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Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters

Trends in Medieval Philology


Edited by
Ingrid Kasten · Niklaus Largier
Mireille Schnyder

Editorial Board
Ingrid Bennewitz · John Greenfield · Christian Kiening
Theo Kobusch · Peter von Moos · Uta Störmer-Caysa

Volume 13
Schrift und Liebe
in der Kultur
des Mittelalters

Herausgegeben von
Mireille Schnyder

∞ Gedruckt auf säurefreiem Papier,
das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.

ISSN 1612-443X
ISBN 978-3-11-020315-8
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Inhaltsverzeichnis

Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1

Peter von Moos:


Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen
Liebesbriefen. Ein Nachwort zu den Epistolae duorum amantium . . . . 23

Stephan Müller:
Sprechende Bücher – verschwundene Schrift. Probleme und
Praktiken der Kodifizierung von Intimität in der Volkssprache
im Früh- und Hochmittelalter. Zugleich eine These zur
Spätüberlieferung des Minnesangs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49

Bruno Quast / Monika Schausten:


Amors Pfeil. Liebe zwischen Medialisierung und Mythisierung
in Heinrichs von Veldeke Eneasroman . . . . . . . . . . . . . . . . . 63

Astrid Bußmann:
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn’.
Variationen des Liebesgeständnisses
in Heinrichs von Veldeke Eneasroman . . . . . . . . . . . . . . . . . 83

Christoph Huber:
Minne als Brief. Zum Ausdruck von Intimität im nachklassischen
höfischen Roman (Rudolf von Ems: Willehalm von Orlens;
Johann von Würzburg: Wilhelm von Österreich) . . . . . . . . . . . . . 125

Margreth Egidi:
Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs:
Flore und Blanscheflur und Apollonius von Tyrland . . . . . . . . . . . . . 147

Barbara Kuhn:
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper: die Liebe der Schrift
in Dantes Vita nuova . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165
VI Inhaltsverzeichnis

Ludger Lieb:
Minne schreiben. Schriftmetaphorik und Schriftpraxis
in den ‚Minnereden‘ des späten Mittelalters . . . . . . . . . . . . . . 191

Susanne Reichlin:
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung:
Sprache und Begehren im Märe Des Mönchs Not . . . . . . . . . . . . 221

Andreas Kraß:
Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds. Helena als Figur
des Begehrens in der Historia von D. Johann Fausten . . . . . . . . . . 243

Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 257
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters.
Einführung

Der vorliegende Sammelband verortet sich im Schnittpunkt einer Technik-


und Materialgeschichte der Kommunikation, einer historischen Medien-
forschung, einer Geschichte der Gefühle sowie der Geschlechtergeschich-
te und hat zum Ziel, die von einerseits psychologischen, anderseits perfor-
mativitätstheoretischen Ansätzen geprägte historische Emotionalitätsfor-
schung durch die Perspektivierung auf die Mediengeschichte um eine
bisher in diesen Forschungen weitgehend vernachlässigte Dimension zu
erweitern.1 Am Beispiel der sich an der Schriftkultur ausbildenden spezifi-
schen Wahrnehmung von Sexualität und der darüber ermöglichten Erotik
wird paradigmatisch aufgezeigt, wie sich der Körper in seiner physischen
Befindlichkeit und Präsenz erst in seiner medialen Übersetzung in die wirk-
lichkeitskonstituierende (Selbst)Wahrnehmung drängt. Die sich in diesem
Prozess herausbildenden Liebeskonzepte sind entsprechend wesentlich
medial bestimmt.
Die Thematik von Medialität und Emotionalität, in deren größeren
Rahmen die Frage nach dem Verhältnis von Schrift und Liebe steht, hat
sich erst seit gut 20 Jahren als eigenes Forschungsfeld etabliert. Die Frage
nach Liebeskommunikation und Liebesausdruck stand dabei von Anfang

1 Zur Emotionalitätsforschung siehe das Berliner Forschungsprojekt „Emotionalität in der


Literatur des Mittelalters“, SFB „Kulturen des Performativen“. In diesen Forschungen steht
der Handlungscharakter von Emotionsdarstellungen im Vordergrund, als Teil sozialer Inter-
aktion und Kommunikation. Dabei spielen mediale Aspekte zum Teil eine Rolle, ohne aber
die Fragestellung zu prägen. Für einen Forschungsüberblick zur mediävistischen Emotio-
nalitätsforschung vgl. den umfassenden Bericht von RÜDIGER SCHNELL: Historische Emo-
tionsforschung. Eine mediävistische Standortbestimmung. In: Frühmittelalterliche Studien
38 (2004), S. 173-276. In diesem Forschungsüberblick fehlt die hier vorgeführte Per-
spektivierung des Medialen vollkommen. Das ist nicht nur auf die tatsächlich für diesen
Bereich lückenhafte Forschungslage zurückzuführen, sondern auch auf ein etwas einge-
schränktes Verständnis von „Medialität“. Wenn in diesem grossangelegten Forschungs-
bericht von „Medialität“ die Rede ist, ist damit die „Rhetorizität“ gemeint („Medium der
Rhetorik“), oder das Medium der „Literatur“, wenn nicht eine Gleichsetzung von Medialität
und Kommunikation impliziert ist (S. 181, 223, 238, 249, 259).
2 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

an im Vordergrund.2 Neben grundlegenden Arbeiten zur Neuzeit, die die


medientheoretischen und -geschichtlichen Fragen eng mit Diskursge-
schichte verbinden,3 sind es vor allem die aus der kulturgeschichtlichen
beziehungsweise sozialgeschichtlichen Tradition kommenden Richtungen
der genuin mediävistischen New Philology sowie der Kommunikationswis-
senschaft, die Ansatzpunkte bieten für eine medientheoretisch arbeitende
historische Anthropologie.4 Für die Frage nach der Text-Erotik, der über
die Schrift geformten Sexualität und den von Schriftlichkeit bestimmten

2 Zur Diskursgeschichte: RÜDIGER SCHNELL: Causa amoris. Liebeskonzeption und Liebesdar-


stellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern, München 1985 (Bibliotheca Germanica 27);
R. HOWARD BLOCH: Medieval Misogyny and the Invention of Western Romantic Love,
Chicago, London 1991; C. STEPHEN JAEGER: Ennobling Love. In Search of a Lost Sensibi-
lity, Philadelphia 1999; R. BOASE: The origin and meaning of courtly love. A critical study of
European scholarship, Manchester 1977. Zu medialen Aspekten des Liebesdiskurses vgl. u. a.:
WERNER RÖCKE: Schriftliches ,gedencken‘ und paradoxe Verneinung. Aspekte von Ver-
schriftlichung und Affektkultur in der Novellistik des Spätmittelalters. In: Gespräche – Boten
– Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelater. Hrsg. von HORST WENZEL,
Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143), S. 226-243; WERNER RÖCKE: Liebe und
Melancholie. Formen sozialer Kommunikation in der ,Historie von Florio und Blanscheflur‘
(1499). In: GRM 45 (1995), S. 177-191; WERNER RÖCKE: Liebe und Schrift. Deutungsmuster
sozialer und literarischer Kommunikation im deutschen Liebes- und Reiseroman des 13.
Jahrhunderts. (Konrad Fleck: Florio und Blanscheflur; Johann von Würzburg: Wilhelm von
Österreich). In: Mündlichkeit – Schriftlichkeit – Weltbildwandel. Hrsg. von W. RÖCKE/
U. SCHAEFER, Tübingen 1996 (ScriptOralia 71), S. 85-108; HANS-JÜRGEN BACHORSKI: Posen
der Liebe. Zur Entstehung von Individualität aus dem Gefühl im Roman Paris und Vienna.
In: Mündlichkeit – Schriftlichkeit – Weltbildwandel. Hrsg. von W. RÖCKE/U.SCHAEFER, Tü-
bingen 1996 (ScriptOralia 71), S.109-146; HENNING WUTH: was, strâle unde permint. Medienge-
schichtliches zum Eneasroman Heinrichs von Veldeke. In: Gespräche – Boten – Briefe. Kör-
pergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelater. Hrsg. von HORST WENZEL, Berlin 1997
(Philologische Studien und Quellen 143), S. 63-76.; THOMAS CRAMER: Nabelreibers Brief. In:
Gespräche – Boten – Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelater. Hrsg.
von HORST WENZEL, Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143), 212-225; WAL-
BURGA HÜLK: Schrift-Spuren von Subjektivität. Lektüren literarischer Texte des französischen
Mittelalters. Tübingen 1999 (Beihefte zur Zs für Romanische Philologie 297); BURGHART
WACHINGER: Liebe und Literatur im spätmittelalterlichen Schwaben und Franken. Zur Augs-
burger Sammelhandschrift der Clara Hätzlerin. In: DVjS 56 (1982), S. 386-406; HELMUT
BRACKERT: Da stuont daz minne wol gezam. Minnebriefe im späthofischen Roman. In: ZfdPh 93
(1974) Sonderheft, S. 1-18; zum Thema des Briefes vgl. auch unten, Anm. 5
3 Vgl. die grundlegende Arbeit von ALBRECHT KOSCHORKE: Körperströme und Schriftver-
kehr. Mediologie des 18. Jahrhunderts, München 1999. Nicht zuletzt im Blick auf dieses
Buch zeigt sich die Notwendigkeit der hier verfolgten Fragestellung, um die historische
Anschlussfähigkeit und Anknüpfung, damit aber auch Historisierung vieler der in dieser
diskursgeschichtlichen Arbeit differenziert beschriebenen Phänomene deutlich zu machen.
Vgl. auch: Zwischen Rauschen und Offenbarung. Zur Kultur- und Mediengeschichte der
Stimme. Hrsg. von FRIEDRICH KITTLER, Berlin 2002; REINHART MEYER-KALKUS: Stimme
und Sprechkünste im 20. Jahrhundert, Berlin 2001; Schrift. Hrsg. von ULRICH GUMBRECHT/
K. LUDWIG PFEIFFER, München 1993 (Materialität der Zeichen, Reihe A, 12).
4 HORST WENZEL: Hören und Sehen, Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter.
München 1995; MICHAEL CURSCHMANN: Hören – Lesen – Sehen. Buch und Schriftlichkeit
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 3

Liebeskonzeptionen gibt es, neben einzelnen Arbeiten, die die Problematik


vor allem unter gattungs- oder motivgeschichtlichem Aspekt angehen,5 in
jüngerer Zeit vor allem im Bereich der kulturwissenschaftlich ausgerichteten
amerikanischen Mediävistik Vorarbeiten.6 In den älteren kulturgeschichtli-

im Selbstverständnis der volkssprachlichen literarischen Kultur Deutschlands um 1200. In:


Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 106 (1984), S. 218-257; JAN-
DIRK MÜLLER: Der Körper des Buchs. Zum Medienwechsel zwischen Handschrift und
Druck. In: Materialität der Kommunikation. Hrsg. von H. U. GUMBRECHT/K. L. PFEIFFER,
Frankfurt a. M. 1988, S. 203-217; DENNIS H. GREEN: Medieval Listening and Reading. The
primary reception of German literature 800-1300, Cambridge 1994. Dass der mediale Aspekt
in der Historischen Anthropologie erst in neuerer Zeit verstärkt in den Blick genommen wird,
zeigt auch der einschlägige Forschungsüberblick von CHRISTIAN KIENING: Anthropologische
Zugänge zur mittelalterlichen Literatur. Konzepte, Ansätze, Perspektiven. In: Forschungsbe-
richte zur Germanistischen Mediävistik 5/1, Bern u. a. 1996, S. 11-129. Die Thematik der
Textlichkeit der Kultur sowie die Text-Kontext-Problematik, das Feld der Mündlichkeit-
Schriftlichkeits-Forschung, die Frage nach dem Textbegriff sowie die Differenzierung der
Text- und Bildmedien sind da als zentrale Forschungsfelder und -probleme benannt. Die
konkrete Verbindung von Medialität und Emotionalität ist noch nicht Thema.
5 Der Liebesbrief findet schon seit längerem das Interesse der Forschung. Vgl. u. a. ERNSTPE-
TER RUHE: De amasio ad amasiam. Zur Gattungsgeschichte des mittelalterlichen Liebesbriefes.
In: Beiträge zur romanischen Philologie des Mittelalters 10 (1975), S. 68-81; DIETER SCHAL-
LER: Probleme der Überlieferung und Verfasserschaft lateinischer Liebesbriefe des hohen
Mittelalters. In: Mlat. Jb. 3 (1966), S. 25-36; DIETER SCHALLER: Zur Textkritik und Beurtei-
lung der sogenannten Tegernseer Liebesbriefe. In: ZfdPh 101 (1982), S. 104-121; JÜRGEN
SCHULZ-GROBERT: Deutsche Liebesbriefe in spätmittelalterlichen Handschriften. Untersu-
chungen zur Überlieferung einer anonymen Kleinform der Reimpaardichtung, Tübingen
1993 (Hermaea 72); in grösserem Zusammenhang: PETER VON MOOS: Briefkonventionen
als verhaltensgeschichtliche Quelle. In: DERS.: Rhetorik, Kommunikation und Medialität.
Gesammelte Studien zum Mittelalter, Bd. II, Münster 2006 (Geschichte: Forschung und
Wissenschaft 15), S. 173-203; KONRAD KRAUTTER: Acsi ore ad os … Eine mittelalterliche
Theorie des Briefes und ihr antiker Hintergrund. In: Antike und Abendland 28 (1982), S.
155-168; ULRICH ERNST: Formen der Schriftlichkeit im höfischen Roman des hohen und
späten Mittelalters. In: Frühmittelalterliche Studien 31 (1997); CHRISTINE WAND-WITT-
KOWSKI: Briefe im Mittelalter. Der deutschsprachige Brief als weltliche und religiöse Litera-
tur, Herne 2000 (Mikrokosmos 57). Vor allem in Studien zur mittellateinischen Liebeslyrik
wird der hier interessierende Aspekt der Schriftkultur Thema. Vgl. u. a. PETER DRONKE:
Medieval Latin and the Rise of European Love-Lyric. 1: Problems and Interpretations. 2:
Medieval Latin Love-Poetry. Texts, Oxford 1965 und 1966; HENNIG BRINKMANN: Geschich-
te der lateinischen Liebesdichtung im Mittelalter. 2.Aufl., Darmstadt 1979; HENNIG BRINK-
MANN: Entstehungsgeschichte des Minnesangs, Halle/Saale 1926; JEAN LECLERCQ: Monks
and love in twelfth-century France. Psycho-Historical Essays, Oxford 1979.
6 MICHAEL CAMILLE: The Book as Flesh and Fetish in Richard de Bury’s ,Philobiblon‘. In: The
Book and the Body; Hrsg. von D. WARWICK FRESE/K. O’BRIEN O’KEEFFE, Notre Dame,
Indiana 1997, S. 34-77; MICHAEL CAMILLE: Manuscript Illumination and the Art of Copula-
tion. In: Constructing Medieval Sexuality. Hrsg. von KARMA LOCHRIE u. a., Minneapolis,
London 1997 (Medieval Cultures 11), S. 58-90; MICHAEL CAMILLE: Obscenity under Erasure.
Censorship in Medieval Illuminated Manuscripts. In: Obscenity. Social Control and Artistic
Creation in the European Middle Ages. Hrsg. von JAN M. ZIOLKOWSKI, Leiden, Boston,
Köln 1998, S. 139-154; JAN M. ZIOLKOWSKI: Obscenity in the Latin Grammatical and Rhe-
torical Tradition. In: Obscenity. Social Control and Artistic Creation in the European Middle
4 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

chen Studien zur höfischen Liebe ist der mediale Aspekt zwar immer mit
bedacht, nie aber in seiner konstitutiven Relevanz gesehen.7 Eine engere
Verknüpfung von historischer Emotionalitätsforschung und medientheore-
tischen Fragestellungen ist, trotz entsprechender Tendenzen in neueren Ar-
beiten, noch Desiderat.8 Hier setzt der vorliegende Band an, der auf ein im
Oktober 2005 in Konstanz veranstaltetes Kolloquium zurückgeht.9
Die Zeit des 11. bis 15. Jahrhunderts ist die Zeit der Verschriftlichung
der Volkssprachen und des Eindringens der Schrift in die Bereiche von
Verwaltung, Rechtswesen und Herrschaftsausübung. Dieser Prozess der
‚Verschriftung‘10 der europäischen Kultur bildet seit längerer Zeit einen
Schwerpunkt des Forschungsinteresses, wobei in erster Linie die dadurch
sich verändernden politischen Handlungsmöglichkeiten (Herrschafts-,
Verwaltungs- und Kommunikationspraktiken) interessieren.11 Gleichzeitig
gibt es aus religions- und philosophiegeschichtlicher Perspektive Arbeiten,

Ages. Hrsg. von JAN M. ZIOLKOWSKI, Leiden, Boston, Köln 1998, S. 139-154; JAN M. ZI-
OLKOWSKI: Alan of Lille’s Grammar of Sex. The Meaning of Grammar to a Twelfth-Cen-
tury Intellectual, Cambridge 1985; CAROLYN DINSHAW: Chaucer’s Sexual Poetics, Madinson
1989; ERIC JAGER: The Tempter’s Voice: Language and the Fall in Medieval Literature,
Ithaca, N.Y. 1993, v. a. S. 61-75, 244-51.
7 WILHELM WATTENBACH: Das Schriftwesen im Mittelalter, Leipzig 1875; ERNST ROBERT CUR-
TIUS: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern, München 101984; HARTMUT
HOFFMANN: Zur mittelalterlichen Brieftechnik. In: Spiegel der Geschichte. Festschrift Max
Braubach. Hrsg. von KONRAD REPGEN/STEPHAN SKALWEIT, Münster 1964, S. 141-170.
8 Es sind nicht zuletzt die neuen Medien, die die Notwendigkeit dieser Verknüpfung deutlich
werden lassen. Hingewiesen sei nur auf ein paar der neusten Studien: Mediale Emotionen. Zur
Lenkung von Gefühlen durch Bild und Sound. Hrsg. von OLIVER GRAU u. a., Frankfurt a. M.
2005; Die Massen bewegen. Medien und Emotionen in der Moderne. Hrsg. von FRANK
BÖSCH/MANUEL BORUTTA, Frankfurt a. M. 2006; Homo medialis. Perspektiven und Probleme
einer Anthropologie der Medien. Hrsg. von MANFRED L. PIRNER, München 2003. Wie eng
diese zwei Erkenntnisfelder zusammengeführt werden können, zeigt sich auch in den gerade
auch für diese Fragestellung grundlegenden und vielfältig weiterführenden Überlegungen der
Systemtheorie. Vgl. dazu: NIKLAS LUHMANN: Die Gesellschaft der Gesellschaft. Frankfurt a.
M. 1997, v. a. S. 249-291 und 316-393; NIKLAS LUHMANN: Liebe als Passion. Zur Codierung
von Intimität. Frankfurt a. M. 1982. Zum Desiderat in der Mediävistik vgl. oben, Anm. 1.
9 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Konstanz, 13.-15. Oktober 2005. In Zusammen-
arbeit mit Christian Kiening und dem Nationalen Forschungsschwerpunkt „Medienwandel –
Medienwissen – Medienwechsel“ der Universität Zürich. Die Veranstaltung wurde ermöglicht
durch: Gerda-Henkel-Stiftung, Stiftung Landesbank Baden-Württemberg, Sparkasse Boden-
see, Universitätsgesellschaft Konstanz e. V., Star-Minen. Ihnen sei hier herzlich gedankt.
10 Zum Begriff der Verschriftung vgl. WULF OESTERREICHER: Verfschriftung und Verschriftlichung
im Kontext medialer und konzeptioneller Schriftlichkeit. In: Schriftlichkeit im frühen Mit-
telalter. Hrsg. von URSULA SCHAEFER, Tübingen 1993 (ScriptOralia 53), S. 267-292.
11 Vgl. die durch die DFG unterstützten Sonderforschungsbereiche, die sich in grösserem
Rahmen dem Problem der Verschriftung der Lebenswelt widmeten: SFB 231 „Pragmatische
Schriftlichkeit im Mittelalter“, Universität Münster sowie SFB 321 „Übergänge und Span-
nungsfelder zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit“, Universität Freiburg. Dazu u. a.
Pragmatische Schriftlichkeit im Mittelalter. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen.
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 5

welche die sich im 12. und 13. Jh. herausbildende ‚Textkultur‘ in Zusam-
menhang bringen mit einer intensivierten Erforschung der Beziehung von
Sprache und Realität in dieser Zeit, dem Entstehen eines „Inventars inter-
pretierter Erfahrung“ (Stock), sowie einer Veränderung von Bewusst-
seinsstrukturen und Interpretationsmodellen, die unter anderem – als
Folge des Versuchs, logische und natürliche Veränderungen zu paralleli-
sieren sowie dem wachsenden Interesse an der Natur in der Scholastik – zu
einer ‚Entsakralisierung‘ des natürlichen Universums führten.12 Dabei
wird auf die enge Verbindung dieser Entwicklung eines neuen Intellektua-
lismus mit sozialgeschichtlichen und religionspolitischen Veränderungen
hingewiesen. Zu der herausragenden Bedeutung der Grammatik (ars gram-
matica) für die sich in der Auseinandersetzung mit Schrift konstituierende
mittelalterliche Kultur sowie die Wirkung dieser Kunst auf die Wahrneh-
mungsstrukturen gibt es verschiedene Untersuchungen.13 Einzelstudien

Hrsg. von HAGEN KELLER/KLAUS GRUBMÜLLER/NIKOLAUS STAUBACH, München 1992


(MMS 65), S. 131-156; HAGEN KELLER: Vom ‚heiligen Buch‘ zur ‚Buchführung‘. Lebens-
funktionen der Schrift im Mittelalter. In: FMSt 26 (1992), S. 1-31; vgl. auch: ROLF KÖHN:
Latein und Volkssprache, Schriftlichkeit und Mündlichkeit in der Korrespondenz des latei-
nischen Mittelalters. In: Zusammenhänge, Einflüsse, Wirkungen. Kongressakten zum 1. Sym-
posium des Mediävistenverbandes in Tübingen, 1984. Hrsg. von J. O. FICHTE u. a., Berlin
1986, S. 340-356; ROSAMOND MCKITTERICK: The Carolingians and the Written Word,
Cambridge 1989; GERT MELVILLE: Zur Funktion der Schriftlichkeit im institutionellen Ge-
füge mittelalterlicher Orden. In: Frühmittelalterliche Studien 25 (1991), S. 391-417; KLAUS
SCHREINER: Verschriftlichung als Faktor monastischer Reform. Funktionen von Schriftlich-
keit im Ordenswesen des hohen und späten Mittelalters. In: Pragmatische Schriftlichkeit im
Mittelalter. Erscheinungsformen und Entwicklungsstufen. Hrsg. von HAGEN KELLER/
KLAUS GRUBMÜLLER/NIKOLAUS STAUBACH, München 1992 (Münstersche Mittelalter-Schrif-
ten 65), S. 37-75.
12 BRIAN STOCK: The Implication of Literacy: Written Language and Models of Interpretation
in the 11th and 12th Centuries, Princeton 1983; BRIAN STOCK: Schriftgebrauch und Ratio-
nalität im Mittelalter. In: Max Webers Sicht des okzitanischen Christentums. Interpretation
und Kritik. Hrsg. von WOLFGANG SCHLUCHER, Frankfurt a. M. 1988 (stw 730). S. 165-183;
IVAN ILLICH: Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand, Frankfurt
a. M. 1991; MARIE-DOMINIQUE CHENU: Grammaire et théologie. In: DERS.: La théologie au
douzième siècle, Paris 1957 (Études de la philosophie médiévale 45), S. 90-107.
13 Vgl. u.a. die wegweisende Studie von MARTIN IRVINE: The Making of Textual Culture. ,gram-
matica‘ and Literary Theory 350-1100, Cambridge 1994, sowie KARIN MARGARETA FRED-
BORG: Universal Grammar according to some 12th-Century Grammarians. In: Historiogra-
phia Linguistica VII (1980), S. 69-84; MALCOLM BECKWITH PARKES: Pause and Effect. An
Introduction to the History of Punctuation in the West, Aldershot 1992; GREGOR VOGT-
SPIRA: Vox und Littera. Der Buchstabe zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit in der
grammatischen Tradition. In: Poetica 23 (1991), S. 295-327. In diesen Kontext gehören auch
Einzelstudien zu der lateinischen gelehrten Dichtung, wie z. B. zu Baldrich von Bourgueil:
Qua intentione scripserat. In: Lateinische Lyrik des Mittelalters. Ausgew., übers. und komm. von
PAUL KLOPSCH, Stuttgart 1985, S. 262-267; Carmina burana. Hrsg. von Benedikt Konrad
Vollmann, Frankfurt a. M. 1987 (Bibliothek des Mittelalters 13), [Nr. 82, 88, 92, 95, 98, 138,
164, 177]; Dum transirem Danubium. In: Medieval Latin and the Rise of European Love-Lyric.
6 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

zur Geschichte der Schrift und des Schreibens, zu mittellateinischer Lie-


besdichtung, Schreiberversen und Briefkultur gehen von rhetorik-, gat-
tungs-, sozial-, technik- und motivgeschichtlichen Fragen aus und stehen
in der kulturgeschichtlichen und philologischen Tradition, die sich seit
langem für die medialen Bedingungen des mittelalterlichen Literaturbe-
triebs interessiert und zu grundlegenden Forschungen geführt hat.14 Die
eigentlich anthropologische Frage nach dem Einfluss dieser Entwicklung
auf die Welt- und Selbstwahrnehmung des Menschen, hat aber bisher mit
Ausnahme von Veränderungen im Bereich der Wissenstradierung und
-konstituierung (Gedächtniskonzepte und verschriftlichte Wissensord-
nungen), wozu auch die ausgeprägte Schrift- und Schreibmetaphorik
im theologischen Denken (Gott als Schreiber der Welt; liber naturae), der
Sprache der artes und der gelehrten Dichtung gehören, wenig Aufmerk-
samkeit gefunden.15
Über die Schrift(praxis) wurden nicht nur die technischen und materi-
ellen Deutungsgrundlagen sowie die darauf gründende Metaphorik für die
volkssprachliche literarische Welt zugänglich, sondern auch die der lateini-
schen Schriftkultur impliziten theologischen Deutungsstrategien vermit-
telt. Über die „neue“ Schriftkultur kam es so auch in der volkssprachlichen
Literatur zu einer Amalgamierung theologisch-religiöser Denkmuster mit
säkularen Handlungsmustern, die zu einer Formung menschlicher Selbst-
definition und Selbstwahrnehmung führte, die anthropologisches Denken

Bd.1. Hrsg. von PETER DRONKE, Oxford 1965, S. 282f.; Erotischer Grammatikbetrieb (Scribere
clericulis). In: Parodie im Mittelalter. Hrsg. von PAUL LEHMANN, 2. Aufl. Stuttgart 1963, S.
223f.; Walther von Châtillon: Declinante frigore. In: Vagantendichtung. Lateinisch und deutsch.
Hrsg. und übers. von KARL LANGOSCH, Bremen 1968, S. 84-87. Man kann in der mlat. Ge-
lehrtenerotik von einem eigentlichen Fetischismus der Schreibutensilien reden. Vgl. u.a. Das
Klagelied eines Abtes und Erzbischofs im 12. Jahrhundert über die alte Wachsschreibtafel in der Über-
setzung von Dr. Moser. In: Vom Wachs. Wachs als Beschreib- und Siegelstoff. Wachsschreib-
tafel und ihre Verwendung. Hrsg. von R. BÜLL, Frankfurt a. M., Hoechst 1968 (Höchster
Beiträge zur Kenntnis der Wachse, Bd. 1.9), S. 876f.; Richard de Bury: Philobiblon. In: Das
Buch vom Buch. Mit einer Übersetzung des Philobiblons von LUTZ MACKENSEN. Hrsg. von
HELMUT PRESSER, Bremen 1962, S. 279-360.
14 Vgl. dazu Anm. 7.
15 Zu Gedächtniskonzepten und Wissensordnungen: MARY CARRUTHERS: Reading with Atti-
tude, Remembering the Book. In: The Book and the Body. Hrsg. von D. WARWICK FRESE/K.
O’BRIEN O’KEEFE, Notre Dame, Indiana 1997, S. 1-33; MARY CARRUTHERS: The Book of
Memory. A Study of Memory in Medieval Culture, Cambridge 1990; Friedrich Ohly: Zum
Buch der Natur. In: Ausgewählte und neue Schriften zur Literaturgeschichte und zur Bedeu-
tungsforschung. Hrsg.von UWE RUBERG/DIETMAR PEIL. Stuttgart, Leipzig 1995, S. 726-843;
RICHARD H. ROUSE: L‘évolution des attitudes envers l’autorité écrite: le développement des
instruments de travail au XIIIe siècle. In: Culture et travail intellectuel dans l’Occident mé-
diéval. Bilan des ,Colloques d’humanisme médiéval‘. Hrsg. von GENEVIÈVE HASENOHR/
JEAN LONGÈRE, Paris 1981, S. 115-144; PAUL SAENGER: Space Between Words. The Origins
of Silent Reading, Stanford 1997.
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 7

grundlegend bis in die Neuzeit bestimmt. Zu denken ist hier unter anderem
an die Geschlechtergeschichte in Bezug auf Kreativität und Intellekt, an
die Wahrnehmung des Körpers und seiner „richtigen“ Handlungsweisen,
an Konzepte der Geist- und Körper-Thematik, an eine Umkehr und Um-
deutung der Schreib- und Sprachmacht im Rahmen der Rhetorik(geschichte)
und Literatur(geschichte).16
Indem dabei die Liebe – im Sinne einer kulturellen Formung der
menschlichen Sexualität – in den Blick genommen wird, bietet sich die
Möglichkeit, die sich im Medium artikulierende und darin artikulierte Kör-
perlichkeit des Menschen, wie sie gerade im Liebesdiskurs gern als „Natur“
(im Gegensatz zu Kultur) definiert wurde, in ihrer medialen Bedingtheit
und Formung zu thematisieren. Im Bereich des sexuellen Begehrens, da,
wo unter anderem von einer ‚orthographia Veneris‘ (Alanus ab Insulis) die
Rede ist,17 lässt sich exemplarisch fragen, wie durch die Schriftpraxis ge-
prägte Denk- und Wahrnehmungsmuster die Deutung und darin Konsti-
tuierung „natürlicher“ Vorgänge leiten und es zu einer Literarisierung der
„Natur“ kommt. So soll dieser Band auch Teil einer noch zu schreibenden
„Mediengeschichte der Emotionen“ sein.
Interessant ist aber, dass es gerade das Thema der Liebe ist, das die
Fragestellung in einer Art zuspitzt, die immer wieder neu erregt und reich-
lich Zündstoff bietet. Denn wenn eine kultur-konstruktivistische Lesart
davon ausgeht, dass es durch einen medialen Wandel zu Neucodierung
und Neuorganisation von Denkstrukturen, Deutungsmustern und Sinn-
ordnungen kommt, wird die emphatisch aufgeladene Authentizität und
Unmittelbarkeit des Gefühls zweifelhaft. Authentizität und Unmittelbar-

16 Der Gedanke einer Inkompatiblität von physischer und geistiger Zeugungskraft/Kreativität,


die nachhaltig zu einer Exklusion des weiblichen Geschlechts aus der Gesellschaft der Ge-
lehrten und Künstler führte, geht wohl auf im schriftliterarischen Denken gründende Me-
taphern und Konzepte zurück. Einzelne Aspekte dieser Thematik sind in der Forschung
schon angedeutet, eine eingehende Studie zu diesem Zusammenhang fehlt aber noch. Vgl.
z. B. RÜDIGER SCHNELL: Geschlechtergeschichte, Diskursgeschichte und Literaturgeschich-
te. Eine Studie zu konkurrierenden Männerbildern in Mittelalter und Früher Neuzeit. In:
Frühmittelalterliche Studien 32 (1998), S. 307-364, hier: S. 312 und Anm. 14,15; ZIOLKOWSKI:
Alan of Lille’s Grammar of Sex (Anm. 6); ZIOLKOWSKI: Obscenity in the Latin Grammatical
and Rhetorical Tradition (Anm. 6); MIREILLE SCHNYDER: Schreibmacht vs Wortgewalt. Me-
dien im Kampf der Geschlechter. In: Mittelalterliche Novellistik im europäischen Kontext.
Kulturwissenschaftliche Perspektiven. Hrsg. von MARK CHINCA/TIMO REUVEKAMP-FEL-
BER/CHRISTOPHER YOUNG. (ZfdPh Beiheft), Berlin 2005, S. 108-121. Auf spätere Ausfor-
mungen und Konsequenzen dieser in der Medialität legitimierten und konstituierten Diffe-
renzierungen der Geschlechter in Bezug auf Kreativität weist auch KOSCHORKE hin (wie
Anm. 3).
17 Alanus ab Insulis: De Planctu Naturae. Hrsg. von J.-P. MIGNE. In: PL 210, Sp. 431A-482C.
Alanus ab Insulis: De Planctu Naturae. The Plaint of Nature. Transl. by JAMES J. SHERIDAN,
Toronto 1980 (Medieval Sources in Translation 26).
8 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

keit sind aber gerade die Kriterien, die in jedem Liebesdiskurs das Ideal
bestimmen.18
Hier liegt eine grundlegende Schwierigkeit der medienanthropologischen
Forschungsdiskussionen zum Verhältnis von Medialität und Emotionalität.
Es ist ein neuralgischer Punkt, der bei entsprechenden Untersuchungen
zur „Trauer“ kaum schmerzt, der sich aber bei der Frage nach der „Liebe“
regelmäßig entzündet. Selbst da, wo grundsätzlich die kulturelle Bedingtheit
von sozialen Handlungsweisen und damit verbundenen Emotionen aner-
kannt wird, gibt es einen leisen Vorbehalt, wenn es um die Liebe geht. Denn
dieses Gefühl will man sich als authentisches nicht nehmen lassen, das heißt
immer auch: genuin eigenes, voraussetzungsloses und reines. Aus dem
Liebesdiskurs ist der Essenzialismus nicht wegzudenken.19
Der vorliegende Band will nicht in diese Debatte einsteigen, sondern
hat zum Ziel, in der präzisen Fokussierung der medialen Aspekte das The-
ma der Liebe exemplarisch für historische Emotionalitätsforschung unter
medialen Aspekten anzugehen. Entsprechend stehen medientheoretische
Kategorien im Vordergrund der Analyse.20

1. Schrift als Medium der Abstraktion


Die Schrift ist nicht nur in dem Sinn ein Medium der Abstraktion, als sich
darin eine Exkarnation vollziehen kann,21 sondern sich über sie auch die

18 Dass die Problematik von Authentizität an die Differenzierung von Innen und Außen ge-
koppelt ist, wird immer wieder betont. Dass dies mit Denkstrukturen, die durch Schriftlich-
keit ermöglicht werden, zusammenhängt, zeigt sich auch in den vorliegenden Studien. Evo-
lutionspsychologische Thesen, wie „die Entdeckung der Innerlichkeit“ um 1200 (oder je nach
Forschungshorizont: um 1800), können so in ihrer Problematik entschärft werden. Denn
wenn die Trennung einer innerlichen und äusserlichen Welt als Folge von in der Schriftlichkeit
sich ausprägenden Denkstrukturen gesehen wird, erstaunt nicht mehr, dass dieses Phänomen
in der lateinischen Literatur schon früher auftaucht als in der volkssprachlichen. Zu diesem
Staunen und der entwicklungspsychologischen These vgl. SCHNELL (Anm. 1), S. 251ff.
19 Diese Schwierigkeit der Debatte, die auch im Beitrag von PETER VON MOOS reflektiert ist,
zeigt sich nicht zuletzt bei den engagierten Beiträgen von RÜDIGER SCHNELL in Reaktion auf
entsprechende medienanthropologische Forschungsansätze. U. a. RÜDIGER SCHNELL: Medi-
alität und Emotionalität. Bemerkungen zu Lavinias Minne. In: GRM 55 (2005), S. 267-282.
Es handelt sich dabei um eine Art Gegenschrift zu MIREILLE SCHNYDER: Imagination und
Emotion. Emotionalisierung des sexuellen Begehrens über die Schrift. In: Codierungen von
Emotionen im Mittelalter. Hrsg. von C. STEPHEN JAGER/INGRID KASTEN, Berlin, New York
2003 (Trends in Medieval Philology 1), S. 237-250.
20 Vgl. zu diesen grundlegenden Kategorien der Schriftlichkeitsforschung u. a. WALTER J. ONG:
Orality and Literacy. The Technologizing of the Word, London, New York 1982.
21 Zu diesem Begriff vgl. ALEIDA ASSMANN: Exkarnation. Gedanken zur Grenze zwischen
Körper und Schrift. In: Raum und Verfahren. Hrsg. von JÖRG HUBER/ALOIS MARTIN MÜL-
LER, Basel 1993 (Interventionen 2), S. 133-155.
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 9

Möglichkeit einer Systematisierung der Sprache ergibt. Die Einordnung


des Liebeshandelns in die Grammatikkultur, als Überformung physischer
Handlungen durch geistig-abstrakte Strukturen und Regeln, ist in Bezug
auf die lateinische erotische Literatur des 12. Jh.s schon verschiedentlich
aufgezeigt worden, wobei sich das Phänomen genauso in stilistischen Mo-
menten wie in ethischer Argumentation fassen lässt.22
Damit wird das physische Begehren auf einen übergreifenden, geist-
strukturierten Horizont hin geordnet. In dieser Sinngebung steckt gleich-
zeitig die Möglichkeit einer Erotik, indem die Präsenz des Körperlichen auf
ein Muster hin arrangiert und zum Objekt intellektueller Spielereien wird.
So ist die Konsequenz dieser „Orthographie des Körperhandelns“, was
nicht zuletzt eine „Orthographie der Natur“ heißt, eine Geist-Erotik in den
entsprechend gebildeten – zumeist klerikalen – Kreisen.
Die sich in der Geist-Erotik der Grammatikkultur ausbildende Schrift-
metaphorik in erotischen Texten sowie deren Äquivalent, die Sexualmeta-
phorik in Texten des trivium, sind Ausdruck einer sich über die Schrift-
kultur bildenden Substruktur des Denkens (Blumenberg), die von nachhal-
tiger Wirkung auf Liebeskonstellationen und Liebeskonzepte ist. Die über
die Metaphorik in eine subkutan wirkende Bildlichkeit gebrachten Hierar-
chisierungen, Regelungen und Wertungen genauer in den Blick zu nehmen,
ist gerade im Bezug auf Genderfragen, aufschlussreich.23
Über die Schrift wird eine Kommunikation möglich, die nicht mehr an
einen festen Kontext gebunden ist, von der Einzelperson gelöst, anony-
misiert und übertragbar ist, damit aber auch verallgemeinerbar wird. Die-
se Abstrahierung durch die Schrift ermöglicht die Überlieferung und Tra-
ditionsbildung, so dass der schriftlich fixierte Ausdruck immer schon Teil
einer Tradition ist, was die Frage nach der Authentizität aufwirft (vgl.
Beitrag VON MOOS). Eine Frage, die sich gerade bei Liebesbriefen immer
neu stellt. Denn im Augenblick, in dem die Rhetorizität ins Spiel kommt,
das Spiel mit der Intertextualität und der Anspruch auf stilistische und
sprachliche Korrektheit, konzipiert sich die Liebesäußerung auf eine All-
gemeinheit und Korrektheit hin und verliert die Intimität ihre Geschlos-
senheit. Liebesbriefe, die in literarischen Texten oder in Sammlungen

22 Vgl. dazu u. a.: ZIOLKOWSKI: Alan of Lille’s Grammar of Sex. (Anm. 6); ZIOLKOWSKI:
Obscenity in the Latin Grammatical and Rhetorical Tradition (Anm. 6); JOHN A. ALFORD:
The Grammatical Metaphor. A Survey of Its Use in the Middle Ages. In: Speculum 57
(1982), S. 728-760.
23 Zur grammatischen Erotik vgl. auch die Untersuchungen zu einzelnen Texten. PAUL LEH-
MANN: Die Parodie im Mittelalter, 2. Ausg., Stuttgart 1963; ROBERTA KRUEGER: Constructing
Sexual Identities in the High Middle Ages. The Didactic Poetry of Robert de Blois. In: Pa-
ragraph 13 (1990), S. 105-131; C. STEPHEN JAEGER: Ennobling Love. In Search of a Lost
Sensibility, Philadelphia 1999.
10 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

überliefert sind, zielen immer auch auf eine Partizipation einer literari-
schen Öffentlichkeit, die an diesem intimen Diskurs Teil haben soll und
dadurch zu Empathie angeleitet wird. Die Intimität der Briefe ist im-
mer auch eine öffentliche, damit eine rhetorisch-poetologisch zugerichtete
(HUBER, VON MOOS).
Gleichzeitig bietet diese Möglichkeit der Abstrahierung vom präsenten
Körper und der konkreten Situation, über die das Physische aus dem Dis-
kurs ferngehalten werden kann, auch die Möglichkeit einer Radikalisierung
des Affekts, wie sie im physischen Vollzug nicht eingeholt werden kann/
muss. Über die Schrift erschließt sich eine Welt jenseits des Erträglichen,
jenseits des Todes und jenseits des Körpers (HUBER, BUßMANN, KUHN).
So ermöglicht die Schrift im Liebesdiskurs ein Reden da, wo im konkreten
Erlebnis die Sprache versagt und setzt sich an die Stelle, wo die Erfahrung
im Überwältigtsein sich selber auslöscht. Damit wird die körperliche Liebe
im Schriftdiskurs zur Aporie. Anders als im auf orale Performanz ange-
legten Minnesang, wo die Liebe den Liebenden verstummen lässt, ist es
hier der Körper, der sich dem Liebenden verweigert, während die Schrift
zum Instrument der Liebe wird (KUHN, LIEB). Als solches funktioniert sie
aber nur, weil darüber auf den durch die Schrift vermittelten Diskurs der
Liebe zurückgegriffen werden kann.
Dass aus dieser Rationalisierung der Liebe über die Schrift immer wie-
der neu Auswege gesucht werden, um dem Ideal einer unfassbaren, die
Ratio gerade übersteigenden Emotion als Signum „wahrer Liebe“ nahe zu
kommen, wird nicht zuletzt da deutlich, wo die Schrift in einer Re-Mythi-
sierung der im Schriftdiskurs allegorisierten mythischen Figuren überwun-
den werden soll auf den Bereich eines unaussprechlich Besonderen hin
(QUAST/SCHAUSTEN). Damit zeigt sich die authentische Liebe deutlich als
Sehnsuchtsziel schriftliterarischer Diskurse sowie die Unbegreiflichkeit der
Liebe als ihr imaginäres Konstituens.
Indem in der Schrift das aus dem Kontext gelöste Wort möglich ist,
kann über Rekontextualisierung, Verschiebung, Neucodierung eine grund-
sätzliche Reflexion der Begrifflichkeit, Sprachlichkeit und damit kulturellen
Ordnung vorgenommen werden, worüber auch die sich in diesen Ord-
nungen konstituierenden Liebesdiskurse irritiert werden (REICHLIN, KUHN).
Gleichzeitig erzeugen diese Verschiebungen im schriftliterarischen Verfah-
ren ein textuelles Begehren. Damit wird der schriftliterarische Text zum
Mittel der Erzeugung von Liebe als rhetorischem Effekt. Die Figur der
begehrten Frau wird zur Begehrenswerten durch die Tradition der schrift-
lichen Überlieferung und die Mimesis des früheren Begehrens. Das Liebes-
objekt wird zum Produkt des schriftgelehrten Wissens (KRAß, VON MOOS,
LIEB).
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 11

2. Schrift als Medium des Auges und der Anschaulichkeit


(Präsenz)
Schrift ist in einem ganz konkreten Sinn Medium des Auges, indem die
Abstraktion des Körpers in der Schrift mit einer Präsentation des Absenten
im Zeichen einhergeht, so dass im rezipierenden Blick die Materialität des
Schriftlichen (das Pergament, die Tinte, der Codex) wieder zu einer neuen
Verkörperung des im Zeichen Abstrahierten werden kann. Die Schrift er-
hält eine Präsenz, wie sie in der mündlichen Kommunikation das physisch
präsente Du hat. So ist die Gestik gegenüber dem Brief als Gestik gegen-
über dem Körper des Andern zu sehen (HUBER, BUßMANN). Die Materi-
alität des Briefes wird zum Medium des Körperlichen und die Schrift wird
zum Mittel der Präsenzstiftung. Dabei ist nicht zu übersehen, dass die
Schrift in dieser Funktionalisierung auch Teil eines magischen Weltver-
ständnisses sein kann (Beitrag HUBER). Entsprechend kann die Schrift da
gefährlich und verletztend werden, wo sie in ihrer nicht zeichenhaften
Form, als Schriftstück, als Material, die Gegenwärtigkeit des fernen Du
vorgibt (HUBER).
Die Schrift als visuelles Medium, dessen ambivalente Struktur zwischen
vorstellender Anschaulichkeit und über das Zeichen generierter Vorstel-
lung nicht zuletzt in der Lexik sich ausdrückt, wo der scriptor auch der pictor
ist,24 ist aber auch das Medium, das gerade über diese Ambivalenz eng mit
der Imagination gekoppelt ist. Die Fiktionalitätsdebatte in der Mediävistik
hat hier einen ihrer zentralen Ansatzpunkte. Liebe im Zeitalter der Schrift
ist so ganz stark auch von der Potenz der Imagination geprägt.
Liebe macht blind, heißt es. Gemeint ist damit die Überhöhung des
Gesehehen auf ein eingebildetes Ideal hin, eine Ungenauigkeit der Wahr-
nehmung. Das blinde Sehen par excellence aber ist das Lesen. Die Schrift
wird so zum Mittel der Blendung und der Vision – auch in Liebesdingen.
Entsprechend stellt sich die Frage, inwiefern die „Unmittelbarkeit“ des
Gefühls nicht im Kern dieser Liebes-Imaginationen zu finden ist, als A und
O – im wahrsten Sinn: Anfang und Ende – der sich in der Schriftkultur
ausbildenden Liebeskonzepte.
Damit wird Schrift auch zum Medium einer imaginierten Mündlich-
keit als des aus dem schriftlichen Diskurs gerade Ausgeschlossenen (VON
MOOS). Mündlichkeit wäre so das mediale Äquivalent zu der im Schrift-
diskurs neu imaginierten Mythizität, wie es sich in der Re-Mythisierung

24 Vgl. dazu J. J. G. ALEXANDER: Scribes as Artists. The Arabesque Initial in Twelfth-Century


English Manuscripts. In: Medieval Scribes, Manuscripts and Libraries. Essays presented to
N. R. KER; Hrsg. von M. B. PARKES/ANDREW G. WATSON, London 1978, S. 87-116, hier:
S. 87f.
12 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

allegorisierter Figuren als Versuch, das Unfassbare zu greifen, zeigt (QUAST/


SCHAUSTEN).
Wie sich schon in Bezug auf die Abstraktionskraft des Schriftlichen
gezeigt hat, ermöglicht die imaginationsstimulierende Potenz der Schrift
ein den Körper übersteigendes, den Tod mit einschließendes Liebeserle-
ben, was nicht nur zu einer Radikalisierung der Affekte führt (HUBER),
sondern auch einen Raum der Dichtung erschließt (KUHN). Der schriftli-
terarische Liebesdiskurs wird zum Liebesvollzug. Liebesdiskurs und Liebe
sind so wenig zu trennen wie Schreib- und Liebesmetaphorik (KUHN, EGI-
DI, LIEB). Entscheidend ist dabei, dass die in der Schrift vollzogene Liebes-
praxis als Konstituens einer besseren Welt imaginiert wird, als utopischer
Raum (LIEB). In letzter Konsequenz zeigt sich das Objekt des Begehrens,
die schöne Frau, als reines Phantasma, das keine Existenz über die Vor-
stellungskraft des Phantasten, über seinen Tod hinaus hat – außer in der
Schriftradition (KRAß).

3. Schrift als Distanz-Medium


Die schriftliche Kommunikation ermöglicht eine „Liebe von Getrennten“,
die – zumindest für eine gewisse Zeit – vielleicht sogar zum Ideal wird.
Wobei „Liebe von Getrennten“ gerade über den medialen Aspekt von der
sog. „Fernliebe“ zu unterscheiden ist. Die Fernliebe (die Liebe zu einem
noch nie gesehenen Du) besteht im Ideal des Ungesehenen, nur Gehörten.
Sie ist ein eigentlich politisch-gesellschaftlicher Habitus und kennt keine
Erotik. In ihrer statischen Gerichtetheit ist sie nicht emotionalisiert im
Sinne einer dynamisierten Subjektivität.
Dieses, in der Suchspannung der schriftlichen Kommunikation auf-
gebaute Gefühl (der Liebe von Getrennten), ist jedoch nur in einer hoch-
artifizierten und ästhetisierten Kunstwelt denkbar, in einer kleineren Ge-
sellschaft von Schrifthandelnden, wie sie in der höfischen und klerikalen
Welt des Mittelalters zu finden war. Denn es geht letztlich um ein Spiel mit
der Distanz im Kunstwerk, so dass die eigene Empfindung (Sinnlichkeit)
zum Kunstwerk werden konnte – dem literarischen Vorentwurf nachge-
bildet und in den bekannten, gewussten Rahmen hineingedeutet. Insofern
ist die Schrift gerade als Medium der Distanz adäquates Medium der hö-
fischen Liebeskonzeption. Der Brief, als direktes, aber auch distanziertes,
die Distanz überwindendes, aber entkörperlichte Nähe schaffendes Me-
dium, ist der passende Kommunikationsmodus. Und eine Beziehung
kann gerade über die Schriftkommunikation als gefûchlîche definiert werden
(BUßMANN). Die erfolgreiche Form der Liebeskommunikation, die der hö-
fischen Reziprozität entspricht, wird erst durch das Medium der Schrift
möglich. Da erst kann es zu den Verschiebungen kommen und zu der zer-
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 13

dehnten Kommunikation, die die höfische Minne letztlich kennzeichnet


(EGIDI).
Dabei wird gerade in der schriftlichen Liebeskommunikation die dop-
pelte Funktion von Schrift deutlich. Einerseits wird dadurch die Distanz-
nahme und Reflexion der Minne möglich, anderseits wird im Schreibakt die
Unterscheidung von Liebe und diskursiver Verarbeitung hinfällig und da-
mit die Distanz gerade aufgehoben (EGIDI). In dieser doppelten Funktion
von Schriftlichkeit ist auch die Intimität des Briefes zu finden. Denn erst
da, wo die Schriftlogik spielt und die Liebessprache von Textstrategien
getragen wird, ermöglicht sich eine Ausdrucksweise, die aus dem öffent-
lich-performativen Kontext hinausweist in eine Geschlossenheit der In-
timität. Es braucht die Kontextualisierung des Liebesausdrucks im Schrift-
lichen, um einen „intimen“ Raum des Ausdrucks zu schaffen (MÜLLER,
HUBER). So kann man von einem „Heimlichkeitsdiskurs“ im Liebesbrief-
wechsel sprechen, über den sich der Liebesentwurf konstituiert. Der
Brief wird zu einem literarischen Verfahren, Intimität herzustellen in Situa-
tionen der Trennung. Nur in der Schrift entwickelt sich in den späteren
höfischen Romanen die intime Kommunikation, die einerseits die seelische
Intimität konstituiert und beschwört, anderseits affekterzeugend wirkt
(HUBER). Bis hin, dass der Text zum vom Ich abgelösten Körper werden
kann, als ein nach außen verlagertes Erzählen vom Innen, wobei Erinnern,
als reflektiertes Wieder-Holen, und Imagination, als diskursgesteuertes
Heran-Holen, als die zentralen Kräfte dieser Liebes-Schrift fungieren
(KUHN).
Auffallend ist, dass die Problematik der an die Ambivalenz der Zeichen
ausgelieferten Liebe, in deren Vieldeutigkeit das Du verschwimmt, das im-
mer unsicher und proteushaft ist, kaum eine Rolle spielt. Die Liebe von
Getrennten, als Liebe des zwîvels, wo die Schrift Liebesspiele ermöglicht,
die mit dem absenten Du die (Vor)Täuschung eines Du möglich machen,
ist in dieser Zeit, in der sich über die Schrift erst ein intimer Innenraum
konstituiert, (noch) kaum Thema (HUBER). Entsprechend stellt sich dann
die Frage, seit wann diese Schriftintimität problematisch wird und wie da-
rauf reagiert wird. Es ist möglich, dass sich genau da, wo diese Schriftinti-
mität in Frage gestellt wird, im Blick auf die Liebe ein Konzept von Münd-
lichkeit entwickelt, das diese als Medium der Nähe zum Signum einer Un-
mittelbarkeit macht, die im Schriftlichen verloren scheint. Es wäre dann
gerade die Schrift-Liebe, die den über sie konstituierten Intimitätsdiskurs
in eine als Gegenwelt zu sich selber entworfene Mündlichkeit retten wollte,
indem sie eine wahrhaftige, unverfälschte, authentische „mündliche“ Liebe
entwirft. Was sich in den Beiträgen dieses Bandes zeigt, macht auf alle
Fälle darauf aufmerksam, dass die „Entdeckung der Intimität“, wie sie gern
für die Zeit um 1800 angesetzt wird – mit entsprechenden Qualifizierun-
gen und Beurteilungen vormoderner „Intimität“ – sehr viel komplexer und
14 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

gerade unter mediengeschichtlichen und -theoretischen Aspekten differen-


zierter sich darstellt.

4. Schrift als Medium der Verfestigung


Die Umcodierung des in der oralen Kultur rituell gebundenen und damit
gestisch-handlungsmäßig codierten Liebesausdrucks in die Schrift bietet
eigene Schwierigkeiten. Die Codierung des Affekts, die in der Performanz
stattfindet, muss in der Schrift eingeholt werden.25 Hier ist der Grund für
die schwierigen Anfänge einer verschriftlichten Liebesrede zu sehen (MÜL-
LER, HUBER). Es gibt eine Art Scheu, die mündliche Tradition des Liebes-
Liedes zu verschriftlichen. So kann es in diesen Zusammenhängen zu einer
Verdinglichung der Schrift kommen, die das Schriftstück als Teil des per-
formativen Handelns realisiert. Schrift verliert damit ihren Zeichencharak-
ter und somit die Potenz der Rationalisierung, Distanzierung und Abstra-
hierung und kann zu einem magischen Objekt werden. Sie wird sozusagen
entschriftlicht (HUBER).
Erst da, wo der Liebesausdruck sich den Textstrategien unterwirft, fin-
det er in die schriftliterarische Codierung. Liebe in der Schriftkultur heißt
aber auch immer Liebe in einer verschriftlichten Tradition. Das produziert
die Spannung zwischen dem Erleben des Einzigen im tradierten Immer-
Wieder-Gleichen. Genau diese in der Schrift festgesetzte und übertragbare
Liebe ermöglicht aber auch – über die Imagination – das Erlesen eines
Erlebens unabhängig von der Präsenz eines scheinbar notwendigen Du.
Durch die Loslösung des Begehrens von einer Präsenz des Objekts wird
letztlich auch die Liebe im Sinne eines subjektiven, einsamen, da nicht mehr
kommunizierbaren Gefühls möglich.
Gleichzeitig stellt sich die Frage, inwiefern dieses subjektive, einsame
Gefühl nicht gerade auch Ausdruck einer Eingebundenheit in eine Gemein-
schaft ist, ohne die es dieses Gefühl gar nicht geben würde. Die einsame
Lektüre von Liebenden bezieht sich in der Regel auf andere Liebende: das
exklusive Erleben ist ein allgemeines (LIEB, HUBER, KUHN, KRAß).
Über die Regelhaftigkeit der Liebesbriefe, im Sinne einer zu erlernenden
Kompetenz, wird das einzige Gefühl zum allgemeinen und die an Authen-
tizität gekoppelte Frage der Wahrhaftigkeit lässt sich nicht mehr beantwor-
ten. Der Liebesbrief wird auch zum Mittel der Affektexemplarizität für
eine literarische Öffentlichkeit (VON MOOS, HUBER).

25 Die divergierenden Deutungen eines solchen Phänomens der frühen Verschriftlichung (des
St. Galler Spinnwirtelspruch) in den Beiträgen von MÜLLER und HUBER ist Indiz genau
dieser grundlegenden Problematik.
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 15

An diesem zentralen Punkt des individualisierten Allgemeinen, richtet


sich der Blick auf den eigenen Körper, der dadurch mit seinen Reaktionen
zu einem Teil des Schriftdiskurses wird und über den die Schrift autorisiert
werden kann, so dass der Text zur Selbstaussage wird. Konzeptionen des
Innenraums als Brief, Buch, Zettel dienen als Beweis der Authentizität der
Liebe dessen, der den Text verfasst hat (LIEB, KUHN).
Auffallend ist, dass in der Liebesmetaphorik die Schrift immer wieder
da eine Rolle spielt, wo es um die Verstetigung und Fest-Stellung der Liebe
geht. In der Schrift verwirklicht sich somit die dem Liebesdiskurs inhären-
te Idee einer ewigen, festen, unveränderlichen Liebe. Die Metaphorik des
Einschreibens ins Herz dient einer Fest-Stellung sowie Konstituierung ei-
nes hermeneutischen Innenraums, ermöglicht aber auch einen unmittelba-
ren Zugang zum Herzen, der das mündliche Reden überflüssig macht.
Über die Metaphorik vom „Buch der Liebe“ ist die Schrift nicht nur als
Mittel der Fixierung und Legitimierung von Eigentumsverhältnissen ge-
dacht, sondern auch als Legitimation der Liebe. Die Gemeinschaft der
Liebenden konstituiert sich als eine Schriftgemeinschaft (LIEB).
Interessant ist die Frage, inwiefern die Veränderung der Rolle der Schrift
im politisch-sozialen Bereich auch zu einer Veränderung der über die
Schrift codierten Liebeshändel führt. Mit der Verstädterung der Gesell-
schaft und Professionalisierung des Schrifthandelns außerhalb der klerika-
len und höfischen Kultur, wird die sich im Schriftlichen konstituierende
Imaginationsliebe oder auch: Spannungsliebe als Paradoxie des präsenten
Absenten über die neue Schriftpraxis und Schriftprofession zur institutio-
nalisierten Liebe, in deren Rahmen die Erotik wieder in die Sexualität um-
schlägt. Wurde in der lat. Gelehrtenerotik die körperliche Liebeshandlung
in die grammatischen Regeln und rhetorischen wie logischen Verbindun-
gen hineingedacht, um so im hochrationalisierten Rahmen das physische
Begehren in Strukturen des Intellekts zu übersetzen, wird in späterer Zeit
die Schreib- und Lektüremetaphorik im Körperlichen realisiert. Im Liebes-
diskurs wandelte sich die Metaphorik der Schriftkonzepte zu einer Meta-
phorik der Schriftpragmatik.26
Die Spannungsliebe wird in die greifbare Liebesaktivität umgedeutet,
der Schreibstift wird nicht mehr zur Geisterotik gebraucht, sondern dient,
als Machtinstrument, der physischen Befriedigung.27 Der Schreiber, als

26 THOMAS CRAMER: Nabelreibers Brief. In: Gespräche – Boten – Briefe. Körpergedächtnis


und Schriftgedächtnis im Mittelalter. Hrsg. von HORST WENZEL, Berlin 1997 (Philologische
Quellen und Studien 143), S. 212-225.
27 Vgl. dazu u. a. die Märendichtung, exemplarisch: Das Rädlein. Ein Text, in dem sich die
Prägungen der Denkstrukturen durch die Schriftkultur auf verschiedenen Ebenen manifes-
tiert. Vgl. dazu MIREILLE SCHNYDER: Schriftkunst und Verführung. Zu Johannes von Frei-
berg: „Das Rädlein“. In: DVjs 80 (2006), S. 517-531.
16 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

„neuer Ritter“, wird zum besten Liebhaber – und lässt Pfaffen und Ritter,
die sich früher darum stritten, hinter sich.28 Die Liebe spielt sich nicht mehr
in der Distanz der Schrift ab, sondern in der Nähe der Körper.
Die hier kurz skizzierten Ergebnisse fußen auf den Beobachtungen der
einzelnen Beiträge, die sich mit verschiedenen Formen der Schrift-Liebe
auseinandersetzen. Dabei hat sich die Frage nach der Authentizität als eine
der Kernfragen erwiesen, die in ganz verschiedener Art immer wieder auf-
taucht, immer neu aber auch als der imaginäre Kern dessen deutlich wird,
was sich diskursiv als Liebe konstituiert.

Der Beitrag von PETER VON MOOS führt exemplarisch vor Augen, wie die
Frage nach der Medialität der Liebe immer wieder mit der Frage nach der
Authentizität konfrontiert wird. In philologischer Genauigkeit zeigt von
Moos auf, wie die in den Epistolae duorum amantium verschriftlichte Liebe
Produkt ihrer medialen Darstellung und Präsentation ist, die nicht nur eng
mit der Materialität der Schriftmedien zusammenhängt, sondern auch mit
dem rein schriftlichen Liebesdiskurs, wie er sich aus der ars dictaminis im
späteren Mittelalter als eine Art ars amandi entwickelt hat, so dass Liebe zur
Briefkunst wurde und Briefkunst als Liebeskunst vermittelt wurde.
Da, wo die Medialität und Materialität des Liebesausdrucks in den
Blick kommen, wird die Fiktionalität dieser Briefe als geschriebene, schein-
bar intime Zeugnisse eines persönlichen Ausdrucks deutlich. Authentische
Gefühle sind in den stilisierten Texten und der vervielfältigten, kopierten,
gekürzten, veränderten und überarbeiteten Schrift nicht zu haben. Das
macht Projektionen dieser angelesenen Gefühle auf ein als authentisch
definiertes Fühlen eines scheinbar identifizierbaren Liebespaars proble-
matisch.
Dass dieser Blick auf das Mediale als konstituierendes Moment in der
Figuration der Liebe für Zündstoff sorgt, zeigt die im Beitrag skizzierte
Debatte um eben die Zuschreibung dieser Liebesbriefe. Die Schrift als Mo-
ment der Anonymisierung und Abstrahierung sowie Mittel der Einspeisung
in eine Tradition und Überlieferung wird im Bezug auf diese Briefsamm-
lung gern negiert. Insofern ist der Beitrag von PETER VON MOOS ein idealer
Einstieg in die Frage nach dem Verhältnis von Schrift und Liebe, der Kons-
tituierung und Veränderung des Liebesdiskurses durch den Schriftgebrauch
und die Einbindung des Liebesredens in das Schrifthandeln.

28 Zum Topos des Streits zwischen Pfaffe und Ritter vgl. u. a. Die Leda-Parodie (Inaspectam). In:
Vagantendichtung. Lateinisch und deutsch; Hrsg. und übers. von KARL LANGOSCH, Bremen
1968, S. 258-279; Venus. In: Sterzinger Spiele. Die weltlichen Spiele des Sterzinger Spielar-
chivs nach den Originalhandschriften (1510-1535) von Vigil Raber und nach der Ausgabe
Oswald Zingerles (1886). Hrsg. von WERNER M. BAUER, Wien 1982 (Wiener Neudrucke 6),
S. 206-236.
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 17

Anhand einzelner Beispiele von Spuren eines erotischen Ausdrucks in


der frühesten volkssprachlichen Überlieferung zeigt STEPHAN MÜLLER die
„Widerständigkeit der deutschsprachigen Handschriftenkultur gegen die
Liebe“ auf. Deutlich wird dabei, dass die überlieferten Griffelglossen und
Einträge am Rand lateinischer Texte einerseits stark auf rituelle Handlun-
gen rekurrieren, was nicht zuletzt durch die häufige Überlieferung mit
Neumen bestätigt wird, anderseits aber auch immer wieder radiert, aus dem
Schriftkontext wieder eliminiert wurden. Auch hier, im Blick auf die kleinen
frühen Einträge in den Handschriften, stellt sich die Frage nach der Authen-
tizität im Sinne individueller, intimer Gefühle. Dass die hier verschriftlich-
ten Ausdrücke in außerliterarischem rituellem Handeln codiert sind, bindet
diese Einträge in überindividuelle, nicht intime, sondern öffentlich-per-
formative Diskurse ein. Und nur in dieser Rückbindung sind sie letztlich
verständlich. Erst da, wo eine eigene Schriftlogik wirksam wird und die
Liebessprache durch Textstrategien getragen wird, ermöglicht sich eine
Ausdrucksweise, die aus dem Öffentlich-Performativen hinausweist in eine
über den Text ermöglichte Geschlossenheit der Intimität. Dies ist erst in
der volkssprachlichen Epik möglich.
Diese Schwierigkeit der deutschen Liebessprache in die Schrift zu finden,
sieht Müller bestätigt in der sehr spät einsetzenden Überlieferung der Min-
nelieder. Deren Einbindung in eine höfische Aufführungspraxis hat den
volkssprachigen Liebesausdruck im höfischen Ritual codiert. Die Auffüh-
rungslogik, die diese Texte prägte, widerspricht der durch Lektüreprozesse
gesteuerten Schriftlogik. Im Tagelied, das in die deutschsprachige Tradition
sehr spät Eingang gefunden hat, sieht Müller die These bestätigt, dass der
Liebesausdruck erst über eine Episierung des Lieds in die Schrift übernom-
men werden konnte. Das höfische Ritual der Aufführung und die Verschrift-
lichung des Tagelieds sind somit als zwei verschiedene Formen der Kodifi-
zierung des Liebesausdrucks in der volkssprachigen Tradition anzusehen.
Die in der Schriftlichkeit neu kontextualisierte Liebe braucht in dieser
rationalisierenden und abstrahierenden Diskursivierung eine Konzeption
des Unbegründbaren und Irrationalen zur Legitimation und Konstituie-
rung ihrer Macht. BRUNO QUAST und MONIKA SCHAUSTEN weisen nach,
wie die Unbegründbarkeit der Minne im Eneasroman von Heinrich von
Veldeke im Rekurs auf Mythisches vorgeführt wird, um Liebe darüber als
Leidenschaft zu codieren. Das magisch-mythische Gesetz der Partizipa-
tion, das die Dido-Minne prägt, wird der rationalisierenden Allegorese in
der Lavinia-Minne gegenübergestellt. Und so erweist sich die Rationalisie-
rung des Ursprungs von Minne durch die Schrift als Pendant zur allegori-
schen Entmachtung der Götter. Die im Schriftdiskurs rational geschwäch-
te Minne-Macht muss dann aber durch eine sekundäre, neue Mythisierung
wieder gestärkt werden. Deshalb ist der Brief Lavinias noch durch Amors
Pfeil begleitet, wodurch es zu einer die Schriftrationalität brechenden Re-
18 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

Mythisiserung kommt. In dieser Übersteigerung der Minne in einen neuen


Mythos zeigt sich bei Heinrich von Veldeke eine Reflexion der medialen
Rationalisierung der Minne.
Als Reflexion der Medialität der Minne liest auch ASTRID BUßMANN
Veldekes Eneasroman. Sie weist darauf hin, dass über die Medialität der
Liebeskommunikation eine wertende Differenzierung der Liebe vorge-
nommen werde. Die Schriftlichkeit, als Medium, das Distanz überwindet
und Distanz hält, entspricht dem höfischen Liebeskonzept und ist erfolg-
reich. Der Brief Lavinias, über den eine entkörperlichte Nähe geschaffen
wird, ist der passende Kommunikationsmodus für die höfische Liebe, und
die Lavinia-Minne wird gerade über die Schriftkommunikation als gefûchlîche
definiert. Dagegen steht die Didominne. Diese kennt keine verbale Liebes-
äußerung, dafür aber die physische, körperliche, sexuelle Annäherung bis
zur Hingabe als „Körpergeständnis“. Bußmann zeigt auf, wie Veldeke
Schreiben und Lieben miteinander korreliert und die Körperlichkeit/Se-
xualität der Dido-Minne als Konsequenz ihres Schweigens deutlich macht.
Die Liebeskommunikation ist bei Veldeke als Mittel der Interpretation und
Generation des Gefühls zu sehen. Wobei die Medialität des Liebesgeständ-
nisses grundlegend ist für das Gelingen oder Misslingen der Liebe. Die
Schrift, als dem höfischen Liebeskonzept adäquates Medium der Distanz,
indiziert gleichzeitig auch eine Beständigkeit des Verhältnisses, die im
Mündlichen nicht gegeben ist.
Auch CHRISTOPH HUBER stellt die Frage nach der Leistung des Schrift-
mediums für die Minnekommunikation und richtet den Blick dabei auf den
nachklassischen höfischen Roman. Im ersten Liebesbriefwechsel der deut-
schen Literatur in Rudolfs von Ems Willehalm von Orlens konstatiert er einen
Heimlichkeitsdiskurs, der eng mit dem über die Briefe transportierten Min-
neentwurf zusammenhängt. Ist die Schrift bei Rudolf von Ems hauptsäch-
lich Mittel zur Überwindung weiter Distanzen zwischen den Liebenden,
tritt sie bei Johann von Würzburg da auf, wo die mündliche Kommunika-
tion auch in der Nähe verunmöglicht ist. Es wird deutlich, dass sich in
diesen Romanen die intime Kommunikation allein in der Schrift verwirk-
licht, die einerseits die seelische Intimität konstituiert und beschwört, an-
derseits affekterzeugend wirkt. Bezeichnenderweise wird der Brief denn
auch nicht für Intrigen gebraucht, sondern ist allein Ort der Herstellung
von Intimität. Gleichzeitig wird die Liebesäußerung, indem das Geschrie-
bene korrigiert, überlesen, verbessert wird, auf eine literarische Öffentlich-
keit hin konzipiert, die an diesem intimen Diskurs empathisch Teil haben
soll. So kommt es zu einer Art Textgemeinschaft zwischen Primärrezipien-
ten im Text und den Rezipienten des literarischen Textes, in der sich das
hier vermittelte Minnekonzept verfestigt und bestätigt. Der Brief wird zum
Mittel eines literarischen Verfahrens, Intimität (als eine „Beziehungsfigur
engster personaler Nähe“) herzustellen.
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 19

Der Status dieser Liebesbriefe in historischer Perspektive kann so fol-


gendermaßen beschrieben werden: der Umgang mit Schrift ist als selbst-
verständlich vorausgesetzt, die Botenrolle zurückgedrängt und der Brief,
als distanzüberwindendes Kommunikationsmittel, wird – auch für die lite-
rarische Öffentlichkeit – für Affektexemplarität gebraucht. Als „zerdehnter
Liebesdialog“ weist der Briefwechsel Präsenzphänomene auf, die nicht nur
affektstimulierend sein können, sondern auch durchaus destabilisierende
Effekte hervorbringen können. Schriftspezifisch sind dabei die Wiederhol-
barkeit der Stimulation – damit auch die Übertragbarkeit auf ein literari-
sches Publikum – und die zeitliche Versetzung. Minne in dieser Schriftform
„ist zugleich Vermittlungsinstanz einer kunstgerechten Rhetorik der Liebe
und erfahrene Gegenwart mit transgressiven, anarchischen Zügen“. Im
Schriftraum ist ein Raum der Intimität geschaffen, in dem sich Unmittel-
barkeit der Affekte und Intellekt nicht als Gegensätze begegnen.
Dass die Schrift die widersprüchlichen Implikationen der Ermögli-
chung von Reflexivität und der Aufhebung von Distanz hat, zeigt auch
MARGRETH EGIDI in ihrem Beitrag zu Flore und Blanscheflur und dem Apol-
lonius. Dabei legt sie in ihrer Untersuchung zum Verhältnis von Liebeskon-
zept und Schrift das Augenmerk auf die ökonomische Logik der Liebe und
deren Äquivalent in der schriftlichen Kommunikation. Sie zeichnet den in
den Texten konstituierten Weg der Minne auf, der aus dem vorreflexiven
Wissen, das durch göttliches Eingreifen entsteht, in die Diskursivierung
und das über Lektüre vermittelte Verstehen bis hin zu eigenem Reden und
zur Verschriftlichung führt. Dabei wird die scheinbare Zeitabfolge immer
wieder durch Zeitgleichheit, die Parallelität von Ungleichzeitigem, unter-
laufen. Das heißt auch, dass sich Liebe und ihre Repräsentation einander
annähern, so wie sich die vorbewusste und die bewusste Liebe ineinander-
schieben.
Darin wird auch die doppelte Logik der Funktion von Schriftlichkeit
deutlich. In der Lektüre kommt es zu Distanznahme und Reflexion der
Minne, im Schreiben aber wird gerade die Distanz aufgehoben und die
Unterscheidung von Liebe und diskursiver Verarbeitung derselben wird
hinfällig. Auffallend ist, dass in den Leseszenen, da, wo es zur Diskursivie-
rung des vorreflexiven Zustands kommt, die Freude-Leid-Ambivalenz der
Liebe und ihre Willkürherrschaft dominant ist, während es in den Situati-
onen der erfahrenen Liebe zu einer Vereindeutigung kommt, sowohl in der
vorreflexiven Liebe wie den Schreibszenen.
Da, wo eine Differenz von Absender und Verfasser des Briefes vorliegt,
werden Figuren des Verschiebens, des Weiterweisens als konstituierende
Faktoren eines auch die Liebe prägenden ökonomischen Denkens möglich.
Dabei wird deutlich, dass die erfolgreiche Form der Liebesökonomie, die
der höfischen Reziprozität entspricht, erst durch das Medium der Schrift
möglich wird. Erst in der Schrift kann es zu den Verschiebungen kommen
20 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

und zu der zerdehnten Kommunikation, die die höfische Minne kenn-


zeichnet.
Die durch die Schrift provozierten und ermöglichten vielfältigen Ver-
schiebungen beobachtet auch BARBARA KUHN in ihrem Beitrag zu Dantes
Vita nuova. Sie stellt dar, wie die Schrift der Liebe zum die Grenze des Todes
überschreitenden Medium stilisiert wird, indem es zu einer Inversion von
Schrift und Körper kommt. Mit Bezug auf die Topik der Troubadour-Lyrik
und das präsentische Reden der Liebesdichtung wird die Schrift als Ort
einer möglichen Rede jenseits oder trotz der Überwältigung des Erlebens
gezeigt. Durch die verschiedenen Erinnerungsebenen, die im Text eine
Rolle spielen, kommt es zu Verdoppelungen und Steigerungen, die die
Nicht-Unmittelbarkeit der Erinnerung sowie deren verschiedene mediale
Verfasstheit ausstellen. Erinnern ist so Wieder-Holen auf verschiedenen
Reflexionsstufen. Zwischen den einzelnen Texten kommt es in scheinbarer
Wiederholung zu Verschiebungen des Sinns. Am deutlichsten ist das da, wo
der Tod in den Blick und damit die mündliche Kommunikation an ihr Ende
kommt. Am Tod, der das Supplement der Schrift fordert, wird deutlich, um
welch vielfältige Überschreitungen es in der Vita nuova geht. Die Körper
werden zu Zeichen und Einschreibflächen, dank deren das Ich als Text
lesbar wird, die Schrift wird aber auch zum Körper, wie sich an vielen
Textstellen zeigt. So kommt es zu einem nach außen verlagerten Erzählen
vom Innen. Erinnern und Imagination fungieren als die zentralen Kräfte
in dieser neuen Schrift der Liebe, die die Vita nuova ist. Über die verschie-
denen Fremd-Körper, die sich zwischen den Liebenden und die Geliebte
schieben (als Körper der falschen Frau in der Blickrichtung auf die Gelieb-
te, als verfremdendes Reden in der Allegorie), entwickelt sich eine vom
Körper unabhängige Imagination, die als Raum der (schriftliterarischen)
Dichtung gesehen wird. Dabei ist der Übergang der konkret erfahrenen
Situation zu ihrer Reflexion auch ein Übergang von der individuellen zu
einer verallgemeinerten Erfahrung.
Vieles von dem, was in Dantes Text die Schriftliebe konstituiert und in
extremer Form die Schriftbedingtheit dieses Liebens deutlich macht, findet
sich auch in den literarisch weniger anspruchsvollen „Minnereden“, die
aber in einem ähnlich über die Schrift konzipierten Liebeserleben gesehen
werden müssen. Dies wird deutlich in dem Beitrag von LUDGER LIEB. Im
Blick auf die Metaphorik von Schrift und Schreiben, die in der Narratio
thematisierten Formen von Schriftlichkeit und von Schreiben sowie die
Praxis des Schreibens von Minnereden wird aufgezeigt, dass es sich bei den
Minnereden um textuelle Selbstermächtigung eines Minnenden handelt,
am Diskurs teilzuhaben, um Einübung und Benutzung symbolischer
Codes. Die Schrift ist Diskurszugang.
Dabei konstituiert sich über die Schrift eine Exklusivität, die in klare
Opposition zu einer öffentlich verhandelbaren und ausstellbaren Liebes-
Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung 21

kommunikation tritt. Dies zeigt sich nicht nur in der Konstituierung eines
hermeneutischen Innenraums, sondern auch an der Rezeption und Ver-
breitung der Minnereden in engeren, exklusiven Kreisen. Die Textpraxis
der Minnereden ist Liebespraxis. Diese aber wird als eine bessere Welt
imaginiert, als utopischer Raum, wie er sich erst in einer ausgeprägteren
Schriftkultur entwickeln kann.
Auch hier wird deutlich, dass es über die Schriftlichkeit zu einer Öko-
nomisierung der Liebe und einer regelrechten Minne-Bürokratie kommt,
in der sich die Liebesgemeinschaft als eine Schrift-Gemeinschaft konstitu-
iert. Indem die Minnereden als Texte konzeptueller Schriftlichkeit gedacht
werden müssen, inszenieren sie die Authentizität über die Schrift: Die
Schrift (als Buch, als Zettel, als Brief) dient einerseits immer als Beweis der
Authentizität des Minneleidens und ist anderseits die alleinige Möglichkeit,
in die Welt der Minne einzutreten. Gleichzeitig handelt es sich um einen
Prozess der Ästhetisierung der persönlichen Minne des Ich-Sprechers, die
über das Produzieren von Minnereden auf Dauer gestellt wird. Die in den
Herzinnenraum verlegte Minnekommunikation, die nur als schriftliche
möglich ist, löst sich von dem Gegenüber ab. Es ist ein Lieben, wie es nur
denkbar ist in einer rein schriftlichen Welt.
Die schriftgenerierte Minne ist auch Thema des Beitrags von SUSANNE
REICHLIN zu dem Märe Des Mönchs Not. Im Vordergrund der Überlegungen
steht das Begehren als Produkt eines Diskurses und Effekt sprachlicher
Prozesse. Dabei zeigt sich auch hier, dass im Rahmen der Schriftkultur, die
das verabsolutierte, aus dem Kontext gelöste Wort erst möglich macht,
über Verschiebungen und Neukontextualisierungen Diskurse reflektiert
werden. Als Hintergrund der in diesem Text reflektierten Missverständnis-
se, die durch die fremde Kontextualisierung von einzelnen Wörtern her-
vorgerufen werden, ist die scholastische Schriftkultur zu sehen. Das Wort/
Zeichen erscheint von Beginn an als ein verschobenes, was das Interesse
auf die Figur der Verschiebung richtet. Die Kontextlosigkeit des Einzel-
worts, wie es am Anfang eingeführt wird, stellt das literarische Potential der
Vieldeutigkeit der Schrift aus. Damit wird in der Schriftszene am Anfang
eine „poetologische Urszene“ schriftliterarischen Erzählens sichtbar. Das
Begehren in Des Mönchs Not wird nicht auf der Handlungs-, sonder allein
auf der Erzählebene erzeugt. Das textuelle Begehren ist jedoch kein gene-
rell hermeneutisches, sondern Schriftpraxis, die mit Zitat, Isolierung, Re-
kontextualisierung arbeitet.
Indem das Verhältnis von Sprache und Begehren auf den unterschied-
lichen Ebenen des Textes und in verschiedenen medialen Konstellationen
untersucht wird, findet sich eine irritierende Kongruenz von Diskurs und
Körper. Denn wenn der Minnediskurs durch den Körper eingeholt wird,
dieser aber in ein dem Minnehandeln entgegengesetztes Gewaltgeschehen
eingebunden ist, kommt es in den Mären zu einer Dissoziation von Körper
22 Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters. Einführung

und Rede, indem die Versatzstücke des Minnediskurses durch Gewalthand-


lungen begleitet sind. Anders als im höfischen Liebesdiskurs, wo das
sprachlich Behauptete am Körper sichtbar wird, sind hier die Zeichen der
Minne dann Zeichen der Gewalt. Diese Ununterscheidbarkeit führt dazu,
dass Körper und Sprache zum Schluss auf der literalen Ebene wieder über-
einstimmen, wodurch es zu einer ironischen Kongruenz von Körper und
Diskurs kommt.
Auch der Beitrag von ANDREAS KRAß zur Helenafigur in der Historia
von D. Johann Fausten geht auf das textuell erzeugte Begehren als Konstituens
des schriftliterarischen Liebesdiskurses ein. Er führt aus, wie die Figur der
Helena abgeschrieben, kopiert, kompiliert ist und ihre Schönheit entspre-
chend ein Produkt des schriftgelehrten Wissens. Die überbietende Schön-
heit Helenas ist als überbietende Nutzung eines rhetorischen Beschreibungs-
musters zu sehen. Die weibliche Schönheit Helenas ist nichts als ein rheto-
rischer Effekt. Damit erschließt sich aber nicht nur die begehrte Person,
sondern auch das Begehren selber als Produkt intertextueller Bezüge, als
grundsätzlich mimetisch. Wenn aber erst über die Schrift der Körper He-
lenas entsteht, ist das eigentliche Ziel des Frauenpreises die Dichtkunst.
Hat der Teufel mimetisch und performativ Helena als Bild einer schönen
Frau vorgestellt und sie als Objekt des Begehrens hervorgebracht, arbeitet
der Text mit denselben Mitteln der Verführung und Begehrensstimulie-
rung. Liebe in der Schriftlichkeit wird so grundsätzlich als durch die Mög-
lichkeiten der Schrift konstituiertes und generiertes Begehren gezeigt. Lie-
be im Zeitalter der Schrift ist entschieden rhetorisch, mimetisch, diskursiv,
intertextuell, arbiträr, absolut, imaginär. Wobei als Sehnsuchtspunkt immer
die vordiskursive, unbegreifliche und zeichenlose Liebe in die Liebesrheto-
rik und Schriftlogik eingebunden bleibt.
PETER VON MOOS

Vom Nutzen der Philologie für den Umgang


mit anonymen Liebesbriefen
Ein Nachwort zu den Epistolae duorum amantium
„Il n’y a point de si grand plaisir en l’amour que le discours.“
Pontus de Tyard (unten Anm. 46)

Die Aufmerksamkeit auf Mediengeschichte und Codierung von Emotio-


nen ist genau das, was ich hier empfehlen möchte, obwohl ich dafür immer
noch den vielleicht altmodischen Oberbegriff Philologie verwende. Denn
das neue Interesse an der medialen und materiellen Verfasstheit von Tex-
ten, an Kommunikationsmöglichkeiten, Schreibstoffen, Schriftträgern, Si-
cherheits- und Geheimhaltungstechniken und vielen anderen die Botschaft
filtrierenden und konditionierenden sog. ‚äußeren Umständen‘ befördert
auch die Verfeinerung des methodischen Instrumentars für so elementar
philologische Aufgaben wie die Datierung und Zuschreibung anonym
überlieferter Werke. Dies möchte ich kurz an einem derzeit Aufsehen erre-
genden Fall, der Zuschreibung der bisher verfasserlosen Briefe zweier Lie-
benden (Epistolae duorum amantium) an Heloise und Abaelard illustrieren, wo-
bei es mir allein exemplarisch, d. h. unpolemisch-überpersönlich um Me-
thodenprobleme geht, die allerdings im Geiste einer offenen Streitkultur
beim Namen genannt zu werden verdienen. Über das Werk selbst werden
die literarischen Werturteile ebenso auseinander gehen wie über alle hoch-
artifiziellen Codierungen der Liebe. Das Erstaunlichste an diesem briefli-
chen Duett ist die Unermüdlichkeit, mit der Wiederholung, Redundanz
und Tautologie geradezu kunstvoll gepflegt und ausdrücklich als ein nie zu
Ende kommendes Neuschreiben und Wieder-Lesen auch metasprachlich
hervorgehoben werden. Man gewinnt den Eindruck eines Bravourstücks
manieristischer Variationstechnik unter dem Motto von Brief 24: „Wes das
Herz voll ist, des geht der Mund über...“ (Luc. 6, 45). Damit soll jene Mo-
notonie, die das unersättliche Begehren in den Augen Nichtbeteiligter zu
begleiten pflegt, gerade als unalltägliche Liebesberedsamkeit und Schreib-
seligkeit gefeiert und vergoldet werden. Für unsere Belange genügt hier
24 Peter von Moos

nochmals die Feststellung, dass es sich um ein bedeutsames, bisher sträflich


verkanntes literatur- und kulturgeschichtliches Dokument eines mittelalter-
lichen Liebesdiskurses handelt.1
Dies ist kurz zusammengefasst die wissenschaftsgeschichtliche Aus-
gangslage:2 In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckte DIETER
SCHALLER in einer Handschrift von Troyes (1452) eine anonyme Samm-
lung von über 100 Liebesbriefen, die der junge, humanistisch orientierte
Zisterzienser Johannes de Vepria in Clairvaux am Ende des 15. Jahrhun-
derts in Exzerpten (nach zeitgenössischem Katalogvermerk und Titel
Deflorationes, Ex epistolis duorum amantium) ausgeschrieben hatte. Von seiner
Vorlage und deren Entstehungsgeschichte ist nichts bekannt, und auch
über das Ausmaß der organisatorischen Eingriffe des Abschreibers, bzw.
Exzerptors (wie Überschrift, Paragraphierung, Zuteilung der blass typi-
sierend mit Vir und Mulier signalisierten Partneranteile u. a. m.) ist das
meiste noch unklar. Jedenfalls bildet die Herkunft und Datierung der
Briefsammlung ein absolutes Rätsel und somit eine außergewöhnliche
Herausforderung der Mediävistik. Schallers Schüler EWALD KÖNSGEN
besorgte 1974 verdienstvoll die kritische Edition dieses eigenartigen Tex-
tes,3 in deren Kommentar erstmals der Gedanke probeweise erwogen

1 Das Folgende hebt einige neue Aspekte hervor gegenüber PETER VON MOOS: Die Epistolae
duorum amantium und die ,säkulare Religion der Liebe‘. Methodenkritische Vorüberlegungen
zu einem einmaligen Werk mittellateinischer Briefliteratur. In: Studi Medievali 44.1 (2003),
S. 1-113, und DERS.: Abaelard, Heloise und ihr Paraklet: ein Kloster nach Maß. Zugleich eine
Streitschrift gegen die ewige Wiederkehr hermeneutischer Naivität. In: Das Eigene und das
Ganze. Zum Individuellen im mittelalterlichen Religiosentum. Hrsg. von GERT MELVILLE/
MARKUS SCHÜRER, Münster u. a. 2002 (Vita regularis 16), S. 563-620. Auch der nachträgliche
Exkurs zur Neuauflage dieses Beitrags in meinen Gesammelten Studien zum Mittelalter, Bd.
I: Abaelard und Heloise, Münster 2005, S. 282-292, wird hier vertieft und erweitert. – Ohne
negative Wertung scheint mir an dem Briefwechsel eine beabsichtigte stilistische Artifizialität
zentral, wie ich sie ähnlich schon in Die Epistolae..., S. 40, als Gegensatz aller neuzeitlichen
Ausdrucksästhetik beschrieben habe. Ich komme hier nicht mehr darauf zurück. Vgl. auch
GILES CONSTABLE: Sur l’attribution des Epistolae duorum amantium. In: Académie des Inscrip-
tions & Belles-Lettres, comptes rendus, nov.- déc. 2001, Paris 2001, S. 1679-1693, hier S.
1690: „Les références érudites, le vocabulaire élégant et la recherche de la variété […] tout a
plus odeur d’huile que de pressante passion. […] ici chaque formule de salutation est diffé-
rente et souvent plate, comme si la recherche d’une variété dans l’énoncé comptait plus que
l’expression d’un sentiment réel.“ (Dieser französische Beitrag ist eine erweiterte Neufassung
von: The Authorship of the Epistolae duorum amantium. A Reconsideration. In: Voices in
Dialogue: New Problems in Reading Womens’s Cultural History. Hrsg. von LINDA OLSON/
KATHRYN KERBY-FULTON, Notre Dame 2005, S. 167-178.)
2 Wissenschaftsgeschichtliche Hintergrundinformationen bei EWALD KÖNSGEN: „Der Nord-
stern scheint auf den Pol“. Baudolinos Liebesbriefe an Beatrix, die Kaiserin – oder Ex
Epistolis duorum amantium. In: Mittel- und neulateinische Studien für PAUL GERHARD SCHMIDT.
Hrsg. von ANDREAS BIHRER/ELISABETH STEIN, München, Leipzig 2004, S. 1113-1121.
3 Epistolae duorum amantium, Briefe Abaelards und Heloises? Hrsg. von EWALD KÖNSGEN, Lei-
den, Köln 1974 (Mittellat. Studien u. Texte VIII).
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 25

wurde, hier handle es sich um die frühen Liebesbriefe, die Abaelard und
Heloise, ihren eigenen Aussagen zu Folge vor der tragischen Trennung
ausgetauscht hatten. KÖNSGEN äußerte diese Annahme selbst vorsichtig
in alteram partem, ohne die ihr widersprechenden Argumente zu verschwei-
gen, und ließ das Problem schließlich unentschieden, wie dies schon das
Fragezeichen hinter seinem Titel: „Briefe Abaelards und Heloises?“ be-
zeugt, das er gegen den Widerstand des Reihenherausgebers KARL LAN-
GOSCH hartnäckig und mutig zu verteidigen wusste. Die Zuschreibungs-
Hypothese fand seinerzeit in den Rezensionen ziemlich einhellige Ableh-
nung.4 Dass sie eines Tages wieder ausgegraben und erneut ins Gespräch
gebracht würde, war abzusehen und hätte normalem Forschungsfortgang
auch durchaus entsprochen. Doch es kam nicht dazu. Ohne jegliche Dis-
kussion unter Mediävisten wurde die Zuschreibung an Heloise und Abae-
lard (in dieser Reihenfolge der Namen) 1999-2000 plötzlich als feste Tat-
sache verkündet, als gäbe es daran nichts mehr zu rütteln. CONSTANT J.
MEWS und STEPHEN C. JAEGER traten in drei unmittelbar hintereinander
erscheinenden und für ein eher breites englischsprachiges Publikum be-
stimmten Bänden mit folgenden Thesen vor die Öffentlichkeit:5 1. Die
Epistolae duorum amantium stammen unbedingt aus dem frühen 12. Jahr-
hundert, auch wenn sie erst um 1471 exzerpiert wurden; 2. sie haben zwei
verschiedene Autoren, nämlich einen verliebten Mann und eine verliebte

4 EDWARD F. LITTLE in: Cahiers de civilisation médiévale 19 (1976), S. 181f.; ANKE PARAVICI-
NI in: Francia 4 (1976), S. 844-7; HUBERT SILVESTRE in: Scriptorium 31 (1977), S. 130f.;
ARNULF STEFENELLI in: Zeitschrift für Romanische Philologie 93 (1977), S. 118f.; GIOACHI-
NO CHIARINI in: Maia 33 (1981), S. 245f.; A. PATTIN in: Tijdschrift voor Filosofie 41 (1979),
S. 521 sowie die Miszellen von UDO KINDERMANN: Abaelards Liebesbriefe. In: Euphorion
70 (1976), S. 287-295, bes. 291-5 und JEAN JOLIVET: Abélard entre chien et loup. In: Cahiers
de Civilisation Médiévale 20 (1977), S. 307-322, bes. S. 312.
5 CONSTANT J. MEWS: The Lost Love Letters of Heloise and Abelard, Perceptions of Dialogue
in Twelfth-Century France (with Translations by NEVILLE CHIAVAROLI/CONTANT J. MEWS),
New York 1999; DERS.: Philosophical Themes in the Epistolae duorum amantium, The First
Letters of Heloise and Abelard. In: Listening to Heloise, The Voice of a Twelfth-Century
Woman. Hrsg. von BONNIE WHEELER, New York 2000, S. 35-52; C. STEPHEN JAEGER: En-
nobling Love. In Search of a Lost Sensibility, Philadelphia 1999, S. 160-164, 226-229. JAN
ZIOLKOWSKI stellt eine – m. E. für die Internationalität der Forschung beunruhigende – ge-
ographisch-sprachliche Wasserscheide fest: Die Befürworter dieser Thesen „have been An-
glophone, preponderantly in the United States of America and Australia, to a lesser extent
in England. In contrast, the sceptics have been prevalently European.“ JAN ZIOLKOWSKI,
Lost and Not Yet Found: Heloise, Abelard, and the Epistolae duorum Amantium. In: Journal
of Medieval Latin 14 (2004), S. 169-200, hier S. 175. Diese Differenz dürfte mit dem unter-
schiedlichen Verbreitungstempo der ‚Internet-Kultur‘ einhergehen, die doch die wissen-
schaftliche Kommunikation eigentlich verbessern könnte und sollte, doch dort, wo sie zum
Hauptinformationsmittel aufgestiegen ist, geradezu epidemisch beschleunigte Formen einer
fama volans befördert, die alle kritische Prüfung und sorgfältige Diskussion unter Fachleuten
„rechts überholt“.
26 Peter von Moos

Frau; 3. die ausgetauschte Korrespondenz der beiden Liebenden ist kein


Produkt des Schulunterrichts oder der literarischen Fiktion, sondern der
authentische Briefwechsel von zwei Verliebten; 4. bei diesen beiden re-
alen Personen kann es sich nur um Heloise und Abaelard handeln; 5.
Johannes de Vepria hat diese Korrespondenz in der Bibliothek von Clair-
vaux vorgefunden oder aus dem benachbarten Nonnenkonvent Paraklet
bezogen.
Die Argumente für diese Behauptungen lagen nicht von Anfang an
vollständig vor, sondern entwickelten sich allmählich in Reaktion auf auf-
kommende Zweifel. Der als Herausgeber und Kenner wissenschaftlicher
Werke Abaelards anerkannte Philosophiehistoriker CONSTANT J. MEWS
stellte erstmals die ‚vollendete Tatsache‘ in einem Buch mit dem Titel
„The Lost Love Letters of Heloise and Abelard“ vor. Das Zuschrei-
bungsproblem behandelt er fast nur im ersten Kapitel, das in der Haupt-
sache allgemein bekannte Beobachtungen über minimale biographische
Ähnlichkeiten der Situation enthält, wie derjenigen, dass Abaelard und
Heloise sowie das Paar der Liebesbriefe aus einem in Frankreich wirken-
den, wegen seiner geistigen Überlegenheit angefeindeten Lehrer und des-
sen Verehrerin bestanden haben sollen, oder, dass der männliche Part
eine sinnlichere, der weibliche eine geistigere Liebeskonzeption an den
Tag lege. Da diese Charakteristiken ungefähr auf das berühmte Liebes-
paar des 12. Jahrhunderts passen, erscheint die behauptete These als „die
einfachste Lösung“, die es uns erspart, nach anderen möglichen Kandi-
daten für eine nominelle Zuschreibung der fraglichen Liebesbriefe zwi-
schen rund 1116 und 1471 zu suchen. Auffällig verharrt MEWS hier noch
vorwiegend im Bereich eines ziemlich groben biographischen und ideen-
geschichtlichen Analogieschlusses. Die wenigen aus dem hinsichtlich his-
torischer Angaben vollkommen abstrakten Werk ermittelten Daten sol-
len glaubhaft machen, dass während fast 400 Jahren einzig Abaelard und
Heloise diesem rudimentären ‚Signalement‘ entsprochen haben können.
Der weitere darstellende Teil des Buches, eine Einleitung zum Nachdruck
der KÖNSGENschen Ausgabe mit englischer Übersetzung, bildet ein an
sich lehrreiches Panorama des 12. Jahrhunderts. Die „Briefe eines Liebes-
paars“ stehen hier nicht mehr im Zentrum, sondern dienen eher hinter-
gründig einer Art Als-ob-Geschichtsschreibung, die auf die Frage ant-
wortet, wie das Hochmittelalter wohl aussähe, wenn diese Briefe tatsäch-
lich von Abaelard und Heloise stammten. Diskutierbare Argumente für
seine These hat MEWS später in einzelnen kleineren Beiträgen vorge-
bracht; sie beruhen insgesamt auf ein paar punktuellen lexikalischen Pa-
rallelen zwischen dem philosophisch-theologischen Werk Abaelards und
den Liebesbriefen wie indifferenter, scibilitas, res universalis, affectus, die im
Einzelnen bereits mehrfach als keineswegs zwingend verworfen worden
sind, vor allem aber zusammen genommen eine viel zu schmale Ver-
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 27

gleichsbasis für aussagekräftige Sprach- und Stilvergleiche darstellen. Ins-


besondere haben JAN ZIOLKOWSKI und GIOVANNI ORLANDI nun in zwei
eben erschienenen Aufsätzen die acht monastischen Briefe von Heloise
und Abaelard mit den „Briefen zweier Liebender“ systematisch nach
Lexikon, Stil, Zitiertechnik, Cursus und Bildsprache verglichen. Sie kom-
men unabhängig voneinander zu dem Ergebnis, dass nach diesen lite-
raturwissenschaftlichen Suchkriterien nichts die beiden Briefcorpora
verbindet.6 Dieses Fazit leidet heute 2006 allerdings am Makel der Nach-
träglichkeit gegenüber den seit 1999 eilig im Internet verbreiteten Sensa-
tionsnachrichten, die dem englischsprachigen Publikum, wie ZIOLKOW-

6 JAN ZIOLKOWSKI: Rez. C. MEWS, The Lost Love Letters. In: Mediaevalia et Humanistica 30
(2004), S. 152-156; DERS (Anm. 5); PETER DRONKE/GIOVANNI ORLANDI: New Works by
Abaelard and Heloise? In: Filologia Mediolatina 12 (2005), S. 123-178. Vgl. auch bereits
MICHAEL MECKLERs kritische MEWS-Rezension in: Speculum 78.2 (2003), S. 572-574 zu den
nicht zwingenden „similarities in vocabulary“; zu einzelnen vermeintlichen Analogien s.
auch die Anmerkungen in VON MOOS: Die Epistolae (Anm. 1), S. 7f., 43f., 73, 81f. Sogar
MICHAEL T. CLANCHY, ein anfänglich engagierter Befürworter der These, fragt sich in der
Einleitung zu seiner Neuausgabe der englischen Übersetzung in ‚Penguin Books‘: The Let-
ters of Abelard and Heloise, übers. von BETTY RADICE, London 2003, S. LXXVII: „Is the
coincidental use of a few words really significant?“ und verweist ebd. S. LXXXIV auf mei-
nen Beitrag von 2003. Um hier nur nochmals das meist diskutierte scibilitas herauszugreifen,
hat das Wort in der Stelle von Mulier (Ep. 53): De favo sapiencie si michi stillaret guttula scibilitatis,
einen ganz anderen Sinn als bei Abaelard (Dialectica I 2, 3), der es passivisch auf das „Er-
kennbare, Wissensmögliche, was man wissen kann“ bezieht, während Mulier von einer akti-
ven „Fähigkeit des Erkennens, vom Wissenkönnen“ (einem „Tröpfchen Verständnis“)
spricht. – Für die Ursache dieses Kurzschlusses zwischen kontext-entbundenen Einzelbe-
griffen hielt ich zuerst eine unkritische Verwendung elektronischer Datenbanken, doch das
auf http://www.abc.net.au/rn/relig/spirit/stories/s99224.htm transkribierte Interview
von MEWS (13. 2. 2000) lässt eher an eine extrem spezialistische Fixierung auf Abaelards
sprachlogische Terminologie („words“) denken: „I was reading these letters again […] and
I have to say that I got a cold chill down my spine, because some of the words that the man
who seems to be a famous teacher, having a very literary type of relationship with a brilliant
student of philosophy, these words, some of the words that he was using, I knew, because I
had been studying Abelard’s logic and the development of his ideas on language for many
years, in a very specialist environment.“ Die letztere Bemerkung erweckt allerdings auch den
unguten Eindruck eines vor Unkundigen vorgebrachten Autoritätsarguments. Diesen Ein-
druck verstärkt JAEGERS vorerst noch ganz begründungslose Berufung auf das Buch von
MEWS (in JAEGERS (Anm. 5), S. 275), „which places the ascription to Heloise and Abelard
beyond question“, bei gleichzeitiger Mitteilung, er habe diese Arbeit erst in der letzten Pha-
se der Drucklegung seines eigenen Buchs („when this manuscript was in its last stages“)
kennen gelernt. Auch wenn der Germanist sich im Nachhinein um alle möglichen Argumen-
te zur Abstützung dieses seines summarischen magister dixit bemüht hat (dazu s. gleich unten
und Anm. 8, 23, 43, 52), scheint doch am Anfang eine beinahe publizistische Eile den Ent-
scheid für die Zuschreibung beflügelt zu haben, als sei es darum gegangen, einen bereits
fahrenden Zug nicht zu verpassen. Das ist, was ich unter ‚Internet-Kultur‘ (oben Anm. 5)
verstehe.
28 Peter von Moos

SKI moniert, den Fund der Liebesbriefe des berühmten Paars als eine
unter Mediävisten unangefochtene „evidence“ anpriesen.7
Die für uns theoretisch interessantesten und provokantesten Aspekte
steuerte der angesehene Germanist C. STEPHEN JAEGER zunächst in seinem
Buch „Ennobling Love“ (1999) und in mehreren nachfolgenden Beiträgen
bei,8 weil er in geradezu paradigmatischer Weise die einstige Echtheitsdebatte
über die acht Klosterbriefe Abaelards und Heloises mit der jetzigen Zuschrei-
bungsdebatte verknüpfte. Auf diesem Pfade folgte ihm der französische His-
toriker SYLVAIN PIRON, der kürzlich die französische Übersetzung der Episto-
lae duorum amantium besorgte.9 Ich fasse hier die weitgehend gleich lautende
Argumentationsform beider Forscher zusammen. Ein bereits von MEWS an-
gedeutetes „Argument“ wurde in zwei Denkschritten verschärft: Wenn die
anonymen „Briefe eines Liebespaars“ nicht von Abaelard und Heloise stam-
men, wer sonst sollte sie dann geschrieben haben? Dies zu beantworten wäre
viel komplizierter als die nahe liegende, einfache, elegante und ökonomische
Annahme, sie stammen tatsächlich von dem berühmten Liebespaar. Hier
werden zwei klassische Sophismen gekoppelt, die ich mit 1. ‚Umkehr der
Beweislast‘ und 2. ‚facilior lectio‘ abkürze. Grundsätzlich ist niemand ver-
pflichtet, eine unbewiesene Zuschreibung durch Alternativvorschläge zu wi-

7 Die erste und einflussreichste Sensationsmeldung fand sich in der online-Rezension von BA-
RABARA NEWMAN in: The Medieval Review (TMR) vom 6. Januar 2000 (s. hierzu die „Ideo-
logiekritik“ von ZIOLKOWSKI, (Anm. 5), S. 177 und meinen Kommentar in: Heloise, Abaelard
und ihr Paraklet 2002 (Anm.1), S. 568-77). NEWMAN äußert sich heute vorsichtiger in ihrer
Besprechung der neuen Synthese von MEWS: Abelard and Heloise, Oxford 2005. In: H-
France Review 5, September 2005, Nr.102 (online): „Meanwhile, the skeptical position has
been argued by Jan Ziolkowski in North America and Peter von Moos in Germany, the lat-
ter with a polemical fervor rivaling that of Abelard and his enemies. I do not wish to reent-
er the fray in this review, for Ziolkowski’s arguments in particular deserve a thoughtful and
careful response. But in what follows I will adopt Mews’ usage and refer to the anonymous
letter-writers [!] as if they were in fact Abelard and Heloise.“ Meine hier beanstandete Pole-
mik (im Beitrag von 2002, nicht mehr jedoch in dem von 2003) richtete sich weniger gegen
eine an sich diskutierbare wissenschaftliche Hypothese als gegen deren „akademisch unkor-
rekte“, d.h. die Diskussion gerade blockierende Propagierung als sensationelles fait accompli
(so auch ZIOLKOWSKI, (Anm. 5), S. 178f. und unten bei Anm. 17).
8 JAEGER (Anm. 5); DERS.: The Epistolae duorum amantium and the Ascription to Heloise and
Abelard. In: OLSON/KERBY-FULTON (Anm. 1), S. 125-166; DERS.: A Reply to Giles Constable,
ebd., S.179-186; DERS.: Epistolae duorum amantium nr. 66: A Victorious Teacher, his Conquered
Rival, and his Rejoicing. Vortrag an der Medieval Academy, Seattle 2004, im Ersch. und online.
9 Lettres des deux amants attribuées à Héloïse et Abélard, traduites et présentées par SYLVAIN
PIRON, Paris 2005, bes. S. 7-28 (Présentation), S. 175-218 (Enquête sur un texte). Im übrigen
ist inzwischen auch der Darstellungsteil von ‚The Lost Love Letters‘ in französischer Sprache
erschienen: CONSTANT J. MEWS: La voix d’Héloïse: un dialogue de deux amants. Postface
inédite, trad. par EMILE CHAMPS avec la collaboration de FRANÇOIS-XAVIER PUTALLAZ et
SYLVAIN PIRON, Fribourg, Paris 2005; die „Postface“ in dem mir noch nicht zugänglichen
Buch wird hier in der englischen Online-Fassung zitiert: Postscipt. The Epistolae duorum
amantium and Discussions of Love in the Twelfth Century. Some Recent Debate.
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 29

derlegen (1); die Rückkehr zur Anonymität genügt; sie ist sogar die einzige
hinreichende und notwendige Gegenmaßnahme. Und ebenso grundsätzlich
lassen sich Werke nicht durch einfache Gewaltstreiche einer Benennung leib-
haftiger, insbesondere berühmter Autoren aus der Anonymität befreien (2),
sondern nur mühsam auf dem schmalen Weg einer allmählichen, konsequent
fortschreitenden Einkreisung bestimmter Textverwandtschaften unter gleich-
zeitiger Ausscheidung ‚falscher Verwandter‘. Sonst setzen wir das gerade im
Mittelalter verbreitete unphilologisch- vorwissenschaftliche Verfahren der
Zuschreibung von dubia et spuria an Kirchenväter und andere Berühmtheiten
fort, nur weil wir den horror vacui der Anonymität nicht ertragen.10
Die Verteidigung der ‚facilior lectio‘ hat in diesem Fall einen wissenschafts-
geschichtlichen Hintergrund: Mehrfach zeichnete JAEGER das Schreckge-
spenst der komplizierten Fälschungshypothesen BENTONs und SILVESTREs
hinsichtlich der acht berühmten Parakletbriefe an die Wand.11 Nur aus diesem
Zusammenhang erklärt sich die sonst unverständliche Behauptung, eine so

