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Nachdenken über Vorurteile

Andreas Dorschel

Inhaltsübersicht

Vorwort

Analytisches Inhaltsverzeichnis

I. Über Aufklärung und ihr Vorhaben, alle Vorurteile abzuschaffen (§§ 1 - 17)

II. Über die vertrackten Beziehungen zwischen Vorurteil und Erfahrung, und über

die den Vorurteilen nachgesagte Dummheit (§§ 18 - 43)

III. Über die hermeneutische Verteidigung des Vorurteils, und weshalb sie nicht

gelingt (§§ 44 - 54)

IV. Über die Paradoxie im Empfehlen von Vorurteilen, und wie sie zu umgehen ist

(§§ 55 - 74)

V. Über Moralität, Sadismus und Verwandtes, oder weshalb Vorurteile nicht zu

vermeiden sind (§§ 75 - 100)

Literaturverzeichnis

Sachregister

Personenregister

Vorwort

“In gewissen Unternehmungen ist sorgsame Unordnung die wahre Methode” (Melville, Moby-Dick)

Der Fortschritt ist seit der Aufklärung wesentlich verstanden worden als ein Vorgang, in welchem der menschliche Geist sich aller Vorurteile entledigt. “Prejugès detruits, les progres de l’esprit humain”: so resümierte Friedrich Schlegel 1 1797, wofür das 18. Jahrhundert den Kampf aufgenommen hatte. Daß dieser Kampf einstweilen nicht erfolgreich gewesen ist, muß man wohl einräumen; doch ist dies kein Einwand. Tatsächlich besteht ja kein Grund zu glauben, im 20. Jahrhundert hätten die Menschen weniger (und nicht lediglich andere) Vorurteile gehabt als im 18. Doch dieser Umstand könnte einfach den Schluß begründen, jener Feldzug sei bislang nicht entschieden genug geführt worden. Ob diese Folgerung sich ergibt, hängt jedoch davon ab, wie eine tiefere Frage entschieden wird: die nämlich, ob Vorurteile überhaupt ein geeignetes Angriffsziel bilden. Darzulegen, daß sie kein solches sind, ist Ziel des folgenden Gedankenganges. Die Behauptung, der Kampf der Aufklärung gegen die Vorurteile gehe fehl, ist allerdings so alt wie dieser Kampf selbst. Als er zuerst aufgenommen wurde, hat man bereits gesagt, Vorurteile verkörperten die Weisheit der Tradition; sie sollten darum verehrt statt dem Spott preisgegeben und zerstört werden. Die naheliegendste Alternative zu einer unhaltbaren These ist eben stets ihr Gegenteil; doch braucht sie deshalb nicht die richtige zu sein. Wenn das in diesem Buch entwickelte Argument stimmt, dann steht es mit der dem Vorurteil zuteil gewordenen Verehrung nicht besser als mit der aufklärerischen Kampagne zu seiner Ausmerzung. Vorurteile können wahr oder falsch sein, gescheit oder dumm, weise oder töricht, positiv oder negativ, gut oder schlecht, rassistisch oder humanistisch, und sie sind jeweils dies oder jenes anderer Eigenschaften halber als der, daß es sich bei ihnen um Vorurteile handelt. Innerhalb des Unterfangens der Aufklärung, Vernunft und Unvernunft voneinander zu scheiden, war dem Begriff des Vorurteils eine Schlüsselrolle zugedacht; es wird indes zu zeigen sein, daß er ungeeignet ist, diese Rolle zu spielen. Vorurteile sind verschieden von, jedoch weder notwendig schlechter noch besser als, zum Beispiel, Urteile, Gedanken, Überzeugungen oder Meinungen. Jene so gut wie diese können vernünftig oder unvernünftig sein. Mit diesen figurieren Vorurteile im Repertoire des Geistes. Sie haben ihren Platz als eine der Weisen, in welchen Menschen sich auf die Welt beziehen, und können darum, gleich anderen solchen Weisen, am Platz oder fehl am Platz sein. Vorurteile werden in bestimmten Zusammenhängen unangebracht sein, doch eben dies wird auch jede andere Weise sein, in der wir denken. Argumente sind deplaciert etwa in einer Liebeserklärung, aber auch dies beweist nicht, daß an Argumenten qua Argumenten etwas faul ist. Bestimmte Vorurteile können und sollten selbstverständlich nach den jeweils angemessenen Maßstäben kritisiert (oder gewürdigt) werden; doch Kritik oder Lob

1 Philosophische Lehrjahre I, S. 57. Akzentzeichen sic.

von Vorurteilen qua Vorurteilen ist beliebig: diejenigen, die ein Vorurteil nicht mögen, nennen seinen Vertreter befangen, diejenigen, die es mögen, bezeichnen es als Intuition. Auf den ersten Blick scheint es leicht, das bislang im Umriß vorgestellte Beweisziel einzulösen. Denn man könnte, wie es scheint, einfach eine Definition von Vorurteil festsetzen, die keine negative oder positive Wertung enthielte. Doch eine solche Abstraktion wäre wertlos. Aus jenem Vorgehen könnte sich nichts ergeben, das Überzeugungskraft besäße; Kritiker wie Verteidiger von Vorurteilen würden einwenden, sie hätten das ja nicht gemeint, als sie von Vorurteilen sprachen. Solche Einwände beständen zu Recht, insofern eine festgesetzte Definition nicht auf die jeweiligen Behauptungen jener bezogen, sondern ihnen bloß gegenübergestellt wäre. Und sich darauf zu berufen, daß die Worte, die jene gebrauchten, doch auch heute noch im Umlauf seien, wäre allzu treuherzig. Denn was ein Wort bedeutet, steht nicht ein für allemal fest. Wie eine Farbe kann es sich ändern je nach dem Grund, auf und vor dem es erscheint. Eine festgesetzte Definition würde jeweils nur den überzeugen, der schon dächte wie man selber: aus diesem Grund führt nichts daran vorbei, sich mit den Bestimmungen des Begriffs Vorurteil auseinanderzusetzen, die die philosophische Tradition aufgebracht hat. Die Geschichte des Denkens über diesen Begriff seit dem späteren 17. Jahrhundert ist eine Geschichte von Versuchen, ihm eine Wertung einzuschreiben. Vor dieser Zeit war er, als Begriff, in seiner Allgemeinheit, neutral gewesen, und hatte nur in besonderen Zusammenhängen positive oder negative Bedeutung angenommen. (Der Terminus ‘Vorurteil’ stammt aus der Sprache der Jurisprudenz und bezeichnete ursprünglich ein Urteil, das vor dem Endurteil erging 2 .) Erfolgreich ist das Unternehmen, den Begriff des Vorurteils negativ zu besetzen, zweifellos gewesen, aber stichhaltig ist es nicht. Will man Politik von Logik noch unterscheiden, ergibt sich daraus die Aufgabe. Eine Prüfung der Argumente von Belang, der tatsächlich angeführten wie der möglichen, bezeichnet diejenige Methode, die im Hinblick auf ihren Gegenstand nicht an jener Abstraktheit krankt, die einem stipulativen Verfahren anzulasten war. Analyse der Alltagssprache, diese eine Weile lang im Schwange gewesene Methode der Philosophie, ist im vorliegenden Fall kein geeigneter Ersatz für eine Untersuchung der Ideengeschichte. Die Weise, in der Menschen sich heute im Alltag mit dem Hinweis auf die Vorurteile des jeweils anderen ins Gewissen reden, ist ein Reflex des Kampfes der Aufklärung gegen die Vorurteile, mag dies den Beteiligten üblicherweise auch unbekannt sein. Verdünnt wie er nun einmal ist, läßt sich aus dem Sprachgebrauch des Alltags weit weniger ziehen als aus dem philosophischen Original, von welchem er abgeleitet ist; es ist daher dieses, nicht jener, wovon sich empfiehlt, es näher anzusehen. Der geschichtlichen Betrachtung von Begriffen und Ideen kommt darum eine bedeutsame Rolle in dieser Monographie zu. Und doch ist sie die Rolle eines Mittels, nicht des Zwecks. Die Absicht ist eine systematische. Es geht nicht darum, eine chronologische Aufstellung all dessen zu geben, was über Vorurteile gesagt worden ist. Wo immer ein vergangener Denker zitiert wird, interessiert auschließlich dies:

seine Gedanken in einer Auseinandersetzung zur Geltung zu bringen, die jetzt

2 Meiszner, Art. ‘Vorurteil’, Sp. 1856

geführt wird. Die Ordnung, in der die Argumente vorgestellt werden, ist daher bestimmt durch die Logik der Frage, um die es geht; man wird nicht erwarten, daß sie zusammenfällt mit der Reihenfolge, in der die Überlegungen in der Geschichte aufgetreten sind. Der Gedankengang ist im ganzen folgender. Kapitel I (§§ 1 - 17) unternimmt es nachzuvollziehen, worin der maßgebliche Einwand der Aufklärung gegen Vorurteile bestand. Deren Schluß, alle Vorurteile seien abzuschaffen, wird in Frage gestellt. Im Blick auf Zusammenhänge, in denen wir entscheiden und handeln, wird eine vorläufige Verteidigung von Vorurteilen versucht. Den Grundfehler von Vorurteilen haben einige Aufklärer darin gesehen, daß ihnen Erfahrung mangele. Der Vorwurf, Gegenstand von Kapitel II (§§ 18 - 43), ist nicht abwegig; doch das Verhältnis zwischen Vorurteil und Erfahrung stellt sich verwickelter dar, als jener Vorwurf es erscheinen läßt. Kapitel III (§§ 44 - 54) ist mit einer einflußreichen Verteidigung von Vorurteilen befaßt, der hermeneutischen. Sie behauptet, Vorurteile seien eine Bedingung der Möglichkeit, etwas zu verstehen. Freilich lebt diese Ehrenrettung davon, daß sie den Begriff des Vorurteils inflationiert. Sie konfundiert ihn mit einer Reihe von Ideen, die zwar benachbart sind, doch zu denen der Unterschied gewahrt bleiben sollte. Insbesondere verwischt sie die feinen Grenzen zu dem, was besser Erwartung, Antizipation, Perspektive oder Gesichtspunkt genannt wird. Kapitel IV (§§ 55 - 74) tritt einen Schritt zurück und erörtert das Problem auf einer grundlegenden methodischen Ebene. Vorurteile zu empfehlen scheint ein paradoxes Unterfangen. Um empfohlen, d.h., als etwas Gutes gekennzeichnet zu werden, muß ein Vorurteil geprüft worden sein. Dann aber, so scheint es, ist es kein Vorurteil mehr. Es ist zu einem Urteil geworden. Doch indem wir Empfehlungen von Vorurteilen im allgemeinen, Empfehlungen aus der Außenperspektive sowie solche aus der Innenperspektive unterscheiden, zeigt sich, wie das Paradox zu umgehen ist. Kapitel V (§§ 75 - 100) zieht den Schluß aus dem vorherigen und soll die Hauptthese des Buches einlösen. Die vorgeschlagene Revision des Vorurteilsbegriffs vollzieht sich auf umstrittenem Terrain. Das Kapitel muß sich dem stellen, was die Idee des Vorurteils gegenwärtig wohl am einschneidendsten diskreditiert: dem Vorwurf des Dogmatismus und Fundamentalismus. Insoweit dieser Vorwurf etwa auf rassistische Vorurteile zutrifft, gilt er auch, so die Gegenthese, für einen Humanismus, der so stark ist, daß er jenem Rassismus etwas entgegenzusetzen vermag. Die Pointe dieser Überlegung ist selbstverständlich nicht, dann sei das eine so gut wie das andere. Vielmehr ist die Folgerung, daß kritische Maßstäbe anderswo herzunehmen sind als aus einer Kritik von Vorurteilen. Während diese letztere das Versprechen enthielt, ein moralisches Problem ohne viel Moral, nämlich erkenntnistheoretisch zu lösen, wird sich zeigen, daß an Moral auf diesem Wege nicht vorbeizukommen ist. Erkennbar wird, daß die Vertilgung aller Vorurteile eine Aussicht ist, die keinen Anlaß zur Begeisterung bietet; ja gegen Ende zeichnet sich ein Sinn ab, in welchem Vorurteile gar nicht zu vermeiden sind. (Der Gedankengang ist weit genauer entfaltet im Analytischen Inhaltsverzeichnis, das den nächsten Abschnitt dieses Buches bildet.) Der Zweck dieser Arbeit ist demnach klarerweise nicht, zur Ausrottung aller Vorurteile beizutragen. Doch ist dies kein Grund, umgekehrt, etwa im Geist Joseph

de Maistres 3 , Vorurteile zu feiern. Solch ein ‘Weder - noch’ wiederum verschafft der Untersuchung ihrerseits keine bequeme Mittellage, in der sich eine maßvolle Lehre von den Vorurteilen gefahrlos niederlassen könnte. Im Gegenteil geht es auf den folgenden Seiten darum, die Schwierigkeiten und Abgründe im Nachdenken über diesen Gegenstand auszuloten. Vorurteile sind ein Thema, das ohne weiteres greifbar scheint und sich doch auf eigentümliche Weise entzieht. Ein solches Thema bedarf des Denkens in mehr als einem Register; und literarische Phantasie hat sich für es als ebenso sehr Aufschluß gebend erwiesen wie Logik, Swift und de Sade als ebenso lehrreich für seine Untersuchung wie Descartes und Kant. Zugleich bedeutet der schillernde Charakter der Materie keine Lizenz, sie in einer ausweichenden Art zur Darstellung zu bringen; im Gegenteil werde ich auf Schlußfolgerungen dringen, wo immer dies möglich ist. Der Versuch, den dieses Buch unternimmt, ruht auf der Annahme, daß der Begriff des Vorurteils sich mit Sinn erörtern läßt, auch wenn aus einer solchen Erörterung kein Verzeichnis ‘notwendiger und hinreichender Bedingungen’ dieses Begriffs herzuleiten ist. Letzteres trifft ohnehin auf die meisten Begriffe zu, die nicht entweder unerheblich oder auf termini technici bezogen sind. Zuweilen ist freilich das Äußerste, was sich im Hinblick auf den Vorurteilsbegriff erreichen läßt, ihn von seiner logischen Peripherie her einzukreisen, indem man Irrtum gegen Irrtum ausbalanciert. Doch selbst dies zugestandenermaßen mühselige Vorgehen stellt die Dinge in klareres Licht. Jene Passagen, die eher Schwierigkeiten aufzuhäufen denn Schlüsse zu bieten scheinen, bleiben doch an die Richtung des Gedankengangs im ganzen gebunden, nämlich wieder zu jenem Verständnis von Vorurteilen vorzudringen, demzufolge diese wahr oder falsch sein können, intelligent oder unbedarft, gut oder schlecht. Die Argumentation sucht dies zu erreichen, indem sie sich mit der vorherrschenden Tradition des Denkens über Vorurteile auseinandersetzt, die ihnen die jeweils negative Qualität jener Paare von Eigenschaften zuschreibt. (Die entgegengesetzte Tradition, die Vorurteilen in der selben Manier jeweils die positive Beschaffenheit nachsagt, ist nie vorherrschend gewesen.) ‘Vorurteil’, wie die Aufklärung diesen Ausdruck benutzt hat, ist ebensosehr eine Waffe wie ein Begriff gewesen. Die einflußreichen modernen Bestimmungen von ‘Vorurteil’ enthalten dessen Mißbilligung. Sie stellen Vorurteile als etwas dar, das Fehler nicht nur hat, sondern ein Fehler ist; womit gesagt sein soll, daß wir gar nicht angeben können, was Vorurteile sind, ohne zugleich anzugeben, daß und worin sie verkehrt sind. Solche Definitionen sagen etwa, Vorurteile seien übereilt oder gar falsch; obschon dies nicht alles ist, was sie sagen. Mit den Autoren derartiger Bestimmungen kann man sich nur auseinandersetzen, indem man sich auch an ihre leidige Verschränkung der beiden einschlägigen Fragen heranwagt:

Was sind Vorurteile? und: Was ist verkehrt an Vorurteilen? Alles andere würde bedeuten, daß man lediglich von außen etwas zu verfügen suchte. Daß aber irgendjemand eine Definition annehmen würde, die er selber nicht teilt, steht nicht zu erwarten, solange kein Gedanke vorgetragen worden ist, der Schwächen oder sogar Widersprüche seiner eigenen Auffassung an den Tag gebracht hätte. So sind die sachliche und die historische Frage der Vorurteile unauflösbar verbunden: der systematische Gedanke kann nur auf dem Wege einer Untersuchung

3 Etude sur la souveraineté, I,10, S. 375

der inneren Geschichte des Problems zur Geltung gebracht werden; letztere aber zwingt dazu, die beiden Angelegenheiten - nämlich: was Vorurteile sind und was falsch an ihnen sein soll - in der Verbindung zu behandeln, die Ergebnis eben dieser Geschichte ist. In dieser Weise vorzugehen scheint unvereinbar mit einem strengen Methodenideal. Doch eine Methode ist gut, und nicht lediglich streng, sofern sie Einsichten erbringt. Und gerade die Beantwortung der zweiten Frage, ob Vorurteile abzulehnen sind oder sich verteidigen lassen, wird sich für die Klärung der ersten Frage, was Vorurteile sind, als lehrreich erweisen. Bloß dem Anschein nach eine Paradoxie, kann man die Vermengung von Beschreiben und Bewerten im Fall der Vorurteile auf keine andere Weise hinter sich lassen, als indem man sich zunächst einmal auf sie einläßt. Irrtümer, die Epoche gemacht haben, entziehen sich schulmeisterlicher Zensur. Das philosophische Problem der Vorurteile zu verstehen bedeutet mindestens in einem ersten Schritt, daß man der Plausibilität der überlieferten Formulierungen dieses Problems gewahr wird. Die Plausibilität einer Auffassung erkennen ist aber nicht das selbe wie diese Auffassung übernehmen. Plausibel ist, was uns applaudieren läßt, unmittelbar nachdem es gezeigt worden ist; unser Applaus ist nichts, das Dingen vorbehalten wäre, die wahr sind. Doch die unmittelbare Wirkung könnte selbst vorüber sein, während die Plausibilität bliebe. Genau so kommt Dissens mit einer Auffassung, die in der Geschichte des Denkens bedeutsam war, oft, ja vielleicht in der Regel, zustande: von einer Auffassung, die wir in verschiedener Hinsicht angemessen fanden - verständlich, klar, von Belang, interessant, überlegt - und darum eingehenderer Beschäftigung für wert hielten, erweist sich im Verlauf eben dieser Beschäftigung mit ihr, daß sie nicht stimmt. So macht auch der Gedankengang dieses Buches mehrfach Ansichten plausibel, von denen sich im weiteren Verlauf herausstellt, daß sie nicht haltbar sind. Nur wenn man den Stärken einer Tradition ins Auge sieht, die erreicht hat, daß ihre Irrtümer als Einsichten gelten, mag es einem gelingen, über sie hinauszugelangen.

Analytisches Inhaltsverzeichnis

1. Vorurteil ist nicht das selbe wie ein vorzeitiges Urteil. Es gibt vorzeitige Urteile,

die wir nicht als Vorurteile bezeichnen.

2. Ein Schluß der Aufklärung: (a) Vorurteilen mangelt Erfahrung. (b) Das Selbst

sollte seiner Überzeugungen mächtig sein, und dies ist der Fall, wenn sie seiner eigenen Erfahrung entstammen. (c) Deshalb sollten Vorurteile abgeschafft werden.

3. Doch ist (entgegen § 2 (b)) Erfahrung keine notwendige Bedingung dafür, seiner

Überzeugungen mächtig zu sein.

4. Kant: Freiheit von Vorurteilen erfordert Selbstdenken. Scheitern dieses Gedankens

in einer ersten Deutung.

5. Scheitern dieses Gedankens (§ 4) in einer zweiten Deutung.

6. Scheitern dieses Gedankens (§ 4) in einer dritten Deutung. Wir können gar nicht

vermeiden selbst zu denken, wie sehr wir auch auf die Urteile anderer bauen mögen.

7. Kant mag gemeint haben, wir sollten nachdenken, nicht bloß denken. Doch,

soweit es hier um Interpretation Kants geht, würde er dann nicht, oder sollte zumindest nicht, von Selbstdenken geredet haben. Soweit es um Logik geht, ist festzustellen, daß sich auch im Nachdenken Vorurteile bekunden können.

8. Wie Vorurteile Selbstdenken voraussetzen (§ 6), setzt umgekehrt auch das Prüfen

einer Sache Vorurteile voraus.

9. Was bleibt, ist eine Unterscheidung zwischen der Kenntnis einer Sache entweder

aus erster oder aus zweiter Hand. Aber jene ist nicht an und für sich besser als diese.

10. Ferner handelt es sich bei Kenntnis aus zweiter Hand, falls diese den Mangel von

Vorurteilen bezeichnen sollte, um einen Mangel, der sich gar nicht vermeiden läßt. Duclos, Burke, Hazlitt: Der Sprung aus den Vorurteilen wäre ein Sprung aus der Gesellschaft.

11. Zweifel über Originalität.

12. Die Rechtfertigung von Vorurteilen aus intellektueller Ökonomie beim

Entscheiden und Handeln.

13. Einwand: Wissen als solches ist gut. Antwort: Menschliches Wissen ist stets ein

Kompromiß zwischen Breite und Tiefe.

14. Einwand: Die ökonomische Rechtfertigung von Vorurteilen ist (a) begrenzt und

(b) problematisch.

15.

Doch sie enthält einen entscheidenden kritischen Gedanken. Burkes Argument

des Notfalls.

16. Selbst in Notfällen bleibt es jedoch bei einem bezeichnenden Unterschied

zwischen Verdacht und Vorurteil.

17. Der gegen das Vorurteil abgesetzte Verdacht (§ 16) ist in Wahrheit auch ein

Vorurteil.

18. Wiederaufnahme der Frage, ob Vorurteilen Erfahrung mangelt (§ 2 (a)). Selbst in

Fällen, die unumstritten als solche von Vorurteil gelten, berufen sich die Betreffenden auf Erfahrung.

19. Tatsächlich mögen sie auch Erfahrung von dem haben, worüber sie ein Vorurteil

unterhalten; doch ihre Erfahrung ist geformt durch ihr Vorurteil.

20. Unser Einwand etwa gegen die Berufung eines Antisemiten auf seine Erfahrung

ist nicht, daß unsere Erfahrungen mit Juden anders sind als seine; zwar ist dies wahr, doch es wäre zirkulär, diesen Umstand als Argument zu verwenden.

21. Vorurteil avant la lettre?: Sokrates über das Entstehen von Menschenhaß.

22. Kiesewetter: Vorurteile sind vorschnelle Verallgemeinerungen, d.h. Fälle

fehlerhaften induktiven Schließens.

23. Einwand: Versuche, Vorurteile durch unangenehme Erfahrungen mit dem,

worüber sie Vorurteile sind, zu erklären, stellen eine petitio principii dar. Denn sie erklären gerade das Entscheidende nicht, nämlich wie Haltungen zu bestimmten Kategorien von Menschen entstehen.

24. Nicht daß solche Kategorien verwendet werden, sondern wie sie verwendet

werden, scheint Vorurteile zu unterscheiden.

25. Noch einmal: Vorurteile als vorschnelle Verallgemeinerungen.

26. Negative und positive Vorurteile.

27. Was ist gegen Verallgemeinern zu sagen? Es tut dem Individuum Unrecht,

indem es dieses in eine gesellschaftliche Rubrik einordnet. Antwort: Solches Klassifizieren scheint nicht immer falsch.

28. Einem anderen zu helfen hat stets einen Aspekt des Verallgemeinerns seiner

Lage.

29. Der Einwand gegen das Verallgemeinern neu formuliert: Vorurteile über

Personen vs. Vorurteile über Sachen.

30.

Doch die Entgegensetzung von Individuum und Gesellschaft, in welcher die

Kritik am Verallgemeinern (§§ 27, 29) gründet, ist unangemessen. Die Unangemessenheit ist eine doppelte: (a) hinsichtlich des Zugeschriebenen und (b) hinsichtlich des Zuschreibenden. (Ad a) Individualität ist selbst ein gesellschaftliches Merkmal.

31. (Ad § 30 (b)) Wir erfassen die Individualität anderer (wie unsere eigene) stets

durch Sprache, und Sprache klassifiziert in jedem Falle. - De Bonald: Sprache ist durchzogen von Vorurteilen, daher sind Vorurteile nicht zu vermeiden.

32. De Bonalds Behauptung scheint auf einem Kategorienfehler zu beruhen.

Widerlegung dieses Einwandes.

33. Aber der Hinweis darauf, daß sowohl Vorurteile wie Sprache klassifizieren,

verschiebt in Wahrheit das Problem. Nicht Klassifizieren als solches tut Unrecht. Zwei Arten des Klassifizierens. Klassifizieren nach Vorurteil: ‘Du bist ein X - und mehr brauche ich nicht von dir zu wissen’.

