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I. Einführung/Subject area, terminology and research topics

1a. Phraseologie: Objektbereich, Terminologie und


Forschungsschwerpunkte

1. Die Problematik wie man trotz terminologischer Differenzen


2. Der Oberbegriff für das gesamte Gebiet zu einer innerfachlichen Verständigung gelan-
3. Der Oberbegriff für die sprachliche Einheit gen kann. Auch soll der Beitrag als Anregung
4. Termini für Subklassen dienen, künftig auf terminologische Idio-
5. Termini für Grundbegriffe
6. Aussterbende Termini
synkrasien zu verzichten, wenn es sich
7. Synonyme Termini sprachlich und sachlich verantworten lässt.
8. Fachliche und alltagssprachliche Verschiedene Autoren haben von sich aus
Begrifflichkeit Überlegungen zur Terminologie angestellt
9. Probleme einer exhaustiven Klassifikation (Filatkina Art. 12, Fix Art. 40, Zurdo Art. 60,
10. Interessenabhängigkeit der Terminologie Hyvärinen Art. 63, Ghariani Baccouche Art.
11. Aspekte und Termini aus benachbarten 64, Cheon Art. 66, Lubensky/McShane Art.
Disziplinen 76, Cowie Art. 77, Farø Art. 79, Colson Art.
12. Desiderata 90), die in den folgenden Punkten berücksich-
13. Fazit
14. Literatur (in Auswahl)
tigt werden. Einige Autoren, vor allem aus
den romanischsprachigen Ländern, die ihre
Artikel auf Deutsch oder Englisch geschrie-
1. Die Problematik ben haben, haben sich den deutschen oder
englischen Terminologien angepasst. Einige
Bei der Konzeption des vorliegenden Hand- haben dennoch die in ihrer eigenen Sprache
buchs haben die Herausgeber versucht, zu üblichen Termini diskutiert, andere haben
Händen der Autoren eine einheitliche Termi- darauf verzichtet, so dass nur für einen Teil
nologie und Klassifikation zu erstellen. Seit der behandelten Sprachen ein Terminologie-
sich die Phraseologieforschung außerhalb der vergleich möglich ist.
damaligen Sowjetunion zu konstituieren be-
gann, gibt es Klagen über die terminologische 2. Der Oberbegriff für das gesamte
Uneinheitlichkeit, und diese Klagen sind bis
heute nicht verstummt (vgl. etwa die Listen Gebiet
von Termini bei Pilz 1981, 25ff., Schemann Das linguistische Gebiet hat nicht überall ei-
1993, XXVII ff., auch noch Wray 2002, nen allgemein gebräuchlichen Namen, der au-
44ff.). Die Unzufriedenheit mit dem (anfäng- ßerhalb der engeren fachlichen Kreise ver-
lichen) Begriffswirrwarr führte zu einzelnen standen wird. Immerhin hat sich “Phrase-
Versuchen, konsistente terminologische und ologie”/“phraseology”/“phraseologia” u.ä.
klassifikatorische Systeme aufzustellen, die deutsch, englisch, in den slavischen (russ.
aber nicht zu einer grundsätzlichen Verein- “фразеология” = “frazeologija”) und einem
heitlichung in der Forschung geführt haben. Teil der romanischen Sprachen weiträumig
Das neue Handbuch bietet die Gelegenheit, durchgesetzt. Selbst in der Forschung in
auf diesem Weg einen Schritt weiterzukom- nicht-indoeuropäischen Sprachen (zum Ara-
men. Nach langen Diskussionen sind die Her- bischen und Koreanischen vgl. Art. 64 u. 66)
ausgeber des Bandes allerdings zum Schluss hat teilweise eine Anpassung an diese For-
gelangt, nur vorsichtig in die terminologi- schungstradition stattgefunden: So ist bei-
schen Usancen der Autoren eingreifen zu spielsweise in der chinesischen Forschung
wollen. Bei bestimmten Artikeln, wo es leicht “shuyu” als Übersetzung des englischen
möglich war, haben sie die Autoren um Ver- “phraseology” bzw. des Russischen “frazeo-
einheitlichung gebeten, bei anderen musste logija” eingeführt (vgl. Liang Art. 65). Im
aber von vornherein darauf verzichtet werden. Französischen scheint keine derartige Über-
Der folgende Beitrag soll u.a. zeigen, welches einstimmung zu herrschen (unter anderem,
die Gründe dafür sind, dass es letzten Endes weil “phraséologie” außerhalb der linguisti-
nicht sinnvoll ist, auf einer Vereinheitlichung schen Disziplin eine pejorative Konnotation
zu bestehen. Zugleich soll gezeigt werden, haben kann). Mejri rückt statt dessen den Ter-

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2 I. Einführung/Subject area, terminology and research topics

