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HISTORISCHES WÖRTERBUCH

DER PHILOSOPHIE
UNTER MITWIRKUNG VON MEHR ALS 1200 FACHGELEHRTEN

IN VERBINDUNG MIT
GÜNTHER BIEN, ULRICH DIERSE, GOTTFRIED GABRIEL
WILHELM GOERDT, OSKAR GRAEFE, WOLFGANG HÜBENER
ANTON HÜGLI, FRIEDRICH KAMBARTEL, FRIEDRICH KAULBACH
THEO KOBUSCH, HERMANN LÜBBE, ODO MARQUARD
REINHART MAURER, LUDGER OEING-HANHOFFt, WILLI OELMÜLLER
KURT RÖTTGERS, ECKART SCHEERER, HEINRICH SCHEPERS
GUNTER SCHOLTZ, ROBERT SPAEMANN

HERAUSGEGEBEN VON

JOACHIM RITTER t UND KARLFRIED GRÜNDER

VÖLLIG NEUBEARBEITETE AUSGABE


DES <WÖRTERBUCHS DER PHILOSOPHISCHEN BEGRIFFE>
VON RUDOLF EISLER

SONDERDRUCK AUS BAND 7 (P-Q)

SCHWABE & CO AG · VERLAG · BASEL


Disiecta Membra Philosophie
Studien Karlfried Gründer zum 60. Geburtstag Sonderdruck des Artikels <Philosophie>
aus dem <Historischen Wörterbuch der Philosophie>
Inhalt
mit Vorwort, ausführlichem Inhaltsverzeichnis,
Die Zukunft der Vergangenheit: Odo Marquard: Über
Indices (Abkürzungen, Siglen) und einem Register
das Ausrangierte. Reflexionen auf einer Müllkippe. -
herausgegeben von Kar(fried Gründer
Hermann Lübbe: Vermutungen über die Zukunft der
Vergangenheit - Robert Spaemann: Bemerkungen über
Inhalt
das Verhältnis von Zeit und Freiheit bei Boethius und
Kant. - Claus Dieter Kernig: Gewalt, Gewissen und Eli- l. Antike von Günther Bien, Woldemar Görler, Pierre
ten. - Wilhelm Goerdt: «Es wäre dir besser, du dächtest Hadot, Margarita Kranz
wie Wir». Zum Dissidententum im alten und neuen
Rußland. II. Patristik und Mittelalter von Herwig Görgemanns,
Theo Kobusch, Goulven Madec, Gerhard Pods-
Philologica: Ingrid Strohschneider-Kohrs: Lessings letz- kalsky, Antonie Wlosok
ter Brief an Moses Mendelssohn. - Hellmut Flashar:
August Böckh und Felix Mendelssohn Bartholdy. - III. Renaissance, Humanismus, Reformation von Kurt
Friedrich Niewöhner: «Ich habe keinen Garten und habe Goldammer, Sven Knebel, Stephan Meier, Wilhelm
kein Haus». Ein unbekanntes Gedicht Schmuel Josef Schmidt-Biggemann, Winfried Schröder, Peter
Agnons. Walter

Hermeneutik und Begriffsgeschichte: Frithjof Rodi: Die IV. Neuzeit von Norbert Bolz, Ulrich Dierse, Gottfried
Rolle von Artikulationsdruck und Artikulationsrahmen Gabriel, Wilhelm Goerdt, Friedrich Kambartel,
im Entstehungsprozeß philosophischer Theorien. - Axel Odo Marquard, Thomas Rentsch, Kurt Röttgers,
Horstmann: «Allgemeine Hermeneutik» und «philo- Heinrich Schepers, Werner Schneiders, Gunter
logisches Organon». Zu August Boeckhs Theorie des Scholtz, Rainer Specht, Bernhard Waldenfels
Verstehens. - Gunter Scholtz: Schleiermacher und die V. Institutionelle Formen der Philosophie von Paul
Geisteswissenschaften. - Hqrst Günther: «werden unsere Richard Blum, Ulrich Dierse, Pierre Hadot, Helmut
Begriffe im Verborgenen gemachb1? Hühn, Ulrich Im Hof, Klaus Christian Köhnke,
Splitter einer Begrzffsgeschichte von Philosophie: Hannes Renate Reschke, Gangoif Schrimpf
Böhringer: Simmels Impressionismus. - Theo Kobusch: VI. Literarische Formen der Philosophie von Pierre
Wollen und Resignation. Zum Verhältnis von Naturrecht Hadot
und Mystik in Schopenhauers «Metaphysik der Sittern>. -
Ulrich Dierse: Lichtenberg über Philosophie und Philo- VII. Ostasien von Tilemann Grimm, Wilhelm Halbfass,
sophen. - Rainer Specht: Berkeleys Traktat über die Er- Winfried Schröder
kenntnis von Geistern. - Paul Richard Blum: Valerian
Magnis philosophisches Programm, Zudem die Artikel:
Philosophie, analytische (Martin Wälde), Philosophie,
1989. XIV, 210 Seiten. Leinen Fr. 78.- /DM 98.-
:arabische (Matthias Vollmer), Philosophie, christliche
ISBN 3-7965-0887-1
(Heinrich Schrnidinger), Philosophie, immerwährende/
philosophia perennis (Helmut Schneider), Philosophie,
jüdische (Friedrich Niewöhner), Philosophie der Philo-
Collegium Philosophicwn sophie (Lutz Geldsetzer), Philosophie der Tat (Horst
Studien Joachim Ritter zum 60. Geburtstag Stuke), Philosophiegeschichte (Lutz Geldsetzer), Philos-
ophy, Comparative (Wilhelm Halbfass), Philosophy of x
Mit Beiträgen von Ernst-Wolfgang Böckenförde, (Jürgen Schlaeger)
Wilhelm Goerdt, Karlfried Gründer,
Friedrich Kambartel, Martin Kriele, Hermann Lübbe,
Ulrich Luck, Wilfried Malsch, Odo Marquard, XVI, 355 Spalten. Gebunden Fr. 48.- / DM 58.-
Ludger Oeing-Hanhoff, Willi Oelmüller, ISBN 3-7965-0904-5
Günter Rohrmoser, Heinrich Schepers,
Hans Joachim Schrimpf, Robert Spaemann,
Ernst Tugendhat und Rudolf Vierhaus

