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OLG München: Nachvertragliche Treuepflicht des Unternehmers bei Kündigung NJW-RR 1998, 1563
durch den Kfz-Vertragshändler

Nachvertragliche Treuepflicht des Unternehmers bei Kündigung durch den Kfz-Vertragshändler

HGB § 89b; AGBG § 9

Der Unternehmer kann in einem vorformulierten Vertragshändlervertrag für den Fall einer unberechtigten Vertragsbeendigung durch den Händler
den Rückkauf des Ersatzteillagers ausschließen.

OLG München, Beschluß vom 2. 3. 1998 - 7 W 742–98

Zum Sachverhalt:

Der Ast. hat Prozeßkostenhilfe für eine Klage auf Vertragshändlerausgleich und auf Zahlung eines Geldbetrages Zug-um-Zug gegen Rückgabe eines Ersatzteillagers
beantragt. Der Ast. war seit 1968 Vertragshändler der Ag. im Raume W. Der zuletzt maßgebende Vertrag datierte vom 14. 10. 1987. Spätestens Anfang 1995 geriet
der Ast. in finanzielle Schwierigkeiten. Seine Hausbank lehnte in mehreren Fällen die Kreditierung von Kaufpreisforderungen der Bekl. ab. Dies führte dazu, daß die
Ag. ihrerseits dem Kl. bestellte Fahrzeuge nur noch unter der Bedingung ausliefern wollte, daß diese sofort bei Lieferung bezahlt würden. An dieser Sachbehandlung
hielt die Ag. weiter fest, als der Ast. Ende Februar 1996 die letzte ausstehende Forderung der Ag. beglichen hatte. Im Ergebnis wurden mehrere Bestellungen auch
noch im Frühjahr 1996 nicht ausgeführt. Im folgenden verhandelten die Parteien zunächst über eine Auflösung des Handelsvertretervertrags. Die Ag. erklärte ihr
Einverständnis für den Fall, daß der Ast. auf einen Ausgleichsanspruch verzichte. Dem vermochte der Ast. jedoch nicht näherzutreten. Er sprach mit Schriftsatz vom
23. 7. 1996 unter Berufung auf Nr. 18.4 des Vertragshändlervertrags wegen Zahlungsunfähigkeit die fristlose Kündigung des Vertrags aus. Die Ag. reagierte hierauf
ihrerseits mit einer außerordentlichen Kündigung des Vertrags. Der Ast. hat die Auffassung vertreten, die Ag. habe ihn von Anfang an als Händler zweiter Klasse
behandelt. Sie habe ihm schon 1986 gleich zu Anfang der Vertragsbeziehungen technisch veraltete Neuwagen ohne Katalysatoren auf den Hof gestellt. Auch die
weitere Entwicklung der Vertragsbeziehungen sei enttäuschend verlaufen. Die Ag. habe den Absatz ihrer Produkte nicht hinreichend gefördert, Fahrzeuge verspätet
sowie zum Teil zur Unzeit angeliefert und sei dem Ast. schließlich, als er in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sei, nicht in der gebotenen Weise
entgegengekommen. Die verweigerte Auslieferung mehrerer bestellter Fahrzeuge im Jahre 1996 habe schließlich zum Ruin des Ast. geführt. Ein Festhalten am
Vertrag sei für ihn nicht mehr zumutbar gewesen.
Das LG hat den Antrag auf Gewährung von Prozeßkostenhilfe mit Beschluß vom 24. 11. 1997 zurückgewiesen. Zu den Gründen wird auf den Beschluß des LG Bezug
genommen, der dem Ast. am 16. 12. 1997 zugestellt wurde. Gegen den Beschluß richtet sich die am 16. 1. 1998 eingegangene Beschwerde des Ast. Er hält seinen
Sachvortrag aus erster Instanz aufrecht. Das LG habe verkannt, daß das Verhalten der Ag., das der Kündigung zugrunde liege, als eine sich in Ausmaß und Intensität
im Laufe der . . . Vertragspartnerschaft steigernden Kette von vertraglich ungerechtfertigten Schlechtbehandlungen und Mißachtungen des Ast. zu bewerten sei, die
in der verweigerten Auslieferung von Fahrzeugen im Frühjahr 1996 gegipfelt habe. Die Beschwerde hatte keinen Erfolg.

