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November 2010 DIE ZEIT No 47 SCHULE / HOCHSCHULE CHANCEN


Fortsetzung von S. 89

kein Problem war, denn das Studium hier kennt

Fotos: Fridolin Schuster für DIE ZEIT/www.fridolinschuster.com


keine Eile. Niemand muss nach vier Jahren den Ab-
schluss erbringen, wenn er noch acht weitere Jahre
sitzen muss. Die meisten Gefangenen arbeiten zudem
noch mehrere Stunden am Tag in der Wäscherei oder
der Küche des Gefängnisses oder gehören zur Putz-
kolonne. Drei Stunden am Tag kommen die Pro-
fessoren und Mitarbeiter des BPI ins Gefängnis, um
ihre Kurse zu geben. Es gibt eine Bibliothek, aber
keinen Zugang zum Internet. Die Lehrbücher werden
vom Bard College zur Verfügung gestellt. Die Stu-
denten können bestellen, was sie brauchen.
Carlos Rosado hat sieben Jahre für sein Studium
gebraucht. Kenner rang mit ihm darum, sein Poten-
zial nicht wieder zu vergeuden, wie schon einmal, als
er trotz offensichtlicher schulischer Begabung aus-
gestiegen war, »um einem anderen Glamour hinter- Innsbrucks Messehallen
herzujagen«, wie Rosado es nennt. Schließlich fand werden zum
er sein Thema: »Ich begriff, dass es eine intellektuelle Ort der Entscheidung
Perspektive auf das Essen gibt, und so studierte ich
die anthropologischen und die ökologischen Aspekte
der Ernährung. Ich las Emerson und Thoreau, Rachel
Carson und Michael Pollan.« Doch von seiner Zelle
aus sah er auf einen einzigen fernen Baum, und er
Weil sie Arzt werden wollen
lebte von chemisch angereicherter, nahezu ungenieß- Der Medizinertest in Österreich fragt nicht nach Noten – die letzte große Hoffnung für viele deutsche Bewerber VON JULIA KIMMERLE
barer Gefängniskost. Im Sommer 2009 wurde seiner
Petition stattgegeben, den Bard-Woodbourne-Gemüse-
garten innerhalb der Gefängnismauern anzulegen. s sieht ganz so aus, als sollte es einfach noch mal hierher. Jedes Jahr trifft ihn das aufs Neue. Kursplan einer Segelschule aufstellen. »Figuren und men die einfacheren Aufgaben, räumliches Denken,
Metallgeräte waren verboten, und so bearbeiteten er
und 30 Helfer die Erde mit Stöcken, Steinen, Plas-
tikgabeln und -löffeln. Und wie es einst, in den Jahren
vor der Abschaffung von Gefängnisgärten zugunsten
einer industriell homogenisierten Versorgung, all-
gemein üblich gewesen war, durften die Insassen ihre
Mahlzeiten wieder um frische Nahrung ergänzen.
E keinen Platz für ihn in Innsbruck ge-
ben. Dominic Gerstmeyr steht in der
Messehalle 2a, Obergeschoss, Block
E, und kann Tisch 698 nicht finden.
Seinen Platz beim österreichischen Medizinertest.
Der Platz, an dem er heute beweisen soll, dass er
das Zeug hat, irgendwann Arzt zu werden.
Dass es so viele sind, die sich diesen Test antun.
Diese hundertfache Hoffnung. Er weiß, dass sie sich
für die meisten nicht erfüllt. Im hellen Leinenjanker
schlendert er an den langen Tischreihen entlang und
lächelt durch seinen Vollbart. Wie ein Arzt auf Vi-
site, der weiß, dass es den Patienten gerade gar nicht
gut gehen kann und der trotzdem Zuversicht ver-
Fakten lernen« prüft, ob man in kurzer Zeit Namen,
Alter, Krankheit und Beziehungsstatus von Patien-
ten lernen und sich so merken kann, dass man sie
auch nach einer Stunde noch weiß. Die Abfolge ist
strikt und die Zeit knapp: fünf Stunden für 198
Aufgaben. Wer am Ende einen Studienplatz be-
kommt, entscheiden die Punkte und die Quote: 360
Textverständnis. Die Konzentration wird erst ab
Mittag geprüft, wenn ohnehin viele mit der Müdig-
keit oder der stickigen Luft kämpfen.
