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HANDBUCH DER PSYCHIATRIE.

UNTER MITWIRKUNG VON

Professor A. Alzheimer (München), Professor E. Bleuler (Zürich), Professor K. Bonhoeffer (Breslau), Privatdozent G. Bonvicini (Wien),

Professor 0. Bumke (Freiburg i. B,), Professor R. Gaupp (Tübingen),

Direktor A. Gross (Rüfach l E.), Professor A. Hoche (Freiburg i. B.), Privat- dozent M. IssERLiN (München), Professor T. Kirchhoff (Schleswig), Direktor

A. Mercklin (Treptow a. R.), Professor E. Redlich (Wien), Professor

M. Rosenfeld (Strassburg lE.), Professor P. Schroeder (Breslau), Professor

E. ScHOLTZE (Greifswald), Privatdozent W. Spielmeyer (Freiburg l B.), Privatdozent E. Stransky (Wien), Professor H. Vogt (Frankfurt a. M.),

Privatdozent G. Voss (Greifswald), Professor J. Wagner Ritter von

Jauregg (Wien), Professor W. Weygandt (Hamburg-Friedrichsberg)

HERAUSGEGEBEN VON

PROFESSOR De. G. ASCHAPFENBUßG

IN KÖLN A. RH.

SPEZIELLER TEIL.

4. ABTEILUNG, 1. HÄLFTE.

DEMENTIA PRAECOX oder CxRUPPE DER SCHIZOPHRENIEN.

VON

Professor E. BLEULER.

LEIPZIG UND WIEN.

FRANZ DEUTIOKE.

1911.

J-'BRARY

DEMENTIA PRAECOX

ODER

GRUPPE DER SCHIZOPHRENIEN

VON

PROF. E. BLEULER.

^-'BRARY

LEIPZIG UND WIEN.

FRANZ DEUTIOKE.

1911.

Verlaars-Nr. 1902.

fe?e

Druck von Rudolf M. Rohrer in Brünn

LIBRARY

Vorwort.

Die Kenntnis der Krankheitsgruppe, die Kraepelin unter dem Namen

der Dementia praecox zusammengefaßt hat, ist zu jimg, als daß man jetzt schon

eine abgeschlossene Beschreibung derselben geben könnte. Alles ist noch flüssig,

unfertig, vorläufig. Es wäre aber zu schleppend, überall die dadurch bedingten

Vorbehalte zu machen; ich darf wohl annehmen, daß jeder Leser sie sich hinzu-

denken kann.

Noch eine Schwierigkeit kommt bei den psychopathologischen Kapiteln

hinzu: der embryonale Zustand unserer Psychologie. Wir haben keine Aus-

drücke für die neuen psychologischen Begriffe; alle Worte, die wir braucben,

können auch in anderem Sinne angewandt werden. Wer sich nicht die Mühe

geben kann, sich ganz in die Ideen des Schreibenden hineinzudenken, wird die

Ausdrücke anders verstehen als sie gemeint sind, und deswegen einen unrichtigen

Gedankengang herauslesen. Wenn ich trotz dieser Schwierigkeit versuche, die

psychologischen Zusammenhänge ein wenig zu beleuchten, so tue ich es nicht

bloß deshalb, weil jedes neue Erkennen an sich Wert hat, sondern namentlich

auch, weil man meines Erachtens beim jetzigen Stande unserer Wissenschaft

auf diesem Wege am ehesten neue Einblicke in die Natur der Psychosen

erwarten darf.

Der Sachlage entsprechend mußten die einzelnen Themen ungleich be- handelt werden. Was im Prinzip für jeden Psychiater verständhch ist, durfte

einfach hingestellt werden, während weniger bekannte Dinge eben eine Ein-

führung, eine Erklärung und Stützung durch Beispiele verlangen. Es bheb mir

nichts übrig, als den praktischen Zielen die ästhetischen zu opfern. Auch

Wiederholungen heßen sich nicht vermeiden, da die Komphziertheit der Psyche

die gleichen Vorgänge in die verschiedensten Zusammenhänge bringt.