10 Vgl. in diesem Sinn auch ZIOLKOWSKI, (Anm. 5), S. 180f.: „The horror vacui that is understand-
able in nature must be avoided in the world of learning, where a principle comparable to
‚innocent until proven guilty‘ obtains: a text must be anonymous until the authorship has been
firmly established. Otherwise our horror anonymitatis will transport us back to the Middle Ages,
where poems were taken with abandon and attributed to Ovid, Walter Map, or other prestig-
ious authors or legends.“; analog bereits VON MOOS, Die Epistolae (Anm. 1), S. 7. – Zuversicht-
lich stimmt jedoch in dieser Hinsicht die neue lateinisch-deutsche Ausgabe in der gediegenen
Manesse Bibliothek der Weltliteratur: „Und wärst du doch bei mir“, Ex epistolis duorum aman-
tium. Hrsg. von EVA CESCUTTI/PHILIPP STEGER, Zürich 2005, in der die Unzuschreibbarkeit
des Werks ohne jegliche negative Konsequenz für dessen literarischen Wert schlicht als gege-
ben hingenommen wird. Über die Qualität dieser deutschen Übersetzung will ich mich hier
allerdings nicht äußern. Ich danke EWALD KÖNSGEN für ein paar Bemerkungen hierzu, die in
derselben Linie liegen wie seine feinsinnige Kritik bereits bestehender anderssprachiger
Übersetzungen in KÖNSGEN (Anm. 2). Einzig zum Titel „Und wärst du doch bei mir“ sei
angemerkt, dass er der bereits von PIRON (Anm. 9) in diesem Sinne missverstandenen prezi-
ösen Pointe des „Gute Nacht“-Wunsches aus der salutatio von Brief 15 entstammt : Cordi suo
fidelissimus eius noctem candidam et utinam mecum, die CHIAVAROLI/MEWS (Anm. 5), noch richtig
verstanden haben: „an unclouded night – would that it [the night] were with me.“ Zur diskurs-
typischen nox candida s. PAUL VEYNE, L’élégie érotique romaine, Paris 1983, S. 242.
11 Eine Zusammenfassung dieser durch Historiker und Philosophiehistoriker (seit SCHMEID-
LER und GILSON) entfachten jahrzehntelangen Debatte bietet JOHN MARENBON: Authenti-
city Revisited. In: WHEELER (Anm. 5), S. 19-34. Er versteht diesen Beitrag ausdrücklich als
Fortsetzung meiner Arbeit ‚Mittelalterforschung und Ideologiekritik. Der Gelehrtenstreit
um Heloise‘, München 1974. Dass die diesem Streit ab ovo zugrunde liegende Äquivokation
von Fälschung, Fiktion und „réécriture“ – d.h. wesentlich literaturwissenschaftlich-philolo-
gischer Begriffe – heute immer noch nicht genügend durchdacht wird, habe ich in einem
offenen Brief an JOHN MARENBON (Abaelard und Heloise (Anm. 1), S. 210-213) nochmals
betont. Im Einzelnen bleibt nämlich nach wie vor ungeklärt, „wie, wann, durch wen, an
welchen Stellen, in welcher Intention und für welches Publikum dieses echte Dossier zusam-
mengestellt worden ist, da es auf keinen Fall eine reale im Originalzustand überlieferte Pri-
vatkorrespondenz darstellen kann.“ Auch hier liegt das letzte Wort noch lange nicht bei ir-
gendeiner sancta simplicitas; vgl. hierzu auch unten Anm. 21.
30 Peter von Moos

raffinierte ‚Fälschung‘, wie sie nötig gewesen wäre, um die Epistolae duorum
amantium als Briefe Abaelards und Heloises zu fingieren, bzw. um sich als
Mann in die Haut Heloises hineinzuversetzen, sei im Mittelalter ganz undenk-
bar. Jedem, der an der einstigen Echtheitsdebatte teilgenommen hat, fällt
dabei unwillkürlich der geniale ‚Dritte‘ – bei SILVESTRE war es sogar Jean de
Meun – ein, der die mit der Historia calamitatum eröffnete Briefreihe aufgrund
anderer vorangehender Fälschungen oder Redaktionen gefälscht haben soll.
Diese tatsächlich überkomplizierte Hypothese wurde zuletzt durch ihren ers-
ten Urheber JOHN BENTON wieder mit dem in der Tat einfachen ‚common
sense‘-Argument beseitigt, dass kein Fälscher bis in die letzten Einzelheiten
den Stil Abaelards derart genau nachmachen könnte.12 JAEGER und PIRON
haben bei der Neuauflage dieses Arguments allerdings übersehen, dass ihr
Thema nicht eine vermeintliche Fälschung des Mittelalters, sondern eine rein
mediävistische Zuschreibung der letzten Jahre darstellt13 und dass grundsätz-
lich Zuschreibungsprobleme auf das Gegenteil von Echtheitsproblemen hi-
nauslaufen. FRANÇOIS DOLBEAU hat diesen Unterschied in einem meisterhaf-
ten methodenkritischen Beitrag erläutert:14 Authentizitätskritik ist ein be-
währtes, bis auf die Antike zurückgehendes Prüfungsverfahren, mit dem die
traditionelle Geltung einer Autorschaft akzeptiert oder verworfen wird. Erst
mit der neuzeitlichen Philologie entstand das viel schwierigere Verfahren,
anonyme oder unter mehreren Autornamen zirkulierende Texte durch einen
komplexen Indizienbeweis ihren wahren Verfassern zurückzugeben. DOL-
BEAU äußert sich im übrigen zu den heutigen Chancen dieses zweiten Verfah-
rens eher pessimistisch: „Ich glaube nicht, dass es uns auf mittellateinischem
oder anderem Gebiet gelingen wird, die Zahl der anonymen oder pseudepi-
graphischen Texte stark zu reduzieren“.15 Während die Beweislogik in der
Echtheitskritik mit einem einfachen Entweder-Oder – ist der vermeintliche
der wirkliche Autor oder nicht? – auskommt, erfordert die Zuschreibungskri-

12 JOHN F. BENTON: The correspondence of Abelard and Heloise. In: Fälschungen im Mittel-
alter. Hrsg. von HORST FUHRMANN, Bd. V, Hannover 1988, S. 95-120, hier S. 98, Anm. 6
(gegen SILVESTRE gerichtet).
13 CONSTABLE (Anm. 1), S. 1683 bemerkt dazu mit feiner Ironie: „Puisque les lettres ne sont
attribuées ni à Abélard ni à Héloïse dans le texte pas plus que dans le manuscrit, ni probab-
lement dans l’exemplar, elles ne peuvent être qualifiées de fraude, de contrefaçon ni de mys-
tification au sens habituel du terme, à moins que les rédacteurs aient été assez subtils pour
prévoir que les érudits pourraient, dans le futur, attribuer les lettres à Abélard et Héloïse“.
14 F. DOLBEAU: Critique d’attribution, critique d’authenticité. Réflexions préliminaires. In: Fi-
lologia mediolatina VI-VII (1999-2000), S. 33-62; im übrigen ist der ganze Band dem Zu-
schreibungsproblem gewidmet; s. insbesondere auch PAUL GERHARD SCHMIDT: Perchè tan-
ti anonimi nel medioevo? Il problema della personalità dell’autore nella fililogia mediolatina,
ebd. S. 1-8, sowie FABIO TRONCARELLI: L’attribuzione, il plagio, il falso. In: Lo spazio let-
terario del Medioevo I, La produzione del testo, Bd. I, Roma 1992, S. 373-390.
15 DOLBEAU (Anm. 14), S. 36: „je doute qu’on parvienne, dans le domaine médiolatin ou ail-
leurs, à réduire massivement le nombre des pièces anonymes ou pseudépigraphes.“
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 31

tik gerade umgekehrt eine komplexe Dialektik von Spurensuche und Einkrei-
sung des Ziels, ein Hin und Her zwischen Öffnung des Hypothesenfächers
und Elimination unpassender Möglichkeiten, d. h. einen vom Allgemeineren
– Milieu, Epoche, Region, Gattung – herab zum Besonderen, am Ende viel-
leicht sogar zu einem bestimmten Autor fortschreitenden Selektionsprozess.
Selbst eine nicht bis zu diesem letzten Erfolg der Personalisierung, sondern
nur bis zur approximativen Eingrenzung eines zeitlichen, geographischen
und kulturellen Umfeldes (etwa einer „textual community“) gelangende Re-
cherche, wäre ein historisch nützlicherer Beitrag als die nachträgliche, oft gar
nicht mehr so ‚einfache‘ Abstützung einer fahrlässig aufgestellten Autorhypo-
these durch allerlei Hilfskonstruktionen. ‚Einfach‘ ist es, eine Fangfrage, wie
die erwähnte, an den Anfang zu stellen: „wenn nicht Heloise, wer denn sonst?“
Dem Zweifelnden wird derart die Pistole auf die Brust gesetzt. Da ihm un-
mittelbar keine Alternative einfällt, soll er zustimmen. Eine in der Echtheits-
kritik halbwegs sinnvolle Frage wird damit in der Zuschreibungskritik zu ei-
nem bloßen Taschenspielertrick.
Welche Unsicherheit die Vermengung dieser zwei Arten philologischer
Kritik bei Nicht-Spezialisten erzeugen kann, zeigt ein Zeitungsartikel vom
Februar 2005 über die französische Übersetzung der Epistolae beim renom-
mierten Verleger Gallimard. Im Unterschied zu der in den Vereinigten Staaten
sich wie ein Lauffeuer ausbreitenden Nachricht vom unbestreitbaren „Fund
der Liebesbriefe“, stieß die These in Frankreich mehrheitlich auf Skepsis. Der
Redaktor, der das Buch in „Le Monde“ anzuzeigen hatte, schrieb darum in
sichtbarer Verlegenheit: „wenn die Authentitzität der Briefe auch kaum Zwei-
fel bereitet, so zögern die Kenner doch, sie Heloise und Abaelard zuzuschrei-
ben, auch wenn nichts dieser Hypothese radikal widerspricht.“16 Ich frage
mich, was hier unter „Authentizität“ zu verstehen ist. Dass das Werk aus dem

16 Vgl. oben Anm. 5 zur unterschiedlichen Rezeption der Hypothese diesseits und jenseits des
Atlantiks; PHILIPPE-JEAN CATINCHI: „Où est la très sage Héloïs“. In: Le Monde 11.2.2005:
„Si l’authenticité ne fait guère de doute, les spécialistes hésitent à les attribuer à Héloïse et
Abélard, même si rien ne contrarie radicalement l’hypothèse“. Der Artikel war nur zum Teil
der Übersetzung von PIRON gewidmet, sondern galt in erster Linie dem neuen Buch von
GUY LOBRICHON: Héloïse. L’amour et le savoir, Paris 2005, der einzig die Klosterbriefe
Heloises heranzieht und die Epistolae duorum amantium als Quelle ausdrücklich ausschließt.
Allein schon die gemeinsame Behandlung beider Briefkorpora kann den Nichtspezialisten
in die Irre führen, wovor auch JACQUES LE GOFF in seiner Rundfunk-Sendung (Anm. 50)
gewarnt hat, indem er die „vraies lettres“ von den anderen unterschied. Selbst in der medi-
ävistischen Rezeption der Zuschreibungshypothese werden gelegentlich die echten acht
Klosterbriefe des Paars und dessen vermeintlichen Liebesbriefe in verhängnisvoller Weise
vermengt; besonders gravierend bei JOHN O. WARD/NEVILLE CHIAVAROLI: The Young He-
loise and Latin Rhetoric: Some Preliminary Comments on the „Lost“ Love Letters and Their
Significance. In: WHEELER (Anm. 5), S. 53-120, wo beide Briefwechsel unterschiedslos als
biographisch-psychologische „Quellen“ nebeneinander benützt werden. Vgl. auch die sich
darauf stützende Arbeit von JUANITA FEROS RUYS: Eloquencie vultum depingere: Eloquence and
32 Peter von Moos

Mittelalter stammt? Dass es nicht von de Vepria oder irgendeinem modernen


Hochstapler gefälscht wurde? Der vage Begriff kann beim uninformierten
Leser nur Verwirrung stiften. Es braucht keine Spezialausbildung um zu wis-
sen, was ein anonymer Text ist. Aber genau dies wird verschwiegen. Es wäre
Sabotage der Marketing-Mediävistik, deren spezifische Perversion darin be-
steht, dem Publikum oder der „öffentlichen Meinung“ die Richterrolle über
eine wissenschaftliche Streitfrage zuzuschieben, ohne die zur Diskussion ste-
henden Hauptpunkte auch nur anzudeuten. In Eile wird derart ein verlege-
risch einträgliches Gerücht befestigt, das die Forschung hinterher nur noch
mit Mühe argumentativ aus der Welt schaffen kann.17
Ich hatte ursprünglich, weder 1974 nach dem Erscheinen der Edition
von KÖNSGEN noch 1999 nach der Neuauflage der Zuschreibungsthese
durch MEWS vor, mich auf eine von vornherein falsch gestellte Frage ein-
zulassen, da mir das Werk Abaelards, insbesondere sein mit Heloise voll-
endetes Briefwerk, intuitiv als vollkommen inkommensurabel mit den Epi-
stolae duorum amantium erschien und ich die Identifikation dieser eigenarti-
gen Korrespondenz mit den frühen Liebesbriefen des berühmten Paars
nicht für eine nahe liegende, sondern vielmehr für „die unwahrscheinlichs-
te aller Möglichkeiten“ hielt.18 Wenn ich mich schließlich vor zwei Jahren
dennoch ausführlich zu Wort gemeldet habe (Anm. 1), so geschah es aus
theoretischen Gründen, die mir wichtiger sind als der Anlass und die im
übrigen auch etwas mit dem Tagungsthema „Schrift und Liebe“ zu tun
haben. Hinter der vorschnellen Zuschreibung der Epistolae an Abaelard und
Heloise, die GILES CONSTABLE und PETER DRONKE unabhängig voneinan-
der als ‚wishful thinking‘ auf den Punkt brachten,19 stehen offenbar spezi-
fische Bedürfnisse, vor allem der Wunsch nach seelischem Direktzugang
zu mittelalterlichen Menschen und komplementär dazu die Unlust, sich
lange mit den kommunikativen Bedingungen der Produktion und Rezepti-
on der hierfür herangezogenen Texte, d. h. hier mit dem mittelalterlichen
Briefwesen herumzuschlagen. Allgemeiner gesagt: Die Botschaft wird um

Dictamen in the Love Letters of Heloise and Abelard. In: Rhetoric and Renewal in the Latin
West 1100-1540, Essays in Hon. of JOHN O. WARD. Hrsg. von C. J. MEWS u. a., Turnhout
2003, S. 99-114. MARK CHINCA andererseits erwähnt in seiner Besprechung von JAEGERs
Ennobling Love (in: Arbitrium 2002, S. 13-19, hier S. 15) Heloises „language of tragic self-
sacrifice“, was sich eher auf ihre monastischen Briefe bezieht, obwohl der Autor von den
Epistolae duorum amantium handelt.
17 Ganz in diesem Sinne richtet auch ZIOLKOWSKI, (Anm. 5), S. 173-176, seine Kritik gegen die
publizistische Umgehung der internen wissenschaftlichen Diskussion.
18 Ich mache mir damit eine Formulierung wörtlich zu eigen, die ROLF KÖHN, einer der besten
Kenner des mittelalterlichen Briefwesens, am 6. Januar 2002 in einem ausführlichen Brief an
C.S. JAEGER gebraucht hat, um diesem weitere redundante „Apologien“ der Abalelard-He-
loise-Hypothese auszureden.
19 CONSTABLE (Anm. 1), S. 1691f.; DRONKE/ORLANDI (Anm. 6), S. 142.
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 33

jeden Preis auf Kosten des Mediums bevorzugt. Hinzu kommt die Wieder-
kehr eines Romantizismus, dem wir seit langem den Heloisen-Mythos einer
„großen Heiligen der Liebe“ verdanken und dessen pseudowissenschaftli-
che Auswüchse ich vor einem Vierteljahrhundert ideologiekritisch analy-
siert hatte. Dieser Trend verbindet sich nicht erst heute mit einer spezifi-
schen gender-Variante, nach der Abaelard und die gesamte durch Männer
kanalisierte Überlieferung die Stimme Heloises zum Schweigen gebracht
haben sollen. Dank der Epistolae duorum amantium soll nun aber diese Stimme
endlich wieder als seelische Realität unmittelbar hörbar geworden sein.20
Gewiss ist das Erkenntnisinteresse an leibhaftigen Autoren solange
durchaus legitim, als deren Texte ohne Kurzschluss eine biographisch-psy-
chologische Interpretation als ‚documents humains‘ zulassen. Während die
Parakletbriefe, insbesondere der erste – Abaelards Historia calamitatum –
immerhin eine Fülle von Realien (Ereignisse, Namen, ja Datierungen) zur
Sprache bringen und dennoch nicht ohne den schwierigen Umweg über die
intentio operis, d. h. nicht ohne die Rekonstruktion des kommunikativen
Kontexts eines Klostergründungs-Dokuments interpretiert werden kön-
nen,21 enthalten die wesentlich mehr phatischen als informativen Epistolae
duorum amantium schlechthin keine konkreten Hinweise auf irgendwelche
persönlichen Lebensumstände.22 Dies allein ist schon ein Indiz dafür, dass

20 VON MOOS (Anm. 11), bes. S. 70-72 zu feministischen Projektionen auf Heloise zu Beginn
des 20. Jhs.; vgl. auch DERS., Abaelard, Heloise und ihr Paraklet (Anm. 1), S. 565-577. CON-
STABLE (Anm. 1), S. 1689f.; die daraus in Anm. 1 zitierte Stelle genügt im übrigen, um den
erlebnisästhetischen Erkenntniswert dieser Briefe in Frage zu stellen. Theoretisch ausgezeich-
netes „Gegengift“ gegen diese Tendenz enthält auch WALBURGA HÜLK: Schrift-Spuren von
Subjektivität. Lektüren literarischer Texte des französischen Mittelalters, Tübingen 1999.
21 Sehr erhellend, aber vielleicht zu subtil für biographistische Interpreten zitiert CONSTABLE
(Anm. 1), S. 1689 hierzu eine eigene frühere Äußerung: „Même si les lettres sont authenti-
ques au sens où elles furent écrites par Abélard et Héloïse […], elles furent reprises dans un
ouvrage littéraire destiné à être lu dans son intégralité comme un récit rétrospectif.“ Eine
plausible Möglichkeit einer solchen Literarisierung zu einem Parakletdenkmal zeigt neuer-
dings JACQUES DALARUN: Nouveaux aperçus sur Abélard, Héloïse et le Paraclet. In: Francia
32.1 (2005), S. 19-66; vgl. auch oben Anm. 11.
22 Mit spürbarer Verlegenheit vermerkt eine Rezensentin von MEWS: The Lost Love Letters
(Anm. 5), CHRISTINE CALDWELL, in: The History Teacher 35.2, 2002 (online), obwohl sie sich
über den Wiedergewinn einer jener „all too easily lost voices of...women“ freut: „That lack
of anchoring detail makes the letters less suitable for teaching. For secondary-school students
and undergraduates, the Historia calamitatum and the later letters serve as a better introduction
to Abelard and Heloise and to high-medieval culture. Despite these gifted lovers’ gorgeous
and ingenious imagery („to a reddening rose under the spotless whiteness of lilies“), the let-
ters’ insularity and opacity do not offer an accessible portal for younger students.“ Hier wird
im Übrigen deutlich, welche Art von Publikumsbedarf durch die Zuschreibung an das be-
rühmte Liebespaar gedeckt werden sollte. Im Vorwort zu The Lost Love Letters (Anm. 5),
S. XII bekundet MEWS die Absicht, in einer Zeit schwindender Lateinkenntnisse etwas für die
allgemeine Öffnung und Wiederbelebung von „literary and philosophical treasures jealously
guarded by devoted scholars“ tun zu wollen, als ob latinistische Gralshüter die wahre Stimme
Heloises für sensibel mitschwingende „undergraduates“ verborgen hätten.
34 Peter von Moos

es sich hier im Sinne der historische Quellenkunde nicht um originale


„Überreste“ handelt; denn diese verweisen im allgemeinen auf bestimm-
te Alltagssituationen, die der spätere ‚archäologische Leser‘ oft nicht mehr
versteht, während für die Veröffentlichung redigierte „Traditions“-Texte
sich gerade daran erkennen lassen, dass alle biographischen Details der
‚Verbrauchsrede‘ zugunsten einer verständlichen ‚Wiedergebrauchsrede‘
weggestrichen worden sind.23 In unserem Fall – einer extremen Situati-
onsabstraktheit – bleiben vorerst einzig die Analyse des Texts und der
Vergleich mit anderen Texten, die vielleicht die Einordnung in einen kul-
turellen Rahmen nach Raum und Zeit erlauben. Dies ist eine auch für
Historiker durch die Überlieferungslage selbst gegebene leidige Notwen-
digkeit, nicht ein methodologischer Vorentscheid für den linguistic turn,
den Text um Textes willen, das Diskursprimat oder sonst eine literaturtheo-
retische Mode.
Zu allererst stellt sich die Frage, ob diese Briefe tatsächlich zwischen zwei
Liebenden getauscht worden sind oder ob sie eine literarische Fiktion darstel-
len. Folgende Hauptgründe sprechen eher für ihren fiktionalen Charakter24:

23 Vgl. MATHIAS BEER: „Wenn ych eynen naren hett zu eynem man, da fragen dye freund nyt vyl danach“:
Private Briefe als Quelle für Eheschließung bei den stadtbürgerlichen Familien des 15. und
16. Jhs. In: Ordnung und Lust. Hrsg. von HANS JÜRGEN BACHORSKI, Trier 1991, S. 71-94;
vgl. auch VON MOOS, Die Epistolae (Anm. 1), Anm. 111. Zur Unterscheidung von Ver-
brauchs- und Wiedergebrauchsrede, s. HEINRICH LAUSBERG: Elemente der literarischen Rhe-
torik, 3. Aufl., München 1967, S. 16f. – JAEGER zählt in seiner Reply to Giles Constable
(Anm. 7) eine Reihe von „inconsistencies“, d. h. Stellen, die aus dem Kontext des jeweiligen
Briefs allein nicht verständlich sind, auf, um daraus den privaten Charakter des Briefwechsels
abzuleiten. Lücken und Verständnisschwierigkeiten habe ich in Die Epistolae (Anm. 1), S.
11-29 ebenfalls hervorgehoben, doch aus den Kürzungen de Veprias erklärt (zu JAEGERs
Argument bes. S. 29). Hier ist zu ergänzen, dass das Inkonsistenzen-Register so gut wie nur
ganz unspezifische Metaphern und Gefühlsäußerungen, aber keine der (in der Verbrauchs-
rede üblichen) konkreten Hinweise auf das Alltagsleben enthält. Man kann nicht einmal den
Versuch feststellen, durch Anspielungen auf Ereignisse und Referenten außerhalb des Texts,
dem Briefwechsel einen Realitätseffekt, ein „coloris de vérité“ zu geben, wie dies Guillaume
de Machaut in seinem eindeutig fiktiven Voir Dit tut; vgl. dazu PAUL IMBS: Le „Voir-dit“ de
Guillaume de Machaut: Etude littéraire, Paris 1991, S. 13 und HÜLK (Anm. 20), Kap. III,
S. 149 ff.: Das Textbegehren des Guillaume de Machaut. Interessant ist hier auch die von
WERNER PARAVICINI analysierte echte französische Liebeskorrespondenz des burgundischen
Vogts Peter von Hagenbach (11 Briefe): Parler d’amour au XVe siècle: Pierre de Hagenbach
et la dame de Remiremont. In: Académie des Inscriptions & Belles-Lettres, comptes rendus,
juillet-octobre 2003, Paris 2003, S. 1277-1293, weil hier sorgfältige historische Rekonstruk-
tionsarbeit trotz aller Geheimhaltungsstrategien der Verfasser (bis hin zur Anonymität der
adeligen Stiftsdame aus Remiremont) doch einige sehr konkrete Fakten und Datierungen
erschließen ließ (wie etwa die Schlacht von Buxy vom 14. März 1471).
24 In Die Epistolae (Anm. 1), S. 11-37 habe ich andere Argumente, hauptsächlich Widersprüche
in den vagen Anspielungen auf Lebensumstände (wie Altersangaben, Status-Zugehörigkeit,
Trennungen und Begegnungen) hervorgehoben. Ein weiteres Argument dieser Art lässt sich
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 35

die Anzahl der Briefe stellt unter den erhaltenen Korrespondenzen des
lateinischen Mittelalters ein absolutes unicum dar: (je nach Zählung) 113
oder 118 Briefe und vielleicht noch wesentlich mehr, da sie etwa zur Hälf-
te durch den Kopisten de Vepria als fragmentarisch gekennzeichnet sind
und wir nicht wissen, wie viele Briefe der Vorlage er, ohne es zu vermer-
ken, übersprungen hat. Ganz abgesehen vom Sonderfall der Privat- und
Liebesbriefe, werden mittelalterliche Briefe nach Empfänger – oder Ab-
senderüberlieferung gesammelt, überarbeitet und veröffentlicht. Fast nie
handelt es sich dabei um Briefwechsel, sondern nur jeweils um eine Hälf-
te von Korrespondenzen. In den seltenen Fällen, zu denen gerade auch
die Klosterbriefe Abaelards und Heloises gehören, überschreiten eigent-
liche Briefwechsel kaum je vier Briefpaare, also acht Briefe. Die Geschich-
te des Liebesbriefs, die bisher einzig ERNSTPETER RUHE monographisch
behandelt hat,25 erfährt mit der reifen Ars dictaminis seit dem späten 12.
Jahrhundert ihren ersten Aufschwung (hauptsächlich in fiktionalen Mus-
terbriefen wie denen der Rota Veneris des Boncompagno), doch noch im
13. Jahrhundert lassen sich auch in dieser Gattung niemals eigentliche
Korrespondenzen von mehr als acht Briefen nachweisen. Originalbriefe
oder Autographen finden sich im Mittelalter ausgesprochen selten, und
dann fast nur als zufallsbedingte ‚Überreste‘. Sie gehören zur Alltags-
archäologie, wie etwa jenes echte „Billet doux“ des Jean de Gisors an
eine geliebte Aélis aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, das in einer Mau-
ernische der Kirche St-Pierre auf dem Montmartre gefunden worden
ist.26 Vermutlich ist ein beträchtlicher Teil mittelalterlicher Briefautogra-
phen endgültig verloren. Die Existenz mittelalterlicher Privatbriefe (wohl
mehr volkssprachlicher als lateinischer) ist gewiss nicht von der Hand
zu weisen, auch wenn man über deren reales Ausmaß nur spekulieren
kann. Erst sehr spät und vereinzelt finden sich Originalbriefsammlungen
wie in den für das Mittelalter keineswegs typischen Strozzi- oder Paston-

aus den Briefen 32 und 33 gewinnen: In dem ersten beglückwünscht die Frau den Partner zur
Genesung, die genau mit dem Frühlingsbeginn zusammenfällt (der letzte Schnee ist ge-
schmolzen); im nächsten Brief antwortet der Mann, er müsse wegen der Sommerhitze seine
Trägheit überwinden und einen novus dictandi fervor entfachen. Diese Zusammenstellung von
Jahreszeiten erinnert vor allem an Artes dictandi mit ihren zur Option gestellten Briefthemen,
nicht an eine reale Abfolge eines Sommerbriefs Monate nach einem Frühlingsbrief.
25 ERNSTPETER RUHE: ,De amasio ad amasiam‘. Zur Gattungsgeschichte des mittelalterlichen
Liebesbriefes, München 1975 (Beiträge zur romanischen Philologie des Mittelalters 10).
26 ROLF KÖHN: Dimensionen und Funktionen des Öffentlichen und Privaten in der mittelal-
terlichen Korrespondenz. In: Das Öffentliche und Private in der Vormoderne. Hrsg. von
GERT MELVILLE/PETER VON MOOS, Köln u. a. 1998 (Norm und Struktur 10), S. 309-358,
hier S. 338; zu den Paston-Archiven vgl. REBECCA KRUG: Reading Families, Women’s Lite-
rate Practice in Late Medieval England, Ithaca, London 2002.
36 Peter von Moos

Archiven.27 Zu bedenken ist auch der materialgeschichtliche Wandel vom


kostspieligen Pergament zum preisgünstigeren Papier, der seit rund 1300
allmählich auch zu einer wunderbaren Briefvermehrung führte. Dass nun
die Epistolae duorum amantium eine zwar große aber „nichtsdestoweniger
existierende“ Ausnahme einer aus dem frühen 12. Jahrhundert stammen-
den kontinuierlichen und originalen Privatkorrespondenz darstellen sollen,
ist, selbst wenn man die Zuschreibung an Heloise und Abaelard vergisst,28
für jeden mediävistischen ‚common sense‘ ganz einfach des Guten zuviel.
Entschieden näher liegt da der Vergleich mit einem Meisterwerk der fran-
zösischen Literatur des Spätmittelalters, dem Voir dit Guillaumes de Ma-
chaut von 1364, einer aus einem Liebesbriefwechsel von 109 Briefen und
Gedichten bestehenden fiktiven Autobiographie oder vielmehr eines Brief-
romans als „Gattungsgrab“.29
Man kann bei unseren Epistolae erst recht nicht mehr an eine solch
immense originale Liebeskorrespondenz glauben, wenn man ein paar Ein-
zelheiten zum Schreibprozess herausgreift: Die zwei Liebenden geben zu
verstehen, dass sie ihre zahlreichen Briefe auf Wachstäfelchen mit Hilfe
eines Boten hin und her senden, und dass sie diese überdies (wohl zum
Schutz gegen neugierige Neider) versiegeln.30 Diese Hinweise auf Sicher-
heitsmaßnahmen enthalten eine contradictio in adiecto und eine kodikolo-

27 Ebd. S. 326f., 331f. Am meisten ist bisher für die Erschließung deutscher Privatbriefe des
Spätmittelalters getan worden durch GEORG STEINHAUSEN: Geschichte des deutschen Brie-
fes. Zur Kulturgeschichte des deutschen Volkes. 2. Aufl., 2 Bde., Berlin 1889-1891 (Nach-
druck: Dublin u. Zürich 1968). Ähnliche Arbeiten stehen, wie PARAVICINI (Anm. 23), S. 1293
dies kritisch vermerkt, für den gleichzeitigen französischen Privatbrief noch weitgehend aus.
Die einzelnen „Privatbriefe“ hochgestellter Persönlichkeiten beiden Geschlechts im ,Recueil
de lettres Anglo-Françaises‘ (1265-1399). Hrsg. von F. J. TANCQUEREY, Paris 1916 sind eher
als halb-öffentliche Briefe anzusehen.
28 CONSTABLE (Anm. 1), der dieselben medialen Argumente in den Vordergrund stellt, spitzt
die ‚deductio ad absurdum‘ noch im Sinne der Zuschreibungshypothese konkret so zu
(S. 1689): „La raison pour laquelle Abélard et Héloïse se seraient écrit si fréquemment et si
longuement à une époque où ils étaient censés vivre sous le même toit et se voyaient chaque
jour est obscure.“ Man kann dies mit der lapidaren Feststellung PARAVICINIs (Anm. 23),
S.1281 ergänzen: „On ne s’écrit que si l’on est séparé: cause évidente de toute correspon-
dance.“
29 Guillaume de Machaut: Le livre du Voir dit. Hrsg. von JACQUELINE CERQUIGLINI-TOULET,
Paris 1999 (Lettres gothiques 4557). DIESELBE: Le Livre du Voir Dit. Un art d’aimer, un art
d’écrire, Paris 2001; Guillaume de Machaut 1300-2000, Actes du Colloque de la Sorbonne.
Hrsg. von J. CERQUIGLINI-TOULET/N. WILKINS, Paris 2002. Eine Forschungsanthologie
1898 bis 2001 bietet: „Comme mon coeur désire“. Guillaume de Machaut, Le Livre du Voir
Dit. Hrsg. von DENIS HÜE, Orléans 2001; vgl. auch IMBS (Anm. 23); HÜLK (Anm. 20), S.
161-165 zur Bestimmung als „Briefroman“ und zur neuen Liebes-Metaphorik des Schrei-
bens auf Papier im Vergleich mit dem Schreiben auf Pergament.
30 Ep. 14 (Vir): Si tabulas tuas, dulcissima, diutius retinere michi liceret, plurima scriberem, sicut plurima
occurrerent; Ep. 37 s. unten bei Anm. 42-43; Ep. 38a (Vir): iam facio finem concludens ista sigillo.
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 37

gische Absurdität. Wenn die Geheimhaltung durch Löschen und Über-


schreiben der Wachstäfelchen gesichert werden soll, wozu dann noch eine
Versiegelung dieses ephemeren Schriftträgers? Abgesehen davon gibt es
keinen einzigen sonstigen Beleg für eine mittelalterliche Praxis des Versie-
gelns von Wachstäfelchen. Schwieriger ist die Frage nach dem realen Brief-
verkehr auf Wachstäfelchen zu klären. Obwohl die Spezialistin für früh-
und hochmittelalterliche tabulae Elisabeth Lalou diese Frage rundweg ver-
neint, da solche Täfelchen ausschließlich für Entwürfe, Rechenoperationen
und im Schreibunterricht verwendet worden seien,31 gibt es vereinzelte Be-
lege dafür, dass dieses Geheimhaltungsverfahren dennoch gelegentlich auf
offizielle Briefe etwa mit brisanten politisch-militärischen Mitteilungen an-
gewandt wurde.32 Noch ungeklärt ist aber die Frage, ob, wann und wo im
Mittelalter das antike Verfahren weiter gewirkt hat, Liebesbriefe aus Diskre-
tion auf Wachstäfelchen auszutauschen. Jedenfalls ist Lalou zuzustimmen,
dass fast alle darauf bezügliche Aussagen von Baldrich von Bourgueil bis zu
Boccaccio nicht beim Wort zu nehmen sind, sondern sich als metaphori-
sches Spiel mit literarischen Reminiszenzen aus der antiken Liebeslyrik er-
klären.33 Dennoch ist die Frage in einem archäologischen Sinne ernst zu
nehmen, da in der klösterlichen Normierungsliteratur seit der Benediktiner-
regel der private Empfang nicht nur von Briefen im Allgemeinen, sondern
auch von Wachstäfelchen im Besonderen ausdrücklich verboten wird, so

Ep. 62: Tempus es […] .ut has amaras atque flebiles descriptiones proiciamus, secundis autem et letioribus
manus cere imprimamus. Ep. 69 (Mulier): hos, rogo, ne versus oculus legat invidiosus. Man könnte auch
annehmen, dass diese Stellen nichts miteinander zu tun haben, dass das eine Mal auf Wachs
geschrieben, das andere Mal Pergament versiegelt wurde. Aber das ändert nichts an der
Unwahrscheinlichkeit beider Vorgänge, wie dies schon CONSTABLE (Anm. 1), S. 1688 nach-
drücklich hervorgehoben hat.
31 E. LALOU: Les tablettes de cire médiévales. In: Bibliothèque de l’École des Chartes 147
(1989), S. 123-140; DIESELBE: Inventaire des tablettes médiévales et présentation générale.
In: Les tablettes à écrire de l’Antiquité à l’Epoque Moderne, Turnhout 1992, S. 233-285;
CONSTABLE ( Anm. 1), S. 1688f; RICHARD H. ROUSE/MARY A. ROUSE: Wax Tablets. In:
Language & communication 9 (1989), S. 175-191.
32 Vgl. Lampert von Hersfeld (ad annum 1075) über Anno von Köln (ed. HOLDER-EGGER,
MG Scr. Rer. Germ. 1894, S. 247): Alii cuidam, quem beneficiis suis maxime fidum sibi obnoxiumque
fecerat, familiares litteras a seipso in tabulis propter maiorem secreti cautelam conscriptas dedit episcopo […].
Meinhard von Bamberg (ed. ERDMANN, MG Briefe... 1950, Ep. 77) spricht von litteras tabu-
lares in quibus ego me […] pro te ipso […] intercessor opposui. Ich verdanke diese Referenzen ROLF
KÖHN.
33 Zur ovidischen Topik vgl. RUHE (Anm. 25), S. 80-82, 218; ROUSE/ROUSE (Anm. 31), S. 176;
FRANCESCO BRUNI: L’ars dictandi e la letteratura scolastica. In: Storia della civiltà letteraria in
Italia, dalle Origini al Trecento. Hrsg. von G. BARBERI SQUAROTTI, u. a., Bd. I, 2, Torino 1990,
S. 155-210, hier S. 183f. (zum Floire et Blacheflor-Stoff bei Boccaccio); HÜLK (Anm. 20), S.
113f. zur Clef d’Amors,v. 3049f.: „S’en parchemin ne pués escrire / ton desir porras metre
en chire“. Zur Wachstafelmetaphorik vgl. auch ALEIDA ASSMANN: Zur Metaphorik der Er-
innerung. In: Memnosyne. Formen und Funktionen der kulturellen Erinnerung. Hrsg. von
DIESELBE/DIETRICH HARTH, Frankfurt a. M. 1991, S. 13-35.
38 Peter von Moos

etwa in der Regel Humberts von Romans für Dominikanerinnen von


1259.34 Ein Visitationsbericht eines nordspanischen Bischofs aus dem 13.
Jahrhundert beanstandet, dass eine Nonne von Las Dueñas offenbar auf
Wachs geschriebene Briefe eines Jünglings (also wohl Liebesbriefe) erhal-
ten hat.35 Ich kenne einstweilen keine Parallelen. Bei dem analogen Diszi-
plinarfall der sog. Söflinger Liebesbriefe aus dem 15. Jahrhundert handelt
es sich um Papierbriefe.36 Doch wie immer, in all diesen Zeugnissen geht
es um Einzelbriefe, nicht um ganze Korrespondenzen.
Unser Briefwechsel hingegen zeigt auch darin wiederum seinen fiktiven
Charakter. Wenn Wachstäfelchen dadurch eine gewisse Sicherheit gewähren,
dass ihr Inhalt nach der Lektüre gelöscht werden kann, aus welcher Vorlage
hat dann Johannes de Vepria 1471 diese über hundert Briefe bezogen?37

34 Vgl. etwa die Regel für Dominikanerinnen (1259) durch Humbert von Romans. In: Analecta
s o. fr. Praedicatorum 3 (1897), S. 337-348, hier S. 341: Item nulla mittat vel recipiat sine licencia
litteras vel cedulam scriptam eciam sine sigillo, nec eciam scriptum aliquod in tabulis vel in cera, nisi magistro
vel priori provinciali vel vicario.
35 […] de auditu dixit quod Catherina recepit tabulas cereas a quodam juvene scriptas, zit. nach MARY
GARRISON: „Send more socks“. On Mentality an Preservation Context of Medieval Letters,
in: New Approaches to Medieval Communication. Hrsg. von MARCO MOSTERT, Turnhout
1999, S. 69-99, hier S. 97; ausführlich zu diesem Visitationsbericht s. PETER LINEHAN: The
Ladies of Zamora, Manchester 1997, S. 48-50 und ebd. Anm. 24.
36 MAX MILLER: Die Söflinger Briefe und das Klarissenkloster Söflingen bei Ulm a. D. im Spät-
mittelalter, Würzburg 1940. Dasselbe gilt von dem französischen Liebesbriefwechsel zwischen
Peter von Hagenbach und der Remiremonter Kanonissin (Anm. 23), die erstaunlicherweise
ihre Briefe nicht selber schrieb, sondern diktierte und sie danach dank mehrfacher Faltung im
Taschenformat mit Hilfe von Vertrauensleuten ans Ziel bringen ließ. Im übrigen danke ich
LUDGER LIEB für den Hinweis auf einen etwa gleichzeitigen Skandal, die 12 in betrügerischer
Absicht geschriebenen Liebesbriefe, die Hermann Konemund unter dem Namen einer Bür-
gerin dem Göttinger Schulrektor Curt Hallis schickte, erhalten als Anlage zum Notariatspro-
tokoll des Geständnisses vor Gericht. Hrsg. von GUSTAV SCHMIDT: Erdichtete Liebesbriefe des
XV. Jhs. in niederdeutscher Sprache. In: Germania (Wien) 10 (1965), S. 385-394. Sowohl in
diesem Fall wie bei den Söflinger Briefen verdanken wir die Überlieferung einzig der gericht-
lichen Konfiskation und Archivierung. Auch Hagenbachs Korrespondenz wurde nach dessen
Enthauptung 1474 unter Herzog Sigismund mit dem übrigen Schriftgut beschlagnahmt und
in Innsbruck aktenmäßig archiviert; grundsätzlich zu den geringen Überlieferungschancen
von Liebesbriefen vgl. PARAVICINI (Anm. 23), S. 1278f. und S. 1293 und PAUL GERHARD
SCHMITT, Editoren als Zensoren. In: Mittellateinisches Jahrb. 40,3 (2005), S.431-443. Im Ver-
gleich mit diesen Beispielen echter Korrespondenzen wirkt unser wie ein Dialog zwischen V
und M angelegter Briefwechsel vollends wie eine virtuose Schulübung. Seine Überlieferung
führt nicht in Gerichtsarchive, sondern ins Skriptorium eines Klosters, das seit Transmundus
zu den Zentren formvollendeter Ars dictaminis nördlich der Alpen gehörte.
37 Auf Anfrage schrieb mir die Spezialistin für Siegelkunde BRIGITTE BEDOS-REZAK hierzu
dankenswerterweise: „Il y a un aspect de la correspondance des deux amants que je ne saisis
guère. Si le texte de leurs lettres était effacé au reçu, quelle est la source des lettres recueillies
dans le manuscrit du XVe siècle? […] En tout cas, la sécurité offerte par les tablettes de cire
(Lampert de Hersfeld et Meinhard de Bamberg) devait bien tenir au fait que leur contenu
pouvait être effacé sans laisser de traces.“
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 39

Wenn wir uns im Sinne der Hypothese ins frühe 12. Jahrhundert zurückver-
setzen, wäre die einzig mögliche Antwort, dass einer der beiden Partner die
eigenen Briefe und die Antworten des anderen systematisch aus den Wachs-
täfelchen auf Pergament übertragen hätte. Dabei müsste man ein beacht-
liches Kopiertempo annehmen. Denn aus dem Briefgedicht Nr. 87: tran-
siit annus ex quo tuus me sibi vinxit amor („Ein Jahr ist vergangen, seit [in
dem] mich deine Liebe besiegt hat“) – das man freilich auch bloß als einen
poetischen Geburtstagwunsch lesen könnte – ergibt sich nach der fakten-
positivistischen Lektüre der Hypothese-Befürworter, dass die Korrespon-
denz hier nun genau ein Jahr alt ist.38 In einem Jahr also wären mindestens
87 Briefe (wegen der fragmentarischen Überlieferung vielleicht auch we-
sentlich mehr) auf Wachstäfelchen geschrieben, verschickt, gelesen, ge-
löscht und überdies wie in einer päpstlichen Kanzlei vollständig in ein ‚Re-
gister‘ übertragen worden.39 Schließt man die Zuschreibung an Heloise und
Abaelard aus, so bleibt immer noch die Frage, ob eine solche Menge oft
inhaltsloser, aber stets preziös-hochartifizieller Liebesbriefe in der Vorlage
de Veprias auf Pergament oder auf Papier standen. Nur sehr reiche Brief-
schreiber oder deren öffentlich anerkannte ‚Textgemeinschaften‘ (Klöster,
fürstliche Kanzleien) hätten sich den Luxus eines solchen privaten Brief-
buchs im Zeitalter des Pergaments leisten können, aber im Zeitalter des
Papiers dürfte das tautologisch-repetitive Ausufern des erotischen Diskur-
ses kein Problem mehr dargestellt haben; ebenso hat sich dann natürlich
der komplizierte Umweg über Wachstäfelchen erübrigt.40 Jedenfalls benüt-
zen Euryalus und Lucretia in De duobus amantibus historia des Enea Silvio
Piccolomini für ihre Geheimkorrespondenz gewöhnliches Papier.41 Guil-
laume de Machaut andererseits war vom adeligen Publikum und Mäzenat
derart begünstigt, dass er seine scheinbar intimen Kunstprodukte, sein „art
de vivre en poésie“ (wie Michel Zink treffend sagt) auch in Prachtausgaben
verbreiten konnte.42

38 Vgl. in diesem Sinn WARD/CHIAVAROLI (Anm. 16), S. 81.


39 Vgl. auch CONSTABLE (Anm. 1), S. 1688f.
40 Zur medialen Alterität des mittelalterlichen Briefwesens vgl. P. VON MOOS: Briefkonventio-
nen als verhaltensgeschichtliche Quelle. In: DERS., Rhetorik, Kommunikation und Mediali-
tät, Gesammelte Studien zum Mittelalter, Bd. 2. Münster 2006, S. 173-204.
41 Hrsg. von H. RÄDLE, Stuttgart 1993, S. 30f.: Lucretia zerreißt, wie es sich gehört, den ersten
empfangenen Liebesbrief, setzt ihn jedoch hinterher wieder wie ein „Puzzle“ zusammen, um
ihn zu lesen und zu küssen.
42 MICHEL ZINK: Littérature française du Moyen Age, Paris (puf) 1992, S. 279. GILLES ROQUES:
Tradition et innovation dans le vocabulaire de Guillaume de Machaut. In: Guillaume de
Machaut. Poète et compositeur, Paris 1982, S. 157-173, hier S.158, fand im Voir-Dit die erste
auktoriale Bezeugung des Begriffs „Papier“ im modernen Sinn: „Guillaume de Machaut
ouvre l’ère des écrivains sur papier“; nach HÜLK (Anm. 20), S. 161.
40 Peter von Moos

Ein besonders anschauliches Detail zur „Liebesbrieftechnik“ oder


brieflichen Verschriftlichung von Liebe bietet Brief 37 unserer Korrespon-
denz. Der ‚Mann‘ behauptet hier, er habe sich in Anwesenheit des Boten
aus Kummer aufs Bett geworfen, nicht etwa nach der Lektüre des Briefes
der ‚Frau‘, was verständlich wäre, sondern nachdem er selbst deren Wachs-
täfelchen gelöscht und mit eigenen Worten vollgeschrieben hat: „Frage
den Boten, was ich tat, nachdem ich den Brief zu Ende geschrieben hatte:
genau hier habe ich mich vor Ungeduld aufs Bett geworfen.“ (Interroga
nuncium quid egi, postquam litteras perscripsi: ilico certe in lectum pre inpatiencia me
conieci) Wie soll man sich dies vorstellen? Der Bote wartet das Ende des
Schreibakts ab, aber macht sich erst auf den Weg, nachdem er Zeuge des
anschließenden emotionalen Schubs geworden ist; der Schreiber weiß
schon während des Schreibens, wie er danach vor dem Boten zusammen-
brechen wird. Außerhalb der literarischen Fiktion wäre dies doch wohl eine
etwas allzu vorausbedachte und inszenierte Spontaneität. Durch diese kör-
perliche Pose oder Geste wird hier nicht nur die Liebe ‚codiert‘, sondern
auch das Briefschreiben, das Liebesbriefschreiben selbst dramatisch in
Szene gesetzt.43
Dies führt mich zu einem letzten Punkt, den ich nochmals hervorhe-
ben möchte: den überall spürbaren, massiven Einfluss einer sehr späten,
ausgereiften, vielleicht sogar überreifen Ars dictaminis aus der Umwelt

43 Ich glossiere damit eine Bemerkung von MONIQUE GOULLET in dem Anm. 50 erwähnten
Referat: „La précision de ce détail tranche tellement avec le caractère abstrait et elliptique du
reste qu’on est tenté d’y voir là encore une ,pose‘, une sorte de posture codifiant l’amour.“
Interessant ist hier die Problem-Lösung JAEGERS, (Anm. 8), S. 130, 154, Anm. 48, der sich
alle Möglichkeiten eines nachträglichen „Postscriptums“ vorstellt (entweder hat der Mann
dem Boten befohlen zu warten, um hinterher noch diesen Satz auf die Wachstafel zu schrei-
ben, oder der Bote verzögerte seine Abreise aus irgendeinem anderen Grund, sodass Zeit
für einen Nachtrag blieb, oder der Mann wies den Boten an, die Szene, wie beschrieben, zu
erzählen, gleichviel ob sie wirklich stattgefunden hat oder nicht.) Vergessen hat er einzig die
Möglichkeit, dass der „Mann“ zwischen dem Lesen und Antworten noch eine Kopierphase
eingeschaltet haben könnte, um den Inhalt des Wachstäfelchens von „Frau“ auf Pergament
oder Papier zu übertragen. Wenn wir auf kriminalistische Spekulationen über die einzelnen
Umstände eines vermeintlichen „Briefwechsels“ verzichten und nur gelten lassen, was in
dem Text selbst steht, so erübrigt sich das Postscriptum-Konstrukt. Man kann mit JAEGER
zweifellos den Eindruck einer „rash, impatient and impetuous personality“ gewinnen, ohne
dass dadurch entschieden wäre, wer diese literarische Inszenierung einer „ungestümen Per-
sönlichkeit“ an welche Adresse richtet, an die Frau als Briefempfängerin oder den Leser des
Briefdialogs, wenn es sich nicht gar bloß um eine rhetorische Stilübung in der Ethopoiie
handeln sollte. CONSTABLE (Anm. 1, S. 1688) schließt aus dieser Stelle, selbst wenn sie erst
nach dem Brief geschrieben worden wäre, auf die geringe Spontaneität der ganzen Korres-
pondenz angesichts einer möglicherweise vom männlichen Partner besorgten Kopialüber-
lieferung. Nichts ist in der Tat unwahrscheinlicher als die Hintergrundannahme, dieses um-
fangreiche Briefwerk sei ein Austausch echter, unüberarbeiteter Autographen.
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 41

Petrarcas und Boccaccios, die bereits raffinierte Regeln für das Abfassen
von Liebesbriefen ‚mit Realitätseffekt‘ ausgedacht hat, und von der
FRANCESCO BRUNI mit Recht sagte, sie sei aus einer ars dictandi zu einer
eigentlichen ars amandi geworden.44 Unsere Briefsammlung sieht auf den
ersten Blick wie ein Briefsteller aus, der mit einfachen Salutations- und
Schlusswunschformeln beginnt und zusehends komplexere, emotionell
und intellektuell aufwendigere Themen aufgreift. Fest steht, dass sie der
Zisterzienser de Vepria mit stilistischem Interesse wie einen Briefsteller
ausgebeutet und damit vielleicht ‚missbraucht‘ hat. Doch bei genauerem
Hinsehen finden wir in seiner Vorlage etwas ganz anderes als eine Muster-
briefsammlung, nämlich vielmehr das, was GÉRARD GENETTE „Literatur
im zweiten Grad“, „Palimpsest“ oder „Pastiche“ nennt.45 Die Musterbrie-
fe der einstmals so pragmatischen ars dictaminis sind hier nur der Vorwand

44 BRUNI (Anm. 33), S.182 (Überschrift); VON MOOS, Die Epistolae (Anm. 1), S. 45-59 zu Bichi-
linus u. a. Liebesbrief-Theoretikern. Allgemein zum Thema „Liebeskunst“ und Literatur vgl.
z. B. PETER L. ALLEN: The Art of Love. Amatory Fiction form Ovid to the Romance of the
Rose, Philadelphia 1992; MICHÈLE GALLY: L’intelligence de l’amour d’Ovide à Dante. Arts
d’aimer et poésie au Moyen Âge, Paris 2005.
45 GÉRARD GENETTE: Palimpsestes, La littérature au second degré, Paris 1982. – MEWS,
(Anm.7), S. 64 wendet dagegen ein: „While individual love letters, written in Latin, were
sometimes included as models of style by theorists of prose composition in the later twelfth
and thirteenth centuries, the Epistolae duorum amantium testify to the practice of the art of
composition (ars dictaminis) already richly developed in the eleventh century before theorists
of the art sought to impose precise Ciceronian rules in epistolary manuals […]“ Grund-
sätzlich geht in der Tat jegliche literarische Praxis deren präzeptiven Theoretisierung voran,
und gerade die Regelkunst der frühen ars dictaminis ist gegenüber der hochentwickelten
Briefrhetorik der vorangehenden Zeit keine „Revolution“, sondern eine Fortsetzung auf
pragmatisch-einfacherem Niveau, wie ich dies selbst seit meiner Arbeit über einen der
größten mittelalterlichen Meister der Briefkunst, in ‚Hildebert von Lavardin 1056-1133‘
(Stuttgart 1965), immer wieder gegenüber einer verbreiteten Überschätzung der ars dictandi
vertreten habe (zuletzt wieder in ‚Briefkonventionen...‘ (Anm. 40), S. 185f.). Doch die Ent-
stehung dieser italienischen Kunstlehre im späten 11. Jahrhundert ist hier nicht das Thema,
sondern deren spätere intensive (nicht bloß „gelegentliche“) Spezialisierung auf den Lie-
besbrief (13.-14. Jh.) mit einer ganz eigenen und unverkennbaren Topik und Intertextua-
lität (s. dazu ausführlich Die Epistolae (Anm.1), S. 45ff.), von der im frühen 12. Jh. noch
nichts zu spüren ist. Diese seit rund 1200 zusehends autonom werdende Diskurstradition
der epistola amatoria macht uns die Unterscheidung von ‚echten‘, real ausgetauschten Briefen
und literarischen Fiktionen oder stilistischen ‚Fingerübungen‘ vor allem deshalb so schwer,
weil beides im Laufe der Zeit sich innerhalb einer Konvention oder Mode wechselseitig
beeinflusst hat. Aus der allgemeinen Weisheit über die zeitliche Prioriät der Praxis vor der
Theorie ist in unserem bestimmten Fall also kaum ein tragfähiges Argument zu gewinnen.
Viel eher ließe sich die Denkfigur umkehren: Der exzessive, oft beinahe phatische Manie-
rismus der Epistolae duorum amantium setzt schlichtere Vorformen in der ars dictaminis voraus.
Bevor ein l’art pour l’art sich entwickeln kann, muss es überhaupt erst einmal Kunst und
Kunstlehre geben.
42 Peter von Moos

oder das Substrat für deren literarische „mise en abîme“.46 Wenn in Brief
9 die Frau sich mit aller Inbrunst wünscht, eines Tages das Antlitz des ge-
liebten Mannes zu sehen, so ist anzunehmen, dass sich die beiden noch nie
körperlich begegnet sind und dass mulier ihren vir nur vom Hörensagen
kennt, d. h. wegen seiner Berühmtheit, wie dies der 50. Brief des Mannes
denn auch ausdrücklich sagt: Tu […] me ob aliquam bonam opinionem, quam de
me habuisti, me in tuam noticiam vocare dignata es.47 Dies erinnert wiederum
an den bereits erwähnten Liebesbriefwechsel Voir Dit des Guillaume de
Machaut, wo die jüngere Peronnelle die Initiative ergreift, dem ihr persön-
lich unbekannten und nur aus der fama bekannten Dichter und Musiker,
dem schon über sechzigjährigen Chorherrn von Reims, Liebesbriefe zu
schreiben.48 In beiden Fällen wird die Liebe durch die Schrift gespeist und
die Schrift durch die Liebe. Darum wird der Brief selbst in Nr. 69 unserer
Sammlung auch personifiziert: die Frau schickt ihn mit einer Du-Anrede
(in einem sog. ‚envoi‘) auf den Weg – Littera vade, meas et amico ferte querelas!
–, damit er den Geliebten dictaminis dulcedine für sie einnehme. Wenn sie ihn
so häufig magister nennt, so ist wohl kaum ein Lehrer irgendeines Schul-
fachs, sondern viel eher ein magister amoris, also ein Nachfahre Ovids ge-
meint.49 Dies verweist einmal mehr auf die Fiktion eines Briefwechsels, der
Liebe als Briefkunst und Briefkunst als Liebe lehrt. Bedenkt man die völli-
ge Profillosigkeit der mit M und V wie in einem Schuldialog abgekürzten
Briefschreiber, so kann man der Schlussfolgerung von MONIQUE GOULLET
bei einem Round Table-Gespräch über unsere Briefe nur zustimmen:
„Nichts zwingt uns,“ sagte sie, „in ihnen Menschen aus Fleisch und Blut

46 Etwa ein Jahrhundert nach der Exzerpt-Arbeit de Veprias komponierte der Humanist und
Bischof von Chalon-sur-Saône, Pontus de Tyard für König Heinrich III. eine vergleichbare
Kompilation von Mustertexten, die ebenso gut als Stilblütensammlung wie als Briefroman
gelesen werden konnten: Modèles de phrases suivis d’un recueil de modèles de lettres d’amour. Hrsg.
von JOHN C. LAPP, Chapel Hill 1967. Der Liebesbriefsteller erzählt in petrarkistischer Manier
die „péripécies d’une liaison secrète“ und folgt im Sinne der „recherche précieuse“ der
Spielregel (S. 21): „il n’y a point de si grand plaisir en l’amour que le discours.“ Als ein über-
lieferungsgeschichtliches Kuriosum sei erwähnt, dass sich die einzige Handschrift dieses
Texts (heute Bibl. Municipale Haguenau, Ms 2.11) bei der Auflösung der Klosterbiliotheken
nach der Französischen Revolution wie die Epistolae duorum amantium ebenfalls in Clairvaux
befand. Das Kloster des hl. Bernhard als spätmittelalterlich-frühneuzeitliches Liebesbrief-
archiv? (s. auch unten Anm. 54 zu anderer Liebesliteratur in den Bibliothekskatalogen.)
47 Die Übersetzung von CHIAVAROLI/MEWS (Anm. 5): „because of some good report you
heard about me, you also thought fit to invite me to make your acquaintance“, trifft diesen
Punkt besser als die von CESCUTTI/STEGER (Anm. 10): „Du warst auch so freundlich, mich
– aufgrund einer vielleicht guten Meinung, die du von mir hattest – ins Vertrauen zu ziehen.“
Dabei wird wiederum (s. oben Anm.10) die französische Übersetzung von PIRON ins Deut-
sche übertragen: „c’est peut-être parce que tu avais une bonne opinion de moi […]“
48 Hierzu bes. IMBS (Anm. 23), S. 26f.: „cette merveille d’un amour sans avoir vu“.
49 Vgl. VON MOOS, Die Epistolae…(Anm. 1), S. 37.
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 43

zu sehen, viel wahrscheinlicher sind es Papierwesen, ja sie bilden ein einzi-


ges Papierwesen, un seul être de papier.“50 Natürlich hatte dieses rein literari-
sche Wesen einen – individuellen oder kollektiven – Autor, aber ob wir ihn
je finden werden, ist eine andere Frage, auf die schon ZIOLKOWSKIs Auf-
satztitel spöttisch Bezug nimmt:51 „Lost and Not Yet Found“.
Einiges was in die Nähe, Umwelt, Epoche der Entstehung der Episto-
lae führen könnte, habe ich provisorisch in dem Aufsatz von 2003 zu-
sammengestellt. Ganz im Sinne der oben beschriebenen Differenzierung
von Echtheits- und Zuschreibungskritik habe ich dabei die Hypothese
von MEWS und JAEGER bewusst ignoriert und anstelle einer Widerlegung
versucht, ab ovo den fragmentarisch überlieferten Text der Handschrift
1452 von Troyes nach literaturwissenschaftlich-philologischen Kriterien
der Wahrscheinlichkeit einigen zeitlichen, geographischen, kulturellen
Kontexten oder Einflussbereichen zuzuordnen: insbesondere der Ars dic-
taminis, die seit dem Ende des 12. Jahrhunderts eine eigene Unterabtei-
lung für Liebesbriefe entwickelt, sowie dem seit Ende des 13. Jahrhun-
derts feststellbaren Synkretismus der Liebeskonzeptionen, der eine im
frühen 12. Jahrhundert noch undenkbare Sakralisierung der Erotik mög-

50 Unveröffentlichte ‚Table ronde‘ über die Epistolae duorum amantium vom 11. 2. 2005 an der
École Normale Supérieure in Paris, bei der unter dem Vorsitz von RUEDI IMBACH und MI-
CHEL ZINK über die Vorlagen der Befürworter C. MEWS, S. JAEGER und S. PIRON sowie der
Opponentin MONIQUE GOULLET diskutiert wurde. (Ich möchte letzterer Kollegin bestens
für die Präsentierung und Verteidigung meines Beitrags von 2003 danken, da ich an der
Teilnahme selber verhindert war.) In diesem Zusammenhang haben sich brieflich oder
mündlich PASCALE BOURGAIN, FRANÇOIS DOLBEAU, GUY LOBRICHON, JACQUES VERGER,
JEAN-YVES TILLIETTE, ANNE-MARIE TURCAN-VERKERK und MICHEL ZINK gegen die
Zuschreibung an Abaelard und Heloise geäußert. Dasselbe gilt von JACQUES LE GOFF, der
sich am 28.3.2005 in seiner Rundfunksendung „Les lundis de l’histoire“ auf France Culture
anlässlich des Buches von LOBRICHON (Anm. 16) entschieden dagegen ausgesprochen
hat. Wie über diese Tagung in der englischsprachigen Internet-Presse berichtet wurde, wirft
ein Licht auf eine neue Art von Sensations-Mediävistik. Ich zitiere nur eine Stelle von
CAROLINE BROTHERS (Reuters) vom 21.3.2005: „Two star-crossed medieval lovers, Abelard
and Heloise, are again stirring passions in France as a literary controversy rages nearly
900 years after their affair. At the heart of the drama is an obscure Latin text that some
scholars say contains the long lost love letters written by the ill-fated pair. Others say the
correspondence is fake. Translated for the first time into French, their publication this month
has revived the scandal and divided historians in France and abroad. Feelings ran high at a
seminar in Paris where believers tried to convince skeptics the attribution is right. ,I don’t think
everyone in the room was convinced,‘ said historian Sylvain Piron, who translated the cor-
respondence, after a long day’s debate on the subject. ,Some still believe it’s a faked or forged
collection.‘ “. Den Rest kann man, wenn man Lust hat, nachlesen auf http://news.yahoo.
com/news?tmpl=story&u=/nm/20050303/lf_nm/france_loveletters_dc_1 und http://
www.theage.com.au/articles/2005/03/04/1109700675545.html?oneclick=true
51 ZIOLKOWSKI (Anm. 5).
44 Peter von Moos

lich macht.52 Eine Datierung in die Zeit Abaelards schien mir nicht nur aus
solchen mehr kulturgeschichtlichen, für sich genommen gewiss diskutier-
baren,53 aber im Verband sich stützenden Gründen unmöglich, sondern
schon einfach aufgrund einer völlig anderen Technik des Satzrhythmus
(Cursus). Indizien für die Fiktionalität dieser späten Liebesbriefe, die sich
oft, aber nicht durchgehend nach Art eines Briefwechsels aufeinander be-
ziehen, sind allein schon das für das ganze Mittelalter und a fortiori für das
12. Jahrhundert ganz und gar einmalige Ausmaß der Sammlung sowie deut-
liche Spuren romanhafter Dramatisierung. Eigentliche, aber für die Öffent-
lichkeit bestimmte lateinische Privat-Briefwechsel sind erst aus der Zeit des
Frühhumanismus bekannt, was bei der an sich unwahrscheinlichen Annah-
me wirklich getauschter und überdies aufbewahrter, überlieferter und
schließlich durch de Vepria „veröffentlichter“ Liebesbriefe zwischen zwei
Personen, die Datierung erst recht hinaufzuschieben zwänge, etwa in die
Gegenwart des humanistisch orientierten und gerade für zeitgenössische
‚Curiosa‘ der Liebesliteratur interessierten Sammlers Johannes de Vepria,
über den leider noch viel zu wenig bekannt ist.54 Überhaupt möchte ich

52 PIRON, Lettres (Anm. 9), S. 216f. scheint den von KURT FLASCH stammenden Begriff „sä-
kulare Religion der Liebe“ in meinem Titel als ironisch missverstanden zu haben. Ich habe
in keiner Weise eine unernste oder gar frivole intentio operis angenommen, sondern im Ge-
genteil die Heiligung des Eros im Sinne Dantes oder des „dolce stil nuovo“ betont und da-
rum JAEGERs Bezeichnung „ennobling love“ für diese Briefe (unabhängig von jeder Zu-
schreibung) durchaus gutgeheißen (2003, S. 47 und Anm. 227; S. 97 und Anm. 292). Mit
Bezug auf Guillaume de Machauts Voir-dit spricht auch IMBS (Anm. 23), S. 28f. von einer
„émotivité de teinture nettement religieuse“; „une certaine forme de religiosité profane si
l’on peut dire“; „la persistante forme de syncrétisme entre la tradition judéo-chrétienne, qui
est un fait de civilisation, et des pans entiers de mythologie païenne qui procèdent de la
culture acquise à l’école du grammairien.“
53 MEWS insistiert in seinem z. T. als Antwort auf meinen Aufsatz Die Epistolae (Anm.1) ver-
fassten „Postscript“ (Anm. 9) hauptsächlich auf einer anderen Abfolge der Liebeskonzep-
tionen vom 11. bis zum 14. Jh. Auf die mehr philosophiegeschichtliche als philologische
Argumentation kann ich in diesem der Medialität des Liebesdiskurses gewidmeten Rahmen
nicht eingehen, hoffe aber bei anderer Gelegenheit darauf zurückzukommen. Ich denke
heute, dass wir beide, CONSTANT MEWS und ich, dem Text mehr ideengeschichtliches Ge-
wicht gegeben haben, als einem derart manieristisch ambitionierten Werk überhaupt zu-
kommt. Es geht um ein Problem methodischer Verhältnismäßigkeit.
54 Vgl. KÖNSGEN (Anm.3), S. XX-XXXIII und MEWS, The Lost Love Letters (Anm. 5), S. 8-11.
ROLF KÖHN hat eine umfassende Studie über das Profil und die Interessen dieses „Anti-
quars“ geplant, über deren aktuellen Stand ich nicht informiert bin. Dabei wollte er sämtliche
von de Vepria abgeschriebenen Handschriften (neben der schon von KÖNSGEN beschriebe-
nen Troyes 1452 auch Troyes 2139; 2471, fol.6-86; auch Troyes 1266 und 1306, fol. 61-106)
sowie die beiden Bibliothekskataloge von Clairvaux von 1472 und ca. 1521 untersuchen, aus
deren Vergleich der Zuwachs an humanistischen Codices und Inkunabeln während der Ak-
tivität de Veprias im Skriptorium hervorgeht. Vgl. ANDRÉ VERNET/JEAN-FRANÇOIS GE-
NEST: La bibliothèque de Clairvaux du XIIe au XVIIIe siècle, I. Catalogues et répertoires,
Paris 1979; ANDRÉ VERNET: Un abbé de Clairvaux bibliophile: Pierre de Virey. In: Scripto-
rium 6 (1952), S. 76-88, hier S. 85 und Anm. 68. Aufgrund dieser Vorarbeiten steht schon
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 45

nochmals betonen, dass ich diese meine Arbeit an den Epistolae duorum
amantium nur als einen Anfang verstehe, der die Dringlichkeit weiterer har-
ter Forschung (im Unterschied zu leichtverkäuflichen Vulgarisationen) mit
einigen methodologischen Leitlinien hervorstreichen wollte. So scheint mir
die genauere Datierung dieser Briefe nach etwa 1180 und vor 1471 heute
noch weitgehend offen, auch wenn ich Argumente für verschiedene Zeiten
versuchsweise zur Diskussion gestellt habe. Dabei darf ich, wo nicht als
Beweis, so doch als operationelles Prinzip mindestens eines festhalten: Je
später wir die Entstehung ansetzen, desto weniger Rätsel gibt das Werk
dem Kenner der Diskurstraditionen auf. Am allerwenigsten war es meine
Absicht, eine Fahndung nach anderen Zuschreibungskandidaten an Stelle
des so ‚nahe liegenden‘ Liebespaars Heloise und Abaelard zu veranstalten
und gar eine nominelle Gegenthese aufzustellen.55
Die Hauptsache ist, dass die Epistolae duorum amantium nach dem derzei-
tigen mediävistischen Konsens einer maior et sanior pars solange nicht als
Liebesbriefe Heloises und Abaelards gelten können und somit anonym
bleiben müssen, als keine überzeugenderen Argumente für ihre Verfasser-
schaft als die bisherigen vorgebracht werden. Wirklich unwiderleglich wäre
auf diesem Gebiet nur ein neuer Handschriftenfund der Epistolae (oder

fest, dass de Vepria sich nicht nur von Amtes wegen für mittelalterliche und monastische
Texte interessierte, sondern sich wohl aus privaten Vorlieben auch stark für die Überliefe-
rung von Ovidiana (Flores aus Ovids De amore, Ovidius moralisatus; s. KÖNSGEN (Anm. 3), S.
XXV) und der lateinischen Literatur des Trecento (Petrarca) und des Quattrocento (Enea
Silvio Piccolomini) einsetzte. Nach VERNETs Einleitung zur Edition der Bibliothekskataloge
findet sich der Besitzvermerk de Veprias u. a. auf Inkunabeln und Frühdrucken von Terenz,
Sueton, Polizian, Leonardo Bruni. Von Bedeutung ist auch, dass der frühere Katalog von
1472 kein einziges Werk von Abaelard verzeichnet; erst der spätere von ca. 1521 enthält
dessen Brief X (ed. SMITS) an Bernhard von Clairvaux (über das Vaterunser) und sonst
nichts. Auch der berühmte Codex Troyes 802 mit den Parakletbriefen stammt bekanntlich
nicht aus Clairvaux, wo sich offenbar niemand, nicht einmal ein so eifriger Sammler wie de
Vepria für Abaelard und Heloise interessierte. Nach dem Katalog von 1472 zu urteilen, gab
es in Clairvaux als Vorlagen weder die Epistolae duorum amantium, noch die Cicero-Exzerpte,
noch die (von de Vepria übrigens vollständig abgeschriebenen) Briefformulare des Carolus
Virolus; sie mussten vielmehr aus anderen Bibliotheken besorgt werden (vielleicht aus Paris,
wo sich der damalige Abt des Klosters, Pierre de Virey längere Zeit aufhielt, s. oben VER-
NET). Umgekehrt enthält der Katalog von 1521 Werke von Filippo Beroaldo d. Ä. (der auch
ein De duobus amantibus verfasst hat); das Bucolicon carmen ad Pium papam (wohl Enea Silvio)
eines Paraclitus Cornetanus, anonyme Texte wie Corone amantium tractatus, Cantica canticorum
prosaice, Matthaeus von Vendôme, De arte metrificandi, einen anonymen Dialogus senis et juvenis
de amore disputantibus, mehrfach das De remedio amoris von Enea Sivio Piccolomini und derglei-
chen Raritäten, die vielleicht Indizien für die Bestimmung der Epistolae enthalten. Damit sei
nur kurz angedeutet, wie viel ernsthafte Identifikationsarbeit auf diesem Feld gerade auch
in kodikologischer Hinsicht noch ansteht.
55 Wie mir dies PIRON (Anm. 9), S. 216f. unterstellt, um das Scheitern dieser vermeintlichen
„contre-expertise“ zu betonen.
46 Peter von Moos

einzelner Briefe daraus) mit einer mittelalterlichen Zuschreibung oder die


Entdeckung eines unanfechtbaren Zitats aus einem sicher erst nach Abae-
lard und Heloise verfassten Werk,56 (Um Missverständnissen vorzubeugen,
sei unterstrichen, dass der Umkehrschluss vom Fehlen bestimmter später
Quellen auf eine Frühdatierung ein argumentum e silentio ohne irgendwelche
Beweiskraft wäre.57) Da solche Entdeckungen nahezu an Wunder grenzen,

56 DRONKE (Anm. 6) hat neuerdings ein unzweifelhaftes wörtliches Zitat aus der elegischen
Komödie De nuncio sagaci bzw. Ovidius puellarum in Ep. 84 (Mulier) entdeckt: Sperabam me curis
finem posuisse futuris. Da sich dieser immerhin signifikante Vers 2 (der gewissermaßen noch
zum zum ‚Incipit‘ der Dichtung gehört) auch im 10. Tegernseer Liebesbrief (jetzt ed. H.
PLECHL, MGH Epistolae, Die Briefe der deutschen Kaiserzeit 8, Hannover 2002) findet,
macht DRONKE daraus ein Argument für die Herkunft unserer Epistolae aus dem Bayern des
späteren 12. Jhs. Diese interessante milieumäßige Zuschreibung müsste an anderer Stelle
diskutiert werden, doch die Datierung des Pseudo-Ovidianums könnte – wäre sie nur sicher!
– einen terminus post quem für unsere Epistolae abgeben. Anstelle der älteren Datierung des
Ovidius puellarum ins 11. Jh. wurde nämlich in letzter Zeit die erste Hälfte des 12. Jhs. vorge-
schlagen (frühester Zitat-Beleg im Policraticus Johanns von Salisbury 1159, s. unten ROSSET-
TI). Wie immer dem sei, zu einem Erfolgswerk des Triviums dürfte die Komödie nicht vor
der zweiten Hälfte des 12. Jhs. geworden sein. So oder so ist zu bedenken, dass der Ovidius
puellarum zusammen mit dem Pamphilus und anderen Pseudo-Ovidiana zum Grundbestand
sowohl der italienischen Liebes-dictamina des 13. Jhs. als auch der Schulübungen des Anfän-
gerunterrichts im 14. Jh. gehört, wie etwa noch der Frühhumanist Sicco Polenton in einem
autobiographischen Rückblick vermerkt (s. BRUNI unten). Vgl. De nuncio sagaci. Hrsg. von G.
ROSSETTI (Commedie latine del XII e XIII secolo 2), Genova 1980 mit ausführlicher Einlei-
tung zur Wirkungsgeschichte; ein Petrus von Vinea fälschlich zugeschriebenes Liebesgedicht
Cum plurima sint tempora transcursa als sog. „Versus cum auctoritate“ aus dem Pamphilus, Hs.
Reims 1275, fol. 35rb-vb, Nr. 27. Hrsg. von A. HUILLARD-BRÉHOLLES, Pierre de la Vigne,
Paris 1865, S. 417-421 (zum möglichen Einfluss auf unsere Liebesbriefe s. von MOOS 2003,
Anm. 63); FRANCESCO BRUNI: Testi e chierici del medioevo, Genova 1991, S. 274-277 zur
Lebendigkeit des mittelalterlichen Pseudo-Ovid in den frühhumanistischen Kreisen bis Boc-
caccio. Die nun feststehende Benützung des Ovidius puellarum kann also höchstens als mög-
licher terminus post quem, keinesfalls aber als Datierungsindiz für das 12. Jh. dienen.
57 So wenden PIRON, Enquête (Anm. 9), S. 194 und, ihm folgend, MEWS, (Anm. 7), S. 64 gegen
eine Spätdatierung der Epistolae ein, dass darin die aristotelische Ethik nicht zitiert werde.
Das Argument wäre selbst dann nicht zwingend, wenn wir es mit philosophischen Texten
zu tun hätten; doch in Liebesbriefen und Liebeslyrik sind eigentliche Zitate aus der Nikoma-
chischen Ethik selbst nach 1250 allein schon aus Gattungs- oder Diskursgründen nicht zu
erwarten. Finden sie sich etwa in Petrarcas Canzoniere? Wenn Cicero neben Ovid in den
Epistolae als Autorität der Liebe erscheint, so liegt dies durchaus in derselben, schon durch
die Accessus ad auctores festgelegten schulliterarisch-rhetorischen Diskurstradition, die in der
ars dictaminis weiterlebt. Sucht man hingegen nicht nach Zitaten im philologischen Sinn,
sondern nach Denktraditionen, so dürfte ein Hauptmotiv der Epistolae, die Anwendung der
Freundschaftsideale auf die (treue) geschlechtliche Liebe durchaus mit der aristotelischen
Ethik (z.B. EN VIII 14) übereinstimmen; vg. hierzu RÜDIGER SCHNELL: Sexualität und Emo-
tionalität in der vormodernen Ehe, Köln u. a.. 2002. S. 173-200 und FRANCESCO BRUNI:
Boccaccio. L’invenzione della letteratura mezzana, Bologna 1990. S. 131-135. Allerdings
bleibt auch hier die in Anm. 53 ausgesprochene Warnung zu beherzigen.
Vom Nutzen der Philologie für den Umgang mit anonymen Liebesbriefen 47

werden wir wohl noch lange warten müssen, bis diese Liebesbriefe aus dem
Limbus der Anonymität erlöst werden. Aber da sie sich dort in bester Ge-
sellschaft befinden, besteht für uns kein Grund, an irgend einem „horror
vacui“ zu leiden.58

58 Damit antworte ich auf den vorletzten Satz von PIRONs „Enquête sur un texte“ (Anm. 9),
S. 217, der nochmals eine sehr kühne ‚Umkehr der Beweislast‘ enthält: „[…] cette proposi-
tion peut être considérée comme valable tant qu’elle n’aura pas été réfutée. Pour l’instant, et
peut-être pour longtemps, nous pouvons estimer que l’attribution des Lettres à Héloïse et
Abélard est acquise.“ Gleichzeitig beantworte ich damit dankbar und erheitert einen freund-
lichen Brief von EWALD KÖNSGEN, der mir schrieb, er würde sich aufrichtig freuen, wenn
gegen die Autorschaft Abaelards und Heloises eines Tages nicht nur „plausible Argumente“,
sondern sogar „Beweise“ gefunden werden könnten. Solange letztere als Adynata gelten
dürfen, bleiben einstweilen eben nur die ersteren.
STEPHAN MÜLLER

Sprechende Bücher – verschwundene Schrift


Probleme und Praktiken der Kodifizierung von Intimität in der
Volkssprache im Früh- und Hochmittelalter. Zugleich eine
These zur Spätüberlieferung des Minnesangs

1. Problemkonstellation
Die Schrift ist im Früh- und beginnenden Hochmittelalter ein exklusives
Medium. Sie ist Teil institutioneller und funktionaler Zusammenhänge zu-
erst der klösterlichen und dann zunehmend auch der Kultur der frühen
Fürstenhöfe.1 Die Produktion und Rezeption von Schrift ist tendenziell
gebunden an Situationen der Gemeinsamkeit und Öffentlichkeit und in
dieser Form kaum ein Medium, dem man Persönliches oder gar Intimes
anvertraut; das ändert sich erst auf dem Weg hinein in die Neuzeit. Jenes
prekäre Potential, vor dem Rousseau die Leserinnen seiner Nouvelle Héloïse
mit einem Augenzwinkern warnt,2 wenn er betont, dass sie zu verlorenen
Mädchen, zur „fille perdue“ zu werden drohen, wenn sie nur eine einzige
Seite, „une seule page“, des Romans zu lesen wagen, ist der Schriftkultur
des frühen Mittelalters fremd. Das jeder sozialen Kontrolle entzogene Al-
leinsein mit der Schrift, die Träne, die das Tagebuch benetzt, der Roman,
der das einsame Herz zum Entflammen bringt, all das kannte das frühe
Mittelalter nicht. Aus diesem Grund sind aus dieser Zeit einerseits Spuren
individueller Schreib- und Lesepraxis selten und kommen andererseits In-

1 Über deren Schriftproduktion man allerdings nur sehr wenig sagen kann. S. dazu TIMO
REUVEKAMP-FELBER: Volkssprache zwischen Stift und Hof. Hofgeistliche in Literatur und
Gesellschaft des 12. und 13. Jahrhunderts, Köln, Weimar, Wien 2003 (Kölner Germanis-
tische Studien N. F. 4).
2 JEAN-JACQUES ROUSSEAU: La nouvelle Héloïse. Éditions Gallimard 1964 (Œuvres complètes II.
Édition publiée sous la direction de BERNARD GAGNEBIN et MARCEL RAYMOND), S. 6. Au-
genzwinkernd deshalb, da ROUSSEAU seine Warnung insofern modifiziert, dass jene Mäd-
chen, die bereits zu Lesen begonnen hätten, ruhig weiterlesen können, denn „elle n’a plus
rien à risquer“.
50 Stephan Müller

halte, die einer dominant monastischen Schriftkultur zuwiderlaufen, nur als


Ausnahmen aufs Pergament. So sind wir etwa über eine Tradition weltli-
cher Liebeslieder so gut wie ausschließlich durch sekundäre Zeugnisse un-
terrichtet. Deutlich etwa durch Verbotsklauseln in frühmittelalterlichen
Kapitularien, wobei besonders das Verbot von winileodos in einem Kapitular
aus dem Jahr 789 für einiges Aufsehen in der Forschung gesorgt hat.3 Dass
es sich dabei auch um eine volkssprachige Tradition handelt, macht die
deutschsprachige Gattungsbezeichnung deutlich, die lateinisch mit barbara
carmina oder cantica rustica glossiert wird.4 Eine solche mündliche Tradition
erotischer Texte war das Mittelalter hindurch lebendig und schlägt sich
beispielsweise in der Bamberger Beichte als huorliede5 im Sündenkatalog nieder
und aus dieser Tradition stammen wohl auch die volkssprachigen Teile der
Carmina Burana. In späterer Zeit steht diese Tradition in Konkurrenz zur
literarischen höfischen Liebeslyrik, in der Frühzeit dagegen steht sie ganz
außerhalb jenes kulturellen Bereiches, der Eingang in die Sphäre der Schrift-
lichkeit fand. Was wir an schriftlichen Spuren dieser mündlichen Tradition
besitzen, sind also Ausnahmefälle, die alles andere als voraussetzungsfrei
entstehen, und genau um diese Voraussetzungen soll es im Folgenden ge-
hen. Um näheres darüber zu erfahren, gehe ich zunächst strikt vom Über-
lieferungsbefund aus. Ich untersuche dabei in einem ersten Schritt die
volkssprachigen Zeugnisse des Frühmittelalters, die entweder in Zusam-
menhang der oben genannten Liedtradition stehen, oder die als individu-
eller Ausdruck von ‚Intimität‘ gewertet werden können. In einem zweiten
Schritt gehe ich dann auf die Situation im 12. und 13. Jahrhundert ein.

2. Das Frühmittelalter
Ein Beispiel ist der sogenannte Kicila-Vers. Er gehört nicht in den Bereich
einer wie auch immer gearteten Liebeslyrik, sondern ist eine scheinbar in-
dividuelle Aussage über eine schöne Frau und zwar, was den Eintrag für
uns interessant macht, über eine lesende Frau. Er findet sich in der Heidel-
berger Handschrift von Otfrids Evangelienbuch (Cod. Pal. lat 52) und wur-

3 MGH Legum Sectio II. Capitularia Regum Francorum, Tom. I. Hrsg. von ALFRED BORE-
TIUS, Hannover 1883, S. 62-64, Nr. 19.
4 Zu diesem Komplex s. CYRIL EDWARDS: winileodos? Zu Nonnen, Zensur und den Spuren der
althochdeutschen Liebeslyrik. In: Theodisca. Zur Stellung der althochdeutschen und altnie-
derdeutschen Sprache und Literatur in der Kultur des frühen Mittelalters. Hrsg. von WOLF-
GANG HAUBRICHS u. a., Berlin, New York 2000 (Ergänzungsbände zum Reallexikon der
Germanischen Altertumskunde 22), S. 189-206, hier S. 190.
5 ELIAS VON STEINMEYER: Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler, Berlin 1916
(ND 1971), Nr. 28, S. 146, Z. 37.
Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 51

Abb. 1: Hirsch und Hinde (Brüssel, Bibliothèque Royale Albert Ier, cod. 8860-8867,
fol. 15v)

de wohl in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts mit einem stumpfen
Griffel, also ohne Tinte, ins Pergament eingedrückt. Eine gewisse Promi-
nenz genießt der Spruch deshalb, weil man hinter der Frau eine Kaiserin
vermutete: Kicila diu scona min filu las, „die schöne Gisela las oft in mir“,
lautet er und man dachte an die Kaiserin Gisela, die Gattin Konrads II., die
für ihr Interesse an deutschen Texten bekannt und für den möglichen
Diebstahl von Notkers Psalter und dessen Moralia-Bearbeitung berüchtigt
ist.6 Aber diese Idee ist wohl zu schön, um wahr zu sein. Zwar konnte man
das intervokalische c mit Mühe noch als Spirans auffassen, denn normaler-
weise würde man es als Affrikat lesen, seit VOLKER SCHUPP und JOHANNA
AUTENRIETH jedoch das K in Kicila als unziales H identifiziert haben, wissen
wir, dass das Buch über eine Frau mit dem gängigen Namen Hicila spricht.7
Für unser Anliegen ist das allerdings unerheblich. Wichtig sind dagegen
zwei Feststellungen: Erstens, der Eintrag ist als Griffeleintrag schwer zu
finden, er verbirgt sich förmlich am Blattrand und zweitens spricht hier ein
Buch. Die Erste Person Singular ist der Codex selbst und es ist das erste
deutsch sprechende Buch überhaupt.8
Den zweiten Fall kennt man unter dem Titel Hirsch und Hinde (s. Abb. 1).
Der Text findet sich auf dem Rand einer Brüsseler Handschrift:9 Hirez
runeta hintun in daz ora: ‚uuildu noh, hinta?‘ („Der Hirsch raunte der Hinde in
das Ohr: ‚Willst du noch, Hinde?‘“). Der Randeintrag aus dem 11. Jahrhun-
dert steht in Zusammenhang mit einem volkstümlichen Ritual, das sich bis
in die Neuzeit gehalten hat. Es handelt sich dabei um einen Neujahrs-
brauch, das cervulum facere („den Hirsch machen“), gegen das sich im 6. Jahr-

6 Vgl. STEPHAN MÜLLER: 1027, August: Monastic Scriptoria. In: A New History of German
Literature. Hrsg. von DAVID E. WELLBERY, Cambridge/Mass, London 2004, S. 28-33.
7 VOLKER SCHUPP: Die Hilfe der Kodikologie beim Verständnis althochdeutscher Texte. In:
Freiburger Universitätsblätter 136 (Juni 1997), S. 57-77, bes. S. 76f.
8 RUDOLF SCHÜTZEICHEL: Cod. Pal. lat. 52. Studien zur Heidelberger Otfridhandschrift, zum
Kicila-Vers und zum Georgslied, Göttingen 1982 (Abhandlungen der Akademie der Wis-
senschaften in Göttingen, phil.-hist. Klasse. Dritte Folge 130), S. 49-51.
9 UTE SCHWAB: Das althochdeutsche Lied ‚Hirsch und Hinde‘ in seiner lateinischen Umge-
bung. In: Latein und Volkssprache im deutschen Mittelalter 1100-1500. Hrsg. von NIKOLAUS
HENKEL/NIGEL F. PALMER, Tübingen 1992, S. 74-122.
52 Stephan Müller

Abb. 2: Spinnwirtelspruch (St. Gallen, SB cod. 105, Bl. 1)

hundert schon Caesarius von Arles richtet, wenn er jene kritisiert, die „die
höchst schmutzige Schändlichkeit mit der Hinde und dem Hirsch betrei-
ben“.10 Auch eine in Pforzen aufgefundene Runeninschrift scheint sich
gegen diese Sitte auszusprechen, indem sie zwei Personen dem elahu, dem
Elch, abschwören lässt.11 Der wahrscheinlich ein Tanzritual begleitende
Text ist in der Handschrift umrahmt von lateinischen Sentenzen, die – und
darauf kommt es an – wie der deutsche Satz mit Neumen versehen sind.
Es geht hier also nicht nur um den Text, sondern auch um die Überliefe-
rung der Melodie, nicht nur um Wort, sondern auch um Weise und das im
Kontext einer lateinischen Umgebung. Das ist kein Einzelfall: Es ist eine
wenig beachtete Tatsache, dass viele althochdeutsche Kleintexte mit Neu-
men überliefert sind. Ich nenne neben noch zu besprechenden Beispielen
das Petruslied 12 und den sogenannten St. Galler Spottvers, der von einer miss-
glückten Verlobung erzählt.13 Überhaupt gibt es gute Zeugnisse dafür, dass
es bei der Erhaltung von Vortragstexten oft mehr um die Melodie und
weniger um den Wortlaut ging. Beleg dafür ist auch die Übersetzung von
Ratperts Galluslied durch Ekkehard IV., die in allen Handschriften mit Neu-
men versehen ist, so dass sie uns die Melodie, nicht aber den Wortlaut des
althochdeutschen Werkes zu erhalten sucht.14 Der Inhalt von Hirsch und
Hinde scheint sich – zusätzlich gedeckt von den benachbarten lateinischen
Sentenzen – hinter der Neumierung förmlich zu verbergen.
Auch das nächste Beispiel ist neumiert, indes auf eine ganz und gar
seltsame Weise: Früher hat man den auf um 900 datierten Randeintrag zur
Gruppe der St. Galler Spottverse gezählt, jetzt firmiert er – besser, aber auch
noch nicht ganz passend – als Spinnwirtelspruch (s. Abb. 2):15 veru – taz ist spiz.

10 Dazu SCHWAB (Anm. 9), S. 93 mit weiteren Belegen.


11 KLAUS DÜWEL: Zur Runeninschrift auf der silbernen Schnalle von Pforzen. In: Historische
Sprachforschung 110 (1997), S. 281-291.
12 HELMUT LOMNITZER. In: ²VL 7 (1989), Sp. 521-525.
13 STEFAN SONDEREGGER. In: ²VL 2 (1980), Sp. 1051-1053.
14 FIDEL RÄDLE. In: ²VL 7 (1989), Sp. 1032-1035.
15 WOLFGANG HAUBRICHS: Veru- taz ist spiz. Ein ‚Spinnwirtelspruch‘ im Sangallensis 105?. In:
Lingua Germanica. Studien zur deutschen Philologie. Jochen Splett zum 60. Geburtstag.
Hrsg. von E. SCHMITSDORF u. a., Münster u. a. 1998, S. 23-31.
Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 53

taz santa tir tin fredel ce minnon. Man hat vor allem am ersten Wort gerätselt
und für veru Übersetzungen wie „Oh Weh“ oder „Wahrlich“ vorgeschlagen.
Inzwischen darf man sich aber sicher sein, dass es sich um ein romanisches
Wort handelt, das wie das folgende deutsche Wort „spitz“ bedeutet, so dass
zu übersetzen ist: „veru [romanisch], das heißt spitz, das sandte dir dein
Freund aus Liebe“. Der Text schließt sich dabei an eine volkstümliche
Tradition an, für seine Geliebte auf einen spitzen Gegenstand etwas einzu-
ritzen. Bezeugt sind solche Ritzungen auf Spinnwirteln und ähnlichen Ge-
genständen. Für die vorliegende Untersuchung kommt es darauf an, zu
betonen, dass der Text in einer Handschrift steht, und dass die erste Zeile
sich an die monastisch-gelehrte Praxis der Glossierung anschließt; wobei
die romanisch-deutsche Glossierung auf den Bereich der Spracharbeit in
der Kontaktzone von Romania und Germania verweist und damit etwa in
der Tradition der sogenannten ‚Gesprächsbüchlein‘ steht. Der fredel, der
Geliebte, schickt seiner Freundin also eine Glosse und holt damit die ge-
nannte volkstümliche Tradition der eingeritzten Sprüche, die außerhalb der
Handschriftenkultur existierte, in den Raum eines Codex herein. So steht
auf dem Pergamentrand eine amouröse Glosse, die, wenn auch recht lose,
mit Neumen versehen ist und es scheint mir, dass es bei diesen Neumen
nicht um die Überlieferung einer Melodie geht, sondern vielmehr der Ver-
such vorliegt, vom frechen Inhalt der Glossierung abzulenken. Recht fa-
denscheinig decken die Neumen auch diesen Text, der zusätzlich im Ge-
wand eines gelehrten oder zumindest in den Bereich der Schulpraxis ver-
weisenden Eintrags daherkommt.
Das nächste Beispiel führt nun in den engeren Bereich der Liebeslyrik:
Es ist das Gedicht, das unter dem Titel Kleriker und Nonne Teil der Cam-
bridger Liederhandschrift16 aus dem 11. Jahrhundert ist, oder – eigentlich
korrekter – war (s. Abb. 3). Es ist nicht das einzige deutsche Stück der
Handschrift, die bei den Germanisten besonders als Trägerin des deutsch-
lateinischen De Heinrico17 bekannt ist. Anders als dieses ist das Liebeslied
jedoch in der Handschrift radiert und wurde überdies in der Neuzeit mit
Reagenzien behandelt, so dass man über den Inhalt nur folgendes sagen
kann: Sicher ist, dass eine Nonne auftritt, der Kleriker dagegen ist schon
unsicher, es könnte sich auch um einen Weltlichen handeln. Sicher scheint
auch zu sein, dass es sich um ein Dialoglied handelt, das in der Tradition
des‚Verführungsliedes‘ steht, da es neben dem auch anderwärts überliefer-
ten lateinischen „Komm mein süßer Freund“ steht, das ebenfalls den Ein-
satz des Schabeisens provozierte. Es muss unklar bleiben, ob die Nonne
dem Liebeswerben nachgab, aber der Einsatz des lunellarium spricht eher für

16 KARL LANGOSCH. In: ²VL 1 (1978), Sp. 1186-1192.


17 DAVID MCLINTOCK. In: ²VL 3 (1981), Sp. 928-931.
54 Stephan Müller

Abb. 3: Kleriker und Nonne (Cambridge, UB cod. Gg 5.35, fol. 438v)


Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 55

den Erfolg der Werbung. Dieser Text ist also eingebunden in eine lateinische
Überlieferungstradition, doch der Liebestext hat – anders als das politische
Lied De Heinrico – seinen Schritt hinein in die Schriftlichkeit nicht überlebt
und wurde im Konvoi der lateinischen Textreihe aufgespürt und getilgt.
Das letzte Beispiel ist der bekannte Tegernseer Liebesbrief, der uns nun
chronologisch in das 12. Jahrhundert führt; also in die Zeit der Entstehung
der volkssprachigen höfischen Liebeslyrik, die allerdings erst viel später
den Einzug in die Handschriften gefunden hat. Es ist das allbekannte: du
bist min, ich bin din,18 das den Schluss eines lateinischen Briefes bildet, also
wie Kleriker und Nonne Teil einer gängigen lateinischen Überlieferungspraxis
ist, in dieser Position indes, anders als der deftigere Cambridger Vergleichs-
fall, in seiner ja bis heute hinreißenden Schlichtheit überlebt hat.
Überblicken wir diese fünf Fälle, so lässt sich festhalten, dass deutsche
Texte über die Liebe oder allgemeiner über individuelle intime Gefühle es in
der Handschriftenkultur des Frühmittelalters ganz offensichtlich nicht leicht
hatten und nur mit Mühe einen Platz auf dem Pergament fanden: Versteckt,
nahezu unsichtbar wie der Hicila-Vers. Als Melodien neumiert, wie Hirsch und
Hinde, oder auch – so meine These für den Spinnwirtelspruch – nur scheinbar
neumiert. Eingelassen in Formen lateinischer Schriftpraxis wie der Spinnwir-
telspruch, Kleriker und Nonne und das ich bin din der Tegernseer Briefsamm-
lung.19 Stets waren also jene volkssprachigen Texte, die im weiten Zusam-
menhang mit einem Diskurs über Liebe und Intimität stehen, gefährdet und
deutlich Fremdlinge in der Codex-Kultur des frühen Mittelalters und im Fall
der Cambridger Liederhandschrift griff man sogar zum Messer.

3. Das 12. und 13. Jahrhundert


Dies sollte, so möchte man glauben, im 12. Jahrhundert anders werden,
also zu jenen Zeiten, in denen die deutschsprachige höfische Liebeslyrik,
der Minnesang, entsteht. Doch diese Erwartung wird durch die Überliefe-
rung nicht gedeckt. Auch in der höfischen Lyriküberlieferung wird eine
Reserviertheit im Bezug auf das Thema ‚Liebe‘ zu beobachten sein und
dies – so die These – einerseits aus thematischen und andererseits aus
pragmatischen Gründen.
Thematisch, da wir es ganz offensichtlich nicht mit einem generellen
Fehlen früher Lyrikaufzeichnung zu tun haben, nur spielt in dieser das
Thema ‚Liebe‘ keine große Rolle. So stehen die ältesten Zeugnisse in

18 FRANZ JOSEF WORSTBROCK. In: ²VL 9 (1995), Sp. 671-673.


19 Zu erwähnen sind hier noch die volkssprachigen Einsprengsel im Ruodlieb, die allerdings
keinen in sich geschlossenen deutschen Text ergeben.
56 Stephan Müller

Minnsangs Frühling, die ‚Namenlosen Lieder‘ I bis V, unter der treffenden


Überschrift „Weisheits- und Zeitlyrik“20 und der noch im 12. Jahrhundert
aufgezeichnete Leich Heinrichs von Rugge21 sagt über das Thema ‚Minne‘
ebenso wenig wie die frühen Sangspruchfragmente in einer ehemals Berli-
ner Handschrift.22 Wie bei den Zeugnissen des Frühmittelalters bietet für
die mündliche Liedtradition nur der lateinische Überlieferungskontext der
Carmina Burana23 eine frühe Ausnahmeposition, in der einige volkssprachige
Liebeslieder auf uns gekommen sind. Alles, was zum engeren Corpus des
Minnesangs als höfischer Liebeslyrik gehört, kommt sehr spät im 13. Jahr-
hundert aufs Pergament24 und findet seinen prominenten Ort in der Schrift-
lichkeit erst in den großen mittelhochdeutschen Liederhandschriften.25
Aber eine rein thematische Begründung würde wohl zu kurz greifen, denn
das Thema ‚Liebe‘ ist in der deutschsprachigen Überlieferungstradition um
1200 durchaus nicht ausgespart. Für früh aufgezeichnete laikale Liebestexte
stehen die Überlieferung von Eilharts Tristrant 26 und des Trierer Floyris,27 die

20 Lied I-III: Zürich, Zentralbibliothek, Ms. C 58, „wohl Ende des 12. Jahrhunderts“ (KARIN
SCHNEIDER: Gotische Schriften in deutscher Sprache. I. Vom späten 12. Jahrhundert bis
um 1300. Textband, Wiesbaden 1987, S. 63); Lied IV: Wien, ÖNB, cod. 160, fol. 100v, spätes
12. Jahrhundert (Des Minnesangs Frühling. Hrsg. von. HUGO MOSER/HELMUT TER-
VOOREN, Stuttgart 381988, S. 16) und Lied V: München, BSB, Cgm 5249/42a, um 1200 oder
Anfang 13. Jahrhundert (KARIN SCHNEIDER: Die Fragmente mittelalterlicher deutscher
Versdichtung der Bayerischen Staatsbibliothek München [Cgm 5249/1-79], Stuttgart 1996
(ZfdA. Beiheft 1), S. 70).
21 München, BSB, Clm 4570, kurz nach 1190 (ERICH PETZET/OTTO GLAUNING: Deutsche
Schrifttafeln des IX. bis XVI. Jahrhunderts aus Handschriften der Königlichen Hof- und
Staatsbibliothek in München. III. Abteilung, München 1912 (ND 1975), Tafel 24).
22 Krakau, Bibl. Jagielloľska, Berol. mgq 1418. Anfang des 13. Jahrhunderts (FRANZ-JOSEF
HOLZNAGEL: Wege in die Schriftlichkeit. Untersuchungen und Materialien zur Überlieferung
der mittelhochdeutschen Lyrik, Tübingen, Basel 1995 (Bibliotheca Germanica 32), S. 23).
23 GÜNTER BERNDT. In: ²VL 1 (1978), Sp. 1179-1186.
24 Als frühester Zeuge kann wohl das Morungen-Fragment aus Kremsmünster (Stiftsbibl., Cod.
248, Bl. 237v) gelten, wobei die Datierung „2. Viertel des 13. Jhs.“ (Minnesangs Frühling (Anm.
20), S. 469) eher Richtung Jahrhundertmitte (oder auch kurz danach) zu verstehen sein dürfte.
25 S. dazu HOLZNAGEL (Anm. 22).
26 Zu nennen sind hier drei Handschriften. Erstens: Die Fragmentengruppe: Karlsruhe, LB, Cod.
Donaueschingen 69, München, BSB, Cgm 5249/31 und (jüngst wieder aufgefunden) Regens-
burg, Bischöfl. Zentralbibl., Fragm. I.5.1 aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts (KARIN
SCHNEIDER: Die deutschen Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek München. Die mit-
telalterlichen Fragmente Cgm 5249-5250 (Catalogus codicum manu scriptorum Bibliothecae
Monacensis V, 8), Wiesbaden 2005, S. 69). Zweitens: Krakau, Bibl. Jagielloľska, Berol. mgq
661 um 1200 (NIGEL F. PALMER: Manuscripts for reading: The material evidence for the use
of manuscripts containing middle high german narrative verse. In: Orality and Literacy in the
Middle Ages. Essays on a Conjunction and its Consequences in Honour of D. H. Green. Hrsg.
von MARK CHINCA/CHRISTOPHER YOUNG, Turnhout 2005, S. 67-102, S. 94 und Drittens:
Krakau, Bibl. Jagielloľska, Berol. mgq 1418. Anfang des 13. Jahrhunderts (Anm. 22).
27 Trier, Stadtbibl., Mappe X, Fragm. 13 und Trier, Stadtbibl., Mappe X, Fragm. 14. Um 1200
oder auf Anfang des 13. Jahrhunderts datiert von SCHNEIDER (Anm. 20), S. 119.
Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 57

um die Wende zum 13. Jahrhundert einsetzen. Das Fehlen des Themas
‚Liebe‘ speziell in der Lyrik scheint mir auf einer anderen als nur der inhalt-
lichen Ebene zu liegen, nämlich auf einer pragmatischen. Mit Pragmatik ist
dabei ganz allgemein jene Sinndimension der Texte gemeint, die durch die
Formen ihres Gebrauchs entstehen. Für den Minnesang ist es dabei zum
Handbuchwissen geworden, dass er gerade in der frühen Zeit als höfisches
Zeremonialhandeln in die sozialen Praktiken des höfischen Lebens einge-
bunden war. Auch wenn das ein allzu pauschales Urteil ist, könnte es doch
erklären, warum der Minnesang sein Leben außerhalb der Handschriften
führte und erst von einer elaborierten, im späten 13. Jahrhundert nun auch
weltlichen Schreibpraxis beachtet wurde. Man hat in der neueren For-
schungsdiskussion für dieses Problemfeld das Begriffspaar „Aufführung
und Schrift“28 eingeführt: Der primäre Ort mittelalterlicher Lyrik liege in
der Dimension ihrer Aufführung; die teils sehr komplexen Texturen der
Lieder seien dagegen nicht ohne das Medium der Schrift produzierbar und
in ihrer ganzen hermeneutischen Tiefe wohl auch nicht rezipierbar. Wir
müssen also akzeptieren, dass die Schriftförmigkeit als einziger uns verfüg-
barer Überlieferungszustand der Texte nur sehr mittelbar einen Zugriff
auf die Liedkultur des Mittelalters erlaubt. Die Suche nach Spuren der
Aufführung und deren spezifischer kommunikativer Logik29 ist eine müh-
same, wenn nicht vergebliche. Für die folgende Argumentation ist es nun
entscheidend, dass das Medium der Schrift in diesem Problemfeld zweimal
vorkommt: Einerseits ist es – zumindest für prominente Teile des Minne-
sangs – ein Medium der Produktion und möglichen Rezeption30 und spielt
damit auch eine Rolle in jenen sozialen höfischen Zusammenhängen, zu
der die Praxis des Sangs konstitutiv gehörte. Wie diese Rolle jedoch konkret
aussah, wird wohl unklar bleiben. Sicher wurden die Lieder meist auswen-
dig vorgetragen, aber der lange Weg des Repertoires von seiner Entstehung
bis hinein in die großen Liederhandschriften ist ganz ohne die Schrift
kaum denkbar. Doch von den Trägern dieser Schrift, die man sich als wie
auch immer geartete Konzeptaufzeichnungen31 vorstellen muss, ist uns

28 Vgl. Aufführung und Schrift in Mittelalter und Früher Neuzeit. DFG-Symposion 1994.
Hrsg. von JAN-DIRK MÜLLER, Stuttgart, Weimar 1996.
29 Als Beispiel etwa JAN-DIRK MÜLLER: Performativer Selbstwiderspruch. Zu einer Redefigur
bei Reinmar. In: PBB 121 (1999), S. 379-405.
30 Vgl. dazu NIGEL F. PALMER (Anm. 26).
31 Ein Beispiel wäre hier das früheste Fragment des Wartburgkriegkomplexes, das – evt. als Rest
eines Rotulus – eine solche Konzeptaufzeichnung darstellt (Berlin, GStAPK: XX. HA Hs. 33,
Bd. 11). Vgl. Katalog der mittelalterlichen deutschsprachigen Handschriften der ehemaligen
Staats- und Universitätsbibliothek Königsberg. Nebst Beschreibung der mittelalterlichen
deutschsprachigen Fragmente des ehemaligen Staatsarchivs Königsberg, auf der Grundlage
der Vorarbeiten LUDWIG DENECKES erarbeitet von RALF G. PÄSLER/UWE MEVES, München
2000 (Schriften des Bundesinstituts für ostdeutsche Kultur und Geschichte 15), S. 161f.
58 Stephan Müller

nichts erhalten. Andererseits stehen die meisten Handschriften, die uns


vorliegen, für eine andere Form der Schrift, die kaum als Vortragsbegleiter
diente, sondern für eine Praxis des Sammelns, Archivierens, für eine Praxis
der schriftlichen Aneignung steht. Zu unterscheiden sind also eine auffüh-
rungs-, produktionsbezogene Form der Schrift und eine überlieferungsbe-
zogene, archivalische – und nur in letztere geht die höfische Liebeslyrik ein.
Als Aufführungskunst ist der Minnesang schriftfern. Eine frühe Schreib-
praxis, die den Sang materiell schriftförmig in den Raum der höfischen
Repräsentation hereingeholt hätte, gab es scheinbar nicht. Vergleichbares
haben wir mit der Überlieferung der höfischen Epik vor uns, die zwar – für
epische Großtexte ja nicht verwunderlich – deutlich früher einsetzt, dies
aber zunächst nur in (begründbaren) Ausnahmefällen32 in repräsentativen
Codices, sondern in der Regel in Form von schlichten Gebrauchshand-
schriften.
Eine Differenzierung zwischen aufführungs- und schriftbezogenen
Formen ist jedoch nicht nur für das Medium der Überlieferung von Bedeu-
tung. Entscheidend ist, dass die Texte selbst, so die These, auf diese Situ-
ation reagieren. Um das zu beschreiben, will ich im folgenden zwischen
‚textuell‘ und ‚performativ‘ konzipierten Texten unterscheiden: Geht man
von der Vorstellung aus, Minnesang sei (para-)rituelle Aufführungskunst
vor dem Hof, dann ist davon auszugehen, dass er seine Kohärenz aus der
Integration im Rahmen von öffentlichen Handlungsformen am Hof ablei-
tet und insofern von einer performativen Kohärenz geprägt ist. Die Rollen
des Textes changieren potentiell zwischen den anwesenden Kommunikati-
onsteilnehmern und den textinternen Figuren. Das ‚Ich‘ von Autor, Sänger
und Liebenden steht in einem prekären Verhältnis, das war wohl ein we-
sentlicher Reiz der Aufführungspraxis. Davon zu unterscheiden sind For-
men der textuellen Kohärenzbildung, die sich am besten anhand des oben
besprochenen Hicila-Verses erläutern lassen, also anhand eines sprechenden
Buches. Das Besondere an diesem Fall, der in einer antiken Tradition
steht,33 besteht in der spezifisch textuellen Referentialisierung. Das spre-
chende Buch ist an das Medium der Schrift gebunden und ohne sie nicht
denkbar, man kann den Text kaum vortragen. Das unterscheidet diesen Fall
grundlegend von der Referentialisierung des Sangs als Rollenspiel vor dem
Hof, das im Rahmen der Aufführung seine Logik entfaltet: Die kommuni-
kative Logik des sprechenden Buches leitet sich also aus dem Prozess der
Lektüre her. Ein weiteres solchermaßen textuell organisiertes, schriftbezo-

32 Vgl. STEPHAN MÜLLER: ‚Erec‘ und ‚Iwein‘ in Bild und Schrift. Entwurf einer medienanthro-
pologischen Überlieferungs- und Textgeschichte am Beispiel der frühesten Zeugnisse der
Artusepen Hartmanns von Aue. In: PBB 127 (2005), S. 414-435.
33 S. dazu SCHÜTZEICHEL (Anm. 8).
Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 59

genes Beispiel gibt es auch in späterer Zeit: Der Heimliche Bote34 im clm 7792
verkündet seine Minnelehre als sprechendes Buch und wurde im ersten
Viertel des 13. Jahrhunderts aufgeschrieben,35 steht also weit vor den ersten
schriftlichen Spuren des Minnesangs und stellt eine auf das Medium der
Schrift bezogene höfische Minnedidaxe dar.
Ich verstehe diese textuell organisierte Kohärenzbildung als eine Stra-
tegie, die ‚Liebe‘ in der Schrift thematisierbar zu machen. Die Abwendung
von der Aufführungslogik hin zur Schriftlogik ist dabei eine Strategie, die
mit dem Befund der sehr frühen Überlieferung gerade dieser Texte kor-
respondiert.
Aber auch im Korpus des Sangs selbst scheint mir die Differenzierung
zwischen performativer und textueller Kohärenzbildung beobachtbar zu
sein. Ich will vorschlagen, im Gegensatz zum performativen ‚Rollenlied‘
die Tradition des ‚Tageliedes‘ in einer textuellen Perspektive zu interpretie-
ren, selbst wenn die Tagelieder natürlich auch vorgetragen wurden.36 Das
Tagelied steht, wir wissen es, in einer internationalen Tradition. Im deut-
schen Sprachraum spielt diese in der Frühzeit des Minnesangs jedoch keine
große Rolle. Anders als im romanischen Bereich entfaltet sich die deutsche
Tradition nach punktuellen Anfängen erst mit Wolframs Tageliedern, die
– CHRISTIAN KIENING hat es beschrieben – das ganze poetische Potential
der Gattung ausloten.37 Die frühen Tagelieder setzen zwar den Situations-
entwurf des Tagelieds voraus, dass Liebender und Liebende sich nach ge-
meinsamer Nacht trennen müssen, wobei oft eine dritte Instanz, besonders
die des Wächters, von Bedeutung ist; doch wird im frühen Sang dieser Si-
tuationsentwurf nicht auserzählt.38 Erst als das geschieht, kommt der prag-
matischen Dimension des Textes eine wichtige Rolle zu, die ich hier her-
vorheben will. Der Rollenentwurf des Tageliedes ist in seinen Referentia-
lisierungsstrategien nämlich nicht nur performativ, sondern auch textuell
strukturiert: Wie das sprechende Buch substituiert die Schrift hier Rollen,
die nicht auf das Feld der Aufführung referieren. Neu ist, dass sich diese
Tradition nicht auf die Rolle der Ersten Person Singular (als sprechendes
Buch) zurückzieht, sondern eine dritte Person – inhaltlich und grammati-

34 DIETRICH HUSCHENBETT. In: ²VL 3 (1981), Sp. 645-649.


35 SCHNEIDER (Anm. 20), S. 109. Zu erinnern ist hier auch aus dem Bereich der Epik an die
Eingangverse des Wigalois.
36 Zur einer möglichen performativen Logik der Tagelieder vgl. VOLKER MERTENS: Tagelieder
singen. Ein hermeneutisches Experiment. In: Wolfram Studien 17 (2002), S. 276-293.
37 CHRISTIAN KIENING: Poetik des Dritten. In: DERS.: Zwischen Körper und Schrift. Texte vor
dem Zeitalter der Literatur, Frankfurt a. M. 2003, S. 157-175.
38 Zu nennen sind hier etwa die Tagelieder Dietmars von Aist (Minnesangs Frühling (Anm.
20), VIII, XIII) und Heinrichs von Morungen (Minnesangs Frühling (Anm. 20), XIX, XXX),
die die Liebenden als Rollenträger zu Wort kommen lassen und die Situation anzitieren, aber
letztlich keinen Dialog entwerfen und ohne die Rolle einer dritten Figur auskommen.
60 Stephan Müller

kalisch – einführt: Man kann das poetologisch als Episierung des Liedes
beschreiben, als Etablierung eines textinternen Situationsrahmens, der eine
erste und zweite Person, aber nun auch eine dritte Instanz adressierbar
macht. Mit dem Heraustreten aus der Beschränkung auf die Erste und
Zweite Person und eine Erweiterung auf den Bereich der Dritten wird im
Lied ein textuell organisierter, abgeschlossener Rahmen der Referentialisie-
rungen aufgebaut, der ganz anders als die dominant performative Integra-
tion der Rollenlyrik funktioniert.39 Die Verwendung der Ersten und Zwei-
ten Person nämlich geht von der Kommunikation unter Anwesenden aus,
die Dritte Person (und ihre Pronomina) dagegen verweist auf potentiell
Abwesende und muss deshalb z. B. etwas über das Geschlecht dieser drit-
ten Person aussagen.40
Diese Eigenschaft der Tagelieder rücken sie näher als die Rollenlieder
an die Dimension der Schrift. Es wäre zu bedenken, ob daraus nicht der
relativ späte Erfolg der Tagelieder bzw. dessen spärliche frühe Spuren er-
klärbar sind. Vor dem Hintergrund der beschriebenen Spannung zwischen
‚Liebe‘ und volkssprachiger ‚Schrift‘ könnte man vermuten, dass die per-
formativ konzipierte Liebeslyrik für eine Vortragskultur attraktiver war,
während die Situationsentwürfe einer elaborierten Tageliedtradition auf
die Schrift verweisen. Diese These wird durch einen letzten, punktuellen
Überlieferungsbefund gestützt. Vom Minnesang gibt es, wie gesagt, vor
dem Ende des 13. Jahrhunderts keine nennenswerten Überlieferungsträ-
ger. Nur ein Fall ist noch vor die Jahrhundertmitte zu datieren: Zwei von
Wolframs Tageliedern (Minnesangs Frühling (Anm. 20), XXIV, I und II)
sind im zweiten Viertel des 13. Jahrhunderts im cgm 1941 überliefert, Wolf-
rams Minnelieder finden sich dagegen erst in den späteren Sammlungen.
Ohne den Befund überanstrengen zu wollen, will ich folgenden Schluss
daraus ziehen: Der schriftbezogene, textuell organisierte Liedtyp des Tage-
liedes hat also anscheinend einen schweren Start in die zeremonielle Lied-
kunst der höfischen Kultur, aber er fand in seiner textuellen Zugewandtheit
an die Schrift dann schnell den prekären Weg aufs Pergament. Der rituellen
Praxis des Rollensangs blieb dieser Weg noch eine Zeit verbaut, so lange
bis die archivalischen oder repräsentativen Interessen einer neuen Schreib-
praxis sich auch dieser Tradition annahmen.