34.

sondern Absehen und Absondern von Eigenschaften. Vergleich mit der Rolle, die diese Vorgehensweisen in der Wissenschaft spielen.

und

mehr brauche ich nicht zu wissen’ zeigt kein bloßes Verallgemeinern an,

35. Vorurteile und Macht.

36. Vorurteil ist nicht definiert durch Ungleichheit oder Diskriminierung.

37. Was ist verkehrt an Vorurteilen? Vorschlag: Sie sind dumm. Was ist Dummheit?

38. Was Dummheit nicht ist: weder Unwissenheit noch Irrtum.

39. Verteidigung einer Implikation der vorigen Überlegung: Dummheit und

Zufriedenheit.

40. Was Dummheit ist: Engstirnigkeit.

41. Einwand: Kann es nicht vorkommen, daß wir Dummes tun, gerade weil wir zu

viele Gesichtspunkte haben? Antwort: Dies wäre genaugenommen kein Fall von Dummheit.

42. Vorurteile können dumm sein. Doch ist dies keine Eigenschaft, die Vorurteilen

als solchen innewohnte.

43. Was ist verkehrt an Vorurteilen? Wir wollen nicht mit Vorurteilen angesehen

werden. Doch auch dies trifft nicht immer zu. Manchmal ist es besser für uns, mit

Vorurteil (a) angesehen und (b) behandelt zu werden.

44. Urteile scheinen Vorurteile (a) in positiver oder (b) in negativer Hinsicht

vorauszusetzen. (a) Etwas, das noch nicht beurteilt ist, muß unsere Aufmerksamkeit

leiten, wenn es je zu einem Urteil kommen soll. (b) Eigenschaften von Dingen werden wir gerade dann gewahr, wenn sie unseren Vorurteilen widersprechen.

45. Gadamer: (a) Die Aufklärung hatte ein Vorurteil gegen Vorurteile. (b) Alles

Verstehen gründet in Vorurteilen.

46. Was Gadamer das Vorurteil der Aufklärung gegen Vorurteile (§ 45 (a)) nennt, ist

weder ein Vorurteil, noch läßt es sich ‘der’ Aufklärung zuschreiben. Daß es falsch ist, folgt nicht aus dem von Gadamer angeführten Grund; es folgt aus einem Grund, den Gadamer nur um den Preis der Inkonsistenz anerkennen könnte.

47. Einwand: Die Kennzeichnung der Aufklärung als selber in einem Vorurteil

befangen läßt sich verteidigen, da die Aufklärung lediglich die neue Autorität der Vernunft an die Stelle der alten Autoritäten gesetzt hat. Gegeneinwand: Der Glaube, das Denken bedürfe einer solchen autoritativen Stütze, ist widersprüchlich.

48. Entgegen der Auffassung einiger Aufklärer ist nicht gezeigt worden, daß

Vorurteile falsch sein müssen (§ 46). Doch hilft dies Gadamers positiver Behauptung (§ 45 (b)) nicht; sie verkennt, inwiefern in Vorurteilen geurteilt wird.

49. Gadamer konfundiert Vorurteil mit Erwartung.

50. Vorurteil muß auch von Standpunkt oder Blickwinkel unterschieden werden.

51. Gadamers ‘Rehabilitierung der Vorurteile’ soll nicht unterschiedslos sein. Doch

Gadamer gibt keine Antwort auf die Frage, auf welche Weise illegitime Vorurteile von legitimen zu scheiden seien.

52. Daß Vorurteile gerade dank der ihnen eigenen Grenzen aufschließende Kraft

haben (Gadamer), wäre überzeugend, wenn sie in Entsprechung zu Werkzeugen begriffen werden könnten.

53. Doch eine derartige Entsprechung scheint es nicht zu geben.

54. Wir haben Abstand zu Gerätschaften, die wir benutzen; Vorurteile hingegen sind

ein Stück Identität: wir sind nicht schon auf Distanz zu ihnen, sondern können uns allenfalls von ihnen distanzieren.

55. Burke: Der Sprung aus den Vorurteilen wäre ein Sprung aus der Zeit. Moderne

Erkenntnistheorie starrt auf die Gegenwart; das ‘Vor-’ in ‘Vorurteil’ hingegen ist die Vergangenheit.

56. Erster Einwand gegen Burke (§ 55): Die guten alten Dinge gäbe es nicht, wären

sie nicht einmal neu gewesen.

57. Zweiter Einwand gegen Burke (§ 55): Die Dauer einer Sache verbürgt deren Güte

nicht.

58.

Dritter Einwand gegen Burke (§ 55): Die Vergangenheit muß vergegenwärtigt

werden, wann immer wir vernünftigerweise etwas aus ihr übernehmen.

59. Die Idee der Präzedenz verschafft Burkes Behauptungen keine überzeugende

Grundlage.

60. Auch die Idee der Tradition leistet dies nicht.

61. Gegeneinwand: Eine konservative Präsumtion ist eine Maßregel, die die Vorsicht

gebietet: Ein Gut, das wir kennen, sollte nicht leichtfertig für etwas vermeintlich Besseres, das wir noch nicht kennen, aufs Spiel gesetzt werden.

62. Aber moderne Gesellschaften machen es unwahrscheinlich, daß irgendetwas in

ihnen unverändert bleiben kann; dies scheint den Konservativen die Beweislast aufzubürden.

63. Die konservative Präsumtion ist jedoch zu retten, wenn man entweder (a) der

Modernität entsagt, oder (b) einen Ausgleich innerhalb der Modernität anstrebt:

Gerade weil sie ohnehin im Zerstören des Überkommenen so rücksichtslos vorgehe, müsse dieses durch eine Präsumtion gegen Neuerungen besonders geschützt werden.

64. Für das Überkommene eingenommen zu sein, ohne es geprüft zu haben, mag

zunächst angemessen sein, da Wechsel nicht an sich ein Gut darstellt; ist jedoch das gute Alte einmal angefochten, muß gezeigt werden, wie gut es wirklich ist.

65. Empfehlungen von Vorurteilen (Hume, Chesterfield, Burke) sind paradox. Denn

Empfehlungen müssen Gründe haben. Sind aber einmal Gründe angeführt, dann ist das Vorurteil keines mehr: es ist zum Urteil geworden.

66. Sofern Vorurteile nur im allgemeinen (und nicht bestimmte Vorurteile)

empfohlen werden, läßt sich die Paradoxie (§ 65) umgehen.

67. Insofern Vorurteile Gemeinschaft stiften oder erhalten, hat man Grund zu ihrer

Billigung gesehen.

68. Sofern Vorurteile aus der Außenperspektive empfohlen werden, läßt sich die

Paradoxie (§ 65) umgehen.

69. Coleridges Garten als eine Empfehlung von Vorurteilen aus der

Außenperspektive: Weder wäre es gut noch ist es auch nur möglich, Kinder nach dem Grundsatz aufzuziehen, daß alle Vorurteile vertilgt oder vermieden werden müssen.

70. Diese Empfehlung von Vorurteilen aus der Außenperspektive (§ 69) scheint

allgemein für das Erlernen von Fertigkeiten zu gelten, sofern sie nicht ganz

anspruchslos sind.

71.

Selbst wenn Vorurteile aus der Innenperspektive empfohlen werden, läßt sich die

Paradoxie (§ 65) in bestimmten Fällen umgehen.

72. Wo ein Vorurteil aus der Innenperspektive empfohlen (§ 71) und die Paradoxie (§

65) umgangen werden soll, müssen wir, wie es scheint, den Nutzen des Vorurteils von seiner Wahrheit scheiden. Doch manchmal können wir nicht einmal dies.

73. Lob von Vorurteilen aus der Außenperspektive nimmt sich elitär und zynisch

aus. Doch weder braucht es elitär zu sein.

74. Noch muß es zynisch sein.

75. Noch einmal: Was ist verkehrt an Vorurteilen? Lockes Prüfstein: Sie widerstehen

ihrer Berichtigung.

76. Lockes Unterscheidungsmerkmal, gegen seinen Wortgebrauch gewendet:

Präsumtion vs. Vorurteil.

77. Vorurteile als eine Weise, die Welt zu sehen: Dies erklärt, wie Vorurteile so

beharrlich sein können.

78. Doch (a) es ist manchmal das Vernünftigste, widerstreitende Evidenz zu

übergehen, (b) Lockes Kriterium (§ 75) ist zirkulär.

79. Wären wir ohne Widerstand gegen Berichtigung, dann stände grundsätzlich alles

auf der Tagesordnung. Daß das wünschenswert wäre, ist aber zweifelhaft. Ein Beispiel dafür.

80. Die Jagd auf Vorurteile ist so beliebt, weil sie scheinbar erlaubt, ein moralisches

Problem ohne viel Moral, nämlich erkenntnistheoretisch zu lösen.

81. Ein Problem mit dem Beispiel (§ 79). Ein anderes Beispiel.

82. Der Gedanke, daß dem Untersuchen Grenzen gezogen sind, ist kein Überbleibsel

der Finsternis vergangener Zeiten.

83. Einwände: Der Gedanke, daß dem Untersuchen Grenzen gezogen sind, ist

entweder (a) widersprüchlich, weil jeder solche Vorschlag selbst untersucht werden muß, oder (b), sofern nicht widersprüchlich, dann doch mindestens irregeleitet, weil er den Unterschied zwischen zwei Arten von Aufgeschlossenheit übersieht.

84. Doch der Gedanke, daß dem Untersuchen Grenzen gezogen sind, ist

widersprüchlich (§ 83 (a)) nur, wenn ‘Untersuchen’ doppeldeutig für ‘eine Sache durchdenken’ und ‘andere Menschen Versuchen unterziehen’ gebraucht wird.

85. Es ist möglich, zwei Arten von Aufgeschlossenheit (§ 83 (b)) zu unterscheiden;

aber beide passen nicht auf unsere grundlegenden moralischen Überzeugungen.

86.

Swifts ‘Bescheidener Vorschlag’.

87. Gegen ein Sichverschließen des Geistes: Über eine Sache zu reden kann doch

nicht schaden. Antwort: Eine Sache der Rede wert zu schätzen, kann ihr derart nützen, daß diejenigen, welchen sie schaden kann, wirklich den Schaden davontragen.

88. Alles steht auf der Tagesordnung: de Sade.

89. Vorurteilsfreiheit: von der Theorie zur Praxis.

90. Unsere grundlegenden moralischen Überzeugungen sind Vorurteile.

91. Voltaire über Moralität und Vorurteile, mit einer zweifelnden Anmerkung.

92. Ein historisch aufgeklärter Begriff von Unvoreingenommenheit.

93. Ist Geist, der sich verschließt, zur Gewalt gesonnen? Erste Fallstudie: Antigone.

94. Exkurs: Die Jagd auf die Vorurteile anderer ist selbstgerecht.

95. Fortsetzung des Exkurses: Dieser Selbstgerechtigkeit (§ 94) ist nicht abzuhelfen,

indem man jedermann verpflichtet, unparteiisch nur die eigenen Vorurteile zu untersuchen; denn dieser Rat ist zirkulär.

96. Toleranz und Intoleranz.

97. Zweite Fallstudie zu Überzeugungen und Gewalt: Hitler.

98. Der historisch aufgeklärte Begriff von Unvoreingenommenheit (§ 92) wird

unseren grundlegenden moralischen Überzeugungen nicht gerecht.

99. Über Gründe.

100. Von Aufklärung, als einer Haltung, die Erfolg noch aus ihren Fehlschlägen zieht, mag sich herausstellen, daß sie gerade so sehr auf sich beharrt, wie sie es den Vorurteilen nachsagt.

I. Über Aufklärung und ihr Vorhaben, alle Vorurteile abzuschaffen

1. Was ist das: ein Vorurteil? Viele europäische Sprachen kennzeichnen dies

fragwürdige Ding auf die gleiche Weise.

préjugé, prejudice, Vorurteil: Der erste Teil dieser Wörter sagt, daß es sich um etwas handelt, das ‘vorher’ kommt: ein Vorurteil haben heißt urteilen, wenn es noch nicht an der Zeit ist zu urteilen 4 . Ein Vorurteil scheint demnach schlicht ein verfrühtes Urteil zu sein. Was die Herkunft des Wortes anlangt, ist es richtig, unter Vorurteil ein vorzeitiges Urteil zu verstehen; aber begrifflich scheint dies zu weit. Denn selbst belanglose Irrtümer, die uns beim Urteilen unterlaufen mögen, müßten so als Vorurteile gelten. Urteile ich, nachdem ich bloß einen einzigen Türgriff, nämlich einen aus Messing, gesehen habe, daß alle Türgriffe goldene Farbe aufweisen, so ist mein Urteil gewiß ergangen, ehe es Zeit zum Urteilen war. Aber es darum als Vorurteil zu bezeichnen, wäre etwas eigenartig 5 . Vorurteile mögen etwas mit

µ , praeiudicium, pregiudizio, prejuicio,

solchen unerheblichen Mißgriffen des Erkennens gemein haben; aber das Wort ‘Vorurteil’ deutet doch auf etwas Spezielleres. Tatsächlich wäre es ja nicht abwegig, alle Irrtümer als Ergebnis verfrühten Urteilens anzusehen. Wer sich irrt, urteilt über Gegenstände, die er noch nicht ganz begreift. Er könnte, so unterstellen wir in einem solchen Fall, durch fortgesetzte Untersuchung beim richtigen Ergebnis anlangen. Doch Vorurteil bedeutet nicht das gleiche wie Fehler. Falls Vorurteile Irrtümer sein sollten, sind sie jedenfalls Irrtümer von einer ganz besonderen Sorte.

2. Dies heißt nicht, daß der gewählte Ausgangspunkt verkehrt war. Wie sich ein

Wort gebildet hat, ist bedeutsam. Selbst wenn der Sinn des Wortes ‘Vorurteil’ sich gewandelt hat - wie es wohl tatsächlich im Zeitalter der Aufklärung geschehen ist -, mußte dieser Wandel selbst im Blick auf den ursprünglichen Sinn, von dem er ausging, verstanden werden können. Es muß, mit anderen Worten, einen Grund gegeben haben, weshalb gerade diesem bestimmten Wort diese besondere Aufgabe zugewiesen wurde. Es war also richtig, so zu beginnen, wie wir begonnen haben; wir müssen nur genauer sein.

Der erste Teil des deutschen Wortes ‘Vorurteil’ und der entsprechenden Wörter anderer europäischer Sprachen sagt, wie wir bemerkten, es handele sich um etwas, das vor etwas anderem kommt. Aber wovor? Bevor, so liegt es nahe zu meinen, man das kennenlernt, worüber das Vorurteil sich ein Urteil erlaubt. In Vorurteilen urteilen wir über einen Gegenstand, ehe wir Erfahrung von ihm haben. Wenn Vorurteile aber der Erfahrung vorausgehen, können sie ihren Grund nicht in

4 Vgl. Sailer, Vernunftlehre, S. 77: “Vorurtheil ist, wie das Wort sagt, Urtheil vor der Zeit”. - Kant, Reflexionen zur Logik, Nr. 2532, S. 407: “Vorurtheile sind Urtheile, die dem Verstand zuvor kommen und da dieser nachher zu spät kommt”. Kant folgt Georg Friedrich Meier, dessen Auszug aus der Vernunftlehre er seinen Logikvorlesungen zugrundelegte: “In dem letzten Falle übereilen wir uns (praecipitantia), und die ungewisse Erkenntniss, die wir aus Übereilung annehmen oder verwerfen, ist eine erbettelte Erkenntniss, ein Vorurtheil, eine vorgefasste Meinung (praecaria cognitio, praeiudicium, praeconcepta opinio)” (§ 168, S. 399 - 400).

5 Trotz seiner zitierten Erklärung von Vorurteil als voreiligem Urteil erkennt Kant dies an: “Das Vorwahrhalten aus unzureichenden Gründen ist nicht Vorurtheil, sondern Muthmaßung” (Reflexionen zur Logik, Nr. 2517, S.

401).

dieser haben. So wird die Feststellung über Vorurteile zum Einwand gegen sie: Da Vorurteile vor dem Vorliegen empirischer Belege ergehen, sind sie ohne empirischen Beleg. Jemand, der Opfer seiner Vorurteile ist (“la victime de ses préjugés”), so behauptet du Marsais, der Autor einer Streitschrift über diesen Gegenstand aus der Zeit der Aufklärung, hat weder Erfahrung noch Vernunft (“n’a ni expérience ni raison”). Dieser Schrift, dem von d’Holbach 1770 herausgegebenen Essai sur les préjugés, zufolge hat ein Mensch mit Vorurteilen das Pech, bloßer Spielball der eigenen Unerfahrenheit zu sein (“le jouet infortuné de son inexpérience propre”) 6 . Die Behauptung, daß Vorurteilen Erfahrung mangelt, wirft zwei Fragen auf:

Warum sollte gerade Erfahrung so wichtig sein? Und: Was folgt eigentlich, wenn es so ist, daß Vorurteilen die Erfahrung abgeht? Wieso, erstens, sollte Erfahrung so wichtig sein? Erfahrung ist in einem bezeichnenden Sinn stets meine Erfahrung. Wenn jemand anders mir eine bestimmte Erfahrung berichtet, dann kann stenggenommen nicht von mir gesagt werden, ich hätte diese Erfahrung gemacht. Daraus folgt, daß, solange Erfahrungen die Grundlage meiner Überzeugungen bilden, ich selbst deren Urheber bin. Solange mein Denken Vorurteilen unterliegt, bin ich hingegen, wie es scheint, nicht der Urheber meiner Überzeugungen. Diese sind vielmehr durch Meinungen anderer bestimmt. Freiheit von Vorurteilen ist danach geistige Selbstbestimmung. Erreicht ist sie, sobald all meine Urteile in meinen Erfahrungen begründet sind. Dies scheint zu untermauern, daß in der Tat, wie du Marsais ein ums andere Mal hervorhebt 7 , der Erfahrung einzigartiges Gewicht zukommt. Zweitens: Wenn es so ist, daß Vorurteile der Erfahrung ermangeln, was folgt eigentlich daraus? Du Marsais’ Wortwahl (zum Beispiel “infortuné”) zeigt an, daß seine Bemerkungen Vorurteile nicht lediglich beschreiben sollen. Sie schätzen zugleich ab. Vorurteile, so meint du Marsais, sind etwas, dessen wir uns gänzlich entledigen sollten. Da ihnen Erfahrung erster Hand abgehe, trennten sie uns von der Wirklichkeit ab. (Der Ausdruck ‘erster Hand’ gibt in diesem Zusammenhang keine zusätzliche Bedingung an. Er macht bloß ausdrücklich, was im Begriff der Erfahrung enthalten sein soll. Was zweiter Hand wäre, würde strenggenommen gar keine Erfahrung darstellen.) Zur Wirklichkeit gelangen hieße, wie du Marsais es ausdrückt, den Schleier des Vorurteils durchschneiden 8 . Die Aufklärung, die ‘Vorurteil’ als Gegenstand philosophischen Denkens erfunden - oder soll man sagen: entdeckt - hat, hat es vorwiegend zu dem Zweck aufgebracht, es los zu werden. Daß es von einem unscheinbaren Wort der Juristensprache zu einer erkenntnistheoretischen, moralischen und politischen cause célèbre befördert wurde, sollte bloß dazu dienen, ihm desto sicherer den Garaus zu machen; dieses Motiv hält sich von der frühen bis zur späten Stufe der Aufklärung. Bacons Vorrede zur Instauratio Magna von 1620 9 etwa und Poullain de la Barres

6 du Marsais, Essai sur les Préjugés, Bd. I, S. 6 - 7. Für d’Holbachs eigene Auffassung von Vorurteilen s. seine Lettres à Eugénie, durchgehend, und sein Système de la Nature, z.B. S. XXIX

7 z.B. Essai sur les Préjugés, Bd. I, S. 3, 32; Bd. II, S. 79, 92

8 Ebd., Bd. I, S. 152: “déchirer le voile du préjugé”. Vgl. S. 11

9 ‘Præfatio’, S. 132: “exutis opinionum zelis et præjudiciis” (“nachdem man den Eifer für Meinungen und die Vorurteile abgelegt hat”).

Abhandlung über die Gleichheit der Geschlechter aus dem Jahr 1673 (die, wie ihr Untertitel - “Où l’on voit l’importance de se défaire des Préjugez” - andeutet und ihr Vorwort ausführt, als Fallstudie einer Cartesianischen Kur der Vorurteile gemeint war) 10 , d’Alemberts Einleitung in die Encyclopédie von 1751 11 , du Marsais’ 1770 veröffentlichter Versuch über die Vorurteile 12 , Kants Aufsatz über Aufklärung von 1783 13 oder Condorcets Umriß der Fortschritte des menschlichen Geistes aus den Jahren 1793/94 14 erwähnen Vorurteile bloß als etwas, dessen die Menschen sich kraft ihrer Vernunft zu entledigen hätten. Zu entledigen hätten sie sich der Vorurteile aber, so wollen die Autoren es, vollständig; denn würden nur einige Vorurteile beseitigt, andere aber beibehalten, so wäre das Ergebnis unstimmig 15 .

3. Auf dem Wege der Analyse haben sich drei Bestandteile einer kritischen Theorie der Vorurteile unterscheiden lassen: Erstens, Vorurteilen mangelt Erfahrung; zweitens, das Selbst sollte seiner Überzeugungen mächtig sein, und dies ist der Fall, wenn sie seiner eigenen Erfahrung entstammen; deshalb, drittens, sollten Vorurteile abgeschafft werden. Diese Folge von Aussagen nimmt sich wie ein zwingender Schluß aus. Doch in Wahrheit sind sie logisch nicht so streng verknüpft, wie dies scheinen mag. Man erkennt dies an der zweiten Aussage, die ja den Schluß zusammenhalten soll. Das Band zwischen Erfahrung und Autonomie des Erkennenden ist weniger eng, als dies

10 De L’Égalité des Deux Sexes, S. ii: “Dans le progrez de leur recherche, il leur arrive necessairement de

remarquer que nous sommes remplis de préjugez [C’est à dire de iugemens portez sur les choses, sans les avoir examinées.] & qu’il faut y renoncer absolument, pour avoir des connoisances claires & distinctes”. (Die Erläuterung in eckigen Klammern findet sich am Rand der Seite.) Zum Charakter des Buches als Fallstudie einer Cartesianischen Therapie der Vorurteile s. S. ii - iv. Vgl. Descartes, Meditationes, Synopsis sex

befreit

sequentium meditationum, S. 12: “dubitatio [

uns von allen Vorurteilen”); Principia Philosophiæ, pars I, § 75, S. 38: “omnia præjudicia sunt deponenda” (“alle Vorurteile sind abzulegen”).

]

ab omnibus præjudiciis nos liberet” (“der Zweifel [

]

11 Discours préliminaire, S. 132: “détruisant autant qu’il est en nous les erreurs et les préjugés”. Vgl. Jeaucourt, Art. ‘préjugé’, S. 239: “Que l’homme donc dépose ses préjugés, & qu’il approche de la nature avec des yeux & et des sentimens purs, tels qu’une vierge modeste a le don d’en inspirer, il la contemplera dans toute sa beauté, & il méritera de jouir du détail de ses charmes”.

12 Essai sur les Préjugés, Bd. II, S. 187: “Réformer le genre humain et le détromper de ses préjugés”.

13 ‘Was ist Aufklärung?’, S. 54 - 55

14 Esquisse, S. 242 - 243 (über die Segnungen der Wissenschaft): “Le plus important peut-être est d’avoir détruit les préjugés”.

15 In Friedrich Nicolais Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Nothanker (S. 151) allerdings ist es, nicht ganz untypisch für die deutsche Spielart der Aufklärung, der Gegner der Aufklärung, ein rechtgläubiger Prediger, der auf die Unstimmigkeit einer halbherzigen Beseitigung der Vorurteile hinweist, während der Verteidiger der Aufklärung, der Held des Romans, solche Unstimmigkeit in Kauf zu nehmen bereit ist: “Dieser [der Pfarrer] fuhr fort: ‘Und unsere neumodischen Theologen, die die Welt haben erleuchten wollen, die so viel untersucht, vernünftelt, philosophiert haben, wie wenig haben sie ausgerichtet! wie müssen sie sich krümmen und winden! Sie philosophieren Sätze aus der Dogmatik weg und lassen doch die Folgen

sie sind aufs äußerste inkonsequent. -’ Sebaldus fiel ihm schnell in die Rede: ‘Und

dieser Sätze stehen; [

wenn sie denn nun inkonsequent wären? Wer einzelne Vorurteile bestreitet, aber viele andere damit verbundene nicht bestreiten kann oder darf, kann, seiner Ehrlichkeit und seiner Einsicht unbeschadet, inkonsequent sein oder scheinen [

]

nahegelegt wurde. Gewiß muß Erfahrung in dem behaupteten Sinne die jeweils eigene sein. Doch daraus folgt nicht, daß umgekehrt auch jede Einsicht, von der mit Recht gesagt werden kann, sie sei die eigene, eine Erfahrung sein muß. Nach empirischen Belegen für etwas Ausschau zu halten ist nur ein Sonderfall dessen, eine Frage selber zu prüfen; die Angelegenheit zu durchdenken ist eine andere Weise, dies letztere zu tun, besonders dann, wenn es sich gar nicht um etwas handelt, das durch Beobachtung zu entscheiden wäre. Was ich selber gedacht habe, kann mir mit nicht geringerem Recht als meine Einsicht zugeschrieben werden, als das, was ich erfahren habe. Der Schluß bricht also gewissermaßen in der Mitte auseinander. Es bleiben drei Behauptungen zurück, deren logische Verbindung nicht vorauszusetzen, sondern zu untersuchen ist: Erstens, Vorurteilen mangelt Erfahrung; zweitens, in Vorurteilen ist der Erkennende bar der Autonomie, die er eigentlich besitzen sollte; drittens, Vorurteile sind abzuschaffen. Die zweite Behauptung haben wir eben

bereits zu untersuchen begonnen; wir fahren sogleich damit fort (§§ 4 - 7). Die erste Behauptung, Erfahrung betreffend, wird im weiteren Verlauf aufgenommen (§§ 9, 18

- 34). Die dritte Frage, ob alle Vorurteile liquidiert werden können und sollen, ist Gegenstand dieser Untersuchung bis zum Schluß (im gegenwärtigen Kapitel §§ 8, 10

- 17).

