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u) I 0 -/-c. s .;l"l~3 ,A-3 f#,RVARD UNiVERS1D> 1-IBRARY MAR 151984 Erste Auflage 1983 ©

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Erste Auflage 1983 © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1983 Alle Rechte vorbehalten

Druck: MZ-Verlagsdruckerei GmbH, Memmingen

Printed in Germany

Cfl'<Kurztirelaufnahme der Deutschen Bibliothek Hegel, Georg Wilhelm Friedrich:

Philosophie des Rechts: d. Vorlesung von 1819120in e. Nachsehr. /

Georg Friedrich Wilhelm HegeL Hrsg. von Dieter Henrich.

- 1. Auf}. - Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983. ISBN 3-5'8-07596-9 kort. ISBN 3-518-07595-0 Gewebe NE: Henrich, Dierer [Hrsg.]

INHALT

1. Einleitung des Herausgebers:

Vernunft in Verwirklichung

Prinzipien der Edition

II.

G.F.W. HEGEL PHILOSOPHIE DES RECHTS

Die Vorlesung von 1819120 in einer Nachschrift

Inhaltsanzeige

Text

.

III.

Anhang

Bericht zur Edition.

Erläuterungen

Kommentare .

9

43

45

4 6

297

Sonderkommentar I Paragraphenziffern

der

Vorlesung von

18 I 8!I 9

in

der

Nachschrift von 1819120

 

.

349

Sonderkommentat II Inhaltsanzeige und Überschriften

Sonderkommentar BI -Identitat- und -Idealitat- im Text der Nachschrift .

Nachtrag

Konkordanz

Personenregister

355

Einleitung des Herausgebers

Georg Friedrich Wilhe!m Hege!

Philosophie des Rechts

Die Vorlesung von 1819120 in einer Nachschrift Herausgegeben von Dieter Henrich Suhrkamp Verlag

VERNUNFT IN VERWIRKLICHUNG

L Eine neue Quelle

Mi, dieser Veröffentlichung wird die Grundlage für das Studium von Hege!s Philosophie des Rech" beträchtlich erweitert. Sie macht eine

Nachschrift von Hegels Vorlesungen über -Naturrecht und Staatswis- senschaft< aus dem Wintersemester 1819120 aus dem Besitz der Lilly- Library der University of Indiana bekannt. Von ihrer Existenz wußte

bisher niemand etwas. Sie ist derzeit die einzige Quelle von Hegels

Vorlesungskurs in diesem für die Herausbildung und die Beurteilung

seiner politischen Theorie gleichermaßen entscheidenden Jahr: Der

Kurs begann unmittelbar nach der Bekanntgabe der sogenannten

Karlsbader Beschlüsse und der zu ihrer Durchführung in Preußen

erlassenen Verordnungen. Er ging der endgültigen Niederschrift und

der Drucklegung der »Grundlinien der Philosophie des Rechts« unmit-

telbar voraus. Deren Manuskript hat Hege! mit der Unterschrift unter die Vorrede am 25. Juni 1820 abgeschlossen.

Hegels -Rechrsphilosophie. ist als »Grundriß« »zum Gebrauch für seine Vorlesungen- über »Naturrecht und Staatswissenschafte erschie- nen (zum Titel der Vorlesung und zum Titel dieser Tradition vgl. K

46,1). * Er ist also so konzipiert, daß er der weiteren Ausführung in den

Vorlesungen

bedarf.

Zwar hat

Hege! sein Buch so gestaltet, daß

Rücksicht darauf genommen ist, daß es auch »vor das größere Publi-

kum kommt- (Rph. S. 3), also von denen gelesen werden wird, die

nicht seine Hörer waren. Er sagt, daß er auch aus diesem Grund einige der Anmerkungen zu den Paragraphen -weiter ausgeführt- hat, - in der Absicht auf Verdeutlichung von Theoremen und auf Onsbestimmung der 'eigenen Position gegenüber abweichenden Vorstellungen und

Lehrmeinungen über Inhalte der politischen Theorie (Rph. S. 3). Aber

dadurch wurde an der Eigenschaft des Werkes, ein .Grundriß, zu sein, nichts geändert. Das Werk hat nicht die Form der voll ausgearbeiteten

Abfolge eines philosophischen Gedankenganges und auch nicht der

Entwicklung einer Theorie in dem ganzen Umfang ihrer Verfugung und ihrer Konkretion. Eine in sich selbständige und aus sich allein begründete Theorie konnte

* Die bei den Verweisen in dieser Einleitung gebrauchten Abkürzungen sind auf den Seiten 42 und 295f. erläutert.

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Hegels Rechtsphilosophie allerdings auch durch die breitere Ausfüh- rung in den Vorlesungen nicht werden. Denn sie ist ganz eingebettet in

die Gesamtentwicklung des Systems, von der sie eine Phase, die

Theorie des .objekriven Geistes-, in der Isolation eines eigenen Vorle- sungskurses darstellt. Im Grundriß wie in den Vorlesungen selbst muß also auch die eigentlich notwendige durchgängige Bezugnahme auf die theoretischen Fundamente des Systems fehlen, die in der»Wissenschaft der Logik- unverkürzt ausgeführt sind. Aber die Komposition der inneren Gedankenfolge und vor allem der Gehalt der einzelnen Analy- sen der Rechtsphilosophie können nur im Zusammenhang mit den in den Vorlesungen selbst gegebenen Ausführungen zu wirklicher Deut- lichkei t kommen. Schon Eduard Gans, der Herausgeber der .Rechrsphilosophie. in der ersten Gesamtausgabe, hat deshalb Hegels Text aus zwei Nachschriften von Hegelschülern mit Zusätzen versehen. Diese beiden Nachschriften stehen auch heute noch zur Verfügung und liegen inzwischen im Druck (Ilt. 3,4) vor. Sie stammen aus Vorlesungskursen, die Hege! nach dem Erscheinen des Grundrisses und unter der Voraussetzung gehalten hat, daß sein Buch in der Hand seiner Hörer gewesen ist. Hegel hat solche Kurse dreimal, in den Wintersemestern 1821122, 1822123 und 1823124, gehalten, und er begann gerade mit einem vierten Kurs im Jahre 1831, als er der Cholera erlag. Mit der Ausnahme des Kurses von 1821122 sind uns diese Vorlesungen durch die Nachschriften von Hotho (1822/ 2) und v. Griesheim (182)124) sowie durch die von D.F. Strauß (18)1) dokumentiert. Bevor Hegels Grundriß erschienen war, standen seine Vorlesungen über Rechtsphilosophie unter ganz anderen Bedingungen: Er hatte in den Vorlesungen selbst die Grundlage für das Verständnis seiner Theorie zu erarbeiten. Denn die 53 Paragraphen der ersten Auflage seiner »Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften« schienen ihm offenbar nicht weitläufig und in sich gegliedert genug, um als ein Grundriß für solche Vorlesungen zu dienen, und dies wohl auch deshalb, weil er mit Hörern zu rechnen hatte, die sich auf Philosophie nur insoweit einlassen wollten, als sie Rechtsphilosophie war. So hat Hegel die Heidelberger Vorlesung über .Naturrecht und Staatswissen- schaft< vom Winter 1817!I8 und die erste Berliner Vorlesung dieses Titels nach jeweils eigens ausgearbeiteter Paragraphenfolge gelesen, die er in den Vorlesungsstunden diktierte. Von der Heidelberger Vorle- sung ist uns nur ein winziges Bruchstück indirekt überkommen (vgl. Hegelstudien VII, '972, S. 2), während die Diktatenfolge der ersten

IO

Berliner Vorlesung in einer Nachschrift (von Homeyer) überliefert ist, die zusammen mit den Nachschriften von Hotho und v. Griesheim zum seit langem bekannten Besitz der Staats bibliothek Preußischer Kulturbesitz gehört. Diese Diktate sind von Homeyer mit zwar prägnanten, aber wenigen und sehr summarischen Notizen aus dem von Hegel frei Ausgeführten ergänzt worden.

. Die hier publizierte Nachschrift der Vorlesung von 1819120 übertrifft Homeyers Manuskript um ein Vielfaches in ihrem Umfang (vgl. Bericht zur Edition, S. 306). Und sie weist die Besonderheit auf, keine Diktate Hegels zu enthalten. Es läßt sich sehr wahrscheinlich machen, daß Hegel in diesem einen der insgesamt sieben Kurse über Naturrecht und Staatswissenschaft keine diktierte oder publizierte Paragraphen- folge zugrunde gelegt hat. Darum konnte aus dieser Vorlesung ein Manuskript hervorgehen> das Hegels Rechtsphilosophie in einem ununterbrochenen Argumenta- tionsgang entfaltet. So hat es mit Hegels populäreren Vorlesungskur- sen über Geschichtsphilosophie, über Geschichte der Philosophie und über Ästhetik manche Gemeinsamkeiten, darunter die Direktheit und Frische der Entwicklung, die sich aus der Kontinuität zwischen der logischen Fundierung, der Gliederung des Ganzen und der Entfaltung der konkreten Materialien der Theorie des Rechts ergeben, zu denen Hegel, wie kaum einem anderen, ein über Jahrzehnte erworbener Reichtum an Ideen, Tatsachenkenntnis und Diagnosen zu Gebote stand. Es ist allerdings sogleich hinzuzufügen, daß die hier veröffentlichte Nachschrift erst allmählich dazu gelangt, den Fluß von Hegels Vortrag als solchen wiederzugeben. Der Hörer der Vorlesung, aus dessen Notizen die Nachschrift durch einen professionellen Schreiber erstellt wurde (vgl. Bericht zur Edition, S. 3°3» war zu Beginn des Kurses nicht nur außerstande, Hegels Ausführungen zu verstehen. Er war auch mit wenig Begeisterung bei der Sache und versäumte möglicherweise einige Srunden (vgl. die Konkordanz). Es scheint, daß sein Interesse erst beim Kapitel über das Gute und das Gewissen wirklich lebhaft geworden ist. Bis zu diesem Kapitel macht die Lektüre der Nachschrift Mühe) wenn sie nicht in ständigem Bezug auf die aus anderen Quellen, zumal aus den von Hegel publizierten .Grundlinien-, bekannte Theorienfolge von Hegels Rechtsphilosophie erfolgt. Aber vom zweiten Viertel an wird der Text der Nachschrift zu einer Lektüre, die leichter und erfreulicher ist als die irgendeiner anderen Quelle aus Hegels politiktheoretischem

Denken.

Ir

Das an so entlegener Stelle aufbewahrte Manuskript der Nachschrift

wurde nicht durch Zufall, aber auch nicht aufgrund einer systemati-

schen Suche nach Quellen zu HegeIs Rechtsphilosophie gefunden. Der

Fund ergab sich im Zusammenhang der systematischen Suche nach einem erheblichen Bestand von Hegelmanuskripten, VOn denen der Herausgeber nachgewiesen hat, daß sie im Besitz von Arnold Genthe

waren, v~n ihm a?er nicht an die Harvard Universität abgegeben worden sind, ~n die Genthe den weitaus überwiegenden Teil seiner Hegelmanusknpte verkauft hatte. Dieser Nachweis veranlaßte einen Rundbrief an alle Bibliotheken, die als Käufer von Hegelmanuskripten

in Frage z~ kommen schienen, - aber nur in

den Vereinigten Staaten

von Amenka (vgl. auch D. Henrich, Long-Missing Hege! Papers Sought, m: Manuscnpts XXX, '978, S. J09). Der Genthe-Besitz ist

dabei nicht aufgetaucht, wohl aber, neben einer Reihe weiterer Hegel-

Autographen ohne besondere sachliche Bedeutung, die hier publizierte

Nachschnft der -Rechrsphilosophie

systematische Recherche zur Auffindung von Nachschriften zu Hegels

Vorle~ungskursenniemals stattgefunden. Es ist also möglich, wenn auch in ~betra~ht~esweitve.rbreiteten Interesses gerade an Hegels

Rechtsphllosophle nicht unmittelbar wahrscheinlich, daß

In Europa hat eine entsprechende

sich

der

Bestand an Dokumenten zu Hegels Vorlesungen noch erweitern läßt. Durch die hier publizierte Vorlesung steigt er um etwa 25 Prozent an. Aber die sachliche Bedeutung des Fundes ist durch eine solche

Gewichtung nach dem Umfang sicher nicht erfaßt. Eine umfassende Auslegung von Hegels Rechtsphilosophie hat sich in

drei Problemdimensionen zu begeben, die über weite Strecken unab- hängig voneinander zu verfolgen sind, zuletzt aber aufeinander bezo- ge~werd~nmüssen: 1. Die Verständigung über die in ihr enthaltenen Teiltheorien und über die Weise, in der sie miteinander verbunden sind; 2 ".die historis~henund politischen Beziehungen und Implikatio- nen, mit denen diese Theorien von Hegel teils in ausdrücklicher Absicht, teils de facro vorgetragen worden sind; 3. die systematische Form un~ die ~ig~ntümlichkeiten der Theorieposition von Hege1s Rechtsphilosophie rm ganzen. Die umfangreiche Literatur weist ein besonders auffälliges Defizit in der dritten dieser Dimensionen auf. Das hier publizierte Manuskript kann kaum helfen, es zu beheben. Denn

die Unsicherheit bei der Auffassung von Hegels Theorieform und bei

der Erörterung von Alternativen, die Hegels Position von ihrer eigenen Grundlegung heraus gewachsen sein könnten, kann nur aus umfassen- der Rekonstruktion und selbständigem Denken überwunden werden.

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i

Zu den beiden anderen Theoriedimensionen enthält das hier publizierte Manuskript aber sehr wesentliche neue Aspekte. Einige von ihnen überraschen in dem Problemzusammenhang, in den sie gehören, so sehr. daß ihnen leicht der Wert kleiner theoriehistorischer Sensationen beigemessen werden wird. Im folgenden wird zunächst auf drei Teiltheorien hingewiesen, zu denen das hier publizierte Manuskript neue Einsichten ermöglicht. Danach wird in Kürze erörtert, welche Rückschlüsse aus dem Manu-

skript auf Hegels politische Standortnahme in der Zeit der -Demago-

gen«Verfolgung zu ziehen sind. Hinweise auf die Theorieform von

Hegels Rechtsphilosophie stehen am Schluß dieser Einleitung.

11. Doppelsatz, Moralkritik. Armut und Aufstand

1.

EINLEITUNG DER VORLESUNG VON

1819/20 UND VORREDE

DER

))GRUNDLINIEN DER PHILOSOPHIE DES RECHTS«

Hege1 begann seine Vorlesung mit einer Einleitung. Aus ihrem Text oder zumindest aus deren Gedankengang hat er im kommenden Jahr

die Vorrede für die zu druckende .Rechrsphilosophie- herausgearbei-

tet. Denn diese Einleitung entspricht nach ihrer formalen Stellung und auch in einigen ihrer Motive dem Vorwort der Vorlesung von 1818/19_ Aber bevor die hier publizierte Einleitung vorlag, ließen sich das innere Muster und die Kontinuität in der Ausarbeitung jener Vorrede nicht erkennen, die Hegels berühmtester und wohl auch berüchtigster Text ist. Die Einleitung definiert wie Vorwort und Vorrede den Standpunkt

Der Rechtsbegriff ist weder empirisch-

der

historisch noch auch in der Beziehung auf überweltliche Prinzipien zur Theorie zu entwickeln. Diese Theorie vollendet sich im Begreifen der Vernünftigkeit des Staates und seiner Verfassung, zu der er sich nur auf je einer bestimmten Stufe der Entfaltung des Freiheitsbegriffes hat

ausbilden können. Dementsprechend kann die These, daß die wahre Philosophie die Wirklichkeit nicht überfliegen darf und kann, mit

zweierlei Beziehung und Adresse ausgesprochen werden: geschichrs- theoretisch gegen die, welche eine Verfassung verwirklichen wollen, die nicht im Gesamtbewußtsein eines Volkes oder einer Epoche begründet ist, und institutionstheoretisch gegen die, welche den Ver-

Hegeischen Theorie:

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nunftsstaat als begründet ansehen im Entwurf von reinen Ideen wohlgeordneter Lebensverhältnisse. In beiden Beziehungen haut Hegels Theorie auf die Überzeugung, daß die Idee als solche und von sich aus stets zur ihr gemäßen Wirklichkeit kommt. Aber in der geschichtstheoretischen Beziehung ist die Priorität des Bewußtseins von einem welthistorischen Freiheitsprinzip gegenüber seiner Ausge- staltung in der Wirklichkeit betont, während die institutionstheoreti- sehe Beziehung die Priorität der vernünftigen Wirklichkeit gegenüber allen Begriffen betont, welche sich aus der Annahme einer grundsätz- lichen Differenz zwischen Begriff und Wirklichkeit herleiten. Beide Beziehungen sind unabtrennbar voneinander) da Verfassungen histo- risch und nicht zeitlos hervorgehen, ihre Wirklichkeit also nicht jeglichem Bewußtsein von dem ihnen innewohnenden Vernunftprinzip vorausgehen kann. Je nachdem welche der beiden Beziehungen bei der Formulierung des zuletzt einheitlichen Gedankenganges die Domi- nanz und Führung hat, ergeben sich andere Perspektiven bei seiner Anwendung und für die Beurteilung der besonderen Umstände einer Verfassungslage und -entwicklung. Hegels vielzitierter und vielgeschoItener Doppelsatz aus der Vorrede der gedruckten -Rechtsphilosophie- statuiert: »Was vernünftig ist, das ist wirklich, und was wirklich ist, das ist vernünftig« (Rph. S. 14). Sein Auftritt ist geschichtsrheoretisch eingeleitet, indem er die Beziehung zwischen der Form des Platonischen Denkens, das weltüberfliegend zu sein scheint, und dem gerade zur historischen Wirklichkeit werdenden Prinzip der neuen Weltperiode der römischen Welt auf eine gänzlich allgemeine Formel bringt. Aber er ist dann institutionstheoretisch formuliert. Denn er hebt nicht hervor, daß sich aus dem neuen Prinzip selbst eine Verfassungswirklichkeit allererst zu gestalten hat. Und er macht keinen Unterschied zwischen der Wirklichkeit des Vernünftigen im Bewußtsein als solchem und in der aus diesem Bewußtsein dann hervorgehenden Institutionsform des Staates. In der Einleitung zur Vorlesung von 1819120 erscheint nun Hegels Doppelsatz in seiner ursprünglichen Formulierung und, überraschend genug, in rein geschichtstheoretischem Sinn. Hier besagt er nicht, ein historisches Prinzip sei stets auch verwirklicht, im Bewußtsein und in den institutionellen Lebensordnungen einer Zeit. Es formuliert mit dem ganzen Nachdruck auf Hervorgang statt auf Zustand, daß keine Macht, weder auf Erden noch in Platons und anderen Himmeln, dem widerstehen könne, wozu ein Volk -in seinem Begriff fortgeschritten ist. Aus diesem Begriff wird sich die Idee über die Subjektivität zu

I

einem wirklichen Konkreten, Vorhandenen machen: »Was vernünftig ist, wird wirklich, und das Wirkliche wird vemiinftig« (P,4f.). Daß dieser Gedanke und nur er auch den Impuls enthält, aus dem die doppelt-inverse Formulierung Hegels hervorging, läßt sich nun in aller Deutlichkeit erkennen. In der Version der späteren Vorrede hat Hegels Doppelsatz einen imperial-deklamatorischen Klang. Betrachtet man seine Aussage ihrer Form nach, so erklärt er die Identität von Vernunft und Wirklichkeit von beiden Seiten der Glieder einer Identitätsbehaup- tung her. Damit stellt er, rhetorisch betrachtet, seine Behauptung als definitiv und unwidersprechlich auf. Allerdings weist die Doppelbe- hauptung auch in dieser Version noch eine weitere Komponente auf, die, anders als ein doppelt formulierter Identiratssatz, gedankliche Entwicklung enthält. Diese Komponente wird dann sichtbar, wenn man bedenkt, daß darin, daß das Vernünftige für wirklich erklärt wird, nicht auch schon allem, was in der gewöhnlichen Bedeutung -wirkliche genannt wird, ein Vernunftcharakter zugesprochen ist. Daß aber das Vernünftige insofern wirklich ist, als alles Wirkliche als solches ver- nünftig ist, statuiert der zweite Teil des Doppelsatzes. Diese Kompo- nente der Entwicklung ist aber in der Version der Vorrede, die ohnedies von der Natur der Vernunft, Wirklichkeit zu definieren, her argumen- tiert, der Erklärung des Definitseins von Hegels Prinzip durch die Doppelung der Erklärung der Identität von Vernunft und Wirklichkeit untergeordnet. Ganz anders verhält es sich mit der Doppelung in der Version der Einleitung von 1819120. In ihr ist die Doppelung von ihrem theoreti- schen Motiv her wohl motiviert, wenn nicht verlangt. Denn in ihr wird erklärt, daß das Vernünftige sich als solches und von sich her in Wirklichkeit überführt und daß insofern die Wirklichkeit als solche ebenfalls Vernunftcharakter annimmt: Sie wird von der Idee her zu einem Ganzen ausgebildet und so in ihr eigentliches Wesen integriert. Diese Doppelung geht nicht von der Einheit von Wirklichkeit und Vernunft aus, sondern davon, daß durch die unwiderstehliche Kraft der Vernunft, sich zu verwirklichen, Wirklichkeit zu der ihr eigentüm- lichen Form gelangt. Da sie aus diesem Gedanken kommt, hat die Doppelung der Formulierung hier nichts von der imperialen Erklärung eines Prinzips, sondern sie ergibt sich, auch in der Hinsicht, in der sie auf den letzten Einheitssinn von Vernunft und Wirklichkeit führt, ganz aus der Logik des Gedankens, - eines Gedankens, der die Bewegung der Vernunftform zur Wirklichkeit und die des Wirklichen zur Ver- nunftform als zwei Seiten eines Vernunftprozesses auffaßt.

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So versteht man einerseits, daß Hege! wohl der Meinung sein konnte,

den Sinn seines doppelten Diktums dadurch deutlich machen zu

können, daß er >Wirklichkeit< von -Schein- und -verganglicher Realität<

unterschied und unterstrich, nur für eigentliche Wirklichkeit den

Identitätssinn in Anspruch nehmen zu wollen. So hat er die Wahrheit seines Doppelsatzes, der alsbald von den wichtigsten seiner Gegner angegriffen worden war, im sechsten Paragraphen der zweiten Auflage seiner -Enzyklopädie- verteidigt. Und seine Schule hat diese Verteidi- gung Zu einem Stereotyp ihrer Selbstdarstellung werden lassen, das allerdings nie deren Herkunft aus einer Mischung von spekulativem Tiefsinn und profunder Verlegenheit verbarg. Zwar hatte auch schon die Einleitung von ,8 '9120 den geschichtstheoretisch gedachten Dop- pelsatz einer Reflexion auf die Beziehung zwischen dem -Getiimmel der Wirklichkeit" das sich dem unbewaffneten Auge darbietet, und

dem «Einfachen, und -Allgemeinen. in ihrfolgen lassen (50,,6-23). Da- mit hatte sie für die Formulierung der Version der gedruckten Vorrede den Ansatz geboten. Man versteht aber, daß Heinrich Heine eine be- friedigendere Auskunft, als die es war, die Hegel in der Enzyklopädie gegeben hat, in einer anderen Formulierung sah, von der er berichtete, daß er sie von Hege1 auf seine befremdete Nachfrage hin angeboten erhielt: »Alles, was vernünftig ist, muß sein« (vgl. Hegel in Berichten seiner Zeitgenossen, hrsg. G. Nicolin, Harnburg 1970, Dokument 363)-In dem »muß« dieser Version wird das »ist« der Vorrede unter der Vorgabe, ihr Indikativ halte an der institutionstheoretischen Bedeu- tung der Version der Vorrede fest, zurückgedeutet in den geschichts- theoretischen Sinn der ursprünglichen Version von 1819.

