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Bericht

wirtschaftlichen Verhältnisse

des

Osmanischen Reiches.

Von

Prof. Dr. Joseph Grunzel,

Fachberichterstatter des k. k. Handelsministeriums.

Wien.

Aus der k. k. Hof- und Staatsdruckerei.

1903.

Bericht

über die

wirtschaftlichen Verhältnisse

des

Osmanischen Reiches.

Von

Prof. Dr. Joseph Griinzel,

Fachberichterstatter des k. k. Handelsministeriums.

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Wien.

Aus der k. k. Hof- und Staatsdruckerei.

1903.

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III

Inhaltsverzeichnis.

Erster Theil. Die landwirtschaftliche Production.

I. Landwirtschaft und Agrarpolitik

]

II. Die Production von Getreide und Gemüse

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III.

Die Production von Früchten

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IV. Die Production von Handelspflanzen und vegetabilischen Stollen

V. Die Vieh- und Geflügelzucht

\ I. Die Seiden- und Bienenzucht

VII. Jagd, Forstwirtschaft und

Fischerei

30

46

68

69

Zweiter Theil. Die bergbauliche und gewerbliche Production.

I. Der Bergbau im allgemeinen II. Die Production an Mineralien

III. Gewerbe und Industrie im allgemeinen

IV. Die gewerbliche und industrielle Production.

1. Die Textilindustrie

2. Die Teppichindustrie

3. Industrien für Nahrangs- und Genussmittel

t>. Die Leder- und die Papierindustrie

5. Die Holz- und Schnitzwarenindustrie

6. Die Metallindustrie

7. Die Stein-, Thon- und Glasindustrie

68

72

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90

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101

106

109

112

.114

 

8.

Chemische Industrien

116

9.

Graphische Gewerbe

117

Dritter Theil. Der Außenhandel.

 

I.

Die Handelspolitik

 

117

U. Der Handelsverkehr

126

III.

Der Importhandel

139

IV. Die Importartikel.

 
 

1.

Nahrungs- und Genussmittel, sowie Rohstoffe

156

2.

Textilwaren

169

3.

Artikel der Bekleidungsindustrie

182

4.

Leder- und Kautschukwaren, Linoleum etc

187

5.

Holz- und Schnitzwaren

191

6.

Stein-, Thon- und Glaswaren

192

7.

Papier und Papierwaren

195

8. Metalle und Metallwaren

197

9. Maschinen, Fahrzeuge, Waffen, Instrumente, Uhren etc

10. Chemikalien, Droguen, Farbstoffe, Kerzen und Seifen, Zündwaren V. Der Exporthandel

VI. Die Exportartikel.

1.

Vegetabilische Producte

2.

Animalische Producte

3.

Mineralische und industrielle Producte

Vierter Theil. Das Verkehrswesen.

I. Der Landstraßenverkehr H. Das Eisenbahnwesen.

1. Die türkischen Eisenbahnen im allgemeinen

2. Die Eisenbahnen der europäischen Türkei

3. Die Eisenbahnen der asiatischen Türkei

a*

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233

236

IV

m. Das Schiffahrtswesen. 1. Der Schiffsverkehr und die Schiffsgesellschaften

1 Die Bafenplatxe 3. Die Schiffahrtsabgahen. Qu.iigebüren und Quarantainevorschriften

IV. Posten und Telegraphen.

1. Das Postwegen

!

Das Telegraphenwesen

Seite

244

247

'251

256

258

Fünfter Theil. Das Finanzwesen. Münzen und Maße etc.

1. Die Finanzen 11. Das Bank-, Börsen- und Assecuranzwesen 111. Das Münz-. Maß- und Gewiehtssystem

Anhang. Administrative Übersicht

Neuere Literatur über die ökonomischen Verhältnisse der Türkei

Sachregister

258

262

264

269

272

273

.

Erster Theil,

Die landwirtschaftliche Production.

I. Landwirtschaft und Agrarpolitik.

Den nachhaltigsten Eindruck bei allen

Kreuz- und

Q

ten

im

oheit und

Osmanischen Reiche hinterlässt der Contrasl zwischen der \

dei Gegenwart des Landes. Tief unten in tausendjährigem Schutt ruhen die

Trümmer großer Culturepochen, das alteByzanz, der reicl ekranz Kleinas

Phönicien und Palästina mit ihrer glorreichen Geschichte, Mesopotamien und

Babylonien and heute dünn gesäete menschlich N

,ngen. dazwis

meist Felsen, Sand und dürre Heide, aufweite Strecken todte Wüste. Auf reichem

Boden ein armes Volk !