minus “frozenness” (entspricht frz. “fige- Oberbegriff für feste Wortkomplexe jeder Art
ment”) als zentrale Eigenschaft der phraseolo- (manchmal mit Ausnahme von Sprichwör-
gischen Phänomene in den Vordergrund, ohne tern). Einige Autoren unterscheiden dabei
das Gebiet selber einheitlich zu benennen. Phraseologismen im engeren und im weiteren
Einige Autoren behalten das (ältere) Ne- Sinne: Phraseologismen im engeren Sinne
beneinander von “Phraseologie” und “Par- sind durch das Merkmal der Idiomatizität ge-
ömiologie” explizit oder implizit (wie sich an kennzeichnet, während bei den Phraseologis-
den Termini für die sprachlichen Phänomene men im weiteren Sinne Kollokationen,
zeigt) bei (vgl. Bárdosi/ Hessky Art. 85, Eis- Sprichwörter und formelhafte Texte mit ein-
mann Art. 28). bezogen werden (z. B. Filatkina Art. 12, Hä-
In der modernen russischen Forschung ist cki Buhofer Art. 70); gelegentlich gelten als
“Phraseologie” eigentlich der Name für das Phraseologismen im engeren Sinne diejeni-
ganze Gebiet und man spricht von “Parömio- gen unterhalb der Satzgrenze, während dieje-
logie” nur, wenn man bewusst auf diesen nigen im weiteren Sinne Satzcharakter auf-
Teilbereich eingeht. Dann wird “Phraseolo- weisen (vgl. Liang Art. 65).
gie” im Sinne von ‘Rest der Phraseologie’ ge- In jüngster Zeit wird zunehmend der Ter-
braucht, was aber eher selten ist. minus “Phrasem”, engl. “phraseme” verwen-
Die Herausgeber des Handbuchs schlagen det (z. B. Baranov Art. 8, Burger Art. 9,
vor, künftig auf die Dichotomie “Phraseolo- Proost Art. 10, Mel’čuk Art. 11, Sandig Art.
gie” und “Parömiologie” zu verzichten und 13, Wirrer Art. 14, Piirainen Art. 16 und 45,
das ganze Gebiet als “Phraseologie” zu be- Stein Art. 17, Baranov/Dobrovol’skij Art. 33,
zeichnen. Kjaer Art. 43, Gréciano Art. 44, Sabban Art.
Dabei darf aber nicht übersehen werden, 50, Dobrovol’skij/Filipenko Art. 61, Häcki
dass ein einheitlicher Terminus noch keines- Buhofer Art. 70, Kühn Art. 73, Lubensky/
McShane Art. 76: “We will call phraseologi-
falls eine einheitliche Extension des Gebietes
cal units “phrasemes” in order to circumvent
garantiert. Es gab in der Anfangsphase der
the more semantically restricted label of
Phraseologie die Tendenz, das Forschungsge-
“idiom”. [...] The rationale for discussing
biet um der Konsolidierung willen gegen an- phrasemes instead of idioms per se is that pe-
dere linguistische Gebiete abzugrenzen. In dagogical and practical (e.g., in natural lan-
jüngster Zeit ist aber eher eine gegenläufige guage processing) experience has shown that
Tendenz zu beobachten, insbesondere seit knowledge of a broad range of (semi-)fixed
durch die Korpuslinguistik Fragestellungen entities is advantageous”, Filipenko/Mokien-
aufgekommen sind, die eine starke Verwandt- ko Art. 83, Rothkegel Art. 86, Heid Art. 87,
schaft mit herkömmlichen phraseologischen Mokienko Art. 95), gelegentlich kommen
Fragen haben, ohne sich aber mit diesen voll- “Phraseologismus”/engl. “phraseologism”
ständig zu decken. Daten in bisher nicht ge- und “Phrasem”/“phraseme” nebeneinander
kanntem Umfang, neue Arten von Daten, vor (z. B. Ďurčo Art. 62, Gläser Art. 42) oder
neue Analysemethoden führen zu neuen Fra- “phraseme” und “phraseological unit” (Sailer
gestellungen oder zur Neuformulierung alter Art. 89). In den deutschsprachigen Artikeln
Fragestellungen. des vorliegenden Handbuchs finden sich
“Phraseologismus” (z. B. Hofer Art. 20) und
“Phrasem” als Oberbegriff, wobei beide etwa
3. Der Oberbegriff für die sprachliche gleich oft gebraucht werden. Im Russischen
Einheit wird der Terminus “фразема” = “frazema”
äußerst selten verwendet, diese Funktion er-
Es ist offensichtlich nicht leicht, sich auf ei- füllt der herkömmliche Terminus “фразеоло-
nen umfassenden generischen Begriff zur Be- гизм” = “frazeologizm”, der schon aus der
zeichnung der phraseologischen Wortverbin- Schulgrammatik allgemein bekannt ist.
dungen zu einigen. Im Deutschen war und ist Englischsprachige Autoren sind jedoch oft
immer noch “Phraseologismus” weit verbrei- nicht bereit, sich auf den Terminus “phra-
tet. Im Russischen bezeichnet “фразеоло- seme” einzulassen. So wird “idiom” als Ober-
гизм” = “frazeologizm” (“Phraseologismus”) begriff verwendet (z. B. Gibbs/Colston Art.
allerdings je nach Konzeption entweder eine 69), daneben aber auch “collocation” (in sei-
Unterklasse (die in der deutschen Terminolo- ner älteren Bedeutung, vgl. 10.1.). Dies kann
gie als “Idiom” bezeichnet wird) oder ist der zu Missverständnissen mit denjenigen Termi-

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1a. Phraseologie: Objektbereich, Terminologie und Forschungsschwerpunkte 3

nologien führen, bei denen “Idiom” und gie, haben entsprechend auch keinen Oberbe-
“Kollokation” Subklassen von “Phrasemen” griff für den gesamten Bereich.
sind. Als internationaler Terminus würde sich
Ein im Englischen weitgehend akzeptierter “Phrasem”/“phraseme” eignen, wenn auch
Terminus ist “set phrase” (Norrick Art. 25 die angelsächsischen Autoren sich darauf ver-
und 52, Aijmer Art. 48, Cowie Art. 77, Col- ständigen könnten. Angesichts der Dominanz
son Art. 90), der zumindest den Vorteil hat, des Englischen als Wissenschaftssprache wird
mit keiner der anderen Terminologien zu kol- man wohl eher bei einem Nebeneinander von
lidieren. Colson (Art. 90) spricht auch von “Phrasem/phraseme” und “set phrase” bleiben
“semi-fixed phrases” als Subklasse von “set müssen.
phrases” und macht die Sprachgebundenheit Der Terminus “Phrasem” hat allerdings den
der Termini explizit: “The general term set Nachteil, dass durch das Suffix -em stark der
phrase will be used as an English equivalent Systemaspekt betont wird (vgl. “Phonem”,
of the German Phraseologismus in the broad “Morphem”, “Lexem”, “Textem”). Es ist
sense, as defined by Burger (1998). It thus in- wohl nicht möglich, damit alles Formelhafte
cludes all fixed expressions of a language, außerhalb der Idiome, Kollokationen usw. ab-
such as collocations, idioms, quasi-idioms, zudecken. Sobald der engere Bereich der
catch phrases, routines, proverbs.” Phraseologie verlassen wird und Weiterungen
Verschiedentlich finden sich auch “phra- in irgendeiner Richtung stattfinden, ist “Phra-
seological expressions” (Schmidlin Art. 47, sem” nur noch mit Einschränkungen brauch-
Feyaerts Art. 54) oder “phraseological unit” bar. Die Herausgeber schlagen vor, “Phra-
(Fiedler Art. 67, Nuccorini Art. 59). sem”/“phraseme” – dort, wo der Terminus ge-
In den Artikeln zum Französischen, die al- braucht wird – für den engeren Bereich der
lerdings auf Deutsch oder Englisch geschrie- Phraseologie (also als Oberbegriff für Idiome
ben sind (vgl. 1.), gibt es keine einheitliche und Kollokationen) zu verwenden, bei einer
Praxis. Neben “Phrasem” finden sich “Phra- weiten Konzeption aber auf andere Termini
seologismus”, “phraseologische Einheit” als Oberbegriffe auszuweichen (z. B. “formel-
(Lengert Art. 80, der dies durchgehend als hafte Sprache”, “formulaic language” – so
Oberbegriff verwendet). Eine eigene Termi- Norrick Art. 52, Wray Art. 72, “feste Wort-
nologie, weil von der Literaturwissenschaft verbindung”, “formelhafte Texte” – so Dau-
herkommend, hat Martins-Baltar (Art. 32), sendschön-Gay/Gülich/Krafft Art. 41). Den-
der die von ihm dargestellten Phänomene (die noch ist es ratsam, für das linguistische Ge-
nicht durchwegs alle phraseologischen Merk- biet als Ganzes – in seinen engeren oder
male aufweisen, wie er explizit vermerkt) in weiteren Konzeptionen – den nunmehr doch
der deutschsprachigen Version als “gebräuch- eingebürgerten Terminus “Phraseologie” zu
liche Ausdrücke” bezeichnet. Mejri (Art. 58), verwenden.
der – wie gesagt – als dominierende Eigen-
schaft “frozenness” in den Vordergrund stellt, 4. Termini für Subklassen
hat keinen stabilen Terminus für die sprachli-
che Erscheinung, schließt sich aber meist Die Bezeichnung von Subklassen hängt na-
dem englisch dominanten Terminus “set türlich auch von der Wahl des Oberbegriffs
phrase” an. ab. Störende Konkurrenzen von terminologi-
Im Spanischen scheint sich “unidad fraseo- schen Systemen ergeben sich dann, wenn der-
lógica” (= “phraseologische Einheit”/“phra- selbe Terminus in einer Terminologie den
seological unit”) durchzusetzen (Zurdo Art. Oberbegriff, in einer anderen eine Subklasse
60, Pamies Art. 82). bezeichnet. Das ist besonders bei “Idiom”
Einige Autoren (z. B. Hyvärinen Art. 63) oder “Kollokation”, aber auch bei anderen
haben gar keinen Oberbegriff für alle phra- Termini der Fall, und hier muss man sich je-
seologischen Erscheinungen, sondern ver- weils vor Augen führen, welchem System der
wenden als zwei Hauptklassen “Phrasem” Begriff zuzuordnen ist.
und “Sprichwort” (vgl. 1.). Cowie verwendet z.B. (Art. 77) “set
Diejenigen Autoren, die sich mit Sprich- phrase” als Oberbegriff und “pure idiom”/“fi-
wörtern befassen (Mieder Art. 30 und 35, gurative idiom”/“collocation” als Unterbegrif-
Norrick Art. 34) sprechen von “proverb” (und fe. Bei Moon (Art. 88) sind “set phrases”,
verwandten Phänomenen). Sie diskutieren “idioms” und “formulae” Unterklassen von
nicht das Verhältnis zur gesamten Phraseolo- “phraseology”:

