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Die Zeitfalle

TERRA - Utopische Romane


Band 111

von ROG PHILLIPS


3 TERRA
Die Zeitfalle 4

1. Kapitel von sich hören ließen. Jetzt schreiben wir den fünf-
zehnten August neunzehnhunderteinundachtzig. Wis-
„Hallo?“ Die Frauenstimme klang angenehm. Ray sen Sie“, fuhr sie fort, „falls Sie ein schüchterner Frei-
Bradley räusperte sich nervös. er sein sollten, müssen Sie sich beeilen. Ich bin jetzt
einundsiebzig Jahre alt.“
„Bitte, verzeihen Sie die Störung“, sagte er in das
„Ich rechne es zu meinen Fehlschlägen, daß ich
Telefon. „Aber — könnten Sie mir vielleicht sagen,
nicht schon 1950 auf Sie gestoßen bin“, antwortete
welches Datum wir heute haben und wie spät es ist?“
Ray und meinte es wirklich so. „Auf Wiedersehen —
„Sind Sie der junge Mann, der mich vor zwei Jahren ich habe Sie gern, denn Sie haben mir viel geholfen.“
anrief und das gleiche fragte?“ kam es aus dem Hörer. Er legte schnell auf, denn ein Kloß saß ihm in der Keh-
Dann: „Doch, ich glaube ja, die Stimme ist dieselbe.“ le. Augenblicke später, als er die Zeichen in die Schei-
Sie machte eine Pause, um fortzufahren: „Also gut; es be des schwarzen Kastens geritzt hatte, überblickte er
ist jetzt zehn Uhr morgens, der vierte Juni neunzehn- den Fortschritt dieser Striche.
hunderteinundsechzig. Und nun lassen Sie mich bitte „Die Zeit vergeht um so schneller, je weiter wir in
wieder für einige Jahre in Ruhe.“ die Zukunft vordringen“, kommentierte er.
„Ich verspreche es Ihnen, gnädige Frau“, versicher- „An dem Teil der Scheibe gemessen, der bis jetzt
te Ray. „Und vielen Dank.“ keine Einritzungen aufweist, können wir noch einige
Er legte den Hörer zurück auf die Gabel des all- Jahrhunderte weitergehen“, meinte Joe. „Aber nun er-
täglich wirkenden Telefons, das auf der Glasplatte des klär‘ mir mal, wie das Ding arbeitet. Ich verstehe es
Büroschreibtisches stand. Der ziemlich umfangreiche immer noch nicht.“
Behälter hinter dem Telefon war allerdings weit davon Ray Bradley lehnte sich bequem zurück.
entfernt, landläufig zu sein. Seine glühenden Röhren „Allzuviel begreife ich selbst nicht“, gestand er.
und seltsam geformten Spulen fanden sich in keinem „Vor vielleicht sechs Monaten experimentierte ich mit
Radiogerät. Die Telefonschnur führte in diesen son- einer Nachahmung des Erregerkreises für die nuklea-
derbaren Apparat, verlor sich in seinem verwirrenden re Induktionsanlage, die 1947 zur Identifizierung von
Labyrinth und tauchte an der Rückseite des Behälters Substanzen mittels ihrer magnetischen Induktionsmo-
wieder auf, um zu einem Wandanschluß zu laufen. mente entwickelt wurde. Die in den Stromkreis ein-
Ray lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und klopf- gebauten Meßgeräte verhielten sich jedoch nicht wie
te gedankenverloren mit den Fingern auf den Schreib- erwartet. Sie reagierten, wenn sie nicht sollten, und
tisch. Rechts von ihm gewährte ein großes Fenster reagierten nicht, wenn sie sollten.
Ausblick auf das Dach des anstoßenden Gebäudes. In Ich brauchte zwei Monate, um zu der erstaunlichen
seinem Rücken stand in großen Lettern an der Glas- Feststellung zu gelangen, daß sie elektrische Impul-
tür des kleinen Büros: „R. A. Bradley, I. G. Ashford, se registrierten, die in der Vergangenheit oder Zukunft
funktechnische Berater.“ anstatt in der Gegenwart lagen. Ich untersuchte den
Stromkreis und kam endlich zu dem Schluß, daß ich
Ray nahm den Bleistift in die Hand und kritzelte mit meinen Drahtspulen eine Art vierdimensionales
Zahlen und Daten auf einen Notizblock. Einen Au- magnetisches Feld aufgebaut hatte und ich zukünfti-
genblick später ergriff er einen elektrischen Ätzstift, ge oder vergangene Stromstöße auffangen und in die
schrieb „7,026—16“ und grub einen kurzen Strich in Gegenwart übertragen konnte, indem ich es leicht va-
die Kante der Wählerscheibe. riierte.
„So“, knurrte er und richtete sich auf, „das ist das Von dort bis zu der Anlage in dem schwarzen Be-
Zeichen für sieben Jahre, sechsundzwanzig Tage und hälter war nur ein kleiner Schritt. Sie arbeitet in beiden
sechzehn Stunden in die Zukunft. Und jetzt —“ Richtungen. Wenn ich in die Muschel spreche, baut sie
Mit der Millimeterschraube bewegte er die Wähler- das normale Wechselstrompotential auf. Dieses fließt
scheibe, so daß sie etwa einen halben Zentimeter ihres in das Zeitfeld und verursacht in einer anderen Zeit
Durchmessers auf den Teil vorrückte, der noch nicht ein ähnliches Potential. Als die Frau dann antworte-
gekennzeichnet war. Dann wählte er die gleiche Num- te, arbeiteten sich die zukünftigen Stromschwankun-
mer, mit der er soeben gesprochen hatte. gen durch das Feld zurück in die Gegenwart.
„Hallo?“ Die Stimme besaß den gleichen, leicht fra- Man könnte das Ganze mit einem Rundfunkgerät
genden Tonfall, bot das gleiche, freundliche Willkom- vergleichen. Dort wechselt die natürliche Frequenz
men; dennoch aber machte sich eine kaum merkliche des Stromkreises, wenn man die Einstellung ändert.
Veränderung bemerkbar. Eine Frequenz dringt dann durch, während alle ande-
ren gedämpft werden. Mit der Apparatur in dem Ka-
„Hallo“, meldete sich Ray Bradley, „könnten Sie sten zapfe ich möglicherweise auf ähnliche Art eine
mich bitte wieder über Tag und Zeit informieren?“ vierdimensionale Verlängerung des Stromes an. Wenn
„Oh, Sie sind es“, meinte die Stimme. „Ich habe ich irgendeinen Weg fände, um Materie über diesen
mich oft gefragt, ob und wann Sie wieder anrufen wür- Riß zu transportieren, hätten wir die Zeitreise ent-
den — und die Jahre sind verstrichen, ohne daß Sie deckt!“
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„Da fällt mir etwas ein“, rief Joe. „Ruf doch deine „Ich weiß es nicht“, gab Ray zur Antwort, immer
eigene Nummer mal morgen an. Dann kannst du dich zwei Stufen auf einmal nehmend, während er aus dem
mit dir selbst unterhalten.“ dritten Stock, in dem das Büro lag, die Treppe hinun-
„Hmm!“ machte Ray, den die Idee gepackt hatte. tereilte.
„Der Einfall ist nicht einmal so übel.“ Als sie auf die Straße stürzten, wurden sie von
Sorgfältig verschob er die Kontrollen des schwar- den Füßen gerissen. Einen Sekundenbruchteil später
zen Kastens um vierundzwanzig Stunden und wählte schaffte sich die Druckwelle aus dem Haus, das sie
seine eigene Nummer. verlassen hatten, nach oben und außen Bahn. Trüm-
mer stürzten auf den Bürgersteig und die Straße, wun-
„Dieser Anschluß ist entfernt worden“, sagte eine
derbarerweise, ohne die beiden zu verletzen.
halbmechanische Tonbandstimme.
Im Zeitraum eines Atemholens war alles vorbei.
„Was?“ staunte Ray. Er ließ sich die Worte wieder-
holen und legte dann langsam den Hörer auf die Gabel Ray und Joe, die immer noch zusammengekrümmt
zurück. Sein Gesicht trug einen verblüfften Ausdruck, vor dem Eingang des Gebäudes lagen, sahen sich mit
als er Joe ansah. „Morgen um die gleiche Zeit ist unser bleichen Gesichtern an.
Telefon stillgelegt.“ „Deshalb also ist dein Anschluß morgen entfernt“,
„Ich ahnte, daß etwas Ähnliches der Fall sein wür- ließ sich Joe vernehmen. Seine Stimme zitterte.
de“, meinte Joe Ashford. „Und ich wette, wenn du den „Ja“, stimmte Ray zu, während er sich erhob. „Am
Apparat auf gestern eingestellt hättest, würde das Te- besten verschwinden wir, ehe man uns lästige Fragen
lefon bei dir klingeln, wenn du gerade weggegangen stellt.“
wärst — oder so etwas.“ Drei Blocks weiter, in einer Seitenstraße, setzten sie
„Oder so etwas“, grinste Ray Bradley. „Da ich mich sich dann in ein Cafe.
an den Anruf nicht erinnern kann, werde ich natür- „Was mich interessiert“, begann Joe langsam, „ist
lich auch nicht telefonieren. Vorläufig bin ich auf je- — woher wußtest du, was geschehen würde?“
den Fall mehr daran interessiert, die Scheibe weiter „Ich wußte es nicht, Joe“, erklärte Ray nachdrück-
einzuteilen. Jetzt werde ich mich mit meiner Telefon- lich. „Aber eine Stimme ließ sich in meinem Gehirn
bekanntschaft in Verbindung setzen, wenn sie Achtzig vernehmen — nicht über das Telefon. Es war die Stim-
ist, und feststellen, ob sie noch lebt.“ me eines Mädchens, und sie befahl mir, den Raum so-
Er wählte die Nummer, nachdem er die Scheibe fort zu verlassen. Die Art, in der sie es sagte — ich
so gedreht hatte, daß sie etwa fünfzig Jahre in die mußte es einfach tun. Na, wir sind ja gerade noch da-
Zukunft wies. Diesmal meldete sich eine männliche vongekommen.“
Stimme. „Telepathie, was?“ spöttelte Joe grimmig. Ray nick-
„Ich weiß, daß es albern klingt“, versicherte Ray. te.
„Aber würden Sie bitte so freundlich sein, mir mitzu- „Und fünfzig Jahre aus der Zukunft“, fügte er hinzu.
teilen, welche Zeit, welches Datum und Jahr jetzt ist?“ „Ich zweifle nicht daran. Aber weißt du, an der Stim-
„Wir haben den dritten Mai neunzehnhundertneun- me des Burschen, mit dem ich sprach, war etwas Ko-
undneunzig“, antwortete die Stimme prompt. „Es ist misches. Sie klang irgendwie — unmenschlich. Und
— ob, elf Uhr vierzehn. Ich glaube jedoch gar nicht, dann dieses Mädchen — ihre Worte gehen mir immer
daß Sie albern sind. Übrigens“ — die Stimme gluck- noch nicht aus dem Kopf.“
ste kehlig — „in welcher Zeit und an welchem Tag „Das merke ich“, grunzte Joe. „Wenn du deinen
befinden Sie sich denn?“ Kaffee stehenläßt, dann deshalb, weil du verliebt bist.“
„Eine durchaus berechtigte Frage“, anerkannte Ray. „Sie muß wunderschön sein“, murmelte Ray träu-
„Vier Uhr nachmittags, siebter Juli neunzehnhundert- merisch, ohne Joes Einwurf zu beachten. „Hätte ich
fünfzig.“ nur Zeit gehabt, mehr über sie zu erfahren! Das Da-
„Und das soll ich Ihnen glauben?“ fragte die Stim- tum möchte ich jedenfalls im Gedächtnis behalten —
me spöttisch — aber Ray hörte ihr nicht mehr zu. dritter Mai neunzehnhundertneunundneunzig.“
In seinem Gehirn sprach eine andere Stimme. Es „Ich werde dir dabei behilflich sein“, versprach Joe
war das Organ einer Frau. trocken.
„Verlassen Sie sofort den Ort, an dem Sie sich befin-
den“, drängte sie. „Augenblicklich — bitte! Sie wer- 2. Kapitel
den sonst vernichtet. Laufen Sie!“
Ray Bradley schlief unruhig. Die Julinacht war
Die Eindringlichkeit ihrer Worte ließ ihm keine
von drückender Hitze. Zusammen mit Joe hatte er
Wahl. Er warf den Hörer hin.
drei verschiedene Büroräume besichtigt. Sie hatten
„Komm, Joe“, befahl er, sprang auf und lief zur Tür. sich bereits halb für einen am Rande des Fabrikbe-
„Was ist denn los, Ray?“ wollte Joe wissen, der ihm zirks entschieden und die Zeit nach ihrem verspäte-
gefolgt war. ten Abendessen damit verbracht, Pläne zu schmieden
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und über die Neukonstruktion der Zeitleitung zu dis- und vorwärtszuschleudern. Dir selbst droht keine Ge-
kutieren, die von der mysteriösen Explosion zerstört fahr dabei, aber du mußt dich beeilen.’
worden war. ,Beeilen?’ echote Ray. ,Aber weshalb? Wenn ich je-
Auch nachdem er zu Bett gegangen war, hatte Ray de beliebige Zeit erreichen kann, warum soll ich dann
noch über diesen Vorfall nachgegrübelt. Wie konnte nicht ein Jahr für den Bau verwenden — und in dem
jemand, der sich in der Zukunft befand, über die Zeit- Augenblick in deiner Epoche landen, in dem du jetzt
lücke hinweg zuschlagen? Die größte Frage allerdings zu mir sprichst?’
war — weshalb? Warum konnte jemand ein Interes- ,So einfach ist es nicht’, warnte ihn Nelva. ,Aber
se daran haben, die Zeitbrücke und ihren Erfinder zu ich habe keine Zeit mehr für Erklärungen. In jedem
vernichten? Es schien keine Antwort darauf zu geben. Augenblick, den diese Unterhaltung weiter andauert,
Und so hatten sich seine Gedanken der geheimnis- setze ich alles aufs Spiel. Varg Thrott vermag meine
vollen mentalen Stimme aus der Zukunft zugewandt. Gedanken von dir zu mir zurückzuverfolgen.’
,Ich habe das Mädchen nie gesehen’, dachte er. ,Ich ,Wer ist Varg Thrott?’ fragte Ray. Doch er bekam
kenne weder ihren Namen noch ihr Aussehen — und keine Antwort mehr auf seine Frage.
trotzdem sehne ich mich nach ihr.’ Er schlug die Augen auf und stellte zu seiner Über-
Und mit dem Gedanken an das Mädchen aus der raschung fest, daß es heller Tag war. Ein Wort hallte
Zukunft fiel er schließlich in den Schlaf der Erschöp- in seinen Ohren nach. Es war der Name des Mädchens
fung. Fast augenblicklich vernahm er ihre Stimme. aus der Zukunft — Nelva!
,Ich bin es, Nelva’, formten sich ihre Worte in sei- Er sprach ihn laut vor sich hin, erfreute sich an dem
nem Gehirn. ,Ich habe darauf gewartet, daß du einsch- Klang. Dann runzelte er die Stirn, denn ein zweiter
liefest. Als du wach lagst, warst du zu sehr voller Ge- Name wurde ihm bewußt: Varg Thrott. Jetzt, da er völ-
danken und Sorgen, als daß es mir möglich gewesen lig bei Bewußtsein war, klangen die Worte noch un-
wäre, dich zu erreichen.’ heilvoller und fremder als in der Nacht, da er sie im
,Nelva’, sprach Ray auf mentalem Wege. Seine Ge- Schlaf vernommen hatte.
danken drückten tiefe Befriedigung darüber aus, ihren Er sprang aus dem Bett, denn er spürte, daß er das
Namen zu kennen. Gefühl bevorstehender Gefahr nur überwinden konn-
,Du mußt mir zuhören, Mann von neunzehnhun- te, indem er sich auf seine Arbeit stürzte. Eine kalte
dertfünfzig’, forderte Nelva. ,Wie heißt du?’ Dusche schickte prickelnde Nadeln durch seine Haut,
.Mein Name ist Ray Bradley’, erwiderte er. ,Wo- ließ ihn erfrischt und hellwach zurück. Er ging zum
durch wurde diese Explosion verursacht, die meine Telefon, rief Joe Ashford an und schlug ihm vor, sie
Geräte und einen Teil des Bauwerks zerstörte?’ sollten sich in einer halben Stunde in Tonys Eßlokal
,Davon jetzt zu sprechen, ist keine Zeit, Ray’, wehr- treffen, wo sie gewöhnlich ihre Mahlzeiten einnah-
te Nelva ab. ,Berichte mir, was du über die Zeitbrücke men. Dann zog er sich an.
in der Telefonleitung weißt. Verstehst du, wie sie ar- Er erreichte das Restaurant fünf Minuten zu früh,
beitet — oder war sie nur ein Ergebnis des Zufalls?’ aber Joe befand sich bereits dort. Ray quetschte sich
,Einiges ist mir klar, Nelva’, entgegnete Ray. ,Das in die Nische und bestellte bei der Kellnerin sein Früh-
Geheimnis liegt in drei Spulen, die im rechten Winkel stück. Dann erzählte er Joe in kurzen Zügen, was sich
zueinander angebracht sind, und einer vierten, die auf während der Nacht zugetragen hatte.
irgendeine Art eine Vierdimensionalität von ineinan- „Nelva!“ rief Joe aus, als er geendet hatte. „Kein
dergreifenden magnetischen Feldern aufbaut, so daß übler Name. Warum hast du sie nicht gefragt, ob sie
ein Strom, der in der Zukunft in der Leitung erzeugt schon einen Freund besitzt? Ich wette, du hast ihr,
wird, den Strom beeinflußt, der gegenwärtig darin exi- nicht einmal gesagt, daß dein alter Kumpel Joe dich
stiert.’ begleitet.“
,Ich sehe, du weißt genug, Ray’, kam Nelvas Stim- „Ich denke, es wäre besser, wenn du hierbleibst,
me. ,Während deine Gedanken sich auf das Wissen Joe“, hielt ihm Ray entgegen. „Falls mir etwas zustößt,
konzentrieren, vermag ich mehr darin zu lesen, als dir weiß ich wenigstens, daß jemand’ da ist, der versu-
selbst bewußt wird. Du mußt in meine Zeit kommen. chen kann, mir zu helfen. Ich werde eine neue Tele-
Wir — ich brauche dich.’ fonanlage bauen und mit dir in Verbindung bleiben.“
,Aber wie?’ fragte Ray. ,Mit dem Apparat kann ich “So siehst du aus“, entrüstete sich Joe. „Aber da bist
bestimmt nicht den Zwischenraum zwischen deiner du im Irrtum. Glaubst du, ich überlasse dir den ganzen
und meiner Epoche überspringen.’ Spaß allein?“
,Doch’, widersprach Nelva. ,Die Spulen sind durch „Also gut“, willigte Ray ein. „Du kommst dann
magnetische Felder verbunden — und magnetische eben mit.“
Felder können stark genug gemacht werden, um ge- Nach dem Frühstück machten sie in der Bank Zwi-
waltige Arbeit zu leisten. In einer Maschine unterge- schenstation, wo Ray einige tausend Dollar lieh und
bracht, um dich vor Schaden zu schützen, vermögen Papiere unterzeichnete, welche die Bank bevollmäch-
stärkere Spulen dich aus deiner Zeit herauszureißen tigten, sich die Tantiemen überschreiben zu lassen, die
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ihm aus drei lohnenden Erfindungen zuflössen. Sie lie- „Probleme!“ stöhnte Ray. „Warum habe ich nicht
ßen sich das Geld in kleinen Scheinen geben und be- daran gedacht? Das Wichtigste ist jetzt jedenfalls, daß
stiegen ein Taxi. Sie mieteten im entgegengesetzten wir uns über das Datum Klarheit verschaffen. Alles
Teil der Stadt ein Zimmer und machten sich zwei Tage andere kann warten.“
später in einer kleinen Werkstatt an die Arbeit, die sie Die Straße schien sich in nichts von der zu unter-
ebenfalls gemietet hatten. scheiden, die sie zuletzt zu Gesicht bekommen hatten.
Joe widmete sich der Aufgabe, eine feste Stahlkam- Lediglich das Gebäude, aus dem sie gekommen wa-
mer zu bauen. Ray konzentrierte sich auf den Entwurf ren, machte den Eindruck der Verlassenheit.
und die Konstruktion der Treibspulen und der in sich
abgeschlossenen Energiequelle. An der ersten Ecke stand ein Zeitungsautomat, der
Am Ende der sechsten Woche war die Zeitmaschine sich zuvor nicht dort befunden hatte. Rays Finger zit-
vollendet. Obgleich Ray oft auf mentalem Wege Nelva terten im Überschwang seiner verschiedenen Empfin-
rief, vernahm er nicht das leiseste Wispern eines ant- dungen, als er in der Tasche nach einem Nickel such-
wortenden Gedankens. Die ganze Angelegenheit er- te und ihn in den Schlitz steckte. Ein Klicken und
schien wie ein irreales Phantasiegebilde und nur die Schwirren erscholl, dann wurde in der Gleitrinne unter
Zeitmaschine verhinderte, daß sie allmählich zu der dem Automaten eine Zeitung sichtbar.
Ansicht gelangten, einen Traum zu erleben. Joe sah ihm über die Schulter, als er sie entfaltete
Ray hatte automatische Kontrollen eingebaut, denn und auf das Datum blickte. Es lautete auf den 19. Mai
sie wußten nicht, ob die Zeitreise ihnen das Bewußt- 1957. Rays Gehirn begann bereits an Kalkulationen
sein rauben oder sie unfähig machen würde, ihre Be- zu arbeiten, um eine Minute Zeitreise auf die dabei
wegung im Zeitstrom abzustoppen. zurückgelegte Zeit umzurechnen, als seine Gedanken
„Wir stellen das Relais so sein, daß es nach einer von einem Aufstöhnen und dem Geräusch des Falles,
Minute unsere Fahrt abschaltet“, sagte er, während sie das Joes Körper auf dem Bürgersteig verursachte, un-
in der Maschine standen. „Ob wir dann einen Tag oder terbrochen wurden.
eine Million Jahre zurückgelegt haben, müssen wir Er fuhr herum, zerrte Joes reglose Gestalt zur Sei-
eben feststellen. Wenn wir noch am Leben sind, nach- te und duckte sich, während sein Blick die verlassene
dem die Anlage abgestellt worden ist, kann einer von Straße nach irgendeinem Zeichen eines Angriffs ab-
uns hinausgehen und erkunden, welcher Tag gerade suchte. Es war kein Schuß gefallen.
ist. Danach können wir dann unsere Zeitsprünge ein-
richten.“ Immer noch wachsam um sich blickend, ließ er sich
auf die Knie nieder, um festzustellen, ob Joe noch leb-
Er und Joe sahen sich ernst an, dann drehte sei-
te. Er ergriff sein Handgelenk und tastete nach dem
ne Hand den Schalter, welcher Strom in die Spulen
Puls. Er schlug noch, schwach und langsamer als ge-
schickte. Im gleichen Augenblick durchzuckte sie ein
wöhnlich. Er riskierte eine Überrumpelung, als er Joe
bohrender Schmerz, der an jeder Zelle ihres Körpers
genauer untersuchte und sich versicherte, daß keine
zu zerren schien. Es schien, als würde er nie enden,
Wunde zu finden war. Dann stopfte er die Zeitung in
aber er verschwand abrupt, als nach dem Ablauf der
seine Hüfttasche, hob Joe auf und lief in das Haus zu-
Minute die Stromzufuhr endete.
rück. In der Zeitmaschine angekommen, legte er ihn
“Mein lieber Mann!“ rief Joe aus. „Das möchte ich
auf den Boden.
nicht noch einmal durchmachen.“
„Gehen wir also und sehen nach, ob wir über- Er nahm sich die Zeit, die Eingangstür des Gebäu-
haupt in die Zukunft gereist sind“, schlug Ray vor. des zu verriegeln, betrat die Zeitmaschine und schloß
„Vielleicht können wir uns etwas verschaffen, das den den Lukendeckel. Jetzt war er vor einem Angriff si-
Schmerz lindert.“ cher und konnte sich auf Joe konzentrieren.
Joe drehte das Rad, welches dazu bestimmt war, die Erneut fühlte er ihm den Puls. Er ging immer noch
Sperrvorrichtungen vor dem Lukendeckel zu beseiti- langsam und schwach, aber unter seinen Händen wur-
gen, und stieß ihn auf. Auf dem Fußboden draußen de er plötzlich schneller und schlug kräftiger. Sekun-
lag dicker Staub, der keine Fußspuren aufwies. den später schlug Joe die Augen auf. Mit ausdruckslo-
„Irgendwohin scheinen wir also gelangt zu sein“, sem Gesicht und benommenem Blick lag er da, wäh-
kommentierte Joe den Anblick. „Wissen möchte ich rend Ray wartete. Plötzlich —
nur, ob wir einfach verschwinden oder ob es von au- „Laß mich noch einen Blick auf die Zeitung wer-
ßen so scheint, als befänden wir uns stets am gleichen fen“, bat Joe mit völlig normaler Stimme.
Ort.“
„Was macht das schon aus“, winkte Ray gering- Ray kam der Bitte eifrig nach und riß fast seine Ta-
schätzig ab. sche in dem Bestreben aus, die Zeitung schnell ans Ta-
„Nichts“, gab Joe zu. „Leider haben wir jedoch die geslicht zu befördern. Joe nahm sie ihm aus der Hand
Miete nur für drei Monate bezahlt, Vielleicht spren- und las laut das Datum.
gen sie uns anschließend in die Luft, wenn wir nicht „Geht es dir wieder besser?“ fragte Ray ängstlich.
weichen oder unseren Verpflichtungen nachkommen.“ Joe starrte ihn verdutzt an.
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„Natürlich“, erwiderte er. „Ich wurde nur ohnmäch- Ausgaben früherer Jahre. Sie war wie ein Magazin in
tig.“ Taschenformat gefaltet und ihr glattes Papier deutete
„Was?“ staunte Ray ungläubig. eher auf ein Plastikmaterial hin als auf Holzfaserpa-
„Ja“, bekannte Joe sachlich. „Eigentlich habe ich pier.
keinen Augenblick wirklich geglaubt, daß wir es Ihre Ankunft an diesem Tag war nicht ganz freiwil-
schaffen würden. Im Unterbewußtsein hielt ich das lig. Dreimal hatte die Zeitmaschine hier gestoppt und
Ganze für Humbug. Erst als ich — nun, als ich auf das jedesmal hatte Ray sie ein Stück in der Zeit zurück-
Datum auf der Zeitung sah, wurde mir völlig klar, daß gelehnt und von neuem versucht, sie am dritten Mai
wir tatsächlich in der Zeit gereist waren und uns jetzt zum Halten zu bringen. Endlich war Joe auf eine Idee
in der Zukunft befanden. Es war einfach zu viel für verfallen, die er schweigend ausgearbeitet hatte.
mich, das ist alles.“ Er bemerkte den seltsamen Aus- „Hör zu, Ray“, sagte er. „Vor sechs Wochen hast du
druck auf mit jemandem gesprochen, für den dieser Tag der drit-
Rays Gesicht. „Was ist denn los? Jetzt begreife ich te Mai 1999 war. Uns dagegen scheint es nur möglich
erst! Du dachtest schon, Varg Thrott hätte —“ zu sein, am neunzehnten Mai zu landen — oder meh-
Er krümmte sich vor Lachen. „Oh!“ stöhnte er. „Das rere Jahre vor 1999. Vielleicht gibt es in der Zeit le-
ist prächtig!“ diglich gewisse Punkte, die beweglich sind und in die
„Halt den Mund“, knurrte Ray, doch dann mußte du uns mit deiner Zeitmaschine einschleusen kannst.“
er in das Gelächter einstimmen. Erst nach einer Wei- „Daran muß es liegen“, stimmte Ray zu. „Das wür-
le kamen sie wieder zu sich. „Eigentlich war es doch de auch Nelvas Drängen erklären, wir sollten uns be-
ganz klar“, meinte er. „Die ganze Zeit über lebten wir eilen. Sie muß gewußt haben, daß jede Minute, die wir
in Furcht vor der unbekannten Drohung, die ihre Hand verschwendeten, unwiederbringlich: verloren war.“
aus der Zukunft auszustrecken vermag und Macht ge- Ray und Joe standen vor dem Zeitungsautomaten
nug besitzt, um ein ganzes Bauwerk in die Luft zu ja- und überflogen das Blatt neugierig, um die allgemeine
gen. Als du umfielst, beherrschte mich nur ein Gedan- Lage kennenzulernen.
ke: ,Er hat zugeschlagen!‘
„Jetzt, wo wir hier sind“, meinte Ray, während er
Er hob die Zeitung auf und musterte überlegend das
die Straße und die umliegenden Bauwerke überblick-
Datum.
te, „kommt mir diese Drohung, die von Varg Thrott
„Wir müssen uns darüber klar werden, wie weit ausgehen soll, immer phantastischer vor. Alles wirkt
wir zu gehen haben“, äußerte er. „Schließlich wollen zu —“
wir nicht an 1999 vorüberschießen. Wir haben bin-
„Zu prosaisch“, fiel Joe ein. „Wir können uns hier
nen sechzig Sekunden annähend sechs Jahre und zehn
in ein Restaurant setzen, eine Tasse Kaffee trinken und
Monate zurückgelegt. Stellt diese Zahl eine Konstante
mit einem unserer Vierteldollars bezahlen, ohne daß
dar? Oder ist es das gleiche, als wenn man ein Ru-
jemand ausruft: ,Oh, seht mal! Zwei Jungs von 1950!
der ins Wasser taucht, um ein Boot vorwärtszutreiben
Wie ungewöhnlich!’“
— mit anderen Worten, wurden wir sofort in den nor-
malen Zeitraum zurückgeschleudert, oder trieben wir „Ja“, murmelte Ray zögernd, „langsam bekomme
dahin wie ein schwimmender Kahn?“ ich das Gefühl, daß Nelva und Varg Thrott nichts wei-
„Wenn es sich um eine Konstante handelt, genügen ter als Traumgebilde sind. Aber selbst wenn das zu-
gut sechs Minuten Zeitreise, um unseren Zielpunkt zu trifft, was hat dann die Explosion verursacht? Und wie
erreichen“, überschlug Joe. läßt sich Nelvas gedankliche Warnung erklären, die
ich deutlich vernahm?“
Ray warf die Zeitung in eine Ecke und adjustierte
die automatischen Kontrollen. „Möglicherweise ist sie dein Schutzengel“, vermu-
„Ich stelle sie auf drei Minuten ein“, bemerkte er tete Joe hoffnungsvoll. „Auf alle Fälle werden wir
dazu. „Glaubst du, daß wir den Schmerz so lange er- jetzt erst mal die Sehenswürdigkeiten abklappern. An-
tragen können?“ schließend können wir ja in unsere Zeit zurückkeh-
ren.“
„He, warte einen Augenblick“, rief Joe. „Mir fällt
gerade ein, daß in meinem Werkzeugkasten ein Röhr- „Ist dir eigentlich aufgefallen“, wollte Ray wissen,
chen Aspirin liegt.“ „daß alle Gebäude, die 1950 hier in der Nähe stan-
Er war schnell zurück. Er und Ray nahmen jeder den, abgerissen und durch neue ersetzt sind — bis auf
drei Tabletten und spülten sie mit dem Kaffee in ihren das Haus, in dem die Zeitmaschine steht? Und obwohl
Thermosflaschen hinunter. Sie warteten einige Minu- wir es nur für drei Monate gemietet hatten, scheint es
ten, bis Ray den Mechanismus aktivierte. nach uns niemand benutzt zu haben. Ich wüßte gern
weshalb.“
3. Kapitel „Als ob das wichtig wäre“, stöhnte Joe. „Wenn du
mich fragst, haben wir dabei noch Glück gehabt. Stell
Die Zeitung wies nicht nur das Datum des 19. Mai dir vor, wir wären irgendwo gelandet, wo man nach
1999 auf, sondern unterschied sich auch sonst von den 1950 etwas Neues gebaut hat. Wahrscheinlich wären
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dann plötzlich Stahlträger und Betonfußböden durch „Ja“, murmelte Joe versonnen. „Ich frage mich,
uns gelaufen.“ warum sie nicht längst Verbindung mit dir aufgenom-
„Kaum anzunehmen“, entgegnete Ray langsam. men hat.“
„Jedenfalls ist mir dabei etwas aufgefallen. Was hältst Sie entfernten sich von dem Gebäude und verfielen
du davon, wenn wir ein paar Wochen hierbleiben, die in Schweigen, während ihre Blicke die Veränderungen
Zeitmaschine in unsere Epoche zurücksenden und die registrierten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten
Kontrollen so einstellen, daß sie in vierzehn Tagen ergeben hatten.
wieder hier erscheint?“ Nirgends konnten sie Elektrizitäts- oder Telefonma-
„Ist das möglich?“ vergewisserte sich Joe über- sten erblicken. Von dem Zeitungsautomaten aus ge-
rascht. „Es wäre vielleicht nicht das Schlechteste, was sehen schräg gegenüber war ein rechteckiger Deckel
wir tun könnten.“ in den Bürgersteig eingelassen, auf dessen Oberfläche
das Wort „Feuerwehr“ zu lesen stand.
„Sie wird nur acht Minuten benötigen, um zu ver-
Bis jetzt waren sie auf kein lebendes Wesen gesto-
schwinden“, bemerkte Ray, nachdem er den Luken-
ßen; nun aber bog vor ihnen ein Mann um die Ecke
deckel von außen geschlossen hatte.
und kam ihnen entgegen. Sie musterten ihn mit ver-
Er und Joe stellten sich neben den Eingang, und Ray borgenem Interesse.
sah auf den Sekundenzeiger seiner Armbanduhr, wäh- Er wirkte enttäuschend alltäglich. Sein abgetrage-
rend die Sekunden verstrichen. ner, aber sorgsam gebügelter Anzug war von ähnli-
Die Umrisse der Maschine verschwammen plötz- chem Schnitt wie ihre eigenen. Er schritt an ihnen vor-
lich. Dann war sie verschwunden. Aber jetzt erkannten über, ohne ihnen direkte Beachtung zu schenken.
sie, weshalb das Gebäude vereinsamt stand. Die ge- „Wenigstens sieht es so aus, als ob wir uns in die-
genüberliegende Wand schien näher gerückt zu sein, se Zivilisation einfügten“, seufzte Ray erleichtert. „Ich
als betrachte man sie durch ein unsichtbares Vergröße- fürchtete schon, die Mode könnte sich so verändert ha-
rungsglas. Sie war nicht mehr durch den breiten Fuß- ben, daß wir wie Käfer im Ameisenhaufen von den
boden von ihnen getrennt, sondern befand sich im Be- anderen abstechen. Aber ich wünschte jetzt, wir hät-
griff, jäh nach vorn zu kippen. Zugleich hatte sich das ten den Mann angehalten und ihn einiges gefragt.“ Er
ganze Bauwerk geneigt. zuckte die Schultern.
„Nichts wie ’raus hier“, rief Joe hastig. An der Ecke entschieden sie sich, den gleichen Weg
Von außen wirkte das Haus jedoch wieder normal. einzuschlagen, den der Mann gekommen war. Zwei
Verwundert musterten sie es, traten dann wieder hin- Blocks weiter strahlten Neonlampen, und zahlreiche
ein. Drinnen stellten sie die gleichen Erscheinungen Menschen drängten sich auf den Bürgersteigen. Sie
wie zuvor fest. waren in ein Geschäftsviertel geraten.
„Das erklärt einiges“, versetzte Ray. „Stell dir vor, Keiner der Menschen, an denen sie vorüberkamen,
jemand unternimmt bei den räumlichen Verzerrungen, wirkte ungewöhnlich und keiner bedachte sie mit
die dort drinnen herrschen, den Versuch, das Haus ein- mehr als einem zufälligen Blick. Schaufenster rahm-
zureißen. Kein Wunder, daß es einsam und verlassen ten jetzt die Bürgersteige ein. Die ausgestellten Artikel
stehenblieb.“ ließen sich in vielen Fällen ohne weiteres als Weiter-
entwicklung von Modellen identifizieren, die bereits
„Aber wie ist es möglich, daß die Wand innen ge-
1950 existiert hatten. Lediglich ein auffallender Un-
neigt ist, außen dagegen nicht?“ wollte Joe wissen.
terschied machte sich bemerkbar.
„Das ist eben die Illusion“, erklärte Ray. „In Wirk- Die Lettern in allen Reklameschildern kreisten un-
lichkeit lehnen wir uns drinnen zurück, ohne es zu aufhörlich, und die fortwährenden Bewegungen bann-
merken. Deshalb scheint auch der Boden abwärts zu ten mit hypnotischem Zwang den Blick und lenkten
kippen. Die Zeitmaschine hat eine Kraft hervorgeru- die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich.
fen, die uns zu der Stelle hinzieht, wo sie stand, und Vergessen war der Zweck ihres Herkommens vor
um diese Kraft zu kompensieren, beugen wir uns zu- dem Anblick der Wunder einer Werbung, die zur
rück. Da wir natürlich der Ansicht sind, wir stünden Kunst entwickelt worden war, vergessen die Drohung
aufrecht, ziehen wir von da aus unsere Schlüsse.“ des geheimnisvollen, jetzt für irreal gehaltenen Varg
„Wir hätten das Aspirin mitnehmen sollen“, stöhnte Thrott. Sie starrten hingerissen wie jemand vom Lan-
Joe. „Ich Bekomme Kopfschmerzen von diesen Zeit- de, der zum ersten Male eine Großstadt besucht.
reiseproblemen.“ Schließlich kamen sie zu einem Schaufenster, in
„Unsere Zeitmaschine befindet sich außer Reich- welchem die Attrappe eines Mannes ein Glas an ei-
weite“, beendete Ray die Unterhaltung. „Jetzt müssen nem echten Hahn voll Wasser laufen ließ, eine Tablet-
wir einen Drugstore finden, wo wir im Telefonbuch te hineinwarf, das Glas in der Hand hielt, bis die Ta-
die Anschrift der Nummer nachschlagen können, mit blette zerfallen war, und es dann tatsächlich austrank
der ich telefoniert habe. Es wird uns nichts anderes üb- — alle dreißig Sekunden. Im Hintergrund tanzte eine
rigbleiben, als davon auszugehen — falls Nelva nicht Buchstabenreihe auf und ab, die irgendwie ihre Rei-
auf telepathischem Wege von sich hören läßt.“ henfolge beibehielt und verkündete, daß Sooth-a-Seltz
Die Zeitfalle 10