Die von Heine berichtete Formel muß, soll auch sie die von der

Doppelform der Aussage abhängige besondere Kraft von Hegels

Diktum bewahren, selbst in einer Doppelform ausgeschrieben werden. Dann müßte sie so lauten: >Was vernünftig ist, muß sein, und was ist,

muß vernünftig werdenc Dieser Sinn von Hegels Diktum fällt aber ganz mit dem der Version von 1819/20 zusammen. Und unangesehen dessen, ob Heines Bericht auch in seiner genauen Wortgestalt Quellen- wert für Hegels Antwort beanspruchen darf oder nicht, ist die Authen- tizität des Sachgehalts der von ihm überlieferten Antwort Hegels durch die Vorlesung von 1819120 nunmehr gesichert. Dies ist auch dann von großer Wichtigkeit, wenn der Unterschied zwischen beiden Formeln keinesfalls als eine Diskrepanz zwischen zwei Varianten von Hegels Systemgedanken selbst verstanden werden darf. Nur je ein anderer Aspekt im Einheitszusammenhang desselben

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,

Gedankens ist in der ursprünglichen und in der abgeleiteten Version

betont. Daß eine solche Verschiebung in der Betonung erfolgen

konnte, ist zwar nicht von Hegel selbst, wohl aber von denen, die ihm

folgten, aus gutem Grund für alles andere als gleichgültig erkannt

worden.

2.

DIE KRITIK DER MORALITÄT ALS GRUNDLAGE FÜR DIE THEORIE DER SITTLICHKEIT

Hegels philosophische Entwicklung zur Selbständigkeit des Denkens

war mehr als durch jeden anderen einzelnen Faktor bestimmt durch

seine Aufnahme der Kamischen Moral- und Religionsphilosophie,

durch deren Ausbildung zu einer neuen Form historisch orientierter

Religionskritik und schließlich durch die Kritik der Kamischen Lehre.

Sie ist uns in den Manuskripten der FrankfurterJahre überliefert, die zu den bekanntesten Werken Hegels gehören und sicher auch zu denen,

welche den stärksten Eindruck gemacht haben. Hegel will in ihnen

zeigen, daß sich Kants Idee einer Moralität, welche in der jederzeit

möglichen Universalisierung der Maximen unseres Handeins eine Erkenntnisregel des Guten haben soll, zunächst in unlösbare Probleme

bei der konkreten Handlungsbeurteilung verwickelt, um schließlich ihr

eigenes Prinzip, die in Vernunft begründete Selbstbestimmung des Handelns, zum Zusammenbruch zu bringen. Hegels Folgerung daraus ist, daß dies Prinzip der -formalen- Autonomie einem höheren Prinzip untergeordnet werden muß, das seinerseits erst den eigentlichen Sinn

von Freiheit erfüllt. Nur in dessen Zusammenhang soll auch die Kantische Freiheit des guten Willens einen wohlbesrimmten, von unbeherrschbaren Antinomien nicht mehr bedrohten Ort erhalten. Dieses Prinzip nennt Hegel zunächst -Liebe-, dann .Leben. und

schließlich .Geist-, In der -Rechtsphilosophiec ist es als -Sinlichkeit- gefaßt. In diesem Werk sind die Formen des praktischen Bewußtseins und die Verhältnisse des im Recht sich verwirklichenden Willens in einem System von Einrichtungen und Lebensweisen zusammenge- führt, das seinen Einheitssinn und seine Differenzierung aus dem gewinnt, was Hege! die objektiv gewordene -Idee- nennt.

Auch die von Hegel gedruckte -Rechtsphilosophiec enthält in ihrem

Abschnitt -Das Gute und das Gewissen- eine Paragraphenfolge, in der

die Gedanken der auf Formalität und Subjektivität begründeten Moral-

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lehren seiner Zeit von ihren Grundlagen her entwickelt und kritisiert werden. Und auch in ihr werden aus den Resultaten dieses Kapitels die

Schlüsselargumente für die Notwendigkeit des Übergangs in die Theorie der Sittlichkeit gewonnen. Es war jedoch stets auffällig, daß

dieser Text in hohem Maße hinter der theoretischen Bemühung, die

Kantische Problemdimension der praktischen Philosophie schlüssig zu überwinden, zuriickgeblieben ist, die Hegels frühe Manuskripte aus- zeichnet, welche sich ganz oder überwiegend um diese Aufgabe bemühen. Der gedruckte Text der -Rechtsphilosophie- gleicht eher einer Inventarisierung von in ihm selbst gar nicht ausgearbeiteten Begründungen. Auch die bisher verfügbaren Nachschriften aus Hegels

Vorlesungen haben kein anderes Bild gegeben. 18181r9 hat Hegel zu

dem für die Begründung seiner eigentlichen Position herausragend wichtigen Abschnitt nur fünf Paragraphen diktiert, die von Homeyer spärlich erläutert sind. In Hothos und v. Griesheims Nachschriften

liegt die Paragraphenfolge des Buches zugrunde. Und der vor allem im

Heft v. Griesheims ziemlich umfangreiche Text geht überwiegend

darauf aus, den abstrakten Gehalt der Paragraphen und ihrer Ableitun-

gen zu- erläutern und zu rechtfertigen und vielerlei Anwendungen auf zeitgenössische Positionen und auch auf theologische Probleme zu

entwickeln. Aber in der hier publizierten Vorlesung ist Hegel allem Anschein nach durch die besondere Situation, von vorformulierten Paragraphen unabhängig zu sein, aber auch durch direkte Rede über-

zeugen zu müssen, dazu veranlaßtworden, seine Argumentation gegen die Moralformen der Subjektivität originär und in der aus den Jugend- schriften vertrauten Kraft und Konkretion aufs neue zu entfalten. So hat sich auch in der Nachschrift ein Text ergeben, der zusammen mit

den Frankfurter Schriften und der Kritik der moralischen Weltan- schauung in der »Phänomenologie des Geistes« in das Corpus von Hegels wichtigsten moralkritischen Schriften eingehen wird.

3. DIE BÜRGERLICHE GESELLSCHAFT UND DIE ENTSTEHUNG

DER ARMUT

Das Kapitel über die bürgerliche Gesellschaft hat für Hegels Theorie

des Staatesebendie Funktion, welche der Abschnitt über das Gute und

das Gewissen für die Grundlegung der Theorie der Sittlichkeit im ganzen hat. Auch in der wiederum knappen Paragraphenfolge des

18

,

gedruckten Werkes hat dies Kapitel die wohl weitreichendsten Folgen nach sich gezogen, die irgendein Lehrstück Hegels je gehabt hat. Denn

Marx' intellektuelle Biographie setzte bei der Ausarbeitung des Zwie- spaltes ein, der ihm zwischen Hegels Einsicht in die Notwendigkeit der Entstehung des Proletariats und seiner Verelendung unter Bedingun- gen der kapitalistischen Produktionsweise und Hegels Meinung zu klaffen schien, der monarchisch verfaßte Staatund seine Institutionen blieben von dieser Dialektik unberührt, so daß sie aus eigenem, höheren Recht zur Bewahrung des sittlichen Lebens gegen sein Zerbre- chen im Klassengegensatz imstande seien. Hegels Ausführungen im Abschnitt -Die Polizei- enthalten, sieht man von Marx' Wertlehre und damit vom ökonomischen Materialismus ab, den vollständigen Grund- riß zu einerTheorie von der wechselseitigen Abhängigkeit von kapitali- stischer Produktionsweise und verarmender Arbeiterschaft. Und man hat darin stets und zu Recht eine erstaunliche Tatsache gesehen, daß gerade ein Philosoph zu solcher Einsicht in einer Zeit fähig war, in welcher der Streit der politischen Theorie noch aufzugehen schien in den Gegensatz zwischen der Verteidigung der durch die Revolution gewonnenen politischen Freiheit und der Erneuerung einer dem alten Europa nachgedachten Form hierarchischer Ordnung. Die hier publizierte Nachschrift enthält einen freien Vortrag von Hegels Analyse des Ursprungs des -Pöbels, und seiner Entfremdung, der alle anderen Texte in seiner Eindringlichkeit weit übertrifft. Der Erörterung des ökonomischen Zusammenhanges, aus dem die Armut

als ein Zustand, der »nach jeder Seite hin unglücklich und verlassen ist- (194,171.), hervorgeht, folgt eine Darlegung der vielen Aspekte der

Not und der Depravierung der Armen, in der sogar Töne aus Hegels

früher Kritik an der Theologie und der Ausbildung der Prediger der christlichen Botschaft wieder aufkommen. Noch wesentlicher, auch im Blick auf Marx, ist Hegels Diagnose des eigentlichen Ursprungs der Erscheinungsform des verarmten .Pöbels- aus berechtigter innerer Empörung. Es ist das Rechtsbewußrsein selbst, das nach Hegel das

Recht einschließt) der eigenen Freiheit ein Dasein zu geben und sie in einer Lebenswelt und in ihren Institutionen verwirklicht zu sehen, welches dem Verarmten entzogen wird. Darum macht seine Empö- rung, wie immer in der Gestalt von Neid und Haß, nichts als das eigene

Rechtsprinzip der bürgerlichen Welt geltend gegen die Auswirkungen

der aus ihr selbst hervorgehenden Ordnung. Der Arme ist durch die

Gesellschaft, die selbst Dasein eines Willens ist, in seinen Zwiespalt

gebracht, so daß er gegen dies selbst aus Willen kommende Dasein die

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Kraft und das Recht seines eigenen Willens setzt, dem sein Daseins- recht entzogen wurde. Alle einzelnen Motive dieser Analyse Hegels lassen sich auch an

verstreuten Stellen anderer Texte nachweisen, die in Hegels Werk überliefert sind, so daß auf diese Weise auch deren Authentizität nicht zweifelhaft sein kann. Aber nirgends finden sie sich in so beredtemund

überzeugungskräftigem Zusammenbang. Und so findet sich auch nirgends sonst in Hegels Werk die Schlußfolgerung, zu der Hege! mit Eindeutigkeit gelangt, wenn auch nach Ausweis des Textes zögernd und in einem Rückverweis versteckt: Die Armut hat in der bürgerli- chen Gesellschaft das Recht zum Aufstand gegen die Ordnung, die dem Willen der Freien jede Verwirklichung verwehrt. Hegel erklärt dieses Recht durch den Verweis auf und den Vergleich mit dem Notrecht, das

von ihm schon an anderer Stelle begründet war. Im Abschnitt über >Wohl und Absicht< heißt es zum Notrecht, die Rechte anderer zu

verletzen, in der extremen Gefahr, das Leben als solches zu verlieren:

»Nur da ist ein Notrecht anzusprechen, wenn die ganze Totalität der Rechtsfähigkeit in Gefahr kommt« (100,2 I H.). Die NOI der Armut ist aber nicht die, in der unter bestimmten Umständen die einfachsten Bedingungen des Lebens entzogen sind. Diese Not geht aus der Organisationsform der Gesellschaft als solcher hervor. Und so ist nunmehr zu sagen: »Hier hat die Not nicht mehr bloß diesen momen- tanen Charakrer« (I96,7f.). Dies ist nur zu verstehen als die Erklä- rung des Rechtes, gegen die Gesellschaft selbst, welche dem Willen des

Armen sein Dasein verweigert, dessen Verwirklichung durchzu- setzen.

Es gibt keine andere Stelle in Hegels Werk, an der er Revolution nicht

nur als historische Tatsache und Notwendigkeit begreift, sondern ein Recht zu ihr aus der systematischen Analyse einer auch für ihn gegenwärtigen Institution gewinnt und erklärt. So verwundert es auch

nicht, daß er diese Erklärungnur eben und in indirekterForm erreicht.

Gleich darauf nimmt er den anderen Faden des Gedankens auf, der Abhilfe der Armut im Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft verheißt. Aber die Erklärung des Notrechts zum Aufstand der Armen wird dadurch nicht zurückgezogen. Sie wird allerdings teils verhüllt, teils mit dem Gedanken des Rechts und der Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft zur Selbstveränderung und Selbstrelativierung zusam- mengedacht. Und die zentrale Stellung von Hegels Erklärung des

Notrechts zum Aufstand wird noch unterstrichen dadurch, daß in ihr

die Abhandlung der inneren Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft

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kulminiert, die von vornherein und im ganzen als »die Sphäre der Abhängigkeit und der Nor« charakterisiert worden war (I47,3rf.). Solche Befunde aus dem hier publizierten Text werden jedem, der zuvor. Marx' Kritik von Hegels Rechtsphilosophie gefolgt ist, eine Bes~ätlgun.g geben, wi~ sie aus keinem anderen Text Hegels zu gewinnen ist. Darum sei noch daraufverwiesen, daß dieser Text auch deutlicher als die gedruckte -Rechtsphilosophiee, aber in Übereinstim- ~ung mit der Nachschrift v. Griesheims, die Überlegungen verdeut- licht, welche es Hegel gar nicht in den Sinn kommen lassen, aus seiner Diagnose vom in der bürgerlichen Gesellschaft selbst hervorgehenden antiriomischen Konflikt die Theorie einer ganz anderen Form VOn Gesellschaft zu gewinnen. Für ihn ist die Krise der bürgerlichen Produktionsgesellschah die Krise ihrer Unvollkommenheit. Diese

Gesellschaft ist vom Eigeninteresse her organisiert. Sie gibt nur jenem Willen, der von diesem Interesse bestimmt ist, sein Recht und Dasein.

Das Notrecht der Armen stellt ihr, noch inhaltslos, ein höheres Recht

entgegen. Und die Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft in Reichtum

und Armut wird zuletzt nur zum Anlaß, dies höhere Recht zur Entfaltung zu bringen. So ist, was zunächst nur unzulängliche und

vorübergehende Abhilfe zu sein scheint, die Gründung von zur

Selbständigkeit bestimmten Kolonien, zugleich ein Bildungsmittel, das

noch im Medium des Eigennutzes, im Handel, ein Bewußtsein von den

weiteren Bedingungen des Menschendaseins, ein ,We1tinteresse<

erzeugt. Es eliminiert zwar nicht, übergreift aber doch den Gesichts-

punkt der Subsistenz, der dem Konflikt der bürgerlichen Gesellschaft selI~e Struktur gibt. ?ie so gewonnene Fähigkeit zu allgemeiner Besinnung muß dann m die bürgerliche Gesellschaft selbst zurückge-

tra?en:-rerden, um dort zunächst die Fähigkeit zur Ausbildung von auf Solidarität begründeten Institutionen, von -Genossenschafren. zu er- zeugen.

Wenn ~uch die Weise, in der diese Gedankenfolge von Hegel mit institutionellen Ideen besetzt wird, deutlich genug an Hegels eigene und an noch längervergangene Zeiten gebunden ist, so enthält sie doch

in der Form ihres Aufbaus ein gewichtiges Theoriepotential. Sie enthält

davon mehr als die schon zu lange geläufige Form von Gesellschaftskri- tik, die aus der radikalen Krise der bürgerlichen Gesellschaft auch ganz direkt die radikale Alternative zu ihr herleiten will und die meint, jede Abweichung VOn diesem einfachen Schema könne nichts anderes sein als die Furcht vor der Konsequenz mit der Folge von Symptomkur und

Anpassung. Es ist nicht schwer, in das von Hegel entworfene Schema

21

eine ganz andere Perspektive einzuzeichnen: von einer Gesellschaft, in der die aus ihr selbst hervorgehenden Konflikte als solche erkannt werden, und zwar so, daß auch erkannt wird, daß die Bedingungen zu ihrer Lösung eine Orientierung voraussetzen, die unter der Vorausset- zung des öffentlichen Bewußtseins, aus dem sie entspringen, nicht zu gewinnen ist. Indem eine solche Perspektive wirklich gewonnen wird, ist diese Gesellschaft, ohne zuvor durch eine ganz andere Grundforma- tion ersetzt worden zu sein, doch in sich selbst zu einer anderen geworden. Dafür, daß eine solche Umwendung, von der Hegels Ubergang zur -Sinlichkei« wie auch jeder irgendwie noch vergleichbare Ubergang ganz abhängig ist, überhaupt als eine Möglichkeit in den Blick kommen kann, muß eine für Hegels Theoriestellung gleichfalls entscheidende Vorbedingung angenommen sein: Es ist nicht notwendig, sondern vielmehr irreführend, die politische Theorie, zumal als Entwicklungs- theorie, in linearer Form anzulegen. Marx' Theorie ist in dem Sinn linear aufgebaut, daß sie aus einer Grundbedingung, den Produktions- verhältnissen, eine gesellschaftliche Formation hervorgehen sieht, die in eine totale Krise treibt, weshalb sie durch eine neue Totalität anderen Prinzips zu ersetzen ist. Hegels Theorie hat lineare Form nur in der An ihrer Darstellung, Teilfotmationen von Gesellschaft in linearer Folge- ordnung einzuführen. Die Logik, welche diese Folgeordnung steuert, bringt aber von vornherein in Ansatz, daß ein Zusammenhang, der -System- genannt werden darf, nur von einem Komplex mehrerer relativ selbständiger Faktoren ausgebildet wird, deren Einheit durch das definiert wird, was Hegel ,Begriff< oder .Idee- nennt. Deren logische Form ist die unauflösbare Zuordnung von einander abhebba- ren Strukturmomenten, die als solche einen zu relativer Selbständigkeit kommenden Sinn haben, - aber so, daß auch er sich nur im Zusammen- hang des Ganzen ergibt, das seinerseits das Gegenteil von einem Aggregat ist. Nur innerhalb eines solchen Ansatzes läßt sich überhaupt denken, daß die Krise einer Gesellschaft, die als solche so total ist wie die der bürgerlichen in ihrer Antinomie von Reichtum und Armut, dennoch partialen Ursprungs und darum auch partialer Natur sein kann. Daß sie aber partialen Ursprungs ist, ist allerdings die notwen- dige Voraussetzung dafür, daß sie in einer Form von Gesellschaft entfallen kann, die reicher entwickelt ist als die, welche in die Krise trieb. Diese Form folgt der, die kritisch geworden war, nicht einfach nur nach, sondern schreibt diese selbst in sich ein und ist im so definierten Sinn die .höhere-. Hegel hat übrigens, trotz des Scheines

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untangierbarer Selbstgewißheit, mit dem er seinen Integrationsbegriff, den vom Staatsorganismus, ausstattete, auch ein Bewußtsein davon gehabt, daß die Lösung der totalen Krise aus partialem Ursprung durch

Integration ganz andere Schwierigkeiten mit sich bringt als die bloße Umwälzung bestehender zu neuen Verhältnissen. Der geschichtsphi- losophischen Vorlesung zufolge war ihm der Konflikt zwischen der Freiheit, die als die des Einzelnen ihr Daseinsrecht hat, und der Freiheit im Bewußtsein eines organisationsfähigen Allgemeinen »diese Kolli-

, an dem die Geschichte steht

und das sie in künftigen Zeiten zu lösen hat« (Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte, ed. Lasson, IV, S.933). So formuliert, alsounabhängigvom Geltendmachen des monarchisch verfaßten Staats- organismus als letzter Synthesis, faßt Hegels Problemformel auch noch das gegenwärtige Problem der Selbsterhaltung der Menschheit. Denn uns wurde gleichermaßen deutlich, daß die Konflikte, welche ihre modernen Lebens- und Produktionsforrnen erzeugen, nicht nie- derzuhalten sind, wie, daß sie sich durch Umkehr oder durch einen Sprung in vermeintlich ganz andere Verhältnisse nicht lösen. Der Gedanke an ein Allgemeines, in dem sie auf eine andere Weise sowohl zum Austrag kommen als auch grundsätzlich begrenzt werden könn- ten, hat also wirklich einen höheren Vernunftsinn als der aus linearer Geschichrstheorie begründete Aufruf zu einem Neubeginn aus Umwälzung, der unter der Last der geschichtlichen Wirklichkeit selbst schon gealtert ist. Ein solcher Aufruf ist, anders als Marx es meinte, auf keine Weise, also auch nicht über Umorganisationen oder die Abtren- nung von -fortschrittlichen- Momenten, aus Hegels Theorie herzulei- ten, ohne daß dabei deren Grundform zerstört wird. Aber beide haben dennoch die Einsicht miteinander gemein, daß das Vernünftige der Menschenwelt, und zwar unter Konflikten, wirklich zu werden hat, daß es sich also, sofern es wirklich ist, nicht etwa von selbst versteht und gedankenunfähige Einhausung zuläßt oder begünstigt. (Vgl. D. Henrich, Logische Form und reale Totalität, in: Hegels Philosophie des Rechts, ed. Henrich/Horstmann, Stattgart '982, S. 428ft)

sion, dieser Knoten, dieses Problem

Ifl. Der Fürst als Gedanke und die Zensur als Faktum

Die vierte Teiltheorie Hegels, zu deren Verständnis das hier publizierte Manuskript Wichtiges beitragen kann, ist auch der Bereich, der mit Hegels Standort zu im engeren Sinne politischen Alternativen am deutlichsten verbunden ist: die Theorie der fürstlichen Gewalt. Es ist

bekannt,

daß

Hegels

Rechtsphilosophie

die Erbmonarchie preist.

Deren Vorzug ist es nach Hegel, daß sie alle Institutionen des Staates auf andere Weise als durch bloße Kontrolle miteinander vereinigt und daß sie diese Einheit auch insofern vollständig macht, als sie eine letzte

Instanz des Entscheidenkönnens darstellt, welche durch keine dem

Staat äußere Entscheidungsmacht realisiert werden kann und muß. Es ist oft hervorgehoben worden, daß Hegel in dieser Staatskonzeption allen Freiheitsrechten der Bürger wohl einen Raum zu ihrer Entfaltung, nicht aber die Spur eines Rechtes auch gegen die Staatseinheit selbst

zuspricht. Man muß einsehen, daß die Konzeption selbst dem wirklich definitiv entgegensteht. Diese Grundposition, die Hegellange vor der Berufung nach Heidel-

berg und somit dem Beginn der Vorbereitung seines Lehrbuches eingenommen hat, ist) wie nicht anders zu erwarten, in allen Quellen ganz unverändert durchgehalten. So kommt sie auch in der Vorlesung von r819/20 wie in allen anderen Nachschriften aus den Kursen Hegels zu unzweideutigem Ausdruck. Aber auch sie läßt einen Spielraum für

die Darstellung und in der Akzentuierung offen:

Zu Hegels Lehre von der Monarchie gehört auch die Abwehr der

Vorstellung, die Staatseinheit als solche und die Ordnungder Verfas- sung gehe von der Person des Fürsten aus. Da das Umgekehrte gilt, der Fürst selbst also Institution ist, kann betont werden, daß sein letztes Entscheiden in die Wirklichkeit der Verfassung eingebunden und somit auch VOn einer Regierung aus Willen und Ermessen des Monarchen ganz zu unterscheiden ist. Umgekehrt kann aber gegen den Konstitu- tionalismus nach englischem Vorbild auch betont werden, daß dem Fürsten das Recht zukommt, von sich aus zu bestimmen, wo und inwieweit er in dem in Institutionen verankerten Entscheidungsprozeß zum -Selbsrregieren- überzugehen habe. Auch diese Zweideutigkeit ist in Hegels Theorie von ihrer gedank-

lichen Fundierung her eingebaut. Sie füllt fast die ganze Spanne aus

zwischen einem Konstitutionalismus, der die Monarchie nur noch durch die Erblichkeit des höchsten Amtes vom reinen Repräsentativsy- stem unterscheidet, und einem in der Konstitution verankerten Abso-

f

lutismus des Entscheidens. Es gibt keinen Text von Hegels Hand zur

Verfassungslehre, der nicht auchmanifest oder tendenziell durchdiese

Zweideutigkeit gekennzeichnet wäre. Und doch sind die Verschiebun-

gen erheblich, welche jeweils durch einen Akzent auf die eine oder

andere der beiden Implikationen in die Selbstdarstellung und das Oberflächenprofil seiner politischen Theorie kommen. So hat man schon mehrfach richtig beschrieben, daß Hegel in der gedruckten

-Rechtsphilosophiec die Bindung des Monarchen an die Institutionen des Staates, die seine Entscheidungen vorbereiten, jedenfalls nicht in

den Vordergrund ruckt, wahrend die bisher in Nachschriften überlie- ferten Vorlesungen viel stärker hervorheben, daß das Entscheiden des

Monarchen nicht als ein Entscheiden aus eigenem Ermessen, sondern

nur als der formelle Abschluß eines längst auf ein Resultat festgelegten

Deliberationsprozesses anzusehen ist.

