Sie sind auf Seite 1von 996

POEME IN FREIEN VERSEN

TORSTEN SCHWANKE

BILD:
https://de.wikipedia.org/wiki/David_%28Michelangelo%29#/media/File:%27David
%27_by_Michelangelo_JBU0001.JPG

CHINA WIRD DER MUTTER DER BARMHERZIGKEIT


GEWEIHT

„Ich bin die Mutter der schönen Liebe, der Gottesfurcht, der Erkenntnis und der frommen
Hoffnung. In mir ist alle Lieblichkeit des Weges und der Wahrheit, in mir alle Hoffnung des Lebens
und der Tugend.“
(Jesus Sirach 24,18)

„Anmut in Hügeln und Gärten. / Das Seidenbündel ist ärmlich und klein.“
(I Ging)

Ackerland von Anhui.


Reis und Tee von Anhui.
Wer ist die, die duftet wie das Aroma des Tees?
Weiß wie Baumwolle von Anhui ist ihr Kleid.
Sie ist das Gebet des Ackerbodens,
Aus dem der Peking-Mensch erschaffen ward.

Mutter der Mongolen,


Schön wie eine mongolische Rennstute,
Fliehe auf die Berge,
Du Weg des Volkes.
Wenn wir reiten, reiten wir zu dir.
Wenn wir ringen, ringen wir mit dem Frevel.
Schießen wir den Pfeil vom Bogen,
Ist es Liebe zu dir
Und dem Tao des Himmels,
Unserm Ziel.
Alle Saitenspiele (Zheng und Se und Chin)
Und alle Pauken und Bronzeglocken und Klangsteine
Tönen die Hymne,
Die da lobt die mongolische Mutter.
Und wenn der Vorhang aufgeht,
Steht da die Heldin, die starke Frau.
Mutter aller Kriegerfürsten,
Auch derer, die deine Mutterschaft nicht kennen,
Siehe den Erschröcklichen,
Dessen Leichnam
Vom Kloster
Ins Mausoleum
Getragen ward,
Da er ruht mit den Gebeinen seiner Frauen,
O du Frau der Frauen!
Du,
Ewige Jute des Himmels,
In dem das Tao wohnt.

Im Palast des Studiums und der Liebenswürdigkeit


Studieren wir deine Liebe.
Im Schlafsaal betten wir uns
In deine barmherzige Seidendecke
Und du bist unser Traum.
Im Gebetssaal zählen wir Perlen,
Du unendliche Muschel
Aus dem Meere Gottes.
Im Palast des Fleißes und der Liebe zum Volk
Ehren wir deine Krone,
Kaiserin des Himmels.
Im Palast der Sehnsucht nach fernen Stätten
Gedenken wir deines verschlossenen Gartens
Dornenloser Pfingstrosen.
In der Halle der Tugend
Preisen wir dich, o Makellose,
Du Halle göttlicher Tugend.

Der Garten, in dem du wandelst,


Ist durchströmt von vier Strömen,
Ist durchströmt vom Jangtsekiang.
Wie ein Blitz von West nach Osten erscheint er,
Der Blaue Strom,
Blau wie der Himmel
Und blau wie du, o blaue Blume Chinas.
Er fließt durch acht Provinzen,
Jede Provinz eine Seligpreisung,
Und Norden und Süden liegen an seinen Ufern.
O Mutter vom Geladong, dem Berge,
O Mutter vom Tanggulagebirge,
Du Quelle des Blauen Stromes, da er entsprang,
Der Vater Chinas!
An seinen Ufern liegen Szetchuan
Und das rosenkranzbetende Tibet.
O du Brückenbauerin von Nanking,
O Delta,
Da strömend die blaue Vene
Herrlich aufgenommen wird
In das Meer des Morgens.
Mit ausgebreiteten Armen,
Wellenatmender Seele,
Strömt der Blaue Strom dem Meer des Morgens zu.
Da bist du, o Meeresstern,
O Meerestropfen,
O Perle,
O Muschel der göttlichen Perle!

O Mutter der zauberhaftesten Landschaft der Erde,


Qutang, Wu und Xiling,
Da du küssest
Mit dem Blauen Strome deiner Seele
Die drei Schluchten des ewigen Felsen!
Alle reißende Strömung, alle gefährlichen Untiefen
Meisterst du,
Vom Felsen begleitet,
Vom höchsten Gipfel umsäumt.
Du trägst der Pilgernden Schiff
Zu dem sehenswürdigsten Antlitz
Des Dreigeschluchteten Felsen!
O Steinschatzfestung,
Bewahrend die Perle der Weisheit
Auf dem Fluß des Lebens,
O drei Teile der festen Burg -
Eingang - zwölfstöckiges Gebäude - Tempel!
Aus einem Loch im Felsen
Quillt den Weisheitsjüngern täglich der Reis,
Der die Mönche ernährt.
Nach dem heiligen Reis des Lebens
Ward der Tempel benannt.
O Herrin von der engen Stelle
Des mit dem Kopf nach unten hängenden Mönches!
O Ruinen der Stadt des Weißen Kaisers,
Da einst aus dem Bronnen
Eine weiße Wolke stieg!
In den Drei Kleinen Schluchten
Reich wächst der Bambus
Zum Zeichen der Unsterblichkeit
Und zum Kranz ruhmreicher Poeten.
O einziger Wasserfall der Drei Kleinen Schluchten!
In einer deiner Felsennischen,
O wassergebender Fels,
Laß den Leib des Dichters in einem schwarzen Kahn bestattet sein.
O Feenberg, o sieben Meter hohe
Königinmutter der Feen!
Du erschienest einst dem König Da Yu,
Der das überschwemmte China
Nach der Sintflut
Mit Deichen befriedet hat.
Eine Nacht lang ließest du ihn
Weilen in deinem Tempel -
Von ihm sind heute nur noch Ruinen zu sehn.
O beim Feengipfel der gepriesene
Gipfel der Unsterblichkeit!

Orangeninsel,
Verschlossener Hain von allerköstlichsten
Orangenbäumen!
An deinem Baume, o Mutter, wuchs
Die Blutorange des Lebens.
In deinem Haine steht der Pavillon der Weisheit,
In deinem Pavillon der Weisheit steht die steinerne Tafel
Des Tao.

O Sommerpalast, in dem der Himmelssohn wohnte!


Aus Nanmu-Holz und Kiefern sind unsere Balken.
O Residenz des Storches,
Der das Kindlein brachte,
O des Windes Studierzimmer!
O Mutter der zehntausend Täler,
Da der Himmelssohn ruhte!
Im Tempel der Allumfassenden Menschenliebe
Gedenken wir dem Gebot des Himmels.
Im Tempel der Universalen Güte
Gedenken wir des Tao, weich wie Wasser,
Gedenken wir der Tugend des heiligen Gottmenschen.
In deinem Pavillon der Morgenröte
Gedenken wir des aus dir hervorgegangenen Lichts.
Vom Hammerfelsen ruft der Poet dir zu!

In der Grotte
Stehen der Lieblingsjünger und der Asket.
Des Asketen
Verfaulte Zähne, Falten des Angesichts, vortretende Halsadern
Zeigen sein Leiden an.
Erbarme dich seiner, o Mutter der Barmherzigkeit!
Du thronst auf einem Thron aus Lotosblumen,
Vor dem die Jungfrauen tanzen
Und Chöre musizieren.
Um die schweben in den Wolken des Himmels
Die seligen Aspara-Engel.

An dem Ufer des Sees


Stehen Banyan-Bäume und Weiden.
Der Trommelberg
Trommelt bei Sturm und Regen.
O Preis dir, unsere Paukenschlägerin!
O Tempel der sprudelnden Quelle,
Aus dir kam das Wasser des Lebens.
In deinem Haus befinden sich zehntausend Bände,
Mit dem Blut der Asketen geschrieben.
O du wie Wulong-Tee Duftende!
O du Heilkraut,
Helferin gegen der giftigen Schlange Biß!
O du Fluß der Neun Windungen,
Der du zum Königsgipfel führst!

10

O Große Mauer um den Himmelstempel!


Es ist kein wahrer Held, der nicht
Beschaut die Große Mauer.
Du einziges Werk aus Stein,
Vom Mond aus zu sehen.
Sieben Meter hohe, sieben Meter breite
Mauer, gekrönt mit dem Zinnenkranz
Und steinernem Wachturm.
O Lob jener Frühlings-und-Herbst-Periode,
Da die Große Mauer ihren Anfang nahm.
500 000 Bauern gaben für sie ihr Leben hin!
Erhabenstes Werk aus Lehm,
Vom Westen bis zum Osten reicht ihr Schutz,
10 000 mal 1000 Meter reicht ihr Schirm.
O Wolkenterrasse
Aus Marmor,
Bogentor und Tempel,
Geziert mit Bildern himmlischer Wächter
Und Inschriften in sieben Zungen!

11
O Stern des Südchinesischen Meeres!
Im von Bergen verschlossenen Tal,
Dem vom Xijiang durchströmten,
Reifen Ananas, Mandarinen und Litschi,
Findet man Zuckerrohr und Tee,
Erdnuß und Tabak.
O Königin der Fischer des Südchinesischen Meeres!

12

Gnädige Frau von Guilin,


Von kristallenklaren Flüssen durchströmt,
Vom Wasser des Lebens,
Umgürtet mit himmelberührendem Gürtel
Bizarrer Felsformationen,
Bergen und Grotten,
O du Madonna von der Felsengrotte!
Einst wogte hier das Meer,
Muschelkalk blieb,
Vom Wind geformt,
Die Grotte entstand.
O schönste Stadt der Welt,
Wie bedeutende Menschen meinen,
Dichter und Maler sind fasziniert
Von deiner singulären Schönheit,
Märchen- und Legenden-Umwobene!
Der Zimt bringt dir ein Räucheropfer dar,
Dir, der Gnädigen Frau vom Zimtbaumwald!
Zu deinem Berg der Einzigartigen Schönheit
Steigen wir auf dreimal hundert Stufen
Zum Südlichen Himmelstor.
In den Grotten
Inschriften der Tang-Poeten.
O Berg der Besänftigten Wellen
Mit eiserner Glocke
Und dem Tausend-Mann-Topf, o nährende Mutter!
O Höhle der Zurückgegebenen Perle
Am Fuß des Berges der Besänftigten Wellen,
O Perle, vom Fischer gefunden!
O Park der Sieben Sterne
Im Osten der Stadt!
Rosa blühn die Pfirsichbäume im Lenz.
O Höhle der Sieben Sterne
Mit verbundenen Grotten,
Die die Worte der Weisheit bewahren,
Von Poeten verfasst, von Kalligraphen gepinselt.
Schilfrohrflötenhöhle,
Schon im Altertum berühmte!
Kristallpalast
Des Meereskönigs!
Auf dem Lijiang-Fluß
Fahren die Boote der Fischer
(Kormorane begleiten sie)
Zum Berg der Sauberen Vase
Und zum Durchbohrten Berg
Und zum Mondberg Yueliangshan!
O Gnädige Frau von Guilin, Mutter der Schönheit!

13

Rhesusaffen und alle Vögel,


Stumpfnasenaffe, Panda und Tiger
Loben die Grotte des Einhorns,
Loben den Obelisken im Kiefernwald,
Loben den Tempel des Großen Glücks!

14

Neben dem Tempel der Würdenträger


Steht der Tempel der Poesie.
Ein Poet hat in Haikou gelebt
Und bildete dort
Den Bronnen der Herzenswäsche.

15

Im Himmel gibt es das Paradies,


Auf Erden die Seidenstadt.
Hier lebten die Kaiser,
Mit ihnen Poeten und Mandarine.
Marco Polo war hingerissen von dieser
Himmelsstadt
Mit ihren schönen Palästen
Und wundervoll gebauten Häusern
Und zwölftausend Steinbrücken.
Von drei Bergen umgeben ruht
Des West-See. Der Deich entstand
Auf den Wink eines Dichters.
Komm, o Mutter der schönen Liebe,
Wandle im Maien
Mit dem Dichter über den Deich
Bei den Blumenbeeten
Und blühenden Pfirsichbäumen
Und Trauerweiden,
Die ihre Schatten werfen auf die steinernen Bogenbrücken,
Vis die Sonne aufgeht.
Dann wandle zum Damm
Des Poeten Bo Djü-I,
Der seine Verse immer seiner Magd vorlas,
Zum Berg der Einsamkeit!
Und schau den Pavillon des Herbstmonds
Über dem Stillen See.
Das Licht des Mondes
Taucht den ganzen See
In eine geheimnisvolle Stimmung.
Und komm zum Pavillon
Des Kranichs,
Dahin sich ein Dichter
Aus Abscheu vor allen Beamten
In die Einsamkeit zurückgezogen.
O du Neun-Bogen-Brücke
Über den Seen,
O du reine weiße Lotosblüte
Und du der Liebe schöne Seerose!
Lob den Drei
Den Einen Mond
Spiegelnden Teichen!
O du Pfingstrose
Von den Wiesen der Blumenbucht!
Im Park des Gesanges der Nachtigall von den Weidenzweigen
Sei gegrüßet
Die Weidengertenschöne,
Die Kirschblütenreine!
Komm herab in den Kräutergarten,
Wandle unterm Bambus.
Mutter der Barmherzigkeit, dich preiset
Das Kloster der Verborgnen Unsterblichen
Nahe der Jade-Quelle
Unterm Herbeigeflogenen Gipfel.
Mutter des Gelben Kranichs,
Der gen Himmel flog
Über die Sterne des östlichen Himmels,
Zur Phönixstadt am Ende der Milchstraße!

16

(Im Delta des Perlflusses


Liegt der Duftende Sund,
Ein Labyrinth von felsigen Inseln
Mit vielen verborgenen Buchten.
Die Sommer sind heiß und feucht,
Heftiger Schauer im Maien,
Taifune im Herbste.
Rote Sampans schwimmen
An der Insel der Entenzunge.)

17

Immerweißes Gebirge
Mit dem Berge des Weißen Hauptes, dem Himmelssee,
Daraus sich die Kaskade ergießt
Des barmherzigen Wasserfalls.

18

Südlich des Flusses Ji


Finden wir die Stadt der Quellen.
In der Mitte der Stadt
Finden wir den Park
Mit der Emporsprühenden Quelle,
Der schönsten Quelle Chinas,
Der ersten Quelle der Welt, wie die Tafel kündet.
In jenem Park
Finden wir die Halle des Gedächtnisses
An die Poetin Li.
O See des Großen Lichts
Mit herrlichem Pavillon
Und lieblichen Wandelgängen!
Drüben
Der Garten der Phantasie.
Lob der Perlenquelle,
Deren murmelnde Wasser gleichen
Einer Perlenschnur, wie die Mönche sie tragen.
Der monumentale Wald
Der Grabpagoden grünt lebendig
Beim Tempel des Göttlichen Felsens!

19

O wir wollen dich bilden, du schöne Jungfrau,


In Jungde-Porzellan,
Denn Jingde-Porzellan
Ist weiß wie Jade, du Reine,
Ist klar wie ein Spiegel, du Spiegel der Weisheit,
Ist dünn wie Papier, o du Gebärerin des Wortes,
Und rein sein Klang, du Lobpreissängerin.

20

Dir feiern wir am Mekong


Das Wasserfest.
Menschen werden mit Wasser bespritzt,
Dann wird den Menschen Glück beschieden sein.
Eine Jungfrau
Reinigte das Volk,
Da sie einem Ungeheuer den Kopf zertreten.

21

Im Turm der Acht Gedichte


Sei dir dieser Preis gedichtet.
In der Eisvasen-Grotte
Strömmt der Wasserfall der Barmherzigkeit.
O Grotte
Der Huldigung an den Wahren Unsterblichen!
In dir einst lebte ein Eremit.
Er erreichte Unsterblichkeit durch die Wandlung.
22

O Königin des Berges Lushan,


Vom Ewigen vergötterte
Mutter der Barmherzigkeit
Mit dem Kind der Ewigkeit auf den Armen!
Die Dichter besingen
Den unwiderstehlichen Reiz
Deines Gebirges:
Felsen, Quellen,
Tempel.
O du Garten zwischen den Wolken,
In dem man gesundet!
In der Höhle des Unsterblichen
Barg sich ein Mönch.
Der Dichter pries den Blumenweg
Zur Höhle des Unsterblichen.
Die Drei Kostbaren Bäume,
Von heiliger Hand gepflanzt,
Werden tausend Jahre später noch gelobt.

23

Eine Station an der Seidenstraße


Ist der Brunnen des Weines
Im geheimnisvollen Garten.

24

Kaifeng heißt: das Siegel auftun.


Wer hat die Vollmacht dazu?
Der Himmelssohn entäußerte sich seiner Majestät
Und ging verkleidet durch die Gassen
Und kehrte ein in die Gaststätte,
Da ihn die Schauspielerin Li Shi-Shi bewirtete,
Die er später zur Dame seines Hofes fürstete.
Ihr Lob erklingt
Aus der Halle der Dichter der Tang,
Die einst gedichtet
Auf der Antiken Terrasse der Musik
Zu Ehren der gefürsteten Tänzerin,
Die der Himmelssohn Vielgeliebte Vielliebende nannte!

25

O Stadt des Ewigen Frühlings!


Von drei mal drei
Quellen gespeister
Jadesee
Im Jadepark!
O Steinwald
Mit dem Mutter-Sohn-Felsen!
26

O Pfirsichblütenschlucht
Mit dem steinernen Opferaltar!
O Wassertropfenvorhanghöhle
Des Himmelgleichen Heiligen!

27

O Kaiserin des Himmels


In der Pfingstrosenstadt,
Mäzenin der Poeten
Vom Gipfel der Dichterischen Vollkommenheit
Pipa Feng!

28

Ach Li Bai!
Von der Terrasse zum Haschen des Mondes
Sprang der Trunkne,
Verliebt ins Spiegelbild des Mondes,
In den See und verging.
Seine Lieder leben
Vom Spiegelbild des himmlischen Mondes.

29

O Bucht der Ma, Ao-Men,


Bucht des Meeressternes,
Der Königin der Fischer!
Santa Casa da Misericordia!
Gegründet vom ersten Bischof
Und Jesuiten
Dom Melchior Nunes Cameiro Leitao:
Sein Haupt im gläsernen Reliquiar.
O Kirche Sankt Augustins!
O Garten des Dichters
Camoes:
Das Weib - eine menschliche Bestie!
O labyrinthischer
Tempel
Der Mutter der Barmherzigkeit!

30

Nanking,
Vom Purpurberg
Zur Steinstadt,
Bewahrt im Zentrum
Den Palais des Himmelskönigs.
O Kirschbaum-Insel,
O Wasserkastanien-Insel,
O smaragdne Insel!
Vom Tulpensee des schönen Mädchens Mochou
Zum Tempel der Wohnstatt der Abendwolken!

31

Immergrünende, Immerblühende
Stadt der Mango und Litschi!
Verschlossner Orchideengarten!
O Immerklare Quelle
Zum Wasser der Seelen!

32

Tempel der Himmlischen Ruhe!


Im Kirschblütenkleid
Ewigen Frühlings Königin!
Freundin sei mir die Selige Jade-Jungfrau!

33

Peking! Peking! Peking!


Friede
Dem Platz des Himmlischen Friedens!
Durch das Tor des Himmlischen Friedens
Einziehe die Göttliche Freiheit!
Beim Tor des Himmlischen Friedens
Die Sieben-Goldwasser-Brücke
Der sieben Gaben des Geistes
Aus weißem Marmor der Reinheit.
O Verbotene Stadt!
Fleisch und Blut dürfen sie nicht entweihen.
Alles Purpur,
Purpur des Meeressternes!
Die Königin des Kosmos
Waltet gnädig über die Stadt.
Mittagstor, durch das die triumphierende Sonne zieht,
Blühendes Tor des Ostens, des Lebens Triumph!
Phönix-Tor, dem auferstehenden Gottmenschen!
Drei Hallen,
Drei Stufen der Marmorterrassen,
Drei Marmorbalustraden.
O Thronsaal in der Halle der Höchsten Harmonie,
Ort der Hochzeit des Himmelssohnes!
Bronzene Räuchergefäße.
Symbole des Ewigen Lebens.
O Halle Vollkommener Harmonie,
In der der Himmelssohn
Alle Huldigungen empfängt!
(Er liest die Reden seines Ministers.)
O Bankettsaal, o heiliges Mahl!
O Halle der Literarischen Blüte,
Geweiht dem Prinzen des Reiches!
Innere Gemächer - drei Paläste,
Zwölf Höfe.
O Palast der Himmlischen Reinheit,
Vermittelnd
Zwischen Außenhof und Innerem Gemach!
Vom Palast der Irdischen Ruhe
Durch den Palast der Berührung von Himmel und Erde
Zum Palast der Himmlischen Reinheit.
O Gemächer der Braut des Himmelssohnes!
Vom Palast der Irdischen Ruhe
In den herrlichen Garten:
Kiefern des Ewigen Lebens,
Bambushaine der Poesie,
Erlesene Blumen der Liebe,
Graziöse Pavillons für die Begnadeten,
In der Mitte des Gartens
Die Halle
Des Friedens
Des Himmelssohnes.
O Himmelstempel!
Du Himmelstempel
Im Süden, im reichblühenden Garten!
Weihnachten trat der Himmelssohn ein,
Das Opfer darzubringen.
Du Tempel, ohne einen Nagel erbaut.
Dreistufig die Marmorterrasse,
Dreistufig das Dach
Zum Lob der Drei Mystischen Schätze!
Einst stand hierselbst
Das Kloster der Güte und des Mitleids
Und ein Pavillon,
Bei dem die Poeten sich trafen.
Komm, o Kaiserin des Himmels,
Zur Südlichen Kathedrale,
Die Johann Adam Schell von Bell
Über den Resten der Residenz
Des Missionars Chinas, Matteo Ricci,
Mit des Himmelssohnes Wohlwollen baute.
Von da zum Tempel der Weißen Wolken,
Von da zum Tempel der Allgemeinen
Menschenliebe!
In der Nähe des Pavillons
Der Viersprachigen Stele
Ist zu sehen der Berg des Paradieses.
Der kommende
Künder der Erlösung
Sei gepriesen und die Mutter der Barmherzigkeit!

34
Morgen-Mondlicht über der Marco-Polo-Brücke.
Im Garten des Goldenen Wassers
Ruht der Sommerpalast. Pavillons
Im Garten der Harmonischen Einheit.
Die kaiserlichen Herden weiden
Am Berg des Langen Lebens.
(Vom Palast der Jadewellen schauen wir
Zur Halle der Erheiterung.)
In der Halle der Freude und des Langen Lebens
Lebt die Braut des Himmelssohnes,
Wohnt die Kaiserinmutter inmitten
Exotischer Pflanzen und bizarrer Steine.
Im Langen Korridor sind wiederzufinden
Die Bilder der Natur und der Geschichte
Und Szenen aller klassischen Romane
Und der Traum der Roten Kammer.
Oben auf dem Berg des Langen Lebens
Finden wir das Meer der Weisheit.
Höre die Pirole: Tungli Guan! Sie singen
Vom Garten der Vollkommenheit und des Lichts,
Dem Garten des Schönen Frühlings,
Dem Garten des Ewigen Frühlings ihr Lied.

35

Des Duftenden Berges Gipfel


Gleicht einem Weihrauchgefäß.
Lege die Brille ab am Brillensee
Und trete ein in den Pavillon der Selbstprüfung.
Von der reinen Lotoshalle der Erde
Zur Jadeblumenbergvilla der Höhe,
Den Weg Der-Teufel-hat-Angst
Hinan zum Weihrauchgipfel, dessen Wolken
Die Gebete gen Himmel tragen.
Vom Bild des Mönchs, der zu spät kam,
Durchs Bergtor die Treppe hinan
Zur Halle des Himmelskönigs
Und der Pagode des Weißen-Diamanten-Thrones.
Tempel des Ewigen Friedens!
Tempel des Göttlichen Lichts!
Tempel des Großen Erbarmens!
Du bist die Höhle der Wunderperle,
In der sich birgt der Mönch.

36

Küssend den Fuß des Maanshan


Der Weihealtar,
Der südchinesische Tempel
Bei der Zitterkiefer
(Berührt man eine Zweig, so zittert der ganze Baum).
Durch das Ehrentor
Zum tausendjährigen Ginkobaum.
Herr, du führst mich zur Quelle
Beim Pavillon des Schwimmenden Bechers.
Der Seelenweg
Führt zum Großen Roten Tor,
Dem verschlossenen Tor,
Durch das der Himmelssohn
In die fremde Welt zog.

37

Als die Große Mauer erbaut ward im Frondienst,


Suchte die Frau Meng Jiang-Nü
Den, den ihre Seele liebte.
Er war gestorben
Wie ein Sklave
Zur Sicherheit Chinas vor den fremden Teufeln.
Da weinte sie
Wie eine Mutter um ihr krankes Kind
Und die Steine der Mauer brachen auf
Und gaben frei den Leib
Dessen, den ihre Seele liebte.
Da bettete sie ihn in ihren Armen
Und stürzte sich mit ihm ins Meer des Morgens.

38

In der Moschee der Ruhe und Klarheit


Liest man aus der Sure:
Die Jungfrau empfing
Ohne einen Mann zu erkennen.
In der Buddhahalle gedenkt man
Der Mutter der Barmherzigkeit.

39

Beim Berg der klaren Quelle


Weht der Wind
Um den Felsen des Lao Tse:
Die Welt hat eine Mutter.
Wen der Himmel retten will,
Den rettet er durch Liebe.
Auf dem Seelenberge
Ruhn die Prophetenschüler.

40

In Qufu ehrt man Konfuzius.


Das Sterntor ist der Haupteingang.
Durchs Tor des Allwissenden
Kommt man zum Palast der Weisheit.
Im Pavillon des literarischen Sterns
Verfass ich klassische Verse
Zu Ehren des Himmels und seines Weges.
Am Aprikosenaltar
Sprach der Meister
Vom Baum des Lebens und seiner Frucht.
(Der Frau des Konfuzius
Ist geweiht die Halle des Schlafs.)
Die Halle der Spuren des Weisen
Schmückten Maler und Kalligraphen
Mit Szenen aus dem Leben des Weisen.
Im Alten Brunnen
Wurden die Schriften der Weisheit
Während der Bücherverbrennung versteckt.
Im nahen Wald der 20 000 Bäume
Einige, die der Meister selbst gepflanzt.
Durch das Tor des Ewigen Frühlings,
Durch das Tor des Heiligen Königs
Zu dem allen Chinesen heiligen Grab!

41

O weißer Strand von Sanya,


Das Wasser kristallenklar
Am südlichen Kap des Hirsches
Und der Korallenbänke,
Dort war ich als Kind
In der Höhle des Herabgesunkenen Pinsels.
Entlegenster Fleck der Erde
Ist das Kap am Ende der Welt,
Der Beginn des Meeres,
Der Pfeiler des Südlichen Firmaments!

42

O Stadt-über-dem-Meer!
Einst ein Fischerdorf war es.
Äußerer und Innerer Garten blüht.
O Teehaus im Herzen des Sees!
O Park der Purpurwolken!
O Pagode zum Hüten der Perle!
O Brücke des Allgemeinen Heils!

43

Die Gedichte vom Orchideenpavillon


Am Wildgänseteich
Im Bambusgarten
Preisen die Mutter,
Preisen das Tao.

44
Beim Berg der grünen Felsen
Inmitten von Klöstern
Die Regenbogenbrücke.
(Fresko der Prinzessin,
Die sich bekehrte und Nonne ward.)

45

Kreuzfahrt
Zum Himmel
Auf Erden!
(Im Pavillon der Azurblauen Wellen
Der Traum der Roten Kammer...)
Beim Garten des Meisters der Netze,
Der auf dem Wasser schwimmt,
Die Villa des Duftenden Reis,
Der Pavillon der Himmelsquelle.
Tempel des Mysteriums!
Am Berg der Wunderbaren Felsen
Lebte Frau Xi Shi,
Die schönste Chinesin aller Zeiten!
(O Ai Wei!)
Am Kloster des Kalten Berges
Legt mein Boot an.
Die Glocke schlägt Mitternacht.
Kreuzfahrt
Zum Himmel
Auf Erden!

46

Nahe der Halle, in der man den Wellen lauscht,


Nahe dem Pavillon der Gedicht-Rezitation,
Nahe dem Hügel der Neun Frauen
Und dem Tempel des Mythischen Herrschers
Ist die Terrasse zu Ehren
Des Zitherspielers Lu Boya.
Hierhin zog er sich zurück.
Niemand
Außer Zhong Zi-Qi
Würdigte seine Kompositionen.
Als Zhong Zi-Qi starb,
Berührte Yu Boya niemehr eine Zither.

47

Auf dem schönsten der Heiligen Berge


Steigt man über den Fischrückenfelsen
Zum Turm des Jadevorhangs
Und zur tausendjährigen Kiefer des Grußes
(Der Gipfel blüht wie eine reine Lotosblume)
Und kommt
Den Rosenkranz betend
Zum Gipfel
Der Himmlischen Hauptstadt.

48

O Pflaumengarten der Ai-Wei!


O Muschel mit Perle!

49

Ich küsse deinen Fuß,


Auf dem eine goldene Pfingstrose blüht,
O Tochter Xian!

50

Preis dir, du Blume aus Schnee


Auf dem Himalaya,
Auf dem Berg der Ewigen Ruhe!
„Dritte Göttin“,
Führe uns zur Ewigen Ruhe!
Führe uns in den Himmlischen Garten
Und zu den Pfirsichen der Unsterblichkeit
Und zu der Jadequelle
In der Himmlischen Jaspis-Stadt
Und
Zur gesegneten Frucht
Deines Leibes!
- - - Gott
Wird dich segnen, ja, dich, o Seele,
Mit Segen des Himmels von droben,
Mit Segen tieflagernder Urflut,
Mit Segen von Brust und Schooß der Mutter der Barmherzigkeit!

DAS LIED DER HIRTIN


"Ich bin ein ros...
Berait zu warer minne."
(Des Minnesangs Erzvater)

Myrrha will ich singen, die Hirtin, und Daphnis,


Ihre Liebe füreinander. –
Am athenischen Hof des Tyrannen Demokrates,
Da war Myrrha,
Denn Demokrates hatte sie in seinen Harem holen lassen,
Wo der Magna Mater Priesterin
Die hübschen Sklavinnen frauenliebenden Herrschers beherrschte.
In den kühlen Marmorwandelhallen
Zirpten aufgeregt quer durch die stoische Ruhe
Die Mädchen, allesamt auserwählte Jungfraun
Aus dem griechischen Volke
Für den Herrscherhof Demokrates‘.

Drei der Mädchen saßen beisammen


Auf der grünen Sommerwiese
Im Innenhofe des Marmorpalastes,
Da die Fraun des Tyrannen wohnten:
Atalante, Melitta, Perinna.
Atalante war eine schwarzhaarige Dorerin
Unter reichlichem Silberschmuck
Und von hübscher Schlankheit,
Perinna trug rotbraune Locken
Und war ein wenig verschüchtert,
Melitta in der Flut derdunkelblonden Locken
Zeigte den rosigen Mund von zierlicher Schmalheit.

Da kam Myrrha herzu,


Sie trat zu den Fraun auf der Wiese,
Das Schmuckstück Demokrates‘,
Der in den letzten drei Wochen, seit er sie umwarb,
Nur für sie noch Augen hatte.
Myrrha, die Hirtin aus Arkadien,
Diesem schönsten Weideland der Schafe Griechenlands,
Myrrha, die Schöne:
Gold ihr Haar wie Weizenfelder,
Blau ihre Augen wie Himmel,
Prachtvoll ihr Leib und unvergleichlich
Und Gesang der Musen Myrrhas Stimme.

O Myrrha, was sangen da die anderen Frauen dir zu?


Sagte nicht die bittere Clio, Oberaufseherin ihres Harems:
"Den Daphnis, den träumenden Hirten,
Der da zwischen den Anemonen träumt,
Den laß du, Myrrha, der ist allzu träumerisch, ach,
Und ein armer Hirte dazu.
Aber nun, sprach Clio, bist du am Hofe Demokrates‘,
Da ist Reichtum und Macht zu Seiten seines Thrones,
Dem suche zu gefallen, Schwester Myrrha",
Sprach Clio, die alte, schon lang nicht mehr aufgesuchte Frau.

Atalante, Perinna, Melitta


Riefen der schönen Hirtin Myrrha zu:
"Freu dich, die du hier zwischen blauäugigen Veilchen wandelst,
Tochter arkadischen Sanges,
Denn Demokrates wird in dieser Sommernacht heimsuchen dich,
Zu umschlingen mit seinen leidenschaftlichen Armen dich,
Zu küssen dich mit dem Zwitschern seiner Lippen,
Dem Tschilpen seiner Zunge, dem Wachtelschlag seines Mundes,
Freu dich drum, du Tochter Arkadiens, Myrrha,
Denn seine Küsse sind heilsamer noch als Balsam,
Süßer noch als Nachtigallhymnen,
Trostreicher noch als Wein aus Chios,
Den schon Homer den Göttern geopfert."

Myrrha sprach: "Der Unbekannte vergebe dir,


Homer, du größter aller Dichter!-
Aber mir will die Leidenschaft des Tyrannen nichts bedeuten,
Mehr noch, sie kränkt das zarte Gemüt der Hirtin,
Die gewohnt ist mit Lämmern zu weiden,
Und nicht gewohnt, mit Wölfen zu spielen."

Clio, der Magna Mater Priesterin,


Oberaufseherin ihrer Haremsjungfraun,
Trat herzu mit würdigem Gang:
"O Myrrha, dein Name, der ists, der mich begeistert,
Denn es ist ein Klang so lieblich
Wie Öl vom Myrrhenbaum in Palästina,
Mit denen Könige ihre Füße salben
Und Philosophen ihre Häupter
In den Wandelhallen platonischen Akademien,
Jungfrauen ihre weißen Glieder für ihre Liebsten –
So du, o Myrrha, bist eine edle Salbe dem Herrn Demokrates.
Und nicht nur dem Tyrannen bist du lieblich,
Auch die Haremsfrauen im Garten der Magna Mater lieben dich sehr,
o Myrrha, denn du bist angenehm an Seele und weise an Geist –
Ja mit einer lieben Hirtenweisheit bist du angetan
Von deinem Unbekannten!"

"Ah", riefen Atalante und Perinna aus Einem Munde,


"Du bist uns eine schöne Freundin.
Denn wenn wir nicht wetteifern müssen
Um die Zuneigung unsres Tyrannen,
(Denn er ist nun am meisten dir zugetan),
Dann können wir ja Freundinnen sein
Und Spiele der Unterhaltung
Und des Ergötzens an müßigen Dingen spielen."
Es fügte Melitta hinzu:
"Und preisen die Statue unsrer Himmelskönigin
Mit den schönen Perlenketten gemeinsam!"

Und ein lieblicher würziger Windhauch rauschte


Wie zarter Taubenflug über die Wiese,
Denn nicht in Donnern sprach zu ihr der Gott,
Sondern im Liebessäuseln zu Myrrha.
Und die Veilchen neigten sich in zierlicher Anmut vor dem Winde
Und blickten aus ihren blauen Augenkelchen
Nach den Wirkungen geistigen Windes,
Denn da war ein süßes Zittern in den schönen Gräsern der Wiese.

"Sahest du schon", so fragte Atalante,


„Des Tyrannen Gemächer, Liebreizende du,
Da er die Liebe üben will an deinen weichen Gliedern?" –
"Aber woher denn?" entrüstet sich Myrrha,
"Bin ich doch rein, jungfräulich,
Trotz allem widrigen Schicksal
Treu meinem lieben Hirten, dem Arkadier Daphnis.
Ihm spar ich Herz und Nieren und Glieder auf
Zum Tage meines Hymenfestes.
Mag Demokrates noch so sehr werben,
Mag er mich gar bestürmen, bedrängen,
Ich werd mich ihm weigern in stoischer Schicksalsgelassenheit,
In platonischer Wollust-Enthaltsamkeit
Und arkadischer Liebestreue zu Daphnis!"

Die Mädchen aber sprachen zu Myrrha:


"Du müsstest Demokrates‘ Lagerstatt sehn,
Da würde dein weibliches Herz in Schwäche erliegen
Und vor Hitze der Wonne zerschmelzen,
Denn sehr weich sind seine Taubenkissen,
Wie Wolken aus Seide und Duft,
Gar lieblich die Geruchs-Aromen seiner Bäder;
Lavendel liebt er über alles,
Und deinetwegen, o Myrrha, gewiß die Myrrhe!"

"Meinethalben", plusterte sich auf die hübsche Melitta,


"Liebt er Melisse, sie beruhigt sein Herz so gut,
Als er so stürmte vor Leidenschaft,
Denn es glühte ihm heiß und hitzig,
Wenn er meine Lippen sah und meine Schultern."
Sie warf sich die Locken in den Rücken
Und stolzierte davon wie ein Pfau, hochmütiger Eleganz.

Just in dem Augenblick schaute von fern


Der Herrscher Demokrates zu den Mädchen herüber.
Jene, die schon länger im Harem weilten,
Fühlten ihre Herzen klopfen;
Myrrha fühlte nur kühle Distanz.
Die andern, allen voran die schwarzgelockte Atalante, huldigten:
"O geliebter Tyrann! Demokrates, Herr!
Wende dich einmal wieder deinem Harem zu,
Den Schönsten deines Hofes,
Die dir mit höfischer Liebe huldigen wollen!"

Demokrates lächelte stolz und geschmeichelt


Über die Unterwürfigkeit seiner Schönen,
Denn sie bestätigten ihn in seiner mannhaften Mannheit:
"Ihr hübschen Geschöpfe, was denn könnt ich zu eurer Freude,
Zu eurem Ergötzen euch tun?"
Clio, die Äbtissin der Heidenmädchen, lispelte leise:
"O geliebter Tyrann, o Herrscher, deine Liebe
Macht den Mädchen die Herzen klopfen!
Dein Lächeln, das läßt ihre Seelen lachen!
Hast du an ihnen Wohlgefallen,
So jauchzen ihnen Geist und Sinne,
Sie sind fröhlich in deiner Freude!
Gib einer von ihnen einen Kuß,
Und alle werden rasen vor Eifersucht;
Und küss eine jede, und jede will die Einzige sein!"

Demokrates lächelte weiterhin stolz wie ein Hahn


Und geschmeichelt wie ein Jagdhund.
Er sah zu Myrrha, der Schönsten, und fühlte...
Ihm fehlten die Worte.

II

Zu den Haremstöchtern redete Myrrha


Mit ihrer Stimme, die klang wie Quellenrieseln,
Nachtigallen, Meeressand zwischen den Fingern:
"Frauen, was seht ihr so scheel auf meine Haut?
Sicher, ich bin weiß wie Milch,
Wie die Milch der Magna Mater,
Weiß wie der Schnee auf dem Berge Athos
Oder der ewige Glanz auf dem Olymp.
Ihr könnt euch rühmen der schönen Bräune eurer Haut,
Die dem Tyrannen so wohl gefällt,
Doch mich hat nicht einmal die mondenmilchige Weiße meiner Haut
Vor seiner Verfolgung bewahrt.
Bin ich auch weiß wie die Seide aus China,
Weiß wie das Elfenbein an dem Turme des Libanon,
Weiß wie die Einhörner der iberischen Kelten,
So bin ich dennoch lieblich!
Ja, meinem Liebsten gefällt die feine Blässe
Meiner Mädchenhaut wohl."

Die Mädchen sprachen: "Hast du denn nie


Iin dem Blick der Sonne dich deiner Glieder ergötzt
Und gebadet in den Quellen Arkadiens bloß,
So wie du geschaffen,
Daß du werdest bräunlich an deiner Frauenhaut?
Oder pflegtest dich heimlich zu stehlen
In den Schatten, in die Hütte,
Wenn andere Arbeit taten und gingen mit den Herden, Hirtin,
Im Schweiße des Angesichts; sag uns, wo du da warst."

Myrrha sprach: "Ich ging wohl im Augenwerfen der Sonne auf mich,
Durch die Reihen der Rebstöcke ging ich
Und pflückte mir in einen großen Korb auf dem Rücken
Die reifen prallen Trauben, im Mittag noch ruht‘ ich nicht,
Sondern holte die Ernte ein im Weinberg
Meiner ältern Brüder Menon und Lukas,
Aber meine Haut blieb dennoch ein Weinberg,
Dessen Trauben nicht reif und dunkel wurden;
Als hingen weiße Milchtropfen an den Zweigen,
So erntete Trauben ich, verbrachte meine Zeit in der Sonne.
Aber ihr Frauen, mir kommt ein Gedanke:
Auch Frau Sonne im Mittag ist strahlendweiß im Angesicht."

Myrrha erhob sich und wandelte seitwärts zum Akazienbaum,


Der am Rande des Innenhofes seine Zweige schattend gebreitet,
Unter diesem Baume ließ sie sich nieder,
Holte ihre Panflöte aus der Kordeltasche und blies hinein,
Und ließ die Gedanken schweifen wie träumerisch Gewölk im Sommerwinde
Und sprach dann leis, als flüstere sie sich selbst ins Ohr:

"O geliebter Daphnis, mein reiner Hirte,


Sage mir, wo bist du jetzt? Sieh,
Ich habe solche Sehnsucht nach deinen starken warmen Hirtenarmen,
Daß sie mich umschlingen! Verschlingen will ich dich, Liebster!
Du, Liebe ist Sehnsucht nach Nähe.
Ich habe Sehnsucht nach deiner Nähe.
Ich bin eine näheliebende Frau,
Deren Seele Einheit und Verschmelzen sucht
Mit aller Leidenschaft des Gemütes.
Bist du jetzt im hohen Mittagsschatten unsrer breiten Liebeslinde,
Umsäuselt vom linden Lüftchen,
Und redest mit dem Liebling deiner Seele, dem Unbekannten?
Darf ich zart und zaghaft wie ein süßes weißes Täubchen
Mich dir nahen und schnäbeln mit deinen Lippen,
Die girrende Worte mir lispeln,
Mein Liebster, darf ich? O Liebe!
Ich hab dich lieb von Herzen,
Mit meines Gemütes Traurigkeit
Am Hof des Tyrannen sehn ich mich zu dir,
Zu dir, geliebter Daphnis,
In den Lindenschatten deiner Hirtenweide!"

Myrrha strich mit ihren feinen weißen Fingern


Sanft und zärtlich und träumerisch
Über das blaugrüne Laub der Akazie,
Wie ein Vorspiel zart,
Wie ein Saitenspiel der Liebe leis und innig liebkosend,
Denn sie träumte vom blonden Haar und Barte
Des geliebten Hirten,
In dessen Weichheit sie spielerisch liebkosend wühlen wollte.

Sie warf sich den purpurnen Schleier,


Von transparenter Glut,
Ums Haupt und ging wie eine verschleierte Jungfrau,
Eine Entsagende, Trauernde, eine Vestalin,
So ging sie durch die vielen Schleier,
Die im Innern des Elfenbeinturmes
Um die ebenhölzerne Wendeltreppe wehten
Und flatterten als wie Heeresbanner herrlich
Und wie Nachtfalter schwärmerisch zart,
Und trat ins Obergeschoß und seufzte.

"Ach", seufzte sie am Fenster


Und schaute in schöner Schwermut
Und Liebe voller Wehmut
In die Fern‘ der athenischen Landschaft,
"Ach so fern ist mein geliebter Daphnis,
Daß ich ihn nicht herzen und küssen kann.
Mir ist so wehe, als rönne der Scheidefluß
Zwischen Toten und Lebenden zwischen uns hin, die kalte Lethe,
Denn ich kann nicht halten Daphnis zu meinem Troste
In meinen begehrenden Armen und pressen den Liebling,
Meinen Freund an mein glühendpochendes Herz!"

Und ihre himmelblauen Augen,


Strahlend wie Sommermittag,
Verloren sich glänzend in weißen Wolken,
Und sie wandelte als wie eine Hirtin
Mit dem Meer der trottenden Schafe,
Alle auf demselben Weg, auf Abwegen keins,
Und zog mit ihnen in die Ferne
Zu den blauen Blumenwiesen
Und den kristallenen Lebensquellen,
Wo Tropfen quollen wie demantene Liebesperlen.

"Daphnis, wenn ich jetzt im Geiste suche,


So bin ich nahzu irre,
Ich seh deinen Freund, seh Agathon
Mit dem Ziegenbart und der steifen Gestalt,
Halb Mann halb Ziege, und seh Pylades,
Den aufgeschwemmten Jüngling,
Der mir so frech auf die schönen Brüste stiert,
Wo aber bist du, geliebter Daphnis, daß ich dich finde
In den Phantasiegefilden meines Tagtraums,
Schöner und lieber und guter Daphnis."

Aber das hörten Melitta, Atalante, Perinna,


Das Liebesgeseufze der einsamen Turteltaube,
Und lächelten spöttisch und riefen herauf
Zum kleinen Fenster des Elfenbeinturmes:
"Oh du Wunderschöne,
Du vom Lande gemolkene Schönheit,
Willst fliehn die Herrlichkeit des schönsten Palastes in ganz Athen?
Willst zurück zu Böcklein und Wildsau
Und dich suhlen bei strömendem Regen in Schlamm und Ziegenkot?
Närrin du, du mit deinem Ideal von Einfalt und Armut,
Weißt nicht zu schätzen dies kostbarste Schloß der höfischen Liebe!
Fürstin könntest du werden
Und herrschen als Erste Hetäre
An der Seite des Tyrannen Demokrates,
Ganz Griechenland verehrte dich mehr
Als einst Sparta und Troja die schöne Helena ehrten.
Myrrha, würde man sagen, ist die erste Frau in Griechenland.
Aber du willst zurück ins Dorf zu deinen Sauhirten?
Törichte Närrin du, Myrrha,
Naiv und albern ist dein Sinn!"

Myrrha ward rot von schönstem Schamrot.


Ebenso schön ists, im weithin verschneiten Arkadien,
Mitten in einsamer Hirtenidylle,
Eine purpurnes Blutes erblühende Duftrose prangen zu sehn.
O Myrrha, Daphnis ist nicht zu Unrecht
So ganz und gar von dir entzückt!

III

Demokrates trat lachend in die obere Kammer,


Selbstsicher trat er zu Myrrha,
Die eben noch zärtlich und weich sinnierte,
Blühend wie ein tränendes Herze,
Weiß vor Keuschheit, rot vor Sehnsucht,
Mit einem Herzen, blühend wie brennende Liebe,
Wie ein Stern, der Morgenstern
Aus dem Feuer der Leidenschaft des Gemütes,
Zart und fein wie Mädchenanmut.
Anders Demokrates, er kam wie ein Held,
Ein Eroberer, Sieger, Triumphator,
Und sprach zu seiner neusten Eroberung so:

"Myrrha heißest du, Schöne?


Such dir eine Stute aus meinem Gestüt aus,
Ich habe pythische und olympische Stuten,
Siegreiche Hengste aus Marathon,
Arabische Hengste und Renner von Kos,
So such du dir nur eines aus.
Meine weiße Lieblingsstute,
Die schöne Kalliope, sie ist nicht so herrlich wie du!
Wenn sie zittert und dampft im Rennen,
Dann ist sie zahm im Verhältnis zu deiner holden Wildheit,
Zu deinem geisterfüllten Zittern, o Myrrha!
Kalliopes braunes Auge ist weich und träumerisch,
Aber schöner dein Auge, Myrrha,
So eine feine zarte Sinnigkeit ist in deinem Blick,
So zärtlich-innig und zartselig blickest du, o Geliebte!
Deine Augen blühen wie blaue Violen,
Welche Morgentau schluchzend zum Vater Äther schauen..."

Myrrha zuckte zusammen:


Hatte doch auch ihr reiner Daphnis
Ihre Augen blaue Blumen genannt, Vergißmeinnicht...
Und sagte nicht Daphnis vom ersten Tag an zu ihr: "Mein Einhorn?"
Warum äffte dieser Lüstling Demokrates also äffend-ähnlich
Die reine menschliche Liebe ihres Daphnis nach?
Welcher Dämon inspirierte diesen Frauenhelden,
Der die Liebkosungen zischte,
Welche so ewig jugendlichschön ein himmlischer Genius
eingeflüstert dem reinen Hirten? O Daphnis!

Da hob Demokrates wieder seine Stimme,


der große Tyrann, und sprach mit markigem Stimmenton:
"O Schöne, in meiner Lieblingsstute Mähne flocht ich bunte Zierbänder,
Und sie standen ihr wohl.
Wenn sie rannte und raste und schnaufte,
Flatterte ihre prachtvolle Mähne im Sturmwind,
Da war vor lauter Zierband der Sturmwind ein bunter Sturmwind,
Ein Wehen von bunten Kügelchen, aufgereiht an bunten Bändern.

Meinest du nicht, du Schöne, o Myrrha,


Daß dein weizenblondes Haar noch herrlicher wäre,
Wenn perlmutterne Perlen hineingeflochten würden?
Rosiger Schimmer wie von eben erblühtem Mohn
Im Weizenfelde deiner feinen Strähnen? Und wehte dein Haar
Und flösse dein Haar in lauter Wildheit und Raserei mir hin,
So wärs wie Feuer und Gold und Morgenröte, o Myrrha!"

Myrrha stutze innerlich, denn sie dachte:


"Wie oft hat der Tyrann wohl schon
Den Mädchen Perlenschnüre ins Haar geflochten?
Lieber ist mir mein Daphnis, dem ich die Einzige bin,
Er nannte mich seine wunderbare Perle."

"Myrrha, Myrrha, Myrrha!


Du bist mir die schönste Perle des Mittelmeeres,
Schöner als selbst die Liebe Frau vom Mittelmeere,
Die auf einer perlmutternen Muschel daherrauscht -
Sieh hier diese Kette, wo mein Künstler
Die erlesensten Perlen an einer Baumwollschnur aufgefädelt,
Denn ich gab ihm den Auftrag letztes Jahr,
Als ahnt‘ ich, daß du kommen würdest,
Du schönste Perle des Archipelagus, Myrrha!"

Myrrha zeigte dem Tyrannen trotzig das schlichte


Schöne Freundschaftsband,
Das Daphnis ihr geflochten
In einer romantischen Abendstunde,
Da seine Lämmer grasten und er träumerisch lag im Grase.
Das zeigte sie dem Tyrannen und sprach:
"Das ist der schönste Schmuck, den es geben kann auf der Erde.
Schöner kann mich nur der Unbekannte
schmücken mit dem Schmuck seiner Liebe!"
Demokrates ließ sich nicht irremachen,
Denn er war sich seines Reichtums
Und seiner verführerischen Wirkung sicher und pries:
"O Schönste meiner Frauen,
Sieh hier die Goldplättchen an dem Silberkettchen,
Das ist vom ersten Kunstschmied aus Kleinasien hergestellt,
Edleres findest du nimmer. Dies sei dein,
Wenn du mir lieblich die Liebe erklärst."

Der Tyrann zog sich zurück auf seinen Regierungssitz,


Da er auf seinem halbrunden Diwan
Mit seinen beiden Beratern Alexis und Menelas saß und ratschlug.
Dieweil aber seufzte Myrrha, seufzte und seufzte,
Voll der melancholischen Schwermut, und seufzte nach Daphnis:

"Wie der Honigtau der Bienenfreundin,


Der herzerfreuenden Freundin Melisse,
Ist mein Freund, gar süß und goldig, gar lieblich
Und eine Ruhe und holde Unruh für mein Herz.
Du meine Freude, du mein Herzeleid!
Zwei Seelen wohnen ach in meiner Brust;
Als da ist die Seele, die seufzt nach dir
Voll Sehnsucht nach ihrem Daphnis, dem blonden Hirten,
Und die andere Seele ist bang und zaghaft,
Fürchtet vor Lieben und Geliebtwerden, ach mein Daphnis!"

Myrrha kullerten einige salzige Augentropfen


Aus ihren Vergißmeinnicht, ihren Liebesgrotten,
Sie trocknete sie mit dem kleinen Finger der linken Hand,
Voll holder Anmut, zarter Bewegung, und seufzte wieder:
"Ach was bin ich so melancholisch an diesem blauen Abend,
Wehmütig wie der dunkle Dämmer umher
Und schwermütig wie die silbrigen Abendschwaden
Üüber den blaugrünen Wiesen der Einsamkeit,
Da traurig die Mohnblume schlummert im müden Winde.
Ach Melancholie! Ach Daphnis!"

Sie fühlte ein wärmendes Handauflegen des Unbekannten,


Dessen Geist eine wohlige Ruhe legte ihr auf die zitternde Seele,
Ein Nachhausekommen und Heimatfinden,
Ein Empfinden wie nach einem Kelch voll süßen Weines,
Voller Frieden der Seele und des Herzens,
Denn es zeigte der Gott ihr den sanften Hirten,
Wie er träumerisch weich bei zarten Lämmern
Im Abendfrieden fromm und selig ruhte.
"Ach Daphnis! Mein frommer Bruder,
Mein sanfter Hirte im Abendflaum der Weiden!"

Dann legte sich die melancholische, ach,


Vor einsamer Liebe trübsalssinnige Hirtin
Auf ihre Kissen, kein weiches riechendes Lammfell, ach,
Sondern Purpurentendaunen in Seide, verziert mit Brokat,
Und schlummerte sanft hinweg,
Das Leinensäckchen mit Rosenblättern, ihres Daphnis Geschenk,
An ihren schönen Busen pressend, ihr müde klopfendes Herz.

Am Morgen färbte sich der Horizont die Fingernägel


Und Haare rot mit der Paste der Hennablätter,
Die Sonne trug einen Strauß von Zyperblumen zum Tag,
Wie eine Braut ihrem Bräutigam Hennablüten bringt,
Eeine Hennablüte von der Süßwasserquelle:
Daphnis, der blonde Hirte,
War eine Hennablüte von der Süßwasserquelle,
Und seine Küsse, die waren der frische Lebenstau
Einer Süßwasserquelle von Elysium, seine Morgenküsse,
Wenn sie morgens gingen freundschaftlich in Arkadiens Auen,
Waren wie tschilpende Spatzen, seine Küsse
Waren goldene Söhne der Freude.

Aber Demokrates trat


In der schwärmenden Myrrha Ruhezelle,
Da sie gerade lispelte ihr Gebet zum Unbekannten,
Er störte: "Myrrha, schön wie der Morgen, schön wie die Sonne,
Die sich Rosenperlen ins Haar steckt auf goldenem Muschelkamm,
So schön wie schneeweiße Tauben,
Vom purpurnen Morgengewölk süßduftend angelächelt,
Vom Morgensterne wie von rubinenen Diamanten angestrahlt,
Myrrha! deine Augen,
Jung wie Sperlinge, rein wie Tauben,
Klar wie Bergseen, blau wie Himmel,
Licht wie Unsterbliche, Myrrha,
In deinen Augen will ich meine Blicke weiden
Und leben lassen als in elysischen Gärten!"

„Ach“, dachte Myrrha, "seine Worte fließen wie Öl,


Sein Maul trieft wie fettige Butter,
Aber sein Geraspel von Süßholz macht mich früh am Morgen schon
Ganz melancholisch, o Gott!"

IV

Am Vormittage spazierte Myrrha


Von den Haremshallen fort einen schmalen Fußweg,
Ihre Füße in goldnen Sandalen
Spielten mit kleinen Kieselsteinen.
Am Rande kam sie vorüber einer alten Eiche,
Die sich männlich-mächtig erhob;
Drei Männer braucht‘ es, sie zu umfangen.

Hinter der Eiche weideten Schafe,


Myrrha hüpfte das Herz.
Da war ein weißes Mutterschaf,
Ein weißes männliches Lamm,
Ein grauwollenes Schaf mit schwarzem Kopf und Beinen,
Ein braunes Lamm und ein schwarzes Schaf.
Sie fraßen von den langen Gräsern
Und machten Myrrha wehmütig, heimwehkrank.

"Ach Daphnis, hier wohn ich


Zwischen Seide im Elfenbeinturm,
Mit dir aber lag ich träumend
Zwischen Eichen und Linden in den Gräsern,
Du erzähltest mir die Reden deines Großvaters wieder:
Siehe, sagtest du mir, o Myrrha, siehe den Klee:
An einer Kleeblume - das ist der Unbekannte –
findest du drei Blätter - Theos, Logos, Pneuma.
Von allen Seiten umgibt dich
Und liebt dich der schöne Gott. Und ich lieb dich auch,
Myrrha! sprachest du, Daphnis.

Ach Daphnis, zarter Daphnis, du bist so fein,


Dein Bart so weich wie Gras,
Das so hauchfein und flaumweich weißduftendes Rosa
Mit wolligweicher Pastellzartheit blüht.
Deine Zähne sind weiß wie die Milch des Mutterschafs
Oder die weiße Blüte des Klees.

Hülle noch einmal, wie du am kühlen Abend


Mir gedichtet, mich in den blühenden Frauenmantel.
Lächle mich an so zart wie die Nymphenrosen,
Die zarten rosanen Grazienrosen, welche schön sind und licht.

Wie gerne ging ich wieder mit dir in den Wald,


Wie am Abend, da deine Schwester,
Die goldene Pythonissa mit uns ging,
Ihre feinen Lippen wie Blüten der Grazienrosen lächelnd.
Und die Abendsonne glühte
Durch die dunklen Stämme der dichten Fichten.
Auf weichem braunen Waldboden tanzte
Unsre verliebte Jugend schwärmerisch mit den Fackeln.
Leise waren unsere Kosereien,
Daß wir die zärtlichmütigen Rehe und Hirschkühe,
Einhörner und Zentauren nicht erschrecken.
Wir gaben lachend Antwort
Dem köstlichen Rauschen der Waldtauben,
Welche ebenso girrten wie wir.
Pythonissa pflückte, die füllige Schöne,
Uns einen bunten Strauß; Euch Verliebten! sprach sie
und zeigte uns Wiesenkerbel und Schafgarbe weiß,
Purpurea und Klatschmohn rot.
Du, herziger Mann, wurdest kräftig vor Lebensfreude
Und warfest Stämme quer durch den Wald
Und riefest: Meine brennende Liebe!
Bären und Löwen ring ich nieder für Myrrha, Liebe! –
O Daphnis, du kerniger Held, du Heros meines Herzens!"
Nun sandte der Tyrann Demokrates einen Boten,
Einen Eunuchen des Himmelreichs von Harem,
Mit einen Brief an Myrrha:
"Demokrates, der Tyrann von Athen, er sendet an Myrrha,
Die Erste seiner Frauen, diese Schmeichel-Ode:
Herrliche, du bist eine Bohnenblüte zwischen Bohnenstangen,
Eine Purpurea zwischen Nesseln.
Dich hab ich erwählt mit dem Feuer meines Geistes
Und der lodernden Flamme meines Fleisches.
Komm in meine Privatgemächer,
Ich will dir dort ein Lager bereiten.
Du sollst Pindar in die athenische Zunge übertragen
Und Sapphos Lieder zur Lyra singen.
Ich will dir Frauen suchen,
Die deinem sterbenden Gott, dem Unbekannten mit dir hulden.
Komm, o komm und laß uns eilen, o Myrrha!"

Dieselbe zerriß den Brief mit der feuchten Schmeichelei


In tausend Fetzen und warf sie ins Feuer.
Sie schlug sich unter zornigen Tränen auf die Schenkel
Und begann, den Hirten Daphnis zu preisen:

"Mein Liebling, der Sohn des Unbekannten, der Hirte!


Er ist wie ein Pfirsichbaum unter verwilderten Judasbäumen!
Seine Frucht, seine Liebe, ist süß.
Und seine Küsse munden meinem Gaumen
Wie eine frische Sommerfrucht.
Seine Zweige voller Laub und feiner Blüten
Werfen kühlen Schatten in der Mittagshitze,
So angenehm ist seine Gegenwart,
Er ist herrlich erfrischend.

Seine Lippen sind köstlicher als der beste Rotwein aus Zypern.
Er führte mich auf die weinlaubumrankte Terasse seiner Liebe,
Unter den trunkenen Abendhimmel der Wollust seiner Seele,
Zum Tavernenzeichen seiner Treue -
Dem immertreuen Schwan des Gottes der Dichter -
Und pries mir mit Perlen auf der Zunge den Einzigen:

Der ist die Liebe und segnet unsere Liebe!


Seine Liebesfahne in Purpur mit der weißen Liebestaube
Flattert über uns im Zephyr des Lenzes!
Und trunken wurd ich von süßen Küssen meines Daphnis,
Wie von Frühlingswindes Küssen, Geistes Küssen,
Zyprischem Weine gleich an Stärke und Süße.
Mir tanzten bei seinen Küssen die Sterne vor Augen,
Die Perlenkette der Nacht,
An der sie abzählt die fünfzehn Lobpreisungen göttlicher Liebe
In dem Herzen des Unbekannten!

Evoe! Gott! O küssen möcht ich


Das Elysium und Arkadien, Gärten des Himmels,
Wo Daphnis in seinen Liebesträumen mit mir weilt
Und weidet unter Pfingstrosen wohl in feuriger Liebe,
Liebe gleich einem Flammentanz seliger Genien,
Töchtern der Freude, Töchtern Elysiums, Töchtern Gottes!
Mir ist elend vor Sehnsucht,
Ich bin krank vor Liebe zu meinem guten Hirten!“

In Arkadien, in der Hütte ihrer Ferien, schlummerte Myrrha,


Die schweren weißen Lider gesenkt
Auf die blauen Diamanten ihrer Augen,
Die weichen Nasenflügel zitternd.
Ihr hoher Busen wölbte sich, hob sich und sank mit leisem Atmen,
Sie wendete sich von der linken auf die rechte Seite.
Draußen um die Hütte lagen die Hühner und schliefen auch.
Aber da der Morgen nahte, fing der Hahn an zu krähen.
Er hatte ein prächtiges rotes Gefieder und einen rubinroten Kamm,
Der wie Flammenzacken sich auf die Morgenröte reimte.

Gleich, da sie erwachte, dachte Myrrha


Voller Sehnsucht an ihren Geliebten:
"Daphnis, du Gottesträumer, du Hennablüte,
Du bist kein trauriger Taugenichts,
Bist ein Liebling des Unbekannten!
Und mein Liebling auch! Oh, wie ich dich vermisse!
Geh ich an den See Cyane in Arkadien hier
Und bade meine milchigen Frauenglieder in kristallener Klarheit,
Denk ich an dich, daß du im Lorbeerstrauch
Mit geschlossenen Augen auf mich wartest
Und mir zuwirfst einige Leinenhemden und einen langen Rock,
Daß ich mich bekleide in Weiß und Blau,
O du mein Lieber, schau mich an, schau mich an, mein Lieber,
Aber schau mich keusch an und nicht mit geilen Blicken,
Denn mein Herz ist bang und fürchtet sich vor Liebe!
Daphnis, du wirst Rücksicht auf meine Furchtsamkeit nehmen?"

Mit einem Gänseblümchen in der Hand


Saß Myrrha in der Hütte bei einem Kruge Milch
Und zählte pflückend Blütenblatt um Blütenblatt:
"Er kommt, er kommt nicht, er kommt, er kommt nicht,
Siehe, er kommt! Mein Geliebter kommt!“
Tatsächlich sah sie aus dem Fensterloch
Und sah von Ferne Daphnis nahen,
Von weitem erkannte sie ihren blonden Hirten
Am melancholisch-dunkelblauen Kleid.
Aber er war so froh und in solcher Freude,
Daß er hüpfte wie Chiron, der Meister der Zentauren,
In seiner Jugend, voller Frohsinn, wie ein törichtes Närrchen,
Tanzend wie eine Glockenblume im Winde hin und her,
Springend wie ein verliebter Hase kreuz und quer,
Wirbelnd wie Pusteblumensamen, wenn der Wind mit ihm spielt.
Daphnis, Daphnis, wie hüpften nicht nur deine Glieder,
Dein heißes Herze hüpfte vor Wonne,
Denn Wonnen wie der Pedhieos-Strom dein Mannesherz tränkten,
Jugend und Rosenblust und Morgenglut war dein!

Oh Daphnis, du sahest deine Myrrha!


Endlich sahest du sie wieder!
In vollem Weizengold und Himmelblau,
Eine fröhliche Hochzeit von Himmel und Erde
War Myrrha, die selige Jungfrau!

Ihre blauen Diamanten, Meeressterne,


Funkelten als wie luftblaue Feuer, sprühend vor Geist
Und fließend vor lauter Seelenfülle.
O Daphnis, tauche in die blauen Teiche,
Die blauen Kornblumen ihrer Augen,
Bade voller Wollust in den Wasserpforten ihrer Seele,
Und spiele in dem Blond ihres Weizens,
Duftend nach Mohnmilch,
Ihrem Haar sprich Liebkosungen zu,
Verwebe dich in Netz und Flut, o Daphnis, Verzückter,
Und versiegle den Liebesbrief ihrer Lippen
Mit dem blutroten heißen Siegellack deines Kusses! –
"Myrrha, komm, mein Mädchen,
Laß dich leis und sanfte küssen, Liebe!"

Wie lange hatten sich die Beiden nicht mehr gesehn!


Welche Schmerzen aus trauriger Trennung
Fanden nun Heil in einem Händespiel zärtlichsinniger Liebe,
Der zärtlichen Lust am Tasten und Verflechten.
Myrrha, Geliebte! Daphnis, Geliebter!

Wie stauntet ihr einander an,


Ob all die holden Phantasien der Einsamkeit
Der Wirklichkeit entsprachen?
Ob der Mund so weich? das Auge so licht?
Das Haar so fein? die Hand so zart?
Der Busen so rund? die Linie auch so melodisch?
Und die Stunden, die jetzt kamen, waren Stunden der Sprache,
Des Vertrauens, verständnisvoller Wechselrede,
Der Vereinigung ihrer Seelen in Minne,
Des Staunens, des harmonischen Schweigens,
Des Schnäbelns und Girrens und Turtelns.

Die Turteltaube fühlte ihr heißes Herze klopfen


Und ihre Brüste beben.
Die Nachtigall sang eine leidenschaftlich glühende Hymne
Der Liebe, ihres holden Wahnsinns,
Ihrer süßen Raserei, entzückenden Schwachsinns,
Ihres poetischen Schwärmens,
Ihres Reifens und Weisewerdens.
Der Schwan und die Schwanin sangen auf dem Cyane-See schön
Von Elysium und Seligkeit
Und der Herrlichkeit des Gottes der Liebe!
Die Lerchen mit goldenem Jubel neigten sich
Charismatisch singend im Palast der Morgenwinde
Vor dem herrlichen Licht.

Die Zier- und die Duftrosen blühten


Und glühten innig in den Balsambeeten.
Daphnis ging in den Balsamgarten
Uund pflückte eine seidige keusche Orchis für Myrrha
Und kleidete diese bloße Blume in einen Bund von Schleierkraut,
Von Tau zart duftend besprengt.
Und Daphnis biß in die Lippen Myrrhas,
Die wie reife Süßkirschen waren!
Und der Lenz sang sein Lied der Liebe,
Gesegnet vom Unbekannten und seiner schönen Liebe!

VI

Auf seinem Tragbett ward herangetragen der Tyrann,


Demokrates ließ sich bringen
Inmitten von veilchenduftenden Kissen,
In Seide und Samt und Brokat,
Ein Herrlicher, Prunk- und Prachtvoller,
Dessen Prozession umwölkt ward von Weihrauch
Und Duft von ätherischem Öl der Lavendel,
Zu bezirzen durch den Odem des Windes,
Der im Lenz die süßduftenden Blüten wachküsst.

Hochzeit zu halten mit der neusten Jungfrau,


Dem hübschen Landmädchen Myrrha,
War sein Begehr, des Tyrannen Verlangen.
Sie zu freien, zu herzen und küssen,
Sich zu berauschen an den Brüsten des jungen Weibes
Und ihr nahezusein und zu kultivieren die "Gnosis des Eros"...

Sein Tragbett war liebevoll geschmückt


Von den Töchtern Athens, den Musen,
Najaden, Nymphen, Charitinnen,
Verziert mit Marmor von Paros,
Zypressenholz Zyperns,
Ebenholz aus dem schwarzen Äthiopien,
Lapislazuli aus Ägyptens Nilland,
Gold aus Ofir, Schoham von Eden,
Bedeckt mit Tigerfellen aus Thrakiens Wäldern,
Bärenpelzen Mazedoniens
Panterfellen des dionysischen Nyssa.

Auf dem braungelockten Haupte


Über der sorgenvoll gefurchten Stirne
Trug der Tyrann seine Hochzeitskrone,
Die seine Mutter Pyrrha dem Tyrannen geschenkt.
(Pyrrha seine Mutter?
Und weil Myrrha sich reimt auf Pyrrha,
War Demokrates so verliebt in die schöne Hirtin?)
Alle seine siebenhundert Nymphen –
Dorerinnen, Achäerinnen, Spartanerinnen,
Asiatinnen und Ägypterinnen,
Trojafrauen und Tarsisfrauen,
Frauen aus Ausonien - alle,
Alle fürchteten seine Mutter,
Die in ehebrecherischem Lustverhältnis
Den Demokrates einst mit ihrem Adonis gezeugt;
Nur Myrrha fürchtete sich nicht vor ihr.

Wenn Myrrha "Mutter" dachte, dachte sie daran,


Den blonden Liebling Daphnis
In das Haus ihrer Mutter Doris zu bringen.
Wenn Daphnis im Hause von Myrrhas Mutter wäre,
säh er die Weide ihrer Kindheit und könnt ihr Bruder sein.

Aber Demokrates ließ die Sänfte des Tyrannen


Sich neigen vor der stillen Hirtin
Und hob an mit seiner vom Hofpoeten gedichteten Schmeichelei
Und dem Lobgesang auf die Schönheit Myrrhas:

"Liebe Fraue, deine Augen sind wie Teiche,


Wie der See Cyane in Arkadien, blau und klar,
Deine Augen sind in weißer Milchflut
Schwimmende blaue Fische der Liebesgöttin,
Deine Augen sind Sterne, auf denen himmelblaue Rosen blühn,
Deine Augen sind wie der Duft von Vergißmeinnicht,
Der über dem Schnee des Olympos schwebt,
Deine Augen sind besinnlich wie die Ode
Des Singschwanes an der Grenze zum Totenreich,
Deine Augen blicken freundlich
Wie zwei himmelblaue Amoretten, o Myrrha!

Dein Haar ist wie der goldene Faden an der Weizenähre,


Wie die Haarflut der Mittagssonne,
Blond wie meiner Mutter Blondheit,
Golden wie die Sandalen der Himmelskönigin,
Golden wie die Stimmbänder meiner Lieblingsnachtigall,
Die in eine persische Gold-Rose sehr verliebt ist,
Dein Haar ist wie der Schleier der schönsten Frau Griechenlands
In ihrer Jungfraunzeit, ich meine Helena,
Um deretwillen Troja unterging,
Aber dein Haar, o Myrrha, ist schöner als Helenas Schleier.

Deine Zähne sind weiß wie die Vliese palästinensischer Lämmer,


Weiß wie das Elfenbein der Elefantenkuh aus Kusch,
Weiß wie der Schnee auf dem Gipfel der Titanen, Ossas Schnee,
Weiß wie die Milch eines Einhornweibchens,
Weiß wie der Marmor von Cararra,
Vollkommen wie ein Schwanenpaar,
Ebenmäßig wie die Glieder eines Heroen,
Und sie können beißen
Wie die Zähne einer Hirtenhündin im Frühling.

Deine Lippen sind weichgeschwungene


Schaumwogen einer rosanen Muschel,
Sind wie fliegende Blüten betauter Rosenblätter,
Zarte Blüten des Mittelmeeres bei Morgenröte,
Deine Lippen sind köstlich wie Granatapfelwein,
Süßer als Nelkenwein von Zypern,
Deine Lippen sind rot, man muß sie küssen, Myrrha,
Zärtlich laß uns girren und turteln und schnäbeln,
Laß uns trunken werden vor Küssen!

Wenn ich dir in der zärtlichen Sprache der Inder sage,


Daß ich dich liebhab, Myrrha,
Dann sind deine Wangen rot wie die Scham der astralen Jungfrau,
Wenn der astrale Orion hinter ihr herjagt,
Rot wie die zarte Blüte des Ziermohns
Und weiß wie die Milch des Mohnes,
Aus der die Träume gesponnen sind,
Und deine Wangen sind wie Einhornblut und Taubenmilch,
Und sanft wie ein Weidekätzchen.

Dein Hals ist wie der singende Hals einer verliebten Schwanin,
Von holder Majestät und melancholischer Weichheit,
Dein Hals ist wie der Elfenbeinturm des Königs Theseus,
An dem zwei silberne Schilde hingen,
Die Magna Mater und den Heros zeigend,
So ist der Schmuck an deinem Hals, o Myrrha,
Wenns auch dir Zeichen deines Gottes sind,
Den du den Unbekannten, den Gott der Liebe nennst,
Und seiner Mutter, der Himmelskönigin, Myrrha,
Siehst du, Myrrha? dein Hals macht mich fromm.

Deine Brüste in ihrer jugendlichen Frische


Sind zwei goldene Äpfel aus dem Garten der Hesperiden,
Streng bewacht, o reine Jungfrau,
Zwei Vollmonde, zwei Magnolienblüten,
Jungfräuliche Reinheit duftend,
Reichsäpfel königlicher Jungfrau-Mutter.
Du bist die Makellose
In meinem sündigen Harem." Da schwieg Demokrates still,
Und Myrrha ward rot und ihr Atem flog.

VII
Der sanfte schönlachende Hirte redete seiner Hirtin,
Der Täuberich seiner Turteltaube
Worte der Koserei zu, beschwor sie:
"Myrrha, verlaß den Prunkpalast von Athen
Und komm herauf in unser Arkadien!
Schöner ists in Arkadien, wo wir zusammen sind.

Myrrha, Herzensdiebin!
Was kamst du zur Nacht
Mit Blicken wie fliegende Sterne
Und raubtest mir mein Herz?
Die Eule wurde mir zur Nachtigall,
Da du mir ein neues Herz gegeben.
Du schriebest meinen Namen in der Sprache der Skythen,
Du riefest den Unbekannten in Achäisch an,
Die Sterne wie weiße Freudenfeuer lachten süß herab
In unsre romantische Nacht, da gingest du fort
Mit meinem Daphnisherzen in deiner zärtlichen Hand.
In meinem Busen klopfte zärtlich fortan der Name Myrrha,
Myrrha, du süße Herzensdiebin!

Deine Blicke waren wie Diamantensterne


In der romantischen Wildnacht meines Herzens
Und zündeten an ein loderndes Süßfeuer
All in lauter honiggoldnen Flammen,
Sprühend wie orangenglühender Sternrosentau,
O geliebte Myrrha!

Meine Schwester, des Himmels süßsingende Tochter,


Du vom großen Wind befeuerte Sängerin,
Liebste, holde Hirtin, schönes Landmädchen,
Einzigartige Rose, Vertraute,
Du mit dem schönen Namen, Myrrha!
Du, wie herzlieb sind mir deine Worte:
Lieber! sagst du, ich solle dich vertraut mir machen,
Du vermissest mich und sehnst dich nach Umarmung
Und singst mir zu die dunkelmelancholische Tonart
Deiner goldnen Liebeslyra, Hirtin,
Meine Tochter des Gesanges, Muse vom Helikon,
Da du zwischen den Schafen ruhest mit der Harfe im Arm,
Myrrha, und wenn der große Wind deine Harfe anhaucht,
Singst du inspirierte Oden und Hymnen
Dem schönen Gott der Liebe.

Du bist ein Garten, Geliebte,


In dessen Laubgängen darf kein Ungeweihter wandeln,
Ein heiliger Hain, Geliebte,
In dessen labyrinthischen Wandelgängen
Nur ein Gottesliebling mit der Fackel der Liebe
Schwärmerisch wandeln und leise tanzen darf
Auf sanften Sohlen goldner Sandalen.
Du bist ein Zypressenhain der Melancholie,
Wo Liebe stark ist wie der Tod.
Du bist ein Veilchenbeet, wo die Lüfte süß sind
Wie vom Odem des großen Windes,
Des heiligen Geistes unsrer Mysterienlehre.

Du bist ein Rosengarten, Geliebte,


Da unter dornenlosen Rosen der Gott der Liebe
Als dein Bräutigam mit dir weidet.
Du bist ein Hain aus Hennablumen,
Die du mit mir verglichest, du Liebenswerte.
Du bist wie lauter Lilien,
In deren Kelchen voll Tau
Süßlächelnde Nymphen nackig baden.
Du bist ein Duftbaum aus Ceylon,
Ein Salböl aus Indien,
Sandelholzgarten ohne Schlange."

Myrrha gab Wechselrede, wie Pieriden-Musen,


Dem schönen Hirten, schön von Seele ihrem Herzen:
"Komm, o mein lieber Freund, in meinen Garten
Und pflücke dort den Tag deiner Jugend!
Sei wie eine Biene um die süßen Blüten meiner Linde,
Summe süße Gesänge,
Sei beharrlich und berausche dich am Blütenwein,
Der Linde Nektar, aber laß der Linde
Ihren frommen frohen Abendfrieden.

Freund meiner Träume, komm so zärtlich wie der Südwind


In meinen duftenden Garten
Und spiele mit dem aromatischen Duft
Meiner Persönlichkeit. Lieber Daphnis, du sollst leben!
Du sollst leben und schön sein
Wie eine Zypertraubenblume in dem Garten meiner Seele,
Wie eine Seeros‘ auf dem stillen Teiche meiner Seele,
Sei wie eine tanzende Blüte
Auf dem Springquell meines Herzens,
Krone und Schmuck du meines Innern.“

Und Daphnis gab zur Antwort: "Schöne, Sanfte, Zarte,


Wie ein Sturm bin ich gekommen,
Das Gewölk ist der Staub meiner Schritte,
Und bin mit Vollmacht und Segen an dein Tor getreten,
Dort sanften Frieden zu finden
Und leise meine rauhe Hand
An deine milchweiße Hand zu legen
Und zärtliche Koserei
Und girrendes Süßspiel auszutauschen mit dir,
O Myrrha, meine Liebe!"

VIII
In Athenas ehernen Mauern
Träumte Traum die Hirtin,
Da lag sie in zitterndem Schlaf, in zuckendem Traum,
Wie von der Milch des Wiesenmohns getränkt,
Und träumte von Daphnis,
Wie er kam von den Hügeln und Auen Arkadiens her,
Und wie er kam in romantischer Sommernacht an,
Da zwischen den Johannisbrotbäumen
Nymphen in weißen Gewändern tanzten
Und solche in den klaren Quellen badeten, nackt,
Die das silberne Mondlicht widerspiegelten heimlich.

Sie sah sein Haar, sein blondes,


Das er in der Mitte gescheitelt trug,
Und das naß war vom Nachttau arkadischen Sommers,
Und den lockigen Bart, der feucht war
Von den warmen Tropfen Taues der Sommermondnacht.
Er fuhr sich mit dem braunen Fingerkamm durch das Blondhaar
Und legte die Strähnen hinter die Ohren.
Einen Nachttropfen strich er sich
Von der feinen dunkelblonden Braue,
Als sei es an der Wimper eine Träne.

Und in ihrem Inneren, welches träumte süßen Traum,


Schaute die Schöne die Pforte ihres Marmorgemaches
Und hörte an der hölzernen Pforte ein Klopfen,
Welches unsichtbar Echo tausendmal wiederholte.

Aber Myrrha regte sich nicht auf ihrem weichen Lager,


Denn ihre Psyche sprach:
"Soll ich ihm jetzt schon auftun
Und nachgeben seinem Verlangen und willig sein
Dem Begehren seiner verliebten Seele?
Lieber will ich mich zieren und will zärtlich zagen
Und jungfräulichkeusch mich wohlgehaben
In schüchterner Blödigkeit,
Meine Mädchenangst ihm sagen ohne Worte,
Meine Angst vor leiblicher Nähe,
Denn vielleicht wirbt er dann feuriger, süßer,
Wie die Rosen im Abendrot glühn
Und Bienen Nektar schlürfen,
Vor lauter Sehnsucht und Verlangen?"

Da hörte sie in dem dösenden Dämmer ihres Innern


Wieder ein pochendes Klopfen und dann
Ein sanftes Rütteln an der braunen Pforte:
Daphnis wollte herein!
Da pochte ihr Herz im bebenden Busen
Vor Erregung und zärtlicher Unruh,
Ihr pochte das Herz in der Brust vor Sehnsucht und Verlangen.
Daphnis war ihr Begehr,
Ihn zu halten in den weißen Armen
Und zu pressen an das fliegende Herz,
Daß durch sanfte Liebe Ruhe einkehr in der Jungfrau Brust.

Also stand sie auf, mit zitternden Knien und fliegenden Händen,
Selbst im Traum voll Schwäche,
Und tastete sich durchs kühle Dunkel ihres Marmorgemaches
Voll liebender Hitze zur Pforte
Und öffnete, sah hinaus, doch - er war fort!
Es war zu spät, sie hatte zu zag gezögert,
Zu bang und lang gewartet, zu spröde getan.

Gleich rannte sie hinaus in die Nacht


Mit Trauer in der Kehle und Angst in der Brust
Und Sehnsucht im rasenden Blut,
Und eilte durch die labyrinthischen Gassen Athens,
Die Hunde hinter ihr her,
An den weißen Häusern mit den blauen Fenstern vorüber,
Die vor lauter Mondschein der Johannisnacht schimmerten,
Bis sie auf die drei Stadtwächter stieß.
Diese rissen ihr den Umhang von den Schultern
Und schlugen ihr seidenes Nachthemd und den schönen Frauenrücken
Mit zischenden Weidenruten wund.

Ihr Leib im Schlafe zitterte, zuckte vor Angst,


Denn sie rannte und kam nicht von der Stelle.
Da rief sie zu Hilfe den Unbekannten:
"Pneuma, komm, o sanfter Hauch,
und hauche mich an mit süßer Agape,
Heiliger sie als der Menschen eigensüchtiger Eros,
Hauche mich an mit des Gottes schöner Agape,
Daß mein Herze werde voll
Des Guten und Wahren, voll des Schönen
Aus den Händen der Schönen Liebe,
Daß unsterblich meine Seele sei in der Agape Gottes!“

Am nächsten Morgen besuchten die Töchter des Harems,


Atalante, Melitta, Perinna, ihre Mitgenossin,
Die fremde und sonderbare Hirtin aus Arkadiens Auen.
Voller Liebe war Myrrha,
Denn der Unbekannte hatte ihr Flehen gehört,
Und so sagte sie den Töchtern Athens,
Wie ihr Hirte war, der träumerische Liebling ihrer Seele:

"Wisset, ihr Töchter Athens,


Mein Geliebter ist wie Milch und Blut,
Jung und stürmisch, rein und feurig in seiner Seele,
Er ist tugendweiß und liebesrot,
Rot an Liebe zum Gott und zu seiner Myrrha.
Seine Augen rucken und gurren mit verliebten Blicken
Und schimmern wie das Gefieder von Turteltauben
Und sind reiner und liebevoller
Als die Tauben eurer Liebesgöttin,
Denn seine Augen schauen Gott an, der da die Liebe ist,
Dessen Geist in Daphnis Herzen ist sanft wie eine Taube.
Seine Augen sind graublaue Tauben,
Die im Milchteich der glückseligen Insel baden,
So wunderschön, so idyllisch und so lieblich!

Sein Bart ist parfümiert


Und duftet wie Ginseng aus China.
Sein Atem duftet bis in den Rachen hinein
Wie frische Minze aus dem Norden Kittims.
Seine Fingernägel sind schön wie spanischer Perlmutt.
Sein ganzer Körper ist wie die Elfenbeinschnitzerei
An dem Turm, in dem die Jungfrau saß,
Als der Allerhöchste erschien
Wie goldener Regen und Feuerzungen.
Seine Adern mit dem Blut des Lebens
Sind blau wie Lapislazuli aus Sais in Mizraim.
Sein ganzer Körper ist eine Zeder Arkadiens, stolz und herrlich.
In seinem Gaumen bewegt sich sonderbar schöne
Genienhafte Glossolalie, hymnisches Halleluja!
Er ist schön, ihr Töchter, schön."

IX

Zu der schönen Hirtin wandte sich rasend der Tyrann,


Rasend nicht vor Tyrannenzorn, sondern vor Leidenschaft,
Heiß wie der Hades, feurig wie Phlegeton,
Unwiderstehlich wie der schwarze Acherusische See
In der Unterwelt mit seinen starken Strudeln
Und seinem grausamen Sog.

Er sprach: "Du bist immer heiter und freundlich


Wie die Jonische See zu mir gewesen,
Und nun seh ich dich umwölkt,
Da bist du schrecklich wie ein persisches Heer mit Tigerbannern,
Wenn es gegen Salamis zieht. O Tag an Salamis Ufern,
Wenn die Heeresbanner schrecklich wehn und Speere fliegen:
Deine Blicke sind diese Todesgeschosse!

Du hast mich überwunden, Myrrha,


Nicht mit Henna und ägyptischem Lippenrot
Oder reizenden Haarflechten,
Wie all meine andern Frauen,
Sondern mit deiner lichten Reinheit
Und Tugend hast du mich bezaubert,
Denn du bist keusch wie eine Vestalin aus Rom,
Die ihre Jungfräulichkeit aufspart,
Dem Feuer ihres Gottes ganz zu dienen!

Tausend Frauen, sagt das Volk, sind in meinem Harem,


Schwarze aus Äthiopien, braune aus Indien,
Mänaden des Weingotts,
Dirnen der Liebesgöttin,
Töchter der Großen Mutter,
Aber du, o Myrrha, bist die Einzige von den Schönen allen,
Die den Unbekannten verehrt.
Außerdem sind die andern von Hennahaar
Oder griechischem Schwarz,
Aber dein Haar ist wie gesponnen aus der Wolle des Goldenen Vlieses.
Andre sind albern, mich zu ergötzen,
Aber du bist tiefsinnig wie ein Philosoph.
Andere schwätzen wie eitle Närrinnen,
Aber du redest in der Sprache der Dichter zu mir.

Melitta und ihre Bademädchen,


Atalante und ihre Schminkmägde
Und Perinna mit ihren Leierspielerinnen
Traten zu Myrrha und lobten sie,
So hatte Demokrates sie beauftragt,
Um die Hirtin zu locken und zu werben für den Hof,
Und also zirpten bezirzend die Frauen des Harems:

"Dreh dich im Tanz von Lesbos,


Im Jungfrauntanz, im Mädchenreigen,
Den Sappho zur Lyra begleitet
Und Erinna ihre Mädchen lehrt!
Deine Schönheit ist die eines goldenen Apfels
Vom Baum des hesperischen Paradieses!
Während du tanzt und Schleier fallen läßt,
O Schönste unter den Weibern,
Bewundern wir deinen Schritt
In den goldnen Sandalen der Himmelskönigin,
Voller Ruhe und Gelassenheit!

Deine Taille ist wie der goldene Armreif eines Phidias,


Den er einer Statue heimlich gestohlen,
Der seinen Arm um deine Hüfte legen will.
Dein Nabel, o schöne Frau, ist wie der Kelch vom letzten Mahl
Des Lieblings aller Unsterblichen,
Oder der Kelch, den Sokrates leerte,
In die Unsterblichkeit einzutreten,
Dein Schoß ist Diotimas Kelch,
Gefüllt mit zyprischem Würzwein,
Dem Trank der elysischen Lebensfreude!

Dein Leib ist wie Weizen, goldenweiß


Und voller Pracht und Reife und schönster Fülle,
Deine Brüste sind wie silberne Granatäpfel,
Die auf dem Monde am Baum des Lebens wachsen!

Du bist eine Orchidee aus Indiens Wäldern,


Die der Tänzer mitgebracht,
Der dich in der Rechten trug
Und in der Linken den Taumelkelch mit Freudenwein!
Du bist voller Pracht und Herrlichkeit und Schönheit,
Eines schönen Gottes schönes Ebenbild!

Deine Augen sind Quellen,


Sie sprühen kristallenes Licht,
Himmelblaue Lebenswasser,
Sie sind voller Anmut wie die kastalische Quelle,
Daraus die Musensöhne Begeisterung schlürfen,
Inspiriert zu werden vom göttlichen Feuer,
Denn in deinen Augen, den Spiegeln deiner Seele,
Lebt ein göttlicher Geist mit seinem Liebesfeuer!

Dein Haupt ist herrlich wie der Olymp,


In dessen ewigem Schnee die Throne der Himmlischen stehn,
Die dem Gott der Götter untertan sind,
Dessen Geist auf deinem Haupte ruht.
Dein Haar ist wie reines Leinen,
Welches die unsterblichen Seelen
Auf ihren Inseln der Glückseligkeit tragen.
In deinem Weizenblond wollt jeder Dichter gern
Träumend gefangen liegen und dichten
Vom himmlischen Garten-Elysium
Und seinen Töchtern der Freude!"

Myrrha aber trat zum Fenster


Und schaute voller Sehnsucht und bebendes Herzens
Hinaus in den Sonnenuntergang
Und dachte an Arkadien, dachte an Daphnis:
"Nun liegst du im Grase
Und schaust den pelzigen Hummeln
In den lila Honigblüten zu,
Ruhend in den Armen der Mutter Erde,
Über deinen Rücken spielt der laue Abendwind des Himmels,
Und du redest in illyrischer Zunge
Eine Lobeshymne auf den Gott der Götter!

Komm mit mir zu den Weinbergen,


Laß uns arkadische Reben keltern
Und schlürfen abendlichen Kelch
Geruhsamlieblicher Wonne,
Du Liebe voller Wonne!
Und laß uns wandeln über die Auen
Und reden mit den Lämmern,
Laß uns ihnen Liebes reden,
Laß uns schnalzen zu ihrer Freude!

Unsre Liebe ist frisch und lebendig wie Mai,


Der Wonnemonat, der Mond der Honigblüten,
Der Mond der Weiden, der grünen Weiden,
Der Mond der Himmelskönigin, der Monden-Monat,
Da das Feuer des Unbekannten vom Himmel her überfließt!
Laß uns einander Liebesäpfel von Liebespflanzen schenken,
Die in den Nächten und im Schatten wachsen
Und betäuben zu süßer Ohnmacht,
Aber duften wie Elysium
Und Hesperien oder Indiens Wälder!

Ach, wärst du mein junger Bruder,


Ich könnte bei dir sein und Hand in Hand mit dir wandeln
Und öffentlich vor allen Hirten dich küssen
Auf deinen Zuckermund, o du mein Daphnis!
Meine Mutter würd es gestatten,
Daß du in meine Kammer kämest
Und legtest deine sanften Hirtenarme, die sonst Lämmer tragen,
Um meine Hüfte und zögest mich zärtlich zu dir, Geliebter!“

Und nun kamen sie zu ihrem alten Dorf in Arkadien,


Hübsch am Hang gebaut, reich an bunten Hütten,
Umstanden von Fichten, Linden in Blüte,
Da sagte Daphnis: "Erinnerst du dich, meine liebe Myrrha,
Wie wir gesessen unter der blühenden Linde,
Die schon manch ein lispelndes Beten meiner Zunge gehört,
Aber die auch vernahm, wie ich deinen schönen Namen lobte:
Immer wollte ich meine Tochter Myrrha nennen!
Und wie ich pries den Goldflaum,
Den Pfirsichflaum auf deinem weißen Arm!
Da lächelte nicht nur das Volk
Der goldenen Schwärmer um den Liebesbaum,
Da lächelte meine Myrrha auch,
Lächelte lieb mit ihren hellblauen Augen."

Drauf sprach Myrrha:


"Du bist wie das Kettchen mit dem Hölzchen,
Das um meinen Hals vorm Herzen hängt,
Denn du bist ein Zeichen der Liebe
Meinem Herzen, ein Zeichen der Huld,
Und bist wie das Zeichen des Unbekannten
An meinem Handgelenk,
Du bist nicht nur dem Geheimnis meines Herzens nah,
Sondern auch meinen Händen.

Unsre Liebe ist stärker als Thanatos,


Wenn sie ihn auch hübsch bemalen,
Unsre Liebe ist unwiderstehlich
Wie die Unsterblichkeit unsrer Seele
Und wie Elysium droben im Himmel,
Sie ist unausweichlich wie der Scheidefluß
Zwischen dem Land des Todes und dem Land der Lebendigen,
Unsre Liebe ist heißer als das Feuer des Prometheus,
Heißer als das Feuer der ersten Olympiade,
Uunsre Liebe ist das Feuer Gottes!

Wenn die Metren der Dichter,


Die Perioden der Rhapsoden,
Die Künste der Lyraspielerinnen,
Die Weisheiten aller Platone
Und die Geschicklichkeit aller Phidiasse
Vergangen, dahin als Trümmer und Fragment,
Dann brennt noch das Feuer der Liebe unsres Gottes!

Ich hab Frieden gewonnen,


Weil ich nun wandle mit meinem Hirten unter der Linde,
Vor den Weinbergen, einzig mit dir, o Daphnis,
Und der Zärtlichkeit deiner Seele.
Laß uns beten gemeinsam
In dem uralten Dom der Natur
Zum Unbekannten, dem Schöpfer
Der Himmlischen, Menschen und Kreaturen!

Du magst meine Stimme hören,


Mein sanftes Flüstern, mein dunkles Gurren,
Mein Singen in lydischer Tonart zur Hochzeit?
Zwei sind besser als einer, sing ich.
Komm, laß uns eilen wie Einhörner
Zu den Hennabüschen zwischen den Weinbergen,
Da zu schlummern und zu träumen
Träume ewiger Liebe!"

MARIE VON NAZARETH


ZU MUTTERTAG GESUNGEN

Seit tausend Jahren thront Sie,


Das Kind auf dem Schoß.
Große schwarze Pupillenkreise in einer Iris erglänzen.

Die erhabene Frau trägt eine Frucht


Aus farbigen Edelsteinen und Ornamenten:
Den Granatapfel Evas.

Die Frau ist ganz aus Gold, aus reinem Gold.


Sie ist so rein, als wäre sie aus Sonne.
Die Frau im goldenen Thronsessel
Trägt ein goldenes Kind auf dem Schoß,
Sie trägt ein goldnes Gewand
Und goldene Schuhe,
Sie trägt einen goldenen Schleier um das Haupt,
Ja, Sie selbst ist Gold, ist pures feines Gold,
Die Hände, der Hals, das Antlitz, der Mund ist Gold.

Sie ist die Madonna der Ottonen.

Die Menorah aus dem Tempel von Jerusalem


Strahlt vor der Goldnen Madonna und dem goldenen Kind.

Die Mutter vom guten Rat


Ist gekrönt mit der Krone des Wunders der Welt,
Ottos des Dritten Kaiserkrone,
Dreijährigen Kaisers Lilienkrone
Aus Gold und Perlen, Edelsteinen und Filigran,
Die dient allein dazu, an Feiertagen die Madonna zu krönen.

Wie in der dunkelsten Vorzeit


Bringen die Menschen der goldenen Mutter
Opfer.
Nicht Menschen und nicht Tiere werden geopfert der goldenen Mutter,
Sondern das innocente Wachs, gewoben vom Fleiß der Bienen.
Hier ist Goldenes Zeitalter in dem Reich Mariens.

Niemandem bin ich so oft begegnet wie Ihr.


Kein Erdteil, wo Sie nicht wäre.
In Europa ist Sie allerorten.
Auf Sizilien lebt Sie in jeder ärmlichen Hütte.
In Polen lebt Sie in jeder ärmlichen Hütte.
Sie wohnt auf den Hebriden, auf Malta,
In Lappland und bei den Eskimos von Grönland.

Sie wird hoch verehrt,


Geradezu überschwänglich!
Erkannt wird Sie am Ende der Welt,
Wo Christus nur die Menschen berührt.

Im Koran wird sie freundlich erwähnt.

Die Zahl Ihrer Bilder ist eine Milliardenzahl.


Sie ist die am meisten dargestellte Frau aller Zeiten.
Unzählbar, wie oft Ihr Name am Tag geflüstert wird.

Eine Inseltochter auf Ischia


Fragte: Liebst du die Madonna
Oder bist du Protestant?
Diese Barbaren aus dem Norden lieben die Madonna nicht!
Unglaublich!
Ich sagte: Ich liebe die Madonna!
Die siebzehnjährige Schönheit rief:
Der Deutsche liebt die Madonna!

Goethe an Frau von Stein:


Was die Mutter Gottes doch für schöne Poesie ist!
Eine Jungfrau mit Ihrem Sohn auf dem Arm,
Darum heiligste Jungfrau, weil Sie den Sohn geboren!
Vor Ihr stehn einem die Sinne so schön ganz stille,
Man freut sich so ganz und gar an Ihr!

Im fünfzehnten Jahrhundert
Lebte bei Xanten ein Hirte,
Der war lahm,
Der konnte seine Herde nicht mehr weiden.
Da träumte dem armen Hirten ein Traum.
Er sah eine mächtige Eiche,
In deren Stamme Treppen waren,
Auf denen die Mutter Gottes hinanstieg
Und stellte sich in die Eiche.
Vertraue dich der Mutter Gottes von dem Treppenbaum an,
So bist du der Genesung sicher.
Er vertraute sich der Mutter Gottes von dem Treppenbaum an
Und genas.
Kranke pilgern zur Madonna der Eiche und beten und finden Hilfe.

Als ein Priester die Madonna in die Kirche führen wollte,


Verließ die Madonna in der Nacht die Kirche
Und wohnte wieder in der Eiche.

In Fatima erschien Madonna in der Eiche.


In Horn in Österreich wohnt Unsere Liebe Frau zu den drei Eichen,
In Bayern Maria Eich,
In Basur-Seine Notre Dame von der Eiche,
Im italienischen Vossa die Madonna von den drei kleinen Eichen.

In Georgenberg in Österreich
Wird Unsere Liebe Frau zur Linde verehrt.
In Bayern wird verehrt das Gnadenbild von Weihelinden.
Im schlesischen Rosenberg wohnt Unsere Liebe Frau von Heiligenlinde.

In Salceda in Spanien wohnt Nuestra Senora vom Weidenbaum.


In Kroatien fand man Madonna im blühenden Pflaumenbaum.
In Sizilien am Hang des Ätna wird gebetet zur Madonna degli Olivi.
Im Schwarzwald lebt Unsre Liebe Frau von der Tanne.
Im Böhmisch-Mährischen lebt Maria im Haselstrauch.
In Hildesheim ist Maria geweiht
Der tausendjährige Rosenstrauch an der Mauer des Domes.

Wie hat doch der heilige Lebensbaum


Die Himmelskönigin aufgenommen!
Seine Krone ist nun Ihre Krone!
Sein Stamm ist nun Ihre Höhle!
Das Flüstern seiner Wipfel
Ist nun Ihr Flüstern in den Träumen der Träumer.

Beim letzten Abendmahl


Trank Jesus aus der Gralsschale, die aus reinem Jaspis war.
Josef von Arimathia fing unterm Kreuze
Das Blut des Herrn in dem Gralskelch auf.
Er brachte das Gralsgefäß nach Monte Salvatore.
Dort ward es von den Gralsrittern treu bewacht.

O Nuestra Senora de Montserrat!


Die Mönche haben eine liebliche Königin,
Morena, Morenata,
Die Kastanienbraune!

Heil Dir, Königin,


Mutter der Barmherzigkeit!

Die Knaben von Montserrat besingen ihre Königin


In einer dunklen Kathedrale,
Märchenhaft und geheimnisvoll und feierlich überreich geschmückt.
Es ist ein Orient im Okzident!
Berauscht vom Weihrauch
Steigen die Pilger auf den Stufen hinan zur Königin
Wie in Ekstase und Trance.

Sie ist sehr schön!

Sie ist die kosmische Kaiserin


Mit dem ungewöhnlichen Antlitz,
Dem dunklen Antlitz und den verschleierten Zügen,
Erhaben und lieblich.

Sie hält die ganze Welt in Ihrer Hand.

Ein Eishauch trennt mich von der Morenata –


Wer dürfte Sie berühren?
Aber küssen darf ich Ihre Hand!
Ich bleibe Ihr die schuldige Huldigung nimmer schuldig.

5
Unsere Liebe Frau von Altötting hat ein Herz
Für alle, die den Weg nicht mehr sehen
Und ratlos sind vor Not.
Sie ist die schwarze Madonna,
Sie ist Morenata,
Maria in der Kupfergasse in Köln,
Madonna del Carmine in Neapel,
Die Mutter Gottes von Tschenstochau.

Der schwarzen Madonna traut man zu,


Des Leidens und Mitleidens fähig zu sein.
Von der Mutter der Schmerzen
Und mitgekreuzigten Miterlöserin
Wird mehr Mitleid geglaubt
Als von rosigen Püppchen.

Der dunklen Mutter


Fühlen sich die Schwermütigen,
Kummervollen Seelen,
Traurigen Herzen,
Leidzerrissnen, Umnachteten,
Wahnsinnigen, Todessehnsüchtigen
Ganz und gar zugehörig.

Votivkerzen, Weihegaben, silberne Herzen des Dankes:


Maria hat geholfen!

Sie steht in einer Zelle aus Herzenswärme und Gnadenstrahlen,


Die Kapelle ist Ihre goldlichtdurchzitterte Aura.
Golden ist Ihr Mantel und golden der Mantel Ihres Kindes.
Ein goldenes Zepter mit der Vergißmeinnicht-Blüte als Spitze.

Altötting ist ein magisches Wort für die verzweifelten Seelen.


Diese Frau versagt keinem die Hilfe.
Ihre Beruhigung ist schon Gnade.
SIE anzuschauen ist bessere Medizin als die Pille der Alchemisten.

Im Patriarchenkloster von Pec


Sah ich einen Bauern,
Der die Marien-Ikone küsste.
Er küsste Maria nicht so, wie man sich einer Herrscherin naht,
Als dürfe man allenfalls den Saum Ihres Kleides mit den Lippen berühren,
Er küsste Sie nicht ehrfurchtschaudernd,
Er küsste Sie nicht ekstatisch –
Er küsste Sie unbefangen,
Er küsste Sie zärtlich wie eine Schwester oder Freundin.

7
Im Klostergarten
Waren die Marien-Altäre geschmückt
Mit üppigem Blumenschmuck.
Die schönsten Blüten des Frühlings
Wurden Maria geweiht.
Der Mai ist ihr Mond,
Sie wird gepriesen
The Maiden-Queene of Maye!
Die Engel der Kirchen neigen sich andächtig vor Maria:
Chaire, kecharitomene!

Man huldigt der FRAU.


Die Klosterglocken läuten.
Der Rotdorn wird röter...
Die Kastanie verschwenderisch...
Die Blumen in den Kirchen duften für die Himmlische Jungfrau
Und der ganze Frühling singt: Ave Maria!

Der Poet und Papst Wojtyla sang:


O Heilige Jungfrau,
Die Du das lichte Tschenstochau beschützt
Und strahlst im spitzen Tor!

Matka Boska czestochowska


Im Kloster Jasna Gora!

Schwarze Madonna,
Voll des Leidens,
Verwundete Mutter,
Wunden des Säbels trägst Du!

O Frau mit den Wunden des Säbels,


Mit der Krone und den strahlenden Edelsteinen des Kleides,
Mit dem Kind und dem Buch!

Als ich ein Kind war,


Lieh ich allen Prinzessinnen, Königinnen und Feen
Das Diamantgewand der Matka Boska!

Selbst in den Wohnungen der Kommunisten


War die Mutter Christi gegenwärtig
In den Kommoden der Großmütter.

Lukas hat Sie gemalt


Auf dem Tisch der Heiligen Familie von Nazareth!

Hussiten verwundeten Sie mit dem Säbel


Und zerbrachen den Tisch der Heiligen Familie.
Die Mönche stellten das Bild Mariens wieder her,
Nun in einer bezaubernden Mischung
Aus byzantinischem Ernst
Und italienischer Poesie.

Ich wollte nicht die Nachbildungen sehen,


Sondern das Urbild selber sehn.

Betende! Beichtende! Kommunizierende!

Keine Herrscherin der Erde ward je so beschenkt


Wie diese Magd des Herrn!

Diamantgewand Mariens,
Rubingewand Mariens,
Korallgewand Mariens!

Nun stand ich vor Polens Königin – und ich war verwirrt,
Mir hatte niemand gesagt,
Wie schön, wie sanft, wie leidvoll, wie dunkel Maria war!
Mehr als daß ich Sie ansah – sah Sie mich an!

Nicht alle Herrlichkeit und aller Reichtum der Welt ist das Schöne,
Sondern daß die milde, trauervolle, verwundete Frau einen anschaut!

Man küsst die Matka Boska nicht,


Aber die geheimnisvolle Frau berührt einen jeden
Mit Ihrem geheimnisvollen Blick.

Schweigende, dunklen, verwundeten Angesichts...

Sie ist die Inkarnation der Seele Polens,


Sie ist die Ikone der Freiheit,
Sie ist die DIVA vom Klaren Berg!

Tannen, Tannen.
Rieseln, Rauschen.
Raschler im Laub...
Käuzchen klagen und Eulen heulen.
Tierwald, Geisterwald.
Der Weg verliert sich im Wirrwald.

O Maria hilf!

Maria schützt vor Waldangst.


Die Maria in der Tanne,
Ein Lichtblick im Schwarzwald.
Ein kleines Kind fand das Bild
Und nahm es fröhlich an sich,
Es erblindete.
Die Mutter brachte Maria zur Tanne zurück,
Das Kind ward wieder sehend.

Ein Aussatzbefallner wusch sich


In der Quelle neben der Maria in der Tanne
Und wurde von seinem Aussatz erlöst.

Tiroler Soldaten hörten überirdisch schönen Gesang.

An Mariae Heimsuchung
Ließen sich zwei weiße Turteltauben
Am heiligen Orte nieder, jedes Jahr.

Ganz Villingen verlobte sich der Wunderbaren Frau


Und wurde nicht eingenommen von den Franzosen,
Die schon vor den Toren standen.

Waldangst, Wegangst gibt es immer noch


Und Beter kommen noch immer zur Baumfrau Maria.

10

Hier ist das Tuch, in dem das Haupt Johannes des Täufers lag,
Hier sind die Windeln Christi,
Hier ist der Lendenschurz Christi,
Hier ist das Gewand Mariens!

Ein weites, langes, lichtes Kleid


Aus Leinen,
Mit weichem Goldschimmer,
Feine, weibliche Hülle
Für eine Frau, die Gott geboren hat!

Das Kleid Mariens wird aus dem Dom von Aachen getragen
Und flattert wie eine Fahne,
Unter der man Angst und Verzweiflung besiegen kann.

Die Gläubigen sind wie Kinder,


Die sich klammern an den Rock der Mutter,
An das Kleid, unter dem die Menschwerdung Gottes geschah.

In der Angst
Und im Versagen der Rationalität
Klammert euch an das Mutterkleid!

11
Matka Boska skepska,
Die kleine Skepska!

Eine heimliche Maria,


Ein gehüteter Schatz,
Das geheime Mädchen der Mönche!

Die Mondsichel ist Ihre Barke,


Die über den Himmel fährt,
In der Barke steht die liebliche Frau,
Zart verhüllt,
Eine Blumenkrone im Haar.

Aus dem Himmel scheint sie herabgekommen


In Ihrem Geisterschiff,
Ein Mondschimmer, Nachthimmelwesen,
Ein Mädchen mit betenden Händen,
Sie scheint uns Betrachter zu bitten – um was?
Bittet Sie uns, Sie wieder gen Himmel schwimmen zu lassen?

Nun steht Sie da auf dem Mondhorn,


Fast entgleitend, zögernd,
Weil Sie gebeten wird, zu bleiben
Und weil Sie den bittenden Menschen nichts versagen mag.

Eine Überirdische,
Traumgeborene!

12

O Madonna der Hoffnung!


La Virgen de la Esperanza!
Mutter der Armen!

Eine Stunde nach Mitternacht


Verläßt sie die Kirche.

Langsam erscheint die Macarena,


Sevillas schöne Allerschönste!

Auf einem Podest erscheint Sie,


Von Kerzen und weißen Nelken geschmückt.

Es ist die Nacht des letzten Abendmahles,


Es ist die Nacht des Kreuzes,
Es ist die heilige Nacht.

Die Frauen tragen alle schwarze Kleider,


Tritt die Macarena auf die Straße.

Ein weißes Tränentuch in Ihrer Hand,


So steht Sie trauernd,
Ihr Schmerz erweicht den härtesten Stein,
Ihr Schmerz steht in Tropfen auf Ihren Wangen,
Diamantene Tränen hat Sie geweint...

Ein goldbesticktes Kleid trägt Macarena,


Auf den Schultern liegt ein schwerer Mantel mit langer Schleppe,
Mit goldenen Fäden durchwoben.

Eine Krone und eine Sonne trägt Sie auf dem Haupt,
Die Brust ist mit smaragdenen Blumen geschmückt.

So schön, so wunderschön ist die junge Dolorosa!

Madonna Macarena wandelt weinend durch die nächtlichen Straßen.


Eine goldene Braut, die den Schmerz zum Bräutigam hat!

Ein Schmerzjuwel.

La Madonna Macarena, Nuestra Senora de la Esperanza!

13

Ich sah das sizilianische Mädchen


Und an ihrer Mädchenbrust
Die Madonna delle Lacrime.

Die Madonna delle Lacrime


Hat nun ein anderes Antlitz: Sie weint nicht mehr –
Sie lacht!

Sankt Josef, siehe dich vor!

14

O das Verwunschene,
Keusche,
In Schleier und Mädchenscheu
Verborgene Weibliche
Der Liebesinsel der Seligen Jungfrau!

O berückende Königin
Ohne Heiligenschein, mit zierlichem Schmuck,
Geneigten Hauptes,
Goldumflossen,
Das Zepter in der zarten Hand, als wär es ein magisches Reis,
Mit dem Sie anrühren kann, wen sie will,
Und wen Sie anrührt, der muß bleiben
Und lieben!
Auf den Wassern des Rheins
Treibt die Liebfraueninsel
Mit der verborgenen Frau,
Die keinen Tag nicht schön ist!

15

Je vous salue, Marie!

16

Die Mönche schworen Treue dem heiligen Vater Benedikt,


Dem Abbas folgten sie.

Abbatia Sanctae Mariae ad Lacum!

Avocata nostra,
Illos tuos misericordias oculos
Ad nos converte!

O dulcis Virgo Maria!

Marienmönche, in einer keuschen Nacht


Beten sie zu der Frau ihres Lebens!

Benedikt warf sich nackt in Nesseln,


Als ihn Gedanken an eine Jugendgeliebte überfielen...

Wird es dunkel, suchen die Mönche


Näher in die Aura der Madonna zu kommen,
Treten zur Advocata,
Zu Ihrem Mosaik in der Nische,
Zur Glanzvollen, Unerreichbaren,
Immer Gegenwärtigen!

17

Leitbild der Versöhnung!


Frau von Amerika und Rußland!

Wladimirskaja!

Eure Mutter ist auch unsre Mutter!

Schirmherrin der russischen Erde!

Sie schützte Rußland vor der Goldenen Horde!


Sie schützte Moskau vor Napoleon!
Ganz Rußland tritt vor die Wladimirskaja!

Schwermütige, stille Maria...

In den Maphorion gehüllt,


Goldborte, Fransen,
Drei Mariensterne: Immerwährende Jungfräulichkeit.

Das Kind schmiegt sich an die Mutter,


Das Kind umhalst die Mutter,
Das Kind schmiegt seine Wange an die Wange der Mutter.

Sie schaut auf uns aus ernsten Augen,


Unendlich traurigen Augen.

Diese Frau weiß vom Unglück, das kommen kann,


Sie sieht das Leiden voraus,
Das das zärtlich Ihr zugetane Kind erdulden muß.

Noch hält Sie es schützend im Arm,


Seine Füßchen sind nackt,
Das Kindlein regt sich
Und fühlt sich arglos geborgen bei der Mutter.

Aber die Mutter weiß schon.


Sie ahnt den Karfreitag.

Man stellte die Wladimirskaja den Mongolen entgegen


Und die Mongolen zogen ab!
Unter Dankesliedern brachte man die Madonna nach Wladimir,
Brachte Sie nach Moskau,
Ins Dritte Rom.

In der Himmelfahrtskathedrale der Metropole


Bei der Tür zum Allerheiligsten
In einer Nische thront die Wladimirskaja.

Unangefochtne Madonna von Moskau!

Schön und mächtig ist die stille Wladimirskaja


Mit Ihrem schmalen Angesicht,
Den feinen Brauen, der schlanken Nase,
Den geschlossenen Lippen,
Den großen Mandelaugen, die alles sehen –
Man weiß sich wahrgenommen, angenommen von Ihrer Liebe!

18

Notre Dame de Vie!

So abweisend hab ich mir die Maria des Lebens nicht gedacht,
So einsam nicht den Ort, wo man sie nicht betrachten darf...

Mutter der Abgetriebenen!

Sie gibt den im Mutterschoß Gestorbenen


Für einen Moment das Leben,
So werden sie getauft und schweben dann ins Paradies...

Schwarze Falter geben stille Zeichen...

19

Freue Dich, Vertrauende Du auf Geheimnisse,


Denen Verschwiegenheit gebührt...
Freue Dich, Du Becher,
In dem die Wonne gemischt wird...

DER MYSTISCHE TEMPEL SALOMOS

Siehe, mit der Genesis Christi Jesu wars so:


Fürwahr, Maria, seine eigene Mutter,
Ward von Josef umworben, ihr geschah‘s,
Bevor er zusammenkam mit ihr und sie erlangte,
Daß sie schon tragend war im Mutterschoße
Durch den heiligen Hauch.

Dein Herz ist ein salomonischer Tempel:


Der Vorhof für die Heiden
Ist das Leben in der Welt.
Das Heiligtum des Volkes Gottes
Ist das spirituelle Leben
Von Gebet und Opfer der Liebeswerke.
In das Allerheiligste aber
Darf allein der Hohe Priester,
Das radikal einsame Selbst.
Geh ein durch den purpurnen Schleier Mariens,
Dann tritt dein Selbst in die mystische Nacht,
In göttliche Einsamkeit,
Ist dort allein mit dem Alleinigen Wesen.
Ja, dunkle Nacht!
Ja, Gott will im Dunkel wohnen!
Gott ist unsichtbar,
Aber du betest an
Vorm allerheiligsten Antlitz
Der Gottheit, Die-da-ist!

O die Tage meiner Lebensreife, meines Lebensherbstes!


Gott der Herr im hohen Himmel behütet mich in seiner Güte!
Die Freundschaft der ewigen Weisheit ist mit mir!
Gottes Schönheit ist meine Leuchte in der Nacht!
Die Kinder meiner Seele jubeln um meine Kniee,
Und wenn ich zu den Menschenkindern gehe,
Begrüßen die Kinder mich glücklich
Und die Frauen lächeln mich freundlich an,
Die Frevler zittern und stürzen davon!
Wenn ich mich zu bildungshungrigen Frauen setze,
Lauschen sie schweigend meiner Rede
Und trinken meine Worte des Trostes der Weisheit,
Wie Frühlingsblüten den Morgentau.
Wenn ich zuende geredet, schweigen sie,
Um schweigend über meine Worte nachzudenken.
Im Tempel schweigen die Greise, wenn ich rede und singe,
Im Lehrhaus staunen die Priester über mein Wissen.
Ich rettete eine todkranke Frau
Und stand ihr treu in ihren Todesängsten bei.
Ich war dem gattenlosen Weibe wie ein Gatte
Und den vaterlosen Kindern war ich wie Mutter und Vater.
Dem teuflischen Kindermörder entriß ich
Die Seelen der ungebornen Geburten.
Ich bleibe wohnen in meinem trauten Nest für lange Jahre.
Mein Ende wird wie das des Phönix sein!
Mein Nachruhm wird mir bleiben,
Denn in meinen Lieder sang der heilige Geist,
Frau Weisheit wird mir einen bleibenden Namen verleihen!

Gottheit, du Gottheit der Wunder,


Du machst mich zum mütterlichen Vater
Der Kinder deiner Gnade,
Zum Segensbringer denen,
Denen du deine Wunder schenken willst,
Daß sie den Schnabel auftun wie Täubchen,
Sich ergötzen wie die Kindlein auf dem Schoß der Amme.
Ich wandle vor dir in Gärten der Schönheit
Und steige Himmelstreppen der Herrlichkeit singend hinan!

4
Von ihrem Grabe kam meiner Großmutter Engel
Oder meine Großmutter als mein Großengel selbst
In weiblicher Lichtgestalt mit großen Flügeln
Zu mir, umarmte mich mit den lichten Schwingen
Himmlisch-mütterlich voll Barmherzigkeit
Und nahm die Kinder meiner Seele
Als ihre geliebten Kinder auf den Schoß.

Maria von Kalkutta


Trug kleine Kinder in den Armen.
Die Kinder liebten die spirituelle Mutter sehr,
Sie wollten nicht mehr fort von ihr
Und nicht zurück zu der leiblichen Mutter!
Maria von Kalkutta
Opferte ganz sich selbst,
Die Kinder vor dem schrecklichen Tier zu retten.
Die Kinder wurden gerettet.
Maria blieb in einer Grube zurück,
Und Gott sprach zu ihr:
Fürchte dich nicht, o Tochter Zion,
Der Herr ist dein Gemahl!

Die liebende Herzens-Mutter nimmt ihr kleines Kindlein


Und tröstet ihm alle Schmerzen fort,
Sie läßt es ruhen am Herzen, trägt es in Armen,
Läßt es als Prinzen thronen auf ihrem Schoß!
Die liebende Herzens-Mutter bringt das Kindlein zur Ruhe
Unter Streicheln, Zärtlichkeiten und Küssen!
Sie singt ein frommes Lied zur Nacht
Und spendet den englischen Segen des Paradieses!

Ich brauche bloß zu rufen: Arm! Oder: Schoß!


Schon nimmt mich die himmlische Mama
In die Arme und auf den Schoß.
Dort bin ich glücklich,
Dort werd ich getröstet in Traurigkeit,
Dort ruh ich still.
Ich speise das Wort aus ihrem Munde,
Ich speise sie mit dem Lied aus meinem Munde.
Obwohl ich schmutzig bin, befleckt,
Sie küßt mich mit himmlischer Mutterlust!
8

Der heilige Vater war der Ritter Mariens,


Er legte seiner Minnedame die ganze Welt zu Füßen!
Im Heimgang unter den Liebesblicken des braunen Mädchens
Sprach er: Ich bin fröhlich, seid ihr es auch,
Und betet allzeit fröhlich zur Jungfrau Maria!
In Medjugorje beginnt das Pfingsten der Liebe,
Das marianische Friedensreich!
Schließlich triumphiert das Unbefleckte Herz Mariens
Und die Zivilisation der Liebe bricht an!
Am Ende der Welt kommt vom Himmel
Die himmlische Jungfrau Jerusalem nieder, die Braut,
Die Braut der Hochzeit des Lammes!