sich acht Zehntelsekunden schneller auflöste als jede Ray verspürte einen Ruck an seinem Mantel und
andere Marke. fuhr herum. Eine Hand winkte ihm aus den Tiefen
„Ah! Ein Drugstore!“ atmete Joe auf. „Dieser ganze der Telefonzelle. Der Arm verschwand, und sie stell-
Wirbel in den Schaufenstern hat mich direkt seekrank ten fest, daß sich in der Rückwand der Zelle eine Tür
gemacht, Ray.“ geöffnet hatte.
„Dann nimm eine Sooth-a-Seltz“, riet ihm Ray grin- „Komm, Joe“, wisperte er und trat hindurch. Joe
send. „Mir beginnt das Theater langsam zu gefallen.“ folgte ihm, die Geheimtür fiel zu, und schwere Rie-
„Zu gefallen?“ fragte Joe entsetzt und hielt im Ein- gel legten sich davor. Sie standen in einem schmalen
gang des Ladens inne. „Es ist gespenstisch — das Gang, der zwischen Wänden entlangführte.
schauderhafte Produkt von fünfzigjährigem Planen „Das war knapp“, ließ sich der Mann, der sie geret-
durchtriebener Manager, die sich immer neue Wege tet hatte, grimmig vernehmen. „Vermutlich wird die
ausdenken, um dir ihre Erzeugnisse aufzuschwatzen.“ vargische Polizei den Laden abreißen, um den Gang
Er schauderte realistisch und drängte sich in den aufzuspüren. Was war denn mit euch beiden los? Fiel
Drugstore. Ray Bradley folgte ihm. Innen unterschied euch nichts Besseres ein, als euch vor einem vargi-
sich das Geschäft kaum von einem modernen Drug- schen Spionschirm so verdächtig zu benehmen?“ Är-
store des Jahres 1950. Mehrere Telefonzellen befan- gerlich zerrte er an seiner Unterlippe. „Wenigstens
den sich am anderen Ende. Sie begaben sich hinüber, hattet ihr Verstand genug, zu vermuten, daß eure ein-
wobei sie an der Imbißtheke vorbeigingen. zige Fluchtmöglichkeit in den Telefonzellen lag. An-
Sie waren direkt vor dem Bild, das hinter der The- dernfalls befändet ihr euch jetzt auf dem Wege zur hie-
ke an der Wand hing, als sie es erst bemerkten. Sie sigen Folterzentrale und würdet etwas darum geben,
blieben abrupt stehen und starrten wie vom Schlag ge- reden zu dürfen.“
troffen darauf. Joe öffnete den Mund, fing aber Rays warnendes
Es war eine dreidimensionale Farbfotografie in dop- Kopfschütteln auf und schwieg. Der Mann, der ihnen
pelter Lebensgröße und von der Art, wie sie Porträtfo- zum Entkommen verholfen hatte, drehte sich um und
tografen im“ ganzen Lande 1950 einzuführen began- ging voraus, bis der enge Gang plötzlich abbrach. Die
nen. versperrende Wand glitt jedoch zur Seite, als er ei-
Sie zeigte den Kopf und die nackten Schultern ei- ne Stelle mit dem Fuß berührte. Sie gingen hindurch,
nes verführerisch schönen Mädchens; aber die Bewun- wandten sich nach rechts und kamen in einen anderen
derung, die sie zunächst empfanden, schwand immer Gang, der so schmal war, daß sie gezwungen waren,
mehr, um höchster Bestürzung Platz zu machen. Denn sich halb zur Wand zu drehen, um vorwärts zu kom-
auf der hohen Stirn hatte das Mädchen ein drittes Au- men.
ge.
In grellem Scharlachrot leuchteten über dem Kopf 4. Kapitel
flüssig ausgezogene Lettern — VARG THROTT.
„Mein Gott!“ hörte Ray sich murmeln. Er wurde Eine halbe Stunde später führte ihr Retter Ray Br-
sich bewußt, daß die Menschen um sie ihn und Joe adley und Joe Ashford in einen ausgemauerten Seiten-
unruhig beobachteten. Er zog Joe mit sich zu den Te- gang, der wiederum vor einer jener verborgenen Türen
lefonzellen. endete, die einen Teil des Fundamentgemäuers bilde-
ten.
„Komm zu dir, Joe“, zischte er. „Die Leute werden
schon auf uns aufmerksam.“ In seinem Innern’ brei- Nirgends waren Beleuchtungskörper angebracht.
tete sich eine wachsende, eisige Betäubung aus. Hier Sie hielten sich zusammen, indem sie sich an den Hän-
war kein Zweifel mehr möglich — dieses dreiäugige den faßten, bis sie am Fuß einiger Stufen ankamen, die
Antlitz war das Varg Throtts — und Varg Thrott war nach oben führten.
eine Frau, die nicht menschlich sein konnte. „Benehmt euch unauffällig“, warnte der Mann.
Er drehte sich um, überblickte den Laden und spür- „Und übrigens — ich heiße Val Nelson. Dies ist das
te, daß Dutzende von Augen auf ihm ruhten, in deren Hotel, in dem ich wohne. Vielleicht lassen sich noch
Tiefen Angst und Verdacht lauerten. Manche drängten zwei leere Zimmer für euch auftreiben. Wie sind eure
sich bereits zum Ausgang hinaus. Namen?“
„Verdammt“, vernahm er Joes Murren in seinem Ray nannte sie ihm, während sie die Stufen hoch-
Rücken. „Wie soll ich die Anschrift der Nummer fest- stiegen. Zehn Minuten später waren sie in Sicherheit
stellen, wenn du den Namen nicht kennst?“ und standen in einem großen Raum im dritten Stock,
Die Fluchtwelle vor dem Geschäft kam plötzlich dessen Fenster zur Straße hinausgingen.
zum Halten. Menschen stolperten und fielen, als sie „Hier seid ihr vorläufig sicher“, bemerkte Val.
von uniformierten Männern zurückgestoßen wurden, „Wenn ihr nichts dagegen habt, möchte ich euch mit
von Männern, welche die normale Größe um dreißig einigen meiner Freunde bekannt machen. Vermutlich
Zentimeter überschritten und auf deren Stirn das drit- werden sie sich irgendwo in der Nähe aufhalten. Ich
te, tumorähnliche Auge in trübem Blau sichtbar war. werde also nicht lange wegbleiben.“
11 TERRA

„Natürlich“, entgegnete Ray. „Sie brauchen keine darin nicht glauben, hat es keinen Zweck, daß wir uns
Rücksicht auf uns zu nehmen.“ weiter unterhalten.“
„Warum hast du ihm nicht gesagt, woher wir stam- „Warte einen Augenblick, Craig“, erklang Neal
men?“ überfiel ihn Joe, sobald Val das Zimmer verlas- Smiths Stimme. „Sieh dir ihre Kleidung an. Sie be-
sen hatte. steht aus dem gleichen Stoff wie die Anzüge, die in
„Um sicherzugehen“, erwiderte Ray. „Wir wissen meiner Kinderzeit bei uns in der Dachkammer hingen.
nicht, wer er ist und was er von uns will. Am be- Sie gehörten meinem Großvater.“
sten halten wir also den Mund und spitzen die Ohren, Craig rieb die Aufschläge von Joes Jackett zwi-
bis wir mehr erfahren haben. Und bist du im übrigen schen den Fingern und musterte gedankenvoll die
der Ansicht, daß er uns glauben würde? Meine Ent- Knöpfe.
deckung der Zeitreise scheint sich nicht herumgespro- „Sie machen tatsächlich den Eindruck von Klei-
chen zu haben.“ dern, die man vor vielleicht fünfzig Jahren trug. Aber
„Mein Gott, ja“, murmelte Joe. „Wir haben die Ma- das alles ist bedeutungslos; wenn sie Spione sind, hat
schine 1950 gebaut. Wenn wir ein Patent darauf ange- ihre Kleidung nichts zu besagen. Die Varg Thrott kön-
meldet oder sie der Regierung übergeben hätten, wäre nen sie ohne weiteres nachahmen und ihr einen au-
die Zeitreise jetzt zweifellos allgemein bekannt, und thentischen Eindruck verschaffen.“
er wäre auf den Schluß verfallen, daß wir aus der Ver- „Du hast recht“, pflichtete ihm Neal bei. „Es kommt
gangenheit kommen.“ letzten Ende; auf dasselbe heraus, was wir dachten, als
„Die Sache macht mir Sorgen“, spann Ray den Ge- Val uns von ihnen erzählte. Sie können uns von kei-
danken weiter aus. „Wir könnten hier getötet werden nem Nutzen sein, und es ist sicherer, wenn wir uns
und niemals in unsere Zeit zurückgelangen. Das wäre ihrer entledigen.“
die logischste Erklärung dafür, daß die Welt von 1999 „Ihr seid reichlich kaltblütig“, murrte Joe. „Ich
keine Ahnung von der Zeitreise hat.“ glaube kaum, daß ich Gefallen an euch finden werde
Ein kurzes Pochen erscholl an der Tür, und Joe öff- — noch dazu, wenn ihr uns umbringt.“
nete sie. Val Nelson und zwei andere standen davor, Die drei Männer lächelten.
und er forderte sie auf, einzutreten.
„Würde es euch etwas ausmachen, uns ein wenig
Val stellte die Neuankömmlinge vor. Sie hießen aufzuklären?“ fragte Joe, der ihr Lächeln für ein gu-
Craig Blanning und Neal Smith, beides breitschultri- tes Zeichen nahm. „Was hat das eigentlich alles zu be-
ge Männer, die etwa das gleiche Alter wie Ray und Joe deuten — die Varg Thrott mit ihren Spionschirmen auf
hatten. Val wirkte dagegen schon älter; er mochte die der einen Seite und ihr mit eurer offensichtlich vorhan-
Vierzig überschritten haben. denen Organisation und eurer übertriebenen Vorsicht,
Sobald man die einleitenden Worte gewechselt hat- daß ihr uns töten wollt, um sicherzugehen, auf der an-
te, kam Neal Smith auf das Thema zu sprechen. deren?“
„Val hat uns alles erzählt, was er über euch bei- „So geht das nicht“, erklärte Neal Smith scharf. Er
de weiß“, sagte der. „Um einen ausführlichen Bericht brachte eine Röhre zum Vorschein und richtete sie auf
werdet ihr kaum herumkommen. Woher stammt ihr? Joe Ashford. „Langsam wird mir klar, worauf ihr es
Wer hat euch über die Geheimtür in dem Drugstore abgezielt habt. Ihr habt ein Signalgerät bei euch und
aufgeklärt? Ich möchte euch warnen; eure Lage ist versucht Zeit zu gewinnen, bis die Polizei die Zeichen
nicht gerade rosig. Die ganze Angelegenheit kommt auffangen und unser Versteck ausfindig machen kann.
mir reichlich konstruiert vor. Mit anderen Worten: ihr Los, vorwärts!“
könntet Lockvögel sein. Val hätte euch nicht hierher- Val Nelson und Craig Blanning waren bei Neals
bringen, sondern in irgendeine Allee führen und dort Worten zurückgetreten und hielten jetzt ebenfalls die
laufen lassen sollen.“ kurzen Röhren in den Händen. Aus der Art, in der sie
„Nehmen Sie an“, versetzte Ray langsam, während damit umgingen, war klar zu ersehen, daß es sich bei
er auf Joe sah, „nehmen Sie an, wir behaupteten, gera- ihnen um wirkungsvolle Waffen handelte.
de aus der Vergangenheit mit einer Zeitmaschine hier- „Unsinn!“ weigerte sich Joe jetzt starrköpfig. „Wir
hergelangt zu sein. Würden Sie das als Grundlage ak- gehen nicht eher, als bis es uns paßt. Was macht es
zeptieren?“ euch denn aus, wenn ihr meine Fragen beantwortet?“
„Nein“, erwiderte Craig grob. „Nichts — außer, daß die Polizei Zeit erhält, uns
„Dann ist jedes weitere Wort nutzlos“, resignierte aufzuspüren“, versetzte Neal ironisch. „Hoffentlich
Ray. setzt ihr euch jetzt langsam in Bewegung!“
„Sie weigern sich also, zu sprechen?“ fragte Craig Die Knöchel seiner Hand, welche die Röhre um-
sanft. klammerte, wurden weiß. Nichts schien zu gesche-
„Nein, ich weigere mich nicht“, widersprach Ray hen, aber Joe spürte plötzlich, wie sich seine Muskeln
halb ärgerlich. „Ich meine nur, daß alles, was wir vor- schmerzhaft verkrampften. Das Gefühl verschwand so
bringen, von diesem Punkt ausgeht, und wenn Sie uns schnell, wie es gekommen war.
Die Zeitfalle 12

„Verlaßt den Raum“, befahl Neal tonlos. „Beim „Sehr nett von Ihnen“, versetzte Ray trocken. „Falls
nächstenmal bekommt ihr anstatt eines Viertels die Sie nun nicht mehr den Eindruck haben, daß wir Sie
halbe Stärke zu spüren — und erzählt mir nicht, ihr aushorchen wollen, könnten Sie uns ja vielleicht eini-
wüßtet nicht, was das ist!“ ge Erläuterungen geben, was es mit der Varg Thrott
Nachdem sie eine Stunde geduckt unter den Stra- und der vargischen Polizei auf sich hat und wozu das
ßen durch eine runde Betonröhre geschritten waren, dritte Auge auf ihrer Stirn dient.“
erreichten sie ihr nächstes Ziel. Diesmal ging es nach „Ich kann Ihnen nicht verübeln, daß Sie ärgerlich
unten anstatt auf gleiche Ebene mit der Straße. Sie ka- über das Vorgefallene sind“, meinte Arthur Granger.
men in ein unterirdisches Areal, dessen Ausdehnung „Aber wenn Sie die ganze Geschichte kennen, werden
nicht zu ermessen war. ’ Sie unsere Vorsicht begreifen. Am besten gehen wir
Ray und Joe wurden einen Flur entlang geführt, der vielleicht in den Speisesaal und nehmen ein paar Er-
sich noch ein gutes Stück weiter erstreckte, und in frischungen zu uns, während wir uns unterhalten.“
einen Raum gebracht, der bis auf einige Stühle kei-
5. Kapitel
nerlei Einrichtung aufwies.
Craig und Val bewachten sie mit gezogenen Waffen, „Bereits 1948“, begann Arthur Grangcr, nachdem
während Neal Smith behutsam an eine Tür klopfte, er sich als umsichtiger Gastgeber erwiesen hatte, „be-
die in ein anstoßendes Zimmer führte. Eine männliche richteten Augenzeugen von seltsamen Objekten, die
Stimme befahl ihm einzutreten. Er steckte die Röhre sie am Himmel gesichtet hatten. Sie erhielten den Na-
weg und öffnete die Tür gerade weit genug, um hin- men ,Fliegende Untertassen’. Zweifellos sind Sie dar-
durchzuschlüpfen. über orientiert, denn für Sie bedeuten diese Jahre ja
Er blieb fünfzehn Minuten, ehe er zurückkam und nahezu Gegenwart.“
anordnete, Joe und Ray hineinzuführen. „Natürlich“, stimmte Ray zu.
Ein metallener Tisch stand in dem Zimmer, dessen „Während der folgenden zwanzig Jahre ließen sich
Fußboden mit einem dicken Teppich bedeckt war. Da- die geheimnisvollen Besucher von Zeit zu Zeit immer
hinter saß ein Mann mit eisengrauem Haar, der offen- wieder blicken“, fuhr Granger fort.
sichtlich eine bedeutende Persönlichkeit darstellte. Er „Die Regierung der Vereinigten Staaten widmete
betrachtete sie sorgenvoll, als sie hereinkamen. dem Phänomen beachtlich viel Zeit und Studium. Man
Sein Blick fiel auf zwei Gläser, die auf dem Tisch versuchte, die Untertassen abzuschießen, wenn sich
standen. Rays und Joes Augen folgten dem Blick. Die eine Möglichkeit bot, aber es war erfolglos. Mehrere
Gläser waren zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Neben je- Male wurden Flakgranaten fotografiert, als sie tatsäch-
dem lag auf einer weißen Papierserviette eine kleine lich die seltsamen Gegenstände trafen, aber jedesmal
Pille, die rot gefärbt war und um die Mitte einen gel- gingen sie auf unerklärliche Weise durch die Objekte
ben Strich trug. hindurch und detonierten irgendwo im weiteren Ver-
„Ich muß Sie bitten, diese Kapseln zu schlucken“, lauf ihrer Flugbahn, obgleich sie Aufschlagzünder be-
sagte der Mann. saßen, die explodieren mußten, wenn sie auf andert-
halb Meter in die Nähe eines fliegenden Sperlings ka-
„Eine Wahrheitsdroge?“ wollte Ray wissen. Der
men.“
Mann hinter dem Tisch nickte bejahend. „Gut“, mein-
te Ray, nahm die Kapsel und spülte sie rasch hinunter. „Aber wenn das zutrifft“, rief Ray erregt aus, „dann
„Vielleicht werdet ihr uns dann glauben und mit die- würde es bedeuten, daß die Flugobjekte immateriell
sem Unsinn aufhören.“ waren.“
„Sie waren äußerst materiell“, erwiderte Arthur
Joe folgte zögernd seinem Beispiel. Minuten spä-
Granger. „Aber, um fortzufahren, es war wohl unver-
ter lagen sie ausgestreckt in Sesseln und vermochten
meidlich, daß wir früher oder später einen glücklichen
kaum noch den Kopf zu heben.
Schuß anbringen und eines der Dinger herunterholen
Später wurden sie gewahr, daß eine Nadel sich in würden. Das traf dann auch im September 1976 ein.
ihren Arm bohrte. Kurz darauf erwachten sie wieder Im Morgengrauen des dreizehnten September stürzte
zu vollem Bewußtsein. das riesige Objekt getroffen vor Oklahoma City ab.
„Ihr kommt also tatsächlich aus dem Jahre 1950“, Man vernahm den Donner des Aufschlags meilenweit,
begann der grauhaarige Mann, als sie zu sich gekom- und das war nur natürlich, denn das Schiff besaß einen
men waren. „Es ist fast unglaublich. Ich bin übrigens Durchmesser von einer halben Meile und war im Zen-
Arthur Granger. Sie könnten mich als Präsidenten der trum fast hundert Meter dick.
Vereinigten Staaten bezeichnen, obgleich dieser Titel Die Leichen der Besatzung waren über das ganze
im Augenblick bedeutungslos ist — genauer gesagt, Wrack verstreut — Leichen von Männern und Frau-
schon seit zehn Jahren. Alle Macht gehört jetzt den en, deren Existenz niemand für möglich gehalten hät-
Vargiern.“ te. Sie erschienen bis ins kleinste Detail menschlich
Er streckte seine Hand aus und ergriff erst die Hand — mit Ausnahme des dritten Auges, das auf der Stirn
Rays, dann die Joes mit warmem Druck. saß.
13 TERRA

Binnen achtundvierzig Stunden hatten sich Tausen- Delegationen wurden nach Chikago geschickt, um
de von Technikern und Wissenschaftlern an der Ab- Verhandlungen mit den Vargiern aufzunehmen. Man
sturzstelle versammelt. ließ sie in die Stadt, lauschte den Worten, die sie vor-
Lastwagen transportierten die Toten ab, die auf die brachten und sandte sie ohne Antwort wieder zurück.
Laboratorien der ganzen Welt verteilt wurden, wo man
sie sezierte und untersuchte. Sie brachten Berichte über Bauten mit, die in der
Nach zwei Monaten war jedes Schriftstück, jeder Stadt errichtet wurden, über eine Bevölkerung, die
Papierfetzen, den man in dem Wrack gefunden hatte, zwar verstört war, sich aber ruhig verhielt und ,wie
fotografiert worden. Man hatte jede Schaltung, jede gewöhnlich’ ihren Geschäften nachging. Die Industrie
Anlage aufgezeichnet, jeden Ausrüstungsgegenstand Chikagos nahm ihre Produktion wieder auf und ar-
zerlegt und studiert. beitete bald ebenso normal wie zuvor. Die Vargier
konsolidierten sich in der Stadt, ohne einen Versuch
Die besten Gehirne der Welt wurden auf die Aufga-
zu unternehmen, die Verwaltung Chikagos an sich zu
be angesetzt, das Geheimnis der fliegenden Scheiben
reißen, und schienen kein Verlangen zu verspüren,
zu lösen
ihren Brückenkopf auszudehnen oder der Regierung
— doch sie kamen zu keinem Resultat. Selbst über
der Vereinigten Staaten irgendwelche Bedingungen zu
die Entdeckungen der Ärzte in ihren Laboratorien
stellen. Ihre Verteidigung erwies sich in allen Punkten
herrschte Ungewißheit. Sie konnten die Funktion des
als lückenlos, und es war unmöglich, sie zu vertreiben.
dritten Auges nicht finden. Sie waren sich nicht si-
cher, ob die fremde Rasse in irgendeiner Beziehung Sie ignorierten die Bevölkerung, bauten aber so-
zum Menschen stand oder lediglich das Produkt einer fort ein striktes Austauschsystem auf. Niemand konn-
konvergenten Evolution von der Art war, die zwei von- te das Gebiet Chikagos verlassen, wenn er nicht durch
einander unabhängige Spezies im Aussehen und vie- jemand anderen von außen ersetzt wurde. Kein Zug
len Elementen der Körperstruktur und Körperfunktion fuhr aus den Bahnhöfen der Stadt, wenn nicht zur sel-
einander ähneln läßt. ben Zeit ein Gegenzug eintraf, der die gleiche Anzahl
Nach und nach wandten sich die. meisten von de- Wagen mit sich führte. Und die Menschen in Chi-
nen, die sich an den Forschungen beteiligt hatten, wie- kago mußten ernährt werden, denn die Vargier zeig-
der ihren früheren Aufgaben zu. Drei Jahre nach sei- ten keinerlei Bestreben, ihnen Lebensmittel zu ver-
nem Absturz wurde das riesige Objekt von einer Ber- schaffen. Neun Millionen Geiseln banden der Regie-
gungsgesellschaft übernommen, die es verschrottete rung die Hände. Auf Grund des Paralysestrahls, gegen
und auf Wagen lud, die zu den Schmelzöfen rollten. den keine Schutzmöglichkeit gefunden werden konn-
Von Zeit zu Zeit verfaßte irgendein Schriftsteller te, war eine Invasion unmöglich. Die gleiche Ursache
oder Journalist einen Artikel, der Spekulationen über verbot eine Landung aus der Luft, und die wenigen
die Funktion jenes dritten Auges anstellte und die Versuche, die Vargier durch eine Demonstration der
Feststellungen der Chirurgen wieder aufwärmte — Luftmacht zu bluffen, die ihnen gegenüberstand, en-
daß die Linse ihre Fokalebene anscheinend in der deten mit der tragischen Vernichtung der Flugzeuge,
Oberfläche des Gehirns besaß, anstatt einen Kortex ehe sie sich über der Stadt befanden.
aufzuweisen, und daß dieses Auge weder fähig war,
seine Anstrengungen mit denen der beiden normalen Nach dem Ende der ersten drei Monate bahnte
Sehorgane zu koordinieren noch sich in der Augen- sich eine neue Periode an. Die Vargier bemächtigten
höhle zu drehen, da eine solche nicht vorhanden war. sich plötzlich der Fernsprechämter und benutzten das
Die Schlüsse jedoch, die die verschiedenen Autoren Netzwerk der Telefonleitungen, um überall Spions-
zogen, waren jeweils dieselben — daß es unmöglich chirme zu errichten. Während zunächst jeder Versuch
sein würde, etwas Definitives auszusagen, ehe ein le- einer Fraternisierung von ihrer Seite unterblieben war,
bendes Wesen dieser Rasse gefunden war. wurden sie jetzt verhältnismäßig zugänglich und eig-
So war also der Stand der Lage, als die Vargier am neten sich rasch Sprachkenntnis und das Wissen um
Morgen des 5. Mai 1982 in Chikago ihre Einführungs- alles an, was mit der menschlichen Rasse zusammen-
vorstellung gaben. In einem Augenblick gingen die hing.
neun Millionen Einwohner Chikagos ihren individuell Die Leute faßten dies als hoffnungsvolles Zeichen
verschiedenen Beschäftigungen nach — im nächsten auf. Sie machten sich daran, Freundschaft mit den Var-
brachen sie schmerzerfüllt zusammen oder wurden so- giern zu schließen und ihnen zu zeigen, daß sie ver-
fort ohnmächtig, als sich vom Himmel herab giganti- läßliche Freunde sein konnten. Die Vargier ließen sie
sche Paralyseprojektoren auf sie richteten. gewähren, aber als der Präsident versuchte, freund-
Vor Sonnenuntergang war eine Million Vargier in schaftliche Beziehungen zu ihnen anzuknüpfen, igno-
Chikago gelandet. Als die Strahlen der Paralysatoren rierten sie jeden seiner Vorstöße in völliger Gleichgül-
abgeschaltet wurden, hatten sie die vollständige Macht tigkeit.
über die Stadt in den Händen.
Die folgenden drei Monate standen ohne Zweifel Sie zeigten sich völlig indifferent. Selbst wenn das
einzigartig in der Geschichte da. äußerst seltene Ereignis eintrat, daß irgendein Narr
Die Zeitfalle 14

