schöne Freundin,
Ob sie dir was aufgehoben
Von dem Fleische appetitlich!

Aber Gieremunde lächelnd


Sprach zu Reinhard, der sie liebte:
Tu für Gottes Dank die Arbeit!
Gern sollst du auf Fleisch verzichten!

Sagte Isegrimm, der starke:


Ach, mich dürstet! Hast du Rotwein?
Reinhard sagte: Euer Diener!
Ich will Rotwein dir verschaffen.

Isegrimm sprach so zu Reinhard:


Lebenslang bin ich dein Diener,
Wenn du mir genügend Rotwein
Für den Durst besorgst der Kehle!

SIEBENTER GESANG

Reinhard führte Wolf und Wölfin


Und des Wolfes wilde Söhne
In das Kloster, da die Regel
Benedikts den Orden regelt.

Und er führte in den Keller


Alle zu den Rotweinfässern.
Isegrimm war bald betrunken
Von dem edlen Blute Christi!

Isegrimm, als er betrunken,


Hob er an ein Wolfsgeheule,
Wie sein Vater früher heulte
An die keusche Mondengöttin.

Doch die Mönche aus dem Orden


Benedikts mitsamt dem Pater
Wachten auf vom Wolfsgeheule,
Alles starke Waldarbeiter!

Hören wir doch Wolfsgeheule


An die keusche Schwester Vollmond,
Auf ihr Brüder Waldarbeiter,
Waffnet euch mit Axt und Spaten!

Reinhard hörte Mönche kommen,


Eilte er sogleich vondannen.
Aber Isegrimm bezahlte
Seinen Durst nach Rotwein teuer!

Und nicht Isegrimm alleine,


Sondern ernst und streng die Mönche
Prügelten auch Gieremunde
Und die wilden jungen Wölfe.

Ganz unfreundlich so belohnten


Gieremund die starken Mönche
Für die Sünde ihres Saufens,
Die doch nur ein wenig nippte,

Wenig nippte an dem Rotwein,


Von dem Tröpfchen schon betrunken,
Isegrimm voll Glut betrachtend,
Trunken glühte Gieremunde!

Aber nun kam ihre Reue!


Niemals will ich Wein mehr trinken,
Sondern wie die Fastenbrüder
Trink ich nur noch reines Wasser.

So zerdroschen und verprügelt


Isegrimm und Gieremunde
Und die beiden wilden Söhne
Eilten jammernd aus dem Kloster.

Und die beiden Söhne sprachen


Zu dem Wolfe: Vater unser!
Dieses Liedchen an den Vollmond
Sangst du nicht zur rechten Stunde.

Vater unser! Wie ein Affe


Hast du, wie ein Narr gehandelt!
Was weißt du denn schon vom Leben?
Hör doch einmal auf die Söhne!

Aber Reinhard kam gegangen,


Hörte dieser Söhne Worte,
Sprach er zu dem Erstgebornen:
Wie sprichst du mit deinem Vater!

Gott sprach: Ehre deinen Vater!


Gott sprach: Ehre deine Mutter!
Ach, du ungezogner Flegel,
Ach du ungezogner Bastard!

Jesus ist allein allwissend,


Seufzte Herrin Gieremunde.
Ach wie teuer war der Rotwein
Und wie trocken ist die Reue!
Aber was hab ich gesündigt,
Daß mein Sohn so böse redet?
Alle Künste der Erziehung
Werden an dem Kerl zunichte!

Aber Reinhard sprach zum Troste


Der Geliebten, seiner Dame:
Sei getrost, o Vielgeliebte!
Laß kein graues Haar dir wachsen!

ACHTER GESANG

Isegrimm sprach ganz zerschlagen:


Wehe, wehe, o mein Weibchen,
Mußt du eine Witwe werden,
Wenn ich hier vor Schmerzen sterbe!

Meine Liebe, meine Liebe,


Meine Sanfte, meine Milde,
Meine Treue, meine Reine,
Anvertraut mir bis zum Tode!

Wehe, wehe, meine Söhne,


Meine beiden wilden Jungen,
Müßt ihr Waisenkinder werden?
Gott ist doch der Waisen Vater!

Aber eure süße Mutter


Bleibt bei euch, geliebte Söhne,
Führt euch durch das Land des Lebens!
Folgt gehorsam nur der Mutter!

Meine liebe Gieremunde


Wird nach meinem frühen Tode
Keinen andern Mann sich nehmen,
Wird mir Seelenmessen singen!

Diese Klage hörte Konrad.


Sprach zu Isegrimm Herr Konrad:
Isegrimm, mein Wolf, mein Lieber,
Was bedeutet deine Rede?

Isegrimm zu Konrad sagte:


Bin zerschlagen ganz am Körper
Und verwundet an dem Herzen,
Hör die Todesstunde nahen!

Trauernd über mein Versterben


Wird mein Weibchen Gieremunde
Mir zum Totenreiche folgen,
Kann nicht leben ohne Liebe!

Konrad sagte, leise lächelnd:


Nicht versterben wird dein Weibchen,
Wenn du stirbst, aus lauter Kummer,
Da sie dir nicht treu gewesen!

Sah ich zwischen ihren Beinen


Doch, dass Reinhard sie geliebt hat!
Feucht dein Weibchen, deine Wölfin,
Von der Liebe deines Freundes!

Isegrimm vernahm die Rede,


Ward sein Herz von Schmerzen bitter,
Und vor Leiden fiel in Ohnmacht
Isegrimm, der schwer enttäuschte.

Wusste Isegrimm im Kopfe


Nicht, ob Tag sei oder Nacht sei,
Ob er noch versterbend lebe
Oder ob er lebend tot sei!

Konrad aber lachte leise.


Isegrimm besann sich wieder,
Isegrimm zu Konrad sagte:
Leid und Lüge ist das Leben!

Wenn ich meines Weibes Fehltritt


Sehn will zwischen ihren Beinen,
Mußt du mir die Augen leihen,
Du mir deine Augen leihen.

Isegrimm zu seinem Weibe


Gieremunde aber sagte:
Konrad sprach, du warst mir untreu
Mit dem Kameraden Reinhard!

Gieremunde aber sagte:


Reinhard war schon lang nicht da mehr!
Gestern war er da, doch heute
Ist er nicht bei mir gewesen,

Morgen wird er wieder kommen,


Aber was dir Konrad sagte,
Höre nicht auf Konrads Rede,
Glaube du an meine Unschuld!

NEUNTER GESANG
Reinhard zog in eine Hütte,
Die befand sich in dem Walde,
Wie ein Eremit zu leben,
Um zu beten, beten, beten.

In die Hütte in dem Walde


Trug er eine leckre Speise.
Isegrimm kam zu der Hütte,
Leiden schuf ihm großer Hunger.

Als er nahte nun dem Wäldchen,


War die Seele ihm voll Kummer.
Reinhard aber lud den Bruder
Ein zur Speise eines Fisches.

Isegrimm die Zähne leckte:


Ach das duftet in dem Waldhaus
Nach gebratnem Aal so lecker,
Will ich mich zu Tische laden.

Reinhard sprach zum Wolfe lächelnd:


Eremiten immer schweigen,
Wenn sie bei der Mahlzeit sitzen
Und den Aal zu Munde führen.

Immer in der Bibel lesen


Wir bei einer guten Mahlzeit,
Laden unsern Herrn zu Gaste,
Bitten Gott um seinen Segen.

Nach dem Essen unsrer Mahlzeit


Bitten wir den Herrn im Himmel,
Uns dereinst zum Mahl zu laden,
Zu dem Hochzeitsmahl des Himmels!

Isegrimm zu Bruder Reinhard


Sprach: O Reinhard, willst du Mönch sein,
Gottgeweiht dein Leben leben
Bis zur Stunde deines Todes?

Bruder Reinhard sagte leise:


Ja, zur Buße meiner Sünden
Und zur Buße aller Sünden
Und zum Troste Unsrer Frauen!

Dich auch bitt ich um Vergebung


Und so bitt ich dich um Gnade,
Raube mir nur nicht das Leben,
Denn ich muß noch Sünden büßen!
Isegrimm zu Bruder Reinhard
Sagte: Gott hat dir vergeben
Und ich will dir auch vergeben,
Nimm mich an als deinen Bruder!

Wenn du betend in der Bibel


Psalmen singst und Gott anbetest,
Denk an Isegrimm, den Bruder,
Und an Gieremund, die Schwester!

Denk auch an die armen Söhne,


An die kleinen wilden Wölfchen,
Schließ uns ein in deine Bitten,
Daß der Himmel sei uns gnädig!

Reinhard lächelnd sprach zum Wolfe:


Komm, ich lade dich zu Tische,
Übrig blieb ein Aal, ein langer,
Führ den Aal dir in dein Mäulchen.

Isegrimm aufsperrte gierig


Seinen Rachen scharfer Zähne,
Bruder Reinhard schob den Aal ein,
Schob den Aal ein in das Mündchen.

Isegrimm sprach närrisch lachend:


Bruder Reinhard, nimm mich gnädig
Auf als Koch in deiner Hütte,
Will dir leckren Braten braten!

Bruder Reinhard sagte lächelnd:


Bruder sollst du sein im Orden,
Bruder von dem Freien Geiste,
Bratenmeister sollst du werden!

Bruder Reinhard sprach zum Wolfe:


Nun empfange auch die Taufe,
Nun die Taufe mit dem Wasser!
Nun die Taufe mit dem Feuer!

Neigte Isegrimm den Schädel


Selig übers Wasserbecken,
Bruder Reinhard übergoß ihm
Nun sein Haupot mit heißem Wasser!

Da verbrannte ihm das Haupthaar!


Schrie der Wolf: Ah weh mir, weh mir!
Bruder Reinhard sprach: Mit Schmerzen
Du verdienst das Paradies dir!

Oder meinst du, in den Himmel


Führen sanfte Rosenwege?
Bette dich ins Bett aus Dornen,
Dies nur führt zum Paradiese!

Große Dummheit lehrt die Narren,


Nur die Freuden zu genießen,
Gottes Weisheit lehrt die Frommen,
Daß den Kreuzweg sie beschreiten!

So du nun getauft, mein Bruder,


Einmal mit der Wassertaufe,
Einmal mit der Feuertaufe,
Bruder bist vom Freien Geiste,

Möge Unsre Liebe Fraue


Führen dich zum Garten Eden,
Öffnen dir die enge Pforte
Zu dem Paradies der Liebe!

ZEHNTER GESANG

Isegrimm zu Reinhard sagte:


Da wir nun sind Gottes Kinder,
Wird Gott-Vater uns ernähren
Gleich der liebevollsten Mutter?

Doch zuende sind die Aale


Und wir müssen Hunger leiden,
Ach ich muß mein Elend klagen
Gott dem Herrn im Himmelreiche!

Reinhard sprach zum armen Wolfe:


Lieber Bruder mein in Christus,
Da wir keine Fische haben,
Laß uns von der Liebe leben!

Doch bist du noch nicht so heilig,


Von der Liebe nur zu leben,
Will ich Fische dir besorgen.
Speise Fische, bis dir schlecht wird.

Nahe meinem Waldeskloster


Ist ein Teich mit klarem Spiegel,
Sind darin so viele Fische,
Man vermag sie nicht zu zählen.

Also gingen sie zum Teiche,


Liebevoll wie Brüder friedlich,
Sahn sich in die offnen Augen,
Brüder in dem Freien Geiste.
Doch der Teich war zugefroren,
Drüber starr von Eis die Decke.
Also kalt ists auf der Erde
In dem lieblos kalten Winter!

Und sie gruben in dem Eise


Sich ein Loch hinab zum Wasser.
Isegrimm ward das zum Schaden,
Denn er war ein Narr und Dummkopf.

Reinhard war erfüllt vom Zorne,


Hatte bei sich einen Eimer,
Den er nicht vergessen hatte,
Isegrimm im Zorn zu ärgern.

Reinhard band den Wassereimer


Isegrimm ans arme Schwänzchen.
Sagte Isegrimm: Im Namen
Gottes, was soll das bedeuten?

Reinhard sprach zum dummen Wolfe:


Halte deinen Schwanz, den langen,
Mit dem leeren Wassereimer
Durch das Eisloch in die Tiefe!

Schau ich durch die Eiskristalle


Doch die vielen leckern Fische.
Stehe du, dich nicht bewegend,
Angle Fische mit dem Eimer.

Isegrimm zu Reinhard sagte:


Lieber Bruder in der Liebe,
Sind auch Fische in dem Teiche?
Reinhard sagte: Viele tausend.

Isegrimm, dem dummen Wolfe,


Fror der Schwanz im kalten Wasser,
Fror das Schwänzchen fest am Eise.
Denn so frostig ist Unliebe!

In der Nacht wars kalt und frostig,


Reinhard warnte nicht den Narren,
Isegrimm erfror das Schwänzchen.
So hielts Reinhard mit der Freundschaft.

Isegrimm zu Reinhard sagte:


O der leere Wassereimer
Zieht so sehr an meinem Schwanze,
Fühle ich sehr große Schmerzen!

Aber Reinhard sprach zum Wolfe:


Aber in dem Wassereimer
Sich bewegen dreißig Fische,
Hundert sollen es noch werden.

Aber in der Morgenstunde


Ward der Wolf vom Fuchs verspottet:
Sind nun hundert Fische drinnen,
Zieh hinauf den Schwanz, den langen!

Aber Isegrimm, verspottet,


Zwar begann vor Wut zu kochen,
Doch die Hitze seines Zornes
Nicht vermocht das Eis zu schmelzen.

Also, wollte er entkommen,


Mußte er das Schwänzchen lassen.
So verlor der Wolf sein Schwänzchen,
Ließ zurück den Schwanz im Eisloch!

ELFTER GESANG

Reinhard kam zu einem Kloster,


Darin waren Barfuß-Mönche,
Da im Hofe Hühner lebten,
Leckere gebratne Hühnchen!

Reinhard leis trat in den Hof ein,


In der Mitte war ein Brunnen,
Reinhard schaute in den Brunnen,
Schaute er sein Bild im Spiegel.

Als er sah sein Bild im Spiegel,


Reinhard sprach zu seiner Seele:
Bist du das, o Geisterfüchsin,
Du Geliebte meiner Seele?

Und vor Liebe ein Verrückter


Sprang er in den tiefen Brunnen.
Schwamm er in dem finstern Wasser,
Saß auf einem harten Steine.

Isegrimm kam schwanzlos wandelnd


Aus dem Walde zu dem Kloster,
Trat er an den runden Brunnen
Und erstaunte sehr, der Dummkopf.

Isegrimm sah in den Brunnen


Und er sah sein Bild im Spiegel,
Dachte, das sei Gieremunde,
Seines Lebens Ehegattin.

Und er ward verrückt vor Liebe


Und erzählte seinem Weibchen,
Wie er seinen Schwanz verloren
Und wie übel sei die Welt doch!

Heulend Isegrimm hinabrief


In den tiefen finstern Brunnen
Und das Echo gab ihm Antwort,
So als heulte Gieremunde.

Reinhard Fuchs sprach aber flüsternd


Aus dem Abgrund dieses Brunnens,
Da sprach Isegrimm, der Dummkopf:
Sag bist du das, Bruder Reinhard?

Reinhard sagte: Meine Seele


Hörst du, tot ist schon mein Körper,
Ich bin schon im Himmelreiche,
Siebten Himmels Paradiese!

Aber dich muß ich bedauern,


Du lebst noch auf dunkler Erde.
Ich bin schon im Paradiese,
In dem Liebesparadiese!

Hier bin ich ein weiser Lehrer,


Und die ungebornen Kindlein
Sind die Schüler meiner Schule,
Lernen hier die Weisheit Gottes!

Hier ist solche süße Freude,


Solche süßen Paradiesfraun!
Dichter können das nicht sagen,
Wie glückselig ist die Liebe!

Da sprach Isegrimm, der Dummkopf:


Bruder Reinhard, Gieremunde
Seh ich auch im Paradiese
Bei dir, deine süße Freundin!

Wie kommt meine Gieremunde


Zu dir in den Garten Eden?
Gieremund im Liebeshimmel
Lebt mit dir im Paradiese?

Aber warum ist ihr Haupthaar


So verbrannt und so geschoren
Wie von Güssen heißen Wassers,
Wie von nassen Feuerfluten?
Reinhard sagte zu dem Dummkopf:
Das tat nur das Fegefeuer,
Das kannst du bei mir auch sehen,
Hat doch Feuer uns gereinigt.

Weißt du nicht, mein frommer Bruder,


Daß die Gläubigen als Tote
Müssen durch das Fegefeuer?
Christus reinigt ihre Seelen!

Gieremund und Bruder Reinhard


Brannten in dem selben Feuer,
Droben in dem siebten Kreise,
Dort wird Sinnlichkeit gereinigt.

Reinhard sprachs, doch wollt er wieder


Aufwärts aus dem finstern Brunnen,
Sprach zu Isegrimm, dem Narren,
Solche Worte seiner Klugheit:

Hier sind lauter Edelsteine,


Gold und gläserne Kristalle,
Transparenter Jaspis, Jade,
Allerreinste Muschelperlen!

Und im Himmel warten Lämmer


Auf das Hochzeitsmahl des Lammes
Und die Trauben von dem Weinstock
Auf des Himmels Trinkgelage!

Wölfinnen sind in dem Himmel,


Schöner noch als Gieremunde!
Wölfinnen, die voller Liebe
Warten auf des Wolfes Liebe!

Isegrimm sogleich verlangte,


In das Paradies zu kommen.
Reinhard sprach zum Wolf, dem Narren:
Setz dich oben in den Eimer.

Bruder Reinhard aber unten


Setzte auch sich in den Eimer.
Isegrimm fuhr rasch hinunter,
Reinhard Fuchs fuhr eilends aufwärts.

Die sich in der Mitte trafen,


Wechselten die Worte also:
Wohin fahr ich? sprach der Dummkopf.
Sprach der Schlaue: In die Hölle!

So kam Reinhard Fuchs nach oben,


Wandelte zurück zum Walde.
Isegrimm im Höllenschlunde
Litt sehr große Seelenqualen!

Aber als die Barfuß-Mönche


Singend kamen zu dem Brunnen,
Sahen sie den Wolf, den Narren,
Zogen ihn die Mönche aufwärts.

Zogen ihn die Mönche aufwärts,


Um ihn tüchtig durchzuprügeln,
Ihn wie Straßenköter tretend,
Jagend ihn aus ihrem Kloster.

Isegrimm zu seinem Weibchen


Gieremunde kam voll Jammer:
Gieremunde, Gieremunde,
Wem denn schenkst du deinen Körper?

Gieremunde, Gieremunde,
Reinhard Fuchs hat mich betrogen!
Gieremunde, Gieremunde,
Reinhard Fuchs ist mein Rivale!

ZWÖLFTER GESANG

Isegrimm zu Gieremunde
Sagte: Warum weinst du, Weibchen?
Schenke deinen lieben Körper
Nur nicht mehr dem Bruder Reinhard!

Gieremunde aber klagte:


Ach wie leb ich ohne Liebe!
Mir verleidet ist das Leben
Ohne den Genuß der Liebe!

Wehe, wehe mir, mein Männchen,


Ist mein Männchen ohne Schwanz nun!
Was soll schwanzlos mir mein Männchen?
Ach wie krank bin ich vor Liebe!

Also klagte Gieremunde.


Isegrimm verzweifelt eilte
Zu dem faulen Lager Reinhards,
Wo er lag in süßer Faulheit.

Aber von dem Liebeswettstreit


Hörte nun ein Luchs, ein junger.
Ihn betrübte dieser Wettkampf,
Hatte doch der Luchs zwei Väter,
Pries den Wolf als seinen Vater,
Pries den Fuchs als seinen Vater.
Traurig sprach der Luchs, der junge,
So zu Isegrimm, dem Wolfe:

Isegrimm, mein Wolf und Vater,


Was verklagst du meinen Vater
Reinhard Fuchs, den Patenonkel,
Meinen frommen Patenonkel?

Ich bin doch vom Wolfsgeschlechte


Und bin auch vom Fuchsgeschlechte.
Sag, worüber ihr euch streitet,
Und ich werde euch versöhnen.

Isegrimm dem Luchs gab Antwort:


Vieles wäre da zu sagen.
Höre meiner Klagen Rede,
Was mir Reinhard Fuchs getan hat.

Heute muß ich schwanzlos schleichen,


Wolf bin ich, doch fehlt der Schwanz mir.
Auch mein Weibchen Gieremunde
Nahm sich lustvoll Bruder Reinhard.

Wäre schuldig Reinhard Fuchs auch


Am Verluste meines Schwanzes,
Könnte ich ihm noch verzeihen,
War ich schon des Schwanzes müde,

Aber daß der Bruder Reinhard


Meinem Weibchen Gieremunde
Sich genaht auf ihrem Lager,
Das kann ich ihm nicht verzeihen!

DREIZEHNTER GESANG

Isegrimm kam mit der Menge


Seiner wilden Weggefährten.
Einen Teil will ich besingen,
Wenn auch ohne Wappenschilde.

Dort der Elefant, der dicke,


Dort der Elch mit dem Geweihe,
Beide schienen Reinhard Riesen,
Größer noch als selbst die Berge.

Dort die Hirschkuh mit dem Hirsche,


Randolf war des Hirsches Name,
Beide Isegrimm befreundet,
Königlich im Walde lebend.

Braun der Bär und auch das Wildschwein,


Die mit Isegrimm befreundet,
Alle großen starken Tiere
Waren Isegrimm befreundet.

Aber Reinhard nahm zum Freunde


Grimmbart, der ein kleiner Dachs war,
Keiner wich je von dem andern,
Freunde bis zu ihrem Tode.

Dort der Hase auch, der sanfte,


Dort beredsam Vater Konrad
Und viel andre kleine Tiere,
Ich kann sie nicht alle nennen.

Isegrimm, der sich bedachte,


Brachte nahe einen Köter,
Reize war des Köters Name,
Den der Wolf herbeigebracht hat.

Bei den Zähnen dieses Köters


Sollte Reinhard Fuchs beschwören,
Daß er schuldig nicht der Untreu
Mit des Wolfes Ehegattin.

Kam der Rat von Braun, dem Bären,


Das vernahm mit Ohren Reinhard,
Der da kannte viele Listen
Wie der listige Odysseus.

Grimmbart sprach, der Dachs, zu Reinhard:


O mein liebster Patenonkel,
Reinhard, hüte dich vor Reize,
Hüte du dich vor dem Köter!

Denn dort liegt er, tut als schlief er,


Aber wenn du vor ihm wandelst,
Beißt er doch mit scharfen Zähnen.
Ungesund wär diese Lehre.

Aber nun der junge Luchs sprach:


O mein Patenonkel Reinhard,
Schwöre bei des Köters Zähnen,
Reize soll es uns bezeugen,

Daß du meinem lieben Vater


Isegrimm nicht nahmst das Weibchen,
Seine Gattin Gieremunde
Nicht umworben hast in Liebe!

Reinhard sprach zum Dachs, zum Luchse:


Wär die Welt so voller Treue,
Wie ich treu doch stets gewandelt
Vor dem Gotte meiner Liebe!

Aber wisst ihr, was ich schaute?


Reize ist nicht tot, er lebt noch,
Lieber will ich rasch enteilen,
Reize soll mich nicht zerbeißen.

Reinhard also floh zum Walde.


Und die großen Tiere sprachen:
Seht, geflohn ist Bruder Reinhard,
Brach mit Gieremund die Ehe!

VIERZEHNTER GESANG

Isegrimm lief eine Strecke


Fort, ihm folgte Gieremunde,
Gieremunde wollte strafen
Ihren Freund und Bruder Reinhard,

Wollte ihren Freund und Bruder


Von dem Köter beißen lassen,
Isegrimm, dem Wolf, zur Freude,
Ihrem anvertrauten Männchen.

Reinhard wusste wohl, was lecker


War und was dem Fuchse mundet
Und er schlug den Schwanz des Fuchses
Durch den Mund der Gieremunde.

Bien-aimée, o Vielgeliebte!
Rief er lachend, eilte eilends
In die Burg, wo er zuhause,
Dieses war ein schönes Dachsloch.

Da erfrischte Bruder Reinhard


Seinen Körper durch die Ruhe.
Herrin Gieremunde aber
Eilte gleichfalls zu dem Dachsloch.

Herrin Gieremunde aber


War inzwischen dick geworden,
Stecken blieb sie in dem Eingang,
Blieb im engen Eingang stecken.
Reinhard durch den Hinterausgang
Eilte lachend aus dem Dachsloch,
Nahte aber seiner Herrin
Gieremund von hinten wieder.

Gieremunde bot den Hintern


Seinen Augen dar, er lachte:
Hochgebenedeiter Hintern!
Und so hat er sie besprungen.

Gieremunde biß im Eifer


In die Steine auf der Erde!
Da kam Isegrimm, das Männchen,
Isegrimm war voll des Zornes!

Rasch entwich der rote Reinhard!


Isegrimm mit seinen Söhnen
Griff nach Gieremunde, zog sie
Eilends aus dem engen Loche.

Herrin Gieremunde sagte:


Reinhard Fuchs hat mich betrogen!
Aber Reinhard nahte wieder,
Sagte: Ich bin ohne Sünde!

Meine allerliebste Freundin


Wollte selbst in meine Höhle,
Blieb ihr Bauch im Eingang stecken,
Hieß ich herzlich sie willkommen!

Aber Isegrimm, das Männchen,


Sprach zum Weibchen Gieremunde:
Sind wir schon im zehnten Jahre
Unsres treuen Ehebundes.

Nun hat Reinhard uns verspottet!


Ach dass er uns Freund geworden!
Wahrlich, was für eine Freundschaft,
Ist der eine ein Betrüger!

Gattin Gieremunde weinte,


Isegrimm, der Gatte, weinte,
Auch die beiden wilden Jungen
Weinten jammernd: Wehe, wehe!

Reinhard Fuchs sprach zu dem Wolfe:


Willst du weggehn, Freund und Bruder,
Dann laß bei mir Gieremunde,
Mög sie immer mich bedienen.
FÜNFZEHNTER GESANG

In dem Lande herrschte Frieden,


Da der König Frevel herrschte,
König Frevel, Löwen-König,
König aller wilden Tiere.

König Frevel war der Richter


Aller Tiere im Gerichte,
Aber selbst ein Ungerechter,
Darum hieß er König Frevel.

Aber krank ward König Frevel,


Krank ward er an seinem Geiste.
Wie das kam, das will ich sagen,
Will die Wahrheit nur berichten.

Kam er einst zum Ameis-Volke,


Sprach er zu dem Ameis-Volke:
Nicht die Ameis-Königinne,
Sondern Ich bin euer Herrscher!

Doch das Ameis-Völkchen fleißig


Treu blieb seiner Königinne,
Folgte nicht dem König Frevel,
Diesem ungerechten Herrscher.

König Frevel führte Krieg nun


Gegen das verhasste Völkchen,
Er zerstörte ihre Burgen
Und erwürgte ihre Krieger.

Dann vondannen zog der Herrscher.


Lag die Ameis-Burg in Trümmern.
Sah die Ameis-Königinne
An die Trümmer voller Jammer!

Wehe, wehe dir, mein Völkchen!


Aber Gottes ist die Rache!
Ich will deine Not vergelten
An dem ungerechten Herrscher.

Und die Ameis-Königinne


Schlich sich zu dem König Frevel,
Welcher schlummerte im Dickicht.
Sann die Königin auf Rache:

Wenn ich König Frevel beiße,


Wenn ich beiße ihn zu Tode,
Kann ich diese große Beute
Nicht in meine Burgen schleppen.
Kroch die Ameis-Königinne
In das Ohr des Königs Frevel,
In das Ohr des Löwenkönigs,
Quälte ihn als kleiner Quälgeist.

Fortan quälte König Frevel


Schrecklich allerschlimmstes Kopfweh,
Rief er immer: Wehe, wehe!
Weh den Ungerechtigkeiten!

Denn zur Strafe meiner Sünden


Quält mich diese böse Krankheit!
Aber heute tu ich Buße,
Werde ein gerechter Richter,

Werde ein Gericht berufen,


Werde richten über Reinhard,
Reinhard Fuchs will ich bestrafen,
Reinhard an den Galgen hängen!

SECHZEHNTER GESANG

König Frevel zum Gerichte


Lud die wilden Tiere alle.
Braun der Bär kam angelaufen,
Isegrimm mit Gieremunde,

Aus den Wäldern kam das Wildschwein,


Kam der Hirsch mit seiner Hirschkuh,
Kam der Gepard und der Panther,
Antilope und Gazelle,

Kam das Hermelin, das Wiesel,


Kam die Katze und das Mäuschen,
Das Kamel und die Giraffe
Und der Elefant, der dicke,

Und noch viele andre Tiere.


Und als letzter nahte Grimmbart,
Grimmbart Dachs, der kleine treue
Patensohn des Onkels Reinhard.

Braun der Bär hob seine Stimme:


Reinhard Fuchs will ich verklagen!
Isegrimm, dem Wolf und Gatten,
Riß er ab den Schwanz, den langen,

Und entheiligte die Ehe,


Lag im ehelichen Lager
Bei der Gattin Gieremunde,
Schlimme Sünde zu verüben!

Isegrimm hob seine Stimme:


Ach ich ärmster aller Wölfe!
Habe meinen Schwanz verloren
Und die Unschuld meines Weibchens!

Auf den Schwanz kann ich verzichten,


Aber wer stellt her die Unschuld
Und die Reinheit meines Weibchens,
Unschuld meiner keuschen Wölfin?

Da hob Grimmbart seine Stimme:


Hört mich an! Mein Patenonkel
Reinhard Fuchs ist ohne Sünde
An des Ehebruches Frevel!

Denn die Wölfin Gieremunde


Ist viel stärker doch als Reinhard,
Wenn er ihr nun beigelegen,
So nur weil sie selbst es wollte.

Aber selbst wenn er gesündigt,


Mein geliebter Patenonkel,
Ich, sein Patensohn, ich nehme
Auf mich des Gerichtes Strafe.

Ich will alle Strafen tragen,


Weil ich meinem Patenonkel
Das Geschenk der Taufe danke,
Sagte Grimmbart Dachs, der kleine.

Ranholt Hirsch hob seine Stimme:


Reinhard Fuchs sei hergerufen,
Komme er in sieben Tagen,
Wird das Urteil dann gesprochen.

Aber hört auch meine Meinung:


Reinhard Fuchs verdient das Urteil,
Das zu Tode ihn verurteilt,
Hängt ihn auf, den Übeltäter!

SIEBZEHNTER GESANG

Vorm Gericht des Königs Frevel


Trat der Hahn auf, Schantekleros,
Mit der fetten Henne Pinte
Und mit einem toten Küken!

König Frevel, Löwenkönig!


Schantekleros hob die Stimme:
Diese meine süße Tochter,
Reinhard hat sie totgebissen!

Und der Vater Schantekleros


Klagte: Meine süße Tochter!
Und die Mutter Henne Pinte
Klagte: Meine liebste Tochter!

Braun der Bär war aber Priester,


Trug zu Grabe nun das Küken:
Staub zu Staube werde wieder,
Asche werde wieder Asche!

Und sie senkten in der Erde


Grab hinab das tote Küken.
Braun der Bär, der Priester, sagte:
Gott, schenk ihr die Auferstehung,

Auferstehung von den Toten


Und Glückseligkeit des Himmels!
Laß sie schauen, Gott, dein Antlitz,
Leben in dem Paradiese!

Und so trugen sie zu Grabe


Dieses arme tote Küken,
Legten auf den Sarg, den kleinen,
Eine feuerrote Nelke.

Auf dem Grab der sanfte Hase


Aber süß war eingeschlafen,
Bis das laute Glockenläuten
Auferweckte ihn vom Schlafe.

Hob der Hase seine Stimme:


Ich sah in dem Traum prophetisch
Dieses kleinen Kükens Seele
Aus dem toten Körper steigen

Und zum Himmelsmonde fliegen


Und am Meer der Ruhe ruhen,
Seinen Seelenfrieden finden,
Eine Selige des Himmels!

Und die wilden Tiere alle


Knieten nieder an dem Grabe
Vor des Kükens Knochenresten
Und vereinten zum Gebet sich:
Vielgeliebtes Küken, heilig
Bist du in dem Himmelreiche,
Bitte du für unsre Seelen
Und verzeihe Bruder Reinhard!

ACHTZEHNTER GESANG

Grimmbart Dachs ward ausgesendet,


Reinhard zum Gericht zu laden.
Grimmbart sollte sein der Bote,
Obs ihn auch das Leben kostet.

König Frevel sprach zu Grimmbart:


Botenlohn soll Reinhard geben
Dir, dein lieber Patenonkel,
Wenn du rufst ihn zum Gerichte.

Alle wilden Tiere lachten


Über Grimmbarts Seelenängste,
Aber Grimmbart war voll Kummer,
Denn er zitterte um Reinhard.

Grimmbart Dachs ging durch die Wälder,


Kam zu seinem Patenonkel.
Nun vernehmt das fromme Märchen
Von des Fuchses Reinhards Rache!

Reinhards Burgtor nahte Grimmbart.


Reinhard freute sich von Herzen,
Als er sah das Patensöhnchen,
Lachte: Grimmbart ist gekommen!

Grimmbart ist zu mir gekommen!


Sei willkommen, Patensöhnchen!
Sag mir, was sie an dem Hofe
Frevels lästern über Reinhard.

Grimmbart Dachs sprach so zu Reinhard:


König Frevel voll des Hasses
Droht dir, liebster Patenonkel,
Will dich hängen an den Galgen!

König Frevel dir gebietet,


Daß du wegziehst in Verbannung
Und vereinsamst im Exile,
Oder du kommst an den Galgen!

Kommst du aber zum Gerichte,


Wird dich Isegrimm verklagen
Und die wilden Tiere alle
Sprechen dir das Todesurteil!

Reinhard Fuchs zu Grimmbart sagte:


Ich verlasse nicht die Heimat,
Nein, ich laß mich nicht verbannen
Aus dem Vaterlande Deutschland.

Und sie setzten sich und aßen,


Aßen gut und aßen lecker,
Reinhard auch genoß die Trauben
Mit dem roten Traubenblute.

Nach der Mahlzeit an dem Tische


Hat sich Reinhard Fuchs erhoben,
Ging in seine Kleiderkammer,
Setzte auf die Pilgerkappe

Mit der Muschel an der Kappe,


Zog sich an den Purpurmantel,
Nahm den Beutel eines Arztes,
Kräutermedizin und Pillen.

Und er ging als Geisterheiler,


Klug durch Überlieferungen
Der Chinesen alten Zeiten,
Die die Meister sind der Heilkunst.

Trug die Pillen in dem Beutel


Und den Stab in seiner Rechten,
Sich zwei Schlangen wanden feurig
Um den Stab, der Heilkunst Zeichen.

Reinhard mit dem Patensohne


Zog nun durch die dunklen Wälder.
Reinhard schlug das Kreuzeszeichen:
Gott bewahre uns vorm Bösen!

NEUNZEHNTER GESANG

Reinhard kam zu König Frevel,


Sagte: Majestät der Krankheit!
Ich, der Heiler, bin gekommen,
Dich vom Übel zu erlösen!

König Frevel zornig brüllte:


Ah die Schmerzen sind so grausam!
Wie willst du den König heilen
Von dem Übel seiner Krankheit?
Reinhard Fuchs hob seine Stimme:
Weise Männer der Chinesen
Lehrten mich geheime Heilkunst,
Die ist nur für Eingeweihte.

Iß nur ein gebratnes Hühnchen!


Weißes Brot dazu und Sauce.
Nimm du als gebratnes Hühnchen
Henne Pinte dir als Mahlzeit!

Dann bereite Medizin ich,


Brauch dazu den Meisenschnabel!
Den zerreibe ich zu Pulver,
Das wird aufgelöst in Wasser.

Weiter brauch ich Rabenfedern!


Denn mit schwarzen Rabenfedern
Und den spitzen Federkielen
Stech ich Nervenknotenpunkte.

Dann brauch ich das Fell der Katze!


Mit dem Fell dich einzureiben,
So elektrisch und magnetisch
Deine Energie zu stärken.

Dann brauch ich das Glied des Wolfes!


Denn aus seinen Mannessamen
Ziehe ich die Lebenskräfte,
Deine Kraft in dir zu stärken.

Dann musst du den Kopf rasieren


Braun dem Bären, dass der Priester
Mit der Mönchsfrisur nach Russland
Pilgere, dort für dich bete!

Also lehrte Bruder Reinhard


Altertums Chinesenweisheit
Eingeweihter Heilungskünste.
König Frevel glaubte alles.

Aber all die wilden Tiere


Flohen eiligst von dem Hofe!
Hatten alle Todesängste,
Hatten Angst vor Gottes Strafen!

ZWANZIGSTER GESANG

Reinhard flüsterte zu Grimmbart:


Ich weiß nicht, ob König Frevel
Je gesund wird von der Heilkunst,
Doch vollbracht ist meine Rache!

Fliehen wir, mein Patensöhnchen,


Vor dem Zorn des Königs Frevel!
Also zog der Patenonkel
Mit dem Patensohn vondannen.

Einsam wandernd auf dem Wege


Patensohn und Patenonkel,
Priesen Gottes Größe, priesen
Unsre Liebe Frau Maria.

So zuende geht das Märchen,


Das ich still für mich gesungen,
Um in großen Liebesleiden
Mir ein Lächeln zu bereiten.

Ja, ich glaube auch wie Dante:


Komm ich in den Himmel Gottes,
Grüßen mich die schönen Engel
Liebevoll mit meinen Versen!

Ich begehr von meinem Gotte


Jesus Christus nur das Eine:
Daß ich einst im Paradiese
Singen dürfe für Maria!

Unsre Liebe Frau Maria


Wartet auf dem Morgensterne,
Leb ich auf dem Morgensterne,
Trage ich der Schönheit Krone,

Singe ich als Liebessänger


Unsre Liebe Frau Maria!
Gott verzeih mir alle Sünden,
Jesus meiner sich erbarme!

DIE PRINZESSIN VON ZYPERN


War einmal ein deutscher König
In dem Königreich der Friesen,
Ulrich war des Königs Name,
Seine Königin hieß Frauke.
Aber krank ward seine Frauke
Und die weisen Ärzte sprachen,
Beste Medizin für Frauke
Seien Apfelbaumes Äpfel.

Vor dem Fenster seines Schlosses


Wuchsen immer im September
In dem schönen Schlosspark Äpfel,
Mondenrund mit roten Wangen.

König Ulrich ließ bewachen


Diesen Apfelbaum im Garten,
Ließ die Äpfel alle zählen,
Kaum dass sie so groß wie Kiesel.

Einmal in dem Mond September,


Da die Äpfel prächtig reiften,
Wachte nachts der König Ulrich
Auf von lautem Flügelrauschen.

Sah er in dem Apfelbaume


Sitzen eine goldne Taube
Und der goldnen Taube Nacken
War von bunten Edelsteinen.

Eben als die goldne Taube


König Ulrich sah im Nachthemd,
Nahm sie sich vom Apfelbaume
Einen Apfel, flog vondannen.

Wozu hab ich denn den Gärtner?


Rief voll Zorn der König Ulrich,
Soll der Gärtner doch bewachen
Fraukes Apfelbaum im Garten.

Schlafen konnte König Ulrich


Diese Nacht nicht mehr im Bette
Und am Morgen in der Frühe
Rief er Eberhard, den Gärtner.

Majestät, o Hoheit Ulrich,


Habt Erbarmen, habt Erbarmen,
Wird kein Apfel mehr gestohlen,
Dafür sorgen meine Söhne.

Meine Söhne sind Joachim,


Stephanus und Peter Torstein,
Sind die besten Bogenschützen
In dem ganzen freien Friesland.

Immer nachts beim Apfelbaume


Werden meine Söhne wachen
Und bewachen Fraukes Äpfel,
Ihrer Herrin Fraukes Äpfel.

Als die Nacht hereingebrochen,


Zog Joachim auf die Wache,
Aber zu der zwölften Stunde
Kam heran die goldne Taube.

König Ulrich hörte Rauschen


Von den goldnen Taubenflügeln,
Sah, Joachim schlief im Garten
Und ein Apfel ward gestohlen.

Voller Zorn war König Ulrich,


Eberhard ward ausgescholten
Und Joachim ward getadelt,
Dann ging König Ulrich schlafen.

In der nächsten Nacht bewachte


Stephanus mit Pfeil und Bogen
Fraukes Äpfel in dem Garten,
Doch auch er versagte schmählich.

Nun sprach aber König Ulrich:


Holt mir her den Peter Torstein,
Daß er seiner Herrin Frauke
Äpfel hüte in dem Garten.

Aber Eberhard der Gärtner


Sprach zu seinem König Ulrich:
Peter Torstein ist ein Träumer,
Taugenichts und Grillenfänger!

Aber König Ulrich sagte:


Peter Torstein ist sehr freundlich,
Immer mild zu allen Leuten,
Ehrerbietig zu den Damen.

Peter Torstein also wachte


Nachts in Fraukes Apfelgarten.
O die Äpfel an dem Baume
Herrlich sind wie Fraukes Brüste!

Eben schlug die Kirchturmglocke


Mitternacht, da kam die Taube,
Rauschte in des Baumes Krone,
Peter Torstein schoß den Pfeil ab.

O das Rauschen dieses Pfeiles


War so laut, dass man es hörte
Auf dem ganzen langen Wege
Gar von Berum bis nach Hage.

Und der Pfeil fiel auf den Boden


Hin mit einer goldnen Feder.
Fortgeflattert war die Taube,
Blieb zurück die goldne Feder.

Diese goldne Taubenfeder


War von reinem Gold, geläutert
Und purgiert im Feuerofen,
Doch so schwer wie Blei der Schwermut.

In der nächsten Nacht im Garten


Wachte wieder Peter Torstein,
Doch es nahte keine Taube,
Keine Taube sieben Nächte.

Sprach der milde Friesenkönig:


Peter Torstein, treuer Diener,
Schlaf dich richtig aus und schlafe
Ruhig bis in alle Puppen.

Peter Torstein schlief ein wenig,


Da sprach Friesenkönig Ulrich:
Wer mir bringt die goldne Taube,
Soll ein Friesenhäuptling werden.

Also Eberhards Joachim


Wanderte davon, zu holen
Seinem Herrn die goldne Taube.
Eingebildet war Joachim.

Kam Joachim in dem Walde


Auf dem Weg an eine Buche,
Die da hatte rote Blätter,
Saß ein Fuchs beim Buchenstamme.

Da Joachim eben speiste


Fladenbrot und Hammelkeule,
Sprach der Fuchs: Gegrüßet seist du,
Gibst du etwas einem Bettler?

Sprach Joachim: Scher dich, Satan,


Satan lehrte dich das Betteln!
Und Joachim mit dem Pfeile
Schoß den Fuchs, doch schoß daneben.

Sprach der Fuchs mit weisem Lächeln:


Gott zum Gruß, dir sei vergeben!
Einen Rat will ich dir geben,
Bist du klug, wirst du ihm folgen.
Dort in jener Stadt, da findest
Eine Schenke du, da trinken
Trinker, spielen Kartenspieler
Und die leichten Dirnen tanzen.

Doch daneben ist ein Häuschen,


Wohnt ein Zimmermann darinnen
Mit der wunderschönen Gattin
Und dem liebevollsten Kindlein.

Meide du die wüste Schenke,


Trank und Tanz und Kartenspiele,
Kehre ein beim Zimmermanne
Und der Mutter mit dem Kinde.

Doch Joachim war so eitel,


Folgte nicht dem Rat des Fuchses,
Zechte mit den wüsten Zechern,
Hurte mit den leichten Mädchen.

Sieben Tage später aber


Stephanus begann zu wandern,
Ebenso ergings dem zweiten
Narren wie dem ersten Narren.

Wieder sieben Tage später


Peter Torstein in dem Walde
Bei dem Baum mit roten Blättern
Traf den Fuchs im dunklen Walde.

Peter Torstein eben speiste


Von dem Weißbrot, trank den Rotwein,
Von der Wurst gab er dem Fuchse,
Folgte dann dem Rat des Fuchses,

Hielt sich fern von Kartenspielen


Und vom hemmungslosen Trinken
Und von Unzucht mit den Dirnen,
Kehrte ein im frommen Hause,

Speise eine leckre Mahlzeit


In dem Haus des Zimmermannes,
Das Holdseligste der Weiber
Machte ihm zurecht das Lager

Und das liebe kleine Kindlein


Schlief im Bett bei Peter Torstein.
In der nächsten Morgenröte
Zog er fromm gesegnet weiter.

Wieder auf dem Wanderwege


Traf er auf den Fuchs, der sagte:
Wo willst du die Taube finden?
Rechten Pfad will ich dir weisen.

Möchtest du die goldne Taube


Finden, reise du nach Frankreich,
Nach Paris zum Kaiser Ludwig,
Denn dort wohnt die goldne Taube.

Aber Peter Torstein sagte:


Ach von Friesland ganz nach Frankreich
Wandre ich wohl sieben Tage,
Das ist eine weite Strecke.

Sprach der Fuchs zu Peter Torstein,


Lächelnd wie Odysseus listig:
Darfst auf meinen Schwanz dich setzen,
Meinen Schwanz nimm du als Sattel.

Auf den Schwanz soll ich mich setzen,


Deinen Schwanz als Sattel nehmen?
Fragte Peter Torstein, tat so,
Und im Flug ging es nach Frankreich.

Rascher als der Sturm der Nordsee


Kamen nach Paris die beiden,
Blieben erst in einem Walde
Vorm Pariser Kaiserschlosse.

Und der Fuchs gab gute Weisung,


Welcher Weise Peter Torstein
Holen kann die goldne Taube
Aus dem Schloß des Kaisers Ludwig.

Peter Torstein trat alleine


In das goldne Schloß des Kaisers.
Vierundzwanzig Wachen wachten
In dem ersten goldnen Saale.

Zwölf Soldaten wachten aber


In dem zweiten goldnen Saale.
In dem innersten Gemache
Aber wachte keine Wache.

In dem innersten Gemache


War ein Tisch, drei goldne Äpfel
Auf dem Tisch, ein goldner Käfig,
Ein Holzkäfig mit der Taube.

Aber Peter Torstein dachte:


Diese schöne goldne Taube
Leben soll im goldnen Käfig!
Da schrie auf die goldne Taube.
Durch den Ruf der goldnen Taube
Eilten nun herbei die Wächter,
Erst die zwölf, dann vierundzwanzig,
Schließlich ganze Heeresscharen.

Und des Kaisers Ludwig Wachen


Nahmen ihn gefangen, führten
Ihn gefangen vor den Kaiser,
Vor den frommen Kaiser Ludwig.

Sprach der fromme Kaiser Ludwig:


O mon Pierre! Willst du die Taube,
Hole mir die schwarze Stute
Von dem König von Marocco!

Peter Torstein schlich vondannen,


Ganz verzagt kam er zum Fuchse.
Sprach der Fuchs zu Peter Torstein:
Nimm du meinen Schwanz als Sattel.

Also auf dem Schwanz des Fuchses


Peter Torstein wie ein Adler
Flog ins Königreich Marocco
Zu dem milden König Hassan.

Und sie blieben in der Wüste


Nah dem Schloss des Königs Hassan.
Gab der Fuchs noch gute Weisung
Seinem Schützling Peter Torstein:

Findest du die schwarze Stute,


Darf sie in dem Pferdestalle
Nichts berühren als die Erde,
So nur kannst du sie entführen.

Peter Torstein also schlich sich


Heimlich in die Pferdeställe.
Frauen, die die Hengste striegeln,
Waren sämtlich eingeschlafen.

Aber nicht die schwarze Stute!


Schwarze Mähne, schwarze Flanken,
Sie trug einen Ledersattel,
Nahe hing ein goldner Sattel.

Dachte Peter Torstein aber:


Auf der schwarzen Stute Rücken
Schöner wär der goldne Sattel!
Da schrie auf die schwarze Stute.

König Hassans Leibgardisten


Nahmen ihn gefangen, führten
Ihn gefangen vor den König,
Vor den milden König Hassan.

König Hassan nun, der schwarze


Mohrenkönig der Muslime,
Aller Afrikaner König,
Sagte so zu Peter Torstein:

Du verdienst die Todesstrafe,


Aber bei Allahs Erbarmen,
Ich geb dir die schwarze Stute
Für die Königin von Zypern!

Diese zyprische Prinzessin


Mit den rötlichblonden Locken
Und dem hochgebenedeiten
Lilienweißen schlanken Körper,

Diese sollst du mir entführen.


Dann darfst du die schwarze Stute
Reiten, wie du es begehrtest,
Sporen in die Flanken jagen!

Peter Torstein schlich vondannen,


Ganz verzagt in seiner Seele,
Kam voll Kleinmut zu dem Fuchse,
Gab der Fuchs ihm gute Weisung.

Sprach der Fuchs zu Peter Torstein:


Sollst auf meinem Schwanze reiten,
Dir mein Schwanz als Sattel diene,
Fliegen wir zur Insel Zypern.

Kamen sie am Strand von Zypern


An um Mitternacht am Meere,
So behend wie der Gedanke,
So behende wie das Denken.

An dem Strand von Paphos-Ktima


Stand im Meer der Fels der Römer.
Petra war der Fels geheißen.
Dort wohnt wie Prinzessin Zyperns.

Peter Torstein schlich ins Schößchen,


Alle Wächter schliefen, träumten,
Also in dem Schlafgemache
Sah er die Prinzessin Charis!

O wie schön Prinzessin Charis!


Wenn sie lächelt, ist sie Venus,
Wenn sie wandelt, ist sie Juno,
Wenn sie spricht, ist sie Minerva!

O wie schön Prinzessin Charis


In dem langen goldnen Schlafrock,
In dem weißen Himmelsbette,
Wie Maria fuhr gen Himmel!

Peter Torstein schaute Charis,


Amor traf ihn mit dem Pfeile,
An des Pfeiles Spitze Honig,
Brannt der Pfeil in seinem Herzen!

Wars der kleine Knabe Amor


Oder wars der Jüngling Eros,
Der die Feuerfackel schüttelt,
Mit dem Pfeil das Herz durchbohrte?

Peter Torstein nahm das Händchen


Seiner lilienweißen Dame
Und der Schläferin im Bette
Küsste er das weiße Händchen.

Schlug sie auf die schönen Augen,


Hob sie auf die langen Wimpern,
Strahlte aus den blauen Augen:
Mandelaugen! Venussterne!

Fragte sie: Was willst du, Sklave?


Da erzählte er das Märchen
Seines Lebens immer wieder,
Bis sie seinen Geist erkannte.

Willst du mich dem Mohrenkönig


Von Marocco denn vermählen?
Soll ich seines Harems Huri
Werden, willst du das? sprach Charis.

Aber Peter Torstein sagte:


Nein, den König der Muslime
Überwinde ich durch Liebe,
Ich will selbst zur Frau dich haben!

Wenn ich dich zur Frau bekomme,


Bin ich alle Tage glücklich,
Lebe schon auf dieser Erde
Wie im Paradiese Gottes!

Charis sagte: Eh wir eilen,


Muß ich aber Abschied nehmen
Von dem Vater, der mich zeugte,
Der schon alt und lebensmüde.
Peter Torstein aber sagte:
Nimm nicht Abschied von dem Vater,
Sondern eil mit mir vonhinnen
Als mir anverlobte Freundin!

Aber Charis, lieblich lächelnd,


Sprach zu Peter Torstein also:
Ehre du auch meinen Zeuger,
Bitte um des Vaters Segen!

Charis küsste ihren Vater,


Wachte auf vom Schlaf der Vater,
Schaute Peter Torstein, brüllte,
Peter Torstein ward gefangen!

Sprach der Vater zu dem Freier:


Willst du meine Tochter freien,
Mußt du auch dem Vater dienen
Als ein Held und starker Kämpfer.

Schau, vor meinem Schlosse lagert


Eine Schlange mit neun Köpfen,
Schlägt man einen Kopf der Schlange,
Wachsen nach zwei Schlangenköpfe.

Du besiege diese Schlange,


Dann erlangst du meine Tochter.
Peter Torstein nahm ein Schwert sich,
Kämpfte gegen jene Schlange.

Schlug er einen Kopf der Schlange,


Wuchsen nach zwei Schlangenköpfe.
Abends von dem Kampf ermüdet,
Lag er müde bei dem Fuchse.

Gab der Fuchs ihm gute Weisung:


Morgen in der Morgenröte
Binde an den Schwanz des Fuchses
Eine Fackel, Peter Torstein.

Also in der Morgenröte


Peter Torstein mit dem Schwerte
Schlug den Schädel ab der Schlange,
Doch bevor gewachsen waren

Wiederum zwei Schlangenköpfe,


Kam der Fuchs mit seinem Schwanze,
Mit der Fackel er verbrannte
Jene Schlange, die verwundet.

Sprach der Vater nun zu Charis:


Ziehe hin mit Peter Torstein.
Nehmt die Pferde und die Kutsche,
Ziehet hin mit Gold und Silber.

Aber Peter Torstein sagte:


Nein, o Vater, sondern lieber
Möchte ich mit Herrin Charis
Reiten auf dem Schwanz des Fuchses!

Und am Abend saßen alle


Bei dem König von Marocco
In dem Afrikanerlande
Beim gebratnen Hirn vom Affen.

Sprach der König von Marocco:


Danke schön für die Prinzessin!
Nimm als Dankeschön des Königs
In Empfang die schwarze Stute!

Peter Torstein sprach zum König:


Laß mich bitte der Prinzessin
Einmal noch die Hände drücken,
Abschied nehmen von der Schönen.

Sprachs, griff der Prinzessin Hände,


Riß sie auf die schwarze Stute,
Eilig ritten sie vondannen,
Peter Torstein ritt mit Charis.

Kamen sie zu Frankreichs Kaiser,


Ludwig sprach zu Peter Torstein:
Danke für die schwarze Stute!
Nun empfang die goldne Taube!

Peter Torstein sprach zu Ludwig:


Laß mich von der schwarzen Stute
Abschied nehmen, zärtlich streicheln
Ihren Hals und feuchten Rücken!

Sprachs und schwang sich in den Sattel


Mit der zyprischen Prinzessin,
Rasch ritt er die schwarze Stute,
In dem Arm die goldne Taube!

Sprach Prinzessin Charis lächelnd:


Schau, wir zwei sind Adler Gottes,
Schauend in die Sonne Gottes,
Schwebend an dem Himmel Gottes!

Peter Torstein sprach zu Charis:


Du versprichst den Garten Eden,
Das ist deine Gnade, Herrin,
Hinweis bist du auf die Gottheit!
Auf dem Heimweg sie erlösten
Auch die zwei versoffnen Brüder.
Hob der Fuchs nun seine Stimme:
Schlagt mir meinen Schwanz vom Leibe!

Peter Torstein schlug dem Fuchse


Ab den Schwanz von seinem Leibe.
Schau, da stand vor ihm sein Engel
Mahanajim von dem Jabbok!

Friesenkönig Ulrich aber


Nun bekam die goldne Taube.
Frauke, Königin von Friesland,
Ward gesund vom süßen Apfel.

Peter Torstein nun mit Charis


Reiste auf die Insel Zypern,
Hochzeit feiernd auf dem Gipfel
Des Olymp im Jungfraunkloster!

Bei dem Gürtel Sankt Mariens


Schworen sie sich ewig Treue!
Und der Papst gab seinen Segen
Und sie lebten wie im Himmel!

TOM DER REIMER

Tom der Reimer war ein Dichter,


Manche nannten ihn den Seher,
Konnt er doch Gedanken lesen
Und die Zukunft prophezeien.

Kleine Knaben hörten gerne


Toms des Reimers Wundersagen,
Sagten, seines Wortes Gabe
Habe er von schönen Elfen.

Nämlich eines Tages lag er


In der grünen Wiese träumend,
Schaute der Zitronenfalter
Hochzeitstänze in den Lüften.

Da kam eine schöne Dame


An auf einem weißen Pferde,
Hoheitvoll wie Sankt Maria,
Herrlich wie die Jungfrau Gottes!

Auch wie Artemis, die Göttin


Der Jungfräulichkeit, die Dame,
Um die Schulter ihren Bogen,
An der Hüfte Pfeil und Köcher.

Artemis, du keusche Göttin,


Sang die Hymne Tom der Reimer,
Gib du deinem edlen Hirsche
Eine kurze Zeit zum Atmen!

Tom der Reimer fiel aufs Antlitz


Vor der makellosen Dame,
Huldigte der Göttin-Herrin
Sklavisch als ein Minne-Freier.

Doch die hohe Herrin Jungfrau


Sich verbat die Huldigungen!
Willst du dienen mir, so sprach sie
Zornig, diene mir als Sklave!

Schon in Tom dem Reimer glühte


Unbefriedigte Begierde
Und so wurde er zum Sklaven
Dieser makellosen Jungfrau.

Und sie sprach zu ihm: Nimm Abschied


Von den Feldern und den Wäldern,
Abschied von den kleinen Knaben,
Abschied nimm von deiner Wohnung.

Und er folgte als ihr Sklave


Seiner hohen Göttin-Herrin.
Da verwandelte die Jungfrau
Sich in eine graue Greisin!

Silberlocken auf dem Haupte,


Runzelfalten in dem Antlitz,
Eine Brille auf der Nase,
Strickzeug in den Zitterhänden!

Und es ging in eine Höhle,


Wo drei Tage und drei Nächte
Waren sie im Schoß der Erde
Wie im Bauche eines Wales.

Und sie hörten Ozeane


Branden, Wogenbrausen brüllen,
Donner hörten sie wie Pauken,
Blitze sahen sie wie Waffen.
Und sie sahen Ströme Blutes
Strömen von den Totenleichen
Und die roten Tropfen Blutes
Hörten sie gen Himmel schreien.

Schließlich in das Licht des Tages


Kehrten sie zurück und fanden
Sich im grünen Garten Eden,
In dem Paradies der Erde.

Und die hohe Göttin-Herrin


War nun wieder makellose
Jungfrau, etwa siebzehnjährig
Oder vierundzwanzigjährig.

Und sie lagen auf der Wiese


In dem grünen Garten Eden
Wie in einem Himmelsbette
Auf dem Schaum der Wolkenkissen.

Tom der Reimer sanft liebkoste


Zart die Königin der Elfen,
Streichelte den nackten Rücken
Von der Schulter zu den Hüften.

Dann erhob sie sich vom Bette


Grünen Grases in dem Garten
Eden, sprach im Paradiese
Leise zu dem Tiefbeglückten:

Halte das Geheimnis teuer,


Wahre du der Mystik Schweigen,
Plaudre deiner Göttin Gnade
Aus nicht vor den hohlen Narren!

Tom der Reimer aber schaute


In dem Paradiesesgarten
Apfelbäume an mit Äpfeln,
Die wollüstig anzuschauen.

Wollte er die Früchte pflücken


Von den Apfelbäumen Edens:
Herrin, alle diese Äpfel
Preisen deine Apfelbrüste!

Doch die hohe Göttin-Herrin


Sagte voll Erkenntnis weise:
Pflück vom Baume nicht den Apfel,
Solches hat der Herr verboten.

Sinds doch Bäume der Erkenntnis


Mit von Gott verbotnen Früchten.
Eva sündigte hier weiland,
Adam sündigte mit Eva.

So erhob sich Tom der Reimer,


Sah zu seiner Göttin-Herrin,
Gingen sie ein Stück des Weges,
Kamen sie zu einem Kreuzweg.

Schaue hier die rechte Straße


Zu dem Paradies des Himmels,
Die die Heiligen der Kirche
Gradeaus zu Gott gewandelt.

Sind sie nun im Himmel Gottes


In Unsterblichkeit der Seele,
Freuen sich glückselig ewig
Auf des Fleisches Auferstehung.

Schaue hier die Mittelstraße


Aufwärts in das Fegefeuer.
Arme Seelen, zwar gerettet,
Leiden sie doch Schmerz der Buße.

Die Gebete ihrer Lieben


Und der Kirche Seelenmessen
Werden sie alsbald befreien
In das Paradies des Himmels.

Aber ach! die linke Straße


Führt hinunter in die Hölle,
Zu der ewigen Verdammnis
Aller toten Söhne Satans.

Heulend dort und zähneklappernd


Quälen dort sich die Verdammten,
Die die Liebe Gottes hassen,
Die auf Erden Jesus hassten!

Tom erschrocken sah zur Herrin,


Als er in die Hölle schaute.
Hatte er doch sonst die Hoffnung
Auf der Welten Allversöhnung.

Aber seine milde Herrin


Mit dem schönsten Mädchenlächeln
Wies den vierten Weg am Kreuzweg:
Dieser führt zur Welt der Elfen.

Geh mit mir den Weg der Elfen!


Schau, die Königin der Elfen
Bin ich, du bist mein Geliebter,
Komm und schaue, wo ich wohne.

Und die Königin der Elfen


Führte ihn zum Märchenschlosse
In der Elfen Zaubergarten,
Jenseits sie von Gut und Böse.

O du Königin der Elfen,


Wie doch nach der Nacht des Todes
Du begrüßt mich mit dem schönsten
Lächeln, zauberhaftem Lächeln!

In den Tod geht man ja einsam,


Einsam stirbt das Herz an Schmerzen,
Schmerzlich ist das Herz verblutet
In der bittern Nacht des Todes!

Aber in der Morgenröte


Lächelt über Tom dem Reimer
Süß die Königin der Elfen,
Göttin, die das Lächeln lieb hat!

Die Dämonen unsres Elends


Plagen alle unsre Mühen,
Doch die Himmlischen voll Güte
Mögen voller Gnade lächeln.

Lächelnliebende Prinzessin,
Wie der Mona Lisa Lächeln
Ist das zauberhafte Lächeln
Dieser Königin der Elfen.

O das Lächeln Sankt Mariens!


Unaussprechlich süßes Lächeln!
O das Lächeln der Madonna,
Wie charmant Madonna lächelt!

Und die Königin der Elfen


Führte Tom den Reimer lächelnd
In die Küche ihres Schlosses,
Reichte ihm die beste Speise,

Die sie selber zubereitet


Und es schmeckte diese Speise
Wie die Königin der Elfen,
Appetitlich wie die Liebe!

Tom der Reimer sah im Brote


In geheimnisvoller Weise
Gegenwärtig seine Herrin,
Diese makellose Göttin.
Nach dem Mahl begannen Mädchen
Voller Liebreiz mit dem Bauchtanz,
Zymbeln schwangen, Flöten bliesen,
Mädchen schaukelten die Becken.

Diese Paradiesesmädchen,
Fleischgewordne Männerträume,
Waren alles Ideale,
Die im Tanze sich bewegten.

Doch der Gipfel aller Wonne


War die Königin der Elfen
Selber, sie war die Verheißung
Der Glückseligkeit der Seele.

Ja, die Königin der Elfen


War im Paradiesesleibe
Mit dem süßen Himmelsherzen
Wie ein ewiges Versprechen.

Dieser weiße Elfenkörper


Im gehauchten Elfenkleidchen
War Verkörperung des Himmels,
War ein Paradies auf Erden.

Tom der Reimer ward begnadet,


Ihren Körper zu betrachten,
Ihre Brüste zu bewundern,
Ihre Hüften zu umschlingen!

Himmlisch in dem Himmelsbette


Lag er über seiner Göttin,
Streichelte die nackte Göttin,
Spürte Paradieses Wollust!

Da erhob die nackte Göttin


Aus dem Schaum sich ihres Bettes,
Lächelte mit süßen Lippen,
Mit den süßesten der Lippen:

Sag, wie lange warst du bei mir?


Sieben Tage, sprach der Freier.
Sieben Jahre, sprach die Dame,
Aber heute musst du scheiden.

Kehr zurück in deine Wohnung,


Diene Gott als Dichter-Seher.
Weil sich unsre Zungen küssten,
Singst du nun in Engelszungen!

Also Tom der Reimer kehrte


Wieder in die Menschen-Heimat.
Was er kündete prophetisch,
Das ereignete sich wirklich.

Lange lebte er als Seher,


Diente als Prophet des Höchsten,
Gottes Worte voller Wahrheit
Sprach er aus in reinen Reimen.

Aber eines Tages nahte


Eine Hirschkuh seiner Wohnung,
Ohne Scheu die Hirschkuh nahte
Tom dem Reimer früh am Morgen.

Tom der Reimer sah die Hirschkuh,


Da erkannte er das Zeichen,
Und der keuschen Hirschkuh folgend
Er verschwand im dunklen Walde.

Er verschwand im dunklen Walde,


Ward fortan nicht mehr gesehen.
Aber seine Lieder sangen
Kinder noch und Kindeskinder.

DAS JÜNGSTE GERICHT

Eine Straße fuhr ich eilend,


Langsam durch das Buchenwäldchen,
Schaute auf den Kinderspielplatz,
Lauschte auf das Taubengurren.

Kam vorbei an einer Wiese


Gleich den grünen Wiesen Frieslands,
Schwarz und weiß die Haut der Kühe,
Imposant die vollen Euter.

Kam zu einem Gartenhäuschen,


Das romantisch und verschwiegen
In dem Paradiesesgärtlein
Bot mir Ruhe im September.

Schon verwelkt die Heckenrosen,


Beinah schwarz die roten Rosen,
Purpurn doch die Hagebutten,
Deren Samen Mädchen jucken.

Elstern hüpfen auf und nieder,


Tauben im Kastanienbaume
Gurren zwischen Stachelfrüchten,
Hüpft vertraut auch eine Rotbrust.

In den Gräsern die Kaninchen,


Erpel wandert mit der Ente,
Apfelbäume tragen Früchte,
Spinnen weben Silbernetze.

Dort lag ich im grünen Grase,


Über mir am blauen Himmel
Schwarzer Schwan und schwarze Schwanin
Flogen herrlich majestätisch.

Und ich sank in einen Tagtraum.


Amor kam mit scharfem Pfeile,
Amor, mir das Herz durchbohrend,
An des Pfeiles Spitze Feuer!

Tat ich auf die Augen, schaute


Unsre Liebe Frau vom Himmel
Kommen an im weißen Kleide,
Hohepriesterin des Himmels.

Ihr Gewand von weißer Seide,


Blau der Gürtel um die Lenden,
Glatt und schwarz die langen Haare,
Feminin die Antlitz-Anmut.

Unsre Liebe Frau mit ernster


Stimme sprach zu mir: Erwache!
O mein Taugenichts und Tagdieb,
Zum Gericht bin ich gekommen.

Ach in Afrika der Hunger


Und die Ungerechtigkeiten
Und das Übermaß an Krankheit
Und die Kriege all der Stämme!

Doch das Kapital der Reichen


Nun beherrscht die ganze Erde
Und auch die Kultur des Todes
Übertönt das Lied der Liebe!

Schau in Indien an die Kinder,


Welche Arbeit tun im Steinbruch,
Leben auf dem Abfallhaufen,
Welche sterben an der Lepra!
Schau auch all die Katastrophen
Der Natur, der Erde Beben,
Aufgewühlter Meere Beben,
Die Vulkane, die Kometen!

Wie der Eisberg schmilzt im Norden,


Wie der Süden wird zur Wüste!
Satan will die Mutter Erde
Ganz vernichten und die Menschheit!

Denn die Menschheit ist verkommen,


Politik und Wissenschaften
Schufen atomare Bomben,
Kriegsgeräte in den Sternen!

Aber auch die Liebe leidet


An der Gottvergessnen Sünde.
Keiner heiligt mehr die Ehe,
Kinder werden nicht geboren.

Werden zwar gezeugt die Kinder,


Aber in dem Schoß ermordet,
Abgetrieben und geschlachtet
Und zum Nutzen ausgeschlachtet!

Viele dienen Venus Porno,


Sie versklaven arme Frauen,
Alte werden ausgeschieden,
Kranke werden sanft ermordet!

In Amerika dem Gotte


Dollar dienen sie, der Allmacht
Ihres großen Gottes Dollar,
Bauen atomare Bomben!

Menschenrechte mit den Füßen


Werden überall getreten!
Russland ist noch immer gottlos!
Hofft auf die Bekehrung Russlands!

In den ersten tausend Jahren


Christus siegte in Europa,
In den zweiten tausend Jahren
In Schwarzafrika, Westindien,

In den dritten tausend Jahren


Christus siegen wird im Osten,
Christus in dem Nahen Osten,
Christus in dem Fernen Osten!

Aber du, der träumt am Tage,


Du Poet der Frauenminne,
Komm nach Josaphat, zum Tale
Des Gerichts am Jüngsten Tage!

Also sprach zu mir Maria,


Was sie sprach, sie auch bewirkte,
So in Josaphat, dem Tale,
Fand ich mich zur selben Stunde.

Hier im Tale des Gerichtes,


Hier in Josaphat, dem Tale,
Saß Maria auf dem Stuhle
Als die Richterin der Liebe.

Und da nahte meine Herrin


Haura voll der Frauenschönheit,
Lang die glatten schwarzen Haare,
Ihre Augen Mandelaugen,

Rot die schöngeschwungnen Lippen,


Kräftig ihre weißen Arme,
Wohlgeformt die süßen Brüste!
Aber meine Herrin weinte,

Haura, Tränen in den Augen,


Trauernd um das Leid der Liebe
Trat zum Thron der großen Mutter,
Gottes Mutter, Mutter Gottes:

Tausendfach gegrüßet seist du,


Freue dich, du Gnadenvolle!
Lieblich bist du wie der Vollmond,
Glühend wie die Morgenröte,

Strahlend wie die Sommersonne,


Prächtig wie die Sternenscharen!
Komm ich in den Walnussgarten,
Tret vor deinen Thron, o Herrin!

O das Ideal der Ehe


Lebt mir heilig in dem Geiste,
Seelen, die von Gott geschaffen
Sind zum liebevollen Einssein,

Finden sich auf Erden wieder,


Die zuvor im Himmel schauten
Sich im reinen Spiegel Gottes
In vorherbestimmter Ehe.
So vereinigt sind die Seelen,
Daß die Anima des Mannes
Und der Animus des Weibes
Androgynen Menschen schaffen.

Dieses androgyne Wesen


Ist ein Abbild, und der Urmensch
Adam Kadmon ist das Urbild,
Gott schuf ihn im Bilde Christi.

Aber finde ich auf Erden


Den vorherbestimmten Gatten,
Der mir eins in Geist und Seele,
Der mir eins in Herz und Körper?

Wie erkenn ich doch den rechten


Auserwählten Ehegatten,
Den mir Gott vorherbestimmte?
Gott, ich suche deine Weisheit!

Sind doch auf der Erde Kerle,


Sind doch auf der Erde Weiber,
Die nicht an die Seele glauben,
Suchen Wollust nur des Körpers.

Solche Weiber sich verschenken


In der ersten Nacht dem Kerle
Körperlich, allein zum Kitzel,
Treiben Sport in ihren Betten,

Wissen nichts von Seelenliebe,


Nichts von Harmonie des Glaubens,
Bleiben nicht bei einem Partner,
Liegen meist in vielen Betten.

Unbekannten beizuwohnen
Ist Vergnügen ihnen, einzig
Um beim Jucken sich zu kratzen,
Spaß zu haben bei dem Bettsport.

Aber ich begehre Liebe,


Die mir Gottesliebe spendet,
Ich begehre Seelen-Einheit
Und die unbedingte Treue.

Ist der Körper denn der Huren


Und der Venusdienerinnen
Einzig schön und zu begehren?
Nicht begehrenswert mein Körper?

Spitzen sich nicht meiner Brüste


Spitzen wie Rosinen köstlich
Durch das dünne weiße Hemdchen
Vor den Augen meines Freiers?

Wollt er nicht die Brüste streicheln?


Meine Hüfte nicht umarmen?
Küssen meine roten Lippen?
Träumt er nicht, mir beizuwohnen?

Trag ich doch das reine Linnen


Um den Unterleib, das blaue,
Trag ich um den Oberkörper
Doch das Hemd, das weiß wie Schnee ist.

Trag ich doch um meine Lenden


Breiten Gürtel breiter Schnalle,
Einen wahren Liebreizgürtel
Und zugleich auch Keuschheitsgürtel.

Trage ich in meiner Haarflut,


Sie zu bändigen, die Spange,
An den Ohren trag ich Mondstein,
Lapislazuli am Halse,

An dem rechten Handgelenke


Trag ich weißer Perlen Armband
Mit dem Medaillon Mariens,
Mit dem Medaillon von Jesus.

Als ich einmal in der Kirche


Betete mit meinem Minner,
Lobpreis sang dem Geiste Gottes,
Schminkt ich scharlachrot die Lippen.

Aber ich bin nicht mehr siebzehn,


Ich bin nicht mehr vierundzwanzig.
In den langen schwarzen Haaren
Finden sich schon graue Strähnen.

Wie denn find ich wahre Liebe?


Eine alte Dame sagte:
Zählst du aber vierzig Jahre,
Darfst du Kabbala studieren.

Lerne ich den tiefern Schriftsinn


In der Bibel zu erfassen?
Lerne ich den Namen Gottes
Jahwe heilig auszusprechen?

Oder lern ich von den Meistern


Einen reinen Liebeszauber?
Sprechen doch die Kabbalisten
Mystisch auch der Engel Sprache,

Schreiben auch der Engel Sprache


Nieder in der Schrift der Engel.
Soll ich nun den Psalm zur Hochzeit
Davids schreiben auf Papyrus,

Mit dem Tau der Rosenblüte,


Ungebrauchter Schwanenfeder,
Auf das Pergament von Byblos,
Schaffen solchen Liebeszauber?

Also meine Herrin Haura


Seufzte vor dem Thron Mariens,
Sprach am Schluß der Rede: Amen,
Heilig, heilig, heilig Jahwe!

Auf dem Richterstuhl Maria


Sich erhob, sie stand nun aufrecht
In der Mitternacht im Mondschein
In dem langen weißen Kleide.

Schau, vier Cherubim mit Flügeln


Trugen nun den Thron Mariens,
Der bedeckt mit weißen Lilien,
Trugen ihn am schwarzen Himmel.

Und Maria, weißgekleidet,


Weißen Schleiers, blauen Gürtels,
Wandelte beim weißen Vollmond,
Wie ein Mond ihr Antlitz lächelnd,

Wie ein Vollmond war ihr Antlitz,


Lieblich lächelnd, sprach sie leise:
Eure einzige Berufung
Ist nicht schwer, ist nur zu lieben!

Haura, Haura, deine Worte


Habe alle ich vernommen,
Möge dich der Vater ziehen
Und die Weisheit dir verleihen.

Die Geheime Offenbarung


Möge dich durchs Leben führen.
Halte fest an dem Bekenntnis
Zu der Wahrheit und der Liebe.

Willst du Jesus kennenlernen,


Dann lies täglich in der Bibel,
Willst du Jesus liebenlernen,
Haura, bete, bete, bete!

Aber allen meinen Töchtern


Will ich dies Gesetz verkünden:
Ehrt das Sakrament der Ehe
Und vertraut die Kinder Gott an!

Frauen, meine lieben Kinder,


Wisst, ich ehr der Frauen Würde,
Ehr den Genius der Frauen,
Wisst, mein Name ist: Die Fraue!

Nennen wird mich Mutter Kirche


Eines Tages nur: Die Fraue!
Nennen werden mich die Menschen
Eines Tages nur: Die Mutter!

Alle Frauen werden lächeln,


Werden lächelnd Amen sagen,
Wenn die Kirche einst verkündigt:
Sankt Maria ist die Fraue!

Denn ich sehe es schon kommen,


Daß der Stellvertreter Christi
Und Nachfolger Petri kündet
Auf dem Stuhle des Apostels

Dieses Dogma vor der Kirche:


Mittlerin ist Sankt Maria,
Und beim Sohn die Advocatin,
Miterlöserin mit Jesus!

Miterlöserin mit Jesus


Ist am Kreuz die Frau der Schmerzen,
Mitgekreuzigt ist mit Jesus
Miterlöserin Maria.

Miterlöserin Maria
Miterlöserin mit Jesus
Ist als Gottesmagd durchs Ja-Wort,
Das sie für die Menschheit sagte.

Unsre Liebe Süße Fraue


Miterlöserin Maria
Segnet alle ihre Töchter
Mit dem Herzen einer Mutter.

Alle die Marientöchter


Im Marienfeminismus
Sagen leise lächelnd Amen
Zu der Fraue, zu der Mutter.

Aber nun Maria wandte


Sich zu mir, der ich im Staube
Mehr erniedrigt als ein Sklave
Lag vor ihren bloßen Füßen!

Mein begehrenswerter Gatte,


Du mein Schatz, mein Vielgeliebter,
Du mein auserwählter Liebling,
Gatte in geheimer Ehe!

Ja, du sollst kein Weib dir nehmen,


Du sollst keine Söhne zeugen,
Du sollst nichts Gemeines reden,
Sondern Mund Jehowahs bleiben!

Ich hab dein Gebet vernommen,


Als ums Charisma gebetet
Du des keuschen Zölibates
Um des Himmelreiches willen.

Minnesänger der Madonna


Sollst du sein, Poet Mariens,
Und Verlobter der Sophia
In der Gottes-Ehe Mystik!

Ich verlobte an der Quelle


Mich von Lourdes mit dir in Liebe,
Sagte Ja zu deinem Leben,
Du sprachst Ja zu meinem Herzen.

In der Liturgie der Kirche


Sprach der Geist zu deinem Geiste:
Josef, Sohn vom Stamme Davids,
Nimm Maria auf als Gattin!

Zu dir sprach die Weisheit Gottes:


Ich will mich mit dir verloben
In Barmherzigkeit und Gnade
Und du wirst den Herrn erkennen.

Zu dir sprach der Stellvertreter


Christi im Apostelthrone:
Ehelos leb Gottes Treue,
Sage Ja zur Gottes-Ehe!

Und nun geb ich dir den Segen:


Leb in der Marien-Ehe,
Sei der Bräutigam Mariens,
Ehefrau ist dir Maria!
Die vier Cherubim am Throne
Sprachen darauf diese Worte:
Deutscher Dichter, deutscher Denker,
Sei du Ehemann Mariens!

Ich erhob mich aus dem Staube,


Stand als Ehemann Mariens
Und verkündete der Menschheit:
Alle Macht der Muttergottes!

TORSTEN

ERSTER GESANG

Muse, Torsten sollst du singen,


Torsten, Enkelsohn der Edda,
Singe Torstens Abenteuer
Zu dem Ruhme Jesu Christi!

War ein Mann mit Namen Helge,


Seine Frau hieß Ran mit Namen,
Helge lebte mit der Gattin
In der kalten Bucht der Sonne.

Jene von der Bucht der Sonne


Lagen früher oft im Streite
Mit den Leuten von der Kreuzbucht,
Doch inzwischen herrschte Frieden.

Lebte in der Bucht des Kreuzes


Edda mit der Tochter Dagmar,
Dagmar mit dem Ehemanne
Torarin, dem Vater Torstens.

Torarin war alt und seine


Augen waren fast erblindet.
Wikinger in seiner Jugend,
War er grob in seinem Alter.

Torsten war sehr groß und kräftig,


Dabei auch von sanftem Wesen,
Er half auf dem Hof des Vaters,
Fleißig wie der Männer sieben.

Torarin war arm, doch Waffen


Hatte viele er im Hause,
Hatte starke schnelle Pferde,
Die zum Pferdekampfe taugten.

Und bei Helge auf dem Hofe


Lebte Tord, der war der Großknecht,
Pferde-Tord ward er gerufen,
Grober Mann von großem Grimme.

Auch bei Helge auf dem Hofe


Waren noch zwei üble Kerle,
Torhall hieß der eine Maulheld,
Torwald hieß der andre Maulheld.

Pferde-Tord und Torsten aber


Kämpften in dem Pferdekampfe,
Ließen ihre Pferde kämpfen,
Kämpften selbst als gute Reiter.

Pferde-Tord schlug Torstens Renner


Mit der Peitsche auf die Augen,
Torsten schlug des andern Renner
Drauf zurück mit starkem Hiebe.

Pferde-Tord schlug mit der Lanze


Nach der Augenbraue Torstens,
Torstens Auge hing herunter,
Torsten nähte fest das Auge.

Torsten sprach zu allen Leuten,


Nichts zu sagen seinem Vater.
Torhall doch und Torwald nannten
Torsten fortan Lanzennarbe.

Winter war es vor der Weihnacht,


Der Geburt des Christus Jesus,
Frauen gingen an die Arbeit,
Torsten schlief noch in der Stube.

Torarin, der Vater Torstens,


Sagte: Tut dir weh dein Schädel?
Bist du nicht geschlagen worden?
Torsten, räche deine Ehre!

Torsten nahm sich seine Waffen,


Ritt zu Pferde-Tord, dem Großknecht,
Sagte: War es ein Versehen
Oder war es böse Absicht?

Pferde-Tord zu Torsten sagte:


Blase du nur heiße Worte!
Ob Versehen oder Absicht,
Tu ich dennoch keine Buße.

Torsten sagte: Deine Buße


Fordr’ ich nicht zum zweiten Male.
Und mit einem Todeshiebe
Schlug er Pferde-Tord zu Boden.

Da kam eine Frau gegangen,


Torsten sprach zu jenem Weibe:
Sage Helge, Tord ist tot nun,
Totgeschlagen von dem Stiere.

Sprach das Weib zu Torsten also:


Ich sags ihm, wenn ich dran denke,
Aber du geh nur nach Hause.
Torsten also ging nach Hause.

Helge aber sprach zum Weibe:


Wo ist Pferde-Tord, mein Großknecht?
Sprach das Weib: Wir armen Weiber,
Wie sind wir doch so vergesslich,

Ist kein Denken in den Weibern,


Nur ein Plappern und ein Schwätzen,
Wir vergessen unsern Hintern,
Wenn wir drauf nicht eben sitzen!

Sprach doch Torsten Lanzennarbe


Vor dem Stall, dass Tord nun tot sei,
Totgestoßen von dem Stiere,
Und ich sollte dir es sagen.

Helge ließ den Tord begraben,


Torsten vor Gericht verklagen.
Torsten saß zu Hause ruhig
Bei dem Bier und bei der Grütze.

Herbst kam mit dem Erntedankfest,


Torhall saß und Torwald bei ihm
An dem Feuer mit dem Braten,
Helge hörte beide reden.

Torhall sprach zu Torwald also:


Wir hier speisen kleine Lämmer,
Torsten aber einen Hammel,
Wann wird ihm zuteil die Strafe?

Hat er Pferde-Tord erschlagen,


Dafür ward ihm keine Strafe.
Wie will er des Mordes Flecken
Waschen ab von seiner Ehre?
Aber Torwald sprach zu Torhall:
Wird doch Helge sich nicht rächen
Und nicht Torarin, dem Vater,
Nehmen seines Alters Stütze.

Helge hörte diese Rede,


Sprach zu Torhall, sprach zu Torwald:
Reitet in die Bucht des Kreuzes,
Bringt herbei den Schädel Torstens!

Bringt vom Rumpf getrennt den Schädel


An die Tafel mir zum Frühstück,
Dann will ich aus Torstens Schädel
Mich mit Honigmet besaufen!

Torhall ritt mit Torwald also


Eilends in die Bucht des Kreuzes.
Torsten stand vor seiner Wohnung,
Spielte dort mit seinem Messer.

Torhall sprach und Torwald sagte:


Torsten, wo sind deine Pferde?
Zeig uns deine starken Rosse,
Zeig uns deine schnellen Renner.

Auf dem Weg zur Pferdeweide


Torhall rannte gegen Torsten,
Torsten schlug ihm an die Beine,
Torhall fiel und ward erstochen.

Auf dem Weg zur Pferdeweide


Torwald rannte gegen Torsten,
Torsten schlug ihm an die Beine,
Torwald fiel und ward erstochen.

Torsten nahm die Toten beide,


Band sie an den Pferdesattel,
Schickte dann das Pferd nach Hause,
Lief das Pferd zum Hofe Helges.

Helge gleich begrub die Toten


Unter der gefrornen Erde.
Still vorüber ging die Weihnacht,
Helge lag bei seinem Weibe.

Ran sprach, Helges Ehegattin:


Wovon reden so die Leute?
Was glaubst du, wovon man redet?
Hörst du nicht die Leute reden?

Alle sagen: Dieser Torsten!


Erst schlug er den Pferde-Tord tot,
Dann erstach er unsern Torhall,
Dann erstach er unsern Torwald!

Alles Volk in der Gemeinde


Will vor Torsten Lanzennarbe
Schutz durch ihren Herren Helge,
Du sollst dich an Torsten rächen!

Helge aber sprach zum Weibe:


Unverdient ward nie getötet
Einer von den Opfern Torstens,
Dennoch werde ich dir folgen.

Und so schlief der Mann beim Weibe.


Aber in der Morgenstunde
Nahm sich seine Waffen Helge,
Schwert und Schild, zu nehmen Rache.

Als das sah die Ehegattin,


Sprach sie zu dem Ehegatten:
Wo sind deine Heeresscharen,
Die du führst zum Krieg der Rache?

Helge sprach zu seinem Weibe:


Ich alleine will mich rächen!
Sprach das Weib zu ihrem Manne:
Du alleine gegen Torsten?

Helge sprach zu seinem Weibe:


Närrin, gestern Abend sprachst du,
Ich soll mich an Torsten rächen,
Heute morgen sprichst du anders.

Aber so seid ja ihr Weiber,


Abends weinen, morgens lachen,
Einmal rückwärts, einmal vorwärts,
Schwankend wie ein Schilf im Sturme.

Auch will ich davon nichts hören,


Daß ich wär zu schwach zum Kampfe,
Du sollst mich nicht länger schmälern
Und absprechen mir die Ehre!

Helge also ritt zu Torsten,


Der war in der Bucht des Kreuzes.
Torsten stand vor seiner Wohnung,
Fragte, warum Helge komme.

Helge sprach: Die Leute sagen,


Ich soll mich an Torsten rächen.
Also fordr’ ich dich zum Zweikampf,
Mög der Bessere gewinnen.
Torsten sprach: O Herre Helge,
Ich soll mich mit Helge schlagen?
Wurm bin ich und nicht ein Mensch mehr,
Fort will ich von dieser Erde!

Helge sprach: Nun komm zum Zweikampf.


Torsten sprach: Doch vor dem Zweikampf
Laß mich bitte Abschied nehmen
Noch von Torarin, dem Vater.

Torsten trat zu seinem Vater:


Helge fordert mich zum Zweikampf.
Sprach der Vater zu dem Sohne:
Lieber tot sein als ein Feigling!

Lieber will ich dich verlieren,


Als zum Sohne einen Feigling
Mir zur bittern Schmach zu haben,
Aber Helge ist der Stärkre.

Torsten kämpfte nun mit Helge,


Aber in der Abendröte
Helge sprach ermattet, dürstend:
Durstig macht mich dieser Zweikampf.

Torsten sprach zu Helge freundlich:


Trink doch Wasser aus dem Brunnen.
Helge Wasser trank vom Brunnen,
Torsten spielte mit dem Schwerte.

Wieder kämpften sie mit Schwertern,


Aber Helge sprach zu Torsten:
Halt, die Senkel meiner Schuhe
Lösten sich, ich muß sie binden.

Torsten sprach: Die Senkel binde.


Helge band die Senkel wieder,
Torsten spielte dabei friedlich
Mit dem Schwert in seinen Händen.

Und die beiden kämpften weiter.


Helges Schneide seines Schwertes
Wurde stumpf vom vielen Schlagen
Auf den Schild des starken Torsten.

Torsten sagte: Eine Pause!


Torsten holte aus dem Hause
Nun ein neues Schwert für Helge,
Neues Schwert mit scharfer Schneide.

Torsten sprach dabei zu Helge:


Über mir mein Unstern waltet,
Darum werde ich nicht siegen,
Über dir dein Glücksstern waltet.

Hätte ich dich töten können,


Ich bewies dir meine Treue,
Will dir meine Jugend weihen,
Treu dir dienen als dein Kämpfer.

Helge sprach: Erlaube aber,


Daß ich red mit deinem Vater.
Und zu Torarin, dem Vater,
Helge trat in seine Kammer.

Torarin, der Vater, fragte,


Wer in sein Gemach gekommen.
Helge sagte, Helge käme,
Torstens Tod dem Vater melden.

Hat mein Sohn sich gut geschlagen?


Also frug der Vater Helge.
Helge sprach: Ein starker Krieger
War in seinem Leben Torsten.

Aber du, o alter Vater,


Sollst an meinem Hofe leben,
Ich will wie ein Sohn dir werden
Und dich lieber Vater nennen.

Torarin, der Vater, sagte:


Von der Gunst des Herrn zu leben
Ist wohl gut im ersten Jahre,
Aber dann wird man zum Bettler.

Aber willst du mich zum Vater,


Dann tritt näher an mein Bette.
Helge trat heran ans Lager,
Torarin griff nach dem Messer.

Helge rief: Du alter Glatzkopf!


Torsten lebt, der starke Krieger,
Torsten will mir fortan dienen,
Dich will immer ich versorgen.

Torsten diente also Helge


In den stolzen Jugendtagen,
Bis er später diente besser
Seinem heilgen König Olaf.

ZWEITER GESANG
Torsten war ein Mensch voll Güte,
Allen gab er viele Gaben,
Gerne schenkte er Geschenke,
Gerne gab er all sein Geld hin.

In der Lust zu schenken maßlos,


Mahnte immer ihn sein Vater,
Seines Vaters schärfsten Vorwurf
Mußte Torsten stets ertragen.

Alles unternahm sein Vater


Zur Absicherung für Torsten,
Stets der Tadel seiner Klugheit
War: Du bist verschwendungssüchtig!

Als nun Torarin verstorben


Und vor Christus trat der Vater,
Da war Torsten überglücklich:
Muß ich ihn nun nicht mehr hören!

Vaters Rat muß ich nicht hören,


Ich kann mich nun selbst beraten.
Torsten dachte, seine Mutter
Dagmar denke auch wie Torsten.

Seine Mutter Dagmar hatte


Stets geschwiegen voller Demut,
Aber auch die Mutter Dagmar
Immer tadelte nun Torsten.

Torsten, ich bin deine Mutter,


Und als deine Mutter sag ich:
Die Verschwendungssucht macht arm dich,
So wirst du zu einem Bettler!

Aber da half keine Mahnung,


Torsten gab noch immer gerne,
Alles gab er, was er hatte,
Und er sang vom Glück des Schenkens.

Nun starb bald auch seine Mutter,


Auch die Mutter trat vor Christus,
Da war Torsten überglücklich,
Daß die Mutter nicht mehr tadelt.

Nun bin ich allein auf Erden,


Kann nun leben wie mein Herz will.
Jedem gab er Geld und Silber
Und verschenkte all sein Erbe.
Das muß ich nicht breit erzählen,
Kurz, zum Armen wurde Torsten.
Nur sein Pferd besaß noch Torsten
Und ein Beutelchen voll Silber.

Seine Freunde ihn verließen,


Arme haben keine Freunde.
Torsten ließ die falschen Freunde,
Fort ritt er auf seinem Pferde.

Torsten ritt nun öde Wege,


Seine Seele war voll Trauer,
Sicher muß er hier verlassen
Dieses Leben auf der Erde.

Wandern, wandern, weiter wandern,


Das ist alles, was er tun muß.
Auf dem Hofe eines Bauern
Bat um Unterkunft der Wandrer.

Schlief er in der Nacht sehr ruhig,


Aber morgens war der Hof leer,
Sah er vor dem Hof den Bauern
Grimmig auf dem Friedhof graben.

Warum gräbst du auf dem Friedhof?


Fragte Torsten nun den Bauern.
Sprach der Bauer: Diese Tote
Ist mir noch ihr Silber schuldig.

Unten in dem Grab des Sarges


Ist ihr Ring mit Amethysten,
Ruhen soll sie nicht im Grabe,
Soll im Jenseits Ruh nicht finden.

Torsten sprach: Darf ich bezahlen


Dir die Schulden dieser Toten?
War der Bauer einverstanden,
Ruhte weiter still die Tote.

Torsten gab sein letztes Silber,


Frug den Bauern dann des Weges
Zu den Siedlungen der Menschen,
War zu einsam seine Seele.

Wies der Bauer ihm die Straße


Zu den Siedlungen der Menschen:
Kommst du aber an den Kreuzweg,
Reite südwärts und nicht nordwärts.

Torsten kam bald an den Kreuzweg,


Ritt ein wenig Richtung Süden,
Dachte, wie es lustig wäre,
In den Norden doch zu reiten.

Ritt er also in den Norden,


Kam zu einem leeren Schlosse,
Sieben Betten in dem Schlosse
Und ein Tisch mit sieben Tellern.

Torsten deckte alle Teller


Mit der Speise aus der Küche
Und bereitete die Betten
Auch mit frischgewaschnen Laken.

Schließlich ruhte er im Winkel,


Wartend auf die Schlossbewohner.
Schließlich knarrte laut die Pforte
Und die Schlossbewohner kamen.

Riesen kamen in die Schlossburg


Und der erste Riese sagte:
Hier ist einer, dem ich werde
Wohl mitspielen müssen übel!

Doch der andre Riese sagte,


Der da war der größte Riese:
Nein, der machte uns das Essen
Und bereitete die Betten,

Der steht unter meinem Schutze,


Und ich bin der stärkste Riese.
Und der Riese sprach zu Torsten:
Bleibe bei uns eine Woche!

Bleib nicht nur an diesem Tage,


Sondern bleibe eine Woche,
Mach du uns ein leckres Essen
Und bereite unsre Betten.

Torsten sagte zu dem Riesen:


Gut, ich bleibe eine Woche.
Aber Torsten blieb drei Jahre
In der Schlossburg bei den Riesen,

Machte ihnen leckres Essen


Und bereitete die Betten.
Überfiel ihn Langeweile,
Trank er eine Flasche Rotwein.

Alle Räume anzuschauen


In der Schlossburg war erlaubt ihm,
Bis auf das verbotne Zimmer,
Das er nicht betreten durfte.
Nur der größte aller Riesen
Konnte diesen Raum betreten,
Denn um seinen Hals am Kettchen
Trug zum Raume er den Schlüssel.

Torsten sprach zum großen Riesen:


Treu war ich in kleinen Dingen,
Laß nun auch in großen Dingen
Meine Treue dir beweisen,

Laß mich ins verbotne Zimmer!