1965. 437 Seiten. Leinen Fr. 5 L- /DM 61.-


ISBN 3-7965-0057-9

Schwabe & Co. AG · Basel


977 978 Platonismus

machen. «Das heißt allgemein 1ttcr't&tS, was wir in wört- lichkeit in der Prinzipenlehre, was er durch den «Paral-
licher Übersetzung mit 'fides' wiedergeben können, lelisme ofTitles1> in Triaden belegt [3]. In seinen theolo-
deutlicher jedoch mit 'probatio' übersetzen werden» gischen Schriften erklärt er später die Übereinstimmung
(«haec omnia generaliter mcr't&tS appellant quod etiam si von Mosaischer Weisheit mit «P.» und «Pythagorismus»
propria interpretatione dicere fidem possumus, apertius [4] damit, daß die Göttliche Vorsehung die Heiden mit-
tarnen probationem interpretabimun>) [11]. Auch die tels des P. für die Aufnahme des Ch1istentums vorberei-
Einteilung der rhetorischen Beweise in {{ethische}>, <<pa- tet habe (;<Providentia Dei in praeparando gentes per
thetische» und «sachliche» bleibt gebräuchlich [12]. Platonismum ad faciliorem receptionem Christianita-
Unabhängig von der rhetorischen Tradition taucht tis» ), um zugleich die Kirchenväter vom «Paganismus»
der Begriff <P.> in der philosophischen Terminologie nur freizusprechen [5]. Diesen Vorwurf hatten u.a. katholi-
sporadisch auf und gewinnt erst in der christlichen Spät- sche Historiker, z.B. c. BARONIUS und D. PETAU [6],
antike als Glaube an die geoffenbarte Wahrheit seine erhoben. Damit ist der Begriff <P.> bis ins 19. Jh. mit
maßgebliche Bedeutung [13]. dem des Christentums gekoppelt; so auch z.B. bei B. DE
FoNTENELLE, der mit "Platonisme» summarisch Pytha-
Anmerkungen.[!] PARMENIDES: vs 28 B 1, 30. - [2] PLATON:
Gorg. 454d; Tim. 29c. - [3] Resp. 51 i c. 534a. - [4] Vgl. E. SEIDL:
goreer und Platoniker bezeichnet [7].
nn:Tn; in der griech. Lit. bis zur Zeit des Peripatos (Diss. Inns- Durch M. SouvERAIN wird dieser Begriff in der pole-
bruck 1952) 52-98. - [5] !SOKRATES: Antidosis 280. - [6] ARISTO- mischen Theologie etabliert und zum Schlagwort des
TELES: Rhet. I, 1, 1355 a 5. - [7] Für die Beweisführung als Teil Häresievorwurfes, indem er schon im Buchtitel ankün-
der Rede war offensichtlich in den älteren Redelehren nicmocrt~ digt, die Bedeutung von «Platoniker/platonisch» zu
geläufig, vgl. PLATON: Phaedr. 266e. - [8] F. SOLMSEN: The untersuchen: <Le Platonisme devoile ou Essai Touchant
Arist. trad. in anc. rhetoric. Amer. J. Philol. 62 (1941) 34-50, hier le Verbe Platoniciem [8]. Eine fortwährende Diskussion
39. - [9] ARISTOTELES: Rhet. l, 2, 1355 b 35ff. - (10] Vgl. FORTU- des 17. Jh. um die Entwicklung des christlichen Dogmas
NATIANUS: Ars rhet. II, 23, 25; in: Rhetores lat. min., hg. C.
HALM (1863) 115f. - [11] QUINTILIAN: Inst. orat. 5, 10, 8; vgl. radikalisierend, versucht er zu beweisen, daß die christ-
CICERO: De orat. II, l 15f. - [12] Vgl. K. DOCKHORN: Die Rheto- liche Lehre vom Logos und von der Trinität erst durch
rik als Quelle des vorromant. Irrationalismus in der Lit.- und die Kirchenväter aus der Platonischen Philosophie in
Geistesgesch. Nachr. Akad. Wiss.en Göttingen, Phil.-hist. Kl. 5 die Theologie gekommen sei, womit sowohl der prote-
(1949) 109-150, hier 114f. - [13] Vgl. Art. <Glaube>, in: Hist. Wb. stantische Angriff auf das katholische Traditionsprinzip
Philos. 3 (1974) 627ff. verschärft als auch die Lehre der Antitrinitarier (Sozi-
Literaturhinweise. E. SEIDL s. Anm. [4]. - H. LAUSBERG: Hb. nianer) unterstützt wird. So jedenfalls reagierte der Je-
der lit. Rhetorik (1960) §§ 348-357. - D. CoMPOSTA: Essere e suit l F. BALTUS, der daraufhin nachzuweisen ver-
'fede' nei presocratici. Salesianum 23 (1961) 714-722. - J. T. suchte, daß die dogmatisch entscheidenden Kirchenleh-
LIENHARD: A note on the meaning of nicr-r:t~ in Aristotle's Rhet- rer keine Kenntnis von Platons Schriften hatten, wobei
oric. Amer. J. Philol. 87 (1966) 446-454. - F. WOLFRAM: Zum er «P.» und «Paganismus» gleichsetzte [9]. In diesem
Begriff der nicnt~ in der griech. Philos. (Parmenides, Platon,
Aristoteles). Diss. Wien (1972). - G. BARTH: P. in hellenist. Reli-
Streit verfestigte sich der Begriff <P.> zu einem Kürzel
giosität. Z. neutest. Wiss. 73 (1982) 110-126. M. KRANZ für illegitime Lehrstücke, die die Wahrheit verfälschen.
In seinem Bericht über den «recentiorem Platonismum»
(d.h. den Neuplatonismus) interpretierte J. L. MosHEIM
Platonismus (engl. platonism; frz. platonisme; ital. pla- [10] daher die Platoniker als Eklektiker oder «Concilia-
tonismo) tores», und dementsprechend hätten die Christen die
I. - Die Geschichte des philosophischen Begriffs <P.> Philosophie Platons nicht im Ganzen und nicht aus-
beginnt - von vereinzelten Vorläufern abgesehen - in schließlich übernommen [11].
der Kontroverstheologie des späten 17. Jh„ in der das SouvERAIN und seine Zeitgenossen [12] konnten sich
Verhältnis von Dogmatik und Tradition sowie von inhaltlich und philologisch auf die Interpretationen des
Theologie und Philosophie diskutiert wurde; dort be- christlichen P. der Renaissance und die in Folge des
zeichnet <P.> den Einfluß paganer Philosophie auf die Humanismus und der patristischen Forschung zugäng-
Systematisierung der Theologie durch die Kirchenväter. lichen Quellen stützen. Auch nach der Aufldänmg wirkt
Da ein solcher '-ismus' auch verschiedenartige Lehren dieser Streit in der historischen Theologie fort, indem
bezeichnen kann und nicht immer zwischen Theorien nunmehr unter dem Schlagwort «Hellenisierung des
Platons und einzelner Platoniker differenziert, wurde Christentums» darüber diskutiert wird, inwiefern die
die Frage nach der Philosophie des historischen Platon hellenistische Kultur die Formation christlicher Dogma-
dringend. Seitdem bezeichnet <P.> jede Form der Rezep- tik über die Offenbarungsschriften hinaus ermöglicht
tion Platons (auch in der Literatur und Kunst) und kann habe [13]. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand
auf verschiedene Epochen bezogen werden (Mittelplato- scheint sich der <1P. der Kirchenväter» darauf zu be-
nismus, Neuplatonismus, P. des Mittelalters, Renaissan- schränken, daß die Theologen der ersten christlichen
ce-P.), zudem kann dann von platonischen Motiven bei Jahrhunderte und besonders des 3./4. Jh. sich der Argu-
Denkern gesprochen werden, die sich nicht explizit als mentationsformen und Terminologie [14] des herr-
dem P. zugehörig verstehen. schenden Mittel- bzw. Neuplatonismus, nachdem dieser
Nachdem schon Ende des 15. Jh. V. DA B1sT1cc1 den skeptische und stoische Phasen überwunden hatte, zur
Cusaner als «grande platonista» auszeichnet [1], scheint Verbreitung des christlichen Glaubens (in Konkurrenz
die Wortbildung auf '-ismus' im 16. Jh. im Englischen zur Gnosis) bedienten. Vor allem die Identitätsmeta-
aufgekommen [2], aber erst durch H. MORE, einen der physik im Anschluß an den platonischen <Parmeniqes>
Platoniker von Cambridge, historisch wirksam gewor- und der <Timaios> konnten in der Schöpfungslehre und
den zu sein. Im Vorwort zu seiner <Psychozoia „. A Trinitätsspekulation anverwandelt werden [15].
Christiano-Platonicall display ofLife> (1642) bekennt er Nachdem PHILON die platonische Philosophie mit
sich zum P. in der Tradition M. Ficinos und behauptet, dem <Pentateuch> verknüpft und (der nichtchristliche)
brnchlos von «Platonisme into Christianisme» wechseln NUMENIOS Platon als attizisierenden Moses (Mcoüof\i;
zu können, dank der begrifflichen und sachlichen Ähn- Ct1:Wdsrov) bezeichnet hatte [16], konnte CLEMENS VON
Platonismus 979 980

