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Joachim Latacz

HOMER

Artemis Einführungen
H om er ist der erste D ichter des A bendlandes, dessen
W erk e nach E rfin d u n g des A lphabets (8. Jh. v. Chr.)
niedergeschrieben und ohne U nterbrechung bis zu uns
tra d ie rt w orden sind. M it den beiden ihm zugeschrie­
benen G roß-E pen Ilias und Odyssee h at er die E n t­
w icklung nicht n ur der griechischen, sondern auch der
auf ihr basierenden röm ischen und neuzeitlichen D ich­
tung so entscheidend geprägt, daß m an noch heute von
einer >Homerbestimmtheit< unserer L itera tu r sprechen
kann.
Diese E in führung m öchte vor allem den fachfrem den
Leser m it dem H om erbild v ertrau t m achen, das in den
letzten 30 Jah ren au f der G rundlage z. T . aufsehen­
erregender T heorien und E ntdeckungen im Z usam ­
m enw irken von A rchäologie, Geschichtswissenschaft,
Philologie, Sprachforschung und anderen D isziplinen
h eran g ereift ist. Im M ittelpunkt stehen zwei F ragen:
(1) W ie sah die kulturelle G esam tentw icklung der
G riechen aus, die im 8. Jh. v. Chr. den Sänger H o-
tneros zu geistig-künstlerischen Leistungen vom R ange
einer Ilias un d Odyssee befähigten? - und (2) W ie
und wo läß t sich die unerhörte Q u alität dieser D ich­
tungen wenigstens ansatzw eise fassen?
D urch eindringende In terp retatio n en insbesondere des
A ufbaus und der poetischen T echnik der beiden Epen
gibt Joachim L atacz A ntw ort au f diese F ragen und
zeigt dem m odernen Leser - gerade auch dem jenigen,
der au f Ü bersetzungen angew iesen ist - W ege zu
einem tieferen H om erverständnis.

ISB N 3 7608 1320 8


Latacz • H om er
Artemis Einführungen
Band 20

Herausgegeben von
Peter Brang
Willi Erzgräber
Hans From m
M anfred Fuhrm ann
Walter Hinck
Ulrich M olk
Klaus von See
HOM ER

Eine Einführung
von Joachim Latacz

ARTEM IS VERLAG
M Ü N C H E N U N D Z Ü R IC H
UXORI PATIENTISSIMAE

CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek

L atacz, Joachim :
Homer : e. Einf. / von Joachim Latacz.
München ; Zürich : Artemis-Verlag, 1985
(Artemis-Einfuhrungen ; Bd. 20)
ISBN 3-7608- 1320-8
NE: GT

© 1985 Artemis Verlag München und Zürich


Verlagsort München
Alle Rechte, einschließlich derjenigen des auszugsweisen
Abdrucks und der photomechanischen Wiedergabe,
Vorbehalten.
Umschlagbild: Silbermünze von der Insel los
mit Bildnis Homers. Berlin, Münzkabinett.
Photo: Erich Boehringer in: E. u. R. Boehringer, Homer,
Breslau 1939 (Tafel 121).
Satz: 1BV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin
Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg
Printed in Germany
INHALT

E in le itu n g .......................................................................................
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Die Gegenwärtigkeit Homers 9 - Homers Sprachform 1r - Abriß der
Forschungsgeschichte 14

I. Die neue A ktualität H o m e r s ............................................... 23


Die Ilias das erste schriftliche Kunstwerk des Abendlandes 23 —Homer
Begründer der abendländischen Textualität 26 - Die poetische Qualität
der homerischen Epen 29 - Homers Nähe 30

II. Person, Umwelt, Zeit und Werk H o m e r s ................... 32


Die Quellenlage: nichts Authentisches 32 - Die Homer-Legende: ein
Holzweg 33 - Fester Boden: Homers indirekte Selbstdarstellung 40 -
Weitere Klärungen: Homers Identifikation mit seinem ersten Publikum,
dem Adel 43 - Annäherungsversuche an Homers Publikum: Blüte, Fall
und Wiederaufstieg des griechischen Adels 47 - Die sog. mykenische Zeit
(2. Jahrtausend v. Chr.) 47 - Die sog. dunklen Jahrhunderte (ca.
1200-800 v. Chr.) 52 - Heldensang als Selbstvergewisserung und Halt 63
- Die Renaissance des 8. Jh. 68 - Wahrscheinlichkeiten: Homers Lebens­
raum und Lebenszeit 74 - Homers Werk: Entstehungszeit und Entste­
hungsweise 77 - Die homerische Ilias als Dichtung der Erneuerung und
Repräsentation 85 - Ein mögliches Homerbild 86

III. Die I l i a s .................................................................................... 91


Das Thema: Achilleus’ Groll 91 - Der Rahmen des Themas: Die Troja­
sage und der Trojanische Krieg (Mythos und Geschichte) 105 - Die Ent­
faltung des Themas: Der Handlungsplan 115 - Die Durchführung des
Handlungsplans: Achilleis und Ilias 134 - Das menis-Motiv 155 - Das
Motiv der Thetis-Bitte 158

IV. Die O d y s s e e .......................................................................... 170


Odysseus’ Heimkehr: Das Thema und sein Rahmen 170 - Die Durch­
führung des Themas 175 - Das Programm 177- Der 1. und der 2. H aupt­
teil: DieTelemachie 179- D e r 3. und der 4. Hauptteil: Ogygiaund Sche-
ria. Die Phaiakis 182 - Der 5. Hauptteil: Heimkehr auf Ithaka 186- Die
Wiedererkennung von Odysseus und Penelope 189

Anhang
Verzeichnis der abgekürzt zitierten L it e r a tu r .................................. 195
Literaturhinweise.................................................................................201
Griechische Namen und Begriffe (A u ssp rach e)...............................204
Karte der griechischen Welt um 800 v. C hr..........................................207
VORWORT

Vor wenigen Jahren war in einer Fachzeitschrift für Gym ­


nasiallehrer der Alten Sprachen zu lesen: »In den wissen­
schaftlichen Bibliographien der letzten Jahre findet sich
für H om er, für die Ilias wie für die Odyssee, kaum eine
Publikation, die eine Zusam m enschau des jeweiligen
Epos bietet und sein Gesamtverständnis fordert« (W.
Klug in >Anregung< 27/1, 1981, 30). Tatsächlich ist die
Hom erforschung in den letzten rund dreijahrzehnten mit
der Verarbeitung neuer Theorien und Entdeckungen -
darunter so sensationeller wie der Entzifferung von Linear
B —so stark ausgelastet gewesen, daß ihr kaum Zeit zum
Atem holen und Zusammenfassen blieb. Wenn aber schon
die Griechischlehrer klagen, wird eine breitere Öffentlich­
keit vielleicht erst recht an einer kurzen Wegleitung zum
heutigen H om erbild interessiert sein. So wendet sich die­
ses Büchlein weniger an die Fachgenossen als an die Lieb­
haber Hom ers und alle, die es w erden möchten. Für sie
w ird hier versucht, H om er aus dem Spezialisten-Reservat
ein kleines Stückweit hervorzuziehen. D arum ist auf m an­
che spezifisch philologische Fragestellung bew ußt ver­
zichtet. Auch das ganze große Gebiet der sogenannten ho­
merischen Realien (Gesellschaftsaufbau im einzelnen;
Wirtschaft, Handel und Verkehr im einzelnen; Kriegswe­
sen; Religion, usw.) ist ausgeklammert worden: seine sy­
stematische Behandlung hätte mindestens einen weiteren
Band erfordert (Einschlägiges dazu geben die Literatur­
hinweise des Anhangs an).
Das H auptgew icht ist hier zum einen auf die Darstel­
lung von Hom ers historischem H intergrund (auf das Wer­
den des homerischen Zeitalters), zum anderen auf Ilias und
Odyssee als Dichtungen gelegt.
H inter dieser Auswahl steht der Wunsch, H om er einer

7
m odernen Leserschaft als Dichter (nicht als historische
Quelle) nahezubringen. D er Wunsch speist sich aus der
Überzeugung, daß, w er H om er als Repräsentanten seines
Zeitalters sieh t-jen es unruhigen 8. Jh. v. Chr., in dem das
griechische Volk nach langer Ruhephase allmählich zu
im m er rascher werdender D ynam ik überging - , die Klug­
heit, die K unst und den Charm e des Dichters am ehesten
zu w ürdigen verstehen wird.
Ilias und Odyssee m it ihren zusammen rund 28 000 Ver­
sen in einer >Einführung< ganz durchzuinterpretieren ist
nicht möglich. Was hier gegeben werden kann, ist nicht
m ehr als eine Grundsteinlegung. Vielleicht w eckt sie bei
diesem oder jenem Leser die Lust, m it den Werkskizzen
ausgerüstet, die hier angeboten werden, im H om er auf ei­
gene Entdeckungsfahrt zu gehen. Die Übersetzungen, die
dafür nötig sind, und manches andere, was N utzen stiften
könnte, stellt der Anhang zur Verfügung.
Allen Kollegen, die m ir auf diese oder jene Weise behilf­
lich waren (vor allem meinem Basler Kollegen Josef Delz
sowie den Archäologen Prof. Sakellarakis in Iraklion und
Prof. Korfm ann in Tübingen), bin ich zu großem Dank
verpflichtet. Besonderer Dank aber gebührt m einem As­
sistenten Edzard Visser sowie meinen beiden studenti­
schen Helferinnen am Basler Seminar, M artha Spiro und
Renate Müller. M öchte ein wenig von ihrer und meiner
Freude an H om er auch auf andere überspringen!

8
EINLEITUNG

Die Gegenwärtigkeit Homers

M ehr als zweieinhalb Jahrtausende hindurch - zuerst in


Griechenland, danach in Rom und in Byzanz, und seit der
Renaissance auch in der neuen Kultureinheit der europäi­
schen N ationen - w ar der N am e Homer ein strahlender
Begriff für große Dichtung. Heute verbinden sich mit
ihm besonders in der jüngeren Generation kaum noch
konkrete Vorstellungen. Die Zahl derer, die H om er als
Schüler, Studenten oder Literaturliebhaber im griechi­
schen Original gelesen haben, hat nach dem Zweiten
Weltkrieg drastisch abgenommen, und unter den Tausen­
den, die durch Übersetzungen Bekanntschaft m it dem
Dichter machten und noch machen, bilden diejenigen, die
seine umfangreichen Werke ganz gelesen haben, verm ut­
lich eine M inderheit.
Was m it H om er im großen Publikum heute noch asso­
ziiert wird, das dürfte —über mancherlei Zwischenstatio­
nen verm ittelt und entsprechend verdünnt - im wesentli­
chen dies sein: Endlose Heldenkämpfe m it Schwert,
Schild und Lanze zwischen Griechen und Trojanern in ei­
nem Krieg um Troja, der zehn Jahre dauerte: die Ilias.
Eine lange Kette m ärchenhafter Abenteuer des Troja­
kämpfers Odysseus auf seiner Heim fahrt übers Meer zur
Insel Ithaka, wo seine treue Frau Penelope seit zwanzig
Jahren auf ihn wartet: die Odyssee. Dazu m ögen hier und
da Erinnerungsfragm ente treten, meist ungewisser H er­
kunft, schwer lokalisierbar: das Trojanische Pferd - die
schöne Helena - Kassandrarufe —die Achillesferse (Ilias);
Sirenenklänge —der Zyklop —zwischen Scylla und C ha-
rybdis wählen müssen - sich nicht becircen lassen (Circe,
die Zauberin, die aus M ännern Schweine macht): dies aus

9
der Odyssee. Ü ber allem schließlich der O lym p m it selt­
sam nahen Göttern, die m it den Menschen reden, ihnen
wirksam helfen oder sie auch grausam täuschen können -
und die doch letztlich für diese Menschen nur ein h o m e ri­
sches Gelächten übrig haben: Zeus und Poseidon, Ares,
Apollon, Hermes —Hera, Athene, Aphrodite, Artemis -
die M usen, N ym phen und Chariten.
Die Reihe der Assoziationen ließe sich verlängern. Was
sie deutlich macht, bei aller Vordergründigkeit des
Bruchstückhaften, ist am Ende dennoch etwas Tröstli­
ches: sie zeigt, wie tief H om er in unserer Sprache und in
unserer Bildwelt trotz des Rückgangs seiner direkten Re­
zeption im m er noch verwurzelt ist. Wie festgegründet
seine Position vollends in unserer Literatur und Kunst ist,
wird sich ohnehin kaum je genau erfassen lassen. Schon
ein Blick in H erbert H ungers kleines Lexikon der griechi­
schen und römischen Mythologie, etwa unter den Stichwör­
tern >Troia< und >Odysseus<, deckt - vom M ittelalter bis in
die neueste Zeit hinein - H underte von Werken auf (Ge­
mälde, Dram en, Erzählungen, Romane; Kantaten,
O pern, Ballette; neuerdings kom m en Filme und Fernseh­
spiele dazu), die um Them en aus Ilias und Odyssee krei­
sen, darunter M eisterwerke - von Rubens, Tiepolo, Pi­
casso, von Joyce, Giraudoux und Sartre (der jüngste
Sproß ist Christa Wolfs Kassandra). In Wahrheit reicht
Hom ers W irkung noch viel tiefer, und alle diese Einzel­
werke sind nur Kristallisationspunkte innerhalb eines
breiten Traditionsstroms, der seit Jahrhunderten der eu­
ropäischen Plastik, Malerei, M usik und Literatur im m er
wieder neue Impulse gibt. Georg Finslers matcrialreiches
Standardwerk Homer in der Neuzeit von Dante bis Goethe
(1912) macht unter diesem wirkungsgeschichtlichen
Aspekt Zusam m enhänge deutlich, die in ihrer Dichte und
Verästelung alles Gewohnte übertreffen. Dabei ist Fins­
lers Arbeit eingestandenermaßen nur ein erster Versuch.
Hom ers tatsächliche W irkungsgeschichte bleibt noch zu
schreiben.

10
Das vorliegende Büchlein hat ein anderes Ziel. Es will
nicht zeigen, auf wen und wie H om er gew irkt hat, son­
dern wodurch. Es m öchte H om er für Menschen unserer
Zeit zum Sprechen bringen. Das ist vor allem darum not­
wendig geworden, weil die rund 2700jahre, die zwischen
H om er und uns liegen, literarische Konventionen gezei­
tigt haben, die von denen Hom ers und seines Publikums
sehr weit entfernt sind.

Homers Sprachform

Die größte Klippe für den m odernen Leser stellt die


Sprachform dar. H om er spricht die Sprache des frühgrie­
chischen Epos, d. h. er spricht in Versen - ohne Reim­
zwang zwar, aber in festgelegtem Rhythmus: jeder Vers
hat nach der N o rm ein Hexam eter zu sein, d. h. aus 6
Daktylen (—^ , ersetzbar durch den Spondeus — ) zu be­
stehen: .

Alle Redeformen, deren sich H om er bedienen will - Er­


zählung, Beschreibung, direkte Rede, Dialog usw. - , al­
les, was er an Gefuhlsnuancen auszudrücken wünscht, ist
in diesen 6-D aktylen-R hythm us umzusetzen: eine strenge
Restriktion, - die freilich nicht H om er erfunden hat. Als
er zu dichten anfing, hatte sie schon seit m ehreren Jahr­
hunderten bestanden. Generationen von frei improvisie­
renden Sängern (dotöof, aoidöi: Aöden, Aoiden) hatten
diese A rt zu sprechen, besser: ohne jegliche Textvorlage
spontan zu formulieren und sich dabei auf der Phorminx
(einem viersaitigen Instrum ent) zu begleiten, erlernt, ge­
übt und weiterentwickelt. Eine Kunst (i£/vr|, techne) war
so entstanden, die wie alle Künste eine feste handwerkli­
che Basis hatte. Zu ihr gehörte, daß m an als Sänger nicht
jedesm al nach neuen W örtern suchte, wenn man von den
gleichbleibenden Gegenständen, Verrichtungen, Abläu­
fen und Konstellationen des Lebens und der Welt frei vor

ii
dem Publikum zu singen hatte. Das wäre nicht nur zu
mühsam, sondern vor allem viel zu riskant gewesen: nicht
im m er wären einem die rhythm usgerechten W örter und
W ortverbindungen im richtigen M om ent prom pt in den
Sinn gekom m en, es hätte also aufjeden Fall den Vortrags­
fluß gehemm t, darüber hinaus aber - viel gefährlicher
noch - Kreativität verhindert. D enn wie hätte man das
Ungewöhnliche, das Singuläre sagen können, wenn man
schon beim Formulieren des Gewöhnlichen, Sich-Wie-
derholenden nach je neuem Ausdruck hätte suchen müs­
sen? D avon hatte man sich entlastet, indem man rhyth­
misch passende (also daktylische bzw. spondeische) W ör­
ter, W ortformen, W ortverbindungen, oft sogar ganze
Verse und Versgruppen im Gedächtnis bew ahrt und diese
Paßstücke zu einem Vorrat vereinigt hatte, der im K opf
gespeichert und von Sängergeneration zu Sängergenera­
tion weitergereicht wurde: ein Reservoir von vorgepräg­
ten Form ulierungen (>Formeln<). Wann im m er von einem
Menschen, einem Gegenstand, einem Sachverhalt, einem
Vorgang usw. zu reden war, für den in diesem Formel­
schatz eine Formel zur Verfügung stand, konnte (mußte
, nicht) diese Formel angewendet werden.
Diese Technik, die ein längerdauerndes regelgerechtes
Hexam eter-Im provisieren erst ermöglichte, erzeugte eine
Sprache, in der sich gleiche Bauteile viel häufiger wieder­
holten als in der norm alen Alltagsrede (und als in jeder Li­
teratursprache nach Hom er). So hören wir denn im m er
wieder von den »bauchigen Schiffen«, vom »Gleißen der
Sonne«, vom »Hirten der Völker«, vom »glänzenden
Hektor«, vom »großen Olym pos«, von »sämtlichen Ta­
gen« usw., im m er wieder w erden direkte Reden m it »und
sprach die geflügelten Worte« eingeleitet und Entgegnun­
gen darauf m it »dem aber gab nun zur A ntw ort und
sprach...« angekündigt, w ird Verwunderung m it »was
für ein Wort entfloh dem Gehege deiner Zähne?« ausge­
drückt und w ird der Beginn eines Essens m it »und sie er­
hoben die Hände zum lecker bereiteten Mahle« angezeigt.

12
A u f den norm alen Leser wirken diese Wiederholungen
befrem dend (zumal ihre Wiedergabe im Deutschen oft
nicht ohne Kom ik ist). H at nicht schon der Aufsatzunter­
richt der Schule die Regel eingeübt, W ortwiederholungen
zu vermeiden und sich überhaupt möglichst variabel aus­
zudrücken? H om ers Stil erscheint vor diesem H inter­
grund kindlich-ungelenk, naiv, vielleicht gar primitiv.
Kann hinter dieser weithin formelhaften Steifheit einer
Sprache, die gegenüber der m odernen Variantenfülle wie
ein A n ru f aus ferner U rzeit klingt, überhaupt Bedenkens­
wertes stehen? M uß das Statuarische der Sprache nicht ei­
nen Mangel an Differenziertheit auch des Denkens, das
sich darin ausdrückt, und dam it also auch der Menschen
Hom ers und ihrer Problem e anzeigen? Verständlich, daß
sich bei vielen grundsätzlich Interessierten, zumal den
Jüngeren, oft schon beim ersten Blättern im H om er Ent­
täuschung einstellt - und der Impuls, sich abzuwenden.
Gegen diese Reaktion wird hier der Versuch gesetzt, zu
zeigen, daß die sprachlich-stilistische Distanz nur ein Phä­
nom en der Oberfläche ist und überw unden werden kann;
es bedarf dazu nur kleiner Mühe: das Regelwerk des ho­
merischen Sprechens m uß erfaßt, durchschaut und ange­
eignet werden. Wieviel M ühe verwenden wir auf das Er­
lernen von Spielregeln, deren Beherrschung weit weniger
Genuß verm ittelt als die Beherrschung des Regelwerks
Homers! Sobald aber die sprachlich-stilistische Barriere
übersprungen ist, kann H om ers dichterische Welt m it ih­
ren in Wahrheit hochdifferenzierten Persönlichkeiten und
ihren im Kern unverändert aktuellen Konflikten selbst in
der Übersetzung noch für den m odernen Menschen zu ei­
nem tiefen literarischen und menschlichen Erlebnis w er­
den.
In den einleitenden Kapiteln w ird versucht, den aktuel­
len Stand der Forschung zu Hom ers geschichtlichem Hin­
tergrund nicht nur wiederzugeben, sondern andeutungs­
weise auch zu dokum entieren. Zweck dieser bew ußt aus­
führlicher gehaltenen Darlegungen ist es, Hom ers Dich­

13
tung möglichst vom im m er noch vorhandenen O dium ei­
ner auf Nachsicht angewiesenen Anfänglichkeit zu be­
freien. Denn solange H om er in Kategorien wie >noch un­
entwickelt, einfach, archaisch, ungefiige< usw. gesehen
wird, ist die Erschließung seiner Kunst nicht möglich,
weil jede sensiblere Interpretation m it dem Hinweis auf
die angebliche Anfangsstellung dieser Poesie als Projek­
tion verdächtigt w erden kann. Dem gegenüber waren die
neueren Ergebnisse der archäologischen und kulturhisto­
rischen Forschung zu einem Bild zusammenzufugen, das
das Werk des Sängers Hom eros als literarisches Teilglied
der letzten vollen Blüte einer jahrhundertealten Adelskul­
tur erkennbar macht. Durch Verweis auf die griechische
Sangestradition allein w ar das nicht zu erreichen; es mußte
die historische Gesam tentwicklung in den Blick kom ­
men.

Abriß der Forschungsgeschichte

Hom ers Werke w erden m it wissenschaftlichen M ethoden


in der Neuzeit bereits seit ca. 20oJahren interpretiert. Die
Forschung ist manchen Irrweg gegangen und hat sich oft
verzettelt. Diese ausgedehnte Forschungsgeschichte in ei­
nem eigenen Abschnitt nachzuzeichnen schien dem
Zweck dieses Büchleins nicht angemessen. D er weitblik-
kende H om erkenner Albin Lesky hat vor 30 Jahren über
die neuzeitliche H om erforschung das Urteil gefällt: »Die
Behandlung der homerischen Frage seit Fr. A. Wolf darf
als das fragwürdigste Kapitel philologischer Forschung
bezeichnet werden« [Lesky 1954, 1]. Das klingt zwar hart,
ist jedoch berechtigt. D em Leser, der ganz unprofessionell
den Dichter Homer kennenlernen möchte, dürfen die Frag­
w ürdigkeiten der Forschung, die ihn von seinem Ziel nur
entfernen würden, erspart bleiben. Ein kurzer Abriß der
wichtigsten Forschungsphasen und -tendenzen mag ihm
bessere Dienste leisten:

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i. Die erste Phase der reflektierenden, nicht nur genießenden Be­
schäftigung mit Homer reicht vom Bekanntwerden der Epen gegen
Ende des 8. Jh. bis zum Beginn der systematisch arbeitenden Homer-
Philologie im Alexandreia des 3. Jh. v. Chr. Diese ca. 400 Jahre sind
geprägt von einer ersten intensiven Auseinandersetzung der griechi­
schen Intellektuellen (Dichter, Philosophen, Staatsmänner) mit Ho­
mers Weltverständnis, seinem Menschen- und Götterbild, seiner
Deutung menschlichen Wesens und menschlicher Gesellschaft, nicht
zuletzt seiner dichterischen Kunst. Im Verlaufe dieses Gesprächs der
Geister, das im 4. Jh. bei Platon und Aristoteles seine Höhepunkte er­
reichte, machten sich erste praktische Bedürfnisse bemerkbar: Um für
die Debatte eine gemeinsame Ausgangsposition zu haben, war über
die reine Textkenntnis hinaus (die in der Schule vermittelt wurde;
denn Homer war von Anfang an die Fibel der Nation) ein vertieftes
Verständnis der Sprache und der Aussageabsicht nötig; nicht nur viele
Wörter und Wendungen (ja sogar Flexionsformen) der alten Sänger­
sprache, in der Homer gedichtet hatte, waren schon hundert Jahre
später ungebräuchlich oder mißverständlich, auch die stilistischen Be­
sonderheiten dieser Dichtung bedurften häufig der Erklärung. Diese
Erklärung zu leisten war in der Frühzeit niemand fähiger als diejeni­
gen, die Homers Epen ständig —meist berufsmäßig —vortrugen: die
R h a p s o d e n (spezieller noch die H o tn e r id e r i) . In ihren Kreisen entstanden
- zunächst wohl für die Bedürfnisse der Unterrichts- und Vertrags­
praxis —bereits im 6. Jh. die ersten Wörterverzeichnisse (G l o s s e n ,
y ' K & o o a i ) , Kommentare und biographischen Versuche, von denen
Spuren sogar noch bis zu uns gelangt sind (in der Form von Schul­
erklärungen- S c h o l i e n , a^o X ia-u n d V i t e n , s. unten S. 33). In diesem
Zusammenhang ist wohl auch die Tendenz zur Textnormierung zu
sehen, von der wir einen wichtigen Moment noch in der kulturpoliti­
schen Anordnung des athenischen Staatsfuhrers Peisistratos (oder ei­
nes seiner Söhne) (2. Hälfte des 6. Jh.) fassen, die homerischen Epen
am Staatsfest Athens, den Panathenäen, v o l ls tä n d ig durch einander ab­
lösende Rhapsoden dem Volke zu Gehör zu bringen; daß dafür ein
verbindlicher Einheitstext geschaffen werden mußte, der an die Stelle
der vielen bis dahin frei kursierenden Abschriften treten konnte, liegt
auf der Hand: Hier scheint eine wichtige Station der Textfixierung
vorzuliegen. - In der Aufklärungsbewegung der S o p h i s t i k während
des 5. Jh. entstanden dann —wohl auf dieser Textgrundlage —bereits
die ersten Spezialschriften zu Homer: über seine Sprache, seine Hei­
mat, sein Leben usw. ( A l k i d a m a s , H i p p i a s v . E l i s , u. a.). —War diese
Homerschschriftstellerei bei den Sophisten noch eingebettet in ein
umfassendes Interesse insbesondere für die Sprache als das Grundin­
strument der Menschenlenkung, so verselbständigte sie sich bereits
im 4. Jh. zu einer speziellen Homergelehrsamkeit: A n t i m a c h o s v . K o l o ­
p h o n (um 400) war unseres Wissens der erste Homergelehrte, der eine

15
Ausgabe des Textes (mit Einleitung und Wörterverzeichnis) veran­
staltete [Pfeiffer 1970, 122].
2. Die zweite Phase der Beschäftigung mit Homer läßt sich bereits als
wissenschaftliche bezeichnen. Sie begann im 3. Jh. in der von Alexan­
ders Erben als M u s e i o n (Mouoetöv) in Alexandreia begründeten uni­
versalen Forschungsstätte und reichte über griechische und römische
Homerphilologen der römischen Republik und Kaiserzeit bis zu den
großen Homerkommentatoren des Reiches von Byzanz im I2.jh. —In
Alexandreia wurden an der Bibliothek des Museions die umlaufenden
Homerhandschriften aus Privat- und Staatsbesitz, deren man habhaft
werden konnte, gesammelt, geordnet und verglichen; auf dieser Basis
wurde eine textkritische, editorische und Kommentierungsarbeit ge­
leistet, von deren überreichem Ertrag die gesamte folgende Homerge­
lehrsamkeit über rund 1500 Jahre hinweg (ca. 200 v. C h r—1300
n. Chr.) in Aneignung, Polemik und nur seltener Bereicherung unun­
terbrochen zehrte. Berühmte alexandrinische Homergelehrte waren
A r i s t o p h a n e s 0 . B y z a n z (3. Jh.) und A r is ta r c h v . S a tn o t h r a k e (2. Jh.): da­
nach, während der Regierungszeit des römischen Kaisers Augustus,
machte sich D i d y m o s v . A l e x a n d r e i a als Zusammenfasser der alexan-
drinischen Homerstudien einen Namen, und von den byzantinischen
Homerkennern seien wenigstens die beiden fleißigsten, J o h a n n e s T z e t -
z e s (1143: E x e g e s i s z u H o m e r s I li a s ; H o m e r i s c h e A l l e g o r i e n ab 1145) und
der Bischof von Thessalonike E u s t a l h i o s (ca. 1110-1192) mit seinen
(sogar als Autographen erhaltenen) voluminösen Kommentaren zu
Ilias und Odyssee genannt. —Fortschritte im Werkverständnis, die
wesentlich über die Einsichten der Alexandriner hinausgegangen wä­
ren, sind in diesen anderthalb Jahrtausenden kaum erreicht worden;
das große Verdienst dieser Epoche war es, das Erbe der alexandrini-
schen Originalforschung lebendig zu erhalten.
3. Die dritte Phase ist die der Rezeption Homers im Westeuropa des
Spätmittelalters und der frühen undjüngeren Neuzeit (Italien, Frank­
reich, England, Deutschland, Niederlande, Schweiz); sie beginnt mit
P e tr a rc a (1304-1374), der - in einer Zeit, zu der im Westen noch nie­
mand Griechisch verstand - die erste Übersetzung Homers ins Latei­
nische veranlaßte (L e o n z i o P i l a t o , 1360), und endet mit der Begrün­
dung der modernen Homerwissenschaft durch F r ie d r ic h A u g u s t W o l f
(1759-1824).
Gekennzeichnet ist diese Phase
(1) durch die Erlernung der griechischen Sprache im Westen (ab 1396
unterrichtet M a n u e l C h r y s o lo r a s Griechisch in Florenz und gibt
eine erste griechische Grammatik heraus);
(2) durch die Überführung des Homertextes in den Druck (Editio
princeps von D e m e t r i o s C h a l k o n d y l e s , Florenz 1488; erste Aldina
1504): Homer wird zum Gemeinbesitz der Gebildeten;

16
(3) durch die Erarbeitung einer ersten eigenständigen neuzeitlichen
Dichtungstheorie (als eines der Fundamente des intellektuellen
Wiederaufschwungs) in Anlehnung an Horaz, später auch Ari­
stoteles, auf der Grundlage vor allem des Vergleiches zwischen
Homer und Vergil (Vida’s P o e lic a , 1527; J. C. Scaliger’s P o e tic e ,
1561; Boileau’s L ’A r t p o e t i q u e , 1674; Gottscheds C r iti s c h e D i c h t ­
k u n s t , 1730, u. a.);
(4) durch die produktive Aneignung Homers in Form der Schaffung
eigener National-Epen auf seinen Spuren (Tasso’s G e r u s a l e m m e
L i b e r a t a , 1575; Spenser’s F a e r ie Q u e e t i e , 1590-96; Desmaret’s C l o -
u is om la F r a n c e c lir e tie n n e , 1657; Milton’s P a r a d is e L o s t und P a r a d is e
R e g a i n e d , 1667 bzw. 1671; Klopstocks M e s s ia s , 1748-51, u. a.);
(5) durch den Einsatz der historischen und philologischen Homerkri­
tik und die erste Stellung der >Homerischen Frage« (Bentley’s
Wiederentdeckung des Buchstabens V a u oder D i g a m m a im Ho­
mer, um 1730; Blackwell’s E n q u i r y in to th e L i f e a n d W r iti n g s o f F l o -
tn e r , 1735; Lessings L a o k o o n , 1766; Wood’s E s s a y o n th e O r i g i n a l
G e n i u s o f H o m e r , 1769. - Bereits 1664 entstanden, aber erst 1715
veröffentlicht: die C o n je c tu r e s a c a d e m iq u e s o u D is s e r t a tio n s u r l ’I lia d e
des Abbe d’Aubignac (Homer hat nie gelebt, einen Plan der Ilias
gibt es nicht). Hinzu treten gegen Ende des 18. Jh. die tiefdringen­
den poetologischen Homer-Arbeiten Herders, Goethes, Schil­
lers, W. v. Humboldts und Friedrich Schlegels. Am Ende der
Phase steht eine Entdeckung, die das neue Zeitalter der Homer­
wissenschaft erst eigentlich begründete: die Auffindung und Pu-
blizierung der im 10. Jh. geschriebenen Homerhandschrift V e n e -
tu s A durch d e V i l l o i s o n : die Handschrift ist am Rand und zwischen
den Textzeilen gefüllt mit Text-Erklärungen aller Art, die auf die
Alexandriner zurückgehen; erst jetzt wurden Erkenntnisfort­
schritte über das bereits in der Antike Erreichte hinaus möglich
(Erstpublikation: 1788; neueste und beste Ausgabe dieser sog. A-
Scholien, zusammen mit allen übrigen bekannten Ilias-Scholien:
Erbse 1969-1983).
4. Die vierte und vorerst letzte Phase ist die der systematischen philo­
logischen (historischen, archäologischen, sprachwissenschaftlichen)
Texterschließung und literaturwissenschaftlichen Werk-Analyse un­
ter Beiziehung der Vergleichenden Epenforschung und neuerdings
der modernen Erzähltheorie. Sie beginnt mit Fr. A. Wolfs P r o le g o m e n a
a d H o m e r u m (1795), tritt in eine «neuere« Teilphase ein mit Milman
Parry’s Pariser Dissertation L 'E p i t h e t e tr a d it io n n e l le d a n s F lo m e r e von
1928 und erreicht ihr «neuestes« Stadium im Anschluß an Michael
Ventris’ Entzifferung der griechischen Linear B-Schrift im Jahre 1952
(s. hierzu u. S. 47).
Diese Phase ist gekennzeichnet durch den langwierigen Gelehrten­
streit, der auch einem weiteren Publikum unter der Bezeichnung «Die

17
Homerische Frage« bekannt ist, und durch die sich anbahnende Über­
windung dieses Streits in den letzten ca. zwei Jahrzehnten.
Die Homerische Frage - nach mancherlei Vorstufen (d’Aubignac,
Heyne) neu formuliert von dem Hallenser Philologie-Professor Fried­
rich August Wolf in seiner nachmals berühmt gewordenen Vorrede zu
seiner Ilias-Ausgabe von 1795 ( P r o le g o m e u a a d H o m e r u m . . .)-bestehtin
der durch gewisse logische Widersprüche im Erzählgang beider Epen
ausgelösten Unsicherheit darüber, ob hinter jedem der beiden Epen
wirklich nur e iti Erzähler steht oder mehrere. Diese Fragestellung ist —
was bis in die jüngste Zeit hinein übersehen wurde - aus einer ganz be­
stimmten historischen Situation der Literatur- und Homerkenntnis
heraus entstanden; sie müßte also eigentlich bei jeder bedeutsameren
Veränderung (Erweiterung, Vertiefung) allgemein der Literatur- und
speziell der Homerkenntnis auf ihre Berechtigung hin immer wieder
überprüft werden. Das ist lange Zeit nicht geschehen, so daß sich ein
autonomes Forschungsgebiet «Homerische Frage« entwickeln konnte,
innerhalb dessen mit großer Emsigkeit um den Preis des Scharfsinns bei
der Lösungssuche noch dann gestritten wurde, als die Literaturkennt­
nis und damit die Landschaft ringsherum sich lange schon verändert
hatten, so daß die Frage eigentlich keine mehr war. - Die Fragestellung
selbst war erfolgt aus der Literaturauffassung des 17./18. Jh. heraus,
derzufolge ein literarisches Werk von Anfang bis zu Ende stets die
Schöpfung eines Einzelnen war. Als sich bereits um die Mitte des 19. Jh.
herausgestellt hatte, daß ein literarisches Werk ganz allgemein nur sehr
bedingt als Schöpfung eines Einzelnen von Anfang bis zu Ende gesehen
werden kann und daß speziell die frühe Epik der Völker vor ihrem Ein­
tritt in die Schriftlichkeit eher ein nur wenig änderndes Tradieren von
schon Vorhandenem als ein originelles Neuerfmden ist, war die Frage,
ob Homer die Ilias vom 1. Vers des 1. Gesanges an bis zum 804. Vers des
24. Gesanges vollständig erfunden habe oder nicht, eigentlich bereits
überholt. Sie wurde trotzdem weiter debattiert. Das Ergebnis war
reine Unfruchtbarkeit, was die «Lösung« angeht; was die Kenntnis der
Epen selbst angeht, war das immer wieder erneute Durchpflügen des­
selben Ackers natürlich vorteilhaft.
Von der Basis des «Einzelschöpferglaubens« her waren die unbe­
streitbar vorhandenen logischen Widersprüche ein untrügliches Indiz
dafür, daß die Ilias (wie die Odyssee) das Werk mehrerer (mindestens
zweier) Dichter war; einer dieser Dichter war «der echte« («gute«), die
anderen (der andere) «sekundäre« («schlechtere«). Das Gesamtwerk
konnte auf zwei Arten zustande gekommen sein: (1) Eine U r- (Kern-,
Grund- usw.) Erzählung war von späteren Dichtern um immer wie­
der neue Zusatzteile erweitert worden, (2) mehrere kleinere in sich ge­
schlossene Erzählungen waren irgendwann von einem Einzeldichter
zusammengefügt (oder, je nach ästhetischer Einschätzung des End­
produkts, zusammemgeflickt«, -«gestückelt«, -«geschnitten«, ->ge­

18
leimt< oder auch ->geschmolzen<) worden. Einen Kompromiß zwi­
schen beiden Lösungen suchte schließlich im Jahre 1916 mit seinem
Buch D i e I l i a s u n d H o m e r Ulrich v. Wilamowitz-Moellendorff: Klei­
nere Erzählungen am Anfang - Zusammenlegung in der Mitte (Zu-
sammenfiiger: Homer) - weitere Zudichtungen im nachhinein. - Die
Aufgabe der Homerforschung bestand für die Vertreter dieser Rich­
tung in der Nachfolge F. A. Wolfs darin, die verschiedenen Dichter
(>Hände<) aus dem Gesamtwerk, das uns überliefert ist, »herauszulö-
sen< (avccLüsiv); entsprechend bezeichnete man die Richtung insge­
samt als >Analyse<, ihre Vertreter als >Analytiker<.
Die Gegner dieser >Auflösung< der Epen, die sich ihren einheitlichen
Homer nicht nehmen lassen wollten und daher die von den Analyti­
kern aufgedeckten logischen Widersprüche als angebliche »Scheinwi-
dersprüche< wegzudebattieren suchten, firmierten unter der Bezeich­
nung >Unitarier< (>Unitarismus<).
Da der Streit - wie die Streitenden großenteils bereits selbst erkann­
ten —mit subjektiven Kriterien auf der Basis eines je subjektiven Vor­
verständnisses des einzelnen Gelehrten von Logik, Ästhetik, Moral
usw. geführt wurde, war er letztlich fruchtlos. Pointiert gesagt, legte
jeder Gelehrte mit seiner Homeranalyse bzw. -argumentation im we­
sentlichen nur Dimension und Niveau seiner eigenen Logik, Ästhetik,
Moral usw. bloß (was die oft unversöhnliche Schärfe dieser Debatte
erklärt). Ilias und Odyssee als D i c h t u n g gerieten immer weiter aus dem
Blick.
Den Anstoß zu einer neuen Betrachtungweise der ganzen Fragestel­
lung brachte die 1928 von Milman Parry begründete (aber bereits seit
Herder durch die Arbeiten vieler »Außenseiten vorbereitete) Erkennt­
nis, daß die Sprache der homerischen Epen eine stark typisierte dichte­
rische Sekundärsprache ist, die zum Zwecke der freien mündlichen
Improvisation von Hexametergesängen vor einem physisch anwesen­
den Auditorium (nicht einem lesenden Publikum) entwickelt und
schon von Generationen vorhomerischer Sänger verwendet worden
war. Die Technik solcher Improvisationsdichtung beruht auf dem
Prinzip der Wiederholung metrisch und semantisch vielfältig ver­
wendbarer Bau-Elemente auf allen Kompositionsebenen vom Wort
bis zur Szene. Sie konnte zu Parrys (und seines Mitarbeiters Lord) Zeit
besonders bequem an noch lebender Improvisations-Epik im moder­
nen Jugoslawien beobachtet und studiert werden (die Tradition dieser
jugoslawischen Epik lebt aber auch heute noch —vom Staat als Volks­
kunst gefördert-aufjährlichen Sängerfesten weiter). Improvisations­
epik der gleichen Technik konnte auch in Rußland, in vielen Stam­
messtaaten Afrikas, in Polynesien usw. aufgezeichnet werden. Dieses
Studium, das noch im Gange ist, hat das Bewußtsein für Typisches
und Untypisches, Konventionelles und Individuelles allgemein in Im­
provisationsepik geschärft und die Scheidung traditioneller von nicht­

19
I

traditionellen Elementen auch in Ilias und Odyssee befördert. Die Su­


che nach dem >individuellen< Dichter, den heute die meisten Homer­
philologen mit Homer gleichsetzen, ist dadurch von manchem Ballast
befreit worden. Der individuelle Dichter ist, wie sich zeigte und noch
laufend zeigt, weniger im sprachlich-stilistischen Bereich (der weitge­
hend normiert und damit vorgegeben war) als in der Perspektive und
in der Komposition des Baues (unter Verwendung vorgeprägter Bau­
teile und -skizzen) zu suchen. Mit diesem Ergebnis bestätigt die Parry-
Richtung (die >Oral poetry-Forschung<) von ihrem Ansatz aus die Re­
sultate zweier anderer Richtungen, die unabhängig von ihr operierten:
(i) der neo-unitarischen Kompositions-Analyse Wolfgang Schade-
waldts (I l i a s s t u d i e n , 1938) und Karl Reinhardts ( D i e I li a s u n d i h r D i c h ­
te r , 1961) und (2) der sog. Neo-Analyse (H. Pestalozzi 194$; J. Th.
Kakridis 1949; W. Kullmann 1981).
In jüngster Zeit wird die Sichtbegrenztheit des Oral poetry-Ansat-
zes [Finnegan 1977] allmählich überwunden; mit der Anwendung von
Methoden der modernen Erzähltheorie auf die homerischen Epen
wird der Unterschied zwischen mündlicher und schriftlicher Kompo­
sitionsweise zu übcrbrücken gesucht und der Einsicht vorgearbeitet,
daß Homer auch im Rahmen seiner mündlichen Technik universellen
Normen des Erzählens folgt; werden diese sichtbar gemacht, stellt
sich die Annahme, daß Ilias und Odyssee je eine wohlgeplante Groß­
komposition von einer Hand sind, als die wahrscheinlichste Hypo­
these dar [Griffin 1980; Latacz 1981 *. 19812].
Die »Homerische Frage< in ihrer ursprünglichen Form existiert
heute nicht mehr. Sie war nur möglich gewesen unter der Vorausset­
zung des Vergleichs zwischen Homer und Vergil als dichtungstech­
nisch auf der gleichen Stufe stehenden Epikern, d. h. die homerische
Frage war letztlich von der Dichtungstechnik Vergils aus gestellt.
Von der - inzwischen hinlänglich bekannten —Dichtungstechnik Ho­
mers her ist die homerische Frage heute anders zu formulieren: Was
hat Homer, als er das Großepos schuf, mit und aus der mündlichen
Epik seiner Vorgänger und zeitgenössischen Sängerkollegen, die er in
reicher Fülle kannte und beherrschte, gemacht? [Latacz 19842] Was ist
also das Homerische im Homer? Die Antwort auf diese heute neuver­
standene Frage wird nicht in spitzfindigem Argumentieren gesucht,
sondern in geduldigem Interpretieren; die interpretatorischen Er­
kenntnisse s ä m t lic h e r bisherigen Phasen der Homerforschung sind da­
bei von großem Nutzen.

Die Übersetzungen in diesem Buch versuchen nicht, das


originale Versmaß einzuhalten, w ohl aber, wo es geht,
den Rhythm us anzudeuten. Was den Stil Hom ers betrifft,
schien jede M odernisierungsbem ühung verfehlt. Das

20
Fremde muß fremd bleiben und darf nicht ans schon Be­
kannte angeglichen werden; Erw eiterung des Blickfelds
ist sonst nicht möglich.
Alle Eigennamen sind in ihrer griechischen Original­
form transkribiert, also nicht latinisiert (Achilleus, nicht
Achilles; Kirke, nicht Circe, usw.); die korrekte Betonung
ist im Anhang angegeben. D er N am e des Dichters selbst
(" 0 |ir|Oog) w urde ursprünglich Hdmeros gesprochen; die
Röm er latinisierten ihn zu HSmerus, woraus unsere fran­
zösischen N achbarn Homere machten: das ist im D eut­
schen zu Homer• geworden. - Die kämpfenden Parteien in
der Ilias sind in diesem Büchlein stets als Trojaner (bzw.
Troer) und Achaier, nie als Trojaner und Griechen bezeich­
net. D am it ist lediglich Hom ers eigener Sprachgebrauch
übernom m en; denn H om er spricht - in diesem Punkte
zweifellos den Boden der alten Sagen- und Sangestradi­
tion nicht verlassend - von der nichttrojanischen Seite
ausschließlich als von den Achaiern, Danaern und Argeiern.
An die Stelle dieser seiner Ethnika das später von den Be­
w ohnern Italiens bevorzugte Ethnikon Griechen (Tpcn-
xot, ein westgriechischer Stamm) zu setzen, besteht um so
weniger Anlaß, als sich dam it leicht die Assoziation einer
nationalen (oder gar nationalistischen) Perspektive ver­
bindet (etwa im Sinne eines Ringens zwischen West und
Ost, Europa und Asien usw.), wie sie H om er selbst noch
durchaus fernliegt. Wenn die Bew ohner Trojas von ihm
nie als bdrbaroi (ßaQßaQOi, frem dländisch Sprechende^
bezeichnet werden (nur ihre kleinasiatischen Bundesge­
nossen sind als Angehörige nicht-griechischer Sprachge­
meinschaften markiert: II 805. IV 437f.), so weist das dar­
aufhin, daß die Sage vom Trojanischen Krieg ursprüng­
lich nicht als internationale, sondern als nationale Ausein­
andersetzung - möglicherweise zwischen mykenischen
Zentren - konzipiert war; die Annahme des amerikani­
schen Troja-Ausgräbers C. W. Biegen, die Begründer
der 6. Siedlungsschicht von Troja (sog. Troja VI) um 1800
v. Chr. (einer Schicht, die bis ins 13. Jh. reicht) s e ie n -im

21
Zuge der allgemeinen griechischen Südwanderung jener
Zeit - Griechen gewesen, ist nicht von der Hand zu weisen
[Biegen 1963, 145f.]. Daß das Publikum des 8. Jh. die Ge­
schichte im Licht der zwischenzeitlich erfolgten griechi­
schen Kolonisation Kleinasiens eher als internationale
Auseinandersetzung rezipiert haben wird, bleibt davon
unberührt.
Griechische Literaturkundler (tpikö-koyot, philö-logoi)
des 3. Jh. v. Chr. haben die Ilias und die Odyssee in je 24
Gesänge eingeteilt und mit den 24 Buchstaben des Alpha­
bets bezeichnet. U m den Druck zu erleichtern, sind hier
statt der griechischen Buchstaben Zahlen verwendet, rö­
mische für die Gesänge der Ilias, arabische für die der
Odyssee.

22
I

D IE N E U E A K T U A L I T Ä T H O M E R S

Die Ilias das erste schriftliche Kunstwerk des Abendlandes

H om er ist der erste D ichter des Abendlandes, aus dessen


Werk zumindest Teile bis zu uns gelangt sind. Nach heuti­
gem Indizienstand ist er zugleich der erste A utor unseres
Kulturkreises, der seine Werke (oder doch große Teile da­
von) unter Verwendung der Schrift geschaffen hat. Vor
H om er sind die Dichtungen der Griechen —epische wie
ly risch e-etw a vier Jahrhunderte lang rein mündlich kon­
zipiert worden. N och früher, in der ersten Blüteperiode
des Griechentums im 2. Jahrtausend v. Chr. (der sog.
>mykenischen< Epoche der griechischen Geschichte, die
rund 400 Jahre vor H om er zu Ende gegangen war), gab es
zwar Schrift und Dichtung, ob aber auch schriftliche
Dichtung, ist zur Zeit noch unklar. Wir haben also gegen­
wärtig davon auszugehen, daß Hom ers Epen die ersten
Dichtungen in griechischer Sprache waren, die niederge­
schrieben wurden.
Der folgenreiche Vorgang der ersten Niederschrift von
Poesie im europäischen Kulturkreis hat sich vor rund 2700
Jahren ereignet. D er genaue Z eitpunkt ist nicht m ehr be­
stimm bar, er lag aber m it hoher Wahrscheinlichkeit in der
zweiten Hälfte des 8. Jh. v. Chr. O rt des Geschehens war
eine Stadt an (oder eine Insel vor) der Westküste Klein­
asiens (die damals - und bis 1922 —griechisch besiedelt
war). In der Antike standen m ehrere Werke unter Homers
Namen, darunter die Homerischen Hymnen, der Margites,
die Batrachomyomachie (= Froschmäusekrieg) und die I'he-
bais. Anspruch darauf, als authentische Schöpfungen H o­
mers und damit als erste schriftlich konzipierte Dichtun­
gen des Abendlandes zu gelten, haben von allen unter H o­
mers N am en laufenden Werken allerdings nur zwei: Ilias

23
und Odyssee (eine Reihe von Forschern gesteht H om er
sogar nur die Ilias zu).
Ilias und Odyssee sind umfangreiche Erzähldichtungen
in Versen (>Groß-Epen<). Die Ilias um faßt rund 16000, die
Odyssee rund 12000 Hexameter. Beide Werke gehören als
unterschiedliche Varianten der Gattung >Heldendichtung<
an. Aus dieser Gattung, die als Preis der großen Taten edler
Vorzeitahnen in der Frühzeit zahlreicher Völker vertreten
ist [Bowra 1964], ragen Ilias und Odyssee durch zwei be­
sondere Funktionen heraus: (1) M it ihnen beginnt im
Abendland Literatur (d. h. die schriftgestützte Kom posi­
tion von Texten m it höherer als bedarfspraktischer
Zwecksetzung), (2) sie leiten eine neue Epoche in der Ge­
schichte der abendländischen Kultur insgesamt ein: die
Epoche der Textualität (d. h. der Regulation der gesell­
schaftlichen Beziehungen durch schriftlich fixierte Texte).
Nach heutigem Erkenntnisstand haben die Griechen in
der ersten Hälfte des 8. Jh. (möglicherweise noch vor 776,
dem überlieferten Beginn der Olympiasieger-Listen
[Johnston 198 3,66]) im Rahm en des Handelsverkehrs von
den Phöniziern die phönizische Konsonantenschrift über­
nom m en und sie zur perfekten Phonem schrift (wie auch
w ir sie noch benutzen) vervollkom m net [Heubeck 1979,
100; 1984, 549; B urkert 1984, 29.31]. D am it kam en sofort
bestim m te Texttypen der Alltagspraxis in Gebrauch (zu
diesen praktischen Kom m unikationszwecken w ar die
Schrift ja übernom m en worden): Warenlisten, Rechnun­
gen, Handelskorrespondenz usw., daneben aber auch pri­
vate Verwendungsform en verschiedener Art (auch in In­
schriftenform) [Heubeck 1979,94fi, 153 fi; 1984, 550]. Das
bedeutet jedoch nicht, daß sogleich sämtliche Bereiche des
Lebens von Texten als allgegenwärtigem M ittel der K om ­
m unikation, Registratur, Archivierung, Organisation,
Erziehung usw. durchdrungen wurden; das Leben war
noch nicht >vertextet<. A uf bestim m ten Gebieten bediente
sich die Gesellschaft zwar bereits der Schriftlichkeit, insge­
samt w urde sie aber von ihr noch nicht beherrscht.

24
Vor dem H intergrund der historischen Entwicklung
w ar das selbstverständlich: Im Zeitpunkt der Alphabet-
Ü bernahm e hatten die Griechen rund 400jahre Schriftlo-
sigkeit hinter sich (ihre erste Schriftlichkeitsphase w ar zwi­
schen 1200 und n oo m it dem Zusam m enbruch ihrer da­
maligen hochentwickelten zentralen Verwaltungssy­
steme abgebrochen; danach w ar das Lesen und Schreiben
nicht nur verlernt, sondern offenbar in den weitaus mei­
sten Gebieten sogar als Kulturtechnik vergessen worden).
In dieser langen Phase der Schriftlosigkeit hatten sich wie­
der die K om m unikations- und Verhaltensformen einer
m ündlichen Gesellschaft ausgebildet (sog. condicio humana
oralis). Diese konnten natürlich zusammen m it der erneu­
ten Schriftübernahme im 8. Jh. nicht augenblicklich ver­
schwinden. Die neuen schriftlichkeitsbestimmten Le­
bensformen m ußten sich erst w ieder entwickeln, die viel­
fältigen Anwendungsm öglichkeiten des neuen Mediums
m ußten erst entdeckt werden. Dieser Prozeß scheint zwar
entgegen früheren Annahm en recht zügig verlaufen zu
sein [Heubeck 1979, 87], doch m it einigen Jahrzehnten
wird zu rechnen sein [Burkert 1984, 31]. Eine ganze Reihe
von (auch nicht-kommerziellen) geschlossenen Sprech­
formen, wie es sie als Schemata auch in M ündlichkeitskul­
turen gibt, w erden w ährend dieses Zeitraum s sicherlich
bereits in die Schriftlichkeit überführt w orden sein (z. B.
die Liste, m it den Varianten Katalog und Genealogie
[Goody 1977, 74ff.], das Gebet, der Spruch u. a.) - denn
es ist unwahrscheinlich, daß Sprechformen dieser Art
sämtlich erst von H om er persönlich in die Schriftlichkeit
gehoben w orden sein sollten-, aber zu einem regelrechten
System der Textanwendung (einer ersten Form von >Inter-
textualität<) scheinen solche zunächst eher isolierten Ver­
wendungsweisen noch nicht geführt zu haben. Das läßt
sich aus der Überlieferung früher alphabetschriftlicher
Zeugnisse erschließen: was uns an Schriftlichkeit aus die­
ser Anlaufphase erreicht hat, sind nur ursprünglich rand­
ständige Spielformen, meist Graffiti auf Tonscherben

25
[Heubeck 1979, 152]: O ffenbar w ar das Schreiben in die­
ser Zeit noch »in erster Linie eine nur auf den jeweiligen
Augenblick bezogene Tätigkeit, deren Produkte im N o r­
malfall, wenn sie ihren Zweck erfüllt hatten, alsbald wie­
der verschwinden konnten und auch sollten« [Heubeck
1979, 152]. Ein solcher Zustand augenblicksbezogener
Schriftlichkeit begründet aber noch keine Textualität.