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4 I. Einführung/Subject area, terminology and research topics

“Phraseology is used very generally to re- renten bildlichen Grundlage, die ihre aktuelle Be-
fer to recurrent lexicogrammatical patterning; deutung als Ergebnis der semantischen Derivation
set phrases to those recurrent patterns that ha- erscheinen lässt.
ve specialized meanings or functions; idioms 3. “frazeologičeskie sočetanija” (“phraseologische
to set phrases which are typically figurative Verbindungen”) = Kollokationen, deren Bedeutung
and which have non-compositional meanings. sich aus den Bedeutungen ihrer Konstituenten zu-
Formulae is used to refer to recurrent phrases sammensetzt, wobei eine der Konstituenten in ihrer
with specific functions but which are not ne- “phraseologisch gebundenen” Bedeutung auftritt,
cessarily problematic for meaning. Other d.h. als Kollokator fungiert (nach Dobrovol’skij/
terms, including proverb, simile, and phrasal Filipenko Art. 61).
verb, have their standard meanings” (ge-
kürzt). Die heute international vorherrschende Klas-
Terminologisch schwierig gestaltet sich die sifikation des phraseologischen Materials ba-
Begrifflichkeit, wenn in einer bestimmten siert auf Vinogradovs Unterteilung in relativ
Sprache die Subklassen durch sprachliche homogene Klassen (mit verschiedenen Varia-
und kulturelle Besonderheiten gekennzeich- tionen), nämlich in Idiome (die den ersten
net sind und eine Vergleichbarkeit eigentlich beiden Klassen von Vinogradov entsprechen),
nicht möglich ist. Dies ist beispielsweise im Kollokationen (= Klasse 3 bei Vinogradov)
Chinesischen der Fall, in dem die Subklassen und Sprichwörter (vgl. z. B. Mel’čuk Art. 11,
der “shuyu” hinsichtlich ihrer besonderen Baranov/Dobrovol’skij Art. 33, Sabban Art.
morphosyntaktischen Struktur, ihrer melodiö- 50, Feyaerts Art. 54, Dobrovol’skij/Filipenko
sen Rhythmik, ihrer metaphorischen Struktur Art. 61, Hyvärinen Art. 63, Häcki Buhofer
sowie auf Grund ihrer speziellen kommunika- Art. 70, Lubensky/McShane Art. 76, Rothke-
tiven und kulturspezifischen Verwendung ge- gel Art. 86, Heid Art. 87, Sailer Art. 89, Mo-
kennzeichnet sind und typisiert werden müs- kienko Art. 95). Oft werden auch “Routine-
sen. Die dabei verwendeten übersetzten Ter- formeln” als eine selbständige Klasse behan-
mini wie z. B. “idiomatische Redewendung”, delt, in anderen Konzeptionen werden sie je
“Redensart” oder “Sprichwort” sind nur be- nach Idiomatizitätsgrad teils den Idiomen,
dingt mit denen der europäischen Phraseolo- teils den Kollokationen zugeordnet.
gieforschung identisch und könnten zu Miss- Auf weitere Details gehen wir hier nicht
verständnissen führen (vgl. Liang Art. 65). ein. Im Übrigen ermöglicht der Weg über das
Im Koreanischen (Cheon Art. 66) gibt es eine Register die Suche nach spezifischen Klas-
wichtige Subklasse, die in mancher Hinsicht sen.
den “Geflügelten Worten” im Deutschen ent-
spricht, aber doch ihre völlig eigenen histori-
schen und kulturspezifischen Bedingungen 5. Termini für Grundbegriffe
hat: aus alten chinesischen Texten stammende Termini für die Grundbegriffe der Phraseolo-
“sayings”, die heutzutage in soziolinguisti- gie wie “Polylexikalität”, “Idiomatizität”, “Fi-
scher Hinsicht markiert verwendet werden, guriertheit”, “Festigkeit”, “frozenness”, “fige-
einen hohen Grad von Gebildetheit anzeigen ment”, “semantische Autonomie”, “semanti-
usw.
sche Teilbarkeit” usw. werden in den ent-
Es hat keinen Sinn, hier alle in den Artikeln sprechenden Artikeln besprochen. Bei einem
besprochenen Subklassen aufzuführen. Er- Vergleich der Artikel zu indoeuropäischen
wähnt werden soll nur die auf Charles Bally Sprachen und zu Sprachen anderen Typs zeigt
zurückgehende, für die russische Tradition
sich, dass die Grundbegriffe unter Umständen
grundlegende Klassifikation (vor allem Vino-
eine je nach Sprachtyp wechselnde Bedeu-
gradov 1946, 121ff.; 1947, 143ff.), weil sie
tung annehmen (beispielsweise ist das Merk-
Vorbild für zahlreiche spätere Klassifikatio-
mal der “Polylexikalität” in einer Sprache wie
nen war:
dem Koreanischen in einer gegenüber dem
1. “frazeologičeskie sraščenija” (“phraseologische Deutschen oder Englischen modifizierten
Ganzheiten”) = völlig unmotivierte Idiome, deren Weise anzuwenden, vgl. Cheon Art. 66). Ab-
Bedeutung von den Bedeutungen ihrer Konstituen- gesehen von solchen sprachspezifischen Dif-
ten nicht abgeleitet werden kann.
ferenzen sei darauf hingewiesen, dass manche
2. “frazeologičeskie edinstva” (“phraseologische Autoren die Begriffe deutlich abweichend
Einheiten”) = motivierte Idiome mit einer “lebendi- vom gebräuchlichen Verständnis verwenden
gen” inneren Form, d. h. Idiome mit einer transpa- (z. B. gebraucht Mejri, Art. 58, “idiomaticity”

