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Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen

Historische Textgrammatik
und Historische Syntax des Deutschen
Traditionen, Innovationen, Perspektiven

Herausgegeben von
Arne Ziegler

unter Mitarbeit von


Christian Braun

Band 1:
Diachronie, Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch

Band 2:
Frühneuhochdeutsch, Neuhochdeutsch

De Gruyter
ISBN 978-3-11-021993-7
e-ISBN 978-3-11-021994-4

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek


Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

쑔 2010 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/New York


Druck: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen
⬁ Gedruckt auf säurefreiem Papier
Printed in Germany
www.degruyter.com
Vorwort
Vom 7. bis 10. Mai 2008 fand am Institut für Germanistik der Karl-
Franzens-Universität Graz der internationale linguistische Kongress zum
Thema Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen im
Rahmen des Forschungsschwerpunktes Text – Korpus – Sprache der Geis-
teswissenschaftlichen Fakultät statt.
Der vorliegende Sammelband publiziert die ausgearbeiteten und teil-
weise erweiterten auf dem Kongress gehaltenen Vorträge, ergänzt um fünf
Aufsätze von ursprünglich angemeldeten TeilnehmerInnen, die leider in
letzter Minute aufgrund nachvollziehbarer Gründe absagen mussten. Es
handelt sich um die Beiträge von Mathilde Hennig, Britt-Marie Schuster,
Anja Voeste, Claudia Wich-Reif und Ingo Warnke. Insgesamt werden
somit in zwei Bänden 52 Beiträge von Autoren aus 12 Ländern präsen-
tiert, die ein eindrucksvolles Bild vom Facettenreichtum und von der Vita-
lität der aktuellen internationalen Sprachgeschichtsforschung im Bemühen
um eine linguistische Auseinandersetzung mit den Untersuchungsgegen-
ständen Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen
bieten. Die positive Resonanz der wissenschaftlichen Gemeinschaft so-
wohl auf den Kongress als auch auf den vorliegenden Sammelband zeugt
davon, dass mit dem Rahmenthema einerseits ein zentraler Bereich der
germanistischen Sprachgeschichte fokussiert ist und andererseits gerade in
diesem Bereich offensichtlich rezente Desiderata existieren, die zahlreiche
interessante Untersuchungen provoziert haben und wohl auch in Zukunft
weiterhin anregen werden.
So gilt mein Dank zuallererst natürlich den Beitragenden, die diesen
Sammelband erst möglich gemacht haben und auf das Anschaulichste
demonstrieren, wie ungebrochen aktuell das Interesse der gegenwärtigen
Sprachgeschichtsforschung an einer Historischen Textgrammatik und
Historischen Syntax des Deutschen ist. Ihnen ist es zu verdanken, dass
mit dem vorliegenden Sammelband ein ergiebiges Kompendium zur
Thematik und gleichermaßen ein Kaleidoskop aktueller sprachhistorischer
Forschung entstehen konnte.
Darüber hinaus ist es selbstverständlich nur einem engagierten Redak-
tionsteam, das mit hohem Zeitaufwand die Arbeit unermüdlich vorange-
trieben hat, zu verdanken, dass die vorliegenden Bände in relativ kurzer
Zeit nach Abschluss des Kongresses das Licht der wissenschaftlichen
Welt erblicken können. Namentlich sei in diesem Zusammenhang ganz
VI Vorwort

herzlich Frau Stefanie Edler und Frau Melanie Glantschnig für die redak-
tionelle Betreuung, die mitunter mühevolle Recherche und intensive For-
matierungsarbeit gedankt. Herr Dr. Christian Braun, der die gesamte Re-
daktionsarbeit koordiniert und detailliert betreut hat, hat sich in der Arbeit
an dem Sammelband herausragende Verdienste erworben – ihm gilt mein
besonderer Dank.
Danken möchte ich auch dem Verlag de Gruyter sowie insbesondere
Herrn Prof. Dr. Heiko Hartmann für die angenehme und fruchtbare Zu-
sammenarbeit und Unterstützung, ohne die die Publikation des Sammel-
bandes in der vorliegenden Form sicher nicht möglich gewesen wäre.
Verbunden mit meinem Dank an alle, die zur Publikation der vorlie-
genden Bände beigetragen und die Arbeit daran unterstützt haben, ist der
Wunsch nach einer weiteren intensiven und konstruktiven Zusammenar-
beit im Bereich der Historischen Textgrammatik und der Historischen
Syntax des Deutschen.

Graz, im Herbst 2009 Arne Ziegler


Inhalt

Band I: Diachronie, Althochdeutsch,


Mittelhochdeutsch

Vorwort .............................................................................................................. V

Arne Ziegler
Historische Textgrammatik und Historische Syntax
des Deutschen – Eine kurze Einleitung ......................................................... 1

Diachronie

Hubert Haider
Wie wurde Deutsch OV? Zur diachronen Dynamik
eines Strukturparameters der germanischen Sprachen .............................. 11

Franz Simmler
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in
Aussagesätzen in biblischen Textsorten vom
9. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts ............................................................ 33

Ulrike Freywald
Obwohl vielleicht war es ganz anders. Vorüberlegungen
zum Alter der Verbzweitstellung nach
subordinierenden Konjunktionen ................................................................. 55

Elke Ronneberger-Sibold
Die deutsche Nominalklammer. Geschichte,
Funktion, typologische Bewertung ............................................................... 85

Roland Hinterhölzl
Zur Herausbildung der Satzklammer im Deutschen.
Ein Plädoyer für eine informationsstrukturelle Analyse ......................... 121
VIII Inhalt

Ursula Götz
vnd schwermen so waidlich / als jemandt anders
schwermen kan. Nominalphrasen mit jemand
und niemand in der Geschichte des Deutschen ......................................... 139

Rosemarie Lühr
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch ............................................... 157

Thomas Gloning
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik.
Eine Schnittstelle zwischen der Handlungsstruktur und
der syntaktischen Organisation von Texten ............................................. 173

Maxi Krause
Wie eine historische Grammatik der temporalen
Relationen aussehen könnte … .................................................................. 195

Isabel Buchwald-Wargenau:
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen .............................. 221

Andreas Bittner
Aspekte diachronischer Fundierung. Historische Linguistik
und mentale Repräsentation flexionsmorphologischen
Wissens ........................................................................................................... 237

Markus Denkler
Adjektive in Inventarlisten – Beobachtungen
zur Syntax und zum Textsortenwandel ..................................................... 261

Althochdeutsch

Hans-Werner Eroms
Additive und adversative Konnektoren
im Althochdeutschen .................................................................................... 279

Natalia Montoto Ballesteros


Einige textlinguistische Aspekte der
ahd. Konnektoren inti und joh ..................................................................... 305

Susumu Kuroda
Inkorporation im Althochdeutschen ............................................................. 317
Inhalt IX

Svetlana Petrova / Michael Solf


Pronominale Wiederaufnahme im ältesten Deutsch. Personal-
vs. Demonstrativpronomen im Althochdeutschen ................................. 339

Oliver Schallert
Als Deutsch noch nicht OV war. Althochdeutsch
im Spannungsfeld zwischen OV und VO ................................................. 365

Christian Braun
Der Einfluss von Tiefenkasusverschiebungen bei der Entstehung
von Funktionsverbgefügen im Althochdeutschen ................................... 395

Eva Schlachter
Zum Verhältnis von Stil und Syntax. Die Verbfrüherstellung
in Zitat- und Traktatsyntax des althochdeutschen Isidor ....................... 409

Claudia Wich-Reif
„Das Spiel vom Fragen“ – (k)ein Problem
der althochdeutschen Syntax? ..................................................................... 427

Mittelhochdeutsch

Mechthild Habermann
Pragmatisch indizierte Syntax des Mittelhochdeutschen ........................ 451

Heinz-Peter Prell
Konstruktionsmuster und -strategien im
mittelhochdeutschen Satzgefüge. Ein Werkstattbericht ......................... 471

Sandra Waldenberger
Von Lust und Frust korpusbasierter Syntaxarbeit.
Aus der Werkstatt Mittelhochdeutsche Grammatik –
das Werkstück ‚Präposition‘ ........................................................................ 483

Ursula Schulze
Nebensatztypen in der Urkundensprache des 13. Jahrhunderts.
Zur syntaktischen und semantischen Wertigkeit
mittelhochdeutscher Subjunktionen .......................................................... 497
X Inhalt

Jürg Fleischer
Zur Abfolge akkusativischer und dativischer
Personalpronomen im Prosalancelot (Lancelot I) ................................... 511

Gisela Brandt
Textsortenabhängige syntaktische Variation in Christine
Ebners Schwesternbuch des Dominikanerinnenklosters
Engelthal (Mitte 14. Jh.) – Wie weit reicht sie? ........................................ 537

Catherine Squires
Konstantes und Variables im Aufbau von deutschen
mittelalterlichen heilkundlichen Texten
und angrenzenden Textsorten ..................................................................... 561

Wernfried Hofmeister
Die Praxis des Interpungierens in Editionen mittelalterlicher
deutschsprachiger Texte. Veranschaulicht an
Werkausgaben zu Hugo von Montfort ...................................................... 589

Band II: Frühneuhochdeutsch,


Neuhochdeutsch

Frühneuhochdeutsch

Andreas Lötscher
Verbstellung im zweiteiligen Verbalkomplex im
Frühneuhochdeutschen – Textlinguistik und Grammatik ...................... 607

Hans Ulrich Schmid


wir muessen etwas teutsch reden … Empirische Wege zur
historischen Mündlichkeit ............................................................................ 631

Ingo Warnke
Verschriftete Geometrie – Grammatische Mittel
der Raumerfassung in Albrecht Dürers
Vnderweyſung der meſſung (1525) ..................................................................... 647
Inhalt XI

Britt-Marie Schuster
Gibt es eine Zeitungssyntax? Überlegungen und Befunde
zum Verhältnis von syntaktischer Gestaltung und
Textkonstitution in historischen Pressetexten .......................................... 665

Dana Janetta Dogaru


Umfang und Ausbildung der Ganzsätze in den Hermannstädter
Ratsprotokollen der Zeit 1556-1562 .......................................................... 689

Monika Rössing-Hager
Konkurrierende Strukturen für die Relation
Voraussetzung – Folge in frühreformatorischen Schriften
Martin Luthers. Beobachtungen zu ihrer textkonstitutiven
und kommunikativen Funktion .................................................................. 711

Albrecht Greule
Textgrammatik und historische Textsorten am Beispiel
sakralsprachlicher Texte ............................................................................... 741

Alexander Lasch
Es sey das Fewer in der Stadt. Textpragmatische und
-grammatische Überlegungen zu vormodernen
Feuerordnungen ............................................................................................ 759

Odile Schneider-Mizony
Syntaktische Präferenzen als Kommunikationsmaximen
in der Grammatikographie 1500-1700 ....................................................... 781

Manja Vorbeck-Heyn
Syntaktische Strukturen in den Summarien in
Drucken des 15. und 16. Jahrhunderts ...................................................... 799

Lenka Vaňková
Zum Ausdruck der kausalen Relation in den
spätmittelalterlichen medizinischen Texten .............................................. 829

Marija Javor Briški


Instruktion Kaiser Maximilians I. vom 7. August 1515 an
die Krainer Landstände und ainer ersamen landschaft undertanige
antwort. Ein vergleichende syntaktische Untersuchung ........................... 841
XII Inhalt

Eckhard Weber
Sprachliche Besonderheiten der Fehdekommunikation –
Ehre und Öffentlichkeit in der Fehde des späten Mittelalters .................... 859

Andrea Hofmeister-Winter
Auf der Suche nach dem ‚Satz‘ – Graphetische Syntax-Marker
am Beispiel frühneuzeitlicher Autographe ................................................ 875

Neuhochdeutsch

Vilmos Ágel
Explizite Junktion. Theorie und Operationalisierung ............................. 899

Mathilde Hennig
Aggregative Koordinationsellipsen
im Neuhochdeutschen ................................................................................. 937

Anja Voeste
Im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit.
Populäre Techniken der Redewiedergabe
in der Frühen Neuzeit .................................................................................. 965

Józef Wiktorowicz
Themenentfaltung und Textstruktur in einem Ratgeber
aus dem 18. Jahrhundert .............................................................................. 983

Rainer Hünecke
Möglichkeiten und Grenzen einer diskursbasierten
Syntaxforschung – dargestellt an einer Studie
zur Syntax des 18. Jahrhunderts .................................................................. 989

Stephan Elspaß
Klammerstrukturen in nähesprachlichen Texten des
19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ein Plädoyer für die
Verknüpfung von historischer und Gegenwartsgrammatik ................. 1011

Jörg Riecke
Grammatische Variation in der Chronik
des Gettos Lodz / Litzmannstadt ............................................................ 1027
Inhalt XIII

Daniel Czicza
Das simulierende es. Zur valenztheoretischen
Beschreibung des nicht-phorischen es am
Beispiel eines neuhochdeutschen Textes ................................................ 1041

Michaela Negele
Diskontinuierliche Pronominaladverbien in der
Alltagssprache des jüngeren Neuhochdeutschen –
Standard oder Substandard? ...................................................................... 1063
Historische Textgrammatik und
Historische Syntax des Deutschen –
Eine kurze Einleitung

Arne Ziegler (Graz)

1. Warum Historische Textgrammatik und


Historische Syntax?
Die Wahl des Rahmenthemas „Historische Textgrammatik und Histori-
sche Syntax des Deutschen“ ist selbstverständlich nicht zufällig erfolgt.
Mit der Wahl der Thematik sollte vielmehr zweierlei geleistet werden.
Erstens wurde explizit der Anschluss an die – wenn man so will – „Vor-
gängerpublikation“ von Anne Betten aus dem Jahre 1990 gesucht, wo
einerseits die Frage gestellt wird, „welche methodischen Impulse die soge-
nannten ‚Bindestrich-Linguistiken’ […] einem alt-etablierten Fach wie der
historischen Syntaxforschung geben können“ (Betten 1990: XI) und ande-
rerseits die Forderung geäußert wird, dass bei zukünftigen Tagungen und
den resultierenden Publikationen alle im Bereich einer historischen Syntax
Arbeitenden, ungeachtet der jeweiligen theoretischen und methodischen
Ausrichtung, zum Dialog über den Gegenstandsbereich eingeladen wer-
den sollten (vgl. Betten 1990: XIf.).
Sicherlich konnten nicht „alle“ eingeladen werden, und dies obwohl
im Vorfeld zur Tagung im Rahmen einer breit angelegten Ausschreibung
versucht wurde, möglichst viele Kolleginnen und Kollegen ganz unter-
schiedlicher theoretischer Positionen zur Diskussion und zum Beitrag
einzuladen, nicht zuletzt, da es gerade ein Ziel war, ein einigermaßen ge-
wichtetes Bild des aktuellen Forschungsstandes liefern zu können. Von
diesem Versuch zeugen auch die Beiträge des vorliegenden Sammelban-
des, die ganz verschiedene theoretische, methodische und methodologi-
sche Ansätze verfolgen und somit ein durchaus disparates Bild der aktuel-
len sprachhistorischen Forschung im Bereich der Historischen Text-
grammatik und Historischen Syntax zeichnen.
2 Arne Ziegler

Darüber hinaus scheint in den meisten der Beiträge des vorliegenden


Sammelbandes die von Anne Betten seinerzeit zu Recht gestellte Frage
heute, nahezu 20 Jahre danach, zumindest implizit beantwortet. Kaum
einer der vorgelegten Aufsätze abstrahiert dezidiert von pragmatischen,
textlinguistischen oder soziolinguistischen Faktoren und berücksichtigt
ausschließlich sprachformale Kriterien in der Untersuchung. Ganz im
Gegenteil: Es scheint, dass eine zeitgemäße Auseinandersetzung mit
sprachlichen Äußerungen in historischen Zusammenhängen eine integra-
tive Perspektive auf Sprache geradezu verlangt; eine Sichtweise, die näm-
lich in der Lage scheint, Aspekte des Sprachgebrauchs an solche des
Sprachsystems anzubinden und zu einer Aufhebung der vermeintlichen
Dichotomie von Gebrauch und System in der sprachhistorischen Analyse
führen kann. Sie trägt somit letztlich dazu bei, Sprachgeschichte nicht nur
als eine Geschichte sprachlicher Formen, sondern insbesondere als eine
Geschichte der über Sprache möglichen und kommunikativ notwendigen
Realisierungen sprachlicher Handlungen zu begreifen. Da diese Realisie-
rungen in Texten über grammatische Regularitäten fassbar werden, liefern
sie das Grundgerüst nicht nur für eine Sprachgeschichte, sondern vor
allem für eine Geschichte der kommunikativen Praktiken.
Zudem umreißt der Titel „Historische Textgrammatik und Histori-
sche Syntax des Deutschen“ zwei sprachhistorische Forschungsbereiche,
die vielleicht auf den ersten Blick relativ unverbunden nebeneinander
platziert scheinen. Dies ist allerdings keinesfalls intendiert. Mit der Titel-
gebung ist vielmehr grundsätzlich die Annahme impliziert, dass Text-
grammatik und Syntax nicht bloß zwei grammatische Teilbereiche darstel-
len, die in einer Art additivem Verfahren lediglich nebeneinander und
nacheinander zu betrachten sind, sondern dass Syntax und Textgrammatik
zwei unmittelbar miteinander in Beziehung stehende und aufeinander zu
beziehende Bereiche der Grammatik darstellen.
So kann einerseits eine Historische Syntax im Sinne einer Satz-
grammatik quasi eine notwendige Subkomponente einer Historischen
Textgrammatik darstellen. Einzelne Arbeiten gehen dabei sogar so weit,
dass angenommen wird, eine Textgrammatik reduziert sich letztlich unter
Berücksichtigung der textkonstitutiven und diskursfunktionalen Größen
auf eine Satzgrammatik (vgl. Abraham 1997: 181). Andererseits lassen sich
verschiedene syntaktische Einheiten (z.B. Proformen, Konnektoren, text-
gliedernde Phrasen) funktional nur in Bezug auf den Text – zumindest
aber in Bezug auf den Kotext – vollständig analytisch erfassen. Natürlich
– und das relativiert das Verhältnis von Textgrammatik und Syntax wie-
derum – gibt es demgegenüber auch zahlreiche grammatische Erschei-
nungen, die zwar durchaus textuell motiviert, aber bereits auf „Basis der
Einheit ‚Satz’ erklärt werden können und auch (auf der Grundlage unter-
Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen 3

schiedlicher Grammatiktheorien) behandelt worden sind“ (Helbig 2003:


21). 1
Ausgangspunkt wohl jeder textgrammatischen Auseinandersetzung ist
die Auffassung, dass der Text die oberste linguistische und mithin gram-
matische Einheit darstellt und auch heute noch das von Hartmann einge-
führte Diktum vom Text als primum datum uneingeschränkt gilt (vgl.
Hartmann 1964). Natürlich sind die Begriffe Textgrammatik und Syntax in
hohem Maße polysem und stehen in einem komplexen Spannungsfeld
grammatischer Forschung unterschiedlicher theoretischer Provenienz.
Dennoch lassen sich bei aller Heterogenität der verschiedenen Ansätze ein
paar wesentliche Gemeinsamkeiten formulieren, die den disparaten Auf-
fassungen zugrunde liegen (vgl. Ziegler 2008).
So geht es in einer Textgrammatik immer um die Analyse und die
Darstellung satzübergreifender grammatischer Regularitäten. Die Textgram-
matik ist entsprechend als eine Grammatik der Textverflechtung bzw. der
Konnexion konzipiert. Eine solcherart verstandene Textgrammatik muss
in der Konsequenz die Kohäsionsmittel verschiedener Ebenen hinsicht-
lich der Textsyntax erfassen und beschreiben. Ihr Gegenstand sind somit
zuallererst die grammatischen Beziehungen zwischen syntaktischen Ein-
heiten im Text, d.h. „die Erfassung der Regularitäten, Rekurrenzen und
Distributionen, die Text konstituieren“ (Lewandowski 1994: 1164). Diese
Perspektive wird u.a. in den Aufsätzen von Montoto Ballesteros, Eroms,
Greule, Petrova / Solf und Schuster thematisiert.
In der syntaktischen Untersuchung stehen demgegenüber üblicherwei-
se Sätze und ihre Elemente – syntaktische Einheiten – als Analysegegen-
stände im Mittelpunkt. Einen solchen syntaktischen und teilweise mor-
phosyntaktischen Ausgangspunkt wählen beispielsweise die Beiträge von
Bittner, Braun, Buchwald-Wargenau, Dogaru, Freywald, Götz, Haider,
Hinterhölzl, Hofmeister-Winter, Javor Briški, Krause, Kuroda, Lühr, Prell,
Schallert, Vorbeck-Heyn, Wich-Reif, Waldenberger. Die syntaktischen
Einheiten (etwa Nominalphrase, Verbalkomplex, aber auch bisher unent-
deckte syntaktische Textmuster usw.) stellen dabei in einer kohärenten
Folge gleichzeitig textgrammatische Elemente dar, die in der textuellen
Entfaltung (via Kontinuität und Progression) durch die Mittel der Text-
verflechtung (Verknüpfung und Anknüpfung) aneinander gebunden sind
(vgl. Lim 2004: 25; Ziegler 2008: 392f.). Auf diese Zusammenhänge ver-
weisen etwa die Beiträge von Brandt, Czicza, Fleischer, A. Hofmeister,
Ronneberger-Sibold, Simmler, Schlachter, Schulze, Squires, Vaňková im

_____________
1 Zu denken ist in diesem Zusammenhang etwa an die Zentralität des Verbs, die Klammer-
bildung, die Genus-Kongruenz oder die Negation (vgl. Helbig 2003: 21f.).
4 Arne Ziegler

vorliegenden Band, gleichwohl auch in diesen Aufsätzen die Syntax den


Ausgangspunkt der Untersuchung bildet.
Welche Perspektive man auch einnehmen mag – syntaktisch oder
textgrammatisch –, der Bezug zur jeweils anderen Ebene ist der Betrach-
tung quasi inhärent. Wie auch immer das Verhältnis also charakterisiert
wird – eine unmittelbare Beziehung zwischen Textgrammatik und Syntax
scheint in der linguistischen Diskussion jedenfalls allgemein angenommen
und nicht in Frage zu stehen. Die weitaus meisten der in den vorliegenden
Bänden versammelten Aufsätze verweisen deutlich – explizit oder auch
implizit – auf diese Zusammenhänge.
Daneben zeigen aber auch nicht wenige Beiträge (hier seien die Artikel
von Denkler, Gloning, Habermann, Hünecke, Lasch, Lötscher, Rössing-
Hager, Schneider-Mizony, Schulze, Warnke, Weber, Wiktorowicz exem-
plarisch genannt), dass neben einer grammatischen Explikation von Text-
kohärenz und Textkonsistenz der Bezug auf textthematische Momente
und textpragmatische Faktoren in der sprachhistorischen Analyse zwin-
gend erforderlich erscheint. Eine textgrammatische und/oder syntaktische
Analyse kann zwar die sprachspezifisch formalen Mittel erfassen, eine
umfassende Antwort auf die Frage „warum werden diese Mittel verwen-
det?“ kann sie allein aber kaum leisten. Dies führt zwangsläufig zu einer
Erweiterung des Gegenstandsbereichs, insofern ist davon auszugehen,
dass die syntaktische Ebene als abhängig von der textsemantischen Ebene
und diese als abhängig von Kontext (logisch-semantischen und pragmati-
schen Parametern) sowie vom Weltwissen der an der Kommunikation
Beteiligten aufgefasst werden kann (vgl. Wolf 1982). Das ist freilich keine
neue Erkenntnis. Bereits Oller (1974), wie später auch die IDS-
Grammatik (vgl. Zifonun u.a. 1997: 99), machen auf die Tatsache auf-
merksam, dass jede Erforschung der Sprache die Berücksichtigung des
Zusammenspiels von Syntax, Semantik und Pragmatik berücksichtigen
muss, d.h. die Pragmatik oder die pragmatischen Elemente sind nicht nur
ein zusätzlicher Teilbereich grammatischer Analyse, sondern fester Be-
standteil derselben.
Alle textgrammatischen Elemente, die eine syntaktische Einheit des
Textes auf einen Kontext sowie eine Kommunikationssituation hin de-
terminieren, umfassen somit neben den syntaktischen und semantischen
auch die pragmatischen Komponenten (vgl. Schmid 1983: 65). So ver-
wundert es nicht, dass verschiedene Beiträge des vorliegenden Bandes das
in der neueren sprachhistorischen Forschung thematisierte Spannungsfeld
von Mündlichkeit und Schriftlichkeit i.w.S. zum Gegenstand erheben.
Dies betrifft etwa die Beiträge von Ágel, Elspaß, Hennig, Negele, Riecke,
Schmid und Voeste.
Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen 5

Insgesamt verdeutlichen die Beiträge des Sammelbandes, dass das


„Historische“ einer Historischen Textgrammatik und Historischen Syntax
nicht etwa lediglich darin zu sehen ist, dass der Untersuchungsgegenstand
historisch verankert wird, sondern vielmehr in den Verfahren und Metho-
den, die aus den Besonderheiten und Bedingungen historischer Untersu-
chungsgegenstände resultieren.

2. Aufbau und Gliederung


Der Band versammelt Arbeiten von Forscherinnen und Forschern, die
sich der skizzierten Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven nähern.
Die Beiträge reflektieren sowohl Ergebnisse aus empirischen sprachhisto-
rischen Einzeluntersuchungen als auch zu kontrovers diskutierten theore-
tischen Themenkomplexen sowie Vorschläge zu einer textgrammatischen
und/oder syntaktischen Modellbildung. Sämtliche der vorliegenden Bei-
träge zeichnen sich dabei dadurch aus, dass sie stets den Bezug auf das
konkrete sprachliche Material wahren. Der Band umfasst Beiträge u.a. zu
folgenden Schwerpunkten:
• Empirische Untersuchungen zu textgrammatischen und syntakti-
schen Phänomenen in den älteren Sprachstufen des Deutschen
aus diachroner und/oder synchroner Perspektive
• Aktuelle Entwicklungen in historischer Grammatikarbeit
• Anforderungen an ein zeitgemäßes Beschreibungsinstrumentari-
um für den sprachhistorischen Kontext
• Texttypologien und ihre Bedeutung für diachrone Untersuchun-
gen in Textgrammatik und Syntax
• Probleme der Korpusbildung einer Historischen Syntax und/oder
Historischen Textgrammatik
• Referenzstrukturen und ihre Bedeutung für eine Historische Syn-
tax
• Die Bedeutung von Textmusterbildungen in der sprachhistori-
schen Analyse

Quer zu diesen Schwerpunktbildungen werden verschiedene Forschungs-


perspektiven aufgezeigt und diskutiert. Insbesondere Aspekte, die sich in
den folgenden Punkten benennen lassen:

• Methoden einer zeitgemäßen Empirie im Rahmen historiolingu-


istischer Untersuchungen
6 Arne Ziegler

• Pragmatische Ansätze einer historischen Grammatik des Deut-


schen
• Integration syntaktischer Ansätze in den Rahmen einer Histori-
schen Textlinguistik
• Möglichkeiten und Grenzen sprachhistorischer Analytik und
Korpusbildung
• Fragen diachroner Entwicklungen grammatischer Erscheinungen
des Deutschen

An dieser Stelle seien auch ein paar erklärende Anmerkungen zur vorlie-
genden Gliederung des Bandes in die Hauptkapitel Diachronie, Althoch-
deutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch und Neuhochdeutsch angefügt.
Bedingt durch die Aufteilung der Beiträge auf zwei Teilbände sowie durch
die Tatsache, dass jeder Versuch, eine durch den gewählten grammati-
schen Untersuchungsgegenstand der Beiträge begründete und einigerma-
ßen gleich gewichtete Verteilung vorzunehmen, im Ansatz gescheitert ist,
wurde die Einteilung in der vorliegenden Form gewählt. Insofern ist der
Gliederung sicherlich eine gewisse subsumierende Mühe zu unterstellen,
und nicht in jedem Fall ist die Einordnung eines einzelnen Beitrags unter
eine der Hauptkapitel zwingend. Diese – cum grano salis – nach sprachpe-
riodischen Kriterien und damit eher klassische Strukturierung wurde ge-
wählt, da nur so eine einigermaßen gleichmäßige Verteilung der Beiträge
gewährleistet schien. Abweichend von einer „traditionellen“ Periodisie-
rung der deutschen Sprachgeschichte wurde ein Kapitel Neuhochdeutsch –
im Sinne einer historischen Sprachstufe des Deutschen – ergänzt, um
somit einerseits der Diskussion um eine stärkere Berücksichtigung der
jüngeren Sprachgeschichte des Deutschen im Rahmen der aktuellen
Sprachgeschichtsforschung explizit Rechnung zu tragen (vgl. u.a. Elspaß
2007: 2ff.; Ernst 2008) und andererseits, um eben jene Arbeiten berück-
sichtigen zu können, die im Rahmen einer jüngeren Sprachgeschichtsfor-
schung des Deutschen anzusiedeln sind.
Ergänzt wurde überdies ein einleitendes Hauptkapitel Diachronie, das
Beiträge versammelt, welche sich einem grammatischen Phänomen aus
dezidiert diachroner Perspektive nähern und damit die Grenzen der ein-
zelnen Sprachperioden systematisch überschreiten (so z.B. die Beiträge
von Buchwald-Wargenau, Denkler, Freywald, Götz, Hinterhölzl, Ronne-
berger-Sibold, Simmler) oder aber eher generelle und/oder sprachtheore-
tische Aspekte der Sprachgeschichtsforschung ins Zentrum ihrer Überle-
gungen stellen (vgl. etwa die Beiträge von Bittner, Gloning, Lühr, Haider
und Krause).
Auf die Einrichtung von Registern ist für den vorliegenden Sammel-
band in Absprache mit dem Verlag ausdrücklich verzichtet worden, um
Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen 7

den Umfang der zweibändigen Publikation nicht noch stärker zu belasten.


So bleibt es dem Leser überlassen, sich über das Inhaltsverzeichnis und
natürlich über die Lektüre der Beiträge die Inhalte zu erschließen.

3. Ausblick
Ziel der vorliegenden Publikation ist einerseits eine Bestandsaufnahme
und andererseits ein Ausblick auf rezente Desiderata im Bereich der histo-
rischen Grammatik des Deutschen.
Der Band soll insgesamt dazu beitragen, die Relevanz der Grammatik-
forschung für die Anforderungen einer zeitgemäßen Sprachgeschichtsfor-
schung im Spannungsfeld zwischen Syntax, Morphosyntax, Textgramma-
tik, und Pragmatik zu konturieren und etablierte Auffassungen zur
Grammatikarbeit mit aktuellen Problemen zu konfrontieren. Insofern soll
auch ein Beitrag zu einer systematischen Historischen Grammatik des
Deutschen einschließlich ihrer methodischen Umsetzung geboten werden,
so dass der Sammelband auch geeignet scheint, als Referenzwerk im Hin-
blick auf spezifische Fragen syntaktischer und textgrammatischer Arbeit in
der Sprachgeschichtsforschung zu fungieren.
Die freudigste Erkenntnis nach Lektüre sämtlicher Beiträge des vor-
liegenden Sammelbandes ist sicher eine, die der historischen Grammatik-
forschung Mut machen kann. Man gewinnt nicht den Eindruck, dass
nunmehr für eine Historische Textgrammatik und eine Historische Syntax
des Deutschen nichts mehr zu tun bliebe; ganz im Gegenteil: Die großen
Postulate bleiben weiterhin bestehen – eine diachron ausgerichtete kor-
pusbasierte Historische Textgrammatik und eine ebensolche Historische
Syntax des Deutschen!

Literatur

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unterschiedliche Aufgaben?“, in: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Lite-
ratur (PBB ), 119 / 2, 181-213.
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Elspaß, Stephan (2007), „‚Neue Sprachgeschichte(n)’. Einführung in das Themen-
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Wolf, Norbert Richard (1982), Probleme einer Valenzgrammatik des Deutschen, (Mitteilun-
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Ziegler, Arne (2008), „Sprachgeschichte als Textgeschichte. Überlegungen zu einer
diachronen Textgrammatik des Deutschen“, in: Waldemar Czachur / Marta Czy-
Ŝewska (Hrsg.), Vom Wort zum Text – Studien zur deutschen Sprache und Kultur. Fest-
schrift für Professor Józef Wiktorowicz zum 65. Geburtstag, Warschau, 391-401.
Zifonun, Gisela / Hoffmann, Ludger / Strecker, Bruno (1997), Grammatik der deutschen
Sprache, Berlin, New York.
Diachronie
Wie wurde Deutsch OV?
Zur diachronen Dynamik eines Strukturparameters
der germanischen Sprachen

Hubert Haider (Salzburg)

1. Das Rätsel
Ausgangspunkt ist der rätselhafte Auslöser der syntaktischen Ausdifferen-
zierung der modernen germanischen Sprachen, dessen Resultat nun zwei
syntaktisch deutlich kontrastierende Sprachgruppen sind; die eine VO und
die andere OV. Die heutigen nordgermanischen Sprachen (Dänisch, Fa-
röisch, Isländisch, Norwegisch, Schwedisch, und alle regionalen Varietä-
ten) sowie das von nordgermanischen und französischen Kontakten be-
einflusste Englisch sind strikte VO-Sprachen. In strikten VO-Sprachen
sind alle phrasenbildenden Kategorien linksperipher, das heißt, der Kern
der Phrase geht den abhängigen Elementen voran.1
Die westgermanischen Sprachen (z.B. Afrikaans, Deutsch, Friesisch,
Letzeburgisch, Niederländisch, Schwyzertütsch, und alle regionalen Varie-
täten) hingegen sind OV-Sprachen, das heißt, die Position des Verbs als
Kern der Verbalphrase ist final.2 Dieser Grundkontrast (OV3 vs. VO) impli-
ziert systematisch eine Kaskade von jeweils typabhängigen syntaktischen
Folgeerscheinungen (s. Anhang).

_____________
1 Englisch ist repräsentativ dafür: [give the reader a hint]VP, [conversion of waste into fuel]NP,
[into fuel]PP, [unrelated to German]AP, [the book]DP, [that this is so]CP, ...
2 Final ist die Grundposition des Verbs. Darüber gelagert ist die pangermanische V-2-
Eigenschaft: Das finite Verb, und nur das finite Verb, steht im Deklarativsatz an zweiter Stel-
le, d.h. unmittelbar hinter der ersten Konstituente.
3 Die germanischen OV-Sprachen sind keine strikten OV-Sprachen, wie etwa Japanisch oder
Türkisch. Im strikten Typ sind alle phrasenbildenden Elemente rechtsperipher, d.h. alle
Phrasen sind kopf-finale Phrasen. In den westgermanischen Sprachen sind ‚bloß‘ V und A
finale Phrasenköpfe (VP, AP), alle übrigen phrasenbildenden Köpfe sind initial, wie in VO-
Sprachen. Da aber VP und AP (in Kopulakonstruktionen) die Basis für den Aufbau der
Satzstrukturen bilden, ergibt sich daraus, dass Sätze klare OV-Charakteristika aufweisen.
12 Hubert Haider

Das Rätselhafte an dieser Situation wird deutlich, wenn man nach Ur-
sachen im Sprachwandel sucht, die für diese Differenzierung verantwort-
lich gemacht werden könnten. Es werden immer noch populäre Legenden
bemüht, wonach morphologischer Wandel den syntaktischen Wandel
getrieben habe. Im Deutschen sei das Flexionssystem nach wie vor diffe-
renziert genug, nicht aber in Sprachen wie Dänisch, Schwedisch, Norwe-
gisch oder auch im Englischen. In den genannten skandinavischen Spra-
chen beschränkt sich die Verbalflexion bekanntlich auf die Unterschei-
dung von Präsens, Präteritum und Infinitiv, ohne irgendeine Person- oder
Numerusdifferenzierung. Kasusmorphologie existiert auch nicht. Das
genau sei der Auslöser für die Entwicklung zur SVO-Wortstellung, da in
letzterer die Subjektsposition durch die Wortstellung klar von der Ob-
jektsposition zu unterscheiden sei und damit die strikte Wortstellung die
Funktion übernehme, die im Deutschen durch die Kongruenz- und Ka-
susmorphologie geleistet werde, nämlich die Markierung der jeweiligen
Satzgliedfunktionen.
Um festzustellen, dass diese plausibel klingende Geschichte keinerlei
Erklärungswert beinhaltet, genügt es, sich den Status der grammatischen
Morphologie in den germanischen Sprachen insgesamt kurz zu vergegen-
wärtigen. Unbestreitbares Faktum ist, dass die beiden germanischen
Sprachgruppen – die VO-Gruppe und die OV-Gruppe – sich nicht kon-
sistent nach morphosyntaktischen Kriterien sortieren lassen. Jede der
beiden Gruppen enthält Sprachen mit einem reichlich differenzierten
morphologischen Inventar, und jede der beiden Gruppen enthält mor-
phosyntaktisch ‚insuffiziente‘ Mitglieder:
Zu den Sprachen, die den morphologischen Reichtum der älteren
Sprachstufen gut konserviert haben, gehören Isländisch (strikt VO) und
Faröisch (strikt VO) einerseits, und Deutsch (OV) andererseits. Morpho-
logiearme Sprachen, was die grammatische Morphologie anlangt, sind
sicher die oben genannten kontinentalskandinavischen Sprachen (allesamt
VO), aber auch Niederländisch (OV), und, noch extremer, Afrikaans
(OV). Dessen Flexionsdefizit entspricht genau dem einer kontinental-
skandinavischen Sprache. Nichtsdestoweniger ist Afrikaans OV,4 und
nicht VO, und andererseits haben Isländisch und Faröisch sich trotz
reichhaltigster Morphosyntax und trotz ihrer abgeschiedenen Inselexistenz
_____________
4 Dies darf umso mehr verwundern, als Afrikaans ja ursprünglich keiner Normierung unter-
worfen war, und sich gleichsam in freier Wildbahn entwickeln durfte. Wenn Morpholo-
giemangel eine treibende Kraft wäre, hätte sie alle Chancen gehabt, im Süden Afrikas in
weiter Ferne vom sprachlichen Mutterland der Niederlande ihre Wirksamkeit zum Wohle
der syntaktischen Strukturierung zu entfalten. Sie tat es aber nicht. Also ist anzunehmen,
dass es sie gar nicht gibt, oder dass sie so schwach ist, dass sie jedenfalls nicht für den syn-
taktischen Wandel in den skandinavischen Sprachen haftbar gemacht werden kann.
Wie wurde Deutsch OV? 13

zu strikten VO-Sprachen entwickelt. Es ist somit offensichtlich nicht die


Erosion des morphosyntaktischen Inventars, die den Treibsatz des Wan-
dels liefert. Die Spaltung der germanischen Sprachengruppe in eine OV-
und eine VO-Gruppe entspringt keinem Drift als Folge eines kompensa-
torischen Wandels der Satzstruktur. Was aber ist es dann?
Was war die Situation vor der Spaltung? Vom heutigen Zustand her
betrachtet sind grundsätzlich zumindest drei verschiedene Szenarien alter-
nativ möglich. Die erste Möglichkeit ist, dass eine Gruppe der Fortsetzer
eines innovativen Dialekts ist, der sich aus der Grundsprache entwickelte,
und die heutigen zwei Gruppen die Fortsetzer des konservativen und des
innovativen Dialekts sind. Dies entspräche dem Szenario 1. oder 2. Die
andere Möglichkeit ist die, dass die Grundsprache keinem der heutigen
zwei Typen entsprach und beide Gruppen Fortsetzer von jeweils einem
Dialekt als Protovarietät für die weitere Entwicklung in die zwei Gruppen
sind, und die Dialekte durch Dialektspaltung aus der Grundsprache her-
vorgegangen sind. Dies ist Szenario 3.
1. SOV, mit Abspaltung zu SVO? (Innovation im nordger-
manischen Dialekt?)
2. SVO, mit Abspaltung zu SOV? (Innovation im westger-
manischen Dialekt?)
3. XVX, mit Wandel zu OV und VO? (postgermanische Innova-
tion?)
Szenario 1. und 2. sind sehr unwahrscheinlich. Was die alten Texte zeigen,
lässt unschwer erkennen, dass die altgermanischen Sprachen weder Spra-
chen des heutigen germanischen OV-Typs noch des VO-Typs waren. Sie
haben syntaktische Struktureigenschaften gemeinsam, die weder dem
heutigen OV-Typ noch dem heutigen VO-Typ entsprechen. Wie kommt
es dann aber dazu, dass die zwei Gruppen wie Varianten einer forced
choice, d.h. einer entweder-oder Entscheidung, aussehen? Es sind nämlich
nicht irgendwelche syntaktischen Eigenschaften, in denen sich die zwei
Gruppen unterscheiden,5 sondern präzise Eigenschaftsbündel, die genau
der Entwicklung in den OV- und den VO-Typ entsprechen (s. Anhang).

_____________
5 Ein Beispiel dafür bieten die romanischen Sprachen. Alle sind OV. Daneben gibt es ‚quer-
beet‘ laufende Unterschiede. Z.B. gibt es eine Gruppe mit der Null-Subjekt-Eigenschaft
(Beispiel: Italienisch) und eine, der diese Eigenschaft fehlt (Beispiel: Französisch). Anderer-
seits gibt es Varietäten mit Clitic-doubling (Objektklitikum trotz vorhandenen Objekts;
Beispiel: Spanisch), und solche, die das nicht zulassen (z.B. Französisch).
14 Hubert Haider

Bleibt somit als wahrscheinliches Szenario die Situation 3.: OV und


VO sind die verschränkten Partner6 in einer syntaktischen Entwicklung,
die ihren Ausgang nahm von einem Typ, der weder OV noch VO war,
und als Aufspaltungsoption genau die zwei Möglichkeiten anbot. Gesucht
ist somit eine geeignete und empirisch absicherbare syntaktische Modellie-
rung von 3. Den Anhaltspunkt dafür liefert eine germanische Sprache, die
als lebendiges Mittelalter betrachtet werden darf, nämlich Jiddisch.

2. Jiddisch – der weiße Rabe


Dem kundigen Leser wird nicht entgangen sein, dass in der Auflistung der
germanischen Sprachen im vorangehenden Abschnitt eine Sprache fehlt,
die nicht fehlen darf. Es ist Jiddisch. Jiddisch ist ein sprachhistorischer
Glücksfall, denn es bildet den missing link für die anstehende Problema-
tik. Die kritische syntaktische Eigenschaft des Jiddischen wird in folgender
Frage akut: Ist Jiddisch eine OV- oder VO-Sprache? Die Antwort ist strit-
tig. Genau das ist der Punkt, um den es hier geht. Sie ist deswegen strittig,
weil Jiddisch weder genau den OV-Eigenschaften des Deutschen ent-
spricht, noch genau zu den VO-Eigenschaften wie im Isländischen oder
Englischen passt. Das führte zu einer Kontroverse, in der Jiddisch entwe-
der zu einer Variante von VO (vgl. Diesing 1997), oder einer Variante von
OV (vgl. Geilfuß 1991) erklärt wurde. Hier ist ein repräsentatives Beispiel
für die ambivalente Typzuschreibung. Alle drei Abfolgen in (1) sind mög-
liche Abfolgen.
(1a) [X Y V°]VP Max hot [Rifken dos buch gegebm]
(1b) [V° X Y]VP Max hot [gegebm Rifken dos buch]
(1c) [X V° Y]VP Max hot [Rifken gegebm dos buch]
Die Abfolge (1a) entspricht wortwörtlich einer deutschen Abfolge. (1b)
ergibt, wenn man die entsprechenden englischen Wörter einsetzt, einen
perfekten englischen Satz. (1c) aber passt weder zu Englisch noch zu
Deutsch. Das eröffnet zwei konkurrierende Deutungsmöglichkeiten. Für
Diesing (1997) ist (1b) die typ-konforme VO-Abfolge. (1a) und (1c) ergä-
ben sich in ihrer Sicht durch einen Voranstellungsprozess, den sie mit der
Deutschen Abfolgevariation im Mittelfeld vergleicht. Somit ist Jiddisch für
sie eine VO-Sprache mit einem zusätzlichen syntaktischen Prozess, der
_____________
6 Das ist eine terminologische Anleihe aus der Physik (‚verschränkte Teilchen‘). ‚Verschränk-
te Partner‘ meint zwei Grammatikvarianten, die sich aus einer Grundvariante dadurch er-
geben, dass ein einziger Faktor vorliegt, der nur eine binäre Wertbelegung zulässt. Aus der
Belegungsalternative ergeben sich genau zwei Systeme, die sich bloß in der Wertbelegung
dieses Faktors unterscheiden.
Wie wurde Deutsch OV? 15

(1c) und (1a) als Varianten von (1b) liefert. Problematisch an dieser Analy-
se ist, dass es keine unabhängige Bestätigung dafür gibt, dass irgendeine
VO-Sprache diese postulierten Umstellungen zuließe.
Vikner (2002) weist ausführlich nach, dass Jiddisch insgesamt die typi-
schen Eigenschaften von OV-Sprachen7 aufweist, nicht aber die von VO-
Sprachen. Was nicht ins Bild passt, ist die Wortstellungsvariation im Satz,
wie in (1b) und (1c). Wenn nämlich Jiddisch ein OV-Typ wäre wie
Deutsch, müsste (1a) die typkonforme Abfolge sein, und (1b, c) müssten
abgleitet werden durch Nachstellung von nominalen Satzgliedern. Genau
das ist aber in den germanischen OV-Sprachen ausgeschlossen. Nachge-
stellt werden nämlich gerade keine nominalen Argumente, sondern einge-
bettete Sätze oder Präpositionalphrasen. Nominalausdrücke werden nur
als Adverbiale nachgestellt, oder in Sonderfällen als Nachstellung von sehr
‚gewichtigen‘ Phrasen,8 was als heavy NP shift bekannt ist. Die putativ
nachgestellten Phrasen in (1b, c) sind sicher nicht ‚heavy‘.
Wer hat recht? In dieser Situation liegt die Lösung darin, zu erkennen,
dass und warum keine der beiden Sichtweisen recht haben kann. Jiddisch
ist nämlich weder VO noch OV. Es ist ein dritter Typ, dessen unmittelbar
verknüpfte Varianten VO und OV sind. Jiddisch ist zwar damit singulär
unter den derzeitig gesprochenen germanischen Sprachen, der Typus
selbst ist aber keineswegs singulär. Um dies verständlich machen zu kön-
nen, ist es nötig, kurz zu explizieren, was den VO-, und was den OV-
Typus ausmacht, und wie der dritte Typus sich dazu verhält.

3. OV, VO und das Dritte


Die sachdienlichen Ausführungen in diesem Abschnitt beschränken sich
auf das für das Verständnis nötige Minimum an Information. Ausführli-
che Argumentation und empirische Begründung sind nachlesbar in Haider
(1992 / 2000, 2005 und 2009). Die Struktureigenschaften von kopf-finalen
und kopf-initialen Phrasen ergeben sich aus folgenden Axiomen:
A1: Phrasen sind binär strukturiert und endozentrisch.
A2: Phrasen sind im internen Aufbau universell links-geschichtet:
[ X [ Y [ (...) h° (...)]]]

_____________
7 U.a.: Auxiliarabfolge, Variation in den Auxiliarabfolgen, Partikel-Verbabfolge, keine Kon-
gruenz von Subjekt und adjektivischem Prädikat.
8 Typisches Beispiel sind Ansagen am Bahnsteig: „Achtung, auf Gleis drei fährt ein [der ICE
aus Frankfurt nach München mit Planankunft um ....]“.
16 Hubert Haider

A3: Phrasenköpfe haben eine parametrisierte, kanonische Lizenzie-


rungsrichtung.
A4: Die Argumente des Phrasenkopfes müssen streng lizenziert sein.
Ein Argument A ist streng lizenziert durch den Kopf der Phrase
h°, gdw.
a. A (oder eine Projektion / ein Kettenglied von) h° einander
minimal und wechselseitig c-kommandieren, und
b. die Position von A in der Phrase von h° sich in der kanonischen
Domäne9 von h° befinden.
Aus diesen Annahmen folgt, dass sich die unterschiedlichen Eigenschaf-
ten von OV- und VO-Strukturen letztlich aus A4 ableiten lassen. Der
Phrasenkopf befindet sich an der tiefsten Position, oder, anders formu-
liert, der Aufbau einer Phrase beginnt mit dem Kopf, der sich mit einer
Phrase verbindet, an die schrittweise weiter Phrasen angelagert werden,
aber nur nach links, was aus (A2) folgt. Hier ein Beispiel einer deutschen
VP (2a-c), und eingebettet in einem finiten, eingeleiteten Satz in (2d).
(2a) [etwas verzeihen]VP
(2b) [jemandem [etwas verzeihen]]VP
(2c) [Subjekt [jemandem [etwas verzeihen]]]VP
(2d) [dass [jeder [jemandem [etwas verzeiht]]]VP]
Das Verb lizenziert in (2) nach links, und der Phrasenaufbau erfolgt ge-
mäß A2 ebenfalls nach links. Daher ergibt sich ein geschichteter Aufbau,
in dem das Verb oder eine seiner Projektionen die jeweils angelagerte
Phrase in der kanonischen Richtung, nämlich links, vorfindet.
In kopf-initialen Phrasen gestaltet sich der Aufbau ebenso zwangsläu-
fig, wirkt aber komplizierter, weil in diesem Fall die Lizenzierungsrichtung
nach rechts gegenläufig zum Aufbau gemäß A2 ist. Betrachten wir ein Bei-
spiel:
(3a) [forgive something]
(3b) [someone [forgive something]]
(3c) [forgive [someone [forgive something]]]
(3d) [Subjekt [forgive [someone [forgive something]]]]
(3e) [that [everybody [forgives [someone [forgive something]]]]]
In (3a) befindet sich das Objekt in der geforderten Lizenzierungsrichtung.
Wird nun gemäß A2 das indirekte Objekt angelagert, so muss es links
_____________
9 Die kanonische Domäne von h° oder einer Projektion von h° ist der c-Kommando-
Bereich von h° in der kanonischen Richtung.
Wie wurde Deutsch OV? 17

angelagert werden (3b). Damit ist es aber nicht auf der kanonischen Seite
für einen Kopf, der nach rechts lizenziert. Die Antwort der Grammatik
darauf ist in (3c) angegeben: Der Kopf muss neuerlich instantiiert werden,
und zwar links davon (3c). Da es aber nur ein einziges Verb als Kopf gibt,
bleibt die ursprüngliche Position leer. Es sei denn, das Verb ist ein Parti-
kelverb. In diesem Fall kann die Partikel an der ursprünglichen Verbposi-
tion verharren, was zu der für Deutschsprecher(innen) erstaunlichen Par-
tikelposition zwischen indirektem und direktem Objekt im Englischen
führt (4):
(4a) Valerie [packedi [her daughter [ei-up a lunch]]] (Dehé 2002, 3)
(4b) Susan [pouredi [the man [ei-out a drink]]]
Partikelzusätze von Verben sind, wie auch das Deutsche zeigt, stets dem
Verb benachbart, können aber durch Umstellung des Verbs von diesem
getrennt werden. Im Deutschen passiert dies dann, wenn das Verb in der
V2-Position zu stehen kommt.
Susanne gossi dem Mann ein Getränk ein-ei
Im Englischen, und in allen VO-Sprachen, die optional Partikelabspaltung
erlauben (z.B. Norwegisch und Isländisch), zeigt die aus OV-Perspektive
eigenartig anmutende Partikelpositionierung in (4) an, dass sich zwischen
den Objekten eine Verbposition befinden muss, an der die Partikel zu-
rückgelassen werden kann. Dass das Verb in einer VP selbst nie in dieser
Position zu finden ist, erklärt sich aus der zwangsweisen Voranstellung, in
Erfüllung von A4, b.
Schließlich wird auch das Subjekt angelagert (3d). Diese Struktur (3d)
ist die Struktur einer SVO-Sprache. In einer VSO-Sprache würde das Verb
noch einmal instantiiert werden, wonach sich dann alle Argumente, inklu-
sive Subjekt, in der kanonischen Domäne befinden. In einer SOV-Sprache
befinden sich ebenfalls alle Argumente in der kanonischen Domäne (2c).
Das Subjektsargument einer SVO-Sprache hingegen befindet sich zwar in
der VP, ist aber nicht kanonisch lizenziert (3d). Dazu bedarf es eines zu-
sätzlichen Kopfes, wie in der AcI-Konstruktion (6a), in der richtigen Rich-
tung, oder das Subjektsargument wird in die Spec-Position einer funktio-
nalen Projektion gebracht, deren funktionaler Kopf die ursprüngliche
Position lizenziert (6b).
(6a) let → [VP Susan [pouri [the man [ei-out a drink]]]]
(6b) [IP Susanj [I° has → [VP ej [pouredi [the man [ei-out a drink]]]]]]
Eine Konsequenz dieser Umstände ist folgende Eigenschaft von SVO-
Sprachen. Die funktionale Subjektsposition ist obligatorisch. Ist kein Ar-
gument vorhanden, muss sie mit einem Expletivum besetzt werden. Auf
18 Hubert Haider

eine OV-Sprache trifft das nicht zu. Deutsch beispielsweise verbietet ein
Expletivum in subjektlosen Passivsätzen (7b, d), während dieses in den
skandinavischen Sprachen (7a, c) mandatorisch ist. Ebenso wenig erlaubt
Deutsch ein Expletivum in der Präsentativkonstruktion, die in den skan-
dinavischen Sprachen und dem Englischen mit einem Expletivum kon-
struiert wird.
(7a) að */??(Það) hefur verið dansað Isländisch
dass (EXPL) hat gewesen getanzt
(7b) daß (*es) getanzt wurde
(7c) Í dag er *(Það) komin ein drongur Faröisch
heute is (EXPL) gekommen ein Junge
(7d) Heute ist (*es) ein Junge gekommen
Fassen wir zusammen: kopf-finale und kopf-initiale Phrasen unterschei-
den sich, was die Strukturprinzipien anlangt, lediglich im Richtungspara-
meter. Dieser Unterschied hat allerdings Folgen bei der Implementierung.
Eine komplexe kopf-initiale Struktur, im Unterschied zu einer kopf-
finalen, erfordert die mehrfache Instantiierung des Kopfes (8a).
(8) a. kopf-initiale VP:10 b. kopf-finale VP:
… …
VP <z,x,y> VP <z,x,y>

Vi° VP <z,x,y> XP V´ <z,x,y>

XP V´ <z,x,y> YP V° <z,x,y>

vi° YP
<z,x,y>

Außerdem ergibt sich zwangsläufig, dass die kopf-initiale VP kompakt ist,


nicht aber die kopf-finale. Dies impliziert, dass die Objekte nicht durch
Adverbien getrennt werden können (9a) und dass Objekte nicht umge-
stellt werden dürfen (9b). In beiden Fällen ist die Minimalitätsbedingung

_____________
10 In den Spitzklammern sind die Argumentstellen angegeben, die in die syntaktische Struktur
projiziert werden. Die durchgestrichene Stelle bedeutet, dass sie bereits abgearbeitet ist,
d.h. in die Struktur eingefügt wurde.
Wie wurde Deutsch OV? 19

von A4, a die Ursache. Sowohl das Adverb in (9a), wie auch das aus seiner
Grundposition umgestellte Objekt zerstört die minimale c-Kommando-
Relation. Das Verb in (9a) c-kommandiert minimal das Adverb oder das
umgestellte Objekt in (9b), nicht aber das lizenzierungsbedürftige Argu-
ment.
(9a) He showed (*voluntarily) the students (*secretely) the solution
(9b) *He [showedj [the appartmenti [ej the guests [ej ei]]]
In einer kopf-finalen Phrase tritt dieses Problem nicht auf, da stets eine
Verbalprojektion als Schwesterknoten der links angedockten Phrase auf-
tritt (s. 8b). Im Deutschen ist daher die VP nicht kompakt und außerdem
können die Argumente umgestellt werden:
(10a) Er hat [den Studenten [freiwillig [die Lösungen gezeigt]]]
(10b)Er hat [den Studenten [die Lösungen [freiwillig gezeigt]]]
(10c) Er hat [die Lösungeni [den Studenten [ei [ freiwillig gezeigt]]]]
Wie passt Jiddisch in dieses Bild? Jiddisch repräsentiert den dritten Typus,
der sich dann ergibt, wenn die kanonische Richtung nicht spezifiziert ist. In
diesem Fall gibt es die Möglichkeit, kopf-final zu konstruieren, wie im
Deutschen (11a), oder kopf-initial, wie im Englischen (11b), oder auf eine
dritte Weise (11c).
(11a) Max hot [Rifken [dos buch gegebm]]VP
(11b)Max hot [gegebm Rifken [ei dos buch]]VP
(11c) Max hot [Rifken [gegebm dos buch]]VP
Die dritte Weise (11c) startet mit Lizenzierung nach rechts, wie Englisch,
und setzt fort mit Lizenzierung wie Deutsch, nämlich nach links. Das
Ergebnis ist die Sandwich-Stellung des Verbs, zwischen indirektem und
direktem Objekt. Es ist diese Abfolge, an der sich der dritte Typ zu er-
kennen gibt. Die ersten beiden Möglichkeiten sind die OV-artige und die
VO-artige Konstruktion. Daraus erklärt sich auch, warum Jiddisch miss-
verständlich als OV-Sprache oder als VO-Sprache angesehen werden
konnte. Ist der Wert für die kanonische Richtung spezifiziert, wie das in
VO oder OV der Fall ist, dann kann die Sandwich-Abfolge eben gerade
nicht auftreten.
Hier nun liegt der Schlüssel zum Verständnis des germanischen
OV / VO-Rätsels. Die älteren germanischen Sprachen sind vom dritten
Typ. Die Dialektspaltung ist das Ergebnis des Wechsels von der Unterspe-
zifikation des Richtungsparameters hin zur Spezifikation. Spezifikation
bedeutet die Festlegung auf einen möglichen Wert. Da es nur zwei Werte
gibt (‚davor‘, ‚danach‘), ist die Dialektspaltung die Folge der Wahl des
komplementären Parameterwertes.
20 Hubert Haider

4. Ältere germanische Sprachen sind vom dritten Typ


Hier seien einige Belegstellen quer durch die ältere Germania aufgeführt,
die das Sandwich-Muster zeigen, und damit die Bestätigung liefern, dass
der dritte Typ vorliegt. Man findet dieses Muster in allen älteren germani-
schen Sprachen.
Beispielsbelege 1 – Altenglisch (nach Fisher / van Kemenade / Koop-
man / van der Wurff 2000, 51):
(12a) Se mæssepreost sceal [mannum [bodian þone soþan geleafan]]VP
(Ælet 2 (Wulfstan 1) 175)
Der Priester muss den Leuten predigen den wahren Glauben
(12b)þæt hi [urum godum [geoffrian magon ðancwurðe onsægednysse]
(ÆCHom I, 38.592.31)
dass sie unserem Gott opfern mögen dankbares Opfer
(12c) Ac he sceal [þa sacfullan gesibbian] (Ælet 2 (Wulfstan 1) 188.256)
aber er muss die Streitenden versöhnen
(12d) Se wolde [gelytlian þone lyfigendan hælend] (Ælet 2 (Wulfstan 1)
55.98)
Er wollte erniedrigen den lebendigen Heiland
In (12a) und (12b) liegt die gesuchte Mittelstellung des Verbs vor. Das
indirekte Objekt geht voran, das direkte Objekt folgt. In (12c) ist das Verb
in der VP kopf-final, in (12d) ist es kopf-initial. Laut Fisher u.a. (2000,
172) zog sich die Fixierung des VO-Musters (d.h. der Wandel hin zu einem
fixen Richtungswert) vom 13. bis zum 15. Jh. hin. Ein deutlicher Indikator ist
die Partikelpositionierung. Im Mittelenglischen erst sind mehr als 85 %
aller Partikelvorkommen postverbal, so wie im heutigen Englischen. Laut
Pintzuk / Taylor (2006) betrug der Anteil an echten OV-Abfolgen (d.h. in
Sätzen mit nicht-finitem Hauptverb) vor 950 58,5 %, ging bis 1150 auf
51,7 % zurück, um danach stark abzufallen (29,7 % zwischen 1150-1250).
Ab 1350 (4,3 % OV) darf von strikter VO Struktur ausgegangen werden.
Beispielsbelege 2 – Althochdeutsch (Notker, aus Schallert 2006, 139 u.
142):
(13a) áz sie [nîoman [nenôti des chóufes]] (NB 22,13)
dass sie niemand NEG-nötigten des Kaufes
(13b)tánne sie [búrg-réht [scûofen demo líute]] (NB 64,13)
dass sie Burgrecht gewährten dem Volk
(13c) Úbe dû [dero érdoDAT [dînen sâmenAKK beuúlehîst]] (NB 47,4)
ob du [der Erde [deinen Samen gibst]]
Wie wurde Deutsch OV? 21

(13d) Tisêr ûzero ordo [...] mûoze [duingeni [mit sînero unuuendigi
[ei [diu uuendigen ding]]]] (NB 217,20)
diese äußere Ordnung muss bezwingen mit seiner Unwandelbar-
keit die unwandelbaren Dinge
Die Belege unter (13) illustrieren alle Stellungsmuster des dritten Typs.
(13a) und (13b) haben das Verb in der Position zwischen den Objekten.
(13c) ist kopf-final, und (13d) kopf-initial.
Beispielsbelege 3 – Älteres Isländisch (Hróarsdóttir 2000; Schallert 2006,
157f.):
(14a) hafer Þu [Þinu lidi [jatat Þeim]]
hast Du deine Hilfe versprochen ihnen
(14b)hefir hann [ritað sýslungum sínum bréf]
hat er geschrieben Landsleuten seinen (einen) Brief
(14c) Því eg get ekki [meiri liðsem [Þér veitt]]
da ich kann nicht mehr Hilfe dir bieten
Auch hier zeigt sich das gleiche Bild, nämlich die Triade von Mittelstel-
lung (14a), kopf-initialer Stellung (14b), und kopf-finaler Stellung in (14c).
Auch hier zeigt sich der unterspezifizierte Richtungsparameter bei der
Lizenzierung der Phrasen durch den Kopf innerhalb seiner Projektion.
Insgesamt entspringt die Wortstellungsfreiheit der älteren germani-
schen Sprachen zwei Hauptquellen. Einerseits ist es die fakultative Posi-
tionierung des Verbs in kopf-finaler, kopf-initialer, und intermediärer
Position als Systemeigenschaft des dritten Typs, und anderseits ist es die
für OV-Sprachen typische Variation der Abfolge der Argumente im Mit-
telfeld dank der nicht kompakten Organisation der links-lizenzierend auf-
gebauten Phrasen.

5. Auf dem Weg zu OV / VO


Die Entwicklung hin zum Zustand mit fixiertem Richtungswert und der
damit verbundenen Aufspaltung in OV und VO zog sich ganz offenbar
über einige Generationsspannen hin und war keineswegs in den älteren
Sprachstufen abgeschlossen. Was Deutsch anlangt, war Mittelhochdeutsch
offenbar noch immer eine Sprache mit unterspezifiziertem Richtungswert.
Das zeigt sich im Jiddischen, als Fortsetzter einer mittelhochdeutschen
Grammatik, und ebenso in anderen mittelhochdeutschen Varietäten. Prell
(2003, 245) formuliert das so:
Im mhd. Aussagesatz steht das finite Verb im Nhd. prinzipiell an zweiter Stelle
(V2), im eingeleiteten Nebensatz jedoch nicht unbedingt an letzter, sondern lediglich
22 Hubert Haider

später als an zweiter Stelle. [...] Die absolute Endstellung tritt nach 1250 in über
65% aller eingeleiteten Nebensätze auf.
Der springende Punkt dabei ist, dass nominale Objekte dem Verb folgen
können (Prell 2003, 246):
(15) So wirt dir [vergeben von got din missetat] (Hoffmannsche Predigt-
sammlung)
Das nicht-finite Verb geht fakultativ nominalen Objekten voran, wie das
für den dritten Typ typisch ist. Die entscheidende Frage ist daher folgen-
de. Wie kommt es, dass eine Reihe einzelsprachlicher Entwicklungen auf
denselben Typ hin konvergiert und damit einer ganzen Sprachgruppe
zukommt? Mit anderen Worten, wie kommen beispielsweise Spre-
cher(innen) des frühen Mittelenglischen und des frühen Mittelisländischen
unabhängig voneinander zum selben Zustand ihrer jeweiligen Grammatik,
nämlich einer mit fixiertem Richtungswert für den VO-Typ? Die analoge
Frage stellt sich für die Sprachen des OV-Typs.
Es muss einerseits möglich gewesen sein, dass eine innovative Varian-
te neben der etablierten koexistieren konnte, und es muss ein syntakti-
scher Umstand als Drift im Sinne Sapirs (1921) dingfest gemacht werden,
der eine allmähliche Präponderanz in Richtung OV (beziehungsweise VO)
als der innovativen Variante bewirkte. Anderenfalls ist es nicht verständ-
lich, wie der Wandel in Richtung fixer Direktionalität sich konvergent und
sprachenübergeifend durchsetzen konnte.
Der fragliche Faktor findet sich in einer zweischneidigen Auswirkung des
Richtungsparameters. Einerseits regelt er die Position des Kopfes relativ
zu den vom Kopf abhängigen Phrasen, und andererseits regelt der Rich-
tungsparameter indirekt die Verbabfolge in Sätzen mit Auxiliaren und
Quasi-Auxiliaren (z.B. Modal- und Kausativverben), da auch diesen Ver-
ben eine Selektionsrichtung zukommt.
In VO-Sprachen ist die Abfolge der Verben im einfachen Satz aus-
nahmslos die, die dem Richtungsparameter entspricht. Es gibt keine ande-
re Abfolge. (16) ist ein Beispiel dafür:
(16) Surely, you [VP must → [VP have → [VP been → [VP joking]]]]
Der Richtungsparameter wirkt sich auf die Verbabfolge dadurch aus, dass
Verben andere Verb(phras)en selegieren. (17) illustriert die Situation im
heutigen Englisch. Jedes Auxiliarverb selegiert eine VP, die in der kanoni-
schen Richtung lizenziert wird. Daraus folgt zwangsläufig, dass die abhän-
gige VP, und somit das abhängige Verb dem selegierenden Verb folgt.
Wie wurde Deutsch OV? 23

(17a) must → [VP V ....]


(17b)have → [VP V ....]
(17c) must → [VP have → [VP V ....]]]
Betrachten wir nun den Reanalysefall in der Koexistenzperiode. Das ist
jenes Muster, das sowohl mit der ‚alten‘ Grammatik als auch mit der ‚neu-
en‘ Grammatik kompatibel ist und so den allmählichen Wandel ermög-
licht. Dabei ist mitzubedenken, dass in den (germanischen) OV-Sprachen
eingeschachtelte VPs eine Struktur mit Zentraleinbettung ergäben, weil sie
als linke Komplemente eingebettet wären. Das wird strikt gemieden.
Stattdessen wird ein Verbalkomplex (d.h. eine Konstituente, bestehend
aus den Verben allein) gebildet. Für Details sei auf Haider (2003 und 2009,
Kapitel 7) verwiesen. In (18a) fehlt daher das Muster [VP [V XP]VP Aux].
Es ist unzulässig, weil die VP-Einbettung unstatthaft ist. Es wird obligat
ein Verbalkomplex gebildet und in diesem sind die Verben benachbart.
Daher gibt es keine Möglichkeit, dieses Muster auf grammatische Weise
zu erzeugen. Die Fakten bestätigen dies.
(18a) [Aux [V XP]], [Aux [XP V]], [XP [V Aux]] ‚alt‘
(18b)[Aux [V XP]VP]VP ‚neu‘
In einer Sprache mit Phrasenaufbau des dritten Typs sind alle Abfolgen in
(18a) zulässig. Sie ergeben sich aus dem frei bestimmbaren Wert für die
Lizenzierungsrichtung. Unter den drei möglichen Mustern ist das erste
identisch mit dem Muster (18b), also dem VO-Muster. Die Grammatik für
(18b) ist zumindest einfacher als die für (18a). Erstens weist sie einen einzi-
gen Richtungsfaktor auf, der für alle Komplemente der Verben einheitlich
gilt. Zum Zweiten ist die Auswahl auf ein einziges Strukturmuster reduziert.
Das allein kann aber noch nicht ausreichend sein, denn es sind eben nicht
alle germanischen Sprachen in den strikten VO-Typ gewechselt.
Was ergab den Anstoß in die VO-Richtung? Es ist der Beitrag der
Voranstellung des finiten Verbs (i.e. die germanische V2-Eigenschaft).
Dadurch ergibt in vielen Fällen das erste und dritte Muster von (18a) eine
identische Abfolge. Wenn nun auch im eingeleiteten Nebensatz eine Finit-
umstellung möglich ist, wie das in allen modernen skandinavischen Spra-
chen der Fall ist, dann gibt es insgesamt eine sehr hohe Frequenz der Ab-
folgen in (19).
(19a) [Auxfinit-i [V XP ei]] drittes Muster aus (18a)
(19b)[Auxfinit [V XP]] erstes Muster aus (18a), sowie (18b)
Es ist die Präponderanz dieser Muster, was sich als konstanter Driftfaktor
zugunsten von (19b) ausgewirkt haben mag, und die für die VO-
Entscheidung relevante Richtungsfestlegung begünstigte. Aus der alten
24 Hubert Haider

Grammatik spaltete sich eine neue ab. Die Koexistenz der alten und neu-
en Grammatik änderte sich allmählich zugunsten der Ausbreitung der
neuen Grammatik mit fixer Richtungsfestlegung und (19b) als dem einzi-
gen Muster, durch die abnehmende Frequenz der anderen Muster.
Bleibt nun die Frage, wie es andererseits zu einem Drift in Richtung
des OV-Typs kommen kann. Auch hier dürfte die Abfolgevariation in
Sätzen mit Auxiliar- und Quasi-Auxiliar-Verben eine entscheidende Rolle
spielen. Auffällig ist zum Ersten, dass in den germanischen OV-Sprachen,
anders als in den VO-Sprachen (21), in eingeleiteten Sätzen keine
Hauptsatzwortstellung11 möglich ist. Auffällig ist auch, dass in den germa-
nischen VO-Sprachen die direkte Einbettung eines Satzes mit Hauptsatz-
wortstellung nicht zulässig ist (vgl. Vikner 1995). Es muss ein eingeleiteter
Satz sein. Im Deutschen ist es genau umgekehrt, wie (20a) im Vergleich zu
(20c) belegt.
(20a) Man sagt, diese Verbstellung sei gut möglich
(20b)Man sagt, dass diese Verbstellung gut möglich sei
(20c) *Man sagt, dass diese Verbstellung sei gut möglich
(21a) He said *(that) [never before] has he read such a good article
(21b)Han sagde *(at) [aldrig før] havde han læst sådan en god artikel
Dänisch
(21c) *er sagt, (dass) [nie zuvor] hatte er gelesen solch einen guten Ar-
tikel
Die Existenz der satzinternen V2-Abfolge deutet darauf hin, dass es schon
vorher diese Linksstellung gab, die die Linksstellung der nicht-finiten Ver-
ben im dritten Typ verstärkte und eine Frequenz von Linksstellungsmus-
tern ergibt, die die Reanalyse zu fixer Linksköpfigkeit begünstigte.
Was muss der Fall sein, damit sich eine Bevorzugung der Muster er-
gibt, die zur Fixierung auf Rechtsköpfigkeit führte? Die Antwort findet
sich in einer Eigenschaft, die alle OV-Sprachen gemeinsam haben, näm-
lich die Bildung von Verbalkomplexen. Diese Eigenschaft ergibt sich aus
der Vermeidung von Zentraleinbettung von eingebetteten VPs (22a), ana-
log zu (16) in VO. In OV-Sprachen weisen alle Indizien auf eine Struktur
wie in (22b) hin (vgl. Haider 2003): mehrgliedriger Verbalkomplex anstelle
von zentraleingebetteten VPs.

_____________
11 Hauptsatzwortstellung = besetztes Vorfeld und finites Verb in der linken Klammer. Einzi-
ge Ausnahme ist Friesisch, wo es V2-Muster in eingeleiteten Sätzen gibt. Ob dies eine
Neuerung ist oder nicht, ist unklar (vgl. De Haan / Weerman 1986).
Wie wurde Deutsch OV? 25

(22a) dass [er [ VP [VP [VP [VP das Problem gelöst] haben] müssen] wür-
de]]
(22b)dass [er [VP das Problem [[[gelöst haben] müssen] würde]]
In (22b) gibt es eine einzige VP, und nicht eine Kaskade von vier VPs
(22a). Auf diese Weise wird das Problem vermieden, das kopf-finale Ein-
bettungen beinhalten, nämlich das von Zentraleinbettung gleicher Konsti-
tuenten. (22a) ist extrem parserunfreundlich, denn es ist für den Parser
nicht möglich, die Anzahl der zu öffnenden VP-Knoten zu bestimmen
ohne das Satzende zu kennen. In VO-Strukturen tritt das Problem nicht
auf, denn jede VP präsentiert dem Parser zuerst das Verb der jeweils
übergeordneten VP. Das Problem (22a) wird gelöst, indem die Grammatik
eine Verbalkomplexbildung anbietet. Es gibt keine geschachtelten VPs. Es
gibt nur eine VP und die Verben sind im Verbalkomplex versammelt.
Dieser hat zwar ebenfalls eine ungünstige, weil linksverzweigende, Struk-
tur, doch diese ist auf einen lokalen Bereich beschränkt. Aber auch hier
‚sinnt‘ die Grammatik auf Auswege: In allen germanischen VO-Sprachen
gibt es Verbstellungsvariation, die zur Reduktion der Linksverzweigung im
Verbalkomplex führt:
(23a) dass [er [VP das Problem [würde [[gelöst haben] müssen]]
(23b)dat hij het probleem [zou [moeten [hebben opgelost]]]
Niederländisch
(23c) *dass er das Problem würde müssen haben aufgelöst
Niederländisch hat die radikalste Umstrukturierung des Verbalkomplexes
erreicht. Er erlaubt die komplette Spiegelbildanordnung zum Deutschen
(23b). Damit ist der ‚Makel‘ der Linksverzweigung eliminiert. Aber im
Niederländischen, wie im Deutschen, gibt es Variation in der Abfolge der
Verben im Verbalkomplex. Das ist ein germanisches OV-Merkmal. In
keiner VO-Sprache gibt es Variation unter den Auxiliarabfolgen, aber in
jeder germanischen OV-Sprache gibt es sie:
(24a) alles, was er hätte gesehen haben können
(24b)alles, was er gesehen hätte haben können
(24c) alles, was er gesehen haben hätte können
(24d) dat hij niets kan hebben gezien Niederländisch
dass er nicht kann haben gesehen (Geerts u.a. 1984, 1069)
(24e) dat hij niets kan gezien hebben
(24f) dat hij niets gezien kan hebben
Den heutigen Varietäten des Deutschen ist gemeinsam, dass auch dann,
wenn die Umstellung über den Verbalkomplex hinaus in das Mittelfeld
26 Hubert Haider

hinein möglich ist, das Vollverb stets in der finalen Position verharrt und
damit die Rechtsköpfigkeit der VP festhält.
(25a) dass er für sie nicht hatte die Firma am Leben halten wollen12
(25b)Man hätte (halt) müssen die Polizei verständigen13
(25c) das si am Grendel wöt sine verlore chlause zruggeh14
dass sie dem Grendel wollte seine verlorene Pfote zurückgeben
Dass die Verbstellungsvariation spezielle Berücksichtigung verdient, be-
tont auch Prell (2003, 245):
Ein weiterer wichtiger Unterschied zum Nhd. besteht darin, dass im mehrteiligen
Verbalkomplex im mhd. Nebensatz die Abfolge der Verbformen nicht fest geregelt
ist. Auch hier dominiert bereits die nhd. Stellung (Infinitum vor Finitum) mit
Werten zwischen 68 und 75 % pro Jahrhunderthälfte, die umgekehrte Abfolge
einschließlich der Distanzstellung der Verbformen ist aber auch jederzeit erwart-
bar
Die folgenden Belege entnimmt Prell (2003, 245) dem Mühlhausener
Reichsrechtsbuch.
(26a) hivte ist der vroliche tak daz vnser herre wollte varn ze ierl’m. vn
die mrter liden vmbe alle die mennischen die er heilen wolte.
(Kuppitsch’sche Predigtsammlung)
(26b)Hinach is beschribin daz ein iclich man hi zv mvlhusen in die ri-
chis stat sal vride habi in simmi huz
(26a) ist ein Beleg mit beiden möglichen Abfolgen im Verbalkomplex im
selben Satz. Der erste Satz zeigt die ‚niederländische‘ Abfolge ‚wollte farn‘
(plus Nachstellung einer Präpositionalphrase). Im zweiten Satz von (26a)
liegt die Abfolge wie im Nhd. vor. In (26b) gibt es eine Voranstellung des
finiten Auxiliars ins Mittelfeld hinein, aus dem Verbalkomplex heraus, wie
es auch im Nhd. in Ersatzinfinitivkonstruktionen üblich ist.
Nun, da wir die ‚Hauptverdächtigen‘ für den Wandel in Richtung der
OV/VO-Dialektaufspaltung dingfest gemacht zu haben glauben, ist der
Punkt erreicht, um die Erklärungshypothese zu fixieren. Ausgangslage ist
eine Grammatik mit nicht fixiertem, d.h. unterspezifiziertem Richtungs-
wert für die Kategorie V. Es kann alternativ nach rechts oder nach links
lizenzieren.

_____________
12 Zitat aus: Thomas Mann, Buddenbrooks. Verfall einer Familie.
13 Dies ist ein sehr frequentes Muster in der Wiener Umgangssprache: Das nicht-finite Mo-
dalverb geht an die Mittelfeldspitze. Es befindet sich aber nicht in der linken Klammer, zu-
sammen mit dem finiten Verb, denn Partikel und Pronomina an der Wackernagelposition
treten dazwischen: ‚Er hätt‘ sich müssen wärmere Socken anziehen.‘
14 Schwytzerdytsch, aus Wurmbrand (2006).
Wie wurde Deutsch OV? 27

Diese Grammatik erklärt die Tatsache, dass wir sowohl VO-Muster


finden, als auch OV-Muster, aber auch Muster, die weder OV- noch VO-
kompatibel sind, nämlich die Sandwich-Stellung des Verbs zwischen zwei
seiner Objektsaktanten. Diese Grammatik trifft für die älteren Sprachstu-
fen zu und ist bis in die ‚mittleren Perioden‘ (Mittelhochdeutsch, Mittel-
englisch, etc.) wirksam. In dieser Periode setzt ein Wandel ein. Sein End-
punkt sind Sprachen mit einer Grammatik, in der der Richtungswert für V
nicht mehr unterspezifiziert, sondern fixiert ist. Da es nur zwei mögliche
Werte gibt (links, rechts), ist das Resultat jeweils eine von zwei Möglich-
keiten, nämlich fix rechts-lizenzierend (VO), oder fix links-lizenzierend
(VO). Dieser Wandel ist aber einer, der jeweils eine ganze Gruppe einheit-
lich ‚infizierte‘. Das ist die noch offene Frage. Welche ‚Infektion‘ der
Grammatik hat sich hier jeweils uniform auszubreiten begonnen?

6. Konvergierende Drifts?
Der Wandel besteht in der Fixierung der Lizenzierungsrichtung. Die
Grammatik mit frei wählbarer, weil unterspezifizierter Lizenzierungsrich-
tung des Verbs ändert sich zu einer mit fixierter Richtung. Da es bei dieser
Fixierung eine Alternative gibt, sehen wir heutzutage zwei Grammatikfa-
milien. Eine ist die OV-Familie der westgermanischen Sprachen, und die
andere die VO-Familie der nordgermanischen Sprache sowie Englisch.
Wegen des Mangels an repräsentativ erhobenen und analysierten Da-
ten aus detaillierten, sprachvergleichenden Recherchen zum fraglichen
Sprachzustand kann hier bloß eine Konjektur formuliert werden, wie die
oben formulierte Generalhypothese („von unterspezifiziert zu fixiert“) in
der grammatischen Implementierung funktioniert haben kann. Hier ist sie:
Der Wandel vom unterspezifizierten zum fixierten Wert hat jeweils
klare Konsequenzen, die sich aus der konsequenten Implementierung und
den dadurch ausgelösten Folgewirkungen ergeben. Die Implementierung
als ‚fixiert auf rechts-lizenzierend‘ ergibt eine Festlegung auf die Verbab-
folge 1-2-3 als relative Abfolge, und die V-Objekt-Abfolge. Diese ist in
allen Fällen mit nur zwei Verben deckungsgleich mit der Variante, die sich
aus der Voranstellung des finiten Verbs ergibt. Die Reanalyse wird be-
günstigt, wenn es die Möglichkeit der Voranstellung des Finitums auch in
eingebetteten Sätzen gab, so wie in den heutigen skandinavischen Spra-
chen.
In der Variante ‚fixiert auf links-lizenzierend‘ ergibt sich die relative
Verbabfolge 3-2-1 und eine Objekt-V-Abfolge. Wiederum führt die Vor-
anstellung des Finitums zu 1-2-Abfolgen. Entscheidend ist aber auch, dass
mit der Linkslizenzierung der Ersatz von VP-Einbettung durch Verbal-
28 Hubert Haider

komplexbildung verbunden ist. Das äußert sich in den Daten als Objekt-V2-
V1- neben einer Objekt-V1-V2-Abfolge. Begünstigt wird die Erkennbarkeit
der Fixierung auf kopf-final, wenn es, so wie in den heutigen germani-
schen OV-Sprachen, keine Finit-Voranstellung in eingeleiteten Sätzen
gibt, die die V2-V1-Abfolge maskiert, weil dann die Voranstellung von V1
als linksköpfig in vielen Kontexten nicht von der Finitvoranstellung zu
unterscheiden ist.
Der jeweilige nachhaltige Drift ergibt sich dadurch, dass in den fixier-
ten Varianten der Grammatik die zulässigen Wortstellungsmöglichkeiten
eine Teilmenge jener Stellungsmuster bilden, die von der Vorgänger-
grammatik zugelassen sind. Das führt dazu, dass die aktiv gebrauchten
Muster im innovativen Dialekt eine Teilmenge des Grunddialekts sind,
und die anderen Muster passiv zugelassen werden, zum Teil als tolerierte
Varianten, in der Weise, wie wir uns auch heute nicht daran stoßen, wenn
jemand eine Variante gebraucht, die man selbst aktiv nicht benützt.
Der Grund für die Reanalyse, die überhaupt erst einen Drift begrün-
dete, liegt aber in der ‚Konkurrenz‘ zwischen Verbvoranstellung infolge
der Finitumstellung (als pangermanische Eigenschaft) und den Voranstel-
lungsvarianten infolge der Alternative zwischen Rechts- und Links-
Lizenzierung. Der Wandel zu fixer Lizenzierung entspricht einer gramma-
tischen ‚Flurbereinigung‘ als Reduktion der Quellen für Verbumstellung,
oder mit anderen Worten, einer Vereinfachung des Verhältnisses zwischen
Linearisierung und syntaktischer Strukturierung. Es gibt viele Sprachen
des dritten Typs, aber darunter sind keine Sprachen mit obligater Finitum-
stellung.

7. Zusammenfassung
Die heutigen germanischen Sprachen sind, was die Verbalphrase betrifft,
jeweils entweder kopf-final (westgermanische OV-Sprachen) oder kopf-
initial (nordgermanische VO-Sprachen). Das ist Ergebnis eines syntakti-
schen Wandels. Der gemeinsame sprachliche Vorfahre war weder OV
noch VO, sondern vom dritten Typus, nämlich unterspezifiziert hinsicht-
lich des Richtungswertes von V°. Der Wandel wurde nicht durch mor-
phosyntaktischen Abbau angetrieben.
Der primäre Wandel ist der von ‚unterspezifiziert‘ zu ‚spezifiziert‘ im
Richtungswert des Verbums. Dieser Wandel ermöglichte zwei einander
ausschließende Implementierungswege, nämlich als links-lizenzierend
(OV) oder als rechts-lizenzierend (VO). Jede dieser Möglichkeiten setzt
einen Drift in Gange.
Wie wurde Deutsch OV? 29

Der nachhaltige Wandel, der zur Dialektspaltung führte, wird durch


die Auswirkung des jeweils fixierten Wertes auf die Verbabfolge in einfa-
chen Sätzen mit mehreren Verben (Auxiliaren, Quasi-Auxiliaren) getragen.
Die Option, die zu VO führt, besteht in der Bevorzugung der Verbvoran-
stellung, während die Option, die zu OV führt, eine Verbalkomplexbil-
dung auslöst, mit Stellungsvariationen im Komplex.
Was noch aussteht sind syntaxtheoretisch versierte, systematisch
sprachvergleichende empirische Studien zur Korrelation zwischen den Abfol-
gemustern von V° und Objekt (also V-O, O-V) einerseits und den Abfol-
gemustern der Verben andererseits, unter Berücksichtigung und analyti-
scher Eliminierung der maskierenden Faktoren, wie Finitumstellung im
eingeleiteten Satz. Diese Studien sind unabdingbar, um die Entschei-
dungsgrundlage zu festigen für die hier behauptete Trennung in bevorzug-
te Voranstellung (und damit für den Weg zu VO) und bevorzugte Verbal-
komplexbildung (und damit für den Weg zu OV). Für Altenglisch haben
Van Kemenade (1987) und Koopman (1990) bereits Grundlagen erarbei-
tet (s. auch Fischer u.a. 2000, 28). Erst wenn eine hinreichende Datenbasis
gegeben ist, lässt sich eine konklusive Argumentation erzielen.