Homer Begründer der abendländischen Textualität

Textualität w ird erst erreicht m it einer institutionalisier­


ten Textverwendung zu Konservierungszwecken: Re­
gistrierung und Thesaurierung von Daten, Ereignissen,
Erkenntnissen, Leistungen usw. in Form von Registern,
Katastern, Gesetzesaufzeichnungen und -Sammlungen,
Chroniken usw. D am it diese Stufe der Schriftlichkeit ge­
sehen, erstrebt und erklom m en werden kann, bedarf es im
psychologischen Bereich des »Willens zur Erinnerung«
durch »Sammlung und Bewahrung« [Wimmel 1981, 6.9].
Dieser Bewahrungswille tritt früher oder später in allen
Schriftkulturen auf. In den orientalischen und in der ägyp­
tischen Schriftkultur äußerte er sich u. a. in Königs-In­
schriften, herrscherlichen Tatenberichten und in der Auf­
zeichnung alter, oft dichterisch geform ter Sagenüberliefe­
rungen. In welcher Weise und w ann genau er sich inner­
halb der Frühphase der griechischen Schriftlichkeit zum er­
sten Mal geäußert hat, läßt sich nicht m ehr feststellen. Si­
cher aber scheint, daß es eben dieser Bewahrungswille ist,
dem zunächst die Ilias und in ihrer Nachfolge dann auch
die Odyssee ihre schriftliche Aufzeichnung verdanken.
Denn zumindest hinter der Ilias steht deutlich der Wille
derjenigen Gesellschaftsschicht, deren Wertewelt die Ilias
abbildet und propagiert, sich selbst ein M onum ent zu set­
zen [Heubeck 1979, 159; Latacz 19841]. Sobald aber ein­
mal diese Idee der Bewahrung von sonst Vergänglichem
durch schriftliche Fixierung geboren und sichtbar rea-

26
»

lisiert ist, findet sie Nachfolge und breitet sich texterzeu­


gend über alle dafür geeigneten Gebiete des gesellschaftli­
chen Lebens aus: Textualität beginnt.
Daß die Ilias (und in ihrem Schlepptau die Odyssee) in
diesem Prozeß eine Schrittmacherfunktion ausgeübt hat,
scheint aus einem sicheren Indiz hervorzugehen: D er Be­
ginn von Textualität in frühen Schriftkulturen kann regel­
mäßig abgelesen w erden an einem plötzlichen Textmen­
genanstieg. Dieser Textmengenanstieg ist nicht identisch
m it einem (zeitlich stets vorausgehenden) Schriftdoku-
mentenanstieg; dieser zeigt lediglich die Verbreitung der
Schriftbeherrschung, also der bloßen Schreib- und Lesefä­
higkeit, an; in Griechenland erfolgte er bereits spätestens
um 750 (»Hier scheint sich eine Explosion zu ereignen«:
B urkert 1984, 31). Dagegen ist der Zeitpunkt des Text­
mengenanstiegs in Griechenland offensichtlich erst um
700 erreicht; von da an wächst die M enge sowohl der lite­
rarischen Texte (Hesiod, Kallinos/Tyrtaios, Archilochos,
Alkman) als auch der Gebrauchstexte (Gesetze und Be­
schlüsse) sprunghaft an. N un ist aber die Periode nach ca.
700 durch nahezu sämtliche Indizien, die wir haben (s. u.
S. 77ff.), als bereits nach-iliadisch ausgewiesen (mit nicht
ganz so großer Sicherheit auch als nach-odysseisch). Die
Folgerung daraus ist, daß den eigentlichen Durchbruch
der griechischen K ultur des 8. Jh. zur Textualität, also ihre
Textualisierung, m it seinen umfangreichen Textcorpora
(zumindest aber m it der Ilias) erst Homer gebracht hat.
Es ist diese Bedeutung Homers: die B egründung der
abendländischen Textualität, die seinen Werken heute
speziell in Kreisen von Ethnologen, Anthropologen, So­
ziologen, Kulturhistorikern und Kom m unikationsfor­
schern ein hohes Maß an (neuartigem) Interesse sichert.
Aber auch in der eigentlich zuständigen Zunft der Klassi­
schen Philologie regen sich erste Anzeichen dieses neuen
Interesses an Hom er. So schreibt der M arburger Philo­
loge Walter W immel 1981:

27
»Da die Grundthemen unseres geistigen Haushalts durch jene Nieder­
schrift gestellt worden sind, die wir mit dem Namen Homer verbin­
den, hat >Homer< einen durchgehenden Vorrang in der Entwicklung
des Großtextes [= der abendländischen Textualität] erlangt [...] Un­
sere Literatur ist mit all ihren Ausstrahlungen bis heute ihomerbe-
stimmt< geblieben« [Wimmel 1981, 23].

Ähnlich, nur m it etwas anderer Akzentuierung, hatte drei


Jahre zuvor der amerikanische Gräzist und M ündlich­
keitsforscher Eric A. Havelock formuliert:

[Die Verschriftlichung von Ilias und Odyssee] »was something like a


thunder-clap in human history [...] It constituted an intrusion into
culture, with results that proved irreversible. It laid the basis for the
destruction of the oral way of life and the oral modes o f thought [...]
What set in with the alphabetization o f Homer was a process o f er-
osion o f >orality<, extending over centuries of the European expe-
rience [ T h e A l p h a b e t i z a t i o n o f H o m e r , in: Havelock 1982, 166 f. ].

Der kulturgeschichtliche Einschnitt, den H om er bedeu­


tet, ist in seinem Rang tatsächlich kaum zu überschätzen:
Seit Ilias und Odyssee ist die K ultur des Abendlandes eine
Schrift- und Textkultur, d. h. eine Kultur, die ihr gesam­
tes Wissen, Können und Wollen schriftlich konserviert
und Schicht auf Schicht kontinuierlich speichert; sie ist da­
durch ebenso vor Vergessen geschützt wie zur Überbie­
tung verurteilt. Die Konsequenzen dieser Textualität für
die Entwicklung, den gegenwärtigen Zustand und die
Perspektiven der m odernen Gesellschaft werden zur Zeit
- besonders in den USA - intensiv erörtert [Goody 1980;
W immel 1981; Goody-W att 1981; Havelock 1982; O ng
1982; M urray 1982, 126-29].
Es ist nur konsequent, daß diese von der kulturhistori­
schen Funktion her neubegründete Aktualität H om ers ein
neues Interesse auch an der spezifischen Eigenart seiner
D ichtung erzeugt hat. M erkmalprofil und Entwicklungs­
gang einer Schriftkultur w erdenja nicht selten vorgeprägt
durch den C harakter gerade jenes Textes, der an ihrem
Anfang steht. Im Falle von Ilias und Odyssee hat über die­
sen Textcharakter zunächst eine äußere Weichenstellung

28
vorentschieden. Als die Griechen im 8. Jh. v. Chr. (unbe­
wußt) die besondere Form von Textualität und Literalität
begründeten, in der w ir noch heute stehen, taten sie das in
einem Akt der Wahl. Z ur Ü bernahm e boten sich ihnen
zwei Schriftkulturen von damals schon m ehr als zweitau­
sendjähriger Entwicklung an, deren jede literarische
Texte von unverächtlichem Niveau hervorgebracht hatte:
die orientalische und die ägyptische. Beider Existenz war
den Griechen, wie M otiv-Entlehnungen aus ihnen gerade
in Ilias und Odyssee zeigen [Burkert 1984, 85 ff.], zu die­
ser Zeit durchaus bekannt. Aufdrängen m ußte sich beson­
ders die aramäisch-phönizische Variante dieser Schrift­
kulturen; denn von den Phöniziern übernahm en die Grie­
chen ja das Instrum ent der Literalität, die Schrift. Der
U m fang der (meist auf Lcderrollen aufgezeichneten) ara-
mäisch-phönizischen Literatur w ar im 8. Jh. bereits be­
deutend [Burkert 1984, 34 f.]. Die Literalität des Abend­
landes hätte einen anderen Verlauf genom m en, hätten die
Griechen damals im gleichen Geist gehandelt wie später
ihre etruskischen, römischen und mittelalterlichen Nach­
folger: diese alle übernahm en von ihren jeweiligen Lehr­
meistern zusammen m it der Schrift auch die Literatur
(und eben dadurch ist die einheitliche Literalität des
Abendlandes von H om er bis zur Literatur der Gegenwart
ermöglicht worden). Die Griechen als einzige entschieden
damals anders: Sie lösten das Instrum ent von den Produk­
ten ab und nutzten es zur Schaffung einer eigenen Litera­
tur. Die Werke, die sie an den Anfang des auf diese Weise
neubegründeten Literalitätsstrangs stellten, waren nicht
Frem dim porte, sondern Schöpfungen des eigenen Gei­
stes: Ilias und Odyssee.

Die poetische Qualität der homerischen Epen

M it dieser Entscheidung war allerdings zunächst nur die


Voraussetzung für Hom ers W irkung geschaffen. Hom ers

29
Epen hätten ja in einem Maße zeitgebunden gewesen sein
können, daß sie ein bis zwei Generationen später bereits
als nicht m ehr aktuell und attraktiv em pfunden worden
wären. Daß heute noch, zweitausendsiebenhundert Jahre
später, von der »homerisch bestim m ten Ström ung unse­
rer Schriftlichkeit« gesprochen werden kann [Wimmel
1981, 24], zeigt, daß es gerade um gekehrt war: Homers
W irkung hatte offenbar von Anfang an gerade auf seiner
Freiheit von direkt Zeitbedingtem beruht, also auf zeit­
unabhängigen Qualitäten. Die Geschichte der H om er­
rezeption bei den Griechen selbst, den Röm ern und den
Neueren ist ein Beleg für diese zu allen Zeiten evidente
Qualität Hom ers, gerade auch dort, w o der Versuch ge­
m acht wurde, sie zu bestreiten. Die Entscheidung der
Griechen des 8. Jh. erweist sich so im nachhinein weniger
als Glücksgriff denn als Unausweichlichkeit.
Wenn aber der eigentliche Grund für die jahrtausende­
lange Prägekraft Hom ers seine dichterische Qualität ist,
dann kann die wirkliche >homerische Frage< nicht die nach
der Genese von Ilias und Odyssee sein, sondern nur die
nach dem, was diese Qualität ausmacht. Entsprechend ist
ins Zentrum dieser >Einführung< das Werk als poetisches
Gefüge und ästhetisches Phänom en gestellt; die Frage
nach der A rt der Werkentstehung ist in den H intergrund
gerückt. D em m odernen Hom erleser w ird dam it nur die­
jenige Rezeptionshaltung wieder nahegelegt, durch die
H om er von Anfang an gew irkt hat.

Homers Nähe

In den letzten Jahren ist speziell in Deutschland viel Zeit


darauf verwendet worden, darzulegen, wie fern H om er
uns sei. Die Rede w ar von der >Alterität< Hom ers, seiner
»Nicht-Aktualisierbarkeit^ von der für uns »letzten Endes
unverständlichen Fremdheit« der homerischen Gesell­
schaft [W ickert-M icknat 1982, 4]. H inter solchen Äuße­

30
rungen steht w ohl vor allem eine Überschätzung der eige­
nen Besonderheit (die vor dem H intergrund einer
600000jährigen M enschheitsgeschichte leicht absurd
wirkt). D er Zeitraum , der uns von H om er trennt, beträgt
nicht m ehr als rund 80 Generationen. Das Andersartige
zwischen H om er und uns, das faßbar wird vor allem in
den äußeren Strukturen, schrum pft gegenüber dem er­
kennbar Gleichgebliebenen zusammen. Was im Mensch­
lichen gleichgeblieben ist —im Denken, Fühlen, Werten
und Streben (etwa der hohe Rang von Leistung, Erfolg,
Schönheit, Gefälligkeit der U m gangsform en und der
Ausdrucksfähigkeit, daneben aber auch von Stolz, Selbst­
achtung und Gefühl für Würde) - , w ird jeder Leser selbst
entdecken. Die eindrucksvollen Parallelen im künstleri­
schen Bereich w erden hoffentlich im folgenden zum Vor­
schein kom m en: der Wille und die Fähigkeit, überlegt zu
kom ponieren, logisch und dqch nicht simpel und bieder
aufzubauen, rational und doch äußerst differenziert zu
motivieren, geschlossene Charaktere von unterschiedli­
cher K om plexität zu zeichnen, Konflikte aufzubauen und
überzeugend zu lösen, kurz: die Welt merkm alhaft im
W ortkunstwerk zu spiegeln und sinngebend zu deuten.
Wäre H om er uns wirklich fremd geworden, dann
könnte sich unsere Gegenwart in ihm wohl kaum so zu­
stim m end wiedererkennen, wie es in der m odernen kul­
turhistorischen Reflexion auf die Anfänge unserer abend­
ländischen Identität geschieht. Das neue Interesse an H o­
m er erweist sich so letztlich als Wiederentdeckung einer
substantiellen Nähe von Antike und M oderne, die in der
Rede von der irreversiblen historischen Entfrem dung
schon verloren schien. Das Bewußtsein dieser Nähe zu
stärken ist ein Nebenzweck des Büchleins.

3i
II

PERSON, UMWELT, ZEIT U N D WERK


HOMERS

Die Quellenlage: nichts Authentisches

>Homerus caecus fuisse dicitur<, H om er soll blind gewe­


sen sein: dieses unscheinbare Beispielsätzchen, Generatio­
nen von Lateinschülern aus der Gram m atik w ohlvertraut,
enthält im Kern bereits den entscheidenden Vorbehalt,
unter dem alle Aussagen über Hom ers Person und Leben
stehen: >soll< blind gewesen sein: Genaues über den größ­
ten aller Dichter w ußten also schon die Alten nicht. M o­
derne Forschung ist darüber kaum hinausgekommen; das
meiste muß Verm utung bleiben.
Man hat den Fall Homer in diesem Punkt zuweilen mit dem Fall
Shakespeare verglichen. Der Vergleich geht fehl: Über Shakespeare
geben an die 200 Originaldokumente - sämtlich zeitgenössisch - Aus­
kunft, vom Taufbucheintrag in Stratford-upon-Avon bis zu den ei­
genhändigen Unterschriften des Meisters unter den Einzelseiten sei­
nes Testaments; Geburts- und Todesjahr sind überliefert (1564 bzw.
1616), Familien-, Vermögens- und Berufsverhältnisse sind durch Kir­
chenbucheinträge, Ubermachungs- und Kaufurkunden, durch Ge­
richtsdokumente, Briefe und Aktenvermerke über Theaterauffüh­
rungen von Shakespeares Truppe belegt und biographisch auswert­
bar.
Ü ber H om ers Person und Leben dagegen existiert kein
einziges zeitgenössisches Dokum ent. Schon die frühesten
für uns erreichbaren Quellen, die Hom ers N am en nennen
- Erw ähnungen bei Dichtern und Philosophen des 7. und
6. Jahrhunderts v. Chr. - , sprechen von ihm als einem
M ann vergangener Zeiten. Da diese Quellen zudem noch
nicht in einem festen chronologischen Rahmen stehen -
eine allgemeinverbindliche Zeitrechnung existierte noch
nicht, so daß man, was man schrieb, auch nicht datierte-,
verm ögen w ir noch nicht einmal zu sagen, wann genau

32
H om er gelebt hat. Es ist begreiflich, daß dieser radikale
Dokum entenm angel in der faktengläubigen Philologie
des 19. Jahrhunderts die Neigung forderte, die Existenz
einer historischen Person H om er gleich ganz zu leugnen.
Vermutungen kam en auf, der N am e Homeros könnte w o­
möglich gar kein Individualname gewesen sein, sondern
eine Kollektivbezeichnung, die »nur in genereller Weise
den Zusam m enordner älterer Gesänge oder den Genossen
einer Sängerzunft« bedeutet habe (so das Referat von
Christ in seiner Griechischen Literaturgeschichte von
1905, 32). Das 20. Jahrhundert hat diese Verm utungen zu­
rückgewiesen. Es hat H om er wieder als historische Per­
son etabliert. Hauptstütze dabei waren - trotz ihres gleich
zu erörternden problem atischen Dokum entationsw erts -
die antiken Viten (lat. vita = »Leben« und »Lebensbeschrei­
bung«),

Die Homer-Legende: ein Holzweg

Sieben H om erviten in griechischer Sprache sind überlie­


fert; dazu kom m t ein umfänglicher Traktat Über Homer
und Hesiod, ihre Abkunft und ihren Wettstreit miteinander.
Z w ar stam m en diese Erzählungen sämtlich erst aus der
römischen Kaiserzeit, sind also von H om er in jedem Falle
m ehr als ein halbes Jahrtausend getrennt, doch glaubte
man, mittels strenger Quellenkritik ihre Entstehungsge­
schichte und damit die ursprüngliche H erkunft ihrer Ein­
zelelemente zurückgewinnen zu können. In der Tat er­
wies es sich als wahrscheinlich, daß einiges in diesen Tex­
ten - z. B. der Streit um Hom ers Geburtsort - bis ins 7.
vorchristliche Jahrhundert zurückgeht. Das erm utigte zu
erneuter kritischer D urchleuchtung der Geschichten. Im
Vergleich zum Aufwand blieben die Resultate freilich ma­
ger. Im Grunde waren es nur zwei; sie betrafen den N a­
men und den Lebensraum Hom ers. Für den N am en er­
wiesen inschriftliche Belege (Hömäros: eine äolische Dia­
lektvariante zu Homeros), daß griechische Eltern wohl tat­

33
sächlich einmal einen Knaben »Bürge, Unterpfand« be­
nennen konnten (schon Aristoteles hatte bei Gelegenheit
den N am en so erklärt), und als Lebens- und W irkungs­
raum des Dichters kristallisierte sich jene Gegend des
kleinasiatischen Siedlungsgebiets der Griechen als w ahr­
scheinlich heraus, in der die Regionen der Ioner und der
Aioler ineinander übergingen (s. Karte, S. 207): Smyrna,
Erythrai und die vorgelagerte Insel Chios - Phokaia,
Kyme und das Gebiet am Herm os - südwärts von Smyrna
vielleicht auch noch der ganze Küstenstrich über Kolo­
phon bis Milet hinunter (das wäre heute das Gebiet, das
von Izmir aus - 8 km nördlich davon lag das antike
Smyrna - etwa 50 km Luftlinie nord- und etwa 100 km
Luftlinie südwärts reicht; von Izmir bis zu den Ruinen von
Kym e sind es heute auf der Küstenstraße nicht m ehr als 40
km). D er berühm te Streit der sieben Städte aber (»Sieben
Städte stritten darum, H om ers Heim at zu sein. Das wis­
sen selbst die Ignoranten der allgemeinen Bildung als
Blüte ihrer Gelehrsamkeit vorzubringen«: Wilamowitz
1916, 367) schien am ehesten zugunsten Smyrnas ent­
schieden werden zu können. Entsprechend lautete das Fa­
zit der Bem ühungen Ulrich v. W ilamowitz-M ocllen-
dorffs (der auch auf diesem Sektor der Hom erforschung
Bleibendes geleistet hat): »So ist denn an der Existenz des
Dichters Homaros oder Homeros von Smyrna nicht erlaubt
zu zweifeln« [Wilamowitz 1916, 372]. Im übrigen a be r —
so W ilam owitz’ Warnung - seien auf diesem Gebiet »nur
diejenigen entschiedene A ntw orten zu geben imstande,
die nicht ermessen, au f wie ungenügenden Prämissen hier
jeder Schluß beruht« [Wilamowitz 1916, 376].
Die Warnung w urde leider ignoriert; das Material kam
nicht zur Ruhe. Im Jahre 1940 nahm sich ein weiterer be­
deutender H om erphilologe dieses »Wustes des Anekdoti­
schen« [Lesky 1967, 3] an: Wolfgang Schadewaldt. In sei­
ner Legende von Homer dem fahrenden Sänger, zuerst 1942
erschienen und dann 1959 einem großen Leserkreis durch
die Artemis-Ausgabe bekannt geworden, unternahm er

34
es, die Viten zunächst zu einem einigermaßen sinnvoll er­
scheinenden Gesamtbild zusamm enzuordnen und das so
gewonnene R ekonstrukt m it dem erwähnten Wettstreit
zwischen Homer und Hesiod zu verknüpfen, das Ganze so­
dann in bew ußt legendenhaft gehaltenem Stil ins D eut­
sche zu übertragen und schließlich in einer nachgestellten
>Erläuterung< die »Wahrheit der Legende« herauszufil­
tern. Schadewaldts Ergebnis w ar im Vergleich zu dem,
das W ilamowitz erzielt hatte, sehr positiv. Es gipfelte in
der Feststellung, daß »das H om erbild der Legende [...]
nicht verächtlich« sei [61]. Entsprechend w ar Schade-
waldt geneigt, nicht nur den N am en und den Lebens­
raum, sondern auch die ganze Lebensweise, die dem H o­
m er in den Geschichten zugeschrieben wird, als w ahr zu
übernehmen: »Folgen w ir [...] willig den Taten und Lei­
den des blinden Landfahrers, so blickt uns zwischen den
Zeilen der Legende schließlich doch das Antlitz des Dich­
ters entgegen« [61].
Das war, wie w ir heute sehen, zu vertrauensvoll geur­
teilt. Wer Schadewaldt in diesem Urteil folgt (in späteren
Arbeiten ist er übrigens selbst zu anderen Schlüssen ge­
kom m en [Schadewaldt 1943]), läuft Gefahr, sich von Ho­
mer ein falsches Bild zu machen. Die >Taten und Leiden
des blinden Landfahrers< können, wie genauere Überle­
gung sogleich zeigen soll, für die Erfahrungen des Dich­
ters von Ilias und Odyssee nicht repräsentativ sein; der
Sänger der Legende ist nicht der Sänger unserer Epen.
Dies zu erkennen ist die G rundbedingung einer angemes­
senen W ürdigung von Hom ers Standort und Perspektive
- und dam it die Voraussetzung für eine angemessene Be­
stim m ung von Niveau und Rang der homerischen (im
Unterschied zu anderer) Epik. A u f eine knappe Nach­
erzählung der Hom erlegende kann daher nicht verzichtet
werden (zugrunde gelegt ist dabei die sog. Vita Herodotea):
in Kyme hat mit seiner Frau eine Tochter K r e t h e i s , die nach
M e la n o p o s
dem Tod der Eltern bei einem Freunde der Familie aufwächst, dort —
da es an der rechten Aufsicht fehlt —von einem Ungenannten schwan­

35
ger wird, daraufhin von ihrem erbosten Ziehvater der Schande wegen
heimlich zu einem Freund in die neugegründete Siedlung Smyrna ge­
geben wird und dort bei einem Fest, das außerhalb der Stadt an einem
Flusse M e i e s gefeiert wird, den Homer zur Welt bringt, den sie, weil er
a m M e i e s g e b o r e n ist, M e l e s ig e ti e s nennt. - Deutlich werden schon hier
die beiden ersten Grundtendenzen der Legende sichtbar: (i) Ansprü­
che auszugleichen (wenn Kyme und Smyrna so unversöhnlich um die
Ehre stritten, Homers Geburtsstadt zu sein, so konnte das nur e in e n
Grund haben: Homer mußte an beiden Orten >geboren< sein, nämlich:
in Kyme empfangen, in Smyrna ausgetragen: da spüren wir die mes­
serscharfe Logik der Sophisten und fragen uns zudem zum ersten Mal,
wie ernst wohl der, der das erfand, die Sache meinte), (2) Homer so­
zial herabzustufen (die M utter - Kind einfacher Leute —in ungeordne­
ten Verhältnissen aufgewachsen, der Vater unbekannt, Homer unehe­
lich empfangen, seine Geburt ein eher zufälliges Ereignis, fast ein
>Wurf<). - Der Knabe Melesigenes war durchaus nicht blind, und als
seine Mutter, bettelarm wie sie war, sich zum Wollespinnen und son­
stiger Hausarbeit bei einem alleinstehenden Schulmeister namens P h e -
m io s verdingte (so heißt der Sänger in Odysseus’ Haus auf Ithaka in der
Odyssee: da haben wir die dritte Grundtendenz: die Dichtungen Ho­
mers grob biographisch auszudeuten!), da nutzte der aufgeweckte
Bursche die Chance, Lesen und Schreiben »und alle sonstige Mu­
senkunst« zu erlernen, so überragend, daß er, als Phemios starb (der
natürlich die alleinerziehende Mutter inzwischen geheiratet hatte), die
Schule übernehmen und zu großer Blüte fuhren konnte. Da wird er
nun berühmt (wodurch, wird nicht gesagt), und abends pflegen die
Händler und Matrosen aus Smyrnas Hafen bei ihm zu sitzen und ihm
zuzuhören. Eines Tages überredet ihn ein M e n t e s aus Leukas (wieder
eine Odyssee-Figur!), mit ihm zur See zu gehen, um, solange er noch
jung sei, »Länder und Städte anzuschauen« (zu Beginn der Odyssee
heißt es von Odysseus: »vieler Menschen Städte hat er geschaut«!).
Der junge Mann schlägt ein, fährt mit zur See, »stellt überall Nachfor­
schungen an« und »machte sich gewiß auch über alles schriftliche Auf­
zeichnungen«. A uf der Rückfahrt von Etrurien (!) und Spanien
kommt man auch nach Ithaka. D ort wird Melesigenes augenkrank, so
daß ihn Mentes bei seinem Freund, dem Ithakesier M e n t o r (eine wei­
tere Odyssee-Figur!) zurücklassen muß: »da hatte nun Melesigenes
Gelegenheit, ausgiebige Nachforschungen und Befragungen über
Odysseus anzustellen« (!). Eines Tages holt ihn Mentes wieder von
Ithaka ab, man fährt ein zweites Mal in der Welt umher, schließlich
bleibt Melesigenes in Kolophon, - wo er endgültig erblindet. Da geht
er denn zurück nach Smyrna und »ergreift das Dichterhandwerk«.
Doch bald gerät er in N ot und beschließt, nach Kyme-überzusiedeln.
Unterwegs bleibt er jedoch in einer Siedlung kurz vor Kyme in einer
Schusterwerkstatt stecken, gibt dort beim Schuster Tychios (!) Dich­

36
tungen über den Thebanischen Krieg und Götterhymnen zum besten
und erwirbt sich einen großen Ruf. Doch bald geht es ihm wieder
schlecht (warum, erfährt man nicht), so daß er sich nach Kyme auf­
macht. D ort trägt er seine Verse in der öffentlichen Halle am Markt­
platz, wo die Alten sich die Zeit vertreiben, vor, gewinnt Ansehen
und bittet schließlich um öffentlichen Unterhalt. Doch der Rat der
Stadt lehnt nach einer bewegten Sitzung ab: »wenn man die Blinden
ernähren wolle, werde man bald einen großen Haufen unnützer Leute
bei sich haben« (die Reaktion der Freier auf Penelopes, Telemachs und
Eumaios’ Fürsorge für den fremden Bettler in der Odyssee!). Melesi-
genes, der seitdem den Namen H o m e r o s trug (denn so nannten die Ky-
mäer - sprachlich völlig aus der Luft gegriffen! - angeblich die Blin­
den), verfluchte Kyme und zog weiter, zuerst nach Phokaia, wo er
wieder in den Hallen seine Dichtungen zum besten gab —und einem
gewissen Thestorides auf den Leim ging, der ihm Kost und Logis ge­
gen Übermachung aller seiner Dichtungen anbot (und sich, nachdem
er alles nach Diktat aufgeschrieben hatte, mit den Manuskripten nach
Chios aus dem Staube machte), dann nach Erythrai, von wo aus er mit
Fischern nach Chios fährt, um Thestorides zur Rechenschaft zu zie­
hen (!). A uf Chios verirrt er sich jedoch, landet bei einem Ziegenhir­
ten Glaukos in einem Freigehöft, wo er von den Hunden bedroht wird
(die Szene >Odysseus bei Eumaios< aus dem 14. Gesang der Odyssee!),
wird dann von diesem Hirten zu dessen Herrn nach Bolissos geführt,
wo er als Hauslehrer engagiert wird und für die beiden jungen Bur­
schen, die er zu unterrichten hat, die »Spielereigedichte« macht (dar­
unter den F r o s c h m ä u s e k r ie g ), zieht schließlich weiter in die Inselhaupt­
stadt (Thestorides hat sich rechtzeitig abgesetzt!), eröffnet dort eine
Schule und lehrt die Interessierten dichten, nimmt eine Frau, hat mit
ihr zwei Töchter und arbeitet im übrigen hier (als Schulmeister!) an
der Odyssee und an der Ilias weiter, wobei er alle jene, die ihm auf sei­
nem Weg bis Chios Gutes taten, in die Epen »einfügt«: Mentes, Men­
tor, Phemios, den Schuster Tychios und schließlich auch noch - im
Vorgriff, weil er gern Athen besuchen möchte - die Athener. A uf der
Fahrt nach Athen bleibt er jedoch auf Samos hängen, bringt dort seine
Zeit bei Leuten aus der Stadt zu, macht ein Lied für Töpfer, bettelt vor
den Häusern der Begüterten mit einem selbstgemachten Heischelied,
kommt schließlich doch noch auf das Festland, nach Athen, Korinth
und Argos, trägt dann beim großen Jonierfest auf Delos seinen Apol-
lonhymnos vor, gelangt schließlich irgendwie zur kleinen Insel los,
wird dort krank, siecht am Strand dahin und bildet die lokale Sehens­
würdigkeit für die Leute aus der Stadt. Dort kommen eines Tages
auch ein paar Fischerjungen hin, die ihm und den Leuten, die ihn am
Strand umstehen, das sog. Läuserätsel aufgeben (»Draußen blieb, was
wir fingen, doch bringen wir, die uns entgingen«). Da soll er denn
nach einigen —so heißt es weiter - gestorben sein aus Ärger, daß er das

37
Rätsel nicht lösen konnte (!). Die Bürger von los begruben ihn und
setzten ihm einen Grabstein mit einem Spruch, der ihn als »göttlichen
Homeros< pries.

Daß in dieser >Biographie< das meiste aus den Epen, be­


sonders aus der Odyssee, herausgesponnen ist, liegt auf
der Hand. Wesentlicher aber scheint, daß der Verfasser,
der das Ganze einst zusamm enbraute, sich keine M ühe
gab, diese Absicht zu verbergen. Das Spiel wird vielmehr
bis zur Groteske getrieben - etwa wenn der Schulhalter
H om er auf Chios jenem Sattler in der Ilias, der Ajas’ Le­
derschild gefertigt hat (VII 220), den N am en seines eige­
nen Wohltäters aus der Gegend um Kyme, des Schusters
Tychios, gibt, oder wenn der Verfasser im Anschluß an
die Geschichte vom Läuserätsel im Formularstil der
>Dichterbiographie< m it scheinbar ernster Wissenschaft­
lermiene am Wahrheitsgehalt in diesem besonderen Falle
Zweifel anmeldet.
Auch sonst enthält diese ganze »Überlieferung! viel Lächerliches, nicht
nur in den V e r s e n , die sie dem Homer als eingestreute Proben seines
Könnens zumutet und bei denen selbst Schadewaldt von fernher ein
Verdacht auf »Parodie« [57f.] gekommen war (den er allerdings
gleich wieder ab wies). Möglicherweise war hier weniger die naive Er­
zählfreude des Volks am Werk, wie Schadewaldt es sehen wollte, son­
dern die Spottsucht eines intellektuellen Witzbolds, der sich hinterhäl­
tig über das konventionelle Schema der herkömmlichen Dichterbio­
graphie (und die Gutgläubigkeit der großen Menge) lustig macht. Sei
dem wie immer: dies ist keine ernstzunehmende Lebensbeschreibung;
dergleichen konnte allenfalls zur Unterhaltung dienen (mit Recht hat
man von >Volksbuch< gesprochen und mit T i l l E u l e n s p i e g e l vergli­
chen), nicht jedoch zur Unterrichtung.

Wichtiger ist dies: Das Dichterbild, das hier gezeichnet


wird, hat m it dem, das uns entgegentritt, wenn w ir die
Epen lesen, kaum etwas gemein. D er H om er dieser Le­
gende ist ein blinder Bettelsänger, der sich bei kleinen
Leuten herum drückt —bei Schustern, Fischern, Töpfern,
M atrosen, alten M ännern in den Schwätzerhallen der Ha­
fenstädte; ein Schulmeister, der das Lesen und das Schrei­
ben lehrt, also vor allem m it Kindern um geht; ein schlag­

38
fertiger Verseschmied, bestaunt allein vom kleinen Bür­
gertum , und nur ein einziges Mal, bei jenem Chier in Bo-
lissos, in Berührung m it der Oberschicht, — vor deren
Häusern er im übrigen m it selbstgemachten Liedchen Ga­
ben zu erbetteln pflegt. - Richtig hat m an bem erkt, daß al­
les das »zu dem Bereich, in dem w ir uns den Sänger der
Ilias denken, in einem seltsamen Gegensätze steht« [Lesky
1967, 5]. Wer dieses Dichterbild e n tw a rf- ganz gleich, ob
in parodistischer Absicht oder nicht - , hatte eine Species
von Versemachern vor Augen, die m ehr am unteren so­
zialen Rande eines Berufsstands angesiedelt war, wie er
sich in dieser Form überhaupt erst entwickeln konnte, als
Handel und Gewerbe, die Stadt und die Gemeinde voll
aufgeblüht waren und die alte Adelskultur an den Rand
gedrängt hatten, als bereits das B ürgertum den Ton angab
und U nternehm ungsgeist (man beachte die Schulgrün­
dungen!) m ehr gefragt w ar als Vermögen. Dies w ar der
Berufsstand der Rhapsoden: Vortragskünstler, vergleich­
bar unseren Konzertsängern, die damals wie heute >auf
Tournee< gingen und die dadurch gekennzeichnet sind,
daß sie nichts Selbstgemachtes vorzutragen haben, son­
dern die großen Werke anderer nur reproduzieren. Eine
solche Rhapsodenexistenz schreibt die Homerlegende,
weil ihre Erfinder einen anderen Sängertyp zu ihrer Zeit
nicht kennen, auch dem großen Dichter der Vorzeit zu.
N u r daß sie ihn —als den bekannten Schöpfer von Ilias und
Odyssee - seine Verse notgedrungen nicht reproduzieren,
sondern improvisieren, also erfinden lassen muß: eine un­
realistische Kreuzung zweier inkom patibler Daseinsfor­
men (auf die selbst Schadewaldt hereingefallen ist, wenn
er vom »Rhapsoden« H om er spricht, der aber gleichzeitig
ein »vielbewunderter Virtuos« und »schnellfertiger Steg­
reifdichter« gewesen sein soll: 65 f.). In alledem verrät sich
nur, daß die Erfinder der Legende genausowenig Authen­
tisches über den historischen H om er w ußten wie wir:
»Antiquity knew nothing definite about the life and per-
sonality o f Hom er« [Kirk 1985, 1]. Das Bild, das sie sich

39
ersatzweise von ihm machten, bezog seine Farben (i) aus
den Epen selbst und (2) aus der Erscheinungsweise einer
Sängerexistenz zu ihrer eigenen Zeit. Die zweite dieser
beiden Grundlagen w ar völlig untauglich. Die erste war
an sich sehr w ohl geeignet, nur fehlten damals, sie ange­
messen auszuwerten, M ittel und Methode.

Fester Boden: Homers indirekte Selbstdarstellung

Die m oderne H om erphilologie —ausgerüstet m it W örter­


indizes und Konkordanzen - liest aus Ilias und Odyssee
ganz anderes heraus als die Legendenfertiger. In beiden
Epen treten ja neben den Repräsentanten zahlreicher ande­
rer Berufsgruppen auch Dichter auf. Sie heißen Sänger,
aoidöi. Daß der Dichter von Ilias und Odyssee bei ihrer
Zeichnung die Erfahrungen seiner eigenen Sängerexistenz
verwertete - meist unbew ußt, gelegentlich bew ußt - , ist
selbstverständlich und in einem Teil der Forschung längst
gesehen [Schadewaldt 1943; H. Fränkel 1951; M arg 1957;
Maehler 1963]. Aus der Art, wie die fiktiven Sänger vom
wirklichen Sänger gestaltet sind, läßt sich daher ein gut
Teil der realen Existenz und Selbstauffassung Hom ers er­
schließen.
In der Odyssee gewinnen vier aoidöi Gestalt. Sie alle
wirken an den Höfen großer Herren, sind also nicht
Volks-, sondern Hofsänger: der erste an Agamemnons H o f
in Argos, »dem der Atride sehr ans Herz legte, als er gegen
Troja aufbrach, seine Gemahlin zu beschützen« (3, 267 f.)
- da fungiert der Sänger also als Vertrauter, als Stellvertre­
ter fast des Königs - , der zweite am H o f des Menelaos zu
Sparta: als Menelaos am gleichen Tage seine Tochter und
seinen Sohn verheiratete, »da sang unter ihnen das Lied
der göttliche Sänger, auf der Phorm inx spielend« (4,17), —
der dritte am Hofe des Alkinoos, des Königs der Phaiaken,
Dem odokos m it Nam en, - der vierte schließlich an Odys­
seus’ H o f auf Ithaka: Phemios, Sohn des Terpios (>Sag-

40
ner<, Sohn des >Genußbereiters<). Alle vier stehen offen­
sichtlich fest im Dienst des Hofes, sind hochgeachtet (im
ersten Fall sogar persönlicher Vertrauter des Fürsten) und
haben m it Schustern, Töpfern, Fischern und dergleichen
Leuten nichts zu schaffen. Einmal erw ähnt die Odyssee
allerdings auch einen Sänger anderer sozialer Stufe, im
17. Gesang. D er Fall ist aufschlußreich: Der Freier Anti-
noos hat Eumaios, den Schweinehirten, angefahren,
wozu er diesen Bettler da (es ist der unerkannte Odysseus)
anschleppe (»haben w ir hier nicht schon genug Landstrei­
cher und anderes lästiges Bettelvolk, Spaßverderber beim
Gelage?«), und Eumaios gibt zur A ntw ort: »Was sagst du
da? Wer w ird denn einen Fremden aus freien Stücken
selbst ins Land einladen? Es sei denn einer von denen, die
für die ganze Bevölkerung zum N utzen wirken (Demiur-
gen) —einen Seher oder einen, der Krankheiten heilt, oder
einen, der Hölzer zurechtzim m ern kann —oder auch einen
gottbegnadeten Sänger, der Freude machen kann m it Sin­
gen!« (17, 375-385). D a gehört der Sänger m it anderen
>Gemeindewerkern< zusammen, die ihre Leistung nicht
speziell dem Hofe bzw. den Reichen m it ihren Sonderbe­
dürfnissen, sondern allen zur Verfügung stellen. D er von
dieser A rt von Sängern spricht, ist freilich Schweinehirt!
Im eigenen N am en oder durch den M und eines Mannes
von Rang erw ähnt der Dichter solche Sänger nicht. Da­
hinter scheint sich Distanzierung zu verbergen - vielleicht
nicht gerade H ochm ut, aber ein klares Wissen um U nter­
schiede. Das kann nun allerdings in einer Welt, die so aus­
nahmslos auf Leistungsunterschiede und Rangstufen sieht
wie die der Ilias und Odyssee, schwerlich verwundern. So
wenig wie Krieger gleich Krieger ist, kann da Sänger
gleich Sänger sein, und so selbstverständlich, wie es in
dieser Welt nicht nur beim festlichen Wettkampf, sondern
gerade auch im Alltag beijeder Tätigkeit injedem Augen­
blick ums Bessersein und Überbieten geht, so selbstver­
ständlich w ird da auch der Sänger nicht nur beim offiziel­
len Sängerwettstreit getestet und bewertet, sondern vor

41
allem in der Forderung des Alltags. Das zeigen besonders
deutlich die Sängerszenen m it Dem odokos bei den Phai-
aken. Da wird der Sänger ganz unerw artet an den H o f ge­
rufen (8, 43-45) und - nachdem er zunächst ein Lied nach
eigener Wahl hat singen dürfen (8, 73-82) - plötzlich vor
recht verschiedenartige ex tem pore-Aufgaben gestellt:
der König verlangt von ihm ein Tanzlied (8, 250—255), der
Gast Odysseus ein Heldenlied von Trojas Fall, näherhin
vom Hölzernen Pferd (8, 488-498); da spiegeln sich zu­
nächst die hohen Repertoire-Anforderungen, an die der
Dichter dieser Sängerszenen gew öhnt ist. D em odokos
löst beide Aufgaben m it Bravour. Daraufhin läßt ihm der
Dichter von Odysseus folgendes Lob spenden: »Ja w ahr­
lich - das ist schön: einen Sänger anzuhören / von der Art,
wie der hier ist, den G öttern gleich an Sangesgabe!« (9,
3 f.) Diese deutliche Differenzierung zwischen Sängern
unterschiedlicher Qualität (»ein Sänger wie dieser hier«!)
ist natürlich eine Projektion der eigenen Berufserfahrung
des Odysseedichters (der sich zugleich durch seine poeti­
sche Kraft, einen solchen >Sängerstar< samt seinen Liedern
zu erschaffen, als Meistersinger ausweist und empfiehlt).
M it der selbstverständlichen Lokalisierung der höchsten
Sängerqualität am Fürstenhof gibt der Dichter ferner zu
erkennen, daß er von einer sozialen Stufenleiter innerhalb
des Sängerstandes ausgeht, an deren Spitze für ihn der
»Sänger bei Hofe< steht. Bezieht man diese Projektion auf
die eigene Realität Hom ers zurück, dann ist deutlich, wes­
sen Erw artungshorizont und Anspruchsniveau er bei sei­
ner Arbeit vor Augen hatte: das der Angehörigen der
Oberschicht. Diese Oberschicht, die zugleich Führungs­
schicht war, wurde in Griechenland bis ins 5. Jahrhundert
hinein von den Aristokraten gebildet, d. h. von dem, was
w ir >Adel< nennen.

42
Weitere Klärungen: Homers Identifikation
mit seinem ersten Publikum, dem Adel

Daß Hom ers Adressaten die Adeligen sind, spiegelt sich


nicht nur in den Kriterien wider, nach denen er in seinen
Epen die Kreationen seiner fiktiven Kollegen (und damit
seine Kreationen) beurteilen läßt, sondern vor allem in der
generellen Them atik von Ilias und Odyssee, im Ambiente
ihrer H andlungen, in der D enk- und Fühlweise, nicht zu­
letzt auch in den U m gangsform en der poetischen Gestal­
ten. Die Welt der Schichten unterhalb des Adels, bis hin­
unter zu den Sklaven und Lohnarbeitern, ist natürlich ein­
bezogen, doch sie ist nur H intergrund, der stets aus der
Perspektive des Adels gesehen wird. Daher bleibt in den
Epen Vulgäres, Niedriges, Banales und wirklich Schmut­
ziges absichtlich ausgeklammert, und wo einmal Häßli­
ches erscheint (z. B. in der Thersites-Szene der Ilias), wird
es durch eine A rt Ästhetik der Häßlichkeit >entmateriali-
siert<; das entspricht der Zwecksetzung dieser Kunst, die
durch Aufweis des Schönen (im umfassenden Sinne eines
Offenbarens der Wahrheit des Seienden) den empfin­
dungsfähigen H örer im freudigen Genießen bannen will
[Marg 1957, iöff.]. Verständnis für eine solche Kunst
konnte der Sänger nur bei denen finden, aus deren Lebens­
form sie einst entstanden und nun nicht m ehr wegzuden­
ken war: bei den Adligen. Ihnen hatte die Freiheit vom
Zw ang des mühseligen Broterw erbs die Zeit gegeben, die
sie sich >vertreiben< konnten, und zu diesem Zeitvertreib
gehörte bei ihnen seit altersher neben Tanz und Spiel, Jagd
und Sport, Lebensverschönerung durch Schmuck, Kör­
perpflege usw. auch die Sangeskunst. Dies m acht der
Dichter augenfällig in jener Szene der Ilias (in der er wegen
ihrer Kriegsthematik sonst keine Sängerauftritte arrangie­
ren kann), die Achilleus, den stärksten Kämpfer, den An­
gehörigen des höchsten Adels, den Sohn der Göttin The­
tis, als - Sänger zeigt:

43
( I X 186)
...den aber [Achilleus] trafen sie, wie er sich seinen Sinn vergnügte
mit der Leier, mit der hellen,
der schönen, wohlgefugten, und auf ihr war ein Steg aus Silber,
- die hatte er für sich genommen aus der Beute, als er die Stadt Eetions
vernichtet hatte —,
mit dieser also suchte er sich aufzuheitern - und sang die Ruhmestaten
früherer Helden.
Der stärkste Krieger, der sich aus der Beute nicht das beste
Schwert, sondern die Leier nim m t, und der zu ihr dasselbe
- nur zeitverschoben - wie der Iliasdichter singt: die Ruh­
mestaten früherer Helden, konnte nur für ein Publikum
akzeptabel sein, das in dieser Kom bination von Krieger­
und K ünstlertum das eigene Ideal höchster Selbstverwirk­
lichung gespiegelt sah. Deutlicher konnte H om er die Z u­
sam m engehörigkeit von Adel und Heldengesang nicht
sichtbar machen, deutlicher konnte er aber auch seine ei­
gene Zugehörigkeit zu dieser Sphäre nicht deklarieren.
Diese Selbstidentifikation des Dichters von Ilias und
Odyssee m it den Adels-Idealen ist ein Faktum, das für das
Verständnis seiner Dichtungen wesentlicher ist, als es die
meisten konkreten biographischen Daten sein könnten.
Sie macht die unwiederholbar hohe Qualität dieser Dich­
tungen begreiflicher, die nur aus einer totalen Verinnerli­
chung und einem konsequenten Zu-Ende-D enken des
aristokratischen Welt- und Menschenbilds entstanden
sein kann [Latacz 19841], und sie erklärt dam it zu einem
guten Teil auch die ungebrochene Faszination, die über
die Zeiten hinweg von diesen Werken gerade auf die sensi­
belsten N aturen ausgegangen ist. Sie setzt aber auch einen
Standard für die in den letzten 5oJahren beliebt gew orde­
nen Vergleiche zwischen der hom erischen Epik und der
Epik anderer Völker und Kulturen: w enn das Ergebnis
dieser Vergleiche im m er wieder eine verblüffende Ähn­
lichkeit der Sangestechnik, aber eine nicht m inder verblüf­
fende Unähnlichkeit der Qualität w ar und ist, so liegt die
Erklärung dafür am ehesten dort, wo man sie bisher meist
am wenigsten gesucht hat: in der Inkom m ensurabilität

44
der sozialen Stellung der Verfasser. Serbische Kaffeehaus­
sänger, neugriechische Bauern, H irten und Wasserträger
[Kakridis 1971, 114], russische Fischer [Bowra 1964, 459]
usw. gehören in ganz andere soziale Schichten als Homer.
Sie können alte Heldensagen in der alten Sangestechnik
weitertragen, sie können bei guter Grundausbildung im
Handwerklichen und bei langem Training sogar zuweilen
neue Stoffe in die alte Form des Singens bringen, aber sie
können ihre Produkte niemals m it dem Geist aristokrati­
scher Lebensart erfüllen, der aus Heldendichtung statt ei­
nes bloßen Geschichtenerzählens die lebendige Selbstver­
gewisserung einer Gesellschaftsschicht macht. Dazu ge­
hört ein Sängertyp, der dem singenden Achilleus der Ilias
noch ganz nahe steht und der U m w elt, Handlungs- und
Redeweise der von ihm entworfenen Figuren deshalb mit
so fehlerloser H om ogenität und Echtheit gestalten kann,
weil er selbst ganz selbstverständlich in diesen Kategorien
denkt und fühlt. Solche Souveränität ist nur für einen
Dichter erreichbar, der entweder selbst der Aristokratie
angehört (dies ist der älteste Zustand bei den Griechen wie
bei anderen Völkern [Bowra 1964, 444ff.; Schmid 1929,
59. 601; H. Fränkel 1951, 9f.] und sich auf Grund einer be­
sonderen Liebe zur Kunst, einer besonderen Begabung
und möglicherweise besonderer Lebensumstände der
D ichtung zuwendet - dies haben zahlreiche Forscher in
der Tat für H om er angenom m en [Nestle 1942; Schade-
waldt 1943, 63; M arg 1957, 16. 36], und man kann als
Stütze dieser Auffassung auf die aristokratische Abkunft
vieler nachhomerischer griechischer Dichter gerade der
älteren Zeit verweisen (z. B. Archilochos, Alkaios, Pin-
dar, Aischylos) - , oder der jedenfalls ständig im Kreis der
Adeligen lebt. Für H om er ist diese Alternative m it unse­
ren M itteln nicht zu entscheiden, aber es ist deutlich, daß
er jedenfalls nicht zu jener Sängerkategorie gehörte, die
Wilhelm Schmid in seiner Geschichte der griechischen Li­
teratur schon 1929, auf den Ergebnissen der vergleichen­
den Epenforschung fußend, als »arme, alte, blinde und zu

45
anderen Verrichtungen unbrauchbare fahrende Leute«
kennzeichnete, die »die Ideale der Aristokratie in weitere
Volkskreise trugen und [...] dabei doch infolge ihrer Ferne
vom H o f weniger gehindert waren, sich einer gewissen
Kritik zu bedienen« [Schmid 1929,60]. Gerade dieser Kate­
gorie aber w ird H om er von der Hom erlegende zugerech­
net, - die sich eben dadurch —wie Schmid an der gleichen
Stelle schon ausgesprochen hat —als falsch erweist.
Die unm ittelbare Lebendigkeit, m it der die adelige Le­
bensform aus ihrer Spiegelung in Ilias und Odyssee noch
heute auf den Leser überspringt, konnte freilich auch von
einem Sänger, der >dazugehörte<, nur zu einer Zeit er­
reicht werden, in der diese Lebensform so dom inant und
gegenwärtig war, daß sie sich im Gesang des Sängers ge­
wissermaßen selbst ins Wort zu setzen wußte. Authen­
tisch wirken Lebensformen im K unstwerk nur dann,
wenn ihre Widerspiegelung zu ihrer Blütezeit erfolgt. Da­
m it ist das entscheidende Kriterium für die Datierung H o­
mers benannt. Andere Datierungskriterien wie die Er­
wähnung bzw. N icht-Erw ähnung bestim m ter Gegen­
stände, Bräuche, Praktiken, Institutionen, Stilmerkmale
usw. in den Epen können nur unterstützende Funktion
haben. Festgelegt wird Hom ers Lebens-und Schaffenszeit
durch den Zeitraum höchster Adelsblüte in Griechenland.
Diese höchste Blütezeit des griechischen Adels, so wie
H om er ihn zeichnet, lag nach den bisher vorliegenden Er­
gebnissen von Archäologie und Geschichtsforschung in
der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts. Das 8. Jh. wird
heute m it gutem Recht als die Zeit der griechischen Re­
naissance bezeichnet [Hägg 1983']. Die Parallelen zur eu­
ropäischen Renaissance liegen dabei nicht in den Einzel­
heiten der Wirtschafts- und Sozialstrukturen, sondern im
allgemeinen C harakter eines geradezu eruptiven Wieder­
aufschwungs. Wie sich das im griechischen Bereich dar­
stellt, in den konkreten Einzelphänomenen, das hat in
kühnem Z ugriff schon vor über 40 Jahren in seinem Auf­
satz Homer und seinJahrhundert Wolfgang Schadewaldt ge­

46
zeigt [Schadewaldt 1942; vgl. Heubeck 1974, 216]; seither
ist es durch viele neue Funde und Entdeckungen noch we­
sentlich klarer geworden. Die einzigartige D ynam ik die­
ser Zeit kann freilich nur lebendig werden vor dem Hin­
tergrund der vorangegangenen Entwicklung. An dieser
Stelle wird daher ein historischer Rückblick nötig.

Annäherungsversuche an Homers Publikum:


Blüte, Fall und Wiederaufstieg des griechischen Adels

Die sog. >mykenische< Zeit (2. Jahrtausend v. Chr.)