Die ganze Idee der Dementia praecox stammt von Kraepelin;

auch die Gruppierung und Heraushebung der einzelnen Sym-

ptome ist fast allein ihm zu verdanken. Es wäre zu schleppend, bei jeder Einzelheit seine Verdienste besonders hervorzuheben. Diese Bemerkung mag

ein für allemal genügen. Ein wichtiger Teil des Versuches, die Pa-

thologie weiter auszubauen, ist nichts als die

Anwendung der

Ideen Freuds auf die Dementia praecox. Ich denke, jedem Leser wird

ohne weiteres klar sein, wieviel wir diesem Autor schulden, auch wenn ich

dessen Namen nicht überall anführe. Zu danken habe ich femer meinen Mit^

VIII

arbeitern im Burgiiölzli, ich nenne nur Rikliii, Abraham, und vor allen

Jung. Es ist nicht möglich, alles auseinander zu halten, was an Beobachtungen

und Ideen dem einen oder dem andern von uns angehört.

Die Literatur vollständig anzuführen wäre wertlos und ist zugleich un-

möghch, denn man müßte einen großen Teil der psychiatrischen Literatur

zitieren, da ja z. B. fast alle systematischen Arbeiten das berühren, was jetzt

die Dementia praecox-Frage genannt werden kann. Einen gewissen Wert haben

nur neueire Publikationen^) ; auch davon sind viele nur insofern interessant, als sie zeigen, wie man einen so schönen Begriff falsch auffassen kann. Bei den

dem Deutschen weniger zugänglichen Arbeiten habe ich meist noch auf ein

bequem erreichbares Referat hingewiesen, auch dann, wenn ich das Original

aber meist

kenne. Unbedeutende Sachen im Original zu lesen, habe ich

unnötig gefunden.

In weniger wichtigen Dingen Prioritäten zu registrieren, halte ich für

eine Rücksichtslosigkeit gegen den Leser. Danach habe ich gehandelt. Die Arbeit ist im Sommer 1908 abgeschlossen worden; doch gaben spätere

Pubhkationen Anlaß zu Zusätzen und Änderungen.

Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf die Nummern des Literatur- verzeichnisses.

^) Und von diesen hauptsächlich deutsche, weil außerhalb Deutschlands nur wenige

Autoren die Psychosen unter dem hier maßgebenden Gesichtswinkel betrachten.

Inhaltsübersicht.

Einleitung

Historisclies

Der Name der Krankheit

Die Definition der Krankheit

I. Abschnitt.

Die Symptomatologie.

Einleitung

1. Kapitel.

Die Grundsymptonie.

Ä. Die einfachen Funktionen

«) Die alterierten einfachen Funktionen

a) Die Assoziationen

ß) Die Affektivität

-y) Die Ambivalenz

.'

h) Die „intakten" einfachen Funktionen

a) Die Empfindung und Wahrnehmung

ß) Die Orientierung f) Das Gedächtnis

8) Das Bewußtsein

e) Die Motilität

B. Die zusammengesetzten Funktionen

Das Verhältnis zur Wirklichkeit. Der Autismus

ß) Die Aufmei'ksamkeit

'() Der Wille

8) Die Person

e) Die schizophrene Demenz"

Q Das Handeln und Benehmen

2. Kapitel.

Die alczessorisclien Symptome

a) Die Sinnestäuschungen

ß) Die Wahnideen

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X

8) Die Alteration der Persönliclikeit

e) Die Alterationen der Sprache und Schrift Q Die körperlichen Symptome

TTj) Die katatonen Symptome

1. Die Katalepsie

2. Der Stupor

3. Die Hyperkinese

4.

Die Stereotypien

5.

Die Manieren

6.

Der Negativismus

7.

Die Befehlsautomatie und die Echopraxie

8.

Die Automatismen

9.

Die impulsiven Handlungen

S-) Die akuten Syndrome

1.

Melancholische Zustände

2.

Manische Zustände

3.

Katatonische Zustände

4.

Der Wahnsinn

5.

Die Dämmerzustände

6.

Benommenheit

7.

Verwirrtheit, Inkohärenz

8.

Zornanfälle

9.

Gedenktagaufregungen

10. Stupor

11. Delirien

12. Wanderzustände 13. Dipsomanie

II. Abschnitt.

'

Die Untergruppen.

Einleitung

A. Das Paranoid B. Die Katatonie

C. Die Hebephrenie

D. Die einfache demente Form oder Schizophrenia simplex

E. Spezielle Gruppen

a) Periodische

b) Altersgruppen c) Ätiologische Gruppierungen, Haftsyndrome

(l) Gruppierung nach der Intensität der Krankheitserscheinungen

A. Der zeitliche Verlauf

III. Abschnitt.

Der Verlauf.