In der hier publizierten Vorlesung hat Hegel das bloß Formelle im

Entscheiden des Fürsten noch mehr betont als in der Vorlesung, die

Horho nachschriebund die dafürbisher die anscheinendprägnantesten Belege lieferte. Hothos Nachschrift zufolge sagte Hegel, daß man zu

einer Monarchie einen Menschen brauche, »der •ja- sagt, den Punkt auf das I setzt, denn die Spitze soll so sein, daß die Besonderheit des

Charakters nicht das Bedeutende ist« (Ilt. 3,764), Die Metapher vom Tüpfelchen auf dem I scheint die ganze Vormacht des Verfassungspro-

zesses gegen den Fürstenwillen so deutlich wie nur möglich zu machen. Und doch ist auch sie nicht ganz frei von jener Zweideutigkeit, die auch Hegels Position selbst kennzeichnet. Denn einerseits setzt der I-Punkt

nur den Abschluß einer vorher schon beendeten Schreibbewegung.

Andererseits ergibt diese Bewegung rein für sich auch nur einen bedeutungslosen Strich, wenn der Punkt nicht dazugesetzt wird. Und so war ganz mit Recht zu fragen, wie es zum notwendigen Entscheiden komme, wenn der Monarch sein verwirklichendes)Ja< verweigert. Im hier publizierten Manuskript wird dagegen die Funktion der Signatur des Monarchen soweit herabgesetzt, daß sie nur noch als ein

bloßes Symbol für die Entscheidungsfähigkeit des Staates erscheint:

ist das Zeichen der Vorstellung, wodurch sie es

erreicht, das Einzelne als Einzelnes aufzunehmen. Die Richter spre-

chen im Namen des Monarchen, obschon sie völlig unabhängig sind«

(250,33-25' ,3).

Diese besonders eindrückliche Formulierung wird kaum einge- schränkt, sondern im wesentlichen bestätigt durch Hegels ergänzende Rechtfertigung des monarchischen Prinzips aus äußerem und innerem

»Der Name

Notstand: »Der Souveränität als dieser innersten Einheit und Identität kommt es hauptsächlich zu, vor dem Riß zu stehen« (25I,qff.). Im übrigen ist es wichtig hinzuzufügen, daß Hegel den inneren Notstand nicht aus Angriffen gegen die Verfassung, sondern daraus definiert) daß »innere Mängel der Verfassung sich hervortun- (25I,I9)' Wer will, kann aus solchen Äußerungen konstruieren, daß sich die auf Hegel hätten berufen können, welche im späteren I9. Jahrhundert Sozial- oder auch sozialistische Politik mit monarchischer Hilfe durchsetzen

wollten. Alle diese Aspekte und Akzentsetzungen in Hegels Vortrag, die denen

willkommen sein müssen, welche die .liberale. Substanz von Hegels politischem Denken verdeutlichen wollen, sind aber ermöglicht von dem Prinzip her, das ebensogut auch Herleitungen und Akzemsetzun-

gen erlaubr, die dann Belege für die These über Hegel als Adjuvanten

der Restauration ergeben: Eben deshalb, weil im Monarchen die Entscheidungsfähigkeit des Staates als Institution verwirklicht ist, kann er wohl in seinem wirklichen Entscheiden in die ganze Verflechtung der Institutionen eingebunden sein. Es kann aber auch keine Institution geben, welche diese institutionelle Wirklichkeit des Entscheidens unter wohlbestimmte und dann auch einklagbare Grenzen stellt. Regiert also der Fürst, so verletzt er kein Recht, und Hegel kann nur versichern, daß dies nicht »ratsam«, gar »gefahrlich« (253,I3) und im übrigen in modernen und gebildeten Staaten nicht zu erwarten sei (254,I). Das

eine wie das andere folgt direkt aus der Weise, in der Hegel den Begriff

des Staates in sein System des logischen Begriffes als eines solchen eingebettet hat: als ein selbstgenügsames, in sich differenziertes Wirkli- ches von der logischen Form des Geistes. Als solches behauptet und bewährt es seine Identität in Beziehung auf alle Kontingenz und aktualisiert die Vernunftnotwendigkeit in jeder Einzelheit seines Sich- bestimmens ganz aus sich selbst heraus. Dieser Gedanke vom Staat

folgt für Hegel direkt aus einem metaphysischen Konzept und aus

keiner Orientierung und Option, die in sich politischer Natur ist. Nur durch einen Gedanken, der sich Hegels metaphysischem Prinzip in der Kenntnis seiner Eigenart und der Aufnahme seiner Stärke entgegen- stellt, kann die Zweideutigkeit in den Folgerungen entfallen, zu denen Hegel aus in sich selbst gar nicht zweideutigen Gründen gelangt ist. Unangesehen dessen kann aber jede Akzentverschiebung bei der Darstellung von Hegels Theorie, die von ihrer eigenen Form her

ermöglicht ist, die Nachfrage nach den politischen Rahmenbedingun-

gen aufkommen lassen) in denen sie konzipiert und vorgetragen ist.

26

Und die hier publizierte Vorlesung muß eine solche Frage wegen der brisanten politischen Konstellation, in der sie gehalten wurde, auch in

besonderer Weise auf sich ziehen. Karl-Heinz Ilting (Ilt. 1,25-68) hat

diese Konstellation und ihre weitere Entwicklung in Beziehung auf Hege! in einem anschaulichen Bericht vergegenwärtigt: Hegels Verbin-

dung mit der Burschenschaft, Verdächtigung und Verhaftung einiger

seiner engsten Schüler, die Karlsbader Beschlüsse zur Demagogenver- folgung und die Verschärfung ihrer Zensurbestimmungen in Preußen,

Hegels beängstigtes, von seiner Umgebung für servil angesehenes

Verhalten gegenüber Schleiermacher, Hardenberg und im Senat, die Ungewißheit über den Grad der Festigkeit seiner Stellung und des ihm

von Altenstein und seinem Ministerium entgegengebrachten Wohlwol-

lens bis in den Sommer 1820, in dem, wie kürzlich gezeigt wurde,

Hege! eine erste Versicherung von Dank und fortdauernder Anerken- nung seitens der ihm vorgeordneten Behörde erhielt (H. C. Lucas, U. Rameil, Furcht vor der Zensur?, Hegelstudien XV, I980, S. 89f.).

Ilting erklärt aus dem Druck, unter dem Hegel stand, daß die publi-

zierte Form seiner Rechtsphilosophie nicht den wirklichen Standort Hegels in politischen Fragen offenlege. Diese Version verstehe sich in allem, wodurch sie sich von den erhaltenen Vorlesungsnachschriften unterscheidet, im Zusammenhang mit Hegels zum »Selbstschutz« (Ilt. I,65) unternommenen »Profilierungsbemühungen« (Ilt. I,66) als eines Professors) der die Philosophie so lehrt, daß sie »eine unmittelbare Beförderung der wohltätigen Absichten der Regierung werden könne«

(vgl. Ilt. 1,67). Dem Buch Hegels fehlt insofern die Authentizität, als

gelten zu

die

dürfen (Ilt. I, II3).

Ilting hat das Ergebnis dieser aus Lebensangst kommenden Anpassung

auch als ,Wechsel des polirischen Standorts- beschrieben (Ilt. 1,25 ff.),

und zwar nicht im Sinne von außertheoretischen Parteinahmen, son- dern als einen Wechsel, der im Vortrag der politischen Theorie selbst

zum Ausdruck kommt. In dem Maße, in dem die gedruckte -Rechts- philosophie. gegenüber den bisher schon verfügbaren Quellen der

vorausgehenden Jahre Abweichungen aufweist, ist Iltings Beschrei-

bung bei der für ihn gegebenen Quellenlage plausibel gewesen. Und

solche Abweichungen gibt es wirklich, vor allem in der Vorrede, in der

(von

einmal abgesehen) die geschichtstheoretische Perspektive von der institutionstheoretischen verdrängt ist, und in geringerem Maße auch

im Kapitel über die fürstliche Gewalt, in dem das Entscheidungsrecht

maßgebliche

Darstellung

seiner

wirklichen Theorie

ungehemmten polemischen Ausfällen gegen schon Verfolgte

des Monarchen gegenüber der Formalität dieses Entscheidens in den Vordergrund gerückt wurde. Dennoch war, wie sich nun zeigt, das Psychogramm von Hegels innerer Lage, das Ilting teils ausführte teils unterstellte, noch nicht bestimmt genug gefaßt. Denn die Verformung von Hegels ursprünglichem -politischen- Standpunkt kann Camou- flage, gewollte Zweideutigkeit, Unfähigkeit, es zu vermeiden, je nach dem Auditorium doppelzüngig zu sprechen, wirkliche, also über- zeugte, wie immer vorübergehende, womöglich aus Selbstüberredung kommende Neudefinition der Theoriestellung und noch vieles anderes mehr zum Grunde haben. Man gerät auf abschüssiges Terrain, wenn man sich außerhalb einer auf umfassendes Verstehen einer Person angelegten Biographie in Vermutungen über solche Motivzusammen- hänge einläßt oder einen Argumentationsgang entwickelt, der darauf angewiesen ist, auf solche Vermutung anzuspielen. Doch ist auch zuzugeben, daß dies in Anbetracht der Quellenlage, vor der Ilting stand, kaum zu vermeiden gewesen ist. Diese Quellenlage hat sich nun überraschend und entscheidend verän- dert. Denn in eben dem halben Jahr, in dem Hegel die Publikation seiner -Rechrsphilosophie- vorbereitete, hielt er eine Vorlesung, die sich, was die in ihr implizierten politischen Standortnahmen betrifft, gewiß nicht durch mehr Begünstigung der Restauration von den früheren und späteren Kursen unterscheidet, die sogar eher in der Betonung der Faktoren, die eine -liberale- Lesart seiner Theorie erlauben, über die anderen Kurse noch hinausgeht. Von einer Anpas- sung an die sich dramatisch entwickelnden Zeitumstände findet sich in ihr keine Spur. Das hat zwingend zur Folge, Hegels Psychogramm, sofern aus ihm die Differenzen zwischen Buch und Kurs -Rechtsphi- losophie- erklärt werden sollen, anders und spezifischer zu formulie- ren. Man hat festzustellen, daß er nicht ängstlich genug war, um auch im Hörsaal die geschichtstheoretische Perspektive zu verstellen und die Handlungsfreiheit des Monarchen mit Betonung herauszuheben. Es mag sein, daß er sich dort vor Denunziation sicher glaubte, zumal noch nicht untersucht wurde, in welchem Umfang Bespitzelung auch der Vorlesungen geübt oder befürchtet worden ist. Es mag sein, daß sich sein Verzicht auf Diktate nicht nur aus der Hoffnung, sein Buch bald publizieren zu können, sondern auch aus der Vorsicht erklärt, keinen Text zu produzieren, auf den man ihn hätte festlegen können. Schließ- lich mag es sein, daß er nicht dazu imstande war, auch von ihm selbst wirklich intendierte neue Akzentsetzungen im festen Rahmen seiner Theorie vor seinen Studenten über die Lippen zu bringen, denen seine

Lehren und Worte aus dem vorausgehenden Wintersemester offenkun- dig nicht unzugänglich waren. Es ist keine ganz fernliegende Tatsache der Verständigung unter Menschen, daß vieles so gesagt wird, wie es dem Ohr des anderen zuzumuten ist. Diese Färbung der Töne kommt selten geradezu aus Berechnung. Und auch geschrieben wird für ein in der Imagination des Autors in der einen oder anderen Weise gegenwär- tiges Auditorium. So mag es denn sehr wohl sein, daß der bloße Umstand, daß Hegels Buchmanuskript auch im Wissen davon geschrieben wurde, daß es Kollegen, Zensoren und vorgeordneten Behörden vorliegen würde, manche Züge in es gebracht haben, die es von dem für den Vortrag im Hörsaal geschriebenen Manuskript auf die Weise unterscheiden, die der Vergleich zwischen Buch und Nach- schrift ausweist. Hier soll und muß dies alles dahingestellt bleiben. Sofern man aber einen Grund in Rechnung stellen will, der die Unterschiede zwischen Buch und Kurs aus einer Absicht erklärt, die auch in Hegels Bewußtsein und in einer Art von explizitem Programm bei seiner Niederschrift wirksam gewesen ist, so kann neben der Rücksicht auf seine Oberen nunmehr nur noch einer genannt werden:

die Rücksicht auf die Zensur. Das preußische Zensuredikt vom IS. Oktober 1819 wurde, wie wir aus Varnhagen von Enses Aufzeichnungen wissen (Blätter aus der preußi- schen Geschichte, Band r Leipzig ,868, z.B. S. 69, 73, 78), nur allmählich zu einer Praxis entwickelt. Und die Liberalität und Großzü- gigkeit seiner Handhabung war dann niemals mit Sicherheit abzusehen. Wäre Hegel ausgerechnet mit seiner politischen Theorie bei der Zensur in Schwierigkeiten gekommen, so wären solche auch bei den Behörden zu fürchten gewesen, auf deren Protektion er so großen Wert legte. Man kann sieht leicht ausmalen, daß gerade eine Vorrede wie die der -Rechtsphilosophie- geeignet war, dem Buch, dessen Stellung im ganzen sie kommentierte, bei einem rigiden Zensor freie Bahn zu verschaffen. Ein Billett Hegels, das den Druck der ersten Hälfte seines Manuskriptes zu verzögern bittet, bis der zweite Teil vom Zensor zurückgegeben ist, läßt sich durchaus aus Besorgnissen verstehen, welche die Zensur betreffen (vgl. H. Schneider, Neue Briefe aus Hegels Berliner Zeit, Hegelstudien VII, '972, S. 100). Hätte nämlich der zweite Teil, der die Theorie der fürstlichen Gewalt enthält, zu Schwie- rigkeiten geführt, so hätten sie nachträglich auch den ersten Teil betreffen können. Aus diesem Grund und aus keinem anderen, den zu vermuten wir Anlaß hätten, konnte Hegel ein früherer Druckbeginn als nicht gerade ratsam erscheinen. Ist das Billett als wirkliches Beweis-

stück für Hegels Besorgnis auch ungeeignet, so paßt es doch in das Bild von Hegels Verarbeitung der Situation, in der er sich 1819120 bei der Mitteilung seiner Gedanken befand, das wir uns machen können, nachdem wir Kenntnis von der Vorlesung haben, die mit der Entste- hungsgeschichte der gedruckten -Rechtsphilosophie, so nahe wie nur möglich zusammengehört.

IV. Hegels Theorieform; Konsequenz und Alternative im Staatsbegriff

Alle Schwankungen in Hegels politischer Standortbestimmung sind

zuletzt von den Grundbestimmungen seiner politischen Theorie her ermöglicht. Und somit müssen alle Fragen, sobald sie ein eigentlich theoretisches Interesse verdienen sollen, auch am Ende auf die Forma- tionsbedingungen dieser Theorie als solcher zielen. Daß diese Theorie nicht einfach in Geltung gelassen werden kann, ergibt sich nicht allein und nicht so sehr daraus, daß sie das monarchische Prinzip verteidigt und verteidigen muß, sondern daraus, daß sie diesem Prinzip gar keine stabile, von Zweideutigkeiten in der Ausformulierung freie Definition zu geben vermag. Zur Leichtigkeit dieser Einsicht steht aber die Schwierigkeit in auffälligem Kontrast, eine überzeugende Alternative auch nur zur Sprache zu bringen, die sich auf der Höhenlage von

Hegels Problembewußtsein hält und die aus der Nähe auf die innere

Form seiner Theorie eingehen kann. Diese Schwierigkeit ist zuletzt gar nicht von der viel allgemeineren Schwierigkeit verschieden, die Unter- werfung unter Hegels System auf eine Weise zu vermeiden, die nicht, zumindest am Ende, auf Kontaktlosigkeit oder Kontaktverweigerung mit dessen Prinzipien und Diskursformen hinausläuft. Eine Einlei- tung, die einen neuen Hegeltext präsentiert, kann nicht der Anlaß für einen Versuch sein, über eine Schwierigkeit von solcher Größenord- nung hinauszukommen. Sieist so grundlegend, daß sie noch immer die Problemlage hinsichtlich Hegels aus einem prinzipiellen theoretischen Defizit heraus kennzeichnet. Am Platze ist aber eine Verständigung darüber, daß sie wirklich die zuletzt entscheidende Problemdimension ist, - auch für den Umgang mit Hegels politischer Theorie.

Hegels Lehre in der -Rechtsphilosophie- läßt sich als -Institutionalis-

mus- kennzeichnen. Minimale Bedingungen für einen Institutionalis-

mus sind dann erfüllt, wenn akzeptiert wird, daß eine Rechtstheorie, welche sich auf das Prinzip des autonomen Willens begründet, auch

Bedingungen von eigener Art und eigenem Ursprung anerkennen muß,

von denen die Möglichkeit einer Lebensordnung abhängt, in der sich jene Prinzipien allererst verwirklichen können. Aber Hegels Theorie

ist die eines starken Institutionalismus: Sie lehn, daß sich die Freiheit des einzelnen Willens nur in einer Ordnung verwirklichen kann, die als objektive selbst die Form des vernünftigen Willens hat und die insofern

den einzelnen Willen ganz in sich einbegreift und unter ihre eigenen Bedingungen, wie immer ohne Entfremdung, subsumiert. Der ein- zelne Wille, den Hegel den .subjeknven. nennt, ist in die Ordnung der Institutionen ganz eingebunden und überhaupt nur insofern gerecht- fertigt, als diese selbst es sind. Darum kann auch sein Recht, das sich in seiner Institutionalisierung erfüllt, niemals noch als ein Recht gegen die Institution als solche verstanden werden. Der starke Institutionalismus

führt zwingend zu Hegels Theorie der fürstlichen Gewalt oder zu

einem vollwertigen Äquivalent zu ihr, somit auch zur Undenkbarkeit der Begrenzung dieser Gewalt in irgendeiner Form von einklagbarem Recht. Hegel war somit Monarchist keineswegs aus politischer Nei- gung, sondern aus theoretischer Pflicht. Der starke Institutionalismus der politischen Theorie hat aber auch

allgemeinphilosophische Prämissen. Sie liegen nicht in Hegels Einsicht und Verlangen danach, daß individuelle Freiheit im freien Leben eines

Volkes verwurzelt sei, sondern in der besonderen Form der spekulati- ven Theorie von einem -Absolutene, in der er sich mit Schelling

verbunden hatte: Die Welt als solche hat Begriffsform, und darum ist

sie als solche zu begreifen und nicht nur ihrer Erscheinung nach. Die

logische Form der Welt erlaubt es sodann, alles Wirkliche als in

wohlgeordneten Systemen organisierte Einzelne zu betrachten. Sie verlangt nicht, das Verschwinden aller Differenz zu denken, sondern vielmehr in sich selbst differenzierte und zentrierte, von anderen realiter unabhängige Entitäten. Unter der ständigen Anleitung durch dieses Prinzip hat Hegel über Planetensysteme und über Verfassungen sozusagen im gleichen Atemzug theoretisieren können.