D er indogermanische Stamm der Griechen, um 2000


v. Chr. in die Balkanhalbinsel eingewandert, erlebte in
der höherentwickelten mediterranen U m w elt unter der
Beeinflussung durch die H ochkulturen des Orients,
Ägyptens und des minoischen Kreta eine erste rasche Auf­
wärtsentwicklung, die besonders in den Küstengebieten
der griechischen O stküste und auf der Peloponnes zu klei­
neren Flächen->Staaten< m it burg-artigen Verwaltungs­
und Verteilungszentren unter einem m onarchischen Re­
gim ent (>König<, >Fürst<) führte (z. B. Ost-Thessalien mit
Iolkos; Boiotien m it Orchom enos, Gla, Theben; Attika
mit Athen; Argolis mit M ykene und Tiryns; Lakonien mit
Amyklai; Messenien m it Pylos). Im 15. Jh. ist eine erste
Hochblüte erreicht, die zur Expansion tendiert und in der
Eroberung und anschließenden Besetzung des m ino­
ischen Königssitzes Knossos und weiter Teile Kretas gip­
felt. Von der minoischen K ultur wird m it vielen anderen
Elementen auch die Schrift übernom m en und zur Wieder­
gabe der eigenen Sprache benutzt (die seit den Ausgrabun­
gen von Evans in Knossos ab 1900 auf hartgebrannten
Tontäfelchen gefundene jüngere von zwei Silbenschrift­
formen - das sog. Linear B - w urde nach über jooojähri-
gem Schweigen im ja h re 1952 vom englischen Am ateur-
Archäologen Michael Ventris entziffert und als Repräsen­

47
tation der griechischen Sprache identifiziert). D urch die
Schriftverwendung und die Ü bernahm e der m it ihr ver­
bundenen minoischen Verwaltungsperfektion kom m t es
zu einer weiteren Stärkung der Zentralgewalten, die
durch fast lückenlose Kontrolle und Steuerung der Wirt­
schaftsabläufe im jeweiligen Herrschaftsgebiet alle Fäden
in der H and halten und neben dem wirtschaftlichen auch
das militärische, religiöse und künstlerische Leben be­
stimmen. Eine entschiedene Wirtschaftsförderung durch
alle Arten der Austausch-Erleichterung - darunter auch
die Anlage eines Straßennetzes (das zur Zeit verstärkt auf­
gedeckt wird) - führt in verschiedenen Wirtschaftszwei­
gen, insbesondere in der Keramikherstellung, zur Ü ber­
schußproduktion und dam it zur Entwicklung eines lei­
stungsfähigen Außenhandels. D er Export, der weitge­
hend den Handelswegen der M inoer folgt, macht die An­
lage von Umschlagplätzen (Emporien) erforderlich.
Auch dabei w ird an zahlreichen O rten des M ittelm eer­
raums die Nachfolge der M inoer angetreten.
Obwohl die Archäologie gerade bei der Aufdeckung d ie s e r Siedlungen
besondere Schwierigkeiten hat [grundsätzlich Mellink 1971], nicht
zuletzt weil die Siedlungskontinuität dort oft niemals unterbrochen
wurde und vielfach moderne Konglomerationen über den alten
Schichten liegen, sind eine Reihe dieser Handelsniederlassungen auf
den ägäischen Inseln, auf Zypern und Rhodos, vor allem aber auch an
der kleinasiatischen Westküste bereits entdeckt und ausgewertet wor­
den: Milet (spätetens seit 1400), Iasos (nördlich von Bodrum), Müs-
gebi (bei Bodrum, antiker Name unbekannt), Bayrakli (Alt-Smyrna),
Liman Tepe (Klazomenai), deutliche Spuren auch in bzw. bei Ephe­
sos, Kolophon, Knidos und an vielen anderen Küstenorten. Griechi­
sche Keramik dieser Zeit ist im gesamten Mittelmeergebiet gefunden
worden, teilweise relativ tief im Binnenland (z. B. in Sardis, in Ma§at
im damaligen Hethiterreich; in Troja ohnehin). Im Gegenzug wurden
vor allem Kupfer und Zinn, Edelmetalle (Gold, Silber - sowohl in
Barrenform wie als Fertig-, besonders Schmuckware und als Zierrat),
Textilien, Gewürze und Aromata, Elfenbein u. dgl. importiert.

In den Zentralpalästen kom m t es nicht nur zur A kkum u­


lation außerordentlichen Reichtums, sondern auch zu ei­
ner Verfeinerung der Lebensführung, wie sie uns am ein­

48
drucksvollsten in der Malerei entgegentritt (Fresken aus
Knossos, Pylos und Thera/Santorin). Daß auch die Wort­
kunst daran Anteil hatte, die zumindest in der Form
mündlicher Heldendichtung ein uraltes indogermanisches
Erbe w ar [Schmitt 1968], ist eine durch viele Indizien na­
hegelegte Verm utung (s. unten S. 65-68). Das Kunstpu­
blikum bildeten die Angehörigen der königlichen Familie
und der Führungsschicht, die uns in den Linear B-Täfel-
chen in verschiedenen Funktionen und m it verschiedenen
Titeln als >Hof<-, aber offenbar auch >Land<-Adel (mittlere
Führungsschicht in den einzelnen Unterzentren eines der­
artigen >Kantons<) entgegentritt. O b und inwieweit die
einzelnen M onarchien oder >Fürstentümer< miteinander
kooperierten, ist gegenwärtig nicht zu sagen, da bisher -
anders als im orientalischen Bereich - keinerlei Korre­
spondenz zwischen den Zentren gefunden wurde (ver­
mutlich wurden vergängliche Beschreibstoffe für diese
Zwecke benutzt). Daß Kontakte bestanden, ist evident
(gleiche Schrift, gleiche Organisation usw.); U nterneh­
m ungen wie die Invasion des minoischen Reichs von
Kreta, das zu diesem Zeitpunkt noch die Seeherrschaft in
der Ägäis hatte, sind ohne Bildung einer Allianz kaum
denkbar.
Diese erste griechische Hochkultur, die im 13. Jh. ihren Höhepunkt
erreichte, hat man nach Schliemanns Ausgrabung von Mykene (unter
dem Eindruck der Ilias, die in Mykene den Oberführer aller dieser
Einzelfursten, Agamemnon, residieren läßt) die >mykenische< ge­
nannt. Die Bezeichnung ist denkbar ungeeignet. In letzter Zeit wird
sie besonders im angelsächsischen Raum zunehmend durch >Achai-
ische (Achäische) Kultur< ersetzt (>Achaier< heißen bei H o m e r die Grie­
chen dieser Zeit, >Ahhijawä« scheint ihr Siedlungsgebiet oder doch ein
Teil davon in h e t h iti s c h e n Texten des gleichen Zeitraums genannt zu
werden [Güterbock 1984], und >Akhaiwijä< erscheint als Zielort einer
Vieh-Lieferung auf einem L i n e a r B-Täfelchen aus Knossos [Gschnit-
zer 1971, 95; 1983, 153]). Mit >Achaier< würde vermutlich die Selbst­
bezeichnung wenigstens eines Teiles dieser frühen Griechen der Bron­
zezeit übernommen; solange sich diese Bezeichnung jedoch im
deutschsprachigen und in weiten Teilen des internationalen Schrift­
tums noch nicht durchgesetzt hat, muß weiterhin >mykenisch< ver­
wendet werden.

49
Obgleich interne kriegerische Auseinandersetzungen
zwischen einzelnen dieser mykenischen Fürstentüm er im
Laufe der jahrhundertelangen Lebenszeit dieser Kultur si­
cherlich stattgefunden haben (Reflexe davon bietet der
spätere griechische M ythos, insbesondere die Sage vom
K am pf um Theben), ist der vorherrschende Eindruck der
einer friedlichen Koexistenz. Dieser Zustand findet ein jä­
hes Ende in der Zeit um 1200. Die meisten der Königssitze
gehen in Flammen auf. Da die Zerstörung etwa gleichzei­
tig erfolgt, muß ein A ngriff von außen angenomm en w er­
den.
Die Identität der Angreifer und Zerstörer ist allerdings trotz intensiv­
ster Forschungen bis heute nicht bekannt. Die sog. (Dorische Wande-
rung< —d. h. ein überfallartiges Einrücken des in den Nordgebieten
der griechischen Balkanhalbinsel seinerzeit zurückgebliebenen und
kulturell rückständigen griechischen Teilvolkes der Dorier - wird in
der neueren Forschung nicht mehr als primäre Zerstörungsursache
angesehen. Die merkwürdige zeitliche Übereinstimmung der Brand­
schatzung der mykenischen Zentren mit der Brandschatzung überra­
gender außergriechischer Kulturzentren wie Hattusas, der Hauptstadt
des Hethiterreichs, Ugarits, des Hauptorts des hethitischen Vasallen-
furstentums im Gebiet des heutigen Syrien, vieler Zentren in der Le­
vante und in Kanaan sowie auf Zypern legt vielmehr die Annahme ei­
ner größeren Wanderungsbewegung nahe, die vom außerordentli­
chen Wohlstand der östlichen Mittelmeerkulturen angesogen worden
war und möglicherweise bei ihrem Durchzug ganz verschiedene eth­
nische Elemente (darunter im Balkanraum auch Dorier) mit sich riß;
man hat in diesem Zusammenhang auf das historisch wohlbekannte
Phänomen der >Wanderlawine< verwiesen [Dobesch 1983, 60]. Ägyp­
tische Texte aus dieser Zeit sprechen von einer gefährlichen Bedro­
hung durch >Seevölker<, denen sie auch die Vernichtung Hattusas zu­
schreiben. Das ägyptische Kernland selbst kann die Angreifer, die in
zwei großen Wellen vor und nach 1200 anbranden, zwar ab wehren,
verliert aber die Levante (an die Philister, daher später (Palästina«) und
erleidet eine erhebliche Schwächung. Obwohl die ägyptischen Quel­
len etwa 10 verschiedene Namen von Einzelgruppen unter dem Ober­
begriff >Seevölker< nennen, ist die eindeutige Identifizierung dieser
ethnischen Gruppen und damit ihre Herkunftsbestimmung bisher
nicht zweifelsfrei gelungen. Plausibel bleibt beim gegenwärtigen For­
schungsstand die Annahme, daß es sich um mehr oder weniger rück­
ständige Völker aus dem mitteleuropäischen Raum handelte, die die
Wanderungsbewegung in Gang setzten; daß auch ethnische Gruppen

50
aus der Apenninenhalbinsel (besonders dem Adriagebiet) sowie von
Sardinien (und diese dann zur See) beteiligt waren (die in den ägypti­
schen Texten genannten Serden hat man einleuchtend mit den Sarden
in Verbindung gebracht), scheint sich immer klarer abzuzeichnen
[Deger-Jalkotzy 19832; Lehmann 1983] (damit wäre auch dem ägypti­
schen Ausdruck >Seevölker<, >Leute vom Meer<, >Leute von den In­
selm besser Rechnung getragen; auch Linear B-Texte aus Pylos spre­
chen von einer Bedrohung von See her [Hiller/Panagl 1976, 117ff.]).
Im einzelnen sind Ablauf, zeitliche Erstreckung, zahlen­
mäßige Größe, militärische Durchschlagskraft, Angriffs­
weise und Zielbew ußtheit der ganzen Bewegung noch
unklar. Was speziell ihren Griechenland betreffenden Teil
angeht, so ist nicht klar, ob es sich um einen relativ ra­
schen und vorübergehenden verheerenden Frem dvölker-
>sturm< handelte, in dessen Gefolge nördliche Griechen­
stämme in das mykenische Kernland einrückten, oder ob
nördliche Griechenstämme, von der Bewegung lediglich
angestoßen, m ehr oder w eniger auf eigene Faust südwärts
ström ten; Tatsache ist jedenfalls, daß eine Ansiedlung von
Frem dvölkern auf griechischem Boden nicht stattfand
und die K ontinuität der griechischen Besiedlung nicht un­
terbrochen wurde.
Wenig aufgehellt sind bisher auch die inneren Verhält­
nisse der mykenischen Fürstentüm er zur Zeit dieser Er­
eignisse; ihre vollständige militärische Niederlage trotz ei­
nes nach Ausweis der Linear B-Texte hervorragend aus­
gebauten ITeeres-, Flotten- und allgemeinen Verteidi­
gungssystems (mit gegen Ende des 13. Jh. beachtlich ver­
stärkter Befestigung der mykenischen Burgen) scheint
eine vorausgegangene Schwächung vorauszusetzen, de­
ren Gründe zur Zeit nicht erkennbar sind (innere U nru­
hen? Folgen eines kräftezehrenden auswärtigen Engage­
ments?). Beim gegenwärtigen Stand der Erkenntnisse läßt
sich also lediglich schließen, daß um 1200 über den ganzen
ostm editerranen K ulturraum und einen Teil seines klein­
asiatischen Hinterlands eine massierte >Seevölker-At-
tacke< hinwegging, die die erreichte relative Stabilität in
diesem Raum m it ihren internationalen machtpolitischen

5i
und wirtschaftspolitischen Arrangem ents innerhalb rela­
tiv kurzer Frist so nachhaltig erschütterte, daß man vom
Ende einer ganzen Kulturentwicklungsepoche sprechen
muß.

Die sog. >dunklen Jahrhunderte« (ca. 1200-800 v. Chr.)

Für die griechische K ultur - ebenso wie für die hethitische


—waren die Folgen dieser Katastrophe besonders tiefgrei­
fend. Die Zerstörung der Paläste, die das Gehirn des fein­
verästelten jeweiligen Funktionensystems darstellten, be­
w irkte einen plötzlichen Zusam m enbruch des hochent­
wickelten Lebenskreislaufs in den betreffenden Gebieten.
Dieser Zusam m enbruch w ar endgültig: die Paläste w ur­
den nie wieder aufgebaut (die Ruinen hat erst die Neuzeit
wieder ausgegraben). Diese definitive Aufgabe der Paläste
und zugeordneten Fferrschaftsgebiete, die zu dem im M it­
telm eerraum sonst üblichen Wiederaufbau nach vorüber­
gehenden O kkupationen oder nach N aturkatastrophen in
deutlichem Gegensatz steht, deutet unabweisbar auf eine
dramatische Dezimierung insbesondere der Palastbewoh­
ner, d. h. der mykenischen Führungsschicht, durch Tod
und Vertreibung hin.

In der Tat ist archäologisch eine im 12. Jh. sprunghaft ansteigende


Zahl mykenischer Siedlungen außerhalb des Kernlands, besonders auf
Zypern und an der kleinasiatischen Westküste (wo ja schon vorher
mykenische Stützpunkte bestanden hatten), nachgewiesen worden
(>refugee settlements<); daß das einzige unzerstört gebliebene Zen­
trum Athen ebenfalls ein Fluchtziel bildete, müßte auf Grund der hi­
storischen Gesetzmäßigkeit von Vertreibungs- und Fluchtbewegun­
gen auch dann angenommen werden, wenn spätere griechische Texte
nichts darüber berichteten; weitere Rückzugsgebiete scheinen das
Bergland Arkadiens, die Ionische Inselgruppe (Kephallenia, Zakyn-
thos) und bestimmte Kykladen-Inseln gewesen zu sein (z. B. Naxos);
künftige Ausgrabungen werden hier hoffentlich noch mehr Klarheit
bringen. In keinem Falle jedoch scheinen die Neusiedlungen zur Re­
stitution der alten Strukturen geführt zu haben, sie wurden also offen­
kundig von relativ kleinen Flüchtlingsgruppen angelegt, denen im
neuen Siedlungsraum natürlich die großzügige heimatliche Opera­
tionsbasis fehlte.

52
Im Kernland führte der Verlust der oberen Führungs­
schicht und der Wegfall der zentralen Steuerung zur weit­
gehenden Disintegration der größeren Funktionseinhei­
ten und dam it zu Separierung und gegenseitiger Abschot­
tung regionaler und lokaler Bevölkerungsteile. U m ­
schichtungen infolge von Flucht, Zuw anderung, Abwan­
derung und >Durchmischung<, dazu eine offenbar erhebli­
che generelle Bevölkerungsabnahm e als Folge der Ab­
wehrkäm pfe und anschließenden Wirren führten zu einer
zunächst sicherlich schweren quantitativen und qualitati­
ven Beeinträchtigung des Wirtschaftslebens. Aus einer
hochproduktiven Überschußgesellschaft w urde für län­
gere Zeit eine prim itive Reproduktionsgesellschaft. Da
die alten Landbesitzverhältnisse durch Tod, Flucht oder
Vertreibung der früheren Eigentüm er (besonders der hö­
heren Aristokratie, die nach den Linear B-Texten hohe
Anteile besessen hatte) ungültig gew orden waren, ande­
rerseits die Bevölkerungsdichte zu stark abgenom m en
hatte, als daß die herrenlos gewordenen Ländereien in
gleicher Ausdehnung und Intensität wie früher hätten kul­
tiviert werden können, scheint die Agrarwirtschaft weit­
hin zugunsten der Weidewirtschaft zurückgegangen zu
sein (dies erklärt andererseits die Bewahrung der m ykeni-
schen - oft schon von der vorgriechischen Bevölkerung
übernom m enen — O rtsnam en selbst in nunm ehr sied­
lungsfreien Gebieten [Sarkady 1975, 121; danach Snod-
grass 1980, 35]). Das in mykenischer Zeit hochdifferen­
zierte H andw erk und K unsthandwerk, dessen wichtigster
Abnehm er die besitzende Aristokratie gewesen war, ver­
fällt jetzt bzw. paßt sich den neuen Verhältnissen an (z. B.
in der Keramik, in der nun die einfachen Formen des »geo­
metrischem Stils an die Stelle der früheren Luxusformen
treten; das Schmiedehandwerk erschließt sich allerdings
nach Wegfall der gew ohnten Rohstoffim porte Kupfer
und Zinn sowie des früheren Aufgabengebiets in Rü-
stungs- und Streitwagenherstellung zunehmend die neue
Rohstoffquelle Eisen und realisiert dam it den Übergang

53
von der Bronze- zur Eisenzeit auch in Griechenland). Al­
les in allem ist also das Bild der auf die Katastrophe folgen­
den Zeit geprägt durch eine allgemeine gesellschaftliche
Rückentwicklung.
Da m it der Zentralverw altung auch deren wichtigstes
technisches Verwaltungsinstrument, die Schrift, ver­
schwunden w ar - jedenfalls im Kernland (nicht so z. B.
auf Zypern, wie ein neuer griechischer Schriftfund aus
dem Ende des n . Jh. in Kouklia zeigt [Karageorghis
1980]) die archäologischen Funde aber entsprechend der
Sachlage relativ dürftig ausfielen, blieben die Entw ick­
lungslinien dieser sog. submykenischen und protogeometri-
schen Zeit für die m oderne Forschung lange Zeit ganz im
dunkeln. Demgemäß erhielt diese Zeit, deren Länge man
auf 300-400Jahre ansetzte, die Bezeichnung »Dunkle Jahr-
hunderte< (>Dark Ages<). Ursprünglich als relative Wer­
tung gemeint (>dunkel für unsi), ist diese Bezeichnung von
zahlreichen Historikern, Philologen und Archäologen bis
in die Gegenwart hinein häufig absolut genom m en und so
interpretiert worden, als ob die Griechen über ihren ge­
samten Siedlungsraum hinweg in diesen Jahrhunderten
wenn schon nicht ausgestorben, so doch hoffnungslos
verarm t und verdum m t wären. Z u r Verbreitung dieses
M ißverständnisses trugen auch ungenaue Form ulierun­
gen des sog. Kontinuitätsproblem s bei. So heißt es noch
1982 bei M urray: »Die Folge des Zusam m enbruchs der
mykenischen K ultur w ar das sog. »Dunkle Zeitalten [...],
das etwa 300 Jahre dauerte. Die Diskontinuität zur Ver­
gangenheit w ar dabei fast vollkommen« [17J. Richtiger
wäre es, etwa m it Snodgrass von einer »schweren ökono­
mischen, sozialen und demographischen Rezessiom zu
sprechen [Snodgrass 1980, 31]. Denn selbstverständlich
ist das Grundfaktum der Entwicklung die Kontinuität,
zunächst in den Basisstrukturen des Ethnos, der Sprache,
des Siedlungsraumes, der Nahrungsquellen usw., dar­
über hinaus aber auch in Teilbereichen der höheren Struk­
turen wie in der Religion (gleiche Götter), im M ythos

54
(gleiche Inhalte) und höchstwahrscheinlich auch in der
W ortkunst (gleiche Form en und Techniken, gleiche
Grundhaltung zu den Werten und zur Realität). Die Frage
ist also nicht >Kontinuität oder Diskontinuität^ sondern
>wie groß ist der Grad der Diskontinuität in den höheren
Strukturen?<

Daß auch bei einer solcherart berichtigten Fragestellung die Antwor­


ten in der Vergangenheit aus einer nur scheinbaren Sicherheit heraus
viel zu negativ ausfielen, machen aufsehenerregende archäologische
Funde der allerletzten Jahre deutlich. Noch im gleichen Jahr, in dem
etwa der Cambridger Archäologe Snodgrass die Winzigkeit griechi­
scher Siedlungen in den >dark ages< mit dem Paradebeispiel >Lefkandi
auf Euboiai belegte (aus der Anzahl der damals bekannten Grabstätten
schätzte er die durchschnittliche Einwohnerzahl Lefkandis zwischen
iooo und 900 v. Chr. auf etwa 15-25 Personen [Snodgrass 1980, 18]),
wurde an eben diesem O rt eine prächtige Fürstenbestattung in einem
monumentalen Apsidalbau von 45 X 10 m Grundfläche mit umlaufen­
der Pfeilerhalle ausgegraben, die eindeutig aus der Zeit zwischen 1000
und 950 stammt (zwei Gräber; in dem einen die Skelette von vier Pfer­
den, im anderen das Skelett einer mit kostbaren Gold- und Fayence-
Arbeiten geschmückten Frau, neben ihr die Aschenurne des kremier­
ten Fürsten, eine mit figürlichem Bildschmuck - Löwenjagd! —ver­
zierte Bronze-Amphora; zahlreiche Grabbeigaben sind augenschein­
lich Importstücke aus dem Nahen Osten, Ägypten und Zypern [AJA
86, 1982, 550]). Die Beurteilung Lefkandis und seiner Bedeutung
mußte damit gleichsam über Nacht radikal rediviert werden:
»...m uß im späteren 11. Jh. ein Aufschwung eingesetzt haben, der
Lefkandi für die nächsten beiden Jahrhunderte zur neben Athen
reichsten Stadt Griechenlands werden ließ« und (wichtiger für unser
Thema): »Hier hat ein Fürstenhof bestanden, an dem kein Mangel
herrschte und an dem die Kauffahrer der östlichen Levante gern gese­
hene Gäste waren« [Blome 1984, 9.12]. Damit rückt auch die Bedeu­
tung Euboias in den Jahrhunderten zwischen Katastrophe und erneu­
ter Blüte Griechenlands in ein neues Licht: ».. .im 10. und 9. Jh. strö­
men orientalische Luxusgüter nach Euboia, wie wir sie für die ausge­
henden >dunklcn Jahrhunderte« kaum erwartet hätten« [Blome 1984,
io]-

Die überragende Rolle, die Euboia m it seinen beiden


Flauptorten Chalkis und Eretria im achten Jahrhundert
spielte (See- und Handelsmacht m it dem Hinterland Boi-
otien, Begründerin der ersten griechischen Kolonien in

55
Italien und Sizilien, Vermittlerin des Alphabets an Etrus­
ker, Röm er und dam it an uns, u. a.), hat Schadewaldt be­
reits 1942 ins allgemeine Bewußtsein gerückt; daß diese
Rolle bis ins 11. Jh. zurückreicht, haben erst die Ausgra­
bungen des Jahres 1980 ans Licht gebracht. Von Lefkandi
hatten w ir nichts gewußt.

Es scheint, als würden die nächsten Jahre weiteres ans Licht bringen,
wovon wir, als wir von den idunklen Jahrhunderten! sprachen, nichts
wußten. Im Jahre 1982 gelang dem Ephor von Kreta und Direktor des
Museums in Iraklion, Prof. Jannis Sakellarakis, eine Entdeckung, die
unser Bild der Zwischenzeit zwischen 1200 und 800 im griechischen
Mutterland entscheidend verändern könnte: in der mythenumwobe-
nen Zeusgrotte am Rande der Lassithi-Hochebene fand er mit Hilfe
von leistungsstarken modernen Scheinwerfern in bisher unberührten
Schichten Tausende von Weihgeschenken (Votivgaben aller Art und
jeden Materials) aus der gesamten griechischen Welt; etwa 70% der in
den beiden Kampagnen von I982und 1983 gefundenen Objekte stam­
men aus der Zeit zwischen 1100 und 725. Der Vergleich zwischen ih­
nen und je zeitgleichen früheren analogen Funden vom griechischen
Festland wird u. a. die Herkunftsorte der Pilger erschließen lassen und
damit Daten über die Bevölkerungsverteilung, den Seeverkehr zwi­
schen dem Festland und Kreta, den Stand des Kunsthandwerks im
Mutterland u. a. m. liefern [AJA 88, 1984, 54; New York Times Ma­
gazine v. 19. 8. 1984; mündliche Mitteilung 1984].

Diese und zahlreiche andere, weniger spektakuläre und


dennoch aufschlußreiche Entdeckungen (auch im Kern­
land, speziell in M akedonien und Thrakien) berechtigen
heute zu der Hoffnung, daß die >dunklen Jahrhunderte! in
absehbarer Zeit so weit aufgehellt sein werden, daß der
B egriff zu den Akten der Forschungsgeschichte gelegt
werden kann. Was sich schon heute sagen läßt, ist die Fest­
stellung, daß Griechenland in der Zeit zwischen dem Kol­
laps seiner ersten, >mykenischen<, und dem Beginn seiner
zweiten Blüteperiode keineswegs in dem erschütternden
Ausmaß pauperisiert gewesen sein kann, das die bisheri­
gen Vorstellungen zu prägen pflegte. Wie Lefkandi jetzt
zeigt, kann an manchen O rten des M utterlands bereits um
1000 (wenn nicht früher) bereits wieder eine neue Prospe­
rität erreicht gewesen sein, die sich in den Händen der Ari­

56
stokratie konzentrierte. D am it erhalten R ekonstruktio­
nen der Zwischenzeitentwicklung wie die 1975 von Sar-
kady vorgetragene (und 1980 von Snodgrass z. T. über­
nommene) eine w illkom m ene Stütze: Nach zeitweiligem
Rückfall in einfachere ökonom ische und soziale Verhält­
nisse ein vom griechischen Leistungswillen getragener
und vor allem von den überlebenden Angehörigen der al­
ten Adelsschicht vorangetriebener allmählicher Wieder­
aufschwung, dessen letzter Antrieb das drängende Be­
wußtsein der großen Vergangenheit ist; nach einer Ü ber­
gangsperiode der Nivellierung der Vermögensunter­
schiede erneute Auseinanderentwicklung der Besitz­
stände, aber keine Restitution der überregionalen Königs­
gewalt (mit den leicht erklärbaren Ausnahmen in denjeni­
gen Gebieten, die aus unterschiedlichen Gründen keinen
abrupten Entw icklungsbruch erlebt hatten, wie Athen
und später das neugegründete dorische Sparta); statt des­
sen Herausbildung einer jeweils lokal begrenzten >kleinen<
Aristokratie, die in Krieg und Frieden führt und ihre Au­
torität auf ihre A bstam m ung und ihren Besitz stützt; Er­
setzung der unbeschränkten Entscheidungsgewalt des
früheren überregionalen >Wanax< (Fürsten) durch eine A rt
Anhörungsverfahren (Adelsrat und Gemeindeversamm­
lung). Bevorzugte Siedlungsform ist - nach einem vor­
übergehenden Rückfall in Einzelsiedlungs- und N om adi-
sierungsformen während der Kriegs- und Fluchtwirren -
in A nknüpfung an die alten Gewohnheiten wieder das Z u­
sammenleben in Häuserkonglom erationen, deren Be­
zeichnung das in Form von Ableitungen bereits in Linear
B belegte >Polis< (myk. und wieder hom. JtTÖktg) ist, wo­
bei das Wort natürlich zunächst nur äußerlich >Ortschaft<
bedeutet (die Entwicklung zu >Stadtstaat< w ird erst später
einsetzen). Die Neusiedlungen werden nur teilweise auf
den Resten alter Vorkriegssiedlungen angelegt, häufiger
im Neuland.
R ekonstruktionen wie diese versuchen, unter Auswer­
tung der archäologischen Indizien die Lücke zwischen

57
dem uns bekannten Zustand A (Hochblüte und Zusam ­
m enbruch um 1200) und dem uns bekannten Zustand B
(Hochblüte im 8-/7. Jh.) durch ein kompliziertes Schluß­
folgerungssystem (das auch Analogien aus anderen N a­
tionalgeschichten heranzieht) in einer für den nach Logik
und Synthese suchenden menschlichen Verstand befriedi­
genden Weise zu überbrücken. Selbstverständlich werden
die Entwicklungen im einzelnen und in den verschiedenen
Gebieten Griechenlands entsprechend den jeweiligen Ge­
gebenheiten unterschiedlich verlaufen sein; gewisse wich­
tige Kom ponenten m ögen noch nicht gesehen bzw. über­
betont bzw. verzerrt sein. Solange kein gänzlich wider­
sprechendes Material zutage tritt, vielmehr - wie im Falle
von Lefkandi - sogar archäologische Bestätigungen erfol­
gen, w ird man von diesen Rekonstruktionen jedoch aus­
zugehen haben. Für unser Them a ist darin besonders
wichtig die Position des Adels.
Dem Adel wird in nahezu allen Rekonstruktionsversu­
chen der neueren Forschung eine Schlüsselrolle beim Wie­
dererstarken Griechenlands zugeschrieben. In der Tat se­
hen w ir ihn in den Schlüsselpositionen sowohl im m yke-
nischen Gesellschaftssystem wie dann wieder im Gesell­
schaftssystem des 877. Jh. Zwischenhinein zeigt uns jetzt
ein unerw arteter Fund wie die Bestattung von Lefkandi
seine Schlüsselposition auch im 10. Jh. Daß andere soziale
Kräfte ihn in der Zwischenzeit in seiner Führungsrolle je­
mals abgelöst haben könnten, ist unwahrscheinlich. Die
Herrschaftsform en, innerhalb deren er diese Führungs­
rolle während der Zeit der Wirren und Wanderungen aus­
übte, werden von O rt zu O rt und von Fall zu Fall ver­
schieden gewesen sein. So deutet z. B. einiges daraufhin,
daß er in bestim m ten Gebieten Griechenlands eine Art
>Hohen Herrn< stellte, dessen Vorrangstellung sogar erb­
lich w ar (dies ist etwa die Stellung des Odysseus auf Ithaka
in der Odyssee). Anderswo (und möglicherweise in einer
anderen Phase der Entwicklung) scheint er schon früh eine
kollektive Adelsherrschaft ausgeübt zu haben, die nur ei­

58
nen pritnus inter pares duldete (Alkinoos in der —freilich
märchenhaft getönten - Schilderung der politischen
Strukturen bei den Phaiaken in der Odyssee). Die For­
menvielfalt mag groß gewesen sein, die Verzerrung w irk­
licher Verhältnisse in der dichterischen Widerspiegelung
von Ilias und Odyssee beachtlich - deutlich bleibt den­
noch, daß der Adel die führende Kraft w ar [Deger 1970].
Dies spiegelt sich auch in der griechischen Überlieferung
über die erste (nachmykenische) Kolonisation der klein­
asiatischen Küstengebiete: sowohl die Besiedlung des ioni­
schen Küstengebiets und der vorgelagerten Inseln (Chios,
Samos) als auch die des aiolischen (von der Kai'kos-Ebene
im N orden bis zum G olf von Smyrna im Süden; die vor­
gelagerte Insel Lesbos bildet einen Sonderfall) schreibt die
Überlieferung U nternehm ungen zu, die unter Führung
von Königssöhnen oder -verw andten standen. Die Aus­
grabungen haben den Beginn dieser U nternehm ungen auf
die M itte des 11. Jh. datieren können [Cook 1961]; die
überlieferten N am en und Genealogien der einzelnen Ex­
peditionsführer können dahingestellt bleiben: daß Ange­
hörige des Adels bei diesen U nternehm ungen die Füh­
rung hatten, legt nicht nur die N atur der Sache, sondern
auch die Analogie der zweiten griechischen Kolonisation
des 8-/7. Jh. nahe.
N achdem die zeitweise vorherrschende Mode, die
Griechen der Nach-Katastrophenzeit beim Punkte Null
beginnen zu lassen, allmählich wieder abkom m t [z. B.
Sarkady 1975, 113; Gschnitzer 1981, 26], darf und muß
man die Frage stellen, w er eigentlich der Träger der Tradi­
tionen war. Es kann wohl kein Zweifel daran sein, daß nur
der Adel in Frage kom m t. In vielen Fällen muß hier Fami-
lien-Kontinuität bestanden haben, und dies nicht nur an
O rten, w o die Ausgrabungen dies nahelegen (z. B. Sala­
mis auf Zypern), sondern auch gerade dort, wo es Aus­
grabungen nie werden nahelegen können, weil keine
O rtskontinuität vorhanden war. Gerade in den Wirren
und Wanderungen der Nach-Katastrophenzeit werden

59
Angehörige der alten Aristokratie ihre Bewährungsprobe
abzulegen gehabt haben. Es kann kein Zufall sein, daß die
Funktionsbezeichnung des Repräsentanten der Zentralge­
walt in der mykenischen Einzel-Ortschaft, ßaoikeijg
(basilcil's; myk. pa 2-si-re-u), als Bezeichnung für führende
Persönlichkeiten aus dem Stand der >Besten, Edlem (äri-
stoi, esthlöi) usw. in der epischen D ichtung wie in der Rea­
lität weiterlebte; daß dies ein A kt dogischer Wahl< gewe­
sen sei [Deger 1970, 179], ist weniger wahrscheinlich als
daß es sich in vielen Fällen aus der Identität der Personen
ergab. N och einmal ist daraufhinzuw eisen, daß der Zu­
sam m enbruch der mykenischen Palastkultur ein Zusam ­
menbruch von Organisationsstrukturen war, nicht je­
doch ein Genozid. Die Griechen haben nach der Katastro­
phe weiterexistiert, und anzunehmen, ausgerechnet die
aristokratische Oberschicht sei restlos ausgerottet w or­
den, wäre angesichts der relativ großen Räume, der U n­
wegsamkeit großer Gebiete Griechenlands, der O rts­
kenntnis und Seekundigkeit der Alteingesessenen und der
nachgewiesenen geglückten Fluchtbewegungen sogar
größeren Stils (Zypern!) ganz verfehlt. Auch die Zähig­
keit des Zusam m enhalts gerade der Oberschicht über lo­
kale und regionale Grenzen hinweg sollte nicht unter­
schätzt werden. Wenn um 1000 in Lefkandi ein reicher
Adelsherr m it kostbaren Grabbeigaben bestattet wird, die
aus Zypern im portiert sind, beweist das, daß die alten
Verbindungen, auch über See hinweg, nie vergessen w or­
den sind; man d arf verm uten, daß die Schiffahrt, in der die
Griechen schon Jahrhunderte vor der Katastrophe Meister
waren, ohnehin nie abgerissen ist [Kurt 1979].
Die Bedeutung des Adels, der sich so als Träger von
K ontinuität und Tradition erweist, wurde zweifellos noch
beträchtlich gesteigert durch seine Führung bei der Kolo­
nisation der kleinasiatischen Küste, die ja eine B egrün­
dung >Neu-Griechenlands< w ar (wie bei solchen U nter­
nehm ungen üblich, w urden auch N am en aus der alten
Heim at in die neue übertragen). Nach allem, was w ir bis—

60
her wissen, war dies nicht ein A kt von Desperados, son­
dern eine offenbar wohlgeplante Aktion, die beträchtliche
materielle und geistige Vorbereitungen erforderte. Wenn
ihre letzten Gründe bislang auch dunkel bleiben, so ist
doch deutlich, daß das Ziel Landnahme und M ehrung des
Wohlstands war. Dieses Ziel scheint in hohem Maße er­
reicht w orden zu sein. Die Städte, die die Kolonisten
gründeten bzw. wiederbegründeten (Ephesos, Milet, Ko­
lophon, Klazomenai, Erythrai, Myus, Priene usw., dane­
ben die Siedlungen auf den Inseln Samos und Chios), wa­
ren bald die reichsten Griechenlands. In Kolophon kam
es, wie Aristoteles noch im 4. Jh. in seiner Politik (1290 b
15) zu berichten weiß, im 8. Jh. sogar zu der außerge­
wöhnlichen Situation, daß die >Reichen und Edlem (also
die Aristokraten) die Bevölkerungsmehrheit bildeten. Die­
ser Reichtum war m it Ackerbau erworben. Die Frucht­
barkeit der Böden und die Größe der Güter und Planta­
gen, die vermutlich m it Hilfe der einheimischen Bevölke­
rung bebaut wurden, führten um 700 zu hohen Ü ber­
schüssen insbesondere an Wein (Chios, Samos) und Öl
(das eine neue Bedeutung als Beleuchtungsmittel, statt der
alten Kienspäne und Fackeln, erhielt); der daraus resultie­
rende Exporthandel machte neue Dimensionen der Kera­
mikherstellung im Sinne einer Verpackungsindustrie not­
wendig (Ausgräber haben von »fragments o f Standard
Containers« gesprochen [Cook 1961, 28]); der Schiffsbau,
der Ausbau der Hafenanlagen, der zunehmende Häuser­
bau usw. belebten H andw erk und Gewerbe [zu allem Ro-
stovtzeff (1926/27) 1970, 200ff.].
Der M otor dieser Entwicklung w ar der Adel. Es war
ein Adel, der nicht autochthon, sondern eingewandert
war. Daß er von Athen aus aufgebrochen war, sagen nicht
nur die späteren Quellen, die in den ersten Kolonisten
Söhne des athenischen Königs Kodros sehen (wobei die
Historizität der Kömy.tabkunft für unsere Frage nicht ent­
scheidend ist), sondern legt auch die enge sprachliche Ver­
wandtschaft nahe (wir sprechen heute noch vom >ionisch­

61
attischen< Dialekt); daß darüber hinaus in der ganzen Le­
bensweise (bis hinein in die Kleidung und Frisur) Ü ber­
einstim m ung bei den >Begüterten< (EiiöcupovEg) be­
stand, und zwar wegen der >Stammesgemeinschaft< ( x a ta
tö ^DYyevEg), stellt noch Thukydides, gegen Ende des 5.
Jh., fest (I 6, 3). Athen als einziges unversehrt gebliebenes
Fürstentum der Vor-Katastrophenzeit hatte, wie er­
wähnt, gleich anderen unversehrt gebliebenen oder doch
restituierbaren mykenischen Zentren (Zypern, Naxos,
möglicherweise Lesbos) der mykenischen Oberschicht als
Fluchtort gedient (die griechische Erinnerung der späte­
ren Zeit kennt als Flüchtlinge vor allem Adlige aus dem
Zentrum Pylos; dahinter kann Historisches stehen; an der
pylischen H erkunft ionischer Adliger ist ohnehin kaum
ein Zweifel möglich [Heubeck 1983. 1984]. Von Athen
aus führen frühe Verbindungen aber auch nach dem nahe­
gelegenen Euboia, das - wie w ir durch die Ausgrabungen
wissen —ebenfalls bereits in mykenischer Zeit besiedelt
war. Nach der Katastrophe scheinen Neusiedler auch dort
angekom m en zu sein; in mindestens einem Falle haben
wir jetzt den Beweis dafür: Lefkandi [Themelis 1983,
152]. Diese N euanköm m linge standen von Anfang an in
engem Kontakt zu Zypern, dem anderen uns bekannten
großen Rückzugsgebiet der mykenischen Flüchtlinge.
Daß dies ein Kontakt zwischen ursprünglich einander
U nbekannten war, ist unwahrscheinlich. D arüber hinaus
hat Lefkandi bereits um 1000 in der Keramik so enge Ge­
meinsamkeiten m it Thessalien, Boiotien (Delphi, The­
ben) bis hinunter nach Naxos, daß einer der Ausgräber
von einer Koine gesprochen hat [Themelis 1983, 154]. Be­
reits um 1000 kann in Lefkandi ein Adliger m it einem
Prunk bestattet werden, der bisher undenkbar schien.
Rund 50 Jahre vorher scheinen in Athen die M ittel vor­
handen gewesen zu sein, ein so aufwendiges U nterneh­
men wie die Neubesiedlung eines ganzen Küstenstrichs in
Kleinasien durchzuführen.
Alle diese Einzeldaten fügen sich zusammen zu der Fol-

62
gerung, daß der Überlebenswille, der U nternehm ungs­
geist und der M ut zum Neubeginn in der griechischen
Aristokratie ungebrochen waren und zur Etablierung ei­
ner neuen, wenn auch ganz anders als zuvor strukturierten
Kultureinheit in Ostgriechenland führten: von Thessalien
im N orden über Boiotien, Euboia und Attika in der M itte
und weiter über die Kykladen bis nach Zypern im Süden
und über die kleinasiatischen Inseln (Lesbos, Chios, Sa­
mos) bis zu den neubesiedelten Gebieten an der nördlichen
und m ittleren Westküste Kleinasiens. Aus dieser Kultur­
einheit waren diejenigen, die erst nach der Katastrophe zu­
gew andert waren und an der großen Vergangenheit kei­
nen Anteil hatten: die Dorier, strikt ausgeschlossen. Sie
waren Eindringlinge, die nicht dazugehörten. Die Pelo­
ponnes, die jetzt das Land der D orier war, blieb in der Ge­
dankenwelt der Adligen des Ostens das Land ihrer Vorvä­
ter, der prunkvoll residierenden Fürsten von Argos und
M ykene, von Sparta und Pylos. Die Realität der Gegen­
wart, die anders war, w urde von ihnen innerlich nicht ak­
zeptiert.

Heldensang als Selbstvergewisserung und Halt

Das ist die H altung zu Vergangenheit und Gegenwart, die


das Epos widerspiegclt: Seine Sprache ist über die Jahr­
hunderte hinweg bis zu H om er vom Dorischen freigeblie-
ben; Grundlage ist das Ionische, m it starken aiolischen
Zügen. Sein Stoff sind die großen Taten der Ahnen aus­
schließlich der ionischen und aiolischen Aristokratie, voll­
bracht in jener großen Zeit, die vor der Katastrophe lag.
Die Katastrophe selbst bleibt ausgespart; von ihr, die das
D okum ent der Niederlage ist, und von der Zeit danach, in
der die Parvenüs aus dem N orden das Land der Väter
überschwem m ten, will man nichts hören. Der Sänger
darf die Diskussion darüber, die vielfältigen Erklärungs­
versuche, höchstens andeuten (ein Reflex davon steht
noch in unserer Ilias: da bietet Hera dem Zeus als Kom ­

63
pensation für die Zerstörung Trojas, die sie fordert, die
Zerstörung von >Argos und Sparta und dem breitstraßi-
gen Mykene< an - und Zeus akzeptiert [IV 52 und Kon­
text]: letzter Reflex einer Erklärung nach dem Prinzip der
ausgleichenden Gerechtigkeit; der Doriernam e gar wird
in den Epen nur ein einziges Mal erwähnt, offenbar ge­
dankenlos m it unterlaufen, in einer geographischen N otiz
inm itten einer Lügenrede des Odysseus: 19, 177). Der
Sänger soll erfreuen ( teqjieiv ), die Laune verderben soll
er nicht (» ...u n d am Mahle, dem edlen, w ird keinerlei
Genuß sein, wenn das Schlechtere obsiegt«: I 575).
Das ist die Geisteshaltung einer Aristokratie, die sich in
ihrer Heldendichtung nicht nur wiederfinden, sondern
sich auch durch sie bestätigt und vorangetrieben fühlen
will. Die protreptische Kraft von Heldendichtung, deren
einziges Them a im Grunde Tat und Ehre ist, darf neben
ihrer unterhaltenden Funktion nicht unterschätzt werden.
Diese Kraft ist natürlich am größten in jener Form von
Heldendichtung, die Bowra in seinem gewaltigen Pan­
orama der >heroischen Poesie aller Völker und Zeiten<
über den beiden niederen Typen >primitive< und >proleta-
rische< Heldendichtung als >aristokratische< Heldendich­
tung an die Spitze der Stufenleiter gestellt hat - m it H om er
als Gipfelpunkt [Bowra 1964, 524-529]. Daß solche Dich­
tung die griechische Aristokratie bei ihrem Wiedererstar­
ken nach der Katastrophe und bei ihrem Aufbau der neuen
Adelskultur stimulierend begleitet haben m uß, ist mit
Recht betont w orden [Ritook 1975]. Wir wissen seit M il-
man Parrys Oral poetry-Theorie und der damit verknüpf­
ten Vergleichenden Epenforschung (s. oben S. 19f.), daß
die Heldenepen H om ers sprachlich-metrisch, formal und
inhaltlich eine jahrhundertealte Gattungs-Vorgeschichte
haben. Heldenepen der gleichen Form und des gleichen
oder ähnlichen Stoffes (nur nicht des gleichen Um fangs
und Vollendungsgrads) sind w ohl schon bei den Festen
der Adligen Euboias um 1000 vorgetragen w orden (um
700 berichtet Hesiod, der zweite griechische Epiker, von

64
dem sich Werke bis zu uns gerettet haben, er habe in Chal-
kis auf Euboia bei den >Wettbewerbern zu Ehren des ver­
storbenen >kriegskundigen< Amphidamas einen Dreifuß
gewonnen: Op. 654b; ähnliche Wettbewerbe mögen
schon zu Ehren jenes hohen H errn stattgefunden haben,
der um 1000 in Lefkandi bestattet w urde [Biome 1984,
21]). Die Geschichte der Heldenepik geht aber noch wei­
ter zurück: » ...es (hat) alle Wahrscheinlichkeit für sich,
daß der epische Sänger bereits auf den mykenischen Bur­
gen seinen festen Platz hatte« [Lesky 1967, 8]. Diesen
Schluß hatte man aus den zahlreichen selbst noch in unse­
ren sehr späten Gattungsrepräsentanten Ilias und Odyssee
enthaltenen Elementen, die auf die For-Katastrophenzeit
verweisen, schon zu einer Zeit ziehen müssen, als diese
Vor-Katastrophenzeit erst sehr um rißhaft bekannt war
[Nilsson 1950]. Als dann diese Zeit durch weitere Ausgra­
bungen (Pylos, Thera/A krotiri, Zypern) und durch die
Rückgew innung ihrer Sprache (Entzifferung von Linear
B, 1952) greifbarer wurde, häuften sich auch die Indizien
für die Existenz griechischer Heldenepik schon lange vor
dem Fall der Residenzen. Entscheidend waren dabei nicht
Äußerlichkeiten wie die in Pylos an den Tag gekom m ene
bildliche Darstellung eines ausgesprochen >musisch< ge­
kleideten Mannes, der auf einem Felsen sitzend eine große
5-saitige Leier schlägt (das sog. >Sängerfresko< von Pylos).
Entscheidend konnten auch nicht die noch in unseren
Epen erscheinenden materiellen Objekte und die Bräuche
sein, die in der Nach-Katastrophenzeit nicht m ehr herge­
stellt bzw. gepflegt wurden, dafür aber archäologisch für
die Vor-Katastrophenzeit belegt sind (der sog. >Nestor-
becher<, Lederhelme m it Eberzahnbesatz, M etall-Ein­
legearbeiten, mannshohe viereckige gewölbte Schilde, die
militärische Waffentechnik des Kampfwagengebrauchs
u. a. [Webster i960, I27ff.; Lesky 1967, 58ff.]); denn alle
diese Gegenstände bzw. Bräuche sind zwar m it hoher
Wahrscheinlichkeit tatsächlich nur in der Vor-Katastro­
phenzeit aktuell gewesen und müssen daher von dorther

65
in die Dichtungen Hom ers gekom m en sein, aber sie kön­
nen entweder in den Erzählungen ganz unpoetischer Er­
zähler durch die Generationen gew andert oder —im Falle
der Gegenstände - als alter Familienbesitz, der damals ge­
rettet wurde, bis in die Zeit Hom ers gelangt sein; sie be­
weisen also nur, daß H om er tatsächlich von der Vor-Ka-
tastrophenzeit singt, wenn er diese Dinge erwähnt; sie be­
weisen aber nicht, daß es in jener Zeit auch schon eine
Dichtung der gleichen A rt wie die Hom ers gab. Dies wäre
nur erwiesen, wenn w ir entsprechende Texte fänden -
und wenn es nur ein einziger hexametrischer heroischer
Vers wäre. Einen solchen Fund hat die Archäologie bisher
leider nicht vorzuweisen; die mykenischen Linear B-
Texte, die auf den Tontäfelchen aus den Palästen stehen,
betreffen vorerst ausschließlich Verwaltungstechnisches.
Auch in diesem Punkte sind also nur Indizienbeweise
möglich. Diese sind in großer Zahl versucht worden; sie
haben eine Reihe von sprachlichen Erscheinungen in Ilias
und Odyssee aufgedeckt, die m it hoher Wahrscheinlich­
keit nur im mykenischen Griechisch lebendig waren, da­
nach aber aus der Norm alsprache verschwanden, also nur
über einen Sprachbereich bis zu H om er transportiert w or­
den sein können, der die alten Form en aus Stilzwang be­
wahrte (vgl. die biblische Sprache im Deutschen, die in
neuester Zeit ständig zu >Bibelmodernisierungen< fuhrt);
dieser Sprachbereich kann nach Lage der Dinge nur das
Heldenepos sein [Lesky 1967, 26ff.].

Beweisend sind Fälle wie der des berühmten Bronzeschwertes mit den
silbernen Nägeln am Griff; in der Sprache Homers: cpdoyavov ÖQyu-
pÖT]Xov ( p h d s g ä n o n d r g y r S t l o n ) : Die Archäologie hat eine Waffe, wie
diese zwei Wörter sie beschreiben, (bisher) nur im 15. und dann erst
wieder im 7. Jh. gefunden; das Wort p h a s g a n o n erscheint auf einem Li­
near B-Täfelchen aus Knossos (15. Jh.) als alltägliche Waffenbezeich­
nung, während es in der griechischen Literatur n a c h Homer nur als po­
etisches Wort (natürlich im Gefolge Homers) auftritt (sonst heißt das
Schwert x t p h o s ); das kann bis hierher nur bedeuten, daß man nach
dem 15. Jh. die Waffe nicht mehr benutzte und daher auch ihre Spe­
zialbezeichnung nicht mehr verwendete; nun ist aber die Wortkombi­

66
nation p h d s g ä n ö n ä r g y r o e lo n eine rhythmische Einheit, die sich hervor­
ragend am Hexameter-Ende verwenden läßt, und tatsächlich steht sie
beide Male bei Homer in eben dieser Versposition (XXIII 807, XIV
405). Der Schluß liegt nahe, daß hier »ein winziges Stück mykenischer
Dichtung« [Webster i960, 128] vorliegt, das sich mindestens seit dem
15. Jh. in der griechischen Heldendichtung als immer wieder verwen­
detes Vers-Ende erhalten hat (auch als der Gegenstand, der so bezeich­
net wurde, längst nicht mehr im Gebrauch war und in der Normal­
sprache außerhalb der Dichtung infolgedessen längst nicht mehr von
ihm die Rede war) und so bis zu Homer gelangte.

Die Annahm e einer griechischen Heldendichtung schon


in der Zeit des ersten Aufschwungs, also lange vor der Ka­
tastrophe, empfiehlt sich auch aus vielen anderen G rün­
den. D arunter ist die sprachliche Nähe mancher Wendun­
gen und Vorstellungsformulierungen zu D ichtung in an­
deren indogermanischen Einzelsprachen (altindisch, alt­
persisch, slawisch, hethitisch, italisch), die auf eine >indo-
germanische Dichtersprache« bereits vor dem Auseinan­
derdriften hindeuten, einer der wichtigsten [Schmitt
1967. 1968; Risch 1969, 324]. Vom Standpunkt der inner­
griechischen Kulturgeschichte aus ist schließlich zu fra­
gen, wie man sich das erstmalige Auftreten von Helden­
sängern und deren Schaffung einer metrisch, stilistisch
und them atisch hochdifferenzierten D ichtung über längst
vergangene Geschehnisse, Sagengestalten, Gegenstände
usw. an geographisch weit auscinanderliegenden O rten
ausgerechnet in einer Zeit schwerster Rezession vorstellen
soll, während sich doch vor der Katastrophe »im Um kreis
der riesigen Paläste eine verfeinerte höfische Gesellschaft
ausgebildet hatte, die sich über das gemeine Volk hoch er­
hob « [Gschnitzer 1981,18] und der m an nach Analogie ih­
rer sonstigen künstlerischen H ervorbringungen die
Schaffung und Pflege einer aristokratisch verfeinerten
W ortkunst eher Zutrauen darf als der au f die Bewahrung
ihrer nackten Existenz zurückgeworfenen Gesellschaft
der ersten Jahrzehnte nach der Katastrophe.
So deutet vieles darauf hin, daß die D ichtung vom
»Ruhm der Männer« (xkea ccvöqcüv), wie sie Achilleus in

67
der Ilias zur Leier singt (s. oben S. 43 f.), zujenen wenigen
Schätzen gehörte, die die griechische Aristokratie über die
Katastrophe hinweggerettet hatte und an denen sie eben
darum m it besonderer Liebe hing. Solange freilich die äu­
ßeren Verhältnisse so trostlos waren, daß man sich beim
H ören der alten Heldenlieder aus dem M und des Sängers
des ungeheuren Abstands und Rückfalls nur um so bitte­
rer bew ußt wurde, konnte die epische Dichtung - ledig­
lich aus der Erinnerung lebend - ihre alten Them en nur re­
petieren; zu einem Aufschwung konnte sie erst kom m en,
als die Lebensform, die ihre Substanz war, wieder kon­
krete Gestalt annahm und sie so beflügelte.

