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Rauschen 1

CHRISTOF WINDGÄTTER

RAUSCHEN
NIETZSCHE UND DIE MATERIALITÄTEN DER SCHRIFT

Für F. Dauernd und niemals mehr

Szene I, in der ein Mensch getötet und ein Programm vorgestellt wer-
den: Als Zarathustra vierzig Jahre alt war, verließ er die Einsamkeit des Gebirges
und ging in die Stadt, „die an den Wäldern liegt“. Dort fand er „viel Volk ver-
sammelt auf dem Markte: denn es war verheissen worden, dass man einen Seil-
tänzer sehen solle“ (ZA I, Zarathustra’s Vorrede KSA 4, S. 14). Als dieser aber
hoch oben zwischen zwei Türmen, vom Jubeln der Menge ermutigt, mit sei-
nem Schauspiel begann, da geschah etwas, „das jeden Mund stumm und jedes
Auge starr machte“: Ein „bunter Gesell“ nämlich, „einem Possenreisser gleich“,
sprang ebenfalls auf das Seil und
ging mit schnellen Schritten dem ersten nach. „Vorwärts, Lahmfuss“, rief seine
fürchterliche Stimme, „vorwärts Faulthier, Schleichhändler, Bleichgesicht! Dass
ich dich nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Thürmen […].“.
Und mit jedem Wort kam er ihm näher und näher: als er aber noch einen Schritt
hinter ihm war, da […] stiess er ein Geschrei aus wie ein Teufel und sprang über
den hinweg, der ihm im Wege war. Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler
siegen sah, verlor dabei den Kopf und das Seil; er warf seine Stange weg und
schoss schneller als diese, wie ein Wirbel von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der
Markt und das Volk glich dem Meere, wenn der Sturm hineinfährt: alles floh aus-
einander und übereinander, und am meisten dort, wo der Körper niederschlagen
musste. (ZA I, Zarathustra’s Vorrede 6, KSA 4, S. 21)

Der Seiltänzer also stürzt; sein Übergang findet nicht statt; er kann die Ent-
fernung zwischen den Türmen nicht überwinden, denn ein Störenfried tritt auf,
ein Spielverderber und Schreihals, durch den er nicht nur sein Leben verliert,
sondern der darüber hinaus auch bei den Zuschauern, den Bewohnern und Bür-
gern der Stadt, für blankes Entsetzen sorgt.
An diesem Szenario ließe sich einiges aufzeigen: zum Beispiel, dass seine
Anordnung als Frage nach dem Funktionieren von ‚Sprache‘ gelesen werden
kann; zum Beispiel, dass sich auf diese Weise eine Entwertung ihrer klassischen
Mitteilungs- und Vermittlungsaufgaben ergibt; zum Beispiel, dass dann die Her-
vorbringung gesprochener oder auch geschriebener Worte von deren Unter-
2 Christof Windgätter

brechungen aus analysiert werden muss, da sie jeweils einen positiven, sie posi-
tivierenden Bezug haben zu Störungen, Sprüngen und sogar dem Tod.1 Als ein
Ergebnis dieses Szenarios jedenfalls lässt sich festhalten, dass Nietzsche klassi-
sche (= kommunikations-, konsens- und erfolgszentrierte) Auffassungen von
‚Sprache‘ verwirft, um stattdessen Kategorien vorzuschlagen, die ihre Existenz
als Differenz-Medium in den Vordergrund rücken; als da sind: die Macht eines
bunten Gesellen, der wirbelnde und schließlich zerbrechende Körper des Seiltän-
zers sowie jenes Rauschen, das entsteht, wenn das Volk wie ein stürmisch beweg-
tes Meer auseinander läuft.

Szene II, in der ein Gerät geliefert und Experimente gemacht werden:
Die Druckvorlage des ersten Zarathustra-Bandes hatte Nietzsche (selbst- und
handgeschrieben) von Genua aus am 14. Februar 1883 an seinen Verleger Ernst
Schmeitzner in Chemnitz geschickt. Nach einiger Verzögerung erscheint das
Buch in der letzten Augustwoche desselben Jahres: 1000 Exemplare zu je 3,30
Mark. Nietzsches Honorar beträgt 300 Mark.2 Dabei sind Abschluss und Druck
dieses Buches nicht die einzigen Ereignisse, auf die es sich während seines Ge-
nua-Aufenthaltes zu beziehen lohnt. Nur ein knappes Jahr zuvor nämlich kam es
ebendort auch zu jener inzwischen längst berühmt gewordenen Anschaffung der
Schreibmaschine.3 Zwar hatte Nietzsche, von extremer Kurzsichtigkeit und star-
ken Kopfschmerzen geplagt,4 schon im August 1879, nur wenige Monate nach

1 Zur detaillierten Analyse dieser Marktplatz- bzw. Seiltänzerszene unter ‚sprach‘-theoretischen


Vorzeichen (und also im Unterschied zu philosophischen Interpretationen etwa bei Pieper,
Annemarie: „Ein Seil geknüpft zwischen Tier und Übermensch“. Philosophische Erläuterungen
zu Nietzsches erstem „Zarathustra“. Stuttgart 1990) vgl. Windgätter, Christof: Zarathustras Vor-
rede und die Frage nach der ‚Sprache‘. In: Ästhetik & Kommunikation 31 (2000), Heft 110.
S. 89 – 97.
2 Vgl. Kommentar zu den Bänden 1– 13, KSA 14, S. 279 f., sowie Janz, Curt Paul: Friedrich Nietz-
sche. Biographie. 3 Bde. München, Wien 1978. Bd. 2, S. 177 f.
3 Vgl. dazu Kittler, Friedrich: nietzsche, der mechanisierte philosoph. In: kultuRRrevolution. zeit-
schrift für angewandte diskurstheorie 9 (1985). S. 25 – 29; Ders.: Aufschreibesysteme
1800– 1900. München 1985; Ders.: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin 1986, sowie im An-
schluss daran Stingelin, Martin: Kugeläußerungen. Nietzsches Spiel auf der Schreibmaschine.
In: Gumbrecht, Hans Ulrich/Pfeiffer, K. Ludwig (Hg.): Materialität der Kommunikation.
Frankfurt a. M. 1995. S. 326 – 341.
4 Nietzsches Augenleiden und Migräne rekonstruiert in aller Ausführlichkeit Volz, Pia Daniela:
Nietzsche im Labyrinth seiner Krankheit. Eine medizinisch-biographische Untersuchung.
Würzburg 1990. Auf Grundlage der überlieferten Pathographien und nach Umrechnung der da-
mals üblichen Zoll auf das heutige Metermaß diagnostiziert sie eine „Myopie […] zwischen –13
und –20 Dioptrieen“ (in den 80er Jahren) sowie eine „‚ophthalmische‘ Migräne mit Aura-Phä-
nomen“ (in Nietzsches Fall „sog. Flimmerskotome“). Als mögliche, jedoch umstrittene Ursa-
chen werden in den Krankenberichten „Vererbung“, eine „Chorio-retinitis centralis“ (Ader- und
Netzhaut-Entzündung), ausgelöst entweder durch „chronische Nierenentzündungen“ oder
durch „Syphilis“, aber auch eine „glaukomatöse Erkrankung“ (Grüner Star) genannt. Ebd.,
S. 92 f., 102f., 106. Entsprechend unterschiedlich waren auch die Therapieversuche der konsul-
tierten und teilweise konkurrierenden Ärzte: sie reichten vom „Atropinisieren der Augen“ (de-
Rauschen 3

Niederlegung der Basler Professur (vgl. u.a. den Brief an Carl Burckhardt, 2. Mai
1879, KSB 5, Nr. 846), über die Mechanisierung seines Schreibens nachgedacht,
aber erst am 4. Februar 1882 ist es soweit. Nachdem seine Schwester Elisabeth
die Rechnung übernimmt und sein Freund Paul Rée den Transport,5 kommt
das neue Arbeitsgerät in Genua an: eine Malling-Hansen-Skrivekugle; benannt nach
ihrem dänischen Erfinder, der sie 1867 für Blinde konstruiert und schon kurz
darauf zur allgemeinen Serienreife entwickelt hat.6 „Also diese will ich (nicht
die amerikanische [= Remington], die zu schwer ist.)“ (Brief an die Schwester,
5. Dezember 1881, KSB 6, Nr. 175).7 Nietzsches Entscheidung fällt unmissver-
ständlich. Als „heimatloser“ Philosoph (Nachlass 1886, KSA 12, 2[196]) und
„S ieb e n a ch t e l - B lind er“ (Brief an Rée, September 1879, KSB 5, Nr. 879), wie
er sich selbst beschreibt,8 kommt nur das kompakte Reisemodell aus Kopenha-
gen in Frage: „8 Zoll lang, 6 Pfund schwer“ (Postkarte an die Schwester, 21. Au-
gust 1881, KSB 6, Nr. 141).
Ein Experiment beginnt: Ausgerüstet mit 54 konzentrisch angeordneten
Typenstangen (noch keinen Typenhebeln), tippt Nietzsche nunmehr serifenlose
Antiqua-Großbuchstaben (samt einiger Zusatzzeichen) auf zylindrisch einge-
spannte Blätter im Oktavformat (13,5 × 21 cm). Oder: Noch bevor aus ihm jener
Philosoph mit dem Hammer geworden ist, kannte er bereits das Hämmern der Schreib-
maschine. Tasten schlagen Lettern aufs Papier und lassen dadurch nicht nur sein
eigenes „Krikelkrakel“ (Brief an Köselitz, Ende August 1881, KSB 6, Nr. 143),9

ren „Ruhigstellung“ durch Einträufeln von „Solanee Atropa Belladonna“ = Tollkirsche) über
das „Ansetzen von Blutegeln“, die Verordnung einer „Kaliumjodid Salbe“ bis zur „Galvanisie-
rung“ (Elektrotherapie). Ebd., S. 94, 105, 109, 104f.
5 Vgl. Briefe an die Schwester, 30. Januar 1882, KSB 6, Nr. 193, bzw. 4. Dezember 1881, KSB 6,
Nr. 173.
6 Zu Einzelheiten vgl. die üblichen Schreibmaschinengeschichten (etwa Martin, Ernst: Die
Schreibmaschine und ihre Entwicklungsgeschichte. Pappenheim 1949; Ulrich, Gerhard: Kleine
Entwicklungsgeschichte der Schreibmaschine. Leipzig 1953, bzw. Dingwerth, Leonhard: Histo-
rische Schreibmaschinen. Faszination der alten Technik. Delbrück 1993); außerdem Kittler:
nietzsche, a. a. O., S. 25 ff.; Ders.: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 241 ff.; Ders.: Typewriter, a. a. O.,
S. 293 ff.
7 „Die Schreibmaschine ist eine Nothwendigkeit geworden, ich habe den Auftrag dafür gegeben,
meine Schwester war deshalb in Leipzig und hat dort eine solche arbeiten sehen.“ (Postkarte an
Franz Overbeck, 6. Dezember 1881, KSB 6, Nr. 176).
8 Außerdem His, Eduard: Friedrich Nietzsches Heimatlosigkeit. In: Basler Zeitschrift für Ge-
schichte und Altertumskunde 1941. S. 159 – 187, als Reprint wieder aufgelegt in: Beiträge zu
Friedrich Nietzsche, hg. von David Marc Hoffmann, Bd. 5. Basel 2002, sowie (über Nietzsches
Erblindungsstadien) Stingelin, Martin: „Unsere ganze Philosophie ist Berichtigung des Sprach-
gebrauchs“. Friedrich Nietzsches Lichtenberg-Rezeption im Spannungsfeld zwischen Sprach-
kritik (Rhetorik) und historischer Kritik (Genealogie). München 1996, S. 139f.
9 Die editionsphilologischen Probleme dieses Medienwechsels erläutern Groddeck, Wolfram/Kohlen-
bach, Michael: Zwischenüberlegungen zur Edition von Nietzsches Nachlaß. In: Text. Kritische
Beiträge, Heft 1, Text-Kritik. Basel 1995. S. 21 – 39, S. 30 f. (bzw. Haase, Marie-Luise/Kohlen-
bach, Michael: Editorische Vorbemerkung – Hinweise zur Benutzung. In: Der handschriftliche
Nachlass, ab Frühjahr 1885, KGW IX/1. S. XV–XXI, S. XV): Wir möchten „sie daran erinnern,
4 Christof Windgätter

sondern zugleich eine „ganze metaphysik der handschrift“10 historisch werden.


Kein „männlicher griffel“ mehr, mit dem Autoren das „weiße blatt einer natur
oder jungfräulichkeit“ beschriften, und auch kein „kontinuierlich-kohärenter
tintenfluß“ als das „materielle substrat bürgerlicher individualität.“11 Stattdessen
eine Maschinenschrift, die Buchstaben, Zahlen und Zeichen ebenso diskret
anschlagen und setzen lässt, wie sie durch Anonymität den Charakter und das
Geschlecht ihrer Benutzer im Verborgenen hält.12 Tippen, mit anderen Worten,
ersetzt die noch von Hegel gerühmtem „e i n fa ch e n Z ü g e der Hand […] als die
individuelle Bestimmtheit der Sprache“13 und versetzt jeden Text in ein Typo-
gramm von Differenzen.
Genauso, wie man anerkennen muss, dass durchs Maschinenschreiben zum
ersten Mal seit Gutenberg das Schriftbild von Büchern auch außerhalb von Dru-
ckereien (in Ämtern, Büros oder zu Hause) herstellbar wird,14 dass also Schrei-
ben und Drucken fortan durch dieselben zwei Hände erfolgen kann.

daß die Handschrift eines Menschen generelle, aber auch ereignishafte Merkmale [sog. „grapho-
morphologische Singularitäten“] besitzt, die von der drucktechnischen Reproduktion vollstän-
dig gelöscht werden [Verunreinigungen oder Zerstörungen des Papiers gar nicht zu erwähnen].
[…] Was an einem Manuskript individuell ist, wird im Druck „typisiert“.“ Zum Beispiel: „Die
Verteilung des Textquantums in der Zeile und auf der Seite, die Blattgestaltung, der mal penible,
mal fahrige Schriftduktus, die Größe der Buchstaben, die Abhängigkeit der Schriftfigur vom je-
weiligen Schreibgerät, von der jeweiligen Aufschreibefläche, die wechselnde Tendenz zwischen
eugraphischer und kalligraphischer Realisation.“
10 Kittler: nietzsche, a. a. O., S. 25.
11 Ebd., S. 25.
12 Konsequenterweise kommt die zumindest erste Auflage der ersten vollständigen Edition von
Nietzsches Schreibmaschinentexten (als Faksimiles und mit kritischem Kommentar) ohne Au-
tornamen auf ihrer Titelseite aus: Vgl. Günzel, Stephan/Schmidt-Grépály, Rüdiger (Hg.):
Schreibmaschinentexte. Weimar 2002.
13 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes (1807), hg. von Hans-Friedrich
Wessels und Heinrich Clairmont. Hamburg 1988. S. 211. Folglich ist, was dann der Nietzsche-Le-
ser Heidegger, Martin: Parmenides (1942f.). In: Ders.: Gesamtausgabe. II. Abteilung: Vorlesungen
1923–1944. Bd. 54. Frankfurt a. M. 1982. S. 125ff., 119, bzw. Ders.: Einleitung in die Philosophie.
Dichten und Denken (1944/45). In: Ders.: Gesamtausgabe. II. Abteilung: Vorlesungen
1919–1944. Bd. 50. Frankfurt a. M. 1990, S. 137f. über die Schreibmaschine schreibt, treffend und
verfehlt zugleich: Treffend, indem er ihre Verbreitung als „Einbruch des Mechanismus in den Be-
reich des Wortes“ darstellt, der erstens den „Charakter [des Schreibers] verbirgt“, weil durch ihn
zweitens „der Zug der Schrift verschwindet“: „In der Maschinenschrift sehen alle Menschen gleich
aus.“ Verfehlt aber ist seine Analyse insofern, als er nicht nur zu glauben scheint, mit der Maschine
werde „die Schrift ihrem Wesensursprung, d.h. der Hand, entzogen“, sondern auch, dass dies „ein
Hauptgrund für die zunehmende Zerstörung des Wortes“ sei. Es ist aber weder zwingend, den
Wechsel von der Hand- zur Maschinenschrift als Verfallsgeschichte zu begreifen, noch plausibel,
warum Tippen keine manuelle Tätigkeit mehr sein soll. Vgl. dazu auch Derrida, Jacques: De la
Grammatologie. Paris 1967. S. 408: „La machine à imprimerie n’a pas encore libéré l’organisation
de la surface de son asservissement immédiat au geste manuel, à l’outil d’écriture.“
14 „The typewriter“, schreibt McLuhan, Herbert Marshall: Understanding Media. The Extensions
of man [1964]. London 1995. S. 262, 260, „carried the Gutenberg technology into every nook
and cranny of our culture and economy“ bzw.: „The typewriter fuses composition and publica-
tion, causing an entirely new attitude to the written and printed word.“
Rauschen 5

Allerdings, für Nietzsche selber dauert das „SÄTZE DRÜCKEN“15 gerade


mal sieben Wochen. Sein letztes datierbares Typoskript ist ein Brief an Köselitz
vom 24. März 1882 (KSB 6, Nr. 217). Dann streikt die Mechanik der Malling-
Hansen und vor allem
ist jedesmal der Farbstreifen auch f e u c h t und k l e b r i g , so daß jeder Buchstabe
hängen bleibt und die Schrift g a r n i c h t zu sehen ist. Überhaupt!! (Postkarte an
Elisabeth Nietzsche, 27. März 1882, KSB 6, Nr. 218)
Schon um diese Zeilen an seine Schwester in Naumburg zu schreiben, musste
der Ex-Professor wiederum zu seinen Kurrentschrift-Federn greifen.16 Zweifel-
los eine herbe Enttäuschung – die gerade deshalb nicht ohne Konsequenzen ge-
blieben ist; stehen doch das Finale der Seiltänzerszene auf dem Marktplatz und
das Genueser Maschinenexperiment in mehr als nur einem zeitlich-geographi-
schen Zusammenhang. These: Nietzsches Zarathustra-Frage nach dem Funktio-
nieren und den Leistungen von ‚Sprache‘ kann als theoretische Reaktion auf die
Erfahrung mit dem bis dato unbekannten Schreibgerät begriffen werden; soll hei-
ßen, jener Sturz des Seiltänzers, der Verlust von Kopf und Seil beim Versuch sei-
nes Übergangs, thematisiert eine Diskontinuität, die sich durch Mechanisierung
in der Geschichte des Schreibens ereignet hat. Die folgenden Absätze jedenfalls
werden genau davon aus- und weitergehen: Im Wechsel und in der Differenz von der
Feder zur Maschine zur Feder erneuern17 sich Nietzsches Perspektiven auf Schrift.
Noch anders ausgedrückt: Indem jene Zarathustra-Szene von der Macht des
Possenreißers aus zum Körper und zum Rauschen führt, zeigt Nietzsche seine
Wendung auch zur Medientheorie18 – deren Bestimmungswort aber nicht buchstäb-