Doch der große Riese sagte:
Treu warst du in großen Dingen,
Doch das Zimmer ist verboten.

Was in dem verbotnen Zimmer


Sich befindet, das ist nichtig,
Nichts sind alle Kreaturen,
Sein alleine hat die Gottheit.

Torsten aber listig, heimlich


Machte vom geheimen Schlüssel
Einen Abdruck sich im Brotteig
Und er feilte einen Schlüssel.

Und er trat ins dunkle Zimmer


Und entzündete die Kerze,
Sah ein Mädchen angebunden
An kastanienbraunen Haaren,

Dürr das Mädchen, abgemagert,


Dem Skelett gleich eines Toten.
O wer bist du, liebes Mädchen?
Fragte Torsten dieses Mädchen.

Ich bin May-Britt, bin die Tochter


Eines Königs und mein Vater
Ist in Dänemark der König,
Aber ich bin hier gefangen,

Weil der Riese mich zur Frau will,


Aber ich will ihn zum Mann nicht.
Torsten liebte jenes Mädchen,
Dänemarks Prinzessin May-Britt.

Und er schlich sich alle Tage


Heimlich ins verbotne Zimmer
Und gab May-Britt Wabenhonig,
Bis sie wieder kräftig wurde.

Torsten sprach zum großen Riesen:


Ich war treu in großen Dingen,
Gib als Lohn mir, mein Gebieter,
Was da im verbotnen Zimmer.

Zwar das wollte nicht der Riese,


Torsten aber konnte betteln,
Konnte bitten, konnte flehen,
Also sagte Ja der Riese.

Und nach einem schönen Sommer


Tat der Riese auf das Zimmer,
Staunte, wie so schön sei May-Britt,
Welche Wohlgestalt der Körper!

Torsten aber nahm sich May-Britt


Und entfloh der düstern Schlossburg.
May-Britt, dieses schöne Mädchen,
Schien die Seele seiner Seele.

May-Britt aber, die Prinzessin


Dänemarks, sprach so zu Torsten:
Riesen werden dich verfolgen,
Nimm die Rüstung, nimm die Waffen.

Wahrlich, sieben Riesen eilten,


Zu bekämpfen Torsten grimmig.
Torsten rang mit allen Riesen,
Sechs der Riesen schon bezwingend,

Lag er unterm siebten Riesen!


May-Britt nahm das Schwert des Helden
Torsten, schlug dem siebten Riesen
Seinen Schädel ab vom Rumpfe!

Torsten nahm Prinzessin May-Britt,


Eilte zu dem Strand des Meeres,
Sahen sie ein Schiff sich nahen,
Gingen sie an Bord des Schiffes.

Auf dem Schiff war der Minister,


Der dem Vater May-Britts diente,
Ihm versprach der Vater May-Britts
Ehelich die Hand der Tochter.

Der Minister aber Torsten


Setzte aus im kleinen Boote
Und erklärte sich zum Retter
Seiner dänischen Prinzessin.

Torsten in dem kleinen Boote


Trieb in aufgewühlter Ostsee
Und die Macht des Elementes
Drohte ihm mit frühem Tode!

Da erschien der Toten Seele,


Der einst Torsten in dem Grabe
Ihre Grabesruhe wahrte
Und bezahlte ihre Schulden,

Dankbar war der Toten Seele


Und sie führte in dem Boote
Torsten bis hinauf nach Norweg
Zu dem heilgen König Olaf!

DRITTER GESANG

Einst der heilge König Olaf


War bei einem Festgelage
Auf der Blumeninsel Öland,
Torsten war bei ihm, sein Krieger.

Abends an dem Tisch beim Trinken


Sprach der heilge König Olaf:
Will im Freien einer pissen,
Soll er nicht alleine gehen,

Sonst geschehen wird ein Unglück,


Sprach der heilge König Olaf.
Alle tranken fleißig weiter
Von dem besten roten Weine.

Die Germanen trinken wenig,


Aber oft Germanen trinken,
Wenn Germanen aber trinken,
Trinken reichlich die Germanen.

Dann ging jedermann zu Bette.


In der Nacht in seinem Bette
Torsten wach ward vom Bedürfnis,
Torsten wollte draußen pissen.

Aber alle andern schliefen,


Torsten wollte keinen wecken,
Also ging er in das Freie
Einsam, ohne sich zu fürchten.

Sah er aber in dem Freien


Stehen einen runden Steintisch,
Um den Tisch zwölf Stühle standen,
Torsten setzte sich auf einen.
Plötzlich kam herbei ein Toter,
Der sich setzte an den Steintisch.
Torsten sprach zum Totengeiste:
Toter, sag mir deinen Namen!

Ich bin Torkel, auch geheißen


Werde ich der dünne Torkel.
Einst mit König Harald Kriegszahn
Fiel ich auf dem Schlachtgefilde.

Woher kommst du, fragte Torsten.


Aus der Hölle, sprach der Tote.
Torsten sprach: Wie ist die Hölle?
Und wem geht es dort am besten?

Siegfried geht es dort am besten,


Denn er heizt dort einen Ofen.
Torsten sprach: Das ist nichts schlimmes.
Sprach der Geist: Er ist das Feuer!

Torsten sprach: Wie ist die Hölle,


Wem geht’s dort am meisten übel?
Sprach der Geist: Dem alten Starkard
Geht es übel in der Hölle,

Sein Gebrüll ist selbst für Teufel


Sehr unangenehm zu hören,
Alle Toten, alle Teufel
Finden darum keine Ruhe.

Warum schreit er so, sprach Torsten,


Was denn leidet er für Qualen?
Sprach der Geist: Der alte Starkard
Zu den Knöcheln steht im Feuer.

Das ist nicht so schlimm, sprach Torsten,


Für so einen großen Helden.
Sprach der Geist: Sein ganzer Leib brennt,
Ragen nur heraus die Füße!

Ja, sprach Torsten, das ist schrecklich,


Schrei doch einmal seine Schreie.
Sprach der Tote: Nun, so schrei ich.
Und er schrie ein lautes Schreien.

Torsten hielt sich zu die Ohren,


Ward ihm übel von dem Schreien.
Also schreit der alte Starkard,
So am lautesten schreit Starkard?

Nein, so schreien kleine Teufel,


Sprach der Geist, die Schreie Starkards
Sind noch schrecklicher und stärker.
Und der Tote schrie entsetzlich!

Torsten staunte, dass der Tote


Solche Schreie schreien konnte.
Torsten beinah fiel in Ohnmacht
Vor dem widerlichen Schreien.

So am lautesten schreit Starkard?


Frug den Geist des Toten Torsten.
Nein, sprach der, das ist sein Flüstern,
Seine Schreie sind noch lauter.

Torsten sprach zum Geist des Toten:


Also schrei die Schreie Starkards,
Wie am lautesten schreit Starkards,
Also sollst du einmal schreien.

Torsten hielt sich zu die Ohren,


Atem holte nun der Tote
Und er brüllte so entsetzlich –
Da erklang die Kirchenglocke.

Da verschwand der Geist des Toten.


Torsten aber ging zu Bette.
Morgens sprach der heilge Olaf:
War alleine jemand draußen?

Schlechte Laune hatte Olaf.


Torsten sprach: Ja, ich war draußen,
Aber es ist nichts geschehen,
Jedenfalls nichts allzu Schlimmes.

Sprach der heilge König Olaf:


Eigensinnig sind Germanen,
Übertreten die Gebote.
Aber was hast du gesehen?

Torsten alles nun erzählte.


Sprach der heilge König Olaf:
Warum ließest du ihn schreien
In der Nacht, den Geist des Toten?

Torsten sprach zum heilgen Olaf:


Hattest du uns doch geboten,
Nicht allein heraus zu gehen,
In der dunklen Nacht zu pissen.

Draußen war ich nun alleine,


Aber als ich schaute Torkel,
Ließ ich diesen Geist so schreien,
Daß du davon wach wirst, König.
Denn ich dachte: Wird mein König
Wach, der heilge König Olaf,
Dann ist mir auch gleich geholfen.
König Olaf sprach: So wars auch,

Denn ich wurde wach vom Schreien,


Ließ die Kirchenglocke läuten,
Nichts vermochte sonst zu helfen
Als Geläut der Kirchenglocke.

VIERTER GESANG

Torsten war beim König Olaf,


Bei dem heilgen König Olaf,
In Thor-Hammerstadt in Norweg
Residierte König Olaf.

Torsten ward Gefolgsmann Olafs,


Der hielt ihn für einen Helden.
An dem Hof die andern Leute
Meinten, Torsten sei barbarisch.

Olaf gab ihm manchen Auftrag,


Schickte ihn auf manche Seefahrt,
Oft auch Schätze zu erwerben,
Manches Kleinod für den König.

Einmal Torsten war in Finnland,


Irgendwo im Land der Lappen.
Als die Sonne stand im Osten,
Torsten stand an einem Hügel.

Sah er einen kleinen Knaben,


Sprach der Knabe: Liebe Mutter,
Gib mir meinen Zauber-Krummstab,
Will ins Land der Toten fliegen.

Und da kamen aus dem Hügel


Hände, einen Krummstab reichend.
Ritt der Knabe auf dem Krummstab,
Flog er in das Land der Toten.

Torsten drauf sprach auf dem Hügel:


Mutter, gib mir meinen Krummstab!
Sprach die Mutter: Wer denn bist du?
Torsten sprach: Dein zweites Söhnchen.

Torsten ritt dem kleinen Knaben


Auf dem Krummstab nach, im Fluge
Kamen sie zur Welt der Toten,
Kamen zu dem Fluss aus Feuer,

Kamen zu der Lebensquelle,


Kamen zu dem goldnen Schlosse,
Da der Toten-König lebte
Mit der Königin der Toten.

Alle saßen an der Tafel,


Tranken aus den goldnen Bechern
Alten allerbesten Rotwein
Und berauschten sich am Rotwein.

Torsten aber und der Knabe


Waren unsichtbar den Toten.
Und der Knabe, Speise sammelnd,
Lief von einem Tisch zum andern.

Eben kam ein neuer Toter,


War aus Indien ein König,
Brachte er dem Totenkönig
Einen Ring von Gold und Silber.

Torsten sah auch auf dem Tische


Schön das seidenweiße Tischtuch,
Rings besetzt mit Edelsteinen.
Torsten wollte Ring und Tischtuch.

Torsten betend mit dem Herzen


Betete zum heilgen Olaf,
Nahm den Ring von Gold und Silber
Und das seidenweiße Tischtuch.

Torsten floh, die Toten folgten,


Torsten kam zum Feuerflusse,
Alle Toten ihn umringten,
Torsten tötete viel Tote.

Da kam auch der kleine Knabe,


Reichte Torsten seinen Krummstab,
Kamen sie zur Welt des Lichtes,
Stand dort schon des Knaben Mutter.

Sprach die Mutter: O mein Knabe,


Wer ist der an deiner Seite?
Sprach der Knabe: Das ist Torsten,
Und ein großer Held ist Torsten.

Torsten ging zu König Olaf,


In Thor-Hammerstadt in Norweg
Torsten überreichte Olaf
Ring und Tischtuch als Geschenke.

Torsten wollte noch nach Öland,


Dieser blauen Blumeninsel
Schwedens, aber über Winter
Blieb beim König er in Norweg.

Aber als der Frühling nahte,


Da fuhr Torstens Schiff nach Oslo.
Da sah einen Zwerg er sitzen,
Bis zum Boden ging der Bart ihm.

Doch der Zwerg mit langem Barte


Weinte: Weh mir! Gottes Adler
Hat entführt mein kleines Söhnchen,
Der soll Mundschenk Gottes werden!

Torsten gleich mit Pfeil und Bogen


Schoß den Adler ab vom Himmel,
Trug das goldne Zwergensöhnchen
Wieder zu dem Zwergenvater.

Torsten sprach zum Zwergenvater:


Tröste nun dein Zwergensöhnchen!
Sprach der Zwerg: Was willst du haben
Für die große Tat der Rettung?

Torsten sprach zum Zwergenvater:


Gutes tut man, weil es gut ist.
Das braucht keiner zu belohnen.
Lohn ist in sich selbst das Gute.

Sprach der Zwerg: Nimm meinen Mantel,


Der ist aus dem Fell des Lammes,
Trägst du ihn, wird dir nichts schaden,
Trag du nur den Lammfellmantel.

Nimm auch meinen Ring von Silber,


Stets hast du genug des Geldes,
Immer reichlich Öre-Münzen,
Dich wird nicht das Elend plagen.

Nimm du auch dies schwarze Steinchen,


Reibst du es mit deinen Händen,
Bist du unsichtbar den Menschen,
Bist du unsichtbar den Riesen.

Nimm auch dieses bunte Dreieck,


Weißer, goldner, roter Farbe.
Das sei deine Macht und Stärke
Und in großen Nöten Rettung.
Schlägst du auf die weiße Stelle,
Kommen harte Hagelkörner.
Schlägst du auf die goldne Stelle,
Kommt die große Sonnenhitze.

Schlägst du auf die rote Stelle,


Blitze kommen dann und Donner.
Und des Zwergenvaters Gaben
Torsten nahm entgegen dankbar.

Torsten fuhr mit seinen Leuten


Übers Meer in seinem Schiffe,
Bis in einem Fjord geankert
Sie und frische Lachse aßen.

Torsten ließ dort seine Männer


Bei dem Schiffe, ging alleine,
Ging allein durch finstre Wälder,
Sah er hohe Riesen reiten.

Sah er in der Morgenröte


Drei sehr große Männer reiten,
Zwei in scharlachroten Kleidern,
Ritten schnell auf grauen Hengsten.

Einer ritt in goldnen Kleidern


Schnell auf einem weißen Pferde.
Sprach der eine zu den beiden:
Was denn lebt dort bei der Eiche?

Wer denn bist du? Torsten sagte:


Ich bin Torsten, Olafs Krieger.
Sprach der Mann: Ein Krieger bist du?
Ich nenn lieber dich ein Kindlein!

Torsten sprach: Wie ist dein Name?


Sprach der Mann: Ich heiße Godmund,
Bin der Sohn von einem König
Und mir dient das Land der Riesen.

Ich will in das Land der Heiden,


Denn dort herrscht der König Gerhard,
Er soll mich an Vaters Stelle
Nun zu einem König machen.

Zwischen unserm Lande aber


Und dem kalten Land der Heiden
Fließt ein Fluß, der breit und kalt ist,
Eiskalt ist des Flusses Wasser.

Diese zwei an meiner Seite,


Das sind meine besten Helden,
Ist des einen Name Vollkraft,
Ist des andern Name Allkraft.

Torsten sprach: Ich möchte gerne


Mit euch reiten in den Norden.
Godmund sprach: Du aber, Torsten,
Bist doch einer von den Christen,

Die an Jesus Christus glauben!


Aber gut ist es und sicher,
Wenn uns schützt der heilge Olaf,
Darum reite mit uns, Torsten.

Also kamen sie zum Flusse,


Dessen Wasser kalt wie Eis war.
Godmund ritt auf seinem Schimmel
Durch die eisigkalten Fluten.

Torsten auch saß auf dem Schimmel,


Doch berührte mit dem Fuße
Torsten jenes kalte Wasser,
War als ob ein Blitz ihn träfe.

Als sie also drüben waren,


Schlug sich Torsten eine Zehe
Von dem Fuße. Godmund staunte,
Er hielt Torsten für sehr mutig.

Torsten sprach zu Godmund aber:


Ich will unsichtbar begleiten
Euch zum Königreich der Heiden.
Da war einverstanden Godmund.

So sie kamen zu der Halle


In der Burg des Heidenkönigs,
Aßen Fleisch und tranken Rotwein
Und dann gingen sie zu Bette.

Aber an dem nächsten Morgen


Godmund trat zum Heidenkönig.
Gab der Heidenkönig Gerhard
Godmund einen Königsmantel.

Godmund aber hob das Kuhhorn


Voll mit Honigmet und trank es
Aus in Einem Zug und sagte:
Treue schwöre ich dem König!

Unter Gerhards Leuten aber


Waren zwei verstockte Sünder.
Jörkul hieß der eine Sünder,
Frosti hieß der andre Sünder.
Jörkul nun und Frosti fingen
An zu zanken und zu streiten
Und sie stritten sich mit Vollkraft
Und sie stritten sich mit Allkraft.

Sie bewarfen sich mit Knochen,


Sie bewarfen sich mit Schädeln,
Warfen Feuereisenkugeln
Und begannen dann zu ringen.

Groß und stark war wahrlich Vollkraft,


Aber Jörkul war noch stärker,
Groß und stark war wahrlich Allkraft,
Aber Frosti war noch stärker.

Ihre Bosheit ihre Stärke


Und sie hätten auch gewonnen,
Wenn nicht unsichtbar noch Torsten
Seinen Freunden beigestanden.

Torsten siegte mit den Knochen,


Torsten siegte mit den Schädeln,
Mit den Feuereisenkugeln
Und im Ringkampf siegte Torsten.

Aber da kam König Gerhard


An mit einem Menschenschädel,
Der war voll mit schwerem Rotwein,
Gerhard forderte nun Godmund:

Kannst du diesen Menschenschädel


Mit dem schweren roten Weine
Trinken leer in Einem Zuge,
Dann will ich dich gehen lassen.

Aber unsichtbar stand Torsten


Bei dem jungen König Godmund.
Und den Wein des Menschenschädels
Trank er leer in Einem Zuge.

Torsten war ein Held im Kämpfen,


Mehr noch als ein Held im Kämpfen
War ein Held im Trinken Torsten,
Keiner trank so viel wie Torsten!

Godmund, Torsten, Vollkraft, Allkraft,


Gingen nun zu ihren Pferden.
Doch der Heidenkönig Gerhard
Wollte sie nicht gehen lassen.

Torsten aber machte Hagel,


Harte Hagelkörner schlugen
Nun in Stücke Gerhards Halle
Und verletzten auch den König.

Torsten machte Sonnenhitze,


Sonnenhitze schmolz den Hagel,
Überflutete das Wasser
Nun die Burg des Heidenkönigs.

Torsten aber machte Donner,


Torsten aber machte Blitze,
Funken, Flammen, Feuerpfeile,
Und so starb der Heidenkönig.

Aber da erblickte Torsten


Einen großen Apfelgarten.
Godmund Abschied nahm von Torsten,
Sagte: Lob sei Jesus Christus

Und dem heilgen König Olaf!


Wenn du kommst zum heilgen Olaf,
Gib ihm diesen goldnen Becher
Und dies seidenweiße Tischtuch.

Aber in dem Apfelgarten


Torsten schaute eine Jungfrau,
Siv war dieser Jungfrau Name,
Torsten liebte Siv von Herzen

Gleich vom ersten Augenblicke.


Siv und Torsten nun gemeinsam
Nach Thor-Hammerstadt sie zogen
Zu dem heilgen König Olaf.

Heilger Olaf, sagte Torsten,


Lehre Siv den Christenglauben,
Nimm sie auf in Christi Kirche
Durch das Sakrament der Taufe.

Und dann segne unsre Ehe.


Siv ward Torstens Ehegattin
Und sie lebten auf der Insel
Öland in vertrauter Liebe.

Siv ward schwanger dann von Torsten


Und gebar ein süßes Mädchen,
Diese ward genannt mit Namen
Tordis in der Taufe Gottes.

Und dass nicht Gespenster, böse


Geister seine Tordis plagten,
Brachte Torsten an am Hause
Segensreich die Kreuze Christi.

FÜNFTER GESANG

Torsten lebte mit der Gattin


Siv in Thorhallstadt im Seetal.
Ihre kleine Tochter Tordis
War entwöhnt schon von den Brüsten.

Torsten hatte viele Tiere,


Eine große Herde Schafe,
Auf der Weide aber schaurig
Lebte ein Gespenst und Spukgeist.

Keiner wollte Schafe hüten,


Hirte sein bei Torstens Herde.
Torsten ging zum alten Manne
Torodson, sich zu beraten.

Torodson der Alte sagte:


Ich kenn aber einen Hirten,
Der ist grob und ohne Bange
Vor den spukenden Gespenstern,

Gram sein Name, er ist grausam,


Darum fürchten ihn die Leute.
Gram ist leider auch voll Streitsucht,
Stiftet Zank oft unter Leuten.

Aber den nimm dir zum Hirten,


Der nicht bangt vor den Gespenstern.
Torsten ging vom alten Manne
Fort und wollte Gram zum Hirten.

Doch zwei Eselshengste waren


Fortgelaufen, Torsten suchte
Seine beiden Eselshengste,
Da traf er auf Gram, den groben.

Gram war groß und dick wie Ochsen.


Doch sein Haar war wie vom Grauwolf,
Seine Augen kalt und eisern,
Torsten war es fast zum Gruseln.

Was ist deine Lieblingsarbeit?


Fragte Torsten. Gram gab Antwort:
In dem Winter in dem Froste
Andrer Leute Herden hüten.
Torsten sprach: Mich hat beraten
Torodson, ich soll dich nehmen.
Gram der Grobe aber sagte:
Ich behalte meine Freiheit..

Wenn mich überfällt der Ärger,


Werde grimmig ich und zornig.
Torsten sagte: Doch ich nehm dich.
Doch bei meiner Herde spukt es.

Gram der Grobe aber sagte:


Spukgespenster sind mir lieber
Als die Menschen dieser Erde,
Ja, ich mag die Spukgespenster.

Torsten fand die Eselshengste,


Dankte Torodson dem Alten,
Ging dann heim zu Frau und Tochter
Und da kam die schöne Weihnacht.

Gram gekommen war zur Herde,


Weidete im Winter Schafe,
Brüllte donnernd wie der Nordsturm,
Niemand hatte lieb sein Wesen.

Siv auch liebte nicht den Groben,


Siv vor allen, ihn verachtend,
Sagte: Nie traut sich der Unhold
In die liebe Kirche Gottes!

Ohne Glauben, eigensinnig,


Ohne Freundlichkeit des Herzens,
Ohne Lächeln, ohne Liebe,
Stets war grimmig Gram der Grobe.

An dem Tage vor der Weihnacht


Gram verlangte nach dem Essen.
Siv sprach aber, Torstens Hausfrau:
Morgen ist das Fest der Weihnacht,

Und daß Gottes Sohn geboren


Wird in seiner Frommen Herzen,
Wollen wir vorm Feste fasten,
Fasten Gott zum Wohlgefallen.

Grimmig sagte Gram der Grobe:


Besser waren noch die Menschen,
Als sie wilde Heiden waren,
Konnten fressen, konnten saufen!

Siv sprach aber, Torstens Hausfrau:


Dir wird es noch schlecht ergehen!
Gram fraß aber Fleisch in Menge
Und es roch sein Atem übel.

Draußen aber war ein Schneesturm


Und es heulte in den Lüften
Und die Nacht war undurchdringlich,
Gram war ganz alleine draußen.

Torsten, Siv und Tordis gingen


In den Gottesdienst der Weihnacht,
Unsre Liebe Frau zu grüßen,
Die den Gottessohn geboren.

Gram der Grobe blieb verschwunden,


An dem Tage nach der Weihnacht
Suchten alle aus dem Dorfe
Draußen nach dem wilden Heiden.

Und sie fanden nicht die Herde,


Fanden nur noch auf den Bergen
Knochen von den toten Schafen,
Schenkelknochen, Widderschädel.

Sahen eine rote Blutspur,


Gram der Grobe blieb verschwunden.
Wohl das Spukgespenst des Ortes
Hat getötet Gram den Groben.

Später fanden sie die Leiche


Grams, sie wollten seine Leiche
Tragen in die Kirche Gottes,
Konnten doch sie nicht bewegen,

War so schwer des Toten Leiche,


Denn selbst seine Leiche wollte
Christlich nicht begraben werden
In der lieben Kirche Gottes.

Wollten sie die Heidenleiche


Draußen auf dem Feld begraben,
Sollt ein Kreuz auf seinem Grabe
Stehen durch die Hand des Priesters,

Kam der Priester zwar gegangen,


Fand doch nicht des Heiden Leiche,
Sich verbarg die Heidenleiche
Vor dem gottgeweihten Priester.

Nur die Bauern ihn begruben


Unter einem Haufen Steine,
Wandten schauernd sich vom Grabe
Und entflohen mit Entsetzen.
Seit dem Tage seines Todes
Aber spukte Gram der Grobe,
Ritt sein Totengeist im Winter
Immer auf den Häuserdächern,

Ging sein Totengeist im Winter


Durch die Dörfer, durch die Felder
Und zerstörte viele Häuser
Und erschreckte viele Seelen.

Aber in der Zeit des Frühlings


Kam ein großes Schiff gefahren,
Torgaut war darauf der Seemann,
Unbeweibt, allein war Torgaut.

Torsten trat herauf zum Schiffe


Und er sprach zum Schiffer Torgaut:
Willst du meine Herde hüten?
Aber Vorsicht, es gespenstert!

Torgaut aber sprach zu Torsten:


Ich will deine Herde hüten,
Hab nicht Angst vor den Gespenstern,
Was man auch am Abend munkelt.

Also auf der Sommerweide


Torgaut hütete die Schafe,
Aber als die Herbstzeit nahte
Gram der Grobe wieder spukte.

Gram ritt auf den Häuserdächern,


Aber Torgaut sprach zum Toten:
Komm mir einmal nahe, Spukgeist,
Dann will ich dich Saures lehren.

Wieder kam heran die Weihnacht.


Torsten ging mit Siv, der Hausfrau,
Und der jungen Tochter Tordis
In der Weihnacht in die Kirche.

Torgaut aber bei der Herde


Hütete die Schafe draußen,
Schneesturm brüllte an dem Himmel,
Frostigklar die Sterne glänzten.

Siv, die Hausfrau, sprach zu Torsten


Leise in der Kirche Gottes:
Daß nur Torgaut nicht auch sterbe
Und ermordet wird vom Spukgeist.

An dem schönen Weihnachtsfeste


Speisten die gebratne Ente
Siv und Torsten und die Tochter,
Torsten trank vom roten Weine.

An dem Tage nach der Weihnacht


Torsten sprach zur Dorfgemeinschaft:
Laßt uns jetzt nach Torgaut schauen,
Ob er lebt noch bei den Schafen.

Torsten und die Dorfbewohner


Suchten auf der Weide Torgaut,
Fanden nur noch Menschenknochen,
Nur zerbrochne Knochenreste.

Trauernd trugen sie die Knochen


In die liebe Kirche Gottes
Und beerdigten die Knochen
Unter einem Kreuze Christi

Und der Priester weihte Torgaut


Gott dem Herrn und seinem Sohne
Und empfahl die Seele Torgauts
Unsrer Lieben Frau Maria!

Torgaut fand im Himmel Frieden,


Ruhte in dem Schoße Gottes,
Ging nicht um auf dieser Erde
Als Gespenst und böser Spukgeist.

Alle Bauern aus dem Dorfe


Nun verließen ihre Hütten.
Torsten, Siv und Tordis blieben
Ganz allein in ihrem Hause.

Nur ein alter Rinderhirte


Blieb im treuen Dienst bei Torsten.
Eines Tages in dem Winter
Siv ging hin, die Kuh zu melken.

Da sah sie den Rinderhirten,


Tot lag er, entzweigebrochen
Seines Leichnams Menschenknochen
Von dem Spukgeist, Gram dem Groben.

Pferde, Esel, Kühe, Schafe,


Alle mordete der Spukgeist,
Torsten ging mit der Familie
Traurig fort aus seinem Dorfe.

Torsten blieb bei seinen Freunden,


Bis der Winter war vorüber.
Als der Frühling wiederkehrte,
Ist zurückgekommen Torsten.

Frühling kam und Sommersonne,


Aber als die Herbstzeit nahte,
Nahte wiederum der Spukgeist,
Krank ward Tordis, Torstens Tochter!

Tordis starb, die Tochter Torstens,


Durch das Wirken des Gespenstes!
Da kam aus dem fernen Finnland
Hilfe, kam der heilge Torfinn!

Torfinn blieb bei Siv und Torsten,


Die um ihre Tochter klagten.
Torfinn kämpfte mit dem Geiste
Und er siegte in der Weihnacht!

Frostigklar die Sterne strahlten,


Torfinn mit dem Geiste kämpfend
Sah dem Geiste in die Augen
Und entsetzte sich vor Schrecken!

Als des Geistes Sterben nahte,


Sprach der Geist zum heilgen Torfinn:
Du hast mich besiegt durch Stärke,
Durch die Stärke deines Glaubens.

Doch bevor ich ganz vergehe,


Will ich dich verfluchen, Torfinn:
Völlig einsam sollst du leben,
Außenseiter, allen fremd sein,

Immer deine Seele schaue


Meine Augen voll Verachtung,
Immer sollst du leiden, trauern,
Deine Seele bleibt voll Schwermut!

So besiegte diesen Spukgeist


Torfinn durch die Macht des Glaubens.
Torsten und der heilge Torfinn
Brannten das Gespenst zu Asche.

Nie mehr spukte dieser Spukgeist.


Doch der heilge Torfinn wurde
Außenseiter der Gemeinschaft,
Stets war traurig seine Seele.

Aber Torsten und die Hausfrau


Siv beklagten ihre Tochter:
Gott hat Tordis uns gegeben!
Gott hat Tordis uns genommen!
Gottes Name sei gepriesen!
Nackt sind wir zur Welt gekommen!
Nackt wir gehen zu den Toten!
Halleluja! Halleluja!

PETER

ERSTER GESANG

Singe, märchenhafte Muse,


Singe meinen Helden Peter,
Seine Hochzeit mit Maria
Zu dem Ruhme Jesu Christi.

An der Grenze Frieslands lebte


Einst ein Mann mit Namen Bernhard,
Der nahm sich zum Eheweibe
Seine schöne Dorothea.

Dorothea, arm geboren,


War zwar arm, doch auch gebildet,
War voll Tugend und voll Sitte
Und sie liebte ihren Gatten.

Beide hätten gerne Kinder


Von dem lieben Gott empfangen,
Aber Gott gewährte leider
Nicht die Gnade eines Kindes.

Schließlich sie beschlossen beide,


Einen armen Waisenknaben
Als ihr Kind zu adoptieren,
Peter war im vierten Jahre.

Peter, lieblicher und schöner


Als die andern Waisenkinder,
Ward von ihnen großgezogen
Wie die eigne Frucht des Leibes.

Bald geschah es aber dennoch,


Daß die Mutter Dorothea
Schwanger ward vom Gatten Bernhard
Und gebar ein eignes Söhnchen.

Beide Eltern voller Freude


Nannten Valentin das Söhnchen
Nach dem Schutzpatron der Liebe,
Waren sie vor Liebe närrisch.

Doch die Zwietracht (die die Griechen


Eris nannten), sie, die Feindin
Aller Harmonie und Liebe,
Streit sie stiftet unter Brüdern.

Valentin im Kinderspiele
Konnte Peter gar nicht leiden,
Neidisch war er sehr, weil Peter
Schöner war und vielmals klüger.

Valentin im Zorne einmal


Nannte Peter einen Bastard,
Immer wieder rief er Peter
Bastard, immer wieder Bastard!

Peter sprach: Ich bin ein Bastard?


Meine Mutter Dorothea,
Bist du wirklich meine Mutter,
Bernard, bist du auch mein Vater?

Mutter Dorothea sagte:


Nein, ich hab dich nicht geboren.
Diese Worte seiner Mutter
Stachen Peter in die Seele!

Peter war so voll des Jammers,


Hätt sich beinah selbst ermordet!
Dann beschloß er fortzuwandern,
Seine Eltern zu verlassen.

Als das Dorothea hörte,


Da verfluchte sie den Bastard:
Möge eine Meeresnixe
Ihn hinab ziehn in den Abgrund!

Peter aber zog des Weges,


Wanderte hinab gen Süden,
Kam er in den Wald der Fichten,
In die Teuteburger Waldnacht.

Sah er einen Wolf im Walde,


Einen Adler bei dem Wolfe,
Die Ameise war die dritte,
Stritten um den Hirsch, den toten.
Peter aber voller Weisheit
Teilte nun des Hirsches Körper,
Wolf, Ameise, Adler waren
Ganz zufrieden mit dem Urteil.

Da der Undank ist der Welt Lohn,


Doch die Tiere waren dankbar,
Gaben Peter sie die Gabe,
Je nach Wunsch sich zu verwandeln.

Wollte er ein Adler werden,


Spricht er: Wär ich doch ein Adler,
Also gleich wird er zum Adler,
Gleich drauf wird er wieder menschlich.

Also auch mit Wolf, Ameise.


So die Tiere sich bedankten.
Peter wanderte durch Deutschland,
Kam ins Ammerland, das grüne,

Kam nach Oldenburg. Dort sah er


Die Prinzessin voll der Weisheit,
Unsre Liebe Frau Maria,
Die er wollt zur Ehegattin.

Aber auch ein schwarzer Moslem


Wollte freien Sankt Maria.
Sankt Maria wollte lieber
Einen Christen zum Gemahle.

Zum Turnier geladen waren


Graf und Herzog und die Ritter,
Auch der schwarze Moslem kämpfte
Um die Hand der reinen Jungfrau.

Peter aber sah Maria


Droben stehn auf dem Balkone
Mit den andern Edelfrauen,
Vollmond sie im Kreis der Sterne.

Sagte Peter: Wär ich Adler!


Also Adler wurde Peter,
Flog als Adler in die Kammer
Unsrer Lieben Frau Maria.

Hörte Unsre Frau das Rauschen


Seiner Flügel in der Kammer,
Rief sie: Vater in den Himmeln,
Suchst du heim die Tochter Gottes?

Peter sprach: Wär ich Ameise!


Und Ameise wurde Peter,
Krabbelte im langen schwarzen
Haare Unsrer Frau Maria.

Dann stand Peter da als Peter,


Sprach zur Lieben Frau Maria:
Jungfrau, ich will sein dein Sklave,
Mehr dein eigen als ein Sklave!

Wie soll ich bei dem Turniere


Um die Hand der reinen Jungfrau
Als dein Held vor dir erscheinen,
Welche Kleider soll ich tragen?

Sprach Maria: Weißes Linnen


Sollst du tragen, Weiß des Glaubens.
Und Maria schenkte Peter
Edelsteine, Gold und Silber.

An dem Tage des Turnieres


Peter kam im weißen Linnen,
Peter kam im Weiß des Glaubens,
Ritt auf einem weißen Pferde.

Peter kämpfte mit dem Moslem


Um den Ruhmeskranz des Sieges.
Peter siegte. Alle staunten:
Wer ist dieser Unbekannte?

Unsre Liebe Frau Maria


War sehr froh, dass Peter siegte
Und sie dankte Gott im Himmel:
Vater, Danke dir für Peter!

Als die Nacht herbeigekommen,


Setzte Unsre Frau Maria
Sich allein an ihre Tafel,
Speiste Rinderfleisch und Rotkohl,

Hatte vor sich auf dem Tische


Einen roten Wein aus Frankreich.
Stand die Tür zu dem Balkone
Offen, kam herein der Adler,

Setzte Peter sich zu Tische,


Speiste mit der reinen Jungfrau,
Trank mit ihr vom roten Weine,
Der berauschend war wie Liebe.

Sagte Peter zu Maria:


Wie denn soll ich morgen kommen?
Und Maria sprach zu Peter:
Komm im grünen Kleid der Hoffnung!
Peter kam im grünen Kleide,
Wieder im Turniere siegte
Peter in dem Kleid der Hoffnung
Über jenen schwarzen Moslem.

Und am Abend wieder Peter


Speiste mit der reinen Jungfrau,
Trank mit ihr vom roten Weine,
Der berauschend war wie Liebe.

Sagte Peter zu Maria:


Wie denn soll ich morgen kommen?
Und Maria sprach zu Peter:
Komm im roten Kleid der Liebe!

Peter sagte: Meine Herrin,


Wenn ich morgen nicht erscheine,
So darfst du doch nicht verzweifeln,
Sondern weiter an mich glaube.

Und am dritten Tag des Kampfspiels


Nicht erschien im roten Kleide
Seiner Liebe Ritter Peter,
Sondern Peter war verschwunden.

Unsre Liebe Frau Maria


Aber ging im roten Kleide,
Aber ging im roten Rocke,
Unsre Frau der Schönen Liebe!

Peter wanderte zur Nordsee


Und bestieg ein Schiff im Hafen
Norddeich, fuhr zur Insel Baltrum,
Weiter fuhr er auf die Nordsee,

Denn der Fluch der Mutter Peters


Mußte sich zuerst erfüllen.
Aus dem grauen Meer der Nordsee
Tauchte auf die nackte Nixe,

Lang die rötlichblonden Locken,


Klein und straff die Mädchenbrüste,
Vor die Scham hielt sie das Händchen,
Und sie stand auf einer Muschel.

Halb sie zog ihn, halb versank er


In der nackten Nixe Armen.
Doch der Seemann Ulrich Ulrichs
Sah es, sagte es Maria.

Und Maria voller Kummer


Mit dem kleinen Jesuskinde,
Der vier Jahre zählte eben,
Fuhr im Schiffe auf die Nordsee.

Unsre Liebe Frau Maria


Hatte einen Bronze-Apfel,
Hatte einen Silber-Apfel,
Hatte einen goldnen Apfel.

Und Maria kam zur Stelle,


Wo die schöne nackte Nixe
Peter in das Meer gezogen,
Jesulein begann zu weinen.

Unsre Frau, den Herrn zu trösten,


Gab ihm ihren Bronze-Apfel.
Tauchte auf die nackte Nixe,
Sprach die Nixe zu Maria:

Gib mir deinen Bronze-Apfel,


Gib ihn mir zum Preis der Schönheit,
Dann will ich dir Peter zeigen,
Zeige dir das Haupt des Mannes.

Unsre Frau gab Jesu Spielzeug


Nun der Nixe in dem Meere,
Peter tauchte aus dem Meer auf,
Voll sein Bart und dicht sein Haupthaar.

Jesulein begann zu weinen,


Unsre Frau, den Herrn zu trösten,
Reichte ihm den Silber-Apfel,
Sprach die Nixe zu Maria:

Gib mir deinen Silber-Apfel,


Bin die Schönste doch der Frauen,
Dann will ich dir Peter zeigen,
Zeig dir seinen Oberkörper.

Unsre Frau gab Jesu Spielzeug


Nun der Nixe in dem Meere,
Peter tauchte aus dem Meer auf
Mit dem runden Oberkörper.

Jesulein begann zu weinen,


Unsre Frau, den Herrn zu trösten,
Gab ihm ihren goldnen Apfel,
Sprach die Nixe zu Maria:

Gib mir deinen goldnen Apfel,


Sollst den ganzen Peter sehen.
Unsre Frau gab ihr die Goldfrucht,
Und so ward gerettet Peter.

Unsre Frau Maria sagte:


Freund, zur Strafe deiner Sünden
Will ich eine Zeit verschwinden,
Aber suche mich von Herzen!

ZWEITER GESANG

Peter lebte nun in Friesland


In der Burg des Grafen Frieslands,
Bei dem frommen Grafen Ulrich
In der festen Burg von Berum.

Ulrich hatte schöne Töchter,


Drei der Gräfinnen voll Hochmut,
Elsa, Frauke, Kunigunde
Waren voller Stolz und Hoffart,

Aber Annchen war die Jüngste,


Die war hübsch und nett und niedlich,
Die war freundlich, herzlich, lieblich,
War wie eine Schwester Peters.

Aber Unsre Frau Maria


Lebte in dem Ammerlande
Ganz verborgen ihre Kindheit
Träumend unter den Zigeunern.

Ja, sie lebte unter Blumen


Vor der ganzen Welt verschlossen
Und sie sprach nur mit den Pferden,
Spielte mit Zigeunerkindern.

Nichts von dieser Welt gesehen


Hat Maria in der Kindheit,
Blumen, Pferde, Kinder, Engel
Waren ihre Spielgefährten.

So behütet in dem Garten


Der Natur des lieben Gottes
Wuchs sie auf in aller Unschuld,
Rein wie Kinder, schön wie Engel!

Als sie siebzehn Jahre zählte,


Ging im Garten sie spazieren,
War geschmückt mit Gold und Perlen,
Einer Krone auf dem Haupte,
Denn als Fürstin der Zigeuner
Trug sie Schmuck von Perlenketten
Und als Königin der Armen
Eine goldne Himmelskrone.

Doch da kam herab ein Adler


Und aus Gottes stillem Garten
Er die Königin Maria
Riß hinan zum Vater Äther

Und entführte durch den Himmel


Sie, die Fürstin der Zigeuner,
Bis er sich hernieder senkte
Über einem Baum in Berum.

Dieser Baum war eine Eiche,


Die stand vor der Burg von Berum,
Auf der Eiche grünem Wipfel
Stand die Königin Maria.

Und des Grafen Ulrich Gattin


War die fromme Gräfin Folka,
Folka eben stand mit Peter
In dem grünen Park von Berum.

Sprach die Königin Maria:


Himmelskrone, Perlenkette,
Alles möchte ich euch schenken,
Will als schlichte Magd euch dienen.

Zwar ich bin die Himmelsfürstin


Der Zigeuner und der Armen,
Doch vor allem Magd des Höchsten,
Menschendienerin voll Demut.

Also nahm die Gräfin Folka


Unsre Liebe Frau Maria
Auf in ihrer Burg von Berum
Als geringe Magd voll Demut.

Leise sprach die Magd voll Demut:


Ich bin sehr geschickt in Künsten
Und im Handwerk, gib mir Arbeit,
Laß mich weben, spinnen, sticken.

Und die schlichte Magd voll Demut


So geschickt war in den Künsten,
Machte aus den schönen Perlen
Solche schönen Perlenketten,

Daß von Lütetsburg die Fürstin


Zu der Gräfin sprach von Berum:
Diese schlichte Magd voll Demut
Ist wohl eine Himmelsfürstin!

Aber Peter, unerleuchtet,


Nicht erkannte die Geliebte,
Doch dann gingen ihm die Augen
Auf vor Unsrer Frau Maria,

Als er eines Nachts alleine


Trat in ihre stille Kammer,
Sah er Unsre Frau Maria
Stehn in reinem weißen Linnen

Und das Linnen ihres Kleides


Straffte über ihren Brüsten
Sich wie eine weiße Rose!
Schaute er der Jungfrau Antlitz

Von so femininer Anmut,


Aber auch zugleich voll Trauer,
Und er schaute ihre Augen
An wie Doppel-Abendsterne,

Und aus ihren Augenquellen


Strömten Menschentränen, tropften
Auf die straffen vollen Brüste,
Rannen in den Schoß der Jungfrau!

Eben in dem Augenblicke,


Da die Tränentropfen rannen
Strömend in den Schoß der Jungfrau,
Sah er einen Pfeil aus Feuer,

Schaute Peter einen Seraph,


Der den spitzen Pfeil aus Feuer
Peter schleuderte entgegen
Und durchbohrte so das Herz ihm,

Daß gestorben ist aus Liebe


Peter von dem Pfeil des Engels,
Von dem Feuerpfeil des Seraphs,
Von der Schönheit der Madonna!

Nun kam Gottes Magd Maria


Vors Gericht des Grafen Ulrich,
Richterinnen seine Töchter
Elsa, Kunigunde, Frauke.

Elsa sprach, Maria solle


Büßen siebzig lange Jahre,
Kunigunde grimmig sagte,
Büßen soll sie vierzig Jahre,
Frauke sprach von sieben Jahren.
Aber Annchen war voll Güte:
Büßt Maria sieben Jahre
In dem Turm der Burg von Berum,

Soll des toten Peter Leiche


Bei ihr liegen in dem Kerker.
So saß nun die Magd gefangen,
Bei ihr lag der tote Peter.

Weinte Gottes Magd drei Jahre


Um des toten Peter Leiche,
Kam vom Himmel her der Adler
Und erschien vorm Kerkerfenster,

Fallen ließ er sieben kleine


Adlerjungen, tote Vögel,
Ließ ein Kraut hernieder fallen,
Das die Toten auferweckte.

Gottes Magd verstand die Botschaft


Und sie nahm das Kraut vom Boden
Und erweckte Peters Leiche,
Er erwachte, sah Maria!

Da kam Ulrichs Tochter Annchen,


Brachte Trank und brachte Speise,
Brachte Peter die Gitarre,
Die sonst Gräfin Folka spielte.

Peter in dem Arm Mariens


Spielte jede Nacht Gitarre
Und die blauen Töne schluchzten
Aus der Einsamkeit des Kerkers.

Als vergangen sieben Jahre


In der Einsamkeit des Kerkers,
Kam von Lütetsburg der Häuptling
Und er hörte die Gitarre.

Sprach er: Wer lässt die Gitarre


Solche blauen Tönen weinen?
Herzenstrauer ist kein Übel,
Sondern Bitternis und Härte,

Aber die Gitarrentöne


Sind voll Zärtlichkeit der Seele
Und die blauen Töne weinen
Weiche Wehmut sanfter Liebe!

So Maria kam mit Peter


Hand in Hand aus dem Gefängnis.
Elsa, Kunigunde, Frauke
Aber mochten nicht Maria.

Sprach Maria: Was begehrt ihr?


Elsa sagte: Milch und Honig!
Kunigunde sagte: Käse!
Frauke sagte: Brot und Knoblauch!

Und Maria schenkte Elsa


Einen Krug von Rosenquarze
Mit geschmolznem Gold als Honig
Und die Milch war weiße Jade.

Gottes Magd gab Kunigunde


Einen Brocken Gold als Käse,
Als Gewürz, statt Petersilie,
Dienten Splitter von Smaragden.

Und Maria schenkte Frauke


Statt des Brotes eine Truhe
Ganz aus Silber und statt Knoblauch
Schenkte sie ihr einen Jaspis.

Aber Unsre Frau Maria


Schenkte Annchen diese Gnade:
Jesus kam, berührte Annchen,
Heilte sie an Leib und Seele!

Doch zu Peter sprach Maria:


Nie vergiß die Todesstunde
Und wer dich erweckt vom Tode!
Suche mich von ganzem Herzen!

DRITTER GESANG

Peter lebte nun in Norddeich


Mit der Lieben Frau Maria
In der allerbesten Freundschaft,
Auch war Jesulein bei ihnen.

Peter und Maria oftmals


Gingen Hand in Hand spazieren.
Sahen sie drei Rosen stehen,
Eine weiße, rote, goldne.

Peter pflückte eine rote


Rose für die reine Jungfrau
Und Maria tat die Rose
Im Gemach in eine Vase.

In der Mitternacht im Dunkel


Hörte Peter eine Stimme:
Peter, öffne meine Blüte,
Schließe auf den Kelch der Rose!

Peter sprach zur reinen Jungfrau:


Jungfrau, hast du mich gerufen?
Sprach die Liebe Frau zu Peter:
Nein, ich hab dich nicht gerufen.

Da trat Peter zu der Vase,


Zu der roten Rosenblüte.
Aus der Rose stieg ein Mädchen,
Sprach: Ich bin die Herrin Rosa!

Ich will deine Liebste werden,


Aber Unsre Frau Maria
Sollst du töten, o mein Peter,
Mich zum Eheweibe nehmen!

Peter aber wollte niemals


Unsre Frau Maria töten!
Doch er warf sie in den Kerker
Und vergnügte sich mit Rosa!

Aber an dem Morgen nahte


Jesulein, da sah er Rosa,
Sprach er: Wo ist meine Mutter?
Rosa ist nicht meine Mutter!

Herrin Rosa sprach zu Jesus:


Ich bin aber Herrin Rosa,
Ich bin wahrlich deine Mutter,
Ich bin wahrlich deine Herrin!

Ich, die schönste Herrin Rosa,


Bin die Herrin aller Leute,
Ich bin auch die Herrin Peters,
Alle Menschen meine Sklaven!

Gab ihr einer Widerworte,


Ward sie wild wie eine Wölfin.
Jesus aber hörte weinen
Seine Mutter in dem Keller.

Und Maria weinte bitter:


Gib mir nur ein Stück des Brotes!
Jesus reichte durch das Gitter
Ihr ein kleines Stück des Brotes.
Aber krank ward Herrin Rosa,
Tod bedrohte Herrin Rosa,
Also sagte sie zu Jesus:
Jesus, reise du nach Frankreich

Und in Lourdes geh zu der Quelle


Und vom Wasser schöpf ein Fläschchen,
Daß der Quell von Lourdes mich heile,
Geh du fort und komm bald wieder!

Jesus nahm zuerst noch Abschied


Von Maria, seiner Mutter,
Dann nahm er ein Schiff nach Frankreich,
Fuhr zum Golfe von Gascogne.

An dem Fuß der Pyrenäen


Sah er seinen Pflegevater,
Josef mit den grauen Haaren,
Josef mit dem grauen Barte.

Josef stand mit einer Flasche


Rotwein von Bordeaux am Fuße
Des Gebirges melancholisch
Und er sprach zum Pflegesohne:

O mein Liebling! O mein Liebling!


Schöpfe nur in Lourdes das Wasser,
Aber kehrst du heim nach Friesland,
Geh zuerst in jene Kammer,

Die verschlossen ist mit Siegeln,


Die bewacht wird von den Schwestern
Rosas. Diese Schwestern heißen
Schwester Blanka, Schwester Aura.

Kommst du aber in die Kammer,


Tu was du nur immer möchtest,
Liebe Gott und alle Seelen
Und dann du was du nur möchtest.

Jesus mit dem Fläschchen Wasser


Von der Quelle kehrte wieder,
Kam zur Burg der Schwestern Rosas,
Grüßte er die beiden Schwestern.

Schwester Blanka, weißgekleidet,


Sie glich einer weißen Rose.
Schwester Aura, goldgekleidet,
Sie glich einer goldnen Rose.

Dann trat Jesus in die Kammer,


Die verschlossen war mit Siegeln,
Dort sah er drei Kerzen brennen,
Eine weiße, rote, goldne.

Und er wusste, wenn er ausbläst


Diese Kerzen, werden sterben
Rosa und die beiden Schwestern,
Waren ihre Lebenslichter.

Ausblies er die weiße Kerze,


Schwester Blanka ist gestorben,
Ausblies er die goldne Kerze,
Schwester Aura ist gestorben!

Dann nahm er die rote Kerze


Mit der Lebensflamme Rosas,
Jesus eilte so zu Peter
Und zu Peter sagte Jesus:

Welches Leben ist dir lieber,


Welche Liebe ist dein Leben,
Hier die stolze Herrin Rosa
Oder dort die Muttergottes?

Peter sprach: Die Muttergottes


Ist die Liebe meines Lebens!
Jesus sagte drauf zu Peter:
Also lösch die rote Kerze!

So verlosch die Herrin Rosa.


Schwarzer Qualm stieg in die Lüfte.
Kam Maria aus dem Keller,
Jesus reichte ihr das Fläschchen,

Und Maria gab das Fläschchen


Peter und sie sprach zu Peter:
Trink du stets aus diesem Fläschchen,
Jeden Abend leer das Fläschchen,

Nie wird leer sein dieses Fläschchen,


Immer wieder will ich’s füllen!
Hüte dich vor fremden Frauen!
Wandre fort von diesem Orte,

Später will ich dir begegnen,


Sollst in Oldenburg mich suchen,
Bleib mir treu und treu bleib Jesus,
Zieh nach Oldenburg, Geliebter!

VIERTER GESANG
Anna und Joachim waren
Alte Leute, unfruchtbare,
Hatten leider keine Kinder,
Gott versagte ihnen Kinder.

Eines Tages aber Anna


Schaute Gabriel, den Engel,
Gabriel zu Anna sagte:
Anna, du wirst schwanger werden.

Anna aber sprach zum Engel:


Ich, die unfruchtbare Alte?
Und der Engel sprach zu Anna:
Wirst gebären einen Apfel!

Wahrlich, Anna wurde schwanger,


Schwanger Anna war neun Monde,
Dann gebar sie einen Apfel,
Allerschönste Paradiesfrucht.

Und Joachim tat den Apfel


Fromm auf eine Silberschale,
Die lag auf dem Gartentische
In dem Oldenburger Garten.

Gegenüber diesem Garten


Lebte Peter mit dem Freunde
Mark, sie lasen in der Bibel,
Sangen früh und spät den Lobpreis.

Eines Abends hörte Peter


Mark ihn von der Dachterrasse
Rufen: Peter, komm, ein Wunder!
Schau, ein Mädchen wie ein Wunder!

Peter von der Dachterrasse


Sah hinüber in den Garten.
Auf der Schale lag der Apfel,
Aus dem Apfel stieg ein Mädchen!

Wusch das Mädchen sich mit Wasser,


Kämmte sich die langen Haare!
Also schaute König David
Aphrodisisch die Bathseba!

Die geboren aus dem Apfel,


Nannte Peter theologisch
Neue Eva, dritten Himmels
Königin des Paradieses!

Dann verschwand die Neue Eva


Wieder in der Paradiesfrucht.
Peter aber voller Liebe
War fortan zur Neuen Eva.

In der ersten Morgenröte


Peter ging zur alten Anna:
Anna, höre meine Bitte,
Bitte gib du mir den Apfel!

Aber Anna sprach erschrocken:


Bei den Schmerzen meiner Wehen,
Wer ist würdig zu empfangen
Diese süße Paradiesfrucht?

Aber Peter bat mit Flehen


Und er bettelte so lange,
Bis ihm Anna gab den Apfel.
Peter brachte ihn nach Hause.

Peter schloß in seiner Zelle


Ein sich mit der Paradiesfrucht,
Schaute allezeit das Mädchen
Waschen sich, die Haare kämmen,

Ihre langen schwarzen Haare


Kämmen, die noch feucht vom Bade,
Legen an die Hauchgewande
Und den Muschel-Liebreizgürtel!

Wie ein Mystiker verschwiegen


Peter lebte in der Zelle
Nur mit seiner Paradiesfrau,
Mit des Apfels Neuer Eva.

Zu der Zeit sprach Dorothea,


Die sich Peters Mutter nannte,
Zu dem Freunde Mark: Mein Söhnchen
Will mich gar nicht mehr besuchen

Und nicht speisen mehr den Rotkohl


Und nicht mehr den Rinderbraten
Mit Kartoffeln, sondern einsam
Bleibt er nur in seiner Zelle.

Peter aber ward gerufen


In den schönen Süden Deutschlands
Und in Heidelberg im Schlosse
Er studiert die Minnehandschrift

Und studierte Ich und Nicht-Ich


Und die absolute Freiheit
Bei dem roten Wein des Südens
Aus dem Heidelberger Fasse.

Da kam aber Dorothea


Aus dem Norden zu der Wohnung
Peters, sprach zu Mark: Mein Söhnchen
Will, dass ich die Kammer putze.

Mark gab also ihr den Schlüssel.


Dorothea in der Zelle
Sah den Apfel auf der Schale.
Eifersüchtig auf den Apfel

Nahm den Dolch sie aus der Scheide


Und erstach die Paradiesfrucht!
Da verblutete der Apfel
Und voll Blut war Peters Kammer!

Dann zog Dorothea wieder


In den hohen Norden. Aber
Mark sah in der Kammer Peters
Nun die Frucht in ihrem Blute!

Mark rief: Wehe, weh dir, Lilith,


Du Dämonenbraut des Teufels!
Mark verließ die Wohnung eilig
Und er wanderte nach Hamburg.

Aber auf dem Wege schaute


Mark Sankt Gabriel, den Engel,
Sprach zu Mark der Engel Gottes:
Kehre um zu deinem Freunde,

Nimm mit dir den Balsam Gottes,


Mit dem Balsam heil den Apfel,
Wecke auf die Paradiesfrau,
Die der Herr bestimmt für Peter.

Mark kam wieder in die Wohnung,


Wo er sonst mit Peter lebte,
Er belebte nun den Apfel,
Gab der Neuen Eva Wasser.

Da kam aber Peter wieder


Von der Heidelberger Brücke
Und dem Neckar und er grüßte
Liebevoll die Neue Eva.

Sprach die Neue Eva lächelnd:


Dorothea wollt mich töten,
Mark gab mir das neue Leben,
Und nun bin ich reif zur Hochzeit!
Peter gingen auf die Augen:
Diese schöne Neue Eva
In der Frucht des Paradieses
War die Liebe Frau Maria!

FÜNFTER GESANG

Als in Oldenburg war Peter,


Liebte er drei schöne Frauen,
Freundinnen der Seele Peters,
Seine lieben Seelenschwestern.

Marianne war die erste,


War die älteste von dreien,
Katharina war die zweite,
Eva aber war die Jüngste.

Kamen in der Mittagsstunde


Drei gemeine grobe Kerle,
Nahmen sich die Seelenschwestern
Peters rasch zu Ehefrauen.

Kam ein Schweinehirte, stinkend,


Der nahm sich die Marianne,
Kam ein Jäger, mordbegierig,
Der nahm sich die Katharina,

Kam zuletzt ein Totengräber,


Der nahm sich die junge Eva.
Peters Seelenschwestern haben
Alle ihn sogleich verlassen.

Peter war allein in seiner


Oldenburger Zelle, betend
Schlief er ein und träumte: Selig,
Wen küsst die geheime Rose!

Rosa Mystica, dein Küssen


Ist berauschender als Rotwein!
Peter wachte auf und wollte
Küssen die geheime Rose.

Peter suchte allerorten


Der geheimen Rose Lippen,
Wanderte von Land zu Lande,
Kam nach Lourdes im schönen Frankreich.

Und in Lourdes an seiner Quelle


Sah er einen kleinen Knaben,
Sah ihn weinen, tat ihn trösten,
Rief der Knabe seine Mutter.

Seine Mutter Marianne


War, die Seelenschwester Peters,
Die begrüßte ihren Bruder
Froh mit großen Mondenaugen.

Auch ihr Schweinehirt inzwischen


War veredelt von der Liebe
Und der Schweinehirte schenkte
Peter goldne Schweineborsten.

Peter wanderte nach Russland


Und dort traf er Katharina,
Die ihn drückte an den Busen,
Weinte große Kullertränen.

Und ihr Jäger war inzwischen


Auch veredelt von der Liebe
Und der wilde Jäger schenkte
Peter goldne Vogelfedern.

Peter wanderte nach China


Und er traf die junge Eva,
Er war ganz entzückt von Eva,
Seiner Seelenschwestern Schönsten.

War dieweil der Totengräber


Auch veredelt von der Liebe
Und er schenkte Peter Knochen,
Goldenes Gebein von Toten.

Eva aber sprach zu Peter:


Rosa Mystica? Ich hörte
Schon von der geheimen Rose,
In Jerusalem ihr Schloß steht!

Willst du die geheime Rose


Einmal sehen, einmal küssen,
Wende dich an ihre Amme,
Santa Paula Margarethe!

Peter wallte Psalmen singend


Nach Jerusalem, begrüßte
Santa Paula Margarethe,
Der geheimen Rose Amme.

Peter fand der Amme Wohnung,


Santa Paula Margarethe
Nahm ihn auf wie einen eignen
Sohn, geborn auf ihrem Schoße.
Und der lieben Amme Wohnung
Gegenüber lag dem Schlosse,
Wo nun die geheime Rose
Früh auf dem Balkon erschienen.

O der transparente Körper


In kristallner Zauberseide!
O die süßen Rosenlippen!
Küssen will ich, küssen, küssen!

Peter wäre fast vor Wonne


Hingestürzt zur Mutter Erde,
Doch die liebe alte Amme
Hielt ihn fest mit Mutterarmen.

Die geheimnisvolle Rose


Will ich freien, sagte Peter.
Sprach die Amme: Du musst wissen,
Wer die Rose freien möchte,

Wird geprüft vom Vater König.


Oder scheints dir ein geringes,
Röschens Ehemann zu werden
Und ein Schwiegersohn des Königs?

Peter sprach: Ich möchte sterben,


Um die Rose zu gewinnen,
Für den Ehebund mit Röschen
Geb ich hin mein ganzes Leben!

Und die Amme sprach zu Peter:


Röschen liebt Musik, vor allem
Die Klaviermusik von Schubert,
Das romantische Piano.

Peter kaufte ein Piano,


Schenkte das Klavier dem König,
Peter aber sich versteckte
In dem Schoße des Piano.

Und der König Vater schenkte


Seiner Tochter das Piano,
In dem Schlafgemach der Rose
Tönte das Klavier im Mondschein.

Peter stieg aus dem Piano:


O geheimnisvolle Rose,
Rosa Mystica Maria,
Ich will küssen, sag ich, küssen!

Mit dem roten Mund Maria


Küsste Peter auf die Lippen!
Scharlachrote Schnur der Lippen,
Wie benetzt mit rotem Weine!

O die Wonne dieses Kusses!


Die Ekstase dieses Kusses!
Unaussprechlich weiß zu küssen
Unsre Liebe Frau Maria!

Sprach Maria leise lächelnd:


Freund, der Vater wird dich prüfen,
Er wird mich verbergen heimlich,
Du musst mich alleine finden.

In der siebenten, geheimen


Wohnung in dem Königsschlosse
Wird der Vater mich verbergen,
Doch ich helf dir, mich zu finden.

Trag dies Medaillon am Halse,


Dann wirst du mich sicher finden.
In der siebten Kammer aber
Wartet deine letzte Prüfung.

Sind dreihundert Königinnen,


Siebenhundert Konkubinen,
Schön wie Göttinnen des Himmels,
Lustvoll in dem Brautgemache!

Königinnen, Konkubinen
Sollst du schaun, doch widerstehen!
Und erwählen dir die Eine,
Deine Feine, deine Reine!

Wirst du unter all den Frauen


Auch die Liebe Frau erkennen?
Küss das Medaillon am Halse,
Dann will ich mich offenbaren.

Sprach die Liebe Frau Maria,


So geschah es, wie sie sagte,
Peter die geheime Rose
Fand, erwählte und erkannte!

Nun der Vater König prüfte


Peter: War gefüllt ein Zimmer
Bis zum obern Rand mit Früchten:
Iß sie auf an Einem Tage!

Peter nahm die Schweineborsten


Von dem Manne Mariannes,
Warf sie in das volle Zimmer,
Schweine fraßen auf die Früchte.

Nun der Vater König prüfte


Peter: Schläfre die Verlobte
Ein mit einem süßen Singsang,
Daß sie früh am Abend einschläft!

Peter nahm die Vogelfedern


Von dem Manne Katharinas,
Warf sie in die Lüfte, Vögel
Sangen süß ein Wiegenliedchen!

Nun der Vater König prüfte


Peter: Soll ein kleiner Knabe
Über Nacht fünf Jahre alt sein,
Peters und Mariens Kindlein!

Peter nahm den Totenknochen


Von dem Mann der schönen Eva,
Wurde draus ein kleiner Knabe,
War fünf Jahre alt der Knabe.

Sprach der Knabe zu Maria:


Meine liebe Himmelsmutter!
Sprach das liebe Kind zu Peter:
O mein vielgeliebter Pate!

Peter legte zu Maria


Zärtlich sich aufs Ehelager,
Zärtlich streichelnd ihren Rücken,
Zärtlich streichelnd ihre Hüfte.

AVE MARIA!

TALMUD

ERSTER GESANG

Die Zerstörung, ach, von Zion,


Durch Verwechslung eines Namens
Ward herbeigeführt. In Zion
Nämlich lebte ein Gerechter,

Einen Freund besaß der Edle,


Einen Feind besaß der Edle,
Deren Namen waren ähnlich,
Kamza und Barkamza nämlich.

Lud der Edle ein zum Gastmahl


Kamza, lud durch seinen Diener,
Doch der Diener aus Versehen
Lud Barkamza ein zum Gastmahl.

Kam Barkamza zu dem Gastmahl,


Wies der Wirt ihn vor die Türe,
Ganz vergeblich bat Barkamza,
Ihn doch nicht so zu beschämen

Vor den andern edlen Gästen,


Doch der Wirt verwies Barkamza,
Soll er doch sein Haus verlassen,
Und er ward hinausgewiesen.

Um zu rächen die Beschämung,


Aus Empörung ging Barkamza
Nun nach Roma und verklagte
Alle Juden bei dem Kaiser.

Alle Juden und Hebräer


Seien feindlicher Gesinnung
Gegen Romas großen Cäsar,
Also will er das beweisen.

Schicke doch der Cäsar Romas


Rasch ein Opfertier nach Zion,
Ob die Juden dieses opfern
Oder nicht auf dem Altare.

Gab ein Opfertier der Kaiser,


Gab ein fehlerloses Opfer.
Römer auch und auch die Juden
Opfern nur das Fehlerfreie.

Aber Juden und Hebräer


Sehen das als einen Fehler,
Ist verletzt die Oberlippe
Oder eins der Augenlider.

Römer aber sehen solche


Tiere an als fehlerlose.
Auf dem Weg zur Tochter Zion
Brachte listig nun Barkamza

Cäsars Opfertier von Roma


Wunden an der Oberlippe
An und an dem Augenlide,
Das es sei ein fehlerhaftes.
Kam er zu der Tochter Zion,
Rieten die Rabbinen friedlich,
Zur Versöhnung mit dem Kaiser
Dennoch dieses Tier zu opfern.

Aber Rabbi Sekaria


Von der strengen Richtung meinte,
Dieses dürfe man nicht opfern,
Sonst erzürne man den Höchsten.

Also sprachen die Rabbinen:


Töten also wir Barkamza,
Daß er nicht dem Cäsar Romas
Von der Weigerung berichte!

Aber Rabbi Sekaria


Sagte: Tötet nicht Barkamza,
Denn auf fehlerhaftes Opfern
Steht doch nicht die Todesstrafe.

Abgewiesen ward das Opfer.


Cäsar aber sandte Neron,
Seinen Feldherrn, mit dem Heere
Zu dem Tor der Tochter Zion.

Neron vor dem Tor von Zion


Schoß die Pfeile seines Bogens
Ostwärts, südwärts, westwärts, nordwärts,
Alle flogen sie nach Zion.

Neron sprach zu seinem Knaben:


Deute mir den Vers der Bibel:
Ich will mich an Edom rächen
Durch das Gottesvolk der Juden!

Denn die Juden sagten Edom


Zu der großen Wölfin Roma.
Und der Feldherr Neron dachte
Bei dem Vers und bei den Pfeilen:

Gott will seinen Gottestempel


Nun zerstören durch die Römer,
Dann durchs Gottesvolk der Juden
Rache nehmen an den Römern.

Neron also sagte: Gott will


Seinen Tempel nun zerstören
Und die eigne Hand abwischen
Am Gewande eines andern.

Und der Feldherr konvertierte


Zu dem Einen Gott der Juden,
Eilte fort vom Heere Romas.
Von ihm stammte Rabbi Meier.

ZWEITER GESANG

Damals in der Tochter Zion


Waren ehrenhafte Männer,
Reiche Leute, reich an Gnade,
In Jerusalem gepriesen:

Nikodemon hieß der eine,


Kalba Ben Sabua zweitens,
Zizit Ben Ha-Keset drittens,
Ihre Namen Ehrennamen.

Denn man sagt von Nikodemon:


Pilger kamen einst nach Zion,
Gab es aber keinen Regen,
Lieh er sich zwölf Wassergruben

Und versprach, die Wassermenge


Bald zurückzugeben oder
Sie entsprechend ihrem Werte
Sonst mit Gelde zu bezahlen.

Doch die Frist, zurückzuzahlen,


War gekommen, Nikodemon
Wars nicht möglich, das geliehne
Wassermaß zurückzugeben.

Also sollte er mit Silber


Dieses Wassers Wert erstatten.
Nikodemon flehte Gott an,
Bat den ganzen Tag um Regen.

Siehe, in der Abendstunde


Der erflehte Regen strömte.
Nikodemon also konnte
Seine Wasserschuld erstatten.

Der Verleiher aber sagte:


Ist doch schon die Abendstunde
Und der Tag vorbeigegangen,
Also zahle mir mit Silber.

Wieder flehte Nikodemon


Gott an, dass der Allerhöchste
Gebe den Befehl der Sonne,
Abends nochmals aufzugehen.

Wirklich wirkte Gott das Wunder!


Darum heißt er Nikodemon.
Nikod nämlich heißt: Der Aufgang,
Emon nämlich heißt: Die Sonne.

Und der zweite Mann der Ehre


War freigebig über Maßen.
Wer zu ihm kam voller Hunger,
Fortging wie ein sattes Hündchen.

Kalba Ben Sabua darum


Hieß der Mann mit Ehrennamen,
Das bedeutet: Sattes Hündchen,
Heißt: Das Hündchen ward gesättigt.

Und des dritten Mannes Namen


Heißt: Die religiösen Schnüre
Hängen an dem Saum des Kleides
Und sie streifen stets den Teppich.

Zizit heißen diese Schnüre,


Keset aber heißt der Teppich.
Immer ging er auf dem Teppich,
Denn er lebte reich im Luxus.

Andre Weise aber sagen,


Dieses Mannes wahrer Name
Sei Ben Zizit, denn er trug die
Religiösen Schnüre immer,

Aber Keset sei ein Titel,


Keset auch bedeutet Sessel,
Denn es stand des Mannes Sessel
Bei der Römerfürsten Sesseln.

DRITTER GESANG

Martha war des Boethos Tochter,


Reichste Frau der Tochter Zion.
In der Zeit der Not des Hungers
Schickte sie zum Markt den Diener:

Kaufe mir vom feinsten Mehle!


Kam der Diener aber wieder:
Feinstes Mehl ist aber alle,
Grobes Mehl ist noch zu haben.
Kaufe mir vom groben Mehle!
Kam der Diener aber wieder:
Grobes Mehl ist aber alle,
Gerstenmehl ist noch zu haben.

Kaufe mir vom Gerstenmehle!


Kam der Diener aber wieder:
Gerstenmehl ist aber alle,
Ausverkauft das Mehl von Gerste!

Martha, so verwöhnt, verzärtelt,


Sie ging nie sonst auf der Straße,
Zog sich an nun ihre Schuhe,
Selbst die Nahrung sich zu suchen.

Auf der Straße aber Martha


Trat in einen Haufen Unrat
Und sie starb an diesem Unrat.
So erfüllte Gottes Wort sich:

Wenn das Gottesvolk der Juden


Nicht beachtet Gottes Weisung,
Wird es sein gleich einem Weibe,
Einem Weib, verwöhnt, verzärtelt,

Das in Üppigkeit gelebt hat,


Setzte nicht die sanften Sohlen
Ihrer Füße auf die Erde
Vor Verzärtelung und Luxus!

Andre Weise aber sagen,


Daß bei ihrer Nahrungssuche
Martha Boethos fand die Feige
Des berühmten Rabbi Zadok,

Aß die Feige von der Straße,


Weil sie solchen Hunger hatte,
Aber starb an dieser Feige
Des berühmten Rabbi Zadok.

Rabbi Zadok hat gefastet,


Vierzig Jahre lang gefastet,
Daß der Tempel Salomonis
Nicht zerstört wird von den Römern.

Rabbi Zadok ward so mager


Und durchsichtig, jeder Bissen,
Den er speiste, war zu sehen
In dem transparenten Körper.

Wenn er aber nach dem Fasttag


Leiblich sich erquicken wollte,
Nahm er abends eine Feige
In den Mund, den Saft zu saugen.

War gesaugt der Saft der Feige,


Spie er aus die alte Feige.
Solche Feige Rabbi Zadoks
Martha aß und ist gestorben.

Aber kurz vor ihrem Tode


Warf sie all ihr Gold und Silber
Auf die Straße, da sie ausrief:
Was nützt mir noch Gold und Silber!

So erfüllte Gottes Wort sich:


Und sie werden all ihr Silber
In den Kot der Gossen werfen
Und ihr Gold als Dreck erachten!

VIERTER GESANG

Hauptmann der Barjonen-Räuber


War Sikara, Räuberhauptmann,
Schwestersohn des weisen Rabbi,
Rabbi Joachanan Ben Sakkai.

Rief der Rabbi seinen Neffen


Heimlich, sprach zu seinem Neffen:
Ach wie lang wollt ihrs noch treiben,
Daß die Stadt am Hunger naget?

Sprach der Neffe, sprach Sikara:


Was denn soll ich tun, mein Onkel?
Sag ich etwas zu den Räubern,
Werden mich die Räuber töten.

Sprach der Onkel, sprach der Rabbi:


Bring du mich aus diesem Hause,
Denn wenn ich erst bin in Freiheit,
Kann ich etwas tun für Zion.

Sprach der Neffe Räuberhauptmann:


Stell dich krank, leg dich aufs Lager,
Lege auf dein Lager etwas
Faules, dass man dich für tot hält.

Also tat der weise Rabbi.


Traten an sein Sterbelager
Rabbi Elieser unten,
Rabbi Jehoschua oben.
Trugen sie des Rabbi Leichnam
An die Pforte seines Hauses,
Wollten die Barjonen-Räuber
Ihn mit einem Dolch durchbohren.

Sprach der Schwestersohn, der Hauptmann:


Nicht so, meine Brüder Räuber,
Sonst wird man in Roma sagen:
Juden töten ihre Lehrer!

Wollten die Barjonen-Räuber


Schlagen den verschiednen Rabbi,
Seinen schweren Leichnam schlagen
Mit den Fäusten und den Füßen.

Sprach der Schwestersohn, der Hauptmann:


Nicht so, meine Brüder Räuber,
Sonst wird man in Roma sagen:
Juden schlagen ihre Lehrer!

Also kam der weise Rabbi


Wohlbehalten in die Freiheit.
Zu Vespasianus sprach er:
Heil, o König, Heil, o König!

Sprach Vespasianus aber:


Du verdienst den Tod gleich zweimal!
Denn du nennst mich einen König,
Doch ich bin ja gar kein König.

Und zum andern musst du sterben,


Denn wenn ich ein König wäre,
Warum kommst du dann erst heute
In mein Königtum von Roma?

Also sprach der weise Rabbi:


König bist du. Wärst du nämlich
Nicht ein König, könntest niemals
Du Jerusalem erobern.

Denn es steht geschrieben also:


Libanon wird durch den Addir
Fallen! Addir, das heißt König,
Denn es steht geschrieben also:

Einst aus Bethlehem in Juda


Soll der Addir kommen, wahrlich,
Kommen wird der wahre Herrscher
Einst aus Bethlehem in Juda!

Libanon, das ist der Tempel,


Denn es steht geschrieben also:
Laß mich sehen doch die gute
Landschaft jenseits von dem Jordan

Und das Libanon-Gebirge.


Dieses Libanon-Gebirge
Ist das Heiligtum, der Tempel,
Ist das Haus des Allerhöchsten.

Aber da du so gesprochen:
Wenn ich aber König wäre,
Was bist du erst jetzt gekommen
In mein Königtum von Roma?

So, Vespasianus, sag ich:


Die Barjonen-Räuber haben
Mich gehindert, diese Räuber,
Die gefangen mich gehalten.

So Vespasianus sagte:
Zünde an die Stadt, befreie
Dich von den Barjonen-Räubern
Durch die Reinigung des Feuers!

Schau dir an ein Faß voll Honig,


Windet sich darum ein Drache,
Mußt du dieses Faß zerbrechen,
Ums vom Drachen zu befreien.

Stille schwieg der weise Rabbi.


Seine Weisheit war am Ende.
Rabbi Josef aber sagte:
Darum steht geschrieben also:

Gott die Weisheit macht der Weisen


Und die Zeichen all zunichte
Und verblödet ihr Verständnis,
Kinder preisen dann den Schöpfer!

Rabbi Sakkai sollte sagen


Zu Vespasian, dem Römer:
Ist ein volles Faß mit Honig,
Windet sich darum ein Drache,

Siehe, nimmt man eine Zange


Und entfernt den bösen Drachen,
Tötet dann den bösen Drachen,
Bleibt so heil das Faß voll Honig!

FÜNFTER GESANG
Ein Gesandter kam aus Roma
Zu Vespasianus, sagend:
O der Kaiser ist gestorben,
Tot ist Cäsar, tot ist Cäsar!

Doch die Edlen Romas haben


Dich, Vespasian, berufen,
Neuer Kaiser Roms zu werden.
Heil dir, Cäsar, Heil dir, Cäsar!

Und Vespasianus wollte


Eben seinen Schuh anziehen,
Zog sich an den Schuh, den einen,
Konnte nicht den andern anziehn.

Wollte er den Schuh, den ersten,


Ausziehn wieder, doch es ging nicht,
Wollte er den andern anziehn,
Das auch ist ihm nicht gelungen.

Fragte er den weisen Rabbi


Jochanan, was das bedeute.
Sagte Jochanan, der Rabbi:
Habe keine Angst, mein Kaiser,

Gute Nachricht ist gekommen,


Denn es steht geschrieben also:
Schau, es wird die gute Nachricht
Wahrlich fett das Bein dir machen.

Was soll ich nur tun? sprach aber


Zu dem Rabbi Romas Kaiser.
Laß du einen Menschen kommen,
Dem du abgeneigt von Herzen,

Sagte Jochanan, der Rabbi,


Denn es steht geschrieben also:
Ein getrübter Mut im Herzen
Wahrlich lässt das Bein vertrocknen.

Und Vespasian befolgte


Diesen Rat des weisen Rabbi,
Es gelang ihm und er konnte
Nun den zweiten Schuh anziehen.

Rabbi, wenn Ihr also klug seid,


Warum kamt Ihr dann nicht früher?
Sagte Jochanan, der Rabbi:
Hab die Antwort schon gegeben.
Sprach Vespasian, der Römer:
Ich gab auch dir schon die Antwort.
Aber nun geht fort der Kaiser,
Sendet einen andern Römer.

Bitte, was soll ich dir geben?


Sprach der Rabbi: Herr, verschone
Du die Akademie von Jabne
Und die Weisen ihrer Halle.

Setze wieder ein die Söhne


Rabbi Gamliels, des Weisen,
In das Nasiratsgelübde
Und das gottgeweihte Leben.

Sende Rabbi Zadok Ärzte!


So bat Jochanan, der Rabbi.
Aber Rabbi Josef sagte:
Das sind keine klugen Bitten.

Hätte Jochanan doch lieber


Für Jerusalem gebeten,
Frieden für die Tochter Zion,
Frieden für den Tempel Gottes.

Aber Jochanan, der Rabbi,


So zu Rabbi Josef sagte:
Hätt so Großes ich erbeten,
Wärs mir nicht gegeben worden.

Und es wäre auch das Kleine


So mir nicht gegeben worden.
Also wurden meine Bitten
Doch erhört von meinem Kaiser.

Und es heilten weise Ärzte


Rabbi Zadok solcherweise:
Gaben ihm am ersten Tage
Suppe nur von feiner Kleie,

Gaben ihm am zweiten Tage


Suppe nur von grober Kleie,
Gaben ihm am dritten Tage
Suppe nur von Gerstenmehle.

SECHSTER GESANG

Titus kam zur Tochter Zion,


Vor dem Tor der Tochter Zion
Rief er: Wo sind ihre Götter,
Wo der Fels, auf den sie trauen?

Also lästerte und fluchte


Titus gegen Gott den Höchsten:
Voller Grausamkeit der Höchste
Ein Verderber ist der Menschen!

Titus griff sich eine Hure,


Ging mit ihr ins Tabernakel,
Nahm sich eine Tora-Rolle,
Legte flach sie auf den Boden

Und beging mit seiner Hure


Hurerei und wüste Unzucht
Auf der Tora-Rolle, wehe!
In dem Tabernakel, wehe!

Titus nahm ein Schwert und bohrte


Durch des Tabernakels Schleier,
Spritzte Blut hervor, ein Wunder,
Blutete des Tempels Schleier!

Sagte Titus: Hat doch Titus


Gar getötet eine Gottheit!
Herr Gott, deine Widersacher
Brüllen laut in deinem Tempel!

Wer ist so wie du geduldig,


Herr Gott, wer ist so geduldig,
Hörst du diese Lästerungen
Eines wüsten Frevlers schweigend!

Herr, wer ist dir gleich, o Gottheit,


Ähnlich unter allen Göttern?
Herr, wer ist dir gleich, o Gottheit,
Ähnlich unter allen Stummen?

Und was tat der Frevler Titus?


Titus nahm des Tempels Schleier,
Formte ihn zu einem Sacke,
Tat hinein Gerät des Tempels,

Stieg aufs Schiff und fuhr nach Roma,


Dort in Rom zu triumphieren.
Ich sah Menschen, gottlos frevelnd,
Sich vom Heiligtum entfernend

Und vergessen wurden diese


In der Stadt, die Frevler gottlos,
Die zusammenrafften alles,
Diese triumphierten gottlos.
Doch auf seiner Fahrt nach Roma
Hob vor Titus sich die Welle,
Drohte Titus zu ertränken,
Gleich dem Mühlstein zu ersäufen!

Sagte Titus: Scheint der Juden


Gott sich voller Kraft und Stärke
Auf dem Meer zu offenbaren,
Will ich ihm an Land begegnen.

Klang vom Himmel eine Stimme:


Frevler, Sohn von einem Frevler,
Sohn von Esau, den ich hasse,
Siehe die geringe Mücke,

Tritt aufs feste Land und kämpfe


Dort mit der geringen Mücke!
Eindrang die geringe Mücke
Ins Gehirn durch Titus’ Nase,

Stach dort Titus sieben Jahre.


Titus stand vor einer Schmiede,
Hörte dort des Hammers Schläge,
Hörten auf die Mückenstiche.

Titus stellte einen Schmied an,


Stets zu schlagen mit dem Hammer.
Gab dem Römer-Schmied vier Taler,
Nichts gab er dem Judenschmiede.

Und die Mücke? Sie gewöhnte


Bald sich an die Hammerschläge,
Wieder stach mit Mückenstichen
Sie im Hirn den Frevler Titus.

Als gestorben war der Frevler,


Schnitt man auf des Frevlers Schädel,
Fand in Titus Hirn die Mücke,
Sie war groß wie eine Taube.

Sagte Abbaji: Wir wissen


Von der Taube des Gerichtes!
Ganz aus Kupfer ist ihr Schnabel,
Ganz aus Eisen ihre Zähne.

SIEBENTER GESANG

Noch vor seinem Tode Titus


Setzte fest, dass seine Leiche
Man verbrennen solle und die
Asche in die Meere streuen,

In die sieben Meere streuen


Solle man des Leichnams Asche,
Daß der Zorn des Juden-Gottes
Ihn nicht zu Gerichte fordre!

Onkelos Bar Kalonikos


War der Schwestersohn des Titus.
Dieser wollte konvertieren
Zum Gesetz des Judentumes.

Er beschwor den Geist des Titus


Vorher aber von den Toten:
Wer ist angesehn im Jenseits?
Israel, Geliebter Gottes,

Sagte Titus. Sprach der Neffe:


Soll ich also konvertieren?
Titus sagte: Die Gesetze
Sind zu zahlreich bei den Juden

Und man kann sie nicht befolgen.


Schwestersohn, bedräng sie lieber,
Werde Oberhaupt der Juden,
Ihre Widersacher steigen!

Sprach der Schwestersohn, der Neffe:


Wie wird denn gerichtet droben?
Sprach der Onkel: Nach den Werken,
Wie du lebst, so wirst du leben.

Täglich sammle man die Asche


Seiner Leiche, sagte Titus,
Setze sie erneut zusammen
Und verbrennt sie immer wieder

Und zerstreut sie immer wieder


In den sieben Weltenmeeren.
Also sprach der Geist des Titus,
Der Verfluchte von dem Höchsten.

Onkelos ließ nun erscheinen


Bileam, den Geist des Sehers.
Wer ist droben angesehen?
Israel, der Gottgeliebte,

Sagte Bileam, der Seher.


Soll ich also konvertieren?
Fragte Onkelos den Seher
Und der Geist des Sehers sagte:

Suche nicht den Frieden Zions,


Suche nicht das Beste Zions,
Suche du dein ganzes Leben
Nicht das Heil der Tochter Zion!

Sagte Bileam. Der Neffe


Frug: Wie wird gerichtet droben?
Sagte Bileam: Mit Sperma,
Ja, mit feuerheißem Sperma!

Bileam wars nicht gelungen,


Jakob grimmig zu verfluchen,
Töchter Midians berief er
Darauf, Jakob zu verführen.

Onkelos ließ nun erscheinen


Rabbi Jesus Nazarenus,
Haupt des Neuen Wegs, der Sekte,
Der sich Der Messias nannte!

Wer ist angesehn im Jenseits?


Fragte Onkelos, der Römer.
Israel, der Gottgeliebte,
Sagte Jesus Nazarenus.

Soll ich also konvertieren?


Fragte Onkelos, der Römer.
Jesus Nazarenus sagte:
Such das Heil der Tochter Zion,

Für Jerusalem den Frieden!


Wer die Tochter Zion angreift,
Angreift Gottes Stern des Auges,
Den Augapfel Meines Vaters!

Wonach wird gerichtet drüben?


Fragte Onkelos, der Römer.
Jesus Nazarenus sagte:
Einzig nach dem Maß der Liebe!

ACHTER GESANG

Wegen eines stolzen Hahnes


Und der anvertrauten Henne
Ist der Königsberg Moria
In der Nacht vernichtet worden.
Denn es war der Brauch in Zion,
Daß bei einem Hochzeitszuge
Bräutigam und Braut vereinigt
Hahn und Henne mit sich trugen.

Dieses um so anzudeuten:
Fruchtbar sollt ihr sein, euch mehren
Wie der Hahn tut mit der Henne,
Und bekommen viele Küken!

Aber einem Hochzeitszuge


Sind begegnet Roms Soldaten,
Diese nahmen weg die Henne
Und den Hahn den Hochzeitsleuten.

Aber alle Hochzeitsgäste


Überfielen Roms Soldaten,
Schlugen nieder Roms Soldaten,
Die sich Hahn und Henne raubten.

Da erzählte man dem Kaiser,


Daß die Juden sich empörten.
Zog der Kaiser mit Soldaten
Gegen die Rebellen Zions.

Aber unter den Rebellen


War ein starker Mann mit Namen
Bardaroma. Mit nur einem
Sprunge sprang er eine Meile.

Dieser metzelte die Römer.


Tat der Kaiser seine Krone
Auf die Mutter Erde, betend:
Jovis, Herr des ganzen Weltalls,

Wenn es dir gefällt, o Vater


Aller Götter, aller Menschen,
Gib mein Reich nicht in die Hände
Eines einzigen Rebellen.

Bardaroma ist gestrauchelt


Durch die Sünde seiner Zunge:
Herr Gott, du hast uns verstoßen!
Ziehst nicht aus mit unserm Heere!

David sprach dieselben Worte,


Aber trauernd, nur als Frage:
Herr Gott, hast du uns verstoßen?
Ziehst nicht aus mit unserm Heere?

Sprach der Kaiser: Da ein Wunder


Sich ereignet, will ich lassen
In der Tochter Zion walten
Ruh und Frieden diese Tage.

Voller Freude alle Juden


Trafen sich zu einer Feier,
Nachts zu einem Festgelage,
Tranken reichlich Wein von Kana,

Aßen Brot und Fleisch von Lämmern,


Spielten mit den Saitenspielen,
Schlugen Zymbeln, schlugen Pauken
Und die jungen Mädchen tanzten!

Und es brannten Freudenfeuer


In der Nacht so hell erleuchtend,
Daß man Siegelringe sehen
Konnte noch in weiter Ferne.

Und dreihunderttausend Krieger


Zogen zu dem Königsberge,
Mordeten zur linken Seite
Sieben Tage, sieben Nächte,

Während man zur rechten Seite


Feierte ein Festgelage,
Fleisch aß, Wein trank, Mädchen tanzten
Sieben Tage, sieben Nächte.

NEUNTER GESANG

Rab Manjome Bar Chalkija,


Rab Chilkija Bar Tobija
Und der Rabbi Huna Chija
Saßen einst beim Wein zusammen.

Wer weiß etwas von der Ortschaft,


Von Sekanja in Ägypten?
Wer was weiß, der solls erzählen
Bei dem Rotwein seinen Freunden.

Einer von den Freunden sagte:


War ein Brautpaar in Sekanja
Einst gefangennommen worden
Und verkauft als arme Sklaven.

Der Besitzer nun vermählte


Seinen Sklaven mit der Sklavin.
Sprach die Braut zum Bräutigame:
O mein Bräutigam, Geliebter,
Ohne Dokument der Ehe,
Offizieller Eheschließung,
Bitt ich dich, mein Vielgeliebter,
Mich nicht lüstern zu berühren!

Er berührte sie sein Leben


Lang nicht lüstern und erotisch.
Als er dann gestorben, sagte
Seine Braut von seiner Keuschheit.

Also in der Trauerrede


Pries der Rabbi seine Keuschheit,
In Bezwingung der Begierde
War er größer noch als Josef.

Denn der junge Träumer Josef


Aus dem Alten Testamente,
Alten Testamentes Josef
War nur Einmal in Versuchung,

Jener aber Tag um Tage,


Jener aber Nacht um Nächte.
Alten Testamentes Josef
Teilte mit dem geilen Weibe

Potiphera nicht das Lager,


Während jener, den wir preisen,
Mit der eigenen Gemahlin
Schlief zusammen in dem Bette.

Alten Testamentes Josef


Ward versucht vom fremden Weibsstück,
Aber jener, den wir preisen,
Stand hielt er bei seiner Gattin!

Und ein andrer Rabbi sagte:


In Sekanja einst geschah es,
Alles Essen wurde teuer,
Allzu teuer auf dem Markte.

Als man suchte nach dem Grunde,


Fand als Grund man diese Sünde,
Daß ein Sohn mit seinem Vater
Einmal am Versöhnungstage

Sich vergangen haben beide


Voller Lust an einer Jungfrau,
Die verlobt war einem Manne,
Sie erkannten sie am Festtag.

Also brachte man die beiden,


Brachte Sohn und Vater beide
Vor Gericht, sie wurden beide
Dann nach dem Gesetz gesteinigt.

Drauf erreichten auf dem Markte


Wiederum die Preise ihren
Frühern Stand, man konnte essen
Und das Essen auch bezahlen.

Und der dritte Rabbi sagte:


Es geschah einst in Sekanja,
Wollt ein Mann sich scheiden lassen,
Doch die Scheidung ist verboten.

Rabbi Jesus Nazarenus


Sagte: Scheidung ist verboten,
Scheidung ist verboten, außer
In dem Fall der Unzuchtsklausel.

Lud der Gatte also Gäste


Ein und machte sie betrunken,
Legte sie aufs Bett und legte
Eiweiß zwischen seine Gäste.

Also sollten alle denken,


Daß die Ehefrau des Hauses
Lüstern Hurerei getrieben
Mit den Gästen ihres Gatten.

Rief herbei der Gatte Zeugen,


Zu bezeugen im Gerichte.
War ein weiser Greis der Richter,
War sein Name Babben Buta.

Sprach der Richter Babben Buta:


Also lehrten mich die Weisen:
Es gerinnt durch Feuer Eiweiß,
Sperma weicht zurück vorm Feuer.

Untersuchte nun der Richter


Diese Sache, fand die Unschuld
Der Gemahlin, ward der Gatte
Zu der Geißelung verurteilt.

Abbaji zu Rabbi Josef


Also sprach: Wenn in Sekanja
Die Bewohner edel waren,
Warum ward zerstört die Ortschaft?

Darauf sagte Rabbi Josef:


Weil sie über die Zerstörung
Von Jerusalem nicht weinten,
Nicht geklagt um Tochter Zion.

Freut euch mit der Tochter Zion,


Freut euch über Tochter Zion,
Alle, die ihr über Tochter
Zion traurig seid gewesen!

Freut euch an der Tochter Zion,


Denn nun dürft ihr saugen, Kinder,
An den Brüsten ihres Trostes
Wie an Gottes Mutterbrüsten!

ZEHNTER GESANG

Rabbi Chija Abbin sagte


In des Rabbi Jehoschua
Namen: Sprach ein alter Weiser
Aus Jerusalem die Worte:

Babels Fürst Nebukadnezar


Sandte einst Nebusaradan,
Seinen Feldherrn, gegen Zion,
Krieg zu führen gegen Zion.

Und Nebusaradan nannte


Man mit einem zweiten Namen
Rab Tebachim, das bedeutet:
Dieser große Menschenschlächter!

Dieser hat zweihundertdreizehn


Myriaden Menschenkinder
Hingeschlachtet und in Zion
Vierundneunzig Myriaden

Menschenkinder hingeschlachtet,
Mordend sie auf einem Steine,
Daß ihr Blut zum Blut geflossen
Des Propheten Sekaria,

Der im Tempel ward ermordet.


Also sich das Wort erfüllte
In dem Buche des Hosea:
Und das Blut das Blut berührte.

Er, Nebusaradan, merkte


Wie das Blut des Sekaria
Kochend aufstieg, und er fragte:
Was hat das nun zu bedeuten?
Er erhielt zur Antwort dieses:
Dieses ist das Blut der Opfer,
Opfer, die geschlachtet wurden,
Blut, das hier vergossen wurde!

Und Nebusaradan schaute


Und verglich das Blut des Sehers
Mit dem Opferblut der Opfer
Und er sah, es war nicht ähnlich.

Darauf sprach er zu den Leuten:


Sagt ihr nichts mir als die Wahrheit,
Ist es gut, doch sprecht ihr Lügen,
Will ich euch das Fleisch abziehen.

Was denn sollen wir dir sagen,


Sagten jene, ein Prophet war
Unter uns, der uns mit Gottes
Worten oft zurechtgewiesen.

Doch wir haben den Propheten


Angefallen und getötet!
Viele Jahre sind vergangen,
Doch sein Blut ward nimmer ruhig.

Sprach Nebusaradan: Aber


Ich mach dieses Blut nun ruhig.
Und er nahm vom Hohen Rate
Priester, tötete die Priester.

Doch das Blut ward noch nicht ruhig,


Des Propheten Blut, es kochte.
Nahm der Feldherr Knaben, Mädchen,
Kinder, tötete die Kinder.

Doch das Blut ward noch nicht ruhig,


Des Propheten Blut, es kochte.
Nahm der Feldherr kleine Kinder,
Kindlein, tötete die Kindlein.

Doch das Blut ward noch nicht ruhig,


Des Propheten Blut, es kochte.
O Sekaria, Prophete,
Rief er, soll ich Alle schlachten?

Da beruhigte sich der Seher


Und sein Blut, es kochte nimmer.
Schlug dem Feldherrn das Gewissen,
Peinigte den Menschenschlächter,

Sagte er zu seiner Seele:


Wenn man wegen der Ermordung
Eines heiligen Propheten
So viel muß zur Sühne opfern,

Was wird mit dem Mann geschehen,


Der da alle diese Seelen
Umgebracht und hingeschlachtet,
Priester, Knaben, kleine Kindlein?