39 Natürlich gibt es Tendenzen textinterner Referentialisierungen auch im Rollensang, am deut-


lichsten vielleicht im Dialoglied, oder in selbstreferentiellen Aussagen wie das berühmte in
Kürenberges wîse (Minnesangs Frühling (Anm. 20), II,II,2), aber diese bleiben gerade in der
frühen Zeit die Ausnahme.
40 Dies nur ein Beispiel für den Unterschied zwischen den Pronomina der Dritten und denen
der Ersten und Zweiten Person. Vgl. PETER EISENBERG: Grundriss der deutschen Gram-
matik, Stuttgart 1989, S. 188-190.
41 Laut SCHNEIDER (Anm. 20), S. 152.
Sprechende Bücher – verschwundene Schrift 61

Mir scheint, dass der Hohe Sang und das Tagelied zwei verschiedene
Lösungen ein und desselben Problems anbieten. Sie sind zwei Lösungen
des Problems der Kodifizierung von Liebestexten, das für das Frühmittel-
alter nachzuzeichnen war. Das Rollenlied wendet sich zunächst von der
Schrift ab und findet seine Lebensform im höfischen Ritual – das Tagelied
geht dagegen, wenn man so will, auf die Schrift zu. Dieser Schritt hin zur
Schrift ist dabei keine Erfindung der deutschen Tradition, sondern ein
grundsätzliches Angebot des Genres, das in der frühen deutschen Praxis
des Liedvortrags keinen guten Platz fand. Erst der Epiker Wolfram greift
die textuellen Chancen des Genres auf, die seine Vorgänger im Kontext
einer performativen Textpraxis nicht zu nutzen wussten.
Der höfische Liebesdiskurs, der hinter der Tradition des Sangs steht, ist
ein öffentliches Sprechen über die Liebe; für ein Schreiben über die Liebe
eroberte die literarische Tradition in der Volkssprache sich erst langsam
jenen Raum, in dem das spezifische Alleinsein mit der Schrift, das Spiel
zwischen emotionaler Passion und medialer Distanz das Thema ‚Liebe‘
ganz entscheidend prägen wird. Für die Zeit davor begegnen uns mit den
frühen Spuren und dann mit Tagelied und Rollensang alternative Reaktio-
nen auf das prekäre Verhältnis von Liebe und Schrift. So gesehen könnte
die sich verändernde Widerständigkeit der Handschriftenkultur gegen die
Liebe, die wir seit dem Frühmittelalter beobachten können, bei einer Neu-
bewertung der Tradition des frühen Minnesangs helfen und damit nach-
drücklich für die literarhistorischen Chancen einer Überlieferungsgeschich-
te plädieren, wie ich sie hier nur punktuell vorschlagen konnte.
BRUNO QUAST/MONIKA SCHAUSTEN

Amors Pfeil
Liebe zwischen Medialisierung und Mythisierung
in Heinrichs von Veldeke Eneasroman
Die glückliche Liebe hat keine Geschichte
(DENIS DE ROUGEMONT)

Dass das Mittelalter besonders in den volkssprachlichen literarischen Gat-


tungen von Minnesang und höfischem Roman die ‚Liebe‘ neu entdeckt
habe, ist spätestens seit DENIS DE ROUGEMONT zum Allgemeinplatz mediä-
vistischer Forschung geworden.1 ROUGEMONTs bereits in den 30er Jahren
des letzten Jahrhunderts formulierte These basiert vor allem auf Überle-
gungen zu den volkssprachlichen Tristan-Texten, die für ihn einen neuen
Mythos der Liebe repräsentieren. Dieser Mythos konkretisiere die zwi-
schenmenschliche Beziehungen begründende Gefühlsqualität vor allem als
Leiden, also als Leidenschaft im wörtlichen Sinne, und zwar, indem die „in
der Liturgie zum Ausdruck kommenden Regungen der göttlichen Liebe“
auf jene der „unverblümtesten menschlichen Liebe“ übertragen würden.2
Wenngleich in historischer Perspektive die Freudianische Prägung des
Übertragungsbegriffs bei Rougemont, der von einer Divinisierung und in-
sofern Mythisierung der menschlichen Liebe ausgeht, aus heutiger Sicht zu
problematisieren ist, hat er doch der mediävistischen Literaturwissenschaft
den Weg gewiesen, begründeten seine Überlegungen schließlich das anhal-
tende Interesse, in der Forschung über Entstehung und Wesen der Liebe
nachzudenken, wie sie in der deutschen Literatur seit der 2. Hälfte des 12.
Jahrhunderts dominant in Erscheinung tritt.
Heinrichs von Veldeke im 12. Jahrhundert entstandener Eneasroman
gilt der Forschung von jeher als paradigmatischer Text, wenn es um die ihm
impliziten Konzeptionen von Liebe und damit verbunden von Liebesent-

1 DENIS DE ROUGEMONT: Die Liebe und das Abendland, Zürich 1987 (Originalausgabe Paris
1939).
2 Ebd., S. 446.
64 Bruno Quast/Monika Schausten

stehung geht. Seit langem jedenfalls wird darauf hingewiesen, dass Hein-
rich mit seiner den französischen anonym überlieferten Vorlagentext adap-
tierenden Ausgestaltung der Liebesgeschichte zwischen Eneas und Lavinia
die bei Vergil im Vordergrund stehende Erzählung von der unglücklichen
Leidenschaft zwischen dem trojanischen Helden und der karthagischen
Königin Dido nicht allein ergänze, sondern der einen ‚fatalen‘ („falschen“)
Liebeskonzeption seines Helden eine weitere, ‚richtige‘ gegenüberstelle.3
Dies, so die ältere Forschung, geschehe in legitimatorischer Absicht, denn
der trojanische Held muss in der Erzählung ja bekanntlich der Gründer des
Römischen Reiches werden, und hierfür kommt allein die Heirat mit Lavinia
in Frage.
Hätte DE ROUGEMONT aber mit Sicherheit die leidenschaftliche, da un-
glückliche, Leiden schaffende Liebe zwischen Dido und Eneas als Beleg für
seine These interessiert, so gilt der jüngsten Forschung, so scheint es, inte-
ressanterweise die Lavinialiebe als Ausweis für die Entwicklung einer lite-
rarischen Codierung eines Affekts bzw. noch weitergehend als Ort der
Entstehung eines reflektierten Gefühls in mittelalterlicher Literatur, das, so
MIREILLE SCHNYDER, erst da überhaupt entstehen könne, „wo es Teil einer
medial vermittelten, dadurch reflektierten und in einen Kommunikations-
zusammenhang eingebundenen Affektordnung“ sei.4 Dies geschehe in der
Laviniaepisode in einem Lehrgespräch zwischen Mutter und Tochter, wel-
ches erklärt, was genau unter Liebe zu verstehen ist, sowie anschließend in
einem Brief der Lavinia an Eneas, in dem sie ihm ihre Liebe offenbart.5

3 FRIEDRICH MAURER: „Rechte“ Minne bei Heinrich von Veldeke. In: Archiv 187 (1950), S.
1-9. – Modifizierend zu MAURERs Thesen GERRIT J. OONK: Rechte Minne in Veldekes Enei-
de. In: Neophilologus 57 (1973), S. 258-273; ARTHUR GROOS: Amor and his Brother Cupid:
The „Two Loves“ in Heinrich von Veldeke’s „Eneit“. In: Traditio 32 (1976), S. 239-255;
Kritisch zu MAURERs Thesen vor allem WERNER SCHRÖDER: Dido und Lavine. In: ZfdA 88
(1957/58), S. 161-195, und KURT RUH: Höfische Epik des deutschen Mittelalters, Bd. 1,
Berlin 1967, S. 67-84. Zu dieser Forschungsdiskussion vgl außerdem MONIKA SCHAUSTEN:
Gender, Identität und Begehren: Zur Dido-Episode in Heinrichs von Veldeke „Eneit“. In:
Manlîchiu wîp, wîplîch man. Zur Konstruktion der Kategorien ‚Körper‘ und ‚Geschlecht‘ in
der deutschen Literatur des Mittelalters. Hrsg. von INGRID BENNEWITZ/HELMUT TERVOO-
REN, Berlin 1999 (Beihefte zur ZfdPh 9), S. 143-158.
4 MIREILLE SCHNYDER: Imagination und Emotion. Emotionalisierung des sexuellen Begeh-
rens über die Schrift. In: Codierungen von Emotionen im Mittelalter. Hrsg. von C. STEPHEN
JAEGER/INGRID KASTEN, Berlin, New York 2003 (TMP 1), S. 237-250, hier S. 238. – Hierzu
kritisch RÜDIGER SCHNELL: Medialität und Emotionalität. Bemerkungen zu Lavinias Minne.
In: Germanisch-romanische Monatshefte 55 (2005), S. 267-282, hier S. 280: „Meines Erach-
tens entsteht das Gefühl nicht erst dort und dadurch, wo bzw. dass es materialisiert bzw.
vermittelt wird; sondern das Gefühl selbst ist es, das materialisiert werden will, damit das
Gegenüber von diesem Gefühl erfährt und es erwidern kann. Das Gefühl fordert die Ver-
mittlung und schafft sich ein Medium, nicht umgekehrt.“
5 Zum Komplex der ‚Medialisierung des Gefühls‘ zählt auch jene Szene im Eneasroman, in der
Lavinia den Namen des geliebten Eneas in eine Wachstafel ritzt (V. 10614-10627).
Amors Pfeil 65

Die Betonung auf Lehrgespräch und Brief, die Heinrich hier als entschei-
dende Kommunikationsmedien der Liebe inszeniert, bestimmt die jüngere
Forschung in besonderem Maße.6 Nimmt man ältere und die gegenwärtige
Forschung in den Blick, könnte man den Eindruck gewinnen, dass die
Liebe entweder primär als mythisches7 oder als mediales Ereignis interes-
siert, dass mögliche Relationen beider Modi, von der Liebe zu erzählen,
indes überwiegend gerade nicht in Betracht gezogen werden. Von daher
wundert es auch nicht, dass die literarästhetischen Urteile unterschiedlich
ausfallen, die sich um die Darlegung des innovativen Moments von Hein-
richs Liebeskonzeptionen im hohen Mittelalter bemühen bzw. bemüht ha-
ben: Galt der älteren Forschung, wie gesagt, die Betonung der mythischen
und damit nicht-rationalen Semantisierung der Gefühlsqualität als ent-
scheidend, so sieht die jüngere Forschung das Neue in Bezug auf Heinrichs
Liebesauffassung deutlicher in der literarischen Inszenierung der Erklä-
rung der Liebe im neuen Medium der Schrift.
Wir vermuten indes, dass besonders die Lavinia-Episode einen komple-
xen Zusammenhang zwischen mythischer und medialer Begründung der
Liebe entwickelt. Von daher versucht dieser Beitrag in einem close reading zu
ergründen, in welchem genaueren Verhältnis Medialisierung und Mythisie-
rung der Affektordnung bei Heinrich zueinander stehen. Dafür scheint es
erforderlich zu sein, alle relevanten Episoden des Eneasromans, die für die
Liebesproblematik zentral sind, heranzuziehen: die Dido-Episode und die
Lavinaepisode, zwischen denen der Text deutliche Bezüge herstellt. Wich-
tig sind für beide Teile die Aussagen zu Entstehung und Wesen der Minne.
Wir konzentrieren uns im Folgenden nun zunächst auf die Episode, die
sich mit der Entstehung der Dido-Minne beschäftigt.

6 ANDREA SIEBER: (Un)Erwünschte Effekte. Mediengebrauch, Synergie und Störung im hö-


fischen Roman. In: Das Mittelalter 9 (2004), S. 55-63, hier bes. S. 56-59. – BERND A. RUSINEK:
Veldekes „Eneide“. Die Einschreibung der Herrschaft in das Liebesbegehren als Unter-
scheidungsmerkmal der beiden Minne-Handlungen. In: Monatshefte für deutschen Unter-
richt, deutsche Sprache und Literatur 78 (1986), S. 11-25, wertet den Liebesbrief Lavinias als
„objektiviertes Subjektives“ (S. 21), das den „geheimen, transitorischen, intersubjektiven
Charakter des mündlichen Versprechens“ aufhebe und steigere (ebd.). – HENNING WUTH:
was, strâle unde permint. Mediengeschichtliches zum Eneasroman Heinrichs von Veldeke. In:
Gespräche – Boten – Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. Hrsg.
von HORST WENZEL, Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143), S. 63-76, hier S.
75, unterstreicht die mittels Schrift (Schreiben des Namens) auf Dauer gestellte Herrschafts-
liebe zwischen Eneas und Lavinia.
7 Vgl. dazu z. B. FRIEDRICH VON BETZOLD: Das Fortleben der antiken Götter im mittelalter-
lichen Humanismus, Bonn, Leipzig 1922; LUDWIG WOLFF: Die mythologischen Motive in
der Liebesdarstellung des höfischen Romans. In: ZfdA 84 (1952), S. 47-70, und zuletzt
CARSTEN KOTTMANN: Gott und die Götter. Antike Tradition und mittelalterliche Gegenwart
im Eneasroman Heinrichs von Veldeke. In: Studia Neophilologica 73 (2001), S. 71-85.
66 Bruno Quast/Monika Schausten

1. Mythos – Die Erweckung der Dido-Minne


Die Erweckung der Liebe in Dido wird in Vergils Aeneis, im afrz. Roman
d’Eneas und im mittelhochdeutschen Eneasroman des Heinrich von Veldeke
je verschieden dargestellt.8 Doch in allen drei Fällen spielen Gottheiten eine
nicht unbedeutende Rolle. Dido, die Herrscherin Karthagos, erfährt, dass
ein fremder Heerführer, der trojaflüchtige Eneas, ans Ufer gespült worden
sei. Es sind die Götter, die in den genannten Epen/Romanen – aus unter-
schiedlichen Gründen – verfügen, dass Dido sich in Eneas verliebt. Bei
einem Fest soll Ascanius, der Sohn des Eneas, auf Dido und Eneas treffen.
Didos Liebe zu Eneas ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht entfacht, sie wird
vielmehr mittels göttlicher Initiative implementiert.
Bei Vergil hat Venus den Einfall, Amor möge in Gestalt des Ascanius
auf den Schoß der Dido steigen, um ihr beim Austausch zärtlicher Küsse
Gift einzuhauchen.9 In der Aeneis handelt es sich beim Erwecken dieser
Liebe um ein typisches Spiel der Götter. Venus bedient sich der List, des
Trugs und des Scheins. Mittels Metamorphose, der Verwandlung Amors in
die Gestalt des Ascanius, mittels Vortäuschung einer falschen Identität also,
soll Dido das Liebesgift eingehaucht werden. Die Totalität der List wird
dadurch unterstrichen, dass Dido, Ascanius, Eneas und darüber hinaus
auch die anderen Götter als Opfer des Betrugs imaginiert werden. „Listig
die Königin in lodernden Flammen zu fangen, / Plan ich deshalb, auf daß
kein Gott das Herz ihr verkehre“, heißt es (V. 673f.). Mit Blick auf Ascani-
us: „Daß er die List nicht merke derweil und keinem begegne. / Nimm
denn seine Gestalt die Nacht, die einzige Nacht nur, / Trügerisch an“ (V.
682ff.). Und schließlich, wenn der Betrug vonstatten geht: „Und im Schein
den sehnenden Drang des Vaters befriedet“ (V. 716).
Die Begründung für die Erweckung der Liebe geht dem Betrug durch
Venus voraus. „Auf daß kein Gott das Herz ihr [d.h. Dido] verkehre“, heißt
es bei Vergil. Venus will die Oberhand über Juno gewinnen, es ist ein
Kampf der Götter um Einfluss auf den irdischen Protagonisten, der der
Liebeserweckung zugrunde liegt. Nach HANS BLUMENBERG sind mythische
Götter typische Götter, insofern nicht ihre moralische Identität sie charak-
terisiert, sondern die Gleichartigkeit der Eigenschaften und Wirkungen.
Cupido initiiert Liebe. Diese Wirkung macht seine Identität aus. Da er über
keine moralische Identität verfügt, hat er keine Geschichte: „Die Götter
machen Geschichten, aber sie haben keine Geschichte“.10 Die Götter ma-

8 Vgl. dazu bes. ANETTE SYNDIKUS: Dido zwischen Herrschaft und Minne. Zur Umakzentu-
ierung der Vorlagen bei Heinrich von Veldeke. In: PBB 114 (1992), S. 57-107.
9 Vergil: Aeneis. Lateinisch und Deutsch. Eingeleitet und übertragen von AUGUST VEZIN. 3.,
verbesserte Aufl., Münster 1960.
10 HANS BLUMENBERG: Arbeit am Mythos, Frankfurt a. M. 1996 (Erstauflage 1979), S. 148.
Amors Pfeil 67

chen unter anderem Geschichten, indem sie sich verwandeln. Cupido ver-
wandelt sich in Ascanius. Für Ovid stellt die Metamorphose die zentrale
Qualität des Mythos dar, weil erst die Metamorphose die ästhetische Er-
zählbarkeit des Mythos herstellt. Ohne die Geschichten der Götter, ohne
deren Metamorphosen keine Erzählung, kein Mythos. Man kann nur von
Veränderungen erzählen, Identität im Sinne von substanzieller Unverän-
derlichkeit ist schlechterdings nicht erzählbar. Der Schein ist die Bedin-
gung, dass Didos Liebe initiiert werden kann. „Der Doketismus ist die dem
Mythos angemessene Ontologie“.11 Der Mythos kennt die scheinhafte
Existenz der Götter, deren verfremdete Authentizität zuhauf. List, die List
der Götter, Metamorphose und Schein: In Vergils Version der Entstehung
der Didoliebe werden unverkennbar mythische Aktions- und Interaktions-
muster aufgegriffen.
Die Begründung für die Dido-Liebe ist im altfranzösischen Roman
d’Eneas bereits stark verändert. Venus, die Mutter des Eneas, hegt den
Wunsch, das wilde Volk möge ihn gut behandeln. Die Konkurrenz der
Götter ist weitgehend ausgeschaltet. Es greift hier so etwas wie eine mittel-
alterliche ‚Psychologisierung‘. Der RdE12 suggeriert unverkennbar eine
Tristan-Parallelität. Wenn Dido Askanius küsst, trinkt sie „tödliches Gift“
(mortel poison la dame beit, V. 811), „jeder trinkt für sein Teil reichlich davon“
(chascuns en beit bien a son tor, V. 818), heißt es, sie hat eine tödliche Krankheit
in sich aufgenommen. Im Tristan des Thomas von Britannien – im Frag-
ment Douce V. 1223 – liest man den Vers: „wir haben unseren Tod getrun-
ken“ (El beivre fud la nostre mort).13 Dem Trankmotiv ist im RdE eine Vor-
stellung von Quantifizierung beigegeben; je öfter einer trinkt, um so mehr
trinkt er vom tödlichen Gift. Dido legt ein törichtes Verhalten an den Tag,
indem sie bis in den Abend hinein Ascanius liebkost. So ist sie diejenige,
die am intensivsten trinkt. Hier setzt etwas ein, was bei Heinrich von Vel-
deke intensiviert wird: die Exkulpierung des Eneas.
Die mythischen Ingredienzien List, Metamorphose und Schein sind im
RdE fallengelassen, an ihre Stelle tritt – neben einer anderen Motivierung
der Liebeserweckung – das Motiv des Gifttrankes. Venus ist zwar noch
aktiv, die Götter sind nicht verabschiedet, aber das, was das Mythische
ausmacht, das Moment der Verwandlung und des Scheins, scheint nicht
mehr kommunizierbar zu sein. Stattdessen greift hier eine Literarisierung

11 Ebd., S. 153.
12 Wir zitieren den Roman d’Eneas (RdE) im Weiteren nach folgender Ausgabe: Le Roman
d’Eneas. Übersetzt und eingeleitet von MONICA SCHÖLER-BEINHAUER, München 1972 (Klas-
sische Texte des Romanischen Mittelalters 9).
13 Thomas. Les Fragments du Roman de Tristan. Poème du XIIe siècle. Édités avec un com-
mentaire par BARTINA H. WIND, Genf/Paris 21960 (Textes Littéraires Français 92), Frag-
ment Douce 1223.
68 Bruno Quast/Monika Schausten

der Liebeserweckung, insofern die intertextuelle Bezugnahme auf den


Tristanstoff die mythischen Aktionsmuster ersetzt.
Kommen wir nun zu Heinrich von Veldeke14, dem eine gewisse Nähe
zu Vergil nachgesagt worden ist und der den altfranzösischen Roman ins
Deutsche wahrheitsgetreu, wie er im Epilog des Romans beteuert, zu über-
tragen vorgibt, wenngleich gerade bei der Erzählung von der Liebesentste-
hung deutliche Unterschiede zu verzeichnen sind:
dô rûrdin frouwe Vênûs
mit ir fûre an sînen munt
[…]
daz koufte vile tûre
Dîdô, diuz dar abe nam,
[…]
si kuste in an sînen munt:
[…]
Ênêas bî ir saz
do si also brinnen began.
her was ein vil schône man
unde minnechlîche getân.
done mohte si des niht engân,
si enmûste in starke minnen. (V. 808-845)

[Als unterdessen der Jüngling Ascanius


an den Hof reiten wollte,]
berührte Frau Venus
mit ihrem Feuer seinen Mund
[…]
Dafür musste Dido teuer bezahlen,
die es von seinen Lippen küsste
[…]
Sie küsste ihn auf den Mund
[…]
Eneas saß neben ihr,
als sie so in Feuer geriet.
Er war ein sehr schöner
und einnehmender Mann.
Da konnte sie nicht anders,
sie mußte ihn leidenschaftlich lieben.

Hier begegnet Vertrautes, aber auch Unvertrautes. Eine Begründung für


die Liebeserweckung fehlt bei Veldeke. Und bedeutsam ist hier der Um-
stand, dass im Gegensatz zur altfranzösischen Vorlage nur Dido den Asca-

14 Wir zitieren den Text Heinrichs im Weiteren nach folgender Ausgabe: Heinrich von Veldeke:
Eneasroman. Nach dem Text von LUDWIG ETTMÜLLER übersetzt, mit einem Stellenkommen-
tar und einem Nachwort von DIETER KARTSCHOKE, Stuttgart 1989.
Amors Pfeil 69

nius küsst, Eneas aber nicht. Die Exkulpierung des Eneas, die im RdE
bereits angelegt ist, dadurch nämlich, dass er seinen Sohn weniger intensiv
küsst und somit weniger Gift aufnimmt, wird hier intensiviert. Die tragi-
sche Distanz zwischen Dido und Eneas wird nicht nur durch den Götter-
befehl zur Weiterfahrt des Helden beeinflusst, vielmehr schon durch die
häufigeren Küsse der Dido plausibilisiert. Welche Mechanik der Liebeser-
weckung wird bei Veldeke in Gang gesetzt, wie geht die Erweckung von
statten? Wenn Dido Ascanius küsst, heißt es: diuz dar abe nam (V. 821). HANS
FROMM übersetzt: „Sie pflückte es von seinen Lippen“.15 Das, was übertra-
gen wird, durch Berührung, durch Küssen übertragen wird, das Feuer der
Liebe, hat eine material-stoffliche Qualität. Liebe entsteht über Berührung,
das ist auch schon bei Vergil und im RdE der Fall, Liebe ist aber darüber
hinaus bei Heinrich von Veldeke von stofflicher Qualität. Die Liebe ent-
steht nicht erst in der Protagonistin, in einem imaginierten Inneren, son-
dern wird ihr als material-stoffliche Qualität übermittelt. Bei Heinrich von
Veldeke kommt der Berührung also eine besondere Bedeutung zu. Denn
das Mythische – von der Partizipation der Götter einmal abgesehen – kon-
kretisiert sich geradezu in der Berührungsqualität der Minne. Veldeke be-
tont den Übertragungsweg der Minne. Es ist noch nicht das Auge, durch
das die Minne einfällt. Dieser Weg der Minneentstehung wird in der höfi-
schen Literatur zum Königsweg der Liebesentstehung schlechthin.16 Es ist
die Berührung in Form des Kusses, die das Feuer der Liebe überträgt. Das
bestätigt sich auch, wenn der Erzähler als Bedingung dafür, dass Dido
Eneas verfällt, ins Feld führt, dass er zum einen ein schöner und einneh-
mender Mann sei, zum andern – und dies scheint wichtiger – neben ihr
sitzt: Ênêas bî ir saz (V. 840; „Eneas saß neben ihr“). Das Nebeneinander ist
eine Form mythischer Kausallogik. Weil Eneas neben ihr sitzt, weil sie in
Kontakt sind, verliebt sie sich in ihn und in keinen anderen. Auf den Kon-
takt kommt es an, er begründet die Richtung der Liebe, den Adressaten der
Liebe. Die Macht der Berührung gilt zumindest für die Dido-Minne unein-
geschränkt. Die Laviniaminne wird sich davon entscheidend absetzen.
Für die Dido-Minne bedeutet dies: Sie ist wie schon bei Vergil und im
RdE und stärker noch magische Kraft, die unabhängig von einem ‚perso-
nalen‘ Liebesethos existiert. Zwischen einer Vorstellung von Liebe als ma-
gischer Kraft und einem personalen Liebesethos kann eine fruchtbare
Spannung entstehen, dies ist bereits in Veldekes Eneasroman der Fall, wenn
Dido sich kurz vor ihrem Selbstmord eine Schuld am Liebeswahnsinn zu-

15 Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und
Kommentar. Hrsg. von HANS FROMM, Frankfurt a. M. 1992 (Bibliothek des Mittelalters 4).
16 Vgl. RÜDIGER SCHNELL: Causa amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mit-
telalterlichen Literatur, Bern/München (Bibliotheca Germanica 27), S. 241-274.
70 Bruno Quast/Monika Schausten

spricht. Heinrich von Veldeke hat darüber hinaus in einem Minnelied die
Spannung zwischen Minne als magischer Kraft und Minne als ethischer
Ausrichtung thematisiert. Dort heißt es:
Tristran muose sunder sînen danc
staete sîn der küneginne,
wan in daz poisûn dar zuo twanc
mêre danne diu kraft der minne.
Des sol mir diu guote sagen danc,
wizzen, daz ich sölhen tranc
nie genam und ich sî doch minne
baz danne er, und mac daz sîn.
wol getâne,
valsches âne,
lâ mich wesen dîn
und wis dû mîn. (MF 58,35)17
Tristan mußte gegen seinen Willen
treu sein der Königin,
weil ihn der Liebestrank dazu zwang
mehr als die Macht der Minne.
Dafür soll mir die Gute Dank
wissen, daß ich solchen Trank
nie zu mir nahm und ich sie dennoch liebe
mehr als er, wenn das sein kann.
Wohlgestalte
ohne Falsch,
laß mich dein sein
und sei du mein.18

Ausgearbeitet wird diese Spannung tatsächlich im Tristan Gottfrieds von


Straßburg, wo dem Zwang des Minnetranks die Einwilligung Tristans und
Isoldes in die Minne an die Seite gestellt wird, wo der Zwang des Minne-
tranks mithin in eine Ethisierung der Minne überführt wird.19

17 Des Minnesangs Frühling. Unter Benutzung der Ausgaben von KARL LACHMANN und
MORIZ HAUPT, FRIEDRICH VOGT und CARL VON KRAUS bearbeitet von HUGO MOSER und
HELMUT TERVOOREN. I. Texte. 38., erneut revidierte Aufl., Stuttgart 1988.
18 Übersetzung nach GÜNTHER SCHWEIKLE: Mittelhochdeutsche Minnelyrik I. Frühe Minnelyrik.
Texte und Übertragungen, Einführung und Kommentar, Stuttgart, Weimar 1993, S. 175.
19 Gottfried von Straßburg: Tristan. Nach dem Text von FRIEDRICH RANKE neu hrsg. von RÜDI-
GER KROHN, Bd. 2., Stuttgart 31985. Tristan bekennt sich aus freien Stücken zu den Folgen des
Tranks: V. 12494ff.: ’nu walte es got!’ sprach Tristan / ’ez waere tôt oder leben: / ez hât mir sanfte vergeben.
/ ine weiz, wie jener werden sol;/ dirre tôt der tuot mir wol ./ solte diu wunneclîche Îsôt / iemer alsus sî mîn
tôt, / sô wolte ich gerne werben / umbe ein êwêclîchez sterben.’ ; „Das walte Gott“, sagte Tristan. / „Ob
Tod oder Leben: / Es hat mich angenehm vergiftet. / Ich weiß nicht, wie der andere Tod ist;
/ dieser jedenfalls gefällt mir gut. / Wenn die herrliche Isolde / immer so mein Tod sein soll,
/ dann will ich mich mit Vergnügen bemühen / um einen ewigen Tod.“ Vgl. dazu außerdem
CHRISTOPH HUBER: Gottfried von Straßburg Tristan, Berlin 22001, S. 81.
Amors Pfeil 71

Das Berühren, als magische Handlung gedacht, vermittelt den Übergang


einem Wesen oder Ding innewohnender geheimer Kräfte auf ein anderes.
Die magische Kraft ist nach vormoderner Vorstellung etwas Körperliches,
eine Art Stoff, der ausstrahlt und sich dem Berührten mitteilt.20 Die Formu-
lierung: diu ez dar abe nam (V. 821) erinnert an dieses Stoffliche der magischen
Kraft. Durch Berührung können körperliche wie geistige Eigenschaften
übertragen werden, so z. B. auch die Weisheit des Lehrers auf den Schüler
oder die Heilkraft des Königs auf seine kranken Untertanen21. Durch Be-
rührung wird die persönliche Verbindung mit der Gottheit herbeigeführt.
Die Übertragung der magischen Kraft erfolgt in erster Linie durch eine
Gottheit bzw. ein von göttlicher Kraft erfülltes göttliches Objekt selbst. Die
magische Kraft geht auf alles über, was mit ihr in Berührung kommt. So
haben Kleider und Marterwerkzeuge eines Märtyrers, die Fußspur, die er
getreten hat, ja sogar sein Schatten Wunderkraft. Solcherart kontaguöse
Magie ist Ausdruck eines mythisch-magischen Gesetzes der Partizipation.
Der Glaube an Berührungszauber ist im Mittelalter weit verbreitet. An die
Heilkraft königlicher Berührung glaubte man bis ins 18. Jahrhundert. Man
versteht im Mittelalter also ohne Schwierigkeiten den magisch-zauberischen
Modus der Liebesentstehung durch Berühren, wie er bei Heinrich von Vel-
deke als eine paradigmatische Form vorgeführt wird. Die Dido-Minne bei
Heinrich von Veldeke ist eine von Göttern übertragene zauberisch-ma-
gische Minne, die über Berührung vermittelt wird (Venus küsst Ascanius,
Dido küsst Askanius, Dido und Eneas sitzen nebeneinander).
Die Entstehung der Eneasminne geht im RdE ebenfalls auf eine Be-
rührung, einen Kuss zurück, hier küssen Dido und Eneas den Ascanius,
Eneas allerdings nicht mit gleicher Intensität. Durch den Kuss des Asca-
nius überträgt sich die Minne, das Stoffliche der Minne, auch auf Eneas,
aber in geminderter Form. Bei Heinrich von Veldeke küsst Ascanius aus-
schließlich Dido, Eneas kommt mit seinem Sohn nicht in Kontakt. Folg-
lich verliebt er sich nicht in Dido, es fehlt die Voraussetzung für die Lie-
besentstehung, das Küssen, die Berührung des Mundes. Dass Eneas sich
nicht verliebt, wie er später im Zusammenhang der Laviniaepisode zu-
gibt22, bestätigt die These des mythisch-magischen Ursprungs der Liebe.

20 Über Figurationen des Berührens in der mittelalterlichen Literatur CHRISTINA LECHTER-


MANN: Berühren und Berührtwerden: Daz was der belde ein begin. In: JAEGER/KASTEN (Anm.
4), S. 251-270, mit weiterführender Literatur.
21 MARC BLOCH: Die wundertätigen Könige. Mit einem Vorwort von JACQUES LE GOFF,
München 1998 (Originalausgabe 1924).
22 Vgl. Eneasroman, V. 11180-11186: ich wiste wol daz frou Dîdô / von minnen leit grôze nôt, / dô si ir
selben tet den tôt. / wâr mir dô zer selber stunt / zehen teil sô von minnen kunt, / als ich sider hân vernomen, /
ichn wâre nie von ir komen; „Ich wußte sehr gut, daß Frau Dido / aus Liebe große Qualen litt, /
als sie sich selbst den Tod gab. / Hätte ich aber damals über die Liebe / auch nur den zehnten
Teil dessen gewußt, / was ich seither erfahren habe, / ich hätte sie niemals verlassen.“
72 Bruno Quast/Monika Schausten

Er kann sich nicht verlieben, weil er Ascanius nicht geküsst hat, daher
bleibt für ihn der hier einzig denkbare Weg der Liebesentstehung, der
kontaguöse Weg, verschlossen.

2. Allegorese – Das Minnegespräch zwischen Lavinia und


der Mutter
Im zweiten Teil des Eneasromans, nachdem Eneas Dido verlassen und die-
se sich getötet, Eneas die berühmte Unterweltfahrt überstanden und seine
dynastische Zukunft vor Augen geführt bekommen hat, wird Lavinia zur
bestimmenden Größe seines Lebens. Der RdE und der deutsche Eneasro-
man interessieren sich in einem besonderen Maß für diese Liebesgeschich-
te zwischen Eneas und Lavinia, ein Interesse, das Vergil noch nicht an den
Tag legt. Die beiden volkssprachlichen Texte unterminieren in gewisser
Weise das Ergebnis ihrer Erzählung, das in der Vereinigung zwischen La-
vinia und Eneas besteht. Die Liebe ist auch für Lavinia eine gefährliche,
leidvolle Erfahrung. Dafür sorgt ein herrschaftspolitisch motiviertes Inte-
resse: Lavinia ist Turnus versprochen, und im Hinblick auf diese zukünf-
tige Verbindung gewährt die Mutter ihrer Tochter zunächst Einblick in das
Wesen der Minne. Im Gespräch zwischen Lavinia und ihrer Mutter wird
die Tochter über das Wesen der Minne aufgeklärt. Die Götter, die auch
hier als Primärursache für die Entstehung der Minne herangezogen wer-
den, unterzieht der französische wie auch der deutsche Text nun einer
Allegorese.
Guarde el tenple comfaitement
Amors i est peinz folement
et tient deus darz en sa main destre
et une boiste en la senestre:
li uns des darz est d’or en som,
ki fait amer, l’altre de plom,
ki fait amer diversement.
Navrë et point Amors sovent,
et si est peinz toz par figure
por demostrer bien sa nature:
li darz mostre qu’il puet navrer
et la boiste qu’il set saner;
sor lui n’estuet mire venir
a la plaie qu’il fait guarir;
il tient la mort et la santé,
il resaine, quant a navré.
Molt deit l’en bien sofrir d’amor,
ki navre et sainë en un jor. (V. 7975-7992)
Amors Pfeil 73

Betrachte den Tempel wie


Amor dort töricht dargestellt ist
und zwei Pfeile in seiner rechten Hand hält
und eine Büchse in der linken:
der eine der Pfeile, der Liebe hervorruft,
ist oben aus Gold, der andre aus Blei,
welcher auf andere Art Liebe hervorruft.
Amor verletzt und sticht oft,
und er ist in ganzer Person dargestellt,
damit seine Wesensart deutlich gezeigt wird:
der Pfeil zeigt, daß er verletzen kann
und die Büchse, daß er zu heilen versteht;
außer ihm braucht kein Arzt
zu der Wunde zu kommen, die er heilen läßt;
er hat den Tod und die Gesundheit in seiner Macht,
er heilt wieder, wenn er verletzt hat.
Viel muß man wohl von Amor erdulden,
der an einem Tag verletzt und heilt.

Der deutsche Erzähltext folgt seiner Vorlage, wenn er den Zeichencharak-


ter Amors unterstreicht. Von der Amorstatue, die man im Tempel vorfinde,
heißt es im Gespräch: daz bezeichent die Minne (V. 9914; „Damit ist die Min-
ne gemeint“). Die Büchse, die Amor trägt, bedeute die Salbe, die die Minne
immer bereit halte:
wil dû nû wizzen rehte,
waz diu buhse bedûte,
dazn wizzent niht alle lûte,
merke in allenthalben:
si bezeichent die salben (V. 9938-9942).

Wenn du noch genauer erfahren willst,


was die Büchse bedeutet
– nicht alle wissen darüber Bescheid –,
so höre gut zu:
Sie bedeutet die Salbe.

Das Minnegespräch zwischen Lavinia und ihrer Mutter im zweiten Teil des
Eneasromans konfrontiert die mythische Form der Liebesentstehung durch
Götterberührung mit einer Rationalisierung, wenn der Liebesgott Amor
einer Allegorese unterzogen wird. Man kann dies als Depotenzierung der
Götter verstehen, sie sind nur mehr als allegorische Figuren kommunizier-
bar. Die Allegorese sorgt dafür, dass Lavinia, wenn sie sich in Eneas, also
in den für sie nicht vorgesehenen Mann, verliebt, um ihre Verwundung
durch die Liebe wissen kann.
74 Bruno Quast/Monika Schausten

3. Schrift und Mythos – Die Entstehung der Minne zwischen


Lavinia und Eneas
Im weiteren Verlauf des Erzählgeschehens beschreiten der RdE und der
deutsche Eneasroman jedoch verschiedene Wege, wenn sie der Liebe auf
den Grund gehen. Eneas belagert mit seinen Truppen Lauretum, Lavinia,
die dem Turnus versprochen ist, blickt aus einem Turmfenster der Burg
auf den stattlichen Trojaner – und verliebt sich in ihn:
Lavine fu en la tor sus,
d’une fenestre esguarda jus,
vit Eneas ki fu desoz,
forment l’a esguardé sor toz.
[…]
Amors l’a de son dart ferue;
[…]
por lui l’a molt Amors navree;
la saiete li est colee
des i qu’el cuer soz la mamele. (V. 8047-8067)

Lavinia war oben in dem Turm,


sie schaute aus einem Fenster hinab,
sie erblickte Eneas, der unten war,
aufmerksam hat sie ihn vor allen anderen betrachtet.
[…]
Amor hat sie mit seinem Pfeil getroffen;
[…]
um seinetwillen hat Amor sie sehr verwundet;
der Pfeil ist ihr bis ins Herz
unterhalb der Brust gedrungen.

In einem Minnemonolog deutet Lavinia ihr Schicksal:


N’avra Amors de mei merci?
Il me navra en un esguart,
en l’oil me feri de son dart,
de celui d’or, ki fait amer;
tot le me fist el cuer coler. (V. 8158-62)

Wird Amor kein Erbarmen mit mir haben?


Er verwundete mich durch einen Blick,
er traf mich mit seinem Pfeil ins Auge,
mit jenem aus Gold, der Liebe bewirkt;
er ließ ihn mir gänzlich ins Herz dringen.

Amor verwundet Lavinia durch einen Blick. Menschliches Tun – der Blick
der Lavinia – und göttliche Aktion – das Abschießen des Pfeils – sind un-
trennbar miteinander verbunden. Wenn es heißt: Er verwundete mich
Amors Pfeil 75

durch einen Blick, ‚ist‘ der Blick der Lavinia auf den schönen Trojaner der
Pfeil des Gottes Amor. Man kann das metaphorische Geschehen auf eine
Formel bringen: Im Minnemonolog der Lavinia fungiert der Blick anders
als im erzählten Geschehen als Amors Pfeil. Mythisches Geschehen wird
in mittelalterliche Liebespsychologie überführt.
Wie sieht diese Szene bei Heinrich von Veldeke aus?
Dô der hêre dare quam
und sîn diu maget lussam
dâ nidene wart gewar
und si ir ougen kêrde dar,
dâ si was ûf deme hûs:
dô schôz si frouwe Vênûs
mit einer scharphen strâle.
daz wart ir al ze quâle
sint uber ein lange stunden (V. 10031-39)

Als nämlich der Herr hinkam


und das liebliche Mädchen ihn
dort unten erblickte
und ihren Blick auf ihn richtete
von ihrem Platz im Haus aus,
da schoß Frau Venus
mit einem scharfen Pfeil auf sie.
Das brachte ihr seither nur Schmerzen
für eine lange Zeit.

Im Minnemonolog der Lavinia, der sich dieser Szene anschließt, heißt es:
Amôr hât mich geschozzen
mit dem goldînen gêre
des mûz ich quelen sêre
und ez koufen tûre (V. 10110-13).

Amor hat auf mich geschossen


mit dem goldenen Pfeil.
Dafür muß ich mich sehr quälen
und es teuer bezahlen.

Später klagt sie: von sînen minnen bin ich wunt / und lîde micheln ungemach (V. 10196f.;
„Die Liebe zu ihm hat mich verwundet, / und ich leide große Qual“).
‚Mythische‘ Rede – Amor hat auf mich geschossen – steht neben bereits
abstrakter allegorischer Rede – die Liebe zu ihm hat mich verwundet; bei
Heinrich von Veldeke sind beide Redeweisen, die mythische und die alle-
gorische, zumindest der Tendenz nach weniger aufeinander bezogen, als
dies im RdE der Fall ist. Während im RdE in der Figurenrede die allego-
risch-metaphorische Redeweise obsiegt, konstruiert Heinrich von Veldeke
76 Bruno Quast/Monika Schausten

im Minnemonolog der Lavinia ein Nebeneinander von mythischer Rede


und Allegorese, der Blick Lavinias und der Pfeil Amors werden nie als ein
und dasselbe identifiziert. Neben dem Blick als Pfeil im RdE stehen im
Eneasroman Blick und Pfeil. Damit wird bei Heinrich von Veldeke der my-
thischen Sichtweise der Dinge ein neuer Raum eröffnet, er hegt im Wissen
um die allegorische Funktion mythischer Figuren und Erklärungsweisen
eine deutliche Sympathie für eine Remythisierung der Minne, einen ‚Neuen
Mythos‘ der Minne.
Dies wird deutlicher, wenn man das Augenmerk darauf richtet, wie die
beiden volkssprachlichen Texte umgekehrt die Minne des Eneas zu Lavinia
begründen. Lavinia beauftragt im französischen Roman einen Schützen,
Eneas einen Pfeil zuzuschießen, der mit einem Brief versehen ist, in dem
Lavinia ihre Liebe zu Eneas offenbart. Sie sieht keine andere Möglichkeit,
in ihm Gegenliebe zu entzünden. Eneas empfängt den Brief und freut sich
über das Liebesgeständnis der Lavinia. Um seiner Leute willen zögert er
indes, sie freundlich anzuschauen. Heimlich tauschen sie Liebeszeichen
aus. In einem Minnemonolog des Eneas wird der briefbestückte Pfeil der
Lavinia als Pfeil Amors interpretiert.
Amors, nen ai vers tei rados,
tu ne me lais aveir repos,
nus oem estranges, par ma fei,
n’eüst noalz que ge vers tei.
Tu m’as de ton dart d’or navré,
mal m’a li briés enpoisoné
qu’entor la saiete trovai. (V. 8949-8955)

Amor, ich habe gegen dich keinen Beistand,


du läßt mich keine Ruhe finden,
wahrhaftig, keinem fremden Mann
erginge es schlechter als mir durch dich.
Du hast mich mit deinem goldenen Pfeil verwundet,
übel hat mich der Brief vergiftet,
den ich um den Pfeil herumgebunden fand.23

Hier wird nicht davon erzählt, dass Amor wie im Fall der Lavinia einen Pfeil
auf Eneas schießt, im Gegenteil, um Minne in Eneas zu entzünden, bedient
sich Lavinia eines Liebesbriefs, den sie mit einem Pfeil verschickt bzw.
verschicken lässt. Eneas deutet diesen Liebespfeil der Lavinia nur mehr als
Amors Pfeil. Im Zusammenhang der Eneasminne sind im RdE die Götter
nicht mehr im Spiel, sie sind nur mehr Figuren der Deutung des Gesche-
hens. Es ist die Schrift in Form des Briefes, die die Liebe entzündet, gleich-

23 Vgl. RdE, V. 8972f.: Mais li brievez ki entor ert,/ m’a molt navré dedenz le cors („Aber das Briefchen,
das darumgebunden war, hat mich heftig innen in meinem Körper verwundet.“)
Amors Pfeil 77

sam nur mehr zitathaft-topisch bedient sich der RdE hier der Geste einer
mythischen Stiftung.
Das sieht nun bei Heinrich von Veldeke anders aus. Er nimmt die Deu-
tung des Eneas im RdE, die Interpretation des Pfeils der Lavinia als Pfeil
Amors, zum Anlass, die Götter erneut ins Spiel zu bringen. Im Eneasroman
Heinrichs von Veldeke gibt es neben dem briefbeschwerten Pfeil der Lavi-
nia einen Pfeil Amors, der in Eneas die Liebe zu Lavinia entzündet. Einen
solchen Pfeil Amors als erzähltes Geschehen sucht man im RdE vergebens.
Im RdE ist Amor im Zusammenhang der Entstehung der Eneasminne
keine Figur des erzählten Geschehens, er ist eine Deutungsfigur, im deut-
schen Eneasroman wird Amor als agierende Größe erneut ins Recht gesetzt
– allerdings in einem Wissen um die in der Allegorese betriebene ‚Entmy-
thologisierung‘ der Götter.
ein ritter die strâle nam
und gab si Ênêase in die hant.
den brief her dar ane vant,
der under die vederen was geleget.
[…]
geswâslîche er abe nam
den brief derm an dem zeine quam.
dô hern gesach unde gelas,
daz dar an gescriben was,
dô wart her frô unde sweich.
der junkfrouwen her geneich,
dâ si in dem venster lach.
si frowete sich dô sin gesach
unde neich im hin wider
von dem venster hin nider.
her neich hin ûf und sie her abe. (V. 10916-10941)

Ein Ritter nahm den Pfeil


und reichte ihn dem Eneas.
Der fand den Brief,
der unter die Fiederung gelegt worden war.
[…]
Heimlich nahm er
den Brief ab, der mit dem Pfeil zu ihm gekommen war.
Als er ihn betrachtet und gelesen hatte,
was darin geschrieben stand,
wurde er froh und schwieg still.
Er machte eine Verbeugung zu dem Edelfräulein hin,
wo sie aus dem Fenster lehnte.
Sie freute sich, als sie ihn sah,
und grüßte zurück
vom Fenster hinab.
Er grüßte hinauf und sie hinab.
78 Bruno Quast/Monika Schausten

Hier liegt eine Inszenierung von Minneentstehung über Schrift vor. Sie
bedeutet eine entschiedene Rationalisierung des mythischen Minnegesche-
hens. Die Rationalisierung der Minneentstehung durch Schrift ist das Pen-
dant zur allegorischen Entmachtung der Götter. Der RdE verharrt bei
solcher Rationalisierung, Veldeke hingegen kommt erneut auf die Götter,
auf eine mythische Erklärung der Minne zu sprechen.
Nachdem Eneas den Brief gelesen hat, reitet er näher an die Burg heran:
her reit dem venster nâher bî,
dâ diu junkfrouwe inne lach.
ir antluze her besach,
daz alsô minnechlîch was.
dô markte Ênêas
ir ougen unde ir munt:
dô schôz in Amôr sâ ze stunt
mit dem goldînen gêre
eine wunden sêre
und Vênûs diu mûder sîn
geschûf daz im daz magedîn
lieb wart als sîn eigen lîb,
daz im nie weder maget noch wîb
dâ vor nie sô lieb ne wart.
daz geliebete im die vart. (V. 10976-10990)

Er ritt näher an das Fenster,


in dem das Fräulein lag.
Er erblickte ihr Antlitz,
das so lieblich war.
Eneas betrachtete
ihre Augen und ihren Mund:
in diesem Augenblick schoß ihm Amor
mit dem goldenen Pfeil
eine schmerzende Wunde,
und Venus, seine Mutter,
bewirkte, daß ihm das Mädchen
lieb wurde wie sein eigenes Ich,
so daß ihm keine Jungfrau oder Frau
früher ebenso lieb gewesen wäre.
Das machte ihm den Ausritt teuer.

Die Entstehung der Liebe über die Lektüre des Briefes und den Anblick
Lavinias reichen Veldeke nicht aus, es bedarf einer weiteren Wirkmacht,
eines zweiten, eines göttlichen Pfeils, und darüber hinaus des Zutuns der
Venus, um die Liebe zu entzünden.24

24 Anders SCHNELL [Anm. 16], S. 212-218, hier S. 218.


Amors Pfeil 79

4. Remythisierung/Neuer Mythos
Der altfranzösische Roman d’Eneas bildet den historischen Prozess der My-
thenentwicklung25, die Ablösung des Mythos durch die Allegorese des My-
thos, erzählsyntagmatisch ab. Der mythisch initiierten Didominne stehen das
im Zeichen der Allegorese konstruierte Minnegespräch zwischen Mutter
und Tochter und die metaphorisch-allegorisch gefärbte Genese der Lavi-
nia-Eneas-Minne gegenüber. Die in Frage stehenden historischen Statio-
nen der Entwicklung des Mythos – Mythos und allegoretische Entmächti-
gung des Mythos – bilden paradigmatische Positionen innerhalb des Ro-
mangeschehens. Der deutsche Eneasroman Heinrichs geht im Vergleich zur
französischen Vorlage einen entscheidenden Schritt weiter. Er verlängert
die Abfolge Mythos und Allegorese um eine Perspektive auf die Minne, die
man als Remythisierung oder Neuen Mythos bezeichnen könnte. Beson-
ders deutlich führt dies die Entstehung der Eneasminne gegenüber Lavinia
vor Augen. Zwar löst der Brief den Blick des Eneas auf Lavinia aus, aber
das genügt offenbar nicht, um Minne entstehen zu lassen.
Der Neue Mythos ist typisch für das 13. Jahrhundert, Heinrichs Eneas-
roman belegt diese Denkweise als einer der ersten Zeugen bereits im 12.
Jahrhundert. HANS ROBERT JAUSS meint, dass im Mittelalter als dem Zeit-
alter der babylonischen Gefangenschaft der antiken Mythologie, genauer
um 1200 herum, die Grenze des ornamentalen Gebrauchs der Mythologie
überschritten worden sei und in der allegorischen Aneignung antiker My-
then und Fabeln ein gegenläufiger Prozess der Remythisierung personifi-
zierter Wesenheiten sich abzeichne. „Um die Wende vom 12. zum 13. Jahr-
hundert werden im besonderen die antiken Mythen von Amor und Venus
zum Kristallisationskern, um den sich die höfische Literatur ritualhaft ver-
festigt und ihre neue Mythologie ausbildet“.26 Dies ist vor allem in der
neuen Gattung der Minneallegorie im 13. Jahrhundert der Fall. Wichtig ist
der Umstand, dass Heinrich von Veldeke den Neuen Mythos als postalle-
gorischen Mythos einführt. Der Neue Mythos ist ein dezidiert literarischer
Mythos, die Götter werden als bereits allegorisch entmachtete Figuren er-
neut ins literarische Spiel eingebracht.

25 JEAN-JACQUES WUNENBURGER: Mytho-phorie. Formes et transformations du mythe. In:


Religiologiques 10 (1994), S. 49-70 (Auszug abgedruckt in: Texte zur modernen Mythen-
theorie. Hrsg. von WILFRIED BARNER/ANKE DETKEN/JÖRG WESCHE, Stuttgart 2003, S.
290-300), schildert in konziser Weise die hier in Rechnung gestellten Stadien der Mythenent-
wicklung. Er begreift anders als die Mehrheit der Mythentheoretiker gar die Rationalisierung
des Mythischen als Form mythischer Persistenz.
26 HANS ROBERT JAUSS: Allegorese, Remythisierung und neuer Mythos. In: Ders., Alterität und
Modernität der mittelalterlichen Literatur, München 1977, S. 285-307, hier S. 286.
80 Bruno Quast/Monika Schausten

Der post-allegorische Mythos des Hochmittelalters bleibt stets auf die Zwischen-
welt allegorischer Personifikationen bezogen, nicht also auf die erzählbare Struk-
tur kulthafter oder textgebundener Geschichten von Göttern und Menschen.
Historisch vorauszusetzen ist hier der […] schon vor der christlichen Ära einset-
zende Prozeß, daß die antiken Götter […] mehr und mehr zu Personifikationen
herabsanken, während die menschlichen Affekte wie alle seelischen Kräfte […]
über die psychologische Beschreibung zu personifizierten Wesenheiten von fast
mythischem Rang hinauswuchsen.27

Man kann den Neuen Mythos darüber hinaus als Versuch verstehen, dem
Nichterklärbaren der Minne literarisch-mythisch beizukommen. Nicht von
ungefähr bedarf es zweier Pfeile, um die Minne des Eneas entstehen zu
lassen. Der Liebesbrief gibt nur die Richtung der Aufmerksamkeit vor, er
lenkt den Blick des Eneas auf Lavinia. Erst Amors Pfeil macht diesen Blick
zu einem Liebesblick.
Didos Minne zu Eneas wird von den Göttern verhängt, sie wird durch
unmittelbare Berührung – Kuss – auf Dido übertragen, kann aber keine
Erwiderung finden. Diese Form magischer Minne setzt einen unmittel-
baren Kontakt voraus, sie kennt das vermittelnde Zeichen noch nicht.
Demgegenüber ermöglicht im Fall der Lavinia das Medium der Schrift
zwar das Antragen der Liebe und die Evokation des Blicks, ohne indes die
Erwiderung entzünden zu können. Lavinia stellt daher im RdE eine be-
zeichnende Überlegung an: sie habe zwar viele Männer angesehen, das
Feuer der Liebe sei in ihr aber nicht jedes Mal entstanden.
Maint altre en ai ge ja veü,
onc mais de nul rien ne me fu.
L’en n’aime pas quant que l’en veit;
trop par sereie en grant destreit,
se ne poeie home esguarder
que mei ne l’esteüst amer:
o merveilles en amereie
o molt poi en esguardereie. (V. 8149-8156)

Manch anderen Mann habe ich schon gesehen,


niemals hat es mir das geringste bedeutet.
Man liebt nicht alles, was man sieht;
allzu sehr wäre ich in großer Bedrängnis,
wenn ich einen Mann nicht ansehen könnte,
ohne daß ich ihn lieben müßte:
entweder würde ich außerordentlich viele Männer lieben,
oder ich würde nur sehr wenige anschauen.

27 Ebd., S. 286f.
Amors Pfeil 81

Der Blick ist zwar eine notwendige, aber eben nicht hinreichende Bedin-
gung für die Entstehung von Liebe. Deshalb deutet sie den Blick als göttli-
chen Pfeil, ohne Amor diesen Pfeil abschießen zu lassen. Über den Blick
hinaus bedarf es eines Besonderen, Nichterklärbaren, das verantwortlich
zeichnet für das Zustandekommen von Liebe. Dieses Besondere chiffriert
der Eneasroman Heinrichs erneut in Gestalt des in das Geschehen eingrei-
fenden Liebesgottes. In Heinrichs Roman zeigt sich, dass es trotz der Me-
dialisierung des Liebes-Affekts eben doch seiner Mythisierung bedarf. So-
mit prägen besonders in der Version des deutschen Autors nicht-rationale
Semantisierungen deutlich die Diskursivierung der Liebe.
Hatte das antike Epos des Vergil bekanntlich die Liebe den Belangen
des mythischen Motivs einer genealogischen Verwurzelung Roms in Troja
gänzlich nachgeordnet, so stellen die mittelalterlichen Versionen in den
Volkssprachen ihre Erzählungen von Liebe geradezu in den Mittelpunkt
der berichteten Ereignisse. Schaut man auf die Erzählung von Dido und
Eneas bei Vergil, so dient der Bericht von der in Hass umschlagenden
Liebe zwischen Dido und Eneas vor allem einer mythischen Begründung
der Feindschaft zwischen Rom und Karthago, und Lavinia ist lediglich als
Spielball im Kampf der Trojaner gegen den Rutulerfürsten Turnus von
Interesse, dessen Gewinn allein die Zukunft des Römischen Reiches zu
garantieren vermag.28 Diese Zukunft ist freilich über ein Orakel der Götter
schon geklärt, das dem Vater der Lavinia bereits vorausgesagt hatte, die
Tochter müsse an einen auswärtigen Helden verheiratet werden, um den
Bestand des Reiches auf Dauer sichern zu können.29 Die Veränderungen
vor allem der Lavinia-Geschichte in den mittelalterlichen Texten gegenüber
der antiken Vorlage sind offensichtlich einschneidend. Die Herrschaft über
das Römische Reich und nicht allein die Feindschaft zwischen Rom und
Karthago wird in ihnen über eine Liebesgeschichte mythisch begründet.
Der Akzent allerdings liegt nun weniger auf dem genealogischen, sondern
vielmehr auf dem Liebesmotiv. Auch Lavinia, obwohl sie doch von vorn-
herein von den Göttern als Partnerin des Eneas vorgesehen ist, wird – wie
oben bereits erwähnt – Protagonistin einer zunächst aussichtslos erschei-
nenden, und deshalb an ihrem Beginn unglücklichen Liebesgeschichte, ist
sie doch in den mittelalterlichen Erzählungen bereits dem Rutuler-Fürsten
Turnus versprochen, so dass ihre plötzlich aufkeimende Leidenschaft für
Eneas durchaus einen Konflikt heraufbeschwört. Der RdE und Heinrichs
Text lenken die Aufmerksamkeit ihrer Rezipienten damit auf das Wesen
der Liebe, wie es sich am Beispiel der Lavinia-Figur zeigt, und damit auf

28 Vgl. dazu bes. MANFRED FUHRMANN: Geschichte der römischen Literatur, Stuttgart 1999,
S. 208f.
29 Vgl. Vergil (Anm. 9), 7. Gesang.
82 Bruno Quast/Monika Schausten

ihre Codierung und Begründung. Lavinias Brief und der Pfeil, mit dem er
das Objekt ihrer Begierde im wahrsten Sinne des Wortes trifft, aber codie-
ren letztlich gemeinsam die Liebe als Leidenschaft, wie Rougemont es for-
muliert hat.30 Nur in ihrem problematischen Anfang ist die Liebe Lavinas’
und Eneas’ für die mittelalterlichen Autoren von Interesse, eben nur inso-
fern, als sie Leiden, Verwundung sowie die Gefahr von sozialer Isolation
mit sich bringt. Die mittelalterlichen Texte aber gehen noch einen Schritt
weiter: Denn sie betonen vor allem abschließend darüber hinaus den Ge-
danken, dass die Liebe als Gefühl sich letztlich selbst nicht im Medium
ihrer schriftlichen Darlegung rational begründen lässt, den Gedanken also,
dass es eine besondere Qualität der Liebe ist, dass ihre Entstehung und
damit sie selbst sich jeder möglichen Form der Begründung gerade ent-
zieht. Die besondere Qualität der Liebe als Gefühl konkretisiert sich in der
Literatur demzufolge nicht allein im Rekurs auf ihre seit der Antike durch
eine Engführung mit dem medizinischen Diskurs tradierten physischen
Akzidentien. Indem gerade in der Version Heinrichs der Liebesbrief dann
doch der Unterstützung des göttlichen Pfeiles bedarf, demonstriert der
Roman einmal mehr mythisch die Unbegründbarkeit der Liebe als Ge-
fühl.

30 DE ROUGEMONT (Anm. 1), S. 20: „Und doch bedeutet die Leidenschaft der Liebe tatsächlich
ein Leiden.“
ASTRID BUßMANN

‚her sal mir deste holder sîn, /


swenner weiz den willen mîn‘
Variationen des Liebesgeständnisses in Heinrichs von
Veldeke Eneasroman

1. Liebe, Geständnis und Variation


Liebe ist ein Gefühl, die affektive Bindung eines Ich an ein Du, aber erst
das – verbale oder nonverbale – Kommunizieren dieses Gefühls im Liebes-
geständnis führt zu seiner Verwirklichung.1 Als Gefühl vollzieht sich Liebe
zudem in Phasen, je neuen Phasen des Gefühls, die von je neuen Akten der
Kommunikation getragen werden. So ist Kommunikation nicht allein die
Voraussetzung von Liebe, sondern deren Wesen: „Liebe ist Kommunika-
tion“, wie die neueren Publikationen zum Thema ‚Liebeskommunikation‘
folgerichtig betonen.2 Wenngleich die Einheit von Liebe und Kommunika-
tion somit prinzipiell alle Phasen der Liebe betrifft, erfährt sie eine spezifi-

1 Ich verwende den Begriff ‚Gefühl‘ zur Bezeichnung eines über Texte vermittelten, in Dich-
tung stilisierten und in Metaphorik reflektierten, kurz gesagt, eines codierten Affektes.
Wendungen wie ‚personales Gefühl‘ implizieren demnach kein individualisiertes Gefühl im
neuzeitlichen Sinne, sondern kennzeichnen ein im Text als individuell, d. h. als Affekt einer
Figur, inszeniertes Gefühl – in Abgrenzung zu überpersonalen Konzepten wie dem fatum,
die sich jenseits der Figuren, gewissermaßen quer zu ihnen, vollziehen.
2 Programmatisch zog dieses Fazit etwa die Ausstellung liebe.komm – Botschaften des Herzens im
Museum für Kommunikation Frankfurt (15. Februar bis 31. August 2003), die durch den
von BENEDIKT BURKARD herausgegebenen Katalog: liebe.komm. Botschaften des Herzens,
Heidelberg 2003 (Kataloge der Museumsstiftung Post und Telekommunikation 17) doku-
mentiert wird. Das Zitat entstammt dem Klappentext. Zur Einheit von Liebe und Kom-
munikation und zur Phasenhaftigkeit der Liebe vgl. auch BURKARDs Katalogbeitrag: Die
Boten des Glücks. Liebe im Zeitalter der Kommunikation, S. 10-27. – Dieser Aufsatz ist eine
überarbeitete Fassung des zweiten Kapitels meiner Magisterarbeit: von holder minne guetiu red.
Schriftliche Liebeskommunikation in mittelhochdeutscher Epik, Münster (masch.) 2004. Für
ihre Unterstützung danke ich Herrn Prof. Dr. Volker Honemann, Münster, sowie Herrn
Prof. Dr. Hartmut Kugler und Frau Prof. Dr. Susanne Köbele, Erlangen-Nürnberg.
84 Astrid Bußmann

sche Engführung im Liebesgeständnis, wird im Geständnis das Gefühl


doch zum ersten Mal zum Wort, um wieder Gefühl zu werden. Als Akt der
Offenbarung des Ich vor dem Du eignet dem Liebesgeständnis dabei ein
nicht unbeträchtlicher Risikocharakter, schließlich kann das offenbarte Ge-
fühl auch zurückgewiesen werden. „Das Liebesgeständnis ist“ – wie es
etwa WALTER HAUG emphatisch formuliert – „wohl das höchste Risiko, das
man in der Begegnung mit dem Du eingehen kann, denn man setzt sich
selbst, als Person, aufs Spiel, und das ist, wenn man es ganz ernst nimmt,
mehr als das Leben.“ Dabei ist unstrittig, dass das verbale Liebesgeständnis
wegen seiner Eindeutigkeit riskanter ist als das nonverbale Geständnis, so
dass sich HAUG in seiner Untersuchung zu literarischen Geständnisszenen
auf Variationen des verbalen Liebesgeständnisses konzentriert.3
Einer der mittelalterlichen Romane, der mit besonderer Intensität um
den Beginn der Liebe und damit notwendigerweise auch um das Liebesge-
ständnis kreist, ist Heinrichs von Veldeke Eneasroman (zwischen 1170 und
1190), eine mittelhochdeutsche Adaptation des altfranzösischen Roman
d’Eneas (um 1160), der seinerseits wiederum Vergils Aeneis (29-19 v. Chr.)
adaptiert. Wesentlich für die Minnekonzeption des Eneasromans erscheint
mir nämlich, dass sich die bereits Veldekes Zeitgenossen evidente Konzen-
tration auf die Liebeswerbung4 de facto auf die der Werbung inhärente
Engführung von Liebe und Kommunikation zuspitzen lässt. Von den drei
Minnebindungen des Romans – der Verbindung von Dido und Eneas, der
Verbindung von Lavinia und Eneas und der Verbindung von Lavinia und
Turnus – kann Veldekes Konzeption einer Liebe als Kommunikation dabei
am besten an der Verbindung von Eneas und Lavinia aufgezeigt werden.
In dieser Episode verliebt sich Lavinia, si wolde oder enwolde (267,31; „ob

3 WALTER HAUG: Das Geständnis. Liebe und Risiko in Rede und Schrift. In: Gespräche –
Boten – Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. Hrsg. von HORST
WENZEL, Berlin 1997 (PhSt 143), S. 23-41, hier S. 23 (Zitat). HAUG untersucht die drei
Geständnisszenen im König Rother (2. H. 12. Jh.), in Gottfrieds Tristan (um 1210) und im
Prosalancelot (zwischen 1230 und 1250). Ohne dabei eine literarhistorische Linearität be-
haupten zu wollen, klassifiziert er seine drei Beispielfälle als Vertreter der „fraglosen Kom-
munikation“, der „vollentfalteten Problematik der Kommunikation in der personalen Be-
gegnung“ und der „Radikalisierung der Problematik im Versagen der Sprache und den
scheiternden Versuchen, sie durch andere Formen der Kommunikation zu ersetzen“ (S. 32)
– kurz als „Botschaften, Geständnisse[ ] und Sprachlosigkeiten“ (S. 40). Auf den Eneasroman
verweist er beiläufig als Variation dieser heuristischen Muster (S. 33, Anm. 11).
4 Einschlägig ist besonders die Klage von Wolframs Parzival-Erzähler gegenüber der personi-
fizierten Minne: het er uns dô bescheiden baz / wie man iuch süle behalten! / er hât her dan gespalten /
wie man iuch sol erwerben. (Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeut-
scher Text nach der 6. Ausgabe von KARL LACHMANN. Übersetzung von PETER KNECHT.
Einführung zum Text von BERND SCHIROK, Berlin, New York 1998, 292,20-23; „Wenn er
uns nur deutlicher auseinandergelegt hätte, wie man Euch behalten kann! Er hat davon bloß
die Frage abgespalten, wie man Euch erwirbt.“).
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 85

sie nun wollte oder nicht“),5 in Eneas. Ihrer Liebe bleibt die Gegenliebe
aber vorläufig verwehrt, da der Trojaner weder von ihren maßlosen Gefüh-
len weiß, noch jemals eigene Gefühle zu erkennen gegeben hat (285,2-5).
Ein Minnebekenntnis ist für Lavinia insofern zwar besonders riskant, wird
von ihr aber in einer Minnelogik, die Liebe durch Liebe – oder genauer:
durch das Wissen um Liebe – generiert, gleichwohl zum einzigen Weg er-
klärt, Gegenliebe zu erlangen:6
‚wister daz ich ime bin
sô unmâzlîchen holt
âne menneschlîche scholt,
der ich nie kunde gewan,
hern wâre nie sô ubel man,
hern mûste mich minnen.‘ (276,12-17)

„Wüsste er, in welchem Übermaß


ich ihm gewogen bin
– ohne (irgendeine) menschliche Verfehlung,
von der ich niemals Kenntnis erhalten habe –,
wäre er sicher kein so schlechter Mann,
daß er mich nicht lieben würde.“7

5 Ich zitiere den Eneasroman nach: Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch/Neu-
hochdeutsch. Nach dem Text von LUDWIG ETTMÜLLER ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit
einem Stellenkommentar und einem Nachwort von DIETER KARTSCHOKE, 2., durchgesehene
und bibliographisch ergänzte Ausgabe Stuttgart 1997 (RUB 8303). Jeweils verglichen sind die
Ausgaben von FRINGS/SCHIEB (Henric van Veldeken: Eneide. Hrsg. von THEODOR FRINGS/
GABRIELE SCHIEB, Bd. 1: Einleitung – Text, Berlin 1964 [DTM 58]) und FROMM (Heinrich von
Veldeke: Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übersetzung und Kommentar.
Hrsg. von HANS FROMM. Mit den Miniaturen der Handschrift und einem Aufsatz von DO-
ROTHEA und PETER DIEMER. Frankfurt a. M. 1992 [Bibliothek des Mittelalters 4 = Bibliothek
deutscher Klassiker 77]). Den Roman d’Eneas zitiere ich nach: Le Roman d’Eneas. Übersetzt und
eingeleitet von MONICA SCHÖLER-BEINHAUER, München 1972 (Klassische Texte des roma-
nischen Mittelalters in zweisprachigen Ausgaben 9), der im Wesentlichen dem kritischen Text
von SALVERDA DE GRAVE (Eneas. Texte critique. Hrsg. von JACQUES SALVERDA DE GRAVE,
Halle 1891 [Bibliotheca Normannica 4]) folgt. Meine Übersetzungen basieren auf den Über-
setzungen der genannten Editionen, wobei ich mir in Zweifelsfällen Änderungen vorbehalte.
6 Vgl. auch die Wiederholung dieses Gedankens: ‚ich mûz, wâne ich, scrîben / gefûchlîche an einen
brief / daz grôze leit âne lief, / des ich mich mûz genieten, / und wil im enbieten, / wie wê mir sîn minne
tût. / hât her dan manlîchen mût, / her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn. / dar umbe
enbiete ich ime daz.‘ (285,24-33; „‚Ich muß, glaube ich, in aller Schicklichkeit in einem Brief das
große, untröstliche Leid niederschreiben, das ich zu ertragen habe, und will ihm mitteilen,
wie weh mir die Liebe zu ihm tut. Besitzt er ein männliches Herz, wird er mir umso gewo-
gener sein, wenn er weiß, was ich will. Deshalb teile ich ihm das mit.‘“), in der die Kausalität
von Wissen und Liebe durch das dar umbe besonders eklatant ist.
7 Wegen des breiten Bedeutungsspektrums von scholt, das auch ‚Verpflichtung‘ heißen könnte,
aber auch, weil sich scholt potentiell auf Eneas statt auf Lavinia beziehen könnte, ist die
Übersetzung von V. 276,14f. letztlich eine Frage der Interpretation. Meine Hauptthese ist
durch diese Mehrdeutigkeit jedoch nicht berührt.
86 Astrid Bußmann

Programmatisch konstruiert die Prinzessin damit einen Kausalzusammen-


hang zwischen Wissen und Liebe, der Gegenliebe auf ein Informations-
problem reduziert. Doch trotz dieses vordergründig simplen Automatis-
mus von Liebe und Kommunikation darf der Minnekonzeption des Eneas-
romans eine spezifische Komplexität nicht abgesprochen werden. Denn
wie einerseits Lavinias Schwierigkeiten bei der Wahl des geeigneten – und
das bedeutet in ihren Augen gefûchlîche[n] (285,10; „schicklichen“) – Kom-
munikationsmediums, andererseits die scheiternden Beziehungen von
Dido und Eneas sowie Lavinia und Turnus verdeutlichen, erweist sich
nicht jede Form der Liebeskommunikation im narrativen Kontext als er-
folgreich. Die weitestgehend an Körpersprache gebundene, damit non-
verbal bleibende, ein verbales Bekenntnis sogar explizit vermeidende Min-
nekommunikation von Dido etwa führt ebenso wenig zu Gegenliebe wie
die Minnekommunikation von Turnus, die zwar ebenfalls überwiegend
nonverbal bleibt, mit seinem durch Lavinias Mutter bezeichnenderweise
nur indirekt kommunizierten Minnebekenntnis (260,7-266,18) jedoch
auch eine Kommunikationssituation aufweist, die als verbalisierte Be-
kenntnissituation gewertet werden kann. Da sich die Sprache der Liebe
nämlich primär durch die Art des Sprechens definiert,8 basiert die gelun-
gene Motivierung von Minne letztlich auf der Medialität des Liebesge-
ständnisses. Zum Auslöser beständiger Minne wird aber allein das direkte,
d. h. nicht durch Dritte vermittelte, verbale Bekenntnis in der Schrift stili-
siert – Lavinias berühmter Liebesbrief (286,24-35), den sie durch einen
Pfeilschuss an Eneas übermitteln lässt.
Wenngleich nach KASTEN die These von der Minne als ‚Sinnzentrum‘
des Eneasromans in der germanistischen Forschung nicht länger vertreten
wird,9 wird die Minnethematik im vorliegenden Aufsatz somit unter neuer
Akzentuierung wieder aufgegriffen, nämlich unter der Korrelation von Lie-
be und Medialität der Liebeskommunikation. Analog zu OSWALD, die Dido-
Episode und Lavinia-Episode als „Variationen zum Thema ‚(Liebes-)Ga-
ben‘“ begreift – wobei sie die Dido-Episode durch die maßlos gegebene
(Hin-)Gabe, die Lavinia-Episode hingegen durch die nicht gegebene (Hin-)

8 HANS-JÜRGEN BACHORSKI: Posen der Liebe. Zur Entstehung von Individualität aus dem
Gefühl im Roman Paris und Vienna. In: Mündlichkeit – Schriftlichkeit – Weltbildwandel.
Literarische Kommunikation und Deutungsschemata von Wirklichkeit in der Literatur des
Mittelalters und der frühen Neuzeit. Hrsg. von WERNER RÖCKE/URSULA SCHAEFER, Tübin-
gen 1996 (ScriptOralia 71), S. 109-146, hier S. 117.
9 INGRID KASTEN: Herrschaft und Liebe. Zur Rolle und Darstellung des ‚Helden‘ im Roman
d’Eneas und in Veldekes Eneasroman. In: Monatshefte 78 (1988), S. 225-245, hier S. 228,
Anm. 3.
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 87

Gabe charakterisiert –,10 sollen die Minnehandlungen des Eneasromans im


Folgenden als Variationen zum Thema ‚Liebesgeständnis‘ beschrieben
werden. Da unter diesem kommunikativen Aspekt vor allem die mediale
Opposition wesentlich wird, auf der sich weitere Oppositionen wie Verba-
lität und Nonverbalität, Direktheit und Indirektheit der Minnekommuni-
kation allererst begründen, erfolgt punktuell auch eine Annäherung an
RUSINEK, der detailliert die „Rolle der Schrift als Unterscheidungsmerkmal
zwischen den beiden großen Minne-Episoden“ des Eneasromans disku-
tiert.11 Abweichend von OSWALD und RUSINEk sollen für die Interpretation
der Liebeskommunikation jedoch nicht allein die Parallelen zwischen Dido-
und Lavinia-Episode, sondern auch die von der Forschung gemeinhin ver-
nachlässigten Parallelen zwischen Lavinia-Episode und Turnus-Episode
herangezogen werden. Denn in der Inszenierung des Minnebekenntnisses
weisen nicht nur Dido- und Lavinia-Handlung in einer „Struktur des kon-
trastiven Parallelismus“12 aufeinander. Wie anhand der signifikanten Struk-
turparallele zwischen dem von Lavinia an Eneas und dem von ihrer Mutter
an Turnus geschriebenen Brief (126,1-127,6) belegt werden kann, gilt dies
auch für Lavinia- und Turnus-Handlung. Die für Dido und Turnus aufzu-
zeigende Korrelation von scheiternder Liebe und scheiternder Liebeskom-
munikation korrigiert dabei nicht zuletzt die in der Forschung populäre
These vom Scheitern der Dido-Minne und der Turnus-Minne allein aus
dem geschichtlichen telos der Handlung heraus.13 Ausgehend von WENZEL-

10 MARION OSWALD: Gabe und Gewalt. Studien zur Logik und Poetik der Gabe in der früh-
höfischen Erzählliteratur, Göttingen 2004 (Historische Semantik 7), S. 228f. Für den Kon-
nex zwischen Gabe- und Minneverhalten – zwischen Gabe und Hingabe – vgl. auch S. 174.
Interessant ist der Gabendiskurs, weil er Lavinias Liebesbrief in einer Doppelfunktion per-
spektiviert: Der Brief ist einerseits selber Gabe, die die nicht gegebenen Minnegaben hârbant,
rîse, mouve, vingerlîn und borden ersetzt (322,8-324,13; „Haarband, Schleier, Ärmel, Ring und
Gürtel“), andererseits Träger einer versprochenen, ‚aufgeschobenen‘ Gabe, des im Brief
gegebenen Liebesversprechens (S. 232f.).
11 BERND A. RUSINEK: Veldekes Eneide. Die Einschreibung der Herrschaft in das Liebesbe-
gehren als Unterscheidungsmerkmal der beiden Minne-Handlungen. In: Monatshefte 78
(1986), S. 11-25, hier S. 22.
12 DIETMAR WENZELBURGER: Motivation und Menschenbild der Eneide Heinrichs von Veldeke
als Ausdruck der geschichtlichen Kräfte ihrer Zeit, Göppingen 1974 (GAG 135), S. 89.
13 Die – sicher auch moralisch entlastende – Funktion der fata formuliert für Dido HERFRIED
VÖGEL: Das Gedächtnis des Lesers und das Kalkül des Erzählers. Zum Eneasroman Hein-
richs von Veldeke. In: Erkennen und Erinnern in Kunst und Literatur. Kolloquium Reisens-
burg, 4.-7. Januar 1996. Hrsg. von DIETMAR PEIL/MICHAEL SCHILLING/PETER STROH-
SCHNEIDER, Tübingen 1998, S. 57-85, hier S. 63: „Dido scheitert nicht aufgrund einer defizi-
tären Minne, sondern weil sie gemäß dem geschichtlichen Telos der Handlung scheitern
muß.“ Impliziter, aber mit gleicher Ausrichtung, argumentiert URSULA LIEBERTZ-GRÜN: Ge-
schlecht und Herrschaft. Multiperspektivität im Roman d’Eneas und in Veldekes Eneasroman.
In: Variationen der Liebe. Historische Psychologie der Geschlechterbeziehung. Hrsg. von
THOMAS KORNBICHLER/WOLFGANG MAAZ, Tübingen 1995 (Forum Psychohistorie 4),
S. 51-93, hier S. 64, für Turnus.
88 Astrid Bußmann

BURGER, für den das Neue in den mittelalterlichen Aeneis-Adaptationen


darin besteht, „den Fortlauf der Handlung nicht mehr allein überpersön-
lich aus dem Willen der fata, sondern auch persönlich aus der Subjektivität
des Helden zu begründen“,14 soll im Folgenden nämlich nicht das ge-
schichtliche telos, das überpersonale fatum, sondern das personale Gefühl
als konstitutiv für die Handlungsmotivation verstanden werden. Es ist eine
Kernthese des vorliegenden Aufsatzes, dass Heinrich von Veldeke dieses
Gefühl auf der Figurenebene seines Romans im Kommunikationsverhal-
ten seiner Protagonisten exemplifiziert, dass die Liebeskommunikation das
Gefühl einerseits interpretiert, andererseits auch generiert.
Gerade für die Minnethematik erweist sich dabei die Interaktion von
französischem Prätext und deutschem Retext als beachtenswert. Denn da
die um Lavinia zentrierte Liebeshandlung und damit der kontrastive Paral-
lelismus von Dido-Minne und Lavinia-Minne eine Neuschöpfung des Ro-
man d’Eneas ist, entsteht die Minnekonzeption des Eneasromans nicht vo-
raussetzungslos. Die Notwendigkeit eines in der Veldeke-Forschung ohne-
hin selbstverständlichen Quellenvergleichs ist mithin evident. Dennoch
bleibt zu betonen, dass die Interpretation der Minneepisoden als Variatio-
nen zum Thema ‚Liebesgeständnis‘ für den Eneasroman zwingender ist als
für den Roman d’Eneas. Der Grund dafür ist, dass Veldeke einerseits paral-
lele Kommunikationssituationen neu in den Text inseriert, andererseits die
diskursive Ebene der Minnekommunikation gegenüber dem anonymen
Autor des Roman d’Eneas intensiviert. Exemplarisch belegen lässt sich Ers-
teres durch die Neuschöpfung des Briefes, den Lavinias Mutter an Turnus
schreibt, Letzteres durch das Gespräch zwischen Dido und ihrer Schwester
Anna, das ausschließlich im Eneasroman verschiedene Strategien des Liebes-
geständnisses kontrastiert (53,23-57,20). Die dadurch hervorgehobene
Ähnlichkeit der Konfliktsituation von Dido und Lavinia, die letztlich auf
den kommunikativen Konflikt von Reden und Schweigen – oder mit Didos
Worten tûn und lâzen (56,38) – zugespitzt werden kann, betont dabei gleich-
zeitig die Dialektik im Liebes- und Kommunikationsverhalten der beiden
Protagonistinnen. Da die Karthagerin nämlich das verbale Geständnis un-
terlässt, kommt es – kontrastiv zu der bereits hervorgehobenen Korrelati-
on von Wissen und Liebe in der Lavinia-Episode – zu einer fatalen Korre-
lation von Nicht-Liebe und Nicht-Wissen, die als Vorausdeutung die Re-
zeption der Dido-Episode von vornherein prägt (38,27-39).
Letztlich wird für das Verhältnis von Prätext und Retext damit das
Wechselspiel entscheidend, das im Eneasroman zwischen der Intensivie-
rung der Strukturparallelen von Dido-, Lavinia- und Turnus-Minne, der
intensivierten Diskussion der Liebesgeständnisse und der intensivierten

14 WENZELBURGER (Anm. 12), S. 55.


‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 89

Schriftmotivik besteht.15 Denn indem Veldeke die vom französischen Ano-


nymus vorgegebene Parallelität der Minneepisoden intensiviert, neue Pa-
rallelen und neue Oppositionen konzipiert, etabliert er gleichzeitig neue
Interpretationsangebote jenseits der Vorgaben des Roman d’Eneas, wie sie
im vorliegenden Aufsatz anhand der Variation des Liebesgeständnisses in
den einzelnen Minneepisoden dargelegt werden sollen.16

2. Variation I: Das Geständnis im Brief


In ihrer Korrelation von Liebe und Liebesbrief ist die Minne von Eneas
und Lavinia aus kommunikationstheoretischer Perspektive betrachtet be-
sonders interessant – zumal für den modernen Rezipienten, der mit der
Konzeption einer Liebe aus der Schrift vom neuzeitlichen Liebesdiskurs
her vertraut ist.17 Weil diese Verbindung von Gefühl und schriftlicher Ge-
fühlsübermittlung die Beziehung von Eneas und Lavinia bereits während
ihrer Genese von den anderen im Roman thematisierten Beziehungen dif-

15 In der Intensivierung der Schriftthematik folgt der Eneasroman einer allgemeinen Tendenz
der mittelalterlichen deutschen Literatur, denn deutsche Epen verstärken generell die Schrift-
motivik ihrer französischen Prätexte. Vgl. dazu ULRICH ERNST: Formen der Schriftlichkeit
im höfischen Roman des hohen und späten Mittelalters. In: Frühmittelalterliche Studien 31
(1997), S. 252-369, hier S. 365f.
16 Dies sei gegen MICHEL HUBY: L’adaptation des romans courtois en Allemagne au XIIe et
au XIIIe siècle, Paris 1968 (Publications de la Faculté des Lettres et Sciences Humaines de
Paris-Nanterre), S. 124-138, angemerkt, für den sich Umarbeitungsstrategien des deutschen
Retextes vornehmlich auf ein breiteres Ausführen dessen beschränken, was im franzö-
sischen Prätext bereits im Kern angelegt ist. Ein Innovationspotential spricht HUBY dem
deutschen Retext damit ab. Im Sinne dieser Argumentation favorisiert er als Vorlage des
Eneasromans nicht die Roman-Handschrift A (auf der die Edition von SALVERDA DE GRAVE
[Anm. 5] beruht), sondern die Roman-Handschrift G, die gegenüber A insbesondere Kür-
zungen im Schluss aufweist und damit Veldekes innovative Schlusskonzeption auf eine „ex-
plication matérielle“ reduziert (S. 135-139).
17 Dass diese Konzeption einer Liebe aus der Schrift keineswegs dem neuzeitlichen Liebesdis-
kurs vorbehalten ist, sondern auch den mittelalterlichen Liebesdiskurs entscheidend prägt,
war Gegenstand der von MIREILLE SCHNYDER und CHRISTIAN KIENING vom 13. bis 15.
Oktober 2005 in Konstanz veranstalteten Tagung Schrift und Liebe in der Kultur des Mittelalters,
die in dem hier vorliegenden Tagungsband dokumentiert wird. Mit dem Eneasroman beschäf-
tigt sich neben meinem Beitrag auch der Beitrag von BRUNO QUAST und MONIKA SCHAUSTEN:
Amors Pfeil. Liebe zwischen Medialisierung und Mythisierung in Heinrichs von Veldeke
Eneasroman, S. 63-82. Diese Interpretation ist meiner Interpretation allerdings insofern
entgegengesetzt, als QUAST/SCHAUSTEN gerade für die Eneas-Lavinia-Minne im Spannungs-
feld zwischen einer mythischen, nicht-rationalen (Liebesentstehung durch den Pfeil Amors)
und einer medialen, rationalen (Liebesentstehung durch den Pfeil mit dem Liebesbrief) Se-
mantisierung des Liebesaffektes für die Remythisierung und damit letztlich für die Nichter-
klärbarkeit der Liebe votieren. – Ich danke Frau Prof. Dr. Monika Schausten, Siegen, für die
Gelegenheit, bereits vor der Drucklegung Einsicht in den Aufsatz nehmen zu dürfen.
90 Astrid Bußmann

ferenziert, soll sie als Paradigma für die Minne von Eneas und Dido und
die Minne von Turnus und Lavinia durch eine detaillierte Interpretation
etabliert werden. Wesentlich für eine solche Interpretation erscheint mir
dabei, dass die Minne von Eneas und Lavinia in der Zeit der Waffenruhe
während der trojanischen Belagerung von Latium entsteht. Denn wenn-
gleich der temporäre Friede einen Moment gegenseitiger Annäherung –
und damit einen Moment des Sich-Verliebens – allererst ermöglicht, blei-
ben in der Kommunikation des Liebesgefühls Distanz und Distanzüber-
windung die bestimmenden Faktoren, da sich Eneas trotz des Waffenstill-
standes außerhalb, Lavinia hingegen innerhalb Latiums befindet und beide
feindlichen Lagern angehören. Diese Distanz wird in der gesamten Minne-
kommunikation nicht aufgehoben, sondern vielmehr in allen Kommunika-
tionssituationen des Paares durch die Markierung der Grenzlinie im Ge-
dächtnis des Lesers gehalten. Zu erwähnen wären in dieser Funktion neben
den mûren (266,39) als explizites Zeichen der graben (267,7), als implizites
Zeichen hingegen das venster (267,9), an dem die Prinzessin steht und dessen
Rahmen metaphorisch als Rahmung, als Umgrenzung verstanden werden
kann.18 Es ist daher nur folgerichtig, dass die Grenze nicht allein zeichen-
haft in der Liebeshandlung präsent ist, sondern vom Erzähler auch offen
konstatiert wird: ne mohte er ir niht nâher komen (306,19; „konnte er ihr auch
nicht näher kommen“), wie es etwa über Eneas heißt.
In dieser Situation der Distanz profiliert sich der Lavinia-Brief als das
adäquate Medium, die durch graben und venster mehrfach markierte Gren-
ze zu überwinden. Insofern lässt sich der Brief nicht allein auf seine litera-
turhistorische Bedeutung als erste Minnebriefeinlage der mittelhochdeut-
schen Literatur reduzieren,19 der Brief erfüllt vielmehr eine dezidiert nar-
rative Funktion.20 Signifikant für die Verbindung von Liebe und Schrift ist
dabei, dass Veldeke neben der Schrift den Blick als zweites Medium der

18 Als Zeichen ist das venster ambivalent, da es einerseits als Grenze, also als Zeichen des
Schließens, andererseits als partielle Durchbrechung dieser Grenze, also als Zeichen des
Öffnens, verstanden werden kann. Zur Weiterführung der Grenzmarkierung durch venster
und graben in den Eneas-Lavinia-Szenen und zur Verknüpfung beider Markierungen
vgl. 287,13-27 (venster); 290,5-13 (venster und graben); 291,6-9 (venster); 301,2-7 (venster);
305,22-306,12 (venster und graben); 327,20ff. (venster).
19 HELMUT BRACKERT: Da stuont daz minne wol gezam. Minnebriefe im späthöfischen Roman. In:
ZfdPh 93 (1974), Sonderheft: Spätmittelalterliche Epik. Hrsg. von HUGO MOSER/BENNO
VON WIESE, S. 1-18, hier S. 2, Anm. 4; und PETER DREHER: Enclosed Letters in Middle High
German Narratives, Diss. (masch.) University of California, Riverside, 1979, S. 78f.
20 Diese auch von BRACKERT (Anm. 19), S. 2, Anm. 4, und S. 4f., Anm. 10, betonte Funktio-
nalität von Lavinias Liebesbrief hat eine differenzierte Interpretation jedoch eher behindert.
Denn weil der Lavinia-Brief in seiner stilistischen Schlichtheit und handlungsauslösenden
Funktion dem Briefideal der älteren Mediävistik entspricht, wird er selbst in Überblicks-
darstellungen mittelalterlicher Einlagebriefe meist nur beiläufig erwähnt, während das
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 91

Distanzüberwindung etabliert. So entsteht Lavinias Minne durch den An-


blick von Eneas (267,19-31), während die Liebe des Trojaners durch die
Schönheit der Prinzessin und durch die Schriftzeichen ihres Briefes gleich
zweifach von der Wahrnehmung der Augen abhängig ist: ‚ichn hân wan einen
brief gelesen / und eine junkfrowen gesehen‘ (296,24f.; „‚ich habe nur einen Brief
gelesen und ein Mädchen gesehen‘“). Damit ist die Beziehung von Eneas
und Lavinia sogar in doppeltem Sinne visuell konnotiert, durch Blick und
durch Schrift. Denn in ihrer Abhängigkeit von Akt und Organ des Sehens
sind Blick und Schrift nicht nur grundsätzlich miteinander verbunden, eine
konzeptionelle Verschränkung von lesen und sehen wird gerade in der Art
evident, in der die Liebe des Eneas entsteht: Erst der Brief macht aus
dem bestenfalls nicht-wissenden, schlimmstenfalls nicht vorhandenen Blick
des Trojaners (277,20-35) den wissenden Blick, der die Liebe generiert
(290,1-291,20). Anders als in der taktil – und damit nach LECHTERMANN
eindeutig mit sexuellem Begehren21 – konnotierten Beziehung von Dido
und Eneas erweist sich als Leitmotiv dieser Beziehung daher statt der
Intimität der Körper die sublime Intimität der Blicke.
Wie nun betont werden soll, basiert diese Sublimität – oder mit den
Worten des Eneasromans diese gevuocheit – letztlich auf der gefûchlîchen
Ver mittlung des Minnebekenntnisses (285,8-29), d. h. auf der Wahl des
Briefes als Kommunikationsmedium. Im narrativen Kontext erscheint der
Brief nämlich als Antwort auf Lavinias Frage: ‚wie sal ichz nû ane vân, /

eigentliche Interesse den langen, hochstilisierten und eben nicht handlungsauslösenden


Briefen vom Typ der Briefeinlagen in Johanns von Würzburg Wilhelm von Österreich (1314) gilt.
Vgl. dazu etwa EUGEN MAYSER: Briefe im mittelhochdeutschen Epos. In: ZfdPh 59 (1934),
S. 136-147; und BRACKERT, der bezeichnenderweise den Lavinia-Brief lediglich in einer An-
merkung erwähnt. – Da die Funktionalität von Lavinias Liebesbrief andererseits bewirkt, dass
er in faktisch jeder Untersuchung zum Eneasroman kurz erwähnt wird, seien als Forschungs-
überblick nur die Beiträge genannt, die sich grundlegend mit der Schriftlichkeit der Minne-
kommunikation auseinandersetzen. Neben den bereits erwähnten Arbeiten von RUSINEK
(Anm. 11) und OSWALD (Anm. 10) wären das vornehmlich die Arbeiten von HENNING WUTH:
was, strâle unde permint. Mediengeschichtliches zum Eneasroman Heinrichs von Veldeke. In:
WENZEL (Anm. 3), S. 63-76; MARTIN J. SCHUBERT: Ich bin ein brief unde ein bode. The Relation
of Written and Oral Love-Messages in Medieval German Literature. In: JOWG 11 (1999),
S. 35-47; MIREILLE SCHNYDER: Imagination und Emotion. Emotionalisierung des sexuellen
Begehrens über die Schrift. In: Codierungen von Emotionen im Mittelalter/Emotions and
Sensibilities in the Middle Ages. Hrsg. von C. STEPHEN JAEGER/INGRID KASTEN, Berlin, New
York 2003 (Trends in Medieval Philology 1), S. 237-250; und ANDREA SIEBER: (Un)erwünschte
Effekte. Mediengebrauch, Synergie und Störung im höfischen Roman. In: Das Mittelalter 9
(2004), H. 1: Medialität im Mittelalter. Hrsg. von KARINA KELLERMANN, S. 55-63.
21 CHRISTINA LECHTERMANN: Berühren und Berührtwerden: daz was der belde ein begin. In:
JAEGER/KASTEN (Anm. 20), S. 252-270, bes. S. 253-259. Auch in der Dido-Episode lässt sich
der Primat des Sinns – hier des Tastsinns – in der Genese der Liebe erkennen: Didos Minne
wird durch den zauberischen Kuss des Ascanius ausgelöst (38,1-23), während Eneas’ Be-
gehren auf der Berührung ihres Körpers beruht (63,6-14).
92 Astrid Bußmann

daz ichs in innen bringe / mit gefûchlîchem dinge‘ (285,8ff.; „‚Wie soll ich es nun
anfangen, dass ich es ihm auf schickliche Weise zeige?‘“), was insofern
entscheidend ist, als die Prinzessin die Gegenliebe des Eneas von ihrer
eigenen gevuocheit abhängig macht (277,1-19).22 Als gefûchlîches Medium der
Minnekommunikation profiliert sich der Liebesbrief nun insbesondere
durch die Heimlichkeit des Briefvorgangs – also die Unverfügbarkeit ge-
genüber den huote-Instanzen –, durch die Dialektik von Verhüllung und
Offenbarung in Briefstil und Briefsituation – also die Unverfügbarkeit ge-
genüber dem Minnepartner – und durch die Wahrhaftigkeit des verbrieften
Gefühls. Gerade Heimlichkeit als erstes Charakteristikum der Briefkom-
munikation muss dabei im intertextuellen Zusammenhang als konstitutiver
Bestandteil von Liebesgesprächen verstanden werden, weil sich als kom-
munikative Grundbedingung der Minne immer schon die Verschwiegen-
heit des Liebespaares gegenüber der Hofgesellschaft erweist. Die notwen-
dige Intimität des Minnebekenntnisses wird im narrativen Kontext daher
durch die Negation aller Merkmale betont, die der Eneasroman für öffent-
liche Briefe etabliert:
dô hiez er scrîben brieve.
vil wîten her die sande
mit boten after lande
dâ sîne frunt wâren. (129,34-37)

Daraufhin ließ er Briefe schreiben.


Die sandte er durch Boten
weit ins Land hinaus,
wo seine Freunde waren.

Indem sie einem Schreiber diktiert, von Boten überbracht und öffentlich
verlesen werden, erfüllen diese Schreiben des Turnus alle Bedingungen des
Briefes als Herrschaftsinstrument. Den Liebesbrief der Prinzessin kenn-

22 In der Diskussion um die Wahl des Briefes als Medium des Liebesgeständnisses ist der Roman
d’Eneas ausführlicher als der Eneasroman. Lavinias Entscheidungsfindung folgt hier einem
zweiphasigen Modell, von dem Veldeke nur die erste Phase übernimmt (276,36-277,15). In
dieser ersten Phase erwägt die französische Lavinia ein durch einen Boten mündlich kom-
muniziertes Minnebekenntnis, verwirft diese Möglichkeit aber wegen der Mitwisserschaft des
Boten und wegen der Gefahr, für leichtfertig oder sogar unbeständig in der Liebe gehalten zu
werden, wenn sie ihre Minne als Erste gesteht (V. 8360-8380). In der zweiten Phase erwägt sie,
ihr eigener Bote zu sein, also selbst mündlich mit Eneas zu kommunizieren: ,Quel mesage porras
aveir? . . . / Ge ne quier nul altre que mei . . .‘ (V. 8714f.; „‚Welchen Boten wirst Du bekommen
können? . . . Ich verlange keinen anderen als mich . . .‘“). Auch diese Möglichkeit verwirft sie
wegen des Anscheins der Leichtfertigkeit. Erst dann wählt sie den Brief, ermöglicht dieser es
ihr doch, kommunikative Nähe ohne die gefährliche körperliche Nähe einzugehen (für die
vollständige Szene vgl. V. 8701-8730).
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 93

zeichnet hingegen, dass er ohne Boten durch einen Pfeilschuss übermittelt


(287,33-289,22), heimlich gelesen (290,1-5) und in einem „klandestine[n]
Ritual [...] in einem sekreten Interieur“ eigenhändig verfasst wird.23 Beach-
tenswert ist dabei, dass Veldeke den Schreibvorgang in zweifacher Weise
codiert, da er in der Eigenhändigkeit des Schreibens nicht allein die Heim-
lichkeit der Minnekommunikation generiert, sondern den Schreibvorgang
auch in demonstrativem Widerspruch zu Lavinias Rang als eines rîchen ku-
neges kint inszeniert. Wer als Standesperson nämlich selber liest und schreibt,
negiert nach den Prinzipien des mittelalterlichen Briefwesens eben diesen
Stand:24

Dô was diu maget reine


in der kemenâten aleine.
ir angest diu was vile grôz.
die ture si innen beslôz.
dô nam des rîchen kuneges kint
tinten unde permint,
als si diu nôt dar zû treib. (286,15-21)

Das unschuldige Mädchen war


allein in seiner Kemenate.
Seine Angst war sehr groß.
Es schloss die Tür von innen ab.
Dann nahm das Kind eines mächtigen Königs
(selbst) Tinte und Pergament (zur Hand),
so wie die Not es dazu trieb.