einen Vargier erschoß, bargen sie lediglich den Leich- Kanalisationsanlagen und unterirdische Fundamente
nam und ignorierten ansonsten den Vorfall. Sie forder- wurden in bewohnbare Quartiere verwandelt, so daß
ten nicht einmal die reguläre Polizei auf, den Schuldi- wenigstens den Wissenschaftlern ein Ort blieb, an dem
gen zu suchen. Sie töteten nicht — sie paralysierten. sie ihre Forschungen an dem Problem fortsetzen konn-
Weigerte sich jemand, ihren seltsamen Befehlen zu ge- ten, wie man sich eventuell der Vargier entledigen
horchen, so bekam er abgeschwächte Paralysestrahlen könnte.
zu spüren, bis er gehorchte. Sobald er das tat, schenkte Jetzt werden Sie unsere Vorsicht verstehen. Außer
man ihm keine weitere Beachtung. an Plätzen wie diesem wird heute alle Forschungsar-
Wie ich schon sagte, wurden sie ziemlich zugäng- beit beständig von den Vargiern überwacht.“
lich. Das trifft für jedes Problem zu, mit dem wir Men-
„Wir sahen, daß sie auch Polizei besitzen“, kom-
schen uns befassen — mit einer Ausnahme. Bis zu die-
mentierte Joe. „Bedeutet das, daß sie auch die Regie-
sem Tag hat keiner auch nur die leiseste Vermutung,
rung und die Jurisdiktion übernommen haben?“
woher die Vargier stammen, welche Beweggründe sie
treiben oder was sonst wissenswert über sie wäre. Sie „Ja“, entgegnete Arthur Granger. „Seit 1994 ruht al-
—“ le Gewalt in ihren Händen. Heute stellt die größte Ge-
„Sie meinen“, unterbrach Ray Bradley ihn, „daß die fahr für uns die wachsende Zahl von Menschen dar,
Vargier in den siebzehn Jahren ihrer Besetzung auch die überzeugt sind, daß wir es unter den Vargiern bes-
nicht den geringsten Fingerzeig lieferten, der auf ihre ser als früher haben, und die uns, die Untergrundbe-
Herkunft schließen ließe?“ wegung, als Umstürzler und Gesetzlose brandmarken.
„Ja“, bestätigte Arthur Granger, und die anderen Sie würden ohne weiteres unsere geheimen Plätze ver-
drei gaben ihre Zustimmung durch Kopfnicken zu er- raten, wenn sie sich Kenntnis davon verschaffen könn-
kennen. „Natürlich haben wir Theorien aufgestellt. ten.
Ganze Bücher diskutieren den Ursprung der Vargier.“ Und damit wären wir bei der Gegenwart. Plötzlich
„Welche Theorie besitzt denn den größten Wahr- vor vierzehn Tagen, , am dritten Mai, begannen sich
scheinlichkeitsgrad?“ schaltete sich Joe ein. „Nach so bei den Vargiern Anzeichen der Nervosität bemerkbar
langer Zeit muß sich doch eine Möglichkeit ausrei- zu machen. Aus irgendeinem Grunde schienen sie sehr
chend durch augenscheinliche Beweise erhärten las- erregt. Uns stellte das vor ein Rätsel. Sie sandten täg-
sen, um ihr den Vorzug vor den anderen zu geben.“ lich Dutzende von Patrouillen aus, die jedem noch so
„Richtig“, pflichtete ihm Arthur Granger bei. „Sie kleinen Vorfall nachgingen, wenn er ihnen ungewöhn-
werden sich erinnern, daß ich Photographien erwähn- lich erschien. Sie trieben Dutzende von Leuten zusam-
te, die von Projektilen gemacht wurden, welche durch men, verhörten sie, hielten sie sogar tagelang fest.
sie hindurchfuhren; daß Aufschlagszünder, die auf Bis ihr uns von dem Telefongespräch aus dem Jah-
einen Sperling ansprechen würden, von den Schiffen re 1950 erzähltet, hatten wir keine Ahnung, was der
nicht beeinflußt wurden. Aus diesen Vorfällen hat sich Grund für dieses Verhalten sein könnte.“
die Theorie gebildet, daß sie aus einem benachbarten
„Ja“, lachte Ray Bradley. „Es war schon seltsam.
dreidimensionalen Raum stammen und eine Möglich-
Ich stellte mein Gerät auf das Ende des Jahrhunderts
keit gefunden haben, die vierte Dimension zu durch-
ein und wählte eine Nummer; ein Mann antwortet,
queren und in unserem dreidimensionalen Universum
nennt mir Zeit und Datum und fragt mich dann, an
zu landen.
welchem Datum ich denn anrufe. Natürlich sagte ich
Um aber zum Thema zurückzukommen: 1984 wie- es ihm.“
derholten die Vargier den Handstreich von Chikago
in New York, Washington, Los Angeles, San Franzis- „Sie konnten natürlich nicht ahnen“, ließ sich Val
ko, Portland, New Orleans und Seattle. Sie brauchten Nelson vernehmen, „daß der Vargier, der Ihnen ant-
nicht mehr viel dazu zu tun, denn die Regierung und wortete, wußte, daß Sie die Wahrheit sprachen, denn
die führenden Gehirne der Erde hatten jede Möglich- jetzt besitzen alle Telefone Sichtscheiben, auf denen
keit, die aufgetauchten Probleme zu lösen, erschöpft, das Bild des Anrufers erscheint und die man nicht ab-
und man hatte der Bevölkerung lange genug erklärt, schalten kann.“
es gäbe keine Möglichkeit, den Vargiern Widerstand „Nun, Ray“, meinte Joe, „ich schätze, der Traum
zu leisten, falls sie sich entschieden, ihr Herrschafts- deines Lebens dürfte damit zerstört sein. Deine Nelva
gebiet auszudehnen. ist zweifellos eine Vargierin.“
Die wenigen Aufstände gegen sie waren nur von „Nelva?“ fragte Arthur Granger. Er erbleichte und
kurzer Lebensdauer. Die Regierung in Washington versuchte zu sprechen, aber seine Lippen zitterten.
hatte längst die Unabänderlichkeit der Lage eingese-
hen und tat das einzige, was ihr noch übrigblieb. Sie „Wo haben Sie von Nelva gehört?“ wollte Neal
baute unterirdische Systeme wie dieses, was Sie hier Smith erregt wissen. „Und wie kommen Sie dazu, sie
sehen. Beginnend im Herbst 82 flossen bis zum Som- eine Vargierin zu nennen?“
mer 84 Riesensummen in die Konstruktion der Beton-
röhren unter fast allen noch nicht besetzten Städten; 6. Kapitel
15 TERRA

In kurzen Zügen zeichnete Ray ein Bild von seinen Nach einem Augenblick des Schweigens sprach
Erlebnissen. Während er erzählte, geriet Arthur Gran- Ray weiter: „Gibt es so etwas wie einen Stadtplan?
ger mehr und mehr in einen Zustand der Erregung. Er Wenn ja, hätte ich gern einen gesehen.“
fragte nach Einzelheiten, und Ray mußte Teile seines „In meinem Schreibtisch liegt einer“, entgegnete
Berichtes wiederholen. Endlich schlug er die Hände Arthur Granger.
vor das Gesicht und schluchzte. Er erhob sich dann und verließ den Raum. Kurz dar-
Ray und Joe beobachteten erstaunt dieses Schau- auf kehrte er mit einer zusammengefalteten Karte zu-
spiel. Craig Blanning raunte ihnen mit unterdrückter rück. Ray nahm sie ihm aus der Hand und breitete sie
Stimme zu: „Nelva ist Mr. Grangers Tochter. Sie wur- auf dem Boden aus. Joe kniete neben ihm nieder, und
de ihm von den Vargiern weggenommen, als sie gera- gemeinsam studierten sie den Plan.
de siebzehn Jahre alt war — vor fünf Jahren.“ Die Stadt schien sich praktisch kaum verändert zu
Arthur Granger beherrschte sich mit sichtlicher Mü- haben. Die allgemeine Anlage der Straßen war die
he. gleiche geblieben, doch war eine große Anzahl roter
„Ich — ich habe seitdem nichts mehr von ihr ge- Punkte über die Karte verstreut.
hört“, schluckte er. „Die roten Flecke“, kam ihm Arthur Granger zu
„Aber warum?“ fragte Ray. „Aus dem, was Sie sag- Hilfe, „stellen die Wohnviertel und Verwaltungsbau-
ten, schien hervorzugehen, daß die Vargier derartige ten der Varg Thrott dar. Wir verstoßen gegen das Ge-
Methoden niemals anwenden.“ setz, wenn wir uns in diesen Gegenden sehen lassen.“
„Niemand weiß es“, übernahm Val Nelson die Be- Ray Bradley nickte schweigend, während seine Au-
antwortung der Frage. „Soweit wir wissen, haben sie gen die Karte überflogen.
bis jetzt mehr als ein Dutzend Menschen in ihre Bau- Schließlich stand Ray wieder auf und faltete die
werke gebracht, und bei keinem von diesen lag eine Karte zusammen.
erkennbare Ursache vor. Wir waren fassungslos über „Ich denke“, bemerkte er abwesend, „daß wir uns
Nelvas Schicksal.“ zunächst ein wenig mit den Dingen vertraut machen
Eine lange Stille trat ein, in der jeder seinen eige- müssen — ein Stück herumkommen und lernen, uns
nen Gedanken nachging. Endlich brach Joe Ashford wie gewöhnliche Bürger zu benehmen.“ Er lächelte
fast schüchtern das Schweigen. schwach. „Joe und ich staunten die vielen neuen Ein-
„Eins hat mich damals in Erstaunen versetzt“, sag- drücke so hingerissen an, daß wir wie zwei Hinter-
te er. „Wie brachte sie es fertig, direkt in deinem Ge- wäldler wirkten, die New York ihren ersten Besuch
hirn aus der Zukunft zu dir zu sprechen? Es ist sinnlos, abstatten.“
zu unterstellen, sie habe den Stromkreis benutzt, den „Halten Sie es für möglich —“
du mit dem Telefon verbunden hattest, Ray, denn sie Aus Arthur Grangers Ausdruck sprachen Bitte und
nahm später nochmals mit dir Fühlung auf, als du im Leid. Ray Bradleys Blick wurde sanfter.
Schlaf lagst — und nachdem der Stromkreis detoniert „Alles, was ich Ihnen sagen kann“, beantwortete er
war. Erinnerst du dich noch an ihre Worte? Sie sag- die unausgesprochene Frage, „ist, daß mein Anliegen
te doch: ,Varg Thrott kann mich aufspüren und fest- auch das Ihre ist — Nelva zu finden. Genügt Ihnen
stellen, wo ich mich befinde’, oder etwas Ähnliches. das?“
Weißt du es noch genau, Ray?“ Ray und Joe befanden sich wieder allein in ihrem
„Sie sagte: ,Varg Thrott vermag meine Gedanken Hotelzimmer. Val Nelson hatte sie durch die Beton-
von dir zu mir zurückzuverfolgen‘, murmelte Ray röhren unter den Straßen zurückgeführt.
langsam. „Nebenbei bemerkt, wer ist eigentlich Varg „Du glaubst also, Nelva wird in diesem roten Fleck
Thrott? Der Beherrscher der Vargier?“ gefangengehalten, der den Ort unseres früheren Büros
„Nein“, erläuterte Neal Smith. „Thrott ersetzt den einnimmt?“ fragte Joe leise.
Begriff ,Territorialmacht’, und Varg ist die Bezeich- „Ich dachte mir, daß du meine Gedanken erraten
nung, die sie sich selbst gegeben haben, so, wie wir hast“, antwortete Ray ruhig. „Es ist nur logisch. Mir
uns Amerikaner nennen. Varg Thrott ist also der Kol- wurde es schon klar, während wir die Zeitmaschine
lektivausdruck für die vargische Bevölkerung.“ bauten. Ihre Spulen waren derart entworfen, daß ihre
„Und jene dreiäugige Frau, deren Bild der Spions- Kraft ausreichte, die gesamte Maschine durch die Zeit
chirm in dem Drugstore trug?“ wollte Joe wissen. „Ich zu reißen. Die Spulen in unserer ersten Anlage dage-
hielt Varg Thrott für ihren Namen. Was nimmt sie für gen waren klein, lediglich dazu bestimmt, unbedeu-
eine Stellung ein?“ tende elektrische Ströme aus ihren Zeitkoordinaten zu
„Soweit wir feststellen konnten“, antwortete Neal, ziehen, über ein halbes Jahrhundert hinweg in die Ver-
„ist sie ihre Königin oder Herrscherin. Zumindest et- gangenheit zu reichen und mit unfehlbarer Sicherheit
was Ähnliches, denn ihr Bild ist im ganzen Lande an- mein Gehirn allein anzusprechen.“
gebracht.“ „Ich kam erst auf die Idee, als ich den Blick bemerk-
„Nelva befindet sich also in den Händen der Var- te, den du auf den roten Fleck warfst, der jetzt die Stel-
gier“, meinte Ray sanft. le einnimmt, wo sich früher unser Büro befand“, warf
Die Zeitfalle 16

Joe ein. „Da ging mir ein Licht auf. Deine Apparatur „Dann werden sie den Tunnel entdecken!“ rief Ray.
muß dazu gedient haben, die Lücke zu überbrücken.“ „Kaum anzunehmen“, beruhigte ihn Val. „Sie wer-
„Genau“, bestätigte Ray. „Ihre Wirkung war grö- den die erste Tür finden, die durch die Wand führt,
ßer, als ich damals selbst ahnte. Sie muß so gestan- und den Ort, an dem wir in den Keller abstiegen. Von
den haben, daß ihr Gehirn im Einflußbereich des er- dort werden sie auf den ziemlich auffälligen Flucht-
zeugten Feldes lag. Auf irgendeine Weise ließ es sie weg stoßen, der auf die Allee hinausläuft, und anneh-
erkennen, was sich abspielte. Auf jeden Fall muß sie men, ihr wäret auf diese Weise entkommen.“
außerordentliche telepathische Fähigkeiten besitzen,
Val bemächtigte sich des einzigen Sessels im Zim-
und nachdem die mechanische Zeitbrücke einmal den
mer, während Ray und Joe ein Bad nahmen und dann
Kontakt zwischen ihrem und meinem Gehirn errich-
die neuen Anzüge anprobierten.
tet hatte, war es ihr möglich, mich ein zweites Mal zu
erreichen.“ „Die Vargier haben uns ziemlich viel Spielraum ge-
„Glaubst du, sie wird sich jetzt mit dir in Verbin- lassen“, kam beiläufig Vals Stimme.
dung setzen, wo wir hier sind?“ fragte Joe. „Mit Ausnahme ihrer stets gegenwärtigen Spions-
„Ich weiß nicht“, entgegnete Ray gedankenvoll. chirme — von denen wir niemals wissen, ob sie ein-
„Weißt du, auf mein Gehirn stürmt augenblicklich zu- oder ausgeschaltet sind — halten sie sich von uns fern,
viel ein. Warum landeten die Vargier? Welches Ziel es sei denn in Fällen wie diesem, wo sie sich aus ir-
verfolgen sie damit, daß sie bleiben?“ gendeinem Grund veranlaßt sehen, einzugreifen. Nun,
„Ob sie das Geheimnis der Zeitreise kennen?“ sagte ich habe euch etwas Geld mitgebracht. Es ist nicht all-
Joe mehr zu sich selbst als zu Ray. zu viel, aber wenn es verbraucht ist, steht mehr zu eu-
rer Verfügung.
„Ich habe auch darüber nachgedacht“, ließ dieser
sich vernehmen. „Meiner Ansicht nach besitzen sie Ebenso hat man mir befohlen, euch zu unterrich-
es. Denk an die Explosion. Eine Zeitbombe könnte ten, daß wir in jeder Hinsicht mit euch beiden zusam-
sehr wohl diese Detonation verursacht und unser Büro menarbeiten sollen. Irgendeiner wird sich stets in eu-
und Labor zerstört haben. Bestimmt hätte das jeden- rer Sichtweite aufhalten. Steckt den kleinen Finger ins
falls keine Energie fertiggebracht, die unsere Spulen Ohr, wenn ihr etwas wissen wollt; kurz darauf wird
aufzunehmen vermögen. Aber das bringt uns auf eine euch jemand ansprechen. Wer immer es auch ist, ihr
andere Frage. Welches Interesse hatten sie daran, uns könnt sicher sein, daß er zu uns gehört.“
zu töten?“ „Und wer seid ihr nun eigentlich?“ erkundigte sich
Ray machte eine Pause und sagte dann: „Nimm ein- Joe lächelnd.
mal an, daß sie weder aus einem anderen Kontinu- „Wir sind die Erben der Regierung“, erwiderte Val
um stammen noch die Frequenz ihrer Materie verän- ernst. „Die Washingtoner-Regierung war sich darüber
dert haben, sondern tatsächlich aus einer anderen Zeit klar, daß die Vargier möglicherweise im ganzen Lan-
kommen. Was, wenn sie unsere Nachkommen wären de die Herrschaft an sich reißen würden. Sie nahm an,
— Menschen, die in einer Million Jahren existieren?“ daß die Menschheit früher oder später einen Weg fin-
den würde, sie erfolgreich zu bekämpfen, und wenn
7. Kapitel diese Zeit gekommen war, sollte eine historisch über-
lieferte Autorität existieren, die fähig war, die Vargier
Morgens wurde Ray Bradley und Joe Ashford durch abzulösen. Wir bezeichnen uns selbst als die Hüter.“
ein Pochen an der Tür geweckt. Ray kletterte aus dem
Bett. Nach dem Frühstück begleitete Val sie auf einem
Spaziergang durch die Stadt. Hätten sie tags zuvor
„Wer ist dort?“ fragte er scharf.
nicht die dreiäugigen Männer am Eingang des Drug-
„Ich bin es“, antwortete eine gedämpfte Summe. stores erblickt, so wäre es ihnen wohl schwergefal-
„Val Nelson.“ len, an ihre Existenz zu glauben. Sie ließen sich nir-
Ray öffnete rasch die Tür und ließ ihn ein. gends sehen, obgleich sie fast überall auf die dreidi-
„Ich habe euch ein paar Anzüge mitgebracht“, er- mensionalen farbigen Bilder der vargischen Königin
klang Vals Stimme über eine Armladung von Schach- — falls sie es war — stießen. Ihre Schönheit besaß et-
teln hinweg. „Sie sind alle modern. Es wäre peinlich was Zwingendes, Hypnotisches. Ray Bradley bemerk-
für euch, wenn man euch in euren fünfzig Jahre alten te zugleich, daß dieses Gesicht auf alle anderen die
Sachen erwischte.“ „Da haben Sie allerdings recht“, gleiche Anziehungskraft auszuüben schien. Fast nie-
lachte Ray. „Unsere Kleidung würde uns verraten.“ mand schien fähig, an dem Farbfoto, in dem ein Spi-
„Hallo, Val“, gähnte Joe und kratzte seine wirren onschirm verborgen war, vorbeizugehen, ohne ange-
Haare. „Was braut sich draußen zusammen?“ strengt darauf zu starren.
„Die Varg Thrott geben sich außerordentliche Mü- . Als der Tag sich seinem Ende zuneigte, hatten sie
he, euch zu finden“, meinte Val leichthin. „Sie ha- einen großen Teil der Stadt durchquert. Ray und Joe
ben die Straßen um den Drugstore abgesperrt und die lernten schnell, sich den Sitten und Gewohnheiten an-
Wand hinter den Telefonzellen niedergerissen.“ zupassen, die in dieser Ära zum Leben gehörten. Für
17 TERRA

sie war es ein einzigartiges Erlebnis, nach einem Zeit- sich langsam zu senken begann, während er die Täfe-
sprung, der ein halbes Jahrhundert umfaßt hatte, ins lung wieder zusammendrückte. Als der Aufzug stopp-
städtische Treiben zurückzukehren. Es brachte ihnen te, schwang eine Tür auf, und er trat heraus und befand
Eindrücke, die von den Höhen des Bizarren bis zum sich in Arthur Grangers Privat-Büro.
Alltäglichen abstiegen, und die rasch aufeinanderfol- Außer dem grauhaarigen Präsidenten hielten sich
genden Überraschungen stumpften allmählich die Fä- Neal Smith und Craig Blanning in dem Raum auf.
higkeit ab, sich überhaupt noch verblüffen zu lassen. Dem Ausdruck ihrer Gesichtszüge nach zu schließen,
Als schließlich die Dämmerung hereinbrach, fan- hatten sie Val seit geraumer Zeit erwartet.
den sich Ray und Joe wieder allein in ihrem Zimmer, „Alles geklärt“, gab dieser bekannt.
physisch und emotionell erschöpft, aber sicher, daß sie „Dann sind die Vargier deinem Vorschlag gefolgt,
sich von nun an ohne Pannen ins Freie wagen konnten. den beiden vorläufig freie Hand zu lassen?“ erkundig-
te sich Neal.
8. Kapitel „Genau“, bestätigte Val. „Ich habe Bericht erstat-
tet und zur Antwort erhalten, sie hätten keine weiteren
Val Nelson verhielt vor der Tür zu Rays und Joes Instruktionen für mich; ich solle lediglich überprüfen,
Zimmer, nachdem er sie geschlossen hatte, und stu- ob Ray und Joe nicht das Mikrophon entdeckt haben,
dierte nachdenklich die glatte Holztäfelung. Dann ver- das in ihrem Zimmer angebracht wurde.“
ließ er mit eiligen Schritten das Hotel. Bewundernd blickte er Arthur Granger an.
An der Ecke stieg er in einen Bus, den er nach ei- „Es war ein ausgezeichneter Einfall von dir, Nelva
nigen Blocks wechselte. Als er absprang, ging er ohne für deine Tochter auszugeben“, lobte er. „Das wird sie
Hast weiter, bis er eine Gasse erreichte. Er blieb in ei- zumindest bei der Stange halten, bis Nelva sich auf
nem Torweg stehen, tastete das Gemäuer sorgfältig ab, telepathischem Wege mit Ray Bradley in Verbindung
bis ihm seine Finger sagten, daß er den rechten Ziegel- setzt.“
stein gefunden hatte. „Was hältst du von Ray und Joe?“ wollte Neal
Val Nelson zog ein dauerhaft magnetisiertes Me- Smith wissen. „Du bist schließlich den ganzen Tag mit
tallstück aus der Tasche und berührte den Ziegel da- ihnen zusammen gewesen.“
mit. Ein leises Klicken erscholl aus seinem Innern. „Sie sind genau das, wofür sie sich ausgeben“, ant-
Der Magnet in Vals Hand hatte ein Eisenstück in- wortete Val. „Soviel ist offensichtlich: sie entstammen
nerhalb des Steins angezogen, es veranlaßt, vorwärts dem Zeitalter der geraden Denkart.“
zu schwingen und einen Kontakt zu schließen, der „Es war erfrischend, sie kennenzulernen“, warf
einen verborgenen Fernsprecher mit einer Privatlei- Craig Blanning ein. „Sie sind wie Kinder. Stolpern
tung verband. Durch den Ziegelstein getarnt, waren in über eine Sache, spielen damit an Telefonen herum
der Wand ein Mikrophon und ein kleiner Lautsprecher und kommen dann in die Zukunft, um wie in einem
angebracht, so daß Val, nachdem die Verbindung her- antiken Märchenbuch die gefangene Prinzessin zu be-
gestellt war, mit unterdrückter Stimme zu der Wand freien.“
sprechen und die leisen Antworten vernehmen konn-
Aus seinen Augen sprach eine Mischung von Sym-
te. Wenn er geendet hatte und den Magneten entfernte,
pathie und Respekt. „Ich wette, sie würden sich eher
würde die Verbindung unterbrochen werden.
foltern lassen, als dieses Versteck zu verraten — wenn
„Ja?“ drang eine Stimme kaum hörbar aus der es hart auf hart käme.“
Wand. „Ritter in glänzenden Rüstungen“, lächelte Val et-
„Nelson“, identifizierte sich Val kurz. was versonnen. „Aber vielleicht würden sie tatsäch-
„Keine weiteren Instruktionen“, teilte ihm die Stim- lich zu dem Schluß kommen, wir stünden gegen sie,
me mit. „In ihrem Zimmer ist ein Abhörgerät ange- wenn sie erführen, daß den Vargiern unsere Existenz
bracht. Überprüfen Sie die Anlage bitte, und verge- wohlbekannt ist und daß wir das wissen. Die Komple-
wissern Sie sich, daß sie nicht entdeckt werden kann. xität der gegenwärtigen Situation wäre für sie unver-
Sie sind entlassen.“ ständlich. Sie würden verwirrt werden und uns nicht
Val steckte den Magneten wieder in die Tasche und mehr trauen.“
kehrte zu der Straße zurück. Zwei Blocks weiter be- „Oder“, sagte Neal Smith sanft, „sie würden uns
trat er eine öffentliche Bedürfnisanstalt, steckte seinen wie Amateure abfallen lassen, uns im geeigneten Au-
Nickel in einen Münzschlitz und ging in eine Zelle. genblick überrumpeln. Bis zum letzten Moment könn-
Sekunden später drehte sich das Schild an der Tür und te ihre Niederlage gewiß erscheinen — und doch wür-
zeigte wieder „Frei“ statt „Besetzt“, ohne daß sich die den sie schließlich oben landen.“
Tür geöffnet hätte. Hier lag einer der vielen Zugän- „Sie werden auf jeden Fall oben landen“, ließ sich
ge zu dem unterirdischen Netzwerk von Gängen und Arthur Granger vernehmen.
Räumen, das die Hüter errichtet hatten. „Du weißt, was ich meine“, beharrte Neal.
Er hatte sich durch eine schmale Öffnung in der „Ja“, entgegnete Arthur, und sein Gesicht verzerr-
Rückwand der Zelle in einen Fahrstuhl gezwängt, der te sich. „Ich weiß es. Wir alle wissen es, ebenso wie
Die Zeitfalle 18

die Vargier. Seltsam, wie die Ereignisse sich an einem Ray hatte den Blick gesenkt und lenkte fast unbe-
Punkt konzentrieren können, bis alles — Vergangen- wußt seine Schritte, ohne von seiner Umwelt Notiz zu
heit und Zukunft — von einem unbedeutenden Zufall nehmen.
abhängt, wie dem, daß Ray Nelva findet.“ Abrupt wußte er, warum er so unruhig war. Sein Un-
terbewußtsein hatte Alarm geschlagen.
9. Kapitel Während er jetzt mit Neal Smith durch die Dun-
kelheit dahinschritt, spielte er müßig mit seinen Ge-
Ray ließ seine Gedanken zu Nelva wandern. Arthur danken und empfand dabei, daß er sich irgendeinem
Granger war also ihr Vater. Das war schon etwas, und Ziel näherte. Er kam nicht zu irgendwelchen Schlüs-
es bedeutete, daß ihm von dieser Seite jede Hilfe si- sen, sondern spürte im Gegenteil intensiv, daß sich tief
cher war. in seinem Innern bereits ein Urteil über irgend etwas
gebildet hatte und daß es zum Vorschein kommen wür-
Ray schloß die Augen und rief sie in Gedanken. Er
de, wenn es ihm nur gelang, seine Gedanken zu be-
erwartete kaum, daß sie antwortete, und war doch ent-
sänftigen und der nervösen Spannung Herr zu werden,
täuscht, nichts zu vernehmen.
die das Unterbewußtsein bei seinen vergeblichen Ver-
Seine Unruhe verstärkte sich. Er fragte sich, ob es suchen, den Gedanken klar zum Ausdruck zu bringen,
zu gefährlich war, einen Spaziergang zu unternehmen. erzeugt hatte.
Er blickte zu Joe hinüber und entschied, daß es keinen Und plötzlich war er da. Der Fernsehregistrator!
Zweck hatte, ihn zu wecken. Leise stand er auf und Der Gedanke erfüllte ihn ganz, und er untersuchte ihn
zog sich im Dunkeln an. von allen Seiten, ohne seine Bedeutung zunächst zu
Dann zog er sorgfältig die Tür zu und schloß sie begreifen. Dann wußte er es.
ab. An dem Tisch im Vorraum gab er dem Nachtpor- Er und Joe hatten mindestens zwanzig Sekunden
tier den Schlüssel und murmelte, er würde bald zurück vor dem Spionschirm gestanden, durch das Bild der
sein. vargischen Königin an die Stelle gebannt. Wer immer
Seine Schritte führen ihn in ein Wohnviertel. Al- auch in die hinter dem Schirm lauernde Televisionska-
le zwei Blocks standen hier Straßenlaternen. Dazwi- mera geblickt hatte, mußte sie bemerkt haben. Zwei-
schen ragten die dunklen Kästen der Häuser und die fellos waren ihre Gesichtszüge im Bild festgehalten
schattigen Umrisse von Sträuchern auf. worden.
Er wurde plötzlich gewahr, daß ihm jemand folgte. Ray öffnete den Mund, um Neal seinen, Einfall mit-
zuteilen — und schloß ihn wieder. Andere Gedanken
Unter der nächsten Laterne blieb er stehen, steckte
drängten sich ihm jetzt auf.
wie zufällig den kleinen Finger ins Ohr und bewegte
Val Nelson war sich zweifellos der Gefahr bewußt
ihn hin und her, als wollte er sein Ohr säubern.
gewesen, die ihnen in der Öffentlichkeit drohte, wenn
Die Schritte, die gleichzeitig mit seinen eigenen sie einen Spionschirm passierten. Er hätte sie warnen
verstummt waren, klangen nach kurzer Zeit wieder müssen, vielleicht dafür sorgen, daß ihre Gesichter
auf. Ein Mann bewegte sich in dem matten Schimmer, verändert wurden, so daß man sie nicht ohne weite-
den die Straßenlaterne spendete. Es war Neal Smith. res zu identifizieren vermochte. Warum hatte er das
„Warum haben Sie sich mir nicht angeschlossen, nicht getan? War es Nachlässigkeit oder Vergeßlich-
anstatt mir zu folgen?“ fragte Ray ruhig. keit? Keiner dieser Männer von 1999 schien ihm un-
„Ich dachte, Sie wollten möglicherweise allein bedacht zu sein.
sein“, entgegnete Neal unverfroren. „Es wäre mir Weiter — warum waren die Vargier ihm während
ebenso leichtgefallen, Sie nicht merken zu lassen, daß des Tages nicht nachgegangen und hatten ihn festge-
Sie verfolgt wurden, wenn ich es gewollt hätte.“ nommen? Zweifellos wäre es ihnen möglich gewesen.
„Ja, das glaube ich auch“, stimmte Ray gedanken- Aber natürlich hing alles von dem Spionschirm ab,
voll zu, während er die schlanke Gestalt des Hüters der mit einem Fernsehregistrator verbunden war, wie
abschätzend musterte. „Ich muß zugeben, daß es wirk- ihn ihm der Verkäufer in dem Warenhaus gezeigt hat-
lich rücksichtsvoll von Ihnen war, sich nicht sofort be- te, während Val danebenstand. Wirklich? War es nicht
merkbar zu machen. Ich kam nicht zur Ruhe und hoff- vielmehr so, als ob Val Nelson gewußt hätte, daß die
te, meine Rastlosigkeit unterwegs zu verlieren.“ Vargier gerade keinen Registratur bereit
hatten, um ihn und Joe zu fotografieren, oder daß
„Ich kann weiter im Hintergrund bleiben“, setzte
sie jetzt noch nicht versuchen würden, ihn und Joe zu
Neal an, aber Ray schüttelte den Kopf.
verhaften?
„Nein, die Illusion, allein zu sein, wäre verschwun- Es ergab keinen Sinn. Die Vargier wollten seinen
den. Da Sie nun einmal hier sind — obgleich ich nicht Tod. Sie hätten ihn im Laufe des Tages dutzendwei-
einsehe, weshalb —, ist mir Ihre Gesellschaft ange- se herbeiführen können. Vielleicht kannten sie inzwi-
nehm. Das heißt, wenn Sie nichts dagegen haben.“ schen sogar schon die Nummer seines Hotelzimmers.
„Es ist bestimmt behaglicher, als hinter Ihnen herzu Dennoch hatten sie ihn in Ruhe gelassen. Hieß das,
schleichen“, erklärte Neal mit einem Auflachen. daß sie ihre Absichten geändert hatten?
19 TERRA