Die Renaissance des 8. Jahrhunderts

Dieses Stadium scheint im kleinasiatischen Ionien des 8.


Jh. erreicht gewesen zu sein. Daß die Neusiedler den Hel­
densang aus der alten in die neue Heim at mit hinüberge­
nom m en hatten, m uß auf der Grundlage der hier rekon­
struierten Gesam tentwicklung als selbstverständlich gel­
ten. Im vergleichsweise ruhigen und zugleich äußerst wei­
ten und reichen Kolonialgebiet der neugegründeten
Agrarsiedlungen hatten Publikum und Kunst gewisser­
maßen Hand in Hand einer neuen Prosperität entgegen­
reifen können. D er Reichtum der Ioner w ar von früh an in
ganz Griechenland bekannt. Schon der Dichter des Deli-
schen Apollonhym nos spricht im 7. Jh. von ihm: »Meinen
könnte, unsterblich und im m erw ährend ohne Alter seien
sie, w er die Iaones dann antrifft, wenn sie versammelt
sind« (nämlich zu den gymnastischen und musischen
Spielen zu Ehren Apollons auf Delos; natürlich versteht
der Dichter unter >Iaones< nicht nur die kleinasiatischen
Ioner, sondern auch die von Attika, Euboia, den Kykla­
den usw., aber die Siedlungen der kleinasiatischen neh­
men in seiner Aufzählung der ionischen Herkunftsorte
den größten Raum ein). U m 800 hatten sich die ursprüng­
lich viel zahlreicheren Küstensiedlungen zu einer >Dode-

68
kapolis< (12-Städte-Bund) vereinigt, die am gemeinsamen
H eiligtum für Poseidon Helikonios, dem >Panionion< am
M ykale-Gebirge nördlich von Priene, das Fest der >Panio-
nia< beging. Es genügt, die N am en der zugehörigen
Städte aufzuzählen, die alle über weite Ländereien in den
fruchtbaren Küstenebenen und in den landeinwärts zie­
henden Flußtälern verfügten, um eine Vorstellung von
dem Wohlstand zu vermitteln, der sich hier hatte bilden
können: (von Süden nach Norden) Milet, Myus, Priene,
Ephesos, Kolophon, Lebedos, Teos, Klazomenai, Ery-
thrai, Phokaia; dazu die beiden großen und reichen Inseln
Samos und Chios; im weiteren Sinne gehörten auch Ma­
gnesia am M äander und Smyrna noch dazu. Hier entw ik-
kelte sich jene Oberschicht reicher Grundbesitzer, die von
einem G utshof (01x05, oikos: >Öko-nomie<) aus m it Land­
arbeitern, Verwaltern, H irten und Hausangestellten ihren
Besitz bewirtschaftete und die in dieser frühen Zeit, da der
Händler und Kaufmann noch m it Geringschätzung be­
trachtete w ird (8, 158—164) und der H andw erker noch
vornehmlich für den G utsherrn arbeitet, den >Adel< reprä­
sentierte. Im 8. Jh. behauptet diese Landaristokratie auch
politisch noch unangefochten ihre Führungsstellung in
Versammlung und Rechtswesen. Von den allgemeinen
Bewegungen und Impulsen, die in diesem Jahrhundert
durch Griechenland gehen, bleibt sie nicht unberührt,
w ird aber davon eher indirekt betroffen.
Das Z entrum der Neuerungen bildet vom Beginn des
8. Jh. an Euboia. N achdem dort die Siedlung von Lef-
kandi (Alt-Eretria?) um 825 zugunsten der neuen Stadt
Eretria nahezu aufgegeben w orden war, beginnen Eretria
und Chalkis noch vor 800 m it einer überseeischen Aktivi­
tät, die den Beginn einer ganzen Kettenreaktion von Le­
bensveränderungen bildet: offenbar zusammen m it Grie­
chen aus Zypern und m it Phöniziern gründen sie die Han­
delsniederlassung Al Mina an der O rontes-M ündung
(nahe dem heutigen türkischen Antakya), die zum
»Hauptstützpunkt für den griechischen Orienthandel der

69
zwei Jahrhunderte nach 800 v. Chr.« [M urray 1982, 91]
w urde (Im port von Eisen, M etall-Fertigwaren, Textilien,
Elfenbeinarbeiten; Export: Keramik, evtl. Silber). Die
im portierten Waren zeigen die Richtung des Bedarfs in
der H eim at an: Roheisen für Waffen und Rüstungen, Lu­
xuswaren; Abnehm er ist in beiden Fällen die Aristokratie,
deren Wohlstand also stark gewachsen ist.
M it den O rientkontakten kom m en, verm ittelt durch
die Phönizier, Neuerungen auf vielen Gebieten nach Grie­
chenland. Die wahrscheinlich wichtigste ist die Schrift.
Ihre Ü bernahm e von den Phöniziern muß sich bei dem
engen Kontakt in Al Mina infolge der unm ittelbaren Evi­
denz ihrer N ützlichkeit für die Belange des Fernhandels
aufgedrängt haben. Es ist auch nicht anzunehmen, daß die
griechischen Kaufleute 30-5oJahre lang tatenlos zuschau­
ten, wie ihre phönizischen Partner sich schreibend die Ar­
beit erleichterten. Die Übernahm e w ird also sehr bald
nach der Begründung der Hafen-Lagerhallen und -büros
erfolgt sein, und m it ihr ging simultan die Übernahm e
auch des Schreibunterrichts, der Schreibtafel und der Le­
derrolle einher [Burkert 1984, 32]; möglicherweise stellte
im Prozeß der Ü bernahm e und Vervollkom m nung des
Alphabets Zypern eine Zwischenstation dar [Burkert
1984, 30; Heubeck 1979, 84-87]. D er Kontakt m it den
Phöniziern hatte als zweite N euerung ein griechisches
Ausgreifen auch nach dem Westen zur Folge, in dem die
phönizischen Händler schon seit langem heimisch waren:
um 775 erscheinen die ersten Siedler aus Chalkis und Ere-
tria an der Westküste Italiens und setzen sich zunächst auf
der kleinen Insel Pithekussai (heute Ischia im G olf von
Neapel) fest. Sinn der Niederlassung ist auch hier der
Handel, in diesem Falle m it Etrurien, das Metall lieferte,
aber auch Zinn und Bernstein aus dem N orden verm it­
telte; Pithekussai selbst betrieb eine umfangreiche Eisen­
erzverhüttung und w ar nach Ausweis der Grabfunde um
750 bereits eine blühende Stadt [M urray 1982, 93 ff.]. Hier
w urde 1953 der berühm te Nestorbecher gefunden, dessen

70
Beschriftung m it drei Versen, darunter zwei epischen He­
xametern, datiert au f 730-20, die M öglichkeit der Ver­
schriftlichung von Heldendichtung schon um die M itte
des 8. Jh. erwiesen hat (s. unten S. 80-83).

Weitere Neuerungen, mit deren Einsickern man schon vom Beginn


des 8. Jh. an zu rechnen hat, sind: Phönizische und darüber hinaus all­
gemein orientalische Religionsbräuche (z. B. der Adonis-Kult),
orientalische Mythen von der Erschaffung der Welt und ihrer Ent­
wicklung bis zur Gegenwart (greifbar in den Epen des Hesiodos von
Askra am Helikon-Gebirge in Boiotien, der um 700 schrieb), Motive
aus der uralten orientalischen und ägyptischen Literatur, Bekannt­
schaft mit Magie und orientalischen Reinigungsriten, viele neue Wör­
ter für bisher unbekannte Gegenstände und Praktiken, handwerkliche
Techniken (so wandelt sich z. B. der bis dahin in Griechenland übli­
che >geometrische< Stil der Keramikbemalung im Laufe des späteren
8. Jh. zum sog. >orientalisierenden< Stil mit üppigen Pflanzen und
Tierformen; die Toreutik findet Eingang, u. a. m.), eine grundle­
gende Verbesserung des Schiffsbaus durch Übernahme der phönizi-
schen Trieren (drei Reihen Ruderer übereinander angeordnet). Alles
das ist umfassend aufgearbeitet von Walter Burkert [1984].

Z ur Zeit läßt sich die Ankunft vieler solcher Neuerungen


in Griechenland innerhalb des 8. Jh. zeitlich noch nicht
präzise festlegen, es ist aber unum stritten, daß sie m it der
Aufnahme des regelmäßigen Fernhandels auf der Strecke
Al M ina/Z ypern - Rhodos - (Kreta) - Euboia (Attika) -
Korinth - Pithckussai grundsätzlich jederzeit transferier­
bar waren. A uf der anderen Seite führte diese Fülle neuer
Erfahrungen und Erkenntnisse in Griechenland nicht nur
zu einer außergewöhnlichen und geradezu sprunghaft sich
vollziehenden Erw eiterung des Horizonts, sondern auch
zu einer B ew ußtw erdung der eigenen - griechischen -
Identität.
Ü ber Samos als die traditionelle Anlaufstation erreich­
ten die Neuerungen und die Inform ationen über den im
Kernland sich vollziehenden Wandel der gew ohnten Le­
bensprozesse binnen kurzem auch das kleinasiatische
Ionien.

7i
Im Hera-Heiligtum auf Samos - dem H e r a i o n , das als frühester
ioo-Fuß-Tempel ( H e k a t o m p e d o s ) Griechenlands (ca. 33 X6,50 m, mit
12 dachtragenden Holzsäulen im Innern) bereits Anfang des 8. Jh. er­
richtet worden war [Coldstream 1977, 97] (eine erste Gemeinschafts­
unternehmung der ionischen Dodekapolis?) - erscheinen neben den
stark attisch geprägten Votivgaben im Laufe des 8. Jh. große Mengen
von O r i e n t a l i a (Elfenbeinarbeiten aus Ägypten und der Levante, Ter­
rakotten aus Zypern, Bronze-Arbeiten aus Ägypten, der Levante,
Nord-Syrien, Zypern, aber auch aus Phrygien [Coldstream 1977,
267]). Ohne im Brennpunkt der Veränderungen zu stehen, nahm
Ionien an allem Anteil: »Levantine trade hardly touched the Greek ci-
ties o f Asia Minor. For them the eighth Century was a time of consol-
idation, punctuated by minor commotions [...] These Greek cities
were indeed fortunate, in that they were able to consolidate their
power during this period without being threatened by any large and
organized Anatolian state« [Coldstream 1977, 268]. Leider ist die Aus­
grabungstätigkeit in Ionien zur Zeit noch vergleichsweise gering. So
fehlen insbesondere dringend benötigte archäologische Hinweise auf
die Sozialstruktur. Immerhin läßt sich einerseits aus den außerordent­
lich starken Stadtmauern von Alt-Smyrna —den frühesten bekannten
der geometrischen Zeit (ca. 850) —, andererseits aus den zahlreichen
Votivgaben mit Pferde-Motiven im Heraion [Coldstream 1977,
254f.] auf eine starke Position des Adels schließen: Mauerbau wie
Pferdezucht sind Zeugnisse militärischer Aktivitäten, und diese sind
zu dieser frühen Zeit Sache der Aristokratie.

U ber die Ausmaße des aristokratischen Land- und Vieh­


besitzes ebenso wie über die tägliche Lebensführung er­
laubt das archäologische Material bisher wenig Aussagen.
Schlußfolgerungen aus den Verhältnissen, die auf der
Grundlage von Siedlungen wie Em porio auf Chios und
Zagora auf Andros rekonstruiert w urden [Coldstream
1977, 304ff.], dürften in die Irre führen, da es sich bei die­
sen Siedlungen um kleine D örfer m it geringer Bevölke­
rungszahl handelte; im m erhin ist auch hier ein deutlicher
Unterschied in der Bauweise der zahlreichen >normalen<
und der raren aristokratischen Häuser erkennbar: letztere
sind zum indest relativ wesentlich größer und sorgfältiger
gebaut und verfügen über m ehrere Räume, deren wich­
tigster das Megaron ist, in dem der Herd steht und an des­
sen W änden oft Steinbänke umlaufen. Daß bei systemati­
schen und zielgerichteten Ausgrabungen in den ionischen

72
Küstenstädten (oft leider unm öglich wegen der Sied­
lungskontinuität bis heute) andere Dimensionen zutage
treten könnten, zeigt z. B. der Fund einer Sitzbadewanne
in Milet: die früheste bekannte Badewanne in nachmyke-
nischer Zeit, - obw ohl doch >ein separates Badezimmer in
der geometrischen Welt ein unfaßbarer Luxus< sein m ußte
[Coldstream 1977, 308].

Von größtem Interesse ist auch die kürzlich von Murray vorgetragene
These, die im 8. Jh. stark anwachsende Zahl, Größe und Qualität von
Krateren (Mischkrügen) und Trinkbechern zeige eine wachsende Be­
deutung der an sich nie aufgegebenen aristokratischen Zusammen­
künfte (Symposien) an, die in dieser Zeit zu einer Art inoffizieller poli­
tischer Steuerungsorgane geworden seien (und erst später, im 7. Jh.,
zu mehr privaten, den schwindenden politischen Einfluß des Adels
spiegelnden Trinkgelagen absanken) [Murray 1983]. Diese Fund­
interpretation paßt ausgezeichnet mit den einschlägigen Aussagen des
homerischen Epos zusammen und müßte gerade am ionischen Mate­
rial (das größtenteils noch unpubliziert ist) überprüft werden.

Trotz der gerade für Ionien unbefriedigenden Fundsitua­


tion läßt sich also die Aussage machen, daß in diesem Ge­
biet eine schon von Anfang an über besonders gute und
reiche Lebensbedingungen verfügende Bevölkerung im
Laufe des 8. Jh. zu kontinuierlich wachsendem Wohlstand
gelangte. Daß dam it auch eine allgemeine Bevölkerungs­
zunahme verbunden war, geht in Ionien vorerst zumin­
dest aus den Baum aßnahmen in Alt-Sm yrna hervor, die
im 8. Jh. mehrere Phasen der Zusatzbebauung sowie der
Verbesserung der Bausubstanz erkennen lassen [Cold­
stream 1977, 304 u. ö.]. Andererseits zeigt die Tatsache,
daß Ionien bis zur M itte des 7. Jh. keinerlei Kolonien aus­
sandte (dann erst beginnen die Schwarzmeerunterneh­
m ungen Milets), während das Kernland seit 734 ständig
kolonisierte, wie groß die verfügbaren Räume und Res­
sourcen in Ionien waren. Wir dürfen also davon ausgehen,
daß hier eine wohlhabende Aristokratie von eher konser­
vativer Grundhaltung in unbedrohter Lage die N euerun­
gen der Zeit m it einer gewissen Gelassenheit beobachtete.

73
Wahrscheinlichkeiten

Homers Lebensraum und Lebenszeit

In dieser Welt ist in diesen Jahren H om er herangewach­


sen. An welchem O rt (bzw. an welchen Orten) und wann
genau, ist nicht zu sagen; daß es in sozial gehobener U m ­
gebung war, spricht aus jeder seiner Beschreibungen von
schönen Dingen, Häusern, Menschen, aus jeder seiner
Form ungen von Reden und Gesprächen (>Manche der fei­
neren Reden entwickeln Takt und Verständnis von einer
Art, die auch in einem kultivierten Zeitalter dazu beitra­
gen würden, dieses Tal der Tränen zu einem angenehme­
ren D urchgangsort zu machern [Cook 1961, 28]).
Er wird wie jeder traditionelle Sänger von Jugend an
dem Heldensang, den erfahrene Aoiden im Kreis der Ad­
ligen im M egaron vortrugen, mit besonderer Faszination
gefolgt sein. Eine außergewöhnliche musische Begabung
und eine außergewöhnliche Sensibilität, gepaart m it ei­
nem wachen Geist und einem nicht alltäglichen Gefühl für
Proportionen und Strukturen, werden ihn schon bald auf
den Weg des Künstlers geführt haben; in der Gestalt des
Paris in der Ilias hat er später manches von der Problem a­
tik der U nentrinnbarkeit des Künstlertum s in einer vor­
wiegend au f physische Leistung eingestellten Adelswelt
sichtbar gemacht. Daß seine Jugendjahre bereits in die
Zeit des Wiederaufstiegs und der Wiederbelebung alten
Glanzes und alter Ideale fielen, m öchte man aus dem
grundsätzlichen Optim ism us seines Welt- und Men­
schenbildes schließen, der sich vom m ißtrauischen Pessi­
mismus Hesiods so deutlich abhebt. Dieser Unterschied
der Weitsicht hilft zugleich, die Lebenszeit Hom ers noch
genauer einzugrenzen.
In H om er und Hesiod stehen sich nicht nur zwei ganz
verschiedene Charaktere gegenüber, sondern auch zwei
Repräsentanten verschiedener historischer Entwicklungs­
phasen. D er Pessimismus Hesiods ist weniger Charakter­

74
merkmal als Zeitausdruck. U m 700, als Hesiod in Askra
in Boiotien bittere Anklagen gegen die »geschenkefressen­
den hohen Herrcn< (δω ροφ άγοι βασιλήες: O p. 39. 264)
richtete, hatte der Adel, dem diese »hohen Herren< (ßa-
σιλñ ες) angehörten, den Gipfel seiner M acht schon über­
schritten. Gerade m it seiner Führungsrolle bei der Ö ff­
nung neuer Wege hatte er Entwicklungen eingeleitet, die
gegen ihn zurückschlugen: Die Aufnahme des Fernhan­
dels hatte das A ufkom m en und die gesellschaftliche Be­
deutung einer neuen Schicht von Kaufleuten, Händlern
und E xporthandw erkern befördert; die Weitung des all­
gemeinen Horizonts und die Übernahm e der Schriftlich­
keit hatte die Autonom iefähigkeit und das Selbstgefühl
der Nicht-A dligen gestärkt; die Kolonisation m it ihren
vielfältigen Gemeinschaftsaufgaben hatte den Gemein­
sinn in der Selbstverantwortung wachsen lassen; dazu
kam, daß unter den Bedingungen eines ständigen Bevöl­
kerungswachstum s die traditionelle Beschränkung be­
waffneter Auseinandersetzungen auf den allein waffenbe­
sitzenden und pferdezüchtenden Adel nicht m ehr auf­
rechterhalten werden konnte; m it der notw endig gew or­
denen Bewaffnung breiterer Volksschichten ging die
technische Perfektionierung und dam it Institutionalisie­
rung einer Kam pftaktik einher, deren Prinzip der infante-
ristische Schulterschluß der Kämpfenden in einer dichten
M auer aus M enschenleibern war (Phalanx); die Auswei­
tung dieses Prinzips von den relativ kleinen Adelsgruppen
auf größere Menschenmassen führte zu einer Dezentrali­
sierung des Verantwortungsbewußtseins, das bisher an
die Adeligen delegiert w orden war, und damit zu wach­
sendem Selbstgefühl und den dam it regelmäßig verbun­
denen kritischen Forderungen nach Abbau der Adelspri­
vilegien, Gerechtigkeit, Gleichstellung und schließlich
Selbstbestimmung: D er Weg zur Dem okratie begann.
Die Tatsache, daß diese Entw icklung in der Ilias und in
der Odyssee noch kaum einen Niederschlag findet, diese
Epen aber dennoch weitergelebt haben, deutet daraufhin,

75
daß sie zu einer Zeit entstanden sind, als sie noch allge­
mein akzeptiert und begrüßt werden konnten und die Ge­
fahr, daß sie als Selbstdarstellung einer bereits randständig
werdenden Elite zur Seite geschoben wurden, noch nicht
bestand. Diese Zeit w ar die zweite Hälfte des 8. Jh.
Damals waren die negativen Folgen der Adelsfuhrung
noch nicht aufgetreten bzw. noch nicht sichtbar gew or­
den. Im Gegenteil scheinen breite Schichten der Bevölke­
rung damals die Führungsrolle des Adels bejaht und sich
m it seinen Bem ühungen um Erneuerung der Lebensge­
staltung identifiziert zu haben. Wenn w ir auch heute nicht
m ehr so leicht, wie es vor über 40 Jahren Schadewaldt
noch tat, vom >hohen Adelssinn< und >hohen Geist< des
Jahrhunderts reden können, wenn uns auch Form ulierun­
gen wie diese: »Homers Jahrhundert ist das Jahrhundert
der wunderbaren zweiten Jugend seines Volkes: eine Zeit,
ebenso wissend durch Erinnerungen wie ahnungsvoll und
noch zu hohen Träumen fähig« [Schadewaldt (1942) 1959,
127] heute zu idealisch scheinen, so ist doch die rationale
Diagnose, die dahintersteht, seit Schadewaldt vielfältig
bestätigt worden. Es ist z. B. richtig, daß sich an den gro­
ßen panhellenischen Festen, die im 8. Jh. aufkomm en
(Olympia, Delphi, Delos), »die Keime eines gesamt-hel­
lenischen Bewußtseins bilden« [125: Rolley 1983], es ist
richtig, daß sich jetzt »aus dem Ineinander alter Erinne­
rung m it dem lebendigen Selbstgefühl des neuen Zu­
kunftswillens unterirdisch das erste historische Bew ußt­
sein regt« [125: Hiller 1983; Hägg 19832]. Die archäologi­
sche Forschung der letzten 20 Jahre hat tatsächlich Phäno­
mene aufgedeckt, die nur als allgemeine und nicht schich­
tenspezifisch beschränkte Aufbruchs mentalität verstan­
den werden können, z. B. die Aufspürung alter Gräber
und H eiligtüm er aus der (mykenischen) Vorzeit und ihre
Verehrung in einem ganz Griechenland erfassenden neuen
>Heroenkult<. Vielfältige Erscheinungen dieser Art hat
man unter dem B egriff »Erinnerung an eine heroische
Vergangenheit« (»Recollection o f a Heroic Past«: C old-

76
stream 1977, Kap. 14) zusammengefaßt. Auslöser dieser
Bewegung, hat man gemeint, sei H om er [Coldstream
1977, 356 u. ö.].
Dies scheint nun allerdings zu punktuell und mecha­
nisch gesehen. N icht H om er m it seinen Epen hat diese
Bewegung in Gang gesetzt, sondern die allenthalben
sichtbar und fühlbar werdenden Zeichen eines materiellen
und geistigen Wiederaufschwungs haben ein neues opti­
mistisches Lebensgefühl hervorgerufen, das sich überall
als Schöpfertum entfaltete: In der Belebung alter Kulte
und der Begründung neuer Feste, in der W iederverehrung
der Ahnen, denen man sich nun wieder näher fühlen
durfte, in der Eroberung neuer Lebensräume in fremden
Ländern, in der Aktivierung des Handels, in der Steige­
rung der Bautätigkeit im religiösen und weltlichen Be­
reich (die ersten großen Tempel entstehen, die Städte
Ioniens werden erneuert) - und eben auch in der Erneue­
rung der alten Heldendichtung im Geiste eines Verständ­
nisses, für das lange Jahrhunderte hindurch die Vorausset­
zungen gefehlt hatten. Hom ers Ilias und Odyssee sind ein
Teil dieser allgemeinen Bewegung. Daß sie ihrerseits auf
die Bewegung zurückgew irkt und sie gesteigert haben, ist
die andere Seite. Hier liegen Prozesse der Wechselwir­
kung vor, wie sie für Zeiten solcher Hochgestim m theit
charakteristisch sind [Hiller 1983].

Homers Werk: Entstehungszeit und Entstehungsweise

Ist m it diesen Überlegungen als Entstehungszeit der Epen


Hom ers die zweite Hälfte des 8. Jh. wahrscheinlich ge­
macht, so fügen sich die zahlreichen Datierungs-Indizien
aus den verschiedensten Bereichen der griechischen Kul­
turentw icklung vor und nach 700, die von der Forschung
in jahrzehntelanger Arbeit zusamm engetragen wurden,
zu einem stützenden Bestätigungssystem zusammen:
(1) Die früheste für uns noch faßbare griechische Epik
und Lyrik außerhalb H om ers ist bereits deutlich von Ilias

77
und Odyssee (und zwar augenscheinlich in derjenigen Ge­
staltungsform, in der diese beiden Epen auch uns vorlie­
gen) beeinflußt; teilweise werden Stellen, wie w ir erken­
nen können, geradezu zitiert. Einfluß ist augenfällig bei
Hesiod, der um 700 schrieb, bei Kallinos- von Ephesos
(also einem ionischen >Nachbarn< Homers), der durch
seine Erw ähnung der Kimmerier-Einfälle von 652 und
645 datiert ist; bei Archilochos von Paros, der durch seine
Erw ähnung der Sonnenfinsternis vom 6. 4. 648 datiert ist;
ferner bei Alkman, Alkaios und Sappho, die alle eindeutig
ins 7. Jh. datiert sind. - Zitate liegen vor bei Semonides
von A rm orgos (ebenfalls 7. Jh.), Alkaios von Mytilene
auf Lesbos (um 600) und anderen. Das Semonides-Zitat
z. B. lautet so:
... eines aber —das Schönste! - hat der Mann aus Chios gesagt:
>Grad’ wie der Blätter Geschlecht, so auch das der Menschen!<

Das ist ein wörtliches Zitat des Verses 146 aus dem 6. Ge­
sang der Ilias. Wenn Semonides als A utor dieses Verses ei­
nen >Mann aus Chios< (Χ ίος άνήρ) kennt, so bedeutet
das, daß um die M itte des 7. Jh. H om er bereits als Dichter
von der Insel Chios bekannt war; das ist genau der ioni­
sche Lebensraum Hom ers, auf den auch alle anderen Indi­
zien fuhren. - Das Alkaios-Zitat (Fragment 44 Voigt) zi­
tiert nicht einen Vers, sondern eine bestim m te homerische
Szene; es lautet (in der Ergänzung von Page, 1968):
... die Mutter, bei ihrem Namen sie nennend, rief er, die höchste
Na'iade,
die Nymphe aus dem Meere; und sie, die Knie des Zeus umfas­
send,
flehte darum, er möge ihres geliebten Sohnes G roll... (rächen?)

Das ist eine kom prim ierende Zitierung der Szenen >Achil-
leus ruft am M eeresstrand seine M utter Thetis, die rang­
höchste N ym phet (I 348-359) und >Thetis bittet Zeus auf
dem O lym p kniefällig, ihren Sohn Achilleus an den Grie­
chen zu rächent (I 495-533) - in dieser Kom bination, wie

78
Alkaios sie zitiert, schwerlich zu Alkaios’ Zeit noch an­
derswo vorfindbar außer im i. Gesang der Ilias, wie er
auch uns vorliegt.
(2) Gegen Ende des 8. Jh. erscheint in der griechischen
Vasenmalerei das Sagenbild, als A ntw ort der bildenden
Kunst auf die D ichtung [Schefold 1975, 42]. Bei den er­
sten dieser Vasenbilder, auf denen den dargestellten Figu­
ren noch keine N am en beigeschrieben sind, können wir
natürlich nicht in gleicher Weise wie bei den literarischen
Zitaten sicher sein, ob sie sich bereits auf bestim m te Text­
partien aus Ilias und Odyssee (die sic für unsere Augen zu
illustrieren scheinen) beziehen oder vielleicht eher erst auf
bestim m te Szenen des allgemeinen Heldensangs, der ja -
wie gezeigt - in dieser Zeit der Wiederbesinnung auf die
große Tradition >Konjunktur< hatte. Dennoch findet die
verblüffende Tatsache, daß die Sagcnbilder zwischen ca.
725 und 600 von den zahlreichen damals an sich bekannten
Sagenkreisen ausschließlich den Trojanischen Sagenkreis
illustrieren, ihre einfachste Erklärung in der Annahme di­
rekter Abhängigkeit der Vasenmalcr von einer überra­
gend aktuellen literarischen Gestaltung dieses Stoffes;
diese kann nach Lage der Dinge nur in Ilias und Odyssee
bestanden haben [Kannicht 1979]. Das früheste auf die
Ilias bezügliche Bild wäre dann die Darstellung eines sia­
mesischen Zwillingspaares, das sich auf einem Kampfwa­
gen stehend dem A ngriff eines Helden entzieht (Oino-
choe, Agora P 4885, spätes 8. Jh.): Zitat der Szene XI
750-752, wo das siamesische Zwillingspaar der Aktorione
Molione von Poseidon dem angreifenden N estor entzogen
w ird [Coldstream 1977, 352]; das früheste auf die Odyssee
bezügliche Bild wäre die Darstellung eines Helden, der ei­
ner Frau m it bannender Geste eine Pflanze entgegenhält
(Kannenfragment aus Ithaka [!]): Zitat der Szene 10,
291 ff., w o Hermes dem Odysseus das Zauberkraut M oly
schenkt, das ihn gegen die Zauberin Kirke schützen soll
[Brom m er 1983, 70. 120]. Ab ca. 675 folgen dann die be­
rühm ten, weitverbreiteten Darstellungen der Blendung

79
Polyphems, die allgemein als Zitate des Kyklops-Aben-
teuers aus dem 9. Gesang der Odyssee gelten [Andreae
1982, 27f.]. - N och wichtiger als diese konkreten Rezep­
tionsreflexe dürften für die D atierung der beiden Epen die
vom Archäologen Andreae und vom Gräzisten Flashar er­
arbeiteten >Strukturäquivalenzen zwischen den hom eri­
schen Epen und der frühgriechischen Vasenkunst< sein,
die nach Überzeugung der beiden Wissenschaftler auf ein
der W ort- und Bildkunst gleichermaßen zugrundeliegen­
des >Symmetriebedürfnis< dieser Zeit zurückgehen [An-
dreae/Flashar 1977].
(3) Etw a ab 650 entstehen an verschiedenen O rten Grie­
chenlands Troja-Epen in fakten-addierendem Stil (>und
dann< - >und dann ...<), die alle jene Teile der Troja-Sage in
Hexam eter umsetzen, die sagenchronologisch tw u n d nach
den in Ilias und Odyssee erzählten Ereignissen lagen (Κγ-
pria, Aithiopis, Iliupersis, Kleine Ilias, Nosten, Telegonia). Da
diese Epen sich einerseits auch nicht in kleinsten Einzelhei­
ten m it Ilias und Odyssee überschneiden, andererseits aber
auch in kleinsten Einzelheiten m otivierend und erläuternd
auf Ilias und Odyssee Bezug nehm en [Lesky 1971, 105 f.],
setzen sie schriftliche Fassungen von Ilias und Odyssee vor­
aus [Kullmann 1981, 33J, die s ic - d a Ilias und O dysseeja
nur Teile der Trojasage wiedergeben - zum ganzen, vollen
Kreis (Zyklus) der Trojasage ergänzen wollen (daher >Kyk-
los< bzw. Zyklische Epen< genannt).
(4) Im jah re 1953 w urde bei Ausgrabungen auf Pithckus-
sai ein Gefäßfragment gefunden, das eine dreizeilige In­
schrift im Alphabet von Chalkis trägt: auf einen iambi-
schen Vers folgen zwei Hexameter. Im ersten der drei
Verse ist unglücklicherweise ein Stück weggebrochen,
das 2—3 Buchstaben getragen haben muß. Der Rest lautet
(in genorm ter U m schrift und rechtsläufig geschrieben -
das Original schreibt linksläufig):
vecxoqoc : ε [2—3]^,: ευποτ[ον] : ποτεριον
Ιιοεδαντοδεπιεα : ποτερι[ο] : αυτικακενον
ΙιιμεροΗιαιρεεει : καλλιχτε[φα]νο : αφροδιτεε

8ο
D ie zur Z e it w a h r sc h e in lic h ste Ü b e r s e tz u n g lautet:

Nestor hatte einen gewissen Becher, gut daraus zu trinken.


Wer aber aus d ie s e m Becher hier trinkt, augenblicks wird diesen
die Lust ergreifen nach der schönbekränzten Aphrodite.

Der Becher w ird m itsam t der Inschrift heute allgemein


auf ca. 730—720 datiert. Die Inschrift ist als >Anspielung
auf einen Bildungsbesitzt zu verstehen: ihren Witz kann
nur begreifen, w er die Geschichte kennt, m it der sie spielt.
N un lesen w ir im 11. Gesang der Ilias Folgendes: M a-
chaon und N estor erholen sich in N estors Zelt vom
Kampf; das Beutemädchen Hekamede bereitet ihnen ei-
nen Rührtrank aus Wein, Käse und M ehl - und zwar in ei­
nem offenbar riesigen Mischbecher (Krater):

( X I 632)
... und dazu [stellte sie] den wunderschönen Becher, den der Alte mit­
gebracht von Hause,
mit goldenen Nägeln beschlagen; Ohrenhcnkel hatte er
vier, zwei Tauben aber pickten beiderseits von jedem,
aus Gold gemachte, und unten drunter waren zwei breite Füße:
ein anderer hätte ihn mit Mühe nur ein Stückchen fortbewegt vom Ti­
sche,
wenn er voll war, Nestor jedoch, der Alte, hob ihn mühelos in die
Höhe.

Sobald die beiden Helden von dem Trank getrunken hat­


ten, heißt es weiter, hatten sie ihren »vieldörrenden D urst
gestillt« und erfreuten sich an Gesprächen.
D er Verfasser der Vers-Inschrift (der weder m it dem
Töpfer noch m it dem Besitzer des Gefäßes identisch sein
muß) erinnert im ersten Vers zunächst an >Nestors Be­
chen, um für seinen Witz das Fundam ent zu legen. Diese
Erinnerung w ar sinnvoll nur dann, wenn >Nestors Be­
chen für den Leser der Inschrift ein Begriff war. Das aber
konnte er nur sein, w enn er in einer zur Zeit der Beschrif­
tung und ihrer Rezeption allbekannten Geschichte vor­
kam. Es m ußte eine hexametrische Geschichte sein; denn
nur dann hatte die Fortsetzung der Inschrift in Hexametern

81
- nach iambischem Beginn - Funktion. D er Schluß liegt
nahe, daß diese hexametrische Geschichte eben unsere
Ilias-Stelle war. U m diesem Schluß zu entgehen, m üßten
w ir eine (oder mehrere) damals allbekannte Hexam eter-
Versionen) der Geschichte außerhalb der Ilias ansetzen.
Da aber alle übrigen zuvor genannten Datierungs-Indi­
zien unabhängig von der Becher-Aufschrift darauf deu­
ten, daß im Griechenland des 8. Jh. keine Hexam eterdich­
tung bekannter w ar als Ilias und Odyssee, ist ein derarti­
ger Bezug der Becher-Aufschrift an der Ilias vorbei un­
wahrscheinlich. U nabhängig von der Deutung ihrer
Pointe [Heubeck 1979, 112] stellt also diese Inschrift eine
weitere Bestätigung für die Datierung der Ilias-Entste­
hung in die 2. Hälfte des 8. Jh. dar. Sie trägt sogar zu einer
weiteren Präzisierung des Entstehungsdatum s bei: Wenn
um 730/20 im fernen Ischia beim Leser einer Gefäß-Auf-
schrift Kenntnis einer bestim m ten Iliasstelle vorausgesetzt
werden konnte, dann m uß die Ilias um diese Zeit eine Art
>Bestseller< gewesen sein. Ihre Entstehung muß also in die
dreißiger oder zwanziger Jahre des 8. Jh. fallen.
Dieser Zeitansatz, der heute in der internationalen H o­
m erforschung in der Tat als der wahrscheinlichste gilt,
w irft neue Fragen auf. Die wichtigsten sind die nach der
damaligen Abfassungs- und Verbreitungsform und die
nach dem damaligen U m fang der Ilias (und analog dann
auch der Odyssee). Beide Fragen hängen eng zusammen.
Lange Zeit schien die schriftliche Kom position eines
Großepos im 8. Jh. nicht vorstellbar. Die Gründe: noch
keine Schreibgeläufigkeit, kein geeigneter Beschreibstoff,
kein Schreibmotiv. Diese Bedenken führten zur An­
nahme entweder rein mündlicher Abfassung (und jahr­
hundertelanger w ortw örtlicher m ündlicher Überliefe­
rung) oder/und eines ursprünglich nur geringen Werk-
Um fangs (der später von Zudichtern erweitert worden
wäre - bis zu demjenigen Um fang, der im 3. Jh. von den
alexandrinischen Philologen kanonisiert wurde). Seit wir
die Aufschrift des Ischia-Bechers haben, sind solche An- ·

82
nahm en nicht m ehr nötig: Die beiden Hexam eter auf dem
Becher sind offensichtlich für diesen Becher (oder für die­
ses Becher-M odell: es gibt Anzeichen für eine Serien-Pro-
duktion) original kom poniert w orden (» ...w er aber aus
diesem Becher hier trinkt...«!), d. h. sie verdanken ihre
Entstehung einer bereits schriftlichkeitsbestimmten
Kom positions weise: Ziel ist von vornherein die jederzei­
tige Aktualisierbarkeit eines mittels Schrift autorunab­
hängig gew ordenen Gedankens durch den beim Kom po­
nieren bereits als selbstverständliche Rezeptionsform vor­
ausgesetzten A kt des Lesens. Daß die Becher-Aufschrift
die erstmalige Realisierung dieser m it dem >impliziten Le­
sen arbeitenden Kom positionsweise darstellt, ist nicht an­
zunehmen: Graffiti sind eine nur sekundäre (und beiläu­
fige) Folge des Schreiben- und Lesenkönnens, nicht des­
sen Erstanw endungsform . H exam eterkomposition (nicht
einfach nur Hexameter/ixim/Mfj) mittels Schrift w ar dem ­
nach im Z eitpunkt der Erfindung der Becher-Aufschrift
bereits in Ü bung.
Die Schreibgeläufigkeit andererseits w ar zur Zeit der
Aufschrift-Erfindung offenbar bereits sehr groß: Wenn
ganze Hexam eter fehlerlos und in regelmäßiger Schrift
auf eine so ungeeignete Schreibfläche aufgebracht w er­
den, wie es eine Tongefäßkrüm m ung ist, liegt Schreibge­
w andtheit auf norm alen Schreibflächen norm aler Be­
schreibstoffe zugrunde.
Daß in unserem Falle darüber hinaus noch eine ganz spe­
zielle Schreibgewandtheit vorliegt, ergibt sich aus der ent­
wickelten Vers-Notationstechnik: Beide Hexam eter sind
durch je zwei Binnen-Trennlinien rhythm isch (korrekt)
gegliedert (>phrasiert<); hier ist also eine zur Zeit der Ge­
fäßbeschriftung auf anderem Beschreibstoff übliche Pra­
xis der H exam eter-N otation (für Vortrags- oder Lern­
zwecke, ähnlich N otenblättern) automatisch übernom ­
men w orden [Alpers 1970; Heubeck 1979, 115].
D am it ist die Frage des ursprünglichen Um fangs der
Epen jedenfalls nicht m ehr m it schreibtechnischen Rück­

83
sichtnahmen belastet: Wenn die Binnen-Analyse der
Werke zur Erkenntnis einer organischen Groß Struktur
fuhrt und dam it die A nnahme eines von Anfang an bereits
beträchtlichen Um fangs nötig macht, so steht dieser An­
nahme von seiten der Schreibtechnik nichts entgegen. Die
Anzahl der Hexam eter ist dabei ohne Belang: w ar es um
725 möglich, zwei Hexam eter in technisch entwickelter
Spezialnotation auf eine gekrüm m te Tongefäßwand zu
schreiben, dann m uß es schon längere Zeit zuvor grund­
sätzlich möglich gewesen sein, auf einen normalen
Schriftträger auch eine beliebig große Anzahl von Hexa­
m etern aufzubringen. Das kann technisch gesehen nur ein
Fleißproblem gewesen sein. Mancher griechische Kauf­
mann w ird im Laufe seines Berufslebens Geschäftstexte in
einem Gesamtumfang geschrieben haben, der den unserer
Ilias bei weitem überstieg (die Ilias um faßt ca. 500000
Buchstaben; zum Vergleich Herodots Geschichtswerk:
ca. 1 Million Buchstaben). U nbestritten ist, daß bereits
um 700 der boiotische Sängerdilettant Hesiod mindestens
3000 Hexam eter (wahrscheinlich aber wesentlich mehr)
geschrieben hat. Daß der professionelle ionische Sänger
H om eros die gleiche Fähigkeit der Hexam eter-Nieder­
schrift 30 Jahre zuvor noch nicht besessen haben sollte,
kann heute angesichts der inzwischen verfügbaren epigra­
phischen Belege für die M öglichkeit einer solchen N ieder­
schrift ausgeschlossen werden.
Die Frage des Beschreibstoffes kann ebenfalls kein
ernsthaftes Hindernis m ehr für die Annahme einer frühen
Niederschrift der Ilias bilden. Albin Lesky hat schon 1967
dazu verm erkt: »Unser Wissen reicht nicht hin, für die ho­
merische Zeit Kenntnis und Gebrauch des Papyrus auszu­
schließen« [Lesky 1967, 21]. Ägyptischer Papyrus-Export
nach Phönizien ist bereits für die Zeit um 1050 bezeugt
(500 Rollen nach Byblos im Tausch gegen Bauholz [Prit-
chard 1969, 28; Heubeck 1979, 155f.]), und daß die grie­
chischen Händler in Al Mina im Zusam m enhang m it der
Übernahm e des Alphabets beharrlich am Beschreibstoff

84
(neben Leder eben auch Papyrus) vorbeigesehen haben
sollten, widerspricht jeder Wahrscheinlichkeit [Heubeck
1979, 156].
Alle verfügbaren Indizien schließen sich som it zusam­
men: Wer um 730 in Griechenland (und speziell in der ent­
wickelten ostgriechischen Region) eine Hexam eterdich­
tung niederschreiben bzw. schriftlich kom ponieren
wollte - auch eine relativ umfangreiche dem standen
grundsätzlich die schreibtechnischen Voraussetzungen
für ein solches U nternehm en zu Gebote.

Die homerische Ilias als Dichtung der Erneuerung


und Repräsentation
Es bleibt die Frage des M otivs. Rein individualpsycholo­
gische M om ente reichen zur Erklärung eines Phänomens,
wie es die erstmalige schriftliche K om position eines
Großepos vom Range der Ilias ist, nicht aus. Dahinter
muß ein größeres, und das heißt wohl: ein gesellschaftli­
ches Bedürfnis stehen. Das legen auch die Parallelen aus
den Anfängen anderer Nationalliteraturen nahe [Latacz
19841, 18]. Vor dem H intergrund der dargelegten Ge­
schichte Griechenlands und speziell der griechischen
Adelsschicht kann die Entstehung der Ilias nur als Teil­
glied der allgemeinen Aufbruchsbewegung des 8. Jh. und
näherhin eines umfassenden Repräsentationsbedürfnisses
des Adels begriffen werden. Wachsender Wohlstand,
wachsende Weltkenntnis, wachsender Im port von Luxus­
gütern, Verfeinerung des Lebensstils, erneuerte Pflege des
alten Glaubens durch Kult und Tempelbau, Ü berw in­
dung der jahrhundertelangen Verhaltenheit durch koloni­
satorische Expansion - das alles m ußte zu einem neuen
Selbstbewußtsein führen und dam it ein neues Bedürfnis
nach Selbstbegründung wecken. Das M ittel, dieses Be­
dürfnis zu befriedigen, lag bereit. Es war der Heldensang.
Er hatte als Preis der edlen H erkunft und der uralten Füh­
rungstradition der griechischen Oberschicht in d en jah r-

85
hunderten seit der Katastrophe m ehr überlebt als geblüht.
Jetzt w ar zwischen seinen glanzvollen Inhalten und der
Realität wieder ein - wenn auch neuartiges - Verhältnis
der Angemessenheit eingetreten. Die Aristokratie des 8.
Jh. m ußte den Spiegel, wenn sie in ihn hineinsah, nicht
m ehr beschämt als allzu großdim ensioniert empfinden.
Zugleich w ar die W irksamkeit gerade dieses Instruments
der Selbstdarstellung (neben den örtlich ja begrenzten
Symposien, Agonen, Götterfesten usw.) unübertreffbar:
weiteste Verbreitung, verbunden m it nachhaltigstem
Einfluß (frühe W irkungsprodukte wie die Becher-Auf­
schrift sind Bestätigung).
So spricht viel dafür, sich die Schaffung der Ilias nicht zu
sehr als isoliertes Einzelunternehm en vorzustellen. Von
Auftragsdichtung w ird man zwar nicht reden. Doch dürf­
ten die Verbindungen zwischen Aristokratie und Dicht­
kunst, wie sie schon von der frühesten C horlyrik an (Ter-
pander, Alkman) über Simonides, Pindar und Bakchylides
bis in die attische Theaterproduktion hineinreichen, ihre
Vorgeschichte haben. G rößte Werke der Weltliteratur sind
zu allen Zeiten so entstanden. Wir tun H om er kein U nrecht
an, w enn w ir ihn uns von Adelskreisen (denen er selbst an­
gehört haben mag) erm utigt und gefördert denken: bei ei­
nem U nternehm en, das nicht nur Begabung, sondern auch
viel Kraft, Zeit, materiellen Aufwand und —nicht zuletzt -
viel Pioniergeist forderte, nur natürlich.

Ein mögliches Homerbild

Ü ber diese Wahrscheinlichkeiten hinaus in noch konkre­


tere Bereiche vorzustoßen ist riskant. Immerhin: D er O rt,
an dem die Ilias entstand, wird eine der ionischen Küsten­
oder Inselstädte gewesen sein; daß unter diesen Städten
Alt-Sm yrna bislang die einzige ist, in der bereits fürs 8. Jh.
Schrift belegt ist [Johnston 1983,65], mag dabei aufZufall
beruhen. Daß für das große Werk schriftliche Vorarbeiten
nötig waren —Notizen, Entwürfe, vorbereitende N ieder-

86
Schriften einzelner größerer Handlungsabschnitte —, hat
man oft verm utet [Dihle 1970; Kulim ann 1981, 34ff.] und
kann als sehr wahrscheinlich gelten. Die Niederschrift der
eigentlichen Fassung w ird man jedoch am ehesten H om er
selbst (und keinem Schreibgehilfen) zusprechen (die an­
gebliche Blindheit des Dichters, die manche Forscher bis
in die Gegenwart hinein für ein Stück erwägenswerter
Überlieferung halten, erweist sich angesichts der außeror­
dentlichen visuellen Sensitivität der homerischen Welt-
und M enschenform ung als Legende).
Wie um fangreich die Ilias war, die H om er dichtete,
kann nur indirekt erschlossen werden und bleibt daher im
letzten ungewiß. Entscheidendes K riterium für die Z u­
weisung von Werkteilen an H om er ist deren U nentbehr­
lichkeit für die strukturelle H om ogenität des Werks. Die
tragenden Bauteile, d. h. alle jene Werkpartien, die augen­
scheinlich Realisierung des am Werkanfang angekündig­
ten Handlungsplanes sind und deren Entfernung infolge­
dessen Lücken in den O rganism us reißen würde, müssen
danach von H om er sein. Das bedeutet um gekehrt auch,
daß etwa der im Handlungsplan nicht angelegte und in­
nerhalb des Gesamtorganismus relativ funktionslose 10.
Gesang, die sog. >Dolonie<, durchaus von anderer Hand
später zugefügt sein könnte, und Ausschm ückungen ge­
ringeren Um fangs m ögen auch sonst hier und dort später
noch Eingang gefunden haben; dagegen waren ja selbst
die attischen Dram en des 5. Jh. noch nicht geschützt [Page
1934; Lesky 1967, 145]. Das alles fällt indessen, wie sich
zeigen wird, aufs Ganze gesehen kaum ins Gewicht. Im
wesentlichen kann die Ilias, wie w ir sie haben, als Hom ers
Werk bezeichnet werden.
O b das auch für die Odyssee gilt, ist nach wie vor offen.
Daß die Odyssee insgesamt >moderner< ist, muß nicht auf
einen anderen A utor weisen. Im Strukturellen bestehen,
wie sich ebenfalls zeigen wird, viele Übereinstim m ungen
zwischen beiden Werken, und im 8. Jh. innerhalb einer
Generation gleich zwei geniale Großependichter in Ionien

87
anzusetzen fällt nicht leicht. Solange strikte Beweisbarkeit
in dieser Frage unerreichbar ist, bleibt es erlaubt, m it der
Antike auch die Odyssee als Werk Hom ers zu sehen.
Die Verbreitungsweise der beiden Epen in früher Zeit
ist präzise nicht m ehr zu erschließen. Wenn es aber richtig
ist, daß - wie im i. Kapitel dargelegt - m it der Nieder­
schrift von Ilias und Odyssee in Griechenland die Textua-
lität beginnt, dann kann von rein mündlicher Verbreitung
lediglich aus der Erinnerung heraus und ohne feste Text­
grundlage keine Rede sein. Vielmehr müssen dann Ilias
und Odyssee eine U m w älzung auch im herkömm lichen
Berufsbild des Sängers zur Folge gehabt haben: der Sänger
wird vom Im provisator zum Rezitator, griechisch: aus
dem Aoiden wird der Rhapsode; an die Stelle des freien For­
mens tritt das Repetieren. Die U nveränderbarkeit des ur­
sprünglichen Wortlauts w ird dabei zum ersten Mal in der
europäischen Geistesgeschichte durch Handschriften ge­
sichert. Aufbewahrt w urden diese zunächst wahrschein­
lich in Rhapsodenvereinigungen, sog. >Gilden<. Daß sehr
bald Kopien davon genom m en wurden, muß als selbst­
verständlich gelten. Daß man sich andererseits diese ge­
schriebenen Exemplare »in der Frühzeit der Überliefe­
rung nicht allzu dicht verbreitet denken wird« [Lesky
1967, 145], bedarf ebenfalls keiner Diskussion; sich eine
Abschrift zu beschaffen, verlangte ja von den Interessen­
ten (Adelsfamilien oder Gemeinwesen, deren Vorge­
schichte in den Epen rühm end erw ähnt war), nicht anders
als in der europäischen Humanistenzeit vor der Erfindung
des Buchdrucks, beträchtliche Initiativen und Investitio­
nen. D ennoch wäre es wohl verfehlt, sich die Verbreitung
von Werkkopien in dieser Frühzeit allzu eng als Aus­
nahme vorzustellen. Das Fehlen eines regelrechten Buch­
handels (den nur der m oderne Intellektuelle für unver­
zichtbar hält) w ar kein Hindernis. Auch Hesiod, Alkman,
Tyrtaios, Sappho, Alkaios und viele andere frühe Dichter
sind ohne Buchhandel erhalten geblieben, und daß dies
z. B. bei den im 3. Jh. zusammengestellten 9 Büchern

88
Sappho-Liedern (von denen allein das erste Buch, wie wir
wissen, 1320 Verse enthielt) etwa nur durch Auswendig­
lernen möglich gewesen wäre, ist ausgeschlossen.
Auch die Bedürfnisse der Schule werden an der frühen
Verbreitung der homerischen Epen ihren Anteil gehabt
haben. Xenophanes von Kolophon, auch er ein ionischer
Landsmann Hom ers, bem erkt gegen Ende des 6. Jh. indi­
gniert: »Da ja von Anfang an alle nach H om er gelernt ha­
b e n .. .« (Fragment B 10). D am it m eint er zweifellos H o­
m er als Schullektüre, und z w a r- wie das »von Anfang an«
zeigt - als selbstverständliche Schullektüre gewisserma­
ßen >seit M enschengedenkenc Selbst wenn nur Lehrer
von Adelssprößlingen in größeren Siedlungszentren über
geschriebene Epen-Exem plare bzw. Teile davon verfüg­
ten, m uß die Handschriftenfertigung schon früh begon­
nen haben.
Z u berücksichtigen ist auch die politische Bedeutung
der Epen. Ilias und Odyssee wurden, wie ihre W irkung
gleich auf die eigenen Zeitgenossen zeigt, von Anfang an
als M eisterwerke begriffen. Sie führten die Griechen - an­
ders als die regional begrenzte individuelle frühe Lyrik -
durch die Erkenntnis gemeinsamer Geschichte, gemein­
samen Glaubens, gemeinsamer Wertvorstellungen und
gemeinsamen Tatenruhms in einem neuen, beflügelnden
Identitätsbewußtsein zusammen. D er Wunsch, diese D o­
kum ente einer neuen nationalen Selbstbegründung nicht
nur sporadisch beim Rhapsodenvortrag verfügbar zu ha­
ben, m ußte an vielen O rten Griechenlands die Beschaf­
fung von Kopien nahelegen. Jene von den griechischen
Philologen des 3. Jh. bei ihrer Editionstätigkeit oft zitier­
ten >Städte-Handschriften< (>die Handschrift von M ar-
seille<, >die Handschrift von Sinope< usw. [Kirk 1985,
38-43]) dürften hier ihre letzten Wurzeln haben. H om er
ging - anders als die frühen Lyriker —alle Griechen an.
Seine Verbreitung auch in Abschriften erstreckte sich
darum von Anfang an aufs ganze Griechentum.
So mag sich denn, w er klare Bilder liebt, H om er um

89
770 in einer Küsten- oder Inselstadt im kleinasiatischen
Ionien in gutem Haus geboren denken; die alten Helden­
lieder hätte er aus dem M unde der Aoiden von früh an ge­
hört und sich bald selbst daran versucht; seine Erziehung
wäre gut gewesen, schreiben und lesen hätte er vielleicht
noch als Knabe, sicherlich aber als junger Mann gelernt;
Reisen - erleichtert durch die weitreichenden Familien­
bindungen des Adels —hätten ihn weit in Griechenland
herum geführt (wie klein und darum auch in damaliger
Zeit leicht erfahrbar die griechische Welt ist, hat Schade-
w aldt 1942 plastisch klargemacht: von Troja ganz im
N orden bis Kreta im Süden ist die Entfernung nicht grö­
ßer als von Berlin bis München). U m 730, als etwa Vier­
zigjähriger, hätte der berühm t gewordene Aoide H om e-
ros im allgemeinen Schwung der Zeit nach mancherlei
Experim enten das neue Selbstgefühl des Adels in zeitge­
m äßer W iederbelebung der alten Ruhmeslieder vom
K am pf um Troja zu neuem Ausdruck gebracht; und aus­
geschlossen wäre es nicht, daß e r—beflügelt durch den un­
erhörten Erfolg der Ilias und durch den raschen Rhythm us
der m iterlebten weiteren Entw icklung - um 710, als etwa
Sechzigjähriger, die durch Kolonisation und Handel be­
schleunigte Veränderung des traditionellen Welt- und
Menschenbilds (und dam it auch der Adels-Ideale) in einer
zweiten großen Weltdeutung, der Odyssee, noch selbst
ins Wort gesetzt hätte. D er R uhm seiner Werke hätte sich
noch zu seinen Lebzeiten rasch über die ganze griechische
Welt verbreitet, so daß sein Name, als H om er um 700
starb, so fest m it Ilias und Odyssee verbunden blieb, daß
er von da an niemals m ehr vergessen wurde.
Vieles an diesem Bild Hom ers wäre nur erschlossen -
gänzlich aus der Luft gegriffen wäre es nicht.