Literatur

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30 Hubert Haider

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tionsschrift, Universität Tübingen.
Wurmbrand, Susi (2006), „Verb Clusters, Verb Raising, and Restructuring“, in: Martin
Everaert / Henk van Riemsdijk (Hrsg.), The Blackwell Companion to Syntax, Vol. V.,
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Anhang: Syntaktische Korrelate von OV bzw. VO


Was korreliert direkt mit OV?
• (nicht-finites) Verb folgt in der VP-Grundposition seinen nominalen
Aktanten (abgesehen von Ausklammerungsphänomenen wie heavy
NP shift):
[Obj Obj V]VP – *[Obj V Obj]VP – *[V Obj Obj]VP
• Abfolge der Aktanten ist variabel (‚freie‘ Wortstellung = Scramb-
ling)
• Partikel von Partikelverben ist präverbal (wenn nicht durch
V-Umstellung abgespalten)
• keine strukturell ausgezeichnete Subjektsposition, und daher
Wie wurde Deutsch OV? 31

• keine strukturell bedingten Subjektsepletiva


• V+Aux-Abfolge, mit Variation (wenn es eine Sprache mit Verbvor-
anstellung ist)
• kompakter Verbalkomplex, mit Stellungsvariation der Verben im
Komplex
Was korreliert direkt mit VO?
• (nicht-finites) Verb geht in der VP-Grundposition seinen Objekts-
aktanten voraus:
[V Obj Obj]VP – *[Obj V Obj]VP – *[Obj Obj V]VP
• Abfolge der Aktanten ist invariabel (‚fixe‘ Wortstellung)
• Partikel von Partikelverben ist postverbal
• ausgezeichnete strukturelle Subjektsposition, präverbal, und daher
• obligatorisches strukturelles Subjektsexpletiv
• Aux+V-Abfolge, ohne Variation
• kein Verbalkomplex; Adverbien auch zwischen den nicht-finiten
Verben: Aux-Adverb-V
• edge effect: Kopf der präverbalen Adverbialphrase muss adjazent
sein zur VP (vgl. Haider 2005)
Was korreliert mit dem dritten Typ XVX?
• Verbposition erscheint variabel:
• Es gibt neben OV- und VO-Abfolge auch die OVO-Abfolge, d.h.
[…. [VPObjekt [V Objekt]]]
• Abfolge der Aktanten vor der satzinternen V-Position ist variabel
(‚freie‘ Wortstellung = Scrambling), wie in OV (es sei denn, funk-
tionale Positionen sind damit bestückt, wie im Ungarischen)
• spezielle Subjektsposition nur dann, wenn konsequent das VO-
Muster instantiiert ist, und dann auch mit Expletivsubjekt (Expletiv
erscheint daher, als ob es fakultativ wäre)
• Aux-V-Abfolge und auch V-Aux-Abfolge (bei finitem und nicht-
finitem Aux), auch in Distanzstellung
• Verbalkomplexbildung ist fakultativ
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats
in Aussagesätzen in biblischen Textsorten
vom 9. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts

Franz Simmler (Berlin)

1. Forschungsstand, Problemstellung, Erkenntnisziel,


Materialgrundlage
Die Ermittlung von Serialisierungsregeln des Prädikats in Aussagesätzen
und anderen Satzarten wird in der Althochdeutschen Syntax von R.
Schrodt skeptisch beurteilt. Wegen lateinischer Vorlagen bzw. wegen der
Reimverwendung entstehe das Problem, die „wirklichen“, die „regelhaf-
te[n]“ und die „genuine[n]“ Serialisierungsregeln des Althochdeutschen zu
erkennen.1 Kommen Übereinstimmungen zwischen lateinischer Vorlage
und deutscher Übersetzung vor und zeigen sich dabei Abweichungen von
den in zur deutschen Gegenwartssprache in Grammatiken erfassten Seria-
lisierungsregeln, dann wird auf einen lateinischen Einfluss geschlossen,2 so
dass Serialisierungsregeln existieren, die nicht genuin seien:
(1a) et accesserunt ad eum discipuli eius (T, M, 133.31; Mt 5,1)3
(1b) Inti giengun tho zi Imo sine iungiron (T, M, 133.31)
(2a) .& tunc confitebor illis. (T, M, 163.30; Mt 7,23)
(2b) thanne gih ih in (T, M, 163.30)

_____________
1 Schrodt (2004, § S 183, 200).
2 Vgl. Maurer (1926, § 67ff.).
3 Zitiert wird die Tatianbilingue (= T) nach der Edition von Masser (1994) (= M) mit Seiten-
und Zeilenangabe. Zum besseren Vergleich der verschiedenen Textsortentraditionen wird
auch noch die Bibelstelle angegeben. Da eine syntaktische Analyse vorliegt, ist die
s-Graphie normalisiert; die syntaxrelevanten Interpunktionszeichen wurden nicht verän-
dert. Die Verba finita sind durch Fettdruck hervorgehoben.
34 Franz Simmler

(3a) ;Igitur ex fructibus eorum cognosc&is eos., (T, M, 163.18f.; Mt


7,20)
(3b) uuarlihho fon iro uuahsmen furstant& ir sie., (T, M, 163.18f.)
(4a) Sic omnis arbor bona ! fructus bonos facit., (T, M, 163.1f.; Mt
7,17)
(4b) So giuuelih guot boum guotan uuahsmon tuot. (T, M, 163.1f.)
So zeigen sich in den Beispielen (1) bis (4) im lateinischen Textteil (a) und
im deutschen Textteil (b) in Aussagesätzen in der Tatianbilingue Erst-,
Zweit-, Dritt- und Endstellungen des Prädikats, des Verbum finitum. Nur
die Übereinstimmungen in der Erst-, Dritt- und Endstellung werden als
nicht-genuin angesehen. Die Übereinstimmungen in der Zweitstellung
werden jedoch nicht auf einen lateinischen Einfluss zurückgeführt, da in
der Gegenwartssprache der Aussagesatz „gewöhnlich die Form des Verb-
zweitsatzes“ besitze4 und die Verbzweitstellung zu den „Sprachtypologi-
sche[n] Vorgaben“5 gehöre. Gegenwartssprachliche Abweichungen von
der Feldertypologie werden mit einem Vorvorfeld erklärt, das aber nicht
in die Serialisierungsregeln einbezogen wird und deren Elemente in ihrem
syntaktischen Status und in ihrer kommunikativen Funktion weder exakt
noch widerspruchsfrei erfasst sind.6 Die sprachtypologische Verengung
der Stellungsregularitäten im Aussagesatz in der deutschen Gegenwarts-
sprache bestimmt auch die Behandlung der historischen Überlieferungen
des Deutschen und führt zu einer Überschätzung des lateinischen Einflus-
ses auf die Serialisierungsregeln des Prädikats in Aussagesätzen.
Im Folgenden ist es daher das Erkenntnisziel, erstens den postulierten
lateinischen Einfluss auf das Deutsche einer Überprüfung zu unterziehen,7
zweitens die mit den Serialisierungsregeln verbundenen Textfunktionen
aufzuzeigen, da die grammatischen Phänomene in Texten und nicht in
isolierten Einzelsätzen vorkommen, und drittens im Hinblick auf die Se-
rialisierungsregeln sprachliche Entwicklungstendenzen aufzuzeigen.
Als Materialgrundlage wird aus der biblischen Übersetzungsliteratur
das Matthäus-Evangelium ausgewählt, das umfangreich in die Diatessa-
ron-Tradition einbezogen ist und auch in Übersetzungen des Neuen Tes-
taments und in Gesamtbibeln vollständig überliefert ist. Im Einzelnen
werden folgende Handschriften und Drucke berücksichtigt:

_____________
4 Gallmann (2005, 903).
5 Fritz (2005, 1133).
6 Dazu mit neuen Beispielen und in Auseinandersetzung mit verschiedenen theoretischen
Prämissen Simmler (2008a); Wich-Reif (2008).
7 Dazu auch Dittmer / Dittmer (1998, 36).
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 35

• Diatessaron-Traditionen
1. Tatianbilingue, lateinisch – althochdeutsch (Stiftsbibliothek St.
Gallen, Cod. 56) (9. Jh.) (= T + M)
2. Zürich, Zentralbibliothek, C 170 App. 56 (13. / 14. Jh.) (= Zü)
• Bibel-Traditionen
3. Luthers Septembertestament, Neues Testament, Wittenberg
1522 (= LS)
4. Zürcher Bilingue, Neues Testament, lateinisch – deutsch, Dru-
cker: Christoph Froschauer, Zürich 1535 (Zentralbibliothek Zü-
rich, Cod. III C 341) (= ZüD)
5. Die Bibel, Gesamtbibel, Stuttgart 1980 (= Einheitsübersetzung =
EÜ)
• Lateinische Traditionen
6. Erasmus von Rotterdam, Neues Testament, griechisch – latei-
nisch, Drucker: Iohannes Frobenius, Basel 1519 (VD 16 B 4197;
IDC No. HB-126) (= ER)
7. Biblia sacra iuxta vulgatam versionem, Stuttgart 4. Aufl. 1994 (=
Biblia)
Für die Fragestellung von besonderer Relevanz sind die Bilinguen Nr. 1
und Nr. 4, denen ein lateinischer Textteil beigegeben ist, der sich in Nr. 1
auf die Vulgata-Tradition (Nr. 7) und in Nr. 4 auf den Text des Erasmus
von Rotterdam stützt (Nr. 6). Der Text von Erasmus von Rotterdam liegt
auch Luthers Septembertestament (Nr. 3) zugrunde. Die Übersetzung von
Luther ist über einen Zürcher Nachdruck von 1524 auch die Grundlage
des deutschen Textteils der Zürcher Bilingue (Nr. 4).8
In der Untersuchung konzentriere ich mich auf die Tatianbilingue
(Nr. 1), Luthers Septembertestament (Nr. 3) und die Zürcher Bilingue
(Nr. 4). Ein Ausblick wird auf die Einheitsübersetzung (Nr. 5) und beson-
dere Serialisierungsregeln im Frühneuhochdeutschen Prosaroman und in
Romanen der Gegenwartssprache gegeben. Die lateinischen Texte des
Erasmus von Rotterdam (Nr. 6) und der Vulgata (Nr. 7) werden bei Be-
darf herangezogen.

_____________
8 Vgl. Simmler (2008b).
36 Franz Simmler

2. Unterschiede zwischen lateinischen und deutschen


Serialisierungsregeln und ihre Textfunktionen
2.1. Erststellung des Prädikats im Deutschen

Abweichend von der lateinischen Textgrundlage kommen in der deutsch-


sprachigen Überlieferung folgende Erststellungen des Prädikats vor:
(5a) cum uenissent ergo qui circa undecimam horam uenerant
acceperunt singulos denarios (T, M, 371.23-25; Mt 20,9)
(5b) tho thie quamun thiedar umbi thia einliftun zit quamun
Intfiegun suntrigon phenninga (T, M, 371.23-25)
(5c) Do kamen / die umb die eylfften stund gedinget waren / und
empfieng ein iglicher seynen grosschen. (LS, Bl. XVIr, Z. 32f.)9
(5d) Et cum uenissent quia circa undecimam horam uenerant, acce-
perunt singuli denarium. (ZüD, 48a, Z. 9-12)10
(5e) Do kamend die vmb die eylfftenn stund gedinget warend / vnnd
empfieng ein yetlicher seinen groschen. (ZüD, 48b, Z. 10-14)
(5f) Et cum uenissent qui circa undecimam horam uenerant, accepe-
runt singuli denarium. (ER, 44b, Z. 24-26)
(5g) cum venissent ergo qui circa undecimam horam venerant
acceperunt singulos denarios (Biblia, 1556)
(5h) Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben
hatte, und jeder erhielt einen Denar. (EÜ, 1101)
(6a) tamquam ad latronem existis cum gladiis et fustibus
comprehendere me cotidie apud uos eram docens in templo (T,
M, 607.18-22; Mt 26,55)
(6b) samaso zi thiobe giengut ir mit suerta Inti mit stangon mih
zifahanne gitago uuas ich mit iu lerenti in themo temple (T, M,
607.18-22)

_____________
9 Da eine syntaktische Untersuchung vorliegt, wurden auch bei den Textexemplaren Nr. 2,
4f. und 7 verschiedene s- und r -Graphien vereinheitlicht, übergeschriebene Buchstaben
wurden nachgestellt, diakritische Zeichen über <y> weggelassen und Abkürzungen aufge-
löst. Die syntaxrelevanten Interpunktionszeichen wurden nicht verändert. Zitiert wird je-
weils nach der originalen Blatt- oder Seitenzählung und der Zeilenanzahl; r = recto, v =
verso.
10 In ZüD wird zusätzlich die Spalte angegeben; a = linke Spalte, b = rechte Spalte.
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 37

(6c) yhr seytt aus gangen als zu eynem morder / mit schwerdten vnd
mitt stangen / mich zu fahen / bynn ich doch teglich gesessen
vnd hab geleret ym tempel / (LS, Bl. XXIIv, Z. 19-21)
(6d) Tanquam ad latronem existis cum gladijs et fustibus ad
comprehendum me: quotidie apud uos sedebam docens in
templo (ZüD, 94a, Z. 26-31)
(6e) Ir sind auszgangen als zuo einem moerder mit schwaerten vnd
mit stangen mich zefahenn / bin ich doch taeglich gesaessen
vnd hab geleert im tempel / (ZüD, 94b, Z. 28-32)
(6f) Wie gegen eien Räuber seid ihr mit Schwertern und Knüppeln
ausgezogen, um mich festzunehmen. Tag für Tag saß ich im
Tempel und lehrte, (EÜ, 1111)
(7a) Et terra mota est et petre scissae sunt et monumenta aperta sunt
et multa corpora sanctorum qui dormirant surrexerunt. (T, M,
647.21-27; Mt 27,51f.)
(7b) Inti erda girourit uuas Inti steina gislizane uuarun Inti grebir uur-
dun giofanotu Inti manage lihhamon thiedar sliefun erstuontun.
(T, M, 647.21-27)
(7c) vnd die erde erbebete / vnd die felsen zu ryssen / vnd die greber
thetten sich auff / vnd stunden auff viel leybe der heyligen / die
da schlieffen / (LS, Bl. XXIIIIr, Z. 17-19)
(7d) et terra motra est, et petrae scissae sunt, et monumenta aperta
sunt, et multa corpora sanctorum, qui dormierant, surrexerunt,
(ZüD, 101b, Z. 9-13)
(7e) Vnd die erd erbidmet / vnd die velsen zerrisssend / vnnd die
greber thettend sich auf / vnnd stuondend auf vil leyb der hey-
ligen die da schlieffend. (ZüD, 101a, Z. 9-14)
(7f) Die Erde bebte, und die Felsen spalteten sich. Die Gräber öffne-
ten sich, und die Leiber vieler Heiliger, die entschlafen waren,
wurden auferweckt. (EÜ, 1114)
In der Beispielgruppe (5) ist in den deutschsprachigen Textteilen ein un-
terschiedliches Verhalten gegenüber der lateinischen Vorlage zu erkennen.
In den Beispielen (5a) und (5b) befinden sich die Verba finita acceperunt
und Intfie(n)gun in Zweitstellung, die Serialisierungen des Prädikats ent-
sprechen sich. Das erste Satzglied ist von einem Temporalsatz besetzt,
dessen Subjekt in (5a) aus einem Subjektsatz besteht; in (5b) ist das Sub-
jekt thie, das durch einen Attributsatz erweitert ist. In Verbindung mit den
38 Franz Simmler

Verba finita acceperunt und Intfie(n)gun ist ein Subjekt syntaktisch nicht reali-
siert. Dieses fehlt jedoch nicht,11 sondern die Subjektinformation ist auf-
grund der spezifischen morphologischen Struktur des Lateinischen und
des Althochdeutschen durch die Personkategorie in der finiten Verbform
ausgedrückt und muss daher nicht immer durch ein eigenes Satzglied aus-
gedrückt werden.12 In Luthers Septembertestament (5c) ist das Subjekt ein
iglicher realisiert und befindet sich in Zweitstellung nach dem Prädikat
empfieng, das die erste Position einnimmt. Diese Serialisierung bleibt in der
Zürcher Bilingue (5e) erhalten. In der Einheitsübersetzung (5h) wird die
Zweitstellung des Prädikats eingeführt. Mit der Änderung der Serialisie-
rung des Prädikats ist in (5c) gegenüber (5b) ein anderer Gesamtsatzauf-
bau verbunden. In (5c) liegt eine Hypotaxe aus Hauptsatz 1 – Nebensatz
(einem Subjektsatz zum Verbum finitum kamen des ersten Hauptsatzes) –
Hauptsatz 2 vor, in (5b) eine Hypotaxe aus einem Nebensatz 1 (einem
Temporalsatz), einem Nebensatz 2 (einem Attributsatz zum Nukleus thie,
dem Subjekt des Temporalsatzes) und einem Hauptsatz.
In der Beispielgruppe (6) existieren Serialisierungsunterschiede auch
zwischen der lateinischen Vorlage und der althochdeutschen Übersetzung.
Im Lateinischen befinden sich eram (6a) und sedebam (6d) in Drittstellung.
Diese wird im Althochdeutschen nicht übernommen; uuas hat eine Zweit-
stellung (6b), und zusätzlich ist mit ih ein syntaktisch realisiertes Subjekt
vorhanden, das im Lateinischen durch die morphologische Struktur signa-
lisiert ist. Noch stärker von der lateinischen Vorlage weicht Luther ab, der
die Erststellung des Verbum finitum bynn einführt (6c), was von der Zür-
cher Bilingue übernommen wird (6e). In der Einheitsübersetzung (6f)
erscheint wieder die Zweitstellung.
In der Beispielgruppe (7) stimmen die Serialisierungen im Lateinischen
und Althochdeutschen wieder überein; die Prädikate surrexerunt (7a) und
erstuontun (7b) befinden sich in Zweitstellung; ihnen geht jeweils ein Sub-
jekt voraus, dessen Nukleus um einen Attributsatz erweitert ist. Luther
stellt wiederum das Prädikat stunden auff an die erste Position (7c), gefolgt
vom Subjekt viel leybe der heyligen. Die Zürcher Bilingue folgt gegen den
selbst verwendeten lateinischen Textteil (7d) im deutschen Textteil (7e)
erneut Luther. In der Einheitsübersetzung (7f) ist die Zweitstellung des
Prädikats vorhanden.
Die Beispielgruppen zeigen exemplarisch, dass die Erststellung von
Prädikaten im Lateinischen und Deutschen vorkommt (1a, 1b) und sich
das Althochdeutsche am stärksten in der Serialisierung an das Lateinische
anlehnt, ohne jedoch davon sklavisch abhängig zu sein (vgl. 6b mit 6a).
_____________
11 So Schrodt (2004, § S 186), bei Imperativ- und Wunschsätzen.
12 Vgl. Simmler (1997, 107ff.).
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 39

Die Erststellung des Prädikats mit folgendem Subjekt erweist sich als eine
Serialisierung, die auch das Lateinische verwendet, die aber im Deutschen
unabhängig von einer lateinischen Vorlage eingesetzt wird. Sie ist daher als
genuine Serialisierungsregel des Deutschen anzusehen13 und ist nicht ein-
fach eine unmittelbare „Fortführung der idg. Verhältnisse“.14 Sie besitzt
eine spezifische Textfunktion, die über die bisher erwähnte „satzverknüp-
fende und emphatische Funktion“15 hinausgeht. Ihre Textfunktion wird in
der Verbindung von Teilsätzen innerhalb von Gesamtsätzen realisiert und
besteht darin, einen unmittelbaren Anschluss an eine vorausgehende
Handlung herzustellen und mit syntaktischen Mitteln einen Handlungszu-
sammenhang herzustellen. In (5c) wird so die großzügige und überra-
schende Entlohnung hervorgehoben, in (6c) der Widerspruch zwischen
der Art der Gefangennahme Christi und seinem öffentlichen Auftreten im
Tempel und in (7c) der Zusammenhang zwischen natürlichen Ereignissen
und der übernatürlichen Auferstehung der Heiligen. Dieser syntaktisch
markierte Zusammenhang geht in der Einheitsübersetzung in (6f, 7f)
durch die Übersetzung mit jeweils zwei Gesamtsätzen verloren und ist nur
inhaltsseitig aus der Abfolge der Gesamtsätze herzuleiten.

2.2. Drittstellung des Prädikats im Deutschen

Eine von der lateinischen Vorlage abweichende Drittstellung des Prädikats


in der deutschsprachigen Überlieferung zeigt sich in folgenden Beispielen:
(8a) Sic omnis arbor bona ! fructus bonos facit., (T, M, 163.1f.; Mt
7,17)
(8b) So giuuelih guot boum guotan uuahsmon tuot. (T, M, 163.1f.)
(8c) Also eyn iglicher guter bawm bringt gutte fruchte / (LS, Bl. Vv,
Z. 30f.)
(8d) Sic omnis arbor bona fructus bonos facit: (ZüD, 20a, Z. 13-15)
(8e) Also ein yetlicher guoter baum bringt guote frucht / (ZüD, 20b,
Z. 15-17)
(8f) Jeder gute Baum bringt gute Früchte hervor, (EÜ, 1083)
(9a) et nemo mittit uinum nouum in utres ueteres alioquim rumpet
uinum nouum utres. (T, M, 199.11-14; Mt 9.17 und Mc 2.22)
_____________
13 Zu weiteren Beispielen Simmler (2007, 61f.).
14 Schrodt (2004, § S 184).
15 Ebd.
40 Franz Simmler

(9b) neque mittunt vinum novum in utres veteres alioquin rumpun-


tur utrres et vinum effunditur et utres pereunt (Mt 9,17; Biblia,
1538)
(9c) et nemo mittet vinum novellum in utres veteres alioquin dis-
rumpet vinum utres et vinum effunditur et utres peribunt (Mc
2,22; Biblia, 1577)
(9d) Inti nioman sentit niuuan uuin in alte belgi elles brihhit ther niu-
ua uuin thie belgi (T, M, 199.11-14)
(9e) Man fasset auch nit den most ynn alte schleuche / anders die
schleuche zu reyssen / vnd der most wirtt verschutt / (LS, Bl.
VIIr, Z. 22f.)
(9f) Neque mittunt uinum nouum in utres ueteres, alioque rumpun-
tur utres, et uinum effunditur, et utres pereunt, (ZüD, 26a, Z.
23-26)
(9g) Man fasset auch nit den most in alte schleüch / anders die schle-
üch zerreyssennd / vnd der most wirdt verschütt: (ZüD, 26b,
Z. 25-28)
(9h) Auch füllt man nicht neuen Wein in alte Schläuche. Sonst reißen
die Schläuche, der Wein läuft aus, und die Schläuche sind un-
brauchbar. (EÜ, 1085)
(10a) Quia si in tyro et sidone facte fuissent uirtutes quae facte sunt in
uobis olim in cilicio et cinere poenitentiam egissent., (T, M,
219.12-16; Mt 11,21)
(10b)bithiu oba in tyro inti in sidone gitanu uuarin megin thiu in iu gi-
tanu sint forn in haru inti in ascun riuua tatin., (T, M, 219.12-16)
(10c) weren solche thatten zu Tyro vnd zu Sidon geschehen / als bey
euch geschehen sind / sie hetten vortzeytten ym sack vnnd ynn
der asschen bussz than / (LS, Bl. IXr, Z. 19-21)
(10d) quoniam si in urbe Tyri aut Sidonis factae fuissent uirtutes, quae
facte sunt in uobis, olim in facto et cinere scelerum suorum poe-
nitentiam egissent. (ZüD, 34a, Z. 23-28)
(10e) waerend soeliche thaten zuo Tyro und zuo Sidon geschehen / als
bey euch geschehen sind / sy hettend vor zeytenn im sack vnd
in der aeschen buosz gethon. (ZüD, 34b, Z. 26-31)
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 41

(10f) Wenn einst in Tyrus und Sidon die Wunder geschehen wären,
die bei euch geschehen sind – man hätte dort in Sack und Asche
Buße getan. (EÜ, 1088)
(11a) Ideo omnis scriba doctus in regno celorum similis est homini pa-
tri familia (T, M, 241.26-28; Mt 13,52)
(11b)bithiu giuuelih bouhhari gelerter in rihhe himilo gilih ist manne
fateres hiuuiskes (T, M, 241.26-28)
(11c) Darumb eyn iglicher schrifftgelerter der zum hymelreych gelert
ist / ist gleich eynem haus vatter / (LS, Bl. XIv, Z. 29f.)
(11d) Propterea omnis scriba doctus ad regnum coelorum, similis est
homini patrifamilias, (ZüD, 45b, Z. 28-31)
(11e) Darumb ein yetlicher gschrifftgelerter der zum himmelreych ge-
leert ist / ist gleych einem hauszuatter / (ZüD, 45a, Z. 29-32)
(11f) Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs ge-
worden ist, gleicht einem Hausherrn, (EÜ, 1093)
(11g) Jeder Schriftgelehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden
ist, gleicht also einem Hausherrn – Also gleicht jeder Schriftge-
lehrte, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, einem
Hausherrn
(12a) qui ergo iurat In altare iurat In eo et In omnibus quae super illud
sunt. (T, M, 499.31-501.3; Mt 23,20)
(12b)thiede suerit in themo alttere ther suerit In themo Inti in allen
thiu dar obar Imo sint (T, M, 499.31-501.3)
(12c) darumb / wer do schweret bey dem alltar / der schweret bey
dem selben vnnd bey allem das droben ist / (LS, Bl. XIXr, Z. 20-
22)
(12d) Qui ergo iurauerit per altare, iurat per ipsum, et per omnia quae
super illud sunt. (ZüD, 78a, Z. 36- 79b, Z. 1)
(12e) Darumb waer da schweert bey dem Altar / der schweert bey
dem selben / vnd bey allem das darauff ist. (ZüD, 78b, Z. 39-
79a, Z. 1)
(12f) Wer beim Altar schwört, der schwört bei ihm und bei allem, war
darauf liegt. (EÜ, 1105)
(13a) amen amen dico tibi quia haec nocte antequam gallus cantet ter
me negabis (T, M, 565.16-19; Mt 26,34)
42 Franz Simmler

(13b)uuar uuar quidu ih thir uuanta In theru naht er thanne hano singe
thriio stunt forsehhis mih (T, M, 565.16-19)
(13c) warlich ich sage dyr / ynn dyser nacht / ehe der hane krehet /
wirstu meyn drey mal verleugnen / (LS, Bl. XXIIr, Z. 25-27)
(13d) Amen dico tibi, quod in hac nocte antequam gallus cantet, ter me
negabis. (ZüD, 92a, Z. 25-28)
(13e) Warlich ich sag dir / In diser nacht ee der Han kraeyet / wirst
du mein drey mal verlougnen. (ZüD, 92b, Z. 28-31)
(13f) Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht,
wirst du mich dreimal verleugnen. (EÜ, 1110)
(13g) In dieser Nacht wirst du mich dreimal verleugnen, noch ehe
der Hahn kräht. – Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich in
dieser Nacht dreimal verleugnen.
(13h)In dieser Nacht noch vor dem Hahnenkrähen wirst du mich
dreimal verleugnen. – In dieser Nacht wirst du mich noch vor
dem Hahnenkrähen dreimal verleugnen.
(14a) Centurio autem et qui cum eo erant custodientes ihesum uiso
terre motu et his quae fiebant timuerunt uualde glorificantes
(deum) et dicentes hic homo iustus est uero dei filius. (T, M,
649.1-9; Mt 27,54)
(14b)ther hunteri Inti thie mit imo uuarun bihaltenti then heilant ge-
sehenemo erdgirournessi Inti then dar uuarun forhtun in thrato
got diurisonti Inti quedenti theser man rehtliho ist uuarliho
gotessun. (T, M, 649.1-9)
(14c) Als der Hauptmann und die Männer, die mit ihm zusammen Je-
sus bewachten, das Erdbeben bemerkten und sahen, was ge-
schah, erschraken sie sehr und sagten: Wahrhaftig, das war
Gottes Sohn! (EÜ, 1114)
In der Beispielgruppe (8) wird die Endstellung des Prädikats in (8a) und
(8b) von Luther (8c) in eine Drittstellung verändert. Dies behält die Zür-
cher Bilingue (8e) gegen die beigegebene lateinische Textgrundlage (8d)
bei.
In der Beispielgruppe (9) befindet sich das Prädikat in den lateinischen
Traditionen (9a-c, 9f) und im deutschen Textteil der Tatianbilingue (9d) in
Zweitstellung, während es bei Luther (9e) und in der Zürcher Bilingue
(9g) die Drittstellung einnimmt. Obwohl nach dem Verbum finitum in
(9e) kein Satzglied mehr folgt, handelt es sich nicht um einen eindeutigen
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 43

Beleg für eine Endstellung. Methodisch sind die Satzglieder vom Beginn
des isoliert gebrauchten einfachen Satzes bzw. des Teilsatzes durchzu-
nummerieren; in diesem Falle befindet sich zu reyssen in dritter Position.
Auch bei Sätzen wie Er schläft und Er trinkt kommt niemand auf den Ge-
danken, eine Endstellung anzusetzen. Eine Endstellung ist bei einer Vari-
abilität der Serialisierungsregeln wie im Althochdeutschen zwingend erst
dann gegeben, wenn sich mehrere Satzglieder vor dem Verbum finitum
befinden und auch der Vergleich zum Lateinischen die Interpretation
stützt.
In der Beispielgruppe (10) zeigen sich bis zur Zürcher Bilingue diesel-
ben Serialisierungsregeln wie in der Beispielgruppe (8). Der Unterschied
besteht darin, dass die erste Satzgliedposition in Luthers Septembertesta-
ment (10c) von einem Konditionalsatz, der um einen Komparativsatz
erweitert ist, besetzt ist. Diese Konstruktion wird in der Einheitsüberset-
zung beibehalten (10f): An die Stelle des Komparativsatzes tritt ein Attri-
butsatz, die Drittstellung des Verbum finitum hätte wird beibehalten; der
Konditionalsatz wird vom folgenden Hauptsatz durch einen Gedanken-
strich abgegrenzt. Dadurch wird die im Hauptsatz gegebene Schlussfolge-
rung durch eine Interpungierung und die Drittstellung des Verbum fini-
tum besonders hervorgehoben.
In der Beispielgruppe (11) hängt die Bestimmung der Satzgliedposi-
tionen davon ab, ob das Prädikativum als Satzglied gewertet wird oder
nicht; die unterschiedlichen Serialisierungen im Lateinischen und Deut-
schen sind jedoch von dieser Entscheidung nicht betroffen. Wird das
Prädikativum als Satzglied gewertet, dann nehmen est in (11a) und ist in
(11b) eine Viertposition ein; wird das Prädikativum als Teil des Prädikats
verstanden, liegen in similis est (11a) und gilih ist (11b) Drittpositionen vor
mit der Abfolge Prädikativum plus Kopula. Bei einer Wertung als Satz-
glied befindet sich ist bei Luther (11c) und in der Zürcher Bilingue (11e) in
Drittposition und das Prädikativum in Viertposition. Wird eine Wertung
als Satzgliedteil vorgenommen, ist das Prädikat in Drittstellung mit der
Abfolge Kopula plus Prädikativum. In der Einheitsübersetzung (11f)
hängt die Ermittlung der Serialisierung von der syntaktischen Wertung
von also ab. Wird es aufgrund der positionellen Nähe zu Schriftgelehrte als
postnukleares Adverb-Attribut aufgefasst, mit der textuellen Funktion,
eine vorausgegangene Argumentation weiterführend wieder aufzunehmen,
dann befindet sich gleicht in Zweitstellung. Werden Permutationen wie in
(11g) akzeptiert, müsste von einer Drittstellung ausgegangen werden mit
einer Fernstellung des Attributsatzes zum Nukleus Schriftgelehrte.
In der Beispielgruppe (12) befindet sich das Prädikat in der lateini-
schen Vorlage (12a) und in der althochdeutschen Übersetzung (12b) in
Zweitstellung, die erste Position wird von einem Subjektsatz eingenom-
44 Franz Simmler

men. Bei Luther (12c) kommt das Prädikat in Drittstellung vor, weil dem
Subjektsatz ein Adverbiale darumb vorangestellt wird, das in der lateini-
schen Vorlage (12d) kein Äquivalent besitzt. Diese Struktur wird in der
Zürcher Bilingue (12e) beibehalten. In allen deutschsprachigen Überset-
zungen wird der Subjektsatz durch ein Demonstrativum wieder aufge-
nommen. In der Einheitsübersetzung (12f) wird auf das Adverbiale ver-
zichtet, so dass das Prädikat wieder die Zweitstellung einnimmt.
In der Beispielgruppe (13) liegen unterschiedliche lateinische Kon-
struktionen vor, in (13a) ein Kausalsatz und in (13d) ein Objektsatz. In
beiden Fällen befindet sich das Prädikat negabis in Endstellung. In der
Tatianbilingue (13b) nimmt das Prädikat forsehhis im koordinierten Kausal-
satz die Viertposition ein. Ihm gehen zwei temporale Informationen vor-
aus, ein Temporaladverbiale In theru naht und ein Temporalsatz er thanne
hano singe, und ein Modaladverbiale thriio stunt. Der Temporalsatz hat dabei
die Funktion, die allgemeine Zeitangabe des Temporaladverbiales zu prä-
zisieren. Bei Luther (13c) nimmt das Verbum finitum die Drittstellung ein;
die beiden temporalen Informationen bleiben vor dem Verbum finitum
stehen, das Modaladverbiale wird in die Satzklammer aus Verbum finitum
und infinitum integriert. Diese Struktur wird in der Zürcher Bilingue (13e)
beibehalten und findet eine Kontinuität in der Einheitsübersetzung (13f).
Die unterschiedlichen Funktionen der temporalen Informationen und ihr
Satzgliedstatus bzw. ihre Rückführbarkeit auf ein Satzglied lassen sich
durch Permutationen (13g) und Substitutionen (13h) nachweisen.
Die Drittstellung des Prädikats ist in lateinischen Vorlagen und in
deutschen Übersetzungen vorhanden (3a, 3b). Sie kommt aber auch un-
abhängig vom Latein vor, so dass auch bei der Drittstellung von einer
genuinen Stellungsregularität des Deutschen ausgegangen werden muss.
Wenn es von der lateinischen Vorlage unabhängige Drittstellungen des
Prädikats gibt, dann spricht auch nichts dagegen, in gemeinsamen Dritt-
stellungen wie in (3a vs. 3b) und (14a vs. 14b) ebenfalls Serialisierungsre-
geln beider Sprachen zu erkennen. Am häufigsten werden lateinische
Endstellungen in Drittstellungen verändert (8a vs. 8c, 10a vs. 10c, 13a vs.
13c); aber auch lateinische Zweitstellungen werden in Übersetzungen in
Drittstellungen wiedergegeben (9a vs. 9c, 12a vs. 12c). Die Tatianbilingue
folgt am häufigsten der Vorlage, verändert aber einmal eine Endstellung in
eine Viertstellung (13a vs. 13b), einmal wird die Abfolge von Prädikativum
plus Kopula umgestellt (11a vs. 11b). Wenn es von der lateinischen Vorla-
ge unabhängige Drittstellungen des Prädikats gibt, dann spricht auch
nichts dagegen, in gemeinsamen Drittstellungen (wie in 3a und 3b) eben-
falls Serialisierungsregeln beider Sprachen zu erkennen (vgl. ferner Bei-
spielgruppe 14). Es ist also nicht so, dass es für eine „in der Literatur gele-
gentlich erwähnte grammatische Drittstellung im Aussagesatz […] keine
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 45

sicheren Belege“ gebe.16 In der Tradition der Textsorte (Geoffenbarter) Be-


richt lassen sich auch in der Gegenwartssprache Drittpositionen belegen
(10f, 13f, 11f unter bestimmten Voraussetzungen). Unter textuellem As-
pekt befinden sich in der historischen Tradition viermal Adverbialen in
Erstposition (8c, 9e, 11e, 12c). Sie nehmen einen begründenden Anschluss
an vorausgegangene Ausführungen vor. Zweimal werden mit einem Kon-
ditionalsatz plus Subjekt (10c) und einem Temporaladverbiale plus einem
Temporalsatz (13c) die Ausgangssituationen für die folgenden Ausführun-
gen spezifiziert.

3. Viertstellung und Endstellung des Prädikats


im Deutschen und Lateinischen
Eine Viertstellung des Prädikats im Lateinischen und Deutschen kommt
in folgenden Belegen vor:
(15a) .qui solem suum oriri facit super malos et bonos., (T, M,
145.28f.; Mt 5,45)
(15b).ther the sunnun ufgangen tuot ubar ubile inti ubear guote (T, M,
145.28f.)
(15c) ego autem dico uobis., Diligite inimicos uestros. benefacite his
qui uos oderunt. et orate pro persequentibus et calumniantibus
uos ut sitis filii patris uestri qui in caelis est. qui solem suum oriri
facit super malos et bonos., et pluit super iustos et iniustos., (T,
M, 145.21-30; Mt 5,44f.)
(15d) ih quidu íu minnot iuuara fiianta tuot then uuola thei íuuih haz-
zont Inti betot furi thie áhtenton Inti harmenton íu thaz ír sít
kind iuuares fater ther in himile ist. Ther the sunnun úfgangen
tuot ubar ubile inti ubar guote Inti reganot ubar rehte inti ubar
únrehte (T, M, 145.21-30)
(15e) Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch
verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet;
denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und
er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. (EÜ, 1081)
(15f) Denn er lest seyn Sonne auff gehen vbir die bosen vnd vbir die
gutten / (LS, Bl. IIIIv, Z. 5f.)

_____________
16 Schrodt (2004, § S 188.3, S 202, Anm. 1); zu weiteren Beispielen Simmler (2007, 60).
46 Franz Simmler

(15g) quia solem suum exoriri finit super malos ac bonos (ZüD, 14a,
Z. 33f.)
(15h)Dann er laszt sein Sonn aufgon über die boesen vnd über die
guoten / (ZüD, 14b, Z. 35-37)
(16a) nouissime autem omnium et mulier defuncta est. (T, M, 429.9f.;
Mt 22,27)
(16b)tho zi iungisten allero thaz uuib arstarb. (T, M, 429.9f.)
(16c) zu letzt nach allen starb auch das weyb. (LS, Bl. XVIIIr, Z. 43f.)
(16d) Nouissime autem omnium defuncta est et mulier. (ZüD, 75b,
Z. 29-31)
(16e) zuo letst nach allem starb auch das weyb. (ZüD, 75a, Z. 33f.)
(16f) Als letzte von allen starb die Frau. (EÜ, 1104)
(17a) Statim autem post tribulationem dierum illorum. sol obscurabi-
tur et luna non dabit lumen suum (T, M, 519.22-25; Mt 24,29)
(17b)sliumo after arbeiti thero tago. sunna uuirdit bifinstrit inti mano
nigibit sin lioht (T, M, 519.22-25)
(17c) Bald aber nach dem trubsall der selbigen tzeyt / werden sonn
vnd mond den scheyn vorlieren / (KS, Bl. XXr, Z. 22f.)
(17d) Statim autem post afflictionem dierum illorum sol obscurabi-
tur,et luna non dabit lumen suum (ZüD, 83b, Z. 13-16)
(17e) Bald aber nach dem truebsal der selbigenn zeyt werdend Sonn
vnd Mon den scheyn verlieren / (ZüD, 83a, Z. 15-18)
(17f) Sofort nach den Tagen der großen Not wird sich die Sonne ver-
finstern, und der Mond wird nicht mehr scheinen (EÜ, 1107)
In der Beispielgruppe (15) hängt die Ermittlung der Serialisierungsregeln
des Prädikats vor allem in (15a) und (15b) von der Einbeziehung des Kon-
textes ab und von den Repräsentationstypen, die auf Satzbegrenzungen
hinweisen. Der relevante Kontext ist in (15c) und (15d) gegeben. Die Rep-
räsentationstypen Punkt (unten) plus Minuskel und Punktvirgel plus &
(= et) weisen in (15c) auf die Abfolge zweier isoliert gebrauchter einfacher
Sätze hin,17 die in der Abfolge der Satzglieder eine syntaktische Parallelität
besitzen. Das lat. qui befindet sich somit am Beginn eines neuen Satzes
und drückt eine kausale Funktion aus, die mit 'denn dieser' wiedergegeben
_____________
17 Vgl. Simmler (2007, 62).
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 47

werden kann.18 Diese Inhaltsseite wird im Althochdeutschen durch ther


signalisiert, das sich somit als Demonstrativum 'dieser' und nicht als Rela-
tivum erweist.19 Wird dieser Argumentation gefolgt, dann befinden sich
die Verba finita facit und tuot in Viertstellung in einem isoliert gebrauchten
einfachen Satz. Auch Luther (15f) gibt die begründende Funktion des
Satzanschlusses wieder, indem er mit Denn einen neuen Gesamtsatz be-
ginnen lässt. Diese Struktur ist auch im deutschen Textteil der Zürcher
Bilingue vorhanden (15h), obwohl im lateinischen Textteil die Begrün-
dung mit der Subjunktion quia eingeleitet wird und somit ein hypotakti-
scher Kausalsatz vorliegt (15g). Anders als in der Tatianbilingue befindet
sich das Prädikat bei Luther und im deutschen Textteil der Zürcher Bilin-
gue in Zweitstellung, die auch in der Einheitsübersetzung (15e) vorhanden
ist.
In der Beispielgruppe (16) ist im Gegensatz zur Beispielgruppe (15) in
(16a) und (16b) von einer Endstellung des Prädikats auszugehen, da kein
weiteres Satzglied mehr folgt. Wiederum entsprechen sich die Endstellun-
gen im Lateinischen und Deutschen, und wiederum wird diese Serialisie-
rung von Luther aufgegeben. Bei Luther ist eine Drittstellung vorhanden
(16c). Diese zeigt sich auch in der Zürcher Bilingue sowohl im deutschen
(16e) als auch im lateinischen Textteil (16d). Durch beide Überlieferungen
wird die Anzahl der Belege mit Drittstellung erhöht. In der Einheitsüber-
setzung (16f) ist das Prädikat in Zweitstellung.
Eine Endstellung des Prädikats kann auch in (17a) und (17b) nachge-
wiesen werden. Seit Luther liegt eine Zweitstellung vor (17c), wobei je-
doch zu beachten ist, dass er aus den zwei Teilsätzen der lateinischen Tra-
ditionen (17a, 17d) einen einzigen Teilsatz bildet.
Die Beispiele zeigen, dass die Viertstellung des Prädikats nur im Latei-
nischen und Althochdeutschen zu belegen ist. Dabei entsprechen sich die
Serialisierungsregeln in beiden Sprachen weitgehend. Allerdings wird ein-
mal eine lateinische Endstellung in der Tatianbilingue durch eine Viertstel-
lung wiedergegeben (13b), die sich somit – wenn auch in geringer Fre-
quenz – als genuine Stellungsregularität erweisen dürfte. Ein anderer
Befund begegnet bei der Endstellung. Diese kann im Deutschen aus-
schließlich in der Tatianbilingue belegt werden und ist immer an die latei-
nische Vorlage gebunden, so dass – mit aller Vorsicht und mit Gültigkeit
nur für die untersuchte Tradition des Matthäus-Evangeliums – davon
ausgegangen werden könnte, dass die Endstellung des Prädikats in Aussa-
gesätzen im Althochdeutschen aus dem Lateinischen entlehnt wurde und

_____________
18 Vgl. Georges (1992, II, Sp. 2153).
19 Vgl. Schützeichel (2006, 72).
48 Franz Simmler

nicht zu den genuinen Stellungsregularitäten des Deutschen gehörte.20 Ein


eingeschränktes Verständnis des Satzinhalts ist mit der Entlehnung der
Endstellung des Prädikats nicht verbunden.

4. Textsortengebundene Entwicklungstendenzen
im Frühneuhochdeutschen
und in der Gegenwartssprache
4.1. Frühneuhochdeutscher Prosaroman (Melusine 1538)

Der in den Textexemplaren LS und ZüD ermittelte Befund gilt nicht ge-
nerell für die ganze frühneuhochdeutsche Sprachperiode. Im ‚Frühneu-
hochdeutschen Prosaroman‘ können im Textexemplar der Melusine von
1538,21 das auf ein französisches Versepos zurückgeht, neben der Erst-,
Zweit-, Dritt- und Viertstellung auch die Fünftstellung in geringer Fre-
quenz und die Endstellung in deutlich höherer Frequenz nachgewiesen
werden.22
(18) . Dardurch sich nun gar grosse klag zuo hoff erhuob / inn son-
derhait von der Graeuin vnd von jren kindern / […] (Au, Kap.
7, Bl. Cij/r, Z. 1921)23
(19) : Liebenn freünd eüwer gefangner bin ich auff heüt worden /
vnd beger das jr on auffzug ein schatzung ordnen woellent die
mir vermüglich vnd leidenlich sey / sollichs vmb eüwer fromm-
kait / mit anderen meinen freünden vnd günnern zuo allen zeyt-
ten beger ich zu verdienen. (Au, Kap. 25, Bl. Hij/r, Z. 4-9)
(20) . Das [der Schwur] er jr aber darnach nit hielt / darumb verlor er
sein schoene vnnd allerliebste frawen […] (Au, Kap. 6, Bl. Cj/r,
Z. 4-6)
(21) . Ich hab jn inn dem wald verlorn / deszgleichen die andern den
merern theil auch sagen / […] (Au, Kap. 6, Bl. Cj/r, Z. 10f.)
_____________
20 Zu Endstellungen im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ im Textexemplar der Melusine
von 1538, das auf eine französische Versfassung zurückgeht, vgl. Simmler (2009).
21 Benutzt wurde das Exemplar Die Histori oder geschicht von der edeln vnnd schoenen Melusina
(1538), Augsburg, Drucker Heinrich Steiner (= VD 16 M 4470) aus der Stadt- und Univer-
sitätsbibliothek Augsburg, ab 4° Ink adl. 16 (zitiert als Au). Der Bibliothek danke ich herz-
lich für die Überlassung eines Mikrofilms.
22 Zu weiteren Belegen vgl. Simmler (2009).
23 Zitiert wird nach einer selbst eingeführten Kapitelnummerierung und nach der originalen
Blattzählung und der Zeilenzahl; r = recto, v = verso.
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 49

(22) . Der Apt vnd das gantz couent / gieng jm entgegen / vnd wa-
rent seiner zuokunfft fro / die selb freüd aber schnell ein end
nam / dann Goffroy was grymmigs zorns vol / vnd sprach zuo
dem Apt vnd zuo jn allen. Ir vnseligen münch […] (Au, Kap. 40,
Bl. Nij/r, Z. 14-17)
Die Fünftstellung ist in der Autorenrede (18) und in der Figurenrde (19)
zu belegen. Eine besondere textuelle Funktion ist mit dieser Stellungsregu-
larität nicht verbunden.
Dies ist bei der Endstellung anders. Auch sie ist auf die Autorenrede
(20, 22) und die Figurenrede (21) verteilt. In einer Gruppe von Belegen ist
eine besondere Textfunktion vorhanden; sie tritt bei Erzählereinschaltun-
gen und moralisch zu verurteilenden Handlungen auf und hebt die dem
Verbum finitum vorangehenden Satzglieder besonders hervor. In (20)
wird mit dem Demonstrativum Das auf vorher Erzähltes verwiesen; die in
den folgenden Satzgliedern berichtete Handlung wird vom Erzähler nega-
tiv bewertet. In anderen Erzählereinschaltungen erweist sich der Erzähler
als allwissender Autor, indem er Erzählerbewertungen mit Vorausdeutun-
gen verbindet (22).

4.2. Romane der Gegenwart

In den beiden in einer umfangreicheren Untersuchung behandelten Ro-


manen der Gegenwart24 lassen sich ebenfalls Erst-, Zweit-, Dritt- und
Viertstellungen des Verbum finitum in Aussagesätzen belegen, aber keine
Fünft- und Endstellungen:
(23) Denn dies Rauschen ist nicht jetzt in der Zeit […] die Erde wird
schwanger werden durch das Manneswasser des Himmels und
wird dampfen und dünsten vor Lust, wie ich es rieche, und wer-
den die Anger voll Schafe sein und die Auen dick stehen im
Korn, dass man jauchzt und singt. (JB, 82)
(24) „Hure! Ein Wort. Trösten sich die tugendhaften alten Fräuleins
damit, die ihr neidisch sind. Hat auch die Königin Esther zuerst
nicht wissen können, ob sie nicht des Ahasverus Kebsweib
wird.“ (JS, 23)

_____________
24 Mann, Thomas (1975), Joseph und seine Brüder, Stuttgart (erste Gesamtausgabe Stockholm
1948) (= JB); Feuchtwanger, Lion (2004), Jud Süß. Roman, Berlin (= JS). Zu umfangreiche-
rem Quellenmaterial und zu Detailargumentationen vgl. Simmler (2008a),; Simmler
(2008b).
50 Franz Simmler

(25) Sein Leben während der letzten fünfundzwanzig Jahre erschien


seinem feierlichen Sinnen im Lichte kosmischer Entsprechung,
[…] (JB, 117)
(26) Süß, nach einem langen Schweigen, meinte unvermittelt, […]
(JS, 197)
(27) Wirklich, ob Abram nun hoch und greisenschön wie Eliezer oder
vielleicht klein mager und krumm von Statur gewesen war, - auf
jeden Fall hatte er Mut bewiesen, […] (JB, 316)
(28) Endlich, bei Tafel, mit hundert Komplimenten verbrämt, be-
stellte er ihr den Befehl des Herzogs, sie habe die Residenz zu
verlassen, sich auf ihre Güter zurückzuziehen. (JS, 50)
In allen Beispielen25 sind in der Gegenwartssprache mit den Stellungsregu-
laritäten in den beiden Romanen spezifische Textfunktionen verbunden.
Die Erststellung (23f.) kennzeichnet einen unmittelbaren Anschluss an
vorhergehende Sätze. In den Gesamtsätzen (23) kommt bei Thomas
Mann noch eine weitere Textfunktion hinzu; die der inhaltsseitig begrün-
deten Zweiteilung der Gesamtsatzstruktur in zwei sich ergänzende oder
einander entgegengesetzte Aspekte; in (23) wird dem Regen seine frucht-
bringende Wirkung gegenübergestellt. Bei der Drittstellung kommt es
durch die Positionierung von Adverbialen zwischen Subjekt und Verbum
finitum (25f.) zu der Funktion, einzelne Begleitumstände von Handlungen
stärker auf das Subjekt der Handlungen zu beziehen. Bei der Viertstellung
(27f.) werden durch die Konzentration verschiedener Adverbialen vor
dem Verbum finitum die Ausgangssituationen und die externen Rahmen-
bedingungen für besondere Handlungen, Vorgänge und Ereignisse festge-
legt.

5. Ergebnisse
Aus der Untersuchung der Überlieferungstradition des Matthäus-Evange-
liums bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts und aus dem Ausblick auf die
Überlieferung des ‚Frühneuhochdeutschen Prosaromans‘ können textsor-
tengebunden folgende Entwicklungstendenzen hergeleitet werden:
1. Die Erststellung des Prädikats in Aussagesätzen hat eine sprachli-
che Kontinuität bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts und weiter bis in
die Gegenwartssprache. In der Tatianbilingue ergibt sich diese Se-
_____________
25 Vgl. Simmler (2008a); Simmler (2009).
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 51

rialisierungsregel aus der spezifischen morphologischen Struktur


der Verbformen. Bei Luther und in der Zürcher Bilingue ist ebenso
wie im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ und in den beiden
Romanen der Gegenwartssprache die Erststellung mit der spezifi-
schen Textfunktion des unmittelbaren Anschlusses an vorangehen-
de Handlungen verbunden. In der Einheitsübersetzung ist eine
Erststellung nicht mehr vorhanden.
2. Die Zweitstellung zeigt eine ungebrochene Tradition bis in die Ge-
genwart hinein. Ihre Frequenz wird durch Veränderungen anderer
Serialisierungsregeln ständig erhöht. Sie wird zur häufigsten, aber
nicht einzigen Serialisierungsregel; eine spezifische Textfunktion
wie bei den anderen Serialisierungsregeln existiert nicht. Mit der
Zweitstellung können jedoch besonders komplexe erste Satzglieder
verbunden werden, die in dieser Position eine spezifische Textfunk-
tion erfüllen.
3. Die Drittstellung des Prädikats besitzt eine ungebrochene Tradition
von der Tatianbilingue bis in die Gegenwart. Sie ist bei Luther und
in der Zürcher Bilingue ebenso wie im ‚Frühneuhochdeutschen
Prosaroman‘ und den beiden Romanen der Gegenwartssprache
produktiv. Durch die Drittstellung des Prädikats erhalten die beiden
ersten Satzglieder eine besondere textuelle Funktion. Sie geben bei
den biblischen Textsorten einen begründenden Anschluss an vo-
rausgegangene Ausführungen und spezifizieren die Ausgangssitua-
tion für die im Prädikat folgende Aussage. Im ‚Frühneuhochdeut-
schen Prosaroman‘ dominieren die Textfunktionen der Satzver-
knüpfung und der Chronologiesicherung, in den beiden Romanen
der Gegenwartssprache werden Ausgangsbedingungen für die im
Verbum finitum vollzogenen Handlungen markiert. Zur Einheits-
übersetzung hin nimmt die Frequenz der Drittstellung deutlich ab,
ohne jedoch vollständig zu verschwinden (10f, 11f). Auf die lateini-
sche Vorlage bezogen werden lateinische Endstellungen und Zweit-
stellungen durch Drittstellungen wiedergegeben.
4. Die Viertstellung kommt nur einmal unabhängig von der lateini-
schen Vorlage in der Tatianbilingue vor (13b) und besitzt in der
Textsortentradition des Matthäus-Evangeliums keine Kontinuität.
Im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ ist mit der Viertstellung
keine besondere Textfunktion verbunden. In den Romanen der
Gegenwartssprache dagegen legen die Satzglieder vor dem Verbum
52 Franz Simmler

finitum die externen Rahmenbedingungen für besondere Handlun-


gen, Vorgänge und Ereignisse fest.
5. Im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ sind – anders als in der
Tradition der biblischen Textsorten und in den Romanen der Ge-
genwartssprache – auch Fünft- und Endstellungen vorhanden. Mit
der Fünftstellung sind keine spezifischen Textfunktionen verbun-
den. Die Endstellung markiert dagegen mit den ihr vorausgehenden
Satzgliedern Erzählereinschaltungen und moralisch zu verurteilende
Verhaltensweisen. In der Tradition der biblischen Textsorten ist ei-
ne Endstellung nur in der Tatianbilingue in Anlehnung an die latei-
nische Vorlage vorhanden. Eine darüber hinausreichende Kontinui-
tät existiert in den biblischen Textsorten nicht.
6. Unter dem Aspekt der Genuinität von Serialisierungsregeln erwei-
sen sich im deutschen Aussagesatz in der Tradition des Matthäus-
Evangeliums die Serialisierungsregeln der Erst-, Zweit-, Dritt- und
in geringer Frequenz auch der Viertstellung als genuin. Die Endstel-
lung könnte im Althochdeutschen vom Lateinischen entlehnt sein;
da sie jedoch im ‚Frühneuhochdeutschen Prosaroman‘ vorhanden
ist, dürfte auch sie genuin sein.
7. Die sprachlichen Variabilitäten und die mit ihnen verbundenen
Textfunktionen sind in allen Sprachstufen des Deutschen bei den
Serialisierungsregeln des Prädikats in Aussagesätzen umfangreicher
und vielfältiger, als in Grammatiken dargestellt. Insgesamt herrscht
die Tendenz, die Variabilität bei gleicher Funktionalität zu reduzie-
ren und bei einer Kontinuität den Serialisierungsregeln textsorten-
gebunden immer spezifischere Textfunktionen zuzuweisen.

Quellen

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rich Steiner, aus der Stadt- und Universitätsbibliothek Augsburg, (VD 16 M
4470), Augsburg.
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ER = Erasmus von Rotterdam (1519), Neues Testament, griechisch – lateinisch, Drucker:
Iohannes Frobenius, (VD 16 B 4197; IDC No. HB-126), Basel.
EÜ = Die Bibel. Gesamtbibel (1980), Stuttgart.
JB = Mann, Thomas (1975), Joseph und seine Brüder, Stuttgart.
Zur Entwicklung der Stellung des Prädikats in Aussagesätzen 53

JS = Feuchtwanger, Lion (2004), Jud Süß. Roman, Berlin.


LS = Luthers Septembertestament, Neues Testament (1522), Wittenberg.
T, M = Masser, Achim (Hrsg.) (1994), Die lateinisch-althochdeutsche Tatianbilingue. Stiftsbib-
liothek St. Gallen Cod. 56, unter Mitarbeit v. Elisabeth De Felip-Jaud, (Studien zum
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Deutsch, 7., völlig neu erarb. u. erw. Aufl., (Duden 4), Mannheim, Leipzig, Wien,
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len zusammengetragen und mit besonderer Bezugnahme auf Synonymik und Antiquitäten unter
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Schrodt, Richard (2004), Althochdeutsche Grammatik II. Syntax, Tübingen.
Schützeichel, Rudolf (2006), Althochdeutsches Wörterbuch, 6. Aufl., Tübingen.
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54 Franz Simmler

Simmler, Franz (2008a), „Serialisierungsregeln von Satzgliedern und Attributen in der


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Sonderheft. [im Druck]
Simmler, Franz (2008b), Synchrone lexikalische, syntaktische und makrostrukturelle Variabili-
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Waldemar Czachur / Marta Czyzewska / Agnieszka Frącek (Hrsg.), Wort und
Text. Bestandsaufnahme und Perspektiven, Warszawa, 219-233.
VD = Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahrhunderts. VD
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Bezzel, 26 Bde., Stuttgart.
Wich-Reif, Claudia (2008), „Zur Relevanz des Vorvorfeldbegriffs in Gegenwart und
Geschichte“, in: Sprachwissenschaft, 33 / 2008, 173-209.
Obwohl vielleicht war es ganz anders
Vorüberlegungen zum Alter der Verbzweitstellung
nach subordinierenden Konjunktionen∗

Ulrike Freywald (Potsdam)

1. Einleitung
Bei der Diskussion von substandardsprachlichen Strukturen im heutigen
Deutsch stellt sich stets auch die Frage, ob es sich hierbei um Erscheinun-
gen sprachlichen Wandels oder aber um althergebrachte Strukturen han-
delt, die sich in nicht bzw. weniger stark normierten Varietäten mögli-
cherweise schon über lange Zeit erhalten haben. Da solche Muster erst
seit vergleichsweise kurzer Zeit diskutiert werden, besteht allgemein die
Gefahr, dass allein schon durch die Gewahrwerdung eines bestimmten
sprachlichen Phänomens (und die daraus resultierende erhöhte Aufmerk-
samkeit) dasselbe als quantitativ zunehmendes oder gar als neu entstande-
nes Phänomen empfunden wird. So wird etwa die Verwendung des Mo-
dalverbs brauchen mit reinem Infinitiv – vgl. (1) – gemeinhin als aktuelle
und sich ausbreitende Entwicklung wahrgenommen: „In den letzten Jahr-
zehnten hat sich die Tendenz immer mehr entwickelt, brauchen in Verbin-
dung mit folgendem Infinitiv ohne zu zu verwenden“ (Scaffidi-Abbate
1973, 1).
(1a) Vollverb brauchen
Sie braucht dringend neue Schuhe.
(1b) Modalverb brauchen
Sie braucht die neuen Schuhe nicht (zu) kaufen.

_____________
∗ Für Anregungen und Kommentare danke ich den Diskussionsteilnehmer/innen auf der
Tagung „Historische Textgrammatik und Historische Syntax des Deutschen“ im Mai 2008
in Graz sowie Horst Simon, der das Manuskript durchgesehen hat.
56 Ulrike Freywald

Gleichzeitig ist diese Verwendungsweise noch immer z.T. harscher


Sprachkritik ausgesetzt.1 Das Verb brauchen ist mit modaler Semantik be-
reits seit dem 16. Jh. nachweisbar und ist wohl aus dem entsprechenden
Vollverb hervorgegangen (vgl. Kolb 1964; Scaffidi-Abbate 1973; Lenz
1996); strukturell unterscheiden sich die Modalverb- und die Vollverbvari-
ante von brauchen zunächst darin, dass modales brauchen einen zu-Infinitiv
regiert, während das Vollverb brauchen eine Nominalphrase als Komple-
ment nimmt. Seit wann sich die Eingliederung ins System der Modalver-
ben auch formal in einer Angleichung an die syntaktischen und morpho-
logischen Merkmale der Modalverben manifestiert, seit wann also etwa
der Infinitivmarker zu ausgelassen wird, ist noch weitgehend unerforscht.2
Allzu neu kann diese Entwicklung jedenfalls nicht sein, schließlich wird sie
bereits von Wustmann (1908, 292) in seinen „Sprachdummheiten“ kons-
tatiert und als „gemeine[r] Provinzialismus“ bezeichnet. Andernorts ist bei
Wustmann zu lesen: „Bei brauchen darf natürlich zu beim Infinitiv nicht
fehlen. Das hättest du ja nicht sagen brauchen – ist Gassendeutsch“ (ebd.,
61). Zumindest in der gesprochenen Sprache ist brauchen ohne zu also
keineswegs so neu. Auch in literarischen Texten lassen sich seit Mitte des
19. Jahrhunderts vereinzelte Belege finden (vgl. etwa die Beispiele in Bech
1955, 210f. und Scaffidi-Abbate 1973, 5f.). Die Analyse eines rein schrift-
sprachlichen Korpus in Gelhaus (1969) hat ergeben, „daß in der gegen-
wärtigen deutschen Hochsprache der Infinitiv nach brauchen durchweg mit
zu angeschlossen wird“ (ebd., 317) und sich hier „ein nicht zu übersehen-
der Gegensatz zwischen gesprochener (Umgangs-)Sprache und geschrie-
bener (Hoch-)Sprache auf[tut]“ (ebd., 321). Der intuitiv plausible Unter-
schied zwischen Schrift- und Umgangssprache ist allerdings empirisch
bislang keineswegs nachgewiesen, da es „keine repräsentative Untersu-
chung für die Frage gibt, ob und wieweit in Mundart und Umgangsspra-
che der Infinitiv nach brauchen tatsächlich ohne zu angeschlossen wird“
(ebd., Anm. 41) – Gelhaus’ Einlassung hat m.W. ihre Gültigkeit bis heute
_____________
1 Erst jüngst wurde in den „Sprachnachrichten“, dem Vereinsblatt des Vereins Deutsche
Sprache, als Kriterium guten Sprachgebrauchs genannt, dass die Sprache die Regeln der
Grammatik und Orthographie beachten müsse; „brauchen ohne zu“ wird in diesem Zusam-
menhang als „schlechtes Beispiel“ angeführt (Götze 2007, 11). Ebenso beruft sich Wein-
rich (2005, 301) auf den „guten Sprachgebrauch“, wenn er schreibt: „Als einziges Modal-
verb der deutschen Sprache steht brauche (nicht) […] immer vor einem Infinitiv mit
vorangestellter Präposition zu, doch weicht die Umgangssprache nicht selten von dieser
Regel ab“; damit erklärt er brauchen zum „Sonderfall im System der Modalverben“.
2 Weitere Angleichungstendenzen an die Charakteristika der modalen Präterito-Präsentien
sind neben der Auslassung von zu vor Infinitiv: Wegfall der Flexionsendung -t in der 3. P.
Sing. Präsens (er / sie / es brauch; Wurzel 1984, 149), Fehlen der Imperativform, Verwen-
dung des Ersatzinfinitivs (Er hätte nur fragen brauchen / *fragen gebraucht; Kolb 1964, 76f.),
Umlaut im Konjunktiv (bräuchte vs. brauchte; ebd., 74), epistemische Verwendung (Reis
2001, 312).
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 57

nicht verloren.3 Ebenso wenig lassen sich ohne empirische Fakten verläss-
liche Aussagen zum quantitativen Verhältnis der Vorkommen von brauchen
mit und ohne zu oder zu der ‚gefühlten‘ Zunahme der Variante ohne zu
treffen.4
Ganz ähnlich verhält es sich mit der von Sprachpflegern als vermeint-
lich aktuelle sprachliche Entgleisung aufs Korn genommenen Wendung in
2008, also einer Jahresangabe mit einfacher Präposition anstelle von im
Jahr(e) 2008 oder einfach 2008. Von Schullehrern wie von Sprachkritikern
wird das Muster in 2008 heute ganz überwiegend als nicht standardkon-
form angesehen (vgl. die Ergebnisse einer Befragung unter Lehrern in
Davies / Langer 2006, 133) und auf einen derzeit starken Einfluss des
Englischen zurückgeführt. Entsprechend findet sich die Konstruktion in
der aktuellen sprachkritischen Anglizismen-Diskussion (vgl. z.B. König
2004, 11). Die Duden-Sprachberatung merkt in ihrem Newsletter vom
13.06.2008 an:
In der Wirtschafts- und Werbesprache wird gelegentlich die aus dem englisch-
sprachigen Raum stammende Verbindung der Präposition in mit einer Jahreszahl
verwendet. […] Allerdings wird dieser Anglizismus nicht allgemein akzeptiert.
Auf der Homepage des Vereins Deutsche Sprache (VDS) wird in 2007 auf
den „Anglizismenindex“ gesetzt. Ziel dieses Index ist es, „überflüssigen
Anglizismen schon im Anfangsstadium ihres Erscheinens [zu begegnen].
Er ist damit ein aktuelles Nachschlagwerk für Wörter von heute“ (online
im Internet: http://www.vds-ev.de/anglizismenindex; 30.01.2009). Und in
einer Zwiebelfisch-Kolumne von Sick heißt es schließlich:
Die Präposition ‚in‘ vor einer Jahreszahl ist ein Anglizismus, der vor allem im
Wirtschaftsjargon allgegenwärtig ist. Die deutsche Sprache ist jahrhundertelang
ohne diesen Zusatz ausgekommen und braucht ihn auch heute nicht. (Sick 2006,
229)
Hier irrt Sick allerdings, denn die deutsche Sprache erträgt diesen „Zu-
satz“ seit mindestens anderthalb Jahrhunderten offensichtlich recht gut,
d.h. dessen Erscheinen befindet sich gewiss nicht im „Anfangsstadium“,
wie der VDS vermutet. Wie Davies / Langer (2006, 134) dokumentieren,
wird die Konstruktion ‚in + Jahreszahl‘ seit dem ausgehenden 19. Jahrhun-

_____________
3 Lediglich für das Mosel- und das Rheinfränkische liegt mit Girnth (2000) inzwischen eine
empirische Studie zum Modalverb brauchen vor. Girnth konstatiert hier eine Progression
der Paradigmatisierung von brauchen anhand des Merkmals t-Ausfall in der 3. P. Sing. Präs.
(und zwar erstaunlicherweise sowohl beim Vollverb als auch beim Modalverb). Eine Zu-
nahme von zu-Ausfall vor Infinitiv lässt sich weitaus weniger klar erkennen (ebd., 115-136).
4 Eine Tendenz zur Ausbreitung von brauchen ohne zu unterstellt implizit auch die Duden-
Sprachberatung: „In der geschriebenen Sprache allerdings wird das zu vor dem Infinitiv
meistens noch gesetzt“ (Newsletter vom 12.07.2002; online im Internet:
http://www.duden.de/deutsche_sprache/sprachberatung/newsletter/).
58 Ulrike Freywald

dert in diversen Sprachratgebern erwähnt (Matthias 1921 bringt Zeitungs-


belege aus der Mitte des 19. Jahrhunderts) und meist französischem, selte-
ner auch englischem Einfluss zugeschrieben. So schreibt etwa Wustmann:
Wie mit nach hier und nach dort, verhält sichs auch mit in 1870, das man neuerdings
öfter lesen kann. […] Es ist eine willkürliche Nachäfferei des Französischen und
des Englischen. (Wustmann 1908, 258)
Diese beiden Beispiele sollen genügen, um die stete Neigung zu illustrie-
ren, Konstruktionen, die normativ diskriminiert sind, als neu zu betrach-
ten, da man wohl glaubt, Ungewohntes könne nur deshalb ungewohnt
erscheinen bzw. als unpassend empfunden werden, weil es noch nicht
etabliert, eben neu ist.5 Offensichtlich können ‚nicht etablierte‘ Strukturen
diesen Status aber über sehr lange Zeit beibehalten – entweder weil sie
sich tatsächlich nicht (oder nicht vollständig) ins Sprachsystem einpassen
oder weil sie, obwohl vom grammatischen Verhalten her längst integriert
und im nicht-normierten Sprachgebrauch durchaus etabliert, kontinuier-
lich als nicht normgerecht gebrandmarkt werden.
Im Folgenden werde ich mich mit einem besonders kontrovers disku-
tierten Phänomen etwas ausführlicher beschäftigen, nämlich mit der
Hauptsatzwortstellung (V2) nach traditionell subordinierenden Konjunk-
tionen. Nach einem Überblick über Hypothesen und Vermutungen zu
Häufigkeit und Alter der weil-V2-Konstruktion (Abschnitt 2.1.) werde ich
den Blick auf ähnliche Konstruktionen mit anderen subordinierenden
Konjunktionen ausweiten (Abschnitt 2.2. und 2.3.) und mich anschließend
der Frage widmen, inwieweit es sich bei diesen Strukturen um altherge-
brachte Muster handeln könnte (Abschnitt 3.).

2. V2 nach ‚subordinierenden‘ Konjunktionen


2.1. V2 nach weil

Die teilweise heftig debattierte Hauptsatzwortstellung in weil-Sätzen ist ein


weiterer und beinahe schon klassisch zu nennender Fall für das Auseinan-
derklaffen von bewusster Wahrnehmung und tatsächlicher Emergenz
einer Struktur, vgl. (2):
(2) Sie rauchen „Milde Sorte“, weil das Leben ist schon hart genug.
(Extrabreit, „Polizisten“, 1981)
_____________
5 Vgl. auch Lehmann (1991, 495): „[…] should anyone be inclined to conclude that just
because something is currently in the colloquial language but condemned by normative
grammar, it must be a recent development or indicative of an ongoing change, it is benefi-
cial to read Sandig, 1973.“
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 59

Dieses Phänomen wird in der linguistischen Fachliteratur seit den 1990er-


Jahren intensiv diskutiert6 und ist spätestens seit Gründung der Hambur-
ger Aktionsgemeinschaft „Rettet den Kausalsatz“ im Jahre 1992 (s. hierzu
Eisenberg 1993) zu einem Lieblingsthema der Sprachkritik geworden.7 Es
gibt auf Ebene der Satzsyntax wohl kaum ein ‚Wandel‘-Phänomen, das im
Bewusstsein linguistischer Laien derart präsent ist wie die Hauptsatzwort-
stellung in weil-Sätzen. Diese außerordentliche Präsenz wird wohl mit dazu
geführt haben, dass auch Linguisten aufmerksamer hingehört haben und
dass sie der ‚neuen‘ Verwendungsweise von weil fortan vermeintlich immer
häufiger begegneten. Folglich wurde und wird weil+V2 oft als rezente
Entwicklung eingeordnet, als ein Beispiel für aktuellen Sprachwandel.
Dem stehen diachron orientierte Untersuchungen gegenüber, in denen
Kausalkonjunktionen, die sowohl VL- als auch V2-Sätze einleiten können,
als strukturelles Merkmal angesehen werden, das seit dem Beginn der
deutschen Sprachgeschichte durchgehend vorhanden war. Entsprechend
decken die Hypothesen zur Existenz dieser Konstruktion ein zeitliches
Spektrum ab, das vom Ende des 20. Jahrhunderts bis zurück ins Althoch-
deutsche reicht:
• „seit ungefähr zehn Jahren in zunehmendem Maße“ (Gaumann
1983, 152)
• „in der letzten Dekade“ (Zifonun u.a. 1997, 465)
• „during the last ten to fifteen years“ (Günthner 1996, 323)
• „in jüngster Zeit“ (Helbig 2003, 6)
• „seit einiger Zeit“ (Uhmann 1998, 92)
• das „neue weil “ (Keller 1993, 221)

_____________
6 Stellvertretend für die umfangreiche Literatur sei hier auf Gaumann (1983), Küper (1991),
Keller (1993), Wegener (1993; 1999), Uhmann (1998) sowie Gohl / Günthner (1999) ver-
wiesen.
7 Wie stark der normative Druck auch heute noch ist, wo die weil-V2-Konstruktion im
Allgemeinen nicht mehr als Fehler diskreditiert wird, zeigt sehr schön eine für den Fremd-
sprachenunterricht entwickelte DVD des Goethe-Instituts. Hier wird – neben anderen
Anpassungen an den Schriftstandard – ein von DJ Illvibe im Interview geäußerter weil-V2-
Satz im dazugehörigen Booklet als denn-Satz verschriftet:
(I a) O-Ton DJ Illvibe
„Ich würd mich schon als gleichberechtigter Musiker sehen, weil dieses Konzept DJ Band
gibts sehr viel und sehr oft missverstanden.“
(I b) Text im Booklet
„Ich würde mich schon als gleichberechtigten Musiker sehen. Denn dieses Konzept ‚DJ-
Band‘ gibt es sehr viel, und es wird oft ein bisschen missverstanden.“
(KuBus Magazin, Begleitheft, S. 13)
60 Ulrike Freywald

• „at least since the early 1970s“ (Farrar 1999, 1)


• „seit den 1920er Jahren“ (von Polenz 1999, 357)
• „since Old High German“ (Lehmann 1991, 526)
• mit Unterbrechung seit dem Althochdeutschen (vgl. Selting 1999)
• „bekanntlich das im Substandard immer bewahrte ältere Muster“
(Breindl 2009).
Doch nicht nur über die Entstehungszeit, auch über die Ausbreitung von
weil-V2-Sätzen wird spekuliert.8 Immer wieder ist von einer Zunahme der
weil-V2-Konstruktion die Rede, für Weinrich (1984, 101f.) ist sie „ziemlich
oft und mit vielleicht zunehmender Tendenz“ zu finden; Küper (1991,
133) konstatiert „zunehmenden Gebrauch“; Keller (1993, 218) sieht sie
„unaufhaltsam auf dem Vormarsch“ und auch Willems (1994, 261) geht
davon aus, dass „die Verbendstellung in Nebensätzen, die durch die Kon-
junktion weil eingeleitet werden, immer mehr durch die Verbzweitstellung
verdrängt wird“; laut Glück / Sauer (1997, 41) „scheint [sie] an Terrain zu
gewinnen“; Zifonun u.a. (1997, 465) sprechen von der „in der letzten
Dekade immer stärker verbreiteten Verbzweitstellung in weil-Sätzen“,
Farrar (1999, 1) von einer „increasing tendency to have V2 in dependent
clauses“; von Polenz (1999, 337) glaubt eine „immer häufiger werdende
Verwendung der Nebensatzkonjunktionen weil, obwohl, während (adversativ)
mit Hauptsatzwortstellung“ zu beobachten. Keine dieser Aussagen beruht
auf empirischen Daten, lediglich Uhmann (1998) und Wegener (1999)
stützen ihre Aussagen zum quantitativen Verhältnis von weil+VL und
weil+V2 auf Korpusanalysen.
Wegener (1999, 7ff.) glaubt, von den 1960er- bis zu den 1990er-Jahren
einen zahlenmäßigen Anstieg der weil-V2-Konstruktion (auf Kosten von
denn) nachweisen zu können, und zwar hauptsächlich für das norddeut-
sche Sprachgebiet. Die Zahlen für die 60er-Jahre stammen für das nord-
deutsche Gebiet aus Texten des Freiburger Korpus, die Fernseh- und
Rundfunkaufnahmen des SFB, RIAS und NDR beinhalten,9 d.h. in diesen
Texten ist mit einer außerordentlich starken Standardorientierung zu
rechnen. Für den süddeutschen Sprachraum werden hingegen Basisdia-
lekt-Daten herangezogen (und zwar Eisenmanns Auszählung von fränki-
_____________
8 Dies entspricht den beiden wesentlichen und methodisch sauber zu trennenden Aspekten
von Sprachwandelphänomenen actuation und transmission (Weinreich / Labov / Herzog
1968).
9 Hierbei wird offenbar vorausgesetzt, dass in norddeutschen Sendern nur mit norddeut-
schen Interview- und Diskussionspartnern gesprochen wird. Das gesamte Freiburger Kor-
pus umfasst auch Aufnahmen von überregionalen Sendern (z.B. ARD, ZDF) und von
Sendeanstalten im süddeutschen Sprachraum (z.B. SWF, ORF).
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 61

schen, schwäbischen, bairischen und alemannischen Texten des Zwirner-


Korpus; vgl. Eisenmann 1973).10 Die Ausgangslage ist damit etwas schief,
denn dass in den standardnahen Interviews Non-Standard-Strukturen
selten(er) auftreten, ist zu erwarten. Die norddeutschen Vergleichszahlen
für die 90er-Jahre entstammen privater Konversation und einigen Ver-
kaufsgesprächen, also nicht-öffentlichen Kommunikationssituationen (im
Gegensatz zu den Rundfunksendungen im Freiburger Korpus). Dass die
Zahlen für weil-V2-Verwendungen hier höher ausfallen, mag also durchaus
an der Textsorte und weniger am zeitlichen Abstand liegen.

2.2. V2 nach anderen subordinierenden Konjunktionen

Ähnliche Probleme für die Einschätzung der quantitativen Entwicklung


und für die zeitliche Einordnung tun sich selbstverständlich auch für die
anderen traditionell als subordinierend klassifizierten Konjunktionen auf,
die im Deutschen mit Hauptsatzstellung konstruiert werden können. Im-
mer wieder genannt werden in diesem Zusammenhang obwohl (einschließ-
lich der Varianten obschon und obgleich), konjunktionales wobei sowie adver-
satives während (mit seinen Entsprechungen währenddem und wo(hin)gegen):
(3a) Es ist nämlich tatsächlich etwas dran, daß man nicht immer das
Teuerste kaufen muß. Obwohl natürlich Kleiderstoffe oder solche
Sachen, die kauf ich in meinem Alter gern solide, weil ich nicht
so nach der Mode jedes Jahr gehe, net wahr?
(AGD,11 alemannischer Hintergrund, 1961)
(3b) 21 Dora: en Stipendium
22 dadurch eh (.) verHINdert man natürlich,
23 dass die richtig integriert sind im unibetrieb.
24 Nora: mhm
25 Greta: wo- wobei (.) es hat alles immer zwei seiten.
(Günthner 2000, 314)
(3c) Für Theater interessier ich mich schon, also da geh ich öfters mal
hin und auch ins Kino, während Kunstausstellungen hab ich mir
eigentlich selten angeguckt.
(AGD, rheinfränkischer Hintergrund, 1961)

_____________
10 Für Details zu diesen Korpora s. Anm. 14.
11 Korpora des Archivs für Gesprochenes Deutsch, vgl. Anm. 14.
62 Ulrike Freywald

Meistens bleibt es jedoch bei der bloßen Nennung12 (und der stillschwei-
genden Annahme, diese Konjunktionen verhielten sich im Prinzip genau-
so wie weil) sowie bei der Behauptung, V2 sei hier weniger stark verbreitet
als bei weil. So findet sich in Küper (1991, 149) die Feststellung, „daß ob-
wohl-Sätze […] sehr viel seltener mit Hauptsatzstellung gebraucht wer-
den“, und Günthner (1993, 39) fragt, „weshalb sich diese Tendenz speziell
bei WEIL- und OBWOHL-Teilsätzen zeigt, weniger bei WÄHREND und gar
nicht bei anderen unterordnenden Konjunktionen (z.B. DA, WENN, ALS)“.
Ähnlich meint Farrar (1999, 1): „However, the change seems not to be
restricted to weil-clauses, even if it is most evident at present. V2 is also
found after obwohl and to a more limited extent after während.“ Auch für
Selting (1993, 167) spielen obwohl und während hinsichtlich V2 eine unter-
geordnete Rolle: „Zu diesen Konjunktionen gehören allen voran die Kon-
junktion weil, aber auch obwohl und eventuell während.“
Erstaunlich ist hieran zweierlei: Zum ersten ist die These, V2 trete
nach anderen Konjunktionen als weil wesentlich seltener auf, offenbar nie
empirisch überprüft worden. Es existieren scheinbar keine Untersuchun-
gen, die eine solche Beobachtung belegen würden. Zum zweiten können
Aussagen zur relativen Häufigkeit dieser Konstruktionen nur getroffen
werden, wenn man jeweils das prozentuale Verhältnis zwischen VL- und
V2-Instanzen pro Konjunktion berücksichtigt. Die absolute Zahl von
obwohl- und während-Sätzen mit V2 mag zwar tatsächlich kleiner sein als die
der weil-V2-Sätze, dies liegt aber lediglich daran, dass diese Konjunktionen
generell seltener verwendet werden.13
Die Auszählung der IDS-Korpora (Freiburger Korpus, Pfeffer-
Korpus und Zwirner-Korpus; letzteres nur für obwohl, während und wobei)14
zeigt eine deutlich höhere Frequenz sämtlicher weil-Sätze (VL und V2) ge-
genüber den entsprechenden obwohl-, wobei- und adversativen während-Sät-
zen, vgl. Abbildung 1:

_____________
12 Die einzigen detaillierteren Arbeiten liegen mit Günthner (1999) zu obwohl und Günthner
(2000) zu wobei vor.
13 So schon Gaumann (1983, 45) mit Bezug auf Eisenmann (1973). Diese Bemerkung ist
offensichtlich in der Folge vielfach als vermeintliche Aussage über die relative Häufigkeit
missinterpretiert worden.
14 Freiburger Korpus (Grundstrukturen): Umfang ca. 593.300 Wörter; Fernseh- und Rund-
funkaufnahmen, weitere private und öffentliche Kommunikationssituationen; Erstellungs-
zeitraum: 1960-1974. Pfeffer-Korpus (Deutsche Umgangssprachen): Umfang ca. 645.500
Wörter; Erzählmonologe und Dialoge; Erstellungszeitraum: 1961. Zwirner-Korpus (Deut-
sche Mundarten): Umfang ca. 3.292.000 Wörter; Erzählmonologe und Dialoge; Erstel-
lungszeitraum: 1955-1960. Die Korpora sind über die Datenbank Gesprochenes Deutsch
(DGD) online nutzbar. DGD ist Teil des Archivs für Gesprochenes Deutsch (AGD) am
Institut für Deutsche Sprache, Mannheim, online im Internet: http://agd.ids-
mannheim.de/.
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 63

2000
168
V2
VL

1500
N Sätze

1000
1859

500 37

34
0
366
196 150
0
weil obwohl während wobei

Abbildung 1: Anzahl der mit weil, obwohl, adversativem während und wobei eingeleiteten Sätze.

Die Gesamtzahl der weil-Sätze übersteigt die jeweilige Anzahl der mit ob-
wohl, während oder wobei eingeleiteten Sätze um ein Vielfaches. Der Ein-
druck, weil stehe öfter mit V2 als andere Konjunktionen, ist wohl in der
Tat (auch) darauf zurückzuführen, dass bei weil-Sätzen die Menge der
Tokens generell größer ist.
Betrachtet man dagegen das prozentuale Verhältnis zwischen VL- und
V2-Vorkommen für jede Konjunktion einzeln, also den Anteil der V2-
Konstruktionen an der Gesamtzahl der jeweiligen Nebensätze, so ergibt
sich das Bild in Abbildung 2.
Hier zeigt sich, dass (a) wobei in den analysierten Korpora gar keine
V2-Sätze einleitet; und dass (b) weil diejenige Konjunktion mit dem kleins-
ten Anteil an V2-Sätzen ist.
Letzteres steht den Intuitionen, die in den oben zitierten Vermutun-
gen zur Häufigkeit von weil+V2 zum Ausdruck kommen, diametral entge-
gen. Überraschenderweise leitet das meist gar nicht oder nur am Rande
erwähnte während nahezu doppelt so oft V2-Sätze ein wie weil oder obwohl.
Und der Anteil der V2-Sätze an der Gesamtmenge der obwohl-Sätze bleibt
auch nicht, wie angenommen, hinter dem der weil-Sätze zurück, sondern
liegt sogar etwas darüber.
64 Ulrike Freywald

100%
100%
91,7% 90,8%
85,2% VL
V2
80
%

60
%

40
%

14,8%
20
% 8,3% 9,2%

0%
0%
weil obwohl während wobei
Abbildung 2: Prozentuales Verhältnis von VL- und V2-Sätzen.

Dass für wobei überhaupt keine V2-Belege zu finden sind, kann entweder
daran liegen, dass wobei-Sätze in den Korpora generell sehr selten sind (150
Sätze) und daher kein repräsentatives Bild liefern, oder aber daran, dass
V2 nach wobei vor 30-40 Jahren tatsächlich ungebräuchlich bzw. noch
kaum verbreitet war. Die Möglichkeit, nach wobei einen V2-Satz zu kon-
struieren, setzt zunächst die Entwicklung des wobei vom Relativadverb zur
Konjunktion voraus. Die Verwendung als Konjunktion bzw. als Korrek-
tur- oder Dissensmarker (vgl. Günthner 2000, 332) ist aus der Funktion
hervorgegangen, die wobei als Relativadverb hat – komitative und dik-
tumskommentierende Nebensätze einzuleiten (Zifonun u.a. 1997, 2323f.)
– und dürfte wesentlich jünger sein. Es liegt also durchaus nahe, V2 nach
wobei als relativ rezente Erscheinung zu betrachten (auch wenn der empiri-
sche Beweis hierfür freilich noch fehlt). Günthner (2000) macht in ihrer
Untersuchung zu wobei-V2-Sätzen Beobachtungen, die eine solche An-
nahme stützen: Sie stellt in ihrem 1983-1998 erhobenen Korpus eine Zu-
nahme von wobei mit V2 bei denselben Sprechern fest, während sie für die
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 65

Zeit vor 1980 (etwa in Rundfunkdaten der 1930er- und 40er-Jahre) keine
solchen Belege ausmachen kann (ebd., 335ff.).15

2.3. V2 nach dass

Eine andere bislang ungeklärte Frage ist die, wie viele und welche Kon-
junktionen im Deutschen eigentlich sowohl VL- als auch V2-Sätze einlei-
ten können. Auch hier wird meist vorbehaltlos davon ausgegangen, die
Reihe dieser janusköpfigen Einleitungselemente sei im Gegenwartsdeut-
schen auf weil, obwohl und maximal während beschränkt (schon wobei wird
selten erwähnt). Doch ist diese Liste wirklich so klar begrenzt? Ja und
nein. Ja, weil unbestritten ist, dass nicht alle konjunktional eingeleiteten
Nebensätze eine V2-Variante aufweisen.16 Es muss also eine Begrenzung
geben dahingehend, dass nur bestimmte Konjunktionen eine solche Dop-
pelfunktion besitzen (können). Nein, weil eine Grenze nicht eindeutig
gezogen werden kann. Man weiß heute einfach (noch) nicht genau, welche
Konjunktionen dazugehören und welche nicht. Unter den weniger häufi-
gen Konnektoren sind durchaus einige weitere ‚verdächtige Kandidaten‘
zu vermuten, wie z.B. trotzdem oder insofern:
(4a) insofern + VL
Insofern die Krankheit eine Störung des Wohlbefindens ist, muss
die Therapie auf dessen Wiederherstellung gerichtet sein.
(Pasch u.a. 2003, 715; Hervorhebung UF)
(4b) insofern + V2
Moderator Gab’s mal so’n Punkt, wo Sie gedacht ham, wir
kriegen das nicht hin?
Schmidt Nein, aber’s gab schon Tage, wo’s wirklich auch
knüppelhart kam […] Das sind alles keine Dinge,
die nicht lösbar sind. Insofern solche Tage gab es,
aber in der Regel – ich war davon überzeugt, dass
das notwendig ist, bin davon überzeugt, dass es
notwendig ist.
_____________
15 Auch Auer (1997, 75) merkt an (allerdings ohne diese Annahme zu begründen): „In der ge-
sprochenen Sprache ist das Inventar der beiordnenden Konjunktionen bekanntlich zumin-
dest um weil, obwohl, konzessives wobei und adversatives während erweitert. Zumindest bei
wobei dürfte es sich um eine neue Entwicklung handeln.“
16 Dies impliziert auch, dass das Deutsche nicht eine generelle Tendenz zur Aufgabe der
Verbletztstellung in Konjunktionalsätzen zeigt, wie anfänglich von manchen Autoren ge-
schlussfolgert wurde (s. z.B. Kann 1972, 379; Vennemann 1974; Gaumann 1983, 157). Zu
verschiedenen Hypothesen, wieso die V2-Option nur bei bestimmten subordinierenden
Konjunktionen auftritt, vgl. Wegener (2000) und Miyashita (2003).
66 Ulrike Freywald

(RBB Inforadio, Interview mit Gesundheitsministerin Ulla


Schmidt, 22.01.2005)
Ein Beispiel für eine außerordentlich frequente subordinierende Konjunk-
tion, um die die Liste der VL / V2-Einleiter zu ergänzen ist, liegt mit dass
vor. Auf diese Erweiterung des ‚VL / V2-Bestands‘ möchte ich im Fol-
genden etwas genauer eingehen.
Im gesprochenen Deutsch werden auch dass-Sätze unter bestimmten
Bedingungen mit V2 gebildet, wie z.B. in (5):
(5) Ich würde sagen, dass beide haben ihre Performanzvorteile.
(Diskussionsteilnehmerin auf der Tagung „Historische Text-
grammatik und Historische Syntax des Deutschen“ in Graz,
2008)
Diese Konstruktion ist auf den ersten Blick in der Tat ungewöhnlich –
wohl ebenso ungewöhnlich, wie vielen die weil-V2-Sätze beim erstmaligen
bewussten Hören erschienen sein mögen. Die klassische subordinierende
Konjunktion dass leitet in (5) einen Objektsatz ein, der nicht wie zu erwar-
ten mit VL, sondern mit V2 gebildet ist. Was diese dass-V2-Sätze von den
oben besprochenen V2-Adverbialsätzen grundsätzlich unterscheidet, ist
ihr Argumentstatus. Ihrer syntaktischen Funktion nach stellen sie not-
wendige Satzglieder dar. Sie sind in all jenen Funktionen zu finden, die
auch argumentrealisierende dass-VL-Sätze einnehmen können:
(6) Subjekt
dazu kommt AUCH, dass manche der OBERflächenbeschich-
tungen – silikonharzfarben, dispersionsfarben – enthalten organi-
sche BEImengungen
(Deutschlandfunk, Interview, 12.11.2004)
(7) Objekt
Ich würde sagen, dass beide haben ihre Performanzvorteile.
(8) Prädikativ
das wesentliche ist DAran ja daß der regisseur sitzt UNten und
sieht mich von kopf bis ZEH
(AGD, RIAS, Diskussion, 1962)
(9) Komplementsatz zum Nomen (‚Attribut‘-Satz)
aber ich hab MANCHmal, an MANchen stellen den eindruck,
dass HIER steht der poeta doctus dem dichter im WEG
(Deutschlandfunk, Diskussion, 20.10.2004)
Solche Vorkommen von dass-V2-Sätzen unterscheiden sich funktional von
den entsprechenden VL-Pendants und sind also nicht als bloße Folge
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 67

eines Planungsfehlers oder als Satzabbruch zu sehen. Wie in Freywald


(2008 und 2009) dargelegt, lässt sich das Auftreten von V2 in dass-Sätzen
als systematisches Muster der gesprochenen Gegenwartssprache beschrei-
ben. Mit den V2-Sätzen nach weil, obwohl usw. teilen dass-V2-Sätze das
Merkmal, dass der ursprüngliche Nebensatz durch die formale Kenn-
zeichnung als potentiell selbständige Äußerung (mittels V2) pragmatisch
aufgewertet wird und außerdem über eigene illokutive Kraft verfügt. Im
Falle der dass-V2-Sätze ist die Illokution auf Assertion festgelegt: In sämt-
lichen mir bekannten Belegen sind die dass-V2-Sätze assertiert und enthal-
ten die relevante, eigentliche Information der gesamten Äußerung. Damit
korreliert die empirische Beobachtung, dass mit dass angeschlossene V2-
Sätze nie mit negierten / negierenden, interrogativischen oder faktischen
Matrixprädikaten auftreten. Die plausible Erklärung hierfür liegt eben in
der Assertiertheit der dass-V2-Sätze – sie kommen nur in Kontexten vor,
die assertionsverträglich sind; eine Negation im Matrixsatz etwa würde mit
dem Wahrheitsanspruch, der im folgenden dass-V2-Satz erhoben wird, in
Konflikt geraten. Der kommunikative Vorteil einer solchen Konstruktion
liegt darin, dass der Sprecher der im dass-Satz geäußerten Behauptung
durch die V2-Form mehr Gewicht und Nachdruck verleihen kann.
Mit der pragmatischen Aufwertung des dass-V2-Satzes ist eine Rück-
stufung des Matrixsatzes verbunden. Die Matrixsätze in dass-V2-Kon-
struktionen sind semantisch blass und fungieren lediglich als eine Art An-
kündigung oder Interpretationsanweisung in Bezug auf den eigentlichen
Inhalt der Äußerung, der im dass-V2-Satz ausgedrückt wird. Der funktio-
nale Beitrag der Matrixsätze ist auf Diskursebene zu verorten: Sie dienen
der Aufmerksamkeitssteuerung, der Kodierung von epistemischer
und / oder evidentieller Information sowie der Organisation der Spre-
cher-Hörer-Interaktion; typische Matrixprädikate sind z.B. Einstellungs-
verben, wie wissen, sagen, meinen, Verben der Sinneswahrnehmung sowie
Konstruktionen wie wichtig / interessant / schön sein bzw. der Punkt ist…, das
Ding ist…, das Interessante / Spannende ist… u.ä. (s. hierzu ausführlich Frey-
wald 2008).
(10) das SPANnende daran ist, dass die lehrerinnen haben das lehrbuch
SELber gemacht
(Hörbeleg, niedersächsischer Hintergrund, 2003)
Ein dass-V2-Satz ist also, was seinen Mitteilungswert angeht, seinem Mat-
rixsatz nicht untergeordnet. Dies sollte sich auch in der syntaktischen
Analyse dieser Konstruktionen widerspiegeln. Dementsprechend wird in
Freywald (2009) eine Struktur vorgeschlagen, die eine parataktische Ver-
knüpfung von Matrix- und dass-V2-Satz vorsieht (für eine solche Analyse
sprechen darüber hinaus auch genuin syntaktische Argumente, wie Stel-
68 Ulrike Freywald

lungsverhalten, Bindungsdaten und sogenannte Hauptsatzphänomene).