Man muß sich klarmachen, daß dieser Gesichtspunkt nicht als willkür-

lich anzusehen und nicht rein nur als vermessen abzutun ist. Denn die Welt ist so wirklich wie das System der elementaren Kräfte, wie Galaxien, wie Organismen und wie bewußtes Leben. Es liegt nahe und nicht im Abweg, die vernunftfähigen und die vernünftigen Lebensfor- men der Menschen als in der gleichen Weise wirklich und als in

3 1

Ordnungen bestehend zu denken, die in einer Kontinuität mit allen anderen Ordnungen der Welt zu verstehen sind. Das aber läßt den starken Institutionalismus in der politischen Theorie zur am nächsten liegenden Folgerung werden. In Hegels Entwicklungsgang ergab er sich zunächst durch seinen Anschluß an Schellings Naturphilosophie. Er wurde noch befestigt durch Hegels Entwicklung des Gedankens vom Einen Absoluten bis zum Gedanken vom Absoluten als Geist. Denn damit war es möglich und notwendig geworden, der Wirklichkeit als solcher eine Bewegung zuzuschreiben, die zu der Selbstmanifestation ihres Wesens führt. Und das bedeutet, daß es unnötig wird, diese Bewegung aus dem Erkennen der Einzelnen zu gewinnen, daß vielmehr einleuchtet, daß dieses Erkennen selbst nur aus einem Zusammenhang ermöglicht ist, der sich vielleicht auf dieses Erkennen hin, aber sicher nicht von ihm her versteht. Der Gedanke von einem -Absoluten-, das -Geist- ist, steigert also wohl zwar die Bedeutung alles dessen, was subjektiv und als solches vernünftig ist, verstärkt aber auch die Vormeinung, daß die bewußte und vernünftige Person sich bei der Selbstpreisgabe in eine ihr vorgängige Bewegung gar nicht entfremden, sondern nur gewinnen kann. Und eben das lehrt in der Theorie des Rechts der starke Institutionalismus. Sind nun aber die Folgerungen, die sich aus dem starken Institutionalis- mus ergeben, nicht nur aus Gründen gegenwärtiger und vielleicht doch zeitgebundener politischer Überzeugungen, sondern sogar schon in sich selbst und aus theoretischen Gründen unhaltbar, so stellt sich zwingend eine Grundfrage: Kann innerhalb von Hegels Systembegriff eine andere Form von Institutionalismus gewonnen werden, oder muß diesem System als Ganzem eine Theorie von ganz anderer Fundierung und Konstruktionsweise entgegengestellt werden? Neben dem minimalen und dem starken Institutionalismus läßt sich eine weitere Form von Institutionalismus denken, den man -moderate nennen könnte. Er wäre von dem Gedanken her konzipiert, daß individueller Wille nur in ihm gemäßen Einrichtungen mit ihren eigentümlichen Existenzbedingungen verwirklicht werden kann, daß aber diese Einrichtungen ihrerseits an den in sie inkorporierten Willen und an dessen eigenes Recht durchgängig zurückgebunden bleiben. So wäre das' Prinzip der Institution als solches nicht aus dem subjektiven Wollen zu gewinnen, ebensowenig ihm aber auch definitiv vorzuord- nen, so daß es vom subjektiven Wollen als gleichfalls eigenständigem Prinzip ganz freigesetzt wird. Moderater Institutionalismus wäre

darum auch geradezu daran erkennbar, daß er es erlaubt und verlangt, Rechte der Individuen gegenüber den Institutionen ihrer eigenen Venvirklichung ohne Widerspruch und als eine ausgezeichnete Wirk- lichkeit auch noch der Institution selbst zu definieren. Die Absenz solcher Rechte charakterisiert Hegels Rechtsphilosophie. Würden sie aber zugelassen und im System konsistent zugelassen werden können, so entfielen eben damit in ihm auch alle die Punkte, die am auffälligsten zweideutig und anstößig sind. Es scheint nicht aussichtslos, Hegels Gesamttheorie einen solchen moderaten Institutionalismus abzugewinnen, ohne sie dabei zur Uner- kennbarkeit zu verformen. Dazu wäre es nötig, die Theorie des Rechts stärker, als Hegel selbst es tut, an die Kontinuität zwischen Philosophie des -subjekriven. und des -absoluten. Geistes zu binden. Formen des absoluten Geistes sind solche, in denen das eigentliche Wesen des Wirklichen im ganzen gewußt und aus Wissen dargestellt ist. Sie alle haben mit dem, was in der Rechtstheorie eine -Institution- ist, das gemein, nicht auf individuellem Bewußtsein begründet zu sein; sie sind aber zugleich auch nur unter Einschluß des Wissens der Einzelnen in nicht reduzierbarer Eigenständigkeit zu begründen. Künstler, Kultge- meinde und Philosoph haben miteinander gemeinsam, ganz in ihrer Sache verloren und doch aus sich selbst heraus zu sein, was sie sind. Als Ganze sind die Formen des absoluten Geistes darum auch nicht Wirklichkeiten wie Hegels Staaten es sind: höchste Objekte und Gegenbilder der Natur (Ilt. 3,84'). Sie sind das Wirkliche als Ganzes, aber insofern es wesentlich jener Prozeß ist, der die wissende Bezie- hung auf sich im subjektiven Leben in eins mit der Vollendung von dessen Selbstbeziehung freisetzt. In Hegels Rechtsphilosophie ist die Welt der Institutionen primär als höchste Darstellung der Vernunft- form in einem wirklichen System und erst sekundär, und insofern sie zuvor das erste ist, auch als Stufe auf dem Wege des Geistes zu seinem Wissen von sich konzipiert. Es scheint, daß sich ein moderater Institurionalismus dadurch gewinnen ließe, daß man diese Abfolge unter den Faktoren umkehrt, durch die Hegels Theorie des objektiven Geistes in die Theorie des Geistes insgesamt einbezogen ist. Dann wäre eine Institution Geist, insofern der vernünftige Wille in ihr zu wirkli- chem Willen inkorporiert wird und insofern er eben damit die Fähig- keit gewinnt, in seinem Wollen von einer Art zu sein, die das Wissen von einem Ganzen der Welt vorzubereiten und in die eigene Praxis einzubringen vermag. Nur wenn dies mit Hege! zu denken wäre, ließe sich seine politische Theorie von ihren Zweideutigkeiten befreien, ohne

33

~-

daß sie damit auch ihren theoretischen Boden verliertund um so mehr haltlos wird. Bei näherem Zusehen wird aber unwahrscheinlich, daß eine solche Reorganisation von Hegels Theorie allein aus deren eigenem Theorie- potential gelingen könnte. Ihr stehen zumindest die erheblichsten Schwierigkeiten entgegen: Schon der genaue Sinn der Definition des Rechts als Dasein der Freiheit scheint mit dem moderaten Instituriona- lismus theoretisch unverträglich zu sein. Denn diese Definition zielt auf die Überführung des Willens in sein objektives Korrelat ab, während der moderate Instirutionalismus an einer Korrelation zwi- schen einem eigenen Recht des Willens und dem Recht dessen festhal- ten muß, worin er sich verwirklicht. So scheint es, daß der Versuch, Hegels Folgerungen abzuschwächen, unmittelbar zu einer Korrektur

auch an den Ableitungsprinzipien der Rechtsphilosophie zwingt. Eine solche Korrektur würde dann aber womöglich auch den spekulativ-

logisehen Formalismus betreffen müssen, mit dem Hegel über die

ganze Rechtsphilosophie hinweg aus dem Hintergrund operiert. Der

sieht vor, daß in der Abfolge der Systemfiguren von Rechtsformen diejenige die letzte ist, in der das Allgemeine sich die -Besonderheit-

und die -Einzelnheit- subordiniert. Auch aus ihm ist der starke Institutionalismus begünstigt, dem der Staatdas selbst zur Einzelnheir bestimmte Allgemeine ist, in das alle Differenzen und Besonderungen harmonisch einbezogen sind (vgl. den auf S. 23 zitierten Aufsatz). Aber auch wenn man von solchen subtilen formalen Begründungen

absieht und nur die Verständigung über die Welt im Auge behält, auf

die Hegels System angelegt ist, scheinen die für einen moderaten

Institutionalismus unerläßlichen Änderungen bei der Verfugung der Rechtsphilosophie nicht in das System als solches. aufgenommen werden zu können. Zu Hegels ganz grundlegenden Uberzeugungen gehört es, daß die Begriffsform des Denkens nicht nur Wirkliches

erreicht, sondern daß sie alles Wirkliche ermöglicht und sogar aus-

macht. So ist die Welt nur die Selbstauslegung der logischen Form. Und als solche sind die Systeme der Natur für die Erkenntnis offen. Sie sind

in der ihnen immanenten Logik denkend zu vergegenwärtigen und so einzubegreifen in eine vernünftige Anschauung von allem, was ist.

Auch die Formen des bewußten und vernünftigen Lebens sind aber solche Wirklichkeiten. Subjektivsind sie nur, insofern sie Natur neben sich lassen oder sich gegenüber haben. In sich sind sie aber nach

demselben Begriff von Form bestimmt wie alles Wirkliche. Und diese

Form ist im bewußten Leben in der Weise wirklich, in der schon die

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logische Form selbst dazu anhebt, aus der Äußerlichkeit und Zerstreu-

ung ihrer Momente zum Begreifen ihrer selbst und ihrer Einheit zu

kommen. Der Form der Äußerlichkeiten der Einzelnen gegeneinander folgen die Systeme der materiellen Natur. Insofern ist die Wirklichkeit der Formen des bewußten Lebens -hoher- als die der Natur. Ist nun bewußtes Leben mehr als Natur; als subjektives aber in ein Differenz-

verhältnis zu ihr ein~egriffen, so liegt etwas im Sinne des ganzen Ansatzes der Konzeption ganz und gar Unbefriedigendes darin, wenn zu den~enwäre, daßder Weg, der vom bewußten Leben zum Begreifen des Geistes führt, nicht auch ein Wegstadium einschlösse, in dem die höhere Form als solche sich in der Möglichkeit zeigt, als diese Form

wirklich und darin vom

eine ihr äußere Natur befreit

Gegensatz gegen

~u sein. Diese Wirklichkeit ist aber die des objektiven Geistes, der insofern der Geist ist, der aus sich selbst heraus selbstgenügsame Weltsysteme von einem reicheren Einheitssinn bildet> als die Systeme der Natur auszugestalten und einzuhalten vermögen. Aber dann muß

auch die Wirklichkeit solcher Systeme .höherer Natur. ganz allein aus der Form ihrer Organisation und nicht aus irgendeiner Kraft mit dem

Ursprung in einzelnen Subjekten gedacht werden, die selbst eigentlich

erst wirklich werden, Indem sie in solchen Systemen zusammentreten.

So versteht man, daß Hegels Entwicklung der Theorie dieses Geistes

der

den subjektiven Rechtsansprüchen keinen eigenständigen und 'vom

Recht des Staates selbst abhebbaren Rechtsanspruch lassen konnte. Und man versteht zugleich, warum Hegel diese Entwicklung in einer Theorie der Weltgeschichte enden läßt, welche die historische Beweg~ng von Staatsform zu Staatsform in einer Weise begreift, die selb~tdie Bewegung des begreifenden Geistes präfiguriert. Erst für sie ist die WirklIchkeit der selbstgenügsamen Staaten, der aus dem Geist kommenden Gegenbilder der Natur, selbst nur eine Etappe auf dem

Weg zur ganzen und zugleich wirklichen Wahrheit.

ganz auf die Begründung eines Begriffes vom Staat orientiert ist

So zeigt sich also, daß in Hegels Philosophie selbst, und zwar sowohl in

ihrer abstrakten Grundlegung wie auch in dem Bild VOn der Welt das ~iee~tfaltet,die erheblichsten Spannungen kommen, wenn man D:tails In seiner Konzeption von der politischen Staatsform zu korrigieren versucht, - aus welchen guten oder gar zwingenden Gründen immer. Solchen Teiltheorien sollte man ohnehin ansehen, daß sie nicht aus externen und auswechselbaren Gründen entstanden sein können. Von den Implikationen und Folgelasten einer Korrektur an ihnen wird meistens abgesehen, wenn es darum geht, sich die diagnostische Kraft

35

von Hegels

staatstheoretischen Lehrsätzeund ihreZweideutigkeiten annehmenzu

müssen. Aber auch dann verschwindet der Eindruck nicht, solche

Korrekturen seien ad hoc und inhomogen zu dem Ganzen, in dem sie angebracht werden.

Es ist weitethin gleichfalls unwahrscheinlich, daß Spannungen und Zweideutigkeiten an der Oberfläche durch tiefere Eingriffe in die

inneren Anordnungen des Systems selbst aufgefangen oder beseitigt werden können. Ist es aber so, dann muß die Einsicht in die Unmög-

lichkeit, ohne eine Korrektur deranstößigen Details in derpolitischen

Theorie mit dem System auszukommen, auch zu derFolgerung führen,

daß das System als solches zur Disposition gestellt werden muß. Nicht

eine Umorganisation seiner Teile, sondern nur eine von Grund auf andere Konzeption könnte den Knoten lösen, der nur anfangs ver-

gleichsweise klein, auf das Gebiet der politischen Theorie beschränkt

und in der esoterischen Lehre Hegels sogar schon beseitigt scheinen

konnte, die er in seinen Vorlesungen vorgetragen hat.

Diese Folgerungkanndenen nur: willkommen sein, die ohnedies keinen

besonderen Grund sehen, sich auf Hegels politische Theorie einzulas-

sen, und die ihr Mißtrauen gegenüber der Sprache, in der sie entfaltet

ist von vornhereinaufihreMethode derEntwicklung von politiktheo- retischen Sachverhalten ausgedehnthaben.Siebrauchennur zu konsta-

tieren, daß das Zugeständnis, zwischen den Lehrstücken der Rechts-

philosophie und den Grundlagen des Systems besteheeine nicht auf-

lösbare theoretische Kontinuität, der modernen Theone der Sozialsy-

steme in der Nachgeschichte von Durkheim und Max Weber endgültig

freieBahnverschafft.Diese Theorien, die unter den gegenwärtigender

Hegeischen darin am nächsten kommen, daß sie gesellschaftliche Ge-

samtverhältnisse zu thematisieren vermögen, stehen wirklich auf emem ganz anderen Theoriefundament als Hegels Werk. Sind sie nicht aus-

drücklich dem methodischen Individualismu s verpflichtet, der Gesamt-

verhältnisse auf Interaktionsprozesse zwischen Einzelnen zurück- führt, so sind sie ihm jedenfalls nicht in einem letzten und eigenständi- gen Grundlegungsgedanken entgegengesetzt. Indem sie, als empiri~che Theorien, auf einen solchen Grundlegungsgedanken überhauptverzich-

ten, lassen sie die mögliche Wahrheit der philosophischen Perspektive

unberührt, die sich als einzige Gesamtkonzeption von der wirklichen Welt aus den allgemeinen Theorien der gegenwärtigen Wissen~ch~t extrapolieren ließe: den Materialismus, dem die Welt, welche die rm-

Denken zu erhalten, ohne die Belastung durch seine

krophysikalische Theorie beschreibt, auch die ganze Wirklichkeit ist.

Hegels ganze Anstrengung war nun aber auf ein Denken gerichtet, das weder am Ende in diese Position zurückgleiten muß, noch sich VOn vornherein mit dem empirischen Vorbehalt gegen die große Theorie

bescheidet. Es war Hegels Überzeugung, daß es möglich ist, über

Wirkliches von ganz anderen Prämissen her letzte Gedanken zu gewinnen, und daß nur diese Gedanken die Kraft haben, Wirkliches in seiner ganzen Bestimmtheit und Ordnung zu begreifen. Die vielbe- wunderte Konkretheit in Hegels Denken, auch in seiner Diagnose historisch-politischer Gesamtlagen, ist an die Tragfähigkeit solcher

Gedanken gebunden und nur von ihnen her in ihrer Möglichkeit zu

verstehen. Nun mag solche Konkretion, die bislang nie wieder erreicht wurde, auch in einem ganz anderen Theorierahmen möglich sein. Wird aber zusammen mit ihren politiktheoretischen Konsequenzen Hegels theoretische Intention als solche außer Erwägung gestellt, so schrumpft

das Spektrum aller überhaupt noch erwägbaren Theorien auf eine

Weise, die den Bereich unübersehbar verengt und verarmt erscheinen

läßt, in dem sich Denken und Verstehen doch wirklich entfaltet: Alles

Denken wird suspendiert, das von einem Gedanken von der Einheit der Welt als solcher seinen Ausgang nimmt, das einer Theorie von Formbe- stimmung zutraut, Wirkliches als solches zu erreichen, um es dann nicht nur von außen und unter wechselnden Perspektiven zu beschrei- ben, das im Tctum, das nicht ein Aggregat einfacher Einzelner ist, auch

das Paradigma des Wirklichen als solchem sieht, das die Welt, in welche

die Lebensformen des Menschen eingebunden sind, nicht als Erschei- nung, sondern als letzte Wirklichkeit nach der ihm eigentümlichen Form begreift und das darum auch nicht nur voraussetzt, sondern versteht, wieso die Lebensordnungen des Menschen mit den Systemen der Natur, unbeschadet ihrer Grunddifferenz, eine Kontinuität

bilden.

Die Sätze, welche solches Denken charakterisieren, sind vielleicht prätentiös, aber kaum dem unbefangenen Denken fremd oder gar unverständlich. Theoriefähigen Zusammenhang können sie jedoch nur in einem Denken gewinnen, das sich, statt in die Kontaktlosigkeit,

gerade in die Nähe zu Hegels Denken begibt. Es setzt die Aufnahme

seiner systematischen Intentionen ebenso wie sichere Distanz zu der Weise voraus, in der sie als Theorie ausgeführt worden sind. Und diese Distanz, so hat sich gezeigt, ist weder durch Retuschen in einzelnen seiner Analysen noch durch neue Arrangements seiner Teiltheorien zu gewinnen. Sie wird nur dann stabil, wenn in Kenntnis der inneren Formation seines Denkens eine Alternative zu ihm gewonnen ist.

37

In die Frage, welche Form und Fundierung sich für eine solche Alternative absehen läßt, kann hier nicht eingetreten werden. Daß sie aber aussteht, hat eine überall spürbare Beschränkung in der inzwi- schen sehr ausgedehnten und sachhaltigen Rezeption VOn Hegels politischer Theorie zur Folge. Gewonnen werden kann sie auch nur, wenn die theoretische Anstrengung gar nicht auf das Verstehen von

politischen Prozessen und Institutionen geht, wenn sie diese sogar insoweit vergißt, als sie vorgängige Kriterien für Haltbarkeit von Ergebnissen sein könnten, wenn sie sich also den Grundfragen des

Denkens als solchen zuwendet. Am allerwenigsten hilfreich ist es, an Hegels Werk insgesamt Sektionsübungen zu dem Zwecke zu veranstal- ten, in ihm Spuren einer alternativen Sozialtheorie zu entdecken, von der man dann selbst gar nicht weiß, wie man sie zu in sich haltbaren Gedanken zusammenbringen könnte. Das hier publizierte Manuskript läßt Hegels politische Theorie in vielem neu und insgesamt in einer Frische, Konkretion und Durchsich- tigkeit erscheinen, die von keinem anderen Text seiner Rechtsphiloso-

phie erreicht wird. Es ist aber wichtig, daß darüber Klarheit besteht, daß auch es die eigentlichen Fragen, die an diese Theorie zu richten

daß der Ort zur Antwort auf sie der ist,

an dem auch die Grundfragen der Philosophie selbst entspringen.

sind, nicht beantworten kann, -

V. Dank

Ich danke der Lilly Library der University of Indiana in Bloomington für die Erlaubnis zur Publikation und ihrem Curator of Manuscripts, Mrs. Saundra Taylor, für die Beantwortung zahlreicher Nachfragen; Frau Eva Ziesche von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz bin ich dankbar für neuerliche kompetente Hilfe, diesmal bei der Analyse der materiellen Eigenschaften des Manuskriptes. Mit Karl- Heinz Ilting und den Mitarbeitern des Hegel-Archivs der Universität Bochum sowie mit Rolf Peter Horstmann konnte ich philologische Probleme, die das Manuskript aufwirft, ausgiebig besprechen; sie haben viele wichtige Hinweise gegeben. Ich danke ihnen ebenso wie denen, die schwierige Nachweise ermöglicht haben: Werner Conze, Jacques d'Hondt, Reinharde Kossellek und Eike Wolgast. Und ich danke Harald Köhl und Michael Rath, die bei der Textherstellung und

bei der Arbeit an den Erläuterungen selbständig und einfallsreich mitgearbeitet haben, luge Kullik für die Herstellung einer akkuraten Druckvorlage und Ralf Herklotz und Stephan Saur für wachsame Hilfe bei der Korrektur.'

Heidelberg, den t 5.April 1981

DieterHenrich

1 Der Herausgeber verweist auf seinen Nachtrag zu dieser Edition. In ihm sind die in der Einleitung erörterten Probleme in Beziehung auf den Text der Nachschrift von 1817/18 (Rph. Wannenmann) noch einmal aufgenommen. Sietauchte während der Umbruchkorrektur dieser Edition auf.

PRINZIPIEN DER EDITION

Der Begriff einer -Kritischen Ausgabe- ist nicht eindeutig definiert. Diese Edition folgt nicht den striktesten Kriterien, die mit dem Programm einer solchen Ausgabe verbunden werden könnten, und sie bietet keine diplomatisch getreue Wiedergabe des Textes. Ihre Absicht ist es, einen leicht lesbaren und benutzbaren Text herzustellen und dennoch alle Daten aufzunehmen, die bei der Analyse und Interpreta- tion irgendeine Wichtigkeit haben könnten. Das kann nur durch die Anwendung einer beträchtlichen Anzahl von Regeln geschehen, die Schreibgewohnheiten des Abschreibers und seiner Zeit eliminieren, ohne die für die Forschungsarbeit notwendige Erkennbarkeit der ursprünglichen Gestalt des Textes zu hindern. Um der leichten Benutzbarkeit. willen ist auf den Gebrauch von

Zeichen im Text soweit wie möglich verzichtet worden. Auch ohne Benutzung der Druckerklärung soll jede Seite in sich selbst verständlich und im übrigen von entbehrlichen Zusätzen frei sein. Aus diesem Grund ist auch in Kauf genommen, daß sich in den Anmerkungen zum

Text Angaben wie holen.

Die Transkription des Textes wurde aus Fotos hergestellt, die von einem Film genommen wurden, den die Lilly Library übersandte. Der Herausgeber hat das Original nur an einem Tag bei einem Besuch in der Bibliothek untersuchen können. Beider Herstellung des Textes wurden folgende Regeln angewendet:

I. Die RECHTSCHREIBUNG wurde stillschweigend der durch den Duden standardisierten angeglichen - mit der Ausnahme von Hegels Kategorien aus dem System seiner Logik, die in der für die Logik charakteristischen Schreibweise gegeben sind.

2. Die GRAMMATIK ist der geläufigen stillschweigend soweit angegli-

chen worden, daß sich verständliche Sätze ergeben. 3· Antiquierter WORTGEBRAUCH wurde nur dort verändert, wo er zu gegenwärtig nicht mehr verständlichen Sätzen führt. Solche Verände- rungen sind angemerkt. Stillschweigend modernisiert wurden -hie- in Verbindungen wie -hieher- und Verb-Endungen wie -gehe«, die häufig auftreten. Im Text finden sich aber auch gelegentlich die gegenwärtigen Sprech- und Schreibweisen.

4· Bei der im Manuskript weitgehend nicht regulierten SATZZEICHEN-

(vom Herausgeber) ,eingefügt< häufig wieder-

,

SETZUNG wurde (mit einigen durch die Abfolge der Satzsinne begrün- deten Ausnahmen) die jeweils geringste Änderung gewählt, die not- wendig ist, um einen gegenwärtig korrekten Gebrauch zu erreichen. Nur in Zweifelsfällen ist das Zeichen des Manuskriptes angemerkt.

5. ABKÜRZUNGEN im Text bleiben nur dann stehen, wenn sie durch

den Duden als geläufige und korrekte Abkürzungen ausgewiesen sind. Bei zweifelhaften Auflösungen ist die Abkürzung des Originals in der Anmerkung angegeben. Da im Manuskript die Abkürzung eines und desselben Wortes verschieden gehandhabt wird, ist der Gebrauch der

Abkürzungen harmonisiert worden. So wird »zurn Teil« immer als

-z. T.<, »undsofort« immer als -usf

und »und dergleichen, immer als

-u.

dgl

abgekürzt, während »sogenannt« niemals abgekürzt worden

ist.

6.

ABSÄTZE sind niemals eingefügt worden; zudem wurden die

Absätze des Originals stets festgehalten. Es ist zwar offensichtlich, daß

vielen Abschnitten des Gedankens keine Absätze im Text entsprechen und daß oft Absätze auch dort auftauchen, wo sie nicht aus dem vorgetragenen Gedanken begründet sind. Aber die Absätze der Nach- schrift geben möglicherweise Pausen in Hegels Redefluß und sehr wahrscheinlich Einschnitte zwischen Vorlesungsstunden an. So ist um

der Forschungsmöglichkeit willen diese Eigenschaft des Manuskriptes zu erhalten gewesen.

7. DOPPELSCHREIBUNGEN sind stillschweigend eliminiert.

8. ÄNDERUNGEN, welche der Abschreiber selbst im Manuskript vor-

nahm, sind nur dort angemerkt, wo sie nicht offenkundig triviale Ursachen haben.

9. Offenkundig notwendige ERGÄNZUNGEN wie die Einführung der

Pluralendung dort, wo sie fehlt, sind stillschweigend vorgenommen

worden. (Zusatzregel zu Regel 2.) 10. ANFÜHRUNGSZEICHEN sind nach folgenden Regeln verwendet:

a. Sie stehen dort, wo sie im Original stehen.

b. Sie sind dort eingefügt, wo es sich um eine direkte Rede handelt, die nicht durch andere Satzzeichen schon zweifelsfrei erkennbar ist.

c. Sie sind um Buchtitel gesetzt, wenn ihr Fehlen zu Mißverständnis- sen führen könnte.

d. Sie sind überall dort eingefügt, wo der Text über sprachliche Ausdrücke handelt.

e. Anführungszeichen fehlen, wenn das Manuskript einen geläufigen

Ausdruck oder ein Sprichwort als eigene Aussage verwendet. (Zusatzregel zu Regel 4.)