15 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 18. Der (mate-


rialen) Genauigkeit wegen und auch, weil Nietzsches Typoskripte in der Kritischen Studien- sowie
Werkausgabe bisher nicht vollständig veröffentlicht sind, werden sie hier entsprechend der o. g.
Faksimile-Edition zitiert. Dabei gilt: Mit > wird die Übereinandersetzung zweier Buchstaben
markiert, mit \Text\ etwaige Einfügungsschlaufen, mit [-] unlesbare Zeichen, mit [ ~ Text] al-
ternative, weil unentscheidbare Lesweisen und mit Text bzw. ! " Nietzsches handschriftliche
Durchstreichungen bzw. Korrekturen: Bleistift oder Tinte.
16 Dazu mehr in Abschnitt 5.
17 In seiner Basler Vorlesung Geschichte der griechischen Beredsamkeit vom Wintersemester 1872/73
hielt Nietzsche das „Schreibenkönnen“ noch für ein „abgeblaßtes Bild“ der „mündlichen Rede“
(KGW II/4, S. 368) – und ist also Komplize des ebenso traditionellen wie von Derrida: Gram-
matologie, a. a. O., S. 23, 11, auf den Begriff gebrachten „phonocentrisme“ mitsamt seiner
„métaphysique de l’écriture phonétique“.
18 Wohl sind die Begriffe ‚Macht‘ und ‚Körper‘ (bzw. ‚Leib‘) in der Nietzsche-Forschung immer
schon diskutiert worden – u.a. bei Müller-Lauter, Wolfgang: Der Organismus als innerer Kampf.
Der Einfluß von Wilhelm Roux auf Friedrich Nietzsche. In: Nietzsche-Studien 7 (1978).
S. 189–223; Blondel, Eric: Nietzsche, le corps et la culture. La philosophie comme généalogie phi-
lologique. Paris 1986; Thumfart, Stefan: Der Leib in Nietzsches Zarathustra. Frankfurt a. M. 1995;
Gerhardt, Volker: Vom Willen zur Macht. Anthropologie und Metaphysik der Macht am exempla-
rischen Fall Friedrich Nietzsches. Berlin 1996 (MTNF 34); Ders.: Die „große Vernunft“ des Lei-
bes. Ein Versuch über Zarathustras vierte Rede. In: Ders. (Hg.): Friedrich Nietzsche. Also sprach
6 Christof Windgätter

lich = lateinisch gelesen: als Mitte zwischen Subjekten oder Mittel ihrer Verständi-
gung, vielmehr in einer Weise, dass nun am Material z.B. seiner Bücher, Texte und
Fragmente die Materialitäten ihrer Herstellung und Ausstattung in den Blick gera-
ten.19 Letztere nämlich, und das gilt hier als Ausgangsthese, sind prägend für alles,
was mit ihnen geäußert werden kann. Aus dem Sinnlosen also ergeben sich die
Un/Möglichkeiten des Sinns; oder: An seinem Wie und Womit entsteht und zerfällt
jedes Was, denn „[i]n Wahrheit ist der M!ittler" n i ch t uneigennützig“ (Nachlass
1879, KSA 8, 41[58]). Ein Diktum, das durch den Zusammenhang zwischen Seil-
tänzerfinale und Maschinenexperiment zunächst dreierlei Leseweisen erlaubt: eine
physiologische, eine ästhetische und eine technische: bezogen auf den Leib des
Schreibers, das Corpus der Schrift und die Mechanik ihrer Schreibgeräte. So stellen sie Mit-
spieler in jenem Ensemble dar, das nach Rüdiger Campe die „Schreibszene, Schrei-
ben“20 genannt werden kann: freilich im Augenblick ihres Umbruchs.

1. Am Leitfaden des Leibes gelangt Nietzsche zu einer Pragmatik des


Schreibens: „Gesetzt, daß „die S eele“ ein anziehender und geheimnißvoller Ge-
danke war, von dem sich die Philosophen mit Recht nur widerstrebend getrennt
haben – vielleicht ist das, was sie nunmehr dagegen einzutauschen lernen, noch an-
ziehender, noch geheimnißvoller. Der menschliche Leib“; er ist „ein erstaunliche-
rer Gedanke als die alte „Seele““ (Nachlass 1885, KSA 11, 36[35]).21 In den 80er

Zarathustra. Berlin 2000; Haberkamp, Günter: Triebgeschehen und Wille zur Macht. Nietzsche
zwischen Philosophie und Psychologie. Würzburg 2000 – der Versuch aber, sie wie hier in eine
explizit medientheoretische Perspektive einzurücken, ist m. W. noch nicht unternommen worden.
19 – was eine Abwendung nicht nur von kommunikationszentrierten, sondern auch von sprachphi-
losophischen Erwägungen impliziert, die ohnehin und zumeist (wie etwa bei Lacoue-Labarthe,
Philippe/Nancy, Jean-Luc: Friedrich Nietzsche. Rhétorique et langage. In: Poétique, Nr. 5. Paris
1971; Kofman, Sarah: Nietzsche et la métaphore. Paris 1972; de Man, Paul: Allegories of Reading.
Figural Language in Rousseau, Nietzsche, Rilke, and Proust. New Haven, London 1979; Simon,
Josef: Sprache und Sprachkritik bei Nietzsche. In: Lutz-Bachmann, Matthias (Hg.): Über Friedrich
Nietzsche. Eine Einführung in seine Philosophie. Frankfurt a. M. 1985; Crawford, Claudia: The
Beginnings of Nietzsche’s Theory of Language. Berlin, New York 1988, oder Kopperschmidt,
Josef: Nietzsches Entdeckung der Rhetorik oder Rhetorik im Dienste der Kritik der unreinen
Vernunft. In: Ders./Schanze, Helmut (Hg.): Nietzsche oder „Die Sprache ist Rhetorik“. München
1994) um Nietzsches (frühe) Begriffe der Rhetorik, der Metapher und der Beredsamkeit kreisen.
Vgl. Vorlesungen über lateinische Grammatik (= KGW II/2, S. 183–310), Geschichte der griechischen Be-
redsamkeit (= KGW II/4, S. 363–411), !Darstellung der antiken Rhetorik" (= KGW II/4, S. 413–502)
sowie der Essay Ueber Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne (= WL, KSA 1, S. 873–890).
20 Campe, Rüdiger: Die Schreibszene. Schreiben. In: Gumbrecht, Hans Ulrich/Pfeiffer, K. Ludwig
(Hg.): Paradoxien, Dissonanzen, Zusammenbrüche. Situationen offener Epistemologie. Frank-
furt a. M. 1991. S. 759 – 772, S. 759 f.
21 Außerdem: „Wir halten es für eine Voreiligkeit, daß gerade das menschliche Bewußtsein so lange
als die höchste Stufe der organischen Entwicklung und als das erstaunlichste aller irdischen
Dinge, ja gleichsam als deren Blüte und Ziel angesehen wurde. Das Erstaunlichere ist vielmehr
der L e i b: man kann es nicht zu Ende bewundern, wie der menschliche L e ib möglich geworden
ist […].“ (KSA 11, 37[4]).
Rauschen 7

Jahren des 19. Jahrhunderts musste dies ein Affront gegen die Verherrlichung
des sokratischen Selbstbewusstseins nicht weniger als gegen Kants Gerichtshof
der Vernunft oder Hegels idealistische Dialektik gewesen sein: In jedem Fall der
Versuch, den Logozentrismus22 der Tradition nicht nur um sein vergessenes, ver-
nachlässigtes, übergangenes Anderes zu ergänzen, sondern es positiv: als „L e it-
fad e n“ (KSA 11, 36[35])23 der eigenen Theorie zu etablieren. Bereits Zarathus-
tras Rede an die „Verä cht er d es L eibes“ lässt daran keinen Zweifel:
„Leib bin ich und Seele“ – so redet das Kind. Und warum sollte man nicht wie die
Kinder reden? / Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar,
und nichts ausserdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe. (ZA I,
Von den Verächtern des Leibes, KSA 4, S. 39)
Inwiefern ein Etwas? Dazu Nietzsches Antwort in Notizen von 1883: „Das
Geistige ist als Zeichensprache des Leibes festzuhalten!“ (Nachlass 1883, KSA
10, 7[126])24 Soll heißen: Unser Denken denkt, was die verschiedenen Organe
ihm jeweils aufgegeben haben. Und also: „[W]ir müssen die Rangordnung um-
drehen: alles Bewußte ist nur das Z wei t -W ich tig e.“ (Ebd.) Mit der Konse-
quenz, dass dann der Geist zur „kleinen“, der Leib aber zur „grossen Vernunft“
werden wird: ein „mächtiger Gebieter“, an dem sich unser „„Ich““ (dieses
ebenso „stolze“ wie „eitle“ Wort) zu einem „Werk- und Spielzeug“ relativiert
(ZA I, Von den Verächtern des Leibes, KSA 4, S. 39 f.). „Es ist mehr Vernunft in
deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit“ (ebd.), spricht Zarathustra, der auch
deshalb als Gewährsmann dafür gelten kann, eine Theorie des Schreibens mit der
Physiologie statt mit den Geisteswissenschaften zu verkoppeln.25

22 Zu Begriff und Analyse vgl. Derrida: Grammatologie, a. a. O., S. 11 ff.


23 „Erst jetzt, wo man auch über alle geistigen Vorgänge sich am Leitfaden des Leibes zu unterrich-
ten sucht […], kommt man von der Stelle.“ (Nachlass 1884, KSA 11, 26[374]).
24 Zu Nietzsches Zeichenphilosophie vgl. u.a. Stegmaier, Werner: Nietzsches Zeichen. In: Nietz-
sche Studien 29 (2000). S. 41 –69, bzw. Ders.: Nietzsches Lehren, Nietzsches Zeichen. In: Nietz-
sche, Zeitenwende – Wertewende. Nietzscheforschung, Sonderband I, hg. von Renate Reschke.
Berlin 2001. S. 77 – 96.
25 Bereits 1868 plante Nietzsche eine „Doktordissertation“ über den „„Begriff des Organischen
seit Kant“ halb philosophisch, halb naturwissenschaftlich. […] Also, lieber Freund, lassen wir
fürderhin das philosophische « unserer Briefe bei Seite“ (an Paul Deussen, Ende April/
Anfang Mai 1868, KSB 2, Nr. 568, S. 269). Die Arbeit wurde allerdings nie ausgeführt. Ebenso
wenig wie die Absicht, nach der Niederlegung seiner Basler Professur in Wien oder Paris Natur-
wissenschaften zu studieren (vgl. u.a. Brief an Heinrich Köselitz, 19. Juli 1882, KSB 6, Nr. 244;
Briefentwurf an Malwida von Meysenbug, 13. Juli 1882, KSB 6, Nr. 264; Brief an Ernst
Schmeitzner, Anfang September 1882, KSB 6, Nr. 296). Nietzsche blieb vielmehr auf diesem
Gebiet sein Leben lang ein Amateur: „Im Vertrauen gesagt: das Wenige, was ich mit den Augen
arbeiten kann, gehört jetzt fast ausschließlich physiologischen und medizinischen Studien (ich
bin so schlecht unterrichtet! – und muß so Vieles wirklich w issen!)“ (Brief an Overbeck,
20./21. August 1881, KSB 6, Nr. 139). Nicht anders noch 1888: „Antike Metriker mit Akribie
und schlechten Augen durchkriechen – dahin war es mit mir gekommen! – Ich sah mit Erbar-
men mich ganz mager, ganz abgehungert: die Realitäten fehlten geradezu innerhalb meines Wis-
8 Christof Windgätter

So führt Aufwertung des Leibes zu einem Paradigmenwechsel: systemisch


und genealogisch zugleich, denn nicht nur nimmt Nietzsche die diesbezüglichen
Forschungen seiner Zeit zur Kenntnis, indem er Texte von Lange, Roux, Fosters,
Helmholtz oder Féré konsultiert,26 sondern stellt daran anschließend auch fest,
der Geist sei im Verhältnis zum Leib erstens das „ärmere“, weil zweitens „das
letzt-entstandene Organ“ (Nachlass 1883, KSA 10, 7[126]).27 Er nämlich, der
Geist, hatte „ungeheure Zeiten hindurch […] glücklicherweise wenig Kraft, den
Menschen zu bestimmen“ (Nachlass 1881, KSA 9, 11[243]); seine Entstehungs-
geschichte zeigt ihn vielmehr als ein „Hülfsorgan […] im Dienste der
organischen Triebe“, das sich nur „langsam zur Gleichberechtigung mit ihnen
emancipiren“ konnte und erst „spät, ganz spät zum Übergewicht“ gelangt
(ebd.).
Noch allgemeiner formuliert: „[E]s handelt sich vielleicht bei der ganzen
Entwicklung des Geistes um den Leib.“ (Nachlass 1883/84, KSA 10, 24[16],
S. 655)28 Eine „Diagnose“ ( JGB 208, KSA 5, S. 139), die auch im Ecce homo
bestätigt wird: „Das tempo des Stoffwechsels steht in einem genauen Verhältnis
zur Beweglichkeit oder Lahmheit der Füsse des Geistes; der „Geist“ selbst ist ja
nur eine Art dieses Stoffwechsels.“ (EH, Warum ich so klug bin 2, KSA 6,
S. 282)29

sens und die „Idealitäten“ taugten den Teufel was! – Ein geradezu brennender Durst ergriff
mich: von da an habe ich in der That nichts mehr getrieben als Physiologie, Medizin und Natur-
wissenschaften […].“ (EH, MA 3, KSA 6, S. 325). Vgl. dazu auch Gödde, Günter: Traditions-
linien des „Unbewußten“. Schopenhauer – Nietzsche – Freud. Tübingen 1999. S. 552 ff.
26 Zur Auflistung der Physiologie-Bände in Nietzsches Bibliothek vgl. Mittasch, Alwin: Friedrich
Nietzsche als Naturphilosoph. Stuttgart 1952, S. 365 ff. Eine ebenso detaillierte wie exemplari-
sche Quellenkritik liefern Müller-Lauter: Organismus, a. a. O., bzw. Lampl, Hans Erich: Ex obli-
vione: Das Féré-Palimpsest. Noten zur Beziehung Friedrich Nietzsche – Charles Féré
(1857– 1907). In: Nietzsche-Studien 15 (1986). S. 225 – 264, der konstatiert, „ab der 2. Hälfte von
KSA 12“ reichen die einmontierten „Voll-, Teil- und Paraexzerpte [aus Féré] […] ins Hundert-
fache“. Ebd., S. 234, 228, 235. Auch ist zu vermuten, dass Nietzsche einen Großteil seiner Phy-
siologie-Kenntnisse aus der von Théodule Ribot herausgegebenen Revue philosophique de la France
et de l’étranger bezogen hat. Vgl. Nietzsches Brief an Rée, KSB 5, Nr. 643, sowie Lampl: Ex obli-
vione, a. a. O., S. 230, 242, und Stingelin, Martin: Friedrich Nietzsches Psychophysiologie der
Philosophie. In: Dierig, Sven/Schmidgen, Henning (Hg.): Physiologie und physiologische Prak-
tiken im 19. Jahrhundert. Berlin 1999. S. 33 – 43, S. 42.
27 „Das Phänomen des L e ib e s ist das reichere, deutlichere, faßbarere Phänomen: […] wie viele
Systeme da zugleich arbeiten, wie viel für einander und gegen einander gethan wird, wie viel
Feinheit in der Ausgleichung usw. da ist“ (Nachlass 1886, KSA 12, 5[56]; KSA 10, 7[126]).
28 „Alle unsere Religionen und Philosophien sind S y m p t o m e unseres leiblichen Befindens […].“
(Nachlass 1884, KSA 11, 25[407]).
29 Zu Nietzsches Genealogie als „attività diagnostica“ vgl. Foucault, Michel: Conversazioni con
Michel Foucault. In: Caruso, Paolo: Conversazioni con Claude Lévi-Strauss, Michel Foucault,
Jacques Lacan. Milano 1969. S. 91 – 131, S. 103, 116, sowie Ders.: Nietzsche, la généalogie, l’his-
toire [1971]. In: Dits et écrits. Vol. II: 1970– 1975. Paris 1994. S. 136 – 156, S. 140, 149.
Rauschen 9

Nimmt man diesen Wechsel sowohl der Referenzwissenschaft als auch der
begrifflichen Hierarchien bei Nietzsche ernst, wären freilich für jedwede Geis-
tes-Bildung nicht so sehr Auswahl und Ausmaß ihrer Lektüre verantwortlich, als
vielmehr die „Coordination physiologischer Kräfte“ (Nachlass 1888, KSA 13,
14[179]); dann würden Curricula an Schulen und Universitäten nicht länger die
„s o g e n a n n t e k l as s is che E rz i ehun g“ (M 195, KSA 3, S. 168) mitsamt „die-
ser Komödie der deutschen Arbeit“ (BA II, KSA 1, S. 680) in ihren Mittelpunkt
stellen, sondern ganz im Gegenteil, sie würden das Lernen mit der „Lehre vom
Leibe“ beginnen lassen (M 202, KSA 3, S. 178): welche Krankheiten er kennt
und welche Gesundheiten, wie er sich bewegt und wann er sich erholt, woraus
seine Mahlzeiten bestehen und mit wem er verkehrt. Hier nämlich „liegt das
grosse Missverständnis der deutschen Bildung, die ganz illusorisch ist […]: man
muss den L e i b zuerst überreden“ (GD, Streifzüge 47, KSA 6, S. 149)30 – auch
und gerade reformierten Lehranstalten zum Trotz; geht doch die „Verkleidung
physiologischer Bedürfnisse unter die Mäntel des Objektiven, Ideellen, Rein-
Geistigen bis zum Erschrecken weit“ (FW Vorrede, KSA 3, S. 348). Mit anderen
Worten: Statt weiterhin an preußische Philosophie-Beamte und ihre „deducir-
ten“ Bildungspläne zu glauben, stellt Nietzsche die Frage nach den intellektuel-
len Fähigkeiten des Menschen als Frage nach seinen leiblichen Gewohnheiten;31
oder: Wie wir was denken, hält er für abhängig davon, wo wir wie leben.
Es ist entscheidend über das Loos von Volk und Menschheit, dass man die Cultur
an der r e c h t e n S t e l l e beginnt – n i c h t an der „Seele“ (wie es der verhängniss-
volle Aberglaube der Priester und Halb-Priester war): die rechte Stelle ist der Leib,
die Gebärde, die Diät, die Physiologie, der R e s t folgt daraus … (GD, Streifzüge
47, KSA 6, S. 149)
Nicht anders Nietzsches Formulierungen in der Morgenröthe:
Pfui über die Mahlzeiten, welche jetzt die Menschen machen, in den Gasthäusern
sowohl als überall, wo die wohlbestellte Classe der Gesellschaft lebt! […] Pfui,
welche Träume müssen ihnen kommen! Pfui, welche Künste und Bücher werden
der Nachtisch solcher Mahlzeiten sein! (M 203, KSA 3, S. 179)