4. “Selbstdenken”, bemerkt Kant, “ist die Maxime der vorurteilfreien [

Denkungsart” 16 ; und wiederum “die Maxime, jederzeit selbst zu denken, ist die Aufklärung17 . Wer Vorurteile hat, denkt demnach nicht selber; sein Zustand ist, in Kants Ausdruck, “Heteronomie der Vernunft” 18 . Jemand denkt nicht selber, sagt

Kant ferner, wenn sein Verstand durch einen anderen geleitet ist 19 . Um die Frage zu beantworten, was verkehrt ist an Vorurteilen, müßten wir demnach nur verstehen, was es heißt, nicht selber zu denken. Unter welchen Umständen ist es der Fall, daß jemandes Verstand nicht durch ihn selber, sondern durch einen anderen geleitet ist? Eine erste Vermutung könnte sein, jemand denke nicht selbst, wenn er berücksichtige, was andere denken. Das aber kann nicht richtig sein. Selbstdenken, so verstanden, wäre weder zu wünschen noch zu erreichen 20 . Ein Selbstdenker dieser Art wäre von der Verständigung mit anderen abgeschnitten; aber daß jemand, dem diese fehlte, überhaupt denken könnte, ist bereits zweifelhaft. Man sollte jedenfalls in der Lage sein, Autonomie von Autismus zu scheiden. Ein Eklektiker, und das ist ja kraft Bedeutung des Wortes einer, der berücksichtigt,

]

16 Kritik der Urteilskraft, § 40, S. 390. Vgl. Kiesewetter, ‘Ueber Vorurtheil’, S. 356

17 ‘Was heisst: Sich im Denken orientieren?’, S. 283. Vgl. a. Reflexionen zur Metaphysik, Nr. 6204, S. 488:

Aufgeklärt seyn heißt: selbst denken”.

18 Kritik der Urteilskraft, § 40, S. 390

19 ‘Was ist Aufklärung?’, S. 53

20 Bittner, ‘What is Enlightenment?’, S. 346

was andere denken, denkt selber (“penser de lui-même”), bemerkt Diderot 21 : Er denkt selber, was andere vor ihm gedacht haben, und darin liegt kein Widerspruch.

5. Es gibt eine zweite Deutung der Idee, daß einer nicht selber denkt. Es könnte dann

angemessener sein zu sagen, daß jemandes Verstand durch einen anderen geleitet ist, wenn er auf der Grundlage des Urteils eines anderen handelt, ohne selber nachzuprüfen, ob es stichhaltig ist. Eine verbreitete Losung der Aufklärer war ja, die Menschen sollten ihre Köpfe von allen Auffassungen reinigen, die sie übernommen statt jeweils unabhängig untersucht hätten. Kant selbst legt diese Lesart nahe. In seinem Aufsatz über Aufklärung läßt er den Unmündigen sagen: “Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche

Geschäft schon für mich übernehmen” 22 . Der Unmündige wird hier, wie Rüdiger Bittner bemerkt, vorgestellt in Entsprechung etwa zu einem, der, unwillens seine Fenster zu putzen, jemanden bezahlt, diese Arbeit für ihn zu tun. Wie hier der, welcher den anderen anstellt, sich am Ende einer klaren Sicht erfreut, ohne sich angestrengt zu haben, so bedient sich der Unmündige nach Kants Auffassung der Ergebnisse dessen, was ein anderer sich überlegt hat, ohne die Gedankenschritte zu vollziehen, die zu diesen Ergebnissen geführt haben. Doch auch so verstanden scheint Selbstdenken, wie Bittner durch ein Beispiel zeigt, nicht unbedingt begehrenswert: Jemand haßt es, seine Steuererklärung zu machen, und läßt den Steuerberater dies erledigen. So braucht er in der Tat nicht zu denken, wenn er nur bezahlen kann. Er nimmt das Urteil des Steuerberaters an, ohne es auf seine Richtigkeit zu überprüfen, und handelt gleichwohl auf dessen Grundlage; denn es ist immer noch der Steuerzahler, nicht der Steuerberater, der da sein Einkommen dem Finanzamt gegenüber erklärt und für die Steuererklärung rechtlich verantwortlich ist. Und doch scheint so gar nichts Entsetzliches daran zu sein, sich das Denken auf diese Art durch Zahlen zu ersparen. Es bleibt fraglich, inwiefern es grundsätzlich falsch ist, nicht selber zu denken, wenn dies in der angeführten Weise verstanden wird 23 .

6. Bittner umreißt eine dritte Deutung der Idee, daß einer nicht selber denkt. Sie läßt

sich als Antwort auf das Scheitern der vorigen verstehen. Gewiß, so mag man einräumen, ist nichts im Allgemeinen verkehrt daran, sich auf das Urteil anderer zu verlassen. Verkehrt ist dies unter besonderen Umständen. Manchmal mißt man dem Urteil eines anderen mehr Gewicht bei, als im gegebenen Fall gerechtfertigt ist. So ist es in Ordnung, jemanden dafür zu bezahlen, daß er einem die Steuererklärung ausfüllt. Aber es wäre ein Desaster, wenn man jemanden dafür bezahlte, daß er einem in jeder Lebenslage sagt, was man tun soll, und man sich an diese Anweisungen gebunden fühlte. Dies, so die dritte Deutung, sei die Art von Fehler,

21 Art. ‘éclectisme’, S. 36. Diderot behauptet allerdings auch, Selbstdenken und Vertrauen auf Autorität (“autorité”, ebd.) bildeten einen Gegensatz. Dies wird im folgenden als die dritte Deutung des Begriffs ‘Selbstdenken’ erörtert werden, vgl. § 6.

22 ‘Was ist Aufklärung?’, S. 53

23 Bittner, ‘What is Enlightenment?’, S. 346 - 347

welche Kant im Sinn hatte, als er vor der Leitung des Verstandes durch andere warnte: diese Art von Fehler auszuräumen, sei Ziel der Aufklärung 24 . Doch, wie Bittner deulich macht, wird die Mahnung, “sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen” 25 , in dieser Lesart nutzlos. Sie besagt in ihr: Miß’ dem Urteil anderer nicht zu viel Gewicht bei. Dies nun ist zwar schwer zu erreichen; doch es zu fordern ist eine Belanglosigkeit. Denn wir müßten wissen, wieviel Gewicht jeweils das richtige ist, um von jener Regel Gebrauch machen zu können, und gerade das wissen wir nicht 26 . Einige Aufklärer haben Autorität als eine wichtige Quelle von Vorurteilen gekennzeichnet 27 . Die gegenwärtige dritte Deutung bezieht sich offenkundig auf Fälle, in denen Leute zu sehr auf das bauen, was Autoritäten verkündigt haben. So hat es zur Zeit Kants, neben vielen anderen, Thomas Reid verstanden. In einem Kapitel über Vorurteile als die Ursachen des Irrtums (‘Of Prejudices, the Causes of Error’) macht Reid es sich zur Aufgabe, die berühmteste Einteilung der Vorurteile zu erläutern, nämlich jene von Francis Bacon, “that wonderful genius” 28 . Von den bei Bacon als “Idola Tribus” 29 (“Idole des Stammes”, das heißt hier: “der Gattung”) bezeichneten Vorurteilen handelnd, nennt Reid es einen Fehler, der der Gattung Mensch in ihrer Gesamtheit anhänge, deren Mitglieder seien zu sehr geneigt, in ihren Meinungen von Autorität geleitet zu werden (“Men are prone to be led too much by authority in their opinions”) 30 . Doch die Aussage, dabei handele es sich um einen Fehler, ist leer; denn es gibt gar nichts, das man ‘zu sehr’ tun sollte. (“Nichts zu sehr”) war bereits ein müßiger Lehrsatz, weil der Sinn von ‘zu sehr’ nicht anders zu erläutern ist denn als Hinausgehen über das, was sein sollte. Doch in ihrer dritten Deutung wird Kants Aufforderung, selber zu denken statt seinen Verstand von einem anderen leiten zu lassen, nicht bloß unnütz. Die Deutung gibt einen schiefen Begriff von dem, was in Fällen der Art, an die dabei gedacht ist, vor sich geht. Man kann sich nämlich überhaupt nicht auf das stützen, was eine Autorität geäußert hat, als indem man sie als Autorität anerkennt, mithin, indem man selber denkt, der Betreffende sei mit den maßgeblichen Fähigkeiten begabt. (John Toland behauptete, ein Mensch, der ein Vorurteil habe, sei ‘wie ein Vieh von Autorität geleitet’ (“led like a Beast by Authority”) 31 , als ob man unter Tieren je von dieser Idee gehört hätte.) Selbstverständlich machen Menschen dabei,

24 Ebd., S. 347

25 Kant, ‘Was ist Aufklärung?’, S. 53

26 Bittner, ‘What is Enlightenment?’, S. 347

27 Vgl. z.B. Thomasius, ‘De Praejudiciis oder von den Vorurteilen’, S. 32 - 34, 38, 40; Watts, Logick, II,iii,4, S. 221 - 228; du Marsais, Essai sur les Préjugés, Bd. I, S. 8, 27; Meier, Auszug aus der Vernunftlehre, § 170, S.

413

28 Essays on the Intellectual Powers, S. 368

29 Novum Organum, aph. XXXIX, S. 163

30 Essays on the Intellectual Powers, S. 369

31 ‘The Origin and Force of Prejudices’, S. 16

wie bei allem Denken, Fehler. Sie verlassen sich auf Autoritäten, die ihnen schaden; sie schreiben anderen Eigenschaften zu, die diesen nicht zukommen. Doch diese Irrtümer sind solche im Selberdenken, nicht etwas, das sich diesem gegenüberstellen ließe. Auf jemandes Autorität zu bauen, schließt die Betätigung des eigenen Verstandes nicht aus, sondern ist eine bestimmte (und, wie alle anderen Weisen, zuweilen fehlgehende) Weise der Betätigung des eigenen Verstandes. Es ist vernünftig, vielen, wenn auch nicht allen, Steuerberatern in Fragen der Steuerrückerstattung zu trauen, da diese Fragen deren Metier bilden und Steuerberater kein Interesse daran haben, daß ihren Klienten vom Staat weniger als der jeweils zustehende Betrag zufließt. Es mag minder vernünftig sein, sich in anderen Fragen auf Steuerberater zu verlassen, etwa solchen des Betriebs von Kraftwerken oder der Formensprache der französischen Lyrik. Und es war auf jeden Fall für einen deutschen Arbeiter im Jahr 1933 ein Fehler, auf Hitler zu setzen, beeindruckt durch den Umstand, daß dessen Partei sich Arbeiterpartei nannte. Denn die Zwecke eines Politikers sind nicht den Etiketten abzulesen, die er benutzt, um seine Vorhaben zu verkaufen. Wer sie so zu erkennen versucht hat, hat sich in der Regel geirrt; aber er hat sich geirrt im Selberdenken. Der Unterschied zwischen ihm und demjenigen, der einen Steuerberater beschäftigt, ist weder, daß dieser selber gedacht hat, jener aber nicht. Noch ist der Unterschied, daß der eine einer Autorität gefolgt ist, der andere aber nicht, oder daß der Verstand des einen durch einen Dritten geleitet gewesen ist, der des anderen aber nicht. Beide haben sich ein gewisses Maß der Mühsal erspart, die das Durchdenken einer Angelegenheit bereitet, indem sie sich an einem bestimmten Punkt auf jemand anderen verließen. Der Unterschied ist, daß der eine, indem er sein Vertrauen Hitler schenkte, einen Fehler gemacht hat, während der andere, als er seinem Steuerberater traute, mit weit größerer Wahrscheinlichkeit richtig lag. Damit ist nicht dem wohlfeilen Zweifel das Wort geredet, es könne eigentlich nie zu einem Autoritätsverhältnis kommen, da man ja ebenso erst einmal an etwas erkennen müßte, daß jemand eine Autorität darstellt, wie man sonst an etwas erkennt, wie es mit einer Sache steht. Die Prämisse dieses Schlusses stimmt zwar, doch die Konklusion folgt nicht. In der Tat stützt man sich hier wie dort auf bestimmte (wirkliche oder vermeintliche) Sachverhalte, aber dies beweist nicht, daß es so etwas wie Autorität in Wahrheit nicht gibt. Denn was für Sachverhalte einem als hinlängliches Zeugnis gelten, wird in den beiden Fällen unterschiedlich sein 32 . Daß ich aber etwas als hinlängliches Zeugnis anerkenne, ist nichts, was ein anderer für mich erledigen könnte. “Man kann den Ausdruck Selbstdenken häufig hören, als ob damit etwas Bedeutendes gesagt wäre. In der Tat kann keiner für den anderen denken, so wenig als essen und trinken; jener Ausdruck ist daher ein Pleonasmus”, notiert Hegel 33 . Selbstdenken ist keine Errungenschaft, sondern eine Selbstverständlichkeit. Wer überhaupt denkt, in welchem Maße auch immer er sich dabei auf das Urteil anderer verläßt, denkt selber. Kant suchte seinen Adressaten einzuschärfen: “Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!” 34 . Doch diese Mahnung mahnt etwas an,

32 Vgl. Hobbes, Leviathan, I,7, S. 54 - 55

33 Enzyklopädie, § 23 Anm., S. 80

34 ‘Was ist Aufklärung?’, S. 53

das überhaupt nicht zu vermeiden ist. Sich des Verstandes eines anderen zu bedienen und sich seines eigenen Verstandes zu bedienen bilden keine Alternative; vielmehr setzt das erstere das letztere voraus. Ein Arbeiter, der darauf baute, es müsse ihm im Deutschland Hitlers gut gehen, da dieser sich als Nationalsozialist deklariert hatte und Sozialisten sich ums Wohlergehen von Arbeitern kümmerten, bediente sich seines eigenen Verstandes, und zu beklagen ist nur, wie er dies machte und, insbesondere, daß er es nicht besser machte. Es ist unmöglich, daß einer einem anderen bestimmte Gedanken, auch wenn sie diesem nicht einleuchten, aufoktroyiert. Wenn dieser sich nicht Anschauungen zu eigen macht, weil er meint, sie hätten Hand und Fuß, kann Gewalt ihn allenfalls dazu bringen, so zu tun als ob er sie teilte. Selbst der Eiferer, der im Namen der kirchlichen Autorität Ketzer verbrennt, muß zunächst einmal selber denken, er wisse, welche Kirche im Besitz der Autorität ist. Selbstdenken schließt keinen Inhalt des Denkens aus, nicht einmal den unaufgeklärtesten.

7. Alles Denken, wie viel Irrtümer auch immer es einschließen, in welchem Maße auch immer es sich der Überlegungen anderer bedienen und was immer sein Inhalt sein mag, ist Selbstdenken (§ 6). Diese Darlegung begegnet allerdings einem Einwand. Sie scheint auf einer Doppeldeutigkeit zu beruhen. Der Eiferer (§ 6) denkt, daß er weiß, welche Kirche im Besitz der Autorität ist, aber er denkt nicht über die Kirche nach. Ganz allgemein kann man denken, daß etwas der Fall ist, ohne viel über es nachzudenken 35 . Nun ist es klarerweise vernünftig, zwischen Denken und Nachdenken zu unterscheiden. Nachdenken ist eine Form des Denkens, aber es erfordert mehr als nur zu denken, daß etwas der Fall ist. Das Denken bezieht sich auf Dinge, das Nachdenken hingegen auf Gedanken über Dinge. Das Fremdwort für das letztere ist daher auch Reflexion. Doch es ist nicht leicht auszumachen, wie daraus ein Einwand zu der vorigen Darlegung erwachsen soll. Hätte Kant uns wirklich dazu anhalten wollen, daß wir nachdenken statt bloß zu denken, wäre kaum begreiflich, weshalb er nicht just dies gesagt hat. Schließlich hält die Sprache den Gegensatz von Denken und Nachdenken ohne weitere Umstände bereit, während der Terminus ‘Selbstdenken’ erst künstlich zu schaffen war, und als Gegensatz ein nicht bloß künstliches, sondern wahrhaft seltsames ‘Fremddenken’ mitgedacht werden muß. Jener Gegensatz ist verschieden von diesem; als Kant den letzteren, ungewöhnlichen, einführte, muß es ihm gerade auf ihn angekommen sein. Das Argument, durch den Rekurs auf das Selbst sei nichts auszurichten (§ 6), gilt für das Denken wie für das Nachdenken gleichermaßen. Im selben Sinne, in dem alles Denken der Art ist, daß einer selber denkt, ist auch alles Nachdenken der Art, daß einer selber nachdenkt. Doch eine Unterscheidung, in der das Ganze unter einen der unterschiedenen Begriffe fällt, unterscheidet nichts. Selbst wenn man aber zugunsten des Einwands annimmt, Kant habe uns dazu anhalten wollen, nachzudenken statt bloß zu denken, verfängt er nicht. Gewiß ist der Unterschied zwischen Denken und Nachdenken, anders als der zwischen Selbstdenken und seinem Gegensatz, dessen Name sich kaum sehen lassen kann,

sinnvoll. Doch erstens: Obgleich Denken und Nachdenken voneinander unterschieden werden können, bilden auch sie keine Alternative in dem Sinne, daß man das letztere statt des ersteren tun könnte. An jeder Reflexion läßt sich finden, daß ihre Möglichkeit von zahllosen Gedanken abhängt, welche der Nachdenkende als selbstverständlich betrachtet, das heißt, über welche er gerade nicht nachdenkt. Und zweitens: Es ist nicht glaubhaft, daß, würde die Aufforderung nachzudenken befolgt, man im Ergebnis aller Vorurteile ledig sein müßte. Vielleicht denkt ja der Eiferer (§ 6) nicht lediglich, er wisse, welche Kirche im Besitz der Autorität ist; er mag darüber hinaus nachdenken über die Quelle des Umstands, daß er so denkt. Tatsächlich wird er typischerweise imstande sein, das Merkmal der wahren Kirche anzugeben; er hat die Zeichen der göttlichen Gnade überall in ihrer Vergangenheit und ihrer Gegenwart erblickt. Diese Reflexion nicht zu mögen ist kein guter Grund zu glauben, es sei keine; der Betreffende ist tatsächlich von der einen Ebene, derjenigen des Behauptens einer Überzeugung, zu jener anderen, der Ebene des Rechtfertigens der Überzeugung, gewechselt. Eine Überzeugung rechtfertigen ist ein Gedanke über einen Gedanken: ein Fall von Nachdenken. Sehen wir die Haltung des Eiferers gleichwohl als unaufgeklärte, so zeigt dies nur, daß Nachdenken als solches unaufgeklärte Haltungen nicht ausschließt. Mit der Forderung des Nachdenkens gerät man in die gleiche Art von Formalismus, zu der die Mahnung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, geführt hatte (§ 6). Dürftige Reflexionen sind immer noch Reflexionen, sie helfen bloß nicht weiter.

8. Was hilft dann weiter, wenn Selberdenken (§§ 4 - 6) und Nachdenken (§ 7) als solche es nicht tuen? Jene besondere Art des Nachdenkens, die man als Untersuchen oder Prüfen bezeichnet, mag ein vielversprechender Bewerber dafür sein. Zugestandenermaßen ist nicht offensichtlich, daß damit die religiösen Eiferer (§§ 6 - 7) ausgeschlossen wären, die vielen Aufklärern als ein Paradebeispiel für Befangenheit in Vorurteilen galten. Schließlich hatten die religiösen Eiferer für ihre Zwecke eine Einrichtung namens Inquisition geschaffen, und dies Wort ist bloß der romanische Name dessen, was im Deutschen Untersuchung heißt. Allerdings wäre die Frage am Platze, ob die Selbstbeschreibung der Namengeber in diesem Fall für bare Münze zu nehmen ist. Um jede Art von Vorurteil von sich abzutun, sagt Descartes, ist nichts weiter nötig als daß man sich entschließe, nichts von dem zu bejahen oder zu verneinen, was man zuvor bejaht oder verneint hatte, man habe es denn aufs neue untersucht 36 . Du Marsais bestimmt entsprechend Vorurteil als ein vor Prüfung der Sache gefälltes Urteil: “le préjugé est un jugement porté avant d’examiner37 . Und er setzt hinzu:

“L’homme est grand dans toutes les choses qu’il s’est permis d’examiner; il n’est resté petit que dans celles qu’il n’a point osé voir de ses propres yeux” 38 . Wenn wir

36 ‘Lettre à M. Clerselier’, S. 204: “pour se defaire de toute sorte de préjugez, il ne faut autre chose que se resoudre à ne rien assurer ou nier de tout ce qu’on auoit assuré ou nié auparauant, sinon aprés l’auoir derechef examiné”.

37 Essai sur les Préjugés, Bd. I, S. 7. Vgl. Watts, Logick, II,iii, S. 187: “it [sc. das Wort ‘prejudice’] signifies a Judgment that is formed concerning any Person or Thing before sufficient Examination”; Sailer, Vernunftlehre, S. 77: “vor der Prüfung”.

38 du Marsais, Essai sur les Préjugés, Bd. I, S. 69

nur alles prüfen, so lautet hier das Versprechen, muß jedes Vorurteil verschwinden. Das Prüfen aber beginnt nach Descartes, sobald der Geist vom Glauben zum Zweifel übergeht. Doch selbst dieser Vorschlag leuchtet nicht recht ein. Schließlich bezweifelte sogar die Heilige Inquisition eine Menge an denjenigen, die sie prüfte, zum Beispiel die Ehrlichkeit der Ketzer. (Und es ist wert festzuhalten, daß die Inquisition diese Eigenschaft tatsächlich bezweifelte und nicht einfach verneinte; denn bevor man einen Ketzer dem Verfahren unterzogen hatte, stand nicht fest, ob er als unehrlich zu gelten hatte oder ob er vielmehr die jeweilige Irrlehre tatsächlich glaubte.) Umgekehrt scheint es unmöglich oder sinnlos etwas zu bezweifeln, ohne zugleich etwas anderes zu glauben. Wenn jemand eine Aussage bezweifelt, das heißt, wenn er fragt, ob sie wahr ist, so setzt dies nicht nur voraus, daß er zu wissen glaubt, was diese Aussage bedeutet; es setzt auch voraus, daß er zu wissen glaubt, unter welchen Bedingungen sein Zweifel denn ausgeräumt wäre (auch wenn er vielleicht nicht weiß, welches Verfahren den Zweifel ausräumen würde). Eine Überzeugung hat ihre Bedeutung - ist also die Überzeugung, die sie ist - je nach ihrem Platz innerhalb eines Zusammenhangs unbestimmt vieler (wenngleich nicht unendlich vieler) weiterer Überzeugungen. Prüft man eine Überzeugung, so kann man wohl auch damit beginnen, die mit ihr zusammenhängenden Überzeugungen auseinanderzuklauben. Doch jede Überzeugung, die man aus dem Zusammenhang heraushebt, um sie der Prüfung zu unterziehen, setzt wiederum weitere Überzeugungen voraus, um auch nur verstanden zu werden. Gewiß gelingt es, Probleme aus dem Zusammenhang auszusondern und sie zum Gegenstand von Untersuchungen zu machen. Doch selbst dann entsteht die Schwierigkeit noch einmal auf anderer Ebene. Die Lösung der Schwierigkeit durch das Absehen von Beziehungen, in denen etwas steht, macht eine weitere Dimension des Zusammenhangs, von dem die Rede war, kenntlich: er erstreckt sich nicht nur, wie es bisher schien, in die Weite, sondern auch in die Tiefe. Wann immer wir etwas untersuchen, stoßen wir darauf, daß es sich noch genauer untersuchen ließe. Allemal könnten wir noch gründlicher sein. In jedem einzelnen Fall wäre es denkbar, weiter ins Einzelne zu gehen. Jemand, der seinem Verstand freien Lauf ließe, würde in dem, was wir herausgefunden haben, stets etwas finden können, das nicht erledigt ist. Doch jede Untersuchung, als das bestimmte Vorhaben, das sie ist, benötigt Grenzen hinsichtlich der Gründlichkeit und Detailliertheit. Diese Grenzen sind nicht selber ein Ergebnis der Untersuchung. Man weiß nie, was man entdecken würde, wenn man noch genauer wäre und sich weiter auf die Einzelheiten einließe. Zugleich aber müssen Grenzen gezogen werden, wenn die Schritte, die wir tun, überhaupt den Namen einer Untersuchung verdienen sollen. Gezogen werden sie durch unser Zutrauen, das an einem bestimmten Punkt sagt: ‘So viel ist genug’. Nur wenn solcher Art von Zutrauen stattgegeben wird, kann man bestimmte Verfahren ‘Untersuchungen’ nennen. Jenes Zutrauen aber ist nichts, das in irgendeinem Sinne in Gegensatz zu Vorurteilen stünde. Vielmehr scheint es ein Fall derselben zu sein. Wie Vorurteil sich nicht dem Selbstdenken (§§ 4 - 6) und dem Nachdenken (§ 7) entgegensetzen ließ, so ist umgekehrt auch alles Prüfen oder Untersuchen von Überzeugungen, das wir unternehmen, Vorurteilen nicht in jener Weise entgegengesetzt, die Descartes und du Marsais nahegelegt haben.