4'

Ir. Im Manuskript finden sich sehr viele GEDANKENSTRICHE, die gewisse Distanzen zwischen Gedankengängen andeuten. Sie sind dort

stillschweigend beseitigt, wo sie nicht als unerläßlich gelten können. In

der gegenwärtigen Schreibweise hat nämlich der Gedankenstrich eine

sehr viel größere distanzbildende Kraft. (Zusatzregel zu Regel 4.)

12. Kleine Inkonsistenzen bei der Fassung der ÜBERSCHRIFTEN (z.B. -Kapitel- abgekürzt oder ausgeschrieben, Kapitelnummern in Schrift

oder Zahl) sind stillschweigend harmonisiert worden. Ziffern inner-

halb von AUFZÄHLUNGEN innerhalb des Textes erscheinen stets mit

folgendem Punkt, auch abweichend von der Fassung des Originals.

13. Unterstreichungen und Randbemerkungen von FREMDER HAND

sind stillschweigend weggelassen worden (vgl. K IJ4,2j), alle Unter-

streichungen des Manuskriptes selbst sind erhalten. Sie werden in

dieser Ausgabe durch Kursivschrift wiedergegeben. Daß trotz des Gebrauchs dieser Regeln viele Anmerkungen unter dem

Text notwendig sind, ergibt sich aus den zahlreichen sinnentstellenden

auf das

Unverständnis des Hörers als auch und vor allem daraufzurückgehen.

daß der gewerbliche Abschreiber nichts vom Thema der Vorlesung

verstand.

Erklärungen zum Druck

Vom Herausgeber im Text hinzugefügte Zeichen:

Verschreibungen,

die

sowohl,

vor

allem im

ersten Teil,

E

Hinweis auf eine Erläuterung im Anhang

K

Hinweis auf einen Kommentar im Anhang

I

Hinweis auf eine Anmerkung unter dem Text (nur auf Seite 50 gebraucht): Ein sinnloses Wort im Text mit einer Buchstabenzahl. die der der Pünktchen ent- spricht, für das keine Konjektur vorgeschlagen werden konnte.

In den Anmerkungen werden nur zwei Kurzformen gebraucht:

Orig. gefolgt von einem Wort oder einer Wendung in einfachen

eingefügt

Anführungszeichen: gibt den im Manuskript zu finden-

den Text wieder. eingefügt vom Herausgeber

Die Ziffern am Rande der Seiten und die Längsstriche innerhalb der Zeilen geben die Seite der Handschrift und den Übergang auf die folgende Seite der Handschrift wieder.

Georg Friedrich Wilhelm Hege!

Philosophie des Rechts

Die Vorlesung von 1819ho in einer Nachschrift

INHALTSANZEIGE'

. Übersicht der Wissenschaft

Einleitung

.

.

.

.

.

.

.

.

Erster Teil. Das abstrakte Recht I. Kapitel: Das Eigentum 2. Kapitel:DerVertrag

3. Kapitel: Das Unrecht .

Zweiter Teil. Die Moralität.

1. Kapitel: Handlung und Vorsatz

.

2. Kapitel:WohlundAbsicht .

3. Kapitel: Das Gute und das Gewissen.

Dritter Teil. Die Sittlichkeit.

1. Kapitel: Die Familie

.

a. Die Ehe

.

b. Eigentumder Familie

c. Auflösung der Familie

2. Kapitel: Die bürgerliche Gesellschaft.

a. Das System der Bedürfnisse

b. Die Rechtspflege .

c. Die Polizei

3. Kapitel: Der Staat

a. Das innere Staatsrecht a. Die fürstliche Gewalt ß. Die Regierungsgewalt .

y. Die gesetzgebende Gewalt

b. Das äußere Staatsrecht

c. Die

.

.

.

.

Gewalt b. Das äußere Staatsrecht c. Die . . . . 9 1 93 95 101

9 1

93

95

101

122

128

130

14 2

143

147

152

16

18

9

7

20 7

226

238

254

259

278

280

I Dieses Inhaltsverzeichnis istTeildesOriginal-Manuskripts, indemes jedoch

am Ende steht.

45

RECHTSPHILOSOPHIE UND POLITIK K

wahr, daß die Philosophie einerseits nicht die Wissenschaft des Wirklichen ist und nicht aus dem Gegebenen aufnimmt, was Recht ist. In der Philosophie ist's die Vernunft, der innere Begriff, woraus geschöpft wird. Indem die Philoso-

 

Einleitung!

phie des Rechts nicht positive Wissenschaft ist, die wir 5 abhandeln, und so der Wirklichkeit gegenüber zu stehen scheint, soll dies der erste Punkt unserer Betrachtung sein. Platon (Rei Publicae, L. V) stellt das Verhältnis der Philoso- phie zum Staate dar. E Wir müssen uns auf einen höheren Standpunkt stellen in Ansehung der Philosophie und der '0 Wirklichkeit. Wir betrachten in der Platonischen Philosophie diese Voraussetzung, I. daß die Philosophie die Wahrheit in der Form des Gedankens, des Begriffs betrachtet'. Ist dies' Begreifen, Denken, so ist die Wahrheit aus den andern Formen, z. B. aus dem Gefühl, auch I Wahrheit. Die philoso- phisehe Wahrheit hat ihre eigentümliche Form. 2. daß diese Wahrheit nur ein Sollen der Wirklichkeit entgegensetzt. - Wir machen geltend, daß die Wahrheit substantiell, ebenso innerer Begriff als Wirklichkeit sei; daß sie keine leere Vorstellung, sondern allein das' Rechthabende sei. Es ist '0 irreligiös" wenn man sagt, daß die Wahrheit, das Göttliche nur ein Jenseits des blauen Himmels sei oder nur im innern subjektiven Gedanken liege. Der Natur gibt man zu, daß sie eine göttliche sei, das Denken hingegen sei gottverlassen, der Zufälligkeit überlassen. Die Idee ist vielmehr schlechthin das Allgegenwärtige, ist nicht ein gleichgültiger Zuschauer neben den andern, sondern allbeseelend, ohne das nichts ist, was ist. E Die Wirklichkeit ist der Leib, die Idee die belebende Seele;jene fiele' in Staub, wenn diese entwiche. Wir erkennen

25

15'

 

Das Abstrakte ist das Recht, die Verwirklichung der Staat. Gewöhnlich sieht man das Recht an als ein Unglück, worin

das natürliche Recht des Menschen gekränkt wird. Da hat man von einem verlorenen Paradiese gesprochen, von Wie- derherstellung des natürlichen Rechts. Das Recht ist das Heilige auf Erden, das unverletzbar sein soll; das Heilige, wenn es im Himmel oder in Gedanken ist, ist es allein '0 unverletzbar. Das Recht auf Erden aber kann angetastet, angegriffenwerden. Die Aufgabe unserer Wissenschaft ist, zu erkennen, was wahrhaft das Recht sei. Zumal in dieser Zeit tut solche Untersuchung not, wo jeder meint, er habe das Recht in seiner Überzeugung; dies will er erfüllt haben.f Die

5

15

Nichterfüllung gilt ihm daher als etwas Frevelhaftes, dem er sich entgegenstellen müsse. Die Philosophie soll den Begriff des Rechts bestimmen. Allerdings ist esnoch viel, daß man an

die Philosophie diese Anforderung macht. Darin liegt wenig- stens, daß Gedanken dazu gehören, das Recht zu finden. Das

20

Gewöhnlichere ist, daß jeder, wie's in ihm ist, das Recht zu

2

haben glaubt. Nun I meint der eine, in der Philosophie die Rüstkammer von Gründen zu finden zur' Bekämpfung alles Unrechts, sieht ein Ideal des glücklichen Zustandes, das um so höher gehalten wird, je mehr es sich von der Wirklichkeit

25

entfernt. Auf der andern Seite heißt es: Recht und Philoso- phie gehören dem Staate an.' Der Wille des Geistes ist Freiheit, sie die Grundlage des Staates. Es ist nun allerdings

das, was ist, das Wirkliche selbst. Betrachten wir Platon, so bemerken wir, wenn in seinem Staate nicht etwas Mangelhaf-

'0

I

-Einleitung- fehlt im Orig.

1

Orig. -betrachten-.

4 Orig. -irreligios-.

2

Orig. >ZU<.

Orig .•d.s. 3 Orig. -d.c

2

 

5 Orig. -fiel-.

3 Orig. >;<.

   
   

47

 

tes gewesen wäre, so wäre er notwendig in die Wirklichkeit getreten. Diejenigen haben nicht ganz unrecht, die ' von Wirklichkeit, Realität, Erfahrung reden und dagegen das

gefaßt hat. Diese Gestalt ist doppelt, teils der Philosophie

angehörig, teils der äußerlichen Gestalt der vorhandenen Wirklichkeit. Dieser Geist im wirklichen Dasein ist der bunte

10

 

4

Ideal ein leeres nennen. I Nur haben sie den Spiegel der

Teppich, wo eine Menge Interessen und Zwecke sich kreu-

 

5

Wirklichkeit nicht recht gehalten", sie nicht mit der Vernunft betrachtet, denn so erscheint die Welt auch vernünftig. Das Reale' und die Wirklichkeit, das ist das Reich des Geistes. Platon hat die Wirklichkeit seiner Welt erkannt; das Prinzip der Sittlichkeit in der Form der Einfachheit, dies ist der

zen, gegeneinander kämpfen. Diese Gestalt betrachtet die 5 Philosophie nicht. Dieses Geröll, zurückgeführt auf den Gedanken, ist Gegenstand der Betrachtung der Philosophie, der Geist ein System seines einfachen Lebens. Wir erinnern hier an den Ausdruck: die Weltbegebenheiten

10

griechische Geist, griechische Sittlichkeit; dies ist in Wahrheit so gewesen, wie' Homer, Herodot, Sophokles die Bilder der griechischen Sittlichkeit darstellen. Aber die Sittlichkeit als griechischer Geist konnte nicht in dieser Form bleiben. Sie

und die Menschen sind Werkzeuge in der Hand der Vorse- hung. Sie bringt etwas anderes hervor, als diese wollen. Indem jene ihren Zweck ausführen wollen, führt so die Vorsehung den ihren aus. Näher können wir das Verhältnis

 

mußte nach den Forderungen der höheren Formen in die

so ausdrücken,

daß der wahrhafte Geist

das Substantielle 1 ,

 

15

Entzweiung lenken. Schon Platon fühlte dies. Es erschien.

gelten.f

das Wesentliche, die Grundlage ist, was I wir bei den Tieren

Gemeinwesen'. Sie haben ihre besondern Zwecke, und eben

15

6

aber diese Entzweiung in der alten Idee der Sittlichkeit als Verderben, weil sie noch nicht zur Harmonie' zurückgeführt war. Auf dieselbe Weise wie die Spartaner das Geld verboten, weil es böse Triebe veranlaßte, und dann nur die Habsucht '0 tückischer im Innern ausbrach, so wollte Platon das Prinzip

die Gattung'' nennen: Instinkt, durch diesen gibt sich die Gattung kund. Eine Natur ist es, die sich in ihnen offenbart.I Außer der Gattung aber, außer dem allgemeinen Geiste, sind es die Einzelnen, die die daseiende Wirklichkeit des Geistes ausmachen. Der Mensch handelt nicht aus? Instinkt, daher

20

des sittlichen Selbstbewußtseins, das die Entzweiung schuf, auflösen; kein Eigentum, keine Familie sollte in seinem Staate

macht sich die Einzelnheit geltend. Diese treten zusammen:

diese Zwecke sind einesteils besondere, andererseits ist die

 

Nicht überfliegen soll die Philosophie ihre Zeit; sie steht in

Gattung das Allgemeine darin. Hierher gehören die Leiden-

 

25

ihr, sie erkennt das Gegenwärtige. Das ewig Wahre ist kein

schaften, die ihre Befriedigung suchen. Sie zeigen, daß die

25

5

Vergangenes I und kein Zukünftiges. Dieses an und für sich Wahre ist nicht form- und gestaltlos, sondern eine Gestalt, eine bestimmte Weise des Geistes; diese Weise des gegenwär- tigen Geistes, der sich von anderen Gestalten unterscheidet,

Menschen im Allgemeinen ihre Besonderheit suchen. Dies ist die Betätigung des Allgemeinen. Die Idee, bloß allgemein, führt sich nicht aus, ist träg. Das Tätige ist erst die Subjektivi- tät, macht das Allgemeine zu einem wirklichen Konkreten,

 

'0

ist die höchste Weise

des Begriffs, den er 5 von sich selbst

Vorhandenen. - Die wirkliche Welt bietet das Gedoppelte

I

Orig. -wenn sie

3 Orig. -dies ist es in Wahrheit so

I

Orig. -d. Subsrentiellen

2

Orig. -Das Re-, -Re- durch-

gewesen, WIe es-.

2 Orig. -als-.

gestrichen.

4 Orig. -Admonie-.

3

Orig. vor und nach -Cemeinwesen-

 

5 Orig. -es-.

steht ein Komma.

49

dar, daß Zwecke der Individuen darin erscheinen, das Wollen der Einzelnen, das das Verwirklichende und Allgemeine ist.

7

Diese äußerliche Seite ist schlechthin notwendig. IAber die Verwickelung der besonderen Interessen tritt ein; da verhält

 

5

sich das Allgemeine substantiell, unüberwindlich. Indem es also der wirkliche Weltgeist ist, den die Philosophie betrach- tet, so gehört die äußerliche Wirklichkeit der Philosophie nicht an. Nur das Einfache hebt sie heraus, und 1 das Mannig- faltige führt sie zurück auf die Einheit. Von dieser Seite kann

10

das Tun der Philosophie mit mikroskopischem Untersu- chen verglichenf werden. Betrachten wir durchs Vergröße- rungsglas den zarten Umriß des Bildes, dann werden wir überall Rauhheiten entdecken; was fürs bloße Auge schön erscheint, erscheint dann ungestaltet. Ebenso das wirkliche 2K

15

Bewußtsein; für dieses sind Einzelnheiten und Verwickelun- gen vorhanden. Die Philosophie führt das Getümmel der Wirklichkeit auf seine Einfachheit zurück,' in die stillen Räume, die frei von jenen Interessen liegen. Sietreibt also ihr Geschäft nicht jenseits der Weltgeschäfte, aber die substan-

20

tielle

.'K derselben ist's, die sie betrachtet. Sie erkennt

 

das Recht des Vorhandenen an, denn in dem buntesten Gewebe fremdartiger Interessen doch das 5K, das Allgemeine ist. Sie achtet das Wirkliche als das Reich des

8

Rechts; sie weiß, daß in der wirklichen Welt nur 6K I gelten

 

25

kann, was in dem Begriff eines Volkes vorhanden ist. Unsinn wäre es, einem Volke Einrichtungen aufzudringen, zu wel- chen es nicht in sich selbst fortgegangen ist. Was an der Zeit ist im innern Geiste, das geschieht gewiß und notwendig. Verfassung ist die Sache der Einrichtung dieses innern Gei- stes. Er ist der Boden; keine Macht im Himmel und auf Erden

I

Orig. snur-.

4 Orig. -Unlusrc

2

Orig. -willk

(zu

ergänzen zu -will-

5 Orig. -Entheiligendec

kürlich-).

6 Orig. -uns-.

3

Komma eingefügt.

 

50

gegen das Recht des Geistes. Dies ist freilich etwas anderes als Reflexion und Vorstellungen, die man so aus abstraktem Denken oder aus wohlmeinendem gerührtenHerzen hervor- bringt. Was vernünftig ist, wird wirklich, und das Wirkliche wird vernünftig. In der Religion wird das Göttliche in Form seiner Ewigkeit gefühlt; dieses ist in der Welt als wirklicher Geist. Die Philosophie gehört von dieser Seite zur Kirche als geistige1K Religion. Diese hat das Wahre in der Form seiner Ewigkeit zum Gegenstand. Hiergegen isr' die Form der Philosophie wohl auch Form des Ewigen, aber Form des reinen Gedankens, des Ewigen im reinen Elemente. Insofern die Philosophie etwas betrachtet, was der Geist ist, so ist sie I doch eine Trennung, da sie etwas anderes ist als der wirkliche Geist. Die Trennung erhält diese nähere Bestimmung, daß wir darauf sehen', wann 4 die Philosophie hervortrat. Es geschah, wenn der Geist in der Form des Gedankens gegenübertrat der Form der äußerli- chen Wirklichkeit. So sehen wir sie im Platon, Sokrates, AristoteIes hervortreten, zu den Zeiten, wo das griechische 20 Leben seinem Untergang zuging und der Weltgeist zu einem höheren Bewußtsein seiner selbst. Auf mattere Weise finden wir dies in Rom wiederholt, indem das eigentümliche frühere römische Leben aufgehört, sich anders gestaltet hat. Descar- tes erschien, da das Mittelalter ausgelebt war. Die Konzentra- tion des geistigen Lebens wird endlich geboren, wo Gedanke und Wirklichkeit noch nicht eins waren. Wenn diese Kon- zentration sich in den Unterschied entwickelt, wenn die Individuen frei wurden und dann das Leben des Staates auseinandergegangen ist, dann sind die großen Geister her- vorgetreten. Die Philosophie tritt als der sich abscheidende

30

25

5

10

15

9

I

Orig. -gesreigerte-.

3 Orig. -sahen-.

2

-ist- eingefügt.

4 Orig. -wenn-.

Geist hervor. Wenn sie grau auf grau gemalt, dann ist die

10 Scheidung an Leib und SeeleI ergangen. Nicht

die Philoso-

phie ist's, die den Bruch bringt; er ist schon geschehen, sie ist sein Zeichen. Wie ist dieser Bruch zu betrachten? Wir 5 könnten meinen, es1 sei nur ein ideeller, kein wahrhafter Bruch, daß der Geist die Wirklichkeit als toten Leichnam verläßt, ein Weltzustand, wo die freie Philosophie und die Ausbildung der Welt übereinstimmen. In dieser Ansicht gäbe die Philosophie die vermeintliche Opposition auf und das,

was ihr wahrhaftes Ziel ist. Denn es liegt in ihr das Moment der Versöhnung; sie soll die Trennung in dem verschiedenen Bewußtsein aufheben.f

10

15

20

Übersicht der Wissenschaft

Unser Gegenstand ist das Recht. Dies gehört dem Geiste an,

und zwar der Seite, die wir Willen nennen. Wir fragen nach der Natur des Willens, des denkenden Willens, der den Ausgangspunkt für das Recht macht. Der wollende GeistE in seinem ganzen Umfang will den Geist als Natur, als vorhan- dene Wirklichkeit schaffen. Das Recht ist dagegen des Wil-

lens. Der Wille heißt frei, weil er, erst ein Inneres, sich zu

11 etwas Anderem, I zur äußeren Wirklichkeit macht. Dies isr' seine Freiheit. System des Rechts ist nichts anderes alsSystem der sich verwirklichenden Freiheit. Der Geist ist mehr oder weniger ein abstrakter Geist; der konkrete ist der vielfache,

25 mannigfaltige in sich. Das Konkrete fällt in den Ausgang, nicht in den Anfang. Der Ausgang ist dieser, daß er' in der höheren Bestimmung das, was er' früher ist, mit sich nimmt;

I

Orig. -er-.

2

-ise- eingefügt.

3 Orig. -es-,

er fängt vom Einfachen an, nicht so konkret. Das Recht des Weltgeistes macht den Beschluß. Vergleichen wir unsere Wissenschaft mit der positiven Wis-

senschaft! Das positive Recht lehrt uns den Gesichtspunkt kennen, was in diesen und jenen Fällen Recht sei, ob dieses 5 dem oder jenem gehöre, lehrt eine Handlung beurteilen. Dieser Gesichtspunkt erscheint hier als Mittel für die einzel- nen Fälle, daß für jeden das Recht ausgemacht werde. Die Vernünftigkeit erscheint als Mittel, daß die Menschen zu ihren Sachen kommen. Das Wesentliche scheint die Sache zu

10

sein. Was hier bloß

ist uns das Wesen; was dort im Zustande und Verhältnisse nur 2K als vernünftig gilt, nicht aber, daß der Geist seine Begriffe darin befriedigt. Auf' dieser verschiedenen Stufe ist das Geistige, was uns hier allein beschäftigt, zu Hause. Den Schein des Geistes, das Gelten des Allgemeinen betrachten wir darin; nicht suchen wir den Nutzen, nicht, wie Ruhe,

Ordnung, Besitz gesichert wird. Uns ist das Vernünftige der erste und wesentliche Zweck. In unserer Betrachtung, wO das Vernünftige der Zweck ist, treten die Zwecke der Besender- heit (das Advokatenwesen) zurück. Der Geist soll sich befriedigen. Hier haben wir dasselbe Interesse wie in der Religion, ein geistiges Leben zu leben. Den Geist in der Einrichtung der Welt zu finden, Versöhnung des Geistes mit der Welt, ist unser gottesdienstliches Werk. Die unendliche Güte des Göttlichen besteht darin, daß es den Individuen sich preislgibt und das Recht der Besonderheit gewähren läßt. - 13 Darin finden wir die Nützlichkeit, wo etwas Mittel für den Zweck wird. Das Individuum macht sich selbst zum Zweck; dies soll nun absolute Grundlage der positiven Rechtswissen- schaft sein. Doch ist gewissermaßen Ton geworden, daß diese

als I Art und Weise ausgesprochen wird 1,

12

15

20

25

'0

I Orig. >Was hier als Art und Weise bloß ausgespr. wird-.

Orig. -unse. 3 Orig. -In-.

2

53

5

positive Rechtswissenschaft herabschaut auf das Vernünftige. Wir stellen das Recht in seiner Totalität dar, dies zu entwik- kein ist 1 unser Fortgang. Die Anwendung fürs Besondere gehört nicht in' unsere philosophische Rechtswissenschaft.

Vollständig entwickelt würde sie denselben Umfang wie die positive Rechtswissenschaft gewinnen. Aber Anwendung ist nur Sache des Verstandes, der das Einzelne unter das Allge- meine ordnet, nicht philosophische Untersuchung.

Einteilung

der ersten Abstraktion, d. i. die

persönliche Freiheit. Person, nichts als abstraktes Freies ohne

14 allen I Inhalt, ist Freiheit als Freiheit eines Einzelnen. Die abstrakte' erscheint in Form der Unmittelbarkeit. Dies ist die einzelne Person. Sieist formell, weil die Freiheit noch in ganz

10

1. Der Wille, die Freiheit in

15 formeller Weise vorkommt.