ALEXANDRIA für einen Eklektizismus (1:0U't0 auµmtV 1:0 den. Über HENRICUS BATE DE MALINES (*1246) [33],
BKAEKnK6v) in der Philosophie plädieren, der weder die PLETHON, GEORGIOS TRAPEZUNTJOS u.a. gelangte das
stoische noch die Platonische, die Epikureische oder Genre der <1Comparatio» in den Renaissance-P. [34].
Aristotelische Philosophie bevorzugte (<1>tA.ocrocp{av oe, Die Frage nach der Schulzugehörigkeit eines Autors
oo 'tijv 1:'troi:Kijv Myw, ouos i-~v TIA.a'tWVtKT)V, 11 't~V Em- oder einer Lehre wird im Mittelalter des 13. Jh. bedeu-
Koupi::16v n:, 1cai 'AptC't:O'tBAtKfJv) [ 17], sofern sie nur die tend, nachdem durch neue Quellen aus dem Arabischen
Bedingung erfüllt, dem Christentum dienlich zu sein. und dem Griechischen Schriften von Aristoteles gelesen
ORIGENES, wie Plotin Schüler des Ammonios Sakkas, und kommentiert werden. TEOMAS voN AQUIN kann
wurde wegen der inhaltlichen Übernahme von Motiven daher .den pseudo-aristotelischen <Liber de causis> als
der Seelenlehre aus Platon anathematisiert (Präexistenz arabisches Exzerpt aus der <Elementatio theologica> des
der Seele und 'Bestrafung' durch Abstieg) [ 18], warf aber Proklos und somit als Schrift platonischen Inhalts er-
seinerseits Kelsos vor, er platonisiere zumeist (sv itOAr kennen [35].
A.ot~ TIA.a'trovH~e1v 1}8~.ei.), indem er die Beseelung aller F. PETRARCA ruft aus vorrangig ethischen und stilisti-
Körper mit einer einheitlichen Seele annehme [ 19]. Is1- schen Gründen und vermutlich auch unter Einfluß by-
DOR VON PELUSIUM zitiert die Redensaii: Platon habe zantinischer Autoren (Michael Psellos) zur Abwendung
entweder philonisiert oder Philon habe platonisiert von Aristoteles und zur Lektüre Platons auf [36] (und
(IlAci'tffiV ecptAroVtcrnv, 11 <I>iA.mv B7tAU'CcDVt<JeV) [20]. Plato- kreiert damit den Mythos vorn «aristotelischeTI» Mittel-
nisieren (n:Aa'tmvi~e1v) bedeutet dabei iÜm Anschluß an alter). Seine Kronzeugen für den Vorrang Platons sind
Platon weise sein» (crocpo~ dvm KU'ta TIA,a'trova) [21). In Cicero, Vergil (<Aeneis> VII), Plinius (Nat. bist.), Plotin,
diesem Wortgebrauch folgen sie vielen antiken Autoren, Apuleius, Macrobius, Porphyrios, Censorinus, Flavius
die die verschiedensten Bezugnahmen auf Platon mit Iosephus sowie die Christen Ambrosius, Augustinus und
dem Adjektiv «Platonicus» kennzeichnen: Oberfläch- Hieronymus. Diese Tendenz wurde durch die Kontakte
liche Gebräuche (22], Beredsamkeit [23], aber auch als der Römischen mit der Byzantinischen Kirche (Konzil
Bezeichnung eines philosophischen 'Stils' [24] und be- von Basel-Ferrara-Florenz) und die Emigration von by-
stimmter Inhalte wie die Ideenlehre und die Theologie zantinischen Gelehrten nach dem Fall Konstantinopels
[25]. Als «academicusl> bezeichnete man dagegen aus- (1453) verstärkt und löste die Gründung einer «Platoni-
schließlich die in der Neuen platonischen Akademie ver- schen Akademie» durch Cosimo de' Medici bzw. seinen
tretene skeptische Philosophie, und man stritt darüber, Hausphilosophen M. FrcrNo (ca. 1462) aus. Bei Ficino
ob sie sich von der 'alten' Philosophie Platons abge- und - mit Unterschieden im Detail - G. Pico wird die
wandt hatte [26]. Solche Fragen waren möglich, weil es ethisch-politische Rezeption Platons der Humanisten
einen P. im Sinne einer Platon-Orthodoxie in der Aka- durch philosophische Theologie verdrängt [37]. Bis zur
demie nicht gegeben hat [27]. Auflösung jeglicher Form von philosophischen 'Sekten'
AuousnNus, dem die Nachfolgerschaft der Akade- im Eklektizismus des 17.118. Jh. und der Denunziation
mie und deren Differenzen mit Stoikern und Epikureern des P. der Kirchenväter (s.o.) war es Philosophen und
bekannt waren [28], faßt in seinem Bericht über die Pla- Literaten nun möglich, sich als Platoniker zu verstehen
toniker die Bedingungen, unter denen platonische Philo~ [38]. Sie versuchten zumeist, die Vereinbarkeit des P.
sophie in christliche Theologie integrierbar ist, so zu- mit dem christlichen Glauben und Vorformen des Trini-
sammen: Die Platoniker «wissen etwas derart von Gott, tätsdogmas bei Platon aufzuweisen, mit dem Erfolg, daß
daß in ihm die Existenzursache, der Erkenntnisgrund Platon als Prophet des Christentums angesehen [39]
und die Lebensordnung zu finden sind» («aliquid tale de bzw. die Glaubenslehren der natürlichen Vernunft zu-
Deo sentiunt, ut in illo inveniatur et causa subsistendi, gänglich wurden [40]. Diese Autoren bedienten sich
et ratio intelligendi, et ordo vivendi») [29]: «Alle Philo- dazu der platonischen Tradition sowohl des christlichen
sophen also, die über den höchsten und wahren Gott Mittelalters als auch der Antike und machten sie der
lehrten, daß er Schöpfer der Kreaturen, Licht des Er- gelehrten Welt zugänglich. Allerdings ist es für diese
kennbaren und das Gute im Handeln sei, daß uns von Epoche der Platonrezeption konstitutiv, daß Schriften
ihm das Naturprinzip, die Wahrheit der Lehre und die von Platon, von Mittel- und Neuplatonikern, von ver-
Glückseligkeit des Lebens komme - ob sie nun passen- meintlich älteren Weisen (Ps.-Hermes Trismegistos, Ps.-
der Platoniker heißen oder ihrer Sekte sonst einen Na- Dionysios Areopagita) [41]) zusammen mit der Heiligen
men geben -, ... diese alle ziehen wir den übrigen vor Schrift als Dokumente einer «prisca theologia>> und einer
und erklären sie für uns näherstehend» (<iQuicumque «philosophia perennis» gelesen wurden [42]; es ist des-
igitur philosophi de Deo summo et vero ista senserunt, halb hier auch keine klare begriffliche Bestimmung von
quod et rerum creatarum sit effector, et lumen cognos- «Platonicus» oder <P.> zu erwarten.
cendarum, et bonum agendarum; quod ab illo nobis sit Von dieser Tradition, der auch die Platoniker von
et principium naturae, et veritas doctrinae, et felicitas Cambridge angehören, wendet sich S. PARKER ab, der
vitae; sive Platonici accommodatius nuncupentur, sive die wichtigsten Motive eines möglichen P. zusammen-
quodlibet aliud sectae suae nomen imponant, . „ eos om- stellt, indem er im Interesse empirischer Naturphiloso-
nes ceteris anteponimus, eosque nobis propinquiores fa- phie die «Platonick Philosophy», nämlich die Ideen-
temur») [30]. lehre, als «an ungrounded and Fanatick Fancy» bezeich-
Seit dem Ende des akademischen Skeptizismus (An- net [43]; wegen des poetischen Gewandes der Philoso-
tiochos von Askalon, !"68 v.Chr„ Lehrer Ciceros) gab es phie Platons ist für ihn «Platonisme» nichts als Allegorie
Versuche, Platon und Aristoteles in der Metaphysik zu und - vor allem in der von den «restorers of Plato-
harmonisieren, indem die platonische Prinzipienspeku- nisme>>, d.h. den Humanisten aus Byzanz, im 15. Jh.
lation als die notwendige Ergänzung der aristotelischen verbreiteten Interpretation [44] - allenfalls für die Ethik
Metaphysik gelesen wurde. Dieser Umgang mit Plato- geeignet [45]. Diesen Gegensatz Empirismus/P. setzt
nismen wirkte bei den Arabern fort, bei denen unter noch KANT [46] voraus, wenn er behauptet, daß der P.
dem Namen des Aristoteles Kompendien aus Plotin zwar «Zum Praktischen vortreffliche Prinzipien» bietet,
(<Theologia Aristotelis>) [31] und Proklos [32] entstan- aber «der Vernunft erlaubt, ... die physische N aturfor-