9. Eine Reihe von Gegensätzen haben sich als unhaltbar gezeigt: Vorurteil vs. Selbstdenken (§§ 4 - 6), Vorurteil vs. Nachdenken (§ 7), Vorurteil vs. Prüfen oder Untersuchen (§ 8). Daraus folgt selbstverständlich nicht, daß zwischen der Kenntnis von etwas aus erster oder aus zweiter Hand kein Unterschied besteht. Klarerweise geht alles, was wir glauben, teils auf uns selber, teils auf andere zurück. Wir sind von bestimmten Dingen überzeugt, entweder weil wir sie selbst beobachtet haben, oder weil sie uns erzählt worden sind. Dies Zugeständnis scheint geeignet, die durch die Aufklärung in Umlauf gebrachte kritische Theorie der Vorurteile samt der mit ihr verknüpften Forderung nach Erfahrung erster Hand doch noch zu retten (§ 2). Denn indem Wissen von der ersten Hand einer zweiten, von dieser einer dritten und von der vielleicht noch weiteren Händen überliefert wird, scheint es gängigerweise immer schlechter zu werden. Wenn man aus erster Hand Kenntnis von etwas hat und es dann in Gestalt einer Geschichte unter die Leute zu bringen sucht, begegnet einem oft ein bestimmter Widerstand. Ist das, was man erzählen will, spannend genug? Die Frage ist da, ob die Geschichte zu fesseln vermag, aber was den Erzähler der Geschichte wahrhaft beunruhigt, ist, daß er in Frage gestellt sein könnte: der Verdacht mag in der Luft liegen, er selber könne ein herzlich langweiliger Zeitgenosse sein. In einem derartigen Notfall - und jeder betrachtet es als Notfall, wenn sein Ruf auf dem Spiel steht -, ist jedoch erprobte Hilfe zur Hand. Sie besteht darin, das, was als schwache Stelle der Geschichte empfunden werden könnte, mit einem bunten Flicken aufzubessern 39 . Nicht nur Furcht zu langweilen kann zu dergleichen gutgemeinten Ergänzungen und Änderungen anregen. Paradoxerweise hält man es nicht selten gerade im Interesse der eigenen Glaubwürdigkeit für geboten, etwas von der Wahrheit abzuweichen. Will es das Schicksal der Geschichte, daß sie in der Folge weiteren Zuhörern aufgetischt wird, so mag sich neuer und anders beschaffener Widerstand einstellen; dann werden neue und andere Zusätze und Änderungen für nötig erachtet. Neben solchen scheinbaren oder wirklichen Erfordernissen erfolgreichen Schwadronierens gibt es auch noch den Luxus der Eitelkeit, deren Tugend ja darin besteht, nie zu knausern. “[N]ous faisons naturellement conscience de rendre ce qu’on nous a presté sans quelque usure et accession de nostre creu”, sagt Montaigne 40 : wir machen uns natürlicherweise ein Gewissen daraus, das, was man uns geliehen hat, ohne Zinsen und ohne eigenes Hinzutun weiterzugeben. Spitz setzt Montaigne hinzu, der entfernteste Zeuge sei näher vom Geschehnis unterrichtet als der nächste, und der, dem es zuletzt kolportiert ward, fester überzeugt als der erste. Dieser Fortschritt sei durchaus natürlich. Denn wer immer etwas glaube, halte es für ein Werk der Nächstenliebe, einen anderen von der selben Sache zu überzeugen, und zu diesem Zweck scheue er sich nicht, so viel von seiner eigenen Erfindung hinzuzufügen, wie ihm seiner Geschichte notzutun scheine, um den Widerstand

39 Vgl. Montaigne, ‘Des boyteux’ [= Essais III,11], S. 1027

40 Ebd.

oder Mangel zu überwinden, die er dem Fassungsvermögen des anderen zuschreibe 41 . Ist damit nicht genau getroffen, wie Vorurteile entstehen? Montaigne ist an dieser Stelle, wie stets, ein scharfer Beobachter der menschlichen Dinge. Besser wäre kaum zu kennzeichnen, was es mit Klatsch auf sich hat. Aber ist damit auch die ganze Wahrheit über Wissen erster und zweiter Hand gesagt? Montaigne selber hätte keinen solchen Anspruch erhoben. Denn worauf es ihm ankam, war, nach seinem eigenen Zeugnis, das Disputieren als solches, und nicht die Wahrheit; schließlich könne der Erstbeste die Wahrheit sagen, doch nur wenige vermöchten mit Geschick ein Argument auszufechten 42 . Jene Beobachtungen entheben uns also nicht der Frage, ob Kenntnisse erster Hand besser sein müssen als solche aus zweiter Hand. Nehmen wir an, jemand sei Ohren- und Augenzeuge eines bestimmten Vorkommnisses geworden. Einerseits ist er nun in der Lage zu beschreiben, was er gehört und gesehen hat, und eben dies macht er einem anderen gegenüber. Andererseits, so nehmen wir weiter an, hat er mißverstanden, was das Geschehnis, dessen Zeuge er geworden ist, bedeutete, da er dessen Zusammenhang nicht kennt. Derjenige aber, dem beschrieben wird, was sich ereignet hat, mag jene Kenntnis besitzen, und darum in der Lage sein, das Ereignis zu verstehen. Er mag, wiederum lediglich aus zweiter Hand, wissen, daß einer bestimmten Gebärde, die der andere ihm so beschrieben hatte, wie er sie sah, in der beobachteten Gruppe diese oder jene eigentümliche Bedeutung zukommt. Obschon alles, was er weiß, lediglich zweiter Hand ist, ist sein Wissen besser als das des unmittelbaren Zeugen. Was wir bloß aus Berichten kennen, kann die Grenzen dessen weit hinter sich lassen, was wir ‘mit eigenen Augen gesehen’ haben. Wenn es sich aber manchmal in dieser Weise verhält - und dem ist so -, dann läßt sich die Lehre der Aufklärung in diesem Punkt nicht halten: die Lehre, es gebe eine Rangordnung des Wissens, die sich aus genügender Kenntnis seiner Quellen ableiten lasse, dergestalt, daß Überzeugungen aus erster Hand eo ipso höher rangierten als solche aus zweiter Hand.

10. Zudem, abgesehen von der Frage, ob Kenntnisse aus zweiter Hand jemals besser sein können als solche aus erster Hand (§ 9), scheinen jene einfach unerläßlich. Wenn Kenntnis aus erster Hand - “voir de ses propres yeux”, in der zuvor zitierten Formulierung du Marsais’ (§ 8) - die Bedingung eines echten Urteiles wäre, dann stünde fest, daß jeder weit mehr Vorurteile als Urteile hätte. Es ist offenkundig, daß jeder einzelne weder Kraft noch Zeit genug hat, alles für sich selbst zu erforschen 43 .

41 Ebd., S. 1028: “le plus esloigné tesmoin en est mieux instruict que le plus voisin, et le dernier informé mieux persuadé que le premier. C’est un progrez naturel. Car quiconque croit quelque chose, estime que c’est ouvrage de charité de la persuader à un autre; et pour ce faire, ne craient poinct d’adjouster de son invention, autant qu’il voit estre necessaire en son compte, pour suppleer à la resistance et au deffaut qu’il pense estre en la conception d’autruy”.

42 ‘De l’art de conferer’ [= Essais III,8], S. 927 - 928; vgl. S. 924 - 925

43 Aus diesem Grund verschmähten es die antiken Skeptiker, alles zu bezweifeln und zu prüfen, und waren selbst bereit, sich bei Vorurteilen zu beruhigen. Vgl. Sextus Empiricus, Pyrrhoneion hypotyposeon I, §§ 23 - 24, 226, 237 - 238, S. 16/17, 138/139, 146/147 - 148/149

Sowohl quantitativ wie qualitativ sind andere Menschen die bedeutsamste Quelle der Überzeugungen jedes einzelnen. Im strengen Sinne eigenes Wissen, nämlich das, was ein Einzelner durch eigene Beobachtung entdeckt und nun im Gedächtnis hat, oder was er aus diesen gegenwärtigen oder erinnerten Beobachtungen schließt, machen lediglich ein winziges Bruchstück dessen aus, was dieser Einzelne sein Wissen nennt. Ein Anhänger der Aufklärung könnte freilich so weit gehen, anzuerkennen, daß jene Bemerkungen eine Eigenschaft der meisten unserer Überzeugungen im Alltag richtig wiedergeben - wenn auch eine Eigenschaft, die er tief bedauerlich findet. Demgegenüber ist aber wissenschaftliches Wissen aus seiner Sicht das Muster dafür, wie menschliches Wissen eigentlich beschaffen sein sollte. Doch der Gegensatz zwischen der Alltagssphäre bloß übernommener Meinungen und der Wissenschaft als dem Herrschaftsgebiet unmittelbarer Erfahrung trägt nicht. Ein Physiker etwa wird nur einen Bruchteil der Experimente, von deren Ergebnissen er in seiner Arbeit Gebrauch macht, selber durchgeführt haben. Forscher kommen nicht umhin, hinsichtlich dessen, was ihnen als Tatsache gilt, auf die Autorität anderer Wissenschaftler zu bauen, ganz so wie dies allgemein Menschen im Verhältnis zu ihren Vorfahren und Mitmenschen tun müssen. Selbst die kühnsten Neuerungen der Wissenschaften entspringen allemal einem ausgedehnten Korpus von Kenntnissen, die als Hintergrund des jeweiligen Problems unangefochten bleiben. Was menschliche Gesellschaften schon erreicht haben, scheint zu dem, was ein Einzelner erreichen kann, selbst wenn er sein ganzes Leben an eine Sache wendet, in einem Verhältnis zu stehen, für das es kein Maß gibt. Darum haben Charles Pinot-Duclos, Edmund Burke und William Hazlitt die Behauptung gewagt, der Sprung aus den Vorurteilen komme einem Sprung aus der Gesellschaft gleich. “[L]e préjugé est la loi du commun des hommes”, bemerkte Duclos 44 ; denn der Stoff, aus dem das ist, was man gesunden Menschenverstand nennt, sind, wie Duclos aufgefallen war, nicht so sehr Urteile als vielmehr Vorurteile. Im Vorurteil, so Burke, greifen unsere Auffassungen und die anderer ineinander; es repräsentiert nicht nur alte (§ 55), sondern auch gemeinsame Anschauung. Durch Autorität vermittelt blieben uns die Auffassungen anderer nicht länger fremd, sondern würden zu gleichsam natürlichen Gewohnheiten unseres Denkens. Ohne Vorurteile hingegen müßte jeder einzelne auf der Grundlage seines je eigenen Privatvorrats an Vernunft (“on his own private stock of reason”) Handel treiben 45 , und damit käme keiner weit. Des von der Gesellschaft aufgehäuften Schatzes an Überzeugungen beraubt, sei das Individuum bloß mehr ein Narr 46 , nämlich, um es etwas verhaltener zu formulieren, ziemlich beschränkt in seinen An- und Aussichten. Die Pointe der Überlegung ist jedoch nicht bloß, daß der einzelne weniger zustandebrächte, wenn man ihm oder er sich alle Vorurteile abgenommen hätte; vielmehr will Burke darauf hinaus, daß menschliches Leben so gar keinen Bestand haben könnte. Die Auslöschung der Vorurteile, auf der die reine Vernunft bestehe,

44 Considérations sur les mœurs, S. 25

45 Burke, Reflections, S. 168

46 ‘On the Reform of the Representation in the House of Commons’, S. 97: “The individual is foolish”.

löse zunächst Gemeinsamkeit und schließlich die in ihr gegründete Gemeinschaft auf. Wo persönliche Selbstgenügsamkeit und Anmaßung, die sicheren Begleiter all derer, denen nie Weisheit begegnet sei, die größer als ihre eigene (“wisdom greater than their own”) war, sich der richterlichen Gewalt bemächtigten, würde, prophezeit Burke, das Gemeinwesen selbst innerhalb weniger Generationen morsch werden, in den Staub der Individualität (“the dust and powder of individuality”) zerfallen, und in dieser Gestalt schließlich in die vier Winde verstreut werden 47 . Die Vorurteile auszumerzen hieße, in den Worten William Hazlitts, das Gewebe der Beziehungen, aufgrunddessen die Mitglieder einer Gesellschaft einander verstehen, aufzutrennen (“to unravel the whole web and texture of human understanding and society”) 48 . Doch es gibt kein menschliches Leben außerhalb der Gesellschaft. Deshalb können Menschen nicht umhin, an einem gemeinsamen Bestand von Überzeugungen teilzuhaben. Selbstverständlich, so ist hinzuzufügen, müssen sie nicht jedes Stück dieses Bestandes annehmen. Doch gerade um einen Teil des gesellschaftlichen Bestandes an Überzeugungen zu prüfen, haben sie sich auf den weit größeren Teil desselben zu verlassen, d.h., ihn in Gestalt von Vorurteilen zu übernehmen. Von einigem aus erster Hand überzeugen können sie sich nur, weil sie dem meisten trauen, wovon sie lediglich aus zweiter Hand unterrichtet sind. 11. So verteidigt hat man Vorurteile (§ 10), als die Spätaufklärung in erbittertem Kampf mit ihnen lag. Der konservative Zug jenes Plädoyers, das Tradition gegen Neuerungen setzt (vgl. § 55), und sein gegen Individualismus gerichteter Impuls, aus welchem es Vertrauen auf Gemeinschaft dem Abhängen des einzelnen von seiner Privatration an Geist vorzieht, sind verschränkt. Die zwei Haltungen, die auf diese Weise abgelehnt werden, stellten sich, als diese Verteidigung des Vorurteils begonnen wurde, als eine einzige dar: Originalität. Was auf Originalität Anspruch macht, muß beides sein: neu und individuell. Dieser Anspruch war zu jener Zeit soeben Mode geworden; ‘originell’ und ‘Originalgenie’ erscheinen in Buchtiteln nach 1750: Edward Young, Conjectures on Original Composition (1759); William Duff, An Essay on Original Genius (1767); Robert Wood, An Essay on the Original Genius and Writings of Homer (1769, 1775). Young tat die in der Gesellschaft herausgebildeten und weitergegebenen Auffassungen - eben jene, die Duclos am Beginn des selben Jahrzehnts gepriesen hatte - als bloß geliehenes Wissen (“borrowed knowledge”) ab, als etwas Gemeines und Niedriges im Vergleich zum im Genie verkörperten Wissen, das angeboren und vollständig unser eigen (“knowledge innate, and quite our own”) sei 49 . Nicht alle Jünger der Originalität, so ist zuzugeben, erblickten in dem selbstherrlichen Glauben an unbelehrte Spontaneität das Abzeichen des Genies; doch einige sahen es in dieser Weise. Wenn aber der Reichtum dessen, was man Kultur nennt, ein Gemeinschaftliches ist, dann ist nicht viel zu erwarten von dem,

47 Reflections, S. 182 - 183

48 ‘Prejudice’, S. 321

49 Conjectures on Original Composition, S. 283

was darum neu ist, weil es nur einem Individuum entsprang 50 . Die Folgerung, von Goethe ausdrücklich gezogen 51 , ist, daß Gedanken kaum je gut und originell sind; die meisten originellen Gedanken werden Narrheiten sein. Gerade daß das Originalgenie ein Seher ist, d.h., daß es - wie der Jubel seiner Bewunderer verkündet - ‘Dinge gesehen hat, die andere nicht gesehen haben’, könnte ja Anlaß zur Vorsicht sein. Und, um das Bedenken noch deutlicher auszudrücken: Ein gänzlich originelles Werk würde ganz und gar unverständlich sein. Soweit jemand von Sprache Gebrauch macht, verwendet er etwas, das seinen Ursprung nicht in ihm hat, sondern das alle anderen, die vor ihm gewesen sind, hervorgebracht haben. Die Neuerungen, welche er ersinnen mag, sind, aus voneinander nicht ablösbaren Gründen der Sprache und der sie verwendenden Gesellschaft, Erweiterungen und Abwandlungen von Konventionen, die kraft früheren Gebrauchs der Sprache da sind (vgl. §§ 31 - 32). Wie der Titel des Buches von Robert Wood anzeigt, wurde auch die Vergangenheit nach dem Begriff von Originalität gemustert, den sich das 18. Jahrhundert gemacht hatte. Dazu war mit der Geschichte wenig zimperlich umzuspringen; schließlich hatte auch Homer seine Vorgänger, ja er mag seine Vorgänger gewesen sein, falls die Theorie zutrifft, daß es sich bei ‘Homer’ um eine Tradition handelte, nicht um ein Individuum. All dies bedeutet selbstverständlich nicht, jene Künstler, die sich um 1800 als Originalgenies sahen, hätten keine große Kunst hervorbringen können. Was es bedeutet, ist, daß sie im Theoretisieren darüber, was sie hervorbrachten und wie sie es hervorbrachten, im Unterschied zu ihrem künstlerischen Hervorbringen selber, einem Phantom aufsaßen. Kein Geist ist eine leere Tafel, noch weniger eine, die die Zeichen, die auf ihr erscheinen, aus nichts als sich selber schafft.

12. Vorurteile, so sahen es Duclos, Burke und Hazlitt, bilden ein unentbehrliches Moment menschlichen Wissens (§ 10). Der Wunschtraum des siècle des lumières, die Ausmerzung der Vorurteile, würde danach Aufklärung selber zunichte machen: in die Tat umgesetzt würde er menschliches Wissen als solches zerstören. Was Duclos, Burke und Hazlitt als Forderung der rationalistischen Aufklärung begriffen: seinen Kopf all dessen zu entleeren, was ihn bislang kolonisiert hatte und so neu mit dem Denken zu beginnen, als ob nie etwas dagewesen wäre, schien ihnen eine Art Wahnwitz. Im Geist dieser Autoren ließe es sich so ausdrücken: Von jedem zu verlangen, alles zu bezweifeln, einen neuen Anfang zu machen, und nurmehr eigene Erfahrungen und eigenes Nachdenken anzuerkennen, wäre gerade so verstiegen, als wenn man jedem zumutete, selber die Stadt zu bauen, in der er allein leben werde. Denn Wissen, so legen Duclos, Burke und Hazlitt es nahe, ist ebensosehr ein

50 Vermutlich der erste, der dies aussprach, noch bevor Originalität zur Mode aufgerückt war, war Jonathan Swift; vgl. seine Satire ‘The Battle of the Books’ (1710), S. 148 - 150. So ist es kein Wunder, daß Swift auch etwas für Vorurteile übrig hatte; vgl. § 86.

51 ‘Den Originalen’: “Ein Quidam sagt: ‘Ich bin von keiner Schule! / Kein Meister lebt, mit dem ich buhle; / Auch bin ich weit davon entfernt, / Daß ich von Toten was gelernt’. - / Das heißt, wenn ich ihn recht verstand: / Ich bin ein Narr auf eigne Hand”. Diesen Zweifeln an Originalität geht Goethe in einem Gedicht aus den Zahmen Xenien VI weiter nach, das den Kern seines Selbstverständnisses berührt. Dem ironischen Beginn “Gern wär’ ich Überliefrung los / Und ganz original” antwortet im weiteren die denkwürdige Bemerkung, er selber sei Tradition: “Wenn ich nicht gar zu wunderlich / Selbst Überliefrung wäre”.

gemeinschaftliches Werk wie Städte es sind: das Ergebnis der ungeplanten Zusammenarbeit vieler Menschen vieler Generationen. Wo menschlicher Geist am Werk ist, gibt es keinen self-made man. Denken, das in einer Hinsicht etwas ist, das jeder unvermeidlich selber vollbringt (§ 6), ist ja etwas, das in einer anderen Hinsicht ebenso unvermeidlich über den, der es vollbringt, hinausweist. Ein Beweis etwa, den einer zu führen sucht, gilt entweder für jeden, oder er gilt, wenn das nicht der Fall ist, nicht einmal für den, der ihn zu führen sucht. Dies zeigt freilich auch die Grenzen des Gedankens, Wissen sei etwas Gesellschaftliches. Denn jenes Verhältnis läßt sich nicht umkehren. Weil etwas wahr ist, gilt es für alle; aber daß allen etwas für wahr gilt - daß es ein allgemeines Vorurteil ist -, tut nicht seine Wahrheit dar. Diese Einsicht in die Beschaffenheit theoretischer Überlegungen scheint ungünstig für die Sache derer, die Vorurteile als notwendig erachten. Eine Einsicht in die Beschaffenheit praktischen Überlegens ist hingegen ihrer Absicht günstig. Denn praktische Überlegungen haben eine andere intellektuelle Ökonomie als theoretische. “Daß wir Vorurtheile haben müssen, folgt schon daraus, daß wir eher handeln als denken”, bemerkt Friedrich Schlegel 52 . Gewiß verhalten sich Handeln und Denken nicht dergestalt zueinander, daß man nur entweder das eine oder das andere tun könnte. Stets oder manchmal denkt man auch, wenn man handelt. Doch wann immer sich das Denken in den Dienst des Handelns stellt, sind auch Vorurteile im Spiel, die es einem erlauben, eine Menge Tatsachen nicht zur Kenntnis zu nehmen. Sobald Entscheidungen anstehen, verliert die Behauptung an Kredit, Vorurteile seien etwas, dessen man sich entledigen sollte oder auch nur könnte. Dabei geht es nicht bloß darum, daß Vorurteile viel Kopfzerbrechen ersparen und das Leben leichter machen 53 . Im Hinblick darauf ließe sich ja immerhin noch einwenden, Kopfzerbrechen sei zuweilen nötig und das Leben müsse nicht unbedingt leicht sein. In Wahrheit aber braucht man nicht nur länger und hat mehr Mühe, wenn man im Moment des Entscheidens jede Möglichkeit - alles, was der Fall sein könnte, sowie alles, was man wählen könnte (jede ‘Option’) - erwägt; vielmehr kann man gar nicht jede Möglichkeit erwägen. Nicht einmal jede Wirklichkeit vermag man in Rechnung zu stellen. Die Notwendigkeit zu entscheiden zwingt dazu, das meiste dessen nicht in Betracht zu ziehen, was wir sehen; und unendlich mehr noch bleibt außer Betracht, weil wir es nicht sehen. Ohne eine Auswahl zu treffen, die nicht selber Ergebnis einer Prüfung ist, das heißt, ohne eine durch Vorurteile geleitete Auswahl, kämen wir nicht voran: nicht erst später kämen wir voran, sondern überhaupt nicht. Auf diese Weise, eine nüchternere noch als die nüchterne Burkes, lassen sich Vorurteile, wie es aussieht, aus Gründen der Ökonomie des Denkens und Handelns, sofern beide gefragt sind, rechtfertigen. Und

52 Philosophische Lehrjahre I, S. 408. - Über den Zusammenhang von Vorurteil und Handeln vgl. a. Amiel:

“Pour agir, il faut croire; pour croire, il faut se décider, trancher, affirmer, et au fond préjuger les questions. Est

impropre à la vie pratique, celui qui ne veut agir qu’en pleine certitude scientifique. Or nous sommes faits pour agir, car nous ne pouvons décliner le devoir; donc il ne faut condamner le préjugé” (Journal intime, S. 961).

53 Dies ist ein Aspekt von Lichtenbergs Bemerkung: “Die Vorurteile sind so zu reden die Kunsttriebe der Menschen, sie tun dadurch vieles, das ihnen schwer würde bis zum Entschluß durchzudenken, ohne alle Mühe” (‘Sudelbücher Heft A, Aphorismus 58’, S. 23). Ein anderer Aspekt wäre, der “Kunst” nachzugehen, die Lichtenberg in Vorurteilen am Werk sieht.

daraus scheint zu folgen, daß die aufklärerische Hoffnung, alle Vorurteile zu vertilgen, eitel ist.