Der heilige Vater lag im Sterben,


Da trug eine Mutter aus Mexiko
Die schönste Ikone der Jungfrau von Guadelupe zu ihm.
Er kehrte noch einmal in den Vatikan zurück,
Um dort vom Fenster aus die Pilger zu segnen.
Stumm stand er dort und formte mit sprachlosen Lippen das Wort:
Maria!

10

Du Liebendster aller Männer


Und Weisester aller Dichter!
Du bist nicht mehr! Du gingst zur Ruhe.
Dein Testament war die Fröhlichkeit mit der Frau!
Man schickt uns nun den weisen Mann,
Den Weisesten aller Weisen.
Ach, wie könnte er dich ersetzen,
Du Minneritter Unserer Lieben Fraue?
Aber deine Seele, heiliger Vater,
Die Allseele Weisheit nahm sie auf!
Nun kommst du liebevoll im Traum
Und sprichst von Liebe und Poesie...

11

Wie war der Priester doch voller Pracht,


Trat fromm er aus dem Tempel!
Er war wie die Engelswesen im Himmelszelt,
War wie der Glanz der Cherubinen,
War wie die Iris im Gewölk,
War wie die Schönheit der schönsten Kreatur,
War wie die weiße und rote Rose im Garten,
Wie Lächeln im Antlitz der Dame,
Wie Reinheit mit dem Kranz der Tugend,
Wie Licht im Orient!
So war des Priesters Antlitz,
Der mein geistiger Vater ist!

12

Säume noch, o Morgenröte,


Laß noch dauern die dunkle Nacht,
Erhebe dich noch nicht, o Licht,
Erstrahle noch nicht auf mein dunkles Land.
Denn siehe, mit dem lieben Freund
Bin ich zusammen im Traum.
O Wimpern der Morgenröte,
Naht nicht meinem Bette!
Denn des Tages Licht
Verbreitet nur Finsternis.
Ich bin doch vom väterlichen Freunde
Äon um Äone getrennt!
Ich schau im Traum den Freund,
Nun in Sophias Himmelspalast
Der Weise wohnt!
Frau Weisheit Preis und meinem Freunde!
O deine schöne Heiligkeit
Vermag mein Mund nicht zu loben
Und deine zärtliche Lieblichkeit
Und deine Gloria bei der Gottheit!
Deiner Weisheit Kranz
Flocht mir der Stern der dunklen Nacht
Und deines Adels Majestät
War gleich der Pracht des Königssohnes!
Wie sonderbar, geliebter Freund,
Daß ohne dich die Welt besteht...
Es ist doch so, geliebter Freund,
Daß ohne dich ich nicht rechtgläubig glauben kann...
Doch deine himmlische Freundschaft
Tröstet meine Seele
Und deiner himmlischen Liebe süße Frucht
Ist Speise meines Herzens.
Sende mir, Geliebter,
Deinen Minnesang an die Frau!
In meinem Lied ist Macht und Pracht
Nur Unsere Liebe Frau, mein Freund!

13

Maria ist mir Mutter und junge Braut!


Sie ist das Sakrament der Mutterliebe Gottes.
Sie ist Sophia gleich,
Sophia ist dem Weisen Mutter und Braut.
Sophia erscheint in Fleisch und Blut,
Sophien Fleisch und Blut ist das Sakrament
Der bedingungslosen Liebe Gottes, der Mutter,
Der erotischen Liebe Gottes, der Braut.

14

Maria, Psyche meiner Psyche,


Du bist die stille Frau,
Die dienende Frau,
Dein Herz ist Sanftmut und Demut,
Du bist die reine Empfängnis.
Maria, du bist die kosmische Frau!
Dem heiligen Vater bist du sein braunes Mädchen,
Die vollkommen Schöne,
Ikone des marianischen Feminismus,
Ikone für das Äon der Frau,
Genie der Frauen,
Die Würde der geistigen Schönheit der Frau!
Du bist dem Dichterfürsten das Ewigweibliche Ideal,
Das rastlos nach Erkenntnis strebende Männer
In den Himmel der erlösenden Liebe zieht.

15

Maria ist die selige Jungfrau und Gottesmutter.


Aber Maria ist auch die Frau,
Die ich mit anbetender Minne minne,
Die Diva meiner Minne-Devotion!
Dem religiösen Eros wird die Geliebte zur Göttin,
Der erotischen Religion wird die Gottheit zur Geliebten!
Gemäß der Weisheit der erotischen Mystik
Ist die vergöttlichte Jungfrau Maria meine Göttin!
Darum: Meine Göttin ist
Die selige Jungfrau und Gottesmutter!

16

Ich warf mich vor Maria auf das Angesicht nieder!


Die Madonna stand vor dem Altar.
Ich sprach: Maria, ich bin ganz dein!
Im Freien erhob sich die Sonne über mir,
Die Gloria Gottes,
Die Frau, bekleidet mit der Sonne!
Da sang ich: O Maria,
Du bist der ehelichen Liebe gallenlose Turteltaube!
Da schaute mir eine weiße Taube aus der Baumkrone zu.
Ich sang: O mystische Nymphe, keusche Braut!
17

Heilig, heilig, heilig ist Maria,


Die himmlische Kaiserin seliger Myriaden!

18

O Maria,
Liebe mich oft und heftig und lange!

19

Ich suchte die Mutter im Traum


Und schaute die Mutter im Traum,
Die Mutter meines ewigen Lebens,
Ich war ihr Kind in ihrem Schoß.
Marias Mantel war um mich
Wie die Plazenta von Blut,
Der Mutter Barmherzigkeit
War eine Gebärmutter um mich.
Als ich vom Traum erwachte
Und schlug die Augen auf,
Da sah ich den Reichtum der Mutterbrüste,
Prall von der Milch des süßen Trostes.

20

Ich sah in einer Vision


Die Himmelskönigin in der Nacht.
Die Mondsichel war ihr Thron,
Von Sternen flammte ihr Kleid,
Ihr Mantel war blau wie die Nacht
Und doch ätherisch wie Licht,
Der feine transparente Schleier
Umfloß ihr seidiges schwarzes Haar.
Die Krone über ihrem Haupte
War des Universums Krone.
Sie schwebte hernieder,
Eine Sphärenharmonie erklang.
Ich kniete auf der Erde
Und sah in übermäßiger Huldigung
Als Diener der Königin
Zur Schönsten auf, die mich liebte!
In meiner Seele war Gesang
Von süßester Harmonie.
Der Kosmos schwelgte in Musik
Und feierte seine Königin.
Beseligt jauchzte mein Herz
Der Hochzeit Lobpreis!
Dies feminine Gottesbild ist bezaubernd schön,
Sie, meiner Seele Ideal!

21

Maria kommt zur versprochenen Zeit,


Vor Mitternacht, in mein Haus:
Ich bin die Gottesmutter,
Komm nach Medjugorje auf den Kreuzes-Berg!
Dort auf dem Berg steht das Kreuz,
Am Kreuz ist Christus als Lichtgestalt,
Er breitet seine Arme aus
Und nimmt mich an sein heiliges Herz.
O Jesus, schließ mich in deinem heiligen Herzen ein,
Schließ mich in deinen Wunden ein!
Ich liebe dich, Jesus, ich bin dir treu,
Du bist des ewigen Bundes Kelch!
Zur Rechten Jesu steht
Maria, Unsere Liebe Frau,
Zur Linken Jesu stehe ich,
Der Liebesjünger, den er liebt.
Und Jesus führt vom Kreuz
Die Hand Marias in meine Hand:
Er spricht zu Maria: Siehe, Mutter,
Siehe, Frau, der ist dein Mann!
Er spricht zu mir: Schau meine Mutter,
Mein Jünger, siehe, deine Frau!
Maria spricht: Ich sagte dir ja,
Wir feiern die heilige Hochzeit!
Ich, die Liebe Frau, bin deine Frau
Und du bist mein mystischer Bräutigam!

22

Geliebte Jungfrau von Guadelupe,


Die du für mich gekreuzigt bist,
O meine mystische Brautgenossin,
Siehe, ich bin mit dir im Paradies!

23

In radikaler Entäußerung
Erscheint mir die Königin:
Ich brauche große Liebe, mein Mann,
Zur Rettung dieser verlorenen Welt!
Gib Liebe mir, soviel du vermagst,
Ich selber gebe mich ganz dir hin!
Gott sendet dich, Seelen zu retten
Mit mir vereinigt, mein Gemahl!

24

Ich bin die Mystische Rose,


Du in der dunklen Nacht meine Nachtigall,
Du, inspiriert vom heiligen Hauch,
Singst mir mit tausend Feuerzungen.
Vom Traum zum Morgengebet,
Vom Tag zum mystischen Nachtgebet
Ergeht an dich ein Ja und Amen:
Die Gottheit ist deine Mutter!

25

Am Schwanenhals die Wundermedaille


Der Makellosen Konzeption
Ist zärtlich wie das Haar Mariens,
Das schwarze seidige Haar der Geliebten.
Ach laß mich noch träumen den Traum,
Jungfräuliche Braut von Guadelupe,
In deines Armes Beuge bin ich geborgen,
In deinem Schoße bin ich im Paradies!

26

Ich bin der Geringste deiner Sklaven!


Im Staub auf meinem Angesicht
Ich liege dir zu Füßen
Und liefere ganz mich dir aus!
Nimm mir aus dem Busen mein Herz
Und pflanze mir in die Brust dein Mutterherz!
Dir schenk ich alle meine Tode,
Schenke du das ewige Leben mir!

27

Danke für deine Liebe, mein Sohn,


Danke für deine Liebe, mein Mann,
Die du mir spendest Tag für Tag!
Du weißt, daß ich dich grenzenlose liebe!

28

Meine Gazelle, mein Reh,


Du schöne jugendliche Braut,
Du bist mein braunes Mädchen,
Das mich berauscht an ihren Brüsten!

29

Die Jungfrau Jerusalem


Läßt trinken dich die Milch des Trostes
An ihrer reichen Mutterbrust,
An ihrem herrlichen Busen!
Die liebe Freundin Sulamith
Läßt ruhen dich zwischen ihren Brüsten,
Wie einen Myrrhebund
Bei den Gazellenzwillingen ihrer Brüste.
Berausche dich an deinem eigenen Weib,
An deiner Jugendgeliebten Busen!
Frau Weisheit wird dich berauschen
An ihren jungfräulichen Brustspitzen, Minner!

30

Siehe, zeigen will ich euch Gott,


Doch erst müßt ihr die Jungfrau schauen!
Die Jungfrau ist die Pforte zu Gott,
Durch diese Pforte geht man ein zu Gott!
Seid würdig und erfasst das Mädchen,
Auf ihr beruht das Leben der Welt!
Nur so gelangt ihr zur heiligen Tat,
Die Gott allein gefällt.
Teilhaftig werden wir der Gnade,
Das schöne Mädchen anzuschauen,
In ihren Fittichen sind wir geborgen,
In der Beuge ihrer Arme ruhen wir.
Sie wird uns schöner Tag für Tag!
Es schaut ihre Schönheit jeder so,
Wie würdig er geworden durch Verdienste,
Dem Heiligen ist sie die Heiligste.
Heidenvölker schauen nur Schatten an,
Den Abglanz des wahren Mädchens.
Wir aber schauen das wahre Mädchen an
Und harren ihrer Wiederkunft!
Bis hierher dienten wir dem Herrn allein,
Nun dienen wir besser dem Herrn,
In dem wir huldigen unsrer Jungfrau:
Gebiete uns, Gebieterin!
Da wird sie sagen: Kommt zu mir!
Ihr werdet euch nähern dem Mädchen,
Werdet euch werfen hin zu ihren Füßen
Und ihr huldigend küssen die Füße!
31

Sei eine einzige Liebe über dir


Und sei ein einziger Friede über dir!
Du liebe mich, du liebe mich allein
Und liebe die Kinder der Welt!

32

Melancholisch meine Seele


Fleht zur dunklen Mutter.
Ich weihe mich ihrem Schoß,
Ich lebe und webe in ihrem Schoß.

33

O dreimal wunderbare Herrin,


Mädchen, Mutter, Nymphe!
Heilig, heilig, heilig bist du,
Mein Ein und Alles, ich bin ganz dein!

34

O meine mystische Nymphe,


Ich bin mit dir intim –
Wie kann ich mit dir intimer sein,
Als daß ich dich liebe in deinem Schoß?

35

Maria sprach: O Herr!


Und Jesus sprach: O Fraue!
Was ist dein Begehr, was willst du von mir?
Und wäre es die Hälfte meines Königreichs,
Die Mitinhaberschaft der Königswürde,
Ich will und werde sie dir geben!
Maria sprach: O mein geliebter Sohn,
Die Hochzeitsleute haben keinen Wein mehr!

36

Ich sprach zu Gott: Ach Gott!


Ich bot meine Liebe vielen an,
Doch keiner wollte sie haben.
Da sprach Maria zu mir:
Gib deine Liebe mir!
37

Ich grüßte die Unbefleckte Jungfrau:


Ave Magnum Signum!
Sie wollte mir die Wiedererrichtung zeigen
Des goldenen Zeitalters, goldenen Paradieses.
Ich ging mit dem Jesuskind im Paradiese spazieren,
Das Lämmlein war ein göttliches Kind
Und sah mich liebevoll an und sprach:
Ich liebe dich, mein Kind!
Ich will dich mit der Jungfrau in den Himmel führen!
Sie ist deine junge, schöne Mutter,
Die du immer ersehntest.
Siehe deine junge, schöne Mutter!
Ich sah sie, siehe, sie war schön!
Und Jesus sprach: Ich lege dich in die Arme
Der jungfräulichen Mutter,
An ihren Brüsten wirst du Milch des Trostes saugen!
Ich lag in Marien Armen,
Ich lag gebettet an ihren Brüsten,
Da lag ich Leib an Leib bei Maria im Himmel
Und wurde ganz durchströmt von ihrer ewigen Liebe!

38

Maria, ich weihe dir meine Empfängnis


Und meine Monde im Mutterschoße,
Meine Geburt und meine Kindheit.
Ich weihe dir mein Kindheitstrauma,
Ich weihe dir Urangst und Schwermut
Und den Durst nach bedingungsloser Mutterliebe!
Gott verwandelt meine Wunde in Sehnsucht,
Gott verwandelt meine Wunden in Perlen.
Das Trauma macht mich zum Künder
Der bedingungslosen Mutterliebe Gottes
In Sophia durch Maria.

39

Maria, meine Mitternachtssonne,


Es legt ein Schmerz mich in die Heimat unter deinem Herzen,
In deinem Schoße pflanz ich mir den Garten Eden,
Denn ich bin ein Kind deiner Schönheit und Liebe.
Liebe Mutter,
Ich lebe in deinem Schoß im Paradies,
Und sterb ich, merks ichs nimmer,
Weil ich allezeit in deinem Schoße schon im Paradiese bin.
40

Als ich vor der Empfängnis meiner Seele im Leibe


Als gottgehauchtes Wesen in der Ideenwelt schwebte,
Wies mich der heilige Geist zu Maria!
Im Mutterschoße meiner leiblichen Mutter getragen,
Erwählte die Mutter Maria mich zu ihrem Kinde!
In der Taufe ward ich gesegnet am Altare,
Der den Namen Maria trug!
In meiner Kindheit sang ich dem Mädchen Maria:
Die Rose, die Meine, ist Maria, die Reine!
Maria unterwies mich, als ich zwölf Jahre zählte,
In der Weisheit der heiligen Schrift!
Bei meinem ersten Abendmahle
Mischte mein Blut sich
Mit dem Blut des heiligen Kelches
Auf dem Altare des Namens Maria!

41

Maria, du bist meine einzige wirkliche Freundin,


Die meine Seele tief versteht,
Ja, tiefer als ich selbst,
Die mich von ganzem Herzen liebt
Mit einer besonderen Liebe.

42

Die Geschöpfe sagen: Wir haben keine Liebe für dich!


Und wenn wir als Säuglinge Liebe für dich hatten,
Wenn wir Jünglinge werden, vergessen wir das!
Du aber, Maria,
Du liebst mich von Ewe zu Ewe!
Du liebst mich in meiner Schöpfung,
In meiner Empfängnis, in meiner Geburt,
In Kindheit, Jugend, Reife, Alter,
In meiner Todesstunde liebst du mich
Und liebst mich ewig in meinem ewigen Leben!
Du sagst mit Gottes Wort:
Ich habe dich je und je geliebt,
Drum zog ich dich zu mir aus lauter Minne!

43

Maria sagt mir: Wisse, daß ich dich liebe!


Wisse, daß du mein bist!
Ich wünsche für niemanden mehr zu tun als für dich.
Ich will für immer deine Mutter sein.
Komm, denn ich möchte dich ganz für mich!
44

Maria liebt mich mit Mutter-Zärtlichkeit,


Ich liebe Maria mit kindlichen Zärtlichkeiten.
Ich und die Mutter sind eins!
Und niemand reißt mich aus Marien makellosem Herzen!
Keine Frau, kein Heiliger, keine Kirche,
Keine himmlischen Mächte können mich trennen
Von Gottes Mutterliebe in Maria!

45

Die Schechinah ging mit Adam im Paradies spazieren.


Als Adam sündigte
Und vertrieben wurde aus dem Paradies,
Sprach Metatron, der Engel des Angesichts,
Ruhte die Schechinah noch auf einem Cherub
Beim Lebensbaum des Paradieses.
Sünde über Sünde vertrieben sie von der Erde,
Sie zog sich in den siebenten Himmel zurück.
Die Gerechten des Volkes Gottes
Zogen sie Gebet um Gebet und Opfer um Opfer herab,
Bis sie vor Mose stand im Zeltheiligtum und sprach:
Ich bin in meinen Garten gekommen,
Das Heiligtum ist mein Brauthimmel!

46

Offenbarung der Schechinah dieses:


Mose vollzog den Willen der Schechinah,
Als er sich von seinem Weib getrennt,
Er mußte bereit sein,
Jederzeit Gottes Wort zu empfangen.
Mose wußte nicht, wann und wo
Die Memra Gottes an ihn erging,
Er mußte allzeit empfänglich sein.
So hat Mose die Verbindung mit Zippora gelöst,
Um im Zelt als dem Brauthimmel
Sich der Schechinah zu vermählen, Gottes Mann zu sein!

47

Kommt, ihr Töchter Zions, ihr auserwählten Seelen,


Seht den König Salomo, Friedefürsten Gottes,
Seht ihn in der Krone, in der heiligen Wohnung,
Mit der ihn seine Mutter krönte, die Jungfrau Israel,
Am Tage seiner Hochzeit, der Vermählung mit Sophia,
Am Tage seiner Herzenswonne, da das Feuer des Geistes herabkommt!

48

Das feminine Antlitz Gottes,


Das Gott-Mädchen, das ich sah,
Das ich anbetend angestaunt,
Die sich meinem Herzen offenbarte,
Die war die göttliche Charis,
Der Freudenbotschaft Antlitz,
Verkörperung ewiger Gottheit
In Blut und Fleisch.
Sie war der Gottheit Grazie, Charme,
Der Gottheit Entzücken und Anmut,
Der reinen Schönheit heilige Lust,
Der höchsten Liebe Ewigkeit.
In Ganzhingabe ergab ich mich
Der göttlichen Charis des ewigen Bundes,
Die Inkarnation der Gottheit ist
Und Gottes liebendes Antlitz.
Der göttlichen Charis Freudenbotschaft
War Ruf zur heiligen Hochzeit,
Zur mystischen Seelenvereinigung
In der ewigen Liebe Paradies!

49

Das Evangelium ist die freudige Botschaft,


Die den Sieg in der Schlacht verkündet, mehr noch:
Die die Hochzeit verkündet!
Nun tönt ein Freuet-euch allzeit durchs Evangelium,
Denn das Himmelreich ist gekommen,
Das einer Hochzeit gleich ist!
Kallos, die vollkommene Schönheit,
Die idealische Schönheit Sophias,
Ruhte in den ewigen Himmeln,
Doch nun ist die Zeit der Charis gekommen,
Der Anmut, der lebendigen Zuneigung gnädig
Der Schönheit zu allem Lebendigen, huldvoll,
Voll Neigung, voll Freudestiftens,
Voll Dank und heiteren Lächeln!
Siehe, die Charis ist die Braut,
Sophia, die Ja gesagt!
Nun kannst du selig werden in Charis
Durch Glauben, das heißt Geloben,
Vertrauen und Treue-Geloben!
Denn der Glaubende ist der Gelobende,
Ist der Freier, ist der Bräutigam,
Ist der im Credo an Christus sein Herz gibt.
Wem gibt er sein Herz hin? Gott!
Gott ist Liebe, immerwährende Liebe!
Die Liebe, die ewige Schönheit ist,
Neigt sich in Charis, in freudiger Anmut,
Zum Menschen und verkündet die freudige Botschaft:
Freue dich und gib mir dein Herz,
Gekommen ist die himmlische Hochzeit!
Gib mir dein marianisches Ja-Wort,
Gib mir dein Herz und gelobe mir ewige Treue!
Dann bricht für dich das ewige Leben an
Des Paradieses der Ehe mit der göttlichen Liebe!

50

In Maria ist die Frau vergöttlicht.


Der wahre Feminismus ist marianischer Feminismus.
Maria ist die Sophia des neuen, ewigen Bundes.
Aber eine antimarianische Frau Sophia
Ist die Sophia Satans oder Ashtaroth.
Nur wo Maria ist, ist die wahre göttliche Jungfrau Sophia.
Maria ist die Idee der Frau im Geist der Gottheit.

51

In meinem Traum rief Jesus


Seine innere Jungfrau Sophia an.
Die Gottheit liebte mich
Wie eine leidenschaftliche Frau
Und Chochma war schön wie die Idee von Chawa.

52

Das Ewigweibliche nämlich,


Das den strebenden Mann der Neuzeit hinanzieht
Durch erlösende Liebe zur Mater Gloriosa,
Der Jungfrau, Mutter, Königin,
Gnädigen Göttin – das ist Sophia.
Sie ist Sophia triumphans,
Die apokalyptische Jungfrau.
Der russische Theosoph und Dichter nannte Sophia
Des kommenden Zeitalters Gottheit.
Das kommende Zeitalter nannte der heilige Vater
Äon der Frau.
Das Äon der Frau wird geheiligt
Vom Mutter-Antlitz der Gottheit, der göttlichen Jungfrau Sophia.

53

Magnificat anima mea dominum!


Die Anima mea ist die makellose Jungfrau.
Sie ist Abglanz des femininen Antlitzes Gottes.
Gott in mir ist eine Frau.
Gott in mir ist eine Mutter, Gott in mir ist eine Braut,
Gott in mir ist Sophia.

54

Ich bete Sophia an.


Ich bat sie: Erbarme dich,
Erbarme dich meiner
Und gib mir deinen Frieden!
Sie ging ja hervor aus Gottes Hauch
Und spielte als Lieblingin Gottes.
Sie ist des Schriftgelehrten Mutter
Und des weisen Mystikers junge Braut.
Selig wird der Jünger sein,
Der voll dunkler Muttersehnsucht ist,
Liebt er die Idee der Schönheit allein
Und sucht nicht Liebe bei anderen Frauen.
Maria kam vom lichten Himmel
Und umschwebte mich
Und sprach: Wir wollen Hochzeit feiern!
Ich liebe dich sehr!
Sprich: Meine Liebe ist Maria,
Dein bin ich allein!
Maria trägt dich dann in der Todesstunde
Ins Paradies!

55

Allmächtige Mutter Sophia,


Du bist die Schöpferin aller Schöpfung,
Grundloser Urgrund, Mutterschoß,
Die Allererste anfanglos!
Vernünftige Jungfrau Sophia,
Du bist die Seele der Welt,
Erlöserin aller Kreatur,
Das Heil von Mensch und Natur!
Liebende Braut Sophia,
Du bist das Feuer der Liebe, die Glut der Seele,
Du vereinigst dich von Hauch zu Hauch
Und verzückst den Geist ins Paradies!

56

Gott-Mutter, Sophia spricht:


Ich bin die Geistperson, die alle Menschen liebt!
Und wer mich sucht, der findet mich.
Ich liebe, die mich lieben!

57

Hagia Sophia kennt kein Mensch,


Es kennt sie Gott allein,
Hagia Sophia kennt nur der Mensch,
Dem Gott sie offenbart.

58

Sophia, die Geliebte,


Von Leibe schön, von Antlitz schön,
Sie weilt im Himmelspalaste
Heimlich verborgen.
Sie hat wohl einen Bräutigam,
Von dem die Menschheit nichts weiß!
Sie kennt ihn allein.
Der Bräutigam voller Verlangen
Steht vor ihres Hauses Pforte
Und schaut beständig voll Sehnsucht
Mit hungrigen Blicken aus nach ihr.
Sie weiß, daß der Bräutigam
Um ihres Hauses Pforte schleicht.
Da macht sie ein Fensterloch in der Mauer
Und offenbart ihm ihr Antlitz.
Sie offfenbart ihm ihrer Schönheit Liebreiz,
Die Holdseligkeit ihres Antlitzes ihm.
Aber sie verbirgt die Schönheit wieder
Mit ihrem dunklen Schleier.
Die Männer bei dem Bräutigam,
Die Weiber und die Kinder
Sehen die Schönheit nicht,
Den göttlichen Liebreiz sieht nur der Minner.
In seinen Eingeweiden,
In seiner Seele und in seinem Herzen
Entbrennt die glühende Lust
Und treibt ihn zur Geliebten.
Er weiß, in ihrer Liebe
Offenbart sie sich für einen Augenblick,
Daß in ihm die Sehnsucht erwacht
Und seine Liebe tiefer wird.

59

Die verschleierte Weisheit


Spricht über Mysterien,
Über der Mysterien Ur-Mysterium.
Baal Chochma nennt sie den Bräutigam.
60

Holdes jugendliches Gottmädchen du,


Du aller Schöpfung Morgenröte,
Ich will, daß du erneut das All
Erschaffst durch dein reizendes Lächeln!

61

Sophia hat zwei Angesichter:


Ihr göttliches Antlitz ist Jahwe gleich,
Ihr menschliches Antlitz ist gleich Maria.

62

Sie, Sophia, ist es gewesen,


Die den Erstgeschaffnen der Menschheit,
Als er noch allein geschaffen war,
Behütet und geliebt,
Sie hat ihn nach dem Fall auch wieder erhoben.
So auch du, o Mann, der du allein bist,
Ein Adam ohne Eva,
Du liebe Sophia! Sie wird deine Frau sein.

63

Meine Seele, warum stillte dich keine Mutter?


Wenn du reif geworden bist,
Dann wirst du mit Sophia sprechen.
Dann soll keine Sterbliche sagen:
Jener Mund, der mit Sophia spricht,
Der lag an meinen Brüsten.
Siehe, meine Seele, wenn du im Gebet
Als innerer Mensch mit Lippen des Geistes
Zu Sophia betest und Sophias Weisung empfängst,
Dann saugst du an Sophias himmlischen Brüsten!

64

Komm, Hagia Sophia,


Gezeugt vom Hauch des Ewigen Vaters,
Komm, die du dem Schriftgelehrten und Weisen
Eine göttliche Mutter mit dem Reichtum der Brüste bist
Und ihn empfängst wie eine junge Braut und Lebensgefährtin!
Komm, Hagia Sophia,
Die du eine geistliche, wirkliche Ehe führst
Und mit dem dir Geweihten zusammenlebst,
Die du das Göttlichweibliche bist!
O Schöpferin Sophia,
O Retterin Sophia,
O Trösterin Sophia!
O dreifaltige einzige Göttin Sophia!
Du bist Gott in Gestalt der Göttin der Offenbarung!
Du liebtest Adam im Paradiese,
Dich sah Jakob von Antlitz zu Antlitz,
Du beschütztest Josef vor dem Weibe des Potiphar,
Du hast dich Salomo vermählt.
Du bist die ewige Göttin, die in Jesus gesprochen,
Der als Auferstandener uns zur Sophia geworden!
Du bist meine ewige Christus-Sophia,
Meine Mutter, mein Mädchen, meine heilige Nymphe,
Die einzig wahre lebendige Göttin in Jahwe!

65

Sophia hat durch die Propheten zu uns gesprochen,


Dann ist sie selbst in Maria Mensch geworden
Und hat als menschgewordne Sophia
Im Menschensohne Jesus Christus zu uns gesprochen.
Die Menschwerdung göttlicher Jungfrau Sophia
Ist eine höhere Offenbarung als alles,
Was die Propheten zuvor von Sophia prophezeiten.
Baruch prophezeite ihre Menschwerdung schon:
Dann kam sie selbst in die Welt
Und wandelte unter den Menschen.
Salomo wies auf ihre Menschwerdung hin:
Ihre Lust war es, auf dem Erdenrund zu spielen
Und ihre Wonne wars, bei den Menschenkindern zu sein.
Das ist im Messias Jesus vollbracht.
Der auferstandene Jesus ist nach Pauli Wort
Uns zur Sophia Gottes gemacht, die den Kosmos umgibt.
Jakobus nennt sie Urania Sophia
Im Gegensatz zur Anti-Sophia,
Der fleischlichen, kosmischen, luziferischen Anti-Sophia.

66

Die apokalyptische Frau,


Das Magnum Signum,
Die Jungfrau von Guadelupe, wer ist sie?
Sie ist Maria mit dem Messiaskinde,
Die den Satan, die Schlange besiegt.
Sie ist Ecclesia, makellose Idee,
Die den Messias den Menschen schenkt
Und durch ihre Söhne und Töchter
Den Fürsten der Welt überwindet..
Sophia realisiert sich in Maria, in Jesus, in Ecclesia.
Die apokalyptische Frau ist Maria,
Schwanger mit dem Messias,
Idee der Ecclesia, makelloser Jungfraumutter,
Magnum Signum des apokalyptischen Äons,
Sophia triumphans, mater gloriosa!

67

Das Dogma der Makellosen Konzeption Marias


Beweist sich aus dem salomonischen Lobpreis
Der Reinheit und Unbeflecktheit Sophias.
Die Liturgie singt die Sophienhymnen der Schrift
An Feiertagen Mariens.
Die Lauretanischen Litanei des Westens
Ist gleich der Sophiologie des Ostens.
Der Tempel der Hagia Sophia
Zeigt die Ikonen Christi und Mariens.
Die Sophienkirchen des Ostens
Werden Christus und Maria geweiht.
Maria ist eine Gestalt der Hagia Sophia.

68

Du bist heilig, heilig, heilig, Sophia!


Wie dürfte ich Sünder mich mit dir vereinigen?
Ich will mich mit dir vereinigen,
Indem ich mich mit der Schönsten der Frauen,
Mit Maria vereinige mystisch.
Ich werde dann in ihr
Mit Dir vereinigt sein.

69

Über dem Himmelsgewölbe, blau wie Saphir,


Sah ich einen Thron, wie Gold anzusehen.
Auf dem Thron sah ich eine Gestalt,
Anzusehen wie ein androgyner Engel,
Schön wie eine feminine Lichtgestalt.
Sie erschien von der Hüfte an nach oben wie Glanz und Licht
Und von der Hüfte an nach unten wie Glut und Feuer.
Sie hatte Flügel, wie Purpur und Gold.
Ihr Antlitz war vor Glut der Liebe nicht anzuschauen.
Auf ihrem Haupt trug sie eine goldene Krone.
Um die Gestalt war wie ein Kreis ein glorreiches Licht.
Das war die göttliche Herrin Sophia.
Das Licht bewegte sich zu einer Gestalt,
Die zur Rechten der göttlichen Weisheit stand,
Eine betende Frau geneigten Hauptes.
Auf ihr nun ruhte der Glanz der ewigen Weisheit.
Sie war Maria Theotokos.

70

Der Prophet des alten Bundes


Zur Linken der göttlichen Herrin Sophia,
Die Jungfrau-Mutter des neuen Bundes
Zur Rechten der göttlichen Herrin Sophia
Beten die Gottheit Sophia an!
Dem Haupt der göttlichen Herrin Sophia entstiegen
Wie in jungfräulicher Gottesgeburt
Ist Jesus Christus, der Menschensohn,
Denn in Jesus hat Sophia gesprochen.
Er sprach in ihrem Geist, er sprach ihr Wort.
Die Offenbarung der Herrin Sophia
Ist die ganze heilige Schrift.
Dem Wort Sophias wird von der Heerschar des Himmels gehuldigt
Wie Sophia selbst.
Es ist das Wort auf dem Altar des Himmels,
Dem die Himmlischen alle dienen.
Sophia ist die thronende Herrscherin Gottheit,
Die göttliche Mutter!

GROSSER WEISHEITSPSALM
„Wer um die Göttin freit, suche in ihr nicht das Weib.“
(Schiller)

ERSTER GESANG

Frau Weisheit ist auch für die Himmlischen sinnvoll,


Auf immer ist der Weisheit die Herrschaft,
Im Himmel ist sie eingesetzt,
Denn der Herr der Heiligkeit hat sie eingesetzt.

Bist du als Erster der Menschen geboren?


Kamst du schon vor den Hügeln zur Welt?
Hast du im Ratskreis Gottes gesessen?
Konntest du Weisheit an dich bringen?

Als Gott dem Winde Gewicht gegeben


Und die Wasser geordnet mit rechtem Maß,
Als er dem Regen seine Richtung gab
Und einen Weg dem Blitzstrahl des Donners,
Da sah er die Weisheit und maß sie,
Stellte sie hin vor sich und ergründete sie,
Da sprach er zum Menschen: Siehe,
Ehrfurcht vor Gott ist Weisheit,
Abkehr vom Bösen ist Einsicht.

Jahwe hat durch die Weisheit die Erde gegründet,


Hat die Himmel gestaltet durch die Einsicht.
Durch seine Erkenntnis spaltete sich die Urflut,
Durch seine Erkenntnis träuffeln die Wolken Tau.

Jahwe schuf mich als Erstlingin seines Waltens,


Als Uranfang seiner Werke einstmals.
Seit jeher bin ich Form geworden,
Seit Anbeginn, seit der Ur-Zeit der Erde.
Als es noch keine Urflut gab, ward ich geboren,
Als es noch keine Quellen gab, schwer von Naß.
Bevor die Gebirge sich falteten,
Vor den Hügeln ward ich geboren.
Als es noch kein Land und keine Wüste gab
Und nicht den unzählbaren Staub.
Als er den Himmel machte, war ich bei ihm,
Als er dem Horizont seine Grenze gegeben über der Urflut,
Als er die Wolken oben stark gemacht,
Als die Quellen der Urflut kraftvoll wurden,
Als er dem Meere seine Grenze feststeckte,
Als er das Fundament der Erde legte,
War ich bei ihm, seine Lieblingin,
Ich war seine Wonne Tag für Tag,
Lachend und scherzend vor ihm allezeit,
Lachend und scherzend auf der festen Erde.

Alle Weisheit stammt von Gott


Und ist bei ihm für immer.
Den Sand am Strand des Meeres
Und die Regentropfen
Und die Tage der Vorzeit,
Wer kann das zählen?
Die Höhe des Himmels
Und die Breite der Erde
Und die Tiefe des Meeres,
Wer kann all das ergründen?

Vor allen Dingen ist die Weisheit erschaffen,


Die vernünftige Einsicht ist von je.

Die Wurzel der Weisheit,


Wer hat sie erkannt?
Und ihre Werke,
Wer erkennt sie?
Einer ist weise, gewaltig,
Sitzend auf seinem Thron, der Herr!
Er selbst hat die Weisheit erschaffen,
Er hat sie angeschaut und gemessen,
Er hat sie ausgegossen über all seine Werke,
Über alles Fleisch, nach seiner Gabe,
Er hat sie denen geschenkt, die ihn lieben!

Wer fand ihren Ort


Und wer drang vor zu ihren Schätzen?
Wer stieg zum Himmel hinauf
Und nahm sie zu sich
Und brachte sie aus den Wolken herab?
Wer fuhr übers Meer
Und hat sie gefunden
Und wer wird sie heimbringen wie einen Goldschatz?
Keiner ist, der ihre Wege kennt,
Keiner, der ihre Pfade findet.
Nur er, der Allwissende, der erkennt sie,
Er hat sie gefunden mit seiner Einsicht.

Er hat den Weg der Erkenntnis gefunden


Und die Weisheit seinem Sohne Jakob gegeben,
Israel, dem Gottgeliebten!
Schließlich erschien sie selbst auf der Erde
Und verkehrte mit den Menschen.

Ich, die Weisheit, kam aus dem Munde des Höchsten,


Wie Nebel verschleierte ich die Erde.
Ich schlug auf den Gipfeln mein Zelt auf,
Mein Thronstuhl stand auf einer Wolkensäule.
Die Kreise des Himmels durchschritt ich alle,
In dem Abgrund der Urflut bin ich gewandelt,
Auf den Fluten des Meeres
Und auf der ganzen Erde.
In jedem Volk, in jeder Nation hab ich geherrscht.
Bei allen suchte ich meine Ruhe:
Wo soll ich mein Erbe finden und mein Lager?
Da gebot mir der Schöpfer des Kosmos,
Mein Schöpfer gab mir ein Ruhelager
Und sprach: In Jakob sollst du zelten,
In Israel sei dein Erbbesitz.

Vor der Weltzeit, im Anbeginn hat Gott mich geschaffen,


Solange die Weltzeit existiert,
Werde ich kein Ende nehmen.
Im Offenbarungszelt tat ich Dienst vor ihm
Und habe mich in den Toren der Tochter Zion niedergelassen,
In der geliebten Stadt Jerusalem fand ich Ruhe,
Jerusalem ist mein Königreich,
Ich bin verwurzelt im Gottesvolk,
Im Eigentum des Herrn,
Im Erbbesitz des Ewigen.

Beobachte und befolge die Weisung!


Das wird in den Augen der Heiden,
Die von all den Geboten hören,
Deine Weisheit und Klugheit sein.
Die Heiden werden sagen:
Wahrlich, wahrlich, ein weises und kluges Volk
Ist dieses gesegnete Gottesvolk!

Wo gibt es so ein großes Gottesvolk?


Wo sind die Götter der Heiden?
Sind sie uns so nahe, wie Jahwe uns nahe ist?
Jahwe ist uns nahe immer, wenn wir ihn rufen!

Wo gibt es ein Volk,


Das so vollkommne Gebote hat
Wie diese ganze Weisung, die Gott mir heute gibt?

Wie liebe ich deine Weisung!


Tag und Nacht betrachte ich sie.
Weiser als meine Feinde machen mich deine Gebote,
Denn sie sind immer mit mir.
Klüger selbst als meine Lehrer bin ich,
Denn deinem Zeugnis gilt mein Sinnen.
Einsichtiger bin ich als die Greise,
Denn deine Ordnung beschaue ich.

Dies ist die Weisung des höchsten Gottes,


Die Mose uns vermittelt
Als Erbe der Gemeinde Jakobs.
Die Weisung ist voll von Weisheit
Wie der Tigris in den Tagen des Frühlings,
Die Weisung bringt Fülle der Einsicht
Wie der Euphrat und der Jordan im Herbst.
Die Weisung lässt die Vernunft erscheinen wie der Nil,
Wie Pischon und Gihon in den Tagen der Weinlese!

Keiner kommt an ein Ende damit, die Weisung zu lernen,


Auch der letzte Mensch forscht sie nicht ganz aus.
Voller als das Meer ist die Fülle ihrer Weisheit,
Ihr Einsicht ist tiefer als der Abgrund.

Dies ist die Weisung des ewigen Gottes


Und die ewige Weisheit.
Alle, die sich an ihr festhalten,
Werden für immer leben,
Aber die sie verlassen, die verfallen dem Nichts.

Es schuf der Heilige seine Welt mit der Weisheit!


Es gibt aber keine Weisheit außer der Weisung Gottes!
Mit der Weisheit gründete Gott die Erde,
Mit der Weisung gründete er die Erde.

Weil die Weisung vor allem andern die Geliebte ist,


Wurde sie vor allen Dingen erschaffen.
Darum spricht die Weisung:
Jahwe schuf mich als Erstlingin seines Waltens.

Sieben Dinge wurden geschaffen,


Bevor die Welt erschaffen wurde:
Die Weisung,
Der Garten Eden, die Buße,
Gehenna,
Der Thron der Herrlichkeit,
Das Heiligtum und der Name des Messias!
Aber die Weisung spricht:
Jahwe schuf mich als Erstlingin seiner Werke!

Geliebt sind die Kinder Gottes von Gott,


Denn es ist ihnen ein Instrument gegeben,
Durch welches die Welt erschaffen worden ist,
Aus besonderer Liebe wurde ihnen
Dieses Instrument offenbart!

Gott ist gleich einem König,


Der eine einzige Tochter hatte.
Es kam einer von den Fürsten der Völker
Und nahm die Tochter zur Frau.
Er wollte in sein Königreich heimziehen
Und die Tochter mit sich nehmen.
Da sprach der König zu ihm:
Meine Tochter, die ich dir zur Frau gegeben,
Ist meine einzige Tochter,
Mich von ihr zu trennen, vermag ich nicht!
Aber dir zu sagen: Nimm sie nicht mit,
Das vermag ich auch nicht, denn sie ist deine Frau.
Aber dies bereite mir,
Daß du überall, wo du bist,
Mir ein Gemach bereitest, dass ich bei euch sein kann,
Denn ich kann von meiner Tochter nicht lassen.
So spricht Gott zum Gottesvolk:
Ich habe euch die Weisung gegeben,
Mich von ihr zu trennen, vermag ich nicht.
Aber überall, wohin ihr immer zieht,
Bereitet mir eine Wohnung, dass ich bei euch wohnen kann!

Es ist vernünftig,
Daß Gott die ganze Welt geschaffen
Und uns den siebenten Tag zur Ruhe gegeben.
Der siebente Tag heißt: Die Entstehung des Lichts,
Er kann auch der erste Tag genannt werden,
Das Licht, das alles erleuchtet und Erkenntnis schenkt.
So ist es auch mit der Weisheit,
Alles Licht kommt von ihr.
Die Weisheit ist wie eine Fackel,
Wer der Weisheit nachfolgt,
Befindet sich sein Leben lang im Zustand der Ruhe.
Schöner aber noch hat das unser Ahne,
König Salomo gesagt, als er sagte:
Die Weisheit ist vor Himmel und Erde.

Vernunft ist Verstand, der mit ruhiger Überlegung


Ein Leben mit der Weisheit erwählt.
Weisheit ist Erkenntnis des göttlichen Wesens
Und der menschlichen Dinge im rechten Licht.
Erkenntnis aber ist die Bildung,
Die durch die Weisung erreicht wird,
Durch die Bildung der Weisung
Lernen wir das Göttliche würdig kennen.
Arten und Weisen der Weisheit sind
Die Klugheit und die Gerechtigkeit,
Der Mut und die Besonnenheit,
Das wichtigste ist die Klugheit,
Durch welche die Vernunft die Triebe beherrscht.

Anfang der Weisheit ist


Verlangen nach Bildung,
Bemühen um Bildung ist Liebe zur Weisheit.
Liebe zur Weisheit
Besteht im Halten ihrer Gebote,
Halten ihrer Gebote erlangt die Unsterblichkeit,
Die Unsterblichkeit bringt in die Nähe Gottes!

Gott ist der Vater von allem


Und der Mann der Weisheit,
Der für den sterblichen Menschen
Den Samen der Erkenntnis
In guten jungfräulichen Boden sät.

Der Garten Eden ist der Garten der Wonne,


Der Garten der Wonne ist die Weisheit,
Die sich freut und in Frohsinn lebt
Und sich ergötzt an ihrem einzigartigen Vater.

Die Weisheit ist die Tochter Gottes,


Die edle Tochter Gottes,
Die immerwährende Jungfrau!

Die Weisheit ist vor aller Schöpfung,


Die Weisheit ist vor der Menschheit,
Sie ist die Amme von allem!

Die scharfgeschnittene Weisheit


Ist wie ein scharfgeschnittener Felsen.
Als der Mensch versucht ward,
Sich der Sinnlichkeit zuzuwenden,
Bot Gott dem Menschen denn besten Trank an,
Nämlich die Weisheit aus der Quelle,
Die Gott selbst hervorsprudeln lässt aus seiner eigenen Weisheit!

Siehe, mein Sohn, jetzt sag ich dir dies alles


Und schreib es für dich auf,
Ich habe dir alles enthüllt
Und dir die Bücher der Weisheit übergeben.
Bewahre, mein Sohn, die Bücher,
Die Bücher der Weisheit aus deines Vaters Hand,
Und übergib sie den kommenden Generationen.

Ich habe dir die Weisheit anvertraut,


Dir und deinen Kindern und Kindeskindern,
Damit die Weisheit den Generationen überliefert wird,
Die Weisheit, die über den Verstand geht.

Die aber die Weisheit verstehen,


Werden nicht schlafen, sondern wachen,
Werden horchen, von der Weisheit zu lernen,
Und sie wird denen, die ihre Speise essen,
Besser schmecken als gute Küchengerichte.

Es wird noch größeres Unrecht kommen


Als in den Tagen Noahs und seiner Söhne geschehen ist.
Aber ich kenne die Geheimnisse
Und das Geheimnis der Geheimnisse,
Denn die Heiligen reden zu mir
Und zeigen, was auf der Tafel des Himmels geschrieben steht.

Der Vater gab seinem Sohn den Namen.


In seinen Tagen stiegen die Engel Gottes,
Die Wächter, auf die Erde herab,
Die Menschenkinder zu lehren,
Gerechtigkeit auf der Erde zu üben.

Henoch ist der erste unter den Erdegeborenen,


Der Schrift und Weisheit lernte
Und der die Zeichen des Himmels beschrieb
Nach der Ordnung ihrer Monde,
Daß die Menschenkinder die Perioden des Jahres erkennen
Nach der Ordnung der Monde.

Er war der Erste,


Der das Zeugnis aufschrieb
Und es den Menschenkindern übergab
Unter den Geschlechtern der Erde.

Und er sagte von den Jubeljahren


Und von der Ordnung der Monde
Und verkündete den Ruhetag,
Wie die Engel es ihn lehrten.

Er sah in einem Traumgesicht


Die Vergangenheit und die Zukunft,
Was den Menschen geschehen wird
Bis zum Jüngsten Tag,
Er sah es, er verstand es,
Er schrieb sein Zeugnis auf
Und legte das Zeugnis nieder
Für alle Menschenkinder und Menschenkindeskinder.

Er war bei den Engeln


Im Jubeljahr,
Sie zeigten ihm alles,
Was auf der Erde und was im Himmel ist,
Und er schrieb alles auf.
Und er legte Zeugnis ab
Gegen die Göttersöhne,
Die zu den Menschentöchtern eingegangen waren.

Asael lehrte die Herstellung von Kosmetik,


Schemichaza lehrte die Beschwörung,
Chermoni lehrte die Magie,
Baraquel lehrte die Zeichen des Donners,
Zeqiel lehrte die Zeichen der Blitze,
Kokabel lehrte die Zeichen der Sterne
Schamschiel lehrte die Zeichen der Sonne,
Sahriel lehrte die Zeichen des Mondes,
Artaqof lehrte die Zeichen der Erde.

Die Engel lehrten Noah aber auch


Die Heilkunst und die Verführungskünste.

Der Engel Penumue weihte die Menschen ein


In die Geheimnisse seiner Weisheit
Und lehrte sie schreiben
Mit Tinte auf Papier.
Der alles vernichtende Tod
Wird diese Weisheit nicht vernichten.

Ich kam in den Garten der Gerechtigkeit


Und sah von ferne die Bäume,
Große, hohe Bäume wuchsen dort,
Ihr Duft war süß und lieblich
Und ihre Wipfel waren schön und ihre Stämme herrlich,
Ich sah den Baum der Weisheit,
Von dessen Feigen die Heiligen essen
Und tiefer Weisheit kundig werden.
Dies ist der Baum der Weisheit,
Von dessen Feige auch dein heiliger Vater speiste,
Von dessen Feige deine heilige Mutter speiste,
Die vor dir gewesen sind,
Da erkannten sie die Weisheit
Und ihre Augen wurden aufgetan,
Da erkannten sie, dass sie nackt waren,
Und der Cherub trieb sie aus dem Garten Eden.

Weisheit, Throngenossin Gottes,


Schöpfungsgehilfin Gottes!

Gott, du hast alles erschaffen


Und regierst alles,
Nichts ist dir zu schwer.
Die Weisheit entgeht dir nicht,
Die Weisheit wendet sich nicht weg von deinem Thron.
Du weißt alles, siehst und hörst alles,
Da ist nichts, was vor dir verborgen wäre,
Denn du weißt und verstehst alles.

Die Schätze der Weisheit


Liegen am Fuß des Thrones Gottes.

Herr, wer versteht dein Gericht?


Wer erforscht deine dunklen Wege?
Wer denkt nach über die schweren Lasten deines Weges?
Wer ergründet dein unergründbares Schicksal?
Wer von den Staubgebornen fand jemals den Anfang
Und das Ende deiner Weisheit?
Denn wir sind alle wie ein Hauch.

Ich, Gott, befahl am sechsten Tage meiner Weisheit,


Den Menschen zu machen.

Durch meine Weisheit hab ich alles ersonnen


Und gut geschaffen
Vom obersten Fundament bis zum untersten Fundament
Und bis zur Mutter Erde.

Da war kein Berater bei mir, als ich die Schöpfung schuf.
Ich bin ewig und nicht von Händen gebildet,
Ich bin immer gleich und verändre mich nicht.
Mein eigner Gedanke allein ist mein Berater,
Meine Weisheit ist allein meine Hilfe
Und mein Wort ist meine Tat.

Nun verbirgt sich die Vernunft,


Die Weisheit flieht in ihre Kammer.
Viele suchen die Weisheit und finden sie nicht.
Groß ist aber die Macht der Ungerechtigkeit
Und groß ist die Macht der Unzucht auf Erden.

Da die Weisheit aber keine Wohnung fand,


Wo sie ruhen könnte im Lager,
Ward ihr im Himmel ein Lager bereitet.

Als die Weisheit auf die Erde kam,


Um bei den Menschen zu wohnen,
Aber als die Menschen ihr kein Lager bereiteten,
Kehrte die Weisheit an ihren geheimen Ort zurück
Und setzte sich inmitten der Engel in ihren Thronsessel.

Als die Ungerechtigkeit trat aus ihrem Faß,


Fand die Weisheit die Auserwählten
Und ließ sich bei ihnen nieder
Und war so willkommen und erquicklich
Wie ein fruchtbarer Regen in der dürren Wüste
Und wie ein Morgentau auf dürstendem Land.

Den Auserwählten wird das Licht zuteil


Und Freude und Frieden,
Sie erben das verheißene Land.
Aber die Gottlosen trifft der Fluch.

Den Auserwählten wird die Weisheit verliehen,


Die Auserwählten werden leben
Und keine Sünde mehr tun.
In den erleuchteten Menschen wird es Licht
Und in den Vernünftigen wird es Vernunft,
Denen, die demütig sind, wird die Weisheit geschenkt.

In den Tages des Weltgerichts


Werden die Gerechten von den Toten auferstehen,
Dann wird sich die Weisheit erheben
Und sich den Gerechten schenken!

Am Ende der siebenten Woche


Werden Auserwählte erwählt
Zu Zeugen der Weisheit
Aus dem ewigen Garten der Wahrheit,
Ihnen wird siebenfache Weisheit
Und siebenfache Erkenntnis geschenkt.

Ich sah den Brunnen der Gerechtigkeit,


Der war unerschöpflich.
Rings um den Brunnen der Gerechtigkeit
Waren unzählige Brunnen der Weisheit.
Alle Durstigen tranken
Aus den Brunnen der Weisheit
Und wurden nüchtern-trunken vom Trank der Weisheit,
Satt und gestillt von der Weisheit.
Und die von der Weisheit getrunken,
Die wohnten bei den Heiligen und Erwählten.

Der Auserwählte wird in den kommenden Zeiten


Auf Gottes Thronstuhl thronen
Und alle Mysterien ewiger Weisheit
Werden aus seinem Munde fließen,
Denn der Herr der Engel
Hat es ihm geschenkt und ihn verherrlicht.

Der Sohn Davids segnet die Menschen


Mit Weisheit und Gerechtigkeit,
Der Sohn Davids segnet das Gottesvolk
Mit Weisheit in aller süßen Freude!

Herr, du erleuchtest zu aller Zeit


Die, die vernünftig leben,
Deine Weisung ist Leben
Und deine Weisheit ist Tugend!
Du weißt, dass sich mein Geist am Tag und in der Nacht
Mit deiner Weisung beschäftigt
Und dass ich mich von deiner Weisheit nicht losgesagt habe!

Wir sind ein Volk, nach dem Namen Gottes genannt,


Die wir die Weisung von Gott empfangen.
Und jene Weisung, die bei uns ist, hilft uns,
Und die allervorzüglichste Weisheit,
Die in uns ist, wird uns immer helfen!

Die schöne Erscheinung derer,


Die nach Gottes Weisung gut gehandelt haben
Und Einsicht hatten
Und die Wurzel der Weisheit
Pflanzten in die Tiefe ihres Herzens,
Deren Glanz wird in verschiedener Schönheit erstrahlen!

O Gott, du hast dem Menschen


Unterricht durch deine Weisung gegeben
Und Bildung durch deine Weisheit.

Geliebte, liebt die Tugend


Und wandelt den Weg der Tugend!
Naht euch der Tugend nicht mit gespaltenem Herzen,
Werdet keine Genossen des Weges mit den Sündern,
Sondern wandelt in Tugend und Gerechtigkeit,
Ihr Söhne meiner Seele,
Und die Tugend wird euch auf gutem Wege leiten
Und die Gerechtigkeit wird eure Genossin sein.

Siehe, ihr Söhne meiner Seele,


Wohin geh ich, wenn ich sterbe?
Was wird mir begegnen?
Ihr Söhne meiner Seele,
Verlaßt nicht den Allmächtigen!
Wandelt im Licht seines Antlitzes!
Lebt nach seinen Geboten
Und betet nicht die Götzen an!
Euer Herz sei treu in der Ehrfurcht vor dem heiligen Gott!
Und wenn ich heimgegangen bin,
Ihr Söhne meiner Seele,
Sucht mich nicht,
Bis mich der Herr als Engel zu euch sendet!

Herr, du lässt die Welten vergehen


Und sie können sich nicht widersetzen,
Du gebietest über Zeitperioden
Und sie gehorchen dir,
Du kennst die Dauer der Geschlechter,
Wenigen offenbarst du deine Geheimnisse nur,
Du gibst die Macht des Feuers an
Und wägst die Leichtigkeit der Lüfte,
Du berührst den Saum der himmlischen Höhe
Und ergründest den Abgrund der Dunkelheit,
Du bestimmst die Zahl der Menschen
Und bereitest eine Wohnung für die Menschen der Zukunft,
Du erinnerst dich des Anbeginns der Schöpfung
Und vergisst nicht den Weltuntergang,
Du gebietest den Flammen
Und gibst dem Wind seine Richtung,
Mit deinem Wort rufst du aus dem Nichts ins Dasein,
Du umfängst, was noch nicht gebildet ist,
Du lehrst durch deine Einsicht deine Menschen
Und machst die gehorsamen Sphären voll Weisheit,
Heerscharen von himmlischen Engeln dienen dir
Und warten getrost auf deine Winke,
Herr, höre deinen Knecht und erlöse mich!

Herr, du setztest mich zum Zeichen


Den Erwählten deiner Gerechtigkeit
Und zum Dolmetsch der Erkenntnis
In wunderbaren Mysterien,
Um zu prüfen die wahrhaftigen Seelen
Und zu erproben die Menschen der Zucht!
Ein Mann der Feindschaft bin ich den Übersetzern der Lüge,
Aber ein Mann des Friedens allen sehenden Seelen!

Eile, der hierin liest!


Das ist der Meister der Gerechtigkeit,
Den Gott alle Geheimnisse seiner Knechte,
Die Geheimnisse seiner Propheten wissen ließ.

In Einsicht hab ich dich erkannt, o Gott,


Durch den Geist, den du mir gegeben hast.
Gewisses hab ich gehört
Über deinen wunderbaren Ratschlag
Durch deinen heiligen Geist.

Du hast mir die Erkenntnis eröffnet


In das Geheimnis deiner Einsicht
Und den Quell deiner Kraft!

Der Unterweisende leite


Die Frommen mit Erkenntnis
Und lehre sie Einsicht
In die Geheimnisse aller Wunder
Und die Mysterien ewiger Wahrheit,
Daß sie als Heilige wandeln,
Ein jeder mit seinem Nächsten,
Wie es ihnen offenbart ward.

Aus der Quelle der Gerechtigkeit Gottes,


Dem Licht meines Herzens,
Aus seiner Geheimnisse Wunder
Schaut das Ewig-Seiende
Mein inneres Auge,
Die Einsicht, verborgen den Menschen,
Die Erkenntnis, verborgen den Menschenkindern,
Die Kraft, verborgen dem Fleisch!
Die Gott erwählt hat,
Denen gab er die Weisheit!

Gott segne dich in allem Guten


Und wahre dich vor dem Bösen,
Gott erleuchte dein Herz
Mit der Vernunft des Lebens
Und begnade dich mit ewiger Weisheit!
Gott wende dir sein Antlitz zu
Und schenke dir Frieden!

Gott wird den Geist der Weisheit


Über dich sprengen wie Wasser der Reinigung
Und dich reinigen von allen Gräueln des Trugs
Und allem Sich-Wälzen in der Sünde!
Gott wird dir Einsicht schenken,
Den Gerechten in der Weisheit des Höchsten
Und die Weisheit der Himmlischen
Zu erkennen, dass du sie lehrst
Alle, die gute Wege gehen.
Denn diese hat Gott erwählt zum ewigen Bund.

Zwar ist ein Mensch heiliger als der andere Mensch


Und ein Fleisch schöner als das andre Fleisch von Lehm
Und ein Geist klüger als der andere Geist,
Doch deiner Macht, o Gott, gleicht nichts an Kraft
Und deiner Ehre ist nichts vergleichbar,
Deine Weisheit ist maßlos und unerschöpflich
Und deine Wahrheit ist liebenswürdiger als alles!

Die Weisheit ist ein Geschenk des Heils,


Sie spendet das Charisma weiser Predigt,
Frommen Gesanges und kluger Lehre.
Sie ist die Eigentümerin eines Hauses
Mit hohen Toren und starken Säulen.
Sie ist Sprecherin frommer Weisheit
Und Sängerin heiliger Psalmen.
Sie ist die Herrlichkeit des Herrn
Und ist die Weisung des einzigen Gottes.

Wer singt mir das goldene ABC


In stark erotischer Sprache
Vom verliebten Weisheitssucher
Und der geliebten Weisheit,
Wie sie sich finden
Und sich lieben!

Wer singt das bittere Lehrstück


Über die Verführungskünste
Der Dirne oder der fremden Frau?
Wer singt von den sexuellen Reizen der fremden Frau,
Der Verführerin, in deren Haus die Totengeister hausen?
Wer singt von dem üblen Geschwätz der Frau Torheit?

Ich habe keine Kraft mehr,


Um vor ihr, der Weisheit, zu stehen!
Wer erträgt es, vor Gottes Engeln zu stehen,
Die mit feurigen Flammen richten,
Die die heiligen Geister Gottes sind?

Ihr Menschen, wehe!


Der Mensch sprosst wie Gras aus der Erde,
Seine Tugend blüht wie eine Blume,
Da setzt sein Atem aus,
Seine Blätter verwelken,
Der Wind trägt seinen Blumenduft weg
Ins Nichts,
Verschwunden ist er und vergangen!
Er wird nicht mehr gefunden,
Denn der Mensch ist ein Hauch.
Man wird ihn suchen, aber nicht finden,
Es gibt keine Hoffnung mehr auf Erden.
Der Mensch, was ist er?
Wie ein Schatten sind seine Tage auf Erden.

Jetzt aber, hört mir zu, meine Freunde!


Gebt acht auf mich, ihr Kinder!
Werdet weise aus der Kraft!
Erinnert euch der Wunder, die Gott gewirkt,
Und zittert vor seinem Schrecken!
Handelt nach seinem Wohlgefallen
Und unterwerft eure Seelen seiner Gnade
Und sucht euch einen guten Weg ins Leben
Und eine Straße in die Freude!
Warum gebt ihr eure Seele einem Nichts hin?
Selig ist der Mensch,
Dem SIE gegeben wurde!
Laß nicht die Bösen sich rühmen und sagen:
Sie wurde mir nicht gegeben
Und deshalb bin ich so töricht!
Mit gerechtem Maß misst Gott
Sie den Gotteskindern zu,
Seine Kinder wird Gott erlösen!
Aber er wird alle Menschen töten!
Wohl den Menschen, die dann sagen können:
Wir haben SIE gefunden!

Suche SIE
Und finde SIE
Und halte dich fest an IHR
Und erwerbe SIE
Und lebe mit IHR die Tage deines Lebens,
Das ist Fett für dein Fleisch
Und Freude für dein Herz wie Wein!
Gottes Wohltaten sind IHRE Jugend
Und Heil für alle schönheitsdurstigen Seelen!

Selig der Mensch, der SIE erlangt!


Selig der Mensch, der sich nicht abgewendet von IHR!
Suche SIE nicht im Irrtum
Und umgarne SIE nicht mit eitler Schmeichelei!
Wie SIE den Patriarchen gegeben wurde,
So wirst du SIE erlangen
Mit aller Kraft des Herrn
Und aller Macht der Liebe Gottes
Und Gott wird seinen Söhnen geben – SIE!

ZWEITER GESANG

Ich ging hinab in den Walnussgarten!


Dies ist die Tiefe des Chariot!

O die Gloria auf dem Chariot!

Ich ging hinab in den Walnussgarten,


Dies ist die Tiefe des Chariot!

Die Nuß hat eine grüne, bittere Schale,


Die Nuß hat eine hölzerne Schale aus zwei Bechern.

Wisse, der Umkreis der vier Gestalten ist rund wie die runde Nuß,
Zwei Schalen hat die Nuß.
Und die Frucht ist im Innern.
Und im Innern sind vier Kammern,
Zwei Kammern in der einen Schale
Und zwei Kammern in der andern Schale.
Und zwischen diesen Kammern ist eine dünne Scheidewand.

In Richtung des breiten Endes der Nuß


Ist eine Art von leerem Raum,
Ein Raum der Leere in der Frucht
Zwischen den vier Kammern.

Unten, auf einer Kante, da ist eine Art


Von Membrum virile,
Von daher saugt es die Bitterkeit der Schale.

So der Umkreis des Feuers umgibt


Den maskulinen Elektrum und den femininen Elektrum,
Zwei Typen von klarem Glanz,
Brillianten, klares Feuer auf der einen Seite
Und die Erscheinung von weißem Hagel auf der andern Seite.

In der Hälfte des Jahres


Ist die Temperatur des Wetters heiß
Und die andere Hälfte des Jahres kalt.
Diese zwei Typen des Lichtkreises
Sind umschrieben von einem grünen Glanz,
Der Glanz geht ein in die dicke Wolke.

Da sind zwei Seraphim,


Einer auf der Seite des klaren Feuers
Und einer auf der Seite des weißen Hagels.
Und keinem Engel ist es gestattet, näher zu treten.

Die äußere Schale der Nuß, die bittere, grüne,


Korrespondiert mit dem grünen Lichtkreis.

Und weil da zwei große Schalen wie Becher sind,


Muß die äußere Schale die bittere sein,
Und man tritt ein durch die Öffnung
Zur Spitze des Kernes.

Darum findet man keine Würmer in der Nuß,


Denn der Kern saugt an der Schale,
Der Kern saugt an der bitteren, grünen, äußeren Schale.

Schält aber einer die äußere bittere Schale vom Kern,


Bevor der Kern gereift ist,
Dann werden Würmer im Kern gefunden werden.

Bricht einer die Schale auf,


Wenn die Nuß noch am Nussbaum hängt,
Dann entwickeln sich Würmer im Kern.
Da sind neun Blätter an jedem Zweig des Nussbaums.

Und ich habe empfangen die Lehre:


Wenn Kinder Würmer im Magen haben,
Wenn man dann die Schale der Walnuß kocht,
Dann werden die Würmer fliehen oder sterben.

Nun hab ich dir eine Tür geöffnet


Zum Verstehen in deinem Herzen.

Ich ging hinab in den Walnussgarten.

Sein großes Feuer


Ist wie eine Nuß,
Weit auf seinem Gipfel,
Die Schale nahe der Erde.

Die Schalen der Nuß haben Ähnlichkeit


Mit einem Membrum virile
Auf der einen Seite und auf der andern Seite
Mit etwas Femininem.

Wie die äußere grüne Schale


Ist ein blitzendes Feuer
Von dem Lichtglanz vor Ihm
Wie die Erscheinung von Feuerpfeilen
Oder leuchtenden Fackeln,
Du siehst eine weiße Flamme!

So sind die Cherubim


Des höchsten Feuers.
So geht die Rede von den vier Gestalten,
Die Häupter und die Hörner der Gestalten
Korrespondieren mit den Cherubim,
Die oben auf dem Gipfel weit sind
Und unten flach.

Die äußere Schale ist gelb wie Wachs,


Das ist die Schale, die abfällt,
Denn, siehe, ein Wirbelsturm kam!
Ein Wirbelsturm kam vom Norden!

Die Nuß, wenn ihre erste Schale abfällt,


Ist die Manifestation des großen und starken Sturmes,
Denn siehe, ich sah, und was ich sah,
War ein starker Sturm aus dem Norden!

Neben der einen grünen Schale


Sind zwei Schalen wie Becher aus Holz,
Das ist die große Wolke
Von Feuer und Hagel,
Denn Feuer und Hagel sind wie zwei Becher.
Siehe, er machte Pavillions der Dunkelheit!

Wenn die Nuß austrocknet,


Ist es wie eine große Wolke,
Gleich wie Hagel und Feuer,
Denn Er macht Pavillions in der Dunkelheit
Gleich einem einzigen Pavillon.

Wenn die Walnuß frisch ist,


Ist es wie die Sammlung von Wassern,
Dicken Wolken am Firmament,
Korrespondierend mit den beiden Schalen,
Wie die beiden Schalen
Ist Sein Pavillon.

Siehe, da sind drei Schalen


Und eine dünne Schale in der Mitte der Nuß.
Da ist die grüne Schale, die mittlere Schale und die dritte,
Und da ist eine andere, dünne Schale in der Mitte der Nuß.

Und die Frucht wird im Innern gefunden.


Denn aus der Mitte heraus
Erscheinen die vier Gestalten.

Die Frucht ist im Innern.


Sammle die Wasser aus den dicken Wolken des Himmels!
Eine Schale für vier Kammern!
So hat die Nuß vier Häupter
Wie die vier Gestalten, wie die vier Räder.

Und wenn die Walnuß frisch ist,


Hat der Kern zwei Schalen aus Feuer.
Aus dem Lichtglanz vor Ihm
Erscheinen Hagel und Feuer
Und durchbohren seine Wolken!

Ist die Walnuß frisch,


So hat der Kern auch seine Schalen,
Jeder Kern aber ist wie inneres Feuer,
Jedes Kernes Feuer ist ein Inneres,
Und jeder Kern und jedes Kernes Urbild
Ist wie ein doppeltes Feuer
Von weißem Hagel und glühender Kohle
Aus der Mitte der Brillanz vor Ihm!

Da sind die drei Schalen,


Die eine bittere Schale
Und die beiden, die sich im Innern berühren,
Die sich berühren im Innern der Nuß.

Da war ein großer und mächtiger Sturm,


Aber der Herr war nicht im Sturm!
Das ist die eine äußere Schale,
Die ist wie eine große dicke Wolke,
Aber der Herr war nicht im Beben der Erde!

Die zwei Schalen, die sich im Innern berühren,


Sich berühren im Innern der Nuß,
Sind wie das blitzende Feuer.
Aber der Herr war nicht im Feuer!
Das ist die dritte Schale, die die zweite Schale berührt.
Das ist das blitzende Feuer.

Aber die allerinnerste Schale,


Die fein ist wie eine Haut
Und einer Scheidewand gleicht,
Ist wie ein sanftes Flüstern,
Ein wehendes Lispeln,
Ein süßes Schweigen.

Ein gelber Glanz


Und eine grüne Farbe
Umgeben den Glanz.
Dies ist die außere Schale der Nuß,
Die gelb ist wie Wachs.

Und von Innen kommt ein blitzendes Feuer,


Die Erscheinung der vier Gestalten,
Das sind die vier Kammern im Innern der Nuß.
Zwei Kammern in einer Schale
Und zwei Kammern in der andern Schale
Und zwei Jahreszeiten in einer Jahreshälfte
Und zwei Jahreszeiten in der anderen Jahreshälfte,
Aber ein einziger Stern!

Die rote Schale und der rote Stern!


Die äußere Schale ist rot
Wie das Rot in der Iris.

Aber die vier Gestalten


Hatten menschliche Figuren.

Als der Mensch geschaffen ward,


Ward er mit zwei Angesichtern geschaffen,
Mit zwei Angesichtern und zwei Armen.

Und die Gestalten hatten die Figuren von Menschen.

Wenn der Mensch sich bewegte,


So bewegten sich der Löwe, der Stier und der Adler.

Aber es bewegten sich nicht die feurigen Rosse


Vor dem brennenden Chariot!
Und der Kern der Nuß hat vier Angesichter,
Und der Kern der Nuß hat vier Häupter,
Und darum sind da auch vier Flügel in der Nuß,
Und darum sind da auch vier Kammern
Entsprechend den vier Flügeln,
Für jede der Kammern ein Flügel.

Alles in allem sind es zwölf,


Zwölf Myriaden zwischen den Flügeln,
Von Flügel zu Flügeln der Abstand
Ist zwölf Myriaden lang!

Und ihre Schenkel waren stark


Und waren wie Schwingen!
So ist es auch im Innern der Nuß.

Und die Hände des Menschen!

Jede Kammer ist geteilt in zwei Hälften,


Entsprechend ihrer zwei Schwingen,
Ihrer zwei Hände und ihrer zwei Schwingen!

Und der Stiel ist in beständiges Stück!


Und der Thron ist im Medium der Mitte der Nuß!
Und die Mitte des Stieles der Schale
Korrespondiert mit dem Thron,
Dem Thron von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit!

Ein starker Stiel,


Das ist der Thron,
Das Zentrum okkupierend.
Und im Einschnitt des starken Stieles der Schale
Ist es wie der Thron,
Der Thron von Gericht und Gnade!

Die Schale ist zwischen den vier Häuptern der Nuß.


Die vier Häupter der Nuß sind die vier Gestalten.
Die vier oberen Häupter der Nuß die vier Gestalten,
Die vier unteren Häupter der Nuß die vier Cherubim.

Und die Nuß ist rund!


Die Erscheinung und die Struktur der Räder des Chariot
Glüht wie Beryll!

Und die sanfte Schale berührt die Frucht!


Rad dreht sich in Rad!

Und die Außenseiten des Kernes


Berühren die äußere Schale,
Rot und Grün und Gelb,
Wie die Iris!
Und die äußere Schale erscheint wie Fackeln,
Wie wenn man von weit eine Fackel erschaut
Mit einer weißen Flamme,
Wie die grüne Schale des Kernes.
Es wandelt zwischen den vier Gestalten.

O die Schale, die das Medium ist,


Das Medium zwischen den vier Häuptern der Nuß!
Vier Häupter der vier Kammern
Über den vier Gestalten
Und vier Häupter der vier Kammern
Unter den vier Cherubim!

Und die Nuß ist rund, und es steht geschrieben:


Die Erscheinung und Struktur der Räder
War wie Glanz von Beryll.

Und die Höhe des Kernes der Nuß


Entspricht der Höhe des Himmels.

Und die Kammern der Nuß


Entsprechen den Gemächern in dem Palast des Himmels,
Den neun Ordnungen in der Glorie!

Vier Kammern sind es,


Vier Flüsse von Feuer,
Vier Cherubim und vier Räder
Und eine schwarze Schale, die den Kern teilt.
Und so wie der Kern hohl ist,
So ist die Unterseite des Thrones hohl.
Und von der Unterseite des Thrones
Ist eine Tür in den leeren Raum,
In die hohle Leere der Sphären,
Das ist wie eine Truhe,
In der gebündelt ruhen die Seelen der Gerechten!

Und die Nuß ist wie Silber, wie Bronze.


Die Nuß hat fünf Segmente alles in allem,
Vier feminine
Und ein Membrum virile.

So ist die Nuß.


Und die Nuß ist in der Iris.
Was erschien wie seine Lenden,
Da war ein Glanz wie Elektron.
Da sind fünf Kammern,
Vier Kammern, maskuline und feminine!

Da sind vier Gestalten


Und eine Gestalt ist über ihnen.
Am zweiten Tag der Schöpfung nach der Schrift
Wird viermal das Firmament besungen
Und einmal wird das Firmament Himmel genannt.
So, vor dem Thron der Glorie
Sind vier Ebenen und eine ist fein und erhaben.

O die Erscheinung des Thrones!


Eins, die Gestalt auf dem Thron!
Zwei, die Erscheinung wie Saphir!
Drei, der Raum des Thrones!
Vier, dies ist der Raum meines Thrones
Und der Schemel meiner Füße!

So sind die vier Sphären des göttlichen Hauptes,


Denn mein Haupt ist feucht von Nachttau!
Sein Haupt ist feines Gold!
Ein Helm von Triumph ist auf seinem Haupt!
Ah, wenn ich nicht die Jungfrau Jerusalem
In meinem Herzen bewahrte
Selbst in meiner glücklichsten Stunde...!
Und das Haar seines Hauptes war wie weiße Lammwolle!

Sie sind ein graziöser Kranz auf deinem Haupt


Und ein liebliches Kettchen um deinen Hals!
Laß Treue und Tugend nicht von dir weichen,
Sie geben das Leben deinem Geist
Und Grazie deiner Kehle!
Binde sie wie ein Kettchen um dein Herz,
Wie ein lichtes Kettchen um deinen Hals!
Trage sie wie einen Ring an deinem Finger!

Wenn du trägst den heiligen Schmuck der Tochter Zion,


So steht auf dir geschrieben der Name
Der makellosen Freundin!

DRITTER GESANG

Das Reich ist gleich einem König und seiner jungen Tochter.
Bis die Tochter aufwuchs und volljährig wurde,
Sprach er immer mit ihr auf der Straße
Und in allen Gassen.
Als sie jedoch groß und volljährig wurde
Und ihre Brüste straff geworden waren
Und ihr Schamhaar gesprossen,
Sprach er: Es schickt sich nicht
Um der Würde meiner Tochter willen,
Mit ihr in aller Öffentlichkeit zu sprechen.
Baut ihr darum eine Gartenlaube,
Ich spreche mit ihr dann in der Gartenlaube.
So steht es geschrieben:
Als sie ein Kind war, liebte ich sie.
Sie spricht: Mich hat der König gemacht
Als Erstlingin seines Schaffens,
Als Erstes seines Gezeugten.

Wo immer der Gottessohn in der Verbannung war,


Der verbannte Sohn Evas,
Da war die Tochter Gottes mit ihm.
Als er in Ägypten war in Gefangenschaft,
War die Tochter Gottes mit ihm,
Als er in Babylon war in Verbannung,
War die Tochter Gottes mit ihm.

Wer demütig ist und anerkennt,


Daß er Fleisch ist und von der Erde,
Der wird erlangen durch seine Demut,
Daß die Tochter Gottes mit ihm ist
Mitten unter den Menschen dieser Erde.
Ein Stolzer aber in seinem Hochmut
Entweiht die Mutter Erde
Und zwingt die Tochter Gottes,
Sich still und heimlich zu entfernen.

Warum hat der Ewige einst


In einem Dornbusch sich offenbart
Als verzehrendes Feuer?
Wir lernen daraus, dass kein Ort der Erde
Ohne die Tochter Gottes ist.

Fragt der Kaiser mich aber:


Du sagst, sind zwei oder drei beisammen,
Si weilt die Tochter Gottes unter ihnen,
Wie viele Töchter Gottes gibt es denn?
Ich sage: Die Sonne erleuchtet die ganze Welt.
Wenn die Sonne allein
Inmitten der vielen astralischen Körper
Die ganze Welt erleuchtet,
Um wie viel mehr dann die Gottheit!

Das Reich ist gleich einem König,


Der eine gute und schöne Tochter hatte,
Anmutig und vollkommen,
Und er vermählte sie einem Prinzen,
Kleidete sie mit feiner Seide
Und gab ihr Diademe und Spangen,
Kettchen und Ringe und Talismane
Und gab sie dem Prinzen zur Frau.
Kann der König aber ohne seine Tochter leben?
Nein, der König kann nicht ohne seine Tochter leben!
Kann er Tag und Nacht mit ihr zusammen sein?
Nein, er kann nicht Tag und Nacht mit ihr zusammen sein!
Was macht er? Er macht ein Fenster,
Ein Fenster zwischen sich und ihr.
So oft nun die Tochter den Vater braucht
Oder der Vater die Tochter braucht,
So kommen sie am Fenster zusammen.

Das Reich gleicht einem König,


Der sich im Innersten der Gemächer befand,
Und die Zahl der Gemächer
War dreiunddreißig,
Zu jedem Gemach gab es einen Weg.
Ziemt es dem König, dass alle
Auf allen Wegen seine Gemächer betreten?
Nein, das geziemt dem König nicht.
Ziemt es sich für den König,
Seine Perlen, Juwelen, Edelsteine und Schätze
Gar nicht öffentlich zu zeigen?
Nein, das geziemt dem König nicht.
Was tut der König? Er nimmt die Tochter
Und fasst in ihr alle Wege zusammen,
In ihr und in ihren Kleidern,
Und wer das innerste Gemach betreten will,
Muß schauen zu der Tochter.

Was heißt aber dies:


Gepriesen sei die Schönheit des Ewigen
An dem Ort ihrer Ruhe?
Das heißt, dass keiner den Ort ihrer Ruhe kennt.
Das ist gleich einer Prinzessin,
Die aus fernen Ländern kam,
Und niemand wusste, woher sie gekommen,
Bis alle sahen, dass sie eine schöne und starke Frau war,
Eine ausgezeichnete Frau in allem, was sie tat.
Da sprachen die Menschensöhne: Wahrlich, wahrlich,
Diese Frau stammt aus dem Licht,
Denn durch ihr Dasein wird die Welt licht!
Da sprachen die Menschensöhne: Wer bist du
Und woher kommst du?
Da sprach sie: Ich bin die Schönheit des Ewigen
Und komme aus meinem Ort der Ruhe.
Da sprachen die Menschensöhne: Die Seligen droben
An dem Ort deiner Ruhe
Sind sicher von großer Seligkeit erfüllt!
Gepriesen sei die Schönheit des Ewigen
Und gepriesen sei der Ort ihrer Ruhe!

Wer ist aber die Schönheit des Ewigen?


Es war ein König, in dessen Gemach war die Königin,
An deren Schönheit sich alle seine Heere entzückten,
Und der König und die Königin
Hatten Söhne, das waren die Gottessöhne.
Die Gottessöhne kamen täglich zum König und sprachen:
O König, wo ist unsre Mutter?
Da sprach der König zu den Gottessöhnen:
Ihr könnt die Mutter jetzt nicht sehen.
Da sprachen die Gottessöhne:
Gepriesen sei unsre Mutter, wo immer sie ist!

Was ist Vereinigung von Mann und Frau?


Wenn der Mann und die Frau
Gemeinsam geheiligt sind
Und Heiligung begehren,
Dann allein werden sie eins genannt,
Ohne Makel vereinigt.
Darum sollen Mann und Frau
In der Stunde ihrer Vereinigung
Nur ein einziges Verlangen haben:
Der Mann und die Frau, sie sollen sich freuen
Und einer am andern ergötzen
Und sich durch Zuneigung fesseln.
So bilden sie gemeinsam
Eine einzige Seele und einen einzigen Körper.
Eine einzige Seele bilden sie
Durch die sympathetische Magie der Liebe
Und einen einzigen Körper bilden sie
Durch den Akt der Vereinigung.
Wenn Mann und Frau in heiliger Liebe vereinigt sind,
So wohnt die Gottheit in der Einigung
Und schenkt dem Augenblick des Einsseins
Die schöne Liebe des heiligen Geistes!

In dieser Stunde,
Da der Gottessohn die Vereinigung
Vollzieht des göttlichen Wortes
Mit vollkommener Ganzhingabe,
Bricht die Erleuchtung hervor
Aus der übersinnlichen Welt.
Diese Erleuchtung aus der göttlichen Sphäre
Trifft auf die Flamme der Dunkelheit
Und teilt sich in eine Vielzahl von Leuchten.
Diese Vielzahl von Leuchten
Werden Kerzen auf dem Baum des Lebens.
In diesem Augenblick verbreitet der Baum des Lebens
Als der Feigenbaum des Paradieses
Düfte in den Garten der Wonne.
Da erfreut sich der Meister an dem Duft.
In demselben Augenblick
Wird die schöne Braut geschmückt,
Um unter den Schleier des Himmelsbettes
Zum herrlichen Bräutigam zu treten.
Die himmlischen Glieder vereinigen sich
In dem einen und einzigen Wunsch,
In einer vollkommenen Ganzhingabe
Zu verschmelzen und ganz eins zu sein,
Ohne jegliche Trennung und Einsamkeit.
Dann wendet der herrliche Bräutigam
Der Braut die ganze Aufmerksamkeit zu,
Um mit ihr unterm Schleier des Himmelsbettes
Die Vereinigung zu vollziehen,
Sich mit der Braut zu vereinigen
Und zu verschmelzen in der Lust der Erkenntnis.
Darum, erwache zur Braut und sprich zu ihr:
Lausche, Geliebte, der Gottessohn kommt,
Bereite dich vor auf die Liebe!
Dein Bräutigam kommt
In Schmuck seiner Liebe und Weisheit,
Er ist bereit zur Liebe mit dir!
Der Ewige, unsere Gottheit,
Der Ewige, unsere Gottheit, ist Einheit!
In einer Liebesvereinigung
Und einer vollkommenen Ganzhingabe
Ohne Trennung und Einsamkeit
Sind alle himmlischen Glieder vereint
Und geben sich in Ganzhingabe hin,
Wenn der Gottessohn spricht:
Der Ewige ist die Einheit!
Der Bräutigam und die Braut
Vereinigen sich
Und werden eine einzige Ganzhingabe.
Da wird die Braut verschönert,
Geschminkt und geschmückt,
Ihre Freundinnen bringt sie auch
Zum herrlichen Bräutigam
Und sagt mit leise flüsternder Stimme:
Gelobt sei der Name der Schönheit des Himmels,
Gelobt sei der Name
Der Königin der Schönheit und Liebe
Von nun an und Ewigkeit um Ewigkeit!
Dies ist geflüstert,
Denn flüsternd kommt die Braut
Dem Bräutigam entgegen.
Selig sind die Menschen, die dies erkennen
Und den erhabenen Dienst an der Liebe
In gläubiger Liebe und Erkenntnis vollenden.

Das Reich ist gleich einem König,


Der zürnte mit seiner Braut
Und sie für einige Monde
Aus seinem Palast verstieß.
Als aber die Monde vergangen waren,
Erschien die schöne Braut
Erneut vorm König.
Und so geschah es wohl dreimal.
Dann wurde sie aber entfernt
Aus dem Palast des Königs
Und verstoßen auf lange Zeit,
Wohl manche Jahre vergingen,
Da sprach der König: Diese Zeit
Ist nicht wie die andern Zeiten,
Sie soll wieder vor mich treten
Mit allen andern Mägden meines Palastes,
Ich will von neuem um sie werben.
Als der König zur schönen Braut kam,
Fand er sie auf der Erde liegen.
Wer sah da nicht die Glorie dieser Braut
Und das Verlangen des Königs,
Sie wieder aufzunehmen?
Er nahm sie bei der schlanken Hand
Und richtete sie auf
Und ließ sie kommen in seinen Palast
Und sprach zu ihr: Geliebte,
Ich werde mich nimmer von dir trennen,
Ich werde dich immer lieben
Von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Komm, Geliebter, Dodo, komm,


Geh der Braut entgegen, der fleckenlosen Freundin,
Die Königin wollen wir empfangen!
Gedenke der ewigen Ruhe in einem Wort,
Das der Ewige uns vernehmen ließ,
Einheit ist der Ewige
Und sein Name ist der einzige Name
Zur Glorie und zur Schönheit und zum Ruhm.
Der Königin lasst uns entgegengehen,
Sie spendet den Segen,
Vor Anbeginn der Schöpfung ward sie gekrönt,
Die Krone der Schöpfung ist Sie,
Die Erste im Plan der Schöpfung.
Tempel und Stadt des Königs,
Erhebe dich aus deinen Trümmern,
Du warst lange im Tal der Tränen,
Lange im Jammertal warst du,
Nun erbarmt sich der Ewige über dich.
Schüttle den Staub ab, erhebe dich,
Zieh die schönsten Kleider an,
Durch den Sohn Davids aus Bethlehem
Naht deiner Seele der Heiland!
Erhebe dich, erhebe dich,
Denn gekommen ist das Licht,
Steh auf, steh auf,
Die Schönheit des Ewigen wird offenbar.
Du musst nicht in Scham erröten.
Was bist du so traurig, meine Seele,
Was stürmst du in mir, meine Seele?
Die Armen Gottes sind in den ewigen Armen geborgen.
Die Stadt soll wieder aufgebaut werden.
Die dich plünderten, sollen geplündert werden.
Fern von dir sind deine Verderber.
Wie der Bräutigam sich ergötzt an der Braut,
So wird Gott sich an dir ergötzen!
Nach rechts und links wirst du schreiten
Und rühmen die ewige Gottheit Elohim!
Mit der Hilfe des Sohnes Davids
Wollen wir frohlocken und jauchzen!
Eine starke Frau ist eine Krone des Mannes,
Ja, in Jauchzen und Frohlocken
Kehre die Braut ein bei den Treuen!
Ja, komm, geliebte Braut, ja komm, o Braut!

Alle Seelen im Universum,


Gehaucht vom Munde des Ewigen,
Sind eins in einem Mysterium.
Wenn sie herabsteigen auf die Erde,
Trennen sie sich in Mann und Frau,
Nachdem sie zuvor als Mann und Frau vereinigt waren.
Das Erwachen des Mannes für die Frau
Und das Erwachen der Frau zum Mann
Erzeugen die unsterbliche Seele
Und das Erwachen des Mannes für die Frau
Und sein leidenschaftliches Klammern an der Frau
Erzeugen eine unsterbliche Seele.
Der Mann erfasst die Leidenschaft der Frau
Und trägt die Leidenschaft der Frau
In einer Hochzeit von Himmel und Erde
Zu Gott als ein einziges Verlangen!
Die Frau wird vom Geist des Mannes schwanger.
Die Leidenschaft von Mann und Frau ist eins,
Ununterscheidbar eins im Geist der Liebe,
Das ganze All ist in dieser Liebe enthalten.
Wenn die Seele das himmlische Schatzhaus der Seelen verlässt,
Gehen Mann und Frau als Einheit heraus.
Sind sie herabgestiegen auf die Erde,
Trennen sie sich voneinander
Und geht jede an ihren Ort.
Der Ewige, Ruhm sei seinem Namen,
Vereinigt sie später!
Die Weisheit, das Paar zusammenzuführen,
Ist allein des Ewigen, Ruhm seinem Namen,
Denn der Ewige allein in seiner Weisheit weiß,
Welcher Mann und welche Frau zusammengehören
Von Ewigkeit zu Ewigkeit.
Selig ist der Mensch, der rein ist in seinem Herzen
Und auf dem Weg der Liebe geht,
So wird seine Seele dereinst vereinigt
Mit der Seele, mit der er in Ewigkeit eins ist,
Wie im Anfang, so auch in Ewigkeit!
Gesegnet ist das Schicksal von Bräutigam und Braut!

Arm ist der Mensch, der denkt,


Die Göttin Byblia singe uns Märchen und Mythen.
Denn wenn wie Göttin Byblia Mythen sänge,
Könnten wir ja selber Mythen und Märchen singen
Und eine eigene Göttin Byblia uns erschaffen.
Da gibt es in den Griechen ja schönere Mythen
Und bei den Großmüttern süßere Märchen.
Dann folgen wir den Großmüttern und den Griechen
Und machen eine zweite Göttin Byblia.
Nein, in Wahrheit ist die Göttin Byblia
Ein heiliges Ur-Wort, ein tiefes Mysterium!
Himmel und Erde sind in Harmonie,
Das Gottesvolk auf der Erde
Und die Chöre der Engel im Himmel.
Der Ewige macht die Engel zu Boten.
Wenn die Engel auf die Erde kommen,
Umkleiden sie sich mit irdischer Hülle,
Sonst vermöchten wir ihre Schönheit nicht zu ertragen!
Ist dies schon bei den Cherubim und Seraphim so,
Um wieviel mehr bei der heiligen Göttin Byblia!
Die Göttin Byblia hat ja die Engel erschaffen
Und alle Sphären des Kosmos erschaffen.
Wenn die Göttin Byblia in die Welt kommt,
Würde sie sich nicht weltlich kleiden,
Wir könnten ihre feurige Schönheit nicht ertragen!
So sind die Märchen und Mythen
Die Kleider der Göttin Byblia.
Wer glaubt, Kleider und Schmuck seien schon die Göttin,
Der ist ein armer Narr!
Öffne meine Augen, o heiliger Geist,
Daß ich schaue, was unter den Kleidern ist!
Denn siehe, die Kleider sind allen sichtbar,
Nur Toren wollen nichts als Kleider schauen.
Aber die Schönheit des Kleides
Liegt in der größeren Schönheit des nackten Körpers!
Laß mich den nackten Körper der Göttin schauen!
Aber die Schönheit des nackten Körpers
Wird übertroffen von der heiligen Schönheit
Der schönen Seele der Göttin Byblia!
Geist, laß mich tiefe Blicke tun in die Seele der Göttin!
Der Körper der Göttin Byblia
Sind die Gesetze und Gebote.
Aber die Weisen, die vor dem brennenden Dornbusch gestanden
Und schauten das verzehrende Feuer Gottes,
Die schauen in die Seele der Göttin Byblia,
Das ist die wahre Göttin Byblia.
Aber in dem kommenden Zeitalter
Werden sie von Ewigkeit zu Ewigkeit schauen
Die Gott-Natur in der Seele der Göttin Byblia!

VIERTER GESANG

Rahel aber sprach zu Lea:


Gib mir die Liebesäpfel deiner Söhne!
Lea aber sprach zu Rahel:
Ist es dir noch nicht genug,
Daß du mir den Mann fortgenommen hast,
Willst du auch noch die Liebesäpfel meiner Söhne?

Der Liebesapfel, das sind die Tugenden aller Heiligen.


Die Pforten, an denen die Liebesäpfel hängen,
Sind die Doktoren der Kirche.
Die Liebesäpfel duften an den Pforten,
Weil die geisterfüllten Menschen
Den Duft ihrer Tugend verbreiten.

Nachdem aber Sulamith


In die Halle des Königs aufgenommen
Und zur Königshochzeit bestellt,
Da ward vom hohen Norden
Dem Bräutigam eine neue Braut zugeführt,
Ein Liebesapfel ohne Kopf.
Ihr setzte der Bräutigam eine goldene Krone auf,
So ward auch sie zur Hochzeit geladen.
Als aber Sulamith die Stadt verließ,
Fand sie die Liebesapfel-Braut
Kopflos auf dem Felde liegen.
Mitleid ergriff die schöne Sulamith
Und sie flehte den König an,
Sich der Elenden zu erbarmen.
Der König ging mit Sulamith aufs Feld
Und fand die Liebesapfel-Braut
In erbarmungswürdiger Nacktheit,
Kleidete sie
Und führte sie in sein Brautgemach.
Nun setzte er der kopflosen Braut
Ein goldenes Haupt auf,
Indem er seine Gottheit
Ihr im Glauben zu erkennen gab.
So wird sie gekrönt mit Glorie,
Er vermählte sich ihr im reinen Licht der Schau.

Wer die Braut hat,


Ist der Bräutigam.

Das Himmelreich gleicht den Jungfraun,


Die mit den Öl-Lampen
Dem Bräutigam entgegengingen.

Jetzt ist die Zeit gekommen


Nach dem Lied der Sibyllen,
Es beginnt von neuem eine Zeit,
Jetzt kehrt wieder die Jungfrau,
Es kommt das goldene Zeitalter wieder,
Jetzt steigen Himmelsmenschen aus den Höhen nieder!
Schau nur an die Geburt des göttlichen Kindes,
Welches den Anfang des goldenen Zeitalters bringt.

Kind, erkenne die Mutter


Und grüß sie mit lieblichem Lächeln,
Knabe, siehe, wem nicht die Mutter gelächelt,
Dem bereitet der Gott keinen Tisch,
Dem bietet die Göttin nicht ihr Bett!

Seele, du wuchsest heran


Und blühtest wie eine Jungfrau.
Deine Brüste wurde jugendlich straff
Und dein Schamhaar sprosste,
Du warst nackt!
Da ging ich vorüber
Und sah dich an
Und da war es die Zeit der Liebe.
Da breitete ich meinen Zipfel über dich
Und bedeckte dich
Und schloß einen Bund der Liebe mit dir
Und du wurdest ganz mein!

Kommt nun auf mich herab,


Ihr Worte der Weisheit,
Begattet mich,
Laßt euren Samen in mich fließen!
Wenn ihr die tiefgründige,
Fruchtbare und jungfräuliche Seele seht,
Geht nicht vorüber,
Ruft sie zu eurem Verkehr,
Erfüllt sie und schwängert sie!

Wir bereiten das Brautgemach,


Und jene, die in die Mysterien eingeweiht sind,
Werden bereitet zur pneumatischen Hochzeit,
Nachzuahmen die himmlische Hochzeit
Von Logos und Sophia!

Das Mädchen ist die Tochter des Lichts,


Der Abglanz des Königs wohnt ihr bei,
Erquickend ist ihr Anblick,
In Schönheit strahlt sie!

Ihr Brautgemach duftet


Von Myrrhe und Narde, Balsam und Aloe,
Rosenöl und Jasmin,
Drinnen sind duftende Rosen ausgebreitet,
Das Brautbett ist mit Schilf gekränzt,
Sieben Brautführer stehen an dem Bett,
Sieben Jungfraun führen sie zum Bräutigam,
Die tanzen vor ihr den Hochzeitstanz.
Zwölf Dienerinnen dienen ihr,
Die sind Sklavinnen der Tochter Gottes.
Sie richtet ihren Blick auf den Bräutigam,
Um durch diesen Anblick erleuchtet zu werden
Und auf ewig sein Freudenmädchen zu sein
Und seine Wonne der himmlischen Wollust!
Und sie werden bei der Hochzeit thronen,
Da werden sich die Heiligen und die Weisen versammeln.

Und sie werden zum Hochzeitsmahl sich versammeln


Und gewürdigt werden des gemeinsamen Kelches.

Sie trinken den mystischen Wein,


Der keinen Durst und keine Begierde erweckt,
Und sie preisen mit dem Heiligen Geist
Den Vater in Wahrheit und die Mutter Weisheit!

Die Weisheit kam nicht nackt zur Welt,


Sie ist gekleidet in Typen, in Ikonen.
Die Welt kann sie nicht anders empfangen.
Es gibt eine Geburt
Und eine Wiedergeburt im Zeichen.
Es ist wahrlich notwendig,
Wiedergeboren zu werden im Zeichen.
Es ist notwendig, dass das Zeichen sich zur Wahrheit erhebt.
Es ist notwendig, dass der Bräutigam und die Ikone
Eingehen in die ewige Weisheit,
Die die Wiederherstellung aller Schöpfung ist.
Der Herr bringt alles in Mysterien:
Eine Taufe, eine Salbung,
Eine Eucharistie, eine Erlösung,
Ein Brautgemach!

Nun kommt der Bräutigam


Nach dem Willen des ewigen Vaters
Zur Braut ins Brautgemach.
Der Bräutigam schmückte das Brautgemach.
Diese Hochzeit ist nicht wie eine fleischliche Hochzeit,
Wobei die, die sexuellen Verkehr mit einander üben,
Ihre sexuellen Wonnen aneinander haben.
Diese lassen die Wollust hinter sich
Und dienen einander in himmlischer Liebe.
Diese Vereinigung ist so, dass, wenn sie einander dienen,
Dann werden sie ein einziges ewiges Leben.

Die Matronita vereinigte sich mit dem König.


Durch die Vereinigung wurde
Ein einziger Körper.
Das ist der Segen dieser Stunde.
Was nur männlich und nur weiblich ist,
Ist nur ein Teil von einem Körper.
Es ist kein Segen an einem unvollkommenen Teil,
Nur an dem vollkommenen Ort ist Segen.
Die geteilten blieben nicht auf Dauer,
Die vereinigten bleiben ewig.

Als die Urgottheit alles schuf,


Schuf sie es in Gestalt von Mann und Weib.
Das war der Anfang alles Daseins,
Das mit Frau Weisheit begann,
Da ward Mann und Frau,
Nämlich die Weisheit als Frau
Und der Verstand als Mann,
Aus deren Vereinigung alles Sein entstand.

Es ward aus Morgen und Abend ein Tag.


Es ist keine Nacht ohne Tag, kein Tag ohne Nacht,
Sondern die Vereinigung zur Einheit bildet die Zeit.
So hat auch der Herr mit seiner Herrlichkeit
Sich in Liebe vereinigt,
So sind sie zusammen eins,
Wenn sie nicht getrennt sind.
Aber weil die Herrlichkeit in der Verbannung ist,
Kann sie nicht eins mit dem Bheherrn genannt werden.
Wann aber werden sie eins genannt?
Wenn die Herrlichkeit aus der Verbannung heimkehrt,
Um sich mit dem Herrn zu vereinigen.
Dann wird Gott eins sein und sein Name wird eins sein.
Eins ohne das andere aber wird nicht eins sein,.

Geh, mein Geliebter, der Braut entgegen,


Das Antlitz der Frau Sabbath empfange!

Bereite das Mahl des vollkommenen Glaubens


Zur Ergötzung des heiligen Königs,
Bereite das Mahl des mystischen Königs,
Dies ist das Mahl des glückseligen Granatsapfels!

Ich singe die Hymne vom Gang zu den Granatäpfeln,


Den Granatäpfeln, die heilig sind,
Wir rüsten dem Granatapfel jetzt einen Tisch,
Einen schönen Leuchter, der strahlt,
Zwischen rechtem Leuchter und linkem Leuchter
Kommt die Braut in kostbarem Schmuck und reizenden Kleidern.
Der Gatte umarmt sie in ihrem Grunde
Und schenkt ihr Erfüllung
Und presst ihr alle Kräfte aus!
Jammer und Elend sind aufgehoben,
Nun erscheint das selige Antlitz und die schöne Gestalt.
Es bringt ihr Wonne in doppeltem Maß,
Licht erstrahlt und Segenströme strömen!
Brautführer, führt die Braut herbei,
Süße Speise, Fisch und Eier,
Seelen zu zeugen und geistige Kinder!
Ich ordne nach Süden die mystische Kerze,
Dem Tisch mit der Speise geb ich im Norden Raum,
Mit dem Wein im Becher,
Umkränzt von Myrtenzweigen,
Dem Bräutigame und dem Verlobten
Zur Stärkung der Schwachen.
Ich flechte euch Kronen aus edlen Worten,
Zur Krönung der Myriaden auf zwölf Pforten!
Die Herrlichkeit sei umringt mit Sabbat-Broten
Und von allen Seiten mit dem Herrn vereinigt!

O der Stunde, wenn Mann und Frau vereinigt


In himmlischer Heiligkeit
Zur Richtung des Sinnes der Heiligung!
Wenn Mann und Frau in Liebesvereinigung
In der Richtung der Heiligung sind,
Dann wird die Menschheit vollkommen
Und eins genannt,
Ohne Makel des Wesens.
Darum soll der Mann in dieser Stunde
Sich immer seinem Wein vereinigen,
In personaler Einheit mit ihr,
Des Willens, des Verstandes, des Gefühls,
So sind sie beide auf ein einziges Ziel gerichtet.
Wenn sie so die Einheit finden,
Ist es Einheit der Seele und des Körpers.
Einheit der Seele
Ist Berührung des Willens der Liebe,
Einheit der Körper
Ist ein unabgespaltenes Menschendassein.
Wenn Mann und Weib sich vereinigen,
Wenn sie eine Seele und ein Körper werden,
Wird der Mensch eins genannt.
Auf solche Weise weilt die Urgottheit im Eins
Und senkt sich der Heilige Geist in die Einheit!

Entzücken fühl ich!


Was das Entzücken sei,
Sagt keine Menschensprache,
Sagt keine Engelszunge!

Komm, nach der meine Seele verlangt,


Begehrte und immer begehrt
Und ewig begehren wird!
Komm, Einsame, komm,
Komm zu dem Einsamen, komm,
Denn ich bin einsam, wie du siehst!
Komm, die du mich abgesondert
Und einsam auf Erden gemacht hast!
Komm, die du mein Verlangen geworden bist,
Die du gemacht hast, dass ich dich begehre,
Der zuzustreben keiner vermag!
Komm, du mein Atem und du mein Leben!
Komm, Trösterin meiner Seele!
Komm, Jubel und Herrlichkeit
Und unaufhörlich mein Ergötzen!
So schlage denn, Herrin Liebe, dein Zelt in mir auf
Und wohne mir bei,
Und scheide nie mehr von mir!

Glücklich die Seele,


Die so heiße Umarmung erfahren darf!
Es ist nichts andres als reine und heilige Liebe,
Zärtliche, süße Liebe,
Heitere, lautere Liebe,
Innige, starke Liebe,
Gegenseitige Liebe!
Die zwei sind in Einem Geiste vereinigt
Und so sind die zwei nicht zwei mehr,
Sondern die zwei sind Eines geworden!
Wer Gott anhangt, wird Eins mit Ihm!

O Jubel der Schau,


O Freude, o süßes Grüßen des Engels
Und glückliches Umschlingen!
Deine Wunder der Liebe, o Herr, haben mich betört,
Deine Gnade wirft mich in den Staub!
Verborgene Gottheit, Taube in der Felsspalte,
Nachtigall, verborgen in der dunklen Nacht,
Adler hoch am lichten Himmel erhaben!

Ich bin aus Liebe dein Gefangner,


Ich komme gern zu dir,
Ich will dich mit meinem Erbarmen krönen!
Überwinder der Sinnlichkeit bin ich!
Du kommst bald an einen Ort,
Wo all dein Elend ein Ende hat.
Der göttliche Strom, der von mir
In die Seelen fließt,
Der strömt auch in dich
Und strömt wieder aus dir hervor zu den anderen Seelen.
Ich komme zu dir, wie einer,
Der aus Liebe gestorben ist,
Ich komme, wie der Gemahl ins Brautbett,
Ich komme mit Begierde zu dir,
Ich komme wie einer, der große Geschenke gibt!

Nach manchen Stürmen ist mein Geist


Durch der Hölle Pforten gewandelt –
Lasse alle Hoffnung fahren –
Und bis in den innersten Schoß
Der gebärenden Gottheit
Und dort mit seliger Liebe umfangen,
Wie der Bräutigam seine Braut umarmt!
O ein Triumphieren des Geistes,
Unbeschreiblich ist es!
Das ist, als ob mitten im Tode das Leben
Geboren wird und ist gleich
Der Auferstehung des Fleisches!

Sophia schenkt sich,


Sie ist unbefleckt und makellos,
Der Mensch wird in Weisheit verwandelt,
Aber die Weisheit nicht in den Menschen verwandelt.
Keine irdische Schönheit einer schönen Frau,
Keine himmlische Schönheit einer Göttin,
Kein Umarmen einer Geliebten,
Keine sexuelle Vereinigung mit einem Wonneweibe
Läßt sich vergleichen mit der Ekstase
Der Vereinigung mit Sophia!
Solche Süßigkeit, solche Schönheit,
Solche Wonne und Wollust!
Wer leidenschaftlich lieben will,
Der liebe Sophia!
Er freie um Sophia,
Daß er zu ihr kommen darf!
Denn wie ein verliebtes Auge
Schmachtend und dürstend
Nach den Reizen des Körpers der Geliebten schaut,
So begehrt Sophia das schöne Herz des Menschen!

Die Seele hat solch ein unaussprechliches Gefühl,


Mit dem sie die Weisheit berührt
Und wie ein brennender Liebhaber
Leidenschaftlich umarmt!
Liebe Sophia,
Damit Sophia dich umarmt!
Die Leiber werden durch die Umarmung
Von Sinnlichkeit besudelt,
Aber die Seele umarmt die Weisheit
Und vereinigt sich mit Sophia
Und verschmilzt mit ihr in der Glut der Liebe!
So wird der Mensch geschwängert
Mit Heiligkeit und Reinheit!

Adam war ein Mann und war ein Weib,


Adam und Eva sind ein einiger Mensch!
Es ist die Liebeswesenheit des inneren Himmels,
Des mystischen Leibes Zelt,
In keiner Weise offenbar
Im eitlen Fleisch der Erde.
Am Jüngsten Tag des Weltgerichts
Soll der einige Mensch geschieden werden
Von dem nichtigen Fleisch der Erde
Und der Versuchung des Teufels.
Dann wird die eine Liebeswesenheit
Ineinander vermählt in Einem Körper sein
Und sind nicht mehr zwei Leiber, sondern einer!
Die Natur sehnt sich nach dem Ewigen
Und möchte gern die Vergänglichkeit los sein!
Daher ist das heiße Begehren
In dem Weib und in dem Mann,
Sich eins sehnt mit dem andern zu verschmelzen!
Das Fleisch versteht das nicht
Und auch der Gedanke erkennt das nicht,
Sondern es sind zwei kosmische Säfte,
Männlicher Saft und weiblicher Saft,
Die wissen im Innern darum.

Will die Seele nun Christi Lorbeerkranz erringen


Von der makellosen Jungfrau Sophia,
So muß er in brennender Liebesbegierde
Buhlen um die Buhlin!
Das ist die Blume von Scharon,
Die Rose im Tal,
Von der Salomo im Liebeslied gesungen
Und die er seine makellose Freundin nennt,
Die auch manch ein Heiliger nach ihm geliebt hat!
Wer die Jungfrau Sophia gewinnt,
Dem verheißt sie ihre Perle,
Dem verheißt sie mit keuscher Erotik,
Ihm im Paradies ihre Perle zu schenken
Und sich selbst ganz hinzugeben,
Um in Ewiger Wollust mit ihm zu verschmelzen!

Liebe Seele, sei freundlichernst


Und suche ohne Unterlaß!
Den Liebeskuss der makellosen Jungfrau Sophia
Empfängst du wohl im benedeiten Namen Jesu,
Sie wartet ja sowieso vor deiner Tür
Und klopft an und wartet darauf,
Eingelassen zu werden in deine einsame Wohnung.
So du nun ihre Liebe begehrst
Und verlangst nach ihrer Ganzhingabe,
So will sie dir zu Willen sein
Und dich küssen mit den lichten Strahlen
Ihrer süßen himmlischen Liebe,
Daß dein Herz vor Freude fast stirbt!
Aber in das Ehebett legt sie sich nicht sogleich,
Sondern prüft dich, ob du ihr treu bleibst,

Dann aber legt sie sich in das Ehebett zu dir


Und erweckt in dir dein eigenes Himmelsbild,
Den Menschen des Paradieses in dir!

Da wird ein kühner Freier erscheinen


Wie ein feuriger Löwe
Und im Bad mit der betauten Lilie vermählt!
Dann werden beide mit offenherzigen Flammen
Von einem Brautbett ins andre gewälzt!
Da erschien mir in bunten Farben
Die jungfräuliche Königin
In dem magischen Spiegel!
Sie ist die himmlische Medizin meiner Seele!

Durch Männlichkeit und Weiblichkeit


Wird das Werk vollzogen
Und erzeugt und gebiert den Ganzen Menschen!

Ich hatte eben mit meinem Herrn gesprochen


Und über die Mysterien nachgedacht,
Die mir Seine Majestät offenbarte.
Da stürmte ein solch gewaltiger Sturm daher,
Daß ich meinte, mein Haus stürze um!
Der Teufel kann mir nichts tun,
Ich blieb in meiner Meditation,
Bis mich jemand ganz sanft am Rücken berührte
Und mich zärtlich streichelte,
Da war ich so aufgewühlt, mein Herz pochte so heftig,
Ich traute mich kaum, zu schauen nach der Gestalt,
Da sah ich eine wunderschöne Frau,
Ihr Kleid war grünblau und geziert mit goldenen Sternen
Wie am Himmel geordnet
Am Tag der Makellosen Konzeption!

Vorüber ist der lange Schmerzenstraum der dunklen Nacht,


Sophia ist die Hohepriesterin meines Herzens!

Soll ich denn ewig getrennt sein?


Die Ahnung
Der Vereinigung in der Ewigkeit
Mit jener Geliebten, die ich hier schon schaute,
Aber noch nicht ganz mit ihr eins sein konnte,
Das ist nicht Rausch und Wahnsinn,
Das ist die Stimme des Genies!
Schauen werd ich, was mich unsterblich macht,
Schauen und erkennen werde ich jene
Geistige Frauenwürde,
Die hier nur einzeln erkannt wird.

Dann wird in Ewigkeit die Menschheit sein,


Was die verklärte Geliebte mir hier schon ist,
Vollkommene Grazie Gottes,
Keusch und erotisch,
Dann wird die höhere Erkenntnis
Nicht mehr verwechselt mit Rausch des Weines!

Das tiefe Mysterium ist nun offenbar


Und bleibt doch ewig unergründlich!
Aus Schmerzen wird das Paradies geboren,
Die Tränen werden in Asche aufgelöst
Und werden zum Becher des Elends,
Den Becher leerte ich ganz!
Ich fühle die süße Geburt in meiner Seele,
Das mystische Kind ist geboren,
Denn in mir wohnt die göttliche Mutter!

FÜNFTER GESANG

O Maria Genetrix!
O Mater Domini!
O Regina Coelorum!
O Stella Maris!
O Stilla Maris!
O Alma Mater!
O Stella Matutina!
O Rosa Mystica!
O Virgo Caelestis!
O Diva Claramontana!

Wie sind deine Schritte so schön


In den Sandalen, Prinzessin!
Der Bug deiner Hüften
Gleicht einem Geschmeide,
Dem Meisterwerk eines Künstlers!
Dein Becken ist ein runder Becher,
Nie mangelt ihm der würzige Wein!
Dein Leib ist ein Weizenbündel,
Umsteckt mit Lilienblüten.
Deine beiden Brüste sind Kitze,
Zwillingskitze einer Ricke!
Dein Hals ist ein Elfenbeinturm!
Wie bist du so schön und lieblich,
Du Liebe voller Wonne!
Deine Gestalt ist gleich der Palme,
Deine Brüste gleichen den Trauben!
Ich will die Palme besteigen
Und pflücken die Dattelfeige!
Deine Brüste sollen mir wie Weintrauben munden!
Der Duft deines Atems ist Minze!
Die Küsse deines Mundes, der scharlachroten Schnur,
Sind mir wie edler Glutwein,
Strömend in meiner Liebkosung,
Meine Lippen benetzend und meine feurige Zunge!

Die Geliebte jubelt:


Ich bin meines Geliebten
Und mein Geliebter ist mein!
Komm, wir wollen in den Garten gehen
Und nächtigen auf dem Lande!
In der Frühe brechen wir auf,
Zu schauen, ob der Granatbaum schon blüht!
Dort, unter Henna wollen wir schlafen,
Dort geb ich dir ganz meine Liebe hin!

Wie eine Blume im Garten laß ich dich wachsen,


Du bist herangewachsen, Geliebte,
Deine Brüste wurden voll
Und dein schwarzes Schamhaar kraus!
Du warst ganz nackt und bloß!
Da kam ich und sah,
Da war die Zeit der Liebe gekommen!
Da breitete ich über dich den Zipfel meines Rockes
Und bedeckte deine Nacktheit!
Ich schwor dir meine Liebe
Und schloß einen Pakt der Liebe mit dir!
Spruch Jehowahs:
Du bist ganz mein, Geliebte!

Maria wurde mit der Frucht des Paradieses gespeist!


Fatima ward aus den Feigen des Gartens Eden erschaffen!

Während der Nachtfahrt in den Himmel


Ward Mohammed – Friede sei mit ihm! –
Von Gabriel an der Hand genommen
Und geführt ins Paradies!
Dort hat der Engel dem Propheten
Dattelfeigen überreicht,
Mohammed hat die Früchte gespeist,
Sie wurden in seinen Lenden zu Samen!
Als der Prophet auf die Erde zurückgekommen,
Hat er seinem Weibe beigewohnt,
Die wurde schwanger mit Fatima!
Mohammed nannte Fatima darum
Menschliche Paradiesjungfrau!
Mohammed sprach: Immer,
Wenn ich mich nach den Düften des Paradieses sehne,
Rieche ich die Düfte Fatimas, der menschlichen Haura!

Das Licht vermählt sich dem Licht.


Vormund ist Gott,
Brautwerber ist der Engel Gabriel,
Verkünder ist der Engel Michael,
Zeugen waren die Engel des Himmels und der Erde.
Da gebot der Herr dem Paradiesbaum:
Streue die Feigen aus, dir an dir schaukeln!
Da streute der Paradiesbaum Perlen aus,
Rote Rubine und grüne Chrysolithe!
Und die Huris mit den schönen Augen
Sammelten ein die Perlen des Paradieses
Und schmückten sich mit den Perlen!

Am Tage des Jüngsten Gerichts


Wird Fatima kommen
Geritten auf einem Kamel des Paradieses,
Dessen Sattel aus weißen Perlen besteht,
Dessen Beine aus grünen Smaragden bestehen,
Dessen Schwanz aus duftendem Moschus besteht,
Dessen Augen zwei roten Hyazinthen gleichen.
Über Fatima erhebt sich eine Kuppel aus Licht,
Ihr Inneres ist die Allvergebung Gottes,
Ihr Äußeres ist die Allbarmherzigkeit Gottes!
Fatima trägt eine Krone aus Licht
Mit siebzig Ecken, in jeder Ecken sind Perlen,
In jeder Ecke sind rote Hyazinthen.
Rechts und links von ihr sind zehntausend Engel.
Gabriel führt das Paradieskamel am Zügel
Und ruft: Schließt eure Augen,
Bis Fatima vorübergezogen ist!

Im Paradies wohnt Fatima in einem Palast,


Der eine mächtige Kuppel aus roten Hyazinthen hat
Und hunderttausend Tore besitzt, die aus Perlen sind,
An denen tausend Engel stehen.
Den seligen Paradiesbewohnern erscheint
Der Palast der Fatima wie der Morgenstern,
Wie der Morgenstern am östlichen Horizont des Himmels!

Fatima ist die Glänzende, Schimmernde, Funkelnde,


Fatima ist die Leuchtende, Glitzernde, Glühende,
Fatima ist die Flammende, ist die Feurige, ist die Lichte,
Fatima ist die Herrin,
Herrin der Frauen im Diesseits und Jenseits,
Fatima ist die Allbarmherzige,
Fatima ist die Jungfrau, zu der Gott gesprochen
Durch den grüßenden Engel Gabriel,
Fatima ist die jungfräuliche Jungfrau,
Fatima ist die Reine,
Fatima ist die Herrin des Paradiesbaums,
Fatima ist die Schwester Marias,
Maria von Fatima ist die größte Maria!

Gott machte Marias Scham unzugänglich,


Da blies Gott ihr seinen Geist ein!
Maria ist die menschliche Paradiesfrau,
Madonna ist die menschliche Haura des Gartens Eden!

Als Fatima geboren ward,


Stand Sarah, Abrahams Herrin, am Wiegenbett,
Miriam, die Schwester des Mose,
Und Maria, die Mutter des Propheten Jesus,
Sie standen um das Wochenbett Chadischas,
Als sie Fatima gebar.

Im Himmel umgeben Chadischa und Fatima,


Sarah und Mirjam Prophetissa
Die allerseligste Jungfrau Maria
Wie verschleierte Paradiesfrauen!

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch,


Die in Minne flammenden Dichter
Preisen Fatima als den Schöpfer!
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch,
Die in Minne flammenden Dichter
Preisen die allerseligste Jungfrau Maria
Als Mutter des Schöpfers!

Die Huris warten in dem Paradiese,


Eine Haura wartet im Paradies auf mich!
Die Huris, das sind die Frauen, in deren Augen
Das Schwarze und Weiße besonders intensiv ist!

Der ins Paradies aufgenommene Mensch


Wird Gott nah sein in dem Garten der Wonne,
Auf golddurchwirktem Ruhebett wird er liegen,
Ewigjunge Knaben spazieren umher
Mit Kelchen und Bechern
Und Gläsern frischen Quellwassers,
Er wird kein Kopfweh haben vom Wein!
Früchte wird er speisen, wie er sie wünscht,
Und Geflügelfleisch nach seinem Wunsche speisen,
Woran er nur Lust hat,
Und wird sich ergötzen an der schönblickenden
Haura mit den Mandelaugen!
Sie ist einer aufgesparten Perle gleich!

In dem paradiesischen Garten


Wartet ein weibliches Wesen,
Das schüchtern die Wimpern senkt,
Von keinem Mann und keinem Engel beschlafen,
Diese Haura ist so schön, als sei sie
Aus reinen Korallen und Hyazinthen gebildet.

Der Gottesfürchtige hat nichts als Glück zu erwarten,


Den Garten Eden und schwangere Weinberge,
Haura, gleichaltrige Freundin,
Haura mit schwellenden Brüsten
Und einem immer wieder gefüllten Becher!

Haura ist aus Safran, Moschus, Ambra und Kampfer,


Hauras Augenbrauen
Sind schwarze Linien, auf Licht gezeichnet,
Hauras Stirn ist eine aufgehende Mondsichel,
Hauras Antlitz reflektiert das Licht Gottes!
Hauras Hände sind geschmückt mit Juwelen und Edelsteinen.
Haura wohnt in einem Paradiesschloß,
Das aus einer einzigen Muschelperle gebaut ist!
Die Wonne, die ich erleben werde mit Haura,
Ist hundertmal süßer als alle irdischen Wonnen!
Nach jedem Liebesakt ist Haura
Wieder makellose Jungfrau!
Keine üble Laune durch die Menstruation befällt Haura!
Haura wird mit mir trinken den Wein des Himmels!

Die Erscheinung Mariens:


Die Haare lang und schwarz!
Die Augen dunkel und glühend!
Die Haut bräunlich getönt!
Der Körper edel und vollkommen schön!

Maria ist auffallend schön


Und wohlgestaltet,
Unerreicht an lieblichem Liebreiz!

O sie ist in Wahrheit die Schönste aller Frauen!

Sie ist die minnigliche Morgenröte,


Sie ist der lichte Morgenstern, die wahre Venus!

Durch ihre Bitten gibt sie


Den Erschlafften Kraft!

Wie in der sammelnden Spitze


Einer Pyramide
Ist in Maria die brennende Sehnsucht
Aller Auserwählten und Seligen
Auf dem Höhepunkt angelangt!

