Sie sind auf Seite 1von 1

Quelle: „Scheiße“ – oder doch besser „Fuck“? | Deutschlehrer-Info | DW | 09.01.

2020

„Scheiße“ – oder doch besser „Fuck“?


Fast überall auf der Welt wird mit sexuellen Wörtern beleidigt. In Deutschland und
Österreich wurden früher vor allem fäkale Ausdrücke benutzt. Sprachforscher fanden
heraus, dass sich das mittlerweile geändert hat.

Wenn Amerikaner, Engländer, Russen, Franzosen, Spanier, Italiener oder auch Holländer
jemanden beschimpfen, wird es schnell sexuell. Deutsche und Österreicher haben
dagegen eher Fäkales im Angebot. Während es zum Beispiel auf Englisch „Fuck off“ heißt,
sagen deutschsprachige Menschen „Verpiss dich“. Der englische Ausruf „Fuck!“ entspricht
auf Deutsch dem Wort „Scheiße!“
Inzwischen schimpfen jüngere Menschen in Deutschland jedoch sexualisierter als ältere,
meint der Sprachwissenschaftler André Meinunger. Er arbeitet am Berliner Leibniz-
Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaft (ZAS) und sagt: „[Da] gibt es in den letzten
Jahren einen Wandel und das Deutsche passt sich an. Also die Nutzung des Wortes
,Fuck‘ zum Beispiel hat sich stark ausgebreitet.“ Meinunger weist darauf hin, dass heute
auch mal eher gesagt werde, jemand sei „gefickt“ statt „gearscht“. Oder aber es heiße „Du
Schwanz“ statt „Du Arsch“. Normaler geworden seien neben traditionellen Tierschimpf-
wörtern (Sau, Esel, Kuh) auch Begriffe wie „Du Opfer“, „Du Lauch“ oder „Fick dich“, also
die englische Übersetzung von „Fuck you“. Das liege besonders an der Globalisierung.
„Sprache ist im Fluss, viele Einflüsse kommen aus der Jugendkultur, in den letzten Jahren
zum Beispiel oft und vielfach aus dem Hip-Hop“, sagt Meinunger. Durch Hip-Hopper mit
Migrationshintergrund werde die deutsche Sprache in einem gewissen Sinne bereichert –
durch Begriffe wie „Babo“ (Chef) oder „Chaya“ (Tussi) zum Beispiel. „Wir leben hier
zusammen mit Menschen, die mehrsprachig sind, und übernehmen auch die Slangs von
ihnen.“ Junge Leute schauten zudem öfter Filme und Serien im Originalton. Und das dürfte
ebenfalls dazu beitragen, dass sie bei Wut und Zorn anders kommunizieren als ihre Eltern
oder Großeltern.
Schimpfwörter sind ein spannendes Thema. Viele, die eine Fremdsprache lernen, sind
neugierig auf die Schimpfwörter. Vor allem in Großstädten, etwa in Berlin, im Ruhrgebiet,
in Frankfurt und Hamburg, wo junge Deutsche viel eher mit Nicht-Deutschen Tür an Tür
lebten, gebe es Veränderungen. Beim sexuellen Schimpfen in anderen Sprachen sieht
Gauger meist einen frauenfeindlichen Hintergrund. Das Weibliche sei fast immer negativ
konnotiert. Die Mutter oder Schwester von jemandem herabzusetzen, um damit den Mann
bei seiner Ehre zu packen, sei in Deutschland und Österreich beispielsweise unüblich.
Das sei aber etwa im Türkischen oder Italienischen normal und wandert nun auch ein
bisschen in die deutsche Sprache ein.