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Das Fundament 4/2007

Ich suche eine Gemeinde


Kriterien auf der Suche
nach einer geistlichen Heimat
Gerhard Naujokat, Kassel, Pfarrer und Publizist

Anfragen kommen: „Ich habe


  hier übergangen werden, denn im
den Wohnsitz wechseln müssen Rahmen der mobilen Gesellschaft
und lebe jetzt in einer anderen Ge- wird es wohl jedermann möglich
gend. Welche Voraussetzungen und sein, in einer Entfernung zwischen
Grundlagen sollte eine Gemeinde zehn Minuten und einer knappen
haben, der ich mich anschließen Stunde eine Gemeinde zu sichten.
könnte?“ Oder: „Ich kam durch
eine Bibelwoche zum Glauben an
Jesus Christus. Nun suche ich an
meinem Wohnort oder in der Nähe Perfekte Gemeinde?
eine geistliche Heimat. Welche
Kriterien wären zu beachten? Gibt Informierende Gespräche können
es wichtige Grundsätze?“ dann hilfreich sein und vermögen
Zu Recht stellt ein suchender oftmals Wegweisung zu geben. Man
Christ und sein biblischer Glau- prüfe offenen Auges, bevor man
bensbedarf Fragen an die Art und sich bindet. Die ideale und immer
die Intensität einer Gemeinde. gesunde Gemeinde gibt es nicht.
Er bedarf keiner „Traumgemein- Selbst im Neuen Testament ist diese
schaft“, aber er braucht ein geist- nicht zu finden. Sie wird die Mängel
liches Zuhause. Welche Überle- und Schwächen aufzeigen, die Men-
gungen und Merkmale könnten schen, auch „gläubige“ Menschen,
ihm helfen? Er möchte nicht jeweils in sich tragen. Auf dieser
irgendwo hineinstolpern. Kann er Erde ist nun einmal alles wurmsti-
sich orientieren? chig. Dennoch bedarf ein Christ der
Schon die geographische Vor- Gemeinschaft in irgendeiner Form,
frage ist nicht unwichtig, kann aber im kleinen Wohnzimmer oder in

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einer prächtigen Kathedrale, selbst Der Einzelne, ebenso die Familie,


wenn alles unvollkommen bleibt. braucht die Aufnahmebereitschaft
Im alltäglichen Umgang muss man der Gemeinde, aber auch die
mit Fehlern leben, in der Gemeinde Schutzgemeinschaft. Wie geht man
Jesu auch. beispielsweise mit Alleinstehen-
Dabei besitzt die Gefühlsebene den um, seien es Lediggebliebene,
im Rahmen einer Gemeinde einen Verwitwete oder Geschiedene?
beachtlichen und notwendigen Sind es die „der Fürbitte und dem
Stellenwert. Dieser ergibt sich schon Mitleid Anempfohlenen“? Sind die
aus dem auszulegenden Bibelwort. Alten die Entsorgungsbedingten?
Denn Gottes Botschaft, welcher Art Ist die „letzte Bank“ hinten der Sitz
auch immer, ob Gnade oder Gericht, der Erbarmungsbedürftigen? Oder
erfasst, oder will das zumindest, versucht man eine angemessene
den ganzen Menschen mit seinem personelle Integration und, der
Denken, Empfinden, Fühlen und Lage entsprechend, eine Betrauung
allen seelischen Regungen. Dennoch mit Verantwortung ohne Zeittrend-
zeigt sich eine Grenze. Wenn durch Huldigung?
verbale Einflüsse des Verkündigers
oder der Gemeindeleitung, durch
eine zu einseitige Textauswahl oder
verengte Auslegung, wenn durch die Das Herzstück
Art der Predigt oder durch emoti-
onale Mittel eine Überhöhung der Im Mittelpunkt des Gemeindele-
Gemütswelle erzeugt wird, dann bens steht der Gottesdienst. Er hat
widerspricht das der Grundtendenz vorrangige Aufgaben. Allerdings ist
des Evangeliums und der Nüchtern- oftmals die wöchentliche Bibelstun-
heit des Geistes Gottes. de noch wichtiger für den Tiefgang
Da wir es auch in der Gemein- und das geistliche Gefüge der
dearbeit mit gesellschaftlichen Ein- Gemeinde. Wirkliche Bibelarbeit
flüssen, mit der Altersstruktur und ist nur in solchen Sonderstunden
mit Menschen in der Isolierung möglich. Herzstück und missiona-
zu tun haben, stellt sich die Frage rische Sammelstelle bleibt aber der
nach „Offenheit und Abschir- Gottesdienst. Er ist Schwerpunkt
mung“. Sind dem auch frommen und Brennpunkt des geistlichen
„Zeitgeist“ alle Fenster geöffnet? Geschehens. Jedoch formiert sich