Dabei ist der Matrixsatz (der nun eigentlich nicht mehr Matrixsatz heißen
sollte) als eine Art Satzfragment mit redeeinleitender Funktion dem mit
dass verknüpften, potentiell eigenständigen V2-Satz vorgeschaltet. Ähnlich
wie im Falle der parataktischen Varianten von weil, obwohl usw. hat dass hier
also nicht den Status einer subordinierenden Konjunktion. Im Gegensatz
zu den erstgenannten verbindet dass jedoch nicht zwei völlig voneinander
unabhängige Sätze oder Äußerungsteile. Durch die offene Argumentfor-
derung im einstigen Matrixsatz bleibt dieser unvollständig; es ist gerade
dieser syntaktische Spannungsbogen, der wesentlich zu einer Funktionali-
sierung des Matrixsatzes als hinweisendes, aufmerksamkeitsforderndes
Element beiträgt. Vielmehr verknüpft dass ein diskursbezogenes Syntagma
mit einem potentiell eigenständigen Satz und kennzeichnet diesen explizit
als (als wahr unterstellte) Behauptung – das ehemals subordinierende dass
hat hier die Funktion eines Assertionsmarkers.
Die Liste von Konjunktionen, die sowohl VL- als auch V2-Sätze ein-
leiten, ist also durchaus erweiterbar. Hier ist noch weitere Forschungsar-
beit notwendig; an deren Anfang sollte die aufmerksame, unvoreinge-
nommene Beobachtung stehen.

3. Hauptsatzwortstellung in Nebensätzen
als ‚altes Substandardmuster‘?
Auch die Frage nach dem Neuigkeitswert der Hauptsatzwortstellung in
Nebensätzen stellt sich gleichermaßen für sämtliche genannten Konjunk-
tionen, allerdings wurde bislang nur für weil versucht, sie zu beantworten.
Die historische Entwicklung der deutschen Kausalkonjunktionen ist an
sich sehr gut untersucht (vgl. z.B. Arndt 1959; Eroms 1980; insbesondere
zum Aufkommen von weil+V2 Selting 1999 sowie Wegener 1999 u. 2000).
Kurzgefasst: Die Tatsache, dass ein und dieselbe kausale Konjunktion
sowohl VL- als auch V2-Sätze einleitet, stellt demnach vom Alt- bis Früh-
neuhochdeutschen durchaus den Normalfall dar:
(11) Althochdeutsch
(11a) uuanta + V2
qui manet In me therder In mir uuonet
et ego In eo hic fert Inti ih in imo ther birit
fructum multum mihilan uuahsmon.
quia sine me uuanta uzzan mih
nihil potestis facere. nimugut ir niouuiht duon.
(Tatian, 283, 11-15)
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 69

(11b)uuanta + VL
uuánda iz fóne dír chám
(Notker, Boethius, 21, 2; zit. nach Petrova 2008)
(12) Mittelhochdeutsch
(12a) wande / wan + V2
Dâ soltû rehte deheinen zwîvel an hân, wan ez ist diu rehte
wârheit
(Berthold, I, 75, 37f.; zit. nach Eroms 1980, 104)
(12b)wande / wan + VL
wan iu und iuwern kindern des himelrîches als nôt ist, sô sult ir
iuwer kinder selber ziehen
(Berthold, I, 34, 37f.; zit. nach Eroms 1980, 104)
(13) Frühneuhochdeutsch
(13a) wan / wenn mit V2
Die edel kindelpetterinn die het nï kain rue, wann die geschëft
die waren gros
(H. Kottanerin, Denkwürdigkeiten, 21, 26-28, Wien 1445-1452;
Bonner Fnhd.-Korpus)
(13b)wan / wenn mit VL
vnd ich mües hait die kran [= Krone] behalten in der kamer […]
vnd ich behielt das vnder dem pett mit grossen sorgen, wann wir
chain truhen da nicht heten.
(H. Kottanerin, Denkwürdigkeiten, 13, 20-24, Wien 1445-1452;
Bonner Fnhd.-Korpus)
Die jeweilige kausale V2 / VL-Konjunktion wurde mit ähnlicher Funk-
tionsaufteilung wie beim modernen weil einerseits zur epistemischen bzw.
sprechaktbezogenen Begründung (mit V2), andererseits zur Begründung
der im Bezugssatz ausgedrückten Proposition (mit VL) verwendet. In
(12a) etwa begründet der Kausalsatz wan ez ist diu rehte wârheit nicht (nur)
die Proposition des Vordersatzes ('daran sollst du keinen Zweifel haben'),
sondern vor allem den Sprechakt als Ganzes; er liefert also eine Begrün-
dung für die Aufforderung, keinerlei Zweifel zu hegen. Ähnlich gibt wann
die geschëft die waren gros in (13a) eine epistemische Begründung, während
der Kausalsatz in (13b) für einen Sachverhalt (die Krone musste unter
dem Bett aufbewahrt werden) den faktischen Grund nennt (es gab keine
Truhe). Neben einer solchen V2-VL-Konjunktion gab es noch weitere
Kausalkonjunktionen, wie sîd / sît, darumb daz, umbe daz u.a., die jedoch
stets VL-Sätze einleiteten.
70 Ulrike Freywald

Im Frühneuhochdeutschen wird das multifunktionale wan / wenn von


denn und weil abgelöst, womit sich das neuhochdeutsche System – denn+V2
vs. weil+VL – etabliert (vgl. Arndt 1959, 389).17 Gemäß dieser Interpreta-
tion scheint es so zu sein, dass seit dem Ausgang des Frühneuhochdeut-
schen keine Kausalkonjunktion mehr existiert, die sowohl VL- als auch
V2-Sätze einleitet: „Festzuhalten ist schließlich, daß denn und weil […] als
neue Konjunktionen für Hauptsätze und Nebensätze disjunkt sind“
(Eroms 1980, 113). Ob jedoch die Struktur weil+V2 in (gesprochenen)
Substandard-Varietäten nicht doch bereits seit dem Aufkommen von weil
als Kausalkonjunktion zumindest als marginale Option existiert hat, ist
freilich nicht sicher zu entscheiden, da uns naturgemäß aus dieser Zeit nur
schriftliche Quellen zur Verfügung stehen, die – insbesondere im Zuge
der Herausbildung und Etablierung eines Schriftstandards – mündliche
Phänomene nur sehr bedingt widerspiegeln (vgl. zu diesem methodischen
Problem Simon 2006). So konstatiert denn Selting (1999) auch eine „Be-
schreibungslücke“ vom 16.-19. Jahrhundert (ebd., 191), die sie mit empiri-
schen Nachforschungen zu füllen versucht. Im Ergebnis bleibt die Lücke
allerdings im Wesentlichen bestehen – es lassen sich auch in mündlich-
keitsnahen Texten des fraglichen Zeitraums keine sicheren Belege für weil-
V2-Sätze finden (was aber umgekehrt auch noch kein Beweis für die
Nicht-Existenz dieser Konstruktion ist).
Vom gegenwärtigen Standpunkt aus lässt sich die weil-V2-Konstruk-
tion mühelos bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen,
sie findet sich z.B. in Arbeiten zur Dialektsyntax (vgl. (14)), aber auch in
literarischen Werken, wie in Canettis „Blendung“ aus den 30er Jahren –
vgl. (15):
(14a) weil bei mir ist es nicht sicher
(Peller 1941, 40; Mundart des Traunseegebietes)
(14b)saue nich ales ain, wail … ich mus⋅es wider rēne machn
(Baumgärtner 1959, 106; Leipziger Umgangssprache)
(15) Jung ist sie, ein Weib ist sie, und ich kann mit ihr machen, was
ich will, weil ich bin der Vater.
(Canetti 1993, 117; Erstveröffentlichung 1935)
Auch die in Betten (1995) dokumentierten Gespräche mit nach Israel
emigrierten deutschsprachigen Juden enthalten weil-V2-Sätze – vgl. (16):18
_____________
17 Die Konjunktion denn wurde anfänglich auch mit VL verwendet (in oberdeutschen Texten
hält sich denn / dann + VL bis ins späte 17. Jahrhundert, vgl. Brooks 2006, 176ff.).
18 Für weitere weil-V2-Belege in diesen Gesprächen vgl. Weiss (2000). In einem kleinen
Korpusausschnitt von ca. 9.900 Wörtern weisen acht von 31 weil-Sätzen Verbzweitstellung
auf (= 26 %).
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 71

(16) Ich bekam ganz plötzlich die Aufforderung zur Alija, zur Ein-
wanderung bereit zu sein, ähm, einige Zeit später meine Schwes-
ter auch, weil es handelt sich um Jugendliche im Alter zwischen 15
und 17 Jahren.
(Betten 1995, 154; Transkription vereinfacht)
Dies ist als Hinweis auf eine frühe Verwendung dieser Konstruktion zu
sehen, da es sich hier um ein Deutsch handelt, „das heute außerhalb des
deutschen Sprachraums gesprochen wird […], aber im wesentlichen das
gesprochene Deutsch der 20er Jahre und 30er Jahre […] repräsentiert“
(Betten 1995, 3). Diese Vorkommen von weil+V2 sind besonders auf-
schlussreich, da sich die Sprache der interviewten Emigranten generell
durch einen „hohe[n] Grad syntaktischer Normorientierung“ auszeichnet
(ebd., 5).
Einen kleinen Vorstoß zur Verkleinerung der Beschreibungslücke lie-
fert Elspaß (2005) mit Belegen aus der Mitte des 19. Jh., die sich in Brie-
fen von nach Amerika ausgewanderten Deutschen finden:
(17) als wir das getan hatten da war unser akord gebrochen Weil wir
wusten nicht daß sei [sie] zusammen hielten
(Heinrich Küpper aus Loikum / Niederrhein (ndfr.), Reiseauf-
zeichnungen, 1847ff.; Elspaß 2005, 300)
Trotz der hohen Plausibilität der sogenannten Kontinuitätshypothese ist
die Frage nach wie vor ungeklärt, ob das ‚mhd. System‘ als solches weiter-
besteht oder ob es re-etabliert wurde.
Die für die Kausalkonjunktionen gut beschriebenen historischen Ge-
gebenheiten werden oft dahingehend verallgemeinert, dass das heutige
Substandardphänomen ‚V2 im eingeleiteten Nebensatz‘ ganz allgemein
(also auch für konzessive und adversative Konjunktionen) direkt auf die
generell ‚freiere‘ Wortstellung im Alt- und Mittelhochdeutschen zurückzu-
führen sei. Autoren, die diese Ansicht vertreten,19 beziehen sich in der
Regel auf Sandig (1973). Sandig beruft sich in ihrer Erklärung von
Hauptsatzwortstellung in Nebensätzen auf die „Tendenz zur Nebenord-
nung“ in gesprochener Sprache (Baumgärtner 1959, 102) und postuliert:

_____________
19 So z.B. Lehmann (1991, 526): „[s]uch constructions […] have been in the language since
Old High German“; von Polenz (1999, 358): „Nebensätze mit Hauptsatzwortstellung als
sehr alte Substandardmuster“; Selting (1999, 180): „historische Kontinuität seit zumindest
dem Mittelhochdeutschen“ oder Breindl (2009): „bekanntlich das im Substandard immer
bewahrte ältere Muster“.
72 Ulrike Freywald

Für den „Nebensatz“ gab es von Anfang an zwei Wortstellungsmöglichkeiten:


daz er komen ist
daz der vater ist komen (Sandig 1973, 41)20
Zugrunde liegt einer solchen Argumentation die Auffassung, dass die
Verbstellung im historischen Deutsch (bzw. bis heute bewahrt in mündli-
chen Varietäten) generell freier war (bzw. ist) als in der gegenwärtigen
Standard- bzw. standardnahen Umgangssprache. Diese Erklärung beruht
vermutlich auf der Fehlinterpretation von Aussagen in der traditionellen
Literatur wie den folgenden: „im Althochdeutschen [existieren] sehr viele
Varianten der Verbstellung im eingeleiteten Nebensatz“ (Admoni 1990,
75), „Sätze mit unvollständigem Rahmen [verschwinden] doch nie gänz-
lich“ (ebd., 200), es gäbe „keine festere Regelung im Nebensatz“ (Sonder-
egger 2003, 350) o.ä. Sie ist jedoch in mindestens dreierlei Hinsicht prob-
lematisch.
Zum ersten – und dies ist wohl das Hauptproblem – erweisen sich
„Varianten der Verbstellung“, „unvollständige[r] Rahmen“ usw. in aller
Regel als Serialisierungsvarianten, die sich am rechten Satzrand, also in-
nerhalb des Verbalkomplexes oder mit Bezug auf Nachfeldbesetzung,
abspielen. Ein vermeintliches Schwanken zwischen VL und V2 ist daraus
nicht herzuleiten. So ist alles andere als klar, ob in dem von Sandig zitier-
ten Beispiel daz der vater ist komen tatsächlich Hauptsatzwortstellung vor-
liegt. Nebensatzwortstellung heißt im Deutschen ja nicht zwangsläufig
absolute Verbletztstellung. Die Endstellung des finiten Verbs kann in der
konkret realisierten Satzgliedfolge durch verschiedene Prozesse, wie etwa
Ausklammerungen oder Umstellungen innerhalb des Verbalkomplexes,
oberflächlich verwischt sein. In mehrgliedrigen Verbalkomplexen ist etwa
die Abfolge der finiten und infiniten Verbalteile bis heute variabel. In der
gegenwärtigen Standardsprache betrifft diese Variabilität hauptsächlich
IPP-Konstruktionen (sog. ‚Ersatzinfinitiv‘). In älteren Sprachstufen und in
den Dialekten existiert(e) jedoch eine noch weitaus größere Variantenviel-
falt, hier sind auch in drei- und zweigliedrigen Prädikaten, in denen kein
IPP-Effekt zum Tragen kommt, Serialisierungsunterschiede zu beobach-
ten.21 Die beiden von Sandig angeführten Nebensatzstrukturen unter-
scheiden sich also topologisch betrachtet womöglich gar nicht voneinan-
der, es liegen lediglich verschiedene Serialisierungen innerhalb des Verbal-
_____________
20 Das Beispiel hat Sandig Behaghel (1932, XIII) entnommen, der damit allerdings nicht
explizit die Verbstellung im Nebensatz, sondern die Wirkung rhythmischer Faktoren – hier
die Variation zwischen er und der vater – auf die Abfolge der verbalen Elemente innerhalb
des Verbalkomplexes illustriert.
21 Vgl. z.B. Härd (1981) zur Diachronie, Patocka (1997) zum Bairischen, Seiler (2004) zu
schweizerdeutschen Varietäten sowie Wurmbrand (2004) für einen Vergleich verschiedener
deutscher Dialekte.
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 73

komplexes (= rechte Satzklammer) vor – in beiden Fällen handelt es sich


wohl um VL. Diese in der Generativen Syntax als „Verb Raising“ be-
zeichnete Erscheinung schließt auch ein, dass noch Konstituenten zwi-
schen finites Verb und infinite(n) Verbalteil(e) treten, wie in (18) – dies
wird gemeinhin unter dem Begriff „Verb Projection Raising“ gefasst:22
(18) Er hat gesagt, daß er hat unbedingt nach Hause gehen müssen.
(Helbig / Buscha 1994, 109)
Mit (18) liegt somit ein hinsichtlich der Verbstellung unentscheidbarer Fall
vor, da die Zweitstellung von hat eine bloß scheinbare sein kann, denn
auch mit mehr als einer Konstituente vor dem finiten Verb (womit
zugrunde liegend VL vorliegt) bleibt der Satz grammatisch:
(19) Er hat gesagt, daß er nach dem Essen hat unbedingt nach Hause
gehen müssen.
Diese Verwechslung von oberflächlicher und ‚echter‘ V2 liegt m.E. einer
ganzen Reihe von Belegen zugrunde, die als Beispiele für V2 in eingeleite-
ten Nebensätzen angegeben werden, so etwa in dem immer wieder als
früher Beleg für weil+V2 angeführten Satz aus Blatz (1900) – vgl. (20a) –
oder in dem in Eroms (1980, 114) zitierten Beleg aus dem Wienerischen –
vgl. (20b):
(20a) Dem Wandersmann gehört die Welt, weil er kann über Thal und
Feld so wohlgemut hinschreiten.
(Blatz 1900, 765)
(20b)weil der Doktor hat gesagt
(Jezek 1928, 158; hier standardsprachlich wiedergegeben)
Ebenso kann Ausklammerung, also die Versetzung von Konstituenten aus
dem Mittelfeld ins Nachfeld, V2-ähnliche Strukturen ergeben, vgl. (21a)
sowie die desambiguierte Version in (21b):
(21a) Paula ist schon ganz aufgeregt, weil sie verreist nächste Woche.
(21b)Paula ist schon ganz aufgeregt, weil sie zum ersten Mal verreist
nächste Woche.
Strukturen, die an der Oberfläche so aussehen wie V2, in denen aber ge-
wissermaßen bloß zufällig nur eine Konstituente vor dem finiten Verb
steht, müssen klar geschieden werden von Konstruktionen, in denen das
finite Verb tatsächlich die syntaktische Zweitposition besetzt. Dazu sind
_____________
22 Ausführlich zu diesen Konzepten und zum theoretischen Hintergrund vgl. Haege-
man / van Riemsdijk (1986) sowie den Überblick in Schönenberger (1995).
74 Ulrike Freywald

fein abgestimmte, syntaxtheoretisch fundierte Diagnostika erforderlich


(wie sie in traditionellen syntaktischen Arbeiten oft nicht angewendet
werden). Zieht man solche Kriterien heran, um eindeutige von nicht ein-
deutigen bzw. nicht einschlägigen Fällen sauber zu trennen, so ergibt sich,
dass die Hauptsatz-Nebensatz-Unterscheidung bereits im ältesten Deutsch
weitgehend syntaktisch gesteuert ist, d.h. dass eine subordinierende Kon-
junktion stets VL nach sich zieht:23
Endstellung des finiten Verbs liegt bei eingeleiteten Nebensätzen vor […], ist je-
doch, wie gesagt, aufgrund verschiedener Umstellungen häufig nicht als solche
erkennbar […]. (Lenerz 1984, 130)
Mit einem geschärften Beschreibungsinstrumentarium können nun auch
Unterschiede bei einzelnen Konjunktionen sichtbar gemacht werden.
Allgemeine Aussagen wie „freiere Wortstellung“, „von Anfang an zwei
Wortstellungsmöglichkeiten“ oder „[d]as Mittelhochdeutsche unterschied
Haupt- und Nebensätze nur nach der Verbstellung, nicht durch unter-
schiedliche Konjunktionen“ (Wegener 1999, 12) suggerieren, dass eine
Wahlmöglichkeit zwischen VL und V2 bei allen Konjunktionen bestanden
habe. Dies scheint aber in nennenswertem Umfang nur auf die Kausal-
konjunktion uuanta / wan(de) zuzutreffen, womit die funktionalen Vorläu-
fer von weil offenbar einen Sonderfall darstellen. Legt man strengere for-
male Kriterien an, so lassen sich im Althochdeutschen nur äußerst wenige
eingeleitete Nebensätze finden, die klar V2 aufweisen. So enthält der Alt-
hochdeutsche Tatian nur etwa 15 eindeutig als solche identifizierbare V2-
Sätze nach subordinierender Konjunktion, wovon bemerkenswerterweise
zehn Fälle Kausalsätze sind (vgl. Petrova 2008).
Wenn man weil exemplarisch die Konjunktion dass gegenüberstellt,
zeigen sich erhebliche Unterschiede. Im Althochdeutschen ist V2 in thaz-
Sätzen extrem selten, vgl. aber (22):
(22a) dhazs uuerodheoda druhtin sendida mih zu dhir
quia dominus exercituum misit me ad te
(Isidor 236, zit. nach Axel 2007, 106)

_____________
23 Aussagen zum Althochdeutschen wie „fast alle Partikeln, die als Einleitungsstücke mit
Endstellung bzw. Späterstellung des Vf. verbunden werden können, begegnen auch am
Eingang von Sätzen mit Verbzweitstellung“ (Ebert 1978, 20) sind in diesem Zusammen-
hang höchst verwirrend, da hier nicht die Homonymie von koordinierenden und subordi-
nierenden Konjunktionen gemeint ist, sondern die von konnektiven Adverbien und subor-
dinierenden Konjunktionen (wie z.B. auch im informellen Gegenwartsdeutschen das
Adverb trotzdem in Trotzdem hat sie angerufen homonym zur subordinierenden Konjunktion
ist in …,trotzdem sie angerufen hat).
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 75

(22b)táz er béiz ímo sélbemo ába die zúngûn


(Notker, Boethius, De Consolatione II 91,3; zit. nach Axel 2007,
94, Anm. 69)
Weiß (i. Dr.) zählt lediglich acht thaz-V2-Sätze in einem Korpus von 247
thaz-Sätzen.24 Auch im Althochdeutschen Tatian sind so gut wie keine eindeu-
tigen thaz-V2-Sätze zu finden, scheinbare V2-Fälle sind als die oben be-
schriebenen verschleierten Verbletztstellungen zu analysieren, wie sie
durch Extraposition o.ä. zustandekommen (vgl. Fleischer u.a. 2008). Fürs
Althochdeutsche ist also mit Axel (2007, 104) festzuhalten: „There are
only very few dhazs-clauses which exhibit postfinite material of such a kind
that an extraposition analysis is unlikely.“ Heutige dass-V2-Konstruktionen
sind offenbar nicht ebenso geradlinig auf eine historisch bereits einmal
existente Situation rückführbar wie weil-V2-Sätze. Für die Konjunktionen
obwohl und während stehen empirische Untersuchungen zur Diachronie
noch aus. Eine einfache Übertragung der Ergebnisse zu Geschichte und
Vorgeschichte von weil ist jedoch mit einiger Sicherheit zu kurz gedacht
(allein schon deshalb, weil der konjunktionale Gebrauch von obwohl und
während wesentlich jünger ist).
Ein zweites Problem ist die etwas missverständliche Erklärung, dass
die den Dialekten bzw. allgemein der gesprochenen Sprache immer wieder
zugesprochene Tendenz zur Parataxe (z.B. Arndt 1959, 408: „Neigung zur
Aufgabe der Endstellung des finiten Verbs“) zur Entstehung bzw. zur
Bewahrung von V2 in eingeleiteten Nebensätzen geführt habe. Eine Prä-
ferenz für parataktische Strukturen – sofern diese tatsächlich vorliegt,
siehe den folgenden Absatz – bedeutet ja nicht automatisch, dass ein und
dieselbe subordinierende Konjunktion alternativ auch parataktisch ge-
braucht wird. ‚Neigung zur Parataxe‘ ist wohl vielmehr so zu verstehen,
dass in den Mundarten hypotaktische Strukturen generell vermieden wer-
den und dass stärker als in der Schriftsprache von parataktischen Konnek-
toren oder asyndetischer Verknüpfung Gebrauch gemacht wird. Die
eigentliche Frage, nämlich ob es auch in älteren Sprachstufen Konjunk-
tionen gab, die sowohl VL- als auch V2-Sätze einleiten konnten, so wie sie
heute mit weil, obwohl, während, wobei und dass (sowie möglicherweise weite-
ren) vorliegen, bleibt also nach wie vor unbeantwortet.
Drittens schließlich ist diese vermeintliche Bevorzugung der Parataxe
in mündlicher Kommunikation womöglich gar nicht in dem Umfang ge-
geben wie häufig unterstellt. Wie Auer (2002) gezeigt hat, sind bestimmte
Nebensatztypen, etwa wenn- und dass-Sätze, in der gesprochenen Sprache
sogar häufiger als in der geschriebenen (vgl. Auer 2002, 133f.). Auer zu-
_____________
24 Das Korpus umfasst Belege aus Köbler (1986) sowie die Auswertung des ahd. Isidor in
Robinson (1997).
76 Ulrike Freywald

folge werden hypotaktische Strukturen aufgrund ihrer schwierigeren Pro-


zessierbarkeit nicht, wie meist angenommen, in gesprochener Sprache
generell gemieden, sondern nur dann, wenn die Einbettungsrichtung der
zeitlichen Linearität des Sprechens / Hörens entgegenliefe (was das Pro-
zessieren tatsächlich deutlich erschweren würde). Zudem wird in mündli-
cher Kommunikation die syntaktische Integrationstiefe möglichst gering
gehalten, die Integration als solche wird aber umfassend eingesetzt (vgl.
ebd., 136).
Eine allgemeine ‚Tendenz zur Nebenordnung‘ in mündlichen Varietä-
ten aufgrund von zu hohem Verarbeitungsaufwand komplexer Sätze ist
daher als Erklärung für die Existenz von V2-Sätzen nach subordinieren-
den Konjunktionen weder ausreichend noch plausibel. Eher sind hier
wohl Faktoren ausschlaggebend, die die speziellen Diskursanforderungen
und -strategien in der mündlichen Interaktion betreffen.
Die drei genannten Überlegungen sollten deutlich machen, dass bei
der Frage nach dem Alter von ‚subjunktional‘ eingeleiteten V2-Sätzen
durchaus eine gewisse Vorsicht geboten ist und dass es sich lohnt, auch
vermeintliche Allgemeinplätze immer wieder neu zu hinterfragen. Bevor
man vorschnell auf plausibel erscheinende Zusammenhänge schließt, soll-
te man sich also stets fragen, ob es nicht auch ganz anders (gewesen) sein
könnte.
Was konkret Alter und Häufigkeit der weil-V2-Konstruktion betrifft,
gilt dies natürlich in beiden Richtungen: Ebenso wenig wie das vermeint-
lich hohe Alter pauschal auf die Gesamtheit verwandter Strukturen über-
tragen werden darf, sollten Aussagen zu grammatischen Entwicklungen
nicht auf das mehr oder weniger zufällig am besten untersuchte Phäno-
men reduziert werden. Wie bereits mehrfach angeklungen ist, kann ein
solchermaßen verengter Blick umgekehrt dazu führen, dass Dinge, die
zusammengehören, nicht als zusammengehörig erkannt werden, m.a.W.
dass systematische Zusammenhänge unbemerkt bleiben. Ein Beispiel
hierfür demonstriert – unfreiwilligerweise – die IDS-Grammatik (vgl.
Zifonun u.a. 1997). Hier wird für obwohl- und weil-Sätze ein funktionaler
Unterschied zwischen VL und V2 angenommen: „Alles spricht dafür, daß
diese Formdifferenzierung funktional erklärt werden muß“ (ebd., 465).
Die V2-Sätze in (23) werden hingegen als anakoluthisch angesehen – ob-
wohl sie den weil- und obwohl-Sätzen strukturell ganz ähnlich sind:
(23a) Ich bin überzeugt, daß, wenn es einmal im Gange ist, so muß es
(…) sich (…) sehr weit verbreiten.
(23b)(…) dann sind Sie bei ner Fünfzigstundenwoche angelangt→
und das . bei schönem Wetter ↓ . mutmaßlich ↓ ((0.8)) ja . wäh-
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 77

rend also der normale Werktätige ((0.8)) kämpft um ne Vierzig-


stundenwoche.
(23c) (…) diese Kalziumbehandlung machen wobei wenn man dann
merkt daß das mit Kalzium besser wird heißt das nicht, daß das n
Kalziummangel is ↓
(Zifonun u.a. 1997, 462f.; Unterstreichung markiert Akzent,
Kursivierung UF)
Zifonun u.a. (1997, 462) führen die eingebetteten wenn-Sätze in (23a,c) als
Grund für den „Konstruktionswechsel“ an (beide V2-Sätze sind nicht in
einen VL-Satz umformbar) und sehen darin folglich eine anakoluthische
Konstruktion. Auch wenn die wenn-Sätze die V2-Form hier begünstigen
mögen, so sind sie doch keine notwendige Bedingung (vgl. die Beispiele in
(3c) und (5), in denen während und dass auch ohne einen solchen Auslöser
mit V2 konstruiert werden). Zugleich würde einen ebenso konstruierten
weil-Satz niemand als Anakoluth bezeichnen (vgl. Wichtig sind viele Pausen,
weil wenn die Konzentration nachlässt, kommt es zu Flüchtigkeitsfehlern.). Es ist
also ganz unangemessen, dass Zifonun u.a. (ebd., 466) den folgenden
Schluss einzig mit Bezug auf weil ziehen und die betreffenden anderen
Konjunktionen dabei außer Acht lassen: „Die behandelte weil-Kon-
struktion ist also kein Anakoluth mehr, sondern eine diskursspezifische
syntaktische Konstruktion.“ Eine Erklärung hierfür wird allerdings wohl
darin zu suchen sein, dass nur weil in der Fachliteratur so prominent disku-
tiert worden ist.

4. Zusammenfassung
Ziel des vorliegenden Beitrages war es zu zeigen, dass Intuitionen hin-
sichtlich Vorkommenshäufigkeit und Alter von sprachlichen Phänomenen
trügerisch sein können, wenn man sich hauptsächlich auf die eigene
Wahrnehmung verlässt bzw. wenn man die Ergebnisse einer Analyse
mehr oder weniger ungeprüft auf ähnliche Phänomene überträgt, nur weil
dies intuitiv plausibel erscheint.
Am Beispiel von Nebensatzkonjunktionen, die im Gegenwartsdeut-
schen nicht nur subordinierend, sondern auch parataktisch gebraucht
werden, habe ich zu zeigen versucht, dass es zu Fehleinschätzungen füh-
ren kann, wenn zu voreilig von einem Vertreter, hier dem vergleichsweise
gut untersuchten weil, auf andere Konjunktionen mit ähnlichen Eigen-
schaften geschlossen wird. So hält der von vielen Linguisten geteilte Ein-
druck, V2-Sätze seien mit weil verbreiteter als mit obwohl u.a., einer empiri-
schen Überprüfung nicht stand. Im Gegenteil, der Anteil von
78 Ulrike Freywald

parataktischen Verknüpfungen ist bei den eher als marginal angesehenen


Konjunktionen während und obwohl in Wirklichkeit sogar höher als bei weil
(vgl. Abschnitt 2.2.). Und interessanterweise gibt es hier keine Schmähur-
teile von Seiten der Sprachkritik oder gar ‚Rettungsaktionen‘.
Ebenso ist die Annahme, die heutige Situation mit einer ganzen Reihe
von janusköpfigen Konjunktionen entspreche einem historisch schon
einmal dagewesenen System, so wohl nicht haltbar. Die Verhältnisse im
Bereich der Kausalkonjunktionen, zu deren Inventar tatsächlich bis ins
Frühneuhochdeutsche stets auch eine Konjunktion zählt, die VL- und V2-
Sätze einleitet, müssen als Spezialfall gewertet werden. Verweise auf die
‚freiere Wortstellung‘ im älteren Deutsch geben keinen Anlass zu der An-
nahme, es habe in eingeleiteten Sätzen generell pro Konjunktion mehrere
Optionen bezüglich der Verbstellung gegeben. Bei näherem Hinsehen und
theoretisch ausgefeilteren Analysen wird deutlich, dass ein großer Teil der
vermeintlichen Verbstellungsvarianz auf Umstellungen innerhalb des Sat-
zes zurückzuführen ist, die die Nebensatzposition des finiten Verbs (d.h.
VL) gar nicht berühren. Vielmehr bewirken andere, von Haupt- oder Ne-
bensatzstatus ganz unabhängige Gründe, dass nach dem Verb in syntakti-
scher Letztstellung noch weitere Konstituenten erscheinen, so dass eine
Form entsteht, die zufällig wie V2 aussieht. Die historischen Beschrei-
bungsansätze, die für weil und seine Vorläufer existieren, sind also nicht
ohne weiteres auf obwohl u.a. übertragbar (vgl. Abschnitt 3).
Wie alt die VL / V2-Variation bei diesen anderen Konjunktionen tat-
sächlich ist und in welcher Weise die Entwicklung dieser Strukturen ihren
Anfang genommen hat, konnte und sollte im Rahmen dieses Beitrags
nicht geklärt werden. Es ging lediglich darum, den Blick dafür zu schärfen,
dass eine Non-Standard-Struktur, wie weil + Hauptsatzwortstellung, nicht
ganz neu sein muss, nur weil sie erst seit kurzem bewusst wahrgenommen
wird, und dass umgekehrt damit verwandte Konstruktionen nicht ebenso
alte Vorläufer haben müssen, wie dies für den prominenten Fall, eben die
Kausalkonjunktionen, gilt. Es wäre z.B. durchaus denkbar – und dies ist
an dieser Stelle eine reine Hypothese –, dass die V2-Option nach obwohl,
während, wobei oder dass tatsächlich eine relativ neue Entwicklung ist, die
sich in Analogie zu den Kausalsätzen vollzogen hat (ob weil-V2-Sätze da-
bei ein durchgehendes oder aber ein wiederauflebendes Muster darstellen,
ist für diesen Gedanken erst einmal unerheblich). Um dem Phänomen
von hauptsatzförmigen Strukturen nach Nebensatzkonjunktionen auf die
Spur zu kommen, ist eine übergreifende Betrachtung notwendig sowie –
und es ist wohl unnötig, dies zu betonen – mehr Empirie.
Wir sind also noch nicht am Ende der Diskussion zu den VL / V2-
Konjunktionen. Jedoch steht mittlerweile ein differenziertes Beschrei-
bungsinventar zur Verfügung, das diskursanalytische Analysen verbinden
Verbzweitstellung nach subordinierenden Konjunktionen 79

kann mit moderner Syntaxforschung, die es ermöglicht, unter die Oberflä-


che von syntaktischen Erscheinungen zu schauen. So sind bei kluger
Quellenauswahl und umsichtiger Analyse interessante Ergebnisse insbe-
sondere auch für die historische Syntax zu erwarten.

Quellen

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Jahre in Israel, Teil I: Transkripte und Tondokumente, unter Mitarbeit von Sigrid
Graßl, Tübingen.
Bonner Fnhd.-Korpus = Das Bonner Frühneuhochdeutschkorpus, 2009,
http://www.korpora.org/Fnhd/ (Stand: 28.02.2009).
Canetti, Elias (1993), Die Blendung, Frankfurt a. M. (Erstveröffentlichung 1935).
Köbler, Gerhard (1986), Sammlung kleinerer althochdeutscher Sprachdenkmäler, Gießen.
KuBus Magazin, Goethe-Institut (Hrsg.) (2007), Ausgabe 77, München.
Tatian = Die althochdeutsche Tatianbilingue, Achim Masser (Hrsg.) (1994), Handschrift
St. Gallen Cod. 56, Göttingen.

Literatur

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Arndt, Erwin (1959), „Das Aufkommen des begründenden weil“, in: Beiträge zur Ge-
schichte der deutschen Sprache und Literatur, 81 / 1959, 388-415.
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sprochenen Deutsch“, in: Peter Schlobinski (Hrsg.), Syntax des gesprochenen Deutsch,
Opladen, 55-91.
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Axel, Katrin (2007), Studies on Old High German Syntax. Left Sentence Periphery, Verb
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Die deutsche Nominalklammer
Geschichte, Funktion, typologische Bewertung

Elke Ronneberger-Sibold (Eichstätt)

1. Einleitung
In diesem Aufsatz wird die Geschichte der deutschen Nominalklammer
unter typologischem Gesichtspunkt beleuchtet. Die Einordnung des
Deutschen nach den herkömmlichen Kriterien ‚synthetischer vs. analyti-
scher Sprachbau‘ und ‚OV-typische vs. VO-typische Serialisierung‘ berei-
tet notorische Schwierigkeiten.1 So ist z.B. einerseits der Ausdruck von
Definitheit als grammatische Kategorie durch die Artikel sicherlich ein
Schritt in Richtung Analytizität, andererseits sind die stark komprimierten
und unregelmäßigen, kaum anders als durch Suppletion beschreibbaren
Formen des bestimmten Artikels hochgradig synthetisch. Was die Wort-
stellung angeht, so vereinigt gerade die Nominalphrase mit der OV-typi-
schen Stellung der kongruenzfähigen Attribute und Artikelwörter links
und der VO-typischen Stellung der nicht kongruenzfähigen Attribute und
des Relativsatzes rechts vom Kernsubstantiv beide Stellungstypen in sich.
Beide wurden im Übrigen durch Sprachwandel herbeigeführt: Einerseits
wurden nachgestellte Adjektive vorangestellt, andererseits das vorange-
stellte Genitivattribut nachgestellt.
Diese (und weitere) typologischen Ungereimtheiten sind in Ronneber-
ger-Sibold (1991; 1994; 1997; 2007) versuchsweise durch ein typologisch
relevantes Prinzip erklärt, das synchron wie diachron den anderen typolo-
gischen Tendenzen übergeordnet ist. Dieses Prinzip ist das so genannte
klammernde Verfahren. In diesem Aufsatz wird dieser Gedanke mit
einem speziellen Fokus auf der Nominalklammer weiter ausgebaut.

_____________
1 Vgl. verschiedene Beschreibungen und Erklärungen der typologischen Widersprüche in
Askedal (1996; 2000); Eisenberg (1994, insbesondere 371-376), Hawkins (1986, insbeson-
dere Kapitel 9-11), Hutterer (1990, insbesondere 452-467), Primus (1997), Roelcke (1997,
insbesondere Kap. 4 und 5).
86 Elke Ronneberger-Sibold

Im Folgenden wird zunächst in Abschnitt 2 gezeigt, wie die Tendenz


zur Klammerbildung das gesamte neuhochdeutsche Sprachsystem auf
allen Ebenen wie ein roter Faden durchzieht. In vielen Fällen ist dazu die
Einbeziehung von Substandardvarietäten notwendig, in denen sich Ten-
denzen durchsetzen können, die in der stärker normierten Standardspra-
che nicht akzeptiert sind.
In Abschnitt 3 wird die Funktion des klammernden Verfahrens disku-
tiert. Abschnitt 4 ist der diachronen Perspektive am Beispiel der Nominal-
klammer gewidmet. In einem diachronen Längsschnitt durch die deutsche
Sprachgeschichte werden die wichtigsten Schritte bei der Herausbildung
dieser Konstruktion verfolgt. Es geht dabei also nicht um die Frage, wie
häufig die einmal etablierte Nominalklammer zu welcher Zeit in welchen
Textsorten war, wie komplex ihr Innenaufbau war, welche Durchbre-
chungen möglich waren, wie all dies gegebenenfalls durch bestimmte
Texttraditionen und bestimmte außersprachliche Entwicklungen motiviert
war usw. Dazu ist viel geleistet worden.2 Hier wird vielmehr danach ge-
fragt, welche Veränderungen und Bewahrungen notwendig waren, um
diese Konstruktion überhaupt entstehen zu lassen. Davon betroffen sind
die Wortstellung (4.1.) sowie die Morphologie des linken (4.2.) und des
rechten Klammerrandes (4.3.). Die Veränderungen, die den rechten
Klammerrand betreffen, reichen diachron am weitesten in die Vergangen-
heit zurück. Sie werden daher besonders ausführlich dargestellt, zumal sie
bisher kaum im Hinblick auf ihre Funktion für das klammernde Verfahren
untersucht wurden (vgl. aber Ronneberger-Sibold 2007 und i. Dr.).
In sprachvergleichender Perspektive zeigt sich, wie das Deutsche sich
unter anderem durch diese Veränderungen und Bewahrungen typologisch
mehr und mehr von den genetisch verwandten übrigen germanischen
Sprachen entfernt hat, die eine andere Entwicklung nahmen. In diesem
Aufsatz sind das Englische und das Schwedische als besonders deutliche
Beispiele gewählt. Im Gegensatz zu einer weit verbreiteten Ansicht wird
hier also die Meinung vertreten, dass das Deutsche in typologischer Hin-
sicht nicht einfach nur konservativer ist als die meisten anderen germani-
schen Sprachen, sondern dass es sich in eine andere Richtung, eben auf
das klammernde Verfahren hin entwickelt hat. Diese typologische Ausein-
anderentwicklung wird bis zu ihren frühesten Ansätzen zurückverfolgt, die
sich bereits im Germanischen ausmachen lassen.
Alle Erscheinungen, die im synchronen und im diachronen Teil dieses
Aufsatzes zur Sprache kommen, haben bzw. hatten jede für sich ihre eige-

_____________
2 Vgl. die einschlägigen Handbücher, v.a. Behaghel (1932, insbesondere 177-226 und 241-
251), Ebert (1986), Admoni (1990), Solms / Wegera (1991), als wichtige Monographie We-
ber (1971) sowie die Aufsätze von van der Elst (1988), Lötscher (1990).
Die deutsche Nominalklammer 87

nen Motive: Sie dienen bzw. dienten von Fall zu Fall der Verkürzung oder
auch der Verdeutlichung des Ausdrucks, der Vereinheitlichung der Wort-
stellung, der Steuerung der Aufmerksamkeit des Hörers bzw. Lesers und
anderen Zwecken mehr. Keines dieser Motive soll in Abrede gestellt wer-
den. Was jedoch alle diese Erscheinungen verbindet, ist ihre Nützlichkeit
für das klammernde Verfahren. Diese verschaffte ihnen, so die hier vorge-
tragene These, einen Selektionsvorteil gegenüber anderen, konkurrieren-
den Neuerungen mit ihren eigenen, oft konträren Motiven. Je mehr
Klammerkonstruktionen auf diese Weise entstanden, umso stärker wurde
ihre musterbildende Kraft und umso größer der Selektionsvorteil für wei-
tere Klammern. Als solche lawinenähnliche Prozesse dürfte sich die
Durchsetzung nicht nur des klammernden Verfahrens, sondern jedes
typologisch relevanten Zugs in einem Sprachsystem modellieren lassen.
Anders ist schwer vorstellbar, wie sich angesichts der vielen, einander
widerstreitenden Motive innerhalb einer Sprachgemeinschaft und sogar
innerhalb desselben Sprechers beim selben Sprechakt überhaupt ein typo-
logisch einheitliches Sprachsystem herausbilden kann.3 Insofern versteht
sich dieser Aufsatz auch als ein Beitrag zur allgemeinen Theorie des
Sprachwandels.

2. Das klammernde Verfahren im Neuhochdeutschen


2.1. Definition

Das klammernde Verfahren besteht darin, dass bestimmte Bestandteile


eines Satzes so von zwei Grenzsignalen umschlossen werden, dass der
Hörer / Leser aus dem Auftreten des ersten Signals mit sehr großer
Wahrscheinlichkeit schließen kann, dass der betreffende Bestandteil erst
dann beendet sein wird, wenn das passende zweite Signal in der Sprech-
kette erscheint (vgl. auch Ronneberger-Sibold 1994, 116). Die beiden Sig-
nale können, aber müssen nicht in einer engen strukturellen Beziehung
zueinander stehen. Sehr eng ist sie z.B. zwischen den beiden Teilen der
Zirkumfixe zur Markierung des Partizips Perfekt ge...(e)t (ge-sag-t, ge-red-et)
oder ge...en (ge-komm-en); sehr lose, wenn überhaupt vorhanden, ist sie da-
gegen zwischen einer Subjunktion oder einem Relativpronomen am An-
fang und dem finiten Verb am Ende eines eingeleiteten Nebensatzes.4 Für
die Performanz des Lesers / Hörers macht das keinen Unterschied: Er
_____________
3 Tatsächlich sind ja die meisten Sprachsysteme typologisch nicht vollkommen einheitlich.
4 Mit Weinrich (2007) wird das Relativpronomen hier (anders als in Duden 2005) als linker
Klammerrand betrachtet.
88 Elke Ronneberger-Sibold

kann sich ebenso darauf verlassen, dass eine Verbform, die mit ge- beginnt,
höchstwahrscheinlich mit -(e)t oder -en endet5, wie dass ein Nebensatz, der
mit dass oder ob beginnt, höchstwahrscheinlich durch sein finites Verb
abgeschlossen wird. Wegen dieses performanzbezogenen Kriteriums wer-
den hier zum klammernden Verfahren auch solche Konstruktionen ge-
zählt, die in der Grammatikschreibung bislang nicht (oder nicht einhellig)
als solche betrachtet werden.

2.2. Die Nominalklammer

Als Beispiel für die diesem Aufsatz zugrunde gelegte Definition der No-
minalklammer dient der folgende Textabschnitt, der aus einem Zitat aus
einer Musikkritik und unserem kurzen grammatischen Kommentar dazu
besteht. Die Nominalklammern sind durchnummeriert und durch Kursiv-
druck der Ränder hervorgehoben.
„(1) Der herbstlich mürbe Tonfall, (2) die immer (3) im Atemrhythmus (4) der Musiker
flexibel sich aufbauenden Klanggespinste, (5) die auf Melancholie zielende Verhalten-
heit – da sind (6) die Ebènes zu Hause.“6 (7) Dieser aus (8) einer Fülle (9) ähnlicher Bei-
spiele relativ willkürlich herausgegriffene Satz enthält sechs hier vorsorglich
durchnummerierte, teils parallele, teils ineinander geschachtelte Beispiele für (10)
die deutsche Nominalklammer.
Als Nominalklammer werden hier alle diejenigen Nominalphrasen be-
zeichnet, die mit einem stark flektierten Element am linken Rand begin-
nen und mit dessen Bezugssubstantiv – dem so genannten Kernsubstantiv
der Klammer – enden. Zur starken Flexion wird hier auch die Flexion des
bestimmten Artikels gezählt, auch wenn sich beide lautlich z.T. stark un-
terscheiden. Ausschlaggebend sind die Distinktivität der Formen, die in
den beiden Paradigmen nahezu gleich ist, die Kongruenzfähigkeit und die
Möglichkeit, eine Nominalklammer zu eröffnen.
Die letztgenannte Möglichkeit hat die so genannte schwache Adjektiv-
flexion nicht. Sie ist bekanntlich auf attributiv verwendete Adjektive be-
schränkt, die im Inneren einer Nominalklammer nach einem stark flektier-
ten Determinans am linken Rand stehen, z.B. mürb-e in Klammer (1), sich
aufbauend-en in (2). Außerdem ist die Distinktivität der schwachen Adjek-
tivflexion im Vergleich zur pronominalen stark eingeschränkt: Die einzig
möglichen Endungen sind -e und -(e)n. Ihre wesentliche Funktion ist, dem
_____________
5 Ausnahmen sind nur Verben mit festem ge- wie gehören, gelingen, gerinnen, genießen. Bei diesen
sind -(e)t und -en auch als Personalendungen (er / sie / es ge-hör-t; wir / sie ge-hör-en) und au-
ßerdem andere Endungen (-st, -end, Null) möglich.
6 Brembeck, Reinhard J., „Wehmut der Konversation. Das Quatuor Ebène mit Haydn,
Fauré und Schubert in München“, in: Süddeutsche Zeitung, 16. Januar 2009, 12.
Die deutsche Nominalklammer 89

Hörer / Leser zu signalisieren, dass er sich bei der syntaktischen Dekodie-


rung gerade im Inneren einer Nominalklammer befindet. Ganz unflektiert
sind Adjektive in prädikativer und adverbialer Verwendung, auch inner-
halb der Nominalklammer, z.B. herbstlich in (1) in Opposition zu an dieser
Stelle ebenfalls denkbarem attributivem herbstliche, parallel zu mürbe.
Eine Füllung der Klammer ist nach der hier gegebenen Definition
nicht notwendig: Auch z.B. (3), (4), (6), (8) und (9) zählen als Nominal-
klammern. Dem Kernsubstantiv nachgestellte Attribute wie etwa die Ge-
nitivattribute in (4) und (9) sind nicht Teil der Nominalklammer: der Musi-
ker ist zwar Teil der Nominalphrase mit dem Kernsubstantiv Atemrhyth-
mus, aber nicht Teil seiner Nominalklammer.
Der linke Klammerrand ist in den Klammern (1) bis (6) durch den be-
stimmten Artikel besetzt (in (3) verschmolzen mit einer Präposition); diese
Funktion kann aber auch ein anderes Determinans wie dieser in (7) oder
der unbestimmte Artikel in (8) sowie ein stark flektiertes Adjektiv wie
ähnlicher in (9) übernehmen. Die eigentliche Klammer wird aber nicht
durch diese Wortarten und die Wortart Substantiv an ihrem rechten Rand
gebildet, sondern durch ihre Flexion und das Genus des Kernsubstantivs.
Am linken Rand wird nämlich im Hörer / Leser nicht nur die Erwartung
auf irgendein Kernsubstantiv erweckt, sondern auf ein Kernsubstantiv,
das in Genus, Kasus und Numerus zum linken Klammerelement passt. Es
handelt sich also (in herkömmlicher Terminologie) um eine Kongruenz-
klammer.7
Die Kongruenz zwischen linkem und rechtem Klammerrand ist des-
halb für das Deutsche so wichtig, weil alle von den Attributen abhängigen
Konstituenten mit in die Klammer aufgenommen werden. Sie stehen dort
im Einklang mit der Tendenz zur OV-Stellung links von ihrem Bezugs-
wort. Diese Regelung, die zu den berüchtigten langen und komplexen
deutschen Nominalklammern führt, hat zur Folge, dass der Hörer / Leser
vor dem Kernsubstantiv bereits zahlreiche weitere antrifft. Wenn diese
keine eigene Klammer besitzen, verhindern einzig die mangelnde Kon-
gruenz und gegebenenfalls der Textsinn ein vorzeitiges Schließen der
Klammer (eine so genannte „Garden-Path-Analyse“, Pritchett 1988) wie
z.B. der Bezug von dieses auf Ausländern in der Nominalphrase dieses Aus-
ländern nur schwer vermittelbare System (vgl. Ronneberger-Sibold 1994, 121).
Wie wichtig die Kongruenz für die reibungslose Dekodierung deut-
scher Nominalklammern ist, zeigen die glücklicherweise nicht sehr häufi-
_____________
7 Das Zusammenwirken der verschiedenen an der Nominalphrase beteiligten Wortarten mit
ihren Flexionen ist in der Literatur sehr unterschiedlich beschrieben bzw. interpretiert
worden. Vgl. z.B. Werner (1979, s. dort auch die Aufarbeitung der älteren Literatur), Wur-
zel (1984, 90ff.), Admoni (1990, 18), Gallmann (1990), Ágel (1996). Für das Funktionieren
des klammernden Verfahrens spielen diese Beschreibungsvarianten jedoch keine Rolle.
90 Elke Ronneberger-Sibold

gen Fälle, in denen das System versagt, weil zufällig vor dem Kernsubstan-
tiv ein weiteres mit derselben Genus-Kasus-Numerus-Kombination steht,
das zudem auch inhaltlich passen könnte. Beispielsweise enthält der ein-
gangs zitierte Text auch den folgenden Satz: ...erst bei der Wiederholung findet
er eine Höhe mit Tiefe versöhnende Lösung. Die anfängliche Fehlanalyse von eine
Höhe (eventuell sogar eine Höhe mit Tiefe) als Nominalphrase ist fast unver-
meidlich (zumal im Original Höhe am Zeilenende steht).8 In einem weite-
ren Beispiel aus demselben Text vermeidet lediglich ein Komma eine
Fehlanalyse: Dieser kommunikative, Distanz meidende Akt in geradezu intimer
Atmosphäre. Ohne das Komma vor Distanz bzw. eine Pause beim lauten
Lesen würde man unweigerlich kommunikative auf Distanz statt auf Akt
beziehen, zumal auch diese Lesart einen vernünftigen Textsinn ergäbe.
Solche Beispiele zeigen, warum eine möglichst große Anzahl an ver-
schiedenen grammatischen Subkategorien (z.B. drei Genera) für das klam-
mernde Verfahren günstig ist: Je größer die Anzahl an möglichen Kombi-
nationen, umso kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass zufällig dieselbe
Kombination mehrmals in derselben Nominalphrase vorkommt und da-
durch solche Fehlanalysen wie bei eine Höhe möglich werden. Diese Über-
legung wird eine Rolle im diachronen Teil dieses Aufsatzes spielen.
„Unfälle“ wie diese ereignen sich jedoch hauptsächlich in solchen
überdehnten schriftsprachlichen Klammern wie in unseren Beispielen.
Wie Thurmair (1991) gezeigt hat, funktioniert das klammernde Verfahren
dagegen recht gut in seinem eigentlichen Bereich, in dem es auch ur-
sprünglich entstanden ist, nämlich den relativ kurzen Sätzen der mündli-
chen Alltagskommunikation.
In diesem Bereich funktioniert das klammernde Verfahren auch, ob-
wohl in den meisten Fällen weder die Endungen der pronominalen Flexi-
on noch die der Substantive eindeutig sind. Beispielsweise kann die Form
der Nom. Sg. Mask. oder Dat. / Gen. Fem.9 oder Gen. Pl. sein. Erst das
Kernsubstantiv am Ende der Nominalklammer bringt Eindeutigkeit: Ein
Maskulinum im Singular entscheidet für die erste Möglichkeit (z.B. der
Akt), ein Femininum im Singular für die zweite (der Wiederholung) und
irgendein Substantiv im Plural unabhängig vom Genus für die dritte (der
Akte / Wiederholungen / Konzerte). Im Neuhochdeutschen tragen sie sogar
weitgehend die für die Syntax wichtige Kasusunterscheidung mit: Der
Numerusgegensatz zwischen der Akt und der Akte unterscheidet z.B.
gleichzeitig zwischen Nominativ und Genitiv; der Genusgegensatz zwi-

_____________
8 Weitere Beispiele in Agricola (1968).
9 Die Homonymie von Genitiv und Dativ Singular im Femininum gehört zu den grundsätz-
lichen Synkretismen des Deutschen, die nicht durch Flexion aufgelöst werden können.
Die deutsche Nominalklammer 91

schen der Akt und der Wiederholung zwischen Nominativ und Genitiv / Da-
tiv.
Wegen der Bedeutung der Kongruenz für das Funktionieren der No-
minalklammer eröffnen unflektierte10 Einleitewörter wie z.B. das in unse-
rem Beispieltext unterstrichene Zahladjektiv sechs in der Nominalphrase
sechs...Beispiele nach der hier gewählten Definition keine Nominalklammer
im engeren Sinne, selbst wenn sie sich direkt auf das Kernsubstantiv be-
ziehen: Sechs lässt zwar ein Kernsubstantiv im Plural erwarten, aber es sagt
nichts über dessen Genus und Kasus aus. Entsprechendes gilt für Präposi-
tionen: Sie lassen zwar ein Substantiv in einem bestimmten Kasus erwar-
ten, aber nicht in einem bestimmten Numerus und Genus. Immerhin
stehen jedoch Präpositionalphrasen und Nominalphrasen mit unflektier-
ten, direkt auf das Kernsubstantiv bezogenen Einleitewörtern der Nomi-
nalklammer im engeren Sinne näher als komplexe Nominalphrasen mit
vorangestellten Attributen, aber ohne irgendein direkt auf das Kernsub-
stantiv bezogenes Einleitewort. Würde z.B. in der Nominalphrase
sechs...Beispiele das Zahlwort sechs fehlen, so wären die Grenzen zwischen
den Konstituenten nicht klar: hier oder sogar hier vorsorglich könnte entwe-
der auf enthält oder auf durchnummeriert bezogen werden. Da dieser uner-
wünschte Effekt durch Präpositionen und unflektierte Einleitewörter
verhindert werden kann, wenn auch nicht so sicher und effizient wie
durch stark flektierte Elemente, könnte man Präpositionalphrasen und
Nominalphrasen mit Zahlwörtern usw. als Nominalklammern im weiteren
Sinne bezeichnen. Dies ist oben durch Unterstreichung anstelle von Kur-
sivsatz symbolisiert.

2.3. Verschmelzungsformen von Präposition und Artikel

Verschmelzungsformen zwischen Präposition und Artikel wie z.B. im < in


dem in Klammer (3) machen auch aus Präpositionalphrasen vollwertige
Nominalklammern, weil durch sie die mit dem Kernsubstantiv kongruie-
rende Flexion ganz an den linken Rand rückt. Neben ihrer „vordergründi-
gen“ phonetischen Motivation können solche Formen also auch „im Hin-
tergrund“ durch das klammernde Verfahren motiviert sein. Dies dürfte
mit eine Erklärung für die außerordentliche Produktivität dieser Form der
_____________
10 „Unflektiert“ ist in bestimmten Formen von „endungslos“ wie z.B. im Nom. Sg. Mask. /
Neutr. und im Akk. Sg. Neutr. bei ein, kein und den Possessivpronomina zu unterscheiden;
da die anderen Formen dieses Paradigmas flektieren, kann man aus der Endungslosigkeit
auf eben diese Kategorienbündel schließen. Weitere unflektierte Einleitewörter von Nomi-
nalklammern sind u.a. solche indefiniten „Artikelwörter“ wie etwas, nichts, genug (vgl. Duden
2005, 386f.).
92 Elke Ronneberger-Sibold

Enklise sein. Einzelne Formen stehen sogar bereits in funktionaler Oppo-


sition zur unverschmolzenen Verbindung (zur Schule gehen vs. zu der Schule
gehen). Im mündlichen Sprachgebrauch bilden Verschmelzungsformen
inzwischen ganze Paradigmen.11 Nach diesen und anderen Kriterien lässt
sich im Deutschen eine deutliche Tendenz zu flektierten Präpositionen
ausmachen, auch wenn eine volle Grammatizität derzeit (noch?) nicht
erreicht ist (vgl. Nübling 1998).

2.4. Die Satzklammern

Die so genannten Satzklammern sind – vor allem in der Außenperspekti-


ve – die auffälligste Anwendung des klammernden Verfahrens in der
deutschen Gegenwartssprache, besonders in konzeptionell schriftsprachli-
cher Verwendung. Daher sind sie auch synchron wie diachron die mit
Abstand am besten untersuchte Klammerkonstruktion. Wenige Bemer-
kungen mögen hier genügen:
Traditionell unterscheidet man die Hauptsatz- und die Nebensatz-
klammer. Die Hauptsatzklammer füllt das so genannte Mittelfeld: Ihr
linker Rand ist das finite Verb, der rechte entweder ein so genannter ab-
trennbarer Verbzusatz (Typ 1: Ich gebe das Buch zurück)12, oder der infinite
Teil eines Verbkomplexes (Typ 2: Ich habe das Buch zurückgegeben). Die Ne-
bensatzklammer wird durch eine unterordnende Konjunktion oder ein
Relativpronomen eröffnet und durch den Verbkomplex i.Allg. mit End-
stellung des Finitums geschlossen (Typ 3: ...dass ich das Buch zurückgegeben
habe). Da sowohl in Typ 2 als auch in Typ 3 die Ergänzungen und Anga-
ben vor ihrem Verb stehen, ergibt sich hier aus dem klammernden Ver-
fahren die oben erwähnte OV-Folge (Genaueres s. in Abschnitt 3).
Unter dem Gesichtspunkt des klammernden Verfahrens lässt sich
auch das Vorfeld des Hauptsatzes als Klammerkonstruktion interpretie-
ren, selbst wenn dies terminologisch nicht üblich ist. Sie wird gebildet
durch den linken Satzrand und das finite Verb: #Seit drei Wochen regnet es
ununterbrochen. Gegebenenfalls kann das finite Verb gleichzeitig das Vorfeld
schließen und das Mittelfeld eröffnen: #Seit drei Wochen hat es ununterbrochen
geregnet.

_____________
11 Ausführlich ist dies z.B. für das Berndeutsche in Nübling (1992, 211ff.) gezeigt.
12 Wegen ihrer großen und immer noch – etwa in der Jugendsprache (vgl. Thurmair 1991) –
stark zunehmenden Häufigkeit in der deutschen Gegenwartssprache ist für Weinrich
(1988) diese von ihm so genannte Lexikalklammer ein wesentliches Argument für seinen
Vorschlag, die Distanzstellung eines zweiteiligen Verbs als Grundwortstellung des Deut-
schen zu betrachten.
Die deutsche Nominalklammer 93

Die Funktion der Satzklammern wird im Allgemeinen in den subtilen


Möglichkeiten der Aufmerksamkeitssteuerung gesehen, die sie zusammen
mit der Felderstruktur eröffnen. Auch diachron wird angenommen, dass
beides sich aus bestimmten Mustern der informationsstrukturellen Gliede-
rung des Satzes entwickelt habe.13 Dieses Motiv kann sehr gut im oben
erwähnten Sinne durch das klammernde Verfahren als Hintergrundmotiv
begünstigt worden sein.

2.5. Verschmelzungsformen von Subjunktionen


und enklitischen Personalpronomina

Viel weniger weit vorangeschritten ist die Grammatikalisierung der Ver-


schmelzungsformen zwischen Subjunktionen und bestimmten enkliti-
schen Personalpronomina wie z.B. wemmer [vεmɐ] < wenn wir. Während
dieser Fall eine phonologisch sehr durchsichtige Sandhi-Erscheinung dar-
stellt, ist z.B. weilmer [vaIlmɐ] < weil wir schon weniger leicht durchschau-
bar. Hier ist der Anlaut von mer [mɐ] nicht unmittelbar durch regressive
Assimilation erklärbar. Vielmehr nimmt man an, dass diese Form als
Schwachton-Variante von wir durch Sekretion aus phonologisch motivier-
ten Fällen wie eben wemmer oder hammer [hammɐ] < haben wir entstanden
ist.14 Noch undurchsichtiger ist das bair. wenn-st (z.B. wennst moanst 'wenn
du meinst'), entstanden durch falsche Abtrennung der ganzen Endung der
2. Person Singular -st statt nur des total assimilierten postverbalen enkliti-
schen -t < du z.B. in ha-st < *hast-t < hast du. Synchron entsteht so der
Eindruck einer verbal flektierten Konjunktion (Harnisch 1989). In einem
bair. eingeleiteten Nebensatz wie z.B. und wennsd ån a so an Dûûg fümf oda
sechse oda-ràà zeen Laid hûsd (vgl. König u.a. 1991, 50ff.) kommt man daher
wohl nicht umhin, von kongruierenden Endungen der Subjunktion und
des finiten Verbs zu sprechen – genau dem linken und rechten Rand der
Nebensatzklammer. Diese erhält dadurch eine formale Markierung, die
ihrer funktionalen Wirkung entspricht.

_____________
13 Vgl. Lühr (2008), Donhauser / Solf / Zeige (2006).
14 Vgl. Werner (1988). Im Bairischen ist dieses reduzierte mer sogar sekundär wieder verstärkt
worden zur neuen Vollform mir, etwa im selbstbewussten mir san mir 'wir sind wir'.
94 Elke Ronneberger-Sibold

2.6. Trennbare Präpositionaladverbien:


Die „Adverbialklammer“15

Nicht nur Neuerungen haben in der älteren und jüngeren Sprachgeschich-


te zur Durchsetzung des klammernden Verfahrens beigetragen, sondern
auch erstaunlich hartnäckige Bewahrungen von klammernden Konstrukti-
onen in der Umgangssprache gegen den normativen Druck der normati-
ven Grammatik. Ein solcher Fall ist die Trennung der so genannten Pro-
nominaladverbien wie z.B. davon oder dafür in Sätzen wie da weiß ich nichts
von, da kann ich nichts für bzw. mit Verdoppelung von da in der (nach Be-
haghel 1932, 249) eher süddeutschen Variante Da weiß ich nichts davon, da
kann ich nichts dafür.16 Standardsprachlich zulässig ist jedoch nur die Kon-
taktstellung: Davon weiß ich nichts, dafür kann ich nichts. Diese normative Re-
gelung hat sich in der gesprochenen Sprache jedoch nie gegen die alte
Tendenz zur Distanzstellung mit anaphorischem da am Satzanfang und
spätergestellter Präposition durchsetzen können. Schon im Muspilli (Z. 5)
lesen wir z.B. dar pagant siu umpi (von Steinmeyer 1971, 66), wörtlich: 'da
streiten sie um' (nämlich um diu sela 'die Seele'). Dieser Satz zeigt bereits
eine strukturelle Möglichkeit, die diese Konstruktion bietet: nämlich auch
bei einteiligem Verbkomplex eine Hauptsatzklammer zu konstruieren, die
den ganzen Satz einschließt.17

2.7. Morphologie und Phonologie

Selbst auf die Morphologie und Phonologie des Deutschen wirkt sich das
klammernde Verfahren aus, etwa in Gestalt der Zirkumfixe beim Partizip
Perfekt (ge-sag-t, ge-red-et, ge-sung-en) und in Wortbildungen wie Ge-birg-e, Ge-
kreisch-e, be-fried-igen, ver-ängst-igen sowie in den bekannten phonologischen
Grenzsignalen des Wortes wie der Auslautverhärtung, vor allem aber dem
Kehlkopfverschlusslaut im Anlaut vor Vokal, der eine liaison an das vor-

_____________
15 Eine etwas ausführlichere Darstellung s. in Ronneberger-Sibold (1991).
16 Die Verdoppelung des da ist im ganzen Sprachgebiet obligatorisch bei vokalisch anlauten-
der Präposition: Da glauben wir noch nicht recht dran (Süddeutsche Zeitung vom 19./20.1.1991,
17, Spalte 4). *Da glauben wir noch nicht recht an wäre ungrammatisch.
17 Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass an dieser Textstelle bereits die Konstruktion
einer Satzklammer der primäre Grund für die Wortstellung gewesen sei. Dieser ist wohl
eher im Satzrhythmus zu suchen, auch ist dar an dieser Stelle noch nicht unbedingt rein
pronominal (als Wiederaufnahmeform für diu sela 'die Seele') zu interpretieren; auch eine
lokale oder temporale Lesart ist möglich. Aber dass der Konstruktionstyp sich bis heute
gehalten hat und ausgebaut wurde, und das sogar gegen normativen Druck, dürfte mit dem
Ausbau des klammernden Verfahrens zusammenhängen.
Die deutsche Nominalklammer 95

hergehende Wort ausschließt, etwa in dt. ein Ei [Ɂain.Ɂai] vs. engl. an egg
[ə.nεg].18

3. Die Funktion des klammernden Verfahrens


Wie aus der bisherigen Erörterung hervorgeht, sehen wir die primäre
Funktion des klammernden Verfahrens in einer speziellen Erleichterung
der syntaktischen Dekodierung: Dadurch, dass die jeweils zueinander
passenden Klammerränder die Grenzen von (verschieden definierten)
Konstituenten klar markieren, weiß der Hörer / Leser während des De-
kodierprozesses jederzeit, ob er sich am Anfang, im Inneren oder am
Ende einer Konstituente befindet.
Das Erkennen der Grenzen von Konstituenten ist damit im Deut-
schen strukturell sogar mehr begünstigt als das Erkennen ihrer syntakti-
schen Kategorien (Nominalphrase, Verbalphrase usw.) und ihrer syntakti-
schen Funktionen (Subjekt, direktes Objekt usw.). Die Kategorien muss
der Hörer / Leser aus den Wortarten erschließen, was im Deutschen noch
relativ gut funktioniert, die Funktionen aus der Kasusmorphologie. Letz-
tere ist im Vergleich zu den Konstituentengrenzen im Neuhochdeutschen
erstaunlich stiefmütterlich behandelt. Z.B. ist der fundamentale Unter-
schied zwischen Subjekt und direktem Objekt nur noch in Nominalphra-
sen im Mask. Sg. durch Flexion realisiert (der – den, gut-er – gut-en, ein –
einen, er – ihn), in allen anderen Fällen muss der Hörer / Leser ihn aus
einer Kombination aus Textsinn, der Default-Stellung S vor O und der
Satzintonation (eventuellen Kontrastakzenten) erschließen.
Durch diese Bevorzugung der Grenzen vor den Kategorien und
Funktionen unterscheidet sich das klammernde Verfahren im Deutschen
von anderen typologisch relevanten Ausdrucksverfahren wie dem flektie-
renden, etwa vertreten durch die älteren indogermanischen Sprachen, und
dem isolierenden mit fester Wortfolge, weitgehend bereits vertreten durch
das moderne Englisch. In beiden hat das Erkennen der grammatischen
Funktionen erste Priorität (Ronneberger-Sibold 2007). Z.B. erkennt man
das Subjekt im Lateinischen an der Nominativflexion seiner Glieder und
im Englischen an seiner Stellung vor dem finiten Verb. Aber was alles
zum Subjekt gehört, das muss sich der Hörer oder Leser im Lateinischen
(manchmal recht mühsam) im Satz „zusammensuchen“ und im Engli-
schen aus dem Wechsel von einer nominalen Wortart zum Verb erschlie-
_____________
18 In der Zunahme von phonologischen Prozessen zur Stärkung der Wortränder in der
deutschen Sprachgeschichte manifestiert sich nach Szczepaniak (2007) sogar ein lauttypo-
logischer Wandel des Deutschen von einer Silben- zu einer Wortsprache.
96 Elke Ronneberger-Sibold

ßen, was angesichts der Konversionsfreudigkeit des Englischen und der


fehlenden formalen Unterscheidung zwischen dem Partizip Perfekt und
dem Präteritum bei den schwachen Verben durchaus schwierig sein
kann.19
Dem optimalen Erkennen der grammatischen Kategorien (noch vor
den syntaktischen Funktionen) dient das ebenfalls in der Performanz be-
gründete Prinzip „Early immediate constituents“, das Hawkins (1994)
zufolge von vielen verschiedenen Sprachen befolgt wird. Es besagt, grob
und in traditioneller Terminologie gesprochen,20 dass erstens in jeder syn-
taktischen Phrase dasjenige Element möglichst weit am Anfang stehen
sollte, an dem der Hörer / Leser eindeutig die syntaktische Kategorie
dieser Phrase erkennen kann (bei einer Verbalphrase z.B. das finite Verb)
und dass zweitens in komplexen Phrasen die unmittelbaren Konstituenten
so angeordnet sein sollten, dass sie alle möglichst früh erkannt werden
können (enthält z.B. eine Verbalphrase eine kürzere und eine längere
Nominalphrase als Objekt oder Angabe, sollte die kürzere vorangehen,21
weil umgekehrt der Hörer / Leser erst die längere vollständig dekodieren
müsste, ehe er entdeckt, dass noch eine weitere folgt). Insgesamt laufen
Hawkins’ performanzorientierte Prinzipien also darauf hinaus, möglichst
viel strukturelle Information am linken Rand einer syntaktischen Phrase
zu versammeln. Der rechte Rand ist dagegen in dieser Theorie ganz unin-
teressant: Woher der Hörer bzw. Leser eigentlich weiß, dass die Phrase,
deren Kategorie er an ihrem Anfang erkannt hat, zu Ende ist, wird nicht
problematisiert. Damit spiegelt Hawkins Theorie recht gut die Struktur
seiner Muttersprache Englisch (und damit im Grunde einer VO-Sprache)
wider: Für ihn steht die Optimierung derjenigen Performanzleistungen des
Hörers / Lesers im Vordergrund, die von der Sprachstruktur des Engli-
schen begünstigt werden. Dass aus dieser Sicht die deutschen Satzklam-

_____________
19 Der häufig zitierte „Garden-Path-Satz“ The horse raced past the barn fell (Pritchett 1988)
beruht gerade auf dieser grammatischen Homonymie.
20 Das Folgende ist eine extrem knappe und ein Stück weit interpretierende Zusammenfas-
sung von Hawkins (1994, 57ff.).
21 Man fühlt sich an Behaghels Gesetz der wachsenden Glieder erinnert (vgl. Behaghel
1932, 6).
Die deutsche Nominalklammer 97

mern eine gewisse Ratlosigkeit erzeugen,22 ist verständlich, favorisieren sie


doch eine andere Performanzleistung.
Für das Funktionieren des klammernden Verfahrens ist dagegen der
rechte Rand, an dem die Klammer geschlossen wird, so wichtig, dass –
ganz im Gegensatz zum ersten oben genannten Prinzip von Hawkins –
das Kernlexem einer eingeklammerten Konstituente häufig gerade für
diese Position aufgespart wird: das Kernsubstantiv in der Nominalklam-
mer, der gesamte Verbkomplex im eingeleiteten Nebensatz, das infinite
Hauptverb in der Hauptsatzklammer, die Präposition in der Adverbial-
klammer. Auf diese Weise kann die Erwartung des Hörers bzw. Lesers
nicht enttäuscht werden, denn das wichtigste Element der ganzen Konsti-
tuente, auf dessen Erscheinen er sich auf jeden Fall verlassen kann,
schließt die Klammer ab.
Da bei diesem Verfahren die anderen eingeklammerten Elemente, die
von dem Kernlexem abhängen, diesem vorausgehen müssen, ergibt sich
automatisch eine OV-typische Wortfolge. Der Zusammenhang zwischen
Klammern und OV-Stellung ist auch von anderen Autoren beobachtet
worden, z.B. im Hinblick auf die Nominalklammer von Askedal (2000).
Allerdings betrachtet er, anders als wir, die Klammer als Folge der OV-
Stellung und nicht umgekehrt. Wir sehen dagegen das klammernde Ver-
fahren als primär an, weil es im deutschen Sprachsystem weiter verbreitet
ist als die OV-Stellung. Es gibt zwar Klammern ohne OV-Stellung, z.B.
die äußerst produktive Klammer aus finitem Verb und Verbzusatz (ich gebe
ihm das Buch zurück), aber kaum OV-Stellung ohne einen Zusammenhang
mit einer Klammer.
Innerhalb der Klammern werden die Elemente im Allgemeinen nach
logisch-semantischen und nach informationsstrukturellen Kriterien ange-
ordnet.23 Beim eingeleiteten Nebensatz resultiert die Klammer direkt aus
diesen Bauprinzipien: Das am stärksten rhematische Element, das Verb,
steht ganz rechts, die Junktion am Vortext links. Da diese Argumentation
_____________
22 Hawkins (1994, 402): „...a language of type (6.51) [d.h. eine klammernde] marks both the
onset and the offset of the VP, and this may have certain functional advantages for con-
stituent recognition over marking just one periphery via a construction category.“ Bei rich-
tiger Betrachtung passen die hier eher widerwillig eingeräumten „certain functional advan-
tages“ übrigens sehr gut zu der grundsätzlichen Beobachtung in Hawkins (1986, 6ff.), dass
das Deutsche detailliertere und explizitere Ausdrucksmittel für die zugrunde liegenden
Strukturen habe als das Englische. Dass er die deutschen Klammern nicht als ein solches
Ausdrucksmittel erkennt, liegt daran, dass er an dieser Stelle nur die semantische Interpre-
tation von Oberflächeneinheiten im Blick hat und dabei nicht bedenkt, dass der Hörer
bzw. Leser ja zunächst einmal die Einheit im Redefluss abgrenzen muss, die er semantisch
interpretieren soll.
23 Vgl. dazu mit explizitem Bezug auf die Klammerbildung v.a. Weinrich (1988; 2007) sowie
Kolde (1985), Eichinger (1993) für den nominalen und Eroms (1999) für den verbalen Be-
reich.
98 Elke Ronneberger-Sibold

für die Hauptsatzklammer mit finitem Hilfs- oder Modalverb in Zweitstel-


lung nicht zutrifft, zieht Eroms (1999) ein zweites funktionales Argument
hinzu: Durch die Flexion des finiten Verbs (und entsprechend des Artikels
bei der Nominalklammer) erfährt der Hörer bzw. Leser frühzeitig die für
das Satzverständnis wesentlichen Informationen, die in den grammati-
schen Kategorien kodiert sind: real vs. irreal, jetzt vs. nicht jetzt usw.
Auch nach dieser Interpretation ergeben sich die Klammern also se-
kundär als Epiphänomen aus anders motivierten Stellungsregularitäten.
Nach der hier vertretenen Ansicht ist dagegen das klammernde Verfahren
das primäre Merkmal des deutschen Sprachbaus: Als Dekodierhilfe für
den Hörer bzw. Leser sollen die Grenzen der Konstituenten klar markiert
werden. Daraus von Fall zu Fall resultierende weitere Performanzvorteile
unterstützen die Motivation, sind ihr aber nicht vorgeschaltet. Dieses gilt
auch für das seit Drach (1937) immer wieder angeführte Motiv des inhalt-
lichen Spannungsbogens zwischen linkem und rechtem Klammerrand.

4. Die Herausbildung der Nominalklammer


in der deutschen Sprachgeschichte
Wie in der Einleitung angedeutet, ist die Nominalklammer der deutschen
Gegenwartssprache durch ein sehr langfristiges Zusammenwirken ver-
schiedener Veränderungen und Bewahrungen in der Geschichte der deut-
schen Morphologie und Syntax zustande gekommen. Diese Veränderun-
gen und Bewahrungen betreffen 1. die Wortstellung innerhalb der
Nominalphrase, 2. die Flexion der Adjektive und Determinantien am lin-
ken Klammerrand sowie 3. die Flexion, das Genus und damit die Wort-
bildung der Substantive am rechten Klammerrand. In ihrer Gesamtheit
unterscheidet sich durch sie die Entwicklung der deutschen Nominalphra-
se in charakteristischer Weise von ihren Entsprechungen in den anderen
germanischen Sprachen. Eine vollständige und detaillierte Erforschung
der diachronen Vorgänge im nominalen Bereich sowie ihres Zusammen-
wirkens untereinander und mit den entsprechenden Veränderungen im
verbalen Bereich in Abhängigkeit von Zeit, Ort, Textsorte, ja sogar von
einzelnen Autoren ist ein Desiderat. Hier soll lediglich ein systematischer
Überblick über die Phänomene gegeben werden, die in diesem Zusam-
menhang relevant sind und daher zusammen in den Blick genommen
werden sollten. Wir verfolgen dabei die Entwicklung „rückwärts“ von der
Gegenwart aus in die Sprachgeschichte hinein.
Die deutsche Nominalklammer 99

4.1. Die Wortstellung innerhalb der Nominalphrase

Die jüngste der in Rede stehenden Entwicklungen ist die endgültige


Durchsetzung der Regelung, nach der kongruenzfähige Attribute links,
nicht kongruenzfähige Attribute und Relativsätze rechts vom Kernsub-
stantiv stehen. Die wichtigsten zu diesem Ziel notwendigen Veränderun-
gen waren 1. die Verschiebung des Genitivattributs nach rechts, 2. die
Verschiebung aller attributiven Adjektive und Partizipien nach links und 3.
die Integration aller Erweiterungen der attributiven Adjektive und Partizi-
pien in die Nominalklammer vor ihrem Bezugswort.

4.1.1. Das Genitivattribut

Nach Behaghel (1932, 179) stand ein nicht-partitives Genitivattribut noch


im Althochdeutschen normalerweise vor dem Kernsubstantiv. Hatte die-
ses einen Artikel oder ein anderes Determinans als Begleiter, konnte das
Genitivattribut in eine Nominalklammer eingeschlossen werden, z.B. umbi
dhea christes chumft (Isidor 25, 12, nach Behaghel 1932, 179), then liohtes kindon
(Tatian 108, 4, nach ebd.). Enthielt das Genitivattribut selbst einen Artikel
oder ein anderes Determinans, so konnten (selten) beide nebeneinander
stehen. So noch bei von Lohenstein (Arminius und Thusnelda, 1689, 606):
diese des Papagoyens Worte. Eine solche Häufung von Determinantien am
Anfang der Nominalklammer wurde jedoch i.Allg. vermieden. Die übliche
Lösung war, auf ein Determinans des Kernsubstantivs zu verzichten: dero
sunnun verte, (Notker 14, 6, nach Behaghel 1932, 184), der mitternächtischen
Landschafften Meister (von Lohenstein1689 / 1973, 601), der Weisheit letzter
Schluss (Goethe, Faust. Der Tragödie zweiter Teil, nach Dal 1966, 180f.).24 Im
Sinne des klammernden Verfahrens war diese Lösung doppelt ungünstig:
Erstens fehlte der übergeordneten Nominalphrase eine Klammer, und
zweitens führte zudem das einleitende Determinans in die Irre: Je mehr
sich die Klammerkonstruktion bei Nominalphrasen ohne vorangestelltes
Genitivattribut durchsetzte, umso mehr waren vermutlich die Hörer und
Leser geneigt, jedes Determinans zunächst einmal als Eröffnung einer
Klammer zu betrachten, die durch das Kernsubstantiv der ganzen NP
geschlossen wurde. Im oben genannten Beleg von Lohenstein hätte eine
solche Strategie z.B. zu der Annahme geführt, dass die Klammer nach
Landschafften beendet war und die Funktion eines Objekts oder einer An-

_____________
24 Eine seltenere, nur mit dem unbestimmten Artikel des Kernsubstantivs mögliche Lösung
war eine Art Ausklammerung des Genitivattributs nach links vom Typ: unsers orden ein bruo-
der, armes volkeleches ein michel teil (Berthold, nach Behaghel 1932, 180).
100 Elke Ronneberger-Sibold

gabe im Genitiv hatte. Im vorliegenden Satz ist eine solche Analyse sogar
vom Kontext her möglich. Er lautet: Der Himmel selbst schien allenthalben sein
Beystand zu sein, also daß er in weniger Zeit der mitternächtischen [sic] Landschafften
Meister ward. Der mitternächtischen Landschafften ist hier entweder als Genitiv-
objekt zum Phraseologismus [einer Sache] Meister werden zu interpretieren
(wie nhd. [einer Sache] Herr werden), oder als Genitivattribut zu Meister, also
[Meister der nördlichen Landstriche] werden andererseits.
Eine für das klammernde Verfahren günstigere und zudem durch den
partitiven Genitiv vorgeprägte Lösung war dagegen die Nachstellung des
Genitiv-Attributs wie in ein har thes fahses (Tatian 30,4, nach Behaghel 1932,
177f.). Diese Stellung setzte sich daher aus eher bescheidenen Anfängen
im Laufe der Sprachgeschichte immer mehr durch, auch wenn dies einem
einheitlichen OV-typischen Aufbau der Nominalphrase zuwiderlief. Das
klammernde Verfahren erwies sich hier als der typologisch wichtigere
Parameter. Die vorwiegende und schließlich obligatorische Nachstellung
betraf zunächst nicht-onymische Sach- und Abstraktbezeichnungen, dann
nicht-onymische Personenbezeichnungen und zuletzt die Eigennamen
von Personen (vgl. Behaghel 1932, 181ff.). Noch heute kann ein Perso-
nenname oder eine wie ein Personenname gebrauchte Verwandtschafts-
bezeichnung voranstehen: Peters Jacke, Onkel Ottos Bild (vgl. Duden 2005,
834), so auch Vaters / Opas Jacke und andere Eigennamen: Deutschlands
Urlaubsregionen, Karlsruhes Trainer.25
Alternative Lösungen, die eine Voranstellung des Determinans und
sogar zusätzlich ein klammeröffnendes Artikelwort in Kongruenz mit dem
Kernsubstantiv ermöglichen, sind das so genannte „unechte“ Determina-
tivkompositum, z.B. die Mutterliebe, und das so genannte relationale Adjek-
tiv, z.B. die mütterliche Liebe statt der / einer Mutter Liebe bzw. die Liebe der /
einer Mutter. Es ist daher kein Wunder, dass auch diese Konstruktionen im
Frühneuhochdeutschen das vorangestellte Genitivattribut ablösen (vgl.
_____________
25 Behagel (1932, 194) begründet die von ihm dargestellte chronologische Reihenfolge vor
allem mit dem „Gesetz der wachsenden Glieder“: „[...] [N]ichtpersönliche Substantive
werden viel häufiger mit Bestimmungen, insbesondere mit adjektivischen, belastet als Per-
sonenbezeichnungen. Und unter diesen erfahren wieder persönliche Gattungsbezeichnun-
gen leichter eine Ergänzung als Personenbezeichnungen.“ Obwohl letzteres sicherlich zu-
trifft, scheint mir der entscheidende Faktor für die mögliche Voranstellung der
Eigennamen weniger ihre Kürze zu sein als ihre Artikellosigkeit. Ein artikelloser Eigenna-
me im Genitiv kann mangels Determinans die oben beschriebene „Garden-Path-Analyse“
nicht in Gang setzen. Im Gegenteil: Für einen solchen Namen ist die Funktion als Genitiv-
attribut so typisch, dass der Hörer automatisch in der Umgebung nach einem Bezugssub-
stantiv sucht. Dafür spricht auch, dass die Voranstellung eines Eigennamens sehr stark
markiert ist, sobald dieser den bestimmten Artikel bei sich führt: *der Schweiz / des Tessins
Urlaubsregionen ist extrem archaisch, wenn nicht bereits ungrammatisch. Normal ist die Ur-
laubsregionen der Schweiz / des Tessins, parallel zu den inzwischen nahezu obligatorisch nach-
gestellten nicht-onymischen mehrteiligen Genitivattributen.
Die deutsche Nominalklammer 101

Pavlov 1983, Sattler 1992) und in der Gegenwartssprache vor allem in


Textarten gern verwendet werden, in denen komplexe Sachverhalte kom-
primiert dargestellt werden sollen. So finden sich etwa in dem in 2.2.
mehrmals zitierten Pressetext Ausdrücke wie der ARD-Preis (statt der Preis
der ARD) oder die Höllen der Wagnerschen Chromatik (statt die Höllen der
Chromatik Wagners oder die Höllen von Wagners Chromatik).26
Bekanntlich sind in der gesprochenen Umgangssprache heute weitge-
hend nachgestellte präpositionale Ersatzkonstruktionen an die Stelle des
Genitivattributs getreten: die Jacke von Peter / Vater / Opa, die Urlaubsregionen
von / in Deutschland / im Tessin, die Goldmedaillen von der erfolgreichen Schwimme-
rin, der Verbrauch von schwefelarmem Erdöl. Dagegen steht die nur in gespro-
chener Umgangssprache verbreitete Ersatzkonstruktion für den possessi-
ven Genitiv (dem) Peter / Vater / Opa seine Jacke wegen des mit dem
Kernsubstantiv kongruierenden Possessivpronomens links vom Kernsub-
stantiv. Dennoch ist sie für das klammernde Verfahren nicht optimal, weil
auch sie keinen linken Klammerrand in Kongruenz mit dem Kernsubstan-
tiv zulässt: *die (dem) Peter / Vater / Opa seine Jacke ist ungrammatisch. Ja,
das (umgangssprachlich sogar bei Eigennamen) sehr häufige Determinans
im Dativ am Anfang kann sogar die syntaktische Dekodierung fehlleiten,
wenn es als linker Klammerrand der ganzen Phrase interpretiert wird und
folglich ein Kernsubstantiv im Dativ erwarten lässt. In den normalerweise
relativ kurzen mündlichen Äußerungen ist dieses Problem geringer als in
langen, schriftsprachlichen Nominalklammern. Dies könnte das in Duden
(2005, 835) als „eigenartig“ bewertete Faktum erklären, dass diese Kon-
struktion „bisher nicht in die geschriebene Standardsprache aufgenommen
worden [ist]“.

4.1.2. Das Adjektivattribut

Die Möglichkeit, ein Adjektivattribut (vorzugsweise, aber nicht ausschließ-


lich unflektiert, s.u.) seinem Bezugssubstantiv nachzustellen, wurde im
Laufe der deutschen Sprachgeschichte immer mehr beschränkt. Die De-
tails hängen teils von der Gestaltung der Nominalphrase als ganzer, insbe-
sondere von eventuellen weiteren Attributen ab, teils auch von der Text-
art. Ein einzelnes nachgestelltes Adjektiv war schon früh vor allem auf die
dichterische Sprache beschränkt, besonders in der Funktion als Reimwort
(vgl. Behaghel 1932, 199), aber auch im Versinneren: Vom Himmel hoch, da
komm ich her (Luther). Dieser Sprachgebrauch ist z.B. bewusst „im Volks-

_____________
26 Hierzu s.a. Eichinger (1982).
102 Elke Ronneberger-Sibold

liedton“ archaisierend aufgenommen in Goethes Röslein rot (vgl. Dal 1966,


179), so auch im Kinderlied: Hänschen klein.
Davon zu trennen ist das in der Gegenwartssprache zunehmende Auf-
treten der Konstruktion in der Sprache der Werbung, v.a. in Produktna-
men (Henkell trocken), Rezeptnamen (Whisky pur, Aal blau) und in Produkt-
beschreibungen, z.B. in Bestelllisten (70 Nagelfeilen rund nach DIN 8342).27
In den Rezeptnamen dürfte französischer und englischer Sprachgebrauch
das Vorbild abgegeben haben (truite au bleu 'Forelle blau', whisky sour
'Whisky mit Zitronensaft'), während bei 70 Nagelfeilen rund die Nachstel-
lung sich aus dem Aufbau einer Bestellliste ergibt, in deren Spalten sinn-
vollerweise das Spezifizierte vor dem Spezifizierenden angeordnet ist. Der
modische Gebrauch in einem bestimmten Presse-Stil (Leben pur, Fußball
brutal aus Hörzu nach Duden 2005, 350) dürfte seinerseits eher an die Re-
zeptnamen anknüpfen als an den Volksliedton. Insgesamt ist zu fragen, ob
es sich tatsächlich um Attribute handelt oder nicht eher um prädikative
oder appositive Strukturen: Zwischen Aal blau und blauer Aal besteht mei-
nes Erachtens nicht nur ein Unterschied in der Wortfolge (und damit der
stilistischen Wirkung), sondern auch in der syntaktischen Funktion (und
damit der Semantik) des Adjektivs, während das im Mittelhochdeutschen
bei der winter hart und der harte winter wohl noch nicht der Fall war. Dieses
Problem kann hier jedoch nicht vertieft werden.