Und wenn ihm, einem Neuling in dieser Ära, alles Vielleicht vermochte nur Nelva selbst ihm das zu
das einleuchtete, dann war es sicher, daß auch Val Nel- sagen. Bis dahin würde er annehmen müssen, daß es
son sich darüber klar gewesen war. Nicht so vielleicht eine Lüge war — daß Arthur Granger nicht ihr Vater
Neal Smith. Möglicherweise nur Val, denn Val war der war.
einzige, der beobachtet hatte, wie er offenen Mundes Die Situation klärte sich langsam, aber sicher. Das
vor dem Spionschirm in jenem Drugstore gestanden Geschehene ergab nur dann Sinn, wenn man voraus-
hatte. setzte, daß sowohl die Hüter als auch die Vargier woll-
Der Drugstore! Val hatte berichtet, die Vargier hät- ten, daß er Nelva suchte und sie fand — weil sie selbst
ten die Gegend! abgesperrt und wären dabei, die Wand nicht wußten, wo sie sich aufhielt.
hinter den Telefonzellen niederzureißen. Falls das eine „Ich denke, ich bin jetzt müde genug, daß wir zum
Lüge war... Hotel zurückfahren können, Neal“, sagte Ray und
gähnte geräuschvoll.
10. Kapitel
Als Ray erwachte, war Joe bereits aufgestanden und
„Langsam bekomme ich das Laufen über, Neal“, angezogen. Seine Armbanduhr sagte ihm, daß es ein
ließ sich Ray vernehmen. „Wollen Sie eine Busfahrt Uhr war. Val Nelson war ebenfalls anwesend.
mit mir machen? Nein — sagen Sie mir nicht, wohin „Der gute alte Joe“, fuhr es ihm durch den Kopf. ,Er
ich mich wenden soll. Ich möchte den ersten besten hat nicht die leiseste Ahnung, daß wir bereits gefangen
Bus nehmen, der vorbeikommt, ein Stück mitfahren, sind und uns in den Händen der Vargier befinden.’
und wenn ich schläfrig werde, auf einen anderen über- Er überdachte die Lage ein wenig und entschied
wechseln, der mich zum Hotel bringt. Einverstanden sich, daß es am besten wäre, die Zeit für sich arbei-
?“ ten zu lassen. Er würde sein Wissen und seinen Ver-
„In Ordnung“, stimmte Neal zu. Der Bus brachte sie dacht für sich behalten, ihn auch gegenüber Joe nicht
zu der Straße, in welcher der Drugstore lag. erwähnen. Ein ahnungsloser Joe stellte im Augenblick
Der Bus hielt, um einige Fahrgäste zusteigen zu las- seine beste Verteidigung dar. Fall die Lage kitzlig wer-
sen. Ray hatte volle dreißig Sekunden Zeit, um das den sollte, würde Joe seinen Befehlen gehorchen, ohne
Innere des Drugstore zu studieren. Nicht das geringste zu fragen, und später konnte er ihm alles erklären —
Zeichen deutete darauf hin, daß er abgesperrt war oder wenn die Bombe platzte.
daß die Rückwand der Telefonzellen zerstört worden Er gähnte laut und setzte sich auf.
war. Val Nelson hatte gelogen. „Bist du also doch noch aufgewacht“, neckte ihn
Ray Bradley war weniger über diese Feststellung Joe. „Was denkst du dir eigentlich dabei, nachts oh-
überrascht, als über seine eigene Reaktion darauf. Fast ne mich herumzustrolchen?“
augenblicklich verschwand das Gefühl der Unruhe.
„Neal Smith leistete mir Gesellschaft“, meinte Ray
Der Bus fuhr an der Seitenstraße vorbei, die seine schläfrig. „Gute Gesellschaft übrigens. Er hält wenig-
Ankunft im Jahre 1999 gesehen hatte. Sie war dunkel stens den Mund, anstatt wie ein Papagei zu plappern.“
und verlassen und erinnerte ihn daran, daß er nieman-
„Ist das auf einen der Anwesenden gemünzt?“ lach-
dem gesagt hatte, wo seine Zeitmaschine stand, und
te Joe.
daß ihn auch niemand danach gefragt hatte. Es wä-
re natürlich für Val und Neal und die beiden anderen Val Nelson lächelte still, während er an Neals Be-
besser gewesen, sich danach zu erkundigen und den richt dachte, Ray sei unruhig und offenbar erregt über
Wunsch zum Ausdruck zu bringen, sie zu sehen. Sie seine vergeblichen Versuche gewesen, Kontakt mit
hatten es nicht getan und deshalb hatte er auch nicht Nelva aufzunehmen. Der vargische Überwacher an
davon gesprochen. dem Spionschirm hatte verlauten lassen, Ray sei nach
Warum hatten sie kein Interesse gezeigt? Waren sie Hause gekommen, ins Bett gefallen und habe binnen
bereits darüber orientiert? fünf Minuten geschlafen.
Falls Val ein Verräter war und mit den Vargiern zu- „Ziehen Sie sich an“, schlug Val vor. „Dann kön-
sammenarbeitete, war es möglich, daß er um die Zeit- nen wir hinuntergehen, und Joe und ich essen Mittag,
reise wußte, wenn man annahm, daß die Vargier ei- während Sie sich Ihrem Frühstück widmen.“
ner anderen Zeit und nicht einem anderen Raum ent- „Gut“, stimmte Ray willig zu. „Und nach dem Es-
stammten — aber wenn die anderen Hüter der überlie- sen hätte ich gern einen Blick auf einige der vargi-
ferten Autorität waren, die sich vor den Vargiern ver- schen Stadtteile geworfen. Sie werden uns doch be-
bargen, würde ihnen dann die Zeitreise so alltäglich gleiten, Val, oder?“
erscheinen, daß sie an der Zeitmaschine nicht interes- „Natürlich“, entgegnete dieser. „Mr. Granger hat
siert wären? mich von meinen anderen Pflichten entbunden, so daß
Neal und Val, Arthur Granger und Craig Blanning ich mich Ihnen völlig widmen kann. Er hätte Sie übri-
steckten unter einer Decke, das stand fest. Wie verhielt gens heute abend gern gesprochen und sich mit Ihnen
es sich dann mit Grangers Behauptung, Nelvas Vater über Ihre weiteren Pläne unterhalten. Nelva hat wohl
zu sein? War auch das eine Lüge? noch keine Fühlung mit Ihnen aufgenommen?“
Die Zeitfalle 20

„Nein“, versetzte Ray, wobei er für Val einen sor- Val Nelson sie glauben machen wollte, er sei nicht ihr
genvollen Ausdruck auf seinem Gesicht erscheinen Aufpasser und Wächter. Würde diese Täuschung auch
ließ. „Ich kam in der vergangenen Nacht zu dem aufrecht gehalten werden, wenn er jetzt vom Bus ab-
Schluß, es wäre vielleicht besser, die Möglichkeit der sprang und in sein Büro zu gelangen suchte? Vermut-
Telepathie vorläufig beiseitezuschieben und statt des- lich nicht.
sen einen Weg zu finden, um in das vargische Gebäu- Was würde geschehen, wenn er den Lauf der Dinge
de zu gelangen, in dem sie meiner Ansicht nach ge- beschleunigte? Würden sie den logischen Schluß aus
fangengehalten wird.“ Er bemerkte den befriedigten ihrer Vorspiegelung ziehen und vorgeben, sie hätten
Glanz, der für den Bruchteil einer Sekunde in Vals Au- nach ihm gesucht — oder würden sie ihn festsetzen
gen aufzuckte. „Ich bin fertig; gehen wir hinunter. Ich oder gar töten? Ray erwog dieses Vorgehen. Es moch-
verspüre einen ziemlichen Hunger.“ te die einzige Möglichkeit in sich bergen, bei seiner
Der Bus, den sie nahmen, würde sie direkt durch Suche nach Nelva vorwärtszukommen. Vielleicht aber
eines der vargischen Wohnviertel führen, versicherte würde Arthur Granger ihm heute abend in seinem Bü-
ihnen Val, als sie einstiegen. Aber bereits ehe er diese ro einen Schlachtplan vorlegen?
Gegend erreicht hatte, war er zur Hälfte von Vargiern Er entschied sich, abzuwarten. Einige Blocks, nach-
und Menschen gefüllt, die Seite an Seite saßen. dem der Bus das vargische Wohnviertel verlassen hat-
Unauffällig studierte Ray die Vargier, die in seiner te, fiel Rays Blick auf ein Theater, und sie beeilten
Nähe saßen, suchte sich über den Zweck ihres drit- sich, auszusteigen und sich ein wenig umzusehen.
ten Auges klarzuwerden und irgendeine Ausdrucksän- Sie erreichten Arthur Grangers Untergrundbüro ge-
derung darin zu entdecken, ohne daß ihm ein Erfolg gen Abend. Sie trafen Craig Blanning und Neal Smith
beschieden war. Der schläfrige Anschein verschwand dort an; ein Tisch war in das Büro gebracht worden,
nicht daraus. auf dem schon Teller standen. Nachdem Val Nelson
Zwei Sitze vor ihm saß auf der anderen Seite des sie hereingeführt hatte, entschuldigte er sich und ver-
Ganges eine vargische Frau, der er mehr Beachtung schwand für eine halbe Stunde. Ray fragte sich, ob er
schenkte als den anderen, weil er sie mit halbgeschlos- jetzt den Vargiern Bericht erstattete. Er hörte Joe zu,
senen Augen und ohne auffälliges Wenden des. Kopf- der die Unterhaltung an sich riß und begeistert von
es beobachten konnte. den Eindrücken des Tages berichtete. Im stillen war
Während er sie noch musterte, blickte sie ohne er- er froh, daß er Joe im Dunkeln gelassen hatte und ihn
sichtlichen Grund zum Vordereinstieg des Busses und als Schutz gegen jeden Verdacht benutzen konnte.
lächelte. Ray folgte ihrem Blick, ohne jemand zu se- Arthur Granger schauspielerte ganz offensichtlich,
hen. Einen Augenblick später hielt der Bus an einer wenn er Sorge wegen seiner „Tochter“ Nelva zeigte.
Ecke. Eine andere vargische Frau stieg zu, löste einen Es war gut gemacht, und Ray wußte, daß er es nie-
Fahrschein und kam lächelnd den Gang entlang, um mals als Täuschung durchschaut haben würde, hätte
sich neben ihre Geschlechtsgenossin zu setzen, die er es nicht mit argwöhnischen Augen angesehen.
Ray beobachtet hatte. Während er sich den Anschein! gab, zuzuhören,
War es denkbar, daß jenes dritte Auge ein Organ der spekulierte er über die Verbindung zwischen diesen
außersinnlichen Wahrnehmung darstellte? War es sei- Männern und den Vargiern und über die Rolle, die
nem Besitzer möglich, kurze Zeit in die Zukunft zu Nelva in diesem Geschehen spielte. Jetzt, da es als
schauen? Die Frau hatte den Kopf zum Einstieg des ziemlich sicher gelten konnte, daß Arthur Granger
Busses gewandt, als sähe sie ihre Freundin tatsächlich, nicht ihr Vater war, mußte die Möglichkeit wieder in
noch ehe sie den Bus betreten hatte. Er nahm sich in- Betracht gezogen werden, daß sie eine Vargierin war;
nerlich vor, die Handlungen der Vargier unter diesem aber die Vorstellung erschien nicht mehr entsetzlich.
Gesichtspunkt zu verfolgen. Vargischen Frauen fehlte die Anziehungskraft einer
Sie erreichten schließlich die vargischen Siedlun- kleingewachsenen Frau, aber sie machten sie durch
gen und näherten sich dem Gebäude, in dem ihr altes Anmut und Intelligenz bei weitem wett.
Büro gewesen war. Während der Bus stoppte, um die Ray wurde sich der Richtung seiner Gedanken be-
meisten Vargier auszuspeien und einige andere aufzu- wußt und lächelte über sich selbst. Er war im Begriff,
nehmen, starrte Ray zu jenem Fenster im dritten Stock einem Schema zu verfallen: Prinz rettet Aschenputtel,
empor, hinter dem vor neunundvierzig Jahren sein ei- Prinz heiratet Aschenputtel.
genes Büro gelegen hatte. Val kehrte unauffällig zurück, und dies war das Zei-
Der Bus ruckte an, und Ray mußte den momentanen chen, mit dem Essen zu beginnen. Diesmal wurden sie
Impuls bekämpfen, aufzuspringen und an der nächsten von frischen Tomaten und köstlich mundenden Steaks
Ecke den Bus zu verlassen. überrascht, die in Ray ein tiefes Heimweh nach seiner
Die Vargier wußten, daß er hier war. Sie mußten Zeit hervorriefen, welche dieser seltsamen Ära vor-
wissen, daß er in dem Bus saß und zu der Fensterreihe ausging, in der die Varg Thrott herrschten.
im dritten Stock emporgeblickt hatte. Aber sie gaben Ihm fielen die Worte ein, die er vor langer Zeit zu
weiterhin vor, nicht darüber orientiert zu sein, so wie Joe geäußert hatte: daß sie in dieser Epoche immer
21 TERRA

noch irgendwo existieren konnten und es ihnen mög- bei deren Ausübung Sie in jedem vargischen Distrikt
lich war, sich selbst — beziehungsweise ihr physi- herumkommen, den Sie unter die Lupe nehmen möch-
sches Selbst — aufzusuchen und Aufklärung über die ten.“
Vorgänge zu erhalten, die ihnen hier zu schaffen mach- „Das klingt gut“, meinte Ray gedankenvoll. Er
ten. wandte sich an Joe. „Ich möchte mich allein in diese
„Verraten Sie mir eines“, ließ er sich vernehmen. Sache knien — halte du dich vorläufig heraus. Bleib
Das Gespräch der anderen brach ab, als sie sich ihm im Hotel und sieh dir mit Val die Stadt an. Wenn ich
zuwandten. „Sind Joe oder ich heute noch lebendig erkannt werde, kannst du immer noch eingreifen und
und fünfundsiebzig Jahre alt? Joe erklärte mir vor un- mich herausholen.“
serem Start in die Zukunft, er würde sich ganz gern „Nichts da“, wandte Joe ein. „Du kannst mich nicht
selbst besuchen und sich zusammen über alte Zeiten auf dem Trockenen sitzen lassen. Wenn irgend et-
unterhalten.“ was los ist, will ich wenigstens dabei sein. Außerdem
Rays Worte riefen ein allgemeines Gelächter her- durchschaue ich deine Absichten sehr gut. Du willst
vor. nur nicht dumm dastehen, wenn ich zufällig Nelva ret-
„Eine äußerst interessante Möglichkeit“, sagte Ne- te und nicht du.“
al. „Aber sind Sie sicher, daß Sie dies wirklich wollen? „Unsinn“, grinste Ray. „Also, die Sache ist klar.
Nehmen wir einmal an, Sie würden feststellen, daß Sie Halte dich bereit, mir zu Hilfe zu eilen.“
— sagen wir — 1951 gestorben sind. Dann würden „Das denkst du“, versetzte Joe schmollend, aber
Sie wissen, daß Sie Ihrem Tod entgegengehen, wenn Ray wußte, daß er sich in dieser Hinsicht auf ihn ver-
Sie in Ihre eigene Zeit zurückreisen.“ lassen konnte.
Ray entschied sich, das Thema weiter zu verfolgen.
11. Kapitel
„Das Risiko, etwas Derartiges zu erfahren, wäre die
Sache wert“, meinte er eifrig. „Es wäre ein einzigarti- Ray Bradleys Puls schlug lauter vor unterdrückter
ges Erlebnis, sich selbst als einem getrennten Indivi- Erregung, als er das Gebäude betrat. Seine Tätigkeit
duum gegenüberzustehen! Was meinst du, Joe? Sollen als Leitungsprüfer in den vergangenen drei Tagen war
wir uns einmal damit befassen?“ auf diesen Augenblick abgezielt gewesen. Und jetzt
„Ich bin dafür“, stimmte Joe begeistert zu. würde er endlich denselben Raum betreten, der 1950
„Ich glaube, wir werden ein Geständnis ablegen von seinem Büro eingenommen worden war, aus dem
müssen“, erklang Val Nelsons Stimme. „Ich habe er die Telefonanrufe in die Zukunft getätigt und eine
schon selbst daran gedacht und in den Archiven nach- Antwort empfangen hatte.
gesehen, ohne Ihnen davon zu erzählen. Das Ergebnis Er warf einen Blick auf sein Spiegelbild, das ihm
war derart, daß Neal mir nahelegte, zu schweigen.“ aus der blankpolierten Wand entgegenleuchtete, und
„Nämlich?“ erkundigte sich Ray. lächelte grimmig. Endlich hatten sie doch seine Züge
„Nichts“, erwiderte Val einfach. „Ich fand eure Ge- verändert und ihm das Aussehen eines Mannes gege-
burtsurkunden und Beweise für eine Suche nach euch, ben, dessen Platz als Leitungsprüfer er übernommen
da man euch verdächtigte, eine Explosion ausgelöst hatte. Es hatte sehr überzeugend gewirkt, so überzeu-
zu haben, die ein Gebäude halb zertrümmerte. Das gend, daß sich leise Zweifel in ihm geregt hatten und
war alles. Kein Totenschein, keine Erwähnung eines er ernsthaft die Möglichkeit betrachtet hatte, er könn-
Wohnsitzes. Das will natürlich nicht heißen, daß ihr te sich in seinem Urteil über Val Nelson und die an-
tot seid, aber wenn ihr oder einer von euch noch lebt, deren geirrt haben; aber die Verdachtsmomente waren
ist aus dem Adreßbuch kein Aufschluß über eure Woh- zu stark.
nung zu erlangen.“ So wußte er, daß zumindest einer der Vargier, die
Ein Kellner kam herein und begann den Tisch ab- müßig in der Vorhalle des Gebäudes umherstanden,
zuräumen. Als die Tür sich hinter ihm wieder ge- ihn erkannte und berichten würde, daß er sich jetzt in
schlossen hatte, wandte Arthur Granger sich Ray mit dem Bauwerk befand.
der Miene eines Mannes zu, der auf den geschäftlichen Er war froh, daß ihn hierüber keine Zweifel erfüll-
Teil der Sitzung zu sprechen kommt. ten. Auf diese Weise blieb er vor der nervösen Furcht
„Wir haben uns Pläne für euch überlegt“, begann bewahrt, man könnte seine Maske durchschauen, ihn
er. „Hört zu, was wir mehr oder weniger ausgearbei- festnehmen und töten oder martern.
tet haben. Gewisse Sorten von Menschen sind auch in Sein Impuls war, sofort die Räume im dritten Stock
den vargischen Häusern zugelassen — Installateure, aufzusuchen, die sein altes Büro ersetzt hatten, aber er
Portiers, Elektriker, Lieferanten und so fort. Vermut- widerstand ihm. Die Hüter würden erstaunt über sei-
lich wollen Sie die Gegend erkunden, auf die sich Ihr ne Unvorsichtigkeit sein und ahnen, daß er sie durch-
Verdacht konzentriert. Vielleicht stoßen Sie auf einen schaut hatte.
Anhaltspunkt, den wir bei unserer Suche nach Nelva Er wies dem Vargier, der als Fahrstuhlführer tä-
übersehen haben. Wenn Sie einverstanden sind, kön- tig war, seine Papiere vor und hielt seinem prüfenden
nen wir Ihnen bis morgen eine Stellung verschaffen, Blick vollkommen ruhig stand.
Die Zeitfalle 22

„Einen Augenblick, bitte“, sagte der Vargier. Er entschied sich für den Versuch, es herauszufin-
Ray verfolgte seine Schritte, während er zu einem den. An einem der Schreibtische blieb er stehen und
Telefon am Ende der Halle ging. Er beobachtete die lächelte das vargische Mädchen an, das dort arbeitete.
Lippen des Vargier, vermochte aber lediglich das Wort „Dürfte ich Sie wohl etwas fragen?“ erkundigte er
„falsch“ abzulesen, während er sprach. Als er auf- sich höflich.
hängte und zurückkam, lächelten seine Lippen, aber
in seinen Augen lag ein verwirrter Ausdruck. Das Mädchen erbleichte, hielt den Blick auf ihre
Arbeit gerichtet und antwortete nicht. Ray wandte sich
„In Ordnung“, bemerkte er. Er nahm ein Schlüssel-
ab und spürte, wie sich die Röte langsam über sein Ge-
bund aus der Tasche und streifte einen Schlüsse] da-
sicht ausbreitete. Die Blässe des Mädchens hatte von
von ab. „Dies ist der Hauptschlüssel. Er öffnet jedes
heftigem, aber unterdrücktem Ärger hergerührt — je-
abgeschlossene Büro und ist zugleich das Abzeichen
nem Ärger, den man empfindet, wenn der Angehöri-
Ihrer Stellung. Falls Sie irgendwelche Schwierigkei-
ge einer minderwertigen Rasse seine Grenzen in ei-
ten haben, melden Sie sie dem Hausmeister oder mir
ner rassenbewußten Gemeinde überschreitet. Zum er-
selbst.“
stenmal empfand Ray den Haß des Menschen, der als
„Danke“, erwiderte Ray. „Aber warum sollte es
tieferstehend behandelt wird.
Schwierigkeiten geben?“ Sein Blick wirkte unschul-
dig, obgleich er den Fahrstuhlführer verspottete. Er Es war zehn Minuten nach zwölf, als er vor der Tür
unterdrückte ein Glucksen, als er den bewundernden des Büros stehenblieb, das früher sein eigenes gewe-
Ausdruck in den Augen des Vargiers bemerkte. sen war.
Als er auf seine Armbanduhr sah, stellte er fest, daß Kein Geräusch war von innen zu vernehmen. Er
es zehn Uhr war. Er beabsichtigte, seine Tätigkeit in drückte die Klinke herunter und stellte fest, daß die
die Länge zu ziehen, um sich gegen Mittag die Büros Tür verschlossen war. Er lächelte, aber es lag keine
vorzunehmen, die sein eigentliches Ziel bedeuteten. Fröhlichkeit darin.
Als er vor der ersten Tür im zweiten Stock verhielt, Mit dem Hauptschlüssel öffnete er die Tür. Er
hörte er von drinnen ein mädchenhaftes Kichern. Es drückte die Tür zu und verschloß sie von innen, ging
war bereits verklungen, als er die Tür öffnete. Sechs dann durch den Raum und setzte sich neben dem
vargische Mädchen — Stenotypistinnen — saßen in Schreibtisch auf einen Stuhl, dort, wo sein Telefon ge-
dem Raum. standen hatte.
Sie beobachteten ihn, während er in dem Zimmer
Mit Ausnahme eines Unterschiedes von neunund-
umherstreifte, Beleuchtungskörper, Steckdosen, die
vierzig Jahren und fast drei Wochen herrschten jetzt
sonderbaren elektrischen Ventilatoren und Schreib-
die gleichen Bedingungen wie damals, als er Nelvas
tischlampen überprüfte.
Stimme zum erstenmal vernommen hatte.
Beim zweiten Büro hatte er bereits die Hand auf die
Klinke gelegt, als er sie wieder zurückzog. Das Ki- Natürlich befand sie sich nicht hier. Er hatte es von
chern erklang von neuem. Es brach ab, als seine Hand vornherein gewußt. Das Spiel ergab keinen Sinn, wenn
die Klinke berührte und die Tür öffnete. Als er ein- die Vargier sie in den Händen hatten. Die Situation
trat, saßen andere vargische Mädchen über ihre Arbeit ließ sich nur von dem Ausgangspunkt her verstehen,
gebeugt, aber ihre Augen schossen interessiert zu ihm daß sie sie aus irgendeinem Grunde suchten und ihn
hoch. als Köder benutzten, um sie aufzuspüren.
Jetzt war er sicher! Das dritte Auge verlieh ihnen Als sie damals im Schlaf zu ihm sprach, hatte sie ihn
eine außerzeitliche Wahrnehmungsfähigkeit. Sie ver- darauf hingewiesen, daß die Vargier sie durch ihn auf-
mochten ein Stück in die Zukunft zu sehen — dreißig spüren konnten, wenn sie sich in telepathischem Kon-
Sekunden vielleicht oder mehr. In beiden Büros hatten takt mit ihm befand. “ Und jetzt warteten sie vielleicht
sie erkannt, daß er eintreten würde, hatten aufgeregt im anstoßenden Raum mit irgendeinem Gerät darauf,
gekichert und dann geschwiegen, bevor er hereinkam, daß sie sich nur zu einem geflüsterten Gedanken ver-
damit er ihr Interesse nicht erkannte. So wie die Frau leiten ließ, auf den sie sich stürzen und den sie zurück-
im Bus ihren Kopf nach der Stelle umgewandt hatte, verfolgen konnten.
an der ihre Freundin in einigen Sekunden stehen wür- Augen verfolgten jede seiner Bewegungen — muß-
de, sie erkannt und erfreut gelächelt hatte. ten sie verfolgen. Jede seiner Handlungen, jedes Än-
Zwei Augen sahen die Dinge, wie sie im Augen- dern des Gesichtsausdruckes würde voller Neugier re-
blick waren. Ein drittes auf der Stirn vermochte ei- gistriert werden. Er stand mitten auf einer Bühne, und
nige Sekunden in die Zukunft zu schauen. Welchen
Bereich von Möglichkeiten eröffnete das! Konnte die außerhalb seines Gesichtskreises beobachtete ihn
Zukunft verändert werden? Konnte eine Vargierin vor- das unsichtbare Publikum.
aussehen, daß sie in wenigen Augenblicken straucheln War Nelva einer der Zuschauer, verborgen vor den
würde, dadurch den Fehltritt vermeiden und so die Zu- anderen? Ray hoffte es. Er hoffte, daß sie sich seiner
kunft ändern? Oder ließ sich die Zukunft ebenso wie Anwesenheit bewußt war, ihn zu sehen oder seine Ge-
die Vergangenheit in ihrem Ablauf nicht beeinflussen? danken zu spüren vermochte.
23 TERRA

Dann durchdrang eine andere Idee sein Bewußtsein. er und Joe den Klauen der Hüter wie der Vargier ent-
Warum sollte er ihnen nicht etwas vorspielen? Warum ronnen — und vielleicht wartete Nelva nur darauf.
nicht vorgeben, in kurzem telepathischem Kontakt mit Er wünschte sich von Herzen, mehr über diese ver-
Nelva zu stehen? wickelte Zivilisation von 1999 zu wissen.
Er schloß die Augen und legte die Finger an die
Schläfen, um sich den Anschein eines Kontaktversu- 12. Kapitel
ches zu geben. Mit den Lippen formte er ihren Namen.
Ins Hotel zurückgekehrt, fand Ray Joe und Val
Der Gedanke überfiel ihn, daß Nelva vielleicht sei-
in der Vorhalle, wo sie in zwei Sesseln am Fenster
ne List verfolgte und fröhlich darüber lachte. Er lä-
schlummerten. Er weckte sie und erzählte ihnen mit
chelte unwillkürlich über diesen Einfall. Dann wur-
einer Miene unterdrückter Aufregung, daß es gesche-
de ihm klar, daß dieses Lächeln ein passender Beginn
hen sei. Val sprang augenblicklich auf.
war, und er fuhr von hier aus fort. Er nahm die Fin-
ger von den Schläfen und legte den Kopf in lauschen- „Gut“, sagte er. „Gehen wir in euer Zimmer, wo wir
de Haltung, wobei er die Augen geschlossen hielt. Er uns besprechen können.“
steigerte sich in Erregung und dachte sich so weit in „Hast du gefragt, ob sie noch eine Freundin für
seine Rolle hinein, daß er im Geiste sogar die Einzel- mich hat?“ wollte Joe sofort wissen, nachdem die Tür
heiten einer „Botschaft“ formte. sich geschlossen hatte.
Plötzlich warf er den Kopf in gespielter Bestürzung „Ich war zu erregt, um daran zu denken“, entschul-
zurück, öffnete dann abrupt die Augen, zwinkerte ein digte sich Ray.
wenig und schüttelte heftig den Kopf, als wollte er sei- „Was sagte sie?“ mischte sich Val ungeduldig ein.
ne Gedanken klären. „Wo wird sie festgehalten? Behandeln die Vargier sie
Er stand auf, ging zur Tür und verließ den Raum, gut?“
nachdem er aufmerksam hinausgespäht hatte, um sich Ray sah ihn verdutzt an. Er hatte vergessen, daß sich
zu vergewissern, daß niemand auf dem Flur stand. Nelva nach der Version, die man ihm aufgetischt hatte,
in den Händen der Vargier befinden sollte.
Draußen zögerte er. Sollte er ins Hotel zurückeilen
oder seinen Inspektionsrundgang fortsetzen? Er ent- „Sie ging nicht darauf ein, wo sie war oder wie es
schied sich für das letztere. Wenn die Vargier und Hü- ihr ging“, zog er sich aus der Schlinge. „Sie informier-
ter angebissen hatten, würden sie begierig sein, zu er- te mich nur, wie wir zusammenkommen könnten.“
fahren, was Nelva ihm mitgeteilt hatte; so konnte er „Wie?“ erkundigte sich Val eifrig.
sie zappeln lassen und hatte zugleich Zeit, sich etwas „Joe und ich sollen uns zu einem Ort vor der Stadt
Vernünftiges zu überlegen. begeben und uns zuvor versichern, daß niemand weiß,
Zweifellos wunderten sich die Vargier immer noch, wo wir sind und wo sie uns trifft“, erläuterte Ray. „Sie
warum ihre Falle versagt hatte und ihnen ein Aufspü- betonte das ,niemand’, als ob sie eure Leute damit
ren Nelvas mißlungen war. Vielleicht hatten sie sich meinte.“ Ein boshafter Einfall ließ ihn naiv hinzufü-
bereits mit Val Nelson oder Arthur Granger in Verbin- gen: „Ich frage mich nur weshalb.“
dung gesetzt und informierten sie darüber, daß Nelva „Mich verwundert es auch“, stimmte Val Nelson zu.
Fühlung mit ihm aufgenommen hatte. „Ich möchte annehmen —“ Er brach abrupt ab.
Er betrat das nächste Büro und begann die elektri- „Was möchten Sie annehmen?“ fragte Ray unschul-
schen Anlagen zu überprüfen, wobei er tiefe Verach- dig.
tung für die vargischen Mädchen und Männer emp- „Oh, es war nur eine Idee“, wehrte Val hastig ab.
fand, die sich dort aufhielten; allmählich aber wandten „Am besten suchen wir jetzt zunächst das Hauptquar-
sich seine Gedanken dem Problem zu, dem er sich ge- tier auf, wo Sie Ihrem Vater davon berichten können.“
genübersah. Er hatte eine dicke Lüge fabriziert, und es „Ja“, warf Joe ein. „Mr. Granger wird sich freuen,
würde ihn im Zweifelsfall kaum noch retten, wenn er wenn er hört, daß du mit Nelva Verbindung aufgenom-
die Wahrheit bekannte, nämlich, daß er kein Sterbens- men hast, Ray. Vielleicht könnten wir ihn mitnehmen?
wort von Nelva vernommen hatte. Sie wird sicher nichts dagegen haben.“
Die Hüter — Val, Neal, Craig und Arthur — würden „Das ist kein schlechter Einfall“, unterstützte Val
eine derartige Erzählung entweder akzeptieren oder den Vorschlag, „Warum nicht?“
offen ihre Verbindung zu den Vargiern enthüllen müs- „Sie sagte ,niemand’“, meinte Ray mit gerunzel-
sen — aber hier drohte bereits eine neue Gefähr. Wenn ter Stirn. „Ich würde es gern tun, aber Sie müssen es
er sich geheimnisvoll zeigte, konnten sie versuchen, einmal so sehen: Nelva machte mich bereits zu An-
ihn mit Hilfe von Drogen zum Sprechen zu bringen. fang darauf aufmerksam, daß die Vargier sie aufzu-
Ob es ihm gelang, sich mit der Geschichte aus der spüren vermögen, wenn sie einen mentalen Kontakt
Affäre zu ziehen, Nelva hätte ihm befohlen, allein zu zu mir herstellt. Wenn sie das können, haben sie zwei-
einem Treffpunkt zu kommen, und erklärt, sie wür- fellos auch auf ihren Vater Instrumente konzentriert.
de nicht erscheinen, wenn er verfolgt oder beobach- Das ist Nelva bestimmt bekannt, und sie würde sich
tet werde? Wenn man ihm Glauben schenkte, waren dann nicht blicken lassen.“
Die Zeitfalle 24