13. Alles selber zu prüfen ist eine logische Unmöglichkeit, weil jegliches, das als Prüfung gelten könnte, etwas enthält, das selbst nicht geprüft wurde (§ 8). In einem Leben, das der Prüfung unterzogen würde 54 , müßte, gerade damit es geprüft werden könnte, vieles ungeprüft bleiben. Alles selber zu prüfen ist ebenso eine empirische Unmöglichkeit. Den überwiegenden Anteil seiner Überzeugungen kann ein Mensch nicht selbst fabriziert haben; der Einzelne kommt nicht umhin, ihn von anderen zu beziehen (§§ 10 - 12). Sowohl begriffliche Analyse wie Erfahrung führen auf den Umstand, daß Wissen auf Vertrauen ruht. Der Grund des Wissens ist nicht selber Wissen. Denn wo wir vertrauen, da wissen wir, nimmt man das Wort ‘wissen’ im strengen Sinne, nicht. Es ließe sich freilich einwenden, daß Wissen als solches gut ist 55 . Wenn dem so ist, dann folgt, wie es aussieht, daß man von Wissen nie zu viel haben kann. Und daraus wiederum scheint man ableiten zu dürfen, jedes Vorurteil und jedes anderen geschenkte Vertrauen, da es ja nicht Wissen ist, sondern eher ein Stück Unwissenheit, stelle etwas dar, das es besser nicht geben sollte. Der Einwand ist indes nicht schlüssig. Man kann auch des Guten zu viel haben. Gold mag etwas Gutes sein; doch wie König Midas erfahren mußte, bedeutet das nicht, daß es einem desto besser ergeht, je mehr man davon hat. Jener Einwand ist, anderem Anschein zum Trotz, kein Argument gegen die Verteidigung des Vorurteils aus Gründen intellektueller Ökonomie. Vielmehr wird damit nur die Auffassung wiederholt, gegen die eben jene Verteidigung des Vorurteils sich wandte. Wider diese lediglich in der Formulierung veränderte Ansicht kann man das ökonomische Argument ohne weiteres noch einmal ins Feld führen. Die allgemeine Behauptung, Wissen sei gut, ignoriert bloß, wo die eigentliche Schwierigkeit liegt. Was Wissen anlangt, ist gar nicht zu vermeiden, hinsichtlich seiner Menge Zugeständnisse zu machen. Selbst wenn wir darin klug verfahren, bleibt ein Preis zu entrichten. Wir müssen Breite des Wissens für Tiefe opfern, oder, so weit dies überhaupt möglich ist, Tiefe für Breite. Spezialisierung und Oberflächlichkeit sind die beiden Weisen, auf die wir uns in unserem Wissen Schranken zu setzen haben. Ein endliches Wesen vermag schlechterdings nicht alles über alles zu wissen. Selbst wenn wir suchten, auch nur etwas über alles zu wissen, so die Tiefe der Breite opfernd, würden wir im Hinblick auf keinen einzigen Gegenstand etwas erlangen, dem der Name Wissen gebührte. Insofern ist jeder genötigt, Spezialist zu sein. Der Unterschied zwischen den Menschen ist an diesem Punkt nur einer des Grades. Um viel über weniges zu wissen, oder auch nur gerade so viel, wie für unsere jeweiligen Zwecke not tut, müssen wir uns hinsichtlich einer Unzahl anderer Dinge mit Vertrauen und Vorurteilen begnügen: so ließe sich die Überlegung zusammenfassen. Die Aufklärer glaubten, der Besitz eines guten Dings vertrage sich

54 Vgl. Platon, Apologie 38a:

gelebt zu werden”).

(“das ungeprüfte Leben ist für den Menschen nicht wert

55 Wieland, ‘Gedanken von der Freiheit über Gegenstände des Glaubens zu philosophieren’, S. 496

mit dem Besitz jedes anderen guten Dings; die Kompromisse des Wissens sind ein Gegenbeispiel. Sind diese Erwägungen triftig, dann stimmt etwas nicht mit dem wie selbstverständlich dahingesagten Grundsatz, man solle für alles offen sein. Zwar ist es sicher wünschenswert, daß Ideen, von denen es zumindest möglich ist, sie seien gut, ihren Eindruck auf einen hinterlassen. Zugleich aber ist es auch wünschenswert, daß man seine Zeit nicht verschwende. Wäre man wirklich für alles aufgeschlossen, so verschwendete man seine Zeit in einem Ausmaß, daß man gar nicht dazu käme, auch nur eine gute Idee zu durchdenken. Gewiß müßte man von einem derartigen Geist zu sagen, er sei offen; doch er wäre so offen, daß nichts in ihm zurückbliebe. Im Interesse weiterer Offenheit hätten die Ideen, auch die guten - um derentwillen doch Offenheit gefordert wurde -, spurlos durch ihn hindurchzugehen. So kann sich das Ideal, nach allen Seiten hin offen zu sein, um den eigenen Sinn und Zweck bringen. Zugänglich sein für Ideen, die etwas versprechen, und vermeiden, daß man seine Zeit vergeudet: diese beiden Zielsetzungen weisen in entgegengesetzte Richtungen. Im besten Fall kann man zwischen ihnen balancieren. Und eine Balance ist kein stabiler Zustand. Im gegenwärtigen Fall wird sie sozusagen aus Fehlern bestehen: aus Schritten, die das eine Mal zu weit in die eine, das andere Mal zu weit in die andere Richtung gehen. Manchmal wird man zum Beispiel seine Zeit damit verschwenden müssen, ein bestimmtes Buch durchzulesen, nur um am Ende festzustellen, daß es die Lektüre nicht wert war. Häufiger gelingt es einem, Bücher nicht zu lesen, deren Lektüre verbindlichst von einem erwartet wird. Das, worauf man sich dabei verläßt, etwa das Aussehen von Buchumschlägen oder den Ruf von Verlagshäusern, ist nicht eben verläßlich. Es konstituiert sich aus Vorurteilen. Deren Rechtfertigung ist eine ökonomische: Sie begrenzen die Verschwendung von Zeit und Kraft so, daß einem von beiden genug bleibt, um sich in das zu vertiefen, wovon man weiß, daß es die Mühe lohnt. Von Möglichkeiten dessen, was der Fall sein könnte, und von Wahlmöglichkeiten (den sogenannten Optionen) hat sich zuvor herausgestellt, daß mehr von ihnen uns nicht notwendigerweise in eine bessere Lage versetzen (§ 12):

das selbe gilt allgemein von Ideen.

14. Die Rechtfertigung von Vorurteilen aus Gründen einer Ökonomie des Entscheidens ist jedoch sowohl begrenzt als auch problematisch. Darin, daß jene Rechtfertigung des Vorurteils das aufklärerische Ansinnen in einer Hinsicht beanstandet, ist enthalten, daß sie es in einer anderen Hinsicht - und es handelt sich um eine solche von gleichem Gewicht - anerkennt: dieser Umstand bezeichnet ihre Grenze. Es ist wahr, daß das Ziel der Aufklärung in ihrer Hauptlinie gewesen ist, eine Welt zu schaffen, die sich selbst ohne Rest durchsichtig wäre: das ‘klar’ in ‘Aufklärung’ meinte eben diese Transparenz. Diesem Ziel galt der Einwand, niemand könne jede Frage für sich selbst neu beantworten 56 . Doch offenkundig ist dieser Einwand ein bloß partieller. Denn wenn man sagt, man könne nicht jede Frage

56 Daß jeder dies tun solle, konnten selbst Aufklärer den Menschen nur auf den Höhen reiner Theorie ansinnen. Ihre Praxis entsprach ihrem Ideal nicht. Was ist die Encyclopédie, wenn nicht ein großangelegter Versuch, es dem einzelnen zu ersparen, jede Frage für sich selbst neu beantworten?

für sich selbst neu beantworten, so liegt darin, daß man immerhin einige Fragen für sich selbst neu beantworten kann. Solche Kritik der Aufklärung räumt dieser mithin ein, daß sie zumindest bis zu einem gewissen Grad richtig liegt. Insofern der Einwand das besagte Zugeständnis enthält, verlangt er nach einer Unterscheidung. Wenn es sinnvoll und sogar notwendig ist, einiges der Gewohnheit, dem Herkommen und den Vorurteilen zu überlassen 57 , während anderes ihnen nicht überlassen zu bleiben braucht, dann würde man gerne erfahren, was denn nun zu welcher Sorte von Dingen gehört. Wer über das Wesentliche selber entscheiden will, muß das minder Wesentliche für gegeben nehmen. Um das zu verstehen, was für einen zählt, schützt man sich vor der Beanspruchung durch allerhand Nichtigkeiten, indem man ihnen keinen Gedanken schenkt. Gewiß bringt alles Denken, Wissen und Verstehen, das verdient, eins von diesen genannt zu werden, mehr zustande als lediglich seinen Gegenstand in eine Schublade zu stecken und diese mit einer Aufschrift zu versehen. Aber keiner erreicht ein Niveau, das wert wäre, als eines des Denkens, Wissens oder Verstehens bezeichnet zu werden, auch nur für ein paar Gegenstände, wenn er nicht für andere Gegenstände Schubladen bereithält, auf denen dergleichen steht wie ‘Nicht meine Sache’ oder ‘Nie daran denken’ 58 . Eine solche Einteilung der eigenen Kraft ist vernünftig und sogar unvermeidlich. Doch diese Feststellung bedeutet keine Lösung. Denn mit ihr ist unmittelbar die weitere Frage aufgeworfen: Was ist wesentlich und was nicht? Wie läßt sich entscheiden, was man besser selber entscheidet? Im Hinblick darauf ist die ökonomische Rechfertigung des Vorurteils problematisch in dem genauen Sinne, daß sie ein Problem aufwirft, welches sie aus eigener Kraft nicht zu lösen vermag. Denn ökonomische Erwägungen sind auf Fragen der Mittel beschränkt. Die Erkundigung nach dem Wesentlichen im menschlichen Leben aber ist eine Frage der Zwecke.

15. Trotz dieser Einschränkungen (§ 14) enthält die ökonomische Rechtfertigung von Vorurteilen einen entscheidenden kritischen Gedanken. Um eine allgemeine Behauptung zu widerlegen - eine Behauptung wie die, man solle alle Vorurteile zerstören -, genügt es, das Recht einer eingeschränkten Behauptung aufzuzeigen:

manchmal sind Vorurteile am Platze. So ist der Gedanke besonders im Hinblick auf eine Art von Situationen vorgetragen worden, die Edmund Burke in seiner Verteidigung des Vorurteils hervorgehoben hat: Wenn ein Notfall eintrete, so sagt er, müsse man etwas zur Hand haben, das sich ohne weiteres anwenden lasse. Eben dazu taugten nur Vorurteile. Von vonherein, wie ihr Name sage, hielten sie uns auf einem stetigen Kurs der Weisheit und Tugend, statt uns im Augenblick des Entschlusses zögern zu lassen, und uns so dem Zweifel, der Verwirrung und

57 Diese Begriffe hat Montaigne in Verbindung gebracht, ‘De la coustume et de ne changer aisément une loy receüe’ [= Essais I,23], durchgehend, und besonders S. 117: “prejudice de la coustume”. Viele andere sind Montaignes Wink gefolgt.

58 Eine solche Arbeitsteilung zwischen Vernunft und Vorurteil legt Fontenelle nahe: “Les Préjugez sont le suplément de la raison. Tout ce qui manque d’un costé, on le trouve de l’autre”. Wie angedeutet ist die Teilung der Arbeit zwischen beiden keine bloß quantitative, sondern eine qualitative: “Elle [sc. la raison] laisse à faire au Préjugé ce qui ne mérite pas qu’elle le fasse elle-mesme” (Nouveaux Dialogues des Mortes, S. 344, 340). - Für eine andere Ausarbeitung von Fontenelles Gedanken, Vorurteile ergänzten die Vernunft, vgl. § 99.

Unentschiedenheit preiszugeben 59 Cf. Henry James, ‘Letter to Thomas Sergeant Perry’, pp. 45 - 46 60 Cf. Henry James, ‘Letter to Thomas Sergeant Perry’, pp. 45 - 46 61 . Wenn Burke Vorurteile als etwas beschreibt, das uns als Handelnde von vornherein auf festem Kurs hält und uns so vor Zaudern bewahrt, dann nehmen sie auffallende Ähnlichkeit mit dem an, was man Instinkt nennt; vor Burke war diese Parallele ausdrücklich bereits von Hume 62 und Chesterfield 63 gezogen worden. Um es paradox auszudrücken ist Vorurteil für Burke nichts anderes als sozialer Instinkt. Vorurteilen fällt genau die Aufgabe zu, von der früher im 18. Jahrhundert behauptet worden war, nur der Instinkt - als Teil der natürlichen Ausstattung verstanden, nicht als gesellschaftliche Errungenschaft - erfülle sie; in Popes Worten: “Reason, however able, cool at best, / Cares not for service, or but serves when prest, / Stays till we call, and then not often near; / But honest Instinct comes a Volunteer. / This too serves always, Reason never long; / One must go right, the other may go wrong. / See then the acting and comparing pow’rs / One in their nature, which are two in ours” 64 . An der Behauptung, Vorurteil sei als eine Art sozialer Instinkt zu begreifen, der zur Anwendung in Notfällen bereitstehe, sind zwei Gesichtspunkte zu unterscheiden. Der erste von ihnen soll nahelegen, daß Vorurteile als gesellschaftliches Gegenstück zum natürlichen Instinkt einen niemals irreführen. Nüchtern besehen gilt dies indes nicht einmal vom Instinkt im biologischen Sinne. Es ist gerade der Instinkt, der die Maus in die Mausefalle lockt. Dieser Gesichtspunkt soll daher an dieser Stelle bereits wieder verabschiedet sein. Der zweite Gesichtspunkt besagt, daß es in Notfällen Weisen des Reagierens auf sie gibt, in denen Vorurteilen eine Schlüsselrolle zukommt. In dieser Hinsicht drückt Burkes Bemerkung den Gedanken geradezu auf zurückhaltende Art aus; beinahe stellt sie eine Untertreibung dar. Wenn ich nachts in einem Außenbezirk von Berlin herumliefe und eine Gruppe kahlköpfiger junger Männer sähe, so wäre ich von einem Vorurteil geleitet, wenn ich mich vor ihnen versteckte. Meine Haltung ginge einer einschlägigen eigenen Erfahrung voraus, wäre also auch nicht in einer solchen begründet. Denn ich habe Leute, die so aussehen, nie selber irgendwelchen Schaden anrichten sehen,

59 Reflections, S. 168: “Prejudice is of ready application in the emergency; it previously engages the mind in a steady course of wisdom and virtue, and does not leave the man hesitating in the moment of decision, sceptical, puzzled, and unresolved”. - Henry James verallgemeinerte Burkes Gedanken über Situationen von Notfällen hinaus: “Cannot you imagine the state of irresolution and scepticism and utter nothingness a man would be reduced to, who set to work to re-cast his old opinions, pick them clean of prejudice and build them into a fairer structure? I’m afraid that he would find he had pulled out the chief corner stones, and that the edifice was prostrate, and he almost crushed in its ruins. In his desire to believe nothing but what his reason showed him to be true, I think he would end by believing nothing at all” (‘Letter to Thomas Sergeant Perry’, S. 46 - 47

60

61

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64

).

‘Of Moral Prejudices’, S. 371

‘On Prejudices’, S. 258

An Essay on Man, III, 89-96, S. 43

geschweige denn dergleichen am eigenen Leibe verspürt. (In diesem Beispiel machen wir von du Marsais’ Kriterium der Vorurteile (§ 2) Gebrauch; berechtigt scheint dies, weil der Schaden, den Leute anrichten, tatsächlich eine Sache der Erfahrung ist.) Des weiteren ist die Deutung, die darin beschlossen liegt, daß ich mich verberge, durchaus nicht die einzig mögliche. Bei jenen Jugendlichen könnte es sich schließlich um eine Selbsthilfegruppe von Krebskranken handeln, die sich vor kurzem einer Chemotherapie unterzogen haben. Doch wenn ich den Nachteil, diesen Heranwachsenden möglicherweise Unrecht zu tun, gegen den Nachteil abwäge, möglicherweise niedergeschlagen zu werden, so erscheint mir das Vorurteil, das sie als gewalttätig einstuft, vernünftiger denn die vorurteilslose Haltung, in aller Offenheit auf sie zuzugehen, um dann aus der, so oder so, unausbleiblich sich einstellenden Erfahrung zu lernen. Selbstverständlich lassen sich bestimmte Situationen nur dann mit Sinn als Notfälle kennzeichnen, wenn man bestimmte andere Situationen als normal einschätzt. Ein Vorkommnis wie das beschriebene aber ist normal in einer modernen Großstadt, und kann schwerlich ein Notfall genannt werden (wenngleich es unversehens in einen solchen umschlagen könnte). Tatsächlich wäre es nicht übertrieben, würde man behaupten, daß einer ohne Vorurteil kaum die Straße zu überqueren vermöchte 65 . Die gegenwärtige Wirklichkeit würde rechtfertigen, für Burkes Gedanken eine stärkere Formulierung zu wählen als jene, zu welcher er sich berechtigt gefühlt hatte.

16. Das vorgetragene Beispiel (§ 15) scheint zunächst einmal zu belegen, daß Vorurteile durchaus vernünftig sein können. Bei näherem Hinsehen aber mag man unterscheiden wollen zwischen einem vorläufigen Verdacht, der vernünftig ist, und einem Vorurteil, das dies nicht ist 66 . Wenn ich nach Anbruch der Dunkelheit in einer Berliner Vorstadt spazieren ginge und eine Gruppe glatzköpfiger junger Männer erblickte, so wäre es in der Tat vernünftig, mich vor ihnen zu verstecken. Aber damit diese Handlungsweise als vernünftig gelten kann, muß ich keineswegs glauben, alle glatzköpfigen jungen Männer seien gefährlich. Die Überzeugung, jeder junge Mann mit Glatze stelle eine Bedrohung dar - das einschlägige Vorurteil - ist eine Sache, und kein Grund ist erkennbar, was daran vernünftig sein sollte; eine bloße Vermutung hingegen, auch wenn sie sich praktisch als Argwohn und Mißtrauen äußerte, ist eine andere, klarerweise unterscheidbare Sache, und im vorliegenden Fall eben diejenige Haltung, die als vernünftig gelten darf. Was sie vernünftig macht, ist eine äußerst einfache Abwägung von Möglichkeiten (§ 15): Wenn ich mit meiner Vermutung falsch liege, habe ich den jungen Leuten Unrecht getan, was diese gar nicht mitbekommen und was ihnen darum auch nicht weh tut; doch wenn ich richtig liege, mag es sein, daß ich durch meine Vorsicht mein Leben gerettet habe. Dabei bin

65 Horkheimer, ‘Über das Vorurteil’, S. 87

66 Kant verwendet das Begriffspaar ‘vorläufiges Urteil’ und ‘Vorurteil’, um die Unterscheidung zu ziehen:

“Alle Untersuchung erfodert ein Vorläufig Urtheil, auf welcher Seite wir die Wahrheit vermuthen”, “Vorläufig urtheil ist nicht das Vorurtheil, sondern ist eine Behutsamkeit, um solches zu vermeiden” (Reflexionen zur Logik, Nr. 2519, 2523, S. 403 - 404. Vgl. Logik, S. 511).

ich gerade nicht sicher, Recht zu haben, wie einer in seinen Vorurteilen es ist 67 , sondern räume ohne weiteres ein, daß ich mich irren mag. Von nichts weiter muß ich überzeugt sein als davon, daß es in diesem Fall das bei weitem kleinere Übel darstellt, aufgrund einer verkehrten Annahme zu handeln, unerheblich wie mein persönliches Urteil über die Halbwüchsigen schon einmal ist. Anders gesagt betrachte ich meine Annahme nicht als eine von mir erkannte Wahrheit; mir erscheint es bloß Klugheit, mich in dem, was ich tue, von ihr leiten zu lassen. Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, es stehe stets zu unserer Wahl, entweder einen vorläufigen Verdacht oder ein Vorurteil zu haben. Leidenschaften, die ja oft dasjenige sind, was einen handeln macht, haben etwas Dogmatisches an sich. Wer Schrecken an sich erfährt, dem liegt es nahe genug, zu glauben, daß der Gegenstand seiner Gemütsbewegung schrecklich ist. Die Flucht verstärkt das Gefühl, daß jemand hinter mir her ist. Panik besitzt die Macht, Überzeugungen einzupflanzen und bis zur Verbohrtheit zu steigern; sie kann davon abhalten, noch irgendeine Alternative zu wägen, wie simpel diese auch immer beschaffen sein mag. Doch all dies ist kein Einwand. Zwei Haltungen unterscheiden ist nun einmal nicht das selbe wie behaupten, man könne nach Gutdünken zwischen ihnen wählen.

17. Die als Berichtigung gemeinte neue Deutung des Beispiels (§ 16) spielt jedoch den Unterschied der beiden Haltungen hoch, insbesondere wenn sie die eine als annehmbaren, lediglich vorläufigen Verdacht dem verworfenen Vorurteil gegenüberstellt. Ein Gedanke kann nur dann vorläufig genannt werden, wenn eine abschließende Feststellung des Sachverhalts beabsichtigt ist. Doch damit es als vernünftig gelten darf, sich nachts vor Glatzköpfen zu verstecken, ist es nicht erfordert, daß einer, der das tut, nicht ruht, bis er dieselben am hellichten Tag an sicherer Stelle ausfindig gemacht hat, und nun ermitteln kann, ob sie manierlich sind oder nicht. Vielmehr scheint es vollkommen vernünftig, die Angelegenheit als abgeschlossen zu betrachten, sobald man die nächtliche Begebenheit unbeschadet überstanden hat. Folglich ist der Gedanke, der als vernünftig bezeichnet wurde, jedenfalls nicht aus dem Grunde vernünftig, daß er vorläufig wäre; denn er ist gar nicht vorläufig. Die als Stütze des Gedankens bemühte Unterscheidung von Wahrheit und Klugheit jedoch ist zu schwach, ihn zu tragen. Denn was in einem derartigen Fall klug wäre, muß Anhalt in der Wirklichkeit besitzen. Es wäre nicht länger klug, mich zu verbergen, sähe ich statt zehn kahlköpfiger Burschen zwei kleine Mädchen auf der Straße. Mindestens im Sinne einer Wahrscheinlichkeit schreibe ich den Betreffenden ein Verhalten einer bestimmten Sorte zu, ohne sie zu kennen; insofern handelt es sich um einen Fall von Vorurteil. Der gegen das Vorurteil abgesetzte Verdacht (§ 16) ist in Wahrheit auch ein Vorurteil. Was ihn von einer Überzeugung - der Kontrastfolie der revidierten

67 Kant drückt dies so aus: “Die Ursache von dieser Täuschung ist darin zu suchen, daß subjektive Gründe fälschlich für objektive gehalten werden, aus Mangel an Überlegung” (Logik, S. 505 - 506), “Der subjektive Grund einer Regel zu urtheilen der vor aller Überlegung vorhergeht, so fern er zur obiectiven Regel wird, ist Vorurtheil” (Reflexionen zur Logik, Nr. 2520, S. 403 (Hervorhebung nicht im Original). Vgl. Nr. 2528, ebd., S. 406; Nr. 2533, S. 408; Nr. 2547, S. 411; Nr. 2550, S. 412). Wenngleich es zutrifft, daß jemand, der Vorurteile hat, diese für wahr hält, gelingt Kant so keine überzeugende Definition. Denn seine Bestimmung erlaubt es nicht, Vorurteile von irrigen Urteilen im allgemeinen begrifflich zu scheiden ( - ein Unterschied, den doch auch Kant machen möchte). Man hält ja allgemein Irrtümer subjektiv für wahr, während sie objektiv falsch sind, und könnte sie vermieden haben, hätte man sich die Sache richtig überlegt. Vgl. § 1.

Deutung des Beispiels (§ 16) - unterscheiden mag, scheint vielmehr die gegenüber dem Vorurteil eingenommene Haltung zu sein. An dieser Stelle besteht für das Denken die Versuchung, noch weiter zu gehen und den folgenden Weg einzuschlagen: Die entscheidende Alternative ist nicht, wie viele Aufklärer meinten, entweder Vorurteile zu haben oder keine zu haben; worauf es ankommt, ist vielmehr, wie man sich zu den eigenen Vorurteilen stellt. Nicht die Abwesenheit von Vorurteilen, sondern der Geist, in dem man ihnen begegnet und mit ihnen verfährt, wäre demnach das, was Vernunft von Unvernunft unterscheidet. So will es Karl Kraus: “Das Vorurteil ist ein unentbehrlicher Hausknecht, der lästige Eindrücke von der Schwelle weist. Nur darf man sich von seinem Hausknecht nicht selber hinauswerfen lassen” 68 . Die Attraktion dieser Denkfigur ist nicht zu leugnen; sie ist jedoch einer Schwierigkeit ausgesetzt, die nicht leicht auszuräumen scheint. Die Attraktion ist diese: Vorurteile ziehen Grenzen, und Grenzen stiften nicht notwendigerweise Schaden, ja sie können von Nutzen sein. Doch die Schwierigkeit folgt auf dem Fuße: Grenzen können von Nutzen sein - vorausgesetzt, man weiß, wo sie verlaufen. Eine bestimmte Haltung zu seinen Vorurteilen einnehmen kann einer nur dann, wenn er weiß, was seine Vorurteile sind. Doch wenn ein Vorurteil als solches erkannt ist, hört es auf, ein Vorurteil zu sein. Beunruhigend scheinen Vorurteile gerade des Umstands halber, daß es denjenigen, die bestimmte Vorurteile haben, ganz fernliegt, sie als solche anzusehen 69 . Was sie glauben, so meinen sie, ist ganz einfach die natürlichste Sache von der Welt. Die Philosophie, seit der griechischen Aufklärung, hat Natur dem bloß Konventionellen als ein streng Geschiedenes gegenüberstellen wollen; aber die Nichtphilosophen (und zuweilen gar die Philosophen selber) haben es sich nicht nehmen lassen, das Wörtchen ‘natürlich’ stets da zu verwenden, wo sie sich an eine Konvention so sehr gewöhnt hatten, daß sie ihnen schon gar nicht mehr als Konvention vorkam. In Montesquieus Lettres persanes wird von den Parisern vermeldet, sie hätten Rica gefragt: “Comment peut-on être Persan?” 70 . ‘Wie kann man nur persisch sein?’: offenkundig fanden diejenigen, die so fragten, es unnatürlich, kein Europäer zu sein. Insofern wir unsere Vorurteile nicht als Vorurteile gewahren, eignet ihnen die paradoxe Unsichtbarkeit des Offensichtlichen, welche hintertreibt, daß man sie bemeistert (vgl. §§ 53, 65).