30 „Man frage sich nur einmal, wie Wenige gründlich prüfen: wa r u m lebst du hier? wa r u m gehst
du mit dem um? Wie kamst du zu dieser Religion? Welchen Einfluß übt diese und jene Diät auf
dich? Ist dies Haus für d ich gebaut? […] In diesen aber muß Jeder zusehen, Fa ch kenner zu
werden.“ (Nachlass 1881, KSA 9, 11[226]; Nachlass 1879, KSA 8, 40[3]). Vgl. auch EH, Warum
ich so klug bin 1, KSA 6, S. 278 ff.
31 Zum Lehrplan vgl. Fichte, Johann Gottlieb: Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden
höheren Lehranstalt (1807). In: Werke. Hg. von Immanuel Hermann Fichte. Bd. 8: Vermischte
Schriften und Aufsätze. Berlin 1971. S. 97 – 204; zur Analyse Kittler, Friedrich: Autorschaft und
Liebe. In: Ders. (Hg.): Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften. Programme des
Poststrukturalismus. Paderborn, München, Wien 1980. S. 142 – 173, S. 153, sowie Ders.: Auf-
schreibesysteme, a. a. O., S. 47 f., 191.
10 Christof Windgätter

Dabei steht es um deren Rezeption kaum besser, denn „auch heute hört man
noch mit den Muskeln, man liest selbst noch mit den Muskeln“ (Nachlass 1888,
KSA 13, 14[119])32 – zu Hause (oder in Pensionen) nicht weniger als auf Reisen
(oder Spaziergängen) und wie Nietzsche mit einem „Klumpfuß, den ich mit mir
schleppe, ich meine 104 Kilo Bücher“ (Brief an die Mutter, 4. Oktober 1884,
KSB 6, Nr. 539).33 These: Für den Ex-Professor sind nicht nur Hören und Lesen
keine im Wortsinn psychologischen bzw. idealistischen Vermögen mehr,
sondern Motorik: tatsächliche Kraftaufwendungen, die über Ohren spitzen und
Augen bewegen hinaus den „gesamten Organismus“ (Nachlass 1884, KSA 11,
27[7]) (er)fordern, auch ihre Komplementärtechniken, das Reden und Schreiben,
fügt er hinzu, sind entweder „Mund-Geberden“ (DW 4, KSA 1, S. 576) oder Sa-
che „FEINE[R] FINGERCHEN“:34 sei es, um auf dem Papier „die Züge unsrer
Feder“ (SE, KSA 1, S. 340) auszuführen oder eben jene Schreibmaschine zu
„BENUETZEN“,35 auf der letzteres Zitat im Frühjahr 1882 getippt wurde.

32 Warum ‚heute … noch‘? Das zeigt Campe: Schreibszene, a. a. O., S. 765, mit seinem Hinweis auf
Erasmus’ Dialog Ciceronianus: „Unter dem Titel de scribendo findet [man dort] in der Art diäteti-
scher Vorschriften Themen, die vom Repertoire der „modernen Schreiberfahrungen“ nicht sehr
verschieden sind: Regeln der besten Tageszeit (der Nacht), der günstigsten Witterung und Er-
nährung, der sexuellen Enthaltsamkeit, schließlich der (geschützten) Lage, der Einrichtung, der
Temperierung des Raumes.“
33 Zu Nietzsches Bücherproblem, bedingt durch seine häufigen Ortswechsel und ausgedehnten
Reisen, vgl. Brobjer, Thomas H.: Nietzsches Bibliothek. In: Ottmann, Henning (Hg.): Nietz-
sche-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart, Weimar 2000. S. 59 – 61, bzw. Campioni,
Giuliano/D’Iorio, Paolo/Fornari, Maria Cristina/Fronterotta, Francesco/Orsucci, Andrea
(Hg.): Nietzsches persönliche Bibliothek. Berlin, New York 2003. S. 7 – 77.
34 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 59. Apropos
‚Mund-Geberde‘: Diese kann sich sowohl aufs Reden als auch auf die von Nietzsche geforderte
„Ku n s t , z u l e s e n“ (MA I 270, KSA 2, S. 223) beziehen: Dazu allerdings „thut vor Allem Eines
not […] – zu dem man beinahe Kuh und jedenfalls nicht „moderner Mensch“ sein muss: das
W i e d e r k ä u e n …“ (GM Vorrede, KSA 5, S. 256). Bei Barthes, Roland: Le Plaisir du texte. Paris
1973. S. 23 f., heißt das dann: „ne pas dévorer, ne pas avaler, mais brouter, tondre avec minutie,
retrouver […] le loisir des anciennes lectures“ – was keineswegs metaphorisch gemeint ist, als
vielmehr an historische (= lautierende) Lesegewohnheiten anknüpft. Vgl. dazu Illich, Ivan: In
the Vineyard of the Text. A Commentary to Hugh’s Didascalion. Chicago 1993. S. 55 ff.: „Hel-
lenistic physicians prescribed reading as an alternative to ball playing or a walk. Reading presup-
posed that you be in good physical form; the frail or infirm were not supposed to read with their
own tongue.“ Oder, in den Klöstern des Mittelalters („[where] the reading-meditating monk is
often compared with a cow chewing its cud“): „Peter the Venerable (1092/94– 1156), the lear-
ned abbot who rules Cluny, usually sits at night on his bed indefatigably chewing the Scriptures
by turning them over in his mouth. / […] For Gregory the Great, ,Sacred Scripture is sometimes
food, sometimes drink for us. / […] In the more obscure places, it is food, broken up through
study, made nourishing through chewing. It is drink in the clearer places, and is absorbed as soon
as it is read‘.“
35 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 11, 59, 61 –
wobei bis heute nicht geklärt ist (und aufgrund der Anonymisierung des Benutzers durch die
Maschine auch nicht geklärt werden kann!), ob das Gedicht, dem es entstammt, von Nietzsche
selber (oder einem Basler Arzt) getippt wurde. Vgl. Nietzsches Brief an die Schwester, 27. August
1883, KSB 6, Nr. 408.
Rauschen 11

Noch Jahre später jedenfalls weist Nietzsche zur Beantwortung seiner Frage
„Warum ich so gute Bücher schreibe?“ (EH, Warum ich so gute Bücher schreibe
1, KSA 6, S. 298) auf „physiologische Vorbedingungen“ (GD, Streifzüge 8, KSA
6, S. 116) hin und erklärt: „Ich habe meine Schriften jederzeit mit meinem gan-
zen Leib und Leben geschrieben: ich weiß nicht, was „rein geistige“ Probleme
sind.“ (Nachlass 1880, KSA 9, 4[285]) Man mag diesen Satz für übertrieben oder
überheblich halten, man mag ihn als Polemik belächeln oder als persönliche Mei-
nung abtun; seine medienpragmatische Pointe jedoch wird dadurch schwerlich aus
der Welt geschafft: Dass nämlich Schreiben, mit Roland Barthes „écriture“, noch
vor aller Beschreibung eine Geschicklichkeit verlangt, „au sens manuel du mot“:
die Handhabung von Schreibgeräten: die Bezugnahme von Motorik auf Mecha-
nik; eine instrumentierte Geste mithin, die als „acte musculaire d’écrire“36 nicht
wesentlich verschieden ist von dem, was einst Gymnastik hieß: 
=
‚Leibes-Übung‘ bzw. ‚Geschicklichkeits-Training‘ (auch leicht bewaffnet).

Für eine problematische Metaphorik oder Selbststilisierung könnte man es


deshalb halten, dass Nietzsche (nach seiner Frühpensionierung immerhin Pend-
ler zwischen Deutschland, Frankreich der Schweiz und Italien) auch die Füße als
Schreiborgane exponiert:
[O]h wie rasch errathen wir’s, wie Einer auf seine Gedanken gekommen ist, ob sit-
zend, vor dem Tintenfass, mit zusammengedrücktem Bauche, den Kopf über das
Papier gebeugt: oh wie rasch sind wir auch mit seinem Buche fertig! Das ge-
klemmte Eingeweide verräth sich, darauf darf man wetten, ebenso wie sich Stu-
benluft, Stubendecke, Stubenenge verräth. (FW 366, KSA 3, S. 614)

Oder „in deutschen Reimen“:


ICH SCHREIB NICHT MIT DER HAND ALLEIN!," / DER FUSS WILL STETS
MIT SCHREIBER SEIN – / FEST FREI UND TAPFER LÄUFT ER MIR / B!A"
>\L\D DURCH DAS FELD BALD DURCHS PAPIER.37
Problematisch daran ist vor allem die geforderte, unterstellte Gleichzeitigkeit
von aufrechter Haltung und Schreibakt: War doch am Ende des 19. Jahrhunderts
das Stehpult längst ein historisches Möbel, sodass man zum Schreiben, beson-
ders mit Maschinen, zwar nicht sesshaft werden musste, sich aber hinzusetzen
hatte. Nietzsche wird sich dessen wohl bewusst gewesen sein; schließlich zwang

36 Barthes, Roland: Variations sur l’écriture (Texte non publié). In: Ders.: Œuvres complètes. Tome
II: 1966– 1973. Édition établie et présentée par Éric Marty. Paris 1994. S. 1535 – 1574, S. 1535
(nach einem Hinweis bei Stingelin, Martin: „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedan-
ken“. Die poetologische Reflexion der Schreibwerkzeuge bei Georg Christoph Lichtenberg und
Friedrich Nietzsche. In: Lichtenberg-Jahrbuch 1999, hg. von Wolfgang Promies und Ulrich
Joost. Saarbrücken 2000. S. 81 – 98, S. 82 f.).
37 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 71.
12 Christof Windgätter

ihn seine extreme Kurzsichtigkeit selber zum täglichen Bückling vor Papier und
Schreibtisch.38 Bleibt die Möglichkeit, dass letzteres Zitat, schon weil es als
Gedicht und tatsächlich mit der Schreibmaschine geschrieben wurde, entweder
(philologisch) auf Versfüße anspielt oder aber (medienpraktisch) die Typenstangen
jener Malling-Hansen meint, die Buchstaben aufs Papier drücken wie Füße ihre
Spuren z.B. in den Sand.
Wie auch immer: Unproblematisch ist dagegen Nietzsches Auffassung, dass
es „Bücher“ gibt, „welche Ta nzen lehren“ (MA I 206, KSA 2, S. 170); dass
also der Leib durch Schrift zur Bewegung gereizt werden kann; er zwar ihre
Voraussetzung ist, sich darüber hinaus aber auch von ihr beeindrucken lässt.
„Ziel: einen Leser so elastisch zu stimmen, daß er sich auf die Fussspitzen stellt.“
(Nachlass 1876, KSA 8, 16[33])39

2. Nietzsche wendet sich vom Leib zum Körper; soll heißen: Er richtet
seine Aufmerksamkeit neben der Physiologie des Schreibers und des Schreibens
auch auf das Corpus der Schrift. Nicht um das eine gegen das andere auszuspielen,
sondern, davon abweichend, als ein Versuch, die Ästhetik der Texte selbst in den
Vordergrund zu rücken. These: Statt sich an traditionellen oder modernen, her-
meneutischen oder konsumptiven Leserverhalten zu orientieren, geht es nun-
mehr um einen „Cultus der Oberfläche“ ( JGB 59, KSA 5, S. 78), für den jeder
„unglückselige Griff u n t e r sie“ (ebd.) als ebenso „ungeschickt“ wie „unschick-
lich“ gilt ( JGB Vorrede, KSA 5, S. 565). „Man sollte die S ch a m besser in Ehren
halten […]“ (FW Vorrede 4, KSA 3, S. 352) – was Nietzsche an Frauen und Grie-
chen bewundert, hat er auch medienästhetisch sich zur Regel gemacht: ohne
Hinterwelten auskommen; im Falle der Schrift: nicht zwischen den Zeilen lesen,
als vielmehr ihr Schwarz auf Weiß bemerken; haben wir doch „zuletzt [sic] be-
drucktes Papier vor Augen […].“ (Nachlass 1872, KSA 7, 25[1], S. 566)
Wie sehr sich der Ex-Philologe deshalb um die Ausstattung und Edi-
tion der eigenen Bücher gekümmert hat, zeigt die Korrespondenz mit seinen
jeweiligen Verlegern40 bzw. seinem Sekretär Heinrich Köselitz alias Peter

38 Vgl. Fuchs, Johannes: Friedrich Nietzsches Augenleiden. In: Münchner Medizinische Wochen-
schrift 120 (1978). S. 631 – 634, S. 633, bzw. Stingelin: Schreibzeug, a.a. O., S. 88. Dabei hat Nietz-
sche, nach eigener Darstellung (z.B. in EH, Za I, KSA 6, S. 335), auch während des Spazieren-
gehens geschrieben, was ungefähr so ausgesehen haben dürfte: „den Kopf gebeugt zum Knie, /
Einsiedlerisch auf einem Baumstumpf sitze[nd].“ (Nachlass 1871, KSA 7, Nr. 15[1]) – wenn man
nicht gar vermuten möchte, für die Notiz der Zarathustra-Konzeption wäre jener „mächtige
pyramidal aufgethürmte Block unweit Surlei“ die Unterlage gewesen (EH, Za I, KSA 6, S. 335).
39 „Kommata, Frage- und Ausrufezeichen, und der Leser sollte seinen Körper dazu geben und zei-
gen, daß das Bewegende auch bewegt.“ (KSA 8, 47[7]).
40 Das sind von 1871– 74 bzw. 1886– 88/93 Ernst Wilhelm Fritzsch (Leipzig), der allerdings aus
finanziellen Gründen sein Verlagsgeschäft einstellen musste (Brief an Carl von Gersdorff, 28. Juli
1874, KSB 4, Nr. 381), dann von 1874– 86 Ernst Schmeitzner (Chemnitz), den Nietzsche wegen
„Antisemiterei“ verlässt (Briefe an Köselitz, 1. Juli 1883, KSB 6, Nr. 428, bzw. 6. Dezember
Rauschen 13

Gast.41 Weder Format, Umschlag, Titelblatt und Papierwahl noch Anzahl der
Zeilen, Letterntyp, Breite des Randes und Schwärze des Drucks bleiben darin
unerwähnt: „Jetzt weiß kein Mensch, wie ein gutes Buch aussieht, man muß es
vormachen […].“ (Nachlass 1873, KSA 7, 19[22]).42 Zum „Worte-macher“
also (Nachlass 1885, KSA 11, 29[55]), der Nietzsche ja gewesen sein will, ge-
hört für ihn zugleich der Einfluss aufs Büchermachen:
Nun aber die Form-Fragen: denken Sie, bitte, mit mir darüber nach, wie wir die-
sem Buche [= Jenseits von Gut und Böse] ein möglichst vornehmes und „unpo-
puläres“ Gewand geben: so allein wäre es seinem Inhalt angemessen. Die neulich
gesandte Probe […] erlaubt keine Anwendung auf den Fall meines Buches: dies
soll s e h r langsam gelesen werden, es muß viel weniger auf einer Seite stehen, es
muß auf den Gelehrsamkeits-Anspruch, wie er sich in einem so großen Formate
ausdrückt, Verzicht leisten – und ich will’s endlich mit deutschen Lettern ver-
suchen. Man bringt den Deutschen nicht anders dazu, die Form, die Sprache,
den Geschmack eines Buches ernst zu nehmen. – Ich wollte vorschlagen: Wenig
Zeilen c. 26, bequeme Intervalle (worin wesentlich der vornehme Eindruck des
Buches liegt) / Mittelgroßes Format / Feines Velin. (Briefentwurf an Hermann
Credner, 27. März 1886, KSB 7, Nr. 679)43

1885, KSB 7, Nr. 650; Briefe an Overbeck, 9. Juli 1883, KSB 6, Nr. 431, bzw. Anfang Dezember
1885, KSB 7, Nr. 649, S. 117) und schließlich von 1888/92– 1910 (d.h. bis in die Zeiten des
Nietzsche-Archivs und dessen abgebrochene ‚Gesamtausgaben‘ hinein) Constantin Georg Nau-
mann (wiederum in Leipzig). Vgl. Janz: Nietzsche, a. a. O., Bd. 2, S. 403 f., 422, 642f.; Bd. 3,
S. 68 f., sowie (als Kurzversion) Meyer, Katrin: Geschichte der Nietzsche-Editionen. In: Ott-
mann (Hg.): Nietzsche-Handbuch, a. a. O., S. 437 – 440.
41 Nietzsche lernt Köselitz am 1. November 1875 in Basel als einen seiner Studenten kennen. Be-
reits Ende April 1876 fertigt dieser ihm eine Abschrift der vierten Unzeitgemäßen Betrachtungen (=
Richard Wagner in Bayreuth) an, die Nietzsche, wie Köselitz später erklärt, „zu gefallen schien“. Seit-
her jedenfalls und bis Ende 1888 ist er ihm nicht nur „als Diktatschreiber behülflich“, sondern be-
sorgt darüber hinaus auch die Herstellung der meisten seiner Druckmanuskripte bzw. das daran
anschließende Lesen der Korrekturbögen (stilistische Kritik und praktische Verbesserungen ein-
geschlossen). Vgl. Janz: Nietzsche, a.a.O., Bd. 1, S. 697, bzw. Benders, Raymond J./Oettermann,
Stephan (Hg.): Friedrich Nietzsche. Chronik in Bildern und Texten. München, Wien 2000. S. 352f.
42 – womit aber auch „Schreibbücher“ (Brief an Mutter und Schwester, Anfang Januar 1885, KSB
7, Nr. 568) für ihn selbst gemeint sind: „Versorge mich, mein liebes Lama [= Schwester Elisa-
beth], doch mit schönen Notizbüchern und lege eine Werkstatt dazu an – ich brauche jährlich
mindestens 4; feinstes, sehr starkes Papier (weiß), ungefähr 100 Blätter in jedem Buche. Wenn
Du von Menschen hörst, die etwas mir zu Gefallen thun wollen – heiße sie Notizbücher machen.
Der Zustand, in dem ich in Bezug h i e r a u f lebe, ist s chmachvoll. Anbei das Format. Ja nicht
größer!“ (Brief an die Schwester, Mitte Juli 1881, KSB 6, Nr. 131).
43 Wegen Bummelei und Unhöflichkeit von Credners Seite kommt eine Geschäftsverbindung
nicht zustande. Nietzsche bleibt bei C. G. Naumann – sowie lateinischen Lettern: „Alles wohl er-
wogen, ist es doch nichts mit den d e u t sch e n Lettern. Ich kann meine bisherige Litteratur nicht
desavouiren.“ (Postkarte an Naumann, 28. Juni 1888, KSB 8, Nr. 1053). Zu den einzelnen Aus-
stattungsmerkmalen vgl. außerdem Postkarten an Schmeitzner, 16. Mai 1878, KSB 5, Nr. 722;
28. Juli 1882, KSB 6, Nr. 274; 6. Februar 1884, KSB 6, Nr. 485; Briefe an Schmeitzner, 13. März
1881, KSB 6, Nr. 89; 13, Februar 1883, KSB 6, Nr. 375; Brief an C. Heymons, 12. April 1886,
KSB 7, Nr. 687; Brief an Fritzsch, 16. August 1886, KSB 7, Nr. 732; Brief an Naumann, 18. Juli
1887, KSB 8, Nr. 879.
14 Christof Windgätter