2. Der moralische Standpunkt, nicht Ethik als Tugendlehre. Die Freiheit erscheint in ihrem ersten Anderswerden; die Reflexion, der Wille als reflektierend, sich unterscheidend, die eben damit in sich ist, in der Unterscheidung, Stufe der

20 Differenz. Der moralische Standpunkt hat den sich selbst gewissen Willen, das Innerliche zum Prinzip 4K ; Forderung der eigenen Einsicht; daher Standpunkt der Absicht, des Gewissens; zugleich Standpunkt der Entzweiung. Die Moral spricht ein Sollen aus, macht sich zu einem Besonderen. Hier

25 tritt das Wohl ein. So ist das erste das Recht der abstrakten Person, das zweite das Recht der besonderen Person, das dritte das Recht beider zusammen.

sind beide einseitig, ideell; ihre Wahrheit 1 ist ein drittes.f Da ist der Wille' als einfach unmittelbar, dem Begriff gemäß,' an und für sich. Vereinigung des Willens in seiner Subjektivität, dies der sittliche Standpunkt, der der Wahrheit. Dies ist der konkrete Geist, im Anderen auch ideell. Was an und für sich 5 Wille ist, daß dies ohne innere Wahl auch Sitte, immer die Natur ist, daß überhaupt die Freiheit eine Notwendigkeit wie die Natur sei, geht auch in diesen" Standpunkt ein", Für diesen ist das Gewissen, die Moral nur Übergang, nicht mehr wesentlicher Standpunkt; das ist das Recht des wahrhaften Geistes, höher als das' des formellen. - Der sittliche Geist ist wieder:

a. unmittelbar sittlicher Geist. Auf diesem Standpunkt haben wir den Begriff dieses Geistes. Aber er ist es nur, weiß nichts von sich, ist unser Gegenstand. Aber keine Bestimmung soll 15 in uns sein, die nicht in dem ist, was Gegenstand ist. I Er selbst 16 soll sich der Gegenstand sein. Die unmittelbare Sittlichkeit ist die natürliche in der Form der Empfindung; in ihr Geist der Familie, die Hausgötter, die Liebe. Diese ist dieses, daß ich nicht bloß in mir als Einzelnes bin, sondern mein Selbstbe- wußtsein in dem eines Andern habe: ich bin selbst und bin ein Anderes. Mein Selbstgefühl ist nicht beginnende Einzeln- heit, enthält ebenso unmittelbar ein Anderes. b. Das zweite ist Standpunkt des Anderswerdens, Entfrem- dung des sittlichen Geistes: er' zerfällt in sich; die Individuen 25 als Einzelne oder Familie haben Beziehung nach außen; die Stufe der Abhängigkeit erscheint nach verschiedenen Seiten:

System der Bedürfnisse, bürgerliche Gesellschaft nach ihren drei Momenten:

a. Unmittelbare Arbeiten für das Bedürfnis mit Wechselbe-

10

'0

30

15 3. Standpunkt der Sittlichkeit. Die beiden I ersten Momente

I

.is« eingefügt.

2

Orig. -für-.

 

I

Orig. -Mehrheir-.

5

-ein- eingefügt.

2

Orig. )Willen<.

6

Orig. -der

3 Orig. -Abstrakce

3 Komma eingefügt.

7 Orig. -esc

4 -zum Prinzip- eingefügt.

4 Orig. -diesem-.

 

54

55

ziehung der Individuen, wo jeder zunächst für sich sorgt,

17 aber ~ur,indem er die Bedürfnisse der Einzelnen befriedigt. I ß· Die Rechtsverfassung sorgt, daß die Sittlichkeit wirklich werde, daß das Allgemeine der Freiheit erhalten werde.

5 y. Die allgemeine Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft und das Anordnen dieser Ordnung; der Notstaat, die Polizei entsprechen 1 dieser Bestimmung, die bürgerliche Gesell- schaft in äußerer Ordnung zu erhalten.

c. Das dritte ist das sittliche Ganze, der Staat, der sich als

10 solches Ganze der Zweck ist, der Geist des Volks, das höchste Recht. Hier unterscheiden sich wieder:

c, der unmittelbare, sich auf sich beziehende Staat; Gliede- rung, Verfassung, inneres Leben in sich selbst; ß· daß er das Besondere ist; verhält sich zu Andern, hat eine

15 bestimmte Zeit, tritt auf gegen andere Staaten. Äußerliches

Staatsrecht, Verhältnis des Volksgeistes zu Volksgeistern; I y. daß dies unmittelbare Verhältnis sich aufhebt: die fakti-

Volksgeists. Weltgeschichte, Welt-

Daraus geht der Geist als allgemeiner Geist hervor.

20 Realisierung seines Selbstbewußtseins, die Weltgeschichte, Erzieherin des Geistes; daß er' sich als das Allgemeine weiß. Das Recht des allgemeinen Geistes ist das höchste Recht. Di~Wissenschaft des Rechts ist ein Teil der Philosophie, ein Glied des Ganzen; als solches ein Notwendiges, ein Ergebnis

25 vom Vorhergehenden. Den Begriff des Rechts zu begründen, das fällt nicht' in sie selbst, das ist das Vorhergegangene. In der aphilosophischen Wissenschaft treibt man es also: Sie fragen: Was ist in den mannigfaltigen Vorstellungen von Recht, die wir haben, das Allgemeine? Da macht man sich 30 eine Definition, die soll entsprechen dem, was in unserer Vorstellung liegt. Freilich gesteht die positive Rechtswissen-

18

sche 2K Beschränkung des

gericht

3K.

I

Orig. -entspr.c

2

Orig. -taktische-.

3 Orig. -Volksgericho.

4 Orig. -es-.

5 -nicht- eingefügt.

r

schaft selbst ein: omnis definitio in jure' est periculosa.f

Scheinbar fangen 2 wir I einseitig an. Die Philosophie zei.gt aber, daß ihr Ende am Anfange ist. Wir nehmen den Begnff des Rechts als Lehrsatz (Enzyklopädie § 4003E), als eine Stufe des Geistes, die als Höheres' hervorgeht. Der Geist in seiner 5 Unmittelbarkeit ist das ganz Allgemeine, das sich in sich noch

nicht Unterscheidende,

seele E (IJ, reiner Äther E(2)K, in dem alles aufgelöst ist, alles

durchdringend. Da ist es der ganz natürliche Geist, ohne Freiheit, ohne Persönlichkeit. Der noch schlafende Geist, der 10 zurückgehende aus seiner Besonderung, unterscheidet d.ie Welt nicht mehr von sich, geht so in das Ganze zurück. Ein Gefühl, eine Annäherung zum Bewußtsein, kommt im magnetischen Schlafe" vor, einem Zustand, den man ~en pyromantischen'E nennt, denn der Besonnene hat keine 15

die Wahrheit der

Natur, Welt-

Weissagung. In diesem Schlafe finden wir keine Erholung, der Geist fällt in die niedere I Stufe der Einheit mit der Natur zurück. Diese Allgemeinheit ist dem Begriff des Geistes nicht angemessen; seine nächste Stufe ist, in das Bewußtsein zu treten. Im Bewußtsein ist die Natur als äußerliche Welt für mich. Es ist dies der tierische, der paradiesische, der ungei- stige" Zustand. Die zweite Stufe ist daher die Stufe d,:s Verhältnisses gegen die Welt. Die wahrhafte Stufe Ist die

, der Geist als Geist, wo er Vernunft ist, daß der Inhalt

dritte

20

der Seinige ist. Diese Verwandlung macht den Prozeß der 25

Intelligenz aus. Das Denken ist die höchste Stufe der Intelli-

genz; jene hat sie vollbracht;

das Meinige. K (I) Denke ich die 7WeltK (2), so habe ich sie durch-

drungen, begriffen. Dies ist der theoretische'K Geist (Intelli- genz). Im Denken wird der Gedanke frei: wenn er nicht mehr 30

wenn ich denke, ~o ist es ganz

I Orig. -juris-.

Orig. -fragenc 3 Orig. 900<. 4 Orig. -Rauheres-.

2

5 Orig. -pirophalischen-.

6 Orig. -ungunstige-.

7 Orig. -der-.

8 Orig. -moralische-.

57

19

20

in der Einfachheir des Denkens rein ideell, wo das Mannigfal-

21 rige verschwinder, Igehalren wird. Diese Vorsrellung kann nichr zu ihrem Unterschiede.' dienen, isr nichr von mir unrerschieden, sondern so ganz null. Der Geisr machr diese

5 Besrimmung, daß sie nur subjekriv sei. Er hebr aber diesen Mangel wieder auf, machr diese Besrimmung zu einem 2 mir sich. Der Wille isr die umgekehrre Bewegung, machr das Seinige? zu einem Nichtseinigen", hebr die Subjekrivirär auf, gibr die '0 Objekrivirär, doch so, daß diese Objekrivirär zugleich die Meinige isr. Dieses die Srufe des Willens, die wir aufzufassen haben. Wenn ich erwas will, habe ich einen Zweck. Dieser isr erwas Gedachres in mir; sein Mangel, daß er nur in mir ist, Insofern ich den Zweck ausführe aus mir heraus, gebe ich ihm

15 Wirklichkeir. Da har der Geisr sich gemachr zur Einheir des Subjekriven und Objektiven, sein Zweck isr subjekriv, diesen

22 führt er aus, dies sein' Objekr. Der Geisr isr Subjekr-IObjekr. So isr alle Wahrheir ein Widerspruch, die Auflösung des Widerspruchs isr darin enrhalren, neutralisierr''. Nichr soll

20 man bei der Idenrität der Einheit stehenbleiben. Der aufgelö- ste Widerspruch enrhält beides. (Sarz.)6K Der Wille' isr also der Geist, dem die Bestimmungen zu den Seinigen 8 geworden sind, der in sich Besrimmungen har, die aus ihm kommen, die er bei dieser Einseitigkeit nennt. Der

25 Wille ist ferner betrachter worden I. als' Wille in sich oder an und für sich. E Darin enrhalrene Momenre. Zunächsr findet jeder in seinem Selbsrbewußtsein diese Momentc'", Wir reflektieren auf den Willen, so merken wir, daß er isr das reine Absrrakre, das reine Denken. Ich kann mich vollkommen leer

machen, reinigen' von allem Inhalre. Wir gehen von einem Gegensrande zu dem andern über. Ich kann alles aufgeben, allen Banden enrsagen, an die Iich geknüpft bin, kann den ganzen Umfang dieser Bande meiner Exisrenz, auch diese? 23 kann ich aufgeben (mir dem Tode). Es ist das Momenr der 5

vollkommenen Unbesrimmrheir, Allgemeinheit. Sage ich zu mir: ich, so bin ich aus der Welt geflohen, zu diesem reinen Licht", wo aller Unterschied sich aufgezehrr har. Dies ist das Momenr der Freiheit, - regellos. Der Geisr weiß sich frei, daß er alles aufgeben kann. Sie mögen ihn greifen, wie und wo sie

wollen, er flieht in seine Innerlichkeir. Es ist die Freiheir des Verstandes, die an einem Momenr fesrhält. Er kann zu nichrs gezwungen werden. Nichr so das Tier; es ist eine subjekrive Lebendigkeit", kann sich aber nicht von der Besonderheir seiner Exisrenz unrerscheiden. Aus jener Verstandesfreiheir gehr der Fanarismus der Freiheit hervor, der darauf ausgeht, alles Besrimmte zu vernichren, der alles Besondere ansieht als erwas Fremdes, will immer das Besondere verschieden von

'0

15

dem Allgemeinen

wird, siehr er sie als verdächtig an. Jedes Einzelne wird 20 verdächtig; obwohl es jerzr so erscheinr, könnre es auch anders sein. Dieser Fanarismus war das Moment der Franzö- sischen Revolution gewesen, da sie die Freiheit sich zum Ziele setzre; nur im Vernichren, Aufheben des Besondern fand sie ihre Wirklichkeit. Sie wollte einen gewissen polirischen 25 Zusrand. Aber sowie? ein Zusrand sein oder werden will, tun sich Unterschiede hervor (Kristallisationenj''. Da will der Fanatismus nichts wirklich werden lassen. Ebenso kommr das Momenr der Verstandesfreiheit vor im Stoizismus, ebenso bei den indischen Gyrnnosophisten'', die in die 3D

serzen. Wo für ihn Ieine Besonderheit

24

r

Orig. -Unterscheide-.

6 Orig. >(Satz)< in einereigenen Zeile.

Einheir mir der Gottheit, in leeres Spekulieren sich in sich

2

Orig. -eines-.

7 Orig. )Willen<.

3

Orig. -Sinnigec,

8 Orig. -Sinnigen-,

1 Orig. -reingesehen-.

4 Orig. -Nichtsinnigen<.

9 -als- eingefügt.

2

Orig. -diesen-.

5

Orig. -d. S.<,

10 Orig. -dieses Momente.

3

Orig. 'so wie c.

59

25

zurückziehen, alle äußerlichen Gedanken und alles1Dasein in sich nehmen. So entstanden auch die Mönche im Mittelal-

ter; sie fanden sich in der Wirklichkeit nicht, daher gingen sie

ich zum Unterschied, zum Bestimmten

sind verschiedene

Gegensätze zu lösen. Das Unendliche tritt erst hinaus in dies Endliche. Diese leere Allgemeinheit, diese Unbestimmtheit

ist schon das Andere, das, was sie zu sein nicht meint, eine endliche, einseitige Abstraktion. Das Unbestimmte ist selbst

in . S1C ich

2K

. 2.,

daß

5 gehe; mache mich zum Bestimmten. I Hier

10 das Bestimmte, da es dem Bestimmten entgegensteht, so das Allgemeine dem Einzelnen, das Unendliche dem Endlichen gegenüber. (Logikf Der Wille tritt heraus in die Besonderheit, dies ist das Moment der Endlichkeit. In dieser Besonderheit unterschei-

15 den sich besondere Formen. Als Zweck, ganz äußeres Da-

sein, hat die Besonderung des Willens die Form eines Subjek- tiven. Diese Besonderung geht uns hier nichts' an, da er" nur formeller Wille ist, gehört diese Stufe dem' Selbstbewußtsein an, wo ich ein äußeres Dasein gegenüber erkenne. Der Wille

gibt sich eine Form. Wir nennen diesen Inhalt den Zweck. Er

setzt Bestimmungen in sich; diese sind I Be-

stimmungen im Willen. Dadurch haben sie die Form, dieses oder jenes Besondere zu sein, in sich reflektierende Bestim-

mung. Daraus werden sie Inhalt. Dieser ist ihre Form ,

vorgestellt als in sich reflektiert. Hier folgt der Übergang zur Begrenzung, d. h. er setzt sein erstes Moment als das was es ist. Der exemplarische Wille K hat nur besonderen Willen. 3· Das dritte ist die Wahrheit dieser beiden, Einheit beider Momente, Endlichkeit und Unendlichkeit identisch gesetzt,

20

26 gibt sich Form,

25

.

,

'0 so daß die Besonderheit selbst als Allgemeinheit gesetzt ist,

I

-alles- eingefügt.

2

Orig. hat anstelle von 2. ein Fra- gezeichen. Komma eingefügt.

3 Orig. -nichtc

60

4 Orig. -es-.

5

Orig.

.d. Stufe d.c

daß ich diese Besonderheit als die Meinige habe. Ich setze diese Bestimmtheit als identisch mit mir, schließe mit dieser

Besonderheit mich zusammen; ich beschließe, ich entschließe mich, dies ist der konkrete Begriff. Ich trete in das Dasein, in die Wirklichkeit als ein Mögliches, der ich von dem Inhalt 5 abhängig bin, beschlossen habe, es ist mein Zweck. Dies ist ein spekulativer Begriff. Sprechen wir philosophisch, so kann die Spekulation nicht umgangen werden. Die I Folge war:

a. in der Begrenzung unbegrenzt zu bleiben,

10

c. in der Negation' zugleich positiv zu sein.

Dies ist die Negation! der Negation', das Aufheben der Grenze. Dies ist die wahrhafte Unendlichkeit; Begriff des Willens, darin die Freiheit. Der spekulative/ Begriff des Willens ist die Freiheit, dies der Anfang' unserer ganzen 15

Wissenschaft. Daß und ob wir frei seien4\ hat man in der Philosophie abgehandelt; warum nicht auch, ob das Wasser naß sei. 1. Allgemeinheit, 2. Besonderheit, 3. Einzelnheit. Diese Totalität des Begriffs, Subjektivität, alles Vernünftige ist der Schluß.E Ich beschließe etwas, fasse den Entschluß. Wille ist zunächst das Unbestimmte, ist ITotalität in sich,

20

b. in der Besonderung Allgemeines zu bleiben,

27

28

schließt sich auf, ist das Seinige, es tritt kein Anderes hinzu. 25 Die Beziehung der Negativität auf sich ist Negieren, sich bestimmt setzen. Der freie'K Wille kann nichts anderes wollen als sich selbst. Nur er ist sich Inhalt, Zweck und Gegenstand. Das Ich, das sich selbst will, ist ganz abstrakt

'0

und einfach. Es muß besondere Unterschiede haben, um ein Inhalt zu sein. Dieses ist, daß der Geist nicht ein Abstraktes

I

Orig. -Negative-.

2 Orig. -schf.e,

3 Orig. -Andem-.

Orig. -fesc stehen-. 5 Orig. -fesce-.

4

61

ist, sondern ein Konkretes. Der Begriff des Willens ist nur zunächst ein Inhalt. Diese Substanz ist es, die in mir will. Der Geist ist das System dessen, was K er' will. Aber sein Inhalt hat zunächst die Form von Unmittelbarkeit. Dieses ist aber

 

5

noch nicht die Form, die ihm zugehört. Der Inhalt muß der Form des Geistes entsprechend gemacht werden. Er muß die Form des Meinigen erhalten, und dieses ist die Form der Allgemeinheit. Wir sagen, wir haben Triebe und Neigungen 2K; diese Triebe

10

nennen wir natürliche Triebe. Der Inhalt derselben ist ganz

29

unser I Eigenes; wir sprechen dies dadurch aus, daß wir sie die unsrigen nennen. Die Triebe haben zu ihrer Grundlage Bestimmungen unseres Geistes. Sie heißen natürlich, inso- fern sie überhaupt die Form der Unmittelbarkeit haben. Der

 

15

Mensch erscheint so zuerst als eine Sammlung von verschie- denen Trieben, wie solches auch in der empirischen Psycho- logie dargestellt wird. Diese Triebe sind die Mächte, die unser Leben regieren, insofern sie die Form der Unmittelbarkeit haben und gegen uns als ein Fremdes erscheinen. - Die

20

Unterschiede der Ideen erscheinen zunächst als bloß ver-

 

schiedene Triebe.'. -

Im Triebe bin ich um so unfreier, je mehr

er zur Leidenschaft geworden ist. Die Leidenschaft ist inso- fern eine Krankheit, auf dieselbe Weise wie ein Organismus, wo die Kraft des Lebens sich auf einen Teil der Organisation

 

25

geworfen hat. E Zwischen dem einfach Allgemeinen, dem Ich,

30

und dem Wesen steht noch etwas Trennendes, und dieses I ist die Form der Unmittelbarkeit. Ich, als das Allgemeine, stehe zugleich über der Besonderheit. Diese formelle Allgemein- heit, die sich als das Allgemeine weiß gegen das Besondere, ist

 

30

der Standpunkt der Willkür überhaupt. Die Willkür ist also dies, wählen zu können, und dies kann ich, weil ich durchaus

 

Orig. -es-. 2 Orig, -Reizungen-.

I

3 .Triebe- eingefügt.

abstraktes Subjekt bin. Vornehmlich heißt man Willkür den Willen, insofern er wählt, etwas Besonderes überhaupt, nicht als das Gute, da dieses das an und für sich Allgemeine, Objektive ist. Der natürliche Wille geht uns hier nichts an. Das System de~Glückseligkeit gehört hierher. Die Form der 5 bloßen Natürlichkeit ist abzustreifen und der! Inhalt des Willens zur Allgemeinheit zu erheben, so daß der einzelne Trieb zu einem ideellen Moment des Ganzen wird. Dies ist also die Erhebung dem Begriffe nach. Die Erhebung der Triebe aus ihrer I Besonderheit ist beim Individuo nichts 10 31 anderes als die Bildung, die Zucht. Das natürliche Wollen wird durch die Zucht dem Individuo abgetan. Die Zucht hebt also einerseits die Trägheit auf, das dumpfe Versunkensein der Natur in sich selbst. Sie erweckt ein Interesse und einen Gegensatz. Alsdann besteht die Bildung des Individui darin, 15 die Natürlichkeit abzutun. Dieses Abtun geschieht zunächst durch Gehorsam, durch Dienst. Hierdurch wird das natür- liche Wollen gebändigt. Die Furcht des Herrn, heißt es in diesem Sinn, ist der Weisheit Anfang." Die Furcht ist, daß ich die N egativität meiner', als eines Natürlichen, in mir gefühlt 20 habe. Die Natürlichkeit ist in Anregung und Flüssigkeit gekommen dadurch, daß sie durchrüttelt' ist. - In der Periode, wo rnan den Willen als natürlich gut betrachtete, ist die Ungezogenheit zum Prinzip gemacht worden.

Die Bestimmungen

die in seiner Natur liegen. Die Reinigung der Triebe ist der Übergang derselben in die Form der Allgemeinheit. Es gibt hinsichtlich der Triebe die doppelte Ansicht, daß sie aufgeho- ben und daß sie befriedigt werden sollen. Der Geist ist nicht ein Abstraktum, sondern er ist wesentlich ein in sich gliedern-

des Triebes sind zufällige, I nicht solche,

'5

30

32

I

Orig. -den-.

2

-Negativitat meiner- möglicherweise vom Abschreiber in zunächst offen- gelassenen Raum eingetragen.

3 Orig. -durchrinel«.

des System". Den Inhalt der Triebe ausrotten ist ein abstrak- tes, mönchisches Verfahren. Nach der andern Ansicht wer- den die Triebe als natürlich gut betrachtet. - Das An-sich des Willens ist der Begriff des Willens, und dieser Begriff des

5

Willens ist dies für mich, ein Gegenstand. Das System der vernünftigen Bestimmungen des Willens sind die einzelnen Stufen, die wir in der Wissenschaft zu betrachten haben. Diese Stufen können in frei objektiver und in frei subjektiver Form behandelt werden. Die erste Betrachtung ist die uns-

33 rige. Wenn die Triebe als etwas IUnmittelbares, Gefundenes behandelt werden, so ist dies eine unwissenschaftliche Betrachtungsweise. - Der Wille hat zum Gegenstand die Freiheit. Dies ist der Begriff der Idee, die wir abzuhandeln haben. Oberflächlich genommen kann hier an den Eigennutz

10

15

gedacht werden. Der Wille ist indes hier als nach seinem Begriff zu nehmen. - Wenn man sagt: der freie Wille, so ist

dies scheinbar unnötig, da der Begriff des Willens die Freiheit ist. Der unmittelbare Wille ist indes noch nicht frei, sondern nur der Wille an sich. - Wenn man fragt: Was ist die

20 Bestimmung des Menschen überhaupt?, so ist die Frage eine abstrakte, und die Antwort kann auch nur eine abstrakte sein. Dem gewöhnlichen Bewußtsein erscheint die Freiheit als der Zustand, wo man tun kann, was man will. Was man wolle, das ist aber eben die Frage. - Die Realisierung des Willens ist

34 die Verwirklichung der Freiheit, daß diese als eine Welt I gegenständlich wird. Die Entwickelung des Begriffes der Freiheit gibt ein System vernünftiger Bestimmungen. Dieses ist eine Notwendigkeit. Nach der gewöhnlichen Vorstellung erscheinen Wille und

25

30

Intelligenz oft als zweierlei. Der freie ' K Wille aber,

der nichts

zu seinem Inhalt hat als sich, hat seinen Inhalt nur durch das Denken. - Man kann einen Sklaven fragen; er ist nur darum

Sklave, weil er sich nicht denkt. Der absolute Wert der

I

Orig. -feste-.