Berauscht an Marienminne bin ich,


Ich kniee vor der Madonna,
Ein Milchstrahl aus ihrer bloßen Brust
Ergießt sich über meinen Mund!

Das ist es, was du suchtest,


Um was du seufztest,
Tag und Nacht in Gebeten ersehntest!
Bist du es, der dies versprochen wurde,
Oder sollen wir auf eine andere warten?
Ja, du bist es und keine sonst!
Du bist die Verheißene,
Die Erwartete, die Ersehnte!
Warum erwartest du von einem andern Menschen,
Was dir doch selbst angeboten wird?
Warum zögerst du?
Glaube, bekenne, nimm entgegen!
Öffne, selige Jungfrau, das Herz dem Glauben,
Die Lippen dem Bekenntnis,
Den Mutterschoß dem Schöpfer!
Siehe, der Ersehnte aller Völker
Pocht an die Pforte!
Was, wenn er vorübergehen müsste
Und du aufs neue schmerzvoll suchen müsstest?
Steh auf, Geliebte, und öffne!
Eile durch Ganzhingabe,
Öffne dich dem Bekenntnis:
Ja, ich will!
Ich bin die Sklavin!
Mir geschehe nach dem Wort!

Maria verhilft selbst einer Äbtissin


Zur schmerzlosen Geburt eines Kindes.
Maria legt sich neben Ehemänner
In das eheliche Bett,
Die Präsenz der Ehefrau vorzutäuschen,
Die beim Hausfreund im Bette liegen!
Maria schützt den Geistlichen segnend,
Wenn er zu seiner Konkubine schleicht!

Die Milch, die aus ihren bloßen Brüsten spritzt,


Heilt alle Wunden, auch Herzenswunden!

Ich bin der Sklave der Madonna,


Der Ritter der Minnedame,
Der Sohn der Gottesmutter!

O Maria, dich erwähle ich


Zu meiner Mutter,
Dich will ich besitzen, dich allein,
Als meine Braut, Vollkommenschöne,
Indem ich alles Irdische verschmähe!
Alle Regungen meines Herzens
Sollen streben zu dir!
Darum erhebe dich in deiner Wohlgestalt,
Schreite selig dahin
Und herrsche über meine Sinne,
Daß sie nicht den chaotischen Leidenschaften verfallen!
Herrsche über meine Phantasie,
Daß sie erfüllt wird mit deiner Schönheit!
Herrsche über mein Herz,
Daß alle Gefühle sich neigen zu dir!
Herrsche über meinen Willen,
Damit ich eifrig deinem Reiche diene!
O Madonna meiner Seele, sei meine Braut!
Als Zeichen deines Jaworts, Maria,
Erwarte ich nicht ein Wunder, allein die Gnade,
Daß ich nicht dem Chaos der Begierde verfalle!
Als Zeichen meines Verlöbnisses werde ich
Das Medaillon der Unbefleckten Empfängnis tragen,
Daß ich allezeit, am Tag und in der Nacht,
An meine süße Braut und Geliebte denke!
Da nun unter Brautleuten alles gemeinsam ist,
Laß mich teilhaftig werden deiner himmlischen Gnaden,
Zu deren Spenderin du bist bestellt,
Ich werde mich allzeit bemühen,
Deinen Ruhm zu mehren
Und die Liebe zu dir zu entfachen!

Wenn ich es wünsche,


Entblößt Maria die schönen Brüste,
Entblößt die Jungfrau die prallen Brüste
Und bespritzt mich mit süßer Milch!

Ihre beiden Brüste


Sind das alte und das neue Testament,
Ihre bloßen Brüste
Sind die Gottesliebe und die Menschenliebe,
Ihre prallen Brüste
Sind das Mitleiden und die Mitfreude!

Die eine Brust


Flößt Kindern Milch ein,
Die andre Brust
Flößt Weisen Wein ein!

Ich darf mich getrost an ihren Busen legen


Und saugen bis zur Sättigung,
Alle reinen Kräfte stehen offen,
Sie im paradiesischen Liebesspiel in sich zu ziehen!
In ihrer ganzen Beiwohnung ist eine selige Lust!
O reine Wollust, komm
Und besuche den deinen noch öfter
Und laß es ferner an Liebesreizungen nicht mangeln!
Würdige mich deiner Geheimen Beiwohnung immerfort...

ODE AN MARIA
„Jungfrau, Mutter, Königin,
Göttin, sei uns gnädig!“
(Goethe, Faust III)

ERSTER GESANG

1
Aber dein Leib,
Maria, ohne Gewalt
Und ohne Verletzung der Scham,
Schwoll an
Vom geheimen Wort,
Der strahlenden Kraft,
Gewirkt vom Himmel,
Steigt herab der Herr,
Gott durch alle deine Glieder,
Gott gibt sich dir ganz hin
Und mischt sich deinem Schoß,
Dein Schoß, von Gott berührt,
Erschauert und all dein Innres.

Maria steht im milden Licht


Und dreht sich nach links,
Über ihr ein Zelt, mit Pelzen gefüttert,
Zwei Engel öffnen eben das Zelt.
Marias einfaches blaues Kleid
Mit enganliegendem Oberteil
Und rauschendem Rock
Ist zu eng der schwangeren Frau.
Darum hat sie unter den Brüsten
Das Kleid geöffnet,
So dass das weiße Unterhemd zu sehen ist.
In die schwarzen Zöpfe hat sie rote Bänder geflochten
Und die Haarflut kunstvoll auf dem Haupt frisiert.
Unter schweren Augenlidern
Der Blick schaut in das Nichts,
Maria ist in Gedanken versunken.
Die schlanken Finger ihrer schmalen Hand
Liegen leicht auf dem Leib,
Dessen weibliche Rundung betont.
Die Aureole offenbart,
Daß die Schwangere nicht von dieser Welt ist.

Maria, Jesu Mutter,


War verlobt mit Josef.
Noch bevor sie zusammengekommen war,
Zeigte sich, dass sie schwanger war
Durch das Wirken des Geistes.
Josef, ihr Mann, war ein Gerechter,
Er beschloß, sich in aller Stille von ihr zu trennen.
Aber ein Engel im Traum
Zerstreute Josefs Bedenken und sprach:
Josef, du Sohn Davids,
Fürchte dich nicht,
Maria, deine Verlobte, zur Frau zu nehmen!
So zog Josef aus Galiläa hinauf
Nach Judäa in die Davidsstadt Bethlehem,
Weil er vom Stamme Davids war,
Mit Maria, seiner schwangeren Frau.
2

O schwangere Mutter Gottes,


Ich lobe deinen heiligen Leib,
Der neun Monde lang so heilige Frucht getragen!

Maria,
Du bist das Paradies des Lebensbaumes,
Du bist die fruchtbare Erde, die Gott beackert,
Die bist das goldene Faß, darin Gott den Wein gelagert,
Den Mischwein der Gottheit und Menschheit,
Du bist der goldene Schrein der Dreifaltigkeit,
Du bist das goldene Haus, das der Vater gestaltet hat,
Du bist der offene Himmel, in dem die göttliche Sonne wohnt,
Du bist die Pforte, durch die der Gottmensch ging,
Du bist die goldene Arche, in der das Manna lag,
Du bist der Tempel Salomos, da der heilige Vater wohnt.

Offenbarung:
Unsre Liebe Frau Maria
Tritt zu ihrem Sohne Jesus und spricht:
O Herr, ich mahne dich bei der Liebe,
Mit der du neun Monde lang gelegen
Unter meinem makellosen Mutterherzen,
Daß du diesem Menschen, der mir vertraut,
Deine Barmherzigkeit schenkst!

Öffne dem Worte Gottes dein Ohr,


Um zu hören Gottes Wort.
Es ist der Weg der Empfängnis des Geistes
Im Schoß des Herzens,
Daß die Glieder Christi, seine Tugenden,
Sich im Leib der schwangeren Mutter formen,
Nämlich in deinem Herzen.
Eheloser Christ um des Himmelreiches willen,
Du bist Mutter eines so glorreichen Kindes,
So trage selbst auch Sorge um dich selber,
Bis Christus in dir Gestaltung annimmt.
Trage Sorge und achte auf dich selber,
Daß kein harter Schlag von außen
Die zarte Leibesfrucht in dir verletzt,
Hab acht, dass nichts in den Leib dir dringt,
Der deine Seele ist,
Was den Geist dir verletzt,
Den Geist, den du im Schoß der Seele empfangen.
Trage Sorge um dich selber, Mutter,
Und wenn du dich schon nicht um dich selber sorgen willst,
So sorge dich doch um den Sohn in dir!
Bewahre dich nicht allein vor allem bösen Wort und Werk,
Bewahre dich auch vor aller Nichtigkeit
Und Eitelkeit der Welt,
Die den Samen Gottes in dir ersticken wollen.
Bewahre dein Herz,
Denn von deinem Herzen geht das Leben aus,
Bewahre dein Herz,
Bis die Leibesfrucht zur Reife gelangt
Und das in dir verborgene Leben Christi
In deinem sterblichen Leib Gestaltung annimmt.
Du hast empfangen den heiligen Geist,
Nun musst du gebären,
Aber du hast noch nicht geboren.
Sind auch schwere Wehen im Gebären,
So ist doch große Hoffnung
Auf die Freude nach der Entbindung,
Denn wenn die Frau gebären soll,
So leidet sie schmerzliche Wehen,
Aber wenn das Kind geboren ist,
So ist sie in der Freude
Über das neugeborene Kind,
Das Christuskind,
Geboren in die Welt des Fleisches,
Den Mikrokosmos.
Denn der jetzt von dir empfangen ist, der Herr,
Im liebenden Geist in deiner Seele,
Der wird als Mensch in deinem Leib geboren,
Dann wird dein Leib verklärt
Von seinem verklärten Leib,
Wird wandeln von Klarheit zu Klarheit
Und leben mit Gott in der Glorie
Ewigkeiten Ewigkeiten!

Darum sollst du leben wie Maria,


Die das göttliche Kind getragen,
Geboren, gesäugt, gekost.
Und deine Liebesverschmelzung als liebende Jungfrau
Mit dem göttlichen Sohn in deinem Schoß
Ist die intimste Liebesvereinigung,
Dafür dem glühendsten Liebhaber selbst
Die Feuersprache fehlt.

Du bist eine Mutter,


Wenn du Christus im Herzen trägst,
Wenn du Christus in deinem Körper trägst,
Indem du Jesus liebst
Und dein Gewissen rein bewahrst.
Du gebärst ihn aber in die Welt
Durch deine Werke der Liebe.

Du, Christ, du glaube,


Daß Gottes und Marien Sohn
Auch dein Sohn jetzt sei!
Der Christus muß von dir geboren werden.
Damit die Gottesgeburt dir frommt,
Mußt du das heilige Beispiel der Jungfrau
Als Bild in deinem Herzen empfangen
Und dein Herz dem Herzen Mariens gleichgestalten.
Es ist kein anderer Weg
Zur Gottesgeburt in der Seele,
Als dass du Maria gleichst.
Dies Große Zeichen der Mutter Gottes
Muß allezeit in deinem Herzen erneuert werden.
Auch annehmen musst du dich des göttlichen Kindes,
Wie die allerseligste Jungfrau tat,
Die Gott empfangen und Gott geboren,
Und sollst das Christuskind dein eigen nennen,
Dein Kind allein und einziges Kind.
Wer aber das Kind nicht annimmt
Und aufzieht mit mütterlicher Liebe,
Dem ist die Gottesgeburt umsonst geschehen.
Wer aber dem Kind der Jungfrau
Mit Liebesgefühlen und reinster Lust
In seinem Herzen eine Wiege bereitet,
Der wird in seinem Herzen solche Süßigkeit
Und Freude haben und unerschrocken sein
Und getrost sein und Frieden haben.

Gott unter Verschleierung


Der göttlichen Majestät
Verließ den himmlischen Thron,
Iim Tempel Wohnung zu nehmen,
Dem Schoß der Jungfrau.
Im Verborgenen tritt die Gottheit ein,
Als Menschenkind geboren zu werden.
Gott behält das göttliche Wesen
Und wird ein menschliches Wesen.
Mit menschlichem Fleisch und Blute
Bildet sich Gott zu einem Menschenkind.
Der Leib Mariens wölbt sich stolz,
Doch nicht infolge sexueller Einigung,
Infolge des Glaubens allein,
Nicht durch den Samen des Mannes,
Sondern durch das Wort.
Neun Monde währende Mühen kennt sie nicht,
Weil sie die schöpferische Gottheit in sich aufgenommen.
Sie gebiert nicht unter schmerzlichen Wehen,
Sondern mit Lust und Jubel!
Dreimal wunderbare Frau und Mutter des göttlichen Wunders!
Jauchzend bringst du ein Kind zur Welt,
Ein Kind, das älter als der Kosmos.
Die junge Wöchnerin ist nicht ermattet,
Das Kind kommt nicht weinend zur Welt.
Die Mutter liegt nicht erschöpft im Kindbett,
Das Kind ist nicht beschmutzt.
Nicht reinigen muß sich die Mutter
Und das Kind muß nicht gebadet werden,
Da das Kind gekommen,
Allen Schmutz und alle Unreinheit von uns zu nehmen,
Den Schmutz und die Unreinheit in uns!
Auch ist ganz unverletzt der Mutterschoß.
Es ward nicht verletzt, die das Heil geboren!
O Geheimnis der Geheimnisse,
Pforte des Ewigweiblichen,
Schoß der Mysterien,
O die Gottesgeburt
Im Schoß der immerwährenden Jungfrau
Mit dem auf geheimnisvolle Weise intakten Hymen.

Als die Stunde der Geburt gekommen,


Erhob sich die Jungfrau
Und lehnte sich an einen Pfeiler.
Josef legte Heu der Herrin zu Füßen
Und wandte sich ab.
Da ging das göttliche Kind hervor
Aus dem gesegneten Schoß der Jungfrau Mutter
Ohne Schmerzen
Und ohne Verletzung des Hymens.
Wie das göttliche Kind
In ihrem Schoß gewesen war,
So lag es nun vor ihr im Heu
Zu ihren Füßen.
Die Mutter beugte sich liebevoll nieder
Und hob das Kindlein auf,
Umarmte zärtlich das Kind
Und legt es auf ihren Schoß.
Dann wickelt sie das Kind
In ihren Schleier
Und legt es in die Krippe.
Die Tiere wärmten das Kind.
Maria betet das göttliche Ur-Kind an
Und dankte Gott:
Ich danke dir, Adonaj,
Mein Vater und meine Mutter,
Daß du mir das göttliche Kind geschenkt!
Ich bete dich an, Ewige Gottheit,
Und dich, der Lebendigen Gottheit Kind,
Mein Kind!
So setzte sich Unsere Liebe Frau
Und schaute auf das Kind in der Krippe,
Versunken in die Betrachtung
Des göttlichen Kindes, das sie liebte!

Nun grüßen wir dich, Maria!


Nun grüßen wir auch den gerechten Josef!
Nun will ich küssen im Geist das Jesuskind,
Küssen dem Jesuskindlein die Füßchen!
Nun bitt ich dich, geliebte Mutter,
Reiche mir dein Kind!
Ich nehm dich in die Arme, geliebtes Kind,
Ich drück dich an mein Herz, geliebtes Kind,
Ich schau dir in die Augen, geliebtes Kind!
Ich küsse dich mit Ehrfurcht,
Erfüllt von tiefem Vertrauen in deine herzliche Liebe!
Ich darf dich küssen, o göttliches Kind,
Du bist ja auf die Welt gekommen,
Sünder selig zu machen!
Darum wirst du es mir in deiner Liebe gern erlauben,
Dich nach Herzenslust zu berühren,
Darin wirst du keinen Stolz sehn, sondern Liebe,
Liebe des Sünders zum göttlichen Kind!

Marias schwangerer Leib


Ward nach der Geburt des Kindes
Wieder der graziöse Körper der schlanken Jungfrau!
Zarte Jungfrau,
Du bist von wunderbarer Schönheit!

Dem Kinde war kalt,


Da legte Maria das Kind an ihre Brust
Und wärmte das Kind.
Als aber die Hirten kamen,
Wollten sie wissen,
Ob das göttliche Kind
Ein Sohn sei, oder eine Tochter?
Da zeigte Maria den Hirten
Die Natur und das Geschlecht des Kindes.

O Madonna, du beugtest deinen schlanken Hals


Und ließest deine schwarze lange Haarflut
Über das Kindlein wallen.
Das Kindlein streckte das Händchen aus
Und nahm deine pralle Brust
Und saugte mit dem Munde
Die Muttermilch des Trostes, der Liebe und Weisheit,
Die süßer ist als Honigmilch
Und besser nährt als Manna – Was ist das?...

Die Ewige Weisheit,


Vor der sich die Engel scheu verhüllen –
Die allerheiligste Jungfrau schaute das Antlitz
Des göttlichen Kindes in tiefstem Vertrauen
Und innigster Liebe
Und sagte: O mein geliebtes Kind!
Der Kleine Gott
Sprach zu Maria: Meine geliebte Mutter!
4

Ich sah die Madonna im Bett,


Im Kindsbett, sie stillte das Kind.
Ich sah ein schönes Bett,
Mit schönem Schmuck verziert.
Da lag die Gebärerin Gottes
Und glänzte von solcher Schönheit,
Ihr Antlitz glänzte von solcher Klarheit,
Ihr weißes Kleid von solcher Reinheit,
Daß von dem Glanz, der von ihr ausging,
Das ganze Zimmer durchflutet war.
Der Kleine Jesus lag an ihrem Schoß
Und barg sich an den Brüsten
Und sie liebkoste das Kind.

O die Muttergottes
Reichte mir ihr Kind,
Das ich’s an meinem Herzen trage,
Da wollt ich stillen das Kindlein,
Stillen das Jesuskind
Mit meinem Mannesbusen!

Im Kindbett meines Herzens


Ruhe das Christuskind.
Das Bett meines Herzens ist der Ort,
Da Gottheit und Menschheit sich begegnen.
Wie Maria, die nach der Gottesgeburt im Bett
Den Kleinen Jesus liebkoste,
Liegt auch meine marianische Seele
Mit dem Kleinen Jesus im Bett meines Herzens
Und Jesus ruht in meinen Armen.
Selig ist der Mensch, der dem süßen Jesus
In seinem Herzen ein Kindsbett bereitet!

Siehe, der Schoß Mariens


Ist das blühende Bette Salomonis,
Das allein für Gott bereitet war,
Damit er darin ruhen könne.
Maria ist ein schönes gemütliches Bett,
Maria ist ein Brautbett,
Das Gott geschmückt,
Um sich im Brautbett der Madonna
Mit der Menschennatur zu vermählen!
Der Schoß der Jungfrau ist das Brautbett,
Der Ort der heiligen Ehe,
Da sich die göttliche Weisheit dem Menschen vermählt.

5
Narren brüllen vor Lachen,
Aber die weise Madonna
Lächelt nur leise und lieblich,
Ihr Lächeln ist von entzückendem Liebreiz!
Ihr Lächeln ist zauberhaft
Und unaussprechlich charmant!

Die Pflege des Jesuskindes


Löste bei Maria Wogen
Unaussprechlicher Wonnen aus.
Beim Stillen des göttlichen Kindes
Empfand sie unglaubliche Süßigkeit:
Das glaubst du nicht, so süß ist das!

Auch Josef, der Gerechte, der Zaddik,


Hielt das Jesuskind auf dem Schoß
Und lachte mit dem göttlichen Kinde
Und spielte mit dem göttlichen Kinde!

O Maria, meines Herzens Trost und Freude,


Jungfrau Mutter, du liebtest dein Kind
Mit einem Austausch von Zärtlichkeiten
Und Gefühlen trunkener Freuden!

Ich sah die vierundzwanzig Alten


Und den weißen Thron der Ewigen Gottheit!
Ich sah Maria und das Jesuskind,
Sie waren ausgesprochen herzlich
Und heiter miteinander!
Denn nach der Gottesgeburt
Maria hat ihren lieben Sohn
In ihre fraulichen Armen genommen
Und ihn mütterlich umarmt
Und das mit fröhlichster Wonne! Halleluja!

Frau Armut weihte ich mich


Wie einst der große Troubadour Gottes,
Da erschien mir Maria.
Mein leiblicher Vater hatte mich versucht
Und wollte mich abwenden von dem Wege Gottes
Und mich führen auf den Weg der Welt,
Die breite Straße der Verdammnis!
Aber ich widerstand der Versuchung durch meinen Vater
Durch den Beistand der Heiligen Schrift!
Und da belohnte mich die allerseligste Jungfrau
In der Nacht mit ihrer Liebe!
Ich lag wie in der Kirche vor dem Altare
Flach auf dem Boden,
Daß meine Nase den Boden berührte,
Und betete an den Gott der Schönheit!
Da rief mich die allerseligste Jungfrau
Mit ihrer zärtlichen Mutterstimme,
Ihrem fraulichen Liebesflüstern!
Da erhob ich mein Antlitz
Und sah die himmlische Jungfrau,
Den Spiegel der göttlichen Schönheit,
Sie hielt ihr nacktes Kind in den Armen
Und reichte mir das Christuskindlein mit den Worten:
Komm ruhig nah und herze mein Kindlein,
Den du heute vor den Menschen bekannt hast.
Da scheute ich mich vor der keuschen Jungfrau
Und dem allerheiligsten Gott,
Da öffnete Jesus seine Arme weit wie zum Willkomm
Und lachte mich erwartungsvoll an.
Und im Vertrauen in die Reinheit der Freude
Und Heiterkeit der Liebe des Kindes
Und im Vertrauen auf die Liebe der Jungfrau
Und Süßigkeit der Brüste der Muttergottes
Trat ich zum Christuskind,
Umarmte ihn und streichelte ihm das Haar.
Die himmlische Mutter
Und allerlieblichste Jungfrau überließ mir
Das Christuskind für eine ganze Nacht
Und einen langen Morgen!

Da war mir so froh und fröhlich,


Ich war wie ein König so selig,
Daß ich tanzen wollte und jauchzen
Vor dem Bilde Mariens,
Dem Spiegel der göttlichen Schönheit!

Schau, wie Maria am Kreuz


Geduldet und gelitten!
Schau die Gefühle
Einer Mutter voll Mitleid!
Das ist deine Mutter,
Mater Dolorosa!

Maria vergießt am Kreuze Tränen,


Tränenströme aus den Sternen ihrer Augen!
Oh dass meine Augäpfel Quellen wären
Und Tränenströme sich ergössen!

Durch das tiefempfundene Mitleid


Mit dem gekreuzigten Sohne
Ist sie mitgekreuzigt worden.
Was Lanze und Nägel im Fleisch des Sohnes getan,
Tat in der Seele Marias das Mitleid
Und die Angst der liebenden Mutter.
Die mütterliche Liebe Mariens
Hat sehr viel zur Versöhnung beigetragen,
Durch ihr unüberbietbares Mitleid
Hat Maria an der Erlösung mitgewirkt.

Der Sohn nahm Abschied von der Mutter Maria.


Maria wollte das Haus des Hohenpriesters betreten,
Aber es wurde ihr verweigert.
Sie stand vor der Tür und weinte,
Als sie die bösen Lügner hörten,
Die ihren Sohn verklagten.
Das Gericht vor dem Gouverneur hat sie miterlebt
Und sah dann aus der Ferne ihren Sohn
Gebunden von einem Heiden und Menschenmörder.
Sie hörte und sah das Todesurteil
Und hörte, wie die Leute sich statt des Sohnes Mariens
Einen Räuber und Mörder erbaten,
Aber den Sohn Mariens wollten sie nicht haben:
Was sollen wir noch mit dem?
Das brach Maria das Herz,
Durchbohrte ihre Seele!

Als die Mutter Maria sieht,


Wie ihr geliebter Sohn auf das Kreuz gelegt wird,
Sinkt sie in Ohnmacht vor Mitleid.
Wie tot liegt sie eine Weile am Boden,
Die Körperwärme ist ihr entwichen.
Magdalena und Johanna und Susanna
Weinen um den Sohn und um Maria,
Um den Sohn, der ans Kreuz geheftet wird,
Und um die Mutter, die Todesschmerzen
Aus Mitleid leidet und fast erstirbt!
Da kehren Maria die Sinne wieder
Und sie erhebt sich.
Da hört sie die Hammerschläge,
Da ihr Sohn ans Kreuz genagelt wird,
Da weint sie in bitterem Jammer,
Da schrie sie laut vor Schmerzen.
Dann schlug sie sich an die Brüste,
Raufte sich die langen schwarzen Haare,
Raing in namenlosem Schmerz die Hände,
Zerkratzte sich ihr heiliges Antlitz,
Stürzte in den Staub, erhob sich,
Streckte schreiend die Arme nach dem Sohn aus!
Beim scharfen Schnitt der Lanze
Ist ein Schwert durch sie gegangen,
Da der Speer ihrem Kinde das Herz durchbohrte.

Maria wollte zumindest die Füße


Ihres Sohnes am Kreuz umfassen,
Aber er hing zu hoch am Kreuzesstamme.
Da umklammerte sie mit den Armen
Den Kreuzesstamm und trank das Blut des Sohnes!
Sie küsste das Blut des Sohnes
Und weinte selber blutige Tränen,
Es mischte sich das Blut des Sohnes
Mit den blutigen Tränen der Mutter
Zu einem Wein der Erlösung!
Das Blut des Sohnes färbte das weiße Kleid Mariens
Zu einem roten Kleid der Marterzeugin!

Dann hielt Maria den toten Sohn


Auf ihrem Schoß, in ihren Armen.
Maria hielt den Körper des toten Sohnes
Umschlungen wie mit eisernen Ketten
Und wollte ihn nicht lassen zum Begräbnis.

Nach dem Begräbnis des Sohnes


Nahm Johannes Maria ganz bei sich auf.
Sie besuchte immer wieder
Die Leidensstätten ihres Sohnes
Und dachte an die Passion des Sohnes
Und ihr eigenes Mitleid.
Im Haus des Johannes fand sie die Ruhe
Zur mystischen Betrachtung
Der Schmerzen des Sohnes
Und der Schmerzen der Mutter.

Da sprach sie in großen Schmerzen


Zum Erzengel Gabriel dies:
O Gabriel,
Du hast mir große Freude verkündet
An meinem Kind,
Du hättest mir auch verkünden sollen
Die großen Schmerzen,
Die ich seinetwegen gelitten.
Du sagtest: Ohne Schmerzen sollst du gebären,
Aber sag mir, ob du je eine Mutter gesehen,
Die schwerere Schmerzen leiden musste?
O lieber Engel, schau,
Du sagtest: Du bist voller Gnaden,
Aber wie ist dies, in der Gnade zu leben,
Warum bin ich dann in solchen schrecklichen Schmerzen,
Solchem bitterem Jammer
Und solcher dunklen Nacht der Trübsal?
O mein Engel,
Du sprachst: Der Herr ist mit dir,
Doch ist er mir nun so fern,
Daß ich nur aufschreien kann:
Mein Gott, mein Gott, was hast du mich verlassen!
O lieber Gabriel, du sagtest:
Du bist mehr gesegnet als alle Frauen,
So sag ich aber aus meinem betrübten Herzen
Und aus der undurchdringlichen Finsternis
Des Jammers und meiner bitteren Trübsal:
Sahest du je eine Seele, die verfluchter war als ich?

Marias Brüste
Sind weißer als Milch und Lilien,
Ihr Duft ist süßer
Als Blumen und Balsam!
O Maria, deine Brüste
Sind besser als Wein!
Schau, die Gestalt deines Busens
Erinnert an die Gazelle,
Die in den Lilien weidet,
Zwei Kitze der Gazelle,
Zwillingskitze deine Brüste!
Wie eine Palme ist dein schlanker hoher Wuchs,
Und deine Brüste sind wie Trauben!
Trauben am Weinstock sind mir deine Brüste!
Maria redet: Meine Brüste
Gleichen Rundtürmen einer Mauer!
Mein Geliebter ruht gebettet
Wie ein Beutel mit Myrrhe
Zwischen meinen Brüsten!

Diese geistliche Kunst der Liebe


Lehrt am Beispiel der Brüste Mariens
Die Weisheit und die Liebe!
Milchspendende Brüste Mariens
Sind Quellen des Heils,
Sie sind das Verheißene Land,
Wo Milch und Honig überströmen!

Der Christ ist ein Kind,


Dem Milch gespendet wird,
Der Christ sei begierig
Nach der reinen vernünftigen Milch
Des unverfälschten Glaubens.
Kommt, trinkt an den Brüsten Mariens,
Trinkt an der Quelle des Heils,
Bei Maria ist die Quelle des Lebens,
Mariens Brüste sind die Quellen
Der geistigen, unverfälschten Milch.
Aus den Brüsten Mariens
Süßigkeit zu saugen, süßer als Honig,
Bin ich jetzt mit Eifer geeilt!

Milchspendende Brüste Gottes!

Der Herr spricht: Ich,


Ich habe die Glieder meiner Gläubigen hergestellt
Und meine eignen Brüste für sie bereitet,
Daß sie trinken meine heilige Milch,
Auf dass sie ewig leben!

Gottes Milch aus Gottes Brüsten erlöst!

Darum spricht der Christ:


Der Becher mit Milch ward mir gereicht,
Ich habe die Milch getrunken
In der Süßigkeit Gottes.
Der Sohn ist der Becher,
Der Vater wurde gemolken,
Der Geist hat gemolken.
Denn Gottes Brüste waren prall von Milch,
Er wollte die Milch nicht unnütz verspritzen,
Da hat den Busen Gottes der Geist geöffnet
Und die Milch gemolken
Und sie mit dem süßen Honig der Liebe gemischt
Und hat den Menschen und der ganzen Welt
Die süße Honigmilch des liebenden Vaters geschenkt,
Obwohl sie’s nicht wussten,
Aber die getrunken haben
Die Milch der Brüste Gottes,
Das sind die Gerechten.

Die Brüste Christi


Sind die Süße der Freudenbotschaft,
Speise für die Kinder Gottes.
Sauge nicht so sehr an den Wunden Jesu,
Sauge mehr an den Brüsten Christi!

Christus ist die Muttermilch


Der ewigen Gnade.
Mit der Muttermilch erleuchtet Christus
Unsre Augen wie eine Mutter,
Die dem Kinde, wenn die Augen schmerzen,
Muttermilch in die Augen tröpfelt.
Mit den beiden Brüsten
Seiner Gnade und seiner Barmherzigkeit
Hat Christus unsern Schmerz geheilt!

Zwei Brüste hat Christus,


Eine Brust seiner Menschheit
Und eine Brust seiner Gottheit.
Der Mensch, der Gemeinschaft mit Jesus sucht,
Den wendet Christus von einer Brust zur andern,
Begehrt der Mensch die Milch,
Legt Christus den Menschen an die Brust seiner Menschheit,
Begehrt der Mensch den Wein,
Legt Christus den Menschen an die Brust seiner Gottheit,
Seiner berauschenden Gottheit!
9

Ich sah, wie schön


Stand Unsre Liebe Frau
Zur linken Hand der Ewigen Gottheit,
Unverhüllt an ihrer Natur,
Ich sah, wie ihr jungfräulicher Leib
Geformt war in dem Licht ihrer Seele
Und wie die lustvollen Brüste
Unverborgen waren
Und voll der süßen Milch,
Daß die Tropfen fließen
Der Ewigen Gottheit zur Ehre
Und den Menschen zu Liebe,
So dass der Mensch über alle Schöpfung vollkommen ist.

Maria spricht: Da ich


Die Mutter war manches elenden Kindes,
Da wurden meine Brüste so voll,
So prall an Milch,
An süßer Muttermilch der Barmherzigkeit,
So dass ich säugte die Propheten
Und die Weisen
Und meinen Sohn Jesus
Und Gottes Braut, die ganze heilige Kirche!

O Liebe Frau,
Du musst uns säugen,
Denn deine Brüste sind noch so prall und voll,
Daß du nicht innehalten kannst.
Ja, wolltest du mich nicht säugen und stillen,
So täten dir die Brüste weh,
Denn wahrlich, ich sah, und siehe,
Deine Brüste waren so prall und voll,
Daß sieben Strahlen sich ergossen aus einer deiner Brüste
Über meinen Körper und meine Seele.
In der Stunde nahmst du mir die Arbeit,
Die kein Gottesfreund ohne Herzensqualen tragen kann.
So sollst du mich säugen und stillen
Bis an den Jüngsten Tag!
Dann sollst du sehen,
Wie Gottes Kind und deins
Gereift ist in den vollkommenen Leib.
Ah, dann will ich bekennen in unzählbaren Liedern
Die wonnereichen Brüste,
Die Jesus so dick geküsst!

Maria betet: Herr,


Erbarme dich über den armen elenden Sünder
Und gedenke, wie du meine Brüste gesogen
Und vergib dem Sünder durch meine Milch!

Ich bekenne, dass ich nicht nur einmal,


Sondern oft von den Brüsten Mariens
Gesäugt und gestillt bin worden
Und dass sie mir mit der Milch ihrer Brüste
Süßen Trost für alle Seelenwunden
Und himmlische Weisheit eingegossen
Und mein Mund ward voll des süßen Lobgesanges.
Denn Maria sprach zu mir: Nimm hin
Mein Kind, den Kleinen Jesus!
Dann ließ Maria einige Tropfen
Ihrer süßen Milch aus den Brüsten tropfen
Auf meine Lippen,
So dass ich ein süßer Troubadour Unsrer Frauen ward!

Als ich ein Kind war, sah ich,


Und siehe, ich sah, das Jesuskind
Trank an der Brust Marias,
Da rief Maria mir liebevoll zu:
Nun komm, mein Kind, und trinke,
Trinke gleich meinem Kind aus meinen Brüsten,
So wirst du ein Meister der frommen Kunst!
Da nahm das Jesuskind
Die Brust Mariens aus dem Munde
Und gab sie mir, die süße Brust,
Ich trank die Milch der Weisheit.
Dann nahm das Jesuskindlein wieder die Brust
Und ich verstand die Offenbarung
Der Weisheit der heiligen Schrift.

Auch weiß ich wohl, nicht weit von der Grotte,


Wo Christus geboren,
Im Süden Bethlehems ist ein Ort,
Ist eine Grotte, da singt man Gott.
Die Grotte heißt
Der allerseligsten Jungfrau Grotte.
Darin war die Mutter oft mit Jesus verborgen,
Da begab es sich, dass Maria
Aus Überfluß der Milch in ihren prallen Brüsten
Tropfen auf die Erde fallen ließ,
Davon die Erde die Kraft empfangen,
Wunder zu tun durch die Milch Mariens.
Daher stammt die Milch Mariens,
Die als Reliquie voll der Wunderwirkung
Auf den Altären gespendet wird...
Über der Höhle der Milch Mariens
Ist eine kleine Kapelle gebaut,
Ein Kloster der klugen Jungfraun,
Von der heiligen Paula ward es errichtet.
Dorther stammt die wunderbare
Muttermilch Mariens.
Die Muttermilch Mariens aber
Gleicht dem Blute Christi vom Kreuz.
Am Kreuze standen offen beide,
Die Wunden Jesu und die Brüste Mariens.
Die Wunden sich ergossen,
Die Brüste überflossen,
So ward meine Seele lebendig!

Der alte heilige Augustinus


Frug sich noch, aus welcher Quelle
Er sein Heil soll saugen,
Den Wunden Jesu oder den Brüsten Mariens?
Ein Blutstrahl aus der Seitenwunde Christi
Spritzte ihm ins Gesicht,
Die Milch aus den Brüsten Mariens
Ergoss sich über sein Haupt.

O du zu fürchtender Heiliger Vater!


In deiner barmherzigen Milde und Süße
Gleichst du einer barmherzigen Mutter,
Einer schönen göttlichen Frau
Mit offen entblößten Brüsten!
Die Gottheit des Himmels ist nicht ferne,
Sondern nah wie eine Mutter ihrem Säugling.

In der Ewigkeit vor der Schöpfung


Sog das göttliche Kind, die Weisheit,
An den Brüsten der Barmherzigkeit
Und war in Ewigkeit geborgen
Im barmherzigen Mutterschoß Gottes,
Und du, geliebte Seele,
Sei selig in der Umarmung der göttlichen Liebe!

ZWEITER GESANG

Ich sah die heilige Jungfrau,


Eine junge schlanke Frau
Von unaussprechlicher Schönheit,
Eine reine Lichtgestalt,
Das Kleid und die Augen von himmlischer Bläue,
Die Füße bedeckt vom weißen Saum des Gewandes,
Um die Hüften trug sie einen Gürtel,
Ein weißer Mantel umgab ihre ganze Gestalt,
Von einer goldnen Spange zusammengehalten.
Ein leuchtend weißer Schleier bedeckte die Haare
Und wehte im Himmel wie fließendes Licht.

Möge die Frau aller Völker,


Die einst Maria hieß,
Meine Adcocatin sein,
Meine Erlöserin!

Sie lehrte mich


Die Ewige Weisheit,
Sie lehrte mich
Das Geheimnis der Ganzhingabe an Maria,
Sie lehrte mich
Das Leben der Jungfrau zu schauen.

Maria lehrt geistliche Lieder,


Psalmen, Hymnen und spirituelle Oden,
Sie entfaltet ihren blauen Mantel
Über das ganze Universums,
Sie führt die Hand beim Schreiben,
Sie lehrt Gebete und Gedichte,
Sie lässt sich leibhaftig schauen
In der Television!

Drei Tage nach ihrem Tode,


Am Tage ihrer leiblichen Aufnahme in den Himmel,
Erscheint Maria den Aposteln
In strahlendem Lichtglanz und sagt:
Ich werde immer, immer bei euch bleiben!

Dem Schüler erscheint Maria


Mit dem Evangelisten Johannes
Und gibt Erklärungen zu Glaubensfragen.
Der heilige Ritter sprach mit Maria
Und sie sprach mit ihm
Wie eine Königin mit ihrem höfischen Diener
Und wie eine Mutter mit ihrem geliebten Sohn.
7

Maria erschien dem Knaben


Eines ungläubigen Vaters,
Der Vater wollte den Sohn verbrennen,
Aber Maria rettete ihren Schützling
Vor der Grausamkeit des Vaters,
Sie nahm den Sohn in der Taufe
Als ihren eigenen Sohn an.

Maria erscheint mit dem göttlichen Kind,


Sie hält eine Birne in der Hand,
Das Kind hält einen Apfel in der Hand.
Maria trägt ein goldenes Kleid
Mit eingestickten Blumen,
Darüber einen Purpurmantel
Mit goldenen Lilien,
Auf dem Haupt trägt sie im Haar
Einen Kranz von roten Rosen.

Maria spricht:
Bleib treu,
Bleib treu auf dem Weg,
Den du bis hierher gegangen,
Das ewige Heil wird dir dann gewiß sein.

10

Maria erscheint einem Bettler um Liebe


In der Nähe von Herford
Im Walde in weißer Lichtgestalt
Als heilige Maria vom Walde.
Zum Zeichen ihrer Erscheinung
Schwebte über dem Holzkreuz
Eine weiße Turteltaube
Mit rauschendem Flug im Winde.

11

Maria erscheint einer schwangeren Mutter


Im Traum und spricht im Traum zur Mutter
Und legte der Mutter einen goldenen Ring in die Hand
Und sprach: O meine Liebe,
Der Sohn, den du im Schoße trägst,
Soll einst mein Bräutigam sein!

12

Ein Gottgeweihter
Machte keine Fortschritte in dem Studium,
Dem Studium der göttlichen Weisheit.
Er wandte sich um Hilfe an Maria.
Maria erschien ihm
Und unterwies ihn spirituell:
Er soll in aller Demut
Die Gabe der Weisheit Gott weihen
Und alles zur Ehre Gottes allein tun.
Der Gottgeweihte entfaltete eine tiefe Frömmigkeit
Und tiefe mystische Weisheit
Und war erstaunlich belesen
Und bewandert in den Kirchenlehrern.

13

Ein Mönch zog die Armut


Dem väterlichen Reichtum vor
Und machte eine Wallfahrt
Und lebte schließlich einsam
Auf dem Monte Virgine.
Dort gab es schon in alten Zeiten
Einen Kultort der Magna Mater,
Der großen Mutter Cybele.
Im Gebet erging an den Eremiten das Gebot,
Den Ort, wo einst der Magna Mater gedient ward,
Zum Marienheiligtum umzugestalten,
Um so der wahren Mutter zu dienen.

14

Ein kleiner Knabe von einem Jahr,


Der bisher noch nicht gesprochen hatte,
Sprach plötzlich von einer wunderschönen Dame,
So unaussprechlich und unglaublich schön,
Die für seine Mutter aber nicht sichtbar war.
Der Onkel schloß darauf, dass das Kind
Die Dame Maria geschaut
Und wunderbar davon gezeugt.

15

Wenn du im Strudel des Lebens


Von Wind und Wetter umgewirbelt wirst
Und bodenlos unter dir der Abgrund klafft
Und du willst, dass dich die Brandung nicht verschlingt,
Dann schau auf den leuchtenden Meeresstern!
Toben Feuerstürme der Versuchung in dir
Und wirst du in das Meer der Trübsal geworfen,
Dann schau nach dem Meeresstern
Und rufe Maria, Maria, Maria!
In Zweifeln, in Angst, in Gefahren
Denk an Maria, rufe Maria!
Ihr Name sei immer in deinem Herzen,
Dein Herz sage allezeit: Freue dich, Maria!
Denkst du an sie, dann wirst du nicht irren,
Wenn sie dich beschützt,
Dann brauchst du keine Angst zu haben.
Denn Maria ist dein Schutz!

16

Einer verehrte schon als Kind


Das junge Mädchen, die junge Mutter Maria.
Einmal schenkte er dem Mädchen Maria
Einen köstlichen Apfel,
Den Maria aus seinen Händen empfing.
Mit zwölf Jahren kam er in die christliche Schulung
In Friesland.
Der Höhepunkt seines Lebens
War die mystische Vermählung mit Maria,
Wobei er zu seinem Taufnahmen
Noch den Namen Josef erhielt.
Drauf sang er süße Hymnen an Maria,
Die Königin der Minne.
In der Nacht sprach er sein Gebet,
Als er die Jungfrau Maria schaute
In unglaublicher Schönheit!
Sie war in ein strahlendes Kleid gekleidet
Und zwei kleine Engel waren zu ihren Füßen
Und sprachen einer zum andern:
Wen sollen wir der Jungfrau vermählen?
Sprach der andre Engel, wie ein Zwilling des ersten:
Wen anders als diesen Bruder dort?
Dabei wies der Engel
Auf den betenden Mann
Und nahm dessen Hand
Und legte des Mannes Hand in Marias Hand
Und sprach: Die Jungfrau ist deine Braut,
Wie sie mit Josef verlobt war.
So sollst du mit der Braut
Auch den Namen des Bräutigams erhalten.
So steht auf dem Grabe des Mannes:
Josef, Bekenner und Bräutigam
Der heiligen Jungfrau Maria!
17

Maria erschien einem Eremiten


Und eines Tages auch
Mit Maria Magdalena,
Der wunderschönen
Schwester der Engel.
Maria lehrte ihn
Geistlichen Lobpreis
Und sprach: Nur Mut!
Und segnete ihn im Namen
Der Allmacht, Allweisheit und Ur-Liebe.

18

Einmal sah ich im Traum Maria


In einem himmlischen Saal
Auf einem goldenen Thron
Wie auf einem leuchtenden Mond.
Aber satanische Hunde versperrten mir den Weg
Zum himmlischen Thron Mariens.
Da verscheuchte die Herrin Madonna
Mit einer Handbewegung
Die satanischen Hunde
Und belehrte mich,
Daß ich von keiner Widerwärtigkeit
Mich hindern lassen dürfe,
Sondern immer zu Maria Zuflucht nehmen solle.
Da sah ich die Madonna Maria
Und zu ihrer Rechten Maria Magdalena
Und zu ihrer Linken Maria Ägyptiaca,
Aber die Madonna Maria
War die Größte der drei Marien.

19

Einmal, als ich eine Hymne gedichtet,


Eine spirituelle Ode an Maria,
Die da hieß: Salve Mater!
Da erschien mir Maria,
Sie grüßte mich lächelnd
Und bedankte sich
Für meinen Marienlobpreis.

20

Eines Morgens ward ich im Geist erhoben,


Ich hatte auf dem Diwan geruht,
Ich hatte nicht gebetet,
Sondern geschlummert und geträumt
Und hatte die Gnade nicht erwartet,
Doch unerwartet traf mich die Gnade,
Daß meine Seele verzückt ward
Und ich sah die glückselige Jungfrau
Im Lichtglanz der Herrlichkeit,
Eine hohe Frau von himmlischem Adel,
Solcher Glorie, solcher Würde,
Daß ich unaussprechlich entzückt war
Und vor Freude zu weinen begann,
Denn sie zu schauen
Gewährt eine unaussprechliche Wonne.
Sie schwebte am Himmel, die allerreinste Frau,
Und bat für die Menschheit.
Wie soll ich sagen, welche mütterliche Sorge
Um die ganze Menschheit
Ich in ihrem Unbefleckten Herzen sah?

21

Unsre Liebe Frau sprach zu einer christlichen Seele:


Allerliebste meines Sohnes, nimm!
Da legte sie den göttlichen Sohn
In die Arme der christlichen Seele.
Das göttliche Kind schien die Augen geschlossen zu haben
Und war in Windeln gewickelt.
Unsre Liebe Frau war so schön,
So süß und lieblich anzuschauen,
Daß die christliche Seele
Nicht allein den Kleinen Jesus betrachtete,
Sondern unverwandt auf Unsere Liebe Frau schaute.
Da lag das göttliche Kind auf einmal nackt
In den Armen der christlichen Seele
Und öffnete die Augen,
Da empfand die christliche Seele
Vor diesen offenen Augen des Himmels
Solche Liebe, solchen Leuchtglanz der Liebe,
Daß die christliche Seele überwältigt war
Von dem strömenden Leuchtglanz der Liebe,
Es war unaussprechlich,
Welche heiße Glut der Liebe
Und welche strahlendste Wonne
Aus diesen Augen des Himmels strömte!
Da hatte das Kind auf einmal solche erhabene Würde,
Die Würde der Gottheit, und sprach:
Wer mich nicht als armes Menschenkind gesehen,
Der sah mich nicht in meiner wahren Größe.
Dann sprach das göttliche Menschenkind:
Ich kam zu dir und habe mich dir geschenkt,
Damit du nun auch dich mir ganz zu eigen gibst.
Da schenkte sich die christliche Seele
Ganz dem göttlichen Kinde Jesus
Und mit dem eigenen Herzen
Auch alle Kinder ihres Herzens
Schenkte sie ganz dem göttlichen Kind.
Und die christliche Seele erkannte,
Wie der Kleine Gott die Seele empfing
Und mit der Seele alle Kinder der Seele
Mit großer Fröhlichkeit alle herzlich empfing.
Über die süße Lust vor dem Jesuskind,
Die außergewöhnliche Freude
Und tiefe Wonne und überströmende Süßigkeit
Vor dem göttlichen Kinde
Kann die christliche Seele nichts sagen,
Weil menschliche Zungen nicht so jubeln können,
Wie der Jubel im Innern der Seele war.
Da segnete die Jungfrau
Die christliche Seele
Mit dem Segen im Namen des göttlichen Kindes Jesus.

22

Einem geistliche Menschen


Erschien Maria manchmal mit dem Jesuskinde.
Er schrieb geistliche Schriften
Über Maria und Jesus.
Maria erfüllte ihn immer wieder mit Mut
Und neuer heiliger Leidenschaft.
Einmal aber erschien Maria allein,
Da war kein Jesuskind bei ihr,
Da sprach Maria zu ihm,
Er habe das Apostolat der Literatur vernachlässigt, darum
Sei sie allein gekommen,
Er solle nur wieder fleißig schreiben
Als Apostel der Schrift,
Dann werde auch das Jesuskind wieder zu ihm kommen.

23

Nachdem der Beter


Das güldene ABC Mariens gebetet,
Legte er sich auf das Sofa,
Um sich auszuruhen,
Da sprach er: Ein wundervoller Besuch wird heute kommen.
Kaum hatte er dies gesprochen,
Hörte er die Stimme eines Engels:
Die All-Reine kommt!
Der Beter erhob sich auf den Ruf
Und trat an die Tür.
Ein Licht, wie Licht der Sonne,
Ergoß sich auf den Beter.
Und er schaute die All-Reine
Und neben ihr Petrus, den ersten Papst,
Und Johannes, den Jünger der Liebe.
Als der Beter dieses sah,
Da sank er in die Knie
Mit zitternden Knieen,
Weil er den Glanz der Morgenröte nicht ertragen konnte,
Weil er erschüttert niedersinken musste
Vor der strahlenden Schönheit der Jungfrau!
Da berührte die All-Reine den Beter
Und sprach: Fürchte dich nicht, mein Erwählter!
Ich bin gekommen, um dich zu besuchen.
Dein Gebet um deine Schüler ist erhört.
Sie sprach dies und ward unsichtbar.

24

Eine heilige Seele


Sah öfters Maria.
In der Weihnacht zeigte sich Maria
Mit dem göttlichen Kind,
Begleitet von Heiligen in den Himmeln
Und harfespielenden Engeln,
Singenden Seraphim.
Maria lehrte sie, Ikonen zu malen
Und lateinische Oden
Und italienische Sonette zu schreiben.

25

Ein frommer Eremit


Sah Maria als Göttin des Himmels,
Umgeben von Myriaden Engeln,
Und er hörte ihren Himmelsgesang.

26

Ich war etwa dreißig Jahre alt,


Als meine Großmutter starb.
Ich begriff, was ich verloren hatte
Und kniete in meiner Traurigkeit
Vor einem Bild der Muttergottes
Und bat sie unter Tränen:
Gottesmutter, sei nun meine Große Mutter!
Ich glaube, dass diese naive Bitte
Mir oft geholfen hat,
Denn immer wieder fand ich die Jungfrau,
Wenn ich mich ihr anvertraute.
Sie hat mich auch zu sich zurückgeführt.

27

Einmal sagte Maria zu mir:


Die Liebe aller Mütter
Kommt meiner Mutterliebe nicht gleich!
Deine Liebe zu mir
Steht in keinem Verhältnis
Zu meiner Liebe zu dir!

28

Maria erschien mir zweimal und bat mich,


Dafür zu sorgen, dass die Kinder meiner Seele
Das Gnadenbild der stillenden Gottesmutter
Mehr und liebevoller ehren.
Es war das Bild von Leonardo,
Da Maria ihre bloße Brust
Dem nackten Jesuskinde reicht
Und stillt mit der Milch der Liebe
Den menschgewordenen Gottessohn.

29

Ich hatte den Wunsch, die Jungfrau einmal zu schauen,


Mit diesem Wunsch ging ich schlafen
Und der Gewissheit, ich werde die Mutter schauen.
Um Mitternacht hörte ich meinen Namen rufen,
Da sah ich einen Knaben, vier Jahre alt,
Der sprach zu mir: Die Jungfrau wartet auf dich!
Ich aber sah die seligste Jungfrau noch nicht.
Dann sagte der Knabe, vier Jahre alt:
Da ist die seligste Jungfrau!
Ich hörte ein Geräusch wie Rauschen von Seide,
Die Gestalt kam vom Bilde des heiligen Josef mit dem Kinde.
Da sprach der Knabe: Das ist die seligste Jungfrau!
Ich fragte mich, ob ich wirklich lebendig die Jungfrau sehe?
Da sprach der Knabe zu mir, vernünftig wie ein weiser Mann.
Da sank ich in die Kniee vor der Jungfrau
Und warf mich vor ihr nieder
Und legte meine Hände in den Schoß der Jungfrau.
Das war der süßeste Augenblick meines Lebens!
Sie sagte mir, was ich nicht sagen darf...
Ich solle mich immer vor dem Altar der Weisheit niederwerfen
Und der Ewigen Weisheit mein Herz ausschütten,
Dort werde ich allen Trost empfangen.
Als sie fortging, war es wie das Verlöschen eines lichten Schattens.
Der Knabe, der mein Engel war,
Er brachte mich ins Bett, aber ich konnte nicht schlafen,
So bewegt war ich von der Vision der Lichtgestalt.

30

Ich träumte einen Traum,


Da sah ich eine Schar von munteren Knaben.
Die einen lachten und scherzten,
Die andern spielten und tobten,
Doch einige fluchten auch,
Was mir das Herz betrübte.
Ich wollte sie streng ermahnen
Und wollte sie sogar züchtigen,
Aber da sah ich einen schönen Mann
In einem schneeweißen Mantel,
Er rief mich bei meinem Namen
Und sagte, ich solle Anführer dieser Knabenschar werden:
Nicht mit Schlägen,
Sondern mit Sanftmut und Liebe
Sollst du sie dir zu Freunden machen!
Fange gleich an, sie zu belehren
Über die Befleckung der Seele durch die Lüge
Und die Schönheit der Liebe.
Ich sagte dem Mann, ich sei nicht fromm genug,
Die Kinder im Glauben zu erziehen.
Aber ich sah, wie die Knaben
Aufhörten, wild zu toben und zu fluchen,
Und sich um den sanften schönen Mann scharten.
Ich sprach: Wer bist du?
Er sprach: Du musst das Unmögliche möglich machen
Durch Gehorsam auf Gottes Wort
Und Studium der geistlichen Wissenschaften.
Ich sprach: Wo und wie erlange ich Weisheit?
Er sprach: Ich sende dir eine Lehrerin,
In ihrer Schule wirst du weise werden.
Ohne meine Mutter ist jede Weisheit nichts als Torheit.
Wer bist du, sprach ich, und er sprach:
Ich bin der Sohn der Frau,
Die du allezeit grüßt mit freudigen Grüßen.
Ich sprach: So sage mir deinen Namen.
Er sprach: Du frage meine Mutter nach meinem Namen,
Mit dem du mich nennen sollst.
Da sah ich neben dem schönen, sanften, weisen Mann
Eine Frau von majestätischer Schönheit.
Ihr Kleid war ganz aus Glanz
Und übersät mit Sternenkonstellationen.
Sie winkte mich zu sich und sprach:
Siehe! Und ich sah,
Wie die Knaben verschwunden waren
Und es wimmelte von Drachen und Schlangen,
Bären und Löwen.
Da sprach die allerschönste Frau:
Hier sollst du wirken,
Sei stark und mutig!
Wie du jetzt die Verwandlung der Tiere siehst,
So sollst du meine Knaben verwandeln.
Und ich sah, und siehe, die wilden Tiere
Waren allesamt sanfte Lämmer geworden.
Sie hüpften fröhlich, Zwillingslämmer,
Frisch aus dem Bad gekommen, keines fehlte,
Und scharten sich um die majestätische Frau
Und huldigten ihr als Mutter und Königin.
Da weinte ich im Traum, weil die Frau so schön war,
Und sie legte mir ihre Hand auf das Haupt
Und segnete mich, die Jungfrau meiner Seele.

31

Maria rief mich das erstemal bei meinem Taufnamen.


Maria sprach: Ich habe dir ein Geheimnis anvertraut,
Das nur dich allein betrifft
Und dir allein bestimmt ist.
Versprich mir,
Es niemandem in der Welt zu offenbaren.

32

Maria, meine himmlische Muse,


Schrieb als Poetesse diese Verse:
Die heiligen Engel in goldener Pracht,
Die bleiben bei euch
Winter und Sommer über Nacht!
Die Rosen im Garten,
Die im irdischen Paradies gewachsen,
Sind im Sommer zu erwarten.

33

Maria sprach zu mir:


Da wo du lebst, kannst du Gutes tun
Und meinen Ruhm verkünden.
Frankreich! Was hab ich alles für dich getan!
Und doch weigert Frankreich sich,
Auf mich zu hören!
Frankreich wird leiden!

34
Mit großem Ernst sprach die Jungfrau zu mir:
Mein Sohn, ich komme diesen Morgen vom Himmel
Und will dein Herz mit mir nehmen!
Da kam sie auf mich zu.
Sie nahm mein Herz und hielt es in ihren Händen
Und sprach: Hab keine Angst. Sei gut!
Ich beschütze dein Herz,
Ich bewahre es oben im Himmel bei mir.
Dein Herz wird immer in meinen Händen sein.
Sie segnete mich und schwand gen Himmel.

35

Mama!
Meine liebste Mutter,
So lässt du mich allein?
O liebe Mutter,
Ich kann nicht mehr sein ohne dich,
O meine Mutter!
Erinnerst du dich noch an den Tag,
Da du mein Herz mit dir
In den Himmel genommen hast?
Behüte es weiter dort oben!
So ist mein Herz immer bei dir.
Meine liebe Mutter,
Bei dir gibt es alles im Überfluß.
Was denkst du?
Kann ein kleiner Junge
Seine Mutter entbehren?
Ach, Mutter, ich fühle mich nicht gut.
O meine liebe Mutter,
Ich kann nicht sein ohne dich!
Verlasse mich nicht!
Meine liebe Mutter,
Ich möchte dich immer besitzen.
Ich kann mich von dir nicht trennen.
O meine liebe Mutter,
Nimm du mich mit ins Paradies!
Ich will nicht ohne dich sein.
Verlasse mich nicht,
Verlasse mich nicht!
Wann wirst du wiederkommen?
Welcher Kummer für mich,
Wenn du weggehst!
Aber – wie du willst!
O meine liebe Mutter,
Verlasse mich nicht!
Ich kann ohne eine Mutter, meine Mutter,
Nicht leben!
36

Maria sprach:
Hab keine Angst, ich tu dir nichts Böses!
Die Gnade Gottes wird deine Stärke sein!
Da öffnete sie die Hände
Und übermittelte ein so starkes Licht,
Wie ein Abglanz von ihren Händen,
Es drang in meine Brust
Und die tiefste Tiefe der Seele
Und ließ mich mich selbst in Gott schaun.
Da fiel ich auf mein Antlitz
Und betete innerlich:
Allerheiligste Dreifaltigkeit,
O mein Gott!
Drauf erhob Maria sich ruhig
Und stieg in Richtung Sonnenaufgang,
Bis sie in der Ferne verschwand.
Das Licht, das sie umgab,
Öffnete einen Weg durch die Himmelswölbung.
Aus diesem Grunde sag ich,
Ich habe den Himmel offen gesehen!

37

Maria sprach zu mir:


Du bleibst noch eine Zeitlang hier,
Denn Jesus möchte sich deiner bedienen,
Damit die Menschen mich erkennen und lieben.
Er möchte auf Erden
Die Verehrung meines Unbefleckten Herzens.
Mein Kind!
Leidest du sehr?
Laß dich nicht entmutigen!
Niemals werde ich dich verlassen.
Mein Herz wird deine Zuflucht sein
Und der Weg, der dich zu Gott führt.
Da öffnete sie die Hände
Und ich sah die Strahlen strömen von ihren Händen
Und sah mich in Gott versenkt.

38

In der dunklen Nacht


Besuchte mich die Muttergottes
Mit dem Jesusknaben an der Hand.
Freude erfüllte meine Seele,
Ich sprach: Maria, meine Mutter,
Weißt du, wie sehr ich leide?
Die Muttergottes sprach:
Ich weiß, wie sehr du leidest,
Aber hab keine Angst,
Ich habe Mitleid mit dir
Und werde immer Mitleid mit dir haben.
Sie lächelte lieblich
Und verschwand, die schöne Madonna.

39

Die Muttergottes sprach zu mir:


Ich bin nicht nur die Himmelskönigin,
Sondern auch die Mutter der Barmherzigkeit
Und deine Mutter!
Ich bin deine Mutter
Aus der unergründlichen Barmherzigkeit Gottes.
(Gottes Barmherzigkeit wohnt ja
In der Gebärmutter Gottes.)

40

Ich sah Maria so schön,


Die Schöne Madonna,
So lang und schlank,
So voller Anmut,
Daß ich die Schönheit nicht beschreiben kann.
Da sprach sie lächelnd zu mir:
Ich bin die Königin des Himmels und der Erde,
Vor allem aber deine Mutter!
Sie drückte mich an ihr süßes Herz
Und sagte: Ich fühle mit dir!
Ich spürte die Macht der Liebe
Ihres süßen Herzens,
Die Mutterliebe ihres Herzens
Strömte in meine Seele.

41

Von nun an lebe ich


Geborgen unterm Mantel der Madonna,
Sie schützt mich mit ihrem Schutzmantel
Und sie lehrt mich ihre Weisheit.
An ihrem makellosen Herzen bin ich ganz ruhig.
Ich bin schwach und ungelehrt,
Aber ich schmiege mich wie ein kleines Kind,
Wie ein Kind von drei Jahren,
An ihr makelloses süßes Mutterherz.

42
Es ist vor allem Madonnas Lächeln,
Ihr liebreizendes Lächeln,
Ihr entzückendes Lächeln,
Daß ich allezeit schaue.

43

Maria spricht:
Ich komme, dein Leid zu lindern!
Glaube an mich,
Und ich glaub auch an dich!
Ich bin
Unsre Liebe Frau über allem!

44

Maria erschien mir in der Nacht


Als eine große junge Frau,
Von langer schlanker Gestalt
Wie eine Palme,
Und von unaussprechlicher Schönheit
Und femininer Anmut.
Sie sprach zu mir:
Fürchte dich nicht,
Ich tue dir nichts zuleide.

45

Die Frau kam zu mir.


Eine überirdische Freude strömte von ihr aus.
Sie sprach: Ich wurde überall abgewiesen,
Nimmst du mich wenigstens auf?
Ich bot ihr einen Platz auf dem Sofa an,
Sie setzte sich und begann zu sprechen
Von der geheimnisvollen Weisheit der Heiligen
Und von dem Leben Sankt Franziskus’.
Die Zeit der Nachtruhe kam.
Sie sollte sich neben mich legen.
Sie sprach: Es ist genug Platz für uns.
Ich bat sie, den Schleier vom Haupt zu nehmen.
Sie nahm den Schleier ab
Und ihre wunderschönen Haare
Fluteten wie eine Kaskade zur Erde,
Ihre Haare waren wirklich wunderschön,
Volles Haar und flutend wie ein Wasserfall.
Ich bat sie, bei mir zu schlafen.
Komm bitte in mein Bett, sprach ich zur Frau.
Sie sprach: Mir genügt der Platz auf dem Sofa.
Wir saßen beide die ganze Nacht
Und lehnten uns an die Wand,
Sie erzählte mir die ganze Nacht
Vom Himmelsparadies
Und wie ich dahin kommen werde.
Was ich hörte von der Frau
War zu schön, als dass ich hätte schlafen können.
Die Frau sprach zuletzt,
Wenn ich viel bete,
So wird die tiefste Sehnsucht meines Herzens
Gestillt.
Beim Abschied sagte sie:
Vivi d’amore!

46

Ich gebe dir einen Lichtstrahl in die Hand,


Es ist die Flamme der Liebe meines Herzens!
Ich bin deine gütige, liebende Mutter,
Mit dir vereint,
Wir gehen Hand in Hand,
Ich rette dich!
Mein Sohn, ich überreiche dir
Die Liebesflamme meines Herzens!
Zünde dein Herz damit an
Und gib das Feuer weiter,
Wenigstens einer Seele!
Diese gnadenvolle Flamme
Aus meinem unbefleckten Herzen
Soll wandern von Herz zu Herz.
Das wird das große Wunder sein,
Dessen Lichtglanz den Bösen blendet.
Sie ist das Feuer der Liebe und Einheit.
Wir werden das Feuer des Hasses löschen
Mit dem Feuer der Liebe!
Meine Liebeflamme
Kann ich nicht länger in mir unterdrücken,
Laß zu, dass sie zu dir strömt!
Meine Liebesflamme
Bricht in deine Seele
Und wird deine Seele erhellen
Mit dem sanftesten Schein.
Wenn du meiner Liebesflamme Wohnung wirst,
Wirst du der ganzen Welt verkünden
Trunken die Gnadenfülle meiner Liebesflamme!
Eine solche Gnadenfülle gab es noch nie,
Seit die Weisheit Fleisch geworden ist.

47
Komm, ich erwarte dich!
So sprach die Stimme vom Garten der Nachbarin.
Ich sah eine Wolke sich vom Himmel niedersenken
Und sich im Pflaumenbaum des Gartens niederlassen.
Die Wolke strahlte von goldenen Sternen
Und vielen Rosenblüten.
Da löste sich aus der Wolke
Eine feurige Kugel
Und setzte sich auf den Apfelbaum.
Dann verschwand die Wolke
Mit der feurigen Kugel
Und ich sah Madonna im Lichtglanz.
Ihren Händen entströmten Strahlen.
Sie trug ein weißes Kleid.
Der Pflaumenbaum, den Maria berührte,
Blühte im Winter.
Du bist in meinem Mantel geborgen, mein Sohn.
Hab keine Angst!
Laß die Welt nur reden,
Du bist in meinen Armen.
Jesus hilft dir, der dich sehr liebt!
Verliere nicht den Mut!
Hebe die Augen oft zum Himmel.
Einst, wenn du bei mir im Himmel bist,
Mein Sohn, dann wird man dich verstehen.
Ich selbst komme oft in diesen Garten,
Dir zu helfen.
Dies ist mein Paradiesesgarten auf Erden!
Ich bin oft hier
Mit den Heiligen und den Engeln.
Selbst wenn ihr mich nicht seht,
Bin ich doch immer mitten unter euch.

48

Das Antlitz der Madonna war entzückend!


Sie trug einen weißen Schleier,
Einen himmelblauen Mantel
Und ein rosiges Kleid,
Ihr Gesicht war freundlich
Und sie lächelte lieblich!
Hohe Dame, gestattet Ihr mir,
Euch die Füße zu küssen?
Sie lächelte einfach entzückend!
Ich umklammerte ihre Füße
Und küsste sie begeistert
Und mit glühender Inbrunst!
Dann segnete sie mich mit dem Segen des Himmels.

49
Die Friedfertigkeit Gottes,
Die Freude Gottes,
Die Liebe Gottes,
Diese drei drangen in mein Herz,
Ich wurde verwandelt.
Heilige Göttlichkeit ward mir eingeflößt.
Die Göttlichkeit, sie berührte mich,
Sie liebte mich,
Erzeugte in mir ein Gefühl der Liebe,
Ich war in Verzückung,
Es war ein Augenblick paradiesischer Verzückung!
Ich fühlte mich wie im Himmel!
In war versetzt in eine paradiesische Atmosphäre.
Die Liebe Gottes ist wirklich wundervoll,
Mein liebes Kind, die göttliche Liebe!
Aber wer hat Worte,
Das Paradies und die Liebe des Himmels zu singen?
Eine unbeschreibliche Liebe,
Die die Seele befriedigt!
Eine Liebe, die den Grund deiner Seele erfüllt!
Die göttliche Liebe,
Die Liebe einer Gottheit!
Ich hab es gewollt,
Ich wollte dich verzücken,
Um dich mit Liebe zu erfüllen,
Um dich zu heilen,
Um dir die Pforte des Paradieses zu öffnen.
Ich hab es gewünscht und gewollt,
Ich habe dich vom ersten Augenblick an geliebt,
Ja, über die Maßen geliebt!
Die Wirklichkeit göttlicher Liebe,
Die Lobpreisungen göttlicher Liebe,
Die Freude und süßeste Wonne der Liebe,
Die will ich dir schenken,
Die sollst du erkennen.
Du weißt, wer deine Mutter ist!
Ach mein geliebter Sohn
Mein vielgeliebter Sohn,
Mein liebstes Kind!
Glaube an meine Liebe zu dir!
Mein Kind, ich möchte dich küssen, küssen!
Immer mehr will ich dich lieben!
Mein Liebling, immer mehr will ich dich lieben!

50

Maria erscheint einem Kind.


Das Kind spricht:
Ich sah den Himmelsvater,
Er war ganz weiß.
Der Himmelsvater war im Garten,
Weiß wie Schnee,
Er trug einen Rosenkranz mit einem Kreuz,
Der Christus war am Kreuz,
Lebendig, voller Blut!
Am Gürtel trug er eine silberne Schnalle,
Er trug einen langen weißen Schleier.
Die Gestalt stand auf der Erde,
Sie hat nichts gesagt,
Sie hat nur leise gelächelt.
Wenn der Wind den Schleier bewegte,
Sah ich schöne lange schwarze Haare.
Die Hühner waren ganz still
Und ich war auch ganz still.

EIN TRAUM VOM MORGENLAND


“Al-Wajib al-busidan?”
“Kus-i-naupaschm!”

ERSTER GESANG

Ich will die Göttin Sprache preisen,


Die Verschleiernde,
Die Mystifizierende!
Ich preise auch die Musik
Und die Pieta von Marmor,
So rein und schön!

Ich greife gern zurück


Auf den Erfahrungsschatz meiner Brüder.
Ich hauche alten Mythen
Neuen Atem ein,
Daß sie nicht ins Land des Vergessens versinken.

Ich suche Waq Waq,


Das Land, das so viel reines Gold besitzt,
Daß die Eingebornen
Goldene Kettchen machen für ihre Affen.
Auch tragen sie dort Kleider
Mit Gold bestickt.
Ebenholz ist dort von edler Sorte,
Mahagoniholz und Almuggimholz
Und Sandelholz für Harfen und Balkone.
Waq Waq ist die selige Insel
Jenseits des östlichen Horizonts.

Dort leben Astomen,


Die sich nur vom Apfelduft ernähren,
Dort wohnen Gymnosophen
Bei den Amazonen.

Gestern traf ich siebenhundert Menschen.


Ich sah gute Männer,
Reizende Frauen
Und fromme Kinder.
Die Königin war wunderschön,
Sie trug ein schwarzes Gewand.
Ihr Mund war scharlachrot
Und die Zehennägel scharlachrot geschminkt.
Auf dem Haupte trug sie
Einen Turban aus Palmenfächern.

Ich aber sage euch,


Die Indianer waren Kannibalen,
Die Azteken opferten Tausende Menschen täglich!

Die Indianer schändeten Weiber,


Mordeten Kinder
Und schnitten den Männern den Skalp vom Haupt.

Der fromme Pionier


Hatte die Gerechtigkeit auf seiner Seite,
Denn die gottgeliebte Insel Amerika
Durfte nicht länger Spielwiese sein
Für wilde Barbaren.

Nun redet ihr aber alle


Vom edlen Wilden.
(Ich kannte in meiner Jugend
Einen einzigen edlen Wilden.)
Der große Haufen
Ist blutrünstig und barbarisch,
Ah, sie haben Kannibalengelüste!

Freitag aber will ich preisen,


Der Robinson Crusoe beigestanden,
Und Pocehontas will ich singen,
Die John Smith gerettet
Und christliche Ehefrau geworden!
Diese indianische Prinzessin
Ward getaufte Jüngerin Jesu!

Aber ich sah auch die Ströme von Blut,


Die Indianer frohlockten bei den Strömen des Blutes,
Wurden erregt und gerieten in Ekstase,
Viele knieten nieder und tranken
Von diesem Strom des Blutes
Und besoffen sich ungehemmt
Und freuten sich wie Dämonen!

Und ich muß euch auch sagen von den Hexen,


Von ihrer sexuellen Gier,
Von ihrem Kannibalismus,
Von ihrem Geschlechtsverkehr mit Buhldämonen,
Von ihrem Starrsinn und verstockten Herzen
Und ihren sublunaren Launen!

Ja, der Orient ist ein Ort


Der Lust und der Sinne
Und doch von Gewalt gezeichnet.

Die Völker des Ostens sind lüstern,


Faul wie vom Opiumrausch,
Unfähig, sich zu regieren.

Wir haben eine zivilisatorische Mission!

Wenn ich aber reise in den Orient,


So suche ich meine eigene Bildung
Und Heiligung der Persönlichkeit.
Die Klassiker hassen das Ego,
Doch heute glorifizieren alle das Ego.
Ich aber bin als Reisender wahrlich
Pilger zum Grabe Christi,
Ritter Christi im Dienst meiner himmlischen Dame!
Mein Ruf eilt mir voraus
Und nimmt die Dimensionen des Rufes des Orpheus an!

Ja, den erotischen Orient sing ich!


Liebes-Sklavinnen alle Weiber,
Sie verheißen sexuelle Wonnen,
Die in Deutschland ein Tabu!

Die orientalischen Menschen


Haben manches mit Tieren gemeinsam.
Othello zum Beispiel
Gleicht einem Araberhengst.

Ich war in den Minen des Königs Salomo.


Ich war der König des Dschungels.
Ich durchquerte Urwälder einsam,
Durchwatete Flüsse,
Zähmte Horden von Wilden
Und blieb doch zivilisiert.

Der Chinese, den ich traf,


War beseelt von einem tiefen Gefühl des Respekts
Vor den deutschen Dichtern und Denkern.
Ja, es war beinah Liebe!
Es war viel Wertschätzung da
Für die deutsche Dichtkunst
In seiner demütigen Seele.

Aber Asiaten sah ich, die waren faul,


Die waren unsauber, rauschgiftsüchtig.
Jener ist feige in Gefahr
Und frech, wenn es nichts zu befürchten gilt.
Jener hat keine Idee der Wahrheit
Und keinen Begriff der Gerechtigkeit.
Und wäre jener genialer,
So wäre er der Inbegriff des Übels!

Das empört mein aristokratisches Herz,


Wenn sich der kommunistische Pöbel aufbläht!

Der barbarische Wilde


Und der revolutionäre Prolet
Sind ein und dieselbe Schlange
In mancherlei Kleidern.

Ich gebe euch die Ideen


Der Tradition des Abendlandes,
Des christlichen Abendlandes wieder.

Soll ich die Heiligen Orte


Jerusalems schildern?
Was kann ich sagen,
Was nicht schon gesagt?
Dies Thema Jerusalem
Ist unerschöpflich!

Wenn die Wirklichkeit unaussprechlich,


Bleibt die Phantasie und der Traum.
Ich inszeniere mein Leben
Und meine Leiden und meine Liebe
Auf der Bühnenszene des Orients.
Ich singe romantisch meine Romanze
Vom Pfingsten der Schönen Liebe!

Herrliche Städte,
Einst bevölkert von tugendsamen Menschen,
Geschmückt mit Tempeln und Säulenhallen,
Wahre Weltwunder architektonischer Schönheit,
Jetzt leer und verlassen,
Verödet, zu Trümmern zerfallen,
Durch die Barbarei des primitiven
Islamismus heruntergekommen,
Hier leben nur noch Wildkatzen und Schakale
Vor den Toren der einstigen Tempel.
Oft hab ich die Wildkatzen angeschaut
Vor den Türen der altehrwürdigen Kirchen,
Und es zerbrach mir das Herz!

Der Libanon, Gott sei Dank,


Der Libanon ist christlich!

Orient, Orient,
Schon dein Name
Erweckt mir einen Tanz von Bildern,
Sarazenen schau ich und Märchenerzähler,
Die arabischen Nächte Lailas hör ich flüstern,
Haremsfrauen schau ich,
Schönheiten seh ich Bauchtanz tanzen,
Ich denke an die Tempelritter,
An die Kreuzritter Christi
Und die Heilige Schrift!

ZWEITER GESANG

Lässt du dich von Mohammed irren?


In Purpur gekleidet geht Mohammed,
Er schminkte seine Lippen
Und liebte betörende Düfte
Von Rosen und Frauen.
Gott war ihm geeignet,
Den sexuellen Appetit zu stillen!
Mohammeds Himmel kreist um die Wollust!
Das gefällt dem Orientalen!
Er lebt ja beständig
In einem Klima der brünstigen Hitze!

Mohammed verheißt einen Himmel


Des Sexualkommunismus,
So laufen die Scharen von Männern
Der reinen Wahrheit davon
Und hängen sich an die ersehnten Huris!

Und siehst du jene Götzendiener,


Die den Antichrist rufen?
Und siehst du jene Götzendiener,
Die da die Naturgöttin feiern?

Heiliger Vater Dante,


Wo ist Mohammed im Jenseits?
Ist er im Schoß der Huris?
Ist er zur Rechten Gottes?
Oder sitzt er in der Hölle
Neben Luther und andern Ketzern,
Die die Gemeinschaft der Heiligen
Durch den Irrtum gespalten?
Ich singe mein Ideal,
Die Hohe Minne
Des Rittertums Christi
Und die überlegene Weisheit Gottes
Über alle religiösen Phantasien!

Ich singe den christlichen Ritter,


Der den hundeköpfigen Riesen erschlug!
Ich singe den Muslim,
Der sich zum Sohne Gottes bekehrt!
Ich singe die Prinzessin von Persien,
Die den christlichen Ritter liebt!

Die persische Prinzessin ist bereit


Mit der Demut einer Magd
Dem christlichen Ritter zu helfen.
Der Minneritter weckte
In der Magd Verlangen,
Sie hatte Lust an ihm!
So betritt die persische Prinzessin
Das Schlafgemach des christlichen Ritters
Und bietet ihm ihre Liebe an,
Der keusche Ritter Christi
Weist alle Unzucht zurück.

O die Verführerin!
In ihrer Sinnlichkeit ist sie bereit,
Dem Aberglauben abzuschwören
Und Freundin des Sohnes Gottes zu werden!
So schwor die Prinzessin dem Ritter,
Sie werde Christin,
Wenn er sie nur Einmal umarme!
Folgend dem Missionsbefehl des Herrn
Umarmte der Ritter die Prinzessin,
Sie wird Christin!

Die Prinzessin von Babylon


Ward von ihrem Vater gefangengehalten.
Sie entsagte der babylonischen Religion
Und löste sich aus den Familienbanden.
Als die Magd der Prinzessin
Sich geweigert, dem Ritter Christi zu helfen,
Warf die Prinzessin
Die Magd ins Meer!
Sie lockte den christlichen Ritter
In ihr Schlafgemach,
Versuchte ihn
Mit verlockenden Liebeskünsten zu verführen,
Doch der Minneritter blieb keusch!
Dann aber half die Prinzessin von Babylon
Der Armee des Blutes Christi,
Den König von Babel abzusetzen.

O ihr christlichen Ritter,


Meine Brüder und Freunde,
Wollt ihr den König von Babel
Von seinem Throne stürzen,
So nehmt als Hilfe an
Die Liebe der Prinzessin von Babylon!

Lest doch den Koran,


Lest doch vom Paradies im Koran!
Der Araber ist voll Begierde,
Ein Himmel ist ihm offenbart,
Der ewig Befriedigung
Seines sexuellen Appetits verheißt!

Das Paradies der Christen


Ist das Land von Milch und Honig,
Dort wird Jesus Christus
Mit uns vom Gewächs des Weinstocks trinken!

Die frommen Muslime genießen im Garten Eden


Ewige Wollust und Sinnenfreuden,
Die Christen sind im Himmel
Wie Engel Gottes glückselig
Im Genuß der Liebe Gottes!

Die Christen setzen ihre ewige Hoffnung


Auf die Freuden des vergöttlichten Geistes
Und die Muslime setzen ihre ewige Hoffnung
Auf die Genüsse der Fleischeslust!

Mit Horaz will ich reisen


Nach Ormuz, Ophir und Aleppo,
Ich will nach Syrien pilgern!

Den reichen Orient sang


Der Dichter, der die Königin von Saba besang,
Und jener große Künstler,
Der die drei Magier aus dem Morgenland malte.

Die Renaissance verband


Die Königin von Saba
Mit den drei Magiern des Morgenlandes
Und goß darüber die ganze Erotik der Schönheit.

Die jungfräuliche Königin Gloriana Elisabeth


Bemühte sich um die Gunst
Des türkischen Sultans,
Sie sandte ihm eine goldene Orgel
Nach Konstantinopel.
In der Hitze des Bosporus
Schmolz die Orgel.
Der Orgelbauer stellte die Orgel wieder her,
Er übergab die Orgel dem Sultan
Zum großen Entzücken Konstantinopels.
Der Orgelbauer durfte
Einen Blick in den Serail des Sultans tun!

Die Mauer am Gitter war breit,


Mit Eisenstangen versehen,
Durchs Gitter schaut ich
Dreißig Konkubinen,
Die auf einem Hof mit einem Balle spielten.
Sie hatten lange Haare,
Mit Perlenketten zusammengehalten.
Es waren Frauen
Und außerdem sehr schöne!
Ich stand lange da und staunte.
Allmählich wurde der Sultan,
Der mir die Schönen zeigte,
Von Ungeduld ergriffen.
Ich musste mich von dem Anblick trennen,
Das tat ich ausgesprochen ungern,
Weil mir alles, was ich da schaute,
So wahnsinnig gut gefiel!

Der Sultan warf


Die nackten Konkubinen
In den künstlichen Teich aus Porphyr
Und schoß mit kleinen Perlen auf sie,
Doch ohne sie zu verletzen.
Dann ließ er Wasser laufen in den Teich
In solcher Menge, dass die Nackten
Auftauchten, um ihr Leben kämpfend.
Dann rief der Sultan den Eunuchen,
Daß er die nackten Frauen
Aus dem Wasser hole.

Der türkische Sultan verliebte


Sich in ein Sklavenmädchen.
Er verließ die Geschäfte des Staates,
Um in ihren Armen zu liegen.
Seine Minister tadelten ihn,
Da bat er seine Geliebte,
Ihr durchsichtigfeines Seidenkleid anzuziehen
Und ihn zum Festmahl zu führen,
Wo er sie vor den Augen seiner Minister umarmte.
Er zog sie aus vor den Augen der Minister,
Sie durften ihre Augen weiden
An dem Anblick ihrer Nacktheit!
Dann zog er sein Schwert,
Die Sklavin zu enthaupten!
Othello ist reingewaschen
In den Wassern der Taufe,
Er dient Venezia!
Dennoch bleibt er ein Widder,
Aber ein edler Widder.
Seine Natur ist leicht erregbar,
Die Instinkte seiner Leidenschaft
Verwüsten seine Seele.
Der schwarze Widder darf nicht einfach zügellos
Das weiße Schäfchen decken!

Mark Anton war Römer von Überzeugung,


Er reiste nach Ägypten
Und war sogleich gefesselt
Von den sich bietenden Möglichkeiten.
Er gab sich der süßen Trägheit
Der Liebesstunden hin.
Er verfiel dem Orient.
Seine Vernarrtheit überstieg jedes Maß.
Sein Herz war zum Blasebalg geworden,
Die heiße Zigeunerin abzukühlen!
In Rom galt Staat und Ehe,
Pflicht, Ehre, Tugend,
In Kleopatras Ägypten herrschte
Die Maßlosigkeit süßester Sinnenfreuden,
Vernachlässigung alles politischen Amtes,
Überwältigung durch die sexuelle Begierde!
Mark Anton wollt sich befreien
Von der verzehrenden Leidenschaft!
Hier riss ihn die Staatskunst nach Rom,
Dort rief ihn die Leidenschaft nach Ägypten.
Die starke ägyptische Fessel
Muß ich zerreißen!
Sonst geh ich unter in der Wollust!
Er stieg zwar in die römische Staatsmacht auf,
Schloß eine politische Ehe
Mit einer tugendsamen Römerin,
Doch wollt er sowohl die Staatskunst Roms
Als auch die Sinnlichkeit von Ägypten.
Der Wahrsager führte ihn
Zurück in den Kreis der Magie,
Die Verkörperung von Ägypten.
Er ward an seine Begierde erinnert.
Nach Ägypten eil ich!
Schloß ich die Vernunftehe auch
Für Romas Frieden,
Im Osten wohnt doch meine Wollust!
Das Abendland ist der stabile Staat,
Das Morgenland hemmungsloser Liebesgenuß!
Die Römerin ist wohl weise und ehrbar,
Doch wenn die Ägypterin naht
In ihrer Barke,
Bist du überwältigt von ihrer Schönheit!
Sie macht hungrig nach mehr,
Je mehr sie schenkt!
Kleopatra ist die verkörperte sexuelle Begierde,
Unstillbar!
Markus Antonius folgt
Der großen Zerstörung
Durch Kleopatras Zauber!
O du falsches ägyptisches Herz!
O deine tiefe Magie!
Du winkst mein Herz in den Kampf,
Du ziehst mich heim in deinen Schoß!
Nur deine Brüste waren meine Krone, mein Ziel!
Zigeunerin, du hast mich betrogen
Beim falschen Spiel,
Wo ich mein Leben eingesetzt!
Ach Eros, ach Eros!
Markus Antonius stirbt!
Der Tod ist eine Liebe,
Stärker als die Leidenschaft!
Markus Antonius stirbt,
Kleopatra küssend!

O Kleopatras Barke!
Das ist der ganze Orient!
Der Duft von Parfüm und Weihrauch!
Stickereien, die in der Sonne glänzen!
Vor allem die Frau,
Die Göttin und Lustobjekt,
Königin ist und heilige Hure,
Tyrannin und Mätresse!

Dido von Karthago


Hieß den Äneas willkommen
In ihrem Bette!
Dido ist personifizierte Begierde,
Ein Lustobjekt für den ruhlosen Heros!
Ihre königliche Hoheitsgestalt
Ist Attribut der sexuellen Begierde,
Die sie erweckt im Mann.
Wie alle Verführerinnen
Bindet sie den Pius Äneas an sich.

Bilkis von Jemen,


Die Königin von Saba,
Ist die arabische Schönheit,
Die Salomos Weisheit prüfte.
Sie ist erotisch,
Mit Edelsteinen geschmückt,
Die Braut der Phantasie.

Salomes Schönheit,
Ihr verruchter Schleiertanz,
Der biblische Striptease,
Verzückt
Und flößt zugleich geheimen Schrecken ein!

DRITTER GESANG

Arabische Nächte!
Alf Laila wa Laila!

Die orientalischen Weiber


In ihrer orientalischen Weiblichkeit
Verbringen ihr Leben im süßesten Müßiggang,
In süßer Bequemlichkeit,
Sie liegen den ganzen Tag auf dem Bette
Und lassen sich von Sklaven massieren,
Einem der höchsten Genüsse des asiatischen Weibes,
Oder sie rauchen Tabak.

Wenn die Königin


Den König betrügt
Und sich sexuell vereinigt
Mit einem Geliebten,
Dann decken wir über den Akt
Und seine Art und Weise der Vereinigung
Den Schleier der keuschen Scham.

Im Orient schöpf ich Romantik,


Ich schöpf aus der Quelle!
Die südlichen Gluten Spaniens
Werden mir kühl erscheinen
Verglichen mit dem bengalischen Feuer
Der asiatischen Sinnlichkeit!

Ich werde Ruinen betrachten,


Den gelben Nil befahren,
Durch Arabien und durch Persien reisen,
Den Kaukasus besteigen
Und den Himalaya
Und im einsamsten Tale Kaschmirs wohnen.

Hier gibt es keine Armut, keine Bettler mehr,


Hier gibt es nur Bäder, Düfte,
Tänze, alle Genüsse Asiens!

Hier blüht die Rose,


Hier singt die Nachtigall!

Meine Freundin, wirst du reisen


In das Land der Eifersucht,
Wo die leidenden Weiber
Von Gatten werden bewacht,
Die abgeschnittnen Gurken gleichen?

In jener Stadt saß sie auf dem Sopha,


Dort lernte sie den Turban binden,
Hier nahm sie ein Bad,
Hier ließ sie sich mit Ölen massieren.
Ich werde von dir erfahren,
Wie du einen Traum gehabt
Vom Paradiese!
Glücklich sind die Weiber
Im Garten Eden,
Denn sie haben keine Seele,
Der schöne nackte Körper ist vollkommen frei
Von irgendeiner Seele!
Denn ach, wie plagt uns doch in Deutschland
Die Seele der Frau!
Doch dort im Himmel ist der Körper frei,
Ist endlich vollkommen frei,
Um all die schönen Liebeskünste
Und schönen Liebesspiele zu treiben,
Für die der Körper geschaffen!

Ich habe vernommen,


Daß die Menschen im Osten
Keine Opern kennen,
Sondern dass sie leben in einem Serail.
Die asiatischen Schönen
Sind die angenehmsten Weiber der Welt!
Sie haben nämlich keine Seele!
Wirklich, in der ganzen Natur
Ist nichts so liebenswert
Wie ein schönes Weib ohne Seele!
In Deutschland dagegen
Zerstört die tugendsame Seele
Den Reiz des Körpers vollkommen!

Das deutsche Phlegma


Und die deutsche Kälte
Quälen meine Seele zu Tode!
Ich bin viel zu empfindsam!
Ich kann die Gleichgültigkeit
Des deutschen Weibes nicht mehr ertragen!
Sicher, der deutsche Wald ist schön,
Die deutschen Weiber aber,
Helft mir, Götter!

Ich werde noch menschenscheu!


Mich plagen Depressionen!
Ich will wohnen in der Ägyptischen Halle,
Die orientalische Poesie zu studieren!
Don Quijote wird durch Marokko reiten!
Ich glaube, ich bin in den Gräbern Ägyptens
Und werde jeden Augenblick auferstehen!

Lord Byron, du hast mich ermutigt,


Mein Bruder und Freund,
Denn unsre Musen sind Schwestern,
Aus der Quelle
Des Ostens zu schöpfen:

Mein Mayer! Halte dich an den Orient,


Schrieb Byron mir,
Denn das Orakel der Madame verriet mir,
Dies sei die wahre poetische Strategie.
Was ich getan in meinen östlichen Poemen
Ist nur die Stimme eines Rufers in der Wüste!
Der Weg steht dir offen, Mayer!

Rehäugig alle Weiber,


Schmachtend sich verzehrend!
Sich verzehrend vor Sehnsucht!
Böse Gatten halten die Schönen gefangen!
Spitzenunterwäsche!
Kaschmir!
Juwelen, Parfüme,
Musik und Tanz
Und Nachtigall und Rose!

Der Himmel ist rasch bereitet,


Denn es genügen schöne Mädchenaugen und Limonade!

Freudenhäuser, Grotten, Bronnen, Milch!


Dies alles wartet in Xanadu!

Ich wünsche mir wie ein indischer Götze


Im Schoß einer Lotosblüte
Über einen grenzenlosen Ozean
Aus schäumender Milch zu treiben.

Ich kenne die Stätte,


Wo Lewti ruht,
Wenn Mutter Nacht ihr die Augen schließt.
Es ist eine Gartenlaube von Jasmin,
Dort singt die Nachtigall.
O Stimme der Nacht!
O hätt ich die Kraft,
Dies Labyrinth der Liebe zu füllen!
Könnt ich leis in den Garten kommen
Und erblicken ihre weißen Brüste!
Lieblich schwellen ihre weißen Brüste
Und bieten sich meinen Blicken!
Die beiden Schwäne werden sich heben und senken
Auf der Flut der Liebe!
VIERTER GESANG

König Ludwig der Vierzehnte


Sprach heute zum Dichter Mayer:
Wir sind Eurer Begabung günstig gesonnen!
Ich sprach zum König:
Majestät, wir singen immer vom Eros der Griechen,
Jetzt aber sing ich Asias Wollust!

Als ich der Küste nah kam,


Fühlt ich mich wie ein Bräutigam,
Der lüftet den Schleier seiner Braut
Und schaut zum ersten Mal das Antlitz,
Das ihn bezaubert!

Der Orient ist die Erotik,


Die pure Erotik, verkörpert in einer Frau!

Der Orient ist die Pforte


Zu einem imaginären Harem.

Die Frau ist wirklich wie ein Engel,


Ist auch wie eine Hure
Und wahrlich eine vertraute Freundin!

Die Frau liebt sexuelle Ekstase


Und ist zugleich ätherisch wie eine Aura
Und hoheitsvoll wie die Madonna!

Die Künstler unter den Nazarenern


Sahen diese Frau,
Bekleidet mit schönsten Gewändern,
Sie überragt die andern Frauen alle,
Man meint, sie sei aus einer Pyramide gekommen.
Ihre Aura ist die Aura der Fremdheit,
Sie stammt aus einer andern Kultur,
Vielleicht aus Luxor?
Ihre dunkle wallende Haarflut,
Ihre dunklen Augenbrauen,
Die Aura des Geheimnisvollen,
Der ägyptische Stoff ihres Kleides,
Das macht ihren Reiz aus.
Sie schnürt nicht die Brüste ein
Und doch ist sie unnahbar verschlossen,
Sie verströmt Erotik,
Die nicht von dieser Welt ist!

Diese orientalische Herrin


Steht wie ein numinöses Himmelswesen
In Beziehung zum Ewigen Ur-Geheimnis.
Die Schönheit Salomes
Stammt aus dunkler Quelle,
Ihre verruchte Schönheit
Faszinierte schon Johannes den Täufer.
Salomes Schleiertanz
Als Evangelischer Striptease
Ist Blutdurst der Sehnsucht
Nach dem Haupt Johannes des Täufers,
Die dunkle Seite
Der erotischen Leidenschaft.
Salome tanzt den Schleiertanz
Über dem blutigen Abgrund
Und küsst in ihrem Blutdurst
Und ihrer besinnungslosen Ekstase
Das abgeschlagene Haupt!

Ich habe deinen Mund geküsst, Johannes,


Ich habe deine Lippen geküsst!
Es war ein bittrer Geschmack auf deinen Lippen.
Es schmeckte nach Blut!
Es schmeckte nach Liebe!
Die Liebe schmeckt bitter,
Aber mein Kuß schmeckt bitterer noch als die Liebe,
Johannes, ich habe deinen Mund geküsst!

Der Mond verfärbte sich scharlachrot,


Als Salome tanzte
Den Wahnsinnstanz der Entschleirung!

Oben auf der Treppe


Legte sie ihren Schleier ab,
Begann zu tanzen.
Die Kettchen an ihren Knöcheln klangen
Zum Tanz der nackten Füße,
Die Flöte blies,
Die Zimbel des Jubelschreis erschallte!
Ihre runden Arme riefen ihn,
Der immer geflohen vor den Frauen!

Die Klassiker malten die nackte Aphrodite,


Aber die Orientalen
Malten eine Nacktheit,
Die zum Greifen nahe!

Der Logos des Philosophen


Vermählt sich oft mit der puren Erotik!

Reich verzierte Decken!


Klare Spiegel!
Alle Pracht des Orients!
Alles sprach die Seele an
Mit lieben Heimatworten!

Sie ist die weiße Dame


Der platonischen Liebe
Und zugleich die schmachtende Asia!

Amulette mit grüner Patina aus Ägypten!


Mumienglieder aus Grotten!
Florentinische Bronze!

Die Königin von Saba ist sie,


Die Versuchung des heiligen Antonius sie!
Die Königin von Saba verführt
Den Eremiten der Wüste
Mit orientalischer Wollust,
Sie verheißt unendliche sexuelle Lust
Und ungeahnte Liebeswonnen!

Ich bin kein Weib, ich bin ein Kosmos!


Meine Kleider brauchen nur zu fallen
Und du findest das Mysterium
Meines Leibes und Blutes!
Berührst du mit deinen Fingern meine Schulter,
Entflammt ein Feuer in deinen Venen!
Der Genuß eines Stückes meines Leibes
Würde dich mit mehr Glück erfüllen
Als der Besitz der ganzen Welt!
Meine Vereinigung schmeckt wie die Feige,
Die in deinem Herzen schmilzt!

Sei doch fröhlich, mein Eremit,


Sei heiter und glücklich!
Ich spiele die goldne Leier
Und tanze wie die Bienenkönigin
Und kann Gedichte inspirieren,
Eins schöner als das andre!

Ach, ich verzehre mich vor Sehnsucht


Nach Asia, nach der phyrgischen Asia!

O diese bezaubernde Frau in ihrem feierlichen Kleid!


Grüner und roter Damast
Mit aufgeschlitzten Ärmeln!
Vollendet geformte nackte Arme!
Breiter Zaubergürtel,
Mit filigranen Kügelchen reizend verziert!
O breiter Becher ihres Beckens!

Sie ist die Tscherkessin


Aus dem tscherkessischen Süden,
Sie ist Puschkins Muse!
Sie nähert sich mir
Und taucht den Löffel
In Kirschmarmelade
Und leckt den Löffel ab
Mit dem liebreizendsten spielenden Lächeln um die Lippen!

Sie ist die Geberin


Und selbst das Geschenk!
Ein appetitlicher Leckerbissen,
Süßer als reiner Zucker,
Sie wartet nur darauf,
Von mir vernascht zu werden!

FÜNFTER GESANG

Ich liebe dich, Madonna!

Ich nehme die Menschenflut


In meine Hand
Und schreibe mit Galaxien
Meine Liebe an den Himmel!
Dir will ich bauen das Haus mit sieben Säulen,
Das goldene Haus der Weisheit!

O wenn ich in deinen Augen


Den Lichtglanz der Liebe sehe
Bei meiner Ankunft im Himmel!

Madonna bittet mich,


Das makellose goldene Haus der Weisheit,
Unser gemeinsames Werk,
Zu ihrem Ruhm zu errichten!

FRAU WEISHEIT IM VORDEREN ORIENT

Ah weh, um die Stadt muß ich seufzen,


Ah weh, um die Schätze seufzt meine Seele.
Im heiligen Lagasch sind die Kinder bekümmert,
In das Innre des leuchtenden Schreines drang der Feind ein,
Die erhabene Königin nahm er aus dem Tempel fort.
O Herrin meiner Stadt, verlassene Mutter,
Wann kommst du wieder?
Der Feind ist mit Schuhen an den Füßen
In mein Brautgemach getreten,
Der Feind mit seinen schmutzigen Händen
Hat mich angetastet,
Er hat sich nicht gefürchtet,
Ich aber muß mich fürchten,
Ich vergehe vor Angst!
Der Feind hat mir mein Kleid genommen
Und seine Dirne damit bekleidet,
Der Feind hat mich gehetzt
In meinem eigenen Haus,
Wie eine ängstliche Turteltaube
Hockte ich auf dem Dach,
Wie eine schnelle Fledermaus
Flog ich durch die Nacht.
Wie eine Vogel aus den Käfig
Hat man mich fortfliegen lassen.
Mich, die Herrin, hat man aus meiner Stadt gejagt!

O meine Mutter,
Die du Lagasch errichtet,
Du blickst auf ein starkes Volk,
Ich bete dich an,
Du hast mein Leben verlängert.
Ich habe keine Mutter –
Du bist meine Mutter!
Ich habe keinen Vater –
Du bist mein Herr!
Meine himmlische Göttin,
Du weißt, was gut ist,
Du hast mir den Atem des Lebens gegeben.
Unter deinem Schutz und Schirm, o Mutter,
Will ich ewig wohnen!

Die ganze Welt hat Angst vor der Zeit,


Die Zeit hat Angst vor den Pyramiden.

Wenn sie den Toten gereinigt,


Wird er mit Palmwein begossen,
Dann zerreiben sie Spezereien,
Sie füllen den Leib des Toten
Mit Myrrhe und Kassia
Und anderm Räucherwerk,
Doch nicht mit Weihrauch.
Dann legen sie den Toten
In Natron-Lauge
Und verwahren ihn siebzig Tage lang.
Sie umwickeln den Leib
Mit Byssustuch
Und bestreichen ihn mit Gummi.

Höre auf das, was ich dir sage,


Damit du König seiest über das Land,
Damit du mehr Gutes tust,
Als man erwartet.
Nimm dich in acht vor den Bürgern
Und nahe dich nicht den Bauern
Und rede nicht vertraut mit den Sklaven.
Vertraue deinem Bruder nicht
Und traue keinem Freund.
Schläfst du, behüte dein Herz!
Am Tag des Unglücks hast du keine Freunde.

Seine Majestät ist einer,


Der weiß, was geschieht,
Es gibt nichts, was er nicht wüsste,
Er ist ein Gott des Wissens
In allen Dingen,
Es gibt nichts,
Was er will und nicht verwirklicht.

Hüte dich vor einer fremden Frau,


Die in deiner Stadt nicht bekannt ist.
Winke ihr nicht zu mit den Wimpern,
Erkenne sie nicht in leiblicher Liebe!
Sie ist ein tiefes Meer!
Eine Frau, wenn sie fern von ihrem Manne ist,
Dann sagt sie: Ich bin schön,
Alle Tage sagt sie: Ich bin hübsch!
Sie sagt es, wenn keine Zeugen dabei sind.
Das ist eine Todsünde,
Wenn man ihr zuhört
Und es nicht weitererzählt.

Wenn du gesichert lebst,


Dann gründe eine Familie
Und liebe deine Frau
In ihrem Gemach,
So wie es sich gehört!
Fülle ihren Bauch
Und bekleide ihre Glieder.
Erfreue ihr Herz, solange sie lebt!
Sie ist ein guter Acker für ihren Bauern!

O mein lieber Freund!


Es ist mein Wunsch und Wille,
Als deine Vertraute
Die Herrin deiner Güter zu werden!

Gib dein Brot dem Hungernden


Und sorge für einen ewigen Namen

Reiße nicht die Grenze der Witwe nieder.


Pflüge deinen eigenen Acker,
Da findest du alles, was du brauchst.
Du wirst Brot empfangen
Von deinem eigenen Acker.
Besser eine Handvoll von Gott,
Als tausend Schätze durch Gottlosigkeit.
Besser arm sein vor Gott
Als viel Gold im Tresor.
Besser Kraut mit freundlichem Herzen
Als Schweine fressen mit Feinden!

Gib dein Herz der Weisheit hin!


Liebe die Weisheit wie deine Mutter!
Es gibt nichts, was so kostbar ist
Wie die göttliche Weisheit!

Jeder Arbeiter wird beherrscht,


Nur der Geistesarbeit tut,
Der Weise beherrscht sich selbst.

Ein Unglück ist es,


In den Kampf zu ziehen.
Mühselig ist es,
Im Acker zu graben.
Die einzige wahre Wonne ist es,
Das Herz den ganzen Tag
Den Büchern zuzuwenden
Und auch in der Nacht
Im heiligen Buch zu lesen.

Verliere deine Zeit nicht


Mit irdischen Begierden.
Laß deinen Mund
Das Buch in deinen Händen lesen.
Lass dich belehren von denen,
Die weiser sind als du.

Wie freut man sich,


Wenn man erzählen kann,
Was man auskosten musste,
Wenn das Übel vorüber ist!

Ich war zum Bergwerk des Königs gezogen


Und hatte mich aufs Meer begeben
In einem großen Schiff.
Die besten Matrosen Ägyptens waren auf dem Schiff.
Sie beobachteten die Gesetze der Sterne,
Sie beobachteten die Gesetze der Erde.
Ihr Herz war starkmütig wie ein Löwenherz!
Sie sagten einen Sturm vorher,
Bevor der Sturm kam,
Sie kündeten ein Gewitter an,
Bevor die Blitze zuckten
Und der Donner brüllte.
Wir waren auf dem offenen Meer
Und konnten nicht rechtzeitig landen.
Der Wirbelsturm wühlte die Wellen auf.
Der Mastbaum ward zerschmettert!
Das Schiff versank!
Keiner blieb übrig,
Ich allein ward an den Strand einer Insel geworfen.
Drei Tage war ich allein mit meinem Herzen,
Mein Herz war meine einzige Freundin.
Ich lag im Schatten eines Baumes,
Dann erhob ich mich, zu suchen,
Was ich in meinen Mund tun könnte.
Da fand ich die Feige
Und die Traube!
O alle Arten gesunden Gemüses!
Frische Gurken, frisch gepflanzt!
Fische und Gevögel!
Ich sättigte mich und ließ noch übrig,
Weil zuviel in meinen Armen war.
Ich machte Feuer
Und brachte Gott ein Dankopfer dar!

O Gott, wer bist du?


Du hast einst die Verbannung über mich verhängt!
Sei mir gnädig
Und setzte mich wieder in meine Heimat ein.
Laß mich die Stätte wieder sehen,
Wo mein Herz geweilt hat alle Stunden der Verbannung!
Wo soll mein Leichnam sonst begraben werden,
Als in meiner Residenz?
Komm mir zu Hilfe!
Möge das Gute und Schöne sich verwirklichen!
Hab Erbarmen, Gott, und sei mir gnädig!

Ich kam ja in das Haus des Königssohnes.


Welche herrliche Schönheit war darin!
Ein Bad war in dem Hause, und,
Ach, und welch ein Schatz!
Kleider von Leinen und Byssus!
Myrrheöl und allerbeste Balsamen!
Räte voller Weisheit,
Die der König liebte,
In jeder Kammer waren weise Männer.
Die Köchin war tätig.
Die vergangenen Jahres meines irdischen Lebens
Zogen wie Bilder an mir vorüber.
Man nahm mir den verwilderten Bart ab,
Man schnitt mir das Haar.
All der alte Schmutz ward in die Wüste geschickt
Und das grobe Kleid des Wüstenwanderes.
Ich wurde gekleidet in allerfeinstes Linnen
Und mit dem Öl der Freude gesalbt,
Wie keiner meinesgleichen!

Und als ich zum Teich gegangen,


Der an die grüne Wiese grenzt,
Da sah ich eine Frau im Wasser.
Sie war von übermenschlicher Majestät!
Meine Haare standen zu Berge,
Als ich ihre lange Haarflut sah!
O wie war die Haut so weich und glatt!
Ich will tun, was sie sagt!
Ehrfurcht vor ihr steckt mir in jedem Glied!

Singe die schönen freudigen Lieder


Deiner Schwester-Braut, die du liebst,
Sie, die im Garten spaziert!

Die Liebe der Geliebten ist drüben!


Der Scheidefluß zwischen uns!
Ah, ich will zu ihr!
Ich steige in den Fluß
Und durchschwimme die Wellen.
Mein Herz ist stark in der Flut!
Das Wasser ist wie Land für meine Füße!
Die Liebe zu ihr macht mich stark,
Sie hat mich verzaubert!
Ich sehe, siehe, die Geliebte kommt!
Mein Herz jauchzt und frohlockt!
Meine Arme sind weit geöffnet,
Sie zu empfangen!
Mein Herz frohlockt und jauchzt in Ewigkeit!
Komm zu mir, meine Herrscherin!
Wenn ich dich umarme
Und deine Arme mich umfangen,
Ist es wie im Weihrauchland,
Es ist wie gesalbt zu werden mit Öl der Freude!
Küss ich dich,
Sind deine Lippen leicht geöffnet,
So frohlock ich und jauchz ich
Wie beim glutroten Wein!
Ah, wär ich dein Sklave,
Dir die Füße zu waschen!
Dann dürfte ich den ganzen Leib
In seiner weißen Haut erblicken!

Mein Freund, ich bin deine erste Schwester!


Ich bin für dich wie ein Garten,
Bepflanzt mit schönen Blumen
Und duftendem Kraut!
Schön ist der Teich im Garten,
Den deine Hand gegraben,
Wenn der Frühlingswind säuselt.
Schön ist der Garten,
Wo ich mich freudig erregt ergehe,
Wenn deine Hände auf meinen Händen ruhen,
Mein Herz ist satt vor Liebe!
Wir gehen zusammen!
Wie grüner Tee ist es,
Wenn ich deine Stimme höre,
Ich lebe auf, wenn ich deine freundlichen Worte höre!
Wenn ich dich sehe, ist es mir besser
Als das Mahl des Mittags
Und das Trinken nach dem Essen.

Das Alter ist gekommen,


Die Glieder werden leidend.
Das Alter kommt als Neuheit.
Die Kraft des Müden geht zuende.
Der Mund verstummt
Und redet nicht mehr.
Die Augen werden schwach,
Die Ohren werden taub.
Vergesslich wird mein Hirn,
Ich erinnre mich nicht mehr an gestern.
Die Knochen leiden im Alter,
Die Nase schnauft
Und kann nicht mehr atmen.
Ich mag stehen oder sitzen,
Mir geht es übel.
Das Gute wurde zu Schlechtem.
Ich finde keinen Geschmack mehr.
Was mir das Alter antut, ist,
Daß es mir schlecht geht.
So will ich den Stock des Alters nehmen.
Meine Kinder treten an meine Stelle.
Ich will nun meine Söhne unterweisen
Im Hören auf die Worte der Weisen
Und die Gedanken der Alten.
Möge der Streit aus dem Land vertrieben werden
Und die beiden Teile des Reiches sich vereinen.

Seine huldreiche Majestät


Gab mir die Erlaubnis, zu sprechen,
Doch ohne Langeweile zu erregen.
Sei nicht stolz auf dein großes Wissen
Und vertraue nicht zu sehr darauf, dass du weise bist.
Lerne von den Unwissenden wie von den Wissenden,
Die Kunst ist grenzenlos
Und kein Künstler kennt die ganze Schönheit.
Eine schöne Weisheit und ein wahres Wort
Ist versteckter als ein Smaragd.
Doch man findet die schöne Weisheit
Bei der Sklavin, die die Handmühle dreht!
Halte die Weisheit fest
Und verlasse nicht den Weg ihrer Weisung.
Wenn du Wohlgefallen findest bei den Menschen
Und einer Sippe vorstehst
Und Söhne nach deinem Herzen hast,
Die Freude haben an Gott,
Wenn deine Söhne deinen Lehren lauschen
Und wenn sie guten Ideen haben,
So suche das Beste für deine Söhne!
Wenn dein Sohn dir aber trotzt
Und nicht auf deine Unterweisung hört
Und dir in allem widerspricht,
Dann ist er nicht dein Sohn,
Dann ist er ein Bastard deiner Frau.
Wenn du die Freundschaft erhalten willst
In einem Hause, wo du Gast bist,
Dann hüte dich, dem Bett der Hausfrau zu nahen!

Jedes Wort meiner Weisheit


Wird unvergänglich in meinem Lande bleiben
Und wird die Reden schmücken
Der Fürsten der Gemeinde.
Die Weisheit lehrt den Mann,
Zu seiner Nachwelt zu sprechen,
Daß sie ihn höre,
Die Weisheit lehrt den Dichter,
Ein guter Künstler zu werden,
Einer, der gut der Inspiration gelauscht
Und nun zu seiner Nachwelt spricht.
Wenn Güte sich entwickelt
Bei dem Haupt der Sippe,
Dann wird seine treffliche Weisheit bleiben
Und die Schönheit seiner Worte wird bleiben.
Des Weisen Seele freut sich,
Wenn er seine Schönheit auf Erden unsterblich sieht!

Ich kenne aber auch Zweifler,


Die würden Gott das Opfer bringen,
Wenn sie nur wüssten, wer der Herr ist!

Ich wollte, dass Ende der Zeit wäre da,


Es gäbe nicht mehr Empfangen und Gebären,
Der Krieg wär nicht mehr da
Und kein törichtes Plappern mehr.

Der Philosophenkönig wird kommen,


Er wird Kühlung bringen für die Hitze!
Er ist der Hirte der ganzen Herde,
In seinem Herzen ist nichts Böses.
Seine Herde wird immer kleiner,
Doch den ganzen Tag sorgt er für seine Schafe!
Er weiß von ihrer Art im ersten Geschlecht
Und wird den Bösen vernichten!
Er wird den Arm ausstrecken
Und den Samen der Sünde vernichten
Und das Erbe der Bösen vertilgen.
Wo ist er heute?
Er schläft und schlummert doch nicht!
Wann komme ich dahin, seine Allmacht zu schauen?

Zu wem sprech ich aber heute?


Der Bruder ist verdorben,
Die Freunde von heute kann man nicht bewundern.
Habgierig sind die Väter,
Räuberisch sind die Weiber.
Die Sanftmut geht zugrunde,
Die Frechheit beherrscht die Leute!
Zufrieden sind die Schlechten,
Die Güte wird nirgendwo wertgeschätzt!

Heute steht vor mir der Tod!


Dann wird der Kranke gesund,
Dann duftet die Myrrhe süß,
Dann bläst der Wind in mein Segel,
Dann riech ich an der Lotosblüte,
Dann sitz ich trunken am Ufer,
Dann geh ich den schönen Spazierweg,
Dann kehr ich vom Krieg nach Hause,
Dann wird der Himmel heiter,
Dann erkennt der Weise die wahre Weisheit,
Dann kommt der Gefangene
In seine ewige Heimat!

Ich habe die Worte der Weisen gehört,


Ich hörte diesen und jenen.
Alle zitieren die Verse der großen Dichter,
Aber wo sind die Dichter heute?
Ihre Elfenbeintürme stehen leer,
Es ist, als wären sie nie gewesen.
Keiner kommt vom Jenseits zu mir,
Um mir zu sagen, wie schön es drüben ist.
Keiner kommt, mein Herz zu beruhigen,
Bis ich auch im Himmel bin.

Freue dich des Lebens,


Gedenke, dass man dich einst verklären wird!
Folge deinem Herzen,
Solange du lebst auf Erden.
Kränze dein Haupt mit Rosenkränzen,
Salbe dein Haupt
Und kleide dich in reines Leinen
Und ergötze dich an den Wundern Gottes!
Vermehre deine Güte,
Laß dein Herz nicht müde werden!
Tu dir selber Gutes
Und erfülle dir auch einmal einen Wunsch.
Quäle dich doch nicht selber!
Es kommt einst der Tag des Todes,
Doch der mit Seelenfrieden
Fürchtet sich nicht vor dem Tod.
Kein Jammern erspart dir den Tag des Todes.
Wer wird dich retten aus dem Totenreich?
Heute aber feire dein Leben,
Sei fröhlich Tag für Tag
Und werde der Liebe nicht müde!
Keiner nimmt sein Eigentum mit,
Das Geld erlöst doch keinen!
Wenn du erst fortgegangen bist,
Dann wirst du nicht wünschen,
Zurückzukommen auf Erden.

O Herr, der du der Zeitalter Flügel beschleunigst,


Einwohner aller Geheimnisse ewigen Lebens,
Du Hörer jeden Wortes, das ich sage und singe,
Du schämst dich meiner nicht,
Ich bin dein Sohn, dein Kind, dein Diener!
Dein Herz ist voller Trauer
Über die Sünde der Welt!
Herr, schenke der Menschheit den Frieden,
Reiße nieder die Mauern des Todes!
Wasche alle Sünden aus unsern Seelen
Mit deinem kostbaren Blut!
Fallen auch Tausende zu meiner Rechten,
Fallen Zehntausende auch zu meiner Linken,
Du bist mein Herr und mein Gott!
Schaffe alle Sünde hinweg
Und vereine die Menschenseele mit dir
In ewigem Frieden!

Ich habe den Menschenkindern kein Unrecht getan,


Ich habe nicht gesündigt gegen die Wahrheit,
Ich kenne die Geheimnisse Satans nicht,
Ich bin nicht taub, wenn die Wahrheit spricht,
Ich schmähe keinen Menschen,
Ich lüge keinen Menschen an,
Ich verklage die Menschen nicht bei Gott,
Ich trocknete viele Tränen,
Ich betrüge nicht im Handel,
Ich habe die Kirche nicht bestohlen,
Ich gab den hungernden Kindern zu essen,
Ich habe dem Säugling Milch in seinen Mund gegossen,
Ich habe die Ehe nicht gebrochen
Und niemals vergewaltigt eine Frau,
Ich war fleißig bei meiner Arbeit,
War als Arbeitgeber milde und sanft.
Ich habe kein Kind getötet
Und keinen Alten gemordet,
Ich tue, was die Menschen schön finden
Und womit mein Herr und Gott zufrieden ist!
Mein Mund ist rein
Und lobt die Mutter meines Gottes!

Herr, du erscheinst herrlich am Himmel,


Du erstes Licht des Lebens,
Du füllst den Himmel und die Erde mit Schönheit.
Du bist schön
Und strahlst über aller Schöpfung,
Du bist der König aller Völker.
Du bist der Vater und unterwirfst die Völker
Der Königsherrschaft deines Sohnes!
Du wohnst in unzugänglichem Licht
Und doch ist deine Herrlichkeit auf Erden!
Mein Antlitz sucht dich,
Du bist der Weg meines Lebens.
Nimmst du deinen Atem hinweg,
So sterben die Geschöpfe.
Aber wenn dein Lichtglanz die Erde erleuchtet,
Dann wandeln auf Erden herrlich die Löwinnen
Und kommen aus ihren Höhlen die Löwenjungen!
Dein feuriges Licht vertreibt die Finsternis,
Du schenkst uns das Feuer deiner Liebe!
Die beiden Länder sind voller freudiger Erwartung
Und stehen aufrecht vor dir,
Weil du sie berufen hast!
Wir reinigten uns im Wasser
Und wuschen unsere Kleider im Blut!
Die Hände erheben wir preisend zum Himmel!
Wir tun das Werk, zu dem du uns berufen.
Die Kühe sind zufrieden mit ihrem Gras.
Die Bäume blühen, die Kräuter duften einander zu.
Die Tauben gurren in ihren Nestern.
Das Flügelschlagen der Tauben preist die göttliche Liebe!
Die Hirschkuh springt auf dem Bergrücken,
Alles was lebt, jauchzt dir zu!
Die Fische im Wasser freuen sich an deiner Liebe,
Dein Lichtglanz spiegelt sich auf dem Meer.
Du erschaffst die Knaben im Schoß der Frauen!
Du bereitest den Samen des Mannes!
Du ernährst den Sohn im Schoße seiner Mutter,
Du beruhigst das Kind, wenn es weint,
Du tröstest uns wie eine Mutter!
Du bist liebevoll und gütig wie eine Amme!
Du schenkst uns umsonst die Luft,
Du erhältst das Leben aller Lebendigen.
Kommt der Sohn aus dem Mutterschoß,
Erleuchtest du ihn mit dem Licht der Welt,
Du öffnest seinen Mund
Und lehrst den Knaben sprechen
Und gibst ihm alles, was er braucht.
Das Küken lebt schon im Ei,
Du gibst dem Küken im Ei das Leben,
Du gibst dem Küken im Ei die Kraft,
Die Schale zu zerbrechen.
Kommt das Küken aus dem Ei, zu singen,
So lehrst du es gehen auf seinen Füßen.
Was gibt es noch, was du erschaffen?
Wie viel ist mir noch verborgen,
Du wundervoller Gott!
Du hast die Erde nach deinem Willen erschaffen,
Du allein bist der Schöpfer,
Du schufest den Menschen,
Die Herden und die wilden Tiere,
Was auf Erden kreucht und fleucht
Und alles Gewimmel und Gevögel ist von dir!
Alle Völker und alle Menschen aller Völker liebst du
Und gibst allen, was sie brauchen.
Jeder empfängt sein tägliches Brot von dir,
Die Lebenszeit wird von dir bestimmt.
Ihre Sprachen sind verschieden,
Aber in allen Sprachen ist herrlich dein Name!
Wie herrlich sind deine Ideen,
Du König des Himmels!
Wie schön sind deine Verheißungen,
Gottheit in Ewigkeit!
Deine Liebe säugt alle Kreaturen
Und schaust du uns gnädig an, so jauchzen wir!
Du schenkst die Kühle, dass wir uns erfrischen,
Und schenkst uns die Glut, dass wir sie trinken!
Du schaust vom Himmel aller Himmel
Und siehst alles, was auf Erden geschieht.
Du machst Myriaden Geschöpfe allein aus deinem Wort!
Du lebst in meinem Herzen, Gott,
Doch keiner kennt dich, als dein Sohn allein
Und der, dem es der Sohn offenbart,
Der den Geist besitzt, der die Gottheit ergründet!
Die Erde folgt deinen Winken,
Denn du bist der Schöpfer der Erde.
Du bestimmst die Lebenszeit des Menschen,
Wer lebt, der lebt durch dich.
Meine Augen sehnen sich, zu schauen deine Schönheit!
Ich lege alle meine Werke nieder
Und komme mit leeren Händen vor dich.
Laß mich ein in die ewige Ruhe!
Die Erde hast du geschaffen für den König,
Du segnest die Erde für deinen Sohn,
Der aus deinem Schoß gezeugt,
Der nicht geschaffen ist,
Der König der ganzen Welt,
Der König des Himmels und der Erde,
Der einziggeborene Sohn des Vaters,
Der Sohn Gottes, der die Wahrheit ist,
Der der Weg ist und das ewige Leben!
Lobpreis sei der Tochter, der Mutter, der Braut,
Lobpreis meiner himmlischen Königin,
Die da schön ist in ewiger Schönheit!

