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Messung und messbare Erzeugung von


Körperschall

Genau wie beim Luftschall stehen auch beim Körperschall kinematische und
dynamische Feldgrößen zur Verfügung. Ein wesentlicher Unterschied besteht
jedoch darin, dass beim Luftschall in den allermeisten Fällen eine dynamische
Feldgröße, der Schalldruck, gemessen wird und nur selten eine kinematische
Größe, etwa die Schallschnelle. Beim Körperschall ist es genau umgekehrt.
Die Mehrzahl aller Körperschall- Aufnehmer“ nimmt kinematische Größen

wie Ausschlag, Schnelle oder Beschleunigung auf. Dynamische Größen wie
Spannungen und Kräfte werden - wenn überhaupt- aus den Ableitungen von
kinematischen Größen und Materialparametern ermittelt. Der Grund liegt
zum Teil darin, dass der Druck ein Skalar und damit eine einfache“ Größe

ist, während beim Körperschall die Vektoren Ausschlag, Schnelle, Beschleuni-
gung trotz ihrer Richtungsabhängigkeit einfacher zu messen sind als die nur
in Tensoren zusammenfassbaren Spannungen.
Ein anderer, wesentlicher Unterschied zwischen Luft- und Körperschall
besteht darin, dass man leicht und ohne allzu große Messfehler im Innern eines
Volumens den Luftschall messen kann. Beim Körperschall kann man dagegen
fast nur außen messen; denn es bedeutet einen starken, das Körperschallfeld
wesentlich beeinflussenden Eingriff, wenn man einen Aufnehmer - etwa mit
Hilfe einer kleinen Bohrung - im Innern platzieren will.

7.1 Körperschall-Aufnehmer
Bei allen Messungen, vorzugsweise solchen schwingender Größen, ist man dar-
an interessiert, die Messgröße in eine Strom- oder Spannungsänderung zu ver-
wandeln, weil man dann auf die vielfältigen Möglichkeiten zur Umformung
und Verarbeitung zurückgreifen kann, die die Elektronik in reichstem Maße
liefert. Man kann die gemessenen Werte, bzw. ihren Zeitverlauf verstärken,
filtern und auch sichtbar machen. Man kann sie auch speichern, in Rechner
eingeben und schließlich jede so erhaltene Sekundärgröße wieder auf das Mes-
sobjekt zurückwirken lassen (z.B. als Gegenschall“).

522 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Unter den Körperschall-Aufnehmern sind zwei Gruppen zu unterscheiden.


Bei der ersten, mit der sich dieser Abschnitt beschäftigt, wird eine elektri-
sche oder optische Energiequelle bzw. ein ihm angeschlossenes System von
der mechanischen Bewegung gesteuert, ohne dass eine Rückwirkung (abgese-
hen von so kleinen Effekten wie dem Strahlungsdruck oder der lokalen mi-
nimalen Temperaturerhöhung) erfolgt. Die dieser Steuerung zugrunde liegen-
den Prinzipien können daher auch nicht zur Umwandlung elektrischer bzw.
optischer Feldgrößen in mechanische, also als Körperschallsender verwendet
werden. Dagegen sind die Umwandlungsprinzipien der zweiten Gruppe, der
sog. elektromechanischen Wandler (vom Phasenwinkel abgesehen), reziprok.
Sie können für Körperschallaufnehmer und Körperschallsender herangezogen
werden. Es tritt daher bei den Aufnehmern auch immer eine Rückwirkung von
der elektrischen Seite auf, mag sie auch im Einzelfall vernachlässigbar klein
sein.

7.1.1 Steuernde elektrische Aufnehmer

Bei allen steuernden elektrischen Aufnehmern wird die Änderung im elek-


trischen Kreis durch eine relative Verschiebung Δξ bewirkt, und zwar - im
Prinzip - unabhängig von der Frequenz, den Grenzfall einer statischen Ver-
schiebung eingeschlossen.
Die meist angewendeten Methoden beruhen darauf, dass eines der drei
elektrischen Zweipolelemente, ein Widerstand, eine Induktivität oder eine Ka-
pazität, verändert werden. Die Ausnutzung einer Widerstandsänderung durch
Verschiebung einer Membran gegen ein festes Gehäuse ist von dem früher
in jedem Fernsprecher eingebauten Kohlemikrofon bekannt. Durch stärkeres
Gegeneinanderpressen der zwischen Membran und Gehäuse liegenden Koh-
lekörner werden deren gegenseitige Berührungsflächen vergrößert und der Wi-
derstand erniedrigt. Das Anlegen an eine Batteriespannung von wenigen Volt
genügt, um die Δξ-Werte in unmittelbar anzeigbare Stromänderungen Δi um-
zusetzen. Der großen Empfindlichkeit, die im allgemeinen das Nachschalten
einer Verstärkerstufe entbehrlich macht, steht die mangelnde Konstanz und
das hohe Eigenrauschen gegenüber, so dass diese Form in der Körperschall-
messtechnik nicht verwendet wird. Dagegen finden gepresste Schichten aus
Kohle oder Graphit gelegentlich Verwendung. Da sie relativ steif sind, eig-
nen sie sich entweder für hochabgestimmte Beschleunigungsaufnehmer oder
sie gestatten sogar den direkten Einbau in ein kraftübertragendes Element,
können also bei bekanntem Elastizitätsmodul zur Kraftmessung herangezogen
werden.
Ein grundsätzlicher Nachteil dieser Anordnungen liegt darin, dass der elek-
trische Widerstand
lw
R = ρE (7.1)
S
(ρE spezifischer Widerstand) und die reziproke Steife, die auch als Nachgie-
bigkeit bezeichnet wird,
7.1 Körperschall-Aufnehmer 523

1 lw
R=
s ES
in gleicher Weise von den konstruktiven Abmessungen, der Länge lw und dem
Querschnitt S, abhängen. Man würde aber bei einer Kraftmessdose gern die
Nachgiebigkeit klein und den Widerstand groß haben. Es ist daher günstiger,
den Widerstand von dem die Dehnung bestimmenden festen Körper zu tren-
nen und ihm durch Verwendung sehr dünner Drähte eine kleine Querschnitts-
fläche S und durch mehrfaches Hin- und Herziehen in Dehnungsrichtung eine
große Länge zu geben. Die dabei zunächst vorhandene Schwierigkeit der Be-
festigung des Drahtes bei jeder Umbiegung wird heute umgangen, indem die
ganze als Dehnungsmessstreifen“ bekannte Anordnung, von der Bild 7.1 ein

Beispiel mit Anschlußbändern zeigt, aufgeklebt werden kann.

Bild 7.1. Beispiel eines Dehnungsmessstreifens.

Bei den im Bild 7.1 gezeigten neun Hin- und Herwegen wird die in (7.1)
einzusetzende Länge lw = 19l1 . Die Längen lw bzw. l1 fallen im übrigen heraus,
wenn uns nicht die absolute Längenänderung, sondern die Dehnung
Δξ Δl
= =
l1 lw
interessiert. Die als relative Widerstandsänderung je Dehnung definierte Emp-
findlichkeit des Dehnungsmessstreifens setzt sich aus drei Anteilen zusammen,
die sich aus (7.1) ergeben zu

1 dR 1 ∂lw 1 ∂S 1 ∂ρE
k= = − + . (7.2)
R d lw ∂ S ∂ ρE ∂
Dabei ist der erste Summand definitionsgemäß gleich 1, der zweite ergibt sich
auf Grund der Querkontraktion mit der Poissonschen Zahl (siehe Kap. 2) zu
2μ:
524 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

1 ∂ρE
k = 1 + 2μ + . (7.3)
ρE ∂
Typische Werte von k liegen zwischen 1, 6 und 5.
Das Hauptanwendungsgebiet der Dehnungsmessstreifen liegt in der un-
mittelbaren Abtastung von Dehnungen am Messobjekt. Die zu ihrer Dehnung
benötigten zusätzlichen Kräfte sind meist vernachlässigbar, ebenso muß man
auch nur bei der Durchbiegung sehr dünner Platten evtl. darauf achten, dass
sie etwas weiter von der neutralen Phase entfernt sind als die interessierende
Oberfläche.
Es ist allgemein üblich, den Widerstand des Messstreifens in einen Zweig ei-
ner abgeglichenen Wheatstone’schen Brücke zu legen und somit den Brücken-
strom als Maß der Dehnung abzulesen (siehe Bild 7.2). Dabei kann man durch
geschickte Kombination mehrerer Messstreifen und Brückenzweige verschiede-
ne Deformationsarten trennen. So zeigen die in Bild 7.2b) oben und unten auf
einen Stab bzw. eine Platte aufgeklebten Streifen I und II eine Längsdehnung
an, wenn sie in diagonalen Brückenzweigen (z. B. A und D) eingesetzt werden,
dagegen eine Verbiegung, wenn sie benachbarten Brückengliedern zugeordnet
werden (z. B. A und B).

! "

a)

# $

b)

II

Bild 7.2. Anordnung von zwei Dehnungsmessstreifen. a in der Brückenschaltung.


b an einer Platte.

In den letzten Jahren konnte die Empfindlichkeit der Dehnungsmessstrei-


fen durch Verwendung von Halbleitern wesentlich erhöht werden, wobei al-
lerdings, wie immer bei Halbleitern, eine noch größere Temperaturempfind-
lichkeit in Kauf genommen werden muss, als sie auch bereits gewöhnlichen
Widerständen und Dehnungsmessstreifen eigen ist.
7.1 Körperschall-Aufnehmer 525

Zur Veränderung von Induktivitäten gehören etwas schwerere Elemente


und sei es, dass nur zwei Spulen gegeneinander verschoben werden. Viel wir-
kungsvollere Änderungen erhält man natürlich unter Verwendung von Eisen-
teilen. Man muss dann allerdings auch alle Nichtlinearitäten und Verluste in
Kauf nehmen, die sich aus den Hysterese-Erscheinungen ergeben.
Ist das Messobjekt aus Eisen, so kann es selbst als beweglicher, den ma-
gnetischen Widerstand verändernder Anker dienen, worauf wir in Abschnitt
7.2.4 bei der Erwähnung des sogenannten elektromagnetischen Wandlers noch
zurückkommen werden. In diesem Falle spielt aber der Abstand zu den Pol-
schuhen, die entweder auf einem ruhenden Bezugskörper angebracht sind oder
zu einer elastisch angekoppelten, tief abgestimmten Masse gehören, eine sehr
große Rolle.
Zuverlässiger und ohne weiteres bedienbar sind Anordnungen, bei denen
ein Stift unter leichter Federvorspannung an das Messobjekt gedrückt wird,
wobei der eisenhaltige Teil des Stiftes im Ruhezustand etwa zur Hälfte in zwei
Spulen taucht, die zwei benachbarten Zweigen einer Brücke angehören (s. den
Tauchanker in Bild 7.3). Wird der Stift um ξ verschoben, wird die Induktivität
der einen erhöht, die der anderen verringert, der Brückenstrom ist wieder dem
Ausschlag ξ bzw. dem praktisch gleich großen Differenzausschlag eines tief
abgestimmten Systems ξΔ bei nicht zu großen Ausschlägen proportional.

Bild 7.3. Konstruktions- und Schaltschema eines Aufnehmers mit veränderlicher


Induktivität.

Da es sich um die Änderung von Reaktanzen handelt, muss die Brücke mit
einer Wechselspannung erregt werden, deren Frequenz man als Trägerfrequenz
bezeichnet. Der Ausschlag ξ erscheint somit als Amplitudenschwankung eines
Wechselstromes. Dieses Trägerfrequenzverfahren“ bietet so große Vorteile,

dass man es übrigens auch bei den Dehnungsmessstreifen anwendet. Durch die
526 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Einschaltung entsprechender Frequenzband-Filter kann man die Einwirkung


von Störspannungen anderer Frequenzen weitgehend ausschalten. Man muss
dabei allerdings beachten, dass der modulierte“ Trägerstrom entsprechend

der Umformung

a
(A + cos ωt) cos Ωt = A cos ωt + [cos(Ω − ω)t + cos(Ω + ω)t] (7.4)
2
in drei Teilfrequenzen zerfällt, die verlangen, dass der Frequenzbereich von
(Ω − ω)/2π bis (Ω + ω)/2π durch das Bandfilter durchgelassen wird. Aber
auch aus anderen Gründen muß die Trägerfrequenz immer hoch über der
höchsten Messfrequenz liegen. Beträgt sie beispielsweise nur 4000 Hz, so gibt
die Anordnung nur Vorgänge bis etwa 1000 Hz verzerrungsfrei wieder.
Statt die variable Induktivität als Element in einer Schaltung zu verwen-
den, die an eine mit fester Frequenz schwingende Spannung angeschlossen ist,
kann sie auch als Element eines elektrischen Schwingkreises, dessen Eigenfre-
quenz durch die Induktivität L und die Kapazität C gegeben ist
1
ω0 = √ (7.5)
LC
und der durch Verwendung einer rückgekoppelten Verstärkerstufe zum Schwin-
gen gebracht wird, die entstehende Schwingung selbst steuern. Wegen der
durch die Hysterese gegebenen nichtlinearen Zusammenhänge wird hiervon
bei der variablen Induktivität weniger Gebrauch gemacht, wohl aber bei der
variablen Kapazität (s. Bild 7.4).