Und er lief davon und sandte


Rasch sein Testament nach Hause,
Trat zum Judentume über,
Konvertierte zum Messias!

ELFTER GESANG

Jakobs Stimme, diese Stimme!


Esaus Hände, diese Hände!
Jakobs Stimme ist der Kaiser
Hadrian, ist Romas Cäsar.

Alexandrien in Ägypten
Schaute Hadrian, den Kaiser,
Wie der Kaiser zweimal sechzig
Myriaden Menschen mordet,

Zweimal sechzig, also doppelt


So viel als die sechzig Seelen
Juden, die dereinst verlassen
Das Ägyptenland Mizraim.

Jakobs Stimme ist der Kaiser


Hadrian, ist Romas Cäsar,
Der in Bettur-Stadt vierhundert
Myriaden Menschen mordet.

Esaus Hände, diese Hände!


Diese sind das Reich von Roma,
Das verbrannt den Tempel Gottes,
Uns aus unserm Land vertrieben.

Siehe, eine andre Deutung:


Jakobs Stimme, diese Stimme!
Kein Gebet ist jemals wirksam,
Stammts nicht von den Kindern Jakobs.

Diese Hände, Esaus Hände!


Keiner ist im Kriege siegreich,
Keiner wird im Kampfe siegen,
Stammt er nicht von Esaus Söhnen.
Rabbi Elieser sagte:
Du wirst nur geborgen werden
Durch die Kraft der Zunge, also
Durchs Gebet wirst du gerettet.

Sprach Jehuda in dem Namen


Seines Rabbis: Was bedeutet:
Saßen an den Wassern Babels,
Weinend dachten wir an Zion?

Damit ist gesagt, der Höchste


Prophezeite dem Psalmisten
König David die Zerstörung
Dieses Tempels Salomonis.

Der Ruin des Ersten Tempels


Steht geschrieben in den Worten:
An den Wasserflüssen Babels
Saßen wir und weinten bitter!

Der Ruin des Zweiten Tempels


Steht geschrieben in den Worten:
Denke an die Söhne Edoms,
Die zerstören, die vernichten!

Rab Jehuda sprach im Namen


Samuels und manche sagen
In dem Namen Rabbi Ammis
Diese Worte der Legende:

Einst vierhundert junge Knaben


Und vierhundert junge Mädchen
Sind gefangennommen worden
Und bestimmt zu einer Schändung.

Als die Kinder aber merkten,


Was die bösen Frevler planten,
Sprachen sie: Wenn wir uns alle
Stürzen in die Meereswogen,

Kommen wir dann in den Himmel,


In das Leben in dem Jenseits?
Sprach der Klügste unter ihnen:
Sprach der Herr doch diese Worte:

Holen will ich euch aus Baschan,


Holen aus der Meerestiefe!
Baschan, das heißt Löwenzähne,
Rettung aus dem Löwenrachen.

Rettung aus der Meerestiefe


Gott verheißt den Menschen, welche
Sich in Meerestiefen stürzen,
Rufen an den Namen Gottes!

Als die Mädchen dieses hörten,


Sind sie in das Meer gesprungen.
Daraufhin die Knaben sprachen:
Wenn sogar die Mädchen springen,

Dann erst recht die Knaben springen.


Also sprangen auch die Knaben
Alle in die Meereswogen
Und ertranken in der Tiefe.

Spricht die Schrift: Wir sind geachtet


Wie die Schafe, die man schlachtet,
Opfert sie auf den Altären,
Alle Tage Opferlämmer!

Rab Jehuda sagte: Diese


Lämmer, die geschlachtet werden,
Sind der Mutter sieben Söhne,
Die man brachte vor den Kaiser.

Sprach der Kaiser zu dem Ersten:


Bete an den Heidengötzen!
Sprach der Sohn: Es steht geschrieben:
Ich bin Jahwe, deine Gottheit!

Ward der erste Sohn ermordet.


Sprach der Kaiser zu dem Zweiten:
Bete an den Heidengötzen!
Sprach der zweite Sohn zum Kaiser:

Aber also steht geschrieben:


Du sollst keine andern Götter
Oder Göttinnen anbeten
Neben Jahwe, deiner Gottheit!

Ward der zweite Sohn ermordet,


Sprach der Kaiser zu dem Dritten:
Bete an den Heidengötzen!
Sprach der dritte Sohn zum Kaiser:

Wer den Heidengötzen opfert,


Fremden Göttinnen und Göttern,
Und nicht einzig Gottheit Jahwe,
Sei verbannt aus Gottes Lande!

Ward der dritte Sohn ermordet.


Sprach der Kaiser zu dem Vierten:
Bete an den Heidengötzen!
Sprach der vierte Sohn zum Kaiser:

Aber also steht geschrieben:


Heute hab ich dir geboten,
Anzubeten keine andre
Gottheit als die Gottheit Jahwe!

Ward der vierte Sohn ermordet.


Sprach der Kaiser zu dem fünften:
Bete an den Heidengötzen!
Sprach der fünfte Sohn zum Kaiser:

Höre, Israel, Geliebter,


Jahwe, unsre Gottheit, Jahwe,
Ist allein die wahre Gottheit,
Einig Eins und die All-Einheit!

Ward der fünfte Sohn ermordet.


Sprach der Kaiser zu dem Sechsten:
Bete an den Heidengötzen!
Sprach der sechste Sohn zum Kaiser:

Heute aber sollst du wissen,


Jahwe Gottheit ist im Himmel,
Jahwe Gottheit ist auf Erden,
Keine Gottheit ist als Jahwe!

Ward der sechste Sohn ermordet.


Sprach der Kaiser zu dem Letzten:
Bete an den Heidengötzen!
Sprach der letzte Sohn zum Kaiser:

Jahwe hast du heut geschworen,


Jahwe hat dir heute geschworen!
Jahwe ist mein Gott, ich schwöre,
Jahwe schwört: Du bist mein Liebling!

Sprach der Kaiser zu dem Sohne:


Meinen Siegelring mit meinem
Bilde werf ich auf die Erde,
Bücke dich und heb den Ring auf!

Sprach der letzte Sohn zum Kaiser:


Weh dir, Kaiser, weh dir, Kaiser,
Deine eigne Ehre suchst du,
Sollst nur suchen Gottes Ehre!

Ward der letzte Sohn ermordet.


Sprach der sieben Söhne Mutter:
Laß mich einmal nur noch küssen
Meinen siebten Sohn, den Liebling!
Sprach die Mutter zu dem Liebling:
Liebling! Geh nach deinem Tode
Rasch zu Abraham, dem Vater,
Sprich dann zu dem Patriarchen:

Du hast einen Sohn geopfert,


Aber ich die sieben Söhne!
Klang vom Himmel eine Stimme:
Fröhlich ist der Kinder Mutter!

ZWÖLFTER GESANG

Rabbi Simon sagte einmal:


Tora-Worte bleiben dem nur,
Der bereit ist, für die Tora
All sein Leben hinzugeben.

Darum heißt es auch bei Mose:


Das ist Tora, Jungfrau Tora,
Wenn ein Weiser in dem Zelte
Stirbt, ja stirbt in seinem Lehrhaus.

Rab Jehuda sagte: Aber


Was bedeutet dieser Schriftvers:
Meiner Seele Augen weinen
Um die Töchter meiner Ortschaft?

Wohl vierhundert Schulen waren


Einst in Bettur und vierhundert
Lehrer und vierhundert Schüler,
Fromme Schüler, kleine Kinder.

Als der Feind drang in die Schulen,


Stachen die vierhundert Lehrer
Mit den langen Zeigestöcken
Auf den Feind ein, doch er siegte,

Nahm gefangen alle Lehrer,


Nahm gefangen alle Schüler,
Band sie ein in Pergamente
Und verbrannte sie im Feuer!

Jehoschua Ben Chananja


Einst, der Rabbi, kam nach Roma,
Sagte man zu ihm, in Roma
Sei ein wundervoller Knabe,

Schön die Augen dieses Knaben,


Schön das Angesicht des Knaben,
Goldne Locken seine Haare,
Lange Locken, feine Haare,

Dieser Knabe sei gefangen.


Rabbi Jehoschua stellte
Sich vor das Gefängnis, rufend
Dieses Schriftwort von Jesaja:

Wer hat Jakob übergeben,


Um den Jakob auszurauben,
Wer gab Israel den Räubern,
Israel, den Gottgeliebten?

Rief der wunderschöne Knabe


Laut durch das Gefängnisgitter,
Was Jesaja weiter sagte,
Denn er kannte die Propheten:

Jahwe tats, weil wir gesündigt,


Denn sie wollten nicht auf seinen
Wegen wandeln und gehorchten
Nicht den göttlichen Gesetzen.

Rabbi Jehoschua sagte:


Ich bin sicher, dieser Knabe
Wird in Israel ein Lehrer,
Wird ein Meister einer Schule.

Bei dem Gottesdienste schwör ich,


Eher nicht zu weichen, bis ich
Diesen wundervollen Knaben
Freigekauft aus dem Gefängnis.

Rabbi Jehoschua wirklich


Kaufte frei ihn aus dem Kerker
Und der Knabe ward ein Meister,
Rabbi Jischmael Elischa.

DREIZEHNTER GESANG

Siehe, Rabbi Levi sagte:


Es gab eine Frau mit Namen
Zofnat Peniel. Der Name
Zofnat heißt: Die Angeschaute,

Weil die alten Männer alle


Sich umschauten nach der Schönen,
Tochter sie des Hohenpriesters,
Der am Tabernakel diente.
Einmal wurde sie gefangen
Und der Räuber sie missbrauchte,
Sie die ganze Nacht missbrauchte
Nach der bösen Lust der Sünder.

Aber in der Morgenröte


Hüllte er in sieben Schleier
Zofnat, führte sie zum Markte,
Auf dem Markt sie zu verkaufen.

Kam ein Mann, der war sehr hässlich,


Sagte: Zeig mir ihre Schönheit!
Laß mich ihre Schönheit schauen,
Ob ich sie erlangen möchte.

Sprach der Räuber: Übeltäter,


Wenn du sie doch nehmen möchtest,
Nimm sie, auf der ganzen Erde
Ist kein zweites Weib so reizend!

Doch der Kerl sprach: Dennoch will ich


Schaun die offenbare Schönheit!
Zofnat zog sich aus, sechs Kleider,
Und das siebte Kleid zerriß sie,

Wälzte sich im Staub und sagte:


Gottheit, Schöpfer aller Schöpfung,
Willst du Zofnat auch nicht schonen,
Aber schone deinen Namen!

Zofnat Peniel beklagte


Einst der Seher Jeremia
In der Klagelieder Versen
Rhytmisch schön und alphabetisch:

O du Tochter meines Volkes,


Tochter, kleide dich in Sacktuch,
Tochter, leg dich in die Asche,
Trage Leid in deiner Seele,

Leid wie um den Erstgebornen,


Klag wie Eine voller Kummer,
Denn der Räuber ist gekommen,
Er ist über dich gekommen!

Rab Jehuda sprach im Namen


Seines Rabbi diese Worte:
Was bedeutet dieses Schriftwort
Wohl bei dem Propheten Micha:

Also treiben sie Gewalttat


Mit dem Mann, dem Haus, dem Erbe?
Zu der Deutung dieses Wortes
Hör die folgende Geschichte:

War ein Zimmermannsgeselle,


Sah die Gattin seines Meisters,
Warf ein Auge voll Begierde
Auf die Frau des Zimmermannes!

Einmal musste sich der Meister


Schekel leihen beim Gesellen.
Sprach zum Meister der Geselle:
Zimmermann, schick deine Gattin,

Denn der Gattin will ich leihen.


Und der Zimmermann und Meister
Zu dem Zimmermann-Gesellen
Schickte seine Ehegattin.

Und der Zimmermann-Geselle


Mit des Zimmermannes Gattin
War zusammen für drei Tage,
War zusammen für drei Nächte.

Nach drei Tagen kam der Meister


Zu dem Zimmermann-Gesellen,
Sagte: Wo ist meine Gattin,
Wo die Herrin meines Hauses?

Sprach der Zimmermann-Geselle:


Gleich als sie zu mir gekommen,
Hab ich ihr das Geld gegeben,
Darauf ist sie fortgezogen.

Ich hab ein Gerücht vernommen,


Daß ein Kerl sie auf dem Wege
Voller Lustbegier erkannte
Und ihr lag am nackten Busen!

Sprach der Zimmermann und Meister:


Was nur soll ich tun, Geselle?
Sprach der Zimmermann-Geselle:
Meister, lasse du dich scheiden!

Sprach der Meister: Nein, das geht nicht,


Geb ich ihr den Brief der Scheidung,
Muß ich sie mit Geld entlassen
Und das kann ich nicht bezahlen.

Sprach der Zimmermann-Geselle:


Ich will leihen dir die Schekel,
So kannst du die Frau entlassen,
Der ein andrer lag am Busen!

Und der Zimmermann und Meister


Schied sich von der Ehegattin
Und der Zimmermann-Geselle
Nahm sie sich zum Eheweibe.

Als der Zimmermann und Meister


Nun zurückzuzahlen hatte
Den Kredit, den er genommen,
Konnte er es nicht bezahlen.

Sprach der Zimmermann-Geselle:


Meister, du kannst abarbeiten
Den Kredit, den ich verliehen,
Fleißig sei in meiner Werkstatt.

Kam der Meister nun zur Arbeit,


Saß das Ehepaar zusammen,
Aß Oliven, Nüsse, Käse,
Brot und trank vom Wein aus Kana.

Doch der Meister musste dienen,


Ihnen dienen an der Tafel.
Aus den Augen flossen Tränen,
Tränen tropften in den Becher.

VIERZEHNTER GESANG

Rabbi Ischmael Ben Rabbi


Josef, dieser stark Beleibte,
Rabbi Eleasar Schimon,
Ebenfalls ein stark Beleibter,

Diese standen beieinander.


Und berührten sich die Bäuche,
Unter ihren dicken Bäuchen
Ging hindurch ein Rinderwagen.

Eine füllige Matrone


Einmal sprach zu diesen Meistern:
Eure Kinder sind nicht eure,
Meister, denn mit solchen Bäuchen

Kommt ihr doch an eure Weiber


Nicht heran, im Schoß zu zeugen.
Doch da sprachen diese Meister
Zu der fülligen Matrone:
Unsre Weiber sind noch dicker!
Unsrer Weiber schöne Leiber
Sind noch dicker als die unsern,
Aber sie sind unsre Weiber!

Sprach die füllige Matrone:


Umsomehr gilt diese Wahrheit:
Eure Kinder sind nicht eure,
Ihr erreicht des Weibes Schoß nicht!

Sprachen daraufhin die Meister


Und zitierten aus der Bibel:
Wie der Mann, so seine Stärke!
Und dann sprachen diese Meister:

Liebe, sie verdrängt den Körper!


Warum gaben denn die Meister
Antwort der Matrone? Siehe,
Steht geschrieben in den Sprüchen:

Gib der Närrin keine Antwort


Nach der Weise ihrer Torheit,
Sonst erlangen deine Kinder
Schlechten Ruf und üblen Nachruhm.

FÜNFZEHNTER GESANG

Rabbi Jochanan behauptet:


Ja, es war das Glied des Rabbi
Ischmael so groß und prächtig
Wie ein Schlauch, der fasst neun Liter!

Rabbi Papa aber sagte:


Ja, es war das Glied des Rabbi
Jochanan so groß und prächtig
Wie ein Schlauch, der fasst fünf Liter!

Manche Rabbis aber sagten:


Ja, es war das Glied des Rabbi
Jochanan so groß und prächtig
Wie ein Schlauch, der fasst drei Liter!

Rabbi Jochanan behauptet:


Ich bin Einer von den Schönsten
In der Tochter Zion Toren,
Ich bin Einer von den Schönsten!

Wer die Schönheit schauen möchte


Rabbi Jochanans, der nehme
Einen neuen Silberbecher,
Eben erst poliert und glänzend,

Fülle diesen Silberbecher


Mit Granatfruchtsamen, roten,
Kränze ihn mit roten Rosen,
Hebe ihn dann in die Sonne.

Dann erhält man solch ein Glänzen,


Das ein Abglanz ist des Glanzes,
Der vom Angesicht des Rabbi
Jochanan als Lichtglanz ausstrahlt!

Aber das ist nicht die Wahrheit,


Denn mein Meister hat gesprochen:
Also schön ist Rab Kakama
Wie der schöne Rab Abahu,

Rab Abahus Schönheit ähnlich


Ist der Schönheit Vater Jakobs,
Unsres Vaters Jakobs Schönheit
Schön ist wie die Schönheit Adams!

Rabbi Jochanan wird aber


Nicht erwähnt von meinem Meister.
Fehlt des Angesichtes Zierde
Ihm doch, als da ist der Vollbart.

SECHZEHNTER GESANG

Rabbi Jochanan saß oftmals


Vor dem Tor des Badehauses.
Wenn die schönen Töchter Zions
Kommen aus dem Badehause,

Rein von ihrer Monatsblutung,


Frisch gebadet und vom Salböl
Duftend, sollen sie mich sehen,
Schöne Söhne dann gebären!

Ja, sie sollen sich vergucken


In den schönsten Rabbi Zions,
Schöne Söhne dann gebären,
Schön wie ich, wie ich so weise!

Zu ihm sprachen die Gelehrten:


Fürchtest du dich gar nicht, Meister,
Vor dem bösen Blick der Hexen?
Lächelnd aber sprach der Rabbi:
Ich bin doch vom Volk des Josef,
Den der böse Blick des Weibes
Potiphars nicht schaden konnte,
Denn er war der Gottgeweihte,

Steht doch also auch geschrieben:


Wie ein Baum wird Josef wachsen,
Wie ein Baum an einer Quelle,
Weil er Worte Gottes murmelt.

Aber lies den Text verändert:


Wachsen wird der Träumer Josef,
Übers Auge hocherhaben!
Rabbi Jochanan zitierte

Moses über Josefs Söhne:


Wie die Fische in dem Meere
Sind bedeckt von Wasserwogen
Und nicht ausgesetzt dem Auge,

So sind auch die Söhne Josefs


Nicht den Augen ausgeliefert.
Josefs Kinder haben Schönheit,
Die allein der Gottheit sichtbar!

SIEBZEHNTER GESANG

Eines schönen Tages Rabbi


Jochanan im Jordan badet.
Sah er Lakisch, der war vormals
Noch ein wilder Räuberhauptmann.

Rabbi Jochanan zu Lakisch:


Deine Kraft gehört der Tora.
Lakisch darauf zu dem Rabbi:
Deine Schönheit eignet Frauen.

Rabbi Jochanan zu Lakisch:


Wenn du Buße tust und umkehrst,
Gebe ich dir meine Schwester,
Die noch schöner als ich selber.

Rabbi Jochanan den Lakisch


Lehrte nun das Wort der Tora
Und die Deutungen der Weisen,
Machte ihn zum großen Manne.

Eines Tages stritten beide


Über Fragen des Gesetzes.
Rabbi Jochanan zu Lakisch
Sagte: Du warst Räuberhauptmann,

Also bist du unterrichtet


In des Räuberhandwerks Künsten.
Lakisch sagte: Was denn nützt das,
Was nutzt mir das Räuberhandwerk?

Nannte man mich bei den Räubern


Rabbi, nämlich Räuberhauptmann,
Nennen mich nun weise Männer
Rabbi, nämlich Schriftgelehrten.

Rabbi Jochanan zu Lakisch:


Nun hast du das Heil gefunden,
Weil ich dich gebracht, mein Bruder,
Durch die Umkehr zu dem Worte

Gottes unter Gottes Fittich,


Zu der Majestät der Gottheit,
Zu der Schechina-Matrone,
Zu der Mutterliebe Gottes!

Rabbi Jochanan beleidigt


Und gekränkt war von dem Undank
Seines Bruders, der die Weisheit
Unterschied nicht von dem Diebstahl.

Und zur Strafe für die Kränkung


Seines Lehrers in der Weisheit
Wurde Lakisch krank und müde
Lag er auf dem Krankenlager.

Kam die wunderschöne Schwester


Jochanans zu ihrem Bruder:
Gottesmann, verzeihe Lakisch
Doch um meiner Söhne willen!

Jochanan der Rabbi sagte:


Laß nur deine Waisenkinder,
Ich, ich werde sie ernähren,
Denn ich bin der Waisen Vater!

Also sprach die schöne Schwester:


Gottesmann, verzeihe Lakisch,
Wenn nicht um der Söhne willen,
Also doch um meinetwillen.

Jochanan der Rabbi sagte:


Siehe, deine Witwen mögen
Allezeit auf mich vertrauen,
Bin den Witwen wie ein Gatte!

Lakisch starb. Jetzt aber grämte


Sich voll schwarzen Grams der Rabbi
Jochanan. Die Schriftgelehrten
Wollten den Genossen trösten,

Sandten Rabbi Eleasar,


Klugen Lehrer, scharfen Denker,
Wortgewandt war Eleasar,
Im Besitz der ganzen Wahrheit.

Was auch immerdar voll Trauer


Rabbi Jochanan behauptet,
Rabbi Eleasar sagte:
Für dich gibt’s ein Wort als Stütze.

Jochanan der Rabbi sagte:


Rabbi Eleasar, also
Willst du sein wie Rabbi Lakisch:
Für dich gibt’s ein Wort als Stütze?

Wenn ich aber Rabbi Lakisch


Sagte nur ein Wort der Weisheit,
Hatte vierundzwanzig Fragen
Voller Klugheit Rabbi Lakisch,

Auf die vierundzwanzig Fragen


Gab mit vierundzwanzig Sätzen
Ich die Antwort meiner Weisheit,
So vermehrten wir die Lehre.

Jochanan der Rabbi klagte:


Ach mein lieber Freund und Bruder!
Tot der Rabbi, tot der Rabbi!
Wehe mir – Ich leb noch immer!

Beteten die Schriftgelehrten


Und die alten weisen Männer
Für den kummervollen Rabbi:
Gott, erlös ihn, laß ihn sterben!

Gott, erlös ihn von den Leiden


Dieses Jammertals der Erde,
Laß ihn eingehn in die Freude
Ewiglich im Paradiese!

ACHTZEHNTER GESANG
Rabbi Eleasar konnte
Wegen eines Mannes, welchen
Er den Häschern ausgeliefert,
Keine Seelenruhe finden.

Er begann sich zu kasteien.


Lag er in den dunklen Nächten,
Legte man ihm sechzig Decken
Auf sein hartes Büßerlager,

Morgens schöpfte man vom Rabbi


Sechzig Eimer Blut und Eiter.
Seine Frau zum Frühstück machte
Sechzig Arten leckre Speise.

So genas der fromme Büßer.


Seine Frau ließ aber Rabbi
Eleasar nicht mehr gehen
In das Lehrhaus zu den Weisen.

Aber er lud ohne Wissen


Seiner Frau die Schriftgelehrten
In sein Haus, er sagte abends:
Brüder, kommt zum Wortgefechte!

Und die ganze Nacht studierten


Die Gelehrten Gottes Weisheit.
Morgens aber sprach der Rabbi:
Geht, damit ihr nicht die Predigt

Morgens in dem Gotteshause


Frevelhaft versäumt, o Brüder.
Doch in Wahrheit schickte Rabbi
Eleasar fort die Brüder,

Daß nicht seine Gattin merkte,


Daß er all die Nacht studierte,
Seine Gattin war vor allem
Tief besorgt um die Gesundheit

Ihres Mannes. Eines Tages


Aber sie erfuhr die Wahrheit
Und sie sagte zu dem Gatten,
Sprach zu Rabbi Eleasar:

Du bringst nun das ganze Geld durch,


All die Schekel meines Vaters,
Nur durch die verdorbne Wäsche
Und die teuren Pflegemittel.

So empörte sich die Gattin


Gegen ihren Eheherren
Und begab sich in die Wohnung
Ihrer Mutter, ihres Vaters.

Aber sechzig Schiffer kamen,


Die auf See in Not gewesen,
Riefen Rabbi Eleasar
An zu ihrem Schutzpatrone.

Diese sechzig Schiffer schenkten


Sechzig Sklaven dem Patrone,
Jeder Sklave einen Geldsack
Trug und machte leckres Essen.

Eines Tages aber Rabbi


Eleasars Ehegattin
Sandte ihrer beider Tochter,
Nach dem Väterchen zu schauen.

Sprach der Rabbi zu der Tochter


Dieses Sprichwort aus den Sprüchen:
Der Besitz der Meinen größer
Ist als der Besitz der Ihren.

Dann zitierte er die Sprüche:


Sie ist wie das Schiff des Kaufmanns,
Die die nahrhaft leckre Speise
Zu ihm bringt aus weiter Ferne!

Dachte nun der Tochter Einfalt,


Sie, das sei die Ehegattin,
Aber Rabbi Eleasar
Meinte nur die Weisheit Gottes!

Rabbi Eleasar speiste,


Trank von einem guten Weine,
Ward gesund und ging ins Lehrhaus
Zu den Freunden, zu den Brüdern.

Und da brachten ihm die Brüder


Sechzig Arten roten Blutes:
Ist es Blut der Frauenblutung
Oder ist es Blut, das rein ist?

Rabbi Eleasar sagte:


Das ist alles Blut, das rein ist.
Sprachen aber die Gelehrten:
Aber ist da gar kein Zweifel?

Sagte Rabbi Eleasar:


Ist es nicht so, wie ich sage,
Sollen alle eure Weiber
Euch gebären kleine Mädchen,
Aber wenn ich sprach die Wahrheit,
Sollen sie gebären Knaben,
Eure Weiber euch gebären
Knaben, weise wie der Vater!

Wahrlich, also auch geschah es:


Alle Weiber aller Rabbis
Ihren Gatten nur gebaren
Knaben ihren stolzen Vätern!

Dann starb Rabbi Eleasar.


Aber bald nach seinem Tode
Warb Jehuda um die Witwe,
Rabbi Patriarch Jehuda.

Doch da sprach die Witwe also:


Sollte ein Gefäß der Ehre,
Das für Heiliges benutzt ward,
Nun profanem Nutzen dienen?

An der Stelle, wo der Hausherr


Aufgehängt hat seine Waffen,
Sollte nun ein Hund und Sauhirt
Hängen auf den Wassereimer?

Rabbi Patriarch Jehuda


Aber sagte zu der Witwe:
War er reicher auch an Weisheit,
Reicher auch an der Erkenntnis,

Aber war er denn auch reicher


An der Liebe guten Werken,
War er reich an guten Taten,
Der Gerechte voll Erbarmen?

So erwiderte die Witwe:


Ob er reicher war an Weisheit
Und Erkenntnis seiner Gottheit,
Kann ich armes Weib nicht wissen,

Wahrlich, aber er war reicher


An der Liebe guten Werken,
Denn er nahm für Gott freiwillig
Auf sich Sühneopferleiden!

NEUNZEHNTER GESANG

Warum gab der gute Rabbi


Sich so viele Not und Mühe
Mit den Kindern fremder Leute?
Rab Jehuda nämlich sagte

In dem Namen seines Rabbi


Und es sagte Rabbi Abba
Auch im Namen seines Rabbi
Jochanan und manche sagen,

Rabbi Samuel Nachmeni


Sprach dasselbe in dem Namen
Rabbi Jonatans, es sprachen
Allesamt die weisen Rabbis:

Wer den Sprössling seines Nächsten


Unterweist im Gottesglauben,
Wird belohnt von Gott dem Höchsten,
Sitzen darf er in dem Himmel,

An der himmlischen Versammlung


Teilzunehmen, wird gewürdigt,
Wer die Söhne seiner Nächsten
Unterrichtet in der Bibel.

Denn so sagte Jeremia:


Darum spricht der Herr Gott also:
Hältst du dich zu mir, so will ich
Ziehen dich zu mir, denn siehe,

Lehrt ein Mann den Sohn des Nächsten


Gottes Wort, die Jungfrau Tora,
Hebt der Herr um seinetwillen
Ein Verhängnis auf, ein Unheil,

Ein Gericht, das schon beschlossen


War, ein Strafgericht der Menschheit!
Denn es heißt bei dem Propheten
Jeremia weiter also:

Und wo du die Frommen lehrest,


Sich zu scheiden von den Frevlern,
Sollst du weiterhin mein Mund sein
Und mein Prediger der Weisheit.

Aber nimm dir keine Gattin,


Aber zeuge keine Söhne,
Rede Edles, nicht Gemeines,
So wirst weiter du mein Mund sein!

Rabbi Chija mit dem Rabbi


Chanin ist in Streit geraten
Und da sagte Rabbi Chija:
Du willst also mit mir streiten?

Wenn die kluge Jungfrau Tora


Würd in Israel vergessen,
Hätt ich sie durch meine Deutung
Wiederum dem Volk gegeben.

Aber Rabbi Chanin sagte:


Du willst also mit mir streiten?
Ich bewirkte, dass die Tora
Nicht vergessen wird in Zion.

Weißt du aber, was ich tue?


Schau, ich säe Flachs und flechte
Netze, mit den Netzen fang ich
Hirsche, speis mit Fleisch die Waisen,

Aus dem Fell der Hirsche mach ich


Pergamente und ich schreibe
Auf die Pergamente alle
Mose-Bücher, jedes Jota.

Und ich gehe auf den Marktplatz


Und ich gehe in die Schulen,
Unterrichte dort die Knaben
In der Mose-Bücher Weisheit

Und erzähle allen Knaben


Die Legenden unsrer Weisen
Und die Fabeln unsrer Dichter
Und die Märchen unsrer Mütter

Und ich sage zu den Knaben:


Bis ich wiederkomme, Kinder,
Lernt die zehn Gebote, Kinder,
Lernt auswendig Davids Psalmen.

So bewirk ich, dass die Tora


Nicht vergessen wird in Zion.
Darauf sprach der andre Rabbi:
Groß ist deine Weisheit, Rabbi,

Groß sind deine Werke, Rabbi.


Als der Rabbi dies gesprochen,
Sagte Ischmael Ben Josef:
Sind denn dieses Rabbi Werke

Größer noch als deine eignen?


Sprach der Rabbi: Ja, das sind sie.
Größer auch als Josefs Werke?
Nein, das gibt es nicht in Zion!
ZWANZIGSTER GESANG

Rabbi Sara einmal sagte:


Gestern sah ich Rabbi Jose,
Sah den toten Rabbi Jose
Und ich sprach zu Rabbi Jose:

Wer ist in dem Paradiese


Dir zu Seiten, Rabbi Jose?
Sagte Rabbi Jose lächelnd:
Rabbi Jochanan, der Schöne!

Sprach ich: Wer ist denn zu Seiten


Jochanans, des schönen Rabbi?
Sprach er: Das ist Rabbi Jannai.
Sprach ich: Wer ist denn zu Seiten

Rabbi Jannais? Sagte Rabbi


Jose : Chanina, der Rabbi.
Sprach ich : Wer ist denn zu Seiten
Chaninas, des weisen Rabbi?

Sprach er: Das ist Rabbi Chija.


Sprach ich zu dem Rabbi Jose:
Aber Jochanan, der Schöne,
Sitzt er nicht bei Rabbi Chija?

Sagte Rabbi Jose aber:


Sollte einer an der Stelle,
Wo die Feuerstrahlen blitzen,
Sein, der eines Schmiedes Sohn war?

Und ich schaute einen Rabbi,


Der verkehrte mit Elias.
Seine Augen heil am Morgen,
Doch versengt von Glut am Abend.

Was hat das nur zu bedeuten?


Sprach er: Ich hab den Propheten
Einst gebeten, mir die Rabbis
In dem Paradies zu zeigen.

Sagte zu mir so Elias:


Alles kannst du droben schauen,
Aber Rabbi Chijas Thron nicht,
Dieser Thron ist ein besondrer.

Denn der andren Rabbis Throne


Zu der himmlischen Versammlung
Von den Himmlischen getragen
Werden, von den schönen Engeln,

Aber Rabbi Chijas Thronstuhl


Kommt von selber, geht von selber.
Schau! Da schaute ich den Thronstuhl,
Ward geblendet wie von Lichtglanz!

Und ich weilte an dem Grabe


Rabbi Chijas im Gebete:
Deine Weisheit will ich lernen!
Und da ward ich wieder sehend.

EINUNDZWANZIGSTER GESANG

So die weisen Männer lehrten:


Warum ward der Mensch geschaffen
Einst am allerersten Freitag?
An dem Freitag ward geschaffen

Adam, dass nicht Ketzer sagen,


Bei der Schöpfung Gottes hätten
Mitgeholfen ihm die Menschen,
Menschen so sich überheben.

Wenn sich Menschen überheben,


Sagt zum Menschen Gott der Schöpfer:
Mensch, geschaffen erst am Freitag,
Mücken sind vor dir erschaffen!

Und am Freitag ward erschaffen


Adam, damit der Erschaffne
Gleich am Samstag Sabbatruhe
Feiern kann zu Gottes Ehre.

Schau ein Gleichnis: War ein König,


Baute den Palast als erstes,
Schmückt ihn aus und macht die Mahlzeit,
Dann erst lädt er ein die Gäste.

Baute ja ihr Haus Frau Weisheit,


Hieb Frau Weisheit sieben Säulen,
Schlachtete ihr Vieh zur Speise,
Trug den Wein auf zum Berauschen,

Sandte aus die Dienerinnen,


Diese riefen von den Hügeln:
Alle, die da unverständig,
Kommen sollen sie zur Weisheit!
Baute ja ihr Haus Frau Weisheit,
Dies bedeutet Gottes Planung,
Denn nach Gottes Plan geschaffen
Ist das ganze Universum.

Hieb Frau Weisheit sieben Säulen,


Sieben Tage sinds der Schöpfung,
Sieben große Zeitabschnitte,
Da der Kosmos ist geworden.

Schlachtete ihr Vieh zur Speise,


Trug den Wein auf zur Berauschung,
Deckte ihren Tisch zur Mahlzeit,
Lud zur Kommunion der Weisheit,

Dieses sind die Meere, Flüsse,


Sind die Lämmer und die Hühner,
Malz und Hopfen und der Weinstock
Und das Brot der Mutter Erde.

Schickt Frau Weisheit ihre Diener,


Sendet ihre Dienerinnen,
Siehe, dieser Knecht ist Adam,
Siehe, diese Magd ist Eva.

Kommt doch, die ihr unverständig,


Kommt herein zum Mahl der Weisheit!
O du Tor, so sprach Frau Weisheit,
Eile rasch zur Herrin Weisheit!

Wer ist dieser Tor? Betörte


Nicht die erste Frau den Menschen?
Sprach die Frau doch: Iß vom Apfel!
Tor ist der vom Weib Verführte!

ZWEIUNDZWANZIGSTER GESANG

Rabbi Paulus Meyer sagte:


Schau, der Staub des ersten Menschen
Ward geholt vom ganzen Erdkreis,
Denn es steht geschrieben also:

Gottheit, deine Augen sahen


Meinen Klumpen von der Erde!
Gottheit, deine Augen schauen
Ja die ganze Mutter Erde!

Rab Oschaja aber sagte


In dem Namen seines Rabbis:
Schau, der Rumpf des Körpers Adams
Ward herbeigebracht aus Babel,

Aber Adams Schädel holte


Gott der Herr aus Palästina,
Und die andern Glieder alle
Aus den andern Ländern allen.

Rabbi Acha aber meinte,


Adams schöne Hinterbacken
Stammten aus der Burg von Agma,
Diese waren Evas Wonne!

Rabbi Jochanan Chanina


Aber sagte über Adam
Und den Tag des ersten Menschen
Und des ersten Menschen Leben:

In der ersten Tagesstunde


Ward gesammelt all die Erde,
Die zu Adams Schöpfung nötig,
Von der großen Mutter Erde.

In der zweiten Tagesstunde


Adam ward geformt zum Klumpen.
In der dritten Tagesstunde
Formte Gott die Glieder Adams.

In der vierten Tagesstunde


Hauchte Gott die Seele Adams.
In der fünften Tagesstunde
Adam sich erhob vom Boden.

In der sechsten Tagesstunde


Adam gab den Tieren Namen.
In der siebten Tagesstunde
Führte Gott zu Adam Eva!

In der achten Tagesstunde


Adam lag im Bett mit Eva!
Die zu zweit das Bett bestiegen,
Sie verließen es mit Kindern.

In der neunten Tagestunde


Gott verbot dem ersten Menschen,
Von dem Baume der Erkenntnis
Sich zu pflücken seine Feige.

In der zehnten Tagesstunde


Adam übertrat die Weisung.
In der elften Tagestunde
Adam ward von Gott gerichtet.

In der zwölften Tagestunde


Adam ward verjagt vom Engel
Aus dem Garten Eden, Adam
Durfte nicht im Garten bleiben,

Denn es steht geschrieben also:


Adam soll nicht übernachten
Himmlisch in dem Garten Eden,
Wird verjagt wie Straßenköter!

DREIUNDZWANZIGSTER GESANG

Sprach ein Ketzer zu dem Rabbi


Gamliel: Ein Dieb dein Gott ist,
Denn es steht geschrieben also:
Gott ließ tiefen Schlummer fallen

Auf den ersten Menschen Adam,


Adam sank in tiefen Schlummer,
Gott nahm seiner Rippen eine
Und verschloß mit Fleisch die Stelle.

Doch des weisen Rabbi Tochter


Wollte selbst die Antwort geben
Und sie sagte zu dem Ketzer:
Ich, ich brauche einen Richter!

Wozu brauchst du einen Richter?


Sprach sie, nachts gekommen wären
Diebe, klauten Silberbecher,
Hinterließen goldne Becher.

Sprach der Ketzer zu der Tochter:


Solche Diebe sollten allzeit
Kommen in mein Haus und rauben
Silber, hinterlassen Feingold.

Sprach die Tochter zu dem Ketzer:


Und geschah dies nicht auch Adam?
Gott ihm raubte eine Rippe,
Aber schenkt ihm ein Weibchen!

Zugegeben, sprach der Ketzer,


Aber warum ließ der Schöpfer
Adam schlafen, warum nahm er
Nicht die Rippe ihm im Wachen?
Sprach die Tochter: Komm zum Essen,
Hier für dich ein rohen Fleischstück.
Nein, sprach da entsetzt der Ketzer,
Rohes Fleisch ist mir ein Ekel.

Sprach des Rabbis weise Tochter:


So wärs Adam auch ergangen,
Hätte er gesehn, wie Eva
Ward geschnitzt aus seiner Rippe.

Und der Ketzer sprach zu Rabbi


Gamliel: Ich weiß, was Gott tut,
Wo sich euer Gott befindet,
Weiß ich auch, so sprach der Ketzer.

Und der weise Rabbi seufzte.


Sprach der Ketzer: Warum seufzt du?
Sprach der Rabbi: Hab ein Söhnchen,
Süßes Kindchen, kleines Knäblein.

Er ist irgendwo in einer


Jener Städte an dem Meere.
Sehnsucht hab ich nach dem Kindchen!
Bringe du mir doch mein Kindchen!

Sprach der Ketzer zu dem Rabbi:


Narr, woher soll ich denn wissen,
Wo in welcher Stadt am Meere
Sich dein lieber Sohn befindet.

Sprach der weise Rabbi lächelnd:


O du hochgelehrter Ketzer,
Weißt nicht, was da ist auf Erden,
Weißt du denn, was ist im Himmel?

VIERUNDZWANZIGSTER GESANG

Rabbi Akiba sprach einmal:


Lies du nicht die Apokryphen!
Rabbi Josef sagte aber:
Lies auch nicht in Jesus Sirach!

Abbaji sprach darauf dieses:


Also schrieb doch Jesus Sirach:
Ziehe du die Haut des Fisches
Bloß nicht ab von seinen Kiefern,

Daß die Fischhaut nicht verderbe,


Sondern brate du das Fischlein
Wie es ist und dann verspeise
Du es mit zwei leckern Brötchen.

Also spricht doch auch die Tora:


Wenn vor einer Stadt du lange
Liegen musst im Widerstreiten,
Sollst verderben nicht die Bäume!

Das ist ja die Lebensregel,


Daß man soll mit einem Weibe
Unnatürlich nicht verkehren,
Sondern wie es Gott gefalle.

Jesus Sirach spricht auch also:


Eine Tochter für den Vater
Ist ein Schatz, der voller Kummer,
Ist ein kummervolles Schätzchen.

Denn aus Sorge um die Tochter


Kann er in der Nacht nicht schlafen.
Ist die Tochter jung, ein Mädchen,
Bangt der Vater vorm Verführer.

Ist die Jungfrau dann geschlechtsreif,


Bangt der Vater vor der Unzucht.
Ist sie reif geworden, fürchtet
Er, dass sie nicht Kinder werfe.

Ist sie aber alt geworden,


Bangt der Vater um die Tochter,
Daß sie Zauberei betreibe,
Daß sie die Magie studiere.

Also aber sprachen Rabbis:


Ohne Mann und Frau kein Leben.
Wohl dem, dem Gott Söhne schenkte!
Weh dem, dem Gott Töchter schenkte!

Lies im Buche Jesus Sirach


All die guten Weisheitslehren:
Eine gute Frau ist eine
Gabe Gottes an den Frommen,

Eine böse Frau ist aber


Wie der Aussatz für den Frevler.
Eine schöne Frau voll Anmut:
Heil dem Manne, der sie lieb hat!

Eine schöne Frau voll Anmut:


Heil dem Manne, der sie lieb hat!
Heilung bringt sie seinen Gliedern
Und verlängert ihm das Leben.
Aber wende ab die Augen
Von der Gattin deines Nächsten,
Und ist sie auch voller Liebreiz,
Schau nicht nach verbotnen Reizen,

Denn wie leicht kann man geraten


In die Netze solcher Reize!
Sitze auch nicht nachts zusammen
Mit des Nächsten Weib beim Weine!

Denn am wunderschönen Körper


Eines wunderschönen Weibes
Gingen viele schon zugrunde,
Groß die Anzahl ist der Toten.

Viele Wunden hat empfangen


Jener, der des Nächsten Gattin
Schmuck geschenkt, um sie zu schmücken,
Wenn der Gatte dies entdeckte.

Wer sich aber mit der Unzucht


Geil befasst, ist gleich dem Funken,
Der entfacht ein großes Feuer,
Keiner kann den Waldbrand löschen.

Also sprachen weise Männer:


Wer da einen Vers des Hohen
Liebesliedes Salomonis
Vorträgt als profanes Buhllied

Oder einen Vers der Bibel


Vorträgt in der falschen Stunde
In der Schenke vor den Trinkern,
Der bringt in die Welt das Unheil.

Denn in diesem Fall die keusche


Jungfrau Tora sich bekleidet
Mit dem Sack der Buße, betend:
Jahwe! Schöpfer aller Schöpfung,

Höchster Herr des Universums,


Deine Kinder haben meine
Weisheit wie ein Lied gepfiffen,
Sitzend bei dem Wein beim Gastmahl.

Spricht der Vater in dem Himmel:


Meine erstgeborne Tochter,
Was soll sonst ein Zecher singen,
Liegt er nachts beim Wein des Gastmahls?

Spricht die keusche Jungfrau Tora:


Majestät des Universums,
Sind die Männer bibelkundig
Und gelehrt im Worte Gottes,

Sollen sie Gesetz, Propheten,


Psalter, Weisheit, alles lesen.
Wenn sie den Talmud studieren,
Sprechen sie von Talmudisten.

Wenn sie Kabbala studieren,


Sprechen sie von Kabbalisten.
Wenn sie Rabbi Jesus Weisheit
Lernen, künden – Heil den Weisen!

JUDITH

ERSTER TEIL

ERSTER GESANG

O gewaltiger Eloah,
Adonai, du König Salems!
Dich bekennen, Gott und Herrscher,
Alle ewigen Äone!

Höhe, Tiefe, Länge, Breite,


Morgensterne, Abendsterne
Preisen all das Wesen Gottes:
Einig Gott in drei Personen!

Komm zu mir, gelinder Herrscher,


Komm nach deiner Liebe Willen,
Lehre du mich deine Liebe,
Laß uns ewig eins sein, Gottheit!

Mein Bekenntnis ist das selbe


Wie einst Abraham bekannte,
Der vor drei Personen einen
Gott und Herrn hat angebetet.

Also bete ich zu einem


Gott und Herrn in drei Personen,
Lade dich, mein Gott, mein König,
Ein zu mir in drei Personen.

Komm, o Vater voller Liebe,


Gottheit aller reinen Minne,
Komm, o Vater, und bewahre
Mich vor allem Trug und Irrtum!

Dich auch lad ich ein, o Jesus,


Gottes eingebornen Liebling,
Gottes eingeborne Weisheit,
Dich auch lad ich ein, Frau Weisheit,

Daß die Gnade ich erfahre,


Daß du selbst, o Weisheit Gottes,
Inspirierst des Dichters Dichten
Zu dem Ruhm der Weisheit Gottes!

Dich auch lad ich ein, o Heilig


Geist, gib du mir siebenfältig
Alle deine Tugendgaben,
Daß ich werde voll der Tugend,

Gib mir Gottesfurcht und Künste,


Milde, Rat und Kraft und Weisheit,
Gib Vernunft, dass ich vollbringe
Dieses Werk im Geist der Tugend!

Heilig Geist und Sohn und Vater!


Wo dein Lobpreis nicht gesungen
Dir zu Ruhm und Ehre, Gottheit,
Da sind fehlerhaft die Künste.

Doch mit deiner Gnade, Gottheit,


Will ich dieses Werk vollbringen,
Singen auf dem Berg der Tugend
Einen Stein von reinstem Wesen.

Unter deinen Schwingen, Jahwe,


Unter deinen Adlerschwingen
Berg ich mich als Adlerjunges
Wie einst tat der Dichter David.

Unterm Schatten deiner Schwingen


Ich beginne meine Dichtkunst,
Ich vollbringe meine Dichtkunst,
Ich vollende meine Dichtkunst.

Weise mir den Weg, Frau Weisheit,


O mein Friedefürst, o Jesus,
Führ im Geist der Gottesminne
Mich in Ewigkeit. Hosanna!
Was so süß ist deinem Herzen,
O mein Freund und wahrer Bruder,
Der du grüßest Sankt Maria,
Das will ich im Lied dich lehren.

Denn ich hörte deine Klage,


Hab vernommen über Maßen
Deine Klage, du begehrtest
Gottes Weisheit zu erkennen!

Du begehrtest voll des Durstes


Und du batest mich als Schenken,
Einzuschenken dir der Weisheit
Edlen Wein, der in der Schrift strömt.

Ach, ich bin ein armer Sünder!


Kann ich denn das Licht erkennen,
Das da leuchtet in der Bibel,
Den geheimen Kern des Wortes?

Also reich kann ich nicht schöpfen,


Daß ich deinen Durst dir stille,
Deiner Liebe voll Begierde
Stille völlig das Verlangen.

Aber einen Teil der Quelle


Komm ich, über deinem Haupte
Auszugießen, von der Weisheit
Ursprung möchte ich berichten,

Daß du schöpfest aus der Quelle,


Welche ist der Weisheit Ursprung,
Schöpfe mit kristallnem Kelche
Und benetze deine Lippen.

Wer da aber sucht die Weisheit,


Suche Weisheit in der Bibel,
Dann wird ihn die Weisheit führen
In das Land von Milch und Honig.

Stille also die Begierde


Nach dem edlen Wein der Weisheit,
Lies du nur in diesem Liede,
Das ich deutscher Dichter dichte,

Der ich kann so gut nur dichten,


Wie die Liebe mich gelehrt hat,
Singe nach dem Wort der Bibel
Dieses Lied der schönen Judith.

Dichter will ich sein der Judith


Und mit Gottes Hilfe singen
Achior und Holofernes,
Will die schöne Judith singen,

Will in diesem Buche wandern


In dem fernen Morgenlande
Und will kehren heim am Abend
Zu dir in dem Abendlande

Und dir kurz und bündig sagen,


Welchen Honig ich gefunden,
Will den Honigseim dir schenken,
Dir den süßen Seim der Judith.

Alles ruht in Gottes Händen!


Möge sich der Bibel Samen
Strömen aus in Gottes Namen:
Allmacht, Weisheit, Liebe! Amen.

ZWEITER GESANG

Arfaxat war Mediens König,


War ein König vieler Länder,
Weithin war berühmt sein Name
Unter vielen Länderfürsten.

Arfaxat war voll des Durstes


Nach dem Ruhm und nach der Ehre
Und er baute eine Stadt nach
Höhe, Tiefe, Länge, Breite.

Darin wollt vor Feinden sicher


Sein der König und in Frieden
Leben alle Lebenstage,
Und die Stadt hieß Ekbatana.

Diese Stadt von Edelsteinen


Und von himmelblauen Ziegeln
War sehr schön und hohe Türme
Dort von Elfenbein zu schauen.

Arfaxat in Ekbatana
Lebte, Stolz in dem Gemüte,
Und er tat was er nur wollte
In dem Eigentum des Königs.

Und er hatte viele Helden,


Große Ritter, starke Krieger,
Untertanen voller Demut,
Stets sich fürchtend vor dem König.
Nahe war das Reich des Königs
Von Assyrien gelegen,
Dessen König hatte mächtig
Manchen Edelmann bezwungen.

Seinem Machtgebote waren


Untertan viel Ländereien.
Dieser König tat gewaltig
Nur nach seinem eignen Willen.

Und Assyriens Gebieter


Hatte Krieger, hatte Knechte,
Die da fochten, die da stritten
Zu der Ehre ihres Königs.

Weil sie seine Knechte waren


Und zu ihm in Treue hielten,
Trug er hoch die stolze Nase,
War hochmütigen Gemütes.

Nebukadnezar hieß der König.


In dem zwölften Jahr der Herrschaft
Wollt er Arfaxat besiegen
Und sein Königreich erobern.

Aufeinander stießen beide


In dem offnen Schlachtgefilde
Und da gab es viele Tote,
Gehend ein zum Totenreiche.

Dieses Feld genannt war Ragan,


Bei dem breiten Strome Euphrat,
Da ward Arfaxad bezwungen,
Nebukadnezar triumphierte.

Nebukadnezar triumphierte,
Wollte König sein der Erde
Und die Königskrone tragen
Als der ganzen Welt Beherrscher.

Niemand sollte widerstehen,


Alle einen Gott ihn nennen,
Dieses Machtgebot des Königs
Ward gesandt in alle Länder,

Nach Zilizien und Damaskus,


Zu dem Libanon und Karmel,
Galiläa, Samaria,
Nach Jerusalem, zum Jordan,

In das schwarze Land der Neger,


Diesen allen ward geboten,
Nebukadnezar anzubeten
Nach dem Machtgebot des Königs.

Doch die Leute in den Ländern


Hörten nicht auf die Gebote.
Nebukadnezar wurde zornig
Im hochmütigen Gemüte.

Ihm entschwand die letzte Güte


Und er schwor bei seiner Krone
Und er schwore bei seinem Throne,
Daß er sie besiegen wollte.

Rief er alle seine Räte,


Sprach zu allen seinen Räten:
Ich will sein der Weltenherrscher
Und der Gott der ganzen Erde!

Dieses Wort gefiel den Räten


Und sie huldigten dem König,
Ihrem Herrn und ihrem Abgott,
Fielen vor dem König nieder.

Einer von den Königsräten


War der Herzog Holofernes.
Nebukadnezar sprach als König
Zu dem Herzog Holofernes:

Fahre in das Land des Westens,


Unterwirf das Land des Westens,
Wer mir nicht wird untertänig,
Den bestrafe mit dem Schwerte!

Schone Burgen nicht noch Städte,


Alle Seelen sollst du würgen,
Bis auch noch die letzte Seele
Mich bekennt als ihren Gottherrn!

DRITTER GESANG

Als der König so gesprochen


Zu dem Herzog Holofernes,
Tat der Herzog Holofernes,
Was der König ihm geboten.

In Assyrien gesammelt
Wurden ritterliche Heere,
Starke Ritter, junge Knappen,
Und sie zogen in dem Heerzug.

Als der Herzog Holofernes


Sah den ritterlichen Heerzug,
Zählte Ritter er und Knappen,
Wie der König ihm geboten.

Krieger gingen da zu Fuße,


Hundertzwanzigtausend Krieger,
Ritter ritten hoch zu Rosse,
Wohl zwölftausend stolze Reiter.

Holofernes rief die Ritter


Auf zur ritterlichen Treue
Und beschwor sie, in dem Kriege
Selbst ihr Leben einzusetzen.

Als der Heerzug war gesammelt


Und bereit war für den Kriegszug,
Holofernes erst besorgte
Eine Mahlzeit für die Krieger.

Mit den Rittern zogen nämlich


Viele Schafe, viele Kühe,
Viele Esel und Kamele,
Alles leckres Fleisch zur Speise.

Und die Ritter und die Knappen


Und die Krieger und die Knechte
Zogen nun im Heereszuge
Mit dem Herzog in die Schlachten.

Von Assyriens Gefilden


Zu Ziliziens Gefilden
Zogen sie und zum Gebirge
Ange kam das Heer der Ritter.

Dort der Herzog Holofernes


Überwand die Burgen alle
Und die Leute sich ergaben
Sklavisch Herzog Holofernes.

Und die Hauptstadt hieß Melothi,


Herzog Holofernes nahm sie,
Raubte alles Gut der Hauptstadt,
Nahm sich alles ohne Umschweif.

Weiter zog der Herzogs Truppe,


Mesopotamien erobernd
An dem breiten Strome Euphrat,
Da er mehrte die Gewinne.
Nach Zilizien und Japhet
Ritt er und nach Mediens Auen.
Alle Leute mussten dulden
Ihren Tod von seinen Händen.

Nach Damaskus ritt der Herzog,


Wo er ließ die goldnen Felder
In der Erntezeit verbrennen,
Hieb die Früchte von den Bäumen.

Dann gebot er seinen Kriegern,


Alle Reben abzuschneiden,
Jeden Weinberg zu verderben
Und in rotem Blut zu waten.

Als die Völker alles dieses


Sahen, die Gewalt und Machttat,
Wurden sie verzagt und ängstlich,
Keinen Widerstand mehr leistend.

Da vereinten sich die Fürsten


Zur Beratung mit den Räten,
Mesopotamiens, Syriens Fürsten,
Die von Libanon und Sobal.

Und die Fürsten und die Räte


Sandten Holofernes Botschaft:
Laß uns werden untertänig,
Komme du zu uns in Frieden!

Sklaven wollen wir dir werden,


Willst du nur uns nicht verderben,
Gnädig sei den Untertanen
Und bring Frieden deinen Sklaven.

Lieber dienen wir der Gottheit


Nebukadnezar untertänig,
Als das deiner Gottheit Sklaven
Nur den Tod von ihm empfangen.

Nimm uns an als deine Sklaven,


Aber komm zu uns mit Frieden,
Unsre Burgen, unsre Städte
Legen wir in deine Hände.

Unsre Pferde und Kamele,


Unsre Kinder, Kindeskinder,
Unsre Weiber, unsre Sklaven
Legen wir in deine Hände.

Sei dein Herrscher unser Herrscher,


Wir sind deines Herrschers Sklaven,
Du komm zu uns nur mit Frieden,
Wir tun ganz nach deinen Wünschen.

Herzog Holofernes hörte


Diese Rede und so nahm er
Alle Burgen, alle Städte,
Herrschte mit Gewalt und Stärke.

Von den Sklavenvölkern nahm er


Viele Krieger, junge Knaben,
Nahm sie an als seine Krieger,
Dienten Sklaven ihm als Ritter.

Und die Sklavenvölker, singend


Sklavenlieder, sie empfingen
Ihren Herzog Holofernes
Als der Herrn in ihren Burgen.

Doch die Demut nicht vermochte


Ihm das Herze zu erweichen,
Trotz der Sklaven Hundedemut
Blieb des Herzogs Herz versteinert.

Er zerstörte ihre Burgen,


Er zerstörte ihre Türme,
Er zerstörte ihre Ähren,
Er zerstörte ihre Reben.

So gebot ihm ja der König


Nebukadnezar grausam grimmig,
Daß die ganze Welt erkenne,
Nebukadnezar sei der Gottherr.

Mit Gewalt zog Holofernes


Durch die Länder, die Gebirge,
Zog durch Syrien, zog durch Sobal,
Mesopotamien, Appamia,

Bis er kam zum Lande Gaba,


Wo er unterwarf die Städte,
Dreißig Tage seine Krieger
Ließ er ruhen dann vom Kriege.

VIERTER GESANG

Da war aber eine Landschaft


Mit dem Namen Tochter Juda,
Israels Bewohner wohnten
In dem Land der Tochter Juda.
Die entsetzten sich, vernehmend
Wie der Herzog Holofernes
Alle Burgen, alle Städte
Schändete und alle Leute.

Da begannen sie zu fürchten,


Daß Jerusalem erobert
Werde und der Tempel Gottes
Werde ruiniert zu Trümmern.

Also sandten sie Gesandte


Gegen Jericho, Samarien,
Daß in Jericho, Samarien
Man sich schütze vor dem Feinde.

Sie begannen, hohe Mauern


Zu errichten um die Städte
Und die Burgen zu versorgen
Drinnen reich mit Korn und Wasser.

Unter ihnen war ein Pfaffe,


Groß sein Name und gewaltig,
Eliachim war sein Name,
Der war Oberster der Pfaffen.

Esdralon gebot der Pfaffe


Und Dotaim riet der Pfaffe,
Daß die Berge sie besetzten,
Daß sie sicherten die Wege.

Nun hob sich ein großes Weinen


Von der ganzen Volksgemeinde,
In Jerusalem und andern
Orten alle Leute weinten.

Jammernd klagten sie Jehowah,


Daß man gegen Gottes Ehre
Wollt Jerusalem erobern
Und vernichten Gottes Tempel.

Und sie trugen Sack und Asche


Und beweinten ihre Sünden,
Ihre Frauen klagten leise,
Ihre Kinder schrieen jammernd.

Und sie schrieen zu dem Höchsten,


Daß er ihnen in der Schwermut
Ihrer Trübsal Beistand sende,
Hilfe von dem Heiligtume.

Gott, beschütz uns vor dem Feinde,


Der uns will vertreiben alle,
Alle Männer, alle Frauen,
Alle Großen, alle Kleinen.

Und der Pfaffe Eliachim


Wallte durch die Tochter Juda,
Sagte Israels Bewohnern:
Betet allzeit, fastet, opfert!

Dann wird Gott euch bald erhören,


Wenn ihr betet, betet, betet,
Gott wird seinen Beistand senden,
Gott wird euern Feind vernichten.

Gott stand so dereinst bei Mose,


Der nur durch die Bittgebete
Seiner Reue, seiner Buße
Amalek den Feind besiegte.

Amalek war groß und zahlreich,


Zahlreich war des Feindes Mannschaft,
Mose überwand den Gegner
Durch die Macht der Bittgebete.

Also werden alle siegen,


Die geduldig leiden, opfern,
Buße tun und fasten, beten,
Das ist die gewisse Wahrheit.

Nach dem Trostwort dieses Pfaffen


Mann und Weib und kleine Kinder
Schrieen laut zu Gott dem Höchsten,
Daß er seinen Beistand sende.

Allzeit beten, fasten, opfern,


Buße tun und sich bekehren
War ihr Werk und ihre Arbeit
In der Innigkeit der Demut.

FÜNFTER GESANG

Bruder mein in Jesus Christus,


Kannst du dich wohl noch erinnern,
Daß ich sprach zu Anbeginn von
Achior und Holofernes?

Nun ist es soweit gekommen,


Daß ich Achior besinge.
O mein Freund, du bist ein Garten,
Drin ich mich zum Trost ergötze.

Ich gelobte bei der Freundschaft,


Daß ich Judith will besingen,
Dies soll meinem Bruder nützen,
Der da sucht die Weisheit Gottes.

Ja, schon sehe ich die Straße,


Die ich laufen will zum Ziele.
Gott behüte meine Seele,
Daß ich guten Lobpreis singe.

Gott behüte meine Seele,


Gott erquicke meinen Körper,
Daß mich nicht der Bär verjage,
Braun der Bär, den ich besungen.

Denn an diesem Donnerstage


Höre ich die Klage Davids:
Meinen Weinberg hat vernichtet
Braun der Bär aus finsterm Walde!

Braun der Bär, das ist der Teufel,


Ist Herr Uriel mit seinen
Weggenossen, den Satanen
Und mit dem Konvent der Hexen.

Solche irren auf dem Wege,


Die den wahren Gott vergessen,
Die den wahren Gott verlästern,
Unsern Schöpfer, Retter, Tröster!

Und ich fleh zu Gottes Gnade,


Daß die Gnade mich bewahre
Vor dem Löwen, König Frevel,
Der da umgeht, zu verschlingen.

Wäre ich doch stark wie Simson,


König Frevel zu erschlagen!
Speise kommt vom starken Fresser,
Was ist süßer als der Honig?

Siehe, süßer als der Honig,


Das ist die Idee des Honigs,
Das ist die Idee des Süßen,
Ist die Süßigkeit der Weisheit!

Freund, ich sage dir die Wahrheit:


An die Straße will ich treten,
An den Kreuzweg, an die Pforte,
Mit Frau Weisheit dort zu reden.
Führen will als guter Hirte
Ich mein Volk auf grüne Auen,
Weiden will ich meine Lämmer
Auf dem grünen Feld der Bibel.

Willst du in der Spur der Weisheit


Wandeln, jagen nach der Weisheit,
Höre mich getreu dir sagen,
Wer da Ohren hat, der höre:

Denkst du, dass ich Fabeln dichte,


Dichte nur Altweibermärchen?
Wehe, wehe, meine Schwermut
Muß das klagen und beweinen,

Das gereichte mir zum Zorne,


Wenn ich Eitelkeiten dichte,
Nein, mein Wort soll vorm Gerichte
Gottes nichts als Weisheit singen!

Nicht vergebens meine Arbeit


Als Poet der Weisheit Gottes,
Sondern der posthumen Sendung
Würdig will ich Weisheit künden.

Ich bin jung, bin wie ein Kindlein,


Stammle wie ein Kindlein Lobpreis,
Singe immer Jesus, Jesus!
Auf, zum frischen Quell der Weisheit!

SECHSTER GESANG

Achior war Ammons Herzog


Und er sprach zu Holofernes:
Herr, ich weiß von diesem Volke
Israel und wills dir sagen.

Dieses Volk stammt aus Chaldäa,


Stammt aus Ur in Mesopotamien,
Lehnte ab die falschen Götter,
Ehrten nur die Eine Gottheit,

Dienten nur dem Gott des Himmels,


Der ließ sie vondannen ziehen.
Aber als sie hungern mussten,
Zogen sie ins Land Ägypten.

Viermal hundert Jahre waren


Sklaven sie im Land Ägypten.
Israel ward aber zahlreich,
Zahllos wurden Jakobs Kinder.

Aber Pharao, der König


Von Ägypten, ließ die Sklaven
Stampfen Lehm und Ziegel brennen
In der Knechtschaft hartem Frondienst.

Doch das Volk schrie zu Jehowah


Und Jehowah hörte seine
Kinder zu dem Vater schreien
Und er sandte die Befreiung.

Übers Land Ägypten schickte


Gott gewaltig schlimme Plagen,
Bis der Pharao Ägyptens
Ließ die Kinder in die Freiheit.

Aber als die schlimmen Plagen


An ihr Ende kamen, jagte
Pharao den Kindern Jakobs
Nach bis an Ägyptens Schilfmeer.

Gott die Wellen aber trennte,


Wellen standen hoch wie Mauern,
Und die Kinder Jakobs zogen
Durch das Schilfmeer trocknen Fußes.

Die Ägypter aber jagten


Grimmig nach den Kindern Jakobs,
Aber Jakobs Gott ersäufte
Die Ägypter in dem Schilfmeer.

Israel zog durch die Wüste


Zu dem Sinai-Gebirge,
Niemand lebte in der Wüste,
Dort die Kinder Jakobs lebten.

Aus den bittern Quellen aber


Flossen süße Wasserströme
Und der Gott im Himmel nährte
Seine Schar mit Brot vom Himmel.

Ohne Pfeil und Bogen zogen,


Ohne Schilde, ohne Schwerter
Zogen Jakobs fromme Söhne
Durch die Wüste, Gott vertrauend.

Gott vertrieb die Feinde alle,


Alle gegnerischen Völker
Gott vertrieb vor seinen Kindern,
Gott selbst stritt für seine Söhne.
Keiner konnte sie besiegen,
Wenn sie treu Jehowah blieben.
Als sie aber abgefallen,
Da gerieten sie in Schande.

Als sie wieder sich bekehrten,


Gott besiegte alle Feinde,
Jebusiter, Perisiter,
Amoriter und Heviter,

Alle wurden überwunden


Und die Länder dieser Heiden
Waren nun in Jakobs Händen,
Jakobs Söhnen voller Stärke.

Und so lang sie nicht gesündigt,


Stand es gut mit Jakobs Söhnen
Und Jehowah strafte alle
Feinde Jakobs mit der Rute.

Aber wenn sie abgekommen


Von dem Wege Gottes waren,
Kamen sie in die Verbannung,
Die Zerstreuung in der Fremde.

Aber dann in der Zerstreuung


Sie bekehrten sich zur Gottheit
Und Jehowah ließ sie wohnen
Hier auf diesen festen Bergen.

Darum, Herzog Holofernes,


Sollst du zu erfahren suchen,
Ob sie gegen Gott gesündigt,
Dann besiegen wir sie sicher.

Wenn sie Gott in deine Hände


Gibt, dann werden untertänig
Sie dir dienen als die Sklaven
Nebukadnezars, deines Herrschers.

Aber haben Jakobs Söhne


Nicht den Bund mit Gott gebrochen,
Können wir sie nicht besiegen,
Denn Jehowah streitet für sie!

Dann wird Gott dein Heer besiegen


Und dein Heer wird unterliegen,
Jakobs Söhne in den Kriegen
Werden sicher triumphieren!
SIEBENTER GESANG

Als so Achior gesprochen,


Herzog Holofernes’ Knechte
Wollten Achior ermorden
Und sie sprachen miteinander:

Wer ist der, der hier gesprochen


Gegen Nebukadnezars Heere,
Die geleitet ohne Weisheit
Seien, ohne Kraft und Stärke?

Daß nun Achior bekenne,


Wie er sich in uns getäuscht hat,
Wollen wir gewaltig kommen
Aufs Gebirg der Tochter Juda.

Wenn wir dann das Volk von Juda


Eingefangen und erschlagen,
Soll auch Achior erschlagen
Werden mit des Schwertes Schärfe.

Dann soll jedes Volk auf Erden


Dies bekennen, dass der Herrscher
Nebukadnezar wahrer Gott sei,
Außer Gott kein andrer Gott sei!

Also sprachen sie. Die Rede


Achiors erregte zornig
Holofernes. Holofernes
Sprach zu Achior die Worte:

Da du uns nun prophezeitest,


Daß der Juden Volk beschützt wird
Von Jehowah, ihrem Gotte,
Darum sollst du nun bekennen,

Daß kein Gott vor unserm Gotte


Nebukadnezar war auf Erden.
Wenn wir alle Juden töten
Und erschlagen Mann und Weiber,

Kinder morden, Kindeskinder,


Sollst du mit ermordet werden
Und von der Assyrer Schwertern
Mit den Juden in den Tod gehn.

Dann sollst du im Tod erkennen,


Daß nur Nebukadnezar Gott ist,
Herrscher über Tod und Leben
Und der Gott der ganzen Erde.

Von dem Schwerte der Assyrer


Wird durchbohrt dann deine Seite
Und erliegen deinen Wunden
Wirst du, sterben mit den Juden.

Denkst du aber, deine Rede


Sei prophetisch und wahrhaftig,
Hebe ohne Furcht dein Antlitz
Und bleib treu dem Gott der Juden.

Geh du nur zum Volk der Juden


Und gesell dich zu den Juden,
Wird ergehen meine Rache,
Wird dich meine Rache treffen.

Also Herzog Holofernes


Seinen Knechten hat geboten,
Daß sie Achior gefangen
Führen in das Land von Juda.

In dem jüdischen Gebirge


Lag Bethulia, das Städtchen,
Achior ward ausgeliefert
In Bethulia den Juden.

Herzog Holofernes’ Knechte


Brachten Achior gefesselt
Auf das jüdische Gebirge,
Banden ihn an einen Baum an.

Achior stand da gefesselt


An den Baumstamm angebunden.
Und die Knechte Holofernes’
Ihn verhöhnend ihn verließen.

ACHTER GESANG

Und es kamen nun die Juden


Rasch zu Achior am Baume
Und sie führten den Befreiten
Nach Bethulia, dem Städtchen,

Nahmen ihn in ihre Mitte


Und befragten ihn neugierig,
Wie es sei ihm so ergangen,
Daß er dort gefesselt wurde.
Osias war Fürst der Juden
Und mit Osias war Karim,
Der war auch ein Fürst der Juden,
Die nun Achior vernahmen.

Achior bekannte offen,


Was ihn Holofernes fragte,
Was er Holofernes sagte,
Wie ihn Knechte schlagen wollten,

Wie ihn Holofernes schließlich


Übergab dem Volk von Juda,
Daß er mit den Juden sterbe,
Wenn der Herzog kommt zur Rache.

Dieses alles ist geschehen,


Sagte Achior zu Karim
Und Osias, weil ich sagte:
Gott Jehowah hilft den Juden.

Als dies Achior geredet,


Fiel die jüdische Gemeinde
Auf ihr Antlitz vor Jehowah,
Betend: Heilig, heilig, heilig!

Und die jüdische Gemeinde


Mit der Auserwählten Eintracht
Betete in tiefer Demut
Gott den Schöpfer an, den Vater.

Gott des Himmels und der Erde,


Schau uns an, in Demut betend,
Wie die Feinde uns verfolgen,
Sei dein Antlitz unsre Hilfe!

Laß uns sehen, unser Heiland,


Wie die Stolzen du erniedrigst
Und wie du erhöhst die Kleinen.
Wer sich Gott dünkt, mach dem Vieh gleich!

Da die jüdische Gemeinde


Alle Tage, alle Nächte
Betete in großer Trübsal
Und in Drangsal ihrer Leiden,

Sprachen Achior sie Trost zu:


Unser Gott, den du bekannt hast,
Wird dich schützen wie ein Adler
Und der Feind sein deiner Feinde!

Wenn uns unser Heiland rettet


Nur aus Gnade seiner Liebe,
Mögest du auch gläubig werden
Ans Gesetz des großen Gottes.

So sprach die Gemeinde. Abends


Osias nahm ihn ins Haus auf,
Lud ihn ein zum Abendmahle,
Nach dem Fasten aßen Fleisch sie.

Und die gläubige Gemeinde,


Sich versammelnd in der Kirche,
Betete die ganze Nacht durch
Vor der Gegenwart des Höchsten.

Und sie flehten in der Kirche


Vor dem Schrein des Wortes Gottes:
Gott des Himmels und der Erde,
Uns erlös aus allen Qualen!

NEUNTER GESANG

Holofernes seine Krieger


Ließ Bethulien bekriegen,
Hundertzwanzigtausend Läufer,
Zweiundzwanzigtausend Reiter.

Nach Bethulien sie zogen


Und gen Belnia sie kamen
Und bis an die Ortschaft Celmo,
Die bei Esdralon gelegen.

Und die jüdische Gemeinde,


Da sie Holofernes sahen,
Fielen nieder vor Jehowah,
Vor dem Gotte, der sie liebte!

Asche auf das Haupt sich streuend,


Reuevoll die Buße übend,
Beteten sie an in Eintracht
Ihren Gottherrn, der sie liebte!

Und sie baten ihre Gottheit


Um das herzliche Erbarmen
Und dann nahmen sie die Waffen
Zur Verteidigung des Landes.

Holofernes durchs Gebirge


Wandernd, fand dort eine Quelle,
Da die Juden Wasser schöpften,
Nah den Mauern ihrer Ortschaft.
Heimlich schöpften Juden Wasser,
Sich zu laben an dem Wasser
Und sie tranken zur Erquickung
Von der keuschen Schwester Wasser.

Diese Quelle nun gewahrten


Die von Moab und von Ammon,
Denn die Moabiter stritten
Mit dem Herzog gegen Juda.

Und die Moabiter sprachen,


Moab sprach zu Holofernes:
Du besetze diese Quelle,
Daß sie nicht mehr fließt den Juden.

Wenn die Juden nicht mehr trinken


Von der keuschen Schwester Wasser,
Werden sie ermattet, müde,
Und wir können sie besiegen.

Holofernes glaubte Moab


Und dem Ratschlag Moabs folgend
Er besetzte jene Quelle
Mit Soldaten, vielen hundert.

Es vergingen vierzig Tage,


In Bethulia das Wasser
In dem großen Wasserbecken
Wurde knapp, die Menschen durstig.

Und sie hatten nichts zu trinken


Und sie dürstete nach Wasser:
Ach mich dürstet, ach mich dürstet,
Schmachtend schrie die Tochter Juda!

ZEHNTER GESANG

In der Zeit zusammenkamen


Alle Juden der Gemeinde
Und zu Osias dem Fürsten
Sprachen Männer, Weiber, Kinder:

Gott sei unser aller Richter!


Übel haben wir gehandelt,
Übel ist an uns ergangen
Zu der Strafe unsrer Sünden.

Osias, du Fürst der Juden,


Warum hast du deine Juden
Nicht Assyrien ergeben,
Uns ergeben Holofernes?

Gott hat uns in seine Hände


Doch in dieser Frist gegeben,
Die wir ganz vergehn vor Dürsten
Und verschmachten in der Dürre!

Sammle nun das Volk der Juden


Und ergib die Tochter Juda
In die Hand des Holofernes,
In die Hände der Assyrer.

Lieber leben und Gott loben


In der Hand des Holofernes
Als ein freies Volk der Juden
Und doch alle hingeschlachtet!

Wir und unsre Väter alle


Sind die Zeugen unsres Gottes,
Unsres einen, einzig wahren
Gottes Zebaoth Jehowah!

Wir beschwören dich mit Tränen,


Gib uns Männer, Weiber, Kinder
In des Holofernes Hände,
Eilig, noch bevor wir sterben!

Lieber sterben kurz und schmerzlos


Durch das Schwert des Holofernes
Als in langem Elendschmachten
Hinzusiechen und verdursten!

Da sie also alle sprachen,


Klang ein Heulen in der Kirche,
Männer weinten, Weiber heulten,
Alle Kinder schrien vor Jammer!

In der Kirche alle Juden


Flehten an den Allerhöchsten:
Gott, wir sind nur arme Sünder,
Hab Erbarmen, hab Erbarmen,

Sei barmherzig, Vater unser,


Die wir deine Kinder heißen,
Sei uns gnädig, unser Vater,
Und erlöse uns vom Bösen!

O Gerechtigkeit und Gnade,


Gottes Zorn und Gottes Milde,
Mögst du deine Zucht und Rute
Gnädig mild an uns erweisen.

Gib uns nicht den wilden Heiden


In die Hände, wüsten Sündern,
Gottesleugnern, Ehebrechern,
Daß sie nicht den Herrn verlästern

Und von deinem Namen sprechen:


Wo ist denn der Juden König,
Wo ist denn ihr Herr und Heiland,
Konnte sie ihr Gott nicht retten?

So sie beteten in Jammer,


Da erhob sich voller Trauer
Osias, der Fürst der Juden,
Und er sagte in der Kirche:

Bei den heißen Tränenströmen,


Die sich vor dem Herrn ergossen,
Bei dem reichen Schwall der Tränen,
Die ich weinte vor dem Vater,

Noch fünf Tage will ich warten,


Ob uns Gott der Tröster tröste
Und uns Gott der Retter rette,
Sonst ergeben sich die Juden.

Noch fünf Tage beten, fasten,


Buße tun und Opfer bringen,
Noch fünf Tage sich bekehren,
Bis uns rettet unser Vater!

ZWEITER TEIL

ERSTER GESANG

Unsre Liebe Frau von Sion,


Meine Muse, meine Dame,
Singe mir das Lied von Judith,
Der Erlöserin der Juden!

In Bethulien, der Ortschaft,


Hörte alle diese Worte
Osias’ und aller Juden
Eine Witwe namens Judith.

Einem Ehemann vermählt war


Judith, der da hieß Manasse,
Der stand in dem Erntemonat
Auf dem Feld und band die Garben,

Da kam eine solche Hitze,


Von der Hitze starb Manasse,
In Bethulien begraben
Ward Manasse von der Witwe.

Und drei Jahre und sechs Monde


Lebte Judith schon als Witwe.
In der Kammer ihres Hauses
Sie bewohnte eine Klause,

Eine heimelige Klause,


Eine Zelle des Gebetes,
Die bewohnte sie mit ihren
Mädchen, ihren Dienerinnen.

Und sie trug die Bußgewänder


Und sie fastete zur Buße
Alle Tage, nur am Sabbath
Und am Festtag aß sie festlich.

Schön und strahlend war das Antlitz


Judiths, eine Antlitz-Schönheit
War sie, Liebreiz voller Leuchtglanz
War auf ihrem Angesichte!

Ihr Gemahl ließ ihr als Erbe


Großes Gut und dies ihr Erbteil
War sehr reich und ihre Herde
Zählte überreichlich Kleinvieh.

Einen guten Namen Judith


Hatte bei dem Volk von Juda,
Ihre Gottesfurcht berühmt war
Bei den Kindern Gottes allen.

Von den frommen Juden keiner


Jemals sagte böse Worte
Oder Lästerungen über
Judith, diese keusche Witwe.

Als nun Judtih hat vernommen,


Daß es Osias gefallen,
In fünf Tagen alle Juden
Holofernes zu ergeben,

Schickte Judith zu den Priestern.


Priester Karmim, Priester Kabri
Kamen zu der Witwe Judith
Und sie sagte zu den Priestern:
Was ist das, was ich vernommen,
Osias, der Fürst der Juden,
Will die Juden übergeben
Holofernes in fünf Tagen,

Wenn uns Gott der Herr nicht rettet


Nach fünf Tagen Bittgebeten?
Wollt ihr Gott den Herrn versuchen,
Gott befehlen, dass er helfe?

Solche Worte helfen nimmer,


Sondern sind allein geeignet,
Statt Barmherzigkeit die Rage
Unsres Gottes zu empfangen.

Wollt ihr Gott den Tag bestimmen,


Da uns rettet sein Erbarmen,
Wollt Jehowah Fristen setzen,
Da uns Gott erretten müsse?

Gott ist voll Geduld und Sanftmut,


Voll Barmherzigkeit und Langmut,
Drum mit Tränen unsrer Reue
Lasst uns suchen Sünden-Ablaß!

Gott ist nicht erzürnt wie Väter,


Die sich nicht versöhnen lassen.
Darum lasst uns voller Demut
Uns erniedrigen im Geiste

Und uns neigen vor Jehowah


Voller Demut als die Diener
Und anflehen Gott mit Tränen
Und ihn bitten um Erbarmen.

Lasst uns preisen unsre Trübsal,


Denn entmachtet wird der Hochmut
Und erhoben wird die Demut
Von dem Gott, der liebt die Kleinen!

Wir sind nicht wie unsre Väter,


Die den wahren Gott verlassen
Und in ihrer Sünde gottlos
Beteten zu goldnen Götzen.

Und weil unsre Väter Sünder


Waren, folgten goldnen Götzen,
Wurden sie vom wahren Gotte
Auch gestraft mit Zornes Rage.

Wir jedoch, wir lieben einzig


Gott, den Vater in dem Himmel,
Unsern Heiland, unsern Retter,
Dessen Geist ist unsre Tröstung.

Wir erflehen unter Tränen


Stets den Trost des Geistes Gottes,
Darum wird er uns erretten
Und erlösen von dem Bösen.

Wird sich gegen uns erheben


Einer von den Feinden Gottes,
Wird der Herr ihn niederschmettern
In der Allmacht seiner Rettung.

O ihr gottgeweihten Priester,


Ihr sollt unser Volk erinnern,
Wie auch selbst die Patriarchen
Mussten leiden manche Trübsal,

Gott erprobte durch die Trübsal


Auch die großen Patriarchen,
Vater Abraham, der fromme,
Ward geprüft in schwerer Drangsal,

Der die Prüfung treu bestanden,


Wurde gar zum Freund Jehowahs!
Isaak geschah das selbe
Und auch Jakob, unserm Vater

Israel, dem Kämpfer Gottes,


Der ward auch versucht durch Trübsal
Und ist treu erfunden worden
Und von Gott gesegnet reichlich.

In der heiligen Geschichte


Wissen wir doch auch von Leuten,
Die die Prüfungen der Trübsal
Nicht mit Gottesfurcht ertragen,

Sondern widerspenstig murrend


Gingen sie zugrunde, wehe,
Durch der Feuerschlangen Giftbiß
Sind zugrunde sie gegangen!

ZWEITER GESANG

Also sprach die Witwe Judith:


Wenn uns nun betroffen Trübsal,
Sollen wir in Demut denken,
Dies ist Strafe unsrer Sünden

Und doch milde ist die Rute


Gottes in den Züchtigungen,
Nicht zum Schaden ist die Trübsal,
Nein, zum ewigen Gewinne.

Osias, der Fürst der Juden,


Und die beiden Priester sprachen:
Voller Wahrheit deine Worte,
Nichts an deinem Wort ist sträflich.

Du bist heilig, Witwe Judith,


Weil du heilig, fromme Witwe,
Bitt für uns in diesen Stunden
In der Frist der großen Trübsal.

Darauf sprach die Witwe Judith:


Haltet ihr für wahr mein Reden,
So betrachtet, ob auch wahrhaft
Meine Handlungen vor Gott sind.

Bittet doch, dass Gott aus Gnade


Meiner Handlung Ratschlag beisteh
Und mir hilft mit seiner Hilfe,
Kraft mit gibt mit seinem Geiste.

Nachts sollt stehn ihr an der Pforte,


Wenn mit meinem Mädchen Abra
Ich heraustret aus dem Tore,
Sollt fünf Tage lang ihr beten.

Betet allzeit zu Jehowah,


Daß er Tochter Juda rette.
Aber was ich tu und wirke,
Soll euch bleiben ein Geheimnis.

Gebt mir nichts als euer Beten.


Also sprach die Witwe Judith.
Osias sprach zu der Witwe:
Geh mit Gott, in Gottes Frieden!

Küsse du die Liebe Gottes,


Küsse du den Frieden Gottes,
Geh mit Gott in Gottes Frieden,
Räche uns an unsern Feinden!

Da ging Judith in ihr Bethaus,


Zog sich an die Bußgewänder,
Streute auf das Haupt die Asche,
Schrie zum Tröster in dem Himmel.
Herr, du Gottheit meines Vaters
Simeon, der ihm ein Schwert gab
Gegen die empörten Heiden,
Die geschändet eine Jungfrau,

Der du gabst der Heiden Weiber,


Der du gabst der Heiden Söhne
In Gefängnis und in Schande,
Gabst ihr Gut den Kindern Gottes,

Dich anflehe ich, Jehowah,


Hilf du einer armen Witwe,
Der du bist von Anbeginne,
Der du bist in Ewigkeiten,

O du Schöpfer aller Dinge,


Der du uns den Weg bereitest,
O du Richter des Gerichtes,
Weiser Gott in deiner Vorsicht!

Schau herab auf die Assyrer,


Die uns heute schwer bedrängen,
Wie einst taten die Ägypter,
Die du siegreich überwunden,

Pharao und die Ägypter


Waren stolz auf ihre Wagen,
Waren stolz auf ihre Pferde,
Waren stolz auf ihre Krieger,

Du bedecktest doch Ägypten


Mit der Finsternis der Plage
Und ertränktest sie im Meere,
Schicktest sie in den Abyssus.

Dieses auch geschehe heute


An den Scharen der Assyrer,
Die so stolz auf ihre Menge,
Die so stolz auf ihre Stärke,

Aber dies weiß nicht Assyrien,


Daß du bist der Ewig-Eine,
Du bist Schöpfer, Retter, Tröster,
Gott in allen Ewigkeiten!

Hebe deines Armes Rechte


Über alle Macht des Feindes,
Stürz den Feind durch deine Rage,
Stürz des stolzen Feindes Hochmut,

Der da deines Namens Tempel


Niederreißen will im Zorne,
Deines heiligen Altares
Hörner will zu Boden werfen.

Darum bitt ich dich, Jehowah,


Laß den Feind gefangen werden
Durchs Verlangen seiner Augen
Vor der Schönheit meines Leibes.

Meines Mundes Minne schlage


Nieder unsern Widersacher,
Die Begierde seiner Augen
Fange ihn in meinen Fesseln.

Gib mir, Zebaoth Jehowah,


Kraft, zu zeigen keinen Ekel,
Keinen Ekel vor dem Feinde,
Vor dem widerlichen Feinde!

Gib mir Kraft in meine Seele,


Daß ich meinen Feind verschmähe,
Werde er zum Ruhme Gottes
Überwunden durch ein Weibchen!

Nicht die Stolzen und die Starken,


Nicht die Hohen und die Reichen
Finden dein Gefallen, Gottheit,
Sondern die in Demut klein sind.

Lob der Demut, Lob der Sanftmut,


Lob des Betens, Lob des Fastens!
Das gefällt die, Gott des Himmels,
O du Schöpfer aller Meere,

König aller Kreaturen,


Höre eine arme Witwe,
Die vertraut auf dein Erbarmen,
Mütterliches Allerbarmen!

Dein Wort sei auf meinen Lippen,


Deine Kraft in meinen Händen,
Daß die ganze Welt erkenne,
Gott ist Gott und sonst ists keiner!

DRITTER GESANG

Judith hatte so gebetet,


So geschrieen zu dem Vater,
Dann erhob sie sich vom Boden,
Rief zu sich ihr Mädchen Abra.
Sie tat ab die Bußgewänder,
Legte ab die Witwenkleider,
Badete den Leib und salbte
Ihren schönen Leib mit Myrrhe,

Sie frisierte ihre Haare,


Zog sich an die Duftgewänder,
Sie verschönerte ihr Aussehn
Sehr geschickt mit Schmuck und Schminke,

Tat an ihren Arm ein Armband,


An die Ohren Mondsteinringe,
Eine weiße Perlenkette
Hing im Tale ihrer Brüste.

O wie schön war die geschmückte


Judith, nicht geschmückt aus Wollust,
Sondern zu der Ehre Gottes;
Schön geschmückte Braut Jehowahs!

Nicht aus Eitelkeit und Weltsinn


Sie verschönte sich mit Schminke
Und mit Schmuck, vielmehr aus Tugend
Zu dem Ruhm der Schönheit Gottes!

Nicht wie liederliche Dirnen


War der große Liebreiz Judiths,
Diente nicht der Lust der Augen,
Diente nicht der Lust des Fleisches.

Dann nahm Judith einen Weinschlauch,


Füllte ihn mit dunklem Rotwein,
Öl und Brot und Käse Abra
Trug für ihre Dame Judith.

Und sie traten an die Pforte


Vor den Fürsten und die Priester
Und die staunten voll Erstaunen
Und voll Wundern an die Schönheit!

Und die frommen Männer sprachen:


Geh du in der Gnade Gottes,
Deines Herzens weisen Ratschlag
Stärke Gott durch seine Tugend.

Sei Jerusalem gepriesen,


Weil du lebst im Volke Gottes.
Alle frommen Leute sprachen:
Fiat, Fiat! Amen, Amen!

Betend ging nun ihres Weges


Judith mit dem Mädchen Abra.
In der Morgenröte sahen
Sie die Wächter der Assyrer.

Und die Wächter der Assyrer


Sprachen so: Woher, wer bist du?
Judith sprach: Ich bin hebräisch,
Eine Tochter der Hebräer.

Die Hebräer werden aber


Bald vernichtet von Assyrern,
Weil sie sich euch nicht ergeben,
Ihr seid ihnen nicht barmherzig.

Darum dachte ich, ich gehe


Zu dem Herzog Holofernes
Und ich sag dem Herzog heimlich,
Wie er Juda überwindet.

Da die Wächter dies vernahmen,


Rauschten ihnen ihre Ohren,
Denn das Blut stieg in die Ohren
Vor der Schönheit dieser Judith!

Großes Wunder ihre Schönheit


Und ihr makelloses Antlitz!
Und sie sprachen: Das ist weise,
Daß du aufsuchst Holofernes.

Und die Wächter der Assyrer


Brachten sie zu Holofernes.
Holofernes, Judith sehend,
Ward gefesselt von dem Liebreiz!

Holofernes und die Fürsten


Sprachen alle: Wer verschmähte
Die Hebräer, da sie solche
Wunderschönen Weiber haben?

Gegen die Hebräer sollten


Wir allein um ihre Weiber
Streiten in den Männerkriegen,
Ihre Weiber zu erobern!

Solcher Weiberschönheit Wonne


Sollte nicht vorüberwandeln,
Ohne dass wir sie genießen
In der Lust der Frauenliebe!

VIERTER GESANG
Herzog Holofernes ruhte
Schlummernd unterm Mückennetze,
Goldgesticktem Seidenschleier,
Eingewobner Perlenschnüre.

Judith sah ihn auf dem Bette


Ruhen auf dem samtnen Kissen,
Kniete sie zu seinen Füßen
An dem Ende seines Bettes.

Holofernes schaute Judith


Knieen da zu seinen Füßen,
Holofernes sprach zu Judith:
Frau, erhebe dich, du Schöne!

Fürcht dich nicht vor Holofernes,


Keinen Mann hab ich getötet,
Der sich völlig unterworfen
Nebukadnezar, meinem Herrscher.

Hätte nicht das Volk der Juden


Meinen Herrn verschmäht so trotzig,
Hätt ich nimmer meine Hände
Gegen dieses Volk erhoben.

Warum nun bist du gekommen,


Sage mir das an, du Schöne,
Was ist dein Begehr, du Schöne,
Daß du heut zu mir gekommen?

Judith sprach zu Holofernes:


Höre deine Magd an, Herzog,
Gott will große Tat verrichten
Und sein Werk durch dich vollbringen.

Nebukadnezar ist der König


Aller Erden, seiner Herrschaft
Dienen nicht nur Menschenkinder,
Sondern alle Kreaturen.

In dem Reiche Nebukadnezars


Bist du Herzog machtgewaltig,
Deine Zucht erzieht die Menschen
Durch die Rute deiner Krieger.

Achior hat dir berichtet,


Daß verloren Tochter Juda,
Wenn die Juden gottvergessen
Widerstehen ihrem Heiland.
Achior hat recht gesprochen
Und so will ich dir verkünden,
Wie auch künden die Propheten:
Juda widersteht dem Heiland.

Durch die Sünde unsres Zweifels


An des Ewigen Gesalbten
Sind dem Feind wir übergeben
Zur Bestrafung unsrer Sünde.

Darum plagt uns auch der Hunger


Und der Durst in großer Dürre,
Auch wir schlachteten die Tiere,
Tranken auch das Blut des Fleisches.

Auch wir rührten an im Frevel


Die geweihten Brote Gottes
Und dem Wein des Heilands gaben
Wir nicht gottesfürchtig Ehre.

Durch der Sünden Missetaten


Wird die Tochter Juda heute
Ihrem Feinde übergeben
Und Verluste leiden schrecklich.

Darum bin ich auch entflohen,


Daß ich dieses dir verkünde,
Gott den Herrn will ich anbeten,
Gottes Sklavin, deine Sklavin!

Ist das ganze Volk der Juden


Doch wie eine große Herde
Widder, Mutterschafe, Lämmer,
Welche keinen Hirten haben.

Sie sind alle nun so stille,


Werden sie nicht meckern, brüllen,
Das hat Gott mir kund gegeben,
Daß ich dieses dir verkünde.

Als der Herzog Holofernes


Und die Großen seines Tisches
Dieser Rede Wort vernommen,
Sprachen sie zu Judith also:

Ist kein Weib auf dieser Erde


Dir vergleichbar in der Schönheit
Deines schönsten Angesichtes
Und der Weisheit deines Wortes!

Holofernes sprach zu Judith:


Gott hat gut getan, zu senden
Seine Magd zu mir, dem Herzog,
Um die Juden auszuliefern.

Wird mir Gott die Macht verleihen,


Daß ich Juda überwinde,
Wirst du groß sein, schöne Judith,
In dem Hause Nebukadnezars.

Dann wird hochgerühmt dein Name,


Deine Schönheit, deine Weisheit,
Du wirst benedeit von Kindern,
Benedeit von Kindeskindern!

Sprachs und ließ die schöne Judith


Wohnen in geschmückter Kammer,
Ließ ihr geben gute Gaben
Aus des Herzogs reicher Wirtschaft.

Aber Judith sprach zum Herzog:


Deine Speisen nicht begehr ich,
Meine Speise ist die Speise,
Die uns unser Gott geboten.

Sprach der Herzog Holofernes:


Was, wenn alles aufgegessen,
Was du von der Speise Gottes
Bei dir hast in dem Gefäße?

Judith sprach zu Holofernes:


Eh ich Gottes Brot verzehrt hab,
Wird der Herr in seiner Allmacht
Sicherlich sein Werk vollenden.

Dann begab sie sich in ihre


Schöngeschmückte saubre Kammer.
Sprach sie: In der Nacht, der finstern,
Will ich zu Jehowah beten.

Laß mich in der Nacht, der finstern,


Treten einsam in das Freie
Und den Herrn anbeten einsam,
Meinen Schöpfer, meinen Gatten!

Holofernes seinen Knechten


Sagte: Will die schöne Judith
In des Dunkels Finsternissen
Gott anbeten, lasst sie beten.

Also in der Nacht, der finstern,


Judith sich erhob vom Bette,
Ging ins Dunkle, ging ins Freie,
Betete zu ihrem Schöpfer.
Badete im Wasserbade,
Taufte sich mit Gottes Gnade
Und empfing von Gott den Segen
Seiner Allmacht, Weisheit, Liebe!

Judith betete zum Heiland:


Gott, erlöse deine Kinder!
Dann begab sie sich zu Bette,
Reinlich blieb sie vor dem Schöpfer.

FÜNFTER GESANG

An des dritten Tages Abend


Machte Herzog Holofernes
Seinen Knechten an dem Tische
Guter Kost ein Abendessen.