In Verbindung mit der Überwindung der angest und der Sorgfalt des Kor-
rekturlesens (286,37) erscheint daher bereits die Eigenhändigkeit des
Schreibens als Metapher für die Tiefe des verbrieften Gefühls – ein inte-
ressanter Nebenaspekt des Heimlichkeitsdiskurses. Denn trotz der zweifa-
chen Codierung ist unstrittig, dass der Schreibvorgang primär die Heim-
lichkeit der Liebeskommunikation fokussiert, erst sekundär und in der
Fokussierung der kommunikativen Heimlichkeit auch das kommunikative
Risiko. Schließlich reduziert sich der Heimlichkeitsdiskurs nicht auf den
‚inneren‘ Schreibvorgang, er wiederholt sich auch im ‚äußeren‘ Schreibvor-
gang, beispielsweise im Verschließen der Tür, und im Übermittlungsvor-

23 ERNST (Anm. 15), S. 320 und S. 326 (Zitat).


24 ROLF KÖHN: Dimensionen und Funktionen des Öffentlichen und Privaten in der mittelal-
terlichen Korrespondenz. In: Das Öffentliche und Private in der Vormoderne. Hrsg. von
GERT MELVILLE/PETER VON MOOS, Köln, Weimar, Wien 1998 (Norm und Struktur 10),
S. 309-357, hier S. 355.
94 Astrid Bußmann

gang. So versteckt Lavinia ihren Brief unter dem gevidere eines Pfeiles, wobei
sie die beschriebene Seite des Blattes am Pfeilschaft nach innen wendet
(287,2-12). In dieser Geste potenziert sich das Bild der Inklusion, ist der
Liebesbrief doch nicht nur Text im Text, sondern wird als Text erneut im
Text verborgen25 – eine subtile Analogie zum Rückzug der Prinzessin in
ihre kemenâten während des Schreibvorgangs. Es erscheint deshalb nur fol-
gerichtig, dass auch die Inszenierung des Lesevorgangs auf Heimlichkeit
basiert, dass Eneas, indem er den Minnebrief heimlich liest und in Schwei-
gen verschließt (290,1-5), analog zur verschlossenen kemenâten Lavinias ei-
nen Raum der Innerlichkeit, der Heimlichkeit, konstituiert.26
Da sich die Briefkommunikation insofern selbst über mûren und graben
hinweg auf Eneas und Lavinia beschränkt, profiliert sie sich als exklusi-
ve Form der Paarkommunikation. Dennoch kann die Tatsache, dass die
Prinzessin Störungen der huote-Instanzen erfolgreich suspendiert, nicht
verbergen, dass ihre Strategie der Heimlichkeit selber Störungen produ-
ziert, wie etwa im Übermittlungsvorgang evident wird. Wesentlich für den
Übermittlungsvorgang ist nämlich seine Dialektik von Distanz und Dis-
tanzüberwindung: Lavinia, die durch die Übermittlung des Briefes mit
einem Pfeil27 realiter die Distanz zu ihrem Geliebten aufheben will, gibt
nach außen vor, diese Distanz noch vergrößern zu wollen, den Feind ihres
Vaters durch den Pfeilschuss hinnen trîben (288,26) zu wollen. Diese Dialek-
tik der Kontaktaufnahme bewirkt aber eine Störung der Kommunikation,
weil Eneas zunächst allein die Zeichen der Distanzierung liest, den Pfeil
allein als Angriff versteht: den zein her enzwei brach (289,31; „er zerbrach den
Pfeil[-schaft]“).28 Das Scheitern der Minne aufgrund gestörter Paarkom-
munikation, wie es in den anderen Minnehandlungen des Eneasromans
explizit wird, prägt implizit so auch die Lavinia-Minne.

25 Vgl. dazu eine entsprechende Interpretation der Liebesbriefe in Johanns von Würzburg
Wilhelm von Österreich bei BURKHARD HASEBRINK: ein einic ein. Zur Darstellbarkeit der Liebes-
einheit in mittelhochdeutscher Literatur. In: PBB 124 (2002), S. 442-465, hier S. 458.
26 SCHNYDER (Anm. 20), S. 245.
27 Nicht erst der Übermittlungsvorgang, bereits der Pfeil ist dialektisch codiert, da er Liebes-
metaphorik und Kriegsgeschehen gleichermaßen verhaftet ist: So sind Pfeile einerseits At-
tribute der Venus (38,38f.; 267,24 f.), lösen andererseits durch den Tod des Hirschen aber den
Krieg aus (133,6-24) und verwunden Turnus und Eneas (207,37-208,23; 313,19-36). Gerade
die mit dem Pfeil verbundene Liebesmetaphorik erhält dabei im Übermittlungsvorgang eine
interessante Aktualisierung, denn indem das Venus-Attribut ‚Pfeil‘ zum Attribut Lavinias
wird, tritt die Prinzessin – durch ihren Brief – für Eneas in die Rolle der Liebesgöttin.
28 Zweifelhaft erscheint daher SIEBERs (Anm. 20) Schlussfolgerung, Lavinia steigere durch den
Verzicht auf einen Boten „bewußt die Wahrscheinlichkeit einer gesicherten Informations-
übertragung gerade entgegen den üblichen Konventionen des Mediengebrauchs“ (S. 57).
Denn wenngleich Lavinia durch den Pfeilschuss tatsächlich einen potentiellen Störfaktor in
der Nachrichtenübermittlung an einen feindlichen Heerführer ausschaltet – die Ermordung
des Boten –, schafft der Pfeil in seiner scheinbaren Aggressivität neue Störfaktoren.
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 95

Lavinias dialektische Codierung ihres Briefes im Übermittlungsvorgang


weist dabei schon voraus auf das zweite konstitutive Element ihrer Liebes-
kommunikation, die Gleichzeitigkeit von aktiver Kontaktaufnahme und
zögernder Zurückhaltung, die ihrem Minnebekenntnis Spannung und Para-
doxie verleiht. Denn obwohl die Prinzessin das „radikale[ ], personale[ ]
Wagnis“29 einer Liebeserklärung eingeht, ist die Wahrung ihrer wertlîchen
êre (277,18) für sie unverzichtbar, da sie, wie bereits angemerkt, ihre êre als
Grundvoraussetzung dafür betrachtet, überhaupt der Gegenliebe würdig zu
sein (277,1-19). Ihren gefûchlîche (285,25) verfassten Brief kennzeichnet
daher eine spürbare Differenz zwischen selbsteingestandenem Gefühl und
schriftlich konstituierter höfischer Gefasstheit.30 Diese Differenz etabliert
sich in der Dialektik von offenbarendem Inhalt und verhüllender Form:31
‚ez enbûtet Lavîne
Ênêase dem rîchen
ir dienest inneclîchen,
der is ir vor alle man,
wande sim baz gûtes gan,
dan allen den dies ie gesach,
und si sîn vergezzen niene mach
weder spâte noch frû.
unde enbûtet im dar zû,
daz her der rede sî gewis
und vil wol gedenke des,
daz diu minne vil getût.‘ (286,24-35)

„Es entbietet Lavinia


dem mächtigen Eneas
von Herzen ihre Ergebenheit.
Der steht ihr höher als alle Männer,
weil sie ihm mehr Gutes gönnt,
als all denen, die sie je erblickt hat,
und sie vermag ihn nicht zu vergessen,

29 HAUG (Anm. 3), S. 23.


30 MARIE-LUISE DITTRICH: Die Eneide Heinrichs von Veldeke, Teil 1: Quellenkritischer Ver-
gleich mit dem Roman d’Eneas und Vergils Aeneis, Wiesbaden 1966, S. 324.
31 In der Verbindung von Verhüllung und Offenbarung unterscheidet sich Veldekes Minne-
brief deutlich von dem des Romans, der primär als unverhüllte Offenbarung von Lavinias
Gefühlen konzipiert ist – jedenfalls soweit man von der indirekten Wiedergabe des Brief-
textes auf den tatsächlichen Brieftext schließen kann: Tot li descuevre son talent / et a el parchemin
bien peint / que molt l’angoisse et la destreint / l’amors de lui, si qu’ele en muert (V. 8786-8789; „Gänz-
lich entdeckt sie ihm ihr Sehnen, und auf dem Pergament malt sie recht aus, wie heftig die
Liebe zu ihm sie bedrängt und quält, so dass sie daran stirbt“). Hinzu kommen Änderungen
im Dispositionsschema, da dem deutschen Brief, anders als dem französischen, die salutatio
fehlt. Vgl. für den französischen Brief hingegen die dem eigentlichen Briefinhalt vorausge-
henden saluz (V. 8780).
96 Astrid Bußmann

weder spät noch früh.


Und sie entbietet ihm weiterhin,
er möge ihrer Worte gewiss
und wohl dessen eingedenk sein,
dass die Minne viel vermag.“32

Inhaltlich darf nämlich gerade wegen der Zeichenhaftigkeit des höfischen


Minnediskurses der Offenbarungscharakter – und damit das personale Wag-
nis – dieses knappen Liebesbriefes nicht unterschätzt werden, selbst wenn
Lavinia ihr Gefühl durch das formelhafte ‚daz diu minne vil getût‘ nicht im per-
sönlichen Bezug, sondern nur unpersönlich als Liebesgefühl klassifiziert. So
verweist bereits das in die stereotype enbieten-Formel des Briefanfangs einge-
fügte Adverb inneclîchen deutlich auf die Tiefe des verbrieften Gefühls – eine
für die mittelhochdeutsche Briefliteratur frühe und deshalb für die Bewertung
des Lavinia-Briefes um so signifikantere Synthese von brieftypischem Forma-
lismus und Ausdrucksbestreben.33 Zeichen sprachlicher Hingabe, mithin Im-
plikation des Liebesgeständnisses, ist zudem das Bekenntnis: ‚und si sîn vergez-
zen niene mach‘, wenngleich die Prinzessin auch hier die explizite Verwendung
des Verbes ‚lieben‘ vermeidet. Denn mit diesen Worten gesteht sie sich nicht
nur selbst ihre Minne für Eneas ein (269,8), sie fasst die Offenbarung ihrer
verbotenen Liebe gegenüber ihrer Mutter in die gleiche Formel:34
‚jâ sint gester morgen,
daz ich einen man gesach,
des ich vergezzen niene mach
noch nimmer mêre enkan.‘ (281,34-37)

„Ja, seit gestern Morgen,


als ich einen Mann gesehen (habe),
den ich nicht vergessen kann,
noch niemals werde vergessen können.“

32 Wie FRINGS/SCHIEB differenziert KARTSCHOKE das Bedeutungsspektrum von minne durch


Groß- und Kleinschreibung: minne verweist demnach auf das Gefühl (Liebe), Minne auf die
Personifikation (frou Minne). Diese Setzung ist allerdings eine moderne Interpretation, wie
etwa der Vergleich mit der durchgängigen Kleinschreibung bei FROMM belegt (alle Anm. 5).
Ich verwende in der Übersetzung daher immer ‚Minne‘, nie ‚Liebe‘, um das Bedeu-
tungsspektrum für den Rezipienten entsprechend offen zu lassen.
33 CHRISTINE WAND-WITTKOWSKI: Briefe im Mittelalter. Der deutschsprachige Brief als welt-
liche und religiöse Literatur, Herne 2000, S. 53f.
34 Aktualisiert wird die Verbindung von Liebe und Gedächtnis zwar auch für Dido (51,8-11),
dennoch ist das Motiv des Nicht-Vergessen-Könnens stärker mit Lavinia konnotiert, da es
sich in der Wachstafel-Szene (282,10-22) konkretisiert: Der Name des Geliebten, der nach
Aristoteles und Platon in Lavinias Gedächtnis eingeschrieben ist wie in eine Wachstafel, wird
von ihr selbst auf eine Wachstafel geschrieben, das sprachliche Bild wird selbst zur Minne-
szene. Vgl. für die Assoziation von Aristoteles und Platon SCHNYDER (Anm. 20), S. 243f.;
und für eine detaillierte Interpretation der Wachstafel-Szene weiter unten S. 117ff.
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 97

Höfische gevuocheit wahrt Lavinias Minnebekenntnis daher primär auf der


grammatischen Ebene, durch die vollständige Formulierung des Liebes-
briefes in der dritten Person. In der lateinischen Briefrhetorik, deren Re-
gelwerk nicht zuletzt durch den Hinweis assoziiert wird, die Prinzessin
schreibe in scônem lâtîne (286,23), fungiert die Verwendung der unpersönli-
chen Rede nämlich als Ausdruck von Demut und Zeichen formeller Dis-
tanz. Da diese Funktion jedoch im Speziellen für die Formulierung der
salutatio kodifiziert ist,35 potenziert Veldeke eine etablierte Briefformel,
natürlich unter gleichzeitiger Intensivierung ihres distanzierenden Cha-
rakters. Für die Interpretation wird damit auch die feine Differenz zwi-
schen der indirekten Wiedergabe des Minnebriefes im Roman d’Eneas
(V. 8779-8794) und der indirekten Formulierung des Minnebrieftextes im
Eneasroman bedeutsam. Denn anders als der französische Text, der die
Gefühlsoffenbarung quasi von außen, von der Erzählerebene her, zen-
siert, verschiebt der deutsche Text diesen Akt der Verhüllung als Akt der
Selbstzensur nach innen, auf die Figurenebene. Dabei steigert Veldeke die
Distanziertheit der Liebeskommunikation zusätzlich dadurch, dass Lavi-
nia nicht allein spezifische Regeln der lateinischen Briefrhetorik befolgt,
sondern ihren Brief vollständig in Latein verfasst. Wertet man nämlich
gegen MEYER Lavinias scônes lâtîne tatsächlich als Markierung der Fremd-
sprachigkeit des produzierten Textes, ist das Minnebekenntnis der Prin-
zessin dezidiert in den normierten Schriftkontext eingebunden, in eine
festgefügte stilistische und rhetorische Tradition.36 Damit ist die Wahl des
Lateinischen insofern als programmatisch zu verstehen, als Latein mit
Schriftlichkeit und eben mit Distanz konnotiert ist, im expliziten Gegen-
satz zur Volkssprache übrigens, die Mündlichkeit, Nähe und Gefühl asso-

35 Zur Kodifizierung der unpersönlichen Rede in den lateinischen Briefrhetoriken vgl. DREHER
(Anm. 19), S. viii; und SCHUBERT (Anm. 20), S. 42f. und Anm. 38. WUTH (Anm. 20), der den
Eneasroman als Reflex eines medialen Umbruchs liest (S. 76) und folglich Veldekes
Briefkonzeption als rückwärtsgewandte Reaktion auf diesen medialen Umbruch, als Imita-
tion alter Medienformen – des Boten – im neuen Medium – dem Brief – deutet (S. 70),
sieht hingegen in der Verwendung der dritten Person eine Annäherung des Briefes an den
Botenbericht (S. 69).
36 SCHNYDER (Anm. 20), S. 245. Lavinias – übrigens aus dem Roman d’Eneas (V. 8778) übernom-
mene –Verwendung des Lateinischen wird von MEYER als unspezifisch gewertet, weil La-
vinia Latinerin sei und Latein demnach für sie die Volkssprache repräsentiere. Allerdings
werden MEYERs Folgerungen durch den Versuch beeinträchtigt, den Lavinia-Brief als Be-
weis für und Reflex auf realexistierende deutschsprachige Liebesbriefe wahrscheinlich zu
machen. Vgl. dazu ERNST MEYER: Die gereimten Liebesbriefe des deutschen Mittelalters.
Mit einem Anhang: ungedruckte Liebesbriefe aus der Dresdener Handschrift M. 68, Diss.
Marburg 1898, S. 44f. – Bislang hat anscheinend noch kein Rezipient des Eneasromans die
darin liegende Ironie bemerkt, dass der als erste mittelhochdeutsche Minnebriefeinlage
gerühmte Liebesbrief im narrativen Kontext keineswegs ein deutscher, sondern ein latei-
nischer Brief ist.
98 Astrid Bußmann

ziiert.37 Weil somit nicht allein die Notwendigkeit des Briefes Distanz
abbildet, sondern Briefstil und Schriftsprache selber zu Trägern formvoll-
endeter Zurückhaltung werden, bedingt letztlich die Schriftlichkeit des Lie-
besgeständnisses die höfische Konzeption von Eneas’ und Lavinias
Minne.
Im Sinne dieser gevuocheit kann es nur als folgerichtig erscheinen, dass
der Lavinia-Brief insgesamt die Vorteile schriftlicher Kommunikation – die
Sublimierung körperlichen Begehrens – mit Aspekten der Mündlichkeit
verbindet, indem die Prinzessin in der Briefsituation versucht, die durch die
Schriftlichkeit verlorene Unmittelbarkeit des kommunikativen Aktes zu-
rückzugewinnen. Insofern wird im Eneasroman die substantielle Ge-
sprächsersatzfunktion von Briefen zur Inszenierung eines tatsächlichen
Gespräches – d. h. von der Gesprächs- zur Stimmersatzfunktion – ver-
schoben. Denn weil sich Eneas und Lavinia während der Briefübergabe
sehen (290,1-13), nutzt die Prinzessin die Möglichkeit, durch Schrift die
Grenzen der eigenen Körperlichkeit zu überwinden, allein auf der akusti-
schen Ebene. Der sich an das Lesen des Briefes anschließende Austausch
von Verbeugungen versteht sich so nicht nur als vollwertiger Ausdruck von
Minne,38 sondern als Versuch, die Stimme des Briefes durch Gestik und
Mimik zu einer face-to-face-Kommunikation zu komplettieren. In der In-
direktheit der Körper ermöglicht die Briefform damit die – scheinbare –
Direktheit des Liebesgesprächs.
In der Gegenseitigkeit der Verbeugungen – her neich hin ûf und sie her abe
(290,11) – finden Eneas und Lavinia aber nicht allein einen gemeinsamen
Minnecode, der sie symbolisch als Paar konstituiert. Die literarische In-
szenierung von Körpersprache verweist vielmehr auf die dritte Kompo-

37 Zu diesen dialektischen Konnotationen von Latein und Volkssprache und zu ihrer Funk-
tionalisierung vgl. die Interpretation der Tegernseer Liebesbriefe (um 1170/1180) von EVA LIA
WYSS: Dû bist mîn, ich bin dîn. Deutschsprachige Liebesbriefe vom Mittelalter bis in die Ge-
genwart. In: BURKARD: liebe.komm (Anm. 2), S. 64-81, hier S. 64f. Durch die Beigabe eines
volkssprachigen Liebeszettelchens mit dem berühmten dû bist mîn, ich bin dîn zu einem latei-
nischen Liebesbrief werden in einem der elf Tegernseer Liebesbriefe nämlich lateinische und
volkssprachige Passagen gezielt miteinander kombiniert – laut WYSS „eine stilistische
Meisterleistung“.
38 MARTIN J. SCHUBERT, Zur Theorie des Gebarens im Mittelalter. Analyse von nichtsprach-
licher Äußerung in mittelhochdeutscher Epik. Rolandslied, Eneasroman, Tristan, Köln, Wien
1991 (Kölner germanistische Studien 31), S. 145. Die gevuocheit der Szene offenbart sich auch
darin, dass Veldeke Lavinias Gestik auf Verbeugungen reduziert, während sie Eneas im Ro-
man d’Eneas Handküsse zuwirft (V. 8876-8886). Der konzeptionelle Vorteil dieser Min-
neszene besteht darin, dass sie eine Problematisierung von Fernkommunikation (und Fern-
minne) ermöglicht, da Eneas die Küsse zwar sehen, aber nicht fühlen kann (V. 8880ff.). Dem
steht der konzeptionelle Nachteil gegenüber, dass die Handküsse die Differenz von taktil
konnotierter Dido-Minne und visuell konnotierter Lavinia-Minne aufheben. Erst Veldeke
vereindeutigt diese Trennung.
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 99

nente brieflicher Kommunikation – ihre Glaubwürdigkeit –, fungieren


doch bereits im Roman d’Eneas Gestik und Mimik der Prinzessin als Lie-
besbeweis:

‚Bien puis saveir des l’altre jor,


que primes fui desoz la tor,
a ce que tant me reguardot,
de si buen oil, qu’ele m’amot‘ (V. 9031-9034)

„Wohl kann ich seit neulich,


da ich zuerst unter dem Turm stand,
es dadurch wissen, dass sie mich liebt,
weil sie mich so lange mit solch wohlwollendem Blick betrachtete; […].“

Denn gerade indem die Schrift die Grenzen der Körperlichkeit über-
schreitet – wie es für das Minnebekenntnis über mûren und graben hinweg
schließlich notwendig ist –, löst sie das gesprochene Wort aus seinem
Ursprungskontext, seiner sichernden Rahmung von Gestik und Mimik,
und schafft so das Problem der Ausdeutung. Wie ein Roman benötigt ein
Liebesbrief deshalb Interpretation. Es ist somit nur einsichtig, wenn die
Prinzessin ihr Minnebekenntnis re-kontextualisiert, wenn sie es durch die
Etablierung des in der face-to-face-Situation noch vorhandenen Interpreta-
tionsrahmens auf eine Aussage hin vereindeutigen will – die Wahrhaftig-
keit ihrer Liebe.
Die Fragilität der Briefkommunikation wird vom Text aber nur aufge-
rufen, um demonstrativ negiert zu werden. So verweist Eneas’ Befürch-
tung, Lavinia könne sowohl ihm als auch Turnus einen Minnebrief ge-
schrieben haben, zwar auf die Möglichkeit, sich in der Schrift selbst zu
stilisieren:

‚waz ob si mich betriegen wil,


und den hêren Turnûm
al daz selbe wil tûn
oder lîhte hât getân‘ (297,32-35)

„Was, wenn sie mich betrügen will,


und mit dem Herrn Turnus
genauso verfährt
oder vielleicht schon so verfahren ist?“

Doch weil sich die Wahrhaftigkeit des Liebesgeständnisses auf ein dem
Brief inhärentes Merkmal gründet – den von der personifizierten Minne
inspirierten Stil –, wird die Brüchigkeit des schriftlichen Zeichensystems
zurückgewiesen:
100 Astrid Bußmann

‚den selben brief den ich dâ las


den tihte diu Minne.
hern mocht von wîbes sinne
niemer sô getichtet sîn.‘ (298,14-17; vgl. auch 299,32f.)

„[…], diesen Brief, den ich gelesen habe,


diktierte die Minne.
Er konnte mit weiblicher Klugheit
niemals so aufgesetzt worden sein.“

Da die Lüge im Eneasroman insofern allein als Merkmal der mündlichen


Rede inszeniert wird,39 bestätigt sich der Brief nicht lediglich in seiner ge-
vuocheit, sondern auch in seiner Glaubwürdigkeit als ideale Form der Lie-
beskommunikation. In der Gedankenwelt des höfischen Minnediskurses
erscheint es dabei nur folgerichtig, dass das kommunizierte Gefühl dem
Kommunikationsmedium entspricht, dass somit die ideale Liebeskommu-
nikation Medium der idealen Liebe ist.

3. Variation II: Das Geständnis im Brief und


das Geständnis im Kampf
Als – liebes- und kommunikationstheoretische – Gegenkonzeption dieser
idealen Minne von Eneas und Lavinia erweist sich im Eneasroman nicht al-
lein die Verbindung von Eneas und Dido, sondern auch die Verbindung
von Turnus und Lavinia, die im Aeneas-Stoff zwar potentiell als Liebe
angelegt,40 anders als in Vergils Aeneis in den beiden mittelalterlichen
Adaptationen des Aeneas-Stoffes jedoch nicht als Liebe realisiert ist. Ge-
rade aus minnekommunikativen Erwägungen interpretiere ich sie dennoch
vor der für Veldekes Minnekonzeption scheinbar relevanteren Verbindung
von Eneas und Dido: Tertium comparationis beider Beziehungen ist nämlich
die Kommunikation mittels Briefen, insofern sich der Brief von Lavinia an
Eneas in dem Brief von Lavinias Mutter an Turnus spiegelt. So werden die
signifikanten Differenzen beider Liebesbindungen lesbar vor dem Hinter-
grund ihrer kommunikativen Gemeinsamkeit – oder genauer: vor der dif-

39 So bewirken die Lügen des Ulixes den Untergang Trojas (42,7-45,40), erringt Dido durch
eine List die Herrschaft über Karthago (25,5-26,8) und verleumdet Lavinias Mutter Eneas
vor ihrer Tochter (282,30-283,25).
40 In dem um Aeneas, Turnus und Lavinia zentrierten zweiten Teil der Aeneis wird nur die Liebe
von Turnus zu Lavinia in der narratio explizit, während potentielle Liebesgefühle des Aeneas
für den Vollzug der fata irrelevant sind und daher nicht narrativ gestaltet werden. In detail-
lierten Minnemonologen stellen Roman d’Eneas und Eneasroman hingegen nur Lavinia und
Eneas – und Dido in der Dido-Episode – als Liebende dar, während Turnus weder Min-
nemonologe noch Minnegefühle zugestanden werden.
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 101

ferenten Umsetzung dieser kommunikativen Gemeinsamkeit –, wie es dem


einleitend als Strukturprinzip etablierten kontrastiven Parallelismus ent-
spricht. Im narrativen Kontext wird die Briefkommunikation von Heinrich
von Veldeke damit gleich zweifach funktionalisiert: Erscheint sie einerseits
als Interpretament der Liebe von Eneas und Lavinia, übernimmt sie ande-
rerseits eine strukturierende Funktion, indem sie die personalen Beziehun-
gen im Figurenmodell des Eneasromans definiert. Dies betrifft vor allem die
Konstellation von Eneas und Turnus in ihrer Beziehung zu Lavinia. Denn
die epische Differenz zwischen dem Trojaner und dem Rutulerherzog wird
von der Forschung zwar besonders in ihrem gegensätzlichen Anspruch auf
göttliches und menschliches Recht gesehen (115,32-117,18), so dass der
Spruch der Götter – das fatum – das Glück des Eneas und das Unglück des
Turnus seit jeher vorausbestimmt:
‚wand mîn tohter haben mûz
ûwer hêre Ênêas
deme sie bescheret was
êr si ie worde geboren.
Turnûs hât si iemêr verloren.‘ (117,14-18)

„[…], denn meine Tochter


muss Euer Herr Eneas bekommen,
dem sie schon zubestimmt war,
noch bevor sie geboren wurde.
Turnus hat sie auf immer verloren.“

Die Tatsache jedoch, dass die Prinzessin Eneas liebt und Turnus hasst
(274,20-25), setzt das fatum in Gefühl um. Wie bereits angemerkt, verdeutlicht
Veldeke dieses Gefühl auf der Figurenebene seines Romans aber im Kom-
munikationsverhalten seiner Protagonisten. Bedeutsam wird hierfür vor allem
der Brief, der geschriebene wie der nicht-geschriebene Brief Lavinias.
Ausgangspunkt meiner Überlegungen zur Minnekommunikation der
Turnus-Figur ist dabei, dass Eneas im Roman d’Eneas die Wahrhaftigkeit der
ihm von Lavinia entgegengebrachten Gefühle bezweifelt. Weitaus wahr-
scheinlicher sei ihre Liebe zu Turnus, denn ihm sei sie nah, ihn könne sie
sehen (V. 9025), ihn könne sie sogar sprechen: ,parler pueent ensenble andui‘
(V. 9002). Damit wird als Voraussetzung von Minne die Nähe, die Nah-
kommunikation, etabliert, was letztlich modernen kommunikationstheo-
retischen Liebeskonzeptionen entspricht, nach denen sich Liebe in der
Synchronisation diachroner Lebensentwürfe mittels einer Vielzahl kom-
munikativer Akte vollzieht.41 In dieser Engführung von Liebe und Kom-
munikation erscheint es umso auffälliger, dass ein dialogischer Austausch

41 BURKARD, Boten (Anm. 2), S. 11.


102 Astrid Bußmann

von Turnus und Lavinia in der Turnus-Episode gerade nicht erzählerisch


gestaltet wird. Obwohl nämlich Turnus, anders als Eneas, keineswegs ge-
zwungen wäre, über mûren und graben hinweg mit Lavinia zu kommunizie-
ren, ist sein Kommunikationsverhalten im Roman d’Eneas wie im Eneasro-
man durch die Vermeidung von Minnekommunikation im Allgemeinen und
eines unmittelbaren Minnebekenntnisses an die Prinzessin im Besonderen
geprägt. Diese kommunikative Leerstelle wird durch die detailliert erzählte
Kommunikation des Rutulerherzogs mit Lavinias Mutter – der in beiden
mittelalterlichen Texten namenlosen Königin von Latium – dezidiert be-
tont. Für die Interpretation des Eneasromans wäre dabei als Akt der Nah-
kommunikation vor allem das minnichlîche Treffen in der Kemenate der
Königin wesentlich zu machen (140,39-142,14), das Heinrich von Veldeke
eigenständig kreiert, als Akt der Fernkommunikation hingegen der bereits
erwähnte Brief von Lavinias Mutter an Turnus – ebenfalls eine eigenstän-
dige Erweiterung des deutschen Romans:42
einen brief sie selbe tihte,
den si mit schônen worden vant,
und screib in mit ir selber hant.
den sande si dâ Turnus was,
der den brief selbe las. (125,36-40)
[…], setzte sie selbst einen Brief
mit wohlgesetzten Worten auf,
und schrieb ihn eigenhändig nieder.
Den sandte sie (dorthin), wo Turnus war,
der den Brief selbst las.

Beachtenswert ist dieser Brief – in dem die Königin dem Rutuler den dro-
henden Verlust von wîb, borge und lant (126,28f.) mitteilt – bereits wegen
seiner kunstvollen Einfügung in den narrativen Kontext. Denn indem der
indirekt wiedergegebene Briefinhalt durch emotionale Reaktionen des Tur-
nus kommentiert und durch eben diesen Kommentar in die narratio einge-
bunden wird, liest der Rezipient des Eneasromans den Brief durch die Augen
der Figur und folgt so deren Informationsselektion (126,11 und 16f.).43

42 Im Roman d’Eneas greift die Königin nicht auf eine durch ihren kamerâre (126,6) schriftlich
übermittelte Botschaft, sondern auf eine durch einen willkürlich ausgewählten escuir (V. 3387;
„Schildknappen“) mündlich vermittelte Botschaft zurück (für die vollständige Szene vgl.
V. 3385-3509). Das hat zur Folge, dass sich vom französischen zum deutschen Roman der
Fokus der Darstellung vom rhetorischen Geschick des Boten zum rhetorischen Geschick
der Königin verlagert.
43 Der vollständige Brief erscheint 126,1-127,6. WAND-WITTKOWSKIs (Anm. 33) Kritik, der
Brief sei so abstrakt mitgeteilt, dass ihn nur die Kenntnis des Zusammenhangs verständlich
mache, basiert darauf, dass sie fälschlicherweise als Brieftext lediglich 126,1-5 wertet (S. 64,
Anm. 129, und S. 337).
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 103

Der durch die Lektüre erregte grôze[ ] zoren (127,7) des Rutulers wird da-
durch nachvollziehbar. In ihrer Wirkung sind die beiden Frauen-Briefe des
Romans somit dialektisch aufeinander bezogen, da sie entgegengesetzte
Gefühle hervorrufen – Liebe und Hass.
Beachtenswert im Rahmen einer minnekommunikativen Interpretation
der Turnus-Episode ist der Brief von Lavinias Mutter jedoch primär wegen
der bereits erwähnten Strukturparallele zu Lavinias eigenem Brief – eine
Parallele, die trotz Veldekes bekanntem Faible für Parallelstrukturen in der
Forschung bislang keine Aufmerksamkeit gefunden hat. Dabei wird die
Vergleichbarkeit beider Briefe nicht allein durch die analoge Inszenierung
des Briefvorgangs suggeriert: Wie die Prinzessin schreibt die Königin selbst
(286,19-23 vs. 125,36ff.), wie der Trojaner liest der Rutuler selbst (290,3f.
vs. 125,40), wie die Worte der Prinzessin scône[ ] sind, sind auch die Worte
der Königin schône[ ] (286,23 vs. 125,37). Vielmehr wird sie von vornherein
auch dadurch konstituiert, dass beide Briefe im Liebeskontext geschriebe-
ne Briefe von Frauen an Männer sind und dass diese Frauen gewisserma-
ßen als Minimalpaar (Lavinia/Lavinias Mutter) konzipiert sind. Gegen
RASMUSSEN ist der im Eneasroman für die Botschaft der Königin vorgenom-
mene Wechsel von einer mündlichen zu einer schriftlichen Botschaft, vom
Medium ‚Bote‘ zum Medium ‚Brief‘, damit deutlich mehr als nur eine me-
diale Modernisierung.44 Denn gerade über ihre Medialität verbindet der
deutsche Roman beide Akte der Kommunikation und markiert so, dass in
der unglücklichen Minnebindung Lavinias Mutter die Rolle usurpiert, die
in der glücklichen Minnebindung die Rolle Lavinias ist. Als charakteristisch
für die Liebe des Turnus – und im Sinne der programmatischen Korrelati-
on von Minne und Minnekommunikation letztlich als fatal – erweist sich
insofern, dass seine Liebeskommunikation um eine Stelle im Figurenmo-
dell des Eneasromans verschoben ist, dass er statt mit Lavinia mit einer La-
vinia-Stellvertreterin kommuniziert. In dieser Stellvertreterfunktion etab-
liert sich die – möglicherweise auch aus diesem Grunde namenlose45 – Kö-
nigin nicht allein durch die Analogie des Kommunikationsmediums, son-

44 ANN MARIE RASMUSSEN: Mothers and Daughters in Medieval German Literature, Syracuse,
N. Y. 1997, S. 38, Anm. 12.
45 Die in Eneasroman und Roman d’Eneas vollzogene Anonymisierung der Königin von Latium
– der Amata der Aeneis – wurde in der Forschung häufig konstatiert und noch häufiger in-
terpretiert. Wahlweise erscheint die Namenlosigkeit der Königin dabei als Akt „der Nega-
tivierung und der Bagatellisierung“ (MARTIN BAISCH/HENDRIKJE HAUFE: Väter und Söhne
– Mütter und Töchter. Normbruch und Normerfüllung in Heinrichs von Veldeke Eneasro-
man. In: Der Deutschunterricht 55/1 [2003], S. 62-75, hier S. 69, Anm. 12), als Korrektur
ihres bedrohlichen Wissens über die Vergangenheit des Eneas, so dass sie, wie diese Vergan-
genheit selber, aus der narratio getilgt werden müsse (SUSAN L. CLARK: Said and Unsaid, Male
and Female. Leaving, Left, and Left out in Heinrich von Veldeke’s Eneide. In: Proceedings of
the Patristic Medieval and Renaissance Conference 11 [1986] 51-70, hier S. 60f.), und als
104 Astrid Bußmann

dern auch durch die Analogie des kommunizierten Gefühls, der Zusicherung
von ihrer (und Lavinias) Minne, die sie mit der Einführung eines nonver-
balen Minnecodes verbindet. Sie codiert nämlich Turnus’ Kampftaten als
Liebestaten:
ouch enbôt sim mêre,
her solde sich versinnen
und trôst nemen zir minnen
unde zû Lavînen,
daz her daz lieze schînen,
wie lieb sime wâre,
daz her den Troiâre
ûz dem lande verstieze. (126,32-39)

Weiter entbot sie ihm,


er möge sich besinnen
und sich auf ihre Minne
und auf Lavinia verlassen
und möge zeigen,
wie lieb sie ihm wäre
indem er den Trojaner
aus dem Lande vertriebe.46

Anders als EMBERSON, die Turnus kategorisch jedes Eingehen auf diese
Sprache der Liebe und damit auch jedes Liebesgefühl absprechen will,47
werte ich zwar den an Lavinias Mutter in der Kemenaten-Szene geleisteten
Schwur des Rutulers, die bôsen trôischen zagen / ûzer diseme lande (141,27f.; „die
elenden trojanischen Feiglinge aus diesem Land“) zu vertreiben, als Akzep-
tanz des Minnecodes, als Etablierung nonverbaler Formen der Kommuni-
kation – immerhin wiederholt die Formulierung des Schwures fast zitathaft
die briefliche Formulierung der Königin. Ob diese Kommunikation jedoch
Liebeskommunikation im ‚romantischen‘ Sinne ist, also ein Gefühl codiert,
das nicht primär auf politischer Zweckmäßigkeit basiert, sei dahingestellt.

Reaktion auf ihre Liebesunfähigkeit – weil sie als Repräsentantin des Machtprinzips weder
Liebe geben noch nehmen könne, werde ihr der Name ‚Amata‘ (‚Geliebte‘) verweigert (RAS-
MUSSEN [Anm. 44], S. 34). In Verbindung mit einer Stellvertreterfunktion für Lavinia wurde
die Anonymität der Königin aber bislang nicht gebracht. Dabei markiert bereits der Roman
d’Eneas diese Stellvertreterfunktion mit Lavinias Vorwurf, die Königin liebe Turnus: ‚Vos
l’amez bien‘, der effektvoll mit der Negation eigener Liebe kontrastiert wird (V. 8487-8496).
46 FROMMs (Anm. 5) Übersetzung: „Weiter schrieb sie ihm, er möge Fassung bewahren und
Zuversicht schöpfen aus ihrer und Lavinias Zuneigung“ nivelliert den Unterschied zwischen
Königstochter und Königin – im Sinne meiner Stellvertreter-These erschient es mir aber als
eklatant, dass minne im Briefkontext allein Lavinias Mutter, nicht Lavinia, zugeordnet ist.
47 „[I]t is dubious whether love is much of a spur to him. He passes over that part of the
Queen’s letter“ – so JANE EMBERSON: Speech in the Eneide of Heinrich von Veldeke, Göp-
pingen 1981 (GAG 319), S. 238.
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 105

Denn bei der Wertung der nonverbalen Kommunikation als Liebeskommu-


nikation kann weder die Tatsache ignoriert werden, dass Turnus den Schwur
statt Lavinia allein Lavinias Mutter leistet, noch die mangelnde Eindeutig-
keit seines Minnecodes. Fehlt der Prinzessin nämlich bereits wegen ihrer
Abwesenheit bei der Etablierung des Codes das Wissen für eine Decodie-
rung der Kriegstaten als Liebestaten, kommt erschwerend hinzu, dass die
Sprache der Taten als Sprache der Liebe gerade im Kriege mehrdeutig ist,
da die Kriegssituation Kriegstaten schließlich in jedem Fall erfordert. Die
Kampfbereitschaft des Rutulers muss daher nicht notwendigerweise auf
seine Minnebereitschaft verweisen. So kann es den Rezipienten des Eneas-
romans nicht überraschen, dass Lavinia eine solche Decodierung verweigert
– lâge aber der ander tôt / dâ wâre ir lutzel leides umbe (322,6f.; „würde aber der
andere sterben, täte ihr das überhaupt nicht leid“), wie der Erzähler ihre
Gleichgültigkeit gegenüber den Taten des Turnus formuliert –, und dass
der ihr eigentlich vertrautere Mann der Unvertraute bleibt, den sie nicht
liebt, den zu lieben sie letztlich erfolglos aufgefordert werden muss.48
Umso bedeutsamer erscheint es, dass sich aufgrund der konsequenten
Weiterführung des Stellvertreter-Motivs die Kriegstaten des Rutulers als die
einzigen Taten erweisen, die potentiell als Minnetaten interpretierbar sind.
Denn das Liebesgefühl des Turnus ist ein auf der Figurenebene des Eneas-
romans nicht eo ipso existierendes, via Minnemonologen oder Minnekrank-
heit inszeniertes, sondern ein lediglich von Stellvertretern behauptetes, nur
diskursiv existierendes Gefühl.49 In dieser diskursivierenden Funktion ist
wiederum Lavinias Mutter hervorzuheben, die – stellvertretend für Turnus
– ihre Tochter in dem berühmten ersten Liebesgespräch das Wesen der
Minne lehrt und ihr zugleich die Liebe des Rutulers gesteht: ‚der dir is von

48 In ihrer Affektlosigkeit entspricht die Verbindung von Turnus und Lavinia der feudalen
Ehepraxis, sind doch gerade feudale Eheschließungen bis ins 13. Jahrhundert ein Vorgang
zwischen Bräutigam und Brautvater, bei dem Anwesenheit und Mitwirkung der Tochter
nicht erforderlich sind (Prinzip der Muntehe). Indem die episch ausgezeichnete Beziehung
aber auf einer affektiven Bindung beruht, wird diese Ehekonzeption zugunsten des etwa in
Gratians Decretum (um 1140) kodifizierten Konsens-Prinzips negiert. Vgl. zur mittelalterli-
chen Ehepraxis allg. MICHAEL SCHRÖTER: Wo zwei zusammenkommen in rechter Ehe . . . Sozio-
und psychogenetische Studien über Eheschließungsvorgänge vom 12. bis 15. Jahrhundert,
Frankfurt a. M. 1985 (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft); und zur literarischen Diskus-
sion um Muntehe, Konsensehe und Liebesehe INGRID KASTEN: Ehekonsens und Liebeshei-
rat in Mai und Beaflor. In: Oxford German Studies (1993/1994), S. 1-20.
49 Wie bereits in Anm. 40 konstatiert, stellt diese von den beiden Aeneis-Adaptationen in der
Lavinia-Episode vorgenommene Verschiebung der Liebesdarstellung von Turnus auf Eneas
eine eklatante Abweichung von der Liebeskonzeption Vergils dar. Explizit wird in der Aeneis
nämlich nur die sich an der Schönheit der errötenden Lavinia entzündende Liebe des Turnus:
illum turbat amor figitque in virgine voltus (Vergil: Aeneis. Lateinisch/Deutsch. In Zusammenar-
beit mit MARIA GÖTTE hrsg. und übersetzt von JOHANNES GÖTTE. Mit einem Nachwort von
BERNHARD KYTZLER, München, Zürich 71988 [Sammlung Tusculum], XII,70; „Liebe ver-
wirrt den Turnus, sein Auge hängt an der Jungfrau“).
106 Astrid Bußmann

herzen holt‘ (261,3; „‚der dir von Herzen gewogen ist‘“). Turnus selber offen-
bart seine Gefühle im Eneasroman hingegen nie in einem verbalen Minnebe-
kenntnis, nicht einmal in einem so ambivalenten Bekenntnis wie im Roman
d’Eneas, dessen Formel ‚ce est la riens que ge plus aim‘ („‚es gibt da nichts, was
ich mehr liebe‘“) sich wahlweise auf Lavinia – also die Frau –, auf l’enor et
la terre d’Itaire – also Land und Ansehen –, in tot aber auch auf die Gesamt-
heit von Frau, Land und Ansehen beziehen könnte (V. 7748-7751). Statt
über die Ebene der Gefühle definiert er sein Verhältnis zu der Prinzessin
vielmehr ausschließlich über die Ebene der Macht, über die an sie gebunde-
ne Herrschaft, so dass er den Erwerb von Frau und Land auch sprachlich
miteinander verknüpft. Symptomatischerweise subsumiert er nämlich unter
den Begriffen min[ ] gût[ ] und mîn hant jeweils gleichermaßen seine Verlobte
und das Erbe ihres Vaters (151,40-152,7; 256,34-257,2; beides: „mein Be-
sitz“). Seine Besitzansprüche kulminieren in unmittelbarer Reaktion auf
den Brief der Königin zudem in der Veränderung der Possessivpronomina
von s î n tohter und s î n rîche (127,11) – über lant unde wîb (128,17) – zu m î n
lant und m î n wîb (128,34; meine Hervorhebungen).
In narrativer Ironie erfüllt Turnus so die Handlungsweise, die Eneas auf
der Figurenebene vorgeworfen wird, die Heirat aus Besitzgier (123,6-19;
261,10-13). In seinem Minneverhalten wiederholt sich damit die bôsiu girheit
(331,31; „niedrige Beutegier“), die im Ringraub bereits charakteristisch ist
für sein Verhalten im Kriege. Insofern lässt sich sein Scheitern nicht aus-
schließlich durch die mangelnde Liebe Lavinias erklären, sondern durch
seine eigene mangelnde Liebe ihr gegenüber. Spiegel dieser defizitären
Minne ist aber sein defizitäres Kommunikationsverhalten.
Neben der mangelnden Liebe des Rutulers wird jedoch auch die man-
gelnde Liebe der Prinzessin in den kommunikativen Strukturen der Tur-
nus-Episode explizit. Für eine erschöpfende Interpretation der Episode ist
es deshalb notwendig, von der in ihrer Risikolosigkeit defizitären Liebes-
kommunikation des Turnus – mit der Codierung seiner Kriegstaten als
Minnetaten geht er eben ‚nur‘ das Risiko des Körpers ein, nicht „das exis-
tentielle Risiko der Person“50 – zurückzukommen zur Liebeskommunika-

50 Für diese Differenzierung beziehe ich mich auf HAUGs (Anm. 3) emphatische Formu-
lierung: Das Risiko im Liebesgeständnis „ist nicht ein äußeres, es ist […] mehr als das Risiko
des Lebens, es ist das Risiko des ganzen Menschen, das existentielle Risiko der Person“
(S. 29). Damit will ich keineswegs per se einen Konnex zwischen dem Risiko des Körpers im
nonverbalen und dem existentiellen Risiko der Person im verbalen Liebesgeständnis bestrei-
ten, wie ihn schließlich auch HAUG für die nonverbale Minnekommunikation des Lancelot
im Prosalancelot konstatiert: „Das ins Unglaubliche gesteigerte äußere Risiko wird zum
Zeichen der totalen inneren Risikobereitschaft.“ (S. 31). Hervorzuheben bleibt aber, dass
Lancelots Sprache des Kampfes – insofern sie nicht auf den Erwerb von Herrschaft aus-
gerichtet ist – immer nur Sprache der Liebe sein kann, während Turnus’ Sprache des Kamp-
fes in dieser Hinsicht ambivalent bleibt.
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 107

tion Lavinias, d. h. zu dem geschriebenen Eneas-Brief und dem nicht-ge-


schriebenen, nur stellvertretend geschriebenen Turnus-Brief. Wenn es
nämlich stimmt, dass Heinrich von Veldeke das Scheitern des Rutulers mit
der mangelnden Liebe der Prinzessin korreliert, und wenn es weiterhin
stimmt, dass Veldeke Schreiben und Lieben miteinander korreliert, nimmt
bereits die Tatsache, dass die Königin, nicht die Prinzessin, dem Rutuler
schreibt, sein Scheitern voraus.51 Im Eneasroman ist der Brief damit mehr
als nur Interpretament der Minne von Eneas und Lavinia, in seinem Nicht-
Vorhandensein er ist auch Interpretament der Minne von Turnus und La-
vinia, Interpretament für das Nicht-Vorhandensein dieser Minne.
Als Interpretament der Turnus-Lavinia-Beziehung fungiert der Brief
von Lavinias Mutter jedoch nicht allein auf dieser sekundären, notwendi-
gerweise an die Retrospektive gebundenen Ebene, sondern auch auf einer
primären Ebene, verdeutlicht doch bereits die emotionale Aufladung des
Schreibvorgangs die Illegitimität jeder Bindung, die zwischen dem Rutuler
und der Prinzessin bestehen könnte. Denn die Königin sichert dem Rutu-
ler zwar brieflich die Herrschaft über sîn wîb [...] / und sîne borge und sîn lant
(126,28f.) zu, aber indem sie diesen Brief im Zustand der unsinne (125,32)
schreibt, wird diese Legitimation fragil. Konsequenterweise richtet sich
auch die im Brief etablierte Sprache der Liebe letztlich gegen Turnus. Wenn
sich in der Codierung von Kriegstaten als Minnetaten die Intensität seiner
Liebe nämlich daran messen lässt, dass er den Trojaner besiegt, bedeutet
seine Niederlage gegen Eneas die epische Negation seiner Liebe. Dies gilt
umso mehr, als der Trojaner im Sieg nicht allein den fremden Code usur-
piert, sondern in der Zerstückelung von Turnus’ Körper (330,2; 331,38) das
Medium von Turnus’ Sprache der Liebe destruiert.52 Als hauptsächliches
Defizit des Rutulers bleibt damit, bezogen auf seine Minnelogik, bestehen,
dass er Lavinia nur durch Worte, nie durch die Realisierung dieser Worte in
Taten beansprucht hat (234,34f.), bezogen auf die Minnelogik des Eneas-
romans, dass er diese nonverbale Form der Kommunikation nie durch ver-
bale Formen der Kommunikation ersetzt hat.

51 Gegen DITTRICH (Anm. 30), S. 320, die die Entscheidung über Sieg und Niederlage des
Turnus erzähllogisch erst nach der zweiten großen Aktion der Königin – der erfolglosen
Beeinflussung Lavinias zur Liebe – verortet, fällt diese Entscheidung also eigentlich schon
in der ersten Aktion – der erfolgreichen Beeinflussung des Turnus zum Krieg –, in dem
Moment, als die Königin statt der Prinzessin zum Schreibgriffel greift.
52 In der Perspektive des Scheiterns erscheint es auch eklatant, dass sich das für Turnus cha-
rakteristische Stellvertreter-Motiv bis in seinen Minnecode, d. h. bis in seine Kämpfe, verfol-
gen lässt. Statt Eneas in persona gelingt es dem Rutuler nämlich lediglich, zwei Eneas-Stell-
vertreter zu besiegen: Pallas und den Trojaner Neptanabus. In dieser Stellvertreterfunktion
etablieren sich beide Männer durch die Tatsache, dass Turnus ihnen wîb und rîche abgewinnt,
wie er sie nach der Formulierung seines Minnecodes eigentlich Eneas abgewinnen müsste.
Vgl. für den Sieg über Pallas 206,14-20; und für den Sieg über Neptanabus 316,1-318,5.
108 Astrid Bußmann

4. Variation III: Das Geständnis in der Hingabe


Wie die kommunikationstheoretische Interpretation der Turnus-Minne ge-
zeigt hat, definiert sich die Verbindung von Turnus und Lavinia in der
Vermeidung des verbalen Liebesgeständnisses als wortlose Verbindung
und eben deshalb letztlich nicht als Minnebindung. Signifikanterweise kann
Wortlosigkeit, kann Schweigen, mit WENZELBURGER aber auch als Charak-
teristikum der zweiten scheiternden Minnebindung des Eneasromans, der
Verbindung von Eneas und Dido, verstanden werden.53 Wegen dieser mo-
tivischen Doppelung erscheint es mir naheliegend, über die bereits etab-
lierte Korrelation von scheiternder Liebe und scheiternder Liebeskommu-
nikation hinaus das Schweigen als Extremform kommunikativen Schei-
terns für eine minnekommunikative Interpretation der Dido-Episode he-
ranzuziehen. Dabei soll die Untersuchung des Schweigemotivs, wie es in der
Vermeidung des verbalen Liebesgeständisses auch für Dido konkret wird,
vor allem zu einer Differenzierung von Dido-Minne und Lavinia-Minne
– also letztlich zu einer Erklärung für die differente Verteilung von Liebes-
glück und Liebesleid in beiden Minneepisoden – beitragen, von jeher eine
der Kontroversen der Veldeke-Forschung.54 Denn wenngleich ich entge-
gen weiten Teilen der jüngeren Forschung die Dido-Minne gegenüber der
Lavinia-Minne als defizitär und somit aus sich selbst heraus zum Scheitern

53 WENZELBURGER (Anm. 12), S. 298.


54 Da die Kontroverse um das Verhältnis der beiden Liebesepisoden die Veldeke-Forschung seit
ihrer Abkehr von rein philologischen Fragestellungen geprägt hat, seien im Folgenden nur
die auf MAURER und SCHRÖDER beruhenden Grundpositionen referiert. MAURER argumen-
tiert dabei contra Dido: Im Gegensatz zur rehten Lavinia-Minne sei die Dido-Minne unreht, weil
sie in Gefühl und Handeln maßlos sei (Schuld). Sie ende daher notwendig im Leid (Leid als
Folge und Strafe des ethisch-charakterlichen Versagens). Vgl. dazu FRIEDRICH MAURER: ‚Rech-
te‘ Minne bei Heinrich von Veldeke. In: Archiv 187 (1950), S. 1-9; und DERS., Leid. Studien
zur Bedeutungs- und Problemgeschichte, besonders in den großen Epen der staufischen Zeit,
Bern 1951 (Bibliotheca Germanica 1), bes. S. 98-114. Pro Dido konstatiert hingegen SCHRÖDER
(WERNER SCHRÖDER: Dido und Lavine. In: ZfdA 88 [1957/1958], S. 161-195) nicht nur
deutliche Parallelen im Liebesgefühl von Dido und Lavinia, insbesondere in dessen Maßlosig-
keit, sondern auch im Liebeshandeln: Das Verhalten der beiden liebenden Frauen sei „nicht
grundsätzlich, sondern lediglich situationsbedingt verschieden“. unreht werde Didos Minne
erst, als sie ihr unverschuldetes Leid nicht zu ertragen vermöge und Selbstmord begehe
(S. 179). Die interessanteste Variation dieser beiden Grundpositionen bietet GERT HÜBNER:
Erzählform im höfischen Roman. Studien zur Fokalisierung im Eneas, im Iwein und im Tristan,
Tübingen, Basel 2003 (Bibliotheca Germanica 44): „Dido bewertet ihr Verhalten selbst als
falsch, den Fehler aber als unvermeidlich. Die Fokalisierungstechnik der gesamten Episode
zielt darauf, die Zustimmung des Rezipienten zu diesem Urteil zu sichern, mithin Verständnis
für einen Fehler zu erzeugen, ohne ihn zu verdecken.“ (S. 228). So gelingt es HÜBNER, sowohl
mit MAURER contra Dido zu argumentieren (S. 222f., Anm. 52), als auch SCHRÖDERs Argu-
mente pro Dido als Reflex auf die Erzähltechnik plausibel zu machen. Interpreten wie
SCHRÖDER erfüllen demnach Veldekes „Modelladressatenrolle“ (S. 111).
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 109

verurteilt auffasse, möchte ich gleichwohl betonen, dass diese defizitäre


Liebe weniger auf einem gegenüber dem Liebesgefühl Lavinias differenten
und deswegen defizitären Liebesgefühl der karthagischen Fürstin basiert,
als vielmehr auf einer defizitären Umsetzung dieses Gefühls, auf defizi-
tärem Liebeshandeln.
Diese These resultiert aus der Tatsache, dass die Minne der beiden Frau-
en zwar auf der Gefühlsebene gleich ist – beide lieben zunmâzen55 –, dass
das gleiche maßlose Minnegefühl aber nicht in gleiches Minnehandeln, vor
allem nicht in gleiches minnekommunikatives Handeln, umgesetzt wird,
wie dem Rezipienten gerade im Problem des Wissenlassens eindringlich
vor Augen geführt wird.56 Im Konflikt von Reden und Schweigen, von tûn
und lâzen, geht nämlich allein die latinische Prinzessin das Wagnis eines
Liebesgeständnisses ein, weil sie sich von dem Wissen um ihre Liebe die
Gegenliebe des Trojaners erhofft: ‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz
den willen mîn‘ (285,31f.; „‚wird er mir umso gewogener sein, wenn er weiß,
was ich will‘“). Dido hingegen fürchtet zunmâzen / daz tûn und daz lâzen
(56,37f.; „über alle Maßen das Tun wie das Lassen“) und wählt letztlich das
Schweigen.
Aus kommunikationstheoretischer Perspektive heraus genügt es daher
nicht, lediglich auf der Folie von Lavinias Reden Didos Schweigen als das

55 Für die unmâze der Liebe vgl. für Dido 38,29; 69,7; 76,19; und für Lavinia 270,17; 276,13;
285,2; 302,26f.; 303,12f. Gegen MAURER (Anm. 54) bleibt dabei anzumerken, dass unmâze
von Veldeke nicht als negativer Gegenbegriff zum positiven mâze gemeint ist, sondern die
rein adverbielle Funktion hat, den Grad der Erregung bei verba sentiendi anzugeben. Bezogen
auf den Minnekontext bezeichnet unmâze demnach einen Zustand höchster Erregung im
Liebesgefühl. Vgl. dazu RENATE KISTLER: Heinrich von Veldeke und Ovid, Tübingen 1993
(Hermaea N. F. 71), S. 212f. Forschungskonsens ist seit SCHRÖDER (Anm. 54) außerdem, dass
die Liebe von Dido, Lavinia (und Eneas) nicht nur mit demselben Attribut – eben unmâzlich
– beschrieben wird, sondern auch mit demselben Ovidianisch geprägten Motivrepertoire,
das die Liebe als Krankheit metaphorisiert.
56 Meine These, dass das minnekommunikative Verhalten von Dido und Lavinia und damit ihr
gesamtes Minneverhalten nicht „lediglich situationsbedingt“, sondern „grundsätzlich“ ver-
schieden ist, versteht sich als Korrektur von SCHRÖDERs (Anm. 54) oben genannter These.
Denn diese These basiert auf drei Fehleinschätzungen: (1) In Parallelszenen sieht SCHRÖDER
immer die Gleichheit von Dido und Lavinia, nie ihre Ungleichheit markiert. Schlüsselszenen
wie die von Dido (50,11-53,6), Lavinia (278,13-279,8) und Eneas (292,9-300,22) in Min-
nekrankheit schlaflos verbrachte Nacht sind für Dido hingegen deutlich anders als für Eneas
und Lavinia – nämlich erotisch – konnotiert, so dass statt der Gleichheit der beiden Frauen
ihre Ungleichheit, demgegenüber aber die Gleichheit von Eneas und Lavinia markiert wird.
(2) Diese Negation einer Differenz äußert sich auch darin, dass SCHRÖDER nicht zwischen
Denken und Handeln differenziert, etwa zwischen Lavinias nur erwünschtem (324,10-13)
und Didos vollzogenem Beischlaf (63,4-28) mit Eneas. (3) SCHRÖDER konstruiert Gleichheit
selbst dort, wo sie dem Rezipienten weder explizit durch inhaltliche, noch implizit durch
formale Parallelen suggeriert wird. So setzt er den von Dido im Beischlaf begangenen
Normverstoß mit dem von Lavinia im Widerstand gegen ihre Mutter begangenen Normver-
stoß gleich (vgl. für SCHRÖDERs Gegenüberstellung von Dido und Lavinia S. 174-179).
110 Astrid Bußmann

spezifische Defizit der Dido-Minne zu markieren. Das differente Kommu-


nikationsverhalten der beiden Frauen, die eklatante Differenz von Reden
und Schweigen, muss vielmehr in Kausalzusammenhang gesehen werden
mit der differenten Gegenliebe des Eneas, die als distinktives Merkmal der
beiden Minneepisoden Liebesglück und Liebesleid wesentlich bedingt.
Denn während Dido und Lavinia den Trojaner gleichermaßen zunmâzen
lieben, liebt Eneas allein Lavinia zunmâzen (294,31; 295,2; 299,7), Dido
hingegen nicht. Ihr ist er lediglich genûch holt (76,18 „sehr gewogen“), wie
die Fürstin rückblickend konstatiert, und nur deswegen kann er sie gemäß
dem Willen der fata verlassen.57 Da für mich Eneas’ defizitäre Minne auf
Didos defizitärem Minnebekenntnis basiert,58 da die Differenz von Lavinia-
und Dido-Episode somit auch die Konsequenzen von Wissen und Nicht-
Wissen illustriert, ist meine Untersuchung von Didos Schweigen letztlich
wieder an der Korrelation von Wissen und Liebe, von Nicht-Wissen und
Nicht-Liebe orientiert. In meiner minnekommunikativen Interpretation
der Dido-Episode soll mithin gezeigt werden, dass Dido mit ihrem Schwei-
gen ihr eigenes Scheitern initiiert, es soll gezeigt werden, dass Didos
Schweigen Nicht-Wissen, Nicht-Liebe und Tod generiert.
Notwendiger Ausgangspunkt für eine Auseinandersetzung mit Didos
Liebesgeständnis und damit für eine Auseinandersetzung mit dem pro-
grammatischen Konflikt von Reden und Schweigen, von tûn und lâzen, ist
dabei das Gespräch zwischen Dido und ihrer Schwester Anna (53,23-57,32)
– zumindest in der Erzählkonzeption Heinrichs von Veldeke. Denn im
Roman d’Eneas wird der Konflikt von Reden und Schweigen in der Dido-
Episode nicht nur kaum thematisiert, durch die Diskussion der politischen
Vorteile, die die Fürstin in einer Verbindung mit Eneas gewinnen könnte,
ist gerade das Gespräch zwischen Dido und Anna (V. 1272-1390) auch
wesentlich anders akzentuiert. Es problematisiert, kurz gesagt, Didos Herr-
schaft, nicht Didos Minnekommunikation.59 Für den Eneasroman hingegen

57 Rückblickend erkennt Eneas, dass er Dido nicht aufgrund der fata verlassen habe, sondern
weil er sie zu wenig geliebt habe, um das fatum ignorieren zu können (296,13-16). In der
bereits von SCHRÖDER (Anm. 54), S. 179f., zur Entlastung von Dido initiierten Debatte um
ein schuldhaftes Verhalten des Eneas wird diese Selbsterkenntnis sowohl zur Belastung
(ELISABETH LIENERT: Deutsche Antikenromane des Mittelalters, Berlin 2001 [Grundlagen
der Germanistik 39], S. 98) als auch zur Entlastung des Protagonisten (ANETTE SYNDIKUS:
Dido zwischen Herrschaft und Minne. Zur Umakzentuierung der Vorlagen bei Heinrich von
Veldeke. In: PBB 114 [1992], S. 57-107, hier S. 104) herangezogen.
58 Zu Eneas’ eigenen Defiziten im Minne- und Minnekommunikationsverhalten, die durch
Didos Defizite keineswegs negiert werden sollen, vgl. weiter unten S. 122ff.
59 In dem Gespräch zwischen der französischen Dido und der französischen Anna wird Didos
Minnekommunikation nur insofern akzentuiert, als Anna Dido zu einer sprachlichen List
rät, um Eneas von der Abreise abzuhalten (V. 1377-1382). Das Problem des Wissenlassens
wird hingegen nicht diskutiert. Präsent in der narratio wird es so erst, als es als Problem
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 111

muss das Gespräch zwischen Dido und Anna als Schlüsselszene für die
fatale Korrelation von Liebesgeständnis und Schweigen verstanden wer-
den, weil dieses Gespräch einerseits selber Liebesgeständnis ist, anderer-
seits verschiedene – verbale und nonverbale – Strategien des Liebesge-
ständnisses diskutiert. In seiner verbalisierten wie in seiner diskursivierten
Form ist das Liebesgeständnis für Dido aber mit Schweigen konnotiert.
Wenn ich mich in der Interpretation von Minne und Schweigen daher
zunächst dem von Dido verbalisierten Minnebekenntnis zuwende, dann
nicht deswegen, weil es grundsätzlich wichtiger ist als die diskursivierten
Minnebekenntnisse, sondern weil es in einer signifikanten Reduktion zu-
rückweist auf das Minnebekenntnis des Turnus: Das existentielle Risiko der
Person, das dem Liebesgeständnis in der Preisgabe gegenüber dem Anderen
immer eigen ist, wagt auch die karthagische Fürstin ausschließlich gegen-
über einer Stellvertreterfigur. Bereits in seiner Verbalisierung ist das Ge-
ständnis somit doppelt mit Schweigen codiert, da es nicht nur auf einen
Stellvertreter reduziert, sondern in dieser Reduktion zusätzlich fragmentiert
wird. Selbst gegenüber ihrer Schwester Anna vermag Dido nämlich den
Namen des Eneas lediglich stammelnd, zerlegt in Einzelsilben, zu nennen:
‚her heizet‘ sprach si ‚der Ê‘,
und dar nâch ‚NÊ‘, uber lank,
alsô sie diu minne dwank,
ê si vollesprâche ‚AS‘,
dô weste sie wol wer es was. (55,24-28)

„Er heißt“, sagte sie, „E“,


und, nach längerem Zögern: „Ne“,
so wie die Minne sie zwang,
ehe sie vollendete: „AS.“
Da wusste sie [Anna] sofort, wer es war.60

aufgehoben wird, nämlich in einem Erzählerkommentar, der die Jagdszene – und damit die
sog. ‚Liebesvereinigung‘ – einleitet (V. 1437-1444). Veldeke übernimmt nicht nur die-
sen Kommentar (58,24-32), sondern inseriert zu Beginn der Dido-Episode einen zweiten
Kommentar (38,24-39), der qua seiner Stellung vorausdeutenden Charakter hat. Die
„sinntragende[n] Abweichungen und inhaltliche[n] Gewichtsverlagerungen“, die SYNDIKUS
(Anm. 57), S. 60, der deutschen Dido-Episode attestiert, betreffen also auch das Kommu-
nikationsverhalten der Protagonistin.
60 Übersetzung, Interpretation und Interpunktion bedingen in dieser Szene einander. Ich folge
mit meiner Interpunktion der Interpunktion bei FRINGS/SCHIEB und FROMM, die KART-
SCHOKE zwar nicht bietet, nach der er aber übersetzt (alle Anm. 5). Die eigentlich bei KART-
SCHOKE abgedruckte Version: ‚her heizet‘, sprach si ‚der Ê / und dar nâch NÊ.‘ uber lank, / alsô sie
diu minne dwank, / ê si vollesprâche AS, / dô weste sie wol wer es was hieße in Übersetzung: „‚Er heißt‘,
sagte sie, ‚E und dann NE.‘ Nach längerem Zögern, so wie die Minne sie zwang, noch ehe sie
vollenden konnte ‚AS‘, wusste sie [Anna], wer es war.“ Je nach Lesart potenziert sich damit das
Schweigemotiv, weil Dido in der zweiten Version den Namen gar nicht vollständig buchsta-
bieren muß, um von Anna verstanden zu werden. Vgl. dazu auch ERNST (Anm. 15), S. 352.
112 Astrid Bußmann

Wenngleich Didos Schmerz und ihre Scham die Artikulation des Namens
(55,21ff.) als Bewährung ihrer Minne charakterisiert, ihre Minnekommuni-
kation ein personales Wagnis also nicht völlig negiert, bleibt der Wert ihres
Bekenntnisses daher zweifelhaft – zumal sich das im Stammeln konkreti-
sierte Schweigen im weiteren Dialog dadurch verabsolutiert, dass die Frag-
mentierung des Namens keineswegs behoben wird. Die Schwestern ver-
ständigen sich vielmehr durch Umschreibungen wie ‚der man, / der nie gelîchen
gewan‘ (55,19f.; „‚der Mann, der niemals seinesgleichen hatte‘“) und ‚de[r]
man[ ], / den ich mit ougen nie gesach‘ (55,30f.; „‚ein Mann, wie ihn meine Augen
nie erblickten‘“). Dass die Fürstin den Trojaner direkt mit Namen anspricht,
inszeniert der Text sogar erst in der Krise ihrer Beziehung, der Tren-
nung.61
Als Chiffre des Schweigens erweist sich die Zergliederung von Eneas’
Namen damit auch als Chiffre für Didos gesamte Liebeskommunikation.
Denn letztlich nimmt ihr stammelndes Verstummen nur das voraus, was in
der von Anna initiierten Diskussion um ein Minnebekenntnis gegenüber
Eneas (56,25-28) – genauer: um die adäquate, verbale oder nonverbale
Realisierung dieses Bekenntnisses – von den Schwestern endgültig als
Kommunikationsstrategie etabliert wird: Didos Verstummen, zumindest
bezogen auf die verbale Liebeskommunikation. Diese Differenzierung ist
dabei zu betonen, weil die Fürstin im Zwiespalt zwischen Reden und
Schweigen nicht eigentlich das Schweigen wählt, sondern eine Variante
nonverbaler Liebeskommunikation, das fruntlîchen ane sehen, das kompro-
misshaft verbales Schweigen und nonverbales Reden miteinander kombi-
niert, nach außen hin freilich vor allem das Schweigen akzentuiert:62

61 Während Dido vor Beginn ihrer Liebe den Namen des Eneas gegenüber dem trojanischen
Boten problemlos artikulieren kann (30,33), spricht sie den Geliebten selbst erst bei der
Trennung mit Namen an (69,26).
62 Diese ausschließliche Wahrnehmung von Didos verbalem Schweigen wird durch vier
Erzählstrategien bewirkt: (1) Didos Kommunikation durch Blicke wird nach dem Ge-
spräch mit Anna gar nicht – vor dem Gespräch nur in zwei Versen (50,6f.) – in narratio
überführt, obwohl Veldeke, wie das Beispiel der Lavinia-Episode zeigt, entsprechende
Szenenmuster leicht zur Verfügung gestanden hätten. So dominiert in der narrativen Ge-
staltung der nonverbalen Kommunikation statt der Gegenseitigkeit der Blicke letztlich die
Gegenseitigkeit der Berührungen (35,32; 48,31-35; 61,10; 63,6-14; 64,2f.; 71,15f.). (2) Dem-
gegenüber wird die Nicht-Existenz der verbalen Kommunikation gezielt betont, etwa in-
dem der Erzähler Didos Schweigen konstatiert (38,33-37; 58,24-29). (3) Dialoge zwischen
Dido und Eneas werden nicht in indirekter, geschweige denn in direkter Rede inszeniert,
sondern vom Erzähler nur so kurz referiert, dass der Rezipient nicht einmal ihren Inhalt
erfährt (58,19-23). In einem narrativ ausgestalteten Dialog werden Dido und Eneas so erst
wieder bei ihrer Trennung präsentiert (67,9-73,9). (4) Während der Erzähler die Mög-
lichkeit, Didos Gedanken in Form eines Selbstgesprächs darzubieten, Dido insofern im
Schweigen als sprechend zu inszenieren, in Szenen wie der schlaflos verbrachten Nacht
durchaus nutzt (52,2-22), verzichtet er nach Didos Gespräch mit Anna darauf. Stattdessen
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 113

‚ir moget in wol mit êren


fruntlîchen ane sehen.
irn dorfet dorch daz niht jehen,
daz ir in iht minnet,
unz daz her sich versinnet.‘ (57,2-6)

„Ihr könnt ihn doch in (allen) Ehren


freundlich ansehen.
Ihr braucht deshalb (ja) nicht (gleich) zu sagen,
dass Ihr ihn etwa liebt –
bis dass er etwas merkt.“

Bei einer kritischen Beurteilung von Didos Minnekommunikation – zumal


bei einer Beurteilung auf der Folie von Lavinias Minnekommunikation –
kann daher trotz aller notwendigen Differenzierungen nicht außer Acht
gelassen werden, dass Didos Selbstreduktion auf die Sprache der Blicke so
sicher zum Schweigen führt, wie es die Wahl des Schweigens an sich getan
hätte, und dass Dido, obwohl sie als Herrscherin primär durch verbale list
brilliert (25,13-21), in der Liebe ihre verbalen Kompetenzen völlig verliert.
Tot pert le sens et la parole (V. 1407; „sie verliert gänzlich den Verstand und die
Fähigkeit zu reden“), wie bereits der Roman d’Eneas das Minnehandeln der
Fürstin tadelnd kommentiert.
Es kann den Rezipienten folglich nicht überraschen, dass Didos Liebes-
kommunikation – und damit ihre Liebe – nicht reüssiert, dass ihre Liebes-
kommunikation statt Wissen Nicht-Wissen generiert. Denn Eneas, der von
Dido nicht durch Worte in ihre Liebe eingeweiht wurde, ahnt gerade des-
wegen nicht, dass sie ihn liebt, wie der Erzähler bereits zu Beginn der Dido-
Episode programmatisch konstatiert: Do enweste niht Ênêas, / daz im frouwe
Dîdô was / sô unmâzlîchen holt (38,27ff.; „Eneas wusste nicht, dass ihm Frau
Dido so über alle Maßen gewogen war“). In der Wahrnehmung des Rezi-
pienten wird dieses Nicht-Wissen für den Trojaner aber nicht zuletzt da-
durch verabsolutiert, dass es, ganz wie das Nicht-Sprechen der Fürstin, als
Leitmotiv in der Dido-Episode fungiert.63

betont er sein eigenes Reden, als er auch Gedankenrede hätte verwenden können, und
markiert dadurch umso deutlicher Didos Schweigen: Dô was diu frouwe Dîdô / beidiu rouwich
unde frô. / ich sage û, wes si frô was (64,7ff.; „Frau Dido war zugleich traurig und froh. Ich sage
euch, worüber sie froh war“). Zur narrativen Negation des Schweigens durch Gedanken-
rede am Beispiel von Hartmanns Enite vgl. BRITTA BUSSMANN: Dô sprach diu edel künegîn …
Sprache, Identität und Rang in Hartmanns Erec. In: ZfdA 134 (2005), S. 1-29, hier S. 19f.
63 Vgl. für das Nicht-Sprechen Didos 38,33-37; 58,24-39; für das Nicht-Wissen des Eneas
38,24-32; 51,34-37; und für die Weitertradierung des Nicht-Wissen-Motivs in Eneas’ Nicht-
Wissen über Didos Tod 80,16-31. Zusätzliche Prägnanz gewinnt die fatale Korrelation von
Nicht-Sprechen und Nicht-Wissen für die Dido-Episode dadurch, dass sie in derselben
Episode unter umgekehrten Vorzeichen wiederholt wird: Auch Eneas ist ein Schweigemotiv
zugeordnet – das Verschweigen seiner Italienpläne (57,33-58,4; 66,7-67,8) –, das mit Didos
Nicht-Wissen über eben diese Pläne korrespondiert (58,5ff; 67,9-23).
114 Astrid Bußmann

Weil ihre sublime Sprache der Blicke – zumal bei einem Rezipienten
wie Eneas, dessen Fähigkeit zur Liebe wie zur Rezeption von Liebeszei-
chen in der Dido-Episode deutlich eingeschränkt ist64 – somit nicht zur
ersehnten Gegenliebe führt, ist Dido gezwungen, ihr Minnebekenntnis zu
konkretisieren, das existentielle Risiko der Person, die Preisgabe gegen-
über dem Anderen drastisch zu intensivieren. Prinzipiell böten sich der
Fürstin dazu zwei Alternativen: Sie könnte von einem nonverbalen zu ei-
nem verbalen, von einem tendenziell risikolosen zu einem in seiner Ein-
deutigkeit riskanten Liebesgeständnis wechseln, sie könnte aber auch die
Eindeutigkeit, den Risikocharakter, ihres nonverbalen Liebesgeständnis-
ses intensivieren. Allerdings hat sie sich die erste Alternative aus Angst um
ihre êre von vornherein versagt (56,29-57,6). Wie sich in der nur bei Hein-
rich von Veldeke als Didos List inszenierten Jagd (58,33-64,6)65 – de facto
eine Minnejagd auf Eneas, in der Eneas aber nur erjagt wird, indem Dido
sich erjagen lässt – narrativ manifestiert, wählt sie daher notgedrungen die
Alternative, die ihr einzig verblieben ist: Sie vereindeutigt ihre nonverbale
Liebeskommunikation in der Hingabe, die sich innerhalb dieses Codes
nicht nur als Preisgabe, sondern als totale Preisgabe gegenüber dem Ande-
ren lesen lässt. Damit wird der sexuelle Akzent, der der Dido-Minne schon
immer inhärent ist und der in der Hingabe nur mehr konkret wird,66 in

64 Dies wird nicht nur implizit in Eneas’ Blindheit für Didos verliebte Blicke (50,4-10), sondern
auch explizit in einem auf die Lesbarkeit von Didos Minnesymptomen bezogenen Erzäh-
lerkommentar thematisiert: daz gesâgen die des nâmen war. (39,8; „Wer hinsah, konnte es erken-
nen.“). Dieser Kommentar verdeutlicht nämlich, dass Wissen und Nicht-Wissen eine Frage
der Rezeptionsbereitschaft ist und dass diese Rezeptionsbereitschaft bei Eneas nicht gege-
ben ist. Die Tragik der Dido-Minne entfaltet sich daher bereits darin, dass Dido als Frau, die
die Zeichen der Nicht-Liebe nicht lesen kann, mit Eneas einen Mann liebt, der die Zeichen
der Liebe nicht lesen kann.
65 Die minnestrategische Bedeutung der Jagd zeigt sich darin, dass Dido den Ausritt seit dem
Vorabend plant (59,2-7) und die ‚Beute‘ Eneas gezielt dazu einlädt (60,40f.) – und zwar
obwohl das winterliche Wetter eine Jagd verbietet (59,14f.). Dabei verdeutlicht die der ei-
gentlichen Jagd vorausgehende descriptio von Didos Gewand (59,19-61,10), dass die Strategie
der Fürstin eine Strategie der Verführung ist, etwa durch das Kalkül, mit dem sie statt eines
langen einen kurzen Mantel wählt (60,16ff.). Selbst ohne diese Implikationen stände die
Liebeserfüllung jedoch durch die descriptio unter dem Vorzeichen der Äußerlichkeit, da durch
sie Didos Körperlichkeit akzentuiert wird, während Eneas und Lavinia nie körperlich be-
schrieben werden. Zur narrativen Funktion von „absences“, „dissymétries“ und „parallélis-
mes“ in den Beschreibungen des Eneasromans und zum erotischen Akzent in der Beschrei-
bung von Dido vgl. auch MARIE-SOPHIE MASSE: La description dans les récits d’Antiquité
allemands fin du XIIe-début du XIIIe siècles. Aux origines de l’adaption et du roman, Paris
2004 (NBMA 68), S. 208-211 und S. 228-249.
66 Am explizitesten wird die Körperlichkeit der Dido-Minne nicht dort, wo sie als Akt kon-
kret wird – in der ‚Liebesvereinigung‘ fällt der Akt in eine markierte Ellipse (63,28) –,
sondern in der narratio von Didos in Minnekrankheit schlaflos verbrachter Nacht, in der
mittels eines Stellvertreters das höfische Berührungsverbot wie das literarische Schweige-
gebot unterlaufen wird: ir deckelachen sie nam / under ir arme vaste ./ ir getroumde von ir gaste: /
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 115

der narratio als notwendige Folge von Didos Schweigen inszeniert. Wenn-
gleich Didos Verzicht auf ein verbales Geständnis durch die narrative
Entfaltung ihrer Beweggründe nachvollziehbar ist, muss ihr Schweigen
daher kritisch hinterfragt werden, zumal sie ihren primären Beweggrund,
die Bewahrung ihrer êre und ihrer Person, geradezu tragisch konterkariert,
indem sie die verbale Preisgabe durch die körperliche Preisgabe substitu-
iert. Schließlich erringt sie die Aufmerksamkeit des Geliebten allein durch
ihre Stilisierung zum sexuellen Objekt, zum Wild, das gejagt und – in
drastisch sexueller Bildlichkeit – erlegt wird (63,36ff.). Dies mag in ihren
Augen zwar den Vorteil haben, dass es in der Logik ihrer Inszenierung
Eneas ist, der den ersten Schritt zur Liebe vollzieht, nicht sie selber,
die diesen Schritt als Frau nicht offen zu vollziehen wagt.67 Dennoch
kann letztlich der Nachteil nicht negiert werden, dass die körperliche
Preisgabe statt Liebe eben nur Begehren stimuliert: do begunde ime irwarmen /
al sîn fleisch und sîn blût. (63,10f.; „Da begann sich ihm all sein Fleisch
und sein Blut zu erwärmen.“). So bedeutet der Moment der scheinbaren
Liebeserfüllung für die Fürstin keineswegs Erfüllung, sondern die Reduk-
tion auf den bloßen Körper und den endgültigen Verlust ihrer Sprach-

si dûhte daz ez wâre / Ênêas der mâre ./ sie dwanc es an ihr munt / zû vil maneger stunt. / grôz wunder
si machete. / dô si dô intwachete, / ein wîle hete sie gemach, / unze daz sie gesach, / daz der hêre Êneâs
/ dâ bî ir niene was. (52,32-53,4; „Sie nahm ihr Deckbett fest in ihre Arme. Sie träumte von
ihrem Gast. Sie bildete sich ein, es wäre der stattliche Eneas. Sie presste das Betttuch immer
wieder an ihrem Mund. sie verhielt sich sehr merkwürdig. Als sie aufwachte, fühlte sie
sich einen Augenblick lang glücklich, bis sie sah, dass Herr Eneas nicht neben ihr war.“;
vgl. dazu LECHTERMANN [Anm. 21], S. 264). Diese Szene kann als Schlüsselszene der Dido-
Episode verstanden werden, weil sich in ihr durch die troum-Metaphorik neben der Kör-
perlichkeit auch die Scheinhaftigkeit der Dido-Minne manifestiert. Im Kontext meiner
Interpretation ist die Szene darüber hinaus wegen eines Details interessant: Bei ihrem
gestammelten Liebesgeständnis gegenüber Anna wirft sich Dido auf das Bett, in wel-
chem sie zuvor den Traum von Eneas gehabt hat (53,26ff.), so dass das gesamte Gespräch
von vornherein sexuell konnotiert ist. – SCHRÖDERS (Anm. 54) Feststellung: „Die Über-
tragung des Gegensatzpaares: niedrige fleischliche und hohe entsinnlichte Frauenliebe
auf Dido und Lavine verbietet sich von selbst.“ (S. 167) kann damit nur zurückgewiesen
werden.
67 Die bereits zu Beginn der Dido-Episode etablierte Angst der Fürstin vor dem ersten Schritt
(38,33ff.) erklärt sich auf der Folie einer konventionellen Auffassung von Minne und
Minnekommunikation, deren narratives Sprachrohr Anna ist. Demnach dürfe die Frau in
der Liebe nicht selber die Initiative ergreifen, zumal nicht im Medium der Sprache. Das
verbale Liebesgeständnis dürfe vielmehr erst erfolgen, wenn der Mann die Liebe bereits an
nonverbalen Zeichen bemerkt habe (57,2-6), wenn das Geständnis also nicht mehr Preis-
gabe, sondern Formsache ist. Die Aktivität von Dido und Anna beschränkt sich im weiteren
insofern darauf, passiv abzuwarten, ob Eneas werbend aktiv wird (57,21-32; 58,30ff.), und
selbst die Minnejagd ist von Dido letztlich darauf ausgerichtet, Eneas aktiv werden zu lassen,
sich von ihm zur Liebe zwingen zu lassen. Trotz der fraglosen Totalität der körperlichen
Preisgabe ist die Hingabe daher in der „Offenbarung der Person als Preisgabe gegenüber
dem Andern“ (HAUG [Anm. 3], S. 29) deutlich eingeschränkt.
116 Astrid Bußmann

gewalt.68 Denn der Trojaner negiert nicht allein ihre Einwände gegen
einen Beischlaf, sondern ihre Stimme wird durch den indirekt bleibenden
Erzählerbericht aus der Handlung genommen:
minnechlîche her si bat,
daz si in gewerde
des si selbe gerde,
(iedoch sprach si dar wider)
und er legete sie dar nider,
alsez Vênûs geriet:
sine mohte sich erweren niet.
her tet ir daz er wolde (63,18-25)

Liebevoll bat er sie,


ihm zu gewähren,
wonach sie selber verlangt hatte
– dennoch sprach sie dagegen –,
und er legte sie auf den Boden,
wie es Venus befahl:
Sie konnte sich überhaupt nicht wehren.
Er machte mit ihr, was er wollte, […].

Didos Re-Emanzipation als sprechendes Subjekt erfolgt daher erst in der


Krise des unabwendbaren Abschieds. Der wiederholte Hinweis auf ihre
Liebe (68,16f.; 69,5-8; 72,12ff.), verbunden mit der ersten vollständigen
Namensnennung ihres Geliebten (69,26), kann Eneas aber nicht mehr hal-
ten. Durch die freiwillige Aufgabe ihrer Sprachgewalt haben ihre Worte
nämlich ihre Macht verloren: ‚sint mîn rede nû niht vervât‘ (70,32; „da meine
Worte nichts ausrichten‘“). Zeichenhaft werden ihre nutzlosen Bitten vom
Erzähler deswegen auf eine narrative Floskel reduziert: Dô der rede vile was
(73,5; „als der Worte genug gewechselt waren“) und in der sofortigen Ab-
reise des Trojaners endgültig nivelliert (73,6-18).69

68 Der Topos von der Frau, die sich nur scheinbar verweigert, deren Sprechakt demnach vom
Mann ignoriert werden kann, ist zwar ein Ovidianisch-misogynes Standardklischee, dennoch
scheint Veldeke die damit verbundene sprachliche Depotenzierung als Faktum wichtig zu
sein. Im Gegensatz zum Roman d’Eneas, in dem sich Dido dem Willen des Eneas keineswegs
verweigert (V. 1522-1525), wird im Eneasroman nämlich nicht nur Didos verbale (63,21) und
nonverbale (63,24) Verweigerung, sondern auch das Gewaltsame in Eneas’ Handeln akzen-
tuiert (63,13f; 63,22; 63,25). BRANDT (WOLFGANG BRANDT: Die Erzählkonzeption Hein-
richs von Veldeke in der Eneide. Ein Vergleich mit Vergils Aeneis, Diss. [masch.] Marburg
1967, S. 134) konstatiert daher sogar, dass die Liebesvereinigung „trotz der Bitte des Eneas
um Gewährung der Liebesgunst im Grunde einer Vergewaltigung gleichkommt“. Vgl. dazu
auch EMBERSON (Anm. 47), S. 131, Anm. 67.
69 Veldekes Erzählstrategie ist pointierter als die Erzählstrategie des Roman d’Eneas, denn nur
im Eneasroman bricht die Kommunikation zwischen Eneas und Dido dramatisch ab, nach-
dem mit dem Trennungsdialog (67,9-73,9) der kommunikative Höhepunkt der Dido-
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 117

Für Heinrichs von Veldeke Version der Dido-Episode bleibt damit nur
mehr hervorzuheben, dass sich in der kontrastiven Parallelisierung von Di-
dos und Lavinias Minnekommunikation neben der Differenz von Reden und
Schweigen auch die Differenz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit sinn-
trächtig manifestiert. Dies wird gerade in der Zergliederung von Eneas’ Na-
men im Liebesgeständnis augenfällig. Denn anders als in der Aeneis, wo eine
narrative Entfaltung der Lavinia-Minne – und damit ein kontrastiver Paral-
lelismus von Didos und Lavinias Minnekommunikation – von vornherein
nicht gegeben ist, anders aber auch als im Roman d’Eneas, wo die Zergliede-
rung von Eneas’ Namen nur in der Lavinia-Episode narrativ gestaltet ist
(V. 8535-8564),70 inszeniert der Eneasroman zweimal die Zergliederung von
Eneas’ Namen in der Minnekommunikation: im Liebesgeständnis Didos ge-
genüber ihrer Schwester (55,15-28) und im Liebesgeständnis Lavinias gegen-
über ihrer Mutter (281,25-282,23). Doch obwohl Angst, Schmerz und Scham
neben Didos (55,21ff.) auch Lavinias Minnebekenntnis prägen (282,5-18), ist
es durch seine Medialität als epische Überbietung zu Didos Minnebekenntnis
konzipiert.71 Die Prinzessin fragmentiert den Namen des Trojaners nämlich
nicht stammelnd, sondern indem sie Buchstabe für Buchstabe mit einem
griffel von golde72 auf einem tavelen (282,10f.) niederschreibt:
Mit angesten plânete sie daz was
und solde scrîben Ênêas,
do ir ir mûder urloub gab.
E was der êrste bûchstab,
dar nâch N und aber Ê.

Episode erreicht ist. Der deutsche Retext eleminiert damit Didos vergebliche Kommunika-
tionsversuche – Annas wiederholte Botengänge (V. 1883-1901), Didos Nachrufen und Nach-
winken cent feiz et cent (V. 1955-1970; „hundert- und aberhundertmal“) –, die sein franzö-
sischer Prätext von Vergil übernommen (IV,412-449) und noch intensiviert hat. Veldeke tut
dies, so meine These, um das mit Dido konnotierte Schweigemotiv gezielt zu potenzieren.
Es geht damit deutlich um mehr, als nur um die Reduktion von Übertreibungen (SCHUBERT
[Anm. 38], S. 146) – zumal sich nur im Eneasroman das „wortlose[ ] Verhältnis“ (WENZEL-
BURGER [Anm. 12], S. 298) von Eneas und Dido dadurch verabsolutiert, dass sich selbst das
Treffen in der Unterwelt in Schweigen vollzieht (99,25-40). Im Roman d’Eneas (V. 2625-2662)
und in der Aeneis (VI,440-476) spricht hingegen Eneas Dido an.
70 Zwar ist auch in die französische Dido-Episode die Nennung von Eneas’ Namen inseriert, doch
wird in dieser Szene der Name nicht fragmentiert. Vielmehr versucht Dido erst vergeblich, den
Namen zu nennen, und fällt dabei in Ohnmacht (V.1276-1278), worauf sie ihn in einer variierten
Wiederholung dieses Motivs tatsächlich nennt, aber wieder in Ohnmacht fällt, quant l’en sovint,
qu’el le noma (V. 1321-1325; „als sie sich bewusst wurde, dass sie ihn nannte“). Die französische
Lavinia hingegen stammelt – wie die deutsche Dido – den Namen des Eneas.
71 WUTH (Anm. 20), S. 75.
72 Wie SCHNYDER (Anm. 20), S. 244, assoziiere ich mit dem goldenen Griffel den goldenen gêr
Amors (264,28): Weil die Verwundung mit dem Goldpfeil rehte[ ] minne (264,40) hervorruft,
verweist der goldene Griffel nach dieser Lesart auf die Wahrhaftigkeit des mit ihm verschrif-
teten Liebesgeständnisses.
118 Astrid Bußmann

diu angest tete ir vile wê.


dar nâch screib si A unde S.
do bereite sich diu mûder des
und sprach dô si in gelas
,hie stet Ênêas!‘ (282,13-22)

Ängstlich glättete sie das Wachs,


und wollte ‚Eneas‘ schreiben,
nachdem ihre Mutter ihr die Erlaubnis gegeben hatte.
E war der erste Buchstabe,
danach (kam) N und wieder E.
Die Angst fügte ihr viele Schmerzen zu.
Danach schrieb sie A und S.
Da nahm die Mutter es in Augenschein
und sagte, nachdem sie ihn [den Namen] gelesen hatte:
„Hier steht ‚Eneas‘ (geschrieben)!“

Auffälligste Folge dieser differenten Medialität von ‚E-N-E-A-S‘ und ‚E-


NE-AS‘ ist dabei die Restitution statt Destruktion von Eneas’ Namen in
der Minnekommunikation. Denn im Gegensatz zu Didos silbenweiser Ar-
tikulation, die notwendigerweise in ungebrochener Fragmentierung ver-
hallt, wird in Lavinias buchstabenweiser Niederschrift die Fragmentierung
des Namens durch die Linearität der Schrift im Wachs aufgehoben – eine
Differenz, die übrigens im Kommunikationsverhalten von Didos und La-
vinias Dialogpartnern gespiegelt und dadurch noch potenziert wird. An-
ders als Didos Schwester Anna spricht Lavinias Mutter den Namen des
Trojaners nämlich offen aus: ‚hie stet Ênêas!‘. In Verbindung mit dem einlei-
tenden Vers: und solde scrîben Ênêas wird die Szene daher von zwei unfrag-
mentierten Nennungen des Namens eingerahmt, so dass letztlich Lavinias
unfragmentierte Sprache der Liebe gegenüber Didos fragmentarisch blei-
bender Sprache der Liebe betont wird.
Damit wird differente Medialität der beiden Minnebekenntnisse – die
Differenz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit – nach WUTH zum narrativen
Signal, zur Chiffre, in der sich Beständigkeit und Unbeständigkeit als distink-
tives Merkmal der beiden Liebessprachen manifestieren. Verleiht Lavinia
nämlich dem Namen des Geliebten durch die schriftliche Fixierung eine
überzeitliche Dimension, ist die mündliche Artikulation Didos dem Verges-
sen unterworfen: „Während der silbenweise benannte Name mit dem Klang
der Stimme vergeht, verbleibt der buchstabierte Name als geschlossener
Korpus auf dem Wachs.“73 Für meine Interpretation von Dido- und Lavinia-
Episode ist dies nun vor allem insofern relevant, als sich Beständigkeit und
Unbeständigkeit nicht allein als Dominanten im minnekommunikativen

73 WUTH (Anm. 20), S. 75.


‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 119

Verhalten der beiden Protagonistinnen erweisen, sondern als Charakteristi-


kum der jeweiligen Minnebeziehung verstanden werden müssen. Denn an-
ders als die Lavinia-Minne bleibt die Dido-Minne eine transitorische Episo-
de. In konsequenter Fortführung der Schriftmotivik wird deshalb im Kon-
text der Dido-Episode der Verlust der überzeitlichen Dimension für den
Namen des Trojaners absolut gesetzt. Während nämlich in der descriptio
von Didos Epitaph die Materialität ihres mit goldînen bûchstaben (80,6) gravier-
ten Namens demonstrativ hervorgehoben wird, wird Eneas’ Namen die
schriftliche Fassung verweigert – nicht nur ein Hinweis auf die Vergänglich-
keit, sondern auch auf die Einseitigkeit dieser Liebe:

‚hie liget frouwe Dîdô,


diu mâre und diu rîche,
diu sich sô jâmerlîche
dorch minne zû tôde erslûch.
daz was wunderlîch genûch,
sô wîse sô si was.‘ (80,10-15)

„Hier liegt Frau Dido,


die berühmte und die mächtige,
die sich so elend
aus Minne das Leben nahm.
Das war sehr merkwürdig,
so (lebens-)klug, wie sie gewesen war.“

Gerade indem die Differenz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit aber die
Funktion der Schrift als Speichermedium akzentuiert, muß Lavinias Min-
nebekenntnis gegenüber Didos als ungleich höheres personales Risiko
gelten. Denn durch seine schriftliche Fixierung kann es nicht zurückge-
nommen werden. ‚wan diz ne mach ich niht verdagen‘ (301,24; „‚denn dies
kann ich nicht [mehr] verschweigen“), wie die Prinzessin einsichtig for-
muliert – allerdings bezogen auf ihren Bekenntnisbrief an Eneas. In die-
ser Unumkehrbarkeit verdeutlicht sich letztlich eine Analogie ihrer beiden
Liebesgeständnisse auf Wachs und Pergament. Als materieller Zeichen-
träger übernimmt der Minnebrief nämlich, wie die beschriebene Wachs-
tafel, Funktionen der memoria. Er wiederholt zudem die schriftliche Na-
mensnennung des Geliebten und verbindet sie mit Lavinias eigenem Na-
men zu einer symbolischen Vorwegnahme späterer Zweisamkeit: ‚ez enbû-
tet Lavîne / Ênêase dem rîchen‘ (286,24f.). Das Verhältnis der drei weiblichen
Minnebekenntnisse des Eneasromans kann damit als Steigerung verstan-
den werden: vom mündlichen, dem Vergessen ausgelieferten Bekenntnis
Didos – über den leicht tilgbaren Schriftzug auf der Wachstafel – zu der
brieflichen Mitteilung, die einmal aus der Hand gegeben, nicht mehr re-
vidierbar ist.
120 Astrid Bußmann

Um in der Interpretation von Dido- und Lavinia-Episode daher auf die


bereits für die Interpretation der Turnus-Episode wesentlich gemachte
Korrelation von scheiternder Minne, scheiternder Minnekommunikation
und defizitärer Preisgabe gegenüber dem Anderen zurückzukommen:
Letztlich wird in der Liebeskonzeption Heinrichs von Veldeke die kommu-
nikative Risikobereitschaft seiner Protagonistinnen entscheidend für die
Differenzierung von Dido- und Lavinia-Minne, geht im Konflikt von Re-
den und Schweigen doch nur Lavinia das Risiko des Redens, das Risiko des
verbalisierten Liebesgeständnisses, ein. Es ist aber gerade das Eingehen
dieses Risikos, das im Eneasroman das Gelingen der Liebe von Eneas und
Lavinia bedingt. Indem die Prinzessin ihre Gefühle nämlich verbalisiert –
genauer: indem sie als erste ihre Gefühle verbalisiert – wird sie zur Aktiven,
die als Subjekt ihrer Liebe die Gegenliebe des Trojaners erringt. Damit ist
sie es, die in der Kommunikation ihres Liebesgefühls nicht nur sich selber
als gefûchlîche Liebende charakterisiert, sondern die in der Wahl des Kom-
munikationsmediums die Beziehung charakterisiert, sie mit der Wahl des
Liebesbriefes als gefûchlîche Liebe auf Distanz definiert. Diese Distanz ver-
bindet sich mit der Verschriftlichung des Begehrens zur Sublimierung der
Körperlichkeit. Indem die Stimme des Briefes die Prinzessin so als sprach-
mächtiges – aber entkörperlichtes – Subjekt in der Paarbeziehung erhält,
motiviert der Minnebrief die höfische Haltung ihres Geliebten ihr gegen-
über: ‚junkfrowe, ir habet ze mir getân, / daz ich û immer dienen wil.‘ (339,6f.;
„‚Mein Fräulein, Ihr habt [so] an mir gehandelt, dass ich Euch immer die-
nen will.‘“).74
Durch ihren Verzicht auf ein verbales Minnebekenntnis scheitert Dido
hingegen gezwungenermaßen. Denn mit der freiwilligen Aufgabe ihrer
Sprachgewalt verliert sie auch ihre Subjektrolle. Indem sich die Fürstin aber

74 DITTRICH (Anm. 30), S. 325, hingegen wertet die Distanz, die durch mûren, graben und venster
markierte Grenze zwischen Eneas und Lavinia primär als thematisch bedingt, nicht als Hin-
weis auf eine höfische Konzeption der Lavinia-Minne. Dabei ignoriert sie, dass Lavinia,
bevor sie die entkörperlichte Überschreitung der Grenze im Medium des Liebesbriefes un-
ternimmt, die körperliche Überschreitung der Grenze durchdenkt, dies wegen ihrer êre aber
zurückweist (305,2-21; für den Roman d’Eneas vgl. V. 8701-8730). Die Distanz wird also nicht
– unwillentlich – deswegen aufrecht erhalten, weil die Grenze nicht überschreitbar wäre,
sondern weil sie willentlich nicht überschritten werden soll. Damit setze ich mich auch von
LIEBERTZ-GRÜN (Anm. 13) ab, die in Lavinias Bejahung der Distanz vor allem eine Ver-
schleierung ihres Mangels an Gelegenheit sieht. (S. 69f.). Sie verkennt nämlich, dass nicht
nur diu minne vil getût (286,35), sondern dass auch der Autor vil getût, dass er also, wenn es
seiner Minnekonzeption entspräche, durchaus ein Treffen zwischen Eneas und Lavinia
inszenieren könnte. Es sei in diesem Zusammenhag auf einen Ovidianischen Prätext der
Lavinia-Episode verwiesen, die Scylla-Erzählung in den Metamorphosen (1 v. Chr.-10 n. Chr.),
in der sich Scylla eben nicht nur bei einem Blick vom Turm der Stadtmauer herab in König
Nisus verliebt, sondern in das feindliche Lager schleicht, um diese Liebe zu gestehen. Vgl.
dazu KISTLER (Anm. 55), S. 122ff.
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 121

in ihrem nonverbalen Minnebekenntnis auf ihre bloße Körperlichkeit re-


duziert, indem sie sich in Liebe und Liebeskommunikation zum Objekt
degradiert, ist die Beziehung des Eneas zu ihr nicht mehr als ein flüchtiges
Abenteuer. So provoziert letztlich gerade der Beischlaf, zu dem sie sich
dorch sô wênige bete (64,16) überreden lässt,75 dass Eneas Dido als Herrscherin
und handlungsmächtiges Subjekt, als gleichwertigen und gleichberechtig-
ten Minnepartner, nicht anerkennt. 76

5. Liebe, Geständnis und Schweigen


Damit sei es erlaubt, mit einer Wiederholung des Titelzitates des vorlie-
genden Aufsatzes – ‚her sal mir deste holder sîn / swenner weiz den willen mîn‘
(285,31f.; „‚wird er mir umso gewogener sein, wenn er weiß, was ich will‘“)
– noch einmal auf die Korrelation von Liebe, Wissen und Gegenliebe, auf
das Problem des Wissenlassens und auf das Risiko der Preisgabe im Wis-
senlassen zurückzukommen und mit diesen Stichworten zum Abschluss
meiner Interpretation von Heinrichs von Veldeke Eneasroman zu gelangen.
Denn wie die vorausgegangenen Anmerkungen gezeigt haben, muß Lavi-
nias Entschluss, Eneas brieflich ihre Liebe zu gestehen, in seiner kommu-
nikativen Risikobereitschaft als Paradigma der im Eneasroman ausgezeich-
neten Kommunikationsstrategie verstanden werden. Wesentlich dafür ist

75 Die Beiläufigkeit von Eneas’ Worten wird durch den indirekt bleibenden Erzählerbericht
betont (63,18ff.). Die Schnelligkeit und Leichtigkeit seiner Werbung wird so effektvoll mit
Didos langem Sehnen kontrastiert, das leitmotivisch die Dido-Episode durchzieht (38,25f.;
58,33-59,1; 63,4f.). Freilich wird dieses lange Sehnen von Dido durch ihre vorschnelle Hin-
gabe – schiere (64,14) ist sie Eneas’ Willen gefolgt – verschleiert.
76 Nach DINZELBACHER (PETER DINZELBACHER: Gefühl und Gesellschaft im Mittelalter. Vor-
schläge zu einer emotionsgeschichtlichen Darstellung des hochmittelalterlichen Umbruchs.
In: Höfische Literatur, Hofgesellschaft, höfische Lebensformen um 1200. Kolloquium am
Zentrum für Interdisziplinäre Forschung der Universität Bielefeld [3. bis 5. November 1983].
Hrsg. von GERT KAISER/JAN-DIRK MÜLLER, Düsseldorf 1986 [Studia humaniora 6],
S. 213-241, hier S. 215 und S. 224ff.) ist die Konzeption der höfischen Minne mit ihrer Sub-
limierung der Triebbefriedigung im Mittelalter nur zwischen Gleichrangigen, zwischen peers,
denkbar. Im Umkehrschluss verdeutlicht die unmittelbare Triebbefriedigung, wie Eneas sie
vollzieht, eine Negation ständischer Gleichrangigkeit. Dabei ist beachtenswert, dass Eneas’
Forderung nach Hingabe auch eine Forderung nach Teilhabe an der Herrschaft impliziert,
da die Inbesitznahme einer Herrscherin immer auch die Inbesitznahme ihres Landes meint
(LECHTERMANN [Anm. 21], S. 252). In der Hingabe wird somit nicht nur Didos Rolle als
Frau, sondern auch ihre Rolle als Herrscherin prekär – ein Defizit, das sich aus kommunika-
tionstheoretischer Perspektive allerdings bereits in ihrem Schweigen manifestiert. Angeregt
wird diese Deutung des Schweigemotivs durch BRITTA BUSSMANN (Anm. 62), S. 13, die zu-
mindest für die Figur der Enite herausgearbeitet hat, dass im literarischen Herrschaftsdiskurs
die Sprache zum „eigentlichen Machtinstrument der Frau“, zum „Merkmal weiblichen
Herrschaftshandelns“ wird.
122 Astrid Bußmann

nicht zuletzt, dass das Risiko der verbalen Preisgabe die körperliche Preis-
gabe suspendiert. So ist das gefûchlîche Geständnis im Medium des Briefes
das einzige Geständnis, das Gegenliebe generiert, das im narrativen Kon-
text als Liebesgeständnis reüssiert. Die programmatische Frage: ‚sô saget mir
denne waz minne is‘ (262,6; „‚So sagt mir also, was Minne ist.‘“) beantwortet
der Eneasroman damit nicht allein durch die Minnelehre von Lavinias Mut-
ter (262,9-265,19), sondern auch durch die Variation verschiedener For-
men der Minnekommunikation – der sublimen Sprache des Briefes, der
erotischen, ja sexuellen Sprache des Körpers und der aggressiven Sprache
des Kampfes –, die mit der Medialität der Minnekommunikation aber auch
die Verbalität und damit das personale Risiko in der Preisgabe gegenüber
dem Anderen variiert. In der Variation der Liebeskommunikation ist der
Text damit mehr als ein bloßer Liebesroman. Lesbar, verstehbar wird er
auch als Meta-Liebesroman.
Ist Liebe folglich Kommunikation, ist Liebe folglich die gegenseitige
Preisgabe in der Kommunikation, fungiert die Verweigerung der kommu-
nikativen Preisgabe im Schweigen als Zeichen der Krise. Zumal im deut-
schen Eneasroman manifestiert sich diese Bedeutung des Schweigens, wie
in einem letzten Argumentationsschritt hervorgehoben werden soll, in der
Figur des Eneas, dessen Wandel vom defizitären Helden der Dido-Episode
zum idealen Helden der Lavinia-Episode neben einem Wandel von Nicht-
Liebe zu Liebe auch einen Wandel von Schweigen zu Reden impliziert –
wobei sich gerade der kommunikative Wandel erst sukzessive im Verlauf
der Lavinia-Episode vollzieht. Besteht aus minnekommunikativer Perspek-
tive nämlich bereits Eneas’ Defizit in der Dido-Episode im Verschweigen
seiner Italienpläne (57,33-58,4; 66,7-67,8), das Dido fälschlich die Bestän-
digkeit der realiter unbeständigen Minnebindung suggeriert (67,9-12), so
setzt sich dieses Schweigen in der Lavinia-Episode im Vermeiden eines
verbalen Liebesgeständnisses zunächst fort. Denn obwohl Eneas ein ver-
bales – ein vielleicht sogar briefliches – Liebesgeständnis erwägt (298,30-
299,1), so dass der Text punktuell die Idee eines Liebesbriefwechsels evo-
ziert, realisiert er diesen Gedanken vorerst deswegen nicht, weil er die
Preisgabe im Liebesgeständnis vermeiden will, missversteht er sie doch als
Preisgabe männlicher Überlegenheit:77