Als der heilige Abba,


Der Vater im Himmel,
Seinem Sohn die Königsherrschaft übergab,
Als sie den heiligen Namen
Der heiligen Stadt gesprochen
Und ein ewiges Königreich schufen,
Dessen Fundament der Felsen war,
Da riefen der Vater und der Sohn
Mich, den Verehrer Gottes,
Gerechtigkeit aufzurichten,
Den Bösen zu bestrafen,
Die Unterdrückung der Schwachen durch die Starken zu beenden,
Die Menschenkinder zu belehren
Und die Wohlfahrt der Armen zu fördern.
Statthalter meines Herrn bin ich,
Der in Überfluß tätig ist
Und reiche Gaben schenkt.
Alles, was geschaffen werden sollte, schuf ich,
Ich gab meiner Stadt eine Seele
Und versorgte die Bewohner meiner Stadt mit Wein,
Ich machte schön die Wohnungen der Menschen
Und gab Brot und Fleisch meinen Mitmenschen.
Ich half meinen Leuten in der Not
Und sparte die Schätze der Armen.
Stellvertretend für die Meinen trete ich vor Gott,
Vor Gott, dessen Diener ich bin,
Ich, dessen Werke meinem Herrn gefällig sind!

Die guten Weisungen, die ich gab


Als Mitarbeiter der Ewigen Weisheit,
Die habe ich dem Volke überliefert.
Meine Leute haben in mir eine feste Stütze
Und meine Kinder in mir einen milden König und weisen Vater.
In der Weisheit, die Gott mir verlieh, lehrte ich,
Die Schwachen nicht zu unterdrücken,
Die Unterdrückten zu befreien vom Joch der Starken,
Die Witwen zu trösten
Und den Waisen ein liebender Vater zu sein.
Jedes arme Menschenkind, das voller Kummer ist,
Soll zu meinem Gesetzbuch kommen
Und in meinem ehernen Denkmal lesen!
Folgt doch meinen gewichtigen Worten!
Möge doch das Licht meines Antlitzes Licht bringen
In die Nöte ihres Alltags,
Mögen die Seelen ihr Herz beruhigen,
In dem sie sagen: Er war ein liebender Vater,
Ein weiser Fürst vor seinem Volk,
Er hat die Herzen gut gelenkt
Und den Unwissenden Weisheit gegeben.
In den kommenden Zeiten,
Den kommenden Tagen der Gerechtigkeit,
Wird man achten auf meine Worte,
Die ich auf mein Denkmal geschrieben.

Herr, wie mein ewiges Leben liebe ich


Deine schöne Offenbarung!
Außerhalb der heiligen Stadt
Hab ich mir keine Wohnung erwählt!
Nach deinem Gebot der Liebe,
O Herr der Barmherzigkeit,
Möge die Wohnung der Weisheit,
Die ich gebaut, in Ewigkeit währen!
Ich will mich sättigen bald an deinem Lichtglanz,
Satt an Leben und mit vielen geistigen Enkeln gesegnet
Wollt ich sammeln die Schätze der Völker
Zum Tribut für den König des Himmels!

Jetzt ruf ich zu dir, o Frau der Frauen,


O Herrin aller Herrinnen,
Königin der Liebe,
Königin aller Städte,
Führerin deiner Menschenkinder!
Von deinen Händen fließt das Licht der Welt,
Du bist der Abglanz des Himmels,
Mächtige Tochter Gottes!
Allmächtig ist deine Fürsprache,
Herrin, gepriesen über alle Heiligen!
Dein Urteil ist gerecht.
Dir sind die Gesetze des Tempels untertan,
Du Mutter des heiligen Schreines,
Du bist die Herrin im Privathaus
Und die Königin der Liebe im geheimsten Gemach!
Wo ist ein Land, wo dein Name nicht gefeiert würde?
Wo ist ein Volk, wo dein Bild unbekannt wäre?
Vor dir zittern dir Dämonen!
Du schaust auf den Unterdrückten,
Zu den Niedrigen bringst du deine Hilfe.
Wie lange noch, o Himmelskönigin?
Wie lange noch, du himmelblaue Hirtin?
Wie lange noch, Frau, deren Füße nicht müde werden?
Wie lange noch, du Herrin der Heerscharen,
Siegerin in allen Schlachten Gottes?
Du Mutter aller Mütter, schenke den Müttern dein Licht der Liebe!
O du glorreiche Jungfrau,
Vor der die Dämonen und Dämoninnen zittern,
Vor dir erzittert der Satan in Höllenangst!
Göttin der Dichter,
Große Mutter der Frauen,
Deine Weisheit übertrifft die Weisheit aller Weisen!
Wenn du lächelst, ersteht mein Fleisch vom Tode!
Wenn du willst, wird der unheilbare Kranke gesund!
Der Geist des Idioten wird geheilt,
Wenn du es willst,
Wenn er dein Antlitz schaut!
Wie lange, Herrin,
Wird der Feind noch frohlocken?
Gebiete, und auf deinen Befehl
Muß der Satan stürzen!
Die Jungfrau ist heilig!
Die Jungfrau ist Königin!
Meine Herrin sei besungen,
Meine Herrin ist die Himmelskönigin,
Die allmächtige Prinzessin,
Die Tochter Gottes!
Keine Frau ist Ihr gleich!

Er brachte verborgene, geheime Dinge ans Licht.


Der Weisheit Tiefe
Ward ihm offenbar!
Aus der Zeit vor der Sintflut
Brachte er Kunde.
Einen weiten Weg in die Ferne ist er gegangen.
Leidensreich war seine Wanderung,
Schmerzensreich die Pilgerfahrt.
Mit diamantenem Griffel schrieb er in Erz
Die Schmerzen seines Herzens.

Da ist der Freund, o Frau!


Löse das Brusttuch von deinen Brüsten!
Enthülle den Hügel der Wonne!
Laß ihn deine Fülle empfangen!
Begierde errege in ihm!
Lock ihn in dein Netz!
Fremd wird werden ihm das Vieh,
Das mit ihm aufwuchs in der Wüste.
Seine Brust wird ruhen
Dicht, dichter auf deinen Brüsten!
Da löste die Frau das Brusttuch von ihren Brüsten!
Sie enthüllte den Hügel der Wonne!
Sie schenkte ihm ihre Fülle!
Sie zögerte nicht, sie nahm seine Wollust wahr!
Der Schleier sank zu Boden!
Er schaute sie!
Sie legten sich ins Gras!
Begierde erregte sie ihm!
Die Wollust ist das Netz der Frau!
Dicht, dichter ruhte seine Brust
Auf den Brüsten der heiligen Dienerin Gottes!

Mein Freund, du erscheinst mir wie ein Gottesbild!


Was willst du mit den Zwillingskitzen der Gazelle
Durch die Wüste jagen?
Komm mit mir in die heilige Stadt,
In die Stadt des Friedens!
Komm mit zum heiligen Tempel,
Zur Wohnung des Herrn
Und der Königin der Liebe!
Komm zu den lichten Wohnungen
In dem Hause des Vaters,
Die der König für uns erbaut, der Gottheld!

Er legte sein schmutziges Kleid ab


Und zog ein reines weißes Linnengewand an.
Er warf sich den Purpurmantel um
Und umgürtete die Lenden seines Gemütes.
Die Tiara setze er sich selber auf!
Eng schloß er den Gürtel um die Lenden des Gemütes.
Er war schön!
Da entbrannte die Königin der Liebe
In der Lust der ewigen Liebe!
Die Jungfrau warf ihre Augen auf den heiligen Mann:
Komm, sei mein Geliebter!
Schenk mir deine liebende Kraft!
Schenk mir deine brennende Liebe!
Sei mein Mann! Ich will deine Frau sein!
Siehe den Wagen, aus Feuer seine Räder,
Aus Türkis sein Thron,
Die Räder voller Augen,
Darüber ein Himmel von Saphir.
Du sollst im Himmel reiten
Die Stute vom Gespann des Pharao!
Komm in mein Libanonwaldhaus!
Bist du in meinem Haus,
In meiner himmlischen Wohnung,
Waschen dir heilige Väter die Füße!
Von ihren Thronen erheben sich die Weisen
Und die Dichter begrüßen dich mit deinen Versen!
Alles, was dein Herz begehrt,
Bringt dir meine Magd!

Mein Dodo ist ein Büschel Myrrhe,


Hangend zwischen meinen Brüsten!
Mein Dodo ist eine Traube
Von zyprischem Henna,
Blühend in dem Weinberg von Engedi!

Schau, meine Freundin, du bist schön!


O du bist schön!
Deine Augen sind liebevoll wie Taubenaugen!

Siehe, mein Dodo, in meinen Augen bist du schön!


Unser Bette ist grün!
Ich bin eine Krokosblume in der Scharonwiese!
Ich bin die scharlachrote Rose im Talgrund!
Erfreue mich mit Blumen!
Reiche mir den Apfel!
Ach, ich bin krank vor Liebe!

Ich beschwöre euch, ihr Töchter der heiligen Jerusalem,


Ich beschwöre euch bei den Rehkitzen und den Gazellen,
Weckt meine Freundin erst auf, wenn sie es selber will!

Mein Dodo ist ganz mein,


Siehe, ich bin ganz dein, mein Dodo!
Weide zwischen den Rosen!
Kehre um zu mir, mein Dodo,
Bis der Tag kühl wird und die Schatten weichen.
Sei wie ein Hirsch, mein Dodo,
Wie ein Einhorn auf dem Scheideberg!
Komm, mein Dodo, laß uns auf die Wiese gehen,
Laß uns bei den Bauernhütten bleiben!
Wir wollen früh aufstehn, mein Dodo,
Wir wollen wallen zum Weinberg,
Schauen wollen wir, ob der Weinberg blüht,
Ob der Granatapfel blüht!
Dort schenk ich dir all meine Liebe!

Freue dich der Geliebten deiner Jugend!


Sie ist reizend wie eine Hirschkuh,
Graziös wie eine Gazelle!
Ihre Liebe soll dich sättigen!
Ergötze dich immer an ihrer Liebe!
Berausche dich an ihren Brüsten!

Besser ist ein Teller Gemüse mit Liebe


Als ein Schweinebraten mit Verachtung!

Ich lobe also die Freude,


Der Mensch erfreue sich an einer leckeren Mahlzeit
Und der Wein erfreue des Menschen Herz,
So sei doch fröhlich, sei doch fröhlich!

Genieße das Leben mit der Frau, die du liebst!


Genieße das Leben mit dem Weib, das du liebst,
So lange du dies nichtige irdische Leben hast,
Das dir Gott gegeben hat
Unter der Sonne.

Des vielen Bücherschreibens ist ja kein Ende,


Das viele Studieren ermüdet den Körper.

Siehe, ich bin herrlich geworden


Und habe mehr Weisheit
Als alle, die vor mir in Jerusalem gewesen sind.
Mein Herz hat viel erfahren,
Mein Herz hat viel gelernt.
Ich richtete meinen Geist darauf,
Die göttliche Weisheit zu erkennen!
Auch erkannte ich den Wahnsinn!
Auch erkannte ich Frau Torheit!
Das war alles nur vergeblicher Verdruß des Herzens,
Ein Haschen nach Luftgespinsten!
Wo groß die Weisheit ist,
Da ist groß der Gram!
Wer vieles lernte,
Muß vieles leiden!

Der Herr sprach aus dem Gewitter!


Gürte deine Lenden als ein Mann!
Ich will dich fragen, lehre du mich!
Wo warest du, als ich die Erde gegründet?
Sag es mir, du bist doch so weise!
Weißt du, wer das Maß der Erde bestimmt hat,
Wer die Messschnur an sie gelegt?
Worauf stehen die Füße der Erde,
Wer setzte den Eckstein ein,
Als die Morgensterne mir sangen
Und alle Kinder Gottes jauchzten?
Wer hat das Meer mit einer Tür verschlossen,
Als es herausbrach aus dem Mutterschoß,
Als sein Lauf den Damm brach,
Daß ich ihm Riegel vorschieben musste?
Ich sprach: Bis hierher sollst du kommen
Und jetzt nicht weiter,
Hier sollen sich deine stolzen Wellen niederlegen!
Hast du der Morgenröte geboten,
Hast du dem Morgenstern seinen Ort gezeigt?
Bist du auf dem Grunde des Meeres gewesen
Und sind deine Füße im Abgrund gewandelt?
Hat sich dir je des Todes Pforte aufgetan,
Hast du die Pforten der Hölle gesehen?
Weißt du, wie breit die Brüste der Erde sind?
Sag es mir, wenn du das alles weißt!
Warst du dort, wo der Schnee geboren wird?
Sahest du den Hagel niederstürzen vom Himmel?
Kannst du den Gürtel des Siebengestirns binden?
Kannst du Orion den Gürtel lösen?
Kennst du die Hierarchie des Himmels
Und kennst du die Hierarchie die Erde?
Wer gibt die göttliche Weisheit
Ins Verborgene?
Wer gibt Vernunft und Ideen?
Wolltest du an Shaddai zweifeln?
Eloah sollst du nicht mehr tadeln!

MUTTER INDIA UND DER HAMMER DER TORHEIT


1

Die Götter der Veden


Sind Kräfte der Natur.
Der Himmel, die Sonne, das Feuer,
Die Erde, das Wasser, die Sexualität.
Dyaus war der Himmel,
Deva das Licht.
Der Himmel wurde zum Vater,
Die Erde eine Mutter, Prithevi,
Die Vegetation war Frucht
Ihrer Vereinigung.
Die Morgenröte war Usha,
Die Sonne war Mithra.
Auch das heilige Soma,
Dessen Saft berauschend und heilsam war,
Berauschend für Götter und Menschen,
Das heilige Soma war ein Gott,
Dessen Genuß zu Freude und Kraft inspirierte
Und ewiges Leben verlieh.

In dem lebenserzeugenden
Licht der Sonne
Sahen sie den großen Gott
Prajapati, den Herrn der lebendigen Wesen.
Er war allein der einzige Gott,
Man nannte ihn später Brahma.

Aber die Bauern liebten


Den Donnerer Indra.
Er war ein kraftvoller Heros,
Der Hunderte Stiere verzehrte
Und Meere voll Wein trank!

Diese Götter waren menschlich,


Allzumenschlich,
Töricht wie Menschen.
Es hörte ein Gott den Beter
Und dachte bei sich, der Gott:
Was geb ich meinem Beter?
Soll ich ihm dieses oder jenes geben?
Soll ich ihm ein Pony geben?
Ja, ich werde ihm ein Pony geben.
Oder nein, ich gebe ihm kein Pony,
Ich gebe ihm lieber eine Mutterkuh!
Hat er mir eigentlich gestern das Soma geopfert?

Varuna war der Himmel,


Sein Atem war der Wind,
Sein Kleid das Firmament.
Er war die geistige, ethische Gottheit der Veden,
Der mit seinem Sonnenauge die Welt betrachtet,
Das Böse bestraft,
Die Güte belohnt,
Den Reuigen ihre Sünden verzeiht.

Wie schuf die Gottheit die Schöpfung?


Der einsame Gott der Inder
Hatte keine Freude,
Er hatte keine Freude, da er allein war.
Da begehrte er nach einer zweiten Gottheit.
Da war die Gottheit
Wie ein Mann und eine Frau,
Wenn sie sich vereinigen.
Aus dem göttlichen Selbst
Sind geworden der Gatte und die Gattin.
So vereinigten sich der Mann und die Frau
Und daraus entstand der Mensch.
Sie aber dachte:
Wie will er sich mit mir vereinigen,
Da er mich doch aus sich selbst erzeugte?
Ich will mich vor ihm verbergen!
Da wurde sie zur Kuh mit vollen Eutern.
Er aber ward zum Stier mit starkem Horn
Und begattete sie,
So wurden die heiligen Kühe.
Da wurde sie zu einer Stute mit bebenden Flanken,
Da wurde er zu einem Hengst mit dampfenden Nüstern,
Er begattete sie,
So wurden die Pferde, von den Mädchen geliebt.
So wurde alles, was lebt auf Erden.
Da erkannte sie: Ich bin die Schöpfung.
So entstand der Name Schöpfung.

Das glaubten die Inder,


Der Schöpfer sei eins mit seiner Schöpfung.

Aber die Inder der Veden


Glaubten nicht an die Metempsychose,
Sie glaubten an persönliche Unsterblichkeit,
Da sie im Jenseits ein Gericht erwartet
Mit ewigen Höllenstrafen
Oder paradiesischen Wonnen im Himmel,
Wo alle irdischen Freuden ewig und vollkommen sind!

Wichtig war das Opfer des Soma,


Da man das göttliche Soma trank.
Das Opfer bestand aus einer magischen Handlung.
Ungeachtet der sittlichen Würde des Priesters,
War das Opfer gültig,
Wenn es nach der kultischen Vorschrift
Richtig der Gottheit geopfert wurde.

Das Sein war nicht, das Nichtsein war nicht.


Nicht war der Himmel, nicht war der Äther.
Was lebte? In wem geborgen?
War das Chaos wie ein Meer?
Damals war kein Tod
Und war noch nicht Unsterblichkeit.
Damals waren Tag und Nacht noch nicht geschieden.
Der Atem wehte ohne Wind,
Es war nur das Eine,
Nichts als das Eine.
Die Dunkelheit war in Dunkelheit gehüllt,
Alles war Meer.
Die Kraft war verhüllt von der Dunkelheit,
Die Kraft zeugte durch die Buße.
Da regte sich das erste Verlangen.
Das war der erste Same des Geistes.
Die Weisen fanden des Seienden
Verwandten im Nichtseienden,
Als sie im Herzen meditierten.
Gab es ein Oben und gab es ein Unten?
Es gab die zeugende Kraft
Und die empfangende Macht.
Der freie Wille war unten,
Die gnädige Gewährung war oben.
Wer weiß mehr?
Wer verkündet, wie die Schöpfung geschaffen?
Alle Geister sind Teil der Schöpfung,
Aber der Schöpfer hat keine Ursache.
Wie die Schöpfung geschaffen wurde,
Das weiß der Schöpfer,
Er, der Vater im Himmel, der uns sieht!

Ich singe der Menschheit Urelternpaar,


Die Zwillingsgeschwister,
Bruder Yama und Schwester Yami.
Schwester Yami will den Brüder Yama verlocken,
Ihr bräutlich beizuwohnen:
Mein Bruder und Bräutigam, ich will
Der Zukunft der Menschheit mit Liebe dienen!
Yama sprach: O Schwester, aber die Tugend!
Die Schwester-Braut lockt
Mit allen Reizen der Verführungskünste:
Mein Bruder und mein Bräutigam,
Sei kein Schwächling,
Sei ein Mann!

Gibt es ein Buch so wohltätig


Und des Studierens wert
Wie die Upanishaden?
Upa heißt nahe
Und shad heißt sitzen,
Denn es sitzen die Lieblingsschüler
Nah bei ihrem Meister,
Er weiht sie ein
In die geheime Lehre.

Viele Lehrer sind,


Viele Philosophen und Theologen.
Manche bringen Absurdes,
Manches Weisheit voll tiefen Sinns.
Ich aber preise Yajnavalkya, den Mann,
Und Gargi, die Frau,
Die weise Frau von Indien.

Der weise Mann Yajnavalkya aber


Wollte seine beiden Frauen verlassen,
Um in der Einsamkeit
Gott zu suchen.
Er wollte ein neues Leben beginnen.
Maitreyi, meine Lieblingsfrau, sprach der Weise,
Ich will nun für dich sorgen
Und für Katyayani, meine Nebenfrau,
Denn ich gehe in die Einsamkeit.
Maitreyi aber sprach: O weiser Mann,
Wenn die ganze Erde mein wäre,
Wäre ich dann unsterblich?
Nein, sprach der Weise,
Es gibt keine Unsterblichkeit auf Erden.
Da sprach Maitreyi: Wie werde ich unsterblich?
Ich suche die ewige Jugend!
Lehre mich den Weg, o Meister!

Woher kommen wir


Und wohin gehen wir?
Ihr, die ihr die Gottheit kennt,
Sagt uns, warum müssen wir leben auf Erden?
Hat uns die Natur geschaffen?
Oder der Zufall?
Sind wir nur Atome?
Oder sind wir ewige Engel?
Ist alles nur Stoff?
Oder gibt es einen höchsten Geist?

Ach, meine Freunde!


In diesem Todesleibe
Aus Mark und Gebein,
Aus Muskeln und Haut,
Aus Samen und Schleim,
Aus Blut und Tränen,
Wie kann man da Freude genießen?
In diesem Todesleibe
Voll Leidenschaft und Begierde,
Voll Zorn und Verzagtheit,
Voll Wahnsinn und Angst,
Voll Trennung von der Geliebten,
Voll Gebundensein an die Ungeliebte,
Voll Hunger und Durst,
Voll Kummer und Krankheit,
Wie kann man da Freude genießen?
Das Weltall ist vergänglich wie eine Mücke!
Die Frühlingsblüte ist gleich verblüht!
Meere verdampfen, Berge beben,
Sterne explodieren, die Sonne verglüht,
Wie kann man da Freude genießen?
Ach, und wenn man des Lebens satt ist,
Daß man dann doch noch nicht sterben darf!

Aber mein Sohn,


Wenn du zehn und zehn nicht zusammenrechnen kannst,
Wie willst du Gott begreifen?

Nicht durch vieles Bücherlesen


Erkennst du die göttliche Weisheit,
Sondern du musst werden wie ein Kindlein!

Gott bohrte die Sinnesöffnungen in die Sinne,


So schaut und hört der Mensch das Äußere.
Der Weise aber schließt die Augen
Und verstopft sich die Ohren
Und wäscht sich die Augen des Herzens rein
Durch Tränen der Buße
Und schaut den göttliche Funken
Im wahren Selbst.

Was der Gottsucher suchen soll,


Ist das Wahre Selbst,
Den göttlichen Funken im Selbst,
Das Seelenfünklein in der Seelenburg,
Den göttlichen Geist in der siebenten Kammer des Herzens.
Wenn du den göttlichen Geist gefunden hast,
Dann bade im Meer der göttlichen Liebe!

Was unsterblich ist,


Ist nicht dein Körper,
Ist nicht dein Ich,
Ist nicht deine Seele,
Sondern der göttliche Funken,
Der in deinem inneren Keim lebt.

In dir ist Gott,


Gott ist kein Heiliger Vater mit schneeweißem Haar,
Gott ist keine Große Mutter mit breiten Brüsten,
Gott ist Eins!
Gott ist Alles!
Gott ist die Wirklichkeit der Wirklichkeit
Und das Wesen aller Wesen.
Gott ist das Sein, das Leben, die Ewigkeit,
Die Seele aller Seelen.

Der göttliche Funke in dir


Ist Gott von Gott.
Der Gott von Gott ist eins mit Gott.

Versenke dich in den Gott in dir


Und werde eins mit Gott,
Dann wirst du selbst ein Gott in Gott.

Zeige mir eine Feige, meine Freundin!


Hier ist die Feige, mein Freund!
Spalte die Feige, meine Freundin!
Sie ist gespalten, mein Freund!
Was schaust du im Innern der Feige, meine Freundin?
Im Innern der Feige schau ich Samen, mein Freund!
Spalte einen von diesen Samen, meine Freundin!
Der Same ist gespalten, mein Freund!
Was schaust du im Innern des Samens, meine Freundin?
Nichts, mein Freund!
Aus diesem Nichts, meine Freundin,
Aus dieser unsichtbaren Liebe
Ist die Schöpfung gebildet,
Es ist Gottes Geist!

Du wirst deinen Namen vergessen,


Deine Gestalt vergessen,
Du strömst wie ein Strom ins Meer strömt,
So strömst du in die göttliche Weisheit ein
Und wirst vergöttlicht in ihr,
Wie ein Tropfen im Ozean der Liebe,
Wie ein glühendes Eisen in der Glut der Liebe,
Du wirst Licht im Lichtglanz Gottes sein!
3

Aber dann kam der große Glaubensabfall!

Eine fromme Seele kenn ich,


Die dreiunddreißig Jahre lang
Beim großen Gotte in die Schule ging
Und reiche Belehrung empfing
Über die unsterbliche Seele,
Wie sie erlöst wird vom Tod,
Wie sie zur wahren Wirklichkeit kommt.
Da kehrte die fromme Seele plötzlich
Zur Erde zurück
Und lehrte die Weisheit der Sinne:
Mache dich selber glücklich auf Erden,
Liebkose dich selber,
Denn wer das Leben auf Erden genießt
Und seine eigene Seele liebt,
Der ist glücklich auf Erden
Und wird im Jenseits selig in die Leere eingehn.

So sprechen die Narren:


Warum, o Freund, lässt du dich ermahnen
Von den Geboten Gottes?
Die Gebote sind nur für die Dummen!
Wir bedauern die armen Dummköpfe nur,
Die den Pflichten des Glaubens folgen.
Sie opfern den süßen Genuß der Lust
Und leben unfruchtbar.
Vergeblich bringen sie Opfer dem Gotte dar.
Vergeblich das heilige Mahl!
Kein Gott und Vater nimmt ihr Opfer an.
Wer den Priestern folgt, was hilft das seinen Ahnen?
Verlogene Priester erfanden die Gebote,
Sie sind nur hinter dem Geld der Gläubigen her.
Sie sagen: Gib den Armen,
Tu Buße,
Lebe in der geistlichen Armut!
Nein, es gibt kein Leben nach dem Tod,
Vergeblich ist eure Hoffnung,
Töricht ist der Glaube, ein Gotteswahn!
Genieße das irdische Leben,
Genieße die Lust mit allen Sinnen
Und verachte die Illusion eines Gottes!
Ja, so sprechen die Narren
Im großen Glaubensabfall!

Die Materialisten
Trauen dem Glauben nicht
Und auch nicht der göttlichen Vernunft,
Sie trauen nur den Sinnen.
Was die Sinne nicht erfassen,
Das gibt es nicht, so lehren sie.
Die Seele sei nur eine Illusion.
Die Materie sei die einzige Wirklichkeit.
Der Geist sei denkende Materie.
Es gäbe keine Unsterblichkeit.
Religion sei ein Wahnsinn,
Nur Opium für das Volk.
Die Moral entstamme nicht dem Gesetzen Gottes,
Sondern sei nur von der Gesellschaft definiert.
Die Ethik der Natur
Sei jenseits von Gut und Böse,
Der Zweck des Lebens ist, eine Zeit zu leben,
Der Sinn des Lebens sei die Lust!

Diese Materialisten
Setzten der alten Religion ein Ende.
Indien wartete aber
In seiner religiösen Seele
Auf einen neuen Glauben,
Auf den Stifter der wahren Religion.

Buddha, bist du es, auf den wir warten sollen?

Königin Maya feierte eben das Vollmondfest


Mit Blumen und Parfümen.
Am siebenten Tage
Badete sie in reinem Wasser
Und gab Almosen von dreitausend Münzen.
In schönstem Schmuck saß sie da
Und aß die besten Speisen
Und legte ab das Gelübde der Keuschheit,
Sie ging in ihr königliches Schlafgemach
Und legte sich auf ihr Bett.

Vier große Gestalten von königlicher Würde


Hoben sie mit dem Bett empor.
Da kamen heilige Frauen von königlicher Würde
Und brachten sie zum See der Reinigung.
Makellos und unbefleckt
Tauchte die Königin Maya
Aus dem See der Reinigung auf.
Sie trat zum silbernen Berg des Himmels
Und zum goldenen Palast des Himmels.
Dort war ein himmlisches Bett,
Für sie bereit,
Die Königin Maya legte sich auf ihr Himmelsbett
Und schaute gen Osten.
Da kam der Gott
In Gestalt eines weißen Elefanten,
Sein Rüssel geschmückt mit einer Perlenschnur.
Mit dem Rüssel hielt er eine weiße Lotosblüte.
Er trompetete und posaunte
Und trat ins Schlafgemach
Und zog drei Kreise um das Bett seiner Mutter
Und ging in ihren Schoß ein,
So wurde der Gott geboren.

Hab keine Angst, o Königin,


Du wirst einen Knaben gebären.
Er wird ein König und ein Herr sein.
Er wird erleuchtet werden von der ewigen Weisheit
Und wird von den Menschenkindern, seinen Brüdern,
Den Schleier der Unwissenheit fortziehen.

Die Königin Maya trug den Gott


Neun Monde in ihrem Schoß
Wie Öl in einer Schale.
Dann ging sie zu einer Verwandten.
Die Straße war mit Blumen geschmückt
Und mit blauen Fahnen der Liebe.
Da kam sie in einen Lusthain,
Die Bäume waren mit Blüten übersät.
Die Königin Maya wünschte,
Sich im Lustgartenparadies zu ergehen.
Sie trat zu einer großen Dattelfeigenpalme
Und griff nach den Rispen,
Die Palme neigte sich
Und schenkte ihr die süße Feige.
Da gebar sie,
Die Feige in den Händen gebar sie
Ohne Schütteln und Beben der Wehen.
Andere Kinder sind bei der Geburt
Mit dem materiellen Schleim behaftet,
Nicht so der menschgewordne Gott,
Er trat aus seiner Mutter
Wie ein Heiliger Vater vom Lehrstuhl herabsteigt,
Unbefleckt von jeder Sünde,
Leuchtend wie eine weiße Jade auf einem weißen Seidenkleid!

Da der Gott geboren war,


Erschien ein Stern am Himmel,
Die Tauben konnten hören,
Die Stummen konnten sprechen,
Die Lahmen konnten springen wie die Hirsche
Und Könige kamen aus der Ferne
Und alle Götter verneigten sich
Und baten, seine Jünger werden zu dürfen!

Er zog in die Welt,


Den Weg der Erlösung zu lehren.
Aber der Fürst der Welt trat ihm entgegen,
Der Fürst der Toten sprach:
Wenn du niederfällst und betest mich an,
So schenk ich dir einen Harem
Von lüsternen Huren!
Aber der heilige Mensch überwand.

Da kam er in einen heiligen Hain


Und fastete vierzig Jahre.

Schließlich trat er an den Paradiesbaum,


Den Ficus religiosa!
Hier erkannte er
Die Erlösung von Schuld und Bosheit und Tod
Und ewiger Verdammnis!
Das Licht der ewigen Weisheit strahlte auf,
Als er beim Ficus religiosa litt am Leiden der Welt!

Inder, ihr glaubtet nicht mehr


An die Religion der Alten,
Doch ward ihr auch überdrüssig
Der Weltlust der Materialisten
Und der zynischen Weisheit der Atheisten.
Da sehntet ihr euch nach einem neuen Glauben
Und hieltet Buddha für den Heiland.

Wisst ihr, was Buddha lehrt?


Ich zeige euch Buddhas Weisheit.

Buddha lehrte durch Gespräche,


Er erzählte Gleichnisse.
Wie Jesus, mein Gott,
Und wie Sokrates, der wahre Weise,
Hat Buddha nichts geschrieben.
Wie Jesus, mein Herr,
Und Lao Tse, der Sohn der Mutter,
Wollte Buddha Haß mit Liebe vergelten
Und Fluch mit Segen
Und Bosheit mit Güte.

Wenn ein Mensch in seiner Torheit


Mir Unrecht tut,
Will ich ihm den Schutz
Meiner barmherzigen Liebe
Angedeihen lassen.

Je mehr Böses von der feindlichen Seele kommt,


Um so mehr Liebe will ich ihr erweisen!

Als ein Narr mich beschimpfte,


Da sprach ich: Mein Bruder,
Wenn einer ein Geschenk nicht annehmen will,
Darf es doch der behalten,
Der es verschenken wollte?
Nun du mir deine Feindschaft schenken willst,
Nehm ich dein Geschenk nicht an,
Ich bitte dich, behalte deine Feindschaft!

Es gibt ja Weise, die lächeln,


Und Heilige, welche gern Witze erzählen.

Die Metaphysik führt zuletzt


Zum Lachen der Engel!

Er ging von einem Ort zum andern,


Begleitet von seinen Lieblingsschülern,
Sein Johannes war sein Lieblingsjünger!
Er kümmerte sich nicht um die Zukunft
Und aß, was man ihm gab.
Er kehrte bei einer Kurtisane ein,
Ob auch die fromme Jünger sich entsetzten.
Er schlug gern sein Lager in einem Garten auf,
Der Nachmittag galt der Betrachtung,
Die Nacht der Unterweisung.
Er sprach, indem er sokratische Fragen stellte
Und jesuanische Gleichnisse erzählte.
Sprüche sagte er auf wie Salomo.

Das Leben ist Leiden,


Das Leid kommt von der Begierde.
Bring die Begierde zum Schweigen,
Dann findest du Seelenfrieden.

Weh mir, Mutter, dass du mich geboren hast!


Bald kommt das Alter, das keiner gerne trägt!
Mit unlieben Leuten sitzt du zusammen,
Bist getrennt von der Geliebten,
Wehe, das ist ein Leiden!
Der unstillbare Durst nach Lust,
Das ewige Werden und Vergehen,
Das ist Leid!
Vernichte dein Begehren!
Wahrlich, die Last des Leidens überwiegt auf Erden
Die Leichtigkeit der Heiterkeit!
Wer früh stirbt, hat es besser,
Als wer lange leben muß!
Der Tag des Todes ist besser
Als der Tag der Geburt!
Besser wär es, nie geboren zu sein!
Mehr Tränen fließen aus den Menschenaugen
Als Wasser in den sieben Weltmeeren sind!
Ist da eine Lust? Sie ist flüchtig!
Kurz nur währt die Lust,
Unendlich verlängert sich der Kummer!
Ist die flüchtige Lust denn Lust
Und nicht in Wahrheit Leiden?
Die egoistische Gier nach Lust
Ist die Wurzel allen Übels!
Die Eigenliebe verursacht das Leiden!
Die Selbstverkrümmung in sich selbst
Beschert den großen Jammer!
Die Selbstverliebtheit
Ist der wahre Herzschmerz!

Und ihr, die ihr euch gatten wollt,


Die ihr zeugen wollt mit euren Geschlechtern,
Ihr zeugt für den Tod!

Wie soll ich mich aber verhalten,


O Weiser, in der Gegenwart der Weiber?
Mein Liebling, als ob du sie nicht sehen würdest!
Wenn ich sie aber doch sehe,
Mein Weiser, wie soll ich mich dann verhalten?
Mein Liebling, dann sprich nicht!
Aber wenn die Weiber mich ansprechen,
O Weiser, was soll ich dann tun?
Mein Liebling, bleib wachsam!

Buddha gründete eine Religion


Ohne Gott.
Er wusste nicht, ob die Welt einen Anfang
Und ob die Welt ein Ende habe.
Er wusste nicht, ob die Seele
Das gleiche sei wie der Körper
Oder was die Seele sei.
Er wusste nicht, ob der Kosmos endlich ist
Oder ob der Kosmos unendlich ist
Oder ob der Kosmos
Endlich und unendlich zugleich?
Diese Spekulationen
Waren ihm ein Marionettentheater,
Ein Possenspiel, das sich als Sakraltheater gibt!

Weisheit und Frieden


Kommen nicht aus dem Wissen
Über das Universum,
Sondern aus der tätigen Liebe.

Es ist Torheit, zu denken,


Ein andres Wesen könne
Uns glücklich machen.

Dieses Leben, das ein Leiden ist,


Wie kann das gewollt sein von einem Gott?
Die Mißgestalt des kosmischen Körpers ist größer
Als die Schönheit eines weisen Planes!
Wir kennen nur die Sinnesempfindung,
Stoff ist Kraft,
Substanz ist Wandel,
Alles ist Werden und Vergehen.
Die Seele, was ist sie mehr als ein Mythos?
Was ist die Seele mehr als ein Gespenst?
Was ist denn dein kostbares Ich?
Ein Sammelsurium von Zufällen nur!
Was ist die Freiheit deines Willens?
Vererbung, Gewohnheit, Umwelt!
Dein Individuum wird nicht dauern!
Dein Individuum stirbt im Tod!
Das ist die Weisheit Buddhas,
Nach der die Toren so lüstern sind!

Und was beschert uns die Erlösung?


Das Nirwana ist das Verlöschen
Des Individuums
Im namenlosen Großen-Ganzen,
Das Nirwana ist
Ein Nichts in grenzenloser Leere!

O Buddha, du bist mein Welterlöser nicht!

Akbar den Großen will ich singen.

Natürlich war der Herrscher


Ein Ausbund aller Tugenden!
Er war der beste Sportler,
Der beste Reiter
Und gewiß der schönste Mann im Reich!

(Seine Arme waren zu lang,


Seine Beine zu krumm,
Seine Augen mongoloide Schlitzaugen,
Sein Kopf zu schief,
Auf der Nase saß eine Warze.)

Ansehnlich durch Sauberkeit,


Durch Würde und Gelassenheit,
Seine Augen strahlten
Wie ein Meer im Sonnenschein,
Seine Augen flammten auf,
Daß sich die Frevler duckten!

Er trug einfache Kleidung,


Bluse und Hose,
Eine Kappe auf dem Kopf,
Barfuß ging er.

Allmählich lernte ich,


Auf meinem eigenen Vulkan zu sitzen!

Seine Milde kannte keine Grenzen,


In dieser Tugend
Übte er keine Vorsicht.

Er war freigiebig
Und gab riesige Summen aus
Als Almosen für die Armen.

Er war krankhaft melancholisch,


Dem Alkohol verfallen,
In seiner Jugend rauchte er Opium.

Er hatte einen Harem,


Der Größe seines Reiches angemessen.
Er hatte tausend Elefanten,
Dreißig Pferde,
Vierzehnhundert Hirsche
Und achthundert Konkubinen.

Er war nicht so nüchtern wie Cäsar


Und nicht so kalt wie Napoleon,
Er liebte die Metaphysik
Und wäre wahrscheinlich ein mystischer Eremit geworden,
Wenn er den Kaiserthron verloren hätte.
Wie Harun ar-Raschid zog er nachts
Verkleidet durch die Straßen.

Er sammelte eine große Bibliothek,


Von kunstreichen Schönschreibern ausgestattet.
Er verachtete den mechanischen Druck
Als eine seelenlose Sache.
Die Jesuiten ließen ihm zukommen
Auserwählte Produkte
Europäischen Geisteslebens.

Er unterstützte die Poeten,


Ohne geizig zu sein.
Einen liebte er besonders
Und machte ihn zu seinem Günstling.
Akbar ließ die Meisterwerke
Indischer Literatur,
Geschichte und Philosophie
In die persische Hofsprache übersetzen
Und überwachte in eigner Person
Die Übertragung des Mahabarata.
Musik und Poesie
Hatten ihre glanzvollste Periode.
Tief war seine Neigung zur Grübelei.
Der fast allmächtige Kaiser
Hatte einen Hang zur Philosophie.

Ich bin der Herrscher eines so gewaltigen Reiches,


Doch ist meine Seele nicht froh
Bei der Uneinigkeit der Sekten
Und Konfessionen und Religionen.
Die wahre Größe besteht
Im Tun des Willens Gottes.
Ich erwarte die Ankunft eines Menschensohnes,
Der mir die Probleme meines Gewissens lösen wird!
Die Gespräche über Philosophie
Haben für mich solch einen Reiz,
Daß sie mich von allen andern Sorgen ablenken.
Ich muß aber mein Begehren gewaltsam unterdrücken,
Das Begehren, den Philosophen zu lauschen,
Um nicht das Gebot der Stunde zu vernachlässigen.

Gelehrte Männer aus allen Nationen,


Prediger der Sekten,
Priester der Konfessionen
Und Oberhäupter der Religionen
Kamen an den Hof des Kaisers.
Er erwartete weise Worte
Über die Vernunft
Und die Offenbarung,
Über das Ziel der Geschichte
Und die Herrlichkeit der Natur.
Die Würde des Menschen, sprach der Kaiser,
Beruht auf dem Juwel der Vernunft!

Als Philosoph studierte er


Die indische Religion
Und die Hindu-Poeten.

Als er von der Neuen Religion


Des Christentums hörte,
Die von Portugal
Nach Goa gekommen war,
Bat er die Katholische Kirche,
Missionare zu schicken.
Die Jesuiten kamen.
Der Kaiser schenkte ihnen volle Freiheit,
Menschen zu bekehren,
Und gestattete einem Jesuitenpater,
Einen seiner Söhne zu erziehen.

Als das verzehrende Feuer der Jugend erkaltete,


War sein schönstes Vergnügen
Die philosophische Diskussion.
Er versammelte wie Freunde
Die Geistlichen der verschiedenen Konfessionen
An seinem Hof, mit ihnen zu diskutieren
Von Donnerstag Abend
Bis Freitag Mittag
Über die wahre Religion.

Als der Kaiser aber


Eine Welteinheitsreligion selbst erfinden wollte,
Stand als einziger protestierend auf
Der Priester der Katholischen Kirche und sprach:
Es gibt nur Einen Gott
Und nur Einen wahren Glauben!

Aber der Kaiser berief ein Konzil ein,


Die Welteinheitsreligion ward beschlossen,
Der Kaiser war selbst
Das unfehlbare Oberhaupt
Der Welteinheitskirche.

Nun machte sich das indische Volk


Ein Neues Goldenes Kalb!

Der Hinduismus, der den Buddhismus ablöste,


War ein Gemisch verschiedener Götterkulte.
Sie alle hielten fest am Kastensystem,
An der Führung durch die Brahmanen,
Bekannten sich zur Metempsychose,
Hielten die dumme Kuh für die Verkörperung Gottes
Und erfanden neue Götter.

Sie glaubten an den Gott der Liebe,


Vischnu, der Gestalt annahm in Krishna.
Der war zur Welt gekommen
In einem irdischen Gefängnis,
Hatte Wunder vollbracht
Und war als Bräutigam aufgetreten
Seiner geliebten Hirtin,
Hatte die Tauben hörend gemacht
Und die Blinden sehend,
Hatte die Armen verteidigt
Und Tote auferweckt.
Er hatte einen Lieblingsjünger,
Arjuna, vor dessen Augen
Er verklärt ward.
Er starb, wie manche sagen,
Von einem Pfeil durchbohrt,
Andere glauben, er sei an einem Holz
Gekreuzigt worden!
Er stieg hinab in die Hölle,
Fuhr gen Himmel
Und wird am letzten Tage wiederkommen,
Zu richten die Lebenden und die Toten.
Wir sehen, die Inder
Haben den Herrn Jesus Christus
Umgedeutet zum hinduistischen Krishna.

Die andern glauben an Shiva.


Die Shivaiten tragen als Symbol des Gottes
Den Phallus um den Arm gebunden.
Schon in der Urzeit Indiens
Verehrten die Inder den Phallus als Gottessymbol.

Der Name Shiva bedeutet:


Der Gnädige, aber das ist
Ein Euphemismus,
Denn Shiva ist ein schrecklicher Götze,
Der Gott der Zerstörung!

Shiva ist Personifizierung


Jener kosmischen Kraft,
Die die Wirklichkeit annimmt,
Alle Organismen und Ideen,
Planeten und Arbeiten,
Und eins nach dem andern zerstört!
Dies ist die Natur,
Die gebiert und verschlingt!
Dies ist die gefallene Schöpfung,
Da das Gute neben dem Bösen lebt und webt!
Dies ist die blinde Lebenskraft,
Die Geburt und Tod als Eines sieht.

Shiva im Phallus
Ist schöpferische Zeugungsmacht,
Und doch tanzt Shiva auf den Toten,
Denn Shiva vernichtet alles!

Die schöpferische Zeugungsmacht


Im phallischen Gottessymbol
Rief nach der weiblichen Partnerin,
Der Sexualpartnerin Gottes,
Das war die Schwarze Mutter Kali,
Welche auch Parvati hieß
Und Uma
Und die schwerzugängliche Durga.

Im Shakti-Kulte wird
Die große Muttergöttin angebetet.
Zu ihrer Verehrung
Werden Menschen geopfert!
Neuerdings begnügt sich die Göttin
Mit dem Blut des Bockes!

Schau, die schwarze Göttin!


Sie streckt dir die Zunge heraus!
Mit Schlangen geschmückt
Tanzt sie auf einer Leiche!
Als Ohrringe trägt sie tote Menschen,
An der Halskette trägt sie Totenschädel!
Ihr Antlitz und ihre Brüste
Sind mit Menschenblut beschmiert!
Denn Kali ist die Mutter
Und zugleich die Braut des Todes,
Sie kann zärtlich sein und lächeln
Und grausam sein und morden!

O Frau, bist du ein Engel


Oder ein Dämon der Hölle?

Wen wollt ihr anbeten?


Wir beten den Affen an!
Wir beten die Schlange an!
Wir beten das Krokodil an!
Wir beten den Panther an!
Wir beten die Ratte an!

Welche Gottheit liebt ihr am meisten?


Wir lieben am meisten die Heilige Kuh!

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch,


Die Brahmanen lehren, man darf die Kuh nicht schlachten,
Doch die Witwen darf man verbrennen!

Das ist der Schlangenteufel aus dem Garten Eden!


Das ist das Goldene Kalb am Fuß des Gottesberges!

In vierhunderttausend Doppelversen
Verfasst der Inder Glaubensbekenntnis.

Wir wissen nicht,


Wie das Weltall entstand.
Vielleicht legte Gott ein Ei
Und brütete selber aus das Ei,
Indem er darauf hockte.
Vielleicht ist die Welt
Nur ein vorübergehender Irrtum
Oder ein Scherz Gottes!

Das Liebespaar Urvaschi und Pururavas


Verbrachte sechzigtausend Jahre
In Wollust und Wonne!

Wer von uns ist denn du


Und wer ist ich?

Alle Wesen sah sie an


Als unverschieden von sich selbst
Und so schaute sie Gott
Als die Seele aller Seelen,
Als das Wesen aller Wesen.

Durch alle Geschöpfe gleich


Erstreckt sich Gott.

Er ist in mir,
Er ist in dir,
Er ist in allem.
Gott ist Geist.

Schau, mein Sohn,


Reiß nicht die Rose vom Strauch,
Sie war im vorigen Leben
Eine schöne Frau!

Meine Geliebte, du beschwerst dich,


Daß ich so gerne gebratne Hühner esse!
Das ist, ich war im vorigen Leben ein Fuchs!
Mein Freund, du riechst es nicht,
Doch hab ich oft einen strengen Geruch,
Ich war im vorigen Leben ein Fisch.

Mit deinen Leiden


Sühne deine Schuld!

Unausweichlich ist das Leiden auf Erden!


Doch tröste dich,
Indem du deinem Leiden den Sinn der Sühne gibst!

Ach, ich empfinde das Leben


Doch mehr als eine bittere Strafe.

Gut ist der Schlaf,


Besser ist der Tod,
Noch besser wärs,
Nie geboren zu sein!

Was ist das wunderbarste Ding der Welt?


Einen Menschen sterben zu sehen!
Doch tun die Menschen alle so,
Als ob sie unsterblich auf Erden wären.
Die Welt ist vom Tode heimgesucht.
Das Alter setzt uns eine Grenze.
Unfehlbar kommt die Nacht.
Was kann ich mit meinem Lebenswandel
Im Schutze der Weisheit
Angesichts des Todes erreichen?

Nun sitz ich als Philosoph


In meiner Höhle
Und lächle über mein altes Leben,
Da ich getrieben vom Begehren war.

Nur Narren wollen wiedergeboren werden!

Wenn die Erlösung dir nicht aus dem Glauben kommt,


Dann bleibt dir nur der Weg der Inder:
Vernichte dein Ich,
Bis du als Nichts in der Leere vergehst!

Ach, ich fühle das auch,


Wie das einsame Ich wünscht,
Aufgelöst zu werden
Und zu verschmelzen
Mit der ewigen Anima Mundi.

Und dies ist das bedeutendste


Philosophem der Inder?
Dies ist das älteste
System der Philosophie überhaupt?

Kapila schriebs, der Scholastiker.


Das vollkommene Ende allen Leidens
Sei das höchste Ziel des Menschen.

Schöpfer nennt er Prakriti, die Substanz,


Den universellen Stoff,
Prima Materia.
Ein Schöpfergott sei aber
Von der Vernunft des Menschen
Nicht beweisbar.
Die Schöpfung selbst sei der Schöpfer.

Zur Stofflichkeit
Gesellen sich der Verstand
Und die Sinne
Und der menschliche Körper
Und die Elemente,
Der Vater Äther,
Das Feuer und die Luft
Und das Wasser und die Erde.

Zuletzt erscheint
Die Seele!
Ihr Name ist
Puruscha,
Sie ist Person!
Sie allein vermag nichts,
Doch beseelt und belebt sie
Den Stoff
Und regt die Evolution an.

Ist das Materialismus?


Im Materialismus erscheint der Geist und die Seele
Wie der Körper und die Natur
Von einer Evolution der Materie
Einzig getragen
Zur Höherentwicklung
Und zum Tod.

In dieser Philosophie des Stoffes


Ist alles eins,
Stein und Blume und Tier und Mensch,
Ist alles blinder Stoff,
Getrieben von Reinheit, Tätigkeit und Torheit,
Ewiges Werden und ewiges Vergehen
Bringen einen endlosen Zyklus hervor.

In dieser Philosophie
Schafft kein Gott die Welt.
Gott ist nicht beweisbar
Von der Vernunft des Menschen.
Ist Gott vollkommen,
Warum sollte er diese Welt erschaffen?
Ist Gott nicht vollkommen,
So ist er nicht Gott.
Ist Gott gut und allmächtig,
Warum schafft er eine Welt,
Die so reich an Leiden ist
Und wo einzig gewiß ist der Tod?

Ist der Philosoph also Materialist?


Mein Philosoph ist ein Spiritist!
Alles ist des Menschen Wahrnehmung nur!
Wie die Welt an sich in Wirklichkeit ist,
Weiß keiner, der Mensch weiß nur,
Wie seiner Wahrnehmung alles erscheint.

Den ganzen Materialismus


Der schöpferischen Prima Materia
Und ihrer blinden Evolution
Stößt der Philosoph nun um
Und führt die Seele ein,
Puruscha, die Person!

Puruscha ist unabhängig vom Stoff,


Sie ist geistig,
Sie allein vermag nichts,
Doch sie allein entwickelt den Stoff.
Die Prima Materia kann sich nicht entwickeln
Und die Evolution treibt nichts an
Ohne sie, Puruscha, die Seele!
Puruscha treibt den Stoff,
Sich zu entwickeln, sich zu entfalten.

Des Menschen individuelle Seele


Und des Menschen geistiges Denken
Sind dem Philosophen nichtig,
Ein Nichts, dem Tod verfallen.
Einzig unsterblich ist sie,
Puruscha, die Person,
Die ewige Anima Mundi!

Wenige Tage der Freude haben wir erfahren,


Kurz ist das leidvolle Leben,
Reichtum ist wie ein Strom, der fortströmt,
Das Leben ist eine stürzende Trauerweide
An einem überschwemmten Ufer.

Was ist die Wurzel des Übels?


Daß das Ich gebunden ist
An den vergänglichen Stoff.
Welche Erlösung bietet der Philosoph?
Die Erlösung kommt von der Erkenntnis,
Daß alle Wirklichkeit Illusion ist,
Das Ich ist Illusion,
Die Welt ist Illusion.

Willst du Erlösung finden,


Erhebe dich über dein vergängliches Ich,
Erhebe dich über die vergängliche Welt
Und versenke dich in die ewige Weltseele!
Sie allein ist unsterblich!

Mache deine Seele frei


Von der Bindung an Vergängliches,
Erkenne die unsterbliche Weltseele
In deiner eigenen Seele
Und in allen menschlichen Seelen
Und in allen lebendigen Wesen
Und in allem Stoff
Und vereine dich
Der Anima Mundi!
Ich bin nichts,
Nichts ist mein,
Meine Existenz ist nichtig.
Alles was ist,
Ist die Anima Mundi.
Sie allein ist
Die göttliche Ewigkeit!

Bist du der heilige Thomas Indiens


Oder nur Indiens Kant?
O Genius Schankara!

Glaube wie der heilige Thomas


An die Autorität der Heiligen Schrift,
Das Zeugnis der göttlichen Offenbarung,
Und versuche, mit der Erfahrung
Und der Vernunft des Menschen
Die Wahrheit der Offenbarung zu erkennen.

Aber du kannst nicht wie der heilige Thomas


So tief glauben an die Vernunft des Menschen.
Nicht Logik sei nötig, sagst du,
Sondern intuitive Einsicht,
Der Inspiration des Dichters ähnlich.

Du willst in Einem Augenblick


Das Wesentliche im Unwestlichen erfassen,
Die Ewigkeit in der Zeit,
Das Ganze im Teil.

Forschen und nachdenken müssen wir


Allein um zu erkennen,
Nicht um zu schaffen
Oder zu herrschen.

Liebe die Weisheit


Allein um ihrer selbst willen
Und schau nicht auf die Früchte deines Handelns.

Selbstbeherrschung brauchst du,


Geduldig musst du sein wie ein Esel
Und bleibe frei von der Versuchung
Durch körperliche Begierden
Und frage nicht nach Geld und Besitz.

Ein Wunsch soll deine Seele treiben,


Der Wunsch nach Erlösung,
Die Sehnsucht nach Befreiung,
Die Bereitschaft, erleuchtet zu werden.
Das Ziel deiner Weisheit
Sei die selige Versunkenheit
In dem Ozean Gottes,
Dem Meer der Erkenntnis,
Der unendlichen Vereinigung!

Aber wie kommen wir zum Wissen,


Da wir die Wirklichkeit
Nur mit den Sinnen wahrnehmen
Und alles getrübt ist
Durch unser begrenztes Ich?
Wir sehen die Welt
Mit ihren Ursachen und Wirkungen
Und erkennen die Wirklichkeit nie,
Wie sie wirklich ist,
Sondern sehen sie durch den Schleier
Unserer Befangenheiten.

Die Welt existiert in Wirklichkeit,


Doch ist sie Maya!
Maya ist ein Phänomen!
Wir sehen die Wirklichkeit nur
Durch den Schleier der Maya
Und verblendet von unserer Torheit.
Maya und unsere Torheit
Verblenden uns, dass wir glauben,
Wir erkennen die Welt.
Doch nehmen wir in dem Phänomen nicht wahr
Die göttliche Wirklichkeit in allem.
Die Sinne nicht und nicht der Verstand
Erfassen die göttliche Wirklichkeit,
Nur intuitive Einsicht,
Die nur der wohlerzogenen Seele möglich ist.

Daß wir verblendet sind durch unsere Sinne


Und den begrenzten Verstand des kleinen Ich,
Läßt uns nicht schauen, wie in allen Seelen
Eine ewige Seele lebt,
Ein Hauch durch allen Atem zieht.
Unser individuelles Ich ist begrenzt
Und verschleiert uns die Wahrheit ebenso
Wie die Phänomene der Welt.
Wenn wir aber das Ich töten
Und uns erheben über Raum und Zeit
Und jenseits von Ursache und Wirkung
Mit den Augen der intuitiven Einsicht schauen,
Können wir die wahre Wirklichkeit schauen,
Jenen Atem Gottes,
Jenen Hauch des Geistes, der in aller Schöpfung lebt,
Der eins ist mit dem Schöpfergott.
Wer ist Gott
Oder was ist Gott?
Es gibt die individuelle Seele
Und die Weltseele.
Es gibt die Welt der Phänomene
Und den Ideenhimmel.
Es gibt den persönlichen Schöpfergott
Und jene Gottheit der Philosophen.

Was ist die Gottheit der Philosophen?


Es ist die ewige Gottheit,
Von den Philosophen in Ehrfurcht verehrt,
Die Wirklichkeit über allen Wirklichkeiten,
Das ewige Wesen aller Wesen,
Das Eine, das Alles umfasst
Und in Allem lebt,
Es ist das Sein an sich,
Das ewige Sein als Quelle aller Wirklichkeit!
Dieses ewige Sein dürfen wir als Gott verehren
Und dürfen Gott glückselig preisen,
Bewusst und intelligent
Und gut wie die ewige Güte selbst.

Ziel des Philosophen ist es,


Das Geheimnis Gottes zu ergründen
Und im gefundenen Geheimnis
Selig sich selbst zu verlieren
Und eins zu sein mit der Gottheit,
Es bedeutet, dass die Seele glückselig
Badet in dem Ozean der Gottheit,
Und es sind nicht mehr Zwei,
Sondern in Vereinigung ist Einheit geworden!

Um diesen Seelenfrieden zu finden


Und diese ewige Glückseligkeit,
Muß der Mensch nicht nur die Welt verlassen,
Sondern vor allem sein Selbst ganz hingeben!

10

Die Muse des Mahabarata


Ließ mich diese Vision erschauen:
Inmitten von hundert Millionen Toten
Wehklagt Gandhari,
Die Mutter des Prinzen Duryodhana,
Über den Leichnam ihres Sohnes.

Makellose Frau und Fürstin,


Stets der Güte zugewandt,
Tapfer in ihren Schmerzen stand
Gandhari auf dem Totenacker,
Schwarz vom Strom des Blutes
Lagen die Totenschädel zu ihren Füßen.
Schakale heulten ihr langgezognes Geheule
Und die Geier schwebten überm Aas,
Krähen krächzten überm Acker des Todes
Und ein ohrenbetäubendes Wehgeheule
Halte über dem Totenacker,
Schmerzensschreie,
Jammerklagen
Hallten auf dem Feld des Grauens.
Die andern Frauen zitterten,
Wankten und sanken wie tot zu Boden,
Das Leben wich aus ihnen,
Der Gram überwältigte sie,
Nur eine todesähnliche Ohnmacht
Linderte einen Augenblick ihre Schmerzen.
Voller Gewalt brach die Klage
Aus dem Busen Gandharis:
Siehe meine armen Töchter!
Siehe die Fürstinnen nun als Witwen!
Wie Adlerweibchen klagen sie
Um den gemordeten Bräutigam,
Die kalten Züge ihrer Liebe
Entflammen sie neu in ihren Schmerzen!
Die Mutter wiegt ihren Sohn,
Der so still im Todesschlaf
In ihren Armen ruht,
Die verwitweten Frauen weinen
Um ihren gemordeten Bräutigam.
Also klagte Königin Gandhari
Vor Gott,
Mit den Augen suchte sie ihren Sohn.
Schmerzen pressten ihr den Busen,
Wieder wachte sie auf in Schmerzen,
Wieder eilte ihr Blick
Zum Sohn, der unterm Himmel schlief,
Von schwarzem Blut überströmt.
Um seinen Leib schlang sie die Arme,
Sie presste ihn dicht an ihre Mutterbrust.
Schmerz durchzuckte ihre Glieder,
Da sie den toten Sohn in den Armen hielt,
Wie ein heftiger Sommerregen
Fallen ihre Tränen auf sein Antlitz,
Sein Haupt ist noch gekränzt mit dem Kranz
Der scharfen Dornen der roten Rosen!
Schau auch die Braut des Prinzen,
Königlich in ihrer Jugendschönheit,
Heilig wie ein goldner Altar.
Ihr Bräutigam ist ihr entrissen,
Ihren liebenden Armen entrissen,
Verdammt ist sie zu jammervollen Leiden
In all der Schönheit ihrer Jugend,
Sie ist doch so schön wie eine Frühlingsblüte!
Zerreiße, o Busen,
Zerreiße unter diesem Gewicht der Schmerzen!
Wie soll Gandhari weiterleben,
Wenn der Sohn gestorben ist?
Betrachte nur des Prinzen verlassene Braut,
Wie sie sein blutüberströmtes Haupt liebkost
Und ihn mit zärtlichen Händen pflegt
Auf seinem Totenlager!
Wie jene sich zum vielgeliebten Bräutigam wendet!
Wie jene sich zum vielgeliebten Sohne wendet!
Wie eine goldne Lotosblume
Erscheint die Braut des Prinzen.
Die Mutter spricht: O meine Tochter,
O du wunderschöne Lotosblüte!
Warum sollen wir weinen?
Ist der Sohn und Geliebte nicht im Himmel?
Es ist vollbracht!
Er wartet nun im Himmel auf uns!

Eben küsste mich


Die Muse des Ramayana.

Als der Pflug den Acker gepflügt,


Sprang aus der Ackerfurche
Sita!
Bald war Sita reif für die Ehe,
Aber wer vermag den ehernen Bogen zu spannen?
Da kam Rama mit der Brust des Löwen,
Mit mächtigen Waffen,
Seine Augen Lotosblumen,
Seine Zähne Zähne des Säbelzahntigers,
Seine Locken als Krone gebunden,
Rama allein vermochte den ehernen Bogen zu spannen.

Siehe, diese ist Sita,


Geliebt von Rama wie seine eigene Seele,
Nunmehr teile Sita Ramas Leben,
Sei sie deine treue Frau,
In Freuden und Leiden sei sie deine Gefährtin,
Dein sei sie in jedem Land der Erde,
In Lust und Schmerzen pflege sie dich liebevoll,
Reiche du ihr die Hand zum Bund der Liebe.
Wie der Schatten dem Körper folgt,
Folge dir deine Frau.
O Sita, Perle der Frauen,
Folge mir in den Tod und das ewige Leben!

Sitas Antlitz war wie Elfenbein,


Ihre Lippen wie Korallen,
Ihre Zähne wie schimmernde Perlen.
Aber eine Intrige eines bösen Weibes bewirkte,
Daß Rama in die Verbannung musste.
Er verzieh seinen Feinden
Und zog in die Wäldereinsamkeit,
Sita aber folgte ihm.

Pferde und schöne Häuser,


Das ist nur Eitelkeit für das Herz einer Frau.
Liebend zu sein und geliebt zu sein,
Das ist dem Weibe lieber,
Lieber hat sie den Schatten des Geliebten!
Glücklicher als in Lustschlössern
Lebt Sita mit Rama im Wald.
Nur dem Geliebten gelten ihre Gedanken,
Nur dem Geliebten gelten ihre Gefühle.
Wilde Früchte wird sie pflücken
Von den duftenden Zweigen.
Ramas Speise wird Sitas Speise sein,
Glückselig wird Sita mit Rama!

Rama und Sita machen sich Kleider


Aus Grasgeflecht, aus Feigenblättern,
Sie bahnen sich einen Weg durch den Dschungel
Mit scharfem Schwert
Und leben von Früchten und Nüssen.

Oftmals fragt Sita wissensdurstig Rama


Nach den Namen der Früchte.
Pfauen schreiten neben ihnen einher,
Affen spielen ihre berühmten Spiele.
Rama badet im Wasser
Im Schimmer der Morgenröte,
Sanft sucht Sita Erfrischung des Wassers
Wie eine Lotosblume im See.

Aber eine vornehme Dame


Kommt vorübergewandert
Und verguckt sich in Rama,
Er aber bleibt der geliebten Sita treu.
Da schickt die Dame ihren Bruder,
Sita zu verführen!

Der Bruder der Dame raubte Sita


Und brachte sie auf sein Lustschloß
Und versuchte mit großer Kunst,
Sita zu verführen.

Rama aber siegte in der Schlacht


Und befreite Sita
Und kehrte in die Stadt zurück
Und bestieg den Fürstenthron.
Rama spricht: Ich muß den Skeptikern Recht geben,
Sita war mir gewiß nicht treu!
Kein Frauenherz kennt Treue!
Sobald ein schöner Verführer kommt,
Lassen sie ihn willig ein!

Sita aber spricht: So denkst du von mir?


Ach, das lässt mich vor Scham
In der Erde versinken!

Und Sita versank im Schoß der Mutter Erde.

11

Ramakrischna glaubte bis ans Ende seines Lebens


An die Göttlichkeit Jesu Christi!

Der Brahmane aus Bengalen fühlte


Die Lockung der Liebe Christi!

Eines Tages kam Jesus Christus


Und ging in den Heiligen ein.

Da lehrte der Heilige eines nur noch,


Die Liebe als Weg zu Gott.

Das Wissen über Gott ist wie ein Mann,


Die Liebe zu Gott gleicht einer Frau.

Das Wissen des Mannes über Gott


Sieht Gottes Palast nur von außen,
Die Liebe der Frau zu Gott
Hat Zutritt zum Brautgemach Gottes!

Ein gelehrter Logiker aber fragte:


Was weißt du vom Denker,
Vom Gedachten
Und vom Denken?
Aber der Heilige sprach:
Du guter Mann, ich weiß nichts
Von der Spitzfindigkeit der Scholastik,
Ich weiß nur eines,
Daß Gott meine Mutter ist
Und ich bin Gottes Sohn!

Gottes Liebe ist wie eine Mutter.


O Mutter! O Mutter! O Mutter!

12
Geliebter, sage mir, ob das alles wahr ist,
Wenn meine Augen wie Abendsterne Blitze strahlen,
Daß dann in deiner Brust die schwarzen Wolken
Wie Donnerschläge des Donnerhammers Antwort geben?
Ist es wirklich wahr, dass dir meine Lippen süß sind
Wie die Blüte im Lenz der jungen Liebe?
Die Erinnerungen vergangener Maienmonde
Duften in allen meinen Gliedern?
Erschauert die grüne Mutter Erde
In Hymnen von Harfen,
Wenn meine nackten Füße die Gräser berühren?
Ist es wahr, dass Tautropfen tropfen aus der Nacht,
Wenn ich erscheine,
Und dass die Morgenröte lächelt,
Wenn ich meinen Körper im Lichtglanz bade?
Ist es wahr, dass deine große Liebe
Einsam wandert durch Welten und Äonen
Auf der Suche nach meiner Liebe?
Und da du mich schließlich gefunden,
Ist es wahr, dass du den Frieden findest
Allein in meinen sanften Worten,
In meinen leuchtenden Augen,
In meinen flutenden Haaren
Und in meinen keuschen zärtlichen Küssen?
Ist es wahr, dass du das Geheimnis Gottes
Auf meiner Stirn geschrieben liest?
Sage mir, mein Geliebter, ist das wahr?

Geliebte, ich sang einen großen Gesang für dich!


Aber meine Verse zerbrachen an deinen Fußkettchen,
Meine Poesie kam zu Schaden
Und liegt zerbrochen zu deinen Füßen!
Ein ganzes Heldenepos
Ward in Tränen ertränkt!
O der Verlust, Geliebte, der Verlust!
Vergelte mir ewig meinen großen Verlust!
Schenk mir unsterblichen Ruhm auf Erden
Und mache mich in Ewigkeit durch deine Liebe glückselig!
Dann werde ich meinen großen Verlust nicht mehr beklagen,
Dann brauche ich nicht mehr zu klagen über dich,
Geliebte, wenn du mir ewige, ewige Liebe schenkst!

DIE CHINESISCHE PHILOSOPHIE

China ist das Paradies


Der Weisen und der Dichter.

Vor zwei Millionen Jahren


Und dreihunderttausend Jahren
Schmiedete Pan Ku, der erste Mensch, das Universum.
Achtzehntausend Jahre lang hat er gearbeitet.
Sein Atem wurde zum Wind,
Seine Stimme zum Donner,
Seine Adern zu Flüssen,
Sein Fleisch zur Erde,
Sein Haar zu Gras und Bäumen,
Seine Knochen zu Metall,
Sein Schweiß zu Regen,
Die Insekten, die an seinem Körper klebten,
Wurden zum Menschengeschlecht.

Jeder der ersten Kaiser


Regierte achtzehntausend Jahre
Und versuchte, aus Pan Kus Insekten
Kultivierte Menschen zu machen.

Vor der Ankunft der himmlischen Herrscher


Waren die Menschen wie Tiere,
Kleideten sich in Felle,
Nährten sich von rohem Fleisch,
Kannten ihre Mütter, aber nicht ihre Väter
(Und das gibt’s heute noch).

Im Jahre zweitausend
Achthundert und zweiundfünfzig erschien
Der Kaiser Fu-Hsi.
Mit Hilfe seiner erhabenen Kaiserin
Lehrte er sein Volk die Ehe,
Die Musik, das Schreiben, die Malerei,
Das Fischen mit Netzen und das Flicken von Netzen,
Die Zähmung der Tiere,
Die Seidenraupenzucht.

Sterbend ernannte Kaiser Fu-Hsi


Shen-Nung zu seinem Nachfolger auf dem Thron.
Shen-Nung führte den Ackerbau ein,
Erfand den hölzernen Pflug,
Begründete Märkte und Handel
Und die Wissenschaft der Medizin,
Ausgehend von der Heilkraft der Pflanzen.

Der mächtige Kaiser Huang-Di beschenkte


Während seiner hundertjährigen Herrschaft
China mit dem Magneten
Und dem Spinnrad,
Ernannte die Historiker,
Errichtete erste Ziegelbauten,
Baute ein Observatorium zum Studium der Sterne,
Verbesserte den Kalender
Und verteilte neu das Land.

Yao regierte so gut,


Daß das chinesische Volk
Schon vom bloßen Anblick Yaos tugendhaft wurde.
Yao stellte außen an seinen Palast eine Trommel,
Damit die Menschen ihn rufen können,
Um ihre Beschwerden vorzubringen,
Und brachte eine Tafel an,
Daß die Menschen ihre Ratschläge aufschreiben
Für die Vervollkommnung seiner Regierung.

Yao war gütig und wohltätig wie der Himmel,


Weise und gerecht wie die Götter.
Von weitem strahlte er wie eine leuchtende Wolke,
Kam man ihm nah, so glänzte er wie die Sonne.
Er war reich, doch nicht überheblich,
Ein Kaiser, aber nicht verschwenderisch.
Er trug eine gelbe Kappe auf dem Kopf
Und trug ein dunkles Kleid,
Fuhr in einem roten Wagen,
Der von weißen Stuten gezogen wurde.
Sein Haus war schlicht und schmucklos.
Seine Nahrung bestand aus einer einfachen Suppe,
Er trank die Linsensuppe aus einer hölzernen Schüssel.
Er selbst war nicht mit Juwelen geschmückt,
Seine Kleidung war ohne Stickereien.
Er lauschte keinen Liebesliedern
Und keiner sinnlichen Musik des Südens.
Im Sommer trug er ein einfaches Kleid aus Leinen,
Im Winter trug er ein Hirschfell.
Und doch war er der Reichste und der Weiseste,
Der Langlebigste und der Geliebteste
Von allen Kaisern, die je regierten
Im blühenden Reich unterm Himmel.

Ihm folgte Shun,


Das Vorbild eines pietätvollen Sohnes,
Der Held, der geduldig kämpfte
Gegen die Fluten des Huang-He,
Er verbesserte den Kalender,
Brachte Gewichte und Maße in eine Norm,
Machte sich bei der Schuljugend beliebt,
Indem er die Länge der Peitsche kürzte.

Im hohen Alter setzte Shun


Seinen fähigsten Diener neben sich auf den Thron,
Yü, den Ingenieur.
Der regulierte die Fluten der neun Flüsse,
Durchbrach die neun Berge,
Bildete neun Seen.

Wenn es nach Yü gegangen wäre,


Wären alle Chinesen Fische geworden.

Zu Yüs Zeiten wurde der Reiswein entdeckt,


Aber Kaiser Yü warf den Reiswein zu Boden und sprach:
Der Tag wird kommen,
An dem das Reich der Mitte zugrunde geht am Reiswein!
Yü verbannte den Erfinder des Reisweins
Und verbot das Reisweintrinken.
Später erhoben die chinesischen Dichter
Den Reiswein zum nationalen Kultsymbol.

Yü aber gründete eine Dynastie,


Die Dynastie der Xia.
In der Xia-Dynastie galt noch das Mutterrecht.

Lao Tse kannte die Weisheit des Schweigens.

Szu-Ma Qian erzählt,


Wie Lao Tse,
Der Intrigen der Politiker satt
Und seiner Arbeit in der kaiserlichen Bibliothek von Chou,
Beschloß, China zu verlassen,
Um eine abgeschiedene Gegend aufzusuchen.
Als er die Grenze erreichte,
Sagte der Wächter Yin-Hsi zu ihm:
So gehst du also in die Einsamkeit!
Ich bitte dich, ein Buch für mich zu schreiben!
Da schrieb Lao Tse ein Buch in zwei Teilen
Vom Tao und vom Te,
Von der Weisheit und der Kraft,
In fünftausend Worten.
Dann ging er fort
Und niemand weiß, wo er gestorben.

Tao ist der Weg, die Weisheit,


Die Weisheit der Natur und des heiligen Lebens.
Es ist eine Art zu denken
Oder besser: Nicht zu denken!
Denn das Denken ist eine Kunst,
Gut zum Streitgespräch,
Dem Leben aber eher schädlich.
Man findet die Mutter Tao,
Die Ewige Weisheit,
Nicht durch den Intellekt,
Sondern durch ein heiliges Leben in der Stille,
Durch die Einfachheit
Und die Beschauung der Weisheit der Natur.
Denn Wissen ist nicht Weisheit.

Die Guten üben sich nicht in Redekünsten,


Die Redekünstler üben sich nicht in der Güte.
Laß ab vom Lernen
Und die Sorgen schwinden von selbst.

Auch das Schreiben ist eine unnatürliche Kunst


Und ein Einfluß des Teufels.
Der spontane Impuls des Volkes,
Des Volkes Lebensdrang
Und Wunsch nach Liebe,
Hält ungehindert von den Gesetzen der Herrschaft
Das Leben in Gang.

Der Alte Meister unterscheidet


Zwischen natürlicher Kultur
Und gelehrter Zivilisation.

Die Natur ist das Leben,


Der schweigende Ablauf der traditionellen Feste,
Die Ordnung der Jahreszeiten.

Die Natur selbst ist die Mutter Tao,


Der Weg und die Weisheit und das Leben.
Die Ewige Weisheit
Ist in jedem Bach, in jedem Stein, in jedem Stern
Als Spur geheimnisvoll offenbar.

Die Mutter Tao


Ist ein unpersönliches Weltgesetz,
Dem sich das Tugendgesetz des heiligen Lebens anschmiegt.

In Wahrheit sind das Weltgesetz der Ewigen Weisheit


Und das Tugendgesetz des heiligen Lebens eins.

Das menschliche Leben in seinem Rhythmus


Ist ein Teil vom großen Rhythmus,
Der die ganze Schöpfung durchpulst.

Die universale Mutter Tao


Vereinigt alle Gesetze der Natur
Und des menschlichen Lebens
Und ist die Ursubstanz des Seins.

Die Mutter Tao ist die Urform aller Formen


Und das Einig-Ein vor aller Zweiheit,
Sie ist das Absolute,
In welchem alle Teile ihre All-Einheit finden.

Im glückseligen Altertum
War das menschliche Leben einfach
Und friedlich
Und alle Welt war glücklich.
Dann aber erlangte der Mensch Erkenntnis,
Verkomplizierte sein Leben
Durch Kunst und Erfindung,
Verlor die geistig-moralische Unschuld,
Zog vom Land in die Städte
Und begann gar, Bücher zu schreiben!
Ach, da begann das Elend der Menschen
Und es flossen die Tränen der Philosophen!

Das Geheimnis der Weisheit


Und der stillen Genügsamkeit,
Die allein ein dauerhaftes Glück beschert,
Ist die Ergebenheit
In den Weg der Ewigen Weisheit,
Frei von allem Künstlichen
Und vom Verstand des Menschen.

Das Zeichen des vollkommenen Menschen


Auf dem Weg der Ewigen Weisheit
Ist die tiefe Stille,
Es ist die Art des philosophischen Nicht-Tuns,
Das Geschehenlassen des höheren Willens.

Wer nicht streitet mit den Menschen,


Mit dem vermögen die Menschen nicht zu streiten!
Vergilt die Feindschaft der Menschen
Mit der Tugend der Ewigen Weisheit,
Der Ursprungskraft der Mutter Tao!
Den Guten behandle gut,
Den Bösen behandle ebenfalls gut!
Den wahrhaftigen Menschen begegne in der Wahrheit,
Den unwahrhaftigen Menschen begegne in der Wahrheit!
So findet der Unwahrhaftige auch zur Wahrheit!
Das Weiche wird das Harte überwinden!
Nichts ist weicher und schwächer als das Wasser,
Doch das weiche Wasser bricht den härtesten Felsen!

Wie ihr vom Heiligen sprecht,


Dem Helden des Glaubens und der Güte,
So spricht Lao Tse vom Weisen,
Vom reifen und abgeklärten Geist,
Der zurückkehrt in die Einfachheit
Und das mystische Schweigen.

Das Schweigen und das Ruhen in der Stille


Ist der Anfang der Weisheit.

Der vollkommene Mensch


Spricht nicht von der Ewigen Weisheit,
Denn sie kann durch Worte nicht mitgeteilt werden,
Der vollkommene Mensch lebt die Weisheit
Und zeigt sie durch das Beispiel seines Lebens.

Wer die Mutter Tao kennt,


Der redet nicht,
Wer aber redet,
Der kennt die Mutter Tao nicht.
Wer die Mutter Tao kennt,
Der schließt den Mund
Und die Pforten der Wahrnehmungssinne.

Der vollkommene Mensch


Ist bescheiden.

Mit fünfzig Jahren


Kennt er die Grenzen seines Wissens.
Er weiß, dass alle Erkenntnis
Nur ein Stückwerk bleibt.
Weiß er mehr als andre,
So versucht er das zu verbergen.
Er mäßigt seinen strahlenden Glanz
Und sucht sich dem Staub der Weltlichkeit gleichzumachen.
Die Einfalt des Kindes steht ihm näher
Als die Klugheit der Belesenen.
Er hat aber auch nicht den Widerspruchsgeist
Des Neulings aus der Schule des Wissens.

Alles, was uns in der Jugend erfüllte,


Alles, wofür wir kämpft,
Alles verliert einst seine Bedeutung.
Wir ziehen uns zurück aus dem Kampf
Und werden den Kindern überreichen,
Was uns an Idealen geblieben!

Dann werden wir uns


Mit Lao Tse
In die Waldeinsamkeit zurückziehn
Nur mit Einem Buch,
In dem wir alle Weisheit finden,
Mit dem Buch von der Weisheit und Kraft Gottes!

Konfuzius liebte die Klarheit


Und Ehrlichkeit im Denken
Und im Ausdruck des Gedankens.
Wenn man sich durch seine Worte
Verständlich machen kann,
So ist das Ziel erreicht.
Was du weißt, das gelte als dein Wissen,
Was du nicht weißt, gelte als deine Unwissenheit.
Wenn du beides gelten lässt,
Besitzt du die Weisheit.

Du musst die Begriffe klären,


Einen unväterlichen Vater
Nenne nicht mehr Vater!
Einen nicht kindlichergebenen Sohn
Nenne nicht mehr Sohn!

Der Metaphysik ging er aus dem Weg,


Denn seine beherrschende Leidenschaft war
Die gute Lebensführung
Und die weise Herrschaft.

Er sprach gelegentlich vom Himmel und vom Gebet


Und lobte die Verehrung der Toten
Und das Opfer des Himmels.

Aber als Tse-Kung ihn fragte:


Besitzen die Toten ein Wissen?
Da gab Konfuzius keine Antwort.

Als Tse-Loo ihn fragte, wie man den Geistern dienen kann,
Da sprach Konfuzius:
Wenn ich den Menschen nicht diene,
Was frage ich danach, den Geistern zu dienen?

Als Tse-Loo ihn nach dem Wesen des Todes fragte,


Sprach der Meister: Wenn du das Leben nicht kennst,
Was fragst du nach dem Wesen des Todes?

Fan-Che frug: Was ist Weisheit?


Konfuzius sprach: Weisheit ist,
Die Götter ehren,
Den Dämonen fern bleiben
Und seine Liebe den Menschen erweisen.

Der Meister sprach nie von Magie


Und Dämonen der Natur.

Doch die Metaphysik des Konfuzius war


Die Einheit in allen Erscheinungen,
Die dauerhafte Harmonie
Zwischen dem Gesetz der Natur
Und der tugendhaften Lebensweise.

Seine größte Leidenschaft galt


Der Moral.
Das Chaos seiner Zeit erschien ihm
Als moralisches Chaos,
Herbeigeführt durch Schwächung des alten Glaubens
Und Ausbreitung eines Zweifels
An der Unterscheidung von Gut und Böse.

Konfuzius wünschte
Eine Revolution der Moral,
Ausgehend von der Restauration
Der heiligen Familienbande.

Wer die Natur der Menschheit heiligen will,


Der ordne den Staat.
Wer den Staat begründen will,
Der heilige die Familie.
Wer die Familie gründen will,
Der heilige sein Selbst.
Wer sein Selbst heiligen will,
Der verwirkliche die Ideen,
Der komme mit der Erkenntnis ans Ziel.
Das Ziel der Erkenntnis ist
Das Erfassen der Wirklichkeit.

Der Weisheit Anfang


Liegt im Innern des Menschen.
Grundlage der Gesellschaft ist
Der disziplinierte Mensch
In der Ordnung der heiligen Familie.

Tse-Loo befragte den Meister


Nach dem Wesen des Edlen.
Der Meister sprach: Er bildet sich selbst
Mit heiligem Ernst.

Der Edle ist


Zum einen ein Philosoph,
Zum andern ein heiliger Mensch.

Der Edle besitzt


Einen klaren Verstand,
Einen getrosten Mut
Und einen guten Willen.

Der Edle trauert um der Wahrheit willen,


Er trauert nicht wegen seiner Armut.

Der Edle ist vollkommen


Wie der Himmel vollkommen ist
Und sein Herz ist nicht eng.

Der Edle duldet kein Chaos


In seinen Worten.

Nicht allein Verkörperung ist er der Intelligenz


Und nicht nur ein Schriftgelehrter
Und nicht nur einer, der die Weisheit sucht,
Er besitzt die Vernunft
Und einen guten Charakter.

Die Grundlage seines Charakters


Ist die Wahrhaftigkeit.
Vollkommene Wahrhaftigkeit
Zeichnet den Edlen aus.

Der Vulgäre stellt Anforderungen an die Gemeinschaft,


Der Edle stellt Anforderungen an sich selbst.
Der Vulgäre fordert Gerechtigkeit für sich,
Der Edle ist gerecht zu allen.

Der Edle leidet,


Wenn er nicht genügend Fähigkeiten besitzt,
Er leidet aber nicht darunter,
Daß er nicht berühmt ist in der Welt
Und dass die Menschen ihn nicht verstehen.

Dennoch hasst er den Gedanken,


Die Welt zu verlassen,
Ohne einen bleibenden Namen zurückzulassen.

Der Edle benimmt sich so,


Daß seine Art und Weise
Jederzeit als Vorbild genommen werden kann.
Der Edle redet so,
Daß seine Worte
Jederzeit als Gesetz genommen werden können.

Was ist das Wesen der Tugend,


Fragte Chung-Kung den Meister, der sprach:
Was du selbst nicht wünschst,
Das tu du nicht den andern.
Tse-Kung den Meister fragte:
Nach welchem Wort kann man sein Leben gestalten?
Der Meister sprach: Nach dem Wort
Der allgemeinen Nächstenliebe.

Womit soll man Güte vergelten?


Güte vergelte man durch Güte,
Unrecht vergelte man durch Geradheit.

Der Grundcharakter des Edlen ist


Die überströmende Zuneigung zu allen Menschen.

Wenn der Edle einen Würdigen sieht,


So sucht er ihm gleich zu werden.
Wenn der Edle einen Unwürdigen sieht,
So prüft er sein eignes Inneres,
Ob er den gleichen Fehler auch noch an sich trage.
Wenn die Menschen ihn verleumden,
Achtet er nicht darauf,
Sondern ist höflich
Und leutselig allen Leuten gegenüber.

Aber der Edle ergießt sich


Nicht in uneingeschränktem Lob des Menschen.

Da er ein Werk zu schaffen hat,


Ist er fleißig in seiner Arbeit,
Das begründet seine Würde.

Selbst den Familienangehörigen gegenüber


Bemüht er sich um Höflichkeit.

Aber er wahrt einen gewissen Abstand


Sogar seinem Lieblingssohn gegenüber.

Mo Di war Philanthrop.
Sich von Kopf zu Fuß
Den ganzen Körper kahl zu scheuern,
Um der Menschheit zu helfen,
Dazu war er bereit!

Mo Di verurteilte Konfuzius
Und seine Lehre von den Familienbanden
Und wollte die Liebe in der Familie ersetzen
Durch allgemeine Menschenliebe.

Was ist das Fundament?


Man findet das Fundament
Im Studium der alten Weisen.
Wie gelangt man zu einem umfassenden Überblick?
Man prüfe die Erfahrung des Volkes.
Wie wendet man seine Erkenntnisse an?
Man führe sein Denken
In Gesetz und Herrschaft ein.

Mo Di wandte sich gegen Konfuzius


Und seinen unpersönlichen Himmel,
Mo Di betonte die Persönlichkeit
Des Vaters im Himmel.

Mo Di sprach: Die allgemeine Menschenliebe


Ist die einzige Lösung
Für jedes soziale Problem.

Wenn die Menschen sich lieben würden,


Würde der Starke den Schwachen nicht unterdrücken,
Würde der Arme vom Reichen nicht gekränkt,
Würde der Gemeine vom Edlen nicht verachtet
Und würden die Hinterlistigen
Nicht die Einfältigen bedrängen!

Egoismus ist die Wurzel allen Übels.


Das beginnt schon bei der Besitzgier
Des kleinen Knaben
Und führt bis zur Eroberung
Eines kleinen Reiches durch ein großes Reich.

Mo Di lehrte durch sein Vorbild.


Eh der Herrscher den Weisen sah,
Wollte er ein Nachbarreich überfallen,
Aber als er den Weisen gesehen,
Wollte er das Nachbarreich nicht einmal geschenkt,
Wenn Unrecht damit verbunden wäre.
Da sprach Mo Di zum Herrscher:
Bei dieser deiner Gesinnung
Kann ich dir den Nachbarstaat anvertrauen
Und ruhigen Herzens bleiben.
Wenn du weitermachst
Und Gerechtigkeit übst,
Kann ich dir die ganze Erde anvertrauen.

Der Erste Kaiser von China,


Shi Huang-Di, der Tyrann,
Verbrannte die Schriften von Mo Di.

Yang Chu, der Egoist, kam.


Er sagte, das Leben sei voller Leiden
Und sein Sinn sei das Vergnügen!
Es ist kein Gott, sprach der Tor,
Es gibt kein Leben nach dem Tod, sprach der Tor.

Was ist der Mensch?


Der Mensch ist eine Puppe,
Gelenkt von natürlichen Kräften,
Von dem Erbe der Ahnen
Und dem unveränderlichen Eigenwesen.

Der weise Mensch, sprach der Tor,


Erträgt das Schicksal, das ihm zugemessen,
Aber wird sich nicht beirren lassen
Durch den Wahnsinn der Philosophen,
Die von der heiligen Liebe reden
Und vom dauernden Namen des Weisen.
Die Moral ist nur ein Betrug,
Den die Weisen an den Narren begehen.
Allumfassende Liebe
Ist ein Kindertraum.
Kinder nur wissen noch nicht,
Daß der Haß die Welt bewegt.
Ein dauernder Name ist ein eitler Tand
Für Toren, die den Tand bezahlen
Mit dem Verlust der Lust!

Im Leben leiden die Guten


Wie die Bösen leiden,
Aber die Bösen können besser genießen!

Die weisesten Menschen


Des goldenen Zeitalters
Waren nicht moralische Herrscher,
Sondern Sensualisten,
Die die Lüste jeden Impulses genossen!

Die Weisen hatten nicht einen Tag der Freude,


Im Tode haben sie ewigen Ruhm.
Was haben sie denn davon?
Die von der Geschichte Bösewichter genannt sind,
Die genossen alle Lüste des Lebens,
Im Tod besitzen sie einen schändlichen Namen.
Was kümmert sie das?
So sprach der Tor, der Egoist, der Sensualist!

Doch an dieser Weisheit der Sinne


Ging China zugrunde!

Mencius will ich singen,


Die Weisheit aber lehrt mich,
Die Mutter des Mencius zu besingen.

Sie war die vorbildliche Mutter!

Dreimal, so heißt es,


Wechselte sie den Wohnort
Aus Liebe zu ihrem Sohn.
Zuerst weil sie am Friedhof wohnten
Und der Sohn begann,
Wie ein Toter zu wandeln,
Dann weil sie bei einem Schlachthof lebten
Und der Sohn begann zu brüllen
Wie ein Schlachtvieh,
Dann weil sie in der Nähe einer Bank gelebt
Und der Sohn begann,
Das Geld zu lieben.
Schließlich wohnten sie
In der Nähe einer humanistischen Schule,
Da war die Mutter zufrieden.

Doch als der Sohn das Studium vernachlässigte,


Da zerriß die Mutter ihr Kleid,
Sie sprach: Ich ahme deine Nachlässigkeit nach
Beim Studium der Alten Weisen.
Nun wurde der Sohn
Ein fleißiger Schüler
Und nahm sich eine Frau
Und widerstand der Versuchung,
Die Frau zu entlassen.
Er öffnete eine Schule der Philosophie
Und sammelte eine Schar Studenten um sich
Und diskutierte mit ihnen seine Theorien
Von der Hierarchie der Herrschaft.

Als die Mutter alt geworden,


Wollte der Sohn sie nicht verlassen,
Aber die Mutter sprach: Nur Mut, mein Sohn!

Die Mutter sprach:


Es ziemt sich nicht für eine Frau, zu herrschen,
Denn sie soll sich unterordnen.
Als Mädchen soll sie sich Vater und Mutter unterordnen,
Als Ehefrau soll sie sich ihrem Ehemann unterordnen
Und als Witwe ordne sie sich dem Sohne unter.
Du bist ein Mann in voller Reife,
Ich bin eine alte Witwe.
Handle, wie es dein Glaube gebietet
Und ich will mich verhalten, wie es der Glaube vorschreibt.
Du brauchst um mich also nicht besorgt zu sein.

Mencius gab der Monarchie den Vorzug


Vor der Demokratie,
Da es leichter sei,
Einen Philosophen auf dem Kaiserthron zu sehen
Als ein wohlanständiges Volk.

Als die Mutter heimkehrte


Zu der Versammlung der Ahnen,
Begrub der Sohn sie mit großem Pomp,
Ob ihn die Schüler auch tadelten,
Aber er sprach:
Es ist das Gebot der Pietät, des Glaubens,
Daß der Sohn die liebe Mutter ehrt!

Dann zog sich Mencius zurück


Aus dem öffentlichen Leben
Und widmete seine restlichen Jahre
Dem Studium
Und dem Unterricht der Studenten
Und der Fertigstellung eines Werkes,
Da er die Fürsten seiner Zeit beschrieb
Im Gespräch mit Frau Weisheit.

Daß Mencius aber


Das Recht des Volkes auf Revolution behauptete,
Das erzürnte den Kaiser der Ming,
So dass Mencius vom Sockel gestürzt ward!

Mencius sprach: Der Mensch ist gut,


Ist von Natur aus gut.
Hsün-Tse sprach aber: Der Mensch ist böse,
Von Natur aus böse.

Selbst Yao und Shun und Yü,


Sie waren bei ihrer Geburt
Nur Wilde!
Die Natur des Menschen ist böse,
Sein Gutes kommt nur von der Erziehung.
Von Geburt an hat der Mensch die Natur
Des Begehrens.
Folgt man der Begierde,
So entsteht der Streit, der Zank,
Die Freundlichkeit und die Großmut gehen zugrunde.
Von Geburt an hat der Mensch
Begierden,
Begierden nach Augenlust und Ohrenschmaus.
Folgt man der Begierde,
So entsteht die Unzucht,
Die Sitte geht zugrunde.
Nachgiebigkeit gegen die Natur des Menschen
Und das Ausleben seiner Leidenschaften
Bringen nur Zank hervor,
Die Ordnung verfällt
Und der Mensch wird zum wilden Tier.
Darum bedarf es des wohltätigen Einflusses
Einer Erziehung durch die Weisen,
Einer Erziehung in den Tugenden,
Damit die Freundlichkeit entsteht,
Die Ordnung eingehalten wird
Und alles der Regel der Weisheit entspricht.
So gesehen ist die Natur des Menschen böse
Und alle menschliche Güte
Kommt von der Kunst der Weisheit.

8
Tschuang-Tse betrachtete Mutter Natur
Als einzige wahre Geliebte,
Die ihn trotz seiner Sünden und seines Alters
Immer willkommen hieß!

Er schlug zweimal ein Amt am Fürstenhofe ab:


Geht schnell weg,
Beschmutzt mich nicht
Mit eurer sündigen Gegenwart!
Eh ich mich den Gesetzen und Schranken
Des Hofes unterwerfe,
Ziehe ich es vor,
Mich im Schlamm zu wälzen!

Die Herrschaft genoß bei ihm die gleiche Achtung


Wie bei seinem Ahnherrn Lao Tse.
Es bereitete ihm ein Vergnügen,
Darauf hinzuweisen,
Wie viel die hohen Majestäten
Mit Dieben gemeinsam hatten!

Man soll die Welt nur leben lassen,


Lasst sie nur gewähren!

Im goldenen Zeitalter
Lebte vollkommene Tugend,
Die Menschen lebten in Eintracht
Mit Vögeln
Und alle Lebewesen bildeten eine Familie.
Sie kannten nicht die Unterschiede
Zwischen Edlen und vulgären Menschen.

Ich suche den Frieden,


Ich jage dem Frieden nach,
Ja, wahnsinnig begehre ich den Frieden!
Wir wollen in der Stille der Wälder
Glücklich wie Kinder sein!

Frei von aller Künstlichkeit


Und aller Verstandesbeschränkung
Folg ich der göttlichen Mutter Tao!

Worte verwirren ebenso oft,


Wie sie als Wegweiser dienen.

Die göttliche Mutter Tao


Kleidet sich nicht in Worte
Und wird nicht ergriffen vom Denken.

Das ist meine Erkenntnis:


Alles gehört dem Einen Schatz!
Tod und ewiges Leben gehören dem Einen Schatz!

Ich hatte die Vision


Einer überperönlichen Einheit.
Es ist wahr, ich bin ein Pessimist,
Doch das hindert mich nicht,
Vom heißen Wein der göttlichen Mutter Tao berauscht zu sein!

Himmel und Erde sind mein Sarg,


Sonne und Mond sind meine Totenlampen,
Die Sterne sind meine Perlenschnüre
Und die ganze Schöpfung gibt mir Trauergeleit.
So hab ich ein prächtiges Begräbnis,
Da müssen meine Freunde nichts hinzutun.

Die Mutter Natur ist ein glühender Schmelzofen


Und Gott der Schöpfer ist der Große Gießer,
Wohin Er mich sendet,
Will ich gehen!

EPILOG

Der harmonische Leibnitz sprach:


Derart scheinen unsre Verhältnisse heute zu sein,
Da die Sittenverderbnis
Ins Unermessliche anschwillt,
Daß ich es für notwendig halte,
Daß chinesische Missionare zu uns kommen!
Sie sollen uns die Übung
Und das Ziel der Theologie lehren.
Nämlich wenn ein weiser Mann
Zum Schiedsrichter würde bestellt,
So würde er den goldenen Apfel
Sicher der Jadejungfrau China schenken!

Als die Franzosen in Deutschland wüteten


Mit ihren Bomben,
Vergaß der Vater Goethe den Lärm der Heiden
Und beachtete nicht die wüsten Sünder,
Denn er war versunken
In die Betrachtung
Der chinesischen Philosophie.

KONFUZIANISCHE WEISHEIT
Ich hadere nicht mit dem Himmel
Und vergebe alles allen Menschen.

Wer mich kennt,


Das ist der Himmel.

Der Himmel hat in mir veranlagt


Das Wirken zum Guten.

Wer gegen den Himmel sündigt,


Zum wem soll der noch beten?

Habe Ehrfurcht vor dem Himmel,


Ehrfurcht vor den Heiligen,
Ehrfurcht vor den Weisen.

Der Meister war krank.


Sein Schüler wollte für ihn beten.
In den Lobgesängen an die Heimgegangenen heißt es:
Wir bitten euch, ihr seligen Geister
Im Himmel und auf Erden!
Der Meister sprach: Mein ganzes Leben
War mein Gebet.

Durch Nachahmung lernen


Und sich darin üben,
Ist das nicht auch eine schöne Befriedigung?

Wenn die Menschen dich nicht erkennen


Als der, der du bist,
So gehört das zum Wesen des Gerechten.

Der Gerechte versteht sich darauf,


Gerechtigkeit zu tun,
Der Sünder versteht sich darauf,
Seinen Vorteil wahrzunehmen.

Der Dichter, der einen gewichtigen Inhalt


In einer ungestalten Form ausdrückt,
Ist ein grober Dichter.
Der Dichter, der in einer kunstvollen Form
Einen geringen Inhalt ausdrückt,
Ist ein Schreiberling.
Der Dichter, der Gehalt und Stil
Ausgewogen und harmonisch behandelt,
Ist wirklich ein Poet.

Ein Weiser, der in seinem Studium


Auf den guten Stil achtet
Und in seinem Handeln
Nach den Geboten der Tugend sich richtet,
Der wird nicht abirren von dem wahren Weg.
Der Weise ist aus innerer Ruhe heraus
Großzügig und gelassen,
Der Tor ist immer wegen irgendetwas
In großer Aufregung.

Wer sein Inneres überprüft


Und seine Fehler verbessert,
Worüber soll er traurig sein?

Der Weise ist erhaben,


Aber nicht hochmütig,
Der Tor ist manchmal hochmütig,
Aber niemals erhaben.

Der Weise stellt hohe Anforderungen


An sich selbst,
Der Tor stellt hohe Anforderungen
An die Andern.

So wie der Zimmermann in seiner Werkstatt bleibt,


Die Arbeit zu vollenden,
So bleibt der Weise bei seinen Gedanken,
Um das zu erreichen,
Was von ihm als der wahre Weg erkannt ward.

Beerdigungsriten vollziehen
Ohne Trauer im Herzen,
Wie soll ich das ertragen?

Ich habe schweigend zugehört,


Um zu erkennen.
Ich wurde des Lernens nicht überdrüssig
Und nicht müde, Schüler zu belehren.
Was soll man noch von mir sagen?

Ein Mensch, der einfache Speisen isst,


Der maßvoll trinkt
Und seinen eigenen Arm als Kopfkissen nimmt,
Der kann auch Freude des Lebens erfahren.
Aber Reichtum
Und große Ehre in dieser Welt,
Ohne nach dem wahren Weg zu fragen,
Das ist flüchtig wie eine Wolke.

Wer sein Herz darauf ausrichtet,


Seiner Heiligung nachzujagen,
Der wird von allem unter der Sonne angerührt,
Alles hilft ihm,
Auf dem wahren Weg zu wandeln.

Der Meister sprach zu seinem Sohn:


Hast du schon die klassischen Lieder gelernt?
Nein, sprach der Sohn, noch nicht.
Sohn, wer die klassischen Lieder noch nicht kennt,
Der kann auch nicht mitreden mit den Weisen.

In seiner Umgebung Liebe spüren,


Das ist schön.
Wer die Wahl hat, soll seine Wohnung danach ausrichten.

Ein Weiser, der von der Nächstenliebe abließe,


Verdiente den Namen des Weisen nicht mehr.
Ein Weiser entfernt sich nicht einmal
Für die Dauer eines Mittagessens
Von der Nächstenliebe.
In der Drangsal des Weltgetriebes
Liebt er seinen Nächsten
Und auch in der Stunde der Gefahr.

Etwas zu verschwenderisch zu sein


Aus Liebe zum Nächsten,
Das ist ein Fehler,
Der mir noch sympathisch ist,
Aber geizig sein als Fehler,
Das kann ich nicht leiden,
Solch ein Fehler kommt
Aus Mangel an Nächstenliebe.

Wer Nächstenliebe übt,


Der hat selbst einen inneren Halt
Und kann auch andere halten,
Er kennt die Wahrheit
Und kann andre belehren.

Richte deinen Willen


Auf den wahren Weg,
Dann wirke kraftvoll das Gute,
Übe die Nächstenliebe
Und erfreue dich an der großen Kunst.

Wenn man von der Nächstenliebe spricht,


So lebt sie als Ansatz in uns,
Doch wird sie oft verhüllt
Durch die Begierde.
Erst wenn wir den Egoismus entfernen,
Kann die Nächstenliebe sichtbar werden.

Was ist das Wesen der Nächstenliebe?


Den Menschen zu lieben.
Was ist das Wesen der Weisheit?
Den Menschen erkennen.

Ob wir es den Alten angenehm machen


Oder die Kleinen ans Herz drücken
Oder zu unserm Wort stehen
Im Umgang mit den Freunden,
Es gibt nichts,
Was nicht von der Nächstenliebe abhängt.

Wer gerecht und weise ist,


Der hat Autorität,
Er braucht nicht zu befehlen,
Und die Kleinen gehorchen doch.
Der Tor, der keine Wahrheit anerkennt,
Er kann befehlen so laut er will,
Die Kleinen gehorchen dennoch nicht.

Einer, der die Weisheit liebt,


Hat mehr Genuß an der Weisheit als der,
Der die Weisheit nur kennt.
Einer, der die Weisheit liebt,
Kommt dem an Freuden nicht gleich,
Der über die Weisheit sich freut!

Abwege kommen nicht vom Himmel,


Denn vom Himmel kommt allein
Der wahre Weg.
Wer sein Herz nicht gebunden
An den wahren Weg,
Der strömt den Irrlehren zu,
Unter denen die von Buddha die Größte ist.

Wer es versteht,
Die Weisheit der Alten
Neu lebendig zu machen
Und daraus Erkenntnis zu gewinnen,
Den kann man einen Lehrer nennen.

Der Meister sprach zu seinem Sohne:


Li, mit einem Menschen
Den ganzen Tag zusammen sein
Ohne seiner überdrüssig zu werden,
Das kann nur der Gebildete sein.

Die Toren aber halten es für Klugheit,


Alle möglichen Listen und Tücken sich auszudenken,
Sie freuen sich über den Fall eines andern,
Sie scheuen sich, etwas zu lernen,
Und schämen sich dennoch, nichts zu können,
So ist die Torheit.

Sage nicht: Niemand hört, was ich lehre!


Gott hat acht auf die Worte der Menschen!

Was ist die Überlegenheit des Meisters?


Ich erkenne, was die Worte der Weisen bedeuten
Und ich verstehe mich auf die Kunst,
Den Geist, der mich zur Großem beflügelt,
In mir zu pflegen.

O dieser Geist,
Der mich zu Großem beflügelt!
Der Geist ist der Atem unsres Leibes,
Ursprünglich ist er eins
Mit der Energie des Himmels
Und ist auch das innere Leben der Erde.
Wer zum Himmel aufschauend
Sich nicht schämen muß
Und wer hernieder schauend zur Erde
Nicht erröten muß,
Der braucht sich nicht zu sorgen
Und braucht nicht ängstlich zu sein.
In diesem Menschen schließt sich der Sund
Zwischen Himmel und Erde.

Die fromme Pflege


Des Geistes in uns,
Des göttlichen Atems in uns,
Der uns zu Großem beflügelt,
Läßt uns eins werden
Mit dem Vater im Himmel.

Und was sollen die Menschen tun?


Sollen sie kein Herz haben für den Nächsten?
Sollen sie kein Herz für Gerechtigkeit haben?
Wenn die Menschen aber
Gewissenlos leben,
So sind sie wie ein Wald,
Der von Äxten niedergehauen wird.
Wenn sie Tag für Tag in Frevel
Gegen ihr Gewissen handeln,
Wie könnten sie da Gutes tun?
Doch nach Morgen und Abend
Mit ruhigem Gebet des göttlichen Atems
Kommen die Lieben wieder zusammen
Und weichen die Feinde.
Aber wenn der Mensch sich im Alltag
Fesseln lässt von Dingen,
Die gegen das Gewissen streiten,
So schweigt das Gewissen bald.
Dann nützt ihnen auch das regelmäßige Atmen nichts.
Wenn der Mensch nicht mehr
Den göttlichen Atem meditiert,
Dann kehrt der Mensch
Dem wahren Menschen den Rücken zu
Und wird den Tieren ähnlich.

Leid, das einen andern betrifft,


Kann der Mensch nicht ertragen,
Ohne helfen zu wollen.
So wenn ein Mann
Ein Kind in einen Kanal fallen sieht,
Wird der Mann erschrecken im Herzen.
So wird er fühlen,
Auch wenn er nicht der leibliche Vater ist
Und das Kind nicht gezeugt von seinem Samen ist.
Der Mann fühlt dieses Mitleid nicht etwa,
Weil er die Mutter des Kindes
Zur Freundin haben wollte,
Auch nicht, weil die Klatschweiber in den Dörfern
Ihn loben und preisen sollten,
Auch nicht, weil sein Name
Keinen Flecken bekommen soll,
Sondern einfach, weil das Kind in Not geriet.
Aber all jene Kreaturen,
Die dieses Mitgefühl nicht kennen,
Die sich nicht schämen über Fehler,
Die keine Abscheu vor Schlechtem haben,
Die starrsinnig und verstockt sind,
Die Gut und Böse nicht unterscheiden können,
Die sind nicht mehr als Menschen anzusehen.

Liebevolle Beziehung zu einem Menschen


Ohne die Schmerzen der Verwundung
In der Tiefe des Herzens,
Wäre nur eine bloße Theorie
Der allgemeinen Menschenliebe.

Erst durch die Schmerzen der Verwundung


Lernen wir, uns vorwärts zu bewegen,
Sonst bleiben wir träge liegen.

Das Herz muß alles zuerst erwägen


Im Hören auf die Stimme des Gewissens.
Wenn das Herz zuerst denkt,
Erlangt man das Wahre,
Anders aber erlangt man nicht das Wahre.
Die Stimme des Gewissens
Ist uns vom Himmel ins Herz gegeben.
Wer zuerst sein Herz ausrichtet
Auf das Wahre,
Dessen Geist wird nicht mehr umgeworfen,
Er handelt als großer Mensch
Und nur als großer Mensch.

Wenn der Himmel


Einem Menschen eine große Berufung gibt,
So wird der Himmel zuerst
Dem Herzen des Menschen
Eine schwere Last auferlegen.
So wird der Himmel
Des Menschen Herz bewegen,
Demütig und geduldig machen.
Nur so wird der Mensch
Dinge vollbringen,
Die er vorher nicht vollbringen könnte.

Warum unterrichtet der Weise


Seinen Sohn nicht selber?
Ach, die Umstände lassen es nicht zu!
Der Lehrer wird sich nach dem Recht ausrichten.
Sieht er, dass man frevelt gegen das Recht,
Gerät er in Zorn.
Aber dieser Zorn
Entfremdet den Schüler von seinem Meister.
Der Schüler wird sich sagen:
Der Vater lehrte mich immer,
Stets nach dem Guten zu schauen,
Aber nun kann er sich selbst nicht beherrschen
Und gerät sehr schnell in Zorn.
So werden sich eines Tages
Vater und Sohn entfremden.
Aber wenn sich Vater und Sohn
Voneinander trennen, ist das ein Unglück.
Im goldenen Altertum
Haben darum die weisen Väter
Die Söhne ausgetauscht,
Um sie zu unterrichten.
Zwischen Vater und Sohn
Darf es nicht dahin kommen,
Daß der Weg der Güte verlästert wird,
Denn dann ginge jeder seinen eigenen Weg.
Und wenn dann solche Trennung zustande kommt
Und Vater und Sohn getrennt von einander leben,
Dann ist das wirklich traurig!

Den Himmel öffnen


Im Betrachten des Himmels,
Wie ist es denn, wenn du zuvor
Die Dinge betrachtest und ordnest?
Eins zu sein mit dem Willen des Himmels
Und die Allmacht besingen,
Wie ist es denn, wen du zuvor
Dich selbst beherrschst,
Um das vom Himmel Empfangene
Gerecht zu gebrauchen?
Voller Sehnsucht auf die Ankunft hoffend,
Nur die Ankunft erwartend,
Wie ist es, wenn du zuvor
Der Zeit entsprechend etwas für das Reich tust?

Wer den Unterschied erkennt


Zwischen dem, was uns der Himmel gibt
Und dem, was uns die Menschen geben,
Der hat Erkenntnis gewonnen.

Das Herz empfängt


Die Erleuchtung von Gott.
Das Herz gebietet,
Das Herz beauftragt,
Das Herz bewegt,
Das Herz hält inne.
Die Lippen kann man zwingen,
Zu sprechen oder zu schweigen,
Die Gestalt kann man zwingen,
Sich zu krümmen,
Aber das Gewissen
Als Stimme des Herzens
Ist frei!
Wenn das Herz die Wahrheit erkennt,
Dann stimmt es der Wahrheit zu
Und nichts und niemand kann es hindern.

Auch ich vergleiche das Herz


Einer Schale mit Wasser,
Die man ruhig hinstellt.
Das Trübe sinkt nach unten,
Oben ist das Wasser klar,
So dass man den Bart darin erkennen kann.
Wird die Schale aber bewegt,
Trübt sich das Wasser
Und man kann das Antlitz nicht mehr schauen.

Der Mensch hat von Natur


Die Möglichkeit, zu erkennen,
Und einen freien Willen.
Doch das Herz muß frei werden,
Um den Auftrag des Himmels empfangen zu können.
Denn das, was du schon empfangen hast,
Soll das nicht hindern,
Was der Himmel dir noch schenken möchte.

Du sollst den Weg erkennen!


Forsche und erkenne den Weg
Und handle nach den Geboten des Himmels,
Wandle den Weg
Und gib der Weisheit Gestalt.
Mache dein Herz frei von allem,
Um für das Eine offen zu sein
Und so wirst du ruhig.
Du wirst feinsinnig werden und klar.

Wenn einer erkennt,


Was ihm vom Himmel gegeben ist,
Der kann große Werke tun
In selbstlosem Handeln,
Tiefe Erkenntnis wird den überkommen,
Der nicht selbst erfinden will.

Nehmen wir die Wahrheit wahr,


Die frei von aller Unreinheit ist,
Müssen wir die Wahrheit im Innern bewahren.
Über die Unreinheit aber,
Über das, worüber man vor Scham errötet,
Prüfe sich jeder selbst.
Haben wir die reine Wahrheit gefunden,
Wird sie uns helfen auf allen unsern Wegen.
Wir lieben unser Selbst darum,
Weil wir die Wahrheit erkennen.
Finden wir aber Unreinheit in uns,
Ist unsre Seele wie ein Acker,
Aus dem wir noch Unkraut jäten müssen.
Der Mensch schämt sich dann vor seinem Selbst.

Die Kunst, den Geist mit dem Atem Gottes zu verbinden


Und die Ruhe des Herzens zu wahren
Besteht darin, die tierische Begierde
Zu zähmen und zu zügeln
Und die Leidenschaften zu ordnen
Und mit dem ganzen Menschen
In Harmonie zu bringen.
Auch im Erkennen
Erdrückt uns das Einzelne,
Und unser Geist erhebt sich,
Wenn wir auf das Große-Ganze schauen.

Manche sagen, um die Begierde zu zähmen


Könne man nur auf das Alter warten,
Da die Begierde von selber stirbt.
Manche sagen, um die Begierde zu zähmen
Könne man nur warten auf die spätere Zeit,
Wenn die Begierde schwächer geworden ist.
Diese Menschen glauben nicht,
Daß man die Begierden zähmen und zügeln kann
Und die Leidenschaft ordnen.

Wir haben die Leidenschaft


Vom Himmel empfangen,
Aber ohne bestimmtes Objekt.
Die Objekte, die sich die Leidenschaft wählt,
Bestimmt das Herz.
Vom Himmel haben wir also
Die Leidenschaft allein,
Unser Herz aber lenkt
Die Leidenschaft auf ihre Objekte.
Darum ist der Anteil
Der vom Himmel kommt,
Schwer zu bestimmen.

Wenn die Begierde das Maß überschreitet,


Das vom Herzen gemessene Maß,
Wenn die Bewegung der Begierde
Nicht das Erstrebenswerte erreicht
Und sogar Nichterstrebenswertes bekommt,
Dann hält das Herz die Begierde zurück.

Ob es zur Ordnung kommt


Oder zu Verwirrung kommt
In unsern Gedanken,
Hängt von der Fähigkeit ab zu erkennen
Und wie wir diese Fähigkeit ausgebildet,
Aber es hängt nicht ab
Von den Gefühlen der Begierde.

Weil nur mit Leidenschaft


Ein Ziel erreicht werden kann,
Darum kommt des Menschen Streben
Von dem Trieb der Leidenschaft.

Wer die Pforten seiner Sinne bewacht,


Darf doch die Leidenschaft nicht töten,
Sie ist der Antrieb
Aller seiner natürlichen Anlagen.
Obwohl der Mensch also nicht töten darf
Den Trieb der Leidenschaft,
Darf er doch nicht zulassen,
Daß die Leidenschaft
Ihre Grenze überschreitet.

Der Mensch aber, der Befriedigung sucht


Im Begehren,
Dessen Herz ist unruhig,
Der Mensch aber, der seinen Frieden sucht
Im Wandeln des wahren Weges,
Dessen Herz wird feinsinnig klar sein.

Der Narr ist prahlerisch


Und will doch, dass man ihm glaubt,
Der Narr betrügt und lügt gern
Und will doch, dass man ihn liebt.
Der Narr ist wie ein Tier
Und will doch, dass alle ihn bewundern.
Der Narr kommt beim Denken zu keiner Vernunft
Und ist beim Handeln immer rastlos,
Zuletzt erlangt er nicht das Liebenswerte,
Sondern das Abscheuliche.

Der Weise hat Vertrauen


Und will, dass man ihm vertrauen kann.
Der Weise begegnet den Menschen
Aus dem Innern des Herzens heraus
Und will den Menschen Liebe schenken.
Der Weise richtet sich gerade auf
Und ordnet seine Begriffe und Gedanken
Und will, dass die Menschen seine Gedanken achten.
Beim Denken sucht er einfach die Wahrheit,
Beim Handeln sucht er einfach das Gute.
Schließlich erlangt er das Liebenswerte
Und begegnet nicht dem Abscheulichen.

Wenn das Herz des Weisen sich weitet,


Achtet er die Gaben des Himmels
Und folgt dem guten Weg.
Er ist besorgt allein darum,
Das Gute zu tun,
Und darum bleibt er maßvoll in allem.
Im Denken betrachtet er das Seiende
Und achtet auf das Allgemeine
Und das Besondere aller Arten.
Er ordnet zuerst sein Herz in Ruhe,
Dann richtet er sich auf den wahren Weg.
Seine Freude ist ausgeglichen
Und selbst im Kummer ist er still und gefasst.

Für den Weisen gibt es nichts Besseres,


Um sein Herz weit zu machen,
Als wahrhaftig zu sein.
Wer die Wahrheit mit dem Herzen erkennt,
Für den gibt es nichts Schöneres als die Wahrheit.
Dem Weisen gilt nur die Nächstenliebe
Und das Tun der Gerechtigkeit,
Denn in der Nächstenliebe
Ist Gott gegenwärtig.

DIE WILDEN

ERSTER GESANG

Der Hund vergräbt einen Knochen,


Den er noch nicht glattgenagt,
Das Eichhörnchen sammelt Nüsse
Für die späteren Feste,
Die Biene füllt die Honigscheiben,
Die Ameisen speichern Vorräte
Für das Regenwetter,
Sie sind die Schöpfer
Unsrer Zivilisation.
Von ihnen lernten unsre Ahnen,
Aus der Überfülle des Heute
Für morgen
Zu sparen.

Die Zähmung der Tiere begann,


Als die hilflosen Jungen
Geschlachteter Tiere
Auf das Feld getrieben wurden,
Damit sie als Spielzeug der Kinder dienen.

Die Frau entdeckte nun


Die Freigebigkeit der Mutter Erde.
Der Mann ging auf seine Arbeit, nämlich zur Jagd,
Die Frau aber grub in der Zeit
In der Nähe der Hütte
Nach essbaren Dingen.

Wir halten es für möglich,


Daß beim Sammeln des Getreides,
Welches wild gewachsen war,
Auf dem Weg zwischen Feld und Siedlung
Manch ein Samen auf die Erde fiel
Und so das große Geheimnis
Des Wachstums ahnen ließ.

Unsre Ahnen beobachteten


Den Specht, der Eicheln einlagerte,
Die Bienen, die den Honig sammelten,
So schufen sie nach Jahrhunderten
Der Unbekümmertheit
Die Begriffe von Vorratsansammlung
Und Sparsamkeit.

Unsre lieben Primitiven


Haben einen wahren Heißhunger
Auf Fleisch,
Auch wenn sie sich hauptsächlich ernähren
Von Körnern, Gemüse und Obst.

Unsre Ahnen aßen wirklich alles,


Kröten, Schnecken,
Mäuse und Ratten,
Spinnen und Skorpione,
Schlangen und Boas,
Hunde und Pferde,
Läuse, Insekten,
Reptilieneier und Vogeleier,
Das waren alles Delikatessen
Für unsre lieben Primitiven.

Die größte Delikatesse aber


War der liebe Mitmensch!
Ein appetitliches Weib,
So sagt der Mann noch heute!
Ich habe dich zum Fressen gern,
Du appetitliches Weib!
Bin so sehr in Liebe zu dir versunken,
Als hätte ich dein Blut getrunken,
Sagt Goethe der Frau von Stein.

Der weiße Mann aber schmeckt


Dem Polynesier auf Tahiti
Wie eine reife Banane,
Wenn er gut gebraten ist.
Die Fidschibewohner
Fanden aber das Fleisch der Weißen
Zu salzig und zu zäh,
Ein Matrose aus Europa
War nicht sehr lecker, kaum genießbar!
Ein Polynesier schmeckt schon besser!

Ein Philosoph aus Brasilien


Sagte einst beim Rauchen seines Tabaks:
Wenn ich meinen Feind getötet,
Ist es besser, ihn zu essen,
Als ihn einfach wegzuschmeißen.
Schlimm ist es doch nur, zu sterben,
Und nicht, gegessen zu werden.
Wenn ich tot bin,
Ist es mir gleich, ob ich begraben werde
Oder ob mein Feind mich auffrisst.
Aber ich könnte mir keinen Braten vorstellen,
Der mir besser schmecken würde
Als das Fleisch meines Feindes.
Ihr Europäer seid wirklich zu empfindlich!

Das Feuer ist doch so wohltätig


Und so geheimnisvoll,
Daß unsre Primitiven das Feuer verehren.