Einer von den Knechten aber,


Vagio mit Namen heißend,
Hörte den Befehl des Herzogs:
Ruf du mir die schöne Judith,

Die Hebräerin, die Schöne,


Wohne sie dem Abendmahl bei.
Also Vagio, der Diener,
Ging und rief die schöne Judith:

Soll ein gutes Weib sich schämen


Etwa vor des Fürsten Augen?
Sollt sie nicht mit ihrem Fürsten
Speisen Weißbrot, trinken Schaumwein?

Judith sprach zum Knechte also:


Wer bin ich, dass ich mich weigre?
Ich will ganz ihm sein zu Diensten
Und ihm ganz ein Wohlgefallen.

Judith nahm die schönsten Kleider


Und die schönsten Perlenschnüre
Und erneuerte die Schminke,
So kam sie zu Holofernes.

Als der Herzog Holofernes


Judith treten sah zum Tische,
War er ganz verzückt vor Wonne
Und Begier nach ihrem Leibe.

Iß vom Weißbrot, trink vom Schaumwein,


Sprach zu Judith Holofernes,
Weil du Gnade hast gefunden
In den Augen deines Fürsten.

Judith sprach zu Holofernes:


Edler Herzog, deine Sklavin
Trinkt nur Gottes Blut der Traube,
Ißt nur Gottes Fleisch des Brotes.

Holofernes aber zechte


So viel von dem süßen Weine,
Wie er noch sein ganzes Leben
Nicht gesoffen von dem Schaumwein.

Aber in der Nacht, der späten,


Gingen heimwärts alle Knechte
Und auch Vagio der Diener
Schloß die Pforte seines Herzogs.

Holofernes schlief im Bette,


Lag im Tiefschlaf voll betrunken.
Judith aber sprach zu Abra:
Mädchen, hüte du die Pforte!

Judith aber trat ans Lager


Und sie betete vorm Bette:
Herr, lass heute wohlgelingen
Und vollbringe deine Werke!

Heiland Israels und König,


Heut vollbringe deine Rettung,
Und Jerusalem, die Jungfrau,
Rette vor dem Widersacher!

Judith nahm des Holofernes


Scharfes Schwert von seinem Pfosten,
Griff den Herzog bei den Haaren,
Schlug dem Herzog ab den Schädel!

Dann rief sie das Mädchen Abra.


Judith und das Mädchen Abra
Wickelten des Herzogs Schädel
In das Mückennetz von Seide.

Judith und das Mädchen Abra


Gingen eilends aus dem Lager.
Alle Knechte lagen schlafend,
Keiner hielt sie auf, die Frauen.

Und sie wandten sich vom Lager


Der Assyrer durch die Berge
Zu Bethuliens Talgefilde
Und sie kamen zu den Ihren.

SECHSTER GESANG

Judith und das Mädchen Abra


Kamen nach Bethuliens Pforte:
Tut die Pforten auf, die alten,
Siehe, Zebaoth ist mit uns!

Zebaoth in diesen Zeiten


Jungfrau Israel erlöste
Durch den Ratschlag seiner Allmacht
Und die Hände eines Weibes!

Alle hörten ihre Stimme,


Alle kamen da zusammen
Mit den Priestern und den Vätern
Und den Müttern und den Kindern.

Alle die verzweifelt waren,


Alle schöpften wieder Hoffnung.
Kerzen brannten auf den Leuchtern,
Kerzen des Gebetes rauchten.

Unter die Gemeinde Judith


Trat und bat um fromme Stille,
Alle Kleinen, alle Großen
Schwiegen voller frommer Ehrfurcht.

Judith sprach: Jehowah Lobpreis,


Zebaoth Anbetung! Sela.
Gott verlässt nicht seine Kinder,
Gott erlöst uns aus dem Elend!

Gott ist voller Allerbarmen!


Durch die Hände seiner Tochter,
Seiner Magd und seiner Sklavin,
Hat er unser Heil vollendet.

Durch die Hände seiner Sklavin


Hat er unsern Feind erschlagen!
Seht den Schädel Holofernes’,
Seht den König der Assyrer,

Seht den Hauptmann der Assyrer,


Seht sein Haupt im Mückennetze,
Darin er betrunken schlummernd
Lag besoffen in dem Vollrausch!
Schlug das Haupt von seinem Rumpfe
Gottes Magd mit einem Schwerte,
Lobpreis Zebaoth Jehowah,
Angebetet sei Eloah!

Gottes Engel als mein Schutzgeist


Mich beschützte vor dem Bösen,
Gottes Engel Mahanajim
Ging umher mit goldnem Schwerte!

Gottes Name, Gottes Engel


Hat begleitet Gottes Sklavin,
Daß ich Gottes Allerbarmen
Euch beweise zur Erlösung.

Also nun bekenne Juda,


Tochter Juda, Gottes Güte,
Gott ist gut, Gott ist die Liebe,
Voll des herzlichen Erbarmens.

Alle Juden also sangen:


Gott hat dich sehr reich gesegnet,
Gott der Herr in seiner Tugend
Überwand durch dich den Bösen.

Osias, der Fürst der Juden,


Sprach zur schönen Witwe Judith:
Hochgebenedeite Tochter
Gottes, Hochgebenedeite!

Mehr gesegnet als die Frauen


Auf der ganzen Erde bist du,
Hochgebenedeite Tochter
Gottes, Hochgebenedeite!

Gott sei angebetet einzig,


Der durch deine Hände, Judith,
Uns erlöst von unserm Feinde,
Gott sei Lobpreis und Anbetung!

Alle frommen Juden sprachen:


Hochgebenedeite Tochter
Gottes, Hochgebenedeite!
Fiat, Fiat! Amen, Amen!

SIEBENTER GESANG

Herzog Achior gerufen


Ward zur schönen Witwe Judith.
Judith sprach: Nun siehst du selber,
Wie der Gott von Juda siegte!

Du warst Zeuge dieses Gottes,


Als du sagtest, dass er rette,
Daß er helfe seinen Kindern,
So sie ihm den Glauben halten.

Nun hat Gott der Herr geschlagen


Unsern Feind und Widersacher
Durch die Hände eines Weibes,
So erkennst du unsern Retter.

Sieh das Haupt des Holofernes,


Der dir drohte mit dem Tode,
Wollte er mit seinem Schwerte
Dir durchbohren deine Seite,

Wenn er Israel ermordet,


Dich ermorden mit den Juden.
Aber hier siehst du sein Haupt nun,
Den Verspotter unsres Gottes.

Als nun Achior betrachtend


Stand vorm Haupt des Holofernes,
Fiel er gottesfürchtig nieder
Vor der schönen Judith Füßen.

Achior zu Judith sagte:


Mehr gesegnet als die Frauen
Bist du, Hochgebenedeite,
Auserwählte deines Gottes!

Die in allen Zelten Jakobs


Selig wird gepriesen werden,
Kinder dich und Kindeskinder
Dich lobpreisen, Benedeite!

Und dein Name wird berühmt sein


Bei den Kindern aller Zeiten,
Weil der Herr an dir gewirkt hat
Kraft zum Zeichen seiner Allmacht!

Judith sprach zum Volk der Juden:


Meine Brüder, hört auf Judith,
Hängt das Haupt des Holofernes
Auf die Mauer unsres Tores.

Wird die Sonne sich erheben,


Nehme jeder seine Waffen,
Denn wir ziehen in die Kriegsschlacht
Zu der Ehre unsres Gottes.
Sehen der Assyrer Heere
Unser Heer bewaffnet nahen,
Wollen wecken sie den Hauptmann,
Sehen sie ihn blutbesudelt

Tot in seinem Bette liegen,


Wird sie das Entsetzen packen
Und sie fliehen ängstlich schreiend,
Angsterfüllt wie bange Weiber.

Dann wird unser Gott uns rächen


Und die Widersacher töten
Und die Heere der Assyrer
Schlagen wird das Heer Jehowahs!

Als nun Achior betrachtend


Sah das fromme Heer Jehowahs,
Ließ er von den Heidengöttern,
Glaubte einzig an Jehowah,

Glaubte Zebaoth Eloah,


Glaubte Adonai El Shaddai,
Eingepfropft in Judas Ölbaum
Wurde er zum Kinde Gottes.

ACHTER GESANG

Als die Sonne aufgegangen,


Nahm man Holofernes’ Schädel,
Hing ihn oben auf die Mauer,
Alle nahmen ihre Waffen.

Dann die Judenkrieger zogen


Zu den Zelten der Assyrer.
Als die Krieger der Assyrer
Kommen sahn das Heer Jehowahs,

Eilten sie zum Zelt des Hauptmanns,


Wollten Holofernes rufen,
Doch wie wagten nicht zu klopfen
An die Tür des Holofernes.

Und sie riefen zu den Dienern:


Eilend geht und weckt den Hauptmann,
Denn die Feinde sind gekommen
Und begehren uns zu töten.

Da ging Vagio, der Diener,


In das Zelt des Holofernes,
Schlug die Hände laut zusammen
Voller Schrecken überm Haupte,

Dacht er doch, es läge Judith


Mit dem Herzog in dem Bette,
Doch als er die Pforte auftat,
Schau, der Herzog lag alleine

In dem Bette, blutbesudelt,


Nur der Körper, ohne Schädel.
Schreiend Vagio, der Diener,
Rief zu der Assyrer Kriegern:

Die Hebräerin, die Schöne,


Machte unsern Herrn zuschanden,
Schande hat gebracht die Jüdin
Über Nebukadnezars Zelte!

Schaut den Herzog Holofernes


Liegen hier in seinem Bette,
Doch allein mit seinem Körper,
Ohne seines Hauptes Schädel!

Als die Diener und die Krieger


Dieses hörten, dieses sahen,
Rissen sie in großen Ängsten
Schreiend sich entzwei die Kleider.

Schrecken großer Furcht befiel sie


Und ein jammervolles Klagen,
Ihre Freude war gewichen
Und sie schrien vor lauter Schrecken,

Die Gemeinde der Assyrer,


Hörend, was da war geschehen,
Als sie schauten an die Wahrheit,
Flohen sie in großen Ängsten,

Da sie hofften nicht auf Tröstung,


Keine Zuversicht sie hatten,
Eilten sie in Todesängsten
Bang vondannen, jammernd schreiend.

Also eilig sie entflohen


In der Todesangst voll Jammer,
Daß nicht einer mit dem andern
Auf der Flucht ein Wort gesprochen.

Und zurück sie ließen alles,


Was sie mitgebracht, sie ließen
Da zurück die Waffen alle
Und zurück die Schätze blieben.

NEUNTER GESANG

Also hat das Heer Jehowahs


Der Assyrer Heer vertrieben
Und gewonnen in dem Kriege
Sieg und Ruhm und neuen Frieden.

Von Jerusalem der Bischof


War Joachim der Gerechte,
Der nahm alle seine Priester
Und zog nach Bethuliens Kirche,

Denn er wollte Judith sehen.


Judith trat vor ihren Bischof
Und der gute Hirt Joachim
Lobte sehr die schöne Judith.

Ehre du der Tochter Juda


Und des Judenvolkes Freude,
Du des Gottesvolkes Würde,
Rettend uns zur rechten Stunde!

Du bist stärker als die Männer,


Judith, Retterin der Juden,
Du bist stark durch deine Keuschheit,
Die als Witwe Gott sich weihte!

Weil du nach dem Tod des Gatten


Keinen andern Mann genommen,
Sondern dich Jehowah weihtest,
Hat gestärkt dich Gott dein Gatte!

Darum soll dir werden Lobpreis


Von den Kindern, Kindeskindern,
Hochgebenedeite! Alle
Juden singen: Fiat, Fiat!

Und das fromme Volk der Juden


Lebte nun in großer Freude,
Lobten Gott, der sie gerettet,
Sie erlöste aus der Drangsal.

Judith auch lobpries Jehowah,


Daß der Vater in dem Himmel
Rettete die Kinder Gottes
Durch die Hände eines Weibes.
Als der Friede war gewonnen,
Sammelten sich alle Juden
In Jerusalem im Tempel,
Sangen: Sanctus, Sanctus, Sanctus!

Und die Juden brachten Opfer,


Lammesopfer vor dem Vater,
Judith opferte dem Retter
Die Trophäen ihres Sieges,

Gab das Schwert des Holofernes


Und das Mückennetz des Herzogs
Gott als eine Weihegabe
In dem Frauenhof des Tempels.

Und der Monde drei gefeiert


Ward von Großen, ward von Kleinen
Mit der großen Heldin Judith
Die Erlösung und der Friede.

Dann ging jeder Jude wieder


In sein Haus. Und in Bethulien
Judiths Name ward gepriesen
Von den Kindern, Kindeskindern.

Sie lobpriesen ihre Keuschheit,


Denn zum Lobe ihrer Keuschheit
Hat der Herr ihr Macht verliehen,
Sah sie an als reine Jungfrau.

Judith lebte hundert Jahre


Lang in diesem Erdentale.
Frei ließ sie ihr Mädchen Abra,
Die so treu gewesen Judith.

Und die Juden feiern heute


Noch die schöne Witwe Judith,
So besingt sie Gottes Bibel,
So besingen sie die Dichter.

ZEHNTER GESANG

Nun will ich zum Ende kommen,


O mein lieber Freund in Christus,
Alle die dies Epos lesen
Geistlich, wie es ward gedichtet,

Sollen Gottes Weisheit finden,


Worte voller Sinn gesungen
Habe ich in diesem Liede,
Wie mich Weisheit inspirierte.

Wer die Weisheit recht verstanden,


Den wird bringen Gottes Weisheit
Zu der süßen Gottesminne,
Übersüßen Minne Gottes!

Toren sollen dies nicht lesen,


Die sich weihen niedrer Minne,
Töricht dieser Erde Trieben,
Wissen nicht von Gottes Minne.

Und nun bitt ich dich, mein Bruder,


Und die Seelen, die mich lesen,
Ob ich lebe oder tot bin,
Betet doch für meine Seele,

Daß sich über mich erbarme


Die Barmherzigkeit des Vaters
Und mich Gott nach seinem Ratschlag
Überschütte mit der Gnade,

Nach dem Willen seiner Weisheit


Gott sich selbst in mir verkläre!
Druckt je einer dies mein Epos,
Lasse er es unverändert,

Wer veröffentlicht dies Epos,


Möge Gottes Gunst erlangen.
Jesus tilge alle seine Sünden
Durch das Opfer seines Blutes.

Wer veröffentlicht dies Epos,


Soll erlöst sein von dem Fluche,
Gott schreib ihn ins Buch des Lebens,
Schenke ihm des Lebens Krone.

Dieses Lied mit Namen Judith


Schrieb ich in dem Jahr Zweitausend
Acht nach der Geburt des Christus
Aus dem keuschen Schoß der Jungfrau.

Vater, Sohn und Geist! O Gottheit!


Allmacht, Weisheit, Schöne Liebe!
Meines Herzens Kniee beug ich
Untertänigst meiner Gottheit!

Herr, die Stärke deiner Weisheit


Ist auch mir vertraut geworden
Bei dem Schreiben dieses Buches,
Da mich deine Weisheit führte.
Heilig, Heilig, Heilig Jahwe!
Gottheit Abrams, Isaks, Jakobs!
Ich bin dein geringster Sklave
Alle Zeit und Ewigkeiten!

O mein liebster Jesus Christus,


Der für mich am Kreuz gestorben,
Rette mich aus meinem Tode,
Schließ mir auf die Himmelspforte!

Heilig Geist, o Schöne Liebe,


Ich lobpreise deine Minne,
Deine übersüße Minne
In dem Herzen Unsrer Frauen!

DIE JUNGFRAU VON GUADELUPE

ERSTER GESANG

Sanct Maria pinta nina:


Sankt Maria malt das Mädchen:
Also sind der Schiffe Namen
Von Christopherus Columbus.

In der Weihnachtsnacht des Jahres


Vierzehnhundertzweiundneunzig
Sankt Maria auf der Sandbank
Von Haiti ist gestrandet.

Einmal sah ich auf La Palma


Sankt Maria von Kolumbus,
Sah das Schiff stehn vor der Kirche
Von La Cruz, El Salvatore!

Und Fernando Cortez, Seemann,


Mit dem Schiffe Sankt Maria
Makellosester Empfängnis
In Amerika an Land ging.

Ich, der Ritter Don Quichote,


Kämpfte gegen finstre Mächte,
Für die unbefleckte Ehre
Meiner Herrin Dulcinea!

An dem Hals des Seemanns Cortez


Hing das Medaillon der Jungfrau,
Blaues Kreuz auf gelber Fahne:
Freunde, folgen wir dem Kreuze!

Eine Strecke blieb nur offen:


Nach Tenochtitlan, der Hauptstadt
Der Azteken. Diese Hauptstadt
War gewaltig wie Neapel,

Wie Konstantinopel, schöner


Als Venedig, Meer-Kybele.
Nur ein Schiff blieb: Sankt Maria
Makellosester Empfängnis.

In Europa Leonardo
Starb, zurück blieb nur ein Bildnis:
Gioconda, Mona Lisa
Mit geheimnisvollem Lächeln.

Karl der Fünfte war der Kaiser


Von dem Reich, in dem die Sonne
Niemals sank, die Philippinen
Östlich, Mexiko im Westen.

Der Azteken Reich besiegte


Cortez, dieses Land des Mondes,
Mexiko, das Land des Mondes,
Wie es Indianer nannten.

Doch der Kult der Menschenopfer


War so grausam, da die Priester
Ihren Opfern mit den Messern
Herzen aus dem Busen rissen!

Diese Kaktusfrucht des Adlers


Tat man in die Opferschale
Aus Basalt, sie darzubringen
Schlangengott Quetzalcoatl.

Vor der Opferung der Opfer


Nahmen ein die edlen Opfer
Drogenpilze, die berauschten,
Und Obsidiangetränke.

Zu dem Opferkult die Priester


Zapften Blut aus ihren Ohren,
Darum auch der Priester Ohren
Waren grauenhaft verstümmelt.
Schwarz gekleidet diese Priester
Und verfilzt die langen Haare,
Die Gesichter grau wie Asche,
Fingernägel ungeschnitten.

Nicht das Gold und nicht die Lieder


Voll der bittersüßen Schwermut
All die Spanier je versöhnten
Mit dem Kult der Menschenopfer.

All der Indianer Tempel


Der Azteken-Pyramiden
Sahen aus für Katholiken
Wie der Hölle Brückenköpfe.

Die Azteken aber sahen


An die Spanier auf den Pferden,
Hirsche nannten sie die Pferde,
Hirsche hoch wie Häuserdächer.

Die aztekischen Propheten


Prophezeiten einst: Im Jahre
Fünfzehnhundertneunzehn werde
Gott Quetzalcoatl kommen!

Gott Quetzalcoatl werde


Kommen, Gott als Flügelschlange,
Dessen Wiederkunft voll Sehnsucht
Mexiko voll Brunst erwartet.

Darum sind auch die Azteken


Nicht erlegen Spaniens Listen,
Sondern dieser Prophezeiung
Von der Wiederkunft des Gottes,

Sind erlegen ihrem großen


Staunen vor der Macht der Spanier
Und erlegen der Enttäuschung
Über die Gewalt der Spanier.

Cortez nahm den großen Kaiser


Mexikos gefangen, Kaiser
Montezuma, nicht nur Kaiser,
Sondern auch ein Hoherpriester.

Also saß der Abenteurer


Mit dem Kaiser viele Stunden
Nachts zusammen, disputierte
Über Gott und alle Dinge,

Über Kaiser Karl den Fünften,


Seinen Herrn, den scharfen Degen,
Dem der Abenteurer dachte
Montezumas Reich zu schenken,

Sprach dann von der Gottesmutter


Makellosester Empfängnis,
Himmelfahrt mit Leib und Seele,
Ihrem Königtum im Himmel,

Sprach dann von des Vaters Liebe


Und des Sohnes Rettertode
Und dem Trost des Heilgen Geistes,
Von dem Einen Wesen Gottes,

Sprach dann von der schwangern Jungfrau


Und dem menschgewordnen Gotte
Und von Christus an dem Kreuze,
Von dem Wesen aller Wesen

Und von andern intressanten


Dingen, was die Welt enthalte,
Sprach der Frauenheld und Seemann
Närrisch allergrößten Unsinn.

Aber Kaiser Montezuma,


Hoherpriester der Azteken,
Er befahl aus dem Gefängnis,
Menschenopfer darzubringen.

Trommeln dröhnten an der Spitze


Auf der Großen Pyramide
Und man blies die Muschelhörner
Und man blies die Knochenflöten.

Soll sich doch die Erde drehen,


Daß sich dreht die alte Mutter,
Alte Mutter schwarze Erde,
Braucht man Blut von Menschenopfern.

Menschenblut von Menschenopfern


Ist wie Blumen für die Götter.
Die Azteken waren trunken
Von dem Blutrausch ihres Kultes.

Sprach der Vater zu dem Kinde


In dem Codex Florentinus:
Aus Obsidian die Stürme
Streichen über unsre Köpfe.

Zählt das Kindlein sieben Jahre,


Sprach der Vater zu dem Kinde:
Diese Welt ist keine Stätte
Angenehmen Wohlergehens,
Sondern auf der schwarzen Erde
Gibt’s kein Glück und keine Freude.
Unsre Religion ist dunkel
Und so ernst wie Blut von Toten.

Alle heitre Menschenfreude


War dahin und voller Sorgen
Schlichen die betrübten Heiden
Voller Todesangst zum Tode!

ZWEITER GESANG

Aber in dem zehnten Jahre,


Da Tenochtitlan gefallen
War, der Mexikaner Hauptstadt,
Durch die spanischen Soldaten,

An dem Ufer saphirfarbnen


Sees ein Indio mit Namen
Cuanhtlatoatzin vom Stamm der
Chichimeken ging spazieren

In der ersten Morgenröte


An dem achten Tag des zwölften
Monats in dem Jahr des Herren
Fünfzehnhunderteinunddreißig,

Da entgegentrat dem Manne


Auf dem Hügel eine Jungfrau,
Ihm ein schönes junges Mädchen
Hold begegnete, sanft lächelnd:

Ich bin die vollkommne Jungfrau,


Immer-Jungfrau Sankt Maria,
Die ich bin die Mutter Gottes,
Mutter einzig-wahren Gottes!

Dieser Indio vor sieben


Jahren war getauft auf Jesus,
Nach Johannes und Jakobus
Auf den Namen Juan Diego.

Und es sprach das junge Mädchen


Zu dem Witwer, welcher zählte
Fünfundfünfzig Lebensjahre,
Sprach in Nahuatl-Sprache:

Juanito, o mein Kleiner!


Juan Diego sprach zum Mädchen,
Grüßte sie genauso zärtlich:
Nina, meine liebe Kleine!

Sieh, es war der Tag des Festes


Unsrer Lieben Frau Maria,
Die empfangen ohne Makel
Aller Erbschuld, ohne Sünde.

Darum sprachen auch die Spanier:


Dieses Mädchen ist die Pure,
Die Purissima, die Reine,
Allerreinste Sankt Maria,

Makellos empfangne Jungfrau,


Frei von jedem Fleck und Fehle,
Konzipiert vom Geiste Gottes
Als die Frau nach Gottes Herzen!

Die Begegnung mit dem Mädchen


Aber stattfand auf dem Hügel
Tepeyac, wo sonst die Heiden
Ihre Muttergöttin ehrten,

Tonantzin, die große Mutter


Des Getreides, Mutter Erde,
Eine steinerne Dämonin,
Dargestellt als eine Schlange.

Aber schau, nach der Begegnung


Der Allreinen mit dem Witwer
Acht Millionen Indianer
Kehrten in den Schoß der Kirche,

Acht Millionen Indianer


In dem Schoß der Mutter Kirche
Wurden geistig neugeboren
In dem Geist und in dem Wasser

Durch das Sakrament der Taufe,


Das die Priester ausgespendet,
Jesuiten, Franziskaner,
Gottgeweihte Gottesmänner,

Während vorher die Azteken


Nichts begehrten als das eine:
Katholiken in Kakao
Aufzukochen, aufzuessen!

Schau das wunderschöne Mädchen:


Der mestizische Gesichtszug
Zeigt die heilige Kreolin,
Spanisch wie auch indianisch.
Aber wer beschaut das Mädchen,
Sieht: Das Mädchen ist nicht spanisch,
Sie ist auch nicht indianisch,
Nicht mestizisch ist das Mädchen.

Sie gehört zu keiner Rasse.


War auf Erden sie auch Jüdin,
Ist sie Inbegriff der Menschheit,
Mutter aller Menschenkinder!

Schau ihr Antlitz, wie verschleiert


Vom Mysterium der Gottheit,
Wie geheimnisvoll ihr Lächeln!
Das geheimnisvolle Lächeln

Lächelt noch geheimnisvoller


Als der Mona Lisa Lächeln
Auf dem Bilde Leonardos
Seiner Muse Gioconda,

Lächelt noch geheimnisvoller


Als der Evelina Lächeln
Im Gesang des Dichters Schwanke
Nach dem Muster seiner Muse.

Und sie trägt ein Kleid von Blumen,


Einen meeresgrünen Mantel,
Darauf sechsundvierzig Sterne,
Drunter einen Hauch von Gaze.

Goldne Sonnenstrahlen rahmen


Sie wie eine lichte Aura,
Sie steht auf der schwarzen Sichel
Wie die Venus auf der Muschel,

Und sie steht in rosafarbnem


Mandelförmigem Ovale,
Das sich öffnet in der dichten
Wolkendecke an dem Himmel,

Wegen ihrem bronznen Antlitz


Nennt man sie La Morenita,
Wie auch Dichter Schwankes Muse
Evi sich einst Mora nannte.

Aber einst in Lourdes in Frankreich


Oder Fatima im Lande
Portugal Maria mahnte,
Warnte vor dem großen Weltkrieg,

Aber vor den Indianern


Fällt kein Wort der strengen Drohung,
Doch ist sie die Frau des Himmels
Der geheimen Offenbarung:

An dem Himmel eine Dame


Schön erschien im Kleid der Sonne,
Mit dem Mond zu ihren Füßen,
Zodiak als Krone tragend.

Während sonst die Liebe Fraue


Nur den Kindern ist erschienen,
Weil die lieben kleinen Kinder
Herzensreinheit noch besitzen

Und die Heiligkeit der Einfalt,


Ist Maria hier erschienen
Einem Mann, der selbst sich nannte:
Schatten, Feder, Schwanz, Geliebter!

DRITTER GESANG

Wie sind deine Augen, Jungfrau?


In den Augen meines Mädchens
Spiegelt sich ein Mann mit Vollbart,
Ist ihr Mann in ihren Augen.

Naht man sich dem Bild der Jungfrau,


Ändern sich die Farben immer
Je nach des Betrachters Winkel:
Irisierende Madonna!

Aber schau ich in die Augen


Meines Mädchens Morenita,
Seh ich die Personengruppe
Wieder in der Bischofskirche,

Sehe Bischof Zumarraga


Und den Dolmetsch Don Gonzalez,
Juan Diego dann, den Indio,
Wie er seine Tilma öffnet,

Seine Tilma, seine Toga


Mit dem Bild der Morenita,
Das Maria selbst geschaffen
Mit den Rosen von Kastilien,

Sehe in Marien Augen


Eine schöne Frau sich spiegeln,
Eine Frau und einen Spanier
Mit dem Antlitzschmuck des Bartes,
Sehe in Marien Augen
Eine Indianergruppe
Und ein süßes kleines Kindlein
In der Muttergottes Augen.

Dieses ist genau die Szene,


Da der Seher Juan Diego
Seine Tilma, seinen Umhang
Ausgebreitet vor dem Bischof,

Da er in der weißen Tilma


Trug die Rosen der Madonna,
Rote Rosen von Kastilien,
Die sie ließ im Winter blühen,

Als Madonnas rote Rosen


Aus der weißen Tilma fielen,
Auf dem Umhang ist erschienen
Unsrer Süßen Mutter Bildnis.

Und der Bischof Zumarraga


Und die Leute in der Kirche
Voll Bewunderung und Staunen
Sanken zitternd in die Kniee,

Denn es zitterten die Kniee


Vor der ganz unglaublich schönen
Jungfrau, der Idee der Schönheit,
Vor dem Ideal des Schöpfers!

In den Augen der Madonna


Ein Azteke ist fast nackend,
Sitzend mit gekreuzten Beinen,
Langes schwarzes Haar geflochten,

Pferdeschwanz am Nacken baumelnd,


Einen Ohrring an dem Läppchen,
Einen Ring am Ehefinger.
Bei dem nackigen Azteken

Steht ein alter Mann mit Glatze


Und mit einem weißen Vollbart,
Grader Nase, dichten Brauen,
Einer Träne auf der Wange.

Neben ihm ein schöner Jüngling,


Neben ihm ein greiser Alter
Mit Kapuze, Bart und Schnurrbart,
Einer Nase wie ein Adler,

Schöngewölbten Wangenknochen,
Eingesunknen Seelenspiegeln,
Halbgeschlossnen Lippenpaaren,
Einen Schal in Händen haltend.

Auch ein junges schwarzes Mädchen


In den Augen ist zu sehen
Und im Hintergrunde abseits
Eine Indio-Familie,

Eine Kappe trägt der Vater


Und die Mutter trägt ein Baby,
Dort die Oma, dort der Opa,
Insgesamt drei kleine Kinder.

Wer war aber jene Schwarze


In den Augen Unsrer Mutter?
In den General-Archiven
In Sevilla steht geschrieben,

Daß der Bischof Zumarraga


Hatte eine schwarze Sklavin,
Der er wegen guter Dienste
Sterbend noch die Freiheit schenkte

Und sein Testament verfügte,


Daß die schwarze Sklavin solle
Nun erlangen ihre Freiheit,
Und ihr Name war Maria.

Also sind der Jungfrau Augen,


Meines Mädchens schöne Augen,
Voller Mutterliebe schauend
Auf die Menschenkinder alle!

VIERTER GESANG

Meine Muse mich erfasste


Bei den Haaren und entführte
Mich auf ihren Adlerflügeln
In die Ortschaft Medjugorje.

Medjugorje war verborgen


In den Teppichen der Blüten,
In den Wiesen war das Beten
Wie des Atems Meditieren.

Tausend und zehntausend Seelen


Stimmten ein in die Gebete.
Kaum nach Mitternacht drei Stunden
Schliefen sie, sich früh erhebend,

Um die Königin zu grüßen,


Königin der Cherubini,
Königin der Seraphinen,
Königin der Kinder-Engel!

Hähne schrieen, Hühner eilten,


Hennen liefen mit den Küken.
Mütter trugen ihre Kinder,
Greise gingen an den Stöcken,

Manche Greise auch mit Krücken.


Vögel sangen in der Frühe,
Der Milan von Medjugorje
Segelt in der Morgenröte!

Ein Gewölk von Schmetterlingen,


Admiralen und Monarchen,
Tanzte um die keuschen Rosen,
Um die Blumen der Madonna.

Barfuß gingen manche Mönche,


Beter strömten hin wie Ströme,
Flüsse, die sich hier ergießen
In das Tal vom Doppelhügel.

Hier erzählte die Novizin


Miriam von Medjugorje
Mir die heilige Legende
Unsrer Herrin Morenita.

Siehe, Don Fernando Cortez


Groß war als Konquistadore,
Auf dem Wappen seines Flaggschiffs
War gestickt das Kreuz des Christus.

Dieses Kreuz zwölf Jahre später


Ist erschienen auf der Brosche
An dem Halse Morenitas,
Schwanenhalse Unsres Mädchens.

Cortez war ein Christ, ein frommer,


Der ein Jahr vor seiner Seefahrt
Seine liebe Frau ermordet
Voller Jähzorn und cholerisch.

Aber Cortez kniete nieder


Vor den armen Franziskanern,
Missionaren Jesu Christi,
Indianer zu bekehren.
Doch die Indianer waren
Nun zehn Jahre lang von Cortez
Unterdrückt und unterworfen
Von brutalen Heeresscharen.

Die Eroberung des Landes


Hunderttausende das Leben
Kostete, aus nackter Goldgier
Saugten aus das Land die Räuber,

Folterten die Adelsleute


Und versklavten alle Männer,
Brannten Brandmal in die Haut ein,
So als wären Menschen Tiere.

Manches Dorf verwüstet wurde,


Krankheit über Krankheit hatte
Hingerafft die Indianer,
Pest, Keuchhusten, andre Seuchen.

Fieber brannte in den Gliedern,


Knochenschmerzen, Magenschmerzen,
Und die Schwindsucht quälte grässlich,
Pocken, Masern quälten Kinder.

Leichen lagen in den Straßen


Und verwesend stanken Leichen.
Maiskorn ward nicht mehr geerntet,
Goldner Mais der Mutter Erde,

Mais verrottet auf den Feldern,


Ward nicht mehr gesät in Äckern,
Hungersnot wie eine Seuche
Raste durch die Indianer.

Diese Unheilszeit verlangte


Mehr der Opfer noch als alle
Die Massaker der Gewalttat
Räuberischer Ritter Spaniens.

Stadt Tenochtitlan war nahzu


Menschenleer geworden, diese
Hauptstadt von der Pracht Venedigs,
Niederlag in Trümmerhaufen.

Frauen waren so verzweifelt,


Wollten sie nicht mehr gebären
Kinder in die Welt des Dunkels,
Hier in der Kultur des Todes.

Dieses also war das Ende!


Sieh, da aber kam die Wende!
Morenita ist erschienen,
Unsre Köstlich-Süße Mutter,

Gottes Jungfrau, deren Bildnis


Sprach die bunte Blumensprache,
Die die Indios verstanden:
Sie ist Unsre Süße Mutter!

Die Azteken schauten immer


An die himmlische Erscheinung,
Ihre Schrift und ihre Sprache
Waren wie des Kosmos Zeichen.

Die Monstranz aus Sonnenstrahlen


In dem Rücken der Madonna
War ein Meteor des Himmels
Für die schauenden Azteken.

Daß die wunderschöne Jungfrau


Mit dem Leib verdeckt die Sonne,
Hieß: Der alte Gott der Sonne,
Seine Zeit war nun vergangen.

In dem fürstlichen Türkise


Ihres Mantels die Azteken
Sahen eine Himmelsfürstin,
Sie, die Königin des Himmels.

Aus den Blumen ihres Kleides


Die Azteken dies erkannten:
All die schöne Schöpfung Gottes
Ist das Kleid der Gottesmutter!

An dem langen Sternenmantel


Die Azteken dies erkannten:
Gottes Kosmos, so unendlich,
Ist der Mantel der Madonna!

An der hingehauchten Gaze


Überseidenfeinen Kleidchens
Die Azteken dies erkannten:
Sankt Marien Leib ist Lichtglanz!

Aber sie ist keine Göttin,


Denn sie betet an die Gottheit,
Faltet betend ihre Hände,
Menschengöttin voller Demut!

Die Monstranz aus Sonnenstrahlen


Um den Körper der Madonna
Ließ die Indianer tanzen:
David vor der Bundeslade!
Und die Ordnungen der Sterne
In Marien Kleid des Kosmos!
Die Azteken-Indianer
Sahn die Energie der Weisheit!

Michelangelo in Roma
Schuf die Pieta von Marmor,
Das Konzept, das makellose,
Jugendschöner Todesgöttin,

Deren Mund mich einmal küsste,


Daß ich zitternd sank zu Boden
Und das Hohelied der Liebe
Sang der ewigen Geliebten!

Doch in Mexiko Maria


Schuf als Künstlerin ein Kunstwerk,
Das macht alle Menschen sprachlos
Vor Begeisterung und Liebe!

Dieses Wunder ist unglaublich:


Gottes Ideal des Menschen,
Diese Frau-an-sich, gezeichnet
Himmlisch auf Kartoffelsacktuch!

Diese Frau verhüllt die Sonne,


Nämlich Abgott Vitzliputzli,
Diese Frau steht auf dem Monde,
Nämlich auf der Flügelschlange.

Siehe da, der Stern der Weisen


Führt nach Bethlehem die Seher,
Wo die Jungfrau in der Grotte
Gott als kleines Kind geboren.

Schaue den Zentaur, den weisen


Lehrer der antiken Helden!
Abgeschafft das Menschenopfer:
Gott ist selber nun das Opfer!

Schaue den Skorpion, das Sternbild,


Das zur Stunde der Geburt stand
Über Peter Torstein Schwanke,
Über seiner Muse Evi!

Schau den feuerroten Drachen,


Den die Jungfrau überwindet!
Der Geheimen Offenbarung
Großes Zeichen in der Endzeit!

Denke diese Sternenreihe


Du mit der Vernunft zuende:
An der Stirn des braunen Mädchens
Strahlte dann des Nordens Krone.

Dieses Mädchen Morenita,


An der Stirn des Nordens Krone,
Trägt im kosmischen Gewande
Strahlend schön das Kreuz des Südens.

O, die Königin des Kosmos


Sah ich an dem Kreuz des Südens
Einstmals über den Kanaren,
Überbleibsel von Atlantis!

FÜNFTER GESANG

In dem Santa-Anna-Kloster
Ward gefeiert Minnemaien
Und Marienmond, Maria
Als die Königin des Maien.

Sprach der Pater in der Andacht:


Als ich war im großen Kriege
Und die Bomben explodierten,
Ist vergangen meine Weisheit,

Aller Theologen Predigt,


Aller Philosophen Rätsel,
Nur Maria blieb, die Mutter,
Die ich rief wie in der Kindheit.

Sechzehnhundertachtunddreißig
Johann Khuen schrieb in München
Eine Hymne an Maria,
Die wir heut noch gerne singen:

Sagt uns an, wer ist doch jene,


Die da überm Paradeise
Als die Morgenröte leuchtet,
Morgenstern vom Garten Eden?

Jene kommt aus weiter Ferne,


Geht im Schmuck von Mond und Sternen,
Trägt als Kleid den Glanz der Sonne,
Jene ist die edle Rose!

Mitten in dem Glaubenskriege,


Welcher währte dreißig Jahre,
Schrieb der Dichter diese Hymne
An Maria Morenita!

Also frug ich einen Maler:


Warum malst du nicht Maria?
Was nicht malen Künstler alles!
Warum nicht der Frauen Schönste?

Sprach der Künstler der Moderne:


Soll ich malen denn ein Urbild?
Weißt du nicht vom Streit der Mönche,
Ob ein Urbild existiere?

Woher stammen die Begriffe,


Die wir von den Dingen haben?
Stammen sie von einem Urbild,
Von Ideen, Archetypen?

Augustinus lehrte Platons


Lehre, dass der Dinge Schatten
Abbild sei der Urideen,
Ewiglicher Wirklichkeiten.

So auch sprechen die Muslime


Von des Buches Mutter, nämlich
Von dem Ideal-Korane,
Der da steht im Himmel Gottes.

Also auch die Orthodoxen


Von der Wirksamkeit der Bilder
Sprechen: Alle die Ikonen
Abbild sind von Himmelsbildern,

Die Ikone der Maria


Ist ein Abbild der Maria,
Die Ikone des Messias
Ist ein Abbild des Messias,

Die Ikone ist nicht Abbild


Nur des Urbilds in dem Himmel,
Sondern die Idee des Urbilds
Gegenwärtig ist im Abbild.

Aber in dem Westen haben


Sieg im Philosophenstreite
Sich errungen jene Denker,
Die da Anti-Platonisten:

Gott schafft seine ganze Schöpfung


Nicht nach seiner Schöpfung Urbild.
Wo kein Urbild, ist kein Abbild,
Alles ist ganz einzigartig.
Alle Schöpfung, jedes Menschlein
Sei ursprünglich einzigartig,
Nicht des Urbilds Schatten-Abbild,
Nein, unmittelbar geschaffen.

Nicht nach der Idee des Urbilds


Habe Gott die Welt geschaffen,
Kein Koran und keine Tora
Habe Gott dabei begeistert,

Abrams, Isaks, Jakobs Gottheit


Und der Vater Jesu Christi
Ist ein völlig freier Schöpfer,
Nicht gebunden an ein Urbild.

Und vor allem sei das Menschlein


Gottgeschaffen einzigartig
Nicht nach der Idee des Urbilds,
Ist kein Urmensch in dem Himmel.

Ist kein Urbild in dem Himmel,


Individuum alleine
Ist der Mensch und einzigartig,
Individuelles Menschlein.

Wer den Menschen nun beleidigt,


Der beleidigt nicht ein Urbild,
Nicht ein Urmensch wird beleidigt,
Nicht das Ideal des Menschen.

Aber Benedikt der Petrus,


Früher Kircheninquisitor,
Ist Platoniker der Kirche,
Glaubt an die Ideen Gottes.

Wenn wir aber Bilder schauen,


Die als Abbild sind auch Urbild?
Die nicht Menschenhände malten,
Gottgemalte Ideale?

Doch die Philosophen staunten,


Sprach ich von dem Urbild-Abbild,
Gottgemaltem Ideale
Idealer Morenita,

Staunten unsre Philosophen,


So als spräche ich vor Mönchen:
Ich habe Unsre Frau gesehen
Heute in dem grünen Garten!
SECHSTER GESANG

O Jerusalem im Himmel,
Deine Mauer Edelsteine,
Jaspis, Chalzedon, Sardonyx,
Sardion, Smaragd und Topas

Und Saphir, der himmelblaue,


Und Smaragd, der meeresgrüne,
Chrysolithe, Chrysoprase,
Hyazinthen, Amethysten

Und Beryll, woraus geschaffen


Peter Torstein Schwankes Brille,
Und aus Einer Muschelperle
Ist des Himmels enge Pforte!

O Jerusalem des Himmels,


Wollte Gott, dass meine Seele
Wäre schon in dir zuhause,
Tochter Zion, meine Heimat!

O Jerusalem des Himmels,


Denke ich an deine bunten
Edelsteine, wird dein Stadtbild
Plötzlich mir zu einer Jungfrau.

Hör ich Vögel lieblich zwitschern,


Mütterliches Taubengurren,
Poesie der Nachtigallen,
Kolibri und Quetzalvogel.

Sehe ich die Blütenkelche


Edler Rosen von Kastilien,
Jene Rose, weiß und rosa,
Die das Jesuskind mir schenkte!

O Jerusalem des Himmels,


Nicht mehr eine Stadt von Jaspis,
Nicht von Gold und Glas gebaute
Himmelsstadt aus Edelsteinen,

Nein, ein wahrer Garten Eden,


Freudenparadies des Himmels,
Wo die Vogelherzen pochen,
Wo die Nachtigallen schmelzen!

Wo die weißen Rosen blühen,


Wo die roten Rosen glühen,
Wo die goldnen Rosen strahlen
Auf der Jungfrau bloßen Füßen!
Nicht Megapolis des Himmels,
Nein, des Himmels Morenita!
Dieser Morenita Körper
Ist der wahre Garten Eden!

Aber aller der Poeten


Muse von dem Berge Zion,
Die Urania der Kirche,
Singt nun selber eine Hymne,

Eine spanische Romanze


Revolutionärer Liebe:
Singe, Anima, die Gottheit,
Sing den Jubelschrei zur Cymbel!

Meine Seele preist die Größe


Adonais, mein Geist voll Jubel
Jubelt über meinen Retter,
Meinen Herrn und meinen Heiland!

Auf die Demut seiner Sklavin


Schaute Gott voll Wohlgefallen,
Selig preisen mich die Kinder,
Preisen mich die Kindeskinder!

Der Allmächtige hat Großes


An der Magd getan, sein Name,
Dreimalheilig ist sein Name,
Heilig, heilig, heilig Jahwe!

Gott ist voller Allerbarmen


Über alle Menschenkinder,
Über alle Menschenseelen,
Die voll Ehrfurcht sind vor Jahwe!

Er vollbringt mit seiner Rechten


Taten voller Kraft und Stärke,
Er zerstreut die Eitlen, Stolzen,
Er erhebt die Armen, Kleinen!

Hungernden reicht er die Speise,


Dürstende wird Gott selbst stillen!
Reiche lässt er leer ausgehen,
Er beschenkt nicht Mammonssklaven!

Gott denkt stets an seinen Diener


Israel (einst hieß er Jakob),
Denkt an Abraham, den Vater,
Und an alle seine Söhne!

Also sang des Himmels Muse


Revolutionäre Verse
Revolutionärer Liebe
Revolutionären Gottes!

Aber du, Poet Mariens,


Minnesänger der Madonna,
Willst du singen Gottes Tochter,
Bitte sie um jene Gnade,

Die sie Bernhard einst gewährte,


Diesem Troubadour Mariens:
Möge Gottes Große Mutter
Dich an ihren Wonnebrüsten

Saugen lassen Milch der Liebe,


Trinken lassen Wein der Weisheit,
Dann wirst du im süßen Stile
Unsre Liebe Frau besingen!

Die unendlichen Romane


Preisen Don Quichott und Josef
Und die Brüder Josefs oder
Auch die Brüder Karamasow.

Aber wo ist der Franz Werfel,


Der das Lied der Bernardette
Sang, der singt nun Juan Diego
Und die Herrin Morenita?

Ach ich bin ein kleiner Dichter,


Kann ja nur in Versen singen,
Nur ein Lyriker der Liebe,
Minnesänger der Madonna,

Ich will hier ja nur ergänzen,


Was der Dichter Heinrich Heine
Nicht gesagt in den Gedichten
Bimini und Vitzliputzli.

SIEBENTER GESANG

Liebenswürdig ist ihr Antlitz,


Weder dünn noch dick ihr Antlitz,
In ihm streiten einen Wettstreit
Himmels Schönheit, Himmels Sanftmut.

Weich und plastisch ist ihr Antlitz,


Augen, Mund und Nase aber
Sind so fein gezeichnet, siehe,
Daß des Angesichtes Ganzem

Wird hinzugefügt die höchste


Schönheit, eine solche Schönheit,
Daß das Herz zerreißt vor Liebe
Dem, der vor ihr steht, sie anstaunt!

Schöne Proportionen bilden


Ihre makellose Stirne
Und die langen schwarzen Haare
Mehren vielmals ihre Schönheit.

Ihre schmalen Augenbrauen


Sind geschwungen und von Feinheit.
Der gesenkte Blick voll Sanftmut
Ist so sanft wie Taubenaugen.

Und die Freude und die Ehrfurcht,


Die den Menschen tief ergreifen
Beim Erblicken dieser Augen!
Unerklärlich solche Augen!

Und sehr schön ist auch die Nase,


Stimmt harmonisch zu dem Ganzen.
Und ein Wunderwerk die Lippen,
Dieses Mundes süße Lippen,

Die geschwungne Unterlippe


Wird erhoben wie durch Fügung,
So des Angesichtes Anmut
Wird gewirkt vom süßen Lächeln.

Dies geheimnisvolle Lächeln


Ist von einem solchen Zauber,
Daß der Mensch bezaubert möchte
Küssen die Idee der Schönheit!

Auch das Kinn entspricht dem Ganzen


Dieser Herrlichkeit und Schönheit.
Ihre Wangen, leicht gerötet,
Sind gefärbt wie dunkle Perlen.

Auch ihr Hals ist ganz vollkommen,


Rund und schlank, und so vollkommen
Wie der schlanke Hals der Schwanin,
Die der Gott der Götter liebte.

Die allmächtige Prinzessin


Ehrte mit der Wunder-Malkunst
Raffael und Michelangel,
Tizian und Leonardo,
Botticelli, Giorgione,
Albrecht Dürer, Lukas Cranach
Und die andern wundervollen
Maler Unsrer Lieben Frauen.

So wir Künstler voll des Stolzes


Feiern unsre Himmelsmuse,
Sie, die Künstlerin des Himmels,
Die allmächtige Prinzessin!

Schau, die Strahlen um Maria


Leuchten golden wie die Sonne,
Rosa und Altrosa leuchtet,
Grün des Meeres, Gold der Sonne,

Kupferfarbe, Bronzefarbe,
Rosa und Rosé, so zarte
Farben wie die Morgenröte
Leuchtend überm Garten Eden.

Und die dunkle Morenita


Plötzlich hat ein blasses Antlitz.
Bin ich hier nicht, deine Mutter?
Bist du nicht in meinem Schatten?

Und das feminine Antlitz


Mit den sanft gesenkten Blicken
Ist so rein wie Ursprungsunschuld,
Lächelnd wie die Ungebornen,

Wie die reinen ungebornen


Kinder in dem Schoß der Mutter.
Aber plötzlich muß ich weinen...
Bin ich hier nicht, deine Mutter?

ACHTER GESANG

Sieh doch an die Art und Weise,


Wie sie ihren Purpurgürtel
Voller Liebreiz, Grazie, Anmut
Um die Hüfte sich geschlungen!

Schaue an den Purpurgürtel,


Wie er hoch rutscht über ihren
Schöngewölbten Leib! O Mädchen,
Ist Musik in deinem Leibe!

Schau das Blümchen mit vier Blättern,


Das erkennen die Azteken,
Das ist der Jasmin der Sonne,
Das verstehn die Indianer.

Schau, die makellose Jungfrau


Trägt in ihrer Leibesmitte
Diese Blüte vom Jasminbusch,
Den Jasmin der Gottes-Sonne!

Schau die sechsundvierzig Sterne,


Die Konstellation des Himmels
Über Mexiko zur Weihnacht
Fünfzehnhunderteinunddreißig.

Siehst du auch die beiden Schlangen,


Die umschlingen rings das Ganze?
Schlangen auf dem Bild der Jungfrau?
Wo siehst du die Jungfraunschlangen?

Schau, die eine Jungfraunschlange


Ist der Himmel in dem Norden
Und die andre Jungfraunschlange
Ist der Himmel in dem Süden.

Schau, die eine Jungfraunschlange


Ist das Sternbild Großer Wagen
Und die andre Jungfraunschlange
Ist das Sternbild Kreuz des Südens.

Wenn du siehst den Großen Wagen


In dem Norden an dem Himmel,
Denk, du schaust der Jungfrau Mantel,
Schaust die schwarze Nacht, die Mutter.

Wohin reicht der Kopf der Jungfrau?


In den Orient des Himmels.
Wohin reicht der Fuß der Jungfrau?
In den Okzident des Himmels.

Doch die Jungfrau schaut den Kosmos


Von der Erde nicht, der Mutter,
Nein, die Jungfrau schaut den Kosmos
Von dem Himmel aus, dem Vater.

In der Jungfrau Leibesmitte


Siehe den Jasmin der Sonne,
Schau, die Blüte vom Jasminbusch,
Klein wie eine Fingerkuppe.

Schau die Blüte vom Jasminbusch,


Was erkennst du in der Blüte?
Schau, ein Kind, geschlossner Augen,
Grad geweckt erst von der Mutter.
Ist sie nun ein junges Mädchen,
Vierzehn Jahre junge Jüdin,
Die in Nazareth gewohnt hat
In der Heiden Galiläa?

Oder ist sie nun die Göttin,


Frau der Offenbarung Gottes,
Miterlöserin mit Jesus,
Großes Zeichen in der Endzeit?

Der prophetische Johannes


Als der Adler Gottes schaute
Gottes Frau, der Endzeit Zeichen,
Frau geheimer Offenbarung.

Und auch Juan Diego schaute


Mit den scharfen Adleraugen
Gottes Frau, der Endzeit Zeichen,
Frau geheimer Offenbarung.

Der prophetische Johannes


Sah Maria in Visionen
Und der Seher Juan Diego
Sah lebendig sie als Mädchen.

NEUNTER GESANG

Juan Diego, Juan Pablo!


Die Maria Morenita
Das Geheimnis ist des Papstes,
Denn bei ihr begann sein Pilgern.

Sankt Maria Morenita


Weihte sich Sankt Juan Pablo,
Wie der Ritter vor dem Kreuzzug
Sich gewidmet seiner Dame.

Seit dem Januar des Jahres


Neunzehnhundertneunundsiebzig
Die Maria Morenita
Lenkte Juan Pablos Schritte.

In dem Land Guatemala


Heilig sprach San Juan Pablo
Bruder Pedro von den Maya
Unter einem Meer von Blumen.

Sankt Maria Morenita


Hatte keinen größern Minner,
Keinen größern Minnefreier
Als den Papst San Juan Pablo.

Als der Papst San Juan Pablo


Heilig sprach San Juan Diego
Mit der väterlichen Stimme
Voller Zärtlichkeit und Stärke,

Da war Mexiko voll Freude!


Rasseln, Trommeln, Muschelhörner
Machten die Musik des Himmels
Und die Indianer tanzten

In dem Schmuck von Adlerfedern,


Kolibri und Quetzalvogel,
Tanzten magisch und hypnotisch,
Tanzten um San Juan Pablo,

Blumig den Altar umkreisend,


Tanzend vor dem Bild der Jungfrau
Und vor Jesus, dessen Lende
Trug der Jungfrau Sternenmantel.

Und ein Bild von Juan Diego


Feierlich die Indianer
Trugen vor das Bild der Jungfrau
Und der Seher sah die Herrin,

Juan Diego schaute liebend


Zu der vielgeliebten Dame:
Ach ich bins nicht wert, mein Mädchen!
Bin ich schon im Himmelreiche?

Juan Diego schaute liebend


Zu Maria Morenita
Und Maria Morenita
Liebend sah zu Juan Pablo.

Juan Pablo saß versunken,


Seinen Kopf demütig senkend,
Hob er hoch den Corpus Christi –
Heilig, heilig, heilig Jahwe!

Und Maria Morenita


Liebend sah zu Juan Pablo:
Juan, Juan, Juanito!
Ach du kleinstes meiner Söhnchen!

Ebenmaß! Vollkommne Schönheit!


O das Gazekleid aus Blüten!
Rein wie Luft die Seide schimmernd!
O dies Duftgewand des Himmels!

Des gehauchten Unterkleides


Goldne Blüten himmlisch schweben
Um den makellosen Körper,
Unsichtbarer Gazeschleier!

Lichtglanz aus dem Paradiese


Glänzt um Sulamith Maria!
Salomo Messias huldigt
Seiner Königin der Liebe!

Pocht ihr Herz in ihrem Busen


Durch das Hauch des Gazeschleiers:
Süße Kaktusfrucht des Adlers!
Bin ich hier nicht, deine Mutter?

Morenita kommt vom Himmel,


Schwanger mit dem Gottessohne!
Kommt die Jungfrau, so kommt Jesus!
Komm, Herr Jesus! Ja und Amen!

DAS FRAUENBUCH

Möge Gott die Ehre hüten


Meiner wundervollen Dame!
Also bete ich am Morgen:
Gott beschütze ihre Seele,
Gott beschütze ihren Leib,
Laß sie nicht in Sünde fallen!

Meine liebe Herrin will,


Daß ich ihr dies Büchlein dichte.
Gerne will ich das vollbringen,
Alles tu ich, was sie will,
Sei es Kleines oder Großes,
Denn ich liebe sie noch mehr
Als die andern Frauen alle,
Liebe mehr sie als mich selber
Und als alle Kreaturen.
Ihr alleine bin ich treu,
Diene ihr allein in Treue.
Ich bin ihr getreuer Diener,
Diene ihr, so gut ich kann.
So zu dienen ist mein Recht,
Sie ist Schönheit, sie ist Güte,
Sie allein die Makellose.
Ihre Schönheit mein Ergötzen,
Ihre Reize mein Entzücken,
Ihre Güte meine Freude,
Ihre Liebe meine Wonne!
Ihre holde Art, ihr Wesen,
Füllen mich mit Freudigkeit
Und beleben meine Glieder
Und erheitern meine Seele.
Keinen kenn ich auf der Erde,
Der so gut wie meine Herrin,
Sie ist gut, sie ist die Güte.
Und sie ist von solchem Wesen,
Daß sich gleich mit gutem Grund
Meine Stimmung heiter hebt,
Heil mir, dass ich sie geschaut!
Heil mir, dass ich meiner Herrin
Meine Treue nie gebrochen!
Tief im Herzen ist mir wohl,
Meine Seele ist voll Freude,
Ich bin froh, dass meine Herrin
Voll von guten Qualitäten
Und gerecht in allen Werken!

Jetzt beginn ich, ihr zu dienen,


Ihr zu dichten dieses Buch
Mit der Kunst, die mir gegeben.
Liebe Frauen, weise Männer,
Hört mir zu, was ich euch sage,
Was ich singe, denn das kann ich!

Einmal eine schöne Dame


Saß bei einem edlen Ritter
Und sie sprachen mancherlei,
Davon will ich euch berichten.
Dieses sprachen sie und jenes
Und ich sag euch, was sie sprachen.

Also sprach die schöne Dame:


Lieber Freund, du sollst mir sagen,
Sagen mir die ganze Wahrheit:
Warum seid ihr Männer traurig?
Was ist nur mit euch geschehen?
Warum habt ihr schlechte Laune?
Ihr habt Wohlstand und Gesundheit,
Seid in angemessnem Alter.
Warum lebt ihr ohne Freude?
Ehrlich muß ich dir gestehen,
Daß ich nie gesehen habe
Einen Ritter glücklich sein.
Ihr verschwendet jämmerlich
Eure Zeit und euer Leben.
Wer gab euch den Schatz der Trauer?
Wahrlich, wahrlich, laß dirs sagen,
Das gefällt uns Frauen nicht!

Liebe Frau, du sprichst die Wahrheit,


Uns vergehn die Jahre übel,
Niemals sind wir Ritter glücklich,
Sondern leben stets im Jammer!
Traurigkeit sitzt uns im Herzen,
Trauer hat sich eingenistet.
Niemals sind wir freudig froh,
Unsre Stimmung ist betrübt.
Immer sind wir voller Kummer,
Uns gegeben ward die Trauer,
Ja, ein reicher Schatz an Schmerzen!
Niemand sieht uns heiter lächeln.
Hohe Herrin, schöne Frau,
Laß es dir nur höflich sagen,
Was uns hindert an der Freude,
Was uns Ritter so betrübt,
Was uns schmerzt in unsern Herzen,
Daß wir nicht so froh den Frauen
Dienen wie in alten Zeiten.
Meine vielgeliebte Herrin,
Voll der Gnade mir erlaube,
Daß ich alles dir gestehe!

Lieber Freund, das will ich auch,


Sage mir, bei unsrer Freundschaft,
Und verschweige nicht die Wahrheit,
Warum Männer traurig sind.
Bitte, sage mir die Gründe.
Stört euch etwas an den Frauen,
Sollst du mir das nicht verschweigen,
Was euch so an uns missfällt.
Du bist wohlerzogen, Freund,
So, bei deiner Bildung, bitt ich,
Sage mir die ganze Wahrheit.
Tust du das, dann tust du recht,
Gerne will ich dir das danken.
Ich bin auch bereit zu sagen,
Was ich Frauen klagen höre,
Bitter klagen über Männer,
Wenn du solches hören möchtest.
Freund, ich hab dich auserwählt,
Über alle diese Dinge
Lange Zeit mit dir zu sprechen,
Dazu hab ich dich erwählt.
Glaub nicht, dass ich zornig werde,
Klagen Männer über Frauen,
Wenn ihr nur die Wahrheit sagt,
Halte ich das auch für richtig,
Bitte, sagt nur stets die Wahrheit!

Meine wundervolle Herrin,


Das will ich dich wissen lassen,
Freundlich will ich dir berichten,
Warum wir so traurig sind.
Meine Herrin, schöne Frau,
Etwas tadle ich an Frauen,
Das scheint eine Kleinigkeit,
Doch das macht uns großen Kummer:
Ach ihr grüßt nicht mehr wie früher,
Früher grüßten Damen huldvoll
Ehrenvolle Minneritter.
Was denn haben wir getan,
Das ihr nicht mehr freundlich grüßt?
Wenn nur irgendeiner kommt,
Wo beisammen Frauen sind,
Schaun die Frauen auf den Boden.
Keine neigt das Haupt voll Huld
Vor dem ehrenvollen Mann.
Wie kann da man fröhlich sein?
Keine schaut uns freundlich an,
Eure Augen grüßen nicht
Und der Mund verstummt sofort
Und die Zunge gleich steht still.
Will dann einer von den Männern
Eine von den Frauen sprechen,
Sagt die Frau nicht Ja nicht Nein.
Frau, du weißt wohl, das ich Recht hab.
Frauen sitzen da wie Bilder,
Lang wird uns die kurze Zeit.
Ist da auch ein weiser Mann,
Der mit Frauen weiß zu reden,
Geben sie ihm keine Antwort,
Unbedeutend seine Worte
Für die Frauen, wie sie meinen.
Was auch spricht der weise Mann,
Keine Dame gibt ihm Antwort
Und kein Mädchen hört ihm zu.
Wollt ihr schon nicht Antwort geben,
Sagt doch bitte: Schokolade!
Das zumindest wär ein Witz
Und der Weise könnte lachen,
Selber einen Witz erzählen,
Einen Scherz, der euch gefiele,
Und die Stimmung würde heiter.
Doch so lange ihr verstimmt seid
Und nicht redet mit den Männern
Und nicht lächelt und nicht grüßt,
Wie soll man da freudig sein
Und in guter Stimmung sein
Und in heitrer Fröhlichkeit?

Freund, warum soll eine Frau


Grüßen lieblich edle Männer
Und mit ihren Wimpern winken?
Wie verdienen es die Männer,
Daß die Frauen lächelnd grüßen?
Früher lachten schöne Frauen,
Lachten an die edlen Männer,
Diese wurden frohgestimmt,
Daß sie Leib und Eigentum
Opferten den schönen Frauen
Und gestärkt von innen wurden
Durch die Gnade lieber Frauen,
Daß sie tapfre Helden wurden
Und bereit zu Heldentaten,
Wie man Frauengunst gewinnt.
Sie vollbrachten Heldentaten
Für die Frauengunst als Ritter.
Wir erkannten die Bereitschaft,
Mit dem Herzen und Verlangen
Uns zur Huldigung zu dienen.
Damals schauten wir voll Gnade
Auf die Männer, grüßten sie
Herzlich, stillten ihre Schmerzen.
Doch nun tut ihr nichts von dem,
Was wir so an euch geliebt,
Was wir schön und wertvoll fanden,
Sondern ihr seid nur noch grimmig,
So dass wir uns vor euch fürchten.
Maienwonne waren wir
Früher in der Männer Herzen,
Ja, da lachte manche Frau,
Heute hört man sie nur seufzen.
Warum sollten wir euch lächeln,
Da ihr trüb und traurig seid?
Wir gerieten in Verdacht,
Wenn euch eine Frau anlächelt
Und euch grüßt mit süßen Blicken,
Denkt ihr gleich: Das Weibchen mag mich!
Gott, wie hab ich’s doch verdient,
Daß sie mich so liebend anschaut,
Hab ich ihr doch nicht gedient!
Sie ist eine von den Huren!
Da ich ihr so gut gefalle
Und sie mich so freundlich anschaut,
Will sie sicher mit mir schlafen!
Weil ihr Frauen missversteht,
Grüßen Frauen euch nicht mehr.
Nein, ihr dient nicht mehr den Frauen,
Prahlt jetzt von euch selber nur.
Ihr könnt Frauen nur verklagen
Und verschweigt nicht mehr die Wahrheit...
Prahlen wollt ihr nur noch, prahlen!
Ihr seid keines Gnadennickens
Eines Frauenhauptes wert!
Lassen wir das Gnadennicken
Unsrer Frauenhäupter ganz!
Die als Frau bewahren möchte
Ihre Ehre, ihre Reinheit,
Diese sollte euch nicht grüßen
Mit dem Lächeln ihrer Blicke.
Ich bin eine von den Frauen,
Die verhindern, dass ihr Männer
Geht von uns als Prahler fort!

Frau, ihr lieben Frauen haltet


Uns doch nur für Taugenichtse.
Wir sind doch nicht alle schlecht,
Wie ihr sagt, wie ihr uns anklagt.
Wären alle wir so übel,
Wie du sagst, geliebte Frau,
Sollte uns die Mutter Erde
Nicht mehr auf den Armen tragen.
Wären alle wir so grimmig,
Warum hätten wir das Leben?
Besser wär es, nicht geboren!
Gott erlaubt es sicher nicht,
Daß wir ohne Würde sind.
Aber sag doch, liebe Frau:
Wie verbringt ihr eure Zeit?
Ihr verhüllt euch! Das ist schlimm!
Selbst die Schönste aller Frauen
Zieht sich lange Kleider an!
Ungern solltet ihr das tragen
Und es steht euch nicht so gut,
Anders stünde es euch besser!
Hässlich habt ihr euch gemacht,
Das macht uns so üble Laune.
Sieht nur einer eine Frau,
Sitzt sie da wie eine Nonne.
Und wer will mit Nonnen scherzen?
Sie verschleiern ihre Augen,
Augenbrauen, Mund und Wangen.
Ja, ihr lasst mit Absicht nicht
Mehr als nur die Augen schauen!
Zieht sich eine schöne Frau
Je ein schönes Kleidchen an,
Hängt an ihrem Liebreizgürtel
Sicher auch ein Rosenkranz,
Zwischen ihren Brüsten hängt
Noch ein frommes Medaillon.
Liebe Frau, das stört uns Männer,
Denn so müssen wir doch denken,
Daß dies wunderschöne Weib
Sei aus Schmerzen eingetreten
In ein Kloster Jesu Christi.
Ihren wundervollen Brüsten
Stünden eine Muschelkette
Und ein Mondsteinschmuckstück besser
Als der Rosenkranz Mariens.
Sind sie auch im Herzen fromm,
Soll ihr Mund das doch nicht sagen,
Heimlich sollen Frauen tragen
Rosenkranz und Skapulier.
Ach ihr solltet mit uns tanzen
Und die Becken kreisen lassen!
Lieber geht ihr in die Kirche
Morgens, mittags, abends, nachts.
Wer kann Freude bei euch finden?
Freuen sich an euch Besucher?
Freut sich wohl an euch der Gatte?
Oder freut der Hausfreund sich?
Nein, ihr kniet vor dem Altar,
Betet Jesus Christus an!

Freund, das ist ein schlechter Witz,


Daß du uns zum Vorwurf machst,
Daß wir Jesus Christus dienen!
Jene Frau, die Jesus dient,
Ist gereinigt durch den Glauben.
Das ist eine Sünderin,
Die auf das Gebet verzichtet,
Um den Männern zu gefallen.
Ihr jedoch seid ohne Freude
Und betrübt in trister Trauer
Und dient doch nicht Gott allein!
Also seid ihr wie der Narr,
Welcher zwischen Stühlen saß
In dem Unrat auf der Erde.
Dem geschah der Unrat recht,
Das gebührte seiner Torheit.
Freund, ihr Männer seid wie er,
Ihr seid nicht wie Ritter froh,
Doch ihr dient auch nicht dem Herrn!
Darum geht’s euch wie dem Narren.
Also sagt ihr, dass wir Frauen
Uns verhüllen mit den Kleidern
Und dass wir uns mit den Kleidchen
Nicht mehr schmücken schön wie früher,
Wie es einem Mann gefällt.
Welche Frau wär doch so töricht,
Nicht die Kleider anzuziehen,
Die ihr Vater oder Bruder
Oder Ehemann geschenkt,
Daß sie solches tragen möge,
Wie es einem Mann gefällt?
Männer, ihr könnt herrlich höhnen
Und selbstherrlich prahlen stolz!
Ließe sich ein Weibchen sehen
Reizend, wie ihr dies euch wünscht,
Sagtet ihr: Dies Weibchen schmückt sich
Sicher, Männer zu verführen!
Wäret doch ihr Männer edel
Wie in guten alten Zeiten!
Damals schien es gut der Frau,
Mit dem Mann zu Tisch zu sitzen
Und zu küssen seine Wangen,
Damals war der Mann noch froh,
Mit der schönen Frau zu tanzen,
Damals noch verstand der Mann,
Daß die schöne Frau ihn ehrt
Mit dem Küsschen und dem Tanz.
Und so trug die Freundschaft bei
Beiden nur zu Lust und Freude.
Gut wars früher für die Frau,
Schöne Kleidchen anzuziehen,
Daß der Mann sie so betrachte!
Wen sie freundlich schaute an,
Der war voll von Lobeshymnen!
So sind heute nicht die Männer.
Sieht euch eine Frau nur an,
Sagt ihr, dass sie euch nur anschaut,
Weil sie brechen will die Ehe.
Deshalb schützen sich die Frauen
Äußerlich und innerlich
Vor den Männern dieser Zeit.
Dazu sind wir ja gezwungen,
Sonst verginge unsre Ehre.
Falsch versteht man unsre Freuden,
Darum haben viele Frauen
Sich von Freuden losgesagt.
Ach wir wären froher doch,
Wollt man unsre Freuden loben.
Ich hab alles dir gesagt,
Weißt du mehr, so sag es mir.

Liebe Frau, ich geb dir recht,


Gibt der Mann der Frau ein Kleid,
Sollte sie das Kleid auch tragen.
Aber trägt sie es nicht gerne,
Zieht sie selten an das Kleid,
Trägt sie es nur widerstrebend,
Dann erlässt er ihr sein Recht,
Ohne viel mit ihr zu streiten.
Dann lässt er sie alles tragen,
Was sie irgend tragen möchte,
Aber doch in seinem Herzen
Trägt er bittere Enttäuschung,
Glaubt mir das, ihr schönen Frauen.
Gibt er ihr nun schöne Stoffe,
Aber sie trägt die nicht gerne,
Legt die Stoffe in den Schrank,
Was denn wäre je so traurig?
Gibt ein Mann ihr schöne Kleidchen,
Aber sie will die nicht tragen,
Sondern läuft herum auf Erden
Wie die Magd vom Bauernhof,
Dann wird ihn die Frau enttäuschen.
Denn die Frau ward ihm gegeben,
Daß sie sich am Leben freuen
Und das Leben freudig leben!
Darum sollte stets sie tun,
Was ihn froh und freudig macht!
Nie war eine Frau so schön,
Wollte sie sich hässlich machen,
Daß sie dann nicht hässlich würde.
Doch die Hässlichkeit der Frau,
Das kann nie ein Mann ertragen!
Und besonders wenn sie selbst
Ihre Schönheit ruinierte!
Wenn ihr Mann sie deshalb schmäht,
Ist sie selber schuld daran.
Eine Frau von Hässlichkeit
Kann sich schön durch Kleidung machen,
Also lehrt mich die Erfahrung.
Und so sieht es besser aus
Und so kann der Mann sie mögen.
Was denn, wenn sie Schränke voll
Wunderschöner Kleider hat,
Doch sie trägt nicht diese Kleider?
Das ist nämlich wie im Sprichwort:
Ein verborgner Schatz ist sinnlos!
Will die Frau den Mann behalten,
Pflege sie den lieben Körper!
Will als Witwe sie ins Kloster,
Soll sie Nonnenkutten tragen,
Soll sich den Gebeten widmen
Und der Buße und dem Opfer
Und mit allen ihren Kräften
Nach der Gnade Gottes streben!
Ja, ich sage dir die Wahrheit:
Was die Frau beim Manne trägt
Und wie schön gekleidet sie
Immer ist und wie liebreizend,
Das ist wahrlich keine Sünde!
Treu nur sei die Frau dem Manne,
So wird sie auf Erden fröhlich
Und im Himmelreich glückselig!

Freund, dies will ich aber sagen,


Daß gesegnet jene Frau,
Deren Gatte voller Anstand,
Daß er allezeit ihr gönnt,
Sich zu freun an seiner Liebe.
Finde stets sie ihn bereit,
Ihren Willen zu erfüllen.
Freudig lebt sie dann auf Erden.
Nichts ist diesem Glück vergleichbar,
Welches eine liebe Frau
Und ein Gatte miteinander
Haben können auf der Erde.
Und wie froh sie immer sind,
Diese Lust ist keine Sünde.
Gott der Herr gab sie einander,
Daß sie eins sind in der Liebe!
Aber sag, mein lieber Freund,
Was ist denn mit jener Frau,
Die da einen Gatten hat,
Der nicht denkt an ihre Freude,
Dem es nicht gefällt, dem Narren,
Ist sie liebevoll zu ihm?
Will sie ihren Gatten lieben,
Ihn umarmen, zärtlich sein,
Lieblich küssen und liebkosen,
Sagt er: Laß, das ist zuviel!
Und er spricht mit Zorn und Ärger:
Frauen wollen immer küssen,
Können Frauen denn nichts andres?
Und dann steht er auf vom Stuhl
Und geht fort mit schlechter Laune
Und sie muß ihn gehen lassen.
Und da denkt die gute Frau:
Was hab ich nur falsch gemacht?
Meine Zärtlichkeiten sind
Meinem Mann nicht angenehm,
Also muß ich wohl in Zukunft
Meinem Ehemann ersparen
Zärtlichkeiten und Liebkosung.
Mancher hat die Angewohnheit,
Seine Gattin zu betrüben,
Daß er morgens von ihr weggeht,
Wo er sie doch lieben sollte!
Wollt er ihre Liebe haben,
Mit ihr teilen Lust und Wonne,
Blieb er besser in dem Bette!
Doch anstatt im Bett zu bleiben,
Nimmt den Hund er an die Leine,
Geht spazieren mit dem Hund.
Immer denkt er an den Hund,
Läuft den ganzen Tag herum,
Lässt die Frau zu Hause sitzen,
Seine Schöne, ohne Freude.
Seine Frau hat keine Chance,
Denn er streichelt seinen Hund,
Setzt das Horn an seine Lippen,
Denn er will das Waldhorn blasen,
Aber das kann nicht ersetzen,
Was der scharlachrote Mund
Seines Weibes machen könnte,
Seine Seele froh zu machen!
Wenn der Gatte das begriffe,
Schickte er den Hund zum Teufel,
Dem er nachrennt alle Tage,
Bis er abends nicht mehr mag.
Abends kommt er dann nach Hause,
Lässt sich nieder in dem Sessel,
Dann nimmt er ein Spiel zur Hand
Und er spielt bis Mitternacht
Und er trinkt so manches Bier,
Bis die Kraft ihm ganz geschwunden,
Bis geschwächt des Mannes Kraft.
In dem Zustand solcher Schwäche
Geht er zu dem Bett des Weibes,
Wo im Bett die Gattin wartet
Und sie spricht: Willkommen, Mann!
Liebenswürdig sie erhebt sich
Und bewegt sich auf ihn zu,
Aber er gibt keine Antwort,
Sondern schaut nur nach dem Sofa,
Wo er schlafen kann allein.
Und am nächsten Morgen wieder
Geht von vorne los das Ganze.
Diese Frau zu recht ist traurig!
Lieber, was sagst du dazu?
Was denn rätst du da zu tun?
Wann soll glücklich sein die Arme
Und mit schönstem Kleid sich kleiden?
Wem denn soll sie freundlich lächeln?
Wem denn eine Freude machen?
Wenn ihr Mann sie so behandelt,
Wer soll sie dann glücklich machen?
Käm ein Hausfreund angeritten,
Grüßte sie nach Art der Minner,
Wie die Ritter früher grüßten
Ihre schönen Minnedamen,
Welche huldvoll gnädig nickten,
Wenn sie dann noch angezogen
Allerschönste Reizgewande
Und den Hausfreund so empfinge –
Wär ihr Ruf wohl ruiniert,
Würde sie die Welt verleumden.
Ist ihr Gatte nicht zuhause,
Sieht es wirklich übel aus,
Wenn sie einen Gast empfängt
Oder geht zu andern Männern,
Das erschiene wie ein Fehltritt.
Wie denn soll sie glücklich sein,
Warum schöne Kleider tragen,
Wenn das ihren Mann nicht freut
Und sie keinen Hausfreund hat?
Andres bleibt dann nicht mehr übrig,
Als mit Herz und Leib und Seele
Gottes Dienst sich ganz zu weihen
Und die Jahre zu verbringen
In dem frommen Dienste Gottes.
Ist sie freudlos auch auf Erden,
Wird sie glücklich sein im Himmel!

Freund, hör weiter, was ich sage.


Wie denn steht es um die Männer?
O sie lieben ja den Wein,
Mehr den Wein als alles andre!
Lieber ist der Wein den Männern
Als die bunte Pracht der Blumen
Und das Lied der kleinen Vögel
Und die Schönheit schöner Frauen!
Roten Wein in ihren Adern
Haben sie in jeder Nacht
Und am liebsten auch am Tag.
Keiner wird je anders glücklich
Als durch Weinrausch. Ja, so ist das.
Sind vom Rotwein sie betrunken,
Sind sie herrlich, sind sie fröhlich.
Sind sie sonst auch feige Narren,
Trunken sind sie weise Helden.
Sind sie sonst nur junge Toren,
Trunken sind sie junge Götter.
Sind sie sonst nur alte Säcke,
Trunken sind sie greise Weise,
Trunken sind sie starke Ritter,
Geben an mit Heldentaten,
Schreien wild, zerbrechen Lanzen,
Lachen, springen, tanzen, singen,
Sind so schön wie Absalom,
Unbesiegbar stark wie Samson,
Wollen alle Ritter sein.
Spricht der eine: Ha, mein Freund,
Hör, doch sag es keinem weiter,
Eine Schöne lieb ich sehr,
Lieb sie mehr als meine Seele,
Sie wird sicher mich belohnen,
Sieben Jahre dien ich schon,
Diene ihr noch sieben Jahre.
Sie ist all mein Glück und Leben.
Sagt der andre gleich darauf:
Ich verrate dir, mein Freund,
Daß ein Weib mich glücklich macht,
Die mir solchen Lohn gespendet,
Daß ich gern ihr dienen will
Treu bis zu der Todesstunde.
Spricht der dritte Freund zu beiden:
Etwas werde ich euch sagen
Und ich sage nichts als Wahrheit:
Eine Dame liebe ich
Und was tut sie mir doch Liebes!
Und bald ists ein Dutzend Freunde,
Alle Freunde prahlen laut
Von den Gnaden ihrer Frauen,
Jeder sagt vor seinen Freunden,
Wie und wo sie ihn beglückte!
Alle Männer prahlen so
Und sie prahlen um die Wette,
Jeder würde eifersüchtig,
Wär ein andrer mehr begnadet!
Doch so war es früher nicht,
Früher, wenn ein edler Ritter
Warb um eine hohe Herrin,
Blieb das allzeit ein Geheimnis,
Ja, der edle Ritter sagte
Nichts von seiner hohen Herrin
Und schwieg selbst vorm eignen Bruder,
Das weiß ich gewiß, mein Freund.
Alles war geheimnisvoll,
Damals nahmen gern die Damen
Dienste edler Ritter an.
Heute lässt mans besser bleiben.

Herrin, du hast viel zu sagen,


Deine Worte sind sehr zornig.
Dir gefallen nicht die Männer.
Aber ich will auch was sagen:
Ihr habt eine Angewohnheit,
Frauen, welche unschön ist,
Denn kein edler Mann kann heute
Euch mit seinem Dienst gewinnen!
Ihr habt eines nur im Sinn:
Wen ihr liebt, muß Geld euch geben.
Das ist wirklich schlimme Armut,
Daß das Beste, was ihr habt,
Weiber, wird von euch verkauft.
Früher war es doch nicht käuflich.
Aber das ist eine Schande,
Das ist eine Missetat,
Eure Liebe zu verkaufen.
Nie sei euer Körper käuflich!
Keinem Mann auf dieser Erde
Sei die Lust der Liebe käuflich!
Eure Liebe ist so wertvoll,
Ist von solcher großen Würde,
Wer sie je begehrt zu kaufen,
Ist ein Frevler und ein Sünder.
Findet anders er nicht Liebe
Und nicht Lust als nur durch Geld?
Ist denn Frauenliebe käuflich?
Ist das würdig einer Fürstin,
Ihren Körper zu verkaufen?
Dieses Weib ist keine Dame,
Sie ist eine Sünderin,
Die das Beste, ihre Liebe,
Gegen Geld dem Mann verkauft.
Will die Frau nun nicht das Geld,
Ist sie doch so eingestellt,
Daß man ständig teuren Schmuck
Hängen muß an ihren Körper.
Wer die Frau zur Lust begehrt,
Der begeht auch Seitenwege.
Schmuck ist eine Kleinigkeit,
Eine Frau darf Schmuck empfangen,
Will der Mann dadurch beweisen,
Daß er seine Dame liebt.
Das ist Art der wahren Liebe.
Aber Frauen gibt es auch,
Die sich nicht bezahlen lassen,
Davon gibt es viele Frauen,
Aber viele solcher Frauen
Suchen heimliche Geliebte,
Ob auch der Geliebte falsch,
Schließt sie diesem auf das Herz,
Gibt ihm ihre Frauenliebe.
Das ist eine schlechte Art
Und sie gibt sich ihm nur hin,
Um ihn so an sich zu fesseln.
Eine Frau, die so sich hingibt
An den heimlichen Geliebten,
Das ist eine schlimme Frau
Und man muß sie unterscheiden
Von den feinen guten Damen.
Ihre Namen, ihre List,
Sollte man von sich vertreiben,
Wie man Leprakranke fortjagt.
Weh, o weh, dass je ein Weib
Ihren Körper so verkaufte
Oder ihren Körper hingab
Einem heimlichen Geliebten,
So erbärmlich und gemein!
Weh, dass jemals eine Frau
Ihre Unschuld so zerstörte
Und verkaufte ihren Körper!
Wehe auch dem wilden Weibe,
Die sich hingibt schlechtem Manne,
Dem geringen und gemeinen,
Daß er heimlich bei ihr schläft!
Sie ist gierig nur nach Lust,
Nicht nach edler reiner Liebe!
Eine feine gute Frau
Sollte ihren Leib nur schenken
Einem ehrenhaften Mann,
Der nach hoher Tugend strebt!
Schenkt das Weib jedoch die Ehre
Einem Manne ehrvergessen,
Hat die Ehre sie verloren.
Wie bewahrt die Frauenehre
Je ein ehrvergessner Mann?
Schenke eine Frau die Ehre
Einem ehrenhaften Mann,
Der beschützt die Frauenehre!
Doch die Frau, die anders handelt,
Die verschwendet ihre Ehre.

Was ich jetzt zur Antwort gebe,


Ist mir wenig angenehm,
Keiner will das heute hören,
Ja, man darf das gar nicht sagen!
Aber Worte muß ich sagen,
Die mir noch mein Herz zerbrechen!
Eine Dame sollte niemals
Solche schlimmen Worte sagen.
Solche Dinge sind abscheulich
Wie der Pestfloh in der Ratte,
Schamrot müsste man da werden.
Freund, du sagst, dass Frauen heute
Ihres Körpers Lust verkaufen,
Aber nun sollst du mir sagen,
Ob es recht ist, dass die Männer
Mit den Männern solches tun,
Was nicht Vögel tun noch Tiere,
Was die Kreaturen alle
Ansehn nur als große Sünde?
Freund, du weißt schon, was ich meine.
Diese Sache ist so unrein,
Daß ich’s nicht zu nennen wage.
Diese Sünde ist verflucht.
Sag, ist das nicht eine Sünde,
Daß der Mann dem Mann das tut,
Freund, wozu doch Gott der Herr
Schuf das Weibchen für das Männchen!
Diese Sünde sei verflucht,
Gott erbarme sich des Sünders,
Der die Seele so vergisst,
Daß er solche Sünde tut,
Die sogar ein schlechterzogner
Mund nur ungern bringt zur Sprache.
Lange würd ich drüber reden,
Aber ich will meinen Anstand
Nicht mit solcherlei beflecken.
Lieber red ich nicht davon.
Du behauptest, dass wir Frauen
Hätten keinen Anstand mehr,
Daß wir Lust und Leib verkaufen.
Ach das machen wohl die Huren,
Doch wir reinen Frauen nicht.
Ja, man findet wohl noch Frauen,
Die für keines Reichen Geld
Ihre Frauenliebe schenken
Und die nicht einmal ein Ritter
Sich mit Heldentaten freit!
Gäbe einer allen Reichtum
Für die Liebe solcher Frau,
Nein, sie nähme ihn nicht an.
Solche Frauen sind nicht selten,
Zahlreich sind die guten Frauen.
Wer uns gleichstellt mit den Huren,
Handelt falsch und wie ein Narr.
Nein, so sind wir Frauen nicht.
Manche Frau ist aber schwach
Und gibt hin des Körpers Lust
Und die fleischliche Begierde
Jedem, der sie haben will.
Solche hurerischen Weiber
Haben nicht die Frauenwürde,
Solche sind ganz schlimm und schlecht.
Fort mit aller Hurerei,
Frauen leiden nicht die Unzucht.
Nicht verwechsle feine Frauen
Mit verhurten wilden Weibern,
Willst du sein ein weiser Mann.

Meine Herrin, hör mich an,


Ich weiß wohl, dass ich sehr schlecht
Hätt gesprochen von den Frauen,
Wollt ich feine fromme Damen
Mit den Huren gar vergleichen.
Aber du sollst wissen, Herrin,
Daß du auch sehr schlecht getan,
Wenn du alle Männer gleichsetzt,
Gar die Guten mit den Bösen.
Männer machen schlimme Sachen,
Sagst du, das mag wahr wohl sein.
Aber so sind doch nicht alle.
Gottvergessne Übeltäter
Werden noch im Feuer brennen!
Weh, dass man in Gegenwart
Einer frommen Dame soll
Über solche Sünder sprechen!
Das ist mir nicht angenehm.
Selbst der Name solcher Frevler
Ewig soll vergessen sein!
Weh, dass solche Sünder sind,
Daß sie Mutter Erde trägt!
Warum richtet Gott sie nicht,
Wie die Sünder einst von Sodom,
Als das Schwefelfeuer fiel?
Gottvergessne Sünder werden
Stürzen in den Höllenabgrund!
Solcherlei begehen Männer,
Die doch eigentlich die Sünde
Sollten heilig wehren ab!
Wehe, wehe! Dass man reden
Muß von solchen Übeltätern!
Solche Männer sind voll Schande,
Aber heute reden alle
Öffentlich von solcher Sünde,
Sei verflucht die üble Sünde!
Warum lässt das Gott geschehen?
Doch das ist kein schönes Thema,
Lassen wir das lieber, Herrin.
Doch die Wahrheit will ich sagen,
Meine wundervolle Herrin:
Wollten doch die schönen Frauen
Lassen von der Trauer ab
Und sich froh und freudig zeigen
Und wie Leben in dem Frühling
Voller Lust und Glück und Hoffnung,
Würden edle Männer heute
Noch den schönen Frauen dienen
Als die Sklaven ihrer Minne,
Wie die heilig-frommen Ritter
Früher den Madonnen dienten!
Zeigen sollten sich die Frauen
Graziengleich und schön gekleidet,
Dann wär gern bereit der Mann,
Minnesklavisch ihr zu dienen.
Ja, dann fände solch ein Weib
Sicher einen frommen Mann,
Der ihr Herz und Leib und Seele
Minnesklavisch unterwürfe
Und mit Liebe und mit Ruhm
Dient ihr ohne Wankelmut.
Das weiß ich gewiß, ich weiß es.
Da wir aber solche Hoffnung
Leider nirgendwo auf Erden
Finden an den schönen Frauen,
Lassen wir den Frauendienst!

Freund, wir lassen uns nicht dienen,


Weil der Lohn uns nicht gefällt.
Rate mir, bei deiner Bildung,
Wie soll eine Dame leben,
Will sie fröhlich sein mit Anstand,
Wie soll leben eine Frau,
Daß man über sie nicht spottet,
Da die Männer gerne spotten?
Laß mich hören deinen Rat,
Ich bin leider nicht so weise,
Daß ich selbst mir denken kann,
Wie sich eine Dame schütze
Vor dem bösen Spott der Männer,
Sei die Frau nun Ehegattin,
Alte Witwe, junges Mädchen
Oder eine Unvermählte,
Die sind oft auch schöne Frauen,
Oder eine Konkubine.
Wie kann man uns sonst noch nennen?
Wie denn sollen Frauen leben,
Daß sie nicht verspottet werden
Und doch schönes Leben haben?
Hat nun eine Ehefrau
Einen lieben Ehemann,
Der ihr alle Wonnen gönnt,
Gern ihr alle Wonnen spendet,
Der sie liebevoll verehrt
Und erhöht die Lust der Frau,
Dem sie gern erfüllt die Wünsche,
Seinem Wunsch entgegenkommt,
So im Großen wie im Kleinen,
Sieht ein Spötter solch ein Paar,
Einer der gut spotten kann,
Gibt er von sich seinen Spott:
Dieser Mann ist ja kein Mann,
Läßt beherrschen sich vom Weib!
Soll das Weib Gebieter sein
Und der Mann die Magd des Hauses?
Ist der Kerl des Weibes Sklave!
So verhöhnt er alle beide,
Weil sie voller Freude sind
Und vereint in ihrer Liebe
Leben alle Lebenstage,
Darum hasst er sie, der Spötter,
Denn er sieht es gar nicht gerne,
Was er selber nie erfahren!
Ist ein Weibchen aber Witwe,
Klagt um ihren Vielgeliebten,
Trägt das schwarze Witwenkleid,
Sieht die Witwe dann der Spötter,
Höhnt er sie mit bösem Spott:
Schau mal diese alte Frau,
Sie ist nur auf Geld versessen,
Sie will einen neuen Mann,
Daß er ihr nach Wunsche tut.
So verdreht er ihre Absicht
Und entehrt sich selber nur,
Dieser bitterböse Spötter.
Sieht er aber eine Witwe,
Welche schöne Kleider trägt
Und geschmückt spazieren geht,
Sagt der Spötter von der Witwe:
Mannstoll ist das alte Weib!
So wird diese auch verspottet.
Aber Gott der Herr im Himmel
Ist der Richter aller Witwen!
Und ist da ein schönes Mädchen,
Jung, die allen gut gefällt,
Elegant gekleidet, schön
Auch gefärbt die langen Haare,
Welche alle Männer mögen,
Sagt der bitterböse Spötter
Von dem jungen schönen Mädchen:
Die verliert wohl ihre Unschuld
Vor dem Sakrament der Ehe!
Wie soll leben solch ein Ding,
So was Junges, so was Hübsches,
So ein niedlich-nettes Mädchen?
Freund, gib dazu einen Rat.
Und ist eine Unvermählte,
Jugendlich und schön und reizend,
Schön gekleidet und frisiert,
Die sich so benimmt vor Männern,
Wie ein Weib, das froh sein will,
Dann verdreht der bittre Spötter
Dieser Unvermählten Absicht:
Schau, wer mit dem Weibsstück tuschelt,
Wer um Liebeslust sie bittet,
Wird gewiß sofort erhört,
Schnell ist sie bereit zur Liebe!
Sie begehrt gewiß sehr viele,
Hat schon manchen Mann gehabt,
Heute diesen, morgen jenen!
Ach das dulden alle Frauen,
Was der bittre Spötter spottet.
Wie soll aber eine Frau
Sich bewahren vor dem Spott,
Aber dennoch lustig leben?
Das erkläre mir, mein Freund,
Der du klug und weise bist!

Herrin, weise bin ich nicht,


Wie soll ich dir Antwort geben?
Aber ich will Antwort geben,
Wie ich eben es vermag.
Wie soll eine Dame leben?
Gott gab Güte ihr und Schönheit!
Hat sie einen guten Mann,
Soll sie gerne ihm gehorchen
Und befolgen seinen Willen.
Dieses wahrlich wär mein Rat.
Wenn sie gerne ihm gehorcht,
Wird der Mann ihr wohlgesinnt,
Daß er alles gerne tut,
Was sie irgend von ihm wünscht.
Beide haben dann viel Freude.
Gott gibt beiden, ihm und ihr,
Dann ein süßes Freudenleben
Und sie werden alt in Freuden.
Dieses Leben soll sie führen.
Werben aber andre Männer
Um die schöne gute Dame,
Soll sie keinen je erhören,
Hüten sich vor Ehebruch!
Bleibe sie dem Gatten treu,
Denn dann ist die Dame gut.
Was sie sonst an Freuden hat,
Das verwehrt kein edler Mann.
Lästert sie ein böser Kerl,
Soll sie gar nicht darauf achten.
Denn so sind nun mal die Bösen:
Was auch eine fromme Seele
Tut an Gutem und Erlaubtem,
Immer ärgert das die Bösen,
Gelb vor Neid ist ihre Galle.
Jene Dame, die geehrt
Wird von Tüchtigen und Guten,
Sollte einfach ignorieren,
Was ein Böser von ihr sagt.
Schlechte Leute sind nun so,
Daß sie stets die Frommen hassen.
Glaube mir, geliebte Herrin,
Wer gehasst wird von den Bösen,
Der hat guten Ruhm bei Gott!
Was der Fromme Gutes tut,
Das tut nimmerdar der Böse.
Was jedoch der Böse tut,
Finden Gute sicher hässlich.
Solche Grundverschiedenheit
Zwischen Licht und Finsternis
Gab der Herr in ihre Seelen.
Wenn ein Frommer einen rühmt,
Geht des Frommen Ehre über
Auf den vielgerühmten Menschen.
Wenn ein Böser einen lobt,
Dann hat jener schlecht gehandelt.
Lob vom Bösen ziemt der Frau nicht!
Lobt die Frau jedoch ein Frommer,
Wird sie immer Ehre haben.

Wo nun eine feine Dame


Fromm und gutaussehend ist,
Aber einen schlechten Mann hat,
Der ihr kein Vergnügen macht
Und dem sie nie recht tun kann
Und der ihr nie Freude gönnt
Und der nie um Ehre kämpft,
Solch ein schlechter Mann zerstört
Eine feine schöne Dame.
Solche tugendlosen Männer
Sind Ruin den frommen Frauen.
Wieviel Kummer sie verbreiten!
Die solch einen schlechten Mann hat,
Soll sich, wenn sie nicht um Gottes
Willen solches unterlässt,
Einen lieben Hausfreund nehmen,
Der die Frau zu schätzen weiß
Und die Freundschaft dieser Frau!
So entflieht ihr trüber Kummer
Und ihr Geist wird frohgemut!
Finde doch ihr Gatte Unglück,
Doch die Dame schenke Gunst
Dem, der das zu schätzen weiß!
Liebt der Hausfreund seine Freundin,
Wie man Frauen lieben soll,
Wird es beiden gut ergehen!
Solche Liebe kann man keiner
Schönen Frau zum Vorwurf machen.