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XI

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C. Der Ausgang

.

a) Der Tod

b)

Grad der Verblödung. Heilungsmöglichkeit

Z). Die Endzustände

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f^

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Ol K

IV. Abschnitt,

Kombinationen der Schizophrenie mit anderen Psychosen.

a)

Idiotie

b)

Organische Psychosen

c)

Alkoholismus

d)

Manisch-depressives Irresein

e) Epilepsie

f) Hysterie, Neurasthenie, Paranoia

g) Fieberdelirien

V. Abschnitt.

Der Krankheitshegriff

A. Allgemeines

VI. Abschnitt.

Die Diagnose.

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B. Die dif f erential-diagnostische Bedeutung der einzelnen Symptome . 242

C. Die Differentialdiagnose

a) Manisch-depressives Irresein

b) Organische Psychosen

c) Idiotien

et) Paranoia

e)

Epilepsie

f) Alkoholpsychosen

g) Amentia usw

h) Hysterie. Neurasthenie

i) Degeneratives Irresein

k) Basedowpsychose

l) Simulation

VIT. Abschnitt.

Die Torhersage

VIII. Abschnitt,

Häufigkeit und Verbreitung

A. Heredität

^•^i*-.

IX. Abschnitt.

Die Ursachen.

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C. Individuelle Dispositionen und auslösende Ursachen

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XII

X. Abschnitt.

Die Theorie.

1. Kapitel.

Die Theorie der Symptome

A. Die primären Symptome

B. Die sekundären Symptome

a) Die einzelnen Symptome

b) Die Entstehung der sekundären Symptome a) Gedankenablauf. Spaltung

ß) Die A£fektivität

Der Autismus 6) Die Ambivalenz

e) Das Gedächtnis und die Orientierung

0 Der schizophrene Blödsinn

7}) Die Wirklichkeitsfälschungen

1. Die Wahnideen

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2.

Die Sinnestäuschungen

315

3.

Die Gedächtnistäuschungen

317

4.

Die Genese des Inhaltes der Wirklichkeitstäuschungen

317

{•) Die katatonen Symptome

358

1. Allgemeines

358

2.

Stupor

358

3.

Negativismus

358

4.

Motorische Symptome

361

5.

Katatone Komplexsymptome (Automatismen, Manieren, Ste-

reotypien)

364

i) Allgemeine Gesichtspunkte

2. Kapitel.

Die Theorie der Krankheit

Ä. Die Auffassung der Krankheit B. Der Krankheitsprozeß

Literatur

XI. Abschnitt.

Die Therapie

371

372

372

376

380

395

Einleitung.

Historisches.

Die Beobaclitung, daß eine akute Krankheit dauernde Schädigungen des

betroffenen Organes hinterlassen kann, hat auf keinem Gebiete eine so große

Bedeutung bekommen wie in der Psychiatrie. Die „sekundären", unheilbaren

Krankheiten füllen von jeher unsere Irrenanstalten. So wurde es zu einer der

brennendsten Fragen der Psychiatrie, welche akuten Formen in unheilbare

Endzustände übergehen und welche nicht. Alle bis vor kurzem aufgestellten

akuten Formen der „einfachen Psychosen" konnten sowohl heilen als sekundär

werden. Endlich gelang es Kraepelin, bei den Krankheiten ungünstiger Pro- gnose eine Ari::ahl Symptome herauszuheben, die bei anderen Gruppen fehlten.

Die dadurch charakterisierten Psychosen faßte er als Dementia praecox

zusaromen. Immerhin fanden sich auch FäUe mit jenen Symptomen, die an-

scheinend heilten. Es blieb aber die Erkenntnis, daß eine bestimmte

Symptomengruppe die Neigung zur Verblödung anzeigte, während

die akuten Krankheiten, denen diese Symptome fehlten und die

man größtenteils unter dem Namen des manisch-depressiven

Irreseins zusammenfassen konnte, niemals in sekundären Blöd-

sinn ausgehen. Damit war praktisch und theoretisch sehr viel .'gewonnen,

indem doch eine große Anzahl von Fällen ihre sichere Prognose quoad Anfall

und quoad Kesiduärzustand bekam. Durch das Vorhandensein der herausgehobenen Symptomenkomplexe bleibt

die große Gruppe der Dementia praecox als Einheit charakterisiert. K r aep elins

Auffassung findet aber immer noch Widerspruch, indem sich manche, ganz

abgesehen von der Vielgestaltigkeit der äußeren Bilder, nicht mit einem Krank-

heitsbegriff befreunden können, der sich ursprünglich auf den Verlauf zu stützen

schien und doch gut und schlecht ausgehende FäUe in sich schließt.

naueres Zusehen zeigt aber, daß aUe diese FäUe doch viel Gemeinsames haden,

und daß sie sich von den anderen Formen klar abgrenzen, was von keinem der

früher aufgesteUten Krankheitsbilder aus dieser Gruppe gesagt werden kann.