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1a. Phraseologie: Objektbereich, Terminologie und Forschungsschwerpunkte 5

in einem viel grundsätzlicheren – zeichen- dt. “Routineformel”, “kommunikative Formel”,


theoretischen – Sinn, als es sonst üblich ist). “kommunikativer Phraseologismus”, “pragmati-
scher Phraseologismus”, “Konversationsformel”,
“Gesprächsformel”; engl. “routine formulae”,
6. Aussterbende Termini “speech formulae”;

Einige Termini, die im Lauf der Forschungs- dt. “verbnominale Konstruktion”, “Funktionsverb-
gefüge”, “Funktionsverbfügung”, “Streckverb” (die
geschichte eine Zeitlang Verwendung fanden, beiden letzteren werden kaum noch verwendet),
haben sich auf die Dauer nicht durchsetzen engl. “light verb construction”, “composite predi-
können. Das gilt z. B. für “Phraseolexem” cate”, “expanded predicate”, “thin verb”, “stretched
oder “Schematismus” oder “Wortgruppenle- verb construction”, “support verb construction”, frz.
xem”. Symptomatisch dafür ist ein Artikel “locution verbale”, “verbe support”, “construction à
wie der von Kunkel-Razum (Art. 27), in dem verbe support”, span. “verbo soporte”, ital. “verbo
ältere Termini (wie “Phraseolexem”) in Zita- supporto”.
ten aus eigenen Arbeiten der Autorin auftau-
chen, die aber im Übrigen den Terminus Wenn man eine Vereinheitlichung anstreben
“Phrasem” verwendet und daneben auch würde, wären solche Dubletten, Tripletten
“Phraseologismus”, aber nur in einem Zitat etc. am ehesten Kandidaten dafür. Aber selbst
aus einer neueren Arbeit. Ähnliches ist z.B. dieses scheinbar einfache Problem ist kaum
bei Ehrhardt (Art. 19) und Skog-Södersved lösbar, weil die gewachsenen terminologi-
(Art. 21) zu beobachten. schen Traditionen stark sind und eine termi-
Der Terminus “sprichwörtliche Redensart”, nologische Änderung zu Verfremdungen füh-
der eine lange europäische Tradition hat (vgl. ren würde.
10.), bzw. seine englische Entsprechung “pro-
verbial phrase”, wird heute noch in der 8. Fachliche und alltagssprachliche
Sprichwortforschung (Norrick Art. 34) ver-
wendet, darüber hinaus aber wohl nur noch
Begrifflichkeit
dann, wenn ein Autor seine Affinität zu Von den Fachtermini zu unterscheiden sind
volkskundlichen/ethnologischen Forschungs- alltagssprachliche Termini und Kategorisie-
traditionen betonen will (Eismann Art. 28) rungen, die in den einzelnen Sprachen geläu-
oder wenn mit dem Terminus ausgedrückt fig sind. Z.B. dt. “Redensart”, “Sprichwort”,
werden soll, dass ein Phrasem von einem engl. “proverb”, frz. “proverbe”, “locution”
Sprichwort abgeleitet ist (so Buridant, Art. usw. Es empfiehlt sich, diese Kategorien/Ter-
93). mini nur dort in die wissenschaftliche Termi-
Aus der Perspektive der Phraseologiefor- nologie zu übernehmen, wo es einen großen
schung ist er ungeeignet bzw. redundant, weil Deckungsbereich gibt (wie bei “Sprichwort”).
es keine stichhaltigen strukturellen Kriterien Eine besondere Situation ergibt sich für die
gibt, die eine Abgrenzung gegenüber “Idiom” Phraseographie: Titel von Wörterbüchern
usw. erlauben würden. können nicht nach rein fachlichen Gesichts-
Der früher verbreitete Terminus “Klischee” punkten gewählt werden, sie müssen schon
(“cliché”), der den stereotypen Charakter aus ökonomischen Gründen die alltagssprach-
mancher Phraseme akzentuierte, ist heute lichen Kategorisierungen berücksichtigen. So
kaum mehr in Gebrauch. ist es verständlich, dass der Duden-Band 11
“Redewendungen” heißt.
Im Russischen ist – was Nicht-Slavisten
7. Synonyme Termini überraschen wird – “Phraseologie” der all-
Es gibt mehrere Termini, die verschiedenen tagssprachlich gebräuchliche Oberbegriff, so
Sprach- und Forschungstraditionen entstam- dass auch populäre Wörterbücher so gut wie
men, aber total synonym verwendet werden, ausschließlich “фразеология” = “frazeologi-
z.B.: ja” (“Phraseologie”) oder “фразеоло-
гический” = “frazeologičeskij” (“phraseolo-
dt. “Zwillingsformel”, “Paarformel”, engl. “binomi- gisch”) im Titel tragen können.
al”;
Auch in russischen Schulbüchern wird die
dt. “komparativer Phraseologismus”, “phraseologi- (ursprünglich) fachliche Terminologie ver-
scher Vergleich” (wobei die beiden deutschen Ter- wendet. So wird in einem Lehrbuch für die
mini ihrerseits synonym verwendet werden), engl. 8. – 11. Klasse (“Russische Sprache: Theo-
“simile”; rie”) die Phraseologie kurz abgehandelt. Es