Doch die Frau mit dem Geschick


Nach des bösen Teufels List,
Einen schlechten Mann zu haben,
Den man unrein nennen muß,
Wie kann solcher Frau es gutgehn?
Was er immer mit ihr anfängt,
Falsch sind alle seine Werke.
Liegt er neben ihr im Bett,
Ekelt sie sich vor dem Schmutz,
Weil er stinkt wie Mist und Kot.
Ach die ihn ertragen muß,
Hat kein Glück in ihrem Leben.
Er ist wie das Gift der Schlange,
All ihr Leben ist voll Trauer.
Doch sie sollte nicht verzweifeln,
Diese Welt ist voller Unglück!
Lieber sollte sie ihr Herz
Froh auf andre Weise machen
Und die Freude nicht verlieren.
Einen sollte sie sich wählen,
Den sie glücklich machen kann
Und der tut, was ihr gefällt,
Und der sich mit ganzem Herzen
Und mit ganzem Körper hingibt
Und sie mehr als alle andern
Frauen auf der Erde liebt
Und der ihr zu danken weiß
Alle Wonnen ihrer Liebe,
Alle Lüste ihrer Liebe,
Und der ihr zu danken weiß,
Daß sie ihm den Körper hingibt
Und die Ehre und das Leben
Und dass sie das alles tut
Aus der Reinheit ihrer Liebe,
Die ihm alle seine Wohltat
Mit so mancher Gunst belohnt
Und ihn schützt vor Traurigkeit.
Sei er dankbar, wie man sein soll,
Haben sie ein süßes Leben!
Er soll ihre Ehre hüten
Und soll lieber sterben wollen,
Als ihr etwas zu versprechen,
Was er gar nicht halten will!
Lieber soll er sterben als
Seine Herrin zu betrügen
Oder je sie anzuschwindeln.
Seine Liebe soll ihr Glück sein!
Wegen ihres Gatten aber
Soll sie auch nicht einen Tag
Auf den lieben Freund verzichten,
Lieber schimpfe sie dem Gatten!
Die den schlechten Gatten hat,
Möge meinen Rat befolgen,
Wie ich riet aus lauter Treue.

Und ein junges schönes Mädchen


Sollte allzeit glücklich sein,
Immer voller Lebensfreude,
Allezeit mit guter Laune,
Soll sie streben nach dem Guten,
Soll sie rein mit Anstand leben.
Also wird das Mädchen glücklich.
Nennt man gut das schöne Mädchen,
Wird ein Mann sie gerne nehmen.
Doch sie wird ihm nicht gefallen,
Wäre sie ein schlechtes Mädchen.
Wer nimmt dann sie noch zur Frau?
Wem wär solche Gattin recht?
Wenn sie schon als Mädchen oft
Zornig und rebellisch ist,
Wird sie nicht dem Mann gehorchen,
Sondern mit dem Gatten zanken.
Solch ein junges schönes Mädchen
Sollte stets nach Güte trachten
Und zum Guten alles wenden
Und nicht zanken mit dem Mann.
Freundlich soll das Mädchen sein
Und mit allem Anstand fröhlich,
Und so lang sie keinen Mann hat,
Soll gehorchen sie den Eltern.
Hat sie aber keine Eltern,
So gehorche sie Verwandten.
Sucht sie selbst sich einen Mann,
Wird sie sicherlich zuschanden.
Wenn sie selbst den Mann genommen,
Dann den Ehemann verlässt,
Wird sie später dies bereuen.
Besser meidet man das vorher.
Ist das Mädchen sittsam fröhlich
Und von guter heitrer Laune
Und benimmt sich fromm und höflich
Und ist freundlich, immer fröhlich,
Ja, dann rühmen sie die Frommen.
Nie verspottet sie der Weise.
Solchem jungen schönen Mädchen
Passt der Friede zu der Seele
Wie Rubin zum goldnen Ring.
Siehe, Gott besitzt nichts Schönres
Als die makellose Jungfrau!

Witwe oder Unvermählte,


Ist sie jung und ist sie schön,
Die hat doch ein schönes Leben,
Darf sich einen Mann erwählen
Wie es ihre Seele will.
Jede sollte ganz genau
Schauen, wem sie sich ergibt,
Wem sie ihre Freiheit schenkt,
Daß sie nicht nach ihrer Hochzeit
Leben muß im tiefsten Elend.
Nimmt sie sich den falschen Mann,
Wird’s ihr sicher schlecht ergehen,
Reue quält sie sicher bald
Und sie wird nicht wieder froh,
Wird nicht mehr zufrieden sein.
Gibt ein Weib sich eilig weg,
Gebe keinem sie die Schuld
Als sich selbst, der Sünderin,
Wenn sie sich verschwendet hat!
Sie ist schuld an ihrem Unglück
Und mit Recht plagt sie die Reue!
Selbst verschuldet, selbst gelitten,
So wird ihre Klage lauten,
Solche Worte bittrer Klage
Sind der Schatz dann ihres Herzens.
Weil sie allzu rasch geeilt,
Ihren Körper hinzugeben,
Darum wurde ihr der Schaden!
Sollte mich das denn verwundern,
Daß sie so sich hingegeben
Dem verkehrten Ehemanne,
Hätte sie doch haben können
Einen guten Ehemann!
Nun ist sie dem Mann verbunden,
Welcher gar nicht zu ihr passt,
Der ihr keine Freude gönnt.
Hätte sie doch den genommen,
Der ihr gönnt das wahre Glück
Und für Lust und Glück und Heil
Hätte alles hingegeben,
Körper, Seele, Herz und Leben!
Ja, von ganzem Herzen klagen
Muß ich über diese Frau,
Die sich einem Mann ergeben,
Der nicht wertschätzt ihre Seele
Und ihr keine Freude gönnt.
Weh, dass sie sich ihm ergeben,
Weh, dass sie ihm nahe ist,
Ach das tut mir gar zu weh!
Dieses Leben tut mir weh,
Weh mir die Erbärmlichkeit
Dieses Lebens, das sie führt,
Als sie so sich hingegeben.
Wehe, woran dachte sie,
Als sie sich dem Mann ergeben?
Damit meine ich die Witwen
Und die unvermählten Frauen,
Die sich selbst den Mann genommen.
Weh, dass nicht ihr Herz verstanden,
Wo ein guter Ehemann
Wär bereit für sie gewesen!
Über solche Herzenstorheit
Muß ich alle Tage klagen,
Bitter weinen in den Nächten!
Weh, die Leiden, wehe, wehe,
Daß die Frau mit diesem Mann,
Den sie selber sich genommen,
Leben muß ein schlechtes Leben.
Sie erwählte ihn zur Freude
Und verlor die Lebensfreude,
Sie verschwendet ihre Tage,
Das ist meine Jammerklage!
Liebe Frauen, denkt zuvor,
Eh ihr einen Mann euch nehmt,
Besser ist es, erst zu denken,
Nach dem Denken erst zu handeln.
Sonst wird plagen euch die Reue
Und verletzt wird eure Seele
Und verwundet sein von Schmerzen!

Und der Konkubine rat ich,


Daß sie mit charmantem Wesen
Und mit Zärtlichkeit gewinne
Alles, was sie haben möchte.
Da ihr Liebster nicht beständig,
Er sie früher oder später
Wieder fallen lassen wird,
Ihrer einfach sich entledigt,
Sollte sie ihn oft liebkosen,
Daß sie nicht sein Geld verliert,
Wenn er eine Neue nimmt.
Gut soll sie ihn stets behandeln
Und ihn bringen an den Punkt,
Da sie ihm so gut gefällt,
Daß er sie zum Weibe nimmt.
Doch will sie ihn nicht zum Gatten,
Nur Vergnügen mit ihm haben,
Soll sie ihm entgegenkommen
Mit verführerischem Charme.
Denn dann wird er sich bemühen,
Sei es morgens oder abends,
Sie mit Wollust zu beglücken.
Wenn sie es erreichen kann,
Einem so gut zu gefallen,
Daß er sie von Herzen liebt
Und sie ungern gehen lässt,
Wird sie andern Männern auch
Als Geliebte gut gefallen.
Das kann ihr dann wirklich nützen,
Wenn der Liebste sie verlässt
Und sie nicht mehr haben will.
Denn dann wirbt ein andrer Mann
Um die schöne Konkubine
Und behandelt sie so freundlich,
Daß er ihr sein Herz anbietet
Und sie glücklich machen will
Und ihr treu zur Seite stehen.
Ihm gefällt es, dass sie früher
Ihren Liebsten so geliebt,
Wie die Konkubine soll.
So gefällt sie ihm auch gut.
Wenn ich sie gewinnen kann
Zur Geliebten, denkt der Mann,
Werd ich schöne Tage haben
Und viel wonnesüße Nächte
Mit ihr in dem Bett genießen.
Diese Frau tut einem gut,
Denn sie macht es wirklich nett
Und man hat viel Spaß mit ihr.
Sie ist wirklich voller Güte
Und benimmt sich liebenswürdig.
Wenn ich sie gewinnen kann,
Werde ich glückselig werden.
So nutzt es der Konkubine
Und so ist es gut für sie,
Daß den Ersten sie geliebt.
Konkubinen sollten immer
Liebenswürdig und charmant sein
Und mit süßen Worten schmeicheln.
Immer sollte sie dem Liebsten
Solche Angebote machen,
Wie der Mann es gern sich wünscht,
Daß sie mit ihm zärtlich sei.
Manche Konkubine hat es
Schon mit ihrem Charme geschafft,
Daß auch selbst ein weiser Mann
Gar nicht anders kann, als ihr
Treu in Liebe beizustehen.
Deshalb rate ich von Herzen,
Ruhig mal charmant zu sein,
Charme wird immer nützlich sein,
Charme bringt ihnen Lebensfreude,
Charme bringt ihnen Liebeslust,
Charme bringt ihnen süßes Küssen,
Charme bringt manche Liebeskunst!
Aber jene Konkubine,
Die nicht mehr charmant sein will,
Wird von keinem Mann geliebt.

Freund, du hast mir gut erklärt,


Wie die Frauen lieben sollen.
Hoffentlich ists nicht zuviel,
Wenn ich dich jetzt mehr noch frage.
Was soll eine Dame tun,
Reich und schön und jugendlich,
Die hat einen schlechten Mann,
Der ihr keine Freude gönnt,
Die nun wegen seiner Bosheit
Oder wegen ihrer Leiden
Einen andern lieben will,
Daß sie sich an ihm erfreue,
Dem sie ihre Liebe will
Schenken, Schönheit, Leib und Leben,
Und den sie alleine will
Lieben ohne Hinterlist
Und von ganzem Herzen lieben?
Wo soll finden sie den Mann,
Den sie lieben kann und schätzen,
Der von reiner Absicht ist
Und ihr niemals untreu wird,
Der da schätzt an dieser Dame,
Daß sie will ihm ihre Liebe
Schenken, Schönheit, Leib und Leben,
Die ihm alles gerne tut,
Was er nur von ihr begehrt?
Sag, wo findet sie den Mann,
Der die Frauenseele schätzt?
Alle Männer schmeicheln gern,
Reden süß mit süßen Frauen.
Könnte man ins Herz nur schauen
Und die Absicht drin erblicken,
Fände so wohl eine Dame
Den gewissen Minnedieb!
Leider doch ist das nicht möglich,
Undurchschaubar sind die Herzen,
Frauen werden so betrogen
Und mit Lügen abgespeist.
Das ist leider die Gewohnheit
Aller Männer, dass sie Frauen
Leider gerne lügen an
Und betrügen sie mit Schmeicheln.
Wer am besten schmeicheln kann,
Der empfängt die meiste Ehre.
Das ist aber wirklich böse,
Wenn ein Weib verschenkt die Ehre
Und der Mann sie dann betrügt.
So beleidigt man die Frauen.
Jener, der die Frau betrügt,
Der ist ganz wie jener Judas,
Der mit einem Kuß verraten
Seinen Herrn Messias Jesus!
Wie kann man so untreu sein
Gegenüber einer Liebe,
Die auf Treue sich verlässt?
Wenn die Frauen Männer fänden,
Die in Treue lieben können,
Würde unser Liebesleben
Wunderbare Wonne sein!
Sag mir, Freund, wie wir die Guten
Und die Treugesinnten finden.
Sags um deiner Weisheit willen!

Herrin, wäre ich so weise


Und besäße solche Einsicht,
Wie ich leider klug nicht bin,
Zeigte ich dir jene Männer,
Die die Frauen wählen sollen.
Ich bin ja ein Freund der Frauen,
Stets bereiter Frauenknecht.
Alle Leiden lieber Frauen
Sind auch meine eignen Leiden,
Ihre Freude meine Freude.
So bin ich nun mal zu Frauen.
Dir nun nenne ich die Männer,
Die die Frauen nehmen können.
Eine Frau kann sich ergeben
Jenem, dessen Absicht rein ist,
Der nicht Gottvergessner ist,
Jederzeit das Beste tut.
Aber jener Mann, der schon
Oft gebrochen hat die Treue,
Jenen wähle nicht die Frau,
Sondern die sich auf ihn einlässt,
Geht aus eigner Schuld zugrunde,
Weil der Mann nicht treu sein kann.
Wer schon früher brach die Treue,
Ists nicht wert, dass eine Frau
Ihm die Ehre überlässt.
Nicht vertraut die Frauenehre
Einem ehrvergessnen Mann
Und erfüllt doch nicht so schnell
Eines Treuelosen Willen.
Wer den Willen schnell erfüllt
Eines, der die Treue bricht,
Der erlebt auch schnell das Unglück,
Dieses Unglück ist kein Unrecht.
Wenn die Frau von einem hört,
Der schon oft die Treue brach,
Wenn sie diesem Mann vertraut,
Kann ihr nicht geholfen werden,
Wenn sie dem die Ehre hingibt,
Der ein Lügner und Betrüger.
Findet sie ein Wohlgefallen
Aber an dem schlechten Mann,
Ob sie auch schon oft gehört
Von des Mannes Schlechtigkeit,
So erfährt sie nichts als Kummer!
Daran ist sie selber schuld,
Denn verlässt sie sich auf ihn,
Wird sie später dies bereuen.
Den Betrüger sollte sie
Ziehen lassen in die Weite
Und sich jede Mühe geben,
Vorm Betrüger sich zu schützen,
Ob er schmeichelt auch und heuchelt.
Um charakterlose Kerle
Sollte sie sich gar nicht kümmern.
Wenn sie jenem Ehre schenkt,
Welcher keine Ehre kennt,
Wird sie noch zugrunde gehen
Und man redet über sie.
Da die weisen Männer doch
Öffentlich verkündet haben,
Daß sie jenen Mann nicht mögen,
Er sei Lügner und Betrüger,
Keiner könne ihm vertrauen,
Wenn trotz dieses Winks der Weisen
Eine Frau sich jenem hingibt,
Wenn sie dann ins Elend stürzt,
Dann kann ich sie nicht bedauern.

Frauen sollten aber auch


Jene Männer klüglich meiden,
Die vor allen andern Dingen
Lieben allzu sehr den Wein!
Wie kann solch ein trunkner Zecher
Guter Freund von Frauen sein?
Ach das sag ich ohne Scherz:
Solche lieben mehr den Wein
Als die Dame und die Gottheit!
Solche Schelme, solche Schurken
Sollten Frauen nicht beachten.
Lasst sie mit dem Wein allein,
Habt mit ihnen nichts zu tun.
Aber jene Männer auch,
Die noch mehr als reine Frauen
Lieben es, zur Jagd zu gehen,
Meidet solche, liebe Frauen.
Lasst den Jäger bei den Hunden,
Lasst ihn ziehen auf die Jagd.
Da die Jagd ihm gut gefällt,
Wird er niemals glücklich sein
Außer wenn die Hunde bellen.
Soll er seine Zeit vertreiben
Doch mit dem Gebell der Hunde.
Lieben Frauen rate ich:
Lasst den Jäger lieber ziehen,
Schützt euch gut vor seiner Lust.
Doch ich meine nicht die Jäger,
Die zum Zeitvertreibe jagen,
Sondern meine jenen Jäger,
Der nichts andres kann als jagen,
Frauen, lasst den Jäger jagen!
Dem nichts anderes gefällt
Und nichts andres Freude macht
Als die Jagd, der möge jagen,
Allzeit jagen, ewig jagen,
Jagend seine Zeit verschwenden.
Denn das kann ich nicht verstehen,
Liebt ein Mann das Jagen mehr
Als ein wunderschönes Weib
Liebend an den Leib zu drücken,
Mit ihr Wonnen zu genießen,
Bis die Sonne wieder scheint.
Männer gehen auf die Jagd,
Um vom Geld nichts abzugeben.
Denn sie jagen gern allein,
Nur um Brot und Wein zu sparen,
Nur um teilen nicht zu müssen,
Aber das ist doch erbärmlich.
Wollten sie aus Freude jagen,
Nähmen sie die Freunde mit,
Mit den Freunden froh zu sein.
Dann wohl wollt ich ihnen glauben,
Daß sie fröhlich macht die Jagd.
Aber lassen wir sie jagen,
Frauen aber sollten sich
Klüglich schützen vor dem Jäger,
Klüglich schützen vor dem Trinker.
Frauen, lasst den Trinker ziehen,
Wie ihr lasst den Jäger ziehen.
Denn der Jäger und der Trinker,
Beide lieben nicht die Frauen.
Andre Freuden haben sie.

Herrin, möchtest du erkennen


Jene Männer, die euch ganz
Treu sind allezeit ergeben,
Deren Freude ganz und gar
Abhängt nur von eurem Lächeln?
Jene sind die Frommen, Reinen,
Die verwirklichen die Tugend,
Diese lieben schöne Frauen
Mehr noch als die eigne Seele
Und die glücklich sind allein
Durch die Gnade lieber Frauen,
Denen nichts auf Erden wohltut
Wie die Güte süßer Frauen,
Deren Wesen und Betragen
Gut wird durch die Huld der Frauen,
Die von Herzen selig sind,
Schöne Frauen anzuschauen,
Denen eines Weibes Lächeln
Tröstung spendet in der Seele,
Daß sie froh und freudig werden,
Denen ihr in ihren Herzen
Solche Schmerzen stets bereitet,
Solche Leiden, solchen Kummer,
Welche dennoch stets bereit,
Frauen allezeit zu dienen
Unerschütterlich getreu,
Deren Herz und Sinn und Trachten
Ganz auf eure Gunst gerichtet,
Wie sie die erwerben können,
Die euch Leib und Seele schenken,
Die für euch nur leben wollen
Und für niemand sonst auf Erden,
Die sich immer in der Wahrheit
Sehnen sehr nach eurer Liebe,
Ohne Lug und Trug und Falschheit
Achten euch und lieben euch,
So gesinnt sind in dem Geist,
Daß nichts ihnen so gefällt
Wie die Gnade einer Frau,
Die da ihren Liebeskummer
Stillt und heilt mit ihrer Liebe,
Ihre Lust mit Lust versüßt,
Jene, die mit Herz und Mund
Stets der Frauen Lob vermehren,
Froh sind über Frauenehre
Und den Ruhm der Frau vermehren
Und in Treue sie verehren.
Ist ein Mann, der Frauen schmäht,
Wird er von den reinen Männern
Ganz gemieden und verachtet,
Sie entziehen ihm die Freundschaft,
Wegen seines Weiberhasses
Werden ihn die Guten hassen.
Ja, ich kenne manchen Mann,
Der nichts lieber hat auf Erden
Als die Schönheit einer Frau.
Das beschwöre ich bei Gott
Und bei meinem Seelenheil!
Mancher Mann verehrt die Frauen,
Daß er lieber sterben will,
Als dass eine liebe Frau
Unheil leiden muß durch ihn.
Leider leiden Frauen Unheil,
Deren Freunde dumme Kerle.
Doch ein guter Mann, ein reiner,
Kümmert mehr sich um die Frau
Als um seine eigne Seele.
Wenn sie sich ihm hingegeben
Und er dankt ihr Leib und Liebe,
Doch verlör sie ihre Ehre
Durch den Fehltritt jenes Mannes,
Wär er besser ungeboren!
Mann und Frau verachten ihn.
Nimmt jedoch ein dummer Kerl
Keine Rücksicht auf die Frau,
Das ist dann fürwahr ein Unglück.
Gebe keine Frau sich hin
Einem andern als dem Guten,
Der am Morgen und am Abend,
An dem Mittag, in der Nacht
Allzeit an sie denken muß
Und sich zärtlich um sie kümmert.
Mehr als einen solcher Männer
Kenne ich, geliebte Herrin,
Diese Männer sind so männlich,
Daß sie Rücksicht nehmen können,
Allzeit dienen sie den Frauen,
Ihre ganze Freude hängt
Von der Frauen Gnade ab
Und von keinem andern sonst.
Gott begnade diese Männer!
Willst du solchen kennen, Herrin,
Nenne ich ihn dir mit Namen.

Freund, so nenne mir die Männer,


Daß ich sie erkennen kann,
So tust du mir einen Dienst.
Wollte Gott, ich wüsste Männer,
Die noch huldigen den Frauen,
Ihnen ihre Lust vermehren!
Diese benedeiten Männer
Lacht ich gerne liebreich an.
Wenn sie wirklich schöne Frauen
Schauten an als wie ein Wunder,
Sollte man die Pilgerwege,
Die sie pilgern zu den Frauen,
Mit den besten Worten segnen.
Treulich würden wir empfangen
Diese Männer, die besondern.
Doch du kennst gewiß nicht viele,
Ob du das auch grad behauptet.
Ehrlich sag ich dir, mein Freund,
Solchen Mann sah ich noch nie.
Würd ich einen solchen sehen,
Der die reinen schönen Frauen
Höher achtet als sich selber,
Würfe ich mich ihm zu Füßen.
Alle Ehre gäb ich ihm,
Die ich nur mit reinem Herzen
Einem Manne geben könnte,
Freundlich würde ich ihn grüßen
Mit der Lippen süßem Lächeln!
Ließe Gott mich einen sehen,
Das wär eine große Liebe,
Solchen liebevollen Mann
Schaut ich an als einen Engel.
Wenn ihn Frauen recht erkennen,
Werden sie ihn sehr verehren,
Als Belohnung er empfängt
Einen liebevollen Gruß.
Man soll sich vor ihm verneigen
Und mit Lichtglanz offner Augen
Und mit Lachen ihn begrüßen.
Grüßen soll aus tiefstem Herzen
Ihn so mancher rote Mund.
Tut nur immer, was er will,
Frauen, wenig oder viel,
Alles soll man ihm gewähren,
Alles darf der Mann begehren!
Jenen aber lieb ich nicht,
Der den Frauen eklig ist.
Zeig mir einen guten Mann,
Lieber Freund, das lohn ich dir
Mit der Treue meiner Freundschaft!

Herrin, Lohn willst du mir geben,


Mir ergeben willst du sein,
Wenn ich einen Mann dir zeige,
Einen jener reinen Männer?
Diesen Lohn will ich verdienen.
Jene Männer will ich nennen,
Daß du sie erkennen sollst.
Diesen Männern tut nichts wohl
Als die Liebe einer Frau,
Niemals tun sie etwas Böses
Und riskieren selbst ihr Leben
Für die reinen schönen Damen.
Rittertaten sie vollbringen,
Geben alle Lebenskraft
Und das Eigentum ganz hin.
Jeder tut das Beste nur,
Tut das Beste, was er kann,
Daß ihn schätzen schöne Frauen
Und die Frauen ihn belohnen,
Wie die schöne Frau zu Recht
Einen Freund belohnen soll,
Der den Lohn von ihr verdient.
Lieber bleibt er unbefriedigt
Als den Lohn von andern Frauen
Zu empfangen als der Einen!
Er lebt nur für ihren Dienst
Und ergibt sich ihr vollkommen
Und ergibt ihr all sein Leben
Und begehrt nur ihre Liebe
Ohne Falsch und Wankelmut.
Der verdient den Lohn der Frauen.
Tag und Nacht und alle Zeit
Ringt mit allen seinen Kräften
Er nur nach der Gunst der Frau,
Was er kann und wie er kann
Und er ist stets treu gesinnt.
Bäte ihn ein andres Weib,
Ihre Liebe anzunehmen,
Wäre ihm das gar nicht recht.
Eine will er nur allein
Immer achten, ewig lieben
Und nur um der Einen willen
Ehrt er alle lieben Frauen.
Möge ihm gewogen sein
Seine Herzenskönigin!
Ist ihm doch an ihrer Gnade
In der Welt allein gelegen.
Möge er ihr zeigen dürfen,
Wie er jeden Tag begehrt,
Jede Nacht, nur ihre Liebe,
Ob er lache, ob er weine,
Ob er jammre oder klage,
Keine bringt ihn davon ab.
Oftmals wagt er Rittertaten,
Denn so will er seiner Herrin,
Seiner Lieben Frau, beweisen,
Wie sie ihm vor allen lieb ist,
Und wie alles, was er ist,
Und wie alles, was er hat,
Nur von der Geliebten abhängt,
Daß er alles ihr gegeben,
Daß er ringt um ihre Gunst
Wie ein Minner, der an Lohn denkt,
Um den Minnelohn der Herrin,
Daß sie ihren süßen Leib
Ihm in süßer Liebe schenke,
Daß will ewig er ihr danken!
Möge sie glückselig sein!
Ja, das wünsch ich, liebe Herrin:
Mögest du glückselig sein!

Herrin, was ist mit den Männern,


Die betrügen mit den Worten?
Solch ein Lügner sei dir nichts,
Den gebrauche nicht als Freund.
Solche dienen nur mit Worten.
Ihr Betrügen und ihr Spotten
Und ihr Wanken und ihr Lügen
Und die ungetreue Art
Bringen manchem Weibe Reue.
Dafür sollen jene leiden.
Niemals geh sie zu den Männern,
Die verlästern liebe Frauen.
Gerne will ich dir sie nennen,
Du kannst einfach sie erkennen,
Sie sind bitterböse Spötter.
Ihnen sind egal die Frauen,
Niemals sagen sie was Liebes.
Diese kränken oft die Frauen
Und vergrößern noch mit Worten
Jeden kleinen Fehl der Frauen.
Nein, sie leben nicht wie Ritter
Und sie dienen nicht den Damen
Und sie sind auch nicht voll Freude.
Sie verschwenden Geld und Leben
Zu der eignen Schmach und Schande.
Solche werden niemals froh.
Lieber schlafen sie bis mittags.
Heuchler sind sie und Betrüger
Und sie kennen viele Märchen,
Sie den Frauen zu erzählen,
Um sich so Liebkind zu machen,
Daß die Frauen liebreich lächeln.
Alles nur mit Hinterlist,
Denn wenn Frauen irgend irren,
Dann erzählen sie es weiter
Und beleidigen die Frauen.
Was die Frau in Einfalt tat,
Das verdrehen diese Spötter.
Diese Spötter sind erbärmlich
Und beleidigen die Frauen
Und verkehren voller Bosheit,
Was die Frau aus Liebe tat.
Scheinbar dienen sie den Frauen,
Heimlich aber freun sie sich
Über weibliche Gebrechen.
Schlecht sind sie in ihrem Herzen.
Wo man Frauenwürde lobt
Und den Genius der Frauen,
Da verstummen diese Spötter.
Solche loben nicht die Frauen,
Sondern schlafen lieber lang.
Was den Frauen Ehre bringt,
Schafft den bittern Spöttern Leid.
Wenn man gut von Frauen spricht,
Wie man allzeit sprechen soll,
Sitzt ein Spötter dann dabei,
Schwitzt er Wasser aus vor Qual
Und erzählt ein andres Märchen,
Wovon keusche Menschen schweigen.
Hat ein Weib sich je geirrt,
Breitet das der Spötter aus.
Handelt eine Dame gut,
Weiß der Spötter nichts zu sagen.
Spötter kränken liebe Frauen
Und verdrehen ihre Worte
Und verhöhnen ihre Ehre.
Gerne spricht der Spötter so:
Die hat dies und das getan.
Und er tadelt an ihr dieses
Und er tadelt an ihr jenes,
Tadelt, er weiß selbst nicht was,
Macht es aller Welt bekannt,
Daß er Frauen nicht verehrt
Und dass keine Frau ihn liebt.
So erkennen reine Frauen
Jene Lästerer und Spötter,
Die verletzen keuschen Anstand
Und beleidigen die Frauen.
Denn an eines Mannes Worten
Sieht man, was im Herzen ist.

So erkennst du auch die Reinen,


Die getreu die Frauen lieben,
Die wirst du daran erkennen,
Daß sie euch verklären, rühmen,
Nichts mehr lieben auf der Erde
Als das Loben lieber Frauen,
Lob zu sagen, Lob zu singen,
Von der Frauenwürde redend
Und das Frauenlob verbreitend,
Freudig sind sie, euch zu rühmen.
Diese dienen so und so
Allezeit den Frauen gerne.
Der euch treu ergeben ist
Und erzählt von eurem Ruhm
Und euch rühmend Lieder singt
Und die Ehre nie verschweigt,
Den macht froh das Frauenlob.
Deshalb sollte jede Frau
Alles ganz genau studieren
Und nach dem Charakter fragen
Jener Männer, die sie loben.
Die ist weise, die das tut.
Durch das Studium erkennst du
Jene Männer, die ihr Leben,
Ihren Geist und ihre Liebe
Lieben Frauen ganz gewidmet.
Hört sie dann von einem Manne,
Der das Frauenlob vermehrt
Und die Frauen herrlich feiert
Und ihr Seelenheil verlangt,
Der kann Frauenwürde schützen
Und gönnt Frauen ihre Ehre.
Ist ein Edler so gesinnt,
Daß er Gut und Körper hingibt,
Wenn ein Weib ihm Liebe spendet,
Wird die Dame nicht zuschanden,
Er behütet ihre Ehre.
Wer den lieben Frauen dient
Als ein Ritter und gewappnet,
Der begehrt zu Recht die Liebe.
Dem soll eine liebe Frau
Gerne ihre Liebe schenken.
Er wird alles unterlassen,
Was der Welt verkünden könnte,
Daß er nur der Einen Liebe
Ganzhingabe sich erfleht!
Ließe sie ihn unbelohnt,
Wird er doch nicht wankelmütig,
Sagt auch keinem ihren Namen,
Dieser femininen Dame
Namen macht er nicht bekannt.
Den kann ruhig eine liebe
Frau zum Minnesklaven nehmen
Und ihm Traurigkeit ersparen,
Ohne etwas zu riskieren.
Der, der heimlich lieben kann,
Dienen kann und ehren kann,
Dem kann eine Frau vertrauen.
Frauenfreunden steht die Treue.
Tätig soll man Frauen dienen.
Schändlich ist ein Ungetreuer,
Welcher viel Affären hat
Wie ein loses leichtes Weib.
Heute will er diese minnen,
Morgen will er jene minnen,
Wahre Liebe kennt er nicht.
Welcher viel Affären hat,
Ist ein übler Minnedieb.
Hat ein Mann gern viele Weiber,
Sollen ihn die Damen meiden.
Die französischen Geliebten
Duldet ja kein frommer Ritter.
Wahrlich, einen Ritter kenn ich,
Der zehn Jahre ohne Frau blieb
Lieber, als dass er ein Weib nimmt,
Die sich jedem Hunde hingibt,
Der doch jeden Tag und Stunde
Einer reinen Dame diente,
Hoffend nur auf ihre Huld.
Ja, so sind die edlen Männer.
Wenn ihm seine Herrin auch
Keine Liebesgunst gewährte,
Wählt er doch nicht andre Weiber.
Kann er seine Frau erobern,
Wird im Manne und im Weibe
Herzensliebe eingeschlossen
Und verriegelt und versiegelt,
Niemals kommt sie da heraus.
Ob ihr Liebes nur geschieht
Oder nichts als Ach und Weh,
Ob ihr noch so elend ist,
Liebe nicht verlässt das ihre.
Nur von treuen Männern sollen
Treue Fraun sich lieben lassen,
Und ein treuer Mann allein
Darf die treue Dame lieben.
Liebe bleibe in dem Herzen,
Treue nur schafft Herzenstrost.
Ach, so liebe doch die Frau
Ihren vielgetreuen Minner!

Nun zuende ist gedichtet


Dieses Buch zum Ruhm der Frau.
Meine Herrin fand Gefallen
Und sie gab als Minnelohn
Unsres deutschen Dichterfürsten
Lieblingsspeise mir zur Speise,
Meiner Herrin Minnelohn
War mir eine Himmelsspeise!
Meiner Herrin will ich dienen
Bis zu ihrer Todesstunde,
Will als Minneritter dienen.
Sie ist reich an frommer Tugend,
O so süß und o so gut!
Mir ist selig, ihr zu dienen!
Ja das sag ich in der Wahrheit,
Fröhlich werde ich durch sie,
Wenn sie mich nicht traurig macht...
Sie alleine kann mich trösten,
Ihretwegen bin ich traurig,
Ich bin ewig so glückselig
Und bin allezeit verzweifelt!
Wüsste sie von meinen Schmerzen,
Meinen Leiden, meinem Jammer,
Wie die Seele überströmt
Ist vom Blut der Herzenstränen
Und mein Herz verwundet ist
Von den sieben Minneschwertern,
Die ich ihretwillen trage,
Wenn sie sähe dies mein Kreuz,
Würde sie doch sicher weinen,
Weil sie so barmherzig ist
Und sie würde mich erlösen
Bald von meines Leibes Leiden!
Sie ist eine Liebe Frau
Und so voller Frömmigkeit,
Wüsste sie von meiner Liebe,
Würde sie gewiß mir nicht
Ihre Freundschaft vorenthalten,
Ihre feminine Güte.
Jesus Christus, Jesus Christus,
Wie soll ich in meinem Elend,
Wie soll ich in der Verzweiflung
Meines tödlich-wehen Jammers
Ihr von meiner Liebe sagen,
Von der Treue meiner Liebe,
Die trotz aller meiner Bitten
Zu dem Thron der Gnade Gottes
Stets mir blieb in meinem Herzen!
O wie innig ich sie liebe,
Wie soll sie das je begreifen?
Dazu brauch ich Gottes Weisheit!
Ich weiß nicht, was ich sonst tun soll,
Als in Minne ihr zu dienen.
Also sag ich ohne Spott:
Lieber Gott, mein lieber Gott,
Ich vertrau dir an die Frau,
Meine Herrin und Geliebte
Weih ich deinem reinen Herzen,
Ihren Leib und ihre Seele,
Weihe deinem reinen Herzen
Ewig all ihr Seelenheil,
Jesus Christus, Jesus Christus!
Gib ihr, Jesus, solchen Geist,
Daß sie weiß, wie ich sie liebe,
Allzeit liebe, ewig liebe,
Jesus Christus, Jesus Christus!
O die Süße, o die Schöne,
O die Fromme, o die Liebe!
Jesus tröste ihre Trauer,
Reine, Liebe, Süße, Schöne!
Göttin ewiglicher Wonnen!
Gott, mein ganzes Leben lang
Werde ich die Liebe Frau
Lieben, wenn es Jesus will!
Und so weih ich meine Liebe
Unsrer Lieben Frau Maria!

PLATONISCHE KNABENLIEBE

Soll man lieber Menschen haben,


Die nicht lieben, nicht verliebt sind,
Weil sie nüchtern sind und sachlich,
Nicht wie Liebende wahnsinnig?

Ist der Wahnsinn denn ein Übel?


Großes doch entsteht aus Wahnsinn!
Die Prophetinnen zu Delphi
Prophezeiten doch im Wahnsinn,

Die Sibylle prophezeite


Das Zukünftige im Wahnsinn.
Früher reimte man den Wahnsinn
Auf den weisheitsvollen Wahrsinn.

Göttlich ist der Wahnsinn, größer


Als das menschliche Verstehen.
Der Poet auch lebt im Wahnsinn,
Wenn ihn küsst die Göttin Muse.

Eine zarte Seele, eine


Heilige, geschonte Seele
Bricht hervor in Festgesänge,
Singt den Lobpreis weiser Väter,

Singt die Heiligen, die Helden.


Wer betritt der Dichtkunst Tempel
Ohne Wahnsinn von den Musen,
Ist ein ungeweihter Schwätzer.

Eines Mannes des Verstandes


Kluge Dichtung wird verdunkelt
Von prophetischen Gesängen
Des wahnsinnigen Poeten.

Darum möchte ich behaupten:


Von den Göttern kommt der Wahnsinn
Zur Glückseligkeit und Wonne
Der Begeisterten im Wahnsinn.

Die Verständigen und Klugen


Werden dieses nie begreifen,
Doch die eingeweihten Weisen
Danken für der Götter Wahnsinn.

Psyche wahrlich ist unsterblich!


Unentstanden ist der Anfang,
Alles ist aus ihm entstanden,
Er allein ist nicht entstanden.

Da der Anfang unentstanden,


Ist der Anfang unvergänglich.
Anfang aller der Bewegung,
Dieser selbst ist nicht beweglich.

Dieser kann nicht untergehen


Oder Himmel und die Erde
Müssten augenblicks vergehen,
Würden nicht erneut entstehen.
Körper, die bewegt von außen
Werden, sind die unbeseelten.
Der Bewegung in sich selbst hat,
Ist beseelt, bewegt von Seele.

Ist die Seele nun das Leben,


Des beseelten Körpers Leben,
Bleibt sie Leben, also ist die
Seele immerdar unsterblich.

Schau dir an die schöne Psyche,


Wie zwei Rossen gleicht die Psyche,
Über diese Rosse siehe,
Wie die Führerin Vernunft ist.

Nun, das eine Ross der Götter


Waltet in dem ganzen Himmel
Gut und edel, doch das andre
Ross des Fleisches ist verderblich.

Nun, das Göttliche der Psyche


Waltet in dem ganzen Himmel
Und erscheint verschiedner Weise,
Hier und dort sehr schön gestaltet.

Diese Göttlichkeit der Psyche


Schwebt umher mit lichten Flügeln.
Doch die flügellose Psyche
Sich verbindet mit dem Fleische.

Diese flügellose Psyche


Nun belebt den Erdenkörper.
Leib und Seele nun zusammen
Bilden Menschen, Tieren ähnlich.

Die wir Gott noch nicht gesehen,


Denken, der beseelte Tiermensch
Sei geeint aus Leib und Seele
Und unsterblich sei die Seele.

Warum aber hat die Psyche


Ihre Flügel denn verloren?
Warum steht denn Psyche nackend
Ohne Federkleid der Flügel?

Doch die Kraft der Flügel Psyches


Hebt das Schwere in die Höhe,
In der Himmelsgötter Höhe,
Weil sie ähnlich ist der Gottheit.

Denn das Göttliche ist Schönheit,


Gott ist Weisheit, Gott ist Liebe,
Seelennahrung für die Seele,
Die verbraucht wird durch das Böse.

Doch den Ort des Überhimmels


Hat kein Dichter je besungen,
Wie er ist, das ist nicht möglich,
Keinem menschlichen Poeten.

Zeuge bin ich für die Wahrheit,


Ich bekenne mich zur Wahrheit.
Ewigseiend ist das Wesen,
Das im Himmel die Vernunft schaut.

Farblos und gestaltlos ist es,


Wahrhaft seiend ist das Wesen.
Die Vernunft, die führt die Seele,
Schaut es in dem Bund der Weisheit.

O so freuen sich die Seelen,


Gottheit wieder mal zu schauen!
So beschauen sie die Weisheit,
Freuen sich an ihrem Wohlsein!

In des Himmels Höhe schauen


Die Gerechtigkeit die Seelen,
Die Besonnenheit, die Klugheit,
Reinheit schauen reine Seelen.

Wenn die Seele in dem Himmel


Schaute Gottheit ewigseiend,
So erquickt sie die Beschauung,
Kehrt erquickt zur Erde wieder.

Darum auch der Psyche Eifer,


Das Gefilde schöner Weisheit
Immer wieder anzuschauen,
Denn sie stammt von jener Weide.

Und der schönen Psyche Flügel


Speisen von der Seelennahrung
Göttlicher Beschauung, Psyche
Nährt sich von der Himmelsspeise.

Das Gesetz der Weisheit aber


Ist es, dass die schöne Psyche
Als geliebte Freundin Gottes
Ruhe still in der Beschauung.

Muß sie dann zurück zur Erde,


Wird die Psyche, die am tiefsten
Sah in das Geheimnis Gottes,
Eingehn in den Philosophen,

Eingehn in den wahren Dichter


Oder einen Minnediener.
Andre Seelen aber kehren
Ein in die Familienväter.

Blinde Seelen aber kehren


Ein in dumme Schreiberlinge.
Alle andern Seelen werden
Zu Proleten oder Bauern.

Zu dem himmlischen Gefilde


Will die schöne Psyche wieder,
So befiedert sich die Psyche
In dem wahren Philosophen.

Denn ein Mann, der Philosoph war


Und die schönen Knaben liebte
(Aber nicht nach Art der Sünder
In der Unnatur der Unzucht)

Dem befiedert sich die Psyche


Und sie kehrt zum Überhimmel.
Alle andren Seelen aber
Treten vors Gericht der Götter.

Und die Bösen kehren drunten


In den Zuchtort ihrer Sünden
Und die Guten kehren droben
In den Himmel ihrer Liebe.

Psyche will sich ja erinnern


An die Schau des Götterhimmels,
Sie betrachtet nicht, was Narren
Auf der Erde seiend nennen,

Sondern was die Weisen nennen


In dem Himmel wahrhaft seiend.
So des Philosophen Psyche
Wird am meisten dort befiedert,

Denn der Philosoph erkannte


Schon die Eitelkeit der Erde
Und das Seiende der Gottheit
Ewig in dem Überhimmel.

Darum auch die Philosophen


Auf der Erde sich enthalten
Fleisch und Welt und allem Bösen,
Schauen nur die Schönheit Gottes.
Darum nennen alle Leute
Diese Weisen arme Narren,
Denn sie leben wie im Wahnsinn,
Aber in dem Wahnsinn Gottes.

Schaut ein Mann nun eine Schönheit,


Eine Schönheit auf der Erde,
So erinnert sich die Psyche
An die Schönheit in dem Himmel

Und der schönen Psyche wachsen


Neu befiedert wieder Flügel,
Sie versucht zu fliegen, flattert,
Schwebt ein wenig in den Äther,

Taumelt trunken in den Lüften.


Von der flatterhaften Psyche
Sagen dann die klugen Leute,
Psyche sei verrückt geworden.

Doch des Liebenden Verrücktheit


Ist der Wahnsinn großer Liebe.
Dessen Seele liebt im Wahnsinn,
Wird zu Recht genannt ein Minner.

Aber bei der Erdenschönheit


Sich im Geiste zu erinnern
An die Himmelsschönheit Gottes,
Ist nicht jedermann gegeben.

Wenige auf Erden lieben


So gewaltig, sich erinnernd
An die Schau der Schönheit Gottes.
Deren Psyche wird befiedert.

Diese, schauen sie auf Erden


Nun das Ebenbild der Gottheit,
Schönheit von der Schönheit Gottes,
In Verzückung trunken jubeln!

Denn die Schönheit in den Himmeln


War glückselig anzuschauen,
Wo sie als die Braut des Höchsten
Strahlte auf im Götterhimmel.

Selig, wer im Himmelreiche


Eingeweiht in das Geheimnis
Idealer Schönheit Gottes,
Eingeweiht in das Geheimnis

Unbefleckter, makelloser,
Ganz perfekter Himmelsschönheit,
Schauend in den Spiegel Gottes
Minner ward der Makellosen!

Was die Schönheit also angeht,


Nun, sie glänzte schon im Himmel.
Wir sind aber auf der Erde,
Schauten sie mit unsern Augen.

Geistig rein sind unsre Augen,


Schönes hören unsre Ohren.
Doch gefühlt nicht noch gerochen
Noch geschmeckt ward diese Schönheit.

Wenn wir gar Sophia schauten,


Göttin Hagia Sophia,
O, sie würde Liebe wecken,
Wenn sie unsre Augen schauten!

O der auch die Schöne Liebe!


O die Göttin Schöne Liebe!
Wenn wir sie entschleiert schauten,
O wie würden wir sie lieben!

Und nun schauen wir die Schönheit,


Uns zuteil ward Schau der Schönheit,
Voller Gloria und Lichtglanz,
Voller Anmut, Charme und Liebreiz!

Aber wer sich nicht erinnert


An der Schönheit Himmelsursprung
Oder schon vom Fleisch verdorben
Durch die Sünde ist der Unzucht,

Der will voll Begier vermischen


Fleisch mit Fleisch, das Weib dem Manne,
Oder gegen die Natur gar
Einen Mann mit einem Knaben,

Ekelhaft ist diese Sünde!


Doch so sind nicht die Geweihten!
Wer die Weihe lebt, die Weihe
An die unbefleckte Schönheit

Und die Himmlischen gestaltet


Schaut verkörpert auf der Erde,
Wenn er schaut ein junges Mädchen,
Welche schön wie eine Göttin,

Einen Körper schön gestaltet,


Höchste Schönheit präsentierend,
Schaudert er vor ihrer Schönheit
In geheimnisvoller Ehrfurcht.
Doch dann betet er das schöne
Mädchen an wie eine Göttin,
Stellt sie auf den Marmorsockel
Als ein Bild der Aphrodite!

Ja, er fürchtet nicht die Reden


Kluger Leute, die ihn lästern,
Der Verliebte sei wahnsinnig,
Sei verrückt vor lauter Liebe,

Sondern Opfer bringt der Minner


Auf dem Hochaltar der Minne
Seiner schönen Aphrodite,
Opfert ihr das Blut des Herzens.

Fieber überfällt ihn, schwitzend


Überströmt ihn Liebeshitze
Und er glüht vor Lustverlangen
In der Liebeswonne Feuer!

Seine Augen trinken Schönheit,


Reiner Schönheit lichten Ausfluss
Trinken gierig seine Augen,
Ihn erwärmt die schwüle Wollust!

Seiner Psyche Flügel heben


Sich als strahlendes Gefieder,
Alles drängt zum freien Aufbruch.
Seelen gleichen Schmetterlingen.

Nun bei der verliebten Psyche


Alles ist ein großer Aufbruch,
Wie der ersten Zähne Zahnen
Bei dem vielgeliebten Kindlein.

Und es fühlt die schöne Psyche,


Wie die Flügel sich entfalten
Und dies Keimen und dies Sprießen
Ihr verursacht süßes Jucken.

Dieses Jucken, dieses Kitzeln


Ist Entfaltung ihrer Flügel.
Sieht sie nun den schönen Knaben
Und den Ausfluss seiner Schönheit,

All den Liebreiz reiner Schönheit,


Die man Reize nennt der Schönheit,
Wird sie von dem Reiz befruchtet
Und erwärmt vom süßen Liebreiz.

Diese Schönheit dieses Knaben


Lindert nun der Psyche Schmerzen.
Schaut sie ihn, so ist sie fröhlich!
Ist sie fern, so ist sie traurig!

Ist sie fern vom lieben Knaben,


Quält sie sich mit Angst und Bangen.
Doch in den Erinnerungen
Freut sie sich in ihrem Geiste.

Denkt sie an den lieben Knaben,


Sich erinnernd an den Schönen,
So frohlockt die Psyche, jubelt
Über seine Knabenschönheit.

Diese Mischung der Gefühle


Aus verängstigter Verzagtheit
Und aus jubelndem Frohlocken
Macht den Wahnsinn aus der Psyche.

Und im Wahnsinn voller Sehnsucht


Denkt sie an den Ort, die Stunde,
Da sie wieder sieht den Knaben,
Wieder sättigt sich am Liebreiz.

Denn Verehrerin ist Psyche


Dieses wunderschönen Knaben
Und der liebevolle Knabe
Ist ihr auch ein Seelenheiler.

Diesen Zustand nun, o Milon,


Knabe, dem ich dieses singe,
Diesen Zustand nennen Menschen
Platonismus, Knabenliebe.

Jeder Mann nach seiner Weise


Wählt die Liebe zu dem Schönen,
So als wäre jener Schöne
Nun ein kleiner Gott auf Erden!

Und er schmückt den lieben Knaben


Wie die heilige Ikone
Und verehrt den lieben Knaben
Im Mysterium der Liebe.

Und er feiert Freudenfeste


Zu des lieben Knaben Ehre.
Der Geburtstag seines Knaben
Ist ihm eine zweite Weihnacht.

Wenn die Minner aber forschen,


Was sie in den Knaben lieben,
So erkennen weise Minner
Gottes Gegenwart im Knaben!

Weil sie auf den Knaben schauen


Wie auf die Ikone Gottes,
So erkennen sie die Gottheit,
Mensch geworden als ein Knabe.

Schauend also auf die Gottheit


In Gestalt des schönen Knaben,
Sie empfangen von dem Gottkind
Alle Tugenden der Liebe.

Wenn sie nun vom Gotte schöpfen


Tugend, Schönheit, Weisheit, Liebe,
Gießen sie die Gnadengaben
Über den geliebten Knaben

Und bemühen sich als Weise


Und als fromme Ehrenmänner,
Den Geliebten anzugleichen
Der Idee des jungen Gottes.

Also müht der weise Minner


Sich als frommer Pädagoge
Und als Philosoph und Priester,
Seinen Knaben zu belehren

Und zu heiligen den Knaben,


Daß der Knabe imitiere
Den verehrten Gott der Liebe,
Daß der Knabe sich verwandle

Und zum zweiten Amor werde.


So der Knabe wird gesegnet
Und vergöttlicht durch die Liebe
Des verliebten Philosophen.

Da der Knabe nun geehrt wird


Als ein zweiter Amor Gottes
Und auch von Natur der Knabe
Zugeneigt dem frommen Minner,

Lädt der Knabe den Verehrer


Oftmals zu vertrautem Umgang,
Scherz und Ernst, Liebkosung zärtlich,
Unterredungen und Küssen.

Das Wohlwollen seines Minners


Hoch entzückt den Vielgeliebten
Und es merkt der Vielgeliebte:
Keiner liebt ihn wie der Minner.
Denke doch an Zeus: Gottvater
Raubte Ganymed, den Knaben,
Nannt ihn seinen kleinen Liebling,
Seinen Schatz und seinen Engel.

So die Liebe strömt vom Minner


Zu dem vielgeliebten Knaben
Und vom vielgeliebten Knaben
Wiederum zum frommen Minner.

So des vielgeliebten Knaben


Seele wird erfüllt mit Liebe,
Daß er lieb hat seinen Minner,
Lallt er unbeholfner Sprache.

Daß der liebe schöne Knabe


In des Minners weiser Seele
Selber sich beschaut im Bilde
Ideal, kann er nicht wissen.

Ist der Minner gegenwärtig,


Lacht der Knabe fröhlich jauchzend!
Ist entfernt der Minner aber,
Sehnt ihn sich herbei der Knabe!

So behaftet ist der Knabe


Mit der Liebe Schattenbilde,
Mit der süßen Gegenliebe,
Nennt die Gegenliebe Freundschaft.

Wenn die Seele so geordnet


In der weisheitsvollen Liebe,
Leben Liebender und Liebling
Schon auf Erden wie im Himmel!

Selig wie im Paradiese


Sie im Garten ihrer Freundschaft!
Welche so auf Erden selig
Im Mysterium der Liebe,

Wandeln nicht die Todesstraße


In die Finsternis des Hades,
Sondern Liebe führt sie selig
Ins Elysium des Himmels!

Dieses sei dein Lobpreis, Amor,


O du wahrer Amor Gottes,
Den ich dir gebracht als Dichter
Zu der Ehre deines Namens!
POCAHONTAS
Als das Kaiserhaus von Habsburg
Übers weite Meer regierte,
Über Südamerika
Zog nach Nordamerika,

Musste König James von England


Handeln. Auf dem Schiff Virginia
Segelt England in den Westen.
Die Virgina-Company

War benannt nach jener Jungfrau


Königin Elisabeth,
Unbefleckter Jungfraungöttin,
Feenfürstin Gloriana!

Auf dem Schiff Virginia aber


War John Smith in Ketten, denn
Er betrieb die Meuterei
Auf dem Meeresüberfahrt.

In Amerika doch zögert


Captain Newport mit dem Urteil,
Mit dem Tode für John Smith,
Erst muss noch verlesen werden

Der Befehl der Company


Für die Neue Welt: John Smith
Soll die Heerschar führen an,
Zu erobern dieses Land,

Denn sie sollen Millionen


In der Neuen Welt erobern
Und den Weg nach Osten finden
Und ihn Englands Krone schenken.

Nun, John Smith war Capitano,


War ein Raufbold, ein Brutaler.
Abenteuer er erlebte
Kriegerisch in Osteuropa.

Schon mit sechzehn Jahren ging


Er aus seinem Vaterhaus,
Gegen spanische Soldaten
Kämpfend, gegen Türkenkrieger,
Schlug drei Türken ab die Köpfe,
Darum auch in seinem Wappen
Fanden sich drei Totenschädel,
Er war wirklich sehr brutal.

In Virginia aber pflegte


Er das militärische
Denken. Er war unverschämt,
Er war arrogant und eitel.

Einst Sir Walther Raleigh hatte


Schon versucht, Amerika
Zu erobern für die Krone
Englands, für Elisabeth.

Spaniens Übermacht lag schon


Vor der Küste. Spanien war
Schon in Florida. Doch England
Gründete die Festung Jamestown

Auf der unbewohnten Insel,


Die doch unbewohnt nicht war.
Die Nordwestpassage suchte
England in den Orient.

Auf der Insel waren Sümpfe


Und da waren auch Moskitos,
Die Moskitos brachten Fieber,
Die Soldaten wurden schwach.

Doch die Indianer blieben


Ruhig. Englands Vorrat war
Bald erschöpft. Das Wasser war
Ungenießbar. Die Verzweiflung

War sehr groß und groß der Hunger


Hier in diesem Nukleus
Der Vereinten Staaten von
Nordamerika. Sie wollten

Freiheit, Leben in der Freiheit,


Wollten streben nach dem Glück.
Diese Ideale kamen
Mit den Briten in das Land.

Spanische Oliventöpfe,
Schlichtes Tongeschirr aus Deutschland,
Feines Porzellan aus China,
Alles dies fand sich in Jamestown.

Doch die edlen Gentlemen


Waren faul. Sie kamen ja
Aus dem Krieg der Niederlande,
Waren Arbeit nicht gewohnt,

Die enterbten Söhne von


Reichen Vätern. Keine Frauen
Waren da. Sie wünschten nur,
Eine Menge Geld zu machen.

Dreißig Jahre alte Männer


Waren es, zu deren Alltag
Bald gehört das Sterben, schließlich
Blieb ein Drittel nur am Leben.

Und die Indianer griffen


Allezeit die Siedlung an.
Aggressiv die Männer waren,
Die da lebten ohne Frauen.

Keine Frauen waren da,


Um die Aggression der Männer
Zu befrieden durch die Sanftmut
Und die Liebe schöner Frauen.

Jeder kämpfte ganz allein


Um sein eignes Überleben.
Und John Smith verließ das Fort,
Er ging zu den Indianern,

Wollte Schmuck um Speise tauschen,


Notfalls sich die Speise nehmen
Mit Gewalt. John Smith und seine
Männer zogen durch den Urwald

Auf dem Fluss. Die Männer waren


Voller Angst im wilden Urwald.
Doch die Indianer trennten
Bald John Smith von seinen Männern.

Warum waren doch die Briten


In dem Land der Indianer?
Freunde oder Feinde? Händler?
Dieses sich der Priester fragte.

Als John Smith gefangen war,


Fragte sich John Smith im Herzen:
Werden sie mich leben lassen
Oder werden sie mich töten?

Als John Smith herumgereicht


Ward von Dorf zu Dorf, erwartet
Er, dass sie ihn töten werden.
Doch die Indianer waren
Freundlich. Doch sie freuten sich:
Nein, John Smith ist nicht allmächtig,
Denn wir nahmen ihn gefangen.
Und so kam er zu dem Häuptling,

Zu dem Häuptling Powathan.


Oh, da sah er Pocahontas,
Die geheimnisvolle Elfe,
Vierzehn Jahre jung, ein Wildfang!

Wie verspielt und wie bezaubernd!


Powathan, der Häuptling, Vater,
Liebte sehr die Häuptlingstochter,
Nordamerikas Prinzessin.

Ihre Mutter war gestorben,


Als die Tochter sie geboren.
Aber Pocahontas war
Aufgeweckt, voll Fröhlichkeit,

Lebhaft, klug, geliebt von allen.


Und John Smith begann zu lernen
Die Algonkinsprache. Aber
Laut die Indianer brüllten,

Schwingen ihre Tomahawks,


Da hat Todesangst John Smith.
Pocahontas sagt zu ihm:
Powathan will dich ermorden!

Und John Smith verlobte sich


Mit Prinzessin Pocahontas,
Wurde so zum Adoptivsohn
Von dem Häuptling Powathan.

Indianer integrieren
So John Smith in die soziale
Indianische Familie,
Wollten Partnerschaft mit England,

Daß die Briten übernehmen


Ihre Indianerwerte.
So hat das verliebte Mädchen
Ihres Volkes Feind gerettet!

Die romantische Verliebtheit


Indianischer Prinzessin
Zu dem englischen Soldaten,
Ist sie mehr als nur Legende?

Und John Smith und Pocahontas


Bringen sich die Sprachen bei,
Englisch und Algonkinsprache.
So John Smith zum Beispiel sagte:

Himmel, das heißt: paradise!


Sprach Prinzessin Pocahontas:
Jenseits bei dem Großen Geist
Ist das schöne Eskenanna!

Ja, John Smith war voll Bewundrung:


Schönste Indianerin,
Aller Indianermädchen
Schönstes Indianermädchen!

Und das junge Mädchen schwärmte


Für den älteren Geliebten
Wie für einen lieben Onkel
Voller Zärtlichkeit und Liebe.

Da war wirklich Sympathie


Zwischen den Verliebten beiden.
Er war nun für sie ein Häuptling,
Onkel Indianerhäuptling.

Wie die Liebe ward gewonnen,


So die Liebe ist zerronnen!
Diese Heirat war für England
Doch ein sonderbarer Glücksfall.

Denn die Indianer lassen


Nun der Briten Fort in Ruhe,
Es ernähren Indianer
Briten in dem Hungerwinter,

Denn die Indianer nähern


Sich dem Briten-Fort mit Speise.
Pocahontas geht voraus:
Die Ikone der Versöhnung!

O Prinzessin Pocahontas,
Du bist unsre Retterin!
Doch es kommen neue Siedler,
Frauen kommen an und Kinder.

Zwischen Weiß und Rot ist Friede.


Indianerinnen leben
Mit den englischen Soldaten
Wie im Ehebund zusammen.

Im Oktober sechzehnhundert-
Neun Schwarzpulver explodierte
Und John Smith verletzte sich.
Also kehrt er heim nach England.

Pocahontas weiß es nicht,


Sondern denkt, er sei gestorben.
Zwischen Weiß und Rot das Bündnis
Lockert und verschlechtert sich.

Pocahontas kommt nicht mehr


In das Briten-Fort von Jamestown.
Und die Kolonie verfällt
Und man wartet auf den Nachschub.

Doch ein Hurrican zerstörte


In dem Meer die Nachschubflotte.
Weiß und Rot auf Krieg nun drängen
Und belagert wird das Fort.

Wer das Fort verlässt, muß sterben.


Zwar Glasperlen, Kupferschmuck
Sind begehrt von Indianern,
Doch es dauert an der Krieg.

Sechzehnhundert sechs bis zwölf


Ist die Dürreperiode.
Briten müssen Ratten fressen
Und die eignen Pferde fressen.

Nun die Kolonie am Ende,


Von fünfhundert Männern leben
Nur noch hundert in dem Fort.
Sollen sie zurück nach England?

Aber da kommt Delaware,


Der Baron, kommt mit Soldaten,
Frischen englischen Soldaten
Und mit den erhofften Ärzten.

Doch sehr bitter ist der Krieg


Zwischen Weiß und Rot ums Essen.
Weiß und Rot sind gleich brutal
Und vier Jahre währt der Krieg.

England nahm nun Pocahontas


Mit Gebrauch von List gefangen,
Die gebracht ward auf ein Schiff
Und gebracht ins Fort von Jamestown.

Häuptling Powathan ließ frei


Die gefangnen Weißen und
Er beendete den Krieg,
Griff das Fort nun nicht mehr an.
Pocahontas aber hatte
Von John Smith ein kleines Kind.
Von dem Kind getrennt zu sein,
War ihr großer Seelenschmerz.

Pocahontas ward nun Teil


Von dem Stamm der Bleichgesichter.
Wird getauft nur Pocahontas,
Werden Indianer Christen!

Pocahontas lebt im Hause


Eines Predigers und lernt
Aus dem Evangelium
Von dem Heiland Jesus Christus!

Pocahontas ward getauft,


Also heißt sie jetzt Rebekka.
In dem Haus des Predigers
Kennen lernte sie John Rolfs.

Dieser Mann John Rolfs war Händler,


Unternehmer, Tabakhändler,
Lernte von den Indianern
Tabakanbau auf Plantagen.

Starker Indianertabak
War zu stark den Bleichgesichtern.
Weiße rauchen milden Tabak,
War zu herb Virginias Tabak.

Zwar Virginias Tabak war


Ein ergiebiges Geschäft,
War auch eine schwere Arbeit,
Später Arbeit schwarzer Sklaven.

Doch der Tabak herb, nicht süß,


Bis John Rolfs aus Trinidad
Süßen Tabaksamen holte,
Mild ward nun Virginias Tabak.

Wer nur einmal Tabak raucht,


Der wird süchtig von dem Tabak.
Darum ist der Tabakhandel
Ein ergiebiges Geschäft.

Zur Goldgrube ward der Tabak,


Währung wurden Tabakblätter,
Tabak machte reich Virginia,
Unabhängig ward Virginia

Von dem Mutterlande England


Durch den großen Tabakhandel,
Durch die Sucht der Tabakraucher
Blüht die Kolonie Virginia.

War John Rolfs in sie verliebt?


Ja, vielleicht, er liebte sie.
Wollte sie nur Frieden stiften
Zwischen Roten, zwischen Weißen?

War sie auch in ihn verliebt?


Britin wollte werden sie,
Frieden stiften und Versöhnung.
Powathan sagt Ja zur Hochzeit.

Pocahontas und John Rolfs


Gehen ein den Bund der Ehe
Und bekommen einen Sohn
Und so reisen sie nach England.

Seht die christianisierte


Indianerin Rebekka!
Investiert in das Geschäft
Der Plantagen unsres Tabaks!

Wie bestaunte England ihre


Mädchenanmut und Exotik!
König James behandelt sie
Als hochadlige Prinzessin,

Die gemeinen Höflinge


Europäisch arrogant,
Ob die ernste junge Frau
Auch erscheint in edler Hofpracht.

Aber von den Dünsten Londons


Wurde Pocahontas krank.
Also zieht sie auf das Land,
Dort trifft sie John Smith erneut.

Er hat dieses nicht erwünscht.


Liebte er sie denn nicht mehr?
Pocahontas war enttäuscht,
War er nicht ihr großer Bruder?

Hatte Powathan John Smith


Denn das Leben nicht geschenkt?
Hatten sie sich nicht gelehrt
Alles und sich ganz vertraut?

Er war doch ihr großer Bruder,


Aber er verhielt sich nicht
Wie ein großer Bruder, sondern
Wie ein Lügner und Betrüger.
Ihre unbeschwerte Art
War dem tiefsten Ernst gewichen.
Ständig muß die Arme husten.
Sie will nach Amerika.

Zwanzig Meilen reiste sie


Aufwärts schon den Themse-Fluß,
Doch sie ist zu schwach zur Reise,
Sie selbst und ihr Sohn zu krank.

Doch John Rolfs, der Ehemann,


Weicht nicht von dem Krankenbett,
Und sie stirbt in seinen Armen
Eben zu dem Frühlingsanfang

Sechzehnhundertsiebzehn, stirbt
Zweiundzwanzigjährig. Ihre
Letzten Worte waren diese:
Alle Menschen müssen sterben!

DAS EVANGELIUM EVI


ERSTER GESANG

DER WEISE JOSEF UND DIE NYMPHE EVI

DICHTER
Einst in jenem Lande, Weiser,
Das da aller Wesen Wonne,
Heil strömt von dem Tempel Gottes,
Welches selig macht die Seelen,

Lebte der getreue Josef


Als ein milder frommer Weiser,
Freute sich am Heil der Seelen,
Treu hielt Josef die Gelübde,

Zähmte seine Leidenschaften,


Las alltäglich in der Bibel,
Täglich war im Gottesdienste,
Heiligkeit erstrebte Josef.

Seine Freunde waren Weise,


Fern von allem Egoismus,
Freuend sich am Glück des Nächsten,
Keine sinnlichen Naturen.

FREUNDE
Wer ist der gerechte Josef?
Wie kam er zum Heil der Seele?
Sag es an, du frommer Dichter,
Gerne hören wir von Josef.

DICHTER
Hört die herrliche Legende,
Die man sich erzählt von Josef.
Sagen will ich und berichten,
Wie es Josef einst ergangen.

In dem gnadenreichen Garten


Eden lebte Josef einsam.
Äpfel reiften da und Pflaumen,
Krokus blühte und Narzissos.

Frösche lebten in den Teichen,


Enten lebten auf den Teichen.
Manchmal flog vorbei ein Kranich,
Möwen flogen an dem Himmel.

Dort war schon seit langen Jahren


Josefs grüner Garten Eden,
Wo er still der Buße lebte
Mit den Katzen und Kaninchen.

Hier nun lebte der Gerechte


Ganz der Buße und der Sühne,
Ganz dem Fasten und der Keuschheit,
Kontemplierendem Gebete.

Sommers wie im Fegefeuer!


Winters in dem Höllenabgrund!
Frost und Hitze trug der Büßer,
Um die Sünden abzubüßen.

Cherubinen, Seraphinen,
Götterthrone, Fürstentümer,
Heilige und reine Geister
Staunten über Josefs Weisheit.

Josefs Sühneopferleiden
Mehrten in der Welt die Liebe,
Daß der Liebe Feuerflamme
Heißer glühte in den Welten.

Wunder über Wunder ist es,


Wie er sühnt der Sünder Sünden!
Also riefen laut die Engel,
Als den Büßer sie betrachtet.

Und die Engel sich besprachen


Mit dem Herrn, dem Allerhöchsten,
Denn die Seraphim begehrten,
Jenen Gottesmann zu prüfen.

Jesus hörte auf die Engel,


Auf der Seraphim Begehren,
Evi mit dem schönen Becken,
Stolz in ihres Körpers Reizen,

Deren schöngeformter Körper


Prangte mit der Pracht der Brüste,
Höchster Schönheit Reiz erstrahlend,
Jene Evi rief Herr Jesus.

JESUS
Evi! Eile schnell, Geliebte,
Eile du in Josefs Garten,
Ihn in seinen Sühneleiden
Prüfe du mit deinen Reizen!

EVI
Herr, dein Wort an mir geschehe!
Ich bin Dienerin des Höchsten!
Aber meine Seele zittert
Doch vor banger Angst, vor Zweifel,

Denn ich fürchte Josefs Weisheit,


Der so treu ist dem Gelübde,
Schein von Heiligkeit strahlt feurig
Ihm ums Antlitz wie die Sonne.

Wüsste er, dass ich zur Prüfung


Seiner Heiligkeit geschickt bin,
Wird er mich dann nicht verfluchen?
Ich ertrüge seinen Fluch nicht!

Katharina schick, Susanna


Schicke oder Marianna,
Schicke Charis oder Mirjam,
Schick Regina oder Anna

Oder eine andre Nymphe.


Jesus, du hast viele Nymphen,
Schicke Lili oder Mora,
Die erstrahlen auch in Reizen

Mit den schönen Angesichtern,


Mit den weißen runden Brüsten,
In der Liebeskunst erfahren,
Schicke eine andre Nymphe!

DICHTER
Evis Worte hörte Jesus,
Jesus sagte da zu Evi:

JESUS
Alle meine andern Nymphen
Sollen bleiben in dem Himmel.

Keine von den andern Nymphen


Ist geeignet für die Prüfung,
Du allein, geliebte Evi,
Weißt den Josef zu versuchen.

Eros, Frühling, Frühlingslüfte


Geb ich dir zu Weggenossen.
Evi mit dem schönen Becken,
Geh nun in den Garten Eden!

DICHTER
So sprach Jesus. Nymphe Evi
Mit den blauen Blicken eilte
Mit dem Eros und dem Frühling
In den Hain des Büßers Josef.

Dort erblickt sie, voll von Ängsten,


Ihn in seinem Heilgenscheine,
Meditierend in der Zelle,
Wie aus Feuer war sein Körper.

Mit dem Eros und dem Frühling


Schaute sie den Garten Eden
Gleich dem Paradiese Gottes,
Sah die Rosen, sah die Katzen,

Sah die Eichen, die Kastanien,


Voll Gesang die schwarzen Amseln,
Apfelbäume voller Äpfel,
Blütenreich Magnolienbäume,

Lieblich die Magnolienbäume,


Schnee und Schaum die weißen Blüten,
Wo der Dompfaff und die Meise
Bliesen ihre Jubelflöte,

Teiche sah sie voller Enten,


Wo die weißen Möwen baden,
Wo das goldne Schilfrohr rauschte,
Grüne, grüne Weiden hangen.

Als sie sah den Garten Eden


Mit dem Eros und dem Frühling,
Dachte sie an Jesu Auftrag,
Den Gerechten zu versuchen.

Evi also sprach zu Eros,


Zu der Frühlingsluft, zum Frühling:
Leistet mir getreue Hilfe,
Alle ihr und jeder einzeln.

Jene sprachen: Hab Vertrauen!


Weiter sprach die Nymphe Evi:
Also will ich zu ihm gehen,
Ich besuche seine Wohnung.

Jenem, der das Ross der Seele


Voller Leidenschaften zügelt,
Mache ich zum Rosselenker,
Der die Zügel schlaff lässt hängen.

Wäre er auch voll der Gottheit


Vaters, Sohnes und des Geistes,
Will ich ihm das Herz verwunden
Mit dem Feuerpfeil des Eros!

So sprach Evi, schlich sich leise


Zum Gerechten in den Garten,
Wo er predigte Kaninchen,
Die er zähmte voller Liebe.

An dem Rand des Teiches schritt sie,


Schön wie eine Aphrodite,
Flötend wie die Nachtigallen
Eine Hymne an die Liebe.

Plötzlich ließ des Frühlings Grünkraft


Lenzlust überall erblühen,
Vögel ihre Flöten bliesen,
Sich die Turteltauben pickten,

Und die Frühlingsluft, der süße


Atem Gottes, ließ erblühen
Alle Gräser auf der Wiese,
Die Narzissen an den Wassern,

Eros mit dem Feuerpfeile


Nahte schrecklich dem Gerechten,
Schrecklich-schön und herrlich-schrecklich,
Josefs Herz mit Macht durchbohrend!

Kaum vernahm er Evis Stimme,


Folgte er schon ihren Augen.
Staunend vor dem Glanz der Schönheit
War sein Herz ihm schon verwundet.

Sie zu schauen war sein Himmel,


Seine Augen sprühten Liebe,
Aus der Rechten sank der Stab ihm,
Wollust glüht in seinem Marke.

JOSEF
Wer und wessen bist du, Schönheit?
Holde mit charmantem Lächeln,
Du beraubst mich des Verstandes!
Sanfte, sage mir die Wahrheit!

EVI
Bin als deine Magd gekommen,
Gärtnerin zu sein des Gartens.
Sag mir deine Wünsche, Frommer,
Was soll ich dir tun zuliebe?

DICHTER
Als er dieses Wort vernommen,
Da verließ ihn seine Weisheit.
Josef fasste Evis Hände,
Führte sie in seine Hütte.

Eros, Frühlingsluft und Frühling


Kehrten wieder in den Himmel,
Weil sie ausgeführt den Auftrag,
Den gegeben ihnen Jesus.

Als sie kamen zu dem Meister,


Priesen sie die Künste Evis.
Seraphim lobsangen Jesus
Und verklärten Gottes Weisheit.

Als mit Evi Josef zärtlich


War zusammen in der Hütte,
Ließ er seinen Körper strahlen:
Ätherkörper, Feuerkörper!

Josef war ein Mann voll Schönheit,


Reizend war er anzuschauen,
Ja, er war so schön wie Jesus,
Heilgenschein um seine Stirne.

Josef trug den Purpurmantel


Und den Rosenkranz im Haare,
Selbst erschuf er seine Schönheit
Durch die Macht der Sühneleiden.

Als die Schöne ihn erblickte,


Staunte sie vor seiner Schönheit:
Welche Macht gibt dir die Buße!
Rief sie aus mit Hochentzücken.

Er ließ ab nun vom Gebete,


Von des Gottesdienstes Opfer,
Bibellesen, Meditieren,
Fasten, Beichten, Reinigungen,

Alles ließ er, um alleine


Nur mit ihr der Lust zu leben.
Die entflammte Seele dachte
Nicht an den Verlust des Glaubens.

Tag und Nacht und Wochen, Monde,


Jahreszeiten, ganze Jahre,
Daß die Zeit verging, das merkte
Josef nicht in Sinneslüsten.

Evi in der Kunst der Liebe


War gebildet, sie ergötzte
Josef oft mit ihrem Becken
Nach der Kunst des Liebesaktes.

Hundert Jahre lebte Josef


So in Liebeslust mit Evi,
Er, der Eremiten Adler,
Tief ergötzt vom Wonneweibe!

Aber einmal sagte Evi:


Ich will wieder in den Himmel!
Sei mir gnädig, edler Weiser,
Laß mich wieder in den Himmel!

Aber Josef sprach zu Evi,


Denn sein Herz hing an der Schönheit:
Nur noch ein paar Tage, Liebste,
Bleibe noch, erhör mein Flehen!

Wieder hundert Jahre lebte


Josef wonnevoll mit Evi,
Mit dem weisen Mann die Schöne
Allezeit genoss die Wollust!

Als vorbei die hundert Jahre,


Wieder Evi sprach voll Liebreiz,
Mit charmantem Lächeln flüsternd:
Weiser, laß mich in den Himmel!

Aber Josef sprach zu Evi


Wie ein liebeskranker Bettler:
Weile noch ein Weilchen, Süße,
Bleibe noch bei mir auf Erden!
Weil er sie so lieb gebeten,
Wagte Evi nicht, zum Himmel
Heimzukehren, denn sie bangte,
Josef könnte sie verfluchen!

Josef lebte immerwährend


In der Wonne ihrer Wollust,
Doch blieb neu an jedem Tage
Evis Wollust dem Besessnen!

Eines Tages aus dem Garten


Josef eilig ging zur Kirche.
Evi sah dies, sagte lächelnd:
Wohin willst du denn so eilig?

Josef also sprach zu Evi:


Jetzt gekommen ist der Abend,
Ich will in der Vesperstunde
Kerzen zünden in der Kirche.

Evi lachte leise, scherzend


Sagte sie zum weisen Josef:
Jetzt der Abend ist gekommen?
Bist du so der Zeiten kundig?

JOSEF
Evi, du kamst heute morgen
Zu mir in den Garten Eden,
Da erblickte ich dein Becken,
Führte dich in meine Hütte.

Jetzt gekommen ist der Abend


Und der Tag geht nun zu Gnaden:
Warum lachst du denn so spöttisch?
Bitte, sage mir die Wahrheit!

EVI
Morgens kam ich, weiser Josef,
Das ist Wahrheit, keine Lüge,
Doch Jahrhunderte vergingen
Seit dem Morgen meines Kommens.

DICHTER
Josef sprach zur schönen Evi,
Evi mit den schmalen Augen:
Wie viel Jahre sind vergangen,
Seit wir Liebesspiele spielen?

EVI
Ganz genau gerechnet sind es
Tausend Jahre unsrer Liebe,
Tausend Jahre, sieben Monde
Und drei Tage und drei Nächte.

JOSEF
Schönheit, redest du die Wahrheit?
Oder scherzt du nur und spottest?
Ach ich fühle, erst ein Tag vergangen
Ist seit deinem Kommen, Liebste.

EVI
Wie denn könnte ich, mein Josef,
Je den frommen Mann belügen?
Hast du mich gefragt nach Wahrheit,
Muss ich dir die Wahrheit sagen.

DICHTER
Als der weise Josef dieses
Hörte von den Scharlachlippen,
Rief er: Wehe, wehe, wehe!
Ach, ich bin ein armer Sünder!

JOSEF
Wo sind meine Glaubenswerke,
Wohin schwand mir mein Gelübde!
Ich hab den Verstand verloren!
Ewig locken doch die Weiber!

Der du tiefer als das Meer bist,


Der du höher als die Berge,
Gott, wer wird dich nun erschauen?
Wohin ist mein Heil der Seele?

DICHTER
Als sich nun der Büßer Josef
Selbst verklagte aller Sünden,
Sagte Josef noch zu Evi
Diese bitterlichen Worte:

JOSEF
Wie du willst, so geh denn, Traumfrau!
Was du wolltest, ist geschehen,
Die du mich mit Sinnenfesseln
In die Sinnlichkeit verstricktest!

Feuer soll dich nicht verbrennen,


Weib, zu einem Häufchen Asche,
War ich lange doch glückselig
In der Wollust deiner Liebe!

Was denn wäre deine Sünde,


Was wär deine Sündenstrafe?
Mea culpa, mea culpa,
Mea magna, magna culpa!

Bist du jetzt befriedigt, Schöne?


Einen Mönch hast du verzaubert!
Doch die Prüfung kommt von Jesus,
Jesus prüfte seinen Diener.

DICHTER
Dieses sprach der Büßer Josef
Zu der schönen Nymphe Evi,
Ihr erzitterten die Glieder
Und sie schwitzte Schweißes Perlen.

Wie sie da stand, zaghaft zitternd,


Schweißbedeckt am ganzen Leibe,
Traurig sprach der fromme Josef:
Geh doch! Warum bleibst du bei mir?

So hat sie ihn denn verlassen,


Aus der Wohnung schritt die Nymphe,
Ging wie durch die Luft spazieren,
Mit dem Laub den Schweiß abwischend.

Schwebend ging sie bei den Bäumen,


Evi, Gottes schönste Nymphe!
An den roten Rosenblüten
Hangen blieben Schweißes Perlen.

Von dem Schweiß befruchtet, Evi


Keusch gebar ein liebes Kindlein.
Dieses ward gesäugt vom Euter
Einer mütterlichen Milchkuh.

Nach Verlauf von sieben Jahren


War gereift ein lieber Knabe.
Tom-Tom war des Knaben Name,
Der ein Freund von Jesus wurde.

ZWEITER GESANG

DER TODGEWEIHTE JOSEF NIMMT ABSCHIED VON SEINER GELIEBTEN EVI

Jetzt noch denk ich an die Liebste,


Die so weiß wie Soyasprossen,
Ihre langen schwarzen Haare
Glichen Mutter Nacht, der schwarzen.

Wie sie müd von Liebeslüsten


Aufgestanden von dem Bette,
Dieses Wissen von der Liebsten
Ist aus Torheit mir entschwunden.

Jetzt noch seh ich wie den Vollmond


Der Geliebten schönes Antlitz,
Seh von Eros’ Pfeil aus Feuer
Wild durchwühlt die lieben Glieder.

Sehe ihre vollen Brüste,


Schneeweiß wie der Schaum des Meeres.
Oh wie täte ihre Liebe
Gut doch meinem eignen Leibe!

Wieder seh ich ihre Augen,


Abendsterne, Mandelaugen,
Seh am Gange sie behindert
Von den vollen weißen Brüsten.

Wollt mit Küssen sie ersticken,


Wollt an ihren Lippen lecken
Wie der Falter an der Krokus,
Heiß von Wollust meiner Liebe!

Jetzt noch seh ich sie ermattet


Von der Nacht der Liebeswonnen,
Sehe ihre schwarzen Haare
Um den süßen Mond von Antlitz!

Die Erinnerung bewahrt sie


Reizend wie verbotne Sünde,
Ach, sie schlang die weißen Arme
Einmal mir um meine Hüften!

Ich gedenke, wie die Schwanin


Schwamm im Lilienteich der Liebe,
Wie sie badete in Wollust,
Fortgegangen ist am Morgen.

Weiß ihr Antlitz, doch voll Röte,


Schlug sie ihre Wimpern nieder,
Ihre Augen Abendsterne,
Welche blaue Blicke blitzten!

Jetzt noch seh ich ihre Augen,


Tief erfüllt von Trauertränen,
Seh verwelkt des Leibes Blüte,
Als ich einmal sie verlassen.

O mit welchen Zärtlichkeiten


Wollt ich brünstig sie umarmen,
Meine Augen nicht mehr öffnen,
Niemals wieder sie verlassen!
Jetzt noch seh ich sie im Tanze,
Voller Anmut bei dem Bauchtanz,
Schaukeln sehe ich ihr Becken
Und erbeben ihre Brüste!

Von dem Antltiz seh ich Schimmer


Wie vom Vollmond sich ergießen,
Wie von Ebenholz den Rahmen
Ihrer langen schwarzen Haare.

Jetzt noch seh ich sie im Bette,


Wie sie müde lag im Schlummer,
Wie Ylang-Ylang-Parfüme
Dufteten und Rosenöle.

Ihre Augen Turteltauben,


Welche flattern mit den Flügeln,
Die sich brünstig voller Liebe
Schnäbelnd mit den Schnäbeln picken!

Jetzt noch sehe ich die Schöne


In der roten Glut des Weines,
Wie sie sich im Liebesakte
So geschickt bewegt wie keine.

Nüsse kauen ihre Zähne,


Ihre Zähne weiße Perlen.
Ihr Parfüm von Kokosnüssen
Duftet aus den schwarzen Haaren.

Jetzt noch sehe ich ihr Antlitz,


Weiß wie weiße Krokosblüten,
Sehe die kristallnen Tropfen
Ihres Schweißes bei der Liebe.

Nach erschöpfender Begattung


Seh ich der Geliebten Blässe,
Da ihr Antlitz wie der Vollmond,
Der die dunkle Nacht erleuchtet.

Jetzt noch sehe ich im Geiste,


Wie die Liebste voll des Zornes
Ihren Ohrring ausgerissen
Und geworfen auf die Erde.

Aber dann die Tochter Gottes,


Als ich in dem Dunkel nieste,
Wieder sich mit mir versöhnte:
Lebe ewig – zu mir sagte.

Jetzt noch denk ich an ihr Antlitz,


Wie in Leidenschaft der Liebe
Ihre Wangen sie zerkratzte
Mit dem Schmucke an den Ohren.

Nach den süßen Liebeslüsten


Die kristallnen Schweißestropfen
So wie Edelsteine, Perlen,
Schmückten der Geliebten Antlitz.

Jetzt noch denk ich an die Blicke,


Die aus ihren Augen blitzten,
Wenn von Liebesschmerz gebrochen
Bebte ihre Brust im Busen.

O wie von den vollen Brüsten


Hingesunken war das Brusttuch!
Wie sie biss auf ihre Lippen
Und sich leckte ihre Lippen!

Jetzt noch denk ich an die Liebste,


Wie sie wandelt wie die Schwanin,
Wie die Hand mit feinen Fingern
Gleicht dem Wedel einer Palme.

Ihre vollen weißen Brüste


Sind geschmückt mit Perlenschnüren,
Ihre schöngewölbten Wangen
Oft im Rot der Scham erröten.

Noch seh ich das Mal der Mutter


Auf der weißen Brust, der linken,
Sehe ihre weißen Brüste
Glitzern wie den Schnee der Weihnacht.

O wenn sie mit ihren Händen,


Wenn sie sich erhebt vom Sessel,
Fasst das seidenfeine Kleidchen
Und es keuscher Zucht zurechtrückt!

Jetzt noch denk ich, heimlich glücklich,


Wie sie schminkte ihre Augen,
Wie sie ihre Lockenschlangen
Mit der Zypertraube färbte,

Seh den Mondstein an den Ohren,


Seh der Zähne Perlenschnüre,
Die da meditierend murmeln:
Siehe, ich bin Gottes Sklavin!

Jetzt noch sehe ich die Haarflut


Mit dem Knoten aufgebunden,
Sehe das charmante Lächeln
Um die scharlachroten Lippen,
Sehe ihre schmalen Augen,
Welche freundlich grüßend lächeln,
Seh die fromme Schnur der Perlen
Ihre weißen Brüste küssen!

Jetzt noch seh ich sie im Zimmer,


Wo sie ruhte in dem Dunkel,
Wo der Flammenschein der Kerzen
Leuchtete wie Gold im Raume,

Wie sie heimlich flüsternd sagte:


Jetzt will ich im Schlummer träumen,
Wie sie aufsprang dann voll Schrecken:
O ich muß jetzt eilen, eilen!

Jetzt noch denk ich an die Liebste,


Wie sie Trennungsschmerz gelitten,
Sie, mit Augen der Gazelle,
Meine Wonne, meine Hoffnung,

Alle femininen Reize


Trägt sie ja an ihrem Körper,
Die da wandelt wie die Schwanin,
Wie die Gottheit in dem Schwane!

Jetzt noch denk ich an die Eine,


Die von Eros’ Pfeil durchbohrte,
Unter allen schönen Frauen
Keine kann sich ihr vergleichen.

Ja, an Charme und Reiz und Anmut


Keine Frau ist ihr vergleichbar,
Sie, der Liebeswonnen Becher,
Bis zum Grunde auszusaugen!

Ach, in keinem Augenblicke


Ich die Liebste je vergesse,
Die mir teurer als mein Leben,
Ach, die jetzt vom Schmerz betrübte,

Die sich wie ein nasses Hemdchen


Eng geschmiegt in meine Arme,
Welche jetzt so schutzbedürftig
Sich verlassen sieht vom Gatten.

Nimmermehr vergess ich, Himmel,


Doch die gutgebaute Liebste,
Die doch bleibt in allen Schmerzen
Gegenwärtig mir im Geiste.

O die Tochter Gottes, wahrlich,


Schönste aller schönen Frauen,
Welche gleicht der Liebe Becher,
Allerschönste Augenweide!

Wie sie mit der Pracht der Brüste


Voller Anmut gnädig nickte!
Noch seh ich die Schnur der Perlen
Hangen zwischen ihren Brüsten!

Diese Brüste hat sich Eros


Wahrlich auserwählt zum Tempel!
Sie, wie eine rote Fahne,
Wehte flatternd neben Eros!

Jetzt noch muss ich an sie denken,


Wie die Zunge sich verirrte,
Als der Eros sie betörte,
Wie sie stammelte und lallte!

Hundert Schmeicheleien blühen


Von der Zunge der Geliebten,
Wie sie mich den Weisen nannte
Und der frommen Liebe Helden!

Jetzt noch denk ich an die Liebste,


Denk an sie im Paradiese,
Wie sie ihre Wimpern senkte
Müde nach genossner Liebe!

Oh! Als von der Brust gesunken


War das schwarze Seiden-Brusttuch,
Als die langen schwarzen Haare
Fielen bis zu ihren Brüsten!

Jetzt noch denk ich an die Liebste,


Schwanin in dem Liebesteiche,
Die Ambrosia und Nektar
Trägt auf ihren süßen Lippen!

Ach, in ihrem Arm zu ruhen!


Neiden würd ich nicht den König,
Nicht die Seligen des Himmels
Mehr im Paradies beneiden!

Jetzt noch seh in meiner Seele


Ich allein das Bild der Liebsten,
Öfter seh ich die Geliebte
Als die heilige Maria!

Ach, was tu ich in der Stunde,


Nun in meiner Todesstunde?
Aber sie ist meine Wonne,
Meine Seligkeit auf Erden!

Jetzt noch denk ich der Gazelle


Voller sanft bescheidner Demut,
Wie sie bang verdreht die Augen,
Weil ich jetzt zum Tode gehe!

Wenn man sprach von meinem Tode,


Tränen füllten ihre Augen,
Schmerz und Gram und schwerer Kummer
Ihr verdunkelten das Antlitz.

Jetzt noch denk ich an die Liebe,


Ohne sie ist leer mein Leben,
Aber mit der Vielgeliebten
Wie ein Himmelreich auf Erden!

Sie, die Vielgeliebte, rettet


In den Schmerzen meine Seele!
Was tat Gott, der Sohn und Vater,
Was tat Gott, der Geist der Weisheit?

Meine Augen gingen wandern


Über diese dunkle Erde,
Ob zu finden auf der Erde
Eine Frau wie meine Liebste?

Seh ich nirgendwo ein Antlitz


Ähnlich ihrem Gottes-Antlitz!
Psyche selbst, die Braut des Eros,
War so schön nicht wie die Liebste!

Wie hat sie mit mir gelitten,


Voller Mitleid ihre Seele,
Als ich aus dem Haus vertrieben
Und verjagt ward von den Hunden,

Wie ich von den Satansmenschen


Ward gejagt gleich einem Fuchse!
Ach, von meinen Seelenschmerzen
Kann der Dichter selbst nicht sprechen!

Jetzt noch leide ich es allzeit


In dem peinerfüllten Herzen,
Daß ich ihr geliebtes Antlitz
Jetzt nicht selig mehr erblicke!

Oh, das Antlitz wie der Vollmond,


Reines Angesicht der Psyche,
Wenn das Antlitz Eros anschaut,
Dann zerschmilzt das Herz des Eros!
Jetzt noch, dass sie mir im Himmel
In dem Paradiese nah sei,
Lebt als Seele meiner Seele
Sie im Heiligtum des Herzens!

Sie ist jene, deren Reize


Ich alleine ganz erkannte,
Meines Lebens süße Tröstung,
Die nur ich weiß zu genießen!

Jetzt noch ist berauscht mein Seelchen


Von der Locken goldnen Spange,
Die sich bei der Strähnen Kräuseln
Dicht verborgen in der Haarflut.

Trunken saugen Honigbienen


An der Krokus Nektarstempel!
Wie betrunken und berauscht doch
Ihre lieben Lippen flüstern!

Jetzt noch denk ich an die Küsse


Ihres süßen Honigmundes,
Als auf ihren weißen Brüsten
Ich in Wollust war versunken!

Sie jedoch mit Seelenschaudern,


Sie vertraute ihrem Mann nicht,
Nachts im Bette blieb sie wachsam,
Schaute ängstlich nach dem Gatten.

Jetzt noch denk ich an die Schöne,


Die sich abgewandt im Zorne,
Als auf ihrem süßen Munde
War kein Liebeswort zu finden!

Dann liebkoste ich sie zärtlich,


Aus den Augen tropften Tränen.
Schau, Geliebte, deinen Sklaven,
Dir zu Füßen, dich anbetend!

Jetzt noch ist bei ihr mein Seelchen,


Was auch soll ich anders sinnen?
Denn in ihrer trauten Nähe
Rasch vergeht die Zeit auf Erden!

Ja, ich seh sie in dem Garten,


Von den Freundinnen umgeben,
Wie sie sich im Tanze freuen,
Wie sie plaudern, wie sie lachen.

Ist sie nicht des Vaters Tochter?


Ist sie nicht des Sohnes Mutter?
Ist sie nicht die Braut des Geistes?
Ist sie denn nicht die Madonna?

Oder hat sie Gott erschaffen,


Meine Seele zu versuchen?
Meisterwerk des Schöpfers ist sie,
Ihre Seele und ihr Körper!

Auf der Erde kann kein Maler


Jemals ihre Schönheit malen!
Nirgend gibt es eine Schönheit,
Welche ihrer Schönheit gleich wär!

Wer die Zwillingsschwester sähe,


Ganz genau die gleiche Schönheit,
Dieser sähe eine Schönheit,
Welche ihrer Schönheit gleich wär.

Jetzt noch denk ich an die Liebste,


Die Holdseligste der Frauen,
Sie, der Inbegriff der Tugend,
Sie, das Meisterwerk des Schöpfers!

Ach, wie traurig ihre Augen


Weinten viel kristallne Tränen,
Die die Wangen niederliefen,
Zitternd auf der Lippe glänzten.

Jetzt noch denk ich an ihr Antlitz,


Wie der Wonnemond des Maien!
Kalte Philosophenherzen
Würden hier entflammt von Liebe!

Könnte ich die nektarsüßen


Lippen doch nicht einmal küssen!
Dann vergessen wär die Trennung
Und die Schmerzen meines Kummers.

Könnte ich doch Eros’ heißen


Feuerpfeil und meiner Wunde
Nur entfliehen und im Meere
Ihrer schönen Liebe baden!

Ah, in ihrem Wonnebade


Wollte ich mich nackend baden,
Wäre gern die rote Schminke
Auf den vollen lieben Lippen!

Jetzt noch, ob es auch auf Erden


Gibt viel tausend schöne Frauen,
Eine wie die andre niedlich
Anzuschauen mit Vergnügen,
Keine aber gleicht der Einen.
O Geliebte, Ohnegleiche!
Ach wie schwer ist mirs im Herzen,
Ich verzehre mich vor Sehnsucht!

Jetzt noch lässt die Vielgeliebte


Mit dem langen Schwanenhalse
In den Reizen ihres Körpers
Zitternd vor geheimer Wollust

Aus dem Liebeswonnebade


Und dem Teiche meiner Schmerzen
Tauchen eine lichte Blume,
Goldne Blüte meiner Seele.

Jetzt noch denk ich an die Schöne,


Denk an ihre Zeit als Mädchen,
Da sie in dem Rausch der Jugend
Reizend mit den Wimpern winkte!

Ah, sie ist wohl eine Göttin?


Ist ein Engel? Eine Huri?
Die gekommen ist vom Himmel,
Auf der Erde hier zu herrschen?

Jetzt noch denk zu jeder Stunde


Ich an meine Heißgeliebte,
Wie sie sich vom Bett erhoben
Traumumflort zur Morgenstunde,

Wie sie dann den nackten Körper


Badete im Wonnebade
Und sich schminkte und sich schmückte
Und frisierte ihre Haare.

Jetzt noch denk ich an ihr Strahlen,


An den Lichtglanz ihrer Schönheit!
Wie sie glühte voller Sehnsucht
Nach dem Manne, den sie liebte!

Ich besiegte sie mit Worten


Und mit einem süßen Küsschen.
Ach und als ich sie umarmte,
Das war Medizin der Seele!

Jetzt noch denk ich an die Kämpfe,


Liebeskriege ohne Waffen!
O wie wir die Hände zärtlich
Uns berührten sanft wie Blumen!

Wie sie biss auf ihre Lippe!


Wie sie bluteten, die Lippen!
Wie wir unsern Krieg versüßten
Durch erneute Süßigkeiten!

Jetzt noch, kann ich mich auch heute


In die Liebste nicht versenken,
Leb ich alle meine Stunden
Mit ihr immer in dem Geiste.

Richter! Nimm mir nur mein Leben,


Denn ich bin ein Todgeweihter!
Schneide ab den Lebensfaden,
Nimm den Schmerz von meinem Herzen!