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schung zu verabsäumen». Unterscheidet Parker damit - KER den P. als kontinuierlichen «Strom des Geistes, der
wohl als erster - implizit zwischen Platon und dem P., so aus dem Born in Platos Akademie entsprang» [64], so
beklagt LEIBNIZ ausdrücldich die Verfälschung des ech- befand E. HOFFMANN, es sei die «Plotinische, wider-pla-
ten Platon durch seine Interpreten und fordert eine Dar- tonische Form der Ideenlehre», welche nämlich «die
stellung des «Systema» Platons gegen die «Pseudo-plato- Dinge den Ideen immanent macht», «die allein in der
nici» [47]. Danach teilt sich die Diskussion um den P. Scholastik lebt» [65]. Diese Ansätze wurden - besonders
auf in die Interpretation der originären Philosophie Pla- soweit sie sich mit regionalen oder nationalen Interessen
tons einerseits und die Fortsetzung der Debatte um verbinden ließen - durch zahlreiche Einzeluntersuchun-
deren Vereinbarkeit mit dem Christentum andererseits. gen zu platonischen Einflüssen in der Philosophiege-
J. J. BRUCKER markiert diese Veränderung, indem er in schichte fortgesetzt [66], ohne daß es zu einem einheit-
seiner Philosophiegeschichte über Platon und die jewei- lichen Verständnis des Begriffes <P.> gekommen wäre.
ligen Platoniker nach Epochen getrennt handelt [48]. Er bezeichnet eher Grundzüge einer Philosophie (Got-
Seiner Darstellung (die von ZEJJLERS <Universal-Lexi- teserkenntnis, Emanation und Teilhabe in Ontologie
kon> und der <Encyclopedie> [49] übernommen und ver- und Erkenntnis usw.) oder eine Denkstruktur, die nicht
breitet wurde) stellte er eine Liste der Ursachen für das auf einzelne Lehrsätze oder wörtliche Zitate festzulegen
erschwerte Verständnis Platons voran [50], nämlich die ist [67].
Vermischung der Quellen (Sokrates und die Pythago- Parallel dazu entstand aus den zunächst ikonologi-
reer) einerseits und die Vielfalt seiner Nachwirkung an- schen, kunsthistorischen Interessen der Bibliothek War-
dererseits, dazu die literarische Form. Sein Versuch, da- burg die Notwendigkeit, den Einfluß von Platons <Par-
gegen das wahre Bild der platonischen Philosophie menides> auf die Metaphysik und des <Timaios> auf die
(<<veram Platonicae philosophiae effigiem») [51] darzu- Kosmologie durch das Mittelalter bis zur Renaissance
stellen, fand Nachfolge u.a. bei D. TIEDEMANN [52] und und darüber hinaus zu verfolgen. Daraus entstand das
W. G. TENNEMANN, der sie mit kantianischen Begriffen Projekt eines <Corpus Platonicum Medii Aevi> und der
verstehbar machte [53], bis hin zu G. W. F. HEGELS Erforschung der arabischen, byzantinischen und lateini-
Philosophiegeschichte [54], in der diese Sondenmg be- schen Tradition [68] sowie der Erforschung des P. der
reits kritisiert und durch die der P. in die Vorläufer- Renaissance und dessen Nachwirkung [69]. Eine Va-
schaft des Deutschen Idealismus integriert wurde. riante davon, unter neukantianischen Voraussetzungen,
Als die bedeutendste Wende in der Platonforschung war der Versuch, Galileis Innovation in der Naturwis-
der neueren Zeit (und damit des Verständnisses des P.) senschaft (Mathematisierung, hypothetisches Verfah-
gilt die ab 1804 erschienene Übersetzung der Schriften ren) als P. darzustellen [70].
Platons durch F. D. E. SCHLEIERMACHER, der Platon als Der Begriff <P.> wird also erst seit rund einem Jahr-
«Philosophischen Künstlern vorstellte, dessen «Kunst- hundert thematisiert [71]; seine Geschichte resultiert da-
form» «von üblichen Formen der philosophischen Mit- her aus noch aktuellen Forschungsrichtungen, die somit
teilung», der «systematischen» und der «fragmentari- selbst Teil der Begriffsgeschichte sind: Die Forschung
schen» gänzlich abweiche [55]. Von nun an interessiert zum P. der Antike und Spätantike konzentriert sich im
Platon als Philosoph sui generis und als Gegenbild zu 20. Jh. auf Fragen, die zur Erklärung der Wirkmächtig-
jeder schulmäßigen Philosophie, während die Erfor- keit der Platonischen Philosophie dienen. W. THEILER
schung der Nachwir1amg Platons zunächst nur im Sinne hatte die Voraussetzungen der Plotinischen und Augu-
der Reinigung des Platonbildes von Verfälschungen stinischen Prinzipienlehre in der «vorneuplatonischen
oder im Dienste philologischer Editionen möglich ist, Schultradition» untersucht [72], CH. Bmos die platoni-
sofern nicht wiederum das Verhältnis der christlichen schen Quellen der Theologen von Alexandria [73]. Diese
Offenbarung zu Platons Lehren diskutiert wird [56]. Bei- Forschungen wurden von C. J. JJE VOGEL [74], E. voN
des versuchte H. VON STEIN in seiner Geschichte des P. IvANKA [75], und H. DöRRIE [76] fortgesetzt, der zuletzt
zu verbinden [57]. versuchte, verschiedene Platonismen terminologisch zu
Aus dem Vorrang Platons vor jedem P. entsteht die unterscheiden (Akademie, Mittel-, Neu-, Vorneu-,
Vorstellung, bei ihm fänden sich die Grundprobleme Schul-, Vulgär-, diffundierender P.) [77]. P. HAJJOT wies
der Philosophie in unentwickelter, aber für alle späteren die Vermittlerrolle der Übersetzungen von Marius Vic-
ursächlicher Darstellung. Zu dieser Tradition gehört F. torinus zwischen dem Neuplatonismus des Porphyrios
NIETZSCHES Kennzeichnung seiner eigenen Philosophie und Augustinus sowie Boethius nach [78]. W. BEIER-
als «umgedrehter P.» [58] («je weniger real, um so mehr WALTES untersuchte die systematischen und literarhisto-
Werth. Dies ist P.» [59]), und der Satz «Christenthum ist rischen Verbindungen zwischen den verschiedenen Pha-
P. für's 'Volk'» meint die seit Platon Europa bestim- sen des P. und dem Deutschen Idealismus [79]. In der
mende dogmatische Philosophie [60]. Für J. F. FERRIER <Tübinger Schule> wurde die Prinzipientheorie [80] Pla-
reicht die universelle Kompetenz Platons so weit, daß tons sowohl als Verständnishintergrund der überliefer-
bis heute «all philosophic truth is Plato rightly divined; ten Schriften als auch als «Ursprung der Geistmetaphy-
all philosophic error is Plato misunderstood» [61]. Dar- sik» [81] des Mittel- und Neuplatonismus rekonstruiert.
aus prägte A. N. WHITEHEAD wohl das Schlagwort: «the Aus dieser Forschungssituation lassen sich für die Ge-
European philosophical tradition ... consists of a series schichte der Nachwirkung Platons mindestens drei Ty-
of footnotes to Plato» [62]. P. kann daher gleichbedeu- pen von P. ableiten: 1. sprachlich-literarische Form des
tend sein mit der Auslegung nur des Denkens Platons Philosophierens und zugleich Moralistik; 2. Ideenlehre
[63]. Die Geschichte des Begriffs <P.> wird damit zur im Gegensatz zur aristotelischen Abstraktionslehre [82];
Geschichte der neueren Interpretationen Platons oder 3. Metaphysik des Einen als eine die aristotelische Onto-
einzelner Epochen seiner Nachwirkung. logie der Sache nach abschließende Theologie [83].
Bei der Erforschung des Mittelalters, die theologiehi- Als P. wurden auch Strömungen in der Philosophie
storisch motiviert war, wurde auch die Bestimmung des des italienischen Risorgimento verstanden (u.a. die
Einflusses der platonischen Philosophie wichtig und mit «ldeologia» bei A. RosMINI [84] und der Ontologismus
ihr die Klärung dessen, was P. sein sollte. Sah C. BAEUM-· V. GIOBERTIS [85]), weil sie - im Anschluß an Male-