4.1.3. Die Erweiterungen des Adjektiv- / Partizipialattributs

Die Regel, dass mit den vorangestellten attributiven Adjektiven und Parti-
zipien auch deren sämtliche Erweiterungen links vom Kernsubstantiv
stehen müssen, hat sich nach Weber (1971, 199) ab dem 16. Jahrhundert
nach und nach etabliert. Bis ins Neuhochdeutsche finden sich jedoch
immer wieder Durchbrechungen, z.B. die aufgewälzten Berge zu des Ruhmes
Sonnenhöhen (Schiller nach Dal 1966, 180),28 eine Textstelle, die nicht nur
wegen ihrer ungewöhnlichen Metaphorik, sondern eben auch wegen der
nachgestellten Erweiterung zum Partizip aufgewälzten heute nur noch
schwer verständlich ist. Die seltenen Beispiele in der Gegenwartssprache
sind, wenn nicht rundheraus ungrammatisch, dann häufig nur deshalb
akzeptabel, weil sie auch Lesarten bieten, in denen eine nachgestellte Er-
weiterung sich direkt auf das Kernsubstantiv beziehen lässt, so z.B. in die
lebenswichtigen Funktionen der Moral im sexuellen Verhalten für den einzelnen und
_____________
27 Vgl. Duden (2005, 350).
28 Weitere Beispiele bei Dal (ebd.), bei Behaghel (1932, 245f.), Weber (1971, 199f.), Lötscher
(1990).
Die deutsche Nominalklammer 103

die Gesellschaft (Helmut Schelsky nach Eggers 1957-1958, 266). Für den
einzelnen und die Gesellschaft lässt sich sowohl auf lebenswichtigen als auch als
Funktionen beziehen.
Es ist eine gewisse Ironie der Sprachgeschichte, dass durch die neue
Stellungsregel dieselben Probleme am linken Klammerrand entstanden,
die in der Geschichte des Genitivattributs gerade vermieden worden wa-
ren: Da die Erweiterungen nach der Regel der OV-Folge vor den sie regie-
renden Adjektiven bzw. Partizipien stehen müssen, können sich Determi-
nantien häufen (das die Vertragserfüllung fordernde Gesetz, Weber 1971, 198),
und wenn das nicht der Fall ist, können „Garden-Path-Analysen“ entste-
hen wie in dem bereits oben zitierten Beispiel eine Höhe mit Tiefe --- versöh-
nende Lösung, wo der Artikel des Kernsubstantivs irrtümlich auf die Erwei-
terung des Attributs bezogen wird. Solche Konstruktionen gehören zu
den heute nicht mehr sehr zahlreichen „Lücken“ in dem ansonsten mitt-
lerweile recht eng gestrickten „Sicherheitsnetz“ der deutschen Klammer-
konstruktionen. Wenn – mit aller gebotenen Vorsicht – ein Blick in die
Zukunft gestattet ist, so möchte ich vermuten, dass diese „Löcher“ durch
den ohnehin seit althochdeutscher Zeit zunehmenden Artikelgebrauch
mehr und mehr geschlossen werden, auch um den Preis von Artikelhäu-
fungen: also z.B. eine die Höhe mit der Tiefe --- versöhnende Lösung. In Nomi-
nalphrasen, in denen diese Möglichkeit nicht besteht, z.B. bei indefiniten
im Plural, beobachtet man auch jetzt schon häufig die Verwendung von
relativ inhaltsleeren Adjektiven wie bestimmt oder gewiss, die offenbar im
Wesentlichen dazu dienen, den linken Klammerrand zu füllen: Zum Bei-
spiel wäre die Gefahr einer „Garden-Path-Analyse“ in Der Boden besteht aus
Wasser und Stickstoff --- bindenden Bakterien (vgl. Agricola 1968, 11) in Der
Boden besteht aus bestimmten, Wasser und Stickstoff bindenden Bakterien behoben.

4.2. Der linke Klammerrand

Die zuletzt analysierten Beispiele haben bereits gezeigt, wie wichtig der
linke Klammerrand für das Funktionieren der Nominalklammer ist. In der
Tat führten mehrere Entwicklungen und Bewahrungen in der Geschichte
der deutschen Flexionsmorphologie dazu, dass – im Gegensatz zu den
anderen germanischen Sprachen – der linke Klammerrand immer wieder
gestärkt oder zumindest nicht lautlich abgeschwächt wurde. Die wich-
tigsten Stationen auf diesem Weg werden im Folgenden zusammengefasst.
Die älteste spezifisch deutsche Entwicklung in diesem Zusammen-
hang ist die Schöpfung der Form der (Nom. Sg. Mask. des bestimmten
Artikels) aus älterem, lautgesetzlich entstandenem de und dem Personal-
pronomen er im frühesten Althochdeutschen. Mit Recht betrachtet Dal
104 Elke Ronneberger-Sibold

(1942) diese Schöpfung als einen Angelpunkt in der typologischen Aus-


einanderentwicklung der germanischen Sprachen. Sie hatte dabei eher den
Erhalt der Kasusflexion im Blick, eine Funktion, an deren Erfüllung der
bestimmte Artikel ja in der Tat maßgeblich beteiligt war und noch ist.
Gleichzeitig damit wurde aber auch ein wichtiger Baustein für die Nomi-
nalklammer geschaffen, und aus heutiger Perspektive muss man sagen,
dass das klammernde Verfahren sich in der folgenden deutschen Sprach-
geschichte als bedeutend vitaler erwiesen hat als die Kasusflexion.
Der nächste Schritt war konsequenterweise die Schöpfung der – eben-
falls nur im Deutschen vorkommenden – stark flektierten „Langformen“29
des Adjektivs nach dem Muster des bestimmten Artikels: ahd. guoter, guotiu,
guotaz nach der, diu, daz. Nach diesem Paradigma konnten auch Nominal-
phrasen ohne bestimmten Artikel einen stark flektierten linken Klammer-
rand erhalten. Außer den Adjektiven waren das vor allem die Determinan-
tien wie dieser und jener.
Die daneben erhaltene lautgesetzlich endungslos gewordene Form guot
im Nom. Sg. aller drei Genera und zusätzlich im Akk. Sg. Neutr. – bald
auch als echte unflektierte Form auf die anderen Kasus / Numeri übertra-
gen – erlaubte darüber hinaus eine morphologische Differenzierung zwi-
schen attributivem und prädikativem Gebrauch. Die spätere, oben darge-
stellte Beschränkung auf die pränukleare Position konnte dann aus der
starken Flexion der Adjektive, Artikel und sonstigen Determinantien ein
(fast eindeutiges) Signal für die Eröffnung einer Nominalklammer ma-
chen. Es ist unbestritten, dass damit zunächst auch eine weitgehend ein-
deutige Markierung für Kasus, Numerus und Genus der ganzen Nominal-
phrase gegeben war (die so genannte Monoflexion), aber auch diese
Funktion wurde durch die weitere Sprachentwicklung auf das oben (in
2.2.) dargestellte Zusammenwirken von Determinans oder stark flektier-
tem Adjektiv einerseits und dem Kernsubstantiv andererseits verlagert –
eben auf die beiden Glieder der Nominalklammer.
Ein drittes Mal wurde ein Element der starken Adjektivflexion im Mit-
tel- und Frühneuhochdeutschen vor den Folgen des reduktiven Lautwan-
dels bewahrt, dieses Mal nicht durch „Reparatur“ bereits entstandener
„Schäden“ auf analogischem Wege, sondern durch Blockieren eines Laut-
_____________
29 Wegen des Einflusses des bestimmten Artikels / einfachen Demonstrativpronomens
werden diese Formen in der historischen Grammatik, z.B. bei Braune / Reiffenstein
(2004, 218), häufig als pronominal bezeichnet. Das einfache Demonstrativpronomen hat
jedoch im Laufe der germanischen Sprachgeschichte wiederholt als Muster für die Verstär-
kung einzelner Formen der starken Adjektivflexion gedient, ohne dass aber die entspre-
chenden lautgesetzlich kürzeren, so genannten nominalen Formen erhalten geblieben wä-
ren. Zur Unterscheidung von diesen gemeingermanischen pronominalen Formen bevorzu-
gen wir die Bezeichnung der ausschließlich althochdeutschen als „Langformen“ in Opposi-
tion zu den nominalen „Kurzformen“.
Die deutsche Nominalklammer 105

wandels, nämlich der Apokope von /-ə/. Wie Lindgren (1953) gezeigt hat,
traf dieser Lautwandel ausgerechnet in der starken Adjektivflexion auf den
stärksten funktional begründeten Widerstand. Das lässt sich sogar in einer
so apokope-freundlichen Mundart wie dem Bairischen beobachten: Mhd.
grôze vüeze 'große Füße' entspricht bair. /gro:sə fiɐs/: Das /-ə/ von mhd.
grôze ist erhalten, dasjenige von vüeze nicht. Dabei diente die Konservie-
rung der Endung /-ə/ nicht der Unterscheidung von den anderen Adjek-
tivendungen nach Kasus, Genus und Numerus – diese wäre auch bei einer
endungslosen Form gegeben gewesen – sondern der Distinktion von eben
der endungslosen Form in prädikativer (und im Zuge der Apokope von
/-ə/ beim Adverb zunehmend auch adverbieller) Verwendung. Eine en-
dungslose Form in der starken Adjektivflexion hätte nicht mehr (nahezu)
eindeutig den Beginn einer Nominalklammer signalisiert. Dies wäre dem
klammernden Verfahren extrem abträglich gewesen.
Schließlich kann der linke Klammerrand nicht nur durch Blockade
von Lautwandel oder „Reparatur von Lautwandelschäden“ gestärkt wer-
den, sondern auch durch den Lautwandel selbst. Das ist der Fall bei den
oben (in 2.3.) besprochenen Verschmelzungsformen von Präposition und
Artikel am linken Rand einer Präpositionalphrase.
Insgesamt reichen in der Entwicklung der Nominalklammer die mor-
phologischen Stärkungen des späteren linken Klammerrandes offenbar
weiter in die Vergangenheit zurück als die syntaktischen Veränderungen
der Wortfolge. Es sieht so aus, als hätte zunächst die Morphologie be-
stimmte „Bausteine“ zur Verfügung gestellt – die Artikelform der, die
Langformen der starken Adjektivflexion –, die erst dann von der Syntax
zur Errichtung eines „Klammergebäudes“ genutzt wurden. Dieser Ein-
druck verstärkt sich noch bei der Betrachtung des rechten Klammerrandes
im nächsten Abschnitt.

4.3. Der rechte Klammerrand

Wie in 2.2. dargestellt, wird der rechte Rand der Nominalklammer gebildet
durch die Flexion des Substantivs nach Kasus / Numerus und durch sein
Genus. Von diesen drei Kategorien sind Numerus und Genus in der deut-
schen Sprachgeschichte bedeutend besser konserviert worden als Kasus.
Beim Numerus ist das vor allem der so genannten Numerusprofilierung
zu verdanken, beim Genus einerseits den bereits erwähnten Veränderun-
gen und Bewahrungen an den Begleitern und Attributen des Substantivs
am linken Klammerrand, andererseits aber auch am rechten Klammerrand
durch verschiedene Veränderungen und Bewahrungen in der Wortbildung
106 Elke Ronneberger-Sibold

der Substantive, die bis auf wenige Ausnahmen sicherstellen, dass jedes
Substantiv genau eines der drei Genera hat.

4.3.1. Die Numerusprofilierung

Unter der Bezeichnung Numerusprofilierung werden zahlreiche morphologi-


sche Veränderungen zusammengefasst, die im Laufe der deutschen
Sprachgeschichte dazu geführt haben, dass im Neuhochdeutschen (bis auf
bestimmte Ausnahmen vom Typ Lehrer mit zugrunde liegendem /ə/ in
der Endsilbe) nahezu jedes Substantiv eine eindeutige Pluralform hat.
Ihren Höhepunkt erreichte diese Entwicklung im Frühneuhochdeutschen,
als durch Bildung neuer Flexionsklassen (v.a. der so genannten gemischten
Flexion) und durch massenhaften Flexionsklassenwechsel30 die zahlrei-
chen numerusambigen Flexionstypen des Mittelhochdeutschen nahezu
alle untergingen. Eine besondere Rolle spielten dabei die starken Feminina
vom Typ mhd. diu / guotiu gebe 'die / gute Gabe' – die / guote gebe 'die / gute
Gaben'. Als durch den Zusammenfall von mhd. diu / guotiu und die / guote
in nhd. die / gute eine komplette Numerusambiguität der ganzen Nominal-
phrase drohte, wurde dies nicht, wie schon so häufig, durch „Reparatur“
der starken Adjektivflexion vermieden, sondern durch „Reparatur“ der
Numerusflexion am Substantiv. Man kann dies als eine Stärkung des rech-
ten Klammerrandes in einer Epoche interpretieren, in der dieser auch
syntaktisch an Bedeutung zunahm, weil das Kernsubstantiv durch die
oben geschilderten Wortstellungsveränderungen ein immer zuverlässigeres
Signal für das Ende des kongruenzfähigen Teils der Nominalphase wurde.
Es wäre jedoch verfehlt, die Numerusprofilierung auf diesen Zeitraum
zu beschränken. Sie kam zwar im Frühneuhochdeutschen zu ihrer größten
Entfaltung, und dies vermutlich, weil sie in den Dienst der Klammerbil-
dung gestellt wurde, aber als Erscheinung ist sie viel älter. Ihre früheste
Manifestation scheint der in voralthochdeutsche Zeit zurückreichende
völlige Verlust des stammhaften -i(-) im Sg. der mask. i-Stämme über den
lautgesetzlichen Bereich hinaus zu sein, (also auch im Nom. / Akk. Sg. der
kurzsilbigen: ahd. slag vs. as. slegi, aengl. slege 'Schlag'),31 während im Plural
in allen Endungen lautgesetzlich ein i-Laut erhalten blieb. Unter den übri-
gen altgermanischen Sprachen hatte nur das Gotische eine ähnlich klare
_____________
30 Prominentestes Beispiel sind die starken Neutra vom Typ mhd. wort (Sg. wie Pl.), die alle in
andere Klassen übertraten, z.B. nhd. Wört – Wörter (wie Lamm – Lämmer) und Wort – Worte
(wie Tag – Tage).
31 Vgl. Krahe / Meid (1969, Bd. II, 26), Ronneberger-Sibold (i. Dr.). S. dort auch weitere
Details zu den anderen obliquen Kasus und zum Vergleich mit den anderen altgermani-
schen Sprachen.
Die deutsche Nominalklammer 107

Verteilung (bis auf die notorisch ungeklärte, speziell gotische Endung -e


im Genitiv Plural). Im Ahd. musste diese Verteilung lautgesetzlich zur
Beschränkung des Umlauts auf den Plural führen (ahd. gast – gesti, slag –
slegi), der damit automatisch zum Pluralkennzeichen wurde. Ähnliches gilt
für die Reflexe der idg. es- / os-Stämme als Quelle des ebenfalls nur alt-
hochdeutschen Pluralsuffixes -ir mit obligatorischem Umlaut eines um-
lautfähigen Wurzelvokals: ahd. kalb – kelbir 'Kalb – Kälber'.32 Im Altengli-
schen und Altnordischen gab es keine entsprechend klare Verteilung von
Formen mit i-haltiger Endung und ohne eine solche auf den Plural und
den Singular respektive. Daher lag eine Morphologisierung des Umlauts
als Pluralkennzeichen nicht nahe.33 Im Altenglischen erfasste der Umlaut
das ganze Paradigma, im Altnordischen trat wortweise verschiedener pa-
radigmatischer Ausgleich entweder zugunsten der umgelauteten oder der
nicht umgelauteten Formen ein (vgl. Noreen 1923, 271f.).
Man gewinnt also auch bei der Numerusprofilierung auf der Basis der
ehemaligen i- und es- / os-Stämme den Eindruck, dass bereits in vorahd.
Zeit ein „Baustein“ für die spätere Errichtung der Nominalklammer be-
reitgestellt wurde. Unter den nord- und westgermanischen Sprachen steht
das spätere Althochdeutsche damit alleine da – ähnlich wie bei den Lang-
formen der starken Adjektivflexion und beim Nom. Sg. Mask. des be-
stimmten Artikels. Anders als bei diesen hat es bei der frühen Numerus-
profilierung jedoch eine überraschende Parallele im Gotischen. Diese zeigt
sich auch bei der Geschichte des zweiten Bausteins am rechten Rand der
Nominalklammer, nämlich der Vermeidung von Substantiven, die ohne
formale Veränderung mehrere Genera haben können.

4.3.2. Die Vermeidung von Genusambiguität beim Substantiv

Damit das Kernsubstantiv am rechten Rand einer Nominalklammer seine


Funktion erfüllen kann, die Klammer zu schließen und gleichzeitig den
Numerus, das Genus und damit in den meisten Fällen auch den Kasus der
ganzen Nominalphrase endgültig festzulegen, ist es notwendig, dass dieses
Substantiv nicht nur im Numerus, sondern auch im Genus eindeutig ist.
Das heißt, dass jedes Substantiv nur genau ein Genus haben darf. Das
ganze klammernde Verfahren beruht ja darauf, dass beim Hörer oder
_____________
32 Vgl. Werner (1969). Bekanntlich hat sich auch diese sehr saliente Form der Pluralmarkie-
rung im Deutschen stark ausgebreitet, so dass sie im Neuhochdeutschen auch bei Maskuli-
na Verwendung findet, z.B. Mann – Männer.
33 Hinzu kamen im Gegensatz zum Althochdeutschen weitere morphophonemische Alter-
nanzen durch u-Umlaut, Palatalisierung usw., die die Klarheit der Paradigmen zusätzlich
beeinträchtigten. Zum Englischen im Vergleich zum Deutschen vgl. Kastovsky (1994).
108 Elke Ronneberger-Sibold

Leser am linken Klammerrand die Erwartung auf ein bestimmtes Mor-


phem bzw. Merkmal oder zumindest eine bestimmte, nicht zu umfangrei-
che Auswahl an Morphemen bzw. Merkmalen geweckt und am rechten
Klammerrand erfüllt wird. Würde diese Auswahl zu groß, wäre die Erwar-
tung zu unbestimmt, und das ganze Verfahren würde nicht mehr funktio-
nieren.
Man kann sich leicht davon überzeugen, indem man versuchsweise in
einer einigermaßen komplexen Nominalklammer annimmt, dass einzelne
Substantive z.B. maskulines oder feminines Genus haben könnten. Wäre
das etwa in der oben (in 2.2.) bereits (ohne das entscheidende Komma)
behandelten Nominalphrase Dieser kommunikative Distanz meidende Akt
beim Substantiv Distanz der Fall, so könnte Dieser statt erst auf Akt auch
schon auf Distanz bezogen werden. Dies würde fast unweigerlich zur an-
fänglichen „Garden-Path-Analyse“ von Dieser kommunikative Distanz als
Nominalphrase im Nominativ und folglich als Subjekt des Satzes führen.
Deutsche Sprachbenutzer haben durchaus eine Intuition für die Wich-
tigkeit eines eindeutigen Genus ihrer Substantive. Das zeigt sich z.B. an
der Erbitterung, mit der sie darüber streiten können, ob die oder das Nutel-
la „richtig“ sei (vgl. Sick 2004, 19), während sie viele andere sprachliche
Zweifelsfälle ungerührt überhören oder dem persönlichen Sprachgebrauch
überlassen. Die Sprachgemeinschaft duldet offenbar nur äußerst ungern,
dass dasselbe Substantiv verschiedene Genera haben kann.34
Dies gilt sogar dann, wenn der Genusunterschied mit einem Bedeu-
tungsunterschied einhergeht, es sich in semantischer Hinsicht also gar
nicht um dasselbe Substantiv handelt. Zwar gibt es einige echte Homo-
nyme wie der Kiefer vs. die Kiefer, die Mark vs. das Mark, aber eine systema-
tisch produktive Quelle solcher Wörter wird nicht geduldet.
Eine solche Quelle wäre etwa die Ausnutzung des Genus zur Be-
zeichnung von männlichen und weiblichen Personen mit derselben Funk-
tion, wie von Pusch (1984, 63) vorgeschlagen: der Student für einen männli-
chen, die Student für einen weiblichen Studenten. Schon die Tatsache, dass
die Autorin diesen Vorschlag wohl selbst nicht ganz ernst genommen hat
und er sogar in feministischen Kreisen und von Luise Pusch selbst als
„der verrückte Pusch-Vorschlag“ apostrophiert wurde (Pusch 1990), zeigt
die grundsätzliche Unvereinbarkeit dieser Struktur mit der deutschen
Grammatik. In einem anderen Sprachsystem wie etwa dem französischen
bereitet sie dagegen keine Schwierigkeiten. Dort ist sie längst etabliert (un
adversaire 'ein Gegner' – une adversaire 'eine Gegnerin') und wird sogar offi-

_____________
34 Selbst landschaftlich verschiedener Gebrauch, bei dem die verschiedenen Genera gewis-
sermaßen auf verschiedene Sprachgemeinschaften verteilt sind, wie etwa die Butter vs. der
Butter, erzeugt jenseits der jeweiligen Dialektgrenzen starke Abwehrreaktionen.
Die deutsche Nominalklammer 109

ziell als eine von verschiedenen Möglichkeiten zur Vermeidung sexisti-


schen Sprachgebrauchs empfohlen, z.B. un juge 'ein Richter' – une juge 'eine
Richterin' (vgl. Becquer u.a. 1999, 22).
Solche so genannten Utra würden einige der sattsam bekannten stilis-
tischen Probleme des geschlechtergerechten Sprachgebrauchs lösen und
außerdem Frauen in der Sprache sichtbarer machen als die entsprechen-
den genusambigen Formulierungen in anderen germanischen Sprachen
wie engl. a teacher 'ein Lehrer oder eine Lehrerin' oder schwedisch en lärare
'dito': Weil diese Sprachen ihre Genusunterscheidung an den Begleitern
des Substantivs eingebüßt haben, erfährt man hier erst bei einer eventuel-
len pronominalen Wiederaufnahme z.B. durch engl. he oder she, schwed.
hon oder hun, ob ein Mann oder eine Frau gemeint ist.35 Im Deutschen
würde das bereits durch die Artikel deutlich. Trotz aller dieser Vorteile
sind solche Utra als systematische paarweise Bezeichnung von männlichen
und weiblichen Personen für das deutsche Sprachsystem nicht tragbar,
eben weil sie eine systematische und hoch produktive Quelle von genus-
ambigen Substantiven darstellen und damit das Funktionieren der Nomi-
nalklammer empfindlich beeinträchtigen würden.36 Aus grammatischer
Sicht dürfte das der tiefste Grund sein, warum der deutsche geschlechter-
gerechte Sprachgebrauch auf der systematischen Kennzeichnung von
femininen Personenbezeichnungen durch das Motionssuffix -in besteht.37
Damit soll keineswegs die Funktion dieses Suffixes zur sprachlichen
Sichtbarmachung von Frauen geleugnet werden. Tatsächlich wird durch
die mehrfache Nennung des femininen Genus am Substantiv und an sei-
nen Begleitern das weibliche Geschlecht der bezeichneten Person beson-
ders deutlich zum Ausdruck gebracht, und im Plural (die Lehrer – die Lehre-
rinnen) ist das Motionssuffix (mit dem dadurch bedingten Pluralallomorph
-en) der einzige Hinweis auf das weibliche Geschlecht der bezeichneten
Personen. Aber hinter diesem offensichtlichen und der sprachlichen Intui-
tion leicht zugänglichen Motiv steht das den naiven Sprachbenutzern we-
_____________
35 Genaueres in Nübling (2000).
36 Lediglich bei substantivierten, nach stark flektiertem Determinans schwach flektierten
Partizipien (der / die Studierende), die ihre Genushomonymie aus ihrer Flexionsart mitbrin-
gen, wird diese Lösung geduldet. Daher werden sie gerne zur Umgehung der Probleme mit
suffigierten Formen eingesetzt. Man beachte aber, dass der Status als Partizip keinesfalls
aufgegeben wird: Nach den unflektierten Formen des unbestimmten Artikels werden sie
stark und damit genussensitiv flektiert: ein Studierend-er – ein-e Studierend-e. Tritt ausnahms-
weise Lexikalisierung der schwach flektierten Form ein, wie bei der / ein Junge, wird ein ein-
deutiges Genus zugewiesen. Weiteres in Ronneberger-Sibold (2007).
37 Dies gilt sogar für Entlehnungen aus dem Englischen wie Hairstylist, obwohl sie die Ge-
nusneutralität aus ihrer Ursprungssprache gewissermaßen mitbringen könnten. Vgl. Ron-
neberger-Sibold (2007), auch zu Wörtern wie Guru, die aus phonotaktischen Gründen kei-
ne Suffigierung durch -in zulassen.
110 Elke Ronneberger-Sibold

niger zugängliche, aber umso langfristiger wirkende grammatische Motiv


des klammernden Verfahrens. Sonst wäre ja nicht wirklich zu erklären,
warum englisch- oder schwedischsprachige Frauen soviel weniger Wert
auf sprachliche Sichtbarmachung legen sollten als deutsche. Vor allem
aber wäre sonst nicht zu erklären, warum dieser Unterschied zwischen den
drei Sprachen sich bereits durch ihre gesamte Sprachgeschichte hindurch-
zieht, also auch in Zeiten bereits greifbar war, in denen von geschlechter-
gerechtem Sprachgebrauch noch nicht die Rede sein konnte. Dies wird im
Folgenden in Umrissen gezeigt.
Zunächst fällt auf, dass von dem germanischen Motionssuffix *-inju /
-unjo zwar auf den ältesten Stufen aller drei Sprachen Reflexe erhalten sind
(z.B. in ahd. gutin, aengl. gyden 'Göttin' und an. asynja 'Asin'), von diesen
aber nur der deutsche in ungebrochener Tradition bis heute produktiv
geblieben ist. Bedingung dafür war eine formale Stärkung im Althochdeut-
schen durch Benutzung der ursprünglichen Akkusativform -inna auch im
Nominativ, so dass der Vollvokal /-i-/ unter dem Nebenton die Vokalre-
duktion in unbetonter Silbe überdauerte. Aengl. -en und an. -ynja starben
dagegen bald aus. Sie wurden zeitweise durch verschiedene andere, teil-
weise entlehnte Motionssuffixe ersetzt, von denen sich aber keines auf
Dauer halten konnte. Heute existieren zwar engl. -esse und schwed. -inna
(das germanische Suffix zum zweiten Mal entlehnt aus dem Mittelnieder-
deutschen), aber beide werden nicht mehr produktiv gebraucht, weil sie
negative Konnotationen entwickelt haben (vgl. Wessén 1970; Kastovsky /
Dalton-Puffer 2002). Obwohl das ein häufiges Schicksal von Motionssuf-
fixen ist, trat eine entsprechende semantische Veränderung im Deutschen
nie ein.
Die Geschichte der Movierung durch Wortbildung ist also seit dem
Althochdeutschen im Deutschen in bezeichnender Weise anders verlaufen
als in den beiden anderen Sprachen. Der grundsätzliche Unterschied in
Bezug auf genusambige Personenbezeichnungen ist jedoch sogar noch
älter. Das wichtigste Mittel des Germanischen zur Genusdifferenzierung
bei Personenbezeichnung waren nämlich noch nicht die Motionssuffixe,
sondern verschiedene Flexionsklassen, insbesondere bei den bevorzugt
zur Bildung von Personenbezeichnungen verwendeten n-Stämmen. Als
indogermanisches Erbe war die n-Stamm-Flexion ursprünglich für alle drei
Genera gleich gewesen. Bereits in indogermanischer Zeit traten jedoch
Differenzierungen in Abhängigkeit vom Genus auf. Diese wurden im
Voralthochdeutschen (und bemerkenswerterweise wiederum im Vorgoti-
schen) bedeutend konsequenter aufgenommen und ausgebaut als im Vor-
altenglischen und im Urnordischen.
Das Althochdeutsche und das Gotische besitzen eine in sich sehr re-
gelmäßige feminine n-Flexion (ahd. zung-a, zung-ūn usw., got. tugg-ō, tugg-ōns
Die deutsche Nominalklammer 111

usw.), die auf eine systematische Durchführung von urgerm. /o:/ im


stammbildenden Suffix im ganzen Paradigma zurückgeht (vgl. Krahe /
Meid 1969, Bd. II, 48). Dieser Typ unterscheidet sich im Gotischen in
allen Formen von den entsprechenden Maskulina, die die ursprüngliche
n-Stamm-Flexion beibehalten haben, im Althochdeutschen in allen For-
men bis auf den Genitiv und Dativ Plural. Althochdeutsche Beispiele sind
etwa: forasaga 'Prophetin' vs. forasago 'Prophet', (gast)geba '(Gast)geberin' vs.
gebo 'Geber', später auch zu mask. ja-Stämmen auf -āri gestellt: zuhtāra
'Erzieherin' vs. zuhtāri 'Erzieher'. Zudem gehen viele feminine Personen-
bezeichnungen ohne direktes maskulines Pendant nach der n-Flexion:
wituwa 'Witwe', diorna 'Mädchen', huor(r)a, zaturra, zatara 'Hure' usw. (vgl.
Braune / Reiffenstein 2004, 210f.). Gotische Beispiele sind: mawilo 'Mäd-
chen' vs. magula 'Knabe', garazno 'Nachbarin' vs. garazna 'Nachbar', arbjo
'Erbin' vs. arbja 'Erbe' usw. (vgl. Krause 1968, 164).
Der Formtyp an sich ist sehr alt (vgl. lat. natiō, natiōnis und griech.
α̉γών, α̉γω̃νος mask.(!); vgl. Krahe / Meid 1969, Bd. II, 48). Dass er aber
im Germanischen so systematisch zur Bildung von femininen Personen-
bezeichnungen ausgebaut wurde, liegt nach Krahe / Meid (ebd.) sicherlich
daran, dass hier das charakteristische /o:/ dieser Klasse ursprünglich mit
dem stammbildenden /o:/ < idg. /a:/ der starken Feminina vom Typ
ahd. geba, got. giba 'Gabe' zusammengefallen war, was zu zahlreichen
Übertritten von der starken in die schwache Klasse führte. Dieser Vor-
gang fand im Urgermanischen statt, noch vor der Veränderung dieses /o:/
in Abhängigkeit von der lautlichen Umgebung durch die Auslautgesetze
(vgl. Krahe / Meid 1969, Bd. I, 133f.; Bd. II, 48f.). Er musste also in den
Vorstufen des Altenglischen und Altnordischen dieselben strukturellen
Voraussetzungen geschaffen haben. Trotzdem wurden sie dort nicht in
derselben Weise zur Etablierung einer eigenen femininen n-Flexion ge-
nützt wie in den Vorstufen des Gotischen und Althochdeutschen. Im
Altenglischen unterscheiden sich die maskulinen und femininen n-Stämme
nur im Nominativ Singular (wicca 'Zauberer' vs. wicce 'Zauberin, Hexe').
Ansonsten ist die alte Genusindifferenz beibehalten. Im Altnordischen
flektieren die beiden Genera zwar verschieden (granni, 'Nachbar' vs. granna
'Nachbarin'), aber diese Unterschiede gehen nicht auf eine konsistente
Neuschöpfung einer femininen n-Flexion zurück, sondern auf eine Viel-
zahl kleinerer Analogiebildungen auch im Bereich der Maskulina. Zudem
war keine klare Zuordnung zwischen dem Flexionstyp granni, maskulinem
grammatischem und männlichem natürlichem Geschlecht einerseits sowie
zwischen dem Flexionstyp granna, femininem grammatischem und weibli-
chem natürlichem Geschlecht andererseits gegeben (Details in Noreen
1923, 277ff.; s.a. Ronneberger-Sibold 2007 und i. Dr.).
112 Elke Ronneberger-Sibold

Wie schon bei der frühen Numerusprofilierung bei den i-Stämmen


gehen also auch bei der Vermeidung von Genusambiguität bei den
n-Stämmen die Vorstufen des Althochdeutschen und Gotischen einen
anderen Weg als die des Altenglischen und Altnordischen.38 In unserem
Zusammenhang ist vor allem interessant, dass in beiden Fällen, sowohl bei
den i-Stämmen als auch bei den n-Stämmen, bereits in sehr früher Zeit
„Bausteine“ geschaffen wurden, die ab dem Althochdeutschen bei der
Etablierung des rechten Randes der Nominalklammer Verwendung fan-
den. Leider ist es eine müßige Frage, ob Ähnliches auch im Gotischen
geschehen wäre, wenn diese Sprache nicht untergegangen wäre.

5. Zusammenfassung: Zielgerichteter Sprachwandel?


Überblickt man die dargestellten historischen Entwicklungen insgesamt,
so entsteht ein fast gespenstischer Eindruck: Es sieht so aus, als hätte ein
geheimnisvoller „Spracharchitekt“ vor gut zwei Jahrtausenden beschlos-
sen, die deutsche Nominalklammer zu bauen, und zu diesem Zweck sys-
tematisch zunächst einmal die Bausteine für den rechten Rand hergestellt.
Dazu dienten
1. die Schöpfung einer femininen Flexion der n-Stämme (noch vor der
Wirkung der Auslautgesetze auf /o:/),
2. die Beschränkung der i-haltigen Endungen auf den Plural bei den
i-Stämmen als Auftakt der Numerusprofilierung.
Danach hätte er sich dem linken Klammerrand zugewandt und
3. die Form der (Nom. Sg. Mask.) für den im Entstehen begriffenen
bestimmten Artikel geschaffen, sowie mit dessen Hilfe
4. die „Langformen“ vom Typ guoter, guotiu, guotaz der starken Adjek-
tivflexion.
Damit diese ihre Funktion, den linken Klammerrand zu markieren, auch
klar erfüllen konnten, hätte er ab der althochdeutschen Periode auch syn-
taktische Maßnahmen ergriffen. Diese waren

_____________
38 Dieser Befund könnte ein neues Licht auf die alte Frage nach den Verwandtschaftsverhält-
nissen und frühen Kontakten zwischen den germanischen Sprachgruppen werfen. Dies ist
jedoch ein facettenreiches Thema, das eingehenderer Untersuchung bedarf, als es mir mög-
lich ist, zumal in diesem Aufsatz. Ich möchte ihn daher ausdrücklich nicht als ein Plädoyer
für eine engere Verwandtschaft des Ostgermanischen mit dem Westgermanischen als mit
dem Nordgermanischen verstanden wissen.
Die deutsche Nominalklammer 113

5. die Schaffung einer unflektierten Form des Adjektivs für den prädi-
kativen Gebrauch. Zu diesem Zweck hätte er zunächst im Nom.
Sg. Mask. und Fem. sowie im Nom. / Akk. Sg. Neutr. die dort laut-
gesetzlich entstandenen endungslosen starken Formen vom Typ
guot verwendet. Um aber auch im Plural und in den obliquen For-
men des Sg. die attributive Verwendung formal deutlich von der
prädikativen unterscheiden zu können, hätte er den Gebrauch der
endungslosen Formen auch auf diese Fälle ausgedehnt;
6. die Bewahrung der schwachen Adjektivflexion und ihre Einschrän-
kung auf den Gebrauch nach Determinantien, obwohl sie als Zei-
chen für die Definitheit einer Nominalphrase durch den bestimm-
ten Artikel eigentlich überflüssig geworden war. Sie war aber
trotzdem nützlich für die Nominalklammer, weil durch sie auch die
attributiven Adjektive in definiten Nominalphrasen formal sowohl
von den prädikativen als auch von den stark flektierten Determi-
nantien am linken Klammerrand unterschieden waren.
Dem Zweck, dass die so geschaffene Nominalklammer auch wirklich so
viel wie möglich gebraucht wurde, diente
7. der schrittweise Verzicht auf die Möglichkeit, ein attributives Ad-
jektiv nachzustellen.
Während dieser syntaktischen Veränderungen im Althochdeutschen stand
der Lautwandel nicht still. Durch die Phonologisierung der Umlautallo-
phone entstand der Pluralumlaut bei den ehemaligen i- und es- / os-Stäm-
men. Im Sinne des klammernden Verfahrens war dies eine sehr willkom-
mene Stärkung des rechten Klammerrandes, die selbstverständlich nicht
durch Übertragung des Umlauts in den Singular gefährdet werden durfte.
Daraus folgt im Althochdeutschen (im Gegensatz zum Altnordischen mit
seinem komplizierteren Paradigma)
8. der Verzicht auf paradigmatischen Ausgleich des Umlauts bei den
ehemaligen i- und es- / os-Stämmen (gast – geste, kalb – kelber). Der
Umlaut erwies sich sogar so nützlich als Pluralkennzeichen, dass
unser „Spracharchitekt“ ihn noch in der alt- und mittelhochdeut-
schen Periode auf verschiedene Weisen, die hier nicht erörtert wer-
den können, weiter im Wortschatz verbreitete.
Die Reduktion der unbetonten Vokale hatte jedoch nicht nur positive
Auswirkungen für den rechten Klammerrand: Sie drohte, die Opposition
zwischen maskuliner und femininer n-Flexion zu zerstören (lautgesetzlich
ahd. gebo 'Geber' und geba 'Geberin' > mhd. gebe 'Geber' und 'Geberin')
114 Elke Ronneberger-Sibold

und damit massenweise Utra zu schaffen. Dem wirkte unser „Spracharchi-


tekt“ entgegen durch
9. die Stärkung des femininen Motionssuffixes -in mittels Ersatz durch
die Akkusativform -inna.
Trotz der Numerusprofilierung bei den ehemaligen i- und es- / os-
Stämmen blieben im Mhd. noch viele numerusambige Flexionstypen be-
stehen (z.B. wort, hirte, gebe). Dieser Zustand war nicht mehr tragbar, als
auch noch in der starken Adjektivflexion diu, guotiu (Nom. Sg. Fem. und
Nom. / Akk. Pl. Neutr.) mit die, gute (Akk. Sg. Fem. und Nom. / Akk. Pl.
Mask. / Fem. sowie dere, guotere (Gen. / Dat. Sg. Fem. und Gen. Pl. aller
Genera) mit der, guoter (Nom. Sg. Mask.) zusammenfielen. Die Lösung des
Problems war
10. die frühneuhochdeutsche Numerusprofilierung.
Damit war, was die Flexion angeht, der moderne Stand erreicht, bei dem
die beiden Ränder der Nominalklammer noch mehr aufeinander angewie-
sen sind als vorher. Nur zusammen drücken sie durch ihre Flexion und
das Genus des Kernsubstantivs den Kasus und (in den verbliebenen nu-
merusambigen Fällen) den Numerus der ganzen Nominalphrase aus. Der
linke Klammerrand wurde daher gegen weiteren reduktiven Lautwandel
geschützt durch
11. die Blockierung der frühnhd. Synkope von /ə/ in der starken Ad-
jektivflexion.
Bis zum neuhochdeutschen Stand hatte unser „Spracharchitekt“ nur noch
einige syntaktische Bereinigungen durchzuführen:
12. die obligatorische Integration der Erweiterungen von attributiven
Adjektiven und Partizipien in die Klammer,
13. die Verschiebung des Genitivattributs hinter sein Bezugssubstan-
tiv, da es nicht mit diesem kongruiert.
Selbstverständlich ist der „Spracharchitekt“ eine Erfindung. Die „Archi-
tekten“ ihres Sprachsystems sind ja die Sprachbenutzer selbst. Aber an-
ders als wirkliche Architekten planen sie nichts voraus, sie sind sich der
Regeln ihres Systems ja nicht einmal bewusst. Alles, was sie tun, ist
sprachlich zu handeln, um ihr jeweiliges begrenztes kommunikatives Ziel
zu erreichen. Wie aber kann es sein, dass sich aus der riesigen Zahl dieser
individuellen, völlig unkoordinierten Sprechakte eine derartig geradlinige,
scheinbar zielgerichtete Entwicklung ergibt? Dies ist eine der Grundfragen
aller Sprachwandeltheorien, die hier nicht grundsätzlich erörtert werden
kann. Wir beschränken uns daher auf einige Bemerkungen im Hinblick
Die deutsche Nominalklammer 115

auf das klammernde Verfahren, obwohl das prinzipielle Problem nicht nur
dieses, sondern jede typologische Sprachentwicklung betrifft:
1. Für jede der oben angeführten dreizehn Veränderungen und Be-
wahrungen gibt es außer ihrer Funktion für das klammernde Ver-
fahren auch andere Motive. Die Sprachbenutzer müssen sie also
nicht notwendigerweise direkt für das klammernde Verfahren
durchgeführt haben.
2. Ab einem bestimmten Zeitpunkt entdeckten die Sprachbenutzer
aber, dass bestimmte Varianten des Sprachgebrauchs, die sie aus
ganz anderen Gründen geschaffen hatten, für das klammernde Ver-
fahren verwendbar waren. In diesem Fall hatte eine solche Variante
einen Selektionsvorteil vor anderen Varianten.
3. Je mehr solcher Varianten endgültig ins Sprachsystem aufgenom-
men wurden, umso wahrscheinlicher wurde die Entdeckung weite-
rer für das klammernde Verfahren verwendbarer Varianten.
4. Schließlich wurden bestimmte Veränderungen möglicherweise di-
rekt oder zumindest vorwiegend durch das klammernde Verfahren
motiviert.
Es handelt sich also um einen selbstverstärkenden Prozess (das Bild einer
Lawine drängt sich auf): Kleine, zufällig entstandene Strukturen werden
irgendwann wegen einer ebenfalls zufällig entstandenen funktionellen
Gemeinsamkeit miteinander vernetzt, ziehen weitere, ähnliche Strukturen
an sich, bilden möglicherweise Makrostrukturen aus, bis sie schließlich ein
ganzes System beherrschen.
Im Fall der deutschen Nominalklammer steht zu vermuten, dass min-
destens die ersten „Bausteine“ für den rechten Klammerrand, also die
Veränderungen unter 1. und 2., solche zufälligen Anfänge waren. Sie kön-
nen sehr gut durch das Bedürfnis nach überschaubar strukturierten Flexi-
onsparadigmen motiviert gewesen sein, wie es immer wieder im Sprach-
wandel wirkt, auch ohne klammerndes Verfahren im Hintergrund. Auch
die Form der kann noch zufällig entstanden sein. Das Personalpronomen
der 3. Person und das entsprechende einfache Demonstrativum werden ja
bis heute konkurrierend gebraucht: Da geht Peter. Er / der sieht heute krank
aus. Eine formale Kontamination ist also nicht unwahrscheinlich. Dass
aber der sich gegen de mit seinen verschiedenen Varianten (dhe, the, thie; vgl.
Braune / Reiffenstein 2004, 247) durchsetzte, könnte bereits mit seiner
Entdeckung als möglicher linker Rand für eine Nominalklammer zusam-
menhängen. Der entscheidende Schritt könnte hier die Vernetzung der
nominalen klammernden Strukturen mit den sicher zunächst unabhängig
116 Elke Ronneberger-Sibold

aus ganz anderen Quellen und Motiven entstandenen entsprechenden


verbalen Strukturen im Althochdeutschen gewesen sein. Ab diesem Mo-
ment, so unsere Vermutung, haben alle weiteren Schritte mindestens von
einem Selektionsvorteil durch das klammernde Verfahren profitiert.
Übrigens schließt dies weder logisch noch faktisch aus, dass in einem
anderen System ähnliche Schritte mit ihren eigenen Motiven unabhängig
von der Existenz eines klammernden Verfahrens durchgeführt werden. So
hat z.B. im Mittelenglischen auch ohne klammerndes Verfahren eine Art
Numerusprofilierung bei den Substantiven durch Verallgemeinerung der
Endung -es stattgefunden (vgl. Brunner 1962, 16ff.).
Dieser Aufsatz hat mehr Fragen über die Geschichte der deutschen
Nominalklammer gestellt als beantwortet. Vieles wäre genauer zu erfor-
schen. Es konnte aber hoffentlich gezeigt werden, dass sich die Suche
nach Antworten lohnt – zum besseren Verständnis der deutschen Sprach-
geschichte und zum besseren Verständnis von langfristigem, typologisch
orientiertem Sprachwandel.

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Zur Herausbildung der Satzklammer
im Deutschen
Ein Plädoyer für eine informationsstrukturelle Analyse

Roland Hinterhölzl (Berlin)

1. Einleitung
Dieser Artikel behandelt die Herausbildung der Satzklammer aus einer
informationsstrukturellen Perspektive. Zunächst wird anhand von Diffe-
renzbelegen aufgezeigt, dass die Tatian-Übersetzung eine Vielzahl von
originären Strukturen in Nebensätzen aufweist, in denen Objekte und
Prädikate, die im modernen Deutschen nicht extraponierbar sind, post-
verbal erscheinen. In Abschnitt 2 wird gezeigt, dass die Verteilung präver-
baler und postverbaler Konstituenten nicht gut mit dem Gesetz der wach-
senden Glieder erklärt, sondern auf eine informationsstrukturelle
Regularität zurückgeführt werden kann, in der nachgestellte Konstituenten
Informationsfokus darstellen und vom Hintergrundbereich des Satzes
durch das (finite) Verb getrennt werden. In Abschnitt 3 wird erläutert,
dass die Grammatikalisierung des definiten Artikels eine entscheidende
Rolle in der Herausbildung der Satzklammer des modernen Deutschen
gespielt hat, indem präverbale diskursanaphorische determinierte Nomi-
nalphrasen zur Abschwächung einer prosodischen Bedingung führen, die
das Mittelfeld für schwere und betonte Konstituenten öffnet. In Abschnitt
4 werden die wichtigsten Schlussfolgerungen dieser Analyse zusammenge-
fasst.

1.1. Gemischte Wortstellungen in der Tatian-Übersetzung

Die älteren germanischen Sprachen zeichnen sich durch eine Vielzahl von
Wortstellungsoptionen aus. So finden sich im Altenglischen (vgl. Pintzuk
1999) und im Altnordischen (vgl. Hróarsdóttir 2009) in eingebetteten
Sätzen sowohl OV- als auch VO-Abfolgen. Dieselbe Variation ist auch in
122 Roland Hinterhölzl

Texten des Althochdeutschen zu finden. Allerdings ist die Überlieferungs-


situation im Ahd. eine solche, dass es sich bei den größeren, für syntakti-
sche Untersuchungen geeigneten Texten entweder um Übersetzungen
oder um metrische Texte handelt, sodass im Zweifel steht, welche Abfol-
gen einer autochthonen althochdeutschen Grammatik zugeschrieben wer-
den können. Insbesondere wurden VO-Abfolgen in der Tatianüberset-
zung oft lateinischem Einfluss zugeschrieben (vgl. Lippert 1974).
Neuerdings hat aber die Tatian-Übersetzung, die den umfangreichsten
Prosatext vor 850 darstellt, in der Bewertung seiner Lateinabhängigkeit
eine Neuinterpretation erfahren (vgl. Dittmer / Dittmer 1998; Fleischer /
Hinterhölzl / Solf 2008). Aufgrund der interlinearen Übersetzungsstrate-
gie lassen sich Korrespondenz- und Differenzbelege zum Latein relativ
einfach ermitteln. Letztere können dann als hinreichend sichere Quelle für
authentische althochdeutsche Strukturen herangezogen werden.
In diesem Zusammenhang ist es besonders interessant festzustellen,
dass sich in den Differenzbelegen des Tatian eine nicht geringe Anzahl
von nachgestellten Subjekten (1), Prädikaten (2-3) und Objekten (4-5)
findet, wie die folgenden Beispiele zeigen.
(1) thaz gibrieuit uuvrdi al these umbiuuerft (T 35,9)
dass aufgelistet würde all diese Menschheit
(2) [& ecce homo erat In hierusalem.]’/ cui nomen simeon
[senonu tho uuas man In hierusalem.]’/
thes namo uuas gihezzan Simeon (T 37, 23ff.)
des Namen war geheissen Simeon
(3) Beati misericordes
salige sint thiethar sint miltherze (T 60, 12)
selig sind die da sind barmherzig
(4) ut in me pacem habeatis
thaz in mir habet sibba (T 290, 8)
damit in mir habt Frieden
(5) non resistere malo
thaz ír niuuidarstant& ubile (T 65, 1)
dass ihr nicht wiedersteht dem Übel
Da Subjekte, Prädikate und Objekte im Neuhochdeutschen nicht ausge-
klammert werden können, müssen die Strukturen in (1)-(5) als VO-Abfol-
gen gelten und werfen daher folgende Fragen auf. 1. Wie sind Sprachen zu
charakterisieren, die sowohl OV- als auch VO-Eigenschaften aufweisen?
2. Welche Faktoren sind dafür maßgeblich, ob eine Konstituente im Mit-
telfeld oder Nachfeld positioniert ist?
Zur Herausbildung der Satzklammer 123

1.2. Erklärungen dieser gemischten Abfolgen

In traditionellen Grammatiken werden die gemischten Abfolgen im älte-


ren Germanischen maßgeblich auf stilistische Faktoren zurückgeführt. So
bemerkt Behaghel (1932), dass Pronomen und unmodifizierte Nomen
dem Verb vorausgehen, während modifizierte Nomen, Präpositionalphra-
sen und anderes schweres Material diesem nachfolgen und formuliert
daraufhin das Gesetz der wachsenden Glieder.
(6) Leichte Elemente gehen im AE, AN und AHD schweren Ele-
menten voraus.
Dabei stellt sich die Frage, was in diesem Zusammenhang mit leicht ge-
meint ist. Wenn ich Behaghel richtig interpretiere, so ist unter (6) leicht im
Sinne von prosodischem Gewicht zu verstehen, da er an anderer Stelle
vermerkt, dass ein weiteres machtvolles Gesetz auf die Wortstellung ein-
wirke, das verlange, dass das Wichtige später stehe als das Unwichtige (vgl.
Behaghel 1932, 4). Letztere Aussage kann als eine Vorwegnahme der Ein-
sicht gelten, dass die Wortstellung im älteren Germanischen im Wesentli-
chen informationsstrukturell determiniert war, da Behaghel zwei Zeilen
später spezifiziert, was damit gemeint ist: „das heißt, es stehen die alten
Begriffe vor den neuen.“
In der Theorie der Informationsstruktur geht man davon aus, dass
(kooperative) Sprecher ihrem Gegenüber signalisieren, was sie in ihrer
jeweiligen Äußerung als bereits bekannt voraussetzen (Hintergrund) und
was sie als wichtige, neue Information assertieren (Fokus). Das Studium
der Informationsstruktur einer Sprache involviert daher eine Untersu-
chung der prosodischen, morphologischen oder syntaktischen Mittel, mit
denen diese pragmatischen Rollen der Teilkonstituenten eines Satzes aus-
gedrückt werden. Dabei sind, was den Begriff des Fokus anbelangt, noch
folgende Unterscheidungen von Belang. Wie in (7) illustriert, unterschei-
det man zwischen weitem und engem Informationsfokus auf der einen
Seite und kontrastivem Fokus auf der anderen Seite. Informationsfokus
stellt im jeweiligen Kontext neue Information dar – in (7) durch eckige
Klammern angezeigt – und lässt sich am besten anhand eines Fragekon-
textes veranschaulichen. Während nominale Ausdrücke, die Informations-
fokus tragen, stets neue Diskursreferenten einführen, können nominale
Ausdrücke, die kontrastiv fokussiert sind, auch bekannte Diskursreferen-
ten bezeichnen. Ausdrücke, die bekannte Diskursreferenten bezeichnen
(und nicht fokussiert sind), sogenannte diskursanaphorische Ausdrücke,
werden dem Hintergrund zugerechnet.
124 Roland Hinterhölzl

(7a) Was hat der Hans gemacht? (weiter Informationsfokus)


Hans hat [der Maria ein Buch gegeben].
(7b) Was hat der Hans der Maria gegeben? (enger Informationsfokus)
Hans hat der Maria [ein Buch] gegeben.
(7c) Hans hat der Maria [das BUCH] gegeben, nicht die Zeitschrift.
(kontrastiver Fokus)
Eine erste informationsstrukturelle Sichtung der Differenzbelege im Ta-
tian legt nahe, dass die Stellung des finiten Verbs in eingebetteten Sätzen
im Wesentlichen dazu diente, Hintergrund und Fokusbereich voneinander
zu trennen, wie in (8) illustriert ist.
(8) C Hintergrund V Fokus (wird unten revidiert werden)
In diesem Zusammenhang ist es interessant festzustellen, dass sich die
Bedingungen in (6) und (8) in ihren Voraussagen teilweise überlappen, da
Hintergrundmaterial in der Regel als leicht und Fokusmaterial allein schon
wegen des Akzents als prosodisch schwer zu bewerten ist. Daher stellt
sich die Frage, ob das Gesetz der wachsenden Glieder nur das oberflächli-
che Korrelat einer zugrundeliegenden informationsstrukturellen Regelmä-
ßigkeit sein könnte, oder auf ein eigenständiges prosodisches Gesetz zu-
rückzuführen ist, das mit informationsstrukturellen Bedingungen inter-
agiert.
Wenn man sich innerhalb des Germanischen die Fälle genauer an-
sieht, in denen prosodisches Gewicht eine entscheidende Rolle für die
Wortstellung spielt, so zeigt sich, dass verzweigende und insbesondere
rechtsverzweigende Konstituenten als prosodisch schwer einzustufen
sind. Beispielsweise erlaubt das Englische – im Gegensatz zum Deutschen
– keine schweren Adverbien im Mittelfeld, wie in (9) gezeigt ist (vgl. Hai-
der 2004).
(9a) John carefully read the book
Hans sorgfältig las das Buch
(9b) *John with care read the book
Hans mit Sorgfalt las das Buch
(10a) John more often read the book
Hans öfter las das Buch
(10b)*John more often than Peter read the book
Hans öfter als Peter las das Buch
Dabei ist interessant, dass diese Adverbien zwar modifiziert – also durch-
aus verzweigen können – aber nicht rechtswärtig erweitert werden kön-
Zur Herausbildung der Satzklammer 125

nen, wie in (10) illustriert wird. In der Annahme, dass diese Einschrän-
kung auf eine Abbildungsbedingung zwischen syntaktischer Struktur und
prosodischer Struktur zurückzuführen ist und dass rechtsverzweigende
Phrasen auf rechtsköpfige phonologische Phrasen abgebildet werden,
ergibt sich als möglicher Kandidat für den grammatischen Hintergrund
des Gesetzes der wachsenden Glieder die Beschränkung in (11).
(11) Eine rechtsköpfige prosodische Phrase darf nicht auf einem lin-
ken (syntaktischen) Zweig gegenüber dem Verb sitzen, mit dem
sie eine gemeinsame prosodische Konstituente bildet.
Auf die Relevanz dieser Bedingung für die Herausbildung der Satzklam-
mer werde ich noch genauer in Abschnitt 3 eingehen. Im folgenden Ab-
schnitt soll genauer untersucht werden, ob die Wortstellung in der Tatian-
übersetzung primär vom Gesetz der wachsenden Glieder oder primär
informationsstrukturell bestimmt ist.

2. Die Rolle der Informationsstruktur


bei der (Nicht-)Ausklammerung
In diesem Abschnitt sollen die Differenzbelege, die Umstellungen einer-
seits ins Mittelfeld und andererseits ins Nachfeld betreffen, genauer auf
ihre informationsstrukturellen Eigenschaften untersucht werden. Dabei
gehe ich von der Annahme aus, dass nicht verzweigende Konstituenten
als prosodisch leicht und verzweigende Konstituenten als prosodisch
schwer (im Sinne des Gesetzes der wachsenden Glieder) zu bewerten sind.
Die Grundlage für diese kleine empirische Untersuchung bilden die von
Dittmar / Dittmar (1998) aufgelisteten Differenzbelege. Dabei sind vor-
angestellte schwere Konstituenten und im Nachfeld verbleibende leichte
Konstituenten von besonderem Interesse.
Dittmar und Dittmar listen insgesamt 142 Belege auf, in denen (in ei-
nem eingebetteten Satz) eine Konstituente aus dem Nachfeld ins Mittel-
feld vorgerückt wird. Die große Mehrzahl davon (insgesamt 102 Fälle)
sind pronominale Subjekte und Objekte, die sowohl als prosodisch leicht
als auch eindeutig als diskursanaphorisch zu analysieren sind. Nun ist es
interessant festzustellen, dass unter den 30 vorangestellten nominalen
Subjekten 23 Belege eine zweigliedrige Konstituente aufweisen, die als
prosodisch schwer zu beurteilen ist. Eine Analyse dieser Beispiele im
Kontext zeigt aber, dass diese schweren Subjekte ausnahmslos diskursa-
naphorisch verwendet sind und daher dem Hintergrund zuzurechnen
sind. Zwei exemplarische Fälle sind in (12) aufgeführt, wobei jeweils die
126 Roland Hinterhölzl

Ausdrücke das Mädchen und die Flut im vorausliegenden Text vorerwähnt


sind.
(12a) ubi erat puella iacens
thar thas magatin lag (T 96, 25)
wo das Mädchen lag
(12b)donec venit diluuium
unc thiu flout quam (T 257, 7)
bis die Flut kam
Wenn wir nun umgekehrt die Differenzbelege betrachten, in denen eine
Konstituente aus dem Mittelfeld ins Nachfeld gerückt wird, so zeigt sich,
dass sich unter den zehn Belegen sieben Fälle finden, die eine eingliedrige
Konstituente aufweisen, die keinesfalls als prosodisch schwer zu beurtei-
len ist. Wie die Beispiele in (13) und (14) aber zeigen, sind diese Konstitu-
enten eindeutig als fokussiert zu interpretieren.
(13) zeigt ein Beispiel, in dem das eingliedrige Objekt nachgestellt
wird, während die schwerere (zweigliedrige) PP im Mittelfeld verbleibt.
Die informationsstrukturelle Analyse des Beispiels zeigt aber, dass diese
Konfiguration durchaus Sinn macht, da hier eine kontrastierende Aussage
gemacht wird, in der die PPs kontrastive Topiks und die Akkusativobjekte
jeweils Fokus darstellen (analog zu der Diskursfrage „was habt ihr in mir
und was habt ihr in der Welt?“).
(13) Haec locutus sum vobis thisu sprahih iu
ut in me pacem habeatis thaz in mir habet sibba (T 290, 10)
in mundum presuram habebitis in therru weralti habet ir thrucnessi
dies sage ich euch, damit ihr in mir Frieden habt, in der Welt habt ihr Un-
ruhe
(14) zeigt, dass die Wortstellungsregularitäten im Tatian nicht nach der
einfachen Regel beschrieben werden können, dass Pronomen vorange-
stellt werden, während DPs gemäß der lateinischen Vorlage in ihrer Posi-
tion sitzen bleiben. In (11) ist entgegen der Vorlage ein schwaches Pro-
nomen ins Nachfeld gestellt. Allerdings macht der Kontext deutlich, dass
dieses Pronomen fokussiert ist. Die Passage ist so zu verstehen, dass die
Betonung auf das Pronomen fällt: wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht
werden. Im modernen Deutschen wird eine Fokuspartikel verwendet (um
das nur schlecht betonbare Reflexivum zu verstärken), im Althochdeut-
schen wird das Pronomen in die rechtsperiphere Fokusposition verscho-
ben.
Zur Herausbildung der Satzklammer 127

(14) Quia omnis bidiu uuanta iogiuuelih (T 195, 16)


qui se axaltat thiedar sih arheuit
humiliabitur uuirdit giotmotigot
qui se humiliat exaltabitur inti therdar giotmotigot sih wirdit arhaban
deshalb wird jeder, der sich erhöht, erniedrigt werden und der sich ernied-
rigt, wird erhöht werden
Zusammenfassend können wir feststellen, dass gewichtiger als gewichtiger
im informationsstrukturellen Sinn zu verstehen ist: Mehrgliedrige Konsti-
tuenten können vorangestellt werden, wenn sie dem Hintergrund zuzu-
rechnen sind, und eingliedrige Konstituenten können nachgestellt werden,
falls sie neue, wichtige Information beisteuern.
Eine genauere Sichtung der Differenzbelege zeigt allerdings auch, dass
die Generalisierung in (8) verfeinert werden muss, da kontrastive Foki,
auch gegen das Latein, wie Beispiel (15) zeigt, generell vorangestellt wer-
den. Dabei ist wiederum interessant, dass kontrastive Foki unabhängig
von ihrem prosodischen Gewicht in adjazenter präverbaler Position reali-
siert werden. PPs erscheinen im Tatian gemäß dem Gesetz der wachsen-
den Glieder überwiegend im Nachfeld. Wie (16) aber zeigt, wird eine PP,
die kontrastiv zu interpretieren ist, präverbal realisiert. Daher muss die
informationsstrukturelle Generalisierung in (8) dergestalt revidiert werden,
dass sich die syntaktischen Positionen von Kontrastfokus und Informati-
onsfokus, wie in (17) skizziert, von einander unterscheiden.
(15) tu autem cum ieiunas/ unge caput tuum/ & faciem tuam laua/ ne uideatis
hominibus/ ieiunans. Sed patri tuo
thane thu fastes/ salbo thin houbit/ Inti thin annuzi thuah/ zithiu
thaz thu mannon nisís gisehan/ fastenti.
úzouh thinemo fater (T 68, 28-32)
that you to-men not-be seen fasting
wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Angesicht, sodass du
nicht den Menschen fastend erscheinst, sondern deinem Vater
(16) orantes autem. nolite multum loqui/ sicut &hnici.’/ putant enim quia in
multiloquio/ exaudiantur.
b&onte nicur& filu sprehan/ sósó thie heidanon mán/ sie uuanen
thaz sie in iro filusprahhi / sín gihórte (T 67, 23-26)
that they in their many words are heard
wenn du betest, verwende keine leeren Wiederholungen wie es die Heiden
tun, denn sie glauben, dass sie (nur) durch ihre vielen Wörter gehört wer-
den
(17) C Hintergrund Kontrastfokus V Informationsfokus
128 Roland Hinterhölzl

Während die Syntax des Althochdeutschen eine Unterscheidung zwischen


kontrastivem und präsentationellem Fokus trifft, ist es zentral hervorzu-
heben, dass die Prosodie generell zwischen weitem und engem Fokus
differenziert, indem das Verb mit einer eng-fokussierten Phrase eine pro-
sodische Konstituente bildet:
(18) A narrow focused phrase undergoes phonological restructuring
with an adjacent verb (vgl. Nespor / Vogel 1986; Frascarelli
2000).
Diese Eigenschaft ist zentral für die Bestimmung der unmarkierten Wort-
stellung in einer Sprache. Nespor / Guasti / Christophe (1996) stellen
fest, dass Kinder im Syntaxerwerb sehr früh für prosodische Muster sensi-
tiv sind und schlagen vor, dass die unmarkierte Wortstellung auf der Basis
der Position des starken Elements in phonologischen Phrasen festgelegt
wird (rhythmic activation principle). Deswegen kommt (engem) Fokus
aufgrund der Erzeugung links- oder rechtsköpfiger phonologischer Phra-
sen mit dem Verb eine zentrale Rolle in der Bestimmung der unmarkier-
ten Wortstellung bezüglich des Verbs zu.
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass das frühe Althoch-
deutsche sowohl OV- also auch VO-Abfolgen erlaubt, da aufgrund von
präverbalem Konstrastfokus und postverbalem Informationsfokus ver-
mutlich beide Abfolgen in dieser Grammatik als unmarkiert zu bewerten
sind.
Dieser Zustand hat sich aber vom späten Althochdeutschen an, wenn
auch nur in langsamen Schritten, geändert. Postverbale nicht extraponier-
bare Konstituenten, wie Objekte und Prädikate wurden sukzessive abge-
baut, was letztlich zur Herausbildung der neuhochdeutschen Satzklammer
geführt hat. Daher stellt sich in diesem Ansatz die Frage, wie es zum Ver-
lust der postverbalen Fokusposition kam.

3. Die Rolle des definiten Artikels


bei der Satzklammerbildung
In diesem Abschnitt soll genauer untersucht werden, wie es zum Wandel
von OV / VO zu OV im Deutschen kam. Mit anderen Worten, es stellt
sich die Frage, wie man von dem System in (17), in dem die Definitheit
eines nominalen Ausdrucks im Wesentlichen positionell ausgedrückt wird,
zum neuhochdeutschen System kommt, in dem der Artikel die definite
beziehungsweise indefinite Interpretation eines nominalen Ausdrucks
anzeigt. Daher liegt die Vermutung nahe, dass die Grammatikalisierung
Zur Herausbildung der Satzklammer 129

des definiten Artikels dabei eine entscheidende Rolle gespielt haben könn-
te.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich klar zu machen, dass das
neue lexikalische System nicht ganz deckungsgleich mit der Unterschei-
dung zwischen diskursgegebenen und diskursneuen Referenten des alten
syntaktischen Systems ist. Im heutigen Deutsch signalisiert der definite
Artikel, dass der Diskursreferent, ob gegeben oder neu, eindeutig im Kon-
text identifizierbar ist, wie das Beispiel in (19) zeigen soll.
(19) Maria hat sich ein kleines Häuschen am Land gekauft.
Nächstes Wochenende will sie die Hütte abreißen.
In dem Minitext in (19) kann die Nominalphrase die Hütte sowohl dis-
kursanaphorisch sowie als einen neuen Diskursreferenten einführend
interpretiert werden. In diskursanaphorischer Verwendung, unter Deak-
zentuierung, wird die Referenz des Ausdrucks die Hütte mit dem vorer-
wähnten Häuschen identifiziert und der semantische Gehalt des Nomens
Hütte appositiv dazu interpretiert. Daneben gibt es eine Lesart, in der der
nominale Ausdruck eine Hütte bezeichnet, die zu dem kleinen Häuschen
gehört (bridging). In diesem Fall führt der Ausdruck die Hütte einen neuen
Diskursreferenten ein und wird dabei betont. Der definite Artikel legiti-
miert sich durch die eineindeutige logische Relation zum vorerwähnten
Häuschen. Bevor im Abschnitt 3.2. die Rolle des definiten Artikels in der
Herausbildung der Satzklammer näher beleuchtet wird, wollen wir uns
zunächst über den grammatischen Status dieser Entwicklung im Klaren
werden.

3.1. Die Herausbildung der Satzklammer


als grammatische Entwicklung

Die Herausbildung der Satzklammer im Deutschen wird in der gesamten


Literatur als rein stilistische Entwicklung dargestellt. Traditionelle Gram-
matiker betrachten diese Entwicklung als ein nichtgrammatisch bedingtes
Phänomen der Stilentwicklung, für das soziokulturelle Faktoren verant-
wortlich gemacht wurden: das Vorbild des Humanistenlatein (vgl. Behag-
hel 1892), der Einfluss der Schulgrammatik (vgl. Biener 1922 / 23) sowie
– zuletzt – die Verbreitung von Kanzleistilen (vgl. Ebert 1986). Die Mög-
lichkeit, dass Stilpräferenzen auch eine grammatische Basis haben könn-
ten, bleibt dabei unbeachtet.
Selbst Lenerz (1984) argumentiert in seiner generativen Studie zur
Entwicklung der Wortstellung im Deutschen, dass der besagte Wandel
kein kategorieller oder grammatischer sein kann, da man selbst im heuti-
130 Roland Hinterhölzl

gen Deutsch noch Argumente ausklammern kann, wie das Beispiel in (20)
zeigen soll.
(20) Auf Gleis 5 fährt ein | der IR nach Straubing
Der Satz in (20) zeigt ein nachgestelltes fokussiertes Subjekt. Er ist zwar
als grammatisch zu bewerten, aber in höchstem Grade prosodisch mar-
kiert, da er nur in Form von zwei getrennten Intonationsphrasen realisiert
werden kann, wie in (21) gezeigt ist, und damit die Schnittstellenbedin-
gung in (22) verletzt.
(21) [iP (Auf Gleis 5) (fährt ein) ] [iP (der Interregio) (nach Straubing)]
(22) Focus constituents are mapped into the intonational phrase
which contains the verb (Nespor / Vogel 1986).
Daher ist (21) auf Grund seiner Markiertheit nur in speziellen kommuni-
kativen Situationen einsetzbar. Diese Diagnose legt nahe, dass der allmäh-
liche Abbau nachgestellter Argumente und Prädikate auf eine grammati-
sche Änderung zurückzuführen ist, die zur Folge hat, dass ein postver-
baler Fokus nicht mehr in die Intonationsdomäne des Verbs integriert
werden kann. Wir werden auf diese grammatische Regel in Sektion 3.3.
zurückkommen.
Auf Grund der beiden Fokuspositionen und auf der Basis von Fokus-
restrukturierung können wir annehmen, dass das Ahd. zwei unmarkierte
Wortstellungen aufwies: Präverbaler Fokus ist verantwortlich für prosodi-
sche Phrasen vom Typ (s w) und postverbaler Fokus ist verantwortlich für
prosodische Phrasen vom Typ (w s). Das heißt, wenn wir einen Faktor
identifizieren können, der zu einer verstärkten Verwendung von fokussier-
ten und damit betonten präverbalen Konstituenten führt, können wir eine
langsame Entwicklung voraussehen, in der gewisse prosodische Muster
mehr und mehr marginalisiert werden, bis ein Punkt erreicht wird, an dem
postverbale betonte Konstituenten so stark markiert sind, dass sie nur
noch eingeschränkt auf spezifische Kontexte verwendet werden können,
wie das der Fall im Beispiel (20) ist. Im folgenden Abschnitt soll dargelegt
werden, dass dieser unabhängige Faktor in der Grammatikalisierung des
definiten Artikels zu finden ist.

3.2. Die Grammatikalisierung des definiten Artikels


im Deutschen

Es gibt drei Gründe, die dafür sprechen, dass die Grammatikalisierung des
definiten Artikels tatsächlich der Auslöser für die Herausbildung der Satz-
klammer im Deutschen war.
Zur Herausbildung der Satzklammer 131

Erstens stimmen neuere Studien zur Grammatikalisierung des defini-


ten Artikels (vgl. Oubouzar 1992, Leiss 2000, Demske 2001) darin über-
ein, dass der definite Artikel, der auf ein Demonstrativpronomen zurück-
geht, zuerst in Kontexten mit pragmatisch definiter Interpretation
auftaucht. Diese Studien beziehen sich auf die Unterscheidung Löbners
(1985) zwischen pragmatischen und semantischen Definita. Semantische
Definita sind nominale Ausdrücke, deren Referenzobjekte allein auf
Grund ihrer lexikalischen Bedeutung eindeutig identifizierbar sind. Einfa-
che Beispiele für semantische Definita sind sogenannte funktionale Kon-
zepte, wie Sonne, Himmel, Ehefrau oder Präsident. Pragmatische Definita
hingegen sind nominale Ausdrücke, deren Referenzobjekt erst durch Zu-
hilfenahme des Kontextes eindeutig identifizierbar ist. Die Hauptverwen-
dungen pragmatischer Definita sind in (23) kurz illustriert.
(23a) Ich kann das Ufer erkennen. (deiktische Verwendung)
(23b)Das Arbeitszimmer hat ein großes Fenster.
Das Fenster geht nach Süden. (anaphorische Verwendung)
(23c) das Fenster, das nach Süden geht (endophorische Verwendung
im Relativsatz)
Die Grammatikalisierung des definiten Artikels setzt in den ältesten alt-
hochdeutschen Texten ein und ist mit Notker (frühes 11. Jh.) abgeschlos-
sen. Bei ihm erscheinen alle semantischen Gruppen von Nomen, inklusive
Abstrakta und eindeutig referierender Ausdrücke, mit dem definiten Arti-
kel. Der langsame, stufenweise Prozess der Grammatikalisierung des defi-
niten Artikels kann anhand von Otfrids Evangelienharmonie exemplifi-
ziert werden. In diesem Text tritt der definite Artikel bereits regelmäßig
mit pragmatischen Definita auf, also in diskurs-anaphorischen Verwen-
dungen, wie in (24) illustriert ist, fehlt allerdings noch bei semantischen
Definita, wie in (25) gezeigt wird. Die Beispiele stammen von Demske
(2001).
(24) ein burg ist thar in lante…(O.I 11.23)
eine Stadt ist da im Lande
zi theru steti fuart er thia druhtines muater (O.I.11.26)
zu dieser Stadt führt er die Gottes Mutter
(25a) tho ward himil offan (O.I.25.15)
da wurde der Himmel offen
(25b)inti iz hera in worolt sante (O.I.13.5)
und es hier in die Welt sandte
132 Roland Hinterhölzl

(25c) in ira barm si sazta [barno bezista] (O.I.13.10)


in ihren Schoß sie setzte [das meist-geliebte Kind]
Zweitens stimmt die oben konstatierte stufige Grammatikalisierung des
finiten Artikels mit der Beobachtung von Behaghel (1932) überein, dass
Nominalphrasen mit dem definiten Artikel zuerst präverbal auftauchen –
vgl. (26) – da diskursanaphorische NPen im Ahd. typischerweise präverbal
realisiert werden – vgl. (17). Daher können wir eine Entwicklung in zwei
Phasen annehmen, wie sie in (27) spezifiziert ist.
(26) Behaghel (1932, 79): „Substantiva mit Pronomen stehen auf der
Seite der einfachen Wörter; zum Teil mag das daher rühren, daß
ihnen der Artikel früher fehlte.“
(27) Phase 1: Der Artikel wird bei diskursgegebenen Referenten
präverbal eingeführt.
Phase 2: Die Setzung des Artikels wird auf alle eindeutig identi-
fizierbaren NPen ausgedehnt, wobei diese dem Mus-
ter aus Phase 1 folgend präverbal erscheinen.
In diesem Zusammenhang sind zwei Konsequenzen von Interesse.
Stimmt das Szenario in Phase 2, so hätte das zur Folge, dass präverbal
mehr betonte Nominalphrasen auftreten, die aufgrund von Fokusrestruk-
turierung das prosodische Muster (s w) verstärken. In diesem Szenario
kann angenommen werden, dass, wenn die vermehrte Anzahl von präver-
balen betonten Nominalphrasen einen gewissen Schwellenwert übersteigt,
der IS-prosodische Parameter in (28) auf den Wert F > V (will heißen, das
Verb restrukturiert ausschließlich nach links) gesetzt wird. Dies hätte zur
Folge, dass postverbale fokussierte Konstituenten, wie in (21) gezeigt,
prosodisch ausgeklammert werden müssen. Ob dies der Fall ist, soll in
Abschnitt 4 genauer diskutiert werden.
(28) IS-requirements on the prosodic mapping of syntactic structures:
A focussed constituent introduces an IP-boundary on one side
and restructures with the adjacent verb on its other side (general-
isiert nach Frascarelli 2000).
Trifft das Szenario in Phase 2 nicht zu, so hätte bereits die Einführung des
Artikels mit diskursanaphorischen Nominalphrasen in Phase 1 einen tief-
gehenden Effekt auf die Prosodie der Sprache, da präverbale determinier-
te Nominalphrasen rechtsverzweigende Konstituenten auf einem linken
Zweig (gegenüber dem Verb) einführen und damit auch das Mittelfeld für
schwere Konstituenten öffnen.
Dabei können wir annehmen, dass, wenn der Artikel zuerst in diskurs-
anaphorischen Kontexten eingeführt wird, dieser betont ist, wobei das
Zur Herausbildung der Satzklammer 133

diskursanaphorische Nomen deakzentuiert sein dürfte, sodass die ur-


sprüngliche Einführung des Artikels in der präverbalen Domäne die pro-
sodische Bedingung in (11) nicht verletzt haben würde. Im Verlauf der
Grammatikalisierung wird der Artikel deakzentuiert und die Betonung fällt
per default auf das Nomen (auf der Basis, dass lexikalische Köpfe stärker
sind als funktionale), sodass mehr und mehr rechtsverzweigende Konsti-
tuenten in der präverbalen Domäne entstehen.
Drittens wird das Gesamtszenario in (27) durch den parallelen Zeit-
rahmen dieser Entwicklungen gestützt. Bolli (1975) und Borter (1982), die
die Entwicklung der Satzklammer im Deutschen untersuchen, stellen fest,
dass im spätalthochdeutschen Notker verstärkt die Voranstellung von
Akkusativobjekten einsetzt. Dies deckt sich genau mit der Periode, in der
der definite Artikel vollständig grammatikalisiert wird.
Bevor wir uns an die Überprüfung des Szenarios in (27) machen, wol-
len wir zunächst feststellen, ob die Artikelhypothese auch im weiteren
germanischen Kontext tragbar ist.

3.3. Die Entwicklung des definiten Artikels


in den anderen germanischen Sprachen

Wenn sich das Szenario in (27) als richtig erweist, so stellt sich die Frage,
warum die Einführung des definiten Artikels nicht denselben Effekt in der
Geschichte der anderen germanischen Sprachen zeitigte. Auch im Ae.
(vgl. Kroch / Pintzuk 1989) und im An. (vgl. Hróarsdóttir 2009) gehorcht
die Wortstellung dem Gesetz der wachsenden Glieder: Leichte Elemente
(typischerweise Pronomen und bloße Nomen) gehen dem Verb voraus,
schwere Elemente (inklusive fokussierter Konstituenten) folgen dem
Verb. In diesem Zusammenhang ist zu erklären, warum in diesen Spra-
chen die Grammatikalisierung des definiten Artikels nicht gleichermaßen
zur Einführung schwerer Konstituenten im Mittelfeld geführt hat.
Dabei ist, was diese Fragestellung anbelangt, zumindest das Nordger-
manische unproblematisch, da bereits Leiss (2000) feststellt, dass der defi-
nite Artikel im Altisländischen zunächst bei diskursneuen NPen eingesetzt
wird, um anzuzeigen, dass diese entgegen ihrer syntaktischen Position als
definit zu interpretieren sind.
Nicht so einfach zu erklären ist aber, warum im Englischen nicht der-
selbe Effekt eintritt wie im Deutschen. Philippi (1997) stellt fest, dass das
Ae. noch keinen definiten oder indefiniten Artikel besitzt, sondern Pro-
nomen benutzt, die noch eindeutig als Demonstrativa oder Numeralia zu
klassifizieren sind. Wenn die Aussage von Philippi tragfähig ist und auf die
gesamte altenglische Periode zutrifft, könnte dies bedeuten, dass die
134 Roland Hinterhölzl

Grammatikalisierung des Artikels im Englischen später als im Deutschen,


nämlich erst im Me. erfolgt ist.
Das Ae. hatte zwei unterschiedliche Demonstrativpronomen, se ('that')
und þes ('this'). Hróarsdóttir (2006) berichtet, dass das Demonstrativpro-
nomen se, das im Ae. mehrere Kasusformen hatte, im Übergang vom Ae.
zum Me. in zwei invariante Formen the (Artikel) und that (Demonstrati-
vum) aufgespalten wurde. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, dass der
englische definite Artikel einen anderen Grammatikalisierungspfad ge-
nommen hat als der deutsche Artikel. Wenn wir annehmen, dass the unbe-
tont war, so würde daraus folgen, dass es mit dem zugehörigen Nomen
gemäß der Bedingung (11) postverbal eingesetzt wird.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Artikelhypothe-
se, was das Deutsche und das Skandinavische anbelangt, die richtigen
Voraussagen für die globale Wortstellungsentwicklung der beiden Spra-
chen macht: Die Einführung des definiten Artikels führt im Skandinavi-
schen zur Verstärkung, im Deutschen aber zur Abschwächung der proso-
dischen Bedingung in (11). Für das Englische kann gesagt werden, dass
mit dem, was man über die Grammatikalisierung des definiten Artikels im
Englischen weiß, die Hypothese kompatibel ist. Im folgenden Abschnitt
soll abschließend diskutiert werden, ob das in Phase 2 skizzierte Szenario
in (27) tatsächlich für die Entwicklung des Deutschen maßgeblich gewe-
sen sein könnte.

4. Die Veränderung der Wortstellung


von Tatian zu Notker
Das Gesamtszenario in (27) macht folgende Voraussagen. Wir erinnern
uns, dass in der Tatian-Übersetzung Konstituenten mit Informationsfokus,
das heißt im Wesentlichen Prädikate und diskursneue NPen, postverbal
realisiert werden. Falls der Effekt der Grammatikalisierung des definiten
Artikels in Phase 2 tatsächlich der ist, dass auch diskursneue determinierte
Nominalphrasen präverbal realisiert werden, dann sollte es ein Stadium
geben, in dem eine gesteigerte Anzahl von fokussierten DPen präverbal
auftaucht, während fokussierte Prädikate (prädikative Adjektive, Nomen
und Partizipien) noch mehrheitlich postverbal auftreten. Dieses Stadium
sollte mit der vollständigen Grammatikalisierung des Artikels, also bei
Notker, erreicht sein.
Zur Herausbildung der Satzklammer 135

4.1. Eine quantitative Analyse der Veränderungen

Einer genaueren informationsstrukturellen Analyse der Wortstellung in


den Nebensätzen Notkers vorgreifend, habe ich zur Überprüfung dieser
Voraussage rein quantitativ die Stellung der Komplemente (Objekte plus
Prädikate) gegenüber dem finiten Verb in den Nebensätzen in der Tatian-
Übersetzung (linke Spalte) und im 1. Buch von Notkers Consolatio (rechte
Spalte) miteinander verglichen.
Die Daten sind in (29) angegeben. Da die Anzahl der relevanten Bele-
ge im 1. Buch von Notkers Consolatio beispielsweise bei Prädikatsnomen
relativ gering ist, habe ich diese Zahlen mit der Auswertung von Näf
(1979) in (30) und (31) verglichen, der den Gesamttext von Notkers Conso-
lation analysiert. Daraus geht hervor, dass die Zahlen in (29) durchaus
aussagekräftig sind.
(29) • direkte Objekte: 33 % postverbal 25 % postverbal
(von 100 Belegen) (v. 124 B.)
• indirekte Objekte: 33 % postverbal 20 % postverbal
(von 21 Belegen) (v. 54 B.)
• Prädikatsnomen: 33 % postverbal 20 % postverbal
(von 31 Belegen) (v. 26 B.)
• Partizipien: 55 % postverbal 15 % postverbal
(von 46 Belegen) (v. 15 B.)
(30) Stellung der Subjekte und Komplemente in Nebensätzen laut
Näf
• Subjekte: 8 % postverbal (von 339 Belegen)
• direkte Objekte: 28 % postverbal (von 233 Belegen)
• indirekte Objekte: 32 % postverbal (von 53 Belegen)
• Prädikatsnomen: 21 % postverbal (von 56 Belegen)
(31) Stellung der Subjekte und der direkten Objekte in Hauptsätzen
laut Näf
• Subjekte: 32 % postverbal
• Direkte Objekte: 53 % postverbal

Während die Daten in (29) einen allgemeinen Rückgang postverbaler


Komplemente ausweisen, kann nicht festgestellt werden, dass die Objekte
als determinierte NPen den Prädikaten in dieser Entwicklung vorausge-
hen. Im Gegenteil, rein quantitativ betrachtet, scheint die Entwicklung
vornehmlich von den Prädikaten angestoßen zu werden. Jedenfalls ist der
Rückgang postverbaler Partizipien am deutlichsten.
Natürlich müssen diese Zahlen in einer qualitativen Analyse erst be-
stätigt werden. Beispielsweise sind die Zahlen, was die Objekte und Sub-
136 Roland Hinterhölzl

jekte anbelangt, gemäß definiter und indefiniter Lesart zu differenzieren.


Dabei könnte sich herausstellen, dass die überwiegende Anzahl definiter
Objekte bereits präverbal realisiert wird und dass die relativ hohe Anzahl
postverbaler Objekte auf indefinite Nominalphrasen zurückzuführen ist.
Ein weiterer interessanter Aspekt, der sich aus dem Vergleich der
Zahlen in (30) und (31) bei Näf ergibt, ist die Beobachtung, dass es eine
eklatante Diskrepanz in der Herausbildung der Satzklammer zwischen
Hauptsätzen und Nebensätzen zu geben scheint. In (31) wird die Stellung
von Subjekten und Objekten bezüglich der aus Auxiliar und Partizip be-
ziehungsweise aus Modal und Infinitiv gebildeten verbalen Klammer ge-
zeigt. Dabei ist erklärungsbedürftig, warum in Hauptsätzen Subjekte vier-
mal so oft und Objekte immerhin noch fast doppelt so oft wie in Neben-
sätzen ausgeklammert sind.

4.2. Schlussfolgerungen

Was immer eine differenzierte Analyse, die definite und indefinite nomi-
nale Ausdrücke separat behandelt, ergibt, die Daten in (29) und (30) legen
nahe, die Rolle der Stellungsveränderungen der Prädikate in einer umfas-
senden Erklärung zur Herausbildung der Satzklammer zu berücksichtigen.
Dabei ist von der Artikelhypothese ausgehend zunächst einmal abzuklä-
ren, ob die gesteigerte Anzahl präverbaler Prädikate bei Notker auf eine
größere Anzahl präverbaler schwerer Prädikate gegenüber den Zahlen im
Tatian zurückzuführen ist. In dem Fall könnte nämlich die Stellungsverän-
derung der Prädikate indirekt wiederum auf die Grammatikalisierung des
Artikels bezogen und als eine Konsequenz der Abschwächung der proso-
dischen Bedingung durch diskursanaphorische Nominalphrasen interpre-
tiert werden.
Unabhängig davon ist es wichtig festzustellen, dass die gesteigerte An-
zahl präverbaler Prädikate denselben Effekt wie präverbale DPen auf die
Polung der IS-prosodischen Bedingung in (28) hat, da Prädikate regelhaft
eine phonologische Phrase mit dem Verb bilden und somit gleichermaßen
das prosodische Muster (s w) bezüglich des Verbs verstärken.
Als ein weiterer wichtiger Aspekt der Daten in (29) bis (31) ist zu un-
tersuchen, welche Faktoren für die Diskrepanz zwischen verbaler Klam-
mer im Hauptsatz und der Satzklammer im Nebensatz verantwortlich zu
machen sind. Diese Fragestellung erfordert, so wie die Untersuchung der
Stellung der Prädikate und Objekte bei Notker, eine qualitative Detailana-
lyse, die die informationsstrukturelle Rolle der relevanten Konstituenten
berücksichtigt.
Zur Herausbildung der Satzklammer 137

Ich hoffe gezeigt zu haben, dass wir durch die Berücksichtigung in-
formationsstruktureller Kategorien zu einem tieferen Verständnis von
Sprachwandelprozessen wie der Herausbildung der Satzklammer im Deut-
schen kommen können, da eine derart angereicherte Analyse es uns er-
laubt, grammatische und (text-)funktionale Aspekte und Faktoren aufein-
ander zu beziehen.

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vnd schwermen so waidlich /
als jemandt anders schwermen kan
Nominalphrasen mit jemand und niemand
in der Geschichte des Deutschen

Ursula Götz (Rostock)

1. Einleitung
Das grammatische Phänomen, dessen Geschichte im Folgenden unter-
sucht werden soll, kann anhand von zwei gegenwartssprachlichen Presse-
belegen vorgestellt werden.
(1) Noch jemand Bedeutendes fehlte beim Boxabend. (Hamburger Morgen-
post, 4.7.2005)1
(2) Ob in der ASG-Zentrale in Innsbruck auch nominell jemand Neuer Ein-
zug halten wird, ist aber offen. (Tiroler Tageszeitung, 12.02.2000)2
Beide Belege enthalten eine Verbindung von jemand mit einem substanti-
vierten Adjektiv. In Beispiel (1) hat das Adjektiv die Endung -es, wie das
die Adjektive im Nominativ Singular Neutrum haben, im zweiten Beispiel
ist die Adjektivendung -er wie im Nominativ Singular Maskulinum. Dabei
handelt es sich, wie durch die Auswahl einer Hamburger und einer Tiroler
Zeitung für die Belegpräsentation gezeigt werden sollte, um eine regionale
Variante der Standardsprache. Die Formen auf -es treten vor allem im
Norden des deutschen Sprachgebiets auf, die -er-Formen im Süden. Diese
Verteilung gilt nicht nur für das substantivierte Adjektiv nach jemand (und
niemand), sondern auch, wie die Belege (3) und (4) zeigen, für ander. In der
Hamburger Morgenpost heißt es jemand anderes, in der Süddeutschen Zei-
tung dagegen jemand anderer.

_____________
1 Online im Internet: http://www.ids-mannheim.de/cosmas2
(Cosmas-Recherche 27.04.2006).
2 Ebd.
140 Ursula Götz

(3) Am Mittwoch beim VfL Gummersbach könnte es dann so aussehen, dass


zunächst vereinsintern jemand anderes auf der Trainerbank Platz nimmt.
(Hamburger Morgenpost, 17.10.2005)3
(4) Thannhuber behauptet, dass er in dieser Firma nichts zu sagen hatte; je-
mand anderer sei Geschäftsführer gewesen. (Süddeutsche Zeitung,
15.12.2003)4
Interessant ist dabei, dass die regionale standardsprachliche Verteilung
nicht die dialektalen Verhältnisse abbildet. Das zeigt etwa der einschlägige
Eintrag in Johann Andreas Schmellers Bayrischem Wörterbuch: „eppƏ,
eƏm.d Fremms, jemand Fremder“.5 J.A. Schmeller gibt die Dialektform auf
-s (eppƏ, eƏm.d Fremms) mit der Südstandardform auf -er (jemand Fremder)
wieder.
Weder die Arbeiten zu den regionalen Varianten der Standardsprache6
noch die gegenwartssprachlichen Grammatiken,7 soweit sie die Variante
überhaupt erwähnen, geben eine Erklärung für die regionale Verteilung.
Dies gilt auch für die Untersuchung „Zur Nominalflexion in der deut-
schen Literatursprache nach 1900“ von Ivar Ljungerud, der eine Vielzahl
von Belegen anführt und dabei auch auf die regionalen Unterschiede hin-
weist.8 Insofern liegt es nahe, der Geschichte dieser Fügungen nachzuge-
hen und dort nach möglichen Erklärungen zu suchen. Dabei soll es im
vorliegenden Beitrag zunächst und vor allem um die Darstellung und Er-
klärung der überlieferten Formen seit der althochdeutschen Sprachperiode
gehen. Der letzte Abschnitt befasst sich mit der Frage, wann und wie die
heutige regionale Verteilung zustande gekommen ist.