Warum, so fragt man sich, gewinnt der Mensch dem fruchtbaren I ;

nicht mehr dieselben Schätze ab wie ehedem? Aus dem einfachen Grund«-.

er sie nicht braucht. Die Bedürfnislosigkeit ist aber das g

'

:

wirtschaftlichen Aufschwunges. Die Lebenshaltung des gesammten Vblki

Türkei steht tief unter der Lebenshaltung des landwirtschaftlichen oder in-

dustriellen Arbeiters in Kuropa. Brot und Gemüse bilden die Nahrung

Baumwollgewebe die Kleidung, höhere Lebensgenüsse sind unbekannt. V

3 Land den Samen zu wirtschaftlichem Aufschwünge ausstreuen will.

muss zunächst die Cultur hereinbringen, denn sie weckt erst die Bedürfnisse, und

zur Befriedigung der Bedürfnisse bedarf es der Arbeit Dann ersi entwi .Mensch eine gewisse Voraussicht, während er jetzt nur an das Heute denkt, dann

i rst wird der Anstoß zu einer Capitalsbildung gegeben,

die verschiedenen

Productivkräfte entfesseln kann, dann erst entsteht ein- Volkswirtschaft

in

modernem Sinne. Der Handel, der uns historisch als der Initiator des wirtschaft-

lichen Lebens erscheint, ist das Werkzeug der Cultur. indem er die Kenntnis

jener Artikel vermittelt, nach denen ein Bedarf]

ckt werden soll.

Die erste Arbeit, die erste Sorgfalt gebürt dem Boden, denn erst aus

Landwirtschaft wächst organisch die Industrie heraus. Im Osmanischen Ri bilde! die Agricultur nicht bloß die Grundlage, sondern auf lange Zeit hinaus auch

das Mauerwerk der Volkswirtschaft. Fast überall finden sich günstige Vor- bedingungen hiefür: ein ergiebiger Boden, ein die Arbeit wesentlich erleichterndes

Klima und eine dem Ackerbau und der Viehzucht zugeneigte Bevölkern:. wichtigen Productionsgebieten fehlt es trotz der noch zu schildernden Mängel

schon heute nicht.

Die europäische Türkei ist zwar sehr gebirgig, weist aber in den Niederungen eine große Fruchtbarkeit auf, sein der Thrakischen Ebene im Thal der Maritza,

auf der Strecke zwischen Constantinopel und Salonich bei Serres und Drama,

wo der berühmte Tabak gedeiht, in Macedonien die Ebene von Monastir, im

nördlichsten Theile die Gegenden von Kumanova und Prischtina und schließlich

die Küstenniederungen Albaniens, wo jedoch infolge des ungeregelten Laufes der

Flüsse (Drin, Bojana etc.) fast regelmäßig Überschwemmungen entstehen und

große flächen anbaufähigen Terrains durch Versumpfung oder Versandung ver- loren gehen. Die klimatischen Verhältnisse sind günstig. Die Gebirgslandschaften im Innern haben mitteleuropäisches, die südlichen Küstenstriche dagegen ein Mittelmeerklima. Das warme Frühjahr beginnt Ende März und bringt reichlichen liegen, der dem Boden genügende Feuchtigkeit für die sehr trockenen Sommer-

monate Juni und Juli geben muss. Auf den Sommer folgt ein sehr schöner und

langer Flerbst, der bis Ende November, ja selbst bis Mitte December andauert.

Für die landwirtschaftlichen Arbeiten stehen also etwa neun Monate zur Ver-

fügung.

Zur Ausfuhr landwirtschaftlicher Producte trägt am stärksten Kleinasien

bei, obwohl der Boden nur zum geringen Theil und nur mangelhaft bebaut wird.