Der Affe schleudert Steine


Und Früchte
Auf seine Feinde,
Der Biber baut Dämme,
Die Vögel bauen Nester,
Die Schimpansen bauen Hütten.
Der Ahn beneidet
Die Tiere um die Kraft ihrer Zähne,
Um die Schärfe ihrer Klauen,
Die Härte ihrer Hauer und Hörner,
Um die Sicherheit ihrer Verstecke.
Da machte sich der Ahn an die Arbeit,
Werkzeuge zu erschaffen
Und Waffen,
Die den Werkzeugen und Waffen
Der Tiere nachgebildet sind.

Die Spinne webt ihr Netz,


Der Vogel flicht sein Nest,
Die Wälder sind wie gestickt,
Ein wahres Fasergewebe die Blätter,
So dass die Primitiven
Als eine der ersten Künste
Das Weben lernten von der Mutter Natur.

Nun begann die Frau zu töpfern


Und ritzte mit dem scharfen Fingernagel
Figuren in den Lehm,
Erste Zeichen und Bilder,
Woraus die Schrift entstand.

Und was berichtet der Missionar Christi?


Überraschend ist es zu beobachten,
Wie liebenswürdig die Wilden
Und voller Achtung sind
Im Umgang miteinander.
Die Worte mein und dein,
Von denen Johannes Goldmund sagt,
Sie töten die Nächstenliebe,
Diese Worte kennen die Wilden nicht
In ihrem Urkommunismus.

Warum ging der Kommunismus unter,


Der Kommunismus unsrer lieben Primitiven?
Der Kommunismus war hinderlich
Für den Erfindergeist,
Den Fleiß und die Sparsamkeit anzuspornen,
Der Fähige wurde nicht belohnt,
Der Taugenichts nicht bestraft.
Alle waren gleichgeschaltet,
So gab es keinen Wetteifer
Und kein Wachstum.
Die Indianer waren so faul,
Daß sie nichts selber pflanzten,
In der Hoffnung,
Die Andern werden ihnen zu essen geben.
Wenn der Fleißige aber nicht mehr genießt
Als der Faule, hört er zu arbeiten auf.

Aber nach den vielen Mühen


Von Jagd und Arbeit,
Muß sich der Wilde erholen,
Das tut er mit einer ekstatischen Faulheit.

Langsam ging der Kannibalismus zurück


Und es trat der große Fortschritt ein,
Daß der Mensch nicht mehr gefressen,
Sondern versklavt ward vom Menschen.
Ein moralischer Fortschritt
Von ungeheurem Ausmaß!

Der Mensch ist nicht gerne


Ein politisches Herdentier.
Er schließt sich seinen Mitmenschen an,
Doch weniger aus Liebe
Als mehr aus Gewohnheit,
Er liebt die Gesellschaft nicht so sehr
Als er die Einsamkeit fürchtet.
Er geht mit andern Menschen,
Weil die Isolierung
Gefahren mit sich bringt
Und weil es viele Dinge gibt,
Die man besser zusammen tut als allein.
In seinem Herzen aber
Ist der Mensch einsam
Und stellt sich heldenhaft
Der Welt entgegen.

Im Kriegsfall wählten die Primitiven


Den stärksten Krieger
Zu ihrem Anführer
Und folgten ihm blindlings.

In Friedenszeiten aber
Hatte der Hohepriester
Die oberste Weisungsgewalt.
Schließlich bildete sich bei den Stämmen
Ein ewiges Königtum,
Der König war der oberste Heerführer,
Der Landesvater
Und eine Art zweiter Hoherpriester.
Die Gesellschaft wurde regiert
Vom Schwert des Königs
Und vom Mythos des Hohenpriesters.
Man hat oft versucht,
Den Thron und den Altar zu trennen,
Aber eines Tages
Werden sie sich wieder vereinigen.

Irgendein Ruder blonder Raubtiere,


Sagte Nietzsche von den Ariern,
Unterwarf gewaltsam
Eine friedliche Ackerbaugesellschaft.
Die bäuerliche Gesellschaft
Gibt den Menschen einen Tagesablauf
Und braucht den Menschen in den Mühen auf.
Die Jägerhorden sind ans Morden gewohnt,
Sie betrachten den Krieg
Nur als eine andere Form der Jagd.

Ohne die Autokratie der Herrschaft


Hätte die Entwicklung
Der Gesellschaft nicht begonnen.

Aber ein Staat, der nur auf Macht beruht,


Auf der Gewalt des Schwertes,
Geht bald zugrunde.
Der Mensch ist dickköpfig, leichtgläubig,
Er opfert dem Staate nichts,
Wenn die Macht des Staates nicht begleitet wird
Von der Unterweisung
Durch die Familie, die Schule, die Kirche.
In Kirche, Schule und Familie
Werden die Menschen geschmiedet
Zu Patrioten und frommen Bürgern.

Das Individuum hat weniger Rechte


In den Naturgesellschaften
Als in der Zivilisation.
Der Mensch wird in Ketten geboren,
In Ketten der Vererbung,
Des Milieus, des Brauches, des Gesetzes.
Das primitive Individuum bewegt sich
In einem strengen Vorschriftennetz.
Tausende Tabus schränken den Menschen ein.
Unveränderliche Gesetze bestimmen
Sitzen und Stehen, Essen und Trinken.
Das Individuum ist keine
Souveräne Einheit.
Das Individuum ist nur ein Teil
Der Sippe, der Dorfgemeinschaft.
Erst mit dem privaten Eigentum
Und dem Erscheinen des Staates
Wurde dem Individuum
Eigene Würde zugesprochen.
Die Menschenrechte
Kommen nicht von der Mutter Natur,
Denn die Mutter Natur
Kennt nur das Recht des Stärkeren
Oder der listigeren Kreatur.
Erst in gesicherten Zuständen
Erscheint die Freiheit
Als ein Luxus.
Das freie Individuum ist ein Zeichen
Und ein Erzeugnis
Einer entwickelten Zivilisation.

Die Urtriebe des Menschen sind


Der Hunger und die Liebe
(Und zum Hunger zähl ich auch den Durst).
So braucht es für eine Gesellschaft
Viel zu essen
Und viele Kinder!

Bis der Staat


Die soziale Ordnung stiftet,
Tut es die Familie,
Und selbst nach der Errichtung
Der staatlichen Herrschaft
Bleibt die Familie
Das feste Fundament.

Viele Fische
Legen eine Million Eier im Jahr,
Einige Fischarten sind nicht so kinderliebend
Und legen nur fünfzig Eier im Jahr.
Vögel legen fünf
Bis zwölf Eier im Jahr
Und sorgen gut für ihre Brut.
Die Weibchen der Säugetiere
Bringen drei Junge im Jahr zur Welt.
Abnahme der Fruchtbarkeit
Geht Hand in Hand
Mit einer größeren elterlichen Fürsorge
Für die wenigen Kleinen.
Je weiter die Zivilisation sich entwickelt,
Umso weniger Kinder gebären die Frauen.
Die Jugend dauert länger,
Die Jugendlichen werden besser ausgebildet.
Wenn weniger Kinder gezeugt werden,
Wird die menschliche Kreativität frei
Für die Zeugung geistiger Kinder,
Nämlich für Werke der Kultur.

Die einfachste Form der Familie


Ist die Mutter mit ihren Kindern.
Das ursprüngliche Mutterrecht
War aber kein Matriarchat,
Keine Gynäkokratie,
Keine Herrschaft des Weibes über den Mann!

Die Frau war im Ursprung dem Mann


An Widerstandskraft und Mut gleich,
Sie war noch kein hübsches Schmuckstück,
Kein niedliches junges Ding,
Kein sexuelles Spielzeug für den Mann.
Das Weib war ein robustes Tier,
Das stundenlang schwerste Arbeit tun konnte
Und mit Todesverachtung
Für ihre Kinder kämpfen konnte.

Der Fortschritt wurde


Von den Frauen eingeführt.
Der Mann ging als Jäger auf die Jagd
Oder war der Hirte seiner Herde.
Die Frau bearbeitete den Boden
Und entwickelte die Heimarbeit
Als die Grundlage
All unsrer Industrie.

Der Frau verdanken wir


Das Spinnen und Weben,
Das Körbeflechten, Töpfern,
Die Holzarbeiten
Und die erste Architektur.
Die Frau bereitete das Heim
Und fügte unmerklich den Mann
Der Liste ihrer gezähmten Tiere hinzu,
Bildete in dem Mann
Die soziale Neigung aus
Und gab ihm die anmutvolle Zerstreuung,
Die die Grundlage
Und das Klebemittel
Unsrer Zivilisation ist.

Die grundlegende Form


Der Regelung der Sexualität
Ist die Ehe,
Eine Verbindung von Gefährten
Zur Pflege der Nachkommenschaft.
Aber die Ehe kannte
Im Laufe der Geschichte
Viele veränderliche Formen,
Angefangen von der primitiven
Versorgung der Kinder durch die Mutter
Ohne Verbindung mit einem Mann
Bis zur dekadenten Form
Der Beziehung von Lebensgefährten
Ohne Nachkommenschaft.

Unsre tierischen Väter


Haben die Ehe erfunden.
Unter den Gorillas und Orang-Utans
Dauert die Ehe
Bis zum Abschluß der Säugeperiode.
Das lose Benehmen der Weibchen
Wird vom Männchen streng bestraft.
Die Orang-Utans auf Borneo
Leben in Familien
Von einem Männchen, einem Weibchen und einem Jungen.
Bei den Gorillas ist es nichts Ungewöhnliches,
Die Alten beim Geschwätz
Und beim gemeinsamen Obstessen
Unter einem Baum zu finden,
Während die Jungen
Um sie herumspringen
Und sich in stürmischer Fröhlichkeit
Von einem Ast zum andern schwingen.

Unter den Buschmännern genügt


Die kleinste Misshelligkeit,
Die Verbindung aufzulösen
Und neue Beziehungen
Werden augenblicklich angeknüpft.

Bei den Wilden wird


Die Ehefrau wöchentlich ausgewechselt,
Man kann kaum erfahren,
Wer gerade der Gatte
Der bestimmten Dame ist.
Die Frauen gehen von einem Mann zum andern.
Kaum zwanzigjährige Mädchen
Haben schon vier oder fünf Männer gehabt.
In der Sprache von Hawai
Bedeutet das selbe Wort
Versuch und Ehe.

Die Scholastiker dachten,


Mohammed habe die Polygamie erfunden.
Aber die Polygamie
Ist bei den Primitiven weit verbreitet.
Im Krieg und bei der Jagd
Sind viele Männer gestorben,
So gab es einen Frauenüberschuß.
Da konnten sich die Frauen nur entscheiden
Zwischen Polygamie
Und unfruchtbarer Ehelosigkeit.

Und der Mann liebt die Mannigfaltigkeit.


Die Neger von Angola sagen,
Der Mann ist nicht fähig,
Immer vom selben Teller zu essen.
Der Mann liebt auch die Jugend
Und die Frauen altern rasch
Bei den Primitiven.

Später begann man,


Die Hauptfrau von den Nebenfrauen zu unterscheiden.
Daraufhin wurde die Hauptfrau
Die einzige Ehefrau
Und die Nebenfrauen wurden
Zu heimlichen Geliebten.

Man nahm auch gerne Frauen


Aus andern Stämmen,
Weil die Nähe der Frau
Die schöne Illusion vertreibt
Und die Ferne der Frau
Die Frau verklärt erscheinen lässt.

Romantische Liebe
Kennen die Primitiven nicht.
Wenn wir Liebe finden,
Hat es nichts mit der Ehe zu tun.
Der Mann nimmt sich eine Frau
Als Arbeitskraft,
Um Kinder zu bekommen
Und eine tägliche Mahlzeit.
Eine Weizenähre zu schneiden
Und eine Frau zu nehmen,
Ist das gleiche.

Voreheliche Beziehungen
Sind bei den Primitiven üblich,
Die Leidenschaft wird nicht
Durch Abweisung gehemmt
Und darum beeinflusst die Leidenschaft selten
Die Wahl der Ehefrau.
Aufgrund dieses Mangels
Einer Verzögerung
Zwischen Wunsch und Erfüllung
Fehlt es an Zeit
Für ein Insichhineinbrüten
Der enttäuschten und darum idealisierten
Leidenschaftlichen Liebe,
Die gewöhnlich die Quelle
Der romantischen Liebe ist.
Darum gibt es bei den Primitiven
Auch keine Liebespoesie.
Als die Missionare die Bibel brachten,
Fanden sie in der Algonkinsprache
Kein Wort für Liebe.
Die Hottentotten
Waren kalt und gleichgültig zueinander.
Als man einen australischen Eingebornen fragte,
Warum er eine Frau heiraten wolle,
Sagte er, er wolle eine tägliche Mahlzeit
Und eine Frau, die ihm seine Siebensachen nachschleppe.

Die größte Aufgabe der Moral


Ist die Regelung des Geschlechtslebens.
Der Instinkt versetzt doch den Menschen
Innerhalb oder außerhalb der Ehe
In manche schwierige Lage
Und bedroht durch seine hartnäckige Stärke
Und Unbekümmertheit um die Gesetze
Und durch seine Perversionen
Die gesunde soziale Ordnung.
Sollen voreheliche Beziehungen
Verboten oder erlaubt sein?
Selbst unter Tieren
Ist die Auslebung sexuellen Triebes
Nicht völlig schrankenlos,
Vielmehr weist das ablehnende Verhalten
Des Weibchens während der Brunstzeit
Dem Geschlechtsverlangen in der Tierwelt
Einen bescheidenern Platz ein
Als bei den Menschen der freien Liebe.

Bei den Primitiven wird nämlich


Dem vorehelichen Geschlechtsverkehr
Freies Spiel gelassen.

Die primitiven Mädchen


Fürchten den Verlust ihrer Jungfräulichkeit nicht,
Vielmehr fürchten sie unbegattet zu bleiben.

Die Primitiven kennen keine Scham


Über die Nacktheit des Körpers.
Die Neger schüttelten sich vor Lachen,
Als ein Engländer sie bat,
Vor der Ankunft seiner weißen Frau
Sich doch bitte zu bekleiden.
Eine Anzahl von primitiven Stämmen
Übt den Geschlechtsverkehr
In der Öffentlichkeit aus.
Erst wenn die Frauen genommen worden vom Mann,
Haben sie das Bedürfnis, Kleider anzulegen.
Die Frauen im alten Ägypten
Und im zeitgenössischen Bali
Schämen sich nicht,
Ihre Brüste öffentlich nackt zu zeigen.

Unter den Papuas kam Abtreibung häufig vor.


Kinder sind lästig, sagten die Frauen,
Wir sind der Kinder müde,
Wir sterben an ihnen!

Wenn die Abtreibung misslang,


Blieb noch der Kindermord übrig.
Wenn ein Neugeborenes missgestaltet war
Oder irgendwie krank,
War die Ausrottung gestattet.

Stämme auf Madagaskar setzten die Kinder aus,


Die im Frühling geboren worden,
Ertränkten sie oder begruben sie lebendig.
Das gleiche Schicksal erwartete alle Kinder,
Die an einem Freitag geboren waren.
Wenn eine Frau Zwillingen das Leben schenkte,
Nahm man das als Beweis für ihren Ehebruch,
Da kein Mann zu gleicher Zeit
Vater von zwei Kindern werden kann,
Deswegen wurde eins der Kinder getötet.

Der Individualismus wie die Freiheit


Wird erst von der Zivilisation erzeugt.
Erst in der Morgenröte der Zivilisation
Wurde eine kleine Anzahl von Männern freigestellt
Und befreit von den Sorgen und Mühen des Alltags,
Um in schöpferische Muße
Die Werte der Wissenschaft und Kunst zu schaffen.

Was ist Schönheit?


Schönheit ist, was gefällt.

Das Gefällige kann


Die ersehnte Genossin sein,
Dann übernimmt das Schönheitsgefühl
Die Intensität und Kraft
Des Geschlechtstriebes
Und weitet den Heiligenschein auf alles aus,
Was mit der Geliebten in Berührung kam,
Auf alle Formen, die der ihren ähneln,
Auf alle Farben, die ihr Anmut verleihen,
Die ihr gefallen, an sie erinnern,
Auf Schmuck und Kleidung, die sie zieren,
Auf alle Körper,
Die den Körper der Geliebten widerspiegeln,
Ihre Grazie und ihr Ebenmaß.

Kunst ist die Schöpfung der Schönheit,


Kunst ist Ausdruck des Denkens und Fühlens
Einer schönen und erhabenen Form,
Deshalb weckt die Kunst in uns
Den Widerschein ursprünglichen Entzückens,
Das die Frau dem Manne gibt.

Was ist Philosophie anders als die Kunst,


Dem Gewirr der Erfahrung
Eine schöne Form zu geben?

Wenn der Schönheitssinn


Bei den Primitiven nicht hoch entwickelt ist,
Liegt der Grund in dem Fehlen der Verzögerung
Zwischen Wunsch und Erfüllung,
Begierde und Befriedigung,
Denn so fehlt der Raum
Für die phantasievolle Erhöhung
Der begehrten Geliebten
Und so kann der Schönheitssinn
Nicht befruchtet werden.

Die Frauen der Fellata


In Zentralafrika
Verloren mehrere Stunden am Tag
Mit ihrer Toilette,
Sie färbten Finger und Zehen purpurrot,
Indem sie sie über Nacht in Hennablätter wickelten,
Sie bemalten ihre Zähne blau oder rot,
Färbten das Haar mit Indigo
Und bestrichen die Augenlider
Mit Schwefel-Antimon.
Jedes Bongo-Weib besaß
Ihren Vanity Bag
Mit Pinzetten zum Auszupfen der Augenbrauen,
Lange Haarnadeln,
Ringe und Kettchen mit Glöckchen.

Die Kleidung ist bei der Primitiven


Mehr sexuelles Anziehungsmittel
Als Schutz vor Kälte.

Sie sind zufrieden, nackt,


Ehrgeizig, schön zu sein.

Die Körperbedeckung dient vor allem dazu,


Die weiblichen Formen und Reize hervorzuheben.
Die primitive Frau erreicht durch ihre Kleidung
Dasselbe wie die moderne Frau,
Nämlich nicht so sehr die Nacktheit zu verbergen,
Als ihre Vorzüge zu erhöhen
Und verborgene Reize verführerisch anzudeuten.

Nun freuen sich die Wilden auch


Am Rhythmus und beginnen
Das Schreien mancher Vögel nachzuahmen,
Das Zurschaustellen ihres Federschmuckes
In Gesang und Tanz nachzuahmen.

Tatsächlich gibt es keine Kunst,


Die die Wilden so sehr lieben
Wie den Tanz.

Auch ihre religiösen Zeremonien


Stellen ein Gemisch von Gesang
Und Tanz und Drama dar.

Der Tanz ist Ausdruck sexueller Begierde


Und die Wilden kennen
Die Gruppentechnik erotischer Stimulation.

Aus dem Tanz entwickelte sich


Die Instrumentalmusik
Und das Drama.
Musik war nichts als der Wunsch,
Den erotisch stimulierenden Tanz
Mit Geräusch zu begleiten
Und mit schrillen und rhythmischen Klängen
Die dem Zeugungsakt notwenige
Erotische Erregung zu steigern.

Australische Neger führten einen sexuellen Tanz auf


Rund um einen umbuschten Brunnen,
Der die Vulva darstellte,
Da die Tänzer nach erotischen Zuckungen
Und dem Aufbäumen ihrer Körper
Ihre phallischen Speere schleuderten
In den Schoß des Brunnens.

ZWEITER GESANG

Manche Völker haben anscheinend


Gar keine Religion.
Pygmäen kennen nicht Kultus, nicht Ritus.
Sie begruben die Toten
Ohne Zeremonie.
Sie kennen kein Tabu und keinen Gott.
Sie waren noch nicht einmal abergläubisch.
Die Zwerge von Kamerun
Kannten nur den bösen Gott
Und taten nichts, ihn zu versöhnen,
Da der Böse unversöhnlich ist.
Die Vedda von Ceylon glaubten an Götter und Geister,
Kannten aber weder Gebet noch Opfer.
Fragte man die Wilden nach Gott,
So sagten sie: Wohnt er auf einem Berg?
Wohnt er in einem Baum
Oder auf einem Ameisenhügel?
Ich hab niemals einen Gott gesehen!
Die Indianer glaubten zwar an einen guten Gott,
Doch sei er so groß und fern,
Er kümmre sich nicht um ihre Nöte.
Ein Wilder sagte einem Missionar:
Unsre Väter und Großväter waren es gewohnt,
Nur an die Erde zu denken,
Ob es genug zu essen und zu trinken gibt.
Sie fragten nie danach, wie der Himmel sei
Und ob ein Schöpfer sei, ein Herr im Himmel.
Wenn wir die Bäume sehen, so sehen wir sie,
Wir wissen aber nicht, wie sie geworden sind,
Wir denken, die Bäume haben sich selbst erschaffen.

Die Todesangst aber ist die Mutter der Götter.


Wie kam der Tod in die Welt?
Der gute Gott sprach zu seinem törichten Bruder:
Geh zu den Menschen und sprich zu ihnen,
Sie sollen sich häuten,
So werden sie unsterblich,
Aber sage der Schlange,
Daß sie sterben muß.
Der törichte Bruder des guten Gottes
Verwechselte aber die Botschaft,
Er schenkte der Schlange
Das Geheimnis der Unsterblichkeit
Und den Menschen das Todesurteil.

Die Todesangst, das Erstaunen über manchen Zufall,


Der Dank für gute Ernte,
Die Hoffnung auf Hilfe
Erzeugten den Glauben an die Götter.
Wunderbar und geheimnisvoll
Sind den Wilden vor allem
Die nächtlichen Träume
Und die Sexualität,
Auch glauben sie an einen Einfluß
Des Mondes und der Sterne.
Wenn ihnen im Traum die Toten erscheinen,
Glauben sie an die Totengeister.
Wenn die Wilden von den Toten träumen,
Beginnen sie, an eine Seele zu glauben,
Sie glauben, jedes Lebewesen
Habe eine Seele, sei von einem Geist bewohnt.
Nicht allein der Mensch,
Sondern alle Dinge sind beseelt,
Von Geistern bewohnt.
Der Animismus ist die Poesie
Der primitiven Religion.
Dem Primitiven sind die Berge und die Bäume,
Sonne, Mond und Sterne,
Ja, das ganze Universum
Wohnort von Geistern
Und Gegenstand der Verehrung.
Sie beten den Mond an als die Göttin Luna,
Das Meer gebiert die Göttin Aphrodite,
Die Nacht ist erfüllt von Hekate und ihrer Magie.

Weil alle Dinge beseelt sind


Und von elementaren Geistern besessen,
Wird alles religiös verehrt,
Die kosmischen Welten,
Die Erde,
Die Geschlechtsorgane,
Die Tiere,
Der Mensch und eine Menge von Göttern.

Der Erste aller Götter


Ist der Mann im Mond,
Ein Draufgänger, der die Weiber verführt
Und ihnen die Monatsblutung beschert,
Der Lieblingsgott der Frauen,
Ihr Schutzherr,
Zu dem selbst die Frösche um Regen beten.

Irgendwann begannen die Wilden


Auch zur Sonne zu beten.
Die Erde ist ihnen eine Muttergöttin,
Der heiße Strahl des Sonnengottes
Befruchtet die Mutter Erde,
So ist der Sonnengott
Der Vater aller Lebewesen.
Der Philosoph Anaxagoras aber wurde verbannt,
Weil er sagte, die Sonne sei kein Gott,
Die Sonne sei ein Feuerball,
So groß wie der Peloponnes.
Noch heute ist den Heiden im Fernen Osten
Der Kaiser ein Sonnengott.
Kultur ist Luxus einer kleinen Minderheit,
Die große Masse des Haufens
Glaubt auch heute noch
An die alten Götter der Natur.

Jeder Stern ist Wohnsitz eines Gottes.


Auf dem Mars wohnt der Kriegsgott,
Der Herr der Männer,
Auf der Venus wohnt die Liebesgöttin,
Die Herrin der Frauen.

Im Fernen Osten glaubt man heute noch,


Der Himmel sei ein Gott.

Das Zentralmysterium der Heiden


Ist die Hochzeit von Himmel und Erde,
Die sexuelle Vereinigung
Von Gott und Göttin,
Von göttlichem Phallus und göttlicher Vulva.
Denn der Himmel ist der Vatergott
Und die Erde ist die Muttergöttin
Und die Menschen sind ihre Kinder.

Bäume haben ja Seelen,


Und wer einen Baum fällt,
Der mordet die Seele des Baumes.
Aber, wie ein Heide einem Christen sagte,
Die Seelen der Bäume, die gemordet wurden,
Werden zu Rachegeistern
Und treiben den Mörder in den Wahnsinn
Und in den Selbstmord.

Ja, am Anfang beteten alle


Zu Bergen und Bäumen,
Quellen und Flüssen,
Der Berg ist die Muttergöttin,
Im Baum lebt die Fee,
In den Quellen plätschern die nackten Nymphen.

Noch heute sprechen wir ja von der Mutter,


Von der Mater und der Materia.

Die Babylonier nannten sie Ishtar,


Die Zyprioten nannten sie Aphrodite,
Die neuen Heiden nennen sie Demeter
Und danken ihr für das tägliche Brot.

Die Mutter Erde wird geboren,


Sie wird vermählt,
Sie gebiert in schöpferischer Fruchtbarkeit,
Sie altert und welkt
Und stirbt, um wieder neu geboren zu werden.
Die Philosophen der Heiden nennen das
Die ewige Wiederkehr des Gleichen
Und die heidnischen Theologinnen
Nennen die ewige Wiedergeburt
Unsterblichkeit der Seele und ewiges Leben.

Was weiß der Wilde von Ovum und Sperma?


Der Wilde sieht wohl Phallus und Vulva,
In Phallus und Vulva wohnen göttliche Kräfte,
Zeugungskräfte und Schöpfermächte,
Sie sind angebetete Gottheiten,
Ja, die wundervollsten Götter von allen!
Der Phallusgott bewacht den Rosengarten,
Um die Vulva wird eine Kirche gebaut
In Gestalt der Vulva,
In der die Vulva angebetet wird.
Die Primitivsten der Primitiven
Beten Phallus und Vulva an,
Und auch die feineren Wilden
Beten Phallus und Vulva
Auf höchst verfeinerte Weise an.
Besonders verehrt wird der starke Stier
Wegen seiner Zeugungskraft.
Sie beten alle die Schlange an,
Sie beten die Schlange als Phallusgott an,
Sie lieben vor allem das Bild
Des nackten Weibes, umschlungen von der Schlange,
Das Götterbild der sündigen Sinnlichkeit,
Sie beten zur Schlange des Gartens Eden,
Die Eva in den Mund nahm.

Es gibt ja kaum ein Tier,


Zu dem nicht gebetet wird.
Sie lieben den ägyptischen Mistkäfer
Und den hinduistischen Elefantengott.

Im Laufe der Zeit tritt die Tieranbetung zurück.


Die grausamen Tiergötter
Verwandelten sich in grausame Götter.
Einst waren die Götter Tiere,
Darum Athene, die Göttin der Weisheit,
Die Augen einer Eule hat,
Hera, die Himmelskönigin,
Die Augen einer Kuh hat,
Und Aphrodite, die Göttin der Liebe,
Augen einer Taube hat.

Die meisten Götter aber


Waren einst nicht Tiere,
Sondern Menschen, die gestorben sind.
Die Toten erschienen in den Träumen
Und wurden als Geister verehrt.
Ob man aber einen Geist verehrt
Oder ein Gespenst, ist nicht zu unterscheiden.
Aus dem Gespensterkult
Wird Ahnenverehrung.
Der tote Vater wird zu einem Vater im Himmel.
Erst war der Schrecken des Todes,
Dann die Furcht vor den Totengeistern,
Dann die Vergötterung des Toten
Und dann die Pietät
Der Verehrung des Vaters im Himmel.
Aus dem Menschenidol
Wird ein Gottideal.
Der Gott erscheint in Gestalt eines Menschen.
Von den Elementargeistern
Dämonischer Besessenheit
Gehen die Wilden über zum Kult
Der Hochzeit von Gott-Phallus und Göttin-Vulva,
Verehren dann die Ahnen
Und beten zum vergöttlichten Vater.
Manchmal aber beten sie
Schon zu Lebzeiten einen Menschen als Gott an.

Nachdem die Wilden sich


Die elementaren Geister ersonnen,
Wollten sie die Geister zwingen,
Ihnen zu Diensten zu sein.
Zum Animismus trat die Magie,
Die Seele ihrer Religion.

Es gibt ein Reservoir


An magischen Kräften,
Manas genannt,
Aus dem die Magier schöpfen.

Man macht den Geistern verständlich,


Was man von ihnen will,
Indem man ihnen das Gewünschte vorspielt.
Man gießt Wasser auf die Erde,
Wenn man Regen braucht.
Die Wilden forderten von einem Missionar,
Mit offenem Regenschirm
Durch ihre Felder zu spazieren,
Als sie Regen brauchten.
Die unfruchtbare Frau
Trägt auf ihrem unfruchtbaren Schoß
Ein Kinderpüppchen, damit sie schwanger wird.
Die werdende Mutter
Legt ein Püppchen an die Brust,
Als wolle sie das Püppchen säugen,
Und spricht dabei die magische Formel,
Dann verkündet sie im Dorf,
Sie sei jetzt schwanger,
Die Freunde wünschen ihr Glück
Und glückliche Niederkunft.
Der Magier windet sich selbst
In Wehenschmerzen
Und nimmt der gebärenden Mutter
Die Schmerzen der Wehen ab.
Der Magier rollt einen magischen Stein
Über den Bauch der schwangeren Frau,
Einen Bernstein oder Kristall,
Und lässt den Stein zur Erde fallen,
Das träge Kind wird es ihm schon nachtun.
Der moderne Pöbel
Ist solcher Magie sehr zugetan.

Zur Befruchtung des Bodens


Und um den Segen der großen Göttin Demeter zu erflehen,
Brüht man die Genitalien
Eines Mannes in bestem Alter,
Zerreibt die Mixtur zu einem Pulver
Und streut es der Muttergöttin in den Schoß.

Sie feiern auch den Maienkönig


Und die Maienkönigin,
Die in aller Öffentlichkeit
Den Beischlaf vollziehen,
Damit Himmel und Erde
Sich an den Menschen ein Vorbild nehmen
Und Hochzeit feiern
Und fruchtbar werden.

Die Bauern paaren sich mit ihren Weibern


Auf den Feldern,
Um die Ernte zu sichern.

Die Feste zur Zeit der Saat


Sind Ferien für die Moral,
Frauen unfruchtbarer Männer
Werden dann beglückt und geschwängert.
So will man die Mutter Erde anreizen,
Doch den Samen in ihrem Schoß zu empfangen
Und als Kinder die Ähren zu gebären.

Da sind Bacchanalien!
Sexuelle Zügellosigkeit!
Ausschweifende Sinnlichkeit!
Orgien! Rausch!
Die Prostitution ist frei!
Der Ehebruch ist keine Sünde!
Der Christ wendet seine Augen ab
Voll Ekel und Scham.

Damit die Muttergöttin fruchtbar wird,


Wird ihr ein Mann geopfert,
Sein Blut macht sie fruchtbar.
Kommt dann die Ernte,
Feiert man die Wiederauferstehung des Opfers.
Der geschlachtete Mann wird als Gott verehrt,
Der jährlich stirbt und aufersteht.
Die Poesie webt um den magischen Opferkult
Einen mythologischen Schleier
Und besingt Aphrodite und Adonis.
Allabendlich stirbt der Sonnengott,
Allmorgendlich feiert er Auferstehung.

Menschenopfer fordern die Götter der Heiden.


Der edle Wilde, der weise Indianer,
Der arme Azteke, von den Spaniern ermordet,
Er diente einem Götterbild,
In dessen Innern die Menschen geschlachtet wurden.
Moloch frisst am Liebsten Kinder!
Die Abtreibung unsres heutigen Pöbels
Ist der selbe Molochsgötzendienst!
Denn die Wilden sind Kannibalen,
Ihnen schmeckt vor allem Menschenfleisch,
Und so lieben auch die Götter,
Menschenfleisch zu fressen.

Später gab sich die große Göttin Diana


Mit einer Hirschkuh zufrieden,
Die alten Barbaren
Brachten ihr weiter Menschenopfer,
Aber die edlen Griechen
Opferten ihr die Hirschkuh.

Und so wie der Gott die Kinder frisst,


So frisst der Heide seinen Götzen.
Das Blut geopferter Kinder
Wird mit Mais vermischt,
Der Götze wird gebacken und gefressen.
Wahrlich, dies ist die Schwarze Messe Satans!

Die Wilden glauben alle an die Macht des Fluches


Und des bösen Blickes.
Sie sind sich sicher,
Der Fluch eines gewaltigen Magiers
Kann über weite Entfernung töten.

Darum haben sie Amulette


Gegen den bösen Blick
Und andre Mittel des Abwehrzaubers.

Der Animismus
Speist die Poesie,
Die Magie erzeugt
Die Naturwissenschaft.
Denn weil die Magie oft fehlschlägt,
Ist es für den Magier gut,
Die Gesetze der Natur zu kennen,
Um auf die Götter einzuwirken,
Das Gewünschte hervorzubringen.
So wird aus dem Magier ein Arzt,
So wird aus dem Magier ein Astronom.

Die heidnischen Priester sind Magier.


Der Priester besitzt die Macht, in der Trance,
Im Rausch und der Ekstase
Sich den Göttern zu nähern
Und sie zu zwingen,
Den Menschen dienstbar zu sein.
Der magische Priester
Wird zum Orakel der Geister
Und bestimmt Kultur und Moral
Der abergläubischen Heiden.

Es gibt Tabus.
Das Tabu tritt an die Stelle des Gesetzes.
Die Ägypter fressen
Während einer Hungernot
Lieber Menschen,
Als dass sie das Totemtier fressen,
Denn das heilige Tier zu essen, war tabu.

Über die Art der Ernährung


Herrschen diätetische Tabus.

Das Lieblingstabu der Wilden


Ist aber das Weib.
Von Zeit zu Zeit ist das Weib
Unrein, unberührbar, gefährlich.
Im Anfang der Menschheit
Brachte das Weib das Übel in die Welt.
Vor allem ist das Weib tabu
Während ihrer Monatsblutung.
Was mit einem Weib in Berührung kommt,
Das ihre Regel hat, verliert die Reinheit.
Den Weibern, die ihre Blutung haben,
Ist es verboten, ein Bad zu nehmen,
Da sie das Wasser vergiften.
Verboten ist dem blutenden Weib,
In den Wald zu gehen, es könnte sein,
Daß eine verliebte Schlange
Sie dort vergewaltigen würde.

Wo stehen wir heute?


Erziehung, Gesetz, Moral und Ehe
Lagen einst in den Händen
Der geistlichen Hierarchie.
Aber Erziehung, Moral
Und Geschlechtsbeziehungen
Entfliehen der Kirche,
Werden weltlich,
Werden schließlich heidnisch.
Die Intellektuellen
Verlassen die Theologie
Der alten heiligen Väter
Und verlassen die Moral der Kirche.
Die Literatur wird kirchenfeindlich,
Die Philosophie wird gottfeindlich.
Die Revolutionäre
Beten die Göttin der menschlichen Vernunft an,
Bis die Menschen enttäuscht, ernüchtert
Sich von jeder Idee verabschieden.
Ihres religiösen Fundamentes beraubt
Und der Säulen der Kirche,
Geht das Leben der neuen Heiden
In das tierische Wohlbehagen
Der süßsauren Fäulnis
Von epikuräischen Säuen über.
Das Leben, jedes Trostes des Glaubens beraubt,
Wird zum trostlosen Jammer der Elenden
Und zum sinnlosen Spaß der Reichen.
Am Ende stirbt
Nach dem Tod des Glaubens
Auch die Gesellschaft ihren Tod
Und es stirbt der Leib
Und die Seele stirbt den ewigen Tod.

Inzwischen steigt in dem letzten Rest


Der verfolgten Untergrundkirche
Der ewige Mythos Gottes erneuert auf
Und spendet wieder die göttliche Tugend der Hoffnung
Und spendet wieder freudigen Lebensmut
Für den apokalyptischen Endkampf!
Und nach den Kriegen der Satanisten
Baut die jugendliche Zukunftskirche
Die Zivilisation der Liebe!

ECCLESIA IN AFRICA
O Notre Dame d’Afrique!

ALEXANDRIA

Zwischen Meer und Sumpf


An der westlichen Ecke
Des Deltas des Nils,
Hat Alexander der Große
Alexandria aufgebaut.
Mit dieser neuen Hauptstadt
Wollte Alexander der Große
Ägypten
Mit seinen dreißig Dynastien Pharaonen
Für das griechische Weltreich gewinnen.

Ptolemaios der Erste Soter


Bestieg den Thron der Pharaonen.
Er holte Gelehrte und Künstler
Aus aller Welt an seinen Hof.
Apelles, der Maler,
Euklid, der Mathematiker,
Wurden nach Alexandria berufen.
Demetrios von Phaleron
Gründete die Bibliothek von Alexandria,
Die größte und bedeutendste
Bibliothek der Antike.

Ptolemaios der Zweite Philadelphos


Begründete das Museion,
Ein Stadtviertel voll von Palästen
Der Wissenschaft, der Rhetorik,
Der Poesie.
Die Medizinschule von Alexandria
Verkündete die Lehre von Hippokrates.
An der Universität von Alexandria
Lehrte Claudius Ptolemäus,
Der größte Astronom des Altertums,
Sein Weltbild galt im Mittelalter
Bis zur Kopernikanischen Wende.

Ptolemaios der Zweite Philadelphos


Förderte selbst die Wissenschaft.
Auf seine Weisung hin
Und unter seiner Schirmherrschaft
Wurde das Alte Testament ins Griechische übersetzt.

In Alexandria
Traf der Äthiopier auf den Gallier,
Der Skythe auf den Mann aus Karthago,
Der Spanier traf den Syrer.
Das Volk war intelligent,
Weltoffen und skeptisch
Und vergnügungssüchtig.
Sie erregten sich ebenso
Über eine philosophische Theorie
Wie über einen Wettkampf.

Das Nachtleben Alexandrias


War berühmt in aller Welt.
Der Mond schien auf die Kanäle,
Fackeln beleuchteten schöne Gondeln.

Alexandria beherbergte auch


Das Mausoleum
Mit dem gläsernen Sarg
Und dem mit Honig einbalsamierten Leichnam
Alexanders des Großen.

Menschen, Ideen,
Gebräuche des Ostens,
Handelswaren und Luxus
Strömten in die Stadt.
Alexandria wurde
Immer orientalischer.

Handelsschiffe konnten
Von Lyon an der Rhone
Bis nach Ceylon segeln.

Arius verbreitete seine Irrlehre


Zuerst in Alexandria.
Er leugnete die göttliche Natur Christi.

Nestor leugnete,
Daß Maria die Muttergottes sei,
Sie sei nur Mutter
Der menschlichen Natur Jesu.
Er war Patriarch von Konstantinopel.
Kyrillos von Alexandria
Bekämpfte ihn mit den Waffen
Des Heiligen Geistes.
Nestor wurde verbannt
In eine Oase
In der Libyschen Wüste,
Wo er gestorben ist, ohne zu ahnen,
Daß seine Lehre sich ausbreiten würde
Durch Innerasien
Bis nach Peking!

Die folgenschwerste Häresie


War die Häresie des Eutyches.
Eutyches war Abt in einem Kloster
Bei Konstantinopel.
Er leugnete, dass Christus
Eine göttliche und eine menschliche Natur habe,
Sondern behauptete, dass Christus
Nach der Vereinigung der Gottheit mit der Menschheit
Nur eine Natur noch habe,
Die Natur des fleischgewordnen Logos.
Von ihm stammen die Monophysiten ab.
Aus der christlichen Kirche Ägyptens
Wurde die koptische Kirche.
Weil sie monophysitisch war,
Trennte sie sich von der katholischen Kirche.
Allerdings hat sie es geschafft,
Die Eroberung Ägyptens
Durch die Heerscharen des Islam
Zu überdauern.

Unter den islamischen Arabern


Verfiel Alexandria.
Nur wenig blieb erhalten
Von der Herrlichkeit
Alexandrias,
Der Stadt Alexanders des Großen.

Der Pharos von Alexandria


War eins der sieben Weltwunder.
Ptolemaios der Zweite Philadelphos
Ließ ihn errichten.
An Höhe übertraf der Leuchtturm
Die Cheopspyramide.
Nichts ist erhalten geblieben von ihm.

Ptolemaios der Zweite Philadelphos


Gründete das Museion.
Auf den Münzen war sein Bild
Und das Bild seiner Gemahlin Arsinoe,
Die so schön war,
Daß sie als Inkarnation der Venus galt.

Das mazedonische Geschlecht


Der Ptolemaier hat Ägypten
Viele große Herrscher geschenkt.
Die Königin Kleopatra
War die letzte Herrscherin dieser Dynastie.
Ihre faszinierende Gestalt
Inspirierte die Dichter
Noch für Jahrtausende.
Ihr letzter Sproß war
Kaisarion, der Sohn,
Den Kleopatra Cäsar geschenkt hat.
Er wurde ermordet wie sein Vater.

Über die Boulevards


Der glänzenden Stadt Alexandria
Wandelten im Jahre dreiundvierzig
Nach Christi Geburt
Durchs Gewühl der Menge
Zwei bescheiden gekleidete Männer,
Die aus Palästina gekommen waren.
Einem zerriss der Schuh.
Sie gingen zu einem Schuster.
Der Schuster nahm den Schuh in die Hand,
Da rutschte seine Ahle aus,
Er stach sich mit der Ahle in die Hand und schrie:
Gelobt sei Gott!
Der Mann, dem der Schuh gehörte, beschloß,
In diesem Sodom zu bleiben,
Da es auch in Sodom doch Einen Gerechten gab,
Der im Schmerz noch Gott pries.
Diesem Gerechten wollte er das Wort Gottes bringen.
Er heilte die Wunde des Schusters
Und spendete ihm das Sakrament der Taufe.
Es war der Apostel Markus, der Evangelist.
Sein väterlicher Freund und Begleiter
War Sankt Peter, der weiter zog,
Um als Bischof von Rom den Martertod am Kreuz zu sterben.
Der Schuster Annainos wurde
Der erste Christ Alexandrias.
Nach dem Tod des Apostels Markus
Wurde er der zweite Bischof
Der ägyptischen Kirche.

Der berühmteste Theologe


Der Schule von Alexandria
Ist Origenes.
Er war ein Kenner der hebräischen Sprache
Und besaß eine umfassende Bildung.
Er war ein Schüler Platons
Und glaubte an die Ideen,
Die Vorbilder der stofflichen Erscheinungen.
Er schrieb Kommentare zur Bibel.
Er hat als Erster
Eine philosophische Darstellung
Der Lehre Christi geschrieben.

Die heilige Katharina von Alexandria


Entstammte einer Patrizierfamilie der Stadt.
Sie studierte an der Universität.
Durch eine Erscheinung
Der Madonna mit dem göttlichen Jesuskind
Bekehrte sie sich zum Christentum.
Als der Kaiser Maxentius
Eine neue Christenverfolgung befahl,
Verschaffte sich Katharina
Zutritt beim Kaiser Maxentius
Und machte seiner Majestät Vorwürfe.
Der Kaiser Maxentius
War von der strahlenden Schönheit
Der jungen Studentin
Überwältigt, so warf er sie nicht in den Kerker,
Sondern gab ihr die Gelegenheit
Mit fünfzig heidnischen Philosophen
Über die ewige Weisheit zu diskutieren.
Sie bewies aus den Schriften Homers und Platons,
Daß Christus die göttliche Weisheit ist.
Die fünfzig heidnischen Philosophen erklärten,
Katharina bekenne die Wahrheit.
Der Kaiser Maxentius
Bot ihr Ehre und Reichtum an,
Sie aber lehnte ab.
Dann erlitt sie das Martyrium.
Zuletzt ist sie enthauptet worden.
Engel trugen ihren Leichnam
Auf den Sinai.
Ihre Gebeine wurden von den Mönchen des Klosters
Am Berge der Offenbarung an Moses
In Obhut genommen.

Katharina von Alexandrien


Rief später Jeanne d’Arc,
Frankreich zu befreien.
Noch heute ist es der Wunsch jeder frommen Frau,
Die den Namen Katharina trägt,
Einmal im Leben eine Wallfahrt anzutreten
Zum Sinai, dem Berg des HERRN.

ÄTHIOPIEN

Ein Finanzbeamter
Las den Propheten Jesaja,
Als er in seinem Wagen
Durch die Lande reiste,
Dieser Mann aus Mohrenland
War ein Gewaltiger
Der Königin Kandake!
Auf der Reise von Jerusalem
Nach Afrika
Begegnete er dem Apostel
Philippus und sprach mit ihm
Über die Bibel,
Über den Propheten
Und das Evangelium vom leidenden Gottesknecht.
In einem Bach am Weg
Ließ sich der Mann aus Mohrenland taufen.

Die Äthiopier sind wahrlich


Die Entferntesten der Menschen.
So bezeugt es Homer.
Sie haben einen Ruf großer Frömmigkeit
Schon zu den Zeiten Homers.
Die Götter pflegten mit ihnen Mahl zu halten!
Im Jahre Tausend vor Christi Geburt
Ist Äthiopien ein freies Land.
Einmal haben die Äthiopier sogar
Ägypten erobert.
Semitische Stämme
Aus Südarabien sind eingewandert.
Es gab im Lande nun zwei Rassen,
Eine langhaarige und eine wollhaarige.
Die Zivilisation ist von Ägypten beeinflusst.

Die Hauptstadt des Landes


Ist Aksum.
Der Obelisk aus Aksum
Erlebte seit fünfzehn Jahrhunderten
Den Glanz der Kaiserkrönungen.

Über die Handelshäfen an der Küste


Des Roten Meeres,
Da Schiffe von Afrika bis Indien schwammen,
Drang die griechische Kultur nach Afrika vor.

Seit alter Zeit gab es jüdische Händler im Land.


Am Tana-See lebten Juden,
Die wie die Samariter
Die fünf Bücher Moses allein
Als Heilige Schrift anerkannten.
Sie waren zur Zeit des Königs Salomon
Nach Äthiopien gekommen.

Der Kaiser von Äthiopien


Nennt sich Löwe von Juda.
Das Herrscherhaus von Äthiopien
Stammt von den alten Kaisern von Aksum ab,
Die ihrerseits auf Menelik zurückgehn,
Den Sohn Salomos und der Königin von Saba.

Im Buche vom Ruhm der Könige steht geschrieben,


Daß Salomo seine Weisheit dazu einsetzte,
Die Königin von Saba zu verführen.
Er gab ihr ein reiches Gastmahl
Mit köstlichen, scharf gewürzten Speisen.
Als die Königin müde wurde,
Lud er sie ein, in seinem Palast zu schlafen.
Sie nahm die Einladung an,
Doch müsse er sie unberührt lassen.
Salomo schwor ihr, sie unberührt zu lassen,
Wenn sie alles in seinem Palast unberührt lasse.
In der Nacht bekam die Dame Durst
Und trank einen Becher Wasser.
Salomo, der nicht geschlafen hatte,
Warf ihr vor, den Becher und das Wasser berührt zu haben.
Aber es war doch nur ein Becher Wasser,
Sprach die Königin von Saba.
Ist Wasser nicht das Kostbarste auf Erden,
Sprach der König Salomo in seiner lächelnden Weisheit.
Diesem Becher Wasser
Verdankte der Sohn der Königin von Saba
Sein Leben, Menelik, der Sohn des weisen Salomo.
Als Menelik nach Äthiopien zog,
Gab Salomo ihm einen Priester mit,
Azarius, Sohn des Hohenpriesters Zadok.
Darum stammen die Priester von Äthiopien
Vom Hohenpriester Aaron ab.
Der Priester Azarius aber
Ging nicht ohne die Bundeslade nach Afrika,
Die Bundeslade befindet sich noch heute
In Äthiopien in der Kirche
Unserer Lieben Frau von Zion.

Im vierten Jahrhundert
Unternahm Meropius,
Ein Philosoph aus Tyrus,
In Begleitung zweier Knaben,
Der Brüder Frumentius und Aedesius,
Eine Reise in ferne Länder.
Bei der Rückkehr von der Reise
Lief sein Schiff in Äthiopien ein.
Das Schiff ward überfallen,
Die Mannschaft erschlagen.
Die beiden Knaben aber
Saßen unter einer Palme am Ufer
Und lernten aus den heiligen Schriften.
Man schickte sie als Gefangne
Zum König von Äthiopien.
Dem König gefielen die beiden Knaben,
Er ließ sie erziehen.
Frumentius wurde des Königs Vertrauter.
Nach dem Tode des Königs
Bestimmte die Königin-Witwe
Frumentius zum Reichsverweser
Und Erzieher des Prinzen Ezana.
Frumentius reiste nach Alexandria,
Empfing die Bischofsweihe,
Taufte den König Ezana,
Führte das Christentum in Äthiopien ein
Und wurde der erste Metropolit
Der Kirche von Äthiopien.
Frumentius wird in Äthiopien verehrt
Als Abbas Salama, Vater des Heils.

Später kamen neun Mönche nach Äthiopien


Und gründeten die ersten Klöster.
Man verehrt sie
Als die neun Heiligen.
Die Kirche von Äthiopien
War von der griechischen Kirche beeinflusst,
Sie hatte enge Beziehungen zu Byzanz.
Durch die Eroberungen des Islam
Wurde die Kirche von Äthiopien
Von der Christenheit isoliert,
Nur zur koptischen Kirche von Ägypten
Bestanden noch leichte Verbindungen.

Die Kirche von Äthiopien baute


Den Garten der Maria
Und den Tempel des heiligen Georg.

In einer Kirche ist das Bild zu sehen,


Wie Alexander der Große
Auf einem Milan in den Himmel reitet.
Die Äthiopier haben nämlich großzügig
Alexander den Großen heiliggesprochen.

Im dreizehnten Jahrhundert zur Zeit


Des Königs Rudolf von Habsburg
Ist der Kaiserhaus der Salomoniden
Auf den Thron gekommen.
Das Kaiserhaus der Salomoniden
Hat schon um ein halbes Jahrhundert
Das Kaiserhaus Habsburg überdauert.
Noch immer wacht der Löwe von Juda
An den Quellen des Nil.

Als der Negus Negesti


Kaiser Haile Selassi
Vor den Faschisten des Duce floh,
Legte die Kaiserin Zauditu ein Gelübde ab:
Wenn Gott dem Kaiser gewähre,
Nach Addis Abeba zurückzukehren,
Wird sie ihre Kaiserinnenkrone
Der Grabeskirche in Jerusalem weihen.
Nachdem die Faschisten aus Afrika verschwunden,
Hat die Kaiserin Zauditu
Ihr Gelübde erfüllt
Und ihre Krone der Kaiserin des Südens
Der Auferstehungskirche geweiht.

NORDAFRIKA

Den Glanz der Welt zu verlassen


Und in die Einsamkeit
Der Wüste zu gehen,
Um in der Kontemplation
Den Frieden der Seele zu finden,
Ist eine alte ägyptische Weisheit.
Der erste christliche Eremit
War Paul von Theben.
Während der Christenverfolgung
Unter Kaiser Decius
Floh er in die Wüste.
In Gebet und Buße
Verbrachte er seine Tage.
Die Palme ernährte ihn mit Feigen
Und kleidete ihn mit Palmblättern.
Eine Krähe brachte ihm
Das tägliche Brot.
Hieronymus erzählt uns sein Leben.
Als Paul von Theben hundert Jahre alt war,
Besuchte ihn der heilige Antonius.
Da brachte die Krähe
Doppelt soviel Brot als sonst.
Der Himmel ist voller Fürsorge
Und voll praktischen Verstandes
Für alle leiblichen Nöte.
Schweigend saßen die beiden Greise
In der Einsamkeit der Wüste
Miteinander im Gebet versunken.
Der tatenlosen Kontemplation
Der Eremiten
Ist die Tatkraft entsprungen,
Die Wälder gerodet,
Barbaren gezähmt,
Reiche gegründet,
Herrlichste Kunst geschaffen
Und höchste Stufen der Weisheit errungen hat.
Paul von Theben ist gestorben
In den Armen des heiligen Antonius.
Der neunzigjährige Heilige
Hatte nicht mehr genügend körperliche Kraft,
Den Toten zu bestatten.
Da schickte Gott zwei Löwen,
Die gruben mit ihren Pranken
Das Grab für Paul von Theben.

Das erste Kloster der Christenheit


Ist gegründet worden von Antonius.
Er war der Sohn reicher Eltern
Und erbte ein großes Vermögen.
Da hörte er in der Kirche
Die Worte Jesu:
Willst du vollkommen sein,
So verkaufe alles, was du hast,
Und gib es den Armen,
So wirst du einen Schatz besitzen
Im Himmel,
Und komm und folge mir nach!
Antonius verschenkte sein Erbe
Und folgte Jesus nach.
Er zog sich in ein Grab
Am Rand der Wüste zurück
Und lebte dort absolut einsam
Für fünfzehn Jahre.
In der Wüste wurde Antonius
Von Buhldämoninnen versucht.
Der Ruf seiner Heiligkeit
Verbreitete sich
Und so suchten ihn andre Eremiten auf.
Antonius übernahm die Führung
Ihrer kleinen Gemeinschaft
Und widmete sich dem Aufbau des geistlichen Lebens.
Die zweite Hälfte seines Lebens
Verbrachte Antonius wieder
In der Einsamkeit.
Seine Klause war auf einem Berg
Am Roten Meer.
Zweimal verließ Antonius
Seine Einsiedelei,
Einmal, um Marterzeugen zu trösten,
Einmal, um gegen die Ketzer zu predigen,
Die die Gottheit Christi geleugnet.
In der Wüste erlebte er noch
Den Triumph des katholischen Glaubens.
Der heilige Antonius
Wurde hundert Jahre alt.
Seinem Wunsch gemäß,
Blieb der Ort seines Grabes unbekannt.

Aufrecht zwischen Trümmern


Wollen wir stehen
Und nicht am Boden liegen mit denen,
Die ohne Hoffnung sind,
Ermutigt uns Cyprian.
Cyprian lehrte Rhetorik,
Mit dreiundvierzig Jahren
Ließ er sich taufen.
Von der Taufe an lebte er
Ein Leben voll Frieden und Glück,
Er schrieb
Über Dogmen und Ethik.
Zehn Jahre war er Bischof von Karthago,
Da rief ihn der Prokonsul
Galerius Maximus.
Du bist Cyprianus? frug er ihn.
Ich bins!
Du hast dich zum Führer der Christen gemacht?
Ja, das tat ich.
Die göttlichen Kaiser haben befohlen,
Den römischen Göttern zu opfern!
Ich opfere nicht den römischen Göttern!
Cyprian, denk darüber nach!
Tu, was du tun mußt,
Doch ich opfre nicht den römischen Göttern.
Cyprian, du bist zum Feind geworden
Des Göttervaters Juppiter
Und der großen Göttin Venus
Und der andern klassischen Götter
Und des göttlichen Kaisers!
Da nichts vermochte,
Dich zum alten Kult zurückzubringen,
Soll dein Blut bezeugen,
Daß der Kaiser Gott ist!
Darum befehle ich im Namen des Kaisers,
Cyprian durch das Schwert zu töten!
Cyprian sprach: Deo gratias!

O Doctor Ecclesiae,
Sankt Augustinus,
Sei gegrüßt!
Die erste Hälfte seines Lebens
Verbrachte Augustinus damit,
Ein Christ zu werden,
Die zweite Hälfte seines Lebens,
Ein Christ zu sein.
Mit Augustinus trat das Christentum
Wie mit Posaunenschall
In die lateinische Welt ein.
Der Mann, der mit seinem mächtigen Atem
Dem alten geschliffnen Latein
Ein neues Leben eingeblasen,
Stammt von der Erde Afrikas.
In Afrika begann mit Tertullian
Die lateinisch-christliche Literatur.
In Afrika entstanden die ersten
Lateinischen Bibelübersetzungen.
Mit Augustinus gewinnt
Das lateinische Christentum
Die geistige Schärfe,
Die es ebenbürtig machte
Dem griechischen Osten.
Augustinus ist im vierten Jahrhundert
In Tagaste in Numidien geboren.
Sein Vater war wohlhabend
Und führte ein Leben des Genusses.
Monica war eine fromme Frau,
Wie kennen sie gut
Aus Augustins Berichten.
Ein Leben lang hat sie gebetet
Für den widerspenstigen, genialen Sohn.
Ihre Gebete wurden erhört.
Ihr Sohn ließ sich in ihrem Sterbejahr taufen.
Heilige Mutter Monica,
Bete für Afrika!

DIE HIMMELSGÖTTIN
Maria ist die zentrale Person
Beim Pfingstereignis,
Sie ist es,
Die den Heiligen Geist
Als Erste in sich aufgenommen
Und von ihr ging aus
Die geheimnisvolle Kraft
Des Heiligen Geistes
Auf alle andern.

So seh ich ein Bild


Von Gott-Vater und Gott-Sohn
Und anstelle des Heiligen Geistes
Seh ich Maria,
Denn Maria ist gewissermaßen
Inkarnation des Heiligen Geistes.

Philo von Alexandrien aber sagt mir:


Wenn Gott mit Psyche zu verkehren beginnt,
Erklärt Gott die Psyche, die Frau war,
Wieder zur Jungfrau.

Am dritten Tag war aber


In Kana in Galiläa
Eine Hochzeit und Maria war da.
Auch Jesus und seine Freunde waren eingeladen.
Als der Wein ausging,
Sagte Maria zu Jesus:
Sie haben keinen Wein mehr!
Jesus sprach zu Maria:
Was ist das zwischen dir und mir, o Frau?
Der Jude aber vermutet,
Marias Bemerkung
Sei eine feine ironische Anspielung darauf,
Da Jesus als Freund der Weinsäufer gilt,
Für Jesus sei kein Wein mehr dagewesen.

Der Herr verwüstet die Erde,


Der Wein ist dahin,
Die Reben verwelkt.
Alle, die einst so heiter waren,
Seufzen und stöhnen.
Auf den Gassen jammern die Menschen:
Es gibt keinen Wein mehr!
Jede Freude ist verschwunden,
Der Jubel hat die Erde verlassen.
An jenem Tag wird der Herr hoch droben
Das Heer in der Höhe zur Rechenschaft ziehen
Und auf der Erde die Könige der Erde.
Sie werden zusammengetrieben
Und in eine Grube gesperrt.
Denn der Herr der Heere ist König
Auf dem Berg Zion
Und in Jerusalem.
Der Herr der Heere wird auf diesem Berg
Für alle Völker
Ein Festmahl geben
Mit den feinsten Speisen,
Ein Gelage
Mit erlesenen Weinen.
Er beseitigt den Tod für immer.
Gott der Herr wischt die Tränen ab von jedem Gesicht.

Beim Weinwunder Jesu


Ist Jesus etwa dreißig Jahre alt
Und Maria vierundvierzig Jahre alt.

Als aber Jesus am Kreuz


Seine Mutter am Kreuze sah
Und den Jünger, den er liebte,
Sprach er zu Maria: O Frau,
Siehe, er ist dein!
Und zum Jünger, den er liebte,
Sprach Jesus: Siehe,
Die Mutter!
Da nahm der Jünger, den Jesus liebte,
Maria ganz zu sich.
Dieser Jünger
Ist der Apostel Asiens.

Bei der Auferstehung Jesu


Sahen den Auferstandenen
Maria Magdalena
Und die Andere Maria,
Die Mutter des Gekreuzigten.

Als aber Maria heimging,


Rief Jesus ihre Seele:
Steh auf, meine Freundin,
O meine Schöne,
Komm, o komm!

Als in Ephesos,
Das von den Amazonen gegründet worden,
Nestorius abgesetzt
Und seine Lehren verurteilt worden waren,
Zogen die Menschen von Ephesos durch die Stadt
Und riefen immer wieder:
Groß ist die Theotokos von Ephesos!

Kyrillos hielt eine Predigt:


Voller Freude blick ich
Auf die Versammlung der Heiligen,
Die ihr alle gern zusammen gekommen seid,
Gerufen von der göttlichen Maria,
Der Theotokos,
Der Aipartenos!
Gegrüßet seist du,
Maria Theotokos,
Verehrungswürdiges Kleinod
Des gesamten Erdkreises,
Unauslöschliche Lampe,
Krone der Jungfräulichkeit,
Zepter der Orthodoxie,
Unzerstörbarer Tempel,
Gefäß des Unfasslichen,
Mutter und Jungfrau!
Ihretwegen jubelt der Himmel,
An ihr erfreuen sich die Erzengel und die Engel,
Sie verjagt die Dämonen,
Durch sie fiel der Teufel vom Himmel,
Durch sie wird die gefallene Schöpfung
In den Himmel aufgenommen,
Durch sie kam die Schöpfung,
Die im Götzendienst gefangen war,
Zur Erkenntnis der göttlichen Weisheit!

Nestorius hatte gewarnt:


Hat Gott eine Mutter?
Also haben die Heiden recht,
Die an die Mutter der Götter glaubten?
Laßt uns nicht Maria
Mutter Gottes nennen,
Daß wir sie nicht zur Göttin machen
Und so Heiden würden.

Parthenos ist Maria,


Unberührte Jungfrau
Und erotische anziehende Jugendlichkeit!

Julian Apostata, der Abtrünnige, sprach:


Die Magna Mater, die Mutter der Götter,
Ist die eine Göttin,
Die manche Juno nennen,
Manche Venus nennen,
Manche Minerva nennen.
Sie ist die natürliche Ursache alles Seienden.
Mutter und Gemahlin Jupiters,
Gebiert sie ohne Schmerzen
Und erschafft
Mit Hilfe des Vaters
Alles, was da ist,
Mutterlose Jungfrau,
Thronend an der Seite des Jupiter,
Ist sie wahrhaftig die Mutter aller Götter.

Noch im Namen der schönen Esther


Lebte die Erinnerung
An die Göttin Ishtar fort.

Aber Lukas, der Grieche,


Belauschte die Jungfrau,
Er kannte ihre Gedanken.
Maria bewahrte alles,
Was geschehen war,
In ihrem Herzen
Und dachte darüber nach.
Lukas hatte seinen Bericht von Maria selbst.
Er war ein Maler, der Maria malte,
Die Schwarze Madonna von Tschenstochau
Ist ein Bild von Lukas,
Dabei lauschte er Mariens Evangelium.

Mit Meisterhand
Hat Lukas als Dichter
Ein Marienbild entworfen,
Daß die ganze Marienverehrung enthält.
Lukas nannte Maria die Mutter des Herrn,
So nannte man in Ephesos Maria
Die Mutter Gottes.

Lukas berichtet auch


Von der ersten Marienverehrung,
Denn als Jesus durch die Dörfer zog,
Teufel austrieb und lehrte,
Rief eine Frau aus der Menge Jesus zu:
Glückselig ist die Frau,
Deren Schoß dich getragen
Und deren Brüste dich ernährten!
Ja wahr, rief Jesus, wahrlich, wahrlich,
Selig ist die Frau,
Und überselig ist die Frau,
Weil sie dem Worte Gottes vertraute!

Anna aber erhob ein doppeltes Jammern:


Meine Witwenschaft muß ich bejammern!
Meine Kinderlosigkeit muß ich bejammern!
Weh, weh der Kinderlosigkeit meiner Seele!
Anna wurde sehr traurig.
Sie legte aber ihre Trauerkleider ab
Und badete sich
Und zog sich ein Brautkleid an
Und ging in ihrem Garten spazieren.
Sie setzte sich unter einen Lorbeerbaum
Und sah die Sperlingsmutter im Nest,
Die Sperlingsjungen fütternd,
Da bat sie Gott um ein Kindlein.
Da erschien ihr ein Engel und sprach:
Anna, Anna,
Der Herr hat dich erhört,
Du wirst ein Kind bekommen
Und dein Kind wird berühmt sein
Auf der ganzen Erde!

Und Anna gab ihrer Tochter die Brust.


Und Anna stimmte den Lobpreis an:
Ein heiliges Lied will ich singen
Dem Herrn und Gott,
Wer meldet es den Kindern Israel,
Daß Anna stillt?
Hört es, ihr Kinder Israel,
Anna stillt!

Und Gott der Herr


Legte große Anmut auf die Tochter,
Sie tanzte vor Freude
Mit ihren Füßchen.

Maria war sechzehn Jahre jung,


Als sie schwanger war vom Heiligen Geist.
Josef kam nach Hause zurück
Und sah die junge Madonna gesegneten Leibes.
Wer hat diese Sünde in meinem Haus verübt?
Wer hat die unbefleckte Jungfrau befleckt?
Sollte ich ein zweiter Adam sein?
Denn die Schlange fand Eva allein
Und betrog sie
Und befleckte sie,
So ist es auch mir widerfahren!
Die junge Madonna aber weinte bittere Tränen
Und sagte: Liebster Josef,
Ich bin rein
Und weiß von keines Mannes Erkenntnis.

Josef und Maria


Mussten das Reinigungswasser trinken,
Wie es das Gesetz des Moses vorschreibt.

Die Hebamme Salome aber zweifelte


An der Immerwährenden Jungfrau.
Sie ging hinein in die Grotte und sprach:
Maria, lege dich bereit.
Maria legte sich bereit.
Und Salome legte ihren Finger
An Mariens Scham
Und untersuchte ihr Hymen.
Als sie aber Mariens Scham berührte,
Ward ihre Hand von Feuer verzehrt.
Da fiel sie vor dem Jesuskind auf die Knie
Und betete an das göttliche Kind
Und ward geheilt.

Wen verwundert es doch,


Daß ein Priester der Magna Mater,
Montanus, der Eunuch,
In Phrygien auftrat
Als charismatischer Prophet
Der Göttin Maria?

Bei den Marianiten


Spielten Frauen eine große Rolle
Als zölibatäre Prophetinnen.
Sie beteten die Göttin Maria an
Und verehrten die Urmutter Eva
Und priesen Eva dafür selig,
Daß sie die Feige der Erkenntnis gepflückt.

Auf dem Konzil zu Nizäa


Ward definiert,
Daß die Lehre der Marianiten
Unvereinbar mit der katholischen Lehre,
Da sie neben Gott dem Herrn
Verehrten den Gott Jesus und die Göttin Maria.

Nach dem Konzil von Nizäa


Traten in Ägypten auf
Die Kollyridianer,
Die Collyris opferten,
Kuchen der Himmelskönigin.
Wie die Frauen Israels
Der Himmelskönigin Kuchen opferten
Und Jeremia in Zorn versetzten,
So opferten die Kollyridianer
Der Göttin Maria Kuchen
Und versetzten den Bischopf Epiphanius in Zorn.
Der Opferdienst am Altar der Maria
Ward versehen von Diakonissen
Und Prophetinnen,
Männer waren ausgeschlossen.

Noch im sechsten Jahrhundert


Zürnte Leontinus von Byzanz
Über die Philomarianiten,
Die Brot im Namen Marias opferten.

Darum schrieb Mohammed:


Jesus, Sohn Marias!
Hast du je zu den Menschen gesagt:
Nehmt euch mich
Und meine Mutter
Neben Gott als Götter an?
Jesus sagte zu Mohammed:
Ich habe gesagt: Dient Gott,
Meinem Vater und eurem Vater!

O die junge Maria!


Sie bietet den christlichen Mädchen das Ideal
Der Jungfräulichkeit,
Die Mutter Jesu bietet den Frauen und Müttern
Ein Bild der ehelichen Treue,
Fürsorglicher Mütterlichkeit,
Die Anwesenheit Mariens in der Mitte der Kirche
Gab den Frauen ihre Ehre
Als würdige Dienerinnen Gottes in der Kirche
Etwa als geweihte Diakonissen.

Konstantin der Große aber,


Sohn der heiligen Helena,
Verbot den Kult der Aphrodite
Mit seiner Tempelprostitution.

Der Gnostiker Markion


Leugnete Jesu Mutter.
Da Jesus ohne Mutter sei,
Ohne jüdische Mutter,
War Jesus kein Jude,
Darum brauche man das Alte Testament nicht zu lesen.

Der Gnostiker Valentin


Anerkannte zwar die Mutter Jesu,
Aber Jesus sei in vollkommener Gestalt
Durch Maria hindurchgegangen
Wie durch einen Kanal
Und nahm von ihrem Fleisch nichts an.

Der babylonische Religionsstifter Mani


Sah in Jesus einen Heilsbringer
Neben Buddha und Zarathustra
Und andern Lichtgesandten.

Nestorius aber dachte,


Das Göttliche sei in Jesus
Wie in einem Tempel.
Maria dürfe man nicht Gottesmutter nennen,
Denn es wäre lächerlich,
Den allmächtigen Gott
Als kleines hilfloses Kind sich vorzustellen.

Kyrillos aber sah in Jesus


Den Menschen und den Gott zugleich.
Ein brennendes Stückchen Holz sei er,
Fester Körper und Flamme zugleich.
Gott hat aus Liebe zum Menschen
Das Trauma der Geburt durchlitten
Und die Schrecken des Todes.
Maria ist wirklich Gottes Mutter,
Weil sie Gott als kleines Kindlein geboren.

Denn in einem und demselben Christus


Sind die zwei Naturen,
Die menschliche Natur und die göttliche Natur,
Unvermischt und ungetrennt,
Im einen und demselben
Alleingeborenen Sohne Gottes,
Dem göttlichen Logos.

Maria aber ist die Klammer,


Die die beiden Naturen zusammenhielt
In der einen Person des Gottmenschen Jesus,
Maria ist die Werkstatt
Der Vereinigung
Der göttlichen und der menschlichen Natur.
Die Mutterschaft Mariens ist der Garant
Für die wahre Menschwerdung göttlichen Wortes,
Die immerwährende Jungfräulichkeit ist der Garant
Für die wahre Gottheit des Menschensohnes.

Maria ist also unbedingt Theotokos zu nennen,


Mutter des einzigen wahren Gottes,
Maria ist also unbedingt Aieparthenos zu nennen,
Immerwährende selige Jungfrau.
Darum wird der seligen Jungfrau und Gottesmutter Maria
Der Titel der archaischen Göttinnen zugesprochen,
Indem man sie als heilige Herrin preist.

Mohammed nannte Christus


Jesus, den Sohn Marias.
Damals sprachen die Engel:
O Maria!
Gott hat dich erwählt und gereinigt,
Dich erwählt aus allen Frauen der ganzen Welt!

Maria sprach:
Woher soll mir ein Knabe werden,
Da mich kein Ehemann jemals erkennt
Und ich keine Hure bin!

Mirjam, die Tochter Imrams,


Maria verschloß ihren Schoß.
Wir, Gott, hauchten Unseren Geist hinein.
Sie traute dem Wort des Herrn.
Sie gehört zu den gehorsamen Dienerinnen Gottes.

Mohammed spricht von geheimen Offenbarungen,


Wie die Männer Losstäbe warfen,
Wer von ihnen Maria heiraten darf.

Da überkamen Maria die Wehen, sagt Mohammed,


Am Stamm einer Palme,
Maria sprach:
Ach wäre ich doch vorher gestorben
Und wäre ich vergessen, vergessen!
Da rief Jesus ihr zu:
Sei nicht traurig, Maria!
Gott ließ eine Quelle sprudeln,
Von einer Palme fallen frische Feigen
Maria in den Schoß.

Dann kam Maria mit Jesus


Zu den Leuten, die sagten:
O Maria,
Unglaubliches hast du getan!
O Mirjam, Schwester Aarons,
Dein Vater war kein übler Mann
Und deine Mutter ist keine Hure.
Wie aber sollen wir mit Jesus sprechen,
Wenn er noch ein Säugling ist?
Das göttliche Jesuskind sprach:
Ich bin liebevoll zu meiner Mutter,
Gott machte mich nicht stolz.

Konrad dichtete dies


In der goldenen Versschmiede:
Die Kreise der Planeten,
Die Sonne und der Mond,
Der Wind, der Regen, Blitz und Donner,
Erde, Wasser, Luft und Feuer,
Die Himmel der Himmel
Und die neun Höllen
Und alle Kreatur
Sind mit Marias Hilfe erschaffen
Und mit Marias Hilfe geordnet.
Wahrlich, wahrlich, Maria und Jesus
Waren einst ungeschieden.
Ehe Jesu heilige Schöpferkraft
Den Abgrund erschaffen,
Erlangte Jesus Erkenntnis in Ewigkeit
Von der Jungfrau Maria.
Marias Sein ist in Ewigkeit
Als lichte Idee vor Jesus gewesen.
Da er die künftigen Wunder kannte,
Wusste er vorher in seiner Vorsicht,
Daß Maria Muttergottes sein wird.

O Maria,
Du Süßeste aller Süßen,
Du Zeder vom Libanon,
Du Balsamstaude,
Du Lilie des Tales,
Du Ölbaumzweig des Friedens,
Du Nuß der Weisheit,
Du Frau in der Sonne,
Du Blitz aus dem Auge Gottes,
Du Harfe des Herrn,
Du Harmonie der Sphären,
Du Hymne der Engel,
Du Tanz des Paradieses,
Du strahlende Göttin Aurora,
Du heiliger Rosenkranz,
Du Freudenhaus des Herrn,
Du Wonnegarten des Menschen,
Du Hügel des Friedens,
Du Gipfel des Glücks,
Du Heide der ewigen Ruhe,
Du Anker der Hoffnung,
Du Wind des Meeres,
Du Göttin Diana,
Du göttliche Kraft,
Du Tochter der Glückseligkeit,
Du Wolke und Regen,
Du Myrrhetropfen,
Du überfließender Honig,
Du Milchpfad des Himmels,
Du freudenschwangerer Samen!

Maria spricht:
Was wollte doch mein Geliebter von mir?
Er wartete ganz geduldig, bis ich,
Die Schwarze und Schöne,
Von dem Saft der Alraunenwurzel
Müde einschlief,
Da wartete er auf der Schwelle meiner Tür,
Er hoffte auf reiche Beute der Liebe.
Dieweil ich schlummerte,
Liebte er mich mit Kraft.
Der himmlische Donnerer
Warf seinen Donnerhammer
In meinen verschlossenen Schoß
Und wirkte die sieben Sakramente.
Ihn, der den Himmel und die Erde umfängt,
Ihn barg ich in meinem jungfräulichen Schoß.
Ja, ich bekenne,
Ich schlief mit drei Personen!
Ich bin schwanger geworden,
Angefüllt mit Liebe,
Süßigkeit drang in meine Süße.
Der alte Liebhaber küsste mich auf den Mund,
Da wurde er zu einem jugendlichen Buhlen.
Da freuten sich die himmlischen Scharen.
(Wie erotisch sing ich
Das Lob der keuschen Jungfrau,
Ich hoffe, dass es keiner alten Nonne missfällt.)
Mein jugendlicher Liebhaber sagte,
Meine straffen Brüste seien berauschender noch
Als der Wein vom Libanon.
Er bettete sich inmitten meiner festen Brüste.
Wie tief erkannte mich der Herr,
Als er sich ganz in mich eingeschlossen.
Er wollte als eine rote Rose
Aus dem Kelch der weißen Lilie sprießen.
Das war im Garten der Flora,.
Flora hieß der Garten,
Wo der Wind die rote Rose pflückte
Vom Schoß der weißen Lilie.
Da kränzte mich mein Geliebter
Mit dem heiligen Rosenkranz.
Er war ein glühender Strahl,
Ich war eine schimmernde Leuchte.
Wir glänzten im April.
Und mit dem Grün des Frühlings
Schmückte sich mein Geliebter.
Er hat mich gepresst
Wie eine schwellende Traube.
Der Vater im Himmel ist ja mein Weingärtner,
Ich bin sein Weinberg,
Ich bin die Tochter des Vaters,
So ist der Gottessohn
Mein Bruder geworden,
Mein Bruder und mein Bräutigam.
Den Winter der Herzenshärte,
Den trieben wir aus.
Von meiner Balsamstaude
Ist viel Trost getropft.
O geliebter Sünder,
Verbirg dich in meinem Busch!
SCHAU MARIENS

ERSTER GESANG

Bei dem Kreuze Jesu


Standen seine Mutter,
Und die Schwester seiner Mutter,
Maria, die Frau des Klopas,
Und Maria Magdalena.
Als Jesus seine Mutter sah
Und bei ihr den Jünger,
Den er liebte,
Sagte er zu seiner Mutter:
Frau, siehe, dein Sohn!
Dann sagte er zu dem Jünger:
Siehe, deine Mutter!
Von jener Stunde an
Nahm der Jünger Maria bei sich auf.

Maria symbolisiert die Kirche,


Der Jünger Johannes symbolisiert den Christen,
Der die Kirche liebt
Wie ein Sohn seine Mutter liebt.

Weil ich aber unter der Last des Alters spüre,


Daß mir nur noch eine knapp bemessene Zeit bleibt,
Auf Erden mich der Sonne zu freuen,
Drängt es mich unwiderstehlich,
All meinen Söhnen in Christus
Und jeder einzelnen Seele zu wiederholen
Die Worte, die Jesus am Kreuz gesprochen:
Siehe, deine Mutter!
Als schöne Fügung würd ich es betrachten,
Wenn ich durch meine Hinweise
Dahin wirken könnte,
Daß die Christen Maria mehr verehren
Und dass alle Christen
Sich das Vorbild des Johannes
Zu eigen machten:
Von dieser Stunde an
Nahm der Jünger Maria bei sich auf.

Das Wort Jesu ist schöpferisch.


Wenn Jesus sagt:
O Frau, siehe, dein Sohn!
So macht er in diesem Augenblick
Maria wirklich zur Mutter.
Er gibt ihr nicht nur den Namen einer Mutter,
Sondern auch das Herz einer Mutter,
Sowie alle Gnade und Weisheit,
Die einer Mutter notwendig sind.
Jesus hatte dieses Wort kaum ausgesprochen,
Als Maria in ihrem Innern
Die ungeheure Zärtlichkeit fühlte,
Die ganze Liebe
Einer wahren Mutter der Kirche.
Jesus hatte kaum sein Wort gesprochen,
Als der geliebte Jünger
Augenblicks Liebe fühlte
Zu seiner Mutter Maria.

Siehe deine Mutter!


Liebe nun diese Frau,
Schau auf Maria,
Nimm sie bei dir auf,
Nimm deine Zuflucht zur Mutter.
Es sind die Worte Jesu
Nicht leere Menschenworte,
Die nichts als Wind sind,
Sondern wirksame Worte,
Jesu Worte bewirken, was sie sagen.
Darum erschufen Jesu Worte
Die Sohnesliebe des Johannes
Und die Mutterliebe Mariens.
Siehe deine Mutter,
Aber auch die Mutter aller Apostel,
Die Mutter aller Christen,
Die Mutter aller Menschen,
Für die du jetzt hier stehst.
Deswegen müssen alle Christen
Zu Maria als zu ihrer Mutter
Mit großer Zuversicht
Und Liebe flüchten!

Suche ich den wahren Grund,


Warum Jesus Maria Frau nennt
Und nicht Mutter,
Denk ich, er wollte sagen
Mit dem Worte Frau,
Daß Maria die große Frau ist,
Die schon im Buche Genesis
Als Schlangenzertreterin angekündigt,
Denn durch Maria wird jene Kirche bezeichnet,
Die den ganzen Christus umfasst,
Christus das Haupt und die Christen die Glieder.
Maria ist Mutter des Hauptes Christus
Und Mutter des Leibes Christi,
Mutter aller Glieder Christi,
Mutter jedes Christen.
Johannes ist ja auch nicht Johannes genannt,
Sondern: der Jünger, den Jesus liebt,
Damit wir erkennen,
Daß Maria die Mutter ist
Jedes geliebten Jüngers Jesu,
Mutter jeder christlichen Seele,
In welcher Christus lebt
Durch den Geist Gottes.

Jesus sagte nicht zu Maria:


Siehe hier, in der Person des Johannes,
Einen andern Sohn als Jesus,
Sondern Jesus sagte:
Frau, siehe deinen Sohn!
So wollt er ihr sagen:
Du, Maria, hast nur einen Sohn
Und der ist Jesus in dem Jünger.
Denn durch die Erlösung am Kreuz,
Durch das Geheimnis der Wiedergeburt
Im Blut des Gekreuzigten,
Wird Johannes dem Christus einverleibt.
Der Jünger und Jesus
Sind jetzt ein und derselbe.
In Johannes, der unterm Kreuze steht,
Hast du, o Große Frau,
Deinen Sohn, denselben, der am Kreuz hängt,
Deinen Jesus, den du gebildet,
Der jetzt in seinem Jünger lebt,
Wie das Haupt mit den Gliedern verbunden ist.
Nichts mangelt meinem Jünger, den ich liebe,
Mein andres Selbst zu sein,
Eines Wesens mit mir zu sein.
Da ich dein Sohn bin,
Ist er dein Sohn.
Und alle, die den gleichen Anspruch haben
Wie Johannes, nämlich Jünger zu sein,
Von Jesus geliebt,
Die sind in mir
Dein einziger Sohn.

Denn keiner ist der Sohn Mariens


Als Jesus allein.
Wenn Jesus zur Gottesmutter sagt:
Siehe deinen Sohn,
So sagt er zu Maria:
Siehe, dieser Jünger ist Jesus,
Den du geboren hast.
Denn in der Taufe ist der Christ
Mit Christus eins geworden,
Wiedergeboren im Bad der Taufe
Zu einem Glied am Leibe Christi.
Da nun Christus im Christen lebt,
Sagt Christus zu Maria:
O Große Frau,
Siehe deinen einzigen Sohn,
Den gesalbten Christus im Christen!

Die Mutter Jesu stand neben dem Kreuz


Und freute sich über den Sieg
Im glorreichen Kampf
Gegen Sünde, Teufel und Tod,
Denn sie wusste,
Er wird triumphieren,
Und zugleich war Maria
Ganz aufgelöst in Trauer,
Weil Jesus so allein war
In seinem Kampf,
Weil Jesus ohne Hilfe von Menschen,
Ja, sogar von Gott verlassen war
Und ganz allein
Die Kelter treten musste,
Bis Jesus ganz erschöpft
Und übergossen von Blut
Den letzten Atemzug tat
Und seine Mutter zurückließ,
Beraubt ihres einziges Glücks!
Standhaft stand Maria beim Kreuz.
Das Feuer der Liebe
Erfüllte sie mit solcher Kraft,
Daß weder Juden noch Römer,
Weder Soldaten noch der Pöbel
Und auch nicht die heftige Bitterkeit
Ihrer Seelenschmerzen sie bewegen konnte,
Vom Kreuz zu weichen.
Sie blieb beim Kreuze stehen,
Ob auch ein Schwert in ihr Herze drang.
Da drang das Wort
Ihres sterbenden Sohnes
An ihr empfängliches Ohr:
Frau, siehe deinen Sohn!
Durch dieses Wort
Ward der Mutter Gottes
Der Diener an der Stelle des Herrn
Zum Sohn gegeben,
Der Jünger an der Stelle des Meisters,
Der Mensch an der Stelle des Gottes.
Dieses Wort war wie ein scharfes Schwert
Im Herzen Mariens,
Der Schmerz aber öffnete ihr Herz
Für eine allumfassende Mutterliebe.

ZWEITER GESANG

Nachdem ich meine irdische Mutter verloren,


Hab ich meine himmlische Mutter
Besser verstanden.
Jesus sprach am Kreuz das Wort:
Siehe deine Mutter!
Da wusste ich, dass er das zu mir gesagt,
Jesus sagte zu mir persönlich:
Siehe deine Mutter Maria!

Mancher von uns bewahrt


In seinem Herzen die Erinnerung
Und süße Liebe
Zu einem besondern Wallfahrtsort Mariens,
Wo sein Leben einen besondern Ruf
Empfangen und eine Einladung
Des unbefleckten Herzens
Der schönen Madonna.

Maria, die Mutter Christi,


Ist die Mutter aller Menschen.
Sie findet sich wirklich
Mit allen Kindern Adams verbunden.

Die neue Mutterschaft Mariens


Ist Frucht der neuen Liebe,
Die unter dem Kreuz
Durch Teilhabe und durch Mitleid
Mit dem Erlöserleiden Jesu
In ihr zur vollen Riefe gekommen ist.

Der Jünger nahm die Mutter zu sich,


Er nahm sie in seine Wohnung auf.
Ein besonderes Zeichen
Der Mütterlichkeit Mariens
Sind die Orte, wo sie uns begegnet,
Die Häuser, in denen sie wohnt,
Wohnungen, in denen man spüren kann
Die besondere Nähe der Mutter.

Der Jünger nimmt sie bei sich auf,


Er nimmt sie hinein in seine Probleme,
In die Probleme der andern,
In die Probleme der Familie,
In die Probleme seines Volkes und aller Völker,
In die Probleme der ganzen Menschheit.

Die geistige Mutterschaft


Mariens ist Teil der Kraft
Des Geistes, der das Leben schenkt.

Das unbefleckte Herz Mariens


Wurde geöffnet durch die Worte:
Frau, siehe dein Sohn!
Dies Herz Mariens ist verbunden
Mit dem Herzen Jesu,
Das von der Lanze
Des römischen Soldaten geöffnet wurde.
Das Herz Mariens ist auch geöffnet worden
Und erfüllt von der gleichen Liebe zum Menschen,
Der gleichen Liebe zur ganzen Welt,
Maria hat die Liebe,
Die Jesus in sich hat,
Die Liebe, mit der sich Jesus hingab
Am Kreuz bis zum Lanzenstoß des Soldaten.

O Mutter aller Menschen!


Die geistliche Mutterschaft
Kennt keine Grenzen.
Sie erstreckt sich über alle Zeiten
Und alle Räume.
Sie erreicht alle Völker.
Die Mutterschaft
Ist das beliebteste Thema
Des schöpferischen Geistes.

Jeder von uns darf sagen:


Jesus hat mich angeschaut
Und mich lieb gehabt.
Jesus hat gerade zu mir geschaut
Und mich auf besondere Weise geliebt,
Als er vom Kreuz herab
Zu seinem Lieblingsjünger sagte
Und dabei auf Maria wies:
Siehe, deine Mutter!

Jesu Mutter war das Geschenk


Des Abschieds Jesu von der Erde,
Dies Geschenk ist die Frucht
Seines Opfers und ist Geschenk
An die ganze Menschheit.

Mariens Mutterschaft als Jesu Geschenk


Ist die Krone der Erlösung.

Aber Jesus wählte Johannes aus,


Ihm die Mutter zu schenken,
Denn Jesus schenkt allen geliebten Jüngern
Die Mutter Jesu zur Mutter,
Ihre Liebe soll alle umfassen,
Aber Jesus stellte einen Jünger neben die Mutter,
Denn die Mutterschaft Mariens
Ist individuell,
Maria ist nicht einfach Mutter der Kirche,
Mutter des Leibes Christi,
Sondern ganz persönlich und individuell
Mutter jedes einzelnen Christen,
Maria nimmt jeden einzelnen Christen so an
Als wäre er ihr eigener Sohn,
Als wäre er die Frucht ihres Leibes.

Als Jesus seinem Lieblingsjünger


Die Große Frau zur Mutter gab,
Hat Jesus das Fundament gelegt
Der Verehrung der Mutter Maria,
Der Verehrung der Großen Frau.
Johannes folgte seinem Meister
Und nahm die Mutter bei sich auf
Und erwies ihr die Liebe eines Sohnes,
Eine Liebe, die eiferte,
Ihrer Mutterliebe zu entsprechen.
So entstand eine Beziehung
Geistlicher Innigkeit,
Die dem Jünger half,
Die Beziehung zum Meister zu vertiefen,
Weil der Jünger das Antlitz des Meisters
Im Antlitz der Mutter wiederfand.

Die Anwesenheit einer Mutter


Im Leben der Gnade
Ist Quelle des Trostes
Und der Freude.
Im mütterlichen Antlitz Mariens
Erkennt der Christ
Einen besonderen Ausdruck
Der mütterlichen Barmherzigkeit Gottes.

Es gehört zur Natur


Der Mutterschaft,
Daß sie sich auf eine Person bezieht.
Die Mutterschaft führt
Zu einer einzigartigen
Unwiederholbaren
Beziehung von zwei Personen:
Die Mutter liebt das Kind,
Das Kind liebt die Mutter.
Auch wenn eine und dieselbe Frau
Mutter von vielen Kindern ist,
Ist sie doch ganz persönlich
Und einzigartig Mutter jedes einzelnen.
Jedes Kind ist einmalig
Und auf unwiederholbare Weise
Gezeugt worden von Gott,
Jedes Kind wird auf genau die Art und Weise geliebt
Von der Mutter, wie es dem Kind entspricht.

Die Mutterschaft Mariens,


Die das Erbe des Menschen wird,
Ist ein Geschenk, das Christus
Ganz persönlich jedem einzelnen Christen macht.
Was die innerste Beziehung
Des Kindes zur Mutter ausmacht,
Ist das Vertrauen.
Maria, ich vertraue dir!
Vertrauen ist die Antwort
Auf die Liebe der Mutter.

Indem der Christ sich


Wie der Apostel Johannes
Maria kindlich anvertraut,
Nimmt er sie bei sich auf,
Führt sie ein in den gesamten Bereich
Seines inneren Lebens,
In sein menschliches, christliches Ich:
Er nahm sie zu sich.

Denn von jener Stunde an


Nahm sie der Jünger zu sich.
Eigentlich heißt es:
Er nahm sie in sein Eigenes hinein.

Es geht um das Einlaß Mariens


In das Innere
Des geistigen und geistlichen Lebens
Und ein Sich-Hineinlassen
In ihre frauliche Existenz,
In ihre Mutterexistenz,
Ein gegenseitiges Sich-Anvertrauen,
Das immer wieder Weg
Der Christusgeburt im Innern wird,
Gestaltwerdung Christi im Christen bewirkt.

Der Evangelist Johannes


Erhebt Maria als die Frau an sich
Ins Allgemeingültige,
Zeichenhafte,
Zum Inbegriff des Ewigweiblichen.
Die Szene der Kreuzigung
Verweist auf das Zeichen der Frau,
Die in mütterlicher Weise
Am Kampf gegen die Mächte der Verneinung
Teilnimmt und dabei Zeichen der Hoffnung ist.

Dieses feierliche Anvertrauen


Von Sohn und Mutter
Auf dem Höhepunkt der Kreuzigung
Und die testamentarische Form
Der Worte Jesu
Haben eine sakramentale Form.
Hier ist die Frau
Mit am Werk des Heils.
Jesus bittet Maria,
Einzustimmen in das Opfer des Sohnes,
Und indem die Mutter den Sohn opfert,
Wird sie zur Mutter der Menschen,
Zur Mutter jedes Menschen.

In diesem Augenblick
Wird Maria
Geweiht zur Mutter
Des Leibes Christi.

In dem Geschenk dieser Mutter


Erfüllt sich die Selbsthingabe Jesu.

Jesus hat alles aufgeopfert,


Zuletzt opfert er die Mutterschaft Mariens auf
Und löst sich von der Mutter
Und nennt sie Frau
Und schenkt sie der Menschheit
Zur Mutter der Menschheit.
Dann spricht er: Es ist vollbracht.
In dem, was vollbracht ist,
In dem neuen Heil,
Ist auch die Mutter aller Menschen
Als Gabe, und das wollte Jesus.

Diese Mutterschaft Mariens


Ist eine übernatürliche Mutterschaft
Im Bereich des Gnadenlebens.
Die Gnade ist die Urheberin
Des göttlichen Lebens im Menschen.
Und wie die Gnade Gegenstand des Glaubens ist,
So ist auch die Mutterschaft Mariens
Gegenstand des Glaubens,
Aber sie schließt das Aufblühen
Von Gedanken und Gefühlen
Des Vertrauens und der Liebe mit ein,
Ja, auch die Gefühle der Liebe
Der Kinder zur Mutter
Gehören mit zum Geschenk des Heilands.

Darum lade ich alle Menschen ein


Und jede Seele einzeln:
Bedenke, wie du Maria aufnehmen willst,
Wie du sie in dein Leben
Und in dein Inneres aufnehmen willst,
Und ich ermutige alle Christen
Und alle Menschen der Erde,
Das Geschenk des gekreuzigten Christus
Anzunehmen, denn der Herr
Hat uns seine Mutter geschenkt,
Und ich lade euch ein,
Seine und unsre Mutter
Immer mehr zu schätzen
Und immer inniger zu lieben!

Denn jeder Christ ist aufgerufen,


Auch du, mein Bruder,
Maria bei sich Heimat zu geben,
Maria bei sich
Geborgenheit zu schenken.

DRITTER GESANG

Maria hat frei


Von jeder originalen Sündhaftigkeit
Und frei von jeder persönlichen Sünde
Und immer mit ihrem Sohn
Aufs innigste verbunden
Jesus auf Golgatha
Zusammen mit dem ganzen Opfer
All ihrer Mutterrechte
Und all ihrer Mutterliebe
Dem Ewigvater dargebracht
Als Neue Eva
Für alle Kinder Adams,
Die von Adams traurigem Fall
So hässlich entstellt waren.

Maria hat dadurch, dass sie


Ihr namenloses Leid
Tapfer und voller Vertrauen trug,
Mehr als alle andern Gläubigen zusammen
Als wahre Königin der Märtyrer
Ergänzt, was an den Leiden Christi noch fehlte
Für Christi Leib, die Kirche.
Sie hat den geheimnisvollen Leib Christi,
Geboren aus dem durchbohrten Herzen des Heilands,
Mit derselbigen innigen Mutterliebe
Und mütterlichen Fürsorge begleitet,
Womit sie das Jesuskind in der Krippe
Und an ihren Brüste hegte und nährte.

Vermöge jener seligen Gottesschau,


Deren Jesus sich erfreute
Sogleich nach der Empfängnis
Im Schoße seiner Mutter,
Sind ihm alle Glieder
Seines mystischen Leibes
Unablässig und jeden Augenblick
Gegenwärtig
Und umfängt er sie alle
Mit seiner Liebe.
O wunderbare Herabneigung
Der göttlichen Güte
Zu uns Menschen,
O unbegreifliche Liebe ohne Grenzen!
In der Krippe und am Kreuz
Und in der Gloria Gottes
Hat Christus immer alle Glieder
Seines mystischen Leibes vor Augen
Und im Herzen
Und liebt jeden einzelnen mehr
Als der Mensch sich selber kennt und liebt,
Ja, Jesus liebt alle Christen
Wie die Mutter ihr Kind auf dem Schoß.

VIERTER GESANG

Ich ging aus dem Munde des Höchsten hervor,


Wie Nebel umhüllt ich die Erde.
Vor der Zeit,
Am Anfang hat er mich erschaffen,
Bis in Ewigkeit vergeh ich nicht.
Der Herr hat mich geschaffen
Als Anfang seiner Wege,
Vor seinen Werken in der Urzeit.
Vor aller Zeit
Wurd ich gebildet,
Am Anbeginn,
Vor dem Anfang der Erde.
Als die Urmeere noch nicht waren,
Wurd ich geboren,
Als es die Quellen noch nicht gab,
Die wasserreichen Quellen.
Ehe die Berge eingesenkt wurden,
Vor den Hügeln
Wurd ich geboren.

Von der Gestalt


Der heiligen Jungfrau
Weiß man nichts sicher.

Aber ich meine,


Maria war von hoher Gestalt,
Ihre Haut
Von der Sonne des Landes vergoldet,
Wie die Farbe des Weizens.
Ihre Haare waren blond,
Ihre Augen lebhaft,
Grün in ihrer Farbe.
Die Augenbrauen waren fein gezogen
Und schwarz,
Die Lippen rot
Und voller Süßigkeit
Beim Sprechen.
Ihr Gesicht war elegant oval,
Die Hände und die Finger
Waren lang und fein.

Es war ja nicht anders möglich,


Als dass Maria
Ein schönes Mädchen war,
Ein liebliches Mädchen,
Denn ihr Vorbild war Esther,
Dieses schöne Mädchen,
Judith,
Welcher der Herr einen großen Liebreiz gegeben,
Rachel, die sehr schöne Augen hatte,
Rebekka, die schöngeschmückte.
Ja, Maria besaß die höchste
Körperliche Schönheit.
Wie Jesus
Der Schönste aller Menschensöhne,
War Maria
Die Schönste aller Menschentöchter.
Die äußere Schönheit
Besteht in der richtigen Höhe des Körpers,
In der zierlichen Gliederung
Und rechten Proportion aller Teile
Und schließlich in der schönen Farbe.
In allem war Maria vollkommen.

Zuerst ist ein Seidenrauschen zu hören.


Wenn man hinschaut,
Sieht man die selige Jungfrau
Aufrecht stehend,
Angetan mit einem weißen Gewand,
Das am Hals geschlossen ist,
Mit langen Ärmeln versehen.
Ihr Haupt ist mit einem weißen Schleier bedeckt,
Der zu beiden Seiten
Bis auf die Füße herabwallt.
Auf dem gescheitelten Haar
Trägt sie einen Schleier,
Mit Spitzen besetzt.
Das Gesicht ist unverhüllt.
Die Füße ruhen auf der Erdkugel.
Ihr Angesicht ist von solcher Schönheit,
Daß man es unmöglich beschreiben kann.

Die junge schöne Dame


Ist besonders schön,
So außergewöhnlich schön,
Wie ich keine andre je gesehen habe.
Maria ist so schön,
Daß man, wenn man sie einmal gesehen,
Am liebsten gleich sterben möchte,
Um sie wiederzusehen.
Wenn ich aber die meisten Marienbilder betrachte,
Denke ich: Wie kann man nur
Solche Karikaturen machen?

Man müsste Sonnenstrahlen


Anstelle von Farben haben,
Um ihre unbeschreibliche Schönheit zu malen.
Man müsste die Sprache der Engel sprechen,
Um ihre Schönheit zu besingen.

Die Erscheinung Mariens


Ist die einer fünfzehnjährigen
Oder siebzehnjährigen Jungfrau.
Ihre Augen sind schwarz,
Das Kleid ist weiß wie Schnee.
Lichtglanz umstrahlt ihr Antlitz
Und die ganze Gestalt.

Wie ihr Antlitz aussieht?


Licht, Licht, Licht!
Die hocherhabene schöne Frau
Blickt überaus liebevoll,
Doch freundlich-ernst,
Mit einer gewissen Traurigkeit in den Augen.

Die Schönste von allen


Ist die Prinzessin Gottes,
Schöneres kann nicht malen ein Engel.
Maria ist ihr Name,
In ihrer Gestalt ist alle Schönheit versammelt,
An welcher Gott Ergötzen findet.

FÜNFTER GESANG

Das Hohelied
Ist das Allerheiligste
In der Heiligen Schrift.

Jede Seele, die liebt,


Wird Braut genannt.

Maria ist die vollkommene Braut,


Die vollkommene Braut des Hohenliedes,
Maria ist Sulamith in all ihrer Schönheit,
Die vollkommene Braut in der Prophetie,
Maria ist die Tochter Zion,
Die treue Braut Gottes,
Maria ist die vollkommene Braut
Des Hochzeitspsalmes Davids.

Als der ewige Gottessohn


Die Menschennatur
Zur Erlösung
Und zur Auszeichnung des Menschengeschlechts
Angenommen hat und so
Eine geheimnisvolle Vermählung
Mit dem gesamten Menschengeschlecht
Einzugehen beabsichtigte,
Vollzog er diese Vermählung nicht eher,
Als bis er das freie Ja-Wort Mariens
Erhalten hatte, Maria
Sagte Ja für die ganze Menschheit,
Sie spielte die Rolle
Des ganzen Menschengeschlechts.

Maria hat ihr Ja-Wort gegeben


Im Namen der ganzen Menschheit,
Daß sich zwischen dem Sohn Gottes
Und der menschlichen Natur
Eine Art geistlicher Ehe vollzog.

Unsre Herrin, sag Ja zu uns!


Königin des Weltalls, sag Ja zu uns!
Himmlische Königin, sag Ja zu uns!
Unsre Mittlerin, sag Ja zu uns!
Geliebte Tochter Gottes, sag Ja zu uns!
Braut und Mutter, sag Ja zu uns!
Wahrer Morgenstern, sag Ja zu uns!
Tochter Zion, sag Ja zu uns!
Lilie unter den Dornen, sag Ja zu uns!
Paradies der Unschuld, sag Ja zu uns!
Reines Erdreich, sag Ja zu uns!

Es gibt keine himmlische Gnade,


Die nicht durch ihre
Jungfräulichen Hände ging.
So will es Gott, der wollte,
Daß wir alles durch Maria empfangen.

Das makellose Herz


Unsrer Lieben Frau
Ist so voll Zärtlichkeit für mich,
Daß die Herzen aller irdischen Mütter dagegen
Nur ein Stück Eis sind.

Maria an den Wallfahrtsorten


Ist geworden
Zur sakramentalen Gegenwart
Des mütterlichen Antlitzes Gottes.
SECHSTER GESANG

Wenn man auch die Liebe


Aller Mütter zu ihren Kindern,
Aller Liebenden zueinander,
Aller Heiligen und Engel
Zu ihren Verehrern
Vereinigen wollte,
So würde diese Liebe
Nicht die Größe der Liebe erreichen,
Die Maria empfindet
Für eine einzige Seele.

Alle Berge und Hügel,


Alle Flüsse und Meere,
Alle Geschöpfe des Himmels und der Erde
Rufen: So unendlich,
So unaussprechlich hat uns Maria geliebt,
Daß sie ihr einziges Kind
Hingegeben hat für uns,
Für unsre Rettung,
Für unsre Seligkeit!

Wie der Himmel die Erde an Seligkeit übertrifft,


So übertrifft Maria an Liebe alle Geschöpfe.

Ich habe aus dem Herzen Mariens


Schon so viel Liebe geschöpft,
Daß es längst leer sein müsste,
Wenn es nicht unausschöpflich wäre.

Würde mir einer sagen,


In diesem Augenblick
Geschähe kein Wunder Mariens,
So würde ich ihm hundert Wunder
Der Liebe Mariens nennen.
Würde mir einer erklären,
In dieser Stunde
Habe uns Maria nicht geliebt,
So würde ich ihm die tausend Beweise
Ihrer Liebe zeigen.
Zähle die Wiesenblumen im Mai,
Zähle die Knospen im Frühling,
Zähle die Mücken im Sommer,
Zähle die Sandkörner an dem Strand des Meeres,
Zähle die Flocken des Schnees,
Zähle die Tropfen des Regens,
So zählst du die Wunder
Der Liebe Mariens,
So zählst du die Beweise
Ihrer Barmherzigkeit.

Nämlich nicht der Name einer Mutter


Macht eine Mutter zur Mutter,
Sondern die Mutterliebe
Macht Maria zur wahren Mutter.

Ich habe schon seit langem


Das Vaterunser nicht mehr gebetet,
Ich kann nicht Vater sagen zu Gott.
Darum bete ich zu Maria.
Die Mariengebete
Sind Gebete, die ich immer beten kann.
Es gibt kein Mariengebet,
Daß nicht auch der verdorbenste Sünder noch beten könnte.
Das Ave Maria ist die letzte Rettung!
Mit dem Ave Maria kann man nicht verloren gehen!

Maria taucht ihren Jünger


In den Abgrund ihrer Gnaden,
Schmückt ihn mit ihren Verdiensten,
Hilft ihm mit ihrer Macht,
Erleuchtet ihn mit ihrem Licht,
Entflammt ihn mit ihrer Liebe,
Schenkt ihm ihre Tugenden,
Demut und Glauben und Reinheit.
Sie ergänzt für ihn bei Gott,
Was ihm noch an Heiligkeit fehlt.
Sie ist sein Ein und Alles
Bei Jesus.

Marias Schönheit,
Marias Liebenswürdigkeit,
Marias Holdseligkeit
Machen sie zur Räuberin der Herzen,
Zum Magnet der Herzen.
Wie viele verstockte Sünder
Zieht dieser Magnet der Herzen
Zu Gott!
Wie der Magnet das Eisen anzieht,
So zieht Maria
Die härtesten Herzen an sich,
Um sie mit Gott zu versöhnen.
Und dieses Wunder
Ereignet sich nicht selten,
Sondern täglich.

Maria, du hast vollkommene Macht,


Die Herzen zu verwandeln,
Nimm also auch mein Herz
Und wandle mein Herz!
Gott hat seine Tochter erschaffen,
Seine überaus geliebte Tochter Maria,
Damit sie ihm
Eine süße Lockspeise sei,
Um die Menschen zu fangen,
Besonders die Sünder,
Und sie zu Gott zu ziehen.

Gott spricht zu mir:


Mit ewiger Liebe hab ich dich geliebt
Und darum hab ich dich an mich gezogen
Mit ewiger Liebe!

DIE GÖTTLICHE LIEBE

DIE FREUNDSCHAFT MIT GOTT

Er küsse mich mit Küssen seines Mundes!


Deine Brüste sind berauschender als der Wein!

Spricht die Seele doch zu einer Person


Und sagt: Er küsse mich mit den Küssen seines Mundes,
Und spricht dann gleicherweise:
Deine Brüste sind berauschender als der Wein!
Das übersteigt wohl den Menschenverstand
Und weckt doch in mir eine große
Himmlische Wollust!

Wir sollten uns ruhig freuen,


Daß wir einen solchen wunderbaren Gott haben,
Der, wenn seine Worte ins Deutsche übersetzt werden,
Immer noch nicht verstanden werden kann.

So süße Gnaden
Erweist uns Gott
Im Lied der Lieder von der Liebe
Und gibt die Gnaden zu erkennen,
Die Gott der Seele schenkt,
Jener, die den Gott liebt,
Damit die Seele mit der göttlichen Majestät
Sprechen kann
Und sich erlustigen kann
Und eine noch größere Liebe
Zur göttlichen Majestät
Aus dem Lied der Lieder schöpfen.
Ich hörte einmal einen geistlichen Menschen sprechen
Von den Liebeswonnen
Und lustvollen Ergötzungen der Seele
In der Vereinigung mit der Gottheit,
Daß die alten Nonnen schamrot wurden
Und die jungen Mädchen kicherten albern,
Obwohl er doch, was er von der Liebe sagte
Und von der lustvollen Vereinigung
Des Herrn und seiner Braut,
Am Karfreitag sagte
Und sich gründete auf das Lied der Lieder,
Da musste ich doch staunen.
Das kommt wohl daher,
Dies falsche Schämen und alberne Kichern,
Daß wir so wenig ergriffen sind
Von der göttlichen Liebe,
Daß uns scheint, als könnte einer Seele
Nicht solche Wollust widerfahren
Und als dürfe ein geistlicher Mensch
Nicht erotisch von der Gottheit sprechen.

Wenn aber eine Seele


Ausgezogen die Freuden der Welt
Und sich nackt in Gottes Hände gelegt,
Ganz sich ergeben dem Herrn,
Dann wird die Seele als Braut des Herrn
Von ihrem Gemahl erfahren
Solche süßen Tröstungen,
Solche Ohnmacht,
Solche Trübsal
Und solche tausend Tode
Und auch solche Freuden der Liebe
Und solche göttliche Wollust!

Wundert ihr euch also,


Daß Gott so liebevoll spricht
Und solche liebkosenden Worte gebraucht
Für seine Freundin Seele,
So wundert mich doch noch mehr,
Daß noch mehr als liebevolle Worte zu sprechen
Gott seine Liebe in der Tat erweist!

Wenn ihr nämlich erst einmal erkennt,


Daß Christi Liebe zu uns so groß ist,
Daß er aus Liebe leidet,
Daß er krank vor Liebe ist
Und betrübt bis an den Tod
Und dass er in der Passion seiner Liebe
Den Liebestod für uns stirbt,
Wenn ihr dann erkennt, mit welchen Worten
Erotischer Liebe
Gott zu uns spricht,
Dann müsst ihr wohl staunen
Über solche göttliche Liebe.

Wenn ich mich nun erlustige


An der göttlichen Liebe
Und an den süßen Liebesreden Gottes,
Dann will ich nur eines,
Daß das, was mich erlustigt,
Auch euch ergötze
Mit der selben Wonne der Liebe.

O küsse mich doch mit dem Kusse deines Mundes!

Es mögen wohl die Theologen sagen,


Ich sei ein armer Narr,
Daß ich nicht wüsste,
Mund und Kuß sei allegorisch auszulegen
Und nicht etwa sinnlich zu verstehen,
Darum es auch ratsam sei,
Daß junge Mädchen das Hohelied nicht zu lesen bekommen.
Ich gestehe zu,
Daß die Worte der Schrift
So manche geheime und geheimere Bedeutung haben,
Aber wenn die Seele erst einmal verrückt vor Liebe zu Gott ist,
Wird sie nicht die Deutungen der Theologen suchen,
Sondern sprechen einfach mit den selben Worten,
Mit denen Gott zur Seele spricht:
O küss mich doch mit dem Kusse deines Mundes!

Treten wir nicht immer wieder


Zum Allerheiligsten Altarsakrament?
Mir scheint doch, die geistliche Seele
Bittet in der Kommunion
Um die Vereinigung mit Gott!

Die sinnlichen Worte


Von der sinnlich-erotischen Liebe
Flößen vielleicht manchen Frommen einen Schauder ein,
Doch nicht den verrückten Seelen.
Ist es vielleicht vermessen, Gott,
So von dir zu sprechen?
Aber wenn der Kuß deines Mundes,
O Gott,
Freundschaft bedeutet,
Warum sollte meine Seele nicht begehren
Die Freundschaft mit Gott?
Was soll ich mehr begehren von Gott?
Ich bitte Gott,
Mir mit dem Kusse seines Mundes
Seine Freundschaft zu schenken,
So dass meine Seele sich geliebt weiß
Als geliebte Freundin Gottes!
DIE HEILIGUNG

Wenn eine Seele nicht tot ist,


Sondern lebendige Liebe zu Gott hat,
Dann ist es eine schöne Gnade,
Wenn sie alles, was ihrer Berufung zuwider ist,
Schmerzlich empfindet und ablehnt.
Ah, wie macht sie doch ein schönes Bett
Von dornenlosen Rosen
Und gelben Lilien der mystischen Ehe
Für ihren Gott und Herrn,
Sie, der Gott so große Achtsamkeit eingegeben.
Gott wird es sich nicht versagen,
Zur Seele zu kommen
Und sich mit ihr zu ergötzen,
Ob sie auch manchmal länger auf ihn warten muß.
Was tun die Karmeliter sonst in ihrer Zelle,
Die die Welt verlassen haben?
Wozu sind sie eingeschlossen in ihrer Zelle?
Womit könnten wir besser unsere Zeit totschlagen,
Als in unserer Seele
Eine schöne Wohnung für Gott zu bereiten,
Ein schönes Bett für unsern Bräutigam?
Darum haben die Karmeliter die Gelübde abgelegt.

Habe doch Mitleid mit dir selber


Und sei dir selber barmherzig,
Denn du weißt, dass du nicht aus eigener Kraft
Zur Freundschaft mit Gott gekommen bist.
Solltest du dir mit weniger genügen lassen
Als mit der vertrauten Freundschaft mit Gott?
O Gott, ist es nicht das Beste,
Die Gedanken zu richten
Auf den schönen Liebeslohn
In Ewigkeit?
Und sollte ich mich nicht freuen,
Daß Gott den süßen Liebeslohn
Auch schon auf Erden erteilt,
Wenn man zur Freundin Gottes geworden ist?

Aber wenn du demütig werden willst,


Dann beurteile deine Nächsten nicht so böse.
Es könnte ja gut sein, dass sie besser wären als du,
Wenn sie ihre Sünden beweinten
Und sich gute Vorsätze vornähmen,
Nämlich den ernsten strengen Vorsatz,
Jesus nie mehr zu beleidigen,
Nicht in großen Sünden
Und auch nicht in kleinen Sünden!
Wenn du aber von dir denkst,
Daß du keine großen Frevel begehst,
So nimmst du dir doch die Freiheit
Zu deinen kleinen eigenen Sünden!
Was nützen dir die abgelesenen Psalmen,
Wenn du nicht ganz fein und subtil
Dich um die Reinheit deines Herzen sorgst?

Es gibt wohl Menschen, die sich den Vorsatz nehmen,


Jesus nie mehr zu beleidigen.
Aber meiden sie auch die Versuchung zur Sünde?
Gott hat ihnen schon eine tiefe Andacht geschenkt
Und viele herzerweichende Tränen,
Aber doch wollen sie die Genüsse des irdischen Lebens
Und die Eitelkeiten der Welt nicht missen,
Sondern ein bequemes, ruhiges Leben führen,
Weil sie meinen, sie bräuchten viel Ruhe
Und müssten unbedingt im Frieden leben.

Das ist in jedem Fall ein Wunder,


Wenn die Bequemen in der Tugend verbleiben.
Denn wer sich den irdischen Freuden
Und eitlen Ergötzungen dieser Welt
Nicht ernsthaft entzieht,
Der wird auf dem Weg des Herrn
Leicht lässig und träge,
Und da sind auch mächtige Feinde,
Die uns behindern
Auf dem Weg mit Gott.

So muß ich euch von einem Menschen erzählen,


Der kommunizierte oft
Und lästerte keinen,
War im Gebet voll Andacht
Und liebte die Einsamkeit,
Der Mensch wohnte allein in seinem Haus,
Auch war der Mensch von solcher Selbstbeherrschung,
Daß er sich nicht zum Zorn hinreißen ließ.
Der Mensch sprach nicht Böses über andre,
Fluchte nicht
Und hatte auch die Heirat verschmäht
Und hatte auch viel zu erdulden gehabt
Auf diesem seinem geistlichen Weg.
Da dachte ich: Ein Heiliger!
Da merkte ich aber, dass der Mensch
Nur friedlich war, wenn alle ihn liebten und ehrten.
Sobald man aber seine Ehre angetastet,
So wurde er ziemlich zornig
Und fing sogar zu fluchen an.
Da merkte ich, dass der Mensch
Eine so hohe Meinung von sich selber hatte,
Daß jede Geringschätzung seiner Person
Ihm eine Majestätsbeleidigung schien.
Dann merkte ich, dass dieser Mensch
Auch gern Neuigkeiten von andern Leuten hörte,
Und ich wunderte mich, wie dieser Mensch
Auch nur eine Stunde allein in seinem Hause bleiben konnte.
Darüber hinaus wusste derselbe Mensch
Auch immer, seines Leibes Lüste zu suchen.

Du aber, geistlicher Mensch, sei froh,


Daß der Herr dich in deine Einsamkeit eingesperrt,
Damit der Satan dich nicht versuche,
Denn der Satan versucht sehr stark die Armen,
Die draußen in der Welt zu kämpfen haben.
Es gibt wohl manche Seele,
Die scheint schon zum Himmel zu fliegen,
Sie scheinen schon fast vollkommen,
Es ist auch kein Mensch da, der sie versteht.
Aber der Karmelit in seiner Zelle
Braucht nur der geistlichen Obrigkeit gehorsam zu folgen,
Dieweil der Fromme,
Der in seinem eigenen Hause lebt,
Alles nach seinem eignen Willen tut.

Wo ist denn eine Seele,


Die dem heiligen Petrus ähnlich wäre,
Der sich nämlich nackt ins Meer geworfen,
Um zu Jesus zu schwimmen,
Und andern Heiligen ähnlich wäre,
Die ihre Ruhe und ihr feines Leben aufgegeben,
Um Seelen zu retten!
Die meisten wollen zwar Seelen retten,
Aber dabei auch bequem und ruhig leben.

So sind auch nur wenige in der Welt,


Die in der Frage ihrer Kleidung
Und in der Frage des Brotes und Weines
Auf Gott den Vater allein vertrauen.

Und wenn du nun ein kontemplativer Mensch bist


Und den Menschen nicht helfen kannst
Mit den aktiven Werken der Caritas,
So hast du doch ein heißes Verlangen,
Den geliebten Seelen beizustehen
Mit deinen Tränen und deinem Flehen
Vor dem himmlischen Vater
Und der heiligen Gottesmutter.
Das Gebet hat wirklich Macht!
Wenn es Gott gefällt,
Wirst du mit deinem Gebet den Seelen helfen
Schon zu deinen Lebzeiten
Oder auch nach deinem Tod!
So denke ich an einen Laienbruder,
Der Unsrer Lieben Frau vom Karmel verbunden war,
Der den Seelen zu seinen Lebzeiten diente
Und viele Jahre nach seinem Tode
Erweckte Gott sein Gedächtnis
Und gab ihn den Frommen zum Exempel.
Dafür wollen wir die göttliche Majestät sehr loben!

DER KUSS DER GOTTHEIT

Der Mensch kommt zu einem Frieden,


So dass er es wagen kann,
In die Welt hinauszuziehen,
In den Kampf des Alltags,
Ohne seine Ruhe und seinen Frieden zu verlieren.

Wenn der Mensch erkennt,


Daß er seiner Braut, der göttlichen Weisheit,
An einer anderen Stelle
Mehr und besser dienen kann,
Wird er die Einwände seines Verstandes
Beiseite tun
Und an die gewiesene Stelle eilen.

Weißt du es sicher, o Mensch,


Daß deine Braut, die göttliche Weisheit,
Dich geküsst hat
Mit dem Kuß ihres Mundes?
Du musst es aus der Wirkung erkennen.
Laß dich nicht hindern,
Sondern laß die Weisheit durch dich wirken,
Damit du dieser göttlichen Braut gefällst!
Du sollst nur in ihren Augen schön sein wollen!

Es lässt sich die göttliche Majestät erkennen


An Menschen, denen ihre Gnade teilhaftig wurde,
Denn diese achten die irdischen Güter
Nicht höher, als sie es wert sind.
Auch hat solch ein Mensch
Keine Freunde als allein solche,
Die Jesus lieben.

Diese mystische Vereinigung


Zwischen der Braut und dem Bräutigam
Lehrt tiefere Weisheiten,
Als der rationale Menschenverstand
Mit all seiner Logik erkennen kann.
Darum hält der Mensch
Die Vernunft
Unter den Füßen des Glaubens.

Siehe, wenn eine arme Bauernmagd


Heiraten würde eine großen Kaiser
Und Kinder von ihm bekäme,
Wären ihre Kinder auch
Kaiserliche Hoheiten.
Wenn nun Gott
Der Seele solche Wohltat erweist
Einer solchen Liebesvereinigung,
Dann werden die Kinder der Seele,
Nämlich ihre kraftvollen Werke,
Kaiserliche Hoheiten sein.

O Gottheit des Himmels und der Erde,


Ist es wirklich wahr,
Daß ein Mensch auf Erden schon
Solche himmlischen Wonnen von dir empfängt?
Der Geist spricht doch im Lied der Lieder der Liebe,
Wie die Seele sprechen soll
Mit Gott, dem Gemahl der Seele.
Welche Worte sagt die göttliche Weisheit,
Welche süßen Worte!
Ein einziges dieser Worte der Liebe
Kann genügen, die Seele zu berauschen
Mit den Wonnen der göttlichen Liebe!
Ein Wort vom Geist geschenkt genügt,
Den Menschen mit der Gottheit
Mystisch zu verschmelzen!
Gesegnet bist du, Frau Weisheit!

Deine Worte sind so süß,


O Braut, Frau Weisheit,
Wie kann sie einer übersetzen,
Als wer deine Liebe erfahren hat?
Wenn du aber deine brennende Liebe sendest,
Kann der Mensch das Hohelied wohl übersetzen.