Jesus wird in Ewigkeiten


Wandeln auf dem Meer der Liebe!
Jesus wird in Ewigkeiten
Herrscher sein des Liebesfeuers!

Und so lang die Erde dauert


Und so lang die Sonne aufgeht,
Ich vertraue mich Maria
Als der Lieben Frau in Liebe!

DRITTER GESANG

DER LIEBENDE JESUS UND DIE GELIEBTE EVI

Höre, meine liebe Freundin,


Höre deiner Freundin Worte:
Ich hab lang mit ihm gesprochen,
Jetzt bin wieder ich alleine.

Immer schwerer ward mein Kummer,


Ach, je länger ich ihn schaute,
Nichts vermochte mir zu helfen,
Was auch immer sich ereignet.

Schmutzig trägt er seine Kleider


Und er kämmt nicht mehr die Haare,
Fleisch mag er nicht länger essen
Und er trinkt auch keinen Rotwein.

Blassgeworden ist der Schöne,


Immer ruft er deinen Namen,
In den Augen ist kein Glanz mehr,
Er kann niemand mehr erkennen.
Er gleicht einer Vogelscheuche,
Hölzern aufgestellt im Garten!
Doch vor seinem Mund der Spiegel
War bewölkt doch noch vom Atem.

Ja, er atmet noch, der Liebe,


Doch vernichtet ist sein Leben!
Hilf ihm, liebe Freundin Evi,
Denn sonst bin auch ich verloren.

Josef spricht: Das sind die Schmerzen,


Die er in der Trennung leidet,
Nichts als einzig Evis Liebe
Medizin wär seiner Seele!

Jesus, sonst glückselig-selig,


Murmelt nur noch Evis Namen.
Hört er deinen Namen nennen,
Sträuben Jesus sich die Haare.

Jesus neigt sein Haupt voll Kummer,


Seine Augen voller Tränen.
Stellt wer Jesus eine Frage,
So gibt Jesus keine Antwort.

Aber nennt man Evis Namen,


Aufmerksam sofort wird Jesus.
Nichts hat er im Sinn als Evi,
Nichts als Evi kann er denken.

Wahrlich, Schwermut voller Trübsinn


Jesus fühlt in seinem Herzen.
Josef spricht: Ihm schwand die Weisheit,
Jesus ist ein Tor geworden!

Eine solche tiefe Liebe


Hat es nie bisher gegeben,
Solche Liebe, die die Herzen
Weiß im Innern zu verschmelzen!

Zwar vereinigt, beide klagen


Dennoch schon vor Trennungsschmerzen,
Einen Augenblick getrennt sein
Ist den beiden unerträglich.

Außerhalb des Wassers Fische


Können ebenso nicht leben.
Solche Liebe unter Menschen
Wird es nie auf Erden geben.

Auch die Seeros’ auf dem Teiche


Wird geliebt vom Strahl der Sonne,
Doch die Seeros’ wird verwelken,
Doch die Sonne weiterstrahlen.

Mag die Wolke auch dem Kuckuck


Ihre feuchte Liebe schenken,
Niemals regnet sie zu frühe,
Um zu netzen ihren Kuckuck.

Auch die blaue Krokusblume


Sets denkt an den weißen Falter.
Zwar der Falter kommt geflattert,
Niemals aber kommt die Blume.

Von dem Unsinn, dass Frau Mondin


Einen Träumer einst geküsst hat,
Laß mich schweigen. Evis Liebe
Ist auf Erden unvergleichlich.

Du mein vielgeliebter Jesus,


Du mein Atem, du mein Leben,
Deine Dienerin auf Erden
Bin ich in dem Seelenkörper.

Meine Ehre hingegeben,


Stamm und Namen hingegeben
Habe ich des Kosmos König,
Jesus, Universums König.

Mönche beten stets zu Jesus


In der abgeschiednen Zelle.
Ich, die Frau vom grünen Lande,
Wie soll ich dich lieben, Jesus?

All mein Ego ist versunken


In dem Ozean der Liebe!
Ich bin wie das Ganzbrandopfer,
Schrecklicher, zu deinen Füßen!

Ja, du bist der Weg, die Wahrheit,


Du der Gott und du das Leben.
Ewig dich nur anzuschauen
Ist genug, genug für Evi!

Spricht man auch von meinen Fehlern,


Solches soll mich nicht betrüben.
Demut ist wie eine Perle,
Perlenschnur des Rosenkranzes.

Ob ich rein bin oder sündig,


Jesus, weißt nur du alleine.
Jesus, ich weiß nicht, was gut ist,
Doch ich weiß, du bist die Güte.

Josef der Gerechte redet:


Jesus, dir nur will ich folgen.
Nimm du von uns alles Böse,
Tu du in uns alles Gute!

Freundin, du bist Evis Freundin,


Und du fragst mich, was ich fühle?
Soll ich dir von Liebe sagen
Und von Leidenschaft der Liebe?

Ah, die Leidenschaft der Liebe


Immer neu betört die Seele!
Jesu Wunderschönheit sah ich,
Als die Mutter mich geboren.

Jesu Wunderschönheit aber


Nie mein Auge hat gesättigt,
Seine Worte, süß wie Honig,
Haben nie mein Ohr befriedigt.

Lange Nächte, dunkle Nächte,


Spielte ich mit meinem Jesus.
Doch ich hab den Sinn des Spieles
Nie erkannt und nie begriffen.

Ewigkeiten-Ewigkeiten
Ruhe ich in Jesu Armen.
Aber dennoch meine Seele
Fand nicht ihre Seelenruhe.

Wo sind jene, die die heiße


Leidenschaft der Liebe kennen?
Viele reden von der Liebe,
Einer nur, er tut die Liebe!

Josef redet, der Gerechte:


Liebesschmerzgequälte Seele,
Deine heiße Sehnsucht stillen
Kann allein der Gott der Liebe!
5

Was mein lieber Jesus tun wird,


Wird zum Besten mir gereichen.
Und was meiner Seele gut tut,
Das tut gern der Vielgeliebte.

Ich in des Geliebten Augen


Ruh in des Geliebten Augen,
Jesus wäre selber gerne
Die Pupille meines Auges.

Lieber ist mein Vielgeliebter


Mir als selbst mein eignes Leben!
Er will ganz sein Leben geben
Für das Heil der Seele Evis!

Josef spricht: Ein Paar von Schwänen


Jesus sind und seine Evi!
Keiner kann die Quelle trennen
Von dem schönen Lebensstrome.

Jesus tritt zu seiner Evi,


Daß er sie im Tanz umarme!
Alle Glieder seiner Evi
Sind gebaut aus höchster Schönheit!

Jesus legt die Arme zärtlich


Seiner Evi um die Hüften,
Wange schmiegt er sanft an Wange
Und so tanzen die Verliebten.

Leidenschaftlich sie umschlingend,


Jesus tanzt mit seiner Evi,
Silberzymbeln leise klingen
Und man bläst die Jubelflöte.

Evis Armreif klirrt am Arme


Und die Kettchen an den Füßen.
Jesus tanzt mit seiner Schönheit,
Seine Schöne tanzt mit Jesus.

Selig Josef, der Gerechte,


Sieht die hochbeglückte Evi.
Es verhaucht den Atem Josef,
Legt ihn diesem Paar zu Füßen!

7
In der schönen Gartenlaube
Jesus ruht bei seiner Evi,
Evi in dem Seidenkleidchen,
Oben schimmert schön der Vollmond.

Jesus schlingt die Heilandsarme


Leidenschaftlich um die Schönheit!
Jesu Blitz, elektrisch zuckend,
Spaltet ihre dunkle Wolke!

Jesus trägt den Purpurmantel,


Evi trägt ein Seidenkleidchen.
Ihre Herzen flammen lodernd,
Süße Frühlingslüfte düften.

Auf dem Gras gebettet Jesus,


Evi in der Lilienaue.
Jesus redet wie ein Dichter,
Evi ist voll stiller Demut.

Jesus rührt in heißer Liebe


Evi an die weißen Brüste!
Rühre mich nicht an, haucht Evi,
Doch dann lässt sie es geschehen.

Jesus spielt das Spiel der Liebe,


Leidenschaftlich glüht sein Eros!
Ah, die Weißglut seines Eros
Glühend diese Welt durchlodert!

DAS JESUSKIND

Der Augustus gab Befehl,


Alles Volk in Bethlehem
Lass sich zählen in Judäa,
Trage sich in eine Liste.

Josef sagte da bei sich:


Meine Söhne lass ich zählen.
Was wird aber mit dem Mädchen,
Die noch keinen Sohn geboren?
Wie soll ich sie zählen lassen?
Ist sie meine Ehefrau?
Ach ich scheue, das zu sagen.
Oder zähl ich sie als Tochter?

Alle Juden aber wissen,


Daß sie nicht ist meine Tochter.
Doch am Tag des Herrn geschieht,
Was der Wille ist des Herrn!

Und er sattelte den Esel


Und sein Sohn ging ihm voraus
Und sie nahten Bethlehem.
Josef schaute zu Maria.

Josef sah Maria traurig


Und er dachte: Ach sie sorgt sich
Wegen ihrer Leibesfrucht,
Die als Jungfrau sie empfangen.

Wie ergeht es dir, Maria?


Einmal ist dein Antlitz fröhlich,
Einmal ist dein Antlitz traurig?
Und Maria sprach zu Josef:

Meine Augen sehen zwei


Völker, eines weint und wehklagt
Und das andre jauchzt und jubelt,
Darum wein ich, darum lach ich.

Etwas weiter zogen sie


Und Maria sprach zu Josef:
Hebe mich herab vom Esel,
Denn das Kindlein will nun kommen!

Josef hob sie von dem Esel:


Wohin soll ich dich jetzt führen?
Wohin soll die Schwangre ich
Bringen unter Schutz und Schirm?

Diese Gegend ist so einsam!


Aber da war eine Höhle
Und er führte sie hinein,
Seine Söhne saßen bei ihr.

Eine jüdische Hebamme


Suchte er in Bethlehem.
Ich bin Josef, der Gerechte,
Der ich schaute in den Himmel

Und ich sah den Himmel klar


Und ich schaute auf die Erde
Und ich sah um eine Schüssel
Jüdische Proleten sitzen,

Die Proleten aßen nicht,


Sondern schauten in den Himmel.
Und ich schaute Lämmerherden
Und die Lämmer standen still

Und der Hirte hob die Hand


Mit dem Stabe und dem Stecken
Und des Hirten Hand erstarrte
Und die Hand blieb unbewegt

Und ich schaute schwarze Zicken


An dem klaren Wasser stehen,
Doch die Zicken tranken nicht,
Sondern schauten in den Himmel.

Eine Frau kam vom Gebirge:


Du Gerechter, wohin gehst du? –
Eine jüdische Hebamme
Suche ich in Bethlehem. –

Diese jüdische Hebamme


Sagte: Wer ist jenes Mädchen,
Die dort in der Höhle liegt,
Schwanger liegt dort in dem Stroh? –

Das ist meine Anverlobte! –


Also deine Gattin nicht? –
Sie ist reine Tempeljungfrau,
Ich ihr Schützer und Behüter.

Sie empfing vom Geiste Gottes! –


Sprach die jüdische Hebamme:
Das soll wirklich Wahrheit sein? –
Und ich sagte: Komm und siehe! –

Eine lichte Wolke Gottes


Füllte aus die ganze Höhle.
Und die jüdische Hebamme
Jauchzte jubelnd: Halleluja!

Hocherhoben ist mein Geist,


Meine Augen sahn ein Wunder,
Israel ist Heil geboren
Von der unberührten Jungfrau!

Und die lichte Wolke Gottes


Schwebte fort aus jener Höhle
Und ein Lichtstrahl kam vom Himmel
Und das Kindlein war geboren.
Und das Kindlein lag am Busen,
An den Brüsten der Madonna,
Und es saugte an den Brüsten
Der Madonna Milch des Trostes.

Und die jüdische Hebamme


Jauchzte jubelnd: Halleluja,
Daß ich dieses sehen durfte,
Diesen Gottesmutterbusen!

Und die jüdische Hebamme


Jene Höhle nun verließ
Und da traf sie Salome.
Salome, o Salome,

Wunder hab ich zu erzählen,


Eine Jungfrau hat geboren!
Das ist supernatural,
Das ist wirklich übermenschlich!

Doch da sagte Salome:


Nein, das werde ich nicht glauben,
Bis ich meinen Finger legte
An der Jungfrau Jungfernhäutchen.

II

Und die jüdische Hebamme


Eintrat in die Weihnachtshöhle:
Holde Maid, ein Streit entbrannte
Um dein heiles Jungfernhäutchen.

Salome nun untersuchte


Mit dem liebevollen Finger
Unsrer Lieben Frauen Scheide,
Ob sie unverletzte Jungfrau.

Laut ertönte ihre Klage:


Wehe mir, dass ich nicht glaubte!
Ich hab Gott den Herrn versucht
Und gezweifelt an der Jungfrau!

Meine Hand fällt von mir ab!


Und sie beugte ihre Knie
Vor dem göttlichen Gebieter
An der Mutterbrust der Jungfrau:

Meiner frommen Ahnen Gott,


Abrams, Isaks, Jakobs Gott,
Guter Gott, gedenke meiner,
Ich bin Tochter Abrahams,

Gib mich nicht der Schande preis!


Gott, gib mich den Armen wieder,
Denn du weißt, dass ich umsonst
Armen Fraun und Kindern helfe,

Ohne dass sie mich belohnen,


Aber ich vertraue drauf,
Wenn ich von des Lebens Mühen
Ruhe, dann belohnst du mich!

Und ein Engel Gottes sprach:


Salome, o Salome,
Gott der Herr hat dich erhört,
Gottes Liebe wird dein Lohn sein!

Du berühre nur das Kindlein,


Streiche sanft ihm übers Haupt,
Streichle seine sanfte Wange,
Streichle seine kleinen Händchen,

Nimm das Kindlein in die Arme,


Setze es auf deinen Schoß,
Drück das Kindlein an dein Herz,
Dann wirst wieder du gesund.

Salome trat zu dem Kinde,


Die Madonna gab ihr Kindlein
Salome in ihre Arme,
Jesus saß auf ihrem Schoße,

Salome anbetete
Jesus: O mein Gott und König,
Israel zum Heil geboren
Und den Heiden zur Erleuchtung!

Salome ward gleich gesund,


Ward sogleich gerecht gesprochen.
Siehe, eine Stimme sprach:
Salome, o Salome,

Schweig von dem, was du gesehen,


Schweig von dem, was du betastet,
Bis der Herr gekreuzigt worden,
Auferstanden von den Toten.

III

Josef machte sich bereit,


Fortzuziehen nach Judäa.
Große Unruh ist entstanden
Da in Bethlehem in Juda.

Da sind Magier gekommen:


Wo ist denn der Juden König?
Wir erblickten seinen Stern,
Kommen, um ihn anzubeten!

Als Herodes das vernahm,


Regte sich Herodes auf
Und er schickte zu den Priestern
Und befragte Schriftgelehrte:

Wie steht in der Schrift geschrieben,


Wo Messias wird geboren?
Da zitierten sie den Micha:
Wird in Bethlehem geboren.

Sprach Herodes zu den Weisen:


Magier, was saht ihr Seher?
Und da sprach ein Magier:
Jupiter stand im Saturn.

Diesen Stern erblickten wir


Heller als die andern Sterne,
Wir erkannten, dass der König
Ward in Israel geboren,

Jupiter ist Stern des Königs,


Stern Saturn ist Israels.
Und Herodes sagte: Geht,
Sucht den neugebornen König,

Wenn ihr ihn gefunden habt,


Kommt zurück und meldet mir,
Daß ich gehe, anzubeten
Den davidischen Messias.

Und die Weisen zogen fort,


Und der Stern, den sie gesehen,
Zog den Magiern voran
Bis zu Unsrer Frauen Höhle.

Und die Magier beschauten


Unsre Fraue und das Kindlein,
Schenkten Weihrauch, Gold und Myrrhe,
Weihrauch für den Hohepriester,

Gold für den Messiaskönig,


Myrrhe für den Gottesknecht.
Und die Magier entschwanden
Wieder in den Orient.
Als Herodes das erkannte,
Daß die Weisen weggegangen,
Da gebot er Kindermördern:
Geht, ermordet alle Kindlein!

Als Maria das vernahm,


Da erschrak die Liebe Frau,
Weinte über alle Kinder,
Rettete ihr Jesuskind,

Wickelte das Kind in Windeln,


Tat es in die Futterkrippe,
Wo der Juden Ochse stand,
Wo der Heiden Esel stand.

IV

Eine Frau nahm Duftgewässer,


Um das Jesuskind zu waschen.
Als sie Jesulein gewaschen,
Nahm sie dieses Duftgewässer,

Goss es auf ein junges Mädchen,


Die da weißen Aussatz hatte.
Aber von dem Badewasser
Jesu ward das Mädchen heil.

Die Bewohner jenes Ortes


Sprachen: Unsre Frau Maria
Ist wohl eine Muttergöttin?
Und das Kind ein kleiner Gott?

Josef und Maria aber


Mit dem Kindlein zogen weiter.
Das gesundgewordne Mädchen
Sagte: Jesus, nimm mich mit!

Josef und die hocherhabne


Liebe Fraue zogen weiter.
Eine öde Gegend war es,
Oft von Räubern heimgesucht.

Dieses Land durchzogen sie


Lieber in der dunklen Nacht.
Da erblickten sie zwei Räuber,
Die am Straßenrande schliefen.

Da erwachten beide Räuber.


Titus hieß der eine, sagte
Zu Dumachus, zu dem andern:
Laß die drei Personen ziehen!

Dieser Mann mit seinem Weibe


Und dem kleinen Muttersöhnchen
Mögen ungeschoren bleiben,
Geben sie uns etwas Geld.

Doch Dumachus wollte nicht,


Wollte Josef und Maria
Und das Jesuskind ermorden.
Doch der Räuber Titus sagte:

Freund Dumachus, nimm von mir


Alles Geld aus meiner Tasche,
Doch die Heilige Familie
Laß du ziehen nach Ägypten.

Die erhabenste Madonna


Hörte dieses Räubers Worte.
Gott der Herr wird dich erretten,
Alle Sünden dir verzeihen!

Jesus sprach zu seiner Mutter:


Liebe Frau, in dreißig Jahren
Werde ich am Kreuze hängen
Vor dem Tor Jerusalems

Und zu meinen Seiten werden


Diese zwei gekreuzigt werden
Und Dumachus mir zur Linken
Und Freund Titus mir zur Rechten

Und an jenem Tag Karfreitag


Geht Freund Titus mir voran
In den Himmelsgarten Eden
An des Paradieses Lustort!

Josef und Maria gingen


Weiter mit dem Jesuskinde
Zu dem Heiligtum der Götter,
Das in Sandstaub ward verwandelt.

Dann begab sich die Familie


In die Ortschaft Matarea,
Dort ließ Jesus durch sein Wort
Eine reine Quelle sprudeln,

In der reinen Quelle Wasser


Wusch Maria Jesu Hemd,
Welches roch nach Jesu Schweiß,
Unsre Fraue wusch es sauber,
Aber aus dem Schweiße Jesu
Ist entstanden jener Balsam,
Den es gibt in Matarea
Und der alle Wunden heilt!

Nahten sie sich einer Höhle,


Stieg Maria von dem Esel,
Setzte sich, auf ihrem keuschen
Schoße saß das Jesuskind.

Kamen aus der Höhle Schlangen,


Schrie die Liebe Frau Maria,
Jesus kletterte vom Schoße
Unsrer Frau, gebot den Schlangen.

Lobet Gott den Herrn, ihr Schlangen,


Wüstenschlangen, Meeresschlangen,
Würgeschlangen, Strumpfbandnattern,
Lobet Gott, Marien Sohn!

War Maria voller Bangen,


Aber Jesus sprach zu ihr:
Denk nicht, dass ich nur ein Kind bin,
Ich bin Gott von Ewigkeit,

Ich bin der vollkommne Schöpfer,


Der ich alle Schlangen schuf,
Alle Schlangen dieser Erde
Müssen ihren Schöpfer preisen!

Auch die schwarzen Pantherweibchen


Beteten zum Jesuskinde.
Wohin auch Maria ging,
Folgten ihr die Pantherweibchen.

Als Maria aber sah


All die schwarzen Pantherweibchen,
All die gelben Jaguare
Und die wilden Löwenjungen,

Da erschrak die Liebe Frau,


Doch das Jesuskind war fröhlich:
Fraue, keiner wird dich fressen,
Fraue, alle dienen dir!

Und die schwarzen Pantherweibchen


Fraßen nicht die weißen Schäfchen,
Fraßen nicht das Fleisch von Tieren,
Sondern nur noch grüne Blätter.

Von den weiten Wanderungen


In der Sonnenglut der Wüste
Ward Maria müde, setzte
Sich an einer Palme Stamm.

Sagte Unsre Frau zu Josef:


Könnt ich eine Feige speisen!
Doch die Feige hängt zu hoch
Oben an dem Stamm der Palme!

Josef sagte zu Maria:


Was begehrst du, was unmöglich?
Wie soll ich die Feige pflücken,
Die der Herr zu hoch gehängt?

Josef sagte: Ach, mich dürstet!


Fänd ich doch nur eine Quelle!
Da sprach Jesus zu der Erde:
Sprudle, Erde, eine Quelle!

Eine Quelle ist entsprungen,


Josef hat den Durst gestillt.
Da sprach Jesus zu der Palme:
Neige dich zu meiner Mutter,

Schenke ihr die süße Feige!


Und da neigte sich die Palme
Und Maria mit dem Mund
Nahm die Feige in den Mund.

Jesus sagte zu der Palme:


Nun erhebe dich, o Palme,
Steh im Paradiese Gottes!
Allen Paradiesbewohnern

Aller kommenden Äone


Sollst du süße Feigen schenken,
Weil mit ihren Mund Maria
Deine Feige hat genossen!

Josef und Maria kamen


Mit dem Kinde nach Ägypten,
Kamen zu dem Tempel jener
Isis mit dem Horusknaben.

Und die Muttergöttin Isis


Mit dem schwarzen Katzenkopf
Stürzte in den Wüstensand
Nieder vor Marias Füße
Und das Horuzskind von Stein
Mit dem goldnen Falkenkopf
Stürzte in den Wüstensand
Nieder vor Messias’ Füße.

Josef und Maria kehrten


Wieder heim nach Nazareth.
Nazareth bedeutet Flora,
Nazareth heißt Blumengarten.

VI

Und in Nazareth Maria


Sagte: O mein Herr und Gott,
David prophezeite einst
Vom Messias in den Psalmen:

Gottes Gnade, Gottes Wahrheit,


Sie begegnen einst einander,
Und Gerechtigkeit und Frieden
Küssen sich voll Zärtlichkeit.

Wahrheit sprießt aus Mutter Erde,


Schaut Gerechtigkeit vom Himmel.
So hat deine Macht dies Wort
Prophezeit einst über dich.

Als du Kleinkind noch gewesen,


Warst mit Josef du im Weinberg,
Als der Geist kam aus der Höhe
Säuselnd in mein Schlafgemach.

Zwar der Geist war dir ganz gleich,


Doch erkannte ich ihn nicht.
Und ich dachte von dem Geist:
Schau, das ist mein Jesuskind.

Und es sprach zu mir der Geist:


Wo ist denn das Jesuskind,
Gottes Sohn, mein Doppelgänger,
Daß ich Gottes Sohn begegne?

Als der Geist so zu mir sprach,


War ich in Verlegenheit,
Dacht ich: Das ist ein Gespenst,
Ein Gespenst will mich versuchen.

Also band ich diesen Geist


Betend an mein Himmels-Bett,
Ging zu dir und ging zu Josef
In den Weinberg, wo ihr wirktet.
Also sagte ich zu Josef:
Des Gespenst band ich ans Bett!
Du vernahmest das, mein Jesus,
Freutest dich im Geist und sprachest:

O wo ist mein Doppelgänger,


Daß ich ihn erblicken kann?
Sonst erwart ich diesen Geist
Selig hier in diesem Weinberg!

Als dein Wort mein Josef hörte,


Wurde er bestürzt im Herzen
Und wir gingen in das Haus
Und da fanden wir den Geist

Angebunden an mein Bett!


Und wir schauten dich an, Jesus,
Schauten an den Doppelgänger,
Fanden dich dem Geiste gleich.

Und es ward dein Doppelgänger


Losgebunden auf dem Bett.
Er umarmte dich und küsste
Dich mit liebevollem Küsschen.

So Gerechtigkeit und Frieden


Küssten, Gnade sich und Wahrheit
Küssten sich, der Geist und Jesus
Küssten sich in meinem Bett.

DIE PÄPSTIN ODER MULIER PAPA

Dieses ist die Apotheose


Papst Johannes Pontifex,
Ist ein närrisches Gedicht
Von dem armen Weibe Jutta,
Welche Papst zu Rom gewesen
Und in Roma auf dem Papststuhl
Unkeusch hat ein Kind geboren.
Vor fünfhundert Jahren ward
Dies erzählt in einem Drama.
Und aus Gründen, die ich nenne,
Nämlich wegen Feminismus,
Ward das Thema aufgegriffen.

In der femininen Sicht


Ist Frau Jutta Eva ähnlich,
Ward von Luzifer verführt,
Aber nicht von Luzifer,
Sondern von des Teufels Oma,
Lilith, welche Satans Oma.
Darum konnte die Frau Jutta
Wie die Sündenmutter Eva
Auch erlöst nur werden von
Unsrer Lieben Frau Maria.

Denn es gab zu jenen Zeiten


Einen sogenannten Papst
Oder besser eine Päpstin,
Die nicht in den Katalogen
Aller Päpste aufgezählt wird,
Weil sie eine Frau gewesen,
Die als Mann sich ausgegeben.
Zwar aufgrund der großen Klugheit
War die Frau zunächst Notar
In der Kurie, aber dann
Kardinal und schließlich Papst.

In den Tagen ihrer Jugend


Tat sie Männerkleidung an
Und sie nannte sich Johannes.
Mit der Zeit ward sie gelehrt,
Unterrichtet in den Künsten,
Und sie lernte solche Weisheit,
Daß man ihresgleichen nicht
In Paris und Rom gefunden.

Und Johannes war ein Papst


Für drei Jahre und fünf Wochen.
Diese Päpstin war ein Weib
Und war als ein Weib doch Papst.
Denn in ihrer Jugend lief
Sie mit ihrem Buhlen weg
In der Kleidung eines Mannes,
Ging zur Schule wie die Knaben,
Wurde dort so gut gelehrt,
Daß sie dann in Manneskleidern
Auch in Rom zur Schule ging,
Ja, dass sie in Roma selbst
Vorgelesen und gelehrt hat.

Der Johannes, das ist sicher,


Dieser Papst war eine Frau,
Die als junges Mädchen schon
Nach Athen gekommen war
Mit dem Buhlen. In Athen
Glänzte sie in Wissenschaften,
Keiner konnt sich mit ihr messen,
Daß sie dann in Rom gelehrt
In Rhetorik und in andern
Disziplinen, viel Magister
Hatte sie als Hörer, Schüler.
Durch ihr Leben und ihr Wissen
Sie erwarb sich großes Ansehn
In der Stadt, so ward einstimmig
Sie zum Papst gewählt, jedoch
Wurde sie als Papst geschwängert
Eines nachts von ihrem Buhlen.

Diese Jungfrau kam aus Menz.


Viele sagen, dass ihr Name
Giliberta war gewesen.
Lernend schon im Vaterhause
Vom Studenten, den sie liebte,
Lernte sie Latein und Künste.
Allezeit sich beizuwohnen,
Das entzündet in der Jugend
Ungeordnete Begierde.
Also legte sie die Scham ab
Und die Zucht der reinen Jungfrau,
Ging mit dem Studenten fort
Aus dem Hause ihres Vaters,
Männerkleider tragend und
Einen Männernamen tragend.
In den Kleidern eines Jünglings
Nannte sie Johannes sich.
Der Student hielt sie in England
So als wär auch sie Student
Und da pflegte fleißig sie
Mit dem Buhlen und Studenten
Alle Kunst und Wissenschaft.

Als nun ihr Genosse war


Abgegangen mit dem Tod,
Da erkannte sie die eigne
Schicklichkeit zur Wissenschaft
Und zur Süßigkeit der Künste.
Fortan wollte sie mit keinem
Manne weiter unkeusch buhlen.
Aber fleißig übte sie
Tag und Nacht ihr Studium,
Daß sie schon in kurzer Zeit
In den sieben freien Künsten
Und der Bibelwissenschaft
Angesehen ward von allen,
Wunderbarlich hochgeschätzt.

Übers Studium der Künste


Noch hinaus erschien ihr Leben
Ehrsam, fromm und heiligmäßig,
Daß sie ward von vielen Männern
Anerkannt als frommer Mann,
So dass, als der fünfte Leo
Alles Fleisches Weg gegangen,
Von der Kardinäle Sammlung
Sie erwählt zum Papste wurde
Und Johannes ward genannt
Als der Achte dieses Namens.

10

Während eines Exorzismus


Sie befragte den Dämonen,
Wann er wolle fahren aus.
Und der Dämon sprach in Versen:
Papa, Vater aller Väter,
Du sollst das Gebären kundtun,
Papst, du sollst ein Kind gebären,
Dann verkünde ich dir auch,
Wann ich aus dem Körper fahre.
11

Nämlich als die Päpstin Papst war,


Ward geschwängert diese Päpstin
Von dem Buhlen, den sie hatte.
Doch des Niederkommens Zeitpunkt
Ahnte nicht der Papst, gebar,
Als sie von Sankt Peters Dom
Sich zum Lateran begab,
In dem engen Gässchen zwischen
Collosseum und der Kirche
Clemens, und nach ihrem Tode
Fand sie dorten auch ihr Grab.

12

Weil der Oberhirt der Kirche


Dieses enge Gässchen meidet,
Nimmt man an, der Papa meidet
Dieses enge Gässchen, weil
Dort die Päpstin niederkam.
Und die Päpstin wird bis heute
Nicht im Katalog genannt,
Weil ihr weibliches Geschlecht
Ward empfunden als ein Makel.

13

Als die Päpstin auf dem Papststuhl


Saß drei Jahre und fünf Monde
Und zwei Tage, trug im Schoße
Sie ein Kind von ihrem Buhlen.
Eines Tages kam das Kind,
Als bei einer Prozession
Von Sankt Peter sie gezogen
Zu der Kirche von Sankt Clemens.
Dorten vor des Münsters Tür
Vor dem Bilde Sankt Mariens
Kam das Kind aus ihrem Schoße.
Gleich sprach Papst Johannes: Ave
Gratiaplena! Mehr gesegnet
Bist du als die andern Weiber!
Da sprach zu dem Papst Maria
Von der heiligen Ikone:
Also soll dein Leib der Unzucht
Maledeit sein unter allen
Weiber dieses Tränentales!
Sünde sollst du nicht mehr treiben!
Und vermaledeit sei auch
Deine Leibesfrucht, der Bastard!
Nach den Worten starb die Päpstin
Und sie wurde dort begraben.

14

Diese Päpstin war so trotzig,


Daß sie sich nicht fürchtete,
Zu besitzen Petri Stuhl,
Dort die Wandlung zu vollziehen
Und das Sakrament zu spenden,
Was doch keiner Frau gewährt ist
Nach der Ordnung Jesu Christi.
Diese Würdigkeit des Papstes
Trug sie manches Jahr, bis Gott
Seiner Kirche sich erbarmte,
Daß die Würdigkeit des Amtes
Werde würdig auch besetzt,
Daß das Volk geweidet werde,
Nicht von einem Weib genarrt
Und geleitet in die Irre.
Darum wollte Gott der Herr
Dieses Amt nicht länger lassen
In den Händen eines Weibes.
Aber durch den Rat des Teufels,
Der ihr damals eingegeben,
Daß sie Päpstin werden wollte,
Durch den Rat des Teufels wurde
Sie gereizt zur Unzucht unkeusch,
Daß ihr alle Zauberkünste
Nicht mehr halfen, Papst zu bleiben,
Nicht vermochten auch, die Hitze
Ihrer Fleischeslust zu löschen,
Bis sie einen Buhlen fand,
Der die Brünstigkeit gedämpft,
Sie begattet auf dem Papstthron,
Daß die Päpstin schwanger wurde.
Jämmerliches Sündenelend!
Langmut und Geduld des Herrn!
Was geschah? Dies eitle Weib,
Die das Kirchenvolk bezaubert
Und getrübt die Menschenaugen,
Selbst mit allen Zauberkünsten
Konnt sie länger nicht verbergen,
Daß sie Weib und schwanger war.
Als sie Messe zelebrierte
Zwischen Kollosseum und
Clemens in dem engen Gässchen,
Da gebar der Papst ein Kind.
Gott der Allgewaltige
Warf sie in die Finsternis.
15

Das ist die Natur der Frau:


Plant ein Werk sie auszuführen,
Ist sie anfangs sehr vermessen,
Übermütig, nahzu tollkühn.
In der Mitte ihres Werkes
Offenbart sie ihre Torheit.
Und am Ende gar verrennt
Sich die Frau in Schändlichkeit.
Also ist es offenbar:
Anfangs ist die Frau vermessen,
Weiter macht sie hurenhaft
Und sie endet in der Schande.

16

Weil der Papst Johannes nun


Hinterließ den schlechten Ruf,
Musste jeder neue Papst
Im Apostelthron des Fischers,
Wenn er in den Thron sich setzte,
Auch beweisen, dass er Mann war.

17

Zu den Zeiten des Johannes


Hatte es im Orte Brixen
Weißes Blut geregnet. In
Frankreich ließen sich gar sehen
Sehr erschreckliche Heuschrecken,
Sechsgeflügelt, mit sechs Füßen
Und mit harten Zähnen, die
Hin und her am Himmel flogen
Und dann allesamt ersoffen
In dem Meere von Britannien.
Später spie das Meer sie aus,
Warf sie ans Gestad von England,
Wo sie böse stinken taten,
Daß die Luft vergiftet wurde,
Viele Menschen da verstarben.

18

Unter allen Päpsten war


Einer unrein. Ob die andern
Alle heiligmäßig waren,
Weiß ich nicht zu sagen, aber
Die Gerechten unter ihnen
Freuen sich an Gottes Freuden.
Einst zu Roma war ein Weib,
Ach, in einem schönen Körper,
Die sich ausgab als ein Mann.
Keiner hielt sie für ein Weib.
Diese ward zum Papst erwählt,
Da sie sie aussah als ein Mensch,
Welcher Gott gefällig wäre.
Aber sie war wandelbar,
Denn sie war ja eine Frau
Nach der Schöpfungsordnung Gottes,
Aber wollte männlich sein,
Darum wurde sie zum Papst.
Was sie alles da getrieben,
Als sie Papst gewesen ist,
Das vermag ich nicht zu sagen.
Eines aber weiß ich wohl:
Als man an ihr festgestellt
Die Natur der Weiblichkeit,
Da verjagte man das Weib
Aus dem Vatikan von Rom,
Denn das wollte keiner leiden
In der Mutter Kirche, was
Dieses Weib im Leib getan.

19

Als sie von der Kurie wurde


Ausgeschlossen, nahm Johannes
Eines Mönches Kutte, lebte
Weiter nun als Büßerin.
Ihre Leibesfrucht, der Sohn,
Bischof ward von Ostia.
Als sie in den letzten Tagen
Kommen sah den Bruder Tod,
Bat sie, dass man sie begrabe,
Wo sie auch entbunden hatte.
Doch das wollte nicht ihr Sohn.
Also ward ihr Leib gebracht
In den Dom von Ostia
Und dort ehrenhaft bestattet.
In der Folge ihrer Tugend
Wirkte Gott an ihrem Grabe
Und bis heute viele Wunder.

20

Doch die Wahrheit von der Frau


Jutta ist, dass sie als Papst
Ward vom Kapellan geschwängert.
Da von der Basilika
Petri sie zum Lateran
Zog in einer Prozession,
Nahe bei dem Kolosseum
Und der Kirche von Sankt Klemens,
Kam sie nieder und entband
Und verstarb an dieser Stelle
Und ward dorten auch begraben.

21

Und sie ward vom Engel Gottes


Vor die Wahl gestellt, ob sie
Wolle ewige Verdammnis
Oder ob vor aller Augen
Öffentlich geoffenbart
Werden sollte ihre Schande.
Doch sie wollte wirklich nicht
In die ewige Verdammnis
Und so wählte sie die Schande.
Nach dem Brauch des Papstes also
Zog sie mit den Kardinälen
Und dem ganzen Gottesvolk
Einen Prozessionsweg, wo
Sie geboren einen Fötus
In der Näh der Klemenskirche
Und dort niedersank und starb.
An der Stelle ihres Todes
Ward ein Denkmal aufgestellt,
Zeigend mit dem Sohn die Mutter.

22

JUTTA:
Ich will nun in Heimlichkeit
Gehn in eines Mannes Kleidern,
O mein Buhle, darum kann ich
Deine Hilfe nicht entbehren,
So erfülle meinen Wunsch.
Wählen werde ich als Namen
Den: Johannes Anglicus.
Also wollen wir uns beide
An die Schule von Paris
Wenden, wollen dorten lernen
Und mit Lehrern disputieren,
An den Künsten uns ergötzen,
Bis wir Ruhm und Ehre finden
Bei den Nahen und den Fernen.
23

DÄMON SPIEGELGLANZ:
Sanfte Jungfrau, hoch zu preisen,
Du bist schön und du bist rein!
Tu, um was ich dich gebeten,
Und ich will dich nicht verraten.
Niemals würde ich dir raten,
Was zu deinem Schaden wäre.

24

SATAN:
Sanfte Jungfrau, schön und lieblich,
Ich verkünde dir die Zukunft.
Werde klug und werde weise!
Ja, ich prophezeie dir:
Großen Ruhm wirst du noch finden!

25

KARDINÄLE:
Der Johannes Anglicus
Lebt in großer Sittenreinheit,
Ist erfüllt von jeder Tugend,
Wie man deutlich sehen kann.

26

DÄMON DER UNVERSÖHNLICHKEIT:


Soll ich fahren aus dem Menschen,
So vernehmt ihr alle heute,
Daß ich ausgetrieben werde
Nicht von diesem Papst Johannes,
Sondern von dem Namen Jesus,
Weil es Gott so haben will.
Dieser Papst Johannes nämlich
Ist ein Weib und trägt ein Kind,
Ist ein Weib und nicht ein Mann.
Darum soll die Päpstin jetzt
Vor dem ganzen Gottesvolke
Auch ertragen ihre Schande.

27

JESUS:
Weil sie sich vermessen hat
Und die weibliche Natur
Und die Fraulichkeit verleugnet
Und gegangen wie ein Mann
Und empfing das Amt des Papstes
Und ist schwanger nun geworden
Mit der Evastöchter Bürde,
Darum muß sie heute sterben.

28

JESUS:
O Maria; o Maria,
O geliebte süße Mutter!
Klagen muß ich dir, o Mutter,
Daß das Weib, das Papst geworden,
Nicht lässt ab von ihrer Bosheit,
Die sie gegen mich begangen.
Und sie will sich nicht bekehren!
Ach dass muß ich klagen, Mutter,
Darum muß ich mich nun wenden
Von der Allbarmherzigkeit
Zur Gerechtigkeit und richten:
Jämmerlich muß sie verscheiden,
Sterben ohne meine Gnade!

29

MARIA:
Nein, mein vielgeliebter Sohn,
Kind, ich bitte dich von Herzen,
Stehe ab von deinem Zorn!
Du hast mich ja auserwählt,
Daß ich deine Mutter bin,
Also lass die arme Seele
Bitte nicht verloren gehen!
Mach ihr einen Weg bekannt,
Daß sie finde deine Gnade.
Spende deine Gnade ihr,
Daß sie nicht zur Hölle muss!

30

JESUS:
Frau, weil du mich für sie bittest
In der Gottesmutterschaft,
Sag ich ihr in dieser Stunde,
Daß sie dich genießen soll!
Fließen lass ich meine Gnade
Heute zu der armen Seele!
31

JESUS
Will sie nun in dieser Welt
Jämmerliche Schmach erleiden
Zur Versühnung aller Sünden,
Will ich ihre Seele retten.
Will sie ihre Schmach nicht dulden,
Wird sie ewig in der Hölle
In dem Höllenfeuer brennen!

32

KARDINÄLE
Was hat das nun zu bedeuten,
Daß es in der Hauptstadt Rom
Hat drei Tage Blut geregnet?
Alle Früchte sind verdorben!
Oh, wir Kardinäle fürchten,
Daß das ist der Zorn des Lammes!
Auch gekommen in die Länder
Ist die große Teuerung!
Auch die Erde bebt sehr heftig,
Wie man in der Welt vernimmt.
Schuld daran, wie wir vermuten,
Ist die Sünde, die begangen
Ward vom Weibe gegen Gott,
Die da unser Papst gewesen.

33

KARDINÄLE
Wir befehlen, einen Papststuhl
Herzustellen, da der neue
Papst betastet werden kann,
Wie es um ihn steht im Sexus,
Ob er Hahn sei oder Henne.

34

LUZIFER:
Schaut nur hin in jenen Garten,
Wie dort geht die schönste Jungfrau!
Jutta ist der Jungfrau Name.
Sie will fort aus England ziehen
Mit dem Schreiber, ihrem Buhlen,
Wählt sich einen neuen Namen,
Daß sie nicht ein Mensch erkenne,
Gehn will sie in Männerkleidern,
Nach des Mannes Art und Weise,
Und als neuen Namen wählt sie
Den: Johannes Anglicus.
Ihr dämonischen Genossen,
Ratet nun dem schönen Weibe,
Daß sie ihren Plan vollbringe,
Möge bald es uns Dämonen
Doch gelingen, dieses Weib
In die Hölle zu verführen
Zu dem Unglück ihrer Seele!

35

STUDENT:
Ja, Geliebte, schönes Weib,
Was du willst, das soll geschehen,
Gerne will ich mit dir reisen
In die Schule von Paris!

36

JUTTA:
Mein Genosse, recht gesprochen!
Ich will nun dein Page werden!
Meine Kleider leg ich ab,
Ohne mich darum zu schämen,
Ziehe Männerkleider an
Und will dann von hinnen scheiden.

37

JUTTA:
Mein Genosse, mein Geliebter!
Sei bereit mit Schnelligkeit!
Laß uns unser Heil besorgen
Und zur Mutter Roma pilgern
Zu des Papstes Audienz
Und zu allen Papst-Genossen.

38

DÄMON DER UNVERSÖHNLICHKEIT:


Soll ich ausgetrieben werden,
Höret alle dies im Raum,
Werde ich nicht ausgetrieben
Durch den femininen Mann,
Sondern durch den Namen Jesus!
Du, die Päpstin wird genannt,
Muß ich heute vor dir weichen,
Wirst du kommen einst zurück
In die Herrschaft der Dämonen,
Zahl ich Lohn dir hundertfach!

39

JUTTA:
Jesus Christus, Herr und Gott,
Denke heut und allezeit,
Wie wir alle Sünder sind,
Aber dass doch dein Erbarmen
Manchen schlechten Mann bekehrte!
Adam pflückte einst die Feige
Der verbotenen Erkenntnis,
Du vergabst ihm, lieber Gott.
Zwar Sankt Peter war dein Freund,
Hat doch dreimal dich verleugnet.
Thomas war ein großer Zweifler,
Dem vergabst du, lieber Gott.
Paulus jagte einst die Christen
Und doch fand er Gottes Gnade.
Magdalena war Hetäre,
Die ergötzt sich nun an dir!

40

LUZIFER:
Hörst du, mein Genosse Satan,
Alles, was je Gott beleidigt?
Heute geht aus ihrem Haus
Jenes Weibsstück Magdalene.
O, ein wunderschönes Weib!
Fleißig dient sie den Dämonen
In der Eitelkeit der Welt.
Laß uns bei ihr bleiben, Satan,
Laß uns sie im Netze fangen,
In der Unzucht goldnem Netze!
Holen wir sie in die Hölle!

41

MAGDALENA:
Nun vernehmt, ihr stolzen Laien,
Wie in dieser Frühlingszeit
Meinen Köper ich lobpreise,
Denn ich bin ein schönes Weib!
Darum will ich tanzen, tanzen,
Lustvoll biegen meinen Leib,
Lüstern Liebeslieder singen!

42

DIABOLOS:
Ja und ja und ja, mein Mädchen,
O mein süßes Fräuleinwunder,
Ja, dein Leib gehört dir selber,
Deinen Körper voller Liebreiz
Sollst du ewiglich vergötzen!

43

DÄMON SPIEGELGLANZ:
Jutta, du, und du, Student,
Dieses rat ich euch als Dämon:
Morgens früh und abends spät
Seid auf euer Spiel bedacht
Und erfüllt euch eure Wünsche
Und so werdet ihr mit Glück
Noch zu großem Ruhme kommen.

44

SATAN:
Lernet Klugheit, lernet Weisheit!
Ja, ich sage euch noch mehr:
Ihr gelangt zu großem Nachruhm!
Seligpreisen werden euch
Frauen kommender Geschlechter!

45

JUTTA:
Ich will meinen Plan vollenden,
Nehm ich nur ein gutes Ende!
Ehre suche ich und Ruhm
Und ich will nicht Schmach und Schande.
Wenn ich dann ins Alter komme,
Daß dann keiner mich verachtet
Und von meiner Schmach erzählt
Und mich keiner nennt gefährlich.

46
MARIA:
O min leev, min leeve kind,
Kind, ik bidde di, min leev,
Dat du wullest geeven mi:
Dor gekommen is een arme
Seel, de dor begehrt und sökt
Din erbarmen, o min leev!

47

MARIA:
O min leev, wat swiegest du?
Antwort diner moder doch!
O min leev, min leeve sünn,
Geev mi de gewalt un macht,
Dat ik kunn de arme seel
In eer dod to gnade bringen!

48

JESUS
O Marie, min leeve moder,
Warum biddest du so sehr
Vor dat aas, dat stinken tut?
Düsse arme seel hett ja
Dine sötigkeit verlaaten!
Dat is mine klage, moder,
Ach dat deit mi ganz versehren,
Dat is wie een dod am krüz!
Hett de arme seel din milde
Eenmal nur gesmackt, din söten,
Güvv ik disse seel min gnade!

49

JESUS:
Leeve moder min, Marie,
Lat din weinen sin, min leev,
Ik geev di de arme seel!

MARIA ÄGYPTIACA
Ja, in Gottes Namen sing ich,
Hört, ihr Frauen schön und Männer,
Was ich fand geschrieben im
Mittelhochdeutsch frommer Zeiten,
Das ich euch verdolmetscht habe
Hier in diesem kleinen Lied.

Nun ist dies Gedicht vielleicht


Ungeschickt und reimt sich nicht.
Achtet doch auf seinen Sinn,
Achtet nicht der armen Verskunst.
Wollt ihr so dies Liedlein lesen,
Sag ich euch, was ich gefunden
In der Universität.

Da war einst ein stilles Kloster,


Das an einem Flusse stand,
Welcher aus dem Jordan strömte.
In dem Kloster lebten Leute
Freien Willens in der Armut.
Alles hatten sie gemeinsam,
Waren stets im Gottesdienst,
Keiner je vergaß die Messe.
War der eine frohen Sinnes
Und den andern drückte Schwermut,
Jeder sei, wie Gott ihn schuf,
Aber beide Tag und Nacht
Dienten Gott in freier Liebe.
Keiner dieser Mönche tat
Schlimmes, was das Jesuskind
Kränken könnte und verletzen,
Lebten die Moral der Kirche,
Die getreuen Gottessklaven.
Da beschlossen diese Mönche,
Daß sie allzeit beten wollten,
Beten, beten, beten, fasten,
Wachen lange Nächte lang
Und nur wenig müßig ruhen.
Ihre Speise war nichts andres
Als ein wenig Trank und Brot,
Oftmals litten sie auch Hunger.
Auf der Erde zu entsagen
Übermäßigem Genießen
Hatten sie beschlossen, um
Sich den Himmel zu verdienen
Und im Himmel Gottes Schönheit
Anzuschauen, zu genießen!
Gott gibt nämlich Minnelohn
Allen, die mit treuem Fleiße
In dem Sühneopfer leben
Und bereuen ihre Sünden,
Sind doch alle Menschen Sünder.
Dieser Orden war sehr streng,
Einmal nur im Jahre ward
Ihre Klostertür geöffnet,
Kurz, bevor beginnt das Fasten.
Jeder war bereit, den Corpus
Christi mündlich zu empfangen.
Vor dem Kloster war ein Wald,
Da sie wandelnd sich ergingen.
Doch dann war es ihnen auch
Nicht zu schwer, vom Wald zu scheiden.
Auch gelobten sie das Schweigen,
Miteinander nicht zu plaudern
Eines müßigen Geschwätzes.
Einer da, der andre dort
Lebten sie wie Eremiten,
Lebten schweigend in der Stille.
Hunger hatten sie und Durst,
Hatten nichts als schnöde Speise,
Wurzelknollen aßen sie,
Wie man sie im Walde fand.
Also lebten sie das Fasten
Bis Palmsonntag, an Palmsonntag
Kehrten wieder sie ins Kloster.
Gott schaut wahrlich in die Herzen
Und er hatte dieses Leben
Den Erwählten anvertraut
Zu der Buße ihrer Sünden.
Ach, ein seliges Verscheiden
In des Herrn Barmherzigkeit
Wurde jedermann zuteil!
Amen sprech auch ich dazu.

Möchtet ihr nun weiterlesen,


Hört, was ich im Buch gefunden.
Eines Tages wollten Brüder
Wieder in den grünen Wald.
Einer von den Brüdern war
Nun der fromme Mönch Sossima.
Dieser wollte in dem Walde
Suchen, ob er etwa finde
Eine schöne Christenseele,
Eine Seele liebend, weise,
Eine Seele wahrhaft schön.
Seine ganze Hoffnung war,
Einen Christenfreund zu finden,
Einen Bruder in dem Herrn
Christo, der auch Buße täte
Und allein im Walde wohne.
Ach was soll die lange Rede,
Was denn nutzen all die Worte?
Leider ging er in dem Walde
Ganz allein, fand keine Seele,
Keinen Fuchs und keinen Bruder
Zwanzig lange Tage lang.
Schließlich war er sehr erschöpft,
Diese harte Pilgerschaft
War geworden zu beschwerlich.
Auch die Lunge rasselte
Und er fühlte sich sehr alt.

Lange war Sossima also


Durch den dunklen Wald gewandert,
Da begann er sein Gebet.
Hört, was da der liebe Gott
Für ein großes Wunder tat!
Als Sossima also lag
Bis zum Mittag auf dem Moos,
Sah er plötzlich neben sich
Einen Schatten. Dieser Schatte
War der Schatte eines Menschen.
Da erhob er sich und blickte,
Fleißig heftend seine Augen,
Ob er schaue einen Menschen.
Doch im Herzen schreckte ihn
Furcht, ob etwa ihn betrüge
Ein Dämonenzauberspiel.
Er bekreuzte seine Brust,
Da entwich die Angst von ihm.
Er erhob sich, trat hinzu,
Prüfte die Erscheinung, sah
Wirklich einen Menschen, aber,
Wehe, welche Hässlichkeit...!
Von der Sonnenhitze braun,
Dunkelbraun wie Mahagoni!
Und Sossima trat heran,
Schon entfloh das scheue Wesen.

Doch der Mönch ermannte sich,


Nicht zu alt und nicht zu schwach,
Jenem Wesen nachzulaufen,
Doch das scheue Wesen floh,
Doch Sossima eilte eifrig,
Und Sossima weinte, rief:
In dem Namen unsres Jesus,
Sage mir, wer bist du, Mensch?
Die Erscheinung aber schwieg,
Eilte wieder in den Wald,
Kam zu einem Talesgrund,
Wo dereinst ein Wasser war,
Welches aber nun vertrocknet,
Dahin hastete das Wesen
Und Sossima hinterher.

Und nun sagte die Erscheinung:


Was begehrst du denn von mir,
Ach, mir armen Sünderin?
Wozu läufst du mir denn nach,
Hastest so mir hinterher?
Auf der schweren Pilgerschaft
Hast du dich ja nicht geschont,
Über deine Kraft hinaus
Liefest du mir hinterher,
Solche Arbeit macht ich dir,
Darum sollst du mir verzeihen,
Mir vergeben, dich versöhnen.
Ach, ich darf es ja nicht wagen,
Mich dem frommen Mönch zu zeigen,
Weil ich gänzlich nackend bin
Und ich habe keine Kleider!
Ich ein Weib und du ein Mann!
Doch das ziemt dem Keuschen nicht,
Nackte Weiber anzuschauen,
Nein, das ziemt dir Altem nicht,
Mich, die Nackte, anzugucken.
Wäre hier ein bisschen Laub,
Blätter von dem Feigenbaum,
Ja, so wollt ich mich bekleiden
Und dann kommen, dir zu sagen,
Warum ich im Walde wohne,
Und ich lasse dich erkennen,
Wie mein Leben ich geführt hab
In den Sünden großer Unzucht.

Und Sossima nahm ein Stück


Seines Rockes, gab es ihr.
Jenes Weibchen nahm das Stück
Stoff und hob es dankbar auf
Und sie legte an den Stoff.
Daraufhin sprach sie ihn an:
Und was willst du jetzt von mir?
Was begehrst du jetzt von mir?

Und Sossima sprach zur Frau:


Gnade, Gnade, schöne Frau,
Gib mir bitte deinen Segen!
Und er neigte sich zur Erde.
Da sprach sie: O nein, Sossima,
Wie soll ich den Priester segnen?
Geb der Priester mir den Segen!
Das begehre ich von dir.
Doch der Priester sprach zur Frau:
Nein, geliebte Herrin, nein,
Das wär eine große Torheit,
Wenn ich dir den Segen gäbe,
Du hast ja so tief gelebt
In dem innern Leben Gottes,
Darum gib mir du den Segen!
Da der Priester nicht entbehren
Wollte dieses Weibes Segen,
Wollt sie ihm den Segen spenden
So als hätte sie die Vollmacht.
Sie erhob die Hände, sprach:
Gott, der an dem Kreuz gelitten
Unsertwillen schlimmste Marter,
Daß er alle Welt erlöse
Und die Christenheit gebäre,
Gott soll seinen Trost uns geben
Und das Gnadenleben Gottes,
Daß wir leben in der Gnade
Und nicht in die Hölle kommen.
Herr, du bist gebenedeit!
Schenk uns Paradieseswonnen!
Amen, sprach er, Ja und Amen.

Da sie also ihn gesegnet,


Sprach sie: Guter Mann Sossima,
Sage mir, wie geht’s der Kirche,
Sag, wie geht’s dem Papst in Rom
Und was macht des Kaisers Sache?
Sprach der Priester zu der Frau:
In der Kirche ist ein Frühling
Und ein Heiliger der Papst
Und der Kaiser treu der Kirche.
Alle diese Gnaden haben
Wir durch deine Wirksamkeit,
Deine Buße, dein Gebet
Und dein Sühneopferleiden.
Ich bin sicher, dein Gebet
Ist so eins mit Gottes Willen,
Daß der Herr dir alles schenkt,
Was du von dem Herrn begehrst.
Darum bitt ich dich, o Frau,
Auch um dein Gebet für alle
Priester, Ordensleute, Laien,
Für die ganze Christenheit.
Und ich bitte dich, o Frau,
Daß auch meine Arbeit möge
Tilgen meine vielen Sünden.
Zu dem Priester sprach die Frau:
Ich soll beten für die Priester?
Heiligmäßig bist du, Priester,
Bete du für meine Seele,
Für mich arme Sünderin,
Aber weil du mich gebeten,
Daß ich für die Priester bete,
Will ich dir getreu gehorchen.

Da begann die Frau zu beten,


Da erkannte er an ihr,
Wie im inneren Gebete
Sie verinnerlicht in Gott war.
Was geschah da für ein Zeichen?
Sie drei Meter ward erhoben
In die Lüfte und verzückt
Schwebte sie, sich nirgend haltend,
Bis sie wieder kam zur Erde.
Herr, mein Gott, was soll das werden,
Dachte da der Mann Sossima.
Nein, das wusste nicht der Priester,
Was das alles zu bedeuten.
Doch er dachte nach und dachte,
Daß da sei ein Geist am Werke.

Da er also zweifelte,
Trat sie nah zu ihm heran,
Zu dem Priester sprach die Frau:
Denke nicht, ein böser Geist
Mich verzückte in die Lüfte,
Laß nur ab von deinen Zweifeln.
Ich bin Mensch von Fleisch und Blut,
So wie du von Fleisch und Blut,
Doch empfing ich Christi Taufe
Und die Salbung durch den Geist,
Daß ich in der Gnade lebe.
Laß nur ab von deinen Zweifeln,
Denn wer Gott den Höchsten liebt,
Der wird nicht getäuscht vom Bösen.

O wie froh war da der Alte!


Ihr zu Füßen fiel er nieder,
Küsste ihre bloßen Füße
Mit den Küssen seines Mundes:
Heilig bist du, liebe Frau,
Darin bin ich jetzt gewiss.
Ja, ich bin dir wohlgesonnen.
Gott hat mich zu dir gebracht!
Herrin, bei der Karitas,
Da es Jesus so gefügt,
Daß ich hierher kam zu dir,
Bitt ich dich, erzähle nun,
Woher du gekommen bist,
Wie du kamst in diesen Wald.
Ich hab ja noch nie gehört,
Daß ein Mensch hierher gekommen.
Darum ich begehre sehr,
Daß du mir Erkenntnis schenkst,
Wie du und wodurch gekommen
Du bist in die Einsamkeit
Dieser abgeschiednen Wildnis.
Dann auch schenke mir Erkenntnis,
Ob du lange hier schon lebst,
Kannst du griechisch und Latein,
Kannst du lesen in der Schrift?
Alles das sollst du mir sagen,
Frau, ich bitte dich so sehr!

Als verklungen seine Worte,


Sprach sie: Höre nun, Sossima,
Ich erzähle dir mein Leben
Und beklage meine Sünden.
Ich fang an von Anbeginn
Und will dich erkennen lassen,
Wie ich einst geboren ward.
Hoher Stellung war mein Vater,
Meine Mutter angesehen.
Diese wohnten in Ägypten,
Da ich auch geboren ward.
Aber bald begann mein Geist
Eigenwillig und verloren,
Ungewissenhaft zu sein.
Denn ich ward so frechen Sinnes,
Als ich kaum zwölf Jahre alt,
Daß ich fortlief von dem Vater,
Denn zu lieb war mir die Freiheit.
Ja, so lieb war mir die Freiheit,
Daß ich auch nicht eine Stunde
Still zu Hause sitzen konnte.
Also lief ich aus der Heimat,
Kam nach Alexandria,
In die Hauptstadt von Ägypten,
Die am Mittelmeere liegt,
Da viel Handelsschiffe fahren.
Dorten wollt ich bleiben und
So begann mein Sündenleben.
Ach, mein Mönch, wie schäm ich mich,
Meine Sünden zu bekennen,
Was ich Arme alles tat,
Ich verlor die reine Keuschheit,
War entblößt von allen Ehren,
Wehe mir, Sossima, wehe,
Wie ich fiel in große Sünde,
Wie ich ungeordnet liebte
Ungeordneter Begierde
Und ergab mich animalisch
Meines Triebes Leidenschaft,
Davon alles zu erzählen,
Würde währen all zu lange.
Was soll ich dir weiter sagen?
Dies vor allem tut mir weh,
Daß ich durch die Üppigkeit
Meiner Wollust mit den Männern
Die Jungfräulichkeit verloren
Und die keusche Mädchenreinheit,
Jämmerlich verlor die Unschuld.
Ich hab ja noch mehr verloren,
Ich verlor das Heil der Seele
Und den Ehrenplatz im Chor
Reiner Jungfraun. Ich bekenne,
Daß bedrohliche Gefahren
Griffen an mein Seelenheil.
Alles kann ich dir nicht sagen,
Doch das Wichtigste, das weißt du.

Da begann der alte Mönch


Bitterlich zu weinen, sprach:
Herrin, sprich nicht so zu mir,
Nie bisher in meinem Leben
Konnt ich von der Unzucht hören
Und der Hurerei der Weiber,
Ohne dass es mich betrübte,
Es befleckte meine Ohren
Und bekümmerte mein Herz.

Was soll ich dir weiter sagen,


O Sossima? In der Welt
War nicht eine Sünderin
Solche große Sünderin,
Daß sie unkeusch war wie ich!
Sechzehn Jahre zählt ich kaum,
Da ich nicht gebetet mehr,
Da ich nicht gebeichtet mehr,
Nicht gefastet, nicht gepilgert,
Was ja gute Dinge sind,
Die man Gott zuliebe tut.
Sechzehn Jahre zählt ich kaum,
Da ich mich zu Männern wandte,
Da ich mit den Männern lebte
In der freien Liebe Unzucht,
Außerehelich verkehrte
Hurerisch mit vielen Männern.
Alle nannten mich ein Luder,
Eine geile Buhlerin.
Meinesgleichen fand man keine,
Die so willig sich verschenkte
Jedem Mann, der sie begehrte.
Ich war Lustobjekt in diesem
Sexuellen Kommunismus
Und Gemeinschaftseigentum
Aller, die mich nehmen wollten,
Eine allgemeine Hure,
Die Hetäre der Kommune,
Sexidol der schlimmsten Sünder,
Ich war über alle Maßen
Geil, die allergeilste Fotze!
Sprach der alte Mönch Sossima:
Wohl mir, dass ich dich getroffen!
Deine Worte mich ergötzen,
Nie bisher vernahm ich Worte
Süß und köstlich wie die deinen.
Wie es weiter dir ergangen,
Laß es bitte mich erkennen.
Wie behagen meinem Herzen
Deine zuckersüßen Worte,
Rede weiter, schöne Frau!

Sprach die schöne Frau: Sossima,


Höre weiter, was geschah.
Einmal sah ich viele Leute
Sich versammeln in dem Hafen,
Diese wollten auf das Meer.
Also stand ich auch am Hafen,
Fragte: Wohin wollt ihr reisen?
Einen Mann befragte ich:
Sag mir, wohin willst du reisen?
Warum sammeln sich die Menschen?
Da sprach dieser Mann zu mir:
Frau, wir wollen übers Meer
Reisen ins Gelobte Land
Und zur Stadt Jerosalima.
Da sprach ich zu diesem Mann:
Was tut ihr in jenem Land?
Sage mir davon, Genosse.
Der Genosse sprach zu mir:
Dort gefeiert wird ein Fest,
In der ganzen Christenheit
Wird gefeiert diese Hochzeit
Jedes Jahr am gleichen Tag.
Der Genosse sprach zu mir:
Diese Feier ist die Feier,
Die man Kreuzerhöhung nennt,
Darum unsre Pilgerfahrt,
Sünder, die zum Heiland pilgern.
Als ich dieses Wort vernahm,
Reizte mich das Wort zum Spott,
Dennoch dachte ich im Innern:
Reise mit dem guten Mann,
Seine Seele ist erleuchtet.
Sprach ich also zum Genossen:
Freund, gib du mir einen Rat!
Willst du mich nicht mit dir nehmen
Auf die große Pilgerreise?
Also sagte der Genosse:
Gib mir hundert Drachmen nur,
Denn dann nehm ich dich mit mir.
Also eilte ich zum Schiffe
Wüst wie eine Idiotin,
Wie berauscht von Drogen gar.
Die mich sahen, mussten lachen,
So verloren sah ich aus.
Hohe Herren, ich will mit!
Sagt ich zu den hohen Herren,
Doch sie lachten über mich.
Hohe Herren, leider habe
Ich kein Geld zur Pilgerreise,
Aber nehmt mich bitte mit,
Ich schenk euch als Reiselohn
Meinen Leib und meine Lust!
Das vernahmen alle gern
Und so nahmen sie mich mit.
Ja, mein Herz voll Eitelkeit,
Meine Seele voll Begehren
Und mein Geist in falscher Freiheit
Lockten alle in die Sünde,
Wie ich heute dir bekenne.

O Sossima, was wohl meinst du,


Wer kann davon sagen wohl,
Was ich Böses alles tat!
Wie kann einer leben bleiben,
Das verwunderte mich stets.
Ach ich sollte doch vor Scham
In der Erde Grund versinken.
Ich vermochte vieles über
Jene, die da bei mir waren,
Ob es ihnen lieb gewesen,
Ob es ihnen leid getan,
Alle ließen vom Gebet
Und ergaben sich der Unzucht,
Mancher dachte wenig nur
An der Unzucht Leidenschaft,
Den auch brachte ich zu Fall
Und verlockte ihn zur Sünde.
Ja, ich liebte ohne Maßen
Mit den Lüsten meines Leibes,
Bis wir schließlich übers Meer
Kamen nach Jerosalima.

Als wir nun der Stadt genaht,


Alle Männer pilgerten
Zu der großen Kirche Gottes.
Lange hatten sie begehrt
Nach dem schönen Heiligtum.
Immer, wenn sie müde waren,
Träumten sie von Gottes Kirche.
Ich dagegen nur versuchte,
Manchen edlen Mann zu fangen,
Wie ich ihn verlocken könnte
In der Unzucht wüsten Orden,
In das Heiligtum der Hure,
In den Götzenhain der Wollust.
Und wer ist mir nachgelaufen?
Nach der Kirche fragt ich nicht,
Nach der Kirche des Erlösers.

Und was nun? Es kam dazu,


Daß man feierte das Fest,
Feierte des Lammes Hochzeit
Mit der Braut Jerosalima.
So erhöhte man das Kreuz.
Also ging ich in die Kirche,
Ich ging auch zur Kirche Gottes.
Doch da musst ich stille stehn,
Ich weiß nicht, wie mir geschah,
Meine Glieder zuckten, bebten,
Zuckten vor der Kirchentüre.
Warum bin ich hergekommen,
Was denn hab ich hier gesucht,
Dachte ich in meinem Herzen.
Wieder wollt ich durch die Tür,
Wieder zuckten meine Glieder.
Warum doch geschieht mir das,
Fragte ich mich in dem Innern.
Warum doch besuche ich
Diesen Tempel des Erlösers?
Nein, ich konnte nicht hinein,
Etwas hielt mich da zurück.

Da durchzog mein Herz im Herzen


Eine Reue, eine Buße.
Ach, ich arme Sünderin,
Heidin, Götzendienerin,
Wer kann mir noch helfen jetzt,
Wer kann diese Heidin führen
Zu dem großen Gott der Liebe?
Niemand kann mir helfen als
Nur die Königin der Liebe,
Sankt Maria Gratia Plena,
Gottes Mädchen, Gottes Mutter!
Da sah ich Marias Bild,
Nieder fiel ich vor Maria,
Bat die Königin der Liebe,
Daß sie bitte für die Heidin,
Ach, für die getaufte Heidin
Bitte bei dem lieben Jesus!

Da betrat auch ich die Kirche


Und ich kam zu einem Priester,
Dem bekannt ich alle Sünden,
Legte ab die Lebensbeichte.
Da gab mir der Herr den Rat,
Wenn ich aus der Kirche komme,
Daß ich an den Jordan trete.
An dem Jordanufer fand ich
Eine heilige Kapelle,
Da ein Priester mir gespendet
Christi Fleisch in meinen Mund.
Welchen Trost hab ich gefunden,
Wie ward mir erquickt das Innre!
Wie war tot mein Geist gewesen
Und verurteilt zur Verdammnis,
Aber nun erlöst mein Geist
Durch den Corpus Christi lebte,
So hat mich mein Gott geliebt!

Vor Marias Bildnis kniet ich


Und bat Unsre Liebe Frauen:
Gratia Plena, sei mir gnädig!
Leib und Seele weih ich dir!
Fraue, Königin der Liebe,
Mich, die wilde Sünderin,
Mich, das arme Weib der Weltlust,
Mich vertrau ich ganz dir an!
Ob ich Wonnen finden werde
Oder ob ich Weh erleide,
Will ich dir geloben Treue,
Bei dem Gürtel deiner Charis,
Daß des Dämons Katzenkrallen
Mich nicht mehr zerreißen mögen!
Dazu brauch ich deine Gnade,
Gratia Plena voller Anmut,
Gratia Plena voller Liebreiz!
Hilf du mir mit deiner Gnade,
Daß ich Sühne leisten kann
Und dazu noch sühnen darf
Alle Sünden aller Dirnen!

So kam ich in diesen Wald,


Fünfundvierzig Jahre schon
Lebe ich in diesem Wald
Und mein Leben ist die Sühne.
Fünfundvierzig Jahre sah
Ich nicht Eine Christenseele!
Aber dann geschah mir doch
Unerwartet dieses Glück,
Daß ich dich gefunden habe.

Sprach der gute Mann Sossima:


Sag mir, meine liebe Frau,
Hast du denn nicht sehr gelitten
Im beständigen Gedenken
An die Sünden deiner Jugend?
Da sprach sie: Die Jugendzeit
Wirklich war von schlechten Sitten.
Ach, das muß mich doch betrüben!
Wenn ich daran immer denke,
Wie ich nur genießen wollte,
Essen, Trinken, Schlafen, Lieben!
Unkeusch alle Lust genießen,
Unkeusch meines Leibes Lüste!
Wie der Teufel mit mir spielte,
Daß ich auch nach der Bekehrung
Siebzehn Jahre noch gelitten
An dem Mangel jeder Keuschheit!
Ja, da muß ich doch erschrecken!
Alle meine Glieder beben!
Aber Gott hat mir geholfen
Und zumeist die Gottesmutter,
Daß zuletzt von dieser Not
Ich befreit ward durch die Gnade
Des barmherzigen Erbarmers.
Und so tröstet mich mein Jesus
In den Schmerzen meiner Reue
Und den Tränen meiner Buße
Und den Qualen meiner Sühne,
Jesus, der die ganze Schöpfung
Birgt im herzlichen Erbarmen
Wie im Mutterschoß ein Kindlein!
O Sossima, dies mein Leben.
Bitte du für meine Seele,
Daß sich Gott noch heut erbarme
Über alle meine Sünden,
Die ich Tag für Tag begehe!

Und Sossima hob die Hände,


Sprach: Gebenedeiter Jesus,
Lobpreis deiner Gnade und
Herzlichen Barmherzigkeit,
Alle Himmel sind erfüllt
Von der Herrlichkeit des Herrn,
Auf der Erde auch erscheint
Oft die Herrlichkeit des Herrn.
Jesus, sei gebenedeit,
Du und deine Jungfrau-Mutter,
Jeden Tag auf dieser Erde
Und in Ewigkeit im Himmel.

Sprach die liebe Frau: Sossima,


Geh nun, denn die Zeit ist nahe,
Doch vergiss mich nicht, Sosima!
Und in einem Jahr, zur Zeit,
Wenn der Aschenmittwoch kommt,
Bringe mir den Corpus Christi,
Denn seit über vierzig Jahren
Hab ich nicht geschmeckt den Herrn.

Sie ging wieder in den Wald


Und Sossima in die Zelle,
Doch er dachte allezeit
An die Herrin im Gebet.

Als ein Jahr vorbeigegangen


Und der Aschenmittwoch kam,
Nahm Sossima Christi Leib
Und er ging zum Jordantal,
Ob er wiedersäh die Frau.
Lange ging er durch den Wald,
Ohne dass er sah die Frau.
Eine Stunde später stand
Er am Jordan, da erblickte
Er die Herrin auf dem Wasser,
Auf dem Wasser ging die Herrin!
Ja, Sossima staunte sehr.
Als die Herrin zu ihm trat,
Kniete er vor seiner Herrin.

Aber sie sprach zu dem Priester:


Knie du nicht vor mir, o Mann
Gottes, denn du bist ein Priester,
Und in deinen Segenshänden
Liegt der Corpus Christi in
Der geweihten Hostia.
Also stand Sossima auf
Und die Herrin kniete nieder
Vor dem Leibe ihres Herrn.

Und die Herrin sprach zum Mann


Gottes: Gib mir deinen Segen,
Gottesmann, und laß mich auch
Meines Retters Leib empfangen
Und mit diesem Munde hier
Schmecken meines Gottes Fleisch!

Und der Priester steckte ihr


Christi Leib in ihren Mund
Und sie betete zum Herrn:
Jesus, o mein Gott, nun lässt du
Deine Magd in Frieden scheiden!

Dann sprach sie: Sossima, bitte


Komm in einem Jahre wieder,
Wenn der Aschenmittwoch kommt,
Und begrabe meinen Leib!
Geh zurück in deine Zelle,
Bete du für deine Freundin,
Komm in einem Jahre wieder.
Und Sossima zeichnete
Ihr das Kreuz auf ihre Stirne
Mit geweihtem Wasser Gottes,
Ging zurück in seine Zelle,
Betete für seine Freundin.

Und nach einem Jahre kam


Wiederum der Aschenmittwoch
Und Sossima ging zum Walde,
Doch er fand die Herrin nimmer!
Gott im Himmel, o wo ist sie?
Doch da sah er ihren Leib
Liegen tot in einem Busch.
Wehe, wehe, wehe mir!
Rief Sossima vor dem Leichnam.

Da ertönte eine Stimme:


Gott vom Himmel dir gebietet,
Deine Freundin zu begraben!

Doch wie soll ich sie begraben?


Schau, da kam ein starker Löwe,
Gleich dem Löwen einst von Juda,
Dieser Löwe war sehr herrlich,
Der begrub der Freundin Leib
An dem Tage Aschenmittwoch.

Und Sossima legte weinend


Auf das Grab der lieben Freundin
Ein Marienbild von Holz.

Was des weiteren für Wunder


Und Erscheinungen der Freundin
In Gestalt als weißer Schatte
Ist geschehen an dem Grabe
Und Erhörung von Gebeten,
Kann ich jetzt nicht alles sagen.

Möge uns der Gott der Liebe


Ewiglich genießen lassen
Liebe in dem Paradiese
In Gemeinschaft mit der Freundin
Bei Maria Gratia Plena.
Dazu helf uns Gott der Vater,
Gott der Sohn und Gott der Geist.
Ende der Geschichte, Amen.
MEISTER MILAN UND SEINE UNTERWEISUNGEN IN
DER KUNST DER MEDITATION
ERSTER TEIL
MEISTER MILAN UND SEINE NOVIZEN

Nach Weisung seines eigenen Meisters, siedelte Meister Milan in einen Wald über und wohnte dort
in einer Tigerhöhle. Die Ortsgöttin war dem Meister Milan gnädig gesonnen und ließ sich oft in der
schönsten Erscheinung vor ihm sehen. Sie erteilte ihm viele Gnaden, so dass er in der Meditation
gute Fortschritte machte. Damals kamen fünf Novizen zu dem Einsiedler, um von ihm in die
Weisheit eingeweiht zu werden. Die Novizen sprachen: Die Einsamkeit dieses Ortes und alle
Schrecken dieses Ortes sind sicher sehr behilflich, um in der Meditation voranzukommen? Da sang
Meister Milan folgendes Lied, in dem er seine Einsiedelei beschreibt und davon spricht, was der
Meditation förderlich ist:

Ich verneige mich vor meinem


Meister, neige mich zur Erde,
Meine eigenen Verdienste
Machten, dass ich ihm begegnet.
Diesen Ort hat mir gewiesen
Zur Beschaulichkeit mein Meister.
Hier sind Felder, hier sind Hügel
In dem wunderschönen Lande.
Grünes Gras wächst auf den Hängen,
In dem Grase blühen Blumen,
In dem Wald ist eine Lichtung,
Wo die schlanken Bäume tanzen.
Affen treiben ihre Spiele,
Viele Vögel singen Lieder,
Bienen schweben hin im Fluge.
Täglich scheint ein Regenbogen
Und im Sommer und im Winter
Regen macht die Erde fruchtbar.
Dieses ist der Ort, da Milan
Freudig ist im klaren Lichte
Der Erkenntnis reiner Leere,
Freudig über alle Maßen,
Daß ihm oft erscheint die Klugheit,
Freudig, da so mannigfaltig
Die Erkenntnis ihm gekommen,
Freudig auch in der Verwirrung,
In der Vielfalt ihres Ausdrucks,
Freudig über seinen Körper
Und sein gnadenreiches Karma,
Freudig mitten in den Schrecken
Der Erscheinungen des Dunkels,
Freudig in der Geistesfreiheit,
Frei von törichter Zerstreuung,
Freudig über alle Maßen,
Ob das Leben noch so schwer ist,
Freudig in der körperlichen
Freiheit von des Körpers Krankheit,
Freudig, weil sich meine Leiden
Haben sich in Glück verwandelt,
Freudig über alle Maßen
Wegen meiner Kraft des Geistes,
Freudig bei dem Tanz des Opfers,
Bei dem Tanz vorm goldnen Schreine,
Freudig wegen dieses Schatzes
Meines jetzt gesungnen Liedes,
Freudig über alle Maßen
Über Töne, Worte, Silben,
Freudig, weil sich Worte wandeln
Zu Versammlungen von Worten,
Freudig in der reinen Sphäre
Des vertrauensvollen Denkens,
Freudig über alle Maßen,
Wenn von selbst das Denken aufsteigt,
Freudig, wenn sich dies mein Denken
Offenbart in schöner Vielfalt.

Dann weihte Meister Milan seine Novizen in die richtige Art der Wahrnehmung ein. Und als er
bemerkte, dass die richtige Art der Wahrnehmung in ihnen aufstieg, da sang er folgendes Lied, das
voller guter Ratschläge ist:

Buddha, Körper des Gesetzes,


Lehrer du des Wegs zum Jenseits,
Der mit mitleidvollen Werken
Freude ist der Lebewesen,
Sei du nie von mir geschieden,
Das Juwel sei meiner Krone!

Nun, Novizen meiner Lehre,


Die ihr da sitzt, um zu lernen,
Viele Arten mag es geben,
Die Gesetze auszuüben,
Aber diese meine Übung
Tiefen Weges ist die beste.

Wenn ihr danach strebt, ein Buddha


Schon in dieser Welt zu werden,
Achtet nicht auf eure Liebe,
Nicht auf euren Haß im Leben.
Achtet ihr auf eure Liebe
Und auf euren Haß im Leben,
Tut ihr Gutes, tut ihr Böses
Und verfallt in schlimmen Zustand.

Leistet eurem Meister Dienste,


Aber rühmt euch nicht der Dienste.
Rühmt ihr euch der eignen Dienste,
Wird die Zwietracht euch entzweien,
Euch, die Schüler, mit dem Meister.
Und wenn erst die Zwietracht einschlich,
Kommt ihr nicht ans Ziel des Strebens.

Haltet stets ein die Gelübde,


Darum schlaft nicht bei den Bauern.
Schlaft ihr nämlich bei den Bauern,
So entfaltet ihr den Irrtum.
Ist der Irrtum erst entstanden,
Gehn verloren die Gelübde.

Wenn ihr in der Schrift studieret,


Seid nicht aufgebläht von Hochmut.
Denn wenn existiert der Hochmut,
Dann entstehen Gift und Asche.
Wenn entstehen Gift und Asche,
Dann beschädigt man die Tugend.

Betet ihr bei einem Freunde,


Tut nicht viele Weltgeschäfte,
Denn die vielen Weltgeschäfte
Lenken ab das fromme Streben.
Wird erst abgelenkt das Streben,
Endet des Gesetzes Segen.

Wenn ihr übt die Rituale,


So beschwört nicht die Dämonen.
Streitet ihr mit den Dämonen,
Werdet selber ihr Dämonen.
Und wenn ihr Dämonen werdet,
Seid so schlecht ihr wie die Bürger.

Ist in euch entstanden Weisheit,


Sprecht nicht von besondren Kräften.
Spricht man von besondren Kräften,
Dann entschlüpfen euch die Zeichen.
Geht die Kraft euch erst verloren,
Werden eure Zeichen wertlos.

Wendet stets euch ab vom Bösen,


Von den Sünden und den Lügen.
Laßt euch bei Begräbnisfeiern
Von den Reichen nicht bestechen.
Und wenn ihr den Menschen ratet,
Sollt ihr nicht den Menschen schmeicheln.
Lässigkeit und Faulheit meidet,
Strengt euch fleißig an, Novizen!

Da fragten die Novizen den Meister Milan, auf welche Weise sie sich anstrengen sollten. Daraufhin
unterwies sie Meister Milan in diesem Lied über die rechte Form der Anstrengung:
Meinen Herrn der Gnade bitt ich,
Daß er Freude uns verleihe
An der Weisheit Unterweisung.
Nun, ihr jugendlichen Schüler,
Sollt vergeuden eure Erbschaft
Nicht bei Bürgern in den Städten,
Das sind allesamt Betrüger,
Manchmal gut, doch meistens böse.
Wendet eure ganze Achtung
Zu dem heiligen Gesetze
Und verliert den Weg des Lichts nicht,
Sondern bleibt beim Meister Milan.
Mehr Verdienst als Lohn sei eure
Frömmigkeit und eure Übung.
Steigt die Weisheit auf im Innern,
Seht ihr auch der Gnade Schleier.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Wenn aus Liebe unterwiesen


Werdet ihr in Selbstbeherrschung,
Hört genau dann zu, Novizen.
Wenn ihr lebet in der Ferne
Einsam auf dem hohen Gipfel,
Denkt nicht an die Unterhaltung,
Die Vergnügungen der Bürger.
Denn denkt ihr an das Vergnügen
Und der Bürger Unterhaltung,
Wird euch abgelenkt das Denken
Eures Geistes durch den Bösen.
Darum sammelt euer Denken
Allezeit in euerm Innern.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Lasst ihr nach in eurer Übung,


Denkt doch täglich an das Sterben,
Betet für die Todesstunde
Und seid eingedenk der Übel
Der Geburt im Jammertale.
Seid bereit, euch abzuhärten,
Und denkt nicht an die Vergnügung.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Sucht ihr kluge Unterweisung


In der tiefgeheimen Übung,
Sollt ihr wenig Durst nur haben
Nach dem Wissen der Gelehrten.
Habt ihr viel vom Bücherwissen,
Werdet gleichen ihr den Laien,
Und wenn diese Laien herrschen,
Wird verschwendet sein das Leben.
Fern sei Lässigkeit und Faulheit!
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Offenbart sich euch die Weisheit,


Seid bereit nicht zum Geschwätze,
Wenn ihr schwatzt und wenn ihr plaudert,
Stört ihr nur die große Göttin.
Abgelenktheit sollt ihr meiden.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Wenn ihr seid in der Gesellschaft


Eures Meisters, eures Vaters,
Schaut nicht nach des Vaters Fehlern,
Denn sonst seht ihr nichts als Fehler.
Übt nur stets die Geistesklarheit!
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Und seid ihr und eure Brüder


In Versammlungen der Weihe,
Achtet nicht auf Amt und Würden,
Denn sonst stört ihr die Gelübde
Durch die Leidenschaft des Neides.
Darum bleibet einig, Brüder!
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Wenn ihr bettelt vor den Bürgern,


So betrügt nicht diese Leute
Mit der Schmeichelei der Rede.
Denn wird dieses Volk betrogen,
Dann verfallt ihr selbst in Sünde.
Bleibt nur ehrlich, sagt die Wahrheit!
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Niemals lasst, an keinem Orte,


Euch von eurem Stolze leiten
Und von törichter Verliebtheit.
Wenn euch erst beherrscht die Liebe,
Geht die Liebe euch verloren
Zu dem heiligen Gesetze.
Gebt nur auf die Leidenschaften,
Die Betrügerei der Lüste.
Doch ist das noch nicht genügend,
Sondern strengt euch an, Novizen!

Die bereit, sich anzustrengen,


Diesen geb ich diese Vorschrift,
Die in sich so durchaus gut ist,
Sie wird euch zum Heil gereichen:
Seid nur stets bereit zu geben!

Nachdem Meister Milan dies gesungen, übten sich die Novizen in der Versenkung und darin, den
Dingen des weltlichen Lebens gegenüber gleichgültig zu sein. Da baten die Novizen ihren Meister
Milan, sie in der rechten Art der Versenkung zu unterweisen. Der Meister Milan sagte, sie sollten
das Geld nur für Lebensnotwendiges wie Speise und Kleidung verwenden. Und dann sang er dieses
Lied über die Versenkung:

Möge unser Herr und Meister


Uns durch seine Macht es geben,
Daß der Weg des wahren Glaubens
Und die Übung der Versenkung
Werde definiert vollkommen.

Für die rechte Lebensansicht,


Die Verwirklichung der Übung
Und die Früchte eures Glaubens
Sind drei Punkte wirklich wichtig.

Die drei Punkte wahrer Einsicht,


Das ist die Vereinung aller
Der Erscheinung im Gedanken,
Ist die Klarheit des Gedankens
Und das Fehlen aller Selbstsucht.

Die drei Punkte anzuführen,


Zur Verwirklichung bedeutsam:
Einer ist die Übertragung
Aller weltlichen Gedanken
Auf das eine Absolute,
Einer ist der schöne Zustand
Reiner Seligkeit der Weisheit,
Einer ist: Sei stets besonnen.

Die drei Punkte nun der Übung


Sind die Übung in der Tugend,
Die Geduld bei allem Übel
Und des Geistes reine Leere.

Was die Frucht betrifft des Glaubens:


Du erlangst nicht das Nirwana
Als Verschiednes von dir selber,
Meidest nicht das Rad des Daseins
Als Getrenntes von dir selber,
Und dein eigener Gedanke
Wird zu einem Buddha-Zustand.

Einen Punkt nenn ich besonders,


Nämlich den der reinen Leere,
Reiner, absoluter Leere.
Davon redet jeder Meister,
Der verstanden hat die Lehre.
Wenn ihr aber drüber grübelt,
Werdet ihr es nicht verstehen.
Doch versteht ihr es auf einmal,
Dann ist dieser Punkt gewonnen.

Dieses Kronjuwel all jener,


Die da üben die Gesetze,
Hat der Schüler dann gewonnen,
Wenns in seinem Geiste leuchtet.
Darum lasst, o meine Schüler,
Eure Herzen stets frohlocken!

Als Meister Milan dieses Lied beendet hatte, fragten seine Novizen: O Meister Milan, ist es
ausreichend, einen Meister zu haben und ihm in allem zu folgen? Diese Frage gefiel dem Meister,
und darum sang er folgendes Lied mit dem Inhalt, wie man über den Meister denken soll.

Meister, Schüler, Unterweisung,


Diese drei sind eines, Kinder.
Fleiß und Tapferkeit und Glaube,
Diese drei sind eines, Kinder.
Weisheit, Mitleid, Absolutheit,
Diese drei sind eines, Kinder,
Diese kennen stets die Richtung.

Ein vollkommner weiser Meister


Ist ein Meister, der den Weg kennt,
Der erhellt das tiefe Dunkel.
Unermüdlich ist der Glaube,
Der den wahren engen Weg kennt,
Der euch führt zum Glück des Lebens.
Die Verwirklichung der Kräfte
Kennt den schmalen Pfad zum Himmel,
Die Verwirklichung befreit euch
Von Verliebtheit und von Trennung.
Und des Meisters Unterweisung
Nach den Überlieferungen
Ist der wahre Weg zum Lichte,
Offenbarend Buddhas Körper.
Die drei Kostbarkeiten sind es,
Die uns schützen auf dem Wege,
Da ist unfehlbare Wahrheit.
Führen euch des Weges Kenner,
So erreicht der Schüler schließlich
Das Gefilde großer Wonne!
Er verweilt in einem Zustand,
Frei von Grübelei und Störung,
In dem freudenvollen Reiche
Innerlicher Selbsterkenntnis
Und Befreiung von der Sünde
Auf dem festen Fundamente
Sicherer und wahrer Weisheit.
In der Einsamkeit des Tales,
Dort, wo keine Menschen wohnen,
Hallen freudenvolle Lieder
Der Gebildeten wie Donner,
Regen tropft von allen Blättern
Und es blüht des Mitleids Blume
Und die Frucht des reinen Denkens
Ist im Geiste reif geworden
Und die Werke der Erleuchtung
Nun durchdringen alle Dinge.

Als Meister Milan dies gesungen hatte, wollten die Novizen ihn in ihre Heimat einladen: Heiliger
Milan, da die Ruhe deines Geistes unzerstörbar ist, so komm du bitte in unser Dorf und nimm die
Opfergabe der Laien an und verkünde allen Kreaturen die heilige Lehre. – Meister Milan aber sagte:
Es ist meine Meditation in der Einsamkeit, die allen Menschen Gutes tut, und die Kraft eines
Einsiedlers beruht auf seinem Verbleiben in der Einsiedelei. Und so sang Meister Milan seinen
Novizen dieses Lied:

Wir, erwidernd unsres Meisters


Gnade, haben uns versammelt.
Möge uns der Meister segnen
Mit der Reifung unsrer Herzen
Und vollkommener Befreiung.

Nun, ihr würdevollen Schüler


Meiner Weisungen, hier sitzend,
Sing ich euch ein Lied der Lehre
Voll von heiliger Bedeutung:
Wer da Ohren hat, der höre!

Schaut den weißen Leoparden


Auf den schneebedeckten Gipfeln,
Herrscher in der weißen Öde,
Er hat nichts zu fürchten weiter.
Herrschend in dem Schneegefilde,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Und der königliche Adler


Auf dem purpurfarbnen Felsen,
Flügel in den Himmel streckend,
Bangt er nicht vorm tiefen Falle,
Sondern strebt zur Himmelshöhe,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Unten in den Meereswassern


Schnell bewegt sich dort das Fischlein,
Fürchtet sich nicht vorm Ertrinken,
Das ist seine Kraft und Stärke.

In den Ästen des Gebirgsbaums


Flink bewegen sich die Affen,
Große Affen, kleine Affen,
Fürchten sich nicht vor dem Sturze,
Übermütig ist die Gattung,
Das ist ihre Kraft und Stärke.

In dem Laub der Waldeslichtung


Schleicht sich der gestreifte Tiger,
Fürchtet sich vor keinem Wesen.
Stolz ist er und ist geschmeidig,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Hier in dieser Tigerhöhle


Meister Milan übt die Lehre.
Daß das Beten ihm entgleitet,
Fürchtet nicht der Meister Milan.
Er ist ja schon lange einsam,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Wie das Mandala zu werden,


Das da reguliert die Sphären
Und die Elemente läutert,
Ohne Angst vor Trug und Irrtum,
Treue zu dem innern Kerne,
Das ist seine Kraft und Stärke.

Wer sich angewöhnt die Übung


Mit den Adern und dem Atem,
Dem bedeutet jede Hemmung,
Jedes Zögern nicht ein Fehler,
Nicht ein Irrtum in der Lehre,
Sie sind nur das Protestieren
Seiner schweifenden Gedanken.

Wenn man erst die Macht der Übung


Eines Würdigen erfahren,
Eines Eingebornen Übung,
Sind verschieden die Gedanken
Nicht aus Weltlichkeit des Geistes,
Sondern Irrtum der Begriffe.

Wenn man bei den Möglichkeiten


Sieht das Gute, sieht das Böse,
Irrt man sich nicht in der Übung,
Sondern unterscheidet weise.

Eremiten, die verstehen,


In der Übung treu zu bleiben,
Sind die winzigen Gelüste
Nach den Dingen dieser Erde
Nichts, dass Neues sie begehren,
Sondern alter Wünsche Rückkehr.
Daß ich auf dem Weg der Lehre
Lieber bleibe ganz alleine,
Ist nicht Heuchelei und Torheit,
Sondern Sehnsucht nach der Einfalt.

Diese Lieder Meister Milans


Sind nicht Torheit eines Toren,
Um die Leute zu zerstreuen,
Sind tiefsinnige Ermahnung
Zu dem Wohle der Novizen.

Als Meister Milan dies Lied gesungen hatte, sagten die Novizen zu ihm: Das ist alles sehr schön, o
Meister Milan, aber wenn du auch in dieser Einsiedelei wohnst, musst du dir doch gegen die
Bedrohungen eine feste Burg aus Versenkung gebaut haben. – Und Meister Milan sprach: Von der
Burg der Versenkung singe ich euch folgendes Lied:

Ich verneige mich vorm Vater,


Vor dem reinen Edelsteine,
Möge er euch segnen, Kinder,
Mit dem Reichtum seiner Hilfe.
Also bitte ich den Vater,
Daß er euch die Weisheit schenke
In der Festung eures Körpers.

Als ich war gequält von Ängsten,


Baut ich eine Burg im Innern.
Diese Burg des absoluten
Seins nahm von mir alle Ängste.

Fror ich, machte ich mir Kleidung,


Innre Wärme war die Kleidung,
Ich verlor die Angst vorm Froste.

Hatte Angst ich vor der Armut,


Suchte ich nach großem Reichtum.
Reichtum waren die Juwelen
Seiner Diamanten-Lehre,
Ich verlor die Angst vor Armut.

Hatte Angst ich vor dem Hunger,


Suchte ich nach guter Speise.
Und mein Angenommenwerden
Von dem reinen Absoluten,
Das war meiner Seele Speise.
Ich verlor die Angst vorm Hunger.

Einsamkeit war meine Schwermut


Und ich suchte eine Freundin.
Und die absolute Leere
Wurde mir intime Freundin
Und es floh von mir die Schwermut.
Aus der Furcht vor der Verirrung
Suchte ich den Weg der Wahrheit.
Das All-Eine, meine Wahrheit,
Nahm die Angst vor der Verirrung.

Und so bin ich reich versehen,


Was man wünschen kann, das hab ich,
Und bin glücklich, wo ich lebe.

Hier in dieser Tigerhöhle


Zittert man vorm lauten Brüllen
Einer Tigerin, so bleibt man
Lieber einsam in der Höhle.
Doch das Spielen ihrer Jungen
Heitert auf den Geist des Mönches,
Schenkt Gedanken der Erleuchtung.

Hört man Affenmütter schreien,


Das bleibt einem im Gedächtnis
Und man fühlt allein die Trauer.
Doch das Schwatzen ihrer Jungen
Lässt den Eremiten lachen
Und man wird beschwingt, beflügelt.

Traurig ist das Lied des Kuckucks


Und man wird gebracht zur Stille.
Doch der Spatzen Lärm erheitert
Ihren Freund, den Eremiten.

Glücklich ist ein Mensch des Glaubens,


Der da lebt allein und einsam
Ohne einzigen Gefährten,
Dennoch kann er leben glücklich.
Mögen Meister Milans Lieder,
Das Frohlocken seiner Lieder,
Lindern alle Menschenleiden!