_____________
3 Ebd.
4 Online im Internet: www.sueddeutsche.de/muenchen/artikel/539/23516/article.htm
(Stand 20.5.2006).
5 Schmeller (1985, Sp. 820).
6 Ebner (1998, 31); Meyer (1989, 44).
7 Die regionale Variante wird nur in der Dudengrammatik (vgl. Abschnitt 2) und bei Johan-
nes Erben (1980, 239) erwähnt sowie in den früheren Auflagen der Grammatik von Ulrich
Engel (1996, 672 und 680). In der Neubearbeitung (2004, 375 und 379) werden die regio-
nalen Unterschiede nicht mehr erwähnt. Zur Berücksichtigung dieser und anderer regiona-
ler grammatischer Varianten der Standardsprache vgl. auch Götz (1995, 222ff.).
8 Vgl. Ljungerud (1955, 191ff.). Die vermutlich jüngste Arbeit zum Thema, Roehrs (2008,
1ff.), spricht die Regionalität des Phänomens nicht an, sondern erklärt das Nebeneinander
von jemand anderer und jemand anderes als „variation in the preference of individual speakers“
(3). Der Beitrag von Dorian Roehrs ist mir erst nach Abschluss meiner Untersuchung be-
kannt geworden. Interessant ist, dass Dorian Roehrs, der sich aus sprachvergleichender ge-
nerativer Perspektive mit dem Problem beschäftigt, in einem wichtigen Punkt eine ähnliche
Einordnung vornimmt wie die vorliegende Darstellung. Vgl. dazu Anm. 37.
Nominalphrasen mit jemand und niemand 141

2. Gegenwartssprachlicher Befund
Bevor die Geschichte der einschlägigen Fügungen betrachtet wird, sollen
die gegenwartssprachlichen Verhältnisse anhand der Darstellung in der
Dudengrammatik kurz umrissen werden. Peter Gallmann schreibt hier:
Nach den Pronomen jemand, niemand und wer kann eine enge Apposition stehen,
gewöhnlich in Form eines substantivierten Adjektivs. Solche Substantivierungen
weisen im Nominativ und Akkusativ standardsprachlich meist die Endung -es auf
[…]. Es handelt sich um einen ursprünglichen Genitiv, der jedoch heute meist als
Nominativ / Akkusativ Neutrum empfunden wird. Vor allem im Süden des deut-
schen Sprachraums sind daneben auch maskuline Formen üblich.
[...]
Beim Adjektiv andere tritt außerdem die unveränderliche Form anders auf (auch im
Dativ), es besteht also teilweise die Wahl zwischen drei [...] Varianten.9
Im Text werden sehr viele Beispiele genannt; die darin enthaltenen ein-
schlägigen Formen sind in der folgenden Übersicht zusammengestellt.

Nord Süd
Neutrum Maskulinum
Nom. jemand Unbekanntes jemand Unbekannter
Dativ jemand Unbekanntem jemand Unbekanntem
Akk. jemand Unbekanntes jemand Unbekannten

Neutrum unverändert Maskulinum


Nom. jemand anderes jemand anders jemand anderer
Dativ jemand anderem jemand anders jemand anderem
Akk. [kein Beleg] jemand anders jemand anderen
Übersicht 1: In der Dudengrammatik angeführte Möglichkeiten der Flexion von ander
oder einem substantivierten Adjektiv nach jemand / niemand

Nicht in die Tabelle aufgenommen sind die Formen mit flektiertem je-
mand, niemand also etwa ich sehe jemanden Unbekannten, weil sie für die hier
behandelte Frage keine Rolle spielen. Entscheidend sind die grundsätzli-
chen Typen, die P. Gallmann anführt: für den Norden die neutralen For-
men, für den Süden die maskulinen und bei anders zusätzlich die unverän-
derten Formen.
_____________
9 Duden (2005, Nr. 1587).
142 Ursula Götz

3. Zur Geschichte der Nominalphrasen


mit jemand und niemand
3.1. Der Genitiv bei jemand und niemand

Peter Gallmann erwähnt beiläufig auch die Geschichte des Phänomens,


wenn er über Formen wie jemand Schönes etc. schreibt: „Es handelt sich um
einen ursprünglichen Genitiv, der jedoch heute meist als Nominativ /
Akkusativ Neutrum empfunden wird.“10
Ein „ursprünglicher Genitiv“ lässt sich in einer ganzen Reihe heutiger
Sprachformen ausmachen, da in früheren Sprachstufen Pronomen, Quan-
titätsadjektive und ähnliche Wörter häufig mit dem Genitiv verbunden
wurden. Dies gilt, wie die Belege (5) und (6) zeigen, unter anderem auch
für jemand und niemand bzw. ihre Vorformen.
(5) nemet balde disen rucke hin!
kome ieman armer liute her,
der es geruoche oder ger,
dem teilet disen rucke mite (Gottfried von Straßburg, Tristan,
V. 2989)11
(6) daz die herren von dem Cl=ster / nîeman der B[ur]ger hîe ze Jsine sFlit a-
dersuva biclagen / dan vor ir amman (Urkunde, Isny 1. Juni oder 2.
Juli 1290)12
Der hier vorliegende Typ des adnominalen Genitivs wird im Allgemeinen
als partitiver Genitiv bezeichnet, als Teilungsgenitiv. In der Gegenwarts-
sprache würde man in diesen und vergleichbaren Sätzen eine andere Kon-
struktion verwenden, da der Gebrauch des partitiven Genitivs im Lauf der
Sprachgeschichte stark zurückgegangen ist.13 Teilweise wird der Genitiv
durch andere Konstruktionen ersetzt, etwa durch eine Präpositionalphrase
mit von (also nicht Gib mir etwas des Brotes, sondern Gib mir etwas von dem Brot
o.Ä.).14 Häufig wird bzw. wurde der ursprüngliche Genitiv aber auch um-

_____________
10 Duden (2005, Nr. 1587).
11 Dieser Beleg findet sich auch bei Paul (2007, § S 79) und 1DWB IV,II, Sp. 2302, als Bei-
spiel für partitiven Genitiv. Die Belege werden jeweils nach den im Quellenverzeichnis an-
gegebenen Ausgaben zitiert.
12 CaOU, II, Nr. 1262 (504, 28).
13 Vgl. Kiefer (1910) und die in den folgenden beiden Fußnoten jeweils exemplarisch genann-
ten Darstellungen.
14 Vgl. Behaghel (1923, § 384); Demske (2001, 266f.).
Nominalphrasen mit jemand und niemand 143

gedeutet, reanalysiert. Dieser seit langem bekannte sprachgeschichtliche


Vorgang15 soll kurz an schematisierten Beispielen vorgeführt werden.
Der deutliche partitive Genitiv in Phrasen wie etwas der Liebe oder viel
der Hühner war seit dem Spätmittelhochdeutschen, wenn er ohne Artikel
auftrat, im Femininum und im Plural nicht mehr eindeutig als Genitiv zu
erkennen: etwas Liebe, viel Hühner. Diese Formen konnten dann auch als
Nominativ aufgefasst werden. Davon ausgehend wurden dann auch ‚ech-
te‘ Nominativ-Anschlüsse gebildet, wie etwas Brot (trotz eindeutigem mhd.
etwaz (des) brôtes), oder es wurden auf der Basis dieser ‚Schein-Nominative‘
auch flektierte Formen in anderen Kasus gebildet, wie mit viel Hühnern.
Auch bei den Adjektiven gibt es Umdeutungsmöglichkeiten, auf die P.
Gallmanns Aussage vom „ursprünglichen Genitiv“ offenbar abzielt. Das
Flexionsparadigma der Adjektive im Alt- und Mittelhochdeutschen zeigt
im Genitiv Singular die Endung -es, im Genitiv Plural zunächst -ero, später
dann aber -er.16 Dabei unterscheidet sich die Genitivendung zunächst
lautlich von der Endung im Nominativ Singular Neutrum (ahd. -az, mhd.
-ez), im 13. Jahrhundert fallen die s-Laute aber zusammen,17 so dass die
Endungen lautlich übereinstimmen.
Fasst man die bisher angeführten sprachhistorischen Befunde zusam-
men, so ergibt sich ein im Hinblick auf die Erklärung von jemand Neues /
Neuer vielversprechendes Bild: Jemand und niemand werden in früheren
Sprachstufen häufig mit dem Genitiv verbunden. Zum Neuhochdeut-
schen hin werden ältere Genitivanschlüsse oft umgedeutet, reanalysiert.
Die mittelhochdeutschen Genitivendungen lauten -es im Singular und -er
im Plural.

3.2. Unterschiedliche Erklärungsansätze der Forschungsliteratur


zur Entstehung der heutigen Formen

Die angeführten sprachhistorischen Befunde dürften die Basis für den


ersten der im Folgenden angeführten Erklärungsansätze der Forschungsli-
teratur darstellen. Der Bearbeiter des Artikels niemand im Deutschen Wör-
terbuch, Matthias von Lexer, schreibt:
besonders gerne steht aber in der alten sprache bei niemand (wie bei jemand) ein
adjectivischer genitiv pluralis oder singularis […], welche genitivische fügung

_____________
15 Vgl. Dal (1966, § 25, 25f.); Ebert / Reichmann / Solms / Wegera (1993, § S 35).
16 Vgl. Paul (2007, § M 23).
17 Vgl. ebd., § L 123.
144 Ursula Götz

noch nhd. erhalten ist in verbindungen wie niemand guter, niemand fremder, niemand
fremdes, niemand anders u.s.w.18
Diese Darstellung wirkt zunächst plausibel; es wäre nur noch zu klären,
warum im Süden die Genitiv-Plural-Formen erhalten bzw. reanalysiert
sind, im Norden dagegen die Genitiv-Singular-Formen.
Zweifel an M. von Lexers Darstellung ergeben sich, wenn man seinen
Wörterbuchartikel zu niemand mit dem zu jemand vergleicht, der von Moriz
Heyne verfasst wurde. Auch hier findet sich eine Aussage zur Verbindung
mit dem Genitiv: „besonders gern steht in der alten sprache der gen. plur.
von adjectiven bei jemand.“19 M. von Lexer übernimmt M. Heynes Aussage
wörtlich, ergänzt allerdings den „genitiv singularis“, was – als Erklärung
für die modernen -es-Formen (jemand Gutes) – auch sehr gut passen würde.
Überprüft man allerdings die Belege, die M. von Lexer bietet, dann finden
sich keine Belege im Genitiv Singular wie iemen guotes oder ähnliche, son-
dern nur Belege im Genitiv Plural sowie ein Beleg für anders:
besonders gerne steht aber in der alten sprache bei niemand (wie bei jemand) ein
adjectivischer genitiv pluralis oder singularis (gramm. 4,456,739): ahd. nieman guo-
tero. Notker ps. 80,8; nieman anderro. 21.12; mhd. nieman, niemen guoter. Walther
18,33. Wigal. 180,16; ander niemen. Nibel. 437,6. 1084,4; niemen anders Iwein 3223,
6237, welche genitivische fügung noch nhd. erhalten ist in verbindungen wie nie-
mand guter, niemand fremder, niemand fremdes, niemand anders u.s.w.20
Auch die Überprüfung anderer Wörterbücher und Grammatiken sowie
verschiedener alt- und mittelhochdeutscher Texte erbrachte fast nur Bele-
ge für den Genitiv Plural, und zwar sowohl bei den (seltenen) substanti-
vierten Adjektiven als auch bei ander.
(7) hân ich getriuwer iemen, dine sól ich niht verdagen (Nibelungenlied
147,3)21
(8) Vnde verzihen vns aller der gnaden / die wir haben an vnseren hantvestinon
/ von dem babiste oder von ieman anderer (Urkunde, Reichenau 5. No-
vember 1270)22
Daneben gibt es einige wenige Belege, in denen ander eine Flexionsendung
zeigt, die mit dem Pronomen übereinstimmt.
(9) So uuer se sachun sinu [...] uuemo andremo uersellan uuilit [...] uuizze-
tathia sala ce gedune geulize. (Trierer Kapitulare)23
_____________
18 1DWB VII, Sp. 826.
19 1DWB IV,II, Sp. 2302.
20 1DWB VII, Sp. 826.

21 Dieser Beleg findet sich auch bei Paul (2007, § S 129) als Beispiel für Genitivanschluss
nach ieman.
22 CaOU, I, Nr. 145B (180, 26).
Nominalphrasen mit jemand und niemand 145

Genitiv-Singular-Formen treten nicht auf, außer eben – und zwar recht


häufig – anders. Insofern ist zu fragen, ob es sich hier wirklich um einen
Genitiv Singular handelt. Zweifel an dieser Einordnung äußerte bereits
Jacob Grimm. In der Deutschen Grammatik heißt es:
Unschlüssig ist die beurtheilung des mhd. ander bei iemen, niemen und manec. […]
wenn Reimar Ms. 1, 63b sagt: ‚und w#r ich ander iemen alsô unm#re manigen tac,
dem h#t ich gelâzen den strît,‘ so kann hier ander nur gen. pl. sein, abhängig von
dem dat. iemen. […] auch steht der sg. anders: ûf niemen anders Iw. 3223; nieman
anders sach Iw. 6237, oder soll dies, wie im nhd. jemand anders, niemand anders,
das adv. sein?24
J. Grimm schlägt also vor, anders in iemen anders und vergleichbaren Fügun-
gen als Adverb zu klassifizieren. Adverbien, die insgesamt eine sehr hete-
rogene Wortart bilden,25 werden insbesondere dazu verwendet, den Ver-
balvorgang semantisch zu modifizieren.
(10) Wir müssen die Sache anders erklären.
Entsprechende Verwendungen des Adverbs anders sind schon im Alt-
hochdeutschen belegt.
(11) soso mir iz bi druncanheidi giburidi, soso mir iz anderes geburidi (Reiche-
nauer Beichte)26
Dabei ist das Adverb anders historisch auf einen Genitiv Singular zurück-
zuführen,27 wie dies für eine ganze Reihe von Adverbien, etwa auch das
neuhochdeutsche Temporaladverb morgens, gilt.28 Anhand des gegenwarts-
sprachlichen Beispiels morgens kann auch die auf ein Substantiv bezogene,
attributive Verwendung des Adverbs gezeigt werden.
(12) Das Aufstehen morgens fällt mir schwer.
Wenn nicht, wie im vorliegenden Beispiel, die Wortstellung eine entspre-
chende Einordnung nahelegt, bleibt häufig offen, ob das Adverb sich nur
auf das Substantiv oder auf den ganzen Satz bezieht.
(12a) Mir fällt das Aufstehen morgens schwer.
Solche Belege lassen sich auch in früheren Sprachstufen finden:

_____________
23 Von Steinmeyer (1916, 305, 7f.).
24 Grimm (1999, 456).
25 Vgl. Eisenberg (2006, 208).
26 Von Steinmeyer (1916, 332, 31). Nach AWB (1968, I, Sp. 506f.) ist dies einer der ältesten
Belege für das Adverb anders.
27 Vgl. AWB (1968) I, Sp. 506); FWB, I, Sp. 1068.
28 Vgl. Paul (2007, 231).
146 Ursula Götz

(13) swes ieman anders phlac,


diz enkam von ir herzen nie,
unz man des andern nahtes gie
slâfen nâch gewonheit. (Hartmann von Aue, Der arme Heinrich,
V. 512)
(14) Wann es mit der Religion hincken / vnnd auff faulen Beinen stehen wil /
so hincken sie mit / vnd schwermen so waidlich / als jemandt anders
schwermen kan. (G. Müller, Ein Christliche Predigt, Regensburg
1592, Bl. Cijr)
In derartigen Sätzen ist womöglich auch der Ursprung der adsubstantivi-
schen Verwendung von anders im Alt- und Mittelhochdeutschen zu sehen.
Formal ist nicht zu entscheiden, ob in Belegen wie iemen anders eine solche
adsubstantivische Verwendung des Adverbs anders vorliegt oder ob anders
hier ein adnominaler Genitiv ist, da das Adverb aus der Genitiv-Singular-
Form entstanden ist und formal völlig mit ihr übereinstimmt.29 Die Ein-
ordnung als Adverb trägt der Tatsache Rechnung, dass nach jemand und
niemand normalerweise nur der Genitiv Plural auftritt, und zwar nicht nur
von Substantiven30 und substantivierten Adjektiven, sondern auch von
ander. Entsprechend wird anders in Fügungen wie jemand anders auch in der
Neubearbeitung des Deutschen Wörterbuchs oder im Wörterbuch der
Mittelhochdeutschen Urkundensprache als Adverb eingeordnet.31
Im Hinblick auf die Vorgeschichte von jemand anders / jemand anderer
und jemand Neues / jemand Neuer kann man also für eine erste Phase, die
vom Althochdeutschen bis zum älteren Frühneuhochdeutschen gilt, Fol-
gendes festhalten.
Niemand und jemand verbinden sich entweder mit dem Genitiv Plural
von ander oder einem substantivierten Adjektiv oder mit dem Adverb
anders. Neben diesen beiden Haupttypen gibt es noch einige Belege mit
kongruierendem ander, die allerdings zahlenmäßig nicht ins Gewicht fallen.

_____________
29 Die formale Unterscheidung von Adverb anders und flektierter Adjektivform anderes bzw.
andres erfolgt erst im 19. Jahrhundert. Vgl. 1DWB, I, Sp. 306, 311f.
30 Das Wörterbuch der mittelhochdeutschen Urkundensprache enthält in den Artikeln etewer,
ieman und nieman neben einer Vielzahl von pluralischen Belegen einen einzigen Beleg mit
einem Substantiv im Genitiv Singular: „also, daz wir noch vnsers létes nieman noch enhei-
ner vnser erben siv dar an vérbaz me besw(ren vñ geirren svln“ (WMU, II, 1309).
31 Vgl. 2DWB, I, Sp. 809; WMU, II, 913 und 1309. Dagegen wird bei BMZ, I, 36, anders in
niemen anders als „genit. des singul.“ klassifiziert.
Nominalphrasen mit jemand und niemand 147

jemand / niemand
+
ander substantiviertes Adjektiv

im Genitiv Plural im Genitiv Plural

Adverb anders

Übersicht 2: Anschlüsse von ander oder substantiviertem Adjektiv an jemand und niemand
bis zum älteren Frühneuhochdeutschen

Dieser Befund gilt bis ins ältere Frühneuhochdeutsche. Ab dem


16. Jahrhundert tritt dann ein neuer Belegtyp auf. In Beispielen wie (15)
zeigt das substantivierte Adjektiv nicht die Genitiv-Plural-Endung, son-
dern geht auf -s aus, im Beispiel also jemand Fremds.
(15) VND Eleasar der Priester / nam die ehernen Pfannen [...] Zum Gedecht-
nis der kinder Jsrael / das nicht jemands frembds sich erzu mache (Luther-
Bibel 1545, Num. 16, 40)32
Eine mögliche Erklärung für diese Formen auf -s liefert M. Heyne im
Artikel jemand im Deutschen Wörterbuch. Zunächst weist er darauf hin,
dass „in verbindungen wie jemand anders u. ähnl. […] das beiwort ursprüng-
lich ebenfalls genitivisch zu nehmen“ sei, wodurch sich die unveränderte
Form auch in den obliquen Kasus erkläre. Nachdem er einige Beispiele für
niemen anders, jemanden anders u.Ä. angeführt hat, kommt M. Heyne auf
Belege mit substantivierten Adjektiven zu sprechen. „aber man scheint
doch frühe schon dieses anders als neutrum gefaszt zu haben [...], denn
man bildete nun analog auch jemand vertrautes zu seiner lieb zu schicken“.33
M. Heyne geht nicht direkt auf die Frage ein, ob das „ursprünglich ge-
nitivische“ anders als Adverb oder als Genitiv Singular von adjektivischem
ander zu klassifizieren ist. Allerdings nimmt er wohl eher letzteres an, weil
damit die Uminterpretation der Endung -(e)s als neutrale Adjektivendung
plausibler erscheint. Diese reanalysierte Endung wäre dann nach M. Hey-
ne auch auf die Adjektive übertragen worden, so dass jemand Fremdes als
Verbindung von jemand mit dem Nominativ Singular Neutrum des sub-
stantivierten Adjektivs zu klassifizieren wäre.

_____________
32 Die Luther-Bibel (2003, 606).
33 1DWB IV, II, Sp. 2302f.
148 Ursula Götz

3.3. Alternativer Erklärungsvorschlag für jemand Fremdes

Dem Ansatz von M. Heyne ist in vielen Punkten zuzustimmen, allerdings


lassen sich die Adjektivformen auf -s auch ohne die Annahme einer Um-
deutung von anders als Neutrum erklären. Grundsätzlich kann das Auftre-
ten analoger Bildungen in diesem Bereich nicht erstaunen. Da der adno-
minale partitive Genitiv im 16. Jahrhundert stark zurückgeht, stehen die
Genitiv-Plural-Formen für den Anschluss von ander oder ein substantivier-
tes Adjektiv an jemand oder niemand nicht mehr zur Verfügung. Während
es bei ander aber eine nicht (mehr) genitivische Konstruktion als Alternati-
ve gibt, nämlich die Verbindung von jemand / niemand mit dem Adverb
anders, fehlt eine solche Möglichkeit für die substantivierten Adjektive
zunächst. Die Annahme M. Heynes, dass die neuen Adjektivkonstruktio-
nen auf -s in Analogie zu den Formen jemand / niemand anders gebildet sind,
scheint vor diesem Hintergrund absolut plausibel.
Allerdings muss man nicht unbedingt davon ausgehen, dass die anders-
Formen als Neutra aufgefasst und dass nach diesem Vorbild neutrale Ad-
jektivformen gebildet wurden. Ohne den Umweg einer Uminterpretierung
der Adverbformen kommt man aus, wenn man annimmt, dass analog zu
den unveränderten anders-Formen auf -s auch unveränderte Adjektivfor-
men auf -s gebildet wurden. Dabei besteht der Unterschied zwischen un-
veränderten Formen und Neutrum-Formen nur an einer Stelle im Para-
digma, nämlich im Dativ:

Neutrum Unverändert

Nom. jemand Fremdes jemand Fremdes

Dativ mit jemand Fremdem mit jemand Fremdes

Akk. jemand Fremdes jemand Fremdes

Übersicht 3: jemand + neutrales Adjektiv / jemand + unverändertes Adjektiv

Wenn also die Adjektivformen in Analogie zur Adverbform anders gebildet


sind, müssten sich entsprechende Dativbelege auf -s nachweisen lassen.
Im Hinblick darauf, dass die Verbindung von jemand / niemand + substan-
tiviertes Adjektiv von vornherein kein allzu häufiges Phänomen darstellt
und der Dativ im Vergleich zu Nominativ und Akkusativ grundsätzlich
wesentlich seltener auftritt, ist hier allerdings nicht mit großen Belegmen-
Nominalphrasen mit jemand und niemand 149

gen zu rechnen. Immerhin finden sich aber doch einige einschlägige Bei-
spiele. M. Heyne selbst führt einen Goethebeleg an:
(16) Da ist ein Brief; er muß von jemand Hohes sein (J. W. v. Goethe, Die
Mitschuldigen, I, 6)34
Auch das Schwäbische Wörterbuch weist entsprechende Dativformen auf:
„Mod. stets n[iemand] -s: n[iemand] rechtes, braves, gutes, auch von, bei n[iemand]
-s“.35 Schließlich erbringt eine einfache Internetsuche für die Gegenwarts-
sprache zahlreiche Belege in informeller Schriftlichkeit, wie etwa Be-
leg (17):
(17) Wem Fremdes bringt man aber nicht solch ein Vertrauen entgegen, den re-
gulären Betrieb abzublocken.36
Natürlich wäre es wünschenswert, wenn sich eine größere Anzahl ein-
schlägiger historischer Belege finden ließe. In jedem Fall spricht aber das
Vorhandensein der anders nur schwer erklärbaren unveränderten Dativbe-
lege für die hier vorgetragene These von der Bildung analoger unveränder-
ter Adjektivformen nach dem Muster des Adverbs anders.37

_____________
34 Vgl. von Goethe (1990, 38). Heyne, 1DWB IV, II, Sp. 2303, stellt diesen Vers als die Form
der „erste[n] abfassung“ einer späteren Fassung „er muss von jemand hohem sein“ gegen-
über. Die entsprechende Änderung lässt sich wohl auf Entwicklungen des 19. Jahrhunderts
zurückführen, die unten (Abschnitt 4) angesprochen werden.
35 Schwäbisches Wörterbuch (1904-1936, Sp. 2040).
36 Online im Internet: http://www.nostria-saga.de/forumscroll/ [etc.] (Stand 20.04.2006).
Auch in Duden. Richtiges und gutes Deutsch, 491 und 651, wird die Variante von jemand Fremdes,
niemand Fremdes akzeptiert, allerdings werden keine Belege angeführt; die Form mit flektier-
tem Adjektiv (von jemand Fremdem) gilt aber als „verbreiteter“.
37 Dass -s nicht als neutrale Endung aufgefasst wurde, legt auch der Befund des Niederdeut-
schen nahe, wo heute ebenfalls die Formen auf -s gelten, vgl. Lindow / Möhn / Nie-
baum / Stellmacher / Taubken / Wirrer (1998, 182), obwohl das Adjektiv im Neutrum,
soweit es nicht endungslos ist, wegen der nicht durchgeführten zweiten Lautverschiebung
hier auf -t ausgeht (191f.), so dass die Endungen von Genitiv Singular und Nominativ
Neutrum also nie zusammengefallen waren. Kiefer (1910, 68) nimmt an, dass die Formen
auf -s aus dem Süden übernommen wurden. Roehrs (2008, 3) sieht in der Endung des Ad-
jektivs in Konstruktionen wie jemand Nettes ebenfalls keine neutrale Flexionsendung, son-
dern klassifiziert -s hier ebenso wie in Fällen wie etwas Schönes als „special -s“. Allerdings
führt Roehrs dieses special -s nicht auf das Adverb anders zurück. Ander wird bei Roehrs
immer nur als Adjektiv angesprochen, an keiner Stelle der Untersuchung wird das Adverb
anders erwähnt; bei der Konstruktion jemand / niemand + ander nennt Roehrs nur die Varian-
ten jemand anderer oder jemand anderes, nicht aber die Variante jemand anders.
150 Ursula Götz

4. Ausblick: Zur Entstehung der regionalen Varianten


jemand Fremdes / jemand Fremder
Die folgende Übersicht fasst die bisher besprochene Entwicklung noch
einmal zusammen:

I. Bis ca. 15. Jahrhundert


jemand / niemand
+
ander substantiviertes Adjektiv

im Genitiv Plural im Genitiv Plural

Adverb anders

II. Ab ca. 16. Jahrhundert


jemand / niemand
+
ander substantiviertes Adjektiv

Adverb anders unverändert (auf -s)

Übersicht 4: Anschlüsse von ander oder substantiviertem Adjektiv an jemand und niemand
vom Althochdeutschen bis zum 18. Jahrhundert

Das bis ins ältere Frühneuhochdeutsche gültige System, in dem nach je-
mand und niemand entweder das Adverb anders oder Genitiv Plural-Formen
von ander und substantivierten Adjektiven auftreten, wird (nach einer ge-
wissen Übergangszeit) im Laufe des 16. Jahrhunderts durch ein System
ersetzt, in dem auf jemand und niemand nur mehr das Adverb anders oder
analog dazu gebildete Adjektivformen auf -(e)s folgen. Dieses System gilt
im Großen und Ganzen bis ins 18. Jahrhundert.
Erst seit Ende des 18. Jahrhunderts treten – neben den unveränderten
Formen – auch flektierte Belege auf, die als maskuline oder neutrale For-
men von ander oder den substantivierten Adjektiven einzuordnen sind.
Der Unterschied zwischen maskulinen und neutralen Formen besteht
Nominalphrasen mit jemand und niemand 151

natürlich nur im Nominativ Singular, wo neutralem niemand anderes (18)


maskulines niemand anderer (19) oder jemand Fremder (20)38 gegenübersteht.
(18) Denn der Adam, um den es sich in dem Romane handelt, ist eben kein
wirklicher Adam, sondern in jedem Sinn ein Kostüm-Adam und in Wahr-
heit niemand anderes als der Abbé Mouret selbst (Theodor Fontane,
Graf Petöfy)39
(19) Zu meinem Erstaunen erblickte ich jetzt auch mitten im Wasser eine größe-
re schwarze Gestalt, die niemand anderer als der arme Pfarrer im Kar war.
(Adalbert Stifter, Bunte Steine)40
(20) und vielleicht rührte meine Schüchternheit als Knabe zum Teile daher, daß
ich in große Verlegenheit geriet, sooft mich jemand Fremder ansprach
(Franz Grillparzer, Selbstbiographie)41
Und die maskulinen Formen finden sich tatsächlich nur im Süden.42 Diese
er-Formen können natürlich keine Fortsetzer der alten Genitiv-Plural-
Formen sein, da diese bereits im 16. Jahrhundert vollständig verschwun-
den waren. Es muss sich also um eine neuere Entwicklung handeln. Bei
grammatischen Entwicklungen, die im ausgehenden 18. und im 19. Jahr-
hundert auftreten, ist – stärker als in den vorangehenden Sprachstufen –
mit einem Einfluss der normierenden Grammatikschreibung oder auch
nur mit Standardisierungs- und Systematisierungsbestrebungen im Bereich
der Schule oder der literarischen Öffentlichkeit zu rechnen.43
Dass die einschlägigen Standardisierungsbestrebungen im Süden des
deutschen Sprachraums zu einem anderen Ergebnis führten als im Nor-
den, lässt sich möglicherweise mit der Sprechereinstellung, und hier ganz
besonders mit dem unterschiedlichen sprachlichen Selbstbewusstsein in
Nord und Süd erklären. Im sprachlich selbstbewussten Norden nahm man
die überkommenen unveränderten Formen so, wie sie waren. Im Rahmen
der stärkeren grammatischen Systematisierung werden die formal an
Neutra erinnernden Formen dann entsprechend flektiert, ohne dass die
grammatische Korrektheit dieser Formen in Zweifel gezogen worden
wäre. Der Süden war und ist dagegen mit einem sprachlichen Minderwer-
_____________
38 Die Adjektivform auf -es (jemand Fremdes) kann als neutrale oder unveränderte Form aufge-
fasst werden.
39 Bertram (2004, 27868).
40 Ebd., 157470.
41 Ebd., 62826.
42 Daneben treten im Süden auch Formen auf -es auf. Vgl. die Belegzusammenstellung bei
Ljungerud (1955, 191ff.).
43 Vgl. von Polenz (1999, 229f.) und die entsprechenden Hinweise im Abschnitt „Entwick-
lungstendenzen der Standardsprache“, 338ff.
152 Ursula Götz

tigkeitsgefühl behaftet. Hier verbindet sich das Streben nach grammatisch


richtigen Formen mit dem Bewusstsein, dass die dialektal gebräuchlichen
Formen meistens falsch sind. Insofern werden im Süden häufig maskuline
Formen des substantivierten Adjektivs verwendet. Diese kongruieren mit
dem Pronomen jemand und wirken insofern besonders korrekt,44 zudem
unterscheiden sie sich stark von den dialektalen -s-Formen, was ebenfalls
als Indiz für Standardsprachlichkeit gewertet wird.

5. Fazit
Der Nachweis für die zuletzt vorgetragene These dürfte nicht ganz leicht
zu führen sein, da ein vergleichsweise selten auftretendes Phänomen wie
die Verbindung von jemand oder niemand mit substantiviertem Adjektiv
oder ander in der einschlägigen Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts wohl
nicht allzu häufig thematisiert worden ist.45 In jedem Fall bleibt aber fest-
zuhalten, dass es sich bei den Formen auf -er und -es (jemand Neuer / Neues
bzw. anderer / anderes) nicht um Fortsetzer der alten Genitivformen han-
deln kann, sondern dass wesentlich differenziertere sprachgeschichtliche
Entwicklungen vorliegen. Die regionalen Varianten der Standardsprache
zeichnen sich also nicht nur durch eine besondere Stellung im Varietäten-
gefüge der Gegenwartssprache aus, sie dürfen auch in sprachgeschichtli-
cher Hinsicht besonderes Interesse beanspruchen.

_____________
44 Diese Auffassung wird offenbar nicht von allen Sprachbenutzern bzw. Sprachpflegern
geteilt. Im Sprachratgeber des Dudenverlags jedenfalls wird die er-Form eindeutig abge-
lehnt: „Nicht standardsprachlich ist der Gebrauch des Maskulinums im Nominativ: Das ist
jemand Fremder.“ Vgl. Duden (2007, 491).
45 Bei einer ersten Überprüfung verschiedener Grammatiken und Wörterbücher des 18. und
19. Jahrhunderts (J. Chr. Adelung, C. F. Aichinger, H. Braun, J. Chr. Gottsched, J. S. V.
Popowitsch) fanden sich einige Aussagen, die durchaus mit dem hier untersuchten Thema
in Verbindung stehen. So lehnt J. Chr. Adelung Fügungen wie niemand Vornehmes ab und
empfiehlt dafür die Formulierung kein Vornehmer, vgl. Adelung (1971, 691). Für eine umfas-
sende Analyse der Herausbildung des Nebeneinanders jemand / niemand Fremder / Fremdes
bzw. anderer / anderes reicht das Material bisher allerdings nicht.
Nominalphrasen mit jemand und niemand 153

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_____________
46 Das Quellenverzeichnis enthält nur die Texte, aus denen Belege zitiert werden. Auf eine
Nennung der für allgemeine Häufigkeitsangaben oder zur (erfolglosen) Ermittlung weiterer
Belege geprüften Texte wird aus Raum- und sonstigen Praktikabilitätsgründen verzichtet.
154 Ursula Götz

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AWB = Althochdeutsches Wörterbuch, aufgrund der v. Elias von Steinmeyer hinter-
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156 Ursula Götz

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lin 1994ff.
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch

Rosemarie Lühr (Jena)

1. Einleitung
Im Neuhochdeutschen gibt es bei den Konditionalsätzen zwei unter-
schiedliche Typen, der eine ist mit Konjunktion eingeleitet, der andere hat
das finite Verb an erster Stelle:
(1a) Wenn ich den Bus erwischt hätte, müsste ich nicht zwanzig Mi-
nuten warten.
(1b) Hätte ich den Bus erwischt, müsste ich nicht zwanzig Minuten
warten.1
Wenn man einen Sprecher des heutigen Deutsch fragt, wann er welchen
der beiden Typen verwendet, bekommt man keine klare Antwort, da kon-
ditionale V1-Sätze in vielen Fällen mit den wenn-Sätzen funktionsgleich
sind.2 Umso auffallender ist, dass es in den älteren Sprachstufen des Ger-
manischen offenbar feste Regeln dafür gibt. Ein Beispiel ist die mittel-
alterliche Rechtsprosa. Wie Hans Ulrich Schmid3 nachgewiesen hat, wird
in uneingeleiteten Konditionalsätzen ein rechtsrelevanter Sachverhalt ge-
nannt, wobei eine Handlungsfokussierung vorliegt. Dagegen werden in
den mit ob 'wenn' eingeleiteten Konditionalsätzen einschränkende oder
zusätzliche Bedingungen genannt. Voraus geht aber ein agensbezogener
verallgemeinernder Relativsatz, ein sogenanntes Irrelevanzkonditionale:

_____________
1 Gallmann (2005, 876).
2 Vgl. König / Auwera (1988); Zifonun u.a. (1997, 2113 und 2349) interpretieren daher die
konditionalen V1-Sätze analog zu den kanonischen wenn-Sätzen mit Verbendstellung als
eingebettete Sätze, die das Vorfeld ihres deklarativen V2-Bezugssatzes (Apodosis) beset-
zen.
3 Vgl. Schmid (2005, 360f.), anders Iatridou / Embick (1993).
158 Rosemarie Lühr

(2) Schwabenspiegel II 46,1


Swer sô werkit eynis anderen mannis lant unwizzende, wirt her dâ
umme beschuldegit die wîle her iz eret, sîn arbeit virlûsit her dâ
an, ob iz jene behalt
Wer eines anderen Mannes Land unwissentlich bearbeitet [allgemeiner =
konditionaler Relativsatz], wird er dessen angeklagt [uneingeleiteter Kondi-
tionalsatz], während er es pflügt, so verliert er den Ertrag daran, sofern je-
ner es beansprucht [mit ob eingeleiteter Konditionalsatz im Sinne einer Zu-
satzbedingung].

Dass hier eine germanische juristische Fachsprachensyntax vorliegt, wurde


auch in Lühr (2007) gezeigt: Die altfriesischen Rechtstexte haben ebenfalls
derartige Abfolgen. Zur Interpretation habe ich aber die Informations-
struktur herangezogen, also die Gliederung nach Topik und Kommentar
sowie Fokus und Hintergrund.
• Mit Konjunktion eingeleitete Bedingungssätze haben in den mit Ir-
relevanzkonditionalia beginnenden Textabschnitten eine besondere
textstrukturelle Funktion: Sie lenken auf das Topik zurück oder
führen ein neues Diskurstopik ein, wozu dann in der Apodosis
neue Information hinzukommt. Geht ein Konditionalsatz mit
Verbspitzenstellung einem solchen mit Konjunktion eingeleiteten
Bedingungssatz voraus, so ist dieser enger an den vorausgehenden
Text angeschlossen.4
(3) Die gemeinfriesischen Siebzehn Küren 14
Thit is thiv fiuwertinde liodkest: sa hwersa en ungeroch kind ut of
londe lat werth thruch sellonge tha thruch hirigongar, werth sin
god ieftha sin erue urset tha urseld, jef thet kind to londe kumth
and to sina liodon, mi hit thenne bikanna brother and swester
and to nomande wet sine nesta friond and sinne feder and sine
moder, mi hit sines eina erues enigene ekker bikanna, sa hach
thet kind […]
Dies ist die vierzehnte Volksküre: Wann auch immer ein unmündiges Kind
aus dem Lande weggeführt wird durch Verkauf oder durch Heergang, wird
sein Gut oder sein Grundbesitz (darauf) verpfändet oder verkauft, so soll,
wenn das Kind (später wieder) ins Land zu seinen Leuten kommt und es
dann Bruder und Schwester wiedererkennen kann und seine nächsten

_____________
4 Nach Szadrowsky (1961, 117) ist jedoch die dritte Bedingung der zweiten deutlich unterge-
ordnet.
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch 159

Verwandten und seinen Vater und seine Mutter zu nennen weiß und es ir-
gendeinen Acker seiner Grundstücke erkennen kann, das Kind [...]5

Somit ergibt sich für das Altfriesische folgendes Schema:


1. Universales Irrelevanzkonditionale zur Einführung eines indefiniten
Diskursreferenten oder zur Rahmensetzung in einem allgemeinen
Rechtsfall.
2. Mit Verb eingeleiteter Konditionalsatz mit anaphorischer Referenz
zur Bezeichnung einer Präzisierung des allgemeinen Falls.
3. Mit Konjunktion eingeleiteter Konditionalsatz mit anaphorischer
Referenz oder einem neuen Diskursreferenten zur Rücklenkung
oder Neuetablierung des Topiks.6
Zu überprüfen ist nun, ob derartige Regeln auch außerhalb der germani-
schen juristischen Fachsprache gelten. Dies scheint zumindest im Alt-
hochdeutschen nicht der Fall zu sein. So findet sich bei Dieter Wunder
(1965, 165) zu den Konditionalsätzen bei Otfrid: „[...] im oba-Gefüge geht
man vom Hauptsatz aus und gibt für diesen eine hypothetische Bedingung
an; im konjunktionslosen Gefüge wird die Bedingung gesetzt und aus ihr
ergibt sich der Sachverhalt des Hauptsatzes [...]“. Wunder nennt solche
Bedingungssätze demgemäß setzende Bedingungssätze. Nach Richard Schrodt
(2004, 156) bleibt jedoch „der funktionelle Unterschied zu vorangestellten
oba-Sätzen [...] kaum nachvollziehbar, so dass eine eigene inhaltliche Kate-
gorie nicht ausreichend begründet ist.“ Aber auch Schrodts These, bei
vorangestellten konjunktionslosen Konditionalsätzen erscheine die Bedin-
gung als eine vorausgesetzte Annahme, der Inhalt des anschließenden
Hauptsatzes als Folge, hilft nicht viel weiter, da diese Beschreibung auch
für konjunktionshaltige Konditionalsätze zutrifft.7 Versuchen wir daher in
Anschluss an Schmids Beschreibung und die oben erwähnten Regeln, die
Informationsstruktur zur Erklärung für den Wechsel der beiden Typen
von Konditionalsätzen heranzuziehen. Bleibt man dabei wegen seiner
weitgehenden Unabhängigkeit vom Latein bei Otfrids Evangelienbuch, so
ist die These, dass konjunktionshaltige und konjunktionslose Konditional-
sätze bei Otfrid eine irgendwie geartete voneinander verschiedene text-
strukturelle Funktion haben. Um dieser Funktion näher zu kommen, ist
_____________
5 Buma / Ebel (1963, 38ff.).
6 Szadrowsky (1961, 119) drückt dies folgendermaßen aus: „Man muss ganze Satzungen
lesen, um zu prüfen, was die ungebrochene Wucht des Hauptsatzes bedeutet. Atem
schöpft der Gesetzsprecher zu markigem Einsatz der Hauptsache.“
7 Nach Reis / Wöllstein (2007) ist hier zwischen semantisch independent (Ursache / Conditio)
und semantisch dependent (Wirkung / Consequens) zu unterscheiden.
160 Rosemarie Lühr

die Textgestaltung des Evangelienbuchs zu berücksichtigen. Ein Struktu-


rierungsmittel ist hier auf jeden Fall der Unterschied zwischen direkter
Rede einerseits und Erzählung und Kommentar andererseits.8
Wir betrachten zuerst die direkte Rede und da den Redebeginn. Denn
der Redebeginn markiert jeweils einen Neuansatz. Der Sprecher möchte,
dass sich der Hörer auf ihn einstellt. Da hierbei perspicuitas 'Durch-
sichtigkeit' besonders wichtig ist, könnte der Sprecher auch zu Beginn von
Reden syntaktische Strukturen in ihrer Grundfunktion verwenden, einfach
um sicher zu gehen, dass der Hörer ihn versteht. Wir beschränken uns auf
die vorausstehenden Konditionalsätze, weil diese insgesamt weitaus häufi-
ger als die nachgestellten Konditionalsätze sind.

2. Konjunktionshaltige Konditionalsätze
2.1. Zu Beginn der direkten Rede

Da fällt nun auf: Die vorangestellten, eine direkte Rede einleitenden Kon-
ditionalsätze sind bei Otfrid mit der Konjunktion ob oder oba 'wenn' einge-
leitet:9
(4) II 4, 53ff.
Er ínan in thie wénti sazta in óbanenti,
thar ríaf er ímo filu frúa thrato rúmana zúa:
„Oba thu sís“, quad, „gótes sun, laz thih nídar hérasun
in lúfte filu scóno, so scal sún frono.
Er setzte ihn auf die Zinne auf die Spitze, da rief er ihm bald zu: „Wenn
du“, sagte er, „Gottes Sohn bist, lass dich hier nieder in die Luft recht
schön, wie es dem heiligen Sohn geziemt.“
In diesem wie in den folgenden Beispielen liegt eine kontextuell deutlich
erschließbare Kontrastivität vor. Der Satan distanziert sich von dem, was
_____________
8 Vgl. dazu Lühr (2005, 177ff.).
9 Einmal findet sich am Kapitelanfang oba. Auch hier erscheint ein impliziter Kontrast:
Ich widme dieses Buch, nachdem ich es vollendet habe, den St. Gallener Mönchen Hartmut und Werinbert.
Dennoch ist es möglich, dass ich einige Textstellen falsch gedeutet habe.
Hartmuat 1ff.:
Oba íh thero búacho gúati hiar iawiht missikérti,
gikrúmpti thero rédino thero quít ther evangélio:
Thuruh Krístes kruzi bimíde ih hiar thaz wízi,
thuruh sína gibúrt;
Wenn ich (aber) etwas aus den heiligen Büchern falsch erklärt habe, habe ich den Sinn, den
das Evangelium aussagt, verdreht, so möge ich durch Christi Kreuz, durch seine Heilsge-
burt hier der Züchtigung entgehen.
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch 161

Jesus gesagt hat: Wenn du tatsächlich, d.h. anders als ich annehme, Gottes Sohn
bist. Ähnlich auch in der Anrede des einen Räubers am Kreuz:
(5) IV 31,1ff.
Thero scáchoro (ih sagen thir) éin, want er hángeta untar zuéin,
deta ímo, so man wízzi, thia selbun ítwizzi.
„Oba thu Kríst“, quad er, „bíst, hílf thir, nu thir thúrft ist;
joh dúa thar thina gúati, hilf úns ouh hiar in nóti!“
Der eine von den Räubern (ich sage dir), denn er hing zwischen zweien,
trieb mit ihm, wie man weiß, eben jenes Gespött. „Wenn du der Geweihte
bist, hilf dir, wenn du es nötig hast; ja zeige deine Göttlichkeit, hilf auch
uns hier in der Not.“
Wenn du wirklich, d.h. wenn du aber, anders als ich annehme, der Geweih-
te bist.
In der Tat enthält der redeeinleitende wenn-Satz gegebenenfalls ein Wort
wie aber. Vgl. mit Bezug auf Johannes:
(6) I 27,23ff.
fragetun s3+ ávur thuruh nót, so man in héime gibot:
„Oba thu Helías avur bíst, ther uns kúnftiger ist,
thaz gizéli thI uns nu sár, thaz wír iz avur ságen thar.“
Sie fragten aber voll Ungestüm, wie man ihnen zu Hause auftrug: „Wenn
du aber Elias bist, der zu uns kommen wird, das sage uns nun sofort, damit
wir es dort wiederum sagen.“
Das Subjekt ist in diesen Sätzen das Personalpronomen du, dem die Ko-
pula und ein Prädikatsnomen folgen. Das Prädikatsnomen trägt dabei
sicher einen Kontrastakzent. Es handelt sich um eine implizite Korrektur
mit einem Kontrastfokus: Wenn du aber Elias (und nicht Christus) bist (vgl.
auch (13)). Nun noch zu dem Wort aber. Für die Bedeutungsanalyse des
Wortes aber passt von den vielen Vorschlägen der von Ewald Lang10 am
ehesten für unsere Deutung der oba-Sätze. Nach Lang ist aber Indikator
einer Behauptung entgegen anders liegender Erwartung.
• Es gilt: Satz S1 aber S2: S1 wird behauptet und dann S2, und zwar
auf dem Hintergrund, dass S1 Neg-S2 erwartet lässt. Die Satzbe-
deutung SB1 zieht normalerweise SB3 nach sich, die Negation von
SB2.

_____________
10 Lang (1977, 170). Vgl. aber Brauße (1982, 11).
162 Rosemarie Lühr

(7a) Renate ist krank, aber sie arbeitet.


S1 S2
(7b) Renate ist krank, und sie arbeitet nicht.
S3
Der Auffassung Langs zufolge steht dabei S[atz]B[edeutung]3 der SB1
näher als der SB2, da SB3 eine implizite Folgerung aus SB1 ist. SB2 ist mit
SB3 unverträglich. Verbindet man nun dieses Schema mit einer impliziten
Korrektur, ergibt sich folgende semantische Struktur:
(7c) Renate ist krank; es ist aber nicht der Fall, dass sie, wie man er-
warten würde, nicht arbeitet, sondern sie arbeitet.

2.2. Innerhalb der direkten Rede

Kehren wir nun zu Otfrid zurück, so kommt auch innerhalb der direkten
Rede die Verbindung ob avur vor:
(8) IV 21,15ff.
Ther líut ther thih mír irgab, zálta in thih then rúagstab;
thie selbun záltun alle mír thesa béldi fona thír.
Ob ávur thaz so wár ist, thaz thu iro kúning nu ni bíst:
bi híu ist thaz sie thih námun, sus háftan mir irgábun?
Die Menge, die dich mir überhab, erhob gegen dich Anklage; sie nannten
mir alle diese Kühnheiten von dir. Wenn aber das so wahr ist, dass du ihr
König nun nicht bist, wie kommt es, dass sie dich gefangen nahmen, (dich)
mir so gefesselt übergaben?

Auch hier lässt sich eine implizite Korrektur annehmen: Wenn das aber wahr
(und nicht falsch) ist. Vgl. auch:
(9) III 3,23ff.
Er wolta sínes thankes wíson thar thes scálkes;
zemo súne, sih nu zálta, giládoter ni wólta.
Ob únsih avur ladot héim man ármer thehéin,
thuruh úbarmuati in wár so suíllit uns thaz múat sar;
Freiwillig nämlich wollte er dort jenen Diener besuchen, zum Sohn, wie ich
nun erzählte, da wollte er nicht eingeladen sein. Wenn uns hingegen ir-
gendein armer Mensch einlädt, schwillt uns wahrlich aus Hochmut alsbald
das Herz.

Gemeint ist: Wenn uns aber irgendein armer Mensch (und nicht ein reicher) einlädt.
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch 163

Wie am Redenanfang kann auch in der Rede das Wörtchen avur feh-
len. Dennoch wird ein Gegensatz ausgedrückt; vgl. die Übersetzung von
Kelle:
(10) I 19,25ff.
Thia gilóub%, ih sagen thir wár, thia láz ih themo iz lísit thar;
ni scríbI ih hiar in úrheiz thaz ih giwísso ni weiz.
Ob ih giwísso iz wésti, ih scríbi iz hiar in fésti;
thoh mag man wízan thiu jár, wío man siu zélit thar.
Den Glauben, ich sage dir es aufrichtig, den gebe ich jedermann, der dieses
liest, hier völlig frei; Ich schreibe ja nicht in Schwärmerei, was ich nicht völ-
lig sicher weiß. Doch wüsste ich es für gewiss, so machte ich es hier be-
kannt. Doch wissen mag man immerhin, wie man die Jahre dort zählt.
Vgl. wieder mit impliziter Korrektur: Wenn ich es für gewiss (und nicht für unge-
wiss) wüsste.

2.3. In Anreden an den Leser

Implizite Kontraste in konjunktionshaltigen Konditionalsätzen findet man


des Weiteren in Anreden an den Leser:
(11) III, 20, 135ff.
Wir wizun álle thaz gimáh thaz got zi Móysese sprah,
joh ougt er ímo follon then sinan múatwillon.
Wanana thérer avur íst, thes wíht uns sar io kúnd nist;
ni wízun wir in wára sínes selbes fúara.“
Oba thu scówost thaz múat, thánne nist thaz wórt guat,
wanta wántun harto thés thaz síe mo batin úbiles.
Wir kennen alle die Tatsache, dass Gott zu Moses sprach, und er hat ihm
ganz und gar seinen Willen offenbart. Von wann aber dieser ist, das ist uns
völlig unbekannt; wir kennen in Wahrheit seinen Verlauf nicht. Wenn du
(aber) auf ihren Willen schaust, so war der Ausspruch nicht gut, sie glaub-
ten nämlich, dass sie den Blindgeborenen verfluchten, wenn sie ihm zurie-
fen.

Wenn du aber ihren Willen (und nicht nur ihre Worte) betrachtest.
164 Rosemarie Lühr

Umfangreicher ist die Paraphrase für (12):


(12) Hartmuot 103ff.
Thó sie thaz gifrúmitun, thie júngoron firjágotun:
so war sunna líoht leitit so wúrtun sie zispréitit.
Óba thu es bigínnis, in búachon thu iz fíndis,
thaz wír nu niazen thráto thero drúhtines drúto.
Nachdem sie (die Juden) dieses ausgeführt hatten, vertrieben sie die Jünger:
soweit die Sonne ihr Licht verbreitet, wurden sie zerstreut. Wenn du dich
(aber) darum bemühst, findet du es in der Bibel, was wir uns nun eifrig zu
Nutzen machen sollen in Bezug auf die Freunde Gottes.

Wenn du dich aber darum bemühst und die Sache nicht aufgibst, weil sie zu
aufwendig ist.

2.4. In Kommentaren

Den gleichen implizite Kontraste betreffenden Sprachgebrauch findet man


in Kommentaren:
(13) II 4, 69
Ním nu gouma hárto thes sátanases wórto,
wialicha únredina er zi ímo sprah hiar óbana.
Ob er spráchi ubar ál, so man zi gótes sune skál,
spráchi thanne in thésa wis, thaz wári so gizámlih:
„Oba thu sis gótes sun, far thanne héimortsun
hina ubar hímil% alle; so irkénnit man thih thánne.“
Richte nun deine Aufmerksamkeit auf des Satans Worte, welche Unge-
reimtheit er zu ihm hier oben sprach. Wenn er (aber) überall gesprochen
hätte, wie man zu Gottes Sohn (sprechen) soll, hätte er dann folgenderma-
ßen gesprochen, das wäre geziemend gewesen: „Wenn du Gottes Sohn
bist, dann begib dich nach Hause, hin über den Himmel; so erkennt man
dich dann.“ (Zum zweiten oba-Satz vgl. (4), (5), (6).)

Wenn er aber überall gesprochen hätte, wie man zu Gottes Sohn (sprechen)
soll und nicht so, wie er es in Wirklichkeit getan hat.
Es lässt sich somit festhalten: Mit Konjunktion eingeleitete, vorausstehende
Konditionalsätze haben bei Otfrid eine klare Funktion: Zu Beginn von Re-
den, also an einer Stelle, wo man Deutlichkeit in besonderem Maße erwartet,
aber auch in Anreden an den Leser und in Kommentaren, also alles Textpar-
tien, die klar an einen Hörer oder Leser appellieren, drücken mit oba eingelei-
tete Konditionalsätze aus, dass der Sprecher eine Bedingung formuliert, die
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch 165

zu anderen als den erwarteten Folgehandlungen oder zu einer Revision von


bisherigen Annahmen führt. Diese Umkehrung kommt dadurch zustande,
dass diese Konditionalsätze Kontrastfoki enthalten, die implizite Korrektu-
ren auslösen.

3. Gegenbeispiele
Nachdem dieser Befund eindeutig zu sein scheint, müssen auch vermeint-
liche Gegenbeispiele betrachtet werden. Dabei möchte ich ausdrücklich
nicht von Reimzwang sprechen; denn ein so sprachgewaltiger Autor wie
Otfrid hätte sicher die Reime so gebildet, dass sie den Sprachregeln ent-
sprechen. Nun findet sich in der Redeeinleitung folgender Satz mit Verb-
erststellung, der von Behaghel11 als Konditionalsatz aufgefasst wird. Da
aber redeeinleitende Konjunktionalsätze bei Otfrid eine Konjunktion
haben12, muss (14) eine andere syntaktische Struktur haben: Es handelt
sich um keinen Konditionalsatz, sondern um eine Frage:
(14) I 27, 13ff.
Sie thaz árunti giríatun joh iro fért3 iltun.
tho spráchun sie bi hérton sus thésen worton:
„Bistu Kríst guato? ság+ uns iz gimúato,
tház wir hiar ni duéllen, thaz árunti ni mérren.“

_____________
11 Behaghel (1928, 636).
12 Eine weitere Ausnahme gibt es. Marthas Worte in einer Anrede an den Herrn, in der nach
einem Vokativ ein Konditionalsatz mit Verberststellung folgt, werden einige Verse später
mit der umgekehrten Reihenfolge ‚Konditionalsatz mit Verberststellung – Vokativ‘ wieder-
holt:
(a) III 24, 11ff.:
Mártha sih tho kúmta, so si zi Kríste giilta,
sérlichero wórto; sia rúartaz filu hárto.
„Drúhtin“, quad si, „quamist thu ér, wir ni thúltin thiz sér;
ginádaz thin ni hángti thaz tód uns sus io giángti;
Martha klagte da, als sie zu Christus eilte, mit Worten voller Schmerz; sie war sehr bewegt.
„Herr“, sprach sie, „wärest du früher gekommen, wir würden nicht diesen Schmerz er-
leiden“.
(b) III 24,50:
(irbéit si thes er kúmo); joh sprah zi drúhtine thó:
„Wárist thu híar, druhtin Kríst, ni thúltin wír nu thesa quíst;
ther brúader min nu lébeti, joh ih thiz léid ni habeti!“
Kaum konnte sie es erwarten; und sie sprach da zu dem Herrn: „Wärst du hier gewesen,
Herr, wir duldeten nicht diese Qual; mein Bruder würde noch leben; und ich hätte dieses
Leid nicht!“.
(b) ist hier aber offensichtlich (a) nachgebildet.
166 Rosemarie Lühr

Sie beratschlagten diese Botschaft und beschleunigten ihre Fahrt. Da spra-


chen sie wechselweise mit diesen Worten so: „Bist du der heilige Christ?
Sage es uns aus dem Grunde deines Herzens, damit wir hier nicht verwei-
len, die Nachricht nicht verzögern.“

Anders liegt der Fall in (15). In der direkten Rede wird einmal ein redeein-
leitender konjunktionshaltiger Konditionalsatz durch einen konjunktions-
losen Konditionalsatz fortgeführt:
(15) IV 19, 17ff.
Mit wángon tho bifílten bigán er ántwurten,
mánota sie thes náhtes thes wízzodes réhtes:
„Ob íh hiar úbilo gispráh, zéli thu thaz úngimáh;
spráh ih avur alawár, ziu fíllist thu mih thanne sár?“
Nachdem er auf die Wangen geschlagen worden war, begann er zu antwor-
ten, er erinnerte sie an das rechte Gebot. „Wenn ich hier unrichtig sprach,
so nenne du das, was sich nicht gehört; sprach ich aber wahr, warum
schlägst du mich dann gleich?“

Wie in den vorher besprochenen Beispielen kommt auch in (15) klar ein
Kontrast zum Ausdruck, diesmal aber ein explizit ausgedrückter: unrichtig
und wahr bilden Kontrastfoki, wie auch das Wörtchen aber bezeichnet.
Nur noch einmal erscheint bei Otfrid in einem konjunktionslosen Kondi-
tionalsatz das Wörtchen aber:
(16) III 18, 45f.
Íh irkennu inan ío; spríchu ih avur álleswio,
bin ih thanne in lúginon, gilicher íuen redinon;
Ich aber kenne ihn jeder Zeit, und spräche ich es aber anders aus, bin ich
dann ein Lügner, ganz ähnlich euerm Lügenwort.

Vergleicht man nun diese beiden Textstellen, so erscheint jedes Mal das
Wort sprechen, bezogen auf eine vorausgehende Sprachhandlung. In (15)
wird sogar im konjunktionslosen Nebensatz das Verb sprechen vom kon-
junktionshaltigen ersten Nebensatzteil übernommen, d.h. gegebenes Ma-
terial wird wieder aufgenommen, wodurch die beiden Teilsätze eng ver-
bunden sind. Daher kann man folgende Regel für die konjunktionslosen
Konditionalsätze in (15) und (16) formulieren: Bei besonders engem An-
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch 167

schluss an den vorausgehenden Text können auch konjunktionslose Kon-


ditionalsätze einen Kontrast ausdrücken.13

4. Konjunktionslose Konditionalsätze
Dass aber der enge Anschluss an den vorausgehenden Text tatsächlich ein
Merkmal der konjunktionslosen Konditionalsätze ist, soll nun gezeigt
werden. Konjunktionslose Konditionalsätze bezeichnen bei Otfrid oft-
mals einen Einzelfall,14 dem die Bezeichnung eines allgemeinen geltenden
Sachverhalts vorausgeht. Einige wenige Beispiele genügen:
(17) L 23ff.
Riat gót imo ofto in nótin, in suaren árabeitin;
gigiang er in zála wergin thár: druhtin hálf imo sár
In nótlichen wérkon, thes scal er góte thankon;
Gott stand ihm oft in Gefahr und in schwerer Mühsal bei; kam er irgendwo
in Not, der Herr half ihm sofort bei schwierigen Werken: dafür soll er Gott
danken.

_____________
13 Ein enger Anschluss des zweiten Teils eines Konditionalsatzes begegnet auch in folgendem
Beispiel. Der Sinn ist hier aber konzessiv. Hinzu kommt die Topikalisierung einer NP (mit
suórgon):
III 18, 37
Er gáb in thes mit thúlti suazaz ántwurti,
ríhta sies in war mín, thoh wíht sies ni firnámin:
„Óba ih mih mit rúachon biginnu éino gúallichon,
mit suórgon dúan ouh thanne tház, thaz ist niwíht allaz.“
Geduldig gab er ihnen darauf die Antwort voller Süßigkeit; er klärte sie hierüber auf, ob-
wohl sie es nicht verstanden. „Wenn ich es versuchen wollte, mich allein zu verherrlichen,
mit Sorgfalt täte ich auch das, das ist alles nichts.“
14 Eine andere Funktion ist die des konjunktionslosen Temporalsatzes:
I 1, 21ff.:
joh mézent sie thie fúazi,
thie léngi joh thie kúrti, theiz gilústlichaz wúrti.
Éigun sie iz bithénkit, thaz síllaba in ni wénkit,
sies álleswio ni rúachent, ni so thie fúazi suachent;
Was sie schaffen, ist erfüllt von süßem Wohllaut; sie messen die Versfüße, nach Länge und
Kürze, damit es Wohlgefallen errege. Haben sie geprüft, ob nicht eine Silbe gegen die
Ordnung verstößt, dann gilt ihr Hauptaugenmerk der Füllung der Versfüße. (Vollmann-
Profe 1976, 81).
168 Rosemarie Lühr

(18) I 5, 53ff.
Nist in érdriche thár er imB ío instríche,
noh wínkil untar hímile thár er sih ginérie.
Flíuhit er in then sé, thar gidúat er 3mo wé,
gidúat er imo frémidi thaz hoha hímilrichi.
Auf der Erde gibt es keinen Ort, wohin er [der Satan] vor ihm entfliehen
und unter dem Himmel keinen Winkel, wo er sich in Sicherheit bringen
könnte. Und stürzt er sich flüchtend ins Meer, so erreicht ihn seine Strafe
selbst dort, und das hohe Himmelreich verschließt er vor ihm.15

Vor Gott kann der Satan nicht fliehen. Flüchtet er ins Meer, wird er auch
dort bestraft.
Ähnlich in (19):
(19) I 15, 41ff.
Óffan duat er tháre thaz wir nu hélen híare;
ist iz úbil odowar: unforhólan ist iz thár.
Offenkundig macht er da, was wir hier nun verhehlen.
Ist es etwa böse, ist es da nicht verborgen.

Die Menschen können Gott nichts verbergen. Ist es etwas Böses, wird es auch
offenkundig.
In allen diesen Fällen kann man die Bezeichnung des Einzelfalls mit z.B.
anschließen:
(20) V 1, 27ff.
Mit thíu ist thar bizéinit, theiz ímo ist al giméinit
in érdu joh in hímile inti in ábgrunte ouh hiar nídare.
Bi thiu níst in themo bóume thaz mánnilih gilóube,
thes fríuntilih giwís si, thaz thar úbbiges si.
Leg iz nídarhaldaz – iz zeigot ímo iz allaz,
fíar hálbun umbiríng állan thesan wóroltring;
Damit ist dort gemeint, dass es alles ihm gegeben ist auf Erden und im
Himmel und selbst im Abgrund unten dort. Darum ist nichts an diesem
Baum, das glaube jeder, davon sei jeder überzeugt, was da bedeutungslos
ist. Leg du es [das Kreuz] [z.B.] wagrecht hin, so weist es ihm alles zu, was
nach vier Seiten ringsherum ist, diesen ganzen Weltenkreis.

Auch in Gleichnissen – das sind Textpartien, die auf besondere Beispiele


Bezug nehmen – werden konjunktionslose Konditionalsätze verwendet. Z.B.
_____________
15 Ebd., 193.
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch 169

betrachtet Otfrid die steinernen Gefäße, die bei der Hochzeit von Kana
verwendet werden, als gleichnishaft für die leeren Herzen der Diener Gottes,
die wie die Krüge durch Wasser erst durch die Heilige Schrift und geistlichen
Wein gefüllt werden:
(21) II 9, 21ff.
Séhsu sint thero fázzo, tház thu es weses wízo,
thaz wórolt ist gidéilit, in séhsu giméinit.
Irsúachist thu thiu wúntar inti ellu wóroltaltar,
erzélist thu ouh thia gúati, waz íagilicher dáti:
Tharana maht thu irthénken, mit brúnnen thih gidrénken,
gifréwen ouh thie thíne mit géistlichemo wíne.
Sechs sind der Krüge, damit du es genau wissest, die Welt ist geteilt, in
sechs Elemente festgesetzt. Durchsuchst du [z.B.] die Wunder und alle
Weltalter, gehst du auch das Edle durch, was hier jeder getan hat, so sollst
du daran denken, dich mit Wasser zu erfrischen, zu erfreuen auch die dei-
nen mit geistlichem Wein.

Ebenso wie die Krüge mit Wein gefüllt sind, sollen sich also die Menschen
mit göttlichem Wein erfrischen; und die Bezeichnung eines konkreten
Einzelfalls wird hier wieder durch konjunktionslose Konditionalsätze
eingeleitet.
Sucht man nun auch diesen Gebrauch informationsstrukturell zu be-
schreiben, so bieten sich hier die Diskursrelationen von Asher / Lascari-
des (2003)16 an: Es handelt sich um die Relation Elaboration.
• Elaboration (α, β) liegt dann vor, wenn β weitere Information zu
dem in α genannten Ereignis bereitstellt. Dabei herrscht zwischen
den zwei Ereignissen eine temporale Inklusion, und Diskursmarker
sind Wörter wie zum Beispiel.
Genau diese Diskursmerkmale sind in den Belegen (18) bis (21) gegeben.
Hinzu kommt aber noch Folgendes: Die Diskursrelation Elaboration ist
eine unterordnende Relation;17 d.h. dadurch findet eine enge Verknüpfung
mit dem vorausgehenden Satz statt. Überlegt man sich, ob in solchen
Fällen eher ein konjunktionshaltiger oder ein konjunktionsloser Konditio-
nalsatz mit Verberststellung diese Verknüpfung signalisiert, so ist es sicher

_____________
16 Vgl. auch Reese u.a. (2007).
17 Jedenfalls haben die altgermanischen konditionalen V1-Sätze keinen narrativen Charakter.
In diesem Punkt stimmen sie mit den neuhochdeutschen überein (vgl. Reis / Wöllstein
2007).
170 Rosemarie Lühr

der konjunktionslose Konditionalsatz. Wie in vielen anderen Sprachen


auch steht hier Verberststellung für engen Anschluss an den Vordersatz. 18

5. Fazit
Für die untersuchten konjunktionshaltigen und konjunktionslosen Kondi-
tionalsätze hat sich folgende Verteilung ergeben: Von diesen beiden Arten
erscheinen zu Redebeginn, also wenn der Sprecher neu ansetzt und sich
klar ausdrücken sollte, in der Regel konjunktionshaltige Konditionalsätze.
Sie bezeichnen implizite Korrekturen mit Kontrastfoki und weisen be-
stimmte Erwartungen hinsichtlich Folgehandlungen oder mögliche An-
nahmen zurück. Auch innerhalb von direkten Reden, in Anreden an den
Leser und in Kommentaren, Textpartien mit einer besonderen Appell-
funktion, konnte diese Informationsstruktur bei den konjunktionalhaltigen
Konditionalsätzen aufgezeigt werden. Dagegen dienen uneingeleitete
Konditionalsätze der Bezeichnung von Einzelfällen und führen einen
allgemeinen Fall weiter aus; sie sind mit z.B. anschließbar, und es herrscht
die subordinierende Diskursrelation Elaboration. 19 Wie lässt sich nun aber
dieser Befund mit dem der mittelhochdeutschen und altfriesischen
Rechtssprache vereinen? Die Nennung eines rechtsrelevanten Sachver-
halts weist auf den Einzelfall und zeigt durch die Verberststellung im
Konditionalsatz wie bei Otfrid einen engeren Anschluss an das Vorherge-
hende. Dagegen passt die Einschränkungsfunktion der mit ob 'wenn' ein-
geleiteten Konditionalsätze in den Rechtstexten zum Ausdruck von impli-
ziten Kontrasten in den konjunktionshaltigen Konditionalsätzen bei
Otfrid. Denn durch solche Konditionalsätze kommen zusätzliche Bedin-
gungen ins Spiel. Es scheint also, als ob die konjunktionshaltigen und
konjunktionslosen Konditionalsätze bei Otfrid der allgemein im Germani-
schen bei diesen Sätzen geltenden Informationsstrukturierung entspre-
chen. 20

_____________
18 Vgl. etwa das Altgriechische; vgl. Bornemann / Risch (1973).
19 Vgl. Günthner (1999, 220), die in konditionalen V1-Sätzen eine mögliche Thematisierungs-
strategie sieht. Es ist zu prüfen, ob sich die konditionalen V1-Gefüge hinsichtlich Fokus-
sierung wie parataktische Gefüge verhalten. So nimmt Reis (2000, 217) hier zwei Fokus-
Hintergrund-Gliederungen an.
20 Zur Entwicklung der linksperipheren eingeleiteten Adverbialsätze zu Gliedsätzen vgl. Axel
(2002) und (2007, 227ff.).
Bedingungsstrukturen im Älteren Deutsch 171

Quelle

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Halle 1882, Hildesheim u.a.

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Zifonun, Gisela / Hoffmann, Ludger / Strecker, Bruno (1997), Grammatik der deutschen
Sprache, Berlin, New York.
Funktionale Textbausteine
in der historischen Textlinguistik
Eine Schnittstelle zwischen der Handlungsstruktur
und der syntaktischen Organisation von Texten∗

Thomas Gloning (Gießen)

Denk an die Werkzeuge in einem Werkzeugkasten: es ist da ein Hammer, eine


Zange, eine Säge, ein Schraubenzieher, ein Maßstab, ein Leimtopf, Leim, Nägel
und Schrauben. – So verschieden die Funktionen dieser Gegenstände, so ver-
schieden sind die Funktionen der Wörter. (Und es gibt Ähnlichkeiten hier und
dort.) (L. Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen, § 11)

1. Ausgangspunkt: Umrisse einer funktionalen,


historischen Texttheorie
In diesem Beitrag stelle ich Überlegungen an, wie man die funktionalen
Aspekte historischer Texte mit der Frage nach ihrer syntaktischen Gestal-
tung verbinden kann. Ein Anknüpfungspunkt dafür sind sog. funktionale
Textbausteine mit ihren mehr oder weniger typischen syntaktischen Reali-
sierungsformen. Der Rahmen für diese Überlegungen ist eine funktionale
und evolutionäre Textauffassung, die ich im Folgenden kurz skizziere.
Texte kann man einer verbreiteten Auffassung zufolge betrachten als
Werkzeuge der Kommunikation, als Mittel zur Lösung kommunikativer
Aufgaben.1 Ein Kochrezept ist in dieser Perspektive ein Werkzeug, um
eine kulinarische Zubereitungsweise zu beschreiben, ältere medizinische
Rezepte dienen dazu, die Zubereitung und Anwendungsweise eines Heil-
mittels zu charakterisieren. Pflanzenmonographien in Kräuterbüchern
werden verwendet, um medizinische und zum Teil auch botanische Eigen-
_____________
∗ Für Hinweise und Unterstützung danke ich Gerd Fritz, Anita Langenhorst, Hsin-Yi Cheng,
Kerstin Vieritz, Kristina Schneider, Bastian Schmidt und Marc Kuse sehr herzlich.
1 Vgl. Strecker (1986), (1994); Fritz (1993); IDS-Grammatik (1997). In vielen zeitgenössi-
schen Textlinguistik-Konzeptionen ist auch die Frage nach den grammatisch-syntaktischen
Mitteln integriert. Für kommunikationsbezogene und grammatische Aspekte in der histori-
schen Textlinguistik vgl. zum Beispiel Grund (2003); Ziegler (2003); Schuster (2004).
174 Thomas Gloning

schaften von Kräutern zu beschreiben, mit Zeitungsmeldungen kann man


über aktuelle Ereignisse informieren. Texte sind manchmal auch Mehr-
zweckwerkzeuge, mit denen unterschiedliche Funktionen gleichzeitig rea-
lisiert werden können. So dienen Theaterkritiken in vielen Fällen dazu,
über unterschiedliche thematische Aspekte von Aufführungen zu infor-
mieren, sie unter bestimmten Gesichtspunkten zu beurteilen und für die
Leser Handlungsorientierungen zu geben.
Wer sich heute daran macht, ein Kochrezept, eine Theaterkritik oder
eine Zeitungsmeldung zu schreiben, kann sich einerseits auf etablierte
Lösungsverfahren stützen, er oder sie kann aber auch kreative und neuar-
tige textuelle Lösungen anwenden. Die in einer Sprach- und Kommunika-
tionsgemeinschaft mehr oder weniger stark etablierten textuellen Lö-
sungsverfahren kann man als Texttypen betrachten. Texttypen sind
etablierte Lösungsmuster für wiederkehrende textuelle Aufgaben, man
kann sie ansehen als mehr oder weniger stark verfestigte Traditionen des
sprachlichen Handelns mit Texten. Es gehört zum Wesen von Traditio-
nen, dass sie nur im Handeln selbst laufend aktualisiert und dabei stabili-
siert oder verändert werden − und sei es nur geringfügig und in kleinen
Schritten.
Bei der Beschreibung von Texttypen bzw. von textuellen Mustern und
ihrer Entwicklung kann man eine Reihe von grundlegenden Parametern
der Textorganisation nutzen, durch die Texttypen charakterisiert sind.
Diese Parameter sind gleichzeitig Aspekte der Textorganisation und auch
Aspekte möglicher Veränderungen bzw. möglicher historischer Verfesti-
gungen. Die im Folgenden genannten Aspekte hängen teilweise auch un-
tereinander zusammen. Zu den grundlegenden Parametern der Textorga-
nisation gehören in erster Linie:
1. der Zweck / die Funktion von Texten eines Typs;
2. typische sprachliche Handlungen (Züge), die mit Textteilen realisiert
werden, und ihre Abfolge;
3. Themen, Teilthemen, Formen der Themenentfaltung und des The-
menmanagements;
4. Äußerungsformen (im Hinblick auf Lexik und Syntax), Formulie-
rungs- und Vertextungsstrategien;
5. Kommunikationsprinzipien (zum Beispiel Verständlichkeit, Origi-
nalität, Aktualität, Informativität);
6. Handlungsbedingungen (zum Beispiel Personenkonstellation, Wis-
sen);
7. Aufmachungsformen, zum Beispiel formale Textbausteine;
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik 175

8. Aspekte der Einbettung in die weiteren Zusammenhänge ei-


ner Lebensform.
Historische Texttypen, wie sie zu einem bestimmten Zeitschnitt belegt
sind, kann man betrachten als eine jeweils spezifische Ausprägung von
Konstellationen dieser Parameter. Ein Texttyp verändert sich, wenn sich
mindestens einer der Parameter in seiner typischen Belegung dauerhaft
verändert. Will man in dieser Perspektive einen historischen Texttyp zu
einem bestimmten Zeitpunkt beschreiben, kann oder muss man die typi-
sche Belegung dieser Parameter, aber auch ihre Realisierungsspielräume
und ihr Zusammenwirken beschreiben.2 Die Variation und die Spielräume
bei der Belegung der Parameter gehören mit zur Tradition. Will man Text-
typen-Dynamik, also die Entwicklung und möglicherweise die Verände-
rung eines historischen Texttyps beschreiben, muss man die Entwicklun-
gen in den gerade genannten Parametern, in ihren veränderten Spielräu-
men und ihrem veränderten Zusammenwirken beschreiben. Textmuster-
wandel kommt dadurch zustande, dass eine etablierte textuelle Praxis
durch Innovation oder kleinschrittige Variation verändert wird, die von
anderen Nutzern aufgegriffen wird und die sich schließlich weiträumig
verbreitet und etabliert. Auf dem Weg von der Innovation bis zur Etablie-
rung gibt es allerdings auch möglicherweise nur eingeschränkte Verbrei-
tungsdomänen und Grade der Verfestigung.

2. Kompositionalität kommunikativ:
Das Handlungspotenzial von Texten,
kommunikative Aufgaben
und funktionale Textbausteine
Die Beantwortung der Frage, wie Verständigung funktioniert und funk-
tionieren kann, ist eine der zentralen sprachtheoretischen Aufgaben. Eine
Teilfrage bezieht sich auf das Problem, wie komplexe sprachliche Ausdrü-
cke, zum Beispiel Sätze oder Texte, zu ihrer Bedeutung kommen und wie
Verständigung mit komplexen Ausdrücken dieser Art möglich ist. Eine
wichtige Grundannahme, das sog. Kompositionalitätsprinzip, besagt, dass die
Bedeutung komplexer Ausdrücke sich systematisch ableiten lässt aus der
_____________
2 Eigene Arbeiten liegen vor u.a. zu Kochrezepten (14.-18. Jh.), zu Urkunden, zu Pflanzen-
monographien in Kräuterbüchern (12.-18. Jh.), zur Zeitungsberichterstattung und zu
Streitschriften des 16. und 17. Jahrhunderts, zu Spielarten der Theaterkritik und zu Textty-
pen im Bereich der Medizin des 19. Jahrhunderts. Vgl. die Nachweise im Literaturver-
zeichnis.
176 Thomas Gloning

Bedeutung des Gesamtausdrucks und aus der syntaktischen Organisation


der Gesamtausdrucks. Gottlob Frege hat das Prinzip erstmals mit einiger
Klarheit formuliert und in Bezug auf einzelne Erscheinungen (Referenz-
ausdrücke, Wahrheitswertpotenziale elementarer Propositionen, Formen
der Koordination in Gedankengefügen) auch schon behandelt. Er schreibt:
Erstaunlich ist es, was die Sprache leistet, indem sie mit wenigen Silben unüber-
sehbar viele Gedanken ausdrückt, daß sie sogar für einen Gedanken, den nun
zum ersten Male ein Erdbürger gefaßt hat, eine Einkleidung findet, in der ihn ein
anderer erkennen kann, dem er ganz neu ist. Dies wäre nicht möglich, wenn wir
in dem Gedanken nicht Teile unterscheiden könnten, denen Satzteile entsprä-
chen, so daß der Aufbau des Satzes als Bild gelten könnte des Aufbaues des Ge-
dankens. Freilich sprechen wir eigentlich in einem Gleichnisse [...] Sieht man so
die Gedanken an als zusammengesetzt aus einfachen Teilen und läßt diesen wie-
der einfache Satzteile entsprechen, so wird es begreiflich, daß aus wenigen Satz-
teilen eine große Mannigfaltigkeit von Sätzen gebildet werden kann, denen wieder
eine große Mannigfaltigkeit von Gedanken entspricht. (Frege 1923, 36)
Das Kompositionalitätsprinzip gilt einerseits als ein hochrangiges sprach-
theoretisches Prinzip, das unter anderem für die Erklärung von Verständi-
gungsleistungen benötigt wird. Eine offene Frage ist derzeit, inwiefern das
Prinzip der freien Kombinatorik von Äußerungseinheiten beschränkt bzw.
ergänzt wird durch stärker festgelegte komplexe Muster, „prepatterned
speech“, Wendungen, Konstruktionen usw. (vgl. u.a. Goldberg 2003;
Günthner / Imo 2006; Feilke 2007). Das Kompositionalitätsprinzip ist
zum anderen eine wichtige Grundlage im Rahmen der formalen Semantik,
wo versucht wird, Repräsentationen des syntaktischen Aufbaus von Äuße-
rungsformen mit semantischen Repräsentationen in mehr oder weniger
strenger Form zu parallelisieren. Eine prominente Formulierung des
Kompositionalitätsprinzips verdanken wir Barbara Partee (1984, 281):
The compositionality principle, in its most general form, can be expressed as fol-
lows: The meaning of an expression is a function of the meanings of its parts and
of the way they are syntactically combined. [...] In its most general form, the prin-
ciple is nearly uncontroversial; some version of it would appear to be an essential
part of any account of how meanings are assigned to novel sentences. But the
principle can be made precise only in conjunction with an explicit theory of mea-
ning and of syntax, together with a fuller specification of what is required by the
relation ‚is a function of‘.
Man kann die zentrale Passage dieses Zitats im Deutschen versuchsweise
so wiedergeben: Die Bedeutung eines komplexen Ausdrucks hängt syste-
matisch ab von der Bedeutung der Teilausdrücke und der Art, wie die
Teilausdrücke syntaktisch organisiert sind. Wichtig ist in diesem Zitat auch
der Hinweis darauf, dass es bei der Durchführung des Kompo-
sitionalitätsprogramms von entscheidender Bedeutung ist, welche Bedeu-
tungskonzeption zugrunde gelegt wird, welche Art von syntaktischem
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik 177

Beschreibungsrahmen gewählt wird und wie man die systematischen Zu-


sammenhänge zwischen Formaufbau und Bedeutungsaufbau genauer
bestimmt.
Wenn man eine instrumentelle Textauffassung vertritt, steht das kon-
ventionelle Handlungspotenzial von Texten im Mittelpunkt, die Möglich-
keit also, mit Texten komplexe kommunikative Handlungen zu vollziehen
und mit Teiltexten und kleineren Äußerungseinheiten auf geeignete Weise
dazu beizutragen. Eine der zentralen Fragen lautet in dieser Perspektive
dann, wie das konventionelle Handlungspotenzial von Texten zustande
kommt. Man kann eine kommunikativ gewendete Version des Komposi-
tionalitätsproblems vielleicht so formulieren:
Wie kommen kommunikative Handlungspotenziale von Texten zu-
stande? Welche Rolle spielt dabei die syntaktische Organisation und
wie wirken Syntax und andere textuelle Organisations- und Verwen-
dungsprinzipien zusammen?
Das konventionelle Handlungspotenzial eines Textes besteht darin, dass
man mit der Verwendung des betreffenden Textes bestimmte komplexe
Text-Handlungen realisieren kann und dass diese Texthandlungen durch
sprachliche Gepflogenheiten weitgehend gestützt sind.3 Zu den Text-
Handlungen gehört auch der Ausdruck von Propositionen, die Behand-
lung thematischer Aspekte und die Realisierung kommunikativer Aufga-
ben wie zum Beispiel der Ausdruck von Sprechereinstellungen, die Anga-
be von Quellen oder Gewissheitsgraden, Querverweise im Text usw. Will
man zeigen, wie komplexe Handlungspotenziale beim Aufbau von Texten
aus kleineren Texteinheiten zustande kommen, dann ist die Idee der funk-
tionalen Textbausteine ein nützliches Werkzeug bei der Erledigung dieser
Aufgabe, das auch Anknüpfungspunkte für historische Entwicklungen
bietet.

_____________
3 Mit dem Verweis auf konventionelle Aspekte sollen Fälle zunächst ausgeschlossen werden,
bei denen Texte aufgrund von bestimmten Handlungsbedingungen für weiterführende Zie-
le verwendet werden. So kann man unter bestimmten Bedingungen mit einem Kurztext
wie „Du hast verloren. Goethe ist 1832 gestorben“ jemandem mitteilen, dass er bzw. sie
1000 Euro bezahlen muss (weil er bzw. sie eine Wette verloren hat), das gehört aber nicht
zum konventionellen Handlungspotenzial, sondern gehört zum Bereich der Indirektheit,
der konversationellen Implikaturen, der weiterführenden Handlungszusammenhänge und
der dafür notwendigen Verständigungsressourcen.
178 Thomas Gloning

3. Funktionale Textbausteine
Funktionale Textbausteine stellen eine Schnittstelle dar zwischen der
pragmatisch-funktionalen Organisation und der grammatisch-lexikalischen
Realisierung von Texten. Funktionale Textbausteine sind Textteile unter-
schiedlicher Komplexität mit einer bestimmten kommunikativen Teilfunk-
tion im Rahmen einer Texthandlung. Sie werden in vielen Fällen, aber
nicht immer, auch mit mehr oder weniger stereotyp organisierten Realisie-
rungsmitteln bestritten. Ihre Rolle für die historische Textlinguistik lässt
sich in drei Abschnitten charakterisieren: 1. Funktionale Textbausteine
und ihre Rolle für die Handlungsstruktur; 2. Funktionale Textbausteine
und syntaktische Muster; 3. Funktionale Textbausteine, syntaktische Mus-
ter und Aspekte der historischen Entwicklung.

3.1. Funktionale Textbausteine und Handlungsstruktur

Ich bespreche zunächst den Zusammenhang von Handlungsstruktur und


funktionalen Textbausteinen und kommentiere zur Veranschaulichung ein
Textbeispiel des Typs Spezifizierung einer Heilanzeige. Der folgende Textaus-
schnitt ist Teil der Beschreibung des Heilpotenzials in einer Pflanzenmo-
nographie zum Wermut aus der Dioscurides-Übersetzung von 1610:
(1a) Wermut mit Honig vnnd Niter vermischet ist nütz angestrichen
wider die Halßgeschwer (Anginas) vnd mit Wasser wider die
Blattern oder Geschwer Epinyctidas (Kräuterbuch 1610, 164)
Der Textbaustein Spezifizierung einer Heilanzeige erfüllt eine bestimmte
Funktion: Er dient dazu, über eine einzelne Heilanwendung einer Pflanze
zu informieren. In den Pflanzenmonographien von Kräuterbüchern sind
in der Regel mehrere Textteile dieser Art in einem thematischen Abschnitt
zum gesamten Heilpotenzial zusammengestellt. Der zitierte Textausschnitt
enthält zwei Angaben mit jeweils einer Heilanzeige, die mit vnd koordiniert
sind. Der Textbaustein Spezifizierung einer Heilanzeige ist intern komplex
strukturiert, er enthält kleinere Textbausteine, die ihrerseits eine spezifi-
sche Funktion erfüllen. Die Teilfunktionen bzw. die kommunikativen
Teilaufgaben im Rahmen dieses Textbausteins sind:
1. eine bestimmte Heilwirkung spezifizieren (ist nütz wider Y);
2. eine Zubereitungsweise beschreiben und dabei die nötigen Ingre-
dienzien nennen (Wermut mit Honig vnnd Niter vermischet);
3. eine Anwendungsweise spezifizieren (angestrichen; mit Wasser).
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik 179

Wenn man die funktionalen Einheiten durch Klammerung kennzeichnet


und mit den Ziffern für die drei genannten Teilaufgaben versieht, ergibt
sich folgendes Bild:
(1b) 2[ Wermut mit Honig vnnd Niter vermischet ] 1a[ ist nütz ] 3[ an-
gestrichen ] 1b[wider die Halßgeschwer (Anginas)] vnd 2[ <Wer-
mut> mit Wasser ] 1[ <ist nütz> wider die Blattern oder
Geschwer Epinyctidas ]
Solche Teilfunktionen und die darauf bezogenen Textelemente sind in der
medizinischen Textgeschichte bekannt unter Stichwörtern wie Indikation,
Aufzählung der Ingredienzien, Herstellungsanweisung und Applikationsanweisung
(vgl. Goltz 1976, 15ff.). In unserem Beispiel ist erkennbar, dass die funkti-
onalen Bausteine zum einen weiter zerlegbar sind, zum anderen intern
weiter ausbaubar sind und zum dritten auch ineinander eingeschachtelt
werden können. Bei der Angabe der Heilwirkung besteht die Möglichkeit,
kleinere Teile zu identifizieren, etwa die Angabe einer Krankheit, gegen
die eine Pflanze wirkt, in anderen Fällen können auch positive Heilwir-
kungen bestimmt sein. Den Bestandteil eine Krankheit spezifizieren kann man
ausbauen, indem man zusätzlich ein Äquivalent zur Krankheitsbezeich-
nung in einer anderen Sprache angibt (die Blattern oder Geschwer Epinyctidas).
Die Möglichkeit der Einschachtelung wird im Beispiel verdeutlicht durch
die Tatsache, dass sowohl die Herstellungsanweisung als auch die Angabe
zur Anwendungsweise Bestandteile der Angabe zur Indikation sind. Nur
ein auf bestimmte Weise zubereitetes und angewendetes Heilmittel hat das
entsprechende Heilpotenzial. Ein weiteres Beispiel ist das Verfahren, die
nötigen Ingredienzien im Rahmen der Spezifizierung der Arbeitsschritte
zu nennen und nicht in einen eigenen Textblock auszulagern, ein textuel-
les Verfahren, das in medizinischen Rezepten ebenfalls häufig belegt ist.
Das Textbeispiel zeigt weiterhin, dass Textbausteine diskontinuierlich
stehen können. So wird die Spezifizierung der Heilwirkung unterbrochen
durch die Angabe zur Anwendungsweise: 1a[ ist nütz ] 3[ angestrichen ]
1b[ wider die Halßgeschwer (Anginas) ].