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6 I. Einführung/Subject area, terminology and research topics

heißt, dass es im lexikalischen System einer So gehört z. B. engl. live and learn struktu-
Sprache einen besonderen Bereich gibt, der rell zu den “Zwillingsformeln”/“binomials”,
aus Phraseologismen bzw. phraseologischen und zwar zum speziellen Typus der “irreversi-
Einheiten besteht. Die Phraseologismen wer- blen Zwillingsformeln”/“irreversible bino-
den als bildliche, idiomatische Einheiten des mials” und syntaktisch zum Typus V + V,
Lexikons charakterisiert, die aus zwei und kann aber hinsichtlich Gebrauch und Verbrei-
mehr Wörtern bestehen. Es werden Beispiele tung als “Sprichwort” gelten. Idiomatisch ist
gebracht, die ausschließlich Idiome sind, so live and learn bei manchen Verwendungen,
dass es unklar bleibt, ob auch andere phraseo- wo es so viel bedeutet wie ‘man lernt nie
logische Klassen unter “Phraseologismen” aus’, aber manchmal ist es auch wörtlich zu
subsumiert werden. Anschließend wird ge- verstehen, z. B. als einfache Aufforderung. Je
sagt, dass es eine besondere linguistische Dis- nach Interesse des Forschers (Systemlingui-
ziplin gibt, die “Phraseologie” heißt und sich stik oder Pragmatik/Diskursanalyse oder
mit Phraseologismen befasst. Phraseographie) kann die eine oder andere
Die Anbindung an Laien-Traditionen ent- Typisierung im Vordergrund stehen.
hebt die allgemeinsprachlichen und die spe- Als Vertreter einer jungen Disziplin fühlen
zialisiert phraseologischen Wörterbücher aber sich manche Phraseologieforscher verpflich-
nicht der Verpflichtung, in den Vorwörtern tet, eine terminologische Einheitlichkeit anzu-
und Gebrauchsanleitungen eine Systematisie- streben, wie sie angeblich in anderen lingui-
rung anzustreben, die sich auf der Höhe der stischen Teildisziplinen bereits erreicht sei.
phraseologischen Forschung befindet – was Bei genauerem Hinsehen gibt es aber alleror-
nur bei wenigen Wörterbüchern einigermaßen ten Konkurrenz terminologischer Bräuche –
erreicht ist. man führe sich nur die Differenzen zwischen
Kispál (Art. 36) weist darauf hin, dass romanistisch oder anglistisch orientierter Se-
Sprichwörtersammlungen meist die Beson- mantik vor Augen oder die Uneinheitlichkeit
in der Wortartenklassifikation des Deutschen.
derheit aufweisen, dass sie nicht nur Sprich-
Die verschiedenen Terminologien der Syntax-
wörter, sondern “auch Redewendungen, ei-
forschung zeigen deutlich, dass es auch theo-
gentlich fast den ganzen Bereich der Phraseo-
rie- und sachbedingte unvermeidbare Diffe-
logie zum Gegenstand haben”. Dies spiegelt renzen der Klassifikation und Terminologie
die alltagssprachliche, aber auch von der geben kann.
Volkskunde favorisierte Auffassung, dass Das Alter einer Disziplin spielt allenfalls
“Sprichwörter” auch den Bereich der “sprich- innerhalb einer Sprachtradition eine Rolle. So
wörtlichen Redensarten” umfassen (vgl. 10.). ist auch die phraseologische Terminologie im
Russischen viel einheitlicher als in anderen
9. Probleme einer exhaustiven Sprachen, weil das Russische eine lange ter-
minologische Tradition hat. Demgegenüber
Klassifikation ist im Koreanischen oder Arabischen noch
der Einfluss verschiedener anderssprachiger
Grundsätzlich ist es, angesichts der offenen Terminologien zu registrieren, so dass die Si-
Grenzen des Gebietes und der sachgegebenen tuation momentan noch konfus erscheint. In
Unschärfe der Kategorien, weder möglich manchen Ländern ist die terminologische La-
noch wünschbar, eine exhaustive Klassifikati- ge klar durch eine Forschungstradition be-
on und entsprechende Terminologie zu erstel- stimmt (z. B. in Finnland durch die deutsch-
len. Eher kann das (inzwischen weit über den sprachige germanistische Forschung).
ursprünglichen Wittgensteinschen Kontext
hinaus für viele Kategorisierungsprobleme
adaptierte) Konzept der “Familienähnlichkei- 10. Interessenabhängigkeit der
ten” ein passendes Modell liefern. Je nach- Terminologie
dem welche Ähnlichkeiten man in den Vor-
dergrund rücken will, kann und muss auch Terminologie und Klassifikation sind stark in-
die Terminologie modifiziert werden. teressenabhängig, wie die folgenden Überle-
Manche terminologische Probleme ergeben gungen zu einigen Termini zeigen.
sich einfach daraus, dass ein und dieselbe
Wortverbindung unter verschieden Gesichts- 10.1. Kollokation und Idiom
punkten, also mehrfach klassifiziert werden “Kollokation” galt und gilt z.T. noch als Leit-
kann: begriff für korpusbasierte Untersuchungen

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(obwohl die korpusbasierten Arbeiten zur 10.2. Sprichwörtliche Redensart