32 Hist. Wb. Philos. 7


Platonismus 983 984

brauche und gegen Kant - ein 'ideales Sein' als Bedin- rantia, in: Prose (Mailand/Neapel ! 955) 750. - [37] E. GARIN: M.
gung der Erkenntnis lehrten. Ficino eil ritorno di Platone, in: M. Ficino ... , a.O. [34] l, 3-13;
M. J. B. ALLEN: The second Ficino-Pico controversy, a.O. 2,
Anmerkungen. [I] V. DA B1sncc1: Vite di uomini illustri, bg. 417-455; A. DELLA TORRE: Storia dell'Academia Platonica di
A. GRECO I (F1orenz 1970) 185. - [2] P. LEVINS: Manipulus voca- Firenze (Florenz 1902). - [38] Vgl. F. PATRIZl: Discussiones peri-
bulorum (London 1570), hg. H. B. WHEATLY (1867) 146; vgl. pateticae (Basel 1581); Nova de universis philosophia (Ferrara
Oxford Engl. dict. (1933) s.v. <Platonism>. - [3} H. MORE: The 1591). - [39] M. F1c1No: De Christianareligione 11. Opera (Basel
complete poems, hg. A. B. GROSART (Blackburn 1878, ND 1969) 1576) 25 und passim; M. J. B. ALLEN: The Platonism of M.
10. - [4] Cabalae philos. defensio. Opera (London 1674-79, ND Ficino (Berkeley 1984). - [40] A. SrnucHus: De perenni philoso-
1966) 212, 532. ·- [5] Magni mysterii pietatis explan., a.0. 1, 57f. phia (Lyon 1540); M. F1c1No: Theologia Platonica. Opera (Basel
61; vgl. R. CuDWORTH: The true intellect. system ofthe universe 1576). - [41] A. FESTUGIERE: La revelation d'Hermes Trismegi-
1, 4, § 36 (London 1678, ND 1964) 625. - [6] c. BARONILS: ste 1-4 (Paris 1944-54). - [42] Vgl. Art. <Philosophie, immerwäh-
Annales ecclesiastici VII (Antwerpen 1598) an. 538, 282 E; rende>. - [43] S. PARK.ER: A free and impartial censure of the
D. PETAVIUS: Dogmata theol. (1644ff.) II: De trinitate I/l, 2; P. Platonick philos. (Oxford 1666) 2. - [44] a.O. 32. - [45] 74. - [46]
GALTIER: Petau et la Preface de son <De trinitate>. Rech. Sei. l. KANT: KrV A 472. - [47] G. W. LEIBNIZ: Contemplatio de
relig. 21 (1931) 462-476. - [7] ANON. [B. DE FoNTENELLE]: Hist. historia statuque praesentis eruditionis. Akad.-A. VI/4, Voraus-
des oracles 6 (Paris 1686). - [8] ANON. [M. SOUVERAIN]: Le edit. fase. 4 (1985) 78lf.; entspr. Philos. Sehr., hg. C. I. GER-
Platonisme devoile ... (Köln [Amsterdam] 1700); durch eine HARDT 7, 147f. - [48] J. J. BRUCKER: Historia crit. philosophiae
dtsch. Übers. von J. F. C. LöFFLER: Versuch über den P. der (1742-44) 1, 627-728; 2, 162-188; 3, 328-356; 4, 41-61; vgl. ANON.
Kirchenväter (1782, 2 1792) wirkte er bis ins 19. Jh. - [9] J. F. [BRUCKER]: Historia philos. doctrinae de Ideis (1723). - [49] J.
BALTUS: Defense des SS. Peres accusez de Platonisme (Paris H. ZEDLER: Univ.-Lex. 28, s.v. <Platonische Philosophie>; vgl.
171 l) 429. - [10] De turbata per recentiores Platonicos Ecclesia <Platonicken; Encyclopedie (Paris 1751-80), s.v. <Platoniciens,
comment., in: R. CuDWORTH: Systema inte!lectuale huius uni- Platonisme ou Philosophie de Platon, Platonisme (Theologie)>. -
versi ... , hg. J. L. MOSHEIM (1733, Lyon 2 1773) u, § !. - [11] a.O. [50] BRUCK.ER: Rist. crit. ... , a.O. [48] 1, 659-668. - [51] a.O. 668.
§ 4-6. 10. - [12] Vgl. J. LECLERC: Bibliotheque univ. 10 (1688) - [52] D. TIEDEMANN: Dialogorum Platonis argumenta (1786);
passim; Bibl. choisie (1703-1713) Reg.-Bd. 28 (1718) s.v. <Pla- Geist der spekulat. Philos. (1791-97). - [53] w. G. TENNEMANN:
ton>, <Platoniciens>, <Platonisme des Peres>; Episto!ae crit. 7 System der platon. Philos. (1792-95); Gesch. der Philos. (1798-
(Amsterdam 1712) 177-209. - [13] Vgl. A. HARNACK: Lehrb. der 1819). - [54] G. W. F. HEGEL: Vorles. über die Gesch. derPhilos.
Dogmengesch. (1886, 4 1909f.) l, 808ff.; Die Mission und A~.s­ 2. Jub.ausg., hg. H. GLOCKNER (1927-40) 18, 169ff. - [55] PLA-
breitung des Christentums (4 1924) 324ff. - [14] Vgl. die Verwen- TONS Werke, übers. F. D. E. SCHLE!ERMACHER (1804-09, 31855)
dung von «Complatonici» bei SmoNms APOLL.: Carm. 14, praef. 1, 7-9. - [56] C. ACKERMANN: Das Christliche im Plato und in
-· [15] H. VON STEIN: Der Streit über den angebl. P. der Kirchen- der platon. Philos. (1835); F. C. BAUR: Das Christliche des P.
väter. Z. bist. Theo!. 31 (1861) 319-418; Quellensammlung: De (1837); F. MICHELIS: Die Philos. Platons in ihrer inneren Bezie-
'Platonismo' Patrum, hg. R. ARNOU (Rom 1935); vgl. E. P. hung zur geoffenbarten Wahrheit (1859); D. BECKER: Das Phi-
MEJERING: Zehn Jahre Forschung zum Thema P. der Kirchenvä- Jos. System Platon's in seiner Beziehung zum christl. Dogma
ter. Theo!. Rdsch. 36 (1971) 303-320; A. M. RITTER: P. und (1862). - [57] H. VON STEIN: Sieben Bücher zur Gesch. des P. -
Christentum in der Spätantike (Forschungsbericht), a.0. 49 Unters. über das System des Plato und sein Verhältniss zur spä-
(1984) 31-56. - [16] NUMEN!OS: Frg. 9, hg. E. DES PLACES (Paris teren Theo!. und Philos. (1862-75). - [58] F. NIETZSCHE: Nach-
1973) = EUSEBIOS: Praep. evang. XI, 10, 14. - [17] CLEMENS gel. Frg. Ende 1870-April 1871. Krit. Ges.ausg., hg. G. CoLLI/M.
ALEX.: Strom. 1, 7. MPG 8, 732 D; vgl. EusEBios: Praep. evang. MONTINAR! IU/3, 207. -- [59] Ende 1886-Frühj. 1887, a.O. VIII/
V, 4 und XI-XIII. - [18] H. DENZINGER/A. SCHÖNMETZER: En- l, 261. - [60] Jenseits von Gut und Böse, Vorr., a.0. VI/2, 4. -
chirid. symbol. (36 1976) 403. - [19] ÜRIGENES: C. Ce!s. IV, 83. [6!] J. F. FERR!ER: Institutes of metaph. (1854) sect. 1, prop. 6,
MPG 11, 1157 B. - [20] IsmoR VON PEL.: Ep. III, 81. MPG 78. - § 12. Philos. works 1 (Edinburgh/London 1875) 169. - [62] A.
[21) EUSTATH!OS, zit. H. STEPHANUS: Thesaurus linguae Graecae N. WHITEHEAD: Process and reality (New York 1929, ND 1957)
(Paris !83lff.) 8, 1177. - [22] AULUS GELLIUS: Noct. Att. 7 (6), 63. - [63] W. PATER: Plato and Platonism (1893, London 1925);
10; 14, 2; 15, 2. - [23] PLINIUS: Ep. I, 10; FRONTO: Ep. ad amicos W. M. FRANKL: P. Archiv Gesch. Philos. 23 (1910) 512-517; J.
!, 4, hg. S. NABER (1867) 176; SEXTUS EMP.: Pyrrh. hypot. I, BURNET: Platonism (Berkeley 1928) bes. 1. 111; G. RYLE: Plato's
234. - [24] CICERO: De off. 1, 2; Acad.; De nat. deor. usw. - [25] progress (Cambridge 1966) 8-10; J. MOREA.U: Lesens du Plato-
SENECA: Ad Lucil. VI, 58, 26, vgl. 65; APULEIUs: De dogmate nisme (Paris 1967). - [64] C. BAEUMKER: Der P. im MA (1916)
Platonis; Apo!. 12; MACROBIUS: In Cic. somn. scip.; CHALCIDn;s: 32f.; Mittelalter!. und Renaissance-P. (1928) 139-179. 180-·193. -
Comm. in Plat. Tim.: «Platonicum dogma» passim; EusEa1os: [65] E. HOFFMANN: P. und MA, in: Vortr. der Bibl. Warburg 3
Praep. evang. HI, 6, 7 (DES PLACEs); vgl. H. DöRRIE: Der P. in (1923/24) 17-82. - [66] Vgl. T. GREGORY: Platonismo medievale
der Antike 1(1987)3-15; Der P. in der Kultur- und Geistesgesch. (Rom 1958); E. GARIN: Studi sul platonismo medievale (Florenz
der frühen Kaiserzeit, in: Platonica Minora (1976) 166-2JO. - 1958); R. W. SouTHERN: Platonism, scholastic method, and the
[26] Vgl. z.B. CICERO: Acad.; AUGUSTINUS: C. Academicos. - School of Cha.rtres (Reading 1979). - [67] w. BEIERWALTES:
[27] H. J. KRÄMER: Die Ältere Akademie, in: Grundriß der Ein!., in: BEIERWALTES (Hg.): P. im MA (1969) VIIIf.; Identität
Gesch. der Philos., begr. F. UEBERWEG. Die Philos. der Antike, bg. und Differenz (1980) 207. - [68] R. KLrnANSKY: The continuity
H. FLASHAR 3 ( 1983) 6. - [28] AUGUSTlNUS: Ep. ad Rom. 118, 16. ofthe Platonic tradition during the Middle Ages (London 1939)
- [29] De civ. Dei 8, 4. - [30] De civ. Dei 8, 9. - [31] Die sog. with a new pref. and four suppl. chapt. together with: Plato's
Theologie des Arist. m1s arab. Handschr., hg. F. DIETERICI (1882, Parmenides in the Middle Ages and the Renaiss. [zuerst in: Me-
ND Amsterdam 1965). - [32] Liber de causis, hg. A. PATTIN. diaeval and renaiss. stud. I/2, 281-330] (1981); vgl. Corp. Plat.
Tijdschr. Filos. 28 (1966) 90-203; Liber de pomo, hg. M. PLEZlA Medii Aevi, hg. K.LrnANSKY (1940ff.). - [69] Vgl. E. CAssIRER:
(Warschau 1960). - [33] HEINRICH BATE VON MECHELEN: Spe- Das Erkenntnisproblem in der Philos. und Wiss. der neueren
culum divinorum et quorundam naturalium, hg. E. VAN DE VY- Zeit (31922); Individuum und Kosmos in der Philos. der Renaiss.
VER l. 2 (Louvain/Paris 1960-67). - [34] J. MoREAU: De Ja con- (1927); Die platon. Renaissance in England und die Schule von
cordance d'Arist. avec Platon, in: Platon et Arist. a la Renaiss. Cambridge (1932). - [70] P. NATORP: Galilei als Philosoph. Phi-
(Paris 1976) 45-58; L. MALUsA: Le premesse rinascimentali los. Mh. 18 (1882) 193ff.; E. CASSIRER: Ga.lileo's Platonism, in:
all'attiv1ta storiografica in filos., in: Storia deiie storie gen. deiia Studies and essays in the hist. of sei. and leaming off. in homage
filos. l (Brescia 1981) 3-62; E. GARIN: II ritorno dei filosofi an- to G. Sarton (New York [1947]) 279-297; A. KoYRE: Galileo and
tichi (Neapel 1983) Kap. V; F. PuRNELL: The theme of philo- Plato. J. Rist. Ideas 4 (1943) 400-428; Galileo man of sei., hg. E.
sophic concord and the sources of Ficino's Platonism, in: },1. McMULLIN (New York/London 1967) [Beitr. von E. CASSIRER,
Ficino e il ritorno di Platane. Studi e documenti (Florenz 1986) E. W. STRONG, T. P. McTIGHE]; T. R. G!RILL: Galileo and Plato-
2, 397-415; F. MASAl: Plethon et le Platonisme de Mistra (Paris nistic methodology. J. Hist. Ideas 31 (1970) 501-520; P. GAL-
1956). - [35] R. J. HENLE: Saint Thomas and Platonism (St. wzzr: II 'Platonismo' del tardo Cinquecento e Ja filos. di Gali-
Louis 1955). - [36] PETRARCA: De sui ipsius et multorum igno- leo, in: Ricerchc sulla cultura dell'Italia moderna (Bari 1973)
985 986 Platonismus