So bitt ich denn von dir, Frau Weisheit,


Nichts als dass du mich küsst
Mit den Küssen deines geheimnisvollen Mundes!

Nichts soll mich hindern zu sagen,


O meine Gottheit, o meine Gloria,
Daß deine Brüste berauschender sind als der Wein!

DIE GÖTTLICHEN BRÜSTE

Ich singe von der süßen,


Lieblichen Liebe
Und von den Ergötzungen göttlicher Liebe,
Wie Gott in der Seele wohnt
In der betenden Ruhe,
Welche vergleichbar ist
Dem Saugen an den göttlichen Brüsten.
Wenn die göttliche Majestät
Einem gottverlobten Menschen
Diese Bitte gewährt,
Solche Freundschaft mit der Gottheit zu führen,
So erlebt der Mensch Wonnen,
Die allein jene glauben werden,
Die es selber erfahren haben.

Der Mensch gerät


In eine göttliche Trunkenheit,
Daß er selbst nicht mehr versteht,
Was er will und was er begehrt.

Wenn die Gottheit


Den Menschen noch mehr begnaden will,
Zieht die Gottheit den Menschen in sich hinein,
Daß der Mensch ohnmächtig wird!
Ihm scheint, er liege in den göttlichen Armen
Und trinke an den göttlichen Brüsten
Die Milch des Trostes
Der Mutterliebe Gottes,
Wo Gott wie eine Mutter
Den Menschen überströmt
Mit Wollust und Wonne
Bedingungsloser Liebe!

Wenn der Mensch von dieser Trunkenheit


Und von diesem Schlaf erwacht,
Ist der Mensch erschüttert
Und wie ein Wahnsinniger,
Der den Verstand verloren hat.
Aber er weiß doch,
Die göttlichen Brüste
Berauschen mehr
Und machen trunkener
Als der dunkelste Wein von Frankreich.
Dem Menschen scheint,
Höher in der Seligkeit
Könne er nicht mehr steigen
Als so in den göttlichen Armen ruhend
Gebettet zu sein auf den göttlichen Brüsten!

So weiß ja auch ein Säugling nicht,


Wie ihm geschieht,
Wenn er noch nicht einmal schreit,
Die Mutter schon kommt
Und legt ihm die Brust in den Mund.

Das ist wirklich die größte Gnade,


Die der Mensch auf Erden schmecken kann.
Mögen sich auch alle Freuden
Des leckersten Fleisches und des teuersten Weines
Und der erotischen Menschenliebe vereinen,
Kommt es doch nicht an die Glückseligkeit heran,
Die der Mensch empfindet,
Wenn er an den göttlichen Brüsten trinkt.

Womit soll ich es sonst vergleichen


Als mit einem liebenden Mutterherzen,
Daß dem geliebten Säugling
Milch von ihrem Herzen gibt?

Das sagte doch der heilige Paulus mir schon oft,


Daß die Leiden dieser Welt,
Alle Leiden dieser kurz bemessenen Zeit auf Erden
Nicht ins Gewicht fallen
Angesichts der Schönheit der himmlischen Wonnen,
Die uns geschenkt werden sollen.

Keine Freude eines Kusses von menschlichen Lippen,


Keine körperliche Zärtlichkeit
Und nicht die Lust des Aktes mit einer Frau
Ist auch nur entfernt so schön
Wie dieses genüssliche Saugen
An den göttlichen Brüsten,
Da die Milch der Mutterliebe Gottes
Berauschender ist als der beste Wein.

Wache wieder auf, meine Seele,


Um der göttlichen Liebe willen,
Wache auf vom Schlaf der Erde,
Freue dich, meine Seele,
Daß die göttliche Weisheit
In ihrer göttlichen Liebe
Den Genuß der Gottheit
Nicht allein aufspart für die himmlische Hochzeit
In der Ewigkeit,
Sondern dich den Genuß der Gottheit
Schon auf Erden genüsslich schmecken lässt.

Die Gottheit zahlt dir den Liebeslohn


Nicht erst im Reich der Ewigkeit,
Sondern schon auf Erden
Belohnt sie dich für deinen treuen Liebesdienst.

DIE GÖTTLICHE TRUNKENHEIT

Jesus Christus führte mich in seinen Weinkeller


Und hat dort die Liebe in mir geordnet.

Erst war der Mensch


Wie ein kleines Kind
Und wurde von der Gottheit
An den göttlichen Brüsten
Ernährt, wie eine Mutter
Ihr Kind mit Milch ernährt.

Aber nun ist der Mensch


Eine Braut geworden
Und Christus ist der Bräutigam
Und führt die Braut in den Weinkeller,
Dort erquickt er sie mit Trauben,
Sie muß dort erkennen,
Wie viel sie für Christus noch zu leiden haben wird.

Aber Jesus Christus hört nicht auf,


Sich der Brautseele hinzugeben.
Christus weiß, dass er
Die Hagia Sophia ist.
Es scheint, als könne er der Seele mehr nicht geben,

Als den Kuß des Mundes


Und die göttlichen Brüste.
Aber nun führt Christus die Brautseele
Zum Weintrinken in den Weinkeller.

Wenn die Seele ruht im Schatten der Gottheit


Wie schlummernd in einer goldenen Wolke,
Was will sie mehr,
Was kann ihr Gott noch geben
Als diese ewige Ruhe?

So gibt Christus der Brautseele dies,


Nämlich solche harten und schrecklichen Leiden,
Daß die Seele schreien muß:
Herr, Herr, ich kann nicht mehr!
O Gott, wie schrecklich ist deine Gnade!
Soviel Gnade, mein Gott,
Um den Preis solcher grausamen Leiden,
Hab ich nicht begehrt!

Und doch, gestärkt durch den wahren Glauben,


Wollte die Brautseele diese Trübsal,
Diesen Feuerofen der Drangsal
Nicht tauschen
Gegen alle Lüste der eitlen Welt.

Darum sagt die Psyche


Zu ihrem göttlichen Eros:
Der König hat mich geführt
In den Keller zum blutroten Wein.

Die Größe dieser Gnade Christi


Ist über die Maßen groß.
Dem einen gibt Christus
Weniger Wein,
Dem andern schenkt Christus voll ein.
Den einen macht Christus
Wenig trunken,
Den andern macht Christus
Bis zum Wahnsinn betrunken
Von den blutigen Gnaden Christi des Gekreuzigten!
Dem einen gibt Christus
Wenig Wein der Andacht,
Dem andern schenkt Christus
So viel starken Wein der Kontemplation ein,
Daß der Mensch schon fast
Entrückt der Erde
Zwischen den himmlischen Schönheiten wandelt.
Dem einen schenkt er einmal
Den Wein der Nächstenliebe ein,
Daß er in großer Kraft und Stärke
Die Liebe Gottes
Zu den Armen und den Kleinen trägt,
Dem einen schenkt er ein andermal
Den Wein der mystischen Weisheit ein,
Daß er die Geheimnisse des Urgeheimnisses
Verzückt in seligen Schauungen ahnt.

Darum führt nämlich Jesus Christus


Die Brautseele in den Weinkeller,
Daß Christus ohne Maß
Den Wein ihr einschenken kann,
Daß sie kräftig trinken möge
Und von allen Weinen Christi kosten möge
Und alle Freuden des göttlichen Rausches
Und der göttlichen Trunkenheit
Genießen möge ohne Maß,
Daß sie trinke von Gottes Wein
Mehr als ihre sterbliche Natur erträgt,
So dass der trunkenen Seele scheint,
Sie sterbe jetzt
Und schwebe im Paradies!
Selig, dreimal selig ist der Tod,
Der einem solch ein Leben im Paradiese schenkt!

DIE CHINESISCHE TUGEND


„Sieh, die Erfahrung spricht
Aus meinem klugen und didaktischen Gedicht.“
(Puschkin)
DIE MUSIK

Die Töne entstehen


Im Herzen des Menschen.
Die Kombination der Töne
Zur Erheiterung des Menschen
Und ihre Verbindung mit Federn und Quasten
Wird Musik genannt.

Wenn das Herz von Trauer bewegt ist,


Wird scharf und sterbend der Laut.
Wenn das Herz von Heiterkeit bewegt ist,
Wird langsam und weich der Laut.
Wenn das Herz von Freude bewegt wird,
Wird stark und zerstreuend der Laut.
Wenn das Herz von Zorn bewegt wird,
Wird grob und grausam der Laut.
Wenn das Herz von Ehrfurcht bewegt wird,
Wird gerade und bescheiden der Laut.
Und wenn das Herz von Liebe bewegt wird,
Wird mild und zärtlich der Laut.

Eine in Ordnung befindliche Generation


Bringt friedliche, heitere Töne hervor,
Weil die Gebote der Herrschaft mild sind.
Eine Generation voll Unruh
Bringt grollende, zornige Töne hervor,
Weil ihre Herrschaft unterdrückend ist.
Ein Volk, das dem Untergang verfallen ist,
Bringt sehnsuchtsvoll schmerzliche Töne hervor,
Weil seine Bürger verzweifelt sind!

Die Töne vom Maulbeerwald


Und die Töne vom südlichen Flusse
Sind Töne eines untergehenden Volkes.
Die Gebote der Herrschaft sind chaotisch,
Das Volk ist zerstreut,
Es verleumdet die Obrigkeit
Und handelt egoistisch.

Die Töne entstehen im Herzen des Menschen.


Die Musik bringt Harmonie
In die Beziehungen unter den Menschen.
Die Tiere kennen zwar Laute, aber nicht Töne,
Der Pöbel kennt Töne, aber keine Musik.
Nur der Weise vermag es, den Sinn
Der Musik zu erkennen.
Die höchste Vollkommenheit der Musik
Besteht nicht in Pracht und Prunk der Töne,
Wie auch im Sittengesetz
Beim heiligen Speiseopfer
Es nicht ankommt auf den Geschmack des heiligen Brotes.

Die alten Herrscher waren nicht bedacht


In der Gestaltung von Sitte und Musik,
Der Augenlust und dem Ohrenschmaus zu dienen
Und dem Begehren von Mund und Bauch,
Sondern sie wollten lehren das Volk,
Seine Sympathie und Antipathie mäßigen
Und den Menschen auf das Ziel des Menschen hin ordnen.

Der Mensch ist von Natur aus still.


So ist seine himmlische Seele.
Durch Äußerlichkeiten bewegt,
Erregen sich des Menschen Triebe.
Durch die Äußerlichkeiten
Entsteht Bewusstsein,
Durch das Bewusstsein entstehen
Sympathie und Antipathie.
Wenn Sympathie und Antipathie
Nicht geordnet sind im Innern,
Verfällt das Bewusstsein der Äußerlichkeiten,
Der Mensch verliert die eigne Persönlichkeit
Und es erlischt die göttliche Ordnung.

Äußerlichkeiten aber
Beeinflussen immer den Menschen.
Wenn seine Sympathie und Antipathie
Im Innern nicht geordnet sind,
Verfällt der Mensch den Äußerlichkeiten,
Dann vernichtet er in sich
Die göttliche Ordnung
Und verfällt den Trieben und Begierden.

Dann werden die schüchternen Seelen


Von den Dreisten missbraucht.
Die Kranken werden nicht gepflegt,
Die Witwen nicht getröstet,
Die Waisenkinder nicht behütet.
Das ist das allgemeine Chaos.

Darum schufen die alten Herrscher


Das Sittengesetz und die Musik,
Das Menschenleben zu harmonisieren.
Trauergewänder, Weinen und Klagen
Regeln die Trauer um den Toten.
Glocken und Trommeln dienen dazu,
Die Freude harmonisch zu gestalten.
Die Jugendweihe, die Hochzeitsriten
Dienen dazu, die Geschlechter
In Zucht zu vereinigen.

Die Musik bewirkt


Vereinigung in Liebe,
Das Sittengesetz zeigt Unterschiede.
In der musikalischen
Vereinigung lieben die Menschen einander.
Aber wenn zuviel ist der Musik,
So zerfließen die Seelen.
Ist aber zu mächtig das Sittengesetz,
So verhärten sich die Herzen.
Die Gefühle zu harmonisieren
Und die Außenwelt zur Schönheit zu gestalten
Ist die Aufgabe der Musik
Und des Sittengesetzes der Alten.

Weil die Musik aus dem Innern des Menschen kommt,


Bewirkt sie Ruhe der Seele.
Weil das Sittengesetz die Außenwelt ordnet,
Gestaltet es die Welt zur Schönheit.
Darum ist die höchste Musik sehr einfach
Und das wahre Sittengesetz ist einfach.
Die höchste Musik
Entfernt den Gram und den Groll,
Das heilige Sittengesetz
Entfernt die Zwietracht und den Streit.
Durch Freundlichkeit und Güte,
Nachgiebigkeit und Milde und Sanftmut
Die Welt zu ordnen
Ist die Aufgabe der Musik
Und des heiligen Sittengesetzes.

Die wahrhaft große Musik


Wirkt mit dem Himmel
Und der Erde
Die harmonische Einheit der Menschen
Durch die Vereinigung in Liebe.
Das heilige Sittengesetz
Wirkt zusammen mit dem Himmel
Und der Erde den Rhythmus des Lebens
Der Menschen miteinander.

In der sichtbaren Welt


Herrscht das Sittengesetz
Und herrscht die Musik.
In der unsichtbaren Welt
Herrscht Gott
Und herrschen die seligen Geister.
So sind die Menschen miteinander verbunden
Durch die gegenseitige Achtung,
Wertschätzung, Ehrfurcht,
Und verbunden durch die gegenseitige
Menschenliebe.
Darum stimmt das Sittengesetz
Mit der wahren Musik überein.

Wer also das Wesen des Sittengesetzes erkannt


Und die Heiligkeit der Musik erkannt,
Der vermag sie schöpferisch zu gestalten.
Wer die Formen des Sittengesetzes
Und die Formen der Musik ergründet,
Vermag das Sittengesetz
Und die wahre Musik zu überliefern.
Wer sie schöpferisch zu gestalten vermag,
Ist ein heiliger Mensch,
Wer sie zu überliefern vermag,
Ist ein Weiser.
Der Titel eines Heiligen und Weisen
Bezieht sich auf Schaffen und Überliefern.

Der schöpferische Ursprung


Der Musik ist im Himmel,
Das Sittengesetz
Regelt das Leben der Menschen auf Erden.

Die Vereinigung der Menschen


In den bestimmten Beziehungen
Ohne Streit und Leid
Ist das Wesen der wahren Musik.
Die Wirkungen der Musik
Sind Heiterkeit und Freude
Und Vergnügen und Liebe!

Die Fürsten schufen Musik,


Wenn sie ihr Werk in der Welt vollendet hatten.
Die Güte ihres weltlichen Werkes
War bestimmend
Für die Güte ihrer Musik.

Erhabene Musik,
Doch ohne Traurigkeit,
Vollkommene Tugend,
Doch ohne harte Einseitigkeit,
Das vermag nur ein heiligmäßiger Mensch.

Der Frühling wirkt schöpferisch,


Der Sommer wirkt die Reife,
Das ist die Liebe.
Der Herbst erntet
Und der Winter sammelt in die Scheune,
Das ist die Gerechtigkeit..
Die Liebe ist Musik,
Gerechtigkeit ist Tugend.

Die Musik führt zur Harmonie,


Sie folgt dem himmlischen Weg
Und erhebt die Seele zu Gott.

Darum schafft der Weise Musik,


Um so dem Himmel zu dienen.
Er lebt gemäß der Tugend,
Gott auf Erden zu dienen.
In der Reinheit der Musik
Ertönt der Himmel,
In der Reinheit der Tugend
Verklärt sich die Erde.

Im Himmel sind vollkommne Ideen,


Himmlische Urbilder alles Seienden,
Auf der Erde streben die Kreaturen
Nach himmlischer Vollendung.

Die Gnade des Himmels neigt sich herab,


Das Streben der Erde strebt in die Höhe.
Licht und Schatten gehören zusammen.
Himmel und Erde vermählen sich.
Musik ist der Hochzeitsgesang
Von Himmel und Erde.

Musik und Tugend


Reichen bis zu den Höhen des Himmels
Und tauchen hinab in die Tiefen der Erde.
Musik und Tugend
Wirken im Licht und im Schatten.
Musik und Tugend
Stehen in Verbindung
Mit den Engeln und den Heiligen
Und verherrlichen Gott.

Musik erklang im Anbeginn,


Die Tugend führt die Seelen zur Vollendung.

Wechsel von Ruhe und Bewegung ist


Musik zwischen Himmel und Erde.

4
Die Musik der großen Verherrlichung
Besingt die Herrlichkeit des Herrn.

Das Essen von Entenfleisch


Und das Zechen von rotem Wein
Ist nicht zum Unheil.
Wenn es dennoch Streit gibt
Über das Essen von Fleisch
Oder wegen des Weines,
So kommt es daher, dass der Wein
Die Gemüter erhitzt.
Darum ordneten die Weisen
Die Art und Weise des Zechens.
Die Tugend des Gastmahls gebietet,
Daß man sich beim gemeinsamen Zechen
Zeremonielle Höflichkeiten erweist,
Daß man sich höfisch verneigt
Vor der Dame des Hauses
Und den Gastgeber segnet mit Segenssprüchen,
So kann man den ganzen Abend zechen,
Ohne besoffen zu werden.
Auf diese Weise regulierten
Die Weisen das Zechen beim Gastmahl
Und wehrten dem Besoffensein.
So dienen das Zechen von rotem Wein
Und Essen von Entenfleisch
Der Feier des heiligen Geistes.
Die Tugend der Weisen
Wehrt der Maßlosigkeit
Beim Zechen von rotem Wein.

Musik ist die Freude der heiligen Menschen.


Musik vermag die Gesinnung des Menschen zu bessern.
Musik beeinflusst den Menschen tief.
Durch Musik erzogen die weisen Pädagogen
Ihre geistlichen Kinder.

Die Seele des Menschen


Hat Kraft des Blutes und Bewusstsein der Sinne.
Aber es gibt kein gewisses Gesetz,
Die Trauer zu regeln,
Die Lust und den Zorn zu mäßigen.
Denn Trauer und Lust
Und Zorn wird erregt
Durch die Außenwelt.
Aber erst durch die Regulierung
Und Mäßigung der Affekte
Gewinnt das Herz die feste Gestalt.
Die Weisen schufen eine Musik,
Die hell erklang und doch nicht zerstreute,
Die dunkel war und doch nicht betrübte,
Die stark in der Seele war und doch nicht zornig,
Die weise war und doch nicht mutlos.

Wenn eine Generation


Im dekadenten Chaos versinkt,
Dann wird die Sitte vergessen
Und die Musik wird wild und lüstern.

Bei den verwirrten Geschlechtern


Wird die Musik bekümmert und schwach,
Lüstern und ruhelos,
Lasziv und rhythmisch wild.
Sie lassen sich so dahintreiben
In dem Chaos ihrer verwirrten Gefühle
Und vergessen das Fundament der Weisheit.
Wenn dann ein Mensch von weitem Herzen ist,
So neigen seine Wünsche sich der Unzucht zu,
Wenn aber ein Mensch von hartem Herzen ist,
So werden seine Gedanken egoistisch.
Die Kraft der ausgelassenen Wollust wird erregt,
Die harmonische Macht des Geistes aber vernichtet.
Darum verachtet der Edle
Das chaotische Treiben der dekadenten Geschlechter.

Der heilige Mensch verwehrt


Den Ohren die lüsternen Worte
Und den Augen die lasziven Bilder.
Unreine Musik und verdorbene Sitten
Lässt er nicht in die Gedanken seines Herzens.
Schlechten Angewohnheiten
Gibt er keine Macht über seinen Körper.
Er weiht Augen und Ohren,
Geist und Herz und Glieder
Der Ewigen Weisheit
Und tut dann seine Pflicht.
Dann erst macht er Musik
Und stimmt die Harfe.

Musik bedeutet Freude.


Der Edle freut sich,
Daß er den heiligen Weg erkannte.
Die Gemeinen aber freuen sich daran,
Ihr Begehren erfüllt zu sehen.
Wenn man aber das Wollen und Verlangen regelt,
Dann herrscht die Freude ohne Verwirrung.
Wenn man aber über seinem Verlangen
Den heiligen Weg verlässt,
So entsteht die dumpfe Verwirrung
Und keine Freude der Seele.

Die Lebenskraft ist Ausdruck der Seele.


Musik ist die Blüte der Lebenskraft.
Die Musikinstrumente sind die Werkzeuge der Musik.
Die Lieder drücken des Herzens Gesinnung aus.
Zu den Liedern tönen die Saitenspiele.
Die Tänzer bewegen sich
Gemäß der Regierung des Fürsten.
All dies hat seine Wurzel
Im Innern des Herzens.
Erst das Innere des Herzen
Bringt die Instrumente zum Tönen.

Wenn also der Fürst


In seinen Gefühlen rein und klar ist,
Wird seine Musik auch schön sein.
Wenn des Fürsten Herz voll Mut und Kraft ist,
Wird er die Menschen gut regieren.
Wenn Harmonie in seinem Innern ist,
Entfaltet sich die Blüte der Seele nach außen.
Die Musik erlaubt die Heuchelei nicht.

In der Musik erfreut man sich


Am Ursprung seines Lebens
Und in der Tugend kehrt man zurück
Zum göttlichen Ursprung.
Die Musik verherrlicht die Tugend,
Die Tugend dankt der Gnade Gottes,
Das ist die Heimkehr in den Schoß der Gottheit.

Wenn ein großer Künstler


Fördert die Musik
Und alte Sitte,
Dann werden Himmel und Erde
Ihre Kraft entfalten.
Himmel und Erde vermählen sich.
Licht und Schatten vereinen sich.
Der Himmel weht mit sanftem Hauch
Und die Erde erwärmt.
Die Himmel beschirmt und beschützt
Und die Erde ernährt die Lebewesen.
Da sprossen Kräuter und Bäume,
Die Keime sprießen ans Licht,
Die Federn der Flügel regen sich,
Die Hörner wachsen den Gehörnten...
Die Winterschläfer kehren zum Leben zurück.
Die Tauben brüten,
Die Katzen tragen ihre Jungen.
Was im Schoß der Mutter entsteht,
Wird nicht getötet!
Was im Ei der Mutter entsteht,
Stirbt keinen frühen Tod!
Wenn es so ist,
Dann hat die Musik ihr Ziel erreicht.

Ein Mann sprach zum Meister der Musik:


Wenn ich die klassischen Lieder höre,
Dann muß ich immer Acht geben,
Daß ich nicht einschlafe.
Aber wenn ich die populären Lieder höre,
Dann amüsiert sich mein Herz.

Der Meister der Musik sprach.


Bei der klassischen Musik
Sind die Töne harmonisch,
Einfach und tief.
Die Saiteninstrumente und Blasinstrumente
Richten sich nach der Perkussion.
Man ordnet die Wirbel
Mit dem Taktstock
Und mäßigt die Bewegung
Mit dem Plektron.
Die Weisen unterhalten sich über die Musik
Und beginnen von Gott zu sprechen,
Sprechen von der Heiligkeit der Familie
Und von dem Frieden in der Welt.
Bei der populären Musik
Winden sich die Tänzerinnen wie Schlangen,
Wilde Laute rauschen einher
Und betäuben das Ohr mit Geräuschen.
Gaukler kommen herein
Und Narren, die sich wie Affen benehmen.
Man weiß nicht,
Wer der Vater und wer der Sohn ist
Und weiß nichts vom Geist.
Wenn die Musik verrauscht ist,
Kann man darüber nicht sprechen,
Man denkt nicht an Gott bei dieser Musik,
Man denkt nur an Unzucht.

Vom Weisen aber sagt man:


In der Stille pflegte er seinen Geist.
Sein Geist war klar und rein,
So konnte er zwischen Gut und Böse unterscheiden,
So konnte er Kinder erziehen
Und herrschen über die Launen der Frauen.
Er brachte es zum Gehorsam vor Gott
Und führte so auch die ihm Anvertrauten
Zur Ehrfurcht vor Gott.
Und so führte er die ihm Anvertrauten
Zur wahren Menschenliebe.
Der weise Herrscher führte ein Leben ohne Makel.
Er empfing die Gnade Gottes
Und teilte sie seinen Söhnen mit.

Aber die Töne der sinnlichen Musik,


Der lasziven populären Lieder
Überströmen mit Wollust den Willen
Und schwächen den Willen
Und ertränken den Willen in Verlangen.
Die Töne sind hektisch,
Chaotisch, verwirren den Geist und den Willen
Und beschmutzen die Seele
Mit lüsterner Sinnlichkeit.
Die Tänzerinnen sind hochmütig, stolz,
Sie reißen hin zur Sinnlichkeit,
Zur Unzucht und zur Perversion.
Sie schaden dem Geist.
Man kann sie im Gottesdienst nicht gebrauchen!

In den Oden heißt es:


Ernste, harmonische Klänge
Hören die Seelen der Heimgegangenen
In dem Land der Verheißung.

Wenn nun ein Weiser Töne hört,


So beachtet er nicht das Geräusch, das sie machen,
Sondern er betrachtet die Gedanken,
Die beim Hören der Musik entstehen.

Tugend und Musik,


Sie dürfen der Persönlichkeit
In keinem Augenblick fehlen.
Wenn man die Musik auf die Seele wirken lässt
Zur Reinigung der Gesinnung,
So reift eine ruhige, ehrliche und gerechte Gesinnung.
Wenn solch eine Gesinnung in der Seele ist,
Dann wird die Seele glücklich.
Durch die Freude kommt der Friede,
Durch den Frieden entsteht eine himmlische Art
Und die himmlische Art macht der Gottheit ähnlich!
Himmlische Art braucht keine Worte
Und findet doch Glauben bei den Guten.
Gottähnlichkeit braucht nicht zu zürnen
Und findet doch Ehrfurcht.

Musik bedeutet Freude.


Ohne Freude kann der Mensch nicht leben.
Die Freude äußert sich in Tönen
Und nimmt bewegte Gestalt an.
Alle Veränderungen in der Seele
Äußern sich in Tönen und Bewegungen.
Ohne Freude erträgt der Mensch das Leben nicht.
Wenn sich die Freude äußert,
Aber ungeordnet und wild,
Dann wird sie übermäßig und zerstörerisch.

10

Ein Mann kam zum Meister der Musik und sprach:


Ich habe vernommen, dass bestimmte Lieder
Zu bestimmten Menschen passen.
Welche Musik passt denn zu mir?

Wer ruhig ist und korrekt,


Der singe die Hymnen.
Wer ruhig ist, fernsichtig und wahrhaft,
Der singe die großen Psalmen.
Wer bescheiden ist und tugendhaft,
Der singe die kleinen Psalmen.
Wer schlicht und bescheiden ist und pflichtbewusst,
Der singe die Volkslieder.
Wer wahrhaft ist und voller Liebe,
Der singe die Lieder der Liebe.
Wer freundlich und gutmütig ist,
Der singe die Lieder der Stille.

Der Gesang kommt aus dem Wort,


Der Gesang entsteht aus langgezogenen Worten.
Wenn der Mensch sich freut,
So spricht er seine Freude aus.
Wenn das Sprechen nicht mehr genügt,
So redet er in Versen.
Wenn die Verse nicht mehr genügen,
So seufzt er Ah und Oh.
Wenn selbst die Seufzer nicht mehr genügen,
So fängt die Leiblichkeit zu tanzen an!

DIE PÄDAGOGIK

1
Der Mensch bei seiner Geburt
Ist unvollkommen.
Seine Augen können noch nicht sehen,
Er kann noch nicht essen,
Er kann noch nicht laufen,
Er kann noch nicht sprechen,
Er kann noch nicht zeugen.

Im dritten Monat
Fixieren sich die Pupillen,
Dann kann er sehen.
Im achten Monat
Wachsen seine ersten Zähnchen,
Dann kann er essen.
Im ersten Jahre
Werden seine Kniescheiben fest,
Dann kann er laufen.
Im dritten Jahr
Schließt sich die Schädelspalte,
Dann kann er sprechen.
Im sechzehnten Jahr
Wird der Same reif,
Dann kann er zeugen.

Wo die Liebe groß ist,


Nimmt man die Trauerkleidung ernst.

Drei Tage nach dem Todesfall


Isst man wieder,
Ein Jahr nach dem Todesfall
Trägt man unter dem Trauergewand
Wieder Seide.
Die Selbstqual des Trauernden darf nicht
Bis zur Selbstvernichtung gehen!
Durch den Tod des einen Menschen
Darf nicht geschädigt werden
Das Leben des andern Menschen!
Die Trauer überschreite nicht
Die Frist von drei Jahren.
Dann wird das Grab
Nicht wieder neu aufgeschüttet.
Am Tage nach dem Abschluß-Opfer
Spielt man würdige Melodien
Auf der Zither,
Um den Menschen zu zeigen,
Daß die Trauerzeit ein Ende hat.

Wer für alle Verrichtungen


Beim Trauerritual
Einen Angestellten hat,
Der lässt die Dinge wortlos geschehen.
Wer selber reden muss,
Der stützt sich auf seinen Stock.
Wer sich um alles selber kümmern muss,
Der lässt in der Trauerzeit
Den Bart ungepflegt.

Nach dem Todesfall


Weint man drei Tage lang unablässig.
Drei Monate lang
Zieht man das Trauerkleid nicht aus.
Drei Jahre lang
Ist man betrübt.
So will es die Weisheit der Liebe.
Der Heilige richtet sich
Nach der Weisheit der Liebe.

Aber eine junge Frau


Aus einer rebellischen Familie
Heiratet man lieber nicht,
Weil sie sich gegen den Geist der Tugend empörte!
Eine junge Frau
Aus einer Familie, die in Unzucht lebt,
Heiratet man lieber nicht,
Weil sie die Ehe zerstört!
Eine junge Frau
Aus einer Familie von Dieben und Lügnern
Heiratet man lieber nicht,
Weil sie von der Gesellschaft verworfen ist!
Eine junge Frau
Mit einer üblen Krankheit
Heiratet man lieber nicht,
Weil sie dem Tod geweiht ist!
Die ältere Tochter eines geschiedenen Mannes
Heiratet man lieber nicht,
Weil sie in der Kindheit
Keine Mutterliebe erfahren hat!

Du sollst deine Frau nicht verstoßen,


Denn nach der Scheidung wüsste sie nicht,
Wohin sie gehen sollte.
Du sollst deine Frau nicht verstoßen,
Wenn sie mit dir durchgestanden hat
Die Trauer um deinen Vater.
Du sollst deine Frau nicht verstoßen,
Denn sie hat gemeinsam mit dir ertragen
Die Armut und Erniedrigung.

Ein großes Verbrechen ist


Die Empörung gegen Gott!
Ein großes Verbrechen ist
Die Lästerung der Heiligen und der Weisen!
Ein großes Verbrechen ist
Die Empörung gegen Ehe und Familie!
Ein großes Verbrechen ist
Die Lästerung gegen die Engel!
Ein großes Verbrechen ist
Die Tötung eines Menschenkindes!

Der Sohn
Soll beim ersten Hahnenschrei aufstehn,
Dann wäscht er sich
Und spült sein Gebiß aus
Und kämmt sich sein Haar
Und setzt seinen Hut auf.
Er zieht ein dunkles Gewand an
Und legt den Gürtel an
Und steckt sein Notizbuch in die Tasche.
Dann hängt er an seinen Gürtel
Ein Tuch zum Abwischen
Und einen kleinen Spiegel,
Ein Feuerzeug
Und ein Schreibgerät.
Dann zieht er sein Beinkleid an
Und schnürt die Schuhe.

Die Schwiegertochter
Steht beim ersten Hahnenschrei auf
Und wäscht sich
Und putzt ihre schönen Zähne,
Sie kämmt die langen schwarzen Haare
Und knüpft den Knoten ihrer Haare,
Dann steckt sie die Spange in ihren Haarknoten.
Sie zieht ihr Seidenkleidchen an
Und gürtet sich mit dem Zaubergürtel.
Am Gürtel hängt ein Tuch
Und ein Spiegel,
Nadel und Faden in einem Beutel
Und ein Duftkissen.
Dann bindet sie ihre Sandalen
Und begibt sich zum Sohn.

Der Mann spricht nicht


Über die innern Angelegenheiten,
Die Frau spricht nicht
Über die äußern Angelegenheiten.

Die inneren Räume


Und die äußeren Räume
Haben keinen gemeinsamen Brunnen,
Mann und Frau
Haben kein gemeinsames Badezimmer,
Sie schlafen nicht auf denselben Matten,
Sie tragen nicht die gleichen Kleider.

Was im Innern gesprochen wird,


Das dringe nicht nach draußen.
Was draußen gesprochen wird,
Das dringe nicht ins Innere.

Wenn der Mann den inneren Raum betritt,


So flötet er nicht,
Bei Nacht trägt er eine Kerze,
Erlischt die Kerze,
So bleibt er stille stehen.
Wenn die Frau nachts aus dem Hause geht,
Verschleiert sie sich,
Sie trägt eine Lampe,
Geht die Lampe aus,
So bleibt sie stille stehen.

Auf der Straße aber


Geht rechts der Mann
Und links die Frau.

Als die Frau im Begriff war,


Einen Sohn zu bekommen,
Zog sie sich im letzten Monat zurück
In ihr Schlafgemach.
Zweimal täglich schickte der Mann eine Botin,
Um die Frau nach ihrem Befinden zu fragen.
Wenn er selber kam,
Nach ihrem Befinden zu fragen,
So gab die Frau nicht selber Antwort,
Sondern beauftragte ihre Gesellschaftsdame,
Die sorgsam Toilette machte
Und dem Manne Antwort gab.
Wenn der Mann beim Fasten war,
So ging er nicht in das Schlafgemach der Frau.

Als der Sohn geboren war,


Da hängte man Pfeil und Bogen an die Tür.
Am dritten Tag
Bekam der Knabe Nahrung.
Zur Ehren des Sohnes
Schoß der Mann einen Pfeil in die Luft.

Man befragte das Buch,


Um den Paten zu bestimmen.
Wen das Buch genannt,
Der fastete streng
Und begab sich zum Frauengemach.
Vor der Tür zum Schlafgemach der Frau
Ward ihm der Patensohn überreicht.
Dann nahm die Amme
Den Sohn auf den Arm
Und trug ihn wieder in das Schlafgemach der Frau..
Der Wirt bewirtete dann
Den Paten mit reichlich Wein.

Dann wählt man das Kinderzimmer für den Knaben.


Man wählte unter den Damen solche aus,
Die den Knaben erziehen sollten.
In Betracht kamen solche Damen,
Die weitherzig waren,
Edelmütig und gütig,
Voll Liebe und Wahrhaftigkeit,
Vorsichtig und verschwiegen.
Eine Dame wurde Erzieherin
Und eine Dame Aufsichtsperson
Und eine Dame Pflegemutter.
Andern Leuten war der Eintritt verboten
In das Kinderzimmer des Knaben.

Im dritten Monat
Trat die Frau zum Mann
Zusammen mit ihrem Knaben.
Sie trug ein Festgewand
Wie bei der Vollmondfeier des Frühlingsäquinoktiums.
Der Mann trat durch die Tür
Und schaute in den Westen,
Die Frau sah in den Osten.
Dann sprach die Gesellschaftsdame der Frau:
Die Mutter Ai-Wei erlaubt sich,
An diesem Tage ihren Knaben
Dem Manne Shi Tuo-Tang zu zeigen.
Der Mann sprach zu der Frau:
Sei achtsam auf seine gute Erziehung.
Dann nahm der Mann
Die rechte Hand des Knaben,
Sprach lächelnd mit ihm
Und gab ihm seinen Namen:
Tom-Tom sollst du heißen.
Die Frau sprach mit charmantem Lächeln:
Wir werden immer gedenken
Deiner weisen und liebevollen Worte!
Dann kehrte die Frau zurück
In ihr inneres Gemach.

Wenn dem König


Ein Thronfolger geboren wurde,
So stand ein Fürst dem Thronfolger bei
Und lehrte ihn, morgens aufzustehen
Und sich sorgfältig anzukleiden
Und im Osten vor dem Himmel zu erscheinen.
Dann ging der Thronfolger
Von der Pforte des Hauses
Am Tempel vorüber
Mit ehrfurchtvollen Schritten.
So ist der Weg
Des pietätvollen Thronfolgers.
Als er noch ein Kind war,
Ward er so erzogen vom Fürsten.

Als der kleine König


Noch in den Windeln lag,
Da war der Herzog sein Großlehrer,
Da war der Herzog sein Großmeister.
Der Lehrer des kleinen Königs
Sorgte für seine Erziehung
Zu Tugend und Gerechtigkeit.
Der Meister des kleinen Königs
Sorgte für seine Erziehung
Zur Folgsamkeit und Pietät.

Der Herzog befestigte


Den kleinen König
In Ehrfurcht vor Gott
Und Liebe zu den Menschen.

Man hielt vom kleinen König fern


Die verkehrten Menschen,
Damit er keine bösen Taten sieht.
Darum wählte man aus den Fürsten
Den Ehrfürchtigen,
Den Gelehrten,
Den im himmlischen Weg Bewanderten,
Solche Fürsten sollten
Mit dem kleinen König zusammen sein,
Diese wohnten mit dem König zusammen
Und gingen ein und aus in seinem Haus.
Was der Thronfolger also mit Augen sah,
Waren Bilder der Wahrheit,
Der Weg, den der Thronfolger ging,
War der himmlische Weg.

Man wählte seine Lieblingsspeise aus,


Man gab ihm Reis und Zimt,
Doch eh er die Speise zu schmecken bekam,
Ward die Unterweisung vollendet,
Er musste zuerst den Himmel verehren,
Bevor er die Lieblingsspeise schmecken durfte.
Denn was in der Kindheit begründet wird,
Das wird im Leben auf Dauer ausgeübt.
Wenn der junge Kaiser
In die Schule geht,
So lernt er in den Räumen des Ostens,
Die Liebe zur Familie wertzuschätzen
Und das Verhältnis zu den Verwandten
Pietätvoll zu ordnen.
Er lernt in den Räumen des Südens,
Ehrfurcht vor den Greisen zu haben
Und auf die Worte der reifen Männer zu hören
Und als Knabe lernwillig zu sein.
Er lernt in den Räumen des Westens
Die Tugenden einzuüben,
So wird er die Weisen ehren
Und die Heiligen lieben.
Er lernt in den Räumen des Nordens,
Den Kaiserthron zu ehren
Und die Ritter und die Edeldamen,
Aber die Bauern nicht zu verachten.

Besucht der junge Kaiser dann


Die höhere Schule,
So wendet er sich an den Meister,
Den himmlischen Weg kennen zu lernen.
Sein Geist und seine Weisheit werden wachsen,
Er wird das Vernunftalter erreichen,
Dann entscheidet er sich,
Welchen Weg er gehen will.

Am lichten Schloss steht geschrieben:


Entschlossen sein zum Guten
Und das Lernen lieben,
Mehr hören als reden!
Wenn der junge Kaiser Zweifel hat,
So soll er fragen.
Wer Antwort geben kann
Und nicht in Verlegenheit kommt,
Der kennt den himmlischen Weg.
Wer den himmlischen Weg kennt,
Der heißt Guter Ratgeber.
Der Gute Ratgeber rät
Dem jungen Kaiser
Und gibt ihm weisen Ratschlag.

Wer auf der Wahrheit gründet


Und den Geist der Unterscheidung besitzt,
Wer unterstützt im Tun des Guten,
Der heißt Mann der Kraft.
Der Mann der Kraft bestärkt
Den Willen des jungen Kaisers.

Wer rein ist


Und edel in der Überwindung der Sünden
Und vor dem Bösen warnt,
Der heißt der Mahner.
Der Mahner warnt
Den jungen Kaiser vor den Sünden.

Wer erfahren ist und weitgewandert


Und reich im Gedächtnis
Und auf alles eine Antwort weiß,
Der heißt der Mann der Hilfe.
Der Mann der Hilfe
Steht dem Kaiser bei,
Wenn sein Gedächtnis versagt.

Das Schicksal der Welt ist abhängig


Von dem Sohn des Vaters Himmel.
Des Kaisers Frömmigkeit beruht darauf,
Daß er schon als Kindlein unterwiesen wurde.
Wenn sein Geist dennoch in Zweifeln befangen ist,
Soll man ihn erziehen und belehren,
Er wird dann leicht veredelt werden können.
Ihm den himmlischen Weg zu weisen
Und die Vernunft zu heiligen,
Das ist das Werk des Pädagogen.
Wenn der junge Kaiser
Sich aber jeder willkürlichen Laune hingibt
Und schlechte Angewohnheiten sammelt,
Dann wird es dem Weisen nicht mehr möglich sein,
In unmittelbarer Umgebung
Noch heilsamen Einfluss
Auf den jungen Kaiser auszuüben.

Wenn die Wurzel gesund ist,


So kommt alles in Ordnung.
Wenn man um die Breite eines Haares nur
Den rechten Weg verlässt,
So wird die Abweichung schließlich sehr groß sein.
Darum ist der Weise beim Anfang
Voller Vorsicht.

Was in der Wahrheit lebt,


Vollendet sich im Alltag.

Bei der Wahl der Ehefrau


Muß man schon an Kinder denken.
Bei der Wahl der Ehefrau
Achte man auf die Ehrfurcht und Liebe der Jungfrau.
Wenn die Ahnen gütig gewesen,
Werden auch die Kinder gütig sein.

Denn der Phönix ist von Geburt an liebevoll,


Der Wolf ist von Geburt an gierig.
Die Kinder haben ihren guten oder schlechten Ruf
Vom guten oder schlechten Ruf der Mütter.
Ach, wie voller Vorsicht muss man sein,
Daß man nicht einen Wolf großzieht,
Der einst die Welt zerstört!

Was die Erziehung im Mutterleibe betrifft,


So heißt es in den älteren Schriften:
Wenn die Königin die Leibesfrucht
Schon sieben Monde in sich trug,
So zieht sie sich in ihr Schlafgemach zurück.
Der Großschreiber hielt die Flöte in der rechten Hand.
Der Wächter bewachte die Tür der Königin.
Wenn in den folgenden Monden
Die Königin Musik zu hören wünschte,
So spielte ihr der Musikmeister die Musik vor,
Die der Heiligkeit gemäß.
Wenn die Königin Speise begehrte,
So reichte ihr der Küchenmeister
Nur gesunde Speise.
Wenn dann der Thronfolger geboren worden,
So bläst der Großmeister seine Flöte
Und spricht: Der Grundton des kleinen Königs
Passt zu dieser bestimmten Harmonie.
Der Küchenmeister aber sprach:
Dem kleinen König wird folgende Speise schmecken.
Daraufhin wählte man
Durch das Orakel
Den Namen des kleinen Königs.

Als die Königin einst


Den kleinen König in ihrem Leibe trug,
Da lehnte sie sich beim Stehen nicht an,
Da saß sie nicht ruhelos auf dem Kissen.
Wenn sie allein war,
War sie nicht stolz.
Wenn sie zornig war,
So zankte sie dennoch nicht.
Das ist Erziehung schon im Mutterleib.

HYMNE AN MEINE VEREWIGTE HERRIN


„The wine verily swelled the spleen in her girdle...“
(Kanaanäisch)

ERSTER GESANG
Daniel, der Seher,
Der Heros, der Geweihte des Donnergottes,
In Leinenkleidern dient er den Göttern
Und bringt Speise- und Trankopfer dar.
Er trug seine reinen Gewänder
Und lag in seinen reinen Gewändern
Auf dem Bett und weinte
Und versank in tiefen Schlaf.

Siehe, einen Tag und einen zweiten,


In Leinenkleidern dient er den Göttern,
Bringt im Allerheiligsten
Speise- und Trankopfer dar.
Siehe, einen dritten Tag und einen vierten,
In Leinenkleidern dient er den Göttern,
Bringt im Allerheiligsten
Speise- und Trankopfer dar.
Siehe, einen fünften Tag und einen sechsten,
In Leinenkleidern dient er den Göttern,
Bringt im Allerheiligsten
Speise- und Trankopfer dar.
Er trug seine reinen Gewänder
Und lag in seinen reinen Gewändern
Auf dem Bett und weinte
Und versank in tiefen Schlaf.
Siehe, am siebenten Tag
In Leinenkleidern
Bringt er im Allerheiligsten
Speise- und Trankopfer dar.
Da trat Baal zu seinem Vater El:

Ist es dir gleich, was aus Daniel wird,


Dem Seher, dem Heros,
Dem Geweihten des Donnergottes?
Denn er hat keinen Sohn wie seine Brüder,
Er hat keinen Erben, wie seine Sippe.
Willst du ihn nicht segnen, El Vater?
Willst du nicht Segen ausschütten über ihn,
O Schöpfer aller Geschöpfe?
Möge doch ein Sohn in seinem Hause sein,
Ein Erbe in seiner Residenz,
Daß der Sohn das Grab des Vaters pflege
Und opfere für den Geist des Vaters,
Weihrauch opfere für den Geist der Ahnen
Als den Wächtern der Orte und Geistern der Erde,
Strafen soll er die Feinde seines Vaters
Und seine Widersacher verjagen.
Er soll opfern im Tempel des Baal,
Anbeten soll er im Tempel des El.

Die Straße ist nass nach dem Regentag,


Die Kleider werden gewaschen vom Schmutz.
El nimmt seinen Becher in die Hand,
Den heiligen Becher in seine Rechte!
Er segnet Daniel, den Seher,
Er segnet seinen Knecht,
Spricht Segensworte über den Geweihten:

Ich schwöre bei meiner Seele:


Daniel, der Seher, soll leben!
Ich schwöre bei meiner Kraft:
Der geweihte Heros soll dauern!
Er und kein andrer erhebt sich von seinem Lager
Und besteigt das Bett der Liebe!
Da er die Geliebte küsst,
Zeugt er in ihrer Schönheit!
Sein Atem wird hitzig,
Wenn er sie befruchtet!
Er und kein andrer
Wird zeugen in ihrer Gebärmutter
Voller Leidenschaft,
Er wird befruchten die Herrin des Sehers!
Dann wird ein Sohn in seinem Hause sein,
Ein Erbe in seiner Residenz,
Der wird das Grab des Vaters pflegen
Und opfern den Geistern der Ahnen
Im Heiligtume, beten für die Sippe.
Er wird Weihrauch opfern für den Vater,
Er wird die Feinde seines Vaters strafen
Und seine Widersacher verjagen.
Er wird des Vaters Hand ergreifen,
Wenn er betrunken ist
Von edlem, altem, rotem Wein!

Daniels Stirne ward erleuchtet,


Seine Brauen hoben sich heiter,
Sein Antlitz strahlte vor Freude.
Er lachte fröhlich,
Er streckte seine Füße auf dem Schemel aus,
Erhob seine Stimme und sprach:

Ich sitze hier und ruhe


Und meine Seele hat Frieden im Busen.
Wie meine Brüder werde ich einen Sohn bekommen,
Einen Erben wie die ganze Sippe.
Er wird mir meinen Grabstein errichten
Von lichtem Granit
Und meiner Seele opfern
Gebete wie Weihrauch im Heiligtum.
Er wird meine Feinde strafen
Und meine Widersacher verjagen.
Wenn ich betrunken bin
Von edlem, altem, rotem Wein,
Dann fast der Sohn des Vaters Hand
Und führt mich, wenn ich taumle.
Er wird für mich beten im Tempel des Baal,
Er wird für mich opfern im Tempel des El.

Die Straße ist nass nach einem Regentag,


Die Kleider werden gewaschen vom Schmutz.
Daniel kam nach Hause,
Daniel ruhte in seiner Wohnung.
Die heiligen Huren kamen in sein Haus,
Die strahlenden Töchter der Mondin.

Daniel, der Seher,


Der Heros, der Geweihte des Donnergottes,
Schlachtete ein Kalb für die heiligen Huren
Und machte ein Mahl für die heiligen Huren.
Er schenkte Wein in die Becher
Für die strahlenden Töchter der Mondin.

Siehe, einen Tag und einen zweiten,


Er machte ein Mahl für die heiligen Huren,
Er schenkte Wein in die Becher
Für die strahlenden Töchter der Mondin.
Ein dritter Tag, ein vierter Tag verging,
Er machte ein Mahl für die heiligen Huren,
Er schenkte Wein in die Becher
Für die strahlenden Töchter der Mondin.
Ein fünfter Tag, ein sechster Tag verging,
Er machte ein Mahl für die heiligen Huren,
Er schenkte Wein in die Becher
Für die strahlenden Töchter der Mondin.
Siehe, am siebenten Tag
Verließen die heiligen Huren sein Haus,
Die strahlenden Töchter der Mondin nahmen Abschied,
Die geliebten und lieblichen Wärterinnen des Bettes,
Die Genossinnen, schöne Wärterinnen des Bettes.
Daniel setzte sich nieder
Und biss sich auf die Zunge.

Ein Mond, zwei Monde vergingen,


Drei Monde, vier Monde,
Im neunten Mond geschah es:
Ein Kind ist uns erschienen,
Ein Sohn ist uns geboren!
Ich werde einen Bogen spannen
Und Pfeile im Köcher haben.

Am siebenten Tag geschah es,


Daß der Seher Daniel,
Der Heros, der Geweihte des Donnergottes,
Seinen Sessel einnahm
Im Tor der Volksgemeinde,
Im Kreis der Ältesten der Gemeinde,
Und Richter war der Witwen
Und sich sorgte um die Waisenkinder!
Da erhub er sein Antlitz
Und siehe, er sah:

Tausend Engel sah er,


Zehntausend himmlische Heeresscharen!
Da sah er unten den Engeln
Das heilige Kind, den lieben Sohn!
Ich werde einen Bogen spannen
Und Pfeile im Köcher haben.
Und Daniel, der Seher,
Der Heros, der Geweihte des Donnergottes,
Sprach zu seiner schönen Geliebten:

Höre, Herrin Danty!


Nimm ein Lamm von der Herde
Und bereite es für die Tafel
Des heiligen Kindes, des lieben Sohnes.
Lecker bereite es zu
Für den großen Appetit
Des Sehers, des Künstlers.
Bereite das Speiseopfer
Und das Trankopfer für die Götter!
Ehre Gott mit diesem Gottesdienst,
Denn El ist der Herr des Weltalls,
Der Gott der ganzen Erde!

Herrin Danty hörte auf den Seher.


Sie nahm ein Lamm von der Herde
Und bereitete für die Tafel das Lamm
Dem heiligen Kind, dem lieben Sohn,
Lecker bereitete sie es zu
Für den großen Appetit
Des Sehers, des Künstlers.

Jetzt kam der Sohn zur Tafel,


Koschar-Hasis, der Sohn
Des Sehers Daniel
Und der Herrin Danty.
Auf die Schenkel Daniels
Legte er Pfeil und Bogen,
Auf Daniels Schoß den Köcher.

Und die schöne Herrin Danty


Bereitete das Mahl für Gott,
Brot und blutroten Wein für Gott,
Denn El ist der Herr des Weltalls,
Der Gott der ganzen Erde!

Koschar-Hasis ging in sein Zelt,


Der Sohn des Künstlers
Ging in sein Ruhebett.

Daniel, der Seher, der Heros,


Nahm Pfeil und Bogen
Und spannte den Bogen
Und legte den Pfeil an die Sehne
Und schaute übers Land
Und sprach zu seinem Sohn:
Siehe, mein lieber Sohn,
Dies ist der Beginn
Deiner Karriere als großer Jäger vor dem Herrn!
Nimm nun Pfeil und Bogen
Und jage das keusche Damwild!

Daniel grüßte seine Gäste.


Daniel grüßet vor allem die Göttin Anath!

Esst Fleisch, ja, speist das Fleisch,


Trinkt vom Schaumwein, Genossen!
Sauge an den prallen Brüsten, Säugling!
Nuckel an den Zitzen des Weibes!
Sie zechten Wein aus großen Bechern,
Apfelsaft aus weiten Bechern,
Sie tranken Unmaßen Wein,
Becher über Becher!
Wahrlich, Anath lehrte den Becher,
Trank den Wein aus dem Becher,
Der Rotwein stieg ihr zu Kopfe!
Der Rauschtrank löste ihren Gürtel!

Anaths Haut war transparent wie Eis!


Ihre Augen blickten wie Blitze!
Sie war wie ein rauschendes Meer,
Wie eine brausende Brandung!
Sie sah den straffen Bogen
Und schaute den spitzen Pfeil.
Ihre Augen schauten
Wie die Augen einer Schlange!
Ihr Becher fiel ihr aus der Hand,
Ihr Becher fiel ihr auf den Grund.
Sie hob die Stimme und sprach:

Höre, mein lieber Sohn!


Bitte mich um Silber, ich geb es dir,
Bitte mich um Gold, ich schenk es dir.
Aber weihe deinen straffen Bogen
Der göttlichen Jungfrau Anath!
Aber weihe deinen spitzen Pfeil
Der göttlichen Jungfrau Anath!

Da sprach der liebe Sohn


Des Sehers Daniel und der Herrin Danty:
Nimm das feinste Almuggimholz
Vom Gebirge Libanon,
Die Kraft des Hornes des Wildstiers,
Das längste Horn der Antilope,
Das beste Schilf vom großen Teich,
Die Hoden eines Bullen!
Gib das alles Koschar-Hasis
Und er wird seinen straffen Bogen
Weihen der göttlichen Jungfrau Anath
Und er wird seinen spitzen Pfeil
Weihen der göttlichen Jungfrau Anath!

Antwort gab ihm die Jungfrau Anath:


Bitte um Leben, um langes Leben für immer,
Bitte mich um das ewige Leben, mein Sohn!
Unsterblichkeit, ich geb sie dir,
Ewigkeit, ich schenk sie dir!
Du wirst wandeln auf Erden mit Baal,
Du wirst leben dein Leben mit Göttern!
Wer lebt wie Baal lebt,
Das Leben selbst wird ihm dienen
Und er wird essen das Leben
Und er wird trinken das ewige Leben!
Er wird gefeiert in Gedichten,
Er wird gefeiert in Epen,
Er wird gefeiert in Liebesliedern,
Er wird gefeiert im Theater.
Dies will ich dir geben, mein Sohn,
Mein geliebter Heros Koschar-Hasis!

Da sprach der Heros Koschar-Hasis:


Erzähl mir keine Märchen, o Jungfrau,
Denn für einen Heros wie mich
Sind deine Märchen wie Dornen der Röschen:
Ein spitzer scharfer Dorn in meinem Herzen!
Was wird nach dem Tode sein?
Was nimmt ein Mensch mit ins Jenseits?
Ein Schweißtuch wird mein Antlitz bedecken,
Ein Leinentuch wird meinen Leib bedecken.
Ich werde wie alle Menschen sterben,
Wahrlich, alle Menschen müssen sterben.
Mit deiner Erlaubnis, Herrin,
Will ich noch einmal reden:
Pfeil und Bogen ist die Waffe
Eines Kriegers auf Erden,
Aber ist die Jagd denn Frauensache?

Die Göttin Anath lächelte,


Innerlich aber war sie zornig!
Wohlan, nimm Abschied von mir,
Mein Heros Koschar-Hasis,
Nimm Abschied von mir und geh,
Du törichter Knabe!
Ich seh dich auf dem Weg der Arroganz,
Ich seh dich auf der Straße des Stolzes.
Ich zertrete dich mit meinen bloßen Füßen,
Du Weisester aller Menschensöhne!
Sie sprang auf ihre Füße
Und ließ den Boden erbeben.

Anath eilte zum Gotte El


Über den Jordan
Und der Unterwelt Flussbett.
Sie sah die Wohnungen Gottes,
Sie erreichte den Thronsaal Gottes,
Des Vaters der Götterthrone.
Sie kniete vor El
Und erwies dem Herrn die Reverenz.
Sie wollte demütigen Koschar-Hasis,
Den Liebling des Sehers Daniel.
Da sprach die Jungfrau Anath,
Sie erhob ihre Stimme
Und sprach in grimmigem Zorn:
Niederwerfen will ich den Heros!

Die Jungfrau Anath sprach zum Gotte El:


In der Höhe deines Hauses, El,
In deinem Hause spiele nicht,
Spiele nicht in der lieblichen Wohnung!
Ich stürze dir die Krone vom Haupt,
Dein schneeweißes Haupthaar
Werde ich beschmieren mit Blut!
Dein schneeweißes Barthaar
Werde ich bespucken mit Speichel!
Rufe doch den Knaben zu Hilfe,
Den Liebling des Sehers Daniel,
Er möge dich retten
Vor dem Zorn der Göttin Anath!

Da sprach der gnädige Gott:


Ich weiß, o meine Tochter,
Daß du hart sein kannst wie ein Mann!
Ich weiß, dass keine von den Göttinnen allen
So ein zorniges Temperament hat wie du!
Aber laß die Erregung dein Herz verlassen,
Laß ab vom Zorn in deinen Brüsten!
Er, der dich ärgert,
Wird niedergeworfen werden.

Die Jungfrau Anath ging fort von El


Und kam zum Heros Koschar-Hasis,
Tausend, zehntausend Meilen entfernt.
Die Jungfrau Anath lächelte,
Sie erhob ihre Stimme und sprach:
Höre, Heros Koschar-Hasis,
Du bist mein Bruder,
Ich bin deine Schwester-Braut!
Ich liebe die Fülle deiner Passion!
Ich liebe die Fülle deiner Milch in den Oliven!
Du hast Hoden wie der Wildstier!
Du hast eine Potenz wie der allmächtige El!
Ich bin jetzt eine Hure für dich!
Ich bin jetzt deine Geliebte!
Geh an meiner Seite, geliebter Mann!
Höre, glückseliger Mann,
Öffne deine Ohren, Geliebter,
Ich lehre dich die Jagd.
Ich treffe dich bei der Burg von Abitim.
Abitim ist die Burg Seiner Majestät.
Dort steht ein starker Turm,
Ein Fluß strömt zur Rechten des Turmes.

Ah! Und ihre Nacktheit (...)

Und die Göttin Anath ging wieder fort.


Sie ging zu Ytipin, dem Krieger.
Da erhob sie ihre Stimme und sprach:
Geh, Ytipin, du Krieger,
Geh nach Abitim, der Burg des Mondes.
Wenn Neumond ist,
Wenn das Horn des Mondes glüht,
Wenn das Horn des Mondes aufstrahlt,
Dann erscheint das Licht
Auf der Stirn des Gottes des Mondes.
Der Heros Koschar-Hasis wird kommen
Zur Burg Abitim, der Burg des Mondes.
Er wird Pfeil und Bogen in Händen halten,
Einen scharfen Pfeil in seiner Rechten!
Ich werde ihn schlagen
Wegen seines scharfen Pfeiles,
Ich werde ihn niederschlagen
Wegen seines straffen Bogens,
Ich werde zerschmettern
Den sanften Heros,
Sein Pfeil wird zerbrochen von mir!

Da sprach Ytipin, der Krieger:


Du wirst ihn schlagen
Wegen seines scharfen Pfeiles,
Du wirst ihn niederschlagen
Wegen seines straffen Bogens,
Du wirst den Pfeil zerbrechen
Dem sanften Heros!
Und Yitipin bereitete ein Mahl
Von Fleisch in seinem Zelt
Und reichte den Becher voll Wein.
Da sprach die Jungfrau Anath:
Sitze nieder, Ytipin, sei still!
Ich werde dich wie einen Falken
In meinen Gürtel stecken!
Ich werde dich wie einen Milan
In mein Röckchen stecken!
Der sanfte Heros wird essen,
Der Liebling des Sehers Daniel.
Über ihm werden Geier fliegen,
Eine Heerschar von Geiern,
Mitten unter den Geiern
Werde ich schweben!
Ich schlag ihm zweimal auf den Kopf,
Ich schlag ihm dreimal an das Ohr,
Ich verschütte sein Blut wie Wasser
Und opfere ihn wie ein Opferlamm!
Seine Seele verschwinde wie ein Hauch,
Seine Kraft verwelke wie die Krokusblume,
Rauch steige auf von seiner Nase,
Wenn sein Leichnam zu Staub zerfällt,
Dann werde ich triumphieren!

Und die Göttin Anath nahm Ytipin


Und steckte ihn wie einen Falken
In ihren Gürtel
Und steckte ihn wie einen Milan
In ihr Röckchen!
Der sanfte Heros aber speiste,
Der Liebling des Sehers Daniel.

Geier werden über ihm fliegen,


Eine Heerschar von Geiern,
Unter den Geiern fliegt Anath.
Sie wird ihn zweimal schlagen an den Kopf,
Sie wird ihn dreimal schlagen an das Ohr,
Sie wird sein Blut verschütten wie Wasser,
Sie wird ihn opfern wie ein Opferlamm,
Seine Seele wird verschwinden wie ein Hauch,
Seine Kraft verwelken wie die Krokusblume,
Rauch steigt auf von seiner Nase.

Anath sah, wie der Heros starb!


Da beweinte sie ihn
Wie eine Mutter ihren einzigen Säugling!
Traurig bin ich wegen deines Bogens,
Traurig bin ich wegen deines Pfeiles.
Du lebtest nicht lange genug!
Du wurdest gepflückt wie ein Blümchen,
Die Blätter sind vom Baum gefallen.

Die Jungfrau Anath eilte,


Sie versank in tiefem Wasser.
Sein Bogen hing an ihrer Hüfte,
Der Bogen zerbrach.
Wie eine zerbrochene Leier
War der Ruhm des Heros Koschar-Hasis.
Die Jungfrau Anath kehrte heim
Auf ihren heiligen Berg.

Sie bestieg den Berg wie eine Gemse!


Ihre Hände strahlten wie Blitze!
Ihre Füße glühten wie Feuerflammen!
Sie legte Gummi in seinen Mund!
Sie setzte ihm eine Krone auf
In Übereinstimmung mit den Erdgöttern
Und gemäß der Weisung der Todesgötter.
Von seines Grabes Loch
Ging der Heros Koschar-Hasis
Zum Herzen der dunklen Nacht...

Ah weh, der Heros ist gestorben!

ZWEITER GESANG

Der Gott, der sich selbst erzeugte,


Re erstrahlte,
Als er sein Königtum angetreten,
Da Götter und Menschen vereinigt waren.
Da sannen die Menschen
Einen Anschlag auf Re,
Weil die göttliche Majestät
Alt geworden war,
Die Knochen zu Silber geworden,
Die Glieder zu Gold,
Das Haar zu Lapislazuli.

Aber die göttliche Majestät


Durchschaute den Plan der Menschen,
Da sprach er zu denen in seinem Gefolge:

Ruft mein Auge zu mir


Und Schu und Tefnut
Und Geb und Nut
Und die Väter und die Mütter,
Die bei mir waren,
Als ich mich im Urmeer befand!
Ruft Nun, er soll seine Jünger mit sich bringen,
Aber heimlich,
Daß die Menschen sie nicht sehen
Und ihre Herzen nicht erschrecken.
Kommt mit Nun zum Palast,
Damit ich ihm und seinen Jüngern
Einen guten Ratschlag geben kann
Im Urgewässer,
Wo ich entstanden bin.

Man holte also die Götter


Und die Götter stellten sich an seiner Seite auf
Und berührten die Erde
Vor der göttlichen Majestät,
Er möge darlegen seine Probleme
In Gegenwart des alten Vaters,
Der die Menschen geschaffen,
Dem König des Volkes.

Die Götter sprachen


Vor dem Antlitz der göttlichen Majestät:
Rede, Herr, wir hören!

Re sprach zu Nun:
Alter Gott, aus dem ich gezeugt bin,
Und ihr Götter und ihr Ahnen!
Die Menschen, aus meinen Augen entstanden,
Planen einen Anschlag auf mich.
Was werdet ihr dagegen tun?
Ich kann die Menschen nicht vernichten,
Bis ich euren Ratschlag gehört.

Nuns göttliche Majestät sprach:


Mein lieber Sohn, o Re,
Du Gott, der du größer bist
Als der Gott, der dich gezeugt,
Gott, der du älter bist
Als die Götter, die dich erschaffen,
Nimm deine Stelle wieder ein!
Groß ist die Furcht vor dir,
Wenn sich dein Auge wendet
Gegen die Menschen, die Böses planen.

Die göttliche Majestät des Re sprach:


Sie sind in die Wüste geflohen,
Denn ihre Herzen sind voller Angst vor mir.
Die Götter aber sprachen
Vor dem Antlitz der göttlichen Majestät:
Lass dein Auge wandern
Und stelle die Menschen bloß,
Die Übeltäter und Bösewichter,
Die sich gegen dich verschworen haben.
Es gibt kein Auge,
Das deinem Auge überlegen wäre,
Die Feinde zu schlagen!
Lass dein Auge vom Himmel kommen
Als Göttin Hathor!
Die Göttin kam zurück,
Nachdem sie in der Wüste
Die feindlichen Menschen vernichtet.
Da sprach die göttliche Majestät des Re:
Heil Hathor! Friede sei mit dir!
Du hast dem Schöpfer geholfen,
Als ich dich um Hilfe bat!

Da sprach die Göttin Hathor:


So wahr der Herr lebt!
Als ich die Feinde vernichtet,
War es süß meinem Herzen.
Die göttliche Majestät des Re
Sprach zur Göttin Hathor:
Ich werde herrschen über die Menschen.
So entstand die Göttin Sachmet,
Der rote Wein der Nacht,
Die die Füße badete
Im roten Blut der Feinde.

Re sprach: Ruft die Boten,


Ruft die eilenden Boten,
Schnell wie der Schatten des Körpers!
Die Boten kamen,
Und die göttliche Majestät
Sprach: Geht nach Elephantine
Und bringt mir rote Erde!
Ihm wurde rote Erde gebracht.

Und die göttliche Majestät gebot,


Daß der Gelockte die rote Erde zerrieb.
Die Dienerinnen machten Wein.
Sie mischten zum Wein die rote Erde,
Da sah es aus wie Blut.
Siebentausend Becher voll Blut!
Da kam die göttliche Majestät
Mit allen Göttern,
Den Wein zu betrachten.
Da brach der Tag an,
An dem die Götter
Die bösen Menschen vernichten sollten.

Und die göttliche Majestät sprach:


Wie schön sind doch die Menschen!
Ich will die Menschen schützen
Vor dem Zorn der Göttin!
Bringe doch die Menschen an den Ort
Im heißen Süden,
Wo sie die zornige Göttin vernichten wollte.
Früh stand auf der Sonnengott,
Den Schlummertrunk goss er aus,
Da ward die Erde bedeckt
Vom blutigen Wein des Gottes.

Die Göttin in der Morgenröte


Sah die Überschwemmung der Erde,
Sie trank vom roten Wein,
Da glühte ihr Antlitz vor Schönheit!
Lustig ward ihr im Herzen zumute!
Betrunken war die Göttin
Und konnte die Menschen nicht mehr erkennen.

Da sagte Re zur Göttin:


Friede sei mit dir, Geliebte,
Sei willkommen, liebliche Schönheit!

Da sagte Re zur Göttin:


Schlummertrunk für die Menschen
Bereite man an den jährlichen Festen,
Und meine Dienerinnen
Sollen sich sorgen um den Schlummertrunk.
So ward der Schlummertrunk bereitet
Von den Dienerinnen
Am Tag des Festes der Göttin Hathor,
Für alle Menschen,
Vom erste Tag an.

Da sagte Re zur Göttin:


Pein ist in der schmerzhaften Feuersglut!
Da verging eine Zeit der Pein.

Der Gott sprach: So wahr ich lebe!


Mein Herz ist es müde,
Bei den Menschen zu sein!
Ich will sie alle vernichten!
Groß ist meine Macht!
Aber die Götter sprachen zu ihrem Herrn:
Zieh dich nicht zurück in deiner Müdigkeit,
Denn wirkungsvoll sind deine Wünsche.
Re sprach zum alten Vater Nun:
Mein Körper ist zum ersten Mal kraftlos,
Ich will nicht zurück zu den Menschen,
Denn sie greifen mich an.

Die göttliche Majestät des alten Vaters sprach:


Mein lieber Sohn,
Dein Auge diene dem Vater als Schutz!
Nut, meine Tochter,
Nimm ihn auf deinen Rücken!

Da sagte Nut, die Tochter Gottes:


Wie meinst du das, mein Vater?
Da sagte der Vater Nun:
Nicht weigre dich, Nut!
Da verwandelte sich die Göttin
In eine himmlische Kuh
Und Re bestieg ihren Rücken!

Die Menschen kehrten wieder


Und sahen Re auf dem Rücken der himmlischen Kuh!
Da sagten die guten Menschen zum Gott:
Die bösen Menschen haben sich empört
Und einen Anschlag ersonnen
Gegen ihren Schöpfergott.
Komm zu uns, Herr,
Und hilf, dass wir die Feinde stürzen!
Re ging in seinen Palast,
Er ritt auf dem Rücken der Kuh!
Re ging nicht mit den Menschen,
Die Welt lag in großer Finsternis.

Als am frühen Morgen


Die Erde wieder erleuchtet wurde,
Da waren die guten Menschen ausgezogen
Mit Pfeil und Bogen,
Zu kämpfen gegen die Bösen.
Da sprach die göttliche Majestät:
Böses habt ihr getan, ihr bösen Menschen,
Ihr habt das Blut von Menschenkindern vergossen!
Ferne bleibe das Morden von Menschenkindern!

Und Re sprach zur Göttin:


Ich bin auf deinem Rücken
Und bin erhöht!
Da sagte die Göttin zu Re:
Wie meinst du das?
Da verwandelte sich die Göttin
In die Bewohner des Himmels!

Der Gott sprach aber zu Nut:


Komm zu mir, Geliebte!
Sei mir nah und schau mich an!
Da verwandelte sich die Göttin
In den Himmel der Liebe!
Da tat der Gott einen Blick
In das Innerste der geliebten Göttin.
Da seufzte sie: Gott, gib mir Samen!
Da entstanden die Welten.

Die göttliche Majestät


Voll Heil und Leben sagte:
Friedlich ist das Gefilde des Himmels!
Da entstanden die schönen Gefilde
Der Seligen in den Himmeln
Und die Opfergärten auf Erden.
Und Gott sprach:
Ich will Kräuter wachsen lassen!
Da entstand das Schilf am Teich.
Und Gott sprach:
Ich will den Kosmos schmücken!
So entstanden die himmlischen Bewohner der Sterne.

Und es sprach die göttliche Majestät:


Mein Sohn, lieg unter der Göttin!
Leben sollen in der Dämmerung
Die Myriaden Götter!
Nimm die Götter auf deine Arme, mein Sohn,
Auf dass die Götter leben!
So entstand die Sitte,
Daß man den Söhnen eine Amme gibt!
So entstand die Sitte,
Daß ein lieber Vater seine Herzenssöhne umarmt!

Diese Verse soll man singen


Vor dem Bild der himmlischen Kuh:
Die kleinen Götter sind vor ihr,
Die kleinen Götter sind neben ihr,
Eine Neunheit von Sternen auf ihrem Leib,
Ein Schwanz zwischen ihren Beinen!

Schu ist unter ihrem Bauch,


Seine Arme umfassen die Sterne ihres Leibes,
Sein Name ist zwischen ihre Sterne versetzt,
Schu selbst ist unter die Sterne versetzt.

Der Kahn des Gottes


Und der Schrein des Gottes
Sind auf ihrem Körper abgebildet
Und Gott selbst, die göttliche Sonne,
Und Schu berührt sie mit seiner rechten Hand.
Ihr Euter
Ist zwischen den Beinen,
Ihr Euter ist bemalt
Und auf dem Euter steht geschrieben:
Ich bin der Ich-Bin - - -

Auf dem Kahn des Gottes steht geschrieben:


Werde nicht müde, mein Sohn,
Du hast doch das ewige Leben!
O Vater, ich bin ja dein Sohn,
Und Heil und ewiges Leben
Möge an jener deiner erhabenen Nase sein!

Auf dem rechten Auge des Schu


Geschrieben steht:
Die Menschenkinder hüte!
Auf der Flanke des Schu
Geschrieben steht:
O Göttin der Wahrheit, o Maat!
Auf der Unterseite des Armes
Geschrieben steht:
Geheimnisse sind versiegelt!
Auf seinem Haupt
Geschrieben steht,
Dem Haupt, das unter ihrem Euter
Und zwischen ihren Beinen ist:
Der Ausgang ist der Eingang!
Über dem Gott und der himmlischen Kuh
Geschrieben steht
Auf seinem Haupt und ihren Schenkeln:
Die Gottheit ist im Jenseits!
Jubel wird angestimmt,
Wenn die Seele ins Jenseitsgefilde einzieht!
Was über den Stirnen geschrieben steht
Des Gottes und der himmlischen Kuh:
Gott ist die Achse des Kosmos!

Re sprach zu Thot, dem Gott der Weisheit:


Rufe mir Geb, den Erdgott,
Mit diesen Worten: Komm, komm!
Und der Erdgott kam.
Da sprach die göttliche Majestät:
Hüte dich wegen deiner Schlange!
Sie steckt in dir!
Siehe, ich fürchte mich vor der Schlange!
Thot, du kennst ihre magische Macht!

Eile auch du an den Ort,


Wo der alte Vater weilt,
Und sage dem alten Vater:
Bewache die Schlange im Wasser!
Bewache die Schlange im Garten!
Setze ein Schreiben auf
Und schick das Schreiben an den Ort,
Wo deine Schlange lebt, und sage:
Treib nicht dein Spiel mit mir!

Die Schlange weiß, dass ich lebe,


Doch leuchte ich auch für die Schlange.
Was euren Bedarf angeht,
Ich kümmre mich um euch
Auf Erden bis zum letzten Tag.
Hüte dich vor der Magie,
Vor den magischen Sprüchen,
Magie ist in den magischen Sprüchen,
Doch der, der sich die Schlange einverleibt,
Bin ich!

Ich übergebe die Macht meinem Sohn Osiris,


Der die Jüngsten hütet
Und die Wünsche der Alten erfüllt.
Gib die magischen Sprüche,
Die du mit deiner Magie gemacht,
Der ganzen Welt,
Die Magie in deinem Leib!

Da sprach die göttliche Majestät:


Rufe doch den Gott der Weisheit an!
Thot kam herbei.
Da sagte die göttliche Majestät zu dem Gott der Weisheit:

Ich bin da - - -
Ich wohne im Himmel!
Ich kleide mich in Licht und Glanz!
Ich bin das Leben im Totenreich
Und auf der Insel der Seligen!
Schreibe! Wir bringen jene zur Ruhe,
Die jetzt im Jenseits ist,
Die ich geschaffen habe,
Die sich empörte auf Erden
Und jenem Geist der Rebellion gefolgt ist.

Du aber sei an meiner Stelle


Stellvertreter Gottes!
Man soll dich nennen Gott der Weisheit,
Stellvertreter der göttlichen Majestät!
Du sollst Boten schicken,
Die mächtiger sind als du.
So entstand der Ibis des Thot.

Strecke deine Hand aus


In Gegenwart uralter Götter,
Die größer sind als du,
Und deine Angelegenheiten
Stehen gut, wenn du so tust.
So entstand der Ibis des Thot.
Ich werde den Himmel umfangen
Mit meinem vollkommenen Licht.
So entstand der Mond des Thot.
Ich werde die Feinde verjagen!
So entstand der Affe des Thot.
Du bist mein Fürst,
Mein Stellvertreter auf Erden!
Das Herz der Menschen,
Die dich erblicken, soll geöffnet werden!
Alles, was ich geschaffen habe,
Ist voll Dankbarkeit für dich.

O Mensch, sprich diese Verse,


Nachdem du gesalbt worden bist,
Nachdem du Weihrauch geräuchert hast.
Deine Stirn ist mit Myrrhe gesalbt
Und Myrrhe tropft von deiner Hand,
Die Lippen fließen über von Myrrhe!

Deine Kleidung sei von weißem Linnen,


Nachdem du dich gereinigt im Bad,
Zieh an die Füße neue Sandalen,
Ein Zeichen der Göttin der Wahrheit
Sei allzeit auf deiner Zunge!

Wenn es der Wunsch des Gottes der Weisheit ist,


Diese Verse vor Gott zu lesen,
Dann sollst du dich reinigen
Und auch die Diener der Menschen
Sollen sich reinigen in dem Bad.

Wer diese Verse liest,


Soll das heilige Bild betrachten,
Wie es zu sehen im heiligen Buch.
Dann wirst du dein Leben verbringen
In Gemeinschaft mit der Schönheit,
Von vielen Menschenkindern gesegnet.
Deine Augäpfel werden dir gehören,
Deine Glieder werden erquickt,
Deine Schritte werden nicht gleiten.
Die Menschen werden über dich sagen:
Er ist wie Gott am Tag der Auferstehung!
Dein Eigentum wird nicht vermindert,
Deine Pforte wird nicht verschlossen.
Diese Verse sind Verse des Heils,
Erprobt seit zehntausend Jahren.

Der alte Gott umarmte den Gott


Und sprach zu den Göttern des Ostens:
Gebt Lobpreis dem alten Gott,
Durch den alles entstanden ist!
Ich bins, der den Himmel geschaffen
Und die Seelen der Götter
In den Himmel versetzt,
Ich bin bei euch bis ans Ende der Zeit.
Magie ist meine Seele,
Sie ist älter als ich.
Die Seele des Schu ist der Äther,
Die Seele der Zeit ist der Regen,
Die Seele des Dunkels ist die Nacht,
Die Seele des Nun ist das Urgewässer,
Die Seele des Osiris ist das Horn des Mondes,
Die Seele jeden Gottes ist die Schlange,
Die Seele der Sonne erleuchtet die Welt.

Der Mensch soll sprechen


Und sich schützen durch Magie:
Ich bin die reine Magie,
Die im Munde Gottes ist.
Ihr Geister, bleibt mir fern,
Denn ich bin Gott, das Licht.

Dann sollst du sprechen


Am Abend, wenn es dunkel wird:
Fluch deinem Antlitz, Feind Gottes!
Ich bin die Seele Gottes, seine Magie!

O Gott der Ewigkeit,


Der du die Zeit erschaffen,
Der du die Jahre der Götter vergehen lässt,
Vater Gottes, der du den Gott gezeugt,
Mögen die Götter dich lieben!

Magier, der du rein bist,


Forme eine Frau, die im Süden lebt,
Forme eine Göttin, die in der Mitte glüht,
Dazu den Schlangengott,
Der seinen Schwanz in sein Maul nimmt,
Laß ihre Hand auf seinem Körper sein,
Laß seinen Schwanz in der Höhle der Erde sein.

Der Gott der Weisheit wird ihm verleihen,


Daß die Ehre des Himmels auf ihm ruht.
Schu streckt ihm seine Arme entgegen,
So dass er gerettet wird
Vor den alten Göttern des Ostens,
Die Himmel und Erde hüten
Mit immerwährendem Geheimnis.
Er ist groß, wenn er aufsteigt,
Das Urgewässer zu schauen.

Ein Priester soll es rezitieren


Am dreizehnten Tag jedes Monats.
Wer diese Verse rezitiert,
Der bleibt leben auch im Totenreich.
Größer ist die Ehrfurcht vor Gott
Als vor den Menschen dieser Welt.
Wenn sie Gottes Namen aussprechen
Und Gottes Name ist Ewigkeit,
Dann sollen sie sagen: Sie ist Gottheit!
Dann sollen sie sagen: Die Gottheit
Hat uns auf diesem Weg erreicht.

Ich kenne den Namen Gottes


Und kenne Gottes Angesicht.
Ich bin ein Mann, der einen Talisman
Trägt um den Hals zur Nacht.
Ich bin Gott in seiner Neunheit.
Meine Schüler sind Magier.
Ich bin heil und ziehe vorüber,
Ich bin die Flamme, die Seele des Feuers.
Für mich gibt’s keine Feinde
Unter den Verdammten der Erde
Und in der ganzen Welt.

Zu sprechen vor diesen Geistern,


Die fortgegangen sind:
Laß die Götter wissen,
Die ihr Antlitz in ihren Händen bergen,
Daß sie die Seele passieren lassen,
Damit sie zur Flamme im Himmel wird!

Jeder tüchtige Dichter,


Der Gottes Worte kennt
Und sie in seinem Munde trägt,
Der wird ausgehn und eingehn im Himmel.
Die Bewohner des Abends
Halten ihn nicht auf.
Ihm mangelt nicht Trank des Mundes!
Sein Kopf ist kein Kuchen, den man essen kann.
Er beugt sich nicht vor dem Gerichtshof,
Sondern schreitet an der Spitze der Verklärten
Zusammen mit allen, die die Sprüche kennen.
Untaten lässt er nicht gelten auf Erden,
Er wird versorgt von Gott
Und keiner kann ihm Fallen stellen.

Wenn ihr diese Verse


Irgendeiner Hoheit gebt
Und irgendeinem Seligen,
Dann wird er sorgen für die Menschenkinder,
Die kein Brot zu essen haben.
Er wird den Hut nicht abnehmen
Vor den älteren Geistern,
Sondern sie werden ihn schauen
Wie eine Frühlingsblume.

Es spricht die verherrlichte Mutter:


Komm, mein Sohn, den ich liebe,
König M, mein Heiliger!
Komm, dass du zusammen bist mit deinem Vater
Als einer der Götter.
Die Götter sind im Gefolge deines Vaters
Zur Seite deiner Mutter.

König T ist lebendig!


Er stirbt nicht den zweiten Tod,
Er lebt, auch wenn er stirbt!

Im Namen aller Götter:


Gott ist König aller Welt,
Gott ist König in Ewigkeit!
Gott führt dich zum ewigen Leben,
Gott gibt dir Atem,
Gott gibt dir das Reinigungsbad
Und Gott gibt dir das Opfer in Ewigkeit!

DRITTER GESANG

Wie herrlich ist diese schöne Seele


Für den Torwächter des Horizonts!
Öffnet der Göttin ANNA,
Bereitet ihr den Weg,
Daß sie vorüberziehe,
Denn sie ist vergöttlicht!
Öffnet ihr den geheimnisvollen Platz
Und habt Ehrfurcht vor ihr,
Die ihr mit ihr sprecht.
Singt Lobpreis der Göttin ANNA,
Denn sie ist auferstanden!

Dessen Gesicht zur Erde hängt,


So ist der Name des Wächters der ersten Pforte,
Der Verhörende hütet die erste Pforte,
Der mit der klagenden Stimme
Meldet ANNA bei der ersten Pforte an.

Der die Brust entgegenstreckt,


So ist der Name des Wächters der zweiten Pforte,
Dessen Antlitz aufstrahlt, der hütet die Pforte,
Der Glühende meldet an die Göttin ANNA.

Der das Fleisch speist,


So ist der Name des Wächters der dritten Pforte,
Der Wachsame hütet die dritte Pforte,
Der Segnende meldet an die Göttin ANNA.

Der Sohn des Vaters


Ist der Wächter der vierten Pforte,
Der mit dem raschen Herzen, der hütet die Pforte,
Der mit der Großmut im Antlitz,
Der meldet ANNA bei der vierten Pforte an.

Der vom Brote lebt,


Der ist der Wächter der fünften Pforte,
Der Feurige hütet die Pforte,
Der Rasende meldet an die Göttin ANNA.

Der mit deutlicher Stimme spricht,


Der ist der Wächter der sechsten Pforte,
Der die Flamme vom Altare nimmt,
Der hütet die sechste Pforte,
Der mit den scharfen Augen,
Die meldet die Göttin ANNA an der sechsten Pforte an.

Der Schärfste von allen,


Der ist der Wächter der siebenten Pforte,
Der mit der schönen Stimme,
Der hütet die siebente Pforte,
Der Schützende meldet die Göttin an.

O ihr sieben Pforten


Und ihr, die ihr steht in den sieben Pforten
Und dient der Göttin ANNA,
Die ihr den Zustand der Länder meldet
Der Göttin ANNA an jedem Tag,
Die Göttin ANNA, sie kennt euch,
Kennt jeden bei seinem Namen.
Die Göttin ANNA ist neugeboren,
Verklärtheit ist ihr verliehen
Vom Herrn des Himmels
Und ihre Würde ist ihre Reinheit.
Die Göttin ANNA empfängt
Die andern Toten im Himmel
Und lebt im Kreis der andern Götter,
Die Göttin ANNA regiert
Den Hofstaat der Göttinnen und Götter,
Die Göttin ANNA ist jetzt eine von ihnen.

Die Göttin ANNA ist eine Verklärte,


Herrin der Verklärten,
Die Göttin feiert das Frühlings-Mondfest
Und die Wintersonnenfeier.
Die Göttin hat jetzt Adleraugen
Und schaut die göttliche Sonne.
Der Gott der Weisheit
Hat die Sonne in die dunkle Nacht gesetzt.
Die Göttin ANNA reist jetzt durch den Himmel
In triumphalem Jauchzen!

Lasst die Göttin ANNA in Frieden reisen,


Wenn sie in der Gondel der Sonne fährt.
Die Schutzmacht der Göttin ANNA
Ist die Schutzmacht der Gondel der Sonne.
Göttin ANNA, so nennen wir
Die Gottheit, die Menschenkinder erschuf.
Die Göttin ANNA ist größer als ihr,
Sie wandelt auf dem Weg der Wahrheit.
Die Göttin ANNA hat einen Ekel
Vor solchen Menschen, die andern schaden.
Die Schutzmacht der Göttin ANNA
Ist die Schutzmacht des Sohnes Gottes!
Die Göttin ANNA wird nicht abgewiesen
An den sieben Himmelspforten.
Die Göttin ANNA ist eine Reine
Im Gefolge aller heiligen Göttinnen.
Ihre Landschaft bringt Opfergaben
Von goldenem Brot und rubinrotem Wein
Den Wissenden, den Weisen,
Die erfreuen das Herz der Göttin ANNA
Mit Opfergaben von Brot und Wein.
Die Göttin ANNA ist eine Muse
Zur Rechten des Schreibers Gottes
Und eine Hilfe denen, die opfern.
Der Gott, der in dem Opfer ist, gebot,
Der Göttin ANNA ein Opfer zu bringen.

Die Göttin ANNA ist die Erhabenheit


Des himmlischen Horizontes.
Die Göttin ANNA hat den Höchsten angekündigt
An den Pforten des himmlischen Horizontes.
Nun jubeln Göttinnen und Götter
Beim Nahen der Göttin ANNA,
Denn der heilige Weihrauch gebührt
Der neugeborenen Göttin ANNA
Und die Schadenstifter müssen fliehen!
Die Torwächter segnen ANNA,
Die Göttin ANNA, sie ist
Mit verschleiertem Antlitz
Im Innern des Palastes
Vor dem Heiligtum Gottes
Zu jener Stunde der Ewigkeit,
Da ANNA nach ihrer Einigung
Dahingelangt durch die Liebe
Der höchsten Königin des Himmels!

Die Göttin ANNA ist eine,


Die die Wahrheit zu Gott gebracht
Und die die Kraft des Bösen vernichtet!
Die Göttin ANNA eröffnet die Galaxien
Und wehrt den Hagel ab
Und erhält die Kinder Gottes am Leben.
Die Göttin ANNA hat ein Opfer gebracht
Vom heiligen Brot
Dem Orte, wo sie jetzt lebt.
Die Göttin ANNA ist gefahren
Auf dem Schiff der Sonne.
Bereitet ist der Weg für die Göttin ANNA,
Daß sie fortschreiten kann zu Gott.

Das Antlitz der Göttin ANNA


Ist das der Schönsten!
Die Göttin ANNA verfügt über Kraft,
Die Göttin ANNA ist zufrieden!
Die Göttin ANNA hat einen starken Willen
Und bringt den Feind zu Fall!
Ihr Freunde und Freundinnen,
Bereitet den Weg
Der Göttin ANNA zu Gott!

Dies sag ich von der Göttin ANNA,


Wenn sie zum ermüdeten Herzen gelangt:
Gib mir den Weg frei,
Ich kenne dich,
Ich kenne deinen Namen
Und den Namen Gottes,
Der dich behütet.
O Herrin des Betens
Mit deiner festen Burgmauer,
Oberste Herrin,
Herrin des Eindringens,
Die du vorhersiehst die Zukunft,
Die du die Armen rettest,
Ob sie nah sind oder fern!
Ehrfurchtgebietender, so ist der Name
Des Wächters deiner Pforte.
Ich bin gereinigt durch das Wasserbad,
In dem der Herr gebadet hat.
Ich bin gesalbt von Myrrheöl,
Ich bin gekleidet in weißes Linnen,
Das Zepter in meiner Rechten
Ist von Almuggimholz.
So ziehe dahin, denn du bist rein.

Dies sag ich von der Göttin ANNA,


Wenn sie zum ermüdeten Herzen gelangt:
Gib mir den Weg frei,
Ich kenne dich
Und den Namen Gottes, der dich behütet.
O Herrin des Himmels,
Gebieterin der Erde,
Herrin der ganzen Welt,
Die du den erhöhst, der dir gefällt.
Sohn des Atems, so ist der Name
Des Wächters deiner Pforte.
Ich bin gereinigt durch das Wasserbad,
In dem der Herr gebadet hat.
Ich bin beräuchert mit Weihrauch,
Gekleidet in feinstes Linnen.
Mein Zepter in der Rechten
Ist aus Sandelholz.
So ziehe dahin, denn du bist rein.

Dies sag ich von der Göttin ANNA,


Wenn sie zum ermüdeten Herzen gelangt:
Gib mir den Weg frei,
Ich kenne dich
Und den Namen Gottes, der dich behütet.
O Herrin des Altares vom großen Opfer,
Die Brot und Wein herbeischafft!
Die Götter machen es sich bequem bei dir,
Tag der großen Flucht, so ist dein Name.
Licht, so ist der Name des Wächters deiner Pforte.
Ich bin gereinigt durch das Wasserbad,
In dem der Herr gebadet hat.
Ich bin gesalbt mit Narde,
Gekleidet in zartes Linnen.
Mein Zepter ist von Elfenbein.
So ziehe dahin, denn du bist rein.

Dies sag ich von der Göttin ANNA,


Wenn sie zum ermüdeten Herzen gelangt:
Gib mir den Weg frei,
Ich kenne dich
Und den Namen Gottes, der dich behütet.
Machtvoll durch das Schwert des Wortes,
Herrin des Südens und des Nordens,
Die du den Feind vertilgst
Und die Wünsche der Reinen erfüllst!
Stier, so ist der Name des Wächters deiner Pforte.
Ich bin gereinigt durch das Wasserbad,
In dem der Herr gebadet hat.
Ich bin begossen mit Tarschisch-Wein
Und gekleidet in weiße Seide.
Mein Zepter ist von Ebenholz.
So ziehe dahin, denn du bist rein.

Dies sag ich von der Göttin ANNA,


Wenn sie zum ermüdeten Herzen gelangt:
Gib mir den Weg frei,
Ich kenne dich
Und den Namen Gottes, der dich behütet.
Schutzfrau, Herrin vom Lobpreis,
Freudige, der man schenken will,
Zu der kein Kahlkopf Zutritt haben darf,
Die du den Übeltäter zurücktreibst!
Ich bin gesalbt mit Myron,
Gekleidet mit dem Fell der Panther,
Das Zepter in meiner Rechten
Ist vom Holz der Donner-Eiche.
So ziehe dahin, denn du bist rein.

Dies sag ich von der Göttin ANNA,


Wenn sie zum ermüdeten Herzen gelangt:
Gib mir den Weg frei,
Ich kenne dich
Und den Namen Gottes, der dich behütet.
Herrin der Gnade, voller Ruhm,
Deren Höhe, Tiefe, Länge, Breite unbekannt,
Die nicht Geschöpf ist,
Deren Schlangen zahllos sind,
Die im Anfang gezeugt ward!
Bruder, so ist der Name
Des Wächters deiner Pforte.
Ich bin gereinigt durch das Wasserbad,
In dem der Herr gebadet hat.
Ich bin gesalbt mit Olivenöl,
Gekleidet in feine Gaze.
Das Zepter in meiner Rechten
Ist vom Dorn der Rose.
So ziehe dahin, denn du bist rein.

Dies sag ich von der Göttin ANNA,


Wenn sie zum ermüdeten Herzen gelangt:
Ich kenne dich
Und den Namen Gottes, der dich beschützt.
Feuer, das brennt,
Aber das nicht den Dornbusch verbrennt,
Mit rascher Glut,
Pein der Liebe, so ist dein Name!
Der seinen Körper bewahrt,
So ist der Name deines Wächters.
Ich bin gereinigt im Wasserbad,
In dem der Herr gebadet hat.
Ich bin gesalbt mit Aloe,
Gekleidet in Duftgewänder.
Mein Zepter ist aus Zypressenholz.
So ziehe dahin, denn du bist rein.

Ich grüße die Göttin ANNA


Mit Brot und Salz.
Die Göttin ANNA ist gesalbt mit Myrrhe,
Beräuchert mit Weihrauch.
Ich bin gereinigt, rein
Durch die Verklärungen
Des Wortes Gottes.
Rein bin ich wie das Gefieder des Schwanes,
Keusch bin ich wie der Fisch,
Keusch wie die Jungfrau im Tempel!

Rein ist die Verklärung der Göttin ANNA,


Schön ist die ehrwürdige Göttin ANNA!
Gott hat ihr Gnade erwiesen,
Alle Götter sind ihr günstig gestimmt,
Alle Göttinnen sind ihr wohlgesonnen:
ANNA, deine Schönheit
Ist wie ein rauschendes, schäumendes Meer,
Wie die Brandung, die den Felsen umgischtet!
Deine Schönheit ist wie ein Festsaal,
Darin der Herr verherrlicht wird.
Deine Schönheit ist wie die Säule
Im Tempel Gottes.
Die Göttin ANNA hat eine Säule errichtet
Und eine Vase für die Liebe Gottes!

Wisse, ANNA, du wirst beweint!


Siehe, ANNA, du bist verklärt,
Du bist erhoben
Von magischer Macht!
Erhebe dich und richte dich auf,
Stehe auf gegen deinen Feind!
Dein Feind ist gestürzt,
Gottes Feind ist gestürzt!
Frau, du triumphierst über den Bösen!
ANNA, man ist deinen Worten gehorsam
Und führt deine Befehle aus.
Du bist gerechtfertigt vorm Gericht
Durch die Gnade Gottes.
Wisse, du wirst beklagt,
Wisse, du wirst beweint!

Göttin ANNA, deine Stirn ist gesalbt,


Du trägst die Haare lang,
Dein Antlitz glänzt wie der Mond.
Deine Brüste sind aus Lapislazuli,
Dein Haar ist schwarz wie die Nacht,
Deine Haare umrahmen dein Antlitz
Wie Lapislazuli den Mond,
Dein Antlitz ist wie reines Gold.
Deine feinen Augenbrauen
Sind wie befreundete Schwestern.
Dein Nase schnaubt Zorn.
Dein Auge schaut Gottes Berg.
Deine Wimpern sind lang.
Deine Augenlider sind wie Lapislazuli,
Deine Augenlider voller Schminke.
Deine Lippen küssen die Wahrheit
Und reden Wahrheit vor Gott.
Deine Zähne sind Schlangenzähne,
Deine Zunge flötet wie die Nachtigall.
Deine Brüste hüpfen,
Deine Brüste hüpfen,
Wenn du die Wiesen durcheilst!

Dein Hals ist golden,


Mit Elektron umhangen,
Deine Kehle ist nicht zusammengeschnürt,
Deine Wirbelsäule ist eine Schlange,
Dein Rückgrat ist aus Gold,
Deine Lunge ist voller Atem,
Deine Augen sind wie Sterne,
Dein Hintern, o dein Hintern
Ist ein Doppel-Ei aus Karneol!
Dein Rachen duftet süß,
Dein runder Leib ist golden,
Deine Brüste, ach deine Brüste
Sind zwei Eier aus Karneol,
Mit Lapislazuli geschmückt,
Deine Schultern leuchten als Fayence,
Deine Arme breiten sich aus,
Dein Herz ist immer sanft,
Deine beiden Brüste, ach deine beiden Brüste
Sind das Meisterwerk des allmächtigen Schöpfers,
Deine Muskeln öffnen und schließen sich,
Dein Leib ist der Himmel,
Wenn du zur Ruhe gehst,
Dein Nabel ist das Jenseits,
Dein Schooß ist mein Paradies...

HYMNE AN MEINE LIEBE GÖTTIN

„Isis zeigt sich ohne Schleier…“


(Goethe)

ERSTER GESANG

Zehn Schekel Silber,


Einen Schekel Gold
Für die Dekoration
Der Statue
Der Ishala des Königs.

Eine Mine Gold für Schmuckstücke,


Siebzehn Minen Gold für Ohrringe
Für die Ishala
Hat die Königin gegeben.

Sechs Schekel Silber


Für drei kleine Becher,
Ein Geschenk der Mutter des Königs
Für Ishala.
Sieben Schekel Silber,
Der Preis für eine Jungfrau,
Geschenk der Königin
Für Ishala.

Eine Mine Silber


Und zwanzig Schekel
Für eine Dattelfeigenpalme
Als Geschenk der Königin
Für Ishala.

Ein Schekel Gold


Für ihr Angesicht
Und für ihren Gürtel
Und für ihre bunten Bänder.

Der König weiht


Eine Statue
Der Ishala.
Ihr Antlitz ist gestaltet aus Buchsbaumholz,
Der Gürtel aus Silber,
Sie hält einen Becher in der Hand.

Bekleidung für Ishala


Von feinstem Stoff.

Zwei Becher
Aus Buchsbaumholz
Für Ishala.

Ein Tablett mit Brot


Für die treue Ishala.

Ein Lamm für Ishala,


Die Geliebte des Königs,
Zum Reinigungsopfer.

Ein schönes Kleidungsstück


Für die Frauen
Der Gesalbten der Ishala.

Zwei bunte Röcke


Für die Liebesdienerin
In der Kapelle der Ishala.

Einen Armreif
Für die süße Dirne
Der Göttin Ishala.

Weißes Linnen
Für die Königin
Am Tag des Gehens
Zu Ishala.

Opfer des Königs


In der Festzeit
Der Ishala.
Am Tag der Ishala
Ein feiner Stoff
Von bester Qualität
Für die geliebte Freundin.

Anordnung:
Im Mond der Ishala
Für die geliebte Freundin
Fünf feine Stoffe.

Zwei Lämmer
Im Mond der Ishala
Für den Herrn des Landes.

Eine Mehlration
Für den Diener des Königs
Im Mond der Ishala.

Sei beschworen, o Land,


Seid beschworen, o Wasser,
Ishala erscheint!

Bei Ishala beschwör ich dich:


Bis ihr Hals und dein Hals
Sich nicht aneinander schmiegen,
Sollst du keine Ruhe finden.

Eine Matratze aus gekämmter Wolle,


Fünf Minen schwer,
Ein Bett der Ishala
Ist hergerichtet.

Gunst der Ishala!


Fülle der Ishala!
Glanz der Ishala!
Mutter ist Ishala!
Meine Geliebte ist Ishala!

Ein Garten im Bezirk der Ishala.

Zwei Liter Mehl


Für den Tempel der Ishala.

In Bezug auf den Anteil und die Ration


Des Mannes
Und des Tempels der Ishala...

Illu, Dienerin der Ishala...

Die Schlange der Ishala


Kam ins Gerichtshaus hinein.
Diener der Ishala!
Mensch der Ishala!
Entgegenkommen der Ishala!
Ratgeberin ist Ishala!

Retterin Ishala!
Göttin Ishala!
Königin Ishala!
Eigentum der Ishala!
Ishala ist schön!

Ishala möge
Die weibliche Scham
In meine Lenden eintauchen!

Ishala ist meine Hirtin!

Ob dir mein Freund


Für Ishala
Eine Stierfigur und einen Becher gebracht
Oder nicht,
Darüber gib mir Bericht.

Betrifft einen Brief,


Dessen Vorderseite nicht beschriftet war,
Siegel des Freundes,
An die Geliebte,
Der Brief ist abgesandt
Und alle Briefe kamen an.

Ich habe meinem Freund


Einen Schekel Silber gegeben,
Als er zum Tempel der Ishala hinaufging,
Das hat der Priester
Als Opfer dargebracht.

Es sind nur noch wenige,


Die zum Tempel
Der Ishala hinaufsteigen.

Eine Halskette aus Lapislazuli


Wurde vom Palast genommen
Und der Geliebten angelegt.
Ein Künstler
Machte einen Talisman
Aus Kupfer und Malachit
Für Ishala.

Ishala ist meine Ärztin!


Ishala ist Güte!
Ishala ist Stärke!
Ishala ist Retterin!
Ishala ist herrlich!
Ishala ist die schöne Liebe!
Ishala ist meine Schutzfrau!
Ishala ist meine Beraterin!
Ishala ist Gnade!
Ishala ist mein Leben!
Ishala erhört mich!
Ishala liebt mich!
Ishala legt sich zur Ruhe!
Ishala hat mich zu sich gerufen!

Für Ishala
Ist hergerichtet ein Bett.
Der König legt sich zu der schönen Frau
In der Nacht.

Bei der Hochzeit


Mögest du dich freuen
Im Hause.
Nenne Ishala
Immer wieder die schöne Liebe!
Neun Nächte
Soll dein Freudenfest dauern.

Wenn an der Brust des Vogels


Zwischen rechtem und linkem Flügel
Ein roter Fleck zu sehen ist,
Verlangt Ishala ein neues Gewand.

Wenn am Öl am Rand
Grüngelbes zu sehen ist,
Ist da ein Wohnort der Ishala.

Wenn die Galle wie Malz ist,


Wird Ishala den Menschen
Traurig machen.

Wenn ihr Antlitz


Wachsgelb ist,
Hand der Ishala,
Sie wird nicht wieder genesen.

Ishala,
Herrin des Wohnhauses,
Soll ihn im Kampf nicht erhören.

Ishala, Königin des Wohnhauses!

Ishala rettete!
Ishala gab!
Ishala sprach!
Ishala war schön!
Einen Becher
Voll Balsam
Für Ishala.

Für Ishala,
Die Herrin der Stadt!
Für Ishala,
Die Göttin des Königs!
Für Ishala,
Die Inspiration der Prophetin!

Ishala,
Seele der Prophetin!

Eine Halskette aus Gold,


Von einem Schekel Gewicht,
Schmuck für Ishala.

Sie setzte die Sonnenfrau


Und Ishala
Inmitten des Gartens
Auf Zweige.
Links vom Teich
Stand ein Hirsch aus Ton.
Welcher Faden
Dem Hirsch ans Maul gebunden,
Den hält die Sonnenfrau.

Ich will singen


Von der schönen Frau,
Der Ishala.

Ich spreche zu Ishala,


Ishala spricht zu mir.

Geh in die Thronstadt!


Mache deine Worte groß!
Bringe vor, was du zu sagen hast!
Rufe sie immer wieder!

Man opfert der Ishala.


Das Kind der Nebenfrau
Geht mit der Prophetin.
Das Zeichen ist günstig.
Das Kind der Nebenfrau
Geht mit dem Priester.
Das Zeichen ist ungünstig.

Später trinkt er
Mit Ishala im Sitzen.
Hartes Brot ist nicht vorhanden.
Der Sänger singt.
Früchte bietet man an.

Später aber trinkt er


Auf das Bild der Ishala!

Man nimmt ein Schöpfgefäß Wein


Und einen Becher aus Gold
Und zwei Becher aus Silber
Für Ishala.

Wenn ein König


Für die Schlangenfrau Ishala opfert,
Opfre er ein Lamm und eine Taube
Für die Schlangenfrau
Und wasche sich die Hände
Im Allerheiligsten
Und die Frauen sollen es essen.
Ein Lamm als Speiseopfer,
Alle sollen es essen.
Ferner ein Trankopfer Wein
Im Innern des Hauses
Für die Schlangenfrau Ishala.
Alles geschehe an Einem Tag.

Ein Allkleid für Ishala!

Weihrauch ist aufgestiegen!


Ruhe nun, Ishala!
Möge deine Seele sich beruhigt haben!

Der Stern,
Der hinter der Venus wandelt,
Ist der Skorpionstern der Ishala.

O Skorpion, o Ishala,
Herrin des Hauses!

Ich beschwöre den Skorpion,


Ishala, barmherzige Göttin,
Die Gebet erhört,
Die Leben schenkt,
Barmherzige Mutter der Menschen!

Ishala,
Ich verneige mich vor dir,
Herrin der Länder,
Ich schwöre dir Treue,
Entferne alles Böse
Und alle Sünde von meinen Gliedern!

Das Kraut der Ishala


Ist Cannabis.

Ishala, Herrin der Liebe,


Mögest du uns erlösen!

Beschwörung der Potenz:


Ein Bett für die Liebe macht er,
Wie die Göttin der Liebe
Ihren Freund geliebt,
Wie Ishala lieb hat
Den lieben Freund.
Mann, dein Fleisch
Erschaure,
Richte auf dein Glied!
Dein Inneres
Komme nicht zur Ruhe
Tag und Nacht
Auf Befehl
Der tüchtigen Ishala!

Am Kopf der Kranken


Stellen sich Götter auf,
Die Söhne der Ishala.

Drei Maß Brot, drei Maß Wein


Für Ishala.

Barmherzige Göttin Ishala!


Barmherzige Mutter aller Menschen!

Ishala, Ishala,
Bewohnerin des Schlafgemachs...

ZWEITER GESANG

Anubis ist am Berg der Toten angekommen.


Onnophris feiert,
Alle Götter des heiligen Landes frohlocken,
Ihre Herzen sind voller Wonne,
Schu ist aus der Unterwelt in den Himmel gegangen,
Die Musen frohlocken,
Die große Göttin Isis freut sich,
Nachdem sie ihren Sohn gesehen,
Horus bleibt im Amt,
Isis ist die himmlische Schutzfrau,
Süden und Norden, Westen und Osten gehören Horus,
Re macht seinem Sohne nach Wunsch
Eine Vermögensverfügung.

Die Göttinnen kommen zu dir


Mit Lobpreis und Musik,
Die Edeldamen jauchzen bei deiner Ankunft,
Die Geister jubeln über deine Seele,
Die Musen spielen Harfe
Für deine Majestät,
Männer und Frauen preisen
Deine Vollkommenheit.

O Göttin Muse, Herrin


Der schwarzen Augenbrauen mit leuchtenden grünen Augen,
Dein Vater frohlockt bei deinem Anblick,
Er freut sich über deinen Duft,
Sein Herz erfreut sich an deinem Parfüm.
Dich preisen die seligen Geister,
Es ergötzen sich an dir die heiligen Affen,
Alle Musen musizieren täglich,
Es musizieren die Göttinnen auf den Trommeln.

Hathor, Göttin der Schönheit,


Mutter aller Mütter,
Du bist herrlich im Palast der Neunheit.
Du ruhst zur Rechten von Vater Re,
Er freut sich an dir.
Die Musen musizieren
Der majestätischen Göttin.
O Hathor, möge dein Antlitz
Gnädig leuchten über mir!

Die seligen Geister freuen sich an deiner Seele.


Die Musen streichen die Harfe,
Die Heiligen verneigen sich vor dir
Mit verschleiertem Haupt,
Die Toten eilen, dich zu sehen,
Die Hohepriester küssen die Erde, auf der du wandelst,
Das Land ist unter deiner Aufsicht,
O Fürst, du Sohn der Göttin Hathor!

Ich preise deine Seele, seit ich sehe,


Wie liebevoll deine Seele ist!

Der Kaiser Augustus kommt zu dir,


Osiris, du König der Götter.
Die Sänger des Ostens jauchzen über deine Seele.
Tefnut schlägt die Trommel,
Hathor bringt dir ihr Monatsblut dar.
Die Götter beten dich an,
Verkünden deine Perfektion.
Die Göttinnen erscheinen
Und verehren deine Perfektion,
Wenn du dein Heiligtum besuchst
Am Feiertag des reinen Stieres.
Du kommst in Frieden
Und vereinigst dich dem Tempel.
Dein Antlitz strahlt vor Freude,
Der Himmel feiert,
Die Erde ist voll Frohsinn,
Die Welt in feierlicher Stimmung.
Du bist der vollkommene Gott,
Der Herrscher mit der Krone.
Dein Sohn, den du lieb hast,
Betet vor dir, der Autokrator.

Es kommt der Kaiser Augustus zu dir,


Osiris, du König der Götter.
Er bringt dir die unterägyptische Muse,
Die deine Majestät verherrlicht.
Die westlichen Sänger preisen deine Seele,
Die Sänger von Osten jubeln.
Die Töchter spielen die Zymbel.
Die Edlen erweisen dir Ehren und Respekt.
Die Fernen reichen dir die Hand,
Um dich zu ehren.
Über dich freuen sich die Herzen der Götter.
Freude eines Festes ist im Himmel,
Es freuen sich die Alten,
Wenn du in der Stadt erscheinst.
Ihre Herzen heißen dich willkommen,
Wenn du vom Himmel zur Erde kommst.
Gott, du bist der vollkommene Gott,
Der Friedefürst im Haus der Geburt,
Dein Sohn, den du liebst,
Er betet zum Vater, Sohn Gottes,
Gekrönter König, Autokrator.

Ich bete dich an o Allherr,


Ich schaue dein Antlitz,
Ich jauchze und juble über deine Macht,
Du bist der große Gott,
Der den Uranfang geschaffen.

Es kommt der Sohn des Re,


Der Herr der Länder, der Kaiser.
Er bringt dir die oberägyptische Muse,
Die deine Majestät verherrlicht.
Die Nacht macht für dich
Die bedeutsame Geste.
Die Frau kommt aus ihrem Gemach
Und vereinigt sich mit ihrem Bruder.
Die östlichen Seelen jauchzen
Über deine unsterbliche Seele.
Die große Göttin Isis schlägt die Trommel.
Die Göttin der Liebe und Schönheit, Hathor,
Gibt dir ihre Hand.
Die Götter ehren dich
Und künden deine Vollkommenheit.
Die Göttinnen kommen
Und verehren deine Autorität,
Wenn du das Heiligtum besuchst
Am Tag des Festes,
Am Tag des Feuers.

Herr, du kommst in Frieden


Und vereinigst dich mit deiner Braut.
Dein Antlitz strahlt vor Freude.
Der Himmel feiert ein Fest,
Die Erde freut sich,
Die Welt ist in feierlicher Stimmung.
Du bist der große Gott,
Der gekrönte Herrscher,
Dein Sohn, den du liebst,
Ist König und Autokrator.

Ich juble vor dir, du Fürst der Götter,


Ich juble vor deinem Antlitz,
Ich juble zusammen mit den Guten,
Die deinen Namen lieben.
Du freust dich über die Musik,
Das Musizieren der Muse.

Es kommt der König zu dir,


Der Autokrator an der Spitze der Hierarchie.
Sohn des Re, du bist groß,
Alle Götter sind dir gnädig.
Er bringt dir die oberägyptische Muse,
Die deine Majestät verherrlicht.
Die Nacht macht dir Musik.
Tefnut kommt aus dem Schlafgemach
Und vereinigt sich mit dem Bruder.
Es ehren dich die Sänger
Des Ostens und des Westens.
Die Frauen freuen sich,
Wenn sie dein Antlitz schauen.
Das ganze Land ist in feierlicher Stimmung,
Wenn du dich niederlässt
Im Haus des Jauchzens.
Die schönen Musikantinnen spielen,
Die Prophetinnen singen
Und preisen deine unsterbliche Seele
Und sprechen: Die Kinder des Landes
Sind voll Ehrfurcht vor deiner Autorität.
Die Musikantinnen jubeln
Vor deinem väterlichen Angesicht,
Indem sie ihm Zymbeln tönen lassen.
Sie verhüllen ihre Scham,
Die Sängerinnen lieben deinen Namen
Und lassen deinen Namen erschallen.
Dein Sohn, den du liebst,
Ist Kaisarion.

Nimm dir deinen Becher,


Damit deine Seele froh sei
Über das Horusauge.
Den Wein sauge ein,
Damit er dein Herz ergötze.
Das Werk der Weingöttin
Ergötze deine Majestät,
O Herrin der Trunkenheit,
Trinke Wein mit mir!
Die Göttin Muse,
Die Herrin der Harfe,
Singt Lieder des Jubels
Zum Lobpreis der Neunheit.

Roten Wein für deine Seele,


Herrin der Länder,
Das grüne Horusauge
Für die Pracht deiner Majestät!

Die unterägyptische Muse,


Die Herrin der Kehle,
Die Herrin des Singens zur Harfe,
Die Herrin der Jubelmusik,
Lässt hören ihren Gesang,
Der Göttern gefällt.

Der König vollzieht das Opfer


Als Mundschenk der Königin,
Indem er der Mutter Wein reicht,
Indem er das grüne Horusauge
Der Königin gibt.
Er gibt der Königin Rauschtrank
Und bringt den Wein als Opfer dar.

Reiche den Rotwein!


Nimm dir den Becher,
Ehrwürdige Herrin,
Daß es dir wohlergehe!
Wie gut ist sein Geschmack!

Ich komme zu dir, o Goldene,


Herrin der Trunkenheit,
Am Sitz der Trunkenheit.
Ich bringe dir roten Wein,
Dein Herz zu erfreuen,
Daß deine Seele zufrieden sei
Über das Werk der Weingöttin.
Du bist die Herrin der Trunkenheit,
Die Herrin des Jauchzens,
Dein Antlitz ist voll Gnade,
Deine Liebe ist süßer als Honig!

Es spricht die Herrin der Trunkenheit,


Die Herrin der Freuden,
Die Herrin des Jauchzens,
Die Herrin des Tanzes,
Die Herrin der Myrrhe,
Die Herrin des Kranzes:
Ich gewähre dir, o mein Freund,
Tag für Tag die Trunkenheit,
Daß dein Herz sich ergötze!

Willkommen in Frieden,
Spricht Horus mit dem grünen Auge,
Willkommen, Sohn der Erde,
Den die Weingöttin selber
An ihren Brüsten gestillt hat,
Ich empfange den Wein
Als Opfergabe von dir
Und freue mich allzeit
An deinem Opferwein.
Ich gewähre dir Trunkenheit
Tag für Tag, mein Freund,
Dein Kummer werde gebrochen!

Die oberägyptische Muse


Ist die Herrin der Musik,
Die Herrin des Singens zur Harfe,
Sie singt mit goldener Kehle,
Mit süßem Atem,
Mit ihrem Gesang
Ist die Gottheit zufrieden.

Reiche den Rotwein!


Du Schönste aller Frauen,
Nimm in Empfang
Das grüne Horusauge!

Der König kommt


Zur Königin aller Menschen:
Allmächtige! Ohnegleiche!
Ich bringe dir das Gute
Von allen Trauben und Beeren,
Den Becher des Gottesreiches!
O Herrin der Trunkenheit,
O Herrin des Gesanges,
Du ergötze dich an der Wonne!

Isis verheißt dem Sänger:


Ich verheiße dir Trunkenheit über Trunkenheit
Und unvergängliches Jauchzen!
Der König auf seinem Thron
Erfreue das Herz seiner Herrin!

O Herrin des Tanzes,


O Herrin der Herzensfreude!
Es jubelt die Jungfrau
In ihrer Kapelle,
Ihr Herz freut sich
An deiner perfekten Schönheit!
Fürstin des Friedens,
Herrin des Jauchzens,
Du bist Tag für Tag
Die Herrin der Lust und Wonne!

Ich reiche den Kranz


Der guten Mutter.

Willkommen, willkommen in Frieden,


Fürstin der Frauen,
Herrin der Kinder!
Ich spiele die Harfe
Vor deinem gnädigen Antlitz,
Göttin der Göttinnen!
Laß dein Antlitz über mir leuchten,
Dein Herz sei froh,
Befriedigt deine Seele!

Horus kommt als Held,


Osiris ist zufrieden.
Trommeln ertönen,
Ägypten feiert,
Denn Horus wurde geboren!
Die Göttinnen kommen,
Horus zu sehen,
Der Sohn des Osiris
Ist auf dem Thron seines Vaters.

Isis, man ruft zu dir,


Die du die Länder ernährst,
Man kränzt dein Haupt,
Die du die Länder regierst,
Man spielt dir die Harfe,
Die du die Länder fruchtbar machst,
Man spielt dir die Harfe
Mit magischer Macht,
Fürstin des feurigen Hauses,
Glänzende Herrin der Sonne,
Herrliche, Einzige!
Horus ist zufrieden.

Isis spricht: Ich gebe dir


Die Berge mit Edelsteinen,
Ich gewähre dir
Das Königtum Gottes
Auf der Erde.

Gekränzt sei deine Stirne,


Ehrwürdige Fürstin,
Daß du die Stadt erleuchtest
Wie die Sonne am Horizont.

Die Goldene glänzt in der Stadt


Wie sie am Himmel leuchtet,
Sie sendet ihre Strahlen aus
Und erleuchtet das Land,
Sie schickt ihr Licht
Zu allen Menschenkindern,
Sie ist die große Sonnengöttin,
Die Fürstin der ganzen Erde,
Die Licht strahlt in die Dunkelheit.

Die unterägyptische Muse,


Die Herrin der Brust,
Die Herrin der Kehle,
Die Herrin des Singens zur Harfe
Ist heute Herrin des Jubels.

Hathor, wir jubeln über dich,


Hathor, wir jauchzen über dich,
Hathor, ich freue mich am Tag,
Da Horus geboren ist.

Ich bin der Musikant


Der goldenen Göttin,
Der ich das Herz meiner Herrin
Tag für Tag erfreue.

Ich höre das Flüstern


Der Göttin Muse!
Ich werde deine Majestät
Vor den Dämonen beschützen!

Ich spreche mit erhabener Zunge,


Ich öffne meine Kehle
Und beginne, die Harfe zu streichen
Für meine Göttin Muse.

Der Himmel ist in festlicher Freude,


Die Erde ist feierlich,
Die Horusaugen strahlen,
Die Schlange ist befriedigt,
Die Schlange an der Stirn der Gottheit.
Horus sitzt auf seinem Thron.
Die Göttin spricht: Ich gebe dir
Speise im Überfluss,
Als Nahrung den Ertrag
Des Vogelfanges an deiner Stätte.
So lobpreise zur Harfe
Die unterägyptische Muse,
Die auch im vergangenen Jahr
Deine Seele vollkommen befriedigte!

Ich tanze der Herrin


Im Heiligtum ihrer Seele.
Ihr Körper jauchzt,
Wenn sie mich sieht am Morgen!
Was die Göttin Muse betrifft,
So freut sich ihr Herz,
Wenn Hathor sie anschaut.

Man sagt von der Muse,


Ihr Leid und Elend sei es,
Was sie singt im Ritual.
Nun komm, o lichter Gott,
Der du den Bösen demütigst,
Wenn dein Licht erscheint
Am neuen Morgen.