Vizerektor Mutz ist keiner, der gern Hoffnungen
zerstört. Dass der Eignungstest, mit dem Österreich
seine Studienplätze für Medizin vergibt, sinnvoll ist,
daran zweifelt er nicht. Das Verfahren sei erprobt.
Kein Gefangener lässt sich von seinem Seminar Die Aufsicht blättert hektisch in den Unterlagen. strömen muss. Er kennt alle Symptome: hektisches Plätze für Humanmedizin gibt es in Innsbruck, 20 Und die Abbrecherquote sinke seither, sagt er: »Das
ablenken, wenn durch die vergitterten Fenster des Kein Tisch, das ist natürlich ganz dumm. Dominic Stiftespitzen, noch mal aufs Klo rennen, kichern, Prozent davon gehen an EU-Bürger. Das macht 72 zeigt doch auch, dass die Auswahl des Personen-
Klassenzimmers im Souterrain Gesprächs- und Mu- Gerstmeyr blickt suchend in die Halle. Zwei Tup- beten. »Nervositas permagna«, lautet seine Diagno- Plätze, auf die deutsche Bewerber spekulieren. kreises für das Medizinstudium keine ganz falsche
sikfetzen vom Woodbourne-Gefängnishof dringen. sein kann.« Er könnte sich zwar vorstellen, dass auch
Die zwölf Studenten, die an diesem Tag an einem ein persönliches Gespräch Teil der Bewerbung wird.
Kurs über den Islam im Mittelalter teilnehmen, be-
finden sich in regem Austausch mit der Professorin, Ein neues Modell für das Medizinstudium Doch schon jetzt sind die Tests so aufwendig, dass
sie die Universitäten an ihre Grenzen bringen. 2700
einer von 65 Angestellten der BPI, die für ihre Lehr- Bewerber hatten sich angemeldet, davon 1700 aus
tätigkeit ganz regulär aus dem 1,3-Millionen-Dollar- Der Wissenschaftsrat, das einflussreichste wissen- der Uni Groningen eine European Medical School dass auch in der Medizin die neuen Studienstruk- Deutschland. Testlizenz, Miete, Sicherheitspersonal
Jahresbudget der Organisation bezahlt werden. Bard- schaftspolitische Beratungsgremium von Bund gründen, die auf deutscher Seite das Staatsexamen turen funktionieren – ohne den von den Anhän- und Organisation werden die Universität in diesem
Studenten stiften ihre Zeit als Tutoren. »Wir sind und Ländern, hat eine positive Stellungnahme zur und auf niederländischer Seite einen dreijährigen gern des Staatsexamens befürchteten Verlust in- Jahr 400 000 Euro kosten. Die Teilnehmer müssen
jedoch nicht auf Freiwillige angewiesen«, betont Max Gründung einer Medizinfakultät an der Univer- Bachelor und einen dreijährigen Master im Pro- haltlicher Tiefe. Wer will, kann übrigens auch auf nichts bezahlen – im Gegensatz zu den Eignungs-
Kenner, der keine Mühe hat, Professoren auch von sität Oldenburg abgegeben. Was nach einem gramm haben wird. Inhalt und Ablauf sind iden- deutscher Seite nur den (niederländischen) Ba- tests, wie es sie in Baden-Württemberg gibt, ist die
der Columbia und New York University für die Arbeit mäßig spannenden wissenschaftsbürokratischen tisch, ein obligatorischer Austausch der Studenten chelor oder Master ablegen – und damit dank Anmeldung kostenlos. Spätestens nächstes Jahr
im Gefängnis zu gewinnen. »Ältere Fakultätsmit- Akt klingt, ist angesichts des jahrelangen Schlag- zwischen beiden Standorten ist vorgesehen. europäischer Harmonisierung auch die deutsche müsse sich daran jedoch etwas ändern, sagt Mutz.