Das Beispiel soll zunächst verdeutlichen: Aus kleineren funktional be-


stimmbaren Textbausteinen unterschiedlicher Ausdehnung lassen sich
größere funktionale Einheiten aufbauen, die für die Handlungsstruktur
und die damit zusammenhängende thematische Struktur von Texten von
zentraler Bedeutung sind.
Die Kombinations- und Aufbaumöglichkeiten funktionaler Textbau-
steine sind vielfältig und von unterschiedlichen Graden der Offenheit
bzw. der Schematisierung geprägt. Pflanzenmonographien, Kochrezepte,
Zeitungsberichte, Streitschriften um 1600 zum Beispiel haben jeweils typi-
sche Aufbauschemata mit eher engen Variationsspielräumen. Es kann ein
180 Thomas Gloning

aufschlussreicher Aspekt der Charakterisierung von Texttypen sein, den


jeweiligen Schematisierungsgrad bzw. den Grad der Offenheit zu bestim-
men.
Die Handlungsstruktur von Texten umfasst den Aspekt der Art von
sprachlichen Handlungen und die damit verbundenen thematischen As-
pekte (vgl. Schröder 2003). So gibt es zahlreiche Textbausteine, die cha-
rakterisiert sind durch funktionale und thematische Gesichtspunkte. Ein
wesentliches Aufbauprinzip von Film- oder Theaterkritiken ist beispiels-
weise eine Kombinatorik von wenigen zentralen Handlungsformen wie
Informieren, Bewerten, Veranschaulichen einerseits und zahlreichen, vom
jeweiligen Gegenstand ableitbaren thematischen Aspekten andererseits
(vgl. Stegert 1993). Für Theaterkritiken sähe eine solche erweiterbare
Kombinationsmatrix folgendermaßen aus, sie erzeugt Textbausteine des
Typs Informieren über die Publikumsreaktion oder die Publikumsreaktion veran-
schaulichen usw.:
(...)
(...) den Autor des Stücks
informieren über den Inhalt des Stücks
bewerten das Regiekonzept
beschreiben die Zuordnung Rolle / DarstellerIn
veranschaulichen die schausp. Leistung eines Darstellers
(...) das Publikum, die Publikumsreaktionen
(...)
Darstellung 1: Kombinationsmatrix für Theaterkritiken

Die einzelnen Äußerungseinheiten für solche illokutionär-thematischen


Einheiten können auf vielfältige Weise kombiniert und auf ebenso vielfäl-
tige Weise syntaktisch realisiert werden. Im folgenden Beispiel wird eine
Einheit Informieren über den Inhalt syntaktisch als Nominalphrase realisiert
und mit einer Einheit Informieren über die Publikumsreaktion kombiniert.4
(2) <INF_INH> Die Geschichte des Veroneser Liebespaares, das
verfeindeten Häusern angehört und in diesem Umfeld aus Hass
und Intoleranz zugrunde geht</INF_INH>, <INF_PUBL-
RE> wurde vom Premierenpublikum mit viel Applaus aufge-
nommen. </INF_PUBL-RE>

_____________
4 Die Markierungen besagen folgendes: <INF_INH> = hier fängt ein Baustein mit dem
Profil Informieren über den Inhalt an, </INF_INH> = hier hört er auf, <INF_PUBL-RE> =
hier fängt ein Baustein mit dem Profil Informieren über die Publikumsreaktion an usw. Quelle:
Marburger Neue Zeitung, 16.2.2004.
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik 181

Die Vielfalt in den Gestaltungsmöglichkeiten solcher Texte, die den Text-


linguisten so viel Kopfzerbrechen macht(e), ist unter anderem darauf zu-
rückzuführen, dass Textproduzenten große Spielräume in mindestens drei
Hinsichten haben: 1. bei der Auswahl solcher illokutionär-thematischer
Bausteine; 2. bei ihrer Sequenzierung und Kombinatorik sowie 3. bei ihrer
syntaktisch-lexikalischen Realisierung.
Ein Beispiel für einen sehr viel stärker standardisierten Texttyp ist die
Pflanzenmonographie in den Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts: Das
illokutionäre Profil der Textbausteine liegt vorwiegend beim Beschreiben,
es gibt ein in der Abfolge stark standardisiertes Schema von thematischen
Aspekten und ein sehr viel übersichtlicheres Spektrum syntaktisch-lexika-
lischer Realisierungsformen.5

3.2. Funktionale Textbausteine und syntaktische Muster

Funktionale Textbausteine müssen mit bestimmten Äußerungsformen


sprachlich realisiert werden, die eine grammatisch-syntaktische Struktur
und lexikalische Eigenschaften haben. Auch auf dieser Ebene ist zu beob-
achten, dass sich für wiederkehrende funktionale Textbausteine ein Reper-
toire von Realisierungsmustern mit jeweils eigener grammatisch-lexika-
lischer Typik herausbilden kann. Wenn man auf die syntaktische Organi-
sation von Texten in funktionaler Perspektive blickt, könnten einige
darauf bezogene Leitfragen lauten:
• Welchen Beitrag leisten einzelne syntaktische Muster zur Realisie-
rung typischer funktionaler Textbausteine?
• Gibt es prototypische syntaktische Muster für einzelne kommuni-
kative Aufgaben?
• Wie ist der Zusammenhang von funktionalen Textbausteinen und
grammatisch-lexikalischen Realisierungsmustern in historischen
Texttypen ausgeprägt, wie entwickelt er sich in der Zeit?
Ich will diese Zusammenhänge nun zunächst an einigen Beispielen aus
dem Bereich der Fach- und Gebrauchstexte veranschaulichen.

_____________
5 Vgl. Habermann (2001, Kap. 9); Gloning (2007, Abschnitt 4.1.).
182 Thomas Gloning

3.2.1. Syntaktische Muster für die Formulierung von Arbeitsschritten

Wie oben bereits erwähnt, ist der Textbaustein Spezifizierung einer Heilanzei-
ge grundlegend für die Funktion von älteren Kräuterbüchern als medizini-
sche Informationstexte. Dementsprechend ist dieser Textbaustein beim
gewaltigen Umfang der Kräuterbücher sehr häufig belegt. Ein ebenso
häufig belegter Bestandteil innerhalb dieses Textbausteins ist die Formulie-
rung von Arbeitsschritten als Teil der Spezifizierung einer Zubereitungs-
weise. Der Textbaustein Formulierung von Arbeitsschritten kommt auch in
anderen Texttypen mit handlungsanleitendem Charakter sehr häufig vor.
Für die syntaktische Realisierung des Textbausteins steht eine Reihe von
Mustern zur Verfügung, zum Beispiel Imperative (Nimm), Infinitivkon-
struktionen (den Hecht schuppen) oder man-Konstruktionen (man nimmt).
Daneben finden sich aber auch Konstruktionen, die in dieser Funktion
bislang kaum beachtet wurden: Partizipien. Im folgenden Beispiel einer
Heilanzeige, die nur aus einer Spezifizierung der Zubereitung und einer
Angabe der Indikation (... hilfft ...) besteht, dient eine Nominalphrase mit
nachgestelltem Partizipialattribut der Formulierung des Arbeitsschritts,
wobei die nötigen Ingredienzien ebenfalls genannt werden.
(3) [ Lattich würczel, gesoten mit starkem wein oder mit ezzig ], daz
hilfft dem, der czüpleet ist (15. Jh.; Greifswald 8° Ms 875, 68r;
ed. Baufeld 2002)
Auch im folgenden Beispiel wird im Zubereitungsbaustein der Arbeits-
schritt mit einem nachgestellten Partizipialattribut realisiert, allerdings sind
die beiden Bausteine eingebettet in eine komplexere Spezifizierung einer
Heilanzeige, die aus vier funktionalen Textbausteinen besteht: der Angabe
einer Quelle (1), der Spezifizierung der Zubereitung (2), der Spezifizierung
der Anwendung (3) und der Angabe der Indikation (4):
(4) 1[Der wirdig meister Auicenna in synem andern buoch in dem
capitel Altea spricht ] ... daz 2[ die wuortzel gesotten mit dem kru-
de ] vnde 3[ uff die harten geswer geleyt ] 4[ weichet sye ]. (Gart
der gesuntheit 1485)
Das Muster X gemacht begegnet als Formulierungsmuster für Arbeitsschrit-
te auch in älteren Kochrezepten. Die folgende Liste zeigt in schematisier-
ter Form die wichtigsten Formulierungstypen für Arbeitsschritte in älteren
Kochrezepten (vgl. detaillierter Ehlert 1990):
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik 183

• schneide X
• X schneiden
• man schneidet X
• man soll / muss X schneiden
• man schneide X
• X geschnitten
• X wird geschnitten
Das folgende Rezept aus einem handschriftlichen Kochbuch vom Ende
des 18. Jahrhunderts zeigt, dass die unterschiedlichen (im Textbeispiel
kursivierten) Formulierungstypen für Arbeitsschritte auch in unmittelbarer
textueller Nachbarschaft vorkommen konnten:
(5) Eingemachte Lung Bradl und anderes.
Saubere diesen, und ein wenig gebükelt und etwas gesalzen, in reindl
ein stükl Butter heiß werden lassen und Dämpfen ['dämpfe ihn']
schön ob, hernach giebt man ein wenig Mairon Roßmarin, Lor-
berblätter, Zwiefel Knobloch, nach diesen ein wenig Essig und
Suppen, wanß darmit genug gekocht hat, gieb auch Gewurz, und
sauern Schmeten, wann es nicht dick genug wer, so thut man es
ein wenig einbrennen, und giebt ein wenig Citroniplatel, auch
geschnitene Citronischalen oder Caperl zuletzt darein, und lasset es
aufkochen. [...] die Soß wird durchgetrieben, [...] (hs. Kochbuch The-
resia Lindnerin, c. 1780)
Diese Aspekte habe ich in den beiden Beiträgen zu Kräuter- und Kochbü-
chern schon behandelt, ich möchte nun eine weitere exemplarische Er-
kundung machen im Fachgebiet der Geburtshilfe. Als Text wähle ich
Rößlins Rosegarten (1513) und Georg Wilhelm Steins Theoretische Anleitung
zur Geburtshülfe (1797a), dessen Gegenstand die normale Geburt ist, wäh-
rend seine Practische Anleitung zur Geburtshülfe aus demselben Jahr die Lehre
von der „Geburtshülfe, in widernatürlichen und schweren Fällen“ (1797b,
XIX) umfasst. Ich beginne mit Steins Büchern. Der erste Befund ist, dass
in beiden Werken Formulierungen von Arbeitsschritten bzw. Handlungs-
weisen eine untergeordnete Rolle spielen. Im Vordergrund stehen viel-
mehr medizinische Grundlagen wie zum Beispiel anatomische Verhältnis-
se. In den Kapiteln, in denen der Textbaustein zu erwarten wäre und sich
auch in mäßiger Frequenz findet, werden aber nicht die schematisch ge-
nutzten älteren syntaktischen Muster gebraucht, sondern freier formulierte
Texte. Hier ein Beispiel aus dem Abschnitt „Von der Untersuchung oder
dem Angriffe und dessen Nutzen“ (1797a, 65):
184 Thomas Gloning

(6) §. 201. Die bisher gewöhnliche Untersuchung durch den innerli-


chen Angriff mittelst der Finger (Exploratio interna, seu uterina),
als das nöthigste und nützlichste Geschäft in der Geburtshülfe,
verrichtet man am besten mit dem Zeige- und Mittelfinger, wel-
che man von unten her gegen die Mitte der großen Lefzen an-
setzt, und damit durch den Schließmuskel der Mutterscheide
dergestalt in der Mutterscheide selbst krumm heraufgeht, daß der
Daumen über die Schoosbeine zu liegen komme, der Ring- und
Mittelfinger aber gestreckt über den Damm weg laufe, und man
solchergestalt bis zu dem Muttermunde selbst gelange.
Die eigentliche Beschreibung der Verfahrensweise ist syntaktisch realisiert
in einer komplexen Präpositionalphrase (mit dem Zeige- und Mittelfinger, wel-
che ...). Innerhalb der Beschreibung sind die Handlungsweisen mit man-
Konstruktionen realisiert (man setzt an, man geht krumm herauf). Im Unter-
schied zu den Formulierungen von Arbeitsschritten in den Kräuterbü-
chern enthält dieser Textbaustein auch Angaben zu den Resultaten bei
erfolgreicher Ausführung (daß der Daumen über die Schoosbeine zu liegen kom-
me), ein textuelles Verfahren, das zum Beispiel auch in älteren Kochbü-
chern und in modernen Gebrauchsanleitungen vorkommt, dort etwa in
Form der Erläuterung von Ergebnisbildschirmen in Computerhandbü-
chern. Der zweite Befund lautet also, dass von einer weitreichenden syn-
taktischen Standardisierung bzw. Schematisierung dieses Textbausteins in
Steins Geburtshilfe-Text nicht die Rede sein kann.6
Die beiden Befunde zur Frequenz und zum Grad der syntaktischen
Schematisierung des Textbausteins tragen mit bei zur sprachlichen Cha-
rakterisierung dieser Art von Lehrbüchern, wie sie zum Teil in mehreren
Auflagen begleitend zu Vorlesungen über längere Zeiträume verwendet
wurden. Sehr viel stärker schematisiert sind demgegenüber die Hand-
_____________
6 Ein zweites Großkapitel, das ich daraufhin geprüft habe, ist „Das neunte Capitel. Von der
Hülfe, die man Kreissenden in der natürlichen Geburt schuldig ist“ (1797a, 203ff.). Zu den
hier belegten Ausdrucksweisen gehören auch solche mit Nominalisierungen als Kern der
Konstruktion: „Es besteht aber dieser durch die zweyte und dritte Zeit (§. praec.) anwend-
bare Handgriff in [ einer peripherischen, allmäligen und sanften Erhebung des Muttermun-
des über diejenigen Theile, welche in ihm stehen ], damit diese in ihm so herunter sinken,
wie jener sich über sie hinauf begiebt“ (208; Herv. TG). Auf Seite 209 schreibt der Verfas-
ser, es sei „dieses ganze Manuel freylich bey der Geburt besser zu zeigen, als hier zu leh-
ren“ (Manuel 'Handgriff; Verfahrensweise, die mit der Hand ausgeführt wird'). Das könnte
eine Erklärung dafür sein, dass die Formulierungen von Arbeitsschritten in diesem Buch
insgesamt eine untergeordnete Rolle spielen. Eine weitere Beobachtung ist, dass durch die
sog. aphoristische Darstellungsweise zum Teil Aspekte, die zu ein und demselben Arbeits-
schritt gehören, auf unterschiedliche Abschnitte verteilt werden, z.B. §. 676, wo ein Ar-
beitsschritt formuliert wird, und §. 677, wo die zeitlichen Aspekte dieses Arbeitsschrittes
separat behandelt werden (1797a, 211); dagegen §. 680 auf S. 212, wo beide Aspekte sich
im selben Paragraphen befinden.
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik 185

lungsanleitungen und die darin enthaltenen Formulierungen von Arbeits-


schritten in Eucharius Rößlins Der Swangeren Frauwen vnd hebammen Rosegar-
ten (1513), die im Abschnitt über die Vorgehensweisen bei unterschiedli-
chen Kindslagen typischerweise diesem Muster folgen: Wo / So / Ob (aber)
<Bedingung> So sol man / sol die hebamm <Formulierung von Handlungs-
schritten>:
(7) Jtem ob das kind sich mitt dem hindern erzeugte/ So soll die
hebamm mit yngelaßner hand das kind vbersich heben/ vnd mit
den fue ssen vßfue ren (E2a)
Diese ersten Beobachtungen zur syntaktischen Gestaltung des Textbau-
steins Formulierung von Arbeitsschritten bezogen sich auf dreierlei Dimensio-
nen: 1. die Frage nach den mehr oder weniger typischen syntaktischen
Realisierungsmustern für eine kommunikative Aufgabe; 2. die Frage nach
den Zusammenhängen von Texttyp, Frequenz und Realisierungsformen
des Textbausteins; 3. die Frage nach historischen Verhältnissen bzw. Ent-
wicklungen.

3.2.2. Funktionale Textbausteine und syntaktische Muster


in Theaterkritiken

Aktuelle Theaterkritiken können als Beispiel dafür dienen, wie standardi-


sierte Realisierungsformen für Textbausteine neben freieren Konkurren-
ten gebraucht werden. Ein wiederkehrender Textbaustein in Theater- und
Filmkritiken ist die Zuordnung von Darsteller/-in und Rolle, die vielfach
im Rahmen von Nominalphrasen realisiert wird. Das Bild, das sich hier
ergibt, ist weitgehende Standardisierung mit einem übersichtlichen Spekt-
rum von Haupttypen, für das folgende Beispiele stehen mögen:7
(8) Romeo (Robert Stadlober); Romeo (glänzend Robert Stadlober)
(9) Robert Stadlober (Romeo)
(10) Guido Lambrecht (in der Rolle) als verdatterter Tybalt
(11) Bruder Lorenzo, bei Jörn Ratjen ein flotter Mönch mit Wollmütze
(12) Julia, Ensembleneuzugang Jana Schulz
(13) der Diener Theodor Daneggers
Daneben findet man aber immer wieder auch weniger schematisierte,
kreativere Lösungen:
_____________
7 Nachweise in Gloning (2008) zu den Spielarten der Theaterkritik.
186 Thomas Gloning

(14) Denn kein Geringerer als der süße ‚Sonnenallee-Wuschel‘, Kino-


liebling Robert Stadlober mühte sich dort oben ... als Romeo ab.
(15) Endlich – den jungen Maler Dubedat gab Moissi: der vor drei
Jahrzehnten erschaffen worden ist, um diese Rolle zu spielen.
Um dieser Mensch in diesem Werk zu sein. (Alfred Kerr, 1908)
Die Realisierung mit Nominalphrasen ist tendenziell stärker schematisiert,
die satzförmigen Realisierungen erlauben tendenziell mehr Gestaltungs-
spielraum und größere Originalität, wie insbesondere das Zitat von Alfred
Kerr zeigt, das eine ganz ungewöhnliche Formulierung darstellt und des-
halb die herausragende Bewertung der schauspielerischen Leitung unter-
stützt. Es scheint sich hier um ein Verfahren zu handeln, das auch aus der
Theorie der sprachlichen Höflichkeit bekannt ist: Erhöhter sprachlicher
Aufwand signalisiert Wertschätzung. Ein weiterer Grund, nicht Standard-
formulierungen wie (8) bis (13) zu verwenden, ist die sehr viel bessere
Möglichkeit, weitere sprachliche Aufgaben im Vorbeigehen zu realisieren.
Zwar kann man auch im Rahmen von Nominalphrasen andere Funktio-
nen anlagern, zum Beispiel die Bewertung in (8) oder die Rollencharakteri-
sierung in (10) und (11), aber satzförmige Realisierungen wie (14) erlauben
es, Aspekte der Charakterisierung auch im Prädikat unterzubringen (mühte
sich ab für den Aspekt der schauspielerischen Leistung).
In historischer Perspektive stellt sich die Frage, wie sich das Reper-
toire der sprachlichen Realisierungsformen für die Zuordnung von Rolle /
DarstellerIn herausgebildet und entwickelt hat. Eine erste Sichtung von
Theaterkritiken des späteren 19. und frühen 20. Jahrhunderts8 ergibt zu-
nächst, dass in diesem Zeitraum ein breites Spektrum von Realisierungs-
formen zu belegen ist, zu dem auch viele der oben genannten Muster
gehören. So finden sich bei Fontane, der ein fleißiger Theaterkritiker war,
unter anderem satzförmige Muster („Herr Kahle gab den Brutus“, 1969,
395), Nominalphrasen mit Genitivattribut („Fräulein Stollbergs Tullia“,
ebd., 396), die erwähnten Klammerausdrücke wie „Fräulein Meyer (Lucre-
tia)“ (ebd.), andererseits aber auch die Zuordnung über Verfahren des
Rückbezugs: „Die Rolle des Tarquinius Superbus ist nicht bedeutend;
Herr Klein machte, was daraus zu machen war. Als sein glänzendster Mo-
ment erschien mir der, wo er ...“ (ebd., 395f.). Die Beispiele mit der kursi-
ven Hervorhebung zeigen auch, dass hier eine Vertextungsstrategie wirkt,
die an den einzelnen Schauspielern und ihrer Leistung orientiert ist. Es
gibt aber auch Formulierungsstrategien von den Rollen her: „Die Beset-
zung der Titelrolle mit Herrn Klöpfer war insofern nicht glücklich, als der
Künstler in seiner Naturanlage die romanische Wesensart des Hans nicht
_____________
8 Vgl. Fontane (1969); Rühle (1988).
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik 187

herausbringen konnte; dafür spielte er ...“ (1916; Rühle 1988, 49). In die-
sem Beispiel ist die Zuordnung Rolle / DarstellerIn mit einer Nominal-
phrase realisiert (Die Besetzung der Titelrolle mit Herrn Klöpfer), die funktional
mit einer Beurteilung der Besetzungsentscheidung kombiniert ist. Insge-
samt erscheint das Repertoire um 1900 reichhaltig, nur zum Teil schemati-
siert, die Bausteine mit den Zuordnungen Rolle / DarstellerIn sind häufig
mit anderen Bausteinen kombiniert und in einem eigenen thematischen
Abschnitt konzentriert. Beim Gebrauch von syntaktischen Mustern für die
Zuordnung von Rolle / DarstellerIn ist vielfach ein Prinzip der Variation
erkennbar. Auch die Abfolge der Elemente für SchauspielerInnen / Rol-
len ist variabel. Im folgenden Beispiel sind zwei Zuordnungen jeweils mit
Nominalgruppen realisiert, deren Kern sich im ersten Fall auf den Darstel-
ler, im zweiten Fall auf die Rolle bezieht. Ich kennzeichne den Zuord-
nungsbestandteil SchauspielerIn / Rolle mit <S-R>, die Teile zum Schau-
spieler mit <S>, die Teile zur Rolle mit <R>:
(16) <S-R> <S>Der Schauspieler Gustav Rodegg</S>, <R>wel-
cher den älteren Bruder spielte</R></S-R>, zeigte sich sehr
gewachsen. [...] Ausgezeichnet. <S-R> <R>Sein jüngerer Bru-
der</R>, <S>Herr Bildt,</S> </S-R> war nicht aus dem El-
saß. Zu sehr aus Norddeutschland. Ansonsten jedoch straff und
wacker. (Rühle 1988, 51f.)
Eine kommunikative Einflussgröße, die den Zusammenhang von funktio-
nalen Textbausteinen und ihrer Realisierung mit beeinflusst, sind die
Kommunikationsprinzipien. Für die syntaktische Gestaltung gilt in unter-
schiedlichen Texttypen ein Prinzip der syntaktischen Komprimierung,
zum Beispiel in juristischen Texten oder der Zeitungsberichterstattung.
Auch in Theaterkritiken finden sich Formen der syntaktischen Verdich-
tung von funktional-thematischen Bausteinen. Der folgende Abschnitt aus
einer Theaterkritik von 1973 ist ein Beispiel dafür, wie ein Trägersatz An-
gaben zu Genre (Ballettkomödie), Titel (‚Der Bürger als Edelmann‘), Regisseur
(von Barrault) und Regiekonzept (entfesseltes Spektakel) beinhaltet, eingelagert
− als Apposition zur einleitenden Nominalphrase − ist eine komprimierte
Inhaltsangabe in Form einer weiteren, komplexen Nominalphrase (die
Geschichte ... liebt):
(17) [...] Die Ballettkomödie ‚Der Bürger als Edelmann‘, <INF_
INH> die Geschichte des reichen, aber höchst bürgerlichen
Herrn Jourdain, der verzweifelt nach aristokratischen Allüren
strebt, Fechten, Singen, Tanzen und Philosophieren studiert, von
einem bankrotten Hochgeborenen schamlos ausgenützt und
schließlich durch einen gewaltigen Mummenschanz alla turca da-
zu gebracht wird, seine Tochter dem Jüngling zu verheiraten, den
188 Thomas Gloning

sie liebt, </INF_INH> war von Barrault zum entfesselten Spek-


takel aufbereitet worden. [...] ( Pizzini 1973)
In ähnlicher Weise bietet die folgende kurze Passage komprimierte und
integrierte Angaben zur Zuordnung von Darsteller und Rolle, zur Publi-
kumsreaktion (mit Jubel begrüßt), zwei positive Bewertungen (ganz und gar
köstlich; allergrößtes Pepi-Format), eine wiedergegebene Bewertung (die Sache
mit dem Jubel), eine negative Bewertung (Outrage), Angaben zur Charakte-
risierung der Rolle (von liebenswerter, kindlicher Großmannssucht) und zum
sonstigen Profil des Darstellers (die sonst seine Sache nicht sind), die auf ganz
unterschiedliche syntaktische Elemente verteilt sind:
(18a) Selbst Josef Meinrad, mit Jubel begrüßt, ein ganz und gar köstli-
cher Jourdain von liebenswerter, kindlicher Großmannssucht,
der im ersten Teil zu allergrößtem Pepi-Format vorstieß, mußte
sich in diesem Türkenbild zu Outragen zwingen lassen, die sonst
durchaus seine Sache nicht sind. (ebd.)
Um den Komprimierungsaspekt herauszustellen, kann man die Passage
versuchsweise umformulieren und jeder der hier integriert realisierten
kommunikativen Aufgaben einen eigenen Satz und einen damit vollzoge-
nen eigenen, selbstständigen Sprechakt widmen:
(18b)Joseph Meinrad spielte die Rolle des Jourdain. Er wurde mit Ju-
bel begrüßt. Er spielte den Jourdain köstlich. Wenn Sie mich
nach dem Ausmaß der Köstlichkeit fragen, kann ich sagen: ganz
und gar. Er spielte einen Jourdain von liebenswerter, kindlicher
Großmannssucht. Im ersten Teil stieß er zu allergrößtem Pepi-
Format vor. Dazu gab es einen Gegensatz. Im Türkenbild mußte
er sich zu Outragen zwingen lassen. Joseph Meinrad spielt nor-
malerweise nicht Rollen, die outragiert (übertreiben, überzogen)
angelegt sind.
So schreibt natürlich kein Mensch, und wir alle sehen die Vorteile der
tatsächlich praktizierten Schreibweise. Gleichwohl muss man sagen, dass
die Geschichte der syntaktischen Komprimierung als einer janusköpfigen
Schreibstrategie − das eine Augenpaar richtet sich auf die Syntax, das
andere auf die Texttypen und die damit verbundenen kommunikativen
Aufgaben − erst in Ansätzen geschrieben ist und noch nicht wirklich auf
der Tagesordnung der historischen Syntax, der historischen Textlinguistik
und der darauf bezogenen Integrationsdisziplinen steht. Seit wann gibt es
syntaktische Formen der Komprimierung? Für welche kommunikativen
Aufgaben und Zwecke? In welchen Texttypen? Mit welchen Realisie-
rungsstrategien? Wie entwickeln sie sich historisch? Und: Wie spielen
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik 189

funktionale Textbausteine, die darauf bezogenen syntaktischen Muster


und die dafür verwendeten lexikalischen Realisierungsmittel zusammen?

3.3. Funktionale Textbausteine, syntaktische Muster und Aspekte


der historischen Entwicklung

Die Frage nach funktionalen Textbausteinen, nach syntaktischen Mustern,


nach ihren textuellen Zusammenhängen und nach Aspekten der histori-
schen Entwicklung hat einerseits stärker empirisch orientierte und ande-
rerseits stärker prinzipienorientierte Ausrichtungen. Einige dieser Frage-
stellungen will ich hier wenigstens aufzählungsweise nennen:
• Wie wurden einzelne funktionale Textbausteine in bestimmten
Sprachstadien und in bestimmten Texttypen realisiert?9
• Wie und unter welchen Bedingungen haben sich einzelne funktio-
nale Textbausteine im Lauf der Zeit entwickelt?
• Wie haben sich die einzelnen syntaktischen Realisierungsweisen
und das gesamte Spektrum der Realisierungen für einen funktiona-
len Textbaustein entwickelt?
• Inwiefern kann man die Realisierungscharakteristik für funktionale
Textbausteine nutzen, um historischer Texttypen und ihrer Ent-
wicklung zu charakterisieren?
• Inwiefern tragen die Befunde zu einzelnen Texttypen und Textbau-
steinen auch dazu bei, unser Wissen über das Funktionspotenzial
einzelner grammatischer Konstruktionen zu bereichern (zum Bei-
spiel Partizipien zur Formulierung von Arbeitsschritten; selbststän-
dig verwendete Nominalgruppen als Ereignisangaben in Tagebü-
chern)?10
• Welche Faktoren und evolutionären Muster lassen sich für die
Entwicklung funktionaler Textbausteine, ihrer syntaktischen Muster
und ihres Zusammenhangs beschreiben? Wie lassen sich Entwick-
lungen erklären?

_____________
9 Vgl. z.B. zu Formen der Quellenkennzeichnung: Fritz (1991), (1993); Schröder (1995);
Haß-Zumkehr (1998). Zu Querverweisen: Gloning (2003, Kap. 4.).
10 Zur funktionalen Syntax von Tagebüchern vgl. Admoni (1988).
190 Thomas Gloning

• Wie lässt sich der gesamte Fragenkomplex des Zusammenhangs


von textueller und syntaktisch-lexikalischer Organisation in eine
evolutionäre Theorie der Sprachentwicklung11 integrieren?
Die Bearbeitung dieser teils stärker empirisch, teils stärker theoretisch
ausgerichteten Fragestellungen gehört mehrheitlich noch zu den Zu-
kunftsaufgaben im Schnittbereich von historischer Textlinguistik und
funktionaler historischer Syntax.

4. Zusammenfassung und Ausblick


Das Konzept der funktionalen Textbausteine ist ein nützliches Werkzeug
bei der Beschreibung der Handlungsstruktur (einschließlich der Themen-
struktur) von historischen Texten und bei der Beschreibung des Zusam-
menspiels von Handlungsstruktur und syntaktischer Organisation von
Textbausteinen, auch in ihrer historischen Entwicklung.
Im vorliegenden Beitrag habe ich versucht zu zeigen und anhand von
Beispielen zu verdeutlichen, dass die Untersuchung der historischen Aus-
prägung und Entwicklung funktionaler Textbausteine, die Analyse der
dafür verwendeten syntaktischen Muster und die Bestimmung ihres Bei-
trags zur Charakteristik historischer Texttypen und ihrer Entwicklung
lohnende Unternehmungen an der Schnittstelle von historischer Textlin-
guistik und historischer Syntax sind, die auch Ausstrahlungen zur histori-
schen Lexikologie aufweisen.
Die textuell-syntaktischen Fragen im Schnittbereich von Grammatik
und Textpragmatik sind darüber hinaus auch ein lohnendes Feld für eine
evolutionäre Texttheorie, für die Frage nach der Rolle von „Konstruktio-
nen“ und für die Frage nach der Mechanik und den Bedingungsfaktoren
des Sprachwandels.

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_____________
11 Vgl. hierzu u.a. Keller (1990), (1995); Heringer (1998).
Funktionale Textbausteine in der historischen Textlinguistik 191

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Wie eine historische Grammatik
der temporalen Relationen aussehen könnte ...

Maxi Krause (CRISCO) ∗

1. Vorbemerkung
Der Vergleich der alt-, mittel- und auch noch frühneuhochdeutschen
Sprachdenkmäler mit dem heutigen Deutsch ist prinzipiell problematisch, da
er dialektale Zeugnisse mit einer ziemlich stark normierten Standardform
konfrontiert. Methodisch sauberer wäre es, die Entwicklung von den alten
Sprachstadien zu den entsprechenden Dialektvarianten der heutigen Zeit
aufzuzeichnen und diese dann der Norm der Standardsprache gegenüber-
zustellen. Dies ist an dieser Stelle leider nicht möglich. Da das Thema sehr
komplex ist, lassen sich Zusammenhänge hier nicht in Einzelheiten kom-
mentieren; die zeitweise tabellarische Darstellung dürfte aber genügen, das
zentrale Anliegen anhand dreier Fallstudien deutlich zu machen.

2. Einleitung
Was sind eigentlich temporale Relationen? Oder besser: Was wird im Fol-
genden als temporale Relation angesehen?
Ich verstehe darunter das Einordnen von Prozessen in einen zeitli-
chen Rahmen, ihre Datierung, sei sie nun vage oder genau, absolut oder
relativ (2008, damals, vorhin, am Sonntag, in drei Stunden …). Dies kann ver-
bunden sein mit dem Ausdruck von Vorzeitigkeit und Nachzeitigkeit – es
handelt sich dabei prinzipiell um ein Verhältnis des Aufeinanderfolgens,
das eben unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden
kann (erst wird zugehört, dann wird diskutiert / vor dem Essen bitte Hände wa-
schen.) – sowie von Gleichzeitigkeit (er studiert und nebenher fährt er Ta-
xi / beim Frühstück Zeitung lesen). Zum dritten verstehe ich darunter die
_____________
∗ Universität Caen Basse-Normandie.
196 Maxi Krause

Angabe der Dauer (Er hat den ganzen Winter über / zwei Jahre lang nichts ge-
schrieben). Ein Grenzfall einer temporalen Relation wäre die Präzisierung
dessen, was zum wievielten Mal stattfindet oder stattgefunden hat, d.h.
Reihenfolge und Frequenz (sie war zum ersten Mal in Graz, er schon mehrmals).
Temporale Relationen können auf vielfältige Art und Weise zum Aus-
druck gebracht werden, sei es durch ein einziges, sei es durch mehrere,
kooperierende Mittel: Durch Verbformen (er hatte gegessen und legte sich ins
Bett.); durch temporale Nebensätze, die entweder durch ausschließlich
temporale Subjunktionen eingeleitet werden (solange es regnet, bleiben wir hier)
oder durch Subjunktionen, die nur unter bestimmten Bedingungen tem-
poralen Wert haben (wenn er da war, war sie glücklich / während sie arbeitet, geht
er einkaufen.); durch Präpositionen, Postpositionen und Circumpositionen
in Verbindung mit bestimmten Kasus, wobei es auch hier ausschließlich
temporale Adpositionen gibt (seit 2005) neben solchen, die nur unter be-
stimmten Bedingungen temporal sind, was sehr viel häufiger ist (nach / vor
dem Mittagessen); durch eindeutig und ausschließlich temporale Adverbien
(gestern, heute, damals, seither) sowie Adverbien und Adverbkombinationen,
die nur in bestimmten Kontexten temporal sind (danach, hinterher, darüber
hinaus); durch Nominalgruppen im Genitiv und Akkusativ (letztes Jahr, jeden
Dienstag / eines schönen Tages); und schließlich durch verbale und nominale
Lexeme (folgen, Folge / Anfang, Ende).
Lässt man Tempora, Nebensätze sowie flektierende Lexeme einmal
beiseite, bleiben invariable Elemente übrig (Adpositionen, Adverbien), die
hier vorerst im Vordergrund stehen sollen, auf die sich eine historische
Grammatik der Relationen aber nicht beschränken sollte. Prinzipiell gibt
es drei Möglichkeiten, sich der Geschichte dieser Relationsträger zu nä-
hern: (1) Einmal die isoliert morpho-phonetische Beschreibung, d.h. die
Etymologie einzelner Signifikanten. Sie lässt Syntax und Semantik – not-
gedrungen – weitgehend beiseite. So steht beispielsweise unbestreitbar
fest, dass nhd. seit auf mhd. sît und ahd. sîd zurückgeht. (2) Zum zweiten
eine die Syntax und Semantik berücksichtigende Beschreibung ohne Be-
zug auf irgendeine Systematik. Eine solche Herangehensweise vernachläs-
sigt Distributionsregeln. Falls entsprechende Kapitel in Grammatiken
überhaupt existieren, ist Verzicht auf Systematik fast der Regelfall.1 (3)
Und schließlich eine Beschreibung, in der die unterschiedlichen sprachli-
chen Mittel eingeordnet werden in eine Systematik der Relationen; dies ist
eine Vorgehensweise, die es gestattet, Fälle von Kooperation und Kom-
plementarität aufzudecken und Gebrauchsbedingungen (Distributionsre-

_____________
1 Ich beschränke mich hier auf die Standardgrammatiken der von W. Braune begründeten
Sammlung kurzer Grammatiken germanischer Dialekte; eine Ausnahme bildet die Althochdeutsche
Grammatik II. Syntax von R. Schrodt.
Historische Grammatik der temporalen Relationen 197

geln) auf die Spur zu kommen. Bei einem solchen Ansatz wird schnell
deutlich, dass die oben genannten Kriterien (Vor- / Nach- / Gleichzeitig-
keit; Dauer, Reihenfolge und Frequenz) der Ergänzung und Verfeinerung
bedürfen. Die drei Möglichkeiten seien anhand der folgenden Beispiele
kurz illustriert.
Das Beispiel sīt – sîd – seit: Die Etymologie ist unbestritten. Allerdings
erfährt man2 damit nichts über die Art der Verwendung von seit / sît und
sîd. Weder etwas darüber, dass mittelhochdeutsches sît auch als Adverb
auftreten konnte, z.B. im Nibelungenlied (NL)
(1) sît wart sie mit êren eins vil küenen recken wîp (NL I,18)
[Später wurde sie in allen Ehren eines sehr kühnen Recken Weib]
(2) mit dem jungen künege swert genâmen sie sît. (NL II,28)
[mit dem jungen König erhielten sie später / danach das Schwert.]
noch etwas darüber, dass althochdeutsches und mittelhochdeutsches sîd /
sît nur selten durch neuhochdeutsches seit wiedergegeben werden kann.
(3) Pilatus giang zen liutin sid tho thesen datin | wolt er in gistillen thes
armalichen willen. (Otfrid IV 23,11)
[Danach ging Pilatus wieder zu den Leuten...]
(4) Sid tho thesen thingon fuar Krist zen heimingon, (Otfrid II 14,1)
[Danach begab sich Christus wieder heimwärts...]
Das Beispiel nach: Nach geht rein morphologisch auf mhd. nâch und ahd.
nâh zurück, aber temporales nhd. nach hat als semantischen Vorgänger
zwar mhd. nâch, ahd. jedoch after und sīt (vgl. zu letzterem supra die Bei-
spiele (3) und (4)):
(5) After worton managen joh leron filu hebigen | [...] so giang er in den
oliberg (Otfrid III 17,1)
[Nach vielen Worten / Reden und vielen Belehrungen […] ging er zum
Ölberg]
(6) er hete sich nâch dem slage | hin vür geneiget unde ergeben (Iwein
1108)
[Er hatte sich nach dem Schlag vorgeneigt / verbeugt und ergeben]
Aus dem bisher Angedeuteten ergibt sich die zweite Möglichkeit, sich der
Geschichte der temporalen Relationsträger zu nähern, nämlich über ihre
Semantik und ihr syntaktisches Verhalten. Relativ einfach ist dies, wenn
ein Signifikant ersetzt wird durch einen anderen (so zum Beispiel ahd. after
durch mhd. und nhd. nach). Weniger einfach ist es in Fällen wie sīt – sîd –
_____________
2 Zum Beispiel in Kluge (2002, 839).
198 Maxi Krause

seit, wo der Signifikant erhalten bleibt, sein semantischer Gehalt und unter
Umständen auch seine kategoriale Zugehörigkeit sich jedoch ändern. Und
hier klafft eine riesenhafte Lücke. Schlägt man in sprachwissenschaftlichen
Lexika nach unter dem Stichwort Bedeutungswandel, findet man zwar Bei-
spiele zu Substantiven und Verben, seltener zu Adjektiven (vgl. bei Glück
2005; Bussmann 2002), aber nicht eines zu invariablen Lexemen wie in, an
oder eben seit und nach. Und in der Tat gibt es unzählige Untersuchungen
zum Bedeutungswandel einzelner sogenannter Autosemantika, allerdings
bisher relativ sehr wenig zum Bedeutungswandel sogenannter Synseman-
tika (hierzu vor allem Publikationen in den Beiträgen zur Geschichte der deut-
schen Sprache und Literatur). Ich verwende die beiden Begriffe Auto- und
Synsemantikon hier der Einfachheit halber, im Grunde neige ich eher dazu,
diese Unterteilung als ungerechtfertigt zu betrachten.
Es bedarf also eines Instrumentariums und einer Systematik, die es
gestatten, dem Bedeutungswandel so unauffälliger Lexeme wie es Parti-
keln zu sein scheinen, auf die Spur zu kommen. Grundgedanke ist dabei,
dass ein invariabler Signifikant X im Prinzip ein einziges Signifikat hat,
d.h. eine Menge von Merkmalen, die entweder alle gleichzeitig oder aber
auch nur teilweise aktualisiert werden und zwar je nach Funktionsbereich
(Raum, Zeit, Abstraktion), nach Zugehörigkeit zu einem System oder
Subsystem von Relationen sowie nach Erscheinungsweise (als Adposition,
Adverb oder Teil von Adverbien, trennbare oder untrennbare Verbalpar-
tikel). Der zweite Grundgedanke ist, dass Relationen sich systematisieren
lassen, zum einen nach den oben genannten Funktionsbereichen, zum
andern nach bereichsspezifischen Kriterien, wie zum Beispiel ± Achsen-
bezug (Raum), lineare oder punktuelle Bezugsgröße (Zeit), noch zu entwi-
ckelnde Kriterien (Abstraktion).
Bis in die siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts gab es eine solche
Systematik nicht. 1972 erschien die Habilitationsschrift eines französi-
schen Germanisten, Philippe Marcq, mit dem Titel Prépositions spatiales en
allemand ancien, in welcher er anhand der Untersuchung des Althochdeut-
schen und Mittelhochdeutschen bis Berthold von Regensburg eine Syste-
matik der spatialen Relationen entwickelte, die er in späteren Publikatio-
nen auch aufs Neuhochdeutsche und Französische ausdehnte und um den
Bereich der temporalen Relationen erweiterte.3 1978 erscheint die erste
Arbeit Marcqs zu den temporalen Relationen im Tatian, 1988 der Band
Spatiale und temporale Relationen im heutigen Deutsch und Französisch. 1992 folgt
aus meiner Feder eine Arbeit zu den Zeitangaben bei Otfrid, 1994 zu den

_____________
3 Für die spatialen Relationen liegt eine durchgehende Behandlung bis zum Neuhochdeut-
schen vor durch die Arbeit eines Schülers von Marcq; vgl. Desportes (1984). Punktuelle
Ergänzungen zum Neuhochdeutschen finden sich in meinen eigenen Arbeiten.
Historische Grammatik der temporalen Relationen 199

Zeitangaben im Gotischen, 1997 Konkurrenz und Komplementarität in einem Teilbe-


reich der temporalen Relationen sowie 2000 der Aufsatz Binnenstruktur temporaler
Nominalgruppen im Akkusativ und Genitiv. Alle genannten Arbeiten bauen
auf Marcq auf, desgleichen die Magisterarbeit von Sébastien Guillardeau
Les prépositions et cas dans la localisation temporelle chez Gottfried von Straßburg et
Hartmann von Aue (Caen, 2000). Es fehlt also bislang eine durchgehende
Untersuchung der temporalen Relationen vom Althochdeutschen bis zum
Neuhochdeutschen. Außerdem blieben in den genannten Arbeiten die
Adverbien weitgehend ausgeschlossen. Hier besteht also Forschungsbe-
darf.

3. Die Systematik von Philippe Marcq


Die Systematik der temporalen Relationen ergab sich für Marcq aus der
Systematik der spatialen Relationen. Temporale Relationen sind prinzipiell
abstrakter Natur; da sie sich jedoch leicht abgrenzen lassen von anderen
abstrakten Relationen wie beispielsweise dem Ausdruck der Finalität oder
Kausalität, ist es berechtigt, sie als einen besonderen Untersuchungsge-
genstand zu behandeln. Zudem basieren die allermeisten der von Adposi-
tionen getragenen temporalen Relationen auf spatialen Bildern.4
Hier muss nun kurz die Marcq'sche Systematik erläutert werden, etwas
gerafft und mit Beispielen aus dem heutigen Deutsch: Da Zeit, im Ver-
gleich zum Raum, eindimensional ist, kann sie mittels einer (per conven-
tionem nach rechts orientierten) Achse dargestellt werden. Prozesse (in-
klusive des Prozesses sein) werden auf dieser Achse lokalisiert und zwar im
Verhältnis zu mindestens einer, häufig auch zwei Bezugsgrößen. Die eine
Bezugsgröße, die notwendigerweise immer vorhanden ist, kann entweder
als Punkt oder als Segment auf der Zeitachse verortet werden und wird im
Folgenden als Bezugstermin bezeichnet. Ob dieser (z.B. Ferien) als Punkt
oder als Segment aufgefasst wird, hängt ausschließlich von der Intention
des Sprechers ab:
vor den Ferien nach den Ferien
(7a) ●
vor der Reise / dem Essen nach der Reise / dem Essen

in den Ferien
(7b)
auf der Reise / beim Essen
_____________
4 Vgl. dazu Krause (2008, 15ff.).
200 Maxi Krause

Dieser immer vorhandene Bezugstermin (Punkt oder Segment) kann ent-


weder ein Zeitabschnitt sein (z.B. Ferien, Weihnachten) oder ein Prozess
(z.B. Reise, Essen). Personennamen sowie Orte repräsentierende Nomina
(Toponyme und andere) können einen Zeitabschnitt vertreten:
(8) vor Hitler (= vor 1933)
Er kennt ihn von der Universität / Berlin her (= seit seinem Studi-
um / seit seiner Zeit in X)
Die zweite Bezugsgröße, die in manchen Fällen von Belang ist, ist die
Bezugsperson, welche entweder der Sprecher selbst sein kann oder eine
andere Person.
(9) Seit fünf Uhr regnet es.
Bezugstermin ist fünf Uhr; die Bezugsperson befindet sich irgendwo rechts
davon und ist im obigen Beispiel identisch mit dem Sprecher / Denker.5
Marcq unterscheidet vier Systeme:6
• Ein System I mit punktuellem Bezugstermin; in diesem System wird
der Prozess entweder links oder rechts des Bezugspunkts lokalisiert.
• Ein System II mit linearem Bezugstermin; hier wird der Prozess in-
nerhalb des Bezugssegments lokalisiert.
• Ein System der Ko-Okkurrenz (in dem bestimmte Oppositionen
aufgehoben sind); die Opposition Punkt – Segment spielt hier keine
Rolle.
• Ein kleines, nur zwei besondere Relationen beinhaltendes System
des Aufeinanderfolgens und Erwartens.
Es gibt prinzipiell vier Relationen,7 in denen sich der lokalisierte Prozess
zur Bezugsgröße befinden kann, eine statische und drei dynamische:
• die statische Relation: lokalisierter Prozess und Bezugsgröße befin-
den sich in einem statischen Verhältnis zueinander:
(10) Vor den Ferien hat er wahnsinnig viel gearbeitet. (System I)
In den Ferien ” ” ” ” ” (System II)

_____________
5 Der Terminus Sprecher wird hier im weitesten Sinne verwendet: Auch die Person, deren
Gedanken wiedergegeben werden (innerer Monolog bzw. berichtete Rede) fällt darunter (daher
die Erweiterung auf Denker), ebenso wie der Autor schriftlicher Äußerungen.
6 Teilweise wurden diese von Schrodt (2004) übernommen.
7 Zuzüglich der Relation des Aufeinanderfolgens und der Relation des Erwartens.
Historische Grammatik der temporalen Relationen 201

• die direktive Relation, d.h. der lokalisierte Prozess bewegt sich auf
den Bezugstermin zu:
(11) Wir arbeiten bis 16 Uhr. (System I)
Wir arbeiten bis in die Nacht hinein. (System II)
• die perlative Relation, d.h. der lokalisierte Prozess bewegt über den
Bezugstermin hinaus (System I) bzw. füllt ihn aus (System II):
(12) Wir planen über das Jahr 2015 hinaus. (System I)
Wir arbeiten die ganze Nacht hindurch. (System II)
• die ablative Relation: der lokaliserte Prozess beginnt beim bzw. im
Bezugstermin:
(13) Wir arbeiten ab 8 Uhr. (System I)
Wir haben von Kind auf gearbeitet. (System II)
Die drei dynamischen Relationen implizieren den Begriff der Dauer; die
statische Relation impliziert Gleichzeitigkeit (was in System II und im
System der Ko-Okkurrenz deutlicher zum Ausdruck kommt als in Sys-
tem I).
Nun gibt es häufig mehrere sprachliche Mittel, die ein und dieselbe
Relation tragen können. Diese Mittel verhalten sich zueinander entweder
komplementär oder konkurrierend, teilweise auch kooperierend. Ein
schönes Beispiel für komplementäre Distribution bieten heutzutage in +
DAT. und an + DAT. im System II:
(14) Am Sonntag waren wir in Paris.
Im Winter waren wir in Paris.
Ein Beispiel für die Konkurrenz zweier Signifikanten bieten z.B. von +
Adv. + an sowie von + Adv. + ab:
(15) Von jenem Tag an rauchte er nicht mehr.
Von jenem Tag ab rauchte er nicht mehr.
Und Kooperation besteht im zweiten Satz in (16) zwischen ab und von:
(16) Ab heute rauche ich nicht mehr.
Von heute ab rauche ich nicht mehr.
Stehen für ein und dieselbe Relation mehrere Signifikanten zur Verfügung,
schränken im Allgemeinen Distributionsregeln die Auswahl ein. Überge-
ordnetes Kriterium ist die Art der Bezugsgröße: Zeitspanne oder Prozess.
202 Maxi Krause

(17) im Winter (Zeitspanne) - *in der Fahrt (Prozess)


*auf dem Winter - auf der Fahrt
den Winter über - *die Diskussion über
Weitere Differenzierung erfolgt
• durch die Eingrenzung der Mittel, welche die Bezugsgröße be-
zeichnen: bestimmte Wortarten (z.B. Substantiv oder Adverb) und
semantische Gruppen innerhalb einer Wortart sowie einzelne Wör-
ter;
• gruppenintern durch notwendige Zusätze (bzw. Weglassung) von
Determinativen, Quantoren und anderen Elementen, durch Kate-
gorien wie Numerus, zählbar – unzählbar etc.;
• gruppenextern durch Verbform (einfach oder zusammengesetzt)
und Art des Verbs (punktuell oder linear);
• durch Differenzierung der syntaktischen Mobilität (frei bzw. fi-
xiert).8
Mit anderen Worten: Das Regelgeflecht weist – ausgehend von relativ
übergeordneten Kriterien über speziellere – feinste Verästelungen auf, an
deren Endpunkten festgefügte Einheiten stehen können, wie z.B. auf der
Stelle und auf einmal; selbst für solche Einheiten kann es jedoch noch Dif-
ferenzierungen geben, wie z.B. folgende:
(18) Auf einmal wurde es dunkel.
[System II; statische Relation; + inchoativ; syntaktisch relativ
mobil: ausgeschlossen ist die Position, die für auf einmal = gleich-
zeitig reserviert ist.]
(19) Bitte nicht mehr als drei Personen auf einmal.
[System II; statische Relation; + quantitative Konnotation; syn-
taktisch fixiert auf den Platz unmittelbar hinter der Nominal-
gruppe mit – obligatorischem – Quantor.]
Festzuhalten ist, dass sich die lexikalisierten Einheiten in das allgemeine
Schema einordnen.
Zu den bisher genannten Kriterien kommt noch ein weiteres, welches
schwerer zu fassen ist, nämlich das der Stilebene und / oder Textsorte:
(20) Binnen eines Jahres hat er Englisch gelernt.
In einem Jahr hat er Englisch gelernt.

_____________
8 Vgl. zum Neuhochdeutschen Krause (1997, 225ff.).
Historische Grammatik der temporalen Relationen 203

Beide Sätze liefern dieselbe Information, aber – um es vorsichtig auszu-


drücken – binnen ist weniger umgangssprachlich als in, dem jedoch keines-
falls im Umkehrschluss das Etikett nur umgangssprachlich anzuheften ist. Des
Nachts ist eindeutig nicht umgangssprachlich, etc.
Die meisten temporalen Präpositionen und temporal gebrauchten
obliquen Kasus haben nicht von sich aus temporalen Wert (eine Ausnah-
me ist seit), sie erhalten diesen erst in der Kombination mit anderen Ele-
menten – umgekehrt werden aber auch letztere durch ihr Umfeld einge-
grenzt, präzisiert, festgelegt. Beispiel: Lesen kann temporale Bezugsgröße
sein in
(21) Über dem Lesen hab ich das ganz vergessen.
aber auch eine Fähigkeit bezeichnen:
(22) Lesen gehört zu den Grundfertigkeiten.
Die Festlegung erfolgt also immer in zwei Richtungen. Rein strukturelle –
auf welcher Ebene auch immer angesiedelte – Kriterien reichen oft nicht
aus, Eindeutigkeit herzustellen; sie sind unabdingbar, aber genauso unver-
zichtbar ist Welt- und Kontextwissen:
(23) Erster Bosnien-Hilfstransport der Reutlinger Caritas nach Dayton.
[Schwäb. Tagblatt 11.5.96]
Nach kann nur dann als temporal erkannt werden, wenn der Leser weiß,
dass Dayton ein US-amerikanischer Ortsname ist, dass an diesem Ort
politische Absprachen getroffen wurden und dass somit der Ortsname
einen Zeitpunkt repräsentiert.

4. Die Systematik nach Marcq, tabellarisch (20. Jh.)


Ausführliche Kommentare sind hier nicht möglich.9

4.1. System I : punktuelle Bezugsgröße (Bezugstermin)

Bei der statischen Relation (4.1.1.) sind zwei Konstellationen zu unter-


scheiden.

_____________
9 Vgl. dazu Marcq (1988) und Krause (1994b), (1997), (1998) sowie (2002a).
204 Maxi Krause

4.1.1. Statische Relation

hinter + DAT. vor + DAT.

Bezugsperson = Bezugstermin (Verben: nur liegen, haben,


sein)
(24) Endlich hatte ich das hinter mir. / Das liegt noch vor dir.

vor + DAT.; gegen + A nach + DAT.

Bezugstermin
[Position der Bezugsperson rechts oder links vom Bezugs-
termin]
(25) vor Weihnachten; gegen Ende des Jahres / nach Weihnachten; nach dem
Essen, nach der Reise

Sonderfall: In die Zukunft oder Vergangenheit versetzte statische Relati-


on:
vor + DAT. (+ Quantor) in + DAT. (+ Quantor)

Bezugstermin [± heute, gestern; Montag…] und Bezugsperson


befinden sich am gleichen Punkt.
(26) (heute / gestern / Montag) vor drei Tagen / in drei Tagen

4.1.2. Direktive Relation

auf + AKK. + zu / hin


auf + AKK. (selten)

Bezugstermin
(27) Es geht auf Weihnachten zu; er paukt auf die Prüfung hin.
Historische Grammatik der temporalen Relationen 205

DAT. + entgegen

Bezugsperson Bezugstermin
(28) Wir gehen schweren Zeiten entgegen.

4.1.3. Perlative Relation

vorbei / vorüber [+ gehen oder sein]; um oder rum [+ sein]

Bezugstermin = Bezugsperson
(29) Es geht alles vorüber / vorbei; endlich war die Stunde (r)um.

über + AKK. hinaus

Bezugstermin [Position der Bezugsperson ist belanglos]


(30) Wir planen über das Jahr 2015 hinaus.

4.1.4. Ablative Relation

von + DAT. / ADV. + an [am häufigsten]


von + DAT. / ADV. + ab [weniger häufig]
ab + DAT. / ADV. [Relikt]

Bezugstermin [Position der Bezugsperson ist belanglos]


(31) Von da an / ab konnte er das Wort „Präposition“ nicht mehr hö-
ren. / Ab morgen gibt es nur noch Wasser.

seit + DAT. / ADV.



Bezugstermin Bezugsperson
(32) Seit Weihnachten / gestern regnete es / hat er nicht mehr angerufen.
206 Maxi Krause

seit + DAT. (+ Quantor)10




Bezugstermin Bezugsperson
([es + her + sein] + AKK. [Quantor + Subst.])
(33) Seit drei Tagen regnete es. / Es ist keinen halben Tag her, da hat er
noch gesungen…

4.1.5. Sonderfall: Lokalisierung in Bezug auf zwei punktuelle


Bezugstermine

Nur statische Relation:


zwischen + DAT.

1. Bezugstermin 2. Bezugstermin
(34) Das machen wir zwischen Weihnachten und Neujahr.

Statische Relation (sporadisch realisierter Prozess):


von + DAT. X + zu + DAT. X [identischer Dativ: ausschließlich Zeit]

1. Bezugstermin 2. Bezugstermin n-ter Bezugstermin


(35) Von Zeit zu Zeit treffen sie sich zum Kaffee.

Übergang von einem punktuellen Bezugstermin zu einem andern:


von + DAT. X + zu + DAT. X
[identischer Dativ ohne Determinativum]
[+ Ausdruck des Zunehmens oder Abnehmens]

1. Bezugstermin 2. Bezugstermin n-ter Bezugstermin


(36) Sie wurde von Tag zu Tag schöner. / Ihre Angst wuchs von Minute
zu Minute.

_____________
10 Andauernder Prozess oder iterativ + abgeschlossen.
Historische Grammatik der temporalen Relationen 207

4.2. System II (lineare Bezugsgröße)11

4.2.1. Statische Relation

AKK., GEN., an + D, in + D, auf + D, während + G, unter + D, über + D,


auf einmal

(37) Letztes Jahr waren wir auf Ischia. Eines schönen Tages kam er zu-
rück. Am Montag / am Abend gehen wir ins Kino. Im Winter / auf
der Fahrt; während des Winters / der Fahrt. Unter verlegenem Räuspern
verließ er den Salon. Über dem Kochen hab’ ich das ganz vergessen.
Auf einmal waren alle weg. / Redet doch nicht alle auf einmal!

In die Zukunft versetzte statische Relation:


auf + A, für + A, in + A

(38) Die Sitzung verschieben wir auf nächsten Montag. Die Konferenz
war für Dienstagnachmittag angesetzt. Das verlegen wir in die Zeit
vor Weihnachten.

Der lokalisierte Prozess umschließt die Grenzen des Segments: um + A

(sehr kurzes Segment: präzise Angabe) (langes Segment: vage Angabe)


(39) um 20 Uhr 30 / um die Jahrhundertmitte

_____________
11 Distributionsregeln, vgl. Krause (1997, 236ff.); A = Akkusativ; D = Dativ; G = Genitiv.
208 Maxi Krause

4.2.2. Direktive Relation:12

bis + A, bis (in + A) ± hinein, bis (an + A), (bis) auf + A

(40) Bis 1989 gab es quer durch Europa den „Eisernen Vorhang“. Sie
schufteten bis in die Nacht (hinein). Ich bleibe bei euch bis ans Ende
aller Tage. Damit machte er sich unvergesslich bis auf den heutigen
Tag.

4.2.3. Perlative Relation

in + D, innerhalb + G / von, binnen + D / G, auf+ A, für + A, durch + A


[sehr selten], während + G / D, AKK (± lang), AKK + (hin)durch, AKK +
über, über + A (± hinweg)

(41) Ich weiß nicht, ob ich das in drei Tagen schaffe. Innerhalb kürzester
Zeit / von drei Tagen hatte er sich das Notwendige angeeignet. Bin-
nen weniger Sekunden war es stockdunkel geworden. Sie hat ihn
auf / für drei Wochen in die Berge geschickt. Dieses Buch hat mich
durch all die Jahre immer wieder getröstet. Während längerer
Zeit / der ganzen Fahrt herrschte Ruhe. Wir bleiben den ganzen Tag
am Strand. Er war fünf Tage (lang) verschüttet. Der Motor ist die
Nacht durch gelaufen. Ich habe die ganze Nacht über kein Auge zu-
getan. Über Ostern bleiben wir zu Hause. Über mehrere Jahre hinweg
waren junge Taschendiebe aus Südosteuropa ein Topthema der
Boulevardpresse.

_____________
12 Überschneidung mit dem System der Ko-Okkurrenz.
Historische Grammatik der temporalen Relationen 209

4.2.4. Ablative Relation13

aus + D, seit + D, von + D + auf, von + D / Adv. + her

(42) Ein Märchen aus uralten Zeiten / eine Kirche aus dem 9. Jahrhundert;
dazu wurde er von Kind / klein auf angehalten; er kennt ihn von der
Uni / vom Krieg her.

4.3. System der Ko-Okkurenz (Neutralisatoren)14

4.3.1. Statische Relation

bei + D, mit + D, zu + D.
(43) Bei Ostwind bleibt das Fenster zu; beim Frühstück liest er Zeitung;
mit der beginnenden Dämmerung zündet die Mutter die Kerzen an.
Zur Zeit nicht vorrätig.

4.3.2. Direktive Relation

bis [± andere Präp.+ DAT.]+AKK (meist nicht zu erkennen)


oder bis + ADV.
(44) Der Schnee blieb bis zum späten Vormittag liegen. / bis nächsten
Montag.
(vgl. System II)

4.3.3. Ablative Relation

Vgl. System II.

_____________
13 Überschneidung mit dem System der Ko-Okkurrenz.
14 Einzelheiten bei Krause (1998), (2002b), (2002c) und (2002d).
210 Maxi Krause

4.4. System des Aufeinanderfolgens und Erwartens

Aufeinanderfolgen: auf + A
(45) Auf Regen folgt Sonnenschein.
Erwarten: auf + A
(46) Er ist gespannt auf die neue Lehrerin.

5. Diachronie der Relationen: Drei Fallstudien


Wie bereits erwähnt, ist eine systematische diachronische Studie der tem-
poralen Relation bislang ein Desideratum. Was im Folgenden
ausschnitthaft dargestellt wird, basiert auf wenigen Texten, die allerdings –
soweit es die Adpositionen betrifft – vollständig ausgewertet wurden. Für
Substitute, Sub- und eventuell Konjunktionen ist die Auswertung noch zu
leisten. Fürs Althochdeutsche steht hier Otfrids Evangelienbuch (O), fürs
Mittelhochdeutsche stehen Gottfried von Straßburg (Go) sowie Hart-
mann von Aue (Ha). Die Befunde fürs Mittelhochdeutsche sind jene der
Abschlussarbeit von Sébastien Guillardeau; Beispiele aus dem Nibelun-
genlied wurden von mir gesammelt. Fürs Neuhochdeutsche stehen Auto-
ren des 20. Jahrhunderts sowie Zeitungsartikel (vor allem Schwäbisches Tag-
blatt und Die Zeit), teils von mir selbst zusammengetragen, teils Krause
1994, 1998, 2002a-d entnommen.

5.1. Fallstudie I: System I, statische Relation


(Position der Bezugsperson belanglos), diachron

Adpositionen:
ahd. er + D; fora + D; fora + Instr. (thiu) after + D, after + INSTR. (thiu); sid + D
mhd. vor + D; wider + (?); gegen / gein + D nâch + D
nhd. vor + D; gegen + A nach + D

Substitute (teilweise Adverbien):15


ahd. fora thiu (referiert auf Sachverhalte) after thiu (referiert auf Sachverhalte)
tharfora (? Spat. od. temp. ?) sīd

_____________
15 Vgl. dazu Krause (2003, 101ff.) und (2007, 453ff.).
Historische Grammatik der temporalen Relationen 211

mhd. dâ vor sît


nhd. davor [ziemlich selten] danach; (später); (hernach); hinterher
vorher; zuvor

(47) So was io wort wonanti er allen zitin worolti […] (O II 1,5); Was iz
ouh giwisso fora einen ostoron so, theso selbun dati, fora theru wihun
ziti. (O III 6,13.14); Sehs dagon fora thiu quam er zi Bethaniu,
[…] (O IV 2,5); After worton managen joh leron filu hebigen […] so
giang er in then oliberg (O III 17,1); Was siu after thiu mit iru sar
thri manodo thar (O I 7,23); Pilatus giang zen liutin sid tho thesen
datin (O IV 23,1); Er muases sid gab follon fiar thusonton
mannon (O III, 6,53)
(48) Vor einer vesperzîte huop sich grôz ungemach (NL 814,1); […] vor
disen sunewenden sol er und sîne man sehen hie vil manigen, der im
vil grôzer êren gân. (NL 7751,3); Bî der sumerzîte und gein des
meien tagen […] (NL 295,1); hiute ist der ahte tac nach den sunewen-
den (I 2941); Sold' er rehte wizzen, wie es nâch der stunt zer hôhge-
zîte ergienge […] (NL 781,2); ir vater der hiez Dancrât, der in diu
erbe liez sît nach sime lebene […] (NL 7,3); Kriemhilt in ir muote
sich minne gar bewac. sit lebte diu vil guote vil manegen lieben
tac (NL 18,2)
(49) vor Weihnachten; vor dem Essen; vor 2008; gegen Ende des 19. Jahrhun-
derts; gegen 20 Uhr; nach Weihnachten; nach dieser Rede; nach dem Fest

5.2. Fallstudie 2: System I, statische Relation (synchron, 20. Jh.)

Die Bezugsperson befindet sich links oder rechts des Bezugstermins


Adpositionen:
vor + DAT.; gegen + A nach + DAT.

Substitute:
davor; vorher; zuvor danach; (später); (hernach)
hinterher
Subjunktionen:
bevor nachdem
212 Maxi Krause

In die Zukunft oder Vergangenheit versetzte statische Relation: Bezugs-


termin = Bezugsperson:
Adpositionen:
vor + D [+ Quantor bzw. NPlur.] in + D [ + Quantor]

Substitute:
vorhin / [gerade] / [kürzlich] nachher / [gleich] / [später]
davor darin / danach
Subjunktionen:
(kurz) bevor … wenn … (dann)
nachdem
Aus dieser Übersicht geht hervor, dass für den links der Bezugsgröße
befindlichen Teil der Zeitachse in beiden Fällen die Präposition vor zu-
ständig ist, ein Substitut davor allerdings nur dann stehen kann, wenn die
Position der Bezugsperson belanglos ist. Sie zeigt auch, dass mit da- gebil-
dete Substitute nur sehr eingeschränkt einsetzbar sind.16 Ähnliches scheint
für Subjunktionen zu gelten. Durchgestrichene Signifikanten zeigen, dass
ihre Verwendung hier ausgeschlossen ist.
(50) Das Rigorosum war gut gelaufen, obwohl er die Nacht davor fast
nicht geschlafen hat / Na, da bist du ja endlich. Wo warst du
denn vorhin? – *Wo warst du denn davor?
Nachdem er promoviert hatte, fand er erst mal keine Stel-
le. / Wenn du dann einkaufen gehst, bring mir bitte Milch mit.
Aber vorher solltest du noch schnell die Wäsche abhängen. –
*Aber vorhin solltest du noch schnell die Wäsche abhängen.

5.3. Fallstudie 3: System II (diachronisch)

In eckigen Klammern wird einerseits die Art der Bezugsgröße präzisiert


(Zeitspanne oder Prozess) oder aber – bei eingeschränkter Auswahl mög-
licher (Pro-)Nomina – die entsprechenden Lexeme. Kurzkommentare
geben Hinweise auf die Kombinatorik. DET steht für Determinativum. Mit
initialem Ausrufezeichen sind diejenigen Signifikanten gekennzeichnet, die
entweder ganz verschwunden sind oder heute nicht mehr genau in dersel-
ben Funktion oder in denselben Kombinationen auftreten. Neu hinzu-
kommende Signifikanten(-gruppen) sind durch Unterstreichung gekenn-
zeichnet. Ø bedeutet, dass es im betreffenden Korpus keinen entspre-
_____________
16 Vgl. dazu Krause (2007, 458ff.).
Historische Grammatik der temporalen Relationen 213

chenden Beleg gibt; was nicht heißt, dass dazu innerhalb der Gesamtheit
einer Sprachstufe keine sprachlichen Mittel zur Verfügung standen. Zif-
fern präzisieren die Anzahl der Belege.

5.3.1. Statische Relation

ahd. AKK. [+ sar (io) thia wîla]


!DAT. (nur 5 Belege) [Zeitspanne]
GEN. [Zeitspanne; genau messbare Einheiten]
!GEN. [Prozess: fart]
in + DAT. (am häufigsten) [Zeitspanne; „Lebensabschnitt“]
in + DAT. (Prozess / DAT. = Gerundivum + sîn; Prozess]
!in + AKK. (weit weniger häufig) [Zeitspanne; „Lebensabschnitt“]
!innan + GEN. [thes] (häufig) [→ nhd. indes]
!innan + INSTR. [thiu] (2 Belege)
mhd. AKK. [40 bei Go / Ha; Zeitspanne; rechtsdeterminiert nur morgen,
ohne Links-DET.; alle übrigen linksdeterminiert]
GEN. [65 bei Go / Ha; Zeitspanne, auch wîle; ± DET. (links)
sowie links- und rechtsdeterminiert]
an + DAT. [Zeitspanne (49, davon 30 stunt); + DET.; Prozess
(14 Belege); insg. 67 Belege; 1 Beleg mit Bezugstermin „Lebensab-
schnitt“]
in + DAT. [Zeitspanne; Prozess (relativ selten); + DET.; 97 Be-
lege; 10 Belege mit Bezugstermin „Lebensabschnitt“]
[in und an konkurrierend; im Nhd. komplementär]
binnen + DAT. [Go, 1; Prozess; + DET.]
ûf + DAT. [8 Belege; Prozess; + DET.]
under + DAT. [7 Belege; Zeitspanne (2); Prozess (5)]
!under + INSTR. [thiu, (3)]
nhd. AKK. [nur Zeitspanne; Namen der Wochentage; Woche, Monat,
Jahr, Namen der Jahreszeiten + oblig. dies-, letzt-; nächst-; kommend-;
vergangen-; bei Namen von Wochentagen fakultativ; referiert auf
Gegenwart der Bezugsperson = Sprecher); + jed- referiert nicht
auf die Gegenwart des Sprechers]
GEN. [sehr selten; Zeitspanne; Tageszeiten; Tag; + ein-: einmali-
ger Prozess; + des: kann repetitiv sein (allerdings nicht mit Tag)]
an + D [Zeitspanne: Tageszeiten (außer Nacht) + Wochentage;
Tag; Namen von Feiertagen u. allg. Festen; falls i. Plural: jede
Teilmenge fungiert isoliert als Bezugsgröße]
an + D [Prozess: subst. Infinitiv; Prädikat: sein oder bleiben]
214 Maxi Krause

in + D [Zeitspanne; alles, was nicht mit an kombinierbar; falls


Plural: Teilmengen konstituieren zusammen eine einzige Bezugs-
größe]
in + D [Prozess: subst. Infin. / Subst.; Prädikat: nicht sein oder
bleiben]
auf + D [Prozess („veranstaltet“); Subjekt ist am Prozesse der Be
zugsgröße direkt beteiligt]
während + G [Prozess; Subjekt ist am Prozesse der Bezugsgröße
nicht unbedingt beteiligt]
während + G [Zeitspanne; im Prinzip keine Einschränkungen]
unter + D [Zeitspanne; marginal; nur mit Woche, Jahr; Konnota-
tion: Bezugsgröße ist Arbeitszeit]
unter + D [Prozess; + subst. Infinitiv / anderes Subst; bes.
nomina actionis; Bezugsprozess linear; + modale Funktion; WIE?]
über + D [ Prozess; + subst. Infinitiv, selten andere Subst., bes.
nomina actionis; lokalisierter Prozess linear im Vergleich mit dem
Bezugsprozess; + kausale Funktion: WARUM?]
auf einmal [lexikalisiert; Bezugsprozess u. lokalis. Prozess sind
identisch; = gleichzeitig]

5.3.2. Direktive Relation

ahd. !unz + ... [Überschneidung mit System I; wohl der Ko-Okkurrenz


zuzuordnen]
!unz + AKK. (2) [Zeitspanne]
!unz + DAT. (1) [Zeitspanne]
!unz + anan + AKK. (2) [Zeitspanne]
!unz + in + AKK. (8)[Zeitspanne]
!unz + in + ADV. (1) [unz in nu]
!unzan + DAT. od. AKK.? (1 Beleg; „Lebensabschnitt“)
mhd. !unz an + ACC. [34; Zeitspanne]
!unz ûf + ACC. [4; Zeitspanne] } Problem: System I oder
!uns vür + ACC. [1; Zeitspanne] II (bzw. Ko-Okkurrenz)?
nhd. bis [± andere Präp.+ AKK. / DAT.]+AKK [meist nicht zu er-
kennen]
oder
bis (in + A) ± hinein,), bis (an + A), bis (auf + A)
bis + ADV.
Historische Grammatik der temporalen Relationen 215

5.3.3. Perlative Relation

ahd. AKK. (40) [Zeitspanne]


!GEN. (2) [Zeitspanne]
!GEN. (1) [Prozess] [es muss offen bleiben, ob hier eine perlative
Relation – während der ganzen Reise – oder eine statische Relation
vorliegt: auf der Reise]
in + DAT. [Zeitspanne]
!in + AKK. (nur 1 Beleg) [Zeitspanne]
ubar + AKK. (7) [Zeitspanne]
!untar + DAT. (1) [Prozess]
mhd. AKK. [102; Zeitspanne; ohne DET. nur naht unde tac; sonst fast
immer linksdeterminiert, nur 1-mal rechtsdeterminiert]17
AKK. + alsô lanc [1; den tac alsô lanc]
!GEN. [7; Zeitspanne; ohne DET. nur nahtes (2); sonst Links-
DET.]
in + DAT. [20; Zeitspanne; Ø + ADJ. (kurz, 19; unlanc, 1]
innerhalp + DAT. [Go; 4; Zeitspanne; + NUMkard.]
!innen + dis- + DAT. [Go, 2; Zeitspanne; + NUMkard.]
!inner + DAT. [Go, 1; Zeitspanne; + NUMkard.]
nhd. AKK (± lang) [Zeitspanne, + ein-, halb- oder ganz- bzw. NUM
kard.]
AKK + (hin)durch [Zeitspanne; im Prinzip ohne Zahl; + best.
Art.]
AKK + über [Zeitspanne; ohne Zahl; + best. Art. bzw. Name
von Feiertagen u. ä.]
in + D [Zeitspanne; i. Sing. + ein- + halb-; i. Plur.: Zahl ; im Prin-
zip ohne Art.]
innerhalb + G / VON [Zeitspanne; wie IN]
binnen + D / G [Zeitspanne; wie IN]
auf + A / + ADV. (immer / ewig) [Zeitspanne; Zahl mögl., nicht
notwendig]
für + A / + ADV. (immer) [Zeitspanne; Zahl möglich, nicht not-
wendig]
durch + A [sehr selten]
über + A [Zeitspanne; ohne Zahl; best. Art. eher selten; wenn
ohne Art., dann Name von Feiertagen (häufig) und Nacht]
über + A + hinweg [Zeitspanne]
_____________
17 Im Folgenden: LinksDET., RechtsDET.; NUMkard = Kardinalzahl; Art. = Artikel; best. =
bestimmt.
216 Maxi Krause

während + G / D [Zeitspanne; Zahl möglich bzw. anderer


Quantor]
während + G / D [Prozess; ohne Zahl; best. Art. + ganz-]

5.3.4. Ablative Relation

Sie ist nicht leicht zu trennen vom System der Ko-Okkurrenz, eventuell
dort anzusiedeln. Die Opposition Punkt – Segment ist neutralisiert.
ahd. fon + DAT. [„Lebensabschnitt“; Prozess]
mhd. von + DAT. [4; [„Lebensabschnitt“: von kinde / von Kanêles
jâren (3); Zeitspanne + LinksDET. (1)]
nhd. aus + D
seit + D
von + D + auf
von + D + her
von + Adv + her

6. Fazit
Der Unterschied zwischen der Herangehensweise von Marcq und seinen
Nachfolgern einerseits und andererseits den Vorgängern, die sich punktu-
ell sehr ausführlich mit Präpositionen und Kasus beschäftigten, ist folgen-
der: Bis 1972 liegen Einzeluntersuchungen zu bestimmten Signifikanten,
auch Signifikantengruppen vor, die häufig ungemein detailgenau und aus-
führlich sind und in denen auch schon anklingt, dass die genaue Bedeu-
tung und Funktion eines Elementes X des Vergleichs mit einem oder
mehreren semantisch und funktionell benachbarten Element(en) Y und /
oder Z bedarf.18 Marcq bezeichnet diese Art von Arbeiten als „atomis-
tisch“.19 Sein Ansatz ist, ohne ausdrücklich so bezeichnet zu werden, eher
ein onomasiologischer Ansatz, indem sein Hauptaugenmerk darauf gerich-
tet ist, bestimmte Raster (Systeme) herauszuarbeiten, denen dann jeweils
einzelne Bedeutungsträger zugeordnet werden können. Allerdings ergeben
sich solche Raster erst aus der genauen Untersuchung einzelner Signifi-
kanten. Auch hier erfolgt also Erkenntnis und Zuordnung immer im
Wechselspiel.
_____________
18 So zum Beispiel die Arbeiten von Krömer (1959, 323ff.) [sowie weitere Beiträge von
Krömer in anderen Nummern].
19 Marcq (1972, 2a).
Historische Grammatik der temporalen Relationen 217

Systematisierung ist unabdingbar für den Vergleich unterschiedlicher


Signifikanten (→ Distributionsregeln), unterschiedlicher Sprachen (syn-
chronisch; kontrastiv) sowie unterschiedlicher Sprachstadien (diachro-
nisch). Erst die Systematisierung gestattet präzise Aussagen zu Sprach-
wandelprozessen.
Eine historische Grammatik der temporalen Relationen sollte also
Adpositionen, Adverbien und Sub- bzw. Konjunktionen zusammenhän-
gend darstellen, nach Relationen geordnet (und gegebenenfalls mit Quer-
verweisen zu Verbalpartikeln). Wenn eine derartige Grammatik Teil einer
alles umfassenden historischen Grammatik wird – und wenn vergleichbare
Teilgrammatiken bzw. Großkapitel zu den spatialen und abstrakten Rela-
tionen erarbeitet sind –, dann lässt sich das, was bisher unter Syntax fir-
miert und sehr Unterschiedliches enthält, prinzipieller gestalten mit Aus-
sagen zur Verbstellung in Haupt- und Nebensatz, zur Herausbildung von
Klammerkonstruktionen etc. Grundsätzlich bleibt jedoch festzuhalten:
Syntax ohne Semantik hat wenig Sinn – und: Semantik ohne Syntax ist
unvollständig.

Quellen

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218 Maxi Krause

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Historische Grammatik der temporalen Relationen 219

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Schröbler, neu bearb. u. erweitert v. Heinz-Peter Prell, Tübingen.
Schrodt, Richard (2004), Althochdeutsche Grammatik II: Syntax, Tübingen.
Zur Herausbildung
der doppelten Perfektbildungen∗

Isabel Buchwald-Wargenau (Kassel)

1. Einleitung
Die doppelten Perfektbildungen, d.h. Konstruktionen des Typs ich habe
vergessen gehabt und ich bin angekommen gewesen sind in den letzten Jahren
vermehrt Gegenstand linguistischer Betrachtung geworden (z.B. Litvi-
nov / Radčenko 1998, Hennig 1999 u. 2000, Ammann 2005, Buchwald
2005, , Rödel 2007 u. Topalovic 2009). Dabei konnte gezeigt werden, dass
es sich bei den doppelten Perfektbildungen nicht um eine sprachliche
Neuerung der Gegenwartssprache, sondern um ein wenigstens 600 Jahre
altes Phänomen handelt, welches (zumindest in der Gegenwartssprache)
weder diatopische noch diastratische Markierungen aufweist und sich bei
weitem nicht nur der ‚Umgangssprache‘ zuschreiben lässt.1
Der vorliegende Beitrag widmet sich der Frage nach der Herausbil-
dung der doppelten Perfektbildungen. Die Herausbildungshypothesen der
bisherigen Doppelperfektforschung werden dabei zunächst vorgestellt,
woran sich der Versuch anschließt, die jeweils dargelegte Hypothese an-
hand eines historischen Korpus doppelter Perfektbildungen zu überprü-
fen. Dem Anliegen des Textes, einen Beitrag zur Erklärung der Doppel-
perfektentstehung zu leisten, geht die Überzeugung voran, dass es sich bei
doppelten Perfektbildungen um ein Phänomen handelt, dessen Entste-
hungsursachen im Kontext von Umstrukturierungs- und Reorganisations-
prozessen (Terminus nach Leiss 1992) im Verbalbereich zu suchen sind.

_____________
∗ Für Hinweise und Korrekturen danke ich Vilmos Ágel, Mathilde Hennig und Claudia
Telschow.
1 Anhand eines Zitates aus der IdS-Grammatik, das später angeführt wird, wird deutlich,
dass die doppelten Perfektbildungen in gegenwartssprachlichen Grammatiken durchaus als
diatopisch markiert ausgewiesen werden, was jedoch anhand von Korpora der doppelten
Perfektbildungen widerlegbar ist.
222 Isabel Buchwald-Wargenau

2. Herausbildungshypothesen
Sich in der bisherigen Literatur zum Doppelperfekt einen Überblick über
die vorhandenen Herausbildungshypothesen zu verschaffen, anhand derer
die Genese des Phänomens erklärt wird, stellt keine Schwierigkeit dar. Es
lassen sich zwei wesentliche Grundpositionen ausmachen, wovon in vor-
liegendem Beitrag die erste als ‚traditionelle‘, die zweite als ‚innovative‘
Hypothese bezeichnet wird. Im Folgenden (Kap. 2.1.) soll Hypothese I
vorgestellt und überprüft werden. Die Darstellung und der Überprüfungs-
versuch von Hypothese II finden im Anschluss in Kap. 2.2. statt.

2.1. ‚Traditionelle‘ Hypothese: Die Präteritumschwundhypothese


2.1.1. Erklärung der Hypothese

Die Herausbildung der doppelten Perfektbildungen in direktem Zusam-


menhang mit dem Präteritumschwund und dem damit verbundenen Ver-
lust des Plusquamperfekts zu sehen, scheint in der germanistischen Lingu-
istik so etwas wie eine Tradition geworden zu sein. Bereits in den
frühesten Grammatiken (z.B. bei Ölinger 1574, 154) werden die doppelten
Perfektbildungen in diesem Sinne als Plusquamperfektäquivalent charakte-
risiert. Die der Präteritumschwundhypothese zugrunde liegende Argumen-
tation sieht folgendermaßen aus:

Präteritum- führt zum Schwund des führt zur Herausbildung der


schwund Plusquamperfekts doppelten Perfektbildungen

Abbildung 1: Herausbildung der doppelten Perfektbildungen


nach der Präteritumschwundhypothese

Die Erklärung des Phänomens Doppelperfekt mithilfe des Präteritum-


schwundes setzt sich in deutschen Grammatiken über Jahrhunderte bis
hin zu den jüngsten Grammatiken fort, was es legitimiert, die Präteritum-
schwundhypothese als ‚traditionell‘ zu bezeichnen. Exemplarisch wird im
Folgenden die IdS-Grammatik (1997, 1687) für das 20. Jahrhundert ange-
führt:
In der Übersicht nicht aufgenommen sind die sogenannten ‚superkomponierten
Formen‘ aus finitem Hilfsverb + Partizip II des Hilfsverbs + Partizip II des
Vollverbs, z.B. Gestern habe ich geschlafen gehabt. Solche Formen sind regional als Er-
satzformen des Präteritumperfekts da gebräuchlich, ‚wo die präteritale Form ganz
geschwunden ist oder zugunsten des [Präsens-]Perfekts in starkem Maße zurück-
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen 223

tritt‘ (Hauser-Suida / Hoppe-Beugel 1972, 257). Dies ist laut Hauser / Hoppe in
den oberdeutschen Mundarten der Fall, aber auch in den ost- und westmittel-
deutschen.
Die dargelegte Argumentation lässt sich nicht nur in Grammatiken, son-
dern auch in der einschlägigen Literatur zum Doppelperfekt ausmachen.
Gersbach stellt in seiner Monographie zu den Vergangenheitstempora des
Oberdeutschen fest, „[d]aß dopp.Perf. ganz überwiegend als Ersatz für
Pl.perf. fungiert“ (1982, 228). Auch Trier (1965, 201) deutet das Doppel-
perfekt in dieser Art und Weise:
Wenn man erzählendes Perfekt als süddeutsche Weise zugibt, dann muß man
einsehen, daß ein solcher Erzähler im Rückblick aus dem Kreuzungspunkt seines
Erzähltempus noch ein Tempus braucht, das die Leistung übernimmt, die beim
Rückblick vom hochsprachlichen Imperfekt aus das hochsprachliche Plusquam-
perfekt zu erfüllen hat. Es bleibt ihm nichts übrig, als hinter dem Perfekt ein
zweites, gesteigertes Perfekt, ein doppeltes Perfekt, eben ein Ultraperfekt, aufzu-
bauen.
In den letzten Jahren mehren sich jedoch auch kritische Stimmen in Be-
zug auf die Präteritumschwundhypothese. So stellt bspw. Dorow
(1996, 78) fest, „daß sich die Doppelumschreibungen ganz unabhängig
vom Phänomen des oberdeutschen Präteritumschwundes betrachten las-
sen“.2
Vermutet man, dass sich die doppelten Perfektbildungen durch den
Präteritumschwund als funktionales Äquivalent zum Plusquamperfekt
herausgebildet haben, dann lässt sich folgende anfängliche Belegsituation
theoretisch konstruieren:
1. Die ersten doppelten Perfektbildungen dürften ca. in der Mitte des
15. Jahrhunderts erscheinen.
2. Es dürften sich zunächst nur Doppelperfektbelege finden.
3. Die Belege dürften zunächst nur aus dem Oberdeutschen stammen.
4. Es dürften zunächst nur haben-Belege erscheinen.
Wenn die frühesten doppelten Perfektbildungen Eigenschaften gemäß
diesen vier Bedingungen aufweisen, sind klare Anhaltspunkte für die Rich-
tigkeit der Hypothese gewonnen. Ist dies nicht der Fall, ist die Hypothese
in Frage zu stellen. Im Folgenden werden die Bedingungen näher charak-
terisiert:

_____________
2 Es wird an dieser Stelle auf eine Auseinandersetzung mit den in der Forschung jeweils
angeführten Argumenten für oder gegen die Präteritumschwundhypothese verzichtet und
stattdessen auf die einschlägige Literatur verwiesen, da deren exhaustive Darstellung nicht
Anliegen des Beitrages ist.
224 Isabel Buchwald-Wargenau

Ad 1.: Wenn zwischen Präteritumschwund und Herausbildung der


doppelten Perfektbildungen ein monokausaler Zusammenhang
anzunehmen ist, dann muss das erste Auftreten doppelter Per-
fektbildungen mit dem Beginn der Präteritumschwundphase
zusammenfallen. Das Einsetzen des Schwundes lässt sich nach
Lindgren (1957), dessen Studie nach wie vor als richtungswei-
send gelten kann, auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts da-
tieren. Doppelperfektbelege dürften dementsprechend erstmals
zu dieser Zeit erscheinen.
Ad 2.: Da die Doppelperfektherausbildung in engem Zusammenhang
gesehen wird mit dem Präteritum- und dem daraus resultieren-
den Plusquamperfektschwund, ergibt sich zwingend, dass die
als Plusquamperfektersatz dienende doppelte Perfektbildung
über keine präteritale Komponente verfügen darf. Das ist bei
Doppelperfekt, aber nicht bei Doppelplusquamperfekt der Fall,
so dass im Rahmen der vorliegenden Herausbildungstheorie le-
diglich frühe Doppelperfektbelege erklärbar sind. Frühe Dop-
pelplusquamperfektbelege wären ein klarer Beweis für die
Nichthaltbarkeit der Hypothese.
Ad 3.: Da der Präteritumschwund im Oberdeutschen aufkam, dürften
zunächst nur Belege aus dem Oberdeutschen auftreten.
Ad 4.: Im Oberdeutschen ist das Präteritum nicht von allen Verben
kategorisch ge- oder verschwunden. Die Präteritalformen von
sein und einigen Modalverben sind bis heute erhalten (vgl. Mai-
wald 2002, 91). Da das Plusquamperfekt der Verben, die das
Auxiliar sein selegieren, somit noch bildbar ist, dürften nur
Doppelperfektbelege mit dem Auxiliar haben zu erwarten sein.