Ansatzpunkt solcher Vorschläge sind freilich nicht nur (wie zu vermuten


wäre) die Erfahrungen eines kurzsichtigen Profi-Lesers mit schlecht gemachten
Büchern, sondern daran anschließend und dadurch angetrieben auch die Ana-
lyse zeitgenössischer Lesegewohnheiten.
Nietzsches Behauptung: „[M]itten in einem Zeitalter der „Arbeit“, will sa-
gen: der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit Allem
gleich „fertig werden“ will“ (M Vorrede 5, KSA 3, S. 17), ist auch die Rezeption
von Schrift, als „bedrucktes Papier hunderttausendfach umgesetzt“ (UB II HL
5, KSA 1, S. 279),44 zu einem Parcours für „lesende Schnellläufer“ (PHG 7,
KSA 1, S. 832) geworden45: sei es der „Gelehrte, der im Grunde nur noch
Bücher „wälzt“ – der Philologe mit mässigem Ansatz des Tages ungefähr 200“
(EH, Warum ich so klug bin 8, KSA 6, S. 292) – oder einer jener vielen „Ein-
tags-leser“ (Nachlass 1888, KSA 13, 20[101]) in diesem „zerschriebenen Zeit-
alter“ (Nachlass 1883, KSA 10, 8[20]), der „nur den Stoff der Erzählung will
und interessirt fortgerissen überwältigt sein möchte“ (Nachlass 1876, KSA 8,
18[88]).46 Was deshalb beide Lesergruppen nötig haben, ist eine übersichtlich
gestaltete Typographie mit hohem Wiedererkennungswert und eine sakkadisch
(= diagonal) vorwärtsspringende Rezeptionstechnik.47 Anders formuliert: Statt
„die einzelnen Worte (oder gar Silben) einer Seite sämtlich abzulesen“, nimmt
man „heute […] aus zwanzig Worten ungefähr fünf nach Zufall heraus und „er-
räth“ den zu diesen fünf Worten muthmaasslich zugehörigen Sinn.“ ( JGB 192,
KSA 5, S. 113)48 Lesen, heißt das dann aber, ist die Missachtung des Geschriebenen
zugunsten des Be-schriebenen. Für Nietzsche eine philologische Praxis, die mit den
Buchstaben auf dem Papier auch die Buchstäblichkeit des eigenen Namens
übersieht. So muss sie sich von ihrem Dissidenten erneut darauf hinweisen las-
sen:

44 Zur Massen-Alphabetisierung im 19. Jahrhundert und zur sog. Lesesucht (einschließlich Thera-
pie) vgl. u.a. Kittler: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 40 f., 180 ff., 224, bzw. Hörisch, Jochen: Der
Sinn und die Sinne. Eine Geschichte der Medien. Frankfurt a. M. 2001. S. 149 f.
45 „Hier ist ein Leser […] / Beachten Sie wie schnell er liest, wie er die Seiten umschlägt – genau
nach der gleichen Sekundenzahl Seite für Seite. Nehmen Sie die Uhr zur Hand.“ (Nachlass 1879,
KSA 8, 47[7]).
46 Zu Nietzsches Polemiken nicht nur gegen seinen ehemaligen Berufsstand, sondern auch (und
darin wieder ganz Philologe) gegen „das heutige [am „Deutsch der Zeitungen“ geschulte] Publi-
kum“ (Nachlass 1874, KSA 7, 37[4]; KSA 8, 19[88]) vgl. ausführlich Fietz, Rudolf: Medienphi-
losophie. Musik, Sprache und Schrift bei Friedrich Nietzsche. Würzburg 1992. S. 329 ff.
47 Zum sakkadischen Lesen als ruckhafter (nicht-gleitender) Bewegung des Auges vgl. Fietz: Me-
dienphilosophie, a. a. O., S. 18, bzw. (historisch genauer) Rommel, Bettina: Psychophysiologie
der Buchstaben. In: Gumbrecht/Pfeiffer (Hg.): Materialität, a.a. O., S. 310 – 325, S. 316 f.
48 Oder: „[A]us zwei Worten errathen wir den Satz (beim Lesen) […].“ (Nachlass 1881, KSA 9,
11[13]).
Rauschen 15

Philologie nämlich ist jene ehrwürdige Kunst, welche […] vor Allem Eins heischt,
bei Seite gehn, sich Zeit lassen, still werden, langsam werden –, als eine Gold-
schmiedekunst und -kennerschaft des Wo r t e s , die lauter feine vorsichtige Arbeit
abzuthun hat und Nichts erreicht, wenn sie es nicht l e n t o erreicht. (M Vorrede 5,
KSA 3, S. 17)49
Wohin jedoch der „M an g el an [solcher] P h ilo log ie“ führt, benennt
Nietzsche sehr genau: „man verwechselt beständig die Erklärung mit dem
Tex t […].“ (Nachlass 1888, KSA 13, 15[82])
Von daher sein Ziel: Nicht Hinter-Gedanken erraten, sondern auf Wort-
Oberflächen achten; nicht extensive „Bücherwürmerei“ (EH, MA 4, KSA 6,
S. 326), sondern intensives „W ied erk äu en“ (GM Vorrede 8, KSA 5, S. 256);
oder: „Einen Text als Text ablesen können, ohne eine Interpretation dazwischen
zu mengen […].“ (Nachlass 1888, KSA 13, 15[90])50 An anderer Stelle heißt es
auch, man habe das „Lesen [„gegen das Gewissen eines a r be itsa m e n Zeit-
alters“] als Ku n s t zu üben“ (GM Vorrede 8, KSA 5, S. 256; MA II WS 170, KSA
2, S. 623): mit „zarten Fingern und Augen“ (M Vorrede 5, KSA 3, S. 17), über
den Buchstaben schwebend und sie buchstäblich verfolgend, sodass schon des-
halb keine Technik fürs gelehrte oder gemeine Publikum daraus werden kann.51
In Bezug auf die eigenen Schriften erklärt Nietzsche gar, die „Öffentlichkeit“
überhaupt „abschrecken und davonscheuchen“ zu wollen (Nachlass 1872, KSA
7, 8[83] f.), um dafür „die Wenigen [aber „Würdigen“] anzuziehen“ (ebd.) – was
kaum mit Elitarismus oder Eitelkeit zu tun hat, sondern den Verkaufszahlen sei-

49 Ebenso Nachlass 1876, KSA 8, 19[1]: „Philologie ist die Kunst, in einer Zeit, welche zu viel liest,
lesen zu lernen und zu lehren. Allein der Philologe liest langsam und denkt über sechs Zeilen
eine halbe Stunde nach. Nicht sein Resultat, sondern diese seine Gewöhnung ist sein Verdienst.“
50 So aber wird kein „anderes Verstehen“ eingeleitet (wie Simon, Josef: Verstehen ohne Interpre-
tation? Zeichen und Verstehen bei Hegel und Nietzsche. In: Ders. [Hg.]: Distanz im Verstehen.
Zeichen und Interpretation II. Frankfurt a. M. 1995. S. 72 – 104, S. 74, meint), vielmehr eine
Lese-Kunst gefordert, die auf Texte anders als verstehend blickt. Vgl. CV, KSA 1, S. 761; KSA 13,
11[302]: „Der Leser, von dem ich etwas erwarte, muß drei Eigenschaften haben. Er muß ruhig
sein und ohne Hast lesen. Er muß nicht immer sich selbst und seine „Bildung“ dazwischen brin-
gen. Er darf endlich nicht am Schlusse, etwa als Resultat, neue Tabellen erwarten.“ Vielmehr: Er
soll „das Buch als Buch (und n i ch t als Wahrheit) lesen […].“
51 Wie man außer mit den Augen auch mit den Fingern liest, zeigt ein Blick in Nietzsches Privat-
bibliothek, deren Bücher (so wie sie heute als Bestände der Stiftung Weimarer Klassik einzusehen
sind) zahlreiche Lesespuren (Anmerkungen, längere Kommentare, Unterstreichungen, Esels-
ohren usw.) aufweisen: zumeist mit Bleistift oder roten bzw. braunen Stiften ausgeführt. Die
„häufigsten, immer wieder vorkommenden Anmerkungen“ sind: „„NB [nota bene]“, „!“, „gut“,
„sehr gut“, „?“, „nein“, „bravo“, „falsch“ und „warum?““. […] Gelegentlich, aber selten kom-
men Schimpfwörter wie „Esel“ oder „Vieh“ vor.“ Vgl. Brobjer: Bibliothek, a.a. O., S. 59 f.
Ebenso Campioni u.a.: Nietzsches persönliche Bibliothek, a.a. O., S. 39 f., 49 f., bzw. Slenczka,
Karin: Schadenserhebung und Restaurierungskonzept für „Nietzsches Bibliothek“. Unter-
suchung von restauratorischen Behandlungsmöglichkeiten, ausgearbeitet am Beispiel des mit
Tinten- und Buntstiftvermerken versehenen Teilbestandes. Diplomarbeit am Fachbereich Res-
taurierung und Konservierung von Kunst- und Kulturgut der Fachhochschule Köln. Ms. Köln
2001. S. 17, 23ff.
16 Christof Windgätter

ner Bücher: „Die Leipziger Buchhändlermesse [Ostern 1887] hat mir ein lehr-
reiches Resultat abgeworfen“, denn obwohl „buchhändlerischer Seits Alles,
was noth tut (und etwas mehr sogar!) gethan wurde, […] sind überhaupt nur
114 Exemplare [ Jenseits von Gut und Böse] verkauft worden (während allein
66 Exemplare an Zeitungen und Zeitschriften verschenkt worden sind). […] So-
mit ist, von der Geb!urt" der T!ragödie" an bis jetzt, eine stetig wachsende
Gleichgültigkeit gegen meine Schr!iften" ziffernmäßig constatirt.“ (Briefe an
Köselitz, 8. Juni 1887, KSB 8, Nr. 856 bzw. an Overbeck, 8. Juni 1887, KSB 8,
Nr. 858)52
Wie nun will Nietzsche gegen Büchersucht und Buchstabenverachtung vor-
gehen? Indem er seine verbleibenden Leser zu der von ihm gewünschten Rezep-
tionstechnik zwingt; soll heißen, indem er sie durch Störung ihres ebenso erwarteten
wie gewohnten Leseflusses mit der Materialität des Gelesenen konfrontiert. „Meine
Schriften machen Mühe“, bringt diese Strategie eine Ergänzung zu Ecce homo auf
den Punkt (KSA 14, S. 484). Nicht nur, weil sie sich mit anspruchsvollen The-
men beschäftigen, sondern auch und vor allem, weil ihre druckgraphischen Inszenie-
rungen einer ebenso flüchtigen wie bloß sinnsuchenden Lektüre im Wege stehen:
Ich kenne den Zustand der gegenwärtigen Menschen, wenn sie l e s e n : Pfui!
Für diesen Zustand sorgen und schaffen zu wollen! (Nachlass 1881, KSA 9,
11[297])53

Soweit Nietzsches Einflussnahme auf die Ausstattung seiner Bücher. Darü-


ber hinaus jedoch, und das hat insbesondere Rudolf Fietz gezeigt, lässt sich in
ihrem Schriftbild die Verwendung ungewöhnlich vieler „Performationszeichen“
beobachten: von „Graphemen“ also,
die im strengen metaphysischen Sinne gar keine Zeichen sind, da sie nicht
„etwas“ bezeichnen, kein Signifikat (und folglich kein Denotat) haben, jene
neben-sächlichen Zeichen, die nicht Zeichen für eine Sache sind, vor der sie
verblassen: die Interpunktionszeichen vor allem, aber auch […] Absätze, Zei-
lenabstände, Typographie (Schriftgrade, Schriftarten), Fett- und Sperrdruck,
Unterstreichungen, Klammern, Minuskel- Majuskel-Differenzierungen, Tren-
nungen, Spatien und anderes mehr.54

52 Vgl. auch Schaberg, William H.: The Nietzsche Canon. A publication history and bibliography.
Chicago, London 1995. S. 130, 198ff., der u.a. mit Schmeitzner (KGB III/4, S. 191) belegt, das
„[a]fter fourteen years of writing and publishing [= 1886], almost two-third of Nietzsche’s books
were still unsold“.
53 „Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr für den Leser.“ (ZA I, Vom Lesen und Schreiben,
KSA 4, S. 48).
54 Fietz: Medienphilosophie, a. a. O., S. 378 – mit besonderer Häufung in den nachträglichen
Vorreden von 1886/87, die deshalb nicht nur inhaltlich, sondern vor allem typographisch als
Leseanleitungen fungieren: MA I, KSA 2, S. 13 – 22; FW, KSA 3, S. 345 – 352; GM, KSA 5,
S. 247 – 256.
Rauschen 17

Worauf es Nietzsche folglich ankommt ist, durch „graphische Komplexitäts-


steigerung“ seiner Texte erstens deren „bloße Konsumtion“ zu verhindern und
damit zweitens seinen Lesern eine „veränderte Einstellung zur Schrift“ abzunö-
tigen.55
Dass er die eigenen Bücher letztlich immer wieder in lateinischen statt in deut-
schen Lettern drucken ließ, ist dafür ein prominentes Beispiel: „weil sie [erst recht
in Verbindung mit Sperrdruck, Parenthesen oder Wort-Trennungen] dem allzu-
schnellen Lesen entgegen sind“ (Postkarte an Schmeitzner, 3. September 1878,
KSB 5, Nr. 751).56 Vor 1900 jedenfalls hatten Geschmack und Literalität eines
durchschnittlich gebildeten Deutschen noch an den Quadrangeln, Elefantenrüs-
seln und Entenfüßchen der Fraktur-Schriftarten ihr Maß; „[v]ielleicht, weil er ge-
wohnt ist, seine Classiker in diesen Lettern zu lesen? – –“ (Brief an Naumann,
26. Juni 1888, KSB 8, Nr. 1052). Wer sich für Antiqua in seinen Büchern ent-
schied (gerade Schäfte, runde Verbindungsstriche, flache Serifen), konnte daher
mit irritierten Reaktionen rechnen. Und genau das war ja Nietzsches Absicht:
„Man muß sie [die Lettern] a ccent uiren“ (Brief an Fritzsch, 16. August 1886,
KSB 7, Nr. 732); entweder um abzuschrecken oder aber, in günstigeren Fällen,
um anzuhalten, das Geschriebene beim Wort zu nehmen, sich mit „langsamen
Augen“ (Brief an Köselitz, 23. Juli 1885, KSB 7, Nr. 613) Buchstabe für Buch-
stabe daran entlangzutasten: „tiefschwarzer Druck“ auf „starkem Papier […]
womöglich gelb“ (Brief an Naumann, 26. Juni 1888, KSB 8, Nr. 1052; Postkarte
an Schmeitzner, 6. Februar 1884, KSB 6, Nr. 485). Noch einmal Fietz:
Der Buchstabe ist der Körper der Schrift. Die buchstäbliche Lektüre mithin
die, die das Medium Schrift als materiales Medium wahrnimmt und realisiert.57
So aber „wird Schriftmetaphysik zur Schriftphysik“. Statt auf das Was des
Beschriebenen kommt es auf das Woraus des Geschriebenen an; oder: Durch die
ebenso „exzessive […] wie virtuose“ Verwendung jener Performationszeichen
kehrt Nietzsche die Schriftlichkeit selbst seiner Schriften hervor: Dass sie nicht abgeleitet
werden können aus den Gedanken und Reden ihres sog. Autors, nicht dessen
bloße Notationen sind: verräumlichter « oder aufgeschriebene  , son-

55 Fietz: Medienphilosophie, a. a. O., S. 379, 329, 374.


56 „[…] mir wenigstens sind die lateinischen Lettern unvergleichlich sympathischer!“ (Postkarte an
Naumann, 28. Juni 1888, KSB 8, Nr. 1053). Nietzsches Schwester dagegen hat sich nach seinem
Tod wiederum für Fraktur entschieden: sei es, um veränderte Lesegewohnheiten ab 1900 zu be-
rücksichtigen (also Nietzsches Widerstand gegen flüchtige Lektüre fortzusetzen) oder aber, um
den deutschen Kriegsherren zu gefallen – wie es ihr „Nachbericht“ einer 1918 im Alfred Kröner
Verlag Leipzig erschienenen Zarathustra-Ausgabe nahe legt: „für unser herrliches tapferes Heer“.
Zur Geschichte Antiqua vs. Fraktur vgl. Killius, Christina: Die Antiqua-Fraktur Debatte um 1800
und ihre historische Herleitung. In: Mainzer Studien zur Buchwissenschaft 7 (1999). S. 13ff.,
43 f., 68 f., 113ff., 202 f., 248 ff.
57 Fietz: Medienphilosophie, a. a. O., S. 393. Die direkt folgenden Zitate S. 379.
18 Christof Windgätter

dern genuin graphematisch funktionieren. „Das Eine bin ich, das Andre sind
meine Schriften“ (EH, Warum ich so gute Bücher schreibe 1, KSA 6, S. 298)58 ist
Nietzsches Formel für diese „Hauptunterscheidung“, die ihn erneut von „allen
Psychologen“ (NW, KSA 6, S. 426) trennt.
Mit anderen Worten: Für den Ex-Professor hat Schrift ihren klassischerweise
sekundären Status verloren (als Signifikation einer ersten Signifikation eines Sig-
nifikats59) und tritt nun als autarkes Medium auf; ausgezeichnet durch seine eigene
Materialität und deren jeweilige (technisch-historischen) Standards.60