„Das mag schon sein“, gab Val zu, und Ray regi- Val ging mit schnellen Schritten durch den Korri-
strierte befriedigt das Unbehagen in seiner Stimme. dor im zehnten Stock und öffnete eine Tür, ohne an-
Sie verließen das Zimmer. Val war zurückgeblieben zuklopfen. Der weitläufige Raum, den er betrat, er-
und ging als letzter hinaus. Ray bemerkte, daß er sich streckte sich über die ganze Länge des Gebäudes. Ei-
zur hinteren Ecke des Raumes umwandte und einen nige Dutzend Vargier beobachteten aufmerksam Rei-
fragenden Blick auf eine Stelle warf, die in halber Hö- hen von Fernsehschirmen, die ihnen einen Einblick in
he der Tapete lag. das Geschehen der ganzen Stadt vermittelten.
„Also haben sie einen Spionschirm in unserem Zim- Ohne sie zu beachten, durchschritt Val den langge-
mer verborgen“, schoß es ihm durch den Kopf. „Wie streckten Raum, bis er zu einer Tür am anderen Ende
gut, daß ich Joe nichts von meinen Vermutungen mit- kam. Sie befand sich in der gleichen Wand wie die,
geteilt habe. Jedes Wort wäre abgehört worden.“ Um durch welche er eingetreten war. Diesmal klopfte er.
Zeit zu sparen, nahmen sie ein Taxi und standen nach Die Tür öffnete sich in einen Raum, in dem zwölf Var-
kurzer Zeit vor Arthur Granger. In kurzen Zügen wie- gier um einen Tisch saßen.
derholte Ray, was er Joe und Val mitgeteilt hatte. Bei jedem von ihnen jedoch unterschied sich das
Val hörte ungeduldig zu, bis Ray geendet hatte, und dritte Auge in der Stirn überraschend von denen, die
entschuldigte sich dann mit der Bemerkung, er wäre Ray und Joe gesehen hatten. Es war zu regem Leben
sofort wieder hier. Währenddessen beeilte sich Arthur erwacht, und seltsame Kräfte wirbelten darin.
Granger, in glücklichem Ton zu versichern, wie froh
Mit ausdruckslosen Gesichtern blickten sie ihn an
er sei, seine Tochter nun bald wiederzusehen.
und warteten darauf, daß er zu sprechen begann.
Die Verwirrung, die Val erfüllte, spiegelte sich deut-
In kurzen Zügen unterrichtete er sie von dem Ge-
lich auf seinem Gesicht, als er wieder erschien. Craig
schehenen. Sie lauschten, bis er abbrach. Dann er-
und Neal begleiteten ihn. Ray wollte seine Geschich-
wachte einer von ihnen zum Leben. Er lächelte lang-
te für sie wiederholen, aber Neal unterbrach ihn fast
sam und ohne Fröhlichkeit.
grob: „Val hat uns informiert.“ Er schien zu spüren,
daß sein Ton zu brüsk gewesen war, denn er fügte we- „Es scheint“, hob er an, „daß Ray Bradley sich von
sentlich milder hinzu: „Mir gefällt die Sache nicht. Die Anfang an darüber im klaren war, daß ihr ihn belogen
Vargier könnten Wind bekommen haben und Sie ab- habt. Es scheint, daß er die Lage genau und treffend
fangen.“ einzuschätzen versteht und das Spiel mit Ihren Karten
„Ich gehe kein größeres Risiko ein, als wenn ich gespielt hat, Val Nelson.“
mitten unter ihnen den Leitungsprüfer spiele“, wandte „Das glaube ich nicht“, versetzte Val erbleichend.
Ray ein. „Es ist ihm unmöglich, das zu tun, ohne daß wir ihn
„Wann soll dieses Stelldichein stattfinden?“ wollte sofort durchschauen. Sie wissen selbst, wie sorgfältig
Craig wissen. „Sie gab mir keine Zeit an“, entgegnete wir ihn unter Beobachtung gehalten haben. Wir ha-
Ray. „Ich faßte es jedoch so auf, daß es um so bes- ben so zusammengearbeitet, daß selbst auf der Stra-
ser wäre, je früher wir kämen. Vielleicht sogar jetzt - ße das geringste geflüsterte Wort abgehört und fest-
sofort.“ gehalten wurde. Nicht mit einer Silbe hat er indirekt
„Sind Sie sicher, daß Sie ihre Stimme auch wirklich einen schwelenden Verdacht angedeutet — nicht ein-
vernommen und es sich nicht nur eingebildet haben?“ mal, wenn er mit Joe Ashford allein war.“
unternahm Val einen letzten verzweifelten Versuch. „Das stimmt“, gab ein anderer Vargier zu. „Aber
„Seit wann leide ich unter Einbildungen?“ gab Ray ebenso fraglos hat Nelva sich nicht mit ihm in Ver-
entrüstet zurück. „Welchen Grund sollte ich denn da- bindung gesetzt. Er hat diesen Kontakt erfunden.“
für haben?“ „Nun gut“, bemerkte der Vargier am Kopfende des
„Eben“, versetzte Val, wobei seine Worte mehr an Tisches müde, als wäre bereits eine Diskussion im
die drei anderen als an Ray gerichtet waren. „Sie hät- Gange gewesen, bevor Val aufkreuzte. „Die Tatsache
ten keinen Grund dazu.“ bleibt bestehen, daß Nelva möglicherweise auf diesem
„Es ist jetzt beinah Zeit zum Abendessen“, misch- Ausflug Fühlung mit ihm aufnehmen könnte — und
te sich Neal Smith ein, dessen Stimme klang, als habe wenn, dann ist das Problem in einem Augenblick ge-
er sich zu einem schlechten Kauf durchgerungen. „Ich löst. Hat er keinen Erfolg, so vermag er auf keinen
schlage vor, wir essen, und ihr beide könnt euch an- Fall zu entkommen. Wir haben Wachen an dem Ort
schließend zu eurem Rendezvous begeben.“ postiert, an dem seine Zeitmaschine in zehn Tagen ma-
„Eßt ihr“, wehrte Val hastig ab. „Ich werde inzwi- terialisieren wird. Unsere Posten standen bereits bei
schen einen Wagen mieten, damit alles fertig ist, wenn seiner Ankunft dort.“
sie gehen wollen.“ „Ich wünschte, ich wüßte mehr über das, was dahin-
„Eine gute Idee“, äußerte Ray beifällig. tersteckt“, ließ sich Val mit halb bittender, halb furcht-
Val nahm ein Taxi, das ihn direkt zu dem Bauwerk samer Stimme vernehmen.
brachte, in welchem Ray die meiste Zeit des Tages „Sie werden Ihre Neugier zügeln, Mr. Nelson“,
verbracht hatte. sprach eine harte Stimme. „Sie leben nur so lange, wie
25 TERRA

Sie uns treu und ohne zu fragen dienen. Das gilt auch Sie mußten sich zunächst des Wagens, ihrer Kleider
für die anderen. Ich sage Ihnen nur soviel: Ray Br- und aller anderen Sachen entledigen, sie durch neue
adley und Joe Ashford müssen mit Nelva zusammen- ersetzen, in denen keine geheimen Vorrichtungen an-
treffen, und zwar unter Umständen, die uns ermögli- gebracht sein konnten, mit deren Hilfe es den Vargiern
chen, das auszuführen, was wir vorhaben — oder we- und Hütern möglich war, sie zu orten, und dann ver-
der Sie noch wir werden Gelegenheit haben, unsere schwinden.
Fehler gutzumachen.“ „Halten wir an der nächsten Raststätte“, schlug Ray
„Aber verstehen Sie denn nicht“, wurde Val kühner. vor. „Ein paar Erfrischungen würden mir nicht scha-
„Ich möchte begreifen, worum es geht. Ich möchte Ih- den.“ „Von mir ganz zu schweigen“, grunzte Joe. Er
nen besser dienen können, indem ich einsehe, was auf bog von der Autostraße in eine Ausfahrt ab, die auf
dem Spiel steht, um einsichtsvoll anstatt blind zu han- das Grundstück eines verhältnismäßig großen Lokals
deln. Mir ist klar, weshalb die Vargier erschienen und führte, und lenkte den Wagen auf einen Parkplatz. Als
die Vereinigten Staaten besetzten. Es geschah, um uns sie ausstiegen, sah Ray, daß Joe die Autoschlüssel in
vor einem neuen Krieg zu bewahren — um die Zivili- die Seitentasche seines Jacketts gesteckt hatte.
sation zu retten. Ich weiß vieles. Genug, um mich voll Ein anderer Wagen hatte sich in eine Lücke neben
und ganz hinter Sie zu stellen; aber ich spüre, daß ich sie geschoben, dem drei Männer mit ihren Mädchen
diese Drohung verstehen sollte, die mit der geheimni- entstiegen. Vor ihnen gingen sie zu dem Eingang des
sumwitterten Nelva und den beiden Männern aus der Restaurants hinüber.
dunklen Ära von 1950 zusammenhängt.“ Vor der Tür stolperte Ray gegen Joe, wobei er ihm
„Und wenn Sie es wüßten“, antwortete der Vargier die Schlüssel aus der Tasche zog, und stieß den Freund
am Kopfende des Tisches, „würden Sie versuchen, gegen einen der Männer. Wortreich entschuldigten sie
sich Ihr eigenes Urteil zu bilden und möglicherweise sich.
Fehler begehen. Sie sollen jedoch folgendes erfahren, Drinnen setzten sich Ray und Joe an die Bar. Die
um das Problem besser zu verstehen, mit dem wir uns drei Männer ließen sich mit ihren Freundinnen an ei-
konfrontiert sehen: Nelva vermochte sich vor uns we- nem der benachbarten Tische nieder. Ray wartete, bis
niger im Raum als in der Zeit zu verbergen. Wir kön- der Bartender ihre Getränke brachte.
nen sie nur erreichen, wenn Ray sie erreicht. Als ein- „Ich bin gleich zurück, Joe“, bemerkte er beiläufig.
ziges Lebewesen des zwanzigsten Jahrhunderts hat sie „Halt mir meinen Platz frei.“
eines der Rätsel der Zeit gelost, und sie hat damit zu-
„Nicht, wenn ich der Gruppe, auf die wir eben ge-
gleich einen Weg gefunden, um uns — mit allen prak-
prallt sind, ein Mädchen entführen kann“, erwiderte
tischen Konsequenzen — zu vernichten. Beantwortet
Joe heiter. Ray lachte, nahm einen Schluck aus seinem
das Ihre Frage ausreichend?“
Glas und glitt von dem Barhocker. Als er zur Toilette
„Ich hoffe es“, entgegnete Val zweifelnd. „Ganz ging, stand einer der drei Männer auf und folgte ihm.
verstehe ich es noch immer nicht, aber vielleicht ge- Neben Ray fiel er in Schritt.
lingt es mir, wenn ich darüber nachdenke. Ich danke
„Hören Sie, Freund“, begann er leise. „Ich möchte
euch, Väter.“
Ihnen ein Geschäft vorschlagen.“
Rückwärts gehend verließ er ehrerbietig den Raum.
„Worum handelt es sich?“ fragte Ray. Der Frem-
de sah sich mißtrauisch um. „Sagen Sie, wäre es Ih-
13. Kapitel
nen möglich, mir für den Rest der Nacht Ihren Wagen
Verwischte Schemen rasten mit unglaublicher zu leihen? Ich biete Ihnen hundert Dollar, und morgen
Schnelligkeit über das Band der Autostraße, die in vier früh um neun steht das Auto in der Garage der Stadt,
Bahnen eingeteilt war. Alle achthundert Meter hatte in der Sie es haben wollen.“
man große Zahlen auf den Asphalt gemalt, welche die Ray verbarg einen frohlockenden Blick. Verständ-
Fahrer beständig daran erinnerten, ihre Geschwindig- nisinnig grinste er den Mann an.
keit beizubehalten oder auf eine andere Bahn überzu- „Zu voll mit sechs Mann, was?“ „Genau“, versetz-
wechseln. Der Gegenverkehr fiel weg, denn alle vier te der Fremde. „Also sagen wir hundertfünfzig. Und
Bahnen verliefen in der gleichen Richtung. wenn der Kotflügel eingebeult sein sollte, wird das
Joe hielt den Wagen am äußersten rechten Rand, noch vor neun Uhr in Ordnung gebracht.“
der allein keine markierten Zahlen aufwies. Die ansto- „Abgemacht“, stimmte Ray zu, griff in die Tasche
ßende Bahn forderte hundertsechzig, die nächste zwei- und brachte die Schlüsse] zum Vorschein. „Aber eine
hundertvierzig Stundenkilometer. Auf der linken wa- Bedingung ist damit verknüpft.“
ren als Minimum dreihundertzwanzig vermerkt, wäh- „Und die wäre?“ fragte der Mann ungewiß.
rend Joe mit knapp hundertvierzig dahinkroch. „Holen Sie Ihr Mädchen und verduften Sie sofort
„Wie weit müssen wir fahren?“ erkundigte sich Joe. mit ihr“, forderte Ray.
„Ich weiß es noch nicht“, gab Ray zur Antwort, „Das ist annehmbar“, lachte der Fremde, drückte
und das entsprach durchaus der Wahrheit. Es gab ei- ihm drei Fünfzig-Dollar-Noten in die Hand und nahm
niges zu tun, was er Joe noch nicht erklären konnte. die Schlüssel.
Die Zeitfalle 26

Sehr zufrieden schlenderte Ray zur Bar zurück. „Er ist es“, bestätigte Nelva. Sie legte eine Hand auf
Der Wagen hätte nicht besser aus dem Wege ge- seinen Arm, und ihre Finger krampften sich in sein
schafft werden können, wenn es so geplant gewesen Fleisch.
wäre. Stechende Nadeln bohrten sich durch jede Zelle sei-
„Was ist los mit dir?“ erkundigte sich Joe duldsam. nes Körpers. Dann verschwand der Schmerz ebenso
„Du erinnerst an die berühmte Katze, die den Kanari- plötzlich, wie er eingesetzt hatte, und er vermochte
envogel gefressen hat. Man erkennt sogar, wie du dir wieder klar zu sehen. Der Raum schien sich nicht ver-
die Lefzen leckst.“ ändert zu haben. Musik, Lachen und Schwatzen erfüll-
Ohne eine Antwort zu geben, beobachtete Ray im ten die Luft, aber Ray empfand plötzlich, daß es nicht
Spiegel hinter der Bar, wie der Fremde und seine das gleiche war. Joe und er hatten dieses Gefühl bei ih-
Freundin zum Eingang gingen. rer Zeitreise schon einmal durchlebt. Andere Gesich-
„Alles, was uns jetzt noch fehlt, ist ein Mädchen“, ter umgaben sie. Er wandte sich zu Nelva.
murmelte Joe. „Wohin sind wir gereist?“ fragte er. „In die Zu-
„Vielleicht läßt sich das arrangieren“, meinte Ray kunft?“
beiläufig. Er nippte an seinem Cocktail, während er „Nein, Ray“, antwortete Nelva. „Zurück zu dem
den Betrieb studierte, der rundum herrschte. Seine Au- Tag, an dem ihr hier ankamt. Dies ist der neunzehn-
gen blieben schließlich auf zwei jungen Damen haf- te Mai neunzehnhundertneunundneunzig.“
ten, die in einer Nische saßen. Sie waren allein, und Joe pfiff erstaunt durch die Zähne. Um Ray schi-
Ray erinnerte sich, daß auch niemand bei ihnen geses- en sich alles zu drehen, während er seiner Verblüffung
sen hatte, als er mit Joe hereinkam. Herr zu werden versuchte.
Er stieß Joe an, der seiner Blickrichtung folgte und
„Aber das kann nicht sein“, hörte er sich sagen. „Ich
die beiden Mädchen entdeckte. „Sie sehen gut aus“,
habe inzwischen die Theorie der Zeitlinien begriffen.
stellte er fest. „Aber welches Mädchen tut das nicht
Sie zeigt, daß etwas Derartiges nicht ausführbar ist.
aus der Ferne?“
Doch davon abgesehen — wo ist deine Zeitmaschi-
Die beiden sahen jetzt zu ihnen hinüber. ne? Eben saßen wir noch in dieser Nische, und schon
„Auf geht’s“, brach Joe unternehmungslustig den befinden wir uns in einer anderen Zeit.“ „Wir wollen
Bann und ließ sich vom Barhocker gleiten. aufbrechen“, drängte Nelva sanft. „Es gibt viel zu tun
Während sie sich der Nische näherten, schätzte Ray und viel zu besprechen — aber nicht hier.“ „Warte“,
die beiden Mädchen ab. Eine von ihnen wirkte stark bat Ray. „Ich möchte mir wenigstens über eines klar-
auf ihn. Sie war dunkelhaarig, mit außergewöhnlich werden. Wir sind jetzt hier — aber wir, Joe und ich,
reizvollem Gesicht, auf dem jedoch ein Ausdruck der halten uns zugleich auch in der Stadt auf.“ Er warf
Spannung lastete. Ihre großen, runden Augen trugen einen Blick auf seine Uhr. „Sind wir jetzt gerade da-
noch dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken. Sie lä- bei, zu Bett zu gehen, nachdem wir mit Val Nelson
chelte etwas ängstlich, als er mit Joe vor dem Tisch und den anderen zusammengetroffen sind?“
stehenblieb. „Vollkommen richtig“, pflichtete Nelva ihm bei.
„Dürfen wir uns zu Ihnen setzen?“ fragte Joe höf- „Dann —“ Ray zögerte. „Was auch immer ich in
lich. den nächsten Tagen unternehme, mein anderes Selbst
„Bitte“, hörte Ray das andere Mädchen sagen. Er erlebt alles, was ich bisher durchgemacht habe?“ „Ja“,
ließ sich neben der Dunkelhaarigen nieder, während entgegnete Nelva. „Das ist unmöglich“, beharrte Ray
sein Blick immer noch wie gebannt auf ihr ruhte. starrköpfig. „Es würde bedeuten, daß jedes Atom mei-
„Mein Name ist Joe“, riß dieser die Vorstellung an nes Körpers doppelt existiert. Es erfordert eine Zeit-
sich. „Das hier ist mein Kamerad Ray.“ falle, in welcher ich in der Zeit vorwärts schreite, um
„Ich heiße Nancy“, vernahm Ray die Antwort des plötzlich zurückzuspringen und von neuem zu begin-
zweiten Mädchens, „und dies ist meine Freundin Nel- nen — immer und immer wieder.“
va.“ „Nichts dergleichen“, wehrte Nelva ab. „Du wirst
„Nelva!“ explodierte Joe. Aber Ray, der ihr tief in alles noch erfahren. Augenblicklich sind wir außer
die blauen Augen sah, wußte, daß er sie instinktiv er- Gefahr, aber für morgen wartet Arbeit auf uns. Laßt
kannt hatte. Und unbewußt hatte er gefühlt, daß sie uns gehen.“
hier sein würde — aber zu erklären vermochte er die-
ses Empfinden nicht. 14. Kapitel
Er hob den Blick und ließ ihn wachsam durch den
Raum schweifen. Das langgestreckte, einstöckige Landhaus war von
„Wir dürfen hier nicht lange bleiben“, wisperte Nel- einem jener Architekten entworfen worden, dem als
vas Stimme an seinem Ohr. Er nickte schweigend. Meister seines Fachs die Kunst bekannt war, lebloses
„Gehen wir jetzt sofort“, forderte er abrupt die an- Strukturmaterial in den lebendigen Alltag einzupas-
deren auf. „Dieser Ort wirkt plötzlich gefahrdrohend.“ sen.
27 TERRA

Ray erwachte in dieser Umgebung aus dem er- „Und wie kommt er zu dem dritten Auge?“ unter-
quickendsten Schlummer, in den er seit langer Zeit ge- brach sie Ray.
fallen war. Er duschte in einem Raum aus Chrom und „Nach der Geburt wird er unter eine Maschine ge-
glitzerndem Glas und zog die Wäsche an, die für ihn legt, die auf seiner Stirn ruht“, erklärte Nelva. „Eigent-
hingelegt worden war, während er schlief. lich ist sie nur eine Variation des Zeitsolenoiden. Sie
In der modern eingerichteten Küche wirtschaftete zieht einen Teil der Haut und der Knochen bis zu drei-
bereits Nelva. Joe und Nancy saßen in einer Ecke am ßig Sekunden in die Zukunft aus der Stirn des Kindes.
Tisch und waren beim Frühstücken. Tatsächlich stellt sie eine materielle Zeitbrücke her.
„Komm herein und mach dir’s gemütlich“, befahl Jede Materie besitzt in der Zeit Ausdehnung. Jene
Joe jovial. „Was stehst du herum und staunst?“ Gegenwart, die nur einen Augenblick dauert und von
„Es gibt genug zu staunen“, erwiderte Ray mit ei- der wir uns vorstellen, daß sie sich aus der Vergangen-
nem Seitenblick auf Nelva. Er ging zu ihr hinüber, heit in die Zukunft bewegt, ist nichts weiter als eine
nahm ihr Gesicht in beide Hände und küßte sie auf Abstraktion. In Wirklichkeit erleben wir einen Gip-
die Lippen. fel, dessen Spitze das Jetzt’ darstellt, das unserer Auf-
Ihre Augen folgten ihm zärtlich, als er sich gegen- fassung nach keinen zeitlichen Umfang aufweist. Von
über von Joe und Nancy am Tisch niederließ. Er dach- dieser Spitze senkt sich der Kamm in die Vergangen-
te dabei: ,Wie selten ist es, daß ein Mann ein Mädchen heit, die einen Sekundenbruchteil davor, und in die Zu-
mit den gleichen Fähigkeiten und Interessen findet’. kunft, die einen Sekundenbruchteil danach liegt.
Er vermochte es nicht so auszudrücken, aber seine Ich kann dir später, wenn wir mehr Zeit haben, die
unbeholfenen Worte sagten alles. Er ließ Joe und Nan- mathematischen Grundlagen zeigen, aber du wirst sie
cy die Unterhaltung bestreiten, während Nelva sich erraten können, wenn ich dir sage, daß zwei Teilchen,
neben ihn setzte und sie gemeinsam aßen. Als er fertig die einander nahe genug sind, um sich zu beeinflussen,
war, stand Nelva auf und goß neuen Kaffee ein. Ziga- sich wie zwei Wellen verhalten. Eure Wissenschaft-
retten tauchten plötzlich auf. Joe hatte sie zum Vor- ler vor 1950 bekamen einen ungefähren Begriff da-
schein gebracht und bot Ray eine an. von. Was sie natürlich nicht vermuten konnten, ist, daß
die Phase des einen Teilchens gegenüber dem anderen
„Und nun erzähle, Mädchen meiner Träume“, lä- gleichbleibend in die Vergangenheit oder die Zukunft
chelte dieser Nelva an. „Du weißt, was ich hören will verschoben werden kann, und zwar gerade so weit,
— alles! Wer du bist, woher und aus welcher Epoche daß es noch auf das andere wirkt, aber seinerseits in
du eigentlich stammst, wie du in der Zeitreise das Un- größerem Maße von Teilchen beeinflußt wird, die sich
mögliche bewerkstelligt hast — und soweit ich sehen in noch entfernterer Zukunft befinden.
konnte, noch dazu ohne irgendwelche Vorrichtungen
—, und weshalb ich hier gebraucht werde, da dein Du kannst dir dieses Bild dreidimensional vorstel-
Wissen dem meinen so offensichtlich überlegen ist, len, wenn du an den Wechselstrom in einer Leitung
daß ich kaum noch etwas beisteuern kann.“ denkst. Die Druckwelle des einen Stromkreises rast
mit Lichtgeschwindigkeit durch den Draht voran. Sie
„Was würdest du sagen, wenn ich eine Vargierin entspricht der Realität des Augenblicks, der sich mit
wäre?“ forschte Nelva, wobei sie ängstlich sein Ge- konstanter Schnelligkeit in die Zukunft bewegt — und
sicht beobachtete. diese Analogie ist berechtigter, als man annehmen
„Aber du bist keine!“ lachte Ray. „Du bist kleiner sollte, denn im vierdimensionalen Kontinuum stehen
— kaum einen Meter fünfundsechzig, während die Lichtgeschwindigkeit und Ablauf der Zeit in grundle-
Vargier mehr als einen Meter achtzig messen, und du gendem Zusammenhang.
besitzt das extra-temporale Auge nicht.“
Im extra-temporalen Auge des Vargiers haben wir
„Dann“, verbesserte sich Nelva, „möchte ich es so also lebende Materie vor uns, deren Phase mit der
ausdrücken: Was, wenn die Vargier vollkommen nor- verbliebenen Realität verschoben wurde und die emp-
male menschliche Wesen wären? Nimm einmal an, je- fänglich für eine Realität ist, die sich von der Gegen-
des verheiratete Paar könnte vargische Kinder haben, wart bis zu dreißig Sekunden in die Zukunft erstreckt.
wenn es sie sich wünschte?“ Diese Eigenschaft ist permanent, und das Organ wird
„Wie sollte das geschehen?“ wollte Ray wissen. genau wie ein normales Auge vom Blut ernährt. Dabei
„Das würde bedeuten, daß die Vargier eine Mutation reißt es neue Materie mit sich in der Zeit vorwärts, um
der menschlichen Rasse sind — und zwar eine kon- sie wieder in den allgemeinen Wellenkamm zurückzu-
trollierte Mutation, die sich beliebig wiederholen läßt. stoßen.“
Ist sie erblich, oder muß sich jedes vargische Kind der „Ein wenig leuchtet mir das wohl ein“, nickte Ray
Operation, oder was es ist, unterziehen?“ langsam, „aber es klärt eine Frage, indem es eine neue
„Du bist nahe an der Wahrheit“, entgegnete Nelva. aufwirft. Ich glaubte stets, Materie wäre partikulär und
„Bei seiner Geburt unterscheidet sich ein Vargier äu- würde im Raum bewegt. Nach deinen Worten hat es
ßerlich nicht von einem Menschen, obgleich seine An- aber den Anschein, als gäbe es eine vierdimensiona-
lagen andere sind.“ le stationäre Grundsubstanz, eine Art ,Prima Materia’,
Die Zeitfalle 28