DRITTER GESANG

Ich bin kein Apostel der Isis,


Ich bin platonischer Philosoph.
Aber auch Platon knüpfte an
An orphische, pythagoreische Lehren.
Die religiösen Lehrer der Vorzeit
Hatten in mancherlei Hinsicht
Einsicht in das Wesen der Dinge.
Man darf die Lehren der Alten ernst nehmen,
Muß sie aber deuten im Geist
Der platonischen Philosophie.
Die Lehre über Isis
Ist ein Wissen der Alten,
Wenn es philosophisch interpretiert wird,
Passt es letztendlich zusammen
Mit der religiösen Wahrheit.
Ich habe mit meiner Freundin
Über Isis gesprochen,
Sie war eingeweiht in die Mysterien
Und ich erklärte ihr,
Wie Isis philosophisch zu deuten ist,
Da bat mich meine Freundin,
Über meine Isis-Philosophie
Einen großen Gesang zu schreiben.

Die Gottheit ist für alle Menschen die Gleiche.


Alles, was uns das Leben möglich macht,
Ist uns gespendet von der Gottheit,
Das tägliche Bot, der tägliche Wein,
Feuer und Wasser und Holz und Wolle.
Die Gottheit ist nicht anders
Im Westen als im Osten,
Sondern wie die Sonne allen gemeinsam,
Dieselbe Gottheit bei Griechen,
Dieselbe bei den Barbaren,
Sie wie es nur eine Sonne gibt
In der Galaxie der Milchstraße,
So gibt es nur einen Logos,
Der den Kosmos lenkt.
Wir nehmen aus der Philosophie
Die Idee des Logos,
Dass der Logos uns führt
Wie ein Mystagoge,
Daß wir in frommer Weise
Die Mythen philosophisch deuten.

Der Mythos ist eine Erscheinung


Des Logos im Spiegel,
Mythen sind gebrochene Strahlen
Des einen Lichtes des Logos.
Man darf die Mythen nicht
Buchstäblich glauben,
Sondern nehme aus ihnen das,
Was der göttlichen Wahrheit entspricht.
Die Suche nach dem inneren Sinn
Der altüberlieferten Mythen
Ist heilig wie Taufe und Gottesdienst.
So sind die Zeremonien des Isiskultes
Voll von geheimnisvollem Sinn.
Alles, was die Gesetze des Kultes beschreiben,
Will ich auf den Logos beziehen.
Was die Ägypter von der Isis erzählen,
Liebste Freundin, nimm es nicht wörtlich,
Sondern erkenne den philosophischen Sinn.

Dreierlei macht den Menschen aus,


Der Geist, die Seele und der Körper.
Der Geist hat seine Heimat
Im Himmelreich der Ideen,
Die unveränderlich und immer gleich sind,
Da ist nicht Vergangenheit und Zukunft,
Da ist nur das ewige Nun
Der Ewigkeit, des ewigen Seins,
Unsichtbares Sein,
Allein im Denken erkennbar.
Die Körper der Menschen sind
In ständigem Werden und Vergehen,
Geboren zum Werden, nicht zum Sein,
Geboren zur materiellen Welt
Und sind sichtbar (meine Freundin,
Dein Körper ist sichtbar)!
Der Geist ist das Seiende,
Der Körper das Werdende.
Der Geist ist der Selbige,
Der Körper ist das Andere.
Der Geist gehört zum Einen,
Die Körper gehören zum Vielen.
Der Gegensatz zwischen Geist und Körper
Durchzieht die platonische Philosophie.
Der Geist gehört zum Einen,
Welches das Gute an sich ist
Und als das Gute und Wahre
Auch die höchste Schönheit.

Psyche steht in der Mitte


Zwischen dem Einen und dem Vielen.
Als Weltseele ist sie das Eine,
In den Menschen ist sie das Viele.
Psyche hat Anteil am Einen,
Sie ist unsterblich,
Aber viele Seelen sind in vielen Körpern
Und leben im Veränderlichen
Und im vergänglichen Vielerlei.
Die Seele ist unsterblich,
Weil sie sich selbst bewegt.
Die Körper sind sterblich,
Weil sie von der Psyche bewegt werden.

Die Dreiheit von Geist und Seele und Körper


Gilt nicht nur für den Menschen,
Sondern gilt auch für den Kosmos.
Der Geist weilt im Ideenhimmel,
Im Empyreum des Jenseits.
Der Körper des Kosmos
Ist die materielle Welt.
Der Körper des Kosmos
Ist ein Lebewesen,
Mit Geist und Seele begabt.
Die Weltseele schwebt
Zwischen dem höchsten Geist
Und dem Körper des Kosmos.

Die Aufgabe einer menschlichen Seele


Ist es, sich aus dem Körper zu befreien
Und heimzukehren in den Himmel
Zur Schau der Gottheit.
So steigt die Seele des Menschen
Von der Betrachtung eines schönen Leibes
Zur Betrachtung einer schönen Seele,
Zur Betrachtung der Tugend
Und der höchsten Güte,
Bis zur Schau der göttlichen Schönheit
Als dem Höchsten Gut der liebenden Seele.
In der irdischen Höhle
Schaut die Seele nur Schatten,
Aber bekehrt sie sich zum Licht,
So tritt sie ins Offne und schaut die Sonne.
Die Seele fährt in den Himmel
Über den Fixsternhimmel hinaus
Zur Vision der Ewigen Schönheit
Und absoluten Liebe!

Aber es gibt auch zwischen dem Seienden,


Nämlich dem Geist,
Und dem Verschiedenen,
Nämlich den Körpern,
Ein Drittes, eine Wesenheit,
Die schwer zu beschreiben ist,
Nur undeutlich zu beschreiben ist
Mit menschlichen Worten.
Sie hat das Wesen und die Kraft,
Sie ist die Empfangende
Des göttlichen Geistes
Und ist die Amme allen Werdens.
Sie ist der Raum, der allem Dasein
Die rechte Stätte zuweist,
Die Wesenheit, die alle Körper empfängt,
Die Ernährerin der Welt
Und Amme des Universums.
Voll schwungvoller Bewegung ist sie
Und schüttelt die Brüste und die Locken.
Sie ist die Mutter alles Gewordenen,
Mutter alles Sichtbar-Wahrnehmbaren,
Selbst eine unsichtbare Wesenheit,
Ohne materielle Gestalt,
Alles empfangend.
Sie ist das Prinzip der Empfängnis,
Die Mutter, die Amme, die Ernährerin,
Das Ewigweibliche in der Natur,
Der Raum als Sitz der Erscheinungen.
Sie ist Hyle, die Urmaterie,
Aber nicht die tote Materie der Atomisten,
Sondern Urmaterie in dem Sinne,
Wie die Psyche des Menschen
Der Stoff der menschlichen Einsicht ist.

Psyche steht in der Mitte


Zwischen Geist und Körper,
Zwischen Sein und Werden.
Aber Psyche, die Empfangende,
Steht auch zwischen Gut und Böse.
Psyche wendet sich ab vom Bösen
Und bekehrt sich zum Guten.
Strebe voll Sehnsucht nach dem Guten,
Werde schwanger von ihm
Und liebe ihn allzeit
Mit heiliger Begierde!

Das Eine, das Sein, das Gute,


Heißt Osiris, der Bräutigam-Gott.
Die Psyche, die Empfangende,
Der Raum, das Strebende
Heißt Isis, die Mutter der Welt.
Die Körper, das Werden
Heißt Horus, der Sohn.
Das Böse aber, die Sünde, der Tod
Heißt Seth, der Dämon.
Die Isis-Psyche
Steht zwischen Gutem und Bösem.
Ihre Lebensaufgabe ist es,
Der Pracht des Bösen abzuschwören
Und dem Guten nachzufolgen.

Osiris nennen die Ägypter


Den Gott als Bräutigam,
Das Eine, das Einzig-Seiende,
Das Immergleiche,
Unbefleckt von jedem Stoff,
Den Ersten, Mächtigen,
Den Herrn alles Guten,
Der die göttliche Vernunft
In der Psyche ist,
Allein dem Denken erreichbar,
Er ist der Erste, Anfanglose,
Zu welchem die Seelen der Menschen
Aufsteigen sollen nach Platons Weisheit.

Der Dämon Seth aber


Ist das Böse, Lebensfeindliche,
Aufgeblasen, hochmütig und tyrannisch,
Er bringt den Tod,
Ihm fehlt das rechte Maß,
Unordnung bringt er und Zerstörung.
In der Seele ist Seth
Die ungeordnete Leidenschaft,
Die zügellose Wollust,
Jegliche Unbeherrschtheit.

Zwischen Osiris, dem Gott des Guten,


Und Seth, dem Dämon des Bösen,
Steht Isis, die ewigweibliche
Weltseele der Natur.
Sie wendet sich ab vom Dämon
Und begehrt und liebt den Gott
Als Bruder und Bräutigam
Und wird schwanger von ihm.

Der Name der Isis bedeutet:


Schwungvoll in Bewegung sein.
Sie ist die Göttin der Bewegung,
Des Strebens zum Guten.
Schwungvoll bewegt sich die Psyche
Zum göttlichen Bräutigam.
Isis ist die Psyche des Alls,
Schwungvoll bewegt sich die Weltseele.

Der Name der Isis bedeutet


Wissen, denn Isis ist
Die Göttin der Weisheit, SOPHIA!
Ziel der Isisreligion
Ist die Erkenntnis des Ersten,
Des anfanglosen Gottes.
Isis zu verehren, bedeutet,
Erkenntnis zu erlangen
Und Wissen über den Seienden.

Was aber ist Eros?


Seherin, wer ist Eros?
Der Vater des Eros
Ist der Schaffende.
Die Mutter des Eros
Ist Frau Armut.
Frau Armut wünschte sich ein Kind,
Sie legte sich zum Schaffenden
Und empfing von seinem Geist
Und gebar den Eros.
Der Vater ist weise
Und ist sich selbst genug.
Die Mutter aber ist ruhelos
Und immer voller Begierde.

Der Schaffende ist der Erste,


Der Gott als Bräutigam und Bruder,
Der ägyptische Osiris.
Frau Armut ist Isis,
Die Psyche des Alls,
Die schwungvoll in Bewegung ist.
Der Sohn ist Eros,
Der Sohn ist Horus.
Er ist der sichtbare Kosmos,
Nicht ewig und nicht unveränderlich,
Aber immer neu entstehend.
In den Veränderungen
Und im Umlauf seiner Leidenschaft
Bleibt er doch ewig jung
Und geht nie zugrunde.

Der sichtbare Kosmos


Ist also Eros,
Sohn Gottes und der Weltseele.
Er ist schön wie die Sonne,
Er ist die Freudenzeit des Frühlings
Und die Mischung der Düfte in der Lenzluft.

Durch Eros steigt die Seele


Zur Güte und Schönheit hinan.
Unter einem Baume
An einem stillen Wasser
Spricht der Weise vom Eros.
Von den Nymphen begeistert
Zu göttlichem Wahnsinn,
Lehrt der Weise,
Daß Psyche unsterblich ist.
Sie gleicht einem Wagen,
Von zwei Rossen gezogen,
Vom Wagenlenker gelenkt.
Das rechte Ross ist weiß und stolz,
Das linke Ross ist schwarz
Und voller Leidenschaft und Begierde.
Der Wagenlenker aber
Ist die Vernunft, die Einsicht.
Der Wagenlenker beherrsche die Kunst,
Die beiden Rosse zu lenken.

Es führe der Mensch sein Leben so,


Daß er zur Erkenntnis gelangt,
Zur Einsicht in die göttliche Güte und Wahrheit.
Der Weg zur Einsicht
Führt über die Liebe zur Weisheit,
Die Freundschaft mit der Ewigen Weisheit.
Die Freundschaft mit der Ewigen Weisheit
Ist Liebe zur göttlichen Schönheit,
Liebe zur göttlichen Schönheit
Ist aber das Wesen des Eros.
Philosophie ist also Erotik.
Eros lässt den Menschen
Wieder Flügel wachsen,
So schwingt sich die Seele hinan
Zur Erkenntnis der Gottheit.

Der Mensch steigt hinan,


Noch über den Mond hinaus
Mit seinem Honigmeer
Und seinem Meer der Ruhe,
Noch über die Venus hinaus
Mit ihrer Erde der Aphrodite
Und ihrer Krone der Maria,
Bis zum Himmel der Ideen.

Mit der heiligen Isis-Psyche


Verschmolzen ist Eros
Und strebt zum Ersten, zum Guten.
Nach dem Höchsten Gut
Sehnt sie sich und jagt ihm nach.
Sie neigt sich zu dem Besseren
Und bietet ihm sich an,
Daß er in ihr zeugen möge
Und sie schwängert,
Damit sie sich freue
An ihrer Leibesfrucht,
Denn diese Geburt bedeutet
Das göttliche Sein im Stoff.
Und alles Werdende
Ist Abbild des Ewigseienden.

So soll man sich die Göttin Isis denken,


Daß sie mit dem Höchsten Gut vereinigt ist
In Schönheit und Liebe,
Die seine Aura sind.
Die ewigweibliche Seele der Natur
Hat die göttliche Schönheit an sich gerissen!
Die Erkenntnis Gottes
Fährt wie ein Blitz in die Psyche
Und gewährt ihr, Gott zu schauen,
Ja, Gott zu berühren!
Das nennen Platon (und Aristoteles)
Schau des Mysteriums.
Wenn man so mit Hilfe des Logos
Über alles Denken hinaus
Die Ewige Weisheit schaut und schmeckt,
Dann hat der geweihte Philosoph
Sein Ziel erreicht.

Der Dichter aber singt


Die Schau der Göttin Isis.

Ich war eingekehrt


In das Haus des Mannes Milon.
Die Frau des Hauses
War eine Magierin.
Ich wollte ihre magischen Künste kennen lernen
Und bat die Freundin der Frau,
Fürsprache für mich einzulegen.
Die Freundin aber zog mich in ihr Bett
Und verführte mich zur Unzucht.
Da ward ich zu einem Esel
Mit steifem Glied.
Allein die Rosen der Isis können mich erlösen!

Ich schlief am Strand


Und sah in der dunklen Nacht
Die weiße Mondin aus dem Meer auftauchen.
Es war der Vollmond
Des Frühlingsäquinoktiums.

Beim Anblick des Mondes


Schöpfte ich neue Hoffnung.
Auch meine menschlichen Angelegenheiten
Regelt die göttliche Providentia.
Das Schicksal hat sich an meinem Unglück gesättigt!
Ich habe wieder Hoffnung auf Rettung.
Ich bat um Befreiung von der Eselsgestalt.
Ich stürzte mich zu einem Tauchbad ins Meer
Und tauchte siebenmal unter mein Haupt.

Ich wusste nicht, dass der Name der Mondin


Isis ist, die Göttin der Weisheit.
Ich nannte sie damals Aphrodite
Und Anadyomene
(Oder auch die Jungfrau Diana).

O Himmelskönigin! Regina coeli!


Bist du etwa die Demeter guten Brotes?
Hilf mir in meiner Trübsal!
Richte auf mein zerschlagnes Gemüt!
Gewähre mir Seelenfrieden und Seelenruhe,
Nachdem ich die harten Schläge des Schicksals erlitten!
Es sei nun genug des Leidens!
Erlöse mich von der Gestalt des Esels!

Da legte ich mich wieder nieder


Und schlief am Meeresstrand.
Aus dem Meer erhob sich die Göttin,
Sie sah aus wie jene Marmorbüste
Der Aphrodite Anadyomene.

Da sah ich im Traum vor mir


Die Himmelskönigin,
Die langen schwarzen Haare
Mit Blumenkränzen geschmückt,
Eine Krone auf dem Haupt,
Eine Mondscheibe wie ein Spiegel
Glänzte um ihr Haupt,
Mit Ähren und Trauben geschmückt.
Ihr Gewand war weiß
Und bestickt mit Blütenornamenten,
Darüber trug sie einen blauen Mantel,
Mit einem Gürtel gegürtet.
Auf dem Mantel waren Sternbilder.
In der Rechten hielt sie eine Zymbel,
In der Linken einen heiligen Becher.
An den bloßen Füßen
Trug sie goldne Sandalen.
Sie duftete lieblich wie Weihrauch.
Sie erwies mir die Gnade
Und sprach mit himmlischer Stimme:

Siehe, mein lieber Sohn,


Auf deine Bitte hin bin ich dir erschienen,
Ich, die Mutter der Schöpfung,
Die Königin der Sterne,
Die Erstgeborne aller Zeiten,
Die Königin der Götterthrone,
Die Mutter der Toten,
Die Erste aller Himmlischen,
Die Göttin der Göttinnen,
Die ich das Schweigen der Toten
Mit gnädigem Nicken regiere!

Magna Mater nannte man mich in Kleinasien,


Minerva im weisen Athen,
Aphrodite auf Zypern,
Jungfrau Diana auf Kreta,
Aber mein wahrer Name ist
Regina coeli.

Ich bin gekommen


Voll Mitleid mit deinem Unglück!
Ich bin gekommen zu dir
Voll Wohlwollen und voll Gnade.
Laß dein Klagen und Weinen,
Denn jetzt wird durch die Providentia
Ein Tag des Heils!

Du wirst einen Priester treffen


Mit einem Rosenkranz.
Reihe dich ein in die Prozession
Zu meinen Ehren.
Küsse dem Priester die Hand
Und iß von meinen Rosen!
Dann wirst du ablegen deine Eselsgestalt.
Auch dem Priester bin ich erschienen
Und gab ihm Weisung im Traum.

Vergiss nicht, dass du mein bist!


Dein ganzes Leben bis zum letzten Atemzug
Bist du mein und ich bin dein!
Da du durch meine Gnade
Wieder zum Menschen wirst,
Verdankst du mir dein Leben!
Du wirst unter meinem Schutz und Schirm
Ein ruhmreiches Leben führen.
Und wenn sich deine Zeit erfüllt,
Werde ich dir erscheinen
In der Dunkelheit der Todesstunde
Und dich führen ins Elysische Gefilde!
Wenn du durch deinen Gehorsam mir gegenüber
Und Fasten und Beten und Opfer
Meine Gnade verdient,
Dann schenk ich dir das Ewige Leben,
Den Kranz des Ewigen Lebens!...

(Ja, ich aß die Rose der Göttin...)

MEINE AUGEN HABEN MEINE GOTTHEIT GESEHEN


„Weil du mich gesehen hast, glaubst du...“
(Evangelium)

PROLOG

Jesus bat mich zu glauben,


Daß er mich nicht vergisst,
Er wird mich nie verlassen,
Aber ich muß auch alles tun,
Was in meinen Kräften steht.
Der Meister sagte dies
Sehr sanft und süß.
Er sprach auch weiter
Gnadenvolle Worte,
Die ich nicht weitergeben muss.
Die Herrlichkeit des Herrn
Zeigte mir die Ewige Liebe
Und sprach zu mir:
ICH BIN DU UND DU BIST ICH!

MEDITATION ÜBER DIE WEISHEIT


DER HINDUISTISCHEN THEOSOPHIE
IN DEN UPANISHADEN

Wer zur mystischen Schau gelangen will,


Übe sich vorher in der Tugend
Des aktiven Lebens.
Er sei Hausvater
Im praktischen Leben.
Wenn er sich darin bewährt,
Kann er später auswandern
In die selige Theorie.

Zwei Wissenschaften sind zu erlernen,


Die niedere und die höhere.
Die niedere Wissenschaft
Umfasst die Lehre über die Natur,
Die Künste und die heiligen Schriften.
Die höhere Wissenschaft studiert
Das Urgeheimnis
Der unfassliche, unbegreiflichen
Mystischen Gottheit,
Schoß aller Wesen.

Nicht durch Bücherlesen erkennt man Gott,


Nicht durchs Denken allein.
Nur der, dem Gott sich offenbart,
Erlangt die göttliche Erkenntnis.
Worte können nicht sagen,
Wie schön die Gottheit ist!
Der Verstand kann nicht ergründen
Die Geheimnisse in der Gottheit.
Die Sinne können nicht umfassen
Die geheimnisvolle Gottheit.
Nur wer reinen Herzens ist,
Wird schauen die göttliche Schönheit!

Wer Gott nicht kennt,


Der bleibt der Sinnlichkeit verfallen.
Wer die Gottheit erkennt,
Wird wahrhaft frei.

Ein Wunder, wenn einer die Gottheit verkündet,


Ein Wunder, wenn einer die Gottheit erkennt!
Ohne den Meister und Lehrer
Ist der Weg nicht zu finden.
Zu tief ist die Gottheit
Für den Verstand des Menschen.

Der Weg ist schmal und steil,


Nicht viele gehen den Weg.

Viele haben noch nichts gehört


Vom Geist der Gottheit,
Und viele, die es gehört,
Die haben es nicht begriffen.

Unsterblich wird der Mensch


Gewiss nicht durch das Geld.

Der Weise liebt die Gottheit mehr


Als er die geliebte Frau liebt
Und als er den geliebten Knaben liebt.
Er hängt sein Herz
Nicht an Besitz.
Er liebt die Armut
Und vertraut der Vorsehung.
Er sucht nur noch, Gott
Und den Menschen zu dienen.

Wer in seinem höheren Selbst


Das göttliche Ich gefunden,
Feiner als Feinheit schimmernd,
Tiefer als Gefühl und Wille und Verstand,
Der schaut durch sein höheres Selbst
Auf das göttliche Ich,
Der erst vermag, selbstlos zu lieben,
Und seine Liebe ist ewig.

Das Wort, das die Schrift uns verkündigt,


Heißt Amen.
Amen bedeutet:
Gott ist ein König der Treue.
Wer Amen betet,
Im Namen des Gottes Amen betet,
Der wird erhört
Und vollmächtig ist sein Gebet.
Wer das Amen kennt,
Der lebt im Himmelreich.
Wahrlich, mein Sohn,
Das Amen ist Gottes Name,
In Gott ist Ja und Amen.

Die Gottheit im Innern der Natur,


Die Gottheit im Innern des Menschen
Ist eine einzige Gottheit.
Wer diese Gottheit erkennt,
Der gelangt zur Vereinigung mit der Gottheit.
Wer zur Vereinigung mit der Gottheit gelangt,
Der gelangt zum Einssein mit der Gottheit.

Wahrlich, wer die Gottheit erkennt


Und sich mit der Gottheit vereinigt,
Der wird von der Gottheit vergottet
Und wird ein Gott in der Gottheit sein.

Die Weltseele ist


Der Hauch der Gottheit.
Sie ist der Ruhepunkt des Weltalls,
Das Zentrum des Universums.
Sie ist feiner als die Feinheit,
Sie ist ewig und unsterblich.
Deine Seele, meine Geliebte,
Ist Seele von der Weltseele.
In deiner Seele, Geliebte,
Erkenne ich die Weltseele selbst.

In mir, der Weisheit,


Entstand der Weltkern,
Ist die Welt geworden.
In mir, der Weisheit,
Haben die Wesen ihr Dasein.
In mir, der Weisheit,
Finden die Wesen ihr Ziel,
Ihre Vollendung.
Ich, die Weisheit, bin Gottheit
Und neben mir ist keine andere Gottheit.

Im Gebet erkenne ich Gott.


Doch der Weise steigt
Noch über Gott hinaus
Zur überseienden Übergottheit
Und wird vergottet
In der Übergottheit,
Er geht in Vereinigung ein
In die unbegreifliche Gottheit.

Was du hörst und was du redest,


Was du denkst, ist Schall und Rauch,
Was du siehst mit deinen Augen,
Ist ein Schatten nur.
Der Weise wendet sich zum Unsichtbaren
Und wird im Scheiden von der Welt unsterblich.
Mit Worten und Gedanken
Ist die Gottheit nicht zu lehren.
Verschieden ist die göttliche Weisheit
Vom menschenmöglichen Wissen.
Doch sind die Weisen
Sich nicht unbewusst der Weisheit.
Unaussprechlich durch Worte,
Unerkennbar durch Namen,
Unerkennbar durch Bilder
Ist die geheimnisvolle Gottheit.
Was die Menschen dieser Welt
Gott nennen, ist nicht Gott.
Die Gottheit ist
Undenkbar durch das Denken.
Diese unbegreifliche Gottheit
Verehre du im Inneren,
Nicht das, was die Toren Gott nennen.
Wer die Gottheit nicht ergründen kann,
Der kennt die Gottheit.
Wer die Gottheit mystisch erkennt,
Der weiß nicht, wer sie ist.
Die von Erkenntnissen Unerkannte ist sie,
Von heiligen Narren erkannte göttliche Torheit!
MEDITATION ÜBER DIE WEISHEIT
DES NEOPLATONISMUS VON PLOTIN

Jetzt aber habe ich zu sagen,


Daß der Schoß aller Wesen
Einfacher ist als die Wesen alle.
Was dem Geist vorausgegangen,
Ist also nicht Geist und geistige Welt,
Ist einfacher als der Geist
Und einfacher als die geistige Welt.
Nicht aus Vielem ist Vieles geworden,
Sondern aus der Nichtvielheit
Ist das Viele geworden.
Wäre die ursprüngliche Einheit
Selber ein Vieles,
So wäre sie nicht der Schoß,
Sondern es gäbe einen andern Schoß.
Es kann also auf keinen Fall
Das Erste eine Vielheit sein,
Denn dann wäre vor der Vielheit
Ein anderes Erstes als Einheit.

Warum nenn ich das Erste nicht Geist?


Weil im Geiste zweierlei ist,
Das Denkende und das Gedachte.
Ist der Geist Zweifaltigkeit,
So gilt es die Einheit zu erfassen,
Die der Zweifaltigkeit vorausgeht.
Mit dem Geist vereinigt
Ist das gedachte Objekt.
Soll nun kein gedachtes Objekt
Vereinigt sein mit der Einheit,
So kann die Einheit nicht Geist sein.
Lässt die ursprüngliche Einheit
Des Geistes Zweifaltigkeit zurück
Und geht ihr voraus und liegt ihr zugrunde,
So ist die Einheit jenseits des Geistes zu suchen.

Die allerhöchste Güte


Ist jenseits von Sein und Denken.
Das Denken über die Güte
Ist von der Güte selbst verschieden.
Die Güte geht dem Denken voraus,
Die Güte ist einfach gut
Und denkt nicht über sich selber nach.

Jene geheimnisvolle Einheit


Ist aber nicht ein gewisses Etwas,
Sondern ist vor allem Seienden.
Die Wesenheit des Einen
Ist die Schöpferin alles Daseins.
Sie ist kein gewisses Etwas.
Wie ist sie beschaffen,
Wie groß, wie klein ist sie?
Von solchen Fragen wird sie nicht berührt.
Sie ist nicht der Geist,
Sie ist nicht die Seele.
Sie ist weder Bewegung noch Ruhe,
Sie existiert nicht in Raum und Zeit.
Sie ist gestaltlose Eingestaltigkeit
Und ist vor aller Gestalt.
Die Gestalten aber in Bewegung
Haften am Seienden.

Die Gottheit, die alle Schönheit erschaffen,


Darf selber keine dieser Schönheiten sein,
Sonst wäre sie ein gewisses Etwas
Und wäre nur ein Teil des Ganzen.
So ist die Gottheit auch
Von keiner bestimmten Gestalt,
Ist auch nicht eine besondere Kraft
Und nicht die Summe aller Kräfte,
Sondern jenseits von Kraft und Kräften,
Vor aller Gestalt ist die Gottheit,
Die Urgottheit ist gestaltlos
Und erzeugt doch alle geistigen Gestalten.
Da die Gottheit nun alles Seiende schuf,
Muß sie sehr groß sein,
Ja, ihre Größe muß unendlich sein,
Unendliche Größe aber sagt,
Die Gottheit ist von keiner Größe.
Die Gottheit erstreckt sich
Über die immerwährende Ewigkeit
Und so ist ihre Dauer maßlos.

Wie wird man der Einheit inne?


Nicht durch wissenschaftliches Denken,
Sondern allein durch ihre Gegenwart,
Die von höherer Art ist, als der Verstand begreift.

Die Gottheit ist unaussprechlich,


Denn was man mit Worten benennen kann,
Ist immer ein gewisses Etwas.
Darum nenne die Gottheit
Sie, die jenseits alles Daseins
Und jenseits alles Geistes ist.
Denn das ist ihr Name, der besagt,
Daß sie keinen Namen hat.
Wir können über sie nicht sprechen,
Nicht mit menschlichen Worten
Und nicht mit englischen Worten,
Sondern, meine Geliebte, was wir tun können,
Hinzuweisen einander auf die Gottheit.

Verenge die Gottheit nicht


Auf einen Punkt,
Sondern zeige ihre Fülle!
Das heißt, um die Macht zu wissen,
Wenn du weißt, dass die Gottheit
In sich trägt
Eine Fülle von göttlichen Qualitäten,
Alle in ihr versammelt,
Alle in ihr seiend.
Stell dir, meine Geliebte, eine Quelle vor,
Die viele Ströme hervorbringt,
Sich aber nie erschöpft.
In dieser göttlichen Wesenheit
Ist das Sein, das Leben und das Denken.
Sie ist die Ewigseiende,
Sie ist das Ewige Leben,
Sie ist die Ewige Weisheit.

Die Psyche hängt ab vom Geist,


Der Geist hängt ab von der Güte,
Die Güte hängt ab von der Urgottheit.
So ist das eine der Gottheit nah,
Das andre ist der Gottheit ferne,
Am fernsten aber ist die Sinnlichkeit.

Wenn sich aber Psyche wendet


Dem Geiste zu,
Dann wird sie erlöst vom Todesleib
Und steigt hinan in die Himmel.
Psyche schwingt sich hinauf
Zu Höherem, immer Höherem,
Sie erhebt sich noch über den Geist
Und steigt zur himmlischen Güte
Und ruht in der göttlichen Güte.

Betrachte also die Psyche


Und die Göttlichkeit in der Psyche,
Denn so erkennst du den Geist.
So ziehe den Körper aus
Und ziehe die Leidenschaften aus
Und alle Narrenpossen der Begierde
Und schaue Psyche nackt
Und erkenne in der bloßen Psyche
Das Ebenbild des göttlichen Geistes.

Die Stufen des Aufstiegs


Der erlösten Psyche
Sind die Stufen der Reinigung,
Der Tugend
Und des Wandelns im geistigen Reich.
Psyche halte sich frei
Vom Wirbelsturm der Gefühle
Und lasse auch die irdische Lust
Nur leicht vorüberstreichen,
In Freiheit erhebe sie sich
Über Schmerzen und Kummer
Und befreie sich
Von der Begierde nach Niederem.
Wenn Psyche die Liebeslust begehrt,
So höchstens die sittlich erlaubte.
So strebe Psyche,
Frei zu werden und rein
Und unbefleckt
Von ungeordneten Leidenschaften.

Wie du die Schönheit schauen kannst?


Ich rate dir: Geh in dich selbst,
Und wenn, was du innen schaust,
Noch nicht ganz schön ist,
So sei wie ein Künstler,
Der eine Büste formt,
Und meißle alles ab,
Was die heilige Schönheit entstellt,
Glätte und kläre den Marmor,
Bis die Büste vollkommen ist.
Laß nicht ab, mein Lieber,
An deinem Bild zu arbeiten,
Bis dir aufstrahlt der Glanz
Der vollkommenen Güte.

Erst wenn du selber, mein Lieber,


Im Innern schön geworden bist,
Dann erst bist du fähig,
Die göttliche Schönheit zu schauen.

Ich glaube aber, dass mein Geist


Die Gottheit geschaut hat
Im Lichtstrahl,
Das war sie selbst!
Steige über alle Geschöpfe hinaus!
Hier findet der Geist
Die innere Ruhe.
Nun wird der Geist
Auch das Denken nicht mehr so hochschätzen,
Weil doch die Gottheit nicht denkt.
Psyche schaut die Gottheit,
Indem ihr denkender Geist
Verwirrt wird und verschwindet
Und nichts bleibt als die Torheit der Liebe!

Von der Schönheit der Gottheit


Kann man nicht reden und schreiben.
Den Weg kann man zeigen,
Der zur seligen Schau der Gottheit führt.
Nur die Verkündigung und die Lehre
Zeigen dir den Weg, Geliebte,
Der seligen Schau im Innern der Psyche,
Sie ist reines Geschenk der Gottheit.

Der Seher aber


Schaut die Schönheit der Gottheit
Nicht als ein Objekt in der Außenwelt,
Sondern im eignen Subjekt
Schaut er die göttliche Schönheit.
Er selbst ist der Schönheit inne,
Ob er es oft auch nicht weiß.
Was der Seher außen Schönes sieht,
Das verpflanzt er in sich selbst
Und schaut es innen
Als seine eigene Seele.

Der Seher schaut die Gottheit


In einem Bild der Schönheit.
Vereinigt er sich mit der Gottheit,
So wird er eins mit der Gottheit.

Die geschaute Schönheit


Übersteigt den Verstand.
Wer aber diese übervernünftige Schönheit
Der Gottheit in sich selbst erschaut,
Wird erhaben sein
Und demütig einfach zugleich.

Der Seher, der die Schönheit schaut


Und sich mit der Gottheit vereinigt,
Er ist nicht mehr er selbst,
Er ist hineingezogen ins höhere Leben
Und Eigentum der Gottheit.
Er ist Geliebter der Gottheit!
Er darf betreten
Das innere Brautgemach
Der bloßen Gottheit!

Der so Begnadete
Lebt nicht wie ein religiöser Mensch
In sittlicher Tugend
Als ein frommer Bürger, nein,
Er lebt und wirkt wie ein Gott,
Ein Gott von der Gottheit Gnaden.

Und bist du so vereinigt


Und eins geworden mit der Gottheit
Und seliger Gott in der liebenden Gottheit geworden,
Dann tritt aus dem inneren Brautgemach
Der bloßen Gottheit
Und gehe zu den guten Menschen,
Sie den Weg zu führen,
Ihnen von der Liebe zu zeugen!

MEDITATION ÜBER DIE WEISHEIT


DER ISLAMISCHEN MYSTIK
DES DICHTER-MYSTIKERS ATTAR

Sieben Räume musst du durchschreiten


Bis in Gottes Zimmer.

Der erste Raum ist der Raum der Suche.


Hundert Schwierigkeiten erwarten dich hier,
Hundert Prüfungen musst du erdulden.
Viele Jahre wirst du hier sein
Und große Mühen haben.
Alles musst du hier aufgeben,
Allen Besitz für nichts erachten.
Wenn du nichts mehr besitzt,
Musst du dich noch von den Geschöpfen lösen.
Dann wirst du das süße Licht
Der göttlichen Hoheit erschauen
Und deine Wünsche
Streben ins Unendliche.
Solche Sehnsucht wird dich erfüllen,
Daß du dich ganz der Gottessuche ergibst.
Du wirst einen Schluck Wein trinken
Und nichts mehr tun
Als Gott zu suchen.
Wenn die Pforte sich auftut,
Wirst du den wahren Glauben haben.

Der zweite Raum ist der Raum der Liebe.


Du musst ein flammendes Feuer sein,
Du musst ganz Flamme sein.
Dein Antlitz muss leuchten und glühen,
Deine Seele muss ungestüm sein
Wie verzehrendes Feuer.
In diesem Raum verzehrt
Das Feuer der Liebe
Den Rauch der Vernunft.
Der Verstand kann nicht zusammenleben
Mit der Torheit der Liebe!

Der dritte Raum ist der Raum der Weisheit.


Die Erkenntnis ist endlos,
Der Raum ist groß, der Weg ist lang.
Bücherwissen ist vergänglich,
Göttliche Erkenntnis bleibt.
Wie du deine Sünden überwindest,
Offenbart sich dir die Weisheit,
Jedem offenbart sich die Weisheit
Nach seinem Maß.
Der Strebende wird erkennen
Den Kern in der Schale.
Er wird sich nicht mit sich selbst beschäftigen,
Sondern schaut zur Ewigen Liebe auf.
In jedem Atom erkennt er
Die innergöttliche Liebe.

Der vierte Raum ist der Raum der Freiheit.


Du willst nichts besitzen
Und nichts Weltliches mehr entdecken.
Ein Sturm geht durch deine Seele.
Der Ozean ist dir ein Tropfen am Eimer,
Die Milchstraße ist dir wie ein Funke,
Der Himmel wie ein Leichnam
Und die Hölle wie ein Eiszapfen.
Wenn Himmel und Erde vergehen,
Ist es wie das Fallen einer Blüte vom Baum.
Wenn kein Mensch und kein Engel mehr existierte,
Würdest du dennoch nachsinnen
Über den Einen Samentropfen,
Aus dem das All geworden.

Der fünfte Raum ist der Raum der Einheit.


Alles zerbricht und wird wieder zusammengefügt.
Alle Wesen siehst du vereint in Gott.
Gott erscheint in allem.
Die Ewigkeit vor der Zeit und die Ewigkeit nach der Zeit
Sind eine einzige Ewigkeit.
Du kannst von ihr nicht sprechen.
Wenn alles vergeht und zunichte wird,
Worüber willst du dann sprechen?

Der sechste Raum ist der Raum des Wahnsinns.


Hier fällst du der Trauer zum Opfer,
Du wirst verzagt sein.
Jeder Atemzug ist ein Seufzer.
Der Tag ist Nacht, die Nacht ist Tag.
Die lebendige Flamme lodert,
Du aber bist unglücklich.
Auf wessen Herz geschrieben steht
Die mystische Einheit mit Gott,
Der vergisst sich selbst.
Fragt ihn einer: Lebst du oder bist du tot?
So weiß er die Antwort nicht.
Er wird sagen: Ich weiß nicht, wer ich bin,
Ich weiß nur, dass ich verliebt bin,
Aber in wen?
Mein Herz ist lieblos und voller Liebe!
Der siebente Raum ist der Raum des Todes.
Tausend Schatten verschwinden
In einem einzigen Sonnenstrahl.
Das Meer der Ewigkeit gerät in Wallung
Und die gekräuselten Wellen
Der jetzigen und der kommenden Welt
Versinken in dem Meer der Ewigkeit.
Der Tropfen ruht im Meer.
Du wirst gedemütigt,
Du wirst zugrunde gehen.
Dann aber taucht aus dem Meer des Todes
Die Neue Schöpfung.
Du wirst aufhören zu existieren,
Doch deine Schönheit bleibt.
Du bist nicht mehr,
Doch jetzt erst wirst du wirklich sein.

Nun schaut der Weise


Im innersten Brautgemach
Die fünffach verschleierte Gottheit.
Die Gottheit lässt den ersten Schleier fallen –
Der Weise ist trunken von Ewiger Liebe!
Die Gottheit lässt den zweiten Schleier fallen –
Dem Weisen ist aller Irrglaube geschwunden!
Die Gottheit lässt den dritten Schleier fallen –
Dem Weisen ist das Ego gestorben!
Die Gottheit lässt den vierten Schleier fallen –
Der Weise ergibt sich dem Willen Gottes!
Die Gottheit lässt den fünften Schleier fallen
Und offenbart sich als bloße Gottheit –
Der Weise ist vergottet
Und ist zum Gott in der Gottheit geworden!

MEDITATION ÜBER DIE WEISHEIT


DES JÜDISCHEN NEUPLATONISMUS
DES PHILO VON ALEXANDRIEN

Die Suche nach der Gottheit,


Dem besten Wesen der Welt,
Der Unvergleichlichen,
Der Urheberin alles Seienden,
Diese Suche ergreift die Seele
Und bleibt nicht ohne Erfolg,
Da die Gottheit selbst
Gemäß der Gnade ihrer Gottnatur
Dem Sucher entgegenkommt
Und sich jenem Mann,
Der sie zu schauen begehrt,
In der lichten Wolke offenbart
Soweit es irgend möglich ist,
Daß der Mensch in seinem Wissen
Sich der göttlichen Schönheit nähert.

Das gesegnete Geschlecht der Menschen,


Die die Gottheit verdolmetschen,
Sind die prophetisch Begeisterten,
Besessen von der Gottheit,
Genießend die göttliche Trunkenheit.

Die göttliche Schönheit zu schauen


Wird allein gewürdigt der Geist des Menschen.
Von oben eingeblasen,
Der Geist beachte nicht den Körper
Mit seinem Appetit,
Beachte auch nicht die leibliche Seele
Mit ihren Begierden,
Verzehrenden Leidenschaften
Und brennenden Lüsten.

Von keinem Geschöpf laß dich zurückhalten,


Sondern erhebe dich über jedes Geschöpf.
Geist, sei königlich
Und lerne zu herrschen
Und laß dich nicht beherrschen von Geschöpfen.
Erkenne dich selbst!
Verlasse die irdische Welt,
Entfliehe deinem befleckten Körper
Und reiße dich los mit aller Gewalt
Von den Begierden des Körpers
Und aller körperlichen Lüsternheit!

Extase ist erstens ein Wahnsinn,


Der dich zum Idioten macht,
Extase ist zweitens ein Schock
Über den jähen Einbruch des Schicksals,
Extase ist drittens die Ruhe
Des Geistes im Arm der Ewigkeit,
Extase ist viertens Begeisterung,
Wenn die Gottheit selbst dich berührt
Und du prophetisch redest und handelst.

Solange noch der menschliche Geist


Mit aller seiner Erkenntnis
Nach allen Seiten in dir strahlt
Wie Mittagssonne in der Seele,
Sind wir noch nicht besessen
Vom guten Dämon der Weisheit.
Wenn aber dein Verstand mit allem Wissen
Versinkend untergeht, erhebt sich
Die göttliche Weisheit selbst
Mit ihrem liebenden Wort.
So geht es prophetisch begeisterten Menschen.
Der Geist des Menschen verstummt
Vor dem Wort der göttlichen Weisheit.
Wie kann ein Sterblicher
Zusammenwohnen
Mit der Unsterblichkeit?
Darum führe deinen Verstand
In die Nacht des Denkens
Und bereite dich darauf vor,
Daß in der Extase
Die Gottheit selbst dich entzückt!

O Seele, wenn du das Verlangen spürst,


Die Ewigkeit zu erben
Und die Gottheit zu genießen,
So verlasse nicht nur den Körper
Mit seinen animalischen Trieben,
Verlasse auch die Seele
Mit ihrem Verlangen, ihrer Begierde,
Ihrer Leidenschaft und ihrer Wollust,
Und verlasse deinen Verstand
Und all dein menschliches Wissen
Und werde zum Besessenen,
Besessen vom guten Dämon der göttlichen Weisheit,
Und lass dich von der Gottheit selbst
Begeistern und verzücken.
Herrsche nicht selbst
Über deine Vernunft,
Dein logisches Denken,
Dein menschliches Wissen,
Das Stückwerk deiner Erkenntnis,
Sondern weihe deine menschliche Weisheit
Der göttlichen Weisheit ganz
Und laß dich von dieser Herrin beherrschen!

Bist du so aus dir hinausgegangen,


Wirst du nicht nur Seher sein,
Sondern die Ewige Gottheit genießen!

MEDITATION ÜBER DIE WEISHEIT


DES KATHOLISCHEN NEUPLATONISMUS
DES HEILIGEN DIONYSIUS AREOPAGITA

Lass nicht ab, mein Geliebter,


Dich in mystischer Schau zu üben!
Entsage der Kunst des Verstandes,
Leg ab die Sinnlichkeit
Und ziehe die Klugheit aus,
Sei nackt von allem Seienden
Und nackt vom leeren Nichts
Und erhebe dich dann
Zur heiligen Indifferenz –
Fliege über den Kosmos hinaus
Bis an die Schwelle der Verschmelzung
Mit der Gottheit der Liebe,
Die über alles Wissen schön ist!
Erst wenn du dich deiner selbst entledigt
Und ohne alle vergängliche Kleidung nackt bist,
Wirst du in trunkner Extase
Dich bis zum schwarzen Glanz erheben,
Der die Urgottheit umhüllt
In Ewigkeit vor aller Schöpfung,
Dort wirst du nackt von allem,
Was dich zum Dasein macht,
Eingehn in die Gottheit.

Wer in den Schoß allen Seins will schauen,


Lasse zurück die Scheidung
Von heilig und verrucht –
Lasse zurück das Tal des Triebes
Und den Berg der Läuterung
Und die Höhepunkte der Heiligkeit
Und schwebe über aller Schöpfung
Und fliege über allem Licht
Und gehe über die Klarheit hinaus
Und durchschreite die Gründe des Paradieses
Und hinter dem zeugenden Logos,
Jenseits aller Grenzen,
Schaue den Schoß der Gottheit!

Denke einen Bildhauer dir,


Der mit Hammer und Meißel
Aus dem Marmorblock
Das innewohnende Bild
Des göttlichen Ideals der Schönheit
Herausschlägt mit Kraft und Kunst.
Alles was du tun musst,
Ist die Hindernisse fortzuräumen.
Nimm alles weg, was nicht göttlich ist!
Dann wird die verhüllte Schönheit
Mehr und mehr sich offenbaren
Und schließlich schaust du das Ideal
Der Schönheit der bloßen Gottheit!

MEDITATION ÜBER DIE WEISHEIT


DER KARMELITISCHEN BRAUTMYSTIK
DES HEILIGEN JOHANNES VOM KREUZ

In dunkler Nacht
Loderte die lebendige Liebesflamme,
Unaussprechlich die Glückseligkeit,
Da bin ich fortgegangen
Und ließ mein Haus im Schlaf zurück.
Heimlich ging ich,
Vermummt, die Treppe hinunter,
Verborgen in der Dunkelheit,
O Lust der Liebe,
Und ließ mein Haus im Schlaf zurück.
Keiner sah mich
In dieser gesegneten Nacht,
Auch wollt ich keinen Menschen sehen,
Nichts führte mich
Als diese Glut des Herzens,
Sie hat mich geführt
Besser als das Licht des Tages.
Die Ewige Liebe macht sich zurecht für mich,
Sie, die ich liebe,
Und kein Geschöpf hat uns gestört.
O stille Nacht, die seliger ist
Als die Morgenröte,
In deinem schwarzen Seidenkleid
Liegen die Geliebten vereint,
Da die Macht der Liebe
Den Geliebten in die Gottheit versenkt.
Ich lag an ihren Brüsten
Und genoss die Seelenruhe.
Sie labte und erquickte mich
Und erfrischte mich mit ihrem Hauch,
Als schon die Lüfte der Morgenröte
Mit ihren langen schwarzen Haaren spielten,
Fühlte ich, wie sie mich streichelte
Am rechten Arm.
Das war unvergleichlich zärtlich
Und mir schwanden die Sinne.
Ich trank den Trank des Vergessens
Und blieb an die Geliebte geschmiegt
Und ließ mein Ich versinken
Und wurde von der Geliebten eingewiegt
Und all mein Kummer
Ist verschwunden
In ihrem Rosengartenparadies.

DIE SCHWEIGENDE GOTTHEIT

Meine Theologie spricht sich in Hymnen aus,


Die in mystisch hindeutendem Sinne
Tiefgründiges verkünden.

Iphigenie ist in ihrer Seele still,


Weil ihr, der Priesterin der göttlichen Jungfrau,
Im Umgang mit der Heiligen
Die Stille zuteil geworden ist
Und ihre heilvoll beseligende Macht,
Die Stille der Gottheit,
Die auch dann noch über ihr schwebt,
Wenn fremdes oder eigenes Leid
Ihre Seele beschattet.
Als stille, reine Seele kann sie
Orest entsühnen und heilen sein Leid,
Seine Unrast stillen.

Das Ruhegebet der östlichen Kirche


Und die deutsche Mystik
Und auch die platonische Lehre
Und die plotinische Lehre
Von der göttlichen Schönheit
Weiß von der Bedingung der Stille,
Daß die Gottheit sich ergießen kann
Und der Mensch die göttliche Schönheit erkennt.

Als ich die griechische Statue sah,


War ich gleichsam entrückt
Und in einen heiligen Hain versetzt
Und glaubte die Gottheit selbst zu sehen,
Wie sie dem Sterblichen erschien.

Das Auge der Gottheit


Ist das Auge eines Wesens,
Das alles erschüttert,
Und doch in einer ewigen Ruhe ist,
Als ob es schwebe
Auf der Ebene eines stillen Meeres.

Die edle Einfalt und stille Größe


Der griechischen Statue
Ist das wahre Merkmal
Der Schriften aus der goldenen Zeit,
Der Schriften aus Sokrates’ Schule.

Hier offenbart sich das Wesen der Gottheit


In der sich im Schweigen vollziehenden
Anschauung anschaulicher Gestalt
Der schönen Gottheit.
Das Schweigen des Menschen bekundet
Die unmittelbare Wirkung des Gefühls
Einer numinosen Gegenwart selbst,
Deren Wesen einzig darin besteht,
Sich in ihrer Weltentrücktheit, Unbewegtheit
Und ruhigen Schönheit anschauen zu lassen,
Von Schweigen umgeben.
Wie in der Theologie Epikurs
Gewährt die schweigende Gottheit
Allein durch ihr bloßes glückseliges,
Selbstgenügsames Dasein
Dem Menschen innere Seligkeit.

Die stille Seele des Menschen


Singt Hymnen an die Vollkommenheit:
Voll hoher Einfalt,
Still und groß,
Strebten zu dir die Ahnen,
Strebten, des Triumphes gewiß.

Die hohe heilige Statue


Finde ich wunderbar und fremd-schön,
Die höchste Schönheit erscheint jedoch
In der unermesslichen Natur,
In den ungeheuren Weiten des Himmels
Mit seinen fruchtbaren Kräften,
Die sich noch im kleinsten Staube regen
Und ewig lebendig sind.

Die göttliche Schönheit offenbart sich


Sinnlich-anschaulich
In der lebendigen Natur.
Die gesamte Natur wird mir
Zum geweihten heiligen Raum.
Rings in schwesterlicher Stille
Lauscht die blühende Natur.
Die Epiphanie der schönen Gottheit
Ereignet sich in der Natur.
In milden Lüften begegnet dem Sterblichen
Und wenn er still im Garten wandelt,
Aufheiternd eine Gottheit.

Hier findet sich Mystisch-Hindeutendes


Auf ein Tiefgründiges, hinweisend
Auf ein Erlebnis,
Das nach Worten sucht, sich auszusprechen.
Tiefer und tiefer dringt ein
In den Sinn meiner Worte.
Denn ich besinge die Himmlische,
Die Kraft des Himmels, die stille,
Die voll goldener göttlicher Ruhe ist,
Die stille Geistfrau, die Unbekannte,
Die Ur-Ahnfrau,
Die wandellos in stiller Schönheit lebt.
So warte ich auf die Zeit,
Da in der goldenen Wolke wieder erscheint
Die strahlende Gottheit,
Indem ich die Stille preise:
Stille, die du ausgegossen
Die Ruhe in den Sinn des seligen Knaben,
Aus dir geflossen ist die himmlische Wonne,
Holde Stille,
Freudenspenderin!
Und du, Geliebte meines Geistes,
Meine Diotima,
Großes zu schauen
Und zu singen von der schweigenden Gottheit
Lehrst du mich, selbst stille schweigend,
Mich stille begeisternd.

Wir verehren die Natur, denn heilig ist die Natur


Und die in ihr wirkenden Mächte.
Der Schönheit der Natur
Wird inne der Mensch
In der reinen Anschauung.
Der Mensch hat sein Schicksal,
Die Gottheit aber ist erhaben über die Erde
Und ruht in ewiger Stille,
Still und mühelos ist das Leben der Gottheit.
An der ewigen Stille der Gottheit
Geht der sterbliche Mann
Wie ein tönender Hauch vorüber,
Wie ein flüchtiges Lied.
So sprach die sterbende Freundin:
Wir leben wie die himmlischen Harfespieler
Um den weißen Thron der Gottheit,
Und mit unserm flüchtigen Lebenslied
Mildern wir den seligen Ernst des Herrn.

Denn ich glaube an das Lichtreich


In den himmlischen Höhen,
Wo die Genien sich versammeln
Und sind in der Gloria
Des vollkommenen Seins.

Aber meine Gottheit ist menschlich,


Denn Christus ist wahrer Mensch.
Das Menschlich-Allzumenschliche
Heidnischer Götter ist nicht mehr,
Meine Gottheit ist transparent,
Ist allgemein,
Ist deutungsvoll
Die Seele der Welt.

Meine dichterische Tätigkeit hat da,


Wo ich die Schau der idealischen Schönheit
In Worte zu fassen suche,
Platons Prosahymnen auf die Idee
Des Guten und Wahren und Schönen zum Vorbild.

Denn mit Platon kritisieren wir


Die menschlich-allzumenschlichen griechischen Götter,
Wir bilden einen Gottesbegriff,
Den wir wahrhaft klassisch nennen.

Mit Platon kritisieren wir


Die Dichtertheologen und ihre Götter,
Sie bleiben unserm Staate fern.

Die Philosophen lösen die Dichter ab


Als Theologen der Gottheit.

Der Mythos Platons nämlich


Ist nicht mehr der alte Göttermythos.
Die alten Götter sind uns unverständlich.
Platons Lob des Eros feiert
Die Befreiung von den alten Göttern.
Dichtung sei im Staate Gottes
Nur Lobgesang an die Gottheit
Und Preislieder auf die Heiligen.

In diesem Sinn ist Platon


Schüler jenes Mannes,
Dem die Stadt vorwarf,
Er wolle neue Götter erfinden.

Platon ist nämlich gegangen


Vom Mythos zum Logos.
Die Dichtertheologie der Mythen
Wich der Philosophentheologie des Logos.
Theologie ist nun die Lehre,
Die Aussagen macht über das Wesen
Des Höchsten Seienden, Gott genannt.
In der dogmatischen Definition
Des Höchsten Seienden enthalten
Ist immer das Verhältnis
Zum Endlich-Seienden.
Aber wir setzen voraus,
Daß unter allen Geschöpfen vor allem der Mensch
Ein vorzügliches Verhältnis
Zur ewigen Gottheit hat.

Da Platon abgelehnt
Die Theologie der Dichter,
Hat er als Philosoph
Seine eigne Theologie gebildet.
Die platonische Gottesvorstellung
Wird in den platonischen Dialogen
Als Vollkommenheitsideal aufgestellt,
Das für alle spätern Philosophen
Des Abendlandes verbindlich wurde.

Die schweigende Gottheit aber


Ist ein Ideal der Gnosis
Und des Neoplatonismus.
Plutarch sagt zwar:
Die Menschen lehren das Reden,
Die Götter aber das Schweigen.
Doch Platon sprach anders.

Ich orientiere mich am Demiurgen,


Den Platon im Timäus preist.
Mit Platon nehme ich an die Existenz
Der übernatürlichen, hypothetischen Welt,
Ich meine den Ideenhimmel,
Darüber die überweltliche Gottheit herrscht.
Doch sage mir ein Weiser,
Ob die Ideen natürlich oder übernatürlich sind,
Ob Gottes Macht begrenzt ist,
Ob die Götter Genien der Planeten sind?

Platons Zwiespalt
In der Definition Gottes
Begründet sein undogmatisches Wesen
In der Art und Weise des Theologisierens.
So hat Platon bewusst darauf verzichtet,
Die Ideenwelt zu theologisieren.
Da gab es doch einen gewissen Streit
Zwischen seinem religiösen Glauben
Und seiner philosophischen Vernunft.

Die Ideen sind keine Personen


Und die Höchste Idee ist nicht Gott.
Oder ist die Idee der Güte – Gott?

Soll ich denn den Demiurgen Gott nennen


Und die Weltseele Gottheit nennen?
Dann kann ich auch die Idee der Höchsten Schönheit
Die himmlische Gottheit nennen.

Bis heute ist es mir nicht gelungen,


Aus den Dialogen Platons
Eine klare Universaltheologie
Herauszukristallisieren.
Ich betrachte doch alle Weisheit Platons
Im Licht der jüdisch-christlichen Offenbarung.
So stelle ich die Hypothese auf,
Daß Platon im Grunde seines Herzens
Monotheist gewesen.

Die Ideenlehre klammern wir nicht aus,


Sondern mit innerer Konsequenz
Sehen wir in der Höchsten Idee,
Der Idee der Güte, den höchsten Gott.
Doch ist auch Platons Gott Person?

Der Demiurg blickte auf die Höchste Idee,


So dass nicht der Demiurg als das Maß der Dinge erscheint,
Sondern die Höchste Idee.

Gott aber ist der Schöpfer


Der Idee der Ideen.

Wenn Platon vom ideellen Muster der Welt spricht


Und dieses Muster den intelligiblen Gott nennt,
So weiß er natürlich, dass der höchste
Intelligible Gott
Die Idee der Güte ist.

Dieser überpersönliche höchste Gott


Ist ein Wesen, das sich selbst genug ist,
Zu dem der Mensch sich hingezogen fühlt,
Eine Gottheit, die sich anschauen lässt,
Eine Gottheit, die sich bewundern lässt.
Doch ist es der Gottheit gleichgültig,
Ob der Mensch das Ziel seines Strebens erreicht oder nicht?
Solche gleichgültigen Götter dachten sich die Griechen.

In seinem siebenten Brief


Unterscheidet Platon
Zwischen dem Exoterischen
Als dem, was über Gott zu sagen ist,
Und dem Esoterischen,
Als dem, was dem Schweigen anheimfällt,
Nicht aus heidnischen Mysterienokkultismus,
Sondern weil die esoterische Gottheit
Dem Menschen unbegreiflich und unaussprechlich ist.

Hier kann dir nur weiterhelfen,


Mit Platons Geist selbst mündlich zu sprechen.

Hier sind die Grenzen des Logos,


Die philosophische Vernunft
Kommt an eine Grenze,
Und Sokrates und Platon
Sprechen in mythischen Bildern
Vom unaussprechlichen Gott.
Platon war kein Agnostiker.
Dass die Vernunft von Gott nichts wissen könne,
War nicht Platons Lehre.
Platon ist sehr wohl vorgedrungen
Zu einem letzten Positiven,
Der Horizont der Gotteserkenntnis Platons
Liegt aber jenseits der Dialoge.

Plotins religiöser Neuplatonismus


Steht der Lehre Platons näher
Als die Vernunft des Aristoteles.
Der Seinsgrund, sich entziehend bei Platon,
Bis zur Grenze des Denkbaren zurücktretend,
Rückt bei Aristoteles dem Denken näher
Und der natürlichen Welt.
Plotin aber stellt das platonische Eins
Über den Geist des Aristoteles.

Wir sehen also Platon


Die Gottheit seiner Erkenntnis umschreiben
Als die allerhöchste Eins,
Die Höchste Idee der Güte
Und den Demiurgen als Schöpfer des Kosmos.

Im göttlichen Eros,
Eros, dem persönlichen Gott,
Ist vereinigt der höchste Erkenntnisgegenstand
Und das ethische Ideal.

Die sittliche Vollkommenheit


Kann auch zustande kommen
Aufgrund von Gewohnheit und Übung,
Ohne Philosophie und Vernunft.
Aber als höchste Eudämonie
Kann dieser Zustand nicht gewertet werden.
Gott Eros aber,
Im Besitz der Sophia,
Steht auf der höchsten Stufe
Der ewigen Eudämonie.

Dazu die höchste Schönheit


Ist Eigenschaft des Gottes Eros,
Jenes vom Irdischen abgelöste Schauen,
Das Diotima den Sokrates lehrte,
Führt zur Schau der Schönheit des Eros.

Des weiteren ist der göttliche Eros


Nicht allein der Erste aller Götter,
Sondern auch die Ursache allen Seins.

Wenn aber Eros nicht Gott ist,


Sondern ein Dämon und Mittler,
Besitzt er nicht die Schönheit,
Da er nach Schönheit verlangt,
Bedürftig ist nach Schönheit.

Was aber ist das Ziel des Eros


Als des Mittlers und des Dämons?
Das Ziel des Eros ist die Schau der Schönheit.
Wer die höchste Schönheit schauen will,
Beginne beim Schauen des schönen Körpers,
Abstrahiere von allem Sterblichen
Und erkenne das ewige Wesen der Schönheit,
Gott, die Schönheit in aller Schönheit,
Die Urgottheit der Urschönheit,
Frei von allem anthropomorphem Schönsein.

Platon spricht nicht vom Jenseits


Als der kommenden Ewigkeit,
Sondern von der Präexistenz der Psyche
Im Jenseits vor der Empfängnis.
Die präexistente Psyche
Steigt hinan zum überhimmlischen Ort
In den Bereich der Göttlichkeit,
Zur Schau der ewigen Himmelswelt,
Wo die Himmlischen wohnen.
Hier schaut Psyche die Weisheit und Tugend,
Die den Philosophen zum Philosophen machen.

Diese überhimmlische Ideenwelt


Ist allein der Vernunft und dem Wissen zugänglich.
Das Denken Gottes selbst
Führt durch den führenden Seelenteil,
Den Geist der Seele, die Seele zu Gott.
In diesem Ideenhimmel
Wohnt die göttliche Gerechtigkeit selbst
Als himmlische Jungfrau
Und die weise Besonnenheit
Und die göttliche Weisheit.

Aber wahre Weisheit


Und ethische Vollkommenheit
Eignen dem Gotte Eros.
Die Schau der göttlichen Hypostasen
Garantiert die göttliche Qualität der Hypostasen.
Die präsexistente Seele und der Philosoph
Leben gewissermaßen das Leben der Götter,
Da sie mit göttlichen Qualitäten
Im Ideenhimmel umgehn.
Dass der Geist des Philosophen sich erinnert
An die Schau der präsexistenten Seele,
Wird bewirkt durch die Liebe,
Wenn der Mann eine Schönheit erblickt.
Dann taucht im Mann die Erinnerung auf
An die selige Schau der Gottheit,
Eine unversehrte, glückselige Erscheinung Gottes
Begegnet dem Liebenden
Im Schauen der Schönheit.

Die göttlichen Hypostasen


Oder auch Götterthrone genannt
Sind voll von Schönheit,
Unsterblichkeit und Glückseligkeit,
Sie sind gerecht und gut,
Urheber alles Guten
Und Stifter der göttlichen Hierarchie
Und Ordnung des Kosmos.
Gott in seiner Gottheit leidet nicht.

Der stoische oder pythagoreische Weise


Ist dem Gotte ähnlich,
Steht Gott an Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Der platonische Weise wagt so nicht zu sprechen.


Er spricht nicht von der Vergottung,
Sondern von der Ähnlichkeit seiner Seele
Mit den ewigen Ideen im Ideenhimmel.
Doch weil die ewige Ideenwelt
Das vollkommene Abbild Gottes ist,
Erstrebt auch der platonische Weise
Eine Verähnlichung mit der Gottheit.

Voraussetzung zur Gottwerdung des Menschen


Ist die theoretische Sauberkeit
Und die moralische Reinheit.
Aber erst nach der Trennung vom Todesleib
Gelangt die Seele zur vollen Erkenntnis.

Die Stoiker hielten fern


Von ihrem immanenten Gott Logos
Alle anthropomorphen Züge.

Aber gehört zum Wesen Gottes


Das Schweigen oder das Reden?

Der Gott des Homer


Bewegt sich sehr rasch,
Der Gott des Xenophanes
Verharrt in Ruhe.

Die unbewegte Ruhe


Und die Mühelosigkeit bei allem Vollbringen
Verleihen dem Gott die angemessne Erhabenheit.
So sieht Xenophanes den Gott
Und wird zum neuen Dichter-Theologen,
Mit frommen Mythen und reinen Worten
Den Gott zu preisen.

Es ist doch nicht einzusehen,


Warum die Himmlischen glücklich sein sollten,
Wenn sie sich nicht unterhalten können?
Den man kann doch den Himmlischen das nicht nehmen,
Was der Philosophen größte Freude,
Die geistige Diskussion mit weisen Menschen.

Wenn ein Gott denn existiert,


So kann man ihn nicht anders denken
Als redend mit göttlichem Wort.
Aber wenn Gott eine Sprache hat,
Wenn Gott eine Stimme hat,
Hat Gott denn auch eine Kehle?

Jeder, der von der Existenz des Gottes spricht,


Soll sich klar sein,
Daß nur ein menschlicher Gott denkbar ist.
Der vernünftige Logos allein,
Den die Stoiker reinen Geist nennen,
Ist nicht denkbar,
Ein Gott Logos der Stoiker,
Der nicht redet!

Der Logos aber ist ein äußerlicher


Und der Logos ist ein innerlicher.
Der innere Logos ist der höhere Logos.

Die Gottheit ist nicht mit dem Diesseits verhaftet.


Der innere Logos im Innern der Seele
Ist die Möglichkeit der Kommunikation
Mit dem göttlichen Geist.

Die natürliche Mantik lehrt nun


Das übersinnliche Sehen Gottes
In Traum und Ekstase.

Die Seele erkennt aus eigener Macht,


Die Seele erkennt durch Gespräch mit den Geistern,
Die Seele erkennt durch das Reden Gottes.

Voraussetzung aber,
Das göttliche Reden zu hören,
Ist die Loslösung der Seele vom Körper.

Apathie ist die Voraussetzung,


Die Stimme Gottes zu hören.

Hier lehren die Platoniker


Die Kunst der Erkenntnis Gottes
Und des ekstatischen Schauens der Weisheit
In philosophischer Weise,
Wie auf religiöse und mystische Weise
Auch Hermes Trismegistos es lehrte.

Das lautlose göttliche Reden ist so,


Wie Plutarch es gelehrt,
Dass das Mitgeteilte
Den Vernehmenden sanft berührt.

Der Atemstoß der menschlichen Rede


Tut dem Hörenden weh,
Anders das Reden Gottes,
Da die Seele von selbst
Sich der göttlichen Weisung fügt.

Diese Berührung durch die göttliche Rede


Ist wie die Berührungen von Lichtstrahlen.
Die göttliche Rede bewegt die Seele,
Das göttliche Wort dringt mühelos in die Seele ein,
Die göttliche Vernunft
Lenkt die menschliche Vernunft
Und die Weltseele Gottes
Haucht die Seele des Menschen an,
Wie ein Lichtstrahl einen andern Lichtstrahl berührt.
So spricht der Logos Gottes
Mit dem inneren Logos des Menschen.

Es ist von vorneherein ganz ausgeschlossen,


Daß der Jude Gott
Als schweigenden Urgrund der Gnosis begreift,
Da in der jüdischen Religion
Und ganz dann in dem Christentum
Von Gottes Wort die Rede ist.
Gott spricht im Ersten Bund,
Die Schöpfung geht zurück
Auf das Sprechen Gottes,
Das Reden Gottes gibt die Weisung.
Gottes Reden ist die ihm eigne Aktivität.

Philon von Alexandrien


Nahm zu den Griechen Stellung,
Zu den Platonisten,
Neupythagoräern und Gnostikern,
Die Offenbarung Gottes auf dem Sinai
Philosophisch zu deuten.

Es besteht für ihn kein Zweifel,


Daß die höchste Gotteserkenntnis
Durch die Schau der Gottheit zuteil wird.
Er beruft sich dabei auf Heraklit.
Aber das Zeugnis eines Griechen
Ist für Philon so lange ohne Gewicht,
Bis auch die Bibel Zeugnis gibt.
Er legt die Bibel allegorisch aus,
Wie einst die Stoiker Homer allegorisch gedeutet,
Wie Origenes die Bibel deutet.
Was den Vorrang der Schau Gottes
Vor dem Hören des Wortes Gottes betrifft,
Beruft sich Philon auf den Vorrang Israels,
Des Gott Schauenden,
Vor Ismael, dem Gott Hörenden.

Kommunikation des Menschen mit Gott


Ist möglich durch die Verwandtschaft
Des menschlichen Geistes
Mit dem göttlichen Geist,
Der Mensch ist Person und frei,
Gott ist Person und frei.

Der Mensch hat einen menschlichen Geist,


Gott hat einen göttlichen Geist.
Der menschliche Geist ist ähnlich
Dem heiligen Geiste Gottes.

Die Weisung oder Tora aber ist


Die Weisheit Gottes, das ist SOPHIA,
Anders gesagt: Gott Logos,
Der als die Ganzheit der Ideen
Im Geiste Gottes gesammelt ist.

Die Offenbarung der Weisung an Moses


Ist ähnlich wie die natürliche Mantik der Griechen,
Da Gott in Visionen und Träumen sich offenbart.
Die zehn heiligen Worte
Hat Gott nicht mit menschlicher Stimme verkündet,
Gottes Worte sind vielmehr
Wie eine Lichterscheinung,
Gesehen vom Auge der Seele.

Die griechische Vorstellung


Oder, wenn du willst, die gnostische,
Daß die Gottheit geschaut wird,
Ist ein uralter Gedanke
Schon in der jüdischen Religion.

Wahrlich, es ist in der heiligen Schrift


Die Rede vom Schauen des Wortes Gottes.
Das Wort Gottes wird zum Gegenstand der Schau,
Zum höchsten Erkenntnisgegenstand.
Der göttliche Logos ist absolute Reinheit,
Der göttliche Logos ist Eins,
Das Eins vor aller Vielheit.

So spricht Gott
Von Mund zu Mund mit Moses
Und Moses schaut Gott
Von Angesicht zu Angesicht.

(Die Geliebte ist entrückt,


Sie ist in weiter Ferne...

Der Liebende muss sich nahen


Der schönen Geliebten,
Sich auf sie zu bewegen.

Sie lebt jenseits des Meeres,


Auf der Insel der Seligen.

Eine Schiffsfahrt muß den Raum überwinden,


Der den Liebenden scheidet
Von der Ewiggeliebten.

Auch die innere Ferne


Muss noch überwunden werden.

Denn er fragt nicht mehr nach sich,


Er fragt nicht mehr nach andern.
Nichts mehr suchend, nichts mehr denkend,
Im Schlummer liegt er in dem Boot,
Wortlos stumm.

In einem von allem abgezogenem,


Weltvergessenen Seelenzustand,
Schifft der Liebende still hinüber
Auf eine sakramentale Weise
Zur Ewiggeliebten, zur göttlich Schönen!)
SOPHIAS ZÄRTLICHER KUSS

ERSTES KAPITEL
DAS LIED DER ARCHITEKTIN

Was, mein geliebter Josef,


Sind dir die Sterne?
Ist dir der Morgenstern
Die allerschönste nackte Göttin Venus?
Der Große Bär, ists dir
Am Himmel die schöne Nymphe Kallisto,
Nymphe aus der Schar der Jungfrau Diana,
Von der lüsternen Venus verführt?
Orion, ist es dir der Heros,
Der sein Schwert an seinem Gürtel trägt?
Und Sirius, ist es sein Hund?
Die Dioskuren, die Dioskuren,
Sind es dir die Zwillinge Kastor und Pollux,
Gottessohn der eine, Menschensohn der andre,
Brüder der schönen Helena?
Das Sternbild der Jungfrau,
Ist es dir Asträa, die Jungfrau,
Die Göttin des Goldenen Zeitalters,
Welche wiederkommen wird?
Ist dir der Mond ein toter Stein
Oder die Unbefleckte Luna?

Und was ist dir die Schöpfung,


Mein geliebter Josef,
Was ist dir die Natur?
Ist sie ein mechanisches Uhrwerk,
Ein chaotischer Zufall von toten Atomen,
Oder ist die Schöpfung ein Lebewesen?
Siehst du sie nicht, die Lebendige,
Die ich Natura nenne?

Schau dir die Frau Natura an,


Wie schön sie ist!
Ihr Kleid ist aus Sonnenlicht fein gewoben,
Blüten des Lenzes hineingestickt
Wie in das Kleid der Nymphe Primavera,
Als Mantel trägt sie alle grüne Vegetation,
Auf ihrem Haupt den Zodiak,
Sie wandelt mit der jungen Luna
Und trägt in ihrem Kleide
Über ihrem süßen gewölbten Bauch
Die goldene Blume der Mystik.
Schau, wie schön die Frau Natura ist,
Das Kleid der Gottheit hat sie fein gewoben,
Fein gesponnen, so fein,
Wie ein ägyptisches Kleidchen von Spinnenweben,
So fein, dass durch die transparente Gaze
Der Körper der Gottheit schimmert!

Mein geliebter Josef,


Du sprichst von Gott,
Du sprichst vom Menschen, mein Josef,
Den Gott erschaffen als Mann und Frau.
Ich aber kenn ein drittes Wesen noch,
Das ist das schöne Wesen der Frau Natura.
Denn zu dem ersten Wesen der Gottheit
Und zu dem andern Wesen der Humanität
Tritt noch das Wesen der Frau Natura.
Ja, kühn bekenn ich,
Ob Theologen mich kritisieren,
Der Minnesänger Frauenlob steht mir bei,
Kühn bekenn ich, die Frau Natura
Ist die Mitschöpferin mit dem Schöpfer.
Der Ursprung von allem ist die Höchste Gottheit,
Allein die schöpferische Gottheit
Schafft mithilfe der Mitschöpferin,
Der Mitschöpferin Frau Natura.

Mein geliebter Josef, deine Brüder,


Die frommen Mönche in ihren Zellen,
Sie schauen die Frau Natura
Und lesen in ihr wie in einem Buch,
Sie sprechen vom Buch der Frau Natura,
Sie lesen im Buch der Frau Natura
Vom heimlich-öffentlichen Geheimnis
Der Schönheit der schöpferischen Gottheit.
Allein von der Gottheit lesen sie
Und nicht von dem Wesen der Frau Natura,
Allein in meiner Schule
Die Kosmologisten
Verehren in aller gebotenen Demut
Die Mitschöpferin auch, die Frau Natura.

Mein geliebter Josef, lausche


Dem Liede der Architektin,
Was die Architektin geschaut.
Im Anbeginn der Schöpfung
War die Idea der Frau Natura
Vor dem Throne der Sapientia Divina
Und weinte vor der Ewigen Weisheit:
Ach Sapientia Divina,
Schau doch den beklagenswerten Zustand
Der Prima Materia an im Chaos!
Was für ein Tohuwabohu!
Was für eine Nigredo!
Was für eine bleierne Schwermut!
Alles ist in Unordnung,
Alles in wahlloser Vermischung,
Alles umnachtet!
Was für ein Chaos,
Was für ein wahllos sich vermischendes
Blindes Treiben chaotischer Triebe!

Die Frau Natura sprach weinend


Vor dem Thron der göttlichen Sapientia:
Schau die Hyle an,
Die Mater, die Matrix, die Materia,
Schwarze Magna Mater,
Hyle, die Primitive,
Dieses stoffliche Wesen!
Erbarme dich, göttliche Sapientia,
Und erleuchte die dunkle Nacht
Und ordne die drängenden blinden Triebe
Und räume das Tohuwabohu auf
Und stille den Meeressturm
Und schaffe aus dem blinden Begehren
Durch einen schöpferischen Akt
Einen Kosmos als Schmuckstück,
Einen Kosmos als Schönheit,
Als einen Glanz der Ordnung,
Den Kosmos als Kosmetik der Gottheit!

Siehe, da machte sich Sapientia auf


Und entnahm dem Meer des Chaos
Vier Elemente,
Das Feuer, die Luft, das Wasser, die Erde,
Und schied sie sauber von einander.
Dann gab Sapientia auch
Dem Himmel der geistigen Wesen
Eine heilige Hierarchie
Und richtete ein die Chöre
Der Himmlischen, nämlich neun Chöre,
Wie Dionysios trunken geschaut,
Die Throne, auch Götter genannt,
Die Seraphim und Cherubim
Und Mächte, Herrschaften und Gewalten,
Erzengel, Engel zum Dienst der Gottheit!
Dann ging Sapientia an die Sternbilder,
Fügte sie zum Zodiak zusammen,
Zwölf Sterne, die Krone bildend
Der schönsten Frau Natura,
Und Sapientia gab dem Zodiak Macht
Und Einfluss auf die niedre Natur
Des menschlichen Herzens
Bei Wahrung der Willensfreiheit des Menschen,
Wie der Engelgleiche Tomas bezeugt.
Alle Sterne des Himmels
Rief Sapientia mit Namen
Und gab ihnen ihren Ort im All,
Den Carina-Nebel,
Den Asteroiden Muschi
Im Asteroiden-Hauptgürtel
Und den Asteroiden Astarte
Im Asteroiden-Hauptgürtel,
Alle kennt sie mit Namen.
Aber in der Galaxie der Sonne
Wie eine kristallene Kuppel
Sphären über Sphären
Schuf Sapientia zur Himmelstreppe
Sieben Planeten,
Die Luna,
Den Merkur und den Mars,
Die Venus wischen Juppiter und Saturn
Und Sol, die Sonne der Gerechtigkeit.
Dann blies Sapientia
Und rief von den Enden der Erde
Vier Winde, Ostwind und Westwind,
Nordostwind und Südwestwind.
Dann formte Sapientia
Wie eine Töpferin töpfert aus Ton
Unser aller Mutter Erde
Mit den breiten Brüsten,
Nicht ein totes Ding, mein Josef,
Sondern die Architektin sagt,
Die Mutter Erde mit den breiten Brüsten
Ist ein lebendiges Lebewesen.
Und Sapientia ging auf der Erde
Und unter den Tritten ihrer bloßen Füße
Sprossen die roten Rosen
Und die weißen Lotosblumen,
Der starke Eichbaum, der Efeu,
Die Ulm, die prallen Trauben,
Erdbeerbüsche hauchten sich an
Und Thymian duftete
Und der Mohn gesellte sich zur Malve
Und der Krokus war verliebt
In die gelbe Narzisse.
Die Mutter Erde mit den breiten Brüsten
Brachte aus dem Mutterschoß
Das Brot des Lebens hervor,
Das Herz der Menschen zu stärken,
Und brachte hervor den Weinberg
Mit den prallen Trauben,
Auf dass der Wein ergötze
Das Herz des Mannes.

Mein geliebter Josef, mein Liebling,


Sprach die Architektin der Kathedrale,
Ich spreche von der Schöpfung der Menschheit.
Sapientia gab das Gebot
Der heiligen Frau Natura,
Sie sollte suchen die Königin des Himmels,
Urania, die Idee der Schönheit,
Die Göttin purer spiritueller Liebe,
Die im dritten Himmel lebt,
Und suchen solle sie auch die reizende Physis,
Die reizende Physis – Body of Evidence –
Die im Schoß der Erde wohnt.
Die heilige Frau Natura steigt
Wie einst Maria Magdalena
Die Himmelstreppe der sieben Sphären hinan
Der sieben Planeten und pilgert
Durch die achte Sphäre des Fixsternhimmels
Und findet in der neunten Sphäre
Des Empyreums Urania,
Die Göttin der Schönheit und Liebe.
Die himmlische Göttin Urania
Und die heilige Frau Natura gemeinsam
Kommen vom dritten Himmel zur Erde
Und pilgernd durch den Kosmos
Bannen sie alle Dämonen der Sterne
Und machen unschädlich alle Schlangen,
Alle Skorpione und Wassermänner,
Und kommen unbeschadet
Zur Mutter Erde mit den breiten Brüsten
Und finden die Tochter der Mutter Erde,
Die reizende Physis – Body of Evidence.
Die geistige Göttin Urania
Und die seelenvolle Frau Natura
Und die körperlich reizende Physis gemeinsam
Schaffen die Menschheit, Mann und Weib.

Urania aber fährt in heiliger Himmelfahrt


Heim in den dritten Himmel
Und offenbart der heiligen Frau Natura
Dieses Mysterium von der Menschheit:
Alle Tugenden des Morgensternes Venus
Und der milden Luna
Und der all-erleuchtenden Sonne
Leben in der Menschheit,
Die Energien des heiligen Geistes,
Die strömen durch die Bahnen der Planeten
Und lassen die Fixsterne strahlen,
Alle diese Energien der göttlichen Dynamis
Wirken auch gewaltig in der Menschheit.
Die göttliche Vitalität des Ewigen Lebens
Wirkt als fruchtbare Grünkraft
Auch im Innern von Weib und Mann.
Die Macht aller Mächte
In ihrer vollkommnen Potenz
Schuf durch ihren Akt
So wie das Universum die Menschheit
Und die schöpferische Omnipotentia
Der Macht aller Mächte lebt
Auch in Mann und Weib
Als Potenz und Akt
Und Bruder Sol und Schwester Luna
In geschwisterlicher Harmonie
Und geistiger Hochzeit mystischer Wesen
Leben in Mann und Weib
Und die Menschen sind weise
Wie der uralte Vater Saturnus
Und die Menschen sind freundlich
Wie der joviale Juppiter Xenius
Und die Menschen sind Kämpfer
Wie der Mars, der für die Venus kämpfte,
Und die Menschen sind klug
Wie Hermes Psychopompus
Und die Menschen sind schön
Und voller leidenschaftlicher Liebe
Wie die astrale Venus.

Siehe, sprach die Architektin lächelnd,


Siehe, mein Freund und Bruder Josef,
Wenn die gehauchte Psyche
In die reizende Physis einkehrt,
Weiß die gehauchte Psyche,
Daß sie von den Sternen stammt.
Ja, sprach die lächelnde Architektin,
Die gehauchte Psyche nennt sich
Außerirdischen Ursprungs
Und fühlt sich Fremdlingin auf der Erde,
Denn sie ist ein Sternenwesen,
Ein inkarnierter Engel,
Und ihre insgeheime Sehnsucht
Sehnt sich nach dem himmlischen Garten
Eden auf dem Venussterne
Und heim in den Schoß des Ursprungs,
Heim in die Quelle des Lichts,
Denn aus der Quelle des Lichts
Emanierte das Hauchwesen Psyche,
Um mit der reizenden Physis –
Oh Body of Evidence –
Heimzukehren in den Schoß der überkosmischen Gottheit!

ZWEITES KAPITEL
DER HEILIGE KUSS DER GOTTHEIT

Petrus sprach zu Maria Magdalena:


Schwester, wir wissen,
Daß der Erlöser dich mehr liebt
Als die andern Frauen.
Petrus sprach zu den andern Jüngern:
Sollte der Erlöser heimlich
Gesprochen haben mit einer Frau,
Sie bevorzugt haben vor uns
Und alles das heimlich?
Levi sprach zu Petrus:
Petrus, du bist bekannt als Hitzkopf,
Und nun redest du über die Frau,
Als wenn sie ein Dämon wäre.
Doch wenn der Erlöser sie
Begnadet hat für ihr Werk,
Dann nenne sie nicht gottlos.
Der Erlöser kennt sie ganz genau,
Drum liebt er sie mehr als uns.

Die Gefährtin von Christus war


Maria Magdalena.
Er liebte sie mehr als die andern Jünger.
Die andern Jünger sprachen zu Jesus:
Warum liebst du sie mehr als uns?
Der Erlöser sprach zu den Jüngern:
Warum liebe ich euch nicht so wie sie?

Hermes Trismegistos
Reiste mit einem Schüler
Über die sieben Himmelssphären
In die achte und die neunte Sphäre,
Dort nennt der Schüler seinen Meister Vater
Und der Meister nennt seinen Schüler Sohn.
Hermes Trismegistos sprach:
Ich bin schwanger von der Quelle,
Die in mir fließt.
Diese Kraft ist von geistiger Natur
Und gebiert geistige Kinder.
Die geistigen Kinder des Meisters sind jene,
Die seine Erkenntnis empfingen.
Beim Eintritt in die neunte Sphäre
Ruft Hermes Trismegistos:
Lass uns einander küssen, mein Sohn, in Liebe!
Freue dich über den Kuss!
Schon kommt die Kraft,
Schon kommt das Licht zu uns!
Der Meister Hermes Trismegistos
Führte drei Schüler
Ins Allerheiligste ein.
Vor dem Heiligen Mahl
Sprachen sie ein Gebet.
Als sie das Gebet gen Himmel gesandt,
Umarmten sie einander
Und gaben einander den heiligen Kuss.
Dann traten sie zum Tisch
Und nahmen die heilige Mahlzeit ein.

Mani sprach vom Mysterium des Kusses:


Der erste Kuss ist der Kuss,
Womit Eva, die Mutter des Lebens,
Den Urmenschen küsste,
Als der Urmensch hinabstieg in das Reich des Todes,
Die Macht des Todes zu besiegen.
Der zweite Kuss ist der Kuss,
Mit dem Eva, die Mutter des Lebens,
Und Adam, der Vater aller Menschen,
Den Urmenschen küssten,
Als er auferstand von den Toten.

Diesen Kuss, sprach Mani,


Den Kuss des Urmenschen küssen
Frauen und Männer, wenn sie
Sich vorübergehend trennen,
Wenn sie verreisen,
Wenn sie sich wieder treffen,
Dann küssen sie den Kuss
Gemäß dem Mysterium des Urmenschen.

Christus singt diesen Psalm:


Maria, Maria, erkenne mich,
Magdalena, rühre mich nicht an!
Trockne die Tränen deiner Augen
Und erkenne, dass ich dein Meister bin,
Und sei Apostelin für mich,
Auf dass mich die irrenden Menschen erkennen.
Spute dich, spute dich in Freude
Und geh zu den Aposteln,
Vor allem zu Petrus, und sprich:
Steht auf, denn euer Bruder ruft euch!
Wenn sie mich nicht Bruder nennen wollen,
Dann sage Petrus und den andern:
Euer Meister ruft euch!

Christus sprach zu Petrus aber:


Petrus, bleibe treu wie ein Fels
Und bleibe bei mir,
Denn ich habe dich erwählt.
Ich habe mit dir den Anfang gemacht
Auch für die andern,
Die ich berufen will zur Gotteserkenntnis.

Petrus sprach zum gekreuzigten Christus:


Was muss ich schauen, Herr?
Du wirst von den Sündern ergriffen
Und gleichzeitig du ergreifst mich?
Du wirst gemartert auf dem Kreuz
Und lachst und bist fröhlich auf dem Kreuz?
Deine Hände und Füße werden durchbohrt
Und du lachst und freust dich?
Und der gekreuzigte Christus sprach zu Petrus:
Jesus wird zu Tode gemartert,
Aber Christus freut sich und lacht.
Da sprach Petrus zu Jesus:
Herr, sie erkennen dich nicht!
Christus sprach zu Petrus:
Wenn sie mich erkennen würden,
So würden sie den Herrn der Herrlichkeit
Nicht schlagen ans Kreuz und töten.
Sie sind blind,
Sie wissen auch nicht, was sie reden.
Da sah Petrus in dem gekreuzigten Jesus
Den lachenden fröhlichen Christus,
Der den heiligen Geist ausgoss!

Jakobus aber war im Gebet,


Da erschien der Herr dem Jakobus.
Jakobus beendete sein Gebet
Und umarmte den Herrn.
Jakobus küsste den Herrn und sprach:
Rabbi, ich hab dich gefunden!
Ich habe von deinen Leiden gehört,
Die du erleiden musstest,
Und ich war voller Mitleid mit dir!

Nun spricht die Braut aber selber:


Küsse mich
Mit den Küssen
Deines Mundes!
Wie lange noch schickt
Mir mein Bräutigam
Küsse durch die Schriften Moses?
Küsse durch die Verse der Propheten?
Nein, seine Lippen will ich
Berühren,
Er soll kommen,
Ihn will ich herunterholen
Vom Himmel.

Saturnus kam in den Himmel,


Von Engeln getragen
Kam er
Ins Paradies.
Dort sah er Christus.
Saturnus sprach: Ich sah
Dort einen Greis mit weißen Haaren
Und mit einem jugendlichen Antlitz,
Ich sah nicht seine Füße.
Rechts und links von ihm
Standen Älteste.
Voller Bewunderung trat ich ein
Und stellte mich vor den Thron.
Die Engel haben mich aufgehoben
Und ich habe den Herrn geküsst
Und der Herr hat mit seiner Hand
Mein Haupt gestreichelt.

Bilder und Rätselsprüche will ich nicht,


Träume und Visionen will ich nicht,
Einen Menschen und einen Engel will ich nicht,
Sondern Christus will ich.
Mein Christus ist ja schöner
Als ein Mensch und als ein Engel.
Meinen Christus bitt ich,
Mich mit dem Kusse seines Mundes zu küssen.
Ach, nicht darf ich bitten,
Von meinem Christus geküsst zu werden,
Aber demütig darf ich bitten,
Daß mein Christus mich küsst
Mit dem Kusse seines Mundes.

Mein Christus,
Laß mich dir die bloßen Füße küssen!
Mein Christus, lass mich dir küssen die zärtliche Hand!
Mein Christus,
Oh, ich wage zuviel,
Laß mich küssen deinen süßen Mund!

Wenn ich küsse deinen Fuß,


Bekehre ich mich,
Wenn ich küsse deine Hand,
Schreite ich voran,
Wenn ich dich küsse auf den Mund,
So werde ich vollendet.

Mein Kuss auf deinen Fuß


Ist noch die Strenge der Buße,
Mein Kuss auf deine Hand
Ist Liebe in Selbstverleugnung,
Oh mein Christus,
Laß mich einmal gewürdigt werden,
Deinen Mund zu küssen,
Denn da werde ich vollkommen!

Wer darf die Lippen küssen


Meines geliebten Christus?
Wer die wüste Begierde des Fleisches verlassen,
Wer vom geheimen Manna gekostet,
Wer die versiegelte Quelle getrunken!

Während der Heiligen Messe


Sah ich einen Adler
Vom Altare zu mir kommen,
Der Adler kündete mir
Die kommende Einswerdung an.
Dann sah ich vom Altare
Jesus als Kind zu mir kommen,
Jesus als Gott zu mir kommen,
Christus selber kam,
Aber noch wie von außen.
Da ward ich plötzlich eins mit ihm!
So sehr verging Er
Und zerschmolz Er
In der Einheit mit mir,
Daß ich ihn nicht mehr außen wahrnahm,
Daß er fortan von mir nicht mehr zu trennen war.
Es war eine süße Liebe,
Ein zärtliches Umarmen
Und allerlieblichstes Küssen!
Christus küsste mich,
Das war die geistige Hochzeit!

Ich ging in der Wohnung der Seele


Sechs Zimmer hindurch,
Im siebenten Zimmer
Zog Christus mich an sich
Und gab mir den liebevollen Kuss,
Um den ich ihn gebeten habe.

In diesem heimlichen Zimmer


Zeigte er mir alle seine Herrlichkeit,
Zeigte er mir alle seine Macht und Pracht.
Er selber zeigte sich
Und seine innige Liebe,
Die er schon vor langer Zeit
Mir zugedacht hatte.

O geliebte Seele,
Es muss dir ernst sein mit der Weisheit,
Suche ohne Unterlass die Weisheit,
Die Liebe
Eines Kusses
Der göttlichen SOPHIA –
Im Namen Jesu –
Diese Liebe empfängst du wohl,
Denn die göttliche Sophia
Steht vor deiner Tür
Und klingelt!

Oh, jetzt tritt sie ein,


Sie, die Göttliche Jungfrau Sophia,
Sie kommt zur Seele
Und küsst den Menschen
Mit ihrer honigsüßen Liebe
In dem innersten Wesen innerlich
Und drückt dem Menschen
Ihre Liebe ein,
Zum Triumph in die Begierde des Menschen!

Die göttliche Jungfrau Sophia spricht:


O mein geliebter Bräutigam!
Bleib doch mit deinem Antlitz
Vor mir stehen
Und gib mir alle deine Feuerflammen
Und zünde mich an,
So will ich aus meiner zärtlichen Sanftmut
Deine glühenden Feuerflammen
In reine Weißglut wandeln,
Ich will meine Liebe
Durch deine glühende Weißglut
In deine liebeslodernde Flammenseele
Einführen
Und dich ewig – ewig küssen!

APHRODITE URANIA

ERSTER GESANG

Celina ist tot,


Tot ist Celina!

Was sagt dazu der Philosoph?


Hilft dir deine Philosophie?
Hat sie Bestand
Im Angesicht des Todes?

Erfährst du den Trost der Philosophie


Im Angesicht des Todes
Der Frau, die dich liebte,
Die dir ihre Kinder schenkte?

Bist du überzeugt
Von ihrer Unsterblichkeit?

Nichts nützt dir


Der dialektische Materialismus!
Nichts nützt dir
Die Lehre vom Übermenschen!
Nichts nützt dir
Die Lehre vom absoluten Nichts!
Nichts nützt dir
Die Lehre der Harmonie von Mensch und Natur!

Soll denn ihre Seele zerflattern


Wie ein ätherischer Schmetterling
Im Vakuum der Weltseele?

Ach, geh hinaus in den Garten Gottes,


Schau dir die Tulpen an,
Sie sind schöner gekleidet
Als Salomo in all seiner Herrlichkeit!

Verkündet dir nicht die Schönheit


Des Gartens im Frühling
Die Schönheit des schöpferischen Geistes,
Eine schöpferische Schönheit?

Schau dir die Tulpen an


Und bete an den Schöpfer der Tulpen,
Schau dir die lachende Sonne an
Und bete an den Schöpfer der Sonne!

Brüder, liebe Schwestern,


Über diesen Myriaden Sternen
Des nächtlichen Firmamentes
Muß ein liebender Vater wohnen!

Aber warum wollen die Welteroberer


Die ganze Welt erobern?
Warum führen die Herrschenden
Kriege gegeneinander?
Warum schänden die Perversen
Kleine Kinderseelen?
Warum morden die Mütter
Ihre eignen Leibesfrüchte?

Woher kommt das moralisch Böse?


Ist der Mensch denn böse geboren,
Daß schon der kleine Säugling gierig
Der Mutter in den Busen beißt?

Und was ist meine Seele?


Hab ich zwei Seelen, ach, in meiner Brust?
Und du, Freundin, hast du
Sieben Seelen in deinem Busen?
Ist meine Seele weiblich
Und mein Selbst ist männlich?
Sind alle Menschenseelen
Vor Gott weiblich?
Oder ist die Seele der Frau
Im Unbewussten ein Jüngling?
Wann kam die Seele
In den Leib im Mutterschoß?
Was ist der Ursprung der Seele?
Ist die Seele gefangen
Im Kerker des Todesleibes?
Was soll ich jenen sagen,
Die glauben an die Seelenwanderung?

Ach, was weiß der Mensch?


Wie groß ist das Universum?
Wie ist es entstanden?
Wie wurde der Mensch geschaffen?
Was ist die Zukunft
Der Menschheit auf Erden?
Was ist die Zukunft
Des ganzen Universums?
Wie viele Universen gibt es?

Was weiß der Mensch von Gott?


So viele Religionen!
So viele Philosophien!
So viele mystische Lehren!

Alle Erkenntnis
Des Menschen auf Erden
Ist Stückwerk!

Was nützte euch


Die Lehre der Eudämonie?

Ihr habt auf allen Wiesen


Getanzt den Bauchtanz,
Habt alle Rosen gepflückt
Und Blumenkränze gewunden,
Ihr habt edle Weine getrunken
Und leckere Speisen gegessen.

Ihr habt verachtet den Frommen,


Verhöhnt und verspottet den Frommen.
Er sah euch nämlich an
Wie falsche Münzen,
Darum hasstet ihr ihn.

Ihr grüntet wie Lorbeerbüsche,


Man krönte euch
Mit Lorbeerkränzen.

Zuletzt verbrannte man


Euren toten Körper zu Asche.

Und ihr Wissenschaftler?


Was denkt ihr Stolzen?
Am Anfang war der Tod,
Der tote Stoff,
Der sich entwickelte
Durch den Zufallsgott, den Erfinder?

Irgendwo am Rande
Der vielen Universen
Brachte der Zufallsgott hervor
Einen denkenden Menschenaffen?

Ach, sprach die Erde zur Venus,


Ich bin sehr krank!
Was hast du, Erde, sprach die Venus.
Ich, sprach die Erde,
Ich habe Homo sapiens!
Da sprach die Venus zur Erde:
Sei getrost, das geht vorüber.

Solche gottlosen Witze


Erzählt ihr wissenschaftlichen Sünder,
Und mit dem zynischen Spaß
Bemäntelt ihr
Die Sinnlosigkeit eurer Lehre.

Alles ist sinnlos,


Sinnlosigkeit der Sinnlosigkeiten!
Alles ist Wahn,
Wahn der Wahnsinnigen!

Wie sollten wir ohne Hoffnung


Die Stürme des Schicksals bestehen?

Also grüße ich das Mädchen Hoffnung:


Salve, Spes unica!

Was steht uns doch alles entgegen:


Die gefährliche Macht der Triebe
Und die blinde Gewalt des Schicksals.

Ihr Triebe seid Raubtiere!


Ein gieriger Wolf
Ist die Gier nach Geld.
Wer das Geld liebt,
Wird des Geldes nimmer satt.
Die Liebe zum Gelde
Ist die Wurzel allen Übels.
Ein brüllender Löwe
Ist die Gier nach Macht.
Die Herrschenden unterdrücken
Die Völker, wie ihr wisst.
Der Herr aber stürzt die Mächtigen
Von ihren stolzen Thronen.
Ein schwarzer Panther ist
Die Gier der Geschlechtslust.
Die Unzüchtigen
Und die Hunde
Werden den Himmel nicht erben.

Wenn dich Stürme des Schicksals


Erschüttern, dass du zugrunde gehst,
Wenn das widrige Schicksal
Wie ein schäumendes Meer
Aufschäumt am Felsen,
Wenn das Schiff deiner Seele
Umhergeschleudert wird
Im Meer deiner Leidenschaften,
Wenn deine aufgewühlten Triebe
Dir die Seelenruhe rauben,
Wenn das Schiff deines Lebens
Auf dem Meer der Leidenschaften
Schiffbruch erleidet,
Rufe: Ave, Spes unica!

Eine heilige Stimme aber


Ist in deinem Urgewissen
Und gebietet dir kategorisch:
Sei gut
Und suche die Wahrheit!

Das Urgewissen,
Das prinzipielle Gewissen
Traut dir zu, dass du
Sein Gebot erfüllen kannst,
Das redet mit göttlicher Stimme:
Mensch, sei gut
Und suche die Wahrheit!

ZWEITER GESANG

Die Menschen fliehen vorüber,


Wo sind sie hin, die Gewesenen?

Dahingegangen meine Großmutter


Und fort ihre himmlischen Augen.
Dahingegangen meine Mutterschwester
Und fort ihr schneeweißes Haar.
Dahingegangen mein Vater
Und fort seine sichere Kraft.
Dahingegangen meine Jugendgeliebte
Und fort ihr herrlicher Busen.

Wo sind sie hin, die Toten?


Wo ist Vater Goethe, dass ich mit ihm rede,
Wo sind Puschkin und Byron hin,
Wo wandelt jetzt Hölderlins Schatte?

Was ist Ewigkeit?


Nicht eine Myriaden Jahre,
Sondern ein ewiges Nun,
Und doch nicht erstarrtes Sein,
Sondern Fülle des Lebens.

Und nun wende ich mich


Zur Ewigen Weisheit,
Die unerschöpflich ist,
Mit strebenden Mühen
Studiere ich die Weisheit des Ostens,
Die Weisheit der Ägypter,
Die Weisheit der Griechen,
Vor allem den geliebten Platon,
Ich studiere die Weisheit der Juden,
Moses und David und die Propheten
Und die mystische Kabbala,
Ich studiere die Weisheit der Kirchenväter,
Vor allem den großen Augustinus,
Ich studiere die deutsche Mystik
Und die spanische Mystik,
Teresa von Jesus, Johannes vom Kreuz,
Ich studiere die Weisheit
Der deutschen Geniezeit, Goethe,
Und studiere die Weisheit der Päpste,
Vor allem Sankt Johannes Paulus den Großen,
Unendliche Forschungen
Über die grenzenlose Weisheit Gottes.

Und ihr Geister des Himmels,


Ihr glückseligen Toten,
Selige ihr und Heilige ihr
Und alle Chöre der Engel,
Auch euch ist ewig unergründlich
Die Ewige Weisheit.

Die Seele ist von Natur


Religiös und sucht
Den Grund allen Seins,
Das höchste und letzte Ziel.

Alle Menschenseelen
Sind geschaffen
Im Bild und Gleichnis Christi,
Darum ist jede Seele
Von Natur christlich,
Und die Weisheit der Seele
Ist der göttliche und katholische
Glaube an Gott.
Der Gott der Philosophen
Ist der Urgrund des Seins,
Selbst überseiendes Sein,
Erstursache allen Daseins,
Unbewegter Erstbeweger
Aller Bewegungen dieses Lebens.
Dieser Urgrund allen Seins
Ist im Innern alles Seienden
Als die bewegende Kraft,
Und dieses ewige Ursein
Ist das letzte und höchste Ziel
Aller geschaffenen Wesen.
Diese Lehre entwickelte
Aristoteles, der Weise,
Der den jungen Alexander erzog
Und mit Phryne spielte,
Sie durfte auf seinem Rücken reiten.

Im Bewusstsein der Seele,


Im Wissen der Vernunft
Ist das Bewusstsein des Sollens,
Eines absoluten Anspruchs,
Gut zu sein, wahrhaftig zu sein.

Der Mensch empfindet


In seiner wissenden Seele
Den Anruf, gut zu sein.

Und darum leidet die Seele


An der irdischen Gerechtigkeit,
Weil die Seele findet auf Erden
An Stätten der Gerechtigkeit Unrecht
Und Geldgier bei den Advokaten.
Siehe, die Ungerechten werden reich,
Die Gottesleugner werden berühmt.
Der Gerechte aber ist einsam,
Der Gerechte wird verachtet.

Die irdische Gerechtigkeit nämlich ist


Himmelschreiende Ungerechtigkeit!

Nun schweifen meine Gedanken


Zu den wilden Menschen der Vorzeit.
Auch sie schon waren religiös.
Auch ihre Geliebten starben.
Sie träumten auch gespenstisch
Von den toten Geliebten
Und glaubten darum
An ein Leben nach dem Tod.

Da war eine Geliebte gestorben,


Man ließ ein Bild von ihr malen,
Schöner, als sie war auf Erden,
Und betete vor dem Bild
Und nannte sie eine Göttin.

Da war ein liebender Vater gestorben,


Man verehrte ihn nach dem Tode
Als einen hilfreichen Geist,
Ja, wie einen Vatergott.

Die Klagen sind unendlich


Der leidenden Gerechten.
Die Gottlosen werden reich,
Die Heiligen leben in Armut.
Die Gottesleugner regieren,
Die Frommen werden verfolgt.

Die Kinder im Mutterschoß


Werden umgebracht.
Wo bleibt da auf Erden
Gerechtigkeit für diese Kinder?

Das ganze Leben wäre ungerecht,


Wenn es nicht bei Gott
Vergeltung gäbe,
Gerechtigkeit bei Gott
In Ewigkeit.

Ich gestehe euch, Brüder,


Daß man nach meinem Geschmack
Zu übel redet
Von der Gerechtigkeit Gottes.

Der gerechte Richter


Wird alle aufrichten,
Die auf Erden
Um Gottes und des Guten willen
Ungerechtigkeit litten,
Ungerechtigkeit von Richtern,
Ungerechtigkeit von Advokaten,
Ungerechtigkeit von Präsidenten,
Ob sie auch noch so blumig reden.

Gott schafft
Ewige Gerechtigkeit!

Ich höre viel von Ägypten reden


Und von den Mysterien der Ägypter.
Sie suchten auch das ewige Leben.
Sie ahnten die Unsterblichkeit der Seele
Und träumten eine leibliche Auferstehung.
Darum salbten sie die Pharaonen
Zu Mumien für die Auferstehung.
Sie ahnten auch ein Totengericht.
Ihr gestorbener Gott,
Der auferstanden war im Jenseits,
Sei der Richter aller Toten
Und wäge die Seele
Auf der Waage der Gerechtigkeit.

Ja, Gerechtigkeit!
Kein Friede ohne Gerechtigkeit!
Keine Liebe ohne Gerechtigkeit!
Heilig ist die Gerechtigkeit Gottes,
Heilig, heilig die ewige Gerechtigkeit!

Aber auch die Schönheit ist heilig!


Schau dir die Schönheit an
Der Natur im Frühling,
Wie alles kündet Auferstehung
Und ewiges Leben
Und den Triumph der Liebe
Und den jubelnden Hymnus des Lichts!

Schau dir die Liebe an


Der Turteltaube zum Täuberich,
Der Schmetterlingspaare
Und der Biene zur Rose!

O welche Mutterliebe
In der Brust des Rotkehlchenweibchens!
O welche Vaterliebe
In dem Herzen des Rotkehlchenmännchens!

Und schau dir an den Mond,


Nicht um ihm einen Handkuß zuzuwerfen,
Und staune über Orion und Großen Bären
Und schaue am südlichen Kap der Hoffnung
Den Sternennebel der Carina,
Die Himmel erzählen
Die Herrlichkeit Gottes,
Bis am Morgen die Venus tanzt
Nach meiner Schwanenlyra!
Das alles hat ein Gott geschaffen!
Angesichts der Milchstraßen
Sprach Aristoteles
Von der Evidenz Gottes!

DRITTER GESANG

Menschen habe ich kennen gelernt,


Die zweifelten, ob es sinnvoll sei,
Nach dem Sinn des Lebens zu fragen.
Doch wenn der Mensch denkt,
Es sei alles sinnlos,
So kann er nur verzweifeln.

Was ist aber der Sinn des Lebens?


Was ist der Sinn, dass ich ich bin?
Was ist der Sinn, dass ich bin
Und nicht nicht bin?
Was ist der Sinn, dass es die Welt gibt,
Und nicht überhaupt nichts ist?

Der Sinn des Daseins einer Person


Ist so mysteriös
Wie die Person Mysterium ist,
Das ans Mysterium Gottes grenzt.

Streben nicht alle nach dem Glück?


Selbst wenn ein Mann sterben will,
So nur, um glücklich zu sein.
Alle Revolutionen erstrebten
Das Glück der Menschheit.
Alle Liebe sucht das Glück.
Und Nietzsche hatte recht mit dem Satz:
Alle Lust will Ewigkeit,
Will tiefe, tiefe Ewigkeit!

Die Wahrheit ist erstrebenswert!


Vielleicht gibt es Menschen,
Die gern andre betrügen,
Aber keiner will gern betrogen sein.

Was aber ist Wahrheit?


Fragte Pontius Pilatus den Messias.

Ist die Wahrheit verschleiert,


Siebenfach verschleiert,
Wie die Statue der Isis von Sais?
Wer hob denn den Schleier der Wahrheit
Und was sah er dann?

Es ist aber widersinnig,


Zu reden von verschiedenen Wahrheiten,
Die in sich widersprüchlich sind.

Die Wahrheit kann nur eine sein


Und ist in sich unwidersprüchlich.
Die Wahrheit muß die eine
Absolute Wahrheit sein.

Mich befriedigte nicht


Die körperliche Liebe,
Die du mir schenktest, Geliebte.

Was soll mir die Natur?


Die Bäume trösten mich nicht!

Und es gibt auch keinen Weinkelch,


Der so groß ist wie mein Durst!

Und das Feuer meiner Liebe


Löscht nicht der Stille Ozean!

Was befriedigt den Menschen,


Der alles will?
Selbst alles befriedigt ihn nicht,
Er will mehr als alles!

Tausend Nächte mit der schönsten Huri


Sind mir nicht genug,
Ich will tausendundeine Nacht
Mit zweiundsiebzig Huris.

Alles will ich und noch mehr!


Die Quelle der Weisheit
Soll mich ganz durchtränken!

Alles will ich und will noch mehr als alles


Und keine Liebe genügt
Als die absolute, grenzenlose
Liebe Gottes!

Die Vollendung des Menschen


Wird auf Erden nicht erreicht.
Noch auf dem Sterbebette
Lügt der Sterbende die Krankenschwester an.

Die Vollendung des Menschen


Und seine Purgierung zu reinem Gold
Reicht in die Ewigkeit.

Humanisten sind wir, Freundin,


Aber transzendentale Humanisten,
Denn der Mensch vollendet sich
In der göttlichen Transzendenz.

Ich will ein wahrer Mensch sein!


Ich will ein heiliger Mensch sein!
Ich will mehr als ein Übermensch sein,
Ich will ein Menschengott sein
Durch die Gnade des Gottmenschen!

Unsere Toten sind nicht tot,


Sie sind wie gute Geister um uns.
Wenn ich in der finstern Nacht
Der tiefsten Depression
Im schneidenden Frost
Am Styx spazieren gehen muß,
Wo es von Ratten wimmelt,
Dann höre ich hinter mir
Am Hirtenstabe gehen
Papa Johannes Paulus den Großen.

Und wenn ich bade


Und werfe mich in die Wellenbrecher,
Dan steht vor mir
Wie aufgetaucht aus der Gischt
Celina in ihrer vollkommenen Form!

Und wenn ich mich beschenken will,


Vom letzten Groschen
Noch ein gutes Buch erwerben,
Geleitet mich mein toter Vater
Und legt mit Platons Staat in die Hände.

Und meine Großengelin-Großmutter


Predigt mir in der Tele-Vision,
Daß Gott mich liebt wie eine Mutter!

Ach, das irdische Glück!


Das suchte ich in meiner Jugend.
Doch das Leben bescherte
Mehr Enttäuschung und Verlust
Und schließlich Leiden,
Leiden der Liebe,
Leiden der Depression,
Unerträgliche Seelenschmerzen!

Ach, das irdische Glück!


Und wenn du auch sammelst
Tausend Glücksgüter
Und sie im Tode alle verlierst,
So ist es wie nicht gewonnen.

Das irdische Glück


Ist nicht der Stern meines Lebens,
Eher schon Leiden mit Christus.

Und doch ist der Mensch erschaffen


Und berufen zum Glück,
Zum ewigen Glück!

Eternal happiness!

Die ewige Seligkeit der Seele,


Die Glückseligkeit von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Das ist meine Lehre
Von der transzendentalen Eudämonie!
Wir nennen es gerne
Wonnen des Paradieses!

Délice éternelle!

So strebe ich also nach Weisheit.

O Fülle der Fragen!


O Schwere der Rätsel!

Da hör ich den Dialogen zu


Von Pythagoras und Empedokles,
Den Streitgesprächen
Von Parmenides und Heraklit,
Hör Demokrit und Epikur
Und Sokrates
Und seinen Jünger Platon
Und seinen Jünger Aristoteles
Und zuletzt noch Epiktet.

Wer weise werden will,


Der leben einsam und still.

In meiner Eremitenklause
Mitten in der Welt,
Ach, von allen verlassen,
Ach, von allen vergessen,
Leb ich nur mit den Toten,
Die treu sind in ihrer Liebe.

Aber es gibt so eine Gnadenstunde,


Da bin ich einsam
In meiner Eremitenzelle,
Da ist es dunkel
Und plötzlich erscheint
In Gestalt der Hostia Immaculata
Die göttliche Sophia mir!

Sophia tränkt mich


Mit der Quelle der Weisheit,
Ich küsse Sophia,
Ich umarme sie
Und vereinige mich ganz mit ihr!

Und Sophia spricht:


Nach dem Purgatorium
Wird Celina leben
In den Wonnen des Paradieses,
Im ewigen Sommer des Himmels
Am Ozean der Schönen Liebe,
Erleuchtet von der Sonne Christi.

Celina ist heute schon


Sehr jung und sehr schön!
Sie feiert heute schon Ostern mit dir!

Du wirst sie wiedersehen,


Celina wiedersehen
Im ewigen Sommer des Paradieses
Am Ozean der Schönen Liebe!

VIERTER GESANG

Wir sind nicht geschaffen für die Erde,


Nicht für die flüchtigen irdischen Freuden,
Nicht für die Seifenblasen des Glücks,
Nicht für den Schaum der Lust,
Nicht für die Tränen der Sehnsucht,
Nicht für die Schmerzen des Verschmähten,
Nicht für die Qualen der Depression,
Nicht für den Krebs der Kranken,
Nicht für den Staub des Grabes,
Wir sind nicht für den Tod geschaffen!

Wir sind nicht geschaffen für das Nichts,


Unser Ziel ist nicht die Vernichtung,
Nicht das Verlöschen im Nichts,
Nicht die Auflösung der Person in die Leere,
Wir sind nicht geschaffen für den ewigen Tod!

Wir sind geschaffen für die Ewigkeit.

Was aber,
Wenn der Weg zur Ewigkeit
Der Weg ist, der durch den Tod führt?
Was aber, wenn der Weg zu den Freuden des Paradieses
Der Weg ist, der über das Kreuz geht?
Was aber, wenn der Weg zur Gemeinschaft mit Gott
Durch die Nacht der Einsamkeit führt?

O Nacht der Einsamkeit!


Gott will, ich soll dich lieben!

In meiner Jugend sang ich:


Todschöne Einsamkeit,
Wann sehen wir uns wieder?

Celina, du warst auch in der Nacht,


In der Nacht der Einsamkeit,
In der Nacht der Todesangst!
Und das war dein Durchbruch
Zum gekreuzigten Christus!

Und Christus war dein Durchbruch


Zur schönen Ewigkeit!

Von Ewigkeit zu Ewigkeit,


Von Herrlichkeit zu Herrlichkeit
Wirst du nun verklärt
Zum Abglanz Gottes!

Denn in der Ewigkeit sollst du


Göttin sein im dreifaltigen Gott!

Gloria Patria et Filia


Et Spirita Sancta!

Das Leid, das will mir keiner glauben,


Das Leid, das vertieft den Glauben.

Euer Vielwissen, Bücherwissen,


Das ist Torheit vor Gott.
Doch in der Nacht des Kreuzes
Wird göttliche Weisheit eingegossen.

Wer nicht mit der göttlichen Weisheit


Zusammen gekreuzigt worden,
Dessen Weltweisheit und Vielwisserei
Ist Torheit vor Gott.

Der Weg zur göttlichen Weisheit


Ist ein Weg durch die dunkle Nacht.

Überlasse es Gott,
Dich in deine eigne Nacht zu führen,
Ob es die Nacht der Seele ist,
Die Nacht des Nichts,
Die Nacht des Durstes,
Die Nacht der Einsamkeit.

Vertraue dich dem Meeresstern an,


Wenn du in dunkler Nacht
Sollst wandeln auf dem Meer!

Und vergiß die Schönheit nicht!

Vergiß nicht das junge Mädchen


Im luftigen weißen Kleid!
Vergiß nicht das zutrauliche Schaf
Mit Augen wie Edelsteine!
Vergiß nicht die schwarze Stute
Mit dem Namen einer indischen Göttin!
Vergiß nicht die Zwergturteltauben
In den Wipfeln der geselligen Kastanien!
Vergiß nicht den Fruchtsaft,
Vergiß nicht den Wein!

Und bedenke, was der Dichter sagt!


Alle andern sterblichen Menschen
Plagen sich mit alltäglichen Sorgen,
Aber uns Poeten
Gab der allmächtige Vater
Seine erstgeborene Tochter,
Sein Schoßkind, seinen Liebling!
Erwähle sie zu deiner Göttin!
Und lass ihr allein die Ehre
Der Herrin in deinem Haus!

Zwei schöne Gnaden


Schickte Gott vom Himmel,
Die eine Gnade ist die Liebe,
Die andre Gnade ist die Freundschaft.

Ach, das war schön,


Als die Liebe
Sich zu mir gesellte!

Wie schön ist das Leben


Im Licht der Liebe,
Unter den Flügeln der Liebe!

Wenn die Liebe dir lächelt,


Wenn die Liebe dich küsst,
Wenn die Liebe sich dir hingibt,
Hast du eine Ahnung vom Göttlichen!

Selbst der verstockteste Atheist


Bekommt eine Ahnung vom Göttlichen,
Wenn ihn die Liebe umarmt
Mit ihren ausgebreiteten Flügeln!

Das Feuer dieser Liebe


Ist wie eine Napalm-Bombe,
Selbst der Stille Ozean
Kann das Feuer der Liebe nicht löschen!

Und diese Liebe ist ein Geschenk Gottes


Und diese Liebe ist stärker als der Tod
Und noch nach dem Tod
Wird die schöne Liebe dich lieben!

Ach, es war schön,


In dem Segen zu leben
Der Gnade der Freundschaft!

Treue Kameradschaft,
Die dich nicht allein lässt,
Die dir bedeutet, wie wertvoll du bist,
Wie wichtig du einem Menschen bist,
Die dich am Rand des Grabes nicht verlässt,
Ist ein Segen und eine Gnade!

Freundschaft ist eine lächelnde Gnade,


Die Seite an Seite
Mit dir spaziert durch alle Nöte
Bis in das weiße Licht des Himmels!

Freundschaft ist eine milde Gabe,


Die deinen Leidenschaften
Seelenruhe schenkt.

Freundschaft lässt dich schmecken


Die Süßigkeit der Freundschaft Gottes!
Jesus nennt dich nicht mehr Knecht,
Jesus nennt dich Freund.

Auch die dunklen Nächte


Sind eine besondere Gnade.

Die Atheisten wissen das nicht,


Die östlichen Theosophen nicht,
Die gnostischen Irrlehrer nicht,
Die Protestanten wissen das nicht.

Willst du diese Gnade begreifen?


Sie ist nicht zu begreifen!
Es wird immer ein Geheimnis bleiben,
Wie die bräutliche Seele
Vermählt ist dem gekreuzigten Bräutigam!

Aber lass dich belehren


Von Juan de la Cruz,
Wenn die Nacht der Sinne über dich kommt,
Die Nacht der Seele, die Nacht des Geistes,
Die Nacht des Glaubens, die Nacht des Nichts,
Die Nacht des Durstes
Und die Nacht der totalen Menscheneinsamkeit!
Dann wirst du vermählt
Im Dornenbett des Kreuzes
Mit der Ewigen Weisheit,
Die dich mitten in der Nacht
Durchtränkt mir ihrer Quelle.

Was ist der Körper, was der Leib,


Und was ist die Seele?
Ist die Seele im Leib
Oder ist der Leib in der Seele?

Hast du ein Geschwür im Kopf,


Ist dann die ganze Seele
Leidend in dem Geschwür in deinem Kopf?

Und wenn die Seele


Sich löst vom Leib,
Hinaus gesogen wird
In der Stunde des Todes
Und hinanschwebt,
Dem Licht entgegen,
In der Stunde der Prüfung
Ihres geistigen Gewissens,

Der Leib wird dann gebettet


Im Schoß der feuchten Mutter Erde
Und Vergissmeinnicht
Und Himmelsschlüssel blühen auf deinem Grab,

Die Seele aber,


Die in der Stunde ihres Todes
Berührt ward von der Gnade
Und Barmherzigkeit Jesu,
Geht ihrer Vergottung entgegen.

FÜNFTER GESANG

Die menschliche Seele


Ist ein Schlachtfeld,
Da findet ein Kampf statt,
Ein dramatischer Kampf
Zwischen den Mächten des Bösen
Und der Macht des Guten.

Die Mächte des Bösen


Bieten deinem Körper an
Die wildeste Erotik,
Bieten deiner Seele an
Den Trost von König Alkohol
Und das Paradies der Droge,
Und bieten deinem Geist an
Die falschen Götter der Welt
Und die Dämonen der Elemente.

Und dagegen kämpfen


Die Gnade der Reinheit,
Die Askese und Buße,
Die Reue und das Gebet.
Im Leibe des Menschen
Erwachen Begierden
Der Augenlust und Fleischeslust,
In der Seele des Menschen
Erwacht die falsche Lehre
Des Hedonismus,
Im Geist des Menschen
Erwachen die Dämonen
Der Irrlehre der Gnosis
Oder gar die Anbetung Satans.

Dagegen reinigt sich der Leib


Durch das Fasten,
Die Seele reinigt sich
Durch das immerwährende Gebet
Und der Geist des Menschen reinigt sich
Durch das Hören auf das Wort Gottes
In der Heiligen Schrift und der Kirche.

Es gibt Menschen, die leiden


An einer kranken Psyche,
An großer Einsamkeit
Und der Ablehnung durch die Nächsten.
Diese kämpfen den guten Kampf des Glaubens,
Wenn sie ihre täglichen Kreuze
Zum Opfer bringen auf dem Altar
Der göttlichen Barmherzigkeit.