Doch damit nicht genug, denn Schrift ist nicht gleich Schrift: ist vielmehr
Handgeschriebenes oder in Druckbuchstaben Gesetztes, sodass an jenem Be-
griff ihrer Materialität noch die Unterscheidung einer skriptographischen von einer typo-
graphischen Ordnung angebracht werden muss.61
Bekanntlich hat Nietzsche (wie alle Gelehrten spätestens seit Gutenberg) in
beiden Ordnungen gelesen, als einer der ersten aber auch selber in beiden ge-
schrieben. Sieben Wochen genau genommen, um sich dann medientheoretisch
von Feder, Fass und Tintenfluss zu verabschieden.62 These: Nietzsches post-genue-
sische Perspektive auf Schrift ist typozentrisch orientiert. Beim Maschinen-Schreiben
jedenfalls müssen Zeichen so einzeln getippt werden, wie sie dann vereinzelt:
ohne Übergang vom einen zum anderen, auf dem Papier erscheinen. Diskretion
ist dafür der Name, den Antiqua-Druckschriften nur noch deutlicher werden las-
sen: Dass es sowohl zwischen den Worten (im Unterschied zur scriptio conti-
nua) als auch zwischen den Buchstaben (im Unterschied zu Manuskripten) je-
weils Abstände gibt: Spatien, die an Schreibmaschinen durch eine eigene Taste
gesetzt werden. In Konsequenz gebührt deshalb solchem „„ZWISCHEN“ der

58 Etwa so, wie manche „Menschen der Vergangenheit […] Tiefe genug besessen haben, um –
nicht zu schreiben, was sie wußten“; soll heißen, zwar zu schreiben, aber dabei nicht ihr Be-
wusstsein aufzuschreiben (Nachlass 1885, KSA 11, 34[147]).
59 Zu Begrifflichkeit und Hierarchie vgl. Saussure, Ferdinand de: Cours de linguistique générale
[1916]. Publié par Charles Bally et Albert Sechehaye, avec la collaboration de Albert Riedlinger.
Édition critique préparée par Tullio de Mauro. Paris 1995. S. 44 ff., und dessen Kommentierung
bei Derrida: Grammatologie, a. a. O., S. 16, 21f., 45 ff.
60 Ganz anders Simson, Wojciech: Beobachtungen zur Typographie in Nietzsches Vorreden von
86/87. In: Nietzsche-Studien 24 (1995). S. 204–222, S. 204, 206f., 216, der Nietzsches „typogra-
phische Mittel“ für „Intonationshilfen“ hält, sodass dann Schrift nicht nur „ein Abbild gesprochener
Laute“ ist, sondern auch seine „Wirkung erst entfalten kann, wenn man [sie] sprechend vertont“.
61 Vgl. McLuhan, Herbert Marshall: The Gutenberg Galaxy. The Making of Typographic Man.
London 1962. S. 90 f.: „The difference between the man of print and the man of scribal culture
is nearly as great as that between the non-literate and the literate.“ Ebenso Giesecke, Michael:
Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. Eine historische Fallstudie über die Durchsetzung neuer
Informations- und Kommunikationstechnologien. Frankfurt a. M. 1991. S. 29 ff.
62 Dagegen hat Fietz (in seiner Medienphilosophie, a. a. O.) bei aller Aufmerksamkeit für Schrift,
Materialität und Medium, sowohl die Skriptographie-Typographie-Differenz als auch Nietz-
sches Schreibmaschine außer Acht gelassen hat.
Rauschen 19

gleiche Rang wie den Positivitäten, die es trennt“.63 Anders formuliert: Jede Ty-
pographie ist real nur als Auseinandersetzung von Zeichen und Leerstellen;
oder: Druckschriften sind zerstückelte Körper – ihre Buchstaben nach Funktion
und Status nichts anderes, als die von Blanchot in einem Nietzsche-Aufsatz her-
vorgehobenen „signes de ponctuation“.64 Was sie zeigen, kann unmöglich gesagt
werden: „[c]omprenons qu’ils ne sont pas là pour remplacer des phrases“, son-
dern sie strukturieren, „silencieusement“, „le jeu de la différence et sont engagés
dans son jeu“.65

Zum Beispiel Gedankenstriche; bei Nietzsche einfach, manchmal auch doppelt


hintereinander gesetzt; nicht selten von ungewöhnlicher Länge. So reißen sie
Lücken in Texte, unterbrechen den Lesefluss (verlangsamen ihn zumindest), bil-
den Widerstände oder lassen Sätze ins Leere laufen – sie sind Zeichen nicht der,
sondern als Differenz: drücken nichts aus, zeigen jedoch an, wie Typoskripte
überhaupt funktionieren. Nietzsche im Frühjahr 1885:
Ob ich gleich recht gut weiß, daß mir meine Gedankenstriche lieber sind als meine
mitgetheilten Gedanken. (Nachlass 1885, KSA 11, 34[147])66
Außerdem die von Nietzsche des öfteren erwähnten, in seinen Schriften aber
noch viel häufiger zu sehenden Gänsefüßchen: „selbst mit einer Löwenklaue
geschrieben“, deren Anwendung er gar zu einer „„Philosophie““ (KGW IX/1,
S. 82; KSA 11, 37[5]) erheben wollte und von denen Eric Blondel (einer der
ersten, der sie dort bemerkt hat) erklärt: „Ces [„pattes d’oie ou“] guillemets
interviennent essentiellement dans un texte“.67 Zunächst, weil sie Worte oder
Sätze markieren, die zitiert worden sind: „qui appartiennent à une autre
langue […], un autre système dialectal: argot, termes techniques, langue archaï-
que, littéraire, etc“,68 sie folglich die Heterogenität des jeweiligen Textes anzei-

63 Kittler: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 324. Anders als etwa Flusser, Vilém: Die Schrift. Hat
Schreiben Zukunft? [1987]. Frankfurt a. M. 1992. S. 21, der Hand- und Maschinenschrift als
„körnerförmig („distinkt“)“ beschreibt.
64 Blanchot, Maurice: Nietzsche et l’écriture fragmentaire. In: Ders.: L’entretien infini. Paris 1969,
S. 227 – 255, S. 253 f.
65 Ebd., S. 253 f. Vgl. auch Fietz: Medienphilosophie, a. a. O., S. 380 ff.
66 Desgleichen Nietzsches Bekenntnis, dass er „mehr als alles Ausgesprochene die Gedankenstri-
che in seinen Büchern liebt –“ (KSA 11, 35 [65]) bzw. „[…] für mich selbst geht es immer erst mit
den Gedankenstrichen los.“ (Brief an die Schwester, 20. Mai 1885, KSB 7, Nr. 602).
67 Blondel, Eric: Les guillemets de Nietzsche. Philologie et Généalogie. In: Nietzsche aujourd’hui?,
2. Passion, 10/18. Paris 1973. S. 153 – 178, S. 154, 163. Außerdem Derrida, Jacques: La question
du style. In: Nietzsche aujourd’hui?, 1. Intensités, 10/18. Paris 1973, S. 235 – 287, S. 270, der mit
Nietzsche „le régime époqual des guillemets“ beginnen lässt.
68 Blondel: Guillemets, a. a. O., S. 163. Ebenso (wenngleich ohne Nietzsche-Bezug) Authier,
Jacqueline: „In Gänsefüßchen reden“ oder Nähe und Distanz des Subjekts zu seinem Diskurs.
Übersetzt und fürs Deutsche bearbeitet von Harold Woetzel. In: Geier, Manfred/Woetzel,
Harold (Hg.): Das Subjekt des Diskurses. Beiträge zur sprachlichen Bildung von Subjektivität
und Intersubjektivität. Berlin 1993. S. 59 – 76.
20 Christof Windgätter

gen: dass er keine Einheit ist, vielmehr ein Spiel mit und aus Versatzstücken;
dann aber auch, weil alles, was sie einrahmen, dadurch ein Anderes wird – und
zwar auf doppelte Weise: Erstens, als Bruch mit seinem vormaligen Kontext,
„ces sigles […] déporter“ (das wäre noch einmal deren Zitierfunktion: die Mög-
lichkeit, aus jedem Text jedes Zeichen herausnehmen und woanders einsetzen zu
können);69 sowie zweitens, als ein graphischer Hinweis auf die Interventionen
der Genealogie:70 das In-Frage-stellen gewisser (oft allzu gewisser) Begriffe; sei
es etymologisch, mit Interesse an Wortgeschichten, oder kulturhistorisch, im
Hinblick auf das Woher und Wozu unserer Werte: „Les guillemets ainsi, instau-
rent la différence et la hiérarchie des valeurs“.71 So drücken auch sie nichts aus,
sondern stellen Geschriebenes als solches vor: Dass es in jedem Fall aus Verschiebun-
gen, Zerschneidungen und Entfremdungen besteht.

Schließlich die aphoristische Form, für die Nietzsches Schriften ebenso berühmt
wie berüchtigt sind. Nach eigener Aussage an Lichtenberg geschult (WS 109,
KSA 2, S. 599), sollen sie hier aber nicht als literarische Gattung oder erkennt-
nistheoretischer Modus betrachtet werden, sondern aus medienästhetischer
Perspektive in den Blick kommen.72 These: Was sich durch Interpunktionen
im Kleinen zeigt, inszenieren Aphorismen im Großen, Seite für Seite, als Dis-
Struktur, wie es auch heißen könnte: Dass nämlich die Bücher des einstigen Phi-
lologie-Professors ein Komplex voneinander abgesetzter Texte sind; zwar „kurz“ ge-
schrieben, aber „lang“ zu lesen; zwar „in Stücken gegeben“, aber deshalb kein
„Stückwerk“ (KSA 14, S. 484; MA II VM 128, KSA 2, S. 432).73 Blanchot nennt

69 Blondel: Guillemets, a. a. O., S. 163 f. Im gleichen Abschnitt: „Les guillemets […] signifient typo-
graphiquement qu’un mot ou une phrase ne sont pas considérés par l’auteur comme isomorphe à
son propre discours […].“ Vgl. dazu auch Derrida, Jacques: Signature événement contexte. In:
Ders.: Marges de la philosophie. Paris 1972. S. 365 – 393, S. 381: „Tout signe, linguistique ou non-
linguistique […], en petite ou en grande unité, peut être cité, mis entre guillemets; par là il peut
rompre avec tout contexte donné, engendrer à l’infini de nouveaux contextes, de façon absolu-
ment non saturable“ bzw. Authier: Gänsefüßchen, a.a. O., S. 61 f.: „Die Wörter in Gänsefüßchen
sind solche, die man damit als ,deplaziert‘, ,nicht an ihrem Platz‘, auszeichnet […].“
70 Dazu Stegmaier, Werner: Nietzsches Verzeitlichung des Denkens. In: Kodikas/Code. Ars Se-
miotica 19, No. 1/2: Erleben und Repräsentation von Zeit. Hg. von Dieter Münch. Tübingen
1996. S. 17 – 27, S. 23: „Anführungszeichen sind […] eine der am häufigsten gebrauchten Takti-
ken seiner Genealogie.“
71 Blondel: Guillemets, a. a. O., S. 163. Ganz ähnlich Fietz: Medienphilosophie, a. a. O., S. 383:
„Nietzsche treibt sein graphisches Spiel mit den Worten, besonders gerne mit jenen, die meta-
physisch okkupiert sind [„wie z.B. „Wahrheit““]. Eine „Wahrheit“ in Gänsefüßchen ist keine
mehr, sie taugt nicht länger als Fundamentalsignifikat, das sie sein soll.“
72 Zum Aphorismus aus philosophischer Perspektive: als „der neuen Gestalt der Wahrheit“, vgl.
Borsche, Tilman: System und Aphorismus. In: Djurić, Mihailo/Simon, Josef (Hg.): Nietzsche
und Hegel. Würzburg 1992, S. 48 – 64, S. 56, der jedoch den Aspekt der Materialität vergisst.
73 Folglich gehört auch Nietzsches ‚Telegrammstil‘ an diese Stelle: „Abhandlungen schreibe ich
nicht: die sind für Esel und Zeitschriften-Leser. Ebensowenig Reden.“ (Nachlass 1885, KSA 11,
37[5]).
Rauschen 21

das Nietzsches „écriture fragmentaire“ und ergänzt, damit sei weder eine (ro-
mantische) System-Verweigerung gemeint, „la passion de l’inachèvement“, noch
die (klassische) Arbeit der Negation, als Analyse, Zerlegung, Widerspruch usw.,
denn „Nietzsche ignore les contradictions, […] il écarte la philosophie dialecti-
que“.74 Stattdessen gilt:
L’aphorisme est […], à titre de fragment, déjà complet, entier en ce morcel-
lement et d’un éclat qui ne renvoie à nulle chose éclatée.75
Es gibt also kein Typoskript, das nicht in dieser Weise fragmentarisch wäre,
„ponctue“, jenseits des Einen wie des Einzelnen und doch isoliert: „insociable“,
als „affirmation de la différence“.76 Oder: Erst Tastatur und Druckschrift haben
jene Struktur, die dann von Saussure bis Derrida und zurück auf die Frage nach
dem Funktionieren von ‚Sprache‘ deren Differenzialität zur Antwort gibt.77

3. Die Unmenschlichkeit der Schrift; oder: vom Corpus zur Mechanik,


von der Ästhetik zur Technik. St. Moritz im August 1879: Der soeben aus dem
Universitätsdienst entlassene Nietzsche hegt erste Pläne zur Anschaffung einer
Schreibmaschine, als er in Der Wanderer und sein Schatten die Forderung nach zeit-
gemäßer Medientheorie formuliert: „Die Presse, die Maschine, die Eisenbahn,
der Telegraph sind Prämissen, deren tausendjährige Conklusion noch Niemand
zu ziehen gewagt hat.“ (MA II WS 278, KSA 2, S. 674) Das sollte, zumindest im
Hinblick auf die Mechanisierung des Schreibens, bald anders werden. Keine drei
Jahre später nämlich, 1882 in Genua, diesmal mit jener Malling-Hansen-Skrive-

74 Blanchot: Écriture, a. a. O., S. 227 f., 230, 238.


75 Ebd., S. 229: „En dehors du tout et […] ne contredit pas le tout“. Ähnlich Derrida: Style, a. a. O.,
S. 281 – so wird das Fragmentarische materiale Struktur; freilich mit dem Effekt: „[E]lle n’a pas
pour sens son contenu.“ Ebd., S. 229.
76 Ebd., S. 252, 229, 234.
77 Derrida jedenfalls bezieht sich auf die Maschine als dem (hier behaupteten) Medium der „diffé-
rance“ seltsam gleichgültig: Entweder hält er (in: Tympan. In: Ders.: Marges de la philosophie.
Paris 1972. S. I-XXV, S. III, XXI) Nietzsches Philosophieren mit dem Hammer für eine Meta-
pher („je pose en termes de presse manuelle la question d’une machine d’écriture“), für ein Schla-
gen auf Trommelfelle („peut-on crever le tympan d’un philosophe et continuer à se faire enten-
dre de lui?“) bzw. vergleicht es mit dem Pressen von Seidentüchern („on abaisse un appareil
sur le marbre où se trouve la forme encrée“) oder aber bleibt (in: La main de Heidegger [Ge-
schlecht II]. In: Ders.: Psyché. Interventions de l’autre. Paris 1987. S. 415 – 451, S. 423, 434ff.) bei
einer Kritik des Freiburger Meisterdenkers stehen, der die Mechanisierung des Schreibens ja als
Zerstörung des Wortes beklagt hatte (Heidegger: Parmenides, a. a. O., S. 119, 125ff.). Im Gegen-
satz dazu Kittler: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 321, bzw. Krämer, Sybille: Sprache und Schrift
oder: Ist Schrift verschriftete Sprache? In: ZS. Zeitschrift für Sprachwissenschaft 15/1 (1996).
S. 92 – 112, S. 107, bzw. Dies.: Gibt es eine Sprache hinter dem Sprechen? In: Sprache und Spra-
chen in den Wissenschaften. Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Walter de Gruyter &
Co. anläßlich einer 250jährigen Verlagstradition. Hg. von Herbert Ernst Wiegand. Berlin, New
York 1999. S. 373 – 403, S. 380 (die allerdings, bei aller Aufmerksamkeit für Saussures „impliziten
Skriptizismus“, dessen materiale Voraussetzungen ignoriert).
22 Christof Windgätter

kugle ausgerüstet, antwortet Nietzsche auf eben dieser einem Brief von Heinrich
Köselitz:
SIE HABEN RECHT – UNSER SCHREIBZEUG ARBEITET MIT AN UNSEREN
GED\!A"\MKEN.78
Ein Satz, auch nach dem Sturz deutscher Dichtung und idealistischer Phi-
losophie so ungeheuer wie die Neuerung, der er sich verdankt. An die Stelle
souveräner Autoren tritt ein Medium, das nicht nur Handschreiben historisch
werden lässt, sondern auch Gedachtes zum Effekt seiner Technik samt der dazu
erforderlichen Geschicklichkeit macht: Tasten und Tippen. „WANN WERDE
ICH ES UEBER MEINE FINGER BR>I I NGEN!," EINEN LANGEN
SATZ ZU DRÜCKEN!! –"“79 klagt Nietzsche, obwohl er doch Piano, das Vor-
bild aller Tastaturen, spielen konnte.80 Mit solcher Abhängigkeit der Motorik von
der Mechanik aber hört Schreiben auf, nach Hegels Worten, ein „Au sd r u ck des
Innern“ zu sein: der „bestimmten Natur und angeborenen Eigentümlichkeit des
Individuums zusammen mit dem, was sie durch die Bildung geworden“.81 Seine
Hierarchie der „E r s ch e i nu n g e n“ jedenfalls, von der Innerlichkeit zu „Mund,
Hand, Stimme, Handschrift“, thematisiert das Medium nicht, in dem sie selber
erscheint. So fern steht die Lehre vom Ausdruck dem Ausgedruckten – und
man muss ihr Recht geben, denn weder sind noch haben Typogramme, seien sie
(in Büchern) gesetzt oder (auf Papiere) getippt, einen Charakter: 
 =
‚Eigentümlichkeit‘, ‚Prägung‘, von (gr.) 