Boden und Klimaverhältnisse der Halbinsel sind nicht gleichartig, dennsie präsentirt

si ch als ein Hochland von etwa 900m mittlerer Meereshöhe, das im Norden durch

die pontischen Randgebirge und im Süden durch den mächtigen Taurus ab-

geschlossen winl. während es sich im Westen allmählich zum Agäischen Meere

abdacht. Diese westliche Abdachung mit den vorgelagerten Inseln erfreut sich

eines reinen, durch Nordwinde im heißen Sommer gemilderten Mittelmeerklimas

und liefert die reichsten Erträge in Getreide, Gemüse und besonders Handels-

pflanzen aller Art. An den südlichen Buchten finden sich ebenfalls größere Striche

ergiebigen Bodens, jedoch hindern die aus den Sümpfen im Sommer aufsteigenden

fiebererregenden Miasmen eine stärkere Besiedlung. An der West- und Südküste

gibt es eine längere Regenperiode von November bis April, welcher ein heißer, selten von Niederschlägen begleiteter Sommer folgt. Der nördliche, dem Schwarzen

Meere zugewendete Rand der Halbinsel ist verhältnismäßig rauh; die kalten, aus

dem Innern Russlands kommenden Winde steigern die Kälte im Winter sehr empfindlich, worauf häufig ein plötzlicher Witterungsumschlag erfolgt. Dieses

Gebiet zeichnet sich besonders durch große Waldbestände aus. Auf dem inneren

Hochlande macht sich ein continentales Klima mit ziemlich großen Extremen

geltend. Die Niederschläge sind nicht sehr reichlich, weil die Randgebirge die

Feuchtigkeit mit sich führenden Nord- und Südwinde abhalten. Im Süden breitet

sich die Salz wüste mit dem Salzsee (tuz-tschöllü) aus. Das Hochland ist ziemlich

eintönig und öde, erscheint jedoch in den Flussthälern und Mulden ziemlich

fruchtbar.

Auch in Syrien bewirken die von Norden nach Süden streichenden Gebirgs- kämme, dass die Niederschläge zumeist auf dem schmalen Küstensaum erfolgen,

Binnenland dem continentalen Klima des vorderasiatischen Wüsten-

so d

und Steppengebietes ausge^izl ist. Die Regenmengen vermindern sich übrigens,

je weiter man nach Süden kommt. Reirut hat etwa vier regenlose Monate (Anfang

Juni bis Ende September;, Jerusalem bereits fünf (Anfang Mai bis Ende October).

Die wichtigsten Agriculturgebiete sind die Bekäa (Cölesyrien), das breite Thal,

welches den Libanon vom Antilibanon trennt, der Haurän, die südöstlich vom

Hermon sich ausbreitende Hochebene, ferner die Hochebene von Homs, Häma

und Aleppo. der Libanon selbst, wo die steilen Berglehnen mit großer Mühe in

Terrassen umgewandelt und zum Theil mit hingebrachter Erde anbaufähig gemacht

wurden, schließlich in Palästina die Ebenen Jesreel bei I laifa) und Saron bei J

die Gegend von Näbulus, die jenseits des Jordan gelegene Hochebene el-B

und der Küstensaum von Gaza.

Als Kornkammer Vorderasiens _ r alt in den ältesten Zeiten Mesopotamien, das freilich in der regenarmen Zone liegt, aber im Alterthum durch ein umfassendes Canalsystem künstlich bewässert wurde. Nach «len neueren Forschungen Rohr- bachs und Oppenheims reicht die Zone, in welcher noch der Regen genügend

Feuchtigkeit gibt, bis zur Einmündung der unteren Zäb in den Schall (Tigris).

Südlich davon, beziehungsweise \mi der Stadl Kerkuk muss zur künstlichen Be-

wässerunggeschritten werden. Dort üegl jener, Sawäd genannte, schwarze, reiche Alluvialboden, der aus den Ablagerungen des Euphrat und Tigris und ihrer Neben-

flüsse entstanden ist und von den allen Babyloniern durch ein großartiges Netz von Canälen bewässert wurde. Die Canäle sind dem Wechsel >\rv Zeiten zum

opter gefallen, weite Strecken des Landes sind versumpft, andere durch Ent-

.Mau hilft sich heute auf folgende

Arten. Im Gebiete des Schatt-el-Arab und etwa Wkm längs des Unterlaufes des

Euphrat und Tigris sind Dämme gebaut, durch deren öfihungen der Wasserzufluss

auf die Felder leicht

ziehung des Wassers in Wüsteneien

verwandelt.