die wir nicht kennen und auf der Materie und Realität „Jetzt sind wir da, worauf ich eigentlich hinaus
eine bewegliche Energieform verkörpern.“ wollte“, rief Nelva. „Ich habe versucht, euch ein Bild
„Genauso ist es“, stimmte Nelva eifrig zu. „Rea- der Realität als einer Art Druckwelle in einer zugrun-
lität stellt nur einen Energiestrom dar, der an einer de liegenden anderen Realität zu zeichnen, die sich mit
vierdimensionalen feststehenden Realität entlangfließt konstanter Geschwindigkeit vorwärts bewegt, welche
wie elektrischer Strom, der eine Leitung durchpulst. man als Zeit bezeichnet. Diese Welle ist scharf ge-
Die Wirkungen der Materieeinheiten aufeinander sind bündelt und ähnelt einer Schallwelle, die eine Wasser-
ebenso wie die materiellen Strukturkomplexe nichts schicht durchquert. Zusätzlich existieren breitere Wel-
weiter als wechselseitig induktive Wellenfronten, die len, etwa mit denen eines Ozeans vergleichbar, die ans
sich gegenseitig beeinflussen. Einstein mutmaßte dies, Ufer schlagen. Es mag kompliziert klingen, aber es ist
indem er die Hoffnung aussprach, daß die Struktur so. Die Vargier kommen aus einer anderen dieser brei-
der Materie gesetzmäßig erfaßt und jedes Phänomen ten Wellen. Sie entstammen nicht eurer Vergangenheit
in der allgemeinen Feldtheorie ausgedrückt werden oder Zukunft, wie ihr vielleicht angenommen habt. Ih-
könnte. Er hätte sein Ziel erreicht, wenn er die grund- re Welt ist eine unabhängige Welle, die in der gleichen
legenden Materieteilchen für das genommen hätte, Richtung strahlt. Ihre Realität ist phasenverschoben zu
was sie tatsächlich sind — Wellenbündel, die sich dieser.
mit Lichtgeschwindigkeit rechtwinklig zu allen räum- Sie entdeckten die Zeitreise und stolperten zufäl-
lichen Richtungen bewegen.“ lig über eure parallele Realität. Sie waren sich klar
„Mit Lichtgeschwindigkeit?“ echote Ray. darüber, daß ihr binnen kurzem selbst das Geheimnis
der Zeitreise entschleiern würdet, und sie beschlossen,
„In gewissem Sinne ist das ungenau“, gab Nelva
dem zuvorzukommen — es zu verhindern.“
zu. „Was ich meinte, war mit konstanter Geschwindig-
„Einen Moment“, ließ sich Joe vernehmen. „Um
keit — ebenso wie die Lichtgeschwindigkeit konstant
noch einmal auf das Thema deiner vargischen Abkunft
ist. Eigentlich können wir sogar überhaupt nicht von
zu kommen — warum bist du dann nicht so wie die
Geschwindigkeit sprechen, wenn wir Schnelligkeit als
anderen?“
zurückgelegte Entfernung betrachten wollen.“ „Daran
dachte ich“, warf Ray ein. „Ich hielt es mehr für eine „In Varga wird das dritte Auge nicht jedem verlie-
stationäre Veränderung wie die Druckzunahme in ei- hen“, erläuterte Nelva. „Nur gewisse Schichten erhal-
nem Ballon oder, um ein anderes Beispiel zu wählen, ten es. Varga ist ein Matriarchat, und da Nancy und ich
das Altern eines Individuums im Laufe der Jahre.“ nicht die ältesten Töchter waren, gab man uns nicht
das dritte Auge, damit wir niemals den Thron einneh-
„Vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, um die-
men könnten.“
sen Vorgang begrifflich zu erfassen“, gestand ihm Nel-
„Ihr gehört also einer königlichen Familie an?“
va zu. „Um aber wieder zu dem vargischen Auge
fragte Joe und blickte ehrfürchtig von Nancy zu Nelva.
zurückzukehren — es ist keineswegs ein natürlicher,
sondern ein künstlicher Bestandteil des Körpers. Es „Wir sind die jüngeren Schwestern der Königin“,
bildet eine Linse, die sich auf den Kortex des Gehirns antwortete Nancy. „Ihr werdet sie sicher von ihrem
einstellt und ein Sehzentrum aufbaut. Die Ereignisse Bild her kennen, das überall angebracht ist.“
der nahen Zukunft sind im Verhältnis zur momenta- „Wir haben es gesehen“, versicherte Joe grimmig.
nen Realitätswelle weit genug phasenverschoben, um „Ich für mein Teil hoffe nur, ihr niemals persönlich zu
sich kaum auf die Gegenwart auszuwirken; die extra- begegnen. Sie macht den Eindruck, als könnte sie je-
temporale Linse reagiert jedoch durch Induktion dar- mand anlächeln und ihm gleichzeitig die Kehle durch-
auf, so daß die Energieströme, welche auf die Gehirn- schneiden.“
zellen treffen, phasengleich genug sind, um einen Ef- „So ähnlich ist ihr Charakter beschaffen“, stimmte
fekt hervorzurufen.“ Nelva ihm zu. „Sie war es, die den Plan ausarbeitete,
nach dem eure Rasse kontrolliert wird. Er wäre nar-
„Wenn das vargische Kind also nicht dieser Ver-
rensicher gewesen, wenn ich nicht im Laufe meiner
änderung unterworfen würde, wäre es vollkommen
Erziehung an eine Möglichkeit der Zeitreise geraten
menschlich?“ mischte sich Joe ein.
wäre, die zuvor unbekannt war.“
„Allerdings“, erwiderte Nelva. „Und in diesem Sin-
„Du meinst, daß man zurückspringen und gleichzei-
ne bin ich eine Vargierin, denn ich gehöre zur selben
tig zwei Leben leben kann?“ warf Ray ein.
Rasse.“
„Das hängt damit zusammen“, pflichtete Nelva bei.
„Aber du bist doch wesentlich kleiner!“ wunder- „Das Wichtigste aber ist, daß ich das schaffen kann,
te sich Joe. „Vargische Frauen erreichen Größen von was ihr eine Zeitfalle nennt, ich dagegen als Wirbel im
über ein Meter achtzig.“ Zeitstrom bezeichne und die Vargier an diesen Strudel
„Diese Größe stellt eine Nebenauswirkung des drit- zu fesseln vermag, so daß die Menschheit dieser Welle
ten Auges dar“, erklärte Nelva. „Es verändert einige für immer von der Bevölkerung der anderen verschont
der Bezirke des Gehirns und ruft das ungewöhnliche bleibt.“
Wachstum hervor.“ „Davor also fürchten sie sich“, nickte Ray langsam.
„Woher stammen die Vargier?“ wollte Ray wissen. „Ich dachte an etwas Ähnliches.“ Einige Sekunden
29 TERRA

starrte er auf den Tisch. Dann hob er den Kopf. „Aber Es war entschieden gespenstisch. Mit geweiteten
welche Rolle spiele ich darin? Ich meine — zuerst Augen blickten Ray und Joe sich in der Schattenwelt,
gewann ich den Eindruck, als wäre meine Anwesen- die sie umgab, um. Ein Auto kam direkt auf sie zu,
heit von vitaler Bedeutung für das Gelingen des Pla- und instinktiv sprangen sie zur Seite. Als sie sich um-
nes, aber jetzt weiß ich, daß, was die Zeitreise angeht, wandten, sahen sie gerade noch, wie der Wagen durch
mein Wissen elementar im Vergleich zu deinem ist. Nelva und Nancy fuhr, ohne daß sich irgendeine Wir-
Ich vermag deine Kenntnisse nicht zu erweitern. Und kung zeigte. Die beiden Mädchen lächelten über ihre
physisch bin ich sicherlich nicht unersetzlich.“ bestürzten Gesichter.
„Ich kann dich jetzt nicht über deine Rolle aufklären „Man könnte glauben, wir wären dreidimensionale
— noch nicht“, versetzte Nelva. „Du wirst es wissen, Lichtreflexe anstatt stoffliche Wirklichkeit“, wunderte
wenn alles vorüber ist — und es wird bald sein, das sich Joe.
verspreche ich dir.“
„In unserem gegenwärtigen Zustand verhalten wir
„Und dann kehrst du in deine Welle zurück, und ich uns tatsächlich so“, vernahmen sie Nelvas Stimme.
sehe dich nicht mehr wieder?“ fragte Ray und sah sie „Stofflichkeit ist eben relativ. Wir können durch einen
eindringlich an. materiellen Gegenstand schreiten, als ob wir den
„Das kommt darauf an“, erwiderte sie, aber der Strahl einer Taschenlampe durchquerten.“
Blick in ihren Augen schien zu sagen: ,Auf dich’. „Warum sinken wir dann nicht in den Boden ein?“
Die Unterhaltung versiegte. Heller Sonnenschein fragte Ray.
fiel in die Küche und belebte ihre Einrichtung. Die
„Ein wenig tun wir es schon“, lächelte Nelva. Ray
Stille würde durch Joes Auflachen unterbrochen.
und Joe blickten nach unten. Die schattenhafte Ober-
„Ich mußte gerade an etwas denken“, erklärte er. fläche des Straßenpflasters lief fast anderthalb Zenti-
„Wenn wir jetzt zu dem Zeitpunkt in die Raststätte zu- meter über den Schuhsohlen durch ihre Füße. Nelva
rückkehren, an dem wir dort in der Nische saßen, ha- erläuterte. „Im Vergleich zur gewohnten Realität sind
ben wir tatsächlich fast eine Woche im Augenblick ei- wir nichts weiter als Schatten, aber unsere vereinte
nes Augenzwinkerns durchlebt. Übrigens sind wir dort Masse — soweit man davon sprechen kann — reicht
verschwunden, ohne unsere Rechnung zu begleichen.“ aus, um uns Traktion zu verleihen und unsere Position
„Wie konnten wir eigentlich verschwinden?“ erkun- aufrecht zu halten. Aber wir sind da“, fügte sie hinzu
digte sich Ray. „Du preßtest deine Finger in meinen und deutete ins Innere des Restaurants.
Arm, Nelva, und dann waren wir in der Zeit zurückge-
Ray und Joe hatten bereits bemerkt, worauf sie zeig-
glitten.“
te. Sie saßen mit Val Nelson an einem Tisch.
„Das ist ein Geheimnis, das die Vargier gern kennen
„Unheimlich“, murmelte Joe, „Ich kann mich noch
möchten“, lachte Nelva. „Daß ich deinen Arm ergriff,
genau daran erinnern. Als ob man einen Film sähe, der
hatte nichts damit zu tun. Ich tat es nur, um dich zu be-
dort aufgenommen wurde.“
ruhigen. Im Vergleich zu eurer Methode der Zeitreise
stellt der Sie gingen durch die Glastür und spürten den leich-
Mechanismus eine ebensolche Verbesserung dar ten Widerstand, als das Material durch sie hindurch-
wie ein moderner Radioapparat gegenüber dem ersten, glitt. Andere Gäste drängten hinter ihnen herein und
der je gebaut wurde.“ Während der letzten Worte war schoben sich durch die vier, ohne es zu bemerken.
sie aufgestanden und fügte jetzt hinzu: „Wir können „Erklärt das die Geisterwelt?“ wollte Ray wissen,
nicht den ganzen Tag hier sitzen und uns unterhalten. wobei er hinter den Leuten hersah.
Es gibt zu viel zu tun, und später kann ich euch al- „Ich weiß es nicht“, zuckte Nelva die Schultern.
les viel besser erklären. Heute müssen wir uns in die „Wenn man den Vorschriften der herkömmlichen Ma-
Stadt begeben und euch auf eurer Zeitlinie verfolgen, thematik folgt, müßte man dies i-Zeit nennen. Ein
die mit dem Frühstück beginnt, das ihr gemeinsam mit Zeitstrom, der von dem gewöhnlichen in der fünf-
Val Nelson einnehmt.“ ten Dimension durch eine kurze ,Entfernung’ getrennt
„Was?“ riefen Ray und Joe wie aus einem Munde. ist. Die vargischen Herrscher wissen nichts von seiner
Existenz, sonst wäre es ihnen möglich, mich zu fin-
15. Kapitel den.“
Sie blieben stehen und beobachteten den Verlauf
„Dies wird euch wie ein seltsamer Spuk vorkom- des Frühstücks. Dann folgten sie sich selbst und Val
men“, warnte Nelva, als sie dem Wagen entstiegen, Nelson, als sie das Restaurant verließen.
den sie gegenüber dem Restaurant geparkt hatten.
„Denkt an das, was ich euch gesagt habe. Wenn ihr Ray fiel ein, daß sie einen Rundgang durch die Stadt
kräftig den Kopf der Kontrollvorrichtung in eurer Ta- unternommen hatten, und er wandte sich an Nelva.
sche drückt, steht ihr in Viertelphase zu der Zeitfront, „Weshalb laufen wir jetzt eigentlich hinter uns
die bisher real für euch war. Ihr seid damit für die Um- her?“ erkundigte er sich. „Es muß doch einen Grund
gebung nichtexistent.“ dafür geben.“
Die Zeitfalle 30

„Natürlich“, versetzte Nelva. „Erinnerst du dich Ray schlug die Lider auf und warf einen seltsamen
noch daran, daß du damals nachts nicht schlafen konn- Blick zu seiner Schattengestalt hinüber.
test und spazierengingst? Unterwegs kamst du zu ge- „Für einen Augenblick hätte ich schwören können,
wissen Erkenntnissen über Val und Neal und die ande- dort drüben zu stehen“, bekannte er.
ren Hüter.“ „Du tatest es“, versicherte Joe. „Nelva wies dich an,
„Ja, ich weiß“, murmelte Ray ungewiß. dich umzudrehen, und dein Schatten gehorchte.“
„Nun“, meinte Nelva, „es mag dir sonderbar er- „Wirklich?“ rief Ray. „Ich dachte, ich hätte meinen
scheinen, aber du verfielst hauptsächlich auf diese Kopf hier bewegt.“
Schlüsse, weil wir dein anderes Selbst jetzt begleiten.
„Nein“, entgegnete Joe. „Ich sah in beide Richtun-
Warte ab, ob ich nicht recht habe.“
gen, um sicherzugehen.“
„Aber wie sollte das möglich sein?“ fragte Ray
ungläubig. „Das ist doch bereits geschehen, und wir „Verstehst du jetzt?“ forschte Nelva. „Mit deinem
vermögen es nicht mehr zu ändern. Wenn wir uns Bewußtsein hast du die Ereignisse in der Schattenwelt
jetzt umdrehten und irgendwo anders hingingen, wür- beeinflußt — die gleichen Ereignisse, die du für unver-
de nicht die geringste Veränderung eintreten.“ änderlich hieltest. Natürlich sind sie es auch. Wenn du
genau überlegst, wirst du dich erinnern, daß du dort
„Wirklich?“ lächelte Nelva. „Setzt du nicht voraus,
drüben den Kopf gewandt hast, wobei du dich viel-
die ,Vergangenheit’ sei unveränderlich, während sich
leicht fragtest, weshalb du hierhergesehen hast.“
die ,Gegenwart’ beeinflussen lasse? In Wirklichkeit
kann man weder auf Vergangenheit noch Gegenwart „Nein“, schüttelte Ray zweifelnd den Kopf. „Es
oder Zukunft einwirken. Dir kommt es jetzt so vor, als fällt mir nicht ein, aber du mußt recht haben. Natür-
lägen alle Ereignisse in der Schattenwelt bereits Tage lich verstehe ich, was du meinst. Aber wie verhält es
zurück, aber du mußt bedenken, daß du dich zur glei- sich mit dem Bewußtsein? Ich werde doch bestimmt
chen Zeit hier befandest und genau dasselbe ausführ- dort drüben jetzt nicht gewahr, daß —“
test, was du jetzt tust. Beides geschah und geschieht „Aber gewiß!“ unterbrach ihn Nelva. „Was ist denn
zur gleichen Zeit.“ Bewußtsein? Dein Gehirn nimmt laufend Gedanken
„Aber das ist doch absurd“, rief Ray hitzig aus. „Da- auf, die außerhalb des Bereichs liegen, den dein Be-
mals war ich dort drüben und nahm nur das wahr, was wußtsein im Moment umfaßt. Unbewußte Eingebung
dort geschah.“ werden sie genannt oder vielleicht Inspiration. Sie
„Dann beruht also der Unterschied auf dem Ort schieben sich von einer Ebene zur nächsten — aus
deines scheinbaren Bewußtseins“, stellte Nelva fest. der Vergangenheit als Erinnerung, aus der Zukunft als
„Schön, ich werde dir etwas zeigen.“ Hellsichtigkeit oder Prophezeiung.“
Sie wühlte in der Handtasche, die sie trug, und „Dann werde ich also heute nacht Selbstgespräche
brachte eine kleine Röhre zum Vorschein, der sie ei- führen“, nickte Ray. „Jedenfalls hast du mich über-
ne Tablette entnahm und sie Ray gab. zeugt. Ich sehe es ein.“
„Schluck dies“, befahl sie. Nachdem er gehorcht „Na also“, atmete Nelva auf. „Du bist dir zwar
hatte, fuhr sie fort: „Es ist ein bestimmtes Stimulans, nur deiner dreidimensionalen Existenz bewußt, aber in
das eine größere Suggestibilität hervorruft. Es wirkt Wirklichkeit verkörpert der Mensch ein vieldimensio-
schnell.“ nales Wesen, durch welches das Bewußtsein fließt.“
„Ich spüre nichts“, meinte Ray. Während sie sich unterhielten, folgten sie ihren
„Das gehört zu den Eigenschaften der Droge“, be- Schattengestalten durch die Stadt, wobei ihnen alles
lehrte ihn Nelva. „Sie stellt ein äußerst gefährliches von einem anderen Gesichtspunkt aus erschien. Ray
Hypnotikum dar, das bereits einmal die Wirtschaft der nahm die Dinge wahr, die seinen Verdacht gegen Val
Vereinigten Staaten zu ruinieren drohte. Wenn du die- Nelson entstehen ließen. Er beobachtete sie und mach-
ses Pulver zum Beispiel einer Tasse Kaffee hinzufügst, te sich klar, daß er mit seinem augenblicklichen Be-
kannst du einen Mann binnen weniger Minuten dazu wußtsein in der Realität einen Teil seines eigenen
bringen, dir ohne Widerstreben sein gesamtes Vermö- Unterbewußtseins verkörperte, soweit es die Bewußt-
gen zu überschreiben. Schließ jetzt die Augen.“ seinsebene dieser vorhergehenden Zeit betraf.
Ray befolgte die Weisung sofort. Der Tag schritt fort und ging schließlich in Dämme-
„Jetzt befindest du dich am ersten Tag, nachdem du rung über. Die Schatten Ray, Joe und Val kehrten in ih-
in der Zukunft landetest“, vernahm er Nelvas Stimme. re Hotelzimmer zurück, und als sie eintraten, folgten
„Du bist mit Val und Joe zusammen. Stimmt das?“ die vier ihnen in den Raum.
Ray nickte. Nelva sah sich neugierig um, ging dann hinüber und
„Gut“, sagte Nelva. „Sieh dich um.“ musterte die Wand hinter dem Kleiderschrank.
Der Schatten, der Ray Bradley verköperte, blickte „Ray, komm doch einmal her“, bat sie.
müßig in ihre Richtung. Er folgte mit den Augen der Richtung, in die sie
„Du begleitest wieder mich und Nancy“, befahl deutete, und erblickte den kleinen Kasten hinter dem
Nelva. „öffne die Augen.“ Schrank.
31 TERRA

„Ein Spion“, belehrte Nelva ihn. „Warne dich „Ich hatte mir schon darüber Gedanken gemacht“,
selbst, in diesem Zimmer kein falsches Wort zu äu- kam es etwas undeutlich von Joe, der mit einem
ßern. Du brauchst nur die Augen zu schließen und dich Mundvoll Toast und Marmelade zu tun hatte.
dir vorzustellen, wie du in der anderen Zeitlinie warst „Wir sind ziemlich zahlreich“, erläuterte Nelva.
— bist —, dann gelangt die Botschaft an ihr Ziel, ohne „Einige zweitgeborene Vargier und mehrere Amerika-
daß eine direkte Verständigung notwendig ist.“ ner — die meisten schon in den Siebzigern.“
„Jeder sein eigener Schutzengel“, lachte Joe, „Also bereits erwachsen, bevor die Vargier die Herr-
„Das ist kein Scherz“, äußerte Ray ernst. „Was wir schaft an sich rissen“, stellte Ray fest.
hier erleben, klärt so manche der Geheimnisse, welche
„Das eben ist der Grund, weshalb sie sich uns an-
die Welt vor ein Rätsel stellen.“
schlössen“, bestätigte Nelva, während sie den Kaffee
„Vielleicht mehr, als du selbst jetzt zu ahnen ver- eingoß. „Mit das erste, was die Vargier taten, war, die
magst“, warf Nancy ein. Geschichtsbücher zu ändern, um die junge Generation
„Tüchtiges Mädchen, Nancy“, lobte Joe Ashford. in ihrem Sinne zu schulen. Nur sehr wenige Amerika-
„Du weißt eine ganze Menge mehr, als du verlau- ner unter Fünfzig glauben heute nicht fest daran, daß
ten läßt, darauf möchte ich schwören. Und ich wette, die Anwesenheit der Vargier für den Weltfrieden und
wenn Nelva auch immer die Initiative ergreift, kannst das Gedeihen der Menschheit unerläßlich sei.“
du ihr bestimmt noch einiges vormachen.“
„Ihr solltet einmal einige der Lehrbücher für die
„Überschätze mich nicht, Joe“, lachte Nancy. „Aber Hochschulen lesen“, mischte sich Nancy ein. „Aber
du scheinst auch eine ruhige Natur zu sein. Bist du si- vielleicht ist es besser, ihr laßt die Finger davon, denn
cher, daß du damals die Hüter nicht ebenfalls im Ver- ihr könntet ihnen glauben und euch gegen uns wenden.
dacht hattest?“ Es stimmt zweifellos, daß das Eingreifen der Vargier,
„Ich wußte von Anfang an, woran ich war“, gab Joe deren Waffen allem, was die Welt produziert hat, so
eilfertig zu, aber das Zwinkern in seinen Augen war unendlich überlegen sind, einen Krieg verhindert hat
nicht zu übersehen, und die vier brachen in lautes Ge- — bis jetzt.“
lächter aus. „Nur eines ist mir noch rätselhaft“, ver-
„Wie weit kommen die Vargier aus der Zukunft?“
mochte Joe schließlich hervorzubringen, aber damit
fragte Ray. „Eine Million Jahre?“
provozierte er nur eine neue Lachsalve.
„Sie kamen aus der Vergangenheit“, entgegnete
„Und worum handelt es sich bei diesem Geheimnis,
Nelva. Sie lächelte schadenfroh. „Nach genauesten
das dir nicht einleuchtet?“ fragte Ray.
Berechnungen wurde ich im Jahre 357 224 v. Chr. ge-
„Wie ist es möglich, daß wir miteinander sprechen boren! Sogar hier in Amerika, obgleich das Amerika
und lachen, ohne daß uns jemand hört?“ von damals sich wesentlich von dem heutigen unter-
„Das läßt sich leicht erklären“, versetzte Ray selbst- schied.“
bewußt. Nelva und Nancy lächelten. „Materie ist im
„Das kann ich mir vorstellen“, meinte Joe. „Wie sah
Verhältnis zu anderer Materie nur ,wirklich’, wenn sie
es damals aus?“
die gleiche Phase besitzt.
Wir sind jedoch zu der anderen Welt phasenver- „Damals“, begann Nelva versonnen, „bedeckte ei-
schoben, ebenso die Atmosphäre, die wir atmen. Wä- ne riesige Wasserfläche den mittleren Westen. Die
ren wir auf die Luft von ,drüben’ angewiesen, so be- heutigen Rocky Mountains bildeten die Ostküste ei-
kämen wir nicht genug Sauerstoff. Wenn wir nun spre- nes langgestreckten Kontinentes, der den größten Teil
chen, beeinflussen wir lediglich die Atmosphäreteil- des Raumes einnahm, der heute vom Pazifik angefüllt
chen, die unserer Phase entsprechen. Stimmt das nicht, wird.
Nelva?“ Es ist seltsam, wie sich Landmassen verändern kön-
„Vollkommen“, pflichtete sie bei. „Allerdings ist nen, während hier und da kleine Gebiete über Jahr-
zwischen beiden Phasen ein leichtes Medium vorhan- millionen hinweg in ihrem Urzustand erhalten blei-
den, und wenn es im Zimmer völlig ruhig wäre und ben. Von den Olympic Mountains im Staate Washing-
ihr dort drüben darauf achten würdet, könntet ihr das ton durch einen guten Teil Oregons bis nach Nordkali-
Gesprochene vernehmen.“ fornien hat sich die Oberfläche kaum verschoben. Der
„Und so gingen sie wieder“, spottete Joe. „Die Schnee, der auf den Bergspitzen Rainier und Shasta
Astralstimmen.“ liegt, fiel wahrscheinlich schon vor einer Million Jah-
ren. Es gab eine Zeit, in welcher der Seefahrer, der aus
16. Kapitel dem Osten kam, diese Gipfel aus weiter Ferne über
das Meer aufragen sah. Im Westen erstreckte sich je-
„Nach dem Frühstück werdet ihr einige meiner ner Kontinent, den die Legende als Mu oder Lemuria
Freunde kennenlernen“, gab Nelva bekannt. Es war kennt, und von dem allgemein angenommen wird, daß
bereits nahezu Mittag, denn sie hatten zu viert auf der dort die Wiege der Menschheit stand, obgleich deren
„anderen Seite“ Ray während seiner Nacht der Unruhe Ursprung uns in jenen Tagen
und des Grübeins begleitet. ebenso verborgen war, wie er es heute ist.
Die Zeitfalle 32

„Mmm-mh“, machte Joe. „Was ist mit den Cro- schnell hindurch, daß er den Effekt auf seine Maschi-
Magnons und anderen prähistorischen Rassen, die erst ne für atmosphärisch bedingt hält.“
vor einigen tausend Jahren gelebt haben sollen?“ „Was verursacht eigentlich eine solche Krüm-
„Vielleicht Degenerierte“, vermutete Nelva. „Wenn mung?“ wollte Joe wissen. „Ich nehme an, daß Ray
die bestehende Zivilisation heute in irgendeiner katak- sich bereits darüber klargeworden ist, aber leider ist
lysmischen Katastrophe ihr Ende fände und nur eini- dies bei mir nicht der Fall.“
ge isolierte Gruppen überlebten, würden binnen kurz- „Dann wollen wir doch einmal sehen, wie weit Ray
em jene brutalen, behaarten, verschlagenen Scheusa- ist“, lächelte Nelva.
le, die man überall findet, ihre zivilisierteren Brüder Dieser antwortete sofort: „Materie setzt sich aus
umbringen und die Übermacht gewinnen. Nach einem Elementarteilchen wie Elektronen und Protonen zu-
Dutzend Generationen wäre eine neue prähistorische sammen, die bestimmte Bewegungen ausführen. Sie
Rasse entstanden, deren Knochen einst ein Studienob- wirkt durch Felder auf diese Teilchen und ihre Ver-
jekt für den Aufstieg des Menschen vom Affen oder teilung im umgebenden Raum ein. Bei der Zeitreise
Untermenschen bilden würden.“ bewegen sich die Materieteilchen sowohl in der Zeit
Joe nickte in gedankenvoller Zustimmung. als auch in allen Richtungen des Raumes vorwärts.
„Das mag schon stimmen“, ließ er sich vernehmen. Das dazugehörige Feld bleibt also im Raum zurück
„In meiner Zeit sah ich mir mit Vorliebe Ringkämp- wie das Kielwasser eines Bootes auf See. Und wie bei
fe an, und wenn man oft genug zu solchen Veranstal- dem Boot, so verhält es sich auch bei der Zeitreise:
tungen geht, bekommt man Exemplare zu sehen, die Das Sogfeld der Materie unterscheidet sich dabei in
durchaus in diese Klassifizierung passen. Man trifft mancher Hinsicht von dem der gleichen Materie, das
sie, nebenbei gesagt, auch täglich auf der Straße. Es sie aufweist, wenn sie wieder im normalen Zeitstrom
käme zu einem Überleben der geeignetsten, wobei die schwimmt.“
Roheit über den Verstand und die Gewissenlosigkeit „Richtig“, bestätigte Nelva.
über humanitäre Gesinnung triumphieren würde.“ „Aber was ich meinerseits wissen möchte“, sagte
„So ist es“, pflichtete ihm Nelva bei. „Jedenfalls Ray, „ist, warum die Vargier ihre Zeit verließen und
machten sich im Jahre 357 224 v. Ch. oder 1469 a. V. in eine andere umsiedelten. Weshalb blieben sie nicht,
— was ,ante Vargot’ bedeutet — verschiedene Grup- wo sie waren?“
pen von Forschern mit Zeitreiseschiffen in die Zukunft „Mehrere Faktoren spielten dabei eine Rolle“, erwi-
auf. Aus allen Teilen Varmours stammend, durchsuch- derte Nelva. „Zunächst wäre der natürliche Impuls zu
ten sie die Epochen, die noch vor ihnen lagen. Viele nennen, sich auszudehnen — der gleiche Beweggrund,
von ihnen verunglückten — was sehr leicht eintrat. der die Engländer veranlaßte, sich über die ganze Welt
Sie machten es wie ihr beide. Sie bauten stationäre auszubreiten, die eroberten Gebiete zu erschließen und
Schiffe, die lediglich für die Zeitreise konstruiert wa- auszubeuten. Ferner aber stellten sie fest, daß Varmour
ren. Senkte sich die Oberfläche einige hundert Meter, in wenigen Jahrhunderten untergehen und zum Bett
bevor sie des späteren Pazifischen Ozeans werden mußte. Sie
wieder in den Zeitstrom eintraten, so stürzten sie ab fanden weiter die Zivilisation des zwanzigsten Jahr-
und zerschellten — oder trieben im Ozean. Es konnte hunderts auf ihrem Höhepunkt in Amerika vor und
sogar geschehen, daß sie sich unter der Erde wieder- wählten natürlich diese Ära und diese Zivilisation als
fanden. die einzige zukünftige, die fähig war, ihnen das zu bie-
Hier und da fand man Orte die sichere Wege in die ten, was sie gewohnt waren.“
Zukunft ermöglichten. Orte wie die. Höhlen des Mt. „Ich verstehe“, meinte Ray langsam. „Sie zogen ge-
Shasta, des Mt. Rainier und des Mt. Olympus. Der Mt. wissermaßen einfach ein und waren bemüht, den Sta-
Shasta war der erste; von ihm aus trugen sie ihre Er- tus quo so wenig wie möglich zu stören.“
kundungsvorstöße bis ins frühe zwanzigste Jahrhun- „Ich möchte auch noch etwas wissen“, meldete sich
dert vor und fanden die anderen. In der ganzen Welt Joe. „Kann ich jetzt in der Zeit vorwärts reisen und
finden sich die Spuren ihrer Fahrten in Form geheim- feststellen, ob sie in zehn Jahren immer noch hier
nisvoller Krümmungsfelder.“ sind? Wenn ja, welche Möglichkeit haben wir dann
„Das wissen wir“, bemerkte Ray ruhig. „Als wir das noch, sie zu vertreiben?“
Jahr neunzehnhundertneunundneunzig erreicht hatten „Damit wären wir bei der Schlüsselfrage“, ließ sich
und unser Schiff zurückschickten, sahen wir die räum- Nancy vernehmen. „Erkläre es ihnen, Nelva.“
liche Verzerrung, die es hinterließ, und erkannten ihre „Zu Anfang“, begann Nelva, „wurde ein Gesetz auf-
Ähnlichkeit mit solchen Stellen wie der bei Santa Cruz gestellt, das man für grundlegend hielt: die Unverän-
in Kalifornien und Gold Hill in Oregon.“ derlichkeit von Zukunft und Vergangenheit. Die Lite-
„Ihre Zahl ist noch viel größer“, nahm Nelva den ratur eures frühen zwanzigsten
Faden wieder auf. „Sie konzentrieren sich vor allem Jahrhunderts hingegen kannte Zeitparadoxa. Ihr
auf die oberen Teile der Atmosphäre. Der Pilot ei- wißt, wie sie aussahen: ein Mann kehrt mit einer Zeit-
nes Flugzeuges nimmt sie nicht wahr, denn er ist so maschine zurück und tötet seinen Großvater in noch
33 TERRA