Nun beschlossen die Novizen, die Welt zu verlassen und weltabgeschieden einsam und allein der
Frömmigkeit zu leben. Und sie erreichten die Grenze der Vollkommenheit. Meister Milans
persönliche Schutzgöttin aber gebot ihm, seinen Blick nach Kalkutta in Indien zu richten und dort
seine Lehre weiter zu entfalten.

ZWEITER TEIL
MEISTER MILANS SCHATZ DES LIEDES

Die Brahmanen, die die Wahrheit


Gar nicht kennen, reden sinnlos
Von der Veden Offenbarung.
Sie bereiten sich mit Erde
Und mit Wasser und mit Gräsern
Vor zur eitlen Opferhandlung,
Die sie sinnlos dann vollziehen.
Sie verbrennen sich die Augen
Mit dem Rauch des Opferfeuers.

Herrschaftlich gekleidet, halten


Sie für weise sich mit ihrer
Lehre der Brahmanen. Sinnlos
Sie mit ihren Eitelkeiten
Wollen diese Welt versklaven.
Doch sie wissen nicht, dass Glaube
Ist das selbe wie Unglaube.

Sie beschmieren sich mit Asche


Ihre Körper. Ihre Haare
Tragen sie verfilzt und schmutzig
Auf den Köpfen. In dem Hause
Zünden sie die Lampen. Sitzend
In den Winkeln ihres Hauses
Klingeln sinnlos sie mit Glocken.

Vorgeschriebner Körperhaltung
Richten sie die Augen starrend
Auf ein Etwas, flüstern Leuten
In die Ohren und betrügen,
Witwen lehren sie und Nonnen,
Nonnen mit geschornen Köpfen,
Weihen ein die kahlen Nonnen,
Nehmen von den Witwen Gelder.

Doch der Weg wird nur verspottet


Durch der Mönche schlechtes Aussehn,
Lange ungeschnittne Nägel.
Schmutzig ist die alte Kleidung
Oder nackend gehn die Mönche,
Ungepflegt sind Bart und Haupthaar.
So versklaven sich die Mönche
Mit der Lehre der Befreiung.

Wird befreit man durch die Nacktheit,


Müssen ja die Hunde frei sein
Und die nackenden Schakale.
Macht die Glatze dich vollkommen,
Müssen glatte Mädchenhüften
Sein der Gipfel des Vollkommnen!

Einen langen Schwanz zu haben,


Ist ein Zeichen der Befreiung?
Dann sind auch befreit die Pfauen
Und die Rinder auf den Wiesen.
Ists der Höhepunkt der Weisheit,
Das zu essen, was man findet,
Dann sind Elefanten weise.

Nein, für diese faulen Mönche


Gibt es keine wahre Freiheit.
Also lehrt euch Meister Milan.
Die sich selbst beraubt der Wahrheit
Übers wahre Glück des Lebens,
Quälen nur die eignen Körper.

Und dann gibt es die Novizen


In der alten Schule. Diese
Wollen ganz der Welt entsagen,
Mönche in der Welt zu werden.
Manche sieht man sitzen, lesen
In den Schriften, manche welken,
Konzentriert auf den Gedanken.

Andre nehmen ihre Zuflucht


Zu dem Großen Wagen. Dieses
Ist die Lehre, sagen jene,
Die die Schriften richtig deutet.
Andre Mönche meditieren
Über Mandalas und Kreise.
Andre mühen sich, die vierte
Stufe der Glückseligkeiten
Ganz exakt zu definieren.

Doch mit solcher Untersuchung


Fallen ab sie von dem Wege.
Manche möchten ihn als Kosmos
Sehen, als ein Universum.
Andre sprechen von dem Wege
Als von der Natur der Leere.
Alle sind sich aber uneins.

Doch wer ohne eingebornen


Genius sucht das Nirwana,
Der kann keinesfalls erlangen
Reine absolute Wahrheit.

Wer mit anderm sich beschäftigt,


Kann Befreiung nicht erlangen.
Bleibt man allzeit meditierend,
Kann man Freiheit dann erlangen?
Wozu sind denn gut die Lampen?
Wozu gut die Opfergaben?
Was kann man durch das Vertrauen
Auf die Mantras denn bewirken?

Wozu gut ist strenge Selbstqual?


Wozu gut sind Pilgerfahrten?
Kann erreichen man Befreiung
Durch das Baden in dem Wasser?

Solcherlei Gebundenheiten
Gib du auf, entsag der Täuschung!
Es gibt andres nichts als Wissen,
Wissen vom geheimen Jenem,
Etwas anderes als Jenes
Kann die Wissenschaft nicht wissen.

Jenes ists, das wird gelesen,


Jenes soll man meditieren.
Jenes wird allein besprochen
In Abhandlung und Legende.
Es gibt keinen Philosophen,
Der nicht Jenes nur zum Ziel hat.
Jenes kann man nur erblicken
Zu den Füßen seines Meisters.

Denn sobald das Wort des Meisters


Eindringt in das Herz des Schülers,
Scheints dem Schüler so, als halte
Schätze er in seinen Händen.
Doch versklavt wird diese Erde
Durch den Trug, sagt Meister Milan.
Und der Tor erkennt nicht wahre
Göttliche Natur der Wahrheit.

Ohne stilles Meditieren,


Ohne strenge Weltentsagung,
Kann man in dem Hause bleiben
Mit der Ehefrau zusammen.
Ist denn das vollkommnes Wissen,
Wenn man nicht erlangt die Freiheit,
Während man genießt die Wollust?
Also lehrt euch Meister Milan.

Ist schon offenbar die Wahrheit,


Warum immer meditieren?
Wenn die Wahrheit ist verborgen,
Zählt man nur die Finsternisse.
Meister Milan ruft: In Wahrheit
Die Natur des Eingebornen
Existiert, nicht existierend.

Vielmehr durch das selbe Wesen,


Das uns ließ geboren werden,
Das erhält uns auch am Leben
Und das lässt uns einmal sterben.
Durch das selbe nur erlangen
Wir die Seligkeit der Seele.
Doch obwohl der Meister Milan
Diese weisen Worte redet,
Kann die Welt ihn nicht verstehen,
Diese eitle Welt der Dummen.

Existiert das eine Wesen


Außer eurem Meditieren,
Was soll dann das Meditieren?
Ist das Wesen unaussprechlich,
Wozu dann all die Dispute?
Ach, versklavt wird diese Erde
Durch den eitlen Schein der Dinge
Und kein Mensch kann je begreifen
Die Natur des Absoluten.

Alle Mantras, alle Tantras,


Alles lange Meditieren,
Konzentrieren auf Gedanken,
Ist nur Selbstbetrug von Toren.
Mach durch all dein Kontemplieren
Doch nicht unrein den Gedanken,
Den Gedanken, der ganz rein ist.
Sondern du verweile innen
In der Seligkeit der Seele
Und heb auf die Qual und Selbstqual.

Iß und trink, ergötz dich sinnlich,


Füll das Mandala mit Opfern,
So gewinnst du einst das Jenseits.
Tritt du auf den Kopf der Toren,
Tritt dem Weltkind auf den Nacken,
Rücke vor zum Ziel des Glaubens!

Wo nicht wandert mehr der Atem,


Wo der Geist nicht mehr umherschweift,
Wo nicht Mond und Sonne scheinen,
Dort, o Mensch, leg du dein Denken,
Leg dein Denken dort zur Ruhe.
Dieses lehrt dich Meister Milan.

Unterscheide nicht die Dinge,


Sondern sieh sie an als Eines.
Mache keine Unterscheidung
Zwischen allen den Familien.
Laß das ganze Universum
Eins sein in dem schönen Zustand
Großer Leidenschaft der Liebe!

Hier ist Anfang nicht, noch Mitte,


Hier ist Ende nicht, noch Anfang,
Nicht Samsara, nicht Nirwana,
In dem Zustand höchsten Glückes
Gibt es weder Ich noch Nicht-Ich.

Was auch immer du betrachtest,


Das ist Es, von vorn, von hinten
Und in allen Dimensionen.
Heute noch laß deinen Meister
Von dir fort die Täuschung nehmen!
Frage keinen andern Meister!

Alle Tätigkeit der Sinne


Endet in der wahren Einsicht,
Selbstvorstellung wird vernichtet,
Freund, so ist des Eingebornen
Körper, Eingebornen Körper,
Den begehr von deinem Meister.

Dort wo der Gedanke halt macht,


Wo die Atemstöße stocken,
Dort ist Seligkeit der Seele.
Andres sollst du gar nicht suchen.

Jetzt ist es so eine Sache


Mit der eigenen Erfahrung.
Aber irre nicht und trotze
Nicht auf deine eigne Meinung.
Nenne Es nicht reines Dasein,
Nenne Es nicht reines Nichtsein,
Auch nicht Seligkeit der Seele,
Um das Es nicht einzuschränken.

Deine eigenen Gedanken


Kenne ganz genau, o Schüler,
Kenne sie wie Wasser, welches
Da begegnet einem Wasser.

Wie denn könnten je die Toren


Durch Versenkung die Befreiung
Je gewinnen? Warum sollte
Man an solche Falschheit glauben?
Traue auf das Wort des Meisters,
Diesen Rat gibt Meister Milan.

Die Beschaffenheit des Himmels


Ist ursprünglich große Klarheit.
Diesen dauernd anzustaunen,
Macht den klaren Himmel trübe.
Also weiß der arme Tor nicht,
Daß in ihm der Fehler gründet.

Schuldig ist der Stolz des Toren,


Der nicht sieht die reine Wahrheit.
Und darum verlästert er auch
Wie ein Dämon alle Weisen.
Wie verwirrt die ganze Welt ist
Von den Meinungen der Lehrer
Und den Philosophen-Schulen!
Keiner wird gewahr der eignen
Heiligen Natur der Seele.

Sie sehn nicht die Fundamente,


Nicht das Fundament des Geistes,
Weil sie selbst bedecken jenes
Eingeborene mit Irrtum.
Doch wo der Gedanke aufsteigt,
Wo sich auflöst der Gedanke,
Dort sollst du verweilen, Lieber.

Der da über Wahrheit nachdenkt


Ohne Fundament der Wahrheit,
Jenem würde eines Meisters
Unterweisung weiterhelfen.
Meister Milan sagt: Du Dummkopf,
Die Verschiedenheit des Daseins
Ist ein Ausdruck von Gedanken.

Keiner kann dir deine eigne


Heilige Natur erklären,
Eines Meisters Unterweisung
Kann allein sie offenbaren.
Nirgends ein Atom vom Bösen
Existiert in deiner Seele.
Der Unglaube und der Glaube
Werden noch geläutert werden
Und zuletzt aufhören gänzlich.

Wer geläutert hat sein Denken,


Kann die Eigenschaft des Meisters
Erst empfangen in dem Herzen.
Weil er dieses weiß, drum Meister
Milan kann dies Liedlein singen,
Sorgt sich nicht um alle Mantras,
Sorgt sich nicht um alle Tantras.

Denn die Menschen sind gebunden


Durch ihr eignes Karma, aber
Durch die Freiheit von dem Karma
Wird befreit der Geist des Menschen.
Die Befreiung seines Geistes
Trägt ihn sicher ins Nirwana.

Geist ist Samenkorn von allem.


Und Samsara und Nirwana
Kommen beide von dem Geiste.
Schenke diesem deine Ehrfurcht,
Welcher wie ein Edelstein ist,
Der erfüllt dir alle Wünsche
Und verleiht dir alle Dinge,
Die nur dein Begehren möchte.

Doch gebunden der Gedanke,


Bringt den Menschen nur die Knechtschaft.
Doch befreit, bringt er die Freiheit.
Daran kann man gar nicht zweifeln.
Was die eitlen Toren bindet,
Das befreit sehr schnell die Weisen.

Doch gebunden stürzen Menschen


Taumelnd hin in jede Richtung.
Doch befreit, der Geist des Menschen
Ruht dann selig in sich selber.
Denk an das Kamel, mein Schüler,
Beim Kamel ist es so ähnlich.

Konzentrier dich auf dich selber,


Halte an die Atemstöße,
Schiele nicht nach deiner Nase,
Halte dich ans Eingeborne,
Fahren lass des Daseins Fesseln.

Bring die ruhelosen Wogen


Deines Atems in Gedanken
Still zusammen und erkenne
Die Natur des Eingebornen,
Dann wirst du von selber stille.

Wenn der Geist erst geht zur Ruhe


Und zerstört die Bahn des Lebens,
Dann wird der Geschmack erst strömen
Eures eingebornen Wesens
Und es gibt nicht ausgestoßne
Kasten mehr und nicht Brahmanen.

Hier ist Ganga, Mutter Ganga,


Hier das heilige Benares,
Hier Kalkutta, unsre Mutter,
Hier das feurige Bengalen,
Hier ist Mond und hier ist Sonne.

Hab gesehen viel Altäre


Und gesehen Wallfahrtsorte
Auf der Wanderung des Lebens,
Doch nie sah ich solchen frommen
Heiligen Altar wie meinen
Eignen Leib zur Opfergabe.

Lotosblumen büschelweise,
Lotosblätter, Lotosblüten,
Blütenblätter, Duft und Ranken,
Laß die Unterscheidung fahren,
Dummkopf, quäl dich nicht mit Torheit!

Wunschobjekte sind die Mantras,


Wunschobjekte die Dispute,
Und als Wunschobjekte fallen
Sie anheim einst der Zerstörung.
Brahma, Vischnu, Schiwa, alle
Kehren heim zu ihrer Quelle.

Kenne du die Eigenarten


Des Geschmacks des Eingebornen.
Den Geschmack des Eingebornen
Leit nicht ab von seinen Teilen.
Der Geschmack des Eingebornen
Ist das Fehlen der Erkenntnis.
Sie, die Kommentare schreiben,
Wissen gar nicht, wie man reinigt
Diese Welt von ihrem Schmutze.

Hör mir zu, mein lieber Schüler,


Der Geschmack ist frei von Irrtum,
Ist ein Zustand höchsten Glückes,
Ist von allem Sein der Ursprung.

Der Geschmack zuletzt ist schließlich,


Was noch überbleibt vom Irrtum,
Von den Schöpfungen der Täuschung,
Wo zerstört der Intellekt wird
Und wo untergeht das Denken
Und wo stirbt der Egoismus.
Warum willst du dort dich also
Mit Versenkung noch beschweren?

Denn ein Ding erscheint auf Erden,


Fällt anheim dann der Zerstörung.
Wenn es hat kein wahres Dasein,
Kanns nicht noch einmal erscheinen.
Frei von Manifestationen,
Frei von der Zerstörung, was denn
Ist es, was ist da entstanden?
Meister Milan hat gesprochen!

Schau und höre, fühle, speise,


Rieche, wandre, sitz und stehe,
Eitelkeit der Eitelkeiten
Gib du auf und die Dispute.
Laß auch ab von den Gedanken
Und lass dich nicht wegbewegen
Von der Einzigkeit des Einen.
Die zu trinken nicht bereit sind
Das Ambrosia des Meisters,
Werden in der Wüste sterben
Und verdursten an Disputen.

Laß du fahren die Gedanken


Und das rationale Denken,
Sei ein Kind von sieben Jahren!
Sei ergeben deinem Meister
Und des Meisters Unterweisung
Und du schaust das Eingeborne.

Dies hat keine Namen, keine


Eigenschaften. Also sag ich,
Daß es nicht erkannt kann werden
Durch Erörterung von Worten.
Wie kann denn die höchste Gottheit
Wörtlich je beschrieben werden?
Wir sind wie die jungen Mädchen,
Sprachlos im Erleben unsrer
Süßen Seligkeit der Seele!

Leer von allen den Begriffen


Eines Daseins oder Nichtseins,
Ist die Welt dort aufgesogen.
Wenn bewegungslos der Geist bleibt,
Bist befreit du von der Selbstqual
Und den Qualen dieses Daseins.

Doch solang das Höchste Eine


Du erkennst nicht in dir selber,
Wie denn könntest du erlangen
Diese unvergleichlich schöne
Form der Formen als das Höchste?
Wo der Irrtum aufhört, sag ich,
Siehst du dich in deiner Wahrheit.

Denke nicht an die Atome,


Denk nicht an die Moleküle.
Unaufhörlich strömt das reine
Sein hervor die höchste Freude.
Solcher Irrtum ist ein Wahnsinn,
Sagt dem Freund der Meister Milan.
Lerne kennen du den reinen
Und vollkommnen Freudenzustand!

Er ist da in seinem Hause,


Sie jedoch geht aus dem Hause,
Sucht ihn außer seinem Hause.
Sie sieht ihren Ehegatten,
Fragt doch noch die Nachbarinnen.
Meister Milan sagt: O Törin,
Kenn dich selbst in wahrer Demut!
Das hat nichts zu tun mit Andacht
Und Versenkung, Konzentrieren
Und der Perlenschnur der Mantras.

Wenn der Meister sprechen würde,


Würde man dann alles wissen?
Ohne alles je zu wissen,
Würde Freiheit man erlangen?
Also reden diese Toren,
Wandern blind umher auf Erden,
Sammeln gierig die Erfahrung.
Doch das eigne Eingeborne
Kennen nicht die blinden Toren,
Sondern sammeln nichts als Böses.

Man genießt die Welt der Sinne


Ohne sündige Befleckung.
Man pflückt weiße Lotosblüten,
Ohne Wasser zu berühren.
So auch wird der fromme Meister,
Der gedrungen ist zur Wurzel,
Nicht versklavt von seinen Sinnen,
Doch genießt er Sinnenfreuden.

Ja, die Gottheit kann man ehren


Und in Trance kann man erblicken
Eine menschgewordne Gottheit!
Doch dem Tode unterworfen –
Was erlöst uns von dem Tode?
Alles das kann nicht vernichten
Dieses Werden und Vergehen.
Ohne gläubiges Vertrauen
Kann man nicht dem Tod entrinnen.

Richtet eure Blicke grade


Nach der Spitze eurer Nase,
Reguliert die Atemstöße,
Macht euch leer von den Gedanken!
Also lehren uns die Lehrer.
Wenn der Schüler nicht mehr atmet
Und gestorben ist der Schüler,
Was ist dann, ihr lieben Leute?

Ist man in der Sinnen-Sphäre,


Dann ergießt sich das Begehren.
Was kann das Problem behandeln?
Wenn man etwas ist in Wahrheit,
Kann man es doch nicht behandeln
Wie ein Arzt den Leib von außen.
Alle die Gelehrten schreiben
In Traktaten und Disputen.
Doch den innerlichen Buddha,
Den erkennen nicht die Leute.
Werden und Vergehen aber
Kann man so doch nicht vernichten.
Aber schamlos sagen jene:
Wir sind die gelehrten Leute!

Der, der unter Lebewesen


Niemals alt geworden wäre,
Wäre frei von Tod und Alter.
Aber das ist doch unmöglich.
Aber auf das Wort des Meisters
Hin wird dir der Geist erleuchtet.
Gibt es denn auf Erden einen
Andern Schatz als die Erleuchtung?

Der, der nicht benutzt die Sinne


Und verbleibt in reiner Leere,
Ist ein Vogel, welcher auffliegt
Von dem Schiffe, das vorbeifährt,
Und dann umkehrt und sich wieder
Niederlässt auf diesem Schiffe.

Laß dich aber nicht mehr fangen


Von der Bindung an die Sinne,
Dieses sagt dir Meister Milan.
Denke an den Fisch, den Falter,
Elefanten, Bienen, Panther!

Was auch aus dem Geiste ausströmt,


Das hat die Natur von jenem
Wesen, welchem es entsprudelt.
Wogen sind doch gleich dem Wasser?
Die Natur der Wasserwogen
Ist dieselbe wie des Raumes
Strömende Natur des Wassers.

Wer spricht hier? Und wer hat Ohren?


Was will ich dir anvertrauen?
Wie der Staub in einem Tunnel
Unten in verstaubter Erde,
So geht das, was in dem Herzen
Dir entsteht, in deinem Herzen
Innen wieder auch zur Ruhe.

Dringt das Wasser in das Wasser,


Schmeckt das Wasser auch wie Wasser.
Also Sünde oder Tugend
Werden angesehn als Eines,
Da ist keine Unterscheidung.
Häng dich nicht an die Begriffe
Reiner absoluter Leere,
Sondern jedes Ding betrachte
Eins wie alle andern Dinge.
Selbst die Schale eines kleinen
Sesamkorns kann dich verletzen
Wie die schargespitzten Pfeile.

Ist ein Ding auf eine Weise,


Ist ein andres Ding ein andres.
Deine Taten sind wie Steine,
Die dir jeden Wunsch erfüllen.
Seltsam doch, wie die Gelehrten
Durch den eignen Irrtum leiden
Schweren Kummer in der Seele!
Nur im wahren Selbst-Erlebnis
Ruht die Seligkeit der Seele.

In der Seligkeit sind alle


Formen mit des Raumes Gleichheit
Ausgestattet und natürlich
Die Natur der gleichen Gleichheit
Macht die Geister unbeweglich.
Ist der Geist nicht mehr vom Geiste,
Scheint hervor das Eingeborne.

Hier und dort wird in den Häusern


Laut erörtert diese Sache,
Doch das Fundament der Freude
Bleibt dort unbekannt den Leuten.
Diese Welt ist von Gedanken
Ganz versklavt, sagt Meister Milan.
Niemand hat erkannt den reinen
Nicht-Gedanken, Kindes Torheit.

Zwar in vielen frommen Schriften


Offenbart wird ein Gebieter,
Dieser Herr und Meister zeigt sich
Dir entsprechend deinem Wunsche.

Dieser Herr, das bist du selber,


Andre Menschen sind die Feinde,
Also denken diese Leute
Disputierend in den Häusern.
Wenn der Mensch nur speist das eine,
So verzehrt er alles andre.
Sie geht aber aus dem Hause
Und sucht draußen ihren Meister.

Aber man sieht ihn nicht kommen,


Weiß nicht, wo er ist und wandelt,
Zeichenlos und ohne Wandel
Man erkennt den Herrn, den Höchsten.

Wenn du nicht das Kommen aufgibst,


Wenn du nicht das Gehen aufgibst,
Wie kannst du dann dieses Seltne,
Diese Herrlichkeit erlangen?

Der Gedanke ist ein reiner,


Wenn er ganz entspricht der Stirne.
Denk an keine Unterschiede
In dir selbst, in deinem Herzen.
Gibt es keine Unterscheidung
Zwischen Sprache, Geist und Körper,
Dann scheint auf das Eingeborne.

Wie kann andres dort entstehen,


Wo die Hausfrau und die Gattin
Ganz verschlingt den Ehegatten?
Unvergleichlich sind die Werke
Dieser Schülerin der Weisheit.

Sie verschlingt den Ehegatten,


Es erscheint das Eingeborne.
Da sind keine Leidenschaften
Noch auch fehlen Leidenschaften.
Still bei ihrem Eignen sitzend,
Ganz vernichtet all ihr Denken,
So sah ich die Frau, die weise.

Und man isst und trinkt und denkt auch,


Was nur irgendeinem einfällt.
Es ist jenseits doch des Geistes,
Unvorstellbar, dieses Wunder
Einer Schülerin der Weisheit.

Hier verlieren Mond und Sonne


Die Verschiedenheit am Himmel.
Himmel, Unterwelt und Erde
Werden in dem Weib gebildet.
Kenne diese Frau, die weise,
Die vollendet den Gedanken,
Mutter sie des Eingebornen.

Ach, die ganze Welt muß dulden


Große Qualen von den Worten!
Keiner kommt doch ohne Wort aus.
Ist man aber frei von Worten,
Dann versteht man erst das Wort recht.

So wie außen so auch innen,


Sicher auf der höchsten Stufe,
Sind die körperlosen Formen
In der Körperform verborgen,
Der dies weiß, der findet Freiheit.

Einst ich pflegte herzusagen


Aus dem Lehrbuch diese Worte:
Auf nun zum Erfolg, o Meister!
Doch ich trank vom Elixiere
Und vergaß das Wort des Buches.
Es gibt ja ein Wort allein nur,
Daß ich jetzt noch geistig kenne
Und ich kenn nicht seinen Namen.

Kann denn der gewinnen Freude


In den Armen der Umarmung,
Der nicht weiß, dass alle Wesen
Mit ihm sind das gleiche Wesen?
Er gleicht einem Hirsch voll Durste,
Der da eilt zur Wasserquelle
Und sieht nichts als Spiegelbilder,
Jener wird vor Durst versterben.
Wie kann er die Quelle Gottes
In der Wahrheit je erreichen?

Stoffe, Elemente, Sinne,


Die Organe unsrer Sinne
Sind das Wasser dieses Lebens.
In dem Lied des Meisters Milan
Keine Wahrheit wird verschwiegen.

Also, ihr Gelehrten, bitte


Seid geduldig doch mit Milan.
Nämlich hier gibt es kein Zögern.
Was ich aus dem Munde meines
Eignen Meisters einst vernommen,
Warum sollt ich davon sprechen
Auf geheimnisvolle Weise?

Jene segensreiche Wonne


Zwischen dem Juwel des Gottes
Und der Seele Lotosblume –
Wer frohlockt da nicht vor Freude?
Wessen Hoffnungen auf Erden
Nicht erfüllte diese Freude?

Dieser Augenblick kann Freude


Sein des Mittels, oder beides,
Glück des Mittels und der Weisheit,
Und durch Gnade ihres Meisters
Und die eigenen Verdienste
Tat sie mancher schon erkennen.
Sie ist tief und weit, die Freude,
Sie ist nicht das Selbst des Menschen
Noch ist sie die andern Dinge.
Kenne dieses Selbst-Erlebnis
Dieses Eingebornen innen
In dem höchsten Augenblicke!

Wie der Mond erhellt das Dunkel,


So entfernt die höchste Freude
Augenblicklich die Befleckung.

Ist die Sonne deiner Leiden


An dem Horizont versunken,
Dann steigt auf die höchste Freude,
Herr der Myriaden Sterne.
Sie erschafft mit Schöpferkräften
Und durch sie entsteht der Weltkreis,
Dieses Mandala des Kosmos.

Sieh Gedanken als Gedanken,


Tor, und laß du ab vom Irrtum.
Du erlange die Purgierung
In der Seligkeit der Seele,
Hier liegt das vollkommne Wesen.

Nicht zu zweifeln, nicht zu zögern,


Du befrei den Elefanten,
Jenen, der dein eigner Geist ist.
Möge er des Flusses Wasser
Trinken und am Ufer bleiben,
Wie es ihm gefällt, mein Schüler.

Festgehalten in dem Rüssel,


In dem Elefantenrüssel,
Der jetzt darstellt unsre Sinne,
Wir erscheinen völlig leblos.
Doch der Meister wird entschlüpfen,
Wie ein Reiter weiterreiten.

Wie im Himmel das Nirwana


So auf Erden das Samsara.
Da ist keine Unterscheidung,
Ich erkenne sie als Reinheit.

Sitze nicht allein zu Hause,


Geh spazieren nicht im Walde,
Sondern deinen Geist erkenne,
Wo du immer bist, mein Schüler.
Weilt man ganz in der Erleuchtung,
Was ist weiter dann Samsara,
Was ist weiter dann Nirwana?
Lieber, lerne diese Wahrheit,
Daß Erleuchtung nicht im Hause
Wohnt und nicht im dunklen Walde.
Mache keine Ausflucht, sondern
Werde frei im Eigenwesen
Eines unbefleckten Denkens!

Das bin ich und das ein andrer,


Also sagen eitle Toren.
Mach dich frei von dieser Fessel,
Die dich rings umgibt mit Ketten,
Und dein Selbst wird Freiheit finden.

Du begehe keinen Irrtum,


Was das Selbst betrifft, die Andern.
Alles ist der eine Buddha.
Hier ist jene unbefleckte
Letzte Stufe der Erleuchtung,
Wo das Denken ist gereinigt.

O, der schöne Baum des Denkens,


Unbekannt ist ihm die Zweiheit,
Breitend alle seine Äste
Durch das ganze Universum,
Trägt er Blüten, Frucht des Mitleids,
Und sein Name ist: Der Diener
Aus Erbarmen an den andern.

Dieser schöne Baum der Leere


Ist beladen reich mit Blüten,
Mitleids-Taten aller Arten
Und mit Früchten auch für andre,
Früchten, die von selbst erscheinen,
Denn die Seligkeit der Seele
Eigentlich denkt nicht an andre.

Und so fehlt dem schönen Baume


Reiner Leere auch das Mitleid,
Ohne Blüten, ohne Blätter,
Und wer immer glaubt, da seien
Blüten, Laub, der fällt herunter,
Denn es gibt dort keine Äste.

Beide Bäume Einem Samen


Sind entsprungen, deshalb gibt es
Eine Frucht nur. Wer da weise
Als ununterscheidbar ansieht
Diese Bäume, findet Freiheit,
Wird befreit von dem Samsara,
Wird befreit auch vom Nirwana.

Wenn ein Mann in Not sich nähert


Und enttäuscht dann wieder weggeht,
Ist es besser, dass er dieses
Haus links liegen lässt als dass er
Jene Speiseschale annimmt,
Die ihm nachgeworfen wurde.

Andern Menschen nicht zu helfen


Und den Armen nichts zu geben,
Sind die Früchte von Samsara.
Besser ist es aufzugeben
Die Idee vom Ich des Menschen.
Wer sich hält an reine Leere,
Der sich nicht um Mitleid kümmert,
Der erreicht nicht das Vollkommne.
Der, der aber übt Erbarmen,
Doch sich hält nicht an die Leere,
Der erlangt nicht die Befreiung
Von den Qualen dieses Daseins.
Nur wer beides übt, die Leere
Und das herzliche Erbarmen,
Der bleibt nicht mehr in Samsara,
Der steigt über das Nirwana.

DER ROSENKRANZ

DIE FREUDENREICHEN GEHEIMNISSE

ERSTES GESÄTZ

Sankt Maria war am Brunnen


In dem kleinen Blumenstädtchen
Nazareth, denn das bedeutet
Flora oder Blumengarten.

Dort am tiefen Wasserbrunnen


Hörte sie des Engels Stimme,
Gabriel, die Stärke Gottes,
Sprach zu Unsrer Lieben Frauen.

Sankt Maria in der Kammer


War in Nazareth, im Hause.
Josef war dieweil auf Reisen,
Als ein Zimmermann auf Arbeit.
Gabriel, die Stärke Gottes,
Grüßte Unsre Liebe Frauen:
Freue dich, Gebenedeite,
Gnadenvolle, Mutter Gottes!

Chaire, Kecharitomene,
Sprach der Engel zu der Jungfrau,
Voll der Gnade bist du, Herrin,
Von der Stunde der Empfängnis.

Du sollst Mutter Gottes werden.


Sankt Maria staunte mächtig:
Wie soll das geschehen, Engel,
Da ich keinen Mann erkenne?

Unsrer Lieben Frau Gelübde


War Jungfräulichkeit, war Keuschheit.
Sie war eine Tempel-Jungfrau
Und ihr Bräutigam war Jahwe.

Gottes Kraft wird überschatten


Dich wie einst die Wolke Gottes
Überm Offenbarungszelte
Nieder sich gelassen hatte.

Gottes Kraft wird in dir schaffen


Deine Leibesfrucht, Maria,
Der wird heißen Sohn des Höchsten,
König wird er sein der Juden.

Als der Engel dies gesprochen,


Unsre Frau empfing im Ohre:
Mir gescheh nach deinem Worte,
Denn ich bin die Sklavin Gottes.

Als Maria sprach ihr Ja-Wort,


Gott erschuf in ihrem Schoße
Gottes Logos seine Menschheit,
Jesus Christus ist sein Name.

ZWEITES GESÄTZ

Sankt Maria hüpfte eilend


Wie Gazellen über Hügel
Zu Elisabeth, der Tante,
Denn Elisabeth war schwanger.

Zwar als unfruchtbar gegolten


Hatte ihre Tante, aber
Jetzo war sie dennoch schwanger
Durch die Gnade unsres Schöpfers.

Als Elisabeth gesehen


Sankt Maria, die sie grüßte,
Hüpfte in dem Bauch ihr Baby,
Sprang Johannes hoch vor Freude.

O wer bin ich, o Maria,


Daß die Mutter meines Gottes
Zu mir kommt? Es hüpft vor Freunde
Meine Leibesfrucht im Schoße.

O du Allgebenedeite,
Allerschönste aller Frauen,
Selig bist du, die geglaubt hat,
Was der Schöpfer dir verkündet.

Sankt Maria sang den Lobpreis:


Meine Seele jauchzt frohlockend
Über meines Gottes Größe,
Über Jahwe, meinen Retter!

Auf die Demut seiner Sklavin


Hat geschaut der Höchste gnädig.
Selig preisen mich von nun an
Alle Generationen.

Großes tat an mir der Höchste,


Heilig, heilig ist sein Name.
Er erbarmt sich seiner Kinder
Und ist gnädig den Geliebten.

Jahwe stürzt vom Thron die Herren,


Stürzt die Mächtigen und Reichen.
Er erhebt die armen Menschen,
Alle Elenden und Kleinen.

Jahwe denkt an sein Erbarmen,


Das er Abraham verheißen,
Jahwe denkt an seinen Liebling
Israel, den Sklaven Jahwes.

Sankt Maria blieb drei Monde


Bei der heimgesuchten Tante,
Bis die Tante hat geboren
Den Propheten Sankt Johannes.

DRITTES GESÄTZ

Als Augustus ließ die Völker


Zählen in den Steuerlisten,
Reiste Josef mit der Gattin
In die Stadt des Königs David.

Josef war vom Stamme David


Und Maria, seine Gattin,
Stammte ab vom Hause David,
Wie es uns die Schrift berichtet.

Und sie kamen zu den Häusern,


Aber wurden abgewiesen,
Da war nur noch eine Grotte,
Daß Maria dort gebäre.

Josef blieb am Grotteneingang


Und Maria war im Innern,
Plötzlich schwebte Sankt Maria
Und erhob sich von der Erde

Und sie wurde licht und strahlend


Und aus ihrem Strahlenglanze
Kam hervor der Logos Gottes,
Gottes Logos, Fleisch geworden.

Sankt Maria war noch Jungfrau,


Als sie Gottes Sohn empfangen.
Sankt Maria auch als Jungfrau
Hat den Gottessohn geboren.

Sankt Maria blieb auch Jungfrau,


Da sie Gottes Sohn geboren.
Jesus Christus nicht verletzte
Die Jungfräulichkeit der Mutter.

Josef und Maria legten


Jesus in die Futterkrippe
Und verharrten in Anbetung
Vor dem menschgewordnen Gotte.

Und Maria legte Windeln


Jesus an von reinem Leinen
Und sie legte Jesus stillend
An die bloßen Mutterbrüste.

Jesus, denke im Gerichte


An Mariens bloße Brüste,
Richt uns nicht wie reine Geister,
Sondern als die Söhne Evas.

VIERTES GESÄTZ

Aber vierzig Tage später


Nach der Reinigung Mariens
Brachten Josef und Maria
Jesus in den Tempel Gottes.

Und da sahen sie den greisen


Simeon, der war im Tempel,
Dahin er geführt vom Geiste
Gottes ward in jenen Tagen.

Gott verhieß dem greisen Manne:


Simeon, du wirst nicht sterben
Eher, als du selbst gesehen
Gottes Heiland, den Messias.

Jetzt erkannte dieser greise


Simeon im Jesuskinde
Den Messias, und er sagte:
Lob und Ruhm sei dem Messias!

Herr, jetzt kann ich ruhig sterben,


Nämlich meine Augen sahen
Gottes Heiland, den Erlöser,
Der die ganze Welt erleuchtet.

Dieser ist von Gott gegeben,


Israel zur Auferstehung
Und den Heiden zur Erleuchtung
Und als Heiland aller Menschen.

Und damit die Menschenherzen


Offenbaren ihre Tiefen,
Wird der Mutter des Messias
Schmerz durch ihre Seele dringen,

Sieben Schwerter ihrer Schmerzen


Werden Unsre Frau durchbohren
Und sie wird mit dem Messias
Bei dem Kreuzestode leiden,

Miterlöserin Maria
Wird den Sohn dem Vater opfern
Und mit dem durchbohrten Herzen
Mutter werden aller Menschen.

Sankt Maria das bewahrte


In dem femininen Herzen,
Meditierte diese Worte,
Wie die Kuh sie wiederkäuend.

FÜNFTES GESÄTZ
Josef und Maria zogen
Nach Jerusalem mit Jesus,
Als zwölf Jahre alt der Knabe
Jesus war, voll Gnad und Weisheit.

Jesus Christus ging verloren


Seiner tiefbesorgten Mutter
Und sie suchte ihn voll Schmerzen,
Voll Verzweiflung und voll Ängsten.

Schließlich fand sie ihren Jesus


Bei den Schriftgelehrten sitzen,
Er befrug die Schriftgelehrten,
Was die Schrift sagt vom Messias.

All die greisen Schriftgelehrten


Staunten über diesen Knaben,
Seine Klugheit war erstaunlich,
Seine Freundlichkeit war maßlos.

Er beschämte alle Weisen,


Denn er war die Weisheit selber.
Mehr als alle Schriftgelehrten
War er, selbst das Wort des Vaters.

Josef und Maria sagten:


Unser Söhnchen, warum tatest
Du uns dieses an und gingest
In Jerusalem verloren?

Suchten wir dich doch in Ängsten,


In Verzweiflung und in Schmerzen.
Jesus sagte zu der Mutter:
Ich muß sein im Haus des Vaters.

Sankt Maria, nicht verstanden


Hat sie ihres Sohnes Worte,
Doch bewegte sie im Herzen,
Seine Worte meditierend.

Sankt Maria, hilf den Christen,


Die das Wort oft nicht verstehen,
Gottes Worte zu bewegen
Meditierend in dem Herzen.

Laß uns sein wie liebe Kühe,


Die die Gräser wiederkäuen,
Daß wie Kühe wiederkäuen
Wir die Worte unsres Gottes.

Denn wir trauen Gottes Worten,


Trauen Gottes Offenbarung,
Sind wir doch wie Schriftgelehrte,
Jesus ist die Weisheit Gottes.

DIE LICHTREICHEN GEHEIMNISSE

ERSTES GESÄTZ

Jesus wandelte zum Jordan,


Wo Johannes Büßer taufte:
Seht, da ist das Lamm des Gottes,
Das hinweg trägt alle Sünden.

Agnus Dei, Agnus Dei,


Habe du mit uns Erbarmen!
Agnus Dei, Agnus Dei,
Bitte gib uns deinen Frieden!

Und Johannes taufte Jesus


Und da tat sich auf der Himmel,
Die Dreifaltigkeit des Gottes
Tat sich deutlich offenbaren.

Denn der Vater sprach vom Himmel:


Jesus ist mein Sohn, mein Liebling!
Und der Geist kam auf den Christus
Schwebend wie die Liebestaube.

Seele, höre du den Vater:


Kind, ich liebe dich von Herzen
Und ich habe Wohlgefallen,
Kind, an deiner schönen Seele!

Doch der Täufer Sankt Johannes


War zu Gaste bei Herodes,
Da die Salome getanzt hat
Wie die wildeste Bacchantin.

Salome, nur leicht bekleidet


Mit dem transparenten Hauchkleid,
Sie ließ alle Schleier fallen
Und betörte so Herodes.

Und Johannes hat verloren


Seinen Kopf, auf einer Schale
Trug das Mädchen seinen Schädel
Zu Herodias, der Mutter.

Hüte dich, Prophet des Höchsten,


Vor dem Reiz des jungen Mädchens,
Bei des hübschen Mädchens Bauchtanz
Könntest du den Kopf verlieren!

Wie der Täufer Sankt Johannes


Hat sein Leben hingegeben,
Also muß auch der Messias
Opfern Leib und Blut und Seele.

ZWEITES GESÄTZ

Eine Hochzeit war in Kana,


Kana war in Galiläa,
Und da war die Mutter Jesu
Von dem Brautpaar eingeladen.

Und da war mit Jesu Mutter


Jesus da mit seinen Jüngern.
Sieben Tage ging die Hochzeit,
Und die Hochzeitsgäste tranken.

Böse Zungen nun behaupten,


Daß die heiligen Apostel
Viel getrunken von dem Rotwein
Und am allermeisten Petrus.

Ach, da waren leer die Fässer.


Jesu Mutter, sehr sensibel,
Sah, dass leer die Fässer waren:
Ach, sie haben keinen Wein mehr!

Jesus, Retter und Messias,


Die Propheten schon verhießen
Eine Heilszeit des Messias,
Da es nur so strömt von Rotwein!

Als einst Josua und Kaleb


Sind nach Kanaan gekommen,
Sahn sie solche großen Trauben,
Daß man sie nicht tragen konnte.

Jesus, Retter und Messias,


Zeige jetzt dem Volk der Juden,
Daß du wirklich bist Messias:
Schaffe große Mengen Rotwein!

Was gab Jesus da zur Antwort?


Hat denn Recht Martinus Luther?
Sprach den Jesus: Weib, was habe
Ich denn gar mit dir zu schaffen?

Nein, Messias Jesus sagte:


O du Frau der Offenbarung,
Was erbittest du von Jesus?
Ist jetzt meine Zeit gekommen?

Jesus wandelte das Wasser


In den allerbesten Rotwein,
Sieben Fässer voller Rotwein,
Jedes Faß einhundert Liter.

Ja, die Heilszeit des Messias


Ist gekommen! Rotwein flutet,
Alle Fässer überlaufen
Von dem allerbesten Rotwein!

DRITTES GESÄTZ

Jesus sprach vom Himmelreiche,


Von der Basilea Gottes,
Jesus sprach in manchem Gleichnis
Wie ein weisheitsvoller Dichter.

Gott der Vater ist ein König,


Der für seinen Sohn, den Liebling,
Eine Hochzeitsfeier wollte,
Bräutigam ist der Messias.

Und da waren Jungfraun, Bräute,


Die erwarteten die Hochzeit,
Unter ihnen waren Weise,
Unter ihnen waren Toren.

Auf den Bräutigam zu warten


Ward den Jungfraun fast zu lange,
Also sind sie eingeschlafen,
Müde waren sie des Wartens.

Um die Mitternacht kam endlich


Doch der Bräutigam zu seinen
Weisen Jungfraun, dummen Jungfraun,
Da sie allesamt erwachten.

Und sie wollten ihre Lampen


Zünden an mit ihrem Öle
Und dem Bräutigam entgegen
Gehen in den Hochzeitshimmel.

Und die weisen Jungfraun hatten


Öl für ihre Hochzeitslampen,
Doch die dummen Jungfraun hatten
Für die Lampen nicht das Öl mehr.

Und die weisen Jungfraun gingen


Mit dem Bräutigam zur Hochzeit
In die eheliche Kammer,
Zu vollziehen ihre Ehe.

Salomo erwählte aber


Gottes Hagia Sophia
Sich zur mystischen Gemahlin
In der religiösen Ehe.

Diese Ehe mit Sophia


Ist zwar geistlich, doch auch wirklich,
Doch das Weltkind und der Dummkopf
Nicht begreifen dies Geheimnis.

VIERTES GESÄTZ

Jesus ging zum Berge Tabor,


Ging zum Berge der Verklärung,
Nahm mit sich die Donnersöhne
Und den Liebling, Papa Petrus.

Jesus schwebte überm Gipfel,


Seine Kleider waren strahlend,
Weiß die leuchtenden Gewänder,
Weiß wie erster Schnee im Winter.

Und um Jesus Christus schwebten


Moses und Elias, beide
Sprachen mit dem Sohne Gottes
Von dem Kreuzweg, den er gehn muß.

Moses auf dem Berge Moabs


Sah schon die verheißnen Auen,
Das Gefild von Milch und Honig,
Aber durft sie nicht erobern.

Moses starb auf Moabs Bergen


Und der Herr begrub ihn selber.
Michael stritt da mit Satan
Um des Moses Löwenseele.

Und Elias fuhr gen Himmel


Auf den feuerroten Pferden,
Und sein Jünger, der Elisa,
Sah ihn in den Himmel fahren.

Wagen und Gespann der Kirche!


Rief Elisa nach Elias,
Und bekam von seinem Geiste
Und auch des Propheten Mantel.
Papa Petrus sprach im Traume:
Hier ist es nun gut zu wohnen!
Schlagen wir nun auf die Zelte
Für Elias, Moses, Jesus.

Aber da verschwanden beide,


Moses und Elias schwanden,
Einzig blieb da Jesus Christus
Auf dem Berge der Verklärung.

Und Gott Abba sprach vom Himmel


Aus der Wolke wie ein Donner:
Jesus ist der Sohn des Höchsten,
Ihm allein sollt ihr gehorchen.

FÜNFTES GESÄTZ

Jesus saß beim Abendmahle,


Bei dem Letzten Abendmahle,
Nach dem Brauch der Juden aß er
Von dem frommen Osterlamme.

Denn als Israel befreit ward


Von der Knechtschaft in Ägypten,
Hat gerettet sie allein das
Blut von einem Passah-Lamme.

Jesus aber will befreien


Alle Menschen dieser Erde
Von der Sklaverei der Sünde
Und des Teufels und des Todes.

So der jüdische Messias


Nahm das Brot des Passah-Mahles,
Brach das Brot und sagte: Nehmet,
Esset, denn dies ist mein Körper!

So wie dieses Brot gebrochen,


Wird mein Körper auch gebrochen,
An dem Kreuze der Erlösung
Wird mein Körper hingeopfert.

Jesus nahm den Kelch des Weines,


Dankte Gott und gab den Becher
Seinen Jüngern, den Aposteln:
Trinkt mein Blut des neuen Bundes!

Denn das Blut von Jesus Christus


Wird vergossen als die Sühne
Aller Sünden aller Menschen,
Zur Erlösung vieler, vieler!
Als Messias Mensch geworden,
War verborgen seine Gottheit.
Als Messias Brot geworden,
War verborgen seine Menschheit.

In dem Brot und Wein verborgen


Ist der Leib, das Blut, die Seele
Und die Gottheit Jesu Christi,
Daß wir Gottes Sohn empfangen.

Wenn wir speisen Christi Körper,


Werden wir von dieser Speise
Umgewandelt in den Christus
Und empfangen Gottes Leben.

DIE SCHMERZENSREICHEN GEHEIMNISSE

ERSTES GESÄTZ

Nach dem Abendmahl ging Jesus


Nach Gethsemane, dem Garten,
Wo das Öl gekeltert wurde
Aus den Früchten an dem Ölbaum.

Jesus nahm mit sich die liebsten


Jünger, Jakob und Johannes
Und den lieben Papa Petrus,
Seine eingeweihten Freunde.

Jakob und Johannes legten


Schlafen sich und Papa Petrus,
Sei es nun vom schweren Weine
Oder weil sie voller Trauer.

Jesus also war alleine


In dem Garten voller Trauer
Und er sah voraus im Geiste
Seine Kreuzigung, sein Sterben.

Gott war Jesus, eines Wesens


Mit dem Vater, Gott vom Gotte,
Göttlich die Substanz des Vaters,
Göttlich die Substanz des Sohnes,

Aber angenommen hatte


Jesus die Natur des Menschen,
Und als Mensch war er voll Schrecken
Vor der Kreuzigung, dem Tode.
Und er betete: Mein Abba,
Randvoll ist der Kelch des Leidens,
Übervoll von herbem Weine
Deines Zornes auf die Sünde,

Abba, laß doch diesen Becher


Leid an mir vorübergehen,
Wenn es möglich ist, mein Abba,
Daß ich diesen Kelch nicht trinke.

Nicht wie ich will, lieber Abba,


Sondern dass gescheh dein Wille!
Dankbar nehm ich, ohne Zittern,
Diesen Kelch aus deinen Händen.

Gute Mächte nun umgaben


Jesus, und er trat zu Petrus
Und den beiden Donnersöhnen:
Warum schlaft ihr, meine Freunde?

Und da nahte der Verräter


Judas, seinen Freund zu küssen
Mit dem Kusse des Verräters.
So begann das Leiden Christi.

ZWEITES GESÄTZ

Jesus hatten sie gefangen,


Jesus hatten sie gefesselt,
Jesus hatten sie gebunden
An die harte Geißelsäule.

Die neunschwänzige, die Schlange


Einer langen Lederpeitsche
Trug an ihren Enden Haken,
Widerhaken wie Skorpione.

Und sie peitschten Jesus Christus


Wie den ärmsten Römersklaven,
Wie den schlimmsten der Verbrecher
Peitschten sie den Sohn des Höchsten.

Von dem schönen Rücken Christi


Aus den aufgerissnen Striemen
Floß das rote Blut in Strömen.
Schrie er? Oder litt er schweigend?

Wer hat Jesus denn gegeißelt?


Nicht das alte Volk der Juden,
Nicht das stolze Volk der Römer,
Nicht Hebräer und nicht Heiden,

Sondern Jesus ward gegeißelt


Für die Sünden seiner Priester,
Für die Sünden seiner Mönche,
Welche kleine Knaben schänden!

O ihr gottgeweihten Seelen,


Auserwählt von Jesus Christus,
Die ihr kleine Knaben schändet,
Wieder geißelt ihr Messias!

Ihr von Satanas Betörten,


Gottgeweihte Satansknechte,
Die ihr zündet Satan Weihrauch
In dem Raum der Kirche Christi,

Weh euch, die ihr geißelt Jesus,


Peitscht den Herrn mit Lederpeitschen,
Mit neunschwänzigen, mit Schlangen,
Mit der Hydra eurer Sünden!

Jesus sagt von solchen Priestern,


Jesus sagt von solchen Mönchen,
Die die kleinen Kinder schänden
Wie die schlimmsten Hurenböcke:

Besser wär es euch, ihr Frevler,


Die ihr ärgert meine Kleinen,
Daß den Mühlstein an dem Halse
Würdet ihr ersäuft im Meere!

DRITTES GESÄTZ

Also, bist du nun ein König?


Du, der arme Judenheiland?
Bettlerkönig, Hurenkönig,
König der versoffnen Sünder?

Also haben Roms Soldaten


Jesus Christus eingekleidet
Mit des Königs Purpurmantel,
Einzig nur, ihn zu verspotten.

Und sie gaben ihm ein Zepter,


So als wäre er ihr König,
Doch als ihren König ehrten
Sie den Kaiser Roms, als Gottheit.

Und sie setzten auf das Haupt ihm


Einen Kronen-Kranz von Dornen
Und die stachen in die Stirn ihm
Und es bluteten die Schläfen.

Und sie spuckten an den Heiland,


Schlugen ihn auf seine Wangen:
Bist du ein Prophet, so sage,
Wer dich schlug auf deine Wange!

Auf Gemälden sehn wir Jesus,


Seine Dornenkrone tragend
Auf den langen braunen Locken,
Den verhöhnten Judenkönig.

Aber Jesus trug die Krone,


Die geflochten war aus Dornen,
Nicht nur außen auf dem Haupte,
Nein, auch innen auf dem Herzen.

Denn sein Herz war eine Flamme


Gottes, eine Liebesflamme,
Die erschienen war im Dornbusch,
So wie Jahwe einst vor Mose.

Sehen wir doch auch Maria,


Ihre Dornenkrone tragend
Über dieser Liebesflamme
Ihres Unbefleckten Herzens.

Es vereint die Dornenkrone


Jesu und Marien Herzen,
Das zu Einem Herz vereinigt
Offenbart die Liebe Gottes!

VIERTES GESÄTZ

Jesus musste selber tragen


Seines Kreuzes langen Balken.
Nehmt das Kreuz auf euch und folgt mir,
Sagte Jesus seinen Jüngern.

Dreimal ist der Herr gefallen


Unter seiner Kreuzbeschwerde,
Dreimal ist er aufgestanden,
Weiterhin sein Kreuz zu tragen.

Gottgeliebter Jünger Jesu,


Wenn in teuflischer Versuchung,
Wenn in weltlicher Versuchung,
Wenn in fleischlicher Versuchung

Du gefallen bist in Sünde,


So bereue und tu Buße
Und erhebe dich im Glauben,
Denn es reinigt dich die Gnade.

Und die Römer zwangen einen,


Unsres Meisters Kreuz zu tragen,
Das war Simon von Kyrene,
Der des Heilands Kreuz getragen.

Dieser Simon von Kyrene


War der Vater zweier Söhne,
Rufus war und Alexander
Später in der Urgemeinde.

Jesus also trug den Balken


Zu dem Hügel Schädelstätte,
Dieser Hügel ist so hoch wie
Eine große Trauerweide.

Und da weinten Zions Frauen


Über den Geliebten, aber
Jesus sprach: Ihr Frauen Zions,
Weint nicht über den Geliebten,

Weinet über eure Sünden


Und die Sünden eurer Kinder.
Wird das grüne Holz gepeinigt,
Was wird mit dem dürren Holze?

Jesus weinte selber über


Die geliebte Tochter Zion:
Wie die Glucke wollt ich hüten
Deine Kinder, meine Küken!

FÜNFTES GESÄTZ

Jesus ward ans Kreuz geschlagen,


Jesus blutete am Körper,
Jesus litt in seiner Seele
Ein Martyrium der Liebe!

Schrecklich seines Körpers Schmerzen,


Aber schrecklicher und größer
Die Passionen seiner Seele!
Seine Seele ward gekreuzigt,

Ward durchbohrt von einer Lanze,


Von dem Dornenkranz durchstochen,
Ihm verblutete die Seele
An den Wunden seiner Seele!
Da verdrehte Jesus seine
Augen, schaute auf zum Himmel,
Dunkle Nacht war an dem Himmel
Und es heulte Jesus Christus:

Eli, lama asabthani?


Warum hast du mich verlassen,
Meine Gottheit, meine Gottheit,
Gottheit Eli, Gottheit Eli?

Da sah Jesus seine Mutter,


Sah die Mater Dolorosa
Und bei ihr den Lieblingsjünger,
Sah den Jünger, den er liebte,

Und er sprach zu seiner Mutter:


O du Frau der Offenbarung,
Sieh den Jünger, den ich liebe,
Siehe deinen Sohngeliebten!

Und er sprach zu seinem Jünger:


O mein Sohn, mein Kind, mein Diener,
Sieh die Frau der Offenbarung,
Nimm sie auf in deine Seele!

Und der Lieblingsjünger Jesu


Nahm die Frau der Offenbarung
In sein Haus, in seine Seele,
In sein innerlichstes Leben.

Da sprach Jesus an dem Kreuze:


Abba, jetzt ist es vollendet,
Die Erlösung ist vollendet!
Jesus hauchte seinen Geist aus.

DIE GLORREICHEN GEHEIMNISSE

ERSTES GESÄTZ

Jesus Christus, auferstanden,


Er ist wahrhaft auferstanden
Und als Erster ist erschienen
Er der Mutter Sankt Maria.

Aber an dem Sonntagmorgen


Sankt Maria Magdalena
Weinte vor dem Grabe Gottes,
Wollte Christi Leichnam salben.
Doch der Stein der Grabeshöhle
War hinwegbewegt vom Grabe
Und das Grab war leer, da lagen
Schweißtuch nur und Leichen-Linnen.

Sankt Maria Magdalena


Weinte um den Leib des Freundes,
Als der Gärtner ihr erschienen
In dem grünen Ostergarten.

Gärtner, sagte Magdalena,


Wo ist meines Freundes Körper?
Und der Gärtner sagte leise:
O Maria, o Maria!

Da erkannte Magdalena,
Daß der Gärtner Jesus Christus
War, der auferstandne Christus,
Da umschlang sie seine Füße.

Halte mich nicht fest, Maria,


Ich bin noch nicht aufgefahren
Zu dem Vater in dem Himmel,
Meiner Gottheit, deiner Gottheit!

Als Apostelin gesendet


Wirst du nun zu den Aposteln
Und zumeist zu Simon Petrus
Als dem Fürsten der Apostel,

Sage, dass ich auferstanden,


Auferstanden von den Toten,
Daß ich fahre auf gen Himmel
Zu der Rechten meines Vaters,

Daß ich wiederkommen werde


Als der Richter aller Menschen
Und den Kosmos unterwerfe
Meinem Gott und meinem Vater.

ZWEITES GESÄTZ

Jesus rief die Jünger alle


Zu dem Ölberg. Er nahm Abschied:
Alle Menschen macht zu Jüngern,
Alle Menschen sollt ihr taufen!

In dem Sakrament der Liebe


Will ich immer bei euch bleiben
Bis zum Ende der Äonen,
Zur Vollendung dieses Kosmos.
Jesus fuhr auf einer Wolke
Zu dem Vater in dem Himmel,
Aber einige der Jünger
Hatten dennoch weiter Zweifel.

Ist er denn zu Beteigeuze


Aufgefahren, zu der Lyra,
Zu dem Schwan und zu dem Adler,
Aufgefahren zu der Venus

Und der Terra Aphroditä,


Zu der Krone Mutter Evas,
Zu den neuen Zwergplaneten,
Zu den Asteroiden droben,

Zu Astarte und zu Amor,


Hat er dort den Zwergplaneten
Sapientia betreten
Und ist weiter aufgefahren

Zu den fernen Sternenhaufen,


Zum Carina-Nebel droben,
Sah dort die Geburt der Sonnen,
Der Planeten und Kometen?

Nein, nicht durch den Kosmos reiste


Jesus, seine Fahrt gen Himmel
War nicht Odyssee im Weltraum,
Sondern in die unsichtbare

Welt des Gottesgeistes ging er,


Die Allgegenwart der Gottheit
Nahm ihn auf, allgegenwärtig
Ist nun der Messias Jesus.

Wo ist Gott? So kann man fragen.


Wo ist Gott denn nicht? So kann man
Weiter fragen. Gegenwärtig
Ist der Herr an allen Orten.

Jesus ist in jeder Rose,


Die du schenkst der Vielgeliebten,
Ist in jedem Kinde, welches
Du besuchst im Krankenhause.

DRITTES GESÄTZ

In dem oberen Gemache,


In des letzten Abendmahles
Saal, da saßen die Apostel,
Nur nicht Judas, der Verräter,

Aber Petrus und Andreas


Und Jakobus und Johannes
Und der scharfe Zweifler Thomas
Und Maria Magdalena

Und Johanna und Susanna


Und auch Salome, die Schöne,
Und die Mutter des Messias
Und die frommen Vettern Jesu.

Und in aller Einmut saßen


Alle im Gebet versammelt,
In der Mitte dieser Kirche
Saß die stille Gottesmutter,

Als ein Brausen kam vom Himmel,


Als ein Sausen kam vom Himmel
Und der Geist wie Feuerzungen
Auf den Häuptern der Apostel

Alle mit der Glut erfüllte,


Alle mit der Kraft erfüllte.
O du Kraft, die du bist göttlich,
Kraft, die du bist eine Gottheit!

Auf dem Sinai war Mose


Und empfing die Worte Gottes
Auf den Tafeln des Gesetzes,
Gottes Finger tat es schreiben.

Aber bei dem neuen Pfingsten


Steht das Gotteswort geschrieben
Nicht als steinerne Gesetze
Auf den beiden Felsentafeln,

Sondern eingegossen wurde


Gottes Liebe in die Herzen,
Denn von allen den Geboten
Gilt jetzt ganz allein die Liebe.

Liebe Gott und deinen Nächsten


Und dann tu du, was du möchtest,
Also sagte Augustinus,
Liebe alle deine Nächsten,

Wie dich Jesus selbst geliebt hat,


Wie dich heut noch liebt Messias,
Wie in allen Ewigkeiten
Wird dich lieben deine Gottheit!
VIERTES GESÄTZ

Sankt Maria lag im Bette


In Jerusalem, so sagen
Welche, aber andre sagen,
Es sei Ephesos gewesen.

Und aus aller Herren Länder


Kamen alle die Apostel,
So auch der Apostel Paulus,
Doch der Zweifler Thomas fehlte.

An Marien Haupt Johannes


Weinte um die süße Mutter,
Petrus saß zu ihren Füßen,
Diener er der Diener Gottes.

Jesus Christus ist erschienen,


Sagte zu Maria: Veni
Sponsa mea! Und Maria
War ein junges schönes Mädchen,

In den Armen des Messias


Ist gen Himmel sie gefahren.
Petrus und Johannes schauten
Staunend nach der Mutter Gottes.

Da kam auch der Zweifler Thomas:


Ist Maria auferstanden?
Ist ihr Körper nicht im Grabe?
O Maria, gib mir Antwort!

Und Maria ist erschienen


Als ein junges schönes Mädchen,
Achtzehn Jahre jung das Mädchen,
Trug sie ihren Liebreizgürtel,

Löste sie den Liebreizgürtel,


Legt ihn Thomas in die Hände:
Auferstanden ist Maria
Mit dem Körper und der Seele,

Aufgefahren in den Himmel!


Thomas nahm den Liebreizgürtel,
Trug ihn auf die Insel Zypern
Auf den heiligen Olympus.

Auf dem Gipfel des Olympus


Wird verehrt der Liebreizgürtel
Unsrer Königin der Liebe,
Daß die Gläubigen ihn küssen.
FÜNFTES GESÄTZ

Da Maria war im Himmel,


Saß der Vater mit dem Sohne
Und dem Geist in Einem Throne
Und sie krönten Sankt Maria.

Zwischen Gott dem Ewigvater


Und dem Ewigsohne Christus
Unterm Heilgen Geiste strahlte
Meine Königin Maria.

Gottes Geist wie eine Taube


Ruhte auf dem Haupt Mariens,
Krönte sie zur Himmelsfürstin,
Königin des Paradieses.

Jesus mit dem heilgen Herzen


Ist der Friedefürst des Himmels
Und das reine Herz Marias
Ist des Paradieses Fürstin.

Alle die Marienritter,


Ritter dieser Unbefleckten,
Beugen ritterlich die Kniee
Vor der Unbefleckten Jungfrau.

Meine Dame, meine Lady,


Das ist Notre Dame Noire,
Ist das Mädchen Morenita,
Ist das Mädchen Indianita.

Maximilian, der Ritter


Seiner Unbefleckten Dame,
Starb den Opfertod im Lager,
Sterbend sagte er: Maria!

Sankt Johannes Paul, der Ritter


Seines makellosen Mädchens,
Hat die ganze Welt erobert
Für das Herz der Unbefleckten.

Als er starb, da sprach er lächelnd:


Ich bin froh bei meinem Tode!
Kinder, seid auch froh und fröhlich,
Betet fröhlich zu Maria!

Ich bin nun der Minnesänger


Meines makellosen Mädchens,
Keiner sang wie ich Maria,
Meine Königin der Minne.

MEINE ZEHN ÄGYPTISCHEN PLAGEN

ERSTE PLAGE:
HAGEL

Neunzehnhundertvierundneunzig
Lebte ich im tiefen Wahnsinn,
Eine blühende Psychose
Überfiel den Schizophrenen.

Marion war meine Liebe,


Meine himmlische Madonna,
Meine makellose Jungfrau,
Meine Königin des Himmels.

Zwar ich lebte an der Nordsee,


Sie im Teuteburger Walde,
Aber meine Seele sah sie
Stets im Innern meiner Seele.

Und ich wollte sie besuchen,


Wollte Ostern sie besuchen
In dem Teuteburger Walde
Nahe bei dem Hermann-Denkmal.

Hermann liebte ich besonders


Und besonders auch Thusnelda,
Und die schwarze Trauerschwanin
Nannte darum ich Thusnelda.

Aber heftig war der Regen


Im April des selben Jahres.
Damals las ich in der Bibel,
Wie einst Josua gebetet

Und geboten hat der Sonne:


Über Avalon, dem Tale,
Stehe still, du liebe Sonne,
Mache du die Nacht zum Tage.

Und ich betete zur Gottheit:


Wenn ich bin beim Hermann-Denkmal,
Herr, so laß die Sonne scheinen,
Wenn ich Marion besuche.

Also reiste ich zu Hermann


In dem Teuteburger Walde
Und ich ging die lange Straße
In Gewitter und in Blitzen!

Als ich nun in Heiligenkirchen


Ankam, welches nah bei Detmold,
Nah auch bei den Externsteinen,
Ging ich unter Blitz und Donner!

Und ich weinte vorm Messias,


Da begann es auch zu hageln!
Nacht im Teuteburger Walde,
Blitz und Donner, Regen, Hagel!

Schlafen konnt ich nicht im Freien,


Eines Telefones Zelle
Schützte vor den Hagelschlägen,
Oratorium dem Beter.

Schlafen konnt ich nicht beim Hagel,


In des Telefones Zelle
Saß ich all die Nacht lang betend,
Draußen prasselte der Hagel.

Morgens, völlig übermüdet,


Traf ich Marion vorm Hause
Und sie rief wie eine Furie:
Ich will dich nie wiedersehen!

Ich hab keinen Bock auf solchen


Liebeswahnsinn eines Dichters!
Und sie fuhr mit ihrem Freunde
Weg in einem großen Wagen,

Doch der große Wagen presste


Dicht mich an des Hauses Mauer.
Nie hab ich sie mehr gesehen.
Und ich reiste in die Heimat,

Auf dem Rückweg schien die Sonne,


Aller Hagel war geschmolzen,
Frühling lag in allen Lüften,
Doch ich war betrübt zu Tode.

Das war meine Hagel-Plage,


Marionna war ihr Name,
Mit dem Herzen hart wie Hagel
Und so frostig wie der Hagel.

Marion, die Hagel-Plage,


Eben war vorbeigegangen,
Als der liebe Gott ließ scheinen
In dem Lenz die Ostersonne.

ZWEITE PLAGE:
RATTEN

Als mich Marion verschmähte,


Fiel ich in den tiefsten Wahnsinn.
Ärzte nennen meinen Wahnsinn
Kunstrecht eine Paranoia.

Denn ich ward ein Geisterseher


Und ich las die Schrift der Wolken.
Indien sah ich, eine Wolke,
Neben meiner Heimat China.

Und in Hindostan verehrten


Sie Ganesha, diesen Götzen,
Stellten ihm die Opferspeisen
Auf die Gassen. Ratten kamen,

Fraßen diese Opferspeisen.


Also sah ich eine Ratte
Droben in den Wolken schleichen,
Lief von Hindostan nach China.

Und ich hörte eine Nachricht,


Daß in Indien ausgebrochen
Sei die Pest in diesen Tagen.
Fluch dir, Ratte! Fluch dir, Pestfloh!

Plötzlich sah auf allen Wegen


Ich wie braunen Schatten huschen
Ratten, höllische Dämonen,
Hörte ihre Stimmen piepsen,

Roch Gerüche aus der Hölle,


Stinkend wie verweste Ratten,
Übel ward mir vom Gestanke,
Von dem Pestgeruch, dem Schwefel.

Unter allen grünen Büschen


Sah ich Rattenscharen wimmeln,
Immer huschten diese Schatten
Und erzeugten in mir Panik.

Auch in meinem Spiegel sah ich


Zu Musik und Frauentänzen
Ratten über allen Bergen,
Ratten über allen Hügeln.

Also floh ich in die Kirche,


Zu der Königin Kapelle,
Betete zu Sankt Maria:
O Madonna, sei mir Zuflucht!

Aber auf dem Dach der Kirche


Hörte ich die Ratten trippeln,
Hörte ihre Scharen hoppeln,
Leise klappern auf den Brettern.

Petrus, laß doch deinen Schatten


Fallen jetzt auf den Besessnen!
Heilsam ist dein Schatten, Petrus,
Rette mich vor den Dämonen!

Und ich sah zum Kreuze Christi,


Christus nackend hing am Kreuze,
Um den Lendenschurz sah aber
Ich dämonisch dunkle Ratten.

Und ich träumte in dem Wahnsinn,


Daß vom Himmel eine Hand kommt,
Eine Hostia mir reichend,
Dann die lange Geißel schwingend

Und vertreibend alle Ratten,


Alle Ratten, alle Flöhe,
Die den schwarzen Tod erzeugten
Heute in dem Fernen Osten.

Also kam ich in das Tollhaus


Und die Irrenärzte sagten:
Ihre Phantasie ist allzu
Üppig ausgebildet, Dichter!

Und sie gaben mir die Pillen


Gegen diese Übermenge
Phantasie und so erlösten
Sie mich von der Paranoia.

Lieber Gott, ich war tatsächlich


Einen Sommer in der Hölle!
In der Hölle herrscht nur Panik,
Herrscht die schlimmste Paranoia!

Warum, o du Gott der Liebe,


Schicktest du den frisch Bekehrten
In die Hölle zu den Ratten,
Zu dem Satan, Herrn der Ratten?

Aber das war nicht vergeblich,


Sagt mir unsre liebe Fraue.
Liebe, die ich nicht verstehe,
Hat geordnet alle Schrecken.

DRITTE PLAGE:
BLUT

Tot die Mutter meiner Mutter,


Die allein mich herzlich liebte!
Oma mir vermachte sterbend
Noch die Bibel und den Glauben.

Und vergessen und verraten


Von der Liebe meiner Jugend
Und umnachtet von dem Wahnsinn
Und von den Dämonenratten,

Eingetreten in die Hölle,


Mit dem Haupt im Paradiese,
Ich beschloß, ich wolle sterben,
Sterbend in den Himmel kommen.

Aber wenn ich mir die Adern


Schneide auf an meinem Pulse,
Was, wenn ich gefunden werde,
Was, wenn ich verbunden werde?

Und dann las ich in der Bibel:


Schwert, erschlage meinen Hirten,
Daß er nicht gefunden werde,
Daß er nicht verbunden werde!

Satan ist ein Bibelkenner.


Als er unsern Herrn versuchte,
Da zitierte er die Bibel
Wie ein Evangelikaler.

Also war es doch beschlossen,


Daß ich selber mich ermorde,
Auch kann ich die Tat ja büßen
Droben in dem Fegefeuer.

Also fuhr ich in den Flecken,


Wo das Haus stand meiner Kindheit,
Trug bei mir ein scharfes Messer,
Um die Adern aufzuschneiden.

Und ich ging in jenen Garten,


Wo ich als ein Knabe spielte,
Die katholische Kapelle
Stand gleich neben jenem Garten.

Unter einer Buche setzte


Ich mich auf die feuchte Wiese,
Sah noch einmal in den Mantel,
Fand dort ein Gedicht der Liebe:

Marion, o Marionna,
Marion, du bist wie Myrrhe,
Bitter bist du, wirklich bitter,
Reibt man dich, wie süß du duftest!

Alle tausend Liebesschmerzen


Plagten wieder meine Seele.
Meine Liebe, Sinn und Leben,
Hatte grausam mich verlassen!

Also schnitt ich mit dem Messer


Auf die Adern meines Pulses,
Leise pfiff es, leise zischte
Mir das Blut aus meinen Adern.

Lange lag ich da verblutend,


Hingesunken voller Schwäche,
War schon nahe einer Ohnmacht,
Aber konnte doch nicht sterben.

Schönste Halluzinationen
Schwebten mir vor meinem Geiste.
Ja, ich schaute Jesus Christus
An dem Tisch des Abendmahles,

Ausgebreitet seine Arme,


Wie auf dem Turiner Grabtuch
Sah den Christus ich im Tode,
Der gebot mir: Du sollst leben!

Und dann sah ich die Madonna,


Die Sixtinische Madonna
Raffaels ist ganz die selbe,
Mit dem Jesuskind im Arme,

Und Madonna sagte leise:


Der du liegst in deinem Blute,
Du sollst leben, du sollst blühen
Wie die Lilie auf dem Felde!

Ich erhob mich von der Stätte,


Schleppte mich zum Elternhause.
Sohn! Mein Sohn! schrie meine Mutter.
Und so kam ich in das Tollhaus.

VIERTE PLAGE:
SCHLANGEN UND SKORPIONE

Oldenburg im Oldenburger
Land! Im schönen weißen Städtchen
Oldenburg geneste meine
Liebeskranke irre Seele.

Sie geneste, singend, betend,


Bei den jungen Protestanten:
Halleluja, Halleluja,
Jesus lebt, so lasst uns tanzen!

Meine Seele so geneste


Nur, um wieder zu erkranken.
Ich hab eine Feé gesehen!
Und wie ist der Elfe Name?

Evi war der Elfe Name!


Aber, meine lieben Leser,
Dankt dem Herrn von ganzem Herzen,
Wenn ihr sie nicht kennen lerntet!

Denn ein Dutzend lange Jahre


Lebte ich im Todesschatten.
Evi nämlich war kein Mädchen,
Sondern sie war eine Schlange!

Im Terrarium zuhause
Hielt sie eine Strumpfbandnatter.
Strumpfbandnattern sah ich flattern
Auch an ihrem schwarzen Strumpfband!

Giftgeschwollne Feuerschlangen
In den hennaroten Locken
Sah ich rollen sich und züngeln
Und mir beißen in die Seele.

Schlangen, liederlich wollüstig,


Auch okkult und esoterisch,
Ringelten um ihren Leib sich,
Diesen trug sie nahzu nackend!

Ihren nahzu nackten Körper


Hüllte sie in Hauchgewänder,
Die so schillernd wie die Schlangen,
Lüstern liederlichen Schlangen.

Einmal war sie in Südfrankreich,


Ohne mich, sie wollte nämlich
Von mir ungehindert flirten
In dem heißen Süden Frankreichs.

Und sie lag in ihrem Schlafsack


In dem Zelte in dem Sommer
Und ihr nackter Leib gebissen
Wurde da von Skorpionen.

Esoterisch die okkulte


Theosophin immer lächelnd
Sprach: Mein Astrologe sagte,
Ich sei ein Skorpionenweibchen.

Nämlich ein Skorpionenweibchen


Ganz besitzt zwei Qualitäten:
Die Besessenheit des Sexus
Und die Übermacht des Todes!

Tödlich des Skorpionenweibchens


Sexus! Also sang der Dichter:
O du Skorpionenweibchen
In dem kurzen Minrocke!

Esoterisch die okkulte


Theosophin sagte böse:
Ich bin Lilith, bin ein Dämon,
In mir sieben böse Geister!

In mir Illy, Lili, Lilith,


Lulu, Lilim, Lola, schließlich
Luzifers Gemahlin, alle
Bösen Geister leben in mir!

Lilith, giftgeschwollne Schlange!


Lilith, Skorpionenweibchen!
Also sagte mir die Bibel,
Daß du ein Dämonenweibchen.

Also sagte mir der Herrgott:


Vierzig Jahre gingst du barfuß
Durch den heißen Sand der Wüste,

Wo Skorpione dich gebissen,


Wo das Nachtgespenst, der Kobold,
Doch geplagt! Doch Gott ist mit dir!
Jesus wird dich nie verlassen!

FÜNFTE PLAGE:
FINSTERNIS
In dem Jahr Zweitausend aber,
Da begann die Nacht der Seele.
Nachtgespenst der Nachtgespenster,
Lilith hat mich so verfinstert!

Schwer trug ich an meinem Kreuze,


Doch die jungen Protestanten
Sangen Jubel über Jubel,
Also wurde ich katholisch.

Dichter-Bruder Reinhold Schneider,


Der du heute lebst im Himmel,
Du zuerst hast unterwiesen
Mich in tiefer Karmel-Weisheit!

Und Johannes von dem Kreuze


Las ich, seine Liebeslieder,
Seine dunkle Nacht der Seele,
Seine heiße Liebesflamme.

Und Therese von dem Kinde


Jesu und vom Antlitz Christi
Las ich, die ihr Leid geopfert
Als ein Opfer an die Liebe.

Und Teresia von Jesus


Las ich, von der Burg der Seele,
Und aus ihrem Leben lernt ich
Mystisch beten, kontemplieren.

Und von Schwester Benedicta


Lernt ich, von der Philosophin.
Benedicta ward mir Freundin
In der dunklen Nacht der Seele.

Allen habe ich gepredigt


Dieser Karmeliter-Weisheit,
Daß, wer leidet, der hat Anteil
An den Kreuzesleiden Christi.

Gottverlassen war der Christus,


Gottverlassen meine Seele!
Christus hing an seinem Kreuze
Und ich hing an meinem Kreuze!

Wisst ihr, Mutter Sankt Teresa


Von Kalkutta, dreißig Jahre
War sie in der Nacht der Seele,
Liebte über alle Maßen!

Aber alle die Gebete,


Die sie zu dem Herrn gebetet,
Alle sind zurückgekommen
Stechend scharf wie spitze Pfeile!

Weh mir, meine Seelenleiden


Wurden immer, immer schlimmer,
Dichter stets die Finsternisse
Und die Trauer meiner Seele!

Jeremias lamentierte:
Meine Augen überströmen!
Schaut doch, gibt es solche Schmerzen
Wie die Schmerzen meiner Seele?

Hiob klagte seinen Freundin,


Doch die Freunde sagten: Hiob,
Das ist Wahnsinn, wie du spottest!
Hiob klagte seinem Schöpfer.

Jeremia wie auch Hiob


Sagten: Weh mir, meine Mutter,
Warum hast du mich geboren?
Wäre ich doch tot geboren!

Salomo in seinem Alter


Sagte: Besser geht’s den Toten
Als den Lebenden auf Erden,
Denn die Toten haben Ruhe,

Besser als den Toten aber


Geht es denen, welche niemals
Sind empfangen worden, welche
Ungeboren sind geblieben!

Und ich wollte wie Buddhisten


Nur verlöschen in der Leere!
Seligkeit der Seligkeiten
War das Nichts des Ungewordnen!

Also wollte ich verlöschen


In dem Ozean der Liebe,
Völlig mich mit Gott verschmelzen,
Daß nur Gott noch existiere!

SECHSTE PLAGE:
FLIEGEN

Als ich war im tiefsten Dunkel


Meiner gramerfüllten Seele,
Trug ich nur zerlumpte Kleider
Und ließ meinen Bart verwildern.
Katholikinnen verschmähten
Diesen armen Vagabunden:
Laß dir deinen Bart frisieren,
Mache deine Kleider duftend!

Aber wer von Gram zerfressen,


Der trägt keine weißen Kleider,
Wer von Traurigkeit gelähmt ist,
Kann nicht putzen seine Wohnung.

Immer sagte meine Mutter:


Wasche sauber deine Gläser
Und du findest eine Dame.
Meine Gläser blieben fleckig.

Meine alten Essensteller


Wurden nicht mehr abgewaschen
Und die vollen Abfalleimer
Wurden nicht mehr ausgeschüttet.

Und die Essensreste wurden


Überzogen ganz von Schimmel
Und im Schimmel sich erzeugten
Maden und sehr kleine Fliegen.

Saß ich nachts bei meiner Lampe,


Heulend voller Liebeskummer,
Schwirrten um mich kleine Fliegen,
Stank der Essensreste Schimmel.

In den heißen Lampenschirmen


Diese Fliegen zwar verglühten,
Doch der Essensreste Schimmel
Zeugte immer neue Fliegen.

War mein Antlitz naß von Tränen,


Weil die Augen Tränen spritzten,
Plagten mich die kleinen Fliegen,
Schwirrten mir um meine Lippen.

In dem Sommer meiner Trauer


Mich besuchten in der Wohnung
Große Fliegen, welche surrten,
Kitzelten die nackte Haut mir.

Wenn ich abends in dem Bette


Trost von meinem Kummer suchte,
Wenn der Schlaf mich trösten sollte
Mit lethäischem Vergessen,

Ließen diese großen Fliegen


Mich nicht in den Schlaf versinken
Und am Morgen früh schon plagten
Mit Gesumm mich diese Fliegen.

War ich dann nicht ausgeschlafen,


Hatte ich dann schlechte Laune,
Wollte Gott mein Leiden klagen
In dem klagenden Gebete,

Ließen mich die großen Fliegen


Nicht in aller Ruhe beten.
Ob ich sie auch fangen wollte,
Waren sie doch immer schneller.

Satan ist der Herr der Fliegen,


Beelzebub der Gott der Fliegen.
Daß mich Gott der Herr erlöse
Von der Plage dieser Fliegen,

Bat ich Unsre Liebe Fraue:


Mutter Gottes, Makellose,
Du befrei mich von den Fliegen
Und von Beelzebub und Satan!

Und Maria schickte eine


Putzfrau mir in meine Wohnung
Und die Putzfrau machte sauber
Alle Teller, alle Gläser,

Putzte mir die Toilette,


Putzte mir die Badewanne,
Wusch den Herd und wusch die Pfanne,
Machte meine Schränke sauber,

Wischte Staub von den Regalen,


Wischte Staub von allen Büchern,
Wischte Staub von der Ikone
Unsrer Lieben Frau Maria.

SIEBENTE PLAGE:
BEULEN

Während meine irre Seele


Krank war, allzu melancholisch,
Allzu sehr litt an der Schwermut
Und der tödlich schwarzen Trauer,

Da begann mein armer Körper


Auch zu rebellieren, nämlich
Immer öfter an dem Körper
Tauchten auf Geschwüre eiternd.
Wissenschaftler sagen nämlich,
Wenn die Seele ist zerrissen,
Ist zerfetzt und ist gespalten
Zwischen Gottesdienst und Minne,

Wenn die Seele will jungfräulich


Ihren Gott alleine lieben
Und doch ebenfalls begierlich
Liebt ein hartes Frauenzimmer,

Dann von der gespaltnen Seele


Gehen aus Geschwüre eiternd.
Die gutmütigen Tumore
Kommen Ärzte, aufzuschneiden.

Die Abzesse, die Furunkel


An den Armen, an den Beinen,
An der rechten, linken Schläfe,
Schließlich sogar an dem Hintern,

Müssen aufgeschnitten werden.


Und des Doktors Messer bohrt sich
In die Wunde, die entzündet,
Und der Körper leidet Schmerzen.

Stundenlang der Mensch muß warten


Mit der Depression der Seele
In dem Wartesaal des Arztes,
Bis der kommt mit seinem Messer.

Morgens früh muß sich erheben


Der verzweifelt Depressive,
Muß mit banger Seele fahren
Zu dem Arzt mit seinem Messer.

Anfangs nur im Frost des Winters


Kamen die Geschwüre eiternd,
Später auch in Ostertagen,
Später auch in Sommerhitze.

Und der Arzt verordnet Sonne:


Solche depressiven Seelen
Mit den eiternden Geschwüren
Brauchen Sonnenlicht im Sünden!

Ja, mein lieber Arzt und Doktor,


Schicke mich an einen Kurort
In dem heißen Süden Frankreichs,
Einstmals war ich dorten glücklich.

Aber Deutschlands scharfer Winter


Und der Frühling, der verregnet,
Und der Sommer mit Gewittern,
Schließlich dann Novembernebel,

Machen krank die irre Seele


Und die arme irre Seele
Macht dann krank den armen Körper,
Und so häufen sich die Leiden.

Doch die junge Ärztin sagte:


Ihnen fehlen kleine Kinder!
Suchen Sie sich eine Gattin,
Zeugen mit der Gattin Kinder!

Doch die junge Ärztin sagte:


Trinken Sie nicht mehr den Rotwein!
Eine Flasche an dem Abend,
Das macht krank den schwachen Körper.

Und ich ging zu trocknen Säufern,


Säufern antialkoholisch,
Aber wollte doch nicht leben
Ohne Wein, des Herzens Freude.

Denn es sprach ein Greis doch weise:


Dichter, trinkst du keinen Rotwein,
Werden schlecht sein deine Verse,
Dichter müssen Rotwein trinken.

Und es sprach der Lutheraner:


Wein ist Qualität des Lebens!
Später möchte ich mit Jesus
Wein im Paradiese trinken!

ACHTE PLAGE:
DONNER

Anna, meine treue Freundin,


Treue aufblickt von der Erde
Und Gerechtigkeit vom Himmel
Und es küssen sich die beiden.

Als dich hat der Krebs befallen,


Der zum Tode führen sollte
Deinen wunderschönen Körper,
In den Himmel rief die Seele,

Da vertrautest du dem Freunde


Deine Kinder an, die beiden,
Juri, deinen Erstgebornen,
Milan, unser beider Liebling.
Und so waren wir auf Rügen
Bei den weißen Kreidefelsen
An der aufgewühlten Ostsee
Bei den goldnen Weizenfeldern.

Auch dein Vater, deine Mutter


Waren bei uns an der Ostsee.
Juri ging an meinen Händen,
Ihm erzählt ich von Maria.

Schau, Maria ist so golden


Wie das goldne Feld von Weizen
Und so bläulich und so purpurn
Wie der Mohn und die Cyane.

Und am Kap Arkona sagtest


Du: Mein schöner Vielgeliebter,
Wollen wir hier Hochzeit feiern
Auf dem Leuchtturm an der Ostsee?

Und ich sagte: Liebste Anna,


Leb ich doch im Zölibate
Als Verlobter Sankt Marias,
Kann dir meine Hand nicht geben.

Aber Vater wär ich gerne


Deinen beiden schönen Söhnen,
Juri liebe ich, den Knaben,
Milan liebe ich, das Kindchen.

Und im Caravan alleine


Schlief ich in dem breiten Bette.
Ach, in unsrer Jugend lagen
Wir in Einem Bette, Anna!

Eines Nachts der Knabe Juri


In dem Caravan, im Bette
Wollte bei dem Onkel schlafen
Und so lagen wir und schliefen,

Bis um Mitternacht der Regen


Prasselt trommelnd auf dem Dache
Und wir von des Regens Trommel
In dem Caravan erwachten.

Und wir schauten aus dem Fenster,


In der Mitternacht der Regen
Stürzte rauschend von dem Himmel,
Rauschend wie das Meer der Ostsee.

Und am Himmel scholl der Donner


Und vom Himmel zückten Blitze.
Das ist Gottes Zorn, mein Knabe,
Weil die Menschen allzu gottlos!

Gottes strafende Gerichte


Über all die Gottvergessnen,
Über all die neuen Heiden,
Donnerten vom Himmel nieder.

Gottes Stimme ist der Donner


Und er wirbelt auf das Weltmeer
Und er lässt die Eichen stürzen
Und er macht die Hirschkuh kreißen.

Aber dieser Blitz vom Himmel


Ist die Waffe seines Zornes,
Ist ein Arsenal von Blitzen
In der Waffenkammer Gottes.

Siehst du, Juri, wie die Blitze


Reißen auf die Himmelsdecke?
Siehst du offen auch den Himmel,
Siehst du Gottes weißen Thronstuhl?

Siehst vor Gottes weißem Thronstuhl


Du die sieben Donnerwetter
Rauschen wie das große Weltmeer,
Das kristallne Weltmeer Gottes?

Siehst du Gottes weißen Thronstuhl


Und zur Rechten seines Thrones
Bei dem Vater in dem Himmel
Auch die Herrlichkeit des Sohnes?

NEUNTE PLAGE:
KREBS

Anna hatte Krebs bekommen,


Krebs zerfraß den schönen Busen.
Sieben Jahre litt die schöne
Anna an dem bösen Cancer.

Ihre Brüste, ihre Mammes,


Ganz zerfressen vom Geschwüre,
Ließen großen Schmerzen leiden
Sie, die so das Leben liebte.

Ich dagegen voller Schwermut,


Voller tödlich-schwarzer Trauer,
Sehnte mich nach meinem Tode,
Wollt nicht mehr auf Erden leben.
Der den Herrn allein gebeten,
Daß er endlich sterben dürfe,
Musste leben auf der Erde,
Weiter leben, weiter leiden.

Die das Leben so sehr liebte,


Die auch noch nicht sterben wollte,
Musste sterben, musste heimgehn,
Ihre Kinderlein verlassen.

Sieben Jahre sah ich täglich,


Wie der Krebs zerfraß den Körper,
Wie der Cancer von den Brüsten
Wanderte zum breiten Becken,

Wie er wanderte vom Becken


Durch das Rückgrat in den Schädel,
Wie sie Schmerzen in dem Kopfe
Litt, wie sie verlor die Haare.

Dieses war der schöne Körper,


Den ich in der frohen Jugend
So begehrt und so genossen,
Dieser war nun krank zum Tode.

O, die Schönheit einer Jugend


Kann ich nicht mehr einfach sehen,
Sondern in der Jugendschönheit
Sehe ich schon ihren Leichnam.

Meine beste Busenfreundin,


Die mir ihre Kinder schenkte,
Lag als aufgebahrter Leichnam
Wächsern gelb im Hospitale.

Auch mein Vater war gestorben


An dem bitterbösen Blutkrebs.
Als er lag im Krankenhause,
Nahm er Abschied von den Söhnen:

Erstgeborner Sohn, mein Liebling,


Sorge dich um deinen Knaben!
Aber du, mein schwarzes Schäfchen,
Rede du doch mit Kaninchen!

Und ich saß in meinem Zimmer,


Betete zu Sankt Maria:
O du Königin der Hölle,
Rette meines Vaters Seele!

Und um Mitternacht der Regen


Stürzte nieder und der Donner
Donnerte voll Ernst vom Himmel
Und die lichten Blitze zückten.

Und die Seele meines Vaters


Fuhr aus seinem toten Körper
Und erschien in meinem Zimmer,
Wo ich flehte zu Maria.

Meine Mutter aber gleichfalls


Ward befallen von dem Cancer,
Und die Ärzte nahmen Mama
Ihren Uterus des Schoßes

Und entfernten von dem Busen


Eine Brust und dann die andre.
Also meiner Mutter Körper
Ohne Uterus und Brüste

Ward gelassen von dem Cancer.


Aber sie blieb noch am Leben,
Und ich flehte zu Maria,
Daß die Mutter überlebe.

Gott erhörte meine Bitte


Und die Mutter blieb am Leben.
Anna aber, meine Tote,
Ward der Engel meiner Seele.

In dem Himmelreiche warten


Nun auf meine arme Seele
Anna, meine Busenfreundin,
Und die vielgeliebte Oma.

ZEHNTE PLAGE:
VERLUST DES LIEBLINGS

Als gestorben meine Anna,


Nahm ich meinen Liebling Milan,
Führte ihn zu der Kapelle
Zu der lieben Mutter Gottes,

Die die Mutter aller Menschen,


Die die Mutter aller Kinder,
Daß sie seine Mutter werde,
Seine Mutter in dem Himmel.

Und ich weihte meinen Milan


Ihrem Unbefleckten Herzen
Und dann ging ich mit dem Liebling
Zu der wunderschönen Evi.
Evi, Spiegelbild der Schönheit,
Offenbarend Gottes Schönheit!
Milan, Spiegelbild der Liebe,
Offenbarend Gottes Liebe!

Milan zeigte ich ein Bildchen


Von dem kleinen Knaben Amor,
Sieben Jahre alt der Knabe,
Nackt, mit Flügeln an den Schultern,

Hielt der Knabe Pfeil und Bogen,


Und so schoss er nach den Herzen.
War der Pfeil getaucht in Honig,
Fand der Freier Gegenliebe,

War der Pfeil getaucht in Schierling,


Fand der Freier keine Liebe.
Milan, sagte ich, mein Liebling,
Nimm nun deinen Pfeil und Bogen,

Schieße mir in meine Seele


Deine sieben Honigpfeile!
Milan schoss und traf die Mitte
Meines gleich verzückten Herzens.

Oh, ich liebe dich, ich liebe


Dich von ganzem Herzen, Liebling,
Rief ich, von dem Pfeil getroffen,
Von dem Honigpfeile Amors.

Aber Winkeladvokaten
Nahmen weg mir meinen Liebling.
Diese Winkeladvokaten
Wollten Milan für sich selber.

Ach, ich durft ihn nicht mehr sehen,


Den ich großgezogen habe,
Dem die Windeln ich gewechselt,
Dem ich beistand in dem Fieber,

Dem ich alle meine Märchen


Und Legenden alle sagte,
Sprach von Adam und von Eva
Und von Jesus und Maria

Und von Josef und den Brüdern


Und von Moses in Ägypten
Und von Goliath und David
Und von Salomo und Balkis,

Dem ich sprach vom Drachentöter


Siegfried und von Hagen Tronje,
Und von Herkules und Hera
Und Odysseus und Athene,

Ihm erzählte von Schneewittchen


Und Dornröschen, Aschenputtel,
Von der Meerjungfrau, den Elfen,
Und von Reinecke, dem Fuchse.

Aber er ward mir genommen,


Der allein von ganzem Herzen
Mich geliebt mit Kinderliebe
Wie ein zweiter Jesusknabe.

Viele, viele Monde weint ich


Um den lieben Knaben Milan.
Abraham so musste opfern
Seinen Isaak, den Knaben.

Alle diese meine Plagen


Wie ein sündiger Ägypter
Litt ich als ein frommer Jude,
Der allein verehrt Jehowah.

Gott ist Liebe! Gott ist Liebe!


Liebe selbst ist eine Gottheit!
Aber wundersam die Wege –
Unverständlich ist die Liebe.

TANNHÄUSER BEIM SÄNGERWETTSTREIT


Ritter suchten Ruhm und Reichtum,
Aber unser Mann Tannhäuser
War der Liebling schöner Frauen,
Manches Weibchen war ihm willig.

Der Tannhäuser war Rivale


Walters von der Vogelweide
Um die Liebe ihrer Fürstin,
Sankt Elisabeth, die Rose.

Der Tannhäuser sang das Liedchen:


Weibchen, hebe hoch das Röckchen,
Spreize deine weißen Schenkel,
Zeig den schwarzen Venushügel!

Sankt Elisabeth, die Rose,


Aber sprach zu dem Tannhäuser:
Solche Verse, hocherotisch,
Können dich dein Köpfchen kosten!

Wartburg in dem Sachsenlande,


Zeige du die Macht des Fürsten!
Um Zwölfhundertsechsundzwanzig
Ritter übten Ritterspiele.

Alle kamen zu dem Feste,


Zu verherrlichen den Fürsten,
Fürsten Ludwig von der Wartburg,
Der ein Günstling war des Kaisers.

Krieger dienten ihren Fürsten,


Dienten Christus auf dem Kreuzzug,
Zu befreien ihre Brüder
An dem Grabe ihres Gottes.

Um Zwölfhundertsechsundzwanzig
In dem Sommer auf der Wartburg
Trafen sich die Ritter, warben
Um die Gnade ihres Fürsten.

Der Tannhäuser war darunter,


Sagte: Statt der Burgen lieber
Ich erobre Frauenherzen!
O Elisabeth, du Rose!

Der Tannhäuser sang am liebsten


Hocherotisch von der Minne,
Von den Liebesabenteuern,
Von den Leibern schöner Weiber.

Der Tannhäuser, der berühmte,


War ein liebestoller Ritter,
Sang sich fast um Kopf und Kragen,
Kenner er der Frauenschönheit.

Lieder sang er, statt zu kämpfen.