77 DITTRICH (Anm. 30) führt zur Erklärung narrative Gründe an: die Vermeidung einer „allzu
billige[n] Rückantwort“ und die Aufrechterhaltung „mannigfacher Spannungsmomente“
(S. 347). Aber auch wenn narrative Variation als Begründung auf der poetologischen Ebene
plausibel erscheinen mag, darf nicht übersehen werden, dass gerade Veldeke die von ihm
durch die Vermeidung des Liebesgeständnisses erlangte Variation auf der Ebene der nar-
ratio als Defizit seines Protagonisten inszeniert. Schließlich wird der nicht-geschriebene
Liebesbrief des Eneas auf der Folie von Lavinias geschriebenem Liebesbrief als Leerstelle
markiert, was in einer Liebeskonzeption, in der gegenseitige Liebe in Parallelszenen kon-
struiert wird, zumindest bemerkenswert ist. Zudem wird die Programmatik des Konfliktes
‚her sal mir deste holder sîn, / swenner weiz den willen mîn‘ 123

‚die man soln den wîben


sus unmâzer minnen
niht bringen innen,
wand ez ne wâre nie gût,
si worden alze hôch gemût
und alze stolz wider die man‘
(299,6-11; für den Roman d’Eneas vgl. V. 9070-9101)

„[…], die Männer sollen den Frauen


eine so maßlose Liebe
nicht bekennen;
denn das wäre nicht gut,
sie würden allzu hochmütig
und allzu stolz den Männern gegenüber.“

Dieses Schweigen bringt die Beziehung zu Lavinia aber an den Rand des
Scheiterns. Denn der Trojaner verwirft zwar seine Überlegung, dass Lavinia
von ihm kêre / ir herze unde ir mût (299,18f.; „ihr Herz und ihren Sinn ab-
wendet“), tatsächlich bezweifelt sie aber seine Liebesbereitschaft: ‚ich vorhte
daz her niene gere / der minnen der ich ime enbôt.‘ (301,18f.; „‚Ich fürchte, er will
die Liebe gar nicht, die ich ihm gestanden habe.‘“). Ausschlaggebend dafür
ist nicht allein, dass die programmatische Korrelation von Wissen und Lie-
be zwangsläufig nach dem Wissenlassen der Gegenliebe verlangt, sondern
dass Eneas durch sein Schweigen die Dialogizität als spezifisches Merkmal
brieflicher Kommunikation pervertiert. Wenngleich nämlich nicht jeder
Brief einen Briefwechsel auslösen muß, komplettiert erst der Antwortbrief
den brieflichen Kommunikationsakt.
Die Gefährdung der Minnekommunikation durch Schweigen, die das
vollständige Scheitern der Paarbeziehung evoziert, begründet möglicher-
weise die Etablierung von Minnebriefwechseln in der höfischen Literatur.
Eneas zumindest bewährt sich in seiner Liebe zu Lavinia erst, als er nach
dem Sieg über Turnus sein defizitäres Kommunikationsverhalten bereut
und die Notwendigkeit einer dialogischen Liebeskommunikation für den
Fortbestand einer Beziehung anerkennt:
‚als schiere als ich den sige gewan,
daz ich zû ir niene reit,
daz was ein michel bôsheit
unde sal mich immer rouwen.
si beginnet mir missetrouwen

von Preisgabe und Nicht-Preisgabe dadurch betont, dass das Motiv der versäumten Preis-
gabe im Liebesgeständnis und damit auch das Motiv von Lavinias Liebeszweifeln in der
narratio gedoppelt wird – als nämlich Eneas nicht sofort nach dem Sieg über Turnus zu
der Geliebten eilt (vgl. für den Eneasroman 332,27-333,40; und für den Roman d’Eneas
V. 9831-9921).
124 Astrid Bußmann

unde gedenket ubile dar zû


und is ouch reht daz sie ez tû.‘ (334,36-335,2)

„Dass ich nicht sofort, nachdem ich den Sieg errungen habe,
zu ihr geritten bin,
das war schlecht gehandelt,
und wird mich immer reuen.
sie wird anfangen, mir zu misstrauen,
und schlecht davon denken,
und es ist auch richtig, dass sie das tut.“

Als Paar haben Lavinia und Eneas dadurch die höchste Stufe ihrer Zweisam-
keit erreicht, die folgerichtig ihre Erfüllung findet in körperlicher Nähe, in
direktem mündlichem Gespräch und dem ersten Kuss (338,27-339,28).78

78 Anders als der deutsche Eneas, der sich letztlich doch in Liebe und Liebeskommunikation
preisgibt, indem er bereits vor dem festgesetzten Hochzeitstermin ein Treffen mit Lavinia
arrangiert (336,15-339,28), behält der französische Eneas die einmal festgesetzte Frist bei
(V. 10079-10090). Eine Steigerung der Minnemonologe von Eneas und Lavinia bis zum Minne-
dialog realisiert sich insofern nur im Eneasroman, während die Liebenden im Roman d’Eneas
monologisierend – und damit aus minnekommunikativer Perspektive eben keineswegs als
Paar – aus der Handlung scheiden (V. 9839-10078; die Hochzeit als erstes Treffen wird vom
Erzähler nur knapp referiert [V. 10091-10123]). Veldeke kreiert so eine gegenüber dem Ro-
man d’Eneas deutlich zugespitzte Konzeption von Minne und Minnekommunikation. Partiell
basieren Veldekes Verschiebungen gegenüber dem Roman d’Eneas dabei zwar auf Kürzungen
– er kürzt etwa die Monologe von Eneas und Lavinia (333,15-40 und 334,17-335,18 vs.
V. 9839-10078) – dennoch lassen sich diese Kürzungen, eben weil sie konzeptioneller Natur
sind, nicht lediglich mit HUBY (Anm. 16), S. 135ff., mit der Verwendung einer gekürzten
Vorlage, eben der von HUBY favorisierten Roman-Handschrift G, erklären.
CHRISTOPH HUBER

Minne als Brief. Zum Ausdruck von Intimität


im nachklassischen höfischen Roman
(Rudolf von Ems: Willehalm von Orlens;
Johann von Würzburg: Wilhelm von Österreich).
Der Liebesbrief als literarisches Register des höfischen Romans wurde in
einer Reihe von Studien recht gut erschlossen. Das gilt für das Corpus wie
auch für die Machart und die Funktion der Briefe im Rahmen der epischen
Narration.1 Der folgende Beitrag führt diese Ansätze weiter mit dem Blick
auf die eigentümliche Stellung des Briefes in einem Bereich zwischen
mündlicher und schriftlicher Kommunikation. In diesem Feld, das in seiner
unscharfen Übergänglichkeit wahrgenommen werden muss, lässt sich erst
in einem weiteren Schritt die spezifische Leistung des Schriftmediums für
die Darstellung der Minnekommunikation abschätzen. Im Vergleich der
hier verfügbaren Register (vor allem monologische Gedankenrede, Ge-
spräch, Botschaft, Brief, Erzählerkommentar) schält sich heraus, welche
Rolle der Schrift zugewiesen wird.
Vorweg eine Bemerkung zum Liebesbrief als mediengeschichtlicher
Realität. Der Texttypus schillert, wie die Gattung Brief überhaupt, von
vornherein zwischen einem Phänomen der schriftlichen Alltagskultur und
der literarischen Stilisierung. Ich verweise hier, um den mediengeschicht-
lichen Funktionsrahmen wenigstens anzudeuten, auf zwei Grenzfälle aus

1 EUGEN MAYSER: Briefe im mittelhochdeutschen Epos. In: ZfdPh 59 (1935), S. 136-147.


HELMUT BRACKERT: Da stuont daz minne wol gezam. Minnebriefe im späthöfischen Roman. In:
ZfdPh 93 (1974), S. 1-18. Eine Forschungsübersicht zum Brief im Roman und darüber hi-
naus findet sich bei KARINA KELLERMANN/CHRISTOPHER YOUNG: You’ve got mail! Briefe,
Büchlein, Boten im Frauendienst Ulrichs von Liechtenstein. In: Eine Epoche im Umbruch.
Volkssprachliche Literalität 1200-1300. Cambridger Symposium 2001. Hrsg. von CHRISTA
BERTELSMEIER-KIERST/CHRISTOPHER YOUNG, Tübingen 2003, S. 317-344, hier S. 316-320.
– Breite Übersichten zum Corpus ‚Brief‘ bieten ULRICH ERNST: Formen der Schriftlichkeit
im höfischen Roman des hohen und späten Mittelalters. In: Frühmittelalterliche Studien 31
(1997), S. 252-369, der vor allem auf verschiedene Brieftypen eingeht; CHRISTINE WAND-
WITTKOWSKI: Briefe im Mittelalter. Der deutschsprachige Brief als weltliche und religiöse
Literatur, Herne 2000 (Mikrokosmos 57), Katalog des Brief-Corpus S. 336-352.
126 Christoph Huber

der ahd. Überlieferung. Literarhistorische Bekanntheit genießen die in


einem Kapitular Karls des Großen erwähnten winileod, hinter denen man
eine mündliche Tradition volkssprachlicher Liebeslyrik vermutet, die den
Weg in die Schrift nicht gefunden hat. Es wird hier ein Verbot formuliert,
winileodos vel scribere vel mittere. Das heißt, verboten wird die Verbreitung
solcher Lieder in einer Art Briefform, was nur in einem bereits literarisier-
ten klerikalen, vielleicht klösterlichen Kontext vorstellbar ist.2 Es deutet
sich dabei eine Überlagerung der Typen Lied und Brief an, der man als
Möglichkeit in der späteren Lyrikgeschichte wiederbegegnet.
Ein anderer Grenzfall präsentiert sich meist in der Sparte der ‚Zauber-
sprüche‘. In einer St. Galler Handschrift des 10. Jahrhunderts findet sich die
Randnotiz: ueru. taz. ist. spiz taz santa tir tin fredel ce minnon.3 Offensichtlich
geht es dabei um eine Notiz an eine(n) Geliebte(n), die als Abwehrzauber
fungieren soll, und zwar in ihrer materiellen schriftlichen Form. Der Brief
erhält damit eine Funktion, welche die schriftliche Mitteilung gedanklicher
Inhalte übersteigt, auch über einen mündlich zu aktualisierenden Wortzau-
ber hinausgeht und die Wirkung eines magischen Requisits übernimmt.
Privatbriefe, darunter auch Liebesbriefe, die ihren Zweck in der Alltags-
kommunikation erfüllen, gehen im Verschriftlichungsprozess spät und nur
selektiv in die Überlieferung ein. Anders die Exemplare des Typus, die von
vornherein in einem literarischen Gattungsrahmen tradiert werden, und so
sind wie in den antiken Schriftkulturen auch in der deutschen Überliefe-
rung als älteste Beispiele literarisch stilisierte Liebesbriefe erhalten. Mit
dem Verdacht, dass man sich beim Medium ‚Brief‘ auf die Variabilität von
Formen und Funktionen einzustellen hat, nähern wir uns so dem Liebes-
brief im Roman, der mit seiner rahmenden Gattung grundsätzlich ein Li-
teraturprodukt ist und fiktionale Kommunikation wiedergibt, auch wenn
man Entsprechungen in der historischen Lebenswelt annehmen darf.4
Nach singulären Einzelbriefen (z. B. in Heinrichs von Veldeke Eneas, Wolf-
rams Parzival, und Wirnts Wigalois)5 findet sich ein erster Liebesbriefwech-

2 Übers.: „Liebeslieder aufzuschreiben oder zu schicken“. CYRIL EDWARDS: The Beginnings


of German Lyric. In: Ders.: The Beginnings of German Literature. Comparative and Inter-
disciplinary Approaches to Old High German, Rochester, NY 2002 (Studies in German
literature, linguistics, and culture), S. 119-140, hier S. 119-123.
3 „Ich wehre ab das Spitze. Das sandte dir dein Schatz aus Liebe.“ Ausgabe: Althochdeutsche
poetische Texte. Althochdeutsch / Neuhochdeutsch. Ausgew., übers. und komm. von KARL
A. WIPF, Stuttgart 1992 (RUB 8709), S. 64.
4 Zum Rückschluss auf eine ‚reale‘ volkssprachliche Briefkultur und deren Reflexe im fiktio-
nalen Medium ROLF KÖHN: Latein und Volkssprache, Schriftlichkeit und Mündlichkeit in
der Korrespondenz des lateinischen Mittelalters. In: Zusammenhänge, Einflüsse, Wirkungen.
Kongreßakten zum ersten Symposium des Mediävistenverbandes in Tübingen. Hrsg. von
JOERG O. FICHTE u. a., Berlin, New York 1986, S. 340-356, hier S. 342f.
5 WAND-WITTKOWSKI (Anm. 1), Corpus-Katalog S. 337f.
Minne als Brief 127

sel im Willehalm von Orlens des Rudolf von Ems, der damit eine literaturge-
schichtliche Landmarke setzt.6 Dieses kleine Corpus von drei Briefen der
Heldin Amelie und den Antwortschreiben Willehalms auf die ersten bei-
den ist geeignet, die über die Gattung des Briefs im Engeren hinausgrei-
fende Problematik schriftlicher Minnekommunikation aufzurollen.
Der Austausch der fünf Briefe konzentriert sich ganz auf eine bestimm-
te Phase in der Liebeshandlung des Romans.7 Er hält im dritten Buch wäh-
rend eines Turniersommers des soeben zum Ritter geschlagenen Helden,
der sich bewähren muss, die Verbindung zu der entfernten heimlichen Ge-
liebten aufrecht und verflicht und kontrastiert so, wie Franziska Wenzel
ausgeführt hat,8 zwei radikal entgegengesetzte Formen höfischer Kommu-
nikation: die öffentliche, durch Körperpräsenz und sinnliche Erfahrung
(besonders Gesicht, Gehör) imponierende ritterlich-heldische Machtde-
monstration und den durch Boten und Schrift hergestellten Austausch der
einsamen Repräsentanten einer verbotenen Liebe, welche das öffentliche
Geschehen in ihrem Sinne intentional umdeuten. Als handlungsmotivie-
rende Elemente spielen die Briefe im Vergleich zu dem dramatischen
Kampfgeschehen eine geringe Rolle. Doch sind gegen ihre Einschätzung
als isolierte und weitgehend „‚inhaltslose‘ Gebilde“ (BRACKERT)9, als ledig-

6 Rudolf von Ems: Willehalm von Orlens. Hrsg. aus dem Wasserburger Codex der Fürstlich
Fürstenbergischen Hofbibliothek in Donaueschingen von VICTOR JUNK, Berlin 1905. 2.,
unveränd. Aufl. Zürich 1967 (Deutsche Texte des Mittelalters 2; Deutsche Neudrucke: R.
Texte des Mittelalters). Zur literaturgeschichtlichen Innovation BRACKERT (Anm. 1), S. 8f.
7 Übersicht des Briefwechsels in Buch III:
Willehalm Amelie
Turnier von Kamarzi
B1 6277-320
B2 6847-906
Turnier von Puys
B3 7559-616
B4 8025-080
Heiratsabkommen von Amelies Vater mit Avenis von Spanien
Turnier von Kurnoy
B5 8251-286
Dass dem Briefwechsel eine große Bedeutung beigemessen wird, zeigt der Illustrationszyklus
in der Münchener Handschrift (cgm 63). Unter 28 Miniaturen finden sich 4 Halbbilder mit Brief
(fol. 49r, 53r, 60v, 64v.), d. h., vier der fünf Briefszenen werden illustriert. Bildbeschreibungen
bei ELISABETH KLEMM: Die illuminierten Handschriften des 13. Jahrhunderts deutscher
Herkunft in der Bayerischen Staatsbibliothek. Textband, Wiesbaden 1998 (Katalog der illumi-
nierten Handschriften der Bayerischen Staatsbibliothek in München 4), Nr. 217 (S. 239-43).
8 FRANZISKA WENZEL: Situationen höfischer Kommunikation. Studien zu Rudolfs von Ems
‚Willehalm von Orlens‘, Frankfurt a. M. u. a. 2000 (Mikrokosmos 57), S. 124-134.
9 BRACKERT (Anm. 1), S. 10.
128 Christoph Huber

lich rhetorisch ornamentierte Textbausteine die innere Logik dieses Heim-


lichkeitsdiskurses und sein Beitrag zum Gesamtkonzept des romanhaften
Minneentwurfs festzuhalten.
Unmittelbar vor dem Aufbruch zum ersten Turnier, dem in Kamarzi,
bittet Amelie Willehalm in einem Brief, er möge als Ritter in ihrem Dienst
kämpfen, was dieser in seinem Antwortschreiben annimmt. Das wurde
zwar schon vor der Trennung mündlich vereinbart,10 ist aber an diesem
Punkt aktuell. Der zweite Brief des Mädchens trifft auf dem Turnier von
Puys nach der Vesperie, also wieder vor der eigentlichen Turnierhandlung
ein. Er reagiert auf Willehalms Erfolge und geht dann auf das prekäre
Verhältnis des späteren Siegers zur Turnierkönigin ein, welche diesen durch
die Überreichung eines Sperbers und einen Kuss ehren wird. Amelie gönnt
ihrem Ritter beides, aber nicht auf eine Weise, die zu einer störenden Kon-
kurrenz für ihr Verhältnis werden könnte. Das stellt der Brief an diesem
Punkt der Beziehungsgeschichte klar. Amelies dritter Brief schließlich
betrifft den von außen hereinbrechenden Verheiratungs-Entschluss des
Vaters, dessen inhaltliche Mitteilung eigentümlich auf die Worte des Boten
und das Schriftstück aufgeteilt ist. Der Brief selbst äußert sich nur zu
Amelies Reaktion.
Für den Fortgang auf der Schiene der brieflichen Minnekommunika-
tion ist zu beachten: Die Liebesbriefe umkleiden jeweils Sprechakte, die für
die Bewährung der Protagonisten-Minne teils wiederholender Art sind,
teils Weichen stellen. Repetitiv sind 1. die Sprechakte des Grüßens (Glie-
derungspunkt salutatio), erneuernd auch 2. die Dienstversicherungen und
Amelies Lohnversprechen, die auf ältere Abmachungen zurückgreifen,
aber aus gegebenem Anlass der Bestätigung bedürfen. Hier korrespondie-
ren mehrfach Dienstangebot und Dienstannahme. Modifizierung der Ab-
machung und gleichsam Interpretation des Rechtsstatus sind für die Preis-
überreichung durch die Turnierkönigin auf dem Treffen von Puys unab-
dingbar. Uns geht es hier nicht um eine Einordnung dieser Handlungen in
die Kategorien der Sprechakttheorie (‚Bitte‘ oder ‚Versprechen‘ usw.), son-
dern darum, den je neu realitätssetzenden Charakter dieser brieflichen Mit-
teilung im Auge zu behalten. Ja, die sprechaktliche Qualität dieser Elemente
ist im rhetorischen Aufbauschema des Briefes in den Punkten salutatio bzw.
petitio auf der Gattungsebene institutionalisiert.11 Seltsamerweise fehlt ein
Sprechakt ‚Bitte‘ gerade im dritten Brief Amelies, der nach dem Dekret des

10 Vgl. V. 5160-5195.
11 Das gängige fünfteilige Schema umfasst salutatio, captatio benevolentiae, narratio, petitio und con-
clusio. Dazu ECKART CONRAD LUTZ: Rhetorica divina. Mittelhochdeutsche Prologgebete und
die rhetorische Kultur des Mittelalters, Berlin 1984 (Quellen und Forschungen zur Sprach-
und Kulturgeschichte der germanischen Völker 206 NF 82), S. 33-41; Anwendung auf den
literarischen Liebesbrief (lat. 12. Jh.; Wolframs Gramoflanz-Brief, S. 43-46).
Minne als Brief 129

Vaters Wilhelm um Hilfe angehen müsste. Auch die auf den Botenbericht
ausgelagerte Nachricht enthält keine petitio. Im Brief gibt sich Amelie resi-
gniert und formuliert Verzicht und Abschied, doch diese Aussparung er-
folgt nicht ohne Grund: Wilhelm muss die Konsequenzen für sein Han-
deln selbst ziehen und selbständig die Möglichkeit einer Verhinderung der
Trennung konzipieren, was ein Licht auf die Partner-Rollen wirft. Ich kom-
me auf den Punkt zurück.
Wir fragen nun nach dem Ort dieser konkreten Brief-Konstruktion im
Spannungsfeld von Oralität und Literalität und halten zuerst den mündli-
chen Charakter fest. In der mittelalterlichen Briefkommunikation sind bei
dem Fehlen einer institutionalisierten Beförderung das Schreiben und der
Bote nicht zu trennen, ja, man hat die Gewichte pointiert so verteilt, dass
am Brief das Wichtigste der Bote sei. Jedenfalls wird in der Regel die
schriftliche Botschaft mit einer mündlichen kombiniert, und die Rituale der
Überbringung, teils mit Beglaubigung durch ein materiales Zeichen, des
lauten Vortrags bzw. der oft lauten Lektüre des Briefes sind durchweg Ele-
mente des Kanals.12 Insofern ist die Figur des Knappen Pitipas integraler
Bestandteil der Korrespondenz. Die Wertschätzung der Figur bei Amelie
und Willehalm wird durch ihre bevorzugte Behandlung und die Höhe des
Botenlohns zum Ausdruck gebracht;13 sie indiziert auch die außerordent-
liche Wertschätzung des Briefaustausches durch die liebenden Korres-
pondenten. Kulturgeschichtlich ist es also keineswegs verwunderlich, dass
bestimmte Informationen durch Pitipas mündlich überbracht werden, teils
parallel zum Brief oder gar nicht in diesem enthalten.14 Dabei kommt es
jedoch darauf an, ob bestimmte Inhalte der Schrift vorbehalten werden. Es
sind dies vor allem Themen des intimen Liebesdiskurses.
Der vom Boten überbrachte Brief wird deutlich als Verlängerung des
Körpers der schreibenden Person vorgestellt. Als Willehalm den ersten
Liebesbrief erhält, reagiert er entsprechend: Do naic der hohgemůte man Der
schrift und ǒch der vrǒwen sin (V. 6268f.).15 Die Schrift vertritt die Geliebte,

12 Vgl. KÖHN (Anm. 4), S. 342f., 348f. mit Literatur.


13 B2, V. 6941: Willehalm fordert Pitipas zur Treue auf, verspricht ihm für seine Botendienste
immer hohen Lohn und gibt für die Zustellung des Antwortbriefes (B2) fünf Goldmark als
Botenlohn. B3: Willehalm empfängt Pitipas, setzt ihn beim Essen vor sich und nam sin als sin
selbes war (V. 7544; „und sorgte für ihn wie für sich selbst“).
14 Brief 3 mündliche Auskunft über das Wohlergehen der Dame, der Brief als Diensterklärung
Amelies (V. 7551-56); Brief 5 mündlicher Auftrag Amelies (V. 8306-12): Diensterklärung,
Bericht der Ereignisse, Trennung würde sie aller Freuden berauben, bei der Überbringung
(V. 8549-857): Klage der Geliebten, Verheiratungsplan des Vaters [nicht im Brief selbst!],
Name des Bräutigams [nicht im Brief selbst!].
15 „Da verneigte sich der hochgestimmte Mann vor dem Schriftstück und zugleich seiner Her-
rin.“ – Vgl. WENZEL (Anm. 8) zum ersten Brieftausch S. 127: Brief „Substitut der Dame“,
„Verlängerung ihres Körpers“, „Unmittelbarkeitsfiktion“ (127), „der absente Körper als
unmittelbar inszeniert“ (ebd.).
130 Christoph Huber

diese ist in Form der Schrift präsent. Willehalms Körperbewegung bei der
Antwort wird genau registriert, sie heftet sich an den Brief und wird gleich-
sam mit diesem übermittelt.16 Amelies Klagebrief ist mit ihren Tränen
begossen.17 Das Material des Briefes ist so die Brücke zwischen den Kör-
pern, es rückt zum Medium körperlicher Berührung auf und erhält fast
fetischartige Qualitäten (vgl. Ärmel, Kamm und Ähnliches im Minnekult).
Die Materialität der Schrift als Mittel der Präsenzstiftung ist in der mittel-
alterlichen Buchkultur geläufig. Das Buch als Datenträger kann die Gegen-
wart des Heiligen Geistes als Instanz der Inspiration repräsentieren. Im
Messritual wird beim Evangelium in der Ehrung des Buches die Gegenwart
Christi selbst angezeigt, ähnlich Willehalms Verneigung vor dem ersten
Schriftstück.
Zu ergänzen ist, dass natürlich auch Pitipas selbst leiblich die Dame
vertritt, wenn er in Kamarzi mit auf das Turnierfeld geht, um Willehalms
Erfolge als Augenzeuge zu erleben;18 oder wenn dieser ihn in einer für das
Liebesverhältnis typischen Wendung als sin selbes lip wahrnimmt (V. 7544;
„wie sein eigenes Leben“). Die Stellvertretung des Absenders durch den
Körper des Boten ist aber eine Selbstverständlichkeit in der älteren oralen
Kommunikation, während gerade für die Liebeskommunikation die Prä-
senzstiftung durch die Schrift (samt ihrem Datenträger) zweifellos den
innovativen Akzent setzt.
Lassen sich nun anderseits auch spezifische Merkmale und Funktionen
der Literarisierung an dieser Korrespondenz festhalten? Bekanntlich be-
steht eine Nähe des Briefes zur Urkunde, die sich in der Wortgeschichte
wie in wichtigen Bereichen der Brief-Praxis niederschlägt.19 Die erwähnten
Sprechakte, die sich immer wieder um die Festlegung der Dienstverpflich-

16 Do schrab er mit siner hant / Ainen brief gen Engellant (V. 6835f.; „Da schrieb er eigenhändig
einen Brief nach England.“); vgl. V. 8019-24: Der ellethafte wigant / Schrab ainen brief mit siner
hant / Der suezen Amalien, / Siner trut amien, / Den solt ir bringen Pitipas. („Der kühne Kämpfer
schrieb eigenhändig einen Brief an die reizende Amelie, seine intime Freundin, den sollte ihr
Pitipas bringen.“) Die Variation der zwei Stellen zeigt, dass die Betonung der Hand nicht nur
vom Reim erzwungen wird, sondern offenbar dem Autor wichtig für seine Darstellung ist.
Vgl. WENZEL (Anm. 8): Der Bote trägt mit dem Brief die Spur der Schreibbewegung Wille-
halms zu Amelie.
17 V. 8287-89.
18 WENZEL (Anm. 8): Pitipas sei das „Sehwerkzeug Amelies“ (S. 128).
19 F.-J. SCHMALE: Artikel ‚Brief, Briefliteratur, Briefsammlungen‘. Teil IV. Lateinisches Mittel-
alter. In: Lexikon des Mittelalters, Stuttgart, Weimar 1999. Bd. 2, Sp. 652-659, hier: Sp. 655f.
VELUSIGs Zuspitzung, der mittelalterliche Brief sei im Gegensatz zur Briefkultur des 18.
Jahrhunderts von der Urkunde ungeschieden und gehöre grundsätzlich zur Domäne offi-
zieller Schriftlichkeit, ist so einseitig nicht haltbar; ROBERT H. VELLUSIG: Mimesis und Münd-
lichkeit. Zum Stilwert des Briefes im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit der
Schrift. In: Medien und Maschinen. Literatur im technischen Zeitalter. Hrsg. von THEO ELM
u. a., Freiburg 1991 (Rombach Wissenschaft, Reihe Litterae 15), S. 70-92, hier S. 78.
Minne als Brief 131

tungen drehen, stehen durchweg in Kontakt auch zum Rechtsdiskurs. Der


juristische Charakter zeigt sich besonders auffällig im zweiten Briefwechsel
mit den Schreiben 3 und 4. Das Turnier von Puys ist mit seiner weiblichen
Besetzung des Schiedsrichteramtes und den Regeln der Preisverleihung
formal stark juridisiert und wird ausdrücklich mit lehensrechtlichen Ver-
pflichtungen verglichen:
Und setzent aine kúnegin
Ir clag ze rihter under in,
Von der wirt in der wochen
Minnen reht gesprochen,
Als da man rehte lehen reht
Vor ainem herren machet sleht. (V. 7123-28)

[Die Damen, die dem Turnier zuschauen,] setzen untereinander eine Königin
als Richterin über ihre Klagen ein; von der wird in dieser Woche Minnerecht
gesprochen, so wie man juristisch Lehensrecht vor einem Herren klärt.

Und dies schlägt sich in Amelies brieflichen Forderungen mit der subtilen
Unterscheidung von Wilhelms Beziehungen und der Sicherung ihres per-
sönlichen Minne-Rechtsanspruchs nieder. Dabei fällt aber auf, dass die
gesellschaftlichen Regelungen wie die Abmachungen der Liebenden deut-
lich in der Sphäre mündlicher, nicht verbriefter Rechtsbindungen bleiben,
im Unterschied etwa zu einem Typus der Verschriftlichung, der in den
Minnegerichts-Urteilen bei Andreas Capellanus begegnet.20 Die Briefe tra-
gen nicht die Züge von öffentlichen Urkunden, sondern von intimen per-
sonalen Absprachen. So gibt sich Wilhelms eidliche Dienstverpflichtung in
Brief 2 als mündliche Rede zu erkennen (wie sie dem gesprochenen Eid
eignet) und verpflichtet sich nicht auf ein äußerlich objektivierbares Ver-
halten, sondern ein Gefühl:
Und sprich das uf minen ait
Das ich nie sider herzelait
Gewan, es waere da hin swen ich,
Herze lieb, gedaht an dich. (V. 6885-88)

und bestätige das eidlich, dass ich seither nie ein Herzensleid empfand, das
nicht verschwunden wäre, wenn ich, Herzensgeliebte, an dich dachte.

Ein schriftliterarischer Charakter der Briefe ist in erster Linie in der Form zu
finden, für die WULF OESTERREICHER bei seiner terminologischen Klärung

20 Andreae Capellani regii Francorum: De amore libri tres. Hrsg. von E. TROJEL. 2., unveränd.
Nachdr., München 1972. Vgl. das Urteil der Marie de Champagne vom 1. Mai 1174 über die
Streitfrage, ob Liebe in der Ehe möglich sei, S. 152-155.
132 Christoph Huber

des Begriffs Verschriftlichung im Sinne der Institutionalisierung schriftlicher


Diskurstraditionen Kriterien der Distanzsprachlichkeit herausgestellt hat, die
sich stilanalytisch beschreiben lassen.21 Schriftliterarisch sind so die Stilistica
der Rhetorisierung, die im nachklassischen Roman überhand nehmen und
das Missfallen der älteren Forschung erregten, während sie von den Dichtern
selbst offenbar als besondere Vorzüge verstanden wurden.22 Es soll hier nicht
die Praxis der Rhetorisierung in den Briefen beschrieben werden. Die eigen-
tümliche Leistung der Liebesbriefe in unserem Corpus (und anderen) scheint
besser im Vergleich profilierbar zu sein. Wie stellen sich diese Schreiben im
Kontext des romanhaften Liebesdiskurses insgesamt dar? Welchen Beitrag
leisten sie mit ihrer Form und ihrer thematischen Akzentsetzung für die Rede
von Liebe im Kontinuum des fiktionalen Ganzen?
Der Beginn der Kinderminne zwischen Wilhelm und Amelie wird im
zweiten Buch des Romans erzählt. Als sich der Dreizehnjährige23 bei König
Reinher in London vorstellt, ist neben der Königin auch die Tochter Ame-
lie anwesend. Welchen Eindruck diese auf alle Brabanter macht, wird in
einer rhetorisch geschmückten Anapher ausgesprochen:
Do sahent die Brabande sa
Den wunsch, des wunsches wunnen cranz
Und aller schoene sunnen glanz (V. 3718-20)

Da sahen die Brabanter sofort den Wunschtraum, des Wunschtraums Freuden-


kranz und aller Schönheit Sonnenglanz.

Dass der neben ihr sitzende junge Willehalm als Partner das Pendant für
dieses Ideal verkörpert, drückt der Erzähler in üppigen Rekurrenzen aus:
Bi wunsche saz der wunsch al da.
Was der wunsch iendert anderswa?
Nain er, niht! er was alhie,
Da des wunsches crone vie
Bi der hant des wunsches kint. (V. 3787-91)

Beim Wunschtraum saß dort der Wunschtraum. War der Wunsch irgendwo
anders? Nein! Er war hier, wo des Wunsches Krone bei der Hand des Wun-
sches Kind ergriff.

Die schnell in Gang kommende Minnehandlung entfaltet sich in einer Narra-


tion, die stark mit Erzählerkommentaren durchsetzt ist, welche sich auch zu

21 WULF OESTERREICHER: Verschriftung und Verschriftlichung im Kontext medialer und


konzeptioneller Schriftlichkeit. In: Schriftlichkeit im frühen Mittelalter. Hrsg. von URSULA
SCHAEFER, Tübingen 1993 (ScriptOralia 53), S. 267-292, z. B. S. 279 u. ö.
22 Z. B. MAYSER (Anm. 1), S. 137, 139f. und passim.
23 Vgl. V. 3942f. Willehalm ist an Alter 13-, an Wissen 15-jährig.
Minne als Brief 133

kleineren Exkursen ausweiten (z. B. V. 4381-414 mit Verweis auf Ulrichs von
Türheim Kliges und Minnesanganklängen; oder V. 4456-484 eine Minne-
Adresse mit Bezug auf Walther von der Vogelweide). Rudolf von Ems zettelt
hier einen intertextuell anspielungsreichen Liebesdiskurs in der Art Wolframs
an, wie das später Johann von Würzburg noch forcieren wird. Hinzu kommen
Reflexionen der Kinder in Art von Gedankenmonologen24 und eine Reihe
von Minnegesprächen, die mit einer Belehrung des liebesunkundigen Mäd-
chens durch den erfahreneren Jungen eingeleitet werden (V. 4200-342).
Dramatischer Höhepunkt der Handlungsführung ist das dritte Ge-
spräch bei einem Besuch Amelies bei Willehalm, der durch die Verweige-
rung des Essens aufgrund ihrer Ablehnung in höchster Lebensgefahr
schwebt. Amelie holt den Geliebten durch ihre Zuwendung ins Leben zu-
rück; es kommt zu einem Geständnis und einem Liebesvertrag,25 der die
Minnestufen bis zu tactus und osculum durchläuft und festlegt, wie Willehalm
durch seine ritterliche Bewährung im kommenden Sommer die körperliche
Vereinigung erdienen kann.26 Das entscheidende innere Geschehen wird
durch den Erzähler im Raum des Herzens beschrieben; er verwendet das
Motiv vom wechselseitigen Herzenstausch (V. 4972-75) und sprachspielen-
de Einheitsformeln (V. 4976-84); auf den Schritt in der Handlung folgt
sogleich ein Exkurs über das, Was ainvaltigú minne si (V. 4999-5024. „was
vollkommene Minneeinheit sei“).
Dieser Rückblick zeigt, dass die Liebesbriefe mit ihrer rhetorischen
Form und den gewählten Bildern (vor allem aus der Herzmetaphorik) sich
ganz im Rahmen von anderen, vorher schon entfalteten literarischen Re-
gistern aufhalten.27 Der schriftliche Briefdiskurs unterscheidet sich prinzi-
piell nicht von den Gesprächen und der Erzählerrede, die durchweg die
stilistischen Register einer sprachlich ornamentierten Mündlichkeit zeigen.

24 Z. B. V. 4139-57.
25 Wan ich han gesehen wol / Das du von herzen minnest mich / Benamen, ich wil ǒch minnen dich. (V.
4914-16; „Denn ich habe genau gesehen, dass du mich von Herzen minnst; in der Tat, ich
will dich auch minnen.“).
26 V. 5156-64.
27 Vgl. etwa die Grußformel in Amelies Brief 1: ‚Lieb, aelles liebes blůmen schin / Der sinne und in
dem herzen min, / Lieb, mines liebes wunnen kranz, / Lieb, miner vrǒden sunnen glanz / […] / Lieb
sueze in dem herzen, / Lieb aen laides smerzen‘ (V. 6277-84; „Geliebter, aller Freude Blumenlicht,
von den Sinnen wahrgenommen und in meinem Herzen [wohnend], Geliebter, meiner
Freude Wonnekranz, Geliebter, meiner Freude Sonnenglanz […], Geliebter, süß im Herzen,
freudig ohne Leidschmerzen“) und den Bericht des Erzählers nach der Minneübereinkunft:
Und hůb in sinem herzen sich / Von lieb an soelicher sumerzit / Sunder laides widerstrit / Das alles sin
gemuete / Blůt in so suezer bluete / Das wunneclich bluemelin / Moehtint da gewahsen sin, / Waerint si
gewurzet da. (V. 4928-35; „und es begann in seinem Herzen durch Liebesfreude eine solche
Sommerzeit ohne Störung durch Leid, dass sein ganzes Inneres blühte, in so süßer Blüte,
dass lustvolle Blümchen da hätten wachsen können, hätten sie dort Wurzeln geschlagen.“).
Es stimmen überein die wichtigsten Leitwörter (Liebe, Freude, Leid), die Pflanzen- und
Frühlingsmetaphorik, ohne dass die zweite Stelle die erste kopieren würde.
134 Christoph Huber

Die gleichen Sprechakte (Gruß, Bitte, Versprechen) durchqueren unter-


schiedliche Verfahren. Die Briefe setzen die Figuren-Kommunikation und
die Erzähler-Publikum-Kommunikation fort. Sie gleichen „zerdehnten“
Gesprächen28 über die Kluft räumlicher Trennung hinweg und sind im
Medium des gelehrt schriftliterarischen Romans nicht als etwas spezifisch
Schriftliches erkennbar. Ja, man kann den Aspekt umdrehen und in dieser
Schriftkommunikation gerade die betonte Herstellung von Präsenz bis hin
zum Körperkontakt ausmachen. Was dennoch an spezifischer Leistung
den Briefen vorbehalten bleibt, soll unten erneut aufgegriffen werden.
Die irritierende Durchdringung von Schriftmedium und mündlicher
Kommunikation bei Rudolf wird später von Johann von Würzburg (bzw.
seinem Co-Autor) im Wilhelm von Österreich übernommen und weiter zuge-
spitzt.29 Neben den Klassikern verarbeitet dieser in seinem intertextuellen
Spektrum bekanntlich besonders den Willehalm von Orlens, so sind auch die
Liebesbriefe des Romans auf dieser Folie gearbeitet. Während Rudolf fünf
Briefe in einer begrenzten Handlungseinheit unterbringt, sind bei Johann
13 Briefe über mehr als ein Drittel des Textes verteilt und in drei bzw. vier
Sequenzen gruppiert.30 Die ersten drei (B1-B3) ersetzen, nachdem Wild-
helms konkret sexuelle Werbung von Aglyes Vater belauscht und ein Rede-
verbot erlassen wurde, den bis dahin gepflegten Dialog. Die nächsten vier
(B4-B7) werden unter dem Eindruck der geplanten Verheiratung des Mäd-

28 So das Verständnis des ‚Briefes‘ in der klassischen Rhetorik. W. G. MÜLLER: Artikel ‚Brief‘.
In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hrsg. von GERT UEDING. Bd. 2, Tübingen 1994,
Sp. 60-76, hier Sp. 61f. Die Wendung „zerdehnte Sprechsituation“ findet sich bei KONRAD
EHLICH: Text und sprachliches Handeln. Die Entstehung von Texten aus dem Bedürfnis
nach Überlieferung. In: Schrift und Gedächtnis. Archäologie der literarischen Kommunika-
tion I. Hrsg. von ALEIDA ASSMANN/JAN ASSMANN, München 1983, S. 24-43, hier S. 32.
29 Johanns von Würzburg Wilhelm von Österreich. Aus der Gothaer Handschrift hrsg. von ERNST
REGEL, Berlin 1906. Unveränd. Nachdr. Dublin 1970 (Deutsche Texte des Mittelalters 3).
30 1. Sequenz: Hof König Agrants
a) Während des Redeverbots zwischen den Liebenden
Ryal/ Wildhelm Agyle
B1 1933-976
B2 2003-041
B3 2095-133
b) Nach der Werbung Walwans um Aglye
B4 2547-582
B5 2596-622
Ryal muss mit Walwan gegen den König von Marroch in den Krieg ziehen. Es werden
noch
c) Abschiedsbriefe gewechselt.
B6 2876-916
B7 2993-3035
Minne als Brief 135

chens mit König Walwan aus Frigia geschrieben. Die vom Vater eingefä-
delte Trennung Wildhelms von Aglye bleibt ohne Briefverkehr. Als sich die
Liebenden anlässlich der Belagerung von Smirna räumlich wieder näher
kommen, tauschen sie vier Briefe (B8-B11) und in zeitlichem Abstand,
nachdem Wildhelm seinen Konkurrenten Walwan getötet und Aglyes Va-
ter nun Wildonis, den Sohn des Königs von Marroch, zum Schwiegersohn
erwählt hat, zwei letzte Schreiben aus. Ein Brief Aglyes, der Wildhelm die
Geburt seines Sohnes Friedrich mitteilt, fällt ganz aus dem Rahmen der
Liebeskorrespondenz, die man mit Brief 13 als abgeschlossen erachten
kann. So überbrücken Rudolfs Briefe eine Phase der Trennung des Paares,
während Johanns Briefe in räumlicher Nähe die Unmöglichkeit zu reden
kompensieren. Die Aspekte der Präsenz und des quasi-mündlichen Aus-
tauschs gewinnen in dieser Konstruktion an Gewicht. Dennoch kehrt der
Roman auch hier bald mehr den mündlichen, bald mehr den schriftlichen
Charakter der Kommunikation heraus.
Die Institution des Boten wird für nur einen Brieftausch (B8 und B9)
bemüht; der hier mitspielende Vogler transportiert den ersten Zettel in
einem Rosenstrauß versteckt, den anderen unter dem Flügel seines Tieres.
Seine mündliche Botschaft wird gegenüber dem Schriftstück deutlich he-
rabgestuft; über die Liebesangelegenheit, für die er seinen Dienst leistet,
hat er nur vage Vermutungen.31 Da genießt der Bote Pitipas im Willehalm
von Orlens ein größeres Vertrauen seiner Auftraggeber, doch ist auch hier
davon auszugehen, dass er den Inhalt der Schrift nicht kennt und dass die
Liebenden ihre Briefe in der Einsamkeit schreiben und lesen. Damit

2. Sequenz: Vor Burg Fryen


Wilhelm im Heer vor der Burg; Aglye als Verlobte Walwans in der Burg.
B8 6697-770
B9 7007-088
B10 7423-493
B11 7539-629
3. Sequenz:
Nachdem Wildhelm Walwan getötet hat, wird Wildomis, Sohn des Königs von Marroch,
neuer Bräutigam Aglyes; Wildhelm, der als tot gilt, soll als Brautführer fungieren.
B12 9795-870
B13 9989-10 076
Interpretation des Corpus im Überblick CORA DIETL: Minnerede, Roman und „historia“.
Der Wilhelm von Österreich Johanns von Würzburg, Tübingen 1999 (Hermaea N.F. 87), S. 83-
91; ferner WERNER RÖCKE: Liebe und Schrift. Deutungsmuster sozialer und literarischer
Kommunikation im deutschen Liebes- und Reiseroman des 13. Jahrhunderts (Konrad Fleck:
Florio und Blancheflur; Johann von Würzburg: Wilhelm von Österreich). In: Mündlichkeit, Schrift-
lichkeit, Weltbildwandel. Literarische Kommunikation und Deutungsschemata von Wirk-
lichkeit in der Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Hrsg. von WERNER RÖCKE/
URSULA SCHÄFER, Tübingen 1996 (ScriptOralia 71), S. 85-108, zu Johann S. 96-103.
31 V. 7185-213.
136 Christoph Huber

schwindet bei Johann von Würzburg der für die historische Briefkultur
relevante Anteil des präsenten und redenden Boten soviel wie ganz, die
Botschaft übernimmt ausschließlich die Schrift. Wenn in B1 und B2 der
Brief selbst in der Ich-Form redet,32 lässt sich das mit dieser Stellvertretung
des Boten durch das Schriftstück verbinden. Wie lax letztlich die Modalität
der Zustellung behandelt wird, zeigt eine aus dem Rahmen fallende Vari-
ante: Bei der Sendung von Brief 6 wird einfach auf das Wissen der Aven-
tiure verwiesen und demonstrativ eine Leerstelle gesetzt.33
Im Übrigen tragen ausgerechnet die Niederschrift und die Lektüre wie
auch der Brieftext selbst Spuren des mündlichen Wortes. Von Aglye
heißt es:
nach der clage [in unartikulierten Seufzern] si einen brief
tiht mit ir munde:
swaz ir von hertzen grunde
laid und an minne was,
daz wart geschriben und auch daz
brievelin geworfen sider
Ryal in dem balle wider. (V. 2588-94 = B5)

Nach der Klage verfasste sie einen Brief mit ihrem Mund. Was sie aus Her-
zens Grunde betrübte und die Minne betraf, wurde niedergeschrieben und
dann das Brieflein mit dem Ball zu Ryal zurückgeworfen.

Oder:
zehant do wart ein brief geschriben
an ain zedel wizze,
der wart mit grozzem vlizze
getihtet von ir munde:
von des hertzen grunde
was da guº tes willen gunst,
der si lert wol die kunst
daz si suezziu wort vant,
diu schraip do willechlich ir hant,
mit gantzem vlizze tet si daz. (V. 6980-89 = B9)

Da wurde sogleich ein Brief auf ein weißes Blatt geschrieben, der wurde mit
großem Eifer von ihrem Mund gedichtet. Aus Herzens Grunde war da die
Gewogenheit des guten Willens, der sie vortrefflich die Kunst lehrte, süße
Worte zu finden. Die schrieb dann bereitwillig ihre Hand nieder, das machte
sie mit vollkommener Hingabe.

32 V. 1936f.; 2003f.
33 der wart, als mich bewisten / der aventuer kuendekait, / geantwuertet der diu kummer lait (V. 2864-66;
„Der wurde, wie mich die klugen Kenntnisse der Handlungsinstanz Aventiure unterrich-
teten, übermittelt an die, die Kummer litt“).
Minne als Brief 137

Offenbar wird das Verfassen des Briefes als einheitliche Handlung begrif-
fen, an der kontinuierlich das Herz, der Wille, die Zunge34 und der Mund
(vielleicht in einer Art lauten Mitsprechens) wie die Hand beteiligt sind. Die
seelische Disposition ‚lehrt‘ auch Kunstfertigkeit (etwa kontrapunktisch
zum gewöhnlichen Schulunterricht?). Jedenfalls muss das Unternehmen mit
Fleiß und Aufmerksamkeit zu Ende gebracht werden. Unmittelbarkeit des
Affekts, Beteiligung von Körper, Wille und Kunstfertigkeit, dazu die Arbeit
der Niederschrift verbinden sich im Amalgam dieser Schreibaktion.
Damit aber nicht genug. Die suezziu Minne persönlich unterstützt die
Schreiberin und soll ihr zuletzt noch raten, wie sie den Brief befördern
könne:
do der brief gemachet was
mit vlizz, als sie diu Minne lert,
do sprach diu kiusche vil gehert:
‚o we, het in der liebe nu!
gib lere suezziu Minne du,
wie schol ich nu behenden
den brief dem vræud ellenden,
dem stæten und dem zieren?‘ (V. 6990-97 = B9)

Als der Brief mit Eifer fertiggestellt war, wie es sie die Minne lehrte, sprach
die Reine, Hocherhabene: ‚O weh, hätte ihn jetzt schon der Geliebte! Lehre
mich, süße Minne, wie soll ich nun den Brief dem Freudeleeren zustellen, dem
Treuen, Hübschen?‘

Auch der Übermittlungsvorgang (den der Vogler übernehmen wird) steht


im Zeichen des Liebesaffekts. Die Minne als Poetiklehrerin erscheint be-
reits, als Wildhelm den Brief B8 verfasst:
ach, Minne, kuend ich tihten
so daz ich moeht gerihten
den brief nach sinem werde!
ich wæn daz uf der erde
im tihtens nie wuerd also not! (V. 6689-93)35

34 Vgl. doch tihtet da sin zunge (B 6, V. 2862; „doch dichtete da seine Zunge“).
35 V. 6689-93. Vgl. Aglyes Abfassung von B11. Die Schreiberin leitet die Redaktion des Schrift-
stückes mit folgenden begleitenden Worten ein: ‚Ach hertze, lip und sinne! [Aufruf körperlicher
und seelischer Instanzen], / ach minneclichiu Minne [Appell an personifizierte, objektivierte
Liebesinstanz], / gib helf, kunst ze stiur,‘ [auch die Minne als Helferin in der ars scribendi!] / sprach
do diu gehiur, / ‚wie ich im wider schribe / daz im den jamer tribe / uz hertzeclichen laiden!‘ (V. 7497-503;
„‚Ach Herz, Leib und Sinne, ach minnespendende Minne, hilf und steuere die Kunst bei,‘
sagte die Traute, ‚wie ich ihm zurückschreibe, was ihm den Jammer aus herzergreifenden
Leiden vertreibe!‘“).
138 Christoph Huber

Ach Minne, könnte ich nur so dichten, dass ich den Brief an seinem Wert
ausrichten könnte! Ich glaube, dass auf Erden er das Briefdichten noch nie so
nötig hatte!

In diesem Sinne hält Aglye ihren Brief noch zurück:

doch will ich corrigieren


den brief daz er iht væle,
sit liebe mich niht hæle
nimt in dirre minne sedel (V. 6998-7001).

Doch will ich den Brief Korrektur lesen, damit er keinen Fehler enthält, da
die Liebe mich nicht geheim hält auf dem Sitz (dem Thron?) dieser Minne.

Die von der Instanz überwachte schriftliche Kommunikation erhöht offen-


bar den Rang der Minnenden selbst und gibt der Mitteilung einen mehr als
privaten Charakter, obwohl den Brief im Roman später außer dem Adres-
saten niemand zur Kenntnis nehmen wird. Darauf ist zurückzukommen.
Aglyes Korrekturarbeit gilt dabei nicht nur den sprachlich-stilistischen Feh-
lern, sondern ist geeignet, die Schreiberin als eine Art Primärrezipientin ihr
innerstes Gefühl noch einmal erleben zu lassen: mit manigem sueften wart diu
zedel / ueberlesen innerclich.36 Jetzt erst wird auf einer anderen Ebene der Brief
veröffentlicht, d. h. durch den Dichter / Erzähler einem ihm verbundenen
Publikum dargeboten:
ob ir nu wellt, so wil ich
iu des brieves rede sagen [mündlicher Duktus!],
baidiu sin vræun und sin clagen. (V. 7004-06)

Wenn ihr nun wollt, werde ich euch des Briefes Rede mitteilen, seine Freude
und seine Klage.

In der Perspektive Aglyes, die den Brief rezipierend Korrektur liest, ist so
bereits die Ebenenversetzung zwischen innerliterarisch-privater und außer-
literarisch-öffentlicher Kommunikation angelegt.37
Daneben reflektiert der Erzähler die literarische Öffentlichkeit des fik-
tionalen Privatbriefs noch an zwei weiteren Stellen. Während Aglye den
Brief Wildhelms ueberlas (V. 7415 zu B10; – das kann leise sein oder laut38),
bemerkt der Erzähler über das Geschriebene im mündlichen Gestus:

36 V. 7002f.; „Mit vielen Seufzern wurde das Blatt inständig überlesen.“.


37 So wie nicht nur der Erzähler, sondern der Romanheld mit der personifizierten Aventiure
konfrontiert wird, vgl. die mit V. 3134 eingeleitete Episode.
38 Vgl. über Aglye anlässlich B8: zehant diu minneclich in las / mit irm munde süeze. (V. 6970f.;
„Sogleich las ihn die Minnespendende mit ihrem süßen Mund.“).
Minne als Brief 139

daz daran geschriben was,


daz sage ich iu mit betuete;
swa tugenthaft luete
sint, sie hoernt in.
swer zu liebe gewan ie sin,
der hoert von liebe gern sagen
und liep gein liebe sich erclagen. (V. 7416-22)

Was darauf geschrieben war, das sage ich euch mit folgender Erläuterung: Wo
immer tugendhafte Menschen sind, hören sie ihn. Wer je auf Liebe seinen
Sinn richtete, hört gern von Liebe erzählen und Liebende einander ihr Leid
klagen.

Der unmittelbar folgende Brief Aglyes (B11) übt dann auf Wildhelm über
die Worte eine geradezu körperliche Wirkung aus39 und wird vom Erzähler
akustisch dargereicht:
derz gern hoert, so wil ich
sagen ir getihte,
daz sich dar nach rihte
vrawe diu ie lieben man
ze lieber trutschaft ie gewan. (V. 7534-38)

Wenn man es gerne hört, will ich sagen, was sie da dichtete, damit sich daran
jede adlige Dame orientiere, die je einen geliebten Mann zur liebevollen
Freundschaft gewann.

Damit sind explizit Leserinnen als Rezeptionspublikum angesprochen!


Wenn hier in die intime Briefkommunikation ein potentiell offenes Publi-
kum eingebunden wird, sogar nach Geschlecht von Adressaten unterschie-
den, erfolgt das über das Konzept einer Gemeinschaft von Liebenden, die
empathisch mitfühlen, wobei sich die Lebenden an literarischen Figuren als
Vorbildern ausrichten. Das Modell ist von Gottfried von Straßburg (dem
Tristan-Prolog) aus entwickelt und auf den Liebesbrief als Text im Text
zugespitzt.
Die ausgesprochen körperliche Wirkung der geschriebenen Liebesbot-
schaft erfährt bei Johann von Würzburg im Vergleich zu Rudolf von Ems
noch eine Steigerung. Über Wildhelm wird beim Empfang von Brief 9
gesagt (V. 7244 ff.), er las den brief, daran im schin / wart wie er solt werben –
d. h., er erhält eine Verhaltensanweisung; diese wirkt aber so:

39 mit siner wolgestalten hant / entstrickt er des brieves sloz. / diu Minne braht im do ain schoz / mit des
brieves worten / daz im an allen orten / in dem libe uebte sich (V. 7528-33; „Mit seiner wohlgestalten
Hand öffnete er den Verschluss des Briefes. Die Minne schleuderte da auf ihn ein Geschoss
mit den Worten des Briefes, das in allen Gliedern seines Leibes zu spüren war.“, oder schoz
als ‚Schössling‘?).
140 Christoph Huber

er wand in vræuden sterben


von den worten diu er vant:
Aglien lust sich in in want,
in lip, in sel, in alle lit. (V. 7244-49)40

Er las den Brief, an dem ihm klar wurde, wie er handeln sollte. Er glaubte vor
Freuden zu sterben durch die Worte, die er da fand. Das Verlangen nach
Aglie bohrte sich in ihn hinein, in Leib, Seele und alle Glieder.

Wie ein Aphrodisiakum, ein lusterregendes, tödliches Gift werden die ge-
schriebenen Worte körperlich und so auch seelisch aufgesogen. Bei Wild-
helms Antwortbrief (B10) wird das körperliche Ergriffenwerden der
Freundin bei der Zustellung durch den Falken als Gewaltakt ausgemalt.
Aglye hat Wildhelm insinuiert, sie könne seinen Falken durch ein an ihrem
Fenster ausgesetztes Täubchen locken. Dieser Plan wird ausgeführt:
zehant der valk die tuben stiez
daz si gehort noch gesach:
hin und her er si do trach
biz si im in die griffe wart. (V. 7386-89)

Sofort stieß der Falke auf die Taube nieder, dass ihr Hören und Sehen verging.
Hin und her zerrte er sie, bis er sie fest in seinen Fängen hatte.

Freudig die liebe mær erwartend, zieht Aglye die Stange mit den beiden Vö-
geln zum Fenster herein. Sie lässt den Falken die Taube rupfen und ihre
eigenen Hände blutig kratzen, um den Brief unter seinem Flügel hervor-
zuholen.41 Die Aggressivität und Destruktivität von Schrift als materialem
Objekt der Liebeskommunikation im Prozess einer zerstörerisch-beglü-
ckenden Minne wird hier drastisch konkretisiert.
Wenn Johann von Würzburg die Brief-Kommunikation konsequent auf
die je gegenwärtige körperliche und psychische Wirkung hin zuspitzt, das
heißt in der objektivierenden Schrift je neu Gegenwärtigkeit, Präsenz er-
zeugt, betrifft das auch die geschriebenen Inhalte. Rudolf und in seinem
Gefolge Johann entdecken den Brief als literarisches Verfahren, im Minne-

40 Die Verse nur in H und S, Herausgeber zur Stelle: „scheinen aber echt“.
41 en valken si ergramt, / daz tueblin doch erlamt, / des ahte si vil claine: / ir wizzen hende raine, / swa die
der valke ruorte, / da krazte er und fuorte / uz hendel bluotes tropfen; / si lie die tuben ropfen [in der ver-
schränkten Reihenfolge werden Taube und Hand parallel gesetzt.] / und graif mit ir verserten
hant / an in unblúclich biz daz si vant / den brief under dem fluegel sin. (V. 7399-409; „Den Falken
reizte sie auf, und das Täubchen erlahmte, sie achtete wenig darauf. Wo ihre weißen Hände
der Falke zu packen bekam, kratzte er und ließ aus ihnen Blutstropfen quellen. Sie ließ es zu,
wie die Taube gerupft wurde, und tastete den Vogel mit ihrer verletzten Hand unerschro-
cken ab, bis sie den Brief unter seinem Flügel fand.“).
Minne als Brief 141

roman in Situationen der Trennung der Liebenden kontinuierlich und über


längere Phasen hinweg Intimität herzustellen. Bei beiden fehlt die briefliche
Werbung. Die Schrift setzt hier fort, was im mündlichen Gespräch, im
Selbstgespräch oder Gedankenmonolog, auch im objektiven Erzählbericht
und im Erzählerkommentar bereits hergestellt ist. Minneverträge mit dem
Anspruch unverbrüchlicher Geltung und der körperlichen Verwirklichung
eines seelisch vollzogenen und erotisch immerhin schon auf den Weg ge-
brachten Vereinigungsprozesses liegen vor.
Intimität ist eine Beziehungsfigur engster personaler Nähe, in der seeli-
sche Disposition und äußere Lebensform zusammenwirken. In je neuen
äußeren Konstellationen stellt sich die Aufgabe, diese Nähe herzustellen,
die offensichtlich nicht nur im direkten Körperkontakt realisiert wird. Die
mittelalterlichen Entwürfe anspruchsvoller passionierter Liebe gehen von
einem Prä der geistigen Seite aus. Zwar muss das Gegenüber über die sinn-
liche Erfahrung ins Bewusstsein des potentiell Liebenden treten, was durch
körperliche Nähe, durch den Anblick, aber auch durch Hörensagen erfol-
gen kann. Johanns Wildhelm konzipiert zuerst ein seelisches bilde, das er
dann in der Welt sucht und in der Person Aglyes wirklich findet. Die seeli-
sche Intimität wird bevorzugt durch Modelle vom Eingehen ins Herz, vom
Wohnen im Herzen, von der Dominanz im Herzen und wortspielenden
Umschreibungen einer Zwei-Einheit im Herzen beschrieben. Paradigma-
tisch gibt es das im Minnesang,42 für die Literaturgeschichte des Romans
findet Gottfried von Straßburg prägende Formulierungen.43 Diese Muster
etablieren Rudolf und Johann bereits in den Anfängen der körperlich
noch unerfüllten Kinderminne und setzen sie dann in die Korrespondenz
hinein fort. Das Modell vom Herzenstausch und das mögliche visionäre
Anschauen der oder des Geliebten im Herzen oder immer wieder neu
gewendete Einheitsformeln sind hier geeignet, die Fortdauer seelischer In-
timität in der körperlichen Trennung auszudrücken.44
An der Schwelle dieser seelischen Intimität ist jeder der Liebenden al-
lein. Beide Romane betreiben den Ausschluss von Dritten, wenn sich die
Protagonisten bei der Abfassung und der Lektüre der Briefe in ir heimlîche
zurückziehen. Johann schließt den Einfluss der Helfer weitgehend aus. Die
intime Kommunikation ist ganz der Schrift vorbehalten, die dann aber als

42 Z. B. Heinrich von Morungen MF 127,1.


43 Gottfried von Straßburg: Tristan und Isold. Hrsg. von FRIEDRICH RANKE. 11. Aufl., Dublin,
Zürich 1967, V. 726-29 (Riwalin und Blancheflour beim Frühlingsfest); V. 11711-40 (Tristan
und Isolde beim Minnetrank).
44 Rudolf von Ems B1, Einheitsformel V. 6291-96; B4, V. 8052-58; Johann von Würzburg
variiert das Motiv stark B2, V. 2018f., 2022f.; B7, V. 2691f., es folgen Einheitsformeln V.
3017-19; B8, Einheitsformel V. 6728-45; B9, Einheitsformel V. 7046-49; B10, V. 7462-64;
B12, Einheitsformel V. 9838f.
142 Christoph Huber

starker, gewissermaßen überwältigender Impuls in den Lebensprozess hi-


nauswirkt, auch auf der Bühne der Rezeption. Schrift erzeugt sogar bei der
Korrektur und in der Wiederlektüre der Schreibenden die Affekte, welche
seelische Intimität hervorbringen, den paradoxen Status der Zweieinheit
stützen können. Auch der auf der Ebene der literarischen Kommunikation
veröffentlichte Brief bleibt im Schutzraum einer Gemeinde von Liebenden
mit ihrem je eigenen affektbesetzten Beziehungsfokus.
Die Korrespondenz wird in diesem Modell nicht als handlungstechni-
sches Mittel von Intrigen mit falschen Briefen, Verwechslungen der Adres-
saten usw. eingesetzt. Wildhelms Kinderliebe wird über ein vom Schwie-
gervater belauschtes Gespräch und nicht einen abgefangenen Brief aufge-
deckt. Nach den literarhistorischen Anfängen der Brief-Intrige, bei der sich
das neuzeitliche Drama und der Roman bedienen werden, ist dies in unse-
rer Tradition ausgespart.45 Die Schrift als Ersatz von mündlicher Kommu-
nikation pointiert der Wilhelm von Österreich dergestalt, dass er die Briefe
durchweg in Situationen räumlicher Nähe einbaut. Sie ergänzen den Blick-
kontakt und werden so (unter Ausschaltung von Boten als personalen Zwi-
schenträgern) zum eigentlichen Ort der Herstellung von Intimität, ihrer
Formung und steigernden Ausbildung. Mit dem Wachsen der Beziehung
wird auch der Brief immer länger und anspruchsvoller,46 sein Anspruch
sinnlicher, der Pendelausschlag der Affekte weiter, der Umschlag zwischen
Freude und Leid dramatischer.47 Die Briefe erhalten eine affekterzeugende
und -steuernde Funktion, wobei das Einheitspostulat wie das ruhende
Zentrum in der Mitte eines Wirbelsturms unangetastet zu bleiben scheint.
Noch nicht bei Rudolf, aber bei Johann kann man, wie ich meine, bereits
Ansätze einer intimen Biographie der Protagonisten lesen, die nur hier
ihren Ort im Roman hat.
Einen Extremzustand, der einem Kollaps der Brief-Kommunikation
gleichkommt, erreichen Johanns letzte Stücke des Briefwechsels (B 12 und
B13), die unter dem Eindruck einer zweiten erzwungenen Ehe Aglyes ge-
schrieben sind. Die Liebenden treffen sich zu einem Gespräch und tau-
schen die zuvor geschriebene Briefe aus, welche monologische Seelenbilder

45 Zu gefälschten und intriganten Briefen ERNST (Anm. 1), S. 320-324: Chrétien de Troyes:
Lancelot; Heinrich von Veldeke: Eneas; Mai und Beaflor. Zur Störung der Boten-Kommunika-
tion HORST WENZEL: Boten und Briefe. Zum Verhältnis körperlicher und nichtkörperlicher
Nachrichtenträger. In: Gespräche – Boten – Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis
im Mittelalter. Hrsg. von HORST WENZEL u. a., Berlin 1997 (Philologische Studien und
Quellen 143), S. 86-105; hier S. 111-104. Gefälscht auch im Wilhelm von Österreich, Mahmets
Brief (V. 11044-094), s. DIETL (Anm. 30), S. 91f.
46 Vgl. zu B11 V. 7508f.: ain niwe zedel langen / nam si uz ainem schrin. („Ein neues großes Blatt
nahm sie aus einer Lade.“) Zum gehobenen Anspruch die Minne-Anrede vor der Abfassung
desselben Briefes V. 7497-99 (zit. oben. Anm. 35).
47 Deutlich in der Phase der Belagerung von Smirna B8 - B11.
Minne als Brief 143

formulieren. Zwar fordert Aglye Wildhelm im Gespräch mündlich zur ge-


meinsamen Flucht auf (V. 9610ff.), der Brief selbst ist pessimistischer und
formuliert das Ende der Beziehung:
swie ainmuetic si unser muot
gevangen in ainem ain,
so mag uns doch dehain
trutschaft da von werden. (V. 9838-41)

Wie einmütig auch unser Sinn in einer einzigen Einheit verschlossen ist, so
kann doch keine Liebschaft [hier aber mit dem Ziel einer institutionalisierten
Beziehung] daraus werden.

Aglye gibt allen Eigenwillen auf, unterstellt sich Wildhelms Entscheidungen


und legt zugleich alle Standesansprüche auf ere und richtuom nieder. Obwohl
sie einen Ausgang offen lässt, imaginiert sie mit dem Ende ihrer trutschaft
den Liebestod (V. 9860-63; 9869f.). Wildhelms Schreiben zeichnet einen
noch depressiveren Zustand. Vor der als Vrœuden trost! mins muotes sin! 48
Angeredeten legt er selbst alle Freuden ab und erklärt, nicht mehr leben zu
wollen. Er gibt der Geliebten seine Beziehung als Lehen zurück:
nim uf nu swaz ich von dir hab
ze lehen! ich wil komen ab
des lebens durch die liebe din:
ich waiz niht anders, sele min,
waz ich dir dienen fuerbaz sol. (V. 10043-47)

Nimm jetzt alles zurück, was ich von dir zu Lehen habe! Ich will mein Leben
verlieren aus Liebe zu dir. Ich weiß nichts anderes, meine Seele, worin ich dir
weiter dienen kann.

Wildhelm verlegt seine ganze geistige Existenz in die Person Aglyes, hat
aber nicht die Kraft, daraus eine positive Zukunftsperspektive zu schöpfen.
Auch er imaginiert zusammen mit dem Verlust der Geliebten an einen
anderen Ehemann den Liebestod.
Nun liegen hier die Briefe den hoffnungsvolleren Gesprächen voraus,
werden aber erst danach von den Partnern rezipiert und dem Publikum
mitgeteilt. Sie sind also eigentlich überholt, was einen Rückstand brieflicher
Mitteilung gegenüber dem Stand des Seelendramas und eine Grenze der
Leistungsfähigkeit des Mediums ‚Brief‘ anzeigen könnte. Neue Weichen
sind bereits gestellt, die Zwangsehe wird später nicht vollzogen, die Lie-
benden finden schließlich doch zueinander. Im weiteren Horizont aber

48 V. 9989; „Meiner Freuden Hoffnung! Meines Geistes Sinn!“.


144 Christoph Huber

erbringen die situationsversetzten Schreiben eine Leistung, die nur in der


schriftlichen Fixierung möglich ist. Die Schrift ist in der Lage, bei beiden
Partnern die authentische radikale Bereitschaft zu dokumentieren, bis zum
‚Letzten‘ zu gehen, die von der Geschichte zunächst nicht eingefordert
wird. Im Blick auf den Schluss des Romans mit Wildhelms Ende in der
Einhorn-Aventiure und Aglyes Liebestod sieht das anders aus. Der mit den
monologischen zwei letzten Briefen erreichte Tiefpunkt markiert so die
Grenze der Gattung und die Überholbarkeit der schriftlichen Verfestigung
durch das Leben. Anderseits greifen beide Positionen über die glückliche
Wendung hinaus auf den Liebestod vor, ja nehmen dieses Ende vorweg.
Die Tiefpunkte der Korrespondenz müssen auch in den früheren Schrei-
ben als affektive Antizipation des Liebestodes gelesen werden, in dem
Johann gegenüber Rudolfs harmonischem Ausgang eine pessimistische
Perspektive gestaltet. Sie betrifft nicht die dynastische Sukzession, die mit
der Geburt des Erben Friedrich gelingt, aber das individuelle Minnedrama.
Aus unseren Beobachtungen an zwei Brief-Corpora, die ganz auf die
jeweiligen Romankonzeptionen hin komponiert sind und hier ihre literari-
sche Relevanz erhalten, können wir einige Schlüsse zum Prozess der Ver-
schriftlichung und zum Status des Briefes, genauer: des Liebesbriefes in
historischer Perspektive ziehen. Für die Briefpartner der beiden Romane
setzen die Autoren den Umgang mit der Schrift als eine selbstverständliche
Fertigkeit voraus. Der für das Mittelalter konstitutive Anteil der Botenrolle
wird bei der erotisch intimen Botschaft zurückgedrängt, das gilt in der
mündlichen Kommunikation auch für die im feudaladligen Leben unver-
zichtbaren Helferfiguren.
Als Funktion der Schriftlichkeit lassen sich aber keineswegs die von
OESTERREICHER genannten, in der Fernoptik einleuchtenden Merkmale
von Traditions- und Herrschaftssicherung mit Tendenzen zur Dogmatisie-
rung ansetzen.49 Zwar gelingt es der Schrift, eine Kommunikation der Lie-
benden unter den Bedingungen der Trennung fortzusetzen und so gewis-
sermaßen zu stabilisieren, auch eine exemplarische Vorbildlichkeit des
Fühlens zu etablieren, die auf die Metaebene der Literaturkommunikation
gehoben wird. Das wirkt im Handlungskontext aber als ein Präsenzphäno-
men, als ein zerdehnter Liebesdialog, der in seiner Affektbestimmtheit
auch destabilisierende Effekte hervorbringt. Spontaneität wird nicht aus-
geschlossen, sondern gerade stimuliert. Der Austausch von Schriftlichkeit
führt wie bei dem von Worten unmittelbar körperliche Reaktionen herbei.
Als spezifisch schriftlich zeichnet sich in dem komplexeren Entwurf Jo-
hanns, der allerdings ohne den des Vorgängers nicht denkbar ist, die Wie-
derholbarkeit, auch die zeitliche Versetzung einer Stimulierung durch die

49 OESTERREICHER (Anm. 21), S. 281f.


Minne als Brief 145

Schrift ab, so dass über diesen Kanal der Innenraum der Liebe geformt und
vertieft werden kann. Im Wechselspiel der Seelenkräfte macht sich auch
eine intellektuelle, reflexive Seite stark, die sich aber noch nicht abspaltet,
sondern getragen wird vom psychophysischen Gesamterlebnis der Minne,
die als personifizierte Instanz agiert und stellenweise mit einem überindi-
viduellen Naturgesetz zusammengeht. Minne ist zugleich Vermittlungs-
instanz einer kunstgerechten Rhetorik der Liebe und erfahrene Gegenwart
mit transgressiven, anarchischen Zügen.
Im Raum der Intimität scheinen so Unmittelbarkeit der Affekte und
Intellekt keine Gegensätze zu sein, ebenso wenig Alleinsein und Hingabe.
So ist für die intime Minnekommunikation zumindest in den besprochenen
Texten eine Verschiebung von der Mündlichkeit zur Schriftlichkeit und
eine Abkoppelung vom Körper nicht festzustellen. Es gibt da keine lineare
Entwicklung, der Gegensatz und die Spannung zwischen den Kommuni-
kationsformen bleiben bestehen. Das hat zweifellos mit der proteischen
Textform ‚Brief‘ zu tun. Literarische Möglichkeiten der Selbstbespiegelung
und wechselseitigen Introspektion deuten sich bereits an, die später, etwa
im 18. Jahrhundert, in den Vordergrund treten und die Qualitäten der Prä-
senz in der Briefkommunikation stark machen.50 So hat man dem Brief,
besonders dem literarisch komplexen Liebesbrief im Langzeitprozess der
Verschriftlichung Sonderkonditionen einzuräumen.

50 Vgl. den substantiellen Theorieteil des Lexikonartikels von W. G. MÜLLER (Anm. 28), hier
Sp. 61-65.
MARGRETH EGIDI

Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen


Liebesdiskurs: Flore und Blanscheflur
und Apollonius von Tyrland
I.
Dass Schrift und schriftliche Kommunikation in Konrad Flecks Flore und
Blanscheflur zentrale Themen sind, ist bekannt;1 in Heinrichs von Neustadt
Apollonius von Tyrland ist dies zumindest in einer entscheidenden Szene der
Handlung um Apollonius und seine erste Frau Lucina der Fall. In unter-
schiedlichen Szenarien akzentuieren die Texte die Struktur literarischer
Kommunikation bzw. schriftgestützter Kommunikation. Und sie tun dies im
Rahmen einer deutlichen Ausstellung der ‚ökonomischen‘ Logik höfischer
Liebe, die in den inszenierten Kommunikationssituationen immer wieder
ventiliert wird; auf ihr wird daher in Verbindung mit der Schriftthematik ein
weiterer Fokus der Textlektüre liegen.
Im Rückgriff auf Derridas Texte zur Gabe verstehe ich unter ‚ökono-
mischer‘ und ‚anökonomischer Logik‘, sehr verkürzt und holzschnittartig
umrissen: einerseits die Ordnung von Tausch, Rückkehr, Verrechenbarkeit,
Verschuldung und Wiedergutmachung, Reziprozität und Symmetrie, ande-
rerseits die ‚totale Gabe‘, die nicht vergolten wird, Verschwendung, Maß-
überschreitung, Asymmetrie und Diskontinuität.2 Verkürzend ist eine sol-
che Umschreibung insofern, als sie ein symmetrisches Gegenüber opposi-

1 Vgl. z. B. WERNER RÖCKE: Liebe und Schrift. Deutungsmuster sozialer und literarischer
Kommunikation im deutschen Liebes- und Reiseroman des 13. Jahrhunderts (Konrad Fleck:
Florio und Blanscheflur; Johann von Würzburg: Wilhelm von Österreich). In: Mündlichkeit –
Schriftlichkeit – Weltbildwandel. Literarische Kommunikation und Deutungsschemata von
Wirklichkeit in der Literatur des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Hrsg. von DEMS./UR-
SULA SCHAEFER, Tübingen 1996 (ScriptOralia 71), S. 85-107.
2 JACQUES DERRIDA: Falschgeld. Zeit geben 1. Aus dem Französischen von ANDREAS KNOP/
MICHAEL WETZEL, München 1993 (frz.: Donner le temps 1: La fausse monnaie, Paris 1991);
DERS.: Wenn es Gabe gibt – oder: ‚Das falsche Geldstück‘, in: Ethik der Gabe. Denken nach
Jacques Derrida. Hrsg. von MICHAEL WETZEL/JEAN-MICHEL RABATÉ, Berlin 1993 (Acta
humaniora), S. 93-136.
148 Margreth Egidi

tiver Begriffe suggeriert, deren Relationierung selbst gewissermaßen einer


ökonomischen Ordnung folgt. Die Aporien der Gabe schließen jedoch aus,
das Verhältnis von ökonomischer und anökonomischer Logik als Binarismus
zu fassen,3 da beide Logiken sich nicht nur wechselseitig aufheben, sondern
zugleich nicht voneinander ablösbar sind. Den Selbstwiderspruch der Gabe
führt Derrida am Beispiel von Marcel Mauss’ Gaben-Essay4 mit der Engfüh-
rung zweier miteinander unvereinbarer Vorverständnisse des Gabenbegriffs
vor.5 Dem ersten Vorverständnis zufolge gibt es keine Gabe ohne Erwartung
einer Gegengabe welcher Art auch immer – keine Gabe jenseits des Tau-
sches. Das zweite Vorverständnis besagt dagegen, dass es die Gabe, wenn
überhaupt, nur jenseits von Tausch und Reziprozität geben kann.6 Sie wird
nicht erst durch ihre Erwiderung annulliert, „sondern bereits dadurch, [...]
daß sie als Gabe gesagt, bezeugt, anerkannt“ wird,7 da dies unweigerlich die
Logik der Zirkulation und der Rückkehr der Gabe erzeugen würde.8
Mein Beitrag setzt diese Begrifflichkeit in pragmatischer Zurichtung ein;
er beansprucht nicht, ihre Tragweite und die Komplexität der mit ihr ver-
bundenen reflexiven Bewegungen auch nur annähernd beizubehalten.9 Da-
mit wird u. a. in Kauf genommen, dass die oben verworfenen Binarismen
wiederkehren. Insbesondere wird nach den je spezifischen Ausprägungen
der ökonomischen Logik der Liebe zu fragen sein sowie danach, mit wel-
chen Modellen von Schrift und schriftlicher Kommunikation dies in Ver-
bindung gebracht wird.

II.
Im höfischen Minnediskurs, so meine Vorannahme, ist es gerade die Rela-
tion von ökonomischer und anökonomischer Logik, die je neu verhandelt
wird. Dass dem so ist, wird schon an den bevorzugten Referenzialisierun-

3 Vgl. BERNHARD WALDENFELS: Das Un-Ding der Gabe. In: Einsätze des Denkens. Zur Phi-
losophie von Jacques Derrida. Hrsg. von HANS-DIETER GONDEK/BERNHARD WALDENFELS,
Frankfurt a. M. 1997, S. 385-409, hier S. 405.
4 MARCEL MAUSS: Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaf-
ten. Mit einem Vorwort von E.E. EVANS-PRITCHARD, übers. von EVA MOLDENHAUER,
Frankfurt a. M. 41999 (frz.: Essai sur le don, Paris 1950).
5 Hierzu und zum Folgenden der grundlegende Aufsatz von WALDENFELS (Anm. 3). Zu Der-
ridas Gabenbegriff vgl. ferner weitere Beiträge in: GONDEK/WALDENFELS (Anm. 3), und in:
WETZEL/RABATÉ (Anm. 2); ULLA HASELSTEIN: Poetik der Gabe. Mauss, Bourdieu, Derrida
und der New Historicism. In: Poststrukturalismus – Herausforderung an die Literaturwissen-
schaft. DFG-Symposium 1995. Hrsg. von GERHARD NEUMANN, Stuttgart 1997, S. 255-272.
6 DERRIDA: Falschgeld (Anm. 2), S. 22f.
7 WALDENFELS (Anm. 3), S. 389 (Hervorhebung im Original).
8 DERRIDA: Falschgeld (Anm. 2), S. 24f.
9 Auch wird hier ausgeblendet, dass das Paradigma in Derridas Denken der Gabe der Text ist;
vgl. HASELSTEIN (Anm. 5), S. 286-288.
Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 149

gen des Minnesangs erkennbar: am Ineinander des Dienst-Lohn-Modells


als ständisch-rechtlicher Referenz und des Begriffs der Gnade als religiöser
Referenz.10 Minne kann Lohn wie Gnade sein; sie kann schließlich im un-
aufhebbaren In- und Gegeneinander von ökonomischer und anökonomi-
scher Logik auch beides zugleich sein. Anders als der Liebesdiskurs im
Minnesang, wo dieses Aushandeln nicht an ein Ende kommt, scheinen die
Minne– und Aventiureromane indes eine deutliche Tendenz zur ‚Ökono-
misierung‘ der Liebe erkennen zu lassen.
In der Idylle, in der Konrad Fleck die Liebenden Flore und Blanscheflur
anfänglich leben lässt, wird die ökonomische Logik der Liebe mit auffälliger
Betonung ausgestellt (wie auch im gesamten Roman Momente des Anöko-
nomischen, des Gaben- und Gnadenhaften stark zurückgedrängt werden).11
Das zeigt sich nicht nur in dem von Reziprozität und Symmetrie geprägten
Verhalten der Liebenden, sondern z.B. auch in der Kauf- und Geldmeta-
phorik, mit der ihre Liebe umschrieben wird. Liebe wird hier gleichsam als
denkbar engster ‚Tauschzirkel‘ entworfen, in dem nichts gegeben wird, was
nicht mit demselben Wert zurückgegeben würde. Reziprozität, Ausgleich
und Symmetrie prägen auch die Szenen, in denen die rhetorisch-literarische
Repräsentation der Liebe selbst thematisiert wird und in denen insbesonde-
re das Medium der Schrift im Mittelpunkt steht. An ihnen wird vor allem
das Verhältnis von Liebe und ihrer Repräsentation zu untersuchen sein.
Zunächst wird die schon in der Wiege beginnende Liebe der Kinder als
vorreflexiv gekennzeichnet (und sich niht versinneten / waz minne wær und ir
gebot, V. 608f.; „und nicht verstanden, was die Liebe und ihre Herrschaft
sei“).12 Bereits im Alter von fünf Jahren aber wird ihnen durch das Eingrei-
fen des Liebesgottes ein Wissen über die Liebe zuteil, das der puer senex-
Topos andeutet:

10 Vgl. RAINER WARNING: Lyrisches Ich und Öffentlichkeit bei den Trobadors. In: Deutsche
Literatur im Mittelalter. Kontakte und Perspektiven. Hugo Kuhn zum Gedenken. Hrsg. von
CHRISTOPH CORMEAU, Stuttgart 1979, S. 120-159.
11 Auf das Verhältnis von ökonomischer und anökonomischer Logik in der Idylle wie im ge-
samten Flore-Roman gehe ich ausführlicher im Rahmen meiner Habilitationsschrift ein. – Zu
Flore und Blanscheflur vgl. insbesondere ELISABETH SCHMID: Über Liebe und Geld. Zu den
Floris-Romanen. In: Der fremdgewordene Text. Festschrift für Helmut Brackert zum
65. Geburtstag. Hrsg. von SILVIA BOVENSCHEN u. a., Berlin, New York 1997, S. 42-57, und
MICHAEL WALTENBERGER: Diversität und Konvention. Kulturkonstruktionen im französi-
schen und deutschen Florisroman. In: Ordnung und Unordnung in der Literatur des Mittel-
alters. Hrsg. von WOLFGANG HARMS/STEPHEN JAEGER/HORST WENZEL, Stuttgart 2003,
S. 25-43; ferner JUTTA EMING: Emotion und Expression. Untersuchungen zu deutschen und
französischen Liebes- und Abenteuerromanen des 12. bis 16. Jahrhunderts, Berlin/New
York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 39 [273]).
12 Flore und Blanscheflur. Eine Erzählung von Konrad Fleck. Hrsg. von EMIL SOMMER, Quedlin-
burg/Leipzig 1846 (Bibliothek der gesammten deutschen Nationalliteratur von der ältesten
bis auf die neuere Zeit 1/12).
150 Margreth Egidi

610 so gewaltic was13 der minnen got,


daz er kint machte14 wîs,
die jungen alt, die tumben grîs.
[...].
und dô sie wurden fünf jâr alt,
615 dô begundens sich verstân
wie man sol wesen undertân
der minne, der sî haben wil.

So mächtig war der Liebesgott,


dass er Kinder klug,
Junge alt und Unerfahrene grauhaarig machte.
[...]
Und als sie beide fünf Jahre alt wurden,
begannen sie zu begreifen,
wie man, wenn man Liebe erlangen will,
sich ihr unterwerfen muss.

In demselben Alter beginnt für Flore und Blanscheflur der Schulunterricht


bei einem clericus. In Kontakt mit der Sphäre der Schrift kommen sie über
die gelehrte Liebesliteratur:
nû begunden sie lesen
diu buoch von minnen allezan.
dâ funden sie geschriben an
715 von minnen vil manegen list,
der uns an den buochen ist
von wîsen pfaffen verliben.
dâ bî funden sie geschriben
wie manegem der nâch minnen ranc
720 missegie und ouch gelanc.
[...]
daz machte15 die jungelinge
725 ze minnen verstanden,
und daz sie wol erkanden,
ê daz es wære zît,
wie rehte hôch gemüete gît
diu Minne etewenne,
730 doch sî aber denne
gebiutet daz man trûre.

13 Sommer konjiziert ist, gegen die Handschriften BH, die beide was haben, während Golther
die Konjektur wieder rückgängig macht (Tristan und Isolde und Flore und Blanscheflur. Hrsg. von
WOLFGANG GOLTHER, 2. Teil, Stuttgart o.J. (Deutsche National-Litteratur 4/3), Nachdruck
Tokyo 1973, S. 233-470.)
14 mahte BH (Golther); machet Sommer.
15 mahte B (Golther); tete Sommer.
Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 151

Nun begannen sie


alle Bücher über die Liebe zu lesen;
dort fanden sie
allerlei Kluges über sie geschrieben,
das uns in den Büchern
von weisen Gelehrten bewahrt worden ist.
Sie lasen darin,
wie manch einer, der nach Liebe strebte,
kein Glück hatte, mancher ans Ziel gelangte
[...].
Das machte die Kinder
zur Liebe verständig,
so dass sie,
ehe es für sie an der Zeit war, erkannten,
wie die Liebe zuweilen
wahre Hochgestimmtheit verleiht,
manches Mal jedoch
auch zu leiden zwingt.

An den buoch von minnen lernen sie zugleich mit dem Umgang mit Schrift
die der Minne eigene Gesetzmäßigkeit. Dabei wird zwar die Unbegreiflich-
keit ihrer Willkürherrschaft suggeriert, doch zielt die Passage gerade nicht
auf die das Begreifen übersteigende Negation von Ordnung: Die Willkür
der Minne erscheint als Gegenstand des Wissens, als vermittelbar; mit der
Diskursivierung hebt sich ihr anökonomischer Charakter, der ja auch im
Eingreifen des Liebesgottes und in seiner Gabe aufscheint (s. o.), auf.
Mittags begeben sich die Kinder in einen Baumgarten. Der frühlings-
hafte locus amoenus bildet den Rahmen für einen Minnedialog (V. 777-801).16
Konstitutiv für ihn ist die Reziprozität der Bekenntnisse und ihrer Sprache
wie auch sein betont höfisch-formvollendeter Habitus, der sich schon in
den Anreden zum Ausdruck bringt (genâde, frou künginne; Flôre süezer amîs;
V. 777 und 787). Wechselseitigkeit und Symmetrie bestimmen auch die bei-
derseitige Artikulierung von ungemach und kumber (V. 785 und 793). Nach
der Mahlzeit in die Schule zurückgekehrt, beginnen sie, ihre Fertigkeiten
im Umgang mit Schrift systematisch vervollständigend, zu dichten:

16 Den Minnedialog (V. 777-801) hat der altfranzösische Conte de Floire et Blancheflor nicht (Le
conte de Floire et Blancheflor. Hrsg. von JEAN-LUC LECLANCHE, Paris 1983 [CFMA 105]); hierzu
und zur Bearbeitungstendenz bei Fleck generell vgl. KAREN PRATT: Rhetoric of Adaption.
The Middle Dutch and Middle High German Versions of Floire et Blancheflor. In: Courtly
Literature: Culture and Context. Selected papers from the 5th Triennial Congress of the
International Courtly Literature Society. Dalfsen 9-16 August 1986. Hrsg. von KEITH BUS-
BY/ERIK KOOPER, Amsterdam/Philadelphia 1990 (Utrecht Publications in General and
Comparative Literature 25), S. 483-497.
152 Margreth Egidi

820 an ir tävelîn sie schriben,


von den bluomen wie sie sprungen,
von den vogelen wie sie sungen,
von minnen vil und anders niht;
dâ von was gar ir getiht:
825 von minnen was in sorgen buoz,
von minnen was ir unmuoz.

Auf ihre Täfelchen schrieben sie


von blühenden Blumen,
vom Gesang der Vögel,
von Liebe viel und von nichts anderem;
davon handelten ihre Gedichte.
Durch Liebe wurden sie von Leid befreit,
mit Liebe vertrieben sie sich die Zeit.

Es entsteht eine kohärent erscheinende Reihe von Ereignissen, die Schritt


für Schritt vom vorreflexiven Zustand der Liebenden über die Zuteilung
von Liebeswissen durch göttliches Eingreifen (noch jenseits diskursiver
Verarbeitung) und die Vermittlung durch gelehrte Literatur bis hin zur ei-
genen Rede über Liebe in Gestalt des Dialoges und der schriftlichen Ge-
dichtproduktion führt.
Daneben gibt es jedoch Hinweise darauf, dass die Frage, was vorgängig
und was nachträglich ist, auch jenseits dieser Kontinuität betonenden Ab-
folge von Ereignissen virulent bleibt und nicht notwendigerweise mit ei-
nem zeitlichen Nacheinander schon beantwortet ist. So macht die gelehrte
Literatur die Kinder ze minnen verstanden (V. 725; „zur Liebe verständig“),
doch handelt es sich um ein Wissen, über das sie, als Gabe des Liebesgottes,
schon längst verfügen. Zugleich scheint aber auch die literarische Erfah-
rung ‚vorgängig‘ zu sein, denn sie lernen etwas über die Liebe, ê daz es waere
zît (V. 727; „ehe es für sie an der Zeit war“), und inszenieren ihren Minne-
dialog auf der Basis von Gelesenem.
Diese leisen Hinweise, die die Vorstellung von Kontinuität zunächst
keineswegs wesentlich irritieren, gehen der Aufhebung der Unterscheidung
von Vorgängigkeit und Nachträglichkeit im emphatischen Sinne voraus, die
beim Minnedialog und vor allem bei der Gedichtproduktion spürbar wird.
Damit verringert sich auch zunehmend die Differenz zwischen Liebe und
ihrer Repräsentation: Bei beiden rhetorisch-literarischen Äußerungsfor-
men der Liebenden lässt sich nicht eindeutig zwischen Affektausdruck und
einem Einschreiben in den Liebesdiskurs unterscheiden. Ist schon beim
Dialog die Rhetorizität stark ausgestellt, so zeigt sich die Nähe, das Verhält-
nis wechselseitiger Spiegelung noch deutlicher in den Gedichten: Die Er-
fahrungswelt der Kinder – die Elemente des locus amoenus, an dem sie sich
zuvor befanden, und ihre Liebesfreude – wird insofern selbst als topisch
markiert, als sie sich in den Gedichten lediglich fortsetzt. Dass Liebe und
Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 153

Liebesliteratur, literarische und eigene ‚Erfahrung‘ ineinander projiziert


werden, indiziert ein weiteres Detail: Die gängigen Prolog-Topoi über die
Funktionen von (auch Liebes-)Literatur, nämlich Traurigkeit zu vertreiben
und Mußestunden auszufüllen, werden auf die Liebe übertragen (V. 825f.),
wobei nicht entscheidbar ist, ob nicht zugleich auch das Dichten gemeint
ist. Wird der Entwurf einer kohärenten Abfolge vom unmittelbaren Er-
leben bis zur eigenen literarischen Produktion – eine Abfolge, die zuneh-
mende Reflexivität suggeriert – damit zwar auch nicht in Frage gestellt, so
entsteht doch quer dazu eine andere Logik, in der Liebe und Liebesreprä-
sentation eng zusammenrücken. Damit folgt auch die Funktion von Schrift-
lichkeit einer doppelten Logik: Die geläufigen Implikationen der Ermög-
lichung von Distanznahme und Reflexivität durch Schrift bestätigen sich
am ehesten im Falle des Lesens gelehrter Liebesliteratur; das eigene Schrei-
ben aber scheint mit einer weitgehenden Aufhebung der Distanz und der
Unterscheidung zwischen Liebe und ihrer diskursiven Verarbeitung ver-
bunden zu sein.17
An Liebeswissen und Reflexivität ist schließlich ein bestimmtes Mo-
ment des Liebesentwurfs gebunden: das der Machtausübung der Minne,
das erst als Gegenstand des Wissens überhaupt zum Thema wird. Herr-
schaft und Unterwerfung tangieren das vom Liebesgott verliehene Wissen
zweifach: Es ist selbst Ausdruck seiner Macht (so gewaltic; V. 610), die ihn
dazu befähigt, Kinder wissend zu machen, und hat die Unterordnung der
Liebenden zugleich zum Gegenstand (V. 616f.). In Bezug auf die eigene
Erfahrung der Protagonisten fehlt das Willkürmoment jedoch ganz, und
damit auch die Ambivalenz von liebe und leit; Minne, so heißt es, habe von
ihren Herzen Besitz ergriffen (V. 700f.), aber mit freuden âne sorgen (V. 703;
„leidloser Freude“). Am stärksten ausgeprägt sind jene Motive dagegen im
Lesestoff der Kinder, der von der totalen Herrschaft der Minne, der Un-
terordnung der Liebenden und der unberechenbaren Zuteilung von Glück
und Verderben erzählt (manger was verdorben, / manger hâte erworben / nâch
herzen gedinge; V. 721-723; „manch einer ging zugrunde, mancher gewann,
was sein Herz erhofft hatte“); schließlich von der Traurigkeit, die Minne
gebiutet (V. 730f.).18 Das ist ein weiteres Indiz dafür, dass die Liebesidylle,
die einerseits eine Differenz zwischen Liebe und Liebesliteratur aufbaut, in
einer Gegenbewegung zugleich auf Entdifferenzierung zielt: Denn die As-
pekte der Willkürherrschaft und Freude-Schmerz-Ambivalenz, die in der
Leseszene die für jene Differenz zwischen selbst erfahrener und literarisch
vermittelter Liebe distinktiven Momente sind, werden in den anderen Sze-
nen zurückgedrängt. In der Dialogszene im Garten findet der Liebes-

17 Anders RÖCKE (Anm. 1), S. 95.


18 Vgl. auch V. 728-741.
154 Margreth Egidi

schmerz außer als rhetorische Größe19 – je nach Lesart – nur sehr beiläufig
oder gar nicht Erwähnung (V. 806).20 Und die eigenen Gedichte lassen den
Leidaspekt ganz aus. In wechselseitigen Spiegelungen wird die Trennlinie
zwischen Liebe und und ihrer literarischen Diskursivierung unscharf.
Im Kontext von Liebesökonomie und Schriftlichkeit verdienen ferner die
goldenen Griffel der Liebenden besondere Erwähnung – sind sie doch weit
mehr als kostbare Schreibwerkzeuge. Beim erzwungenen Abschied werden
sie zu Liebespfändern, die die Kinder tauschen.21 Als solche sind sie Zeug-
nisse der unauflösbaren Liebesbindung (Flore spricht den Griffel später an
als urkünde [...] / der liebe die wir hâten; V. 2382f.; „Zeugnis [...] der Liebe, die
wir miteinander erlebten“) und bezeugen das wechselseitige Treuever-
sprechen. Noch auf andere Weise symbolisieren sie Reziprozität und Sym-
metrie der Liebe: in ihrer Funktion als Selbstmordwerkzeug (V. 1244-1249;
2388-2397). Noch vor dem Pfändertausch versucht Blanscheflur, sich mit
ihrem Schreibgriffel das Leben zu nehmen; danach – mit demselben Griffel
also – tut Flore es ihr gleich, als er wieder an den väterlichen Hof zurück-
kommt und von Blanscheflurs angeblichem Tod erfährt.
In den verschiedenen Fassungen des Stoffs variiert die Erzählung des
Selbstmordversuchs auffällig: So ist in zwei weiteren Versionen die Symbo-
lik der Griffel deutlich abgeschwächt. In einer niederdeutschen Floris-Dich-
tung ist es schlicht ein Schwert, mit dem der Protagonist versucht, sich das
Leben zu nehmen.22 Und der spätmittelalterliche Prosaroman Florio und
Bianceffora,23 der eine andere Stofftradition repräsentiert, bietet, allerdings in
einem anderen Handlungskontext, wieder eine eigene Lösung: Florio ver-
wirft nach einem Traumgesicht seine Selbstmordabsichten und nutzt den
Griffel, statt sich damit umzubringen, um einen Brief an seine Geliebte zu
schreiben. Bei Fleck dagegen verdichtet sich in den Griffeln aufgrund ihrer
unterschiedlichen Funktionen – Schreibgeräte, Liebespfänder und Selbst-
mordwerkzeuge – symbolisch die enge Verflechtung von Liebe und Kom-

19 Flore: ,wan des lîd ich ungemâch‘; Blanscheflur: ,joch solt ein kint sîn ungewon / solhes kumbers als ich
trage‘ (V. 785 u. 792f.); (‚denn ich leide deshalb großen Schmerz‘; ,einem Kind sollte doch
solches Leid, wie ich es ertrage, unvertraut sein‘).
20 daz heiz ich liep âne leit Sommer (wohl mit B; „das nenne ich Freude ohne Leid“); Das hies in
liep und leit H („das war ihnen Freude und Leid“); Golther konjiziert: daz was in liep âne leit
(„[...] Freude ohne Leid“).
21 Eine Szene, die sich im französischen Florisroman nicht findet: Im Conte wird von Floire nur
das Geschenk eines Griffels von Blancheflor rückblickend kurz erwähnt (V. 999-1003), ohne
dass es sich dabei um einen wechselseitigen Tausch von Pfändern handelt.
22 Vgl. SOMMER in den Anmerkungen seiner Ausgabe (Anm. 12), S. 292 (zu V. 1244); zu der
niederdeutschen Dichtung ebd., S. XVIf.
23 Florio und Bianceffora. Ein gar schone newe hystori der hochen lieb des kuniglichen fursten Florio vnd seyner
lieben Bianceffora. Nachdruck der Ausgabe Metz 1500, mit einem Nachwort von RENATE NOLL-
WIEMANN, Hildesheim, New York 1975 (Deutsche Volksbücher in Faksimiledrucken A/3).
Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 155

munikation über Liebe;24 zugleich verweisen sie, insofern sie für Reziprozi-
tät und Symmetrie stehen, auf die ökonomische Ordnung der Liebe.

III.
In der ‚Rahmenhandlung‘ von Heinrichs von Neustadt Apollonius von Tyr-
land 25 erleidet der Protagonist in Pentapolis Schiffbruch und gelangt mit-
tellos an den Hof von König Altistratis. Von Anfang an wird hier das
Thema von Besitz und Besitzlosigkeit sehr exponiert und mit der Liebes-
thematik in Verbindung gebracht. Insbesondere ist die Nähe von höfischer
Liebe und Freigebigkeit, auf die Haferland hingewiesen hat, hier von zen-
traler Bedeutung.26
Als Lucina, die Tochter des Königs, Apollonius erblickt, lässt Minne sie
sogleich in Liebe zu ihm entbrennen. Diese Liebe äußert sich u. a. in groß-
zügigen Geldgaben an den Fremdling. Zunächst regt allerdings der König
dies an, ein Vorschlag, der ihr willkommen ist:27
‚Nu soltu, liebe tochter mein,
1735 Püssen im die armut sein.
Ich laß dich im geben was du wildt,
Das mich sein nummer pevildt.
Gib im was dir wol pehage,
Ergetz in seiner klage.‘
1749 Das gefiel der rainen art wol:
‚Ich gib im geren, seyt ich soll.‘

24 Vgl. auch WALTENBERGER (Anm. 11), S. 31.


25 Zum Apollonius-Roman vgl. insbesondere CHRISTIAN KIENING: Apollonius unter Tieren. In:
Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur des Hoch- und Spätmittelalters. Fest-
schrift für Volker Mertens zum 65. Geburtstag. Hrsg. von MATTHIAS MEYER/HANS-JOCHEN
SCHIEWER, Tübingen 2002, S. 415-431; WOLFGANG ACHNITZ: Babylon und Jerusalem. Sinn-
konstituierung im ‚Reinfried von Braunschweig‘ und im ‚Apollonius von Tyrland‘ Heinrichs
von Neustadt, Tübingen 2002 (Hermaea N.F. 98); ULRIKE JUNK: Transformationen der
Textstruktur. ‚Historia Apollonii‘ und ‚Apollonius von Tyrland‘, Trier 2003 (LIR 31); ALMUT
SCHNEIDER: Chiffren des Selbst. Narrative Spiegelungen der Identitätsproblematik in Jo-
hanns von Würzburg Wilhelm von Österreich und in Heinrichs von Neustadt Apollonius
von Tyrland, Göttingen 2004 (Palaestra 321).
26 „Die Liebe selbst geht aus der gleichen Quelle wie die Freigebigkeit hervor, und sie verhält
sich nicht anders als diese. Deshalb gibt es eine natürliche Nähe von Liebe und Freigebig-
keit“; HARALD HAFERLAND: Höfische Interaktion. Interpretationen zur höfischen Epik und
Didaktik um 1200, München 1988 (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Li-
teratur 10), S. 180; Haferland spricht ferner von einem „Konnex zwischen Liebe und Ver-
ausgabung“; ebd., S. 181.
27 Heinrich von Neustadt: Apollonius von Tyrland, Gottes Zukunft und Visio Philiberti. Nach der
Gothaer Handschrift hrsg. von SAMUEL SINGER, Berlin 1906, Nachdruck Dublin, Zürich
1967 (DTM 7).
156 Margreth Egidi

‚Nun sollst Du, meine liebe Tochter,


ihn von seiner Armut befreien.
Ich erlaube Dir, ihm zu geben, was immer Du willst,
ohne dass es mich verdrießen wird.
Gib ihm, was Dir gefällt,
und entgelte ihn für sein Leid.‘
Das freute die Reine sehr:
‚Ich beschenke ihn gern, da ich es soll.

püssen und ergetzen – das sind Stichworte, die auf eine Wiedergutmachungs-
logik verweisen, denn das edle Äußere und Gebaren des Apollonius lassen
keinen Zweifel daran, dass er seinen Verlust unverdienterweise erleidet, wie
im Folgenden noch deutlicher wird. Im weiteren Verlauf ergreift Lucina
selbst die Initiative. Wie bei der vorausgehenden milte-Szene vollzieht sich
das Geben auch diesmal im harmonischen Zusammenspiel von Vater und
Tochter – er gibt seine Zustimmung, sie bestimmt die Höhe der großzügi-
gen Gabe; milte ist gleichermaßen Ausdruck fürstlicher hövescheit wie höfi-
scher Liebe:
Sy sprach: ‚sol ich Appolonio
Geben?‘ der kunig sprach do
‚Ja, vil schone dochter mein.
Was du wilt, das sol sein.‘
1810 Do sprach die vil märe
Zu dem Tyrlandere:
‚Nempt, her Tyrus, nu zestund
Rotes goldes zway tausend pfund
Und silberis vierhundert.‘
1815 Die geste alle wundert
Das sie hette so milte handt.

Sie fragte: ‚Darf ich Apollonius


beschenken?‘ Der König erwiderte:
‚Ja, meine schöne Tochter.
Was Du willst, das soll geschehen.‘
Da sprach die Vollkommene
zu dem von Tyrland:
‚Nehmt, Herr von Tyrus, nun sogleich
2000 Pfund roten Goldes
und 400 Pfund Silbers.‘
Die Gäste staunten alle,
dass sie eine so freigebige Hand hatte.

Apollonius erweist sich als dankbar und preist die milte des Königs und
seiner Tochter. Die fürstliche Freigebigkeit, auf die hier Bezug genommen
wird, ist, wie mir scheint, keineswegs per se eine ‚totale Gabe‘, sondern ein
Grenzphänomen, das z.B. aufgrund der Zirkulation von êre zur Ökonomi-
Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 157

sierung tendiert. Auch auf andere Weise kann der Gabencharakter aufge-
hoben werden, wie der Beginn des Apollonius zeigt: Dort werden Minne
und milte ebenfalls miteinander in Verbindung gebracht. Mit Bezug auf die
Negativfigur des Antiochus tadelt der Erzähler Frau Venus:
Ich wil euch straffen doch ain tail;
335 Wan ir seyt gar ze milte:
Ir furett an ewrm schilte
Ain gebend auff stende hant.
Ewr milt wird da mit geschant
Das ir den swachen werett
340 Der susser mynne nie wardt wertt.

Dennoch muss ich Euch ein wenig schelten


– denn Ihr seid gar zu freigebig.
Ihr führt auf Eurem Schild als Wappen
eine schenkende, aufgereckte Hand.
Eure Freigebigkeit schändet Ihr jedoch damit,
dass Ihr dem Unedlen
süße Liebe gewährt, der ihrer nie würdig war.