90
III

D IE IL IA S

Das Thema: Achilleus’ Groll

Die Ilias beginnt m it einem n Verse umfassenden Pro-


oimion (>Vorgesang<). Traditionsgemäß vereinigt dieses
Elem ent drei Funktionen in sich: Gebet, Them a-Angabe
und Exposition. Gebet und Them a-Angabe sind regelmä­
ßig ineinander verschränkt: D er Sänger bittet die G ott­
heit, von der er Inspiration erhofft: die Muse, ein be­
stimmtes Them a durch seinen M und zu >singen< (zu >sa-
gen<, zu >künden< o. ä.). Das Publikum entnim m t dieser
Inspirationsbitte — deren Zeuge, nicht Adressat, es der
Fiktion nach ist - das Program m des Sängers und gewinnt
so eine erste, noch vage konturierte Vorstellung vom In­
halt, gegebenenfalls auch schon vom A blauf der geplanten
Erzählung. Durch m öglichst pointierte Form ulierung der
Außergewöhnlichkeit seines Erzählprogram m s versucht
dabei der Sänger, das Interesse des Publikums zu wecken
und erste Spannung zu erzeugen. Diese Technik der Ge­
w innung und Fesselung des Publikums hat sich vor allem
über die R hetorik (προοίμιον, prooimion; exordium, mit
captatio benevolentiae) und das Dram a (πρόλογος, Prolog)
literarisch zum Topos verfestigt und bis heute erhalten.
Im Fall der Ilias tritt die Prooim ion-Form in deutlicher
Zweiteilung auf: Die ersten sieben Verse erfüllen die
Funktion, im Gewand des M usen-Anrufs das Them a zu
benennen und durch erste, noch dunkle Vorverweise at­
traktiv zu machen, die folgenden vier Verse stellen den
Ü bergang zur eigentlichen Erzählung her.
Die Benennung des Themas erfolgt gleich m it dem er­
sten Wort: menin (μήνιν), >Groll< (die häufig anzutref­
fende W iedergabe >Zorn< bringt den Sinn des Them aw or­
tes nicht zum Ausdruck; gemeint ist nicht ein plötzlicher

91
Affekt - vgl. >Jäh-zorn< sondern eine anhaltende,
schwelende, verbitterte Ergrim m theit wegen erlittener
Kränkung: die N achw irkung eines >heruntergeschluck-
ten< Zorns; dafür paßt im Deutschen am besten, auch
wenn es antiquiert klingt, das Wort >Groll<). N achdem es
benannt ist, w ird das Them a in einem langen Relativsatz
durch Aneinanderreihung im m er konkreter werdender
Einzelheiten schrittweise präzisiert, gleichzeitig aber in ei­
nen Zusam m enhang gestellt, der gerade durch diese Prä­
zisierung im m er undurchsichtiger w ird (und auf diese
Weise gespannte Fragen provoziert):

Den Groll singe, Göttin, des Peleiaden Achilleus!


den verfluchten! der den Achaiern zahllose Schmerzen brachte
und viele starke Leben dem Hades zu w arf - Leben von
Heroen! sie selbst jedoch zu Beutestücken werden ließ für Hunde
und für die Vögel zum Bankett (Zeus’ Wille aber war’s, der sich darin
erfüllte!),
von dem Moment an, da im Streite auseinandertraten
der Atrei'de, Herr der Männer, und der göttliche Achilleus.

Festzustellen ist zunächst: A uf den m odernen Leser ohne


Vorkenntnisse muß dieser P rogram m -E ntw urf m ehr rät­
selhaft als spannend wirken. D er Grund: Spannung kann
nicht entstehen oder muß sich, falls sie doch entsteht, in
eine (an der originären A utor-Intention gemessen) falsche
Richtung orientieren, wo ein Publikum nicht auf dem In­
formationsstand steht, den der Text voraussetzt. Eben
dies ist hier heutzutage im allgemeinen der Fall. Der Text
löst nämlich beim m odernen Leser falsche Fragen aus: Wo
ist der Handlungsort? Welches ist die Handlungszeit? Wer
sind die handelnden Personen? Was bedeutet >Hades<?
>Zeus<? Wer ist die >Göttin< in Vers i? —Das sind Fragen,
die sich dem zeitgenössischen Publikum, wenn es diesen
Epos-Anfang hörte, nicht stellten, weil es über sie hinaus
war. D er m oderne Lesser hingegen, an m oderne Formen
des Erzählens - fiktionalen Erzählens zumal - gewöhnt,
ist in Gefahr, sich gleich hier auf eine falsche Spur zu set­
zen: indem er die Suche nach A ntw orten auf jene falschen

92
Fragen aufnim m t, gerät er in ein prinzipielles M ißver­
ständnis der vom Text ihm zugedachten Rezipientenrolle
hinein und beginnt die Ilias >falsch< zu lesen; er mag z. B.
glauben, hier einen sog. m nm ittelbaren Einsatz< vor sich
zu haben, der erst später durch eine >nachgeholte Exposi-
tion< in einen Zusam m enhang eingeordnet w erden wird;
er könnte daher seine Spannung auf die erwartete >Auflö-
sung< eines vermeintlich planvoll fragmentarisch gehalte­
nen Werkbeginns richten. D am it hätte er dann seine Rezi­
pientenrolle freilich voll verfehlt.
U m die vom Text verlangte Rezeptionshaltung einneh­
men zu können (und dam it dem K unstw erk die erst in der
Rezeption erfolgende Vollendung zu ermöglichen), muß
der m oderne Leser demgemäß die Position des zeitgenös­
sischen H örers zurückgewinnen. Erste Voraussetzung da­
für und dam it für das >richtige< Verständnis der Ilias, vom
Prooim ion an, ist die Erkenntnis, daß die Ilias in der
Grundthem atik ihrem Publikum nicht Fiktionales darbot,
sondern Altbekanntes. Das heißt: der allgemeine H inter­
grund und größere Zusam m enhang der im Prooim ion an­
gekündigten Geschichte ist diesem Publikum vertraut.
D er spezielle Wissensausschnitt, den der Iliasdichter beim
Publikum für das Verständnis seiner Geschichte benötigt,
wird gerade durch diejenigen Elemente des Prooim ions
aktiviert, die dem m odernen Leser wenig oder gar nichts
sagen: durch die Eigennamen. Denn diese Eigennamen -
>der Peleiade Achilleus<, >der Atreide, H err der Männer<,
>die Achaier<, >Hades<, >Zeus< - waren für den zeitgenössi­
schen H örer nur Assoziationsimpulse. Zusam m en m it der
Information, daß der Atreide und Achilleus >in Streit ge­
rieten und sich entzweitem, w irkten sie auf ihn ähnlich
wie die N ennung der N am en >Moses<, >Aaron< und >Kin-.
der Israels< zusammen m it der Erw ähnung des >Tanzes um
das goldene Kalb< auf den Bibelkenner: die Szenerie steht
ihm vor Augen; daß ihr Schauplatz die Wüste Sinai und
ihre Handlungszeit die Zeit der Exodos ist, versteht sich
damit für ihn von selbst. In diesem wie in jenem Falle

93
fuhrt der Erzähler den H örer m it wenigen Signalen auf
vertrauten Boden: im einen Falle in die biblische Ge­
schichte, im anderen in den M ythos vom K am pf um Ilios,
und das heißt: in die Trojasage.
Die Trojasage w ar für das Publikum Hom ers, den
Adel, selbstverständlicher Bildungsbesitz. Die Geschichte
vom großen Flottenzug der Achaier gegen Ilios/Troja (die
Stadtnamen galten als Ableitungen von mythischen
Stadtkönigen: Ilos bzw. Tros), von der zehnjährigen Bela­
gerung der Stadt am Hellespont (heute Dardanellen) mit
ihren opferreichen Kämpfen, vom zähen Widerstand der
Stadtbewohner und ihrer Verbündeten aus dem Um land
und schließlich von der List, m it der allein die Stadt im
zehnten Jahr genom m en werden konnte (das Hölzerne
Pferd!), - diese Geschichte w ar so oft erzählt und von
Aoiden vorgesungen w orden, daß sie der Grieche jener
Zeit - so wie zu unserer Zeit der C hrist die biblische Ge­
schichte —bereits von Kindheit an in G rundstruktur und
Abfolge der größeren Erzähleinheiten kannte. Damit
kannte er natürlich auch ihre Hauptfiguren. Bei den pro­
minentesten genügte ihm bereits der Vatersname (die ger­
manische Heldensage ist in dieser Hinsicht nicht ver­
gleichbar; m an mag etwa Tolstois >Krieg und Frieden<
heranziehen: dem Kenner genügt ein >Nikolaj Andreje-
witsch<, um Fürst Bolkonskij zu erkennen): die zwei Atri-
den (~ Atreus-Söhne), das waren für ihn automatisch
A gam em non und Menelaos, der Peleiade (oder Pelide):
Achilleus, der Laertiade: Odysseus, der Tydide: Diomedes,
der Telamoniade (oder Telamonische): Aias, usw. Die Taten
und Funktionen dieser Helden in der Geschichte, ebenso
wie ihr jeweiliger Grundcharakter, waren ihm bekannt.
Wenn also der Sänger zu singen anhob vom Peleiaden
Achilleus und vom Atreiden, dem H errn der M änner (das
konnte von den beiden Atreus-Söhnen, die in Frage ka­
men, wegen des hohen Titels nur der ältere, Agam em ­
non, sein), und davon, wie diese zwei im Achaierheer in
Streit gerieten, dann waren allgemeiner Rahmen, Hand­

94
lungsort und Handlungszeit dem Publikum sofort prä­
sent. Das heißt aber zugleich: die Ilias wies sich für den
Zeitgenossen—anders als für den m odernen Leser—bereits
m it ihren ersten Worten als Wiederholung aus. Zw ar
nicht als w ortw örtliche W iederholung (denn Auswendig­
lernen und Rezitieren waren in der griechischen Epik vor
der Schrifterfindung unbekannt), aber als W iederholung
einer bekannten Geschichte m it anderen Worten, also als
Version.
Dieser Wiedererkennungseffekt, der mit dem Anhören
epischer Versionen der Trojasage (ebenso wie anderer al­
ter Sagen) seit jeher verbunden war, hatte beim Publikum
der griechischen Aoiden im Laufe der Gesangsentwick­
lung konsequenterm aßen ein gänzlich anderes H örer-In­
teresse hervorgebracht, als es bei unserer Ilias-Lektüre uns
bestimmt: Dieses Publikum interessierten weniger die
Fakten und die großen Linien der Geschichte als ihre indi­
viduelle Fassung im jeweils aktuellen Vortrag eines Sän­
gers (das gleiche Hörer-Interesse hat zwei Jahrhunderte
später das athenische Tragödien-Publikum bestimmt).
Da weder die Geschichte selbst noch die Form, in der sie
dargeboten wurde (Hexameter, Formelsprache), für den
H örer den Reiz der N euheit hatten wie für uns, konnte
sein Interesse nur durch jenen Vorzug geweckt und wach­
gehalten werden, den jeder Nacherzähler traditionellen
Erzählguts (Märchen, Sage, M ythos), wenn er erfolgreich
sein will, beweisen muß: erzählerische Qualität. Das
heißt: der Sänger m ußte die Geschichte möglichst schön
erzählen, so schön, daß man als H örer eben erneut gefes­
selt war, am besten aber noch schöner, als man sieje zuvor
gehört hatte. >Schön< konnte dabei vielerlei bedeuten: ge­
schicktere und flüssigere Beherrschung der Formelspra­
che und der Vortragstechnik, bessere M otivierung, über-
legteren Aufbau, größere Anschaulichkeit, den Eindruck
höherer Authentizität (denn die Geschichte galt grund­
sätzlich als wahr, d. h. als tatsächlich geschehen), ganz all­
gemein die Erzeugung stärkerer Spannung und tieferen

95
Vergnügens. Dies alles waren gängige Kriterien, nach de­
nen die Qualität des Sängers und des Gesangs beurteilt
wurde; das wird für uns aus der indirekten Kunstkritik
(der >immanenten Poetik<) der Sängerszenen in der O dys­
see erkennbar (s. oben S. 40-42 und vgl. Kannicht 1980,
16-19).
Daß die Ilias Hom ers alle diese Kriterien erfüllte, in be­
sonders hohem Maß erfüllte, ist kaum zweifelhaft. Die
Tatsache jedoch, daß von den zahllosen vorgetragenen
Versionen der Trojasage, die es im 8. Jh. gegeben haben
muß, allein die von H om ers Ilias repräsentierte Version
der Ü berführung in die Schriftlichkeit für w ert befunden
wurde, läßt an ein weiteres K riterium denken, das das U r­
teil des Publikums - in diesem Fall vielleicht sogar ent­
scheidend - m itbestim m t haben könnte: die N euartigkeit
der Perspektive.
Z w ar sind uns andere epische Versionen der Trojasage,
die vor und neben der homerischen Version, also der uns
erhaltenen Ilias, vorgetragen wurden, nicht überliefert.
Wir können daher nicht m it B estim m theit sagen, ob, und
wenn ja, w orin sich die Perspektiven dieser Versionen
von der Perspektive der homerischen Ilias unterschieden.
Im m erhin sind Wahrscheinlichkeitsschlüsse möglich.
Ihre Basis bildet das Faktum , daß diese anderen Versionen
eben nicht erhalten w orden sind. Seine einleuchtendste Er­
klärung findet dieses Faktum in der Annahme, daß jene
vor- und nebenhomerischen Versionen bei aller vorauszu­
setzenden Variabilität im einzelnen (z. B. in der Länge, in
der Ausschmückungsfrequenz und -Intensität u. ä.) ins­
gesamt den Rahmen einer gew ohnten Machart, zu der
auch ein bestim m ter perspektivischer Standard gehörte,
nicht verließen, während die Ilias Hom ers diesen Rahmen
durch einen spektakulären Perspektivenwechsel sprengte.
N ahrung erhält dieser Schluß durch die Betrachtung der
Struktur einiger für uns noch in Fragmenten und Prosa-
Nacherzählungen greifbaren nachhomerischen schriftli­
chen Hexameter-Versionen der Trojasage, die als Reak­

96
tion auf den überragenden Publikumserfolg der Ilias und
der Odyssee alle in Ilias und Odyssee nicht behandelten
oder nur in Anspielungen berührten Sagenteile im 7.16.
Jh. nachträglich hinzu- oder, wie es die Griechen sahen,
>drumherum<-erzählten und so den >Kreis< der Sage, von
dessen Gesamtfläche die Ilias Hom ers nur ein relativ klei­
nes Teilstück abdeckte, zu seiner vollen Gänze, zum >Zy-
klus<, rundeten: die sog. >kyklischen< Epen (s. oben S. 80
und unten S. H 4f.). Es ist zwar durchaus nicht sicher, ob
die Perspektive dieser nachhomerischen schriftlichen
Troja-Epen ein getreues Abbild der Perspektive stoffglei­
cher vorhom erischer mündlicher Sängerversionen ist;
denn die Zielsetzung der Verfasser dieser kyklischen
Epen, Ilias und Odyssee in den Gesam tablauf der Troja­
sage >einzubetten<, dürfte eine Konzentration auf die pure
Ereigniskette und einen Verzicht auf Abweichungen,
Ausschm ückungen und eben auch auf mögliche perspek­
tivische Besonderheiten bew irkt haben, wie er für die in­
dividuellen Sängervorträge der vorhom erischen Singpra­
xis gerade nicht anzunehmen ist, und die Prosa-N acher-
zähler, denen wir unsere Kenntnis des Inhalts und Erzähl­
verlaufs der kyklischen Epen vorwiegend verdanken,
werden schon aus praktisch-pädagogischen Gründen
(ihre Kurzfassungen w urden später den Buchausgaben
von Ilias und Odyssee als hintergrundschaffende Einlei­
tungen vorangestellt) für weitere >Begradigung< gesorgt
haben. Dennoch spricht einiges dafür, daß die kyklischen
Epen zwar strafften und >zielten<, den Perspektivenstan­
dard der vorhom erischen Sängerversionen der Trojasage
aber grundsätzlich beibehielten. In diesem Falle wäre die
Perspektive der kyklischen Epen für uns also ein Mittel,
zur Perspektive der vor- und nebenhomerischen Versio­
nen zurückzustoßen und auf diesem indirekten Wege
doch noch jenen Perspektivenvergleich durchzuführen,
der für das erste Publikum Hom ers ganz selbstverständ­
lich war.
Wie also sieht die Perspektive der kyklischen Epen aus?

97
Ein gutes Beispiel gibt der noch erhaltene Beginn jenes
Teil-Epos aus dem Zyklus ab, das in der Originalfassung
in vier Gesängen die Ereignisse vor Ilios vom Tod Achills
bis zur Einholung des Hölzernen Pferdes in die Stadt er­
zählte und das zur U nterscheidung von Hom ers (großer)
Ilias den Titel Kleine Ilias trug. Dieser Anfang lautet so:

Ilios besing’ ich und das Land der Dardaner [*= Trojaner] mit den gu­
ten Fohlen,
um das die Danaer [= Achaier, Griechen] viel Leid erlitten, die Ares-
Diener [= starken Krieger],

Das erste Wort, das auch in diesem Fall das Them a nennt,
ist hier Ilios. D am it ist die Perspektive dieses Epos festge­
legt: es ist die der Außensicht. Ausgangspunkt der Erzäh­
lung sind die Großeinheiten: Stadt (>Ilios<) - Land (T and
der Dardanert) —zwei Völker (>Dardaner< und >Danaer<) -
leidensreicher Kampf. D em Leser steht sogleich ein gro­
ßes Bild - fast ein >Tableau< —vor Augen: Eine Stadt in ei­
nem reichen fremden Land, die Achaier in einem zähen
K am pf (>viel Leid erlitten<) bem üht, die Stadt in ihre Hand
zu bringen (>um das ...<). Die Erzählung beginnt hier also
gewissermaßen m it der Totale; sic w ird demnach in ihrem
weiteren Verlauf von außen nach innen, vom Großen zum
Kleineren Vordringen.
In dieser natürlichen Art, eine Geschichte zu erzählen,
werden w ohl in der Tat zahllose Sänger die Trojasage
bzw. Teile daraus ihren H örern dargeboten haben.
H om er wählt eine andere Perspektive. Er beginnt seine
Version der Sage so:

Den Groll singe, Göttin, des Peleiaden Achilleus!

Them a ist hier also nicht die Stadt und nicht der K am pf
um sie. Them a ist überhaupt kein äußeres Geschehen. Es
ist vielmehr ein Vorgang, der sich im Innern eines einzel­
nen abspielt: ein Groll. Die Erzählung beginnt also nicht
m it Großeinheiten. Sie setzt vielmehr im Kleinen und -
wie es scheint - Privaten ein, in der Seele eines Einzelhel­

98
den im Achaierheer: des Peleus-Sohns Achilleus. Die Per­
spektive ist dam it der des >natürlichen< Beginns entgegen­
gesetzt. Es ist die einer >Innensicht<: die Erzählung dringt
von einem Punkt im Innern allmählich Schritt für Schritt
nach außen vor, bezieht ausgreifend im m er größere Ge­
biete ein, bis schließlich ein Ganzes in den Blick kom m t.
O b bereits dies: die bloße Perspektiven-Um kehr, also
der Wechsel von der Außen- zur Innenperspektive, für das
Publikum Hom ers ganz neu war, w ird man bezweifeln;
denn größere Ereigniskomplexe aus der Sicht eines einzel­
nen darzustellen ist eine Technik des Erzählens, die sich zu
selbstverständlich einstellt (etwa bei der Gestaltung direk­
ter Reden in außenperspektivisch angelegten Erzählun­
gen), als daß man wagen dürfte, ihre Entdeckung erst H o­
mer zuzugestehen. N eu aber könnte die nochmalige >Ver-
tiefung< dieser Perspektive, d. h. ihre Verlegung >um eine
Stufe tiefen, ins Innere des Einzelhelden, sein.
Es ist ja nicht die Gesamtperson >Achilleus<, m it der die
Ilias beginnt. Sie setzt vielmehr m it der Bezeichnung einer
Stim m ung ein, ebenjenes >Grolls<. Es scheint nicht Ab-
sichtslosigkeit zu sein, daß der Beginn nicht lautet: >Singe,
Göttin, davon, wie der Peleiade Achilleus einstmals
grollte<, sondern daß die menis, der Groll, geradezu zum
Handelnden wird: »Den Groll singe, Göttin! der den
Achaiern Schmerzen brachte, viele Heldenseelen den Weg
zum Hades gehen ließ und die Leiber der Helden zur Beute
von streunenden H unden und Raubvögeln machte!« Die
Stim m ung, nicht die Person, ist es auch, diegewertet wird:
>...den Groll, den verfluchten^ (die Ü bersetzung >den
verderblichem o. ä. entspricht nicht dem Original-W ort­
sinn). D er Groll >tut< etwas, hat etwas >aufdem Gewissem
und w ird dafür verflucht. A ngekündigt w ird also nicht
eine Geschichte von einem edlen Helden und seinen Ta­
ten, sondern vom inneren Zustand eines Menschen und
seinen Auswirkungen. Das Interesse gilt nicht so sehr
dem, was der Mensch tut, sondern dem, was in ihm vor­
geht (und das Tun begründet). M an hat das m it Recht

99
>Verinnerlichung< genannt und eine Tendenz zur »Psy­
chologisierung des Faktischen der Sage« festgestellt [Kull-
mann 1981, 26]. Diese Tendenz zieht sich durch die ganze
Ilias hindurch. Sie verlegt das m ythische Geschehen um
eine Stufe tiefer, ins Innere, und indem sie es so vertieft,
erklärt sie es. So w ird die Ilias zur Interpretation der Tro­
jasage. Dies ist das eine Neue. Es ist ein Neues in der
Blickrichtung.
Ein zweites Neues scheint in der Sichttvehc zu bestehen;
man kann auch sagen, in der Wertung: Der Groll eines
Helden w ird verflucht, er zeigt sich nicht als etwas rüh­
menswertes Positives, sondern als negative Kraft:
... der den A c h a i e r n zahllose Schmerzen brachte
und viele starke Leben dem Hades [~ Herrn des Totenreichs] zuwarf,
Leben von Heroen!
Heldenzorn richtet sich in der Welt des Heroen-Epos
sonst natürlich gegen Feinde, gibt dem Helden Kraft zu
gewaltigen Taten. Hier richtet sich der Groll Achills ge­
gen die eigenen Leute, bew irkt den Tod der eigenen Ka­
meraden. Die Stoßrichtung ist also verkehrt. Was sich als
Kraft nach außen richten sollte, richtet sich als Schwäche
nach innen. Das Heldische erscheint nicht als das ge­
w ohnte Strahlende, sondern als etwas Dunkles, sogar Be­
drohendes. Dieser Eindruck w ird noch gesteigert durch
einen weiteren Schritt ins Negative: der Tod der Helden
wird nicht nur konstatiert, sondern auch noch gräßlich
ausgemalt:
...sie selbst [= die Helden] jedoch zu Beutestücken werden ließ für
und für die Vögel zum Bankett... [Hunde
(das griech. δαίς, das keinen schnellen Imbiß, sondern ein formelles
Gemeinschaftsmahl bezeichnet, beschwört das makabre Bild eines
Raubvögel-Festtagsmahls herauf).
Für einen M ann von Stand gab es auch zur Zeit Hom ers
nichts Ärgeres als die Vorstellung, nach dem Tod auf
freiem Felde unbestattet H unden und Aasgeiern zum Fraß
zu dienen. Die Ilias selbst berichtet im weiteren Verlauf
der Handlung von den regelmäßig geschlossenen Waffen-

100
Stillstandsvereinbarungen allein zum Zw eck der Leichen­
bergung. Demnach muß dieses Bild von prononcierter
Gräßlichkeit - wie H unde und Vögel Stücke aus den Lei­
chen reißen - am Anfang unserer Ilias bew ußt gesetzt sein.
Seine Botschaft ist: So ungeheuerlich hat sich der Groll
Achills auf seine Kameraden ausgewirkt!
Es ist schwer vorstellbar, daß diese Perspektive auf die
Helden des ruhm reichen Trojazuges gängig war. Der Ge­
sang vom K am pf der edlen Vorfahren um die Feste Troja
setzte hier ein mit einem Bild von tiefster Würdelosigkeit!
Das konnte seine W irkung auf das Publikum kaum ver­
fehlen. Em otionen w urden aufgerührt. Gewiß m it Recht
sagt ein antiker K om m entator zu dieser Stelle: >Die Er­
schütterung, die das Prooim ion (im Hörer) auslöst, über­
schreitet das gewöhnliche Maß< [s. Griffin 1980, 118]. Vor
allem E m pörung w ird wach gew orden sein, Em pörung
gegen den Verursacher zunächst: Achill, und gegen diesen
seinen >verfluchten Groll·. Das Harm oniebedürfnis des
Publikums war brüskiert, Ablehnung war geweckt —
möglicherweise nicht nur gegen die Figur, sondern auch
gegen ihren Erfinder. Das war nun allerdings - vom Au­
tor aus gesehen - ein unfehlbares Mittel, Spannung zu er­
zeugen. Das Neue, das die Ilias-Perspektive prägte,
scheint an diesem Punkte faßbar zu werden: Was m an hier
hörte, kann kaum m ehr der alte Heldensang gewesen sein.
Dessen Anfang hätte - wenn er schon nur einen Einzelnen
zum Them a machte - lauten müssen: >Achilleus will ich
preisen und seine großen Taten (bzw. Leiden)<. Statt des­
sen: >Vom Groll Achilleus’ will ich singen, der vielen Ed­
len seines eignen Volkes einen scheußlich würdelosen Tod
bereitetem Selbst zugestanden, daß auch vor H om er schon
- wie einige Forscher glauben - Achilleus der Held einer
Version der Trojasage war, daß es also auch vor H om er
schon eine alte >Achilleis< gab (in der vielleicht sogar schon
das M otiv vom beleidigt grollenden Helden, der die Ge­
meinschaft boykottiert, eine Rolle spielte): Daß ein per­
sönliches Gefühl und seine öffentliche W irkung jemals zu­

101
vor bereits in dieser pointierten Schärfe zusammenge­
rückt und als eigentliches Them a eines Heldenepos aus der
Trojasage angekündigt worden sein könnte, hat wenig
Wahrscheinlichkeit für sich. Wenn sich in diesem Bereich
auch nichts stringent beweisen läßt: der große dramati­
sche Schwung, der durch dieses Prooim ion geht, indem
ein Gefühl zum Subjekt gemacht und m it wenigen Wor­
ten zu einer alles erfüllenden und überdies noch negativen,
ja todbringenden W irkkraft gesteigert wird, kann für das
alte Sängerhandwerk kaum charakteristisch gewesen sein.
War die W irkung dieses so gar nicht im alten Sagenton
gehaltenen Beginns schon bis hierher stark, so erfolgt an
diesem Punkt noch eine weitere Steigerung:

Zeus’ Wille aber war’s, der sich darin erfüllte!

So war also dieses U ngew ohnte letztlich gar nicht Achil­


leus’ Schuld? War Achilleus som it nur ein Instrument?
D er Groll Achills und seine em pörenden Folgen —letztlich
Plan des höchsten Griechengottes? D er Fragedruck er­
reicht hier seinen Gipfelpunkt. Wie konnte es zu allen die­
sen Konsequenzen kom m en? Wo lag der Grund? Wie
folgte eines aus dem anderen? U nd w arum —dies vor al­
lem - hatte Zeus es so gewollt? Wie hing das alles in der
Tiefe m iteinander zusammen?
A u f diese von ihm bew ußt erzeugte gespannte Frage-
Atm osphäre beginnt der Dichter einzugehen, indem er
zunächst zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt: zum
Groll. Bis zum Ende von Vers 5 w ar er im m er weiter in
die Z ukunft dieses Grolles vorgestoßen, hatte im m er grö­
ßere Räume von diesem Groll erfaßt sein lassen: das
Achaierheer zunächst, sodann die U nterw elt (>Hades<),
zuletzt sogar - mit der Benennung des Zeus als des Verur­
sachers - den O lym p. D er Eindruck w ar entstanden, der
ganze Kosm os sei von Achilleus’ Groll erfüllt. Aus dieser
>kosmischen< Weite des vorausgeeilten Zukunftsblickes
lenkt der Dichter m it V. 6 wieder zurück in die >Gegen­

102
wart<, genau zu dem Augenblick, in dem der Groll ent­
stand:

Von dem Moment an, da im Streite auseinandertraten


der Atreide, Herr der Männer, und der göttliche Achilleus.

D am it steht der H örer m itten in der akuten Streitsituation


selbst, in der der Funke aufglomm. U nd hier beginnt nun
der Dichter die von Fragen überquellende Spannung des
Publikums in die von ihm gewünschten Bahnen zu len­
ken, gewissermaßen zu kanalisieren, indem er sich mit
klugem K unstgriff in die von ihm selbst erzeugte Stim­
m ung des Publikums hineinversetzt, sie aufgreift, zu sei­
ner eigenen macht: Er stellt die Fragen, die er evoziert hat,
selber:

(8)Wer von den Göttern hat denn diese beiden im Streite aufeinander­
prallen lassen?

Dies ist die erste Frage: wie kam es überhaupt zu diesem


Streit, der einen solchen Groll bewirkte? Es ist die urgrie-
chische Frage nach dem ersten Anfang, nach der arche
(αρχή). M it ihr stoßen Dichter, Werk und Publikum
über den Groll hinweg zunächst zurück in die Vergangen­
heit. Die Frage führt zu drei A ntw orten, von denen jede -
auf eine latente Frage Auskunft gebend —hinter die je vor­
ausgehende zurückgreift und so das zu schildernde Ge­
schehen im m er tiefer in der Vergangenheit verankert:

(9) Der Leto und des Zeus Sohn [= Apollon]! - Der n ä m lic h , voll Zor­
nes auf den König [= Agamemnon],
ließ eine Seuche übers Heer hin wüten, eine schlimme, und zugrunde
ging das Heervolk,
w e i l jenen Chryses würdelos behandelt hatte, einen Priester,
der Atreide. - Dieser n ä m lic h war gekommen zu den schnellen Schif­
fen der Archaier,
um auszulösen seine Tochter ... (usw.)

Dies also sind die drei A ntworten: (1) Apollon w ar U rhe­


ber des Streits (und dam it des Achilleus-Grolls). —Warum

103
und wie? - (2) Er zürnte dem Führer des Griechenheeres,
Agam em non, und sandte darum eine Seuche übers Heer,
so daß ein M assensterben ausbrach. - Warum w ar Apol­
lon in so großen Z orn auf A gam em non geraten? - (3)
A gam em non hatte einen Priester Apollons, den Chryses,
nicht geehrt. - M it der nächsten Frage, die sich hier lo­
gisch anschließt: Wie kam es zu dieser Entehrung und
w orin bestand sie?, und m it der A ntw ort darauf beginnt
schließlich die eigentliche Erzählung: Wie Chryses, die
Zeichen seiner Priesterwürde in der Hand und m it einer
großen Summ e Lösegelds gerüstet, ins Lager der Achaier
kom m t und vor aller Augen eine offizielle Freikaufbitte
für seine von den Achaiern gefangengenommene Tochter
Chryseis an die beiden Atriden richtet, wie diese m oderate
Bitte von A gam em non schroff abgeschlagen wird, wie
der Apollonpriester daraufhin seinen G ott um Beistand
bittet, Apollon sich em pört, die Seuche sendet... usw.
Das Prooim ion hat dam it seine Funktion erfüllt. Es hat
(1) in der Form des M usen-Anrufs ein Them a benannt:
Achilleus’ Groll;
(2) ein vorläufiges Erzählprogram m entwickelt, m it den
3 Program m punkten >Darstellung der Vorgeschichte
der Groll-Entstehung< - >die G roll-Entstehung selbst,
d. h. der Streit zwischen Agam em non und Achill· —
>die Folgen dieses Grolls für die Gemeinschaft^
(3) eine Überleitung zum Erzählbeginn geschaffen.
Das Prooim ion hat jedoch noch m ehr geleistet. Dadurch,
daß es nicht die ganze Trojasage oder bestim m te Teile da­
von angekündigt hat, sondern einen im Gesamtgefüge der
Sage vom Publikum vorerst nicht sicher zu lokalisieren­
den Einzelpunkt (>Groll des Achilleus<), dessen Bedeu­
tung es zugleich durch Emotionalisierung dramatisch ge­
steigert hat, hat es einen ungewöhnlichen Spannungsgrad
erzeugt. Dessen Eigenart und Intensität kann der m oderne
Leser allerdings nur nachempfinden, wenn er den Wis­
sens- und Erw artungshorizont des zeitgenössischen Pu­
blikums im Bereich der Troja-Epik kennt.

104
Der Rahmen des Themas: Die Trojasage und der Trojanische
Krieg (Mythos und Geschichte)

Die Trojasage war für das Publikum des 8. Jh. nur ein klei­
nes Teilstück aus einem großen Sagenschatz, der seiner­
seits wiederum nur Teil eines gewaltigen Reservoirs ver­
schiedenartigster Geschichten w ar (Märchen, Legenden,
Novellen, Abenteuer-Erzählungen usw.). Zu einem Teil
stam m ten diese Geschichten noch aus der gemeinsamen
indogermanischen Zeit vor der Abwanderung der Grie­
chen, zu einem anderen Teil waren sie erst in der neuen
Heim at entweder als Frem dgut von der einheimischen
Bevölkerung übernom m en oder im Zusam m enhang mit
neuen Erfahrungen und Erlebnissen selbst geschaffen
worden. D er Erzählungstyp >Sage< bildete innerhalb die­
ser Fülle einen eigenen Bereich. In der Erscheinungsform
der H elden- (und Götter-) Sage (die neben anderen Sagen­
typen stand) w ar er schon früh, wie die gemeinindoger­
manische Ruhm -Term inologie zeigt, in den Dienst der
Führungsschicht, d. h. des Kriegeradels, gestellt und
durch Ü berführung in das M edium einer speziellen (indo­
germanischen) Dichtersprache zum Instrum ent achtung­
gebietender Selbstdarstellung gemacht worden. Später, in
der neuen H eim at der Balkanhalbinsel, waren an die Stelle
alter, für uns nicht m ehr greifbarer Stoffe aus der gemein­
indogermanischen Zeit während der ca. 800 Jahre eigen­
ständiger Kulturentw icklung zwischen Einwanderung
und Katastrophe zahlreiche neue Inhalte getreten, die von
aufsehenerregenden Ereignissen im Bereich der neuen
Zentren ausgingen [Nilsson 1932; vgl. Bowra 1964, 28].
So entstand z. B. ein ganzer Sagenkomplex im Zusam ­
menhang m it kriegerischen Auseinandersetzungen um
das Z entrum Theben (u. a. die Sagen um Ödipus und um
die >Sieben gegen Thebern), ein anderer im Zusam m en­
hang m it ersten Entdeckungsfahrten ins Schwarze Meer,
die offenbar vom Z entrum Iolkos ihren Ausgang nahmen
(die Argonautensage m it dem >Goldenen Vlies< und mit

105
Iason und Medea), ein dritter im Zusam m enhang m it U n­
ternehm ungen des Zentrum s Pylos (Neleus-Nestor-Sa-
gen), ein vierter im Zusam m enhang m it Auseinanderset­
zungen zwischen den Zentren Tiryns und Mykene (Am-
phitryon-Alkm ene-Herakles-Sagen). Daß andere große
Zentren wie etwa Argos/Mykene oder Athen ebenfalls sa­
genbildend wirkten, m üßte als selbstverständlich gelten,
auch wenn w ir keine Reflexe davon etwa in Gestalt der
athenischen Theseus-Sage (jährlicher Tribut Athens an
das minoische Kreta; Errettung des Theseus aus dem La­
byrinth des M inotauros, d. h. aus dem Palast von Knos-
sos, durch Ariadne, usw.) oder in Gestalt der argivischen
Atreus-Pelops-Sage (>Pelopon-nesos< ~ [Halb-]Insel des
Pelops) hätten.
Viele dieser Geschichten, die m it wachsendem zeitli­
chen Abstand vom Ausgangs-Ereignis zu vielfältig inein­
ander verflochtenen Sagen wurden, dürften schon bald
nach dem Ereignis auch in die epische D ichtung über­
nom m en, also episiert w orden sein [Ritoök 1975]; die ver­
breitete Vorstellung, die Episierung sei erst nach dem Zu­
sam m enbruch der mykenischen K ultur erfolgt, geht von
der unausgesprochenen Annahme aus, ein überragend in­
teressantes Ereignis müsse erst zur Sage werden, bevor es
Gegenstand der D ichtung werden könne. Dagegen hat die
vergleichende Epenforschung an vielen Beispielen zeigen
können, daß überall dort, wo eine lebendige epische
K unstübung existiert, bedeutende Ereignisse sogar sehr
rasch zum Liede werden (so hat sich z. B. die 1876 gebo­
rene berühm te russische Bylinendichterin Marfa Krju-
kow a schon bald nach der gewaltigen Erschütterung der
russischen O ktoberrevolution von 1917 gedrängt gefühlt,
eine Bylina auf Lenin und Stalin zu dichten [Bowra 1964,
125]; viele vergleichbare Beispiele aus der neugriechischen
Volksepik in den Arbeiten von N otopoulos [Latacz 1979,
606]). Die Begründung für dieses Aktualitätsstreben le­
bendiger Epik (in einer medienlosen Zeit!) liefert Homers
Odyssee: Als der Sänger Phemios im Hause des Odysseus

106
von der »unglücklichen H eim kehr der Achaier von
Troja« singt (i, 326f.) - also von einem im Zeithorizont
der Odyssee hochaktuellen Ereignis (höchstens 9 Jahre zu­
rückliegend) - und Penelope ihn davon abzubringen
sucht, stellt sich der Sohn Telemachos gegen seine M utter
m it der Begründung »denn dasjenige Lied preisen die
Menschen stets höher, das ihnen jeweils als das neueste zu
O hren kommt!« (1, 351). D am it steht natürlich nicht im
Widerspruch, daß sich die D ichtung in Zeiten m it gerin­
gerem Reichtum an rühm ensw erten Ereignissen eher an
die alten Geschichten hält und sie in im m er neuen Varia­
tionen zu strahlenden Exempla vergangener Größe ausge­
staltet. Die Entstehungsphase vieler Episierungen (und
auch Sagen; denn Sagen setzen durchaus nicht »Ruinen
voraus« [Lesky 1967, 70; 1981, 21], sondern nur große Er­
eignisse und Taten) w ird man daher noch in die Zeiten vor
der Katastrophe setzen, die wahrscheinlich intensivste
Ausgestaltungsphase in die Zeit danach.
Wie für den Typus >Heldensage< überhaupt ist auch für
die griechischen Sagen und Sagen-Epen charakteristisch,
daß sie »an ein historisches Ereignis anknüpfen«, das sie
aber »von vornherein nicht in seiner historischen Faktizi­
tät konzipieren, sondern unter dem Gesichtspunkt des
>Ruhms<, der persönlichen Tat und Leistung, des Leidens,
der Schicksals Verstrickung usw.« [Schadewaldt 1970,
39 f.]. Als historische Quellen sind sie daher vornehmlich
indirekt verwertbar: sie sagen viel Authentisches über das
Denken derer aus, die sie erzählen, wenig Verläßliches
hingegen über das Ereignis, das ihnen zugrunde hegt. Sie
sind daher m ehr geistes- und kulturgeschichtliche als fak-
tengeschichtliche D okum ente. Daß das Grundgeschehen,
von dem sie ihren Ausgang nehmen, historisch ist, steht
zwar außer Zweifel, weil Historizität ein integrierender
Bestandteil von Sage (im Unterschied zum Märchen) ist
[Schadewaldt 1970, 40; vgl. Lesky 1967, 69], doch die ur­
sprüngliche Gestalt und Dim ension dieses Grundgesche­
hens ist aus ihnen allein in der Regel nicht rekonstruierbar.

107
Dies liegt in der Eigenart ihrer W irkungsabsicht begrün­
det: Weil Sagen - sei es in Prosa, sei es in Versen - nicht
m it dem Ziel erzählt werden, herausragende Geschehnisse
als Stationen von >Weltgeschichte< im Bewußtsein der
Menschheit zu verankern, sondern m it dem Ziel, solche
Geschehnisse als Paradigmen außergewöhnlicher Heraus­
forderungen und Bewährungen an künftige Geschlechter
weiterzugeben (nicht ohne pädagogische Absicht), sind
sie für Aus- und Um gestaltungen in hohem Maße offen.
Aufeinanderfolgende Epochen sehen alte Sagen jeweils
neu, weil sie sie nur im Lichte ihrer eigenen Erfahrungen,
Bedürfnisse und Wertvorstellungen sehen können. Sie se­
hen daher auch jeweils andere Einzelheiten, Merkmale,
Zusam m enhänge usw. innerhalb einer Sage als bedeut­
sam an. Infolgedessen werden Sagen im Laufe einer Er­
zähltradition so oft um gedeutet, um m otiviert, verkürzt,
erweitert, verdichtet, verdünnt, interpoliert, extrapoliert
und z. T. auch um gruppiert, daß ihre Ursprungsfassung
bald unkenntlich gew orden ist. Dessenungeachtet bleibt
eine Sage nach wie vor identifizierbar; denn ihre Grund­
konstellation w ird nicht verändert. Bei allen Um gestal­
tungen im einzelnen erfährt Ödipus doch stets, er werde
seinen Vater töten und seine M utter heiraten, und indem
er dies vermeiden will, realisiert er es.
Auch bei der Trojasage ist die Ursprungsfassung nicht
m ehr feststellbar. Sie w ar es zweifellos schon zu Homers
Zeit nicht mehr. Ihre Ausgangskonstellation m it den obli­
gaten >Eckdaten< jedoch w ar dem Publikum des 8. Jh.
wohlvertraut. Das geht aus den einschlägigen Anspielun­
gen in Ilias und Odyssee klar hervor [Kullmann 1981]. Die
>Rohform< der Sage sah danach etwa so aus:

In der reichen Stadtburg I l i o s / T r o j a in Kleinasien am Eingangstor zum


Hellespont (den Dardanellen) regiert ein mächtiger König namens
Priamos. Einer seiner Söhne, Paris mit Namen, kommt zu Schiff in
freundschaftlicher Mission ins Achaierland, zur Peloponnes, und ge­
langt nach S p a r t a , wo der Atreus-Sohn (= Atride) Menelaos herrscht.
Paris mißbraucht die Gastfreundschaft, die man ihm dort gewährt, in­

108
dem er die Frau des Menelaos, Helena, nach Troja entfuhrt. Menelaos
bittet seinen Bruder Agamemnon von A r g o s / M y k e n e um Hilfe. Eine
Delegation der Achaier, die in Troja die Rückgabe der Helena fordert,
wird von den Trojanern abgewiesen. Daraufhin fassen Menelaos und
Agamemnon (~ die A t r e i d e n oder A t r i d e n ) den Entschluß, die Heraus­
gabe Helenas militärisch zu erzwingen. Agamemnon fordert alle be­
deutenderen Machtzentren auf dem Festland und auf den Inseln auf,
Kontingente für eine gemeinsame Expedition nach Troja zu stellen.
Der Aufruf wird weithin befolgt.
Die Schiffe sammeln sich im Hafen von A u l i s in Boiotien, jedes
Kontingent unter seinem Kommandanten. Agamemnon wird der
Oberbefehl über das Unternehmen übertragen. Die Flotte segelt über
die Inseln L e t n n o s und T e n e d o s zum Hellespont hinüber (ca. 3 50 km)
und landet an der Küste der Troas (~ Landschaft um Troja). Nach­
dem ein erster Versuch, die Stadt zu stürmen, ebenso wie erste Ver­
handlungen gescheitert sind, setzt eine Belagerung ein, die sich wegen
des zähen Widerstands der Stadtbewohner und ihrer Alliierten aus den
benachbarten kleinasiatischen Völkerschaften wider alles Erwarten
von Jahr zu Jahr hinzieht. Sie ist gekennzeichnet durch ständige Ver­
suche der Belagerer, Troja durch Eroberung, Plünderung und Zerstö­
rung benachbarter Städte, Inselsiedlungen und Anbaugebiete von sei­
nem Hinterland und damit seinen Hilfsquellen abzuschneiden und auf
diese Weise mürbe zu machen. Der Plan geht nicht auf (nicht zuletzt
deswegen, weil die Götter über das Schicksal Trojas uneins sind). Erst
im 10. Kriegsjahr (nachdem endlich auch die pro-trojanische Götter­
fraktion ihren Widerstand aufgegeben hat) gelingt es, die Stadt durch
eine List zu nehmen: Nach einer Idee des klugen Odysseus wird ein
riesiges Pferd aus Holz gebaut. Sein Inneres wird mit ausgesuchten
Kriegern gefüllt. Das achaiische Belagerungsheer besteigt, scheinbar
entmutigt, die Schiffe und segelt ab (wartet aber außer Tagessicht­
weite auf ein nächtliches Signal aus der Stadt). Die Trojaner halten das
Pferd für ein Weihgeschenk an die Götter und ziehen es —trotz der
Warnung des Priesters Laokoon -, um sich seiner vermeintlichen
Schutzkraft zu versichern, in die Stadt. Während der Nacht klettern
die Achaierhelden aus dem Bauch des Pferdes, geben der bei T e n e d o s
stehenden Flotte ein Feuerzeichen und beginnen —bald verstärkt durch
das eilends wieder herangesegelte Hauptheer —, Troja in Brand zu
stecken. König Priamos und die männliche Bevölkerung werden ge­
tötet, die Frauen und Kinder als Sklaven in die Heimat mitgenom­
men.
Die Rückfahrt in die Heimat (der N o s t o s ) erfolgt nicht mehr in glei­
cher guter Ordnung wie die Angriffsfahrt zehn Jahre früher; einzelne
Kontingente und Einzelschiffe kommen z. T. weit von der Route ab;
manche Helden erreichen erst nach abenteuerlichen Irrfahrten Jahre
später ihre Heimat (Odysseus!). Troja aber ist für immer vernichtet.

109
Abgesehen von irrationalen Elementen wie der Götter­
handlung oder dem hölzernen Pferd (die aber als Gat­
tungskonventionen der griechischen Heldensage begrif­
fen und >weggedacht< werden könnten) erscheint dieser
G eschehensablauf- nicht zuletzt dank seiner verifizierba­
ren geographischen Detailgenauigkeit - völlig realistisch,
so daß er nicht nur dem Publikum des 8. Jh. (und der spä­
teren Antike), sondern auch dem der Neuzeit - z. T. bis
ins 20. Jh. hinein - weithin als historisch galt. Die Ilias, die
ein gut Teil dieses Ablaufs wiedergibt, erschien dann oft
als ein dichterisch nur leicht aufgehöhter Kriegsbericht.
D er Skeptizismus unserer Gegenwart hat das Pendel in
den letzten 40 Jahren stärker nach der anderen Seite aus-
schlagen lassen: die ganze Geschichte gilt heute oft als
Phantasie.
Eine ausgewogene M ittelposition läßt sich vielleicht
durch folgende Überlegungen erreichen: Den Vortrag des
Sängers m it einem authentischen Kriegsreport gleichzu­
setzen kam, wie auch wir noch sehen können, selbst dem
Ilias-Publikum nicht in den Sinn. Denn dieses Publikum
erwartete zwar vom epischen Sänger einen m öglichst ho­
hen Grad von Authentizität [Kannicht 1980, 16-19], aber
dieser Authentizitätsanspruch konnte sich im Sinne einer
Forderung nach Erzählkonstanz natürlich nur auf das
Grundgeschehen beziehen, dessen Veränderung ja in der
Tat die Wiedererkennbarkeit der Geschichte verhindert
hätte. Die Ausfüllung des durch die unveränderbaren
Eckdaten vorgegebenen Rahmens hingegen betrachtete
das Publikum als Sache des jeweiligen Sängers. Dies bele­
gen die Epen selbst. So stellt etwa Odysseus, als noch un­
erkannter Fremdling bei den Phaiaken weilend, dem Sän­
ger D cm odokos das Them a >Hölzernes Pferd< m it folgen­
der Thema-Beschreibung:

(8, 492)
»Nun aber geh zu einem andren Thema über und sing den Bau des
Pferdes
aus Holz, das Epeios gefertigt hat zusammen mit Athene

IIO
und das hinauf zur Stadtburg einst als List der göttliche Odysseus
schaffen ließ,
nachdem mit Männern er’s gefüllt, die dann auch wirklich Ilios ver­
heerten«.

Diese Rahmen-Vorgabe >Von der Erbauung des Pferdes


bis zur Eroberung der Stadt<, die in O dysseus’ Planskizze
lediglich 4 Verse um faßt, füllt D em odokos daraufhin mit
einem ausgeführten Gesang aus, für dessen Referierung
sich der Odysseedichter bereits 21 Verse Zeit nim m t (8,
500-521). In seiner Form ulierung dieser Referat-Verse
macht er darüber hinaus deutlich, daß die >wirkliche< Er­
zählung des D em odokos noch wesentlich ausführlicher
(also auch viel länger als 21 Verse) w ar (»und er sang, wie
die Söhne der Achaier die Stadt ganz zerstörten, / aus dem
Pferd hervorgeström t, nachdem das hohle Schlupfloch sie
verlassen, / und wie der eine hier, der andre dort die hohe
Stadt verwüstete, das sang er« ...: 8, 514—16). D em Sän­
ger wie dem Publikum w ar demnach durchaus bewußt,
daß an diesem Punkt jenes Elem ent der schöpferischen
Phantasie, das w ir das >fiktionale< nennen, zum Zuge
kam, indem der eine Sänger den Rahmen so, der andre an­
ders füllte (dieses Bewußtsein w ar ja die Voraussetzung
für die qualitativen Differenzierungen zwischen Sängern).
In die gleiche Richtung weist der vom Publikum als un­
verzichtbarer Bestandteil der epischen Erzählung angese­
hene Einsatz von direkten Reden: deren Fiktionalität
konnte ja keinem H örer, der auch nur zwei Versionen der­
selben Geschichte miterlebt hatte, entgehen. Authentizi­
tät in diesem Bereich bedeutete also nicht Treffsicherheit
im Hinblick auf eine unveränderliche dokumentarische
Wahrheit (die das Publikum ohnehin nicht kannte), son­
dern Treffsicherheit im Hinblick auf eine bestim m te (je
zeitgemäße) Publikum svorstellung von >Stimmigkeit<.
Authentizität bedeutete also für das Sängerpublikum je­
weils etwas anderes im Hinblick auf den Rahmen und auf
die Rahmenfüllung. Die m oderne Forschung hat diesen
Unterschied oft nicht beachtet und sich dadurch zu dem

III
Schluß verleiten lassen, die offenkundige Fiktionalität der
Rahmenfüllung beweise die Fiktionalität auch des Rah­
mens. Daß dies ein Irrtum ist, liegt auf der Hand. Es läßt
sich ja auch aus der offenkundigen Fiktionalität der diver­
sen Rom ane etwa über Napoleons Rußlandfeldzug nicht
der Schluß ableiten, der Feldzug selbst sei ebenfalls ein
Produkt der Phantasie. A uf diesem Wege ist die Historizi­
tät der ganzen Geschichte und speziell die Historizität des
Trojanischen Krieges (ein neuerdings wieder beliebt ge­
wordenes K ongreß- und Feuilletonthema) weder zu be­
weisen noch zu widerlegen. Sicherheit ließe sich nur
durch eine von Sage und Epos unabhängige Evidenz ge­
winnen. Bis dahin ist lediglich ein >Indizienprozeß< m it al­
len seinen U nw ägbarkeiten möglich.
Für die W ürdigung der Ilias als Kunstw erk ist die Histo­
rizität bzw. Fiktivität ihres vorgeblichen Ausgangs-Er­
eignisses ohne Bedeutung. Die Ilias bliebe ein literarisches
M eisterwerk, auch wenn der Trojanische Krieg nie statt­
gefunden hätte. D ennoch tut der m oderne Leser der Ilias
gut daran, das Epos von der Voraussetzung aus aufzuneh­
men, daß der Krieg historische Wirklichkeit war. Denn
nur so kann er auch in diesem Punkt die Rezeptionshal­
tung des Publikums H om ers zurückgewinnen und damit
die W irkung der Ilias auf dieses Publikum nachempfin­
den. Eine ironische Lesehaltung, die sich aus der intellek­
tuellen Eitelkeit des Bewußtseins kritischer Aufgeklärt­
heit ständig über den Text erhebt, m uß wissen, daß sie
sich der Chance des authentischen Kunsterlebnisses selbst
begibt.