regulirt wird. Weiter hinauf liegt das Land schon höher,

weshalb das Wasser mit einer Art von Korbschwinge aus den Canälen geschöpft

wird. Noch weiter hinauf füllen sich die Canäle infolge der Höhenlage nur bei

Hochwasser, so dass für ausgiebigere Schöpfwerke Sorge getragen werden

Man benützt hiezu zumeist Gefäße aus Büffelhäuten (Kerd), von denen zwei oder

mehrere verbunden sind und abwechselnd in das Wasser gesenkt werden; sie

werden durch Pferde oder andere Zugthiere betrieben, die sich auf einer schielen

Ebene auf- mid abbewegen. Am Euphrat sind auch Paternosterwerke im Betriebe,

welche durch Wasserräder in Bewegung erhalten werden. Die türkische Regierung

hat zwar die Wiederherstellung der alten Canäle versucht, bisher aber noch mit

unzureichenden Mitteln. Nach Rohrbach würde die vollständige Herstellung des

Canalnctzes

etwa 2530 Millionen Mark kosten, wodurch

jedoch circa

6 Millionen ha bewässertes Land erhalten würden, welche durch den Ertrag an

Getreide die Aufwendungen reichlich bezahlt machen würden.

Die in den verschiedenen Theilen des Reiches angebauten Flächen liefern

heute bei weitem nicht den Ertrag, den man bei rationeller Bearbe itung von

ihnen erwarten könnte. Der Bauer kennt fast nur die Brachwirtschaft, indem er

je nach der Gegend jedes zweite oder dritte Jahr die Felder brach liegen lässt.

Bei der Bebauung hält er sich aber an keine bestimmte Fruchtfolge, sondern auf

den Acker, auf welchem Weizen oder Gerste geltaut wurde, wird nach der Brach-

zeit wieder Weizen oder Gerste angebaut. Während der Brachzeit werden die

Felder gewöhnlich als Viehweide für Schafherden vermietet. Nach der Brache

wird der Boden im Herbst oberflächlich aufgerissen, besäet, sodann einige Wochen

liegen gelassen und dann noch einmal gepflügt. Die meisten Getreidearten, wie

Weizen, Gerste, Hafer, werden im Herbst angebaut. Eine regelmäßige Düngung

der Felder kommt selten vor, weil die Arbeit gescheut wird. Übrigens ist auch

wenig Dünger vorhanden, da das Vieh nur in der Nacht oder bei großer Kälte in

die Ställe kommt, sonst aber auf der Weide das Futter suchen muss. Vielfach hat der Boden bei der üblichen Brachwirtschaft so viel jungfräuliche Kraft, dass von

einer Düngung abgesehen werden kann.

Der mangelhaften Feldbestellung entsprechen auch die primitiven Acker-

geräthe, die noch dieselben sind, wie sie vor Tausenden von Jahren im Gebrauch

gestanden sind. Der Einführung moderner landwirtschaftlicher Geräthe und

Maschinen, um welche sich sowohl die türkische Regierung als auch die Balin-

Ischaften und fremden rndustriellen bemühen, stehen der conservative Sinn

der Bevölkerung und die Gapitalsarmut des Landes hindernd entgegen, so dass

dieselbe, wie bei Besprechung des Importes landwirtschaftlicher Maschinen die

Rede sein wird, bisher nur in einzelnen Fällen geglückt ist.

Der Holzpflug (sapän), der zur Verwendung kommt, ist noch derselbe, den

uns die ältesten Schriftsteller beschreiben. Er besteht aus einem an einer Joch- stange befestigten Holzstück, welches mit Eisen beschlagen ist und als Pflugschar

dient. Das obere Ende wird beim Pflügen mit der Hand gehalten. Das Streich- brett setzl sich aus drei fächerförmig angeordneten Brettchen zusammen. Das sonst vor der Pflugschar angebrachte Pflugmesser fehlt zumeist. Mit diesem Pflug wird der

Boden nur bis zur Tiefe von etwa 8 10 cm aufgekratzt, die Erdschollen sind oft

nur halb umgedreht uud nicht mehr als 5 10 c;« dick, die Arbeit ist eine sehr

ungleichmäßige, für die Zugthiere unverhältnismäßig anstrengende. Der Bauer

hilft sich zuweilen, indem er mehrmals pflügt. Der einzige, aber schwerwiegende

Vbrtheil des Holzpfluges ist sein billiger Preis: 20 25 Piaster (circa 4 5 K) per Stück. Viele Getreidearten, so Hafer, Gerste, Sommerweizen, Hirse werden auf un-

gepflügtem Boden gesäet. Eigentliche Eggen und Walzen kennt man nicht. Nach

dein Säen wird eine Art von Balken durch die cultivirten Felder gezogen, damit die Saat bedeckt wird.