Wenn auch der Ausgang gar nicht immer ein ausgesprochener Blödsinn ist, so

lassen sich doch bei genauem Zusehen in jedem Falle mehr oder minder deutHch

Ein ge-

gemeinsame Residuärerscheinungen finden; neben der Einheit in der

Sympto-

matologie ist also die Einheit des Ausganges gewahrt, wenn auch nicht in bezug

Handbuch der Psychiatrie: üleui er.

2

Schizophrenie.

auf das Quantitative des Prozesses, so doch in bezug auf das Quäle, d. Ii.

die Riclitung, in der der Prozeß fortschreitet. Andere Psychosen haben 'weder

die gleiche Symptomatologie noch den gleichen Ausgang. Umgekehrt weisen

alle die Psychosen, die man bisher als sekundäre zusammenfaßte, die gleichen

Symptomenkomplexe auf. Die Abgrenzung dieser Gruppe ist also bei dem

jetzigen Stande unseres Wissens nicht nur erlaubt, sondern geboten.

Es hat sich ferner herausgestellt, daß auch alle Verblödungsformen, die

ohne ein akutes Stadium mehr oder weniger schleichend auftreten, die näm-

lichen SxTuptome haben und zu keiner Zeit von den „sekundären" Formen

imterschieden werden können. Man mußte also auch diese Krankheiten, die

unter verschiedenen Namen, wie primärer Blödsinn", verblödende Paranoia"

usw., registriert worden waren, hierher zählen.

Alle Bestrebungen, die große Zahl von Fällen und von äußeren Zustands- bildern in distinkte abgrenzbare Untergruppen zu zerlegen, sind bis jetzt er-

folglos geblieben.

So fassen wir unter dem Namen der Dementia praecox oder Schizo-

phrenie eine ganze Gruppe von Krankheiten zusammen, die sich scharf von

allen anderen Formen des Kr aepelin sehen Systems unterscheiden lassen; sie

haben viele gemeinsame Symptome und eine gemeinsame Richtungsprognose;

ihre Zustandsbilder aber können äußerst verschieden sein. Wenn die Auf-

stellung dieses Begriffes auch eine vorläufige ist, insofern als er später wird

aufgelöst werden müssen (etwa in dem Sinne wie die Bakteriologie die Pneu-

monien in verschiedene Infektionen zerlegt hat), so halten wir doch den dadurch

erreichten Fortschritt für noch größer als den der Entdeckung der Paralyse,

die sich auch lange in anderen Krankheitsbildern versteckt hatte; denn die

Dementia praecox-Frage greift viel mehr in die Systematik aller Psychosen ein

als seinerzeit die Paralyseaufstellung; und was an systematischer Unklarheit

jetzt noch übrig bleibt, das bezieht sich nicht mehr auf die Hauptmasse der

vorkommenden Fälle, sondern auf Ausnahmen und auf Krankheiten, die, wie

die Fieberpsychosen, dem Psychiater bis jetzt zu wenig zugänghch waren. Wir haben zum ersten Male Grenzen, über die man sich verständigen kann, und wissen nun auch, wo mit den jetzigen Mitteln Grenzen nicht gezogen werden können.

Die Entwicklung des Begriffes der Dementia praecox ist ein guter

Teil der Entwicklung der theoretischen Psychiatrie überhaupt. Das eine ohne das

andere läßt sich nicht beschreiben. Es ist deshalb an dieser Stelle nicht möghch, eine zusammenhängende Darstellung der Genese des Dementia praecox-Begriffes zu

geben. Es sei auf die Arbeiten E. Arndts und Voisins hingewiesen. Die Wiege

des Begriffes ist die fünfte Auflage von Kraepelins Psychiatrie (1896).