Der Begriff der milte wird hier in übertragenem Sinne verwendet; auffällig
ist dabei die Versprachlichung: Die aufgereckte spendende Hand, Zeichen
der Freigebigkeit, wird zum Wappen der Minne. Die Kritik am unter-
schiedslosen und verschwenderischen Geben der Frau Venus – das wäre ja
die totale Gabe – ist genau analog zur Kritik des Strickers an unterschieds-
loser fürstlicher milte,28 die vielmehr – wie hier die Minne – Unterschiede
machen, nämlich ihre Gaben nach Wert und Verdienst zuteilen soll. Das
rückt in die Nähe einer Relation von Leistung und Lohn und impliziert
daher eine Ökomisierung der Gabe.29
Am Verhältnis zwischen Altistratis, Lucina und Apollonius bestätigt
sich das, wie auch in Details der Handlung deutlich wird. So fordert der
König auf Bitten seiner Tochter den Gast auf, ihr Unterricht im Harfen-
spiel zu erteilen; er betont dabei den Nutzen, den dieser davon haben wür-
de, und den Wiedergutmachungsgedanken (V. 1922-1924):

28 Vgl. PETER STROHSCHNEIDER: Fürst und Sänger. Zur Institutionalisierung höfischer Kunst,
anläßlich von Walthers Thüringer Sangspruch 9, V [L. 20, 4]. In: Literatur und Macht im
mittelalterlichen Thüringen. Hrsg. von ERNST HELLGARDT/STEPHAN MÜLLER/PETER STROH-
SCHNEIDER, Köln, Weimar, Wien 2002, S. 85-107, bes. S. 98f.; HEDDA RAGOTZKY: Die kunst
der milte. Anspruch und Funktion der milte-Diskussion in Texten des Strickers. In: Gesellschaft-
liche Sinnangebote mittelalterlicher Literatur. Mediävistisches Symposium an der Universität
Düsseldorf. Hrsg. von GERT KAISER, München 1980 (Forschungen zur Geschichte der älteren
deutschen Literatur 1), S. 77-92 (Textabdrucke S. 93-99; Diskussionsbericht S. 100-111) (zu
den beiden Bispeln Die Herren von Österreich und Falsche und rechte Milte des Strickers).
29 Vgl. STROHSCHNEIDER (Anm. 28), S. 99.
158 Margreth Egidi

,Es kompt dir auch zu grossen frummen:


Was dir das mere hat genumen,
Das will ich dir gar wider geben
[...].‘

,Es wird auch Dir von großem Nutzen sein:


Was Dir das Meer genommen hat,
will ich Dir alles wiedergeben.‘

Der Musikunterricht lässt nun auch bei Apollonius Gegenliebe entstehen. In


dieser Situation kommen drei junge reiche Grafen an den Hof des Königs,
die schon seit langem um Lucina werben. Sie treffen den König vor der Burg
an und mahnen ihn, sich endlich für einen Werber zu entscheiden. Er über-
lässt seiner Tochter die Entscheidung selbst und schlägt vor, dass jeder der
Werber sogleich einen Brief an sie schreiben möge, in dem auch die Höhe der
Morgengabe anzugeben ist. Dies setzt der erste Graf sogleich in die Tat um
und beginnt, in formelhaften Wendungen, mit dem Preis der Umworbenen:
Alsus was der anefangk:
‚Meines hertzen wunne!
Mein frewden pernde sunne!
2000 Lucina, mynnickliche magett!
Were die salde mir petaget,
Das ich ewr mynne solte han,
So must mich alles trauren lan.
[...]
2010 Und solt ich, fraue, mit euch leben,
Funfftzig tausent marck wolt ich euch geben.‘

So lautete der Beginn:


‚Wonne meines Herzens!
Meine freudenspendende Sonne!
Lucina, liebliche Jungfrau!
Wenn mir das Glück zuteil würde,
Eure Liebe zu gewinnen,
müsste alle Trauer von mir weichen.
[...]
Und dürfte ich, Herrin, mit Euch leben,
so gäbe ich Euch 50.000 Mark.‘

Der zweite Graf sucht das zu überbieten – mit leicht geblümter Rede und
der Erhöhung der Summe:
‚Spiegel aller salikait!
2015 Lucina, freudenreiche mait!
Meiner selden obedach!
Viol, rosen, lilien schmach!
[...]
Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 159

Meines leibes und der sele sarch!


Ich will euch sechtzigk tausent march,
Fraw, zu morgengab geben,
2025 Solt ich mit kauffschaft pey euch leben.‘

,Spiegel allen Heils!


Lucina, freudenreiche Jungfrau!
Gipfel meines Glücks!
Veilchen-, Rosen- und Lilienduft!
[...]
Schrein meines Leibes und meiner Seele!
Ich will Euch, Herrin, 60.000 Mark
zur Morgengabe geben,
wenn ich dafür in diesem Handel mit Euch leben dürfte.‘

Der Brief des Dritten bringt abermals eine Steigerung:


‚Ey werde creature!
Wol gezierte figure!
2030 Lucina, schon frawe mein!
Mein hail! mein trost! mein salden schrein!
Es was ain wunnicklicher Tag
Do Got deiner formen pflag.
[...]
Nu fug es, schone trosterin!
Gut soll die morgengab sein,
Wirt mir dann dein mynne kunt:
Ich gib dir, roselotter mund,
2050 Silbers hundert tausent pfund.‘

,Ach, vollkommenes Wesen!


Wunderbare Gestalt!
Lucina, meine schöne Herrin!
Mein Heil, mein Trost, Schrein meines Glücks!
Es war ein glücklicher Tag,
an dem Gott Deine Gestalt erschuf!
[...]
Nun füge es, schöne Trösterin!
Wird mir Deine Liebe zuteil,
so soll Deine Morgengabe hoch sein:
Ich gebe Dir, Du rosenfarbener Mund,
100.000 Pfund Silbers.‘

Der Bote soll Apollonius sein; er bringt die versiegelten Briefe zu Lucina,
die sich im Burginneren aufhält. Die räumliche Distanz, die hier mit der
Innenraum-Außenraum-Differenz angedeutet wird, hat keine weitere
Funktion als die, eine ‚zerdehnte‘ Kommunikationssituation herzustellen.
Zusammen mit den Werbungsbriefen der Grafen lässt der König seiner
Tochter durch Apollonius eine mündliche Botschaft ausrichten: Sie möge
160 Margreth Egidi

sich überlegen, wen sie zum Ehemann haben wolle. Sie jedoch funde in nicht
geschriben dar an / Den sy wolte zu manne han (V. 2063f.; „den Namen dessen,
den sie zum Mann haben wollte, fand sie dort nicht“): Der, den sie haben
will, steht ja vor ihr. Konsequenterweise sucht Lucina die face-to-face-Situati-
on, die ja durch die Botenfunktion entstanden ist, umzulenken, indem sie
ihr Gegenüber in einer Weise anspricht, die seine Funktion als Bote und
Stellvertreter des Absenders, ihres Vaters, ignoriert: Sie fragt Apollonius, ob
es ihm recht wäre, wenn sie einen der drei Grafen wählen würde, und ver-
sucht damit, seine Botenfunktion aufzulösen. Doch der Versuch, die Minne
zwischen ihnen zu thematisieren, misslingt, denn mit respektvoller Höflich-
keit und seiner Aufgabe treu bleibend bejaht er die Frage (Ja, frawe, es gefellt
mir wol / Und pillich wol gefallen soll, / Wann ir seyt euwres mutes frey; V. 2069-2071;
„‚Ja, Herrin, es ist mir recht, und das muss es auch, denn Ihr seid in Eurer
Entscheidung frei‘“). Als Stellvertreter des Absenders macht sich der Bote
Apollonius weiterhin die Position des Königs zu eigen, der die Entschei-
dung seiner Tochter in jedem Fall akzeptieren will (V. 2059f.). Lucina nimmt
daraufhin, um ihrem Vater zu antworten, ein Wachstäfelchen
2080 Und schraib dar an ir wyderpott
Synniclich und ane spot
Mit vil schonen spruchen:
‚Ich will den scheffpruchen,
Dem das gelucke hat gelogen
2085 Und das wilde mer petrogen.‘

[...] und schrieb darauf verständig und ernsthaft


und mit schönen Wendungen
ihre Antwort:
‚Den Schiffbrüchigen will ich,
den das Glück hintergangen
und das wilde Meer betrogen hat.‘

Das Täfelchen bringt Apollonius wieder zum König zurück, der, den Wil-
len seiner Tochter sehr wohl begreifend, es ihm selbst zu lesen gibt. Errö-
tend gibt Apollonius zu, dass ihm der, den Lucina meint, namentlich be-
kannt ist. Wieder wird er also an der Botenfunktion vorbei unmittelbar
miteinbezogen.
Beide Kommunikationsversuche – die Briefwerbung der Grafen und
das Wachstafelbekenntnis Lucinas – lassen sich systematisch miteinander
vergleichen, und zwar hinsichtlich der ‚Logik der Liebe‘, der Funktion der
Schrift und der Kommunikationsstruktur.
Der Zusammenhang von Liebe und ‚Ökonomie‘ kann wohl kaum deut-
licher zum Ausdruck kommen als in der Werbung der Grafen. Der paro-
distische Effekt, der aus der unmittelbaren Abfolge von Frauenpreis-For-
meln und der Nennung konkreter Geldsummen entsteht, impliziert aber
Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 161

sicher keine Kritik an einem bestimmten ‚Minnekonzept‘. Die komische


Überzeichnung ihrer Sprache ist lediglich Signal dafür, dass die drei Grafen
als Kandidaten ohnehin nicht in Frage kommen. Dem entspricht auch eine
einfache Form ökonomischer Logik der Liebe, die nur den unmittelbaren
Gabe-Gegengabe-Austausch kennt, ohne Zeitaufschub und ohne Über-
schüsse. Dabei wird der floskelhaften Sprache und der überzeichneten
Orientierung am Ökonomischen eine Form nicht gelingender Kommuni-
kation zugeordnet. Das Medium des Briefes ist hier eingebunden in eine
Kommunikationssituation, die nicht einfach nur zerdehnt ist, sondern in
der darüber hinaus die Verfasser der Briefe nicht identisch sind mit dem
Absender der Botschaft – denn das ist der König. Es liegt also keine Einheit
von Brief und Botschaft vor, wie sie für das Boteninstitut im Mittelalter
zunächst vorausgesetzt werden kann. Das Medium der Schrift ist nicht
integriert und erhält kein Eigengewicht; der Kommunikationsversuch läuft
ins Leere: Die drei Grafen werden zur bloßen Kulisse der Interaktion zwi-
schen Altistratis, Lucina und Apollonius.
Einer ökonomischen Logik folgt indes, wie ich eingangs zu zeigen ver-
sucht habe, auch die Liebe Lucinas. Diese Variante einer ökonomischen
Ordnung kalkuliert jedoch Zeitaufschübe und Überschussstrukturen mit
ein und zielt zudem auf den Ausgleich asymmetrischer, nicht herleitbarer,
nicht verschuldeter Situationen wie dem Verlust, den Apollonius durch
seinen Schiffbruch erlitten hat. Auch Lucinas Wiedergutmachungstaten
werden ihrerseits zuletzt belohnt: Der exzeptionell hohe Wert des Apollo-
nius überwiegt den Wert der von den Grafen gebotenen Morgengaben bei
weitem. Die Kette von Verschuldung und Wiedergutmachung, Verdienst
und Lohn erstreckt sich also über mehrere Glieder, aber sie ist nichtsdes-
toweniger einem – allerdings komplexeren – ökonomischen Denken ver-
pflichtet.
Apollonius selbst hatte zuvor Neptun als rechte[n] trugenere angeklagt (V.
1320; „rechten Betrüger“) und sein Unglück als unverschuldet bezeichnet
(Mein30 laid das det mir nicht so we, / Hiet ich es mit ichti verdienet ee; V. 1348f.;
„mein Unglück würde mich nicht so schmerzen, wenn ich es in irgendeiner
Weise verdient hätte“), denn ihm selbst sei Falschheit immer fremd gewe-
sen (V. 1350-1353). Nicht zufällig weist Lucinas Umschreibung des von ihr
Erwählten, die sie der Wachstafel anvertraut, mit ganz ähnlichen Worten
auf diese Ungerechtigkeit hin: Dem das gelucke hat gelogen / Und das wilde mer
petrogen (V. 2084f.; „den das Glück hintergangen und das wilde Meer betro-
gen hat“) – eine Formulierung, die wohl auch den Vergeltungsimpuls imp-
liziert, mit dem die höfische Symmetrie im Verhältnis von Verdienst, Wert,
Anerkennung und Lohn wiederhergestellt werden soll.

30 Mer B (so auch in der Ausgabe Singers); Mein D.


162 Margreth Egidi

Diese Form einer Liebesökonomie kommt in einer komplexen Kom-


munikationsstruktur an ihr Ziel, die damit spielt, dass Apollonius ja zu-
gleich mehr als ein Bote ist: Lucinas Wachstafelinschrift spricht ja über ihn,
sie bringt gleichsam ihren Referenten in physischer Präsenz mit. Dabei
erhält das Medium der Schrift hier deutliches Eigengewicht. Das zeigen
auch die Schlussworte von Lucinas Erwiderung:
,Wunderstu dan, herre, dich
Das ain junckfrawe zuchten reich
Ane scham geschriben hat?
Here, das ist des31 wachses tat:
2090 Es sagt dir meinen willen gar
Und schamt sich nicht umb ain har.‘

‚Wunderst Du Dich vielleicht, Herr,


dass eine tugendhafte Jungfrau
dies so ohne jede Scham niedergeschrieben hat?
Herr, dafür muss das Wachs einstehen:
Es sagt Dir meinen Willen
und schämt sich dafür nicht im geringsten.‘

Ihre diesen Versen vorausgehende Anspielung auf den Schiffbrüchigen


(zit. s. o.), die einem Bekenntnis gleichkommt, können nicht in einer face-to-
face-Interaktion artikuliert werden; das Medium der Schrift muss zwischen-
geschaltet werden. An dieses können die Worte so vollständig abgegeben
werden, dass auch die Scham abgegeben werden kann, und doch gleichzei-
tig Lucinas Worte bleiben. Durch die Funktion der Entlastung gewinnt die
Wachstafelinschrift zusätzliches Gewicht.32
Die Rolle des Boten ist dagegen hier sehr viel instabiler als im Fall der
Briefwerbung der Grafen. So wird der, der sie einnimmt, nicht nur Objekt
der Rede Lucinas, sondern schließlich sogar ihr Adressat – wird er doch
zuletzt selbst mit dem Inhalt der Tafel konfrontiert. Diese Verschiebung
weist auf ein Grundprinzip des gesamten Kommunikationsprozesses hin,
der sich zwischen der Trias Altistratis – Lucina – Apollonius entfaltet:
Nacheinander werden hier alle Konstellationen der unmittelbaren Interak-
tion zwischen Zweien durchgespielt, wobei der jeweils Dritte nicht präsent
ist; der König spricht, nachdem er die Wachstafel gelesen hat, zuletzt allein

31 das B (Singer); des AD.


32 Es bietet sich ein Vergleich mit der Wachstafelszene mit Lavinia in Veldekes Eneasroman an.
Dort ist die Situation eine etwas andere; es handelt sich im Grunde um eine face-to-face-Inter-
aktion, die jedoch das Medium der Stimme ausspart. Demgegenüber gibt es im Apollonius
eine räumliche Distanz, doch geht es wohl nicht primär darum, diese zu überwinden, son-
dern eher darum, die Kommunikation zu zerdehnen – und gleichsam zu diesem Zweck in-
szeniert der Text eine räumliche Distanz.
Schrift und ‚ökonomische Logik‘ im höfischen Liebesdiskurs 163

mit seiner Tocher, während Apollonius vor dem Burgtor wartet, bis er ihn
schließlich hereinholen lässt und ihm in Gegenwart seiner Tochter deren
Zuneigung offenbart. Vom Ende her betrachtet wirkt diese Struktur wie
ein mehrfacher Aufschub der face-to-face-Interaktion zu Dritt, ein Aufschub,
der ohne das Medium der Schrift nicht möglich wäre. Es entsteht also ein
präziser Rhythmus von Verschiebungen zwischen den drei möglichen
Konstellationen, bis gleichsam das Rad einmal herumgedreht ist und alle
drei sich gegenüberstehen – das ist der Punkt, an welchem das Paar zusam-
mengegeben wird und dieser Erzählstrang zum Abschluss kommt. Mir
scheint, dass hier eine ähnliche Struktur sichtbar wird wie bei der oben
erwähnten komplexen Form ökonomischen Denkens, für die ebenfalls
Verschiebungen und Weiterverweisungen statt unmittelbarer Vergeltung
charakteristisch sind. In beiden Fällen schließt sich über Umwege und Auf-
schübe zuletzt der Kreis.
Unterschiedliche Formen der Liebesökonomie – die Forcierung unmit-
telbarer Vergeltung einerseits, komplexe Strukturen der ökonomischen Lo-
gik andererseits – werden, so das Fazit zum Apollonius, mit unterschiedli-
chen Strukturen schriftlicher Kommunikation in Verbindung gebracht;
dabei wird die erfolgreiche Form der Liebesökonomie, die ‚höfischer Rezi-
prozität‘ entspricht,33 im Rahmen einer Kommunikationsstruktur venti-
liert, in der das Medium der Schrift entscheidendes Eigengewicht erhält
und Verschiebungen das Verhältnis von face-to-face-Situation und zerdehn-
ter Kommunikation prägen.
Eine andere Problematik entfaltet der Flore-Roman am Verhältnis von
Schrift und Liebe, der in Szenen, die deutlich von Reziprozität und Aus-
gleich geprägt sind und in denen Liebe als enger Tauschzirkel gedacht ist,
vor allem die literarische Repräsentation der Liebe im Medium der Schrift
thematisiert. Dabei war zu beobachten, dass quer zur Abfolge vom unmit-
telbaren Erleben bis hin zur eigenen Literaturproduktion, die eine zuneh-
mende Distanznahme und Reflexivität suggeriert, zugleich eine andere
Tendenz entsteht, in der sich die Differenz zwischen Liebe und ihrer Re-
präsentation verringert. Schrift erhält somit die widersprüchlichen Impli-
kationen einerseits der Ermöglichung von Reflexivität und andererseits der
Aufhebung von Distanz.

33 Vgl. HAFERLAND (Anm. 26), S. 121-206, bes. S. 140.


BARBARA KUHN

Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper:


die Liebe der Schrift in Dantes Vita nuova
Die ersten Zeilen von Dantes Vita nuova, jenem wohl 1292-93 entstande-
nen Text, der insbesondere im vergangenen Vierteljahrhundert so häufig
die Gemüter der dantisti erhitzt hat und der mit einer Vielzahl von Attribu-
ten wie erstes Prosimetrum und erster Liebesroman italienischer Sprache,
Amortraktat und Autobiographie, Bildungsroman und Canzoniere etc. be-
dacht wird, – die ersten Zeilen der Vita nuova, von denen auch der Titel
dieses Beitrags seinen Ausgang nimmt, gehören wohl, abgesehen von eini-
gen auch separat tradierten, in Anthologien eingegangenen Gedichten, zu
den am häufigsten zitierten dieses kurzen und, wie die Fülle der Ansätze
zeigt, so vielschichtigen Textes:
In quella parte del libro de la mia memoria dinanzi a la quale poco si potrebbe leggere, si
trova una rubrica la quale dice: Incipit vita nova. Sotto la quale rubrica io trovo scritte le
parole le quali è mio intendimento d’assemplare in questo libello, e se non tutte, almeno la
loro sentenzia. (I)1

In jenem Teil des Buches meiner Erinnerung, vor welchem man nur wenig
würde lesen können, findet sich eine Überschrift, die besagt: Incipit vita nova
[Hier beginnt das neue Leben]. Unter dieser Überschrift finde ich diejenigen
Worte geschrieben, welche ich in diesem Büchlein nachzuzeichnen gedenke;
und wenn auch nicht alle, so zumindest ihren Sinngehalt.2

Dass dieses Incipit, das signifikanterweise ein anderes Incipit zu seinem


Thema macht, so oft herausgegriffen wird, ist natürlich nicht zufällig, da es

1 Der Text wird, unter Angabe der Kapitel statt der Seitenzahlen, zitiert nach der Ausgabe:
Dante Alighieri: Vita nuova. Introduzione di EDOARDO SANGUINETI. Hrsg. von ALFONSO
BERARDINELLI, Milano 121995.
2 Dante Alighieri: Vita Nova. Das Neue Leben. Übersetzt und kommentiert von ANNA COSERIU
und ULRIKE KUNKEL (der italienische Text folgt der Ausgabe von MICHELE BARBI: La Vita
Nuova di Dante Alighieri, edizione critica, Florenz 1932. Die deutsche Übersetzung ist eine
vollständig neubearbeitete und revidierte Fassung der Übertragung von KARL FEDERN, Ber-
lin 1921), München 1988.
166 Barbara Kuhn

nicht allein das Buch selbst, sondern zugleich viele Türen zu diesem Buch
öffnet. So führt es nicht nur mit dem Buch der Erinnerung und den darin
geschriebenen Worten die im Mittelalter so beliebte Buchmetapher ein; vor
allem verweist dieser Anfang mit der Erwähnung der sentenzia auf die gro-
ße Rolle allegorischer Literatur in jener Zeit und umreißt er mit den dem
Ich zugeschriebenen Aufgaben dessen vielfältige Funktionen im und für
den folgenden Text. Dieses Ich führt sich nicht nur als Leser des von einem
anderen Schreiber geschriebenen Buches seiner Erinnerung ein, in dem es
zugleich Figur und Erzähler ist; es wählt zudem aus dem Vorgefundenen
aus, was es abschreibt, und gibt dem Leser des libello zusätzlich oder an
Stelle des Erinnerten dessen Deutung, fungiert also als Kopist und Kom-
mentator in einem. Um die Gewichtung dieser unterschiedlichen Funktio-
nen, mit anderen Worten, um die Frage, ob der Text primär allegorisch oder
primär autobiographisch zu verstehen sei, kreist ein gut Teil der Forschung
der vergangenen Jahrzehnte; sie soll jedoch hier weniger im Zentrum ste-
hen als die Tatsache, dass mit diesem Incipit die Vita nuova von Anfang an
unter das ‚Zeichen der Schrift‘ gesetzt wird, unter dem daher auch der
erste Teil dieses Beitrags steht.
Gleichzeitig gilt jedoch, dass die zahlreichen Gedichte, die in diesen
Text eingehen, undenkbar sind ohne die höfische Liebesdichtung vor allem
der Trobadors und der Sizilianer, eine Dichtung mithin, die wesentlich an
den Körper gebunden ist und gekennzeichnet durch die Simultaneität von
Präsentation und Rezeption, von „Wahrnehmung des Körpers“ oder der
Stimme und „Erfahrung des präsentierten Sinns“, wie GUMBRECHT formu-
liert.3 Weil diese Dichtung nicht allein in den gewählten lyrischen Formen
wie insbesondere Sonett und Kanzone Gegenwärtigkeit erlangt, sondern
ebenso in der Sprechhaltung des Ich und mehr noch in Topoi wie dem
Gruß, der Geheimhaltung, der Verspottung und Demütigung des Lieben-
den, dem Gerede der anderen, stellt sich die – zweite – Frage, wie solche
‚Körperzeichen‘ sich im libello manifestieren. Der dritten Frage, wie dann
aber Körper und Schrift koexistieren, geht der letzte Teil des Beitrags nach,
denn die Vita nuova macht schnell deutlich, dass die für das Mittelalter
charakteristische „Situation der Bi-Medialität“ nicht unbedingt ein friedli-
ches „Nebeneinander von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, von körperge-
bundener und schriftgebundener Kommunikation“4 impliziert; vielmehr

3 HANS ULRICH GUMBRECHT: Beginn von „Literatur“ / Abschied vom Körper? In: Der Ur-
sprung von Literatur. Medien, Rollen, Kommunikationssituationen zwischen 1450 und
1650. Hrsg. von GISELA SMOLKA-KOERDT/PETER M. SPANGENBERG/DAGMAR TILLMANN-
BARTYLLA, München 1988 (Materialität der Zeichen), S. 15-50, hier S. 25.
4 HORST WENZEL: Einleitung. In: Gespräche – Boten – Briefe. Körpergedächtnis und Schrift-
gedächtnis im Mittelalter. Hrsg. von HORST WENZEL, Berlin 1997 (Philologische Studien und
Quellen 143), S. 9-21, hier S. 11.
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 167

kann durchaus auch ein Konflikt zwischen Körpererfahrung und Bedeut-


samkeit, zwischen dem sich entziehenden Körper und dem zeichenhaften
Körper entstehen.
Wie präsent dieser Konflikt im ganzen Text ist, illustriert schon die au-
tobiographisch geprägte, von Allegoriesignalen durchsetzte ‚Romanhand-
lung‘, die in hohem Maße stilisierte Liebesgeschichte: Der sich erinnernde
Erzähler Dante berichtet nach dem zitierten Proömium zunächst von der
ersten Begegnung des erlebenden Ich und Beatrices, als er neun Jahre alt ist
und sie im neunten Lebensjahr. Sofort wird er von Liebe zu ihr ergriffen;
neun Jahre später kommt es in der neunten Stunde zur zweiten Begegnung,
bei der die gentilissima ihn eines Grußes würdigt. Diese das Ich geradezu
überwältigende Geste löst zunächst die erste Vision Amors und dann das
erste Sonett aus. Um die donna zu ehren und zu schützen, verbirgt das Ich
sein Gefühl und bedichtet statt ihrer verschiedene donne di schermo, Frauen,
die als schützender ‚Schirm der Wahrheit‘ zwischen ihr und ihm dienen. Es
spielt das Spiel der simulacra so gut, dass es üble Nachrede hervorruft und
Beatrice ihm bei der nächsten Begegnung den Gruß verweigert. Auf den
Rat Amors hin beendet das Ich daher seine Geheimhaltungsstrategie und
dichtet eine Entschuldigungs-ballata, doch wenig später kommt es zur be-
rühmten Szene des gabbo: Die Frauen, die Beatrice umgeben, und sogar sie
selbst verspotten ihn, weil er den Anblick der Geliebten nicht erträgt, son-
dern regelmäßig am ganzen Körper zu zittern beginnt, wenn sie in seiner
Nähe ist. Durch den Rückzug in die Einsamkeit gelangt er zu der Einsicht,
dass seine Seligkeit oder beatitudine nur in dem besteht, was nicht vergeht:
nicht im saluto, der auch verweigert werden kann, sondern „in jenen Worten,
die meine ‚donna‘ loben“, eine Wende, die sich in der programmatischen
Kanzone Donne ch’avete intelletto d’amore und den weiteren Lobgedichten ma-
nifestiert. Nach einigen Vorausdeutungen wie dem Tod des Vaters von Bea-
trice und mehreren Visionen stirbt die gentilissima. In der Imagination erhebt
sich das Ich bis zur Kontemplation der jetzt himmlischen Geliebten und
fasst nach einer letzten Vision den Entschluss, nicht weiter von ihr zu spre-
chen, bis es würdiger von ihr sprechen könne, weil es hoffe, von ihr sagen
zu können, was noch nie über jemanden gesagt worden sei. So endet das
libello nicht nur mit dem visionären Blick auf den erhobenen, entzogenen
Körper, sondern einmal mehr mit dem Hinweis auf die – freilich aufgescho-
bene – Schrift und damit auf die erste der angesprochenen Fragen.

1. Unter dem Zeichen der Schrift


Mit den zitierten ersten Worten des Textes, die explizit das geschriebene
‚Buch der Erinnerung‘ vom zu schreibenden libello unterscheiden, verweist
das Ich nicht nur auf den anderen, den göttlichen Schreiber, zu dem es sich
168 Barbara Kuhn

selbst, nicht zuletzt durch die im Begriff sentenzia beschlossene Deutungs-


hoheit, implizit analog setzt. Vor allem verweist es schon an dieser Stelle
darauf, dass auch die Prosa gerade nicht einfach das ‚gewesene Leben‘, die
so genannte esperienza reale5 wiedergibt, sondern die ‚Schrift des Lebens‘
ihrerseits der Deutung bedarf. Von Anfang an ist damit eine mindestens
doppelte Zeit gesetzt, insofern dem ‚Erleben‘ oder dem Einschreiben in
die Erinnerung das spätere ‚Abschreiben‘ und Deuten folgt. Gleich das
erste Erscheinen Beatrices, quando a li miei occhi apparve prima la gloriosa donna
de la mia mente (II; „als meinen Augen zum ersten Mal die glorreiche Herrin
meines Geistes erschien“), insistiert auf der Erinnerungsarbeit, wenn das
knapp neunjährige Kind von der gloriosa donna im Gedächtnis, d. h. wenn
in der jetzigen Darstellung die damalige Erscheinung von der späteren Er-
innerung überlagert wird, und noch nachdrücklicher unterstreicht die als
Verdoppelung und Steigerung präsentierte zweite Begegnung mit ihren
Folgen diese Nicht-Unmittelbarkeit. Wird die erste Begegnung noch unter
den Verdacht eines parlare fabuloso (II) gestellt, weil den Kindheitserinnerun-
gen nicht zu trauen sei, entstammt die Erinnerung an die zweite Begegnung
bereits jenen im Gedächtnis als bedeutendere Ereignisse eingeschriebenen
Worten: verrò a quelle parole le quali sono scritte ne la mia memoria sotto maggiori
paragrafi (II; „werde ich [...] zu jenen Worten gelangen, die in meiner Erin-
nerung unter höheren Paragraphen verzeichnet stehen“). Entsprechend ist
sie nicht nur Verdoppelung und Steigerung des Anfangs der Erzählung,
sondern als entscheidendes Erlebnis dadurch herausgehoben, dass sie im
libello in drei Varianten niedergeschrieben wird:6 als die Erscheinung der
mirabile donna selbst in der neunten Stunde des Tages, die in ihrer ineffabile
cortesia den ängstlichen Liebenden grüßt, dann in der neuntletzten Stunde
der Nacht als Traumvision in eine allegorische Darstellung übertragen und
schließlich als Sonett, in dem das Ich seinen Dichterfreunden die Vision

5 DOMENICO DE ROBERTIS: Storia della poesia e poesia della propria storia nel XXII della Vita
Nuova. In: Studi danteschi 51 (1978), S. 153-177, hier S. 154.
6 JEAN ROUSSET, der sich ausschließlich mit der „scène de première vue“ in Kapitel II und III
befaßt, gilt die Vita nuova als „prototype insurpassable de la rencontre sans approche, de
l’apparition qui demeurera jusqu’au bout une vision à distance. […] Ce récit a ceci d’unique
sans doute dans la longue série des face à face fondateurs, qu’il se construit sur le paradoxe
de l’apparition et disparition, vérifiable pour chacun des deux partenaires. Osera-t-on dire
qu’on assiste à quelque sublime jeu de cache-cache? La loi du secret propre à l’amour cour-
tois contraint l’amant à s’effacer, à se taire, renonçant à la communication directe; tout se
passe comme si, ne pouvant supporter la présence qui lui est révélée, il tentait, pour mieux
se consumer dans sa fonction de poète, de se rendre invisible sur le plan de la fiction pour
ne plus exister que dans la narration qu’il en fait, par le détour de la mémoire et des sonnets
qui multiplient le long du récit les pauses méditatives; ainsi dispose-t-il des écrans devant une
lumière qui l’aveugle.“ JEAN ROUSSET: Leurs yeux se rencontrèrent. La scène de première vue
dans le roman, Paris 1981, S. 137-140.
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 169

erzählt. Durch die Erinnerung an die Erscheinung in der Einsamkeit des


Zimmers also, pensando di lei, wird die Vision ausgelöst; die Erinnerung an
die Vision – pensando a ciò che m’era apparuto – lässt das Sonett entstehen, das
der Dichter den Freunden zur Beurteilung vorlegt; und aus der Erinnerung
an diese Erinnerung schließlich, aus dem Kommentar zum Sonett und den
von ihm hervorgerufenen Antworten, entsteht das libello. Die diversen, hier
explizit in Tag und Nacht sowie im ora und allora einander gegenüberge-
stellten, mit pensare und giudicio gekoppelten Zeitebenen machen deutlich,
dass das Erinnern kein Wiederholen ist, oder genauer: dass das Erinnern
ein Wieder-Holen auf je unterschiedlichen Reflexionsstufen bedeutet, das
jeweils neue und andere Verschiebungen und Verwerfungen erzeugt. Wie
weit entfernt der Text von unmittelbarer Mündlichkeit ist, macht er selbst
direkt nach der ersten Vision und noch vor dem ersten Sonett explizit:
Pensando io a ciò che m’era apparuto, propuosi di farlo sentire a molti li quali erano famo-
si trovatori in quello tempo: e con ciò fosse cosa che io avesse già veduto per me medesimo
l’arte del dire parole per rima, propuosi di fare uno sonetto, ne lo quale io salutasse tutti li
fedeli d’Amore; e pregandoli che giudicassero la mia visione, scrissi a loro ciò che io avea nel
mio sonno veduto. E cominciai allora questo sonetto, lo quale comincia: A ciascun alma
presa. (III)

In Gedanken an das, was mir erschienen war, nahm ich mir vor, es viele wissen
zu lassen, die zu jener Zeit berühmte Minnedichter waren. Und weil ich mir
damals schon von selbst Einsicht in die Kunst, in Reimen zu sprechen, ver-
schafft hatte, nahm ich mir vor, ein Sonett zu machen, in welchem ich alle
Getreuen Amors grüßte; und indem ich sie bat, mein Traumgesicht zu beur-
teilen, schrieb ich ihnen das, was ich in meinem Schlafe gesehen. Und ich
begann also dieses Sonett, das anfängt: A ciascun’ alma presa.

Die Wendung an die berühmten Dichter, der Bezug zur bereits geübten
Dichtkunst, die Entscheidung für ein sonetto, die Bitte um ein Urteil: Mit
allen Mitteln macht der Text deutlich, dass zwischen ‚Leben‘ und ‚Kunst‘
ein Verwandlungsprozess liegt, dass der Kunstcharakter der Gedichte den
Kunstverstand der Lesenden voraussetzt. Immer wieder wendet er sich an
diese Verständigen, an chi lo intende (VII, VIII), dem das einleuchten werde,
was im Gedicht zu lesen steht, und andere Adressaten als die Eingeweihten
interessieren ihn nicht: propuosi di farne alcuna lamentanza in uno sonetto; lo
quale io scriverò, acciò che la mia donna fue immediata cagione di certe parole che ne lo
sonetto sono, sì come appare a chi lo intende (VII; „beschloß ich, darüber in einem
Sonett manche Klage zu führen; dieses werde ich hier aufschreiben, weil
meine Herrin der unmittelbare Beweggrund war für gewisse Worte, die in
dem Sonett vorkommen, wie jenem klar wird, der es versteht“).
Um das Verständnis der Gedichte zu erleichtern, geht ihnen zum einen
jeweils die Erzählung in Prosa voraus, die zugleich auf den engen Bezug
der Vita nuova zu den Trobadorviten in den provenzalischen Liederhand-
170 Barbara Kuhn

schriften, den Vidas, weist; zum anderen folgt ihnen nicht immer, aber in
aller Regel eine Erläuterung, die nicht nur in scholastischer Manier die
Gedichte einer divisione unterzieht und sie in parti gliedert,7 sondern mit
dieser divisio textus jeweils auch ihre ragione angibt, so wie in den Liederhand-
schriften die „Einzellieder zunehmend mit Kommentaren“, mit razos, ver-
sehen worden waren, „die ihre Fremdheit aufhellten“.8 Im Unterschied zu
den Liederhandschriften, wo diese Einheit von Poesie und Prosa auf den
Einzeltext begrenzt bleibt, dehnt Dante das Verfahren auf die 31 Gedich-
te aus, um ein einheitliches Ganzes, einen als Ganzheit verstehbaren Text
zu schaffen, wie die immer wieder eingefügten Reflexionen zeigen:
Appresso ciò, cominciai a pensare uno giorno sopra quello che detto avea de la mia donna,
cioè in questi due sonetti precedenti; e veggendo nel mio pensero che io non avea detto di
quello che al presente tempo adoperava in me, pareami defettivamente avere parlato. E però
propuosi di dire parole, ne le quali io dicesse come me parea essere disposto a la sua opera-
zione, e come operava in me la sua vertude; e non credendo potere ciò narrare in brevitade
di sonetto, cominciai allora una canzone. (XXVII)
Hierauf begann ich eines Tages über das nachzudenken, was ich von meiner
Herrin gedichtet hatte, nämlich in diesen beiden vorhergehenden Sonetten;
und als mir einsichtig wurde, daß ich nichts von dem gesagt hatte, was sie zu
dieser Zeit in mir selbst bewirkte, schien mir, ich hätte lückenhaft gesprochen.
Und deshalb nahm ich mir vor, Worte zu dichten, in welchen ich sagen woll-
te, wie ich meinte, für ihr Wirken empfänglich zu sein, und wie ihre Tugend-
kraft in mir waltete; und da ich nicht glaubte, dies in der Kürze eines Sonetts
erzählen zu können, begann ich also eine Kanzone.

7 Aber nur dort, wo nötig, und wiederum nur an die Verständigen, die „fedeli d’Amore“ ge-
richtet: „Questo sonetto non divido in parti, però che la divisione non si fa se non per aprire la sentenzia de
la cosa divisa; onde con ciò sia cosa che per la sua ragionata cagione assai sia manifesto, non ha mestiere di
divisione. Vero è che tra le parole dove si manifesta la cagione di questo sonetto, si scrivono dubbiose parole,
cioè quando dico che Amore uccide tutti li miei spiriti, e li visivi rimangono in vita, salvo che fuori de li stru-
menti loro. E questo dubbio è impossibile a solvere a chi non fosse in simile grado fedele d’Amore; e a coloro
che vi sono è manifesto ciò che solverebbe le dubitose parole: e però non è bene a me di dichiarare cotale dubi-
tazione, acciò che lo mio parlare dichiarando sarebbe indarno, o vero di soperchio“ (XIV; „Dieses Sonett
teile ich nicht in Teile, dieweil man die Einteilung nur macht, um den Sinngehalt der unter-
teilten Sache zu erschließen; da es aber durch den erläuterten Hintergrund hinreichend klar
ist, bedarf es keiner Einteilung. Wahr ist, daß sich unter den Worten, in denen der Anlaß zu
diesem Sonett erklärt wird, zweifelhafte Worte geschrieben finden, nämlich, wenn ich sage,
daß Amor alle meine Geister tötet, und daß die des Gesichtes am Leben bleiben, wenn auch
nur außerhalb ihrer Wirkstätten. Aber dieser Zweifel ist unmöglich von jemandem zu lösen,
der nicht in gleichem Grade ein Getreuer Amors ist; und denen, die das sind, ist klar, was die
zweifelhaften Worte auflösen könnte: und daher ist nicht gut für mich, solches Zweifeln
aufzuklären, da doch mein erklärendes Reden vergebens oder aber überflüssig wäre“).
8 WINFRIED WEHLE: Dichtung über Dichtung. Dantes Vita Nuova: die Aufhebung des Min-
nesangs im Epos, München 1986, S. 25. Vgl. auch: GUGLIELMO GORNI: Vita nuova di Dante
Alighieri. In: Letteratura italiana. Le opere. Bd. I. Dalle origini al Cinquecento. Hrsg. von
ALBERTO ASOR ROSA, Torino 1992, S. 153-186, hier S. 178-179; MICHELANGELO PICONE:
Vita nuova e tradizione romanza, Padova 1979 (Ydioma tripharium 5).
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 171

Wie das erzählende Ich an manchen Stellen Gedichte aus dem libro de la mia
memoria auslässt, die dem Verständnis nichts hinzufügten, trägt es an ande-
ren Dinge nach, deren Fehlen bei den Lesern Unverständnis erzeugen
könnte. Durch solches Weglassen, Hinzufügen und In-eine-angemessene-
Form-Bringen löst das Ich die Gedichte von ihrem punktuellen Anlass und
stellt so sein libello in den Horizont der Dichtung, wie insbesondere der
wiederum viel zitierte und kommentierte Exkurs über die Natur Amors,
über Personifikation und Allegorese im 25. Kapitel zeigt.9 Um möglicher
Kritik an seiner Dichtung den Wind aus den Segeln zu nehmen, beruft es
sich auf Vorbilder wie Vergil, Lucan, Horaz und Ovid und fordert zugleich
für die vulgärsprachliche Dichtung dieselben Freiheiten ein, wie sie der
lateinischen eingeräumt würden.
con ciò sia cosa che a li poete sia conceduta maggiore licenza di parlare che a li prosaici
dittatori, e questi dicitori per rima non siano altro che poete volgari, degno e ragionevole è
che a loro sia maggiore licenzia largita di parlare che a li altri parlatori volgari: onde, se
alcuna figura o colore rettorico è conceduto a li poete, conceduto è a li rimatori. (XXV)

Weil nun aber den Poeten eine größere Freiheit der Rede zugestanden wird, als
den Schriftstellern in Prosa, und weil jene, die in Reimen dichten, nichts anderes
sind als Poeten der Volkssprache, ist es recht und billig, daß ihnen eine größere
Freiheit der Rede eingeräumt wird als den anderen, die sich in der Volkssprache
ausdrücken: Wenn daher eine Redefigur oder ein rhetorischer Schmuck den
Poeten gestattet wird, so ist er auch den Reimdichtern gestattet.

Kriterium sei nur, dass die Dichtung eines solchen trovatore nicht clus bleiben
dürfe, sondern sich – durch Prosa, durch einen Kommentar – auf- oder
erschließen lasse: degno è lo dicitore per rima di fare lo somigliante, ma non sanza
ragione alcuna, ma con ragione la quale poi sia possibile d’aprire per prosa (XXV; „so
ist der Dichter, der in Reimen dichtet, berechtigt, ähnlich zu verfahren, aber
nicht ohne eine bestimmte Bedeutung, sondern mit einem Sinn, der sich
nachher in Prosa entschlüsseln ließe“). Raffiniert schreibt das Ich so sei-
nem libello implizit Modellcharakter zu und stellt sich damit – wie später der
Erzähler Dante in der Commedia neben die Ependichter – in eine Reihe mit
den Autoritäten der Zeit in Sachen Literatur, mit den Schulautoren des
mittelalterlichen Kanons. Indem das Ich nicht nur die allegorische Deutung
und Deutbarkeit rechtfertigt, sondern sie zudem wenig später mit seiner
Auslegung der Zahl neun, mit dem Hinweis auf deren häufiges Auftreten,
dem Anführen verschiedener Deutungen, dem Vorschlag einer eigenen

9 Vgl. etwa CHRISTIAN KIENING: Zwischen Körper und Schrift. Texte vor dem Zeitalter der
Literatur, Frankfurt a. M. 2003, S. 276-279; RÜDIGER SCHNELL: Causa amoris. Liebeskon-
zeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur, Bern, München 1985 (Bibli-
otheca Germanica 27), S. 381-386.
172 Barbara Kuhn

Interpretation sowie dem Einräumen weiterer möglicher Sinnschichten ex-


emplarisch vorführt (vgl. XXIX)10, setzt es das libello ausdrücklich als Schrift,
die, wie die Heilige Schrift, der Deutung bedarf, aber auch der Deutung
wert ist.
Doch obwohl demnach das Büchlein sich von Anfang an als solches
präsentiert, von Anfang an und bis zum Ende unter dem Zeichen der
Schrift steht, zeugt es – als Schrift selbstverständlich – ebenso von Anfang
an von einer großen Präsenz des Körpers, enthält es in seinen Schriftzei-
chen ebenso nachdrückliche Körperzeichen.

2. Körperzeichen
Dass dem Körper in diesem Schriftwerk eine so bedeutende Rolle zu-
kommt, liegt nicht zuletzt daran, dass eines der wesentlichen Strukturie-
rungsmerkmale der Liebesgeschichte und damit auch des Textes die Reihe
der Begegnungen von Ich und Beatrice konstituiert. Schon das erste Ele-
ment dieser Reihe, die unmittelbar auf das Proömium folgende Schilde-
rung der Begegnung des Neunjährigen und der knapp Neunjährigen, kon-
zentriert sich, außer auf die äußere Erscheinung der ‚Beatrice‘, vor allem
anderen auf die körperlichen Reaktionen des Ich, genauer, auf die Reak-
tionen der in den verschiedenen Körperorganen situierten spiriti, die alle
das außerordentliche Geschehen in lateinischer Sprache kommentieren.
Der im Herzen angesiedelte spirito della vita beginnt aufs heftigste zu zittern,
so dass es bis ins letzte Glied sichtbar wird, der spirito animale im Gehirn,
wohin alle spiriti sensitivi ihre Wahrnehmungen bringen, wundert sich über
das, was die spiriti del viso verkünden, und der im Magen untergebrachte
spirito naturale beginnt gar zu weinen, weil er bereits ahnt, dass es ihn in
Zukunft häufig treffen wird. Von diesem Augenblick an ist das Ich, dank
der Macht seiner Einbildungskraft, völlig der Herrschaft Amors unterwor-
fen, der ihm viele Male befiehlt, das engelsgleiche Wesen aufzusuchen.
Löst diese frühe Begegnung die Liebe allererst aus, überwältigt die im
folgenden Kapitel erzählte zweite Begegnung neun Jahre später das Ich
geradezu, so dass es sich von den Menschen zurückzieht:

10 Die Beantwortung der Frage nach Grund und Bedeutung des häufigen Auftretens der Zahl
neun stimmt folglich mit der scholastischen ‚Gattung‘ der quaestio überein: „Sie ging aus von
Zitaten aus Autoritäten, zeigte dann, dass andere Autoritäten den erstgenannten Texten
widersprechen, holte in einem nächsten Schritt weit aus zu einer eigenen ‚Lösung‘ (determi-
natio) und zeigte abschließend, wie die Widersprüche der Autoritäten zu harmonisieren
sind.“ KURT FLASCH: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machia-
velli, 2., rev. und erw. Aufl., Stuttgart 2000, S. 313.
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 173

volse li occhi verso quella parte ov’io era molto pauroso, e per la sua ineffabile cortesia […]
mi salutoe molto virtuosamente, tanto che me parve allora vedere tutti li termini de la be-
atitudine […]; e però che quella fu la prima volta che le sue parole si mossero per venire a
li miei orecchi, presi tanta dolcezza, che come inebriato mi partio da le genti, e ricorsi a lo
solingo luogo d’una mia camera, e puosimi a pensare di questa cortesissima. (III)
wandte sie die Augen nach der Stelle, wo ich, ganz ängstlich, stand, und in
ihrer unaussprechlichen Huld [...], grüßte sie mich mit solcher Tugend, daß
ich also den Inbegriff aller Seligkeit zu schauen meinte [...]; und weil dies das
erste Mal war, daß ihre Worte sich bewegten, um an mein Ohr zu dringen,
spürte ich solche Wonne, daß ich mich wie berauscht von der Menge ent-
fernte, und ich flüchtete in die Einsamkeit eines meiner Zimmer und gab mich
den Gedanken an jene Höflichste hin.
Nicht nur der beseligende Gruß als bedeutungs- und folgenschwere Gebär-
de, auch das Zuwenden des Blicks und die gesprochenen Worte werden
quasi körperlich erfahren – le sue parole si mossero per venire a li miei orecchi („ihre
Worte [...] bewegten [sich], um an mein Ohr zu dringen“) – und üben eine
solche Wirkung auf das Ich aus, dass es wie trunken, wie in Ekstase ist und
die körperliche Nähe flieht. Doch auch die von diesem heftigen Eindruck
ausgelöste maravigliosa visione übersetzt das Unverständliche in ausdrucks-
starke Körperbilder. Nicht nur Amor erscheint dem Ich hier zum ersten Mal
in personam, in der Gestalt eines furchterregenden segnore inmitten einer feu-
erfarbenen Wolke; vor allem erzählt die Vision eine signifikante Variante des
im Mittelalter so beliebten Herzmäre, dessen älteste erhaltene Fassung sich
in einer provenzalischen Trobadorvita findet.11 Wie dort ist der Liebende
ein Dichter oder Sänger – unmittelbar danach wendet er, der sich bereits in
der Kunst des Reimeschmiedens geübt hat, sich an die famosi trovatori seiner
Zeit –, und wie dort muss die Dame das Herz essen und stirbt sie in der
Folge. Doch während in der überlieferten Version die Dame sich selbst das
Leben nimmt, wird sie hier mit Amor in den Himmel erhoben, und vor
allem fehlt völlig das mit der bekannten Geschichte verknüpfte Motiv der
gekränkten Gattenehre. Stattdessen signalisiert das Auffahren in den Him-
mel, das auf Beatrices Tod und ihre ‚Himmelfahrt‘, auf den definitiven
Entzug des Körpers später im Text vorausdeutet, hier die Reinheit der Lie-
be, so wie die buchstäbliche ‚Inkorporierung‘ als Bild für das Begehren des
Ich, für seinen unerfüllbaren Wunsch nach körperlicher Vereinigung steht.
Wie die gesamte Vision demnach in Körperschrift geschrieben ist, de-
ren Entzifferung erst durch den Verlauf der Geschichte möglich wird, ist
von dieser Vision an, wie der spirito naturale im Magen vorausgesehen hatte,
das normale ‚Funktionieren‘ des Körpers unterbunden:

11 Vgl. HANS-JÖRG NEUSCHÄFER: Boccaccio und der Beginn der Novelle. Strukturen der Kurz-
erzählung auf der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit, München 1969 (Theorie und
Geschichte der Literatur und der Schönen Künste 8), S. 33-43. Auf S. 33-35 findet sich der
nahezu ungekürzte Text der Vida.
174 Barbara Kuhn

Da questa visione innanzi cominciò lo mio spirito naturale ad essere impedito ne la sua oper-
azione, però che l’anima era tutta data nel pensare di questa gentilissima; onde io divenni in
picciolo tempo poi di sì fraile e debole condizione, che a molti amici pesava de la mia vista. (IV)

Seit dieser Vision begann mein natürlicher Geist, in seiner Tätigkeit behindert
zu werden, weil die Seele ganz dem Denken an jene Holdseligste hingegeben
war; hierdurch wurde ich in kurzer Zeit von so gebrechlicher und schwacher
Verfassung, daß mein Anblick viele Freunde bedrückte.

Weil dem Ich die Zeichen Amors im Gesicht geschrieben stehen – io porta-
va nel viso tante de le sue insegne, che questo non si potea ricovrire (IV; „ich [trug] auf
meinem Antlitz so viele seiner Zeichen [...], daß sich dies nicht verbergen
ließ“) –, werden die Neider neugierig auf das, was es vor den anderen ver-
bergen will, und die Blicke der anderen bestimmen auch die folgende, drit-
te Begegnung, die wohl in einer Kirche stattfindet: in parte ove s’udiano parole
de la regina de la gloria (V; „in einer Stätte [...], wo Worte über die Königin der
Herrlichkeit zu hören waren“). Von seinem Platz aus kann das Ich seine
beatitudine sehen, doch auf der geraden Linie zwischen ihm und ihr sitzt eine
andere gentile donna, die es, in dem Glauben, sein Blick ruhe auf ihr, häufig
verwundert anblickt. Dies nehmen auch die anderen wahr und schließen
daraus, sie sei die donna, deretwegen es sich so verzehre. Glücklich stellt das
Ich fest, dass sein doch so verräterischer Anblick das Geheimnis noch nicht
verraten hat: lo mio secreto non era comunicato lo giorno altrui per mia vista (V; „mein
Geheimnis [wurde] an jenem Tage nicht durch meinen Blick anderen mit-
geteilt“), und es bemüht sich nach Kräften, den Irrtum der anderen auf-
recht zu erhalten, was ihm mehrere Jahre lang gelingt, zumal es, um seiner
Fiktion noch größere Glaubwürdigkeit zu verschaffen, diesen ‚Schirm der
Wahrheit‘ in Gedichten besingt, wie das Minneritual es verlangt:
pensai di fare di questa gentile donna schermo de la veritade; e tanto ne mostrai in poco
tempo, che lo mio secreto fue creduto sapere da le più persone che di me ragionavano. Con
questa donna mi celai alquanti anni e mesi; e per più fare credente altrui, feci per lei certe
cosette per rima. (V)
gedachte ich, diese edle Frau zu einem die Wahrheit verbergenden Schirm zu
machen; und ich machte dies in kurzer Zeit so offensichtlich, daß die meisten
Personen, die über mich sprachen, mein Geheimnis zu kennen glaubten.
Durch diese Frau verbarg ich mich einige Jahre und Monate; und um die an-
dern in ihrem Glauben noch zu stärken, verfaßte ich für sie einige Kleinig-
keiten in Versen.

Wie der Körper der gentile donna den direkten Blick abschirmt und damit
verhindert, dass das Geheimnis öffentlich wird, so verhüllt auch das Ge-
dicht an die donna-schermo die Wahrheit, das Geheimnis, dass die eigentliche
Adressatin der Blicke wie der Gedichte Beatrice ist. Damit wird die donna-
schermo gleichsam zur personifizierten Allegorie: Sie ist das in Körper über-
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 175

setzte Prinzip des alieniloquium, des uneigentlichen Sprechens, zumal die ins
Gesicht geschriebenen und den Körper verzehrenden Zeichen durchaus
sichtbar bleiben, das ‚Anders-Reden‘ jedoch deren korrekte Entschlüsse-
lung durch Nicht-Eingeweihte verhindert.
Dass das uneigentliche Sprechen jedoch nicht nur Schutz bietet, son-
dern auch Gefahren birgt, wird bei der nächsten Begegnung mit Beatrice
deutlich: Verärgert über das Gerede der anderen, das auch das Ich selbst
in Verruf bringt, verweigert sie ihren Gruß als jenes Zeichen, in dem alles
Glück des Ich liegt: quella gentilissima […], passando per alcuna parte,
mi negò lo suo dolcissimo salutare, ne lo quale stava tutta la mia beatitudine (X;
„verweigerte mir jene Holdselige [...], als sie an einer gewissen Stelle vor-
überging, ihr über die Maßen süßes Grüßen, in welchem doch all meine
Seligkeit bestand“). Um die Wirkung dieses ausgebliebenen Zeichens ver-
ständlich zu machen, erläutert das Ich seinen Lesern zunächst, welche
körperlichen Konsequenzen der Gruß seiner Herrin nach sich zieht:
E quando ella fosse alquanto propinqua al salutare, uno spirito d’amore, distruggendo
tutti li altri spiriti sensitivi, pingea fuori li deboletti spiriti del viso, e dicea loro: „Andate a
onorare la donna vostra“; ed elli si rimanea nel luogo loro. E chi avesse voluto conoscere
Amore, fare lo potea mirando lo tremare de li occhi miei. E quando questa gentilissima
salute salutava, non che Amore fosse tal mezzo che potesse odumbrare a me la intollerabile
beatitudine, ma elli quasi per soverchio di dolcezza divenia tale, che lo mio corpo, lo quale
era tutto allora sotto lo suo reggimento, molte volte si movea come cosa grave inanimata. Sì
che appare manifestamente che ne le sue salute abitava la mia beatitudine, la quale molte
volte passava e redundava la mia capacitade. (XI)

Und wenn sie eben zum Gruß anhob, vernichtete ein Geist der Liebe alle
anderen Geister der Empfindung und drängte dabei die schwächlichen Geis-
ter des Gesichtssinnes hinaus und sagte ihnen: ‚Geht, eure Herrin zu ehren‘;
und er selbst blieb an ihrer Statt. Und wer Amor hätte kennenlernen wollen,
der hätte es gekonnt, in Anbetracht des Zitterns meiner Augen. Und wenn
diese Holdselige mit ihrem Gruß grüßte, war Amor nicht etwa ein Hindernis,
das mir die unerträgliche Seligkeit hätte verdunkeln können, sondern wurde
gleichsam durch ein Übermaß an Süße sogeartet, daß mein Körper, der dann
vollkommen unter seiner Herrschaft stand, vielmals sich hinschleppte wie
etwas Schweres, Unbeseeltes. So daß ganz offensichtlich ist, daß ihrem Gruße
meine Seligkeit innewohnte, eine Seligkeit, die viele Male meine Kräfte über-
stieg und überforderte.

Es vermag nichts mehr zu sehen, wie überhaupt alle Sinne betäubt sind; an
seinen zitternden Augen kann ein jeder Amor erkennen, und sein Körper
wirkt wie ein lebloses Etwas, so sehr übersteigt die durch den Gruß ver-
spürte Seligkeit seine Kräfte. Die Zeichen des Körpers sind eindeutig – ap-
pare manifestamente –; am Körper lässt sich das Außer-sich-Sein, die Ekstase
ablesen. Entsprechende Wirkung muss zwangsläufig auch das Ausbleiben
des Grußes ausüben: Nicht nur die Gebärde, sondern ineins das von ihr
176 Barbara Kuhn

Bezeichnete wird verweigert – la mia beatitudine mi fue negata (XII) –, denn wie
bei jedem Kult-Bild sind Zeichen und Bedeutung nicht zu trennen,12 und
dem Ich bleiben nur amarissime lagrime, ungehörte Klagen und das Flehen
um Barmherzigkeit, bis es endlich come un pargoletto battuto lagrimando ein-
schläft und ihm wiederum Amor in einer Traumvision erscheint. Er rät
ihm, die simulacra zu beenden, mithin vom uneigentlichen zum eigentlichen
Sprechen überzugehen und das bisher Geheimgehaltene offenzulegen.
Entstand nach der ersten Vision das an die Dichterfreunde gerichtete So-
nett, verfasst das Ich nun eine ballata, die es als Botin auf den Weg zu seiner
Madonna schickt, damit sie ihr mit einer demütigen Bitte um Verzeihung
erkläre, warum es eine andere angeblickt habe; nur die Augen, nicht das
Herz hätten sich abgewandt, denn im Herzen sei es stets ihr treuer Diener
geblieben, dessen Gehorsam bis zum von ihr befohlenen Tod reiche:
Con dolze sono, quando se’ con lui,
comincia este parole,
appresso che avertai chesta pietate:
„Madonna, quelli che mi manda a vui,
quando vi piaccia, vole,
sed elli ha scusa, che la m’intendiate.
Amore è qui, che per vostra bieltate
lo face, come vol, vista cangiare:
dunque perché li fece altra guardare
pensatel voi, da che non mutò ’l core“.
Dille: „Madonna, lo suo core è stato
con sì fermata fede,
che ’n voi servir l’ha ’mpronto onne pensero:
tosto fu vostro, e mai non s’è smagato“.
Sed ella non ti crede,
dì che domandi Amor, che sa lo vero:
ed a la fine falle umil preghero,
lo perdonare se le fosse a noia,
che mi comandi per messo ch’eo moia,
e vedrassi ubidir ben servidore. (XII, V. 15-34)

Mit süßem Klang, wenn du mit ihm zusammen,


beginne diese Worte,
sobald du um Gnade gebeten hast:
‚Meine Herrin, der mich zu Euch schickt,
wünscht, wenn es Euch gefällt,
sofern es eine Entschuldigung für ihn gibt, daß Ihr sie von mir vernehmt.

12 Vgl. ULRIKE LANDFESTER: Tertium datur. ‚Schrift und Bild und Körper‘ als kulturtheoreti-
sche Denkfigur. In: Schrift und Bild und Körper. Hrsg. von ULRIKE LANDFESTER, Bielefeld
2002 (Schrift und Bild in Bewegung 4), S. 9-41, hier: S. 12. Vgl. ferner HANS BELTING: Bild
und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst, München 52000, auf den
sich LANDFESTER mit ihren Überlegungen stützt.
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 177

Amor ist hier, der ihn kraft Eurer Schönheit


sein Aussehen ändern läßt, nach seiner Willkür:
drum urteilt selbst, warum er ihn eine andere anschauen hieß,
dabei er doch sein Herz nicht wandelte.‘
Sag ihr: ‚Meine Herrin, sein Herz ist
von so steter Treue gewesen,
daß jeder Gedanke ihm eingeprägt hat, Euch zu dienen:
Früh war er Euer, und ist nie weniger geworden.‘
Wenn sie dir keinen Glauben schenkt,
sag ihr, sie möge Amor fragen, der die Wahrheit kennt:
Und am Ende bitte sie untertänig,
falls die Verzeihung ihr widerstreben sollte,
mir durch einen Boten zu befehlen, daß ich stürbe,
und man wird einen guten Diener gehorchen sehen.

Doch trotz dieser Entschuldigungs-ballata und trotz des nun eigentlichen


Sprechens sind die Schwierigkeiten nicht beseitigt, wie die folgende Begeg-
nung illustriert, die wiederum den Körper zum allen lesbaren Text macht:
Das Ich verspürt links in der Brust ein unerklärliches Zittern, das sich so-
fort auf den gesamten Körper ausdehnt, muss sich festhalten, hebt die
Augen und erblickt unter den Frauen Beatrice, so dass ihm wieder alle
Sinne schwinden, es sich selbst nicht mehr kennt – io fossi altro che prima –
und die Frauen sich gemeinsam mit Beatrice in der berühmten scena del
gabbo über es lustig machen (vgl. XIV). Erst wenn es außer Sichtweite Beat-
rices ist, erwachen seine toten Geister wieder zum Leben, kehren die ver-
triebenen an ihren ursprünglichen Ort zurück und kann das Ich das Ge-
schehene erklären, doch erneut bleiben ihm nur der Rückzug in die Ein-
samkeit und das Weinen nach dem körperlichen Außer-sich-Sein, ein Rück-
zug, der nach diesem Gipfelpunkt die Wende bewirkt: die Unabhängigkeit
von der Huld der donna, weil dank der Huld oder merzede Amors die Selig-
keit nunmehr in quelle parole che lodano la donna mia (XVIII) beschlossen liegt.
In dieser matera nuova e più nobile che la passata (XVII), im Lob der donna, das
zugleich mit einem neuen modo verbunden ist (XIX), liegt die Neuheit des
neuen Dichtens, ihr fine […] novissimo (XVIII).
Sämtliche Begegnungen, die der Text erzählt, von der ersten, die die
unerhörte Wirkung auf den ganzen Körper schildert, bis zu dieser fünften
und letzten, die den endgültigen Verzicht auf die körperliche Präsenz be-
wirkt, erscheinen demnach als konsequenzenreiche Schlüsselszenen, inso-
fern es eben die fünf Begegnungen sind, die das gesamte Geschehen aus-
lösen: das Lieben zuerst und dann das Dichten, als drittes das Verbergen
und als viertes das Offenlegen, und schließlich das Abbrechen des bishe-
rigen Weges, den Wendepunkt in der Geschichte dieses Ich und den Be-
ginn einer neuen Dichtweise. Zumindest auf einen ersten Blick ist damit
ein Weg vom Körper zur Schrift zurückgelegt, ein Weg, der von der kon-
kreten, aktuellen Situation, wie sie die Werbungssituation der Minnedich-
178 Barbara Kuhn

tung entwirft, zur von Raum, Zeit und vor allem Körper unabhängigen
Imagination als dem neuen Raum dieses Dichtens führt. Dass damit je-
doch längst nicht alles über den komplexen Text gesagt ist, darauf deutet
nicht allein die Tatsache, dass das libello an dieser Stelle keineswegs an
seinem Ende angekommen ist. Gegen einen solch einsinnigen Prozess
spricht insbesondere, dass sich das Bedauern des Ich ob seiner Vergangen-
heit, das Petrarcas berühmten Vers aus dem Eröffnungsgedicht des Can-
zoniere, di me medesmo meco mi vergogno, vorwegzunehmen scheint, sich nicht
auf allzu große Körperlichkeit richtet, sondern wiederum auf die Schrift,
auf sein bisheriges Dichten, das nun als mangelhaft erscheint: quasi vergo-
gnoso mi partio da loro, e venia dicendo fra me medesimo: ‚[…] perché altro parlare è
stato lo mio?‘ (XVIII; „recht beschämt [ging ich] von ihnen und kam dahin,
bei mir selbst zu denken: ‚[...] warum habe ich je von anderem geredet?‘“).
Und in der Tat enthüllt ein zweiter Blick auf die fünf Begegnungen, dass
sie nicht nur die Bewegung des Textes bis zu dieser Stelle bedingten, son-
dern das Ich sich mit ihnen quasi an den Topoi des Minnesangs abarbei-
tete, an Topoi, die viel mehr als nur Hilfsmittel bei der inventio eines Lie-
beslieds sind: Der Anblick und die Geste des Grußes, das Geheimnis und
die demütige Bitte um Verzeihen sowie schließlich die Verspottungsszene
dienen alle dazu, die Körperlichkeit der unmittelbaren Begegnung und die
Momente der mündlichen Darbietung zu inszenieren, wie sie die Troba-
dorlyrik charakterisieren. Es geht folglich nicht allein um eine Sublimie-
rung des körperlichen Begehrens mit den Mitteln christlicher Metaphysik;
der Kampf, den der Text ausficht, ist zugleich einer zwischen zwei kon-
kurrierenden Medien, zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit, und es
ist vor allem ein Kampf zwischen unterschiedlichen Dimensionen von
Schrift wie von Körper.

3. Körperschrift und Schriftkörper


Bekanntermaßen bewirkt der Wechsel von der mündlichen zur schriftli-
chen Kommunikation eine „Entlastung der Sinnübertragung vom hic et nunc
eines […] Körpers“, so dass eine „Kommunikation […] über die Grenzen
von Zeit und Raum“ hinweg möglich wird.13 Auf eben diese Funktion
bezieht sich ausdrücklich auch die Vita nuova, wenn das Ich ein Gedicht
verfasst, das die Wirkung der donna auf ihre Umgebung gleichsam auf
Dauer stellen soll:

13 HORST WENZEL: Hören und Sehen, Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter,
München 1995, S. 203.
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 179

propuosi di dicere parole, ne le quali io dessi ad intendere de le sue mirabili ed eccellenti


operazioni; acciò che non pur coloro che la poteano sensibilemente vedere, ma li altri sap-
piano di lei quello che le parole ne possono fare intendere. (XXVI)

[ich nahm mir vor] Worte zu dichten, in denen ich ihr wunderbares und her-
vorragendes Wirken zu verstehen gäbe; auf daß nicht bloß jene, die sie leib-
haftig sehen konnten, sondern auch andere von ihr das erführen, was Worte
davon begreiflich machen können.

Nicht zufällig handelt es sich dabei um ein Gedicht, das wieder den Gruß
und seine Wirkung zum Anlass nimmt, wie bereits das erste Quartett dieses
wohl berühmtesten Sonetts von Dante überhaupt ausspricht:
Tanto gentile e tanto onesta pare
la donna mia quand’ella altrui saluta,
ch’ogne lingua deven tremando muta,
e li occhi no l’ardiscon di guardare. (XXVI, V. 1-4)

So edel und so sittlich gut erscheint


meine Herrin, wenn sie andere grüßt,
daß jede Zunge zitternd verstummt,
und die Augen es nicht wagen, sie anzuschauen.

Auch das folgende Sonett soll jenen, denen der Anblick der donna nicht
vergönnt ist, kundtun, wie sie von allen geehrt und gelobt wird: volendo
manifestare a chi ciò non vedea, propuosi anche di dire parole, ne le quali ciò fosse sig-
nificato (XXVI; „da ich [...] willens war, es denen zu offenbaren, die derglei-
chen nicht sehen konnten, nahm ich mir vor, darüberhinaus Worte zu dich-
ten, in welchen dies bezeichnet würde“); der Übergang zum stilo de la sua
loda, von der konkret erfahrenen Situation zu ihrer Reflexion impliziert
demnach zugleich den Übergang von der individuellen zu einer verallge-
meinerten Erfahrung, wie auch die dem Sonett Tanto gentile vorausgehende
Prosa nicht nur die Pluralisierung der Redeinstanz signalisiert – Diceano
molti […]. E altri diceano […]. Io dico […] (XXVI; „Viele sagten [...]. Und an-
dere sagten [...]. Ich sage [...]“) –, sondern durch die Anrufung der Zeugen
das Gesagte beglaubigt: di questo molti, sì come esperti, mi potrebbero testimoniare
a chi non lo credesse (XXVI; „dies könnten mir viele aus eigener Erfahrung
bezeugen vor denjenigen, die es nicht glauben möchten“). Das mündliche
Zeugnis der Vielen bestätigt das individuelle schriftliche Zeugnis und illus-
triert so das Ineinander der beiden Medien.14

14 Die Passage zeigt den „langsamen ‚Übergang‘ von der Mündlichkeit“, den man sich „nicht
zu einfach vorstellen [darf]“, weil er als Prozess, als ein Hin und Her geschieht, in dem etwa
persönliche Zeugenschaft und schriftliche Urkunden einander gegenüber stehen. Vgl. WEN-
ZEL (Anm. 12), S. 360-361.
180 Barbara Kuhn

Dennoch dient die Schrift nicht allein dazu, ein – von vielen mündlich
bestätigtes – Zeugnis abzulegen, das die Zeiten überdauert und auch jene
erreicht, die der selig machenden Beatrice nicht selbst begegnen, sondern
in anderen Räumen oder Zeiten zu Hause sind. Einen Hinweis gibt bereits
der Kommentar des Ich zum Urteil der anderen, die Beatrice einfach als
Wunder bezeichnen und Gott für sie danken:
Io dico ch’ella si mostrava sì gentile e sì piena di tutti li piaceri, che quelli che la miravano
comprendeano in loro una dolcezza onesta e soave, tanto che ridicere non lo sapeano; né
alcuno era lo quale potesse mirare lei, che nel principio nol convenisse sospirare. (XXVI)

Ich sage, daß sie sich so huldvoll und so reich an Liebreiz zeigte, daß jene, die
sie ansahen, eine reine und zarte Wonne umfing, so sehr, daß sie es nicht zu
schildern wußten; und keinen gab es, der sie hätte anschauen können, ohne
sogleich seufzen zu müssen.

Die Entscheidung für die Schrift liegt in der Emotionalität des Liebenden
begründet, der sich – als Dichter – weder mit der topischen Unsagbarkeit,
dem ridicere non lo sapeano der anderen, noch mit dem bloßen sospirare begnü-
gen will, aber erkennen muss, dass nicht erst eine räumliche Trennung oder
das Vergehen der Zeit, sondern schon die Heftigkeit des Begehrens das
Vergessen und damit die Unmöglichkeit von Erfahrung bewirkt, wie das
Ich nach der gabbo-Episode und vor der Entscheidung für die nuova matera
lebhaft vor Augen stellt, indem es sein Begehren und seine bereits erlitte-
nen Leiden personifiziert:
sì tosto com’io imagino la sua mirabile bellezza, sì tosto mi giugne uno desiderio di vederla, lo
quale è di tanta vertude, che uccide e distrugge ne la mia memoria, ciò che contra lui si potesse
levare; e però non mi ritraggono le passate passioni da cercare la veduta di costei. (XV)

sobald ich mir ihre wunderbare Schönheit vorstelle, [ergreift mich] sogleich
ein Verlangen [...], sie wirklich zu sehen, und [...] dieses [ist] von solcher Wir-
kungsmacht [...], daß es in meinem Gedächtnis tötet und vernichtet, was sich
dagegen erheben könnte; und deshalb halten mich die vergangenen Leiden
nicht davon ab, ihren Anblick zu suchen.

Das Begehren also zerstört und tötet im Gedächtnis, was sich gegen das
Begehren erheben könnte; die vergangenen Leiden haben nicht die Kraft,
das Ich zurückzuziehen, es davon abzuhalten, jenen Anblick zu suchen, der
ihm alle Lebensgeister entzieht, es wie tot sein lässt. Wenn also die – kör-
perliche – Liebe hier zur Aporie wird, so nicht in der Weise, dass die donna
sich dem werbenden Sänger per definitionem entziehen muss, nicht in der
Weise des Minnerituals, das sich nur um den Preis der Berücksichtigung
dieser Spielregeln fortsetzen lässt, sondern weil der Körper Einspruch er-
hebt. Der Liebeskrieg, der in der battaglia d’Amore ebenso wie in den Verben
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 181

assalire, pugnare, disconfiggere überdeutlich präsent ist, findet nicht zwischen


der abweisenden Herrin und dem werbenden Liebenden statt, sondern im
Innern des Ich. Dessen Erinnerung reicht nur so weit, dass es sich ein Bild
davon macht, wie Amor es zurichtet – la mia memoria movesse la fantasia ad
imaginare quale Amore mi facea (XVI; „mein Gedächtnis [bewog] meine Ein-
bildungskraft dazu [...], sich vorzustellen, was Amor aus mir machte“) –,
aber es stellt nicht den Zusammenhang mit dem Körper der donna her:
Jedes Mal aufs neue vergisst es, dass der Glaube, der Anblick der Geliebten
werde es in dieser Schlacht verteidigen, sich als Irrglaube erweisen wird,
weil die Nähe des geliebten Körpers Lebensentzug bewirkt: cotale veduta non
solamente non mi difendea, ma finalmente disconfiggea la mia poca vita (XVI; „wie
dieser Anblick mich nicht nur nicht schützte, sondern mein weniges Leben
endgültig zerstörte“). Die battaglia d’Amore ist eine Schlacht der unterschied-
lichen Vermögen des Ich, eine Schlacht von Begehren und Vernunft oder
auch, wie kurz zuvor, eine Schlacht unterschiedlicher Gedanken, die dem
Ich seine Ruhe rauben:
mi cominciaro molti e diversi pensamenti a combattere e a tentare, ciascuno quasi indefen-
sibilemente; tra li quali pensamenti quattro mi parea che ingombrassero più lo riposo de la
vita. (XIII)

viele und verschiedenartige Gedanken [begannen] mich anzufechten und zu


versuchen, fast jeder davon auf unwiderstehliche Weise; unter diesen Gedan-
ken schienen mir vier die Ruhe des Lebens am meisten zu stören.

Zwischen den vier Gedanken, die das folgende Sonett in anaphorischer


Reihung antithetisch nebeneinander stellt und die vier Liebeskonzeptio-
nen, vier Poetiken entsprechen,15 ist das Ich hin- und hergerissen quasi come
colui che non sa per qual via pigli il suo cammino, e che vuole andare e non sa onde se
ne vada (XIII; „fast wie einer, der nicht weiß, welchen Weg er für seinen Gang
einschlagen soll und der gehen möchte, und weiß nicht wohin“):
ch’altro mi fa voler sua potestate,
altro folle ragiona il suo valore,
altro sperando m’apporta dolzore,
altro pianger mi fa spesse fiate (XIII, V. 3-6)

daß einer mich dessen Herrschaft wünschen läßt,


ein anderer erklärt, seine Macht sei Wahnsinn,
ein weitrer bringt mir in der Hoffnung Süße,
ein anderer wieder läßt mich häufig weinen […].

15 Vgl. hierzu vor allem PICONE (Anm. 8) sowie dessen zahlreiche Aufsätze zu diesem Text,
insbesondere: MICHELANGELO PICONE: Il prosimetrum della Vita Nova. In: Studi e problemi
di critica testuale 15 (1977), S. 50-61.
182 Barbara Kuhn

Die amorosa erranza (V. 11), in der sich das Ich befindet, enthüllt sich als ein
Umherirren in den verschiedenen Arten, von Liebe zu reden; die Meta-
phern, die andernorts dazu dienen, die Liebe zu illustrieren – das Umher-
irren, der Kampf oder die Schlacht –, verschieben sich hier zu Metaphern
für das Schreiben und deuten in dieser verdächtigen Identität darauf, dass
es sich – lange vor der so genannten Entkörperlichung der Dame – um eine
Liebe der Schrift im doppelten Wortsinn handelt: eine Liebe der Schrift als
genitivus subiectivus, insofern diese Liebe fast ausschließlich in der Schrift
existiert, und als genitivus obiectivus, insofern sie wesentlich aus der Liebe, die
der Dichter der Schrift entgegenbringt, entsteht. Denn schon zu Beginn
hatte das Gedicht als Gruß an die Dichterfreunde Beatrices Geste des Gru-
ßes in der Schrift wiederholt, und auch die erwähnten Sonette, deren Schrift
Beatrice verewigen soll, machen deutlich, dass die von der donna und die
vom Gedicht ausgeübte Wirkung dieselbe ist: Ihr Anblick verschafft dolcez-
za al core (XXVI, Tanto gentile, V. 10; „[gibt] dem Herzen Wonne“), und wer
das Gedicht liest und sich folglich ihrer erinnert, kann nicht umhin, vor
dolcezza d’amore zu seufzen (XXVI, Vede perfettamente, V. 14; „der Liebe Süße“)
– wie in den vielen Sonett-Dialogen oder tenzoni der Zeit wird die Korres-
pondenz zusätzlich durch den von einem Sonett zum nächsten weiterge-
reichten Reim unterstrichen. Im Laufe des Textes findet mithin eine spre-
chende Umkehrung statt: Bewirkte anfangs die Erinnerung an die Erschei-
nung Beatrices das Buch, so bewirkt nun das Buch (als Erinnerung) die
Wirkung Beatrices und wird buchstäblich zum Supplement, das zum einen
als Ergänzung fungiert, indem es Beatrice auch in jenen Räumen oder Zei-
ten präsent macht, wo sie nicht ist, zum anderen sich letztlich an ihre Stel-
le setzt, insofern die eigentliche Seligkeit, der fine […] novissimo, im Gedicht
oder im Dichten selbst, in der Schrift dieser Liebe, besteht.
Wichtiger aber noch als dieser supplementäre Charakter der Schrift ist
das Verschieben durch den Aufschub, den die Schrift gewährt, ein Verschie-
ben, das sich immer wieder daran zeigen lässt, dass die Gedichte keineswegs
nur das zuvor in Prosa Erzählte wiederholen (oder vorwegnehmen, gemäß
der Entstehungsreihenfolge, wie der Text sie darlegt), sondern grundlegend
anderes sind, etwa aus der Todesvision, aus der erronea fantasia und dem
fallace imaginare, das die Prosa schildert, eine amorosa cosa da udire machen
(XXIII), genauer, die große Kanzone Donna pietosa e di novella etate, die nicht
zufällig als 16. von 31 Gedichten genau das Zentrum markiert und über
vielerlei zahlensymbolische Elemente mit dem Ganzen verwoben ist.16
Das von der Schrift verursachte Verschieben wird noch offensichtlicher
im Zusammenhang mit jener Grenze, die der Kommunikation von Ange-
sicht zu Angesicht gesetzt ist und die auf ein Jenseits als Horizont des
Danteschen Textes deutet, im Zusammenhang mit dem Tod selbst. Der
Tod der Geliebten, der das Dichten einer Kanzone unterbricht, ist selbst
unsagbar; daher tritt als ‚andere Rede‘ an seine Stelle zum einen ein Zitat
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 183

aus den Klageliedern Jeremias in lateinischer Sprache (XXVIII), zum ande-


ren und vor allem die allegorische Deutung der Zahl neun, die für Beatrice
steht und sie zum Wunder erhebt (XXIX): wieder ein buchstäbliches An-
ders-Reden, ebenso wie das Sonett, um das der Freund bittet, ohne zu sa-
gen, dass es für Beatrice ist, so wie das dichtende Ich ihm nicht verrät, dass
es im Grunde in seinem eigenen Namen geschrieben ist (XXXII). Wo die
mündliche Situation aufgrund der emotionalen Betroffenheit beider Fik-
tionen entlarven und die scheinbar persönliche Klage als Rollengedicht
vorführen würde, erlauben die Verwandlung in Schrift und die Ablösung
von der konkreten Situation die vorgeschobene Adressatin ebenso wie den
vermeintlichen Sprecher. Dank der Schrift kann ein Sonett demnach nicht
nur zwei unterschiedliche Anfänge besitzen, die nebeneinander existieren,
ohne dass das Gedächtnis den einen durch den anderen überschreibt
(XXXIV); dank der bloßen Pronomen statt der für die Rede einstehenden
Personen, wie Platon sie in seiner Verurteilung der Schrift im Phaidros ein-
gefordert hatte, kann vor allem die Klage weitergereicht werden, können,
wie in der Folge, unterschiedliche Strophen zu einem Gedicht zusammen-
gefasst werden, so dass allenfalls derjenige, chi sottilmente le mira (XXXIII; „wer
sie [...] genau betrachtet“), die Verschiebung vom einen zum anderen Spre-
cher bemerkt.
Der Tod als Bild für die äußerste Grenze mündlicher Kommunikation
und als Auslöser all dieser Schriftexperimente wird damit in besonderem
Maße zu einer Reflexion über die unterschiedlichen Bedingungen und
Möglichkeiten beider Medien, zu einer Reflexion über die Möglichkeiten
der Kommunikation, die außer durch das Vergessen, durch räumliche Fer-
ne und unterschiedliche Zeiten auch bedroht ist durch die Unverfügbarkeit
des Du, die sich etwa in der Verweigerung des Grußes oder in der prinzi-
piellen Unerreichbarkeit manifestiert, ebenso wie durch die Unverfügbar-
keit des Ich selbst, das dem eigenen Körper, dem übermächtigen Begehren
wie dem Schwinden der Lebensgeister, ausgeliefert ist. Gerade an der un-
überschreitbaren Körperlichkeit des Todes, der das Supplement der Schrift
fordert, wird deutlich, dass es in der Vita nuova nicht einfach um eine Op-

16 Beispielsweise besteht das Gedicht aus 84, also zweimal 42 Versen, und 42 ist die Zahl, die
gematrisch für den Namen Dante steht und der Zahl der Kapitel des gesamten Werks ent-
spricht. Erzählt dieses Werk als Ganzes Dantes vita nova, wie das erste Kapitel angekündigt
hatte, so stellt das Gedicht in der Mitte dessen altes und neues Leben nebeneinander. Genau
in V. 42 heißt es: Morra’ti, morra’ti („Du wirst sterben, sterben wirst du“), während am Ende,
nachdem die Engel in V. 61, dessen Zahl auf den Namen Beatrice verweist, die Selig-Ma-
chende mit dem Ruf Osanna gegrüßt haben, das Ich dem alten Leben abgestorben ist und
durch die Schau der ‚schönen Seele‘ die Seligkeit erlangt: – Beato, anima bella, chi te vede! – Voi
mi chiamaste allor, vostra merzede (V. 83f.; „‚Selig der, schöne Seele, der dich schaut!‘ Da aber
rieft ihr mich, Dank sei eurer Güte“).
184 Barbara Kuhn

position von Körper und Schrift, von Mündlichkeit und Schriftlichkeit


geht, sondern vielmehr um ein ‚sottilmente mirare‘, um das genaue Hinsehen,
das statt des Gegensatzes eine vielfältige Überschreitung vermeintlicher
Eigenheiten offenbart. So werden nicht nur die Körper zu Zeichen – etwa
wenn Beatrice anfangs rot gekleidet erscheint, beim zweiten Mal weiß und
in der letzten Vision wieder rot – oder auch zur Einschreibfläche, dank der
das Ich lesbar wird wie ein Text; auch die Schrift wird zu Körper, wie sich
an vielen Stellen des Textes zeigt.
Auffälligstes Beispiel solcher Verkörperung oder ‚Verkörperlichung‘ ist
sicherlich die Verwandlung des Gedichts in einen Boten, wie sie die große
Entschuldigungs-ballata inszeniert und dabei weit über jene Wendung an
die Kanzone hinausgeht, die auch in provenzalischer Lyrik, etwa bei dem
von Dante so geschätzten Arnaut Daniel,17 bereits vorkommt. Schon bei
Giacomo da Lentini, dessen Gedichte sich von der topischen Werbungssi-
tuation der provenzalischen Dichtung abwenden, findet sich in der Kanzo-
ne Meravigliosamente eine Reflexion über die Medialität seines Dichtens, die
wie eine Umkehrung der Platonischen Kritik an der Schrift klingt.18 Zum
einen spricht die Kanzone von der Unfähigkeit, der Geliebten zu begeg-
nen, sie anzuschauen; zum anderen wird eben diese unerträgliche Situation

17 Etwa am Ende der Kanzone Quan chai la fuelha, die mit den Worten schließt: Vai t’en chansos.
denan lieis te presenta. que s’ill no fos. no-i meir’ Arnautz s’ententa. („Brich auf, Kanzone, geh zu ihr;
wäre es nicht für sie gewesen, hätte Arnaut sich dieser Mühe nicht unterzogen.“) In: Mille et
cent ans de poésie française. De la Séquence de Sainte Eulalie à Jean Genet. Hrsg. von BERNARD
DELVAILLE, Paris 1991, S. 154.
18 Während Platon im Phaidros (274c-278b) an der Schrift erstens moniert, sie schwäche das
Gedächtnis, da sie sich auf eine äußere Stütze, auf fremde Zeichen verlasse, unterstreicht
Giacomo da Lentini, das geschriebene Gedicht entstehe eben aus der Erinnerung und halte
das Bild lebendig, statt das Vergessen zu befördern. Gegen den zweiten Einwand Platons,
die Schrift biete nur einen stummen Text, sie könne keine weitere Erklärung geben, sondern
immer nur dasselbe wiederholen, führt das Gedicht vor, dass die konkrete Situation der
Begegnung gerade die Rede verhindert, dass sie verstummen lässt und folglich die ‚Rede‘ mit
der Geliebten nur als geschriebene möglich ist. Dem dritten Vorwurf, die Schrift kursiere
auch unter jenen, für die sie nicht bestimmt sei und die sie nicht verstünden, während die
mündliche Rede sich an einen ausgewählten Kreis von Adressaten richte, steht entgegen,
dass gerade der mündliche Vortrag des Gedichts die Gegenwart derer bewirke, für die diese
Rede nicht bestimmt sei, während die Schrift den Rückzug in die Privatheit der stillen Kam-
mer gestatte und so eine ganz neue, eigene Form der Unmittelbarkeit erzeuge. Und auch der
Kritik, die Schrift ermögliche die Ablösung von der konkreten Gesprächssituation und damit
vom Vater oder Autor der Rede, so dass vieles in einer geschriebenen Rede aufgrund der
Abwesenheit des Autors, der nicht mit dem Ernst seiner ganzen Person für die vorgebrach-
te Lehre einstehen müsse, zwangsläufig nur Spiel sei, hält das Gedicht entgegen, erst die
Schrift könne, dank dieser Ablösung und der damit möglichen Reflexion, über das eigene
Ich, das sich ob der Überwältigung durch die Emotionen nicht mehr (er-)kennt, Klarheit
schaffen, eben weil es nicht mehr im Spiel der höfischen Geselligkeit, im Ritual des Liebes-
werbens, befangen ist, sondern gleichsam sich selbst in vollem Ernst und unausweichlich
gegenübersteht.
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 185

der Unmittelbarkeit zum Anlass für das Gedicht, das selbstbewusst als
neues Dichten präsentiert wird, als eine canzonetta novella, die eine nova cosa
besingt. Auch hier entsteht die Schrift aus der Erinnerung und hält das Bild
lebendig, vermag sie das Verstummen in der Situation der Unmittelbarkeit
zu überwinden und verschafft sie Klarheit über das eigene Ich, das sich
selbst fremd – altro che prima – geworden ist.19 Eben diese Reflexion greift
die Vita nuova auf und integriert sie in einen umfassenden Zusammenhang:
Es ist Amor, der dem liebenden und dichtenden Ich den Auftrag gibt, das
Botengedicht zu verfassen und auf den Weg zu schicken: Queste parole fa che
siano quasi un mezzo, sì che tu non parli a lei immediatamente, che non è degno (XII;
„Aber mach, daß deine Verse wie ein Mittler seien, so, daß du nicht unmit-
telbar zu ihr sprichst, was sich nicht ziemt“), und entsprechend dieser Auf-
fassung von der Lyrik als Medium wendet sich statt des Ich die ballata an
die donna (vgl. XII, V. 18-24). Nicht nur thematisiert die oben zitierte Kan-
zone, dass das Außen und Innen, die vista und ’l core, im Widerstreit sind;
vor allem wird sie selbst als Botin, als „Verkörperung der Botschaft“, zum
Sinnbild dafür, dass, wie WALTER HAUG schreibt, „eine Schranke zwischen
Innen und Außen, zwischen Leidenschaft und Bekenntnis“ bleibt, dass
Innen und Außen, anders als beim beide vermittelnden Geständnis, nicht
übereinstimmen20.
Was beim Blick auf das einzelne Gedicht als Manko erscheinen könnte
– die Notwendigkeit des Boten aufgrund der Unfähigkeit zum Geständnis
–, relativiert sich beim Blick auf den gesamten Text. Denn gerade indem
der Schriftkörper an die Stelle des eigenen Körpers gesetzt wird, eröffnet
sich eine Vielzahl von Möglichkeiten für alle Aspekte der Kommunikati-
on.21 So erlaubt das Gedicht als schermo oder ‚Schutzschild‘ die in der kon-
kreten Situation festgelegten Möglichkeiten aufzufächern; die Schrift wird
Körper, der sich als Verhüllung zwischen die Liebenden stellt; aber zu-
gleich, eben weil sie erscheinender Körper ist, verbirgt sie das Verbergen,
indem sie zwar das Innen nach außen dringen lässt, sich jedoch an eine
falsche Adressatin richtet. Umgekehrt vervielfältigt sich in den für den

19 Vgl. MICHAEL BERNSEN: Die Problematisierung lyrischen Sprechens im Mittelalter. Eine


Untersuchung zum Diskurswandel der Liebesdichtung von den Provenzalen bis zu Petrarca.
Tübingen 2001 (Beihefte zur Zeitschrift für Romanische Philologie 313), S. 241-248.
20 WALTER HAUG: Das Geständnis. Liebe und Risiko in Rede und Schrift. In: Gespräche – Bo-
ten – Briefe. Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis im Mittelalter. Hrsg. von HORST WEN-
ZEL, Berlin 1997 (Philologische Studien und Quellen 143), S. 23-41, hier S. 30.
21 Schon die ballata selbst evoziert mit Worten wie servir und ben servidore den Minnedienst, in
dem der treue Diener, sollte sie nicht verzeihen, sondern seinen Tod verlangen, auch in
diesem Punkt gehorchen werde; sie entlarvt aber diesen Gehorsam bis in den Tod als Topos,
weil sie als Schriftkörper gerade den Körper des Ich überflüssig macht. Möglicherweise ist
auch der Provenzalismus smagato (V. 28) als Hinweis auf die herbeizitierte, aber bereits ver-
lassene Welt der Trobadorlyrik zu verstehen.
186 Barbara Kuhn

anderen, aber doch über die eigene Trauer geschriebenen Gedichten das
sprechende Ich, so dass das Sonett wie ein vom Ich abgelöster Körper
wird, der unabhängig von ihm als seinem ‚Autor‘, losgelöst von der Situa-
tion des Redenden weiterleben kann22. Als ein solches vom einmaligen
Anlass sich lösendes Objekt war bezeichnenderweise bereits das erste So-
nett der Vita nuova eingeführt worden, das, gerichtet an andere Dichter mit
der Bitte um ein Urteil, die Funktionen eines Briefs übernimmt: Es geht
von vornherein als ein Körper aus Schrift in den Text ein und transzen-
diert die in der Folge der Begegnungen evozierte Situation der Unmittel-
barkeit und der Mündlichkeit; mehr noch, es wird zum Zeichen für die
Schrift selbst, in deren Zeichen die ganze Liebesgeschichte steht. Und
selbst dort, wo das Ich in eigenem Namen spricht, wo es der donna die
Zerrissenheit seines zwischen Innen und Außen gespaltenen Ich schildert,
löst sich die Schrift gewordene Rede vom Ich selbst ab, werden die Sonet-
te zu Erzählern, zu narratori di tutto quasi lo mio stato (XVII), den die mündli-
che Rede ebenso wenig wie der eigene Körper zuverlässig und umfassend
vermitteln kann.
Freilich ist mit solchem nach außen verlagerten Erzählen des Innen, mit
der Zerrissenheit des Ich zwischen seinem Empfinden und seinem Körper
und mit der Schrift als anderem Körper, der den Körper der anderen sup-
plementiert, nicht eine Vereinnahmung von Dantes Text als Beispiel für
‚neuzeitliche Subjektivität‘, für ein ‚modernes, gespaltenes Individuum‘ ge-
meint; vielmehr steht hinter den vorgestellten Überlegungen der Gedanke,
dass sich zu jeder Zeit „das Subjekt in seinem Konfliktcharakter als Grenz-
raum sich gegenseitig in Frage stellender Erkenntnis- und Wertbereiche
definiert“ und folglich „die Geschichte der Subjektivität wesentlich im
Neubestimmen und Neuverhandeln solcher Grenzen und Wertsphären“
besteht.23 Vor einer modernistischen Vereinnahmung ebenso wie vor einer
eindimensionalen teleologischen Lektüre warnt in – zumindest aus heuti-
ger Sicht – fast ironischer Weise eine letzte Körperinschrift kurz vor Ende
des Textes.
Die gentile donna giovane e bella molto (XXXV), die den Trauernden voll Mit-
leid aus ihrem Fenster anblickt, zeigt nicht nur selbst in ihrer Blässe die
Zeichen der Liebe – d’un colore palido quasi come d’amore (XXXVI) –; auch das

22 „Die Rede von der ‚Situation‘ des Redenden zu abstrahieren, sie ‚für sich‘ zu betrachten,
verhindert die Präsenz des Sprechers. Das gilt nicht mehr für die verschriftete Rede, weil der
‚Autor‘ sich von ihr entfernt, ja durch diese Entfernung überhaupt erst als ‚Autor‘ konstitu-
iert wird“. WENZEL (Anm. 12), S. 205.
23 ROLAND HAGENBÜCHLE: Subjektivität: Eine historisch-systematische Hinführung. In: Ge-
schichte und Vorgeschichte der modernen Subjektivität. Hrsg. von RETO LUZIUS FETZ/RO-
LAND HAGENBÜCHLE/PETER SCHULZ, Bd. 1, Berlin, New York 1998 (European cultures 11),
S. 1-88, hier S. 14.
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 187

Ich selbst erfreut sich bald zu sehr an ihrem Anblick und tadelt sich in
seinem Herzen dafür: li miei occhi si cominciaro a dilettare troppo di vederla; onde
molte volte me ne crucciava nel mio cuore ed aveamene per vile assai (XXXVII; „meine
Augen begannen, sich bei ihrem Anblick allzusehr zu ergötzen; weswegen
ich mich viele Male in meinem Herzen bekümmerte und mich für recht
nichtswürdig hielt“). Unter erneuten sospiri […] grandissimi e angosciosi kommt
es wieder zu einem inneren Kampf, zu einer battaglia che io avea meco, und
wieder zu einer orribile condizione (XXXVII), vor der folglich die „Entkörper-
lichung der Dame“ und die Verlagerung der beatitudine vom Körper zur
Schrift nicht definitiv zu schützen vermochten. Hier steht nichts mehr fest,
die battaglia de’ pensieri ist ebenso wenig ausgefochten wie die Position des
pro und contra. Alles muss erklärt werden, weil alles vieldeutig wird: Das
Gedicht spricht von einem Gentil pensero, doch der edle Gedanke ist zu-
gleich niedrig, die einstigen Gegenbegriffe fallen zusammen: dico ‚gentile‘ in
quanto ragionava di gentile donna, ché per altro era vilissimo (XXXVIII; „und ich sage
‚hold‘, nur soweit er von einer holden Frau sprach, denn im übrigen war er
äußerst erbärmlich“); umgekehrt scheint das in cuore cioè l’appetito („[Herz],
das heißt [...] Begehren“) und anima cioè la ragione („Seele, das heißt die Ver-
nunft“) gespaltene Ich einmal für und einmal gegen das Herz zu sprechen
und muss erklären, was im einen und im anderen Fall mit den identischen
Begriffen gemeint ist (XXXVIII).
Mühsam wird die Zerrissenheit des Ich noch einmal eingeholt, indem
diesem unorthodoxen Hin und Her die doxa antwortet: Der malvagio deside-
rio wird verjagt; das Herz bereut bitter, der Beständigkeit der Vernunft
Widerstand geleistet zu haben, und das Ich schämt sich für seine begehrli-
chen Augen; der desiderio malvagio und die vana tentazione müssen zerstört
werden, doch weil das ganze religiöse Vokabular offenbar nicht ausreicht,
um einem erneuten Brechen der Dämme der Vernunft Vorschub zu leisten,
bedarf es der körperlichen Einschreibung, die nicht nur, dem religiösen
Diskurs gemäß, mit den Folterqualen der Märtyrer verglichen wird und auf
das Prinzip des contrappasso in der Commedia vorausweist:
li miei occhi pareano due cose che disiderassero pur di piangere; e spesso avvenia che per lo
lungo continuare del pianto, dintorno loro si facea uno colore purpureo, lo quale suole ap-
parire per alcuno martirio che altri riceva. Onde appare che de la loro vanitade fuoro deg-
namente guiderdonati; sì che d’allora innanzi non potero mirare persona che li guardasse.
(XXXIX)

meine Augen [schienen] zwei Gebilde [...], die nur noch weinen mochten; und
oft geschah es, daß sich infolge des langen ununterbrochenen Weinens um sie
herum ein purpurroter Rand bildete, wie er gewöhnlich dann auftritt, wenn
einer ein Martyrium erduldet. Daraus ergibt sich, daß ihnen ihre Eitelkeit
angemessen heimgezahlt wurde; so daß sie von da an niemanden mehr be-
trachten konnten, der sie [...] anschaute.
188 Barbara Kuhn

Der rechte Lohn, der hier die gerechte Strafe meint, deutet zugleich auf das
Vokabular der Trobadorlyrik und in dieser Umwendung einmal mehr,
ebenso wie die Verschiebung der merzede, der gewährten Huld, von der
donna auf Amor,24 auf die Veränderung gegenüber dem traditionellen Min-
nesang, da dieses Ich keinen guiderdone mehr von seiner donna erwartet oder
auch nur erfleht, im Gegenteil: Mit seinen Stigmata, den rot geränderten
Augen als dem ins Gesicht geschriebenen Lohn, kann es sich keiner donna
mehr präsentieren; der gemarterte Körper schützt vor dem begehrten Kör-
per und, mehr noch, vor dem Begehren tout court. Signifikanterweise aber
geschieht dieses Einschreiben in den Körper, durch das das unversehens
wieder Aufgebrochene notdürftig gekittet wird, gerade nicht durch die Ver-
nunft, sondern durch die Einbildungskraft, eine forte imaginazione, die sich
mit einer erneuten Erscheinung Beatrices wie am ersten Tag machtvoll
gegen den Widersacher erhebt:
Contra questo avversario de la ragione si levoe un die, quasi ne l’ora de la nona, una forte
imaginazione in me, che mi parve vedere questa gloriosa Beatrice con quelle vestimenta
sanguigne co le quali apparve prima a li occhi miei; e pareami giovane in simile etade in
quale io prima la vidi. Allora cominciai a pensare di lei; e ricordandomi di lei secondo
l’ordine del tempo passato, lo mio cuore cominciò dolorosamente a pentere de lo desiderio a
cui sì vilmente s’avea lasciato possedere alquanti die contra la costanzia de la ragione.
(XXXIX)

Gegen diesen Widersacher der Vernunft erhob sich eines Tages, beinah zur
neunten Stunde, in mir eine mächtige Erscheinung, denn es war mir, als sähe
ich die glorreiche Beatrice in denselben blutroten Gewändern, in denen sie
sich meinen Augen beim ersten Mal gezeigt hatte; und sie erschien mir jung,
im gleichen Alter, in welchem ich sie das erste Mal gesehen hatte. Da begann
ich an sie zu denken; und als ich mich ihrer gemäß der Abfolge der vergan-
genen Zeit erinnerte, begann mein Herz schmerzlich das Begehren zu bereu-
en, dem es sich wider die Standhaftigkeit der Vernunft einige Tage so schmäh-
lich hingegeben hatte.

Erst das Er-Innern Beatrices bringt den Konflikt zwischen Begehren und
Vernunft zum Schweigen; erst das Imaginieren, das Vor-Augen-Stellen des
Körpers von Beatrice schafft den ersehnten Einklang von Begehren und
Vernunft oder sospiri und pensieri. Erinnerung und Imagination fungieren als
die zentralen Kräfte in dieser neuen ‚Schrift der Liebe‘, die die Vita nuova
ist, wie auch die am Ende erzählte Rückkehr zur ersten Erscheinung Beat-

24 Wie sich die Seligkeit vom Anblick der Dame auf das Schreiben des Gedichts verschoben
hat, wird als Signal für diese Verschiebung die gewährte Huld von der donna auf Amor ver-
lagert: lo mio segnore Amore, la sua merzede, ha posto tutta la mia beatitudine in quello che non mi puote
venire meno (XVIII; „mein Gebieter Amor – Dank sei es ihm [bzw. in seiner Huld] – [hat] alle
meine Seligkeit in das verlegt, was mir nie geschmälert werden kann“).
Körperzeichen, Zeichenschrift, Schriftkörper 189

rices und damit zum Beginn des Textes zeigt. Das Kommentieren der je-
weils entstandenen Gedichte, die schriftauslegende Schrift, erlaubt, das
Er-Innerte secondo l’ordine del tempo passato nicht zu wiederholen, aber doch
wiederzuholen und nun, ora, dank dieser Liebe der Schrift, dank der Ima-
gination in einer neuen Weise, anders als allora, zu lesen (vgl. III).
Der Prozess, den die Vita nuova vorführt, scheint demnach komplexer
zu sein als einfach in einer „Entkörperlichung der Dame“ zugunsten christ-
licher Metaphysik (nach KABLITZ) oder einem „Abschied vom Körper“
zugunsten der Entstehung von Literatur (nach GUMBRECHT) zu bestehen:
Auf nahezu jeder Seite des libello befinden sich Körper und Schrift in einem
Widerstreit, und dieses Problem wird, wie die erneute Gefährdung durch
die donna gentile am Ende zeigt, nicht durch die „paradoxe Integration einer
Transgression“ gelöst, durch die „Entkörperlichung der Dame“, dank der
der prekäre „Brückenschlag zwischen der metaphysischen Ordnung und
einer Erklärung der außergewöhnlichen Passion für die exklusive Dame“
gelänge.25 Was der Text vielmehr überschreitet, was sich im Schrift gewor-
denen Reden über die Liebe gerade auflöst, statt zementiert zu werden, sind
die scheinbar klaren Grenzen von Körper und Schrift, indem durch die
Liebe der Körper zu Schrift, die Schrift der Liebe selbst aber Körper wird,
corpus oder volumen,26 das die vom Tod gesetzten Grenzen überwindet.