glieder haben oft ihren längst erlahmten Enthusiasmus abtauschs zwischen Befürwortern und Gegnern Ursprünglich hatten die Oldenburger einen ei- Approbation beantragen. Die Bacheloroption Dann gibt es in Bayern und Niedersachsen durch
für das Lehren wiederentdeckt, weil sie noch nie so des Modells fast schon eine Sensation: Faktisch genen Master der Humanmedizin anbieten wol- könnte sich als attraktiv für all jene herausstellen, die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium den
engagierte Studenten hatten«, sagt er. Seit Bestehen bedeutet die Zustimmung, dass es erstmals in len, darauf jedoch als Zugeständnis an die zahl- die im Studium merken, dass sie doch keine Ärz- doppelten Abiturjahrgang.
der Initiative haben 200 Insassen der fünf partizipie- Deutschland eine grenzüberschreitende europäi- reichen Bolognagegner unter den Medizinern te werden wollen. Bislang blieb ihnen der Ab- In der Halle 3 rennt Alexander Jürgens die Zeit
renden Strafanstalten ein Hochschulstudium begon- sche Medizinerausbildung geben wird. Zu diesem verzichtet. Dennoch, so hoffen die Bolognafans, bruch, oder sie mussten das Studium komplett davon. Am Eingang musste er seine Uhr abgeben,
nen, 100 haben ihren Abschluss gemacht, 50 weitere Zweck wollen die Niedersachsen gemeinsam mit soll vom Oldenburger Modell das Signal ausgehen, durchziehen. JMW ohne sie ist er etwas hilflos. »Wie im Blindflug« habe
werden diesen Winter ihr Studium beenden. »Unse- er die Aufgaben gelöst, sagt er später. Auch Dominic
re Studenten repräsentieren das ganze System – sie kämpft. Mit der Zeit und mit den Aufgaben. Er hat
sind zu 65 Prozent afroamerikanisch, zu 30 Prozent perdosen voller Nudelsalat hat er mitgebracht, Trau- se. Erst draußen, wo ihn keiner mehr hören kann, Alexander Jürgens ist auch dabei, zum zweiten dieses Jahr ebenfalls einen Vorbereitungskurs be-
hispanisch, zu fünf Prozent weiß – sie gehören keiner benzucker und vier Bananen. Er wäre bereit, wenn sagt er: »Der Test ist grausig. Aber es gibt nichts Bes- Mal schon. In Deutschland studiert er BWL. »Aber sucht, sogar zweimal hintereinander. Für den Test
kriminellen Elite an«, insistiert Kenner. sie ihn nur ließen. Seine Heimatstadt Augsburg ist seres.« Keiner möge die Prüfung, den Stress, die eigentlich wollte ich Mediziner werden, das hat mich gelernt hat er während der Berufsschule, denn um
Nur zwölf inhaftierte Bard-Abgänger durften seit nicht weit weg, etwa drei Stunden mit dem Auto. In strikte Auswahl. Dass der Eignungstest für das Me- schon immer fasziniert.« Seine Noten haben ihm die Zeit bis zum Medizinstudium sinnvoll zu über-
2005 mit ihren Diplomen das Gefängnis verlassen, Deutschland würde er jedoch vermutlich nie Medi- dizinstudium, kurz EMS, so viele Träume zum den direkten Weg zum Studienplatz verbaut. Die brücken hat er eine Ausbildung zum Krankenpfleger
keiner von ihnen wurde wieder straffällig. Rosados zin studieren können. Der Numerus clausus lag ver- Platzen bringt, findet der Vizerektor besonders anderen Alternativen – ein deutschsprachiges Stu- begonnen. Um fünf Uhr am Nachmittag sagt er:
wichtigster Mitstreiter bei der mühsamen Bepflan- gangenes Jahr bei 1,0. Auf seinem Abizeugnis steht schlimm. Ändern kann er es trotzdem nicht. 2006 dium in Ungarn oder ein englischer Studiengang in »Das war wohl nichts – es war einfach sauschwer.«
zung des Gefängnisgartens, William Jett, wird in eine 2,2. Nicht schlecht, wenn man Bio und Chemie wurde der EMS eingeführt. Er sollte Österreichs Riga oder Prag – wären ihm zu teuer. Zwischen 7000 Auch Alexander Jürgens will nur noch nach Hause.