 = ‚spitzen‘, ‚(ein)ritzen‘.82 Ma-


schinelles Schreiben also „widerruft“, wie Kittler es nennt, neben „Philosophen-
griffeln und Naturtafel“ auch solchen „Phallogozentrismus“; oder:
Schreiben bei Nietzsche ist keine natürliche Ausweitung des Menschen mehr,
der durch Handschrift seine Stimme, Seele, Individualität zur Welt bringen
würde.83

78 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 18 (einschließ-


lich Tippfehler, wie um sich selbst zu beweisen). Zum Brief von Köselitz vgl. KGB III/2, Nr. 108.
Außerdem Kittler: nietzsche, a. a. O., S. 25; Ders.: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 247; Ders.:
Typewriter, a. a. O., S. 293, der obiges Zitat für die Medientheorie entdeckt hat, bzw., im An-
schluss daran, Stingelin: Kugeläußerungen, a.a. O., S. 336 f.; Ders.: Schreibzeug, a.a. O., S. 90 f.
79 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 18.
80 Einen Schreibmaschinenbrief an Franz Overbeck bezeichnet Nietzsche gar als „FINGERUE-
BUNG“; in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 20.
81 Hegel: Phänomenologie, a. a. O., S. 211. Ebenso die direkt folgenden Zitate.
82 „Demnach war Schreiben ursprünglich eine Geste, die in einen Gegenstand etwas hineingrub
und sich dabei eines keilförmigen Werkzeugs („stilus“) bediente. So wird allerdings meistens
nicht mehr geschrieben. In der Regel trägt man jetzt beim Schreiben Farbe auf eine Oberfläche.
Nicht mehr Inschriften, sondern Aufschriften schreibt man jetzt. Man schreibt in der Regel stil-
los.“ Flusser: Schrift, a.a. O., S. 14.
83 Kittler: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 247; Ders.: Typewriter, a. a. O., S. 299, 305.
Rauschen 23

Das neue Medium bleibt vielmehr irreduzibel. Es verwehrt den Rückbezug


auf Persönlichkeiten und was sie beim Schreiben gedacht haben sollen; ist doch
bei jenem Drücken von Sätzen nicht nur „die Stelle, an der das jeweils zu schrei-
bende Schriftzeichen entsteht“, gerade das, „was nicht gesehen werden kann“,84
sondern auch die gewohnte Verbindung von Stimme und Zeichen = Seele und
Körper = Natur und Kultur immer schon zerbrochen. Unterm Vorzeichen ihrer
Mechanisierung, mit anderen Worten, schlägt sich Schreiben auf die Seite der
Künstlichkeit: Weil es an Maschinen selber zu einer „machinalen Thätigkeit“ wird
(Nachlass 1888, KSA 13, 14[102]) und weil es wie Kunstwerke dabei „ohne
Künstler erscheint“ (Nachlass 1885, KSA 12, 2[114]), ohne die „große Grund-
verrücktheit […], alles nach uns zu messen“ (Nachlass 1881, KSA 9, 11[10]).85
So wird für Nietzsche, mit der „Maschine als Lehrerin“ (MA II WS 218, KSA 2,
S. 653), das Schreiben zu einem „Programm der Gedankenlosigkeit“ (Brief an
Köselitz, 5. Oktober 1879, KSB 5, Nr. 889). Statt an Charakter und Individuali-
tät zu arbeiten, gilt es „Maschinen-Tugenden“ (Nachlass 1887, KSA 12, 10[11])
zu lernen; statt Beherrschung und Besitz ins Werk zu setzen, kommt es darauf
an, mit „NARRENHAND“86 schließlich wie von selbst zu schreiben.
„Au t o m a t i s mus “ (Nachlass 1888, KSA 13, 14[216]) ist dafür Nietzsches
Begriff: Dass wir durch „Übung“ (Nachlass 1880, KSA 9, 1[101]) „das B e -
wußtsein Schritt für Schritt […] zurückdrängen“ (Nachlass 1888, KSA 13,
14[216])87 – bis unsere Schreibbewegungen nicht länger durch einen „Willen“
(Nachlass 1881, KSA 9, 11[12]), seine Absichten, Motive, Intentionen usw., ge-
steuert werden, sondern „sich abspielen“ (ebd.); „wie die Themen einer aufge-
zogenen Spieluhr“: als „Handlungen der G e wohnheit“ (Nachlass 1880, KSA
9, 1[117]), als „Thätigkeiten, in denen sich eine Kraft entladet“ (Nachlass 1880,
KSA 9, 1[127]). Soll heißen: Mit dem Anwenden von Maschinen mutiert der
Mensch zur „Maschine „Mensch““ (Nachlass 1884, KSA 11, 25[136]; im Fall des

84 Beyerlen, zit. nach Herbertz, zit. nach Kittler: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 247. „Keines der
Modelle vor Underwoods großer Neuerung von 1897 erlaubte sofortige visuelle Kontrolle der
Outputs. Um Geschriebenes wiederzulesen, mußte man bei der Remington Klappen anheben,
während bei der Malling Hansen das Halbrund der Tastatur selber den Blick aufs Papierblatt be-
hinderte.“ Ders.: Typewriter, a. a. O., S. 297. So verbündet sich die Anonymität maschinen-
geschriebener Texte mit der Blindheit ihrer Schreiber; oder: Im Zeitalter seiner Mechanisierung
ist Schreiben nicht länger abhängig vom zentralen Gesichtssinn des Menschen, seinem opti-
schen Vermögen. Dazu Nietzsche im August 1881: „Ich habe mit dem Erfinder der Schreib-
maschine Hr. Malling-Hansen in Kopenhagen, Briefe gewechselt – ein solches Instrument, bei
dem die Augen nach einer Woche Übung gar nicht mehr thätig zu sein brauchen, wäre unschätz-
bar für mich […].“ (Brief an Overbeck, KSB 6, Nr. 139).
85 „Die Maschine ist unpersönlich, sie entzieht dem Stück Arbeit seinen Stolz […] – also sein Biss-
chen Humanität.“ (MA II, WS 288, KSA 2, S. 682).
86 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 41.
87 „Das Bewußtsein, in zweiter Rolle, fast indifferent, überflüssig, bestimmt vielleicht zu ver-
schwinden, und einem vollkommenen Automatismus Platz zu machen –“ (Nachlass 1888, KSA
13, 14[144]).
24 Christof Windgätter

mechanisierten Schreibens zu einem Körper, der sich durchs Spiel auf Tastaturen
ausgebildet hat. „Weder „frei“ noch mit „bewußter Aufopferung“ noch „für An-
dere““ (KSA 9, 1[117]), denn „[ü]berall [und also auch beim Schreiben/r] beginnt
es mit dem Zwang“ (Nachlass 1884, KSA 11, 25[462]). Die Blindheit, das Sitzen,
die Haltung des Kopfes, die Geschicklichkeit der Finger; all das sind „zunächst ty-
rannisirende Elemente“ (ebd.): Befehle und Machtgeschehen. Erst „allmählich“,
nach unzähligen Routinen: der Gewöhnung an die Eigenarten der Maschine
„weicht das Gefühl des Gezwungenseins“ (ebd.). Jetzt ist dem Schreiber das Me-
chanische „in Fleisch Blut und Muskel übergegangen“ (Nachlass 1880, KSA 9,
3[23]). Er findet die Tasten ohne zu überlegen und ohne noch vorher hinsehen
zu müssen, gleichsam instinktiv, mit nachtwandlerischer Sicherheit. „In Ketten
tanzen“ (MA II WS 140, KSA 2, S. 612): nach „einer fest eingeprägten Rolle“
(KSA 11, 25[462]), so Nietzsches Formel für Worte-macher im Maschinenzeital-
ter; oder: Auf die selbstgestellte Frage, ob „das überhaupt noch Menschen sind“
(UB II HL 5, KSA 1, S. 282), antwortet er während seines Genueser Experimen-
tes, indem auch er sich als Schreiber mit seinem Schreibzeug identifiziert:
SCHREIBKUGEL IST EIN DING GLEICH MIR: VON EI!SEN" / UND DOCH
LEICHT ZU VERDREHN ZUMAL AUF REISEN.88
Das Medium als Prämisse. Nicht tausendjährig, wie Nietzsche vermutet hat,
aber doch mit Konklusionen, durch die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts
Motorik und Mechanik, Körper und Künstlichkeit, in einer Weise überkreuzen,
dass die „machinale Existenzform als höchste ehrwürdigste Existenzform“
(Nachlass 1887, KSA 12, 10[11]) gelten konnte: als „ein Reich ganz unmensch-
licher Necessität“ (Nachlass 1880, KSA 9, 6[189]): differentiell, aggressiv und
ohne Gesicht – für Schreiber ebenso wie für Seiltänzer ein Abgrund, in dem sie
selbst: als Selbst, Hals über Kopf verschwunden sein werden.

4. Die Tücke des Objekts oder: Jede Schreibszene hat ihre jeweiligen
Störelemente. Nicht ausnahmsweise, als zufällige Unterbrecher (um nicht zu
sagen Verbrecher, wie bei jenem Possenreißer), auch nicht als Eindringlinge von
Außen, ohne rechtmäßigen Anspruch und Aufenthalt, in ein ansonsten homo-
genes Szenario, sondern so, das sie – immanent – zum Alltag des Schreibens, der
Schrift und seiner Schreibgeräte gehören.
Il n’y a pas de système sans parasite […], pas de maison, de bateau, de palais,
qui n’en ait son lot ou son pourcentage,89

88 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 59. Vgl. auch


Nietzsche an Köselitz, 14. August 1881, KSB 6, Nr. 136.
89 Serres, Michel: Le parasite. Paris 1980. S. 32 (nach einer Fabel La Fontaines: Le rat de ville et le rat
des champs).
Rauschen 25

bringt Michel Serres diese Behauptung auf einen fabelhaften Punkt und ergänzt:
„Les rats [„leurs bruits de course, de galop, de ronge et de grignote“] sont tou-
jours déjà là. Ils sont du bâtiment […] et je crains fort qu’ils constituent la chose
du monde la plus commune.“90 So ist der Kampf gegen die Parasiten (all das Säu-
bern, Ordnen und Vertreiben, dieser ganze Eifer, seine Parzelle, seinen Raum,
sein System einzufrieden und rein zu erhalten) von vornherein aussichtslos. Die
Störung wird stattfinden, in jedem Fall. Sie ist keine Möglichkeit, sondern Wirklich-
keit; die Wirklichkeit des Systems selber: Dass ihm Unerwartetes ebenso real wie
regulär zustößt, dass sein Funktionieren ein Nicht-Funktionieren impliziert.
„L’écart est de la chose même et peut-être la produit-il“91 – was mit Blick wie-
derum auf Nietzsche nur bestätigt werden kann, ist er doch weder durch seinen
schwankenden Gesundheitszustand noch seine schlechte Handschrift oder gar
das Scheitern auf der Malling-Hansen vom Schreiben abgekommen, sondern hat
sich, ganz im Gegenteil und als deren Konsequenz, dadurch überhaupt erst zu
ihrem Wie und Womit geäußert. Statt nicht mehr zu schreiben, wie Ärzte es ihm
geraten haben,92 beginnt Nietzsche darüber zu schreiben, beginnt das Worte-
machen vom Rauschen her: als „rauschvolle Wirklichkeit“ (GT 2, KSA 1, S. 30) zu
begreifen:

Beispielsweise in Form und Inhalt jenes „Telegrammstils“ (Postkarte an


Köselitz, 5. November 1879, KSB 5, Nr. 900), zu dem er nach eigener Auskunft
durch seine „große Schwachsichtigkeit“ (Brief an Overbeck, 14. November
1881, KSB 6, Nr. 167) und „schreckliche Kopfschmerzen“ (Brief an Cosima
Wagner, 10. Oktober 1877, KSB 5, Nr. 669) gezwungen wurde. „Seit wie lange
habe ich nicht lesen können!!“ (KSB 6, Nr. 167) So beenden Nietzsches Augen
„alle Bücherwürmerei“ (EH, MA 4, KSA 6, S. 326), um in der Folge auch ihr
Schreiben unmöglich zu machen:
Die Krankheit gab mir [1878/79, während der Arbeit an Menschliches, Allzu-
menschliches] ein Recht zu einer vollkommenen Umkehr aller meiner Gewohnhei-
ten; sie erlaubte, sie g e b o t mir Vergessen […]: ich war vom „Buch“ erlöst. (Ebd.)

Nun also die „Kürze“ (KSB 5, Nr. 900) eines Schreibstils, der keine Schmer-
zen mehr bereiten soll, weil er versucht, einer „Horazischen Ode“ gleich, durch
ein „minimum von Umfang der Zeichen“ ein „Maximum von Energie des Zei-

90 Ebd., S. 32, 30. Außerdem S. 453: „Le parasite ne s’arrête pas. Il ne s’arrête pas de manger ni de
boire, de crier, d’éructer, de faire mille bruits, de remplir l’espace de son pullulement et de son
brouhaha.“
91 Ebd., S. 34. Sehr ähnlich auch schon Barthes, Roland: Le bruissement de la langue. In: Ders.: Le
bruissement de la langue, Essais critiques IV. Paris 1975. S. 99 – 102, S. 99 f.
92 Vgl. u.a. Volz: Nietzsche im Labyrinth, a.a. O., S. 94 f., 101, 108, sowie Nietzsche an Cosima
Wagner, 10. Oktober 1877, KSB 5, Nr. 669, bzw. an die Schwester Elisabeth, 23. November
1879, KSB 5, Nr. 908.
26 Christof Windgätter

chens“ (Nachlass 1888, KSA 13, 24[1], S. 623 f.) zu erreichen. „Wortverknap-
pung“ heißt das bei Friedrich Kittler, demzufolge Nietzsche nicht länger „das
Rebus vorgegebener Texte löst“, sondern „selber Rätsel um Rätsel erfindet“.93
These: Schon für den Basler Professor begleitet Rauschen den täglichen Um-
gang mit Medien; zunächst physiologisch induziert als Kopfschmerz, dann
ästhetisch gewendet, indem er aus Büchern (samt Einleitung, Hauptteil und
Schluss) „Aphorismen-Sammlungen“ (GM, Vorrede 2, KSA 5, S. 248) werden
lässt (von 1 bis n durchnummeriert).94 Mit dem Risiko jedoch, dass sie ihre „a b -
g e k ü rz t es t e Sprache“ (als „Stücke gegeben“) „so oft in die Nähe des Missver-
ständnisses“ bringt (KSA 14, S. 484; MA II VM 127, KSA 2, S. 432; Postkarte an
Köselitz, 5. November 1879, KSB 5, Nr. 900): „Alle feineren Gesetze des Stils
haben da ihren Ursprung: sie halten zugleich ferne, sie schaffen Distanz, sie ver-
bieten „den Eingang“, das Verständniss, wie gesagt.“ (FW 381, KSA 3, S. 634)
Hinzu kommt, dass Nietzsche durch solchen Stilwechsel zwar die eigenen
Augen schont, dafür aber von den Lesern seiner Schriften deren mühevolles Ent-
ziffern verlangt: Fehlende Literaturverzeichnisse bzw. Quellennachweise, kaum
vorhandene Überschriften, Begriffsdefinitionen oder andere Orientierungshil-
fen, darüber hinaus eine ungewöhnlich hohe Zahl von Interpunktionszeichen
(Parenthesen, Gänsefüßchen, Wort-Trennungen, Sperrdruck usw.), aber auch
Besonderheiten des Layouts (Formate, Zeilenabstände oder Randbreiten) sowie
(schon in den Erstausgaben) lateinische statt deutsche Lettern – keine Möglich-
keit textueller Inszenierung ist zu gering, um nicht lesenden Schnelläufern oder bü-
cherwälzenden Gelehrten als Hindernis entgegengesetzt zu werden:
Ich bin k u r z : meine Leser selber müssen lang werden, umfänglich werden […].
(KSA 14, S. 484)

Die Behinderung des Schreibers schlägt um in das Behindern seiner Leser; nach
Kittler der „alteuropäische Normalfall“, den Nietzsche in Zeiten „allgemeiner
Alphabetisierung“ wieder erzwingt: dadurch, dass er „Schriftstrukturen ins Ex-
trem treibt“.95 So ist seine Unlesbarkeit zwar an dieser Stelle eine persönliche
Strategie, zeigt aber zugleich, wie Texte schlechterdings funktionieren: als Zeit/
Raum kleinerer und größerer Störungen, als ein Szenario aus lauter Komplikationen.
Das Rauschen jedenfalls ist immer schon da, denn es sind die Worte selbst.