Den augenblicklichen Stand jenes >Indizienprozesses< in Kürze zu refe­


rieren ist nicht möglich. Daß die Wiederentdeckung Trojas an Hand
der topographischen Angaben der Ilias durch Heinrich Schliemann im
Jahre 1870 immerhin die Historizität der Stadtburg Ilios/Troja erwie­
sen hat, fuhrt im entscheidenden Punkt nicht weiter: Die Historizität
einer k r ie g e r is c h e n A u s e i n a n d e r s e t z u n g zwischen den Bewohnern dieser
Stadtburg und den Achaiern ist mit der bloßen historischen Existenz
der beiden Kontrahenten nicht mitgegeben. Den Beweis der Histori­
zität eines Krieges könnte, wenn überhaupt, nur die Archäologie er­

112
bringen. Solange dies nicht geschehen ist, bleibt die Entscheidung für
oder gegen die Historizität eine Glaubenssache. Der Befürworter der
Historizität eines wie auch immer im einzelnen gearteten Zusammen­
stoßes kann heute immerhin mit machtpolitischen Analogien inner­
halb der Entwicklung der Achaier-Kultur operieren, die bis zur Ent­
zifferung der Linear B-Schrift im Jahre 1952 noch nicht zur Verfügung
standen: Seit dem 15. Jh. hatte die mykenische Kultur »auf dem Wege
der Eroberung und der Kolonisation [...] nach Kreta, weiter auch
nach Rhodos, Zypern und auf die kleinasiatische Küste übergegrif­
fen« [Gschnitzer 1981, 10]. Die Burg am Südeingang der Dardanellen,
deren bedeutende Befestigungs-Überreste auf dem heutigen Hügel
Hissarlik in der Nähe von Qanakkale kontinuierliche Besiedlung von
ca. 3200 bis ca. 1200 bezeugen, mag wegen ihrer beherrschenden Posi­
tion am damals wie heute wichtigen einzigen See-Zugang zum
Schwarzmeergebiet die Griechen der Vorkatastrophenzeit nicht we­
niger interessiert haben. Daß es zu einer kriegerischen Expedition
auch dorthin kam —wie etwa 2 Jahrhunderte zuvor nach Kreta —, ist
eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich. Dagegen ist die Vorstel­
lung, ein Sänger der Nachkatastrophenzeit habe, überwältigt vor den
Ruinen Trojas stehend, das Unternehmen systematisch erdichtet,
wohl eher eine romantische Vision. Doch sind natürlich auch manche
andere Entstehungswege der Sage denkbar. Solange Trojas Ge­
schichte archäologisch im dunkeln bleibt (vielleicht sind wichtige
Aufhellungen von der weiteren Grabungstätigkeit in dem 1982 vom
Tübinger Vor- und Frühgeschichtler Manfred Korfmann entdeckten
>Achäerhafen< und im 1984 vom gleichen Forscher entdeckten ausge­
dehnten Friedhof beim Yassitepe an der Be§ik-Bucht, der offenbar aus
der Schicht VI h stammt, zu erwarten [Korfmann 1984. 1985; persön­
liche Mitteilungen 1985]), empfiehlt es sich, die Historizitätsfrage als
Spezialproblem zurückzustellen und sich auf die Ilias als Kunstwerk
zu konzentrieren.

Die oben vorgeführte >Rohform< der Trojasage hat viel­


leicht bereits einen B egriff von den M öglichkeiten ver­
mitteln können, die dieser ausgedehnte Stoffkomplex epi­
scher Verarbeitung bot. Der Sänger konnte zusammen­
hängende Teile daraus zu in sich geschlossenen >Kapiteln<
runden (wie die >Zerstörung Trojas< - Iliupersis —, die De-
m odokos in 8, 500-520 singt, s. oben; oder die >Heimkehr
der Achaien - N o sto s-, die Phemios in 1, 326f. vorträgt),
er konnte aber auch durchgehende Linien verfolgen, Ein­
zelschicksale zum Them a machen oder Einzelepisoden
ausgestalten (so singt Dem odokos nach 8, 75-82 einen
>Streit zwischen Odysseus und dem Peleiden Achilleus<,
der wahrscheinlich in die Vorgeschichte des Trojanischen
Krieges - also in den Stoffkomplex der späteren >Kypria< -
gehörte). Die ganze Geschichte in einem einzigen Zuge
episch zu erzählen w ar dagegen wohl nur am Beginn der
Sagenbildung möglich. Schon bald dürfte die Ausgangs­
konstellation durch Erfindung neuer Figuren und Hand­
lungszüge so stark angereichert gewesen sein, daß eine
Gesamterzählung, die ja wie jeder Epenvortrag gewisse
Zeitgrenzen einzuhalten hatte, nicht m ehr durchzufuhren
war. Eine Gesamterzählung als systematische Zusam ­
menfassung am Leitseil der Handlungschronologie
konnte w ohl erst zustande kom m en, als die Verfügbarkeit
der Schrift die Rücksichtnahme auf die Aufnahmefähig­
keit eines A uditorium s entbehrlich machte. Daß aber
selbst da noch bestim m te Aufteilungskonventionen vor­
homerischer mündlicher Darbietungspraxis ihre Wir­
kung taten, zeigt die Stückelung der Sage in den nachho­
merischen kyklischen Epen:

i. K y p r ia (= Vorgeschichte des Krieges und Geschichte des


Krieges bis zum Einsetzen der I l i a s , 11 Bücher),
(2. I lia s )
3. A i t h i o p i s (= Nachgeschichte der I l i a s , d. h. Fortsetzung der
Geschichte des Krieges bis zu Achills Tod durch Paris
und Apollon, 5 Bücher),
4. K l e i n e I li a s (= Fortsetzung: Vom Streit zwischen Odysseus und
Aias um des gefallenen Achilleus Waffen bis zur Ein­
holung des Hölzernen Pferdes, 4 Bücher),
5. I li u p e r s i s (= Fortsetzung: Von der Laokoon-Szene beim Höl­
zernen Pferde über die Zerstörung Trojas bis zur Ab­
fahrt der Achaier in die Heimat, 2 Bücher),
6 . N o s to i (= Nachgeschichte des Krieges: Die Heimkehr der
Trojakämpfer bis zur Rückkehr des Agamemnon
und des Menelaos mit Helena, 5 Bücher),
(7. O d yssee) (= die spezielle Geschichte von der Heimkehr des
Odysseus)
8. T e le g o n ia (= Fortsetzung der O d y s s e e : Von der vollendeten
Heimkehr des Odysseus bis zu seinem Tode, 2 Bü­
cher) .
Selbst w enn man manches in diesen schriftlichen Epen dem
Systematisierungs- und Perfektionierungsstreben der be­
reits >konservierend< denkenden Verfasser zuschreibt,
wird doch ein Stoffreichtum der Troj asage schon in vorho­
merischer Zeit deutlich, der Vollständigkeit im normalen
mündlichen Sängervortrag ausgeschlossen haben dürfte.
U m Vollständigkeit (scheinbar) dennoch zu erreichen,
w ar eine ganz neue Erzählstrategie und -technik nötig. Es
scheint, daß deren Erfindung eine der großen Leistungen
Hom ers war. Die neue Perspektive der Ilias scheint eine
Ausprägung eben dieser neuen Technik zu sein.

Die Entfaltung des Themas: Der Handlungsplan

Für ein Publikum, das die gesamte Trojasage kannte,


m ußte das Ilias-Prooimion die Ankündigung einer Episo­
dendichtung bedeuten. Deren Them a —Groll als Folge ei­
nes Streites - w ar an sich nichts Ungewöhnliches. Bei
dem hohen Rang, den in der Adelswelt die Ehre (und ihre
Voraussetzungen wie z. B. Geachtetheit auf Grund von
Leistung und Besitz) einnahm, waren Streitigkeiten zwi­
schen Angehörigen des gleichen Hauses, Clans, des glei­
chen Lagers im Kriege usw. unvermeidbar. Die Dichtung
nahm das als stehendes M otiv des Heldenepos auf. So ist
bei H om er z. B. der Streit zwischen Odysseus und Achil­
leus, den die Odyssee einmal im Vorübergehen als Thema
eines Demodokos-Liedes nennt (8, 75-82, vgl. oben. S.
113 f.), ein Hinweis au f eine Episode, die im Gesamtge­
füge der Trojasage seit altersher irgendw o ihren festen
Platz gehabt haben wird, und jener folgenreiche Streit
zwischen Odysseus und Aias um Achilleus’ Waffen, von
dem w ir aus der Kleinen Ilias wissen (s. oben S. 114), war,
da er m it Achilleus’ Tod verknüpft ist, sicherlich seit jeher
ein fester Teil der Troja-Epik. — Auch Zorn (Groll) als
Nachwirkung eines Streites (oder einer latenten M einungs­
verschiedenheit) und mit der Folge, daß der Zürnende die
Sache des Beleidigers (selbst wenn es zugleich seine eigene
ist) schädigt oder hintertreibt, ist im Heldenepos nichts
Unbekanntes [Bowra 1964, I32ff.; Patzer 1971,46]; in der
Ilias >schmollt< z. B. Paris im 6. Gesang (VI 326; ein im
Kontext stumpfes M otiv), und im 11. Gesang liegt der
Aitolerheld Meleager trotzig bei seiner Gattin Kleopatre,
»den herzkränkenden Z orn [gegen seine M utter] verko­
chend« [Schadewaldt], während die Feinde schon die
M auern seiner Vaterstadt K alydon, erklim m en (XI
553 ff.); in der Welt der G ötter vollends, dem Spiegelbild
der M enschendinge, sind Z orn und Groll ganz an der Ta­
gesordnung [Irmscher 1950].
Es ist daher nicht ausgeschlossen, daß ein Streit zwi­
schen dem Oberfeldherrn Agam em non von A rgos/M y-
kene und dem Peleus-Sohn Achilleus aus Phthia in Thes­
salien schon vor H om er Bestandteil der Troja-Epik war.
Es kann dabei sogar bereits um das Ehrengeschenk (γέ­
ρας, geras) >Beutemädchen< gegangen sein [Reinhardt
1961, 56-63]. Selbst ein zeitweiliger Kam pfboykott
Achills könnte in vorhom erischer Dichtung bereits vor­
gekom m en sein. Manche Eigentüm lichkeit des Ilias-An­
fangs - z. B. der erstaunliche Um stand, daß erst im 2. Ge­
sang (V. 295) der Handlungszeitpunkt (9. Kriegsjahr),
und zwar als etwas ganz Selbstverständliches, genannt
wird - w ürde sich erklären, w enn der Dichter insoweit
noch m it dem Vorwissen seiner H örer rechnen konnte.
Ganz unwahrscheinlich aber ist es, daß dieses Teilstück
der Sage: >Streit Achilleus-Agam em non und Achilleus’
Grolh, die Bedeutung einer >Durchgangsstation< jemals
zuvor schon überschritten hatte und als alleiniger Gegen­
stand eines Epos angekündigt worden war. N och un­
wahrscheinlicher wäre die Annahme, bereits vor H om er
könnte ein Sänger nicht den Streit als solchen zum Them a
gemacht haben, sondern die Darstellung dessen, was als
Folge eines solchen Streites in der Seele eines Helden ent­
steht und seine W irkung auf den Helden selbst und seine
U m w elt ausübt.

116
A u f die eigentümliche Spannung des Publikums ange­
sichts dieser N euartigkeit reagiert H om er m it einer The­
m a-Entfaltung, die eine neue Überraschung in sich birgt.
Diese Them a-Entfaltung entwickelt nämlich einen Hand­
lungsplan, der über eine Episodendichtung weit hinaus­
reicht. Die >neue Perspektive< entpuppt sich hier als neu
auch im strukturellen Sinn: Die Psychologisierung er­
m öglicht die Behandlung der ganzen Sage in einem ihrer
Teile. Die Hauptm ittel dafür sind Verdichtung und Spie­
gelung. Verdichtung: Eine Figur, die in der Gesamtsage in
soundsovielen Einzelszenen und -Situationen ihr Wesen
gewissermaßen in der Addition erkennen ließ, w ird in der
Ilias auf nur wenige oder einen einzigen A uftritt be­
schränkt, der aber alles, was die Figur ausmacht, zusam­
menzieht. - Spiegelung: Stationen der Sage, die, weil sie
sagenchronologisch vor oder nach der Iliashandlung he­
gen, direkt in der Ilias nicht erscheinen können, werden
auf dem Wege über symbolische Ersatzhandlungen oder
auf andere Weise dennoch in die Ilias >eingespiegelt<. So
kann die Ilias Episodenhandlung bleiben und dennoch das
Ganze der Sage sein. Wie das im einzelnen erreicht wird,
beginnt sich bereits in der Art der Them a-Entfaltung ab­
zuzeichnen.
Diese Them a-Entfaltung beginnt m it der Ausführung
der drei im Prooim ion angekündigten Program m punkte:

(1) Die Vorgeschichte von Achilleus’ Groll. —D er fremde


Apollonpriester Chryses, dem die Achaier bei einem ihrer
Beutezüge seine Tochter Chryseis geraubt haben, kom m t
ins Lager und bittet maßvoll »alle Achaier« (1 15), »beson­
ders aber die beiden Atriden«, ihm gegen ein hohes Löse­
geld die Tochter zurückzugeben. »Die anderen Achaier
alle«, heißt es, »stimmten zu, den heiligen M ann zu achten
und das glänzende Lösegeld zu nehmen« —nur Agam em ­
non lehnt brüsk ab. E rjag t den alten M ann m it einer Rede
fort, die nicht nur menschlich kränkend ist, sondern auch
gotteslästerlich:
(26)
» D a ß ic h d ic h , A l t e r , n u r n ic h t h e i d e n h o h l e n S c h i f f e n tr e ffe !
( s e i ’s , d a ß d u J e t z t n o c h s ä u m s t, s e i ’s , d a ß d u w i e d e r k ä m e s t ) .
D a n n m ö c h te n d ir k a u m n ü t z e n S t a b u n d G ö tte r b i n d e ! -
D i e a b e r g e b e ic h n i c h t frei! Zuvor wird noch das Alter sie ereilen
in unsrem H of in Argos, fern von ihrer Heimat,
beim Weben - und Besteigen meines Bettes! -
Geh! Rege mich nicht auf! Damit du noch ein wenig heil nach Haus
kommst!

Dies ist die erste eines bestim m ten Typs direkter Reden,
denen in der homerischen Poetik eine herausragende Rolle
zukom m t: Sie machen direkte Personencharakterisierun­
gen überflüssig, program m ieren den weiteren H and­
lungsablauf, bringen dramatische Bewegung in die Er­
zählung, führen die gew ohnte D enk- und Fühlweise des
Publikums in die uralte Geschichte ein und lenken unauf­
fällig die Rezeption. Agamemnons Rede charakterisiert
den ranghöchsten der Achaier als überheblichen und zyni­
schen (».. .und beim Besteigen meines Bettes«) A utokra­
ten, m otiviert durch die verächtliche Geringschätzung der
Priesterwürde des Bittenden das Eingreifen der göttlichen
Instanz (Apollon), bereitet in der äußeren wie in der inne­
ren Kausalität den Konflikt m it Achilleus vor, ermöglicht
dem Publikum die Assoziation von ähnlichen Menschen­
typen aus dem eigenen Erfahrungsraum und läßt m it der
Sympathie für den davongejagten Chryses, das Opfer, er­
ste Antipathien gegen A gam em non aufkommen.
D er Priester geht zum M eeresstrand und betet zu sei­
nem G ott Apollon, Rache an den Achaiern insgesamt zu
nehmen. Z um erstenmal klingt das Grundthem a der Ilias
auf: Wie das Fehlverhalten eines Einzelnen die Gesamtheit
schädigt. Wie Chryses wird 300 Verse später auch Achil­
leus zum Strand gehen und seine göttliche M utter Thetis
bitten, Rache an den Achaiern insgesamt zu nehm en (I
348ff.). U rheber der dann folgenden schlimmen Vergel­
tung ist in beiden Fällen Agam em non. Die Problem atik
der Führerschaft w ird erstmals sichtbar: Führung, die sich
nur auf M acht stützt, stiftet Unheil. Schwer zu glauben,

118
daß hinter dieser Lehre nicht H om ers eigene Erfahrung
steht. Die M ahnung mag Gefährdungen der Adelsfüh-
rung widerspiegeln, die für ein scharfes Auge schon zu
H om ers Zeit am H orizont erkennbar waren.
Apollon hört und hilft (wie später Thetis). Er schreitet
vom O lym p herab, »Zorn im Herzen«; die Pfeile, die die
Pest bedeuten, geben einen drohenden Klang in seinem
Köcher, während er dahingeht, »der N acht gleichend«.
Er setzt sich etwas abseits von den Schiffen und schießt
den ersten Pestpfeil ab,
(49)
und schrecklich war der Klang des Silberbogens.
Zuerst zielt er nur au f die M aultiere und auf die Hunde,
dann au f die Helden selbst,
(53)
und ständig brannten da die Scheiterhaufen mit den Leichen, dicht an
^ dicht.
DerGriff, den Vater des geraubten Mädchens Priester sein
zu lassen, erweist sich als wohlbedacht: Chryses’ Beleidi­
gung bedeutet so die Verletzung nicht nur menschlicher,
sondern auch göttlicher N orm en. D am it ist die Einbezie­
hung der göttlichen Sphäre in die Handlung vollzogen
und die durchgängige Zweistöckigkeit des Ilias-Gesche­
hens in Gang gesetzt: eine menschliche und eine göttliche
Handlungsebene laufen parallel nebeneinander her; sie ha­
ben jede ihre eigene Autonom ie, greifen aber punktuell
oder streckenweise im m er wieder in die jeweils andere
über: die Menschen bitten, die G ö tter-ein m al eingeschal­
tet - nehm en auch von sich aus Anteil; ein vielfach ver­
schlungenes Gewebe von Interessenverflechtungen und
Interdependenzen entsteht: für den Dichter, der dies alles
überschaut und in der Hand hält, ein einzigartiges Mittel,
die H andlung im m er wieder neu zu motivieren, das
Handlungstem po durch G öttereingriff zu beschleunigen
bzw. zu retardieren, das irdische Geschehen moralisch in­
direkt zu werten und so das Publikum zur richtigen Deu­
tung seiner Aussageabsichten zu führen.
Die Pest im Lager dauert neun Tage an. Am zehnten be­
ruft Achilleus die Heeresversam m lung ein;
(55)
denn dem hatte es in den Sinn gelegt die weißarmige Göttin Hera,
da sie sich sorgte um die Danaer, als sie erblickte, wie sie starben.

Warum das Interesse Heras, der G ötterm utter, der Gattin


des höchsten Gottes Zeus, an der Unversehrtheit der
Achaier? Wieder ist das Vorwissen des Publikums in die
Erzählung einbezogen: Hera ist - wie Zeus’ mächtige
Tochter Athene - Trojas tödliche Feindin seit dem Paris-
Urteil: Einst hatte Paris als Hirte auf dem Berge Ida in der
Troas zwischen den drei G öttinnen Hera, Athene und
Aphrodite entscheiden müssen: Welche w ar die schönste?
Er sprach den Preis der A phrodite zu (weil diese ihm die
schönste Frau der Welt versprochen hatte: Helena). Seit­
dem verfolgen die beiden anderen Göttinnen —zurückge­
setzt, gedem ütigt - Paris und sein Volk mit Haß [Rein­
hardt 1948, 19]. Es zeigt sich: Der Dichter bedient das In­
strum ent des M ythos souverän auf mehreren Manualen
zugleich: Apollon hatte au f ein Stoßgebet hin eingegriffen
und durch diese Spontanaktion Trojas Belagerung gefähr­
d e t- Hera greift ungebeten ein, weil sie durch diesen aktu­
ellen >Zufall< viel ältere und tiefere Interessen gefährdet
sieht: ihren Wunsch nach Trojas Fall. Den Achilleus aber­
ausgerechnet ihn - macht Hera nach des Dichters Willen
zu ihrem Instrum ent deshalb, dam it er in den akuten Kon­
flikt m it A gam em non hineingeraten und dadurch dann
zum Beleidigten und Grollenden werden kann: man sieht
dem Dichter zu, wie er die Fäden zieht.
Die Heeresversam m lung ist einberufen. D am it tritt die
Erzählung in den zweiten der drei Program m punkte des
Proim ions ein:

(2) Die Groll-Entstehung. - Achilleus redet Agamemnon


als der besorgte K om m andeur der Teilstreitmacht der
M yrm idonen und als Repräsentant der aktuellen Stim­
m ung im Belagerungsheere an:

120
(5 9 )
»Atride! Jetzt - so glaub’ ich - werden wir zurückgetrieben
wieder nach Hause kehren müssen - falls wir überhaupt dem Tod ent­
gehen
wenn - wie man sieht - zugleich Krieg die Achaier niederzwingt und
Pest! -
Wohlan! So laß uns einen Seher fragen oder Priester,
vielleicht auch einen Träumedeuter (ist doch auch der Traum von
Zeus);
der sage uns, warum so sehr in Zorn geraten ist Phoibos A pollon...«.

Der Seher Kalchas steht auf. Achilleus hatte offenbar aus­


drücklich vermieden, seinen N am en zu nennen (warum,
wird sich gleich zeigen), aber natürlich weiß er, wie jeder
Anwesende, daß nur er gemeint sein kann. Bevor er
spricht, wird er in seinem Rang bedeutungsvoll gestei­
gert: (69) »... von den Vogelschauern weitaus der beste, /
der Wissen hatte übers Seiende und Künftige und über das
Vergangene / und der den Schiffen der Achaier hin nach
Ilios den Weg gewiesen hatte / durch seine Seherkunst -
die ihm Phoibos Apoll verliehen...«. Kalchas also der
Vertreter der >geistlichen< Macht, Apollon-Priester auch
er, viel ranghöher jedoch als Chryses, und für die Achaier
insgesamt von höchstem Wert - eine heimliche Gegen­
macht, so scheint es, gegen Agam em non. Was er sagen
wird, versteht man, w ird gewichtig sein. Doch er schrickt
zurück. Er weiß ja, wen er als Schuldigen an dieser tödli­
chen Epidemie benennen muß. Die Wahrheit ist gefähr­
lich. Zuerst soll ihm Achilleus Sicherheit garantieren.
U nd Achill willfahrt ihm:

(«5)
»Sei ganz getrost und sag das Götterwort, von dem du weißt!
Nicht nämlich —bei Apollon, der Zeus lieb ist und zu dem du, Kal­
chas,
betend den Danaern die Göttersprüche aufdeckst -
nicht wird, solange ich am Leben bin und auf der Erde blicke,
dir einer bei den hohlen Schiffen schwer die Hände auf die Schultern
legen
von den Achaiern allen - auch nicht, wenn du den Agamemnon nenn­
test -,

121
der augenblicklich von sich sagen kann, er sei der weitaus beste der
Achaier!«
Auch hier wieder die Funktionenvielfalt der Rede: Z u­
nächst die Charakterisierung: Achilleus der U nerschrok-
kene, der H ort der Schwächeren, zugleich auch der Spon­
tane, schnell bei der Hand m it schweren Selbstverpflich­
tungen. - Dann die Program m ierung: Natürlich w ird Kal-
chas —so erkennt der H örer —auf diese Garantie hin reden,
der große Streit ist schon im Rollen. —Schließlich die im ­
manente Hörerlenkung: Sieht das nicht aus wie unausge­
sprochenes Zusammenspiel? Zuerst der N am e Kalchas
klug vermieden, dann —als wäre gerade dies das Stichwort
—Kalchas prom pt aufgestanden; die Garantie-Erklärung
von dem gegeben, der die Versammlung einberufen und
die Befragung »irgendeines Sehers - kann auch ein Priester
oder Traum deuter sein...« vorgeschlagen hat; am Ende
innerhalb der Garantie-Erklärung der N am e >Agamem-
non< scheinbar nur hingeworfen, als undenkbar lächerli­
ches Äußerstes, das nur die Garantie bekräftigen soll... Ist
da nicht eine stille Allianz am Werke zwischen denen, die
die bessere Einsicht haben, denen es um das Ganze geht, die
den Aufbrausenden, auf seine oberste Entscheidungsge­
walt trotzig Pochenden seit langem kennen und ihn unauf­
fällig in die richtige Richtung lenken wollen? Dazu aber
muß ausgesprochen werden, was der Betroffene von sich
aus niemals einsehen und bekennen w ü rd e...
Kalchas spricht es aus: D er Schuldige ist - Agam em ­
non. Da er Apollons Priester Chryses nicht geachtet hat,
»gab der aus der Ferne treffende Apollon Schmerzen und
wird sie weiter geben« - so lange, bis das Mädchen C hry-
seis dem Vater (und nun ohne Lösegeld) in Chryse wieder
übergeben und er, Apollon selbst, durch ein großes Opfer
versöhnt ist!
Da ist es nun heraus. A gam em non erhebt sich,
»schwarz vor Wut«, und seine Augen blitzen. Zuerst ein
scharfer Hieb gegen Kalchas (ein Hieb, der die latente
Gegnerschaft bestätigt):

122
(ιο6)
»Unglücksseher du! Hast mir noch niemals etwas Freundliches ge­
sagt! Und jetzt nun wieder dies! Ich also soll schuld sein —weil ich das
Lösegeld für Chryseis nicht nehmen wollte! Sicher —wollte ich auch
nicht! Wollte sie lieber zu Hause haben; hab’ sieja Klytaimestra vorge­
zogen, meiner Frau, weil sie nicht schlechter ist als sie... Nun denn,
trotzdem! So geb’ ich sie zurück. Denn ic h will lieber, daß das Heeres­
volk gesund ist, statt hinzusterben. - Aber dafür schafft ihr auf der
Stelle mir eine andre Ehrengabe her, damit ich nicht als einziger von
den Argeiern ohne Ehrengabe bin! Das schickt sich nicht!«
Achilleus ist fassungslos. Kopfschüttelnd und erbost zu­
gleich gibt er zur A ntw ort:
(1 2 2 )
»Atride, höchstgeachteter! Habgierigster von allen!
Wie sollen denn die hochgemuten Achaier dir ein g e r a s geben?
Es ist doch alles längst verteilt, soll man’s etwa von den Besitzern wie­
der einsammeln? Nun laß doch dieses Mädchen schon d e m G o t t ! Wir
werden es dir dreifach, vierfach wiedergeben, sobald uns Zeus die
schön-ummauerte Stadt Troja in die Hand gibt!«
H ier ist der Punkt, an dem die Kontroverse noch beendet
werden könnte. Achilleus’ Vorschlag ist vernünftig (und
A gam em non w ird ihn gleich befolgen). N ur einen Fehler
hat Achill gemacht (hat ihn machen müssen, er wäre sonst
nicht Achill): Er hat, über das aktuelle Streitproblem ein
Stück hinausschießend, verraten, was er allgemein von
A gam em non hält: »Habgierigster von allen!« und: »Man
kann doch nicht das schon Verteilte wieder einsammeln!«
Da w ird Geringschätzung faßbar, fast Verachtung: >Raf-
fer! Kleingeist! Prinzipienreiter! <- Agam em non fühlt sich
(mit Recht) in seinem Innersten getroffen. D er Streit gerät
ins Prinzipielle. Das M ädchen steht nicht m ehr im M ittel­
punkt (es w ird zwischenhinein auf ein Schiff beordert, das
nach Chryse abgehen soll). Es geht jetzt nur noch um den
tiefen Gegensatz zwischen diesen beiden Menschentypen,
den beide offenbar seit jeher fühlen und an dem sie beide
leiden. Das bricht plötzlich auf, in einer Explosion des
lange Aufgestauten:
»Versuche nicht, mich auszutricksen! Willst ja nur selbst
A gam em non:
dein Ehrengeschenk behalten und triumphierend zusehn, wie ich

123
ohne eines dasitze! Nein! Entweder geben die Achaier mir ein Äquiva­
lent, oder ich hole mir selbst eines - von dir, oder von Aias, oder von
Odysseus! - Doch dazu später!«
A c h i l l e u s : »Schamloser! Gewinnsüchtiger! Wie soll dir einer noch Ge­
folgschaft leisten?!
(152)
Bin ich doch nicht der Troer wegen, jener Kämpfer mit der Lanze,
hierher zum Kampf gekommen; denn m i r sind sie ja nichts schuldig!
Haben noch niemals m e i n e Rinder fortgetrieben oder Pferde,
noch nie in P h t h i a - dem breitscholligen, das seine Leute nähret -
der Feldfrucht Schaden zugefugt...
(158)
Du warst es doch, Schamlosester, dem wir gefolgt sind, auf daß d u
dich freutest!
um Ehre zu verschaffen Menelaos und auch d ir , Hundsäugiger!
Ehre von den Troern!«
Eine lang zurückgehaltene Rechnung w ird da aufge­
macht: Gefolgsmann auf der Basis purer Freiwilligkeit,
nicht U n terg eb en e r-u n d doch niemals gleiches Recht ge­
nossen wie der andere! Dem Agam em non an Leistung
weit überlegen - und doch stets nur mit dem geringeren
Beuteanteil abgespeist! U nd dann die D rohung: »Schluß
damit jetzt! Ich gehe heim nach Phthia! Ich denk’ja nicht
daran, hier ohne Ehren deinen Reichtum zu vermehren!«
Der Streit treibt auf den Gipfel zu. A gam em non nim m t
die >Rücktrittsdrohung< an:
N ur zu! Mach dich davon! Ich bitte dich mit keinem Wort, um mei­
netwillen hierzubleiben. Da sind genügend andre, die mich achten,
vor allem Zeus! Du aber bist mir der verhaßteste der Fürsten! A uf gar
nichts andres aus als Streit und Krieg und Schlachten! A uf deine Stärke
bilde dir nichts ein - die hat dir ja ein Gott gegeben. Geh nur nach Haus
mit deinen Schiffen und herrsche über deine Myrmidonen! Ich küm­
mere mich nicht um dich u n d a c h te n ic h t a u f d e i n e n G r i m m (!). —Doch
dies ist meine Drohung: Die Chryseis schick’ ich heim, Apoll zuliebe.
Doch dafür hol’ ich mir die Deine, Briseis mit den schönen Wangen!
Eigenhändig hol’ ich sie aus deinem Zelt, dein Ehrgeschenk,
(1 8 5 ) damit du ganz genau weißt,
um wieviel mehr ich bin als du, und auch ein anderer davor zurück­
scheut,
gleiches Sagen zu beanspruchen wie ich und sich mir offen gleichzu­
stellen! «

124
Achill, zum Äußersten getrieben, greift zum Schwert. Da
läßt der D ichter ihm —sichtbar allein für ihn —die Göttin
Athene erscheinen. In einem kurzen Wortwechsel läßt er
sie den Helden überreden, den Königsm ord zu lassen. In
Vers 194 heißt es

(m )
... zog aus der Scheide schon das große Schwert - da kam Athene...

und 27 Verse später


(2 2 0 )
zurück in die Scheide stieß er das große Schwert - und folgte...

D er kurze Augenblick der Entscheidungsfindung, den das


alte Epos vor H om er w ohl nur benannt hätte, ist hier ge­
füllt m it innerer Handlung, zutage gebracht in der Form
des Göttereingriffs. N atürlich durfte Achilleus den Aga­
m em non nicht töten. N icht nur, daß das die Sage nicht er­
laubte: Wie hätte denn der Groll - das Them a des Ganzen-
entstehen sollen, w enn der Z orn nicht unterdrückt w or­
den wäre? D er Groll als der dramatische >Basso ostinato<
der Iliashandlung w ar nur möglich, wenn am Beginn das
totale Zerw ürfnis stand. M ehr noch: Er war nur möglich,
wenn Achill so tief beleidigt wurde, daß nur die Tötung
des Beleidigers Rehabilitation bedeutet hätte —und wenn
diese T ötung dennoch nicht zustande kam. Wenn also
Achill im wahrsten Sinn des Wortes >zurücksteckte<.
Denn der Gedanke daran, nicht spontan reagiert, sondern
eben zurückgesteckt zu haben, der Gedanke also an die ge­
duldete D em ütigung m ußte für Achilleus einen perm a­
nenten Selbstvorw urf bedeuten, und dieser w ar es, der ihn
so unversöhnlich machte. Die Kränkung w ar darum so
abgrundtief, weil der Gekränkte, nachdem er die Beleidi­
gungen geschluckt, sich selbst nicht m ehr verzeihen
konnte. Erst dam it w ar der Groll wirklich glaubhaft m oti­
viert. - Doch wie w ar das poetisch zu erreichen? Ein
Achill, der von sich aus nachgab? Das wäre kein Achill ge­
wesen. Also m ußte er einem Zw ang gehorchen. Das

125
konnte nur ein Z w ang durch eine G ottheit sein. Die Epi­
phanie Athenes bot die Lösung.
M it dieser überzeugenden Erklärung der Groll-Entste­
hung hat der Dichter die Brücke geschlagen zum dritten
seiner Program m punkte:

(3) Die Folgen des Grollsfiirdie Gemeinschaft. - U nm ittelbar


nachdem Achill sein Schwert wieder zurückgesteckt hat
und sich dam it der Selbstdem ütigung bew ußt geworden
ist, läßt der Dichter ihn sich selbst in die Fesseln eines
>Großen Eides« schlagen, die ihn von nun an für lange Zeit
nicht m ehr freigeben werden:

(233)
»Doch dieses sag’ ich dir, und darauf schwöre ich den großen Eid:
Bei diesem Stabe hier, der niemals wieder Blätter oder Knospen
treiben wird, nachdem er einmal seinen Stumpf zurückließ in den Ber­
gen,
und auch nicht neu erblühen w ird ...
(2 4 0 )
Wahrlich! Eines Tages wird ein Sehnen nach Achilleus über die Achai-
ersöhne kommen,
über alle! Doch dann wirst du —aller Kümmernis zum Trotz —rein gar
nichts
ausrichten können, wenn gar viele unter Hektor, dem männermor­
denden,
sterbend zu Boden sinken werden! Du aber wirst im Innern dir den
Mut zerkratzen,
voll Gram darüber, daß den besten der Achaier du so gar nicht ehr­
test!«

Von den oben genannten Funktionen der homerischen di­


rekten Reden steht hier die Program m ierungsfunktion im
Vordergrund: Diese Worte des Achilleus dienen zwar
auch der Charakterisierung des Helden (leidenschaftliche
Spontaneität, wildes Streben nach Genugtuung), wesent­
licher aber ist, daß sie über Achill und die ganze Situation,
in der er steht, weit hinausweisen. Sie implizieren als
w erkstrukturierender Vorverweis (>zukunfts-ungewisse<,
aber >erfüllungssichere Vorausdeutung« nach Lämmerts
Terminologie in den Bauformen des Erzählens) eine erste

126
konkrete Inform ation des Dichters über die Folgen des
Streits und des daraus entstandenen Grolls: Achill wird
also am Kampfe nicht m ehr teilnehmen (»...ein Sehnen
nach Achilleus...«), und dadurch werden die Troer die
O berhand bekom m en; ihr Führer H ektor w ird unter den
Achaiern wüten, und A gam em non w ird - tief getroffen
von der Einsicht, allein dagegen nichts ausrichten zu kön­
nen —sich in Vorwürfen zerquälen, daß er es selbst war,
der durch sein autokratisches Verhalten damals im Streite
m it Achilleus dies alles verschuldet hat. Die noch unbe­
stim m te Voraussage des Prooim ions: »der Groll Achills,
der den Achaiern zahllose Schmerzen brachte«, diese Vor­
aussage konkretisiert sich also hier. D urch den M und der
H andlungsfigur Achill, deren Aussage durch das Beglau­
bigungsm ittel >Schwur< dem H örer Erfüllungsgewißheit
vermittelt, teilt der Dichter dem Rezipienten mit, daß die
Folgen von Achilleus’ Groll in einer stetig sich steigernden
Niederlage des gesamten Achaierheeres bestehen werden. Wie
diese sich im einzelnen vollziehen wird, vor allem, wie es
überhaupt dazu kom m en w ird —das allerdings erfährt der
H örer hier noch nicht. E r bleibt also weiter in der Span­
nung.
Im Streitgeschehen ist ein toter Punkt erreicht:

(H5)
So sprach der Peleide, Fort zur Erde w arf er dann den Stab,
den goldgenagelten, und setzte sich auch selbst hin.
Der Atreide aber grollte von der andren Seite...

N estor greift ein, »der m it den süßen Worten, der Pylier


hellstim m iger Versammlungsredner; aus dessen Kehle
floß die Rede süßer noch als Honig; der hatte schon zwei
M enschenalter sinken sehen... in Pylos, dem hochheili­
gen, und herrschte nun schon übers dritte«. N estor ist die
>graue Eminenze Er repräsentiert Weisheit des Alters, ge­
boren aus Erfahrung und Vernunft. M it allen psychologi­
schen M itteln versucht er den Streit zu schlichten: H in­
weis auf den ungeheuren militärischen Vorteil für den

127
Gegner, der aus einer Entzweiung der beiden intellektuell
und physisch stärksten Angreifer und der dam it verbun­
denen Spaltung des Belagerungsheeres resultieren würde;
Hinweis auf seine in der Vergangenheit von viel bedeu­
tenderen Helden akzeptierte Vermittlungsautorität; Ap­
pell an die Vernunft der beiden Streitenden, die für das
Ganze unverzichtbare Bedeutung des je anderen anzuer­
kennen und sich zum indest einem Zweckbündnis zu un­
terw erfen. .. Aber alle seine Bem ühungen müssen schei­
tern angesichts der tiefen Unvereinbarkeit der Charak­
tere. Die ganze N estorrede scheint vor allem zu eben dem
Zweck hier hineingestellt zu sein, die U nversöhnbarkeit
der beiden Streitenden zu zeigen. Wie tief der Groll
Achills tatsächlich ist, könnte der H örer nicht ermessen,
wenn er nicht zuvor gesehen hätte, welch starken Argu­
menten er sich versagt. Zugleich w ird - wiederum im
Sinne der Program m ierungsfunktion — auch aus dieser
Rede der Bauplan des Dichters etwas klarer: Die pronon-
cierte Benennung des militärischen Vorteils, den Achil­
leus’ Groll den Troern bringt, m acht deutlich, daß die Di­
mension des Grolls die einer Episode weit übersteigt, daß
hier im Grunde das ganze U nternehm en Troja auf dem
Spiele steht, daß es also in diesem Epos im Gewände von
Achilleus’ Groll um etwas anderes geht: um den ganzen
Krieg.
Nach dem fehlgeschlagenen Vermittlungsversuch neh­
m en die Dinge ihren Lauf: Achilleus zieht sich m it seinem
Freund Patroklos und seinem >Stab< in seinen Lager-Ab­
schnitt zurück, A gam em non läßt die Chryseis auf einem
Schiff, das unter dem Befehl des Odysseus steht, nach
Chryse bringen, sofort danach aber seine beiden >Ordon-
nanzen< Talthybios und Eurybates m it der offiziellen O r­
der zu Achills Zelt gehen, dessen Beutemädchen Briseis
abzuholen. Achill gibt das Mädchen heraus, aber nicht
ohne die beiden Abgesandten »bei den glückseligen Göt­
tern, den sterblichen Menschen und auch bei diesem bru­
talen König da (~ Agamemnon)« zu Zeugen anzurufen

128
für diese Unrechtstat, »für den Fall, daß einmal wieder /
ein Bedürfnis nach m ir eintritt, daß ich das schmähliche
Verderben abwehre / den anderen. - Denn der (~ Aga­
m emnon) w ütet natürlich jetzt in seinem unheilstiftenden
Geiste, / ist aber völlig unfähig, m it Verstand vorw ärts-
und zurückzudenken, / besorgt darum, daß bei den Schif­
fen ihm unversehrt die Achaier käm pfen!« Auch dies na­
türlich wieder ein Vorverweis, der die Gewißheit des Re­
zipienten noch fester werden läßt (auch hier wieder be­
w irkt durch die Schwurform ), das Heer werde durch das
Fehlverhalten seines Führers in größte Gefahren kom m en
und den Retter Achilleus bitter brauchen. Zugleich die
Steuerung des H örer-U rteils: Agam em non offenbar ein
Führer ohne den in seiner Position unentbehrlichen Weit­
blick (»unfähig, m it Verstand vorw ärts- und zurückzu­
denken«), ein M ann am falschen Platz. Das ist nicht nur
der Agam em non des m om entanen Streits im 9. Kriegs­
jahr. Es ist der A gam em non der ganzen Sage, gespiegelt
in der K om prim ierung der akuten Auseinandersetzung:
»Man ahnt in der Ilias, daß es m it diesem M ann ein
schlimmes Ende nehmen wird« [Kullmann 1981, 27]
(seine eigene Frau w ird ihn im Bad ersticken!). »Unfähig,
m it Verstand vorw ärts- und zurückzudenken...«
Die Ordonnanzen gehen m it Briseis ab. Achilleus aber
geht weinend zum M eeresstrand (wie damals Chryses),
»hinschauend übers grenzenlose Meer«, und bittet seine
M utter Thetis m it betend hochgereckten Armen, seine
N o t zu hören. Thetis, die M eeresgöttin, kom m t und
fragt. Achill erzählt. Er erzählt alles, was der H örer schon
weiß, noch einmal - nun allerdings aus seiner Sicht, die
Hybris Agam em nons stark betonend. U nd dann zieht er
die Folgerung:

(393)
»Du aber, wenn du es vermagst, beschirme deinen Sohn:
Geh zum Olymp und bitte Zeus...
(4 0 8 )
ob er wohl willens w ar’, den T ro e rn aufzuhelfen,

129
aber an den Hecks entlang ans Meer hinabzudrängen, die Achaier,
d ie
dahingemordet —damit sie alle in den Genuß doch kommen ihres Kö­
nigs,
und damit auch der Atride zur Erkenntnis kommt, der große Herr­
scher Agamemnon,
daß er verblendet war, weil er den besten der Achaier ganz um seine
Ehre brachte!«
Worum Achill hier m it Sarkasmus bittet (»damit sie alle in
den Genuß doch kom m en ihres Königs«), ist, daß Zeus
die Todfeinde unterstützen und die eigenen Kameraden in
Tod und Verderben stürzen möge. Natürlich bittet Achill
nicht aus prim itivem Rachedurst darum . Wäre dies sein
M otiv, dann m üßte er zuallererst dem Agam em non selbst
den Tod anwünschen. Achill geht es aber um eine subli­
mere Bestrafung Agamemnons. W ürde Agam em non ein­
fach getötet, so w ürde er seine Verblendung m it in den
Hades nehmen, und Achilleus wäre dann zwar nach außen
hin gerächt, aber er wäre nicht rehabilitiert. Agamemnon
muß vielmehr einsehen, daß er unrecht und Achilleus
recht hatte, er muß einsehen, daß es ohne Achill nicht
geht. N u r dann ist Achill der Sieger, weil Agam em non
dann gedem ütigt ist. Also darf A gam em non selbst nicht
sterben, er muß vielmehr leben, aber er muß so leben, daß
er unter den Folgen seiner Blindheit allmählich sehend
wird, daß er seine Blindheit erkennt. Erkennen aber kann
der Autokrat, dem es an wirklichem Verstand gebricht
und der daher für theoretisches Kalkül zu phantasielos ist
(wie sich gezeigt hat), - erkennen kann er seine Blindheit
nur auf dem U m w eg über einen allerdings m akabren Er­
fahrungsprozeß: Er, der innerlich natürlich davon über­
zeugt ist, im Interesse der Gesamtheit zu handeln, muß zu
der schmerzlichen Einsicht gelangen, daß seine Hand­
lungsweise die Gesamtheit ins Verderben stürzt. Die
Achaier müssen sterben, dam it ihr Führer sehend wird.
Der Dichter, der dem Achilleus diese Strategie eingab,
hatte augenscheinlich eine andere Auffassung vom Wesen
dieses Helden, als sie in der alten Sage angelegt war. D ort
scheint Achilleus als der hochfliegende, ehrsüchtige, we­

130
nig nachdenkende, etwas naive Prototyp des jugendli­
chen Brausekopfs< figuriert zu haben. Unsere Sagenbü­
cher haben das oft nachgeahmt: Achill der Schlagetot mit
Helm und Harnisch, gern nachgespielt von Buben im
Abenteueralter in hitzigen Schulhofgefechten. Homers
Achilleus ist ein ju n g er M ann, der seine Bestimm ung,
Großes zu leisten und darin zu sterben, kennt und der sich
auf diesem seinem Weg behindert sieht von einem me-
diokren Amtsinhaber, der von der Flamme, die in Achil­
leus brennt, noch nicht einmal den Glanz verspürt. Achill
ist nicht n u r der physisch Stärkere. Achill begreift, wo
A gam em non rechnet. —Dies ist nur ein Exempel. H om er
zeichnet niemals wirklich naive Menschen. Beschränkte
Menschen, einseitige Typen - dies gewiß. Aber doch im­
m er Menschen, die etwas von sich wissen. Weil H om er
nicht m ehr naiv sein kann, sind es auch seine poetischen
Gestalten nicht. Nichts ist verfehlter, als H om er als den
Vertreter eines >naiven Zeitalters< zu lesen.
D er Handlungsplan des Dichters ist in der Bitte Achills
erneut ein wenig klarer geworden. Im Schwur Achills war
bereits klar geworden, daß dieses Epos sich nicht im Epi­
sodischen erschöpfen würde. Die Geschichte vom Groll
Achills w ürde die Geschichte einer stetig sich steigernden
tödlichen Gefährdung der Achaier sein. Während aber
dort, im Schwur Achills, die Perspektive noch recht allge­
mein geblieben war, lichtet sich hier, in der Bitte Achills,
das Dunkel ein weiteres Stück. D er U rheber der Achaier-
Gefährdung w ird sichtbar: Zeus selbst. Er w ird den Tro­
ern helfen. Konkret: Er w ird die Achaier bis zu ihren
Schiffen, ja an den Hecks (der heckvoran aufs Land gezo­
genen Schiffe) vorbei bis in die M eeresbrandung drängen.
N icht nur der Fehlschlag des ganzen U nternehm ens also
droht, es droht vielmehr der U ntergang des ganzen Hee­
res. Dann allerdings w ird Agam em non zur Erkenntnis
seiner Verblendung kom m en.
D am it ist der konzipierte A blauf der Ereignisse zwar
ein wenig konkreter geworden. Aber auch hier handelt es
sich w ieder nur um eine partielle Aufhellung. Wieder blei­
ben Fragen offen, z. B. die Frage, wie denn Zeus helfen
w ird (ist Trojas Fall nicht längst beschlossen - gerade auch
von Zeus? Wie kann denn Zeus sich selbst konterkarie­
ren?) —oder die noch viel drängendere Frage, was denn
nun sein w ird, w enn A gam em non >erkannt< haben wird?
Wird es eine U m kehr geben? W ird es zu spät sein? Aber es
kann ja gar nicht zu spät sein - denn Troja (sagt die Sage)
ist ja schließlich doch gefallen! Wie also?
Diese U nklarheit in der Klärung ist vom Dichter offen­
bar gewollt. Sie ist eines seiner Kom positionsprinzipien.
Bisher hat der H örer bereits drei Stufen der Plan-Erhel-
lung kennengelernt: Zuerst die ganz allgemeine Angabe
des Prooim ions, Achills Groll habe den Achaiern >zahllose
Schmerzem gebracht — dann Achills konkretisierende
Prophezeiung in seinem Schwur, das Heer werde sich
noch nach ihm sehnen, denn es werde in furchtbarste N ot
geraten —und nun die Perspektive einer Zurückdrängung
der Achaier bis ins Meer hinein, gekoppelt m it der vorerst
ihrerseits wieder unbestim m ten Voraussage, dann werde
Agam em non zur Einsicht kom m en.
U nm ittelbar auf Achills Bitte folgt Thetis’ Zusage. In ihr
wird nun ein weiterer kleiner Schritt zur Plan-Erhellung
getan: Es w ird der Zusammenhang zwischen den bisher
aufgedeckten Plan-Teilstücken verdeutlicht. Thetis sagt:

(4 2 0 )
»Ich geh’ persönlich zum Olymp, dem schneebedeckten, ob er [~
Zeus] wohl willfahre.
Du aber bleib nun sitzen bei den schnellen Schiffen
und grolle den Achaiern, und vom Kampf laß ab nun - ganz und gar!«

Die Hauptlinie des weiteren Verlaufs der H andlung ist da­


mit klar: Geplant ist eine Handlung, die auf zwei kom ple­
m entären Ebenen parallel auf das gleiche Ergebnis zulau­
fen wird: auf der menschlichen und auf der göttlichen
Ebene. A u f der göttlichen Ebene wird Zeus agieren, auf
der menschlichen wird - kom plem entär dazu - Achilleus

132
nicht agieren: Achill w ird grollend bei den Schiffen sitzen,
Zeus w ird die Achaier zu eben diesen Schiffen hinunter­
drängen. Beide Plan-Teile müssen, dam it der Plan ge­
lingt, vollendet ineinandergreifen. Das bedeutet unter an­
derem: Achilleus, der bisher einfach nur grollte, w ird in
Z ukunft grollen müssen. Denn w enn er eingriffe, wäre
Zeus’ Absicht zunichte gemacht. D am it sind neue K om ­
plikationen (und Erzählstränge) angelegt: Grollen zu müs­
sen w ird Achill als der Held, der er ist, nicht lange ertra­
gen. Er w ird es nicht mitansehen können. Es wird ihm >in
den Fingern juckern. Was w ird stärker sein? Sein Wunsch
nach G enugtuung oder sein Wunsch, Troja fallen zu sehen
(und unvergänglichen Ruhm zu erwerben)? Denn von
dem unbedingten Wunsch, Troja fallen zu sehen, w ar er
doch ausgegangen! D arum hatte er ja die Heeresver­
sam m lung einberufen! —D er H örer ist weit entfernt von
Sicherheiten...
Die Technik des Dichters besteht also offensichtlich in
einer schrittweisen Aufdeckung des Gesamtbauplans der
Ilias. Die Einzelschritte sind dabei jedoch nur relativ klein,
und sie enthüllen im m er nur so viel vom weiteren Plan,
daß der H örer neue Fragen stellen muß, daß er also in der
Spannung bleibt: »ein Program m des Dichters, das vorbe­
reiten, spannen soll, ist niemals eine Bekanntgabe all des­
sen, was der Dichter vorhat. Soll es vordeutend enthüllen,
so m uß es auch weislich verschweigen. Es enthüllt die
große Linie, das Ziel; die Wege läßt es im dunkeln. Es
schweigt vor allem von neuen Verzögerungen und Rück­
schlägen. Denn eben das U nerw artete gehört in aller er­
zählenden wie dramatischen Kunst zum Wesen des Rück­
schlags« [Schadewaldt 1938, 54f.]. Die Plan-Ausführung
ist also nur angedeutet. D er H örer kann nur so weit in die
Z ukunft sehen, daß er merkt: ein Plan ist da. Wie er im
einzelnen realisiert werden wird, ist noch nicht erkennbar.
Gerade das jedoch erzeugt die Spannung. Es läßt darüber
hinaus dem Dichter Raum, sich innerhalb des eigenen Pla­
nes hier und da noch >selbst zu überraschem. Es ist ja aus­

133
geschlossen, daß bei einem solchen Riesenbau jede Einzel­
heit bereits im vornhinein >auf dem Reißbrett< entworfen
werden könnte. Gerade der gute Architekt läßt manches
offen. N iem and hat das besser gesehen als der große H o­
m erkenner Karl Reinhardt: »So daß zu einem zugrunde
liegenden E n tw u rf oder Grundstock Neues nacheinander
hinzukam, das teils aus ihm selber sich entwickelte, teils
von außen durch die U m stände hinzugetragen wurde, um
m it dem Hauptstam m , m ehr oder weniger, zu verwach­
sen« [Reinhardt 1961, 210]. Ganz genau wird der Schaf­
fensprozeß des Iliasdichters natürlich nie m ehr zu rekon­
struieren sein (genausowenig wie der irgendeines anderen
Dichters). Daß aber eine Plan-Idee am Anfang stand und
sich Schritt für Schritt entwickelte - wobei dann manches
besser und manches weniger gut gelang - , w er wüßte
nicht von sich selbst, auch heute noch, daß Werke so ent­
stehen?