68 Sprüche und Widersprüche, S. 172. - Kant empfahl eine vergleichbare Haltung nicht gegenüber Vorurteilen, doch gegenüber falschen Urteilen: solange man deren problematischer Beschaffenheit gewahr sei, könnten sie eine bedeutsame Rolle für das Erkennen spielen (Kritik der reinen Vernunft A 75 = B 100, S. 115).

69 de Quincey, ‘Philosophy of Herodotus’, S. 132

70 Nr. xxx, S. 129

II. Über die vertrackten Beziehungen zwischen Vorurteil und Erfahrung, und über die den Vorurteilen nachgesagte Dummheit

18. Die Schwierigkeiten, mit denen wir uns im vorigen Kapitel herumgeschlagen

haben, scheinen indes nicht wirklich von du Marsais’ Lehre herzurühren, Vorurteile mangelten der Erfahrung (§ 2). Vielmehr sieht es so aus, als ob sie aus der Verknüpfung dieser (möglicherweise wahren) Behauptung mit der Forderung stammen, alle Vorurteile aus der Welt zu schaffen (einer Verknüpfung, die freilich du Marsais selber nahelegt (§ 2)). Unabhängig davon aber, ob es richtig wäre, alle Vorurteile auszutilgen, möchten wir doch wissen, ob es stimmt, daß Vorurteile über eine Sache und Erfahrung von ihr einander ausschließen. Selbst die letztere Behauptung, für sich betrachtet, scheint indes einigermaßen zweifelhaft. Man müßte die Angelegenheit schon reichlich drehen und wenden, wollte man leugnen, daß zumindest einigen Personen, die Vorurteile hatten,

Mitglieder jener Gruppen, die sie nicht leiden konnten, tatsächlich begegnet sind. In Wirklichkeit ist es ja so, daß selbst Leute, die, nimmt man einmal den heute gängigen Sprachgebrauch zum Maßstab, den Tatbestand des Vorurteils nachgerade lückenlos erfüllen, gleichwohl ständig von ihren Erfahrungen berichten. Zum Beispiel läßt sich ein berüchtigter Antisemit folgendermaßen vernehmen: “Als ich einmal so durch die innere Stadt strich, stieß ich plötzlich auf eine Erscheinung in langem Kaftan mit schwarzen Locken. Ist dies auch ein Jude? war mein erster Gedanke. So sahen sie freilich in Linz nicht aus. Ich beobachtete den Mann verstohlen und vorsichtig, allein je länger ich in dieses fremde Gesicht starrte und forschend Zug um Zug prüfte, um so mehr wandelte sich in meinem Gehirn die

erste Frage zu einer anderen Fassung: Ist dies auch ein Deutscher? [

[D]aran, daß

es sich hier nicht um Deutsche einer besonderen Konfession handelte, sondern um ein Volk für sich, konnte auch ich nicht mehr gut zweifeln; denn seit ich mich mit dieser Frage zu beschäftigen begonnen hatte, auf den Juden erst einmal aufmerksam wurde, erschien mir Wien in einem anderen Lichte als vorher. Wo immer ich ging, sah ich nun Juden, und je mehr ich sah, um so schärfer sonderten sie sich für das Auge von den anderen Menschen ab. Besonders die innere Stadt und die Bezirke nördlich des Donaukanals wimmelten von einem Volke, das schon äußerlich eine Ähnlichkeit mit dem deutschen nicht mehr besaß” 71 .

]

19. Wie also ist das Verhältnis zwischen Vorurteilen und Erfahrung beschaffen,

wenn sie einander nicht einfach wechselseitig ausschließen? Sehen wir uns das Beispiel näher an. Hitler erläutert seinen Sinneswandel dahingehend, er habe aus Erfahrung gelernt: “Anschauungsunterricht” ist der Ausdruck, mit welchem er belegt, was ihm geschah 72 . Er hatte, so stellt Hitler es dar, bestimmte Unterschiede

71 Hitler, Mein Kampf, S. 59 - 60

72 Bemerkenswert ist auch die Betonung der Rationalität in diesem Wandel: “Wenn dadurch langsam auch meine Ansichten in bezug auf den Antisemitismus dem Wechsel der Zeit unterlagen, dann war dies wohl meine schwerste Wandlung überhaupt. Sie hat mir die meisten inneren seelischen Kämpfe gekostet, und erst nach monatelangem Ringen zwischen Verstand und Gefühl begann der Sieg sich auf die Seite des Verstandes zu schlagen. Zwei Jahre später war das Gefühl dem Verstande gefolgt, um von nun an dessen treuester Wächter und Warner zu sein. In der Zeit dieses bitteren Ringens zwischen seelischer Erziehung und kalter Vernunft hatte mir der Anschauungsunterricht der Wiener Straße unschätzbare Dienste geleistet” (ebd., S. 59).

beobachtet und habe sodann aus diesen Beobachtungen seinen Schluß gezogen. Tatsächlich aber änderte Hitler gerade nicht seine Auffassung der Wirklichkeit (oder, im vorliegenden Fall, seine Auffassung davon, was es heißt, Deutscher zu sein) unter dem Eindruck gegenteiliger Erfahrung. Vielmehr maß er umgekehrt die Wirklichkeit an seiner Auffassung von ihr. Da jene dieser nicht entsprach, konnte sie nicht, so Hitlers Schluß, diese Art von Wirklichkeit sein: Dies Gewimmel da sind keine Deutschen. Der umgekehrte Fall, Lernen aus Erfahrung, hätte möglicherweise zum umgekehrten Ergebnis geführt. Hätte Hitler aus Erfahrung gelernt, wäre er vielleicht zu der Folgerung gelangt, daß ‘Deutsche’ (oder Österreicher - denn Hitler gilt es hier als selbstverständlich, daß Österreicher eine Unterart der Deutschen bilden) nicht immer so aussehen, wie er es sich vorgestellt hatte. Vielleicht hätte sich gar der Schluß ergeben, daß es ein deutsches Aussehen genaugenommen nicht gibt, da Deutschsein keine sichtbare natürliche Eigenschaft ist, sondern eine politische und historische Zuschreibung. Hitlers Deutung der eigenen Erfahrung ruht auf der vorgängigen Annahme, Nationalität sei ein rassisches Merkmal. Nur daß Hitler bereits Rassist war, versetzte ihn in die Lage, eine Erfahrung der von ihm beschriebenen Art zu machen. Nicht etwa hatte Erfahrung seine Vorstellung von Juden hervorgebracht, vielmehr erklärt umgekehrt die letztere seine Erfahrungen. In diesem Sinne ließe sich selbst am ursprünglichen Verständnis von Vorurteilen als etwas, das einer vor der Erfahrung schon hat, festhalten; dies wäre nur dahingehend geklärt, daß nicht etwa Leute mit Vorurteilen, wie du Marsais nahezulegen schien, keine Erfahrung von dem haben, worauf ihre Vorurteile sich beziehen. Auch solche Leute mögen ihre Erfahrungen haben, aber ihre Erfahrungen sind durch ihre Vorurteile geformt.

20. Unser Einwand gegen Hitlers Sichberufen auf Erfahrung ist demnach nicht, daß

unsere Erfahrungen mit Juden andere sind als die seinen. Das stimmt zwar und ist in anderen Hinsichten bedeutsam; aber diese Tatsache als Argument zu benutzen hieße vorauszusetzen, was allererst zu zeigen wäre. Gewiß, der Empirismus der Aufklärung unterstellte, indem er dafür die Autorität der Wissenschaft beschwor, jedermanns Erfahrung sei wesentlich die gleiche, und sofern sie das nicht sei, sollte sie es doch wenigstens sein, nämlich gerade so wie die Erfahrung eines aufgeklärten Menschen ist. Schließlich beruhte der Fortschritt des menschlichen Wissens darauf, daß sich das gleiche Experiment und die gleiche Beobachtung in Tübingen oder Tokio wiederholen ließen. Doch wenngleich dies für bestimmte Bezirke innerhalb der Naturwissenschaften gilt, dank des Umstands, daß sie von ungezählten Eigenschaften absehen und andere so abgesondert betrachten (§ 34), ist Gleiches doch nicht außerhalb dieser Nische wahr. Die Behauptung, jedermanns Erfahrung sei wesentlich die gleiche, wird gerade durch die Erfahrung dementiert; ein Empirismus, der sie aufrecht zu erhalten sucht, ist widersprüchlich.

21. Sofern das Verhältnis zwischen Vorurteil und Erfahrung so beschaffen ist, wie

hier angenommen wurde (§ 19), schließen beide einander nicht aus. Doch selbst wenn eingeräumt ist, daß jemand, der Vorurteile hat, nicht notwendigerweise keine Erfahrung von dem hat, was jeweils Thema ist, mag man vielleicht sagen wollen, er berücksichtige jedenfalls nicht genug Erfahrung. Ein Vorurteil wäre demnach ein Urteil, dem kein hinreichendes Maß an Erfahrungen zugrunde liegt. Mit anderen

Worten, es wäre eine vorschnelle Verallgemeinerung. (Diese Auffassung entwickelt den anfänglichen Gedanken, ein Vorurteil sei ein vorzeitiges Urteil (§ 1).) In Platons Phaidon sucht Sokrates in einer knappen Abschweifung (89d - 90b) zu erklären, wie sich die Haltung des Menschenhasses (µ ) herausbildet. Ohne Erfahrung ( , wörtlich: ohne Geschick, nämlich, im Umgang mit Menschen) zu

haben, so beschreibt es Sokrates, setze einer sein Vertrauen auf jemanden, der sich indes bald darauf als unzuverlässig erweise 73 . So gehe es ihm mit einer weiteren Person, und sodann wieder mit einer anderen. Nach diesen wiederholten Schlägen gelange der Held der Geschichte dahin, alle Menschen zu hassen (µ ). Am Ende sei er überzeugt, Ehrlichkeit sei ein Ding, das sich nirgends auf der Welt

auftreiben lasse (

Doch dem Menschenhasser sei ein Fehler in seiner Statistik unterlaufen. Wäre er nicht so voreilig gewesen, behauptet Sokrates, dann hätte ihm auffallen müssen, daß sowohl ganz üble wie auch vollendet gute Charaktere selten sind. Bei weitem die Mehrzahl der Menschen stehe, was Gewissenhaftigkeit anlangt, zwischen jenen Extremen. Indem er auf entsprechende Verhältnisse hinweist, sucht Sokrates zu zeigen, wie der Menschenhasser in seinem Verallgemeinern irrt. Es ist hier, sagt Sokrates, gerade so wie mit extrem großen und kleinen Dingen. Nichts sei ungewöhnlicher als daß einem ein extrem großer oder extrem kleiner Mensch begegne, oder ein solcher Hund, oder was auch immer. Und ebenso stehe es mit allem, was äußerst schnell oder langsam, häßlich oder schön, hell oder dunkel sei. Betrachte man all diese Fälle ohne Hast, so ergebe sich jedesmal, daß die Extreme rar seien, während sich, was zwischen ihnen liegt, in Hülle und Fülle finde.

).

22. In dem vorgestellten Passus des Phaidon (§ 21) führt Platon nicht den Begriff des Vorurteils ein. Das genaue Gegenstück zu diesem Wort wäre µ , ein Substantiv, das im klassischen Griechisch nicht vorkommt; es fehlt ganz bis zum dritten Jahrhundert v. Chr. War Platon in jenem Abschnitt auf eine allgemeine Lehre aus, so dürfte es eher die vom unbesonnenen und überstürzten Wesen der Leidenschaften gewesen sein, deren eine der Haß ja vorstellt. Selbstverständlich folgt daraus nicht, daß Sokrates’ Überlegungen für die Frage nach dem Vorurteil sachlich ohne Bedeutung wären; immerhin ließen sich ja Mutmaßungen darüber anstellen, ob nicht Leidenschaften der Ursprung jener Übereilung sind, die manche den Vorurteilen nachgesagt haben. Doch erst in neuerer Zeit, im 18. Jahrhundert, ist Platons Herleitung einer besonderen Haltung als allgemeine Erklärung von Vorurteilen verkündet worden (einschließlich, als einem Fall derselben, des Menschenhasses (vgl. § 36)). Im Jahr 1790 trug Johann Gottfried Kiesewetter die Theorie, bei Vorurteilen handele es sich um vorschnelle Verallgemeinerungen, in recht klarer Weise vor: “Der Mensch muß, in so fern er ein vernünftiges Wesen ist, dahin streben, sich allgemeine Sätze zu verschaffen, die ihm zu Principien dienen. Die Vernunft strebt nehmlich dahin, alles aus Gründen zu erkennen, mit andern Worten, das Besondre aus dem Allgemeinen herzuleiten, und der Mensch wird also, um diesen Zweck zu erreichen, sich

73 Bis zu dieser Stelle schildert Sokrates etwas ähnlich dem, was ihm selbst widerfuhr, als er die Probe auf den Spruch des Delphischen Orakels machte; er prüfte jeden, der sich selbst weise nannte, und fand nichts als Schein (Apologie 20d - 23a); was im Phaidon folgt, mag erklären, weshalb Sokrates dennoch kein Menschenhasser wurde.

allgemeine Sätze verschaffen müssen. Dieß Streben nun, allgemeine Sätze zu haben, um sie als Principien der Erkenntnisse und der Urtheile zu brauchen, verleitet oft dazu, daß man Urtheile, die bey weitem noch nicht allgemein sein können, dennoch als allgemein ausspricht. Man findet, daß mehrern Dingen einer Art ein gewisses Merkmal zukomme, und dehnt es, um eine allgemeine Regel zu haben, auf die ganze Art aus; man sieht und erfährt, daß unter gewissen Umständen einigemal sich etwas zugetragen habe, und man setzt fest, daß dieß unter diesen Umständen sich immer zutragen werde. Man hat gefunden, daß mehrere Juden, niedergedrückt von Kummer und Elend, gleichsam ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft, aller Erwerbsquellen beraubt, durch Wucher und Betrug sich zu ernähren streben, - und man spricht der Bequemlichkeit halber den Satz aus: Alle Juden sind Betrieger” 74 .

23. Diese Theorie scheint ohne weiteres anwendbar auf den Fall von Hitlers Antisemitismus. Schaut man sich an, wie dieser üblicherweise untersucht wird, so findet man manche Forscher damit beschäftigt, Hitlers Jugendjahre nach mißlichen Begegnungen mit Juden abzusuchen 75 . Ließen sich solche finden, so die Annahme, dann wäre sein rassistisches Vorurteil erklärt: In ungerechtfertigter Weise generalisierend, muß Hitler von einigen Juden, die er getroffen hatte, auf alle Juden geschlossen haben. Andere Biographen haben allerdings herausgefunden, daß Hitler in den Jahren, in denen er Not litt, von einigen Juden, die selber arm waren, Hilfe empfing und sogar Freundschaft erfuhr 76 ; diese Autoren staunten nun darüber, daß Hitler ‘trotzdem’ ein so scharfer Antisemit war. In beiden Auffassungen wird die Genese von Vorurteilen als eine Art von induktivem Folgern betrachtet, bei dem etwas schiefgegangen ist. Im Fall der angeblichen Erklärung war die Grundlage der Induktion schlicht zu klein. Im Fall der notierten Überraschung hätte Hitler eigentlich von seinen guten Erfahrungen mit Juden verallgemeinern sollen, hat dies aber bedauerlicherweise unterlassen. Allerdings besteht Grund zu der Annahme, daß Vorurteile auf diese Weise unerklärt bleiben. Es ist nicht glaubhaft, daß Menschen Antisemiten werden, weil sie ein paar unerquickliche Begegnungen mit Juden haben. Und diese Behauptung ist nicht Ergebnis einer Feldstudie, in der Leute mit Vorurteilen der Beobachtung unterworfen worden wären. Das Argument ist vielmehr, daß die Ätiologie der Vorurteile, die diese unerquicklichen Begegnungen zuschreibt (und selbst die Überraschung, wenn man vielmehr erquickliche findet), als gegeben voraussetzt, was gerade zu erklären wäre. Denn sie macht nicht einsichtig, was doch an dieser Stelle den Ausschlag gibt, nämlich wie es zu Einstellungen gegenüber bestimmten

74 ‘Ueber Vorurtheil’, S. 351. - Auch Hume scheint der Auffassung gewesen zu sein, Vorurteile rührten von vorschnellen Verallgemeinerungen her. Vgl. Treatise, S. 146 - 147: “A fourth unphilosophical species of probability is that deriv’d from general rules, which we rashly form to ourselves, and which are the source of what we properly call PREJUDICE. An Irishman cannot have wit, and a Frenchman cannot have solidity; for which reason, tho’ the conversation of the former in any instance be visibly very agreeable, and of the latter very judicious, we have entertain’d such a prejudice against them, that they must be dunces or fops in spite of sense and reason. Human nature is very subject to errors of this kind; and perhaps this nation as much as any other”.

75 Z.B. Shirer, The Rise and Fall of the Third Reich, S. 26, unter Berufung auf Olden, Hitler, S. 47

76 Z.B. Toland, Adolf Hitler, S. 45 - 46

Kategorien von Personen kommt. Schließlich hat einer bereits an ‘die Juden’ als Kategorie zu denken, um mißliche Begegnungen gerade mit Juden zu haben statt mit Zahnärzten oder Männern oder was immer die Betreffenden sonst auch noch sein mögen. Um die Schuld am mißlichen Charakter einer Begegnung nicht etwa der Tatsache zu geben, daß derjenige, der einem über den Weg lief, Wiener war oder gar einfach dieses bestimmte Individuum, möglicherweise auch dem Umstand, daß der Tag, an dem die Begegnung stattfand, außergewöhnlich heiß war, oder dem Faktum, daß man schlechte Laune hatte, weil das Frühstücksei zu hart geraten war, vielmehr das Ärgernis ausgerechnet der dem anderen zugeschriebenen Eigenschaft anzulasten, er sei Jude, dazu muß man schon Antisemit sein. Die Situation einer Begegnung hat zahllose Aspekte, auf die man sich beziehen könnte, und die Wahl unter diesen, die einer trifft, bezeichnet den entscheidenden Schritt, welchen die Erklärung von Vorurteilen als dem Ergebnis unangenehmer Erfahrungen nicht einsichtig macht. Timon von Athen soll mit Athenern aneinandergeraten sein; aber Sokrates’ Theorie (§ 21) erleuchtet uns nicht, wenn wir wissen wollen, weshalb er ein Hasser der Menschen wurde, statt ein Hasser der Athener oder der Griechen zu werden. Gewiß gibt es für Vorurteile keine hinreichende empirische Evidenz (denn bestünde sie, dann wären sie gerechtfertigte Urteile). Und doch ist es nicht dies, was Vorurteile kennzeichnet. Jemand, der Vorurteile hat, gleicht nicht, wie Kiesewetter es nahelegt, einem faulen Statistiker, der aufhört, Proben zu sammeln, weil er seine Zeit lieber im Bett verbringt 77 . Denn mit welchem Fleiß auch immer einer Beispiel auf Beispiel häufen würde, nie gelangte er dahin, die Gültigkeit seiner Aussage für alle Fälle zu begründen. Kiesewetters eigenes Beispiel (§ 22) würde sich auch auf alle künftig lebenden Juden beziehen, und kein Fleiß der Welt könnte diesen Rechnung tragen. Wo aber jede vorstellbare Anstrengung vergebens wäre, ist die angemessene Beanstandung jedenfalls nicht die, daß der Betreffende zu faul war. Sollte einer, der Vorurteile hat, überhaupt einem Statistiker zu vergleichen sein, dann müßte das wohl ein solcher sein, der der Ergebnisse seiner Statistik sicher ist, bevor er diese erstellt, und der sie gerade so erstellt, daß seine Zahlen dem entsprechen, dessen er bereits sicher war. In Platons Menon (80d) wird das Paradox aufgestellt, Erkennen, und das heißt doch: Neues herausfinden, sei unmöglich, gerade insofern es sich bei dem Entdeckten um etwas Neues handele. Die Stelle lautet in Schleiermachers Übertragung: “Und auf welche Weise willst du denn dasjenige suchen, Sokrates, wovon du überall gar nicht weißt, was es ist. Denn als welches besondere von allem, was du nicht weißt, willst du es dir denn vorlegen und so suchen? Oder wenn du es auch noch so gut träfest, wie willst du denn

77 ‘Ueber Vorurtheil’, S. 351: “der Bequemlichkeit halber”, S. 352: “Solche allgemeine Sätze sind ein Polster für die faule Vernunft”. Kant, Kiesewetters Lehrer, behauptete bereits 1746, Vorurteile entstünden, mindestens auch, aus “Bequemlichkeit” (Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte, Vorrede, Nr. IV, S. 17). Vgl. a. du Marsais, Essai sur les Préjugés, Bd. I, S. 7. Locke legt nahe, man müsse Vorurteil aus Trägheit erklären, wenn er es ‘faule Vorwegnahme’ (“lazy anticipation”) nennt (Of the Conduct of the Understanding, § 10, S. 229). Schon in Descartes’ Kritik der Vorurteile mag dergleichen intendiert gewesen sein: “præpostera & imbecillia sunt multorum judicia, ut magis a primum acceptis opinionibus, quantumvis falsis & a ratione alienis, persuadeantur, quàm a verâ & firmâ, sed posterius auditâ, ipsarum refutatione” (“so verkehrt und schwach ist das Urteilsvermögen vieler, daß sie sich eher von den von ihnen zuerst angenommenen Meinungen beeinflussen lassen, wie falsch und der Vernunft fremd diese auch immer sein mögen, als von der wahren und festen, aber erst nachher gehörten Widerlegung eben dieser Meinungen”) (Meditationes, Præfatio ad lectorem, S. 9)

erkennen, daß es dieses ist, was du nicht wußtest?”. Vorurteile scheinen dem in diesem Sophisma ausgesprochenen strengen Maßstab gerecht zu werden. Sie suchen nur, was sie schon gefunden haben. Gewiß, ein Vorurteil konkretisiert sich in Erfahrungen; doch es wacht auch schon darüber, was erfahren wird und was nicht.

24. Den vorigen Überlegungen liegt allerdings eine Unterscheidung zugrunde, die

ganz ins Klare gebracht sein muß, soll das Argument nicht mißverstanden werden. Wenn einer sagt, eine bestimmte Erfahrung sei darum schlecht gewesen, weil sie ihn mit Juden in Berührung brachte, so liegt ein antisemitisches Vorurteil vor. Keines hingegen liegt vor, wenn einer bloß meint, es gebe Juden. Gewiß muß man der letzteren Überzeugung sein, um zu der ersteren zu gelangen; aber man kann selbstverständlich die letztere Überzeugung ohne die erstere haben. Vorurteile als vorschnelle Verallgemeinerungen zu erklären setzt voraus, diejenigen, die schlechte Erfahrungen mit Juden gemacht zu haben behaupten, müßten den Begriff ‘Juden’ haben; aber es ist nicht dies, was die Erklärung dem Vorwurf aussetzt, sie behandele das allererst zu Erklärende, als sei es bereits klar (§ 23). Was sie diesem Vorwurf aussetzt, ist etwas anderes: Die Erklärung macht nicht einsichtig, weshalb diejenigen, die schlechte Erfahrungen mit Juden gemacht zu haben behaupten, gerade dem Jüdischsein derer, denen sie begegnet sind, die Schuld daran geben, daß die Erfahrungen schlechte Erfahrungen waren. Hierin, und nicht etwa darin, daß einer den Begriff ‘Jude’ hat, manifestiert sich Antisemitismus. Wird dies nicht erhellt - und es wird nicht erhellt, solange man Vorurteile als vorschnelle Verallgemeinerungen zu erklären sucht -, dann bleibt mithin gerade das Entscheidende im Dunkeln.

