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Wahrheit, Beschränktheit,

Subjektivität
Offensichtlich übt Nietzsche in „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen
Sinn“ Kritik am Begriff der Wahrheit, weiter noch, sogar am Begriff „Begriff“
selbst, das heißt ebenso an der Sprache.

Hierbei bezieht er sich naheliegenderweise vornehmlich auf die jeweilige


Verbindung mit dem Menschen, welche mit Beschränkung und Subjektivität
einhergeht. Diese beiden Komponenten finden sich an vielen Stellen seiner
Schrift wieder, so wirft er vor, dass Wahrheit zum Einen nur eine dem
gesellschaftlichen Zusammenleben als Gegensatz zur Lüge zum einfacheren
Miteinander entstandene Tugend sei, die zum Anderen zudem von der Bewertung
durch den Menschen abhängig sei, Wahrheit ist also keine Tugend, kein Ideal,
kein Wert im eigentlichen Sinne, sondern obliegt dem praktischen
Opportunismus. Diese enge und recht radikale Auffassung von Wahrheit erhebt
nun unter erneuter Pauschalisierung mit parallelem Informationsverlust klar
Anspruch auf Korrektheit oder zumindest Zustimmung, die sich aber aufgrund
des verallgemeinernden Charakters so, wie Nietzsche selbst darlegt, nicht geben
lässt.

Im Detail, in einzelnen Situationen und bei penibler Betrachtung der Sprache an


sich leuchten die Argumente Nietzsches ein, natürlich führen die (schon physisch)
begrenzten Möglichkeiten des Menschen zu beschränkten Fähigkeiten, was auch
die mangelnde Perfektion der Sprache logisch erklärt, jedoch ist genau diese
Sprache auch nötig, Abstraktionen sind unabdingbar zum Aufbau von
übergeordneten Vorstellungen. Sprache dient der Kommunikation, sicherlich
vereinfacht sie, jedoch ermöglicht nur diese Vereinfachung Kommunikation, die
über ein bestimmtes Medium zwischen zwei imperfekten Individuen stattfindet,
da auch die Informationsaufnahme und –sendung beschränkt ist, bei Verwendung
des Begriffes „Baum“ in einem Satz etwa bedarf es üblicherweise keiner weiteren
Definition, die wiederum zur Erreichung von Exaktheit Definitionen verlangen
würde.

Auch die moderne Psychoanalytik oder Neurowissenschaft deckt immer wieder


diese Beschränktheit auf, schon das Unterbewusstsein schnürt den Grad des
Bewusstseins enorm ein, zudem bedingen Assoziationen, Erfahrungen, Fehler in
der Datenverarbeitung des Gehirns etc. eine vollständige Informationsaufnahme
und sind dadurch die Quelle der Subjektivität, was sich leicht anerkennen lässt.
Inwieweit ist dahingehend auch überhaupt Objektivität möglich, von einem
begrenzten Individuum, das sich selbst ausblendend auf außerhalb von ihm
befindliche Vorgänge ein neutrales Auge werfen kann?

Verflochten in die umgebende Welt, beeinträchtigt schon durch die bloße


körperliche, materielle Existenz, als Teil des Ganzen über das Ganze zu sprechen
widerspricht jeglicher Logik an sich, was wohl auch Nietzsche klar war.
Eine Konfrontation von Gedanken, als Reflexion in sich oder im Dialog mit
anderen, die als Synthese neue Ideen oder bessere Einfälle zur Folge haben
können, sind wohl wieder nicht vollkommen, wohl aber nötig für Fortschritt.
Dieses Zusammentreffen von Gedanken muss auf eine bestimmte Art und Weise
geschehen, wie auch die Gedanken eine gewisse Form haben müssen, von
solcher Natur, dass sie im Dialog beiderseits verstanden wird, im „inneren
Dialog“ stattfinden kann und zu Ergebnissen führt, was die Wahrnehmbarkeit
voraussetzt.

Nochmals zur Sprache: Ebenso ließe sich an Nietzsche kritisieren, dass auch
seine Kritik an Worten in Worten verfasst ist.