39-79; W. DETEL: Bemerk. zum P. bei Galilei. Neue Hefte Phi- vorwirft: «Was nicht im Raume ist, das ist für den Grie-
los. 15116 (1979) 130-155; vgl. H. BLUMENBERG: Pseudoplatonis- chen nicht, und wenn Platon die Ideen in diese unräum-
men in der Naturwiss. der frühen Neuzeit. Abh. Akad. Wiss. Lit. liche Heimat verweist, so liegt darin nicht ein Versuch,
Mainz, geistes- und soz.wiss. Kl. (1971) 1. - [71] DöRRIE, a.O. ihre bloße Geltung zu irgendeiner Art von seiender
[25] 44. - [72] W. THEILER: Die Vorbereitung des Neuplatonis-
mus ( 1934, 2 1964). - [73] CH. Bmos: The Christian Platonists of
Wirklichkeit zu hypostasiren, sondern die deutliche An-
Alexandria (1886, Oxford 1913). - [74] C. J. DE VOGEL: On the strengung, jeden solchen Versuch von vorn herein abzu-·
Neoplatonic character of Platonism and the Platonic character wehren» [8]. Platon habe «nur die ewige Gültigkeit der
of Neoplatonism (1953), ND in: Philosophia 1 (Assen 1970). - Ideen, niemals aber ihr Sein behauptet» [9].
[75] E. VON IvANKA: Plato Christianus (1964). - [76] H. DöRRJE: Als klassischer Vertreter eines logischen P. gilt neben
Was ist 'spätantiker P.'? in: Platonica minora (1976) 508-523; Bolzano G. FREGE. Seine Position entwickelt er vorwie-
Der P. in der Antike 1 (1987); zum P. der Spätantike vgl. ferner gend als Kritik eines erkenntnistheoretischen Psycholo-
den Sammelband: Aufstieg und Niedergang der röm. Welt, hg.
H. TEMPORINI/W. HAASE II/36, 1 (1987). - [77] a.0. [25] 44-47. -
gismus, Naturalismus und Relativismus. Stärker noch
[78] P. HADOT: Porphyre et Victorinus (Paris 1968); Marius Vic- als die Vertreter des Neukantianismus betont Frege die
torinus (Paris 1971). - [79] W. BEIERWALTEs: P. und Idealismus Eigenständigkeit einer logischen Erkenntnis aus bloßer
(1972); Ident. und Diff. (1980); Denken des Einen (1985). - [80] Vernunft, über die, anders als bei Kant, rein logische
H. J. KRAMER: Arete bei Platon und Arist. (1959); K. GAISER: Gegenstände, wie z.B. die Zahlen erfaßt werden [10].
Platons ungeschriebene Lehre (1963, 2 1968). - [81] KRÄMER: Der Daneben erstreckt sich sein P. aber auch, wie schon ins-
Ursprung der Geistmetaph. (Amsterdam 1964, 2 1967); Platane e besondere bei Bolzano, auf propositionale Gebilde, die
i fondamenti della metaf. (Mailand 1982) 31-149 zur Interpreta- Frege «Gedanken» (s.d.) nennt und einem «dritten
tionsgesch. seit Schleiermacher; Die Ältere Akad .... , a.0. [27]
1-174. - [82] Vgl. die scherzhafte Wendung «pour les abstrac-
Reich» (s. d.) des objektiv Nichtwirklichen zuordnet, das
tions, j'aime le platonisme»: MOLIERE: Les femmes sav. III, 2 neben dem Reich des objektiv Wirklichen (des Physi-
(1672). - [83] Eine Auflistung von Platonismen nach Themen bei schen) und subjektiv Wirklichen (des Psychischen) selb-
A. SoLIGNAc: Art. <Platonisme>, in: Dict. de spiritualite, fase. ständig besteht. Dieses Bestehen wird im wesentlichen
80-82 (1985) 1803-1811; Versuch einer Doxographie bei DöRRIE, durch negative kategoriale Bestimmungen (z.B. Unzeit-
a.O. [25] 16-32. - [84] A. RosMINI: Nuovo saggio sull'origine lichkeit, Unräumlichkeit und Unwirklichkeit) charakte-
delle idee (1830, Rom 1934). - [85] V. GIOBERTJ: Introd. allo risiert [ 11 ]. Es zeigt sich im Vergleich mit Lotze und den
studio della filos. (1844, Rom/Mailand 1939-41); G. GENTILE: Neukantianern, daß auch Freges P. nicht ontologisch
Rosmini e Gioberti (f1orenz 1955); Le origini della filos. con-
temp, in Italia 1: I Platonici (1917, f1orenz 1957); Encicl. filos.
hypostasierend, sondern transzendental zu verstehen ist
(Florenz 21969) s.v. <Üntologismo>, <Platonism0>. P. R. BLuM [12]. Ebenso besteht E. HussERLS P. (<<Die voll bewußte
und radikale Umwendung und den mit ihr gegebenen
'P.' verdanke ich dem Studium der Logik Lotzes» [13])
II. - In der nachkantischen Erkenntnistheorie, die die «nicht in irgendwelchen metaphysischen oder erkennt-
logische Erkenntnis ins Zentrum stellt und im Gegen- nistheoretischen Substruktionen, Hypostasen, Theo-
satz zu Kant auch die Möglichkeit nicht-anschaulicher rien» [14], sondern versteht sich noch in den <Ideen>
(logischer) Gegenstände diskutiert, werden als P. die An- gerade als Kritik eines «Platonischen Realismus» [15].
sätze bezeichnet, in denen die logischen Gebilde als Generell wird man jeweils prüfen müssen, ob dem P. bei
unabhängig von ihrer physischen und psychischen Gege- den als Platonisten bezeichneten Autoren nur eine kriti-
benheitsweise bestehend angesehen werden. Besonders sche Funktion im Rahmen der systematischen Betonung
ausgeprägt ist der antikantische P. bei B. BOLZANO. Die- des nicht-empirischen Status der Logik zukommt, oder
ser wurde der «logische Platon» genannt, weil er Wahr- ob er ontologisch zu Existenzbehauptungen im Sinne
heiten, Gesetze und Vorstellungen «an sich» zuläßt, die einer Zweiweltentheorie führt.
«ein nicht in dem Reiche der Wirklichkeit zu suchendes Für den P. in der modernen Logik und Wissenschafts-
Etwas» sind [1]. Da der P. Bolzanos sich nicht nur auf theorie sind vor allem Bolzano und Frege bestimmend
Begriffe erstreckt, sondern auch auf Sätze und An- geworden, und zwar meistens in ontologisierender Re-
schauungen, ist er umfassender als der P. des histori- zeption. Der Terminus <P.> hat sich hier erst relativ spät
schen Platon [2]. eingebürgert, ursprünglich sprach man auch von «Logis-
Eine Vermittlung des logischen P. mit der Kantischen mus» oder «Logizismus» (s.d.). P. BERNAYS verwendet
Transzendentalphilosophie hat die Marburger Schule <P.> (1935) als Bezeichnung für eine bestimmte Auffas-
des Neukantianismus (H. CoHEN [3], P. NATORP [4]) sung innerhalb des Grundlagenstreits (s.d.) der Mathe-
vorgenommen. Natorp erklärt, «der methodische Sinn matik. Er charakterisiert den P. zunächst allgemein
der Idee» sei «das Prinzip des Idealismus», und zwar «des durch die Tendenz, «Gegenstände als losgelöst von allen
kritischen, oder wie wir noch lieber sagen, des methodi- Bindungen an das denkende Subjekt zu betrachten» [16].
schen Idealismus» [5]. Charakteristisch für die Platon- Zum P. wird eine solche Überzeugung genaugenommen
Interpretation der Marburger ist die wissenschaftstheo- allerdings erst dadurch, daß diese Gegenstände nicht die
retische Deutung der Ideen als Naturgesetze im galilei- wirklichen sind. Sonst wäre ja jeder erkenntnistheoreti-
newtonschen Sinne. Historisch geht diese Tradition ei- sche Realismus bereits ein P. Erst die Einbeziehung
nes platonisierenden Kantianismus auf den Kantianer «idealem oder «abstrakter» Gegenstände ergibt P. Als
w. G. TENNEMANN zurück [6]. solche Gegenstände werden insbesondere die Zahlen
Auch in der Südwestdeutschen Tradition des Neukan- aufgefaßt. Die P.-Frage stellt sich Bemays deshalb mit
tianismus (W. WINDELBAND, H. RICKERT, B. BAUCH, E. Blick auf die Zahlen und deren Einführung über den
LAsK) finden sich Züge des P., die durch H. LoTZES Klassen- bzw. Mengenbegriff. Er unterscheidet einen
Platoninterpretation vorgegeben sind. Die platonische «absoluten» von einem «beschränkten» P. Der absolute
Ideenlehre wird von ihm im Sinne eines überzeitlichen P. wird als «Begriffsrealismus» charakterisiert durch das
Geltungsbegriffs gedeutet, als Gegenbegriff zum Beg1iff Postulat der «Existenz einer Ideenwelt, die alle Gegen-
der «Wirklichkeit des Seins» [7]. Dabei wendet sich stände und Beziehungen der Mathematik enthält». We-
Lotze ausdrücklich gegen ein Platonverständnis, das gen der Antinomien der Mengenlehre habe sich dieser P.
diesem eine Hypostasierung der Ideen zu Seinsgebilden als unhaltbar erwiesen [17]. Revidierte platonistische
Platonismus 987 988