jugendlichem Alter — ist seine Geburt damit auto- Es nimmt zukünftigen Geschehnissen die Sicherheit,
matisch unmöglich geworden? Ein Mann reist in der und sie können nicht mehr voraussehen, was eintreten
Zeit vorwärts, erfährt, daß er an dem und dem Tag wird; und ihre Gegenmaßnahmen treffen.“
bei einem Eisenbahnunfall getötet wird, nimmt des- „Hu!“ rief Joe aus. „Damit sitzen sie im gleichen
halb zu dieser Zeit keinen Zug und rettet so sein Le- Boot wie jene Leute, die keine Zeitreise kennen. Sie
ben. Man stellte früh fest, daß Zeitquanten bestehen. vermögen nicht die Zeitung von morgen zu kaufen,
Bei der Zeitreise kann man nicht einfach irgendwo festzustellen, wer ein Rennen gewonnen hat, dann zu-
halten und in die Geschehnisse eingreifen. Zwischen rückkehren und auf den Gewinner setzen — denn eben
den Ausgangs- und den Endpunkt der Reise schiebt dieser Gewinner könnte auch verlieren.“
sich ein Zeitminimum, vor dessen Ende es unmöglich „Warte einen Augenblick, Joe“, bat Ray. „Ich möch-
ist, in den allgemeinen Strom zurückzukehren.“ te ein wenig Ordnung in meine Gedanken bringen.
„Aber wir haben das doch getan“, wandte Joe ein. Wenn ich dich recht verstanden habe, Nelva, haben
„Wir könnten sogar jetzt hinausgehen und uns erschie- die Vargier die Zukunft — sagen wir einmal auf zwan-
ßen und wären daraufhin für einige Tage tot.“ zig Jahre im voraus — systematisch erforscht und ih-
„Theoretisch schon“, gab Nelva zu. „Praktisch aber re Ereignisse schriftlich niedergelegt. Wenn sie also
würdet ihr das niemals fertigbringen, weil es einfach in diese Periode eintreten, können sie ihren Aufzeich-
nicht geschehen ist. Ganz gleich, wie sorgfältig ihr es nungen entnehmen, was am nächsten Tag geschehen
ausarbeitet, oder wie bestimmt ihr es wollt, irgend et- wird.“ „Im großen und ganzen stimmt es“, gab Nelva
was würde euch daran hindern.“ zu. „Es wäre allerdings besser, die Sprünge von vier-
„Na schön“, gab sich Joe lachend zufrieden. „Ich zig und sechzig Jahren ebenfalls zu erwähnen. Sie die-
werde es also nicht tun, damit du glücklich bist.“ nen zum besseren Verständnis und lassen erkennen,
wie die Unstimmigkeiten in der gewohnten Routine-
„Das ist nett von dir“, lächelte Nelva. “Jeden- arbeit ans Tageslicht kamen. Nimm etwa die Charak-
falls erfuhr das auf so festen Füßen stehende Ge- terisierung des Jahres zweitausend, die vom Zwanzig-
setz von der Unverletzbarkeit der Zeit verhältnismä- Jahre-in-die-Zukunft-Ressort durchgeführt wurde. Sie
ßig spät eine Beeinträchtigung. Eine der hauptsächli- stand so wenig im Einklang mit dem, was zuvor fest-
chen Forschungsaufgaben der Vargier besteht in der gestellt worden war, daß die Diskrepanz einen bloßen
Erkundung der Zukunft. Vor einigen Jahren stieß man Irrtum von vornherein ausschaltete.“
nun auf Vorfälle, die man zunächst Irrtümern frühe-
rer Expeditionen zuschrieb. So berichtete zum Bei- „Wenn das so ist“, sann Ray, „dann können die
spiel neunzehnhundertsiebzig ein Kundschafter, am Ereignisse des nächsten Jahres durchaus eine völlige
ersten Januar zweitausendfünfundzwanzig werde sich Niederlage der Vargier in sich bergen.“
ein bestimmter Vorfall ereignen. Ein Forscher, der sich „Das ist eben die große Unbekannte“, pflichtete
neunzehnhundertneunundneunzig in die Zukunft be- Nelva bei. „Die Zeitmaschinen der Vargier vermögen
gibt, stellt jedoch fest, daß dies ein Irrtum war — das derart kurze Sprünge nicht mehr auszuführen.“
Geschehen trat früher ein oder später — oder über- „Waren denn bis jetzt irgendwelche Geschehnisse,
haupt nicht. die in diesem oder früheren Jahren eintraten, anders
Bei einem oder zwei derartigen Fällen konnte man als die Vorausberechnungen, die zwanzig Jahre zuvor
wohl von einem Irrtum sprechen — aber diese Er- von den Beobachtern angestellt worden waren?“ woll-
eignisse mehren sich ständig. Die gesammelten Da- te Ray wissen.
ten reichen jetzt aus, um eine Probabilitätsgleichung „Ich werde euch ein Beispiel vorführen“, entgegne-
zu formen, die an Stelle des alten Gesetzes der Un- te Nelva ruhig. „Einen Augenblick.“
veränderlichkeit nahezu akzeptiert worden ist. Wenn Sie verließ den Raum und kehrte kurz darauf mit
man diese Gleichung auf ihren Grenzwert, nämlich einem Umschlag zurück, dem sie drei Zeitungsaus-
die Gegenwart, hin betrachtet, besagt sie, daß Ereig- schnitte entnahm. Ray und Joe betrachteten sie inter-
nisse, die sich morgen abspielen werden, sich nahezu essiert. Auf den ersten Blick schienen sie übereinzu-
mit Sicherheit von denen unterscheiden, die vor zwan- stimmen; alle drei trugen das Datum vom siebenten
zig Jahren an diesem ,morgen’ beobachtet wurden.“ Juli neunzehnhundertfünfzig, aber nur zwei brachten
„Ich glaube, ich weiß, was du meinst“, setzte Ray Wort für Wort dasselbe. Der dritte war um drei Zeilen
langsam an. „Du willst sagen, daß wir jetzt ohne wei- kürzer als die beiden anderen.
teres in die Zukunft reisen und feststellen können, daß Über jedem Artikel war ein anderes Datum ver-
die Vargier immer noch ungestört ihre Herrschaft aus- merkt. Die Angaben lauteten auf den neunten August
üben, daß es aber auf Grund dieses neuen Faktors neunzehnhundertdreißig, den dreißigsten Juli neun-
möglich ist, daß sie längst verschwunden sind, wenn zehnhundertfünfzig und den fünften Juni neunzehn-
der Zeitstrom tatsächlich diesen Punkt erreicht.“ hundertvierundsiebzig.
„Genau“, bestätigte Nelva. „Und aus eben diesem Die Ausschnitte von neunzehnhundertdreißig und
Grunde fürchten sie mich. Sie vermuten sehr richtig, neunzehnhundertfünfzig berichteten über die geheim-
daß ich für dieses neue Element verantwortlich bin. nisvolle Explosion, in die Ray und Joe verwickelt
Die Zeitfalle 34

worden waren. Sie gaben ihre Namen an und schrie- Das Universum besitzt mindestens fünf Dimensionen,
ben, sie seien schwer verletzt worden. Der Artikel, das Bewußtsein jedoch nur drei. Wäre es statt dessen
der mit neunzehnhundertvierundsiebzig überschrie- vierdimensional und bewegte sich in dieser vierten Di-
ben war, wußte dagegen zu berichten, daß niemand mension in Form einer ,flachen’ Wellenfront vorwärts,
verwundet worden war. dann wärst du dir beider Existenzen gleichzeitig be-
Joe pfiff erstaunt durch die Zähne. Ray runzelte ge- wußt, ganz gleich, wo du dich in Raum oder Zeit auf-
dankenvoll die Stirn. hältst.
„Und jetzt diese“, bemerkte Nelva ruhig und gab „So jedenfalls sehe ich es“, schloß sie. „Das Be-
ihnen die anderen Ausschnitte. Das gedruckte Datum wußtsein, das momentan euren Körper in der Stadt be-
lautete jeweils auf den dreizehnten Juli neunzehnhun- seelt, ist eine zweite Wellenfront des Bewußtseins, die
dertfünfzig, aber auf jedem Artikel war außerdem ein in der Vierdimensionalität den gleichen Weg nimmt,
anderer mit Tinte geschriebener Zeitpunkt zu lesen. den ihr selbst vor nicht allzu langer Zeit eingeschla-
Zwei berichteten, Ray und Joe seien den schweren gen habt.“
Verletzungen erlegen, die sie in der mysteriösen Deto- „Zum erstenmal wird es mir jetzt klar“, rief Joe.
nation vom siebenten Juli davongetragen hätten. Der „Man könnte es mit einer Welle vergleichen, die sich
dritte dagegen schrieb, sie wären seit diesem Tag ver- am Ufer bricht. Eine Welle schlägt dagegen, aber eine
mißt und würden von der Polizei als Zeugen gesucht. andere rollt die gleiche Strecke zurück. Napoleon bei
Schweigend reichte Nelva ihnen einen einzelnen Waterloo verkörpert das vierdimensionale Ufer eines
Ausschnitt. Ozeans; in regelmäßigen Abständen hebt sich das Be-
wußtsein und schlägt darüber zusammen. Wir können
Er war vom zwölften November neunzehnhundert-
dann mit der zurückflutenden Welle verschmelzen und
fünfzig datiert und brachte einen Bericht, wonach ein
uns ihr auf ihrem Weg anschließen.“
gewisser Einar Gunnarson zwei Männer einen Gara-
genbau vermietet und die Bezahlung für drei Mona- „Ungefähr kommt es hin“, bestätigte Nelva. „Nur
te im voraus empfangen habe. Als nach Ablauf dieser können jetzt die Umrisse der Kanäle geändert werden
Zeitspanne kein Geld mehr einging, suchte er das Ge- — von der fünften Dimension aus.“ Sie bemerkte den
bäude auf, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Es verdutzten Ausdruck auf Joes Gesicht. „Du mußt es so
war leer, aber in seinem Innern hatte sich eine seltsa- sehen, Joe: Stelle dir die Zeit, unsere normale Zeit, als
me Verzerrung eingestellt. Gunnarson lief zur Polizei einen Punkt vor, der sich mit konstanter Geschwindig-
und brachte die Theorie vor, die beiden jungen Män- keit auf einer geraden Linie entlangbewegt. Die Linie
ner wollten sein Eigentum erstehen und hätten es nur abstrahiert das Zeitkontinuum und der Punkt die Ge-
gemietet, um die seltsamen Störungen zu verursachen, genwart.“
damit niemand anders es benutzen konnte und er ge- „In Ordnung“, warf Joe ein. „Ich habe begriffen.“
zwungen wäre, es zu einem niedrigen Preis zu verkau- „Der bewegliche Punkt verkörpert außerdem das
fen. Bewußtsein“, fuhr Nelva fort. „Vor und hinter ihm
„Zu diesem Ausschnitt existiert kein entsprechen- können sich andere Punkte auf der Linie befinden,
des Exemplar von neunzehnhundertfünfzig oder neun- welche die gleiche Schnelligkeit aufweisen. Sie stellt
zehnhundertdreißig“, erklärte Nelva. „Er stammt von eine universale Konstante dar, ebenso wie die Licht-
neunzehnhundertvierundsiebzig.“ geschwindigkeit.“
„So also macht sich das bemerkbar“, wunderte sich „Das ist einleuchtend“, stimmte Joe zu. „Und die
Ray. „In den ersten beiden kamen Joe und ich um. Im Zeitreise besteht darin, daß man gewisse Teile der Li-
dritten warntest du mich, und wir flohen. Aber wie nie überspringt und an anderen beweglichen Punkten
ist das möglich? Es scheint, als — als hätten wir ei- wieder hineinschlüpft.“
ne Vielzahl von Leben gelebt, deren eines sich bei der „Im Prinzip, ja“, meinte Nelva. „Betrachte jetzt die
Explosion vom Linie als die Kontinuität der Ereignisse, welche der
anderen löste, so daß zwei Personen mich verkör- Punkt des Bewußtseins durchläuft. Er bewegt sich
perten und mein eines Ich starb.“ eher daran entlang, als daß er sie erzeugt. Die Linie
„Nein, so ist es, nicht“, lehnte Nelva ab. „Ich den- ändert sich nicht, wenn der Punkt vorbeigleitet. Wenn
ke, ich kann es euch mit dem verständlich machen, man von den physikalischen Gesetzen ausgeht, besteht
was augenblicklich vorgeht. In diesem Moment befin- überhaupt keine Möglichkeit, um diese Linie von in-
det ihr euch hier und gleichzeitig in der Stadt, wo ihr nen her zu verändern, das heißt, von ihrer geraden
euch genauso verhaltet, wie ihr es bei vollem Bewußt- Bahn abzubringen.“
sein vor l einigen Tagen während der gleichen Minute „Verstanden!“ schrie Joe. „Wenn wir für die Li-
getan habt. In der vergangenen Nacht gelang es dir, nie den Begriff der vierdimensionalen Raumzeit ein-
Ray, sogar, mit dir selbst Verbindung aufzunehmen setzen, dann können die Geschehnisse nur beeinflußt
und dadurch ein Teil deines Unterbewußtseins zu wer- werden, indem man die Linie verläßt, sich in eine an-
den. Die Erklärung ist, daß es , sich dabei um ein Phä- dere Dimension — nämlich die fünfte — begibt und
nomen und eine Eigenheit des Bewußtseins handelt. von dort einen Einfluß ausübt.“
35 TERRA

„Richtig“, nahm Nelva den Faden auf. „Und bis ich Gegenstande plötzlich verschwanden oder aus dem
entdeckte, wie ich mit Hilfe des Zeitreise-Prinzips in Nichts materialisierten.“
die fünfte Dimension eindringen kann, verlief die Li- „Das Haus blieb natürlich in Wirklichkeit an seinem
nie gerade. Jetzt dagegen sieht das Bild so aus: Ein be- alten Platz stehen“, warf Nancy ein. „Lediglich seine
weglicher Punkt passiert eine gegebene Stelle auf der Stellung in der Zeit hatte sich geändert.“
Linie, während sie noch gerade ist. Dann krümme ich
„Mit allen anderen Gebäuden, die uns zur Verfü-
sie ein wenig, und der nächste Punkt folgt der Kurve.
gung stehen, verhält es sich ähnlich“, fuhr Nelva fort.
So lenkte ich beispielsweise die Raumzeit-Linie aus
„Wir kauften sie und entfernten sie aus ihrer Zeitli-
ihrer Richtung ab, als ich euch die Warnung zukom-
nie, mußten sie aber in ihrer räumlichen Umgebung
men ließ, die es euch möglich machte, der Explosion
belassen. Deshalb liegen sie so verstreut. Davon abge-
zu entkommen. — Aber die Zeit vergeht, und ich will
sehen mußten wir sowieso verschiedene Jahre wählen
euch noch einige unserer Forscher vorführen. Ich kann
und darauf achten, daß die Häuser weit voneinander
euch gleich warnen, denn wir haben vor, euch beide in
entfernt standen; denn sonst wäre es aufgefallen, daß
eine Art Übermenschen zu verwandeln. Könnt ihr das
sie alle gleichzeitig verschwanden, obgleich wir, wenn
auf euch nehmen?“
man mit den Begriffen des uns bewußten Zeitablaufs
„Solange es mich nicht derart verändert, daß ich operiert, insgesamt nur eine Woche benötigten.“
mich nicht mehr mit Nancy verbunden fühle, habe ich
Sie lenkte den Wagen durch eine Einfahrt und
nichts dagegen“, gab Joe zur Antwort.
brachte ihn vor einem einstöckigen, aus Ziegelsteinen
„Nichts Derartiges“, wehrte Nelva ab. erbauten Haus zum Stehen.
„Ich möchte es aber von Nancy hören“, bestand Joe.
„Dieses Gebäude beherbergt das große Projekt“, er-
„Na schön, Joe“, lachte Nancy. „Ich werde dich klärte sie. „Ihr werdet Dr. Scott und Dr. Osburn ken-
dann immer noch mögen.“ nenlernen. Soweit ich weiß, sind sie hier.“
„Fein“, grinste Joe. Dann blickte er ihr in die Augen
„Die Tür besitzt ja nicht einmal ein Schloß“, stellte
und fügte ernster hinzu: „Ich hoffe, daß du es wieder-
Joe gutgelaunt fest.
holen kannst, wenn alles vorüber ist — und es dann
auch so meinst.“ „Wir haben es abmontiert“, meinte Nancy. „Wes-
halb sollten wir die Tür abschließen? Außer uns verirrt
17. Kapitel sich niemand in diese Gegend.“
„Und wie ist es damit?“ wollte Joe wissen.
„Dir scheint es Vergnügen zu bereiten, deine Besitz-
Sie folgten mit den Blicken der Richtung, in die er
tümer in der Landschaft zu verstreuen“, beklagte sich
deutete. Ein Kaninchen versuchte geduldig, das Gras
Joe. Warum konntest du die Anlagen nicht an einem
abzurupfen, ohne daß seine Zähne es zu fassen ver-
Punkt gruppieren? Zu eng wäre es bestimmt nicht ge-
mochten.
worden.“
„Oh!“ rief Nancy in gespieltem Ärger. „Es will
„Wir haben unsere Gebäude nicht erbaut“, entgeg-
mich zur Lügnerin stempeln. Das ist eines von Dr.
nete Nelva.
Scotts Versuchstieren.“
„Was? Sie standen schon hier?“ rief Ray.
„Es muß entwischt sein“, vermutete Nelva. „Das ar-
„An ihrem Ort allerdings“, bestätigte Nelva. „Das
me Ding! Es ist sicherlich hungrig.“ Sie näherte sich
Haus, das ich mit Nancy bewohnte, stammt beispiels-
langsam dem Kaninchen, das sie beobachtete und ihr
weise aus dem Jahre neunzehnhundertdreiundvierzig.
mißtrauisch entgegenschnupperte.
Wir schufen lediglich die notwendige Konstruktion
aus Solenoiden, um es in der Zeit vorwärtszubewe- Sie bückte sich bereits und schickte sich an, es auf-
gen und seine Phase zur Zeitfront weit genug zu ver- zunehmen, da entschied es sich, zu fliehen. Als es sich
schieben — beziehungsweise in die fünfte Dimension jedoch abdrückte, sanken seine Hinterbeine in den Bo-
zu verlegen — damit es stehen konnte, wo und wann den ein, als wäre es lockeres Sägemehl. Es landete we-
wir es haben wollten. Der Fall erregte ziemliches Auf- nige Zentimeter entfernt auf der Seite, und Nelva er-
sehen.“ Sie kicherte bei dem Gedanken, und Nancy griff es. Sie richtete sich auf, wobei sie es, im Arm
stimmte ein. „Die Zeitungen veröffentlichten spalten- hielt und hinter den Ohren kraulte, um es zu beruhi-
lange Berichte über den geheimnisvollen Diebstahl ei- gen.
nes ganzen Hauses samt den Betonfundamenten, von „Was für Tiere gab es in Varmour, Nelva?“ erkun-
denen nichts weiter zurückblieb als ein Loch im Erd- digte sich Ray Bradley. „Sie unterschieden sich doch
boden. Die Eigentümer — nämlich wir — verschwan- sicherlich ebenso wie die Pflanzen von denen, die wir
den gleichzeitig. Ich glaube, in eurer Zeit, als die vol- heute kennen.“
le Weite der Realität noch unbekannt war, bezeich- „Du hast recht“, bestätigte Nelva. „Wir haben ei-
nete man solche Vorkommnisse als ,Forteana’, nicht nige als Haustiere mitgenommen, ebenso mehrere in-
wahr?“ teressante Exemplare für die zoologischen Gärten.“
„Ja“, pflichtete Ray bei. „Man kennt Tausende Das Kaninchen fiel plötzlich durch ihre Arme und
von Beispielen für ähnliche Geschehnisse, bei denen purzelte auf den Boden. Einen Augenblick blieb es
Die Zeitfalle 36

dort hocken, ein Umriß aus Licht und Schatten, dann Joe. „Ich möchte mich nämlich zu gern selbst besu-
huschte es davon. chen und mich mit mir über alte Zeiten unterhalten.“
„Jetzt wissen wir wenigstens, wie es entkommen „Stoßen Sie sich nicht an, Joe“, entschuldigte Ray
konnte“, kommentierte Nancy. Dann bemerkte sie die ihn spöttisch. „Diese ganze Zeitreise hat ihn etwas
sprachlosen Mienen der beiden und lachte. mitgenommen.“
„Es gehört zu den Versuchstieren, an denen wir die „Aber keineswegs“, erwiderte Dr. Scott ernsthaft.
nervliche Kontrolle der Zeitreise erproben“, erläuterte „In meinen Augen besitzt er Sinn für Humor. Von mit-
Nancy, „und es muß die Metamorphose durchgemacht genommen kann keine Rede sein.“
haben, während Dr. Scott oder einer seiner Assistenten Ray und Joe sahen sich an und hoben die Brauen.
es trug, denn die Käfige der Versuchstiere sind doppelt „Wir fanden draußen eines der Kaninchen“, wech-
gesichert. Ein Kästchen, das in einem kleinen Hügel selte Nelva das Thema.
vergraben ist, damit es von außen nicht bemerkt wer- „Ich fing es ein, aber es metamorphosierte und ent-
den kann, verhindert ihre Flucht in immateriellem Zu- kam.“
stand. Außerdem lernen die Tiere nur langsam, wie sie
„Dann wird es wohl das gleiche sein, das gestern
bewußt ihren Zustand ändern können.“
entwischte, als ich es zum Tisch hinübertrug, um es
„Dieses muß es jedenfalls gewußt haben“, bemerkte zu untersuchen“, vermutete Dr. Osburn. „Schade, wir
Nancy. „Als es sich von seinem Schrecken erholt hat- haben viel Zeit und Mühe darauf verwandt. Es wird
te, erinnerte es sich daran und entschlüpfte dir, Nelva.“ uns kaum gelingen, das Tier wieder in die Hände zu
„Das kann man wohl sagen“, versetzte diese, wäh- bekommen.“
rend sie die Eingangstür aufstieß und voranging. Nan- „Jedenfalls hat es seinen Zweck erfüllt“, ergänzte
cy, Ray und Joe folgten ihr. Dr. Scott heiter. „Wir haben vieles von ihm gelernt.“
Sie standen in einem leeren Vorraum. Vor sich er- Er lächelte Ray und Joe an. „Wir werden unsere Erfah-
blickten sie den offenen Eingang eines Korridors, der rungen ja schließlich auch benötigen, wenn wir euch
die ganze Länge des Gebäudes einnahm. beide operieren.„
Hinter Nelva durchschritten sie einen Teil des Kor- „Operieren?“ entsetzte sich Joe. „Aber nicht doch;
ridors und wandten sich dann in einen Seitengang. Er ich bin kein Kaninchen. Im übrigen fühle ich mich
führte in einen großen Raum. kerngesund und verspüre gar kein Verlangen nach ei-
Zwei grauhaarige Männer standen an einem Fen- ner Vivisektion.“
ster und unterhielten sich leise. Als die vier eintraten, „Sie haben mich falsch verstanden“, beruhigte ihn
blickten sie auf, und ein freundliches Lächeln überzog Dr. Scott. „Wir wollen Ihnen die Fähigkeit verleihen,
ihr Gesicht. „Guten Morgen, Nelva, Nancy“, begrüß- mittels unmittelbarer Gehirnkontrolle beliebig in der
ten sie wie aus einem Munde die Ankömmlinge. „Und Zeit zu reisen oder sie zu verlassen, wie das Kanin-
bei diesen jungen Männern handelt es sich sicherlich chen es vermochte.“
um Ray Bradley und Joe Ashford.“ Ray und Joe wandten sich um und blickten Nelva
„Sie sind es“, nickte Nancy. „Dies ist Joe — Dr. fragend an, die zustimmend nickte.
Scott, Dr. Osburn. Und das ist Ray.“ „Das war es, was ich meinte, als ich erwähnte,
Die beiden Ärzte schüttelten ihnen feierlich die ihr würdet in Übermenschen verwandelt werden“, be-
Hände. stätigte sie. „Ihr braucht keine Angst zu haben; es
Dr. Scott besaß ein schmales, fast pergamentenes ist vollkommen ungefährlich, aber andererseits unbe-
Gesicht. In seiner Magerkeit verkörperte er den unver- dingt notwendig für unsere Pläne, wenn wir Erfolg ha-
kennbaren Typ des Gelehrten. Die Haut Dr. Osburns ben wollen.“
dagegen hing stellenweise schlaff herab und wies auf „In welcher Form werden Sie es durchführen?“
eine frühere Beleibtheit hin, die sich mit den Jahren wollte Ray wissen. „Verbinden Sie die Nervenstränge
verloren hatte. mit Kontrolldrähten?“
„Wir beide haben etwas gemeinsam, auf das Sie „Sie haben es erraten, Ray“, erwiderte der Arzt.
bestimmt nicht kommen werden“, zwinkerte letzterer, „Wir gehen in zwei Phasen vor, deren erste man als
während er Ray die Hand reichte. „Ich bin neunzehn- Vorbereitung des Nervensystems bezeichnen könnte.
hundertfünfundzwanzig geboren, und wenn man Ihr Dabei operieren wir, legen die Nervenenden frei, wel-
Aussehen und die Tatsache, daß Sie ein halbes Jahr- che später die Kontrolle ausüben sollen, und befesti-
hundert übersprungen haben, in Betracht zieht, müß- gen sie an Instrumenten, von denen sie beeinflußt wer-
ten Sie etwa der gleichen Zeit entstammen.“ den — etwa, wie man einen Lichtschalter dreht oder
„Neunzehnhundertfünfundzwanzig ist auch mein eine Glocke läutet. Diese Beeinflussung ist spürbar,
Geburtsjahr!“ rief Ray überrascht aus. „Jetzt will ich aber harmlos. Anschließend kommt eine Zeit für euch,
aber verdammt sein! Ich bin fünfundzwanzig und in der ihr das lernen werdet, was ihr später tun müßt,
Sie fünfundsiebzig, und doch wurden wir beide im bis wir sicher sind, daß ihr nicht mehr dabei in Ver-
gleichen Jahr geboren.“ „Vielleicht kann mir mein wirrung geratet. Dann werden die Drähte mit den So-
Wunsch nun doch noch erfüllt werden“, meldete sich lenoiden verbunden und an die wichtigen Punkte eures
37 TERRA

Körpers verpflanzt, so daß ihre Felder euch völlig ein- ihn her, indem wir nacheinander eine Reihe von Kup-
schließen. Wenn alles vorbei ist, deutet nichts auf ihr fermetallen mischen, deren Phasen ein wenig verscho-
Vorhandensein hin, aber Sie vermögen sich dann al- ben sind.
lein mittels der Befehle Ihres Gehirns in der Zeit vor- Wir verwenden ihn dazu, Gegenstände in die fünf-
und rückwärts zu bewegen. te Dimension zu senden. Wir legen sie darauf und
Aber nun kommen Sie bitte. Sie sollen einen Ein- schicken den Würfel los: am Ende fallen sie hindurch
druck von unserer Arbeit und den Tieren gewinnen, und stürzen, soweit wir wissen, auf den Mittelpunkt
an denen wir unsere Techniken vervollkommnet ha- der Erde zu.“
ben, ebenso wie von dem Laboratorium, in dem Dr. Ray griff danach, zögerte aber und sah Dr. Osburn
Osburn und seine Helfer die Solenoiden herstellen und fragend an.
testen.“
„Sie können ihn ruhig in die Hand nehmen, Ray“,
Die Ärzte führten sie in einen anstoßenden Raum
meinte dieser. „Er wird Sie nicht verletzen. Wir ha-
von viereinhalb Meter Breite und fast zehn Meter Län-
ben übrigens durch spektroskopische Studien, die wir
ge. Es war ein unheimlicher Ort. Auf einem schatten-
während verschiedener Materialisationsstufen durch-
haften Hügel, der sich bis in Kopfhöhe erhob, wuchsen
führten, festgestellt, daß die meisten Stoffe zum
gespenstische Gräser und Krauter. Sie gingen um den
großen Teil aus phasenverschobener Materie beste-
Fuß des Erdwalls herum.
hen.“
„Wir können nicht hineintreten, ohne unsere Pha-
se zu verändern“, erklärte Dr. Scott, „es sei denn, wir Ray hob den Kupferwürfel hoch. Er war nicht unge-
schlängeln uns unter der Decke durch, aber wie Sie wöhnlich schwer und unterschied sich auch nicht von
sehen, brauchen die Tiere in den Käfigen sich nicht gewöhnlichem Kupfer. Er kleidete diesen Eindruck in
dieser Mühe zu unterziehen. Einige von ihnen befin- Worte.
den sich in unserer Phase, andere in der soliden Welt. „Man kann den Unterschied nur auf eine einzige Art
Sie haben zum Teil schon gelernt, sich beliebig hin- feststellen“, gab Dr. Osburn zur Antwort. „Wenn man
und herzubewegen, wie das Kaninchen, das entkom- ein Stück davon nimmt, es wiegt und in Säure auf-
men ist. Wir hatten nicht vermutet, daß es schon so löst, wird man bemerken, daß etwa ein Drittel auf un-
weit sein könnte, sonst wären wir vorsichtig genug ge- erklärliche Weise verschwunden ist. Dabei handelt es
wesen, es mit Gas einzuschläfern, ehe wir es aus sei- sich um die phasenverschobenen Teile, die keine che-
nem Käfig nahmen.“ mische Verbindung eingehen können. Ein Rest würde
Dr. Osburn führte sie durch den Korridor in einen übrigbleiben, einiges würde sich in dem Reagenzglas
weitläufigen Raum, der auf jeder Seite Werkbänke und oder der Schale, welche die Säure enthält, niederschla-
Instrumente aufwies. gen. Eine zweite Möglichkeit, die allerdings praktisch
für uns ausfällt, wäre, die Atome durch ein Zyklotron
„Alle nur vorstellbaren Experimente werden hier
zu jagen. Man erhielte eine abnorm hohe Konzentra-
durchgeführt“, ließ sich Dr. Osburn enthusiastisch ver-
tion von Mesonen, weil diese Kernteilchen die meiste
nehmen. Seine Augen blitzten in jugendlichem Feu-
phasenverschobene Materie enthalten.“ „Wir haben al-
er. „Ein Teil mißlingt, aber nicht alle. Wir haben bei-
so hier einen Kupferwürfel von vielleicht dreieinhalb
spielsweise versucht, weiter in die fünfte Dimension
Zentimeter Kantenlänge vor uns“, präzisierte Joe, „der
einzudringen, aber es ist eine kitzlige Angelegenheit.
in der fünften Dimension über anderthalb Meter ,lang’
Die ausgesandten Solenoiden fallen stets auf den Mit-
ist. Es ist, als nehme man einen Draht und ziehe ihn
telpunkt der Erde zu.“ Er gluckste. „Bis jetzt hat noch
in der fünften Dimension auseinander. Gibt es nun ei-
keiner von uns den Mut aufgebracht, das Risiko auf
gentlich einen Weg, um ihn wieder in die gewohnten
sich zu nehmen und selbst zu gehen. Es wäre denkbar,
dreidimensionalen Maße zu verschieben? Oder bleibt
daß es keine Möglichkeit gibt, von dort unten zurück-
er unverändert, wenn er ein fünf-dimensionales Feld
zukommen.“ Er ging zu einem langen Tisch hinüber,
durchlaufen hat und daraus zurückkehrt?“
auf dem mehrere schimmernde Geräte lagen.
„Hier seht ihr das eigentliche Projekt vor euch“, be- „Aha“, zwinkerte Dr. Osburn verschmitzt. „Sie sind
merkte er. „Wir stellen Legierungen aus Substanzen gerissen, denn Sie haben unser größtes Geheimnis be-
her, die um ein geringes phasenverschoben sind, und rührt — die Zeitfalle. Aber darüber werde ich Ihnen
testen sie. Wir haben bereits einige interessante Resul- nichts verraten, bevor wir Sie in der Mache gehabt ha-
tate erzielt. Materialien, die in jeder Ebene fest sind ben. Sie haben also drei Tage Zeit, um zu raten.“
oder, mit anderen Worten, zeitunabhängig. Zum Bei-
spiel dieses Instrument.“ Er deutete auf einen Würfel 18. Kapitel
aus Kupfer. „Es sieht bestimmt nicht danach aus, und
doch stellt es unser Sprungbrett in die fünfte Dimen- Es gibt Erfahrungen im Leben, welche niemals die
sion dar. Seine Teile existieren auch im dreidimensio- Atmosphäre der Realität verlieren, so phantastisch sie
nalen Raum, aber in der fünften Dimension ist dieser auch sein mögen. Andere dagegen erscheinen bereits
Würfel über anderthalb Meter lang — wie ein Sprung- unwirklich, fast wie ein Traum, noch während sie ihre
brett, das über ein Schwimmbecken ragt. Wir stellen Wirkung ausüben, und dieses Gefühl hält selbst dann
Die Zeitfalle 38