diesen Tagen nach 26 Jahren seine Freiheit wieder- als Leistungskurs hatte. Viel zu schlecht, wenn man Unis vor deutschen NC-Flüchtlingen schützen. und 12 000 Euro würde ein Jahr dort kosten. Des- Morgen wird er schon wieder am Schreibtisch sitzen
gewinnen. Die BPI sieht Jett, der wegen Mordes ein- Medizin studieren will. Dominic will nichts anderes. Vorher konnten Deutsche nur dann in Österreich halb hat er sich gründlich auf den österreichischen und für die BWL-Klausuren lernen.
sitzt, »als Gnade, aber man begreift auch in aller Deshalb ist er hier. Mit über tausend anderen Deut- studieren, wenn sie auch von einer deutschen Uni Medizinertest vorbereitet. Letztes Jahr fuhr er nach Drei Wochen weiß Alexander, dass er die Klau-
Klarheit, was man versäumt hat«, meint der schüch- schen, bei denen es auch nicht reichen würde. Das eine Zusage hatten. Doch diese Regelung wurde Wien, da waren es über 2800 Bewerber, die zum Test suren soweit alle bestanden hat. Mit dem Medizin-
terne Mann, der seine Angst vor der Unabhängigkeit österreichische System ist ihre große Hoffnung. 2005 vom Europäischen Gerichtshof gekippt. Die antraten. »Eine Massenabfertigung, wie am Flugha- studium in Innsbruck wird es auch in diesem Jahr
freimütig gesteht. Neben ihm sitzt Bill Doane am Für die Universität bedeutet es eine logistische österreichischen Universitäten hatten plötzlich ein fen«, erzählt er. Damals war er sehr nervös. »Ich nichts. »Was hätte ich noch tun können?«, fragt er
Computer, der vor knapp 24 Jahren seinen Nachbarn Herausforderung. Es braucht Sicherheitsschleusen, Problem – nach welchem Kriterium sollten sie die wusste schon gleich danach, dass das nichts gewor- sich nun. Die Hoffnung aufgeben will er nicht – al-
im Alkoholrausch umbrachte und noch in den Ge- Dutzende Helfer sorgen dafür, dass wirklich nur Zulassungen verteilen? 2005 entschied dann das den ist.« Dieses Jahr wollte er es besser machen: ler guten Dinge seien ja drei. Dominic erfährt sein
nuss eines Collegeprogrammes vor Patakis radikaler Bewerber auf das abgezäunte Gelände kommen, und Datum des Poststempels auf der Bewerbung. Eine Schon im April fuhr er nach Innsbruck zu einem Testergebnis auf Korsika, im Urlaub: 163 Punkte.
Maßnahme kam. Seine Arbeit über die Bedeutung keine besorgten Mütter. Wie bei einem Festival einmalige Notmaßnahme. Wären die Plätze damals Trainingskurs, kopierte sich drei Vorbereitungs- Nur 15 andere waren besser. »Als ich realisiert habe,
der katholischen Kirche für die schwarze Bürger- werden am Eingang bunte Bändchen um das Hand- nach Noten vergeben worden, wären 84 Prozent der bücher und lernte neben BWL auch noch, wie man dass ich einen Platz habe, musste ich brüllen vor
gelenk befestigt. So weiß jeder, in welche Halle er Plätze an Deutsche gegangen. So waren es immerhin sich Patientenakten am besten merkt. Freude.« Zurück in Deutschland hat er als Erstes im
ANZEIGE muss. Auf dem Parkplatz hat das Tiroler Rote Kreuz nur fast die Hälfte. Jetzt gibt es die Quote, und alle Jetzt sitzt er in der Messehalle 3, es riecht wie in Krankenhaus gekündigt. Seine Chefin habe Ver-
Stellung bezogen, denn jedes Jahr kippen ein paar müssen den Test machen. Einer der zehn Aufgaben- einer alten Turnhalle, nach Schweißfuß und Angst. ständnis gehabt, sagt Dominic. Und dass dieser
Name: Zeitverlag/ZC-Shop Mädchen vor Aufregung um. In Halle 4, groß wie typen heißt »Planen und Organisieren«. Dort müs- Alexander ist angespannt. »Ich habe schlecht ge- Abschied eigentlich das Schönste gewesen sei: end-
Breite: 70.5 mm fünf Turnhallen, sitzen die meisten Bewerber. Bevor sen die Bewerber in kürzester Zeit eine Lerngruppe schlafen. Das passiert mir sonst nie«, sagt er. Eine lich sagen zu können, dass man jetzt geht. Um Arzt
Höhe: ZEIT SHOP 70 mm es losgeht, kommt Vizerektor Norbert Mutz immer mit mehreren Teilnehmern organisieren oder den Kopfschmerztablette hätte er jetzt gern. Erst kom- zu werden.