Bildung fällt hierher. Die Bildung bringt es mit sich, daß die Besonderheit in die 1 Allgemeinheit erhoben wird. Rohe Völker für frei zu halten, ist ein gewöhnlicher Irrtum, der damit zusammenhängt, daß die Form der Allgemeinheit, die des Denkens, ihre' Achtung verloren hat. Man ist in unsern 5 Zeiten darauf zurückgekommen, daß der Mensch unmittel- bar aus sich selbst wisse, was gut ist. Dahin gehört die Frömmelei, die in unmittelbarer Empfindung zu haben meint, was I allein in der Form der Allgemeinheit seine wahre Gestalt erhält. Eine andere irrige Ansicht ist die, welche die bloße Schlauigkeit und Pfiffigkeit mit dem Denken verwech- selt. Der Begriff der Freiheit ist das Denkende, Allgemeine, in dem alle andere Realität aufgelöst ist.'. Der Mensch, insofern er Rechte hat, ist absoluter Selbstzweck, nicht Mittel, nicht

10

15

35

ein solches, außer welchem 4 der Begriff seiner

Der Unterschied nach innen ist die Ausbildung des Begriffs. Das erste ist, daß der Begriff frei für sich ist. Darin ist die Persönlichkeit ausgedrückt. Das zweite ist, daß der Unter- schied gesetzt wird. Hier ist die Unmittelbarkeit aufgehoben. Diese Stufe ist nicht mehr so abstrakt alsdie erste. Es ist dieses der moralische Standpunkt. - Es ist hier der formelle Wille zu betrachten, und es handelt sich um Absicht, Einsicht u. dgl. Der besondere Wille tritt hier hervor. Es erscheint hier der abstrakt subjektive Wille und das Gute als das I Allgemeine. 25 36 Das dritte ist, daß der moralische Wille seine Subjektivität aufhebt und zur Unmittelbarkeit seines ersten Begriffes zurückgeht. Dieses ist die Sittlichkeit. Das Gute soll hier nicht bloß sein, sondern es ist auch. Die andere Seite ist der Unterschied nach außen. Alle die angegebenen Stufen sind in ihrer Existenz zu betrachten. Diese Existenzen oder Gestaltungen fallen in unser gewöhnli-

wäre.

20

30

I

Orig. -der-.

2 Orig. -seine-.

3 -ist- eingefügt.

4 Orig. -welches-.

ches Bewußtsein. Man hat leicht die Vorstellung, daß Begriff, Idee etwas Entferntes, Jenseitiges sei. Aber es ist gerade die Philosophie, die dieses Jenseits aufhebt. Wir bestehen allein in den Bestimmungen und Formen der Idee. Gerade das

5 tägliche Leben hat Wahrheit und Wirklichkeit in sich, sonst wäre es gar nicht. - Das Dasein, welches sich die Idee gibt, entspricht derselben, aber es ist ein Unterschiedenes daran

37 und macht eine Bestimmung derselben aus. In I unserer Vor- stellung haben wir eine Reihe solcher Gestalten, die Bestim-

10 mungen des Begriffs sind, an dem es sich selbst zu höheren Gestaltungen erhebt. Das Besondere kommt hier nicht von außen her, sondern der Begriff ist es selbst, der sich unter- scheidet.

Erster Teil

Das abstrakte Recht

Das 1K abstrakte Recht ist der Teil der Wissenschaft, der sonst Naturrecht genannt wird. Diese Benennung ist indes aus den bereits angeführten Gründen'' aufzugeben. Es ist eine irrige 5 Meinung, als ob die natürlichen Rechte in einem Naturzu- stande geltend wären. - Die Wirklichkeit des Rechts ist nicht nur unmittelbarer Zustand, das Recht muß vernünftig sein. Das unmittelbare Natürlichsein des Willens muß rekonstru- iert sein. Es gehören hierher die schlechten Fiktionen von 10 einem goldenen Zeitalter I oder einem Paradiese. Es ist keine' Bekraftigung/' des Substantiellen, sich alle Not und alle Spannung in eine allgemeine Ruhe versenkt zu denken. Bei einem solchen Zustande mit seinen Gedanken zu verharren ist schwach und unwürdig, denn es ist Sache des Geistes, in 15 seinem Gegensatze bei sich zu sein. Der' Begriff ist in dem abstrakten Rechte in der Bestimmung der Unmittelbarkeit. Es ist hier der Wille" der sich in seiner Reinheit auf sich bezieht. Diese einfache Beziehung ist die Beziehung des Seins. Es ist hier die sich auf sich beziehende absolute Negativitär'". Der Wille ist als dieses Unmittelbare der einzelne Wille. Dieses ist es, was wir Person nennen. Die Persönlichkeit ist das Höchste im Menschen. Daß ich in allen einzelnen Bestimmungen mich als ein Freies verhalte, bildet' meine Absolutheit, die jedoch noch abstrakt ist. - Das Recht kann überhaupt so ausgedrückt werden: Sei eine Person und behandle I andere als Personen. Wenn man sagt, es sei der

'5

'0

I Orig. am Rande: 17<,

2 Orig. seines.

3 Orig. am Rande: 18<.

4 -der Wille< eingefügt.

5 -absolute Negarivitä« sicher vom

Abschreiber in zunächst offenge-

lassenen Raum eingefügt.

6 Orig. -bindet-.

38

39

I

erste Grundsatz der Freiheit, daß die Menschen einander alle gleich seien, so ist dieses allerdings ganz richtig. Nur sind die Menschen einander nicht von Natur gleich, sondern lediglich in der Freiheit. - Dieser Gedanke ist vornehmlich durch das

s Christentum allgemein geworden. Das Christentum enthält dieses, daß Gott Mensch geworden ist und daß die göttliche und menschliche Natur eins sind. Darin liegt das Hohe, daß Gott die menschliche Natur als solche angenommen hat. Mit der Verbreitung dieser Idee muß die Sklavereiverschwinden.

10 Mit dem Kastenunterschied der Indier ist es ein anderes. Dort gilt die Naturbestimmtheit für ein Unüberwindliches. Man braucht von den Indiern nur diesen einzigen Zug zu wissen, so ist dies hinreichend, um einzusehen, daß wahrhafte Wis- senschaftlichkeit und Sittlichkeit dort nicht haben können

40 15

zustande kommen. I

Daß

gebraucht wird, hat seinen Grund darin, daß Person nur noch

ein Abstraktes ist. Die Freiheit hat sich zunächst als Person zu bestimmen und ein Dasein zu geben. Ich bin nicht nur

»Person« zugleich als Ausdruck der Verächtlichkeit

20

Persönlichkeit, sondern auch Individualität. Als solche sind wir zugleich Besondere und haben Bedürfnisse, Triebe und

Neigungen 1K »Fiat justitia pereat

mundus-f ist in diesem

Sinn zu verstehen. Das strenge Recht hat überhaupt nach seiner Bestimmung nicht auf das Wohl zu sehen. Das Recht

25

alsein so Abstraktes ist insofern überhaupt nur das Mögliche. Zum Handeln gehört noch weiterer Inhalt, das Rechtliche hingegen als solches." Möglichkeit, eine Erlaubnis, eine Befugnis. Das' eben angedeutete Rechtsgebot kann auch so ausge-

30

drückt werden: Respektiere die abstrakte Freiheit anderer. Das Verhältnis gegen andere ist insofern negativer Natur, und

I Orig. -Reizungenc.

2. Orig. -solcbe« Doppelpunkt eingefügt.

3 Orig. am Rande: 19<·

68

es gibt deshalb keine Rechtsgebote, I sondern nur Verbote. - Viele Lehren über die Freiheit sind von dem Standpunkte der Persönlichkeit ausgegangen. Es ist dabei übersehen worden, daß diese Bestimmung nur eine Abstraktion ist. Man hat nach dieser Vorstellung den Staat als einen Urvertrag dargestellt 5 und hat dabei nur jene Punktualität des Willens aufgefaßt. Es entsteht auf solche Weise die schlechte Allgemeinheit, die nur Allheit ist. Es ist ein Grundirrtum, der zu ungeheueren Verwirrungen geführt hat, die abstrakte Persönlichkeit als das Letzte und Höchste anzusehen. - Das fernere ist das 10 Moment der Einzelnheit zu einem unmittelbar Andern. Hier ist die Sphäre der Außenwelt, die Person gibt ihrer Freiheit Dasein. Das Verhältnis zu einem Andern ist in der Freiheit aufgehoben. Die erste Stufe, die wir zu betrachten haben, zeigt, wie die Person ihrer Freiheit ein Dasein gibt; dies ist der I Besitz und das Eigentum überhaupt. Das zweite ist, daß ich 1, indem ich mir Dasein gegeben habe, für andere bin; dieses ist die Stufe des Unterschiedes, des Verhältnisses überhaupt. Ich trete jetzt in ein? Verhältnis zu Sachen, die das Eigentum eines 20 andern sind. Mein Verhältnis zu solchen Sachen ist wesent- lich vermittelt durch den Willen eines andern. Diese zweite Stufe ist der Vertrag. Die dritte Stufe ist, daß ich als Person für mich selbst bin und unterschieden von andern und zugleich identisclr'f mit andern. Es tritt hier die Allgemeinheit des 25 Willens ein. Dies ist die Stufe des Unrechts. Es findet hier überhaupt der Widerstreit des Allgemeinen und Besondern statt. - Wenn näher vom Personenrecht" gesprochen wird, wie z. B. bei Kant 5E , im Gegensatz gegen das Sachenrecht't'', so ist hier die Person in einem gewissen Status betrachtet. Nach unserer Betrachtung ist nun zunächst die Freiheit gar

15

30

1 -ich- eingefügt.

-ein- eingefügt.

2

3 Orig. -idealisch

4 Orig. -Personrech«,

5 Orig. -Punk-.

6 Orig. -Sacherechc-,

41

42

43 kein Status, und I wir kennen keinen Gegensatz von Freiheit und Sklaverei. Was das weitere betrifft im Personenrechte 1 , so gehören dahin Verhältnisse, die sich auf die Familie beziehen. Allein das Familienverhältnis ist kein rein recht- s liches Verhältnis. Es ist hier eine höhere Grundlage, das sittliche Verhältnis nämlich. Die Freiheit zeigt sich zunächst unmittelbar in der Form der Einzelnheit. Der Begriff der Freiheit hat sich nun wesentlich ins Dasein zu setzen. Diese Totalität fällt nicht nur in unsere 10 Betrachtung, sondern es ist der Wille überhaupt, der die Subjektivität aufhebt und sich daseiend macht. - Die Person wird sich im Eigentum gegenständlich und spinnt sich in einem Gegenstand an K

15

Erstes Kapitel

1. Besitz und Eigentum?

44 Es kann gefragt werden, welches Interesse Ivorhanden sei, daß der Mensch sich Eigentum gebe. Zunächst ist das Inter- esse auf Befriedigung der Bedürfnisse gerichtet. Insofern

20 kann man es für eine untergeordnete Bestimmung ansehen, Eigentum zu haben. Es erscheint so nur verständig, Eigentum zu haben. Es ist aber auch ferner das Interesse der Vernunft, Eigentum zu haben, denn im Eigentum gibt die Freiheit sich Dasein. Der Begriff wird sonach Idee. Wenn wir gewohnt

25 sind, das Recht nur als Mittel zu nehmen zum Schutz der Befriedigung unserer Bedürfnisse, so sprechen wir nicht nur aus dem Interesse der Vernunft. - Die Besonderheit einer Unmittelbarkeit ist zunächst äußeres Dasein überhaupt. - Wie wir der äußerlichen Dinge habhaft werden, ist hier

I

Orig. -Personrechte-.

2

Kapitelüberschrift weicht ab von der .Inhaltsanzeigec -Das Eigenturne

r

überhaupt nicht näher zu betrachten. Die äußeren Dinge sind gewaltig gegen uns, und wir verhalten uns wieder als I Gewalt gegen sie. - Zu unserer Freiheit nach außen gehört zunächst eigene Unmittelbarkeit. So gehört unser Körper und freier äußerer! Geist zu der Äußerlichkeit unserer Freiheit. Damit der Körper ein Dasein unserer Freiheit sei, muß er ausgebil- det werden. Ebenso ist unser Geist zunächst nur an sich· wir haben nur Vermögen, Fähigkeiten pp. Indem ich Freies bin, so ist keine Äußerlichkeit als geltend gegen mich vorhanden. Ich kann von allem andern abstrahie- 10 ren. - Die Freiheit des Geistes ist der absolute Begriff selbst, in dem alles andere Bestehen untergegangen ist. Daß die Freiheit absolute Substanz ist, diese Betrachtung fällt in die vorhergehende Philosophie. Alle Früheren! Gestaltungen lösen sich auf in das Resultat des freien Geistes. Wenn ich also als individuelles Subjekt mit äußern Dingen in Kampf I komme, so verschwindet dieses Verhältnis gänzlich in meiner f.reiheit. Es findet hier eine reine Expansion in einem reinen Ather'' statt. Hierin liegt nun das absolute Zueignungsrecht des Menschen auf alle äußeren Dinge. Besitz und Eigentum sind eigentlich nur Seiten eines und desselben; der Besitz ist die Äußerlichkeit des Eigentums als eines Substantiellen. Abstrakt ist Besitz nicht ohne Eigentum und Eigentum nicht ohne Besitz. Die Substanz ist eine leere Abstraktion ohne die Akzidenzien, und umgekehrt. - Eigen- turn und Besitz sind nun auch trennbar, und zwar mit Recht und mit Unrecht. Diese Trennbarkeit scheint der ausgespro- chenen Identität'" zu widersprechen. Wenn der Besitz vom Eigentum getrennt ist, so hat das letztere nicht mehr das unmittelbare, sinnliche Dasein, sondern I das Dasein muß

,

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I -freier äußerer- wahrscheinlich vom Abschreiber in zunächst offengelassenen Raum eingefügt.

2 Orig. -frühere

3 Orig. -Idealitar

ideell sein. Dieses ideelle Dasein besteht im Anerkanntsein anderer, so wie in der bürgerlichen Gesellschaft das Eigentum überhaupt durch die Anerkenntnis anderer vermittelt ist. - In

der positiven Rechtswissenschaft ist die Rede vom Rechte des 5 Besitzes als solchem'. Dies hat den Sinn, daß der Besitz erscheint als besondere Weise, ein Eigentum zu erlangen. - Es muß der' Wahrheit nach das Recht des Besitzes gleich zuerst abgehandelt werden, da der Besitz bei allen andern Arten der Eigentumsverhältnisse vorkommt. - Dasjenige, was besessen

ist ein solches, das kein

selbständiges Bestehen in sich hat. - Wenn man eine Sache in dieser Art definiert, so folgt daraus, daß Wissenschaften, Kenntnisse pp. auch Sachen wären, denn sie sind unter-

48 scheidbar Ivon mir selbst. Nun heißt man so etwas doch nicht 1S eine Sache, indem man darunter bloß äußerliche Dinge versteht. Die Bestimmung von Rechtlichkeit ist ein Moment überhaupt; Künste und Wissenschaften können insofern allerdings zu Sachen gemacht werden. Sache ist nicht ein Feststehendes, das bloß eine für sich bestehende Existenz bildet. So ist umgekehrt etwas, in das ich meinen Willen gelegt habe, nicht mehr bloß eine Sache, sondern zugleich ein Innerliches, Subjektives. Ich ist das Innerlichste, und den- noch kann ich auch dieses zur Sachemachen, wenn ich Sklave werde und mich somit meiner Freiheit, meines Ich begebe.

10 wird, heißt nun eine Sache K Diese

'0

25

Eigentliche Sache ist somit zugleich ein Äußerliches und ein Innerliches. An der äußerlichen Seite muß die Seite der Persönlichkeit erscheinen. Dadurch erhält sie nur das Wesen. Es ist in dieser Beziehung zu betrachten: 1. die Besitznahme überhaupt.

49 2. ist die I Sache, in die meine Freiheit gelegt ist, negativ gesetzt. Die Manifestation der Nichtigkeit der Sache ist der Gebrauch derselben. 3. Die Veräußerung des Eigentums, das

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I

Orig. -solchenc

2 Orig. -die-.

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2

I

unendliche Urteil'', daß ich mich in mich selbst aus der Sache reflektiere. Bei der Besitznahme ergibt sich folgendes: Die Person erschien als das unmittelbar Freie E Diese Person ist nicht nur das Abstrakte, sondern ein Erfülltes, ein Geist. Das dritte ist die Äußerlichkeit. Als unmittelbare Person habe ich einen organischen Körper. Dieser ist unmittelbar mein, und es scheint lächerlich zu sein, nach dem Recht der Besitznahme am Körper zu fragen. Ich habe den organischen Körper nur, weil ich ihn haben will, und wenn ich ihn nicht haben will, so 10 habe ich ihn nicht. Das Tier kann sich nicht umbringen, sich nicht verstümmeln. In I unseren Körper legen wir insofern unsern Willen. - Daraus, daß ich als Freies in meinem Körper bin, folgt, daß mein Körper nicht als der Körper eines Tieres gebraucht werden kann. Wer meinen Körper angreift, greift mich als Freies an. Der Geist ist dieses, daß er durch seine Tätigkeit das, was er ist, aus sich heraussetzt, sich objektiv macht. Der reine Sprachgebrauch sagt schon von jemand, der mit seinem Körper und seinen Anlagen nicht umzugehen weiß, er sei 20 seiner nicht mächtig. - Der Mensch ist Geist an sich, d. h. er ist die Möglichkeit, d.h. die reale Möglichkeit. Aber damit ist der Mensch noch nicht wirklich, was er sein soll. Der Mensch muß wesentlich seinen Geist in Besitz nehmen. Der Mensch muß sich als Freies in Besitz nehmen. Hierauf I beruht der Streit, die Antinomie über Sklaverei. Der Mensch, insofern er nur unmittelbar frei ist, ist noch nicht frei. Dem Menschen, der nur unmittelbar frei ist, geschieht insofern kein Unrecht, wenn er Zum Sklaven gemacht wird. Er existiert bloß als natürlicher Wille. Die Verteidiger der Sklaverei beziehen sich 30 alle darauf, daß die, welche sich zu Sklaven machen lassen, nicht für sich frei sind. Ob die Menschen wirklich frei sind, das wissen sie voneinander aus dem bloßen Anblick noch nicht. Um als Freier anerkannt zu werden, muß ich mich auch

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in meinem Dasein frei zeigen. - Die Kämpfe roher Völker gegeneinander haben nur den Sinn, zu zeigen, in ihrem Dasein frei zu sein. Der Stand ist dann dieser, wo jeder als Freier von dem anderen anerkannt ist, ohne daß gefordert

52 wird, erst I Beweise äußerer Freiheit zu geben. Die Forde- rung, keinen als Sklaven zu behandeln, ist ganz richtig. Aber ebenso gültig ist die Forderung, selbst nicht Sklave zu sein1. Es läßt sich immer sagen, daß man sich durch den Tod hätte der Sklaverei entziehen können. Niemanden' zum Sklaven 10 zu machen ist keine rechtliche, sondern eine moralische Forderung. Der rechtliche Anspruch bezieht sich nur auf die Freiheit, wo sich dieselbe im Dasein zeigt, und fällt somit weg, wo dieses Dasein der Freiheit sich nicht zeigt. - Nur erst im Staate ist das Anerkenntnis einer Freiheit vollständig. -

15 Das fernere ist die Besitznahme äußerlicher Dinge. Dies ist nun das absolute Zueignungsrecht. - Die äußerlichen Dinge, welche in Besitz genommen werden können, gehen uns nach ihrer Besonderheit nicht an. - Eine allgemeinere Bestim-

53 mung Iwäre, wieviel jeder das Recht habe, in Besitz zu

5

20

'5

nehmen. Die Vorstellung fällt zunächst darauf, daß allegleich viel besitzen müßten. Die Gleichheit ist hier die abstrakte Verstandeseinheit. Das Vernünftige in der Besitznahme ist, daß ich meine Freiheit in äußere 3 Dinge lege.Wieviel ich in Besitz nehme, das gehört dem unbestimmten Felde der Besonderheit an, dem Felde, wo wesentlich die Ungleichheit zu Hause ist. Die Erde ist selbst etwas ganz Ungleiches, und es zeigt sich hier gleich die Untunlichkeit einer ganz gleichen Verteilung. Man kommt hier in den unendlichen Prozeß und somit überhaupt in die Sphäre der Reflexion und des Verstan-

30 des und außerhalb des Vernünftigen.

54 Es ist ferner die Zeitbestimmung I hinsichtlich der Besitzer-

I Orig. -selbsr nicht zu Sklave zu seine

Orig. -jemanden 3 Orig. -außeren-.

2

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greifung zu erwähnen. Es liegt in der Natur der Sache,daß die Priorität hier den Vorzug geben muß. Die Besitzergreifung muß nun durch etwas äußerlich Dasei- endes betätigt werden, und der bloße Wille ist nicht als hinreichend zu betrachten.