Bild 7.4. Aufnehmer mit veränderlicher Kapazität, die einen Hochfrequenzsender


verstimmt.

Diese besteht im einfachsten Fall aus zwei einander gegenüberliegenden


metallischen Flächen S, von denen die eine dem Messobjekt unmittelbar an-
gehören kann, oder auch nur einer auf dieses aufgeklebten leitenden Folie. Die
7.1 Körperschall-Aufnehmer 527

Änderungen der Kapazität können für kleine Ausschläge ξ nahezu als linear
angesehen werden:
d
C=C ≈ C(1 + ξ/d) (7.6)
d−ξ
(C bedeutet dabei den Gleichwert“ der Kapazität.)

Schwankungen von ξ ändern somit die Kapazität und führen zu einer Fre-
quenzmodulation, die dann mit den Verfahren der Nachrichtentechnik weiter
verarbeitet wird.
Dieses ursprünglich für Mikrofone, d. h. Luftschallaufnehmer von entwi-
ckelte Verfahren erlaubt, Bewegungen von 10−8 m und weniger zu messen. Bei
Körperschallproblemen findet es allerdings fast nur in Laboruntersuchungen
Anwendung, weil der Gleichabstand d stark eingeht und entweder nachgestellt
oder kompensiert werden muß. Außerdem ist die Kapazität des Aufnehmers
meist so klein, dass unvermeidliche Kapazitätsänderungen in Zuleitungen etc.
zu ähnlichen Frequenzmodulationen führen.
Überhaupt muss man bei allen hier systematisch für Aufnehmer ausgenutz-
ten Effekten sich darüber klar sein, dass sie auch als unerwünschte Störungen
einer Messung auftreten können. So gesehen ist das Kohlemikrofon nichts als
eine statistische Anhäufung von Wackelkontakten.

7.1.2 Optische Verfahren

Besonders für Eichzwecke kann man interferommetrische Anordnungen benut-


zen. Dabei wird ein von einem festen Spiegel reflektierter Strahl und ein von
einer bewegten Fläche reflektierter Strahl zu Interferenz gebracht. Es entste-
hen dabei Streifenbilder, deren Auszählung bei Kenntnis der Lichtwellenlänge
die Bestimmung der Amplitude ermöglicht.
Seit dem Einzug der Laser und Lichtwellenleiter werden auch diese Bau-
elemente in zunehmendem Maße für Körperschallmessungen verwendet.
Sehr beliebt und mittlerweile als robuste Geräte auf dem Markt erhält-
lich sind die sog. Laser-Doppler-Vibrometer (LDV). Dabei wird ausgenutzt,
dass ein bewegter Reflektor wegen des Dopplereffektes zu einer Frequenzver-
schiebung führt. Wenn fLi die Frequenz des einfallenden Lichts, fLr die des
reflektierten Lichts, v die Körperschallschnelle des Reflektors und cLicht die
Lichtgeschwindigkeit ist, dann gilt bekanntlich

v
fLr = fLi 1 ± . (7.7)
cLicht

Da v in der Größenordnung von 10−3 m/s und darunter, die Lichtgeschwin-


digkeit jedoch bei 3 · 108 m/s liegt, ist der Frequenzunterschied extrem klein.
Die modernen Methoden der Opto-Elektronik reichen aber aus, derart kleine
Unterschiede zu messen und in elektrische Signale umzuwandeln, die genauso
verstärkt, gefiltert, registriert, etc. werden können wie die von elektromecha-
nischen Wandlern erzeugten Signale [7.4].
528 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Bild 7.5 zeigt den Prinzipaufbau eines LDV. Die ganze Optik ist dabei in
einem handlichen Messkopf untergebracht, den man berührungslos und rück-
kopplungsfrei in der Nähe einer schwingenden Oberfläche anbringen kann. Zu
beachten ist natürlich auch hier wieder, dass die Schnelledifferenz zwischen
Aufnahmekopf und Messobjekt gemessen wird. Es muss also ähnlich wie bei
anderen Körperschallmeßgeräten ein ruhender Bezugspunkt“ oder eine seis-
” ”
mische Masse“ zur Verfügung stehen.

Bild 7.5. Prinzipaufbau eines Laser-Doppler-Vibrometers.

In Bild 7.6 ist noch ein weiteres modernes, optisches Körperschallmessprin-


zip skizziert. Dabei wird an einer schwingenden Oberfläche ein extrem feiner
Lichtstrahl abgelenkt und erzeugt so eine Modulation der auf einen zweiten
Lichtleiter einfallenden Lichtenergie.
Im Zusammenhang mit optischen Methoden der Körperschallmesstech-
nik müssen auch noch die Schwingungshologramme erwähnt werden. Sie wer-
den entweder als Zeitmittel- oder als Doppelpulshologramm hergestellt und
liefern mehr oder weniger anschauliche Bilder der Schwingungsverteilung.
Während alle anderen Messmethoden als Ergebnis nur die Körperschallbe-
wegungen an einer Messstelle (bei größerem Aufwand auch bei einigen Mess-
stellen) zu bestimmen gestatten, liefern Schwingungshologramme auf einen

Schlag“ die Schwingungsverteilung auf einer Fläche. Jedoch können Hologram-
me nur schwer weiterverarbeitet werden. Zudem hat man heute die Möglich-
keit, durch Abtasten (scanning) von schwingenden Flächen - z. B. mit einem
Laser-Dopplervibrometer - und anschließender Signalverarbeitung sehr gute
Darstellungen von Schwingungsverläufen zu erhalten.
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 529

Bild 7.6. Amplitudenmodulation eines sehr feinen Lichtstrahles durch eine schwin-
gende, reflektierende Fläche.

7.2 Elektrodynamische Wandler für die Erzeugung und


Messung von Körperschall
Für die meisten Körperschallmessungen in der Praxis werden reziproke, elek-
tromechanische Wandler benutzt. Sie beruhen auf dem elektrodynamischen,
dem piezoelektrischen, dem elektrostatischen oder dem magnetostriktiven
Prinzip. Ihr Verhalten wird hauptsächlich von den jeweiligen elektromecha-
nischen Wandlerkonstanten bestimmt; daneben spielen aber auch die unver-
meidlichen inneren mechanischen und elektrischen Impedanzen und die Ei-
genschaften der angeschlossenen Bauteile bzw. Schaltelemente eine wichtige
Rolle [7.5]-[7.7].

7.2.1 Elektrodynamische Wandler

Ein Grundgesetz der Elektrotechnik (auf dem u. a. der Dynamo beruht) be-
sagt, dass ein verlustloser Leiter der Länge lL der senkrecht in einem Magnet-
feld der Induktion B verläuft und sich mit der Geschwindigkeit (Schnelle) vw
senkrecht zu B und lL bewegt, eine Wandlerspannung“ der Größe

Uw = −BlL vw (7.8)

erzeugt. Die Schnelle vw ist dabei die Relativgeschwindigkeit zwischen Leiter


und Magnetfeld (siehe Bild 7.7).
Alle Größen sind hier im SI-System (m, kg, s, A) angegeben. Die Wand-
lerkonstante BlL hat also die Dimension Vs/m = Ws/Am. Bei Körperschall-
sendern und -empfängern ist BlL = 10 Vs/m ein typischer Wert.
Die Vorzeichenwahl ist im Prinzip willkürlich. In diesem Text wird sie so
gewählt, dass sowohl elektrische als auch mechanische Leistungen zum Wand-
ler fließen.
Ein anderes Grundgesetz der Elektrotechnik (auf dem u. a. der Elektromo-
tor beruht) besagt, ein vom Strom iw durchflossener, bewegungsloser Leiter
530 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Bild 7.7. Elektrische und mechanische Impedanzen bei einem elektrodynamischen


Wandler. a Prinzipskizze. b verallgemeinerte Darstellung als Vierpolkette.

der Länge lL der senkrecht in einem Magnetfeld der Induktion B steht, eine
zu B und i senkrecht stehende Wandlerkraft“ der Größe

Fw = −BlL iw (7.9)

erzeugt.
Selbst wenn es im Moment noch etwas umständlich erscheint, so schreiben
wir doch (7.8 und 7.9) in Matrizenform als Vierpolgleichungen. Indem wir
gleichzeitig von den Momentanwerten zu den Zeigern übergehen, erhalten wir

FW BlL 0 iW
= . (7.10)
vW 0 −1/BlL UW

Mit diesem Ausdruck ist allerdings der reale Wandler noch nicht ausreichend
charakterisiert; denn der verlustlose“ und der bewegungslose“ Leiter sind
” ”
Idealisierungen. Wir müssen also noch den Einfluß der unvermeidlichen elek-
trischen und mechanischen Impedanzen berücksichtigen.
Für den elektrischen Teil ist das relativ einfach, denn beim elektrodyna-
mischen Wandler liegt die aus einer Selbstinduktion Li und einem Ohmschen
Widerstand Ri bestehende innere elektrische Impedanz

ZEi = jωLi + Ri
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 531

in Reihe mit dem Wandler. Zwischen den idealen Wandlergrößen iw bzw. Uw


und den von außen tatsächlich messbaren Spannungen und Strömen besteht
also nach Bild 7.7 die Beziehung

iW 1 0 i
= . (7.11)
UW −ZEi 1 U

Diese Beziehung besagt, dass der Spulenstrom unverändert bleibt, dass sich
aber die Wandlerspannung von der von außen feststellbaren Spannung U um
den Spannungsabfall am Innenwiderstand unterscheidet. Normalerweise ist
noch ein weiterer äußerer Widerstand (z. B. Widerstand des Messgerätes) zu
berücksichtigen. Mit der im Bild 7.7 gezeichneten Anordnung gilt dann

i 1 0 iK
= . (7.12)
U −ZEK 1 UK

Für den mechanischen Teil ist der Einfluß des mechanischen Innenwiderstan-
des etwas schwieriger zu erfassen. Wir wollen daher erst den einfacheren Fall,
bei dem der Magnet starr befestigt ist (vM = 0), untersuchen und uns dann
mit dem etwas komplizierteren Problem beschäftigen.

7.2.1.1 Impedanzen und Übertragungsfaktoren bei unbeweglichen


Magneten

Bei Anregung von leichten Strukturen kann man davon ausgehen, dass der
Magnet (siehe Bild 7.7) so schwer ist oder so an einem starren“ Körper

befestigt ist, dass vM = 0 gesetzt werden kann. Das gilt insbesondere für
Lautsprecher, die nichts anderes sind als Körperschallsender, die eine leichte
Membran und die davor befindliche Luft in Bewegung versetzen.
Macht man die Voraussetzung, dass die mechanischen Bauteile, nämlich
der Spulenkörper (Schwingkopf) mit der Impedanz ZM i und das angeschlos-
sene Messobjekt mit der Impedanz ZM k starr miteinander verbunden sind,
dann gilt für die in Bild 7.7 dargestellte Anordnung

F K − F = ZM K v K ; F − F W = ZM i v W ; v = vK = vW . (7.13)

Das läßt sich auch in der Form



FK 1 ZM K F F 1 ZM i FW
= ; = . (7.14)
vK 0 1 v v 0 1 vW

schreiben.
Dabei ist ZM i ein untrennbarer Bestandteil des Wandlers. Er ist durch die
endliche Masse mi des Spulenkörpers und die (verlustbehaftete) Federung si
der Halterung bestimmt; also meist

ZM i = jωmi + si /jω. (7.15)


532 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Durch Kombination von (7.11, 7.12, 7.14) erhalten wir



FK 2
[(BlL ) + ZM S ZES ]/BlL −ZM S /BlL iK
= . (7.16)
vK ZES /BlL −1/BlL UK

Dabei bedeuten ZM S = ZM i + ZM K , ZES = ZEi + ZEK die Summen der


inneren und äußeren mechanischen bzw. elektrischen Impedanzen.
Da die obigen Gleichungen in Form von miteinander verbundenen Vierpo-
len geschrieben sind, die durch Matrizenmultiplikation miteinander verknüpft
werden, lassen sich die Formeln leicht verallgemeinern und in folgender Form
schreiben:

FK K11 K12 F K11 K12 I11 I12 FW
= =
vK K21 K22 v K21 K22 I21 I22 vW

K11 K12 I11 I12 W11 W12 11 12 κ11 κ12 iK
= .
K21 K22 I21 I22 W21 W22 21 22 κ21 κ22 UK
(7.17)

Dabei verknüpfen die einzelnen Teilmatrizen die Eingangsgrößen und die Aus-
gangsgrößen der einzelnen Bauteile. Es kann sich dabei um die Repräsentation
von Masse-Feder-Elementen, von Wellenleitern oder um elektrische Schaltkrei-
se handeln.
Aus (7.16) bzw. (7.17) kann man nun alle interessierenden Impedanzen
und Übertragungsfaktoren ausrechnen. So ergibt sich beispielsweise für die
mechanische Impedanz eines elektrodynamischen Körperschallaufnehmers mit
unbeweglichen Magneten im Kurzschlußbetrieb

F K

(BlL2
) + ZM S ZES (BlL2
)