Im Staate zuständig
Sind die Arbeiter und die Bauern
Und die Kaufleute
Für die Bedürfnisse
Des Körpers, Essen und Trinken,
Ein Haus und Kleidung.

Für den Starkmut des Herzens


Sind die Krieger zuständig,
Die mit Heldenmut wachen
Über die Sicherheit der Seelen.

Für die Bedürfnisse des Geistes


Sorgen die Dichter,
Solange sie nicht Altweiberfabeln folgen,
Vor allem aber
Die Philosophen, die Wahrheit lehren.

Die leiblichen Stände


Sollen regiert werden
Von den Rittern und Helden,
Und die kämpferischen Stände
Sollen regiert werden
Von den Weisen
Oder dem einen Philosophen
An der Spitze des Staates.

Der Leib hat Triebe,


Er will essen und trinken
Und sich geschlechtlich fortpflanzen,
Diese Begierden des Leibes
Sollen im Menschen
Regiert werden von der Seele,
Von dem Liebesvermögen
Und der Kraft der Selbstbeherrschung,
Aber die Kräfte der Seele
Sollen regiert werden im Menschen
Vom Geist, der Gott erkennt
Durch die Lehre der Weisheit.

So ist der gerechte Staat,


So ist der gerechte Mensch.

Der Geist der Weisheit regiere


Das Herz voll Heldenmut,
Und die Kräfte des Herzens
Mit seinem Liebesvermögen
Regieren den Leib
Mit allen seinen Trieben.

Da ich dieses schreibe,


Wird selig gesprochen
Papa Johannes Paulus der Große.

In mancher Nacht kommt er


Zu mir in meinen Träumen.

Um Mitternacht höre ich


Seine Stimme im Radio
Beten den Rosenkranz
Und die Litanei von Loretto
Und das Salve Regina.

Sein Motto war:


Totus tuus ego sum!
Ich bin ganz dein, Maria!
Dies ist auch mein Motto.

Sobald ich mein Haus verlasse,


Sage ich zur Pieta von Michelangelo:
Totus tuus!

Ich las seine Gedichte


Und ich las seine Dramen
Und ich schaute die Filme
Über sein Leben
Und musste weinen
Vor süßer Rührung.

Als er gestorben war,


Sah ich in der Television
Die Bilder seines Lebens
Und sah sein liebes Antlitz
Als eine Ikone des Vaters.

Und mir war, als sagte Maria:


Geh und wähle den Papst
Johannes Paulus den Großen
Dir zum Papa
Und zum Beschützer!

Ich schrieb ihm einmal einen Brief


Mit einer Namen-Marien-Litanei
Und er wünschte mir
Gottes treuen Schutz
Und die Freude des Heiligen Geistes.

Viva il Pappa!
Riefen die Römer vor dem Vatikan,
Und ich nahm den Seligen an
Als meinen Papa im Himmel.

Den wahren Menschen will ich singen,


Nicht den frevelnden Übermenschen,
Der den Bund mit Gott gebrochen,
Sondern den wahren Menschen,
Der ganz mit Gott vereinigt war,
Den Gottmenschen will ich singen.

Was heißt es, wahrhaft menschlich zu sein?


Schaue dir das Leben an
Des Jesus von Nazareth,
So soll der Mensch sein,
Denn Jesus ist wahrer Mensch
Und wahrer Gott.

Die mit ihm lebten,


Petrus und die Söhne des Zebedäus,
Magdalena und Susanna
Und die selige Jungfrau bezeugen:

Der gekreuzigt worden, gestorben ist,


Der ist auch auferstanden von dem Tode!

Christus Jesus hat sich sehen lassen


Vor den Augenzeugen
Seiner Auferstehung.
Er ist der Erstgeborne aus den Toten,
Darum auch unsre Toten
Werden alle auferstehen,
Die Bösen zum Gericht,
Die Menschen guten Willens aber
Auferstehen zum ewigen Leben
In den Freuden des Paradieses!

Hier ist mehr als Sokrates,


Mehr als bloße Unsterblichkeit der Seele,
Hier ist die Auferstehung des Fleisches.

Hier ist mehr als ein Philosoph,


Hier ist die göttliche Weisheit selbst!
Hier ist mehr als Salomo,
Hier ist die Hagia Sophia selber!

Und du, geliebte Celina,


Hast in deiner Todesstunde
Gesprochen vor der Hostia Immaculata:
Ich möchte die Kommunion!

Christus ist auferstanden,


Er ist wahrhaft auferstanden!
Darum wirst auch du,
Celina, auferstehen!
Darum werde auch ich,
Geliebte, auferstehen!

DIE JUDEN

PROLOG

Mein Großvater mütterlicherseits


War nicht nur ein Trinker,
Sondern auch Bürgermeister
Der Insel Baltrum
Unter den Nationalsozialisten.
Nun ist er tot
Und Gott weiß, wo er ist.
Vielleicht hat er heute noch Durst
Und fährt in mich wie ein Dämon,
In mir noch viel zu trinken.
Ich muß Buße für ihn tun.
Meine liebe Oma
Hasste den Krieg und die Nazis.
Mich aber nannte sie
In meiner Kindheit
Zerstreuten Professor
Und lamentierenden Juden.

Ich muß also von den Juden singen.


Aber ich schreibe
Nicht als Historiker,
Nicht als Theologe,
Sondern als Dichter.
Nur Narr, nur Dichter!
Sagte Friedrich Nietzsche,
Der die semitische Religion
Verachtete und die arische
Herrenrasse des Übermenschen
Pries und den Antichristen.

Wer aber in Christus ist,


Jesus, dem Messias,
Wer das Blut trinkt des Messias,
Ist Blutsbruder des Messias.
Das Heil kommt aber von den Juden,
Denn der Menschheit nach
War der Messias Jesus ein Jude.
Wer also Blutsbruder Jesu ist,
Der ist ein Jude geworden.

Darum will ich singen das Volk,


Dem Jesus entstammte,
Das jüdische Volk,
Dem Maria entstammte,
Denn schon von Kindheit an
Liebe ich das Lied:

Freue dich, Tochter Zion!


Jauchze laut, o Jungfrau Jerusalem!

ERSTER GESANG
ABRAHAM

Abraham hörte den Ruf Gottes:


Ich bin dein Gott!
Durch deinen Samen
Sollen alle Völker gesegnet werden!
Ziehe fort von deinem Vaterhaus
Und fort von deiner Heimat
Und ziehe in jenes Land,
Das ich dir zeigen werde.
Du sollst nicht mehr Abram heißen,
Sondern Abraham sollst du heißen,
Denn du sollst Vater des Glaubens sein
Und Vater vieler Völker.
Ich werde deine Kinder so zahlreich machen
Wie die Sterne am Himmel
Und den Sand am Meeresstrand.

Abrahams Vater aber


Glaubte an die silbernen und goldenen Götzen.
Abraham musste fortgehen
Von seinem Vater
Und seiner ganzen Verwandtschaft.

Er wusste, dass Gott


Ihm einen Samen schenken werde,
In dem alle Völker gesegnet werden sollen.
Aber als er ungeduldig wurde,
Weil der Same nicht kam,
Da nahm er die Ägypterin
Hagar in sein Zelt
Und schlief mit ihr
Und zeugte einen Sohn,
Ismael, den Vater der Ismaeliten.

Aber Abrahams Hauptfrau


War Sarai,
Die fortan Sarah heißen sollte,
Sarah bedeutet Fürstin.
Die Fürstin sprach zu Abraham:
Schick die Ägypterin fort!
Abraham wollte Ismael nicht verlieren
Und schrie zu Gott. Und Gott sprach:
Abraham, tu, was Sarah dir sagt!

Als Abraham hundert Jahre zählte


Und es Sarah nicht mehr ging
Nach der Frauen Weise,
Gebar Sarah dem Abraham einen Sohn,
Isaak, das Lachen Gottes!

Und Abraham liebte sehr


Den kleinen Isaak,
Das Lachen Gottes!

Aber da sprach Gott zu Abraham:


Opfere mir deinen geliebten Sohn Isaak!
Und Abraham ging,
Gott ein Opfer zu bringen.
Isaak ging an Abrahams Hand
Und sagte: Lieber Papa,
Du willst Gott ein Opfer bringen,
Aber wo ist die Opfergabe?
Und Abraham sagte: Lieber Sohn,
Gott selber wird für die Opfergabe sorgen!
Und Abraham stieg hinauf
Den heiligen Berg Morijah
Und legte den Sohn auf den Altar
Und band ihn an den Altar
Und hob sein Messer –
Isaak aufzuopfern vor Gott –
Gott! Isaaks Schrecken!

Da sah Gott,
Daß Abraham seinem Worte glaubte,
Denn Gott hatte ihm den Samen verheißen,
Und wenn Gott den Samen jetzt forderte,
Wird Gott den Samen auferwecken,
Der Same Abrahams wird leben,
In dem gesegnet werden
Alle Völker der Erde.

Nun denke dir, mein Leser,


Du bist ein Mann, der seinen Knaben liebt,
Und Gott spricht zu dir:
Gib deinen Knaben auf!
Und Gott prüft dich so,
Ob du Gott in allem gehorchst,
Und du opferst deinen Knaben
Und dein brechendes Herz dazu
Und die Trauer des Knaben dazu.
Das alles legst du
Auf dem Berg Morijah
Auf den Ganzbrandopferaltar!

Wird Gott das Lamm erscheinen lassen,


Wird Gott selber den eigenen Sohn
Vom Herzen sich reißen
Und opfern den Sohn
Und mit dem Sohn sich selber?

Und wirst du, mein Leser,


Du Vater, der du deinen Liebling geopfert,
Eins werden mit Gottvater,
Der sein göttliches Kind geopfert?

Das ist der Gott,


Den wir voll Ehrfurcht anbeten,
Isaaks Schrecken!

ZWEITER GESANG
DIE KINDER ISRAEL
Jakob kam an den Brunnen
Und Rahel kam an den Brunnen
Und Jakob sah Rahel
Und Jakob küsste Rahel,
Herzte, liebkoste Rahel.

Jakob bat den Vater der Geliebten:


Gib mir Rahel zur Braut!
Da sprach der Vater der Geliebten:
Diene mir sieben Jahre
Und weide meine Schafe,
Weide meine Schafe
Und weide meine Lämmer!

Und Jakob diente sieben Jahre


Und verzehrte sich nach Rahel,
Verzehrte sich sieben Jahre nach Rahel!
Am Ende der sieben Jahre
Führte der Vater der Geliebten
Die Verschleierte
In Jakobs Zelt zur Hochzeitsnacht.

Nach der Hochzeitsnacht


Am frischen Morgen
Sah Jakob seine Braut an:
Es war nicht Rahel,
Es war Lea, die ältere Schwester.

Rahel hatte schöne leuchtende Augen,


Lea hatte matte Augen,
Aber Lea hatte große Brüste.

Der Vater der Geliebten sprach:


Jakob, mein Sohn,
Wenn du immer noch Rahel willst,
So diene mir wieder sieben Jahre!

Und nach den sieben schmerzlichen Jahren


Diente Jakob wieder sieben schmerzliche Jahre,
Verzehrte sich schmerzlich nach Rahel,
Verzehrte sich vierzehn Jahre!

Am Ende der vierzehn Jahre


Gab der Vater der Geliebten
Dem Jakob die Rahel.

Und Jakob liebte Rahel mehr


Als Lea, die ältere Schwester.

Aber Lea gebar


Dem Jakob
Zehn Söhne.
Schließlich gebar auch Rahel
Dem Jakob einen Sohn,
Den Liebling des Vaters: Josef.

Josef war ein Träumer,


Josef träumte prophetisch,
Josef las das Kommende
Aus seinem Becher.

Josef war der Liebling des Vaters,


Er trug einen bunten Rock.
Die andern Brüder waren neidisch
Auf den schönen Josef,
Denn Josef war der Liebling des Vaters.

Aber Rahel ward zum zweitenmal schwanger,


Es war nahe bei Bethlehem,
Da hatte sie schmerzliche Wehen
Und gebar ein Kind,
Das nannte sie:
Kind meiner Schmerzen!
Aber Jakob sah den Kleinen
Und nannte das Kind:
Du Kind meiner Freude!

Dieses Kind war Jakobs Wonne,


Aber Rahels Tod,
Denn sie starb bei der Geburt.

Jakob begrub sie bei Bethlehem


Und stellte einen Denkstein
Auf ihr blühendes Grab.

Aber Rahel ist nicht tot!


Sie schläft nur!
Rahel weint noch heute,
Rahel weint um ihre Kinder
Und kann sich nicht trösten,
Denn ihre Kinder sind
Hinweggeführt in die Verbannung!

Aber Gott spricht zu Rahel:


Weine nicht mehr
Um deine Kinder,
Denn es gibt eine Hoffnung für sie!
Es gibt eine Hoffnung für Josef!
Es gibt eine Hoffnung für Benoni!
Es gibt eine Hoffnung für Benjamin!

DRITTER GESANG
MOSES UND DIE TORAH

Moses stieg auf den Sinai


Und fastete vierzig Tage
Und war in der goldenen Wolke
Und schaute den Rücken des Herrn.

Mirjam und Aaron


Hatten Träume und Visionen,
Aber Mose sah den Herrn
Und Gott sprach mit Mose,
Wie ein Mann mit seinem Freunde spricht.

Und Mose sah, und siehe,


Im Anbeginn der Schöpfung,
Vor aller Zeit,
Bevor der Raum sich entfaltete,
War der rechte Arm des Herrn entblößt
Und auf dem rechten Arm des Herrn
Stand der Name des Messias:
Jahwe-ist-unsere-Hilfe!

Und Mose sah den Himmel offen


Und sah im Himmel eine Stadt,
Das war Jerusalem,
Die Stadt des Friedens.
Ihre Mauern waren von Jaspis,
Ihre Straßen aus goldenem Glas,
Ihre Tore aus Perlen,
Ihre Wohnungen aus Edelsteinen.

Und Mose sah den Himmel offen


Und sah im Himmel eine Buchrolle,
Das war die ewige Torah,
Sie begann mit dem Buchstaben A.

Und Gott der Herr plante,


Die Schöpfung zu schaffen,
Die unsichtbare und die sichtbare Welt,
Die Engel und die Menschen,
Mann und Frau.

Da schaute Gott der Herr


In die himmlische Buchrolle,
In die ewige Torah,
Und nach dem Urbild der Torah
Schuf Gott die Bilder aller Dinge.

Und Gott sprach zu Mose:


Haue dir zwei steinerne Tafeln,
Und ich will mit meinem Finger
Auf die Tafeln schreiben
Die irdische Torah.

Und Mose tat, wie der Herr ihm geboten,


Und Gott gab die irdische Torah
Moses und den Kindern Israel.
Und die irdische Torah
Beginnt mit dem Buchstaben B,
Bereschit, beginnend,
In dem Urprinzip
Schuf Gott den Himmel und die Erde.

Aber die Kinder Israel


Am Fuße des Sinai
Waren voll Ungeduld,
Weil Moses nicht zurückkam.
Sie wollten Gott danken,
Daß Gott sie erlöst
Von der Sklaverei in Ägypten,
Und sie wollten ein Bild von Gott,
Wie auch die Ägypter
Ihre Götterbilder verehren.
Und so machten die Kinder Israel
Die Statue einer goldenen Kuh,
Die zwischen den Hörnern
Den Neumond trägt,
Die mit ihrem prallen Euter
Die Kinder Israel ernährt.
Die Kinder Israel sagten nämlich:
Keiner hat Gott je gesehen,
Aber wir denken uns Gott
Wie eine Himmelskuh.

Und die Israeliten tanzten,


Sie schlugen die Zimbeln,
Sie schlugen die klingenden Zimbeln,
Sie tanzten Schleiertänze
Vor der heiligen Kuh.

Da kam Mose vom Berg herunter


Mit der Torah
Und sah die Israeliten tanzen
Um ihre heilige Kuh.

Da ward Moses zornig


Und er zerschmetterte die steinernen Tafeln.

Aber Gott war langmütig und geduldig


Und gab den Kindern Israel
Zum zweiten Mal die Weisung,
Die irdische Torah.
VIERTER GESANG
DIE KÖNIGE

König Saul war sehr geplagt


Vom Dämon der Melancholie.
Da hörte er vom jungen David,
Daß der sehr schön die Harfe strich
Und trostreiche Lieder sang,
So ließ er den jungen David kommen.
Und David spielte vor ihm
Auf seinem Saitenspiel
Und wenn der Liebling der Lieder Israels
Seine gedichteten Psalmen psalmodierte,
Wich der Dämon der Melancholie
Vom schwer geplagten König Saul.

David aber liebte


Den Prinzen Jonathan
Mehr, als er je ein Weib geliebt.
Und Jonathan liebte
David wie sein eigenes Leben.
Jonathans Vater aber
War eifersüchtig auf David,
Denn alle Weiber riefen:
Saul hat tausend Philister erschlagen,
David aber zehntausend!
Da wollte der besessene Vater
Des Sohnes Liebling töten.
Jonathan aber schloß einen Pakt
Mit dem gesalbten David.

David floh vor König Saul


In die Berge und sammelte
Vierhundert Männer um sich,
Die arm und elend waren
Und verbitterten Herzens.

Saul aber zog in den Krieg


Und kämpfte gegen die Philister
Und verlor den Krieg
Und brachte sich selber um!
Jonathan war auch gefallen im Krieg!
Da dichtete David ein Klagelied:

Sagt es nicht den Töchtern der Unbeschnittnen,


Daß Saul und Jonathan gefallen sind!
Weint, ihr Berge von Gilboa!
Saul war wie ein brüllender Löwe,
Er gab den Töchtern der Israeliten
Schöne Kleider und schönen Schmuck,
Jonathan war wie ein Adler!
Weh mir, mein Jonathan,
Deine Liebe war mir lieblicher
Als Frauenliebe!

Als David König geworden,


Erging er sich auf dem Dach seines Hauses
Und sah die Nachbarin
Bathseba nackt sich baden!
Da rief er sie,
Er beschlief sie,
Sie wurde schwanger,
Aber sie war vermählt mit einem Heiden,
Den schickte David in die Hölle!

Da ergrimmte Gott
Und ließ Bathsebas Kind sterben.
Als es krank lag und mit dem Tode rang,
Da fastete David,
Tat Buße in Sack und Asche,
Aber als es gestorben war,
Da aß er und trank einen Becher Wein.

Und Bathseba wurde schwanger


Und gebar den kleinen Salomo.
Er ward zur Erziehung
Dem weisen Propheten Nathan anvertraut.
Nathan nannte Salomo
Jedidja, Geliebter Gottes!

Und Salomo wurde König


Und Mutter Bathseba
War die Mutter des Königs
Und Salomo stellte
Den Thron der Königinmutter
Zur Rechten des Thrones des Königs.

Und Salomo bat den Herrn


Um Weisheit.
Und Gott gefiel die Bitte
Und er gab Salomo Weisheit,
Größer war Salomos Weisheit
Als die Weisheit der Weisen des Ostens,
Als die Weisheit der Weisen Ägyptens.

Denn Salomo liebte die Weisheit


Und liebte ihre Schönheit
Und suchte sie zu gewinnen
Als Braut und Lebensgefährtin
Und mit ihr zu leben
In einer geistlichen, aber wirklichen Ehe,
Das ist Torheit den Kindern der Welt,
Aber Weisheit den Eingeweihten.
Und die Weisheit
Als die Architektin des Kosmos
Inspirierte Salomo,
Den Tempel des Herrn zu bauen.

FÜNFTER GESANG
DIE PROPHETEN

Hosea, der Prophet,


Nach Gottes Willen
Nahm sich eine Hure,
Eine Tempelprostituierte
Der sakralen Prostitution,
Zur Ehefrau
Und zeugte Kinder mit ihr:
Jesreel, Gott sät ein,
Lo-Ruchama, Kein Erbarmen,
Lo-Ammi, Nicht mein Volk.
Doch eines Tages wird Lo-Ammi
Ammi genannt, Mein Volk,
Und Ammi wird sagen: Mein Vater und Gott!
Und Gott führt Israel
In die Wüste,
Verlockt die Hure Israel
Und wird sich mit ihr verloben,
Da wird die Hure Israel
Nicht mehr sagen: O Baal!
Sondern: Mein Bräutigam Jahwe!

Jahwe der Bräutigam


Hatte zwei Huren lieb,
Jerusalem war die eine Hure,
Samaria war die andere Hure.
Beide Huren hurten
In ihrer Jugend
Mit den Ägyptern
Und mit den Chaldäern
Und ließen sich betatschen
Ihre Zitzen
Und spreizten ihre Beine
Jedem Buhlen
Und öffneten ihre Köcher
Jedem Pfeil.

Der Hure gibt man Geld,


Daß man sie beschlafen darf,
Israel, die Hure,
Gab ihren Freiern Geld,
Damit sie mit ihr schlafen.

Aber der Prophet


Richtet die Huren
Wie Ehebrecherinnen
Und Kindsmörderinnen
Und Zauberinnen!

Wenn ein Mann eine Frau verstoßen


Und sie sich einen andern Mann genommen,
Will sie zu ihrem ersten Mann zurück,
Wird der sie wieder nehmen?
Und Jahwe soll Israel wieder nehmen,
Die mit Baal gehurt?

Aber freue dich, Tochter Zion,


Dein König kommt zu dir
Sanftmütig,
Reitend auf einem jungen Eselshengste,
Dem Füllen einer Eselin.

Die Tochter Zion


Wird zur Freudenbotin
Mit nackten Füßen,
Sie ruft von den Bergen:
Dein Gott ist König!

Ihr werdet getröstet werden


An den Brüsten Jerusalems,
An den prallen Mutterbrüsten,
Und saugen werdet ihr
Die Milch des Trostes
Aus den glänzenden Brüsten
Jerusalems und sitzen
Werdet ihr auf dem Schoß
Der Mutter Jerusalem,
Denn Gott wird euch trösten
Wie eine liebende Mutter
Ihren Sohn tröstet.

Aber wer ist der Knecht Gottes?


Er war nicht schön,
Wir hatten keinen Gefallen
An seinem Aussehn,
Sondern geschlagen war er
Und wir meinten,
Er wäre von Gott gestraft.
Aber durch seine Wunden
Sind wir geheilt
Und Gott hat unsre Sünden
Auf seine Schultern gelegt.

Mein Gott, mein Gott,


Wozu hast du mich verlassen?
Ein Wurm bin ich, kein Mensch mehr,
Sie durchstechen meine Seite
Und würfeln um mein Kleid!
Zu den Verbrechern bin ich gerechnet
Und begraben bei den Verbrechern.
Aber Gott wird nicht zulassen,
Daß sein Heiliger die Verwesung sehe.

Der Herr sprach zu meinem Herrn:


Setze dich zu meiner Rechten,
Bis ich alle deine Feinde
Zum Schemel deiner Füße mache!

Wie ein Kind in den Armen seiner Mutter,


Wie ein gestilltes Kind
An den Brüsten seiner Mutter,
Ist meine Seele bei Israels Gott!

SECHSTER GESANG
DIE ZEIT JESU

Die Gemeinde der Essener


Lebte am Toten Meer
In strenger Askese.
Sie schrieben die Heiligen Schriften ab
Und schrieben eigene Psalmen,
Sie beteten viel
Und fasteten streng
Und nahmen Reinigungsbäder,
Hatten eigene Taufzeremonien.
Sie warteten
Auf den Messias,
Den aaronitischen Messias,
Den Hohepriester und Propheten,
Den davidischen Messias,
Den König Israels.
Sie nahmen in ihre Gemeinschaft
Keine Krüppel auf,
Keine Blinden und Tauben und Stummen,
Denn David hasste die Krüppel,
Seit er die Stadt der Jebusiter erobert,
Die Burg Zion.

Johannes der Täufer


Lebte in der Wüste,
War die Stimme eines Predigers,
Der dem Herrn den Weg bereitete
In der Wüste, in der Einöde.
Er fastete streng
Und betete viel
Und trank keinen Wein.
Möglicherweise, man weiß das nicht genau,
War Johannes der Täufer auch
Bei den Essenern gewesen.

Diese bewahrten ihre Schriftrollen


In Tonkrügen auf,
Verborgen in Felsenhöhlen
In Qumran am Toten Meer.

Ein arabischer Hirtenknabe


Suchte sein verlorenes Schaf
Zweitausend Jahre später
Und kam an eine Felsenhöhle
Und warf einen Stein in die Höhle,
Um die Raubtiere zu erschrecken,
Und hörte den Klang,
Wie der Stein auf einen Tonkrug fiel,
So fand der arabische Knabe
Die Schriftrollen der Essener
In Qumran am Toten Meer.

Die Gruppe der Sadduzäer


Glaubte nicht an die Engel
Und nicht an die Auferstehung.
Sie waren die Epikuräer Israels,
Sie fragten darum
Jesus von Nazareth:

Eine Frau hatte sieben Männer,


Einen nach dem andern,
Ganz nach dem Gesetz,
Aber in der Auferstehung der Toten,
Mit welchem Mann wird sie verheiratet sein?

Jesus sagte: Ihr irrt euch,


In der Auferstehung der Toten
Werden die Menschen nicht mehr heiraten,
Sondern wie Engel sein.
Der Gott Abrahams,
Der Gott Isaaks,
Der Gott Jakobs
Ist nicht ein Gott der Toten,
Ihm leben sie alle.

Die Pharisäer hatten strenge Gesetze.


Saul war ein strenger Pharisäer,
Saul von Tarsus, ein Schüler
Des Rabbi Gamaliel.
Er hörte von der neuen Sekte
Des neuen Weges,
Diese Menschen glaubten,
Jesus von Nazareth
Sei der Messias
Und sei auferstanden von den Toten.

Saul von Tarsus, der strenge Pharisäer,


Verfolgte die Judenchristen,
Bis nach Damaskus verfolgte er
Die Sekte des neuen Weges,
Bis ihm vor Damaskus
Der auferstandene Jesus begegnete
Und sagte: Saul, o Saul,
Was verfolgst du mich?

Da glaubte Saul von Tarsus,


Daß Jesus von Nazareth
Der Messias Israels sei,
Der König der Juden
Und Retter aller Völker,
Und Paulus ging und predigte
Sein Evangelium von der Gnade allen Völkern.

SIEBENTER GESANG
DER TALMUD

Titus, der Kaiser von Rom,


Ritt nach Jerusalem
Und ritt in den Tempel Gottes
Und entweihte den Tempel
Und zerstörte den Tempel.

Da riefen die Juden:


Gott wird sich rächen
Am heidnischen Kaiser!

Titus dachte: Ihr Götter,


Der Gott Israels
Ist ein Gott der Berge.
Wenn ich in den Bergen
Kämpfe gegen den Gott,
So wird der Gott der Berge
Mich besiegen, mich,
Den Gottkaiser Roms.

Aber wenn ich am Meere


Bleibe und reise
Übers Wasser nach Rom,
So bin ich sicher
Vor Israels Gott,
Der ein Gott der Berge ist
Und nicht ein Gott des Meeres.

Und Titus stand am Meer,


Da kam vom Meer
Auf Gottes Befehl
Eine Möwe geflogen
Mit eisernem Schnabel
Und hackte mit dem Schnabel
Titus ein Loch in den Kopf
Und legte ein eisernes Möwen-Ei
In des Kaisers Kopf.

Und das eiserne Möwen-Ei


Im Kopf des Kaisers wuchs,
Kopfschmerzen hatte der Kaiser
Und ihm ward übel,
Er musste speien,
Konnte nichts mehr essen,
Hatte Todesangst
Und starb!

Gott lässt sich nicht spotten,


Ihr Heiden, ihr Stolzen,
Gottes Rache ist unerbittlich!

Aber die Rabbis suchten


Die Weisheit Gottes
In der Heiligen Schrift.

Der weise Salomo sagte:


Mein Sohn, ergötze dich
An deiner jungen Geliebten,
Sie ist reizend wie eine Hirschkuh!

Da sagte ein Rabbi zum andern:


Die Geliebte des Schriftgelehrten
Ist doch die Torah?
Warum vergleicht der weise Salomo
Die Jungfrau Torah
Mit einer Hirschkuh?

Da sagte der andre Rabbi:


Salomo kannte die Art der Tiere,
Er wusste, dass die Hirschkuh
Eine enge Scheide hat.

Die Jungfrau Torah


Ist reizend wie die Hirschkuh,
Die eine enge Scheide hat,
Denn ob auch der Weise
Die Jungfrau Torah geheiratet hat
In seiner Jugend,
Und ob er sie oft studiert
Und viel Erkenntnisse schon gewonnen hat,
So bleibt die Jungfrau Torah
Doch alle Tage der Ehe
Enggebaut wie eine Jungfrau.
Der Weise verliert nie die Lust,
Sich mit ihr zu beschäftigen,
Und selbst wenn er fünfzig Jahre alt ist,
Die Jungfrau Torah
Ist an der Scheide noch so eng
Wie eine siebzehnjährige Jungfrau.
Nie verliert sie ihren Reiz für ihn.

Da sagte der erste Rabbi:


Wie anders unsre Eheweiber!
Unmöglich sind die Kinder
Unsrer Eheweiber von uns,
Denn wir Rabbis von fünfzig Jahren
Haben so dicke Bäuche
Und unsre Eheweiber
Haben so dicke Bäuche,
Die Matronen,
Unsre Geschlechtsorgane
Können sich gar nicht vereinigen,
Die dicken Bäuche stehen dagegen.

ACHTER GESANG
DIE SCHECHINAH DER RABBINEN

Als Adam im Garten war


Allein mit den Blumen und Tieren
Und Evchen noch nicht erschaffen
Aus des Mannes Flanke,
Da war Schechinah schon
Als Jungfrau-Braut bei Adam.

Als die Mutter der Lebendigen


Den dritten Sohn geboren,
Gab Adam seinem Sohne Seth
Jenseits von Eden
Kunde von der Schechinah,
Der Matrone.

Schechinah gebot
Dem Vater Noah,
Die Arche zu bauen,
Ob ihn auch alle verspotteten,
Vater Noah allein
Gehorchte der Jungfrau.

Als Abraham die Heimat verließ


Und fortging von Ur in Chaldäa,
Den Vater verließ, den Götzendiener,
Seine Familie verließ, die Götzendiener,
Führte ihn Schechinah
In das verheißene Land.
Als Abraham betete
Unter der Eiche More,
Sagte die Jungfrau Matronita:
Dieses Land will ich dir geben.

Als Jakob in Bethel war,


Einst hieß es Lus,
Da legte er sein Haupt
Auf einen Stein
Und träumte von der Himmelstreppe
Und an der Spitze der Treppe
Sah er die Jungfrau Schechinah.
Aber Jakob war schwach,
Er liebte nicht die Jungfrau allein,
Er nahm sich zwei Weiber.

Als Josef floh


Vor Potiphars Weib,
Dem geilen Luder,
Und im Gefängnis war,
Da lehrte ihn Schechinah,
Träume zu deuten.
Und Josef deutete
Pharaos Träume
Und ward Wesir von Ägypten
Dank Schechinahs Gnade.

Wenn Moses in die Stiftshütte trat,


Wenn er ins Offenbarungszelt ging,
Dann sprach die Jungfrau Schechinah
Mit Moses von Antlitz zu Antlitz,
Dann erst trat Moses zum Volk
Und trug die Kinder Israel
Wie eine Amme das Kindlein trägt.

David liebte erst Jungfrau Michal,


Dann Abigail vom Karmel
Und auch Ahinoam von Jesreel,
Dann begehrte er Bathseba,
Die er nackt im Bade sah,
Zuletzt verlangte ihn
Nach einem schönen jungen Mädchen,
Abischag von Schunem.
Aber seine Psalmen sang
Er durch den inspirierenden Kuß
Der Jungfrau Schechinah.

Salomo gewann
Die himmlische Jungfrau lieb,
Verliebte sich in ihre Schönheit,
Und suchte sie als Braut heimzuführen.
Er führte eine geistliche,
Aber wirkliche Ehe mit ihr,
Der himmlischen Jungfrau Schechinah.

Vater Elia wollte nicht mehr leben,


Weil Isebel ihn plagte, das Biest,
Da bat er Gott um seinen Tod,
Doch ein Engel stärkte ihn
Mit Brot und Wein
Und kraft dieser Speise der Engel
Ging der Vater Elia vierzig Tage
Durch die Wüste
Zum Gottesberge Horeb,
Wo er wie sanft verschwebendes Schweigen
Die Stimme der Schechinah hörte.

Die Kinder Israel


Sind verstreut in hundert Länder,
In Verbannung
Und unterdrückt von den Heiden,
Aber bei Israel im Exil
Ist die Jungfrau Schechinah,
Die himmlische Matrone,
Sie führt Israel
In die Heimat,
Dort wird Jahwe sein Gott sein
Und Israel Jahwes Volk.

NEUNTER GESANG
RABBI MOYSES (MAIMONIDES)

Die Philosophie des Aristoteles


War gekommen zu den Arabern,
Avicenna und Averrhoes
Versuchten zu vereinen
Den Koran und Aristoteles.

Rabbi Moyses,
Wie der engelgleiche Thomas ihn nannte,
Maimonides versuchte zu vereinen
Das Gesetz Mosis und Aristoteles.

Denn wenn die Heilige Schrift


Von Gott spricht,
So redet sie von Gottes Arm,
Von Gottes Mutterschoß,
Von Gottes Herzen,
Von Gottes Finger,
Vom Alten der Tage
Mit schneeweißem Haar
Und schneeweißem Bart.

Aber das sind menschliche Bilder.


Der Schöpfergott,
Der Ursprung aller Dinge,
Ist doch kein Mann!

Wie wäre es auch denkbar,


Daß Gott, der Herrscher und Vater,
Einen schneeweißen Bart hat
Und Mutterschöße voll Barmherzigkeit?

Klären wir den Begriff von Gott!


Was sagt die Philosophie?
Alles sich Bewegende
Geht auf eine Ursache zurück,
Die es bewegt,
Und aller Ursachen Erstursache
Ist der Erstbeweger,
Der unbewegte Erstbeweger,
Die Erstursache aller Dinge,
Die nennen wir Gott.

Gott ist der Anfang


Und das Ende aller Dinge,
Zielursache alles Lebendigen.

Gott ist reiner Geist,


Als reiner Geist ist Gott das Denken.
Was aber denkt der denkende Gott?
Der denkende Gott denkt Gott,
Und so ist Gott auch das Gedachte.
Wie denkt aber der denkende Gott
An den gedachten Gott?
Das Denken selber ist Gott.
Und so ist Gott dreifaltig:
Der Denker, das Gedachte und das Denken.

Aber Gott ist,


So sagt die Offenbarung,
Israels Gott,
Der das Elend seines Volkes sieht,
Das Schreien seines Volkes hört,
Der Gott, der Gebet erhört,
Der rettende Gott,
Der befreiende Gott.

Nun ist aber der Allerhöchste,


Die transzendente Gottheit,
Über allem Seienden,
Die Über-Seiende Gottheit,
Jenseits aller Schöpfung.
Wie kann das Geschöpf
Aus Seele, Fleisch und Blut,
Mit der reinen Transzendenz
Kommunizieren als mit einem Du?

Da bedarf es eines Mittlers!

Gott wohnt in unzugänglichem Licht,


Wer kann es wagen, zu ihm zu treten?
Da bedarf es des Mittlers!

Jahwe selbst ist unzugänglich,


Aber Gottes Qualitäten,
Gottes Hypostasen,
Seine Selbstoffenbarungen
Als Weisheit, Barmherzigkeit,
Gerechtigkeit und Treue,
Wahrheit und Gnade
Und Herrlichkeit
Sind dem Frommen zugänglich.

Darum wagen wir es nicht,


Zu Jahwe zu treten,
Sondern rufen an
Die göttliche Weisheit,
Die uns Mittlerin ist zu Gott,
Dem reinen Geist.

ZEHNTER GESANG
DIE KABBALA

Mein Prinz,
Engel des Antlitzes Gottes,
Herr der himmlischen Heerscharen,
Fürst der Engel!

(Deinen Namen darf ich nicht nennen.)

Aber ich sah dich


In der Krone des Lebensbaumes,
Du Fürst der Weisheit
Und König der Vernunft,
Ich sah dich, und siehe, was ich sah,
War ein Knabe
Von göttlicher Schönheit!

Im Himmel ist
Eine mystische Rose,
Spirale von Licht,
Da lachen die Cherubini,
Da glühen die Seraphinen,
Da tanzen die Engel.

In der Spirale des Lichts


Versammelt der Prinz
Alle Kinder,
Die im Mutterschoß gestorben sind.

Mein Prinz,
Führer der himmlischen Heere,
Michael ist dein Freund,
Du sammelst die Kinder,
Die auf Erden nicht leben durften.

Fromme Frau, du weinst,


Weil Gott dir kein Kindlein geschenkt?
Erhebe dein Haupt
Und schau in den Himmel,
Mein Prinz versammelt dort
Im himmlischen Apfelgartenparadies
Die ungeborenen Kinder alle
Zu einem unermesslichen Fest.

Mein Prinz, du holder Knabe


Im lockigen Haar,
Du bist so sehr wie Gott,
Daß man dich Sohn Gottes nennen darf.

Gott hat noch kein Mensch gesehen,


Aber der Prinz offenbart sich
Wem er will,
Der Engel des Antlitzes Gottes,
Und wer reinen Herzens ist
Wie kleine Kinder,
Der darf den göttlichen Knaben schauen.

Michael, Gabriel und Raphael


Stehen in seinen Diensten,
Die Gotteslöwen gehorchen ihm,
Die Morgensterne jauchzen ihm,
Die Engel der mystischen Rose
Tanzen um ihn
Den Hochzeitsreigen von Mahanajim.

Oh, ich habe dich schon immer geliebt,


Dein Name ist mir süß wie Honig,
Dein Name ist süß wie die Idee des Honigs.

Manche Schriftgelehrten sagen,


Du seiest Beelzebub,
Doch das glaube ich nicht.

Du bist doch der Engel des Antlitzes Gottes,


Und wer dich schaut, mein Knabe,
Der schaut das Antlitz Gottes!

(Soll ich dich Penuel nennen,


Um deinen Namen zu verschweigen?)

Ich habe dich geschaut


In der Krone des Lebensbaumes,
Deine Augen wie der Himmel,
Deine Locken wie die Sonne,
Deine Glieder wie Marmorsäulen
Auf goldenen Sockeln.

Du bist der Apfelbaum


Unter den Bäumen des Waldes.

Ach, ich bin krank vor Liebe!


Stärke mich mit Äpfeln,
Stärke mich mit Rosinenkuchen!

Mein Prinz, strecke aus dein Zepter,


Tritt ein für die Gerechtigkeit!
Vor deinen Pfeilen fallen die Feinde Gottes!
Mein Prinz, mein heimlicher Kaiser,
Dein Thron ist ein göttlicher Thron!

Siehe, die Väter wird man vergessen,


An ihre Stelle treten die Söhne.

ELFTER GESANG
HEINRICH HEINE

Ich war einmal Protestant


Und protestierte viel
Und lernte bei Hegel,
Wie der Mensch den Gott erlöst,
Und lernte bei Marx,
Wie die Armen das Paradies erkämpfen.

Aber schließlich kam ich zum Glauben.


Da kniete ich in Paris
Vor Unsrer Lieben Frau von Milo
Und nahm weinend Abschied
Von der schönen Frau Venus:
Adieu, Frau Venus,
Dein Minnesänger
Zieht nun nach Rom zum Papst!

Da ich Christ geworden,


Ward ich ein besserer Jude.
Ich sah den armen Israel,
Die ganze Woche lebte er
Ganz arm und elend,
Aber am Freitagabend
Zündete er die Kerzen an,
Dann verwandelte sich
Der arme Sklave Israel
In einen herrlichen Prinzen,
Denn am Sabbat kam
Zu ihm Prinzessin Sabbath!

Ja, ein Minnesänger


War ich immer noch,
Doch ich sang nicht mehr die stolze
Donna Elvira mit dem harten Herzen,
Sondern ich singe
Die Prinzessin Sabbath,
Besinge ihr Feiertagskleid,
Ihre koschere Tafel,
Ihren koscheren Wein vom Karmel,
Und fühle die Sehnsucht
Der Prinzessin Sabbat,
Die immer schaut,
Ob heute wohl
Der Messias zu ihr kommt?

Man redet viel


Von Dante und Petrarca,
Von Goethe und mir
Und unserm Frauendienst.
Aber wer kennt schon
Jehuda ben Halevi?

Seine Dame,
Die er nur einmal im Leben sah,
War die Jungfrau Jerusalem,
Sie war die Madonna,
Die er mit Versen verherrlichte.

Auch von Salomon ibn Gabriol


Hab ich gelernt,
Dieser jüdischen Nachtigall,
Seine mystische Rose
War das Herz des Herrn!

Ich war auch in Spanien


Bei Donna Isabella,
Der allerkatholischsten Donna,
Die eingeladen hatte
Zu einem heilignüchternen Symposium
Die Brüder des heiligen Franz
Und die Rabbis der Synagoge,
Wer der wahre Gott sei,
Der Gott Israels, der Gott der Rache,
Der Vater Jesu, der Liebesgott?
Aber sie bewarfen einander
Nur mit Schmutz,
Daß Donna Isabella sagte:
Die Mönche und die Rabbis
Haben eines gemeinsam:
Sie stinken!

Aber kennt ihr auch


Den armen Poeten Lazarus,
Den Jesus schon sah
Im Schoße Abrahams,
Der doch lange krank lag
In seiner Matratzengruft
Zwischen Läusen und Flöhen
Und Mäusen und Ratten
Und dem die Hündinnen leckten
Seine Wunden am Leib?

Dieser arme Lazarus,


Wehe mir, der bin ich,
Und sehne mich
Nach Abrahams Schoß,
Oder, will ich lieber sagen,
Nach Unsrer Lieben Frauen Schoß!

ZWÖLFTER GESANG
ELSE LASKER-SCHÜLER

Ich bin Jussuf,


Prinz Jussuf von Ägypten,
Der verraten wurde
Und verkauft
Von seinen Brüdern.

In meiner Jugend
Wandelte ich
Mit Sankt Petrus,
Dem Propheten,
Und ich schrieb
Die Bibel über Sankt Petrus.

Mein Urgroßvater
War Rabbi der Synagoge,
Sein Freund war
Mufti der Moschee,
Und sie stritten
Über Religion,
Wer der wahre Gott sei,
Jehowah
Oder Allah?

Ich stritt auch über Religion


Mit Martin Luther,
Aber immer wie Brüder,
Ich hatte ihn lieb.

Ich kannte auch


Die barmherzige Maria,
Die die gefallenen Mädchen
Und ihre Leibesfrüchte
Aufnahm, pflegte,
Kein gefallenes Mädchen verstieß,
Mutter aller Kinder war.
Und ich beneidete
Diese gefallenen Mädchen
Und ihre kleinen Kinder
Wegen dieser Mutter
Mit den sieben Schwertern im Herzen.
O Maria!

Ja, ich sang Maria


Von Nazareth ein Lied,
Dem großen Himmel
Im reizenden blauen Kleidchen!

Man sagte von mir:


Sie mag den Paulus nicht.
Aber der Rabbi Jesus,
Jesus Christus von Nazareth,
Den sah ich einmal im Traum.
Er sagte zu mir:
Jerusalem ist nicht verloren!

Ich war Jude


Nicht der Juden wegen,
Sondern Gottes wegen.

Ich wurde verfolgt


Von den Hakenkreuzlern
Und floh aus Deutschland.

Ich floh nach Palästina.


O, das Hebräerland
Ist Gottes Geliebte,
Seine heilige Braut!

Ich sah auch Goethes Faust


Mit dem Teufel Mephistopheles
In die Hölle fahren
Und sah in der Hölle
Den Teufel Hitler.

Ich bin gestorben


In Jerusalem
Und liege begraben
Am Fuße des Ölbergs.

Ein Mensch der Liebe nur


Wird auferstehen.
Wer viel von Liebe zu sagen weiß,
Dem wird die Auferstehung.

Nun werde ich bewahrt


Am Fuße des Ölbergs,
Bis mein Wein gegärt,
Dann werde ich auferstehen!

O mein Gott mein, du allein!

DREIZEHNTER GESANG
EDITH STEIN
(TERESIA BENEDICTA A CRUCE)

Ich habe immer Pessach gefeiert


Und die Fasten gehalten.

Ich habe den toten Vater geehrt


Mit meinen Totenkerzen.

Ich habe gelernt und gelernt


Wie keine andre Frau.

Ich habe alle Phänomene


Genauestens analysiert.

Ich habe auch das Phänomen


Der Religion bedacht.

Als ein Christ gestorben,


Sah ich die Christin glauben ans ewige Leben.

Da hab ich mich durchgerungen


Zu einem positiven Christentum.

Dann las ich die Vita Nova


Der heiligen Madre Teresa.

Da wusste ich: Die Wahrheit


Ist der göttliche katholische Glaube.

Ja, die heilige Teresa meine Taufpatin,


Der heilige Augustinus mein Taufpate.

Ich lebte im Himmel auf Erden


In der Liturgie des Klosters.

Meine Mutter, jüdischen Glaubens,


Meine Mutter verstand mich nicht.

Ich wollte in das Kloster


Zu Unsrer Lieben Frau vom Berge Karmel!

Aber meine Mutter, die jüdischen Glaubens war,


Dachte, das Klosterleben sei ein Horror.

Als meine Mutter starb,


Legte ich meine Gelübde ab.

Ich lehrte die neuplatonische Weisheit


Des göttlichen Dionysios.

Ich lehrte die strahlende Wahrheit


Des engelgleichen Thomas.

Ich lehrte die Kreuzeswissenschaft


Von San Juan de la Cruz –

Die blieb unvollendet als Schrift,


Mein Leben sollte sie vollenden.

Ich floh vor dem Antichristen Hitler


In die Niederlande.

Da besuchte mich um Mitternacht


Die Königin Esther.

Ich sollte mein Leben einsetzen


Für die Rettung meines Volkes.

Heilige Mutter, erlaube mir,


Mein Leben Jesus anzubieten,

Auf dass die Herrschaft des Antichrist


Zusammenbreche ohne neuen Weltkrieg!

Als getaufte Jüdin ward ich


Deportiert nach Auschwitz.

Ich kämmte den Kindern


Der verzweifelten Mütter die Haare.

Ich tröstete alle hoffnungslosen


Juden im Vernichtungslager.
Ich bot Jesus mein Leben an
Als Sühneopfer für Deutschlands Sünden,

Für das jüdische Volk


Und den Orden des Karmel

Und die ganze heilige Kirche


Und für alle meine Lieben.

So gab ich mein Leben hin im Feuerofen


Als einen Holocaust vor Gott!

DIE KÖNIGIN VON SABA


ERSTER GESANG

Die Bücher der Gottessucher


Schildern die Korrespondenz
Zwischen König Salomo und der Königin von Saba.
Unter den vielen Charismen,
Die Gott dem Salomo schenkte,
War das Verstehen der Sprache der Vögel,
Und jede Art von Weisheit.

Er war der Herr der Menschen,


Der Genien und der Vögel.
Wenn er durch den Äther reiste
Auf seinem magischen Teppich aus grüner Seide,
Der vom Wind gewoben war
Nach des Königs Gebot,
Dann standen die Menschen zu seiner rechten Seite,
Die Geister zu seiner linken Seite
Und eine Armee von Vögeln
Flog über dem Teppich,
Um alle auf dem Teppich
Vor der Sonnenhitze zu schützen.

Eines Tages beschaute er alle seine Vögel,


Da merkte er, dass der Wiedehopf fehlte,
Und als er fragte, warum Hudhud abwesen war,
Beschloß er, Hudhud zu bestrafen,
Weil er nicht mit den andern Vögeln gekommen.
Als er seine Rede beendet,
Erschien der Wiedehopf und entschuldigte sich
Für seine Abwesenheit,
Denn er hätte Länder angeschaut,
Die den König noch nie gesehen hatten,
Und er hatte Saba gesehen,
Das regiert ward von der Königin von Saba,
Die sehr reich war
Und auf einem Thron saß,
Der von Gold und Silber gemacht
Und besetzt mit kostbaren Edelsteinen.

Die Königin und ihr Volk


Waren Anbeter der Idole
Und huldigten der Sonne.
Sie waren unter dem Einfluss Satans,
Der sie abgebracht hatte vom rechten Weg.

Darum schrieb Salomo folgenden Brief


An der Königin von Saba:
Vom Knechte Gottes, Salomo, dem Sohn Davids,
An die Königin von Saba.
Im Namen Gottes des Herrn!
Friede sei mit dem,
Der folgt der rechten Weisung!
Erhebe dich nicht gegen mich,
Streite nicht gegen mich,
Aber komm und unterwirf dich meiner Weisheit!

Salomo parfümierte diesen Brief


Mit Rosenöl
Und siegelte den Brief
Mit seinem wundertätigen Siegel,
Dann gab er Hudhud den Brief
Und sprach zu Hudhud,
Er solle den Brief nach Saba tragen
Und ihn fallen lassen im Gemach der Königin.
Dann solle Hudhud demütig warten
Auf die Antwort der Königin von Saba.

Der Wiedehopf flog los


Und überbrachte den Brief,
Er flog durch das offene Fenster
In das Privatgemach der Königin
Und ließ den Brief in ihren Ausschnitt fallen
Auf den mächtigen Busen.

Als die Königin den Brief gelesen hatte,


Rief sie ihre Weisen,
Daß sie ihr raten mögen,
Was sie nun zu tun habe.
Die Weisen sagten, sie seien Krieger und bereit,
Gegen Salomo aufzumarschieren,
Sobald die Königin dieses gebiete.
Der Brief sei aber an sie persönlich gerichtet
Und darum müsse sie selber
Die Entscheidung fällen.

Die Königin wünschte,


Eine Invasion zu vermeiden
Und all das Übel, das den Kriegen folgt,
Darum beschloß sie, Salomo Gaben zu senden
Und sie wählte dazu
Fünfhundert männliche Sklaven
Und fünfhundert weibliche Sklavinnen aus
Und fünfhundert ingots aus Gold,
Eine Krone von allerbestem Edelgestein
Und eine große Menge von Moschusparfüm,
Amberparfüm und Gewürze.

Der Wiedehopf kehrte eilig zurück


Zu König Salomo und erzählte ihm,
Was geschehen war
Und dass die Karawane
Mit den Geschenken der Königin von Saba unterwegs war.

Als die Leute aus Saba


Beim König Salomo ankamen,
Wurden sie vom König empfangen
In einem großen Hof,
Umgeben von einer Mauer aus Gold und Silber.
Salomo sprach verächtlich
Von den Gaben der Königin von Saba
Und schickte die Karawane zurück.
Er bat die Leute noch,
Ihrer Königin auszurichten,
Daß König Salomo unsichtbare Heere
Gegen die Hauptstadt von Saba schicken werde
Und dass er so Saba erobern
Und das Volk der Königin gefangen nehmen werde.

Als die Königin diese Botschaft empfing,


Beschloß sie, zu Salomo zu reisen
Und seiner Weisheit sich zu unterwerfen.
Sie schickte ihren Thron
Mit einer Armee
Nach Jerusalem.

Als sie schon auf dem Weg


Nach Jerusalem war,
Sagte Salomo zu seinen Fürsten:
Wer von euch wird den Thron
Der Königin von Saba
Zu mir bringen,
Bevor die Königin selber ankommt?

Und ein Genius,


Dessen Erscheinung schrecklich war,
Sagte: Ich bringe dir den Thron,
Bevor du deine Versammlung hier beendet hast.
Einer, der viele Bücher gelesen hatte
Und der anwesend war, meinte,
Der Genius brauche zu viel Zeit,
Den Thron zum König zu bringen,
Und er sagte: Ich bringe dir den Thron,
Bevor zu du nur einmal deine Augenlider bewegt hast
Und ebenso schnell bring ich den Thron zurück.
Einige halten diesen Belesenen für Asaf,
Den Wesir Salomos,
Andere für den Vater Elias,
Wieder andere für den Erzengel Gabriel
Oder einen andern der Erzengel.
Die meisten aber sind überzeugt,
Daß es Asaf war, denn Asaf kannte
Den Namen des HERRN.
Wie dem auch sei –
Salomo nahm das Angebot an.

Salomo hob seine Augen gen Himmel


Und schlug seine Augen nieder zur Erde
Und schon sah er
Den Thron der Königin von Saba
Vor sich stehen in seiner Halle.
Salomo veränderte nun den Thron,
Denn er wollte sehen,
Ob die Königin von Saba
Ihren eigenen Thron erkennen würde?

Als die Königin von Saba


In die Gegenwart Salomos kam,
Zeigte er auf den Thron und sagte:
Ist dein Thron wie dieser Thron?
Und sie gab zur Antwort:
Mein Thron ist in allem diesem Thron gleich.

Dann wurde die Königin eingeladen,


In den Palast zu gehen,
Den Salomo besonders für sie gebaut hatte.
Die Mauern waren aus Blöcken von weißem Glas
Und der Boden war gleichfalls aus Glas,
Über welches Wasser floß,
Und im fließenden Wasser schwammen viele Fische.
Als die Königin sich wandte,
In den Palast einzutreten,
Und als sie das Wasser sah,
Dachte sie, das Wasser wäre tief,
Da hob sie den Saum ihres Rockes,
Bevor sie das Wasser durchschritt.
Bei dieser Handlung offenbarte sie
Ihre Beine, und Salomo hatte den Beweis,
Daß ihre Beine behaart waren
Wie die Beine einer Stute.
Die Ansicht des Glases auf dem Boden
Erstaunte die Königin von Saba,
Und sie sagte: O Meister,
Ich habe ungerecht an meiner eignen Seele gehandelt!
Nun weihe ich mich,
Gemeinsam mit Salomo,
Gott dem HERRN,
Dem Schöpfer aller Kreaturen.

Einige Kommentatoren meinen,


Daß die Königin diese Worte aussprach
Als Buße für ihre Anbetung der Sonne
Und teilweise auch aus der Furcht heraus,
In dem Wasser, dass sie sah, ertränkt zu werden.

Manche sagen, dass Salomo daran dachte,


Die Königin von Saba zu heiraten,
Aber er konnte sich dazu nicht durchringen
Wegen ihrer behaarten Beine.
Die Dämonen, die allzeit Salomo auflauerten,
Entfernten die Haare von den Beinen der Königin
Durch die Benutzung eines höllischen Rasiermessers,
Aber es ist noch die Frage,
Ob Salomo sie daraufhin heiratete.

Manche sagen auch, es sei nicht klar,


Wen die Königin von Saba schließlich heiratete,
Aber vermutlich war es
Der Häuptling eines heidnischen Stammes.

ZWEITER GESANG

Wie wurde Salomo Vater


Des Menelek von Äthiopien?

Die Mutter des Menelek


War ein Mädchen vom Tigris,
Das ist die Königin von Saba.

Ihr Volk betete eine Schlange an,


Und jeder Mann hatte einmal
Seine älteste Tochter
Dieser Schlange zu opfern
Und große Mengen von Bier
Und süßer Milch.

Als die Reihe an ihre Eltern kam,


Banden sie sie an einen Baum,
Zu dem die Schlange gewöhnlich kam,
Nach Trank und Speise zu suchen.
Gleich danach kamen sieben Heilige
Und setzten sich unter den Baum
Wegen des Schattens, den der Baum gab.
Als sie da saßen, tropfte eine Träne
Von der Jungfrau über ihnen auf sie
Und als sie nach oben sahen,
Sahen sie die Jungfrau an den Baum gefesselt,
Und da fragten sie die Jungfrau,
Ob sie ein Mensch sei oder ein Engel.
Die Jungfrau sagte ihnen, dass sie ein Mensch sei
Und antwortete schon auf alle möglichen weiteren Fragen,
Indem sie erzählte,
Sie sei an diesen Baum gefesselt,
Auf dass sie zur Speise diene der Schlange.
Als die sieben Heiligen die Schlange sahen,
Zog einer von ihnen sich an seinem Bart
Und ein anderer sagte:
Die Schlange jagt mir Angst ein!
Und ein dritter schrie laut:
Lasst uns die Schlange zerreißen!
Und er schlug auf das Monster ein,
Unterstützt von seinen Kameraden,
Sie töteten die Schlange mit einem Kreuz.
Als sie die Schlange getötet hatten,
Floss Blut aus der Schlange
Und fiel auf die Füße der Jungfrau,
Und von diesem Moment an
Hatte sie die Beine einer Stute.
Die Heiligen lösten ihre Fesseln
Und schickten sie in ihr Heimatdorf.
Aber die Leute dort verjagten sie,
Denn sie dachten,
Die Jungfrau wäre vor der Schlange geflohen.
Da kletterte sie in einem Baum
Und verbrachte dort die Nacht.
Am folgenden Tag holte sie
Einige Leute aus dem Dorf
Und zeigte ihnen die tote Schlange.
Und so machten die Leute
Die Jungfrau zu ihrer Königin.

Sie wählten zu ihrem Oberoffizier


Ein Mädchen, das wie die Königin Jungfrau war.

Bald danach hörte die Königin von Saba


Von der medizinischen Weisheit
Des Königs Salomo,
Und sie plante, zu ihm zu gehen,
Daß er ihre Stutenbeine
Wieder in Frauenbeine verwandle.
Sie und ihr jungfräulicher Offizier
Frisierten sich die Haare
Nach Art der Männer
Und gürteten Schwerter um ihre Hüften
Und zogen zum Hof Salomos in Jerusalem.

Ihre Ankunft wurde dem König berichtet,


Der seinen Dienern gebot,
Den König von Abessinien
In seine Gegenwart zu bringen.
Sobald ihre deformierten Füße
Den Boden berührten
Des Königspalastes in Jerusalem,
Wurden ihre Beine wieder zu schönen Mädchenbeinen!

Salomo hatte Brot, Fleisch und Wein hereingebracht


Und setzte es den beiden Frauen vor,
Die als Männer verkleidet waren.
Aber sie aßen und tranken so wenig,
Daß Salomo vermutete,
Daß sie Frauen wären.

Als die Nacht hereinbrach,


Ließ er zwei Betten bereiten
Für seine Gäste
In seinem eignen Schlafgemach.
Er hängte in dem Raum einen Lederbeutel auf
Mit Wabenhonig darin
Und durchlöcherte den Lederbeutel,
So dass der Honigseim
In einen Becher tropfte.
Und Salomo und seine beiden Gäste gingen zu Bett.
In der Nacht hielt der König
Mit geschlossenen Augen Nachtwache,
Dann schlief er mit offenen Augen.
Die beiden Frauen erhoben sich von ihren Betten
Und wollten vom Honigseim im Becher kosten,
Aber sie sahen den König
Mit offenen Augen im Bette liegen
Und dachten, er sei wach,
Und so unterdrückten sie ihre Begierde
Nach dem Honigseim
Und blieben im Bett.
Nach einiger Zeit wachte der König auf
Und schloss seine Augen,
Und die Frauen dachten,
Er schlafe nun,
So erhoben sie sich von ihren Betten
Und begannen vom Honig zu schlecken.
So wusste Salomo, dass sie Frauen waren,
Und er legte sich zu beiden ins Bett.
Als er sie verließ,
Gab er jeder der Frauen
Einen silbernen Stab und einen goldenen Ring:
Wenn dein Kind ein Mädchen ist,
Gib ihr den Stab
Und schicke sie zu mir,
Wenn es ein Knabe ist,
Gib ihm den Ring
Und schick ihn zu mir.

Beide Frauen kehrten schwanger


In ihre Heimat zurück.
Nach neun Monden
Gebar jede der Frauen einen Sohn
Und jede Frau sagte ihrem Sohn,
Daß Salomo sein Vater sei.

Als die beiden Knaben größer geworden,


Schickten die Mütter die beiden Knaben
Nach Jerusalem.
Salomo wusste, dass sie den Anspruch stellten,
Als seine Söhne anerkannt zu sein.
Er gebot ihnen, auf ein Gespräch zu warten,
Und ließ sie drei Jahre
Auf ein Gespräch mit ihm warten.
Am Ende des dritten Jahres
Legte er seinem Freund
Die royale Robe an
Und setzte ihn in den Königsthron,
Während er sich in Lumpen hüllte
Und sich auf einen Fußschemel setzte.

Als die beiden jungen Männer


In den Thronsaal eintraten,
Streckte der Sohn der Ministerin
Seine Hand nach dem Freunde Salomos
Im Königsthron,
Denn er hielt ihn für den König.
Aber der Sohn der Königin von Saba,
Menelek war sein Name,
Stand aufrecht und verneigte sich nicht
Vor dem Freunde im Königsthron.
Er schaute in den magischen Spiegel,
Den seine Mutter ihm mitgegeben hatte,
Und er sah, dass das Aussehn
Des angeblichen Königs nicht so königlich war
Wie sein eignes, dass er nicht vor Salomo stand.
Er schaute sich um
Und sah alle Männer im Saal
Und fand keinen so königlich wie sich selber.
Schließlich fiel sein Blick auf Salomo,
Der in Lumpen auf dem Fußschemel saß,
Und er erkannte ihn sofort,
Trat zum Schemel
Und huldigte dem wahren König.
Und Salomo sprach:
Mein wahrer Sohn!
Der andere ist auch mein Sohn,
Doch er ist ein Narr!

Menelek ließ sich nieder in Jerusalem


Und assistierte Salomo in der Königsherrschaft.

Aber nach einiger Zeit merkte das Volk,


Daß Vater und Sohn sich nicht immer einig waren
In den Richtersprüchen,
Und das Volk ward unzufrieden.
Darum sagte das Volk,
Sie wollten nicht von zwei Herren regiert werden
Und dass Salomo seinen Sohn
Zurück in dessen Heimat schicken müsse.
Als Salomo dies Begehren des Volkes
Seinem Sohne mitteilte,
Sagte Menelek zu seinem Vater:
O Salomo, sage dem Volk:
Ist nicht Menelek mein wahrer Sohn?
Ich werde meinen Sohn fortschicken,
Wenn ihr eure Söhne mit ihm ziehen lasst.
Und die Leute willigten ein,
Und so zogen die Söhne
Mit dem Prinzen Menelek
Nach Abbessinien in Afrika.

Als Salomo
Die Abreise seines Sohnes vorbereitete,
Sagte er ihm,
Die Bundeslade des Erzengels Michael sei mit ihm.
Aber Menelek meinte,
Die Bundeslade Marias sei bedeutender.
Er vertauschte das Äußere der beiden Laden
Und nahm die Bundeslade Marias
Mit sich nach Abessinien.

Einige Tage später


Ward Jerusalem heimgesucht
Von einem Wirbelsturm.
Salomo gab seinen Dienern den Befehl,
Nach der Bundeslade Marias zu schauen,
Denn Salomo glaubte,
Die Bundeslade Marias allein
Könne Jerusalem jetzt noch retten.
Die Diener berichteten ihrem König,
Daß die Bundeslade Marias noch an Ort und Stelle war.
Salomo gebot den Dienern,
Die äußere Verkleidung abzunehmen,
Und so entdeckten die Diener,
Daß es die Lade Michaels war.

Salomo sandte Menelek einen Boten nach


Und forderte den Prinzen auf,
Die Bundeslade Marias zurückzugeben.
Doch Menelek behielt die Bundeslade Marias.

Menelek und seine Schar


Wanderten weiter und kamen nach Kayeh Kor.
Der Diakon, der die Bundeslade Marias trug,
Starb dort und wurde dort begraben.
Nach der Beerdigung
Wollten sie ihre Reise fortsetzen,
Aber die Bundeslade Marias
Weigerte sich, sich zu bewegen.
Menelek gebot,
Den Leichnam des Diakons auszugraben,
Und sie fanden, dass ein Finger des Diakons
Nicht begraben worden war.
Als sie nun den Leichnam
Mit dem Finger wieder begruben,
Ließ sich die Bundeslade Marias wieder bewegen.

Menelek und seine Leute zogen weiter.


Sie kamen auf direktem Wege nach Tegray
Und erreichten schließlich Akksum.
Dort fanden sie den Satan dabei,
Ein Haus zu bauen
Und gegen Gott zu streiten.
Als Menelek dem Satan sagte,
Die Bundeslade Marias sei gekommen,
Hörte Satan auf, das Haus zu bauen,
Und er riß nieder, was er bisher gebaut,
Und Satan zog von dannen.
Die Steine wurden nun von Menelek verwandt,
Eine Kirche zu bauen
Für die Bundeslade Marias.

DRITTER GESANG

Wie die Königin geboren wurde,


Steht in einem alten Manuskript.

Auch das Evangelium


Erwähnt diese Frau.
Als Jesus die Leute verdammte,
Die ihn verurteilt zur Kreuzigung,
Sagte Er: Die Königin des Südens
Wird sich erheben am Tag des Gerichts
Und wird mit ihnen disputieren
Und sie verurteilen
Und niederschlagen diese Generation,
Die nicht lauschen der Predigt Meines Wortes,
Denn die Königin des Südens
Kam vom Ende der Erde,
Zu hören die Weisheit Salomos.
Und hier ist mehr als Salomo.

Die Königin des Südens,


Von der Jesus sprach,
War die Königin von Äthiopien.
Und mit den Worten,
Daß sie vom Ende der Erde kam,
Wies Jesus auf die schwächliche Konstitution von Frauen hin
Und dass sie die lange Reise auf sich nahm
Und die brennende Sonnenhitze
Und den Hunger auf der Reise
Und den Durst nach Wasser.

Diese Königin des Südens


Hatte ein sehr schönes Antlitz
Und ihre Gestalt war superb
Und ihr Verständnis und ihre Intelligenz,
Die Gott ihr gegeben hatte,
Waren von edlem Charakter,
So dass sie nach Jerusalem reiste,
Zu hören die Weisheit Salomos,
Dies tat sie nach einer Weisung Gottes
Und so fand sie Gottes Wohlgefallen.

Desweiteren war sie ausgesprochen reich


Und Gott hatte ihr geschenkt
Herrlichkeit und Reichtümer,
Gold und Silber,
Eine glänzende Erscheinung,
Kamele und Sklaven und Händler.
Und die Händler besorgten ihre Geschäfte
Und reisten umher für ihre Königin
Zu Wasser und zu Lande,
Auch bis nach Syene in Ägypten,
Ja bis nach Indien.

VIERTER GESANG

Und die Königin sprach:


Höre, mein Volk,
Und leihe deine Ohren meinen Worten.
Ich begehre Weisheit,
Mein Herz verlangt nach Einsicht.
Ich bin geschlagen mit der Liebe zur Weisheit.
Ich bin gefesselt von den Fesseln der Erkenntnis.
Weisheit ist besser als Schätze von Gold und Silber,
Weisheit ist besser als jede Kreatur auf Erden.
Was unter der Sonne wollt ich der Weisheit vergleichen?
Sie ist süßer als Honig
Und lässt einen mehr jubeln als Wein
Und sie erleuchtet mehr als die Sonne
Und ist kostbarer als Perlen und Edelsteine.
Weisheit fettet besser als Salböl
Und sättigt besser als Speise
Und gibt mehr Ehre als Gold und Silber.
Sie ist die Quelle der Herzensfreude
Und ein helles Licht für die Augen.
Sie gibt feste Schritte den Füßen
Und ist ein Schutzschild für die Brust
Und ein Helm für das Haupt
Und ein Kettenhemd für den Rücken
Und ein Gürtel für die Lenden.
Sie lässt die Ohren hören
Und die Herzen verstehen.
Sie ist eine Lehrerin der Gelehrten
Und eine Meisterin der Klugen
Und gibt Ruhm den Ruhmbegierigen.
Ein Königreich kann ohne Weisheit nicht bestehen
Und Wohlstand lässt sich ohne Weisheit nicht bewahren
Und die Nahrung bleibt ohne Weisheit nicht in den Vorratskammern.
Ohne Weisheit sind die Reden der Zunge unerträglich.
Weisheit ist der beste Schatz.
Wer Gold und Silber aufhäuft,
Tut dies ohne Gewinn,
Wenn ihm die Weisheit mangelt,
Aber wer Weisheit aufhäuft,
Diesen Schatz kann seinem Herzen niemand entreißen.
Wegen der Bosheit der Übeltäter
Werden die gerechten Wohltäter gepriesen
Und wegen der Frevel der Narren
Werden die gütigen Weisen gepriesen.
Weisheit ist erhaben und reich.
Ich will sie lieben wie eine Mutter
Und sie soll mich liebkosen als ihr Kind.
Ich will folgen den Fußspuren der Weisheit
Und sie soll mich immer beschützen.
Ich will Weisheit suchen
Und sie soll immer bei mir sein.
Ich folge den Spuren ihrer Füße
Und sie wird mich nicht verschmähen.
Ich will mich auf sie stützen
Und sie soll mir wie eine diamantne Mauer sein.
Ich will Asyl suchen bei ihr
Und sie soll meine Kraft und Stärke sein.
Ich will in ihr frohlocken
Und sie soll mir graziöse Gnade sein.
Es ist recht, den Fußspuren der Weisheit zu folgen,
Und recht für unsre Füße, in den Pforten der Weisheit zu stehen.
Wir wollen sie suchen,
Dann werden wir sie finden.
Wir wollen sie lieben
Und sie wird uns nie verlassen.
Lasst uns ihr folgen
Und wir werden sie gewinnen.
Lasst uns um Weisheit bitten
Und wir werden sie empfangen.
Wir wollen ihr unser Herz schenken,
So dass wir sie nie vergessen.
Wenn wir an sie denken,
Denkt sie auch an uns.
In Gegenwart von Narren erinnere nicht an die Weisheit,
Denn die Narren ehren die Weisheit nicht
Und die Weisheit liebt die Narren nicht.
Die Liebe der Weisheit gilt dem weisen Mann
Und sie scheidet sich nicht von ihm.
Wenn du den weisen Mann betrachtest,
Wirst du selber weise.
Höre auf die Aussprüche seines Mundes,
Daß du weise wirst wie er.
Schau dir an, wo er geht und steht,
Und verlasse ihn nicht.
Mögest du Erbe seiner Weisheit werden!
Ich liebe es, ihm zu lauschen,
Und ich liebe ihn auch, ohne ihn zu sehen,
Und die ganze Geschichte, die ich über ihn hörte,
Weckt in mir Begierde nach ihm
Wie Durst nach frischem Wasser.

Und ihre Edlen,


Sklaven und Mädchen sprachen:
Unsre Herrin,
Die Weisheit fehlt dir nicht,
Und wegen deiner Weisheit liebst du die Weisheit.
Wenn du zu ihm gehen willst,
Wollen wir mit dir gehen,
Und wenn du dich setzt,
Setzen wir uns mit dir,
Und dein Tod soll unser Tod sein
Und unser Leben soll dein Leben sein.

Die Königin machte sich bereit für die Reise


Mit großem Pomp und Majestät
Und vielen Dingen und langen Vorbereitungen.
Denn durch den Willen Gottes
Verlangte ihr Herz,
Nach Jerusalem zu reisen,
Daß sie lausche der Weisheit Salomos.
So machte sie sich bereit.
Und siebenhundertdreiundsiebzig Kamele wurden beladen
Und unzählige Maultiere und Esel wurden beladen.
Und sie machte sich auf die Reise
Und folgte dem Weg ohne Pause
Und ihr Herz vertraute auf Gott.

FÜNFTER GESANG

Sie kam an in Jerusalem


Und brachte dem König
Viele kostbare Geschenke,
Welche er begehrte zu besitzen mit großem Verlangen.
Und er gab ihr große Ehre
Und freute sich.
Und er gab ihr eine königliche Wohnung
Nahe bei seinem Palast.
Und er schickte ihr Speise am Morgen und am Abend,
Jedesmal fünfzehn Maß weißes Mehl,
Gebacken mit Öl,
Und Gewürze und Saucen,
Und dreißig Maß von weißem Korn,
Woraus Brot gebacken wurde
Für dreihundertfünfzig Leute,
Zehn Ochsen, fünf Bullen,
Fünfzig Schafe, ungezählte Lämmer,
Und Hirsche und Gazellen,
Und eine Tonne voll Wein von sechzig Maßen,
Und dreißig Maßen alten Wein,
Und fünfundzwanzig singende Männer
Und fünfundzwanzig singende Frauen
Und Mädchen
Und Honig und Süßigkeiten,
Und manches von der Speise, die er selber aß,
Und manches von dem Wein, den er selber trank.
Und jeden Tag bekleidete er sie mit Kleidern,
Die bezauberten
Und verhexten die Augen des Mannes.
Und er besuchte sie
Und ward gesegnet,
Und sie sah seine Weisheit
Und sein gerechtes Richten
Und seinen Glanz und seine Gnade
Und hörte die Beredsamkeit seiner Zunge.
Und sie wunderte sich in ihrem Herzen
Und war erstaunt in ihrem Geist
Und sie erkannte in ihrem Verstehen
Und empfing mit ihren Augen sehr klar,
Wie bewundernswürdig er war,
Und sie staunte außerordentlich über alles,
Was sie sah und hörte,
Wie perfekt er gebaut war von Gestalt,
Wie weise er war im Verstehen,
Wie friedlich er und gnädig war,
Wie gebietend seine Erscheinung.
Und sie bemerkte,
Wie tief seine Stimme war
Und wie diskret seine Lippen sprachen
Und dass er würdevoll gebot
Und dass seine Antworten leise waren
Und voller Ehrfurcht vor Gott.
Alles dies sah sie
Und sie war erstaunt
Über den Umfang seiner Weisheit
Und da mangelte nichts
In seinen Worten und Reden,
Sondern alles, was er sprach, war perfekt.

SECHSTER GESANG

Und die Königin von Saba


Sprach zu König Salomo:
Gesegnet bist du, mein Meister,
Da solche Weisheit und Erkenntnis
Dir von Gott gegeben worden ist.
Für mich wünsche ich nur,
Daß ich die Geringste deiner Kammermädchen sein darf,
So dass ich dir die Füße waschen dürfte
Und lauschen deiner Weisheit
Und vernehmen deine Erkenntnis
Und dienen deiner Majestät
Und mich erfreuen an deiner Klugheit.
O wie sehr erfreute mich deine Antwort
Und die Süßigkeit deiner Stimme
Und die Schönheit deines Ganges
Und der Gnadenreichtum deiner Worte.
Die Süßigkeit deiner Stimme
Macht mein Herz jauchzen
Und macht das Mark in meinen Gebeinen stark
Und gibt Mut dem Herzen
Und guten Willen und Gnade den Lippen.
Ich schaue auf dich
Und sehe deine unausschöpfliche Weisheit
Und deine außerordentliche Erkenntnis,
Deine Weisheit ist wie eine Lampe in der Dunkelheit
Und wie ein Granatapfelbaum im Garten
Und wie eine Perle im Meer
Und wie die Venus unter den Sternen
Und wie der Vollmond im Nebelschleier
Und wie die glorreiche Morgenröte am Horizont.
Ich danke dem Herrn,
Der mich zu dir geführt hat
Und dich mir gezeigt
Und ließ mich deine Stimme hören.

Und König Salomo antwortete ihr und sprach:


Weisheit und Erkenntnis kommen von dir selber.
Was mich betrifft, ich besitze die Weisheit
In dem Maß, wie Gott sie mir gegeben,
Weil ich sie von ihm erbeten habe.
Und du, obwohl du nicht kennst den Gott Israels,
Hast diese Weisheit wachsen lassen in deinem Herzen
Und bist gekommen, mich zu sehen,
Mich, den Sklaven Gottes,
Und den Tempel und das Tabernakel,
Welchen ich errichtet habe
Und wo ich diene
Und bewege mich vor meiner Herrin,
Der Bundeslade
Des Gottes Israels,
Der heiligen und himmlischen Tochter Zion.
Nun, ich bin der Sklave meines Herrn,
Und ich bin nicht ein autonomer Mensch,
Ich diene nicht gemäß meinem eigenen Willen,
Sondern entsprechend dem Willen des himmlischen Vaters.
Und diese Rede entspringt nicht mir selber,
Sondern ich sage nur,
Was Gott mir zu sagen gebietet.
Was immer der Herr mir gebietet, das tu ich,
Wohin immer er mich ruft, dahin geh ich,
Worüber er mich belehrt, das versteh ich.
Ich bin nur Staub vom Staube,
Aber Gott hat mir einen Leib und eine Seele gegeben,
Und obwohl ich nur aus Wasser bestehe,
Hat Gott aus mir einen starken Mann gemacht,
Und obwohl ich nur ein ausgegossener Samentropfen bin,
Der vertrocknet wäre,
Hätte mein Vater ihn auf die Erde fallen lassen,
Hat Gott mich gemacht zu seinem Ebenbild
Und hat mich Gott selbst ähnlich gemacht.

SIEBENTER GESANG

Die Königin gewöhnte sich daran,


Zu Salomo zu gehen
Und zu lauschen seiner Weisheit
Und sie in ihrem Herzen zu bewahren.

Und Salomo ging täglich zu ihr


Und besuchte sie
Und gab ihr Antwort auf alle ihre Fragen,
Und die Königin besuchte ihn oft
Und fragte ihn alles, was sie wissen wollte,
Und er gab ihr auf alles eine Antwort.

Und als sie sechs Monate bei ihm gewohnt hatte,


Wünschte sie, in ihre Heimat zurückzukehren,
Und sie sandte eine Botschaft an Salomo:
Ich verlange sehr, bei dir zu wohnen,
Aber nun, aus Liebe zu meinem Volk,
Will ich heimkehren in meine Heimat.
Alles, was ich von dir gehört habe,
Möge Gott es fruchtbar machen in meinem Herzen
Und fruchtbar in den Herzen aller,
Die es jemals hören werden.
Denn das Ohr kann nicht satt werden
Im Lauschen auf deine Weisheit
Und das Auge wird nie satt
Im Schauen auf die Schönheit deiner Weisheit.

Und als die Königin diese Botschaft


An Salomo geschickt,
Dachte er in seinem Herzen:
Eine Frau von solcher herrlicher Schönheit
Kam zu mir vom Ende der Erde!
Was weiß ich?
Wird Gott mir Samen in ihr geben?
Nun war Salomo ein großer Frauenfreund.
Er nahm hebräische Frauen,
Ägyptische und kanaanäische Frauen,
Amoritische und moabitische Frauen,
Syrische Frauen und andere Frauen,
Von denen er gehört,
Daß sie außergewöhnlich schön wären.
So hatte er vierhundert Königinnen
Und sechshundert Konkubinen.
So hatte Gott schon zu Abraham gesagt:
Ich will deine Samen zahlreich machen
Wie die Sterne am Himmel
Und den Sand am Strande des Meeres!
Und so tat Salomo.
Also sprach Salomo:
Was weiß ich?
Wird Gott mir Söhne geben
Von allen meinen Frauen,
Werden meine Söhne
In all den heidnischen Völkern
Könige werden
Und die Götzen zertrümmern.

ACHTER GESANG

(...)
NEUNTER GESANG

Die Königin freute sich


Und machte sich zur Abfahrt bereit.
Der König begleitete sie auf ihrem Weg
Mit viel Pomp und Zeremonie.
Salomo nahm sie beiseite,
So dass sie alleine waren,
Und nahm den Ring von seinem Ringfinger
Und gab ihn der Königin
Und sagte zu ihr:
Nimm diesen Ring,
Auf dass du mich nie vergisst!
Und wenn ich einen Sohn von dir bekomme,
Soll der Ring sein Zeichen sein.
Und wenn es ein Knabe ist,
Soll er zu mir kommen.
Der Friede Gottes sei mit deinem Geiste!
Während ich mit dir schlief,
Hatte ich viele Visionen im Traum,
Und es schien, als ob eine Sonne aufging über Israel,
Aber die Sonne wanderte nach Äthiopien.
Dieses Land Äthiopien soll durch dich gesegnet werden,
Gott will das.
Bewahre alles im Herzen, was ich dir gesagt hab,
Auf dass du Gott anbetest von ganzem Herzen
Und des Vaters Willen tust.
Der Herr stürzt die Arroganten
Und zeigt Mitgefühl mit den Kleinen,
Er reißt die Throne der Stolzen um
Und bringt die Armen zu Ehren.
Tod und Leben kommen von Gott
Und Reichtum und Armut
Sind verteilt nach Gottes Willen.
Alles ist sein
Und niemand kann seinen Befehlen widerstreben
Und seinem Gericht im Himmel und auf Erden
Oder auf dem Meer oder in der Unterwelt.
Gott sei mit dir!
Geh im Frieden Gottes!

DIE SIEBEN TÄLER DES GLANZES

DAS ERSTE TAL


Die Stute, die ich reite,
Ist die Stute der Geduld.

Der Pilger wird sein Ziel erreichen


Allein durch Geduld,
Er darf nicht hitzig voraneilen
Wie ein zorniger Unbeherrschter.

Wenn er auch alle Jahre seines Lebens


Und wären es auch hundert Jahre
Den Geliebten nicht sehen wird
Und seine göttliche Schönheit,
So darf er sich dennoch nicht betrüben.

Der Pilger muß seine Seele reinigen lassen,


Auf dass er den himmlischen Schatz
Von Rost und Dieben frei bewahrt,
Er darf auch nicht die Väter
Und Heiligen blind imitieren.
Auch soll er die Tür seines Herzens schließen
Der Freundschaft mit den Kindern der Welt.

Er wird finden, dass alle Kreaturen


Aufgeregt suchen den Liebling!

Er sieht Jakob, der seinen Josef sucht.


Er findet eine ganze Welt von Freunden,
Die alle den Einen Geliebten suchen.
Er findet ein Universum voller Verliebter,
Die alle den Einen Liebling begehren!

Jeden Tag erlangt er eine neue Erkenntnis.


Jeden Tag begegnet ihm ein neues Mysterium.
Er hat sein Herz erhoben
Über die sichtbare Welt
Und sucht nur in den Tempel des Geliebten zu kommen.

Diese Suche sollte so leidenschaftlich sein


Wie der wahnsinnige Medschnun
Seine Layla begehrte, die Göttin der Nacht.

Wie der wahnsinnige Medschnun


Seine Nachtgöttin Layla liebt,
In purer menschlicher Liebe
Von höchster Liebesart,
So soll der fromme Pilger
Die Ewige Gottheit suchen.

Denn eines Tages sahen die Leute,


Wie Medschnun den Staub aufwühlte
Und heiße Tränen vergoss.
Was machst du, fragten die Leute.
Ich suche Layla, meine Geliebte, sprach Medschnun.
Die Leute riefen: Weh dir!
Layla ist von reiner Geistigkeit
Und du suchst die Geliebte im Staub?
Medschnun sagte: Ich suche sie überall,
Ach, dass ich sie irgendwo finde!

Zwar suchen die Weisen


Den König der Könige
Nicht im Staub,
Doch suchen die Weisen
Mit solchem leidenschaftlichen Liebesverlangen
Wie der wahnsinnige Medschnun
Seine geliebte Layla sucht.

Der Gottsucher muß die Gottheit so suchen,


Daß er alles verneint, was existiert,
Und zu allen Geschöpfen Nein sagt,
Bis er durch die negative Theologie
Zu jenem geistigen Nichts gelangt,
Da er ausruft voller Staunen:
Aber du, o Herr!

Es ist kein Gott außer Gott der HERR allein.


Es ist kein Gott, ist Negation,
Denn Gott ist Nichts,
Verglichen mit allem Seienden.
Doch Gott ist der Herr allein,
Das ist das letzte Ja,
Das göttliche Aber:
Aber du, o Herr!
Das ist der Beginn des Glaubens
Und des wahren Bekenntnisses.

Der Pilger aber muß sich selbst verlassen


Auf der Suche nach Ihm,
Da erst wird er den Honig schmecken
Und schmecken, wie gut der Herr ist,
Und kosten, wie süß der Name des Herrn ist,
Und genießen die Kommunion mit Ihm.

Wenn du dann den Becher leerst


Der Kommunion mit dem Liebling,
Vergisst du die Welt und ihre Kinder
Und vergisst du dich selbst
Und verlierst dich in den Geliebten.

Suche den Geliebten an allen Enden der Erde,


Bei allen Völkern und Zungen,
Suche, bis du entdeckst
Das Mysterium des Vielgeliebten.
Schau, und siehe, du wirst schauen
Das Antlitz des Einziggeliebten
In manchem menschlichen Antlitz.

Wenn der Pilger in diesem Tal


Durch den Beistand der göttlichen Gnade
Die Spur der Fußtapfen seines Geliebten findet,
Wird er augenblicklich hinübergehen
In das Tal der Ewigen Liebe
Und dort wird er verschmelzen
Mit der lebendigen Liebesflamme.

DAS ZWEITE TAL

In dem Tal der Liebe


Ist ein attraktives Himmelreich
Und eine all-erleuchtende Sonne,
Brennendes Begehren,
Und die lebendige Liebesflamme
Lodert wie Feuerschlangen!

Wo die lebendige Liebesflamme


Wie feurige Schlangen lodert,
Da wird die Ernte des Verstandes verbrannt.

Hier ist der Pilger bewusstlos,


Bewusstlos aller Kreaturen
Und bewusstlos seines eigenen Ichs.

Er weiß nichts von dem Wissen


Und weiß nichts von der Unwissenheit,
Er schwebt über den Dogmen
Und ist frei von aller Gottlosigkeit.

Er überlässt die Gottlosigkeit den Gottlosen


Und die Dogmatik den Dogmatikprofessoren.
Ein kleiner Dorn der Pein
Von der Rose der göttlichen Liebe
Ist genug dem Pilger.

Die Stute, die ich reite


Im Tal der Liebe,
Ist die Stute der Pein.

Ohne Kreuz wird die Pilgerschaft nicht vollendet.

Der Verliebte kann an nichts andres denken


Als an den Einen Liebling.
Der Pilger sucht keine Zuflucht
Als an dem Rocksaum des Geliebten.
An jedem Tag
Gibt er in tausend Toden sein Leben hin
In der Nachfolge des Geliebten.
Bei jedem Schritt
Wirft er tausend Feinde
Zu den Füßen des Schemels des Geliebten.

Mein Bruder!
Erst wenn du in das Ägypten des Geistes ziehst,
Wirst du Josef finden,
Die Schönheit des Geliebten.
Wie Jakob musst du aufgeben
Die äußeren weltlichen Augen
Und das innere Auge des Herzens öffnen.
Erst wenn du erfüllt bist
Von der lebendigen Liebesflamme,
Wirst du in Kommunion sein
Mit dem Liebling in Ekstase!

Der Liebende fürchtet kein Geschöpf


Und kein Verlust kann ihn betrüben.

Man wird ihn finden


Kühl im Feuerofen
Und trocken in den Meereswogen.

Die Liebe akzeptiert keine Existenz


Und wünscht sich nichts auf Erden.
Der Gottsucher findet Leben im Tod
Und in der Demütigung findet er seinen Ruhm.

Viel Weisheit ist notwendig,


Um einen bereit zu machen
Für die Weißglut der Liebe.

Selig ist das Haupt,


Das in den Staub geworfen liegt
Vor den Spuren der Fußtapfen
Seines Lieblings.

Sei ein Fremdling deinem Ich,


Damit du den Weg findest
Zu dem einzigbegehrten Liebling.

Verbanne die sterbliche Erde,


Damit du Ruhe findest
Im Taubennest
Der allmächtigen Liebe!

Zu Nichts musst du werden,


Damit du erfüllt wirst
Vom Feuer des Ewigen Seins
Und angenommen werden kannst
Von der Ewigen Liebe.

Die Ewige Liebe akzeptiert


Keinen, der an sterblichen Dingen hängt.
Der Falke des Himmels
Speist keine toten Ratten!

Jeden Augenblick
Verzehrt die Liebe
Die sterbliche Welt.

In welchem Land auch immer


Der Pilger die Fahne der Liebe hisst,
Die Liebe macht ihn
Immer und überall
Trostlos traurig!

Die eigne Existenz


Hat kein Sein
Im Bereich der Ewigen Liebe!
Und Männer des Verstandes
Haben kein Bürgerrecht
Im Fürstentum der Schönen Liebe!

Der Walfisch der Liebe


Speit aus die Männer des Verstandes
Und zerstört die Stolzen,
Die auf ihr Vielwissen stolz sind.

Selbst die sieben Weltmeere


Löschen nicht den Durst,
Den das Feuer der Liebe
Im Herzen des Pilgers entzündet!

Und dennoch ruft der Pilger:


Ist da noch irgendein Mensch
Der Liebe auf Erden?

Die sieben Schleier


Des satanischen Egoismus
Werden verbrannt
Vom Feuer der Ewigen Liebe,
So dass der Geist ganz nackt
Und sauber und pur
Vorm Herrn der Herren steht
Und spricht: Für dich allein!

Dann spricht Gott zum Gottseher:


Für dich, für dich allein
Bin ich gestorben am Kreuz!
Entzünde die Flamme der Liebe
Und lass vom Liebesfeuer verzehren
Alle Besessenheiten des Egoismus,
Dann steige barfuß und unbeschuht
Auf den Gipfel des Berges der Liebe.

Von dort wird der Pilger


Hinüberschreiten vom Gipfel der Liebe
Ins Tal der göttlichen Erkenntnis!

DAS DRITTE TAL

Der Pilger wird geführt


Vom Zweifel zum Vertrauen
Und geführt von der Nacht
Der weltlichen Irrtümer
Wilden Begehrens
Ins Licht
Der Führung
Durch die Pietät.

Sein inneres Auge


Wird geöffnet
Und er wird leben
In inniger Kommunion
Mit seinem Liebling!

Er öffnet die Pforte


Der Wahrheit und der Devotion
Und schließt das Tor
Des Aberglaubens und Stolzes.

Er gehorcht dem Gesetze Gottes,


Wird Leben im Tod erkennen
Und empfängt die Mysterien
Des Lebens der kommenden Welt
Und der Neuen Schöpfung
Und erkennt den Neuen Himmel und die Neue Erde
Mit den inneren Augen,
Und mit einem spirituellen Herzen
Erkennt er die Ewige Weisheit
In der Evidenz Gottes.

In einem Ozean
Erkennt er den Tropfen
Und in dem Tropfen
Erkennt er den Ozean.

Der Pilger empfängt in diesem Tal


Visionen, so dass er schaut
In aller Schöpfung
Die ewigen Ideen Gottes.
Wohin immer er schaut,
Er schaut die Spuren Gottes.

Über aller Ungerechtigkeit


Erkennt er die göttliche Justitia,
Über der strengen Justitia
Sieht er triumphieren
Die mütterliche Misericordia.

In allen Irrlehren
Entdeckt er
Den Samen der absoluten Wahrheit.

Er bricht aus dem Gefängnis


Der fleischlichen Begierde
Und wird berührt vom Geist
Der Heiligen in der Unsterblichkeit.
Er bittet um die Himmelsleiter
Und steigt hinan
In den Ideenhimmel.

Wird er unterdrückt
Von den Kindern dieser Welt,
So leidet er in Geduld.
Wenn er Zornige sieht
In ihren Zornausbrüchen,
Hat er Mitleid mit ihnen.

Der Pilger sieht


Den Anfang aller Dinge
Und das Ziel aller Dinge
Als Eines.
Ja, mehr noch,
Der Pilger schaut Eines,
Welches ohne Anfang
Und ohne Ende ist.

Die vollkommene
Erkenntnis des Herrn
Ist es, ihn zu befreien
Von allem, was nicht Gott ist.

Herr, führe uns den rechten Weg


Und segne uns
Mit göttlicher Liebe,
Deiner Substanz!
Frei von uns selber
Und frei von allen Geschöpfen
Sind wir, frei für dich,
Um nichts zu wissen als Gott allein,
Um nichts zu schauen als Gott allein,
Um nichts zu lieben als Gott allein.

Ja, der Pilger


Geht noch über die Liebe hinaus,
Denn die Liebe
Ist eine dünne Haut
Zwischen dem Liebenden und dem Liebling.

Ich bin Gottes Eigentum


Und kehre heim
In Gottes Schoß.

Und so schreitet der Pilger


Vom Tal der göttlichen Erkenntnis
Hinüber ins Tal
Der göttlichen Vereinigung!

DAS VIERTE TAL

Der Pilger trinkt


Vom heiligen Kelch
Der Theoria
Und schaut
Die Hypostasen
Der Einen Gottheit.

Er reißt den Schleier herunter


Des Vielen,
Flieht die Welt
Der irdischen Lüste
Und steigt in den Himmel
Der Einen Gottnatur.

Er lauscht
Mit heiligen Ohren
Und schaut die Wunder
Der Schöpfung
Durch das Wort des Herrn
Mit heiligen Augen.

Er betritt den Garten


Der göttlichen Freundschaft
Und tritt ein in den Pavillon
Seines Lieblings!

Er weiß nichts mehr


Von seinem Ich
Und hat auch seinen Namen vergessen
Und kennt nur noch
Sein Selbst versunken in Gott
Und kennt nur noch
Den Namen des Herrn, ja,
Den Namen des Herrn als seinen eigenen Namen.

Er hört die Stimme


Des Königs
Und die Melodien
Des Saitenspieles Gottes.

Er schaut alle Dinge an


Mit der Vision
Des einzigen Gottes
Und sieht das Licht Gottes
Durch alle Dinge scheinen.

Siehe das Phänomen der Sonne,


Die über Gute und Böse scheint.
Aber das Maß,
In dem die Sonne
Die Orte erleuchtet,
Ist gemäß der Orte Offenheit.

In einem fleckenlosen Spiegel


Scheint die Sonne hell
Und in einem Kristall
Offenbart sich ihr Feuer.

Einige Menschen aber


Haben den Seelengrund
Der Erkenntnis Gottes
Ummauert
Mit Egoismus und Begierden
Und leben verschleiert
Von Taubheit und Blindheit
Und sehen die Sonne der Ideen nicht
Und kennen die sieben Mysterien des Lieblings nicht
Und sind beraubt des Schatzes
Der Ewigen Weisheit
Und der göttlichen Schönheit
Und ausgeschlossen
Vom Allerheiligsten
Der göttlichen Gloria.

Ein reines Herz


Ist wie ein Spiegel,
Gereinigt durch Liebe
Und durch Absonderung von allem
Außer Gott,
Und die Ideale Sonne
Und die Ewige Luna
Spiegeln sich im reinen Herzen.

Der Himmel aller Himmel


Kann Gott nicht umfassen
Und kein Tempel auf Erden
Und dennoch will Gott
Wohnen im reinen Herzen.

Wenn die Ideale Sonne


Als Lichtglanz des Lieblings
Thront in deinem Herzensthron,
So strahlt das göttliche Feuer
Durch alle deine Glieder.

Wenn ein Gottesknecht


Mit Gott spricht im Gebet,
Hört Gott den Gottesknecht
Und spricht zu ihm
Und mehr noch,
Gott hört
Dann mit den Ohren seines Knechtes.

Denn der Hausherr


Ist im ganzen Hause der Herr
Und die Säulen des Tempels
Sind Lichtstrahlen Gottes.

Alles lebt und bewegt sich


Durch Gottes Leben
Und alles erhebt sich
Nach Gottes Begehren.

Dies ist die Quelle,


Von der jene trinken,
Die Gott nah sind.

Gottes Evidenz
Ist Gottes Menschwerdung.
Gottes Ewiges Sein
Ist Sein Name.

Einen sterblichen Schatten


Kannst du nicht vergleichen
Der Idealen Sonne!

Und dennoch wird


Die Sonne der Wahrheit
Sichtbar in den Spiegeln
Ihrer Heiligen.

Die göttliche Sonne


Strahlt im Herzen,
Aber sie ist verschleiert
Von irdischer Sinnlichkeit.
Entferne den Schleier,
Dann schaust du
Die bloße Sonne.

Wenn du von dem Antlitz


Deines Herzens
Den Schleier der Täuschung
Herunterreißt,
Schaust du die göttliche Sonne
Klar im Spiegel
Des unverschleierten Angesichts
Deines inneren Menschen.

In dir ist
Ohne Eingang und Ausgang
Die Sonne der Gottessubstanz,
Die Substanz alles Seienden,
Das Urmysterium
Des begehrten Lieblings!

Zwischen dem Liebenden


Und dem begehrten Liebling
Darf nicht die dünnste Haut sein!

Dies ist nicht Bücherwissen


Und nicht studierte Weisheit
Und angelesene Erkenntnis,
Sondern unmittelbar
In der Nacht des Kreuzes
Eingegossene Weisheit.

Der Gottesknecht
Erkennt sich als Nichts
Selbst im Kreis der Gottesfreunde,
Wieviel mehr dann erst
In der Realpräsenz
Des Einzigen Lieblings!

Halleluja dem Herrn!


Hosianna in der Höhe!

Friede sei mit dir,


Der du vollendest die Pilgerreise
Und folgst dem Herrn, geführt
Vom Licht seiner Gnade!

DAS FÜNFTE TAL

In diesem Tal vernimmt der Pilger


Das Blasen
Der göttlichen Befriedigung,
Das kommt aus der Wüste des Geistes
Und verzehrt den Schleier
Der Entbehrung.

Hier bezeugt der Pilger


Den Tag, da der Herr kommt,
Alle zu befreien
Mit der Kraft seines rechten Arms.

Der Pilger schaut


Den Tag der Erlösung
Mit den inneren Augen
Und mit den äußeren Augen
In den unsichtbaren
Und in den sichtbaren Dingen.

Der Pilger schreitet fort


Von der großen Traurigkeit
Zur stillen Freude
Und er wechselt
Die Depression aus gegen
Die Heiterkeit

Obwohl die Pilger


Äußerlich noch auf Erden sind,
Doch innerlich ruhen sie
Auf dem Sopha der Ideen,
Der Pilger hat Anteil
An der Gnade des Ideals
Und trinkt Tropfen
Puren spirituellen Weins.

Die menschliche Zunge


Kann nicht sprechen
Von der Gnade
Der letzten drei Täler
Und der Pilger spricht
Kurz angebunden.

Die Feder kann es nicht beschreiben


Und die Tinte lässt nur Kleckse zurück.

Die Nachtigall
Seines Herzens
Singt andre Melodien
Und tönt Mysterien.
Das Herz ist erregt
Und der Geist ist verstört.

Aber das Rätsel


Der Idee
Kann nur offenbart werden
Von Herz zu Herz
Und bekannt werden
Von Busen zu Busen.

Nur das Herz


Kann kommunizieren
Mit dem Herzen
Dessen, der Erkenntnis erlangt
Der göttlichen Geheimnisse.
Das kann kein Briefbote sagen
Und kein Schriftsteller schreiben in Texten.
Über vieles muß ich schweigen,
Denn ich bin nicht in der Lage,
Es so zu sagen, wie es ist.
Mein Zustand ist jenseits
Des Sagbaren
Und meine Worte sind ungenügend.

Erst wenn du den Garten erreicht


Der göttlichen Zeichen und Wunder,
In dem Unwirklichen
Siehst das Zeichen
Der göttlichen Realpräsenz
Und durch die Akzidentien
Schaust das Mysterium
Der göttlichen Substanz,
Wenn verzehrt ist der Schleier
Durch einen glühenden Seufzer
Und die Vorhänge aufgehen,
Starrst du an das göttliche Antlitz
Der Idealen Sonne.

Am Tag des Herrn


Wird deine Aussicht klar!
Das ist die Evidenz der Aussage.

Das Tal der göttlichen Befriedigung


Wird irrtümlich auch
Das Tal des Reichtums genannt.

Von diesem Tal


Der puren Befriedigung
Gelangt der Pilger
In das Tal
Des kindlichen Staunens.

DAS SECHSTE TAL

Der Pilger wirft sich


In das Meer der Größe
Und jeden Augenblick
Wird sein Erstaunen größer.
Er staunt
Vor der Gloria
Des all-liebenden Gottes
Und gibt auf
Sein eigenes Ich.

Viele Bäume
Der ewigen Ideen
Blühen durch das Blasen
Des Staunens
Und viele gefiederte Seelen
Wohnen in den Kronen.

Jeden Augenblick
Staunt der Pilger
Über Neue Welten,
Eine Neue Kreation,
Er wundert sich und staunt,
O Staunen über Staunen,
Über den Neuen Himmel und die Neue Erde
Des einen Herrn
Der drei Personen.

Wenn wir nur über eine einzige Welt


Der Neuen Kreation
Beschaulich meditieren,
Erkennen wir tausend mal zehntausend
Weisheiten!

Eine dieser Weisheiten


Ist die Weisheit des Schlafs,
Die Weisheit des Traums.
Bedenke, welche Schätze
Im Traum des Schlafs
Verborgen sind und welche
Weisheiten darin umhergehen.

Siehe, du schläfst in einer Wohnung,


Die Türen sind abgeschlossen.
Plötzlich bist du in einer andern Stadt,
Du gehst umher in der fernen Stadt
Ohne deine Füße zu bewegen,
Du siehst die Herrlichkeiten dieser Stadt
Ohne die Augen zu bewegen,
Du sprichst zu den Bewohnern
Ohne die Zunge zu bewegen.

Es kann sein, zehn Jahre später,


Da bezeugst du in Wirklichkeit,
Daß du dann alles erlebst,
Was dir einst im Traum geschehen ist.
Viele sichtbare Weisheiten sind
In deinem Traum,
Aber nur die Pilger
Aus dem Tal des Staunens
Erkennen diese Weisheiten in der Nacht.

Was ist das für eine Welt,


Die man sinnlich wahrnimmt
Ohne seine Sinne zu gebrauchen?

Wie kann es sein,


Daß du heute erlebst
In der wirklichen Welt,
Was du Jahre zuvor
Erlebt hast im Traum?

Gott, der Allerhöchste,


Hat diese Zeichen und Wunder gestiftet
In den menschlichen Kreaturen,
So dass die Philosophen nicht leugnen können
Das Leben nach dem Tod.

Einige Philosophen nämlich


Glauben nur an die Vernunft,
Obwohl die Vernunft allein
Von den göttlichen Dingen nichts wissen kann,
Es sei denn durch die göttliche Vernunft selber.

Wie kann ein Mensch


Begreifen Gottes Wort?
Wie kann eine Spinne
In ihrem Spinnennetz fangen
Den auferstandenen Phönix?

Alle diese Wunder


Findet der Pilger
Im Tal des kindlichen Staunens
Und er sucht
Zeichen und Wunder,
Ohne verrückt zu werden.

Der Herr derjenigen, die nicht mehr leben auf Erden,


Der Herr derjenigen, die noch nicht leben auf Erden,
Er teilt jedem das Maß zu
Der Reflektion und des Staunens.
O Herr, ich staune über dich!

Auch staune über die Größe


Der ganzen Schöpfung
Und ihrer Entwicklung
In Myriaden Äonen
Und staune: Dies All
Liegt in Gottes Hand!

Warum denkst du,


Dein Körper sei unbedeutend?
In deinem Körper
Ist ein ganzes Universum
Von staunenswerten Wundern!

Es ist aber notwendig,


Zu übersteigen
Die animalische Daseinsweise
Und ganz menschlich zu sein.

Lokman
Trank an der Quelle der Weisheit
Und schmeckte das Wasser
Des Ozeans der Allbarmherzigkeit
Und sprach zu Nathan, seinem Sohn:
Ein Traum ist dieses Dasein,
Das Erwachen ist das Ewige Leben.

Sohn, wenn du nicht einschlafen kannst,


Kannst du auch nicht sterben,
Und wenn du morgens nicht erwachen kannst,
Kannst du nicht auferstehen vom Tod
Zum Ewigen Leben in Gott.

Das Herz ist wie ein Kaufmannsladen,


Wo man göttliche Mysterien handelt.

Du bist ein Bürger


Des Hofes der gottnahen Heiligen,
Wähle kein irdisches Haus!

Diese Worte bleiben unvollendet.


Ich bin entmutigt
Und niedergeschlagen.
Gott, erbarme dich meiner!
Meine Feder weint
Und meine Tinte tropft Tränen
Und der Strom meines Herzens
Rollt in Wellen des Blutes.

Nichts kann uns schaden,


Denn Gott allein genügt!

Friede sei mit dir,


Der du folgst der Führung
Des heiligen Geistes!

Von dem Tal des kindlichen Staunens


Oder dem Tal des Perplexseins
Kommt der Pilger
Ins Tal der geistlichen Armut
Und der absoluten Vernichtung.

DAS SIEBENTE TAL

Dies ist das Tal,


Da das Ich stirbt
Und lebt fortan in Gott.
Der Mensch ist arm in seinem Ich
Und reich in dem begehrten Liebling.

Armut meint hier,


Arm zu sein an allem Geschaffnen
Und reich zu sein
An allen Schätzen der absoluten Wahrheit.

Denn wenn ein guter Freund


Und verliebter Freier
Zur Freundschaft Gottes kommt,
Zum göttlichen Liebling,
Ein Feuer fährt in ihn
Vom Lichtglanz der göttlichen Schönheit
Des Ewiggeliebten.
Die Hitze im Herzen des Liebenden
Verzehrt alle Schleier
Und verzehrt alle Kleidung.

Ja, alle Schleier,


Alle Kleidung verbrennt,
Die Haut verbrennt!
Nichts bleibt
Als allein die Freundschaft Gottes!

Wenn die Hypostasen


Des alten Gottes
Sich offenbaren,
Dann verzehrt der Mittler
Alle akzidentiellen Attribute.

Der diese Blöße erreicht,


Der ist geheiligt
Und losgelöst und abgesondert
Von allen weltlichen Kindern.

Die eintauchen
In den Ozean der Mystischen Union,
Die besitzen kein begrenztes Ding
In dieser sterblichen Welt,
Seien es Begierden
Nach stofflichen Lüsten
Oder egoistisches Denken,
All das kümmert den Pilger nicht.

Wer besessen ist


Von begrenzten Dingen,
Der ist gefangen in den Grenzen der Dinge,
Aber wer besessen ist von Gott allein,
Der ist grenzenlos frei.

Frau Armut,
Sagt der Heilige,
Ist meine Gloria.

Die Spuren aller Dinge


Sind vernichtet
In dem Pilger
Und die Schönheit
Des Heiligen Antlitzes
Entschleiert sich selbst
Im Orient der Ewigkeit
Und du verstehst das Wort:
Alles ist sterblich und vergänglich
Außer dem menschlichen Antlitz Gottes!

Lausche den Melodien


Des heiligen Geistes in allem!

Die Erleuchtung durch das göttliche Licht


Wird nicht zu aller Zeit
Durch deine Seele scheinen.

Obwohl die Gnade


Des gnadenreichen Herrn
Ist ewig und ohne Unterbrechung fließend,
Misst die göttliche Gnade
Doch ihre Gaben
Und ordnet jedem die Gaben zu
Nach ihrem Wohlgefallen.

Die Wolke der Allbarmherzigkeit


Wird regnen auf den Garten der Seele
Allein in Zeiten des Frühlings.

Andre Jahreszeiten haben keinen Anteil


An der allmächtigen Gnade
Und versteinerter Erdboden
Ist kein Favorit der göttlichen Gnade.

Nicht jedes Meer bringt Perlen hervor,


Nicht jeder Dornstrauch bringt Rosen,
Nicht in jedem Rosenbusch singt die Nachtigall.

Bis die Nachtigall heimkehrt


In den göttlichen Rosengarten
Und das Licht der spirituellen Morgenröte
Heimkehrt zur Sonne der absoluten Wahrheit,
Suche zu erhaschen
Einen Duft
Des Unsterblichen Rosengartens
Schon auf Erden!

Wenn du diesen Zustand erreicht hast,


Werden dir alle Freunde fremd sein
Und du schaust allein den Liebling,
Das unverschleierte Antlitz
Des göttlichen Lieblings allein!

Du hast aufgegeben
Den Tropfen vereinzelten Lebens
Und bist eingetaucht
In den Ozean der Ewigen Liebe!

Dies ist das Ziel,


Das du von Gott begehrst,
Hier fallen selbst die Schleier
Aus reinem Licht!

Vor der göttlichen Schönheit Antlitz


Sind keine Schleier
Als Transparenz allein
Und der göttliche Liebling
Trägt keine Kleider
Als allein die göttlichen Hypostasen!

Hier wird der Pilger


Eins mit Gott,
Ja,
Gott in Gott!

Gott ist Alles in Allen


Und Alles ist in Gott.

Wer in diesem Weinberg


Sein Zelt aufgeschlagen –
Wer gelegen unter diesen Rosen
Im Garten Eden –
Der weiß, was ich sage.

Dies ist es, was der Dichter meint mit dem Vers:

Leb in der Liebe, doch / die Liebe lebt in Not,


Der Liebe Anfang: Schmerz! / Der Liebe Ende: Tod!
DIE VISION DER HAGIA SOPHIA

ERSTER GESANG
VOM URSPRUNG SOPHIAS

Die Hagia Sophia tat selber ihren Mund auf


Und sprach vor den versammelten Gläubigen:
Ich ging hervor aus dem Munde des Ewigen
Und wandelte durch die unendlichen Himmel
Und thronte hoch auf einer Wolkensäule
Und schwebte über dem Meere
Wie ein Nebelschleier
Und suchte mir eine Wohnung auf Erden,
Ich suchte bei allen Völkern der Erde
Nach einer heiligen Wohnung
Und ich fand meine heilige Wohnung
In Jakob, welcher Israel heißt,
Und wohne nun in Jakob, der Israel heißt.

Die Hagia Sophia ist


Ein Lichtglanz der Gloria des Ewigen,
Ein Strahl der göttlichen Kraft,
Ein unbefleckter Spiegel
Der göttlichen Herrlichkeit,
Ein Ausfluss Gottes und seiner Kraft,
Eine Emanation des Ewigen.

Bevor die Schöpfung geworden ist,


Bevor die Zeit und der Raum geworden sind,
Ist die Ewige Weisheit bei Gott.
Ihr Adel ist von göttlichem Adel,
Denn ihr Ursprung ist in Gott,
Sie stammt von Gott
Und ist bei dem Ewigen
Und ist eines Wesens mit Gott.

Die Ewige Weisheit ist


Ein göttliches Licht vom Lichte Gottes,
Eines Wesens mit dem Ewigen,
Gottheit von der Gottheit.

Die Ewige Weisheit ging hervor


Aus dem Munde des Ewigen
Und der Geist der Weisheit
Ist ein Geist der Liebe und Freundschaft.
Die Ewige Weisheit ist
Sophia increata,
Die ungeschaffene Weisheit,
Denn die Hagia Sophia ist
Nicht geschaffen, sondern gezeugt,
Vor aller Zeit geboren von Gott.

ZWEITER GESANG
FRAU WEISHEIT ALS JUNGFRAU TORAH

Als der Ewige schaffen wollte


Einen schönen Kosmos
Und ein geistiges Menschengeschlecht,
Da schaute der Ewige
Die ewige Jungfrau Torah an
Und nach dem ewigen Urbild der Jungfrau Torah
Schuf der Ewige
Den Kosmos und die Menschheit.

Wer ist die Ewige Jungfrau Torah?


Ist sie die Bibel, die wir auf Erden lesen?
Die geliebte Byblia, die wir studieren,
Beginnt mit dem Buchstaben B,
Die ewige Jungfrau Torah bei Gott
Beginnt ihre Rede mit dem Buchstaben A.

Der ewige König hat im Himmel der Himmel


Einen Palast aus Licht und Edelsteinen,
Das ist die himmlische Stadt Jerusalem,
Dort wohnt die ewige Jungfrau Torah.
Der ewige König sucht
Als liebender Vater im Himmel
Einen Bräutigam für die Jungfrau Torah,
Die Tochter Gottes.

Wer ist würdig, zu schauen die Jungfrau Torah?


Siehe, sie selber offenbart sich,
Die Prinzessin, die Tochter des ewigen Königs,
Öffnet den Vorhang am Fenster
Des himmlischen Palastes Gottes
Und erscheint einen Augenblick am Fenster
Und lockt den Schriftgelehrten
Mit dem Liebreiz ihrer göttlichen Schönheit.

Wer darf wohnen in den heiligen Hallen


Der ewigen Jungfrau Torah?
Sie ist eine starke Frau,
Wer wird sie finden, wer wird sie gewinnen?

Wenn die Jungfrau Torah sich offenbart


Und aus freier schenkender Gnade
Sich einem Menschen schenken will,
So macht sie ihn verliebt
In den Liebreiz ihrer Schleier,
In den Lichtglanz ihres strahlenden Leibes,
In die Sanftmut und Demut ihrer Seele
Und das Mysterium Gottes
Im innersten Brautgemach ihrer Seele.

Wer die starke Frau errungen hat


Und Bräutigam der Jungfrau Torah geworden,
Erhält von der Jungfrau den neuen Namen:
Baal-Schem, Gatte des Ewigen Namens.

DRITTER GESANG
SCHÖPFERIN SOPHIA

Der Ewige beginnt seine Schöpfung


Mit dem Buchstaben B.
Welcher Name bezeichnet der Buchstabe B?
B bedeutet Bereschit,
Bereschit bedeutet: Beginnend.
Bereschit bedeutet:
Im Anbeginn schuf Gott.
Wer ist Bereschit?
Bereschit ist die Ewige Weisheit.
Sie ist das Urprinzip.
Denn Gott der Ewige schuf
Im Urprinzip der Ewigen Weisheit
Den Kosmos und die Menschheit,
Die Engel und die unsterblichen Seelen.

Die Ewige Weisheit ist das Urprinzip,


Die Ewige Weisheit war bei Gott,
Die Ewige Weisheit selbst ist göttlich,
In ihr ist alles erschaffen,
Sie ist das Leben aller lebendigen Wesen.

Denn Bereschit, das Urprinzip,


Die Ewige Weisheit, ist
Die göttliche Urform aller Formen,
Die Idea der Ideen,
Gottes Idea, in welcher Gleichnis
Kosmos und Menschheit erschaffen sind.
Sie ist die Forma Formarum,
Urform aller Formen aller Kreaturen,
Urform auch der Seelen,
Denn die geistigen Seelen der Menschen
Sind die Formprinzipien
Ihrer menschlichen Leiber,
Männlichen Körpers, weiblichen Körpers,
Die Seele ist die Form des Körpers,
Aber Sophia ist die Urform der Seelen.

Denn im Morgenglanz der Ewigkeit


Erhob sich Hagia Sophia
Wie eine göttliche Morgenröte!
Gott der Ewige hauchte die Ewige Weisheit
Im heiligen Geiste der Weisheit
Als Weltseele ein dem Kosmos,
Hagia Sophia ist die Weltseele,
Alle Geistseelen aller Menschen
Sind Abbild der Weltseele Hagia Sophia,
Geschaffen in ihrem Bild und Gleichnis.

Darum preise ich Sophia


Als die Schöpferin der geistigen Seelen
Und die unaufhörliche Schöpferin
All der unzähligen Universen.

VIERTER GESANG
SOPHIAS GNADENGABEN

Wenn du gute und schöne Dinge begehrst


Und bittest um dein tägliches Mahl
Und um den Wein zur Freude des Herzens,
Wer ist wohl reicher als Sophia,
Die ja die Schöpferin aller Dinge ist?

Wenn du Klugheit begehrst


Und wissen willst, wie die Welt entstand,
Wissen willst vom innern Wesen der Elemente,
Von den Bahnen der Sterne
Und den Äonen des Kosmos
Und der Urgeschichte der Menschheit,
Von der Heilkraft der Pflanzen
Und von der Seele der Tiere,
Dann bitte Sophia! Sie schenkt
Dir Einsicht und Erkenntnis.

Wenn du begehrst, ein Künstler zu sein


Und schöne Kunstwerke herzustellen,
Erwähle dir Hagia Sophia
Zur inspirierenden himmlischen Muse,
Denn die ist die göttliche Schönheit,
Sie ist ein inspirierender Geist
Und geht in die Seele der Menschen ein
Und macht sie zu Propheten
Und zu Freunden der Ewigen Gottheit.
Es gibt keine größere Künstlerin
Als die göttliche Künstlerin Hagia Sophia!
Bemühst du dich um Tugend,
So bitte Hagia Sophia,
Denn sie ist die Mutter der Tugend,
Sie schenkt dir Klugheit und Kraft,
Lehrt dich, Maß zu halten,
Und schenkt dir die Gerechtigkeit.

Denn der Mensch ist dreifaltig,


Gemacht aus Geist und Seele und Leib.
Sophia schenkt dem Geist die Klugheit,
Des Menschen Geist empfängt als Schwester
Und Freundin Binah, die Einsicht,
Der Seele des Menschen, des Menschen Herz
Schenkt Hagia Sophia Mut
Und redet immer wieder: Nur Mut, mein Kind!
Dem Körper des Menschen
Bringt Sophia Mäßigung bei,
Lehrt Askese und führt zur Keuschheit.
Ist der Geist des Menschen vertraut
Mit Binah, der schwesterlichen Einsicht,
Ist das Herz des Menschen voll Mut
Und der Körper keusch geworden,
So nennt Sophia den Menschen
Einen Gerechten wie Josef.

FÜNFTER GESANG
SOPHIAS BRÄUTIGAM SALOMO

Salomo hatte geträumt,


Es war ein prophetischer Traum,
Da Gott der Ewige sprach
Zu Salomo und fragte ihn:
Was wünschst du dir von mir?
Und Salomo begehrte nicht Reichtum,
Begehrte nicht Verdammnis seiner Feinde,
Begehrte kein langes Leben auf Erden,
Sondern begehrte die Weisheit,
Die Throngenossin Gottes.
Das erfreute des Ewigen Herz
Und der Ewige schenkte aus reiner Gnade
Salomo die Hagia Sophia zur Braut.

Geküsst vom Musenkuss der Ewigen Weisheit


Salomo sang das Hohelied der Liebe.
Sophia lehrte den weisen Salomo,
Daß Gott die Liebe ist,
Daß Gott nichts ist als Liebe,
Und alle andern Hypostasen Gottes,
Die Wahrheit, die Barmherzigkeit,
Die Gerechtigkeit und die Freiheit,
Die Kraft und die Gnade und alle andern
Allerlieblichsten Hypostasen
Stammen alle aus der göttlichen Liebe.

Gott ist göttliche Liebe und die Ehe


Zwischen der Gottheit und dem Menschen
Ist wie die leidenschaftliche Liebe
Eines Mannes zu einer schönen Frau.

Als Sophia aber bei Adam war,


Gab sie ihm das Buch der Kabbala.
Als Adam aber fern vom Garten Eden war,
Gab Adam das Buch der Kabbala Seth,
Den Eva ihm für Abel geboren.
Und in dem Buch der Kabbala steht:

Das Hohelied der Liebe


Ist das Liebeslied von Bräutigam und Braut
Und Bräutigam ist Jahwe
Und Braut ist Schechinah,
Schechinah ist die Matrone,
Einwohnung Gottes, immanente Gottheit,
Die Matrone des Gottesvolkes,
Sie ist die Braut des ewigen Jahwe.

SECHSTER GESANG
SOPHIA IST AUF ERDEN ERSCHIENEN

Wo ist die Wohnung der Weisheit?


Wer hat ihre Kammer geschaut?
Du musst nicht fahren übers Meer
Nach Indien oder Amerika,
Um die