Auffassungen sind weiterhin in der mathematischen struktivist. Momente in Husserls Math.begriff (1981). - D. WIL-
Grundlagentheorie, insbesondere der Mengenlehre, bei- LARD: Logic and objectivity of knowledge. A study in Husserl's
behalten worden., so z.B. von K. GöDEL [18]. Dabei kam early philos. (Ohio 1984). - H. HOLZHEY: Cohen und Natorp
es auch, wie etwa bei H. ScHOLZ, in ausdrücklicher Ab- (1985). - K. CH. KöHNKE: Entstehung und Aufstieg des Neukan-
tianismus. Die dtsch. Univ.philos. zwischen Idealismus und Po-
lehnung positivistischer Tendenzen zu einer Wiederan- sitivismus (1986) v.a. 293ff. 38lff. 407ff. 606-611.
bindung des logischen P. an einen theologisch verstan- G. GABRIEL/TH. RENTSCH
denen - neuplatonischen - kontemplativen P. [19].
Innerhalb der analytischen Philosophie ist von W. V.
0. QUINE ein nicht nur mathematische Gegenstände be- Pluralismus (engl. pluralism; frz. pluralisme; ital. plura-
treffendes Kriterium für eine Unterscheidung von P. lismo)
und Nominalismus (s.d.) fommliert worden [20]. Nach I. Philosophie; Politik; Gesellschaft. - 1. Die ersten
diesem Kriterium sind bereits alle diejenigen Positionen Spuren der Begriffsbildung von <P.> finden sich bei
als platonistisch einzustufen, die als Werte von Varia- CH. WoLFF. Zwar verwendet er nicht das Wort selbst,
blen nicht nur Individuen zulassen, sondern auch Uni- spricht jedoch bei seiner Einteilung der Typen von Phi-
versalien, wie z.B. Mengen und Eigenschaften. losophen im Hinblick auf ihre Lehren von den «Plurali-
Zu unterscheiden ist zwischen einem extensionalen sten» im Gegensatz zu den «Egoisten»: Die von dem
und einem intensionalen P„ und zwar danach, ob der P. «Skeptikern abgegrenzten «Dogmatiken> teilen sich in
sich nur auf Extensionen erstreckt, wie z.B. auf Begriffs- «Dualisten» oder «Monisten», letztere wiederum in «Ma-
umfänge, Klassen, Mengen, oder aber auch auflntensio- terialisten» oder «Idealisten». <<Die Idealisten geben ent-
nen, wie z.B. Begriffe, Eigenschaften, Gedanken (Propo- weder mehr als ein Wesen zu, oder halten sich für das
sitionen). Der intensionale P. ist ontologisch insofern einige würckliche Wesen. Jene werden Pluralisten; diese
«reichen> als der extensionale P. [21]. Vertreter eines in- hingegen Egoisten genannt» [1]. I. KANT übernimmt zu-
tensionalen P. ist (im Anschluß an G. Frege) vor allem nächst den Wolffischen Sprachgebrauch [2], gibt jedoch
A. CHURCH. später der Entgegensetzung von Pluralisten und Ego-
isten einen anderen Sinn: Der Egoist ist de1jenige, der
Anmerkungen. [!] B. BOLZANO: Wiss.lehre (1837) § 48; vgl. sein Urteil, seinen Geschmack oder seine praktischen
§ 19. - [2] Vgl. F. KAMBARTEL: Ein!. zu: B. BOLZANO's Grundle-
gung der Logik (Wiss.lehre J/II) (21978) XVff. - [3] H. CoHEN: Zielsetzungen nicht an denen anderer prüft; das entspre-
Die platon. Ideenlehre (1865); Platons Ideenlehre und die Ma- chende Verhalten ist für Kant «logischem, «ästhetischem
thematik (1874); Logik der reinen Erkenntniß (System der Phi- oder «moralischer Egoism» [3]. Der Egoist ist ein «Cy-
los. I) (1902). - [4] P. NATORP: Platos Ideenlehre. Eine Einf. in clop», dem <moch ein Auge nöthig [ist], welches macht,
den Idealismus (21922). - [5] a.O. 154. - [6] w. G. TENNEMANN: daß er seinen Gegenstand noch aus dem Gesichtspunkte
System der platon. Philos. (1792-95). ·- [7] H. LOTZE: Logik [Sy- anderer Menschen ansieht» [4]. Aber «Wenn man seine
stem der Philos. I] (1874) § 318. - [8] a.O. - [9] ebda. -· [10] G. Einsichten mit denjenigen anderer vergleicht und aus
FREGE: Die Grundlagen der Arithmetik Eine log. math. Unters.
über den Begriff der Zahl (1884) §§ 5. 12. 88f. - [11] Der Ge-
dem Verhältniß der Übereinstimmung mit anderer Ver-
danke. Eine log. Unters„ in: Beitr. zur Philos. des Dtsch. Idealis- nunfft die Wahrheit entscheidet, ist das der logische Plu-
mus 1 (1918/19) 58-77; Die Verneinung. Eine log. Unters., a.O. ralis1n» [5]. Der logische P. ist für Kant ein Gebot der
143-157. - [12] Vgl. G. GABRIEL: Frege als Neukantianer. Kant- Vernunft, das er konsequent mit der Forderung nach der
studien 77 (1986) 84-101. - [13] E. HussERL: Entwurf einer 'Vor- «Freiheit der Feder» verbindet [6]. «Dem Egoism kann
rede' zu den <Log. Unters.> (1913). Tijdschr. Filos. 1(1939)106- nur der Pluralism entgegengesetzt werden, d. i. die Den-
133, dort 128f. - [14] a.O. 118. -- [15] Ideen ... 1 (1913) § 22. kungsart: sich nicht als die ganze Welt in seinem Selbst
Husserliana 3 (Den Haag 1950) 48ff. - [16] P. BERNAYS: Sur le befassend, sondern als bloßen Weltbürger zu betrachten
platonisme dans les matbematiques. Enseignemeut mathem. 34
(1935) 52-69; dtsch.: Über den P. in der Math„ in: W. STEGMÜL-
und zu verhalten» [7]. Dieser ursprüngliche P.-Begriff
LER (Hg.): Das Universalien-Problem (l 978) 64-83, dort 65. - hat sich zwar in den Wörterbüchern zu Beginn des
[17] a.O. 68. - [18] K. GöDEL: Russell's mathemat. logic, in: P. 19. Jh. niedergeschlagen [8], geriet jedoch dann in Ver-
ScHILPP (Hg.): The philos. of B. Russell (New York 1944) 137. - gessenheit. W. T. KRUG führt 1833 in seinem <Handwör-
[19] H. SCHOLZ: Das theoL Element im Beruf des logist. Logi- terbuch> verschiedene Arten von P. an: Die Wolffsche
kers, in: Mathesis universalis. Abh. zur Philos. als strenger Wiss„ Bestimmung als «psychologischen P.», ferner einen «kos-
hg. H. HERMES/F. MMBARTEL/J. RITTER (21969) 324-340, dort mologischen P.» (Annahme mehrerer Welten) und einen
v.a. 336. - [20] W. V. 0. QUJ1'TE: On universals. J. symb. Logic 12, «theologischen P.», der mit <Polytheismus> synonym ist
3 (1947) 74-84; dtsch.: Über Universalien, in: STEGMÜLLER
(Hg.): a.0. [16] 84-101. - [21] Vgl. G. KüNo: Ontologie und log. [9]. In diesem letzten Sinne gebraucht den Terminus E.
Analyse der Sprache (Wien 1963) l 14ff. HAECKEL, der den «philosophischen P.» (= Polytheis-
mus) als ontologischen Primitivismus wertet, der ge-
Literaturhinweise. H. GLocKNER: Lotzes Deutung der platon. schichtlich durch den Monismus (= Monotheismus)
Ideen. Pädagog. Hochschule 2 (1930) 7-17. - F. MMBARTEL: überholt sei [ 1O].
Philos. Perspektiven der Diskussion um die Grundlagen der
Math. Zu Verlauf und Konsequenzen eines Kapitels der Phi-
2. Erst im Pragmatismus von W. James und F. C. S.
los.gesch. Arch. Gesch. Philos. 45 (1963) 157-193, v.a. 160-169. - Schiller hat der Begriff eine zentrale Bedeutung erhalten
J. A. FARIS: Plato's theory of fonns and Cantor's theory of sets [11]. Übernommen wurde er aus der <Metaphysik> H.
(1968). - S. F. BARKER: Realism as a philos. of ma1.h„ in: l J. LoTZES (1879, engl. 1884), der behauptet hatte: «Es kann
BULLOFF/TH. c. HoLYOKE/S. w. HAHN (Hg.): Foundations of nicht eine Vielheit von einander unabhängiger Dinge
math. Symposium papers cornmemor. the sixtieth birthday ofK. geben. sondern alle Elemente. zwischen denen eine
Gödel (1969) 1-9. - E. MORSCHER: Von Bolzano zu Meinong. Wechselwirkung möglich sein soll, müssen als Theile
Zur Gesch. des log. Realismus, in: R. HALLER (Hg.): Jenseits von eines einzigen wahrhaft Seienden betrachtet werden: der
Sein und Nichtsein. Beitr. zur Meinong-Forsch. (Graz 1972) 69-
102. - J. C. NYIRI: Beim Sternenlicht des Nichtexistierenden:
anfängliche P. unserer Weltansicht hat einem Monismus
Zur ideologiekrit. Interpretation des platonisierenden Antipsy- zu weichen, durch welchen das stets unbegreifliche
cbologismus. Inquiry 17 (1974) 399-443. - P. DI G1ovANNI: Il transeunte Wirken in ein immanentes übergeht» [12].
criticismo platonico. N atorp e Ja teoria delle idee (Florenz 197 5). Gegen Lotze [13], Hegel [14] und den Neuhegelianer
- R ScHM!T: Husserls Philos. der Math. Platonistische und kon- Bradley [15] vertritt W. JAMES in seinem <Pluralistic
Paul Klee Wladyslaw Tatarkiewicz
Beiträge zur Geschichte der Ästhetik
bildnerischen Formlehre (1921I22) Deutsch von Alfred Loepfe
Faksimilierte Ausgabe des Band 1: Die Ästhetik der Antike
190 Seiten umfassenden Originalmanuskripts 1979. 403 Seiten, 19 Abbildungen
mit über 300 gezeichneten Textillustrationen Leinen Fr. 96.- / DM 112.-. ISBN 3-7965-0660-7
und einer Transkription Band 2: Die A'sthetik des }vfittelalters
1980. 355 Seiten, 17 Abbildungen
Herausgegeben von Jürgen Glaesemer
Leinen Fr. 96.- /DM 112.-. ISBN 3-7965-0731-X
Paul Klee-Stiftung, Kunstmuseum Bern
Band 3: Die Ästhetik der Neuzeit
Die Veröffentlichung des Originalmanuskripts von Paul 1988. 461 Seiten, 44 Abbildungen
Klees «Beiträgen zur bildnerischen Formlehre» war ein Leinen Fr. 96.- /DM 112.-. ISBN 3-7965-0746-8
Anliegen, das die Paul Klee-Stiftung bereits seit längerer Das dreibändige Werk des bekannten polnischen Philo-
Zeit verfolgte und das zu Klees 100. Geburtstag in Zu- sophen ist die umfassendste Darstellung der Philosophie
sammenarbeit mit dem Verlag Schwabe in Basel endlich des Schönen und der Kunst. Ein Vorzug dieser Ge-
möglich gemacht worden ist. schichte der Ästhetik liegt darin, daß sie auch Reflexio-
Das Manuskript diente Klee als Vorlage für seine ersten nen der Schaffenden selbst einbezieht und Auskunft über
Vorlesungen, die er vom November 1921 bis Dezember die soziale Stellung der Künstler und der Kunst in den
1922 vor seinen Schülern am Staatlichen Bauhaus in verschiedenen Epochen gibt. Wertvoll sind die auf die
Weimar hielt. Er verfaßte den Text fortlaufend vor jeder einzelnen Kapitel folgenden reichhaltigen Zusammen-
Vorlesung schriftlich, um sich während des Unterrichts stellungen zeitgenössischer Aussagen als überzeugende
direkt darauf zu beziehen. Dem handgeschriebenen Text Belege für die aus den Quellen erarbeitete Sachkenntnis
sind über 300 gezeichnete Illustrationen beigefügt, mit des Autors.
denen Klee seine Gedanken bildhaft erläutert. Das Ma-
nuskript vermittelt eine genaue Vorstellung von den
Grundvorlesungen Klees am Staatlichen Bauhaus in Helmut Holzhey · Cohen und Natorp
Weimar im Verlauf des Jahres 1921/22. Die authentische
Transkription von Dr. Jürgen Glaesemer, Kunstmuseum Band 1: Ursprung und Einheit
Bern, vermerkt Klees Korrekturen und Textänderungen. Die Geschichte der «Marburger Schule»
als Auseinandersetzung um die Logik des Denkens
1979. Mit einer Transkription separat broschiert. Band 2: Der Marburger Neukantianismus in Quellen
Format 16,9x20,7 cm, ca. Fr. 78.- /DM 89.- Zeugnisse kritischer Lektüre. Briefe der Marburger.
ISBN 3-7965-0741-7 Dokumente zur Philosophiepolitik der Schule
1986. XII, 419; 536 Seiten
Leinen, zusammen Fr. 160.- / DM 190.-
ISBN 3-7965-0839-1
Paul Klee
Forrn- und Gestaltungslehre Holzheys Werk ist die erste umfassende Darstellung des
Marburger Neukantianismus. Band 1 beginnt mit der
Herausgegeben und bearbeitet von Jürg Spiller historisch-biographischen Darstellung der Entstehung
und Entwicklung der Schule, des Werdegangs der Grün-
Band 1: Das bildnerische Denken der (H. Cohen und P. Natorp), der eigentlichen Schüler
4. Auflage 1981 (A. Görland, E. Cassirer u. a.) und der weiteren Anhänger
586 Seiten mit über 1200 teils mehrfarbigen Illustrationen (K. Laßwitz, A. Stadler, R. Stammler u. a.). Den Hauptteil
Gebunden Fr.138.- /DM 166.- bildet die gründliche Untersuchung des Werks von Co-
ISBN 3-7965-0154-0 hen und Natorp: die philosophischen Grundfragen, das
Verhältnis von Anschauung und Denken, Erkenntnis,
Band 2: Unendliche Naturgeschichte Erkenntniskritik und Erkenntnislogik, Ansatz und
Durchgestaltung des Systems der Philosophie. Eine aus-
1970 führliche Besprechung der Literatur zur Schule, Schrif-
51 l Seiten mit über 600 teils mehrfarbigen Illustrationen tenverzeichnisse und Bibliographien ergänzen die Dar-
Gebunden Fr.126.- /DM 138.- stellung. Band 2 enthält die Quellen: erstmals aufgrund
ISBN 3-7965-0155-9 der Handschriften kritisch edierte und mit Anmerkungen
versehene Texte Cohens und Natorps zu Fragen der
Grundlegung des Systems, die wichtigsten Teile des
Briefwechsels der Schule von 1883 bis 1921 sowie Do-
kumente zur Schulpolitik. Namen- und Sachregister
schließen die Bände ab.