Das reife Getreide wird mit Sensen, die seit jeher von Österreich eingeführt

werden, oder mit Sicheln, die in Anatolien verfertigt und zu 4 5 Piaster das

Stück verkauft werden, geschnitten. Die Schnitter tragen, damit sie sich beim

Zusammenraffen der Halme an den zahllosen wuchernden Disteln nicht verletzen, an

der linken Hand einen hölzernen Handschuh. Das Getreide wird gewöhnlich sehr

hoch und unregelmäßig geschnitten.

Nach der Ernte wird das Getreide auf einem bestimmten Platze des Feldes

in einer 30— 40 cm hohen Schicht ausgebreitet und mit dem sogenannten Dresch-

schlitten (de wen) gedroschen. Dieses uralte originelle Geräth, das auch in Afrika

und Spanien zu finden ist, besteht aus einem 10 cm dicken, etwa 60 cm breiten

und 1-SOm langen Fichtenbrett, das vorne etwas nach aufwärts gebogen ist. Auf dieser Biegung befindet sich eine Zugstange, an welche die Zugthiere gespannt werden. Die unteren Flächen sind mit 8 12 Reihen von 4 6cm langen,

schmalen und scharfen Quarzstücken oder Feuersteinen besetzt. Der Kutscher

setzt oder stellt sich auf den Schlitten und hält eine Schaufel in der Hand, um die

Excremente der Thiere aufzunehmen. Vorgespannte Pferde gehen im Trab,

werden aber alle halbe Stunden aus dem Kreise zum Ausruhen geführt, die zu-

; verwendeten Ochsen und Büffel gehen im Schritt. Durch die Bewegung des

Schlitten.- werden nicht nur die Körner von den Ähren getrennt, sondern es wird

auch das Stroh geschnitten oder vielmehr zermalmt, worauf es (als sämän) statt

des in der Türkei wenig gewonnenen Heues an die Thiere verfüttert wird. Das

freilich sehr unrein, denn es ist nicht bloß mit dein Stroh, sondern

auch mit einer Menge von Staub vermischt. Deshalb wird es mit gewöhnlichen

Holzschaufeln geworfelt, was aber nur bei günstigem Winde geschehen kann,

so dass das Getreide oft wochenlang liegen bleibt und den Unbilden der Witterung

ausgesetzt ist, bevor es hereingebracht wird. Das zu Genusszwecken bestimmte

Getreide muss überdies gewaschen und sodann an der Sonne getrocknet werden.

Zwei Paar Ochsen mit je einem Kutscher dreschen mit diesem Schlitten täglich

etwa 25 Oka oder i)h! Getreide (in unreinem Zustande). Der Preis für Arbeit und Bespannung stellt sich auf etwa 35 Piaster per Tag, so dass 1 hl auf fast 6 Piaster

oder K 120 zu stehen kommt. Die Arbeit des Dreschschlittens ist daher eine fast

ebenso theure wie die der Dreschmaschine, wobei aber noch in Betracht g<

werden muss, dass im ersten Falle anreines Getreide geliefert wird, das Doch ver-

schiedene Manipulationen erheischt, and die Arbeil überhaupt nur bei schönem Wetter möglich ist.

Von Wichtigkeit für den Landwirtschaftlichen Betrieb sind die Grund-

eigenthumsverhältnisse. Nach dem Gesetz vom 21. April L858 unterscheidet

man fünf Arten von Grundeigenthum, nämlich:

1. das Mulk-Land (eräzi-i-memlüke), welches zu freiem, anabhängigem Eigen-

tliimi besessen werden, demnach vom Eigenthümer verkauft verpfändel oder

verschenkt werden kann;

2. das Mirie-Land (eräzi-i-einirije), an dem *\<-v Staat '-in Obereigenthum be-

sitzt, das Nutzungsrecht aber durch besondere Besitztitel (tapu-sened) an Private

überträgt; der Besitzer bestellt das Land, kann es verkaufen, verpfänden, ver-

pachten, vererben (nach dem kaiserlichen Rescripl vom2.Mai 1867 bis zum siebenten

Grade), ist jedoch der Staatsaufsicht unterworfen, bedarf zu Handlungen, welche

die Productivitäl des Bodens ändern, der staatlichen Genehmigung und verliert

den Besitz, wenn er ohne Grund den Boden drei Jahre unbestellt lässt;

3. das Wakuf-Land (eräzi-i-mevküfe), welches religiösen Stiftungen oder

gemeinnützigen Anstalten gehört und von einem besonderen Ministerium ver-

waltet wird (Güter der todten Handi:

4. das Metrukc-Land (eräzi-i-metrüke), welches allen Menschen zur Be-

aützung überlassen wird, wie öffentliche Wege. Marktplätze oder Ländereien,

welche den Bewohnern einer oder mehrerer Ortschaften gemeinsam sind, wie Weideplätze u. s. w.