= = ZM S + . (7.18)
v K U =0 ZES ZES
K

Die mechanische Impedanz besteht also aus einem rein mechanischen Teil
ZM S = ZM i + ZM K und der elektrischen Rückwirkung, die umso deutlicher
ist, je größer die Kopplung BlL und je kleiner der Lastwiderstand ist. Nimmt
man an, dass für einen typischen Fall BlL = 10 Vs/m beträgt und bei Kurz-
schlußbetrieb ZES ≈ ZEi = 1 Ω = 1V2 /W ist (Innenwiderstand der Spule),
dann wäre der elektrische Anteil“ an der gemessenen mechanischen Impedanz

10 [Vs/m]2 [V2/W]−1 =10 kg/s. Zum Vergleich sei angegeben, dass eine 16 g
schwere Masse bei 100 Hz auch eine Impedanz von 6, 28×100×0, 016 ≈ 10 kg/s
hat. Daraus darf man allerdings nicht schließen, dass die elektrische Rückwir-
kung nur bei sehr leichten Strukturen eine Rolle spielt. Es kann auch sein,
dass bei großen, sehr schwach gedämpften Strukturen die Impedanz in der
Resonanz so klein wird, dass der elektrische Anteil deutlich merkbar ist und
eine Zusatzdämpfung vortäuscht.
Für die elektrische Impedanz eines Körperschallsenders, bei dem keine
weiteren äußeren Kräfte wirken, also FK = 0 ist, erhalten wie aus dem oberen
Teil von (7.16)
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 533

v K

−BlL
= . (7.19)
U K
F (BlL )2
+ ZM S ZES
K =0

Dieser Ausdruck setzt sich aus einem rein elektrischen Anteil und einer mecha-
nischen Rückwirkung zusammen. Damit ist es prinzipiell möglich, die Messung
mechanischer Impedanzen auf die Bestimmung von elektrischen Spannungen
und Strömen zurückzuführen.
Für den Übertragungsfaktor bei Sendebetrieb, bei dem wieder F k = 0 gilt,
erhalten wir nach kleinen Umrechnungen von (7.16)

v K

−BlL

= 2
. (7.20)
U K F =0 (BlL ) + ZM S ZES
K

Nach (7.13) gilt für F K = 0 die Beziehung −F K = ZM K v K . Die von der


Schwingspule auf eine Struktur mit der Impedanz ZM K übertragene Kraft ist
also

v K

BlL ZM K
= . (7.21)
U K
F =0 (BlL )2 + ZM S ZES
K

Für Lautsprecher und für Körperschallsender, die auf sehr leichte Struktu-
ren wirken (ZM S ≈ ZM i ), interessiert hauptsächlich die erzeugte Schnelle.
Sie ist nach (7.20) gegeben. Für einen weich gelagerten Spulenkörper mit der
Impedanz ZM S = jωm(1 − ωR 2
/ω 2 ) und dem durch (7.21) gegebenen elektri-
schen Widerstand führt sie auf den in Bild 1.29 oben eingezeichneten prin-
zipiellen Frequenzgang. ωR ist dabei die Resonanzfrequenz, die sich aus der
2
Spulenkörpermasse mi und der Steife der Halterung si = ωR mi ergibt. Die
in Bild 7.8 aufgetragene Funktion ist das sog. Übertragungsmass. Das ist der
zwanzigfache Logarithmus des Absolutbetrages des Übertragungsfaktors.
Für Körperschallsender, die auf schwere Strukturen wirken, ist (7.21) ge-
eigneter. Für ZM K = jωmK ZM i und ZES = R + jωL führt sie auf den in
Bild 7.8 Mitte eingezeichneten prinzipiellen Frequenzverlauf.
Bei Betrieb als Aufnehmer kann man die Übertragungsfaktoren ebenfalls
aus (7.16) errechnen. Man muß lediglich UK = 0 setzen. Wir finden so:

iK

BlL
= . (7.22)
F K
U =0 (BlL )2 + ZM S ZES
K

Wegen der Reziprozität ist die rechte Seite bis auf das Vorzeichen identisch
mit (7.20). Allerdings sind aus konstruktiven Gründen die entscheidenden Fre-
quenzen verschieden. Bei Körperschallsendern kann man mit größeren Massen
arbeiten und damit ωR (das ist die Stelle ZM K → 0) sehr tief legen; bei den
sehr leicht gebauten Empfängern ist das nicht möglich. In diesem Fall legt
man ωR in die Mitte des interessierenden Frequenzbereiches und macht die
mechanische und elektrische Dämpfung so hoch, dass der in Bild 7.8 unten
skizzierte Frequenzverlauf entsteht. Das wichtigste Beispiel hierfür ist das be-
kannte Tauchspulenmikrofon, bei dem die anregende Kraft durch den Luft-
druck gegeben ist und wegen der geringen Belastung durch die umgebende
Luft ZM S sehr klein gemacht werden kann.
534 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Bild 7.8. Frequenzgang des Übertragungsmaßes von elektrodynamischen Wandlern.


a Sender (F K = 0) mit sehr geringer mechanischer Belastung. b Sender (F K = 0)
mit hoher mechanischer Belastung. c Empfänger (U K = 0) mit geringer mechani-
scher Belastung. Bei hoher Belastung ist der Frequenzgang sehr gleichmäßig, s. Glg.
(7.23).

Bei Körperschallaufnehmern, die die Schnelle von schweren Strukturen


messen sollen, ergibt sich aus (7.16)

iK

BlL U

BlL ZEK

= ;
= . (7.23)
v K U =0 ZES v K U =0 ZES
K K

Bis auf den Abfall oberhalb von ω = R/L kann man hier einen ebenen Fre-
quenzgang erreichen.

7.2.1.2 Energiebilanz
In diesem Abschnitt wollen wir beweisen, dass die Gleichheit der Kopplungs-
faktoren in (7.8) und (7.9) eine Folge des Energieerhaltungsprinzips ist. Dazu
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 535

setzen wir allgemein

F W = αiW und U W = βv W . (7.24)

Zusammen mit (7.11) und (7.13) ergibt sich daraus für die real messbaren
Größen
F = F W + ZM i v = α + ZM i v
(7.25)
U = U W − Z Ei i = −ZEi iβv.

Nach (1.46) ist die transportierte mechanische Leistung


1 1  
PM = Re {F v ∗ } = Re αiv ∗ + ZM i |v|2 . (7.26)
2 2
Ähnlich gilt für die elektrische Leistung
1 1  
PE = Re {iU ∗ } = Re −ZEi |i|2 + β ∗ iv ∗ . (7.27)
2 2
In diesen Ausdrücken sind
1 1
Re {ZM i } |v|2 bzw. Re {Z−Ei } |i|2
2 2
die vom mechanischen bzw. elektrischen Innenwiderstand verbrauchten Leis-
tungen. Die beiden verbleibenden Terme müssen sich bei unserer Vorzeichen-
wahl zu Null summieren, weil im idealen Wandler keine Leistung entsteht oder
verloren geht. Wir erhalten also
1 1
0= Re {αiv ∗ } + Re {βiv ∗ } bzw. − α = β∗. (7.28)
2 2
Wenn α = BlL und damit reell ist, folgt also zwangsläufig und in Überein-
stimmung mit (7.8) β = −BlL .

7.2.1.3 Impedanzen und Übertragungsfaktoren bei beweglichen


Magneten

Wer einmal versucht hat, mit einem mehrere Kilogramm schweren Körper-
schallsender bei tiefen Frequenzen im Handbetrieb“ eine Decke oder ein

schweres Maschinengehäuse anzuregen, hat gespürt, dass die im letzten Ab-
schnitt gemachte Annahme vM = 0, d. h. vW = v (siehe Bild 7.7) nicht der
Wirklichkeit entspricht. Wir müssen also diesen, bei der Anregung schwerer
Strukturen wichtigen Effekt in unsere Überlegungen mit einbeziehen. Da alle
übrigen Bauteile und Schaltelemente gleich bleiben, bedeutet das, dass wir in
der Kette von Matrizen (7.17) nur neue Koeffizienten Iij finden müssen, die
FW , vW mit F und v verknüpfen.
536 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Bild 7.9. Schnellen und Kräfte bei einem elektrodynamischen Wandler mit beweg-
lichen Massen.

In Bild 7.9 ist für diesen Zweck noch einmal der interessierende Wandlerteil
zusammen mit den Kräften und Schnellen dargestellt. Wir haben dabei auch
noch eine Feder der Steife s eingeführt, die sich aus der Halterungsfeder s1
für den Schwingkopf und der Lagerungsfeder s2 für den gesamten Magneten
zusammensetzt.
Offensichtlich gilt nun
s
F − F W = ZM i v + (v − v M )

s (7.29)
F W − F M = ZM M v M + (v − v M )

vW = v = vM .

Dabei ist FW wieder die Wandlerkraft und vW die Schnelledifferenz von Spule
und Magneten. ZM M ist die Impedanz des Magneten. Im weiteren nehmen
wir an, dass FM = 0 ist. Das bedeutet keine Einschränkung, denn wenn der
Magnet sich noch auf eine andere Struktur abstützt, müssen wir nur ZM M
entsprechend erhöhen (und evtl. störende Halterungsresonanzen in Kauf neh-
men).
Eliminiert man in (7.29) vM und formt die Gleichungen so um, dass
links nur F und v und rechts nur FW und vW auftreten, dann hat man die
gewünschte Vierpolform
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 537
ZM i +ZM M s ZM i +ZM M
F ZM M jω ZM M +ZM i FW
= . (7.30)
v 1/ZM M 1 + s/jωZM M vW

Diesen Ausdruck müssen wir nun in die Matrixkette (7.17) für Iij einsetzen
und dann die Multiplikation mit den anderen bereits bekannten Matrizen
vornehmen. Das Ergebnis hat wieder die Form

FK A11 A12 iK
= . (7.31)
vK A21 A22 UK

Von den etwas langen Ausdrücken für Aij brauchen wir zur Berechnung der
Übertragungsfaktoren nur A11 und A21 . Sie ergeben sich nach einigen Rech-
nungen zu
 
1 ZM S + ZM M s ZM S + ZM M
A11 = (Bl)2 + ZES ZM S 1 +
BlL ZM M jω ZM S ZM M

ZES s 1 BlL
A21 = 1+ + .
BlL jω ZM M ZM M
(7.32)

Dabei ist wieder ZM S = ZM i + ZM K und ZES = ZEi + ZEK (siehe Bild 1.28).
Nimmt man an, dass ZM S und ZM M durch Massenimpedanzen angenähert
werden können, dann gilt
 2

1 2 ms + mM ωM
A11 = (Bl) + ZES jωmM S 1 − 2 S
. (7.33)
BlL mM ω
Die hier auftretende Resonanzfrequenz ωM S ist die Tonpilzresonanz, die sich
aus der Masse mS von Struktur und Schwingkopf, der Steife der Feder s und
der Masse mM des Magneten ergibt

2 1 1
ωres =s + . (7.34)
m1 m2
Für die Übertragungsfaktoren folgt aus (7.31) bei Betrieb als Sender:

v K

−A12 + A21 A11 A22 − A12 A21 −1



= + A22 = =
U K F =0 A11 A11 A11

K (7.35)
F

ZM K
=
U K
F =0 A11
K

bei Betrieb als Empfänger


iK

1
=
F K
U =0 A11

K
(7.36)
iK

1 U

ZEK

= ; = .
v K U =0 A21 v K
U A21
K K =0
538 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

In der ersten dieser Gleichungen haben wir davon Gebrauch gemacht, dass
die Determinante der Wandlermatrix (7.17) den Wert -1 hat. Die übrigen
Matrizen und auch (7.35) haben den Wert +1. Damit ist die Determinante
der ganzen Matrixkette A11 A22 −A12 A21 = (+1)·(+1)·(−1)·(+1)·(+1) = −1.
Aus den Gleichungen kann man folgende allgemeine Schlußfolgerungen
ziehen:
• Wenn die Feder sehr steif ist, dann liegt ωM S relativ hoch; im Bereich
ω < ωM S bewegt sich fast nichts, und es wird auch kaum eine auf das
Prüfobjekt wirkende Kraft erzeugt.
• Wenn (was meist der Fall ist) ωM S genügend tief liegt, dann gehen für
ZM M > ZM S die Übertragungsfaktoren in die entsprechenden Ausdrücke
in (7.20 bis 7.23) über.
• Bei Körperschallsendern führt die Bewegung des Magneten dazu, dass
die untere Grenzfrequenz (siehe Bild 7.8 Mitte), die sonst bei |ZM S | =
(BlL )2 /|ZES | liegt, um den Faktor |1 + ZM S /ZM M | erhöht wird. Das be-
deutet, dass nach tiefen Frequenzen hin die übertragende Kraft immer
kleiner wird. Das ist darauf zurückzuführen, dass die durch die Bewegung
des Magneten induzierte Gegenspannung nach tiefen Frequenzen hin im-
mer größer wird, aber - was denselben Tatbestand ausdrückt - dass der
wirksame elektrische Widerstand mit größer werdender Bewegung des Ma-
gneten wegen der Rückwirkung nach (7.18) ansteigt. Im übrigen Bereich
hat die Anordnung einen Frequenzverlauf wie er in Bild 7.8 Mitte skizziert
ist.
• Bei Körperschallaufnehmern, die dem Funktionsprinzip eines Geophones
folgen, gilt dasselbe wie bei den Sendern. Es muss versucht werden, durch
weiche Federn die Tonpilzfrequenz möglichst tief zu legen. Ein Wert von
5 Hz und darunter ist durchaus realistisch.
Aus den Formeln und ihrer Diskussion folgt, dass elektrodynamische
Wandler einen großen Wert von BlL und eine möglichst niedrige Tonpilzreso-
nanz besitzen sollen. Vom konstruktiven Standpunkt aus sind dies etwas wi-
dersprüchliche Forderungen, denn eine niedrige Tonpilzfrequenz verlangt eine
sehr weiche Federung und ein großes BlL verlangt einen sehr engen Luftspalt
im Magneten, bei dem Berühren und Schleifen der Schwingspule nur dann
verhindert wird, wenn die Spulenhalterung eine gewisse Steife besitzt. Man
löst dieses Problem meist durch Mehrfachlagerung (z. B. mit Tellerfedern),
die in Bewegungsrichtung sehr weich ist, aber gleichzeitig seitliche Bewegung
oder Kippen des Spulenkörpers weitgehend vermeidet.
Für derzeit gebräuchliche elektrodynamische Körperschallsender (shaker)
kann man etwa damit rechnen, dass die im Dauerbetrieb maximal erreichba-
re Kraft bei 5 - 10 Newton pro Kilogramm Shakergewicht liegt. Prinzipiell
könnte man durch höhere Ströme größere Kräfte erzeugen, aber dann wird
die Wärmeentwicklung im Spulenkörper zu groß; es sei denn, man sieht eine
zusätzliche Kühlung vor.
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 539