93 Kittler: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 238 f. „Halbblinde Augen erlösen das Schreiben davon,
wie um 1800 produktives Fortschreiben von Gelesenem oder wie in der Gelehrtenrepublik
Kommentar eines Bücherkrams zu sein.“ (Ebd., S. 241).
94 Nietzsches erste (1878 veröffentlichte) Aphorismensammlung „trägt den Titel „Menschliches,
Allzumenschliches““ und „wurde in [dem „als Au g e n-kurort mit Recht gerühmten“] Sorrent
begonnen“ (GM Vorrede 2, KSA 5, S. 248; Brief an die Mutter, 18. Februar 1877, KSB 5,
Nr. 597). Vgl. auch Volz: Nietzsche im Labyrinth, a.a. O., S. 100.
95 Kittler: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 238, 224. Zur alteuropäischen Lektürepraxis vgl. McLu-
han: Typographic Man, a.a. O., S. 90, bzw. Illich: Vineyard, a.a. O., S. 55 ff.
Rauschen 27

5. Federstreiche: Mitchell, Roeder, Sönnecken. Durch Kurzsichtigkeit


bedingt, musste „Nietzsche seinen Kopf beim Lesen und Schreiben ganz nahe
über das Papier halten, was früh einen fatalen Effekt auf seine Handschrift
hatte.“96 Bereits den 20-Jährigen nötigt das zu vehementer Klage:
– Ich bin außer mir über Feder und Tinte, schon seit vier Seiten hat mich alle Ge-
müthlichkeit verlassen, ich referire bloß noch auf das trockenste [sic!] einige
Fakta. – […] Verzeihe mir meine unausstehliche Schrift und meinen Mißmuth da-
rüber, Du weißt, wie sehr ich mich darüber ärgere, und wie meine Gedanken dabei
aufhören. (Brief an Gersdorff, 25. Mai 1865, KSB 2, Nr. 467, S. 57)
Und ein knappes Vierteljahrhundert später:
Eben merke ich, daß die Finger blau sind: meine Schrift wird nur dem erräthlich sein,
der die Gedanken erräth … (Brief an Köselitz, 26. Februar 1888, KSB 8, Nr. 1000)
Folglich sind in der Zwischenzeit: das ist sein ganzes „Schreibthier-leben“ lang
(Brief an die Mutter, 14. September 1888, KSB 8, Nr. 1114, S. 431), Nietzsches
eigenhändige Sätze so „krumm“ (Postkarte an Köselitz, 25. Januar 1881, KSB 6,
Nr. 77), wie er sie selber sieht. Verträgt der zunächst Noch- und dann Nicht-Phi-
lologe kein längeres Lesen mehr, weil ihm „die Worte“ vor Augen „zu Klumpen
werden“ (Brief an die Mutter, 18. Februar 1877, KSB 5, Nr. 597), mit der nunmehr
technisch-pragmatischen Seite des Schreibens ist es nicht anders: Entweder seine
„Feder kratzt [bzw. „sprüht“] nur auf dem Papier“ statt dort zu „tanzen“ (Frühe
Schriften 1862, BAW 2, S. 71; Nachlass 1871, KSA 7, 15[1]; GD, Was den Deut-
schen abgeht 7, KSA 6, S. 110) oder aber ihre „Tintenflüsse“, „Wie läuft das hin,
so voll, so breit!“, ergeben ein einziges „Krikelkrakel“ (FW, Scherz, List und Rache
59, KSA 3, S. 366; Brief an Köselitz, Ende August 1881, KSB 6, Nr. 143).
Kein Wunder also, dass Nietzsche die Ab- und Reinschriften seiner Druck-
manuskripte immer wieder den „Händen“ von Heinrich Köselitz alias Peter
Gast anvertraute: „Wenn Sie nicht errathen, was ich denke, so ist das Manuscript
unentzifferbar.“ (Brief vom 25. Januar 1881, KSB 6, Nr. 77)97 Der junge Profes-
sor hatte den noch jüngeren „Musico“ (Brief an Erwin Rohde, 23. Mai 1876,
KSB 5, Nr. 528), einen „Verehrer meiner Schriften“ (Brief an Gersdorff, 16. No-
vember 1875, KSB 5, Nr. 493), im Herbst 1877 als „stä ndig e n S e c r e tä r […]
engagirt“ (Postkarte an Mutter und Schwester, 29. September 1876, KSB 5,

96 Stingelin: Schreibzeug, a.a. O., S. 88 (nach einem Hinweis bei Fuchs: Nietzsches Augenleiden,
a. a. O., S. 633), sodass Nietzsche nun seiner o. g. Gelehrten-Karikatur aus dem V. Buch der Fröh-
lichen Wissenschaft (FW 366, KSA 3, S. 614) zum Verwechseln ähnlich wird.
97 Weitere, sogar weibliche Hände folgen: Marie Baumgartner, Louise Röder-Wiederhold und ein
namenloser „alter Kaufmann, der banquerott ist“. Vgl. dazu Nietzsches Briefe an: Malwida von
Meysenbug, kurz nach dem 20. März 1875, KSB 5, Nr. 436; an Schmeitzner, 26. Mai 1882, KSB
6, Nr. 232; an Resa von Schirnhofer, KSB 7, Nr. 607; an die Schwester, 5. Juli 1885, KSB 7,
Nr. 611, und an Köselitz, 23. Juli 1885, KSB 7, Nr. 613.
28 Christof Windgätter

Nr. 557). Eine schon-nicht-mehr-klassische Schreibszene entsteht: Zwei Männer


(vorerst der Wissenschaft ergeben), ein Text (der übersetzt werden soll), dazu
Studierzimmer, Schreibgerät – und Rauschen: „Der treue Musiker Köselitz zieht
in meine Behausung und will die Dienste eines hülfreichen Schreiber-Freun-
des übernehmen. […] Ich diktierte, den Kopf verbunden und schmerzhaft, er
schrieb ab, er korrigierte auch.“ (Brief an Rohde, 28. August 1877, KSB 5,
Nr. 656 bzw. EH, MA 5, KSA 6, S. 327)98 Gleichwohl, die Nähe zum Missver-
ständnis, die diesmal ungewollte Störung der Lese-Routine bleibt: Denn erstens sind
sogar Sekretäre Mängelwesen: „Um des Himmels willen I h r e Orthographie
und Interpunktion und keine stäts!“, weshalb es zweitens vorkommt, dass „Dru-
cker und Setzer“ deren Vorlagen „gräßlich mißhandeln“ (Postkarte an Köselitz,
1. Juli 1882, KSB 6, Nr. 253). So geschehen mit der Fröhlichen Wissenschaft 99 und
vor allem als Nietzsche bei seinen zahlreichen Reisen bzw. Kuraufenthalten wie-
der einmal selber schreiben musste:
Das Manuskript [nun von Der Fall Wagner] ist bereits in der Druckerei. Es war
schon einmal dort, wurde mir wegen Unleserlichkeit zurückgeschickt. Ich hatte
die Abschrift in einem solchen Zustand von Schwäche gemacht, daß die latei-
nischen Buchstaben ebenso gut als griechische verstanden wurden (– eine
kleine Druckprobe bewies mir das) (Brief an Carl Fuchs, 24. Juli 1888, KSB 8,
Nr. 1070).
Eine Situation, die bis heute unverändert fortbesteht. Nietzsches Hand-
schrift jedenfalls gilt auch erfahrenen Editionsphilologen „als eine besonders
schwer entzifferbare“ – was nicht nur die „Forderung nach der authentischen
Transkription“ zu einem „unerfüllbaren Imperativ“ werden lässt (über die „Fäl-
schungen“ der Schwester sei hier kein Wort verloren), sondern speziell der kri-
tischen Nachlass-Edition „riesige Probleme“ bereitet.100

98 Zur Nicht-mehr-Klassizität dieser Schreibszene vgl. erst Goethe, Johann Wolfgang von: Faust.
Eine Tragödie. Erster Teil [1806]. Frankfurt a. M. 1983, S. 172 ff., dann Kittler: Aufschreibesy-
steme, a. a. O., S. 24 f., 230, der zeigt, dass „Deutsche Dichtung an ihrem Beginn“ das Rauschen
(in Gestalt eines Pudels) nur hört und sieht, um es „auszuschließen“ – weshalb nicht zuletzt auch
Campes „Schreibszene, Schreiben“, a.a. O., S. 759 f., historisch und systematisch um seine je spe-
zifischen Störelemente erweitert werden muss.
99 „Teubner [in Leipzig] hat 6 Bogen bisher gedruckt; wie ich aber die Correkturen mit Köselitz
[in Venedig] über Tautenburg [in Thüringen] zu Stande bringe, begreife ich noch nicht. Und da-
bei kann immer etwas ve rlo re n gehen! –“ (Brief an die Schwester, 5. Juli 1882, KSB 6, Nr. 260).
Zu weiteren ästhetisch-editorischen Problemen vgl. Brief an Schmeitzner, 16. Mai 1878, KSB 5,
Nr. 722; Brief an Köselitz, 10. April 1881, KSB 6, Nr. 101.
100 Groddeck/Kohlenbach: Zwischenüberlegungen, a.a. O., S. 30 f., 33. Desgleichen Haase/Koh-
lenbach: Editorische Vorbemerkung, a.a. O., S. XV f.: „Nietzsches Handschrift […] ist hochgra-
dig individualisiert. Das Varianzspektrum einzelner Grapheme ist beträchtlich, ihre Differen-
zierbarkeit dagegen oft unzureichend. Polyvalente Einzelzeichen kommen ebenso vor wie nicht
unterscheidbare Wortbilder mit offenkundig unterschiedlicher Wortbedeutung. Ein Wille zur
Einheitlichkeit und Kontinuität ist kaum zu erkennen.“ Vgl. auch die Faksimiles auf der CD-
Rom zur KGW IX oder www.hypernietzsche.org.
Rauschen 29

In deren aktuellster Lösung freilich (der Abteilung IX der KGW) wird damit
offensiv umgegangen: Statt weiterhin Lesetexte zu kompilieren (einschließlich
„präsupponierter Werkstruktur“), ist dort, „ultradiplomatisch“ und ergänzt
durch die Faksimiles auf CD-Rom, eine „Transkription“ der Aufzeichnungen
Nietzsches in ihrer „räumlichen Anordnung“ sowie den „zeitlichen Zusammen-
hängen der verschiedenen Niederschriften […], mit allen Verschreibungen,
Streichungen und Korrekturen“ unternommen worden.101 Dass dann noch
typographisch zwischen fünf Schriftarten und farblich zwischen vier Tinten
bzw. drei Stiften differenziert wird, bringt schließlich auf jeder transkribierten
Seite ein selbst für wissenschaftliche Leser ungewohntes Text-Szenario hervor.102
Oder, wie es in einem Kommentar zur Erstveröffentlichung der IX. Abteilung,
Band 1 – 3 heißt:
Wer soll diese Notate lesen – und vor allem wie? Was kann angesichts dieses
„Textes“ überhaupt noch „lesen“ heißen? […] Wir fühlen uns gleichzeitig
reich beschenkt und um den geliebten Text betrogen. Vielleicht ist dies der
Augenblick, das Lesen neu zu lernen.103
Dabei sind ‚?‘ und ‚vielleicht‘ noch übervorsichtig; wird hier doch (gegen alle
Forderungen nach textlicher Entwicklung und Finalität) die Duldung des Rau-
schens, ja sogar dessen Bestätigung zum editorischen Programm. Bei einem
Nachlass-Konvolut, das sowieso in keiner bereinigten = linearen = sortierten
Form vorliegt und überdies einen Verfasser hat, der schon von seinen selbst ver-
antworteten Publikationen schreibt, sie seien nicht „zum Durchlesen“, sondern
zum „Aufschlagen“ gemacht: „man muss den Kopf hinein- und immer wieder
hinausstecken können und nichts Gewohntes um sich finden.“ (M 454, KSA 3,
S. 274)104

101 Raulff, Ulrich: Klickeradoms. Nietzsche liegt in Stücken: Notizbücher eines Zerstreuten. In:
Süddeutsche Zeitung, 24. 11. 2001. S. 16; Groddeck/Kohlenbach: Zwischenüberlegungen,
a. a. O., S. 28, 35 f.: „Gegenstand der Nachlaßedition ist also nicht die Aufbereitung von Texten,
sondern die [„stereoskopische“, weil „topologische“ und „chronologische“] Dokumentation von
Niederschriften.“ Vgl. dazu auch Thüring, Hubert: Tertium datum. Der ‚Nachlass‘ zwischen
Leben und Werk. Zur Neuausgabe der handschriftlichen Dokumente des ‚späten Nietzsche‘.
In: http://iasl.uni-muenchen.de/rezensio/liste/thuering.html.
102 – einem Schrift-Bild ähnlicher als gewohnten Buchseiten. Allerdings, eine medientheoretische
(und nicht nur editionsphilologische) Perspektive auf diese Transkription muss als deren Bedin-
gung auch den Computer (mit seinen Möglichkeiten zur Digitalisierung) sowie die damit einher-
gehenden Veränderungen von Text-Form(at)en und Lese-Gewohnheiten zumindest erwähnen.
Vgl. Neumann, Gerhard: Schreiben und Edieren. In: Bosse, Heinrich/Renner, Ursula (Hg.):
Literaturwissenschaft – Einführung in ein Sprachspiel. Freiburg (Breisgau) 1999. S. 401 – 426,
S. 408 ff., 423 ff.
103 Raulff: Klickeradoms, a. a. O., S. 16.
104 Vgl. auch Nachlass 1877, KSA 8, 23[196] oder, um noch ein weiteres Rausch-Phänomen zu er-
wähnen: Seit 2001 werden Nietzsches Erstausgaben sowie die ca. 1100 Bände seiner (nur unvoll-
ständig erhaltenen) Privatbibliothek im Leipziger Zentrum für Bucherhaltung restauriert. Der Grund
30 Christof Windgätter

These: Im Zuge medienpraktisch-editionsphilologischer Neuorientierungen


wird nach dem (klassischen) Werk-Begriff nun auch der (moderne) Text-Begriff
fragwürdig: Denn Schreiben, das ist die Störung; oft genug unaufhebbar, die deshalb
keine geschlossene, repräsentative Feststellung mehr erlaubt, sondern einzig die
Dokumentation materialer Spuren.105

Doch zurück ins skriptographische 19. Jahrhundert: Nachdem Nietzsche


schon ein Sekretär „in allen Stücken hülfreich“ geworden ist (Brief an Rohde,
16. Mai 1876, KSB 5, Nr. 525), kann es genauso wenig wundern, dass er Zeit
seines kurzsichtigen Lebens verschiedene Schreibfedern ausprobiert hat.106 Zwar sind
aus den Anfangsjahren seiner Schriftstellerei (als Schüler, Student oder Profes-
sor) keine diesbezüglichen Äußerungen bekannt;107 seit Juli 1882 aber (drei
Jahre, nachdem er Basel verlassen hat, und drei Monate, nachdem in Genua die
Malling-Hansen unbrauchbar wurde) finden sich Briefstellen, die auch das klas-
sische Schreibgerät thematisieren. Dabei scheint es durch Nietzsches häufige
Ortswechsel vor allem Schwierigkeiten mit dem Nachschub gegeben zu haben:
„Bitte, um des Himmels Willen: Stahlfedern! Die Naumburger also: B. John Mit-
chells classical 689!“ (Brief an Elisabeth Nietzsche, 5. Juli 1882, KSB 6, Nr. 260)
So ein Appell von Tautenburg aus an die Schwester, der aber wohl nur der Eile
wegen ergeht, denn tatsächlich hieß es schon einige Tage zuvor (vom selben Ort
aus an dieselbe Adresse):
Diese Federn sind fürchterlich, eine wie die andere. Erweise mir die Gunst, durch
Dr. Romundt ein Gros von der Humboldfeder Roeder’s B [= „N r. 1 5 “] kommen zu
lassen. Es ist die einzige Feder, mit der ich noch schreiben kann. (Brief an Elisa-
beth Nietzsche, 2. Juli 1882, KSB 6, Nr. 255; vgl. Brief an die Mutter, Fragment,
Mitte Juni 1887, KSB 8, Nr. 862)108

dafür sind weniger mechanische Schäden an den Bindungen bzw. den Broschur-, Papp- oder Le-
dereinbänden, als vielmehr die progressiven Vergilbungen und Versprödungen des stark über-
säuerten, weil holzschliffhaltigen Papiers. In diesem Fall also heißt die Strategie immer noch und
zum Glück Rauschverminderung. Zu den technischen Einzelheiten der Restaurierung vgl. Slenczka:
Restaurierungskonzept, a. a. O.
105 Paradigmatisch dafür sind vor und neben der KGW IX insbesondere die Frankfurter Hölderlin-
Ausgabe (seit 1975) unter der Leitung von Dietrich E. Sattler sowie die Frankfurter Kafka-Aus-
gabe (seit 1995) herausgegeben von Roland Reuß und Peter Staengle.
106 Vgl. Derrida: Style, a. a. O., der bekanntlich über Nietzsches Stile geschrieben hat, dessen tatsäch-
lichen Stili jedoch gänzlich außer Acht lässt.
107 Es gibt Ausnahmen, die diese Regel bestätigen: etwa einen Brief an die Mutter, 6. Oktober 1858,
KSB 1, Nr. 21 bzw. einen Bestellzettel (in Schul-Pforta) an Max Heinze, 10. August 1862, KSB 1,
Nr. 326.
108 (Zum Schreibfehler vgl. auch http://ora-web.swkk.de7777/nie_brief_online/nietzsche.Digitalisat_
anzeigen?id=2722&lfdnr=7674&nr=1&h=500) „B bedeutet „weich“ / Man kann sie direkt
bestellen (es genügt: S. Roeder Stahlfederfabrik B e rlin) oder bei einem Naumburger Schreib-
Papierhändler.“ (Brief an die Mutter, 13. Mai 1883, KSB 6, Nr. 416).
Rauschen 31

Nicht anders im Mai ’83 und Juni ’87 als Nietzsche aus Rom bzw. Sils-Maria
zwei weitere Bestellungen nach Naumburg schickt: „Ich möchte gleich einen lan-
gen Vorrath davon, also 2 Gros (das sind 24 Dutzend)“ (Brief an Franziska
Nietzsche, 13. Mai 1883, KSB 6, Nr. 416) und dann: „mir wäre ein Kästchen
mit 12 Dutzend Stahlfedern sehr erwünscht“ (KSB 8, Nr. 862). Immer wieder
Roeder’s Berliner Fabrikate. Legt man die Briefstellen zugrunde, bisher fünf Jahre
lang, um schließlich im darauf folgenden Engadiner Sommer doch noch ersetzt
zu werden. Das Problem der Unlesbarkeit nämlich bleibt, wie die o. g. Nieder-
schrift von Der Fall Wagner gezeigt hat. In Nietzsches Worten an seine Mutter:
[I]ch bitte S t a h l f e d e r n ins Auge zu fassen. Inzwischen habe ich eine so
schlechte Schrift bekommen, daß eine b e s o n d e re A r t S t a h l f e d e r n versucht
werden mußte, die von Sönnecken [„welche der hiesige Lehrer für meine zittern-
den Hände anempfahl“] […] Die g e n a u e Bezeichnung ist: / S ö n n e c k e n ’s
R u n d s c h r i f t f e d e r n / N r. 5 / Bitte, hebe Dir d i e s e A d re s s e auf. Das Haupt-
geschäft ist in Leipzig. (Nietzsche an Franziska Nietzsche, 17. Juli 1888, KSB 8,
Nr. 1063; an Carl Fuchs, 24. Juli 1888, KSB 8, Nr. 1070)
Noch vier Mal wird sich Nietzsche in nachfolgenden Briefen auf diese Sorte
Federn beziehen: am 13. bzw. 30. August ’88, weil er (wiederum bei seiner Mut-
ter) „eine ganze Schachtel“ bestellt (KSB 8, Nr. 1090), am 14. September, als er
sich für deren Zusendung bedankt: „bin sehr erbaut“ (KSB 8, Nr. 1114, S. 431),
und am 22. Dezember, um auch Heinrich Köselitz von seinem neuen Schreib-
utensil zu berichten: „ausgezeichnet“ (KSB 8, Nr. 1207). Eine Genugtuung
jedoch, die schon zwei Wochen später mit Nietzsches noch heute sog. „Wahn-
sinnszetteln“109 ihr jähes Ende findet. Was zunächst „Verschleierung“ war: tan-
zende „Flecken“ vor seinen Augen (Brief an Franz Overbeck, 31. Mai 1885,
KSB 7, Nr. 589), ist tiefe „Finsterniss“ (EH, GM, KSA 6, S. 352) geworden.