2.1.2. Überprüfung der Hypothese

Der Überprüfung liegt ein selbst erstelltes historisches Korpus3 an doppel-


ten Perfektbildungen zugrunde, das 225 Belege mit haben und 326 Belege
_____________
3 Als Grundlage der Korpuserstellung diente v.a. das an der Universität Kassel im Rahmen
eines Projektes zur Erstellung einer neuhochdeutschen Grammatik unter Leitung von Vil-
mos Ágel und Mathilde Hennig aufgebaute Nähekorpus, das den Zeitraum 1650-2000 um-
fasst. Die Bezeichnung ‚Nähekorpus‘ verrät bereits die konzeptuelle Besonderheit des
Korpus: Es umfasst historische Texte, die konzeptionell gesprochensprachliche Merkmale
aufweisen. Um frühere Zeiträume berücksichtigen zu können, wurden zudem die im Inter-
net zugänglich gemachten Texte des Bonner Korpus Frühneuhochdeutsch ausgewertet
sowie Belege aus Grammatiken und Sekundärliteratur einbezogen.
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen 225

mit sein umfasst.4 Im Folgenden wird nun dargelegt, wie der empirische
Abgleich mit den oben formulierten Bedingungen aussieht:
Ad 1.: ‚Die ersten doppelten Perfektbildungen erscheinen ca. in der
Mitte des 15. Jahrhunderts‘: Für die haben-Belege kann diese
Bedingung bejaht werden, denn Belege, die vor dem 15. Jahr-
hundert datiert sind, wurden nicht gefunden. Es ließ sich je-
doch ein ripuarischer sein-Beleg5 aus der zweiten Hälfte des 14.
Jahrhunderts im Bonner Korpus Frühneuhochdeutsch ausma-
chen:
(1) Item in desem Sexterne sall men vynden die geschychte
ind verhandelunge, die van den ghenen, die sych noement
van den geslechten, bynnen Coelne vurtzijtz verhandelt
haint, darumb dat vplouffe ind mancherleye vngelucke
bynnen der Stat van Coelne vntstanden geweyst synt.
Item in desem Sexterne steit ouch dat Instrument sulchs
bekentnisse, as her Heynrych vam Staue in syme lesten
gedain hait. (Bonner Korpus Fnhd 151)
Die Tatsache, einen Doppelperfektbeleg aus dem 14. Jahrhun-
dert vorzufinden, muss nicht sofort die Präteritumschwund-
hypothese in Frage stellen. Vielmehr ist es möglich, dass der
Präteritumschwund im gesprochenen Frühneuhochdeutsch be-
reits früher einsetzte, als die in der Lindgren’schen Analyse
verwendeten (ausschließlich medial geschriebensprachlichen)
Textsorten vermuten lassen. Diese Vermutung äußert auch Jörg
(1976). Dass hier jedoch ein solch alter Beleg aus einem Dia-
lektraum vorliegt, der nicht vom Präteritumschwund erfasst
war, lässt erste ernsthafte Zweifel an der Hypothese aufkom-
men.
Ad 2.: ‚Es finden sich zunächst nur Doppelperfektbelege‘: Im analy-
sierten Korpus überwiegen die Doppelperfektbelege und die
afiniten Belege, bei denen die Tempusbestimmung des Auxi-
_____________
4 Hierbei ist anzumerken, dass nicht alle sein-Belege doppelte Perfektbildungen darstellen.
Aufgrund einer zunächst rein formalen Belegsuche sind neben doppelten Perfektbildungen
auch solche sein-Prädikationen erfasst worden, die Passiv- bzw. Kopulakonstruktionen dar-
stellen.
5 Bei vorliegender sein-Prädikation handelt es sich eindeutig um ein Doppelperfekt. Da mit
dem Verb entstehen ein intransitives Verb vorliegt, ist eine Interpretation als Passivkonstruk-
tion nicht möglich. Auch die Interpretation von entstanden als adjektivisch (womit die vor-
liegende sein-Prädikation als Kopulakonstruktion interpretierbar wäre) ist selbst im Ge-
genwartsdeutschen unwahrscheinlich, da das Partizip weder durch Gradpartikeln wie sehr
oder so ergänzbar noch durch un- präfigierbar ist.
226 Isabel Buchwald-Wargenau

liars nicht präzise rekonstruierbar ist. Es findet sich jedoch auch


folgender Doppelplusquamperfektbeleg aus dem 15. Jahrhun-
dert:
(2) Det konig Tybor und die sin wurden sere erfert vnd
stalten sich zu der werde das beste sie mochten, want der
konig selbe ein gut ritter alle sin tage gewesen waß, vnd
werte sich so lange, sonder daß er sich nit gefangen wolt
geben, mit daß er erslagen wart inn siner eygen statt, als ir
wol verstanden hant, wie yme die von den hyden
angewonnen waß worden, das ein grosser schande waß,
nachdem als er alle sin zyt wol herkommen waz vnd nach
grossen eren gelebt hatte gehabt. Da nun leyder die
konigynne gesach, daß ir herre erslagen, statt vnd die burg
verloren waß, da mocht sie nit betrupter noch truriger
gesin. (Pontus und Sidonia 48)
Der Beleg stammt aus einer anonymen Übersetzung aus dem
Französischen, was Zweifel an dessen Beweiskraft hervorruft.
Da es im Französischen analoge Konstruktionen zu den dop-
pelten Perfektbildungen gibt (die sog. temps surcomposés),
werfen auch Litvinov / Radčenko (1998, 92) die Frage auf, ob
„der Übersetzer nach dem Prinzip der wortgetreuen Wiederga-
be verfuhr und das Original an diesen Stellen kopierte“. Sie
wenden daraufhin jedoch ein, dass „irgendwie [...] die Möglich-
keit der DPF [Doppelperfektformen] im Deutschen also bereits
im 15. Jahrhundert vorgegeben gewesen sein [muß]“ (Litvinov
/ Radčenko 1998, 93), um solche in einem deutschen Text zu
verwenden. Es ist somit festzuhalten, dass ein sehr früher
Doppelplusquamperfektbeleg existiert, dessen Überzeugungs-
kraft jedoch durch die Tatsache, dass es sich um eine mögli-
cherweise wortwörtliche Übersetzung aus dem Französischen
handelt, geschmälert wird.
Ad 3.: ‚Die Belege stammen zunächst nur aus dem Oberdeutschen‘:
Für diese Bedingung konnten klare Gegenbelege im Korpus ge-
funden werden. Für doppelte Perfektbildungen mit sein liegt,
wie bereits dargelegt, ein ripuarischer Beleg aus dem 14. Jahr-
hundert vor. Der früheste mitteldeutsche haben-Beleg stammt
aus dem 16. Jahrhundert. Im Folgenden wird ein Beleg aus ei-
nem ostmitteldeutschen Text des 17. Jahrhunderts angeführt:6
_____________
6 Die Einordnung des Textes als ostmitteldeutsch basiert auf der Identifizierung von ein-
schlägigen Dialektmerkmalen.
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen 227

(3) Von solchen Spargement war nun die gantze Stadt voll!
Ich hatte mich auch gäntzlichen resolviret, sie zu hey-
rathen und hätte sie auch genommen, wenn sie nicht ihr
Herr Vater ohne mein und ihrer Wissen und Willen einen
andern Nobel versprochen gehabt. Was geschahe? Da-
migen bath mich einsmahls, daß ich mit ihr muste an ei-
nen Sonntage durch die Stadt spazieren gehen, damit mich
doch die Leute nur sähen [...]. (Reuter 17)
Sowohl die Tatsache, dass eine doppelte Perfektbildung in ei-
nem nicht-oberdeutschen Text vorkommt als auch der Text-
ausschnitt an sich, der neben dem afiniten Doppelperfektbeleg
Präteritum und Plusquamperfekt als weitere Tempora aufweist,
stellen klare Indizien gegen die Präteritumschwundhypothese
dar.
Ad 4.: ‚Es finden sich zunächst nur haben-Belege‘: Auch diese Bedin-
gung ist klar zu verneinen. Es wurde bereits dargestellt, dass der
erste vorliegende Beleg überhaupt ein sein-Beleg aus dem 14.
Jahrhundert. ist. Die Existenz doppelter Perfektbildungen mit
sein trotz nach wie vor realisierbarem Plusquamperfekt stellt ein
weiteres Indiz dafür dar, dass der Präteritumschwund allein
keine hinreichende Begründung für die Herausbildung doppel-
ter Perfektbildungen darstellen kann.
Als Ergebnis der Überprüfung lässt sich daher festhalten, dass die vorlie-
gende Hypothese durch 2. in Frage gestellt, durch 1., 3. und 4.) sogar ent-
kräftet werden konnte. Der Präteritumschwund kann demzufolge nicht
(alleinige) Entstehungsursache der doppelten Perfektbildungen sein.

2.2. ‚Innovative‘ Hypothese: Die Aspekthypothese


2.2.1. Erklärung der Hypothese

Obwohl die bisherige Doppelperfektforschung bereits auf die Unzuläng-


lichkeiten der Präteritumschwundhypothese aufmerksam geworden ist,
sind weitere Herausbildungshypothesen bisher bis auf Rödel (2007) nicht
formuliert worden. Erst Rödel (2007) arbeitet eine neue Hypothese her-
aus, die daher als ‚innovativ‘ bezeichnet und im Folgenden charakterisiert
werden soll.
Ausgehend von seiner Auffassung, dass mit den doppelten Perfektbil-
dungen eine nicht temporale, sondern aspektuelle Erscheinung vorliegt,
formuliert Rödel die These, dass es sich bei den Partizipien gehabt und
228 Isabel Buchwald-Wargenau

gewesen „um einen Erweiterungsmechanismus handelt, der in der Perfekt-


konstruktion angelegt ist und unabhängig von Tempus und Modus des
finiten Verbs funktioniert“ (2007, 193). Schon allein die Interpretation der
doppelten Perfektbildungen als ein aspektuelles Phänomen verlangt nach
einer Herausbildungstheorie, die der zugewiesenen aspektuellen Bedeu-
tung Rechnung tragen kann. Rödels Ausgangspunkt ist der Verlust des
aspektuell gegliederten Verbalsystems, das in älteren Sprachstufen durch
die Opposition Ø – Präfix ge/ga/gi- bestanden hat (2007, 185).7 In engem
Zusammenhang damit steht die Grammatikalisierung des Perfekts. Den
ersten Grammatikalisierungsschritt vollzieht das Perfekt durch die Aufga-
be der Kongruenz von perfektivem Partizip8 und Objekt. Die zunehmen-
de Deaspektualisierung des Präfixes ge- (das sich nun zum Verbalflexiv
entwickelt) ermöglicht im Weiteren auch nichtperfektiven Verben, ein
Perfekt zu bilden. Die Konstruktion öffnet sich für temporale Lesarten
und kann damit in Konkurrenz zum Präteritum treten.9 Für Rödel ist
diese Grammatikalisierungssituation des Perfekts ausschlaggebend für die
Herausbildung der doppelten Perfektbildungen, in denen er die perfekti-
ven Partner des nun aspektuell neutralen Perfekts (sprachtypologisch jetzt
eher ein past als ein perfect) sieht. Damit wird die Aspekthypothese auch
nicht vollkommen losgelöst vom Präteritumschwund betrachtet. Das
Verhältnis von Präteritumschwund und doppelten Perfektbildungen ist
jedoch ein anderes: Wird in Hypothese I ein direkter kausaler Zusammen-
hang angenommen, so stellen in Hypothese II sowohl Doppelperfekt als
auch Präteritumschwund Folgen der Perfektgrammatikalisierung dar.

_____________
7 Die Frage, ob ältere Sprachstufen des Deutschen tatsächlich ein aspektuell gegliedertes
Verbalsystem besaßen, wird durchaus kontrovers diskutiert. Auf einen Überblick über die
Forschungsliteratur wird an dieser Stelle verzichtet. Siehe hierzu z.B. Schrodt / Donhauser
(2003).
8 Das Perfekt ist zu diesem Zeitpunkt nur mit perfektiven Verben bildbar. Erst ab dem 13.
Jahrhundert wird die Perfektbildung mit durativen Verben häufiger. Vgl. hierzu Oubouzar
(1974).
9 Die Grammatikalisierung des Perfekts kann hier nur sehr verkürzt dargestellt werden.
Ausführlicher widmen sich dieser Problematik bspw. Oubouzar (1974 u. 1997), Leiss
(1992), Kuroda (1997) und Teuber (2005).
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen 229

Verlust des Aspektsystems

Grammatikalisierung des Perfekts,


temporale Komponente mit
wachsendem Gewicht

Konkurrenz zum Präteritum Doppelte Perfektbildungen

Präteritumschwund Möglichkeit des Rückgriffs auf


aspektuelle Ausdrucksmöglichkei-
ten
zur Realisierung von
Vorvergangenheit

Abbildung 2: Herausbildung der doppelten Perfektbildungen nach Rödel (2007, 195)

Für die Aspekthypothese fällt es schwer, Bedingungen für die Beschaffen-


heit der frühesten Doppelperfektbelege zu konstruieren. Vielmehr er-
scheint es sinnvoll, sich der Herausbildungsfrage über den Grammatikali-
sierungsstatus des ge-Präfixes zu nähern. Im Folgenden soll eine erste Idee
hierzu formuliert werden.
Bei Rödel ist die Entstehung von Doppelperfekt an den Aspektverlust
gekoppelt. Aspektverlust heißt hier, dass eine fortschreitende Grammati-
kalisierung und Deaspektualisierung des ge-Präfixes hin zum obligatori-
schen Verbalflexiv der Perfektkonstruktionen stattfindet. Indiz für die
Deaspektualisiertheit von ge- stellt dessen Vorkommen am Partizip aller
Verbtypen dar. Kommen Verbtypen noch ohne ge- vor, so kann ge-
schlussfolgert werden, dass ge- mit dem vorliegenden Verbtyp (noch) nicht
kompatibel ist, d.h. dass deren Bedeutungen redundant sind. Das ist vor
allem bei perfektiven Verben zu vermuten, bei denen die Verbsemantik
mit einer (Rest-)Perfektivbedeutung des Präfixes ge- kollidieren würde.
Eine solche Unvereinbarkeit von ge- und perfektivem Verb lässt sich als
Zeichen für die noch nicht vollständige Grammatikalisierung von ge- wer-
ten. Umgekehrt lässt sich daraus schließen, dass Perfektkonstruktionen
230 Isabel Buchwald-Wargenau

mit perfektiven Partizipien ohne ge- selbst noch über eine (die temporale
Lesart) dominierende aspektuelle Semantik verfügen.10 Deutet man nun
die doppelten Perfektbildungen gerade als Möglichkeit, die in den Hinter-
grund getretene aspektuelle Bedeutung der Perfektkonstruktionen zu
kompensieren, dürften doppelte Perfektbildungen erst bei stark überwie-
gendem Gebrauch von ge- mit Partizipien aller Verbtypen vorkommen.

2.2.2. Überprüfung der Hypothese

Als Überprüfungsgrundlage für die Hypothese dient zunächst die Chronik


des Elias Laichinger (S. 178-258), ein oberdeutscher (alemannischer) Text
aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts, einer Zeit also, in der doppelte
Perfektbildungen bereits seit zwei Jahrhunderten belegt sind. Im Text
konnten vier doppelte Perfektbildungen nachgewiesen werden, ein Dop-
pelperfekt mit haben, zwei afinite Konstruktionen mit haben und ein Dop-
pelperfekt mit sein. Darunter finden sich auch doppelte Perfektbildungen
perfektiver Verben:
(4) den 5 diß Ist Vnßer gnädiger Landtsfürst Vnd herr, Nachdem er
In dem schönen holtz Vff die 45 wilder schwein Inn eim Jagen
gefangen gehabt, Vnd 3 Reh alhero komen (Laichinger 199)
Die Bildung des Partizips mit ge- von einem perfektiven Verb scheint also
im vorliegenden Text prinzipiell möglich. Weitere Textbeispiele sollen dies
untermauern:
(5) Den 15 Aperellen als am Ostertag Ist der hanß Jacob Veter
hürsch wirtt In der herrlichen herberg Vorm thor Zu todt gefal-
len. In die Stieg hinab (Laichinger 193)
(6) Anno 1662 Den 3 Jenner wie auch noch Vorherr ist ein rechte
früelings Zeit geweßen als daß man Die frielings Bliemlein, als
feigelein Vnd dergleichen hat in gärtten Vnd waßen gefunden,
gott geb daß es Etwas guotts Bedeith. (Laichinger 220)
In der Chronik finden sich jedoch auch zahlreiche Partizipbildungen per-
fektiver Verben ohne ge-. Diese erscheinen, ohne genaue statistische An-

_____________
10 Vgl. Ebert u.a. (1993, 238), die den Ausfall von ge- „im Zusammenhang der ‚perfektiven‘
Verben auch als Indiz für das noch bestehende Nebeneinander einer Verwendung als
Wortbildungspräfix oder einer Verwendung als paradigmatisch eingebundenen Flexiv-
bestandteils“ werten. Des Weiteren wird auf phonotaktisch und morphologisch motivierte
ge-Ausfälle aufmerksam gemacht (vgl. ebd.).
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen 231

gaben erhoben zu haben, sogar häufiger als Partizipien perfektiver Verben


mit ge-. Im Folgenden werden einige Beispiele angeführt:
(7) den 14 februari Ist der Bernhardt Veter Megxer oder Starckh
geNandt, Oberhalb Eißlingen todt In einem graben funden
worden. (Laichinger 195)
(8) Den tag Ist der Marttin Mayer meßer Schmidt, mit frauw Pflege-
rin, Nacher Blawbeiren gefahren Zu Ihrem Sohn welcher Im
Closter, da mahl wahr Vnd hat er Vnderwegs, Vnglickh gehabt
Vnd ist Im ein Bein Brochen. (Laichinger 206)
Zuweilen erscheinen mit ge- versehene Partizipien, deren Bildung sich
später im standardsprachlichen Gebrauch ohne ge- durchsetzt:
(9) Den 18 Jener Ist Der herr Comensari wider weckh gmarschiert.
(Laichinger 200)
Diese Belege lassen die Schlussfolgerung zu, dass ge- hier möglicherweise
noch als Präfix zur Herstellung perfektiver Semantik genutzt wird, also als
Möglichkeit, die ‚Tätigkeit des Wegmarschierens‘ in (9) als abgeschlossen
zu kennzeichnen.11
Die uneinheitliche Bildung der Partizipien in vorliegendem Text weist
auf eine noch nicht vollständige Grammatikalisierung von ge- hin. Dass
dennoch doppelte Perfektbildungen vorkommen, scheint zunächst die
Aspekthypothese in Frage zu stellen. Bevor jedoch weitreichendere
Schlussfolgerungen gezogen werden, soll ein weiterer Text untersucht
werden.
Als zweiter Text wurde das Tagebuch eines Fähnrichs aus der zweiten
Hälfte des 17. Jahrhunderts ausgewählt. Der Text stammt aus nicht-
oberdeutschem Sprachgebiet.12 Es finden sich darin 18 doppelte Perfekt-
bildungen mit haben und 17 Bildungen des Typs sein + Partizip + gewesen.13
Ein Beispiel für vorkommende doppelte Perfektbildungen mit haben wird
im Folgenden angeführt:

_____________
11 Leiss (2002, 14) weist darauf hin, dass es „Relikte von ge-Verben [...] bis heute in süddeut-
schen Dialekten, etwa im Bairischen [gibt]: Danke, des glangt jetzt vs. nhd. Danke, das langt
jetzt; Do muaßma zuoglanga vs. Da muss man zulangen.“ In obigem Beispiel gmarschiert ist jedoch
auch die Möglichkeit einer Bildungsunsicherheit aufgrund des Lehnwortstatus nicht zu
vernachlässigen.
12 Die regionale Einordnung des Textes soll hier nur grob als nicht-oberdeutsch erfolgen, da
die Herkunft des Verfassers unklar ist und Dialektmerkmale eine Einordnung sowohl in
mitteldeutsches als auch in niederdeutsches Sprachgebiet zulassen.
13 An dieser Stelle wird ganz bewusst der Terminus ‚doppelte Perfektbildungen‘ vermieden,
da es sich nicht bei allen sein-Formen um solche handelt. Vgl. Fußnote 3.
232 Isabel Buchwald-Wargenau

(10) Diesen Morgen wurden 2 Dragoner von dem Corbonschen Re-


giment aufgehenkt, welche sich von 9, so durchgehen wollen,
ausgespielet gehabt, wozu von jeder Nation etliche Manschaft
commendiret wurden, der Execution beyzuwohnen. (Hannover-
sche Rotröcke 95)
Auch in vorliegendem Text lassen sich Partizipien ohne ge- belegen, wie
folgendes Beispiel zeigt:
(11) Die Kranken von allen drey Regimentern wurden hierselbst ins
Hospital bracht. (Hannoversche Rotröcke 35)
Der stark überwiegende Teil der Partizipien wird jedoch im Gegensatz zur
zuvor betrachteten oberdeutschen Laichinger Chronik sehr regelmäßig mit
ge- gebildet. Das trifft auch auf die Partizipien perfektiver Verben zu:
(12) Diese Nacht wurden viel Bomben hineingeworfen; weilen es
aber übel geworfen, thaten sie schlechte Würkung, nunmehr
wird mit 18 Mörsern zu werfen angefangen. (Hannoversche
Rotröcke 84)
(13) Wurd bey allen Regimentern etwas alt Kupfer von deme, was
man in Modon gefunden, auf jedes regiment 170 Pfund, aus-
getheilet, welches verkaufet und davor Wein, denen Soldaten zu
vertrinken gegeben, sollte gekaufet werden. (Hannoversche
Rotröcke 101)
Es kann festgestellt werden, dass die ge-Verwendung als Verbalflexiv im
nicht-oberdeutschen Text weiter fortgeschritten ist als in der oberdeut-
schen Chronik. Im Umkehrschluss lässt das vermuten, dass eine Verwen-
dung von ge- als aspektuelles Präfix im nicht-oberdeutschen Text nicht
mehr in dem Maße gegeben ist, wie das im oberdeutschen der Fall zu sein
scheint.14 Dass in dem Text, der eine fortgeschrittenere ge-Grammatikali-
sierung aufweist, eine deutlich höhere Anzahl an doppelten Perfektbildun-
gen belegt werden konnte,15 stellt ein bekräftigendes Argument für die
Aspekthypothese dar. Um die Möglichkeit einer rein zufälligen Korrela-
tion von ge-Grammatikalisierung und Vorkommen der doppelten Perfekt-
bildungen auszuschließen, sind natürlich detailliertere Analysen weiterer
historischer Texte notwendig.

_____________
14 Auch Leiss (2002, 14) weist im Zusammenhang mit dem Abbau der Aspektverben auf ein
Nord-Süd-Gefälle hin.
15 Der unterschiedliche Umfang der Texte wurde beim Vergleich der Anzahl doppelter
Perfektbildungen natürlich berücksichtigt.
Zur Herausbildung der doppelten Perfektbildungen 233

3. Fazit und Ausblick


Der vorliegende Beitrag widmete sich der Herausbildungsfrage der dop-
pelten Perfektbildungen. Es wurden zwei Hypothesen vorgestellt und
anhand eines historischen Korpus doppelter Perfektbildungen überprüft.
Dabei hat sich die Präteritumschwundhypothese v.a. aufgrund von frühen
nicht-oberdeutschen Belegfunden sowie frühen sein-Belegen als nicht halt-
bar erwiesen. Auch die Aspekthypothese schien durch die Ergebnisse der
untersuchten oberdeutschen Chronik fragwürdig zu sein. Zweifel an der
Hypothese erweckte v.a. die Tatsache, dass trotz noch nicht vollständiger
Grammatikalisierung von ge- als Verbalflexiv doppelte Perfektbildungen
auftraten. Die Untersuchung eines zweiten, nicht-oberdeutschen Textes
ergab jedoch ein anderes Bild. Hier konnte sowohl eine fortgeschrittenere
Grammatikalisierung von ge- als auch eine größere Anzahl an doppelten
Perfektbildungen festgestellt werden. Somit scheint das untersuchte empi-
rische Material kompatibel mit der Hypothese, dass doppelte Perfektbil-
dungen sich zur Kompensation der mit der ge-Grammatikalisierung verlo-
ren gegangenen Möglichkeit zur Wiedergabe aspektueller Bedeutung
herausbildeten. Die Ergebnisse der Untersuchungen tragen ebenso Er-
kenntnissen aus der Grammatikalisierungsforschung Rechnung, die bei
Sprachwandelprozessen ein vorübergehendes Nebeneinander neuer und
alter Formen für eine bestimmte Kategorie bis zum ‚Sieg‘ der neuen Form
konstatieren. Unter diesem Gesichtspunkt stellen auch die Ergebnisse aus
der oberdeutschen Chronik keinen Widerspruch mehr zur zugrunde lie-
genden Hypothese dar.
Es sei abschließend betont, dass die Beantwortung vieler Fragestellun-
gen im vorliegenden Beitrag lediglich fragmentarisch erfolgen konnte. Zur
kritischen Überprüfung und Bewertung der hier gewonnenen Eindrücke
sind weitere Untersuchungen anhand größerer Textmengen aus verschie-
denen Dialektgebieten und Zeiträumen erforderlich.

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Laichinger Chronik I = Laichinger, Elias, Chronik, Transkription, Stadtarchiv Göppin-
gen.
234 Isabel Buchwald-Wargenau

Pontus und Sidonia = Pontus und Sidonia. In der Verdeutschung eines Unbekannten aus dem
15. Jahrhundert, kritisch hrsg. von Karin Schneider, (Texte des späten Mittelalters
4), Berlin, 45-354.
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schreibung zu Wasser und Lande, (Sammlung Dieterich 346), Leipzig 1696 / 1972.

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2007. [im Druck]
Aspekte diachronischer Fundierung
Historische Linguistik und mentale Repräsentation
flexionsmorphologischen Wissens∗

Andreas Bittner (Münster)

Was sich im Wandel durchsetzt, muss … psychisch real sein


Für Gustav und Willi

1. Einleitung
An Fakten der historischen linguistischen Forschung und Standards der
historischen Grammatikschreibung sollen im folgenden Text Ergebnisse
und Überlegungen aus dem Spracherwerb überprüft werden, aus denen
sich über die Form der mentalen Repräsentation grammatischen Wissens
zwar tendenzielle, aber keineswegs eindeutige Aussagen ableiten lassen.
Bei der Analyse der diachronischen Daten aus Sprachgeschichte und
Sprachwandel geht es nicht um eine Diskussion der Detailgenauigkeit und
tatsächlichen Haltbarkeit der in den Grammatiken postulierten sprachhis-
torischen Entwicklungen. Im Zentrum steht vielmehr die Herausarbeitung
verallgemeinerbarer Tendenzen und auf ihnen basierender Schlussfolge-
rungen für eine sprachtheoretische Modellierung. Diesem Vorgehen liegt
die Überzeugung zugrunde, dass sprachtheoretische Beschreibungen und
Hypothesen nur durch die Einbeziehung von Wissen über Sprachge-
schichts- und Sprachwandelprozesse, vom „Erkenntnispotential der dia-
chronischen Grammatik“ (Wurzel 2000, 418), dem Gegenstand Sprache
gerecht werden können. Die Idee, in diesem Beitrag die theorierelevante
Rolle der historischen Linguistik zu betonen und sie ganz selbstverständ-
lich als Instanz der Entscheidung über die Adäquatheit von Aussagen über
die Sprache heranzuziehen, geht auf zwei Aufsätze zurück, Mayerthaler

_____________
∗ Für die Diskussion und für kritische Hinweise danke ich besonders den Teilnehmern des
Kongresses ‚Historische Textgrammatik und historische Syntax des Deutschen‘. Gewidmet
ist der Beitrag dem Andenken an Willi Mayerthaler und Gustav Wurzel.
238 Andreas Bittner

(1981b) und Wurzel (2000), die leider kaum rezipiert wurden. Deren zen-
trale Überlegungen werden hier in die Diskussion um die mentale Reprä-
sentation von grammatischem Wissen eingebracht. Die Beispielfälle ent-
stammen der deutschen Verbflexion, behandelt werden also Fakten aus
dem Bereich des morphologischen Wandels, wobei eine Beschränkung auf
die Fragen des Auftretens und der Rolle von paradigmatischen Kennfor-
men und deren Verknüpfung mit spezifischem, paradigmatisch organisier-
tem Flexionsverhalten vorgenommen wird. Aus den jeweiligen Wandelbe-
obachtungen werden Schlüsse für die mentale Repräsentation grammati-
schen Wissens gezogen.

2. Ausgangsüberlegungen:
Spracherwerb – mentale Repräsentation
Den konkreten Ausgangspunkt für die folgenden Überlegungen stellen
Untersuchungen zum späten Spracherwerb im Bereich der Verbmorpho-
logie des Deutschen dar, die Antworten auf Fragen zur mentalen Reprä-
sentation grammatischen Wissens und ihrer Modellierung geben sollten.
Die Datengrundlage lieferte eine Pilotstudie mit ausnahmslos mutter-
sprachlich Deutsch sprechenden Schülern einer 5. Jahrgangsstufe, die
2005 in Münster durchgeführt wurde. Dabei waren fünf Kunstverben in
jeweils vier morphosyntaktische Kontexte (Singular Präsens, Singular Prä-
teritum, Konjunktiv II, Partizip II) einzubetten (zu den Details vgl. Bitt-
ner / Köpcke 2007).
Überprüft werden sollte, ob die mentale Repräsentation morphologi-
schen Wissens auf der Grundlage eines gebrauchsbasierten Modells (‚Us-
age-Based Model‘) erfolgt, das von einer schematischen Repräsentation
ausgeht, und ob ein solches Modell den empirischen Tatsachen eher ge-
recht wird als ein Regel-und-Listen-Modell. Es wurde also weder ange-
nommen, dass die Sprecher nur zwischen regulärer (regelmäßiger,
-geleiteter) und irregulärer (einzeln speichernder) Flexionsweise unter-
scheiden, noch dass auftretende unbekannte Verben ausnahmslos
schwach flektiert werden.
Wichtige Grundannahmen gebrauchsbasierter Modelle lassen sich so
formulieren:
• Der Gebrauch sprachlicher Formen in Produktion und Perzeption
beeinflusst die mentale Repräsentation sprachlichen Wissens,
• Wörter und Wortformen schließen sich im mentalen Gedächtnis
des Sprechers zu Mustern (oder Schemata) zusammen; Mus-
Aspekte diachronischer Fundierung 239

ter / Schemata sind mehr oder weniger starke Abstraktionen kon-


kreter Wörter / Wortformen,
• die Stärke eines Musters / Schemas („lexikalische Stärke“) be-
stimmt sich aus seiner Type-Frequenz, seiner Token-Frequenz und
seiner Validität.
Verifiziert wurden auf dieser Basis zwei Hypothesen. Zum einen die
Hypothese, dass nicht jede (neue) phonematische Struktur automatisch als
Kandidat für schwaches Flexionsverhalten interpretiert wird, sondern
Sprecher Muster / Schemata identifizieren, also gespeichert haben, die
mehr oder weniger eindeutig mit schwachem oder starkem Flexionsver-
halten assoziiert werden können. Welche phonologischen Strukturen, von
denen angenommen werden kann, dass sie direkt als Muster / Schemata
starker Flexion fungieren können, Gegenstand der Untersuchung waren,
wird anhand der fünf Testitems deutlich, die hinsichtlich ihrer Prototypi-
kalität für starke Flexion geordnet in Abbildung 1 dargestellt sind.

schwach stark

[[#__/a/__#]St [[#__/ai/__#]St [[#__/i+NASAL+(KONS)/]St ən]V


ən]V ən]V
[[#__/i+n/]St [[#__/i+nk/]St [[#__/i+ŋ/]St
ən]V ən]V ən]V

schlasen schleiten pfrinnen prinken wingen


(blasen) (gleiten) (rinnen) (trinken) (singen)
Abbildung 1: Prototypikalitätsskala starker phonematischer Muster / Schemata (5 Testitems)

Zum anderen wurde die Hypothese überprüft, dass die Favorisierung des
starken Flexionsmusters gegenüber dem schwachen nicht nur von der
spezifischen lexikalischen Stärke eines phonematischen Musters / Sche-
mas abhängig ist, sondern auch von der jeweils stark realisierten gramma-
tischen Kategorie. Treten starke Flexionsformen im Singular Präsens auf,
dann sollten starke Formen auch im Präteritum, Konjunktiv II und Parti-
zip II auftreten. Ist das Präteritum stark realisiert, sollten auch Konjunktiv
II und Partizip II stark flektiert werden, nicht aber notwendigerweise der
Singular Präsens usw. Daraus ergibt sich wiederum eine Prototypikali-
tätsskala (vgl. Abbildung 2, zu den Details nochmals Bittner / Köpcke
2007).
240 Andreas Bittner

stark schwach

3.Ps.Sg.Präsens Präteritum (Konjunktiv II) Partizip II


Präteritum (Konjunktiv II) Partizip II
(Konjunktiv II) Partizip II
Partizip II
Abbildung 2: Prototypikalitätsskala starker phonematischer Muster / Schemata
(Kategorienbezug)

Die Ergebnisse ließen in der Tendenz Hypothese 1 plausibel erscheinen,


dass die Items als Muster / Schemata starker Flexion interpretiert und
umso eher wie starke Verben behandelt werden, je weiter rechts sie auf
der Prototypikalitätsskala (1) angeordnet sind. Sie verwiesen darüber hin-
aus im Sinne von Hypothese 2 auch auf eine Verknüpfung der analysier-
ten Muster / Schemata mit spezifischem Flexionsverhalten in implikati-
ven, wenn-dann-bestimmten Strukturkombinationen.
Die starken Verben sind diesen Überlegungen zufolge im mentalen
Lexikon1 der Sprecher nicht als sprachliche Einzeltatsachen abgelegt und
als Ausnahmen zu Regeln gekennzeichnet. Vielmehr werden Verben all-
gemein von Sprechern zu unterschiedlich großen Gruppen zusammenge-
schlossen, die auf validen und für das Flexionsverhalten relevanten ge-
meinsamen Eigenschaften beruhen (vgl. Bittner / Köpcke 2007).
Trotz der deutlich werdenden Tendenz der Sprecher zu eher konnek-
tionistisch beschreibbaren Verfahrensweisen blieben die Evidenzen für
die Präferierung einer schematischen Repräsentation (assoziative Netze)
gegen ein bloßes Wörter- und Regelmodell (bzw. eine umgekehrte Präfe-
renz) doch relativ vage. Die Ergebnisse sprachen eher für die Annahme
eines Nebeneinanders von Techniken, die von Sprechern einzeln auf die
jeweils für sie einschlägige Gruppe angewandt werden. Das reicht von der
generellen Regel über motivierte Muster / Schemata, (mehr oder weniger)
direkter Analogie geschuldete Cluster bis zu Einzelspeicherung. Die Rela-
tion, in der die einzelnen Techniken zueinander stehen, und die konkrete
Verknüpfung von Mustern / Schemata mit Bündeln von Kategorienreali-
sierungen (Wort- bzw. Flexionsformen) blieben dabei allerdings unklar
und bedürfen einer genaueren Untersuchung. Außerdem stellt die Gerich-
tetheit (hierarchische Implikativität) sowohl des Kontinuums als auch der
Kategorienrealisierungen ein Problem für die theoretische Beschreibung
und Erklärung besonders auch im Rahmen assoziativer Netzwerke dar.

_____________
1 Der Begriff mentales Lexikon steht hier für den Speicherort, an dem die Sprecher flexions-
morphologisches Wissen ablegen.
Aspekte diachronischer Fundierung 241

Ich möchte im Folgenden die Überlegungen auf einen weiteren Fak-


tenbereich ausdehnen, um die dargestellten Ergebnisse und Tendenzen
überprüfen und vertiefen zu können, und die genannten Defizite zu be-
leuchten. Was liegt näher, als sich dazu Prozessen der Sprachveränderung
als Prüffeld grammatiktheoretischer Überlegungen und für Hypothesen
zur mentalen Repräsentation sprachlichen Wissens zuzuwenden? Wo
sonst als im Sprachwandel sollten die tatsächlich etablierten, psychisch
realen, d.h. vom Sprecher angewandten grammatischen Strukturen und
Zusammenhänge deutlich sichtbar werden?

3. Sprachgeschichte / Sprachwandel
als zentraler Modellierungs-, Test-
und Faktenbereich
Noch vor dem Spracherwerb und der Kindersprache stellt die Sprachver-
änderung den zentralen Faktenbereich2 dar, um Einsichten in die Struktur
einer Sprache (und von Sprache generell) und ihr Funktionieren und da-
mit in die Organisation von Grammatik – um die es hier im Wesentlichen
geht – zu gewinnen. Dabei werden sich in der Sprachgeschichte manifes-
tierende grammatische ‚Gesetzmäßigkeiten‘ angenommen, Sprachge-
schichtsprozesse nicht als zufällig und unmotiviert bzw. als Sonderfälle
sprachlicher Entwicklung verstanden. Variabilität, zumal diachronische, ist
eine grundlegende universelle Eigenschaft von Sprache. In ihr und in der
auf ihr basierenden Veränderung von Sprache werden grammatische Zu-
sammenhänge erfahrbar. Auf den unmittelbaren Zusammenhang von
Sprachwandel und Spracherwerb weist nicht nur Mayerthalers (1981, 25)
Statement, „was sich im Wandel durchsetzt, muß erworben, also auch
psychisch real sein. [...] [E]s [gibt] kein adäquates Verständnis des Sprach-
wandels ohne das des kindlichen Spracherwerbs [...]“, hin.
Auch für den Aspekt, dass an die Sprachgeschichte, enger gefasst: an
die historische Grammatikforschung, als empirische und theoretische
Wissenschaft auch hinsichtlich der Ausschöpfung ihrer sprachtheoreti-
schen Potenzen Forderungen zu formulieren sind, können seine provo-
kanten Überlegungen herangezogen werden: „Eine wohlverstandene his-
torische Sprachwissenschaft macht empirisch überprüfbare [falsifizierbare]
_____________
2 Weitere einschlägige Faktenbereiche für falsifizierbare sprachtheoretische Hypothesen
(nicht nur bezogen auf die Flexionsmorphologie) sind z.B. die Behandlung von neuen
Wörtern bzw. die von Kunst- oder Nonsenswörtern, die Fehlerlinguistik, die Akzeptabilität
grammatischer und ungrammatischer Formen, aphasische Störungen und der ungesteuerte
Fremdsprach- bzw. Zweitspracherwerb, vgl. z.B. Bittner (1996, 66ff.).
242 Andreas Bittner

Prognosen und trägt deshalb in einem wissenschaftstheoretisch relevanten


Sinn [...] zur Sprachtheorie bei [...]“ (ebd., 37). Die Basis dafür und damit
für den generell ‚experimentellen‘ Charakter von historischer Sprachent-
wicklung und Sprachveränderung ist einleuchtend:
Welch besseren und vielfältigeren Testbereich für das Problem der psychischen
Realität kann es eigentlich geben? [...] Man verfügt über hinreichend große Popu-
lationen, über Beobachtungszeiträume, welche diejenigen üblicher psycholinguis-
tischer Experimente als im Grenzwert gegen Null tendierend erscheinen lassen
und die Experimente einer immer wieder versuchten Sprachoptimierung werden
seit hunderten von Jahren in kontrollierbarer Weise reproduziert. Was will man
mehr von einer Versuchsanordnung als einer solchen, wie sie Sprachwandel kon-
stituiert? (ebd., 24)
Im Sinne Mayerthalers sollen nun also Daten aus der Sprachveränderung
(Sprachentwicklung) zur Verifizierung der Hypothesen herangezogen
werden, die auf der Basis von Spracherwerbsdaten postuliert wurden.

3.1. Grundannahmen zur sprachtheoretischen Relevanz


von Sprachveränderung

Einschlägig sind dabei natürlich Sprachveränderungen, die die Folge von


Konflikten im Sprachsystem selbst sind, die „im System angelegt“ sind
(Paul 1975), und somit grammatisch (und nicht sozial) initiiert sind. Ab-
bildung 3 gibt eine Übersicht über Sprachwandeltypen und ihre Abhän-
gigkeiten und macht deutlich, dass die hier behandelten Veränderungen
unter der Bezeichnung system-initiierter Wandel firmieren.
Grammatisch initiierter Wandel ist dadurch motiviert, dass durch ihn
grammatische Komplexität, die die menschliche Sprachkapazität hinsicht-
lich bestimmter Eigenschaften – diese Einschränkung bzw. Konkretisie-
rung ist wichtig – belastet (auch Markiertheit genannt), im Bereich von
Phonologie, Morphologie und Syntax abgebaut wird.3 Er führt damit zu
weniger komplexen, präferenteren grammatischen Strukturen.
Das theoretisch Konzeptionelle, das die folgende Auswahl von Unter-
suchungsinstrumentarien und Erklärungsmustern steuert, ist vor allem im
Rahmen von Natürlichkeits- und Präferenztheorien unter dem Gesichts-
punkt der Markiertheit grammatischer Erscheinungen und ihrer Rolle im
Sprachwandel entwickelt worden (vgl. für den Zusammenhang hier z.B.
Bailey 1973; Mayerthaler 1981a; Vennemann 1983, 1990; Wurzel 1984,
1994; Dressler u.a. 1987; Bittner 1996).

_____________
3 Für den semantisch initiierten Wandel ist das bisher wenig untersucht.
Sprachwandel

nicht- intendiert
intendiert

system- außersprach- sprach- sozial-


initiierter lich initiier- kontakt- initiierter
Aspekte diachronischer Fundierung

Wandel ter Wandel initiier- Wandel


ter W.

gramma- semantisch
tisch ini- initiierter
tiierter W. W.
lexikalisch- Entleh- Sprach- Pid- Sprachnor-
semant. nung mi- gin / mierung,
phonol. morphol. syntakt. Grammati- lexikalisch- Wandel zur schung Kreo- -planung,
Wandel Wandel Wandel kalisierung semant. Beseitigung lisie- -politik;
Wandel v. Bezeich- rung Schaffung
nungsdefi- von
ziten Fachspra-
chen / Ter-
Kontakt gelehrt minologien

Abbildung 3: Sprachwandeltypen (nach Bittner, A. in Wurzel 1994, 99)


243
244 Andreas Bittner

Die folgende konkrete Analyse sprachlicher Daten erfolgt ausschließlich


auf der Basis historischer Grammatiken (vgl. Literaturliste), dem Duden
und Bittner (1996, 1998). Sie übernimmt außerdem Daten aus und orien-
tiert sich an Wurzel (1999, 2000). Die Problematik dieser Quellenauswahl
(vgl. dazu z.B. Wegera 1990, Leiss 1998) wird dabei bewusst in Kauf ge-
nommen. Der Fokus der Erörterungen liegt auf der Interpretation
sprachhistorischer Fakten hinsichtlich ihrer Bedeutung für die linguisti-
sche Theoriebildung und in Bezug auf die Art und Weise ihrer Einbin-
dung in sprachtheoretische Überlegungen. Aus möglichen Ungenauigkei-
ten der Daten, die der unzureichenden Quellenlage zuzuschreiben sind,
sollten keine grundsätzlichen Gegenargumente zur vorgenommenen In-
terpretation resultieren – es sei denn, man stellte die bisherige Sprachge-
schichtsschreibung insgesamt zur Disposition. Genereller Untersuchungs-
bereich ist die deutsche Verbmorphologie, konkret sollen Aspekte der
mentalen Repräsentation grammatischen Wissens mit Fakten des Über-
tritts von den starken zu den schwachen Verben konfrontiert werden.

3.2. Hypothesen zum Wandel

Zunächst sollen die o.g. Hypothesen für eine Überprüfung im Rahmen


des Sprachwandels angepasst und konkretisiert werden.
• Hypothese 1: Sprachhistorische Veränderungen / Sprachwandel-
prozesse verweisen bezogen auf die segmentale Repräsentation der
Lexeme im mentalen Lexikon (Repräsentation morphologischen
Wissens) darauf, dass diese Repräsentation auf der Basis prädiktiver
Kennformen (Muster / Schemata) erfolgt, sie ist außerdem wort-
und nicht (stamm)morphembasiert.
• Hypothese 2: Sprachhistorische Veränderungen / Sprachwandel-
prozesse verweisen bezogen auf die Repräsentation morphologi-
schen Wissens darauf, dass die Spezifizierung des flexionsmorpho-
logischen Verhaltens (Prinzipien der Zuordnung zu Flexionsklas-
sen) auf der Basis nichtmorphologischer Eigenschaften dieser
prädiktiven Kennformen (Muster / Schemata) und im Rahmen ge-
richteter paradigmatischer Strukturbedingungen erfolgt.
Aspekte diachronischer Fundierung 245

4. Verifizierung der Hypothesen:


Beobachtung einschlägiger Sprachveränderungen
4.1. Wandelbeobachtung 1 zu Hypothese 1

Es genügt ein Blick auf die bekannten Standardbeispiele, den auch Wur-
zel (2000) bereits vorgenommen hat. Das Ahd. weist vier relativ stabile
verbale Flexionsklassen auf. Die Verben der einzelnen Klassen mit (par-
tiell) unterschiedlichem Flexionsverhalten unterscheiden sich in der pho-
nologischen Form der Infinitive: Die Klasse der starken Verben (geban)
steht drei schwachen Klassen gegenüber, der jan-Klasse (suochen),4 der ōn-
Klasse (salbōn) und der ēn-Klasse (habēn).5 Wie zu sehen ist, liegt die pho-
nologische Distinktivität nicht im Wortstamm, sondern in den morpholo-
gischen (‚wortartspezifizierenden‘) Endungen.
Phonologischer Wandel (Neutralisation der Vokale unbetonter (Ne-
ben-)Silben) führt dann im Übergang zum Mhd. zur Vereinheitlichung
aller Infinitivmarker zu phonetisch [-ən], vgl. mhd. geben, suochen, salben,
haben. Nach dieser Neutralisierung beginnen Sprecher ursprünglich starke
Verben schwach zu flektieren, was auch noch im Gegenwartsdeutschen
geschieht, wenn auch sprachpflegerisch, durch Normierungsdruck und
schulische Sozialisation behindert; vgl. frnhd. bellen, kreischen, schmiegen –
Präteritum boll, krisch, schmog > nhd. Präteritum bellte, kreischte, schmiegte
(Bsp. nach Wurzel 2000, 419). Gegenwärtig vollzieht sich bei mehr als 50
Verben dieser Übergang zur schwachen Flexionsweise, vgl. z.B. fechten,
gären, hauen, melken, schallen und saugen – Präteritum focht, gor, hieb, molk,
scholl, sog > fechtete, gärte, haute, melkte, schallte, saugte (vgl. Bittner 1996, 111).
Dies lässt sich folgendermaßen interpretieren: Es drängt sich bei der
durch die Fakten skizzierten Abfolge die Schlussfolgerung auf, dass das
Auftreten dieses morphologischen Wandels von der phonologischen
Form des Wortes abhängig ist, die sich im Deutschen in der Form des
Infinitivs (und teilweise in den abgeleiteten Wortformen) bestens manifes-
tiert. Wurzel (2000, 420) konstatiert, dass der Wandel dann einsetzt,
„wenn man dieser Form die Flexionsklassenzugehörigkeit der Lexeme“
und damit die Flexionsweise „nicht mehr ansehen kann“. Solange der
Infinitiv eines Verbs auf -an endet, kann das entsprechende Verb nicht
schwach flektiert werden. Deshalb treten Wandelerscheinungen wie die
_____________
4 Starke j-Präsentia, die im Infinitiv und in der Präsensflexion wie schwache jan-Verben
aussehen, sind ahd.: intrīhhen (I), bitten, liggen, sitzen (V), swerien, scephen, heffen, intseffen (VI) und
erien (reduplizierend); vgl. (Braune 1987, 282f. und 264ff.).
5 Bei den drei schwachen ahd. Verbklassen finden sich Reste einer jeweiligen semantischen
Motivierung: Intensiva, Iterativa (ōn-Verben); Durativa, Inchoativa (ēn-Verben); Kausativa
(en-(< jan)Verben).
246 Andreas Bittner

Übergänge von starken Verben zu den schwachen erst nach den phonolo-
gischen Neutralisierungen auf, wenn also z.B. das schwache Verb leben und
das starke Verb geben in der Form des Infinitivs hinsichtlich der Flexions-
weise nicht mehr unterschieden werden können.
Plausibel erscheint die Annahme Wurzels (vgl. ebd., 420f.), dass ein
starkes Verb wie geban und ein schwaches Verb wie suochen im mentalen
Wissen der Sprecher des Ahd. als [[geb]BM an]V bzw. [[suox]BM en]V abge-
legt sind6 und nicht als [geb]VBM, stark bzw. [suox]VBM, schwach (also als
Stammmorphem mit diakritischer Flexionsangabe), weil bei letzterer Re-
präsentation „das Auftreten des Wandels gerade zum Zeitpunkt der pho-
nologischen Neutralisierung [...] sich [...] nicht sinnvoll erklären [läßt]“
(ebd., 420).
Daraus folgt, dass die mentale Repräsentation der Verben im Ahd. in
der Form des Infinitivs realisiert wird, die damit die lexikalische Grund-
bzw. Kennform darstellt, die als Basis für die Ableitung sämtlicher Flexi-
onsformen fungiert. Die ahd. Verbflexion ist auf dieser Faktenbasis von
den Sprechern „wortbasiert und nicht morphembasiert organisiert“ (ebd.,
421). Diese strikte Annahme über die Organisation flexionsmorphologi-
schen Wissens in Sprachen mit ausgeprägter Flexionsmorphologie könnte
für das Deutsche ab dem Mhd., also nach der phonologischen Neutralisie-
rung der Vokale der morphologischen Endungen, angezweifelt werden.
Es wird zu zeigen sein, dass auch in den auf das Ahd. folgenden Sprach-
perioden eine Form wie [[geb]BM mn]V als Kennform und Ableitungsbasis
dient, also keine Stammmorphembasierung der Verbflexion vorliegt (vgl.
auch Bittner / Köpcke 2007). Der Infinitiv trägt also nicht nur strukturelle
Merkmale der wortartspezifischen Flexion und fungiert über eindeutige
grammatische Morpheme als Auslöser der entsprechenden Flexionsweise
und -klassenzugehörigkeit. Mit diesen Trägern grammatischer Information
muss auch ein Bündel distinktiver, gerichteter Flexionsformen verknüpft
sein.
Da die Sprecher des Mhd. dem Verlust dieses Indikators für Flexions-
verhalten durch phonologischen Wandel nichts entgegengesetzt haben,
liegt die Vermutung nahe, dass das Zulassen dieses phonologischen Wan-
dels Teil eines morphologischen Wandelprozesses ist, bei dem das bishe-
rige mindestens aus vier Klassen bestehende, ursprünglich semantisch
motivierte Zuordnungssystem verändert, (wieder) eindeutiger gemacht
werden soll. Die Sprecher hatten wohl den Eindruck, dass die Komplexi-
tät der semantischen Motivierung dieses morphologischen Teilsystems
und die ihr innewohnenden Überschneidungen und Mehrdeutigkeiten, die
_____________
6 Sie werden dann mhd. phonologisch zu [[geb]BM mn]V bzw. [[suox]BM mn]V neutralisiert (V –
Verb, BM – Basismorphem, VBM – verbales Basismorphem), vgl. Wurzel (2000, 420).
Aspekte diachronischer Fundierung 247

eine entsprechende Komplexität der morphologischen Kennzeichnung


erforderten, die Handhabbarkeit des morphologischen Codesystems un-
nötig erschweren. Merkmale der phonologischen Struktur bzw. ihrer Rea-
lisierung sollen als Indikatoren möglichst eindeutiger, distinkter Inhalte
bzw. Funktionen dienen, zumal sie ständig der Gefahr artikulatorischer
Aufwandsbeschränkung ausgesetzt sind. Der so motivierte morphologi-
sche Veränderungsprozess orientiert sich an der morphologischen Kenn-
zeichnung der Unterscheidung der ‚Wortart‘ Verb von anderen ‚Wortar-
ten‘ und zunehmend weniger an der Binnendifferenzierung von
Verbtypen. Das Zulassen der phonologischen Neutralisation signalisiert
die morphologische Umorganisation in Richtung der Flexionsweise bzw.
-klasse, die hinsichtlich unterscheidender Merkmale für Inhalte / Funktio-
nen eindeutiger ist und den Sprecherkriterien Uniformität, Transparenz
und Ikonizität (vgl. Mayerthaler 1981a; Dressler u.a. 1987; Wurzel 1984)
besser entspricht. Das geht in der Regel damit einher, dass diese das Sys-
tem dominieren bzw. Systemangemessenheit erlangen und auch hinsicht-
lich der Type-Frequenz die jeweils mächtigere Flexionsweise darstellen
(vgl. Bittner 1996, 20ff.).
Damit sind universelle Kriterien morphologischer Kategorienkenn-
zeichnung benannt, wobei noch einmal hervorgehoben werden soll, dass
Sprachnutzer morphologische Eigenschaften an nichtmorphologische
binden, also nichtmorphologische Eigenschaften von Lexemen nutzen,
und zu einer relativen (funktional gesteuerten) Vereinheitlichung von
Kennzeichnungsmitteln und -systemen tendieren.

4.2. Wandelbeobachtung 2 zu Hypothese 1

Der skizzierte morphologische Wandel führt nach der phonologischen


Veränderung des Infinitivs (und abgeleiteter Formen) tendenziell, d.h.
keineswegs unmittelbar und ausnahmslos, zu einer Veränderung der Fle-
xionsformen des Singulars Präsens, des Präteritums, des Konjunktivs
Präteritum (Konjunktiv II) und des Partizips Perfekt (Partizip II), was
zunächst einmal darauf hinweist, dass nicht alle Formen eines Paradigmas
einfach lexikalisch gespeichert bzw. nach einheitlichen Regeln erzeugt sein
können, vgl. die Übersichten 4 und 5, außerdem Bittner (1996) und Bitt-
ner / Köpcke (2007).
248 Andreas Bittner

4.3. Schlussfolgerungen zu 4.1. und 4.2.

Aus den beiden Wandelbeispielen lassen sich für die mentale Repräsenta-
tion von grammatischem Wissen folgende Schlüsse ziehen, die gleichzeitig
eine Verifikation der Hypothese 1 beinhalten:
1. Flexionsmorphologisches Wissen ist in Form von Kennformen
(Grundformen; Mustern / Schemata) repräsentiert. Das geschieht
durch konkrete Wortformen (nicht durch Stammmorpheme). Au-
ßerdem weist die Wandelbeobachtung 2 darauf hin, dass nicht
sämtliche Flexionsformen des Paradigmas lexikalisch gespeichert
sind, das dürfte lediglich bei starker Suppletion der Fall sein.
2. Die prädiktive Kennform (Muster / Schema) für die deutsche
Verbflexion ist der Infinitiv.
Die Schlussfolgerung, dass der Infinitiv, eigentlich eine Nominalform (?),
die Kennform des deutschen Verbs bilden soll, wird nicht so ohne Weite-
res auf Akzeptanz stoßen. Ein kurzer Exkurs soll für einige, die Feststel-
lung plausibel machende Fakten sorgen.

4.4. Exkurs: Probleme mit dem Infinitiv

Welche Zweifel sind am Infinitiv zu hegen? Man kann argumentieren,


dass der Infinitiv eine Nominalform und damit gar nicht Teil des Verbpa-
radigmas ist, also auch nicht dessen Kennform sein kann. Er steht außer-
dem in Konkurrenz zur 3.Ps.Sg.Präs.Ind., die eine hohe Token-Frequenz
aufweist, bzw. zu einer anderen singularischen Präsensform, z.B. der
1.Ps.Sg.Präs.Ind. Auch hier soll ein Blick auf einschlägige Wandelprozesse
zu Antworten führen.

4.4.1. Wandelbeobachtung: Richtung von Wandelprozessen

Auf der Suche nach entsprechenden Gegenargumenten sollen die Aus-


gleichsprozesse im Präsensvokalismus und -konsonantismus der starken
Verben betrachtet werden.
Im Frnhd. erfahren starke Verben mit ie-eu-Wechsel im Präsens einen
Ausgleich des Präsensvokalismus durch den Vokal [ī] (vgl. z.B. frnhd.
fliegen, fliege, fleug(e)st, fleug(e)t, (wir) fliegen > nhd. fliegen, fliege, fliegst, fliegt, (wir)
fliegen). Im Paradigma des starken Verbs sehen bspw. wird ebenfalls im
Frnhd. die (konsonantische) Alternation zwischen [ç] und ∅ (vgl. frnhd.
sehen, sehe, sichst, sicht, (wir) sehen) zugunsten der ∅-Formen aufgegeben (vgl.
Aspekte diachronischer Fundierung 249

nhd. sehen, sehe, siehst, sieht, (wir) sehen). Das deverbale Nomen Sicht wird
davon nicht erfasst. Was auffällt ist, dass beide Alternationstypen zuguns-
ten einer Form aufgegeben werden, die (auch) die des Infinitivs ist, aber
nicht die der 3.Ps.Sg.Präs.Ind.
Die starke Verbklasse und die (größere) Klasse der schwachen jan-
Verben stimmen im Ahd. in ihrer Präsensflexion überein. Es finden aber
keine Übergänge zwischen den Klassen statt. Wäre die 1.Ps.Sg.Präs.Ind.
oder eine andere Form des Präsens Indikativs die Kennform, sollten sol-
che Übergänge zumindest tendenziell auftreten.7

4.4.2. Grundform vs. Stammflexion

Auf eine notwendig durch die Kennform zu erfüllende strukturelle Eigen-


schaft muss explizit hingewiesen werden. Die deutsche Verbflexion (vom
Ahd. bis zum Nhd.) funktioniert nach dem Prinzip der Stammflexion (vgl.
ahd. nëm-an – nim-u (1.Ps.Sg.Präs.Ind.) und nhd. nehm-en – nehm-e). Für eine
wortbasierte morphologische Repräsentation ist es also wichtig, dass die
Kennformen (Muster / Schemata) morphologisch gegliedert repräsentiert
sind, Flexionsregularitäten Zugriff auf den Stamm haben (z.B. ahd. nëman
als [[nëm]St an]V, nhd. nehmen als [[ne:m]St mn]V, vgl. Wurzel 1999).8

4.4.3. Interpretation der Beobachtungen

Der Infinitiv der Verben im Deutschen erfüllt offensichtlich wichtige


Anforderungen an eine Kennform (Muster / Schema), indem er ganz oder
partiell ([[ge:b]St mn]V) die Eingabevoraussetzungen für die Anwendung
von Flexionsregularitäten (ob Regelmodell oder Vernetzung) liefert, hin-
sichtlich seiner Kategoriensemantik wenig komplex ist (vgl. Mayerthaler
1980, 11ff.) und weitgehende Informationen über das Flexionsverhalten
des jeweiligen Lexems enthält.

_____________
7 Nicht alle Ausgleichsprozesse innerhalb eines Paradigmas müssen in Richtung Kennform
verlaufen. So kommt es im Frnhd. zur Entwicklung von zemen – es zimt zu ziemen – es ziemt,
wobei der Vokal der 3.Ps.Sg., der bei unpersönlichen Verben häufigsten Personalform,
verallgemeinert wird. Da solche Ausgleichsprozesse nur innerhalb eines Flexionsparadig-
mas stattfinden, spricht das für die Zugehörigkeit des Infinitivs zum verbalen Paradigma.
8 Auch für das Erkennen der Kunstverben und die Schemaidentifikation auf der Basis von
Eigenschaften der phonologischen Struktur im Rahmen der Tests zum späten Spracher-
werb war die Präsentation als ganze Wortform, die dann von den Kindern mühelos geglie-
dert wurde, notwendig (vgl. Bittner / Köpcke 2007).
250 Andreas Bittner

4.5. Erklärungsansatz für die Übertritte


der starken zu den schwachen Verben

Ausgangspunkt für diesen Typ von Wandel sind die Sprecher / Hörer
einer Sprache mit ihrer Kapazität zur Sprachverarbeitung und ihrem
sprachlichen Agieren. Sprachliche Strukturen und systematische Zusam-
menhänge werden von ihnen hinsichtlich ihrer Komplexität, ihrer Eindeu-
tigkeit und ihrer Funktionalität einer ökonomischen Analyse unterworfen,
die immer eine auf spezifische Eigenschaften einer Ebene des Sprachsys-
tems bezogene, skalare Ergebnisorientierung hat. Wenn man sich fragt,
weshalb in den skizzierten Fällen Übergänge von starker zu schwacher
Flexionsweise tatsächlich eintreten, bietet sich als plausibles Erklärungs-
muster an, dass grammatisch initiierter phonologischer, morphologischer
und syntaktischer Wandel dadurch motiviert ist, dass durch ihn immer die
menschliche Sprachkapazität belastende grammatische (hier morphologi-
sche) Komplexität (Markiertheit) abgebaut wird (vgl. Wurzel 1994).
Bei den sprachhistorischen Veränderungen der Flexionsweise deut-
scher Verben würde somit ein Abbau ‚zusätzlicher‘ Spezifikationen im
mentalen Lexikon der Sprecher diese Verringerung belastender Komplexi-
tät bewirken. Welcher Art sind diese ‚zusätzlichen‘ Spezifikationen? An die
phonologische Struktur der gegliederten Kennform knüpfen Sprecher
Informationen hinsichtlich des Flexionsverhaltens mit unterschiedlichem
Spezifikationsgrad. Außerdem müssen auch da, wo man den jeweiligen
Kennformen nicht mehr eindeutig ansehen kann, wie das Lexem flektiert
wird, Verben im mentalen Lexikon distinkt repräsentiert sein, wenn sie
unterschiedlich flektiert werden sollen. Aus den Beispielen wird deutlich,
dass da, wo Verben mit den gleichen außermorphologischen (phonologi-
schen) Eigenschaften unterschiedlich konjugiert werden, jeweils die weni-
ger normale Flexionsweise im mentalen Lexikon durch das Einbeziehen
spezifischerer Eigenschaften (z.B. spezifische Konstellationen der phono-
logischen Struktur) bzw. durch zusätzlich gespeicherte Kennformen
und / oder Marker spezifiziert ist. Bei dieser Motivierung von Verände-
rungen treten Lexeme immer zur weniger zusätzlicher Komplexität bedür-
fenden Flexionsweise über (vgl. ausführlich Bittner 1996).
Da bei den bisherigen Beispielen nur die Nutzung von phonologi-
schen Eigenschaften der Kennformen als Schlüssel für die zu realisierende
Flexionsweise diskutiert wurde, soll kurz auf weitere Möglichkeiten der
Verknüpfung mit unabhängigen außermorphologischen Eigenschaften
hingewiesen werden:
Seit dem Frnhd. benutzen Sprecher das ursprüngliche Vollverb brau-
chen ('benötigen, genießen, sich einer Sache bedienen') in Kontexten mit
Negation mit einer modalen Bedeutung. Bei diesem modalen Gebrauch
Aspekte diachronischer Fundierung 251

findet im gesprochenen Nhd. häufig eine Veränderung in der


3.Ps.Sg.Ind.Präs. statt: (er) braucht > (er) brauch. Es handelt sich dabei nicht
um einen phonologischen, sondern um einen morphologischen Wandel,
denn die 2.Ps.Pl.Ind.Präs. ((ihr) braucht) ist davon nicht betroffen (*(ihr)
brauch). Modal genutztes brauchen ('gezwungen sein, etwas zu tun') wird mit
der Präsensflexion der übrigen Modalverben versehen, vgl. (er) darf, kann,
muss, obwohl es im Nhd. nur sieben Verben gibt, die die 3.Ps.Sg.Ind.Präs.
ohne -t bilden (dürfen, können, mögen, müssen, sollen, wollen, wissen), während
ca. 4000 Verben den Marker -t aufweisen (letzteres sollte eindeutig für eine
größere ‚Normalität‘ der t-Klasse sprechen). Für die Zuweisung der Flexi-
onsweise wird aber die Eigenschaft, Modalität auszudrücken, favorisiert.
Brauchen mit modaler Bedeutung tendiert auch syntaktisch dazu, wie ein
Modalverb behandelt zu werden, z.B. bei Er brauch nicht kommen für Er
brauch nicht zu kommen (vgl. Bittner 1996).
Es sind also nicht nur phonologische Eigenschaften der Kennform,
sondern auch syntaktische und semantische Eigenschaften, die von den
Sprechern genutzt werden. Wenn sich solche Eigenschaften verändern,
führt das tendenziell zu Übertritten zu einer anderen Flexionsweise. Wie
stark das Bestreben der Sprecher ist, unabhängig gegebene Eigenschaften
der Lexeme (und ihrer Kennformen) für ihre Zuordnung zu den Flexi-
onsklassen zu nutzen, zeigen die Herausbildung der Klasse der Modalver-
ben und der an brauchen illustrierte aktuell verlaufende Wandel.

4.6. Wandelbeobachtung 1 zu Hypothese 2 –


schrittweiser Übergang von starken
zu den schwachen Verben

Beim Übergang starker Verben zur schwachen Flexion werden im Deut-


schen häufig nicht alle Flexionsformen eines starken Verbs auf einmal
durch schwache Formen ersetzt. Der Übergang erfolgt vielmehr schritt-
weise (vgl. Abbildung 4 und Bittner 1996).
Charak- Stammvokal 1./3. -i- und/oder Vokalwechsel dentallose Prät.- Ablaut Umlaut Part.Perf.
252

teristika Sg.Prät. ∅-Endg. Sg.Präs. bzw. form und/oder ∅- Prät. Konj. (Ablaut,
≠ Sg.Imp. 2./3. Sg.Präs. Endung Prät. -en)
Stammvokal 1./3. Sg.Prät.
2.Sg. & 1.-3.
Verben Jh.
Pl.Prät. 1.P. 2.P. 3.P.
bannen 13. - +
14. + + +(-)
15. +/- +/- +/- +(-)
16. - - - - -(+)
18. - - - -(+)

bellen 15. + + +(-) + + + +


16. + - + + + + +
17. +(-) +(-) +(-) +(-) +
18. - - -(+) -(+) -(+) -(+)
19. - -(+) -(+) -(+) -(+)
20. - - - - - -
smiegen 13. + - + + + + +
16. +(-) +(-) - +(-) + + +
17. - - - - - - +(-)
malen 16. - - ∅ + + + + +
18. - - - - - - - +

Abbildung 4: Beispiele für (schrittweise) Übergänge von starker zu schwacher Flexion (Mhd. – Nhd.; nach Grimm 1854ff., +: starke
Andreas Bittner

Form belegt, -: schwache Form belegt, ( ): weniger häufig)


Aspekte diachronischer Fundierung 253

Solche partiellen Übernahmen einer anderen Flexionsweise, bei denen


quasi gerichtet ‚Mischflexionen‘ entstehen, wie z.B. bei melken, melke, (er)
melkt, (er) melkte, (er) melkte, gemolken (schwacher Imperativ, schwaches Prä-
sens (ohne Vokalwechsel), schwaches Präteritum, schwacher Konjunk-
tiv II, Beibehaltung des starken Partizips II) oder gebären, gebäre, (sie) gebärt,
(sie) gebar, (sie) gebäre, geboren (Imperativ und Präsens schwach, Beibehaltung
starker Präterital-, Konjunktiv- und Partizipformen), sind zumal in institu-
tionell normierten Sprachen durchaus Konstrukte sprachlicher Entwick-
lung von langfristigem Bestand, was an Beispielen wie backen, laden, raten,
mahlen, winken, salzen, schinden deutlich wird (vgl. Bittner 1996, 90ff. und
Wurzel 1998). Status und Veränderung der genannten Verben werden in
Bittner (1996, 184ff.) über zusätzliche Markereinträge und deren Verände-
rung beschrieben: melken [VW/Imp.Sg.] > melken [Abl, -ən/Part. II], gebä-
ren [VW/Imp.Sg.] > gebären [Abl/Prät.], mahlen, winken, … [Abl, -ən/Part.
II].
Diese Fakten sprechen dafür, dass die Wörter im mentalen Lexikon,
dass flexionsmorphologisches Wissen schlechthin – wenn es sich nicht
eindeutig aus Eigenschaften der Kennform (Muster / Schema) ergibt –
hinsichtlich des Auftretens bestimmter Flexionsformen in ihren Paradig-
men spezifiziert sind. Nicht prädiktables, komplexeres (aber nicht supple-
tives) Flexionsverhalten drückt sich im Auftreten spezifischer Marker im
mentalen Lexikon aus, prädiktables in deren Nichtauftreten. Darauf
nimmt auch die ‚minimalistische‘ Hypothese Bezug, dass Lexikoneintra-
gungen der Wörter keine Angaben prädiktabler Eigenschaften enthalten
(vgl. Wunderlich / Fabri 1995).9
Ein zentraler Aspekt der Erörterungen dieses Abschnitts soll noch
einmal hervorgehoben und in einen generelleren Zusammenhang gestellt
werden: Im Fall von nicht prädiktabler, ‚zusätzlicher‘ Komplexität sind im
mentalen Lexikon Kennformen bzw. Kategorienmarker als Indikatoren
des Flexionsverhaltens spezifiziert. Wenn beim hier dargestellten Wechsel
der Flexionsweise von stark zu schwach Spezifikationen (Einträge) im
mentalen Lexikon der Sprecher getilgt bzw. durch andere ersetzt werden,
heißt das auch, dass es Grade von Komplexität (Markiertheit) hinsichtlich
des Flexionsverhaltens gibt. Eine graduelle Komplexität wird aber durch
eine binäre Distinktion ,regulär‘ vs. ‚irregulär‘ (bzw. ‚markiert‘ und ‚un-
markiert‘) – sie stellt den Normalfall in der einschlägigen Fachliteratur dar
_____________
9 Bei suppletiven Verben, d.h. Verben, in deren Paradigmen mehrere Stämme auftreten, die
(synchron) nicht durch phonologische Regeln aufeinander beziehbar sind, müssen natür-
lich die Stämme im mentalen Lexikon repräsentiert sein, die eine vom Infinitiv abweichen-
de Ableitungsbasis für weitere Flexionsformen bilden, also wiederum den Charakter von
Kennformen haben, oder Einzelformen sind, vgl. z.B. gehen, ging(en), ?(ge)gang(en); denken,
dacht(en), (ge)dacht; sein, bin, ist, war(en), (ge)wes(en).
254 Andreas Bittner

– nur unzureichend reflektiert. Es existiert vielmehr eine Skala der Regula-


rität zwischen der am stärksten regulären (unmarkierten) Flexion und der
am stärksten irregulären (am stärksten markierten) Flexion durch Bezug-
nahme auf konkrete Flexionseigenschaften der Lexeme. Das soll am
schon diskutierten Beispiel des stufenweisen Übergangs von starken zu
den schwachen Verben in einem zweiten Schritt noch deutlicher heraus-
gearbeitet werden.

4.7. Wandelbeobachtung 2 zu Hypothese 2

Beim Übergang von starken Verben zur schwachen Flexion, der, wie ge-
sagt, nicht konsequent geschieht, sondern zunächst (oder auch dauerhaft)
nur bestimmte Formen des Paradigmas betrifft, werden die Flexionsfor-
men in einer bestimmten Reihenfolge vom Übergang erfasst (interessant
und hier aufgelistet sind vor allem die Paradigmenformen, in denen sich
schwache und starke Flexionsweise unterscheiden (vgl. Bittner 1996, pas-
sim). Nach den jeweils vom Wandel betroffenen bzw. nicht betroffenen
Formen lassen sich die in Abbildung 5 dargestellten ‚Übergangstypen‘
ausmachen (werfen steht für ein konsequent stark gebliebenes Verb; die im
Wandel entstandenen schwachen Formen sind hervorgehoben):

Infinitiv Imperativ Präsens Präteritum Konj.II Part.Perf.


werfen wirf (sie) wirft warf wärfe /würfe geworfen
graben grabe (sie) gräbt grub grübe gegraben
heben hebe (sie) hebt hob höbe gehoben
schinden schinde (sie) schindet schindete schünde geschunden
melken melke (sie) melkt melkte melkte gemolken
bellen belle (sie) bellt bellte bellte gebellt
Abbildung 5: Auftretende Paradigmentypen bei Übergangsprozessen
von starker zu schwacher Flexion

Die ‚Übergangstypen‘ beschreiben eine gerichtete Abfolge des Wandels.


Sofern etwa ein starkes Präteritum nachweisbar ist, sollte auch starke Fle-
xion beim Konjunktiv II und beim Partizip II auftreten, nicht aber not-
wendig bei der 3.Ps.Sg.Präs.Ind. usw. Andere Kombinationen von starken
und schwachen Formen gibt es in den vom Wandel erfassten Verbpara-
digmen nicht.
Aus diesen Fakten können für den Aufbau der Paradigmen deutscher
Verben hinsichtlich eines speziellen Strukturaspekts, nämlich der mögli-
chen Verteilung von schwachen und starken Flexionsformen im Über-
gangsbereich zwischen starker und schwacher Konjugation, zwei mehrstu-
Aspekte diachronischer Fundierung 255

fige, gegenläufige Implikationen abgeleitet werden (vgl. Abbildung 6), mit


denen Sprecher operieren. Die Implikationsmuster basieren auf Bittner
(1996, 80).10

(1) (a) st.Imp. ⊃ st.Präs. (2) (a) sw.Part.Perf. ⊃ sw.Konj.II.


(b) st.Präs. ⊃ st.Prät. (b) sw.Konj.II. ⊃ sw.Prät.
(c) st.Prät. ⊃ st.Konj.II (c) sw.Prät. ⊃ sw.Präs.
(d) st.Konj.II ⊃ st.Part.Perf. (d) sw.Präs. ⊃ sw.Imp.
Abbildung 6: Implikative Paradigmenstrukturbedingungen starker und schwacher Verben

Flexionsparadigmen in Systemen mit mehreren Flexionsklassen haben


eine auf implikativen Relationen beruhende hierarchische formale Struk-
tur. Das bedeutet, dass die einzelnen Flexionsformen innerhalb der Para-
digmen einen unterschiedlichen Status aufweisen. Bestimmte Flexions-
formen fungieren dort, wo der Infinitiv für die Erschließung der Flexion
nicht ausreicht, als Kennformen der Paradigmen und sind (s. o.), im men-
talen Lexikon als Indikatoren der Flexionsklassenzugehörigkeit spezifi-
ziert.
Die implikativen Relationen zwischen den Flexionsformen bzw. ihren
Markern strukturieren die Flexionsparadigmen (sind Paradigmenstruktur-
bedingungen, vgl. Wurzel 1984). Die Implikationen führen zu einem Kon-
tinuum der deutschen Verben auf der Basis der Übereinstimmung mit
bzw. der Abweichung von der präferierten / unmarkierten schwachen Bil-
dungsweise (für Details vgl. Bittner 1996). Der so determinierte Paradig-
menaufbau stellt den Rahmen möglicher Sprachveränderungen dar und
äußert sich steuernd im Erwerbsprozess (vgl. Bittner 1991).11 Die Grenzen
eines Paradigmas ergeben sich in Sprachen wie dem Deutschen aus den
Paradigmenstrukturbedingungen, d.h. aus den formalen Relationen zwi-
schen den einzelnen Wortformen. Im Deutschen sind Infinitiv-, Impera-
tiv- und Partizip II-Formen Teil des Verbparadigmas (anders als vom
Verb abgeleitete Nomina wie z.B. Sicht, Wurf, Schwur).

_____________
10 Die Modalverben, die eine eigene semantisch motivierte Flexionsklasse bilden (vgl. Bittner
1996, 104ff.), und die Rückumlautverben (vgl. z.B. Bittner 1996, 99f.; Nübling / Dammel
2004, 185f.) bleiben hier unberücksichtigt.
11 Flexionsparadigmen haben somit eine reale Existenz; sie sind keine Erfindungen von
Grammatikern. Ihr auf Implikationen der Wortformen beruhender hierarchischer Aufbau
ist wohl ein generelles Strukturprinzip von Flexionsparadigmen.
256 Andreas Bittner

5. Zusammenfassung und vorläufiges Fazit –


mentale Repräsentation
Ausgehend von den im Spracherwerb gewonnen Erkenntnissen lässt die
sprachhistorische Überprüfung der Hypothesen 1 und 2, mit denen eine
Beschränkung der Analyse der mentalen Repräsentation grammatischen
Wissens auf das Vorhandensein und die Rolle morphologischer Kenn-
formen (Muster / Schemata) von Lexemen und die Art ihrer Verknüp-
fung mit den eine spezifische Flexionsweise dokumentierenden paradig-
matischen Wortformen vorgenommen wurde, folgende Schlussfolgerun-
gen zu:
• Flexionsmorphologisches Wissen ist in Form von Kennformen
(Mustern / Schemata) repräsentiert, d.h. durch konkrete, geglieder-
te Wortformen, die als Ableitungsbasis dienen;
• nicht sämtliche Flexionsformen des Paradigmas sind lexikalisch ge-
speichert;
• als prädiktive Kennform (Muster / Schema) fungiert der Infinitiv;
• die Flexionsweise der Lexeme ist tendenziell durch phonologische
und / oder syntaktische und / oder semantische Eigenschaften ih-
rer Kennform bestimmt;
• davon abweichendes Flexionsverhalten wird im mentalen Lexikon
der Sprecher durch zusätzliche Kennformen bzw. Kategorienmar-
ker (oder Einzelformen) spezifiziert, die als Indikatoren der Flexi-
onsweise (-klassenzugehörigkeit) fungieren, prädiktables Flexions-
verhalten wird nicht spezifiziert;
• Komplexität (Markiertheit) hinsichtlich des Flexionsverhaltens ist
graduell;
• Relationen zwischen Flexionsformen (bzw. ihren Kategorienmar-
kern) sind implikativ (gerichtet) und bilden die Strukturregularitäten
(Paradigmenstrukturbedingungen) von Flexionsparadigmen.

5.1. Blick auf Theorienkonzepte

Im Hinblick auf die Repräsentation grammatischen Wissens im mentalen


Lexikon müssen sich Erklärungstheorien den diskutierten sprachhistori-
schen Befunden stellen. Dabei ergeben sich unterschiedliche Schwierigkei-
ten, von denen einige sehr kurz zusammengefasst werden sollen:
Aspekte diachronischer Fundierung 257

Konnektionistische Netzwerke haben bspw. Probleme mit der Ge-


richtetheit von Strukturbedingungen und Wandelprozessen. Während die
Darstellung der schwachen Verbflexion im Rahmen der Netze (entgegen
der allgemeinen Diskussion in der Literatur) nicht nur in dieser Hinsicht
unproblematisch ist, da die einzelnen Formen relativ gleichwertig sind und
sich wechselseitig implizieren, müssen für die nichtschwache Flexion Ähn-
lichkeitskriterien der Muster / Schemata hervorgehoben und die mit ihnen
verknüpften Formen in spezifischer Reihenfolge aktiviert werden. Hierzu
reicht Frequenz als Kriterium nicht aus.
Wörter und Regel-Modelle sind in ihrer Regel- vs. Ausnahmestruktur
zu grob, können (und wollen) historisch gewordene und werdende Zu-
stände dadurch nur unzureichend abbilden und die diskutierten Misch-
formen nicht erklären. Minimalistische Modelle haben durch ihre aus-
schließlich synchrone Strukturaspekte reflektierende Ausrichtung Proble-
me mit der diachronen Abfolge und der Gewichtung sprachlicher Ent-
wicklungsprozesse, die mit den Repräsentationen in Wechselbeziehung
stehen.
Optimalitätsmodelle weisen bei der Begründung von Rankingprozes-
sen grundsätzliche Defizite auf. Sie sind Produkt sprachlichen Wandels,
sollen aber gleichzeitig Wandel motivieren und erklären.
Schema- und Markiertheitsmodelle scheinen im Gegensatz dazu in der
Lage zu sein, durch einheitliche Prozesse und außermorphologische Moti-
vierung Gerichtetheit, paradigmatische Verankerung, Abbildung von
Komplexität und Reduktion ganzheitlicher Speicherung auf den so ge-
nannten Nahbereich miteinander zu verbinden.

5.2. Präsentation, Kennform / Schema


und Paradigmenstrukturbedingungen

Untersucht wurde, wie Indikatoren, die eine spezifische Flexionsweise


auslösen, und ihre Verknüpfung mit diesem Flexionsverhalten mental
repräsentiert sind, wenn sie sich nicht direkt (eindeutig) aus dem jeweiligen
Muster / Schema ableiten lassen, wie z.B. bei werden, heben, schinden, und ob
spezifische, die Komplexität der Prozedur erhöhende ‚Einträge‘ im menta-
len Lexikon denkbar sind, mit denen die Abweichungen vom unmarkier-
ten Flexionsverhalten – in diesem Fall der schwachen Konjugation – ge-
kennzeichnet werden.
Der von mir favorisierte Ansatz geht für die deutschen Verben davon
aus, dass jeweils Gruppen (Klassen) von ihnen eine einheitliche flexions-
morphologische Behandlung erfahren. Diese kann in der Anwendung
einer unspezifischen abstrakten Regel, in der Nutzung spezifischerer und
258 Andreas Bittner

weniger abstrakter Muster / Schemata oder noch spezifischerer und noch


weniger abstrakter analogischer Cluster bzw. Ableitungen bestehen.
Daneben stehen wenige wortspezifische Einzelfälle. Für die im Nhd. mit
95 % mehr als deutlich überwiegende Gruppe (Klasse) der schwachen
Verben reicht also die auf keine weiteren Eigenschaften Bezug nehmende
Identifikation der phonologischen Struktur der Kennform (Infinitiv) als
‚Verb‘ aus, um die entsprechende schwache Flexionsweise anzuwenden.
Ein neues bzw. unbekanntes Verb wird also generell schwach flektiert,
wenn die Sprecher keine spezifische Muster- bzw. Schemaähnlichkeit usw.
feststellen. Andernfalls nehmen sie ‚Einträge‘ in ihrem mentalen Lexikon
vor. Die unspezifizierte Form des Infinitivs als ganz abstrakter seman-
tisch-funktionaler Ausdruck des grammatischen Konzepts ‚Verb‘ ist also
strikt mit schwachem Flexionsverhalten verknüpft. Hier spielt Type-
Frequenz eine große Rolle. Bei Identifikation als einem Muster / Schema,
einem analogischen Cluster usw. zugehörig (bzw. als Einzelfall erkannt)
erfolgt von der schwachen Bildungsweise ganz oder partiell abweichende
(starke) Flexion. Die Muster / Schemata, Cluster usw. gewinnen an Kon-
kretheit, die Type-Frequenz wird schrittweise von der Token-Frequenz
überlagert, wobei die mit den Mustern / Schemata, Clustern usw. ver-
knüpften implikativen Merkmale die entsprechende Einordnung im Rah-
men des skizzierten Verbkontinuums fixieren. Sie bestimmen, bei welcher
Kategorie der Eintritt in die nichtschwache Konjugation erfolgt. Die kon-
kretesten Muster / Schemata sind letztlich direkte (reimende) Analogiebil-
dungen (während die unspezifische abstrakte Regel sozusagen das abstrak-
teste Muster / Schema darstellt), Einzelfälle (oft suppletiv) sind keine
Muster / Schemata. Die Veränderungsrichtung verläuft von konkretem zu
abstrakterem Muster- / Schemabezug. Damit kann der Zusammenhang
von Muster / Schema und Kontinuum formal charakterisiert werden (vgl.
Bittner 1996).

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Adjektive in Inventarlisten – Beobachtungen
zur Syntax und zum Textsortenwandel

Markus Denkler (Münster)

1. Attributiv und prädikativ verwendete Adjektive


Adjektive können bekanntlich attributiv, prädikativ und adverbial ge-
braucht werden. Die Verwendung als Attribut und die Verwendung als
Prädikativum sind dabei näher miteinander verwandt, denn bei beiden
bezieht sich das Adjektiv auf eine nominale Konstituente. Typisch für den
attributiven Gebrauch eines Adjektivs sind die Voranstellung vor das Sub-
stantiv und die Flexion: ein zartes Spinnlein. Als obligatorisch wird man
diese Merkmale allerdings nicht ansehen, denn auch ohne Flexiv – ein zart
Spinnlein – kann das Adjektiv attributive Funktion erfüllen und die post-
nominale Stellung kommt ebenfalls vor: ein Spinnlein zart.1 Vor allem aus
sprachhistorischer Perspektive ist dies bedeutsam, denn zum einen sind
etwa die ‚starken‘ pronominalen Flexive -er (Mask.) und -es (Neutr.) beim
attributiven Adjektiv in einem langwierigen Diffusionsprozess im deut-
schen Sprachraum übernommen worden. Dieser Prozess nahm seinen
Ausgang vom Oberdeutschen und war im 18. Jahrhundert noch nicht
abgeschlossen, sodass man in norddeutschen Texten jener Zeit durchaus
noch flexivlose pränominale Adjektive verwendete (vgl. Voeste 1999;
Ebert u.a. 1993, § M 35; Denkler 2005, 81ff.). Zum anderen stellt sich die
Frage, wann und in welchen Kontexten die Nachstellung als markiert zu
gelten hat (vgl. Behaghel 1930).
Die prädikative Funktion eines Adjektivs wird durch eine Kopula, z.B.
‚sein‘, hergestellt: Die Touristen sind wieder frei. In bestimmten Kontexten

_____________
1 Zum postnominalen Adjektiv im Deutschen vgl. Dürscheid (2002), die die markierte
Nachstellung des Adjektivs vor allem als Mittel der Informationsgliederung analysiert; wei-
ter Hellwig (1898), Paul (1919 / 1968, § 72), Behaghel (1930), Marschall (1992).
262 Markus Denkler

kommen aber auch Konstruktionen ohne Kopula vor: Touristen wieder frei.2
Auch hierbei handelt es sich um eine Topik-Kommentar-Struktur, d.h.
semantisch gesehen sorgt das Adjektiv für eine Prädikation. Solche Struk-
turen weisen eine gewisse Nähe zu attributiven Konstruktionen mit post-
nominalem Adjektiv auf, sodass bisweilen schwer zu entscheiden ist, ob
ein Adjektiv als attributiv oder prädikativ einzustufen ist,3 z.B. bei Pro-
duktbezeichnungen wie Körbchen rechteckig oder Rahmspinat tiefgefroren: „Syn-
tagmen dieser Art finden sich auf Speisekarten, in Versandhauskatalogen,
in Kleinanzeigen, Prospekttexten, auf Schildern, auf Etiketten, auf alpha-
betisch geordneten Listen“ (Dürscheid 2002, 62). Nach Weinrich (1993,
480), der aus textgrammatischer Perspektive argumentiert, handelt es sich
sowohl bei der Attribution als auch bei der Prädikation um eine Determi-
nation. Die prädikative Funktion ist demnach eine besondere Form der
Determination, bei der eine „ausdrückliche, argumentativ relevante Fest-
stellung“ einer Eigenschaft gemacht wird. Auf diese funktionale Defini-
tion soll im Folgenden zurückgegriffen werden.
In dem vorliegenden Beitrag geht es um den Gebrauch von Topik-
Kommentar-Strukturen, die aus einer Nominalphrase und einem Adjektiv
bestehen. Dabei soll insbesondere die Kontrastierung mit funktionsähnli-
chen attributiven Konstruktionen (mit pränominalem Adjektiv) Auf-
schluss über funktionale Zusammenhänge geben. Als Grundlage der Ana-
lysen dient ein Korpus von Nachlassinventaren aus der Frühen Neuzeit.
Nachlassinventare sind in bestimmten, rechtlich umrissenen Kontexten
erstellte Verzeichnisse hinterlassener Mobilien, gegebenenfalls auch hin-
terlassener Haustiere und Immobilien, die also im Kern aus Listen beste-
hen. Wir finden dort Listeneinträge wie 1 Mey Kalb schwartz. Das histori-
sche, diachron angelegte Quellenkorpus sowie die verwendete Textsorte
werden im folgenden Abschnitt kurz vorgestellt. Anschließend werden die
Sprachdaten ausgewertet; zeitliche Konturen des Gebrauchs der unter-
suchten Konstruktion sowie die Adjektivsemantik stehen dabei im Mittel-

_____________
2 Dürscheid (2002, 73) schreibt hierzu: „Prinzipiell kann jedes postnominale Adjektiv als
prädikativer Teil einer Kopulakonstruktion analysiert werden, sofern es nicht-idiomatisiert
ist.“ Vgl. hierzu auch Sprachen ohne Kopula wie das Russische oder das Arabische, in de-
nen das prädikative Adjektiv allein das Prädikat bildet (vgl. Hentschel / Weydt 2003, 205,
340).
3 Die meisten Definitionen der prädikativen Funktion der Adjektive könnten sich auch auf
die attributive Funktion beziehen und umgekehrt, vgl. etwa: „Sie [Prädikativkomplemente]
weisen diesen [durch Subjekt- oder Akkusativkomplement denotierten Gegenständen] eine
Eigenschaft zu und weisen sie damit als Elemente oder Teilmengen einer Klasse aus“ (Zi-
fonun u.a. 1997, 3, 1106). Wenn es bei Eisenberg (2004, 235) heißt: „Die primäre Leistung
der Attribute besteht darin, das von einem Substantiv bezeichnete ‚näher zu bestimmen‘“,
dann sind hiermit nur restriktive Attribute abgedeckt, die die Referenzleistung des Substan-
tivs beeinflussen, nicht aber nicht-restriktive Attribute.
Adjektive in Inventarlisten 263

punkt. Der vierte Abschnitt bietet einen Erklärungsversuch für die auffäl-
ligen Verwendungsmuster. Hierbei rücken textlinguistische Aspekte in den
Fokus; es soll gezeigt werden, dass Elemente des Textsortenwandels mit
dem Wandel im Gebrauch der adjektivischen Determination in einem
näheren Zusammenhang stehen.