5. das Mewat-Land (eräzi-i-mewät), Unland, welches in niemandes Besitz

und unbebaut ist, jedoch werden die in bewohnten Ortschaften oder in nächster

Umgebung gelegenen Ländercien nie als solche betrachtet.

Eine besondere Gruppe der ersten Art bilden die Krongüter oder Güter der kaiserlichen Givilliste (eräzi-i-senije), welche von allen Lasten und Staatsabgaben

befreit sind.

Irgend welche statistische Nachweise über die Vertheilung dieser Arten von

Grundeigenthum gibt es nicht,

man ist diesbezüglich nur auf allgemeine

Schätzungen und Beobachtungen angewiesen. Man nimmt an, dass nur etwa ein

Viertel des ertragsfähigen Bodens im freien Eigenthum i.Mulk) sieh befindet,

während fast dreiviertel auf Staatsländereien und Güter der todten Hand ent- fallen. Vor allem lässt sich constatiren, dass die Domänen der kaiserüchen Civil- liste sehr bedeutend sind, so dass der Sultan als der größte Grundbesitzer der Welt

bezeichnet wird. In den Vilajets Bagdad und Bassorah besitzt die Givilliste etwa

30 Procent der gesammten Culturfläche. Dabei erweitern sich die Domänen be-

ständig, aber nicht durch Ankauf von kleinem Grundbesitz, sondern zumeist durch

Erwerbung von schlecht oder gar nicht bebauten Staatsländereien. Die kaiserlichen Domänen erfreuen sich eines guten Rufes als wahre Musterwirtschaften, indem

sie durch Anlage von Straßen und Ganälen, durch Einführung landwirtschaft-

licher Maschinen u. s. w. viel zur Hebung der Landwirtschaft im allgemeinen

beitragen. Große Grundcomplexe sind im Besitze der religiösen Stiftungen. Diese

Wakuf, sowie die Staatsländereien sind meist an größere Grundbesitzer ver- pachtet, deren es in allen Theilen des Reiches mehrere gibt. Die Terrains werden

in kleine Parcellen getheilt, welche sodann sammt allem Geräthe, sowie allen Arbeits- und Nutzthieren gegen die Entrichtung der Hälfte des Ernteertrages kleinen Bauern (jarydschi) auf ein Jahr überlassen werden. Dass sich unter die-<n

Verhältnissen ein rationeller Betrieb nicht, ausbilden kann, liegt auf der Hand. Nur

Itenen Fällen lässl der Großgrundbesitzer seine Güter durch Lohnarbeiter für

Rechnung bearbeiten. Einige größere Güter (tschiftlik) meist in der Nähe

der bedeutenden Städte (Constantinopel, Salonich, Smyrna) sind auch schon in

die Hände von Ausländern übergegangen und werden dann im modernen Sinne

bewirtschaftet

Im allgemeinen lässl sich sagen, dass Güter in einer Ausdehnung von mehr

als 200 ha durch Pächter, solche von 50 200 ha durch den Eigenthümer, aber

mit Zuhilfenahme fremder Kräfte, und solche bis zu 50 ha von der Familie des

Eigenthümers selbst bewirtschaftet werden. Der kleine Grundbesitz ist sehr zer-

splittert. In der Gegend von Damaskus beispielsweise besitzen etwa drei Viertel

der Bauern nur ganz kleine Acker, deren Länge zwischen 100 und 1000 m und

deren Breite zwischen 2 Qm beträgt. Ein solcher Besitz ist für landwirtschaft-

liche Maschinen naturgemäß gar nicht oder sehr wenig aufnahmefähig.