noch an, wenn sie vorüber sind und ihre Tatsächlich- und jener schreckliche Augenblick dir bevorsteht, der
keit nicht länger zu bezweifeln ist. Eine dritte Sorte vor Stunden, in der Stille der Nacht, noch ein gemäch-
schließlich verstrickt den Menschen unerbittlich in ih- lich und entfernt dahintreibender Gedanke war. Fei-
re Netze, wobei sie die gleiche unpersönliche Unver- ge Gedanken an Flucht, die unter der Maske der Ru-
meidlichkeit an den Tag legt wie ein Erdrutsch, vor he versteckt werden müssen, damit Nelva und Nancy
dem es kein Entrinnen gibt. nicht argwöhnen, du seist nichts weiter mehr als eine
Du schlenderst vielleicht einen grasbewachsenen ausgehöhlte
Saum entlang, der dir in seiner Breite genügend Si- Hülle — Lichter und die Äthermaske, die sich über
cherheit bietet, so daß du dir keine Sorgen über den dir abzeichnet.
jähen, hundert Fuß tiefen Absturz zur Talsohle zu
„Atmen Sie jetzt tief.“ Und Dr. Scotts Gesicht blickt
machen brauchst, aus der du gerade emporgeklettert
auf dich herab — es ist jetzt ein anderes Gesicht. Das
bist. Während du vorwärts schreitest, erhebt zu dei-
Gesicht eines Mannes, der im Begriffe steht, das zu
ner Rechten der steile Abhang sich höher und immer
tun, wofür er lebt — kein alter Mann mehr. Ein Chir-
höher, bis sein Kamm in den Wolken verschwindet.
urg im Operationssaal.
Und dann dringt plötzlich ein Dröhnen an deine Oh-
ren — ein unwirkliches Dröhnen, das eine Trommel ,Ich liege wieder im Bett’, denkst du. ,Aber was hält
sein mag, eine eherne Glocke oder vielleicht ein Fel- mich so fest?’ Du schlägst die Augen auf und siehst
sen, der auf einen anderen geprallt ist. die Riemen, die deine Handgelenke festhalten, die
Du blickst nach oben, den Abhang hinauf und be- Röhren, die in deinem Fleisch verschwinden und aus
merkst den Erdrutsch in seiner ganzen Unwirklichkeit, denen Drähte zu roten Lämpchen und blauen Lämp-
eine Lawine aus Lehm und Felsgestein und entwur- chen und kleinen Plastikkästen laufen, in denen Sum-
zelten Bäumen, die nach unten donnert. Noch ist sie mer sichtbar sind. Und eines der blauen Lämpchen
Hunderte von Metern entfernt, noch bleibt dir Zeit, flackert, starrt dich wieder an, verlischt, dann. Und ir-
nach vorn, nach hinten zu fliehen. Aber nein — die- gend etwas in deinem Gehirn sagt dir, daß du das getan
se Irrealität erweitert sich zu einem breiten, reißenden hast — mit deinen Gedanken!
Strom, der sich in beide Richtungen wälzt und dich Endlose, durstgequälte Stunden, in denen du lernst,
von der eben noch sicheren Rettung abschneidet. Du alle blauen Lämpchen auf einmal einzuschalten — au-
drehst dich nach rechts, du drehst dich nach links. Je- ßer zweien, dann einem, und endlich gehorchen sie dir
de mögliche Bewegung birgt den Tod in sich. Und so alle. Und die roten Lämpchen. Und du weißt, daß es
bleibst du schließlich stehen und fügst dich in das Un- zwei Arten von Glocken gibt. O ja, du lernst alles.
entrinnbare. Du kannst nichts mehr tun. Rote Lämpchen. Blaue Lämpchen. Schrille Glocken.
Trotz des ruhigen, fast fröhlichen Anscheins, den Tiefe Glocken. Rote Lämpchen, blaue Lämpchen, ho-
sie sich gaben, durchliefen Ray und Joe in vieler Hin- he Noten, tiefe Noten. Rot — materialisieren, blau —
sicht die gleiche Folge emotioneller Stadien. Sie setzte dematerialisieren, zwei — vorwärts-in-der-Zeit, eins
mit derselben Plötzlichkeit ein, als sie zu einem nahe- — zurück-in-der-Zeit.
gelegenen Haus geführt wurden, nachdem sie das La- „Schlecht! Ein rotes Lämpchen ist aufgeflackert, als
bor verlassen hatten; als ihnen ein Zimmer mit zwei du den tiefen Summer betätigt hast. Versuch es noch
Krankenhausbetten angewiesen wurde — und als Nel- einmal. Es muß automatisch und unfehlbar klappen.
va und Nancy ihnen beherrscht eröffneten, daß das Entspannen. Entspannen!“
Abenteuer jetzt zunächst vorbei sei. Es war Zeit für Und schließlich öffnest du die Augen. Die Röhren
sie, sich niederzulegen und sich auf die erste Operati- mit ihren Drähten und die Lämpchen und die Summer
on vorzubereiten. sind verschwunden. Du fühlst dich ausgeruht. Nelva
„Es ist notwendig, daß es sofort geschieht“, teilte und Nancy lächeln auf dich herab.
Nelva ihnen mit. „Ihr werdet durch Nervenrelais in
Plötzlich überfällt dich die Erinnerung. Du ver-
langen Stunden lernen müssen, Glocken erklingen und
spürst Furcht vor dem, was geschehen könnte. Dann
Lichter aufzucken zu lassen; während weiterer langer
ist die Furcht
Stunden müßt ihr euch an die Fähigkeit gewöhnen, al-
lein durch Gedankenbefehl von einer der fünf Dimen- abrupt verschwunden. Zu gründlich waren die Stun-
sionen in die nächste zu wechseln. Alles das hat in den des Trainings. Es gibt nichts, wovor du Angst ha-
der Minute vorüber zu sein, in der der Zeitstrom jenen ben müßtest — nur ist der Revolver jetzt geladen. Kei-
Augenblick erreicht, in dem wir in dem Lokal zum er- ne Fehlschüsse mehr. Keine roten Lämpchen und blau-
stenmal zusammentrafen.“ en Lämpchen und Summer.
Und so begann es. Ohne Essen schleicht die Zeit „Halt, bleib hier“, spottet Nelva gutmütig, und dir
dahin — du erwägst und verwirfst die Alternativen. wird klar, daß du in allen fünf Dimensionen herum-
Schlafmittel und unruhiges Dahindösen unter Schlaf- geschwirrt bist. Aber wie konnte sie dasselbe tun? Du
mitteln, die dir plötzlich die letzten kostbaren Stunden setzt dich im Bett auf, als die Wahrheit dich wie ein
rauben, indem sie dich in tiefen Schlaf versenken, so Schlag trifft und fragst dich, warum es dir nicht stets
daß im nächsten Moment der Morgen angebrochen ist klar war.
39 TERRA

„Du vermagst es auch!“ rief Ray. „Natürlich“, mur- „Verflucht!“ knurrte der Mann. „Ich hatte wenig-
melte Nelva. Ihre Augen wurden weich. „Jetzt sind wir stens gehofft, hier dabei zu sein.“
zu viert. Du und ich und Nancy und Joe.“ Nachdem er gegangen war, beobachtete Craig wei-
Plötzlich wußte Ray, wie einsam und allein Nelva ter versteckt Ray und Joe. Er folgte ihrem Blick, als
gewesen war. Er streckte die Anne aus, und Nelva ku- sie die beiden Mädchen entdeckten und er erkannte
schelte sich hinein. sie augenblicklich als Nelva und Nancy.
Nach einem Augenblick befreite sie sich wieder. Als Ray und Joe von den Barhockern glitten und ge-
„Aber jetzt müssen wir den großen Augenblick vor- mächlich hinübergingen, überlegte Craig, ob er sofort
bereiten. Hier besitzt alles fünfdimensionale Stofflich- anordnen sollte, die Paralysatoren auf die beiden Mäd-
keit. Im gleichen Raum stehen zwei Häuser und zwei chen zu richten, oder ob er noch warten sollte. Er ent-
Betten, damit du nicht beim Erwachen in Schwierig- schied sich zu warten, bis Nelvas und Nancys Wach-
keiten gerätst, bis du dich daran gewöhnt hast. samkeit in den ersten Augenblicken, in denen sie Ray
Uns bleiben noch annähernd acht Stunden, in denen und Joe gegenübersaßen, nachgelassen hatte.
ihr beide — du und Joe — einige Kleinigkeiten, die In dem Moment, in dem Nelva ihre Hand auf Rays
ihr zu beachten habt, lernen und euch mit eurer neuen Arm legte, hielt Craig die Zeit zum Handeln für ge-
Fähigkeit vertraut machen könnt. Wir müssen in dem kommen.
Augenblick wieder in das Lokal zurückkehren, in dem
„Jetzt“, zischte er. Mit ihm erhoben sich seine drei
wir verschwunden sind, denn dort setzen unsere Pläne
Gefährten, zogen die Paralysepistolen und richteten
ein. Ich muß euch außerdem noch zuvor in eure Rollen
sie auf die vier in der Nische, die vielleicht sechs Me-
einweihen.“
ter entfernt sein mochte. Als Craig auf den Knopf sei-
ner Waffe drückte, sah er, wie die vier Gestalten ver-
19. Kapitel schwammen und unsichtbar wurden.
Craig Blanning, dessen Züge sorgfältig verändert Während Craig wie der Blitz auf die jetzt leere Ni-
waren, so daß weder Ray noch Joe ihn erkannt hät- sche zulief, zog er einen kleinen kompakten Gegen-
ten, fuhr in raschem Tempo hinter dem Wagen her, in stand aus der Tasche, legte ihn auf einen der Sitze und
dem Ray Bradley und Joe Ashford ihrem Rendezvous zog einen Bolzen heraus.
mit Nelva entgegeneilten. Die drei Mädchen und zwei Die Kleinheit des Gegenstandes täuschte. Es han-
Männer, die außer ihm in dem Auto saßen, gehörten delte sich dabei um eine Bombe, die dazu konstruiert
alle den Hütern an. war, einem induzierten Zeitstrom zu folgen und zu ex-
Der Rundfunk brachte in kurzen Abständen knap- plodieren, wenn sie auf Materie traf.
pe Berichte über den Weg, welchen Ray und Joe ein- Sie stellte Craigs Trumpf dar, denn in welche Zeit
schlugen. Sie wurden von den Sendern verborgener Nelva sich auch wandte, die Bombe würde ihr folgen
Streifenwagen ausgestrahlt. und sie zerreißen. Er wartete fieberhaft darauf, daß sie
So war die Situation, als Ray und Joe — anschei- verschwinden würde. Statt dessen blieb sie jedoch lie-
nend in einem plötzlichen Einfall — beschlossen, an gen.
der nächsten Raststätte zu halten und etwas zu sich zu Craig sprang entsetzt zurück, denn er wußte, daß
nehmen. Craig befand sich kaum achthundert Meter ihr Zünder nach dem Ablauf von zehn Sekunden ak-
hinter ihnen. So vermochte er ebenfalls in die Ausfahrt tiviert werden und die Ladung entfesseln würde. Fand
einzulenken, zu parken und zugleich mit den beiden die Explosion nicht in der Zeit statt, dann hier.
das Lokal zu betreten. Noch während er zum Ausgang floh, beschäftigten
Für einen kurzen Augenblick erfaßte ihn ein Gefühl sich seine Gedanken mit dem Problem. Warum war
der Panik, als Ray ihn im Eingang anrempelte, aber die Bombe den vieren nicht gefolgt? Wie hatten sie
offensichtlich schien er ihn nicht erkannt zu haben. es fertiggebracht, zu verschwinden, ohne irgendeine
Drinnen setzte sich Craig mit seiner Gruppe an Zeitreiseausrüstung zu besitzen?
einen Tisch, von dem aus er Ray und Joe unauffällig Die Detonation packte ihn mit ihrer Druckwelle und
überwachen konnte. schleuderte ihn in die Menschen, die an den Tischen
Hier kam ihm der Einfall, die beiden ihres Wagens saßen. Er verlor das Bewußtsein. Als er wieder zu
zu berauben. Er erläuterte den Plan einem seiner Män- sich kam, vernahm er als erstes das Heulen von Sire-
ner, und als Ray sich erhob und zur Toilette ging, folg- nen. Langsam richtete er sich auf, ging hinüber zu den
te der Mann ihm. Er kehrte verblüfft mit den Auto- Trümmern, die von der Nische übriggeblieben waren.
schlüsseln zurück. Es war zu einfach gewesen. Hinter ihm klangen die Schreie der Verletzten auf. Die
„Dann beabsichtigt er also, sich hier mit Nelva zu Polizei gesellte sich ihm schnell zu. Andere Polizisten
treffen“, folgerte Craig. „Für alle Fälle wollen wir uns bemühten sich um die Verwundeten.
jedenfalls vorsehen. Nimm den Wagen, und falls dies „Hören Sie“, wandte sich Craig an den leitenden
doch nicht der Ort sein sollte, werden wir sie schon Polizeioffizier, wobei er ihm das Abzeichen vorwies,
überreden, mit uns zu ihrem Ziel zu fahren.“ das ihn identifizierte, „lassen Sie niemanden an die
Die Zeitfalle 40

Stelle heran, an der die Explosion stattfand, und sor- Vargia schließlich fort. „Warum habt ihr nicht ver-
gen Sie dafür, daß ich so schnell wie möglich in die sucht, Nelva zu töten, bevor es ihr möglich war, euch
Stadt zurückkomme. Ich muß schleunigst in der vargi- die beiden Männer zu entführen? In diesem Fall hätte
schen Zentrale Bericht erstatten.“ sie höchstens auf ein Entkommen hoffen können und
Das Abzeichen bewirkte, daß man sofort Anstalten von neuem versuchen müssen, sich mit dem Gegen-
traf, seinem Wunsch nachzukommen. stand ihrer Gefühle in Verbindung zu setzen. Jetzt hal-
„Bleibt hier, bis ich zurückkomme“, befahl Craig tet ihr nicht einmal dieses Pfand mehr in den Händen
seinen Helfern. Er stellte sie dem Offizier vor und saß — nichts, außer vielleicht einer schwachen Zeitspur,
einen Augenblick später geduckt neben dem Fahrer die in einen Bereich führt, über den wir nichts wis-
des Streifenwagens, der bei fast fünfhundert Stunden- sen.“
kilometern Geschwindigkeit der Stadt entgegenraste. „Aber wir werden andere Gelegenheiten haben“
Noch bevor sie die Stadtgrenze erreichten, hatte er versicherte Craig eifrig. „In ihm besitzt sie das, was
sich mit der Zentrale in Verbindung gesetzt und klärte sie zur Ausführung ihrer Pläne benötigt. Wir können
sie kurz über den Ausgang seiner Mission auf. zufassen, wenn sie auftaucht.“
Fünfzehn Minuten später stand er vor dem Tisch, „Unsinn“, versetzte Vargia heftig. „Ihre Pläne hän-
um den die Vargier saßen. Sie lauschten ihm mit ern- gen nicht an einem einfältigen Wilden aus der Vergan-
sten Mienen und stellten wiederholt Zwischenfragen. genheit. Für mich steht fest, daß sie sich in ihn verliebt
„Die Zeitbombe blieb einfach liegen, sagten Sie?“ ver- hat. Er war der beste Köder, mit dem ihr sie jemals an-
gewisserte sich einer von ihnen. locken konntet — und sie entkam euch damit. Pah!“
„Ja, so ist es“, bestätigte Craig. „Dafür kann es nur
eine Erklärung geben“, ließ sich ein anderer verneh- „Ich habe Euer Mißfallen erregt“, folgerte Craig
men. „Nelva hat irgendein Realitätsfeld entdeckt, das steif.
wir mit unseren Mitteln noch nicht erreicht haben. Da- „Allerdings“, bestätigte Vargia kalt.
mit würde auch verständlich, weshalb wir sie auf un- Die anwesenden Vargier hoben erwartungsvoll den
serer Suche nicht aufgespürt haben.“ Blick und beobachteten fasziniert, wie Craig seinen
„Die Mathematiker haben stets behauptet, es müsse Paralysator aus der Tasche zog und die Einstellung auf
noch andere Dimensionen geben“, stimmte jemand zu. „tödlich“ verschob.
„Es ist jetzt unsere Aufgabe, unsere Apparate darauf
einzustellen und ihre Spur aufzunehmen. Ganz gleich, Sein Gesicht war bleich, als er die Röhre hob und
was sie für einen Mechanismus benutzt hat, das Kraft- an die Stirn setzte. Sein Finger legte sich auf den Feu-
feld, das sie einen Augenblick vor ihrem Verschwin- erknopf.
den aufbaute, muß noch feststellbar sein, und unsere Aber plötzlich sprang einer der Vargier erregt auf
Instrumente können ihm folgen und seine Wesensart ihn zu. Im gleichen Augenblick entglitt die Strahlen-
bestimmen.“ röhre Craigs Griff, flog durch die Luft zu dem Vargier
„Jedenfalls müssen wir uns beeilen“, gab sein Ge- hinüber und Ray Bradley materialisierte neben Craig.
genüber zu bedenken. „Eine Zeitspur läßt sich verwi- Seine Hand streckte sich nach Craigs Arm aus, um ihn
schen und wenn sie eine uns unbekannte Realität auf- zu packen und in den i-Zeitstrom zu reißen.
gesucht hat, dann ist es auch möglich, daß sie unser Der Vargier fingerte hastig an dem Paralysator, um
Tun zu beobachten vermag. Vielleicht hält sie sich so- den Strahl auf halbe Stärke zu verstellen, dann richte-
gar in diesem Moment ungesehen hier auf.“ te er ihn auf Ray und bannte ihn mit der lähmenden
„Unser extra-temporales Auge wird uns kaum hel- Strahlung an die Stelle.
fen“, bemerkte ein anderer trocken, als die Vargier sich
Ray suchte den Finger von dem Schalter in sei-
unbehaglich umblickten.
ner Tasche zu nehmen, um verschwinden zu können.
Plötzlich war in dem Raum keine Stimme mehr zu
Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn vor An-
vernehmen. Ein Wandkommunikator war zum Leben
strengung, aber er vermochte den Griff nicht zu lösen.
erwacht, und auf seinem Schirm zeigte sich das glei-
che Gesicht, das in der ganzen Stadt aus Hunderten Der Vargier hielt mit blitzenden Augen die Paraly-
von Spionschirmen auf die Menschen hinunterblickte sewaffe auf ihn gerichtet.
— das Gesicht Vargias, der Königin. Nur war es hier „Nelva ist nicht dumm genug, um zu versuchen, ihn
nicht unbeweglich, sondern lebendig. zu retten“, ließ sich Vargia vernehmen. „Sie weiß um
Wie auf ein Zeichen hin erhoben sich alle Anwe- die Gefahr des extra-temporalen Auges, das die Er-
senden, verbeugten sich tief und verharrten in die- eignisse voraussehen kann, die eintreten werden, aber
ser Haltung. Vargia musterte sie durch die Zweiwege- ihr Liebhaber nicht — der Narr. Vielleicht hat er sie
Television. jetzt um den Sieg gebracht, denn sie wird alles daran-
„Ihr habt sie also fast in die Hände bekommen“, setzen, um ihn zu befreien.“ Ihre Stimme wurde kühl
stellte sie scharf fest. Mit unverhohlener Befriedi- und gebieterisch. „Durchsucht ihn und nehmt ihm die
gung registrierte sie das Zittern der vargischen Füh- Apparate ab, die es ihm möglich machten, zu mate-
rer. „Ich habe euren Besprechungen zugehört“, fuhr rialisieren. Seine Hand in der Tasche — sie liegt •
41 TERRA

wahrscheinlich auf einer Sicherheitsvorrichtung, die „Vielleicht“, erwiderte er schließlich unbestimmt.


den Mechanismus kontrolliert.“ „Aber zunächst — was hältst du hiervon?“
Craig Blanning schlitzte die Tasche sorgfältig auf. Er hob die Hand und deutete mit einem Finger auf
Es fand sich nichts darin. den Vargier, der ihm am nächsten stand. Der Mann ge-
,Das ist es’, durchfuhr es Ray, als er in den großen hörte zu denen, die weißes Haar und ein leuchtendes
Audienzsaal der vargischen Königin gestoßen wurde. drittes Auge aufwiesen. Dieses Auge trübte sich lang-
sam.
Er bewunderte die gewaltige Größe der Halle. Ihr
Im Zeitraum eines Atemholens veränderte es sich
Boden bedeckte nahezu einen halben Hektar. Die
und wurde immer kleiner, bis nur noch die glatte Haut
Wände bestanden aus Marmor. Die weite, kuppelähn-
vorhanden war. Kein Anzeichen deutete auf das Auge
liche Decke wölbte sich, nur von den Wänden getra-
hin, das früher dort gesessen hatte und die Stirn glich
gen, nach oben.
der eines normalen Menschen.
In Rays Zeiten hatte der Mensch noch kein solches Entsetztes Keuchen wurde um Ray vernehmbar.
Werk geschaffen. Widerwillig gestand er sich ein, daß Dieser blickte zu der Königin hoch. Ihr Gesicht war
ihn der Anblick der Königin beeindruckte, die am fer- von schrecklicher Furcht verzerrt.
nen Ende der Halle auf einer Estrade stand. Sie wirkte
Abrupt riß sie den Paralysator hoch und krümmte
verschwindend klein in dem gewaltigen Raum und ge-
den Finger. Aber Ray hatte die Bewegung kommen
wann doch durch die bloße Tatsache an Größe, daß sie
sehen und verschwand. Nelva, Nancy und Joe waren
ihn zu beherrschen und im Brennpunkt seiner Größe
jetzt wieder für ihn sichtbar, die weite Halle ein Bau
zu stehen vermochte.
aus Schatten und Ungewissem Licht.
Ihr zentrales Auge erschien wie ein strahlendes Ju- „Wenn du deine Waffe fallen läßt und deinen Leu-
wel. In ihren Zügen tobte sich der Kontrast widerstrei- ten befiehlst, keinen Versuch zu unternehmen, mich
tender Gefühle aus. Königlich und tödlich. Ihm wur- zu überrumpeln“, sagte er, „werde ich zurückkommen
de bewußt, daß er einer Frau gegenüberstand, die der und meine Botschaft zu Ende bringen.“
Sucht des Tötens nachgeben konnte, und es zweifel-
Vargia zögerte und gehorchte dann. Ihr Gesicht war
los viele Male getan hatte. Sie besaß die Macht und
jetzt eine Maske aus Haß und Zorn.
die Autorität, um sich selbst Gesetz zu sein.
Ray nahm seine frühere Stellung ein, und plötzlich
Schließlich hatte er den Fuß der Estrade erreicht, besaßen Licht und Schatten wieder Stofflichkeit und
auf der sie vor dem Hintergrund ihres Thrones stand. die drei waren unsichtbar.
Die Vargier, die ihn getragen hatten, stellten ihn auf
„Wie lautet deine Botschaft?“ fragte Vargia frostig.
die Füße und stützten ihn. Der Paralysestrahl hielt ihn
„Sie ist sehr kurz“, antwortete Ray. „Du hast gese-
immer noch gefangen, aber dennoch wußte er, daß er
hen, was ich mit dem extra-temporalen Auge zu tun
verschwinden konnte, wenn er es wollte — durch blo-
vermag. Ich kann dir das gleiche zufügen, und ich bin
ße Willenskraft.
nicht allein. Du hast mich nach verborgenen Appara-
Die Königin zog eine blitzende Paralysewaffe, die ten durchsuchen lassen. Du fandest keine, weil keine
sie auf ihn richtete, und befahl dem Vargier, seinen Pa- existieren. Trotzdem ist es mir möglich, in der Zeit
ralysator wegzustecken. vorwärts oder rückwärts zu springen — Sekunden,
In ihren Augen flackerte der Funke des Sadismus, Stunden oder Jahre. Ich kann es, wenn ich es will.
als sie den Abzug weiter und weiter durchdrückte. Der Ich kann es auch, während deine Paralysatoren
stechende Schmerz riß Ray an jeder Nervenfaser; der mich hilflos an die Stelle bannen, unfähig, ein Glied
Schweiß brach ihm aus allen Poren. Dennoch wider- zu rühren.
stand er der Pein und wartete. Er wußte, daß Vargia Ich hätte jederzeit fliehen können. Ich kam freiwil-
ihn nicht töten würde. lig, um dir zu sagen, was auf dich und alle Vargier
Endlich schien sie des grausamen Spiels genug zu wartet.“
haben und schwächte den Strahl so weit ab, daß er „Nichts“, widersprach Vargia. „Die Zukunft zeigt,
kaum noch zu verspüren war. Kaltes Zweckbewußt- daß uns kein Verhängnis droht. Was du auch planst, es
sein ersetzte den Sadismus in ihrem Blick. wird fehlschlagen.“
„Du wirst mir jetzt das Geheimnis der Erfindung „Ich denke, du weißt es anders“, erwiderte Ray. „Du
mitteilen, die es Nelva und Nancy ermöglichte, mir bist dir bewußt, daß selbst diese Zusammenkunft an-
zu entkommen“, forderte sie gelassen. „Wenn du dich ders verläuft, als sie vor zwanzig Jahren vorausgese-
nicht sträubst und dich willig zeigst, wirst du dir Mar- hen werden konnte — und deine Wissenschaftler ken-
tern ersparen und dir vielleicht eine Belohnung verdie- nen weder den Grund, noch vermögen sie zu erraten,
nen, die deine Erwartungen bei weitem übersteigt.“ was vorgeht.“
Der Augenblick war gekommen. Ray zögerte für ei- „Ich muß gestehen, daß das zutrifft“, antwortete
ne oder zwei Sekunden und dachte dabei, er müsse Vargia zögernd. „Also gut, was hast du mir zu sagen?“
doch eine sardonische Natur besitzen, um das Kom- „Nichts weiter, als daß eine Zeitfalle für euch gelegt
mende innerlich so auszukosten. worden ist“, erwiderte Ray lakonisch.
Die Zeitfalle 42

„Eine Zeitfalle?“ echote Vargia verständnislos. mittags jeder zurückgebliebene Vargier sein extra-
„Nach drei Tagen wird jeder Vargier sein drittes Au- temporales Auge verlieren.“
ge verlieren“, führte Ray aus. „Es wird zu gewöhnli- Er ließ noch einmal den Anblick der Königin Vargia
chem Fleisch werden, wie du es gerade eben beobach- in sich einziehen, denn er wußte, daß er sie nie wieder
tet hast, ohne daß dir eine Möglichkeit bleibt, es zu so sehen würde. Dann empfingen die in seinem Kör-
verhindern.“ per versteckten Solenoiden die Befehle seines Geistes
„Aber das ist keine Drohung“, murmelte Vargia. und warfen ihn in die Phase, in der seine drei Gefähr-
„Wir können auch ohne dieses Auge existieren.“ ten auf ihn warteten.
„Auch deines wird verschwinden“, stellte Ray fest
20. Kapitel
und er bemerkte den Ausdruck der Furcht, welcher
über ihr Gesicht huschte. „Wie viele deiner Unterta-
Der Helikopter schwebte fast unbeweglich hoch in
nen werden willig bleiben und dem Tag entgegense-
der Luft. Ray, Joe, Nelva und Nancy saßen darin und
hen, an dem sie ihr drittes Auge verlieren?“ fuhr er
beobachteten den Abzug der Vargier.
triumphierend fort. „Selbst du würdest nicht bleiben!“
Die Fremden verschwanden rasch. Schiff auf Schiff
„Bleiben?“ sagte Vargia wie zu sich selbst, als wä- erhob sich, gewann Geschwindigkeit und verschwand
re die Bedeutung dieses Wortes ihr erst jetzt bewußt plötzlich, wenn es zur Zeitfahrt überwechselte und
geworden. durch die Jahrhunderte in die Epoche zurückstürzte,
„Du wirst dorthin zurückkehren müssen, wo du her- aus der es gekommen war.
gekommen bist — nach Varmour“, drückte Ray uner- Gleichzeitig stiegen in den ganzen Vereinigten
bittlich nach. „Wenn du dich weigerst, werden deine Staaten Tausende dieser Schiffe auf. Für sie war es ein
Untertanen ohne dich handeln. Sicher, ihr könnt eu- Wettlauf mit der Zeit. Ein Wettlauf, um ihr drittes Au-
er Auge von neuem schaffen, wenn es ausgelöscht ist, ge zu retten.
aber es wird ebenso schnell wieder in Haut und Kno-
„Es war einfach“, ließ sich Joe ruhig vernehmen.
chen verwandelt werden.“
„Manchmal frage ich mich, wozu Gewalt überhaupt
Er überblickte die entsetzten Vargier. gut ist. Es gibt immer einen Weg, um ohne sie zum
„Seid ihr überzeugt?“ fragte er. „Oder wollt ihr wei- Ziel zu kommen; man muß ihn nur finden.“ Abwesend
tere Beweise sehen? Betrachtet den, der sein drittes fuhr er mit den Fingern durch Nancys Haar.
Auge verloren hat!“ „Einige Vargier werden bleiben“,
Der Vargier stand wie betäubt. Erschütterung und meinte Nelva. „Diejenigen, die wie wir niemals das
Bestürzung malten sich auf seinem Gesicht ab. dritte Auge erhielten. Aber sie werden sich mit den
„Ich weiß nicht, inwieweit sein Verstand davon in Amerikanern vermischen wie jeder Ausländer, der in
Mitleidenschaft gezogen worden ist“, fuhr er fort. „Of- die Staaten einwandert.“
fensichtlich aber ist er mehr betroffen worden als ich, „Und wir können die Hüter in Schach halten“, ver-
der ich dieses extratemporale Sehzentrum nicht besit- setzte Ray. „Wenn sie ihr Versprechen, die Demokra-
ze, mir vorstellen kann.“ tie wieder einzuführen, nicht halten, vermögen wir sie
Er wandte sich wieder an die Königin. dazu zu zwingen.“
„Soll ich meinen Finger auf dein Auge richten?“ „Die vier Musketiere“, grinste Joe.
drohte er. „Und während unseres ganzen Lebens können wir
„Nein“, schrie Vargia auf. Sie wich zurück, taumel- alle Dimensionen durchforschen und die Geheimnis-
te gegen ihren Thron und sank darauf. „Es — gibt es se des Universums entschleiern, die es uns verbirgt“,
keine Alternative für uns? Ich verspreche, die Demo- sann Nancy.
kratie wiederherzustellen — den Amerikanern gleiche „Aber zuvor gibt es noch etwas zu tun“, mischte
Rechte wie den Vargiern zuzugestehen.“ sich Ray ein. „Etwas, das sogar noch wichtiger ist, als
„Nein“, lehnte Ray ab. „Ich erfuhr am eigenen Lei- sich zu vergewissern, daß auch der letzte dreiäugige
be, daß ihr uns als rassisch minderwertig anseht. Hier Vargier das Land verläßt.“
kennen wir keinen Kompromiß. Verlaßt das Land. „Was meinst du damit?“ fragte Nelva, aber der
Kehrt zurück in die Zeit, aus der ihr gekommen seid. Schimmer ihrer Augen verriet Ray, daß sie es wußte.
Ich gehe jetzt. In drei Tagen wird um zwölf Uhr „Wir müssen, einen Pfarrer finden“, antwortete er.

ENDE
43 TERRA

„TERRA“ - Utopische Romane Science Fiction - erscheint wöchentlich im Moewig-Verlag München 2, Türken-
straße 24 Postscheckkonto München 13968 - Erhältlich bei allen Zeltschriftenhandlungen. Preis je Heft 60 Pfen-
nig Gesamtherstellung: Buchdruckerei A. Reiff & Cie.. Offenburg (Baden) — Für die Herausgabe und Ausliefe-
rung In Österreich verantwortlich: Farago & Co.. Baden bei Wien.

Anzeigenverwaltung des Moewig-Verlages: Mannheim R 3, 14 Zur Zelt Ist Anzeigen Preisliste Nr. 4
vom 1. Mal 1959 gültig

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