25 ANDREAS KABLITZ: Petrarcas Lyrik des Selbstverlusts: Zur Kanzone Nr. 360 – mit einem
Exkurs zur Geschichte christlicher Semantik des Eros. In: Geschichte und Vorgeschichte
der modernen Subjektivität. Hrsg. von RETO LUZIUS FETZ/ROLAND HAGENBÜCHLE/PETER
SCHULZ, Bd. 1, Berlin, New York 1998 (European cultures 11), S. 567-611, hier S. 602-603.
26 Vgl. WOLFGANG HÜBNER: Volumen. Zur Metaphorik der Buchrolle in der Antike und bei
Michel Butor. In: Vir bonus dicendi peritus. Festschrift zum 65. Geburtstag von Alfons
Weische. Hrsg. von BEATE CZAPLA/TOMAS LEHMANN/SUSANNE LIELL, Wiesbaden 1997, S.
153-174, hier S. 188 und S. 191.
LUDGER LIEB

Minne schreiben
Schriftmetaphorik und Schriftpraxis in
den ‚Minnereden‘ des späten Mittelalters
Die „Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnolo-
gien“1 im Europa der Frühen Neuzeit ist bekanntlich wesentlich an die
Erfindung und Ausbreitung des Buchdrucks gebunden. Der Buchdruck
gilt als einer der bedeutendsten Marker für die Epochenschwelle zwischen
Mittelalter und Früher Neuzeit. Gleichzeitig ist vielfach bemerkt worden,
dass diese Medienrevolution der Frühen Neuzeit ein komplexer und lang-
wieriger Prozess ist, dessen Anfänge weit ins Mittelalter zurückreichen.
Viele Argumente z. B., die die Zeitgenossen im 15. und 16. Jahrhundert als
Vorteile des Buchdrucks ausgegeben haben, wurden im Mittelalter schon
als Vorteile der Schriftlichkeit gegenüber der Mündlichkeit vorgebracht.2
Die Zäsur also zwischen Buchdruck und Handschrift, zwischen der
Kultur des ‚Gutenbergzeitalters‘ auf der einen Seite (mit ihrer anonymen
Distribution und anonymen Rezeption von Texten, mit ihrer Popularisie-
rung und Demokratisierung textueller Kommunikation, mit ihrer Distanz
vom Körper) und der mittelalterlichen Manuskriptkultur auf der anderen
Seite, in der – mit HORST WENZEL zu sprechen – Texte vorwiegend münd-
lich und unter Anwesenden in Räumen wechselseitiger Wahrnehmung
kommuniziert wurden,3 – diese Zäsur findet ihre Vorgeschichte in dem
ebenfalls langwierigen Prozess des Übergangs der mittelalterlichen Kultur
von einer dominant oralen zu einer dominant skripturalen Kultur.
Problematisch für die Erforschung dieses Übergangs zwischen Münd-
lichkeit und Schriftlichkeit ist unter anderem der Umstand, dass die Produk-

1 MICHAEL GIESECKE: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über
die Durchsetzung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien. Mit einem
Nachwort zur Taschenbuchausgabe 1998, Frankfurt a. M. 1998.
2 DENNIS H. GREEN: Medieval Listening and Reading. The primary reception of German
literature 800–1300, Cambridge 1994, S. 12-14.
3 HORST WENZEL: Hören und Sehen, Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter,
München 1995, S. 16.
192 Ludger Lieb

te mündlicher Kommunikation flüchtig sind4 und sich nur dann nicht voll-
ständig verflüchtigt haben, wenn sie – meist eher zufällig – im Netz der Schrift
hängen geblieben sind. Aus diesem Grund ist hier – gerade für die volks-
sprachliche Literatur des Mittelalters – jene Differenz so wichtig, die WULF
OESTERREICHER terminologisch mit Verschriftung und Verschriftlichung bezeich-
net hat.5 Verschriftung meint die Tatsache, „daß ein gegebener Wortlaut [...]
ins graphische Medium transferiert wird“ (S. 272). Die Schriftlichkeit eines
solcherart verschrifteten Textes ist daher nur medial (man könnte in gewisser
Hinsicht das ahd. Hildebrantslied als Beispiel anführen). Verschriftlichung meint
dagegen, dass bestimmte Texte – die durchaus auch mündlich vorgetragen
werden – Ergebnisse eines konzeptionell fundierten Prozesses sind, in dem
das Potenzial der Schrift benutzt wird, das sich vor allem als hoher Grad an
kommunikativer Distanz manifestiert (Situationsabstraktheit, Öffentlichkeit,
Reflexion, Planung, kaum Emotionalität, keine Kooperationsmöglichkeit des
Rezipienten etc.). Die Schriftlichkeit eines solchen Textes ist eine ‚konzeptio-
nelle Schriftlichkeit‘. Schon für die Heldenepen und Romane des Hohen Mit-
telalters wird man eine solch konzeptionelle Schriftlichkeit sicher annehmen
dürfen (S. 274f.), auch für einen großen Teil der Lyrik.6
Doch konzeptionelle Schriftlichkeit bedeutet nicht auch schon, dass die
Verfasser ihre Texte selbst schreibend verfassten,7 vielmehr bestand die
Benutzung der Schrift im Mittelalter weitgehend im Diktieren, also in einer
Trennung von Textproduzent und Schreiber. OTTO LUDWIG betont in sei-
ner Geschichte des Schreibens, dass der Übergang vom Schreiben als Diktieren
mündlicher Rede zum Schreiben als eigener Textproduktion des Verfassers
sich erst im Spätmittelalter allmählich vollzog und dass sich mit diesem
Übergang auch die Funktion des Schreibens veränderte.8 Es gab zwar
schon früher auch den selbst schreibenden Textproduzenten – gerade den
großen Gelehrten des Hohen Mittelalters ist dies wohl nicht abzusprechen

4 Vgl. HANS-ULRICH GUMBRECHT: Schriftlichkeit in mündlicher Kultur. In: Schrift und Ge-
dächtnis. Hrsg. von ALEIDA ASSMANN/JAN ASSMANN/CHRISTOF HARDMEIER, München 1983
(Beiträge zur Archäologie der literarischen Kommunikation 1), S. 158-174, hier S. 159.
5 WULF OESTERREICHER: Verschriftung und Verschriftlichung im Kontext medialer und konzepti-
oneller Schriftlichkeit. In: Schriftlichkeit im frühen Mittelalter. Hrsg. von URSULA SCHAEFER,
Tübingen 1993 (ScriptOralia 53), S. 267–292.
6 Vgl. THOMAS CRAMER: Waz hilfet âne sinne kunst? Lyrik im 13. Jahrhundert. Studien zu
ihrer Ästhetik, Berlin 1998 (Philologische Studien und Quellen 148).
7 Vgl. GIESECKE (Anm. 1), S. 346: Zunächst musste (in der Gelehrtenkultur des 15. Jahrhun-
derts) „immer etwas ausgesprochen sein [...], bevor es in einem sekundären Transformati-
onsprozeß ge- oder beschrieben werden konnte.“
8 OTTO LUDWIG: Geschichte des Schreibens. Band 1: Von der Antike bis zum Buchdruck,
Berlin, New York 2005, bes. S. 170-186. Vgl. auch die These von GUMBRECHT (Anm. 4), S.
171, „daß sich die Volkssprache als schriftliches Medium der Laienkultur erst im XV. Jahr-
hundert konstituierte“.
Minne schreiben 193

–, doch für die volkssprachliche Literatur adliger Trägerschichten darf man


nicht einfach das neuzeitliche Modell des ‚schreibenden Autors‘ vorausset-
zen. Schreiben war bis ins 13. Jahrhundert hinein noch eine dienende Tä-
tigkeit, die kodifizierte, was der Verfasser – unter Benutzung der Schrift-
lichkeit – stimmlich produzierte.9
Im vorliegenden Beitrag möchte ich der Frage nachgehen, wie ‚Schrei-
ben‘ und ‚Schrift‘ in den Minnereden,10 der umfangreichsten Gattung welt-
licher Dichtung des deutschen Spätmittelalters, thematisiert werden, welche
Funktionen sie dort haben und welche ihnen von diesen Texten zugewiesen
werden. Damit möchte ich einen Beitrag leisten zur Erforschung der Skrip-
turalisierung der mittelalterlichen Kultur, die sich im Spannungsfeld von
mündlicher Kommunikation, konzeptioneller Schriftlichkeit und Schreiben
als eigenhändiger Textproduktion vollzieht. Es wird nicht darum gehen,
denkbare Formen der performance für Minnereden zu rekonstruieren,11 nicht
um den unvollständigen Status schriftlicher Texte des Mittelalters, die (wahr-
scheinlich) ‚ursprünglich‘ für Aufführungssituationen verfasst wurden,12

9 Vgl. DIETMAR RIEGER: ‚Chantar‘ und ‚faire‘. Zum Problem der trobadoresken Improvisati-
on. In: Zeitschrift für romanische Philologie 106 (1990), S. 423-435, hier S. 427. – Ex nega-
tivo lässt sich die dienende Rolle des Schreibens auch am Autornamen „Der Tugendhafte
Schreiber“ ablesen. Dass ein Dichter mit eigenem Œuvre in der Manessischen Liederhand-
schrift (und als Teilnehmer am Wartburgkrieg) einen solchen Namen (mit dem nicht gerade
spezifischen Epitheton ‚tugendhaft‘) trägt, indiziert, dass sich alle anderen Dichter nicht als
Schreiber verstanden (dass sie sich nicht als ‚tugendhaft‘ verstanden, kann man wohl aus-
schließen). Schreiber zu sein ist ein Differenzkriterium gegenüber anderen Dichtern. Das gilt
wohl auch, wenn ‚Schreiber‘ eine „Berufsbezeichnung“ wäre (GISELA KORNRUMPF: Der
Tugendhafte Schreiber. In: 2VL 9 [1995], Sp. 1138-1141, hier Sp. 1138).
10 Vgl. TILO BRANDIS: Mittelhochdeutsche, mittelniederdeutsche und mittelniederländische
Minnereden. Verzeichnis der Handschriften und Drucke, München 1968 (MTU 25); WAL-
TER BLANK: Die deutsche Minneallegorie. Gestaltung und Funktion einer spätmittelalterli-
chen Dichtungsform, Stuttgart 1970 (Germanistische Abhandlungen 34); INGEBORG GLIER:
Artes amandi. Untersuchung zu Geschichte, Überlieferung und Typologie der deutschen
Minnereden, München 1971 (MTU 34).
11 Eine solche Rekonstruktion wurde von mir und andern verschiedentlich unter den Begriffen
der Anschlusskommunikation oder der Minnereden-Kommunikationsgemeinschaften ver-
sucht, vgl. z. B. LUDGER LIEB/PETER STROHSCHNEIDER: Die Grenzen der Minnekommuni-
kation. Interpretationsskizzen über Zugangsregulierungen und Verschwiegenheitsgebote im
Diskurs spätmittelalterlicher Minnereden. In: Das Öffentliche und Private in der Vormoder-
ne. Hrsg. von GERT MELVILLE/PETER VON MOOS, Köln, Weimar, Wien 1998, S. 275-305.
12 Um diesen Aspekt des schriftlich überlieferten Textes hat sich die Mediävistik in den vergan-
genen Jahrzehnten zurecht sehr verdient gemacht; vgl. neben vielem anderen z. B. PAUL
ZUMTHOR: The Text and the Voice. In: New Literary History 16 (1984/85), S. 67-92; JAN-
DIRK MÜLLER: Ritual, Sprecherfiktion und Erzählung. Literarisierungstendenzen im späte-
ren Minnesang. In: Wechselspiele. Kommunikationsformen und Gattungsinterferenzen
mittelhochdeutscher Lyrik. Hrsg. von MICHAEL SCHILLING/PETER STROHSCHNEIDER, Hei-
delberg 1996 (GRM-Beiheft 13), S. 43-76; wiederabgedruckt in: DERS.: Minnesang und Lite-
raturtheorie. Hrsg. von UTE VON BLOH/ARMIN SCHULZ, Tübingen 2001, S. 177-208.
194 Ludger Lieb

sondern um die Entdeckung der Schrift als eines Mediums, das nicht nur
als Hilfmittel für das Verfassen, Memorieren und Vorlesen von langen und
komplexen Texten verwendet werden konnte, sondern auch der personalen
Identitätsstiftung des adligen oder stadtbürgerlichen Dilettanten diente.13
Die so genannten Minnereden bilden eine sehr umfangreiche Textmas-
se,14 deren überraschend großes Potenzial für kulturwissenschaftliche und
philologische Fragen derzeit in einem von der Fritz Thyssen Stiftung finan-
zierten Projekt an der TU Dresden erschlossen wird.15 Dieses Projekt hat

13 Man mag sich aus einsichtigen Gründen scheuen, einen Vergleich zwischen den Verfassern
von Minnereden und Petrarca zu ziehen, doch mit vielen Abstrichen kann man die Bedeu-
tung, die Petrarca dem eigenhändigen Schreiben zumisst, auch dem Produzieren von Min-
nereden zubilligen: Schreiben als „Akt der Selbstprüfung und Selbsthilfe“, ja der „Selbstkon-
stitution“ (LUDWIG [Anm. 8], S. 198, in Rekurs auf KARLHEINZ STIERLE: Francesco Petrarca.
Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhunderts, München, Wien 2003, S. 396f.).
14 Über 500 verschiedene Minnereden sind überliefert, mehr als die Hälfte davon in mehreren
Handschriften. Gemeinsam ist ihnen inhaltlich das Thema Minne. Formal zeichnen sie sich
dadurch aus, dass sie in Reimpaarversen abgefasst, also nicht sangbar sind (Minnereden sind
keine Minnelieder; sie sind auch meist viel umfangreicher) und dass in ihnen nicht das Er-
zählen im Vordergrund steht, sondern Reflexion, Didaxe, Allegorie und Exemplarik (Min-
nereden sind also keine Romane oder Mären); vgl. zur Einführung meinen Artikel: Minne-
rede. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neubearbeitung des Reallexikons
der deutschen Literaturgeschichte. Hrsg. von HARALD FRICKE, Bd. 2, Berlin 2000, S. 601-
604, sowie den vorzüglichen Forschungsbericht von WOLFGANG ACHNITZ: Minnereden. In:
Forschungsberichte zur Internationalen Germanistik. Germanistische Mediävistik. Hrsg.
von HANS-JOCHEN SCHIEWER unter Mitarbeit von JOCHEN CONZELMANN, Bern 2003 (Jahr-
buch für Internationale Germanistik, Reihe C, Forschungsberichte 6), S. 197-255.
15 Ziel dieses von mir geleiteten Projekts ist die Publikation eines Handbuchs Minnereden (mit
Auswahledition). Dieses Werk, das voraussichtlich 2008 bei de Gruyter, Berlin, New York er-
scheinen wird (hrsg. von JACOB KLINGNER und LUDGER LIEB), umfasst erstens eine völlige
Neubearbeitung des Repertoriums von BRANDIS (Anm. 10), das durch detaillierte Überliefe-
rungsbeschreibungen und ausführliche Inhaltsangaben ergänzt wird. Umfangreiche Register
werden diese Datenmassen erschließen. Zweitens gehört eine Edition zu diesem Handbuch,
die eine repräsentative Auswahl verschiedenster Minnereden für Forschung und Lehre bereit-
stellt. Drittens soll eine Einführung in mehreren Durchgängen das Textkorpus unter inhalt-
lichen und funktionalen Aspekten erschließen und dabei wichtige Aspekte und Faszinations-
typen der ‚Minne-Kultur‘ des 14. und 15. Jahrhunderts erarbeiten. Der vorliegende Aufsatz
versteht sich als Vorarbeit zu einem solchen Aspekt („Medien der Liebe“); Vorarbeiten zu
anderen Aspekten wurden bereits publiziert, vgl. etwa JACOB KLINGNER/LUDGER LIEB:
Flucht aus der Burg. Überlegungen zur Spannung zwischen institutionellem Raum und kom-
munikativer Offenheit in den Minnereden. In: Die Burg im Minnesang und als Allegorie im
deutschen Mittelalter. Hrsg. von RICARDA BAUSCHKE, Frankfurt a. M. 2006 (Kultur, Wissen-
schaft, Literatur. Beiträge zur Mittelalterforschung 10), S. 139-160; LUDGER LIEB/OTTO
NEUDECK: Zur Poetik und Kultur der Minnereden. Eine Einleitung. In: Triviale Minne. Kon-
ventionalität und Trivialisierung in spätmittelalterlichen Minnereden. Hrsg. von DENS., Berlin,
New York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literatur- und Kulturgeschichte 40), S. 1–17;
LUDGER LIEB: Umschreiben und Weiterschreiben. Verfahren der Textproduktion von Min-
nereden. In: Texttyp und Textproduktion in der deutschen Literatur des Mittelalters. Hrsg.
von ELIZABETH ANDERSEN/MANFRED EIKELMANN/ANNE SIMON, Berlin, New York 2005
(Trends in Medieval Philology 7), S. 143–161; LUDGER LIEB/PETER STROHSCHNEIDER: Zur
Minne schreiben 195

es überhaupt ermöglicht, das Material für den vorliegenden Aufsatz zu


bergen und auf diese Weise zu präsentieren.16 Gegliedert habe ich die Bei-
spiele in drei große Gruppen: zunächst die Beispiele für eine Metaphorik
von Schreiben und Schrift (I.), sodann die intradiegetischen, d. h. in der
erzählten Welt vorkommenden Formen der Schriftlichkeit und des Schrei-
bens (II.), schließlich die Praxis des Schreibens von Minnereden selbst
(Minnereden als schriftlich verfasste Texte), deren Erforschung sich aller-
dings im wesentlichen ebenfalls auf intradiegetische Phänomene stützen
muss (III.). Das Ende des Aufsatzes bildet eine zusammenfassende Per-
spektivierung der Minnerede im Kontrast zur Liebeslyrik (IV.).

1. Schriftmetaphorik
1.a. Schreiben als Sich Einschreiben: ‚Schreiben ins Herz‘
In der Minnerede mit dem Forschungstitel Glückliche Werbung wirbt das
personifizierte Glück als Bote des männlichen Ich-Sprechers um die Gunst
der Dame. Um die Authentizität der Liebe seines Mandanten zu bezeugen,
argumentiert das Glück folgendermaßen:17
Ich wais das woll furwar
Das er nit wenckt als vmb ain har
Aus ewr lieb zuo kainer stund
Wann im ist rechter lieb grundtt
Geschriben in das hertze sein
Von ewrn clarn ewglen schein
Was soll ich nw sprechen mer
Er tuot nach ewrs hertzen ger (V. 97-104)18
Ich weiß das ganz sicher,
dass er sich in der Liebe zu euch
nie auch nur ein kleines bisschen unsicher wird,
denn ihm ist von dem Schein eurer klaren Augen
der rechte Urgrund der Liebe
in sein Herz hineingeschrieben.
Was soll ich nun noch weiter davon sagen?
Er tut, wie euer Herz es will.

Konventionalität der Minnerede. Eine Skizze am Beispiel von des Elenden Knaben ‚Minne-
gericht‘. In: Literatur und Wandmalerei II. Konventionalität und Konversation. Hrsg. von
ECKART CONRAD LUTZ/JOHANNA THALI/RENÉ WETZEL, Tübingen 2005, S. 109-138.
16 Ich danke herzlich meinen Mitarbeitern JACOB KLINGNER und CHRISTOPH HAGEMANN für
Hilfe und Rat.
17 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 231: Glückliche Werbung. London, British Library, Ms. Add. 24946,
fol. 145r-148r, unediert, V. 97-104.
18 Die Hervorhebungen in diesem und in allen folgenden Zitaten stammen von mir.
196 Ludger Lieb

Anthropologisch gesehen hat die Metaphorik einer solchen ‚Herzschrift‘


mindestens zwei Dimensionen:19 Erstens wird Schreiben hier zu einem Akt
der Verinnerlichung, Schreiben ist ein Hineinschreiben, es ist nicht ein
Schreiben auf ein Trägermedium, sondern ein Schreiben unmittelbar ins
Herz, in das Zentrum des Menschen. Und zweitens ist es ein Festschreiben,
damit das Geschriebene dort im Herzen unauslöschlich sei. Der Vers 103
(Was soll ich nw sprechen mer?) lässt sich in dieser Hinsicht verstehen: Weil es
geschrieben steht, bedarf es weiterer Beweise nicht.
Eine neue Dimension fügt das folgende Zitat aus einem Neujahrsgruß
hinzu, in dem dieser Aspekt des Festschreibens noch gesteigert wird:20
Darumb, mein aller schönstes weib,
Mein stätten dienst also b e s c h r e i b
In deines hertzen marmelstain,
Mit rechter lieb mich wider main. (V. 43–46)
Darum schreibe, meine allerschönste Frau,
meinen beständigen Dienst
in den Marmor deines Herzens.
Und denke deinerseits mit rechter Liebe an mich.

Das marmorne Herz der geliebten Dame, das auch ein Bild für ihre ‚Hart-
Herzigkeit‘ sein könnte, wird hier umcodiert: Der Marmor des Herzens
wird zum unvergänglichen Trägermedium einer Schrift, so dass die Schrift
und die Aussage der Dienstversicherung dauerhaft in ihrem Inneren beste-
hen bleibe und dauerhaft gewusst werde. Das Bild des Einschreibens ins
Herz impliziert aber auch die Vorstellung einer Medialisierung des Herzens
zu einem hermeneutischen Innenraum: Das Innere des Menschen wird
zum Ort hermeneutischer Akte, hier kann geschrieben und gelesen wer-
den. Genauerhin schreibt die Dame hier in den Marmor ihres Herzen den
Dienst des Mannes, d. h. sie schreibt die Taten des Mannes auf, so dass sie
dort im hermeneutischen Innenraum ihres Herzens unauslöschlich immer
wieder gelesen werden können.
Die archivalische Funktion eines solchen ‚Dienstaufschreibe-Apparats‘
findet ihren Sinn nicht zuletzt darin, dass mit ihr auch die Forderung nach

19 Zum biblischen Bild vom ‚Schreiben ins Herz‘ vgl. FRIEDRICH OHLY: Cor amantis non an-
gustum. Vom Wohnen im Herzen [zuerst 1970]. In: DERS.: Schriften zur mittelalterlichen
Bedeutungsforschung, Darmstadt 21983, S. 128-155, hier S. 130 mit Anm. 1 und 135f. mit
Anm. 14. Das alttestamentliche Bild wird im neuen Testament aufgenommen, vgl. z.B. 2 Kor
3,3: Gott schreibt mit den Fingern des Hl. Geistes non in tabulis lapideis, sed in tabulis cordis
carnalibus; „nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf die fleischlichen Tafeln des Herzens“.
20 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 164: Neujahrsgruß auf 1444. Edition: Liederbuch der Clara Hätzlerin.
Hrsg. von CARL HALTAUS, Quedlinburg, Leipzig 1840 (Bibliothek der gesammten deutschen
National-Literatur 8). Neudruck mit einem Nachwort von Hanns Fischer, Berlin 1966, Nr.
II 37.
Minne schreiben 197

einer Gegenleistung verbunden ist: Mit rechter lieb mich wider main (V. 46). Zu
Grunde liegt hier das für die Minnereden typische Denkmodell, dass der
Dienst des Mannes die Liebe der Frau als Gegengabe fordert, ja dass der
dienende Mann die Gegenliebe sogar einklagen könne. Diese Ökonomisie-
rung der Liebe als Tauschhandel führt z. T. regelrecht zu einer Minne-Büro-
kratie (auch das ist anthropologisch interessant, gehört aber nicht hierher).
Eine interessante Variante der Metapher vom ‚Schreiben ins Herz‘ fin-
det sich in der Minneburg. Hier bittet das Ich Frau Minne um Hilfe bei seiner
Liebeswerbung:21
In ires hertzen zedeln
Entwirf mich sunder wenken! (V. 1544f.)

Auf den Zetteln ihres Herzens


zeichne ein unwandelbares Bild von mir!

Die metaphorische ‚Verzettelung‘ des Herzens weist bereits auf das voraus,
was unten (Abschnitt III.) eine wichtige Rolle spielt: die Schreibpraxis von
Minnereden als Liebespraxis. Hier sei zunächst auf die Funktionslogik der
Metapher hingewiesen: Auch hier ist – im Sinne des hermeneutischen In-
nenraums – das Abbild des Ichs, das Frau Minne in das Herz der Dame
hineinschreiben soll (der ‚Entwurf‘), der Grund dafür, dass die Frau an den
Geliebten denken muss:
Hilff daz sie muß gedenken
Truwe und allez gutes mir! (V. 1546f.)

Hilf, dass sie mir


Treue und alles Gute zudenken muss!

Wie sehr die Bildlichkeit des Schreibens ins Herz eine lesbare Schrift aus
Buchstaben konnotiert, mag eine Stelle aus dem fünften Dresdner Liebesbrief
zeigen:22
Du pist mir in das hercz begraben
Mit hundert tausent buochstaben (V. 44f.)

Du bist mit 100.000 Buchstaben


in mein Herz eingraviert.

21 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 485: Die Minneburg. Edition: Die Minneburg. Nach der Heidelberger
Pergamenthandschrift (cpg 455) unter Heranziehung der Kölner Handschrift und der Do-
naueschinger und Prager Fragmente hrsg. von HANS PYRITZ, Berlin 1950 (DTM 43).
22 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 123: Liebesbrief. Edition: Codex Dresden M 68. Bearbeitet von
PAULA HEFTI, München 1980, S. 326-328.
198 Ludger Lieb

Dass der hermeneutische Innenraum des Herzens nicht nur einer ist, in
dem geschrieben wird, sondern in dem auch das Geschriebene wieder und
wieder gelesen werden kann, hat Hans Folz in seiner Minnerede Der neu gülden
Traum explizit ausgedrückt. Als die Dame in der Kammer erscheint, sagt
sie als erstes folgendes:23
„eins ich dich fragen muß.
Sag, hastu auch in meim abwesen
Ye i n d e i m h e r c z e n ü b e r l e s e n :
Unser peyder glüpnus und trew,
Die in meym herczen noch sint new,
Mynderten sich nie um ein har?“ (V. 132-137)
„Nach einer Sache muss ich dich fragen.
Hast du auch in meiner Abwesenheit
immer in deinem Herzen
unser beiderseitiges Gelöbnis und Treueversprechen durchgelesen,
die in meinem Herzen noch immer neu sind
und deren Geltung sich kein bisschen vermindert hat?“

Wie mit den angeführten Beispielen (die noch um viele ergänzt werden
könnten) gezeigt werden konnte, impliziert die Metaphorik von Aufschrei-
ben und Einschreiben des Dienstes oder der Treue in das Herz zwei an-
thropologisch relevante Dimensionen:
1. Schreiben wird zum Akt des unmittelbaren Zugangs zum Herzen,
d. h. zum innersten Zentrum der oder des Geliebten.
2. Das Herz wird medialisiert zu einem hermeneutischen Innenraum,
in dem aufgeschrieben und gelesen wird, in dem das Geschriebene dauer-
haft archiviert und immer wieder abgerufen werden kann.24

23 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 252: Der Traum. Edition: Hans Folz: Die Reimpaarsprüche. Hrsg.
von HANNS FISCHER, München 1961 (MTU 1), Nr. 31. Zu diesem Text vgl. jetzt JACOB
KLINGNER: ‚Der Traum‘ – ein Überlieferungsschlager? Überlieferungsgeschichtliche Beob-
achtungen zu einer ‚populären‘ Minnerede des 15. Jahrhunderts. In: Triviale Minne? Kon-
ventionalität und Trivialisierung in spätmittelalterlichen Minnereden. Hrsg. von LUDGER
LIEB/OTTO NEUDECK, Berlin, New York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literatur-
und Kulturgeschichte 40), S. 91-118, hier S. 104-111.
24 Die Metaphorik kann so dominant werden, dass sie auf den ganzen Text ausgreift. So wird
eine Minnerede des 14. Jahrhunderts komplett und regelgerecht als Urkunde der Minne gestal-
tet: BRANDIS (Anm. 10), Nr. 14: Urkunde der Minne. Edition: Lieder-Saal. Sammlung altdeut-
scher Gedichte. Hrsg. von JOSEPH FREIHERR VON LASSBERG, Bd. 3, o. O. 1825. Nachdruck
Hildesheim 1968, S. 459-463, Nr. 232. Gelegentlich verlangt auch die geliebte Dame eine
solche Urkunde vom Werbenden, z. B. im Liebesgespräch des Fröschel von Leidnitz: BRANDIS
(Anm. 10), Nr. 235. Edition: Mittelhochdeutsche Minnereden II. Die Heidelberger Hand-
schriften 313 und 355. Die Berliner Handschrift Ms. germ. fol. 922. Aufgrund der Vorarbei-
ten von WILHELM BRAUNS hrsg. von GERHARD THIELE, o. O. 1938 (DTM 41). Nachdruck
mit einem Nachwort von INGEBORG GLIER, Dublin, Zürich 1967, S. 5-9, Nr. 3 sowie S. 214-
220, Anhang Nr. 3a. Die Frau begründet ihr Verlangen damit, dass sie sich auf die versiegel-
te Urkunde (68: brieff) im Falle des Betrugs (70: ob du mich wollest troffiernn;) berufen könne.
Minne schreiben 199

1.b. Schrift als Speichermedium: ,Aufgeschrieben sein‘


Häufig trifft man in den Minnereden die Metapher eines Buchs oder eines
Verzeichnisses, in dem die Namen der Liebenden schriftlich gespeichert
sind. Vor allem tritt die Metapher dann auf, wenn es um die Angst geht, aus
diesem Minnespeicher herausgestrichen zu werden, was mit dem im klassischen
Mittelhochdeutschen noch nicht belegten Wort abschrîben ausgedrückt wird.
In der Minnerede Der Minner im Garten droht Frau Minne folgende Stra-
fe an für jene Frau, die einem Mann, der die Frauen nicht lobt, Heil wider-
fahren lässt:25
ob dem ymmer heil geschiht
von keinem guten wibe,
die wil ich a b s c h r i b e
von aller hohen, werden art. (V. 258-261)

falls einem solchen [Frauenverächter] jemals Heil widerfährt


von irgendeiner guten Frau,
dann will ich diese aus der Gemeinschaft
der Hochgesinnten und Würdigen herausstreichen.

Und in der Minneburg klagt das Ich an die Dame gerichtet:26


Wiß, ich wird a b g e s c h r i b e n
Von dem lebendigen briefe. (V. 2514f.)

Denke daran: ich werde gestrichen


aus der Urkunde, auf der die Lebenden verzeichnet sind.

Die folgenden Verse stammen ebenfalls aus der Minneburg, genauer: aus
einer Werbungsrede des Ichs an seine Dame, in der der Sprecher seine
vollkommene Abhängigkeit von ihr dadurch ausdrückt, dass er sich mehr-
fach als ihr Leibeigener bezeichnet, u. a. auch in der Wendung:
Ich sten auch an den r o d e l n 27
Do eygen lut sin angeschriben. (V. 1720f.)

Ich stehe auch auf den Rotuli,


auf denen die Leibeigenen aufgeschrieben sind.

25 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 424: Der Minner im Garten. Edition: Mittelhochdeutsche Minnereden
I. Die Heidelberger Handschriften 344, 358, 376 und 393. Mit drei Tafeln. Hrsg. von KURT
MATTHAEI, Berlin 1913 (DTM 24). Nachdruck mit einem Nachwort von INGEBORG GLIER,
Dublin, Zürich 1967, Nr. 5. In dieser Minnerede, V. 6, findet sich auch die Metaphorik vom
Schreiben ins Herz.
26 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 485: Die Minneburg. Edition: Die Minneburg (Anm. 21).
27 rodeln sind Rotuli, also urkundliche Pergamentrollen, auf denen in diesem Fall die Leibeige-
nen einer Herrschaft aufgeschrieben sind.
200 Ludger Lieb

Hier wird eine Basisfunktion von Schriftlichkeit im Mittelalter sichtbar, die


darin besteht, Eigentumsverhältnisse zu fixieren. Diese Metaphorik be-
nutzt der Sprecher, um seine Liebessehnsucht auszudrücken. Es ist offen-
bar die Sehnsucht, aufgeschrieben zu sein. Ähnlich wie der Gläubige ins
Buch des Lebens eingeschrieben sein möchte, so ist es für die Minnenden
absolut entscheidend, dass sie aufgeschrieben sind, dass sie selbst gespei-
chert sind in einem Schrifttext. Denn dies bedeutet Zugehörigkeit und
dauerhafte Legitimierung ihrer eigenen Praxis des Liebens und ihres Re-
dens über die Minne.
‚Schrift als Speichermedium‘ kehrt auch nicht-metaphorisch in den
Minnereden wieder, dort nämlich wo von Büchern oder Briefen erzählt
wird, in denen die Minnenden aufgeschrieben sind. Damit komme ich zum
zweiten Abschnitt, in dem Beispiele ‚intradiegetischer Schriftlichkeit‘ vor-
geführt werden.

2. Intradiegetische Schriftlichkeit
Ich unterscheide hier insgesamt vier Funktionsaspekte von Schrift und
Schreiben. Die erste Funktion (II.a. Schrift als Speichermedium) war gera-
de schon in der Metapher des Aufgeschrieben-Seins Thema. Es folgen zwei
Funktionen, die in gegensätzlicher Weise auf die Minnekommunikation
bezogen sind: II.b. Schrift als Diskursstörung und II.c. Schrift als Diskurs-
generator. Die vierte Funktion besteht in einer affektiven Distanzierung
und Rationalisierung, die durch die Schrift gewährleistet wird (II.d. Schrift
als Reflexionsmedium). Alle diese Funktionen haben letztlich auch mit der
Schreibpraxis der Minnereden zu tun (Abschnitt III.), weshalb ich mich
hier gelegentlich kurz fasse bzw. auf den letzten Abschnitt vorausweise.

2.a. Schrift als Speichermedium


Im Minnegericht des Elenden Knaben wird dem Sprecher (dem Ich) in der jen-
seitigen Welt der Minnepersonifikationen ein Buch gezeigt, in dem sowohl die
Minneregeln als auch alle Liebenden namentlich aufgeführt sind:28

28 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 459: Des Elenden Knaben Minnegericht. Edition: Mittelhochdeutsche
Minnereden I (Anm. 25), Nr. 1; EKKEHARD SCHMIDBERGER: Untersuchungen zu „Der Min-
ne Gericht“ des elenden Knaben. Zum Problem der Tradierung, Rezeption und Tradition
in den deutschen Minnereden des 15. Jahrhunderts. Mit einem Textanhang, Mikrofiche-
Ausg. 1978; zum Minnegericht vgl. auch MARGRETH EGIDI: Ordnung und Überschreitung in
mittelhochdeutschen Minnereden. ‚Der Minne Gericht‘ des Ellenden Knaben. In: Triviale
Minne? Konventionalität und Trivialisierung in spätmittelalterlichen Minnereden. Hrsg. von
LUDGER LIEB/OTTO NEUDECK, Berlin, New York 2006 (Quellen und Forschungen zur
Literatur- und Kulturgeschichte 40), S. 225-240; LIEB/STROHSCHNEIDER (Anm. 15).
Minne schreiben 201

Ich ward gefiert in ain haimlich gemach,


dar an ich a i n b u o c h sach,
d a r i n g e s c h r i b e n w a ß der lieben recht;
und wer ye waß geweßen ir kneht,
der namen waren da all g e s c h r i b e n . (V. 1095-1099)
Ich wurde in ein separiertes Zimmer geführt,
in dem ich ein Buch sah,
in das die Regeln der Minne geschrieben waren
und die Namen derjenigen,
die jemals ihre Knechte gewesen waren.

Doch nicht der Sprecher liest im Folgenden in diesem Buch, vielmehr


unterrichten ihn die Personifikationen, indem sie ihm alle Gesetze und
Regeln der Minne vortragen (der schriftlich kodifizierte Text wird also
mündlich weitergegeben). Die Schrift und das Buch erweisen sich hier als
dauerhafte Speicher sowohl der Namen der Minnenden als auch der Re-
geln der Minne. Durch die unüberhörbare Ähnlichkeit zum Buch des Le-
bens, das im Himmel liegt und in das die Erlösten eingeschrieben sind
(Apc 3,5 und öfter), wird hier auch eine pseudo-religiöse Letztbegründung
für die Gemeinschaft der Minnenden und für die Regeln ihres Zusammen-
lebens gesucht.
Diese Vorstellung von einem Buch, einer Schrift der Minne, hat viel-
leicht etwas zu tun mit der Schriftpraxis der Minnereden selbst. Man
könnte hypothetisch annehmen, dass eine Motivation des Schreibens von
Minnereden genau darin bestünde, einerseits sich selbst in dieses imagi-
näre Buch hineinzuschreiben und andererseits durch die Produktion
von Schrifttext überhaupt erst das Buch und die Schrift der Minne zu
erzeugen. Dieser Gedanke hat zumindest bezüglich des Minnegerichts
des Elenden Knaben eine gewisse Plausibilität: Das Produkt seines
Schreibens über das Buch der Minne erzeugt im Endeffekt einen Text von
knapp 2000 Versen. Damit aber ist es selbst ein Minnebuch, in dem die
Regeln und Gesetze der Minne kodifiziert sind und mit dem der Verfasser
(sofern man ihn mit dem Ich-Sprecher identifiziert) sich selbst initiiert,
sich selbst hineinschreibt in die Gemeinschaft der ‚Minne-Heiligen‘, inso-
fern er nämlich von den Instanzen der Minne, den Personifikationen,
zum Verkünder dieser Regeln und Gesetze und damit zum Vertrauten
gemacht wird.

2.b. Schrift als Diskursstörung


Die zweite Funktion kommt insbesondere in Fällen vor, in denen falsche
oder negative Minnelehren als Schrifttexte verbreitet werden. Die beiden
ausgewählten Beispiele indizieren eine genuine Problematik der Schrift,
dass sie sich nämlich gegenüber dem Verhältnis von Sender und Empfän-
202 Ludger Lieb

ger einer Botschaft verselbständigen kann.29 Vor allem können schriftlich


kommunizierte Texte in Situationen auftauchen, in denen der Verfasser für
seine Verfasserschaft nicht habhaft gemacht werden kann und der kommu-
nizierte Text durch Mangel an Kommunikationsmöglichkeit von Verfasser
und Rezipient eine Irritation hervorruft. Positiv ausgedrückt: Die Schrift
kann für eine gelingende Minnekommunikation nur dann ihren Sinn erfül-
len, wenn die produzierten Texte in Kommunikationsgemeinschaften auf-
gehoben bleiben, wenn sie gewissermaßen intern zirkulieren und nicht in
die Anonymität einer literarischen Öffentlichkeit geraten.
Die folgenden zwei Beispiele kommen darin überein, dass in ihnen
schriftliche Dokumente vorgebracht werden, in denen negative und falsche
Minnelehren erteilt werden. Schrift erscheint hier als Medium der Antimin-
ne, als Stein des Anstoßes.
In der Ironischen Minnelehre beklagt sich der Sprecher einleitend über die
Frauen, die häufig jene Männer als Liebhaber bevorzugen, die unmoralisch
und untreu allen Frauen schöne Augen machen. Im Folgenden zitiert er –
und nur das interessiert hier – einen anonymen Verfasser eines Textes (V.
64: ain schreiber gar untugenthaft), der für die schlechten Liebhaber die Lehren
verfasst habe:30
Darzu so haut sein maisterschaft
ain schreiber gar untugenthaft
gelert von allen mannen.
man solt in zwar verpannen,
der frawen also ab gestat
und w i d e r s i g e d i c h t e t haut.
nun hörend zuo dem faigen wicht,
das er so übel hat gedicht.
er set als py namen:
„man, du solt dich nit schamen
gen weiben weder groß noch clain.
dein hertz mach aller welt gemain. [...]“ (V. 63-74)

29 Dies ist natürlich vor allem beim Liebesbrief eine Gefahr, die allerdings in den Minnereden
nur selten thematisiert wird, z. B. in der Minnerede Die getrennten Liebenden (BRANDIS [Anm.
10], Nr. 215), vgl. dazu LIEB/STROHSCHNEIDER (Anm. 11).
30 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 350: Ironische Minnelehre. Edition: Zwölf Minnereden des Cgm 270.
Kritisch hrsg. von ROSMARIE LEIDERER, Berlin 1972 (Texte des späten Mittelalters und der
frühen Neuzeit 27), Nr. 10. Gegenüber der hier zitierten Fassung im cgm 270 überliefert der
andere Textzeuge (Weimar, Herzogin Anna Amalia-Bibliothek, Ms. O 145, fol. 151r-160v)
diese einleitenden und ausleitenden apologetischen Bemerkungen nicht, so dass man eigent-
lich sagen muss: Im cgm 270 liegt ein Fall von reflektierter schriftlicher Rezeption vor, die
den Inhalt des rezipierten Textes zwar wiedergibt, aber mit Zusätzen versieht, so dass der
ursprüngliche Text als schriftlicher fixiert wird und dadurch auf Distanz gehalten wird.
Minne schreiben 203

Zudem hat ein Schreiber seine Fähigkeiten


für eine ganz tugendlose Lehre
aller Männer gebraucht.
Man sollte den auf jeden Fall verbannen,
der auf diese Weise von den Damen abfällt
und gegen sie dichtet.
Hört nun dem bösen Kerl zu,
was er so Übles gedichtet hat.
Er sagt wahrhaftig:
„Mann, du brauchst gegenüber Frauen,
ob sie groß oder klein sind, keine Scham empfinden.
Schenke dein Herz jeder auf der Welt. [...]“

Auf diese Weise geht es 200 Verse lang weiter. Die Problematik, die aus der
Abkoppelung der schriftlichen Texte von der gemeinsamen Face-to-face-
Kommunikation resultiert, findet sich auch in der erzählenden Minnerede
Der Frau Venus neue Ordnung. Hier trifft der Ich-Sprecher im amoenen Wald
auf zwei Damen, die ihn fragen, wie er denn die neue Ordnung der Liebe
finde. Der Sprecher weiß nichts von dieser neuen Liebe und bittet daher
die Damen, ihn aufzuklären. Eine der Damen tut dies:31
Sie sprach: ‚es ist vns b e s c h r i b e n g e b e n
Jr mensur vnd Jr geferte
*Doch ist Jr ordenn nicht so hertt
*Als der fordern liebe was‘
Sie zeiget mir e i n e n b r i e f d e n I c h l a s
Sie sprach: ‚den hat fraw Venus gesant
Jren besundern freünden In das lant‘
der hub von ersten an
Als Ich Jn verstan han
Das ist der brieff
Wir Venus von gotes gnaden
Erlauben das on vnsern schaden
Das ein yetlich mensch, fraw oder man
Sol fürpas drej pulen han.
[...]

Sie sagte: „Uns ist schriftlich ihre Regel


und ihre Verhaltensweise mitgeteilt worden.
Jedenfalls ist ihre Ordnung nicht mehr so hart
wie die der früheren Minne.“
Sie zeigte mir einen Brief, den ich las.

31 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 356: Der Frau Venus neue Ordnung. Edition: Fastnachtspiele aus dem
fünfzehnten Jahrhundert. Hrsg. von ADELBERT VON KELLER, Bd. 3, Stuttgart 1853 (Biblio-
thek des Litterarischen Vereins in Stuttgart), S. 1407-1414, v. 104-116; *v. 106f. nach der
Parallelüberlieferung in Berlin, SBB-PK, Ms. germ. fol. 488. – Zu den Fassungen und zur
Überlieferungsgeschichte dieser Minnerede vgl. LIEB (Anm. 15), S. 152-154.
204 Ludger Lieb

Sie sagte: „Den hat Frau Venus


ihren ausgewählten Freunden im ganzen Land zugesandt.“
Er begann, so wie ich ihn damals verstanden habe,
folgendermaßen:
Das ist der Brief:
Wir, Frau Venus von Gottes Gnaden,
erlauben im Einklang mit uns selbst,
dass jeder Mensch, ob Frau oder Mann,
fortan drei Liebesbeziehungen gleichzeitig haben soll.
[...]

Die Norm der Vermittlung von Lehren war oben im Minnegericht des Elenden
Knaben zu beobachten. Sie wird garantiert von einer quasi priesterlichen
Exegesekompetenz. Die Norm ist, dass Frau Minne (oder eine ihrer Perso-
nifikationen) in einer Face-to-face-Kommunikation ihre Lehren vermittelt.
In solchen Interaktionen kann die Lehre kontrolliert werden. Dass sie hier
einen Brief ausgibt, ist schon an sich ein Zeichen der Verkehrung. Dass
solche nicht-konformen Lehren intradiegetisch in der Schrift erscheinen, hat
meines Erachtens damit zu tun, dass in diesen Fällen Schriftlichkeit nicht
mehr umgeben und kontrolliert ist von den produzierenden Kommunikati-
onsgemeinschaften. Das ist gefährlich. Schrift kann Inhalte transportieren,
die außerhalb der Diskursregeln stehen und auf diese Weise den konventio-
nalisierten Diskurs zum Erliegen bringen. Im letzten Beispiel kann das daran
abgelesen werden, dass nach der Wiedergabe des Briefes und der Irritation
des Sprechers (er stellt indigniert fest, dass ihm eine Buhlschaft schon an-
strengend genug sei) gerade keine Minnekommunikation mehr stattfindet,
sondern die zwei Damen sich vom Sprecher verabschieden.
2.c. Schrift als Diskursgenerator
Die dritte Funktion ist gewissermaßen das positive Gegenstück zur Dis-
kursstörung. Schrifttexte, die diskursgenerierend wirken, die also An-
schlusskommunikation hervorbringen und kontrollieren, sind entweder
literarisch ausgezeichnete Prätexte der ganzen Minneredentradition (z. B.
der Tristanroman)32 oder persönlich weitergegebene Texte, wie der Brief
von Frau Venus im folgenden Beispiel.
Der Ich-Sprecher im Liebesgespräch (I) erzählt, wie er einst seiner Gelieb-
ten begegnete und zur Einleitung des Liebesgesprächs einen Brief benutz-
te, den ihm Frau Venus geschrieben hat:33

32 Diesen Aspekt habe ich mit PETER STROHSCHNEIDER (Anm. 11) bereits ausführlicher behan-
delt, so dass ich mir erlaube, diesen Abschnitt etwas kürzer zu fassen.
33 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 239: Liebesgespräch. Edition: Die Haager Liederhandschrift. Faksimi-
le des Originals mit Einleitung und Transkription. Hrsg. von ERNST FERDINAND KOSSMANN,
Haag 1940, Nr. 44.
Minne schreiben 205

Sus dwanch mich die goete,


Das ich ir so holt was.
Sehant ich einen brief las,
Den sande mir Venus,
Und hies mir sprechen zus:
„Vrouwe, dir in darf nit wonderen,
Das ich dir ussonderen
Vor allen anderen wiben.
Du eyne machs verdriben
Mine sorge und clage,
Die ich in min hertze drage [...].“ (V. 36-50)

So [aufgrund ihrer Schönheit] konnte ich es nicht verweigern,


der Guten ganz gewogen zu sein.
Sogleich las ich einen Brief,
den mir Frau Venus gesandt hatte;
sie riet mir, folgendermaßen zu sprechen:
„Herrin, du brauchst dich nicht zu fragen,
warum ich dich aus allen Frauen
ausgewählt habe.
Du allein kannst meine Sorge
und Klage vertreiben,
die ich in meinem Herzen trage [...].“

Der Brief von Frau Venus, den der Sprecher hier benutzt, um im schwie-
rigen ersten Anfangen des Gesprächs nicht topisch zu verstummen,34 ist
ganz konventionell. Es wird nichts anderes formuliert als das, was in vielen
Minnereden an Formeln und stereotypen Argumenten vorgeführt wird.
Daran ist zu sehen, wie wichtig die schriftlich distribuierten konventionel-
len Minnereden für die konkrete Minnekommunikation sein können. Was
in der Schrift verfügbar ist, hat man als Wiedergebrauchsrede zur Hand,
und man kann auf diese Weise die Kommunikation zumindest erfolgreich
in Gang bringen.

2.d. Schrift als Reflexionsmedium


Eine vierte Funktion textinterner Schriftlichkeit ist die Schrift als Reflexi-
onsmedium, als Distanzierungsstrategie und Affektkontrolle. Ich habe ein
Beispiel gewählt, in der diese Funktion ex negativo deutlich hervortritt: Der
Liebesbrief von Gozold. In dieser Minnerede tritt der Ich-Sprecher als
Schreiber auf: Als er eine trauernde Dame im Wald trifft, bietet er ihr seine

34 Zur Topik des Verstummens vgl. KATHARINA WALLMANN: Minnebedingtes Schweigen in


Minnesang, Lied und Minnerede des 12. bis 16. Jahrhunderts, Frankfurt a. M. u. a. 1985
(Mikrokosmos 13).
206 Ludger Lieb

Hilfe an. Er will in ihrem Auftrag einen Liebesbrief an ihren Geliebten


schreiben. Sie freut sich darüber. Doch als er sie bittet, ihm etwas zu dik-
tieren, sagt sie:35
‚s c h r e i b a l s u s t ,
Das ist meins hertzen gelust:
„Lieb vnd lieb, ée lieb vnd nóch lieb!
Also bin ich dir hie
Meins hertzen lieb on end!“‘ (V. 105-109)

,schreib folgendermaßen,
so wie es der Lust meines Herzens entspricht:
„Lieb und lieb, früher lieb und noch immer lieb
so bist Du, Liebster meines Herzens,
mir hier lieb ohne Ende!“‘

Die Dame, die von der Minne entzündet ist, ist offensichtlich unfähig einen
Brief zu diktieren, denn sie beherrscht nur die rhetorische Stilfigur der
Wiederholung: lieb vnd lieb... Dass hier ein unzulänglicher Text produziert
wird, sieht man auch daran, dass die drei Verse sich nicht reimen bzw. nicht
mehr als eine Assonanz (lieb : hie) installieren. Der Schreiber wiederum
moniert, dass das Diktierte keineswegs ausreichend sei. Er erwartet offen-
bar, dass die Dame – rhetorisch versiert – den Konventionen des Minne-
redens gemäß mehr Text produziert:
Ich sprach: ‚fraw, mit meiner hennd
Hab ich das p a l d g e s c h r i b e n .
Seit ir by synnen beliben,
So sagent mer, d a s s c h r e i b i c h f u r t .‘
[...]
Sy sprach: ‚Ey, lasz mich ruen bas,
Wann ich des wol bedarff.‘
Vor zoren ich die vedern hin warff.
Da sy nit mer kunt kallen,
Da sach ich empfallen
Der zarten lid vnd leib,
In onmächt viel das schön weib.
Da sach ich an der selben stund
Ain haissen flamm vs irem mund,
Das von der hitz der mund was truck. (V. 110-131)

Ich sagte: ‚Herrin, mit meinen Händen


habe ich das schnell geschrieben.
Wenn ihr noch bei Sinnen seid,

35 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 213: Der Liebesbrief von Gozold. Edition: Liederbuch der Clara Hätz-
lerin (Anm. 20), Nr. II 10.
Minne schreiben 207

dann sagt noch mehr, was ich weiter aufschreiben kann.‘


[...]
Sie sagte: ‚Ach lasst mich lieber ausruhen,
denn ich brauche das jetzt.‘
Aus Zorn warf ich die Feder hin.
Sie konnte nun nicht mehr reden.
Da sah ich, dass die Schöne die Kontrolle
über ihre Glieder und ihren Körper verlor.
In Ohnmacht fiel die gut aussehende Frau.
Da sah ich zur gleichen Zeit
eine heiße Stichflamme, die aus ihrem Mund kam,
so dass ihr Mund von der Hitze ganz trocken wurde.

Vielleicht könnte man hier – mit FOUCAULT gesprochen – eine externe


Prozedur bei der Produktion des Minnediskurses beobachten, nämlich die
Grenze von Vernunft und Wahnsinn: In der Figur der verliebten Frau wird
vorgeführt, wie der Prozess einer Verschriftlichung scheitert (und dieses
Scheitern erzeugt Zorn), weil diese Frau zu affektgeladen, zu emotionali-
siert an das Liebesthema herangeht. Sie verkörpert den nicht diskursivier-
baren Wahnsinn der Minne. Dieser wird quasi mit physiologischer Evidenz
ausgestattet: Weil offenbar aus dem Herzen eine Hitze emporsteigt und als
Flamme sichtbar wird, die aus dem Mund kommt, ist der Mund der Dame
ausgetrocknet. Ihre Sprache ist ‚trockengelegt‘. Abgesehen von der gender-
Thematik, die für die Minnereden noch weitgehend unbeachtet geblieben
ist,36 ist diese Minnerede deswegen interessant, weil sie die Notwendigkeit
einer reflektierenden distanzierten Thematisierung von Minne bewusst
macht: Liebesbriefe und Minnereden haben als Texte nur Erfolg, wenn die
Liebe mit Verstand und der souveränen Verfügung über ästhetische Aus-
drucksformen einhergeht.

3. Schreibpraxis: Minnereden als Schrifttexte


Vorweg möchte ich eine Hypothese formulieren, die an die bisherigen Aus-
führungen anschließt und die sich im Laufe der letzten Beispiele plausibi-
lisieren sollte: Minnereden sind Texte der konzeptionellen Schriftlichkeit
und sie sind überwiegend Texte, die nicht mehr diktierend entstanden, son-

36 Eine Ausnahme bilden vor allem die Arbeiten von ANN MARIE RASMUSSEN, z. B.: Gendered
Knowledge and Eavesdropping in the Late Medieval German Minnerede. In: Speculum 77
(2002), S. 1168–1194; und zuletzt: Masculinity and the Minnerede: Berlin, Staatsbibliothek
Preußischer Kulturbesitz, Ms. germ. oct. 186 (Livonia, 1431). In: Triviale Minne? Konventi-
onalität und Trivialisierung in spätmittelalterlichen Minnereden. Hrsg. von LUDGER LIEB/
OTTO NEUDECK, Berlin, New York 2006 (Quellen und Forschungen zur Literatur- und
Kulturgeschichte 40), S. 119-138.
208 Ludger Lieb

dern im Vollzug eigener Schreibpraxis.37 Dieser Vollzug eigenen kreativen


Schreibens hätte allerdings nicht die Funktion, literarische Texte für eine
literarische Öffentlichkeit zu produzieren (Minnereden sind keine Litera-
tur).38 Das Schreiben von Minnereden zielte vielmehr einerseits auf die
Konstitution und Gestaltung eines hermeneutischen Innenraums, also auf
die Codierung der Innerlichkeit des schreibenden Verfassers und zielte an-
dererseits auf die Konstitution einer imaginären oder auch realen Minne-
kommunikationsgemeinschaft, die die Textproduktion fordert und kon-
trolliert und den minnenden Schreiber involviert.
Über die Praxis des Minnereden-Schreibens haben wir kaum textexter-
ne Aussagen. Wir sind also auch hier – eingedenk der methodischen Prob-
leme, die dieses Vorgehen aufwirft – auf die Selbstaussagen der Texte
angewiesen. Im Folgenden sind daher Textpassagen zusammengestellt, in
denen das schriftliche Verfassen von Minnereden oder minnereden-ähnli-
chen Texten thematisiert wird.
Vorweg seien aber auch Indizien erwähnt, die die zunehmende Domi-
nanz des Schreibens im Kontext literarischer Kommunikation unterstrei-
chen mögen. Das sind z. B. die Erwähnungen des Schreibens als eines
herausragenden Aktes menschlicher Kommunikation. So heißt es etwa in
der Minnerede Der erste Buchstabe der Geliebten:39
Ee ist ain anfang meiner fräden,
Ee, ich muosz dir geüden!
Was der himel hatt beschlossen,
Was wunn von himel ist geflossen,
Was edler frucht vff erden lebt,
Was in hochen lüften schwebt,
Was in wasser hat sein wesen,
Wa s s p r e c h e n , s c h r e i b e n k a n n v n d l e s e n ;
Das grüsz das zart E von mir. (V. 1-9)

Das ‚E‘ ist ein Anfang meiner Freuden,


‚E‘, ich muss dir zujubeln!
Was auch immer der Himmel umschließt,
was auch immer an Wonne vom Himmel herabkommt,
welche edle Frucht auch immer auf Erden lebt,
was auch immer in der Luft oben sich bewegt,

37 Das Scheitern von Gozolds Liebesbrief im vorigen Beispiel wäre vielleicht auch ein Indiz
dafür, dass das Diktieren im Bereich der Minnekommunikation nicht länger funktioniert.
38 Vgl. LUDGER LIEB: Eine Poetik der Wiederholung. Regeln und Funktionen der Minnerede.
In: Text und Kultur. Mittelalterliche Literatur 1150-1450. Hrsg. von URSULA PETERS, Stutt-
gart 2001 (Germanistische Symposien. Berichtsbände 23), S. 506-528.
39 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 4: Der erste Buchstabe der Geliebten. Edition: Liederbuch der Clara
Hätzlerin (Anm. 20), Nr. II 11.
Minne schreiben 209

was auch immer im Wasser lebt,


was auch immer sprechen, schreiben und lesen kann –
alles möge das liebliche ‚E‘ von mir grüßen!

Alles soll das zarte ‚E‘ grüßen. Bemerkenswert ist die Ordnung dieses ‚Al-
les‘: Wonne des Himmels, jede edle Frucht auf Erden (dazu die Lebewesen
in Luft und Wasser) und schließlich: Was sprechen, schreiben kann vnd lesen (V.
8), d. h. doch wohl das, was unter den menschlichen Akten das hervorra-
gende ist. In einem solch weltlichen Hymnus würde man eher die alte For-
mel ‚was singen und sagen kann‘ erwarten, aber neben dem Sprechen sind
in diesen Kontexten der Minnekommunikation eben offenbar vor allem die
Kompetenzen des Schreibens und Lesens von zentraler Bedeutung.40
In der Minnerede Das Wesen der Minne (II) wendet der Sprecher gegen
die klerikale Kritik an der Minne ein, aus seinem Buchwissen gehe hervor,
dass man die Minne nicht meiden solle. Sein Buchwissen über die Minne
aber – und das interessiert hier – unterstreicht er mit dem kodikologischen
Fachbegriff des Quaternio (quatern), einer Lage aus vier Blättern: ich han
manchen quatern / beid her unnd dar gewant.41 Neben dem Hinweis auf die
schriftliche Rezeption lässt sich in dieser Aussage eventuell auch ein Ver-
weis auf die Überlieferungstypik des Einzelfaszikels für solches minnethe-
oretisches Schrifttum (oder gar für Minnereden?) gewinnen. Quaternionen
waren immerhin nicht selten als Einzelfaszikel im Umlauf.42
Auch Minnereden wie der Alphabetische Liebesgruß 43 sprechen dafür, dass
Minnereden für die schriftliche Kommunikation gedacht waren, ebenso die
relativ vielen Texte mit festen Verszahlen (50, 100, oder in der Minneburg
auffallend häufig Einheiten mit 346 Versen).
Nachdem die Annahme eine gewisse Plausibilität erreicht hat, dass Min-
nereden zu einem guten Teil sich als Schrifttexte verstanden und wohl auch
für die ‚private‘ Lektüre bestimmt waren, soll das nächste Beispiel das Ver-
hältnis von Schriftpraxis und Eingeschrieben-Werden beleuchten: Im
Schloss Immer versucht der Ich-Sprecher vergeblich, ein Schloss zu erobern

40 Eines von vielen weiteren Beispielen wäre die Minnerede BRANDIS (Anm. 10), Nr. 267:
Neujahrsgruß an die Frauen. Edition: GEORG K. FROMANN: Neujahrsgruß an die Frauen von
Hans Krug. In: Germania 25 (1880), S. 107-108, hier S. 107f.: Der Sprecher lobt die Frauen:
Durch sy man alle kurtzweil treibt. / Von in man l i ß t s i n g t t v n d s c h r e i b t (V. 27f.; um
derentwillen man alle Kurzweil veranstaltet. Von ihnen liest, singt und schreibt man.)
41 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 285: Das Wesen der Minne. Edition: Mittelhochdeutsche Minnereden
II (Anm. 24), Nr. 8, V. 8f.: ich habe viele Quaternionen hin- und hergewendet.
42 Vgl. KARIN SCHNEIDER: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Ein-
führung, Tübingen 1999 (Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte. B. Ergän-
zungsreihe 8), S. 175-178.
43 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 141: Alphabetischer Liebesgruß. Edition: Mittelhochdeutsche Minne-
reden II (Anm. 24), S. 108-109, Nr. 20.
210 Ludger Lieb

(eine Allegorie auf die missglückte ‚Eroberung‘ seiner geliebten Dame).


Anschließend kommt er traurig und einsam in einen tiefen Wald. Dort trifft
er eine klagende Frau, die sich als Personifikation der Trauer entpuppt und
ihn fragt, ob er auch traurig sei. Das bestätigt das Ich:44
‚[...] Das sült ir wol gelauben mir!
Nembt hin den b r i e f , den leszt ir!‘
Daran es g a n t z g e s c h r i b e n was. (V. 477–479)

‚Das könnt ihr mir glauben!


Nehmt diesen Brief und lest ihn!‘
In diesem Brief war alles aufgeschrieben.

Was das Ich hier also bei sich hat, ist ein schriftlicher Text, der das Leiden
und die Trauer des Ichs ausdrückt. Dieser ‚Brief‘, der kein Brief in unserem
Sinne, sondern eher eine Selbstauskunft des Verfassers ist (also eine Min-
nerede!), dieser Brief legitimiert das Ich als einen traurigen Minnenden vor
einer Instanz der imaginären Welt. Dort und nur dort findet der Brief sein
Recht und seine Funktion. Gelesen wird der Brief nicht von anderen Min-
nenden, sondern allein von dieser Instanz der imaginären Minne-Welt:
Da sy den brief vsz gelas,
Sy sprach: ‚als ich vernomen han,
Du bist ain frädenloser man!
Dein hertz hatt trauren besessen,
Ich hab das wol gemessen;
Du bist auch ellends genosz,
Dein hertz ist an fräden plosz.‘ (V. 480-486)

Nachdem sie den Brief durchgelesen hatte,


sagte sie: ‚So wie ich vernommen habe,
bist du ein freudenloser Mann!
Traurigkeit hat dein Herz besetzt,
ich habe das gut verstanden;
du leidest auch am Unglück und
dein Herz ist ganz ohne Freude.‘

Mit der Schrift seiner ‚Minnerede‘ hat der Ich-Sprecher also die Authenti-
zität seines Minneleidens bewiesen, so dass Frau Trauer ihrerseits diesen
Zustand des Sprechers schriftlich festhalten, ihn einschreiben kann in das
‚Buch der Elenden‘.

44 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 486: Schloß Immer. Edition: Liederbuch der Clara Hätzlerin (Anm.
20), Nr. II 14.
Minne schreiben 211

Wilt du also beleiben,


So will ich dich hie s c h r e i b e n
I n d a s p u o c h der ellenden;
Doch muost du dein hertz wennden
Von der welt gantz vnd gar [...]‘ (V. 487–491)

Willst du also hier bleiben,


so werde ich dich hier in das Buch
der Elenden schreiben,
doch musst du dafür dein Herz
vollständig von der Welt abwenden [...]‘

Die letzte Bedingung, die Aufforderung zur Abkehr von der Welt, zeigt,
worum es hier auch geht: um eine andere Welt, eine Welt des Herzens, die
einen exklusiven Anspruch hat. Diese andere imaginäre Minnewelt ist im
Wesentlichen nur über die Schrift zu haben.
In der umfangreichen Minnerede Der neuen Liebe Buch kommt der Ich-
Erzähler gar nicht mehr selbst zu dem utopischen Ort einer anderen, bes-
seren Welt der Minne, sondern diese Welt ist ihm nurmehr als Buch zugäng-
lich. Als der Ich-Erzähler mit seinem Freund einmal auf der Jagd ist, wird
er von einem fliegenden schwarzen Reiter überrascht. Dieser ist auf dem
Weg in die Stadt der neuen Liebe und übergibt dem Erzähler ein Buch, das
gewissermaßen den Geheimcode für den Zugang in diese Stadt enthält:45

Er zoch ain buoch herfür


Darinnen stuond von pluot
Schrifft vnd karacter guot
Vnd namlich zirckel dry
Etlich figur darby
Beschwerungen der gaist
Das minst vñ och das maist
Zuo disem experiment
Wie man die kunst vollent
Vnd grüntlich practiciert (V. 922-931)

Er zog ein Buch heraus,


in dem – mit Blut geschrieben –
Schrift und gute Zeichen standen,
auch auf gleiche Weise drei Zirkel
und viele Figuren dabei,
Beschwörungen der Geister

45 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 441: Der neuen Liebe Buch. Edition: HANS HOFMANN: Ein Nachahmer
Hermanns von Sachsenheim, Diss. phil. Marburg 1893; vgl. zu dieser Minnerede demnächst
auch JACOB KLINGNER: Minnereden im Druck [Diss. Berlin 2004].
212 Ludger Lieb

sowie alles, vom Unwichtigsten bis zum Wichtigsten,


für das Experiment,
wie man die Kunstfertigkeit vollenden könne
und von Grund her richtig praktiziere.

Dass dieses Buch mit Blut geschrieben ist, markiert seine Verbundenheit
mit (Herkunft aus?) dem Innern des Körpers. – Statt nun selbst in diese
Stadt der Liebe zu reiten oder zu fliegen, schickt der Ich-Sprecher seinen
Freund dorthin, der ihm nach 7 Jahren endlich ein Buch zukommen lässt,
in dem der utopische Weltentwurf einer Stadt der Minne grundgelegt ist.
Da nam ich her zehand
Das buoch mit lust vnd flyß
Es was vff birment wyß
Von hand geschriben kluog
Mit maisterlichem fuog
Gerymet vnd gedicht
Ich spart mich lenger nicht
Vnd was darzuo behend
Bis ich es het zeend
Gelesen gantz vnd gar
Ob ich gesagen thar
Was sin inhaltung sy
Da wont mir zwyfel by (V. 1740-1752)

Da nahm ich sofort


das Buch mit Lust und Begierde zur Hand.
Es war auf weißes Pergament
schön von Hand geschrieben,
mit meisterlicher Formkunst
gereimt und gedichtet.
Ich wartete nicht länger
und war sehr schnell dabei,
bis ich es vollständig und bis zum Ende
gelesen hatte.
Ob ich sagen darf,
was in dem Buch drin steht,
bezweifle ich.

Aus diesem Grunde wird das Buch nicht vorgelesen. Doch in einem be-
gleitenden Brief beschreibt jener Freund, was in dem Buch steht, und so
– doppelt über die Schrift vermittelt – erfährt auch der Rezipient schließlich
von der Stadt der neuen Liebe.
Mein letztes Beispiel ist die Minneburg.46 Die Minneburg, die in der Mitte
des 14. Jahrhunderts entstanden sein dürfte, ist eine der längsten Minne-
reden (über 5000 Verse) und wohl auch die in der Forschung bekannteste
Minnerede. Sie lässt sich als Metatext oder Programmtext für die ganze
Minne schreiben 213

Minneredentradition beschreiben, denn in ihr finden sich zahlreiche ‚Bin-


nen-Minnereden‘, also Minnereden, die in Form einer Metadiegese in die
allegorische Haupthandlung bzw. in die so genannten unterbint inseriert
werden (unterbint sind ihrerseits Unterbrechungen der Haupthandlung, in
denen das Ich von seiner eigenen Minnebeziehung berichtet). Diese Bin-
nen-Minnereden entwerfen eine ganze Palette von Ausdrucksformen, die
in den Minnereden des 14. und 15. Jahrhunderts typisch werden.
WALTER BLANK legt plausibel dar, wie die Minneburg zwei „Stränge“
miteinander kombiniert:47 Den einen Strang bilden Allegorie, Auslegung
und Lehre, wobei der Schwerpunkt auf einer ausführlichen Minnelehre
liegt, die Ursprung, Wesen, Entwicklung und Regeln der Minne darlegt.
Den anderen Strang bildet die persönliche Minne des Ich-Sprechers, der
einer Frau bereits seine Liebe gestanden hat, aber von ihr keine Gegenliebe
(widerminne)48 erfährt. Der Text besteht zunächst nur aus dem ersten Strang;
der zweite Strang wird erst nach und nach und mit wachsender Intensität
in den ersten Strang hineingeflochten. Dies geschieht vor allem in den so
genannten unterbinden. Am Ende – das fünfte und letzte Kapitel besteht fast
nur aus einem umfänglichen Minnegericht 49 – bestimmt der zweite Strang
den Text vollständig, denn in diesem ‚Minnegericht‘ geht es – im Anschluss
an zwei kürzere Gerichtsfälle – um einen Kasus, in dem die Minne des Ich-
Sprechers, der sich zugleich auch als Verfasser der Minneburg präsentiert,
verhandelt wird. Um die Präsentation dieses Kasus, der in den letzten 1350
Versen des Textes behandelt wird, geht es mir im Folgenden. Denn hier
wird das Verhältnis von Schreiben und Lieben auf eine ganz spezifische
Weise entwickelt.50
Doch zunächst soll noch eine Stelle aus dem dritten unterbint erwähnt
werden: Der Ich-Sprecher erzählt hier, dass er einst im Gebirge auf Amor

46 Die neuesten Arbeiten zur Minneburg: DAVID F[LETCHER] TINSLEY: When the Hero Tells the
Tale. Narrative Studies in the Late-Medieval ‚Minnerede‘. Diss. Princeton University 1985,
S. 94-125; RALF SCHLECHTWEG-JAHN: Minne und Metapher. Die „Minneburg“ als höfischer
Mikrokosmos, Trier 1992 (Literatur, Imagination, Realität 3); ANJA SOMMER: Die Minneburg.
Beiträge zu einer Funktionsgeschichte der Allegorie im späten Mittelalter. Mit der Erstediti-
on der Prosafassung, Frankfurt a. M. u. a. 1999 (Mikrokosmos 52); DOROTHEA KLEIN: Zur
Metaphorik der Gewalt in der ‚Minneburg‘. In: Würzburg, der große Löwenhof und die
deutsche Literatur des Spätmittelalters. Hrsg. von HORST BRUNNER, Würzburg 2004, S. 103-
119; DIES.: Allegorische Burgen. Variationen eines Bildthemas. In: Die Burg im Minnesang
und als Allegorie im deutschen Mittelalter. Hrsg. von RICARDA BAUSCHKE, Frankfurt a. M
2006 (Kultur, Wissenschaft, Literatur. Beiträge zur Mittelalterforschung 10), S. 113-137.
47 BLANK (Anm. 10), S. 216-223.
48 widerminne ist ein Leitbegriff in der Minneburg.
49 Eine ausführliche, in erster Linie narratologische Analyse des Minnegerichts liefert TINSLEY
(Anm. 46), S. 109-116.
50 Um die Rolle der Schrift und des Schreibens in der Minneburg hat sich die Forschung bisher
wenig bemüht.
214 Ludger Lieb

und Venus getroffen und von diesen aufgefordert worden sei, seine Frau
zu beschreiben. Er habe dies als unmöglich zurückgewiesen:51
Wer ich als wise als Salomon [...]
Dannoch kuende ich volloben nitt
Daz aller mynste und cleinste gelitt,
Daz uz ir ist gekirnet.
Wie ich sie undervirnet
In der wysheit alter,
Yd o c h i r e s l o b e s s a l t e r
Wil ich uch lesen hie ein blat,
Als ir mich gebeten hat: [...] (V. 3356. 3361–3368)
Wäre ich so weise wie Salomon [...],
ich könnte trotzdem nicht das allergeringste
und kleinste Körperglied vollständig loben,
das aus ihr entsprossen ist.
Wie jung ich auch
bezogen auf das Alter der Weisheit bin,
ich will euch doch ein Blatt
aus dem Psalter ihres Lobes vortragen,
wie ihr mich gebeten habt: [...]

und hier nun beginnt die extrem hyperbolische Binnen-Minnerede: Irs na-
men luchtig gymme / Ist durch sußet als ein zimme [...] (V. 3369f.; „der leuchtende
Edelstein ihres Namens / ist ganz und gar süß wie Zimt ...“). Der Ich-
Sprecher liest also einen Text vor. Die Angabe, er lese ein Einzelblatt aus
dem Psalter ihres Lobes vor, scheint dabei mehr zu sein als eine hübsche
Metapher. Dahinter steht offenbar die Vorstellung, dass das minnende Ich
bereits eine ganze Sammlung von Minnereden angelegt habe, die es vor den
Instanzen der imaginären Minnewelt vortragen könne. Diese Vorstellung
scheint im Übrigen auch in dieser vorgetragenen hyperbolischen Minnere-
de selbst auf, wenn es von ihrer Schönheit heißt:
Solt man an ein brives zedeln
Daz halbes schriben unde sagen,
Ez kunde ein karre kaum getragen. (V. 3458-3460)
Würde man auf Zetteln
nur die Hälfte davon aufschreiben und sagen,
könnte man es mit einem Karren kaum transportieren.

Das Modell eines Vortrags von eigenen schriftlich verfassten Minnereden


ist der Kulminationspunkt der ganzen Minneburg. In ihrem sehr umfang-
reichen fünften und letzten Kapitel wird – wie gesagt – ein Minnegericht

51 BRANDIS (Anm. 10), Nr. 485: Die Minneburg (Anm. 21).


Minne schreiben 215

erzählt, das am Ende ausschließlich darin besteht, dass zur Bestätigung der
rechten Minne des Ich-Sprechers dessen ‚eigene‘, ‚selbst verfasste‘ Minne-
reden vor Frau Minne und ihrem Hofstaat vorgetragen werden. Insgesamt
handelt es sich um fünf Binnen-Minnereden (von der letzten ist nur der
Anfang erhalten). Die ersten drei Reden haben übrigens annähernd densel-
ben Umfang (je ca. 346 Verse)52 wie das erste und zweite Kapitel der Min-
neburg (354 bzw. 346 Verse), was ein Indiz dafür sein könnte, dass es sich
hier um eine Art von Einschachtelung oder re-entry handelt: Was als kon-
ventionell literarisch ausdifferenzierter und bestimmbarer Text beginnt,
umschließt am Ende in seinem Innen, in seiner Diegese mehrere Texte, die
auf dieselbe Weise ausdifferenziert sind. Dadurch gewinnt der ganze Text
die Qualität eines sich selbst reproduzierenden Systems.
Eine treibende Kraft spielt dabei Frau Treue, die als Anwältin ihren
Mandanten, ihren Diener, vor Gericht vertritt. Um das Recht immer noch
evidenter zu machen, fordert sie nämlich Frau Minne auf, mit ihrem Urteil
noch zu warten und lieber noch eine Rede anzuhören. Dabei kommt es
zunächst für den Rezipienten zu einer Irritation, denn der Diener der Frau
Treue entpuppt sich nach und nach als der Ich-Sprecher selbst. Vor der
ersten Binnen-Minnerede, die offenbar Frau Treue vorträgt, berichtet diese
schon, dass die folgende Rede vom Verfasser der Minneburg auf den Diener
der Treue gedichtet worden sei und zudem dass diese beiden der Geburt
nach Zwillinge seien (V. 4246-4266). Nach dem Vortrag dieser Rede schlägt
Frau Treue vor, der Diener solle nun selbst eine Rede vortragen und zwar
wiederum eine Rede, die im durch lieb getichtet hat, / Der ditz buch hat vor getich-
tet (V. 4636f.; „die ihm aus Liebe derjenige gedichtet hat, der auch das
ganze Buch [die Minneburg] zuvor schon gedichtet hat“). Frau Minne stimmt
zu, und es heißt von diesem Diener der Treue:
Ich [!] sprach: ‚hoert zu; ich sag uch daz,
Als ich aller ferste kan.‘
Hie hebt sich die rede an. (V. 4650-4652)
Ich sagte: ‚hört zu, ich sage euch diese Rede,
wie ich es am besten vermag.‘
Hier beginnt die Rede:

Es wurde bemerkt, dass in V. 4650 „der Autor selbst oder aber einer der
Abschreiber die Kontrolle über die Identitäten kurzfristig verloren hat“.53
Hier müsste eindeutig „er sprach“ stehen, weil der Erzähler diesen Diener
von Frau Treue an allen anderen Stellen mit dem Personalpronomen der
dritten Person Singular bezeichnet.

52 1. Binnen-Minnerede: V. 4267-4612 = 346 Verse; 2. Binnen-Minnerede: V. 4653-4998 = 346


Verse; 3. Binnen-Minnerede: V. 5013-5342 = 330 Verse.
53 SCHLECHTWEG-JAHN (Anm. 46), S. 234.
216 Ludger Lieb

Nach dem Vortrag dieser zweiten Binnen-Minnerede redet Frau Treue


erneut auf Frau Minne ein, sie solle noch warten und den Diener bitten,
eine weitere Rede vorzubringen (V. 5004-5007). Auch dem wird ohne gro-
ße Diskussion entsprochen. Erst das Gespräch nach der dritten und vor
dem Vortrag der vierten Binnen-Minnerede (diese Rede beginnt mit V.
5362) ist für die vorliegende Fragestellung wieder von Bedeutung, und ich
zitiere es daher vollständig:
‚O Venus, keyserynne,
Hie horet ware mynne
Von dem getruwen diner min!
Heizzet uech noch sagen ein rede fin:
Die vert erst uz der smitten.
Und nach der virden und dritten
Rede so fragt an gunderfeit,
Als die rede sy fur geleit.‘
Also so rett fraw Truwe.
‚Fraw Mynne, durch gantze ruwe
Horet zu dem diner min!‘
Do entwurt Mynne die richterin
Und sprach: ‚fraw Truwe, ich wolde
Daz ich der rede solde
Nach ein ander horen hundert;
Wann ich wol merk daz lundert
Min fuer in im gar brunsticlich.
Ey geselle, heb an und sprich
Die rede durch die frawen din!‘ (V. 5343-5361)

‚O Venus, Kaiserin,
hier hört ihr wahre Minne
von meinem treuen Diener.
Befehlt, dass er noch eine schöne Rede vortrage,
eine, die gerade erst aus der Schmiede kommt.
Und nach der dritten und der vierten Rede
stellt dann erst in Wahrheit Fragen,
je nach dem, wie die Rede vorgelegt wurde.‘
So sprach Frau Treue.
‚Frau Minne, hört wegen des ganzen Kummers
meinem Diener zu.‘
Da antwortete Frau Minne, die Richterin,
und sagte: ‚Frau Treue, ich möchte
am liebsten nacheinander hundert
solcher Reden hören,
denn ich merke sehr gut, dass mein Feuer
in ihm ganz heftig lodert.
Wohlan, Geselle, beginne und trage
die Rede um deiner Dame willen vor.‘
Minne schreiben 217

Hier kommt die Minnerede zu sich selbst: Permanenter Vortrag schriftlich


verfasster Texte vor der imaginären Instanz der Frau Minne, die daran ihren
Gefallen findet. Und diese Permanenz äußert sich schließlich ganz folge-
richtig darin, dass der Text der Minneburg unabgeschlossen ist. Nachdem
der Verfasser/Ich-Sprecher/Diener der Treue seine vierte Minnerede vor-
getragen hat, heißt es: Die rede die lig reht als sie lyt; / Ein andere wil ich sagen
ein wille (V. 5480f.; „Soll diese Rede sein wie sie ist; ich will euch derweil eine
andere vortragen“). Und mit dem nächsten Vers beginnt dann die fünfte
Minnerede, von der aber nurmehr die ersten sieben Verse überliefert sind.54
Die in der Forschung durchgängig bestätigte Vermutung, dass der ‚ur-
sprüngliche‘ Text der Minneburg nur wenig länger war,55 entbehrt jeder
Grundlage. Dasselbe hätte man jedenfalls auch dann vermuten müssen,
wenn der überlieferte Text bereits 1000 Verse früher geendet hätte. Viel-
mehr muss festgestellt werden, dass es so noch ewig weitergehen könnte;
mit Frau Minne gesprochen: Solcher Reden kann man Nach ein ander horen
hundert (V. 5357). Ein Ende ist in dieser Konstellation eigentlich gar nicht
möglich, es muss im Prinzip vor der Instanz der Minne unendlich weiter-
gedichtet werden.
BLANK hat beobachtet, dass diese „Herauszögerung des Endurteils von
innen her sogar schlüssig“ scheint,56 denn nachdem in den ersten zwei
Gerichtsfällen bereits die angeklagten hartherzigen Damen von Frau Min-
ne hart bestraft wurden, kann der Urteilsspruch von Frau Minne über die
Geliebte des Ich-Sprechers auch nur sehr hart ausfallen – doch der Ich-
Sprecher will bis zum Schluss die Möglichkeit offen halten, dass die Ge-
liebte ihm die Gnade doch noch gewährt. Zugleich wird mit der „Heraus-
zögerung“ des Urteils die lebensweltliche Dimension des zweiten Strangs
(BLANK), die persönliche Minne des Ich-Sprechers, ästhetisiert und als sol-
che im permanenten Produzieren von Minnereden auf Dauer gestellt.
Die Bemerkung von Frau Treue vor der vierten Binnen-Minnerede,
diese Rede komme gerade erst uz der smitten (V. 5347), ist jedenfalls offen-
sichtlich ein Selbstreflex des Schreibprozesses: Der Verfasser kommt ans
Ende und schreibt weiter. Das andere, alles, was davor kam, das hatte schon
Bestand, war zusammengestellt, geordnet etc., aber hier schreibt er gerade
noch so weiter (und bricht dann auch nach kaum mehr als 100 Versen ab!?).
Wo aber ist er hingekommen: vor das Minnegericht, vor dem er ewig seine

54 Offenbar ging der Text aber noch auf der letzten Seite der Handschrift, cpg 455, fol. 202v,
weiter, doch laut PYRITZ (Anm. 21), S. XIX, ist diese Seite „so beschmutzt und abgerieben,
daß der Text (der bis zum Ende der Seite durchläuft) bis auf einige Buchstaben und kleine
Wörtchen unleserlich ist.“
55 PYRITZ (Anm. 21), S. XIX: „Groß wird der Umfang des Verlorenen nicht sein“; ebd., S.
LXVII: „kaum mehr als ein kleines Stück“; BLANK (Anm. 10), S. 223.
56 BLANK (Anm. 10), S. 223.
218 Ludger Lieb

Treue bestätigen darf und soll. Erzählzeit und erzählte Zeit fallen am Ende
der Minneburg zusammen: Das erzählte Ich kommt als weiterdichtendes Ich
im Präsens der Erzählzeit des erzählenden Ichs an.

4. Schluss
Um das besondere Verhältnis von Schreiben und Lieben in den Minnere-
den zusammenfassend zu beschreiben, möchte ich als Vergleichsfolie den
Minnesang heranziehen. Dabei geht es mir nicht darum, eine Aussage über
den Minnesang zu machen, sondern hinsichtlich der Rolle der Schriftlich-
keit die Besonderheiten der Minnerede herauszustellen. Ich erlaube mir zu
diesem Zweck, den Minnesang etwas vereinfacht zu beschreiben als: ten-
denziell für die öffentliche Aufführung bestimmtes Minnelied mit künstle-
rischem Anspruch. Vier Merkmale stecken neben dem Thema ‚Minne‘ in
dieser Beschreibung: Der Minnesang ist 1. kunstvoll, 2. für die Öffentlich-
keit bestimmt, 3. aufführungsorientiert und 4. als Lied sangbar. Diesen vier
Merkmalen möchte ich jeweils einen Gegenbegriff hinzufügen, der das
Potenzial der Schrift für die Minnerede ausleuchten soll:
1. nicht kunstvoll, sondern verfügbar: Es geht in den Minnereden nicht um
hohe Kunst eines Meisters, nicht um Werke mit ästhetischem Geltungsan-
spruch und elaborierten Formen, in denen sich ein Autorbewusstsein ma-
nifestierte oder das Bewusstsein, in einer literarischen Tradition zu stehen.
Es geht nicht um ein Gesamtkunstwerk aus Text, Musik, Gesang und Ge-
bärde, sondern es geht um die textuelle Selbstermächtigung eines Minnen-
den, am Minnediskurs teilzuhaben, es geht um Einübung und Benutzung
symbolischer Codes57, um mit anderen Minnenden oder auch mit einer
imaginären Minnediskursgemeinschaft zu kommunizieren. In der Schrift-
lichkeit werden diese Codes verfügbar gemacht. Im Bereich der Minnere-
den ist Schrift ein Diskurszugang, eine Ermöglichung von Ausdruck, eine
Verfügbarmachung einer Sprache über die Liebe.58
2. nicht öffentlich, sondern heimlich-exklusiv: Über die Minne, d. h. über eine
den politischen und kirchlichen Institutionen (z. B. der Ehe) fernstehende
zwischengeschlechtliche Beziehungsform, konnte im Spätmittelalter nicht
einfach öffentlich kommuniziert werden. Bedingung der Möglichkeit, dass
dennoch eine Kommunikation über die Minne zustande kam, war daher
einerseits eine Kommunikationsgemeinschaft mit starken Inklusions- und

57 NIKLAS LUHMANN: Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt a. M. 1982.
58 Vgl. LIEB (Anm. 38); LUDGER LIEB/OTTO NEUDECK: Zur Poetik und Kultur der Minnere-
den. Eine Einleitung. In: Triviale Minne? Konventionalität und Trivialisierung in spätmittel-
alterlichen Minnereden. Hrsg. von DENS., Berlin, New York 2006 (Quellen und Forschungen
zur Literatur- und Kulturgeschichte 40), S. 1-17.
Minne schreiben 219

Exklusionsmechanismen.59 Andererseits konnte gerade auch das eigenhän-


dige Schreiben dem Minnenden ermöglichen, Persönliches und Intimes zu
kommunizieren, denn das eigenhändige Schreiben gewährleistete im Spät-
mittelalter – anders als noch das Diktieren in den Jahrhunderten zuvor – die
dazu „nötige Privatheit“60:
Niemand ist zugegen, vor dem es peinlich sein könnte, Dinge auszudrücken,
die man sonst nie aufgeschrieben hätte. Dreifach war die soziale Kontrolle der
produzierten Texte zuvor: beim Diktat, wenn eine andere Person zugegen
war, die als Zeuge hätte auftreten können; bei der Lectio, ihrer öffentlichen
Verlesung, wenn das Kollektiv selbst zugegen war und lauschte, und schließ-
lich bei ihrer Reproduktion durch Abschriften [...]. Jede dieser Barrieren wur-
de mit der Zeit aus dem Wege geräumt: das Diktat durch eigenhändiges
Schreiben, die öffentliche Lectio durch stilles Lesen und die sozial kontrollier-
te Überlieferung durch private Abschriften, die unter der Hand weitergereicht
wurden.61

Das eigenhändige Schreiben sowie das Weiterreichen ephemerer privater


Abschriften „unter der Hand“ – oder besser: unter Freunden – dürfte für
die Minnereden eine der primären Produktion- und Distributionsweisen
gewesen sein.62
3. nicht aufführungsorientiert, sondern textorientiert: Der Akt des Dichtens
einer Minnerede findet sein Ziel nicht in der Aufführung des Textes, son-
dern in der auf Dauer gestellten Textproduktion, in der Einschreibung in
den Diskurs und in der Fortschreibung des Diskurses. Die Textproduktion
selbst ist schon das, um was es geht: um die Produktion von Texten einer
Diskursformation, die nur durch die Texte selbst lebendig wird. Minnere-
den wurden sicher in irgendeiner Weise rezipiert und sie zirkulierten wohl
auch als schriftlich fixierte Texte, sonst hätte man sie nicht an verschiede-
nen Stellen (z. B. in den heute noch erhaltenen Sammelhandschriften)
‚sammeln‘ können. Aber sie wurden offensichtlich weniger als zur Perfor-
manz geeignete Produkte aufgefasst, sondern als transitorische Produkte:

59 Vgl. LIEB/STROHSCHNEIDER (Anm. 11).


60 PAUL SAENGER: Lesen im Spätmittelalter. In: Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum
Bildschirm. Hrsg. von ROGER CHARTIER/GUGLIELMO CAVALLO, Frankfurt a. M., New York
1999, S. 181-217, hier S. 189. SAENGER berichtet hier unter anderem von Guibert von No-
gent, der in seiner Schrift De vita sua sive Monodiarum libri tres „eine Erfahrung von Privatheit
[beschreibt], die für die spätmittelalterliche Schriftkultur prägend werden sollte. Guibert
verfaßte insgeheim Liebesgedichte in schriftlicher Form, die er antiken Mustern nachbildete
und die er dann vor seinen Mitbrüdern versteckte.“
61 LUDWIG (Anm. 8), S. 196.
62 Für die von JACOB KLINGNER wieder aufgefundene Handschrift aus Lana vgl. demnächst:
JACOB KLINGNER: Gattungsinteresse und Familientradition. Zu einer wieder aufgefundenen
Sammelhandschrift der Grafen von Zimmern (Lana XXIII D 33). In: ZfdA (im Erscheinen).
220 Ludger Lieb

als Akte des Einschreibens eines Minnenden in den Diskurs, die dann wie-
der von den anderen Minnenden zu eigener Kreativität verwendet werden
konnten. Dieses Einschreiben ist somit auch Ausweis von Rede- und
Schreibkompetenz im Bereich der Minnedichtung, ja es wird selbst zu
einem Akt des Minnens, wie PETER VON MOOS im Bezug auf die Epistolae
duorum amantium formuliert: „Liebe und Liebesdichtung [fließen] als ein
und dieselbe Kunst ästhetischer Sublimierung harmonisch zu ‚einer säku-
laren Religion der Liebe‘ ineinander.“63 Die Textpraxis der Minnereden ist
Liebespraxis – zumal wenn man Liebe definiert als ‚Gedenken‘, als imagi-
natives Anfüllen des Ichs ‚mit der Dame‘ und mit dem Sprechen über die
Minne. So ließe sich auch RAINER WARNINGs Formel für den Minnesang:
„Singenkönnen ist Ausweis von Liebenkönnen“64 modifizieren. Für die
Minnereden gilt: Schreibenkönnen ist Ausweis von Liebenkönnen.
4. nicht liedhaft, sondern episch: Das Minnelied bleibt meist auf die gegen-
wärtige Situation und auf die diesseitige Welt bezogen. Die Minnereden
dagegen (vor allem die Minnereden mit stark narrativen Anteilen) machen
sich auf die literarische Suche nach einer besseren Welt. Sie versuchen eine
andere, ‚epische‘ Welt zu entwerfen, in der die Minne zu ihrem Recht
kommt und reflektiert gehandhabt wird. Minnereden träumen sich in die
‚säkulare Religion der Liebe‘ hinein:
In keiner anderen weltlichen Gattung des Spätmittelalters wird der Traum
vom besseren Menschen – und damit von der besseren Welt – so intensiv und
so dauerhaft geträumt wie in den Minnereden, in keiner wird die Liebe so
ausschließlich zum Prüfstein und zum erklärten Ziel menschlichen Glücks-
strebens.“65

Diese utopische Dimension eines epischen Weltentwurf erlangen die Min-


nereden unter anderem durch ihre Schriftlichkeit, in der sie die Anderwelt
der Minne entwerfen können. Mit der im Spätmittelalter so ausgreifenden
Kultur des Schreibens wird erstmals die Welt der Minne gestaltbar. Schrei-
ben ermöglicht einen Entwurf, eine Gestaltung des Ichs und seiner inneren
Welt.

63 PETER VON MOOS: Die Epistolae duorum amantium und die „säkulare Religion der Liebe“.
Methodenkritische Vorüberlegungen zu einem einmaligen Werk mittellateinischer Brief-
literatur. In: Studi Medievali 44.1 (2003), S. 1-115, hier S. 99.
64 RAINER WARNING: Lyrisches Ich und Öffentlichkeit bei den Trobadors. In: Deutsche Lite-
ratur im Mittelalter. Kontakte und Perspektiven. Gedenkschrift Hugo Kuhn. Hrsg. von
CHRISTOPH CORMEAU, Stuttgart 1979, S. 120–159, hier S. 129.
65 GLIER (Anm. 10), S. 13.
SUSANNE REICHLIN

Gescheiterte Liebeserziehung –
gelungene Beschriftung:
Sprache und Begehren im Märe Des Mönchs Not
In den Kulturwissenschaften hat sich der linguistic turn in den letzten Jahren
auch für das Verhältnis von Sprache, Körper und Begehren durchgesetzt:
In unterschiedlichen Theorieströmungen ist man sensibel dafür geworden,
dass das Begehren nicht in erster Linie körperlich zu verstehen ist. Stattdes-
sen wird es als Produkt eines Diskurses oder als Effekt sprachlicher Prozes-
se konzipiert.1 In der mediävistischen Literaturwissenschaft hat insbeson-
dere HOWARD BLOCH das Verhältnis von Sprache und Begehren in den Fa-
bliaux analysiert und kommt zu fast schon programmatischen Thesen:
To our initial question concerning the origin of desire, the response can only
be something on the order of language or [...] the fabliau itself.2
The language which covers – and always covers imperfectly – does not
stand in specular relation to the body (or to any body of representation), but
on the contrary, seems even to engender that of which it speaks.3

Die Annahme, dass der Sprache Vorrang vor dem Körper gebühre, hat sich
mit einer solchen Insistenz eingebürgert, dass sie oft geradezu plakativ wirkt.
Differenzierungen zwischen unterschiedlichen Ebenen des Textes und den
verschiedenen medialen Ausprägungen von ‚Sprache‘ werden verwischt.
In einer Erzählung ist das Verhältnis von Sprache und Begehren immer
ein zweifaches: Einerseits kann auf der Handlungsebene von sprachlich

1 Als theoretische Eckpfeiler dieser Entwicklung könnte man u. a. nennen: MICHEL FOU-
CAULT: Sexualität und Wahrheit. Bd. 1. Der Wille zum Wissen. Übers. von Ulrich Raulff und
Walter Seitter, Frankfurt a. M. 1999 (stw 716) ; ROLAND BARTHES: Die Lust am Text. Übers.
von Traugott König, Frankfurt a. M. 1986 (Bibliothek Suhrkamp 378); NIKLAS LUHMANN:
Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität, Frankfurt a. M. 1994 (stw 1124) sowie die
Arbeiten JACQUES LACANS, vgl. dazu: ALAIN JURANVILLE: Lacan und die Philosophie. Übers.
von Hans-Dieter Gondek, München 1990 (Reihe Forschungen 3), S. 133-204.
2 R. HOWARD BLOCH: The Scandal of the Fabliaux, Chicago, London 1986, S. 87.
3 BLOCH (Anm. 2), S. 83.
222 Susanne Reichlin

erzeugtem Begehren erzählt werden, andererseits kann die Erzählweise


eines Textes Begehren evozieren. Der Begriff des „Textbegehrens“, der
von HELGA GALLAS4 diesbezüglich eingeführt wurde, ist der Psychoanaly-
se Lacans verpflichtet und eignet sich deshalb nur bedingt für eine Analyse
mittelalterlicher Erzählungen. Dennoch scheint es zentral, immer beide
Darstellungsebenen von Begehren – deren Zusammenspiel und Diskre-
panz – im Blick zu behalten.
Um dennoch beide Darstellungsebenen genauer analysieren zu können,
möchte ich im Folgenden ein Märe untersuchen, in dem die sprachlich-
diskursive Produktion von Begehren scheitert, – zumindest auf der Hand-
lungsebene.
Das Märe Des Mönchs Not wird einem Zwickauer zugeschrieben.5 Es
erzählt von einem Mönch, der im Kloster aufwächst und seine Tage mit
Lesen, Singen und Beten zubringt. Eines Tages stösst er lesend auf den
Ausdruck minne bant (V. 26; „Die Fessel der Liebe“) und fragt sich, was es
bedeuten könnte. Er wendet sich an den Knecht des Klosters, der ihm
mittels der üblichen Topoi von der Minne erzählt: Sie mache krank und
gesund, binde und erlöse zugleich und wohne in einem Haus, guter spise und
wines vol (V. 54; „voll von feinen Speisen und gutem Wein“). Dies klingt so
verführerisch, dass sich der Mönch in Begleitung des Knechtes sogleich auf
den Weg macht. In ihrer ersten Herberge bezahlt der Knecht die Wirtin,
damit sie den Mönch in die Liebeskunst einführt. Dieser weigert sich aber,
seine Kutte auszuziehen und bleibt steif im Bett liegen. Die Wirtin schlägt
ihn wiederholt, sodass er zurück ins Kloster flieht. Doch nun glaubt er sich
schwanger, weil der Knecht ihm erzählt hatte, dass derjenige der unten
liege, auch die Kinder ‚austrage‘ (V. 261).
Um dem Ehrverlust zu entgehen, versucht er eine Abtreibung. Er lässt
sich von einem Knaben gegen Bezahlung schlagen, der auf diese Weise
auch schon bei einem Kalb eine Abtreibung bewirkt hatte. Als ein Hase
davonrennt, erkennt er darin sein eigenes Kind und folgt ihm weinend. Im

4 HELGA GALLAS: Das Textbegehren des ‚Michael Kohlhaas‘. Die Sprache des Unbewussten
und der Sinn der Literatur, Reinbek bei Hamburg 1981 (das neue buch 162). S. u. Abs. VI,
insbesondere Anm. 60.
5 Ich zitiere im Folgenden (auch die Übersetzungen) nach: Der Zwickauer: Des Mönchs Not. In:
Novellistik des Mittelalters. Märendichtung. Hrsg. von KLAUS GRUBMÜLLER, Frankfurt a. M.
1996 (Bibliothek des Mittelalters 23), S. 666-695. Zu Überlieferung, Edition und Datierung
vgl. den Kommentar, S. 1250-1258 und HANNS FISCHER: Studien zur Märendichtung, Tübin-
gen 1968, S. 205, der das Märe einer anderen Handschrift entsprechend einem Zwingäuer
zuschreibt. Über den Verfasser ist nichts bekannt. Der „einzige verläßliche Anhalt“ für die
Entstehungszeit ist die Überlieferung zweier Handschriften, die auf vor 1300 schliessen lassen
(GRUBMÜLLER, S. 1251). Das Märe findet sich z. T. auch unter dem Titel Der schwangere Mönch
(so z. B. in Gesamtabenteuer. Hundert altdeutsche Erzählungen: Ritter- und Pfaffen-Mären.
Stadt- und Dorfgeschichten. Schwänke, Wundersagen und Legenden. 3 Bde. Hrsg. von
FRIEDRICH HEINRICH VON DER HAGEN, Darmstadt 1961, Bd. II, Nr. 24, S. 53-69).
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 223

Wald trifft er einen Mitbruder, der ihn mit Gewalt ins Kloster zurückbringt.
Da er weiterhin nach seinem Kind sucht, gilt er als besessen. Mit Gewalt
und Beichte wird ihm dies aber ausgetrieben, so dass er am Ende – wie zu
Beginn – seine Tage mit Lesen, Singen und Beten verbringt.
Die bisherige Forschung6 interessierte sich vor allem für die Schwanger-
schaft des Mönchs. Für ROBERT ZAPPERI7 verbildlicht die Schwangerschaft
die Effemination des Mönchs. Er liest das Märe als Kritik an Klerus und
Adel, die beide die Herrschaft des Mannes über die Frau zu sichern ver-
suchten. Der Mönch spreche am Ende als hysterisches Subjekt. ZAPPERI
liest dies als utopisches Moment, weil dabei das Geschlechterverhältnis
nicht mehr als hierarchisches, sondern als komplementäres gezeigt werde.
Für ANDRÉ SCHNYDER8 sind das Scheitern des ‚Minneabenteuers‘ und
die Schwangerschaft Anzeichen für die Homosexualität des Mönchs.9
Dank anthropologischer Konstanten10 unterstellt er auch da noch ein se-
xuelles Begehren, wo es gerade fehlt. Dem Mönch werde vom Klerus ein
„sexuelles Wissen“ vorenthalten, „dessen Besitz ihn erst zum Menschen
mach[e]“.11 SCHNYDER versteht den Mönch mit dem entsprechenden Ver-
weis auf Foucault als „Opfer sexueller Repression“.
Beide Analysen gleichen sich somit darin, dass sie ein Begehren voraus-
setzen, das von einer Macht unterdrückt oder verhindert wird.12 Sie lesen
das Märe soziohistorisch als Spiegel von Herrschaftspraktiken und ver-
nachlässigen dabei die Erzählebene, d.h. die (sprachliche) Art und Weise,
in der die Geschichte erzählt wird. Dabei versperrt die Fokussierung auf die

6 Ausführlichere Angaben zur bisherigen Forschung finden sich bei FISCHER (Anm. 5), S. 377
und GRUBMÜLLER (Anm. 5), S. 1258 und ANDRÉ SCHNYDER: Art: Zwickauer. In: Die deut-
sche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon, Bd. 10. Hrsg. von BURGHART WACHINGER
u. a., Berlin, New York 1999, S. 1623-1625.
7 ROBERT ZAPPERI: Geschichten vom schwangeren Mann. Männer, Frauen und die Macht.
Übers. von Ingeborg Walter, München 21994 (Beck’sche Reihe 1068), S. 139-170.
8 ANDRÉ SCHNYDER: Des Mönchs Not. Mit Michel Foucault neu gelesen. In: Wirkendes Wort.
Deutsche Sprache in Forschung und Lehre 5 (1987), S. 269-283.
9 „Deutlichstes Indiz, dass bei unserem Mönch der Wunsch nach homosexuellen Beziehungen
namentlich zu seinen Vorgesetzten durch das Verlangen, Frau Minne zu treffen, und dann
durch die Idee, schwanger zu sein sich andeutet, ist die Hoffnung, Abt, Prior und Cellerar
als Paten (Väter !) des Kindes zu gewinnen“ SCHNYDER (Anm. 8), S. 273.
10 SCHNYDER (Anm. 8), S. 273, beruft sich auf problematische Art und Weise auf Ethnologie
und Psychoanalyse Freuds, um die Schwangerschaft als Verweis auf homosexuelle Wünsche
zu lesen. Bei seiner Paraphrase der Thesen Foucaults hebt er hingegen hervor, dass „Sexu-
alität nicht als ausserhistorisches, natürliches Faktum [...], sondern als Bewußtseinsinhalt, der
sich erst und nur unter konkreten historischen Bedingungen konstituieren kann“ zu begrei-
fen sei (S. 274). Seine Interpretation kann jedoch genau diesen Anspruch nicht einlösen.
11 SCHNYDER (Anm. 8), S. 271.
12 Ganz ähnlich argumentiert auch BRIGITTE SPREITZER: Die stumme Sünde. Homosexualität
im Mittelalter. Mit einem Textanhang, Göppingen 1988 (GAG 498), S. 101-103, die die
Teufelsaustreibung am Ende als ‚Verteufelung‘ der Homosexualität versteht.
224 Susanne Reichlin

Handlungsebene den Blick auf intertextuelle Beziehungen, insbesondere


die Verweise auf andere literarische Darstellungsformen von Begehren.
IRMGARD MEINERS’13 Interpretation beschäftigt sich dagegen mit der
Rolle der Sprache im Märe. Die Komik entstehe dadurch, dass der Mönch
dem „Wort“ [minne] einen „falschen Begriff“ zuordne und aufgrund fal-
scher Analogien weitere Fehlschlüsse zieht.14 MEINERS versteht das Märe
als Kritik an einer Vernunft, die sich vollständig von der Wirklichkeit ent-
fernt habe.15
Sicherlich ist MEINERS darin zu folgen, dass das Märe nicht von einem
anthropologisch verstandenen Begehren, sondern vom diffizilen Umgang
mit Sprache erzählt. Doch greift ihre Gegenüberstellung von ‚Wort‘ und
‚Begriff‘ oder von ‚Denken‘ und ‚Realität‘ zu kurz. Denn das Märe interes-
siert sich gerade für die Unterschiede zwischen verschiedenen medialen
Ausdrucksweisen von ‚Denken‘ und dafür, wie Diskurs und ‚Lebenswirk-
lichkeit‘ ineinander verflochten sind.16
Im Folgenden soll das Verhältnis von Sprache und Begehren auf den
unterschiedlichen Ebenen des Textes und in verschiedenen medialen Kon-
stellationen genauer analysiert werden. Zuerst werde ich untersuchen, wie
sich das Scheitern der Liebeserziehung auf den Körper des Mönchs aus-
wirkt und fragen, was das für die Darstellung des Begehrens bedeutet.
Anschliessend soll gezeigt werden, wie das Märe mit der Metaphorik des
höfischen Liebesdiskurses und den Erzählstrategien anderer Mären spielt.
Abschliessend werde ich das Verhältnis des schriftlichen Ausdrucks minne
bant zum Begehren auf den verschiedenen Erzählebenen analysieren.

1. Erotische Naivität
Im Märe Des Mönchs Not fällt als erstes die Entgegensetzung zweier Räume
auf, nämlich die Opposition zwischen dem abgeschlossenen Innenraum

13 IMGARD MEINERS: Schelm und Dümmling in Erzählungen des deutschen Mittelalters, Mün-
chen 1967 (MTU 20), S. 115-122.
14 MEINERS (Anm. 13), S. 117.
15 MEINERS (Anm. 13), S. 120: „Das Denken entfernt sich immer mehr von der Realität, und
schließlich fallen Realität und Denken völlig auseinander, wie am Schicksal des schwangeren
Mönchs und seiner geistigen Verwandten zu sehen ist.“
16 Vgl. KURT OTTO SEIDEL: Bücherwissen und Erfahrung im Märe. Die Auseinandersetzung
mit Lebensformen hinter Mauern, in: Literarische Leben. Rollenentwürfe in der Literatur
des Hoch- und Spätmittelalters. FS Volker Mertens. Hrsg. von MATTHIAS MEYER und HANS-
JOCHEN SCHIEWER, Tübingen 2002, S. 691-711, hier S. 698. Er postuliert, dass das Märe die
„Unzulänglichkeit der klösterlichen Lebensform“ aufzeige, da diese nur ‚Buchwissen‘ und
kein ‚Erfahrungswissen‘ ermögliche.
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 225

des Klosters und dem des Außen. Die räumliche Aufteilung ist auch eine
biographische, motiviert sie doch die erotische Naivität des Mönches:
Ein kleines kint wart gegeben
zu einem münch in ein reinez leben.
im was diu werlt unbekant. (V. 9-11)
[…]
er konde singen unde lesen
vil baz denne minnen. (V. 172f.)

Ein kleines Kind


wurde einem Mönch anvertraut, damit es keusch lebe.
Die Welt kannte es nicht.
[...]
Er konnte viel besser singen und lesen
als lieben.

Die biographisch-räumliche Aufteilung motiviert eine beschränkte Sicht-


weise des Protagonisten. Der naiven Figur fehlt sowohl die diskursive Ver-
trautheit als auch die Erfahrung von Minne und Sexualität.
Diese Ausgangslage teilt das Märe mit vielen anderen, die von erotischer
Naivität17 erzählen. Eine unerfahrene, abgeschieden lebende Figur kennt
den Liebesdiskurs nicht. Oft ist es das Wort minne, das die Neugier der naiven
Figur erweckt. minne, herre, was ist daz?,18 fragt etwa das Mädchen im Häslein.19

17 Bei FISCHER (Anm. 5), S. 97 stellt „Verführung und erotische Naivität“ einen eigenen The-
menkreis (mit 12 Vertretern) dar. MONIKA JONAS: Der spätmittelalterliche Versschwank.
Studien zu einer Vorform trivialer Literatur, Innsbruck 1987 (Innsbrucker Beiträge zur Kul-
turwissenschaft. Germanistische Reihe 32), S. 42-47, nennt den gegenüber FISCHER etwas
erweiterten Themenkreis „Sexuelle Unerfahrenheit/Verführung“ (S. 47). JONAS geht davon
aus, dass die Schwankerzählungen von einem „Spannungsverhältnis zwischen über- bzw.
unterlegener Partei“ beherrscht werden. In den Texten über die „sexuelle Unerfahrenheit“
besteht die Überlegenheit im Wissen um Sexualität (S. 46). Dadurch, dass JONAS von einem
nicht weiter spezifizierten „Wissen“ ausgeht, kann sie gerade die Dissoziation von Sprache
und Erfahrung, die in vielen Geschichten dominant ist, nicht fassen. HERIBERT HOVEN:
Studien zur Erotik in der deutschen Märendichtung, Göppingen 1978 (GAG 256), S. 316-
318, versteht die erotische Naivität einerseits als Möglichkeit „zur Entlarvung erstarrter
Normen und Verhaltensweisen“, andererseits zeige sie „die Ohnmacht einer Norm, die den
Trieb einzudämmen sucht“ (S. 317). Wie SCHNYDER (Anm. 8) stützt sich HOVEN auf die
anthropologische Konstante des Triebs. Ein Erklärungsversuch, der von Des Mönchs Not
unterlaufen wird.
18 Das Häslein. In: GRUBMÜLLER (Anm. 5), 590-617, V. 85; „Minne, Herr, was ist das?“
19 In Der Sperber. In: GRUBMÜLLER (Anm. 5), 568-589, sagt sie: daz ir mir hât vür gezelt / und ez
minne hât genant, /daz ist mir leider unbekant. (V. 130-133; „Das, was Ihr da erwähnt / und
Minne genannt habt, / das ist mir leider völlig unbekannt.“) In Des tiuvels âhte. In: VON DER
HAGEN (Anm. 5), Bd. II, Nr. 24, S. 127-135, verfügt das Mädchen über die Erfahrung, doch
fehlt ihr das Wort: sagt mir, herre, waz ist daz, / Des wir mit ein ander pfligen? (V. 50f.); „Sagt mir,
mein Herr, was ist es, / das wir miteinander treiben“ (Übers. S. R.).
226 Susanne Reichlin

Im Eneasroman Heinrichs von Veldeke20 antwortet die Mutter Lavinia auf


diese Frage mit einer ausführlichen Beschreibung (literarischer) Liebes-
symptome. In den Mären hingegen leiten die Verführer die naive Figur
meist gezielt in die Irre,21 um minne nicht zu erklären, sondern zeigen zu
können. Den misogynen Stereotypen der Mären entsprechend führt dies
vor allem bei den weiblichen Figuren dazu, dass sich die semantische Neu-
gier in ‚unersättliches‘ Begehren verwandelt.
Doch damit wird minne keineswegs als etwas dargestellt, das sich nur
erfahren und nicht beschreiben lässt. Denn meist besteht die Pointe darin,
dass die naive Person auch nach der sexuellen Initiation den Diskurs nicht
beherrscht:22 In Des tiuvels âhte23 etwa wird dem Mädchen gesagt, der Bei-
schlaf sei dazu da, den Teufel zu bannen und so erzählt sie nach der Hoch-
zeitsnacht den Verwandten begeistert, wie oft sie in der Nacht den Teufel
geächtet hätten. Im Gänslein24 glaubt ein Mönch, Frauen würden Gänse
genannt und wünscht sich – nach der Liebesnacht mit der Meierstochter
– solche zum Weihnachtsessen im Kloster.
Dass die naiven Figuren auch nach der sexuellen Erfahrung den Diskurs
nicht beherrschen, zeigt das Verhältnis von Diskurs und Erfahrung als
komplexes. Diskurs und Erfahrung verweisen zwar aufeinander und eignen
sich deshalb gut zur Verführung. Doch erscheinen sie in den oben genann-
ten Mären als zwei separat operierende Systeme, die unterschiedlichen
Codes unterliegen. Die Mären erzielen ihre Pointen dank Diskrepanzen
zwischen den beiden Systemen: so etwa, wenn die naive Figur glaubt,
das Wort minne verweise auf ein tauschbares Objekt und dieses zurück-
tauschen möchte oder wenn sie den Beischlaf als ganz andere Handlung
bezeichnet.