Die Bodenpreise schwanken in ungemein weiten Grenzen, denn sie hängen

ab von der Lage des Terrains, von der Nähe einer Stadt, von der Distanz bis zur

nächsten Straße, zur Eisenbahn oder zum Hafen, von der Niederschlagsmenge in

der betreffenden Gegend und der Möglichkeit einer künstlichen Bewässerung, von der omensetzung und Fruchtbarkeit des Bodens u. s. w. Im allgemeinen ist die

Bodenbewertung eine sehr niedrige, weil sich das Capital mit größerer Vorliebe den lucrativeren Handelsspeculationen zuwendet, weil es ferner an Arbeits-

kräften fehlt, um dem Boden reiche Erträge abzugewinnen, und weil es schließlich

an Communicationen mangelt, um die Producte lohnend zu verwerten. Nach

Martineau stellt sich in der nächsten Umgebung von Smyrna ein Hektar durch-

schnittlich auf 4500 Francs, in den entfernteren Gebieten des Vilajets auf 200400

Francs per Hektar bei Feldern, die mit Weizen und Gerste bebaut sind, auf 500 1 '0 Francs bei Maisfeldern und auf 15003000 Francs bei Feigenpflanzungen.

Auf der Constantinopel gegenüberliegenden asiatischen Seite, auf der Strecke von

Haidar-Pascha bis Jsmid, ist gewöhnliches Ackerland schon um 2 Livres turques

per Domäne zu haben, während Gemüseländereien 510 Livres turques per

Domäne kosten. Auf dem kleinasiatischen Hochland in der Gegend von Eskischehr kostet im großen die Domäne Va 1 Livres turques, weiter von der Bahn ab

aber sind die Preise von 1 Medschidie per Domäne nichts Ungewöhnliches.

Die ländlichen Arbeiterverhältnisse sind nicht besonders günstig. Das Land ist sehr dünn bevölkert und liefert daher an und für sich wenig Arbeits-

kräfte. Der Türke ist dem Ackerbau nicht abgeneigt, ist aber viel zu stolz, um

im Lohn zu arbeiten und mehr zu verdienen, als er braucht. Griechen und Armenier

r en beschäftigen sich mit Handel und Schiffahrt. Trotzdem sind die Löhne

sehr niedrig: in den reicheren Gegenden Anatoliens verdient ein Mann bis 10 Piaster (circa 2 K), in ärmeren sinkt aber der Lohn bis zu 2 Piaster (circa

zu

40 h) täglich. In Mesopotamien schließen die großen Grundbesitzer mit der nöthigen Zahl vonFellachen einen Arbeitsvertrag für ein Jahr. Die Fellachen haben keinen festen Wohnsitz, sondern leben unter Zelten und ziehen von Besitzung zu

Besitzung, bis sie eine Verwendung finden. Sie erhalten den Lohn gewöhnlich in

natura, indem sie je nach der Art des Bodens und der Frucht am Ertrage parti-

cipir

Die türkische Steuerverfassung sieht den Boden und den Bodenertrag als

das hauptsächlichste, ja fast ausschließliche Steuerobject an; deshalb ist auch die

Steuerbelastung der Landwirtschaft in der Türkei eine sehr hohe. Der Grundbesitz zahlt zunächst, wenn es sich um Terrains ohne alle Baulichkeiten

handelt, eine Grundsteuer (wergi) von 4 Promille vom Schätzungswerte des

Grundstückes. Dazu komml ein Zuschlag von 5 Procenl von der Grundsteuer für

Unterrichtszwecke und ein solcher von »'» Procenl für Militäraufwand, schließlich

vom gesammten Steuerbetrage eine Abgabe für die Einhebungskosten in der

Höhe von - 1

Procent. Die wichtigste Abgabe ist aber der Zehenl (üschür), welcher

von den Bodenproducten im allgemeinen eingehoben wird und in Wirklichkeit

mehr als 12 Procenl beträgt, nämlich In Procenl Hauptsteuer, 1 Procenl für die Agriculturbank, ' : Procenl für Unterrichtszwecke und ,; , Procenl für militärische

Rüstungen. In den mesopotamischen Vilajets M<»~

-ul.

Bagdad und Basra, sowie in

den afrikanischen Besitzungen besteh! eine andere Arl von Besteuerung. Die

kleinen Bauern, welche nicht feste Wohnsitze haben, sondern sich auf den Besitz-

lliuin jenes Grundherrn niederlassen, welcher sie zeitweilig in Arbeil nimmt,

zahlen die Zeltsteuer (Beitije), eine Abgabe von 50 Piaster jährlich pro Mattenzell (Sarife). Die Grundbesitzer, meisl Pächter von Staatsländereien (Mirije-Land), haben die Humssteuer,