Für manche Anwendungen ist es interessant, den Zusammenhang zwischen


Wandlerkraft FW und Schnelle vM des Magneten zu kennen. Wir nehmen dazu
an, dass es sich um Senderbetrieb handelt, so dass (7.29) die Form
s
−ZM K v − F W =ZM i v + (v − v M )

s (7.37)
FW − 0 =ZM M v M − (v − v M )

annimmt. Durch Elimination von v folgt daraus
ZM S FW 1
vM = F W s = s . (7.38)
ZM S ZM M + jω (ZM S + ZM M ) ZM M 1 + ZM S +ZM M
jω ZM S ZM M

Der zweite Nenner kann wieder in der Form 1 − ωM 2 2


S /ω geschrieben wer-
den. (7.38) besagt also, dass man oberhalb der Tonpilzfrequenz die Wand-
lerkraft FW einfach dadurch bestimmen kann, dass man die leicht meßbare
Magnetschnelle vM bestimmt und mit ZM M multipliziert (siehe Abschnitt 4).
Bei den Rechnungen dieses Abschnitts wurde nicht berücksichtigt, dass
ein Körperschallwandler auch eine Belastung für das Messobjekt darstellt. Da
dieses Problem in Abschnitt 7.3.1, insbesondere Gl. (7.99) behandelt wird,
werden wir hier nicht weiter darauf einzugehen.

Es genügt anzumerken, dass die Aufnehmerimpedanz Za , die in diesem


Zusammenhang benötigt wird, aus der Matrixkette als Za = F /v erhalten
werden kann und, wie z. B. (7.18) zeigt, aus einem mechanischen und einem
elektrischen Anteil besteht. Wie bei vielen anderen Gelegenheiten zeigt sich
auch hier, dass die Aufteilung eines komplexen Problems in unabhängige

Teilprobleme“ (hier mechanischer und elektrischer Teil) zwar der mensch-
lichen Denkweise entgegenkommt und häufig sehr erfolgreich ist, dass aber
letztlich alles miteinander verkoppelt ist und Trennungen“ immer nur als

sehr schwache Kopplungen gesehen werden sollen.

7.2.2 Piezoelektrische Wandler

Für die Messung von Körperschall werden wegen ihrer problemlosen Hand-
habung fast ausschließlich piezoelektrische Aufnehmer verwendet. Der prin-
zipielle konstruktive Aufbau der wichtigsten Typen ist in Bild 7.10 skizziert.
Es handelt sich dabei um Beschleunigungsaufnehmer, die bis in die Nähe ih-
rer Resonanzfrequenz einen fast konstanten Frequenzverlauf haben und die
sehr klein (bis zu Zehntel Gramm) und robust gebaut werden können. Als
Faustwert kann man damit rechnen, dass derzeit gebräuchliche Aufnehmer ei-
ne Empfindlichkeit von (0,1 bis 1) mg [V/(m/s2 )] und eine Resonanzfrequenz
von (100 bis 600)/mg [kHz] haben. Dabei ist mg die Masse des gesamten
Aufnehmers in Gramm.
540 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Bild 7.10. Beispiele piezoelektrischer Wandler. a Dickenschwinger. b Scherschwin-


ger. c Biegeschwinger.d Longitudinalschwinger auf Piezofolienbasis. e Biegenwandler
auf piezofolienbasis.

Als Körperschallsender sind piezoelektrische Wandler nur dann gut geeig-


net, wenn kleine Bewegungen und große Kräfte erforderlich sind. Es müssen
in diesem Fall beide Seiten des piezoelektrischen Materials mit großen mecha-
nischen Impedanzen verbunden sein. Zur Anregung werden hohe elektrische
Spannungen benötigt.
Neuerdings werden auch dünne Piezofolien aus geeigneten Kunststoffen
(PVDF-Folien) verwendet. Diese Folien werden auf das Prüfobjekt geklebt
und können sowohl als Sender als auch als Empfänger betrieben werden.
Wie Bild 7.10 zeigt, können sie, wenn sie genügend gut angeklebt sind,
Longitudinal- und Biegebewegungen erzeugen. Der Vorteil dabei ist, dass kei-
ne großen Massen oder steifen Halterungen benötigt werden, gegen die sich
der Sender abstützt [7.8].
Piezofolien werden in verschiedenen Dicken hergestellt. Man kann mit ih-
nen fast belastungsfreie Wandler herstellen. Allerdings ist die Reproduzier-
barkeit z. Z. noch nicht ideal.
Zur Entstehung des piezoelektrischen Effekts kann man sich vorstellen,
dass sich - wie in Bild 7.11 skizziert - verschiedene positive und negative
Ladungsträger im Material verschieben und so eine Ladung erzeugen. Im un-
definierten Zustand sind die inneren Ladungen in einem elektrischen Gleich-
gewicht, so dass auf den außen an den Kristall geklebten Elektroden keine
Ladungen erscheinen. Dieses Gleichgewicht wird gestört, wenn das Gitter in
der gezeichneten Lage zusammengedrückt oder auseinandergezogen wird. Da-
durch sammeln sich auf den Elektroden Ladungen an, ohne dass es irgend einer
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 541

äußeren Ladungszufuhr bedarf. Wegen der Querkontraktionen kann auch ei-


ne zur x-Richtung senkrechte Verschiebung h eine solche Ladungsänderung
hervorrufen. Es kann also angesetzt werden [7.1]:

QW = −Kxx ξ oder QW = −Kxx η. (7.39)

Dabei ist QW die enstehende Wandlerladung“. ξ und h sind die Zusam-



mendrückungen. Kxx , Kxy sind Wandlerkonstanten, die vom Material, der
Größe, Form und eventuell von der Ausrichtung zu den Kristallachsen abhängen.

Bild 7.11. Prinzipskizze zur Wirkung eines piezoelektrischen Materials, nach [7.5].
a Undeformierter Zustand. b Verformung in Richtung des elektr. Stromes. c Verfor-
mung senkrecht zur Richtung des elektr. Stromes.

Im folgenden wollen wir uns mit einer Bewegungsrichtung begnügen. Wir


können uns also auf eine Wandlerkonstante K beschränken; außerdem wollen
wir berücksichtigen, dass elektronische Ströme den zeitlichen Änderungen der
Ladungen und mechanische Schnellen den zeitlichen Änderungen der Bewe-
gungen entsprechen:
dQ dξ
i= , v= .
dt dt
Wenn wir nun noch zu Zeigern übergehen, erhalten wir die erste grundlegende
Beziehung für den piezoelektrischen Wandler:

iW = −Kvw. (7.40)

Der umgekehrte piezoelektrische Effekt besteht darin, dass eine angelegte elek-
trische Spannung eine dazu proportionale Auslenkung des Materials und da-
mit eine mechanische Wandlerkraft“ FW hervorruft. Es gilt also

F W = −KU W (7.41)

dass sowohl in (7.40) als auch in (7.41) die gleiche Konstante K auftaucht,
ist wieder eine Folge der Energieerhaltung. Der Beweis dafür verläuft genauso
wie beim elektrodynaischen Wandler. Siehe (7.26 bis 7.28).
Durch Kombination von (7.40 und 7.41) erhalten wir die Vierpolform:

FW 0 K iW
= . (7.42)
vW −1/K 0 UW
542 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Da beim Piezowandler die Schnelle dem Strom und die Kraft der Spannung
proportional ist, während es beim elektrodynamischen Wandler umgekehrt
war, spricht man hier von einem N -Wandler, während es sich im elektrody-
namischen Fall um einem M -Wandler handelte.
Ein weiterer Unterschied zwischen den beiden Wandler-Typen besteht bei
der Rolle des Innenwiderstandes. In Bild 7.7 oben liegt der Innenwiderstand
in Reihe mit dem Wandler und führt zu einem unvermeidlichen Spannungs-
abfall, beim Piezowandler ist dagegen die Kapazität des Wandlers parallel zur
Quelle des Stromes iW und führt daher zu einem Stromabfall. Damit ergibt
sich insgesamt das in Bild 7.12 skizzierte Schaltbild. Die dazugehörigen elek-
trischen Beziehungen sind bei der hier benutzten Vorzeichenwahl (siehe auch
(7.11))
U = UW , iW = i − U W /ZEi bzw.

iW 1 −1/ZEi i (7.43)
= .
UW 0 1 U
Dabei ist ZEi im wesentlichen der (ziemlich große) elektrische Widerstand,
der von der Kapazität C des Wandlers hervorgerufen wird:
ZEi = 1/jωC. (7.44)

Bild 7.12. Piezoelektrischer Wandler. a Prinzipskizze, b Vierpoldarstellung.

Damit sind die einzelnen Matrizen für die Vierpolkette in Bild 7.12 be-
kannt, denn für den mechanischen Teil und den elektrischen Lastwiderstand
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 543

können wir wieder (7.14) bzw. (7.30) und 7.12) verwenden. Führt man die
entsprechenden Multiplikationen durch, so findet man:
• für den mechanischen Teil
ZM S +ZM M s ZM S +ZM M

FK ZM M jω ZM M + ZM S FW
= (7.45)
vK 1/ZM M 1 + s/jωZM M vW

• für den elektrischen Teil


−KZ K

FW  EK  iK
= −1 . (7.46)
vW K 1 + ZZEK
Ei
1
KZEi
UK

Dabei ist ZM S = ZM i + ZM K die Summe aus mechanischer Aufnehmerimpe-


danz (im wesentlichen durch die Gehäusemasse gegeben) und Impedanz der
Messprobe. ZM M ist die Impedanz der Gegenmasse (früher die des Magneten).
Vergleicht man Bild 7.9 und 7.12, so erkennt man folgende Entsprechungen:

elektrodynamische Wandler Piezowandler


(M-Wandler) (N-Wandler)
Spannungsquelle Stromquelle
in Reihe geschalteter Innenwider- parallel geschalteter
stand
Innenwiderstand
Magnet der Impedanz ZM M Gegenmasse (seismische Masse)
der Impedanz ZM M
ZM M ≈ jωmM (7.47)
Steife s der Befestigung (klein) Steife s des Piezomaterials (groß)
Schwingspule der Impedanz ZM i Gehäuse der Impedanz ZM i
ZM i ≈ jωmi . (7.48)

Durch Multiplikation von (7.45 und 7.46) erhält man die Gesamtmatrix, die
wieder von der Form (7.31) ist. Auch dabei sind wieder alle Einzeldetermi-
nanten +1 oder -1. Analog zu (7.36) ergibt eine kleine Rechnung für die Emp-
findlichkeit als Empfänger

ZEK −K
= =   . (7.49)
v K
U =0 A21 1
+ 1
1 + s K2
K ZEK ZEi jωZM M + ZM M

Für die weitere Diskussion empfiehlt es sich, entsprechend den üblichen Be-
gebenheiten bei piezoelektrischen Körperschallaufnehmern ZM M = jωmM ,
ZEi = 1/jωC, ZEK = R zu setzen und von der Schnelle zur Beschleunigung
aK = jωvK überzugehen. Damit wird aus (7.49):
544 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

mM K −1
=   . (7.50)
aK
U sC 1+ 1
1− ω 2 mM
+ K2
K =0 jωCR s sC

Der zweite Term im Nenner ist sehr klein und spielt nur bei ω 2 = s/mM , also
bei der Resonanzfrequenz ein Rolle. (7.50) führt zu den im Bild 7.13 oben
eingezeichneten Frequenzverlauf. Er ist in einem weiten Bereich konstant, weil
mit modernen Ladungsverstärkern R extrem groß gemacht werden kann und
weil bei kleinen Beschleunigungsaufnehmern s/m hohe Werte annimmt.
Piezoelektische Materialien werden sehr häufig auch zur Messung von
Wechselkräften eingesetzt. Ein prinzipieller Messaufbau ist im Bild 7.13 Mitte
eingezeichnet. Für den Übertragungsfaktor erhält man aus (7.44 und 7.45)

−1 1 −1
=   ≈ .
F K
U =0 K ZM M +ZM S + 12 1 1 s ZM M +ZM S K
K ZM M K ZEi + ZEK ZM S + jω ZM M
(7.51)

Bild 7.13. Frequenzgang piezoelektrischer Wandler. a Beschleunigunsaufnehmer


nach Bild 7.12.b Kraftaufnehmer nach Bild 7.14. c Körperschallsender.
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 545

Bild 7.14. Beispiele piezoelektrischen Kraftmessers.

