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Praxis als Kernbegriff musikunterrichtlichen Handelns Mosche Eifler, Pia Eickhoff

Verständige Musikpraxis
Eine Antwort auf Legitimationsdefizite des Klassenmusizierens
(Hermann J. Kaiser)
(Zeitschrift für Kritische Musikpädagogik, 2010)

Ausgangssituation
Anfang der 50er Jahre gab es eine große Diskussion über Form und Funktion des schulischen
Musizierens im Klassenunterricht und die Gestalt des Musikunterrichts. Dabei geht es darum, ob
Musikmachen besser sei als Musikhören. ​Alle Kritiker der Zeit vertreten die Annahme, dass für
Musik in der Schule ein Anschluss an die außerschulische Musikproduktion grundlegend sein
müsse. Da die außerschulische Musikproduktion so komplex ​war​, wurde das Musizieren nicht
ausgeschlossen im Unterricht, aber es wurde dem gegenüber eine höhere Priorität auf Hörerziehung
gelegt.
Aufgrund dieser Überlegungen hat Hermann Josef Kaiser 1995 versucht, Musikmachen im
Schulunterricht in einem bildungstheoretischen Rahmen zu verorten. Bis 2001 hat er seine
Begründung hierzu erweitet.
Nach Kaiser findet bei der Grundorientierung von Musik in der Schule eine Transformation
(„Überführung“) von der realen usuellen Musikpraxis zu einer verständigen Musikpraxis statt. Der
Begriff Praxis bedeutet nach Aristoteles eine Lebensform, die auf das Gute und gelingende Leben
zielt. Diese richtet sich an kommunikativ-politisches Handeln, welches einen Zweckcharakter hat.
Dem gegenüber stellt er die herstellende Tätigkeit, welche Mittelcharakter hat. Es geht also darum,
etwas zu tun, damit etwas anderes erreicht wird.
Kaiser stellt daraus drei Dimensionen auf: Herstellen, Handeln und Schaffung von Arbeitskraft.

Herstellen und Handeln (Vergleich)


Es wird zwischen musikalischem Handeln und herstellender musikalischer Tätigkeit unterschieden.
Herstellende Tätigkeit basiert auf instrumenteller Vernunft, Praxis in sittlichem und reflexiv
gegründetem Handlungswissen. Musikalisch gesehen gehört hierzu Musizieren, Komponieren,
Improvisieren, musiktheoretische Orientierung und geschichtliches Hintergrundwissen.

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Musikalische Praxis kennzeichnet eine Form des Lebens, in der es um das Bewegen ​von​, Wissen
um und über die Musik geht. Dies gibt dem Leben eine spezifische und individuelle Form. Sie stellt
eine Daueraufgabe dar. Beim Handeln geht es zunächst darum, das herstellende Tun in den
Praxisbegriff zurückzuholen. Dabei geht es Kaiser um einen Perspektivwechsel, der die Frage „Was
ist Handeln?“ in die Frage „Welche notwendigen und hinreichenden Bedingungen müssen erfüllt
sein, um ein Tun ein Handeln nennen zu dürfen?“ überführt. Hierzu zählt musikalisch gesehen der
Entscheid zur Herstellung ​von Musik​, Übernahme der Verantwortung und ein kritischer bzw.
bestätigender Selbstbezug.
Die beiden Begriffe Herstellen (Poiesis) und Handeln (Praxis) lassen sich wie folgt vergleichen:
Bei der Herstellende Tätigkeit lässt sich ein Produkt produzieren, das von der Tätigkeit an sich
ablösbar ist. Beim Handeln hingegen ist das hierbei entstehende Produkt nicht von der Tätigkeit
ablösbar. Die Form des Handelns ist selbst als sittlich gekennzeichnet.
Außerdem ist für die herstellende Tätigkeit Technik grundlegend, welche durch Übung gewonnen
wird. Dem gegenüber ist die menschliche Haltung, genannt Tugend, beim Handeln grundlegend.
Hier entwickelt sich die Praxis durch handlungsbezogenes Wissen. Diese verwirklicht sich als
Ausfluss eines sittlichen Charakters. Die herstellende Tätigkeit selbst verwirklicht sich im Produkt.

Schaffung von Arbeitskraft


Die Prozesse, in denen gesellschaftlich bedingte psycho-physische Voraussetzungen geschaffen
werden, welche Aneignung und Herstellung von musikbezogenen Produkten und deren
Darstellungen in einem spezifisch gesellschaftlichen Umfeld ermöglichen, nennt man Schaffung
von Arbeitskraft. Die Schule ist ein Ort des Lernens und somit eine Institution zur Schaffung von
Arbeitskraft. Durch die Entfaltung der Verständigen Musikpraxis sind die Schülerinnen und Schüler
(SuS) an den Lernprozess gebunden.
Im musikalischen Sinne gehört zu dieser Dimension die Entwicklung von Klang-, Gestalt- und
Funktionsvorstellungen, Üben, Proben, Auftritte und Erarbeitung von produktspezifischem
Hintergrundwissen.

Kaiser stellt zu Verständiger Musikpraxis bzw. zu den drei Dimensionen folgende Fragen auf. Es
müssen jeweils alle Fragen mit „Ja“ beantwortet werden, damit die Dimension eindeutig

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identifiziert werden kann.

Die Dimension Herstellen

1. Können die SuS sagen, was sie gespielt haben?


2. Können die SuS sagen, welche musiktheoretischen Grundlagen für das Gespielte/das
Komponierte wesentlich sind?
3. Können die SuS geschichtliches Hintergrundwissen zum Gespielten/Komponierten
beibringen?

Die Dimension Handeln

1. Können die SuS sich dazu entscheiden, zu spielen/zu komponieren/im Klassenverband


mitzuspielen?
2. Sind die SuS für ihr Musizieren verantwortlich?
3. Können die SuS zu ihrem Spiel bzw. ihre​m Komponieren stehen oder möchten sie es
ungeschehen sein lassen?
4. Können die SuS auf die Frage, ob das Spielen/das Komponieren für sie wichtig war, mit ja
antworten?

Die Dimension Schaffung von Arbeitskraft

1. Haben die SuS sich vor dem Musizieren eine Vorstellung von der Gestalt, der Funktion und
dem Zweck dieses Musizerens gemacht?
2. Können die SuS die Frage, ob sie üben bzw. geübt haben mit ja beantworten?
3. Können die SuS die Frage, ob sie versucht haben, sich ein Wissen um die theoretischen
Hintergründe, die Aufführungs- bzw. Komponsitionspraxis usw. anzueignen, mit ja

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beantworten?
4. Können die SuS die Frage bejahen, ob sie grundsätzlich bereit seien, das Resultat ihrer
Arbeit vor anderen zu präsentieren?