Natürhch hatte man schon längst gewußt, daß ein Teil der akuten Psychosen

heüt und ein anderer Teil chronisch wird. Man hat auch die einfacheren Verblödungen,

die ohne auffallende akute Symptomenkomplexe verlaufen, von jeher beachtet. Schon Es quirol trennte die erworbene oder akzidentelle Idiotie" von der angeborenen.

Er hat auch schon die Stereotypien beachtet. Man wußte ferner früh, daß namenthch

jugendUche

Morel den

Leute von solchen Verblödungsprozessen befallen wrden; deshalb hat Namen der Demence precoce geschaffen. Man fand aber m dem Chaos

aller äußerhch so verschiedenen zur Verblödung führenden Symptomenbilder dio

Einheit nicht. Ein großes Hindernis der vorurteilslosen Erkenntnis war auch der besonders um die Mitte des vorigen Jahrhunderts verbreitete Glaube, daß die Psy-

Einleitung. Historisches.

3

chosen oder die eine Psychose einen bestimmten Verlauf haben müsse, an

dessen Anfang

An

man gewöhnlich ein melancholisches Stadium setzte.

der°letzteren Vorstellung krankten auch die Kahlba umsehen Ideen, die

im übrigen einen wesentlichen Fortschritt bedeuteten. Die klareren Köpfe hatten

natürlich schon vor ihm gewußt, daß die alten Namen wie Melancholie, Tollheit,

Manie, Delirien nur Zustandsbilder bezeichneten. Eigentliche Krankheitsbilder

herauszuheben war man aber außerstande, und so behandelte man meist diese sym-

ptomatologischen Begriffe, wie wenn sie Krankheiten entsprächen. Erst Kahl- baum suchte mit bewußter Konsequenz die Erscheinungsbilder zu Krankheits-

bildern zu ordnen.

Er hat 1863 in seiner ,, Gruppierung der psychischen Krankheiten" auf Zu-

stände wie die Katatonie aufmerksam gemacht, aber erst im Laufe der folgenden

Jahre die Krankheit unter diesem Namen genauer beschrieben und endlich 1874 in einer Monographie fixiert. Die Katatonie durchläuft nach ihm (in Anlehnung

an seine Vesania typica) der Reihe nach die Stadien der Melancholie, der Manie, der

Stupeszenz, der Verwirrtheit und schließlich der Demenz. Jedes einzelne dieser

Stadien konnte aber fehlen, und die Krankheit konnte in jedem derselben (mit Aus-

nahme des letzten) heilen. Sie wurde außerdem, ähnlich wie die Paralyse, charakterisiert

durch eine Anzahl von dem Autor als körperlich angesehener Symptome, die wir

jetzt den katatonen Erscheinungen beizählen.

Seitdem ist der Begriff der Katatonie aus der Literatur nicht mehr ver-

schwunden, wenn er auch viel angefeindet wurde. Er hat sich nur bei einzelnen Autoren

die Anerkennung als Krankheitsbegriff erringen können; die Mehrheit der deutschen

Psychiater lehnte ihn ab aus dem naheliegenden Grunde, daß eben ein typischer

Verlauf im Sinne Kahlbaums eine Ausnahme bildet, und vor allem deshalb, weil

der Begriff nach keiner Seite hin klare Grenzen hatte.

So hat denn auch Kahlbaum selbst die Hebephrenie, die Hecker 1871

auf seine Anregung hin beschrieb, der Katatonie angenähert und dann die ganze Gruppe durch die Beschreibung des Heboids, einer hauptsächlich auf dem Gebiete

des Charakters sich äußernden leichten Form der Hebephrenie, erweitert. Schuele

konnte schon früh die Katatonie eine Hebephrenie mit zugehöriger Spannungs-

neurose" nennen

Im Gegensatze zu Kahlb a um wurden von anderen die verblödenden Psychosen

mit der Entartung (der Familie wie des Individuums) in Zusammenhang gebracht,

nachdem schon Morel die kausale Bedeutung der Heredität hervorgehoben hatte. Defekt angelegte Hirne sollten besonders disponiert sein zu der Krankheit. Etwas später als die Katatonie und die Hebephrenie hat dann die einfache

Verblödung, die oft in der Praxis diagnostiziert, aber wenig beschrieben wurde,

bessere Beachtung gefunden; so von Pick

Som mer (725), der drei Jahre später nicht nur eine gute Beschreibung der katatonen Zustände lieferte, sondern auch die verschiedenen Formen primärer Demenz, in denen die Hebephrenie der anderen eingeschlossen war, schilderte und dabei den

(573), 1891, dann aber besonders von

Begriff in richtiger Weise erweiterte, indem er der primären Demenz die verblödenden

paranoiden Formen angliederte.