Schwabe & Co. AG ·Basel


GRUNDRISS DER GESCHICHTE
DER PHILOSOPHIE
Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neubearbeitete Ausgabe

DIE PHILOSOPHIE DES 17. JAHRHUNDERTS


BAND 3

England
Herausgegeben von Jean-Pierre Schobinger
mit Beiträgen u. a. von Jean Bernhardt, Reinhard Brandt, Paolo Casini, Jürgen Gebhardt,
Eduard Georg Jacoby, Louis A. Knafla, Arrigo Pacchi, G. A. John Rogers, Charles B. Schmitt,
Frani;ois Tricaud, Paul B. Wood '
1988. 2 Halbbände. XXXIV, 1-340; VIII, 34!-874 Seiten
Leinen, zusammen Fr.160.-/DM 195.-. ISBN 3-7965-0872-3

In diesem Band werden um die bekanntesten philosophischen Denker wie Thomas Hobbes, die Cambridger
Platoniker und John Locke herum jene Erscheinungen angeordnet, die mit ihnen zur Bildung eines philoso-
phischen Selbstverständnisses Englands im 17. Jahrhundert beigetragen haben. Dazu gehört die von den
Historikern im allgemeinen zuwenig beachtete Schulphilosophie, die sich zum einen als Hüterin der aristo-
telisch-scholastischen Tradition erweist, zum anderen aber ein Indikator für das Ausmaß der zeitgenössi-
schen Rezeption innovatorischen Denkens ist; dazu gehören aber auch die religiös motivierten Debatten, in
denen - cum grano salis - der Anglikanismus die Seite der Vernunft, der römische Katholizismus die des
'richtigen' Glaubens und der Puritanismus die des Enthusiasmus repräsentiert. Ein weiteres Phänomen sind
die Bemühungen um die Entwicklung einer Universalsprache. Kennzeichnend für das englische Denken des
17. Jahrhunderts ist zum einen die relativ beschränkte unmittelbare Nachwirkung der cartesischen Philoso-
phie und zum anderen das in der Nachfolge Bacons entstandene starke Interesse an naturphilosophischen
Fragestellungen. Die neue Wissenschaft ist dem mechanistischen Weltverständnis und dem Experiment
verpflichtet. Einen Höhepunkt erreicht sie in der Physik Newtons. Ein ganzes Kapitel ist der politischen
Philosophie gewidmet, die im frühen 17. Jahrhundert von der Lehre des «Divine Right» der Könige und vom
Rechtsdenken des «Common Law» geprägt ist. Im Bürgerkrieg werden diese Konzeptionen vom radikalen
Protestantismus und später vom Republikanismus in Frage gestellt, wodurch sich der Patriarchalismus zu
einer kompromißlosen Verteidigung der absoluten Monarchie herausgefordert sieht.
Gemäß der Forderung nach möglichst objektiver und umfassender Orientierung und in Anbetracht der heute
bestehenden Offenheit für das, was als Philosophie gelten soll, werden bewußt nicht nur die in einem
traditionellen Sinn philosophischen Werke und Themen erörtert, sondern auch die vielfältigen Interessen
und Ausrichtungen der Denker des 17. Jahrhunderts berücksichtigt. So ist der vorliegende Band nicht nur für
den Fachphilosophen, sondern auch für den Wissenschafts- und Medizinhistoriker, den Theologen, den
Staats- und Rechtstheoretiker, aber auch für den allgemeinen Historiker und selbst für den Anglisten ein
unentbehrliches Handbuch.
Die Bibliographien der Primärliteratur umfassen insgesamt ca. 2000, die der Sekundärliteratur ca. 2200
Titel. In den Werkbeschreibungen werden über 300 philosophische Texte des 17. Jahrhunderts zum Teil sehr
ausführlich dargestellt. Das Register verzeichnet auf 72 Seiten ca. 3800 Namen mit insgesamt mehr als 12 000
Steilenverweisen.

Schwabe & Co. AG · Verlag · Basel