Die getroffene Unterscheidung ist uns schon bekannt, falls wir recht begriffen haben, was eigentlich in dem angeführten Passus aus Mein Kampf vor sich geht. Hitlers vorgeblicher Empirismus sucht gerade dadurch zu überreden, daß er jene Unterscheidung, oder doch mindestens eine nah verwandte Unterscheidung, verwischt. Was Hitler seinen Adressaten einreden möchte, ist dies: Er, Hitler, habe doch nichts getan, als sich die Leute auf der Straße genauer anzusehen. Und keiner werde ja bestreiten wollen, daß es in Wien Juden gab: diese harmlose Feststellung könne doch wohl schwerlich als Vorurteil gelten. Sie kann es in der Tat nicht. Weder ist sie ein Vorurteil, noch falsch, noch antisemitisch; sie ist (falls man mit der Geschichte jener Zeit so weit vertraut ist, wie Hitlers Leser es tatsächlich waren) einfach eine Trivialität. An dem Punkt aber, an dem Hitlers Behauptungen keine Trivialität mehr darstellen (und antisemitisch werden), erweist sich auch sein Empirismus als ein bloß vorgeblicher. Denn worauf Hitler hinauswill, ist ja nicht, daß es in Wien Juden gab, sondern daß Juden unter keinen Umständen (österreichische und somit) deutsche Bürger sein können. Diese Folgerung aber ist nicht zu haben, indem man sie sich lediglich anschaut.

25. Freilich könnte die getroffene Unterscheidung uns veranlassen, es noch einmal

mit der Erklärung der Vorurteile als vorschneller Verallgemeinerungen zu versuchen. Ein solcher Versuch würde das Vorurteil gewissermaßen mitten inne zwischen jenen beiden Überzeugungen ausmachen, die wir unterschieden haben (§ 24). Sagt einer, es gebe in Wien Juden, weil er einige gesehen hat, so dürfte unbestritten sein, daß er ein Urteil fällt und nicht etwa damit schon einem Vorurteil Ausdruck verleiht. Doch dem neuen Vorschlag zufolge liegt ein Vorurteil nicht erst

dann vor, wenn einer meint, eine bestimmte Erfahrung sei darum schlecht gewesen, weil sie ihn mit Juden in Berührung brachte. Gewiß hat derjenige, der so denkt, ein Vorurteil; aber jemand muß nicht so weit gehen, um ein Vorurteil an den Tag zu legen. Ein Vorurteil legt einer vielmehr auch dann bereits an den Tag, wenn er meint: ‘Alle Juden sind so und so’. Dies gilt selbst dann, wenn der Betreffende meint, alle Juden seien nett. Was solche Ansichten zu Vorurteilen stempelt, ist, daß sie verallgemeinern, unabhängig davon, ob sie dies nun im Bösen oder im Guten tuen. Was aber heißt das eigentlich: zu verallgemeinern? Zu verallgemeinern heißt, so scheint es, daß man von dem, was man erfahren hat, auf das schließt, was man nicht, oder noch nicht erfahren hat. Nach dieser Erklärung sind in einem bestimmten Sinn alle Verallgemeinerungen vorschnell 78 . (Dem ursprünglichen Vorschlag (§ 22) lag hingegen eine Unterscheidung vorschneller Verallgemeinerungen von wohlerwogenen Verallgemeinerungen zugrunde.) Was wir tun, würde nicht als vorschnell zu gelten haben, wenn wir jeden einzelnen Fall kennen würden, der unter einen allgemeinen Befund fiele; aber das wäre eben ein allgemeiner Befund, keine Verallgemeinerung. Verallgemeinernd folgern wir aus dem Bekannten das Unbekannte, und dabei bleibt es immer möglich, daß das Unbekannte anders ist als das Bekannte: daß es unbekannt ist, enthält in sich ja die Unmöglichkeit, eben dies auszuschließen. Was aber ist dann das Verhältnis zwischen Verallgemeinerung und Vorurteil? Verallgemeinerungen übertragen das, was sie an Vergangenem und Gegenwärtigem finden, auf Künftiges; sie übertragen mithin das, was vor etwas war, auf das, was angeblich nachher kommt: und jenes ‘vor’ scheint das ‘Vor-’ des Vorurteils zu sein.

26. Ein Verdienst jedenfalls hat der Vorschlag, Vorurteile als Verallgemeinerungen zu verstehen, unabhängig davon, ob dabei jeweils günstige oder aber ungünstige Eigenschaften allgemein zugeschrieben werden. Denn er schließt einen Zug aus, der in diesem Zusammenhang besonders hinderlich ist: den nämlich, den Ausdruck ‘Vorurteil’ abträglichen Ansichten vorzubehalten. Daß man lieber von frommen Irrtümern als von Vorurteilen spricht, wenn einer behauptet, ‘die Franzosen’ seien großartige Liebhaber oder ‘die Engländer’ höfliche und kultivierte Leute, mag noch verständlich sein, selbst wenn ohne weiteres zugestanden wird, dergleichen sei in dieser Allgemeinheit ganz und gar unhaltbar. Doch wenn es einmal darauf ankommt, fällt auf, daß negative und positive Vorurteile einander aufs genaueste entsprechen und ergänzen. Ein Nationalist hat nicht nur eine abträgliche Sicht anderer Nationen, sondern tut auch und vor allem - denn deshalb eigentlich nennt man ihn einen Nationalisten - mit der eigenen groß. Da dies so wenig wie jenes sich einer näheren Prüfung der betreffenden Gegenstände verdankt, ist der positive Bestandteil einer derartigen Weltanschauung mit ebenso gutem Grund ein Vorurteil zu nennen wie der negative. Der Vorschlag einer Erklärung, mit dem wir hier befaßt sind, würde es so deuten, daß die positive Sicht im Hinblick auf die Nation, der der Nationalist zugehört, verallgemeinert, die negative hingegen im Hinblick auf andere Nationen, und daß es dies Verallgemeinern ist, nicht aber der negative Charakter einer dieser Anschauungen, was sie zu Vorurteilen macht.

Eine historische Betrachtung ist an dieser Stelle von Interesse, auch wenn sie

zum Argument als solchem nichts beiträgt. In der Sprache der Jurisprudenz bis zum

17. Jahrhundert konnte ein Vorurteil, je nach seinem Inhalt, ebenso ein richterlicher

Bescheid sein, der jemandes Chancen schmälerte, möglicherweise auch in ungebührlichem Maß, wie ein solcher, der einen Vorteil zuerkannte. Während das englische Substantiv ‘prejudice’ heute entweder für ein im voraus getroffenes Urteil oder für einen jemandem zugefügten Schaden steht, bezeichnet das griechische Verb , im antiken wie im modernen Gebrauch, entweder daß jemand eine Angelegenheit im voraus entscheidet, oder aber, häufiger, daß er einer Sache den Vorzug gibt. So aktualisieren diese beiden Sprachen zwei gegensätzliche, einander ergänzende Aspekte des Begriffs. - Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, daß der positive Gebrauch des Begriffs Vorurteil im 18. Jahrhundert noch lebendig war. Rousseau etwa sprach von seinen Vorurteilen zugunsten David Humes, bevor er diesen kennenlernte: “J’avois donc toute sorte de préjugés en faveur de Hume” 79 . (Nicht so leicht einzusehen ist, wie man sich ein solches Beispiel als Verallgemeinerung zurechtlegen soll; zu dieser Schwierigkeit vgl. § 27.) Noch Johann Michael Sailer redete in seiner zuerst 1785 veröffentlichten Vernunftlehre vom Vorurtheil für oder wider80 . Als eine der Nachwirkungen der Aufklärung ist diesem Sprachgebrauch allerdings nahezu ein unverdientes Ende beschieden gewesen. Tatsächlich aber hat er einen guten Sinn und wäre eine Wiederbelebung wohl wert.

27. Auch die Erklärung von Vorurteilen als Verallgemeinerungen (§ 25) will nicht

bloß darüber belehren, was Vorurteile sind, sondern zugleich klarstellen, was so schlimm an ihnen sein soll. Vorurteile tuen uns Unrecht, so sagt diese Erklärung; nur wo wir vorurteilslos gesehen und behandelt werden, widerfährt uns Gerechtigkeit. Damit ist folgendes gemeint. Vorurteile bringen einen Menschen unter eine gesellschaftlich bestimmte Rubrik, um ihm sodann diese oder jene Eigenschaft anzuhängen: ‘Er ist Akademiker, und Akademiker sind, wie jeder weiß, anmaßend’. Der vom Vorurteil Betroffene findet sich dergestalt, einem Schmetterling gleich, mit einer Nadel im Rücken auf einem Stück Papier aufgespießt und klassifiziert. Eine vorurteilslose Sicht hingegen würde ihn als das besondere Individuum, das er ist, betrachten. Statt eines bloßen Etiketts würde sie uns seine Lebensgeschichte in umfassender Weise darbieten.

In solcher Kritik an Vorurteilen ist ein moralischer Grundsatz vorausgesetzt:

Jeder hat das Recht, als Individuum beurteilt zu werden; es ist unzulässig, jemanden aufgrund einer Zuordnung zu einer bestimmten Gruppe geringzuachten. Mißbilligung von Menschen ist demnach nur erlaubt, wenn sie auf wohlgeprüften Einzelurteilen fußt 81 .

79 Confessions, S. 630. Vgl. ebd., S. 112: “Les préjugés même qu’avoit conçûs la pauvre femme en faveur de mon mérite”, S. 378: “préjugés si favorables qui sembloient ne chercher qu’à m’applaudir“.

80 S. 118 - 119 u.ö.

81 Wilhelm von Humboldt, der den Begriff der Individualität ins Zentrum seiner Philosophie rückte, beanstandete Vorurteile in dieser Weise. “Auch soll der Staat nicht gerade die Juden zu achten lehren, aber die inhumane und vorurtheilsvolle Denkungsart soll er aufheben, die einen Menschen nicht nach seinen eigenthümlichen Eigenschaften, sondern nach seiner Abstammung und Religion beurtheilt und ihn, gegen allen wahren Begriff von Menschenwürde, nicht wie ein Individuum, sondern wie zu einer Race gehörig und gewisse

Diese Kritik an Vorurteilen scheint nicht eben stark. Wenn der Antisemit sagt:

Die Juden sind unehrlich, so antwortet ihm der blasse Einwand: Es sind doch nicht alle so! Dieser Einwand nimmt Einzelfälle als Gegenbeweis, und muß sich daher gefallen lassen, daß ihm anderslautende Einzelfälle als Bestätigung der antisemitischen Ideologie entgegengehalten werden. Das Widerlegen von Vorurteilen hat sich damit in eine Frage der Quantität verwandelt. Eine solche aber ist zu entscheiden, indem man Köpfe abzählt. Je mehr derer zu finden wären, desto mehr wäre der Antisemit im Recht? Träfe es zu, daß der eigentliche Frevel der Vorurteile, ihr Verstoß gegen die guten Sitten der Vernunft, im Verallgemeinern läge, dann folgte selbstverständlich, daß es keinen stärkeren Einwand gegen sie gäbe, selbst wenn sie rassistischen Inhalts wären, als eben den quantitativen. Doch daß jene Charakterisierung zutrifft, ist zweifelhaft. Denn sie scheint auf eine Voraussetzung festgelegt, die gerade so anfechtbar ist, wie jene, die sie mit Erfolg vermeidet, die Einschränkung von Vorurteilen auf abträgliche Ansichten nämlich. Wie sich die Angelegenheit ausnimmt, ist es eine in gleichem Maße ungerechtfertigte Einschränkung, zu behaupten, Vorurteile müßten sich immer auf ganze Gruppen von Personen beziehen. Es scheint schließlich auch Vorurteile zuungunsten und zugunsten von Individuen zu geben 82 ; so mag etwa mancher ein Vorurteil gegen seinen Nachbarn haben. (Vorurteile gegen Gruppen mögen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen von größerem Interesse sein als Vorurteile gegen Individuen, doch das ist eine andere Frage - eine Frage danach, was man mehr und was man weniger interessant findet -; hier hingegen ist die Frage, ob es einen Grund gibt, aus einer allgemeinen Bestimmung von Vorurteilen solche, die sich auf Individuen beziehen, auszuschließen.) In Mozart-da Pontes Così fan tutte pflegen Ferrando und Guglielmo offensichtlich jeweils ein Vorurteil zugunsten ihrer Verlobten, der Individuen Dorabella und Fiordiligi, nicht aber eines für oder gegen einen ganzen Schlag von Menschen, insbesondere nicht alle Frauen, während Alfonso, der aufgeklärte und aufklärende Philosoph, der Ferrandos und Guglielmos Vorurteile einer experimentellen Prüfung unterwirft, eine Verallgemeinerung behauptet, wie sie allgemeiner kaum sein könnte: ”Così fan tutte” 83 . Gewiß könnte man diesen Einwand unterlaufen, indem man zum Ausgangspunkt zurückkehrt: Was Vorurteile zu Vorurteilen macht, war da am Verallgemeinern festgemacht worden, und Behauptungen über ganze Gruppen von Personen aufzustellen ist ja nur ein spezieller Fall des Verallgemeinerns. Es gibt Weisen des Verallgemeinerns über Individuen, die nichts mit Gruppen von Personen zu tun haben. Wenn einer behauptet, sein Nachbar sage nie die Wahrheit, so findet darin wohl auch ein Vorurteil seinen Niederschlag. Aber dem scheint so zu sein, weil die Behauptung verallgemeinert (das ‘nie’ impliziert ein ‘immer’

Eigenschaften gleichsam nothwendig mit ihr theilend ansieht” (‘Über den Entwurf zu einer neuen Konstitution für die Juden’, S. 99).

82 Kant etwa will dies ausschließen: “z.E. von dem kann man nicht sagen, daß er ein Vorurtheil habe, wenn er jemanden für keinen ehrlichen Mann hält” (Philosophische Enzyklopädie, S. 25) - doch ein Argument, das die Frage beantworten würde, warum man das “nicht sagen” “kann”, fehlt.

83 Mozart, Così fan tutte, II,13 (Nr. 30), S. 491

hinsichtlich des Gegenteils), nicht weil sie sich auf eine bestimmte Gruppe bezieht - gewiß nicht auf die aller Nachbarn, doch nicht einmal auf die aller Lügner. Sieht man indes näher hin, dann gewahrt man, daß das hier angewandte Kriterium nicht wirklich Vorurteile von Auffassungen anderer Art abhebt. Denn wir wollen uns nicht darauf festlegen lassen, auch in der Feststellung, unser Nachbar habe immer in unserer Stadt gewohnt, aus dem Grund ein Vorurteil zu sehen, daß sie über jeden Abschnitt seines Lebens generalisiert. Dem Einwand wäre also auf andere Art zu begegnen. Aussichtsreicher scheint man sich auf die folgende Weise gegen ihn zu verteidigen: Sicher kann einer Vorurteile gegen ein bestimmtes Individuum haben, etwa gegen seinen Nachbarn. Sind es aber Vorurteile und keine echten Urteile, dann bedeutet dies auch, daß der Betreffende nicht wirklich über seinen Nachbarn im Bilde ist. Kennt er diesen aber nicht eigentlich als das besondere Individuum, das er ist, dann bleibt ihm nichts übrig, als ihn als Mitglied einer Gruppe einzuordnen, die er zu kennen glaubt. Diese Erklärung scheint auch vollkommen auf das ursprüngliche Beispiel des angeblich arroganten Akademikers zu passen. Menschen bestimmten Gruppen zuzuordnen wäre gewiß ein Unrecht, ließe sich zeigen, daß jeder ein Recht darauf hat, als Individuum beurteilt zu werden. Doch ist nicht klar, wie ein solcher Nachweis geführt werden sollte. Sicher gibt es Zusammenhänge, in denen es angezeigt ist, individuell zu beurteilen. Doch ihnen stehen andere gegenüber, in denen gerade durch eine Beurteilung von Individuen über die Allgemeinheit eines Mißstands hinweggetäuscht würde, indem der falsche Eindruck entstünde, die Welt wäre in Ordnung, hätte nur dieser oder jener ein bißchen mehr guten Willen. Kein Grund a priori ist erkennbar, daß es an sich selbst falsch wäre, bestimmten Gruppen zu opponieren. Schließlich sind den Mitgliedern einer Gruppe manchmal bestimmte Dinge gemein, und manchmal stiften diese Dinge Schaden. Die Personen, die ich anklage, sagt Zola in seinem bewunderswerten Angriff auf die französische Militärbürokratie, kenne ich nicht; für mich sind sie bloße Entitäten, bloße Beispiele des Geistes gesellschaftlicher Verfehlung 84 . Zolas Feststellung ist insofern bemerkenswert, als für die Antisemiten, die Dreyfus anklagten, dieses Individuum auch eine bloße Entität war, ein bloßes Beispiel des Geistes gesellschaftlicher Verfehlung. Indes ist dies kein Grund, die Antisemiten mit Zola gleichzustellen. Beide bekämpften bestimmte Gruppen, und nur in Unterordnung unter dieses Ziel bestimmte Individuen; der wesentliche Unterschied aber scheint einfach der, daß Zola Recht hatte und die Antisemiten Unrecht mit ihren Anklagen gegen die jeweils beschuldigte Gruppe.

28. Daß Verallgemeinern das wahre Übel der Vorurteile darstellt, ist nicht in sich schlüssig (§ 27). Noch scheint die These stimmig als Beschwerde der Aufklärung, die die Kritik der Vorurteile ja im wesentlichen betrieben hat. Denn diese will schließlich darauf hinaus, daß, wie etwa Hume sagt, die Besinnung auf den Menschen im

84 Die Übersetzung ist ein wenig umständlicher als das Original: “Ils ne sont pour moi que des entités, des esprits de malfaisance sociale” (‘J’accuse’, S. 931). Ersichtlich läßt sich der zweite Teil des Satzes nicht wörtlich wiedergeben. Durch die Bezeichnung “esprits” unterwirft Zola die Individuen, die er anklagt, einer Abstraktion. Er will zu verstehen geben, sie repräsentierten bloß etwas anderes, allgemeineres, nämlich einen Zustand institutioneller Korruption. Die hier gewählte Übersetzung soll diesen Verweischarakter ausdrücken.

allgemeinen (“man in general”) uns vom Vorurteil (“prejudice”) kuriere 85 . Es fällt schon einigermaßen schwer, dem Humanismus der Aufklärung, der allemal von der Menschheit im allgemeinen deklamiert, noch irgend Sinn abzugewinnen, sollte die mit diesem Humanismus einhergehende Kritik der Vorurteile wirklich besagen, daß Verallgemeinerungen häufig individuelle Ausnahmen übersehen. Ebensowenig ist deutlich, daß Menschen miteinander besser umgehen würden, nähmen sie nur endlich den Einspruch Ernst, daß Verallgemeinern den Individuen Unrecht zufügt, indem es sie gesellschaftlichen Kategorien zuordnet. In einer ziemlich flachen Fassung führt dies Ideal zu einer Moralpädagogik, die so viel wie möglich über die Individuen, mit denen sie befaßt ist, zu ermitteln sucht. Der Erfolg kann durchschlagend sein, doch den Individuen, denen er gilt, mag dabei mulmig werden: vorwiegend besteht er nämlich in gesteigerter Kontrolle über sie. Diesen Verdacht einmal beiseite lassend, besteht die wesentliche Einsicht im vorliegenden Zusammenhang darin, daß Wissen um den Einzelnen allgemeine Begriffe nicht einfach aussparen kann. Es baut, im Gegenteil, auf sie auf. Wenn wir jemandem helfen, begreifen wir ihn als eine Person, die in einer unserem Verstehen zugänglichen Hinsicht Mangel leidet. Wir erkennen sie als einen Bettler, einen Gefangenen, einen Kranken, und nur aufgrund irgendeiner solchen Identifikation ist überhaupt an Mittel und Wege zu denken, die eine Hilfe darstellen: Geld, Befreiung, Medikamente. Die langwierigen Gespräche des Psychoanalytikers mit seinem Patienten bilden keine Ausnahme; seine Behandlung richtet sich an einem generalisierenden Schema seelischer Störungen aus, das die Patienten in Klassen wie die der Neurastheniker, Zwangsneurotiker, Konversionshysteriker, Psychotiker und so fort einteilt. Wie durchgreifend die Analytiker diese Klassen seit ihrer ersten Einführung nach eigenen Absichten und Einsichten gemodelt haben mögen, ändert nichts daran, daß es sich um Klassen handelt. Ein einzelner, der sich selbst in Nöten sieht, die schlechthin ohne Beispiel sind, muß sich auch schlechthin auf sich selbst zurückgeworfen sehen; nicht genauer ist seine Lage auszudrücken als in den Worten Heinrich von Kleists am Tag seines Selbstmords: “die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war” 86 . Vor dieser äußersten Grenze steht die Philosophie ohne einen Trost; auch starb Kleist nicht darum, weil die Segnungen der Psychotherapie noch im Dunkeln lagen.

29. Verzweiflung oder Inkonsequenz scheinen demnach die unumgänglichen Begleiter des Protests gegen das Verallgemeinern im Namen der Individualität zu sein. So ist es kein Wunder, daß wissenschaftliche Untersuchungen, die Vorurteile als eine psychische Haltung, die verallgemeinert, definieren, selber voller Klassifikationen vorurteilsbehafteter Charaktertypen sind. Vielleicht aber haben die Theoretiker, die sich den Vorurteilen widmeten, bisher einfach nur keine glückliche Hand gehabt, wenn sie ihren Gegenstand in so widerspruchsvoller Weise erörterten. Neue, selbstkritische Theorien des Vorurteils müßten sich doch ersinnen lassen, die keine Klassifikationen vorurteilsbehafteter Charaktertypen mehr enthielten, sondern ausschließlich Fallstudien. Denn man mag

85 ‘Of the Standard of Taste’, S. 276

86 ‘Brief an Ulrike von Kleist, 21. November 1811‘, S. 272

daran unvermindert festhalten wollen, daß jede Behauptung über eine Gruppe Gefahr läuft, den Individuen, aus denen sie sich zusammensetzt, Unrecht zu tun; reicht unsere Zeit nicht hin, jeden Einzelnen für sich zu betrachten, dann müßten wir uns eben des Urteils enthalten. Dies Festhalten am Anspruch auf streng individuelle Beurteilung scheint sich auf den folgenden Gedanken stützen zu können. Es gibt Vorurteile gegenüber Dingen und solche gegenüber Personen. Jemand könnte ein Vorurteil gegen Butter haben, oder ein Vorurteil gegen Intellektuelle. Nun sind es offenkundig Vorurteile gegen Personen, nicht solche gegen Dinge, gewesen, die einen Feldzug gegen sich herausgefordert haben. Diese Divergenz will erklärt sein. Eine schnelle Erklärung wäre die, daß Butter sich nicht wehren kann, wohl aber Intellektuelle. Der Hinweis ist so wahr wie er platt ist; doch er reicht nicht hin. Denn in anderen Zusammenhängen werden ja oft genug Menschen für Dinge geopfert, opfern sich gar selbst für Dinge. Wenn Vorurteile gegen Personen solchen Zorn auf sich gezogen haben, liegt es vielleicht doch noch an einer anderen, Personen zugeschriebenen Eigentümlichkeit. Folgen wir der zuvor angedeuteten Linie, so scheint eine derartige Erklärung möglich. Der Grund, weshalb sich an einem Vorurteil gegen Intellektuelle Aufregung entzünden wird, nicht aber an einem Vorurteil gegen Butter, kann offenkundig keine Sache von Wahrheit und Falschheit sein. Klar genug ist, daß beiderlei Vorurteile falsch sein können. Einer, der ein Vorurteil der zweiten Art unterhält, mag etwa sagen: Wenn etwas schon wie Butter aussieht, kann es nur schauerlich schmecken. Würde er aber einmal Butter probieren, dann könnte es wohl passieren, daß sie ihm ganz gut schmeckt. In einem solchen Fall war das Vorurteil irrig. Folglich muß die festgestellte Divergenz eine andere Ursache haben. Und diese ist nun bereits leicht zu erraten. Wir glauben nämlich gewiß nicht, daß das Vorurteil gegen Butter, wie irrig auch immer es sein mag, sich zusätzlich eines besonderen Unrechts gegen ein Individuum schuldig macht. Kein Mensch würde auch nur einen Moment die Vorstellung ernst nehmen, jenes Vorurteil sei eigens auch noch furchtbar unbillig gegenüber dem dritten Block Butter auf dem zweiten Regal der Kühleinheit des Supermarktes. Ein Gegenstand, der hergestellt worden ist, um ein Bedürfnis zu befriedigen, und nun zum Gebrauch oder, wie im vorliegenden Fall, zum Verbrauch angeboten wird, kann ohne Verlust durch einen anderen Gegenstand von der selben allgemeinen Beschaffenheit ersetzt werden; und umgekehrt gilt demzufolge auch, daß, weist man einen Gegenstand der jeweils in Frage stehenden Art zurück, man, ceteris paribus, nur konsequent ist, wenn man alle Gegenstände dieser Art zurückweist. Daß dem Individuum Unrecht geschieht, ist hingegen der entscheidende Vorwurf, wenn jemand nach seiner Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Klasse oder Gruppe eingeschätzt wird, etwa danach, daß er ein Intellektueller, ein Iraner, oder ein Moslem ist. In einem solchen Fall ist unser Bedenken nicht einfach, einer bestimmten Art von Dingen werde eine Eigenschaft zugeschrieben, die sie nicht besitzt, oder eine Eigenschaft abgesprochen, die sie besitzt. Vielmehr scheint in Vorurteilen gegen Personen ein Unrecht zu liegen, das tiefer als jedes Unrecht ist, dessen Vorurteile gegen Dinge sich schuldig machen können. Und der Grund dafür scheint zu sein, daß Personen, nicht Dinge, im maßgebenden Sinne des Wortes Individuen sind. Personen sind mehr als bloß Belegstücke für die allgemeinen Eigenschaften ihrer Art. Wenn man sie gesellschaftlichen und mithin allgemeinen

Kennzeichnungen unterordnet, reduziert man sie auf etwas, das niemals erschöpft, was sie sind. Zu Recht registrieren sie mit Empfindlichkeit, daß darin etwas von Mißachtung liegt, und zwar - dies ist bemerkenswert - selbst dann, wenn sie stolz sind, zu der Gruppe zu gehören, auf die sich die allgemeine Kennzeichnung bezieht, also etwa Intellektuelle, Iraner, oder Moslems zu sein. Der sich ergebende Unterschied zwischen den Beispielen für Vorurteile gegenüber Dingen einerseits, Personen andererseits ist ein moralischer Unterschied, doch dieser moralische Unterschied scheint nur die Folge eines tieferen Unterschiedes in dem zu sein, was wir unter ‘Ding’ einerseits und ‘Person’ andererseits verstehen.