Die sehr einfache Näherung in (7.51) kann aus folgenden Gründen gemacht
werden:
• Bei Kraftmessern ist man bemüht, die Bauteile (Gehäuse) zwischen der zu
messenden Kraft und dem eigentlichen Wandler möglichst klein und steif
zu halten. Es ist also ZM S = ZM K + ZM i ZM M . Dabei ist ZM M die
Impedanz der Struktur, auf die die Kraft wirkt.
• Die Wandlerkonstante K ebenso wie die elektrischen Widerstände ZEi und
ZEK sind zahlenmäßig sehr groß.
Piezoelektrische Materialien kann man auch zur Erzeugung von Körper-
schall benutzen. Der Übertragungsfaktor ergibt sich aus (7.45 und 7.46) zu

ZM K −K
=    . (7.52)
U K
F =0 ZM S 1 + ZEK 1 + s
+ K 2 ZEK
K ZEi jωZT ZT

Dabei ist ZT = (ZM K + ZM i + ZM M )/ZM M (ZM i + ZM K ) und ZM S = ZM i +


ZM K ≈ ZM K .
Durch Einsetzen von typischen Werten kann man sich davon überzeugen,
dass sich bei tiefen Frequenzen mit piezoelektrischen Wandlern keine großen
Kräfte erzeugen lassen. Liegt die Frequenz allerdings über der Tonpilzreso-
nanz, bei der das Piezomaterial das federnde Element ist, dann geht (7.52) in
einem großen Frequenzbereich in den Wert −K über.
Die Wahl geeigneter Piezomaterialien sowie elektrischer und mechanischer
Widerstände ist ein sehr wichtiger Aspekt bei der Dimensionierung von piezo-
elektrischen Wandlern. Daneben sind auch noch eine Reihe anderer Gesichts-
punkte zu beachten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Empfind-
lichkeit gegenüber elektrischen und magnetischen Störfeldern, kleinen Tem-
peraturänderungen (pyro-elektrischer Effekt), minimalen Verformungen des
Aufnehmergehäuses, usw. sowie die Richtungsempfindlichkeit.
546 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

7.2.3 Elektrostatische Wandler

Elektrostatische Wandler - auch dielektrische Wandler genannt - bestehen


aus zwei meist plattenförmigen Elektroden, an die eine Gleichspannung an-
gelegt ist. Eine der beiden Elektroden ist sehr dünn. Sie wird fest auf dem
Prüfobjekt befestigt (geklebt). Entsprechend den praktischen Begebenheiten
betrachten wir in diesem Abschnitt nur den Fall der starren Gegenelektro-
den. (Bild 7.15). Bewegliche Gegenelektroden können entsprechend Abschnitt
7.2.1.3 behandelt werden.

Bild 7.15. Prinzip des elektrostatischen Wandlers.

Das Kondensatormikrofon für Luftschall ist übrigens auch ein elektrostati-


scher Wandler. Es besteht aus einer dünnen, straff gespannten Membran, die
eine Elektrode darstellt. Die Gegenelektrode ist das starre Mikrofongehäuse.
Die Membran wird vom einfallenden Schalldruck zu Schwingungen (Körper-
schall) angeregt, deren Amplituden vom Wandler in elektrische Signale um-
gewandelt werden [7.9].
Der elektro-mechanische Zusammenhang ist bei diesem Wandlertyp durch
das Coulomb´sche Gesetz der elektrostatischen Anziehung gegeben. Ange-
wandt auf zwei Platten, die sich im Abstand d befinden und im Ruhezustand
die Kapazität C haben, ergibt sich die Anziehungskraft

QU CU 2 C C 2 C
F = = = (U + Ũ )2 ≈ U + U Ũ . (7.53)
2d 2d 2d 2d d

Dabei ist Q die Ladung auf dem Kondensator, U die Gleichspannung und Ũ
die Wechselspannung.
Im Rahmen der Akustik ist die Näherung in (7.53), die einer Linearisie-
rung entspricht, zulässig, weil die üblicherweise verwendeten Gleichspannun-
gen (Vorspannung) in der Größenordnung von 100 bis 1000 V liegen, während
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 547

die Wechselspannungen mehr als hundertmal kleiner sind. Das gilt auch für
die - z. B. bei sehr vielen Luftschallmikrofonen verwendeten - sog. Elektret-
Wandler, bei denen die Gleichspannung nicht von einer äußeren Quelle erzeugt
wird, sondern in geeigneten Materialien als Polarisationsspannung besteht und
somit eine eingefrorene“ Gleichspannung von beispielsweise 200 V darstellt.

Für unser Problem interessiert nur der Wechselanteil der Kräfte und Span-
nungen. Wenn wir zu den Zeigern übergehen, erhalten wir so für die Wandler-

kraft“, also die Kraft, die bei festgehaltenen Platten und damit bei konstanter
Kapazität C entsteht.

CU
FW = UW . (7.54)
d
Für den umgekehrten Fall, bei dem der Wandler als Empfänger dient, der von
einer Schnelle vW angeregt wird, ergibt sich für den Wandlerstrom
CU
iW = − v . (7.55)
d W
Dabei haben wir wieder von der in (7.24-7.57) bewiesenen Gleichheit (bis auf
das Vorzeichen) der Wandlerkonstanten Gebrauch gemacht. In Vierpoldar-
stellung lautet die Gleichung für den idealen elektrostatischen Wandler

FW 0 C U /d iW
= . (7.56)
vW −C U /d 0 UW
Abgesehen von den Buchstaben ist (7.56) identisch mit der entsprechenden
Beziehung (7.42) für den piezoelektrischen Wandler. Die enge Verwandtschaft
zwischen diesen beiden Wandlertypen gilt auch für den Einfluß des elektri-
schen Innenwiderstandes, denn auch beim elektrostatischen Wandler wird ein
Teil des entstandenen Stromes durch den parallel liegenden Innenwiderstand
ZEI abgeleitet, siehe Bild 7.15. Beim Innenwiderstand handelt es sich im we-
sentlichen um den Einfluß der Kapazität, so dass (7.43) und (7.48) unmittelbar
übernommen werden können.
Hinsichtlich des mechanischen Innenwiderstandes besteht allerdings ein
kleiner Unterschied. Im Gegensatz zum elektrodynamischen und piezoelektri-
schen Wandler liegt nämlich beim elektrostatischen Wandler eine Vorspan-
nung an, die zu einer Anziehungskraft nach (7.53) führt. Bei Betrieb des
Wandlers ändert sich diese Anziehungskraft. Man kann diesen Tatbestand
auch durch eine zusätzliche, elektrisch bedingte Federsteife sE ausdrücken.
Ihre Größe ergibt sich nach (7.53) zu
2
dD 1 dQU Q dU Q d dF U dC
sE = = = = +
dξ 2d dξ 2d dξ 2d C U dξ 2d dξ
2 2
1 dF U C d(1 − ξ/d) 1 dF U C
= + = − (7.57)
2 dξ 2d dξ 2 dξ 2d2
2 2
U C UC 1
oder sE = 2 = − .
d d C
548 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Dabei haben wir davon Gebrauch gemacht, dass x die Änderung des Platten-
abstandes ist, dass mit (7.54) eine Spannungsänderung durch eine Kraftände-
rung ausgedrückt werden kann und dass die variable Kapazität durch

C
C= ≈ C(1 − ξ/d) (7.58)
1 + ξ/d

gegeben ist. Wie zu erwarten, ist sE negativ, weil umgekehrt wie bei einer nor-
malen Feder eine Abstandsverkleinerung zu einer stärkeren Anziehung führt.
Die mechanische Zusatzimpedanz, die auf diese Weise entsteht, ist

sE 1 UC
ZM E = = . (7.59)
jω jωC d

Wie man sieht, tritt hier das Quadrat der Wandlerkonstante U C/d auf. Das
ist typisch für die mechanische Auswirkung eines elektrischen Schaltelements,
wie wir bereits bei (7.18) gesehen haben.
Für das weitere Vorgehen können wir alle für den piezoelektrischen Wand-
ler abgeleiteten Beziehungen übernehmen. Wir müssen lediglich die innere
mechanische Impedanz ZM i durch

 1 UC
ZM i = ZMi − (7.60)
jωC d

ersetzen. Damit erhalten wir beispielsweise bei starrer Gegenelektrode




F 1 ZM i 0 α 1 −1/ZEi i
=
v 0 1 −1/α 0 0 1 u
 
(7.61)
ZM i /α α + ZM i /αZEi i
= .
−1/α 1/αZEi u

Für den Empfängerübertragungsfaktor ergibt sich aus (7.49) für eine starre
Gegenelektrode, also für ZM M = 8

−C U ZEi −U

= → . (7.62)
v K U =0 d(1 + ZEi /ZEK ) jωd(1 + 1/jωCR)
K

Dabei wurde entsprechend den üblichen praktischen Begebenheiten ZEi =


1/jω und ZEK = R gesetzt. Multipliziert man beide Seiten von (7.62) mit
jω, so steht links das Verhältnis von elektrischer Spannung zu mechanischer
Bewegung ξ = v/jω. Das bedeutet, dass für ω > 1/RC, also für sehr hoch-
ohmigen Abschluß, ein elektrostatischer Wandler ein Gerät zur Messung von
Bewegungen darstellt.
Die in diesem Abschnitt hergeleiteten Wandlerbeziehungen kann man auch
mit Hilfe des Hamilton´schen Prinzips ableiten und somit dessen große All-
gemeingültigkeit erneut unter Beweis stellen. Wie man dabei vorzugehen hat,
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 549

wollen wir beim elektrostatischen Wandler zeigen. Wir benötigen dazu den
Energieinhalt EKond eines mit der Ladung Q aufgeladenen Kondensators der
Kapazität C, nämlich
1 Q2
EKond = (7.63)
2 C
und den Energieinhalt ESpule einer vom Strom i durchflossenen Spule der
Selbstinduktion L, nämlich
1 2 1
ESpule = Li = LQ̇2 . (7.64)
2 2
Diese Grundbeziehungen sind in den einschlägigen Lehrbüchern über Phy-
sik zu finden. In (7.64) haben wir noch davon Gebrauch gemacht, dass der
elektrische Strom i gleich der zeitlichen Ableitung der Ladung Q ist.
Betrachten wir die in Bild 7.16 skizzierte Anordnung, bei der die Bewe-
gung ξK vorgegeben sein soll, dann sind die zu berücksichtigenden kinetischen
Energien
1 1
mK ξ˙2 und LQ̇2
2 2
und die potentiellen Energien

1 2 1 1 (Q + Q̃)2
sξ , sK (ξ − ξK )2 und . (7.65)
2 2 2 C + C̃

Bild 7.16. Bennenungen zu Gl. (7.53) bis (7.69). Die Gegenelektrode (1) und die
Masse (2) bilden einen Kondensator.

Die zu minimierende Hamilton’sche Funktion ist


' 
2
1 ˙ (Q + Q̃)
mK ξ˙2 + LQ̃2 − sξ 2 − sK (ξ − ξK )2 − (1 − ξ/d) . (7.66)
2 C
550 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Dabei haben wir sowohl die Ladung als auch die Kapazität in einen Gleichan-
teil und einen Wechselanteil aufgespalten und berücksichtigt, dass die Zeitab-
leitung von Q verschwindet; außerdem wurde der von der Bewegung verur-
sachte Wechselanteil der Kapazität entsprechend (7.56) angenähert.
Setzt man (7.66) in die Hamilton´sche Formel (1.49) ein und nimmt die
Variation nach den unbestimmten Koordinaten ξ und Q̃ vor, dann erhält man
nach einer Rechnung, die (1.50) bis (1.54) entspricht,

(Q + Q̃)2
mK ξ¨ + sξ + s(ξ − ξK ) − =0
2Cd (7.67)
¨ + 1 (Q + Q̃)(1 − ξ/d) = 0.
LQ̃
C
Die weiteren Rechenschritte sind:
˙
• Vernachlässigung von Termen zweiter Ordnung; z. B. ξ Q̃;
˙ dabei entfallen alle
• Übergang zu den Schnellen v = ξ˙ und Strömen i = Q̃;
Gleichanteile;
¨ → jωi
• Benutzung der Zeigerschreibweise; d. h. ξ¨ → jωv, Q̃
• Ersatz der Spulenimpedanz jωL durch ZEK und der Impedanz von Masse
und Feder durch ZM i ; damit werden die Ergebnisse gleichzeitig verallge-
meinert und Verluste zugelassen.
Das Ergebnis nach Durchführung dieser Operationen ist
sK sK
ZM i v + v − βi = v
jω jω K (7.68)
βv = (ZEK + 1/jωC)i = 0.