Allerdings hat er in seinem System die Katatonie

und diese Verblödungen noch getrennt.

Im Auslande fanden Kahlbaums

Aufstellungen wenig Beachtung. Auch

eingehender beschäftigten

beglas und Chaslin, die sich zuerst mit der Katatonie

kamen zu dem Schlüsse, daß es sich bei dem Symptomenkomplex nicht um°eine

eigenartige Krankheit handle. In England hat man die Sache

noch

im Jahre 1896 hat Kraepelin die „Verblödungspsychosen" in eine

später beachtet.

Gruppe

^zusammengestellt, die er als Stoffwecliselerkrankungcn auffassen zu müssen glaubte.

4

Schizophrenie.

Een wieder aufgenommenen Namen der Dementia praecox gab er zunächst nur den Hebephrenen und primär dementen Formen der anderen Autoren, den der Katatonie

allen Formen mit vorwiegenden katatonen Symptomen, während er unter dem Namen

der Dementia paranoides noch die nicht häufigen Formen von rascher Ausbildung von Halluzinationen und konfusem Wahn bei relativ gut erhaltener äußerer Haltung

und frühem Stillestehen des Prozesses beschrieb. Erst drei Jahre später faßte er

mit dem Namen der Dementia praecox die ganze Verblödungsgruppe zusammen. Die Katatonie behielt ungefähr ihren Umfang; das, was vorher Dementia praecox

genannt war, wurde nun zum größten Teil als Hebephrenie bezeichnet; während

und das ist der wichtigste Schritt als paranoide Formen der Dementia praecox

auch die früher sogenannte Paranoia hallucinatoria oder phantastica in den Begriff

eingezogen wurden.

Seitdem ist der Umfang des Begriffes der Dementia praecox im wesentlichen

gleich geblieben. Eine Entwicklung hat er nur insofern noch erfahren, als Krae peli n

den zunächst stark betonten Ausgang in Verblödung ein wenig hat zurücktreten

lassen, indem er es deutlicher aussprach, daß auch viele Fälle hierher gehören, die

wenigstens praktisch dauernd oder doch für längere Zeit zur Heilung kommen^). Auch

treten jetzt die katatonen Symptome, die eine Zeitlang weniger den Krae peli n-

schen Begriff als die Diskussion beherrschten, gegenüber den Störungen der Asso-

ziationen und der Affektivität etwas in den Hintergrund.

Hand in Hand mit der Schöpfung der Dementia praecox ging die Ausbildung

der übrigen Krankheitsbegriffe, unter denen, wie schon erwähnt, namentlich das manisch-depressive Irresein zu nennen ist. Dadurch erst bekam die Dementia praecox

scharfe Gegensätze und ihre Grenzen wurden nicht mehr einseitig von innen heraus,

sondern auch von außen festgelegt.

Der Name der Krankheit.

Leider konnten wir uns der unangenehmen Aufgabe nicht entziehen, einen

neuen Namen für die Krankheitsgruppe zu schmieden. Der bisherige ist zu unhand- lich. Man kann damit nur die Krankheit benennen, nicht aber die Kranken, und

man kann kein Adjektivum bilden, das die der Krankheit zukommenden Eigen- schaften bezeichnen könnte, wenn auch ein verzweifelter Kollege bereits „präkoxe

Symptome" hat drucken lassen. Eine ausführliche Differentialdiagnostik ohne ein

solches Wort wäre schlimm zu schreiben und noch schlimmer zu lesen.

Es gibt aber noch einen viel wichtigeren, materiellen Grund, warum es mir

unausweichlich schien, neben den bisherigen Namen einen neuen zu stellen: der

alte Name ist gebildet worden zu einer Zeit, da sowohl der Begriff der Dementia

wie der der Präcocitas auf fast alle einbezogenen Fälle anwendbar war. Zu dem

jetzigen Umfang des Krankheitsbegriffes paßt er nicht mehr, denn es handelt sich

weder um lauter Kranke, die man als dement bezeichnen möchte, noch ausschließlich

um frühzeitige Verblödungen.

Man sollte allerdings meinen, die ui-sprüngliche Bedeutung des Namens