30. Allerdings besteht Grund, eine Kritik an Vorurteilen für undurchführbar zu

halten, die diese bezichtigt, gesellschaftliche Kategorien einzuführen, wo in Wahrheit nur von individuellen Eigenschaften die Rede sein dürfe. Denn die Entgegensetzung von Individuum und Gesellschaft, auf der dieser Vorwurf beruht, ist zu simpel. Sie ist dies in zweifacher Hinsicht: hinsichtlich der Eigenschaften, die zugeschrieben werden (§ 30), wie hinsichtlich desjenigen, der sie zuschreibt (§ 31). Jene Entgegensetzung versteht sich aus der Voraussetzung, es gebe Individuen unabhängig davon, wie sie in der Gesellschaft gesehen werden. Tatsächlich aber ist Individualität selbst etwas Gesellschaftliches, ein Merkmal, das andere uns zuschreiben. Individuen werden stets und unvermeidlich als Träger bestimmter gesellschaftlicher Eigenschaften beurteilt, geschätzt oder mißachtet. Individualität kommt allererst zustande, wo es unterschiedliche Kreise gesellschaftlichen Lebens gibt, etwa Familie, Staat, Beruf. Je mehr solcher Kreise es gibt, und je mehr von ihnen einer angehört, desto eher kann es geschehen, daß sich bei anderen unterschiedliche und selbst einander widersprechende Erwartungen an ihn herausbilden, und sie ihn daraufhin differenziert, das heißt, als ein Individuum wahrnehmen. Individualität ist so gleichsam als der Punkt zu verstehen, an dem jene Kreise sich überschneiden. Der Manager einer Bank, der bekennt, überzeugter Kommunist zu sein, oder das Photomodell, das sich in Philosophie promoviert hat, werden leicht als Individuen wahrgenommen werden; doch nicht, weil das, was wir von ihnen sagen, jenseits der Gesellschaft läge. Jemandem Individualität zuerkennen ist nichts, das der Art nach verschieden davon wäre, ihm allgemeine, gesellschaftliche Attribute zuzuschreiben; es besteht vielmehr darin, ihm eine Kombination (im Fall exzentrischer Individualität eine äußerst seltene Kombination) allgemeiner, gesellschaftlicher Attribute zuzuschreiben 87 .

31. Zweifelhaft ist die Idee von Individualität, welche der einschlägigen Kritik an

Vorurteilen zugrundeliegt, jedoch nicht nur im Hinblick auf die jeweils zugeschriebenen Eigenschaften. Auch wenn wir denjenigen ins Auge fassen, der diese Eigenschaften jeweils zuschreibt, erscheint sie fragwürdig. Denn wir beurteilen andere (wie uns selber) und erfassen die Individualität anderer (wie unsere eigene) durch Sprache, und diese ist notwendig gesellschaftlich. Der sprachliche Bezug auf eine Einzelheit ist durch allgemeine Ausdrücke vermittelt. Ich kann etwas Einzelnes mit meiner Hand ergreifen, doch ich kann nicht etwas meinen, ja nicht einmal ‘dieses’ dazu sagen, ohne bereits eine abstrakte Bezeichnung zu verwenden, die

87 Simmel, Über sociale Differenzierung, S. 239 - 241; Soziologie, S. 467 - 478

auch auf anderes Einzelne anwendbar wäre 88 . Der Gebrauch von Sprache ist zwar niemals nur, doch stets auch ein Zuordnen zu etwas Allgemeinem. In seiner Kritik der Aufklärung hat de Bonald darauf hingewiesen, daß Sprache, von der ja auch jedes Verdikt über Vorurteile Gebrauch machen muß, kein indifferentes Medium ist; sie ist vielmehr durchtränkt von Vorurteilen. Geschwätzige Wesen, die wir sind, leben wir von ihnen und sie von uns. Die Philosophen, die sich mit solcher Bitterkeit gegen das erhoben haben, was sie Vorurteile nannten, sagt de Bonald, hätten sich vorab der Sprache begeben sollen, in der sie schrieben; denn das sei die erste Quelle der Vorurteile, und diejenige, die alle übrigen in sich enthalte 89 . Die Entscheidung, vor die de Bonald stellt, ist mithin diese: Frei von allen Vorurteilen, möchte der Aufklärer ganz von vorne anfangen. Doch wo ist ‘vorne’? Ist ‘vorne’ nach dem Erwerb von Sprache? Dann befindet sich der vermeintlich voraussetzungslose Ausgangspunkt schon im Bezirk des Vorurteils. Oder ist ‘vorne’ selbst noch vor aller Sprache? In diesem Fall muß es in der Tat jenseits aller Vorurteile liegen, doch es wird nie zum Neuanfang kommen, da nun, sprachlos, nichts übrig ist, die Stelle zu bestimmen, von der das Unternehmen ausgehen soll. Selbst wenn wir zugestehen, daß jede Verallgemeinerung Ausnahmen erleidet, können und müssen wir anscheinend doch zugleich auch anerkennen, daß ohne Verallgemeinerungen nicht auszukommen ist. Im Verstehen eines Satzes gehen wir vom Bekannten auf Unbekanntes über, und schließen von dem, was wir in der Vergangenheit gehört haben, auf Gegenwärtiges. Einem Wort eine Bedeutung zuzuschreiben heißt bereits zu verallgemeinern. Sollen wir nun folgern, es sei ein Fehler, Sprache zu verwenden?

32. Als de Bonald bemerkte, Sprache sei von Vorurteilen durchsetzt, konnte er sich auf Vertreter der Aufklärung, gegen die er sich mit seinem Argument wandte, berufen; manche von ihnen hatten eben dies selber festgestellt 90 . Freilich meinten sie es als Beschwerde über die Unvollkommenheit natürlicher Sprachen, während de Bonald den Gedanken in eine Ehrenrettung des Vorurteils ummünzte. Im Licht der Ideengeschichte erscheint de Bonalds Deutung des Gedankens als die plausiblere. Während der Epoche der Aufklärung, von Bacon (1620/22) bis zu Condorcet (1793/94), hatten die Philosophen bekanntlich von einer universellen Kunstsprache geträumt, die auf rationalen Prinzipien aufgebaut und von den Vorurteilen aller Zeiten gereinigt sein sollte; und eben dies Unternehmen war am Ende des 18. Jahrhunderts in unüberwindliche Schwierigkeiten geraten. Ist dieser Umstand der Ideengeschichte entscheidend? Allenfalls könnte er es doch sein, wenn schon geklärt wäre, daß die geteilte Prämisse, die dem Streit der Deutungen zugrundelag, haltbar ist: daß nämlich Sprache von Vorurteilen

88 Vgl. Hegel, Phänomenologie des Geistes, S. 82 - 92

89 de Bonald, ‘Pensées sur la morale’, Sp. 1387: “Les philosophes qui se sont élevés avec tant d’amertume contre ce qu’ils ont appelé des préjugés, auraient dû commencer par se défaire de la langue elle-même dans la- quelle ils écrivaient; car elle est le premier de nos préjugés, et il renferme tous les autres”. Vgl. ‘Sur les préjugés’, Sp. 805

90 Z.B. Watts, Logick, II,iii,2, S. 195 - 198

durchzogen ist. Über diese Voraussetzung mag man schon einigermaßen verdutzt sein. Denn liegt ihr nicht sichtlich ein Kategorienfehler zugrunde? Gewiß, so wird man einräumen, kann eine Sprache Ausdrücke enthalten, die gebraucht werden können, ein Vorurteil verlauten zu lassen. Das deutsche Verb ‘mauscheln’, das sich von ‘Mausche’, der jiddischen Form des biblischen Namens Mose, herleitet 91 , und dessen Bedeutungen, neben ähnlichen, ‘zweifelhafte und undurchsichtige Geschäfte machen’, ‘beim Spiel betrügen’, aber auch ‘undeutlich reden’, sind 92 , kann als Beispiel dienen. Und doch sitzt, so lautet der Einwand, das Vorurteil nicht in der Sprache. Vielmehr liegt es in der Verwendung der Sprache, oder, vielleicht noch genauer, es steckt im Kopf desjenigen, der die Sprache verwendet. Ein Wort wie ‘mauscheln’ vorurteilslos zu gebrauchen, ist gerade so leicht, wie mit ihm ein Vorurteil zu äußern; ersteres wäre etwa gegeben, wenn einer sagt: ‘Es ist anstößig, zweifelhafte und undurchsichtige Geschäfte mit dem Wort ‘mauscheln’ zu belegen’. Dieser Einwand ist begreiflich, aber doch nicht wirklich zwingend. Denn wenn einer sagt: ‘Es ist anstößig, zweifelhafte und undurchsichtige Geschäfte mit dem Wort ‘mauscheln’ zu belegen’, gebraucht er genaugenommen das Wort ‘mauscheln’ nicht, sondern erwähnt es nur. (Dafür stehen in der Schriftform die Anführungszeichen.) Und der ganze Zweck dieser Erwähnung ist bloß, daß man dieses Wort nicht gebrauchen soll. Das Wort ‘mauscheln’ ist nicht bloß zufälligerweise auch dazu verwendbar, einem Vorurteil Luft zu machen; es verkörpert vielmehr ein Vorurteil. Übrigens mag diese Antwort dem Einwand insofern schon zu weit entgegenkommen, als sie sich auf die Alternative zwischen Sprechern und Sprache mehr als nötig einläßt. Sicher besteht ein Unterschied zwischen Sprechern und Sprache. Als Alternative hingestellt aber gerät er zu einer schiefen Abstraktion. Denn hinsichtlich der Frage, ob ein Wort ein Vorurteil manifestiert, scheint, wenn man sie für ‘mauscheln’ bejaht, für das Verb ‘türken’, das ‘fälschen’ bedeutet 93 , die selbe Antwort fällig zu sein. Dessen Herkunft indes ist unklar; keineswegs steht fest, daß es etwas mit ‘den Türken’ zu tun hat 94 . Aber das tut anscheinend gar nichts zur Sache. Die von fast allen Sprechern geteilte falsche Volksetymologie von ‘türken’ wird als solche ebenso Teil ‘der Sprache’ wie die wissenschaftlich gesicherte Herkunft von ‘mauscheln’. Die Beispiele entkräften noch einen anderen Einwand gegen de Bonald, den nämlich, die Sprache könne doch allenfalls Vorbegriffe - im Sinne von: vorgeformte Begriffe -, nicht Vorurteile enthalten. Im Begriff ‘mauscheln’ liegt eben ein Vor-Urteil über einen Zusammenhang von Judentum und Betrügereien, und so legt sich allgemein einer, der einen Begriff gebraucht und nicht lediglich erwähnt (zum Beispiel, um festzustellen, er sei ein leerer Begriff), auch bereits auf Urteile fest, etwa das, der Begriff treffe etwas in der Wirklichkeit.

91 Kluge, Etymologisches Wörterbuch, S. 468

92 Duden, Bd. IV, S. 1754

93 Ebd., Bd. VI, S. 2644

94 Kluge, Etymologisches Wörterbuch, S. 745

Das Erlernen unserer Muttersprache besteht nicht darin, daß wir über Wörter, gleichsam Atome der Sprache, informiert werden und ihre jeweilige Bedeutung, wie sie im Wörterbuch verzeichnet ist, auswendig lernen. Ein Kind kann die Bedeutungen der Wörter nicht lernen, ohne zugleich mit ihnen Urteile und sogar eine ganze Lebensform zu erlernen 95 . Jene Urteile, die feststellenden wie die bewertenden, nimmt das Kind eine Zeit vertrauend an; so hingenommen sind sie Vorurteile. Damit sind wir auch bereits über solche von der Oberfläche der Sprache genommenen Beispiele wie die zuvor erwähnten, ‘mauscheln’ und ‘türken’, hinaus. Denn de Bonald schürft tiefer. Er denkt nicht so sehr an derartige leicht aufzudeckende Fälle, die vielleicht viel zu tun, aber wenig zu denken geben, sondern an Züge, erstens, von Sprache überhaupt und, zweitens, bestimmter Sprachen oder Familien von Sprachen, die den Gebrauch der Sprache auf ebenso grundlegende und folgenreiche Weise regeln, wie sie zugleich in ihm nur den vermeintlich selbstverständlichen und daher unbeachteten Hintergrund bilden. Zum ersten: Werden beispielsweise Dinge mit dem selben Wort belegt, so ergibt sich das Vorurteil, sie müßten ein gemeinsames Wesen haben. Anders gesagt macht der Umstand, daß wir nur einen einzigen Ausdruck für eine Anzahl von Dingen haben, glauben, sie seien alle von der selben Art (‘unum nomen - unum nominatum’) 96 . Zum zweiten: Eine natürliche Sprache verkörpert diejenigen Unterscheidungen, die Generationen von Sprechern dieser Sprache getroffen haben; sie trägt in sich ein Vorurteil, daß diese Unterscheidungen die maßgebenden sind, nicht etwa andere, die die Sprache nicht erkennen läßt. Dies ist offenkundig, wenn wir auf die Inhalte sehen, die eine Sprache als Wortbedeutungen kennt, aber es gilt auch für ihre Form. So drückt die Grammatik der indogermanischen Sprachen etwa im Aufbau von Sätzen aus Subjekt und Prädikat eine Weise der Auffassung aus, wie sich die Welt selber aufbaut - eine Weise der Auffassung, die andere Sprachen nicht teilen mögen. Wenn es in einer Sprache Substantive, Adjektive und Verben gibt, dann sehen wir die Wirklichkeit als etwas, das aus Dingen, Eigenschaften und Handlungen besteht; doch es könnte andere Weisen geben, sie aufzuteilen. Obgleich wir die Sprache, in der wir aufwachsen, zunächst hinnehmen, ohne Zweifel an ihr zu hegen, muß das nicht für immer so bleiben. Auch Sprache kann zum Gegenstand von Kritik werden. Wäre dem nicht so, hätten sich nicht einmal die soeben angestellten Überlegungen vortragen lassen. Aber während man ein in Sprache verkörpertes Vorurteil kritisiert, setzt man doch zugleich jede Menge anderer voraus 97 .

33. Jede Kritik an Vorurteilen ist, wie es scheint, zurückzuweisen, da sie unweigerlich auf Sprache überhaupt ausgedehnt werden müßte, während wir doch nicht umhin können, Sprache zu verwenden, sobald wir solche Kritik üben.

95 Barbauld, ‘On prejudice’, S. 326, und passim

96 Hutcheson, Essay on the Nature and Conduct of the Passions and Affections, I,iii,1, S. 58

97 Vgl. hierzu a. Herder, Abhandlung über den Ursprung der Sprache, S. 152 - 153, und Nietzsche, Morgenröthe § 115, S. 107 (“Die Sprache und die Vorurtheile, auf denen die Sprache aufgebaut ist”).

Doch dieser Versuch, alle Kritik an Vorurteilen eines Widerspruchs zu überführen, unterliegt einem Zweifel. Denn sein Bezugspunkt war, daß der Einzelne einem Begriff eingeordnet wird: daß man ihn, mit einem Wort, klassifiziert (§§ 25 - 31). Wenn darin jedoch der Einwand besteht, so muß er sich nachsagen lassen, das Problem zu verschieben. Es mag immerhin so sein, daß Vorurteile klassifizieren und daß Sprache klassifiziert. Doch besteht darin ja nicht wirklich das Problem. Es ist schließlich nicht Klassifizieren als solches, das Individuen kränkt. Schwerlich wird es jemand als erniedrigend empfinden, wenn er in einer statistischen Übersicht unter der Rubrik ‘Fußgänger’ oder ‘Steuerzahler’ erfaßt wird. Denn der Umstand, daß er in dieser Weise rubriziert wird, schließt ja in keiner Weise die Möglichkeit aus, es lasse sich noch vieles andere, namentlich weit Wesentlicheres über ihn sagen. Eine Verallgemeinerung hingegen, in der sich ein Vorurteil ausdrückt, scheint nicht so bescheiden zu sein. Die Behauptung, ‘die Deutschen’ seien kalt und roh, ist eine über ihr Wesen, selbst dann, wenn hinzugefügt wird, sie seien gewiß fleißige Leute und hätten ungewöhnlich viel Sinn für Musik. Bei einem Vorurteil scheint es sich um eine Abstraktion zu handeln, deren Anspruch ist, das, worauf sie sich bezieht, im Wesentlichen erschöpfend zu bestimmen. Hierin durchaus anders als jede statistische Klassifikation, scheint es etwas zu sagen wie: ‘Du bist schwarz - oder weiß -, und mehr brauche ich nicht von Dir zu wissen’.

34. Was zu einer kritischen Einschätzung von Vorurteilen Anlaß gibt, ist nach den eben angestellten Überlegungen nicht mehr das selbe wie zuvor. Nicht Verallgemeinerungen scheinen nunmehr der Stein des Anstoßes zu sein, denn sie

können offenbar harmlos sein. Sollte die Wendung ‘

von Dir zu wissen’ das wirklich fragwürdige Merkmal von Vorurteilen bezeichnen, dann stoßen wir uns nicht am Verallgemeinern, sondern am Absehen und Absondern von Eigenschaften. Doch auch das Absehen und Absondern von Eigenschaften sind uns als durchaus ehrbare Züge im Bilden von Theorien geläufig: sie sichern die Rationalität bestimmter Verfahren. Abstrahieren und Isolieren sind ein wesentliches Element wissenschaftlicher Methodik. Je besser es einem Naturwissenschaftler gelingt, einen bestimmten Faktor zu isolieren und für sich zu erforschen, desto genauer werden die Ergebnisse seiner Untersuchung ausfallen. Philosophisch beschlagene

und mehr brauche ich nicht

Journalisten, denen es um eine kulturkritische Pointe zu tun ist, wenden ein, solche Wissenschaftler kümmerten sich nicht ums große Ganze; diese aber wissen ganz gut, daß sie sich nicht ums große Ganze kümmern dürfen, solange sie als Naturwissenschaftler und nicht als Sonntagsredner agieren, und geben sich alle Mühe, es draußen zu halten. Sie schirmen ihre Retorten und ihre Thermometer wie ihre Laboratorien im ganzen nach allen Regeln der Kunst ab. Solches Vorgehen hebt sich allerdings in einer bedeutsamen Hinsicht von der

anscheinend doch herzlich dummen Haltung ab, die durch die Wendung ‘

mehr brauche ich nicht von Dir zu wissen’ gekennzeichnet wurde. Was die Wissenschaften entdecken, indem sie absehen und absondern, ist ‘alles, was sie zu wissen brauchen’ nur solange, wie sie eine bestimmte Frage untersuchen, die unumgänglich in entsprechender Weise definiert ist; ‘definieren’ heißt Grenzen setzen. Jener Methode verschreiben sich Wissenschaftler schlicht deshalb, weil jeder von ihnen stets nur eine Sache auf einmal erfolgreich traktieren kann; was aber die Wissenschaft wissen will, ist im Grunde alles - nur eben nicht alles auf einmal.

und

Sowohl statistische (§ 33) wie allgemein wissenschaftliche Abstraktionen gehen einher mit einem Bewußtsein davon, daß der Teil der Sache, den sie herausheben, gerade indem sie von anderen ihrer Teile absehen, eben nicht mehr als ein Teil dieser Sache ist. In Vorurteilen hingegen sehen wir, folgt man einer Bemerkung William Hazlitts, einen Teil und unterschieben ihn dem jeweiligen Ganzen 98 . Bekundungen wie etwa die, daß “ein Schwarzer häßlich ist” 99 , oder auch wie ‘Black is beautiful’, erklären von dem Aspekt, den sie ausdrücklich nennen, in diesen Fällen also der Hautfarbe, er sei oder, genauer, repräsentiere und fundiere das Ganze. (‘Das Ganze’, da ‘häßlich’ und ‘schön’ in jenen Sprüchen nicht in einem eingeschränkten Sinn, als bloß ästhetische Prädikate, gemeint sind.) Abstrahieren heißt absehen. Von etwas abzusehen ist manchmal durchaus angemessen und notwendig. Selbst wenn Vorurteile von etwas absehen, kann dies für sich genommen nicht ihr Fehler sein. Dieser könnte aber in der Dummheit bestehen, in ihrem Abstrahieren zugleich zu vergessen, daß sie bloße Abstraktionen geltend machen.

35. ‘Vorurteile wie etwa, daß “ein Schwarzer häßlich ist”, oder auch wie ‘Black is beautiful’, erklären von dem Aspekt, den sie ausdrücklich nennen, in diesen Fällen also der Hautfarbe, er sei oder, genauer, repräsentiere und fundiere das Ganze’ (§

34).

Ist es indes recht und billig, jene beiden Sprüche auf eine Stufe zu stellen? Ist es etwa gleichgültig, daß der erstere Übel anrichtet, wenigstens, sofern er ernstgenommen wird, letzterer hingegen nichts schadet oder gar als Wohltat empfunden wird? Darf man den maßgeblichen Umstand übergehen, der ‘Schwarze sind häßlich’ von ‘Black is beautiful’ unterscheidet: Macht? Wenn die Unterdrücker das erste sagen, versuchen sie die Unterdrückten zu demütigen; wenn die Unterdrückten das zweite antworten, versuchen sie ihren Stolz gegen diesen Entzug gesellschaftlicher Achtung zu behaupten. (Gewiß ist es Monostatos, der Machtlose, der sagt, daß “ein Schwarzer häßlich ist”; doch nur, weil die weißen Mächtigen es ihm oft genug vorgesagt haben.) Der besagte Unterschied ist wichtig. Aber er ist kein Unterschied zwischen etwas, das Vorurteil wäre, und etwas, das keines wäre. Ein umgedrehtes Vorurteil bleibt immer noch ein Vorurteil. Gewiß ändert sich beim Wechsel vom einen zum anderen eine Menge, besonders das Aroma dessen, was uns jeweils zu kosten gegeben wird - was widerwärtig schmeckte, ist nun süß -; was sich aber nicht ändert, ist die erkenntnistheoretische Dignität der Sache, um die es jeweils geht. Kehren wir das Vorurteil ‘Alle Moslems sind gewalttätig’ um in ‘Kein Moslem ist gewalttätig’, dann wenden wir uns von einer gehässigen Ansicht zu einer gefälligen; doch dieser Fortschritt ist keiner der Erkenntnis. Als Urteil genommen mag eines nicht besser sein als das andere. Es macht einen Unterschied, ob Macht mit Vorurteilen in Berührung kommt, aber dieser Unterschied ist überhaupt kein theoretischer. Er ist ein praktischer: ein Unterschied in der Wirkung. Was nicht viel Übles anrichtet, kann durch das

98 ‘Prejudice’, S. 319: “we see a part, and substitute it for the whole”.

99 Mozart, Die Zauberflöte, II,7 (Nr. 13), S. 221

Hinzutreten von Macht verheerend wirken; denn Macht ist auch die Macht, Schaden zu stiften. Macht kann Vorurteile zum Ausdruck in Wort und Tat ermutigen. Ein Antisemit, der es zugleich zu seiner Gewohnheit gemacht hätte, sich jeweils den herrschenden Machtverhältnissen anzupassen, hätte während der Weimarer Republik seiner Haltung Juden gegenüber kaum einmal in Worten und schon gar nicht in Taten Ausdruck verliehen; die nationalsozialistische Herrschaft bot Gelegenheit und Aufstachelung zu beidem. Diese Herrschaftsform institutionalisierte rassistische Vorurteile. Sind Vorurteile einmal institutionalisiert, dann hören sie auf, subjektive Meinungen zu sein. Staatliche oder gesellschaftliche Einrichtungen machen sie verbindlich. Sie erscheinen dadurch als etwas Objektives; zugleich werden sie zu Vorrechten. Helvétius’ Bemerkung erfaßt dies so knapp wie genau:

“Les préjugés des grands sont les lois des petits” 100 . Es kommt, mit anderen Worten, immer darauf an, wer ein Vorurteil hat - seine Vorurteile durchsetzen zu können, heißt, in der Lage zu sein, sie zu Urteilen über andere zu machen. Daß institutionalisierte Vorurteile als etwas Objektives erscheinen, rührt von ihrer Macht