Es wurde die Abkürzung β = Q/jωdC = U /jωd benutzt.


Offensichtlich hat die obere Gleichung (7.68) die Dimension einer Kraft
und die untere die einer Spannung. Damit ist es möglich, (7.68) mit (7.61)
zu vergleichen. Wir müssen nur berücksichtigen, dass die Kraft F = sK (vk −
v)/jω und die Spannung U = ZEK i sind. Damit wird aus (7.68)

F = ZM i V − βi
(7.69)
U = βv + i/ωC.

Es ist zwar etwas umständlich, (7.69) in die Form (7.61) zu bringen, weil

man den Unterschied zwischen ZM i und ZM I zu beachten hat. Wenn man
die entsprechende Rechnung jedoch durchführt, sieht man, dass bis auf das
Vorzeichen von i (das nur auf eine Konvention zurückzuführen ist) beide Me-
thoden zum gleichen Ergebnis führen.
Vergleicht man die beiden Vorgehensweisen, so stellt man fest, dass das
Hamilton´sche Prinzip wenig anschaulich ist und dass in der von uns benutz-
ten Fassung die mechanischen und elektrischen Verluste erst nachträglich ein-
gefügt werden können. Andererseits hat es aber den Vorteil, dass es von sehr
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 551

allgemeinen Grundbeziehungen ausgeht und dass die Gleichheit der Wandler-


konstanten, der Einfluss der inneren Impedanzen, die Bedeutung der elektrisch
bedingten Zusatzsteife sE von selbst“ erfasst werden.

7.2.4 Elektromagnetische Wandler

Beim elektromagnetischen Wandler befindet sich ein Weicheisenkörper in ei-


nem Magnetfeld mit einem hohen magnetischen Fluß Φ, siehe Bild 7.17. Die
Kraft, die zwischen Magneten und Anker wirkt, ist proportional dem Quadrat
des magnetischen Flusses:

F ∼ Φ2 ∼ (Φ + Φ̃)2 . (7.70)

Bild 7.17. Prinzip eines elektromagnetischen Wandlers, (1) Weicheisenkörper, (2)


Permanentmagnet.

Damit ein linearer Zusammenhang zwischen den elektrischen und mecha-


nischen Wechselgrößen zustande kommt, brauchen wir wieder einen großen
Gleichanteil Φ. Er kann von einem Permanentmagneten erzeugt sein oder von
einer mit Gleichstrom durchströmten Spule. Dem Gleichanteil überlagert ist
ein Wechselanteil. Bei Sendebetrieb wird er vom Wechselstrom der Spule,
beim Empfangsbetrieb von der mit der Änderung des Abstandes d verbun-
denen Schwankung des magnetischen Widerstandes und damit des Flusses Φ
verursacht. Da der Wandler wieder reversibel ist, erhalten wir also für die
idealen Wandlergrößen

F W = γiW ; U = −γv W

also
FW γ 0 iW
= . (7.71)
vW 0 −1/γ UW
Dabei ist γ die Wandlerkonstante, die vom Abstand d, der magnetischen
Feldstärke und der Geometrie abhängt.
552 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Ein Vergleich mit (7.10) zeigt, dass bis auf die zahlenmäßige Größe der
Wandlerkonstanten die Gleichungen für den idealen elektrodynamischen und
den idealen elektromagnetischen Wandler gleich sind. Auch die Rolle des elek-
trischen Innenwiderstandes ist dieselbe, weil er zu einem Spannungsabfall
führt. In beiden Fällen besteht der Innenwiderstand aus einer Selbstinduktion
Li und einem Ohmschen Widerstand. Hinsichtlich des mechanischen Innen-
widerstandes existiert ein kleiner Unterschied. Er kommt dadurch zustande,
dass ähnlich wie beim elektrostatischen Wandler eine konstante Anziehungs-
kraft vorhanden ist, deren Stärke vom Abstand zwischen Magnet und Anker
und daher von der Relativbewegung der beiden abhängt. Ähnlich wie beim
letzten Abschnitt führt das zu einer negativen Federsteife. Siehe (7.57). Das
bedeutet, dass wir auch (7.14) übernehmen können, wobei wir allerdings ZM i
durch
 sE γ2
ZM i = ZM i − = ZM i − (7.72)
jω jωLi
ersetzen. Wie man sieht, ist wie stets bei der Rückwirkung eines elektrischen
Schaltelementes auf die mechanische Impedanz das Quadrat der Wandlerkon-
stanten eine entscheidende Größe. Siehe auch (7.18).
Multipliziert man die Vierpole (7.14), (7.71) und (7.11), so erhält man für
den realen elektromagnetischen Wandler mit ruhendem Magneten die Bezie-
hungen 2
 
F [γ + ZM i ZEi ]/γ −ZM i /γ i
= . (7.73)
v ZEi /γ −1/γ U
Daraus kann man alle weiteren interessierenden Größen ableiten. Falls die
Bewegung des Magneten noch mit berücksichtigt werden soll, muss man wie
in Abschnitt 7.2.1.2 vorgehen.
Elektromagnetische Wandler werden ähnlich wie die elektrostatischen bei
Körperschallmessungen fast nur für Laborversuche verwendet. Sie haben den
Vorteil, dass sie nur schwach mit dem Meßobjekt gekoppelt sind und kaum
eine Zusatzbelastung darstellen, sodass sie auch zur Untersuchung sehr leichter
Systeme eingesetzt werden können.

7.2.5 Magnetostriktive Wandler

Ein magnetostriktiver Wandler besteht meist aus einem zu einem Stab geform-
ten magnetostriktiven Material, das von einer Spule umwickelt ist (Bild 7.18).
Als Materialien kommen Nickel, einige Ferrite und neuerdings spezielle Legie-
rungen, die sog. giant alloys“ in Frage [7.10].

Falls die Spule von einem Strom i durchflossen wird, führen in magne-
tostriktiven Materialien die magnetischen Kräfte zu einer Verkürzung des
Stabes. Falls die Verkürzung verhindert wird, weil die Stabenden starr ein-
gespannt sind, entsteht eine (relativ große) Kraft. Sie ist proportional dem
Quadrat des magnetischen Flusses. Um eine dem Wechselstrom proportionale
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 553

Bild 7.18. Prinzip des magnetostriktiven Wandlers, (1) magnetostriktiver Körper,


(2) von Gleich- und Wechselstrom durchflossene Spule.

Kraft zu erzeugen, braucht man also wieder einen Gleichanteil, sodass sich fol-
gende Beziehung für die Gesamtkraft F und für den Wechselanteil der idealen
- d. h. bei starren Enden - Wandlerkraft FW ergeben:
1 1 1 2
F ∼ Φ2 = γS i2 = γS (i + ĩ)2 ≈ γS i + γS i ĩ
2 2 2 (7.74)
F W = γS i ĩ.

Da es sich für i ĩ um einen reziproken Wandler handelt, gilt für die zusätzli-
che Wandlerwechselspannung, die entsteht, wenn der magnetostriktive Wand-
ler mit der Schnelle vW zusammengedrückt wird,

U W = −γS iv W . (7.75)

Bis auf die anderen Buchstaben sind das dieselben Beziehungen wie beim
elektromagnetischen Wandler. Da sich außerdem die elektrischen und me-
chanischen Innenwiderstände gleich auswirken, können wir die Formeln des
letzten Abschnitts übernehmen.
Magnetostriktive Wandler werden hauptsächlich als Wasserschallwandler
eingesetzt. Die mit ihnen erreichbaren Bewegungsamplituden sind sehr klein.
Bei Nickel ist die maximale relative Längenänderung etwa 10−6 bei den giant

alloys“ liegt sie bei 10−4 bis 10−3 .
Bei Körperschallproblemen werden sie trotz ihres sehr einfachen Aufbaus
nur in Ausnahmefällen eingesetzt, wenn große Kräfte und kleine Bewegungen
(d. h. hohe Frequenzen) erwünscht sind; außerdem haben sie den Nachteil,
dass stets ein Gleichstrom i fließen muss und zu Ohm´schen Verlusten führt.

7.2.6 Ergänzende Anmerkungen zu den reziproken Wandlern

7.2.6.1 M-Wandler und N-Wandler

Fasst man die Wandlergleichungen für unbewegliche Magneten bzw. unbeweg-


liche Gegenelektroden zusammen, so findet man für die von Magnetfeldern
abhängigen Typen aus (7.16) und (7.72)
554 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall
elektrodynamisch

F [(BlL ) + ZM i ZEi ]/BlL −ZM i /BlL
2
i
=
v ZEi /BlL −1/BlL U
(7.76)
elektromagnetisch bzw. magnetostriktiv
2  

F
=
[γ + ZM i ZEi ]/γ −ZM i /γ i
.
v ZEi /γ −1/γ U

Wenn alle Bewegungen unterbunden sind, ist bei diesen Wandlern die Wech-
selkraft proportional dem Wechselstrom.
Für die auf elektrostatischen Kräften beruhenden Wandler sind (7.42), (7.43),
(7.11) und (7.61) maßgeblich. Es gilt

piezoelektrisch

F ZM i /K [K 2 + Z
Z
Mi 1
] K i
= EI
v −1/K 1/KZEi U
(7.77)
elektrostatisch

 
ZM
 
F −ZM i /α α − ZEii α1
2
i
= .
v −1/α 1/αZEi U

Bei diesen Wandlern ist bei verschwindender Bewegung die Wechselkraft pro-
portional der Wechselspannung.
Zwei der Formeln in (7.76) und (7.77) haben noch den Schönheitsfehler,

dass im mechanischen Innenwiderstand ZM I der von der negativen Federsteife
verursachte elektrische Einfluß zu berücksichtigen ist. Setzt man (7.58) bzw.
(7.72) in (7.77) bzw. (7.76), so ergibt sich im elektrostatischen Fall
$ %
F (αZEi )2 − ZM i ZEi /αZEi ZM i /αZEI i
= . (7.78)
v −ZM i /αZEi 1/αZEi U

Macht man den Übergang BlL → αZEi , dann ist (7.78) bis auf das Vor-
zeichen identisch mit der Formel für den elektrodynamischen Wandler. Man
bezeichnet daher den elektrostatischen und den elektrodynamischen Wandler
als M-Wandler. Die Form (7.78) hätte sich übrigens auch unmittelbar aus der
mit Hilfe des Hamilton´schen Prinzips abgeleiteten Formel (7.69) ergeben.
In ähnlicher Weise erhalten wir aus (7.76) mit (7.72) für den elektroma-
gnetischen bzw. magnetostriktiven Wandler mit der Abkürzung γ1 = γ/ZEi

F ZM i /γ1 [γ 2 − ZM i /ZEI ] γ11 i
= . (7.79)
v 1/γ1 −1/γ1 ZEi U

Mit Ausnahme der Vorzeichen entspricht das dem Piezowandler. Man be-
zeichnet daher die piezoelektrischen, die elektromagnetischen und die magne-
tostriktiven Wandler als N-Wandler. Die Einteilung in M- und N-Wandler ist
jedoch eher formaler Natur.
7.2 Elektrodynamische Wandler für Körperschall 555

7.2.6.2 Anwendung von Luftschallwandlern für


Körperschalluntersuchungen

In manchen Untersuchungen kann es notwendig sein, einen gebräuchlichen


Luftschallwandler für Körperschallmeßzwecke einzusetzen. Es kann sich da-
bei um ein Mikrofon zur Messung oder einen Lautsprecher zur Erzeugung
von Körperschall handeln. Da die gebräuchlichen Luftschallwandler rezipro-
ke elektromechanische Vierpole sind, kann der hier entwickelte Formalismus
verwendet werden. Man muss lediglich berücksichtigen, dass sich zwischen
Wandler und Struktur ein Luftpolster befindet, dessen Einfluss durch einen
weiteren Vierpol in (7.17) berücksichtigt werden kann [7.11].
Bild 7.19 zeigt drei Beispiele. Im Fall a.) wird die Luft in einer kleinen,
dichten Druckkammer zusammengedrückt und so ein der Bewegung ξ propor-
tionaler Schalldruck erzeugt (ρ0 = Dichte der Luft, c0 = Luftschallgeschwin-
digkeit). Im Fall b.) ist ein definierter Strömungswiderstand r vorhanden, der
dazu führt, dass in einem großen Frequenzbereich Körperschallschnelle v und
Schalldruck in der kleinen Kammer proportional sind. Im Fall c.) schließlich
wird eine (leichte) Struktur durch einen Lautsprecher über ein Luftpolster
angeregt.

Bild 7.19. Luftschallwandler für Körperschalluntersuchungen. a Bewegungsmes-


sung. b Schnellemessung. c Anregung durch Lautsprecher. (1) Struktur, (2) Tast-
stift, (3) Dichtung, (4) Volumen, (5) Mikrofonmembran, (6) Gegenelektrode, (7)
definierter Strömungswiderstand, (8) Lautsprecher.