Aus den Gründen:

II. Der Senat tritt den Gründen der angefochtenen Entscheidung bei. Lediglich zur Verdeutlichung und mit Blick auf die Ausführungen der Parteien im
Beschwerdeverfahren sei nochmals folgendes hervorgehoben:
1. Ein Ausgleichsanspruch entsprechend § 89b HGB ist im vorliegenden Fall nach § 89b III Nr. 1 HGB ausgeschlossen, weil der Ast. das Vertragsverhältnis gekündigt
hat, ohne daß die Ag. hierzu begründeten Anlaß geboten hätte. Der Senat vermag aus dem Sachvortrag des Ast. keine Kette schikanöser Benachteiligungen zu
ersehen. Es handelt sich hier vielmehr um einzelne Vorfälle, die der Ast. als ungerecht empfinden mag, die aber rechtlich jeweils für sich zu bewerten sind. Damit
steht zugleich fest, daß Vorfälle aus zurückliegenden Jahren wie z.B. die Anlieferung von Fahrzeugen ohne Katalysatoren eine Kündigung schon wegen des
eingetretenen Zeitablaufs (Verwirkung) nicht mehr zu tragen vermögen (vgl. Baumbach–Hopt, HGB, 29. Aufl., § 89a Rdnrn. 30ff.). Soweit die Ag. zuletzt von ihrem
Recht Gebrauch gemacht hat, Fahrzeuge nur noch gegen sofortige Bezahlung zu liefern (vgl. § 320 BGB), kann hierin eine Vertragsverletzung nicht gesehen werden.
Dies gilt auch für den Zeitraum nach Ausgleich der noch offenen Verbindlichkeiten des Ast., zumal sich die finanziellen Verhältnisse des Ast. insgesamt unstreitig nicht
nennenswert gebessert hatten. Die Ag. wäre schon damals nach Nr. 18.2d des Vertragshändlervertrags möglicherweise sogar ihrerseits zur Vertragskündigung
berechtigt gewesen.
Außerdem standen die Parteien im Juli 1996 bereits in Verhandlungen wegen einer Vertragsauflösung, bedingt u.a. durch die schlechte Vermögenslage des Ast. In
einer solchen Situation konnte eine neuerliche Kreditierung von Neufahrzeugen durch die Ag. auch unter Heranziehung der Grundsätze von Treu und Glauben
schlechterdings nicht mehr erwartet werden. Daß die Ag. berechtigt war, Bestellungen des Ast. nach Kündigung des Vertrags durch ihn zu stornieren, liegt vollends
auf der Hand. Der Vorwurf des Ast., die Ag. habe im Zuge der Verhandlungen über eine Vertragsauflösung einen Verzicht auf den Ausgleichsanspruch gefordert,
vermag die vom Ast. ausgesprochene fristlose Kündigung ebenfalls nicht zu rechtfertigen. Der Anspruch auf Ausgleich kann gleichzeitig mit einer einvernehmlichen
Vertragsbeendigung ausgeschlossen werden (vgl. Baumbach–Hopt, § 89b Rdnr. 74); selbstverständlich kann daher in Vorbereitung einer entsprechenden Regelung
auch über einen Ausschluß verhandelt werden.
Letztlich belegt allein schon der Text des Kündigungsschreibens des Ast. zur Überzeugung des Senats hinreichend, daß er selbst zum Zeitpunkt der Kündigung die
zuvor dargestellten Kündigungsgründe zumindest nicht als ausschlaggebend angesehen hat. Entscheidend für ihn war, wie er selbst ausführt, seine wirtschaftliche
Situation. Diese ist aber weder nach Gesetz noch nach Vertrag ein hinreichender Grund für eine außerordentliche Kündigung des Vertragshändlervertrags durch den
Ast. Insbesondere kann der Versuch des Ast., sich hier auf Nr. 18.4 des Vertrags zu berufen, nicht überzeugen. Der Ast. ist keine Gesellschaft, sondern
Einzelkaufmann; er wird auch nicht aufgelöst. Eine analoge Anwendung der Klausel auf Fälle wirtschaftlichen Niedergangs bei einem Einzelkaufmann scheidet schon
deshalb aus, weil die hier vorliegende Interessenkonstellation der vertraglich in Nr. 18.4 geregelten in