2. Westfälische Nachlassinventare
Die zugrunde gelegten Nachlassinventare stammen aus Westfalen aus der
Zeit von 1500 bis 1800 (vgl. Denkler 2006, 35ff.). Das Korpus besteht aus
1.618 Inventaren, die im Zusammenhang der Erhebung einer leibherrli-
chen Abgabe von unfreien Bäuerinnen und Bauern, den so genannten
Eigenbehörigen, erstellt wurden. Diese Abgabe wurde beim Tod eines
oder einer Eigenbehörigen fällig und in Relation zu dem jeweiligen Nach-
lass erhoben. Die Abgabe wird Sterbfall genannt, die Inventare dement-
sprechend auch Sterbfallinventare (vgl. Hüffmann 1966; Homoet u.a.
1982).
Das Rechtsgeschäft, durch das die Höhe dieser Abgabe festgesetzt
wurde, die die Nachkommen und Hoferben dem Leibherrn zu entrichten
hatten, geschah zunächst mündlich. Ab dem Ende des 15. Jahrhunderts
wurde es dann auch schriftlich festgehalten, häufig in Form eines Inven-
tars, das die materielle Grundlage der zu entrichtenden Abgabe, den
Nachlass, dokumentierte. Dies lässt sich allerdings kaum als ein reiner
Medienwechsel beschreiben, da die volkssprachige mündliche Praxis nun
mit der traditionellen – in der Regel lateinischen – Schriftpraxis zusam-
menkam; d.h. bei der Textsortenentstehung flossen traditionelle Muster
der Schriftpraxis ein (vgl. Frank 1996, 18). Diese Muster sind zum einen
Elemente der Textsorte (Gerichts)Protokoll und zum anderen die primo-item-
Liste.
Züge der Textsorte (Gerichts)Protokoll (vgl. hierzu Mihm 1995; Niehaus
/ Schmidt-Hannisa 2005; Topalović 2003; Hille 2008) haben sich in vieler-
lei Hinsicht mit der zugrunde liegenden mündlichen Praxis verbunden.
Techniken der Wiedergabe wörtlicher Rede und des raffenden und trans-
formierenden Notierens können auf die Musterwirkung der Textsorte
(Gerichts)Protokoll zurückgeführt werden (vgl. Denkler 2006, 29ff.,
118f.). In den frühen Inventaren des 16. und beginnenden 17. Jahrhun-
derts erscheinen in den Metatexten, die den Inventarlisten vorangestellt
sind, die Syntagmen Erbtag gehalten (erffdach geholden) und ist geerbteilt worden
(vgl. Denkler 2006, 47ff.), die darauf verweisen, dass das Rechtsgeschäft
bereits an Ort und Stelle beendet wurde. Daraus wird gleichzeitig ersicht-
lich, dass solche Texte allein zu Dokumentationszwecken angefertigt und
264 Markus Denkler

aufbewahrt wurden; für die Durchführung des Vorgangs – der Erhebung


der leibherrlichen Abgabe – hatten sie weiter keine Bedeutung (vgl. auch
Mersiowsky 2000, 340 zur Textsorte Rechnung). Dies sollte sich im Laufe
der Zeit ändern (s.u., Abschnitt 4).
Bedeutender als das Protokoll ist für die Entwicklung der Textsorte
Nachlassinventar die primo-item-Liste gewesen.4 Eine Profilierung in diese
Richtung lässt sich sehr deutlich erkennen, auch wenn teils widersprüchli-
che Entwicklungstendenzen auszumachen sind. Hierzu als Beispiel ein
Ausschnitt aus einem Nachlassinventar des Jahres 1542:5
Jt(em) noch syntt Dar vij wassel svyne
Jt(em) nocht syntt Dar xxij vercken
Jt(em) nocht syntt Dar vij syden speckes
Jt(em) nocht syntt Dar ij swyne De he nocht mest
Jt(em) nocht syntt dar xxxx honder
Jt(em) nocht synt dar xvj gosse vnd ey(n) gant
Jt(em) nocht synt Dar ij yme
Mit Peter Koch lässt sich festhalten, dass in Listen syntaktisch-
semantische Kohärenz durch das „Prinzip der syntagmatischen Similari-
tät“ (Koch 1997, 69) hergestellt wird, d.h. durch die Gleichartigkeit des
Aufbaus der Listeneinträge, durch die Serialisierung der Informationsspar-
ten.6
In diesem Beispiel ist die syntagmatische Similarität sehr deutlich er-
kennbar. Sie wird nicht nur durch die gleichartige Reihung der Informa-
tionssparten hergestellt, sondern auch durch die syntaktische Struktur der
Listeneinträge sowie durch lexikalische und optische Mittel. Als lexikali-
sches Gliederungssignal dient Jtem bzw. Jtem noch (vgl. Schirmer 1911, 89;
Denkler 2006, 70f.): Jeder Listeneintrag ist durch Jtem noch als solcher ge-
kennzeichnet. Dies kann insbesondere dadurch Wirkung entfalten, dass
jeder Listeneintrag in einer eigenen Zeile steht, das Inventar also als Ein-
zelbuchungsinventar aufgebaut ist und nicht als Textblockinventar mit voll ge-
schriebenen Zeilen (vgl. Denkler 2006, 66ff.; Mersiowsky 2000). Die
räumliche Anordnung der Einträge auf der Seite ist demnach, besonders

_____________
4 Vgl. etwa die Reliquienliste in einem lateinischen Inventar des Stiftes St. Egidius und St.
Erhard in Schmalkalden vom 13. Januar 1389:
Primo brachio sancti Egidii cum annulo et magno saphiro.
Item reliquas sancti Erhardi cum cycla aurea in pede argenteo.
Item digitum sancti Andree cum monstrancia cristallina […] (Wendehorst 1996, 72).
5 Landesarchiv NRW Staatsarchiv Münster, Kloster Benninghausen, Akten 10, fol. 35v-36r.
6 Im Unterschied dazu sind Textsorten wie Briefe oder Predigten durch „syntagmatische Kon-
tiguität“ (Koch 1997, 70) gekennzeichnet.
Adjektive in Inventarlisten 265

wenn es um Texte mit „similaritätsbasierende[m] Ordnungsprinzip“


(Koch 1997, 67) geht, mit ins Kalkül zu ziehen.

3. Determinierende Adjektive in Inventarlisten


Im Fokus der Untersuchung stehen Adjektive und Partizipien wie in den
folgenden Beispielen:
1 Mey Kalb schwartz (Burgsteinfurt 1676)
2. beschlag wagen halb geschlitten (Münster 1714)
2 Eymers holtzern (Bramsche 1757)
1 alt(en) beschmiedete wag(en) unbrauchbar (Quernheim 1767)
In die Analyse einbezogen werden auch mit einem Adverb erweiterte
Adjektive wie im zweiten Beispiel. Nicht selten erscheinen in solchen
Strukturen auch pränominale Adjektive, hier im vierten Beispiel.
Wie bereits zu Beginn dargelegt, kann das Adjektiv in diesen Beispie-
len „als Prädikativum gelesen werden“ (Dürscheid 2002, 73),7 das für eine
„ausdrückliche, argumentativ relevante Feststellung“ (Weinrich 1993, 480)
einer Eigenschaft verwendet wird. Diese Konstruktion wird dementspre-
chend als zweigliedrige Topik-Kommentar-Struktur aufgefasst.
Bisweilen werden die beiden Elemente der Konstruktion durch ein
Komma getrennt: 1. Brandtruthe, schlecht (Quernheim 1786), was als Indiz
dafür gelten kann, dass hier kein attributiver Gebrauch vorliegt – der Cha-
rakter des ‚ausdrücklichen Kommentars‘ ist hierbei hervorgehoben (anders
Dürscheid 2002, 74). Es findet sich eine Reihe weiterer syntaktischer
Formen, die dem behandelten Typ sehr nahe stehen:
4. silberne leffelß so alt (Münster 1714)
Ein schaabellen und 2 schoß Stühle N(ota)B(ene) alt (Bielefeld 1799)
j leibstücke von schwartzen wande ist verschließen (Sassenberg 1599)
ein alt Wandt Liffke(n), ist zerbrochen (Stromberg 1631)
Jt(em) ey(n) haluen wagen vnd ey(ne) halue ploch vnd iß olt (Liesborn 1540)

_____________
7 Vereinzelt lassen sich Belege wie die folgenden finden: 1 tisch langer (Münster 1788), 4
Hemde alte (Herford 1793). Hier könnten die Flexionsendungen als Argument dafür ange-
führt werden, dass die Adjektive als Attribute aufzufassen sind, was sie auch vermutlich
sind. Zu beachten ist allerdings, dass in den westfälischen Inventaren die starken Langfor-
men im Maskulinum und Neutrum Singular erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
üblich werden (vgl. Denkler 2005, 81ff.) und sich damit ein typologischer Unterschied zwi-
schen pränominaler (flektierter) und postnominaler (unflektierter) Attribuierung manifes-
tiert. Im Zuge dieses Prozesses ist mit Hyperkorrektionen zu rechnen, also mit der Auswei-
tung des Gebrauchs der Flexionsendungen auf prädikative Adjektive.
266 Markus Denkler

Als Signale für die Kommentarfunktion der Adjektive dienen hier das
Relativwort so, das kanzleisprachige Lexem Nota Bene und natürlich das
Kopulaverb sein.8 Das Komma im vorletzten und die Konjunktion und im
letzten Beispiel sind Zeichen dafür, dass hier jeweils zwei eigenständige
Teile vorliegen und diese Einträge nicht als ‚normale‘ Sätze aufzufassen
sind. Dies hat damit zu tun, dass die Listeneinträge funktional und teilwei-
se auch syntaktisch (vgl. Denkler 2006, 59f.) in den gesamten Text einge-
bettet sind – sie dienen der Beschreibung des jeweiligen Nachlasses. Die
in den Listeneinträgen verzeichneten Gegenstände sind dabei nur in den
seltensten Fällen bereits vorerwähnt, daher sind solche Einträge doppelt
rhematisch. Ein Eintrag wie 6 hemde schlecht wäre also zu paraphrasieren:
'Hier befinden sich sechs Hemden. Diese sind in einem schlechten Zu-
stand.'
In diesem Beispiel wird durch das Adjektiv eine Eigenschaft ins Spiel
gebracht (schlecht), die in gewisser Weise eine ‚Einschränkung‘ der ersten
Aussage darstellt: Nicht sechs Hemden als solche sollen hier verbucht
werden, sondern deren Zustand ist ausdrücklich mit zu berücksichtigen.
Dies ist von entscheidender Bedeutung für die Taxierung der Gegenstän-
de, die hierauf Rücksicht zu nehmen hat. Angesprochen ist damit die
Textfunktion, die Bereitstellung einer soliden und transparenten Grundla-
ge für die Festlegung einer Abgabe. Der ‚einschränkende‘ Charakter des
Kommentars wird auch oftmals durch die Partikel aber signalisiert, wie in
den beiden folgenden Beispielen:
Noch ein Jser(n) Kettel Vo(n) 2 ½ eimer(n) nates aber gantz nichts wurdigh
(Münster 1621)
1 Bette spane und eine für den Knecht Aber gar schlegt (Herford 1687)
Um diese Struktur besser beurteilen zu können, werden nun zwei Fragen
untersucht: 1. Wird in solchen Konstruktionen ein bestimmter Adjektiv-
typ bevorzugt verwendet? 2. In welchem Zeitraum tritt dieses Format
hauptsächlich auf?
Zur Beantwortung der ersten Frage werden exemplarisch vier Adjek-
tivgruppen untersucht. Dies sind erstens Stoffadjektive (relationale Adjek-
tive) wie blechern, kupfern oder steinern,9 zweitens Farbadjektive (qualifizie-

_____________
8 Solche Konstruktionen werden im vorliegenden Beitrag nicht behandelt. Der Zusammen-
hang des hier besprochenen Formats mit den Kopula-Konstruktionen liegt natürlich auf
der Hand.
9 Im Einzelnen: blechern, ehern, eisern, gläsern, holzen / hölzern, irden, kupfern, porzellanen, silbern,
steinen / steinern und zinnen / zinnern.
Adjektive in Inventarlisten 267

rende Adjektive) wie braun, fuchsig oder fahl,10 drittens qualifizierende Ad-
jektive der räumlichen Dimension wie breit, groß oder lang11 und viertens
Zustandsadjektive (qualifizierende Adjektive) wie unbrauchbar, gut oder
verschlissen.12 Zum Vergleich ist auch die attributive (pränominale) Verwen-
dung der Adjektive ausgezählt worden. Die beiden Zahlen lassen sich so
zueinander in Relation setzen. Das Ergebnis der Auszählung zeigt die
folgende Tabelle:

Anteil
Adjektivgruppe Beispiel Format 1 Format 2 Summe
Format 2
Stoffadjektive kupfern 2965 10 2975 0,3 %
Farbadjektive grün 1364 22 1386 1,6 %
Dimensionsadjektive groß 915 37 952 3,9 %
Zustandsadjektive schlecht 1288 324 1612 20,1 %
Tabelle 1: Auszählung nach Adjektivtypen13

Von den untersuchten Adjektiven werden vor allem die Zustandsadjektive


in einer Topik-Kommentar-Struktur verwendet. Der entsprechende pro-
zentuale Anteil ist weit größer als bei den anderen drei Gruppen. Stoff-,
Farb- und Dimensionsadjektive kommen nicht einmal auf 5 %; von den
Zustandsadjektiven werden hingegen über 20 % in diesem Format ver-
wendet. Es lassen sich also deutlich zwei Gruppen erkennen: Auf der
einen Seite charakterisierende Adjektive, die fast ausschließlich attributiv
(pränominal) verwendet werden, und auf der anderen Seite evaluierende
Adjektive, die in beträchtlichem Ausmaß auch in einer Topik-Kommen-
tar-Konstruktion zum Einsatz kommen.14 Eine Erklärung für diesen Be-
fund wird demnach die Semantik der beteiligten Adjektive berücksichtigen
müssen.

_____________
10 Im Einzelnen: braun, fuchsig / gefuchst, grau, grün, rot, schwarz und weiß. Neben den Farbadjek-
tiven im engeren Sinne wurden in diese Gruppe aufgenommen: couleurt, fahl, hell, licht 'hell'
und gestreift.
11 Im Einzelnen: breit, groß, klein, kurz und lang. Nicht berücksichtigt sind hier Adjektive mit
Maßangaben (3. voet lanck) und Paarformeln (kort vnd lanck 'von verschiedener Länge').
12 Im Einzelnen: alt, (un)brauchbar, gut, löchrig / gelöchert / durchlöchert / zerlöchert, mittelmäßig, neu,
nichtswürdig, nutz(e) / nütz(e) / nutzend / nützig / abgenutzt, schlecht, verschlissen / geschlissen,
(un)tauglich / tüchtig und ziemlich 'angemessen, geeignet, ordentlich'.
13 Format 1: Nominalphrase mit attributivem (pränominalem) Adjektiv: 1 langer tisch;
Format 2: Topik-Kommentar-Struktur mit Adjektiv: j. kettell iseren
14 Von ihrer Semantik her sind evaluierende Adjektive für eine Determination des Typs
ausdrückliche, argumentativ relevante Feststellung prädestiniert (vgl. Weinrich 1993, 528).
268 Markus Denkler

Die zeitliche Entwicklung des Anteils der Zustandsadjektive im For-


mat 2 zeigt das folgende Diagramm. Eingetragen ist der gleitende Mittel-
wert. Abgebildet ist der Zeitraum von 1500 bis 1800.

Diagramm 1: Anteil der Zustandsadjektive in der Topik-Kommentar-Konstruktion

Zu Beginn des Untersuchungszeitraums, in der ersten Hälfte des 16. Jahr-


hunderts, ist der Anteil evaluierender Adjektive in der Topik-Kommentar-
Konstruktion verschwindend gering. Er steigt in der Folge an, sinkt aber
zunächst immer wieder auf Werte unter 5 %. Erst im 18. Jahrhundert
erreicht er zuerst die 20%- und dann um 1770 sogar die 40%-Marke. In
der zweiten Jahrhunderthälfte wird also mehr als ein Drittel der unter-
suchten Zustandsadjektive in den Listeneinträgen zur argumentativ rele-
vanten Feststellung einer Eigenschaft gebraucht, andere Adjektive, wie
gezeigt, dagegen kaum. Eine Erklärung für diesen Befund soll auf Beob-
achtungen zum Wandel der Textsorte Nachlassinventar aufbauen.

4. Textsortenwandel
In dem Inventarausschnitt, der in Abschnitt 2 als Beispiel gegeben wird,
fällt auf, dass die Listeneinträge als vollständige Sätze organisiert sind: Jtem
nocht syntt dar xxxx honder. Die Nominalphrasen, mit denen die Gegenstän-
de bezeichnet werden, bilden das jeweilige Subjekt der Sätze und stehen
an letzter Stelle. Zusammen mit Jtem noch sorgt das in jedem Listeneintrag
des Textausschnitts verwendete Prädikat syntt dar für einen sehr hohen
Grad an Gleichartigkeit der Listeneinträge. Den Anteil der Inventare im
Korpus mit diesen Merkmalen zeigt das folgende Diagramm:
Adjektive in Inventarlisten 269

Diagramm 2: Profilierung der Textsorte Nachlassinventar in der Mitte des 16. Jahrhunderts
(Anteil der Inventare mit ausgewählten textlichen Merkmalen)

Mit durchgezogener dunkler Linie eingetragen ist der gleitende Mittelwert


des Anteils der Inventare, die satzförmige Listeneinträge mit ist / sind dar
bzw. dar ist / sind enthalten. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts steigt der
Anteil an; in der Mitte des Jahrhunderts weist mehr als ein Viertel der
Inventare Listeneinträge mit dar ist / sind auf; der Anteil nimmt danach
allerdings rasch wieder ab. Der letzte Beleg stammt aus dem Jahr 1589
(vgl. Denkler 2006, 75f.). Die helle Linie zeigt die Entwicklung der Ein-
zelbuchung – die Verwendung einer eigenen Zeile für jeden Listeneintrag
– und die gepunktete Linie die Verwendung von item bzw. item noch als
lexikalische Markierung der Listeneinträge. Man erkennt, dass sich diese
drei Merkmale in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts – wenn auch
nicht im gleichen Maße, so doch zeitgleich – zu Merkmalen der Inventar-
listen entwickeln, bevor sie ab etwa 1550 wieder abgebaut werden.15 Die
Kennzeichnung des Listenanfangs durch ein lexikalisches Gliederungssig-
nal (verschiedene volkssprachige Entsprechungen von lateinisch primo)
_____________
15 Der Abbau der genannten (und weiterer) Textsortenmerkmale lässt sich als Teil eines
umfassenden Prozesses der kulturellen Neuorientierung interpretieren (vgl. hierzu etwa
Lasch 1910 / 1972; Maas 1988), mit dem sich die sprachhistorische Forschung im Zuge
der Untersuchung des Schreibsprachenwechsels vom Niederdeutschen zum Neuhochdeut-
schen beschäftigt. In den westfälischen Inventaren werden ebenfalls ab der Mitte des 16.
Jahrhunderts sprachliche Neuerungen, zunächst vor allem im lautlich-graphischen Bereich,
übernommen, die aus dem hochdeutschen Sprachraum stammen. Zeitgleich kommt es zur
Übernahme weiterer Kulturtechniken aus dem Süden, wie der arabischen Zahlen (inkl. des
Stellenwertsystems) und der Datierung nach den Monatstagen (vgl. Denkler 2006, 44ff.).
Man kann hier von einem technology cluster sprechen (vgl. Denkler 2007, 455): In der Wahr-
nehmung der Übernehmer können verschiedene neue Technologien zusammengehören,
also ein Cluster bilden, sodass diese Technologien auch zusammen übernommen werden.
Daneben kommt es zu einem Abbau von etablierten bzw. sich etablierenden kulturellen
Mustern, der hier zur Nivellierung der Textsorte Nachlassinventar führt. Vgl. in diesem Zu-
sammenhang auch das Konzept der ‚kulturellen Expressivität‘ von Textsorten (Tophinke
1996, 103).
270 Markus Denkler

steigt zeitversetzt an – dies zeigt die gestrichelte Linie. Lexikalische Bau-


steine wie ten ersten, int erste, vor erst und erstlich haben Ende des 16. Jahr-
hunderts ihren Höhepunkt (vgl. Denkler 2006, 60f.); sie erscheinen in
knapp 60 % aller Inventare aus den letzten drei Jahrzehnten des 16. Jahr-
hunderts. Danach verlieren sie langsam an Bedeutung; im 18. Jahrhundert
werden sie kaum noch verwendet.

Diagramm 3: Profilierung der Textsorte Nachlassinventar Ende des 18. Jahrhunderts


(Anteil der Inventare mit ausgewählten textlichen Merkmalen)

Bei einem der besprochenen Merkmale ist eine weitere Trendwende zu


beobachten; der Gebrauch des Einzelbuchungsinventars nimmt Ende des
17. Jahrhunderts wieder zu und kann sich dann im 18. Jahrhundert gegen
das Textblockinventar durchsetzen (vgl. Denkler 2006, 67f.). Dieser An-
stieg ist verbunden mit dem Anstieg eines weiteren Merkmals der Inventa-
re im 18. Jahrhundert (s. Diagramm 3): der Taxierung der aufgelisteten
Gegenstände, also der Schätzung ihres Wertes. In Einzelbuchungsinventa-
ren können Taxierungen zu jedem gebuchten Gegenstand einzeln ange-
bracht werden; die Taxierungen können so auf dem Papier addiert wer-
den, um den Wert des Nachlasses rechnerisch zu bestimmen. Solche
‚rationalen‘ Nachlassinventare bilden dann Ende des 18. Jahrhunderts die
Grundlage für die Erhebung des Sterbfalls. Als Beispiel sei folgender Aus-
schnitt aus einem Nachlassinventar des Jahres 1733 abgedruckt (vgl. auch
Abb. 1):16

_____________
16 Fürstlich Bentheimisch-Steinfurtisches Archiv, Johanniterkommende Steinfurt, Akten 224,
fol. 163v.
Adjektive in Inventarlisten 271

[…] rth. sch. d.


Einen unbeschlahgenen wahgen setze ad 5
Zwey pfluge mit Egden setze ad 4
Zwey Erdt Kahren setze ad 2
ahn bette
Vier ZugesPredte bette setze ad 12
ahn bettlacken setze ad 3
Eine Kiste setze ad 3
Eine alte Kiste setze ad 1
Ein schap setze ad 4
Ein alt schap setze ad 1
Einen Langen dichß undt stule setze ad 2
Einen Runden dichß setze ad 1
Einen Kufferen Kessel groß 4 emmer ad 4
Einen Kufferen Kessel groß 2 emmer ad 2
Einen Eiernen pott so Klein setze ad 14
Zwey iserne potte setze ad 1
Zwey Halle undt tange setze ad 1
Eine pfanne Eisen undt Roster setze ad 1
ahn Holtzen geschier setze ad 3
Eine schnidtlahde undt messer setze ad 1
flogels grepen undt wannen setze ad 1
bracken HasPels undt sPinrade setze ad 1
Exze barde schutten undt siegde setze ad 2
Summa 163

Homoet u.a. (1982, 12ff.) führen vor Augen, wie in den verschiedenen
Aktennotizen des Stiftes Quernheim (Ostwestfalen) auf die Inventare
verwiesen wird, um den Betrag, der an das Stift zu entrichten ist, festzu-
setzen und schließlich die Zahlung zu quittieren.
Eine solche Analyse einzelner Textbausteine (vgl. Fritz 1993) mit vari-
ablenlinguistischen Methoden macht den Textsortenwandel greifbar. Die
Merkmale können sich zu prototypischen Mustern verdichten und somit
intertextuelle Konstanten und Variablen sichtbar machen (vgl. auch
Warnke 1996).
272 Markus Denkler

Abbildung 1: Nachlassinventar aus dem Jahr 1733 aus Burgsteinfurt (Ausschnitt)


Adjektive in Inventarlisten 273

Die starke Zunahme im Gebrauch der Topik-Kommentar-Konstruk-


tion mit Zustandsadjektiv erfolgte ungefähr zur selben Zeit wie die Profi-
lierung des Nachlassinventars zu einem rationalen Instrument der Abga-
benerhebung (Einzelbuchung, zeilenbezogene Taxierungen zur rechneri-
schen Ermittlung des Wertes der nachgelassenen Güter). Derart aufgebau-
te Inventare beförderten diese Strukturen, denn Angaben zum Zustand
der inventarisierten Gegenstände waren von großer Relevanz – nicht für
die Verbuchung an sich, sondern für die Taxierung. Sie stellten ein wichti-
ges Bindeglied zwischen diesen beiden Informationssparten dar; insbe-
sondere Abweichungen von einer allgemein üblichen Wertansetzung be-
durften einer ‚Begründung‘. Insofern lag es nahe ‚ausdrückliche‘ Muster
zur Determination zu verwenden. Die Listeneinträge können also mit dem
kommentierenden Zustandsadjektiv eine weitere Informationssparte ent-
halten, die zwischen der eigentlichen Verbuchung des Gegenstandes und
der Taxierung steht, sodass ein Eintrag maximal aus Ordnungszahl, nume-
rischer Angabe, Gegenstandsbezeichnung, Bemerkung zum Zustand und
Taxierung zusammengesetzt ist:17
30, ein klapptisch alt – 12 [reichstaler] –
Ordnungszahl Anzahl Gegenstandsbezeichnung Zustand Taxierung

5. Zusammenfassung
In diesem Beitrag wurde ein Fall von pragmatisch indizierter Syntax vor-
gestellt: Die Gebrauchsfrequenz von Konstruktionen des Typs 6 hemde
schlecht (mit evaluierendem Adjektiv) nimmt in westfälischen Nachlassin-
ventaren in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stark zu. Diese Zu-
nahme lässt sich als Merkmal eines umfassenden Textsortenwandels erklä-
ren.
Die neu entstandene Textsorte Nachlassinventar wird zunächst durch
den Einbezug von Elementen der traditionellen lateinischen Schriftpraxis
(primo-item-Liste) profiliert. Diese Profilierung wird noch während des 16.
Jahrhunderts aufgrund einer kulturellen Neuorientierung aufgegeben. So
kommt es wieder zu einer Nivellierung dieser Textsorte. Im 18. Jahrhun-
dert entwickelt sie sich dann zu einem rationalen Instrument der Abga-
benerhebung: Merkmale gewinnen an Bedeutung, die dazu geeignet sind,
das Inventar zu einem transparenten Dokument der Nachlasstaxierung
und damit zu einer verlässlichen Grundlage einer späteren Festsetzung der
_____________
17 Wie das vorgenannte Beispiel zeigt, wird in den Inventaren durch lexikalische Bausteine
wie setze ad, ad oder estemieret explizit eine Verbindung zwischen der Verbuchung der Ge-
genstände und der Taxierung angezeigt (vgl. Denkler 2006, 69).
274 Markus Denkler

Abgabe zu machen. Die Anschlusskommunikation spielt nun also eine


größere Rolle als noch im 17. Jahrhundert: Auf der Grundlage der Inven-
tare und mit ausdrücklichem Bezug zu den Inventaren werden Texte er-
stellt, mit denen die Abgabe festgelegt sowie zuletzt die Bezahlung quit-
tiert wird (vgl. Homoet u.a. 1982, 12f.).
So bildet sich in den Inventaren eine Reihe von Textsortenmerkmalen
heraus, die vor allem mit der seriellen und gleichförmigen Anordnung von
Informationen oder generell mit der gezielten Nutzung des Raums auf der
Seite zu tun hat. Große Bedeutung kommt hierbei also sprachökonomi-
schen und optisch-graphischen Faktoren zu. In diesem Kontext sind auch
Konstruktionen des Typs 1. Mannskleid mittelmäßig (Quernheim 1771) zu
sehen, deren Gebrauch zunimmt. Es handelt sich dabei um doppelt rhe-
matische Topik-Kommentar-Strukturen mit evaluierendem Adjektiv. Die
Verwendung dieser durch Kürze gekennzeichneten Konstruktion ist zum
einen mit den angesprochenen sprachökonomischen und optisch-
graphischen Faktoren zu erklären. Zum anderen sorgt das Adjektiv in
diesem Format für eine ausdrückliche Feststellung einer in Bezug auf die
Textfunktion relevanten Information.

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Althochdeutsch
Additive und adversative Konnektoren
im Althochdeutschen

Hans-Werner Eroms (Passau)

1. Additive und adversative Koordination


Die Erforschung der Konnexion in Satz und Text hat in den letzten Jah-
ren einen großen Aufschwung zu verzeichnen. Dies gilt zunächst in syn-
chron-funktionaler Hinsicht. Es sei nur auf das Handbuch der deutschen Kon-
nektoren verwiesen 1 , das in einem ersten Band die Semantik der
parataktischen und hypotaktischen Konnektoren im Deutschen erfasst.
Ein zweiter Band, der der Syntax gewidmet sein wird, ist in Vorbereitung.
Auch der sprachgeschichtliche Aspekt hat zunehmend Beachtung ge-
funden. Der von Yvon Desportes herausgegebene Sammelband Konnekto-
ren im älteren Deutsch 2 untersucht vor allem das Althochdeutsche, ein kurzer
diachroner Abriss findet sich in der Abhandlung „De l’érosion des con-
necteurs et de la précession des ligateurs“ von Eroms. 3
Semantische und syntaktische Aspekte sind in der Behandlung der
Konnektoren kaum zu trennen. Das zeigen die zahlreichen Arbeiten vor
allem zur Koordinationsreduktion. Insbesondere die Arbeiten der genera-
tiv-transformationellen Grammatik haben den Blick dafür geschärft, dass
„unter der Oberfläche“ der Phrasen und Sätze Prozesse ablaufen, die
ihren Niederschlag in kompakten Oberflächenstrukturen finden. 4 Gerade
die auf den ersten Blick so einsträngig und in ihrer Funktion einfach er-
scheinende „reine“ Koordination, die in der deutschen Gegenwartsspra-
che durch den Konnektor und vorgenommen wird, verstellt den Blick

_____________
1 Vgl. Pasch / Brauße / Breindl / Waßner (2003).
2 Vgl. Desportes (Hrsg.) (2003).
3 Vgl. Eroms (1996, 329ff.).
4 Auf den grammatiktheoretischen Aspekt kann hier nicht eingegangen werden. Es sei hier
auf die Überblicksartikel zur generativ bestimmten Sicht von van Oirsouw (1993, 748ff.)
und zur dependenziellen Darstellungsweise von Lobin (2006, 973ff.) verwiesen.
280 Hans-Werner Eroms

dafür, dass Koordination ein höchst komplexer Vorgang ist, der sich zu-
dem aus unterschiedlichen Quellen speist.
In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, dass in der ge-
schichtlichen Darstellung der deutschen Syntax von Otto Behaghel die
Konnektoren nicht in ihrer historischen Schichtung erfasst werden. Be-
haghel behandelt sie in ihren hypo- und parataktischen Funktionen unter
dem Titel „Die Konjunktionen“ in alphabetischer Reihenfolge.5 Erklärlich
ist dieses Vorgehen nur, wenn man annimmt, dass die Funktionsunter-
schiede jeweils klar an die lexikalische Form gebunden sind und dass diese
sich im Laufe der Sprachgeschichte relativ gleichartig verändern.
Die Veränderungen, denen die Konnektoren unterworfen sind, betref-
fen meist aber das jeweilige Feld, in dem sie stehen, als Ganzes. Im Be-
reich der Subjunktoren ist dies seit Jahrzehnten für die kausalen Konnek-
toren ein Dauerthema in der Forschung, vor allem auch, weil sich hier
Übergänge zu parataktischen Konstruktionen zeigen.6
Aber auch die einzelnen Konnektoren weisen keinesfalls immer eine
konstante Bedeutung auf, weder synchron-funktional, noch im histori-
schen Prozess. Exemplarisch lässt sich dafür für das Althochdeutsche auf
den Kernbereich der Konnektoren verweisen. Die in der deutschen Ge-
genwartssprache unmarkiert geltende Konjunktion und etabliert sich erst
im Althochdeutschen und verdrängt ihre Konkurrenten, und der adversa-
tive Konnektor avur kommt gerade erst auf, er manifestiert sich im Rah-
men eines längeren Prozesses im Deutschen. Er bekommt im Laufe der
Sprachgeschichte mehrere Konkurrenten, vor allem allein und in der
jüngsten Zeit nur.7 Sprachgeschichtlich und typologisch ist es von großem
Interesse, dass diese beiden Konnektorentypen, der additive und der ad-
versative, funktionsverwandt, ja im Gebrauch teilweise austauschbar sind.
Begründet ist dies häufig dadurch, dass die Wörter gleiche Wurzeln haben
oder dass ähnliche Wurzeln konvergieren, wie an der Etymologie von und
gezeigt worden ist. Darauf wird im nächsten Abschnitt eingegangen. Der
tiefere Grund für solche Konvergenzen ist aber ein diskursiv-textuelles
Moment: Das „Anknüpfen weiterer Gesichtspunkte“ im Text und im
Diskurs bedient sich vornehmlich der Strategie der Absetzung vom bisher
Angeführten. Dies ist besonders deutlich in dialogischen Situationen. Bei
ihnen erfolgt die Anknüpfung sehr häufig dadurch, dass zu einer geäußer-
ten Ansicht des Gesprächspartners eine dazu konträre oder zumindest in
andere Bereiche reichende Ansicht vorgetragen wird. Dafür sind merkli-
che Signale, vor allem an der Satzspitze nötig, um die Aufmerksamkeit des
_____________
5 Behaghel (1928, 48ff.).
6 Vgl. zusammenfassend: Pasch / Brauße / Breindl / Waßner (2003, 369ff., 392ff., 403ff.).
7 Vgl. Pérennec (1989, 451ff.) und Eroms (1994, 285ff.).
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 281

Gesprächspartners zu erregen.8 In monologischen Texten kann man sich


die dialogische Situation gleichsam auf eine einzige Ebene verlagert den-
ken, in der die unter Umständen nötigen Gegenmeinungen von der spre-
chenden oder schreibenden Person selber vorgetragen werden. Alle diese
Strategien unterliegen der stilistischen Abnutzung und Abschwächung.
Zwar verdrängt der adversative Konnektorentyp den additiven nicht
grundsätzlich, aber die einfache Koordination mit dem Konnektor und
lässt häufig eine adversative Komponente erkennen.

1.1. Additive Verknüpfung

Wenden wir uns zunächst den Bezeichnungsmöglichkeiten für die einfa-


che Verknüpfung, die additive Koordination, im Althochdeutschen zu.

1.1.1. enti / inti im Althochdeutschen

Zu beginnen ist mit den Vorgängern der nhd. Konjunktion und: enti und
inti. Verbreitung und Etymologie von ahd. enti und inti sind mehrfach
gründlicher untersucht worden. Die Monographie von Edward H. Sehrt9
und die Abhandlung von Rosemarie Lühr10 haben die Vorgeschichte des
nhd. Wortes und geklärt. Dieses geht auf die ahd. Form inti zurück, wäh-
rend sich germ. anti direkt z.B. in engl. and fortsetzt. Strittig war und ist
aber das genaue Verhältnis der beiden Formen enti und inti zueinander.
Während R. Lühr in Bezug auf enti und inti für eine gemeinsame Wurzel
plädiert und die Formenunterschiedlichkeit durch vorurgermanische Ent-
wicklungen erklärt, geht Búa11 direkter von zwei vorgermanischen Varian-
ten aus. Wie sie sich im Indogermanischen zueinander verhalten, ist für
unsere Zwecke nicht erheblich. Es ist aber davon auszugehen, dass die
ursprüngliche Bedeutung von germ. *anþi 'demgegenüber, dagegen' gewe-
sen ist.12 Als etymologische Anknüpfungspunkte kann hier auf Wörter wie
lat. anti oder deutsch Antwort (im Sinne etwa von 'das Gegen-Wort, das
Wider-Wort') verwiesen werden. Die „Entgegensetzung“, die mit ant- zum
Ausdruck gebracht wird, ist jedenfalls deutlich. Die genaue Herleitung der
heute im Deutschen ausschließlich herrschenden Form und kann hier of-
fen bleiben. Sie ist jedoch zweifellos aus inti, wahrscheinlich über eine
_____________
8 Vgl. für die deutsche Gegenwartssprache Christl (2004).
9 Vgl. Sehrt (1916).
10 Vgl. Lühr (1979, 117ff.).
11 Vgl. Búa (2005, 111ff.).
12 Vgl. ebd., 118.
282 Hans-Werner Eroms

Rundungs-Entdrundungsversion entstanden. Kaum geklärt werden kann,


ob die additive Bedeutung 'und' zunächst stärker an die inti- und weniger
an die enti-Formen geknüpft gewesen ist. Es kann sich entweder um eine
schon vor dem Aufkommen verschrifteter Formen bestehende Konver-
genz handeln, oder aber die beiden Formen weisen parallele Entwicklun-
gen auf, wobei im Verlauf der Sprachgeschichte die eine, inti, und, die an-
dere, enti (aus anti) verdrängt. Dies scheint mir die wahrscheinlichere
Entwicklung zu sein. Denn die „Abschwächung“ adversativer Bedeutun-
gen zu einer rein additiven ist ein universaler Vorgang.13
Thomas L. Markey schreibt in seinem Artikel über den Konnektor und
im Althochdeutschen: „We find the contrastive, adversative semantics of
and highly significant.“14 Die adversative Bedeutung von enti lässt sich an
einer prominenten Stelle des Wessobrunner Gebetes sehr deutlich erken-
nen:
(1) Do dar niuuiht ni uuas enteo ni uuenteo,
enti do uuas der eino almahtico cot,
manno miltisto, enti dar uuarun auh manake mit inan
cootlihhe geista. enti cot heilac... (Wessobrunner Hymnus und
Gebet 6-9, Althochdeutsches Lesebuch, 86)
Damals gab es da nichts an Enden und Grenzen. Aber da war der eine all-
mächtige Gott, der gütigste der Männer; und da waren bei ihm auch viele
edle Geister.
Das erste enti zeigt die adversative Setzung sehr deutlich, die folgenden
sind in ihrer Funktion eher kopulativ. Allgemein lässt sich über den Passus
und die Bestimmung der Bedeutung von enti sagen: Im epischen Fortgang
fällt das konnektive und und das adversative aber an den Stellen dramati-
scher Zuspitzung zusammen, wie es hier deutlich zu sehen ist. In jedem
Fall ist enti der Konnektor im Althochdeutschen, der für die Signalisierung
adversativer und additiver Verhältnisse allmählich an die Stelle von joh
tritt.

1.1.2. joh im Althochdeutschen

Dieser Konnektor stirbt im Althochdeutschen langsam ab. Etymologisch


scheint joh eine Zusammensetzung eines pronominalen j- oder der Partikel
ja mit der Partikel ouh zu sein,15 es ist also verweisend. Im Deutschen hat
_____________
13 Vgl. Búa (2005, 118).
14 Markey (1987, 391).
15 Vgl. Grimm / Grimm (1877, Sp. 2327).
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 283

ouh kopulativen, aber ebenfalls auch adversativen Sinn. Die Frühgeschich-


te dieses Wortes ist von Duplâtre herausgearbeitet worden.16 Auch hier
finden wir wieder mehrere Wurzeln, die im Laufe der Sprachgeschichte
konvergieren. Bestimmend scheint der Bezug auf eine Wurzel zu sein, die
in indogerm. *aug- 'vermehren' eine Bedeutung des Hinzufügens erkennen
lässt.
Was die Bedeutung und die Funktion von joh im Vergleich mit enti /
inti betrifft, so heißt es bei Otto Behaghel:
Der Gegensatz beider ist lediglich zeitlicher Art: joh ist das ältere, im Untergang
begriffene Wort (es reicht nur noch in Ausläufern ins Mhd. hinein), enti das an
seine Stelle tretende jüngere Wort. Schon im Isidor wird joh nur noch ganz ver-
einzelt zur Verbindung von Wortgruppen oder Sätzen verwandt, meist nur noch
zur Verknüpfung von zweigliedrigen Formeln, die ja gerne das Ältere weiter füh-
ren.17
Das Verhältnis entspreche etwa lat. et und -que, wie man es zum Beispiel in
den Murbacher Hymnen sehen könne. Hier finden wir zudem die bis zum
Neuhochdeutschen fortlebende Konnektivpartikel auh, quoque, deren
Grundfunktion ebenfalls adversativ-konnektiv ist:
(2) ioh dera naht mittera zite
paul auh inti sileas
christ kabuntane in charchare
samant lobonte inpuntan uurtun.
Noctisque medię tempore
paulus quoque et sileas
christum uincti in carcere
conlaudantes soluti sunt. (Murb. Hymn. I, 11-14)
Und zur Mitternachtszeit wurden Paulus und Sileas, als sie gefesselt im
Kerker gemeinsam Christus lobten, losgebunden.
Im Folgenden wird auf die Abgrenzung und eine mögliche Deutung funk-
tionaler Unterschiedlichkeiten der Konnektoren im Althochdeutschen
genauer eingegangen.

1.1.3. enti / inti und ioh im Althochdeutschen

Wie unsere Überlegungen zu Anfang und die Eingangsbeispiele erkennen


ließen, ist die Situation im Althochdeutschen u.a. dadurch gekennzeichnet,
dass für die einfache Verknüpfung zwei Ausdrücke zur Verfügung stehen,
_____________
16 Vgl. Duplâtre (2006, 73ff.).
17 Behaghel (1928, 200).
284 Hans-Werner Eroms

enti / inti und ioh. Ihre regionale Verteilung und ihre Abgrenzung zu ande-
ren Konnektoren wird bei Markey18 genauer analysiert.
Aufschlussreich ist jedoch, dass sich weder eine scharfe Abgrenzung
in regionaler Hinsicht findet, noch dass in den einzelnen Denkmälern nur
jeweils ein Konnektor vorkommt. Der Normalfall ist eher der, dass beide
Konnektoren begegnen. Daher liegt es nahe, dass immer wieder nach
Bedeutungsunterschieden oder sonstigen funktional zu verstehenden Un-
terscheidungen gesucht worden ist, wie es das obige Zitat von Otto Be-
haghel schon zeigt. Behaghel plädiert allerdings eher für funktionale Iden-
tität und nur für ein zeitliches Nacheinander der beiden Ausdrücke. Bei
Piper heißt es aber zu joh:
Die Erscheinungen sind hier ähnlich wie bei inti, nur verbindet letzteres mehr das
durch seinen Inhalt auf einander Angewiesene und unter sich Zusammenhängen-
de, während ioh die zufällige äussere Verbindung ausdrückt.19
Valentin formuliert für Otfrid die Abgrenzung folgendermaßen:
Otfrids Sprache gehört prinzipiell dem ioh-Bereich, nicht dem inti-Bereich an. joh
ist der normale kopulative Konnektor, der besagt, dass zwei oder mehr Proposi-
tionen oder Äußerungen zusammengenommen werden sollen, das heißt, dass sie
zusammen eine höhere argumentative Einheit bilden.20
Die Suche nach Unterscheidungsmöglichkeiten ist nur zu berechtigt, wenn
die Ergebnisse auch allenfalls zu subtilen Unterschieden führen. Denn das
Vorkommen mehrerer Konnektoren für die Bezeichnung der einfachen
Anknüpfung im Althochdeutschen ist sprachvergleichend gesehen kein
Einzelfall. Das bekannteste Beispiel ist das Latein, das mit et, dem enkliti-
schen -que und weiteren Konnektoren, vor allem ac und atque eine ähnliche
Situation aufweist. Während die Tendenz im Deutschen seit dem Mittel-
hochdeutschen dahin geht, das Vorkommen mehrerer kopulativer Kon-
nektoren zurückzunehmen, ist das Althochdeutsche eben durch eine ganz
andere Situation gekennzeichnet: durch das Nebeneinanderbestehen meh-
rerer Konnektoren, wenn sich auch schon deutlich abzeichnet, wohin die
Entwicklung gehen wird. Im Heliand ist das Nebeneinandervorkommen
mehrerer Konnektoren noch ausgeprägter als im Althochdeutschen. Ne-
ben endi als dem am häufigsten belegten Konnektor kommt noch eine
Reihe weiterer Ausdrücke vor, die zur Signalisierung des Anschlusses
dienen: ia, ge / gi, gie / gia, iac, gec und giac. Diese Wörter sind sehr unter-
schiedlich häufig belegt. So kommt ia 16-mal vor, gec ist nur einmal be-
legt.21 Die Bedeutungsbestimmung ist nicht ganz einfach. In den meisten
_____________
18 Vgl. Markey (1987, 380ff.).
19 Piper (1884, 225).
20 Valentin (2003, 185).
21 Vgl. Robin (2003, 140ff.).
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 285

Fällen scheinen die Konnektoren austauschbar zu sein. Doch ist der jewei-
lige semantische Weg unterschiedlich. So vermutet Robin: „Der Konjunk-
tor ia funktioniert wie ein Korrelator, das heißt, er weist auf eine ältere
Stufe des Konnektierens hin.“22
Auch im Althochdeutschen lassen sich Schichtungen erkennen. Auf
sie wird im Folgenden noch eingegangen. Allerdings ist es nicht einfach,
Schichtungen in ihrer historischen Dimension auszumachen. Daher sollen
hauptsächlich funktionale Unterschiedlichkeiten, so weit sie überhaupt zu
erkennen sind, im Mittelpunkt stehen.
Koordinationen sind mit die häufigsten syntaktischen Operationen
und die Sprachen tendieren dahin, ihre morphologischen und syntakti-
schen Markierungen möglichst einfach zu bewerkstelligen. Dass die dabei
ablaufenden kognitiven Prozesse alles andere als einfach sind, zeigt für die
Syntax die kaum zu überblickende Zahl einschlägiger Arbeiten, wofür hier
nur auf den Überblicksartikel von Lobin für die Arbeiten des dependenz-
grammatischen Ansatzes hingewiesen werden soll.23 In der deutschen
Gegenwartssprache gibt es für die einfache Koordination in allen ihren
Ausprägungen nur den Konnektor und. Diese auf den ersten Blick redu-
zierte Sachlage wird allerdings durch eine Reihe von Maßnahmen kom-
pensiert. So lassen sich über das Konnektiv auch, wie verschiedentlich
gezeigt worden ist,24 konnektive Funktionen signalisieren, die dann weitere
Bedeutungselemente transportieren, worauf hier nicht weiter eingegangen
werden soll. Das Althochdeutsche ist dagegen typologisch eher als Nor-
malfall anzusehen, indem immerhin zwei Konnektoren zur Verfügung
stehen. Auf deren teilweise sehr unterschiedliche Verteilung in den größe-
ren Denkmälern wird weiter unten eingegangen. Schon ein Blick auf die
kleineren Denkmäler kann zeigen, dass inti und ioh nebeneinander vor-
kommen. So finden sich etwa im Ludwigslied und sogar in den Würzburger
Markbeschreibungen beide Ausdrücke:
(3) Thō nam her skild indi sper. (Braune 1994, 137) [Das Ludwigs-
lied, 42]
(4) Ioh alle saman sungun ‚Kyrrieleison‘. (Braune 1994, 137) [Das
Ludwigslied, 47]
(5) Sô sagant daz sô sî Uuirziburgo marcha unte Heitingesveldôno
unte quedent daz in dero marchu sî ieguuedar, ióh chirihsahha
sancti Kiliânes ióh frôno ióh frîero Franchôno erbi. (Braune
1994, 7f.) [Würzburger Markbeschreibungen]
_____________
22 Ebd., 141.
23 Vgl. Lobin (2006, 973ff.).
24 Zuletzt Duplâtre (2006, 81f.).
286 Hans-Werner Eroms

Ióh ist hier allerdings schon formelhaft festgelegt für die Ausdrucksweise
'sowohl … als auch'. So begegnet das Wort auch im Tatian, worauf noch
eingegangen wird.
Eine zweite Auffälligkeit des Althochdeutschen ist es, dass die mit der
Koordination verbundenen weiteren Funktionen aktiviert werden können.
Auch dies ist keine Besonderheit des Althochdeutschen an sich, denn das
ist wiederum universal zu erwarten. Wie wir aber bereits im Eingangsbei-
spiel aus dem Wessobrunner Gebet gesehen haben, ist das für enti offenbar
damit zu erklären, dass die beiden Wurzeln des Wortes durchschlagen. So
finden sich in vielen Denkmälern Belege für die adversative Funktion von
enti / inti. Im Ludwigslied heißt es etwa:
(6) Ther ther thanne thiob uuas, Ind er thanana ginas,
Nam sīna vaston: Sīdh uuarth her guot man.
Sum uuas lugināri, Sum skāchāri,
Sum fol lōses, Ind er gibuozta sih thes. (Braune 1994, 137) [Das
Ludwigslied 15-18]
Aber auch er büßte das ab.

1.2.4. avur im Althochdeutschen

Bei diesem Konnektor ist die in der Gegenwartssprache herrschende ad-


versative Bedeutung sekundär. Ihre Entstehung lässt sich als konversatio-
nelle Implikatur der Ausgangsbedeutung 'wieder, wiederum' denken, wie
sie sich im Althochdeutschen in der Mehrzahl der Verwendungen findet
und sich auch in der Gegenwartssprache bis heute in der Wortbildung,
etwa bei abermals nachweisen lässt. Wie enti / inti ist auch dieses Wort
Fortsetzer zweier urgermanischer Grundformen *afar und *afur.25 Das
Althochdeutsche Wörterbuch zeigt in seiner ausführlichen Dokumentati-
on der Belege den Weg von der Ausgangsbedeutung hin zur adversati-
ven.26 Erst bei Notker und Williram ist dieses Stadium vollgültig erreicht.
Vorher finden sich für die Markierung adversativer Verhältnisse nur ver-
einzelte Belege. In einer statistischen Aufbereitung zeigt Meineke für Wil-
lirams Paraphrase des Hohen Liedes, wie die Verteilung in diesem späten

_____________
25 Vgl. Lloyd / Springer / Lühr (1988, Sp. 401f.).
26 Vgl. Karg-Gasterstädt / Frings (1973, Sp. 700ff.). Die konjunktionalen Belege werden in
zwei Großgruppen gegliedert: „Gegenüberstellung, adversative Weiterführung“ (Sp. 715-
740) und „kopulative Weiterführung“ (Sp. 740-749). Auch hier wird deutlich, dass adversa-
tive und kopulative (additive) Anknüpfung bei einer Konjunktion, hier bei einer dominant
adversativen, nebeneinander bestehen.
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 287

Denkmal aussieht.27 Danach weisen die überwiegende Mehrzahl der Bele-


ge die adversative und die übrigen Belege ein weites Spektrum von Bedeu-
tungen auf.28
Aber eignet sich in seiner adversativen Bedeutung in besonderem Ma-
ße dafür, in dialogischen Situationen, aber auch in monologischen Texten,
sowohl in argumentativen, als auch in erzählenden Textsorten in irgendei-
ner Weise gegensätzliche Positionen miteinander zu verbinden und über
diese gegensätzliche Anknüpfung einen Textfortschritt zu erzielen. Denn
unter stilistischen Gesichtspunkten wird eine „Verlebendigung“ auch des
Erzählten erwartet. Dazu tragen adversative Mittel in besonderem Maße
bei. Diese Mittel wiederum nutzen sich – womit ebenfalls allgemeine stilis-
tische Gesichtspunkte zum Tragen kommen – im Gebrauch schnell ab
und es werden neue Mittel benötigt. So konkurrieren in der deutschen
Sprache im Laufe der Zeit neben und in seiner adversativen Funktion aber
sowie doch und später allein und nur, das sich in der Gegenwartssprache
gerade als adversativer Konnektor mit der speziellen Bedeutung 'das gera-
de Gesagte ist mit folgender Einschränkung gültig' etabliert.29 Auch die
mit aber vorgenommene Verknüpfung setzt das gerade Gesagte nicht vol-
lends außer Kraft. Dies zeigt seine ursprüngliche Bedeutung, die auch in
der rein adversativen noch in dem Sinne aufrufbar ist, dass im Gegensatz
das vorher Angeführte als 'noch mit zu Bedenkendes' weitergilt.

2. Untersuchung additiver und adversativer Konnexion


in althochdeutschen Texten
Wenn auch die schon zitierte Ansicht von Behaghel überzeugt, dass
hauptsächlich das Alter der Quelle für die Distribution der konnektiven
Konjunktionen maßgeblich ist, so ändert das nichts an der Möglichkeit,
dass ein Text, der mehr als einen konnektiven Konnektor enthält, doch
eine Unterschiedlichkeit in der Verwendung erkennen lässt. Dies ist mit
gutem Grund verschiedentlich angenommen worden, worauf in Abschnitt
1.1.2. schon hingewiesen worden ist. Bevor auf die zu diesem Zweck in
der Forschung schon behandelten Textdenkmäler eingegangen wird, sol-
len zwei Denkmäler herangezogen werden, die bislang, soweit ich sehe,
unter diesem Gesichtspunkt noch keine genauere Beachtung gefunden
haben. Das eine sind die Murbacher Hymnen und das andere die Monseer
Fragmente.
_____________
27 Vgl. Meineke (2003, 41ff.).
28 Vgl. ebd., 64f. mit den Diagrammen 3 und 4.
29 Vgl. dazu Pérennec (1989, 451ff.) und Eroms (1994, 285ff.).
288 Hans-Werner Eroms

2.1. Die Murbacher Hymnen

Die Murbacher Hymnen sind deswegen für unseren Zweck sehr gut geeignet,
weil sie sich eng an den lateinischen Ausgangstext halten und erkennen
lassen, wie der Übersetzer versucht, die Unterschiedlichkeiten des Lateins
in seiner Sprache wiederzugeben. In diesem Denkmal finden sich inti, ioh
und ouh, dazu avvur, und diese Ausdrücke sind in ihrer Verwendung aus-
schließlich danach verteilt, welches lateinische Wort in der Vorlage steht.
So entspricht ausnahmslos inti lat. et, ioh -que und ac, ouh quoque. Dafür
einige Beispiele:
(7) lux lucis et fons luminis, leoht leohtes inti prun[n]o leohtes
(Murb. Hymn. III, 1,3)
(8) Et nos psallamus spiritu inti uuir singem atume (Murb.
Hymn. XIII, 3,1)
(9) Uerusque sol inlabere, uuarhaft ioh sunna in slifanne
(Murb. Hymn. III, 2,1)
(10) Christe, qui lux es et die christ du der leoht pist inti take
(Murb. Hymn. XVI, 1,1)
(11) omne cęlum atque terra eocalihc himil inti ioh herda (Murb.
Hymn. VII, 8,3)
(12) noctem discernis ac diem, naht untarsceidis ioh tak (Murb.
Hymn. XV, 1,2)
Während also et immer mit inti wiedergegeben wird und -que sowie ac mit
ioh, wird atque durch die Kombination der beiden althochdeutschen Kon-
nektoren ausgedrückt: inti ioh. Diese Entscheidung des Übersetzers mag
auf den ersten Blick etwas mechanisch anmuten, doch lässt sie erkennen,
dass die beiden Ausdrücke offensichtlich als mit leicht unterschiedlicher
Bedeutung anzusetzen sind. Dies lässt sich aber sicher nicht generalisieren.
Stellen wie die folgende legen nahe, dass auch im Lateinischen im Allge-
meinen kein Unterschied festzustellen ist:
(13) Aeternę rerum conditor, euuigo rachono felahanto
noctem diemque qui regis naht tac ioh ther rihtis
et temporum dans tempora, inti ziteo kepanti ziti (Murb. Hymn.
XXV, 1,1-3)
Dass der althochdeutsche Übersetzer nicht völlig mechanisch vorgegan-
gen ist, ist daraus zu erkennen, dass er an einer Stelle von der für -que obli-
gatorischen Nachstellung abweicht und die deutsche Wortstellung wählt:
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 289

(14) Quid hoc potest sublimius, uuaz diu mak hohira


ut culpa querat gratiam, daz sunta suache ast
metumque soluat caritas, ioh forahtvn arlose minna
reddatque mors uitam nouam argebe ioh tod lip niuuan (Murb.
Hymn. XX, 6)
In der dritten Zeile dieser Strophe wird die dem Deutschen angemessene
Wortstellung gewählt, während in der vierten wieder die mechanische
Umsetzung erfolgt.
Die Adversativpartikel auur entspricht an fünf von insgesamt 11 Bele-
gen ergo:
(15) Surgamus ergo strenue, arstantem auur snellicho
gallus iacentes excitat hano lickante uuechit (Murb. Hymn.
XXV, 5,1f.)
Eine wirklich adversative Bedeutung ist nicht auszumachen.

2.2. Die Monseer Texte

Die Texte aus der Monseer Gruppe sind aus einem anderen Grund auf-
schlussreich. Sie halten sich zwar auch an die Vorlage, lassen aber eine viel
größere Unabhängigkeit erkennen. Dies gilt bereits für die Bruchstücke
der Übersetzung des Matthäusevangeliums, die, wie die anderen Stücke
des Korpus, selbst wieder Umsetzungen einer rheinfränkischen Vorlage
sind.

2.2.1. Monseer Matthäus

Für die Situation im frühen Althochdeutschen ist die Übersetzung des


Monseer Matthäus besonders charakteristisch. Hier finden sich, wie in den
bisher betrachteten Denkmälern, ebenfalls enti und ioh nebeneinander.
Aber enti überwiegt ganz eindeutig. Das Wort kommt 352-mal vor, wäh-
rend ioh nur 25-mal belegt ist.30 Daraus lässt sich zunächst schließen, dass
der Text ein Beleg dafür ist, dass ioh auf dem Rückzug ist. Enti ist die
Konjunktion, die sich bereits als die normale durchgesetzt hat. Auf-
schlussreich ist es aber, genauer zu prüfen, in welchen Konstruktionen ioh
noch vorkommt und wo enti eindeutig dominiert. Enti wird in verbenthal-
_____________
30 Auszählungen nach dem Titus-Projekt der Universität Frankfurt (Texteingabe: Emil
Kroymann, Berlin 2005, Korrekturen, Formatierung und Annotationen von Thorwald Po-
schenrieder, Berlin 24.1. 2006, Textversion von Jost Gippert, Frankfurt 29.6. 2006).
290 Hans-Werner Eroms

tenden Strukturen sehr häufig, in nominalen weniger verwendet. Die we-


nigen Vorkommen von enti in nominalen Koordinationsstrukturen sind
solche, bei denen das angeschlossene Glied einfache Koordinationsreduk-
tion zeigt:
(16) Duo uuart imo fram brun gan der tiubil hapta uuas — blinter enti
stum mer enti ga heilta inan so daz — aer ga sprah enti ga sah; Enti
uuntrentiu uur tun elliu dhiu folc enti quatun inu — nu dese ist
dauites sunu; (Monseer Fragm. V, 14-18)
Ioh begegnet z.B. an folgenden Stellen:
(17) so huuer so auh — in ernust — uuillun — uurchit mines fater — der
inhimilū — ist — Der ist miin bruoder — enti suester — ioh moter;
(Monseer Fragm. VII, 27-29)
(18) enti fuorun uz — sine scalcha in dea uuega enti kasamnotun alle
so huuelihhe so sie funtun — ubile ioh guote (Monseer Fragm.
XV, 21-23)
(19) Enti dęr suerit — bi demo temple — suerit in demo ioh in demo —
dar inne ar tot — Enti dær suerit bi himile — suerit — bi hoh sedle
gotes — ioh bi demo dar oba *** (Monseer Fragm. XVII, 12-14)
Hier lässt sich gut ein nicht nur im Monseer Matthäus offensichtlicher Un-
terschied zwischen enti und ioh erkennen: Enti steht hier als Konnektor
zwischen Sätzen, bindet also Propositionen mit ihrem Satzmodus, ioh ist
Konnektor auf tieferer Ebene. Allerdings kommt ioh auch in der satzver-
bindenden Funktion vor:
(20) Enti qui dit Ibu uuir uuarim in unserero for drono tagum — ni
uuarim — uuir — iro —ka mahhun in fora sagono bluote — Ioh des
birut — ir — iu selbun urchundun — daz ir dero suni birut dero dea
fora sagun sluo gun. (Monseer Fragm. XVIII, 8-12)
(21) Ant uur tun deo uuisorun — quuedanteo — Niodo nist — uns — ioh —
iu — hear — kanoga (Monseer Fragm. XX, 12f.)
(22) Duo kasah iudas — der inan dar forreat — daz — ær ga ni drit uuas —
hrau — sih — duo enti arboot dea drizuc — pen di go — silabres dem
herostom — euuartū ioh dem furistom mannum (Monseer Fragm.
XXIII, 27-30)
(23) Bi diu ist eo — ga huuelih — scriba galerit — in himilo rihhę, Galiih
ist — manne — hiuuis ches — fater — der fram tregit — fona sinemo
horte — niu — uui — ioh fir Ni (Monseer Fragm. X, 26-28)
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 291

Als Fazit für den Monseer Matthäus lässt sich für das Verhältnis von enti und
ioh festhalten: Enti ist die gewöhnliche Konjunktion zum Ausdruck kon-
nektiver Verhältnisse. Die Verwendungsunterschiede zu ioh sind nicht sehr
auffällig. Enti scheint aber in verbenthaltenden Strukturen zu dominieren,
während ioh bei einfachen, vor allem in nominalen Konnexionen zu fin-
den ist. Als satzverbindender Konnektor, also in der Funktion, die wir
eingangs als besonders wichtig für die Textbildung benannt haben und in
der sich vor allem eine zu vermutende adversative Bedeutung bemerkbar
macht, ist enti im Monseer Matthäus mehrfach zu belegen. Da das Wort in
dieser Funktion das lateinische satzeinleitende et wiedergibt, ist nicht mit
letzter Sicherheit zu sagen, in wieweit sich hier eigenständige Möglichkei-
ten zeigen oder sich nur die Übersetzung niederschlägt.
Als adversative Konjunktionen kommen im Monseer Matthäus auh und
auur vor. Auh ist 52-mal belegt, auur nur 31-mal. Die oben angeführte
Textstelle (16) wird fortgesetzt mit
(24) Pharisaera auh daz — ga horrente quua tun — dese ni uz tribit tiubila
nibu durah beelze bub tiubilo furostun — (Monseer Fragm. V, 19-
21)
Die Gegensatzbedeutung ist in vielen Belegen zu erkennen, so etwa in der
der angeführten Textstelle unmittelbar folgenden:
(25) Iħs auh uuissa — iro ga dancha — Quuad im […] (Monseer Fragm.
V, 22)
Besonders bei Verben des Sagens ist dies bemerkbar:
(26) Ih sagem auh — iu — daz allero uuorto — un bi dar bero — diu — man
sprehhant — redea sculun dhes argeban — in tuom tage […] (Mon-
seer Fragm. VI, 21-23)
Auh hat aber auch die konnektive Bedeutung 'auch', so in den folgenden
Stellen:
(27) Auh ist — galihsam — himilo rihhe — demo — suohhenti ist — guote —
mari greoza — fun tan — auh — ein tiur lich — mari greoz — genc —
enti for chaufta — al daz — aer — hapta — enti ga chauf ta — den —
Auh ist galiih himilo rihhi — seginun […] (Monseer Fragm. X, 12-
16)
Dies ist besonders deutlich an der folgenden Stelle:
(28) enti quatun petre Zauuare du auh dero bist — *** auh diin
sprahha — dih for meldet (Monseer Fragm. XXIII, 14f.)
292 Hans-Werner Eroms

In dieser Funktion steht es auch satzeinleitend, wie die vorher angeführten


Belege zeigen.
Der Konnektor auh (ouh) ist für das Althochdeutsche durch die Arbeit
von Desportes31 gut untersucht, Eroms32 führt die Analyse für das Mittel-
hochdeutsche weiter. Während auh in der althochdeutschen Isidorüberset-
zung besonders nachdrücklich die rational-argumentierenden Funktionen
zum Ausdruck bringt, ist etwa in den Erzähltexten Wolframs von
Eschenbach ein weites Spektrum von Bedeutungen nachzuweisen. Wich-
tig ist ferner, dass bei auh, wie bei enti / inti und avur / avar, anscheinend
mehrere Wurzeln konvergieren.33 Auuar lässt im Monseer Matthäus gut seine
Bedeutung 'abermals, wiederum' erkennen, allerdings nur an wenigen Stel-
len:
(29) der frumita bruthlauft sinemo sune enti sentita sine scalcha —
halon dea kaladotun za demo brut — hlaufte — enti ni uueltun —
queman — Auuar sentita andre scalcha (Monseer Fragm. XV, 6-9)
Mehrmals findet sich die bis in die Gegenwartssprache belegbare Nach-
stellung des Wortes nach einem nominalen Ausdruck im Vorfeld:
(30) Daz auuar — in guota — haerda — uuarth gasait — daz ist der uuort —
gahorit — enti for stan tit — (Monseer Fragm. IX, 19f.)
Auch nach ibu findet sich das Wort (Monseer Fragm. XIV, 13). Die alt-
hochdeutschen Wortstellungsmöglichkeiten lassen es zu, dass das Wort
auch die Drittstelle im Satz einnimmt:
(31) Siedes auuar ni rohhitun (Monseer Fragm. XV, 11)
Ähnliches gilt für Imperativstrukturen:
(32) Ferit auur — uz in daz kalaz dero uuego (Monseer Fragm.
XV, 19f.)
Für auuar ist zusammenfassend festzustellen: Das Wort lässt überwiegend
seine adversative Bedeutung erkennen. Es lehnt sich häufig an das Vor-
gängerwort an und fokussiert es, so dass der im Satz zum Ausdruck ge-
brachte Gegensatz zum vorher Gesagten als fokussierte Fortführung un-
ter einer gegensätzlichen Perspektive erscheint. Als unabhängige adversa-
tive Konjunktion ist das Wort noch nicht zu belegen.
So ergibt sich für den Monseer Matthäus folgendes Bild: Enti ist der
vorherrschende konnektive Konnektor. Er lässt alle Funktionen erkennen,
_____________
31 Vgl. Desportes (2003, 271ff.).
32 Vgl. Eroms (2006, 105ff.).
33 Vgl. Duplâtre (2006), 74) und Kluge (1999, 61f.).
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 293

die auch sonst im Althochdeutschen begegnen. Ioh ist aber auch noch
vorhanden, wenn sein Vorkommen auch auf weniger als ein Zehntel der
Belege von enti geschrumpft ist. Bemerkenswert ist, dass enti vielfach die
„biblische“,34 durch das Latein vermittelte Anschlussfunktion von Sätzen,
die mit dem Wort beginnen, aufweist. Eine solche Anknüpfungsweise
lässt sich bis zu einem gewissen Grade als adversativ auffassen und ist
sicher ein Grund dafür, dass das in späterer Zeit explizit den Gegensatz
markierende auuar noch nicht in dieser Funktion benötigt wurde.

2.2.2. Die übrigen Texte der Monseer Gruppe

Die Beobachtungen, die sich für die Konnektoren im Monseer Matthäus


finden, lassen sich mit gewissen Abstrichen auf die im gleichen Korpus
überlieferte Homilie De vocatione gentium, das Fragment einer weiteren Ho-
milie, die Augustinische Predigt LXXVI, sowie Isidors Traktat De fide catholica
contra Judaeos übertragen. Für den letzteren kann – punktuell – ein Ver-
gleich mit dem althochdeutschen Isidor vorgenommen werden.

2.2.2.1. enti und ioh


Die satzeinleitende Funktion von enti ist in diesen Texten noch ausgepräg-
ter als im Monseer Matthäus:
(33) Enti ih uuillu daz — du for stantes — heilac — karuni — huuanta ih
bim truhtin (Monseer Fragm. XXXIV, 9f.)
Vergleichbare Fälle kommen 21-mal vor. Diese Funktion ist sicher durch
die argumentative Textsorte bedingt. Wenn auch die Überlieferung der
Monseer Textgruppe insgesamt fragmentarisch ist, so ist doch ein rudi-
mentärer Vergleich erzählender und argumentativer Textpassagen mög-
lich. Bei enti fällt unter anderem auf, dass sich hier besonders koordinative
Verkettungen finden:
(34) Enti so — auh gascriban ist; Daz xpīst — ist — haubit — allero —
cristanero — enti — alle dea — gachora nun — gote — sintun sines —
haubites — lidi; Enti — auh der — selbo — aposłs — diz quad; Gotes —
minni — ist — gagozan — in unseremuot — uuillun […](Monseer
Fragm. XXIX, 5-8)
(35) Der selbo auh — hear after folgento quad — Lobo enti frauuui dih
— siones tohter — bidiu huuanta see ih quimu — enti in dir mit teru
— arton — quad truhtin. Enti in demo tage — uuer dant manago
_____________
34 Vgl. den Beitrag von Natalia Montoto Ballestros in diesem Band.
294 Hans-Werner Eroms

deotun — kasamnato — zatruhtine — enti uuer dant mine liuti — enti


ih arton in dir mitteru — Enti du uueist — daz uueradeota truhtin
sentita mih za dir — (Monseer Fragm. XXXV, 12-17)
Die formelhafte Bindung zweier nominaler Ausdrücke mit ioh findet sich
auch in diesen Texten:
(36) daz er — ist got — ioh truhtin (Monseer Fragm. XXXIV, 2)
(37) In einerueo — gahuueliheru steti ga scauuuont enti gasehant gotes —
augun guote ioh ubile; (Monseer Fragm. XXVII, 22f.)
Diese „Zwillingsformeln“ werden bei vorausgehender Koordination, wie
im Monseer Matthäus, beim ersten Glied mit enti, beim zweiten mit ioh for-
muliert:
(38) Minno dinan — truhtin — got — allu her çin — enti in ana — uual geru
— dinero — selu — enti allu dinu muotu — ioh maganu; (Monseer
Fragm. XXX, 19-21)
Dass enti und ioh nicht nur in den Murbacher Hymnen, sondern auch vom
Verfasser des Monseer Matthäus beziehungsweise des Isidorübersetzers als
in der Bedeutung nicht gänzlich identisch aufgefasst werden, geht aus der
folgenden Stelle hervor:
(39) Diz quad truhtin — mine mo xpē truhtine — enti ioh daz ist — nu un
zui flo — leoht samo — za forstantanne — daz diz — ist gaquetan — in
unseres truhtines nemin (Monseer Fragm. XXXIV, 20-22)
Hier kommen enti und ioh unmittelbar hintereinander vor, und wenn die
Stelle nicht verderbt ist, müsste man sie mit 'und weiter, und fernerhin'
wiedergeben. In der Isidorübersetzung, also der Vorlage für den Monseer
Text, lauten die Verse ganz entsprechend,35 und sie haben keine direkte
Vorlage im Latein, sind also offenbar vom Übersetzer hinzugefügt.
Auch im Monseer Matthäus zeigt sich also, wie in anderer Weise in den
Murbacher Hymnen, dass die beiden Wörter nicht als völlig identisch
aufgefasst wurden. Dies wäre auch nicht zu erwarten. Dass das eine da-
von, ioh, im Absterben begriffen war, bedeutet nicht, dass es durch das
neue in völlig identischer Bedeutung ersetzt worden wäre. Wie oben
schon angedeutet, ist dies bei der Entwicklung von Bedeutungsfeldern
generell nicht zu erwarten.

_____________
35 Endi ioh dhazs ist nu unzuuiflo so leohtsamo zi firstandanne, dhaz dhiz ist chiquhedan in
unseres druhtines nemin (Der althochdeutsche Isidor 1893, 8).
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 295

2.2.2.2. auh und auuar


Auuar / auar ist insgesamt in diesen Textpartien zehnmal belegt, auh 21-
mal.
(40) Uuarut — auh — iu — huanne — finstri — nu — auar leoht — (Monseer
Fragm. XL, 2)
Hier ist die Gegensatzbedeutung in ihrer dennoch dominanten Anknüp-
fungsfunktion deutlich. Bei auh scheint die Gegensatzbedeutung stärker
durchzuschlagen, vgl. die folgende Stelle:
(41) Enti so der selbo auh kascribit ******** — uuirde — enti lob — sanc
dir singe (Monseer Fragm. XXVIII, 16f.)
Sonst überwiegt die anknüpfende Bedeutung:
(42) Enti so — auh — gascriban ist; Daz xprīst — ist — haubit — allero —
christanero. (Monseer Fragm. XXIX, 5f.)

2.2.3. Vergleich des Monseer Matthäus und entsprechender Stellen


aus dem Tatian

Verglichen worden ist das Textstück Hench VI, VII und X (Tat. 62,8-12;
57,1-8; 76,5-77,15). Dabei sind, wie es bei Koordinationen fast immer der
Fall ist, die meisten Belege unspektakulär. Es dominieren bei enti / inti die
einfachen verbalen Koordinationen einschließlich der Vorkommen des
Wortes am Satzbeginn mit 16 Fällen, gefolgt von einfachen nominalen
(substantivischen und adjektivischen) Koordinationen (11 Fälle).
(43) so selb auh — so io nas uuas — in uuales uuambu — dri ta ga — enti
drio naht (Monseer Fragm. VII, 1f.)
(44) Soso uúas Ionas in thes uuales uuámbu thrí taga inti thriio naht
(Tat. 57,3)
tribus diebus et tribus noctibus
(45) Danne gengit enti ga halot — sibuni andre gheista — mit imo — uuir
sirun — danne — aer — enti in gan gante artont dar — enti uuer dant —
dea aftrun — des mannes argorun dem erirom. (Monseer Fragm.
VII, 15-18)
(46) Thanne ferit inti nimit sibun geista andere mit imo uuirsiron
thanne her si, inti ingangante artont thar, inti sint thanne thie
iungistun thes mannes uuirsirun then erirun. (Tat. 57,8)
296 Hans-Werner Eroms

Tunc vadit et assumet septem alios spiritus secum nequiores se,


et intrantes habitant ibi, et fiunt novissima hominis illius peiora
prioribus.
Hier ergeben sich erwartungsgemäß keine Unterschiede. Auf die seit län-
gerem bekannte, insbesondere in den Arbeiten von Klaus Matzel hervor-
gehobene souveräne Sprachkompetenz des Verfassers der Vorlagen der
Monseer Texte und auch des Monseer Schreibers36 braucht hier nicht
eingegangen zu werden. Doch ist auch bei unserer Thematik an einigen
Stellen die unabhängigere Formulierungskunst des Verfassers zu spüren,
etwa in der Handhabung des erst in jüngster Zeit gerecht gewürdigten
Tempus- und Aktionsartensystems des Althochdeutschen,37 das die Mög-
lichkeiten des Althochdeutschen selbständig nutzt. So werden etwa die
Verschränkungen der Verlaufsformen mit dem Erzähltempus des Präteri-
tums im Monseer Matthäus wesentlich selbständiger eingesetzt als im Tatian,
der allerdings durchaus auch die systematischen Möglichkeiten, die das
Althochdeutsche bietet, erkennen lässt (vgl. etwa den Textbeleg 56). Vor
allem aber ist für unseren Zusammenhang wichtig, dass im Monseer Mat-
thäus, anders als im Tatian, die adversative Bedeutungskomponente des
koordinativen Konnektors enti deutlich zu spüren ist, wie der folgende
Textbeleg zeigen kann:
(47) Enti aer ant uurta demo zaimo sprah — quad — h Huuer ist miin
muo ter enti huuer sintun mine bruo der — (Monseer Fragm. VII,
24f.)
Im Tatian wird der Anknüpfungsoperator thô, und zwar in Nachstellung
nach dem Subjekt verwendet:
(48) Hér thó ántlinginti imo sus quedantemo quad: uuie ist mín
muoter inti uuie sint mine bruder? (Tat. 59,3)
Thô ist, wie Betten38 und Simmler39 gezeigt haben, der hauptsächliche
Anknüpfungsoperator im Tatian. In der lateinischen Vorlage findet sich
die explizit adversative Konjunktion at:
(49) At ille respondens dicenti sibi ait: quæ est mater mea et qui sunt
fratres mei?
Der adversative Vergleich wird in beiden Texten mit enti bzw. inti ange-
schlossen, der lat. Text enthält et:
_____________
36 Vgl. Matzel (1970).
37 Vgl. vor allem Schrodt (2004, 1ff.).
38 Vgl. Betten (1987, 395ff.).
39 Vgl. Simmler (2003, 9ff.).
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 297

(50) Guot — man fona — guotemo — horte — au git guot — enti — ubil man
— fona ubilemo horte — ubil fram bringit — (Monseer Fragm. VI,
19f.)
(51) Guot man fon guotemo tresouue bringit guotu, inti ubil man fon
ubilemo tresouue bringit ubilu. (Tat. 62,11)
Bonus homo de bono thesauro profert bona, et malus homo de
malo thesauro profert mala.
Joh ist im Tatian insgesamt nur dreimal belegt. Zweimal gibt es lat. etiam
wieder (67,3 und 145,17). Der dritte Beleg enthält die Zwillingsformel
joh…joh (170,6), die lat. et…et wiedergibt. Hier hat sich also in einer Nische
die additive Bedeutung erhalten:
(52) Nu gisahun inti hazzotun ioh mih ioh minan fater. (Tat. 170,6)
Nunc autem et viderunt et oderunt et me et patrem meum.
Aus einem anderen Textstück lässt sich entnehmen, dass auch bei den
Konnektiven auh und abur Unterschiede zwischen dem Monseer Matthäus
und dem Tatian bestehen. So enthält der Monseer Matthäus in Abschnitt X,
16 auh, was an dieser Stelle lat. iterum wiedergibt. Tatian hat abur, und das
Wort lässt seine Bedeutung 'wiederum, weiterhin' erkennen:
(53) Auh ist galiih himilo rihhi — seginun — in seu — ga sez zi teru — enti
allero fisc — chunno ga huuelihhes — samnontiu. (Monseer Fragm.
X, 16.f.)
(54) Abur gilih ist rihhi himilo seginu giuuorphaneru in seo inti fon
allemo cunne fisgo gisamanontero. (Tat. 77,3)
Iterum simile est regnum cęlorum sagenę missę in mari et ex
omni genere piscium congreganti.
Ähnlich ist der Beleg (26) zu beurteilen (als Beleg (55) wiederholt). Hier
gibt im Monseer Matthäus auh lat. autem wieder, im Tatian findet sich keine
Entsprechung:
(55) Ih sagem auh — iu — daz allero uuorto — un bi dar bero — diu man —
sprehhant — redea sculun dhes argeban — in tuom tage — (Monseer
Fragm. VI, 21-23)
(56) Ih quidu iu, thaz iogiuuelih uuort unnuzzi, thaz man sprehhenti
sint, geltent reda fon themo in tuomes tage. (Tat. 62,12)
Dico autem vobis, quoniam omne verbum otiosum quod locuti
fuerint homines, reddent rationem de eo in die iudicii.
298 Hans-Werner Eroms

2.3. Bemerkungen zu Otfrid

Otfrids Evangelienbuch markiert einen relativ altertümlichen Stand, was die


Verteilung der additiven Konnektoren betrifft. Inti und ioh sind im Ver-
hältnis von ungefähr 1:10 zu belegen. Die genauen Zahlenverhältnisse
sind: inti + int: 133 Belege, ioh: 1249 Belege.40 Dieser quantitative Unter-
schied ist der wichtigste Faktor. Auf einen zwischen den beiden Konnek-
toren von Valentin angenommenen semantischen Unterschied ist oben
schon hingewiesen worden.41 Valentin gibt zu bedenken, dass der Unter-
schied meist kaum festzustellen ist, führt aber noch Folgendes aus: „An
mehreren Stellen drängt sich jedoch der Verdacht auf, inti drücke mehr als
reine Verbindung aus; es verknüpft nämlich Segmente miteinander, die
nicht unbedingt genau parallel zueinander stehen“42 und führt den folgen-
den Beleg an:
(57) Er lósota iro uuórto — ioh giuuáro hárto
in mittén saz er éino — inti frág&ta sie kléino (O. I, 22,35f.)
Dazu schreibt er: „Man könnte hier 'und sogar befragte sie' verstehen, um
so mehr als kleino dahinter steht, 'obwohl er so jung war'“.43 Diese Vermu-
tung scheint in die Richtung zu gehen, hier eine adversative Komponente
anzusetzen, was mir berechtigt erscheint.
Auf Belege für die einfache nominale und die einfache verbale An-
knüpfung sei hier verzichtet. Bemerkenswert ist, dass die beiden Konnek-
toren relativ häufig in einer Zeile begegnen. Dabei nutzt Otfrid ihre unter-
schiedliche Silbenzahl, um die Versgestaltung damit in Einklang zu brin-
gen. Semantische Gründe für den Wechsel lassen sich dabei nicht erken-
nen.
(58) er uuas in sítin fruater — ioh héilag inti gúater. (O. I, 8,10)
(59) ioh uuáz siu hiar bizéine — inti uns zi frúmu meine. (O. V, 12,54)
Mehrfach, besonders im ersten Buch, verwendet Otfrid aber auch die
verkürzte Form von inti, int. Dadurch würde sich die Setzung von ioh aus
bloßen Gründen des Versrhythmus erübrigen. Dies ist aber nicht der Fall,
wie der folgende Beleg zeigt, bei dem ioh kurz nach int eintritt:
(60) Sálig thiu nan uuátta — int inan fándota
ioh thiu in bétte ligit ińne — mit súlichemo kinde (O. I, 11,43f.)

_____________
40 Auszählung nach Shimbo (1990).
41 Vgl. Valentin (2003,185).
42 Ebd., 186.
43 Ebd., 186.
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 299

Die adversative Komponente, vor allem bei der Satzverknüpfung, ist


schon von Piper bemerkt worden.44 Er führt die Stellen I, 4,56; I, 10,19;
II, 6,29; IV, 11,22 und V, 9,23 an. Besonders der Beleg IV, 11,22 lässt
diese Bedeutung erkennen:
(61) Ist drúhtin quad gilúmplih — thaz thú nu uuásges mih?
inti íh bin eigan scálk thin — thu bist hérero min? (O. IV, 11,21f.)
ich aber / dagegen ich
Von solcher Art gibt es aber noch weitere Belege, etwa:
(62) Vuio mág thaz quad si uuérdan — thu bist iúdusger mán —
inti ih bin thésses thi&es — thaz thú mir so gibí&es (O. II,
14,17f.)
Der Konnektor auur hat bei Otfrid in der Mehrzahl der Belege die Aus-
gangsbedeutung 'wieder, zurück' oder 'ferner':
(63) Ni lázu ih íúih uueison — ih íúer áuur uuison (O. IV, 15,47)
ich suche euch wieder auf
(64) thie selbun záltun alle mír — thesa béldi fona thír
Ob áuur thaz so uuár ist — thaz thu iro kúning nu ni bíst. (O. IV,
21,14f.)
ferner, ob es wahr ist, dass…
Adversative Bedeutung lässt sich aber durchaus auch nachweisen. Der
Anschluss an die Bedeutungen 'wieder, wiederum' ist meist deutlich:
(65) Thó sprah thara ingégini — áuur thiu selba ménigi (O. III, 16,27)
Hier ist der „Gegensatz“ direkt thematisiert (ingegini), der Konnektor lässt
sich dennoch als Markierung der ein weiteres Argument anführenden
Fortführung auffassen. Gegenüberstellungen sind auch sonst häufig, etwa:
(66) Ther ni thúingit sinaz múat — ioh thaz úbil al gidúat.
zéllu ih thir in alauuár — ther házzot íó thaz líoht sar […]
Ther auur uuola uuirkit — er állesuuio iz bithénkit (O. II, 12,91-
95)
Fast alle Belege enthalten das Wort in dieser Funktion in Nachstellung.
Aber es findet sich auch ein Beleg, bei dem avur im Vor-Vorfeld erscheint:
(67) Súmenes farent thánana — thio iro suéster zúa
afur thísu in min uuár — ist émmizigen íó thar (O. IV, 29,57f.)
_____________
44 Vgl. Piper (1884, 223f.).
300 Hans-Werner Eroms

Nur hier ist die adversative konnektive Funktion voll zu erkennen. Wenn
sie auch bei Otfrid extrem selten ist, so ist sie immerhin damit schon im
Althochdeutschen präsent.
Was ouh betrifft, so sei hier auf eine weitere Bemerkung Valentins hin-
gewiesen. Er sagt: „ouh kann mit ioh kombiniert auftreten, jedoch anschei-
nend nicht mit inti, was die Vermutung verstärkt, ioh sei in dieser Sprache
der echte reine Koordinator.“45

3. Fazit
Die zuletzt angeführte Bemerkung Paul Valentins wirft noch einmal ein
Licht auf die grundsätzlichen Verhältnisse im Althochdeutschen. Anders
als im Neuhochdeutschen ist die Situation im Althochdeutschen dadurch
gekennzeichnet, dass mehrere Ausdrücke für die Signalisierung der „rei-
nen“ Koordination zur Verfügung stehen. Dies ist, sprachvergleichend
gesehen, eher der Normalfall, das Neuhochdeutsche mit seinem einzigen
Konnektor, und, ist der markierte Fall. Aber wir haben im Althochdeut-
schen keineswegs eine gleichmäßig für alle Regionen geltende Distribution
vor uns, sondern jedes Denkmal weist mehr oder weniger unterschiedliche
Verhältnisse auf. Vergleichbar ist jedoch die grundsätzliche Situation, dass
fast immer mehrere Konnektoren vorliegen, aus denen gewählt werden
kann, auch wenn einer dabei dominiert. Ich habe versucht, die in den
bisherigen einschlägigen Arbeiten festgestellten Funktionsunterschiede
aufzunehmen und die Texte selbst einer Prüfung zu unterziehen, die vor
allem auf die Deutung der „reinen“ weiterführenden Konnexion in Ab-
grenzung zu adversativen Momenten nachging. Es hat sich gezeigt, dass
der für die spätere Zeit im Deutschen hauptsächliche adversative Konnek-
tor, auur, der bekanntlich aus dem Bezeichnungsfeld der „wiederholenden
Anknüpfung“ stammt, im frühen Althochdeutschen jedenfalls noch nicht
dominiert. Dies kann daran liegen, dass vor allem enti / inti diese Funktion
noch übernehmen kann. Wenn es richtig ist, dass enti / inti zwei etymolo-
gisch getrennte Bereiche in sich vereinigt, die sich verknappt mit 'und' und
'aber' benennen lassen, ist dieses Faktum erklärlich.
Darüber hinaus lässt das Althochdeutsche mit seinem viel offeneren,
noch nicht auf standardmäßige Gebräuche festgelegten Zustand die gene-
rellen Leistungen der Konnektoren klarer erkennen. Diese sind, zumindest
im Bereich der koordinativen Verknüpfung, dadurch gekennzeichnet, dass
sie einen relativ weiten Spielraum in semantischer Hinsicht zulassen, wäh-
rend sich die Beschränkung in syntaktischer Hinsicht aus allgemeinen
_____________
45 Valentin (2003, 187).
Additive und adversative Konnektoren im Althochdeutschen 301

syntaktischen Bedingungen ergibt. Hier wäre es allerdings aufschlussreich


zu untersuchen, ob die ausgefeilten Möglichkeiten der Koordination, die
sich im modernen Deutsch46 finden, bereits im Althochdeutschen vor-
handen waren. Dies scheint nicht der Fall zu sein. So fehlen offenbar
eindeutige Belege für Gappingfälle. In funktional-semantischer Hinsicht
jedoch ist das Spektrum weit. Die reichen Möglichkeiten werden etwa im
Sammelband von Desportes deutlich. Für einen einzelnen Konnektor sei
auf den Artikel avur im Althochdeutschen Wörterbuch verwiesen. Was die
„reine“ koordinative Verknüpfung betrifft, so ergibt sich aus dem Neben-
einander verschiedener Konnektoren mit von Denkmal zu Denkmal etwas
unterschiedlicher Abgrenzung bereits eine breite Palette an Ausdrucks-
möglichkeiten. Darüber hinaus lassen die Konnektoren erkennen, dass sie
selber sprachgeschichtlich zu bestimmende Fixpunkte sind, die einerseits
ihre Herkunft aus verschiedenen Wurzeln erkennen lassen und anderer-
seits universalen Bedingungen gehorchen, insbesondere dass die kommu-
nikative Strategie der „Anknüpfung“ generell dazu benutzt wird, andere
sprachliche Strategien damit zu verbinden, die der Abgrenzung oder der
Entgegensetzung.

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2687, Teil 1: Text, hrsg. u. bearb. v. Wolfgang Kleiber unter Mitarbeit v. Rita
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Tat. = Tatian. Lateinisch und altdeutsch mit ausführlichem Glossar, hrsg. v. Eduard Sievers, 2.
neubearb. Ausg., unveränderter Nachdruck, Paderborn 1966.

_____________
46 Vgl. z.B. Lobin (2006, 973ff.) und Eroms (2003, 161ff.).
302 Hans-Werner Eroms

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Einige textlinguistische Aspekte
der ahd. Konnektoren inti und joh∗

Natalia Montoto Ballesteros (Leipzig)

1. Einleitung
In den letzten Jahren haben einige Studien die Aufmerksamkeit auf die
Konnektoren in den älteren Sprachstufen gerichtet.1 Die Schwierigkeiten,
die es mit sich bringt, diese Kategorie von Wörtern zu beschreiben, in der
verschiedene Wortarten vertreten sind, die sich nur aufgrund ihrer ver-
knüpfenden Funktion im Text zusammenstellen lassen, werden beim älte-
ren Deutsch wegen der spezifischen Textsorten sowie der Überlieferungs-
lage und der noch unfesten Syntax noch deutlicher. In der Frage, welche
Einheiten der Gruppe der Konnektoren angehören, gehen die Meinungen
der Autoren auseinander. Während z.B. Paul Valentin2 die Subjunktionen
aus der Gruppe der Konnektoren ausschließt (da nach seiner Definition
Konnektoren zur Parataxe und nicht zur Hypotaxe gehören), weisen im
Handbuch der Deutschen Konnektoren sowohl koordinierende als auch subor-
dinierende Konjunktionen die dort aufgeführten Konnektoren-Merkmale
auf.3
Bei der Untersuchung des umfangreichen Materials der ahd. Konjunk-
tionen inti und joh fällt eine Gruppe von Belegen auf, die syntaktisch stark
von der Mehrheit der Belege abweicht. Für diese Gruppe trifft die Inter-
_____________
∗ Die in diesem Beitrag präsentierten Ergebnisse wurden aus dem Kapitel Konnexion auf
Textebene meiner Dissertation Die Konnektoren inti und joh im Althochdeutschen. Syntaktische und
semantische Aspekte. entnommen. Die Dissertation untersucht das Belegmaterial der Kon-
nektoren inti und joh aus dem Archiv des Althochdeutschen Wörterbuchs der Sächsischen
Akademie der Wissenschaften zu Leipzig.
1 Vgl. u.a. Desportes (2003), Betten (1987, Bd. I, 395ff.) sowie Desportes (1992, 295ff.).
2 Vgl. Valentin (2003, 179ff.).
3 Vgl. Pasch u.a. (2003, 5). Diese Merkmale sind: Ein Konnektor ist