Phraseologie in der Regel eine viel feinere Im Deutschen wurden Termini wie “sprich-
Differenzierung vornehmen, die dem heuti- wörtliche Redensart” oder “bildliche Redens-
gen internationalen Usus entspricht; vgl. 4. art” vor allem im 19. Jahrhundert (vgl. Mül-
und Sailer Art. 89). Der Begriff hatte zu- ler/Kunkel-Razum Art. 78) von Autoren ideo-
nächst mit Phraseologie nur partiell zu tun, logisch aufgeladen, denen es um romanti-
weil Wortverbindungen jeglicher Art darunter sierende, z.T. kulturhistorische und erziehe-
erfasst wurden (‘alles was zusammen vor- risch-lehrhafte, z.T. um nationale oder natio-
kommt’). Von Seiten der Phraseologie wurde nalistische Aspekte der Phraseme ging. Man
er anfänglich abgelehnt, weil kein dezidiert versprach sich aus der Betrachtung der Phra-
phraseologisches Merkmal damit verbunden seologie einen Erkenntnisgewinn über die
war. Inzwischen hat “Kollokation” einen fe- “Natur”, das “Wesen” der eigenen Sprache
sten Platz in der Phraseologie als Subkatego- und Kultur. Bei “Redensart” handelt es sich
rie (mit schwacher oder gänzlich fehlender se- um eine Lehnübersetzung vom französischen
mantischer Umdeutung), die den “Idiomen” “façon de parler”, die erstmals 1605 bei Jo-
als den semantisch markierten Phrasemen ge- hann Arndt (“Vom wahren Christentum”) be-
genübersteht. Hausmann (2004) spricht von legt ist. Die Bezeichnung “sprichwörtliche
einem “Kollokationskrieg”, der durch die Redensart” findet sich zuerst in Justus Georg
Verwendung des Begriffs im “Oxford Collo- Schottels “Ausführlicher Arbeit von der Teut-
cations Dictionary for Students of English” schen Hauptsprache” (1663).
(2002) einerseits, “A Dictionary of English Heutzutage werden die Bezeichnungen
Collocations” (1994) andererseits repräsen- “sprichwörtliche Redensart” (“idiomatische
tiert ist. Während das erste Wörterbuch einen Redewendung” bei Röhrich/Mieder 1977,
Kollokationsbegriff im engeren Sinne (wie er 15), “bildliche Redensart”, “Redensart” oder
von Hausmann definiert wurde, mit einer pri- “Redewendung” bzw. “Wendung” vor allem
mär zweiteiligen Struktur von “Basis” und noch in Deutschdidaktiken und Sprachbü-
“Kollokator” – ähnlich auch Sailer Art. 89) chern verwendet. Im Zentrum steht dabei die
vertritt, arbeitet das zweite mit der lingui- “sprichwörtliche Redensart”, die vor allem
stisch kaum fassbaren korpuslinguistischen von Rudolf Hildebrand (1917, 80f. u. 93f.) in-
Auffassung von mehr oder weniger usuellen haltlich bestimmt wurde. Dabei spielen ganz
Wortverbindungen. unterschiedliche Aspekte eine Rolle, die letzt-
Eine Überlappung ergibt sich beim engeren lich dazu geführt haben, dass die unterschied-
Kollokationsbegriff mit der in der Germani- lichen Termini in ihrer Bestimmung bis heute
stik verbreiteten semantisch definierten Teil- recht unscharf geblieben sind: Als “hervorste-
klasse der “teilidiomatischen Phraseologis- chendes Merkmal” sprichwörtlicher Redens-
men” oder “Teil-Idiome” (vgl. Burger 2003, arten gilt in der Deutschdidaktik
32, 38, im Anschluss an zahlreiche ältere Ar- (1) die Bildhaftigkeit (“Der Bilderreichtum unse-
beiten) wie Bauklötze staunen oder Geld zum rer Sprache offenbart sich auch in den sprich-
Fenster hinauswerfen, wo jeweils eine Kon- wörtlichen Redensarten”),
stituente (staunen bzw. Geld) wörtlich und (2) die Volkstümlichkeit (“[...] tatsächlich ist der
die andere idiomatisch zu verstehen ist. Haus- Ursprung der meisten bildhaften Redensarten
mann (2004, 313ff.) zeigt, dass auch diese im Volksmund zu suchen. Sehr viele von ih-
Art Konstruktionen unter seinem Kollokati- nen kommen aus den Sonderwortschätzen und
der speziellen Phraseologie der verschiedenen
onsbegriff subsumierbar sind. sozialen Gruppen unseres Volkes, den sog.
In der Psycholinguistik (amerikanischer Standes-, Berufs- und Fachsprachen”),
Richtung) wird demgegenüber alles Phraseo- (3) ihre kultur- und sprachgeschichtliche Bedeu-
logische als “idiom” bezeichnet und man in- tung (“Manche dieser Redensarten haben uns
teressiert sich auch primär für die Probleme, wertvolles altes Sprachgut erhalten und kün-
die sich mit der Verarbeitung von idiomati- den als sprechende Zeugen der Vergangenheit
schen (im semantischen Sinn) Sprachzeichen von längst untergegangenen Einrichtungen,
Anschauungen und Gewohnheiten”),
ergeben. In der europäischen Tradition dage-
(4) ihre Anschaulichkeit und Verständlichkeit
gen wird der Terminus “idiom” in Bezug auf (“Viele bildhafte Redensarten sind heute noch
die Phraseme gebraucht, die den Kernbereich plastisch und anschaulich, so daß ihre Bilder
des phraseologischen Systems bilden (vgl. für jeden Sprachgenossen verständlich sind”
Häcki Buhofer Art. 70). bzw. verständlich gemacht werden sollen),

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8 I. Einführung/Subject area, terminology and research topics