Die Durchführung des Handlungsplans: Achilleis und Ilias

D er Hörer, der dem Iliasdichter bis hierher aufmerksam


gefolgt ist, hat eine Grwfjdvorstellung vom weiteren Ver­
lauf der H andlung. Diese Vorstellung besteht nicht nur in
einem Strukturbild. Sie besteht auch in dem Gefühl, daß
die bisher angelegten Strukturlinien Bewegungen bedeu­
ten, die Raum brauchen werden. In den ersten 427 Versen
sind ja erst die Weichen gestellt worden. Die eigentliche
>Reise<, fühlt der Hörer, wird erst beginnen. Sie wird den
beschränkten Raum und die beschränkte Zeit des bisheri­
gen Geschehens rasch hinter sich lassen. Bisher hat sich al­
les nur auf kleinem Raum bewegt: Das Lager der Achaier
(Versammlungsplatz, Zelt des Achilleus) und der Meeres­
strand m it den an Land gezogenen Schiffen — wenige
Handlungsfiguren (Chryses, Agam em non, Achilleus,
Nestor, Patroklos —aufgeblitzt sind noch Aias, Odysseus,
H ektor, Chryseis, Briseis, zwei Ordonnanzen —; Zeus,

134
Apollon, Hera, Athene, Thetis) - seit Beginn der Hand­
lung sind erst wenige Stunden vergangen: am i. Hand­
lungstag die kurze Auseinandersetzung zwischen Chryses
und Agamemnon; dann 9 Tage gleichförmige, nur be­
nannte Handlung: die Pest; am 10. Tag dann die Ver­
sam m lung, der Streit, Achilleus’ Groll, die Rücksendung
der Chryseis zu ihrem Vater nach Chryse, die Abholung
der Briseis aus Achilleus’ Zelt, Achills Gespräch m it The­
tis.
D er H örer spürt förmlich, daß sich die Räume nunm ehr
weiten werden: Zeus selbst w ird ja, wie angekündigt
wurde, die Dinge in die Hand nehmen; er w ird die
Achaier von den Trojanern bis ins M eer hineintreiben las­
sen. N un wird also auch die trojanische Seite ins Spiel
kom m en. D am it w ird Troja, die Stadt —bisher nur ein Be­
griff - konkret ins Bild treten. Die Zahl der handelnden
Personen w ird sich vermehren. U nd es w ird zum K am pf
kom m en, d. h. die Statik des bisherigen Globalgesche­
hens w ird ihr Ende finden. Die Dinge werden in Bewe­
gung geraten. Großes steht bevor.
In der Tat setzt nach dem kurzen Zwischenspiel der
Sühngesandtschaft nach Chryse (das handlungstechnisch
unentbehrlich ist, weil ein H andlungsfortgang nur m ög­
lich ist, wenn die Pest im Achaierlager geendet hat, die
Pest aber nur enden kann, w enn Apollon - wie Kalchas of­
fenbart hat —versöhnt ist) m it Vers 493 ein Geschehen von
Dim ensionen ein, die für den m odernen Leser schwer
überschaubar sind (der antike Rezipient, der in der Sage
lebte, hatte es natürlich leichter). In den folgenden 15205
Versen des Epos werden - m ehr oder weniger ausführlich
- Ereignisse von weiteren 30 Tagen erzählt (darunter sol­
che aus 5 Nächten).
Bevor zur Sprache kom m en kann, wie H om er diese Er­
zählmassen strukturiert, soll im folgenden dem Leser das
Iliasgeschehen in einem Szenarium vor Augen gestellt
werden. D er Handlungsfluß ist dabei in Einzelszenen auf­
geteilt, deren Abgrenzung und Bezeichnung hier nur dem

135
Wunsch nach m öglichst klarer Gliederung entspringt; an­
dere Zielsetzungen könnten auf andere Aufteilungen fuh­
ren (die Zusatzbuchstaben a bzw. b bei Verszahlen bedeu­
ten: i. bzw. 2. Vershälfte; die Verszahlen bei Tag-Anga­
ben bedeuten, daß im betreffenden Vers Tages- bzw.
Nachtbeginn bzw. -ende bezeichnet wird; die griechi­
schen Bezeichnungen einzelner Gesänge gehen meisten­
teils auf die antike Hom erphilologie, in manchen Fällen
vielleicht sogar bis auf die Rhapsodenpraxis zurück). Die
Kausalzusammenhänge zwischen den wichtigsten Sze­
nenkom plexen werden im Anschluß an die Übersicht zur
Sprache kom m en.

S z e n a r i u m d e r Il i as

Tag Szene Verse

1. Gesang

Prooimion 1 - 12a

9. Kriegs­
jahr (II 295)
1. Tag I. D e r S tr e it z w is c h e n A c h ille u s u n d
A g a m e m n o n : V o r g e s c h ic h te
(12b-53)
(1) Chryses vor Agamemnon - seine
Bitte um Rückgabe der Chryseis
wird abgewiesen 12 b - 32
(2) Chryses am Strand; er bittet Apollon
um Rache an den Achaiern 33 — 43
(3) Apollon sendet die Pest 44 - 53

1 —9. Tag: Pest

10. Tag II. D e r S t r e i t u n d s e in e F o lg e n ( 5 4 —4 9 2 )


(I 54) (1) Heeresversammlung(0yoQr|) der
Achaier: Beginn des Streites 54 -187
(2) Steigerung des Streites bis fast zum
Königsmord 188 -194a

136
T ag S ze n e V erse

(3) Eingreifen der Athene:


Verhinderung des Königsmordes;
vergeblicher Vermittlungsversuch
Nestors: teilweises Nachgeben
Achills; Agamemnon entsendet die
Herolde zu Achilleus 194b-326
(4) Die Herolde bei Achill und Patro-
klos; sie nehmen die Briseis mit 327 -348a
(5) Achill und Thetis am Strand:
Achills Bitte (407-412) 348b-430a
(6 ) Gesandtschaft unter Odysseus in
Chryse 430b-476
11. Tag (7) Rückkehr der Gesandtschaft von
(477) Chryse 477 -487
(8 ) Achills Groll (μήυις, m e n is ) 488 -492

11 Tage Abwesenheit der Götter


einschl. Zeus’ bei den Aithiopen

21. Tag III. F ü r b it te d e r T h e t i s , Z u s a g e d e s Z e u s ,


(493) G ö t t e r r a t f ü e 'ä i v β ο υ λ ή ) (493-611)
(1) Thetis bei Zeus. Die Thetis-Bitte.
Zeus verspricht Erfüllung 493 -533a
(2) Zeus und Hera: Streit 533b-570
(3) Hephaistos versöhnt die
Streitenden. >Homerisches Ge­
lachten, Festmahl, Nachtruhe 571 -611

2. Gesang
D e r T e s t d e s A c h a ie r h e e r e s ( P e ir a ) -
D i e K a ta l o g e

Nacht zum I. Z e u s s e n d e t A g a m e m n o n e in e n
22. Tag T r a u m : >G r e i f ati!< 1 - 47
(I 605)
22. Tag II. R a t d e r A c h a ig r -Ä lte s te n
(II 48) (β ο υ λή , büle), H eeres­
= 1. Kampf­ v e r s a m m lu n g d e r A c h a ie r 48 -483
tag (1) Test-Rede des Agamemnon:
tumultuarischer Aufbruch des
Heeres zu den Schiffen; Eingreifen
der Athene und des Odysseus;

137
T ag S zen e V erse

Rückkehr des Heeres in die


Versammlung 48 -210
(2) Thersites-Szene (Versuch einer
Meuterei) 211 -278
(3) Beschwichtigungsreden des Odys­
seus, Nestor, Agamemnon 279 -393
(4) Opfer und Frühmahl im Lager;
Vorbereitungen und Aufmarsch
des Achaierheeres 394 -483
III. S c h iffs k a ta lo g ( = A u fm a r s c h p la n d er
A c h a ie r -K o n tin g e n te ) 484 -785
IV . Z e u s s e n d e t d ie G ö tte r h o t in I r is
z u d e n T r o ja n e r n : A u f m a r s c h
d e s tr o j. H e e r e s 786 -815
V. T r o j a n e r k a ta l o g ( ~ A u f m a r s c h -
p l a n d e r T r o j a n e r u n d ih r e r
V e r b ü n d e te n ) 816 -877

3. Gesang
V e r tr a g - M a u e r s c h a u ( T e i c h o s k o p i e )

I. V e r a n la s s u n g u n d V o r b e r e itu n g
e i n e s V e rtra g e s: K r ie g s e n t s c h e id u n g
s o ll d u r c h Z w e i k a m p f M e n e l a o s -
P a r is e r fo lg e n 1 -1 2 0

(1) Begegnung der beiden Heere 1 - 14


(2) Szene Paris —Menelaos 15-37
(3) Unterredung Hektor - Paris.
Vereinbarung zwischen Hektor
und Menelaos: Waffenruhe
und entscheidender Zweikampf
Paris - Menelaos 38 -120
II. T e ic h o s k o p ie ( ~ M a u e r s c h a u )
( H e l e n a s t e l l t P r ia m o s v o n d e r
M a u e r T r o ja s a u s d ie A c h a i e r -
h e ld e ti v o r ) 121 -244
III. A b s c h l u ß d e s V e rtra g e s z w i s c h e n
A g a m e m n o n u n d P r ia m o s 245 -313
IV . D e r Z w e i k a m p f M e n e l a o s - P a r is :
P a r is in h ö c h s te r N o t v o n
A p h r o d ite e n trü c k t 314 -382

138
T ag S zen e V erse

V. A p h r o d ite z w i n g t H e le n a z u m
V e r lie r e r P a r is a u fs L a g e r 383 -448
V I. E rg e b n is: A g a m e m n o n b e a n ­
s p ru c h t S ie g f ü r M e n e la o s ,
H e r a u sg a b e d e r H e le n a u n d d er
g e r a u b te n S c h ä t z e s o w i e Z a h l u n g
e in e s B u ß g e ld e s 449 -461

4. Gesang
P fe ils c h u ß des P a n d a ro s
I. V e rtra g s b r u c h 1 -219
(1) Götterrat: Beschluß: Fortführung
des Kampfes und Zerstörung
Trojas; Zeus sendet die
Athene zu den Troern: sie
soll die Troer zum
Vertragsbruch veranlassen 1 - 73
(2) Pandaros verwundet durch
Pfeilschuß den Menelaos
auf Geheiß der Athene 74 -147
(3) Agamemnons Sorge um seinen
Bruder Menelaos; Versorgung der
Wunde durch den Arzt Machaon 148 -219
II. A b s c h r e i t e n d es a n g e tr e te n e n
A c h a ie r h e e r e s d u r c h A g a m e m n o n
( έ π ι π ώ λ η σ ι ς , E p ip o le s is ) 220 -421
III. B e g in n d e r S c h la c h t 422 -544
(1) Anrücken beider Heere
und Zusammenprall; Einzelkämpfe
(als Beispiele für den Kampf
auf breiter Front: Selektions­
technik); Apollon ermuntert die
Troer - Athene die Achaicr 422 -516
(2) Weitere Einzelkämpfe bis zur
vollen Entwicklung der Schlacht 517 -544

139
T ag S zen e V erse

5. Gesang
D io m e d ie ( Δ ι ο μ ή ό ο ν ς α ρ ι σ τ ε ί α ,
Diomedüs aristela)
I. Ü b e r g e w ic h t d e r A c h a i e r d u r c h
A th e n e s E in w ir k u n g 1 -453
(1) Aristie des Diomedes
(a) seine Taten bis zu seiner
Verwundung durch einen Pfeil
des Pandaros 1 -113
(b) sein Kampf gegen Aineias
und Pandaros und seine
Verwundung der Aphrodite 114 -418
(2) Verspottung der Aphrodite durch
Athene; Apollon schützt Aineias 419 -453
II. Ü b e r g e w ic h t d e r T r o e r u n t e r
A r e s ’ F ü h r u n g w ä h re n d A th e n e s
A b w e s e n h e it 454 -710
(1) Herstellung der Schlacht durch Ares
und Hektor; Diomedes weicht
vor ihnen zurück 454 -626
(2) Kampf zwischen dem Lykier
Sarpedon und dem Rhodier
(= Achaier) Tlepolemos;
die weiteren Taten Hektors 627 -710
III. E in g r e ife n H e r a s u n d A th e n e s
z u g u n s te n d e r A c h a ie r 711 -846
IV . D io m e d e s v e r w u n d e t s o g a r A r e s 847 -906
V. R ü c k k e h r d e r b e id e n G ö t t i n n e n
H era u n d A th e n e z u m O ly m p 907 -909

6. G esang
H o m ilie (ο μ ι λ ί α )

I. Einzelkämpfe; viele
D i e S c h l a c h t: 1-72
Troer fallen; Nestor ermuntert die
Achaier zu nachdrücklicher Ver­
folgung und Tötung der Troer
II. R a t d e s H e le n o s a n H e k t a r :
>Geh in die Stadt und ordne
ein Staatsopfer der Frauen
für Athene an! < 73 -118

140
T ag S zen e V erse

III. A u fe in a n d e r tr e ffe n G la u k o s ( L y k i e r )
- D io m e d e s 119 -236
IV . H e k t o r iti d e r S t a d t ( = H o m i l i e ) 237 -529
(1) Hektor bei seiner Mutter Hekabe 237 -311
(2) Hektor bei seinem Bruder Paris
und seiner Schwägerin Helena 312 -369
(3) Hektor bei seiner Frau Andromache
(und dem kleinen Sohn Astyanax) 370 -502
(4) Hektor kehrt mit Paris
in die Schlacht zurück 503 -529

7. Gesang
D e r M auerbau

I. V o r d r in g e n d e r T r o e r 1 - 16
II. Z w e i k a m p f H e k to r - A ia s (u n te n t-
s c h ie d e n e r A u s g a n g ; a c h t u n g s v o lle r
G e s c h e n k e -A u s ta u s c h ) 17 -312
III. R a t d e r F ü r s te n ( β ο υ λ ή ) im Z e l t
A g a m e m n o n s ; B e s c h lu ß : B itte
um W a ff e n r u h e z w e c k s T o te n b e ­
s ta ttu n g ( u n d E r r ic h tu n g e in e r
M a u e r u m d a s S c h i ffs la g e r
h erum ) 313 -344
IV . H e e r e s v e r s a tm n lu n g ( ά γ ο ρ ή ) d e r
T r o e r a u f d e r A k r o p o l i s ; B e s c h lu ß :
Z u s t im m u n g z u m A c h a ie r - V or­
s c h la g , z u s ä t z l i c h A n b i e t e n d e r g e ­
r a u b te n S c h ä t z e ( n ic h t H e l e n a s ) 345 -380
23. Tag V. W a ff e n r u h e u n d T o te n b e s t a ttu n g .
(VII 381) A c h a i e r le h n e n K o m p r o m i ß ­
v o r s c h la g d e r T r o e r a b 381 -432
24. Tag V I. M a u e r b a u d e r A c h a ie r
(VII 433) ( P o s e id o n u n d Z e u s s e h e n e s im
O l y m p : P o s e id o n d a r f n a c h A b z u g
d e r A c h a i e r d ie M a u e r z e r s t ö r e n :
V o ra u sv e r w e is) 433 -4 8 2

V II. M a h l im A c h a ie r la g e r ; D o n n e r -
S c h lä g e d e s Z e u s : V o r z e ic h e n
s c h lim m e r K ä m p fe 465 -482
T ag S zen e V erse

8. Gesang
A b g eb ro ch en er K a m p f ( κ ό λ ο ς μ ά χ η ,
k<5los milche)
25. Tag I. G o t t e r v e r S a m m l u n g : d ie G ö t t e r
(VIII 1) w e r d e n a m K a m p f n ic h t t e il­
= 2. Kampf­ n e h m e n ; Z e u s z u m B e r g e Id a 1 - 52
tag
II. D e r z w e i t e S c h la c h tta g 53 -565
(1) untentschiedener Kampf 53 - 67
(2) mittags Eingreifen des Zeus
(Wägung der Todeslose beider
Parteien = K e r o s ta s ie ) :
Übergewicht der Troer 68 - 77
(3) Vorstoß der Troer unter Hektor;
Vertreibung des Diomedes durch
einen Blick des Zeus 78 -197
(4) Heras Zorn über den Kampf­
verlauf; Gebet Agamemnons zu
Zeus; Wende des Kampfes 198 -252
(5) Vorstoß der Achaier 253 -315
(6 ) Zurückdrängung der Achaier durch
Hektor 316 -349
(7) ein Versuch Heras und Athenes,
doch in den Kampf zugunsten
der Achaier einzugreifen, wird
von Zeus unterbunden 350 -484
(8 ) Beendigung des Kampfes durch
den Einbruch der Nacht:
die Troer lagern erstmalig
in der Ebene außerhalb ihrer
Mauern: schlimme Notlage der
Achaier 485 -565

9. Gesang
D i e B i ttg e s a n d t s c h a ft z u A c h i l l ( L i t a i )

Abend und I. R a ts v e r s a m m lu n g e n d e r A c h a ie r 1 -181


Nacht zum (1) Heeresversammlung: Krisen­
26. Tag situation (Aporie) 1 - 88
(VIII 486) (2) Beratung ( β ο υ λ ή ) der Ältesten
(Geronten) im Zelt Agamemnons:
Gesandtschaft an Achilleus! 89 -181

142
T ag S zen e V erse

II. E r fo l g lo s e B i ttg e s a n d t s c h a ft z u
A c h i l l e u s ( A c h i l l lä ß t s ic h d u r c h d ie
R e d en uon O d ysse u s, P h o in ix u n d
A i a s n ic h t u m s t i m m e n ) 182 -6 6 8

III. V e r k ü n d u n g v o n A c h i l l s a b s c h lä g ig e r
A n t w o r t u n d R e a k tio n d e r A c h a ie r 669 -713
(1) Odysseus verkündet Achills
Antwort 669 -691
(2) Auflösung der Versammlung durch
den zornigen Diomedes; Aufruf
zum Weiterkämpfen am nächsten
Morgen 692 -713

10. Gesang
D o lo n ie ( Δ ο λ ώ ν ε ί α )

I. B e i d e P a r te ie n p l a n e n e in e n
n ä c h tlic h e n S p ä h g a n g 1 -339
(1) Vorgeschichte des Spähgangs der
Achaier 1 -298
(2) Vorgeschichte des Spähgangs der
Troer (Dolon) 299 -339
II. B e g e g n u n g D o l o t i s m i t D io m e d e s
u n d O d y s s e u s . D o lo tis T ö tu n g 340 -468
I I I . D i o m e d e s ’ u n d O d y s s e u s * T a te n
im L a g e r d e r T ro ja n e r 469 -525
IV . R ü c k k e h r v o n D io m e d e s
u n d O d y s s e u s in s A c h a ie r la g e r 526 -579

11. Gesang
A r i s t i e d e s A g a m e m n o n ( ’A γ α μ έ μ ν ο ν ο ς
ά ρ ια τ ε ία )

26: Tag I. V o r b e r e itu n g d e r S c h l a c h t:


(XII) A u f s t e l l u n g d e r b e id e n H e e r e 1 - 66
= 3. Kampf­
tag
II. G le ic h g e w ic h t d e r S c h la c h t 67 - 83
III. A r is tie ( = > H ö c h stle istu n g < )
A gam em nons 84 -283
IV . V o r s to ß d e r T r o e r ; H e ld e n t a t e n
H e k to rs 284 -309

143
T ag S zen e V erse

V. G e g e n s t o ß d u r c h D io m e d e s u n d
O d y s s e u s ; B e tä u b u n g H e k to r s 310 -367
V I. N a c h la ss e n des A c h a ie r -W id e r -
S ta n d s w e g e n V e r w u n d u n g m e h r e r e r
H a u p th e ld e n ( D io m e d e s , O d y s s e u s ,
A g a m e m n o n , M a c h a o n — d en N e s to r
a u s d e r S c h la c h t f ä h r t E u r y p y lo s ) 368 -595
V II. A c h i l l s e n d e t P a t r o k lo s z u N e s t o r
( P a t r o k lo s s o ll d ie L a g e e r k u n d e n ) 596 -848

12. Gesang
D e r K a m p f u m d ie L a g e r m a u e r ( T e ic h o m a c h i e )

I. E r n e u t e S c h la c h ts c h i ld e r u n g ;
S c h ic k s a l d e r M a u e r n a ch d e m F a ll
T r o ja s 1 - 35
II. V o r b e r e itu n g e n z u m K a m p f u m
d ie M a u e r 36 -107
III. A n g r i f f d e s tr o ja n is c h e n
B u n d e s g e n o s s e n A s i o s a u f d ie
M a u e r w i r d a b g e s c h la g e n 108 -194
IV . A n g r i f f H e k to r s w ir d a b g e­
s c h la g e n 195 -289
V. A n g r i f f des L y k ie r s S a r p e d o n
a b g e s c h la g e n 290 -429
V I. E n ts c h e id u n g du rch e in e n S te in w u r f
H e k t o r s : E i n d r i n g e n d e r T r o e r in s
A c h a ie r la g e r : F l u c h t d e r A c h a i e r
m e e r w ä r ts z u d e n S c h i f f e n 430 -471

13. Gesang
K a m p f b e i d e n S c h i ffe n

I. E i n g r e i f e n P o s e id o n s z u g u n s t e n
d e r A c h a ie r 1 -125
II. K a m p f im Z e n tr u m 126 -205
III. E r n e u t e s E i n g r e ife n P o s e id o n s ;
V o r b e r e itu n g d e s K a m p f e s a u f d e r
lin k e n F la n k e 206 -329
IV . H e f t i g e r K a m p f im A b s c h n i t t d es
Id o m e n e u s u n d M e r io n e s 330 -344

144
Tag Szene Verse
V. G e g e n s a tz d er P lä n e v o n Z e u s
u n d P o s e id o n 345 -360
V I. A r is tie des Id o m e n e u s 361 -454
V II. K ä m p f e u m d ie L e i c h e d e s T r o e rs
A lk a th o o s 455 -575
V I I I . E in z e lk ä m p fe des M e n e la o s 576 -672
IX . V o r b e r e itu n g e in e s n e u e n
G e n e r a la n g r if fs d e r T r o e r ; d ie
A c h a i e r h a lt e n s ta n d 673 -837

14. Gesang
D ie V e rfü h ru n g des Z e u s ( Δ ι ό ς ά π ά τ η ,
D i a s a p ä te )

I. W ie d e r e in g r e ife n N e s t o r s u n d d e r
3 v e r w u n d e t e n A c h a ie r h e ld e n
D io m e d e s , O d y s s e u s , A g a m e m n o n ;
P o s e id o n s A n s p o r n f ü r d ie A c h a i e r 1 -152
(1) Nestors Umschau 1 - 26
(2) sein Zusammentreffen mit den
3 Verwundeten 27 - 40
(3) Beratung der vier Fürsten 41 -134
(4) Poseidon ermutigt die Fürsten
und das Heer 135 -152
II. H e r a v e rfu h rt Z e u s ( m it H ilfe
v o n A p h r o d i t e u n d d e m G o t t d es
S c h l a fe s - H y p n o s - ) , u m d e n
A c h a i e r n z u h e l fe n 153 -362
III. F o r tg a n g d e s K a m p f e s b is z u m
(v o r ü b e r g e h e n d e n ) S ie g d e r A c h a ie r

(1) Vorbereitung des Kampfes


auf beiden Seiten 363 -388
(2) Poseidon fuhrt jetzt die Achaier
persönlich an 389 -401
(3) Aias im Kampf mit Hektor;
Hektors Betäubung 402 -439
(4) Neuer Angriff der Achaier;
erfolgreiche Einzelkämpfe der
Achaier 440 -505
(5) Flucht der Troer zurück
über den Lagergraben 506 -522

145
T ag S zen e V erse

15. Gesang
I. W ie d e r h e r s t e llu n g d e s f r ü h e r e n S ta n d e s 1 -389
(1) Zeus erwacht; Auseinandersetzung
mit Hera 1 - 77
(2) Hera geht zu den Göttern auf dem
Olymp und sucht diese gegen
Zeus aufzuwiegeln 78 -156
(3) Zeus läßt durch Iris den Poseidon
aus dem Kampf entfernen 157 -219
(4) Apollon heilt den Hektor 220 -262
(5) Kampf unter Apollons Leitung
bis zur erneuten Flucht der
Achaier in ihr Lager 263 -389
II. P a t r o k lo s h e i E u r y p y l o s ; d a n n
R ü c k k e h r z u A c h ille u s 396 -404
III. K a m p f h e i d e n S c h i f f e n u n d u m d ie
S c h iffe u n te r Z e u s ’ e ig e n e r L e itu n g 405 -746
(1) Hektor und Aias im Kampf um
ein Schiff; Einzelkämpfe 415 -591
(2) Hektors Vordringen zu den
Schiffen. Nestors Mahnrede:
letzter Appell 592 -673
(3) Aias muß sich bei seiner Ver­
teidigung der Schiffe langsam
zurückziehen, gegen das Meer hin 674 -746

16. Gesang
P a t r o k lie

I. P a t r o k l o s ’ B i t t e u n d d ie
V o r b e r e itu n g z u m A u s z u g 1 -256
(1) Patroklos bittet Achill, in dessen
Rüstung eingreifen zu dürfen 1 -1 0 0
(2) Gesteigerte Bedrängnis der Achaier 101 -1 2 1
(3) Patroklos und die Myrmidonen
rüsten sich 130 -2 2 0
(4) Achill bittet Zeus um Gelingen
für Patroklos 221 -256
II. P a t r o k l o s ’ T a te n b is z u r F l u c h t
d e r T ro e r z u r ü c k ü b e r d en L a g erg ra b e n 257 -418

146
T ag S zen e V erse

III. F a ll d es Z e u s - S o h n e s S a rp e d o n durch
P a t r o k lo s u n d K a m p f u m s e in e n
L e ic h n a m 419 -683
IV . P a t r o k l o s ’ l e t z t e T a te n u n d s e in T o d 684 -867
(1) Verfolgung der Troer durch Patro­
klos bis vor die Mauern Trojas 684 -711
(2) Kampf Hektor - Patroklos 731 -776
(3) Gespräch Hektors mit dem sterben­
den Patroklos 829 -867

17. G esang
A r is tie des M e n e la o s

I. E in z e lk ä m p fe u m d e n L e ic h n a m u n d
d ie W a ff e n d e s P a t r o k lo s ( = R ü s t u n g
des A c h ill ) 1 -139
II. M a s s e n k a t n p f u m d e n L e ic h n a m d es
P a t r o k lo s m i t w e c h s e ln d e m V o r te il 140 -423
III. K a m p f u m d ie R o s s e d e s A c h i l l 424 -542
IV . R ü c k z u g d er A c h a ie r m it d em
L e i c h n a m d e s P a t r o k lo s 543 -761

18. G esang
I. B o t s c h a ft v o n P a t r o k l o s ' T o d u n d ih r e
F o lg e n 1 -147
(1) Antilochos meldet dem Achill
Patroklos’ Tod 1 - 34
(2) Wehklage der Thetis um ihren Sohn 35 - 64
(3) Achill verkündet Thetis seinen Ent­
schluß, Patroklos zu rächen. Thetis
verspricht ihm eine neue Rüstung 65 -147
II. R e t t u n g d e r m i t P a t r o k l o s ’ L e ic h n a m
s ic h z u r ü c k z i e h e n d e n A c h a i e r d u r c h
A c h ills E r s c h e in e n a m L a g e rg ra b e n 148 -238
Nacht zum III. D i e V o r g ä n g e in b e id e n L a g e r n
27. Tage w ä h r e n d d e r fo lg e n d e n N a c h t 239 -368
(XVIII 239/42) (1) Ende des Kampfes durch vorzeitigen
Sonnenuntergang 239 -242
(2) Polydamas’ Rat zur Rückkehr wird
von Hektor zurückgewiesen 243 -314

147
T ag S zen e V erse

(3) Achill am Leichnam des Patroklos:


Rachegelöbnis 315 -368
(4) Zwiegespräch Zeus —Hera 356 -368
IV . T h e tis b e i H e p h a is to s . H e p h a is to s
fe r t ig t e in e n e u e R ü s tu n g f ü r
A c h i l l e u s a n . S c h i ld b e s c h r e ib u n g 369 -617

19. Gesang
A b s a g e a n den G r o ll ( μ ή ν ι δ ο ς
ά π ό ρ ρ η σ ι ς , m i m d o s a p ö r r h e s is )
27. Tag I. T h e t i s ü b e r g ib t A c h i l l d ie n e u e n W a ffe n 1 - 39
(XIX 1) II. B e ile g u n g d es S tr e its z w is c h e n A c h ill u .
= 4. Kampf- A g a m e m n o n ( B r is e is a n A c h ill z u r ü c k ) 40 -281
tag III. K l a g e n u m P a t r o k lo s ( B r is e i s u n d d ie
F r a u e n ; A c h i l l u n d d ie A c h a i e r f ü r -
s te n ) 282 -351a
IV . V o r b e r e itu n g e n z u r R a c h e - S c h la c h t 351b-424
(1) Achill rüstet zum Kampf; Auszug
des Heeres 351 b-398
(2) Sein Roß Xanthos verkündet dem
Achill den nahen Tod 399 -424

20. Gesang
Ä n e is

I. G ö tte r v e r s a m m lu n g : T e iln a h m e d er
G ö t t e r a n d e r b e v o r s te h e n d e n
S c h la c h t 1 - 75
II. Z w e ik a m p f A in e ia s - A c h ill 76 -352
(1) Apollon ermuntert Aineias zum
Kampf gegen Achill 76 -111
(2) Vergeblicher Versuch Heras, Posei­
don und Athene zu bewegen, zu­
gunsten Achills einzugreifen; die
Götter ziehen sich zurück 112 -155
(3) Unterredung Aineias - Achill und
Kampf 156 -287
(4) Rettung des Aineias durch Poseidon 288 -352
III. A c h ills K a m p fw u t u n d F lu c h t d er
T ro er 353 -503

148
T ag S zen e V erse

21. G esang
F l u ß k a m p f—K a m p f d e r G ö tte r ( T h e o tn a c h ie )

I. A c h i l l s K a m p f g e g e n d ie T r o e r a m
u n d im F l u ß S k a m a n d r o s 1 -232
II. K a m p f des S k a m a n d r o s g eg e n
A c h ill . H e p h a is to s ü b e r w ä ltig t S k a ­
m a n d r o s ( F e u e r g e g e n W a s se r) 233 -384
III. D e r G ö tte r k a m p f 385 -520
(1) Athene —Aphrodite 385 -434
(2) Apollon - Poseidon 435 -469
(3) Artemis - Hera 470 -496
(4) Hermes - Leto 497 -504
(5) Artemis im Olymp bei Zeus 505 -514
(6 ) Apollon geht nach Ilios; die übrigen
Götter zum Olymp zurück 515 -520 a
IV . F l u c h t d e r T r o e r in d ie S t a d t u n te r
d e m B e is ta n d A p o llo n s 520b-611

22. Gesang
H e k to rs Tod

I. V o r b e r e itu n g d e s A u f e in a n d e r t r e f f e n s
vo n A c h ill u n d H e k to r 1 -130
II. H e k to r s F lu c h t v o r A c h ill 131 -166
III. G ö tte r e n ts c h e id ü b e r d a s S c h i c k s a l
H e k to rs 167 -247
(1) Beratung der Götter 167 -187
(2) Fortsetzung der Verfolgung Hek­
tors durch Achill; Zeus entscheidet
mit der Waage gegen Hektor 188 -213
(3) Athene überredet Hektor in der
Gestalt des Deiphobos, dem Achill
standzuhalten 214 -247
IV . D e r K a m p f z w is c h e n A c h ill u n d
H e k to r u n d H e k to rs T od 248 -394
V. A c h ills M iß h a n d lu n g v o n H e k to r s
L e ic h e ; T o te n k la g e n u m H e k t o r 395 -515
(1) Achill schleift Hektors Leiche ins
Lager 395 -404

149
T ag S ze n e V erse

(2) Totenklagen des Vaters Priamos


und der Mutter Hekabe 405 -436
(3) Andromache hört Hekabes Klage
und eilt auf den Turm 437 -474
(4) Wehklage der Andromache 475 -515

23. Gesang
W e ttk a m p fs p ie le ( Α ΰ λ α , A t h l a )

I. B e s t a t t u n g d e s P a t r o k lo s 1 -256
(1) Achill umfährt Patroklos’ Leiche;
Leichenmahl 1 - 58
Nacht zum (2) Dem schlafenden Achill erscheint
28. Tag Patroklos im Traum mit der Bitte
(XXIII 62) um baldige Bestattung 59 -110 a
28. Tag (3) Verbrennung v. Patroklos’ Leichnam 110b-225
(XXIII 109) (4) Bestattung d. Gebeine des Patroklos 226 -25.7 a
29. Tag II. K a m p f s p i e l e z u E h r e n d e s P a tr o k lo s 257b-897
(XXIII 226) (1) Wagenrennen (Eumelos, Diomedes,
Menelaos, Antilochos, Meriones) 257b-652
(2) Faustkampf: Epeios - Euryalos 653 -699
(3) Ringkampf: Aias - Odysseus 700 -739
(4) Wettlauf: Kleiner Aias, Odysseus,
Antilochos 740 -797
(5) Lanzenstechen: Diomedes - Aias 798 -825
(6 ) Diskuswerfen: Polypoites, Aias,
Epeios 826 -849
(7) Bogenschießen: Meriones - Teukros 850 -883
(8 ) Speerwurf: den Wettkampf
zwischen Agamemnon und Merio­
nes läßt Achill nicht ausführen 884 -897

24. Gesang
H e k to r s L ö s u n g ( Έ κ τ ο ρ ο ς λ ύ σ ι ς , H e k to r o s ly s is )

I. V o r b e r e itu n g z u r A u s l ö s u n g d es
L e ic h n a m s H e k to r s 1 -467
(1) Mißhandlung der Leiche Hektors
durch Achill: 1 — 21

11 Tage Mißhandlung

150
Tag Szene Verse
41. Tag (2) Götterberatung: Zeus trägt Thetis
(XXIV 31) auf, Achill zur Freigabe der Leiche
Hektors zu bewegen 22 -142
(3) Zeus läßt durch Iris'dem Priamos
gebieten, ins Lager zu Achill zu
fahren 143 -187
Nacht zum (4) Priamos fährt ins Achaierlager;
42. Tag er wird von Hermes zu Achills Zelt
(XXIV 351) geleitet 188 -467
II. B e g e g n u n g A c h i l l - P r ia m o s ; H e k t o r s
L ösu n g 468 -676
(1) Priamos’ Bitte; gemeinsame Trauer;
Achill verspricht Herausgabe der
Leiche 468 -571
(2) Achill nimmt das dargebotene Löse­
geld. Er wäscht, salbt und bekleidet
Hektors Leichnam und bewegt
danach den Priamos zu einem
gemeinsamen Mahl 572 -627
(3) Achill bereitet dem Priamos das
Nachtlager und bewilligt einen
11 tägigen Waffenstillstand zu
Hektors Bestattung 628 -676
42. Tag III. D ie H e im fü h r u n g v o n H e k to r s
(XXIV 695) L e ic h n a m ;
T o te n k la g e u n d B e s t a t t u n g 677 -804
(1) Hermes mahnt noch in der Nacht
den Priamos zu heimlichem Auf­
bruch; er geleitet ihn bis
zum Skamandros 677 -697
(2) Ankunft des Priamos mit Hektors
Leichnam in Troja. Weheruf
Kassandras. Allgemeine Trauer 698 -718
(3) Feierliche Totenklage der
Andromache, Hekabe und Helena
im Palast 719 -775
51. Tag (4) Bestattung von Hektors Leichnam 776 -804
(XXIV 785)

Insgesamt 51 Tage Handlung; davon 15 Tage und 5 Nächte e r z ä h lte


Handlung, Rest: nur b e n a n n t e Zeit.
D urch alle Phasen dieser Handlungsentw icklung hin­
durch ist trotz zeitweilig enorm er Phasenverbreiterungen
die Grundlinie des Geschehens klar erkennbar (wobei
selbstverständlich, wie bei allen umfangreichen epischen
Werken der Weltliteratur, auch >verdeckte< Linienführung
zu berücksichtigen ist):
Entsprechend dem im i. Gesang entworfenen Hand­
lungsplan hält Achilleus sich vom Kampfe fern und treibt
Zeus die Achaicr im m er weiter zum M eer hin. Als die N ot
der Achaier größer w ird (Ende des 8. Gesanges), bitten die
Achaier Achill um Hilfe. Achill lehnt ab: noch ist die Be­
dingung bei weitem nicht erfüllt, noch stehen die Achaier
und dam it A gam em non nicht am Rand des Abgrunds (9.
Gesang). Wie dann der K am pf im m er größere O pfer for­
dert (11. Gesang), erträgt es Achill nicht länger, zuzuse­
hen (auch diese Entwicklung war, wie erinnerlich, bereits
im 1. Gesang vorprogram m iert worden), und entsendet
seinen Freund Patroklos, Kunde einzuholen (Ende des 11.
Gesanges). Patroklos erhält im Zelt des N estor die Auf­
forderung, Achill zu bitten, er m öge an seiner Statt we­
nigstens ihn, Patroklos, in die Schlacht entsenden (XI
796), wird aber durch die erbetene Pflege des verw unde­
ten Eurypylos aufgehalten und kom m t erst zu Achill zu­
rück, als die Troer schon m it Feuerbränden auf die Schiffe
der Achaier losgehen (Ende des 15. Gesanges; diese letzte
Zuspitzung hat Patroklos auf seinem Rückweg allerdings
noch nicht wahrnehm en können; er berichtet dem Achil­
leus nur von >größter Not<). Patroklos bittet Achill, N e­
stors Anregung aus XI 796 fast wörtlich wiederaufneh­
mend (XVI 38), ihn m it den ausgeruhten M yrm idonen
(etwa 2500 M ann, wie aus I I 685 erschließbar ist) an seiner
Statt in den K am pf zu schicken. Achill willigt ein, wofern
die Achaier »wirklich bereits an der Brandung des Meeres
lehnen und nur noch ein winziges Stück Land haben«
(XVI 67f.). Patroklos, in Achills Rüstung für Achill ge­
halten, treibt die Troer bis an die M auern Trojas zurück.
Doch dann w ird er von H ektor getötet (XVI 855). Damit

152
ist der Weg für die Troer endgültig frei. Als Achilleus
vom Tod seines Freundes erfährt, sind alle bisherigen A r­
rangements für ihn hinfällig. Sein Groll, der >verfluchte<,
ist angesichts der Folgen, die er bew irkt hat, bedeutungs­
los geworden, er hat sich selbst überholt. Den Streit m it
A gam em non legt Achill jetzt wie eine lästige Formalität
bei (XIX 270-275) und stürzt sich wieder in den K am pf
(Ende des 19. Gesanges). Er treibt die Troer m it seinen
Leuten bis an die Stadtmauer zurück. Dann rächt er den
Patroklos durch H ektors T ötung (XXII 361). Den Leich­
nam des Patroklos bestattet er m it allen Ehren, Hektors
Leichnam aber schändet er in einem Racherausch, der ihn
sich selbst entfrem det (XXIV 39-54). Die G ötter greifen
ein. Sie lassen Priamos, den alten König, selbst zum Tod­
feind Trojas und M örder seines Sohnes gehen und um den
Leichnam bitten. Diese fast übermenschliche Selbstver­
leugnung (Priamos küßt Achills Hände, »die schreckli­
chen, m ännertötenden, die ihm zahlreiche Söhne nieder­
streckten«: X XIV 478 f.) löst Achills fast unmenschliche
Verhärtung. Er gibt den Leichnam Hektors heraus. Hek-
tor wird nach Troja heimgeleitet und bestattet.
Dies ist die Grundlinie der Handlung, die das ganze Ge­
schehen hindurch als »das Eigentliche< im Bewußtsein des
Hörers festgehalten wird. Es ist die Achilleus-Linie - die
Linie, m it der das Werk begonnen hat: Der Groll und seine
Folgen. A m Ende haben diese Folgen sich so gewaltig zu
»zahllosen Schmerzen< - und nicht nur physischen - aufge­
türm t, daß sie das, was sie ausgelöst hat: den Groll, zudek-
ken und überrollen. Erst allmählich kom m en sie zur
Ruhe. M it Hektors Lösung sind sie schließlich ausgeklun­
gen. Dies ist die menis-Linie. Es ist, wie man m it gutem
Recht gesagt hat, die Achilleis.
Die Achilleis m acht jedoch nicht das Ganze des Werkes
aus. M it ihr ist anderes verbunden, zusammengeflochten,
verschmolzen, — Erzählsequenzen, die nur m ittelbar in
Beziehung zur Achilleis zu stehen scheinen. Etwa die Tro­
ja-Szenen: Helena m it Priamos auf Trojas Mauer, die

153
Achaierhelden beschreibend - Helena und Paris von
A phrodite auf dem Lager zusamm engezwungen —Hek­
tars lange Gespräche m it seiner M utter, seinem Bruder
Paris, m it Helena, m it seiner Frau Andromache. Die lan­
gen Kampfszenen des 3. Kampftages, die fast 8 Gesänge
füllen (11.—18. Gesang). Die Schildbeschreibung (XVIII
478—607). Die sportlichen Wettkämpfe im 23. Gesang,
breit ausgemalt (639 Verse). Die Achilleis allein wäre
rasch erzählt. Erst die Verbreiterungen (Analytiker zie­
hen Begriffe vor wie >Zutaten<, >Zufügungen<, >Zudich-
tungern, >Flickenstücke<, >Einschübe<, >Einschiebsel<
usw.) bewirken die Länge, machen aus dem, was eine
Kurzerzählung, fast eine Novelle hätte sein können, ein
Epos, machen aus der Achilleis eine Ilias. Wie ist das Ver­
hältnis zwischen beiden zu erklären?
Ist die Achilleis der Strom, auf dem der Erzähler dahin­
fährt, die Uferlandschaften betrachtend und Teile davon
in seine Erzählung hereinziehend? Ist die Ilias eine m ehr
oder m inder zufällige Einheit, zusammengehalten nur
durch den Erzählwillen (und vielleicht die Publikums­
wünsche) eines subjektiv auswählenden Erzählers?
Vordergründig betrachtet, ist das die Frage der H om er-
Analyse seit F. A. Wolf. Greift m an dahinter, so taucht die
Kernfrage auf, die alle Analyse letztlich angetrieben hat:
die Frage nach dem poetischen Wert der Ilias. Sie ist - in­
nerhalb eines Qualitätsvergleichs zwischen Tragödie und
Epik — indirekt bereits von Aristoteles gestellt worden
(Poetik 1462 b 3—11, eine leider etwas lückenhafte Stelle).
Aristoteles selbst beantw ortet sie positiv: »Und doch [ob­
w ohl das Epos wegen seiner Länge weniger einheitlich er­
scheinen muß als das Drama] sind diese Dichtwerke [=
Ilias und Odyssee] bestmöglich zusammengestellt (kom po­
niert, organisiert) und nahezu die Darstellung einer einzi­
gen Handlung«; aus einer anderen Stelle ergibt sich die Be­
gründung (Poetik 1455 b 13): Die Epeisodia (>das, was da-
zukommt< ~ Episoden) sind bei Ilias und Odyssee »inner­
lich dazugehörig« (οικεία, oikeia ~ integrierende Bestand­

154
teile). - Hat Aristoteles das Richtige gesehen? Den Nach­
weis für die gesamte Ilias, diesen Riesenbau, zu fuhren ist
hier nicht möglich. Vielleicht können einige Hinweise ei­
nen B egriff davon vermitteln, wie durchgeplant und fest­
verfugt das Bauwerk ist.

Das menis-Motiv

D er Handlungsplan, den der Iliasdichter bis Vers 427 des


1. Gesangs entw orfen hat, ist nur durchzuführen, wenn
beide Hauptbeteiligten, Zeus und Achilleus, sich plan­
konform verhalten, d. h. Zeus muß den Troern helfen
und Achilleus darf den Achaiern nicht helfen. Dazu müs­
sen beide freilich erst gebracht werden. Denn beide w ol­
len eigentlich das Gegenteil. Zeus will eigentlich den U n­
tergang Trojas, und Achill will eigentlich kämpfen (auch
wenn er augenblicklich anders gestim m t ist). Beide müs­
sen also dazu bewogen werden, ihre eigentlichen Bestre­
bungen um zukehren. Bei Achill hat Thetis diese U m keh­
rung durch eine Anweisung veranlaßt (»bei den schnellen
Schiffen sitzend grolle den Achaiern, und vom Kampfe
halte dich nun ganz fern!« I 421/22), bei Zeus w ird sie es
durch eine Bitte veranlassen (I 503-30). Aber erst wenn
beide U m kehrungen tatsächlich erfolgt sein werden, wird
die Erzählung in die vorgesehene Bahn cinschwenken
können. D er Dichter muß also die U m kehrungen berich­
ten.
Die erste U m kehrung (Achill) berichtet er in den Ver­
sen I 488-492:

(48«)
Der aber grollte bei den schnellen Schiffen sitzend,
der gott-entsproßne Peleus-Sohn, der schnellfüßige Achilleus:
Weder ging er jemals noch zur männer-ehrenden Versammlung
noch jemals in den Kampf. Doch ständig verzehrte er sein Herz sich
an seinem Platz ausharrend, und sehnte ständig sich nach Kriegeslärm
und Kampf.

155
Das ist - in nahezu wörtlicher Ü bereinstim m ung - die
Ausführung der Thetis-Anw eisung von Vers 421/22. Das
eine der beiden Kom plem ente des Handlungsplans ist da­
m it für den H örer als Handlungskom ponente ein für alle­
mal fixiert, und zwar als H andlungskom ponente, die un­
tergründig im U nterbau der folgenden Gesänge bis zum
19. Gesang w eiterwirken wird: Achilleus’ Groll und
Kampfenthaltung und Achilleus’ Leiden daran. Der Groll
Achills —im 1. Vers des Werks noch bloßer B egriff - ist
dam it für den H örer nunm ehr m it konkreter Anschau­
lichkeit gefüllt: er besteht in völliger Passivität und im Lei­
den daran.
D am it ergab sich freilich für den Dichter ein Problem.
Für den weiteren Aufbau der H andlung m ußten dem H ö­
rer beide tragenden Plan-Kom plem ente (als Strukturpfei­
ler) präsent gehalten werden, das göttliche wie das
menschliche. Beim göttlichen Kom plem ent w ar das nicht
allzu schwer: wie Zeus handelt, wie er also den Troern hilft
und die Achaier zurückdrängt, das w ar leicht in Aktion
umzusetzen. Beim menschlichen Plan-Kom plem ent da­
gegen war die U m setzung schwer. Denn hier m ußteja ge­
zeigt werden, wie Achill nicht handelt. Durch bloßes
Nicht-Auftretenlassen Achills w ar das Problem nicht zu
lösen. In diesem Falle nämlich hätte der H örer Achill zeit­
weilig vergessen. Gerade das durfte er aber nicht. Er hätte
sonst die strukturelle Spannung des folgenden Erzählge-
fuges nicht empfinden können, die ja darin besteht, daß
sich der H örer bei allem, was er hört, stets sagt: >Das alles,
was ich jetzt hier an Kämpfen, Verwundungen, T ötun­
gen, aber auch an beiderseitigen Hoffnungen und Enttäu­
schungen miterlebe, ist nur möglich, weil Achilleus pas­
siv ist.< Achill durfte also aus der Erzählung gerade nicht
verschwinden, er m ußte vielmehr m öglichst präsent blei­
b e n - aber als N icht-H andelnder. Achills Passivität m ußte
dem H örer als Passivität bew ußt gehalten werden. Erst
dann konnte der H örer das Geschehen als bedingtes, vor­
läufiges, also noch nicht endgültiges Geschehen durch­

156
schauen —als eine U m kehrung, die nur so lange gilt, wie
Achilleus passiv ist. Sobald Achill seine Passivität aufge­
ben w ürde —das m ußte klar sein —, w ürde die U m kehrung
wieder rückgängig gemacht werden und das eigentliche
Geschehen wieder einsetzen. N u r aus solchem Bew ußt­
sein der Vorläufigkeit konnte Spannung im tieferen Sinne
entstehen, d. h. eine Wartehaltung, die die Aufm erksam ­
keit dauernd wach erhält. Der Iliasdichter stand also vor
der Aufgabe, die Aktionslosigkeit Achills als eine der
stärksten Aktionen des Epos darzustellen.
Er löste die Aufgabe dadurch, daß er die Passivität
Achills zwischen denjenigen Stellen, an denen sie voll the­
m atisiert w ird (i. Gesang, 9. Gesang, 16. Gesang, 18./19.
Gesang), im m er w ieder einmal kurz aufblitzen, gewisser­
maßen >rezidivieren< ließ. So konnte die strukturelle
W irksamkeit (>Energie<) dieses G rundm otivs der Ilias­
handlung auch in den Handlungsteilen nicht in Vergessen­
heit geraten, die sonst vielleicht als lose Episoden hätten
erscheinen können. D er K unstgriff der Rezidivierungs-
technik hatte vielmehr zur Folge, daß die scheinbaren Epi­
soden sich als Handlungsteile enthüllten, die nur deshalb
überhaupt möglich waren, weil Achilleus grollte.
Die betreffenden Stellen können hier nicht in extenso
vorgeführt werden. Es handelt sich um: II 239ff., II 769ff.
(Schiffskatalog), IV 5i2ff. (Apollon erm untert die
Troer), V 788 (Hera erm untert die Achaier), VI 99 (Hele-
nos erw ähnt den Achill gegenüber Hektor), VII 228 ff.
(Aias droht dem Hektor). Zw ei Beispiele für den Typus:

( I I 239■
Thersites klagt den Agamemnon in der Heeresversammlung schlech­
ter Führungsqualitäten an)
»... der ja auch j e t z t den Achill —einen Mann, viel besser als er ist —
ganz entehrt hat: nimmt ihm doch weg sein Ehrengeschenk und ent-
reißt’s ihm persönlich!
Aber Achill, dem fehlt’s ja an Galle im Leibe, dem Schwächling!
Andernfalls hättest du jetzt wohl, Atride, zum letzten Mal schimpflich
gehandelt!«

157
Hera an die Achaier)
( V j8 8 :
»Schande, Argeier! Nichtsnutze und Schönlinge alle zusammen!
Ja, solange Achilleus, der göttliche, noch in den Kampf ging...«
In dieser Weise wird zwischen dem i. und dem 9. Gesang
nicht weniger als 6mal auf den untergründig als H and­
lungsm otiv wirkenden Groll des Achilleus verwiesen,
einmal (im Schiffskatalog) vom Dichter selbst, im eigenen
Nam en, fünfmal von Handlungsfiguren (Achaiern wie
Trojanern wie Göttern). Achilleus bleibt abwesend anwe­
send; jeder A kteur (und damit auch das Publikum) bleibt
sich seiner Kam pfenthaltung und dam it der Vorläufigkeit
der gegenwärtigen Lage (und dam it des Retardierungs­
charakters der Ilias innerhalb der Gesamt-Trojasage) voll
bewußt. Es ist klar, daß hier eine planende Hand Hand­
lungseinheit stiften will und Zerfall ins Episodische zu
verhindern sucht.
Hand in H and m it dieser >Bindetechnik< geht auf der an­
deren Seite eine Art >Lockerungstechnik<, die in ganz ei­
genartiger Antizipation späterer Rückblendetechniken die
handlungsausweitende Einbeziehung von Stoffkomple­
xen ermöglicht, die scheinbar themafern sind und sich
plötzlich doch als zugehörig erweisen. Diese Technik
zeigt sich besonders deutlich in den Gesängen 2 bis 7.