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Form und Materien sind in der Besitzergreifung eines Gegen- standes nicht getrennt zu betrachten, denn die Materie ist für sich allein nichts. Die körperliche Besitzergreifung wird überhaupt auf den Bereich unserer und der uns unterworfenen Sachen1K ausge-

dehnt. - Auszumitteln, welche Gesichtspunkte hierbei das Wesentliche sind, ist Gegenstand des Verstandes. - Das Strandrecht gehört auch hierher. Sachen, die an einen Strand geschwemmt werden, hören der Natur der Sache nach nicht auf, mein Eigentum zu sein". - Es ist weiter zu erwägen, ob,

indem ich eines Erzeugnisses I mich bemächtige, ich zugleich

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die Absicht habe, auch das Erzeugende mit in Besitz zu nehmen. Dieses letztere ist, weil die Besitzergreifenden Ver- nünftige sind, in der Regel anzunehmen, so daß das Allge- meine, die fortdauernde Möglichkeit, zugleich mit dem 20 Produkt in Besitz genommen wird. Die' Formierung ist eine ideellere, höhere Weise der Besitz- nahme. Es ist dieses eine objektive, bleibende Form der Besitzergreifung. Die Arten der Formierung können nun wieder sehr mannigfaltig sein nach Verschiedenheit der 25 Gegenstände, worauf die Formierung angewendet wird. Das? Bezeichnen" drückt aus, daß ich das Meinige an einer Sache nur vorstelle. Es entsteht so ein Verhältnis zu einem Andern. Im Zeichen' liegt zugleich noch eine andere Bedeu- tung als die unmittelbare. I Indem ich eine Sache zu der Meinigen mache, so negiere ich

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I

Orig. -Pröchre.,

4 Orig. -Beaiehen-.

2

Orig. am Rande:

28<,

5 Orig. )Ziehen<.

3 Orig. am Rande: 30<.

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sie. Es gehört deshalb zur Realität der Besitznahme, daß die Nichtigkeit der Sache dargetan wird. Dies ist überhaupt der Gebrauch meiner' Sache. Der Gebrauch vervollständigt also die Realität meines Besitzes und gehört wesentlich zum

 

5

Besitz. - Es ergibt sich daraus die rechtliche Folge, daß, wenn ich den ganzen Gebrauch einer Sache habe, ich wesentlich Eigentümer derselben bin. Wenn ein Unterschied sein soll, so kann er nur darin bestehen, daß der Gebrauch anderer uns teilweise oder nur auf gewisse Zeit abgetreten wird. - In den

10

Lehnsverhältnissen kommt es vor, daß einer der Herr ist, dominus directus, der andere der Gebraucher, dominus utilis, Dieses Verhältnis ist 2 von seiten des Herrn ein ganz

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'5

leeres. I Indem ich eine Sache besitze, so ist sie eine einzelne. Daran ist noch die innere Allgemeinheit der Sache zu unterscheiden. Nach dieser Seite kann die Sache mit anderen in Vergleichung gebracht werden. Es wird hierbei nur überhaupt betrachtet, daß die Sache zur Befriedigung eines Bedürfnisses dient. Nach dieser allgemeinen Seite nennen wir die Fähigkeit einer

20

Sache, zur Befriedigung eines Bedürfnisses zu dienen, den Wert der Sache. Den Wert haben wir auch als ein wirkliches Ding, als das Geld. Im Begriff des Eigentums nun liegt, daß nicht nur die einzelne Sache, sondern auch der Wert der Sache mir gehört. - Ich kann jedoch auch Besitzer der Sache als

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Einzelnheit sein, nicht nach ihrem Wert. Dies ist besonders der Fall bei den Lehnsverhältnissen. Ist die Benutzung unbe- stimmt mein, so gehört die Sache mir auch ihrem Werte nach

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zu. I

Wenn man

sagt,

es hänge von uns

ab, Eigentum unter

30 Lehnsverpflichtungen zu erwerben oder nicht, so kann dies nur vom Einzelnen gelten. - Dem Begriff der Sache gemäß ist

T

es, daß, was ich als Einzelnes I besitze, ich auch seinem Werte nach als Allgemeines besitze. - Das Eigentum soll seinem Begriffe nach volles, freies Eigentum sein. In Rücksicht auf Eigentum fühlen sich die Menschen frei, wenn sie dasselbe so besitzen, wie es dem Begriff entspricht. 5 Man/ ist in neuern Zeiten dahin gekommen, die bloßen Herrlichkeitsrechte'' als ein Miteigentum zu betrachten. - Durch die christliche Religion ist vornehmlich das Prinzip der Freiheit etabliert worden. Die Freiheit des Eigentums ist erst kürzlich allgemein anerkannt worden. - Es kann gefragt werden, ob die Gütergemeinschaft an und für sich vernünftig sei. Diese Frage muß verneint werden, weil I die Darstellung 59 der freien Persönlichkeit damit unvereinbar ist. Es ist mit Recht in neuern Zeiten in den meisten Staaten die Ablösbarkeie von Reallasten'' ausgesprochen worden. Da- 15 durch sind Sozietatsverträge'' nicht ausgeschlossen, nur müs- sen solche auf eine bestimmte Zeit beschränkt sein. - Die Willkür kann nun allerdings, dem entgegenlaufend, Verträge schließen. Allein solche begriffswidrige Verträge sind hier überhaupt nicht zu betrachten. Bei Zehnten ist häufig für die Zehentpflichtigen die Verpflich- tung' die Genehmigung des Zehentherren einzuholen, wenn die bisherige Kulturarr' geändert werden soll. Es ist einleuch- tend, daß diese Bestimmung gleichfalls eine sehr beschrän- kende und mit der Freiheit des Eigentums und der Industrie unverträgliche ist. - Es hat schon etwas gegen die Vorstellung Laufendes, wenn man in I äußerlichen sinnlichen Dingen 60 etwas auf ewige Zeiten bestimmen will. Wir sehen dies auch im Fortgang der Gesellschaft; sowie der Gedanke sich ent- wickelt, man sich bei Bestimmungen der Art nicht mehr 30 beruhigt. - Die agrarischen Gesetze sind auch nichts als der Kampf des gemeinschaftlichen Eigentums mit dem Privatei-

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I

Orig. -seiner

I

Orig. -Einzelner-.

3 Orig. möglicherweise -Kultusart-.

2 -ist. eingefügt.

2

Orig. am Rande: 33<.

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s

10

1;

20

2;

30

gentum. So unrechtlieh auch die erste Erwerbung der Patri- zier hierbei war, so hat sich doch das höhere Interesse des Privateigentums behauptet.E

 

Wenn' ich den ganzen Umfang meines Produzierens einem andern überlasse, so hätte ich nicht das Äußerliche nur überlassen, sondern zugleich auch mein Innerliches. Nur insofern kann ich meine Äußerungen veräußern, als dies auf eine gewisse Zeit geschieht. - Ein Sklave und Leibeige- s ner bleibt wesentlich von einem Diener unterschieden da- durch, daß die ersteren für die ganze Lebenszeit gebunden sind. Es gehört hierher die Frage über geistiges Eigentum. Es scheint zunächst ein Widerspruch, daß jemand mit seinem an einer Schrift erworbenen Eigentum nicht solle tun können, was er will. Das, was ich bei einer Produktion veräußere, ist von Iverschiedener Art, entweder bloß mechanisch oder geistig, eigentümlich. - Bei einem Kunstwerk tritt der Fall ein, daß es Eigentum des Künstlers bleibt. - Bei Büchern ist die äußerliche Form etwas ganz Mechanisches, und doch soll die Sache mein Eigentum bleiben, und zwar als Sache. Die Gedanken, die ich mitgeteilt habe, sind allgemeines Eigentum aller geworden. - Das Plagiat ist mehr eine Sache der Ehre als des Eigentums. Heutzutage wird vom Plagiat wenig mehr 20 gesprochen, aber die Sache ist deshalb nur um so häufiger geworden. Die Gesetze gegen den Nachdruck werden den Klagen noch nicht genug abhelfen, solange nicht die Ehre unter den Schriftstellern höher gerechnet wird. Durch den Verkauf eines Buches wird nur das einzelne 25 Exemplar überlassen, nicht die Möglichkeit der Vervielfälti- gung desselben. Die besondere Form des Buchs I ist das dem Verfasser zustehende Subjektive. Die besondere Verbin- dung von Gedanken, die den Inhalt eines Buchs ausmachen, wird? gleichsam durch den Schriftsteller zuerst in Besitz ge- nommen und ist deshalb Eigentum desselben. Durch den Gebrauch tritt hier eine Art von Verjährung ein, so daß eine

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10

1;

 

Der'

Gebrauch ist also das ganz Äußerlichwerden 2 ,

die

Manifestation des Besitzes. Der Besitz tritt damit also in die Zeit; der Gebrauch ist das Zeichen meines Besitzes. Das Objektive in Ansehung der Zeit ist die Fortdauer; es folgt also daraus, daß mein Besitz als fortdauernd erscheinen muß. Ohne dies hat mein Wille in der Sache nicht Dasein, und die

 

Sache wird somit herrenlosP. Dies ist der vernünftige Grund

der Verjährung. I Der 4 Gebrauch erschien als das Negative an der Sache. Ich kann nun ferner aus dem Eigentum mich in mich reflektieren und mich desselben entäußern. Es gibt Bestimmungen meiner, die unveräußerlich sind und auf welche, wenn sie äußerlicherweise veräußert sind, mein Recht unverjährbar bleibt. Dahin gehört zunächst meine Persönlichkeit überhaupt. Daß so etwas nicht; veräußert werden kann, davon liegt der Grund in der oft erwähnten

Natur des Geistes, der von einem natürlichen, äußerlichen, an sich seienden Geiste zu einem für sich seienden, wahrhaf- ten Geiste werden muß. Ein Mensch, der zum Sklaven ge- macht ist oder sich selbst dazu gemacht hat, hat unmittelbar das Recht, seine Freiheit zu nehmen. Ein dergleichen Vertrag ist an und für sich nichtig. Ebenso ist es, wenn jemand einem anderen seine Sittlichkeit veräußert haben sollte. - Von der

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Religion gilt I dasselbe. Ich kann mich allerdings zum Unfreien" machen. Allein es ist die eigenste Bestimmung meines Geistes, ein Freies, Vernünftiges zu sein, und ich habe

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somit unmittelbar das göttliche, unverjährbare Recht, der- gleichen Schranken zu durchbrechen.

I

Orig. arn Rande: 34<.

4

Orig. am Rande: 35<·

 

2

Orig. >äußerlich werdendes.

5 -nicht- eingefügt.

I

Orig. am Rande: 36<.

 

3 Orig. -Erwerbungc

6 Orig. -Freien-.

2

Orig.

-werden

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Erfindung, ein Buch, mit der Zeit das Eigentum aller wird. Die meisten Gesetze bestimmen noch eme Reihe von Jahren, innerhalb deren das Verlagsrecht eines Werks Eigen- tum der Nachkommen eines Schriftstellers bleibt. - Das 5 Bedürfnis des Publikums ist übrigens hierbei allerdings auch zu berücksichtigen, und es muß das Recht eingeräumt werden, den Preis eines zu hoch gehaltenen Buchs zu erniedrigen. Es kann noch von der Entäußerung des Lebens geredet

10 werden, insofern wir das Leben als etwas von uns Getrenntes

65 betrachten können. In Ansehung des Rechts I müßten wir sagen, daß das Leben als die Totalität meiner Äußerungen nichts Äußerliches ist und ich insofern nicht das Recht, es zu veräußern, habe. Die hauptsächliche Erörterung dieser Frage

15

gehört übrigens in das Sittliche und Moralische. Indem ich mein Leben aufgebe, so hebe ich die Seite der Idee auf, die überhaupt Dasein und Wirklichkeit betrifft. Dieses Aufgeben ist aber selbst im Dasein, und ich beweise dadurch meine Freiheit. Dies bezieht sich, wovon später die Rede sein wird,

20

auf den Formalismus der Tapferkeit. Der positive Inhalt der Tapferkeit müßte die Idee sein. Insofern also die Tapferkeit einen Inhalt hat, so bestimmt dieser ihren Wert. Als eine bloß formelle Tapferkeit ist die Entäußerung! in moralischer, sittlicher Beziehung nur ein Unvollständiges. - Das Leben

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überhaupt aufzuopfern, davon kann erst gesprochen werden

66 im Sittlichen, wo nicht die unmittell bare Person, wie hier, der Zweck ist. - Das Bewußtsein des Menschen, daß er von allem abstrahieren kann, ist nur Ein K Moment der Freiheit. Weil das Leben immer Unmittelbarkeit ist, so muß das '0 Negative immer auch die Gestalt einer äußerlichen Gewalt

sem,

I Orig. -Entziehungc

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2. Der Vertrag

Es 1 ist hier der Übergang zum Vertrag. Ich habe als freies Einzelnes ein Dasein, aber dieses Dasein ist zugleich ein Anderes-. Ich muß mich auch setzen als dieses Daseins mich entäußernd, eben weil es ein Äußerliches ist. Die Einheit der Entäußerung des Eigentums und des Eigentümerbleibens ist der abstrakte Begriff des Vertrages. Die Allgemeinheit der Bestimmung, Eigentümer zu sein, stellt sich dar als allgemeiner Wille, als ein Wille von mehre- ren. Das Dasein meiner Freiheit ist zu betrachten als meinem Begriff nicht entsprechend, I denn ich habe nur die Anschau- ung meiner in meiner Äußerlichkeit, einer Sache.Die Realität ist diese, daß ich das Dasein meiner Freiheit erschaue im Willen eines andern. Die positivere Identität 2K ist, daß das Andere immer mein freier' Wille K ist. Dieses ist der Boden, 15 das Element des Daseins meines Willens. - Der Vertrag ist insofern ein von der Vernunft bestimmtes Moment. Zunächst pflegt man denselben zu betrachten als vom Bedürfnis ausge- hend. So erscheint er auch allerdings unserm Bewußtsein. Es ist dies mit dem Eigentum und dessen Besitznahme derselbe 20 Fall. - Es ist bei dem Vertrag immer ein gedoppelter Wille vorhanden, und dieser ist immer an zwei Personen verteilt. Im sogenannten realen Vertrag", im Tausch, ist dieser gedop- pelte Wille auf beiden Seiten zwiefach. Es 4 sind im Vertrag noch zwei unmittelbare, I selbständige Personen, welche auftreten. Der Vertrag geht somit eigent- lich von der Willkür aus, und es ist der besondere Wille, der sich darin betätigt. Ein sittliches Verhältnis findet hierbei noch nicht statt. - Was durch die Willkür zustande kommt, ist ein gemeinsamer Wille. - Der Vertrag bezieht sich ferner '0

5

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I

Orig. am Rande: 37<.

2

Orig. -Idealitatc

3 Orig. -fester-.

4 Orig. am Rande: )8<.

8r

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auf eine besondere Sache. Eine Gleichstellung der Besonder- heit unter Personen gehört schon ins sittliche Verhältnis. In die Gesetzgebungen über die Ehe sind sehr schiefe und gefährliche Ansichten gekommen dadurch, daß man die Ehe

5 als Vertrag betrachtet hat. Der an und für sich seiende, vernünftige Wille ist es, was im Staat zu seiner Realität kommt. Dies ist gar nicht in der Willkür der Individuen begründet, sondern diese ist es

69 gerade, die darin untergehen soll. Die Staaten sind Ivielmehr

als durch die Gewalt der Vernunft entstanden zu betrachten. Nach Rousseau machen die selbständigen Individuen, als Atome 1, die Grundlage des Staats aus.E Dieser ist gerade 2 jenes Substantielle'r, in dem diese Atomistik zerflossen ist. Im' Tauschvertrag bleibt einmal das Eigentum mein, und

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zweitens hebe ich es auf. Das erstere ist die allgemeine Seite des Vertrags. Dies Allgemeine, Bleibende, wonach die in die Veränderung eintretenden Gegenstände bestimmt werden, ist der Wert. Diese Bestimmung liegt überhaupt im Tausch- vertrag, daß man den Wert der Sache bekomme. Hierauf ist

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20

'0

die Bestimmung der laesio ultra dimidiurn'' begründet. Die' Stipulation ist überhaupt nur die Form des Vertrages. Sodann auch die Festsetzung eines einzelnen Punktes. Durch die Stipulation wird der Vertrag nur überhaupt für die Vorstellung festgesetzt. - Nach dem römischen Begriffe des Vertrages scheint I die unmittelbare Leistung ein wesentliches Stück gewesen zu sein. Es findet sich hier der Unterschied zwischen Real- und Konsensualvertrag'". Die Stipulationen waren und sind auch z. T. mit Förmlichkeiten und Gebärden verbunden. Die von Fichte aufgestellte Ansicht über die Abschließung

sind auch z. T. mit Förmlichkeiten und Gebärden verbunden. Die von Fichte aufgestellte Ansicht über die

I

Orig. -Atomene.

 

2

Orig.

-Dieser ist

das gerade

<.

3

Orig. am Rande: 41<mit dickem Strich verändert aus >§ 42<.

4 Orig. am Rande: 39· § 40<.

5 Orig. irrrumlieh >60<.

6 Orig. -Konsensualvertrage-.

des Vertrages'<'? führt zum Progreß ins Unendliche. E(2) Dem

Willen

Dasein durch Zeichen oder Sprache. Das Übereinkommen des Willens ist überhaupt das Substantielle. Der Vertrag ist von dem Versprechen verschieden dadurch, daß das letztere mehr den Sinn eines subjektiven Willens hat, so daß in Zukunft etwas geschehen soll. Der Vertrag ist hingegen ein Gegenwärtiges. Die 2 Bestimmungen, nach welchen sich die Verträge eintei- len, liegen schon in dem Vorhergehenden; und dies ist eine wahre Einteilung, die sich aus dem Begriff der Sache er- gibt. I Die erste Hauptgattung der Verträge ist die der Schen- kungsverträge. Hierher gehört 1. der eigentliche Schen- kungsvertrag, 2. der Leihvertrag; hierbei kommt der Unter- schied vor, ob die spezifische Sache zurückgegeben wird oder die individuelle. 3. Geschenk einer Dienstleistung. Hierher gehört besonders das depositurn''. 4. Das Testament liegt eigentlich nicht im unmittelbaren Vertrag. Daß ein solcher Übergang des Eigentums stattfindet, liegt nicht in der Natur der Sache.

als einem Intelligibelen 1 geben wir überhaupt ein

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15

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Die zweite Hauptgattung des Vertrages ist der Tauschvertrag im allgemeinen. - Das Geld ist das Allgemeine, der Wert aller spezifischen Sachen. - 1. Verkauf, 2. Vermietung, 3. Lohn- vertrag. - Es kommt hierzu noch das Pfandverhältnis.

3. Das Unrecht

Wir' sahen" beim Eigentum ist das Wesentliche dies, daß meine Freiheit ein Dasein hat; und beim Vertrag ist das IWe- sentliche, daß ich veräußere. Das Besondere ist hier überall vorhanden, aber es ist noch zur Seite gelassen. Das Besondere

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I

Orig. -Intelligenzbaren-.

3 Orig. am Rande: 43<.

2

Orig. am Rande 41<.

4

Orig. -sehen-.

ist nun aber ein wesentliches Moment des Begriffes. Die Besonderheit als solche muß deshalb notwendig hervortreten und in Beziehung auf das Recht gesetzt werden. Der beson- dere Wille kann unmittelbar in Übereinstimmung sein mit

 

5

dem, was an und für sich wahr ist, aber er kann es auch nicht. Das Verzichttun des besonderen Willens auf sich ist noch nicht vorhanden. - Die Besonderheit des Willens ist jetzt zu zeigen in ihrem Unterschiede von dem, was Recht an sich ist. Die Existenz des Rechts liegt noch im besonderen Willen. Ich

10

als Besonderes bin das Betätigende. Das Recht ist hiermit als Sache der besonderen Person gesetzt. Es ist somit als Schein gesetzt, und dies ist das Unrecht. - Der erste Schein ist, daß mein besonderer Wille das Recht an sich will, aber daß es ein

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Unrecht I ist in Ansehung der Subsumtion des besondern

 

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Falls unter den Begriff des Rechts. Das Negative fällt so auch 1 in die besondere Weise des Rechts. Dies ist der bürgerliche Rechtsstreit. - Die drei Stufen können mit dem Urteil verglichen werden. Die erste ist das einfach negative Urteil. (Diese Blume ist nicht gelb.) Der zweite Schein ist der, daß

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der besondere Wille das Recht nicht an sich will, sondern nur den Schein; dies ist der Betrug. Es ist dies das unendliche Urteil in seiner positiven Form: das identische! Urteil. Im Betrug hält man sich bloß an den Schein. Die dritte Stufe' ist das eigentliche Verbrechen, wo der besondere Wille weder

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das Recht an sich will noch auch den Schein; dies ist das negativ unendliche Urteil. E Das' Recht an sich wird in bürgerlichen Rechtsstreiten nicht verietzt 5K , sondern gefordert. Daß ein solcher Rechtsstreit entstehen kann, liegt darin, daß das Recht nicht ein abstrakt

7.

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Allgemeines ist, Isondern auch ein Konkretes von mannigfal- tigen Bestimmungen. Die Rechtsgründe machen das Vermit-

Orig. sause. Orig. -idealische-. 3 .Srcfe- eingefügt.

2

I

4 Orig. am Rande: 44<,

5 Orig. -verlang«.

telnde aus, wodurch das Besondere unter dem Allgemeinen subsumiert wird. - Daß das Unrecht nicht gelte, dazu gehört ein Höheres, ein Richter, von dem aber noch nicht hier die Rede ist. Der Begriff des Verbrechens ist überhaupt der, daß es ein 5 Unrecht ist, wodurch sowohl der Gegenstand nach seiner einzelnen, äußerlichen Seite, als auch das an sich Seiende verletzt wird. - Weil mein Wille überhaupt äußerlich ist, so kann ich an dieser Äußerlichkeit ergriffen werden. Indem in dieses äußerliche Dasein mein Wille gelegt ist, so wird darin auch mein Wille ergriffen. Ich kann sonach gezwungen und auch bezwungen werden. Auf der anderen Seite kann ich aber auch nicht gezwungen werden. K Das Recht der Freiheit in Ansehung I des Zwanges ist, daß er! sei als der Widerspruch seiner selbst, daß er ' sich selbst zerstöre. Die Manifestation davon ist diese, daß der Zwang durch Zwang aufgehoben wird. Dies ist das Recht der Freiheit im Zwange. Das Rechtliche im Zwange ist, daß er ein zweiter Zwang ist, der den ersten aufhebt. Das Beharren in einem Naturzustande widerspricht der Idee. 20 Indem einer auftritt und die im Naturzustande Lebenden mit Gewalt dazu anhält, in ein sittliches Verhältnis zu treten, so erscheint zwar hier ein Zwang allerdings, allein nicht in dem angegebenen Sinn. Der Zwang nun als erster Zwang überhaupt ist das Verbre- chen, dessen Natur näher zu betrachten ist. Mit dem äußerlichen Dasein des Verbrechens treten quanti- tative und qualitative Unterschiede ein. Eine wesentliche Seite arn Verbrechen ist die äußerliche. I Man macht die größere oder geringere Gefährlichkeit für die 30 öffentliche Sicherheit zu einem Bestimmungsgrund des Ver- brechens. Dieser Gesichtspunkt wird später auch erwogen

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15

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I

Orig. -es-,

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werden.f Hier haben wir es nur mit der unmittelbaren Natur des Verbrechens zu tun. Die Manifestation der Natur des Verbrechens ist es, wodurch die geschehene Verletzung wieder vernichtet wird. Die Auf- s hebung des Verbrechens hat zweierlei Seiten: einmal der Zivilersatz, durch diesen wird das Verbrechen nicht als solches aufgehoben; zweitens die Strafe. Die Form der Strafe ist indes hier noch uneigentlich, da dieselbe erst im Staate vorkommen kann. Die Manifestation

10 des Verbrechens erscheint zunächst noch als Rache. Die positive Existenz des Verbrechens ist im Willen des Verbrechers. Dessen besonderer Wille macht das Negative

77 gegen I das Allgemeine. Der zweite Zwang, der aufzuheben ist, muß deshalb den Verbrecher treffen, und da dessen

15 Wille nur im Dasein seiner Freiheit zu treffen ist, so wird er von dieser Seite gefaßt. Dies ist der Begriff, der der' Theorie der Strafe zum Grunde liegt. Die Hauptsache in den falschen Ansichten über' die Strafrechtstheorie ist die, daß nun' das Verbrechen und die Strafe nur als ein Übel betrachtet wer- 20 den" die nebeneinanderstehen, und nicht als solche, die einander aufheben. Man hat in diesem zweiten Übel, das man als abstrakt negativ ansah, ein Positives gesucht und dies als Zweck der Strafe bezeichnet. Das wahrhaft Positive in der Strafe ist indes die Negation der Negation selbst.

25 Da, wo die Strafe als Mittel der Abschreckung betrachtet

78 wird, da wird I der Mensch zum Mittel gemacht und nicht nach seiner ersten, substantiellen Natur als Freier behandelt. _ Dernnachsr'' ist es Sache eines jeden, ob er sich abschrecken lassen will oder nicht. Es ist fürwahr gesehen worden und in Ja der Sache begründet, daß schreckliche Strafen das Gemüt nur erbittern und, anstatt von Verbrechen abzuschrecken, nur zu einem Verbrechen auffordern."

I

Orig. -die-.

2

Orig. -übt-.

3 Orig. -nun. verändert aus -man-.

4 Orig. -wird-.

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Die Androhungstheorie hat besonders durch Feuerbach ihre Anempfehlung gefunden.E Es liegt hierbei die Kantische Ansicht von einem Kampfe der Freiheit mit den sinnlichen Triebfedern zum Grunde. Wenn die Androhung für sich

selbst Mittel sein soll, so müßte bei der Drohung stehenge- 5

blieben werden 1. Der Staat darf

sten etwas drohen, was nicht an und für sich recht ist, und es

demnachst'' am allerwenig-

ist somit durch diese geschraubte Wendung nichts zur Begründung des Rechts der Bestrafung geschehen.