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dieser Grundsatz heute manchmal was er wählen könnte. Daher ist


zur Frage: Ist unser „Gottesdienst“ die Frage nach sachlicher Orientie-
noch „Dienst für Gott“ und „Gottes rung berechtigt und die Nennung
Dienst an uns“? Oder dient und überlegenswerter Kriterien viel-
nutzt alles eher einer „Selbstdarstel- leicht hilfreich:
lung“ von Mitwirkenden und Kön-
1. Wird in der Gemeinde bi-
nern? Stehen Anspiele, Lesungen,
blisch und kenntnisreich das
erdrückende Elektronik und
Evangelium verkündigt?
anderes optisch und akustisch im
Vordergrund? Wird einiges überdy- 2. Weist die Verkündigung auf
namisiert und anderes versimpelt? die Erlösungsbedürftigkeit des
Finden sich hier Narzissmus und Menschen hin und enthält sie
Ichbespiegelung? Werden da nicht die Kreuzesbotschaft Jesu?
„Zeitgeistprobleme“ übernommen 3. Beachtet die Gemeinde die
und möglichst mit Gags und Ten- ganze Botschaft der Bi-
denz ausstaffiert? Überwuchert das bel mit den Erfahrungen,
Rahmenprogramm die Wortver- Verheißungen, Geboten und
kündigung, deren Predigten kürzer Ermahnungen des Gottes-
und inhaltsleerer werden? Oder volkes im Alten und Neuen
steht „Gottes Wort“ ohne zeitliche Testament?
und ideologische Verkürzung wirk- 4. Führt die Verkündigung des
lich in der Mitte und macht diese Wortes zu Jesus hin oder zur
Stunde zum echten „Gottesdienst“? absoluten und überschwäng-
lichen oder erstarrten Ge-
meinde?
5. Beleben variierte Formen das
Orientierung Gemeindeleben und werden
Stärker als früher werden gleichzeitig extreme Grenzge-
heutige Gemeinden vielfach einer biete vermieden?
Verunsicherung und Hilflosigkeit 6. Bleibe ich hier ein eigenstän-
ausgesetzt. Geistige und geistliche dig glaubender Mensch oder
Irritierung ist gängig. Ein Einzel- muss ich so glauben, wie es
ner kennt sich kaum aus und weiß die Gemeindeleitung vorgibt?
nicht, wohin er sich wenden und

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7. Darf ich im Vertrauen auf Je- 13. Wird der Gehorsam der
sus leben oder reglementieren Gemeindeglieder auf Gott ge-
mich Gemeindeordnungen? lenkt oder zu Gemeindezwe-
8. Gehöre ich in dieser Gemein- cken und gemeindeinterner
de Jesus oder entsteht eine Unterordnung missbraucht?
Menschenhörigkeit? 14. Ist die Gemeinde sich der
9. Ist die Gemeindestruktur eigenen geistlichen Armut
sachlich, geistlich und nüch- bewusst und enthält sich
tern fundiert ohne unterkühlt jeder Großspurigkeit, rechnet
und steril zu wirken? Erhalte aber immer wieder mit der
ich Wegweisung oder Kor- erneuernden Kraft des Geistes
rektur für einen nächsten Gottes?
Glaubensschritt? 15. Ist das letzte Ziel des Glaubens
10. Werden mir Wärme, Ver- und Lebens in dieser Gemein-
ständnis und Geborgenheit de „Jesus allein“, und erlebe ich
entgegengebracht? Wird unter der Verkündigung des
meine Hingabe und Bereit- Wortes die Gemeinschaft des
schaft zum Dienst entgegen- Herrn und seine Vergebung?
genommen ohne mich zu
Die Gemeinde ist die „Ver-
überfordern?
sammlung“ der Gläubigen und
11. Wird mir vor Gott und mit derer, die den Weg zu Christus
den Geschwistern Glauben- suchen. Ihr Lebensprinzip ist
stille gewährt und ein der „Herr“. Er ist das Haupt der
Handeln aus innerer Gewiss- ecclesia. Der Apostel Paulus nennt
heit oder treibt man mich in die Gemeinde den „Leib Christi“
hektische Aktivität hinein? (1. Korinther 12, 27). Diese Aus-
12. Fühle ich mich in der Ge- drucksweise zeigt den hohen Wert
meinde persönlich frei, werde an, den das Miteinander von Men-
ich mit meinen Freuden, schen, die im Namen Jesu zusam-
Ängsten, Nöten, Gaben und menkommen, im Neuen Testament
Fähigkeiten einbezogen? Darf hat. Darum erbitte ich suchenden
ich hören, auch mitwirken Lesern einen guten Weg beim Fin-
oder werde ich benutzt? den einer geistlichen Heimat. 

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