Farbe: Regalleuchte 90 - 90Prozess
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Hamburger Schüler schreiben einen Roman. Zwei der jungen Autoren verraten, worum es darin geht
DZ 47/10

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Rümeysa Ciftá und Bora Cem Celik haben gerade DIE ZEIT: Wie würdet ihr das Projekt Schul- ZEIT: Bekommen wir eine Leseprobe? ein Betriebssystem. MegaTron atmet wie jeder
ihre ersten Erfahrungen als Schriftsteller gemacht. hausroman in einem Satz erklären? Rümeysa: »In Willytown gibt es drei Freundin- normale Mensch, nämlich durch seinen Cooler.
Sie sind 14 Jahre alt und besuchen die Klasse 8c Bora Cem: Das ist ein Projekt, in welchem ein nen. Sie gehen jede Woche einmal zur Elbe. MegaTron hat einen 24-Zoll-Kopf. Sein Kopf ist
der Gesamtschule Wilhelmsburg. Zusammen mit guter Schriftsteller in eine Klasse kommt und mit Dort liegen sie auf einer Wiese und gucken den schwarz, und er hat eine schön polierte Glatze.
rechtsbewegung im Rahmen der BPI hat ihm sein dem Schweizer Autor Richard Reich, der das Pro- den Schülern einen Roman schreibt. Himmel an. Jede von den drei Freundinnen ZEIT: Was habt bei der Sache gelernt?
zweites Diplom eingebracht, und nach seiner Ent- jekt Schulhausroman bereits im ZEIT: Wie seid ihr vorgegangen? stellt sich Wolken als Bilder vor. Bora Cem: Es hat sehr viel Spaß
lassung will der einstige Bauarbeiter seinen Doktor Jahr 2004 in der Schweiz initiierte, Rümeysa: Als Erstes haben wir Dann fangen sie an zu träumen. gemacht. Wir haben gelernt,
machen. Dass er Arbeit finden wird, glaubt er nicht: schrieben sie den Roman Geschich- Ideen gesammelt. Herr Reich hat Die erste Freundin träumt von strukturiert zu schreiben und dass
»Ich konkurriere als 55-jähriger Mörder auf Bewäh- ten aus Willytown. Er handelt von uns vorgeschlagen, wir sollen ei- ihrem Lieblingsidol. Ihr Lieb- dies viel schwieriger ist, als man
rung mit jungen Leuten, die noch nie ein Strafman- Aliens, lebenden PCs, Träume- nem Alien, der sich hier nicht lingsidol ist Justin Bieber, weil denkt.