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keiner Weise vergleichbar ist. Eine Gesellschaft kann aus den verschiedensten Gründen aufgelöst werden, die nicht notwendigerweise etwas mit ihren
Vermögensverhältnissen zu tun haben müssen. Die Parteien haben im übrigen den Fall des wirtschaftlichen Niederganges des Vertragshändlers keineswegs außer
Betracht gelassen; sie haben vielmehr unter Nr. 18.2d des Vertrags hieran ein Kündigungsrecht der Ag. geknüpft. Dies erscheint unabhängig von der Frage, inwieweit
die einzelnen Voraussetzungen der Klausel einer Inhaltskontrolle nach dem AGB-Gesetz standhalten können auch im Grundsatz interessengerecht, da jeder
Vertragspartner grundsätzlich selbst für seine finanzielle Leistungsfähigkeit einzustehen hat (§ 279 BGB; vgl. RGZ 106, 181; BGHZ 63, 139 = NJW 1975, 109; BGH,
NJW 1989, 1278). Daß die Verwirklichung dieses Prinzips als Kehrseite der Vertragsfreiheit gegen in der Bundesrepublik Deutschland geltendes höherrangiges Recht,
insbesondere gegen das Grundgesetz, verstoßen könnte, ist nicht ersichtlich (BGH, NJW 1989, 1276 [1278]).
2. Auch die Klage auf Rückkauf des Ersatzteillagers bietet keine hinreichende Aussicht auf Erfolg. Nach Nr. 19.2 des Vertragshändlervertrags besteht keine
Verpflichtung der Ag. zur Rücknahme von Vertragswaren, wenn der Händler das Vertragsverhältnis auflöst, ohne zu einer außerordentlichen Kündigung berechtigt zu
sein. Dieser Fall liegt hier vor (s.o.). Der Ausschluß der Rückkaufsverpflichtung verstößt auch nicht gegen § 9 AGBG. Der Grundsatz der Rückkaufverpflichtung als
solcher folgt aus der nachvertraglichen Treuepflicht der Bekl., weil die Bekl. während der Vertragslaufzeit die Unterhaltung eines Teilelagers mit entsprechender
Bevorratung verlangt hatte (vgl. Nr. 14.1 Vertragshändlervertrag; BGHZ 54, 338 [345] = NJW 1977, 29; BGH, NJW-RR 1988, 1077 [1081]; BGH, NJW 1994, 1060 =
WM 1994, 1121 [1130]; BGH, NJW 1995, 524 = WM 1995, 392 [394]). Verstößt aber der Händler dadurch, daß er ohne triftigen Grund seinen Vertrag fristlos
kündigt, selbst gegen seine vertraglichen Verpflichtungen, so kann er sich auf eine nachwirkende Treuepflicht seines Vertragspartners nicht mehr berufen. Wenn er in
diesem Falle nicht in der Lage ist, sein Warenlager selbst zu verwerten, so liegt das in dem von ihm geschaffenen Gefahrenbereich. Dem Vertragspartner ist eine
Mitwirkung bei der Abwicklung der Vertragsfolgen jedenfalls billigerweise nicht mehr zuzumuten (vgl. BGHZ 54, 338 [347] = NJW 1971, 29; Baumbach–Hopt, Vorb. §
373 Rdnr. 15).
/
(Mitgeteilt von Richter am OLG B. Glocker, München)

Anmerkung der Schriftleitung

Vgl. grundlegend zum Vertragshändlerausgleich C. Stumpf, NJW 1998, 12. S. zum Vertragshändlerausgleichsanspruch (Tankstellenhalter) auch BGH, NJW 1998, 66.
Vgl. zu dieser Thematik BGH, NJW-RR 1998, 390. Zum Ausgleichsanspruch s. auch BGH, NJW 1996, 2159 mit Besprechung Noack, LM H. 9–1996 § 84 HGB Nr. 26.