20 Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller. Hrsg. und übers.
von DIETER KARTSCHOKE, Stuttgart 1986 (Universal-Bibliothek 8303). Lavinia fragt die
Mutter: dorch got, wer is diu Minne? (V. 261,27; „Um Gottes Willen, wer ist ‚die Minne‘?“) und
sô saget mir denne waz minne is. (V. 262,6; „So sagt mir also, was Minne ist.“). Liebe zeigt sich
hier somit – ganz im Sinne der am Anfang vorgestellten Thesen – als Effekt des Diskurses.
Vgl. dazu: MIREILLE SCHNYDER: Imagination und Emotion. Emotionalisierung des sexuellen
Begehrens über die Schrift. In: Codierung von Emotionen in der Literatur des Mittelalters
und der Frühen Neuzeit. Hrsg. von INGRID KASTEN/C. STEPHEN JAEGER, Berlin, New York
2003 (Trends in Medieval Philology 1), S. 237-250.
21 Sie geben beispielsweise vor, minne sei ein tauschbares Objekt; vgl. Der Sperber (Anm. 19),
V. 146ff; 169, und Das Häslein (Anm. 18), V. 105f. Ähnlich im Fragment Dulciflorie. In: Der Sper-
ber und verwandte mhd. Novellen. Hrsg. von HEINRICH NIEWÖHNER, Berlin 1913 (Palaestra.
Untersuchungen und Texe aus der deutschen und englischen Philologie 119), S. 95-105,
V. 170ff.
22 Vgl. HOVEN (Anm. 17), S. 337: „In den Mären Des Teufels Ächtung, Ehren und Höhnen, Rache
für die Helchensöhne u.a. geht ein komischer Reiz von Koitus-Umschreibungen aus, welche auf
eine möglichst grosse Distanz zwischen sprachlichem Zeichen und Gemeintem hinzielen.“
23 Des tiuvels âhte (Anm. 19).
24 Das Gänslein. In: GRUBMÜLLER (Anm. 5), S. 648-665.
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 227

Des Mönchs Not zitiert das Erzählmuster der ‚erotischen Naivität‘ an,
doch setzt es sich zugleich davon ab. Der Mönch wird nicht von einem
Dialogpartner gezielt trügerisch in den Minnediskurs eingeführt, sondern
ein geschriebener Ausdruck (minne bant) weckt seine Neugier.
Der Mönch versteht den Ausdruck nicht.25 Um dessen Bedeutung zu
ergründen, legt er das Buch weg. Er wendet sich nicht an eine klösterliche
Schriftautorität wie den Abt, sondern an den Grenzgänger, den Knecht.
Seine semantische Neugierde führt ihn zwar aus dem Kloster, nicht aber
aus dem Diskurs hinaus. Denn die Antworten des Knechtes zitieren ganz
unterschiedliche höfische und nicht-höfische Liebesdiskurse an. Einerseits
erzählt der Knecht vom Wechsel von Freud und Leid, der Liebeskrankheit
und der Heteronomie des Liebenden. Andererseits schildert er den Minne-
hof als Ort, an den man nur mit Geld hingelangen kann und der vor allem
leibliche Gelüste befriedigt.26
Das Märe erschöpft sich aber keineswegs in der Konfrontation unter-
schiedlicher literarischer Diskurse.27 Vielmehr werden damit gezielt falsche
Erwartungen auf alternative Erzählverläufe geweckt. Der Ausdruck minne
bant weckt zwar die sprachreferentielle Neugier des Mönches, doch kein
sexuelles Begehren. Während der Liebesnacht liegt er steif da. Die Liebes-
erziehung führt nicht – wie bei den vorwiegend weiblichen naiven Figuren
der anderen Mären – zu einem ‚unersättlichen‘ Begehren, sondern zu
wiederholter Gewalt.

2. Kongruenz von Körper und Sprache


Während die oben beschriebenen Mären mittels erotischer Naivität von
der Dissoziation von Sprache und Erfahrung erzählen, kommt es in des
Mönchs Not zur irritierenden Übereinstimmung derselben. Obwohl die se-
xuelle Initiation und alle minneclichen Empfindungen fehlen, treten die vom
Knecht angekündigten Symptome und Folgen der minne ein. Der Mönch
wird aufgrund der gewaltsamen Begegnung mit der Frau ganz bleich (V.
245) und

25 Siehe unten Abs. V. und VI.


26 Diese Konfrontation unterschiedlicher literarischer Diskurse wiederholt sich auf der Erzäh-
lebene. Der Erzähler beschreibt beispielsweise die Wirtin mit den üblichen höfischen Schön-
heitstopoi von Kopf bis Fuss (V. 125-129). Doch stellt er dem die Lobpreisung ihres Mun-
des voran, der niht an worten laz ist (V. 124; „munter drauflos [redete]“) und so auf die listigen
Frauenfiguren der Mären verweist.
27 So etwa SCHNYDER (Anm. 8), S. 277 oder DIRK MATEJOVSKI: Das Motiv des Wahnsinns in
der mittelalterlichen Dichtung, Frankfurt a. M. 1996 (stw 1213), S. 96-119, hier S. 116, 118.
228 Susanne Reichlin

an rucke und an herzen


begond ez in sere smerzen,
als er verbrant wære (V. 185-187)

Im Rücken und an der Brust


hatte er solche Schmerzen,
als wenn er verbrannt wäre.

Die Wirtin verkürzt dem Mönch die wile (V. 209; „vertrieb [...] ihm die
Zeit“) und spendet ihm vreude[ ] (V. 216; „Freude“). Zurück im Kloster gienc
der münch sochen (V. 278; „fing der Mönch zu kränkeln an“) und dies bestätigt
ihm seine Schwangerschaft.
Der höfische Liebesdiskurs geht in den Topoi der Liebeskrankheit von der
Übereinstimmung von Körper und Sprache aus. Liebe, die sprachlich behaup-
tet wird, ist auch am Körper sichtbar.28 Der Witz vieler Mären besteht hinge-
gen in der Dissoziation von Sprache und Körper. Eheleute tauschen – wie z.B.
im heissen Eisen29 – höfische Liebesworte aus, während sie sich gegenseitig
Gewalt zufügen. Wenn in Des Mönchs Not die Wirtin ihre Schläge als Minne-
briefe bezeichnet, wird auf diese Form der Pointen-Erzeugung angespielt.
Zugleich wird sie aber nochmals gesteigert. Denn ohne alle Erfahrung von
minne zeigt der Körper des Mönchs genau die Symptome auf, die diskursiv
angekündigt wurden. Körper und Sprache stimmen – zumindest auf der lite-
ralen Ebene – überein. Sie zitieren damit nicht nur den höfischen Liebesdis-
kurs, sondern auch andere Mären, die auf dessen Kosten Komik erzeugen.30
Die ironische Kongruenz von Körper und Diskurs hat noch einen wei-
teren Effekt, nämlich den, die Absenz des Begehrens prominent sichtbar
zu machen. Die oben beschriebenen Mären Das Gänslein und Des tiuvels âhte
erzeugen ihre Pointe aus der Dissoziation von Sprache und Erfahrung. Des
Mönchs Not verfährt genau umgekehrt. Die Pointe besteht u. a. in der irri-
tierenden Übereinstimmung von Liebesdiskurs und Körpersymptomen.

28 Dies gilt ausschliesslich für die Topoi wie Erröten, Erbleichen oder Ohnmacht. Bereits die
höfischen Texte spielen mit solchen Topoi und erzeugen Bedeutung gerade durch deren
Nicht-Übereinstimmung. Vgl. etwa INGRID HAHN: Zur Theorie der Personenkenntnis in der
deutschen Literatur des 12.-14. Jahrhunderts. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen
Sprache und Literatur 99 (1977), S. 395-444, und HORST WENZEL: Hören und Sehen. Zur
Lesbarkeit von Körperzeichen in der höfischen Literatur. In: Personenbeziehungen in der
mittelalterlichen Literatur. Hrsg. von HELMUT BRALL, Düsseldorf 1994 (Studia humaniora
25), S. 191-218.
29 Der Stricker, Das heiße Eisen. In: GRUBMÜLLER (Anm. 5), S. 44-55.
30 Auf der Erzählebene gibt es weitere Textsignale, die – im Spiel mit bekannten Erzählmus-
tern – den Vollzug der Liebesnacht andeuten, ohne dass er stattgefunden hätte. So wird etwa
der Preis für den scheinbaren Ehebruch sorgsam ausgehandelt (V. 97ff.) und als der Mönch
am anderen Morgen in aller Frühe ins Kloster zurück eilt, ist der Knecht überzeugt, der
gehörnte Ehemann sei der Anlass für den frühen Aufbruch (V. 234).
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 229

Das sexuelle Begehren wird als Leerstelle dargestellt; als ein Fehlen, auf das
mittels einer irritierenden Übereinstimmung von Körper und Sprache hin-
gewiesen wird.
Dies wirft auch ein anderes Licht auf die eingangs aufgeworfene Frage
nach dem Vorrang von Körper oder Sprache „concerning the origin of
desire“. Des Mönchs Not verweist auf das literarische Muster, Begehren mit-
tels Dissoziation oder Übereinstimmung von Körpersymptomen und Dis-
kurskonvention darzustellen. Durch die irritierende Übereinstimmung der
beiden macht das Märe die Absenz von etwas sichtbar, das der Opposition
von Körper vs. Sprache entgeht.
Dabei geht es weniger um ontologische Aussagen über ‚das Begehren‘,
als vielmehr um Fragen der Darstellung. Für die narrative Evokation von
Begehren scheint die Opposition von Körper und Sprache zentral; aber
nicht als eine stabile, sondern als eine, die konstante Verschiebungen er-
möglicht. Gerade weil sowohl Körper als auch Sprache letztendlich immer
mit sprachlichen Mitteln dargestellt werden, stösst das Erzählen weder auf
der einen noch auf der anderen Seite jemals zu einem ‚Ursprung‘ oder gar
zu einer soziohistorischen Realität vor.31

3. Konkretisierungen höfischer Liebesmetaphorik


Wenn der Mönch aufgrund der Schläge der Wirtin Herzschmerzen hat und
sich verbrannt fühlt, ist dies offensichtlich ein Spiel mit der Konkretisie-
rung höfischer Liebesmetaphorik. Dies ist in vielen Mären eine beliebte
Technik, Komik zu erzeugen.32 Insbesondere das Umfeld der höfischen
dienst-lôn-Metaphorik wird in fast allen Mären ökonomisiert und sexuali-
siert. Der Dienst des Mannes ist immer materiell, sein Lohn sexuell.

31 Vgl. BLOCH (Anm. 2), S. 90: „the erotic interest of the fabliaux consists neither of anything
like a natural act (a naturalism of the body) nor of the use of direct speech to describe such
an act (a naturalism of language) but of the refusal of the proper that characterizes the tales
analyzed above: a denaturing.“
32 Vgl. auch UDO FRIEDRICH: Spielräume rhetorischer Gestaltung in mittelalterlichen Kurzer-
zählungen. In: Geltung in der Literatur. Formen ihrer Autorisierung und Legitimierung im
Mittelalter. Hrsg. von BEATE KELLNER, PETER STROHSCHNEIDER und FRANZISKA WENZEL,
Berlin 2005 (Philologische Studien und Quellen 190), S. 227-249, hier S. 238-242 und HOVEN
(Anm. 17), S. 327: „Metaphern werden ihrer herkömmlichen Metaphorik entkleidet und in
komisierender Weise ‚wörtlich‘ genommen“. Als Beispiel kann man Heinrich Kaufringer:
Der Zehnte von der Minne. In: Werke. Studienausgabe. Hrsg. von PAUL SAPPLER, Tübingen
1972, S. 131-139, anführen. Die theologische Metaphorik des almuosen (V. 57; „Almosen“)
und des waingart[s] (V. 276; „Weinbergs“) wird sexualisiert und ökonomisiert. Der Pfarrer
erschleicht sich den Ehebruch, indem er den zehenden (V. 59; „der Zehnte“) von der Frau
verlangt. Der Ehemann rächt sich, indem er dem Pfarrer den Urin der Frau als frucht (V. 287;
„Ernte“) vorsetzt (Übers. S. R.).
230 Susanne Reichlin

Auch in Des Mönchs Not werden die Minnetopoi des Knechtes schnell
märentypisch konkretisiert: Die personifizierte ‚Frau Minne‘ entpuppt sich
als kaufbare Frau, ihr hof 33 als gewöhnliche Herberge. Doch im Unter-
schied zu den anderen Mären, wo der Witz der Rekonkretisierung der Lie-
besmetaphorik in deren Sexualisierung besteht, ist die Sexualisierung hier
bloss eine kalkuliert geschürte, aber falsche Lese-Erwartung. Das Verkür-
zen der wile (V. 209; „Zeit“), die verbreitete vreude (V. 216; „Freude“) und
der stoz (V. 178; „Stoß“) der ‚Frau Minne‘ werden nicht als blumig ver-
schleierte Sexualität entlarvt,34 sondern es handelt sich um literale Stösse,
d. h. um gewöhnliche Gewalt.
Die vom Leser erwartete Konkretisierung findet zwar statt, doch wird
vorgeführt, dass auch das märenübliche Sexualvokabular selbst wiederum
metaphorisch verstanden werden kann. Der naive Blick, als Technik der
Rekonkretisierung literarischer Liebesdiskurse, ist keine Rückführung auf
einen scheinbaren Ursprung wie Sexualität, sondern bloss eine literarische
Technik der Bedeutungsverschiebung. Damit blitzt die generelle Metapho-
rizität von Sprache auf: Es gibt nicht die eine Konkretisierung einer Meta-
pher, sondern die Konkretisierung ist eine sprachliche Verschiebung, die in
ganz unterschiedliche Richtungen vorgenommen – und erst noch wieder-
holt werden kann.
Es geht hier also erneut um eine doppelte Bezugnahme. Des Mönchs Not
zitiert die Form, in der andere Mären auf den höfischen Liebesdiskurs
Bezug nehmen (Konkretisierung der Minne-Topoi) und verschiebt diese
Bezugnahme nochmals, indem die Konkretisierung nun metaphorisch ge-
lesen wird.

4. Verschiebungen
HOWARD BLOCH geht – wie eingangs erwähnt – davon aus, dass in den
Fabliaux die Sprache das Begehren erzeuge. Er begründet dies damit, dass
„the eroticism of the fabliaux“ nicht in einer ‚konkreteren‘ Darstellung von

33 V. 93; „Hof der Minne“. KARL-HEINZ SCHIRMER: Stil- und Motivuntersuchungen zur mit-
telhochdeutschen Versnovelle, Tübingen 1969 (Hermaea. Germanistische Forschungen,
N.F. 26), S. 272f., liest den Minnehof als Anspielung auf die „‚Institution‘ der Minnehöfe
[...], bei denen höchste adlige Kreise in geselligen Zirkeln zusammenkamen, um über pikante
amouröse Themen amüsante Diskussionen zu führen.“
34 Die Sexualmetaphorik des Stosses wird etwa in Claus Spaun: Fünfzig Gulden Minnelohn. In:
Die deutsche Märendichtung des 15. Jahrhunderts. Hrsg. von HANNS FISCHER, München
1966 (MTU 12), S. 351-361, benutzt: der [Liebhaber] gap ir [Ehefrau] manchen herten stoß (V.
141, „der Liebhaber gab der Frau einige harte Stösse“ (Übers. S.R.). Vgl. zur erotischen
Metaphorik auch HOVEN (Anm. 17), 332.
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 231

Sexualität35, sondern in sprachlichen Verschiebungen bestehe: „It is [...]


the deflection of the proper transformed into story, that constitutes the
eroticism of the fabliaux.“36 BLOCH geht für die Beschreibung der ‚Erotik
der Fabliaux‘ nicht von der Handlungsebene und der Repräsentation von
Sexualität aus, sondern von den sprachlichen Mechanismen ihrer Darstel-
lung. Dies scheint mir auch für das Märe Des Mönchs Not ein viel verspre-
chender Ansatz.
Während BLOCH unter „deflection of the proper“ hauptsächlich „the
turning of language from a proper signification to an improper or meta-
phoric one“37 versteht, sind in Des Mönchs Not auf unterschiedlichen Ebe-
nen sprachliche Verschiebungen sichtbar: Nicht nur der naive Mönch miss-
versteht Metaphern, Personifikationen etc., sondern auch die Wirtin und
der Erzähler setzen Wörter in einem fremden Kontext ein. Der Erzähler
etwa nennt die Schläge der Wirtin einen leczen.38 Die Wirtin bezeichnet sie
hingegen als Liebesbriefe: si sprach: ‚daz ist der ander brief, den iu vrow minne hat
gegeben (V. 214f.; „Sie rief: ‚das ist der zweite Brief, / den Euch Frau Minne
schickt.‘“)
Obwohl die Liebeserziehung gescheitert ist und die Wirtin anfängt, den
Mönch zu schlagen, hält sie am Liebesdiskurs fest. Wie bereits im Lehrge-
spräch zwischen Mönch und Knecht werden Liebesdiskurs-Fragmente
beibehalten, der Kontext aber verändert. Auf der Handlungsebene hat dies
zur Folge, dass der Mönch weiterhin glaubt, er erfahre nun, was minne sei
und sich deshalb am nächsten Tag schwanger glaubt.
Wie in vielen anderen Mären entstehen durch die Diskrepanz zwischen
der von der Figur ausgeübten Gewalt und der sie bezeichnenden Wörter
komische Effekte, die über die kleine Szene hinausweisen. Die doppelte
Bezeichnung der Schläge – einerseits als leczen (lectio), andererseits als Min-
nebriefe – stiftet eine Verbindung zwischen Kloster- und Minnediskurs, die
beim Auffinden des Ausdruckes minne bant fehlte. Es ist jedoch keine har-
monisierende Verbindung, die hier entsteht, vielmehr werden beide Dis-
kurse so radikalisiert, dass ihre Unmöglichkeit aufscheint. Wenn die Unter-

35 R. HOWARD BLOCH: Postface. In: Fabliaux Érotiques. Textes de jongleurs des XIIe et XIIIe
siècles. Hrsg. von LUCIANO ROSSI, Paris 1992 (Lettres gothiques), S. 531-545, hier 537: „l’acte
lui-même est rarement représenté dans les fabliaux. A la rapidité de la description, qui est un
élément stylistique du conte comique, correspond la rapidité de l’accouplement.“
36 BLOCH (Anm. 2), S. 87.
37 R. HOWARD BLOCH: Modest Maids and Modified Nouns. Obscenity in the Fabliaux. In:
Obscenity. Social Control and Artistic Creation in the European Middle Ages. Hrsg. von JAN
M. ZIOLKOWSKI, Leiden, Boston, Köln 1998 (Cultures, beliefs and traditions 4), S. 293-307,
hier S. 300.
38 einen leczen si im do las (V. 224; „Sie gab ihm eine Lektion“). Das dreimalige Schlagen wird von
SCHNYDER (Anm. 8), S. 277, auf die drei nächtlichen Horen (Komplet, Vigilien und Laudes)
bezogen.
232 Susanne Reichlin

weisung (lectio) zur unmotivierten Gewalt wird, führt sie – wie in diesem
Märe – nicht zu Sinnstiftungen, sondern bloss zu weiterer Gewalt. Liebes-
briefe wiederum sind eine literarisch viel genutzte Möglichkeit, Liebe als
Kommunikation zwischen Getrennten darzustellen.39 Verabsolutiert man
jedoch die Darstellungsform, wird Distanz zur Voraussetzung von minne
und Nähe unmöglich: in [Mönch] duht im wære diu minne zu na (V. 212; „So
war ihm die Minne zu nah“).
Die von Figur oder Erzähler ironisch-verschobenen Bezeichnungen
sind für die Erzählung äusserst produktiv. Auf der Handlungsebene lösen
sie weitere Missverständnisse aus und motivieren so den Fortgang des Mä-
res. Auf der Erzählebene fallen sie aufgrund ihrer Kontext-Fremdheit auf
und ermöglichen so eine Reihe intra- und intertextueller Bezüge.
Kleinste sprachliche Verschiebungen haben in einer Erzählung, die als
differentielles System begriffen wird, immer weitere Verschiebungen zur
Folge, wie ich etwa anhand der intra- und intertextuellen Verweise deutlich
zu machen versuchte. Des Mönchs Not verschiebt das von neuem, was ande-
re Mären bereits verschoben haben, z. B. die Konkretisierung der Meta-
phorik oder das Verhältnis von Körper und Diskurs.40 Man könnte sich
also fragen, ob die einsträngige Handlungsstruktur41 der Mären stärker als
diejenige anderer Gattungen, zu intertextuellen Verschiebungen und auf
diese Weise zum Weiter- und Neuerzählen einlädt.

5. Kontextlosigkeit
Im Sperber steht das Mädchen auf der Klostermauer, also bereits auf der
Grenze, als sie von einem Objekt (Vogel) und dem Mann, die beide außer-
halb des Klosters stehen, verführt wird. In Des Mönchs Not kommt die Ver-
führung nicht von außen, sondern von innen. Es ist nicht das konkrete
Objekt ausserhalb, sondern das geschriebene Wort innerhalb, das verführt.

39 Vgl. HORST WENZEL: Fernliebe und Hohe Minne. Zur räumlichen und zur sozialen Distanz
in der Minnethematik. In: Liebe als Literatur. Aufsätze zur erotischen Dichtung in Deutsch-
land. FS für Peter Wapnewski. Hrsg. von RÜDIGER KROHN, München 1983, S. 187-208 und
ZAPPERI (Anm. 7), S. 149.
40 Diese ‚Technik der Verschiebung‘ wird anhand der berühmten Frage nach der minne ansatz-
weise reflektiert: Heisst es etwa im Häslein (Anm. 18): minne, herre, was ist daz? (V. 85; „Minne,
Herr, was ist das? “), so wird in Des Mönchs Not die Frage nur noch indirekt wiedergegeben:
er […] vraget in waz minne wære (V. 40; „Er fragte ihn, was die Minne sei“). Die Indirektheit der
Frage macht ihre Zitathaftigkeit hörbar.
41 Dazu zuletzt KLAUS GRUBMÜLLER: Schein und Sein. Über Geschichten in Mären. In: Erzäh-
lungen in Erzählungen. Phänomene der Narration in Mittelalter und Früher Neuzeit. Hrsg.
von HARALD HAFERLAND/MICHAEL MECKLENBURG, München 1996 (Forschungen zur Ge-
schichte der älteren deutschen Literatur 1985), S. 243-257, hier S. 246.
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 233

eines morgens nach metten


saz er vor sinem betten
und las, waz er geschriben vant.
do sach er ‚der minne bant‘
geschriben an einem bletelin.
er daht waz ez mohte sin
oder waz ez mohte bediuten,
daz ez bunde diu liute.
zu hant tet er daz buch hin
und leit dar uf sinen sin,
daz im wurde bekant,
welchez wær der minne bant. (V. 23-34)
Eines Morgens nach der Frühmesse
saß er vor seinem Bett
und las in den Büchern.
Sein Blick fiel auf ‚Die Fessel der Liebe‘,
die in einem kleinen Bändchen niedergeschrieben war.
Er überlegte, was das sei
und was es bedeute,
wenn es die Menschen binde.
Schnell legte er das Buch beiseite
und dachte
darüber nach,
was die Fessel der Liebe sei.

Der Mönch will keine Beschreibungen der Minne, sondern er will sie er-
fahren: so wil ich dar, / e daz werde ein halbez jar (V. 55f.; „Da muß ich hin, /
noch bevor ein halbes Jahr um ist.“). Damit folgt er gezielt einem weiteren
Topos der literarischen Liebeserziehung, nämlich der ‚Unsagbarkeit‘: Liebe
kann nicht beschrieben, sondern nur erfahren werden: diu Minne sal dichz
lêren sagt die Mutter zu Lavinia.42 Auch der Knecht sagt zum Mönch: si [die
Wirtin] sol iu zeigen (V. 135; „Sie soll es Euch zeigen“).43
Doch gerade das Zeigen oder Erfahren von Minne scheitert. Der Un-
sagbarkeitstopos wird verkehrt vollzogen. Statt dass die Unsagbarkeit wort-
reich betont wird, wird die Erfahrung ausgespart und somit die Ohnmacht
der Sprache, Begehren zu konstituieren, vorgeführt. Doch ist es wirklich
die Ohnmacht der Sprache, von der das Märe erzählt?

42 Eneasroman (Anm. 20), V. 261,26; „Die Minne wird es dich lehren.“


43 Vgl. auch das Märe von Johannes von Freiberg: Das Rädlein. In: GRUBMÜLLER (Anm. 5),
618-647, in dem der Unsagbarkeitstopos ein strategisch wichtiger Teil der Verführung ist:
Der Verführer macht das Mädchen glauben, sie sei von ihm bereits entjungfert worden, ohne
dass sie es gemerkt habe. Sie möchte, dass er ihr erzählt, wie er es getan habe. Er sagt ich muoz
dirz zeigen, / ich kan dirz anders niht gesagen (V. 328f.; „Ich muß es Dir zeigen, / ich kann es Dir
anders nicht erklären“) und so bittet sie ihn um das, was er erstrebt. Vgl. MIREILLE SCHNY-
DER: Schriftkunst und Verführung. Zu Johannes von Freiberg: Das Rädlein. In: DVjs 89
(2006), S. 517-531.
234 Susanne Reichlin

Der Mönch ist mit der Schrift alleine. Im Unterschied zu allen anderen
naiven Figuren begegnet er der Minne nicht in einem handlungsweltlichen,
sondern in einem schriftlichen Kontext. Der eigentliche Auslöser, der Aus-
druck minne bant, erscheint in der Erzählung kontextlos: einmal ist von ei-
nem Blatt, einmal von einem Buch die Rede, doch erfahren wir nichts über
den Satz oder den Text, in dem er steht.
Der Mönch wendet der Schriftkultur den Rücken zu und sucht die Ant-
wort ausserhalb des Klosterbereiches. Er stellt zuerst einige Fragen zur
Bedeutung,44 interessiert sich aber anschliessend nur noch für den Referen-
ten: welchez wær der minne bant oder wo man si [die minne] mochte finden (V. 41;
„wo man sie finden könne“). Er behandelt die Wörter als Verweis auf etwas
Konkretes und sucht in der ‚Welt‘ danach.45
Damit erweist er sich als Abkömmling einer scholastischen Schriftkul-
tur, so wie sie etwa IVAN ILLICH dargestellt hat. Die räumliche Separation
der Worte (die sich in Europa ab dem 7. Jh. durchsetzt) erleichtert die
Loslösung des Wortes aus dem Kontext.46 Sie erscheint damit als Voraus-
setzung für die Phantasmen, denen der Mönch hinterherjagt: einem objekt-
haften Referenten und einer kontextunabhängigen Bedeutung, auf die die
einzelnen isolierten Worte verweisen.47
Das Märe erzählt auf der Handlungsebene davon, dass die Suche des
Mönches nach einem ausser-sprachlichen Referenten und einer kontextlo-
sen Bedeutung scheitert. Auf der Erzählebene führt das ‚Scheitern‘ zu-
gleich eine andere Konzeption von ‚Bedeutung‘ und ‚Kontext‘ vor: Der
Ausdruck minne bant erscheint am Beginn des Märes bereits als zitierter,
ohne dass die Lesenden wüssten, welchem Kontext er entstammt. Der
Ausdruck wird nicht wie z. B. in Des tiuvels âhte von der naiven Figur
‚falsch‘ benutzt, sondern es erscheint als eine Grundbedingung von Schrift,
dass Worte in einem anderen, ungewohnten Kontext auftauchen. Der Aus-

44 waz ez mohte sin / oder waz ez mohte bediuten (V. 28f.; „was das sei / und was es bedeute“).
45 So wie das Mädchen im Sperber (Anm. 19; V. 95f.) nach dem Namen des Vogels fragt, macht
das Substantiv glauben, es sei ein Name.
46 IVAN D. ILLICH: Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand. Ein
Kommentar zu Hugos ‚Didascalicon‘, Übers. von YLVA ERIKSSON-KUCHENBUCH. Frankfurt
a.M. 1991 (Luchterhand Essay), S. 91f.
47 Man kann sich sogar fragen, ob auch die weiteren Komplikationen auf dem Weg des Mönchs
mit einer „Textkultur“ im Zusammenhang stehen. Die weiteren Missverständnisse des
Mönchs resultieren alle daraus, dass der Mönch sich allzu sklavisch an Definitionen und
Regeln hält. Vgl. auch MEINERS (Anm. 13). Folgt man den kulturtheoretischen Analysen zum
12 Jh., dann löst sich hier der abstrakte Text vom konkreten (BRIAN STOCK: The implications
of literacy. Written language and models of interpretation in the 11th and 12th centuries,
Princeton, N.J. u. a. 1983, S. 11). Damit entsteht ein Graben zwischen Type und Token,
Regelgesetz und Praxis. Eine Möglichkeit, diesen Graben zu füllen, ist das sklavische Befol-
gen der Regel, im Glauben daran, dass sie die Praxis bestimme.
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 235

druck minne bant verweist auf eine ‚andere‘ Verwendung des Ausdrucks in
einem ‚anderen‘ Kontext, die aber nicht mehr erschliessbar ist. Ganz im
Sinne DERRIDAS erscheinen die Worte von Beginn an als verschobene,
ohne dass ein Grund für die Verschiebung und ein ‚richtiger‘ oder ‚ur-
sprünglicher‘ Kontext bekannt wäre.48
Anstatt dass die Spur des Ausdrucks minne bant im Verlauf der Erzäh-
lung zurückverfolgt würde, geht es um deren Folgen: Der Mönch begibt
sich in den Raum ausserhalb des Klosters. Das rein diskursive Minneaben-
teuer hat reale Konsequenzen, die das scheinbare Aussen in das Kloster
hineinbringen. Die Abtreibung macht zum einen klösterliche Minneprak-
tiken sichtbar,49 zum anderen resultiert daraus das Begehren des Mönches
nach dem Hasenkind. Dieses wiederum muss von den klösterlichen In-
stanzen mit Beichtpraktiken, Psalmenlesungen und Gewalt ausgemerzt
werden.50
Der Ausdruck minne bant verschafft dem Mönch keine sexuelle Erfah-
rung. Aber er ermöglicht neue Erzählzusammenhänge, aus denen neue
(den Mönch lenkende) Verweise hervorgehen. Die Abgeschlossenheit
eines Zeichensystems hat zur Folge, dass Bedeutungen stabilisiert
werden. Indem der Mönch das Buch weglegt und den textexternen Ver-
weisen folgt, verlässt er den eben nur partiell abgeschlossenen Zeichen-

48 Vgl. JACQUES DERRIDA: Signatur Ereignis Kontext. In: Randgänge der Philosohpie, Wien
1988, S. 291-314: „Jedes […] Zeichen kann als kleine oder große Einheit zitiert, in Anfüh-
rungszeichen gesetzt werden; dadurch kann es mit jedem gegebenen Kontext brechen, un-
endliche viele neue Kontexte auf eine absolut nicht saturierbare Weise erzeugen. Dies setzt
nicht voraus, daß das Zeichen (marque) außerhalb von Kontext gilt, sondern im Gegenteil,
daß es nur Kontexte ohne absolutes Verankerungszentrum gibt.“ (S. 304; Herv. J.D.). Ein
Zeichen entsteht gemäss DERRIDA aufgrund seiner „Iterabilität“, d.h. der Möglichkeit, es an
einem anderen ‚Ort‘ zu wiederholen. Dies impliziert, dass ein Zeichen immer auf sein eige-
nes ‚anderes‘ (früheres und späteres) Vorkommen in einem ‚anderen‘ Kontext verweist.
„Diese Kraft des Bruches [eines schriftlichen Zeichens mit seinem Kontext] ist kein akzi-
dentelles Prädikat, sondern die Struktur des Geschriebenen selbst.“ (S. 300). Eine solche
Zeichenkonzeption darf jedoch ihrerseits nicht als ahistorische verstanden werden. Viel-
mehr wird sie, wie bspw. ILLICH (Anm. 46) und STOCK (Anm. 47) deutlich machen, erst im
Rahmen einer Schriftkultur denkbar.
‚Kontext‘ soll im Folgenden im Sinne DERRIDAS als (v. a. diskursiver) Rahmen einer Markie-
rung (i. e. eines realisierten Zeichens) verstanden werden, der bei jedem neuen Auftreten des
Zeichens ein anderer ist. Der jeweilige Kontext und die jeweilige Markierung prägen sich
gegenseitig, so dass DERRIDA behaupten kann, dass ein (realisiertes) Zeichen einen neuen
Kontext hervorbringt.
49 Der Junge, der die so genannte Abtreibung vornehmen soll, fragt, wer denn der Vater sei,
der Prior oder der Abt (V. 323ff.). Dies lässt sich als Anspielung auf Homosexualität in
Klöstern lesen, bedeutet aber nicht, dass der Mönch selbst von einem homosexuellen Be-
gehren getrieben werde; anders SCHNYDER (Anm. 8), S. 273.
50 Zum unterstellten ‚Wahnsinn‘ des Mönchs und dessen Austreibung, vgl. MATEJOVSKI
(Anm. 27).
236 Susanne Reichlin

raum des Klosters.51 Er überlässt sich einem unabgeschlossenen Zeichen-


system und wird von einer Spur auf die nächste verwiesen. Am Ende wird
er gewaltsam ins Kloster zurückgeführt, in dem er nun wieder liest und
singt, wie am Anfang. Doch so zirkulär das Ende auch erscheinen mag, der
Ausdruck minne bant geht dabei verloren.
Die Kontextlosigkeit des Ausdruckes minne bant hat nicht nur hand-
lungsweltliche Konsequenzen. Das Wort steht auch innerhalb des Märes so
kontextlos da, dass es viele Fragen aufwirft. Was unterscheidet die Frage
nach dem zusammengesetzten Ausdruck von den topischen Fragen nach
der minne?52 Verweist der Ausdruck – wie ein Teil der Forschung meint53

51 Das Kloster erweist sich als nur partiell abgeschlossen, weil einerseits die Zeichen im Innern
(und im Text) auf das Aussen (das Nicht-Sprachliche) verweisen. Andererseits finden sich
ausserhalb des Klosters ‚Agenten‘ (der Mitbruder), die den Mönch ins Kloster zurückführen.
In diesem Sinne verweist das Märe auf andere Erzählungen, in denen das Verhältnis von
klösterlichem Innen und Aussen ebenfalls Thema ist; so z.B. der Mönch Felix. In: Erzäh-
lungen des späten Mittelalters und ihr Weiterleben in Literatur und Volksdichtung bis zur
Gegenwart. 2 Bde. Hrsg. von LUTZ RÖHRICH, Bern, München 1962, Bd. 1, S. 124-128, in der
sich die religiöse Transzendenzerfahrung durch das Transzendieren der Kloster-Grenzen
ergibt.
52 MEINERS (Anm. 13), S. 117, missachtet gänzlich, dass es um der minne bant geht und baut ihre
ganze Argumentation auf der Frage nach der minne auf.
53 ZAPPERI 1984 (Anm. 7), S. 148 versteht es als Zitat aus Heinrichs von Rugge MF 102,3. Auch
MATEJOVSKI (Anm. 27), S. 116 ist der Ansicht, dass der Ausdruck „eindeutig auf die ‚mit
dem Minnesang heimisch gewordene höfische Liebeslyrik‘ (ZAPPERI) Bezug nimmt.“ Bereits
SCHNYDER (Anm. 8), S. 283, Anm. 21, weist aber darauf hin, dass der Ausdruck häufiger
überliefert ist. Er vertritt die These, dass der Ausdruck auf Unterdrückung und Unfreiheit
anspiele (S. 275). GRUBMÜLLER (Kommentar (Anm. 5), S. 1259) glaubt, dass mit dem Aus-
druck auf einen „(realen oder fiktiven) Minnetraktat“ angespielt werde oder „dass nur das
Thema, dann in beliebigem Zusammenhang, gemeint ist.“ SEIDEL (Anm. 16), S. 695 verweist
auf Hosea 11,4 und Col. 3,14.
Es bleibt unbeachtet, dass der Ausdruck auch in Mären mehrfach benutzt wird: Im Studen-
tenabenteuer A (Die mittelhochdeutsche Novelle vom Studentenabenteuer. Hrsg. von WIL-
HELM STEHMANN, New York 1967 [Nachdr. von 1909] (Palaestra. Untersuchungen und
Texte aus der deutschen und englischen Philologie 67), S. 198-216) soll einer der beiden
Studenten der Tochter des Hausherrn das Lesen beibringen, macht ihr aber stattdessen den
Hof. Er tut dies so lange biz si [das Mädchen] gevie der minne bant (V. 234; „bis sie vom Band der
minne ergriffen wurde“). Aufgrund des Austauschs der Blicke erröten die beiden und der
Erzähler kommentiert: des twanc si der minne bant (V. 245; „dazu zwang sie das Band der minne “).
In anderen Mären wird die Metapher des Minnebandes wiederum ansatzweise konkretisiert:
So etwa wenn im nur in wenigen Handschriften überlieferten Epimythion des Herzmaeres
beklagt wird, dass das minne bant nicht einmal mehr die Stärke einer Weidenfaser habe
(V. 544 547; zit. n.: Kleinere Dichtungen von Konrad von Würzburg. Bd. I: Der Welt Lohn
– Das Herzmaere – Heinrich von Kempten. Hrsg. von EDWARD SCHRÖDER, mit einem Nach-
wort von LUDWIG WOLFF, Berlin 1959, S. 12-40 sowie S. XVII-XXI). Im Borten des Dietrich
von der Glezze verhandelt ein fremder Ritter mit einer Ehefrau um den Preis des Beischlafs.
Er bietet ihr zwei Hunde an: di winde gibe ich uch zuhant: / enstricket mir der minnen bant (V. 239f.;
„Die Hunde gebe ich euch sofort, wenn ihr für mich das Minneband auflöst“ (Übers. S.R.);
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 237

– auf den Minnesang? Oder dominieren die sexuellen Konnotationen?54


Oder steht der Ausdruck doch eher für einen geistlichen Kontext, in dem
das ‚Liebesband‘ die Gläubigen mit Gott verbindet?55
Die Kontextlosigkeit des Ausdruckes minne bant scheint sehr kalkuliert,
ist sie doch eine doppelte: Zum einen löst das Wort – wie bereits dargelegt
– handlungsweltliche Missverständnisse und Fehldeutungen aus. Zum an-
deren sind die Lesenden selbst mit der Kontextlosigkeit des Ausdruckes
konfrontiert. Das Wort weckt unterschiedliche Assoziationen, ohne dass
sich diese eindeutig zuordnen lassen. Im Unterschied zum Wort minne, bei
dem Lesende zumindest ansatzweise unterschiedliche Kontexte kennen
und zu dem es mehrfache literarische Reflexionen zur Unfassbarkeit der
Bedeutung gibt, fehlt dies beim selteneren Ausdruck minne bant. Er wird als
eine Art Signalwort eingeführt, das verspricht, dass sich seine Bedeutung
im Verlauf des Textes konkretisieren werde. Doch wie der Mönch, so
werden auch die Lesenden in die Irre geführt. Sie erfahren nur eine Ge-

zit. n.: Der Borte des Dietrich von der Glezze. Untersuchungen und Text. Hrsg. von OTTO
RICHARD MEYER, Heidelberg 1915 (Germanistische Arbeiten 3)). Die Frau lehnt dieses
Angebot zwar ab, tauscht aber ihre minne kurz darauf gegen einen magischen Gürtel (borte)
ein, der unbesiegbar macht (V. 279-337). Der fremde Ritter kann somit seine metaphorische
‚Gebundenheit‘ durch die minne mit Hilfe eines konkreten kostbaren Bandes, dem Gürtel,
lösen.
Erwähnt sei zudem, dass der Ausdruck minne bant auch im Titurel gebraucht wird (Str. 48,4:
op daz alter minnen sich geloubet, / dannoch diu iugent wont in der minne bant; „Wenn auch das Alter
auf Minne verzichten kann, bleibt doch die Jugend in den Fesseln der Minne“), wo wahr-
scheinlich die Ausschöpfung des Konnotationsreichtums des (Minne-)Bandes ihren Höhe-
punkt findet (zit. n.: Wolfram von Eschenbach: Titurel. Hrsg. von HELMUT BRACKERT und
STEPHAN FUCHS-JOLIE, Berlin, New York 2003).
54 Im Sperber (Anm. 19) wird der Beischlaf als ‚Knüpfen des Bandes‘ bezeichnet: diu süeze minne
si [die Liebenden] beide bant (V. 168; „die süße Minne band sie aneinander“). Im Märe Der
Mönch als Liebesbote A. In: GRUBMÜLLER (Anm. 5), S. 524-543, ist das ‚Liebesband‘ hingegen
objekthaft. Der Erzähler beschreibt einen Gürtel, den die Frau ihrem Liebhaber zukommen
lässt, als es was ain gross liebe pant (V. 241; „Es war ein großes Minneband“). Im Märe Aristote-
les und Phyllis. In: GRUBMÜLLER (Anm. 5), S. 492-523, ist das Liebesband wiederum stärker
ideell konzipiert: ir beider [Liebende] bant vil gar zerbrach / dâmite sî gebunden / [...] von der strengen
minne (V. 162-165; „Die Fessel war gesprengt, / mit der sie [...] durch die unerbitterliche
Minne / gebunden gewesen waren“).
55 „Super omnia autem haec, charitatem habete, quod est vinculum perfectionis.“ (Col. 3,14;
„Vor allem aber liebt einander, denn die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält und
vollkommen macht“ (Einheitsübersetzung)). Zur geistlichen Tradition vgl. auch SARAH
STANBURY SMITH: ‚Adam Lay I-Bowndyn‘ and the vinculum amoris. In: English Language
Notes XV/2 (1977), S. 98-102, hier S. 99-101; sowie UWE RUBERG: ‚Wörtlich verstandene‘
und ‚realisierte‘ Metaphern in deutscher erzählender Dichtung von Veldeke bis Wickram. In:
‚Sagen mit sinne‘. FS für Marie-Luise Dittrich. Hrsg. von HELMUT RÜCKER und KURT OTTO
SEIDEL, Göppingen 1976 (GAG 180), S. 205-220, hier S. 212-214. RUBERG zeigt, dass der
Ausdruck minne bant in Hartmanns Gregorius (V. 834) auf die riuwen bande (V. 2727) bezogen
und in der Beinfessel des Gregorius konkretisiert wird.
238 Susanne Reichlin

schichte, in der der Ausdruck nicht mehr auftaucht. Wie der Mönch kön-
nen sie aus der Erzählung, in der zwar die einzelnen Bestandteile des Aus-
drucks öfters auftreten,56 einige Vermutungen anstellen. Doch zeigt ihnen
die Geschichte zugleich, dass sie mit diesen Vermutungen ebenso falsch
liegen könnten.
Die Kontextlosigkeit erscheint dadurch als ein Stilmittel, das nicht nur
komische Fehlschlüsse ermöglicht, sondern das das literarische Potential
der Vieldeutigkeit von Schrift vorführt. Die Kontextlosigkeit eines Wortes
birgt die Möglichkeit unendlich vieler Formen der Konkretisierung. Es
weckt die Neugier der Lesenden. Das langsame Herausdestillieren einer
bestimmten Bedeutung aus einem zunächst unbestimmten oder anders
konturierten Bedeutungsspektrum ist eine oft genutzte Form der Struktu-
rierung einer Erzählung. Wenn Des Mönchs Not nun gezielt mit dieser Erwar-
tung bricht, wenn die Spannung auf eine Konkretisierung des Ausdruckes
minne bant zwar geweckt, aber nicht erfüllt wird, ist dies eine Liebeserziehung
der Lesenden: Ganz im Sinne der Liebeserziehung des Sperbers werden sie
auf ihr eigenes ‚textuelles Begehren‘ verwiesen. Sie erfahren den Wunsch
nach einer Kontextualisierung von potentiellen Bedeutungsträgern.

6. Verschobene Rekontextualisierung
Der zitierte, dem Kontext enthobene Ausdruck generiert ein zweifaches
Begehren. Er beinhaltet für die Figur das Versprechen, einen aussertextu-
ellen Referenten zu finden. Den Lesenden verspricht es das Umgekehrte,
nämlich dem scheinbar kontextlosen Ausdruck eine Geschichte zu geben.
Weder das eine, noch das andere wird erfüllt. Der Ausdruck ist einerseits
bloss Initiator, der die Handlung ins Rollen bringt und sie somit in Kon-
texte führt, in denen der Ausdruck selbst nicht mehr vorkommt. Anderer-
seits ist der Ausdruck so eng dem Kontext dieses Märes verhaftet – und in
dem Sinne überhaupt nicht kontextlos –, dass keine Kontext übergreifende
Bedeutungsstiftung möglich ist.
Doch gerade das ungestillte Begehren der Lesenden verdeutlicht, wes-
halb die Suche des Mönches scheitert. Er sucht nach einem konkreten
Referenten und schafft doch jedes Mal nur einen neuen Kontext für de-
kontextualisierte Diskursfragmente. Semiotisch könnte dies bedeuten, dass
der Kontext, in den ein Zeichen verschoben wird, nicht vorgängig besteht,
sondern im Moment der Rekontextualisierung erst entsteht.
Während der Mönch von einem Abenteuer ins nächste strauchelt, wer-
den die Lesenden von einem Erzählzusammenhang zum nächsten geführt.

56 Z. B. werden dem Mönch am Ende vom Mitbruder die Hände ‚gebunden‘ (V. 444f.).
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 239

Jeder Erzählzusammenhang verweist auf bestimmte märentypische Er-


zählmuster57 und verspricht so den Lesenden eine abgerundete Pointe.
Doch statt einem Abschluss folgt stets ein weiteres Abenteuer, bis die Ge-
schichte auf den Anfang zurück gebogen wird. Auf diese Weise struktu-
riert sich das Märe entlang einzelner Diskursfragmente, die von einem
Kontext zum nächsten verschoben werden.
Die Erzählung wiederholt auf unterschiedlichen Ebenen das, was auf
der Handlungsebene den Mönch als naiv charakterisiert: Wörter und Dis-
kursfragmente werden isoliert und in einem fremden Bereich rekontextu-
alisiert.58 Die Schriftszene am Anfang lässt sich auf diese Weise als ‚poeto-
logische Urszene‘ verstehen. Der zitierte (und damit verschobene) Aus-
druck minne bant ist nicht nur der Auslöser der Märenhandlung, sondern
stellt gleich zu Beginn die das Märe prägende Technik der Verschiebung
vor; Verschiebungen von Literalsinn und Trope, von Diskursfragmenten in
Diskurs-fremde Kontexte oder von einem überlieferten Topos oder Er-
zählmuster zum nächsten.
Die Folgen solcher Verschiebungen sind, wie ich zu zeigen versucht
habe, ganz unterschiedlich: Körper und Diskurs stehen in einer irritieren-
den Kongruenz und machen das Begehren als absentes sichtbar. Die Op-
position von Körper und Sprache als Mittel zur Darstellung von Begehren
wird in Frage gestellt. Und die Erzähltechniken anderer Mären, insbeson-

57 Es fällt auf, dass die meisten Mären mit ähnlichen Motiven ‚stringenter‘ erzählt sind. Sie haben
nur einen Höhepunkt, während Des Mönchs Not mehrere Pointen aufweist, die dementspre-
chend auf unterschiedliche Erzählungen verweisen: In GIOVANNI DI BOCCACCIO: Das Deka-
meron. Übers. von Albert Wesselski. 2 Bde., Leipzig 1912, Bd. 2 (Novelle 9.3), S. 386-391,
besteht die Pointe in der Schwangerschaft und deren ‚Ausmerzung‘. (Weitere Belege zur
Schwangerschaft eines Mannes bei GRUBMÜLLER (Anm. 5), S. 1257f. und ZAPPERI (Anm. 7).
Das fetischisierte Begehren nach dem Hasenkind ist parallel zum Begehren des Mädchens im
Von dem Űtrigl. In: Codex Vindobonensis 2885. Hrsg. von URSULA SCHMID, Bern, München
1985 (Deutsche Sammelhandschriften des späten Mittelalters. Bibliotheca Germanica 26),
S. 580-591. Die diskursive Unerfahrenheit im Umgang mit Sexualität findet sich in den im
Abs. I behandelten Mären. Sowohl von Unerfahrenheit als auch von Schwangerschaft erzählt
das Märe Von einem Müller. In: Der Endkrist des Friedrich von Saarburg und die andern
Inedita des Cod. Vind. 2885. Hrsg. von UTE SCHWAB, Napoli 1964 (Quaderni della Sezione
Germanica degli Annali I), S. 97-105, doch wird hier nicht motiviert, weshalb dem Müller
unkunt waz die minne (V. 20). Die Schrift als Stimulus für die Transgression des Klosterbereichs
spielt hingegen in Mönch Felix (Anm. 51) und Die Legende vom zwölfjährigen Mönchlein. In: Mit-
telalter. Texte und Zeugnisse. Hrsg. von HELMUT DE BOOR, München 1965 (Die Deutsche
Literatur. Texte und Zeugnisse 1), S. 351-355, eine wichtige Rolle.
58 Wenn der Erzähler den dem Hasen nachjagenden Mönch mit einem tobende[n] hunt (V. 409;
„tollwütiger Hund“) vergleicht, wird dies erneut besonders deutlich. Der Erzähler verschiebt
– genau wie der Mönch, wenn er glaubt, sein imaginäres Kind könne wie ein Kalb abgetrie-
ben werden – Eigenschaften und Bezeichnungen von Tieren auf Menschen und umgekehrt.
Erzählen besteht hier – auch in einem nicht komischen Sinne – aus Verschiebungen und
Rekontextualisierungen.
240 Susanne Reichlin

dere der naive Blick als Mittel zur Konkretisierung von Metaphern, werden
gesteigert und dadurch ansatzweise als Technik reflektiert.
Die Eingangsszene verdeutlicht, dass solche Formen der Verschiebung
einer Schriftkultur entspringen, die verstärkt angefangen hat, das Wort aus
dem Text und den abstrakten Text vom konkreten zu lösen. Zugleich ist
das verschobene Zitat, das in der Verschiebung selbst neue weiterführende
Spuren generiert, eine der zentralen literarischen Techniken der Gattung
Märe. Das Märe Des Mönchs Not grenzt sich mittels des verschobenen Zitats
– wie mehrfach gezeigt wurde – von anderen Mären ab und schreibt sich
damit doch genauso deutlich in den Gattungszusammenhang ein.
Statt der Lust an der Konkretisierung und Rekontextualisierung eines
Signalwortes, wird den Lesenden also die Lust an der Verschiebung gebo-
ten. Diese Lust generiert sich aus kalkuliert gesetzten Versprechen, die
immer nur verschoben, nicht aber erfüllt werden. Das, was ich in diesem
Märe als ‚textuelles Begehren‘59 bezeichnen möchte, wird in dem Sinne
über die Nicht-Einlösung von Lese-Erwartungen generiert: Erwartungen,
die durch Verschiebungen immer wieder genährt, nie aber eingelöst wer-
den. Im Unterschied zu HELGA GALLAS Begriff des „Textbegehrens“60

59 Der Begriff orientiert sich an BLOCHS „eroticism of the fabliaux“ (BLOCH (Anm. 2), S. 87,
s.o. Abs. IV). Es scheint mir jedoch wichtig, mit dem Begriff des ‚textuellen Begehrens‘
genauer als BLOCH zwischen Handlungs- und Erzählebene zu unterscheiden. Für die Frage
nach der Darstellung von Begehren ist auch ANDREAS KRAß’ Analyse des Märes Der Borte
äusserst aufschlussreich (ANDREAS KRAß: Queer Studies – eine Einführung. In: Queer den-
ken. Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies). Hrsg. von ANDREAS KRAß, Frank-
furt a. M. 2003 (Edition Suhrkamp 2248), S. 7-28.). KRAß spricht von einem „Textbegehren,
das in einer unterschwelligen symbolischen Ordnung kodiert und nicht mit jenem Begehren
deckungsgleich ist, das sich in den Stimmen des Autors, des Erzählers und der Figuren arti-
kuliert“ (S. 22). In einem weiteren Aufsatz (ANDREAS KRAß: Männerfreundschaft. Bündnis
und Begehren in Michel de Montaignes Essay De l’amitié. In: Bündnis und Begehren: ein
Symposion über die Liebe. Hrsg. von ANDREAS KRAß/ALEXANDRA TISCHEL, Berlin 2002
(Geschlechterdifferenz & Literatur 14), S. 127-141) geht er bei Montaigne vom „Begehren
seines Textes“ aus, das zeige, „was der Text auf seiner Oberfläche zu verdrängen sucht“
(S. 140). Ich möchte KRAß insoweit folgen, als dass ich das ‚textuelle Begehren‘ in Des Mönchs
Not ebenfalls auf der Ebene der „symbolischen Ordnung“ ansiedeln würde. Problematisch
scheint mir hingegen die Unterscheidung zwischen „Oberfläche“ und „Subtext“, zwischen
„heteronormativer Zeichenökonomie“ und „Schattengeschichte“. Mir scheint, dass mit
einer solchen ‚Hermeneutik‘ das komplexe Ineinandergreifen unterschiedlicher Textstrate-
gien nicht erfasst werden kann.
60 GALLAS (Anm. 4) interpretiert Kleists Text mittels einer struktural-psychoanalytischen Lesart.
Die ‚manifeste‘ Textebene versteht sie analog dem Traum als Ausdruck eines latenten Begeh-
rens, das sich in verschobenen Signifikanten zeigt. Sie bestimmt dieses ‚Begehren‘ als dasjenige
des Subjekts, das seine Abhängigkeit und Gespaltenheit erfährt, aber nach Autonomie strebt
(S. 95, 109f.). Problematisch ist daran zum einen die Reduktion des manifesten Textes auf ein
einziges, beschreibbares Begehren. Zum anderen konzipiert sie das Begehren als ahistorisches.
Sie thematisiert nicht, inwiefern das von ihr festgestellte Textbegehren spezifisch für den einen
Text von Kleist ist oder ob es sich dabei – da es sich mit der für die LACANSCHE Psychanalyse
zentralen Form des Begehrens deckt – um ein generelles Textbegehren aller Texte handelt.
Gescheiterte Liebeserziehung – gelungene Beschriftung 241

verweist diese Form des ‚textuellen Begehrens‘ nicht auf ein Unbewusstes
des Textes, das – auch wenn es nicht dem Autor zugeschrieben wird – doch
Subjekt-analog konzipiert ist.61 Vielmehr ist es eine Textstrategie, die durch
unerfüllte Erwartungen Spannung erzeugt. Begehren wird somit in Des
Mönchs Not nicht auf der Handlungs-, sondern allein auf der Erzählebene
erzeugt.
Dies bedeutet aber nicht – wie dies etwa BLOCH postuliert62 –, dass das
,textuelle Begehren‘ dasjenige auf der Handlungsebene hervorbringen
würde. Denn Des Mönchs Not führt gerade die Unterschiede zwischen tex-
tuellem, hermeneutischem und sexuellem Begehren deutlich vor. So hat
der Mönch, wenn er die Bedeutung des Ausdrucks minne bant erfahren
möchte, ein ‚hermeneutisches Begehren‘, doch fehlt ihm ein sexuelles. Der
Text stellt das sexuelle Begehren durch Verweise auf andere Mären als
absentes dar.
Das ‚textuelle Begehren‘ ist dagegen auf der Ebene der vom Text er-
zeugten Effekte anzusiedeln. Das Märe strukturiert sich über Erwartun-
gen, die geschürt, aber nur verschoben eingelöst werden. Mittels der
Schriftszene wird deutlich, dass dieses geschürte Begehren nicht einem
generell ,hermeneutischen Begehren‘ nach Sinn entspricht,63 sondern an
die Schriftpraxis des Zitats, an Isolierung und Rekontextualisierung gekop-
pelt ist. Während das ‚hermeneutische Begehren‘ einer Unfassbarkeit
(Mangel) von Sinn entspringt und das sexuelle Begehren mittels einer Ab-
senz dargestellt wird, so geht es beim ,textuellen Begehren‘ darum, einen
Mangel zu erzeugen.
Das Märe Des Mönchs Not erzeugt diesen ‚Mangel‘ auf eine historisch
spezifische Art und Weise, indem es sich sowohl auf andere Mären als auch
auf ‚höfische Literatur‘ bezieht und deren Erzählmuster verschiebt. Das
‚textuelle Begehren‘ entsteht parallel zum Handlungsverlauf, in dem Dis-
kursfragmente immer wieder verschoben und neu rekontextualisiert wer-
den. Insofern führt die Erzählung nicht nur das Scheitern, sondern zu-
gleich auch das Gelingen der schriftlichen Stimulierung von Begehren
vor.

61 Dies wird z.B. daran deutlich, dass GALLAS (Anm. 4), S. 96, dann doch am Ende auch wieder
auf den Autor Kleist verweist.
62 BLOCH (Anm. 2), S. 83: „To what degree is the doubleness of the text a function of the
poet’s desire? Desire a function of the duplicity of the text? [...] For if dismemberment of
the body [...] is linked to the dismemberment of meaning, then the dismemberment of
meaning becomes the source of sexual desire [...].“
63 Vgl. GALLAS (Anm. 4), S. 96, die ihre Form des Textbegehrens (als Mangel des nicht-auto-
nomen Subjekts) am Ende – ohne genauer auf Differenzen hinzuweisen – mit dem Begeh-
ren der Interpretin nach Sinn gleichsetzt.
ANDREAS KRAß

Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds


Helena als Figur des Begehrens in der Historia von
D. Johann Fausten

Sie mueste schoen gewest seyn /


dieweil sie jrem Mann geraubet worden.
(Historia, Kap. 49)

1. Die Historia als erotischer Roman


Wollte man die Historia von D. Johann Fausten, die im Jahr 1587 vom Verleger
Johann Spieß in Frankfurt am Main publiziert wurde, als Liebesroman le-
sen, so ließe sich eine erotische Biographie rekonstruieren, die sechs Stati-
onen umfasst.1 Diese verteilen sich auf die gesamte Frist jener 24 Jahre, die
der Teufel seinem Vertragspartner zugestanden hat, kulminieren aber ge-
gen Ende der Erzählung. Im ersten Jahr äußert Faustus einen Heirats-
wunsch, der ihm jedoch von Mephostophiles versagt wird; stattdessen
führt dieser ihm Teufel in Gestalt der schoenen Weiber2 zur Befriedigung seiner
Wollust zu. Im 16. Vertragsjahr, als sich Faustus von Mephosto auf eine
Weltreise führen lässt, gelangt er auch nach Konstantinopel; dort beglückt
er in einer schwankhaften Episode mit seinen enormen Liebeskünsten den
Harem des türkischen Kaisers, wobei er sich als Papst verkleidet und
behauptet, er sei Gott Mahomet 3 selbst. Im eigentlichen Schwankteil, der in
einer Zeitschleife zwischen dem 16. und 17. Jahr anzusiedeln ist, kommt es

1 Zitierte Ausgabe: Historia von D. Johann Fausten. Text des Druckes von 1587. Kritische Aus-
gabe. Mit den Zusatztexten der Wolfenbütteler Handschrift und der zeitgenössischen Dru-
cke. Hrsg. von Stephan STEPHAN FÜSSEL/HANS JOACHIM KREUTZER, Stuttgart 1999 (Reclam
UB 1516). – Zur Komposition der Historia vgl. ANDREAS KRAß: Schwarze Galle, schwarze
Kunst. Poetik der Melancholie in der Historia von D. Johann Fausten. In: Zeitsprünge 7
(2003), S. 537-559.
2 Historia (Anm. 1), Kap. 10, S. 29, Z. 15 f.
3 Historia (Anm. 1), Kap. 26, S. 69, Z. 29.
244 Andreas Kraß

zur ersten Begegnung mit der schönen Helena[ ] auß Graecia4; Faust be-
schwört ihren Geist und führt ihn seinen Studenten bei einem nächtlichen
Gelage vor Augen (Kap. 49). Im 17. Jahr, unmittelbar nach der Erneuerung
des Teufelspaktes, betätigt sich Faust als Kuppler, der unter Anwendung
eines Liebeszaubers einem liebeskranken Adeligen ein vberauß schoen Weibs-
bildt 5 zuführt. Im 19. und 20. Jahr beginnt Faustus ein Saeuwisch vnnd Epicu-
risch leben,6 um sich vom nahenden Fristende abzulenken, und treibt es mit
siben Teuffelische[n] Succubas,7 die ihm in Gestalt zweier Niederländerinnen,
einer Ungarin, einer Engländerin, zweier Schwäbinnen und einer Fränkin
erscheinen (Kap. 57). Im letzten Lebensjahr, bevor ihn der Teufel holt,
besinnt er sich noch einmal auf die schöne Helena und gebietet Mephosto-
philes, ihre Gestalt anzunehmen und ihm als Concubina beizuwohnen; mit
ihr führt er fortan ein eheähnliches Leben, und sie gebiert ihm sogar einen
Sohn, den er Iustum Faustum nennt (Kap. 59).
Fasst man die sechs Liebesabenteuer zusammen, von denen die Historia
erzählt, so lassen sich drei Episodenpaare unterscheiden. In den ersten und
letzten beiden Episoden ist es Faust selbst, der mit dämonischen und leib-
haftigen Frauen Unzucht treibt, während er in den mittleren Episoden als
Kuppler und Geisterbeschwörer auftritt, der die erotischen Wünsche lie-
bestoller Männer erfüllt. Die Liebesgeschichte des Protagonisten ist zu-
gleich eine Geistergeschichte, denn in jedem Falle sind teuflische Künste
im Spiel, die die Grenze zwischen Schein und Sein, Realität und Imagina-
tion überspielen. Drei Typen sind zu unterscheiden, je nach dem Verhältnis,
das Faustus mit den Geistern eingeht. In drei Fällen schläft er mit Teufels-
geistern, wie es im Text heißt;8 einmal gibt er sich selbst als Geist aus, wenn
er den Haremsdamen als Mohammed erscheint, und einmal lässt er einen
Geist erscheinen, den Geist der Helena. Im Falle der Kuppelei ist von
Geistern nicht die Rede, doch gelingt es Faust mit Hilfe eines Liebeszau-
bers, der Waschung mit destilliertem Wasser, das Angesicht des Verliebten
so zu verschönern, dass die Umworbene, die sich zuvor nicht für ihn inte-
ressierte, plötzlich mit Cupidinis Pfeilen durchschossen9 ist; somit wird auch hier,
wie im Falle der erregten Studenten und befriedigten Haremsdamen, eine
erfolgreiche erotische Verblendung initiiert.
Dass Helena in dieser erotischen Vita die zentrale Rolle einnimmt, er-
hellt schon daraus, dass sie zweimal auftritt. Doch unterscheiden sich diese

4 Historia (Anm. 1), Kap. 26, S. 97, Z. 10.


5 Historia (Anm. 1), Kap. 54, S. 105, Z. 17 f.
6 Historia (Anm. 1), Kap. 57, S. 109, Z. 5 f.
7 Historia (Anm. 1), Kap. 57, S. 109, Z. 6 f.
8 Historia (Anm. 1), Kap. 10, S. 29, Z. 16: Teuffel; Kap. 57, S. 109, Z. 7: Succubas; Kap. 59, S. 110,
Z. 12 f.: Helena als Concubina.
9 Historia (Anm. 1), Kap. 54, S. 106, Z. 19 f.
Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 245

Auftritte fundamental. Im ersten Fall agiert Faustus als souveräner Meister,


der Helena erscheinen lässt, um das Begehren seiner Schüler zu stillen,
ohne selbst affektiv beteiligt zu sein. Im zweiten Fall hingegen ist Faust
Sklave seiner Wollust; nun ist es der Teufel, der Helena erscheinen lassen
muss, um das Begehren seines zunehmend verzweifelnden Paktgenossen
zu erfüllen. Es kommt also zu einer Umkehrung der Dominanzverhältnis-
se, die sowohl mit der gattungspoetischen Spaltung der Historia in einen
Schwankteil und einen Romanteil sowie mit der psychischen Disposition
des Protagonisten zwischen Euphorie und Melancholie zu tun hat.10 Die
erste Szene gehört zu den Schwänken; hier ist Faustus selbstmächtig, und
der Teufel tritt in den Hintergrund zurück; die zweite Szene hingegen hat
ihren Platz gegen Ende des Romans; hier ist Faustus zunehmend ohn-
mächtig, und der Teufel gewinnt wieder Oberhand. Diese Differenz ist
auch durch die begriffliche Opposition von Vorstellung und Darstellung
markiert.11 Bei der Vorstellung der Helena geht es um eine Vorführung ihres
Geistes durch Faustus, bei ihrer Darstellung hingegen um die Verkörperung
ihres Geistes durch Mephostophiles. Im ersten Fall bleibt Helena ein kör-
perloses Trugbild, das nicht berührt werden kann und darf;12 im zweiten
Fall hingegen leiht der Teufel ihr eben deshalb seinen Leib, damit Faust mit
ihr sexuell verkehren kann. Eine weitere Verknüpfung besteht zwischen der
zweiten Helena-Episode (Kap. 59) und der ersten Station der erotischen
Karriere, nämlich jenem Kapitel, in dem Faustus seinen Heiratswunsch
äußert (Kap. 10). Denn während ihm durch den Teufelspakt die Ehe ver-
boten ist, gründet er im letzten Jahr seiner Lebensfrist mit Helena einen
Liebesbund und schließlich, mit der Geburt des gemeinsamen Kindes, eine
unheilige Kleinfamilie. Doch steht außer Frage, dass es sich nur um die
Illusion einer Ehe und Familie handelt, denn mit Fausts Tod verschwinden
auch Helena und der Sohn. Tatsächlich setzt Faust sein säuisches und epi-
kureisches Leben fort, das er nach dem Heiratsverbot begonnen und seit-
dem als Genießer (Kap. 16, 57) und Vermittler (Kap. 49, 54) erotischer
Freuden praktiziert hat. So wird deutlich, dass die zweite Helena-Episode
den finalen Höhepunkt einer steigernden Episodenreihe darstellt, die von
Unzucht, Kuppelei und Buhlerei erzählt.

10 Vgl. KRAß (Anm. 1).


11 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 97, Z. 17 f.: wil ich euch dieselbige fuerstellen; Kap. 59, S. 110, Z. 12:
er solte jm die Helenam darstellen.
12 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 97, Z. 22-24: Darauff verbote D. Faustus, / daß keiner [...] sie zu-
empfahen anmassen [solte].
246 Andreas Kraß

2. Helena als Figur des Begehrens


Wenn man im Falle der Historia von D. Johann Fausten von einer Liebesge-
schichte sprechen kann, so ist noch fraglich, wer eigentlich als erotisches
Gegenüber des Protagonisten zu adressieren ist. Denn wenn es auch He-
lena ist, die von Faustus geliebt und geschwängert wird, so ist sie es doch
nur als Verkörperung des Teufels, der ihr seinen Leib leiht. Ein Lebens-
bund wird ja nicht wirklich zwischen Faustus und Helena geschlossen, son-
dern zwischen Faustus und Mephostophiles, wobei Helena nur eine der
Rollen ist, in denen der Teufel seinem Vertragspartner zu Diensten steht.
Im Folgenden soll dieser Aspekt zunächst noch zurückgestellt und viel-
mehr gefragt werden, in welchem Sinn von Helena als einer Figur des Be-
gehrens die Rede sein kann. Als solche wird sie in der Historia explizit
adressiert: Faust lässt Helena erscheinen, weil seine angetrunkenen Stu-
denten so begirig sind, ihre schoene gestalt 13 zu sehen. Mindestens drei Aspekte
lassen sich anführen. Helena ist eine Figur des Begehrens erstens hinsicht-
lich ihrer schönen Körpergestalt, deren Beschreibung sich am poetischen
Muster der Vertikaldescriptio orientiert; sie ist es zweitens als Urbild aller
schönen Frauen, was sie letztlich der literarischen Autorität Homers ver-
dankt; und sie ist es drittens als Fokus einer Figuration männlich-heterose-
xuellen Begehrens, die mimetisch strukturiert ist. Diese Bedeutungsaspek-
te sind zu veranschlagen, wenn es in der Historia heißt, dass Helena ein sehr
herrlich gestalt eins Weibsbilds14 sei.
Die Beschreibung der Schönheit Helenas erfolgt in jenem Moment, als
Faust sie in die Stube hinein und seinen Studenten vor Augen führt. Der
Leser der Historia wird somit seinerseits in die Rolle eines Schülers verwiesen,
der seinen Blick innbruenstig auf die schoene Helenam auß Graecia15 richtet:
Diese Helena erschiene in einem koestlichen schwartzen Purpurkleid / jr Haar hatt sie
herab hangen / das schoen / herrlich als Goldfarb schiene / auch so lang / daß es jr biß in
die Kniebiegen hinab gienge / mit schoenen Kollschwartzen Augen / ein lieblich Angesicht
/ mit einem runden Koepfflein / jre Lefftzen rot wie Kirschen / mit einem kleinen Muend-
lein / einen Halß wie ein weisser Schwan / rote Baecklin wie ein Roeßlin / ein vberauß
schoen gleissend Angesicht / ein laenglichte auffgerichte gerade Person.16

Bei dieser Passage handelt es sich keineswegs um ein individuelles Portrait,


sondern um eine konventionalisierte Beschreibung, die mehrere Referenz-
punkte aufweist: erstens die wenigen Details, die Homer über Helenas äu-
ßeres Erscheinungsbild verrät, zweitens das poetische Muster der vertika-

13 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 97, Z. 14.


14 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 98, Z. 17.
15 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 97, Z. 9 f.
16 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 97, Z. 28-S. 98, Z. 2.
Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 247

len Descriptio, drittens eine markierte intratextuelle Referenz, nämlich die


Beschreibung der Gattin Alexanders des Großen, die Faust in einer frühe-
ren Geisterbeschwörung präsentierte (Kap. 33). Alles, was in den Aussagen
über Helena zur Geltung kommt, ist abgeschrieben, ist kopiert und kom-
piliert aus Homers Ilias und Odyssee, aus Quellen frühneuzeitlicher Enzyk-
lopädie, aus poetologischen Traditionen, aus der Historia selbst. Begehren
wird von Schönheit geweckt, aber die Schönheit der Helena ist ein Produkt
schriftgelehrten Wissens – und der individuelle Zug ihrer Schönheit nichts
anderes als die spezifische Weise, wie der Verfasser der Historia hier ab-
schreibt und zusammenschreibt.
Homer gibt keine detaillierte Beschreibung der schönen Helena, ob-
gleich sie es ist, deren Entführung den Anlass für den Trojanischen Krieg
gibt; er belässt es bei austauschbaren Epitheta weiblicher Schönheit. Der
dritte Gesang der Ilias, in dem Helena näher vorgestellt wird, erwähnt an
einer Stelle ihre weißen Arme (Il. 3,121), an einer anderen ihr schönes Haar
(Il. 3,329).17 Die Odyssee vermerkt noch die schönen Wangen (Od. 15,123;
vgl. Il. 1,143 über Chryseïs und Il. 24,607 über Leto). Helena ist schön-
haarig, weißarmig und schönwangig, das war’s. Ansonsten begnügt sich
Homer mit der konstatierenden Behauptung ihrer Schönheit: Helena sei
„ein schönes Weib“, eine „blühende Gattin“, gleiche „einer Göttin
von Ansehn“, sei „schön gestaltet“ und „die göttliche unter den Weibern“
(Il. 3,48.53.158.159.171). Ein sinnlich vorstellbares Bild ihres Körpers
evoziert er nicht, auch nicht ihrer Kleidung. Homer teilt nur mit, dass sie
ein „wallendes“ (Il. 3,228), „nektarduftendes“ (Il. 3,385) Kleid getragen,
dazu einen „Schleier von silberglänzendem Linnen“ (Il. 3,141.419). Wie-
derum fehlen die Details, die ein anschauliches Bild erzeugen könnten.
Die Historia hält sich in der Beschreibung der körperlichen Schönheit
insoweit an Homer, als auch sie das schöne Haar, die schönen Wangen und
die weiße Haut anführt. Die Entsprechungen beschränken sich jedoch auf
die Ebene der erwähnten Körperteile, in allen anderen Punkten weicht die
Historia von Homer ab. Dabei erotisiert sie das Bild der Helena und konsti-
tuiert es als Objekt des Begehrens. Der erste Eingriff besteht darin, dass die
Historia die in der Ilias und der Odyssee verstreuten Hinweise zu einem Ge-
samtbild integriert. Die zweite Modifikation betrifft die Fokussierung von
Helenas Angesicht: Die Historia erweitert die Beschreibung um Augen, Mund
und Lippen; außerdem erwähnt sie die runde Form des Kopfes, umschreibt
also die erwähnten Einzelheiten mit einem Kreis. Indem sie die weiße Farbe
nicht auf die Arme, sondern den Hals bezieht, entsteht ein Bild nicht nur
ihres Gesichtes und Kopfes, sondern der gesamten Büste. Der restliche Kör-

17 Homer: Ilias. Griechisch und deutsch. Übertragen von HANS RUPÉ. Mit Urtext, Anhang und
Registern, Düsseldorf, Zürich 2001 (Sammlung Tusculum).
248 Andreas Kraß

per kommt nicht mehr in den näheren Blick; die Historia betont nur den
aufrechten Wuchs, geht damit aber wiederum über Homer hinaus. Die drit-
te Veränderung betrifft die Rhetorik der Beschreibung. Bereits der Sachver-
halt, dass die Teile (Haar, Wangen, Augen, Mund, Lippen) auf das Ganze
(Gesicht, Kopf) bezogen werden, ist ein relevantes rhetorisches Merkmal.
Bedeutender noch ist der Befund, dass die Historia die Schönheit der körper-
lichen Details mit Farbattributen, die durch metaphorische Vergleiche ge-
stützt werden, illuminiert. Die Wangen sind nicht nur schön, sondern rot wie
Rosen (rote Baecklin wie ein Roeßlin), die Lippen rot wie Kirschen (jre Lefftzen rot
wie Kirschen), die Augen schwarz wie Kohle (mit schoenen Kollschwartzen Augen),
der Hals weiß wie ein Schwan (einen Halß wie ein weisser Schwan). Die Haare
sind blond wie Gold (herrlich als Goldfarb); außerdem betonen sie Helenas
hohen Wuchs, denn sie trägt es lang herabfallend bis zu den Knien (jr Haar
hatt sie herab hangen [...] / auch so lang / daß es jr biß in die Kniebiegen hinab gienge).
Das ästhetische Ensemble erweist sich somit als mustergültig im Sinne poe-
tischer Schönheitsbeschreibungen, es umfasst zum einen die aus Rot, Weiß
und Schwarz bestehende Trikolore des Gesichts sowie den Glanz des golde-
nen Haares, das Kopf und Körper umrahmt. Zieht man die Quersumme der
Vergleiche, so ergibt sich ein schwellendes Naturbild aus Rosen, Kirschen
und Schwänen, ein sekundäres Bild, das die körperliche Erscheinung meta-
phorisch überblendet. Was die Kleidung betrifft, so weiß die Historia von
einem koestlichen schwartzen Purpurkleid zu erzählen. Homer erwähnt, dass He-
lena ein wallendes, nektarduftendes Gewand und einen silbern glänzenden
Schleier getragen habe. Wieder greift die Historia modifizierend ein, indem
sie einerseits Material und Farbe des Kleides spezifiziert und andererseits
den Schleier fallen lässt, vielleicht weil er das Gesicht, das sie im Einzelnen
beschreibt, verhüllt hätte.18
Wie bereits angedeutet, kommt neben den Vorgaben Homers und dem
Muster poetischer Schönheitsbeschreibungen noch eine dritte, textinterne
Referenz hinzu. Helena ist nicht die erste Frau, der die Historia eine Be-
schreibung widmet. Im Rahmen der ersten Geisterbeschwörung, die Faus-
tus im Laufe seiner Schwankreise unternimmt (Kap. 33), wird bereits eine
andere Griechin porträtiert, nämlich die Gattin Alexanders des Großen.
Dieser paradigmatische Bezug wird im Text ausdrücklich markiert, wenn
es heißt, dass Faust den Geist der schönen Helena beschwört habe wie
zuvor schon die Geister Alexanders und seiner Frau am kaiserlichen Hofe
Karls V.19 Alexanders namenlose Gemahlin wird wie folgt beschrieben:

18 Zum vestimentären Code in mittelalterlicher Literatur vgl. ANDREAS KRAß: Geschriebene


Kleider. Höfische Identität als literarisches Spiel, Tübingen/Basel 2006 (Bibliotheca Germa-
nica, Bd. 50).
19 Historia (Anm. 1), Kap. 33, S. 97, Z. 19-22: dergleichen ich auch Keyser Carolo Quinto auff sein be-
geren / mit fuerstellung Keysers Alexandri Magni vnd seiner Gemaehlin / willfahrt habe.
Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 249

Bald darauff / nach dem sich Alexander wider neiget / vnd zu der Thuer hinauß gieng /
gehet gleich sein Gemahl gegen im herein / die thet dem Keyser auch Reuerentz / sie gieng
in einem gantzen blawen Sammat / mit guelden Stuecken vnd Perlen gezieret / sie war auch
vberauß schoen vnnd rohtbacket / wie Milch vnnd Blut / lenglicht / vnd eines runden
Angesichts.20

Dieses Portrait, bestehend aus einer Beschreibung der Kleidung und des
Körpers und szenisch gerahmt durch das Hereintreten und Fortgehen der
beschriebenen Frau, bereitet den späteren Auftritt Helenas vor. Wie Ale-
xanders Gattin wird auch Helena durch eine Tür hereintreten, umhergehen
und den Raum wieder verlassen. Wie jene wird auch Helena zunächst hin-
sichtlich ihrer Kleidung, dann ihres Körpers beschrieben. Wie jene trägt
auch Helena ein kostbares Gewand und zeichnet sich durch ihre rote Wan-
gen (rote Baecklin), ihre weiße Haut (einen Halß wie ein weisser Schwan), ihren
hohen Wuchs (ein laenglichte auffgerichte gerade Person) und ihr rundes Gesicht
(mit einem runden Koepfflein) aus. Doch ist dies eben nicht eine individuelle,
sondern eine typologische Auszeichnung: Wer so beschrieben wird, ist die
Schönste aller Frauen, und die Steigerung der Schönheit Helenas gegen-
über der Gattin Alexanders wird rhetorisch als quantitative Steigerung
inszeniert: Mehr Körperteile werden beschrieben, mehr Farben aufgelegt,
mehr bildhafte Vergleiche eingesetzt. Die überbietende Schönheit Helenas
ist die überbietende Nutzung eines rhetorischen Beschreibungsmusters.
Wenn es sich bei der Beschreibung der Helena immer schon um eine
Abschrift handelt, so vermag dieser Befund eine These zu bestätigen, die
JUDITH BUTLER in ihrer geschlechtertheoretischen Studie Gender Trouble
aufgestellt hat.21 BUTLER argumentiert, „dass das ‚Sein‘ der Geschlechts-
identität ein Effekt“ (S. 60) sei, und dass das heterosexuelle Begehren nie-
mals für sich beanspruchen könne, ein Original zu sein, das vom homose-
xuellen Begehren kopiert werde, sondern selbst immer schon eine „Kopie“
sei. Mit Bezug auf die Parodie weiblicher Schönheit durch männliche Dar-
steller kommt sie daher zu folgendem Schluss: „Die parodistische Wieder-
holung des ‚Originals‘ [...] offenbart, dass das Original nichts anderes als
eine Parodie der Idee des Natürlichen und Ursprünglichen ist“ (S. 58). Mir
scheint, dass die Historia von D. Johann Fausten diese Erkenntnisse im Rah-
men ihrer literaturgeschichtlichen Bedingungen und Möglichkeiten vor-
wegnimmt. Die weibliche Schönheit Helenas ist letztlich nichts anderes als
ein rhetorischer Effekt, der eben durch die Anwendung eingeübter Tech-
niken der Beschreibung erzeugt wird. Die Ästhetik von Glanz und Farbe

20 Historia (Anm. 1), Kap. 33, S. 79, Z. 2-5.


21 JUDITH BUTLER: Gender Trouble, Feminism and the Subversion of Identity, New York,
London 1990 (Thinking Gender); deutsche Ausgabe: Das Unbehagen der Geschlechter,
Frankfurt a. M. 1991 (edition suhrkamp 1722).
250 Andreas Kraß

und die Metaphorik der Naturerscheinungen übernehmen die Funktion,


den Eindruck von Natürlichkeit, den Eindruck eines sinnlich erfahrbaren
Seins zu erzeugen; aber es sind eben doch nur literaturwissenschaftlich
klassifizierbare ästhetische, rhetorische und poetische Strategien, die diesen
Effekt produzieren. Das Naturhafte, Seinshafte der weiblichen Geschlechts-
identität wird, darauf kommt es an, metaphorisch erborgt. Wenn aber die
Beschreibung der Helena eine Wiederholung ist, eine Wiederholung von
Homerversen, deskriptiven Techniken und textinternen Vorbildern, so be-
stätigt dies den mimetischen Charakter der Geschlechtsidentität. Wenn
man den Textbefund ernst nimmt, dass es tatsächlich der Teufel ist, der im
59. Kapitel jenen Geist der Helena, den Faust im 49. Kapitel seinen Stu-
denten vorstellte, nun seinerseits für Faustus darstellt, dass er also, ganz im
Sinne der frühneuzeitlichen Dämonologie, eine diabolische Parodie voll-
zieht, indem er für Faust die schöne Helena als Succubus und Concubina
verkörpert, so liegt diese Darstellung durchaus auf der Linie des von BUT-
LER angeführten Arguments. Pointiert gesagt, arbeiten in der Historia Text
und Teufel Hand in Hand, indem sie beide performativ und mimetisch
agieren, um Helena als Bild einer schönen Frau und als Objekt männlichen
Begehrens hervorzubringen.
Der mimetische Charakter des Begehrens lässt sich aber nicht nur mit
JUDITH BUTLER, sondern auch mit RENÉ GIRARD analysieren. Wie dieser in
seiner literaturwissenschaftlichen Studie Mensonge romantique et verité romane-
sque (1961) – deren Titel in der deutschen Übersetzung Figuren des Begehrens
(1999) lautet und für den Titel meines Beitrags Pate gestanden hat – darlegt,
eignet dem Begehren eine mimetische, und das heißt trianguläre Struktur.22
Die zentrale These lautet, dass ein Subjekt, wenn es ein Objekt des Begeh-
rens wählt, dies nicht unmittelbar aus sich selbst tut, sondern dass die Ob-
jektwahl vielmehr auf der Nachahmung eines Vorbildes beruht.23 Wenn
also die Studenten in der Historia Helena als schönste aller Frauen begeh-
ren, so tun sie es deswegen, weil Paris, der Entführer Helenas, sie ihnen
gewissermaßen andiente. So heißt es im Text:
Als nu der Wein eingienge / wurde am Tisch von schoenen Weibsbildern geredt / da einer
vnder jnen anfieng / daß er kein Weibsbildt lieber sehen wolte / dann die schoene Helenam
auß Graecia / derowegen die schoene Statt Troia zu grund gangen were / Sie mueste schoen
gewest seyn / dieweil sie jrem Mann geraubet worden / vnd entgegen solche Empoerung
entstanden were.24

22 RENÉ GIRARD: Mensonge romantique et vérité romanesque, Paris 1961; deutsche Ausgabe:
Figuren des Begehrens. Das Selbst und der Andere in der fiktionalen Realität, München 1999
(Beiträge zur mimetischen Theorie, Bd. 8).
23 Vgl. ANDREAS KRAß: Queer lesen. Literaturgeschichte und Queer Theory. In: CAROLINE
ROSENTHAL/THERESE FREY STEFFEN/ANKE VÄTH (Hgg.): Gender Studies. Wissenschafts-
theorien und Gesellschaftskritik, Würzburg 2004, S. 233-248, hier S. 239-242.
24 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 97, Z. 7-13.
Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 251

Was hier vorgestellt wird, ist zunächst eine Männerrunde, die dem Alkohol
zuspricht und in Abwesenheit von Frauen über Frauen spricht. Wie der
Alkohol scheint auch das Reden über schöne Frauen eine gemeinschafts-
stiftende Wirkung zu entfalten. Die schöne Frau wird hier zum Schauplatz
einer Verbrüderung zwischen Männern.25 Entscheidend ist nun die Be-
gründung, die dafür gegeben wird, dass Helena die schönste aller Frauen
und somit für jeden Mann begehrenswert sei. Der Grund besteht darin,
dass sie geraubt worden sei und dieser Raub einen verheerenden Krieg
ausgelöst habe. Als Objekt des Begehrens wird Helena also in der Weise
konstituiert, dass zwei Männer, Paris und Menelaos, um sie rivalisieren und
dass diese Rivalität in eine kriegerische Auseinandersetzung und schließlich
in die Zerstörung Trojas mündet. Geht man nun konsequenterweise davon
aus, dass jener Mittler, dessen Vorbild das Begehren des Subjekts induziert,
seinerseits das Begehren einem Mittler verdankt, so ergibt sich wiederum
eine unabschließbare Reihe der Nachahmung – so wird wiederum deutlich,
in welchem Maße Begehren nicht auf ein letztes Original reduzibel, son-
dern immer schon Kopie einer Kopie ist.

3. Schönheit und Liebe, Schrift und Bild


Bedenkt man, dass es sich bei der Dreiecksgeschichte um Paris, Helena und
Menelaos, in die sich die Studenten einschreiben, um einen schriftlitera-
risch überlieferten Mythos handelt und nicht zuletzt um Schul- und Bü-
cherwissen, über das Studierende in der Tat verfügen sollten, so darf man
wohl behaupten, dass die Historia eine besonders reizvolle und aufschluss-
reiche Variante des Themas „Schrift und Liebe“ anzubieten hat, eine Vari-
ante, die man mit der abgewandelten Formulierung „Abschrift und Liebe“
titulieren könnte. Um im Wortfeld der Schrift zu bleiben, könnte man auch
von „Beschreibung und Liebe“ sprechen, denn Helena als Objekt des Be-
gehrens tritt ja in der Weise auf, dass ihr Körper beschrieben wird, und zwar
in einem doppelten Sinn. Vorderhand handelt es sich um eine Descriptio,
die so tut, als referiere sie auf etwas Reales, dessen Authentizität man zum
Beispiel durch die Überprüfung eines versteckten Muttermals verifizieren
könnte, wie es Karl V. im Falle der Gattin Alexanders des Großen tut.
Hintergründig aber handelt es sich um eine Beschreibung im wörtlichen
Sinne, in dem Sinne also, dass der Körper Helenas letztlich eine tabula rasa,
ein weißes Blatt Papier ist, das erst mit der Schrift der Schönheit und des
Begehrens beschrieben werden muss, um Anschaulichkeit zu gewinnen.

25 Zur literaturgeschichtlichen Produktivität dieser Konstellation vgl. EVE KOSOFSKY SEDG-


WICK: Between Men. English Literature and Male Homosocial Desire, New York 21992.
252 Andreas Kraß

Helenas Körper ist somit nicht das Muster, an dem sich alle schönen Frau-
en messen lassen müssen, sondern bereits eine Kopie, die als Original ge-
handelt wird.
Ein weiterer Aspekt des Zusammenhangs von Schrift und Liebe ist
noch anzuführen, ein medientheoretischer Aspekt, auf den Gotthold
Ephraim Lessing in seiner ästhetischen Schrift Laokoon oder über die Grenzen
der Malerei und Poesie (1766) hinweist.26 Lessing kommt im 20. und 21. Ka-
pitel seiner Abhandlung ausführlich auf das Fallbeispiel der schönen He-
lena und das Problem der Abbildbarkeit ihrer Schönheit in Dichtung und
Malerei zu sprechen. Er vertritt einerseits die These, dass das Bild der
Schrift überlegen sei, weil die Malerei „die Elemente der Schönheit“ neben-
einander, die Dichtung aber nur nacheinander darstellen könne. Das Nachei-
nander füge sich aber nicht zu jenem ästhetischen Gesamteindruck zusam-
men, den das Bild im Nebeneinander zu erzeugen vermöge. Daher sei
Homer klug genug gewesen, die Schönheit der Helena nicht in ihren Ein-
zelheiten zu beschreiben:
Und auch hier ist Homer das Muster aller Muster. Er sagt: Nireus war schön;
Achilles war noch schöner; Helena besaß eine göttliche Schönheit. Aber nir-
gends läßt er sich in die umständlichere Schilderung dieser Schönheiten ein.
Gleichwohl ist das ganze Gedicht auf die Schönheit der Helena gebauet. Wie
sehr würde ein neuerer Dichter darüber luxuriert haben!27

Wenn es einen Dichter gibt, der über die Schönheit der Helena luxuriert
hat, so ist es der hochmittelalterliche Dichter Konrad von Würzburg, der
sich in seiner Epoche, der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, durchaus
als „neuerer Dichter“ verstehen konnte. In seinem Trojanerkrieg liefert er
eine Descriptio, die über ein halbes Tausend Verse umfasst; in 137 Versen
beschreibt er Helenas Körper (19908-20054), in 427 Versen ihre Kleidung
(19855-20281) in allen Einzelheiten.28 Der Blick des Erzählers tastet ihren
Körper vom Scheitel bis zur Sohle ab; er weiß alles über Haar, Augenbrau-
en, Augen, Nase, Wangen, Mund, Zähne, Atem, Kinn, Hals, Hände, Finger,
Arme, Haut, Taille, Wuchs, Beine und Füße der Schönen. Dagegen nimmt

26 Gotthold Ephraim Lessing: Laokoon oder über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit den beiläu-
figen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. Mit einem Nachwort von INGRID
KREUZER. Stuttgart 2001 (Reclam UB 271).
27 Laokoon (Anm. 25), Kap. XX, S. 145 f.
28 Konrad von Würzburg: Der Trojanische Krieg. Hrsg. von ADELBERT VON KELLER, Stuttgart
1858 (StLV, Bd. 44), Nachdruck Amsterdam 1965. – Die Schönheitsbeschreibung ist auch
separat als Minnerede überliefert (für diesen Hinweis danke ich LUDGER LIEB, Dresden); vgl.
TILO BRANDIS: Mittelhochdeutsche, mittelniederdeutsche und mittelniederländische Minne-
reden. Verzeichnis der Handschriften und Drucke, München 1968 (MTU 25), Nr. 2: „Lob
der Geliebten“ (BSB München, cgm 714, fol. 182v-186v, entstanden um 1480 im Nürnber-
ger Raum). Die Minnerede entspricht Konrads Versen 19893-20054.
Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 253

sich die Historia bescheiden aus. Dies heißt aber nicht, dass Konrads Dar-
stellung von ermüdender Redundanz wäre; vielmehr gilt für ihn, was Les-
sing als eigentlichen Sinn einer ausführlichen Schönheitsbeschreibung ver-
anschlagt: dass sie nämlich, mehr noch als die Schönheit der Frau, die Dicht-
kunst selber preise. Konrads Beschreibung der schönen Helena lässt sich
durchaus als poetologische Allegorie lesen, als eine Poetik, die sich im Akt
ihrer Anwendung zugleich konstituiert und reflektiert. Hiervon ist die His-
toria weit entfernt. Wenn sie sich einer poetologischen Allegorie bedient, so
ist dies – ganz im Sinne Lessings – die Malerei, denn die Studenten bitten
ihren Lehrer darum, Helenas Geist am nächsten Tag noch einmal zu be-
schwören: so wolten sie einen Mahler mit sich bringen / der solte sie abconterfeyten.29
Faustus versagt ihnen diese Bitte, stellt aber eine Alternative in Aussicht:
Er wolte jhnen aber ein Conterfey darvon zu kommen lassen / welches sie die Studenten
abreissen moechten lassen / welches dann auch geschahe / vnd die Maler hernacher weit hin
vnd wider schickten / dann es war ein sehr herrlich gestalt eins Weibsbilds. Wer aber solches
Gemaeld dem Fausto abgerissen / hat man nicht erfahren koennen.30

Wenn also die Studenten am Ende ein Bild in der Hand halten, so ist dies
wiederum nur die Kopie einer Kopie, während das vermeintliche Original,
Helena selbst, ihnen als Phantom entzogen bleibt. Dies ist eine Aussage,
die sich wiederum doppelt lesen lässt: als Dekonstruktion eines essentialis-
tischen Konzepts von Geschlecht und Begehren, aber auch als Dekonst-
ruktion eines essentialistischen Konzepts von Dichtung, das sich an die
garantierende Instanz des Autors knüpft. Denn wie der Verfasser der His-
toria anonym bleibt, so bleibt auch der Name des Malers unbekannt, der
jenes von den Studenten kopierte Gemälde schuf.
Wenn Lessing argumentiert, dass die Schrift dem Bild unterlegen sei, so
gilt dies nur hinsichtlich der Darstellung der Schönheit als solcher. Wie er
weiter ausführt, gibt es durchaus zwei Hinsichten, in denen umgekehrt die
Schrift dem Bild überlegen sei. Weil der Dichtung ein prozessualer, der Ma-
lerei hingegen ein statischer Charakter eigne, könne die Dichtung Schönheit
als Reiz und Wirkung inszenieren. Wieder könne Homer als Muster gelten:
Eben der Homer, welcher sich aller stückweisen Schilderung körperlicher
Schönheiten so geflissentlich enthält, von dem wir kaum einmal im Vorbeige-
hen erfahren, daß Helena weiße Arme und schönes Haar gehabt; eben der
Dichter weiß demohngeachtet uns von ihrer Schönheit einen Begriff zu ma-
chen, der alles weit übersteiget, was die Kunst in dieser Absicht zu leisten
imstande ist. Man erinnere sich der Stelle, wo Helena in die Versammlung der
Ältesten des trojanischen Volkes tritt. Die ehrwürdigen Greise sehen sie, und
einer sprach zu den andern: [...]

29 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 98, Z. 10 f.


30 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 98, Z. 13-19.
254 Andreas Kraß

[„Tadelt nicht die Troer und hellumschienten Achaier,


Die um ein solches Weib so lang’ ausharren im Elend!
Einer unsterblichen Göttin fürwahr gleicht jene von Ansehn!“
(3,156-158)].

Was kann eine lebhaftere Idee von Schönheit gewähren, als das kalte Alter sie
des Krieges wohl wert erkennen lassen, der so viel Blut und so viele Tränen
kostet?31

Den Reiz der Schönheit fängt Homer in der Weise ein, dass er Schönheit
in Bewegung präsentiert, dass er zeigt, wie Helena herannaht. Die Wirkung
der Schönheit fängt er in der Weise ein, dass selbst die Greise von ihrer
Wohlgestalt so überwältigt sind, dass sie Helena als kriegswert erachten.
Über diese Möglichkeiten verfüge die Malerei kaum, so Lessing. Wenn sie
Reiz und Wirkung im statischen Medium des Bildes zu zeigen versuche, so
müsse sie zum Mittel der Überzeichnung greifen; dabei laufe sie aber Ge-
fahr, die Geste zur Grimasse zu verzerren. Wie Homer, so weiß auch die
Historia Helenas Schönheit als Reiz und Wirkung zu präsentieren. Helena
bewegt sich im Raum: Sie wird zunächst von Faustus in die Stube geführt,32
geht dann in der Stube umher, wobei sie ihre Augen spielen lässt,33 und
wird schließlich von Faustus wieder hinausgeführt.34 Die Schönheitsbe-
schreibung ist genau zwischen dem Eintreten und Umhergehen Helenas
platziert, sie wird somit durch den Reiz der Bewegung bestätigt, aber auch
durch die Wirkung, die sie in den Betrachtern hervorruft: dass nämlich die
Studenten gegen jr in Liebe entzuendet waren,35 und als sie zu Betth kommen / haben
sie vor der Gestalt vnd Form / so sie sichtbarlich gesehen / nicht schlaffen koennen.36
Auch dies ist nicht ohne Relevanz für die Frage nach dem Status von Ge-
schlecht und Begehren. Helena ist nichts als ein Geist; das Begehren der
jungen Männer richtet sich letztlich auf ein Phantom, das auch dadurch
nicht greifbar wird, dass sie sich ein Bild von ihm machen, ein Bild, das
wiederum nur das Abbild eines Abbildes unbestimmter Provenienz ist.
Das 49. Kapitel schließt mit einer moralischen Sentenz, die andeutet,
dass es Mephostophiles selbst ist, der Helena vor den Studenten verkörpert
wie zuvor schon Alexander den Großen und dessen Gattin vor Karl V. Was

31 Laokoon (Anm. 25), Kap. XXI, S. 155 f.; die von Lessing zitierten griechischen Verse habe
ich durch die deutsche Übersetzung (vgl. Anm. 16) ersetzt.
32 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 97, Z. 24-26: Als er wider hinein gehet / folgete jm die Koenigin Helena
auff dem Fuß nach.
33 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 98, Z. 3 f.: sie sahe sich allenthalben in der Stuben vmb / mit gar frechem
und buebischem Gesicht.
34 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 98, Z. 7 f.: vnd gienge also Helena mit D. Fausto widerumb zur Stuben
hinauß.
35 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 98, Z. 4 f.
36 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 98, Z. 19-21.
Ein sehr herrlich Gestalt eins Weibsbilds 255

die Studenten zu sehen bekommen, ist ein maskierter Teufel, eine sata-
nische Drag Queen, die sie ins Verderben zu ziehen sucht. Diesen Bezug
markiert der Text in der Weise, dass es von beiden, Frau und Teufel, wört-
lich übereinstimmend heißt, sie hätten die Studenten in Liebe entzuendet.37
Damit ist das 59. Kapitel vorbereitet, in dem Faustus der Illusion, die er in
der Schwankepisode wie ein Impresario veranstaltet, selbst zum Opfer fällt.
War dort die Vorstellung der Helena noch ein täuschendes Spiel, das vom
Herein- und Hinaustreten durch die Stubentür begrenzt wird wie ein Büh-
nenakt durch den sich öffnenden und schließenden Vorhang, so ist die
Darstellung der Helena in Fausts letztem Lebensjahr bitterer Ernst. Be-
grenzt wird die Verkörperung Helenas, zu der Faust seinen Teufel ver-
pflichtet, erst durch den eigenen Tod. Helena, das scheinbare Urbild einer
schönen Frau, ist nichts als ein Phantasma, das keine Existenz hat über die
Vorstellungskraft des Phantasten hinaus. Wenn es dennoch weiterlebt, so
nur deswegen, weil die Geschichte aufgeschrieben, abgeschrieben und fort-
geschrieben wird – wie auch vom Verfasser dieses Beitrags.

37 Historia (Anm. 1), Kap. 49, S. 98, Z. 5, vgl. Z. 22: in Lieb entzuendt.
Register

* = in Fußnote zitiert Capitularium Regum Francorum 50,


126
Personen und Werke Carmina Burana 5*, 50, 56
Cicero 45*, 46*
Abaelard und Heloise 23, 25–28, 30–32, Corone amantium tractatus 45*
35f., 39, 43, 45 Cum plurima sint tempora transcursa 46*
– Klosterbriefe/Parakletbriefe 28, 29, 31*, 33,
35, 45* Dante Alighieri 20, 44
Abaelard 26, 27*, 30, 32, 33, 45*, 47* – La Divina Commedia 171, 187
– Historia calamitatum 30, 33 – Vita nuova 20, 165–189
– Dialectica 27* Der elende Knabe
Aélis (Geliebte des Jean de Gisors) 35 – Minnegericht 200f., 204
Alanus ab Insulis 7 Derrida, Jacques
– De Planctu Naturae 7* – Falschgeld. Zeit geben 1 147f.
Alphabetischer Liebesgruß 209 – Signatur Ereignis Kontext 235
Andreas Capellanus 131 – Wenn es Gabe gibt – oder: ‚Das falsche Geld-
– De amore libri tres 131* stück’ 147f.
Aristoteles und Phyllis 237* Der Tugendhafte Schreiber 193*
Dialogus senis et juvenis de amore disputantibus
Baldrich von Bourgueil 5*, 37 45*
– Qua intentione scripserat 5* Dietmar von Aist
Bamberger Beichte 50 – Diu welt noch ir alten site MF 36,5 59*
Barthes, Roland – Slâfest du, vriedel ziere? MF 39,18 59*
– Die Lust am Text 221* Dietrich von der Glezze
Bernhard von Clairvaux 42*, 45* – Borte 236*
Beroaldo, Filippo d. Ä. 45* Dresdner Liebesbrief 197
– De duobus amantibus 45* Dû bist mîn, ich bin dîn MF 3,1 55
Bibel Dulciflorie 226*
– Die Klagelieder des Jeremias 183 Dum transirem Danubium 5*
– Lukas 6,45 23
– Paulus, 2. Brief an die Korinther 3,3 196* Eilhart von Oberg
Bichilinus 41 – Tristrant 56
Blumenberg, Hans 66 Ekkehard IV. von St. Gallen
– Arbeit am Mythos 66* – Carmen in laude s. Galli 52
Boccaccio, Giovanni 37, 41 Epistulae duorum amantium 16, 23, 24*,
– Il Decamerone 239* 25, 27f., 30, 31*, 32f., 35f., 41f.*, 43,
– Il Filocolo (it. Floris-Dichtung) 37* 45, 220
Boncompagno da Signa
– Rota Veneris 35 Fleck, Konrad 149, 151*, 154
Bruni, Leonardo 45* – Flore und Blanscheflur (mhd. Floris-Dich-
tung) 19, 147, 149–155, 163
Caesarius von Arles 52 Florio und Bianceffora (fnhd. Floris-Dichtung)
Cantica canticorum prosaice 45* 154
258 Register

Flos und Blankflos (ndd. Floris-Dichtung) Hildebrantslied 192


154 Hirsch und Hinde 51f., 55
Folz, Hans Historia von D. Johann Fausten 22, 243–255
– Der neu gülden Traum 198 Homer 246–248, 252–254
Foucault, Michel 207, 223 – Ilias 247
– Der Wille zum Wissen 221* – Odyssee 247
Der Frau Venus neue Ordnung 203 Horaz 171
Freud, Sigmund 63, 223* Humbert von Romans
Fröschel von Leidnitz – Regel für Dominikanerinnen 38
– Liebesgespräch 198*
Ironische Minnelehre 202
St. Galler Spinnwirtelspruch 14*, 52, 55
St. Galler Spottverse 52 Jean de Gisors 35
Das Gänslein 226, 228 – Brief an Aélis 35
Die getrennten Liebenden 202* Jean de Meun 30
Giacomo da Lentini 184 Johannes de Vepria 24, 26, 32, 34*, 35,
– Meravigliosamente 184 38f., 41, 42*, 44, 45*
Gisela (Kaiserin, Gattin Konrads II.) 51 – Deflorationes, Ex epistolis duorum
Glückliche Werbung 195 amantium 24
Gottfried von Strassburg 141 Johannes von Freiberg
– Tristan 63°, 70, 84*, 139, 141*, 204 – Das Rädlein 15*, 233*
Gozold Johann von Salisbury
– Liebesbrief 205, 206*, 208* – Policraticus 46*
Guibert von Nogent Johann von Würzburg 18
– De vita sua sive Monodiarum libri tres – Wilhelm von Österreich 91*, 94*, 125,
219* 134–145
Guillaume de Machaut 34*, 36, 39, 42
– Le livre du voir dit 34*, 36, 42, 44* Kaufringen, Heinrich
Graf von Zimmern 219 – Der Zehnte von der Minne 229*
Kicila-Vers/Hicila-Vers 50f., 55, 58
Das Häslein 225, 226*, 232* Klagelied eines Abtes über die alte Wachsschreib-
Hartmann von Aue tafel 6*
– Erec 113* Kleriker und Nonne 53–55
– Gregorius 237* König Rother 84*
Der heimliche Bote 59 Konrad von Würzburg 252
Heinrich von Morungen – Das Herzmaere 236*
– Fragment aus Kremsmünster 56* – Trojanerkrieg 252f.*
– Tagelieder 59* Krug, Hans
– West ich, ob ez verswîget möchte sîn MF 127,1 – Neujahrsgruss an die Frauen 209*
141*
Heinrich von Neustadt Lacan, Jacques 221*, 222, 240*
– Apollonius von Tyrland 19, 147, 155–163 Lampert von Hersfeld 37*, 38*
Heinrich von Rugge Le Conte de Floire et Blancheflor (frz. Floris-
– Leich 56, 236* Dichtung) 151*, 154*
Heinrich von Veldeke 17, 18 Die Leda-Parodie 16*
– Tristan muose sunder sînen danc MF 58,35 Die Legende vom zwölfjährigen Mönchlein 239*
70 Lessing, Gotthold Ephraim 252f.
– Eneasroman 17, 18, 63–82, 83–124, 126, – Laokoon 252–254
162*, 226, 233* Liederbuch der Clara Hätzlerin
De Heinrico 53, 55 – Der erste Buchstabe der Geliebten 208
Heloise 30, 31, 31*, 32, 33, – Der Liebesbrief 206
Hermann Konemund 38* – Neujahrsgruss auf 1444 196
Hildebert von Lavardin 41* Lucan 171
Register 259

Luhmann, Niklas 4* Richard de Bury


– Die Gesellschaft der Gesellschaft 4* – Philobiblion 6*
– Liebe als Passion. Zur Codierung von Intimität Roman d’Eneas 66-82, 85-89, 97–103,
4*, 218*, 221* 113, 116*, 117, 120*, 123f.
de Rougemont, Denis 63f., 82
Matthäus von Vendôme Rudolf von Ems 18
– De arte metrificandi 45* – Willehalm von Orlens 18, 125-145
Mauss, Marcel Ruodlieb 55*
– Die Gabe. Form und Funktion des Austauschs
in archaischen Gesellschaften 148 Schloss Immer 209, 210*
Meinhard von Bamberg 37*, 38* Der schwangere Mönch 222*
Die Minneburg 197, 199, 209, 212–218 Sigismund von Tirol 38*
Der Minner im Garten 199 Söflinger Briefe 38*
Der Mönch als Liebesbote A 237* Spaun, Claus
Der Mönch Felix 236*, 239* – Fünfzig Gulden Minnelohn 230*
Des Mönchs Not 21, 221–241 Der Sperber 225*, 226*, 232, 233*, 234*,
Montaigne, Michel de 237*, 238
– De l’amitié 240* Spieß, Johann 243
Von einem Müller