6. Letternrauschen: Tasten und Typoskripte. Blieb also Nietzsche „ver-


dammt zum Kritzeln-Müssen“ (FW, Scherz, List und Rache 59, KSA 3, S. 366),
wie er es im Vorspiel zur Fröhlichen Wissenschaft noch selber befürchtet? Eine
Frage, auf die nicht nur sein Stil- und Stiluswechsel zu antworten versuchte, son-
dern auch die Anschaffung der Malling-Hansen-Skrivekugle. Im Februar 1882, heißt
das, tauscht der Ex-Professor für knapp zwei Monate Feder, Fass und Tinten-
fluss gegen Tasten, Typenstangen und diskrete Lettern. Seine Hoffnung: Dass
die Augen dann beim Schreiben nicht mehr schmerzen und man das Geschrie-
bene = Getippte wieder lesen kann.
Dabei ist schon die Lieferung der Maschine alles andere als reibungslos ver-
laufen: „[S]chwer beschädigt“ kommt sie aus Kopenhagen in Genua an und
muss zunächst „eine Woche […] „reparirt““ werden (Postkarte an Köselitz,

109 Benders/Oettermann (Hg.): Chronik, a.a. O., S. 730.


32 Christof Windgätter

11. Februar 1882, KSB 6, Nr. 198). Zwar funktioniert daraufhin die Mechanik
wieder, bis zu jenem 24. März jedoch, als sie ebenso rätselhaft wie endgültig „ih-
ren „Knacks“ weg“ hat (Brief an die Schwester, 27. April 1883, KSB 6, Nr. 408),
kommt es nicht nur zu mindestens einer weiteren „REPARATUR“,110 auch die
Anwendung des neuen Schreibgerätes wird sich als eine Anhäufung von Widrigkei-
ten und Missgeschicken erweisen. Einzig Köselitz lobt nach Erhalt des ersten Typo-
skripts die „Deutlichkeit der Lettern“ (KGB III/2, Nr. 108). Was keineswegs
übertrieben ist, wie das Original oder sein Faksimile zeigen,111 was aber in An-
betracht aller von Nietzsche bekannten Schreibmaschinentexte eine Ausnahme
darstellt. „Teufel! Können Sie das auch lesen?!“112 Bereits das Folgetyposkript
trägt diesen handschriftlichen Zusatz, Tipp- und Transportfehler nämlich haben
sich derart vermehrt, dass nun Korrekturen mit dem Stift erforderlich sind: Mal
müssen Buchstaben eingefügt bzw. überschrieben werden, mal gilt es, fehlende
Zeichen (Gänsefüßchen, Asterices, Interpunktionen) zu ergänzen oder Wörter
(durch Schrägstriche) zu trennen. Genauso wie man sieht, dass Nietzsche einige
überlange Zeilen nur von Hand (aber in Blockschrift) zu Ende schreiben konnte
und gelegentlich sogar gezwungen war, auf seine Federn zurückzugreifen, um
durchzustreichen (gleichsam zu vertuschen) oder angefangene Briefe fortzu-
setzen.113
These: Durch die Anwendung der Maschine wird Rauschen nicht vermindert, sondern
verändert; soll heißen: Es funktioniert medienspezifisch: je nachdem, und spielt seine
Rolle also auch in typographischen Szenarien.
WANN WERDE ICH ES UEBER MEINE FINGER BR>I\!I"\NGEN!," EINEN
LANGEN SATZ ZU DRÜ[~U]CKEN!! –"114
So ist der Schriftsteller Nietzsche noch einmal zum buchstabierenden Schrei-
ber geworden; oder: Sein neues Schreibzeug verlangt von ihm eine zweite,
nunmehr beidhändige Alphabetisierung, den Bildungsweg künftiger Sekretärinnen –
während Köselitz in Venedig „ÜBEL“115 wird. Gegen Bedienungsprobleme
jedenfalls: seien sie durch das Chaos der Tasten, schwergängige Typenstangen
oder die Unsichtbarkeit des gerade getippten Buchstabens verursacht, helfen
nur Praxis und Gewöhnung: bis zur „unfreiwilligen Coor dina tion die se r
B e we g u n g en“ (Nachlass 1888, KSA 13, 14[170]), bis sie „ohne Bewußtsein
[ihr] Spiel abspielen“ (Nachlass 1884, KSA 11, 30[10]), weshalb sich Nietzsche

110 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 22.


111 Vgl. ebd., S. 17.
112 Ebd., S. 18.
113 Vgl. ebd., S. 18, 21, 73, 45, 36f.
114 Ebd., S. 18. Drücken oder Drucken, das ist die Geste und die Schrift.
115 Ebd., S. 25. Zum Einschluss von Frauen in die Schreibstuben und -Prozesse vgl. Kittler: nietz-
sche, a. a. O., S. 28; Ders.: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 248 ff.; Ders.: Typewriter, a. a. O.,
S. 273 ff., 308ff.
Rauschen 33

postwendend dazu entschließt, aus Texten „FINGERUEBUNGEN“116 zu ma-


chen. „VERZEIH UND NIMM FUERLIEB!!"“ bittet er den Theologen-
freund Overbeck für diesen Schwenk vom Ausdruck (des Innern) zum Anschlag
(von Tasten),117 um nach der Mechanisierung seines Schreibens noch dessen
Automatisierung zu erreichen: die Entkoppelung der klassischen Trias Augen,
Hand und Lettern.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Neben 15 Briefen tippt Nietzsche auch
ein 34-Seiten umfassendes Konvolut mit dem (noch viel ehrgeizigeren) Titel
„!5 0 0" AU F S C H R I F T E N / AUF TISCH UND WAND. / FUER N>A\
!A"\RRN / VON N A R R E N H A N D“.118 Köselitz (wie immer) ist begeistert.
Diesmal lobt er die „Kernigkeit der Sprüche“ (KGB III/2, Nr. 108), durch die
Nietzsche, nach einer Formulierung Kittlers, nicht nur von der „Rhetorik zum
Telegrammstil“, von „Argumenten zu Aphorismen“, sondern auch „von Ge-
danken zu Wortspielen“ wechselt.119 Die Schreibmaschine machts möglich: „[W]enn
die Augen mich verhindern etwas zu ler n en – und ich bin bald so weit! so kann
ich immer noch Verse schmieden.“ (Postkarte an Mutter und Schwester, KSB 6,
Nr. 219) Im Frühjahr 1882 sind das zunächst und zumeist Zwei-, Drei- oder
Vierzeiler der folgenden Art:
GLATTES EIS EIN PARADEIS
FUR DEN DER GUT ZU TANZEN WEISS.
NICHT ZU FREIGEBIG: >!!" NUR HUNDE
SCHEISSEN ZU JEDER STUNDE.
WIE KOMM ICH AM BESTEN DEN BERG HINAN? –
STEIG NUR HINAUF UND DENK NICHT DRAN.
NOTHDURFT IST BILLI!g" – GL!ü"CK IST OHNE PREIS:
DRUM SITZ ICH STATT AUF GOLD AUF MEINEM STE!ISS."
[…].

116 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 20. Wie auch
das direkt folgende Zitat.
117 Nietzsches Schreibkugel war noch mit einer Ideal- statt einer Universaltastatur (= QWERTY bzw.
QWERTZ) ausgestattet, die zwar beide auf statistische Erhebungen zur Zeichenhäufigkeit rea-
gieren, von denen die Malling-Hansen aber als Typenstangenmodell auf das Verhaken von Typen-
hebeln (durch deren Gelenke) keine Rücksicht nehmen und deshalb auch die oft nacheinander
getippten Zeichen nicht auf möglichst weit voneinander entfernte Tasten verteilen musste. Für
Blinde konstruiert, war sie vielmehr physiologisch-taktil orientiert; soll heißen: Bei ihr wurden häu-
fig verwendete Tasten im mittleren Bereich des Kugelkopfes angeordnet, wo sie dann von den
Fingern mit der angeblich größten Beweglichkeit (= Zeige- und Mittelfinger) angeschlagen wer-
den konnten. Vgl. Martin: Schreibmaschine, a. a. O., S. 530 ff., sowie Dingwerth: Schreibmaschi-
nen, a.a. O., S. 141 ff.
118 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 41.
119 Kittler: Typewriter, a. a. O., S. 296.
34 Christof Windgätter

Auf anderen Blättern heißt es auch:


[…] DIE>!alle" GEWOHNHEIT MACHT DIE>!unsere" HAD !Hand"
GESCHICKTER UND DAS AUGE STUMPFER.
[…] DER BESTE PLATZ DES PARADIESES IST VOR SEI-
NER THUER.
[…] ER SCHOSS EIN LEERES WORT ZUM ZEIT
VERTREIB
INS BLAUE – UND DOCH FE\!fiel"\IL DAROB
EIN WEIB. !– –"“
[…]!„"GUT UND B!Ö"SE SIND DIE VORURTHEIL!E"
GOTTES“ – SPRACH DIE SCHLANG[-] UND FLOH IN
EILE.
beziehungsweise (als schon teilweise zitierte Aufschrift):
SCHREIBKUGEL IST EIN DING GLEICH MIR – VON EI!SEN"
UND DOCH LEICHT ZU VERDREHN ZUMAL AUF REISEN!:"
GEDULD UND TAKT MUSS REI\!ch"\LICH MAN BESITZEN
UND FEINE FINGERCHEN, UNS ZU BENUETZEN.!–"
MIT WITZB>OLDEN IST GUT WITZELN!:"
WER KITZELN WILL IST LEICHT ZU KITZELN.!–"
Und ein letztes Beispiel (da mit interessantem Verschreiber):
LEG ICH MICH AUS SO LEG ICH MICH HINEIN
SO MOEG EIN FREUD MEIN INTERPRETE SEIN.
[…]120

Gedichte also sind es (teils Gelegenheits-Reime, teils geschliffene Senten-


zen), die zunächst Köselitz überrascht haben und dann Kittler darin bestätigen,
dass Nietzsche auf seinem Weg von der Philosophie über die Philologie zurück
zum „schieren Schreibakt“ erstens mit seiner Malling-Hansen „experimentiert“,
um sie dabei zweitens auch als Gegenstand zu explizieren.121 Auf der Maschine
schreibt Nietzsche über die Maschine: Sie ist: „DELICAT WIE EIN KLEINER
HUND UND MACHT VIEL NOTH – UND EINIGE UNTERHAL-
TUNG.“122 So sehr führt die Schreibkugel Regie bei seinen Sätzen; so sehr ist
das Spiel auf ihren Tasten immer schon abhängig von deren Eigenarten, Funk-
tionsweisen und Widerständen. Anders formuliert: Was für Nietzsche eine Art
Prothese sein sollte, zur Kompensation physiologischer Defizite, erweist sich im
Laufe seiner Anwendung als Mechanismus sui generis; geregelt durch die tech-
nischen Standards und Materialitäten von 1867; bzw. Medien produzieren immer

120 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 45, 55, 57, 69,
87, 59, 89.
121 Kittler: Aufschreibesysteme, a. a. O., S. 229, 241, bzw. auf S. 247: „Aus Technik wird Wissen-
schaft, eine Wissenschaft aber von Techniken.“
122 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 28.
Rauschen 35

auch Effekte, die kein Mensch gewollt hat, weswegen Medientheorie bei Nietzsche
(buchstäblich avant la lettre) mit der Positivierung des Missgeschicks beginnt; mit
dem Eingeständnis, nicht länger mehr Herr zu sein am eigenen Schreibtisch und
was daran geschrieben werden wird.
Ein Eingeständnis, zu dem Nietzsche wohl vor anderen in der Lage war, weil
er statt einzelner Medien Mediendifferenzen selbst erfahren hat: Von den Stahl-
federn zur Schreibkugel als von der Hand- zur Maschinenschrift. Denn erst
im (konkurrierenden, vergleichenden …) Gebrauch wird das Neue als Neues
bemerkbar – und die Gewohnheit historisch. Im Dritten Teil des Zarathustra
jedenfalls ist nicht nur wieder von der einst maschinengeschriebenen- und
beschreibenden „Narrenhand“ zu lesen: „wehe allen Tischen und Wänden, und
was noch Platz hat für Narren-Zierath, Narren-Schmierath!“, sondern auch,
dass dadurch die Worte „fremder“ werden für „Tinten-Fische und Feder-
Füchse“ (ZA III, Vom Geist der Schwere, KSA 4, S. 241).

Neben solchen pragmatischen und ästhetisch-editorischen Problemen aber


hat es der Ex-Philologe auf seiner Malling-Hansen ebenfalls mit mechanischen Stö-
rungen zu tun. Von Reparaturen einmal abgesehen waren da zunächst jene
schwergängigen Typenstangen, die ihn zu seinen Fingerübungen zwangen sowie
der unterhalb des Kugelkopfs angebrachte Transportwagen für das Papier, der
aber nicht immer und zuverlässig vorrückte. Infolgedessen blieben Buchstaben
oftmals ungedruckt oder wurden übereinandergesetzt, weil sich ein Tastenan-
schlag entweder gar nicht bis auf das Papier fortsetzte oder dort gleich zweimal
dieselbe Stelle traf.123 Hinzu kam, dass durch die vertikale Anordnung der Ma-
schinenfunktionen (Tasten über Kugelkopf über Transportwagen) sowohl der
gerade getippte Buchstabe als auch das jeweils eingespannte Blatt Papier ver-
deckt waren und also diesbezügliche Fehler nicht sofort gesehen, d.h. korrigiert,
repariert oder vermieden werden konnten.
DIE SCHREIBMASCHINE IST ZUNAECHS>T!T" ANGREIFENDER ALS IR-
GEND WELCHES SCHREIBEN
tippt Nietzsche („autoreferenziell wie immer“) an Mutter und Schwester.124 Zwar
gab es die Möglichkeit, das Halbrund der Tastatur hochzuklappen und einen Blick

123 Vgl. Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 18: zur
Übereinandersetzung von Buchstaben die Zeilen 10 („I>N“), 14 („VIELLEI>CHT“), oder
23 („ME>INEN“), zu deren Auslassung die Zeilen 4 („KEN!N"E“), 6 („GED!A"MKEN“),
11 („MIT!T"E“), 19 („AB>E!B"E>R D!I"E“) oder 24 („ZE!I"T!," STILLE!,"
UND>F\!F" \RISCHE ERD\ !K" \RUME ZU GE \!B" \EN. !– – – – –"“). Fazit: Was
eigentlich Speicher sein soll, ist an sich selbst zugleich die Macht der Auslöschung.
124 Ebd. S. 19; Kittler: Typewriter, a.a.O., S. 301. Wie KSB 6, Nr. 199 (Postkarte an die Schwester,
11. Februar 1882) oder Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a.a.O., S. 37 zei-
gen, ist dies weder die erste noch die letzte Formulierung, in der „Schreibmaschine“ buchstäblich
als Satz-Subjekt auftritt.
36 Christof Windgätter

auf das Papier zu werfen, an der Fehlerquote freilich änderte das so wenig, wie es
das Sätze-drücken erheblich in die Länge zog. Blindes Schreiben, für Nietzsche der
Glücksfall, ist nicht ohne blindes Verschreiben zu haben. Daher die Indifferenz
von Botschaft und Rauschen,125 zumal für heutige Medientheorie, bzw., im Früh-
jahr 1882: Als Ausdruck des Kugelkopfes werden Text und Makulatur ununterscheidbar –
woraus keineswegs folgt, man müsse nun philosophischer oder philologischer
werden, sich um mehr Kritik oder Konjektur bemühen, als vielmehr (mit, an und
nach Nietzsche) die Hinwendung zur Technizität seiner Schreibgeräte.

Nichts jedoch beginnt, das nicht auch endet; am allerwenigsten Schreiben:


mit oder ohne Kopfschmerzen, in Büchern, Texten oder Fragmenten, mit Tinte
oder an Maschinen. Nietzsches Genueser Experiment bildet da keine Ausnahme:
„Leben Sie wohl!“, so muss er am 21. März ’82 sein Tastenspiel unterbrechen und
mit der Feder fortfahren: „Die Schreib-maschine will nicht mehr, es ist gerade die
Stelle des geflickten Bandes.“126 Auf dem Papier werden die Lettern immer blas-
ser, dann folgen, schon von Hand, ein Punkt und ein Gedankenstrich, wie um er-
neut das ‚Kritzeln-Müssen‘ anzubahnen.127 Und tatsächlich: Nietzsches letztes
datierbares Typoskript wird ein Brief vom 24. März an Köselitz in Venedig sein,
weshalb die Postkarte drei Tage später an die Schwester bereits einen ersten
Rückblick auf seine Zeit als mechanisierter Worte-Macher darstellt:
Das verfluchte S c h re i b e n ! Aber die Schreibmaschine ist […] u n b r a u c h -
b a r ; das Wetter ist nämlich trüb und wolkig; also feucht: da ist jedesmal der
Farbstreifen auch f e u c h t und k l e b r i g , so daß jeder Buchstabe hängen
bleibt, und die Schrift g a r n i c h t zu sehn ist. Überhaupt!! – – – (KSB 6, Nr. 218)
Kein Zweifel, die Maschine „verweigert […] den Dienst“ (Postkarte an Rée,
23. März 1882, KSB 6, Nr. 216) – in jeder Hinsicht des Wortes: Weil sie erstens
defekt ist und weil sie sich zweitens aus ihrer vermeintlichen Untertanen-Rolle
befreit hat. So aber wird offensichtlich, was Medien von vornherein charakteri-
siert: Nicht, dass sie als Souverän auftreten oder gar den verwaisten Thron des
Subjekts besteigen, vielmehr dass sie „Complexe des Geschehens“ sind (Nach-
lass 1887, KSA 12, 9[91], S, 384); unmotiviert und ungerichtet zugleich, selbst
für Seiltänzer ein abgründiges Spiel: „ “ (Nachlass 1870/71, KSA 7, 7[2]),
denn es gibt keinen Sinn, in Medien. Oder: „[E]hemals sah man in allem Ge-
schehen Absichten, alles Geschehen war Thun. Dies ist unsere älteste Gewohn-
heit. […] weiter nichts!“ (Nachlass 1885/86, KSA 12, 2[83])

125 – aus der um 1900 (mit Morgenstern, Arp, Ball, Tzara, Carroll u. v. a.) bekanntlich ganze Litera-
turgattungen hervorgegangen sind: Vgl. Liede, Alfred: Dichtung als Spiel. Studien zur Unsinns-
poesie an den Grenzen der Sprache (1963). 2 Bde. Berlin, New York 1992. Bd. 1, S. 307 f., 365;
Bd. 2, S. 32 ff.
126 Nietzsche in: Günzel/Schmidt-Grépály (Hg.): Schreibmaschinentexte, a. a. O., S. 37.
127 Ebd., S. 37.