(5) die “volkstümliche Kürze und Prägnanz ihres wissenschaftlichen Phraseologie (zu Bally
Ausdrucks”, vgl. Mejri Art. 58).
(6) “die ebenfalls für das Volkstümliche bezeich-
nende Vorliebe für groteske Übertreibungen”
(z. B. da lachen ja die Hühner), 11. Aspekte und Termini aus
(7) ihr teilweise euphemistischer Charakter (z. B. benachbarten Disziplinen
lange Finger machen für stehlen),
(8) die gelegentlichen Wortspiele (z. B. Einfälle
Der Einfluss der Pragmatik bzw. der Ge-
wie ein altes Haus haben),
(9) “Namensscherze” (z. B. nicht aus Gebersdorf sprächs- und Konversationsanalyse sowie der
sein), Forschungen zur ritualisierten Kommunikati-
(10) “die Vorliebe für formelhafte Wendungen wie on auf die Phraseologie zeigt sich zum einen
Wortpaare” (z. B. in Bausch und Bogen) oder im Bereich der Terminologie: Seit Mitte der
(11) “veraltete Sprach- und Wortformen” (z. B. mit siebziger Jahre tauchen erstmals Termini auf
Kind und Kegel) (vgl. Schmidt 1959, 232ff.). wie “pragmatische Idiome”, “pragmatische
Phraseologismen”, “Routineformeln”, “kom-
Diese Funktionalisierung auf die Kultur- und munikative Formeln”, “pragmatische Stereo-
Sprachgeschichte bleibt bis weit in die siebzi- type”, “pragmatische Prägung”, “Gesprächs-
ger Jahre des vorigen Jahrhunderts dominie- formeln”. Aber auch “gambits” und “hedges”
render Bezugspunkt der Redensartendidaktik (genau genommen, wenn ich es mal so sagen
(vgl. Kühn Art. 73). darf, wenn man so will, wie er im Buche
steht) zählen, sofern es sich um feste Wortver-
10.3. Phrase bindungen handelt, fortan zum Objektbereich
In der populären deutschsprachigen Stilistik der Phraseologie. Ihre Bedeutungen lassen
(z. B. Reiners 1951) wurde ein Terminus wie sich allerdings nur auf der Basis ihrer kom-
“Phrase” in einem vor-phraseologischen Sinn munikativ-situativen Verwendung beschrei-
verwendet, um die “Plattheit”, die “Phrasen- ben (vgl. Lüger Art. 39, Fix Art. 40). Zum an-
haftigkeit” oder den “Stilschwindel” (Reiners deren hat der Einbezug der text(sorten)lingui-
1951, 190) bestimmter Wortverbindungen zu stischen Forschung zu einer weiteren
markieren. Die Vertreter dieser Richtung war- Perspektivenerweiterung der Phraseologie ge-
nen vor “gewohnten, abgegriffenen Bildern führt: Zum Gegenstandsbereich der phraseo-
unserer Alltagssprache” (Reiners 1951, 263), logischen Forschung zählen nun auch “for-
melhafte Textteile” und “Texte”. Kennzeich-
vor “abgedroschenen” Wendungen mit
nend sind die Vorgeformtheit und Formel-
“Schablonenbildern” wie in Staub aufwir-
haftigkeit von Texten bei fast gleichbleiben-
beln, eine Frage anschneiden oder Dampf
dem Inhalt (vgl. Fix Art. 40).
machen (Engel 1913, 399).
Karl Kraus, der wohl berühmteste deutsch-
sprachige Sprachkritiker, argumentiert sehr 12. Desiderata
viel differenzierter (vgl. Breiteneder Art. 31):
Als “Raum- und Zeitgenosse” thematisiert er Bereits bei der Auswahl der Autorinnen und
den journalistischen und ideologischen Ge- Autoren ist den Herausgebern bewusst ge-
brauch der Phrase in der von ihm in den Jah- worden, dass in einigen Bereichen noch große
ren 1899 bis 1936 herausgegebenen Zeit- Forschungslücken bestehen:
schrift “Die Fackel”, insbesondere analysiert – Die Geschichte der Phraseologie ist für die
er die Propagandaphrasen des Ersten Welt- meisten Sprachen noch nicht oder kaum er-
krieges (Platz an der Sonne, Schulter an forscht. Nur für die Parömiologie existiert
Schulter, Serbien muß sterbien) und die “Re- schon seit langem auch ein weiter verbrei-
vindikation des Phraseninhaltes” durch die tetes historisches Interesse. Dabei wäre ge-
Nationalsozialisten (Salz in offene Wunden rade angesichts des gegenwärtigen kultur-
streuen, mit einem blauen Auge davonkom- wissenschaftlichen Trends auch in der
men, aus einem Menschen “ein Gulasch zu Sprachwissenschaft die historische Phra-
machen”; “Krümmt auch weiterhin keinem seologie ein äußerst ergiebiges For-
Juden auch nur ein Haar”). schungsfeld.
Aber auch in der wissenschaftlichen Stili- – Für viele Einzelsprachen, vor allem der
stik wurde die “Klischiertheit” mancher Wort- nicht-indoeuropäischen Familien, sind
verbindungen hervorgehoben, so schon von phraseologische Untersuchungen Mangel-
Charles Bally, einem der ersten Vertreter einer ware, sofern es überhaupt einschlägige Ar-

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1a. Phraseologie: Objektbereich, Terminologie und Forschungsschwerpunkte 9

beiten gibt. Dementsprechend ist es gegen- 13. Fazit


wärtig auch nur in sehr beschränktem Aus-
maße möglich, den Einfluss der Sprach- Der Umfang des Objektbereichs “Phraseolo-
struktur auf die Phraseologie kontrastiv zu gie” hat sich seit den 70er Jahren des 20. Jahr-
untersuchen. hunderts erheblich erweitert. Gegenüber einer
– In der russistischen und germanistischen “engen” Konzeption haben sich verschiedene
Forschung wurde schon sehr früh Wert Varianten einer “weiten” Konzeption mehr
darauf gelegt, Phraseme nicht nur zu klas- oder weniger durchgesetzt. Damit sind aber
sifizieren und in ihren strukturellen Eigen- auch die Grenzen der Disziplin fließend ge-
schaften zu beschreiben, sondern sie auch worden. Neben dem strukturell bestimmbaren
im text(sorten)spezifischen Kontext zu Kernbereich gibt es viele “periphere” Berei-
analysieren. Ähnliche Arbeiten stehen in che, die je nach Forschungsinteresse unter
anderen Sprachen erst am Anfang oder “Phraseologie” subsumiert werden. Und da-
fehlen überhaupt. Studien in diesem Be- mit ist es überhaupt fragwürdig geworden,
reich würden sprach- und kulturverglei- die Metapher von “Kern” und “Peripherie”
chende Erkenntnisse auf der Textebene er- weiterhin zu verwenden. Für das Problem der
möglichen. Klassifikation und Terminologie ergibt sich
– Nach jahrzehntelanger Beschäftigung vor daraus (und aus den oben ausgeführten weite-
allem mit den theoretischen Aspekten der ren Gründen), dass eine internationale, spra-
Phraseme ist es an der Zeit, den Anwen- chenübergreifende Vereinheitlichung nur bis
dungsbezug der linguistischen Fragestel- zu einem gewissen Grade möglich und
lungen stärker zu fördern. So haben die wünschbar ist.
meisten Wörterbücher noch viel zu wenig Die Herausgeber des Bandes halten es frei-
die Erkenntnisse der Phraseologiefor- lich nicht für vertretbar, jegliche Erweiterung
schung in die Wörterbuchpraxis umgesetzt. des Bereichs zu akzeptieren. So halten sie
Vergleichbares gilt für die Didaktik. Phra- eine Verwischung der (strukturell determinier-
seologische Arbeiten könnten sich geziel- ten) Grenzen zwischen Phraseologie und
ter auf die phraseographische und phraseo- Wortbildung in Sprachen wie dem Deutschen
didaktische Praxis ausrichten und dazu bei- für nicht angebracht (ein Terminus wie “Ein-
tragen, veraltete Traditionen zu über- Wort-Phraseologismus”, der gelegentlich an-
winden. zutreffen ist, ist in Bezug auf das Deutsche
– Die bisherigen Forschungen zur kognitiven ein Widerspruch in sich), während sie z.B. für
Verarbeitung von Phrasemen erweitern die das Französische durchaus diskutiert werden
phraseologische Perspektive insofern, als kann.
metaphern-semantische, kultursemiotische Die Phraseologie hat vielfältige Beziehun-
und interkulturelle Fragestellungen in den gen zu benachbarten linguistischen Diszipli-
Blick kommen: Die Frage nach der Reprä- nen. In ihrem Kernbereich (um noch einmal
sentation der Phraseme im mentalen Lexi- die traditionelle Metaphorik zu verwenden)
kon führt zum einen zu neuen Fragestel- lässt sie sich als Teilbereich einer umfassen-
lungen und Modellierungen mit Auswir- den Lexikologie situieren, also derjenigen
kungen auf die Phrasemsemantik und Disziplin, die sich mit den formalen und se-
Lexikographie. Zum anderen eröffnen die mantischen Eigenschaften der Lexikoneinhei-
kultursemiotischen Ansätze die Möglich- ten befasst. In einer so verstandenen Lexiko-
keit, einen Beitrag zur Beschreibung und logie hat sie aber gegenüber den Wörtern eine
Erklärung interkulturell bedingter Kommu- Sonderstellung, da Phraseme komplexer orga-
nikationsprobleme zu leisten. Gerade eine nisiert sind als Wörter und z. B. spezifische
interkulturell ausgerichtete Phraseologie- morphosyntaktische Eigenschaften aufwei-
forschung könnte zu einer Überwindung sen. Sobald man die “peripheren” Bereiche
der traditionellen kulturkundlichen Per- berücksichtigt, die etwa mehr oder weniger
spektive führen und einen Beitrag zur in- feste Wortverbindungen, modellhafte syntak-
terkulturellen Kommunikation liefern, in- tische Gebilde, formelhafte Textbausteine
dem beispielsweise über die Beschreibung bzw. formelhafte Texte oder auch formelhafte
von Phrasemen Auto- und Heterostereo- Elemente in Interaktionsprozessen einbezie-
type oder interkulturell bedingte Verste- hen, tangiert Phraseologie Disziplinen wie
hensschwierigkeiten herausgearbeitet wer- Syntax, Textlinguistik, Pragmatik oder Kon-
den könnten. Hier steht die Forschung erst versationsanalyse. Schließlich ergeben sich
am Anfang. bei der Beschreibung der Phraseme Aspekte,