dat für falsches Parken bekommen haben.« rinnen und vor allem von Wil- auskennt, die schönsten Orte sie seine Lieder sehr mag. Die Rümeysa: Wenn man Bücher
Carlos Rosado dagegen ist optimistisch. Seinen helmsburg, dem multikulturellen Wilhelmsburgs zeigen und darü- zweite Freundin träumt von ei- liest, stellt man sich das Schreiben
Job als Gärtner im Bard College macht er zwar nur Stadtviertel im Süden von Ham- ber schreiben. nem vergangenen Urlaub, von viel leichter vor. Aber selbst auf
ehrenamtlich, »aus Dankbarkeit«, wie er sagt, und burg. Die 12- bis 17-jährigen Bora Cem: Da wir zu viele unter- den letzten Maiferien in der die Ideen zu kommen ist gar
muss sich seinen Unterhalt in einer Recycling-Anlage Schüler haben ein halbes Jahr lang schiedliche Ideen hatten, haben Schweiz. Die dritte Freundin nicht so einfach. Mit dem Ergeb-
verdienen. Er wohnt mietfrei bei seiner Tante in einer eine Doppelstunde pro Woche an Rümeysa Ciftá, 14, wir in kleinen Gruppen und mit träumt von der Zukunft. Sie Bora Cem Celik, 14, nis sind wir sehr zufrieden.
Wohnwagensiedlung, sein Zimmer ist kaum größer dem Roman gearbeitet. Mithilfe schrieb über ihre Freun- der Hilfe von Herrn Reich ver- stellt sich vor, dass sie ihr Abitur erfand die Romanfigur ZEIT: Wie geht es weiter, könntet
als seine Gefängniszelle, doch materielle Dinge be- renommierter Hamburger Autoren dinnen in Wilhelmsburg schiedene Geschichten geschrie- geschafft hat und Stewardess MegaTron ihr euch vorstellen, Schriftsteller
deuten ihm heute wenig – seine Töchter, die er als sollen in diesem Schuljahr noch ben, die wir am Ende nur noch geworden ist. Sie hat Zwillinge zu werden?
Teenager zeugte, kaufen ihm gegen seinen Willen die vier weitere Schulhausromane ent- zusammengestellt haben. Am und lebt mit ihrer Familie glück- Bora Cem: Herr Reich hat ver-
Markenturnschuhe, von denen er einst jeden Tag ein stehen. Anlass für Richard Reich, das Projekt in vierten Tag haben wir im Literaturhaus eine Le- lich in Paris, in einem Einzelhaus. Dort leben sprochen, uns zu besuchen, wenn wir in der 10.
Fotos: Isabell Köster

neues Exemplar benötigte. Rosado will seine Abhand- der Schweiz zu initiieren, war eine Lesung in einer sung gegeben. Jeder hat einen Teil seiner Ge- auch ihre zwei Freundinnen.« Klasse sind. Er möchte dann unbedingt wissen,
lung über die Geschichte der Gefängnisernährung zu Hauptschule, bei der er feststellen musste, dass die schichte vorgelesen. Die Kultursenatorin hat zu- Bora Cem: Meine Geschichte über den lebendi- was aus uns geworden ist. Ich möchte aber kein
einem Buch ausweiten, und er hat vor, sich als Aktivist Schüler ihm nicht zuhörten und völlig unkonzen- gehört, und wir wurden vom Fernsehen gefilmt. gen PC gefällt mir am besten: In Willytown le- Schriftsteller werden. Herr Reich hat erzählt, dass
für bessere Verpflegung im Strafvollzug nützlich zu triert waren. Durch den Schulhausroman erfahren Das war aufregend und hat Spaß gemacht. ben vier Jungen, Mohammad, Sinan, Miguel er an seinem letzten Roman vier Jahre geschrie-
machen. Und, ja, er hofft noch immer, dass ihn je- Jugendliche nun, wie viel Mühe es macht, Litera- ZEIT: Wovon handeln eure Geschichten? und Bora Cem. Bora Cem hat einen Bruder. Er ben hat. Ich finde, das ist zu viel Zeit für zu wenig
mand großartig findet und mit auf Reisen nimmt. tur zu produzieren. Weitere Informationen über Rümeysa: Von vielen verschiedenen Dingen. Von liebt diesen Bruder über alles. Der Bruder heißt Geld.
das Projekt erhält man unter: www.schulhaus- Jugendlichen und dem Viertel Kirchdorf Süd MegaTron. MegaTron hat ein Herz und eine
www.zeit.de/audio roman.de. zum Beispiel, in dem sie leben. Seele, sein Herz ist ein Mainboard, seine Seele ist Interview: LEONIE SONTHEIMER