Minnesänger auf der Wartburg
Haben Minnesang gedichtet
Für Elisabeth, die Rose.

Ludwig förderte die Künste,


War Mäzen der Minnesänger,
Wollte den Bereich der Herrschaft
In dem Sachsenland erweitern,
Schloss ein Bündnis mit dem Kaiser,
Mit dem Staufenkaiser Friedrich,
Half dem Kaiser auf dem Kreuzzug,
Herrschte in dem Lande Meißen,

Feiert das nun auf der Wartburg


Mit dem Wettstreit zweier Dichter.
Walter von der Vogelweide
War begünstigt von dem Fürsten.

Walter von der Vogelweide


War der Abendstern des Ruhmes,
Der Tannhäuser, sein Rivale,
War vulgär, frivol, erotisch.

Walter von der Vogelweide


Und auch sein Rival Tannhäuser
Waren nicht vom hohen Adel,
Sondern Fahrende und Bettler.

Walter von der Vogelweide,


Er war zwanzig Jahre älter,
Er war reich und angesehen
Durch die Gnade seines Fürsten.

Der Tannhäuser war aufstrebend,


Brauchte den Erfolg beim Wettstreit,
Musste Walter schlagen, aber
Ludwig war dem Alten günstig.

Des Tannhäusers Hoffnung also


War Elisabeth, die Rose,
Ausschlaggebend war ihr Urteil,
Sie war heilig und barmherzig.

Er will, dass die Fürstin aufmerkt.


Seine Lieder hocherotisch
Kommen gut an bei den Frauen,
Auch bei hohen Adelsdamen.

Also sang er vor der Fürstin:


Schön geknetet ihre Brüste,
Wohlgerundet auch ihr Popo,
Leise schreit sie bei der Liebe!

Sprach Elisabeth, die Rose:


Schön dein Liedchen, mein Tannhäuser,
Mit den Versen hocherotisch
Wirst du bei dem Wettstreit siegen!

Walter kam schon in die Jahre,


Sang für Jesus und die Jungfrau.
Ritter singen für die Weiber
Und die Heiligkeit der Fürstin.

Der Tannhäuser saß im Bade,


Ganz von Holz gemacht der Zuber.
Damals gab es gutes Essen,
Tanz, Musik, Genuss des Lebens.

Überschäumender Bedarf an
Lustbarkeit war auf der Wartburg.
Ein Magnet für alle Künstler
War der Hof des Fürsten Ludwig.

Gerne kamen Minnesänger


Und die allerbesten Köche
Und die schönsten Tänzerinnen
Und die Musiker der Lauten,

Denn das Ideal des Adels


War des Kriegers Mut und Stärke
Und das höfliche Benehmen
Und die Kunst des Minnesanges.

In Tannhausen war geboren


Der Tannhäuser um Zwölfhundert,
War die ersten sieben Jahre
Immer an dem Rock der Mutter,

Ward zum Kämpfer ausgebildet,


Ausgebildet auf der Wartburg,
Denn sein Vater war ein Krieger
Bei dem Staufenkaiser Friedrich.

Der Tannhäuser nun trainierte,


Wie man bleibt auf Rosses Rücken,
Rosse mit den Schenkeln lenkte,
Wie man splitterte die Lanze.

Ausgebildet in den feinen


Adelssitten an dem Hofe
Wurde er und im Benehmen
Und im Lesen und im Schreiben.

Ja, Tannhäuser konnte lesen!


Ja, Tannhäuser konnte schreiben!
Damen lehrte das Benehmen
Und die Sitten an der Tafel.

Und er lernte Redekünste,


Tanz, Gesang und Laute-Spielen,
Ward von Damen ausgebildet
Und bewundert von den Frauen.
Und mit fünfzehn Jahren wurde
Er zum Rittersmann geschlagen,
Ob er auch zum niedern Adel
Wie sein Vater nur gehörte.

Also ist er arm. Das Leben


Eines Ritters, ach, ist teuer!
Eine Ritterrüstung kostet
Fünfzig fette Mutterkühe!

Er benötigt auch drei Pferde,


Eines ist da nicht genügend!
Eines Ritters Schlachtross kostet
Dreißig Schweine und zwölf Ochsen.

Zwar Verpflegung hat der Ritter,


Unterkunft auch auf der Wartburg,
Doch er muß bezahlen einen
Knappen, den muß er bezahlen!

In dem Schlafsaal muß er liegen


Mit den andern Herren Rittern.
Und ein Kettenhemd, das kostet
Ein Vermögen unserm Ritter.

Nur wenn er im Wettstreit Sieger


Ist und Walter überwindet,
Kann er sich das gute Leben
Als ein Dichter weiter leisten.

Ein Duell, nicht mit dem Schwerte,


Ein Duell, mit Liebesversen
Gegen Walter, den berühmten
Veteranen und Rivalen!

Der Tannhäuser muß was wagen,


Zu besiegen diesen Alten.
Ungewöhnlich freche Texte
Schreibt Tannhäuser und tabulos.

Er riskiert damit am Hofe


Den Skandal beim hohen Adel.
Ist der Fürst ihm nicht mehr gnädig,
Muß er als ein Krieger leben.

Also, Lanze oder Laute!


Ich besinge nicht die Kriege,
Sondern singe Liebeskriege
Und im Bette Kissenschlachten!

Sieht denn Ludwig, dieser Landgraf,


Sankt Elisabeths, der Rose,
Frauenehre gar entwürdigt
Von Tannhäusers losen Liedern?

Denn der Ruf voraus ihm eilte


Eines singenden Rebellen,
Der die Minne parodierte
Durch die dreisteste Erotik.

Andre Minnesänger beten


Frauen an in schönen Versen,
Nur die fernsten Ideale
In der reinsten Verse Keuschheit.

Doch Tannhäuser singt von echten


Liebesabenteuern sinnlich.
Walter ist der brave Alte,
Schreibt nur sehr dezent vom Körper.

Doch Tannhäuser detaillierter


Sang vom Körper seiner Dame,
Von den Brüsten, von dem Popo,
Von des Venushügels Schamhaar.

Mädchen! Hebe hoch das Röckchen!


Mädchen! Spreize deine Beine!
Die Erotik bringt ihm Freunde,
Die Erotik bringt ihm Feinde.

Doch Tannhäuser ist beliebter


Bei den Frauen, weil sie nicht mehr
Nur abstrakte Ideale,
Unberührbar, Göttin-gleiche.

Der Tannhäuser ist Revolte


Einer lusterfüllten Jugend.
Walter von der Vogelweide
Ist die Religion der Alten.

Aber wenn Tannhäuser seine


Phantasieen hocherotisch
Projizierte auf die Frauen
Seiner Gönner, wird’s gefährlich!

Bei der Probe für den Wettstreit


Ward Tannhäuser schon gewürdigt
Von Elisabeth, der Rose:
Meiner Gnade bist du sicher!

Oh die festen jungen Brüste!


Oh der wohlgeformte Popo!
Oh betauter Venushügel
Mit gelocktem schwarzem Schamhaar!

Hundert Fässer roten Weines!


Kämmerer und Kellermeister
Und der junge Knabe Mundschenk
Mit den langen goldnen Locken!

Schwein und Lamm und Rind zu speisen,


Kranich und Fasan und Fische,
Hirsch und Hase, Obst und Wildschwein,
Kümmel, Pfeffer, Datteln, Feigen!

An der Tafel die Gespräche


Über Politik und Kaiser.
Auch Tannhäuser schrieb Gedichte
Über das Benimm zu Tische.

Das Duell! Nur Einer Sieger!


Doch es warnt die fromme Fürstin,
Sankt Elisabeth, die Rose:
Singe nicht vulgäre Verse!

An dem Ende dieses Gastmahls


Treten auf die Minnesänger.
Einst sang Walter Liebeslieder,
Religiös nun und moralisch.

WALTER VON DER VOGELWEIDE SINGT:

Nun bin ich alt geworden. Im Vertrauen


Zu euch gesagt, der Tod ist nicht mehr fern.
In meinem Barte seh ich schon die grauen
Und silberweißen Haare. Ach, der Stern
Des Lebens sinkt. Nun Unsrer Lieben Frauen
Sing ich mein Lied und meinem Gott, dem Herrn,
Der meiner Jugend Lieder mög verzeihen!
Ich will mich sterbend Unsrer Frauen weihen!

Nicht Anbetung hoher Damen


Sang Tannhäuser an der Tafel,
Ganz konkrete Liebeslüste
Von dem feuchten Aug des Mädchens!

TANNHÄUSER SINGT:

Geliebte, hebe hoch das Röckchen! Spreize


Die weißen Schenkel, mach die Beine breit!
Ich preise deine Brüste, deine Reize!
Erscheine mir in Evas schönem Kleid!
Den Venushügel schenke, fern vom Geize,
Laß beben deinen Popo allezeit!
Im Spiel der Liebe stöhne mit dem feuchten
Und heißen Mund und laß die Augen leuchten!

Alle schweigen an der Tafel.


Sankt Elisabeth, die Rose,
Applaudierte mit den Händen:
Der Tannhäuser hat gewonnen!

Diese liederlichen Lieder


Waren keine hohe Kunstform,
Doch an allen Adelshöfen
Sang man seine Liebeslieder.

Ein Jahr später zog Tannhäuser


Mit dem Kaiser und dem Fürsten
In die Ewge Rom zum Papste
Und zum Grabe seines Gottes.

REGINA MINERVA

PLATON UND ARISTOTELES

Wenn du anschaust eine Stute,


Wenn du anschaust einen Hengst,
Hast du die Idee der Pferdheit,
Hast das Pferd-an-sich im Geiste.

Wenn du einen Tisch betrachtest,


Einen großen, einen kleinen,
Hast du die Idee des Tisches
Allgemein in deinem Geist.

Aber was sind denn Ideen?


Allgemeine Wesenheiten,
Existierend in dem Geist,
In dem reinen Geist der Gottheit.

Woher weiß der Philosoph


Von dem Wesen der Ideen?
Weil er sie vor der Empfängnis
In der Gottheit Spiegel schaute!

Alle Seelen waren einmal


Vor dem Tage der Empfängnis
Im Ideenhimmel droben,
Schauten Gott und die Ideen!

Aber als sie in den Kerker


Ihres Körpers sind gekommen,
Haben alles sie vergessen,
Haben die Idee vergessen!

Künstler aber, Philosophen


Und Verliebte sich erinnern,
Diese tranken nicht von Lethe
Im Momente der Empfängnis.

Wenn nun Philosophen lieben,


Lieben sie am schönen Kind
Die Idee der reinen Schönheit,
Schauen wieder die Idee.

Wenn der Philosoph verliebt ist,


Schaut er überm schönen Kind
Die Idee der Schönheit, welche
Ist Urania, die Göttin.

Aber sind denn die Ideen


Wesenheiten, geistig-wirklich?
Oder sind sie an den Dingen
Nur als reines Formprinzip?

Sind doch alle Erdendinge


Aufgebaut aus der Materie,
Die ein Chaos ist, ein Stoff,
Der von einer Form geprägt wird.

Diese Form ist an den Stoffen,


Die sie schaffen aus Potenz
Der Materie zum Ding,
Zur Verwirklichung, zum Akt.

Diese Form ist bei dem Menschen


Seine Seele, die den Stoff
Seines Leibes auferbaut,
Daß er wird ein wahres Leben.

Alle Dinge in dem Kosmos,


Die sich irgendwie bewegen,
Sind bewegt von einem Grund,
Dieses ist der Erstbeweger.
Dieser Erstbeweger ist
Erstursache aller Dinge,
Das ist Gott, der allen Dingen
Gibt ihr Ziel in der Vollendung.

Aber was ist die Vollendung?


Das ist die Vollkommenheit.
Gott ist die Vollkommenheit,
Gott ist auch das Ziel der Wesen.

An den Wesen, an den Dingen


Wirkt die Form, die sie entwickelt.
Dies Prinzip des Werdens ist
Die Entelechie der Wesen.

Alle Wesen sich entwickeln


So durch die Entelechie
Zu dem Zustand des Vollkommnen,
Wo vollendet sie in Gott.

Gott ist also Erstursache,


Gott ist Ziel auch aller Wesen.
Seele ist die Form des Leibes,
Gott die Form ist aller Seelen.

HORAZ UND VERGIL

Als Horaz in seiner Jugend


Sang zu seiner goldnen Leier,
Folgte er der heitern Weisheit
Epikurs, die Lust erhebend.

Lust, die allerhöchste Tugend


Eines Menschen auf der Erde,
Ist nicht die frivole Wollust,
Ist die Heiterkeit der Freude.

Was bedarf der Mensch zur Freude?


Nicht die Marmorsäulenhalle,
Sondern einen grünen Garten,
Wo das Glück der Freundschaft lächelt.

Auch die Liebe soll nicht böse


Dir zerquälen deine Seele,
Sondern leichten Mädchen diene
Mit der Heiterkeit der Liebe.

Venus preise! Bacchus preise!


Wenn du erst den Wein genossen,
Dann kommt auch hinzu Cupido,
Dieser kleine süße Schelm!
Als Horaz in seinem Alter
Sang zu seiner goldnen Leier,
Folgte er der ernsten Stoa,
Kardinalen Tugenden.

Eine kardinale Tugend


Lehrt dich, maßvoll stets zu bleiben,
Also auch beim Trinkgelage
Trink sokratisch deinen Becher.

Eine kardinale Tugend


Ist der Starkmut, doch Horaz
Ließ im Kriege seinen Schild
Fallen und ist so geflohen.

Eine kardinale Tugend


Ist Gerechtigkeit. Horaz
Schaute stets das große Staatsschiff
Voller ernster Sorge an.

Eine kardinale Tugend


Ist die Klugheit, und Horaz
War ein Weiser, war ein Seher,
Sang prophetisch seine Oden.

Von Vergil weiß ich zu sagen,


Daß er Dichter des Advent
War und kündete die Kirche
Roms und den Messias an.

In der Vierten der Eklogen


Pries er eine reine Jungfrau,
Die den Sprössling wird gebären,
Der uns bringt das Paradies.

Jove als den großen Vater


Aller Götter, aller Menschen,
Sang Vergil, der uns zum Heil
Einen Heiland senden wird.

Was der Seher Mose schrieb


Von den Kindern Israel,
Schrieb Vergil, der Seher, auch
Von dem großen Sohne Trojas.

Aber wer hat das Geschick


Dem Äneas so gelenkt,
Daß er gründen konnte Rom,
Hauptstadt aller Ökumene?

Das war seine Mutter Venus,


Venus Genitrix, die Göttin,
Die Personifikation
Reinster Providentia.

Denn Vergil war frommer Schüler


Der gelehrten Stoa-Schule,
Pries die Providentia,
Gottes erstgeborne Tochter.

Göttin Providentia
Oder Venus Genitrix,
Sie hat Rom erbaut, dort herrscht
Der ersehnte Weltenheiland,

Der in aller Ökumene


Frieden stiftet, dieser Sohn
Gottes, der Erhabene.
Einst, wie die Sibylle sagte,

Sah man überm Vatikan


Eine Jungfrau, die gebar
Gottes Sohn, den Weltenheiland,
Der in Mutter Roma herrscht.

DIONYSIOS AREOPAGITA

Paulus lehrte in Athen


Weiland auf dem Areopag,
Vor den Schülern Epikurs
Sprach er und den Stoikern.

Als er aber predigte


Von dem Menschen Jesus Christus
Und von seiner Anastasis,
Dachten all die Philosophen:

Dieser kündet neue Götter,


Einen neuen Gott, den Christus,
Eine neue Göttin gleichfalls,
Nämlich Anastasia!

Aber als dann Paulus sprach


Von des Fleisches Auferstehung,
Sprachen all die Philosophen:
Ach, du bist ein dummer Schwätzer!

Wissen wir seit Platon doch,


Daß das Fleisch Gefängnis ist,
Psyche ist darin gefangen!
Psyche kann man nur erlösen,
Wenn sie freigelassen wird
Aus dem Kerker ihres Fleisches,
Das ist die Unsterblichkeit
Psyches in Elysium!

Und du willst im Himmelreiche


Psyche wieder sperren ein
In den Kerker ihres Fleisches?
Nein, du bist ein Körnerpicker!

Psyche wollen wir befreien,


Darum auch die Stoiker
Lieben sehr den weisen Freitod,
Um die Psyche zu befreien!

Aber Pauli Predigt lauschte


Damaris, die Philosophin,
Damaris war eine Jungkuh,
Schon geschlechtsreif, noch nicht Mutter.

Aber Pauli Predigt lauschte


Dionysios, der trunkne,
Ein Platoniker, der glaubte
An den fleischgewordnen Gott.

Dieser Dionysios
Ist der Vater aller Mystik
In dem frommen Abendland,
Ist ein großer Kirchenlehrer.

Was von Gott man sagen kann,


Ist allein, was Gott nicht ist.
Gott ist nicht ein Sterblicher,
Gott ist nicht an Zeit gebunden,

Gott ist nicht an Raum gebunden,


Gott hat keinen Anfang je,
Gott hat auch kein Ende je,
Gott hat keinen Menschenkörper,

Gott ist weder Mann noch Frau,


Ist von Menschen nicht zu sehen,
Gott ist eine Über-Gottheit,
Über allem Dasein seiend.

Gott ist aller Hierarchie


Oberster Gebieter, denn
Alle Throne (oder Götter)
Beten an den Ewigen,

Cherubim und Seraphim


Beten an den Ewigen,
Fürstentum und Herrschaft dient
Gott dem Allerhöchsten immer,

Gabriel und Michael


Und Erzengel Raphael
Dienen stets dem Ewigen,
Ihrem allerhöchsten Herrn.

Alle Engel, die uns schützen,


Dienen allzeit Gott dem Herrn,
Schauen den Unsichtbaren,
Bringen seine Hilfe uns.

In der Kirchen-Hierarchie
Spiegelt sich die Hierarchie
All der Engelchöre droben,
Nämlich in den Sakramenten.

Taufe ist die Neugeburt


Als ein Adoptivkind Gottes,
Beichte ist das Sakrament
Der Versöhnung mit dem Herrn,

Firmung ist das Sakrament


Der Erfüllung mit dem Geist,
Myron-Salbe, Chrisam-Salbe
Stärkt uns mit dem Geist des Herrn.

Die Eucharistie ist Christus,


Die Vereinigung mit ihm,
Ehe ist ein Sakrament,
Da man sich die Liebe spendet,

Priesterweihe ist die Weihe


Eines alter ego Christi,
Krankensalbung ist die Heilung
Eines angefochtnen Christen.

AUGUSTINUS

Monica, die fromme Mutter,


Liebte als ein junger Mensch
Über alles Maß den Wein,
Der im Keller war des Vaters.

Wenn sie in den Keller ging,


Wein zu holen für den Vater,
Trank sie immer von dem Wein,
Heimlich von der Rebentochter.

Aber Gott befreite sie


Von der Sucht nach rotem Weine.
Ihre flüssigen Gebete
Waren nicht vom Rotwein fließend,

Ihre flüssigen Gebete


Waren heiße Tränenflüsse,
Als sie Gott den Herrn gebeten,
Augustinus zu erlösen.

Dreißig Jahre betete


Sie die flüssigen Gebete,
Und es sprach Ambrosius,
Der der Bischof war von Milan:

Soviel Tränen einer Mutter


Werden sicherlich erhört!
Und tatsächlich, Augustinus
Hörte einen Knaben lallen:

Nimm und lese! Nimm und lese!


Augustinus nahm die Bibel,
Schlug sie auf und las das Wort:
Lebt nicht hin in den Begierden

Eures aufgeheizten Fleisches,


Sondern zieht den Christus an!
Augustinus ließ sich taufen,
Zog das Taufkleid Christi an.

Seiner Konkubine Sohn


Auch, Adeodatus hieß er,
Ließ sich taufen in der Kirche
Von Ambrosius von Milan.

Heil, Ambrosius von Milan!


Die ambrosianischen
Hymnen singt noch heut die Kirche
Viele hundert Jahre später.

Aber Mutter Monica


Fühlte, dass sie sterben müsse,
Und sie kam zu ihrem Sohn
Und traf ihn in Ostia,

In dem Hafen nahe Rom.


Und die Mutter sprach zum Sohn:
Früher wollte ich beerdigt
Werden bei des Gatten Grab,

Aber heut ists mir egal,


Wo mein Leichnam wird begraben,
Nur, wenn ich gestorben bin,
Lasset Messe für mich lesen!

Monica und Augustinus


Hielten liebend sich umarmt
Und bedachten alle Dinge,
Die von Gott geschaffen waren,

Streiften alles ab, was endlich,


Was da zeitlich, was da räumlich,
Und so schauten sie zuletzt
In dem Geist die Weisheit Gottes!

Augustinus aber sprach


Herrlich von der Ewigkeit:
Nicht mit einem Auge nur
Schauen wir die Herrlichkeit,

Die Vision der Gloria


Ist nicht nur ein starres Schauen,
Sondern ewiger Genuß,
Wo die Gottheit wir genießen!

Ja, wir werden ganz gestillt sein


Und so ganz befriedigt sein
Von der schönen Liebe Gottes
Und geliebt sein von der Liebe,

Dennoch ohne Überdruß


Werden wir befriedigt werden,
Sondern ewig werden schmachten
Wir nach dem Genuß der Liebe!

Ewig werden wir befriedigt,


Ewig werden wir verschmachten –
Ewig werden wir verschmachten,
Ewig werden wir befriedigt!

LUTHER

Martin Luther hat studiert


Und er ward ein Bibel-Lehrer,
Auf der Universität
Wittenberg hat er studiert.

Und er lernte William Ockham


Kennen, den der Papst verurteilt,
Denn er war Häretiker,
Luther doch verehrte ihn.

Diese beiden Ketzer sprachen


Nicht von einer heiligen,
Apostolisch und katholisch
Römischen Ecclesia,

Sondern von dem Christentume


Einer allgemeinen Kirche.
Denn die Päpste, sagten jene
Ketzer, haben oft geirrt

Und auch die Konzilien


Des Kollegiums der Väter
Haben oft das Wort verfälscht
Und die Bibel falsch gedeutet.

Tausend Jahre Christenheit


Hätten sich geirrt, so sagten
Jene Ketzer, aber heute
Wär kein Glaube mehr vorhanden.

Wenn denn Christus wiederkommt,


Findet er dann noch auf Erden
Glauben? Ach nicht in der Kirche,
Nur bei Einem Mann allein!

Päpste und Konzilien


Und die Kirche gingen irre
Und der Glaube ward bewahrt
Nur von Einem Mönch allein.

Dies besoffne deutsche Mönchlein


Hat zuviel vom Bier getrunken,
Sprach der Papst, als er das hörte,
Luther sei allein noch gläubig.

Alle Welt ist abgefallen


Von der wahren Christenlehre,
Ganz allein bewahrt den Glauben
Ein besoffnes deutsches Mönchlein!

Was ist ein Häretiker?


Und was ist ein Kleriker?
Also fragte meine Herrin
Heute an dem Fest der Weihnacht.

Luther ist Häretiker,


Denn er sagte, dass der Herr
Selbst verstockt den Pharao
Und den Pharao verdammte,

Um dann Gottes große Macht


An den Kindern Israel
Zu erweisen, die er führte
Aus der Sklaverei Ägyptens.
Wenn der Herr den Pharao
Selbst verstockte, selbst verdammte,
Um die Kinder Israel
Ins Gelobte Land zu führen,

Dann tut Gott das Böse selbst,


Um das Gute zu erwirken,
Dann ist in dem Herrn das Böse,
Wie im Herrn das Gute ist.

Da in Gott das Böse ist,


Hat die Bösen er bestimmt
Zu der ewigen Verdammnis
Und die Guten zur Erlösung.

Nichts kann da das Menschlein tun,


Denn entweder reitet ihm
Satan auf dem Rücken oder
Christus ihm erweist die Gnade.

Wenn in Gott das Böse ist,


Prädestination zum Bösen,
Sprach der Lutheraner Hegel,
Dann ist Gott selbst dialektisch,

Dann tut Gott das Böse, um


So das Gute zu bewirken,
Dann zu dem Dreifaltigen
Kommt als Vierte der Personen

Luzifer hinzu, der Vierte


Er in der Dreifaltigkeit.
Und die Lutheranerin,
Die studierte Doktor Luther,

Fürchtet, dass sie Gott verdammt,


Daß sie sei vorherbestimmt
Von dem Herrgott zu der Hölle,
So verfällt dem Wahnsinn sie.

FRANZ VON SALES

Franz von Sales in der Jugend


Litt am höllischen Gedanken,
Daß ihn Gott vorherbestimmte,
In der Hölle zu verderben.

Solches lehrten Calvinisten,


Solches lehrte Martin Luther,
Der des Menschen freien Willen
Abgelehnt als schlimmer Ketzer.

Gegen Doktor Martin Luther


Schrieb der herrliche Erasmus
Von des Menschen freien Willen,
Alle Geister nun verwirrend.

Wenn die Christen nicht mehr hören


Auf die Kirche der Apostel,
Leben sie die Glaubensspaltung,
Kommen sonderbare Lehren.

Franz von Sales stand in Ängsten,


Daß ihn Gott vorherbestimmte
Für die ewige Verdammnis
Und die Qualen in der Hölle.

Und er betete zum Herrgott:


Bin ich schon verdammt zur Hölle,
Will dies Leben auf der Erde
Ich mit aller Kraft dich lieben.

Aber die Erlösung fand er


Von den höllischen Gedanken
Durch die Mutter aller Gnaden,
Unsre Liebe Frau Maria.

Siegerin ist Sankt Maria


Ja in allen Schlachten Gottes,
Sie besiegt allein den Irrtum,
Sie führt uns zu Jesus Christus.

Als sich Franz von Sales weihte


Unsrer Lieben Frau Maria,
Da befreite ihn die Mutter
Von der Calvinisten Irrtum.

Gott will ja, dass alle Menschen


Zu ihm in den Himmel kommen.
Jedem gibt er reichlich Gnade,
Frei für Gott sich zu entscheiden.

So ward er geweiht zum Bischof


In dem schönen Genf, da herrschte
Calvinismus in den Köpfen
Und die Wahrheit ward verdunkelt.

Franz ward Prediger der Wahrheit,


Der die Lehre der Apostel
Gegen Calvin gut verteidigt,
Gegen Luther gut verteidigt.
Luther stritt sich einst mit Calvin,
Ob das Brot, der Wein des Tisches
Sei der Leib, das Blut des Christus
Oder dieses nur bedeute.

Calvin lehrte diesen Irrtum,


Daß das Brot den Herrn bedeute,
Aber dass der Herr nicht wirklich
Gegenwärtig sei im Brote.

Luther sagte: In dem Brot ist


Christus während des Gebetes,
Durch den Glauben sei der Christus
Bei dem Kulte gegenwärtig.

Aber Franz von Sales lehrte,


Was die Kirche der Apostel
Lehrte von dem Anfang an:
Dieses Brot wird Corpus Christi.

In der Hostie gegenwärtig


Ist der Leib, das Blut, die Seele
Und die Gottheit Jesu Christi,
Wie der Herr es selber lehrte.

Franz, das möchte ich noch sagen,


Hatte eine Geistes-Freundin,
Die Johanna von Chantal war
Eine gottverliebte Witwe.

Seine Briefe las ich weiland


An die Freundin Jeanne, die Fromme,
Die nach ihrem Ehestande
Sich dem Herrn allein geweiht hat.

Diese frommen Liebesbriefe


Sind sehr zärtlich und Johanna
Sah in Franz von Sales ihren
Seelenführer in dem Geiste.

HÖLDERLIN

Hölderlin, der junge Dichter,


Las die deutschen Philosophen,
Kant und seine Preußen-Ethik
Las er als sein Tugend-Vorbild.

Fichte und sein Ich und Nicht-Ich


Und die absolute Freiheit
Hat er auch studiert und Hegel,
Seine Lehre von dem Weltgeist.
Auch den alten Schelling las er,
Wie die Religion der Wahrheit
Neuer Mythen Kleid bedürfe.
Schiller und die Ideale

Hat er auch studiert und sah in


Schiller seinen großen Meister.
Doch vor allen Philosophen
Liebte er den großen Platon.

Hölderlin war kaum ein Deutscher,


War vielmehr ein alter Grieche.
Wie der Stoa fromme Schule
Liebte er den Vater Äther

Und die Sonne wie die Griechen,


Die Urania des Platon
Liebte er als Muttergöttin,
Königin und Vielgeliebte.

Und Empedokles, den Weisen,


Liebte er, der sich geopfert
Der Natur, der stürzte liebend
Der Natur in ihren Schoß.

Ob auch Herkules und Bacchus


Seiner Jugend Helden waren,
Liebte er doch auch den Christus,
Sah in ihm den größten Heros.

Als die Welt der jungen Schönheit


Unterging im Zeitgewitter,
Schickte Gott, der große Vater,
Noch den Sohn, den schönen Heros.

Dieser war so ganz vollkommen,


Daß ihn Hölderlin geliebt hat
Mehr als jeden andern Halbgott
Aus der griechischen Antike.

Als er aber kam nach Frankfurt


Zum Bankier Gontard, im Hause
Zu erziehen dessen Knaben
Henry, diesen holden Knaben

In dem blondgelockten Haare,


Sah er auch die Frau des Hauses,
Sah Suzette, die Anmutreiche,
Die Madonna seiner Seele.

Und nach dem Madonnenkopfe


Er gestaltete sein Kunstwerk,
War ein Hausfreund seiner Dame,
Die er leidenschaftlich liebte.

Doch der Gatte seiner Herrin


Schickte ihn aus seinem Hause.
Nach Bordeaux ist er gewandert,
Schaute Lyra, Schwan und Adler

An dem schönen Sommerhimmel.


Die Madonna seiner Seele
Aber wurde heimgerufen
Von dem Gotte ihres Lebens.

Hölderlin ward ein Verrückter,


Schizophrene Paranoia
Plagte nun den hohen Dichter
Und er lebte völlig einsam

Dreißig Jahre in dem Turme,


In dem Turm von Elfenbein,
Spielte oft auf dem Klavier,
Da die Saiten er zerschnitten,

Nannte sich mit neuem Namen


Scardanelli, schrieb Gedichte,
Nannte seltene Besucher
Papst und Kaiser, seine Hoheit,

Knaben auf den Gassen lachten


Über den verwirrten Dichter,
Dessen Seele war umnachtet
Und die Nerven ihm zerrüttet.

Aber welche sanfte Schönheit


Haben seine Turmgedichte!
Er schrieb nur noch an die Mutter,
An die alte fromme Mutter:

Meine hochverehrte Mutter,


Mir ist wohl. Jetzt muß ich enden.
Immer bleibe ich gehorsam,
Edle Mutter, eurer Sohn.

KIERKEGAARD

Kierkegaard war eines Abends


In Gesellschaft, unter Leuten,
Geistreich wusste er zu plaudern
Wie Raketen explodieren,
Er erzählte gute Witze
Und so manche Anekdote
Von berühmten Philosophen,
Dichtern oder Theologen,

War galant zu Edeldamen


Und humorvoll zu den Kindern,
Trank den roten Wein in Maßen
Und ging dann vergnügt nach Hause.

Doch zuhause überfiel ihn


Eine bodenlose Schwermut,
Wie das Nichts in dem Abyssus
Lag vor ihm die Nacht der Trauer.

Dieses Erbteil seines Vaters


Konnte er nicht überwinden.
Diese bodenlose Schwermut
Hüllte alles ein in Nebel,

Hüllte alles ein in Trauer


Und es strömten heiße Tränen
Und gelähmt lag er am Boden
Und begehrte nur zu sterben!

Aber diese schwarze Schwermut


Machte ihn zum Philosophen,
Der die Wahrheit schied vom Irrtum,
Der die Eitelkeit durchschaute.

Diese abgrundtiefe Schwermut


Grenzte an das Absolute,
Löste von den Eitelkeiten,
Trug hinan zum Herzen Gottes.

Dieser Sokrates der Schwermut


Einsam war in Kopenhagen,
Zu der Einsamkeit verurteilt
Von der Schwermut seiner Weisheit.

O Regine, warum musste


Ich mich von dir scheiden, wehe,
Der ich ganz allein der Weisheit
Voller Schwermut anverlobt bin?

O Regine, wenn ich einsam


Gehe hier in Kopenhagen
Durch mein Dänemark im Nebel,
Ist was faul in unserm Staat.

O Regine, eine Leere


Blieb zurück in meinem Herzen
Und in meiner Seelen-Öde
Geht umher dein schwarzer Schatte.

O Regine, ich alleine


Mit der Weisheit meiner Schwermut,
Du allein mit deinem Herzen
Voller femininer Liebe!

O Regine, weil mein Vater


Mir vererbte diese Schwermut,
Kann mich keine Dame trösten,
Weil die Gottheit mich nicht tröstet.

O Regine, ich hab niemals


Wie ein Don Juan die Frauen
Als Verführer nur erobert,
Um sie gleich drauf zu verlassen.

O Regine, ich war niemals


Solch ein großer Frauenkenner
Und Genießer schöner Frauen
Wie der Dichtervater Goethe.

O Regine, niemals taugte


Ich zu einer guten Ehe,
Unsre eheliche Liebe
Wär geworden nur Ruine.

O Regine, meine Sehnsucht,


Ich muß ganz allein in Trauer
Tragen die Passion der Seele
Und kann hoffen nur auf Christus.

O Regine, ich verlasse


Tausendmal dich täglich, stündlich,
Um allein mit meinem Leiden
Mich Minerva zu vermählen!

ABENDERKENNTNIS UND MORGENERKENNTNIS

Die Erkenntnis an dem Abend


Eines Lebens, aller Tage,
Ist der große Pessimismus
Und die große Resignation.

An dem Abend seines Lebens


Sagte König Salomo:
Alles ist auf Erden eitel,
Nichtigkeit der Nichtigkeiten.

Alles Häwäl, alles Hauch,


Alles nur ein Luftgespinst,
Alles ist auf Erden sinnlos,
Sinnlos unter dieser Sonne.

Zwar bemüht man sich um Weisheit,


Doch die Weisheit ist sehr fern,
Ist sehr tief, ist unergründlich,
Keiner kann die Weisheit finden.

Auch das Lachen ist so sinnlos


Und die Freude ist so eitel.
Warum müht man sich so sehr
Mit der Arbeit seines Lebens?

Stets hat man sein Werk geschaffen,


Um am Ende nur zu sterben,
Um das Werk zu hinterlassen
Menschen, die nicht weise sind.

Vanitates Vanitatem
Ist der ganze Kurs Latein.
Eitelkeit der Eitelkeiten
Ist die ganze Reformation.

Also trink du deinen Wein,


Also speise du dein Fleisch.
Aber wer bekümmert ist,
Ach, der kann auch nicht genießen.

Und wozu die ganze Weisheit?


Auch der dumme Mensch muß sterben
Und der Weise auch muß sterben
Und am Ende ist es nichtig.

Die Erkenntnis an dem Morgen


Aber, das ist die Erkenntnis,
Wie die Cherubim erkennen,
Wie die Seraphim erkennen.

Morgenrötlich seid ihr Gipfel,


Dieser Schöpfung Gipfelgrate,
Engel in dem Glanz des Morgens,
In dem Tau der Morgenröte.

Sohn des Menschen, deine Söhne


Werden von dem Geist gezeugt
Wie der frische Tau des Morgens
Aus dem Schoß der Morgenröte.

Morgenglanz der Ewigkeit,


Singen Engel schön in Chören,
Wer ist jene schöne Jungfrau,
Die heraufsteigt wie der Morgen?

Morgenglanz der Ewigkeit!


Sankt Maria ist Aurora,
Die vorausgeht Christus, der
Sonne der Gerechtigkeit.

Jesus Christus spricht zu allen:


Schau, ich mache alles neu!
Christus ist ja auferstanden
Frühe an dem Sonntagmorgen.

Schau, ich mache alles neu!


Christus ist ja auferstanden,
Wir auch werden auferstehen:
Morgenglanz der Ewigkeit!

Morgens wie von süßem Wein


Waren trunken die Apostel,
Als der Geist mit Feuerzungen
Überschattete die Kirche.

Halleluja, Halleluja,
Komm, o Geist der schönen Liebe!
Lobpreis und Anbetung singen
Jungfraun in der jungen Kirche.

Halleluja, Halleluja,
Jesus ist vom Tod erstanden!
Halleluja, Halleluja,
Wir auch werden auferstehen!

RUSSISCHE IKONEN DER GOTTESMUTTER

Russland unterm Kommunismus.


Eine junge Frau, Studentin,
Sollte schreiben über das,
Was auf Lenins Grab geschrieben.

Doch sie wusste nicht genau:


Steht dort, dass die Religion
Sei ein Opium fürs Volk
Oder Opium des Volkes.

Und so schrieb sie ihren Aufsatz,


Gab ihn ab und ging zum Grabe,
Sah, sie hatte recht geschrieben,
Gott sei Opium fürs Volk.

Die Studentin war so froh,


Daß sie betete spontan:
Muttergottes du von Kazan,
Dank sei dir für deine Hilfe!

Als dereinst die Goldne Horde


Der Mongolenreiter kam,
Dschingis Khan und Tamerlan,
Wollten Russland überfallen,

Da ermannten sich die Russen


Und sie zogen an die Grenze
Zum Mongolenreich im Osten
Mit der russischen Armee,

Und die russische Armee


Vorne trug an ihrer Front
Eine heilige Ikone,
Muttergottes von Wladimir.

Und die russischen Soldaten


Riefen: Heil dir, Muttergottes,
Du vertreibe unsre Feinde,
Siegerin in allen Schlachten!

Gottesmutter von Wladimir,


Da hast du den Feind vertrieben
Und gerettet Russland vor der
Goldnen Horde der Barbaren.

Wundertätige Ikone
Du der großen Mutter Gottes,
Siegerin die Muttergottes
Ist in allen Schlachten Gottes!

Leo Tolstoi schrieb das Buch


Krieg und Frieden, den Roman
Über Russland zu der Zeit,
Da Napoleon hereinbrach.

Einmal sah ich einen Film


Nach dem Buch von Leo Tolstoi,
Da der Russen Feldherr kniete
Vor dem Schrein der Gottesmutter.

Als der Feldherr mit dem Heer


Sich Napoleon entgegen
Stellte, Russland zu beschützen,
Kamen orthodoxe Priester

Mit der heiligen Ikone


Unsrer Frau, der Gottesmutter,
Und der fromme Feldherr küsste
Die Ikone Unsrer Frau.
Die Soldaten knieten nieder
Vor der schwarzen Muttergottes,
Alle riefen: Heil Maria,
Schütze unsre Mutter Russland!

Und so siegte Russland über


Jenen Kaiser der Franzosen
Und Napoleon ward von
Unsrer Lieben Frau vertrieben!

Als im zweiten Weltkrieg Hitler


Mit den deutschen Truppen einfiel
In das große Reich der Russen,
Da die Kommunisten herrschten,

Wusste Stalin, der Diktator,


Dass die russischen Soldaten
Nicht wie Kommunisten dachten,
Sondern noch wie fromme Christen.

Als die russische Armee


Kämpfte gegen Hitlers Heer,
Ließ der Schreckensherrscher Stalin
Über der Armee der Russen

Kreisen hoch ein Flugzeug mit


Der Ikone der Maria,
Und Maria schützte Russland
Und besiegte Hitlers Heer.

THEORIE DER LIEBE

Zwei Verfehlungen der Liebe


Müssen deutlich wir benennen,
Eine ist Eudämonismus,
Eine ist der Altruismus.

Denn in dem Eudämonismus


Sucht der Liebende sein Glück
Und er liebt nur die Geliebte,
Weil sie ihm sein Glück beschert.

Einmal sagte eine Frau:


Darum liebe ich dich nur,
Weil ich mich so wohl befinde,
Wenn ich bin in deiner Nähe.

Darum liebe ich dich nicht,


Weil du so bist, wie du bist,
Sondern weil ich gut gestimmt bin,
Glücklich, wenn ich bei dir bin.

Mancher Mann will eine Frau,


Weil sie schön und vorzeigbar.
Aber wenn sie vierzig ist,
Dann ist sie auch nicht mehr schön.

Doch der Altruismus ist


Eine andere Verfehlung.
Hierbei spricht der Liebende:
Ach, mein Name ist Herr Niemand!

Ich bin ja ein bloßes Nichts


Und ich bin nichts als dein Diener,
Dienend, dass du glücklich wirst,
Ob ich glücklich, ist nicht wichtig.

Zwar das hört sich heilig an


Als ein Musterbild der Demut,
Dennoch aber ist die Wahrheit,
Daß ich bin von Gott geliebt.

Zwar ich soll mein Glück nicht suchen,


Sondern soll die Liebe schenken.
Wenn ich aber Liebe schenke,
Werde ich auch glücklich sein.

Und mich selbst zu lieben lehrt mich


Auch die Liebe. Lieb ich mich,
Dann erst kann ich mich verschenken
Im Bewusstsein meines Wertes.

Liebe möchte fruchtbar sein,


Liebe stiftet schöne Einheit,
Einheit schafft die Fruchtbarkeit,
Liebe so beschert uns Früchte.

Wenn zwei Philosophen-Geister


Eins sind in der Freundschaftsliebe,
Wird die Freundschaftsliebe fruchtbar
Sein in geistigen Gebilden.

Und wenn Muse und Poet


Eins sind in der Freundschaftsliebe,
Wird die Freundschaft fruchtbar sein
In poetischen Gebilden.

Liebe nämlich möchte Wohl tun,


Will das Wohl des Vielgeliebten.
Liebe ist die Herzensantwort
Auf den Wert des Vielgeliebten.
Liebe liebt nicht nur das Schöne,
Denn das Schöne ist vergänglich.
Liebe liebt Personen, Wesen,
Die den Wert von Gott empfangen.

In der liebenden Erotik


Einer Frau und eines Mannes
Ist gewünscht die Geister-Einheit,
Ist gewünscht die Seelen-Einheit,

Ist gewünscht die Herzens-Einheit,


Ist gewünscht die Körper-Einheit.
In der Körper-Einheit feiert
Liebe sich intimster Weise.

Auch die körperliche Einheit


Als die Feier der Erotik,
Schön verbindet sie zwei Herzen,
Wenn die Geister auch geeint sind.

Dann die körperliche Einheit


Wird sich fruchtbar auch erweisen
Und die Fruchtbarkeit der Liebe
Sichtbar wird im Kind der Eltern.

Darum ist es auch verwerflich,


Bei der körperlichen Einheit
Die Erotik nur zu feiern
Und die Früchte nicht zu wollen.

DAS MÜTTERLICHE ANTLITZ GOTTES

Also schrieb ein Kardinal


Seine Lehre über Jesus
Und das Vaterunser legte
Also aus der Kardinal:

Ist denn Gott auch eine Mutter?


Im Jesaja-Trostbuch steht,
Daß uns Gott als Mutter tröstet,
Wie die Mutter ihren Sohn.

Auch steht im Jesaja-Buch,


Daß zwar eine Mutter kann
Ihren eignen Sohn vergessen,
Aber Gott vergisst uns nicht.

Auch ist im Hebräischen


Das Erbarmen als ein Wort
Stammverwandt mit einem Schoß,
Mit dem Mutterschoße Gottes.
Aber dennoch redet Jesus
Gott als seinen Vater an
Und in keinem Vers der Bibel
Spricht man Gott als Mutter an.

Bei den Heidenvölkern aber


Gab es Muttergöttinnen,
Aber immer scheint es dort,
Daß die Welt geboren sei,

Daß die Welt geboren von


Einer großen Muttergöttin,
Und die Welt sei emaniert
Und die Welt sei also göttlich.

Aber in dem Judentum


Sei die Welt von Gott geschaffen,
Gott ist aber vor der Welt,
Gott ist außerhalb derselben.

Diese Transzendenz der Gottheit


Werde besser dargestellt
Mit dem Gottestitel Vater,
Darum Gott genannt wird Vater.

Und so sprach der Kardinal:


Ob auch Gott zwar Züge hat
Einer liebevollen Mutter,
Muß man ihn doch Vater nennen,

Denn man darf nicht einfach beten,


Wie es das Gefühl diktiert,
Sondern man muß beten wie
Jesus es uns vorgebetet.

Aber ich sag ganz persönlich,


Daß ich einen Brief geschrieben
An den Orden Benedikts
Und es schrieb der weise Mönch:

Ja, verehre du Maria,


Ist Maria doch die Mutter
Und sie ist auch die Geliebte,
Geistlich deine Ehefrau,

Doch Maria will dich führen


Zu dem mütterlichen Gott.
Bernhard von Clairvaux schrieb einst:
Gott der Herr ist Magna Mater!

Leonardo Boff, der freie,


Schrieb: Maria ist der Spiegel
Für das Mutterantlitz Gottes,
Mutter ist uns Heilig Geist.

Also suchte ich von Herzen


Nach dem Mutterantlitz Gottes
Und ich fand die Weisheit Gottes,
Denn es redet Jesus Sirach:

Kommt Frau Weisheit uns entgegen


Doch als liebevolle Mutter
Und als jugendliche Braut.
Grignion von Montfort sprach so:

Diese schöne Weisheit Gottes


Ist die Himmelskönigin
Und ist die Idee der Schönheit
Und die mystische Verlobte.

Diese Hagia Sophia


Wählte Heinrich Seuse einst
Sich zu seiner Minneherrin,
Sich zur mystischen Verlobten.

Diese Hagia Sophia


Als das Mutterantlitz Gottes
Führte mich zur Liebe Gottes,
Führte mich zur Schönen Liebe.

Diese Schöne Liebe Gottes


Nannte Hildegard von Bingen
Mater Caritas, die Herrin,
Mater Caritas, die Gottheit.

Also sag ich in der Nacht,


In der dunklen Nacht der Seele:
Meine Gottheit ist mir Mutter,
Eine liebevolle Mammi!

DAS GÖTTLICHE JESUSKIND

Eine Zeit las ich die kleine


Sankt Therese von dem Kinde
Jesu und vom Heilgen Antlitz,
Als ich oft mit Kindern spielte.

Sankt Therese sprach zum Kinde


Jesus: Laß mich deinen Ball sein!
Immer darfst du mit mir spielen,
Ist dir nur danach zumute.
Willst du aber einmal nicht
Mit dem Balle spielen, Jesus,
Lege mich in eine Ecke
Und da warte ich geduldig.

Als ich diese Worte las,


Spielt ich oft mit einem Knaben
Ball im Garten, auf dem Hof.
Einmal sprach der kleine Knabe:

Du, mein Pate, du bist Gott,


Ich der Engel Michael
Und wir spielen mit der Sonne
Fußball oben in dem Himmel.

Und ich sah im kleinen Knaben


Immer Jesus, sah im Knaben
Allezeit das Jesuskind,
Ja, das Prager Jesulein.

Also spielt ich selber Ball


Mit dem Prager Jesulein
Und ich schenkte meine Liebe
Ganz dem Prager Jesulein.

Doch der kleine Knabe liebte


Mich als seinen Herzensvater,
Seine reine Kindesliebe
War gar der Anbetung ähnlich.

Einmal sprach der kleine Knabe:


O mein Pate, sag, wer bist du?
Bist du Josef? Nein, nicht Josef,
Sondern du bist Gott der Vater!

O Verrücktheit eines Dichters!


Da erschien es mir, als ob
Mich das Prager Jesulein
Angebetet hat als Gott!

Einmal war es zu der Weihnacht,


In dem Weihnachtsgottesdienst,
Nach der Heilgen Messe sah ich
Jesus in der Krippe liegen.

Dieses kleine Jesusbaby


War ja nur ein kleines Püppchen,
Aber plötzlich traf mich doch
Tief des Jesuskindes Liebe!

Und des Jesuskindes Liebe


War, wie auf dem Sinai
Stand in Flammen einst der Dornbusch,
Der da brannte, nicht verbrannte,

Und es war, als ob die Stimme


Sagte: Zieh die Schuhe aus,
Dieser Felsengrund ist heilig,
Dir begegnet Gottes Liebe!

Gottes Liebe war ein Feuer,


Gottes Liebe war ein Pfeil,
Gottes feuerheiße Liebe
War ein Feuerpfeil von Amor!

Da der Feuerpfeil von Amor


Mich getroffen in dem Herzen,
Brannte ich wie einst der Dornbusch,
Brannte, doch verbrannte nicht.

Feuerpfeil des Amor-Gottes,


Der du einst das Herz getroffen
Sankt Teresias von Jesus,
Wie Bernini dargestellt,

Mich auch traf der Feuerpfeil


Von dem kleinen Amor Gottes,
Von dem kleinen Jesuskind,
Und ich liebte Gottes Liebe.

Anders aber als Teresa


Einst in Avila, ich liebte
Nicht allein die Gottesliebe,
Sondern auch die schöne Freundin.

In der Weihnacht sang ich Hymnen


Des seraphischen Poeten
Klopstock an den Ewigen,
Jahwe, der die Liebe ist.

THEOLOGIE DES LEIBES I

Lesen wir das Hohelied


Mit dem weisen Doppelblick,
Wie der Herr die Seele liebt,
Wie der Mann die Jungfrau liebt.

Jungfrau, sag ich, nämlich Almah,


Keinesfalls ein kleines Mädchen,
Sondern eine junge Frau,
Sexuell noch unberührt.

Hier geschildert wird der Eros,


Wie er sich in Gott auch findet,
In der Gottheit ist der Eros
Eins mit der Agape Gottes.

Aber in dem Hohelied


Wird beschrieben eine Hochzeit
Einer Frau mit einem Mann,
Eine heilige Erotik.

Denn der Eros eines Mannes,


Die Erotik einer Frau,
Wird im Hohelied veredelt
Von der göttlichen Agape.

Nietzsche hat nicht recht, der sagte,


Daß das Christentum vergiftet
Die Erotik. Richtig ist:
Gott veredelt die Erotik.

Also lehrte gar ein Papst


Von der Sexualität:
Liebe ist die Ganzhingabe,
Nicht ichsüchtige Begierde.

Wenn sich Mann und Frau vereinen


In dem Akte der Geschlechtslust,
Sollen sie aus Liebe suchen
Einen Rhythmus, der harmonisch.

Denn der Mann ist schnell, ein Läufer,


Eilig laufend in dem Schnell-Lauf,
Eine Frau ist sehr geduldig,
Wie bei einem Marathon.

Eine Frau kommt langsam zu dem


Sexuellen Höhepunkt,
Doch verweilt sie auch sehr lange
Im Genuß des Höhepunktes.

Liebe Frauen, sagt der Mönch,


Lehrt die Männer, eure Männer,
Das Geheimnis eurer Seele,
Das Geheimnis eures Leibes.

Denn es gibt nur wenig Männer,


Die die Frau so gut verstehen,
Daß von selbst sie wissen, was
Eine Frau von ihnen möchte.

Die normalen Männer aber


Müssen sich belehren lassen
Von den Frauen, was sie wünschen.
Frauen, bitte redet deutlich!

Frauen, führt doch eure Männer


Ein in die Geheimniswelt
Eurer Seele-Körper-Einheit
Voller erogener Zonen!

Frauen haben nämlich mehr


Erogene Zonen als
Männer. Frauen müssen also
Ihre eignen Männer lehren.

Denn die Frau ist ein Geheimnis,


Nicht ein Rätsel, das zu lösen
Wäre durch den klugen Denker,
Nein, Geheimnis unergründlich.

Denn die Seele einer Frau


Wurzelt im Mysterium
Gottes! Gott ist ein Geheimnis,
Unausforschliches Geheimnis.

Frauen sind Ikonen nämlich


Des Mysteriums der Gottheit!
Siebenfach verschleiert ist
Die geheimnisvolle Gottheit.

Einmal sprach ein Seelenarzt


Zu der Freundin meiner Seele:
Nein, ich kann dich nicht behandeln,
Deine Seele ist verschleiert.

Und ich sprach zu meiner Freundin:


Darum lieb ich deine Seele,
Weil sie mystisch ist verschleiert
Und der Gottheit Schleier trägt.

THEOLOGIE DES LEIBES II

Wenn sich nun ein Ehepaar


Sexuell vereinen will,
Sollte offen sein das Paar
Für die Fruchtbarkeit der Liebe.

Heute gibt es eine Pille,


Eine Anti-Baby-Pille!So wird abgetrennt vom Akt
Dieser Liebe Fruchtbarkeit.

Immer soll die Ehefrau


Zur Verfügung stehn dem Mann,
Daß er seine Lust befriedigt,
Ohne Kinder zu erzeugen.

Denn der Feminismus lehrte


Nach Simone de Beauvoir,
Mutterschaft sei Sklaverei,
Ehe sei ein Joch der Frau.

Aber ganz natürlich ist


Eine Frau zu Zeiten fruchtbar,
Unfruchtbar zu andern Zeiten,
Wie es die Natur geschenkt.

Wenn man die Empfängnis regelt


Nach dem Zyklus der Gemahlin,
Muß die Frau den Körper kennen
Und der Mann die Gattin kennen.

Zeiten der Enthaltsamkeit


Und natürlichen Askese
Stärken nur den Ehebund,
Steigern auch die Lust am Akt.

Wenn das Ehepaar sich aber


So wie Sara und Tobias
Ehelich vereinen will,
Warum beten nicht zu Gott?

Denn der eheliche Akt


Kann ja einen Menschen zeugen,
Gott der Schöpfer haucht die Seele
In den Keim bei der Empfängnis.

Wenn der Schöpfer aller Menschen


Sich als Schöpfer so betätigt
Mitten in dem Liebesakt,
Warum beten nicht zu Gott?

Adam war und Eva nackt,


Schämten sich der Nacktheit nicht,
Denn sie lebten in der Liebe,
In der Liebesganzhingabe.

Aber als im Sündenfall


An die Stelle reiner Liebe
Die Begierde war getreten,
Schämten sich die ersten Eltern.

Heute sind die Menschen schamlos,


Zeigen offen auf dem Markt
Ihr Geschlecht und öffentlich
Sie vollziehen die Begattung.
Aber nach dem Sündenfall
Ist das Schamgefühl natürlich
Und es schützt die Menschen auch
Vor dem Missbrauch des Geschlechts.

Dieses Schamgefühl wird aber


Überwunden von der Liebe,
Vom Vertrauen reiner Liebe,
Von der Liebesganzhingabe.

Im intimen Raum der Ehe,


Einzigartig, unauflöslich,
Überwunden wird die Scham
Und die Nacktheit wird natürlich.

Doch die Revolutionäre


Sozialistischen Marxismus,
Feminismus, freier Liebe,
Eines Weiber-Kommunismus,

Lehrten, Sexualität
Von der Bindung abzulösen
Und in Ungebundenheit
Alle Triebe auszuleben.

Denn die Revolutionäre


Wollten ja den Kommunismus,
Ihnen stand im Wege das
Christentum des Abendlandes.

Wollten sie den Kommunismus


Schaffen und den neuen Menschen,
Mussten sie zerstören das
Christentum des Abendlandes.

So zerstörten sie die Ehe


Und die christliche Kultur
Und wir haben in Europa
Massenweise Seelenkrüppel.

DAS JESUSKIND

Als das kleine Jesuskind


In dem Haus der Mutter spielte,
Spielte es mit einem kleinen
Kreuze, das es selbst gezimmert.

Und die Mutter Sankt Maria


Gab dem kleinen Jesuskind
Frischgepflückte Feigen oder
Frischgepflückte Datteln auch
Oder Mandeln, die gesalzen
Waren von dem Salz des Bundes.
Gerne trank das Jesuskind
Frischgemolkne Ziegenmilch.

Jesus spielte schon sehr früh


In der Werkstatt seines Vaters,
Seines Pflegevaters Josef,
Welcher war ein Zimmermann.

Josef musste einmal machen


Für Herodes, für den König,
Einen Thron, geschnitzt von Holz,
Josef hatte sich verrechnet,

Eine Latte war zu kurz,


Als das sah das Jesuskind,
Tat das Jesuskind ein Wunder
Und verlängerte die Latte.

Als das Jesuskind zur Schule


Gehen sollte, brachten Anna
Oder Josef ihn zur Schule,
Und der Lehrer war sehr streng.

Und es lehrte ihn der Lehrer,


Wie man schreiben soll das A,
Dann der Lehrer lehrte ihn,
Wie man schreiben soll das B.

Doch da sprach das Jesuskind:


O du dummer dicker Lehrer,
Weißt nicht, was das A bedeutet,
Willst mich lehren schon das B?

Und es sprach das Jesuskind:


Jener schräge Strich beim A,
Der von links nach rechts hinaufgeht,
Das ist Gott der Ewigvater,

Jener schräge Strich beim A,


Der von links nach rechts hinabgeht,
Das ist Gott der Ewigsohn,
Griechen nennen ihn den Logos,

Und das Strichlein in der Mitte,


Das die beiden schrägen Striche
Liebevoll verbindet, das
Ist der Heilge Geist, die Liebe.

Willst du lehren nach dem A


Mich das mütterliche B,
Sage ich, dass A und B
Abba auszusprechen sind.

In der Schule bei der Pause


Aber sprachen seine Freunde:
Jesus, du bist Gottes Sohn,
Bau uns einen Regenbogen,

Daß wir auf dem Regenbogen


Durch die Luft spazieren können.
Also tat das Jesuskind
Eben rasch ein kleines Wunder,

Baute einen Regenbogen.


Jesulein und seine Freunde
Stiegen auf den Regenbogen,
Gingen durch die Luft spazieren.

Aber Jesu kleine Freunde


Fielen von dem Regenbogen
Auf die Nasen, schlugen ihre
Kleinen Nasen leider blutig.

Als das hörte Oma Anna,


Nahm sie eine Weidenrute,
Haute Jesus auf den Popo,
Dreimal schlug sie auf den Popo,

Oma Anna sagte nämlich:


Jesus, du bist Gottes Sohn,
Aber denke stets daran,
Daß die Menschen sind aus Lehm.

ADAM UND EVA

Eine alte Jüdin sagte:


Unser aller Mutter Eva
Ist nicht die Verführerin,
Nicht das Weibchen, ewig lockend.

Adam aß ja selbst die Frucht.


Aber nein, es war kein Apfel,
Äpfel gab es nicht vorzeiten
In des Nahen Ostens Garten.

Weizen gab es, es gab Gerste,


Es gab purpurne Granaten,
Trauben gab es an dem Weinstock,
Quitten, Datteln gabs und Feigen.
Als nun Eva und auch Adam
Die verbotne Frucht genossen,
Sahen beide, dass sie nackend,
Und verhüllten ihre Blöße.

Und der Feigenbaum gab ihnen


Blätter, dass sie sich verhüllten,
Sie verhüllten ihre Blöße
Mit den Blättern von dem fig-tree.

Darum sagen die Rabbinen:


Dieser Feigenbaum hat sicher
Einige Gewissensbisse,
Weil er ihnen gab die Feige.

Darum produzierte dieser


Feigenbaum die großen Blätter,
Weil zuerst er produzierte
Die verbotne Frucht, die Feige.

Wenn man es so sehen möchte,


Ist die Paradiesgeschichte
Die Geschichte einer Kindheit,
Einer reinen Kinder-Unschuld.

Kleine Kinder laufen nackend


Durch den Garten ihrer Kindheit,
Die dann später erst beginnen,
Des Geschlechtes sich zu schämen.

Scham ist etwas ganz Gesundes.


Wenn Erwachsne aber schamlos
Sind, so sind sie meistens Sünder,
Hurenböcke, Sodomiten.

Aber erst die alten Leute


In den Alten-Hospitälern
Werden wieder kindlich-schamlos
Und so schließt sich dann der Kreis.

Wenn man es so sehen möchte,


Ist die Paradiesgeschichte
Die Geschichte einer Menschheit,
Früchte sammelnd an dem Anfang.

Als geboren Kain und Abel,


War die Menschheit schon entwickelt,
Denn da war der Ackerbauer
Und da war der Hirte auch.

Später kam dann Nimrod auf,


Der ein Jäger vor dem Herrn.
Dieser brachte aus der Ferne
Leckres Fleisch von wilden Tieren.

Aber dass die Mutter Eva


Ist zugleich die Freundin Ruth
Und die heilige Maria,
Das ist christlicher Gedanke.

Denn die Christenbrüder sagen:


Wie gefehlt der erste Adam,
Muß der neue Adam Christus
Für die Sünder Sühne schaffen.

Und weil Eva ungehorsam


Gegen Gott war und gehorcht
Hat auf den gefallnen Engel,
Kam die Sünde in die Welt,

Darum kam die neue Eva,


Diese heilige Maria
Hörte auf den Engel Gottes
Und gehorchte Gottes Wort.

Diese neue, zweite Eva


Ist das Ewigweibliche,
Das hinanzieht uns zu Gott,
Zum Geheimnis Ewger Liebe.

VORSOKRATIKER

Parmenides reiste einsam


Reitend durch die dunkle Nacht,
Sonnentöchter führten ihn
Zur Gerechtigkeit, zur Pforte

In dem Himmel, wo er schaute


Göttin Wahrheit in dem Thron
Und die Göttin Wahrheit sprach
Zu dem frommen Philosophen:

Alle Dinge auf der Erde


Werden und vergehen wieder,
Alles Dasein ist so nichtig,
Nichtigkeit der Nichtigkeiten!

Aber was ein Dasein hat,


Hat sein Dasein nur allein,
Weil es einen Anteil hat
An dem absoluten Sein.

Dieses absolute Sein


Ist unsterblich, unvergänglich,
Ewig und allgegenwärtig,
Und es ist das Eine Sein.

Heraklit, der dunkle Denker,


Schrieb vom Inneren des Kosmos,
Weihte dies sein Werk der Göttin
Artemis von Ephesos:

Dieser Kosmos ist dynamisch,


In dem Kosmos wirkt die Kraft
Voller Energie, die nenn ich
Feuer, das ist die Dynamis.

Aber alle die Dynamik


Jener Energie im Kosmos
Waltet doch nicht blind und ziellos,
Da ist eine Ordnungsmacht.

Diese Ordnungsmacht im Kosmos,


Die die Kraft der Energie
Ordnet und gestaltet, nenn ich
Logos oder Allvernunft.

Das dynamische Gebilde


Dieses Kosmos voller Kraft
Lenkt und führt zu seinem Ziel
Logos, Gottes Allvernunft.

Und Anaxagoras sagte


Zu dem Ärger der Athener,
Daß die Sonne sei kein Gott,
Sondern toter Feuerstein,

Daß die Luna und die Venus


Seien keine Göttinnen
Und dass Jupiter und Mars
Keine Himmelsgötter seien,

Sondern kosmische Planeten,


Einfach tote Himmelskörper,
Die gewiesne Bahnen wandeln
Nach Gesetzen der Natur.

Die Gesetze der Natur,


Die der Physiker entdeckt,
Seien eingeschrieben in
Die Natur von einem Nous,

Einem Gottes-Intellekt,
Einer göttlichen Vernunft,
Einem Geist der Göttlichkeit
Als dem allerhöchsten Wesen.

Aber die Athener und


Die Athenerinnen auch
Klagten an Anaxagoras
Einer Gotteslästerung.

Einen andern Weg zu Gott


Lächelnd wies uns Sokrates,
Die Sophisten aber machten
Weisheit zum Geschäft des Geldes.

Aber da sprach Sokrates,


Daß in jedem Menschengeist
Wohne ein Daimonium
Oder göttliches Gewissen.

Dieses göttliche Gewissen


Lehre nun den Menschengeist,
Wahrheit anzustreben in
Seiner menschlichen Erkenntnis,

Gutheit anzustreben in
Seinem reinen Tugendleben.
Im Daimonium vernimmt der
Menschengeist die Stimme Gottes.

PLATON

Platon sah in allen Dingen


Ihre geistigen Gesetze.
Dass wir einen Baum erkennen,
Macht das geistige Gesetz.

Wenn wir eine Frau erkennen,


So erkennen wir ihr Wesen,
Was die Frau zur Frau erst macht,
Dieses nennt er ihre Frauheit.

Zwar Diogenes verspottet


Diese Lehre Platons, sagte:
Zwar ich traf schon eine Frau,
Doch noch nie sah ich die Frauheit.

Aber Platon spekulierte,


Hinter allen Phänomenen
Seien Wesenheiten geistig,
Die er die Ideen nannte.

Diese geistigen Ideen


Seien in der reinen Geistwelt,
Seien im Ideenhimmel,
Wo sie tanzen wie die Götter.

Aber unter den Ideen


Sei auch eine Hierarchie,
Einige Ideen stehen
Höher als die anderen.

Und die Höchsten der Ideen,


Das sei die Ideen-Dreiheit,
Sei die Wahrheit, sei die Gutheit,
Sei das Ideal der Schönheit.

Wenn der Menschengeist erkennt


In der geistigen Erkenntnis
Eines Dinges reines Wesen,
Strebt er zur Idee der Wahrheit.

Wenn der Mensch moralisch handelt


Nach dem Tugendkatalog,
Er bemüht sich, zu erreichen
Die Idee des höchsten Guten.

Wenn der Menschensinn genießt


Irgend Werke schöner Musen,
So genießt er die Idee
Der von Gott gezeugten Schönheit.

Von der Dreiheit der Ideen


Was ist da das Höchste Gut?
Wahrheit, Schönheit, Gutheit seh ich,
Doch die Gutheit ist die Höchste.

Platon nämlich nennt die Gutheit


Seine allerhöchste Gottheit.
Was der gute Gott erschaffen,
Das ist alles gut geschaffen.

Wenn der Mensch zum Guten strebt


Und die Güte selbst verwirklicht,
Ist er auf dem Weg zu Gott,
Lebt vor Gott ein Tugendleben.

Platon aber von der Seele


Lehrt, dass sie unsterblich ist,
Ja, von Ewigkeit gedacht
Als Idee im Geiste Gottes.

Vorm Momente der Empfängnis,


Da sie in den Körper eingeht,
War die Seele schon bei Gott,
War sie im Ideenhimmel.
Und die Seele schaute Gott,
Schaute alle die Ideen,
Wie sie tanzen vor der Gottheit,
Schaute sie im Himmelsspiegel.

Doch die Seele ist gefallen


Ins Gefängnis dieses Fleisches
Und sie muss sich nun erheben,
Heimzukehren in den Himmel.

Dazu hilft ihr nun die Liebe,


Denn im Augenblick der Liebe
Sieht die Seele im Geliebten
Wieder diesen Glanz der Gottheit.

Und die Seele breitet ihre


Flügel, inspiriert durch Liebe,
Zu der allerhöchsten Schönheit,
Zu der allerhöchsten Güte.

Amor ist der Mittler Gottes,


Amor führt verliebte Seelen
Auf der Himmelsleiter zu
Der Urgottheit der Urschönheit.

MANN UND FRAU

Eines Menschen reine Seele


Ist von Ewigkeit in Gott,
Ist Idee in Gottes Geist,
Ist vorausgesehn in Christus.

Eine Seele ist die Form


Eines Leibes, Blut und Fleisch,
Aber Christus ist die Form
Einer gottgehauchten Seele.

Wenn die Eltern sich vereinen


In der ehelichen Liebe,
Als Mitschöpfer mit dem Schöpfer
Bilden sie des Menschen Leib.

Aber Gott, der reiner Geist ist,


Im Momente der Empfängnis
Schafft und haucht die Seele ein
In den Keim des Menschenleibes.

Dieser Hauch der Menschenseele


In den Keim des Menschenleibes
Ist ein Kuß von Jesus Christus,
Ist ein Küssen dieses Menschen.

Aber in dem Anbeginn


Waren Adam und auch Eva
In der Gegenwart der Gottheit
Und das ist das Paradies.

In der Abenddämmerung
Ging der Ewige spazieren
Mit dem ersten Menschenpaar
In dem Paradiesesgarten.

Adam und auch Eva waren


In der Harmonie mit Gott
Und auch in der ehelichen
Harmonie der Liebenden.

Und die Liebe Adams war


Eine reine Selbsthingabe
Und das Schenken seiner Liebe
War ganz frei von Egoismus.

Und die Liebe Evas war


Selbstlos schenkend, Ganzhingabe,
Da sie Adams Hilfe war,
Hilfe auf dem Weg zu Gott.

Aber als die Schlange nahte


Und die Feige der Erkenntnis,
Eva in die Schlange biss,
Adam sich die Feige pflückte,

Wurde aus der reinen Liebe


Herzverzehrende Begierde.
Adam liebte nicht mehr Eva
Als den Spiegel seiner Gottheit,

Adam jetzt begehrte Eva


Im Begehren seiner Triebe,
Eva war sein Lustobjekt,
Das genoss er egoistisch.

Eva war sein Lustobjekt,


Eva war sein Sexidol.
Er in Selbstbefriedigung
Kannte nur der Triebe Hunger.

Aber was ist die Erlösung


Des gefallnen Menschenpaares?
Da das Lächeln ihrer Liebe
Zähnefletschen war des Hasses,
Da die Bündelung der Triebe
Fressen wollte das Objekt
Und zur Triebbefriedigung
Töten gar das Sexidol,

Sah, wie Martin Luther sagte,


Gott von diesen Sünden weg?
Nein, durch Kreuz und Auferstehung
Seines Sohnes Jesus Christus

Er verhieß der ganzen Menschheit


Gleichfalls eine Auferstehung
Und auch einen neuen Leib
Und ein neues Paradies.

In des Paradieses Geistleib


Menschen feiern keine Hochzeit,
Sondern sind den Engeln ähnlich,
Ganz vereinigt mit der Gottheit.

Nicht die fressende Begierde


Stillt sich an dem Sexidol,
Sondern reine Gottesliebe
Alles wird in allen sein.

DOSTOJEWSKI

Schuld und Sühne Dostojewskis


Las ich einst in Oldenburg,
Der Verbrecher noch am Ende
Sah die junge Morgenröte.

Aber ganz gefangen nahm mich


Dostojewskis Idiot,
Den in Polen ich gelesen
An dem Fuße der Karpaten.

Meine beiden lieben Frauen


Schliefen da in einem Zelt
Mir zur Rechten, mir zur Linken.
Meine Oma lag im Sterben.

O du lächelnde Aglaja,
Eine Grazie reiner Tugend,
Aber stolz und dornenreich
Und unnahbar wie ein Eisberg!

O du reizende Natascha,
Dieses dunkle Frauenleiden,
Sünderin, doch voller Liebreiz,
Unglücklich, begehrenswert!
O der reine Idiot,
Myschkin, dieser Christus Russlands,
Kinder nur verstanden ihn,
Der die Kinder sehr geliebt!

Als gestorben meine Oma,


Sah ich Myschkin vor mir stehen
Oder wars der Christus Russlands,
Dionysischer Messias?

Aber dann in Berolina


Mit den beiden Ehefrauen
Sah ich russische Ikonen
Von der schwarzen Gottesmutter.

Die erniedrigt und beleidigt


Waren, hab ich dort gelesen,
Die erniedrigt und beleidigt
Waren, weckten meine Tränen.

Und die eine meiner Frauen


Kochte mir ein Mittagsmahl,
Doch ich kehrte ihr den Rücken,
Wollte Dostojewski lesen.

Brüder Karamasow las ich


In Tirol und in Venedig,
Dachte in Venedig immer
An die Reue und die Buße.

Als Sossima predigte


Von der großen Liebe Gottes,
Sprach ich tiefgefühlter Reue:
Ach, ich muß mein Leben ändern!

Solchem Starez zu begegnen,


Wie Aljoscha ihm begegnet,
War die Sehnsucht meiner Seele,
Doch ich bin ihm nicht begegnet.

Später dann in Oldenburg


Saß ich mit den beiden Frauen,
Las die Brüder Karamasow
Vor in unserm Lesezirkel.

Doch ich konnte stets nur starren


Auf die eine meiner Frauen,
Eifersüchtig war die andre,
Fühlte sich zurückgesetzt.

Lang hab ich nicht mehr gelesen


Dostojewski, doch ich hörte,
Daß er sehr verehrt Maria,
Russlands schwarze Gottesmutter:

Feuchte Mutter, schwarze Erde!


Liebe Mutter, Alte Rusj!
Große Mutter, Gottesmutter!
Also flehte Dostojewski.

Und dann hörte ich den Papst


Benedikt am Feiertag
Makelloser Konzeption
Dostojewski so zitieren:

Nur die Schönheit kann uns retten!


Die jungfräuliche Maria
Kann allein uns jetzt noch retten,
Spiegel sie der Schönheit Gottes!

Dostojewski sagte einmal:


Nur die Schönheit kann uns retten!
Und es fragte ihn ein Mann:
Welche Schönheit meinst du denn?

Nur die Schönheit kann uns retten,


Nur die Schönheit einer Liebe,
Die sogar den Schmerz umarmt,
Sagte weise Dostojewski.

DIE SPEISE

Tiere werden heut gehalten


In den Massenkäfigen,
Künstlich-chemisch hochgezüchtet,
Bis sie sterben voller Angst.

Das ist nicht human gehandelt,


Der Gerechte liebt sein Vieh,
Sorgt für alle seine Tiere,
Wie es tut ein guter Hirte.

Aber Vegetarier
Pflegen heidnisch einen Tierkult.
Kinder werden abgetrieben,
Für die Frösche demonstriert man.

Caritas, soll das bedeuten,


Daß die Reichen Gelder spenden
Für den Kondor, der bedroht ist,
Doch man tötet Embryos?
Vegetarier, was sagst du,
Daß das Tier auch Tiere frisst?
Seit dem Gottes-Bund mit Noah
Darf der Mensch auch Tiere essen.

Vegetarier, willst du
Jesus Christus denn verklagen,
Der als auferstandner Herr
Fische, die er schuf, gegessen?

Kinder, habt ihr nichts zu essen?


Jesus Christus, auferstanden,
Sprach als Erstes zu den Jüngern:
Kinder, habt ihr nichts zu essen?

Und es sprach ein Mönch dereinst:


Wäre Bischof ich geworden,
Wäre dies mein Bischofsmotto:
Kinder, habt ihr nichts zu essen?

Und mein Bischofswappen wären


Zwei gekreuzte Hähnchenschenkel.
Also sag ich auch als Gleichnis
Vom Gebet des Rosenkranzes:

Ausprobieren musst du es,


Das Gebet des Rosenkranzes!
Wer nie Wiener Schnitzel aß,
Weiß ja nicht, wie gut das schmeckt!

Und Teresia von Jesus


Sprach vom Fasten und Gebet:
Sinds die Fasten, faste du!
Ist es Ostern, iß ein Rebhuhn!

Und Teresia von Jesus


Schrieb in einem Briefe einmal:
Essen muß ich jetzt Geflügel,
Weil die Hammel nicht so gut sind.

Hildegard von Bingen selbst


War nicht Vegetarierin.
Doch sie warnte vor dem Aal,
Doch sie warnte vor der Ente.

Denn der Aal am Meeresgrund


Sich ernährt von schlechten Dingen.
Und die Ente auf der Erde
Sich ernährt von schlechten Dingen.

Hildegard empfiehlt den Dinkel:


Esse lieber Dinkelbrot!
Hildegard empfiehlt die Walnuss:
Walnussbutter auf das Brot!

Aber wenn ich einst im Himmel


Leben darf bei Jesus Christus,
Eingeladen zu dem Mahl,
Zu dem Ostermahl des Lammes,

Möchte ich Chinese sein,


Mit dem Herrn chinesisch essen,
Gerne eine Peking-Ente,
Dafür braucht es vier Personen.

Gott den Vater lad ich ein,


Vater voller Zärtlichkeit,
Gott den Logos lad ich ein,
Sohn, der mich am Kreuz erlöst,

Gott den Geist lad auch ich ein,


Der so viel in mir gebetet,
Und als viertes setze ich
Mich zu der Dreifaltigkeit,

Und wir essen dann im Himmel


Eine leckre Peking-Ente.
Kinder, habt ihr nichts zu essen?
Jesus! Eine Peking-Ente!

CHINA

Von dem Diktatoren Mao


Las als erstes ich Gedichte,
Dann las ich die Dialektik
Nach dem Diktatoren Mao.

Den erotischen Roman


Über Dame Dija las ich,
Lernte da mein China lieben,
Das von Liebe blumig spricht.

Und ich las den Lao Tse


Übers Tao, übers Te,
Fast ein Evangelium
Von der Weisheit Jesu Christi.

Hab Konfuzius gelesen,


Die Gespräche mit den Jüngern.
Gott den Meister schuf als Glocke,
Als die Welt war ohne Wort.

Und ich las vom Blütenland


In dem Süden Tschuang Tses,
Orgelspiel der Erde hört ich,
Orgelspiel des Himmels hört ich.

Und ich las den Li Tai-Po,


Der dreihundert Becher trank
Und dreihundert Oden sang
Auf die schöne Konkubine.

Und ich las auch den Du Fu,


Ernster er als Li Tai-Po,
Und ich las den Bo Djü-I,
Welcher vorlas seiner Putzfrau.

Und ich las das Buch der Lieder,


Alte Oden der Chinesen,
Hab sie selber nachgedichtet,
Welche alt wie Davids Psalmen.

Und ich las die neunzehn alten


Alterwürdigen Gedichte,
Verse voller Liebesklage,
Verse voller Totentrauer.

Und ich schrieb von meinem China


Einen blühenden Roman
Mitten in dem wirrsten Irrsinn,
Dachte, ich sei selbst Chinese.

Und dann traf ich den Chinesen


Rong-Ji Pan, der war ein Christ,
Der schrieb eine Doktorarbeit
Über den Konfuzius.

Und ich half ihm formulieren


Die Idee der Pädagogik,
Von der Vater-Sohn-Beziehung,
Wie Konfuzius sie lehrte.

Und ich las die Volksgeschichten


Und die Märchen der Chinesen,
Las das Kin-Ping-Meh und andre
Altchinesische Romane,

Etwa auch die wilden Räuber


Von dem Moore Liang-Shan,
Den erotischen Roman auch,
Der in Deutschland war zensiert,

Las das Buch auch von dem Urquell,


Welches Liä-Dsi geschrieben,
Las im Buch der Sitten auch,
In dem alten Buch Li Gi,

Schrieb auch über die Musik,


Die Erziehung auch der Kinder,
Las das Leben Hudson Taylors,
Missionar in China er,

Hörte auch von Fu Chen Fu,


Missionar in China er,
Der die vielen Drachen sah,
Alles hielt für Teufelswerk,

Selber dann Chinese wurde


Und in China schließlich starb:
Herr, im Himmel möchte ich
Ewig ein Chinese sein!

Ja, in einem andern Leben


War ich Dichter einst in China,
Lebte in der Bambushütte,
Schaute nachts den Vollmond an,

Liebte eine schöne Frau,


Aufgesteckt die schwarzen Haare
Und durchbohrt von einer Nadel
Ihrer Heiratsmündigkeit.

FASTENPREDIGT ÜBER DEN WEIN

Liebe Brüder mein in Christo,


ich als euer Bischof sage,
Daß ihr in der Fastenzeit
Mäßig trinken sollt den Wein.

Gott der Herr spricht in den Psalmen,


Daß er selbst den Wein erschaffen,
Um den Kummer euch zu brechen
Und die Herzen zu erquicken.

Ist da einer von euch Brüdern,


Der ein Gläschen nur verträgt,
Trinke er ein kleines Gläschen,
Trinkt er mehr, so wird er närrisch.

Wer da mehr trinkt von dem Wein,


Als er wohl vertragen kann,
Geht der Arbeit nicht mehr nach,
Bleibt den ganzen Tag im Bett,

Schlägt dann seine Ehefrau,


Weil sie ständig zankt und keift,
Und verflucht die eignen Kinder,
Weil sie seine Ruh ihm rauben.

Ist ein Mann ein solcher Schwächling,


So enthalte er sich lieber,
Trinke nur ein kleines Gläschen,
Danke Gott und gehe schlafen!

Sind da aber andre Brüder,


Die zwei Gläser schon vertragen,
Wohl auch von dem stärkern Wein,
Trinke er den edlen Wein,

Etwa einen Gran Reserva


Oder wohl auch den Bordeaux.
Mehr jedoch sei ihm verboten,
Weil er sonst cholerisch wird,

Zankt sich mit der sanften Gattin,


Die nicht Ja und auch nicht Nein sagt,
Sperrt die kleinen Kinder ein
Auch zur Strafe in die Kammer.

Trinke jeder nur sein Maß.


Wer da mehr als er verträgt
Trinkt vom gottgeschaffnen Wein,
Dem gebiet ich Mäßigung.

Liebe Brüder mein in Christo


Und ihr lieben Schwestern auch,
Ich als euer Bischof sage,
Daß der Herr mich mehr begnadet.

Wollte Gott euch so begnaden,


Wie er mich begnadet hat,
Könntet ihr auch ruhig trinken
Eine Flasche an dem Abend.

Gott der Herr hat mir gegeben


Eine Festigkeit im Trinken,
Wie er euch so nicht begnadet.
Jedem gibt der Herr sein Maß.

Aber habt ihr je gesehen,


Daß ich lallte bei der Predigt
Oder bei der Prozession
Etwa euch voran gewankt bin?

Nein, ihr saht mich niemals torkeln


Bei der Messe am Altar
Und in meiner Hirtensorge
Habe niemals ich geschwankt.
Nein, die Kranken habe ich
In dem Krankenhaus besucht
Und den Sterbenden gab ich
Noch die Sterbesakramente.

Kleinen Kindern hielt ich treu


Väterlich die Bibellehre,
Lehre auch den Katechismus
Zu der ersten Kommunion.

Habe in dem Bibelkreis


Gottes Wort gelehrt die Brüder
Und der Mutter Kirche Lehre
Überliefert treu den Schwestern.

Habe in der Ökumene


Diskutiert mit Lutheranern,
Mit den Pfingstlern und Baptisten,
Ohne je vom Herrn zu weichen.

Summa: Hätt euch Gott begnadet,


Wie er mich begnaden wollte,
Tränkt ihr eine Flasche Wein
Wohl am Abend, Christus preisend.

JUNGFRÄULICHKEIT, EHE, SCHEIDUNG

Als ich war ein Christ geworden,


Schied mich von der Konkubine,
Denn ich las Apostel Paulus:
Alle sollen sein wie ich!

Dieses sagte der Apostel


Nicht, um Ketten anzulegen,
Sondern um der Freiheit willen
Und des freien Gottesdienstes.

Nämlich wer gerufen ist


In das Sakrament der Ehe,
Möchte seiner Frau gefallen,
Ist nicht völlig frei für Gott.

Sondern halben Herzens dient


Er dem Herrn mit seiner Arbeit,
Halben Herzens dient er seiner
Frau in dem Geschäft des Alltags.

Aber wer berufen ist


Zur Jungfräulichkeit vor Gott,
Der ist frei, dem Herrn zu dienen,
Ganzen Herzens dient er Gott.

Und es war einmal ein Mönch


In der Wüste von Ägypten,
Welchen quälte die Begierde,
Er ersehnte sich ein Weib.

Sprach zu ihm der Wüstenvater,


Geistlich weise war der Abbas:
Mache dir ein Weib aus Ton,
Denke, sie sei deine Frau.

Nun musst du zur Arbeit gehen,


Um die Gattin zu ernähren.
Mache dir aus Ton ein Kind,
Dieses musst du auch versorgen.

Mach aus Ton ein zweites Kind,


Denke dann an alle Sorgen.
Es vergeht die Fleischeslust
Dir gewiss nach einem Weib.

Sondern willst du ehelos


Leben für das Himmelreich,
Wähle Unsre Liebe Frau
Dir zur mystischen Gemahlin.

Aber wer im Herzen Angst hat,


Daß ihn Gott berufen könnte
Zu der Ehelosigkeit,
Ist berufen für die Ehe.

Wie der Vater liebt den Sohn


Und der Sohn den Vater liebt
Und die Liebe beider haucht
Gottes Geist als Band der Liebe,

So der Gatte liebt die Gattin


Und die Gattin liebt den Gatten
Und die Liebe beider schafft
Dann das Kind als Frucht der Liebe.

So wie Christus liebt die Kirche,


Liebt der Ehemann die Frau,
Wie die Kirche liebt den Christus,
Liebt die Ehefrau den Mann.

Denn die Ehe ist Geheimnis,


Ist reales Sakrament,
Spiegelt wieder Gottes Treue,
Ist wie diese unauflöslich.
Ach, was muss ich alles hören
Von den lieben Protestanten?
Diese Frau war einst vermählt
Mit dem lauen Katholiken,

Ließ sich scheiden dann von ihm,


Nahm sich einen zweiten Mann,
Der die Katholiken hasste,
Huren liebte im Bordell,

Und sie ließ sich wieder scheiden


Von dem Katholikenhasser,
Ging mit einem dritten Mann
Händchen haltend in die Kirche.

Ja, sie lesen zwar die Bibel,


Daß der Herr verbot die Scheidung,
Aber tun was sie gelüstet
In des Christenmenschen Freiheit.

Wer das Sakrament der Ehe


Gegen Gott gebrochen hat,
Kann das Sakrament der Liebe
Vom Altare nicht empfangen.

REINHEITSMARTYRIUM

Als Apostel Paulus war


In Ikonion in Hellas,
Hörte Jungfrau Thekla ihn
Reden von der Liebe Christi.

Jungfrau Thekla war entflammt


Von der Kreuzesliebe Christi,
Der den Liebestod gestorben
Für das Heil der Braut, der Seele.

Jungfrau Thekla sich verliebte


In den Bräutigam Messias,
Wollte als die Braut des Christus
Leben in Jungfräulichkeit.

Doch da war ein wilder Heide,


Welcher voll Begierde war,
Leidenschaftlich wie ein Tier
Er begehrte Jungfrau Thekla,

Wollte sie zur Ehefrau,


Um mit ihr intim zu schlafen.
Aber Thekla war entsetzt
Über die Begier des Heiden.
Da verwehrte Thekla sich
Dem begierdevollen Heiden:
Nein, ich will als Jungfrau leben,
Christus ist mein Bräutigam!

Doch des wilden Heiden Zorn


Und die wütende Enttäuschung
Seiner tierischen Begierde
Klagte Jungfrau Thekla an.

Thekla ward zum Tod verurteilt,


Sollte sterben durch das Feuer.
Als sie auf dem Scheiterhaufen
Mitten in den Flammen stand,

Betete zu Christus sie:


O mein Bräutigam und Herr,
Schenk im letzten Augenblick
Mir das Sakrament der Taufe!

Regen fiel vom Himmel da,


Christus taufte Jungfrau Thekla.
Und sie starb den Liebestod
Und ging in den Himmel ein.

Ähnlich Agnes auch, die Jungfrau,


Liebte Jesus als Gemahl,
Wollte reine Jungfrau bleiben
Um des Himmelreiches willen.

Siehe, Agnes war sehr schön,


So verliebte sich ein Mann
In das wunderschöne Mädchen
Und begehrte sie zum Beischlaf.

Aber Agnes wehrte ab:


Nein, ich möchte keinen Mann,
Sondern Gottes Sohn allein
Alle meine Liebe gilt.

Da ward wütend jener Mann


Und er packte Jungfrau Agnes,
Schleifte sie ins Freudenhaus,
Wo er oft zu Gast gewesen,

Zog die Jungfrau nackend aus,


Um die Jungfrau bloßzustellen
Vor den Blicken jener Männer,
Die das Freudenhaus besuchten.

Aber Agnes betete


Zu dem Bräutigam, zu Christus,
Und ihr Bräutigam erhörte
Die Gebete seiner Braut.

Und vom Himmel kam ein Licht,


Welches Agnes ganz verhüllte,
Und die Freudenhaus-Besucher
Wurden von dem Licht geblendet.

Agnes wurde umgebracht,


Aber Christus nahm sie auf,
Seine Marterzeugin Agnes
Sitzt auf ihrem Thron im Himmel.

Und es war einmal ein Mönch,


Der Jungfräulichkeit gelobt,
Von Begierde ward geplagt
Nach den Reizen einer Heidin.

Da riet ihm der Seelenführer:


Rufe Jungfrau Agnes an!
Und der Mönch rief Agnes an,
Fand zurück die Seelenruhe.

DER ANTICHRIST

Ja, der Antichrist, der kommt


Als ein großer Theologe,
Der den Doktor hat gemacht
In dem schönen Tübingen.

Was denn lehrt der Antichrist


In der Bibel-Wissenschaft?
Daß es alles Mythen sind,
Die man nicht zu glauben braucht.

Und es lehrt der Antichrist,


Daß das Evangelium
Wörtlich nicht zu nehmen ist,
Sondern ist modern zu lesen.

Jesus ward geboren von


Einer Jungfrau ohne Mann?
Das sagt man von Platon auch,
Das ist nichts als eine Mythe.

Daß Maria unbefleckt


Von dem Sündenmakel war,
Das ist hochneurotisch nur,
Eine Sexualneurose.
Daß der Meister Wunder tat,
Das ist wirklich nicht zu glauben.
Nur die österliche Kirche
Dachte sich die Wunder aus.

Daß der Herr das Brot vermehrt,


Das ist nur Symbol und Gleichnis.
Gebt den Menschen nur ihr Brot,
Das ist schon die ganze Botschaft.

Daß der Herr ist Gottes Sohn,


Glaubten später die Apostel.
Jesus hat nicht sich verkündigt,
Sondern nur das Gottesreich.

Denn der Mann von Nazareth


Glaubte, dass das Gottesreich
Sei gekommen jetzt, doch irrte
Leider sich der Nazarener.

Daß der Herr beim Abendmahl


Gibt sich selber hin als Speise,
Darf man nur symbolisch nehmen,
Sonst wird man zum Kannibalen.

Daß der Herr am Kreuze starb,


Das ist sicherlich historisch,
Doch dass er erstanden ist,
Das ist eine fromme Fabel.

Magdalena nennt man Hure


Und Maria reine Jungfrau,
Das sind Männerphantasien,
Das ist Sexualneurose.

Daß das Grab des Christus leer ist,


Das ist eine fromme Fabel.
Jesu Leib liegt noch begraben
Irgendwo in Israel.

Die Apostel, die verschreckten,


Die geglaubt an den Messias,
Waren nach der Kreuzigung
Völlig depressiv geworden

Und so haben sie erdacht


Das Gedicht der Auferstehung.
Manche hatten da Visionen,
Religiöse Wahngedanken.

Was der Jesus wirklich lehrte,


Das kann keiner heut mehr sagen.
Doch der Christus in der Kirche,
Das ist nicht der Nazarener.

Also lehrt der Antichrist


Als ein Super-Theologe,
Alle Journalisten feiern
Diesen kritischen Gelehrten.

Wenn der Papst ein Wort verkündet,


Fragen alle Journalisten
Jenen Tübinger Gelehrten,
Reizen ihn zum Widerspruch.

Und die Protestanten lieben


Und so mancher Katholik
Diesen kritischen Gelehrten,
Der dem Papste widerspricht.

Und so schleicht der Antichrist


Heimlich ein sich in die Kirche
Und verwirrt die lauen Priester
Und die ungelehrten Laien.

DAS HÜRLEIN UND DIE BRAUT

Luther hat im Kirchenlied


Auch gesungen von dem Hürlein,
Zebaoth ist Bräutigam,
Seine Braut ist aber Hure.

Jungfrau Israel, die Braut,


Gottes Ehe hat gebrochen
Und hat mit dem Götzen Baal
Wüste Hurerei getrieben.

Gott hat sich doch nicht geschieden,


Gott ist seiner Ehe treu.
Doch die Braut die Ehe brach
Mit den Götzen Kanaans.

Doch die Hure Israel


Ist noch immer die Geliebte,
Doch bekehren muß sie sich
Zu dem Gott und Bräutigam.

Auch die Seele eines Menschen


In dem Stand der Sünde ist
Eine Hure nur vor Gott,
Ein von Gott geliebtes Hürlein.

Eine Seele in der Sünde


Lebt geschieden von dem Herrn.
Doch der Gott und Bräutigam
Dennoch wirbt um diese Seele.

Eine Seele in der Sünde


Bricht die Ehe mit dem Herrn,
Gott ruft: Seele, tue Buße
Und bekehre dich zum Herrn!

Jesus kam als Bräutigam


Und sein Evangelium
Lädt uns alle ein zur Hochzeit,
Jesus war der Freund der Huren.

Eine Hure weinte Tränen,


Salbend so die Füße Jesu,
Seine feuchten Füße trocknend
Mit der langen Lockenmähne.

Diese Hure kommt noch eher


Durch die Buße in den Himmel
Als die selbstgerechten Lehrer,
Die bekennen keine Schuld.

Wenn die Seele sich bekehrte


Zu dem Herrn und Bräutigam,
Wieder lebt im Stand der Gnade,
In der Gnade durch den Glauben,

Dann wird dieses Hürlein wieder


Rechte Braut des Bräutigams.
Jesus ist der Bräutigam,
Braut ist eines Christen Seele.

Jesus, allerschönster Mensch,


Schönster aller Menschensöhne,
O du Bräutigam und König,
Dir will ich die Psalmen singen.

Siehe, dir zur Rechten steht


Deine Braut in goldnem Schmuck.
Höre, Tochter, Gott der Herr
Ist dein Herr und Bräutigam.

Der Messias voller Schönheit,


Deine Schönheit er begehrt,
So verneige dich vor ihm,
Jesus Christus ist der Herr!

Eine Seele in der Gnade,


In der Gnade durch den Glauben,
Ist die Braut des Bräutigams,
Nämlich Jesus ist die Liebe.

Jesus Christus ist gestorben


Für die Braut, die er geliebt,
Als sie Feindin noch und Hure,
Da starb er für sie am Kreuz.

Paulus schrieb in seinen Briefen,


Daß er werben will die Braut
Und sie führen zu dem Herrn,
Zu dem einen Bräutigam,

Führen will er eine Braut


Zu dem Bräutigam Messias,
Eine Jungfrau ohne Makel,
Braut ganz ohne Fleck und Falten.

Diese makellose Jungfrau


Ohne Falten, ohne Runzeln,
Ist die Seele in der Gnade,
In der Gnade durch den Glauben.

DIE HURE BEI DEN PROPHETEN

Also war es bei Hosea,


Daß der Herr zu ihm gesprochen:
Nimm die Hure dir zum Weib,
Zeuge mit ihr Hurensöhne!

Also nahm Hosea sich


Gomer, Tochter Diblajims,
Diese Hure sich zur Frau
Und er zeugte Hurensöhne.

Erstgeborner Hurensohn,
Das war Jesreel, der Landmann,
Jesreel heißt: Gott sät ein,
Gott sät