Für eine exakte Behandlung dieser Wandler müßte man noch zahlreiche
Nebeneinflüsse, wie das Verhältnis von Abmessungen zu den Wellenlängen,
556 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

die Rolle von Undichtigkeiten, etc. berücksichtigen. Da diese Wandler aber


bestenfalls für schnelle Übersichtsmessungen angewandt werden, lohnt es sich
nicht, die entsprechenden Rechnungen durchzuführen.

7.2.6.3 Kalibrierung mit Hilfe des Reziprozitätsprinzips

Die Reziprozität reversibler Wandler kann auch dazu benutzt werden, elektro-
mechanische Wandler ohne Absolutmessung von mechanischen Wechselgrößen
zu kalibrieren. Man geht dabei nach den beiden in Bild 7.20 skizzierten Schrit-
ten vor [7.12].

Bild 7.20. Prinzip der Kalibrierung nach dem Reziprozitätsverfahren, (1) Hilfs-
sender, (2) zu kalibrierender Wandler, (3) reziproker Wandler, (4) bekannte mech.
Impedanz, z.B. Masse.

Beim ersten Schritt wird mit einem Hilfssender eine Schnelle v1 einer Masse
erzeugt. Statt einer Masse kann auch ein anderes mechanisches System benutzt
werden, vorausgesetzt, dass seine mechanische Impedanz Z genau bekannt ist
(was fast nur bei Massen der Fall ist). Es wird die der Schnelle v1 proportionale
Spannung des zu kalibrierenden Wandlers W und des reziproken Wandlers R
gemessen. Es gilt also

U W 1 = αW v 1 ; U R1 = αR v 1 . (7.80)
7.3 Zusammengesetzte Messgrößen 557

Beim zweiten Schritt wird der Hilfssender abgeschaltet und die Masse durch
den reziproken Wandler in Bewegung versetzt. Die vom Strom iR2 dabei er-
zeugte Kraft F 2 und Schnelle v 2 sind

|v 2 | = |F 2 /Z| = |αR iR2 /Z|. (7.81)

Es wurde hierbei davon Gebrauch gemacht, dass bei reziproken Wandlern das
Reziprozitätsprinzip bzw. der Satz von der wechselseitigen Energie gilt:
U R1 F
| | = | 2 |; bzw. U R1 iR2 = F 2 v 2 . (7.82)
v1 iR2

Da der zu kalibrierende Wandler W linear arbeiten soll, erzeugt er nun die


Spannung
U W 2 = αW v 2 . (7.83)
Durch Einsetzten von (1.84b) und (1.84a) kann man v2, aR und v1 eliminieren
und erhält
U U
|αW
2
| = | W 2 W 1 Z|. (7.84)
U R1 iR2
Damit ist die Bestimmung des gesuchten Übertragungsfaktors αW auf die
Messung elektrischer Spannungen und Ströme und auf die Kenntnis einer
mechanischen Impedanz Z zurückgeführt.
Die genaue Strom- und Spannungsmessung ist normalerweise unproble-
matisch, solange der reziproke Wandler genügend stark ist, um im Sendebe-
trieb ein ausreichendes Signal zu erzeugen. Die Kenntnis der mechanischen
Impedanz kann manchmal Schwierigkeiten bereiten, weil selbst bei kompak-
ten Massen die Annahme Z = jωm wegen des Einflusses von Halterungen
eventuell nicht zulässig ist. Auch ist bei kleinen Massen zu beachten, dass
die Gesamtimpedanz durch die angeschlossenen elektrischen Schaltelemente
merkbar beeinflußt sein kann.

7.3 Zusammengesetzte Messgrößen


Mit den bisher beschriebenen Messumformern kann die Bewegung, die Schnel-
le, die Beschleunigung oder die Dehnung (Dehnungsmessstreifen) direkt ge-
messen werden. Neben diesen wichtigsten Messgrößen braucht man des öfteren
einige weitere, die aus den genannten abgeleitet werden können. Bei Biegebe-
wegungen kann z. B. die erste und zweite Ortsableitung der Bewegung, also
der Biegewinkel oder die Krümmung interessieren. Man gewinnt sie, indem
man zwei oder drei identische (bzw. entsprechend korrigierte) Bewegungs-
(Schnelle- oder Beschleunigungs-)aufnehmer verwendet und die Signale ent-
sprechend Bild 7.21 subtrahiert. Wichtig dabei ist, dass einerseits der Abstand
Δx nicht zu klein ist, weil sonst fast gleich große Signale subtrahiert werden
und entsprechende Fehler auftreten, und andererseits Δx nicht zu groß ist,
558 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

weil sonst der Differenzenquotient keine gute Näherung für den Differential-
quotienten darstellt. Ein guter Kompromiss ist, Δx so groß zu machen wie
ein Zwanzigstel bis ein Zehntel der Wellenlänge.

∂η η2 − η1
Biegewinkel: β = ≈
∂x Δx
1 ∂2η η3 − 2η2 + η1
Krümmung: = ≈
rK ∂x2 Δx2

Bild 7.21. Messung zusammengesetzter Größen bei der Biegung.

Wenn man keine Dehnungsmessstreifen verwendet, kann man Dehnungen


ebenfalls mit zwei benachbarten Aufnehmern bestimmen und die Ortsablei-
tung (siehe z. B. (2.1)) durch einen Differenzenquotienten ersetzen.
Ein großes Problem bei der gesamten Körperschallmesstechnik besteht
darin, dass man - abgesehen von Methoden der Spannungsoptik in durch-
sichtigen Körpern - keine Möglichkeit hat, im Inneren eines Körpers ohne
beträchtliche Störung des Körperschallfeldes Messungen vorzunehmen. Man
muß also von Resultaten, die man auf der Oberfläche eines Körpers erhält,
auf die Bewegungen im Inneren (z. B. in der neutralen Faser) schließen. So-
lange ein Körper dünn ist (Dicke kleiner als etwa ein Sechstel der interessie-
renden Wellenlänge), ist das im Prinzip möglich, weil man annehmen kann,
dass alle Größen linear voneinander abhängen. Trotzdem kann eine derartige
Messung ziemlich aufwendig sein, wenn verschiedene Wellentypen zu unter-
scheiden sind. Als Beispiel zeigt Bild 7.22, wie man aus der Messung von acht
Bewegungsgrößen auf den beiden Seiten einer dünnen Struktur auf die Bewe-
gungen, Winkel und Dehnungen in der Mitte sowie auf die Querkontraktionen
schließen kann.
Glücklicherweise sind derartig aufwendige (und fehleranfällige) Messungen
nur in seltenen Ausnahmefällen notwendig, weil meist erkennbar ist, welcher
7.3 Zusammengesetzte Messgrößen 559

Biegebewegung und Biegwinkel in der neutralen Faser


(ηu + ηo ∂η (ηu2 − ηo2 ) − (ξu1 − ξo1 )
η= ; β= ≈
2 ∂x 2Δx
Bewegung in x-Richtung (in-plane) in der neutralen Faser

(ξu + ξo
ξ=
2
Dehnung in x-Richtung in der neutralen Faser

∂ξ (ξu2 + ξo2 ) − (ξu1 + ξo1 )



∂x 2Δx
Querkontraktion auf der Oberfläche (siehe 2.255)

Bild 7.22. Ermittlung verschiedener Bewegungsgrößen aus Messungen an den Ober-


flächen einer Platte oder Schale.

Bewegungstyp dominant ist und welche Richtcharakteristik der Aufnehmer


haben sollte. Bei der Messung der Körperschallintensität ist - wie die Glei-
chungen im Abschnitt 2.4 zeigen - die Messung von Schnellen und Spannungen
erforderlich. Die Schnellemessung bereitet dabei keine grundsätzlichen Pro-
bleme; jedenfalls solange man aus Untersuchungen an der Oberfläche eines
Körpers auf die notwendigen Größen im Inneren schließen kann. Die Bestim-
mung der Spannungen ist dagegen aus zwei Gründen schwieriger [7.13][7.14]:
• Die Spannungsdehnungsbeziehungen beinhalten im allgemeinen Fall (sie-
he 2.159, 2.160 oder auch 2.236) mehrere Dehnungen; es müssten also
eine ganze Reihe von Differenzenquotienten gebildet werden. Da die ent-
sprechenden Operatoren meist langwierig und fehleranfällig sind, begnügt
man sich fast immer mit einfachen Bewegungsformen, bei denen einfache
Spannungsdehnungsbeziehungen bestehen, z. B. (2.2), (2.48, (2.39), (2.61),
(2.81), (2.335).
• Die Spannungen können nur dann aus den Dehnungen berechnet werden,
wenn einige Materialdaten (Elastizitätsmodul, Schubmodul) am Ort der
Messung bekannt sind. Man muss also ein gewisses Vorwissen“ besitzen.

Zur Zeit sind Messungen der Körperschallintensität an dünnen Stäben, Boh-
len, Platten, Schalen (siehe Abschnitt 2.9) im Labor durchzuführen. Der Ein-
satz dieser Messtechnik in der rauhen Praxis“ dürfte noch etwas auf sich

560 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

warten lassen, obwohl die Kenntnis von Intensitäten und damit des Leistungs-
transports bei vielen praktischen Problemen sehr hilfreich wäre.

7.3.1 Rückwirkung des Messgeräts auf die Bewegung des


Messobjekts

Jede Messung bedeutet bekanntlich einen - hoffentlich vernachlässigbar klei-


nen - Eingriff in das Messobjekt. Da dieses allgemeine Gesetz natürlich auch
für Körperschallmessungen gilt und da die Rückwirkung nicht immer offen-
sichtlich ist, wollen wir diese Frage in diesem Abschnitt an einfachen Beispielen
diskutieren.
Zuerst betrachten wir die in Bild 7.23 dargestellte Anordnung. Sie besteht
aus einer dicken Platte oder dgl. mit der vorgegebenen Schnelle v. Darauf
steht, über Federn mit der Gesamtsteife sg die Masse mM mit der Schnel-
le v M . Diese Schnelle soll mit einem mechanischen Gerät gemessen werden.
Man kann diese Anordnung als Idealisierung einer Lagerung sehen, bei der
ein empfindliches Gerät der Masse mM von den Fundamentschwingungen v
geschützt werden soll. Der Erfolg der Maßnahme soll mit Hilfe eines Aufneh-
mers der Masse m und der Steife s gemessen werden. Die Rechnungen können
mit kleinen Änderungen auch auf eine - stark idealisierte - Lagerung ange-
wandt werden, bei der die Masse mM durch eine Kraft F 0 angeregt wird und
die Körperschalleinleitung in das Fundament verringert werden soll.

Bild 7.23. Ein Anzeigesystem aufgesetzt auf einen einfachen Schwinger. a kon-
struktive Anordnung. b Schaltschema.

Beschränkt man sich auf reine Töne der Kreisfrequenz ω, dann sind die
auf die Federn wirkenden Kräfte:
sg
untere Feder sg (ξ − ξ M ) = (v − v M ) = Fsg

s (7.85)
obere Feder (v − v m ) = F s .
jω M
Dabei sind ξ die Zeiger der Auslenkung und v die der Schnelle. Die Massen-
kräfte ergeben sich aus den den Beschleunigungen jωvM bzw. jωvm zu
7.3 Zusammengesetzte Messgrößen 561
untere Masse jωmM v M = F M
obere Masse jωmm v m = F m .
Das Gleichgewicht der Kräfte erfordert
sg s
F sg − F s = F M d.h. (v − v M ) − (v − v m ) = jωmM v M
jω jω M
s (7.86)
Fs − Fm d.h. (v − v m ) = jωmv m .
jω M
Eine kleine Umformung liefert das lineare Gleichungssystem
(−ω 2 mM + sg + s)v M − sV m = sg v
(7.87)
−sv M + (−ω 2 m + s)v = 0.
Würde man das Problem der mit der Kraft F 0 angeregten Maschine auf diese
Art behandeln, dann wäre v = 0 zu setzen und jωmM v M durch (jωmM v M −
F 0 ) zu substituieren. Das führt dann dazu, dass der anregende Term“ auf

der rechten Seite jωF 0 wird. Aus (7.87) folgt unmittelbar
vM 1 − ω 2 /ω02
=   (7.88a)
v 1+ s 2
− ωω2 1− ω2
2 − s
sg M
ωm sg
vM 1
=   . (7.88b)
v 1+ s
− ω2
2 1− ω2
2 − s
sg ωM ωm sg