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10 I. Einführung/Subject area, terminology and research topics

die für stilistische und literaturwissenschaftli- Pilz, K.D. (1981): Phraseologie. Stuttgart.
che Fragestellungen relevant sein können – Reiners, L. (1951 [1943]): Stilkunst. Ein Lehrbuch
hierauf hat seinerzeit bereits Charles Bally zu deutscher Prosa. 4. Aufl. München.
Anfang der Phraseologieforschung hingewie- Röhrich, L./Mieder, W. (1977): Sprichwort. Stutt-
sen. gart.
Schemann, H. (1993): Deutsche Idiomatik. Die
14. Literatur (in Auswahl) deutschen Redewendungen im Kontext. Stuttgart.
Schmidt, W. (1959): Deutsche Sprachkunde. Ein
Burger, H. (2003): Phraseologie. Eine Einführung Handbuch für Lehrer und Studierende. Berlin.
am Beispiel des Deutschen. 2. Aufl. Berlin.
Vinogradov, V.V. (1946): Osnovnye ponjatija russ-
Duden 11 (2002): Redewendungen. Wörterbuch der koj frazeologii kak lingvističeskoj discipliny. In: Vi-
deutschen Idiomatik. 2., Aufl. Hrsg. von der Du- nogradov, V.V. (1977), 118-139.
denredaktion. Mannheim. [1992]: Redewendungen
und sprichwörtliche Redensarten. Idiomatisches Vinogradov, V.V. (1947): Ob osnovnyx tipax fra-
Wörterbuch der deutschen Sprache. Bearbeitet von zeologičeskix edinic. In: Vinogradov, V.V. (1977),
G. Drosdowski und W. Scholze-Stubenrecht. Mann- 140-161.
heim. Vinogradov, V.V. (1977): Izbrannye trudy. Leksiko-
Engel, E. (1913): Deutsche Stilkunst. 18. Aufl. logija i leksikografija. Moskva.
Wien. Wray, A. (2002): Formulaic language and the lexi-
Hausmann, F.J. (2004): Was sind eigentlich Kollo- con. Cambridge.
kationen? In: Steyer, K. (Hrsg.): Wortverbindungen
– mehr oder weniger fest. Berlin, 309-334. Harald Burger, Zürich (Schweiz)
Hildebrand, R. (1917 [1867]): Vom deutschen Dmitrij Dobrovol’skij, Moskau (Russland)
Sprachunterricht in der Schule und von deutscher
Erziehung und Bildung überhaupt. 14. Aufl. Leip- Peter Kühn, Trier (Deutschland)
zig. Neal R. Norrick, Saarbrücken (Deutschland)

1b. Phraseology: Subject area, terminology and research topics

1. Issues of terminology Union, and the objections are still heard today
2. The generic term for the whole subject area (see, for example, the lists of terms by Pilz
3. The generic term for the linguistic unit 1981, 25ff., Schemann 1993, XXVII ff., as
4. Terms for subcategories well as Wray 2002, 44ff.). Due to the discon-
5. Fundamental phraseological terms
6. Obsolete terms tent with the initial chaos regarding the termi-
7. Synonymous terms nology, solitary attempts to compose consis-
8. Specialized and everyday perception of terms tent terminological and classificatory systems
9. Problems regarding an exhaustive definition were made. However, these attempts did not
10. Topical dependency of terminology lead to a fundamental standardization of ter-
11. Perspectives and terms from neighboring minology in research literature.
disciplines This new handbook provided a chance for
12. Outlook progress regarding the terminology. After
13. Conclusion
14. Select bibliography much discussion, the editors decided not to
encroach too deeply into the authors’ termi-
nological territory. In certain articles where
1. Issues of terminology standardization was easily possible, they re-
quested the authors to do so. In other articles,
During the conception of this handbook, the standardization of the terminology had to be
editors tried to establish a uniform terminol- abandoned. The following article will show,
ogy and classification for the authors to use. among other things, why it is not necessarily
There have been complaints about terminolo- sensible to insist upon a terminological stan-
gical inconsistency since research on phra- dardization at all costs. At the same time, we
seology began outside of the former Soviet will illustrate how understanding within this

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