Dabei sind
2 2
ωm = s/m und ωM = sg /mM
die Bestimmungsgleichungen der Eigenkreisfrequenzen der einzelnen Masse-
Feder-Systeme. Gl. (7.88a) zeigt, dass durch das Vorhandensein der kleinen
Masse mdie Bewegung von mM stellenweise beträchtlich beeinflusst wird
• Bei den Nullstellen des Nenners, also bei den oberhalb von ωm bzw. un-
terhalb von ωM liegenden Frequenzen (vorausgesetzt ωM < ωm )
⎡ # ⎤
2
1 s s
2
ωI,II = ⎣ωm 2
+ ωM2
+ ± 2 + ω2 +
ωm M
2 ω2 ⎦
− 4ωm M
2 mM mM
(7.89)
treten Resonanzüberhöhungen auf, die bei Abwesenheit von m nicht vor-
handen wären; (7.89) ist übrigens identisch mit der Formel für die Reso-
nanzfrequenz einer doppelt elastischen Lagerung.
• bei der Frequenz ω = ωm wird v M = 0; d.h. die Masse mM wird vollständig
abgebremst (Antiresonanz); falls - was bei sg /mM = s/m durchaus
möglich ist −ωm = ωM wird, liegt an dieser Stelle sogar die größtmögli-
che Änderung, nämlich der Übergang von einer unendlich großen Schnelle
(weil bei Abwesenheit von m die Resonanz bei ωM = ωm läge) zu einer
verschwindenden Schnelle vor.
562 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Bei Berücksichtigung der Dämpfung treten diese Effekte nicht mehr so aus-
geprägt auf, aber sie sind noch vorhanden. Um die entsprechende Rechnung
für das in Bild 7.23 skizzierte System durchführen zu können, braucht man
lediglich in (7.86) auf der rechten Seite zu den Trägheitstermen die Reibungs-
kräfte rv m bzw. rv M zu addieren. Es ist dabei angenommen, dass die beiden
Dämpfungstöpfe“ an einem ruhenden Bezugskörper befestigt sind. Das würde

in etwa der Wirklichkeit entsprechen, wenn es sich um Reibung am umgeben-
den Medium (z.B. Luft) handeln würde. Für den Fall, dass die Dämpfung auf
die inneren Verluste im Material der Federn zurückzuführen ist, würde man in
erster Näherung die Dämpfungstöpfe“ parallel zu den Federn anordnen. In

(7.86) bedeutet das, dass s/jω durch rm + s/jω und sg /jω durch rM + sg /jω
zu ersetzen wäre.
Bild 7.24 zeigt den Frequenzgang von v M /v einmal ohne (gestrichelt) und
einmal mit (ausgezogen) dem aus s und m bestehenden Messsystem. In dem
Beispiel wurde gleiche Abstimmung angenommen, also s/m = sg /mM und
r/m = rg /mM ; außerdem wurde mit m = 0, 1mM gerechnet. Für den Dämp-
fungsgrad wurde mit r/2sm = 0, 1 gerechnet; der Verlustfaktor wäre also
η = 0, 2. Man erkennt deutlich die starke Rückwirkung in der Nähe der Reso-
nanzfrequenz und die bei kleinem m/mM Verhältnis geringe Wirkung außer-
halb der Resonanz.

Bild 7.24. Frequenzgang des Übertragungsmaßes des Messobjektes, gestrichelt oh-


ne, ausgezogen mit aufgesetztem, gleich abgestimmtem Anzeigesystem (ωm = ωM ).

Man könnte alle mit den Resonanzerscheinungen verbundenen Nachteile


eines abgestimmten Aufnehmers mildern, indem man den Dämpfungsgrad so
groß macht, dass keine oder nur sehr schwache Resonanzüberhöhungen auf-
treten, oder gar ein über große Frequenzgebiete nur schwach sich ändernder
Übertragungsfaktor entsteht. Bei Tauchspulenmikrofonen für Luftschall er-
reicht man dies, indem man die Membran möglichst breitbandig belastet. Bei
7.3 Zusammengesetzte Messgrößen 563

Körperschallaufnehmern bereitet das Schwierigkeiten, so dass diese nur ent-


weder sehr hoch oder sehr tief abgestimmt sind.
Das in Bild 7.23 skizzierte mechanische System hat übrigens nicht nur für
die Körperschallmesstechnik eine große Bedeutung. Es beschreibt auch die
Wirkung der sog. Schwingungstilger“; d.h. kleiner Masse-Feder-Systeme, die

auf eine große in Resonanz schwingende Masse mM aufgesetzt werden. Wie
man sieht, kann man bei dem gewählten Beispiel mit einem relativ kleinen
Tilger“, bestehend aus s, rm , m die Resonanzamplitude um 11 dB reduzieren.

Als weiteres Beispiel zeigt Bild 7.25 die Idealisierung eines sehr gebräuchli-
chen Körperschallwandlers (siehe Abschnitt 7.2.1). Er besteht aus der kleinen
Schwingspule m1 , die über eine steife Feder s1 (z.B. eine Klebestelle) am Mess-
objekt befestigt ist. Die Schwingspule ist außerdem - zur Zentrierung - über
die weiche Feder s2 mit der großen Masse m2 des Topfmagneten verbunden,
der seinerseits über die weichen Federn s0 auf dem Messobjekt ruht.

Bild 7.25. Mechanische Eigenschaften eines elektrodynamischen Wandlers. a prin-


zipieller Aufbau. a Idealisierung.

Lässt man vorläufig die elektrodynamische Rückwirkung außer acht, dann


ergibt sich analog zu (7.86) aus dem Gleichgewicht der Kräfte
s0 (v − v 2 ) + s2 (v 1 − v 2 ) = −ω 2 m2 v 2
(7.90)
s1 (v − v 1 ) + s2 (v 1 − v 2 ) = −ω 2 m1 v 1 .
Es handelt sich hier wie bei (7.86) um zwei Gleichungen mit zwei Unbekann-
ten. Eine Auflösung nach v1 bzw. v2 bereitet keine Schwierigkeiten. Nach
einigen Zwischenrechnungen findet man beispielsweise für den Unterschied
zwischen den Schnellen am Messobjekt und denen der Schwingspule
v − v1 ν 2 (ν 2 μ − μ − σ2 )
= 4 . (7.91)
v ν μ − ν 2 (μ + σ1 + σ2 ) + σ1 + σ2 − σ22
Vom Standpunkt der Rückwirkung ist es jedoch interessanter, die mechanisch
Impedanz zu ermitteln, die das Messsystem hat, wenn es vom Messobjekt aus
gesehen wird. Hierfür gilt
564 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

F F + F2
Za = = 1 . (7.92)
v v
Dabei bedeutet F die gesamte wirkende Kraft, die sich aus den beiden Feder-
kräften
s1 s0
F1 = (v − v 1 ) bzw. F 2 = (v − v 2 )
jω jω
zusammensetzt. Führt man die einfachen, aber etwas langwierigen Rech-
nungen durch, so ergibt sich
Za −ν 2 (1 + σ1 − σ2 ) + (1 + μ)(σ1 + σ2 − σ22 )
=j . (7.93)
ωm2 ν 4 μ − ν 2 (μ + σ1 + σ2 ) + σ1 + σ2 − σ22
Es wurden hier dieselben Abkürzungen benutzt wie in (7.91), nämlich

m1 s1 s2 ω2 ω 2 m2
μ= ; σ1 = ; σ2 = ; ν2 = 2 = .
m2 s0 + s2 s0 + s2 ω2 s0 + s2
Für ein spezielles Beispiel ist |Za /ωm2 | in Bild 7.26 aufgetragen. Es wurde
dabei,um Unendlichkeitsstellen zu vermeiden, eine kleine Dämpfung berück-
sichtigt.

Bild 7.26. Frequenzgang der Impedanz eines Körperschallmessgerätes nach


Bild 7.25. Nach (7.91) für μ = m1 /m2 = 0, 003; σ1 = s1 /(s0 + s2 ) = 10000; σ2 +
s2 /(s0 = s2 ) = 0, 95 gerechnet.

Erwartungsgemäß ist unterhalb der Abstimmfrequenz des Magneten (d.h.


ν < 1) |Za | = ωm2 . In einem breiten Zwischengebiet gilt |Za | = ωm2 μ = ωm1 ,
um dann schließlich mit der Frequenz abzunehmen. Allerdings ist der letzt-
genannte Bereich für die Messtechnik wenig interessant, weil m1 entkoppelt“

ist, also wesentlich kleinere Amplituden macht als das Messobjekt.
7.3 Zusammengesetzte Messgrößen 565

Der idealisierte Aufbau eines anderen Körperschallwandlers, der große,


praktische Bedeutung hat, ist in Bild 7.27 skizziert. Es handelt sich um die
mechanische Schaltung eines piezoelektrischen Wandlers, bei dem die Feder s
aus piezoelektrischem Material besteht. Da die erzeugten elektrischen Ladun-
gen proportional der wirkenden Kraft
s
F1 = (v − v 2 )

sind muss man in diesem Fall die Schnelle der seismischen“ Masse m2 und

des Gehäuses m1 kennen.

Bild 7.27. Körperschallwandler in Gehäusen (m2 =“seismische Masse“). a Piezo-


elektrischer Wandler. b Geophon. c mechanisches Ersatzschaltbild.

Bei den sog. Geophonen“ (Bild 7.27 b)) ist m2 die Masse eines Magneten,

in dessen Spalt sich eine Spule befindet. Die Spule ist starr mit dem Gehäuse
verbunden. Der Magnet hängt“ an den weichen Federn s. Da die induzierte

Spannung proportional der Geschwindigkeitsdifferenz v − v 2 ist, muss auch
hier diese Größe bestimmt werden. Die Ausgangsgleichung für die weitere
Rechnung ist auch hier eine Kraftbilanz. Sie lautet
s
(v − v 2 ) = jωm2 v2 .

Damit kann man sofort v2 /v und auch die Schnelledifferenz (im Magnetfeld)
1
(v − v 2 ) = v (7.94)
1 − ω22 /ω 2
ermitteln. Ähnlich gilt für die an der (piezoelektrischen) Feder wirkenden
Kraft
1
F 1 = jωm2 v . (7.95)
1 − ω 2 /ω22
Dabei ist ω22 = s/m2 .
Wie man sieht, ist die vom Wandler gemessene Schnelledifferenz v − v 2 im
566 7 Messung und messbare Erzeugung von Körperschall

Frequenzbereich ω ω2 gleich der Schnelle v des Messobjekts. Um eine


der Schnelle proportionale elektrische Spannung zu erhalten, wird man also
Geophone möglichst tief abstimmen, d.h. die Feder s sehr weich und - soweit
es die Gesamtimpedanz erlaubt - die Masse m2 groß machen. Umgekehrt ist
es bei der Kraft F 1 . Sie erweist sich im Bereich ω ω2 als proportional der
Beschleunigung jωv des Messobjekts. Bei piezoelektrischen Aufnehmern wird
man also eine hohe Abstimmung wählen, zumal für ω ω2 die Kraft F 1 und
damit das Messsignal abnimmt.
Schließlich interessiert noch die Gesamtimpedanz der Anordnung. Sie er-
rechnet sich aus der Massenimpedanz jωm2 und dem Kraft/Schnellekoeffi-
zienten an der Feder s. Es gilt also
F F 1
Za = = jωm1 + 1 = jωm1 + jωm2 . (7.96)
v v 1 − ω 2 /ω22
Etwas umgeschrieben ergibt sich daraus die Impedanz eines sog. Tonpilzes
ω 2 m2
1+ m2
m1 − s
Za = jωm1 ω 2 m2
. (7.97)
1− s

(7.97) zeigt, dass für s/m2 = ω 2 eine Unendlichkeitsstelle (Antiresonanz)


vorliegt und bei der Tonpilzresonanz

1 1
ω12 2 = s + (7.98)
m1 m2

eine Nullstelle (Resonanz).


Mit Hilfe der Impedanz Za des Messaufnehmers können Probleme der
Rückwirkung auch allgemein behandelt werden. Dazu betrachten wir die in
Bild 7.28 skizzierte Situation, bei der das Messobjekt ohne Belastung durch
das Messgerät an der Messstelle die Schnelle v 0 und die Impedanz Z 0 aufweist.
Bei Verbindung mit dem Messgerät ändert sich die Schnelle von v 0 auf v m ,
weil die Kraft F = v m Za vom Messgerät auf das Messobjekt zurückwirkt. Es
gilt also
F Za 1
vm = v0 − = v0 − v oder vm = v0 . (7.99)
Z0 Z0 m 1 + Za /Z0
Wie man sieht, ist für eine möglichst rückwirkungsfreie Messung die Bedin-
gung |Za | |Z0 | zu erfüllen. Körperschallmessgeräte sollen daher möglichst
klein und leicht sein oder möglichst schwach an das Messobjekt angekop-
pelt werden. Auch Resonanzerscheinungen sollten vermieden werden, da sie
u. U. bei einigen Frequenzen zu hohen, schwer vorhersehbaren Werten von Za
führen. Falls Rückwirkungen unvermeidlich sind, führen sie meist zu Verringe-
rungen der Schnelle. Für |Za | ≈ |Z0 | ist es aber - weil Za und Z0 verschiedene
Vorzeichen haben können - auch möglich dass die Rückwirkung die Schnelle
des Messobjekts erhöht.
7.3 Zusammengesetzte Messgrößen 567

Bild 7.28. Beeinflussung der Bewegung eines Messobjektes durch Impedanz des
Messgerätes. Es wird nur eine Bewegungsrichtung berücksichtigt.

Man beachte, dass normalerweise die in (7.99) auftretenden Größen kom-


plex sind. (7.99) liefert also auch die durch die Rückwirkung verursachte Pha-
senänderung (Phasenfehler). Soll der Phasenfehler klein gehalten werden (z.B.
bei Intensitätsmessungen), so ist die Bedingung |Za | |Z0 | wesentlich stren-
ger einzuhalten als bei alleiniger Betrachtung der Betragsfehler.
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