Das Motiv der Thetis-Bitte


U m die eigentlichen Willensrichtungen der beiden
H auptträger des vom Dichter geplanten Handlungsver­
laufs um zukehren, dauerhaft umzukehren, bedarf es einer
starken Kraft. Diese Kraft schuf der Dichter in der Gestalt
der Thetis. Als Göttin und M utter Achills vermag sie auf
beiden Handlungsebenen, der göttlichen wie der mensch­
lichen, die für den poetischen Plan notw endigen Lageän­
derungen glaubhaft durchzusetzen. Bei Achill, ihrem
Sohn, genügte ein Befehl: »Bleib bei den Schiffen sitzen
und kämpfe nicht mehr!« (I 421/22). Achill leistet Folge,
zunächst natürlich befriedigt (denn er hat esja so gewollt),
bald aber - so deutet der Dichter an - im m er gequälter,

158
entgegen seiner wirklichen N atur, die ihn nicht zum H er­
umsitzen, sondern zur heldischen Tat treibt: »Aber der
grollte bei den Schiffen, ging weder in die Heeresver­
sam m lung noch in den Kampf, sondern - härm te sich
ohne Unterlaß das Herz ab, dort ausharrend, und sehnte
sich ohne Unterlaß nach Kriegeslärm und Kampf« (I
488-92). D er H örer w ird später mehrfach auf Achills Le­
bensbestim m ung hingewiesen werden (die ihm grund­
sätzlich aus der Sage bekannt sein mußte); Achill selbst
drückt sie so aus: »Zwei Wege fuhren für mich von mei­
nem Schicksal her zum Tode: Bleib’ ich hier und kämpfe
um die Stadt der Troer, dann ist die H eim kehr für mich
zwar verloren, doch unvergänglich wird mein Ruhm
sein. K ehr’ ich jedoch nach Haus zurück in meine liebe
Heimat, dann ist für mich der edle Ruhm verloren und
lange w ird mein Leben w ähren...« (IX 411—15). N atür­
lich hat Achill sich längst für das erste, den Ruhm, ent­
schieden. Er muß also käm pfen wollen, muß die Stadt er­
obern wollen - und m uß infolgedessen die gegenwärtige
Entw icklungsrichtung, die allem, was er ersehnt, zuwi­
derläuft, als Qual und Pein empfinden. Doch er gehorcht.
Sein E hrbegriff und der Befehl der M utter halten ihn.
Bei Zeus, dem anderen Akteur, der, wenn der Plan ge­
lingen sollte, >mitspielen< m ußte, konnte Thetis nicht be­
fehlen. Sie m ußte bitten. In I 503-10 bringt sie ihre Bitte
vor: »Zeus, hab’ ich jem als dir m it Worten oder Taten ei­
nen guten Dienst erwiesen - erfülle diesen Wunsch mir:
Ehre m ir den Sohn, der zu so äußerst frühem Tode ja ge­
boren ist! Hat ihn doch jetzt der H err der M änner Aga­
m em non gänzlich entehrt: genom m en hat er ihm sein
Ehrgeschenk mit eignen Händen! Doch du verleih ihm
Ehre, Zeus, Olym pier, Gedankenreicher! So lange gib die
Ü berm acht den Troern, bis schließlich die Achaier Ehre
erweisen m einem Sohn und ihn m it Ehre überhäufen!«
Zeus gibt - wenn auch voller Bedenklichkeiten im H in­
blick auf seine äußerst emanzipierte Gattin Hera, deren
entgegengesetzte Zielsetzung er ja kennt - seine Zustim ­

159
m ung (in einer der majestätischsten Szenen der Ilias, I
524—30: Zeus nickt —und der O lym p erzittert; durch M it­
tel dieser A rt pflegt der Dichter die Bedeutsamkeit von
Erzählungselementen zu unterstreichen). D am it ist auch
die zweite >Umkehrung< vollzogen. Die zwei kom ple­
mentären Handlungsimpulse können zu wirken begin­
nen: Achill grollt - und Zeus hilft den Troern.
Überraschenderweise wird die Erw artung des Hörers
jedoch nur beim ersten Handlungsim puls erfüllt. Achill
grollt - das wird dem H örer in den folgenden Gesängen,
wie gezeigt, im m er wieder bewußtgemacht. Aber Zeus
hilft den Troern in den folgenden Gesängen nicht. In den 6
Gesängen 2 bis 7 verläuft die H andlung im Gegenteil ge­
nau umgekehrt: Die Achaier siegen. Sie treiben die Troer
so weit in die Enge, daß diese gegen Ende des 7. Gesanges
ein halbes Kapitulationsangebot machen: Rückgabe aller
Schätze, die Paris damals m it nach Troja genom m en
hatte, darüber hinaus noch eine A rt Schadenersatz-Zah­
lung - nur Helena will Paris behalten. Die Achaier lehnen
ab, und der K am pf geht am nächsten Tage weiter. U nd da
nun beginnt Zeus plötzlich die Thetis-Bitte zu erfüllen: er
gibt den Troern tatsächlich die Ü berm acht und hindert
die achaierfreundlichen Göttinnen Hera und Athene, zu­
gunsten der Achaier einzugreifen. U nd gegen Ende dieses
8. Gesanges gibt Zeus seine weiteren Pläne genau in dem
Sinne kund, in dem w ir das eigentlich schon im unm ittel­
baren Anschluß an die Thetis-Bitte erwartet hätten:

( V I I I 470)
»Morgen früh wirst du den übergewaltigen Kronion [= Zeus] noch
stärker,
wenn dir der Sinn danach steht, kuh-äugige herrische Hera,
vernichten sehen das zahlreiche Heer der Lanzenkämpfer aus Argos;
Denn nicht eher wird vom Kampfe ablassen der kräftige Hektor,
bis sich erhebt bei den Schiffen der schnelle Achilleus —
dann, wenn schon um die Schiffshecks der Kampf tobt,
auf fürchterlich engem verbliebenen Raum, um des Patroklos Leich­
nam«.

l6 0
In der H om erphilologie ist diese Stelle unter der Bezeich­
nung >i. Kundgabe des Zeus< bekannt. M it ihr program ­
miert der Dichter in großen Linien den tatsächlichen
Handlungsablauf des nächsten Kampftages (d. h. die Er­
zählung der Gesänge 11-18) vor: H ektor w ird bis zu den
Achaierschiffen Vordringen, Patroklos wird gegen ihn
ausgesandt werden, Patroklos w ird fallen, Achilleus w ird
sich >bei den Schiffen erhebem, seinen Freund zu rächen.
Zugleich w ird m it dieser Kundgabe —die erzähltechnisch
eine Vorausdeutung des Dichters ist - der konkrete Inhalt
der Thetis-Bitte wörtlich wiederaufgenommen: Das
Stichwort ist πρύμ ναι (prymnai), >Hinterdecks<. M it die­
sem Wort hatte Achill in der ersten Form ulierung seiner
Bitte an Thetis, die von Thetis dann dem Zeus überm ittelt
wurde, das äußerste lokale Ziel seines Rachewunsches be­
zeichnet: Zeus m öge die Achaier bis zu den >Hinterdecks<
ihrer Schiffe hinuntertreiben lassen (I 409). Hier, in VIII
475, greift der Dichter durch den M und des Zeus dieses
Stichw ort wieder auf: »wenn der K am pf um die >Hinter-
decks< toben wird«. Es ist klar, daß hier ein und derselbe
Dichter am Werk ist: er greift die von ihm im 1. Gesang
angelegte Handlungslinie der Thetis-Bitte wieder auf
- ohne Überlappungen, gedankliche Sprünge und Lük-
ken.
Was aber ist m it den Gesängen 2 bis 7? Warum ist in ih­
nen von der Thetis-Bitte nicht die Rede? M ehr noch,
w arum ist die Thetis-Bitte in ihnen augenscheinlich gar
nicht wirksam? Warum verläuft die Handlung in diesen
Gesängen in genau entgegengesetzter Richtung, als sie bei
struktureller W irksamkeit der Thetis-Bitte verlaufen
müßte? Hat der Dichter etwa das Versprechen, das er sei­
nen Zeus der Thetis im 1. Gesang hatte geben lassen, in
den folgenden Gesängen vergessen? O der - die bevor­
zugte A ntw ort der Analyse - stam m en die Gesänge 2-7
vielleicht von einem anderen Dichter als dem der Thetis-
Bitte?
Die zweite Ausflucht ist unm öglich. Denn Thetis-Bitte

161
und Achilleus-Groll bilden eine zweiteilige strukturelle
Planungs-Einheit; die Thetis-Bitte ist m it dem Achilleus-
Groll seit I 419-22 unlösbar verkoppelt. N un ist aber das
strukturelle Korrelat der Thetis-Bitte: der Achilleus-
Groll, in eben diesen Gesängen 2-7, wie sich zeigte,
durchaus präsent. Da der Dichter des Achilleus-Grolls,
der menis, wegen der unlösbaren Koppelung der beiden
Planungskom ponenten m it dem der Thetis-Bitte iden­
tisch sein muß, kann er, der das eine der beiden Plan-
Kom plem ente in den Gesängen 2-7 im m er wieder >rezidi-
vieren< läßt, das andere Kom plem ent in diesen gleichen
Gesängen nicht >vergessen< haben. Er kann es nur vermie­
den haben. Das heißt, der Iliasdichter muß die Thetis-Bitte
und das zugehörige Zeus-Versprechen in den Gesängen
2-7 absichtlich ausgeblendet, aufgeschoben, suspendiert
haben. Ausgeblendet werden M otive im Erzählwerk, um
Platz für andere zu schaffen. Was blendet also der Ilias­
dichter in den selbstgeschaffenen Freiraum - in die >Atem -
pause< —ein?
Nachdem Zeus sein Versprechen gegeben hat, sinnt er
zunächst sogleich auf Erfüllung: N och in der darauffol­
genden N acht sendet er dem A gam em non einen Traum.
D am it beginnt der 2. Gesang. D er Traum gaukelt dem
A gam em non im Auftrag des Zeus die Eroberung Trojas
noch am folgenden Tage vor. Nichts kann Agam em non
w illkom m ener sein als eine solche Vision, die ihn aus allen
augenblicklichen Schwierigkeiten zu befreien verspricht.
Er greift nach dem Traum wie nach dem rettenden Stroh­
halm (der Dichter hebt sein verzweifeltes, selbstbetrügeri­
sches Zupacken durch ein ganz seltenes Kunstm ittel her­
vor, einen >auktorialen Erzählerkom m entaro »Glaubte
nämlich, des Priamos Stadt noch am nämlichen Tage zu
nehmen - Tor, der er war! und kannte so gar nicht die
Werke, die Zeus sich ersonnen!«: II 37f.). Agamemnon
überredet die reichlich skeptischen M itglieder des >Sta-
bes<, noch am gleichen M orgen mobil zu machen (gerade
erst ist die Pest gewichen, eines der wichtigsten Kontin­

162
gente - das des Achilleus - ist in den Ausstand getreten!).
Die Heeresversam m lung wird einberufen. Agam em non
versucht das Heer (er hat das in der >Stabsbesprechung<
bereits angekündigt) durch eines der stärksten M ittel neu
zu motivieren, die im militärischen Bereich üblich sind:
durch em pörend überzogenen Defätismus (die berühm te
>Peira<, der >Test< des Heeres). Innerhalb seiner großen
>Versuchungs<-Rede (II1 10-140) läßt ihn der D ichter nun
eine Angabe machen, m it der die gesamte bisherige Er­
zählrichtung fundamental umschlägt: »N eunjahre des ge­
waltigen Zeus sind schon dahingegangen, verfault sind
schon die Balken unsrer Schiffe, und die Taue sind verrot­
tet, und unsre Frauen und unm ündigen Kinder, die sitzen
hangend-bangend in den Häusern, uns aber ist das Werk,
zu dem w ir hergekom m en, so unvollendet!« (II 134—38).
M it dieser Zeitangabe w ird eine Entw icklung eingelei­
tet, die für die Suspendierung der Thetis-Bitte in den Ge­
sängen 2-7 verantwortlich ist. M it dieser Zeitangabe be­
ginnt nämlich eine ganz neue Erzähldimension: die Di­
mension der Vergangenheit, der Vorgeschichte. Bisher
schien es so, als sei nicht m ehr als ein Ausschnitt aus der
Sage angestrebt, der zeitlich auf nur einer Ebene läge, und
der H intergrund, der Gesamtzusammenhang, die Tiefe
sei vorausgesetzt; es schien also eine >synchronische< Er­
zählung angestrebt. N un jedoch kom m t Diachronie ins
Spiel. Wenige Verse später erw ähnt der Dichter Helena.
D am it w ird nicht nur die zeitliche Dim ension noch weiter
in die Vergangenheit zurückgeschoben (Kriegsgrund;
Vorkriegszeit), sondern es kom m t auch die kausale Di­
mension herein: von der augenblicklichen Situation vor
Troja w ird ein Bogen zurückgeschlagen zu den ersten An­
fängen hin. Es entsteht Hintergrund.
Diese Linie, die hier angelegt wird, verfolgt der Dichter
in den folgenden Gesängen konsequent weiter. Zunächst
noch im 2. Gesang selbst, wenn Odysseus in seiner gro­
ßen >moralischen Wiederaufrüstungsrede< (II 284-332)
nicht nur erneut vom meunten Belagerungsjahr< spricht
(II 295 )> sondern neue Siegeshoffnung auch durch plasti­
sche Ausm alung jenes wunderbaren Vorzeichens erwek-
ken will, das bei der Ausfahrt des Achaierheeres in Aulis
der Seher Kalchas, wie jeder wohl noch wisse, auf Erobe­
rung Trojas im zehnten Kriegsjahr gedeutet habe. D am it
ist der H örer unm erklich um 9 Jahre zurückgeglitten; er
befindet sich plötzlich am Beginn des Unternehm ens. Die
Situation des 1. Gesanges —Streit und Groll - beginnt ihre
Isolation zu verlieren, sie w ird zum D urchgangspunkt ei­
nes zehnjährigen Geschehenszusammenhanges. In die Ge­
schichte vom Groll des Achilleus beginnt die Geschichte
des Trojanischen Krieges hineinzuwachsen, sich darun­
terzuschieben, sich dam it zu verflechten. N och im m er ist
der H örer in der Ebene vor Troja, aber m it einem kleinen
Teil seines Bewußtseins ist er jetzt auch bereits in Aulis.
Dieser zunächst kleine Bewußtseinsanteil w ird im Fol­
genden im m er stärker ausgeweitet. Zunächst durch den
sogenannten >Schiffskatalog<. O hne hier in die schwieri­
gen Teilfragen der m it diesem Erzählstück verbundenen
Gesam tproblem atik eintreten zu wollen, scheint doch die­
ses eine sicher: An der gegebenen Stelle der Erzählung
w ird nicht ein Katalog der seinerzeit in Aulis zur Ausfahrt
nach Troja eingetroffenen Schiffe gebraucht, sondern ein
Aufm arsch- und Aufstellungsplan der in der Ebene vor
Troja zum Infanterie-Angriff zu postierenden >Regimen-
ter<. Chronologisch gehört also die Schiffsliste an den An­
fang einer Ilias, nicht einer Achilleis. Eben darum hat sie
aber der Dichter offenbar hier hereingenom m en. D enn sie
bot die Möglichkeit, die angelegte >Rückgriffslinie< orga­
nisch zu verbreitern. Sinn dieser Strategie ist es offensicht­
lich, aus dem zunächst als Episodendichtung erscheinen­
den Gesang vom Groll des Achilleus im nachhinein den­
noch ein Großepos vom Trojanischen Kriege, eine Ilias
also, zu machen - ohne dabei doch das eigentliche Thema,
die menis Achileos, aufzugeben. Das ist die gleiche Strate­
gie, die auch die Struktur der Odyssee prägt: die Vorge­
schichte der eigentlich erzählten Geschichte wird dort in
Form der Ich-Erzählung des Odysseus bei den Phaiaken
als eine nachträglich erfolgende Rückwendung in die Er­
zählung noch eingespiegelt. Die Technik ist natürlich uni­
versal; in der späteren griechischen Literatur begegnet sie
voll ausgereift zuerst bei H erodot wieder (eigentliche Ge­
schichte: der Perserkrieg - eingespiegelt: die nationalen
Vorgeschichten aller Hauptbeteiligten). Hier in der Ilias
scheint sie sich noch in einem Frühstadium der Entw ick­
lung zu befinden. D enn der R ückgriff wird nicht eigent­
lich explizit gemacht (wie in der Odyssee durch das M ittel
der Ich-Erzählung). Dennoch ist er als R ückgriff geradezu
sinnlich spürbar.
Das w ird im m er deutlicher in den folgenden Gesängen.
Zunächst erwartet ja der H örer nach der >Truppenschau<
der beiden Kataloge einen ersten Zusam m enstoß der
Heere. Statt dessen erfolgt im Zwischenraum zwischen
den aufmarschierten Heeren ein Zweikam pf-A ngebot des
Paris an Menelaos, also des Beleidigers an den Beleidigten
(III 67-75): Er, Paris, wolle - so teilt er seinem Bruder
H ektor m it - m it Menelaos kämpfen, und wer gewinne,
solle alle Schätze und Helena nach Hause führen. Die ande­
ren aber sollten einen Freundschaftsvertrag abschließen,
demzufolge nach erfolgtem Z w eikam pf die Aggressoren
wieder in ihre Heim at zurückkehren sollen und die Troer
endlich wieder ihre Ruhe hätten. N atürlich gehört dieser
Versuch einer Konfliktbereinigung durch einen Zwei­
kam pf der beiden persönlich betroffenen Kontrahenten,
also durch eine A rt Gottesurteil, nicht erst in das 9. Bela­
gerungsjahr, sondern an den Anfang des Krieges. Das
wird zur Gewißheit durch den darauffolgenden Szenen­
kom plex der sog. >Teichoskopie<, der Mauerschau.
W ährend Menelaos auf den Paris-Vorschlag eingeht
und H ektor zur Besiegelung des Vertrages einen Herold
nach König Priamos auf der Akropolis von Troja schickt,
holt die G ötterbotin Iris die Helena (die züchtig am Web­
stuhl sitzt). Als diese an den neugierigen alten M ännern
auf der Stadtmauer am Skaiischen Tore vorbeikom m t,

165
geht ein Raunen durch deren Reihen: »Unglaublich schön
ist diese Frau, wie eine Göttin! Sie kehre lieber heim, daß
sie nicht noch unseren Söhnen später ein Unglücksquell
werde!« Daß eine derartige Forderung nach Heimsen­
dung der Helena, des Kriegsgrunds, den weisen Alten erst
nach 9 Kriegsjahren eingefallen sein könnte, wird man
kaum glauben wollen. Die Erw artungshaltung des H ö­
rers, nunm ehr Ereignisse aus dem Kriegsbeginn erzählt zu
bekom m en, w ird dadurch noch weiter gefestigt.
Es folgt die M auerschau (III160-244). Priamos ruft He­
lena zu sich und läßt sich von ihr die N am en der in der
Ebene befindlichen einzelnen griechischen Anführer nen­
nen. Es stellt sich heraus, daß er weder Agamemnon
kennt noch Odysseus noch Aias - nach A blauf von 9 Bela­
gerungsjahren natürlich völlig unm öglich. Die Teicho-
skopie gehört also sagen- und epenchronologisch eben­
falls an den Anfang des Krieges.
Nach dem Z w eikam pf Paris - Menelaos die berühm te
Szene, wie A phrodite Helena zum Verlierer Paris zwingt.
Die rational unerklärbare Verfallenheit dieser beiden
Menschen aneinander kann nicht besser ausgedrückt w er­
den als durch die Tatsache ihrer Vereinigung unm ittelbar
im Anschluß an eine totale D em ütigung des Liebhabers
durch den Ehem ann der Partnerin. Die Sage vom Raub
der Helena wird, wie Karl Reinhardt es zu sagen pflegte,
>in epische Situation umgesetzte
Zeitliche und kausale Dim ension der Rückgriffslinie
sind bisher schon im m er m ehr vertieft worden. Am An­
fang des 4. Gesanges steht nun eine G ötterberatung auf
dem O lym p, in der Zeus erwägt, den Krieg zwischen
Achaiern und Troern zu beenden (IV 16). Vielfältige Indi­
zien im U m kreis dieser Stelle beweisen, daß Zeus hier
nicht etwa in täuschender Absicht spricht. Also kann er
hier nicht in der im 1. Gesang angelegten Zeitebene ste­
hen; er könnte sonst einen solchen Vorschlag - seines Ver­
sprechens an Thetis eingedenk - gar nicht erst in Erw ä­
gung ziehen. Wenn dann der Troer Pandaros den ge­

166
schlossenen Vertrag hinterhältig brechen muß, dam it der
Krieg weitergehen und Troja erobert werden kann, ist
deutlich, daß die mythische (individuell-menschliche)
Kriegsm otivation hier durch eine rationale (juristisch­
moralische) M otivation >unterfüttert< werden sollte.
Auch dieser ganze Kom plex der rationalen Bewältigung
der Kriegsschuldfrage gehört an den Anfang des Krieges.
Im 5. Gesang rücken die Achaier unter Diomedes so
siegreich vor, daß im 6. Gesang der W iderstand der Troer
völlig zusam m enbricht und nur noch in Götterhilfe Ret­
tung erhofft w erden kann. Daher Hektors Gang nach
Troja (der zu einer tiefen Analyse der Lage in einer bela­
gerten Stadt und der Gefühle der Angehörigen von >Hel-
den< Gelegenheit gibt). Als H ektor im 7. Gesang wieder
zur Truppe zurückkehrt, hat sich die bedrängte Lage dort
in keinem Punkt geändert (VII 4-7). N u r ein Götterein­
griff (Athene und Apollon wirken zusammen) bringt die
vorläufige Rettung. Es folgt das Kapitulationsangebot,
von dem bereits die Rede w ar (VII 385-97).
In der Rückschau auf die Gesänge 2-7 wird deutlich:
M it dem Beginn des 2. Gesanges beginnt der Dichter die
Thetis-Bitte allmählich auszublenden und dafür die Vor­
geschichte des Krieges und die Ereignisse des Kriegsfee-
ginns einzublenden, dam it aus der Achilleis eine Ilias wer­
den kann. Die Technik, mittels deren diese Ausweitung
des Erzählungshorizontes erreicht wird, besteht in einer
allmählichen, gleitenden Zurückleitung des Hörers zu den
allerersten Anfängen des Ereigniszusammenhanges hin.
Ein abrupter Schnitt, eine plötzliche explizite Rückblende
w ird dabei vermieden. Die Technik besteht in einer im­
mer plastischeren Ausmalung der Anfangsstationen des
Krieges. Dichtungsgenetisch gesehen - aber das ist hier
nicht unser Beweisziel —kann man versuchsweise anneh­
men, daß hier Stücke aus der Gesamt-Trojaepik verwen­
det und adaptiert sind, die der Iliasdichter selbst bereits in
häufigen Vorträgen verwendet hatte. Der Gewinn dieser
>Einspiegelung< der Vorgeschichte besteht einmal in einer

167
allgemeinen Vertiefung des Stoffsektors >Menis Achileos<
durch die Integration des Gesamtstoffes der Trojasage,
zum anderen in einer personellen und situationellen Fun­
dierung des folgenden Groll-Gedichtes.
Erst im 8. Gesang ist die Einspiegelung, wie gezeigt,
beendet, und die im i. Gesang angelegte Strukturlinie
wird wieder aufgenom m en. Sofort zeigt sich jetzt, welche
Folgen Achilleus’ Groll hat: Erstmals lagern die Troer in
der Ebene. Achill ist also für die Achaier unentbehrlich.
D arum nunm ehr der Beschluß der Bittgesandtschaft.
Nach der nachgeholten breiten Exposition kom m t also
der Strukturplan des Dichters, der teilweise suspendiert
war, nunm ehr voll zum Tragen: stufenweises Z urück­
drängen der Achaier, das bis zu den Schiffen gehen wird.
Daß Achilleus erst jetzt, im 9. Gesang, um seine Hilfe ge­
beten wird, ist selbstverständlich: erst der 8. Gesang hat
die Erkenntnis seiner U nentbehrlichkeit gebracht. So ge­
sehen, hat der H örer den im 2. Gesang beginnenden 1.
Kampftag des Epos nicht als 1. Kampftag innerhalb der
Geschichte vom Groll Achills zu betrachten, sondern in­
nerhalb der Ilias. D er 1. Kampftag innerhalb der menis-
H andlung ist vielmehr der des 8. Gesanges.
Es ist deutlich, daß hier ein beachtlicher erster Versuch
vorliegt, eine Erzählung zugleich straff (>Bindetechnik<
der Groll-Rezidivierung) wie auch locker (Zurückgleiten­
lassen und Wiederheranholen des einen Teils des D oppel­
fadens) zu gestalten. Die Odyssee w ird eine bereits ent­
wickeltere Stufe der gleichen Strategie zeigen. Gegenwär­
tig vermag kein H om erkenner noch zu sagen, ob dahinter
nicht vielleicht doch - wie Reinhardt meinte - das ständige
Vervollkom m nungsbem ühen ein und desselben Dichters
steht.
M it der Aufdeckung dieser offensichtlich wohlüberleg­
ten Einspiegelungstechnik ist grundsätzlich gezeigt, daß
beim Iliasdichter m it einem relativ hohen Standard erzähl­
technischer Versiertheit gerechnet werden muß. M etho­
disch bedeutet das, daß alle Ansätze, scheinbar entbehrli­

168
che Erzählungsteile als spätere >Zusätze< zu einem >ur-
sprünglicheren< Bauwerk auszuscheiden, im m er nur M it­
tel zweiter Wahl sein können. Bevor zu ihnen gegriffen
werden kann, sollten alle denkbaren Möglichkeiten, sol­
che Erzählungsteile als planvolle Ein-, An-, U nterbauten
usw. zu begreifen, ausgeschöpft sein. So ist es z. B. ganz
unüberlegt! die langen Schlachtschilderungen etwa des 3.
Kampftages (11—18. Gesang) als >unübersichtlich<, >chao-
tisch< u. ä. zu bezeichnen; genaue Analyse vermag zu zei­
gen, daß auch hinter diesen Erzählsequenzen ein klarsich­
tiger Bauwille steht [Latacz 1977]. An der Länge dieser
Kampfschilderungen darf schon gar nicht Anstoß genom ­
m en werden: es ist geradezu selbstverständlich, daß ein
adeliges Publikum die Taten seiner >Helden< in allen Ein­
zelheiten >vorgeführt< bekom m en möchte; das erzeugte
ebensowenig Langeweile wie bei heutigen Sportfans die
zuweilen stundenlangen Radioreportagen von, sagen wir,
5-Satz-Spielen in Wimbledon: das Publikum verfolgt je­
den Aufschlag, Return, Slice, Lob usw. m it gespanntester
Anteilnahme. Selbstverständlich bestand in diesem Be­
reich noch am ehesten die Möglichkeit, ein bereits fertiges
Werk um dieses oder jenes Detail, diese oder jene Szene,
diese oder jene Figur zu >bereichern<. Ein gesundes Urteil
wird sich allerdings sagen, daß das Werk in seiner eigentli­
chen Struktur und Substanz davon nicht tangiert wird.
Die vollendet durchgeplante Einheitlichkeit der Ilias vom
1. bis zum 24. Gesang - keine Überlappungen, keine
wirklichen Dubletten, keine logischen Lücken, keine Wi­
dersprüche im Grundplan - ist augenfällig; hätte man al­
lerdings den Iliasdichter gefragt, ob sie es war, w orauf e r -
wie seine m odernen Interpreten - sein Hauptaugenm erk
und seine größten Bem ühungen gerichtet hatte, so hätte
er vermutlich verw undert reagiert. Es ging ihm nicht
darum, ein einheitliches Epos zu schaffen - das war die
Voraussetzung - , sondern ein Epos, das die Welt ver­
ständlicher und schöner machen konnte.

169
IV

D IE O D Y S S E E

Odysseus’ Heimkehr: Das Thema und sein Rahmen

Die Odyssee beginnt weniger konzentriert als die Ilias. Sie


benennt m it dem ersten Wort ihres Prooim ions nicht eine
bestim m te Episode im Leben ihres Helden als ihr Thema,
sondern diesen Helden überhaupt: »Den M ann erzähl mir,
Muse, jenen vielgew andten...« D ann wird zwar einge­
schränkt - nur von einem ganz bestim m ten Lebensafo-
schnitt dieses Mannes soll berichtet werden (» ...d er sehr
viel um getrieben ward, nachdem er Trojas heilige Stadt
zerstörte«: also nur von der nachtrojanischen Zeit im Le­
ben des Helden soll die Rede sein), aber innerhalb dieses
Lebensabschnitts wird zunächst nicht w eiter eingegrenzt:

(1,3)
Vieler Menschen Städte erblickte er und lernte ihre Denkart kennen,
viel Schmerzen auf der See erlitt er auch in seinem Innern,
rastlos bemüht, sein Leben zu bewahren und die Heimkunft der Ge­
fährten -
aber auch so hat er nicht die Gefährten errettet, sosehr er es wünschte:
Gingen an eigenen Unbändigkeiten zugrunde,
Toren sie! die sie aufaßen die Rinder des Sonnengotts, des Hyperion!
Davon —von irgendwo an - , du Göttin, Tochter des Zeus, erzähle
auch uns nun!

Die thematische Offenheit dieses M usen-Anrufs gegen­


über dem der Ilias fällt ins Auge: >davon - von irgendwo
a n .. .< Es sieht so aus, als hätte dieser Dichter keinen rech­
ten Plan. Sein Einsatz ist viel weniger gezielt, weniger
wuchtig, weniger dramatisch und spannungsreich. Von
dem viel um hergetriebenen Trojakämpfer soll die Muse
nur erzählen, auch seinem Publikum erzählen (wie so vie­
len anderen vorher schon); von jenem Helden, der so vie­
les Schmerzliche erlebte bei der Rückkehr von Troja her -

170
und der dann schließlich doch noch heimkam, als einziger
seiner ganzen Mannschaft, weil er nicht so ohne Überle­
gung handelte wie seine Kameraden.
Das klingt recht allgemein. Diese Allgemeinheit ist je­
doch kein Mangel an Zielbew ußtheit des Dichters. Sie ist
vielmehr ein M erkmal seines Stoffes. Das Publikum, das
diesen Epos-Anfang hörte, w ar m it dem Stoff vertraut,
vertrauter vielleicht noch als m it dem der Ilias. Es m ußte
den N am en des Helden, der gemeint war, gar nicht wis­
sen (er fällt denn auch erst in Vers 21). Der vielgewandte
und vom Schicksal viel >gewendete< Teilnehmer am Tro­
jazug, der erst als letzter heimkam, der Held, der kraft sei­
ner praktischen Vernunft alle Gefahren übersteht, w ar ein
Symbol. Alles, was an Intelligenz, Gewandtheit, Di­
plomatie, Pragm atik, unzerstörbarem Lebenswillen, Er­
findungsgeist und prinzipieller Hoffnung in Menschen
lebt, w ar in unzähligen Geschichten schon seit Jahrhun­
derten auf ihn übertragen w orden —eben auf Odysseus. Ein
Gesang von Odysseus konnte - anders als einer von Achill
- tatsächlich >irgendwo< beginnen; denn hier ging es, was
im m er das spezielle Them a war, stets nur darum, beispiel­
haft und tröstlich das eine vorzuführen: wie menschlicher
Geist am Ende dennoch siegt.
>Odysseus< ist kein griechischer Name. Da auch die N a­
m ensform >0 1 ysseus< vorkom m t (vgl. lat. Ulixes) und
Wechsel zwischen d und l bei der griechischen Wiedergabe
von W örtern aus der Sprache der vorgriechischen Bevöl­
kerung des Ägäisraums für uns auch sonst belegt ist, muß
Odysseus eine einheimische Sagenfigur gewesen sein, die
die Griechen erst nach ihrer Einwanderung kennenlern­
ten. Odysseus w ar von Anfang an Seefahrer - heimisch
auf dem M eer und auf den Inseln, Inselbewohner auch
selbst, zu Haus auf Ithaka. Als die Griechen, ursprünglich
m it dem Meere nicht vertraut, in ihrer neuen Heimat
selbst Seefahrer wurden, übernahm en sie von den Einhei­
mischen m it dem Schiffsbau und seiner Terminologie,
m it der M eeresgeographie und der nautischen Erfahrung
auch die alten Seemannssagen und das Seemannsgarn.
Odysseus gehörte dazu.
Alles was Seeleute auf ihren manchmal langen Fahrten
an Zauberern und Riesen, N ixen und Wassermännern,
Geisterschiffen und schwim m enden Inseln gesehen haben
wollten, alle Abenteuer in fernen Ländern und auf entle­
genen Inseln, die sie siegreich bestanden haben wollten,
waren auf Odysseus übertragen worden. Er war noch im­
mer heim gekom m en, aus jeglicher Gefahr.
Es w ar nur natürlich, daß Odysseus auch am Zuge ge­
gen Troja teilgenom m en haben mußte. Der Klügste
durfte ja nicht abseits stehen. Natürlich hatte er’s versucht
- er wäre sonst ja nicht der Klügste gewesen —, aber den
Wahnsinn, den er damals heuchelte, hatte man entlarvt.
Vor Troja dann bewies er aufs neue, daß die entscheidende
Waffe des Menschen der Verstand ist: Als alle militärische
Gewalt fehlgeschlagen war, verfiel er auf die List m it dem
Hölzernen Pferd: physisch hatten die Trojaner neun Jahre
lang standgehalten, geistig waren sie in ein paar Stunden
mattgesetzt.
Wenn ein Seefahrer wie Odysseus von Troja heimse­
gelte, konnte das nicht dasselbe sein wie bei einem Aga­
m em non oder Diomedes. Wann zum ersten Mal ein epi­
scher Sänger auf die Idee kam, die Abenteuer, die sich mit
der Gestalt des Seefahrers Odysseus verbanden, in die Zeit
der H eim fahrt des Trojakämpfers Odysseus zu verlegen,
können w ir nicht m ehr erschließen. Daß es aber nicht erst
der Dichter unserer Odyssee war, darf als sicher gelten
[Lesky 1967, n 6 f.).
N och ein drittes Erzählm otiv scheint lange vor der Ab­
fassung unserer Odyssee m it Odysseus verbunden w or­
den zu sein: die Geschichte vom Spätheimkehrer. Einem
Seemann w ar dieses M otiv auf den Leib geschrieben: Aus­
gefahren, vom U nw etter verschlagen, durch vielfältige
Hindernisse im m er wieder aufgehalten, in der Fremde
verarm t und heruntergekom m en, mittellos und außer­
stande, die Heim fahrt zu betreiben, bleibt der Gatte lang

172
und länger aus, muß schließlich als verschollen gelten, ist
vielleicht schon tot. Die Dinge in der H eim at nehm en ih­
ren Lauf. Bewerber um die Hand der >Witwe< stellen sich
ein; sie sucht die Treue lange zu bewahren (denn eine To­
desnachricht hat sie nicht); doch da ist ein Sohn, der nun
heranwächst, die Freier drängen... Allmählich beginnt
sie sich dareinzuschicken, Hoffnung hat sie ohnehin kaum
mehr, der Hochzeitstag w ird angesetzt... Da kom m t im
letzten Augenblick der Totgeglaubte doch noch heim.
Seemannsgeschichten, Heimkehrernovelle und Rück­
kehr des Trojakämpfers waren lange vor H om er schon in
der mündlichen Sangestradition zusammengewoben
w orden zu einem großen Odysseus-Erzählkom plex
[Lesky 1967, 1i6f.]. Da konnte der Sänger in der Tat >hin-
eingreifen< und >von irgendw o an< etwas im Gesang zum
Vorschein bringen. Das Publikum verstand es einzuord­
nen. So beginnt denn auch der Dichter unserer Odyssee
seine Version zunächst noch im gew ohnten Stil: »D avon-
irgendw o beginnend - erzähle, Göttin, nun auch uns!«
Dann aber w ird der D ichter m it einem Male deutlicher,
zupackender. Wie im Ilias-Prooimion w ird plötzlich
scharf abgegrenzt und ein Program m entworfen:

(h n)
Da waren nun die andern alle, die dem jähen Untergang entronnen,
zu Hause, hatten Krieg und Meerfahrt überstanden,
nur diesen einen, den nach Heimkehr es verlangte und nach seiner
Frau,
den hielt die herrscherliche Nymphe fest, Kalypso, jene edle Göttin,
in der gewölbten Grotte, und begehrte ihn zum Gatten.
Doch als das Jahr gekommen war im Jahreskreislauf,
in dem die Götter ihm verliehen hatten heimzukehren
nach Ithaka, da war er selbst d o r t nicht der Kämpfe ledig,
auch unter seinen eignen Lieben nicht...

D am it ist das Them a, das der Dichter dieser Version be­


handeln will, örtlich und zeitlich festgelegt: Anfangs­
punkt wird O dysseus’ Aufenthalt bei der N ym phe Ka­
lypso sein, Endpunkt sind seine Kämpfe auf der Heim at-

173
insei Ithaka. Die Handlungszeit ist als >das Jahr der H eim ­
kehn bestim mt; für den Kenner des Sagenzusammen­
hangs w ar das das zwanzigste Jahr nach O dysseus’ Aus­
fahrt gegen Troja (im Epos selbst w ird diese Zeitangabe
mehrfach wiederholt). Wie in der Ilias ist also auch in die­
sem Epos der poetisch fruchtbarste Augenblick gewählt:
gerade nicht >irgendwo< im Kosmos der Geschichte wird
eingesetzt, nicht >irgend etwas< w ird aus ihm herausge­
griffen - ganz entgegen dem ersten Eindruck also, der die
übliche Praxis widerzuspiegeln schien - , sondern es wird
dort angesetzt, wo die Dinge kurz vor der Entscheidung
stehen, in der kritischen Phase, am kritischen Punkt.
Ü ber diese äußeren Bestim m ungen hinaus w ird aber im
erweiterten Prooim ion von dem Program m , das der
Dichter dieses Epos hat, noch m ehr verraten: Von den
M eeresabenteuern, an die jeder dachte, der >Odysseus<
hörte, ist da nicht die Rede. Dafür von den >Kämpfen< —
eigentlich bedeutet das griechische Wort (άεθλος, aethlos,
vgl. Athletik) >Bewährungsprobe< - , die der Held selbst
in der eigenen Heim at noch, auf Ithaka, >sogar bei seinen
eigenen Liebem, zu bestehen haben wird. Es geht dem
Dichter also offensichtlich nicht um den Abenteurer, son­
dern um den Heim kehrer, und es geht ihm um die Proben
seiner Intelligenz, Kraft, Ausdauer, List und Selbstbeherr­
schung, die er selbst seinen eigenen Lieben gegenüber
noch ablegen muß, um wieder wirklich >zu Hause< sein zu
können. Dies scheint die eigentliche Spannung zu sein, die
für diesen Dichter in der Geschichte hegt und die sein In­
teresse weckt: wie einer, der sogar einer >herrscherlichen
Nymphe< und >edlen Göttim eine Absage erteilt hat, weil
es ihn mach der H eim kehr verlangte und - nach seiner
Frau(, - wie ein M ann von dieser A rt selbst dem Liebsten
gegenüber, das er hat und um dessentwillen er alles Leid
im Krieg und auf der See auf sich genom m en hat: gegen­
über seiner Frau, sich doch erst wieder neu bewähren und
beweisen m uß, wie er sich sogar seine eigenen Lieben -
Sohn und Frau - erst neu erkämpfen muß.

174
Der H örer mag an dieser Stelle, ganz am Anfang der Er­
zählung, noch nicht so recht begreifen, was da eigentlich
gemeint ist. >Kämpfe< - das scheint ja zunächst nur jenen
>Freierkampf< zu bedeuten, in dem der Heim gekehrte der
Novelle seine inzwischen ihm erwachsenen K onkurren­
ten um die Frau bezwingen muß. D avon hatten viele Sän­
ger schon gesungen. Daß der Dichter dieses Epos sich an­
dere Fragen stellt, w ird das Publikum erst später merken.
N icht wie der K am pf im Äußeren verläuft, interessiert
ihn. Er überlegt und fragt vielmehr, was das w ohl innerlich
bedeutet: sich seine Frau wieder >erkämpfen< müssen; was
es auch für die Frau, den Sohn, die Heimgebliebenen be­
deutet, den Heim gekehrten als den vor zwanzig Jahren
Weggegangenen wieder akzeptieren zu sollen. Es wird
sich zeigen, daß auch der Dichter unserer Odyssee, wie der
der Ilias (ob sie identisch sind, läßt sich ja nicht erweisen),
nicht eigentlich am Faktischen der Geschichte interessiert
ist, sondern an dem, was diese Sage ihren Helden eigent­
lich zum utet - im Menschlichen, im Seelischen. Ilias- und
Odysseedichter verbindet, daß sie nicht schildern, w ie’s
gewesen ist, sondern, w ie’s gewesen sein könnte. Sie sa­
gen zwar >So w ar es!<, meinen aber eigentlich >So stelle
ich’s mir vor!<. Indem sie M öglichkeiten des Verständnis­
ses ersinnen, füllen sie die alten Sagen m it Gegenwart. So
werden ihre D eutungen der Sage zu Hilfen für den Hörer,
die M enschen ringsherum und dam it auch sich selbst neu
zu sehen und zu durchdenken.

Die Durchführung des Themas

Die Struktur der Odyssee ist leichter zu durchschauen als


die der Ilias. Eines Szenariums bedarf es hier nicht. Die
H andlung spielt sich an 3 H aupt- und 2 Nebenschauplät­
zen ab; alle drei Hauptschauplätze sind - wie es der Heim ­
kehrgeschichte eines Seefahrers angemessen ist - Inseln:
Ogygia, die Insel der Kalypso - Scheria, die Insel der Phai-

175
aken - Ithaka, O dysseus’ Heimatland. Die beiden Neben­
schauplätze sind N estors Palast in Pylos und Menelaos’/
Helenas Palast in Sparta.
Die Handlung erstreckt sich - wie in der Ilias - nur über
wenige Tage, insgesamt 40. Davon werden - ähnlich wie
in der Ilias - 16 Tage und 8 Nächte erzählt, der Rest ist nur
benannte Zeit. D er Eindruck, daß in der Odyssee unend­
lich viel Zeit vergehe, entsteht einmal durch O dysseus’
Ich-Erzählung bei den Phaiaken, in der er seine Abenteuer
von Trojas Fall bis zur A nkunft auf Scheria berichtet (also
io jah re fast), zum anderen durch die Ausführlichkeit, mit
der der Dichter die Ereignisse auf Ithaka nach O dysseus’
nächtlicher Ankunft dort am 35. Tag der Handlung schil­
dert: Z u Beginn des 13. Gesanges kom m t Odysseus an -
das ist sein erster Tag auf Ithaka-, am Ende des 23. Gesan­
ges - das ist sein fünfter Tag - erkennt Penelope ihn wie­
der. In 11 Gesängen, fast der Hälfte des ganzen Epos, w er­
den also nur 5 Tage (dazu freilich, wenn man genau sein
will, noch Teile von 4 Nächten) erzählt. Daraus ergibt
sich, daß streckenweise sogar >zeitdeckend< (Zusamm en­
fall von Erzählzeit und erzählter Zeit) geschildert wird. So
nim m t z. B. der 5. Tag von O dysseus’ Aufenthalt auf
Ithaka - das ist der Tag der Entscheidung - nicht weniger
als 4 Gesänge ein (20.-23. Gesang), m it insgesamt 1701
Versen. Gespräche, Selbstgespräche, die Wiedergabe von
Gedanken der handelnden Personen - das alles trägt zum
Eindruck sehr langer Zeitabläufe bei, ist aber in Wahrheit
nur der Reflex des Bemühens, Realität so voll, so dicht
und tief darzustellen, wie sie eigentlich als rnackte Realität«
gar nicht sein kann. Erzähltechniken der m odernen Lite­
ratur des 20. Jahrhunderts haben dazu beigetragen, daß
w ir diese A rt der Wirklichkeitserfassung heute besser zu
würdigen verstehen als mancher Kritiker in der hohen
Zeit der Homer-Analyse.

176
D ie H a n d lu n g b e s te h t au s 5 g r o ß e n H a n d lu n g s b lö c k e n :

Handlungsimpuls: Götterversammlung Gesang

I. Ithaka vor Odysseus’ Wiederkehr I und 2

II. Telemachs Reise nach Pylos und Sparta,


um Gewißheit über den Verbleib seines Vaters
zu erhalten (I + II, dazu noch >Telemachs Rückkehr<
im 1 5 . Gesang, werden als >Telemachie< bezeichnet) 3 und 4

III. Odysseus’ Floßfahrt von Ogygia bis Scheria 5


IV. Odysseus auf Scheria bei den Phaiaken
(sog. >Phaiakis<): Odysseus erzählt seine Abenteuer
von Trojas Fall bis zur Ankunft auf Scheria 6 bis 12

V. Odysseus auf Ithaka 13 bis 24

Deutlich ist eine grundlegende strukturelle Zweiteilung


zu erkennen:
(A) 12 Gesänge Vorbereitung der Heim kehr bei allen, die
beteiligt sind (Frau, Sohn, Hausgesinde, Freier, Volk
von Ithaka, die Außenwelt befreundeter Adelshäu­
ser; die Götter; Odysseus selbst),
(B) 12 Gesänge Rückkehr in der H eim at selbst: Wiederer­
werb und Sicherung des einst m it Selbstverständlich­
keit Besessenen.

Das Programm

D er Dichter setzt ein m it einer Götterversam m lung. Sie


w ar vorbereitet w orden durch die M itteilung im erweiter­
ten Prooim ion, daß nun »dasjahr gekom m en war, in dem
die G ötter ihm verliehen hatten heimzukehren« (1, iöf.).
Zeus ergreift das Wort und bringt, indem er den M ord des
Aigisthos an Agam em non und dessen Rächung durch
O rest erwähnt, die Rede auf das Them a >Heimkehr der
Trojakämpfen. Sofort hakt Athene, O dysseus’ Schutz­
patronin, ein: »Und wie steht’s m it Odysseus? Er muß ja
schon so lange fern von seinen Lieben Schmerzen leiden

177
auf der ringsum w ogten Insel... H ält doch des Atlas
Tochter [= Kalypso] fest den Unglücklichen, traurig Kla­
g en d en .. .,
(l, 56)
und immerzu mit weichen, schmeichlerischen Worten
betört sie ihn, auf daß er Ithaka vergesse. Doch Odysseus,
begierig, auch den Rauch nur aufsteigen zu sehen
von seinem Land, wünscht sich zu sterben. - Kann auch das denn
dein Herz, Olympier, nicht rühren?«
Zeus erklärt, das Hindernis für O dysseus’ Heim kehr sei
Poseidon. Poseidon zürne dem Odysseus, weil er Posei­
dons Sohn, den Kyklopen Polyphem, geblendet habe.
Aber da Poseidon m om entan gerade >verreist< sei, könne
man die H eim kehr für Odysseus näher in Erw ägung zie­
hen; Poseidon werde sich hernach schon fügen. Athene
packt die Gelegenheit beim Schopfe:
(1, 81)
»O unser Vater, Sohn des Kronos, höchster du der Herrscher!
Wenn also dies jetzt wirklich lieb ist den glückseligen Göttern,
daß nun die Heimkehr in sein Haus antritt Odysseus, der Verständige,
so wollen wir hernach den Boten Hermes, den berühmten Argostö-
zur Insel Ogygia gehen lassen, daß er schnellstens [ter,
der schöngelockten Nymphe sage diesen unfehlbaren Ratschluß:
die Heimkehr des Odysseus, des geduldigen! A uf daß er wirklich
heimkehrt! —
Doch ich begeb’ mich gleich nach Ithaka, um seinen Sohn ihm
m e h r zu ermutigen und Kraft ihm in den Sinn zu legen,
daß er zur Ratsversammlung einberuft die lockigen Achaier
und allen Freiern Hausverbot erteilt, die ihm ja ständig
die Schafe herdenweise schlachten und die krummgehörnten Rinder
mit den schweren Füßen.
Dann schick’ ich ihn nach Sparta und ins sandbedeckte Pylos,
sich nach der Heimkehr seines Vaters zu erkundigen, ob er etwas
höre,
und daß ihn guter R uf umfange bei den Menschen draußen!«

Das vorläufige Program m des Epos ist damit für den H ö­


rer deutlich: Athene w ird zunächst nach Ithaka gehen und
Telemach, O dysseus’ Sohn, zur Tat antreiben (die >Tele-
machie<), dann w ird Hermes nach O gygia zu Kalypso ge-

178
hen und ihr Weisung erteilen, daß sie Odysseus ziehen las­
sen soll (5. Gesang).

Die Ausführung entspricht auch hier —wie in der Ilias —genau dem
Plan. Man hat sich freilich immer wieder daran gestoßen, daß die Göt­
ter zu Beginn des 5 . Gesanges erneut auf dem Olymp versammelt sind
und Athene erneut bei Zeus darüber Beschwerde fuhrt, daß Odysseus
auf der Insel bei Kalypso sitze, worauf Zeus - erst jetzt! - den Hermes
nach Ogygia entsendet (5 , 1- 4 2 ). Die Entgegnung zwar, der Dichter
habe eben, dem Sukzessionszwang des Erzählens folgend, zwei rea­
liter gleichzeitige Aktionen (die Telemachie, 1 .- 4 . Gesang, und die
Odysseus-Fahrt von Ogygia nach Scheria, 5 . Gesang) nur sukzessiv
berichten können [Lesky 1 9 6 7 , 1 2 4 ], ist wegen vieler Gegen-Indizien
nicht überzeugend. Eher wird man dem Dichter wohl gerecht, wenn
man ihm unterstellt, daß er die beiden Aktionen alsjeweils ganz in sich
geschlossene, unverschränkte und unaufgesplitterte Handlungs­
blöcke wirken lassen wollte, mit je eigenem Handlungsimpuls und als
einheitliche konvergierende Bewegungen. Daß es für beide Aktionen
in der so stoffreichen Odysseus-Epik Vorbilder gab, ist nicht zu be­
zweifeln, und daß die Verschmelzung verschiedener Elemente bei ei­
nem so vielbehandelten und facettenreichen Thema besondere Pro­
bleme stellte, hegt auf der Hand. Was zudem bisher kaum bedacht
scheint, ist der Umstand, daß der Odysseedichter, wenn die Ilias
schriftlich schon seit 2 - 3 Jahrzehnten vorlag, bereits in einer Zeit ent­
wickelterer Textualität stand, so daß für ihn mit schriftlichen Konzep­
ten von anderer und eigener Seite noch viel eher zu rechnen ist als für
den Iliasdichter (mögliche Identität würde daran nichts ändern). An­
gesichts dieser komplexen Ausgangslage ist die Leistung des Odys­
seedichters gerade in der Komposition des Ganzen eher noch höher zu
bewerten.

Der 1 . und der 2 . Hauptteil: Die Telemachie

Die Telemachie ist das Fundam ent des Epos. Sie exponiert
umfassend die Lage in der H eim at und bereitet den H örer
auf Odysseus vor. (Es ist die gleiche Technik, die wir spä­
ter in der attischen Tragödie wiederfinden - wenn etwa
Herakles in Sophokles’ Trachinierinnen oder Philoktet in
Sophokles’ gleichnamigem Stück zuerst von außen, mit
den Augen aller anderen gesehen werden, bevor sie selbst
erscheinen.) Dem H örer wird die Lage auf der Insel nicht
beschrieben, sondern er gleitet zusammen m it Athene, die

179
als O dysseus’ alter Gastfreund Mentes nach Ithaka zum
Herrschaftshause kom m t, Schritt für Schritt in die Ver­
hältnisse hinein: Die Dinge haben sich seit kurzem drama­
tisch zugespitzt. Die zahlreichen Freier, seit rund dreijah-
ren von der klugen Partnerin des klugen Mannes durch Li­
sten hingehalten, fühlen sich nach der Entdeckung der
letzten List Penelopes (sie wollte sich nach Fertigstellung
einer Webarbeit entscheiden, doch hat sie heimlich, was
sie am Tag vollendet hatte, nachts wieder aufgetrennt
[Heubeck 1985]) betrogen und verspottet und setzen Pe­
nelope durch tägliche >Besetzung< des Herrensitzes, mit
allen häßlichen Begleiterscheinungen und ökonomischen
Folgen einer erzwungenen täglichen >Gastfreundschaft<,
im m er stärker unter Druck: sie soll nun endlich ihre ab­
surde Hoffnung auf W iederkehr des Gatten und rechtm ä­
ßigen Inselherrn fahren lassen und einem von ihnen das Ja­
w ort geben.
Penelope weiß nicht m ehr aus noch ein. Denn da ist ja
auch noch Telemachos, der gemeinsame Sohn, nicht
m ehr ganz Kind und noch nicht ganz Mann; es ist gerade
die Zeit, wo er die U nw ürdigkeit und Unhaltbarkeit der
Lage zu empfinden und selbst unter der Unentschieden­
heit der M utter zu leiden beginnt. Penelope sieht es mit
Sorgen. Denn sie ist sich unablässig dessen bew ußt, was
sie den Freiern (und dem Hörer) erst später mitteilen wird:
Als Odysseus damals auszog nach Troja, da sagte er zu ihr
beim Abschied (18, 259): »Ich glaube nicht, Frau, daß wir
alle, die w ir jetzt nach Troja gehen, wiederkehren w er­
den. Auch die Troer können kämpfen. D rum weiß ich
nicht, ob ich je wiederkehre. So m ußt denn du für alles
hier in Z ukunft sorgen:

(1 8 , 2 6 7 )
An meinen Vater denk und an die Mutter hier im Hause
wie jetzt, oder noch mehr, weil ich ja fort bin.
Sobald du aber siehst, daß unserem Sohn der Bart wächst,
heirate, wen du magst, und geh dann aus dem Hause!« —
Dies waren seine Worte. Alles das wird sich nunmehr erfüllen.

l8 0
M an hat wohl m it Recht verm utet, daß dieses »wenn un­
serem Sohn der Bart wächst« das Kernm otiv der alten
Heim kehrernovelle war. Der Odysseedichter setzt es in
Situationen, in H andlung und Em pfindung um [Hölscher
1978, 60]. »Wie geht es zu«, fragt er, »wenn der Zeitpunkt
wirklich gekom m en ist?« U nd er gibt die A ntw ort, indem
er den Sohn zuallererst nach Gewißheit suchen läßt über
seinen Vater. D enn der Sohn weiß ja nicht einmal, wer
denn sein Vater eigentlich war, er war damals zu klein, er
hat es nur erzählt bekommen:

Telemachos zu Mentes-Athene)
(1 , 2 1 5 ;
»Die Mutter sagt zwar, Freund, ich sei sein Sohn, doch ich -
ich weiß es nicht! Hat doch noch keiner die eigne Zeugung selbst gese­
hen!
Ja, war’ ich doch der Sohn von einem gutgestellten
normalen Manne, den das Alter einst auf seinen Gütern träfe!
So aber bin ich Sohn des Schicksallosesten der Menschen!
D a s ist der Mann, von dem sie sagen daß ich stamme!«

Telemach weiß nicht, was er tun soll, weil er nicht weiß,


wer er ist. Er m uß erst seine Identität finden. Vorher kann
er nicht überzeugt und überzeugend handeln. Vorher
kann er aber auch nicht m it dem Vater Zusammentreffen.
Denn um den Vater wirklich als Vater erkennen zu kön­
nen, muß er zunächst sich selbst als dessen Sohn erkannt
haben. D er Odysseedichter hat das gefühlt. D arum läßt er
Athene den jungen M ann nach dem ergebnislosen Ver­
such einer Lageklärung in der Gemeindeversammlung
>ins Auslandt schicken. Wenn ihm die H äupter der früher
m it dem Vater befreundeten Adelshäuser in Pylos (Ne­
stor) und Sparta (Menelaos/Helena) auch nicht sagen kön­
nen, ob Odysseus noch am Leben ist oder nicht, so kön­
nen sie ihm doch jedenfalls dieses eine sagen, das für ihn in
seinem jungen Leben im Augenblick das Wichtigste ist:
daß er O dysseus’ Sohn ist. Sie kannten ja Odysseus. Sie
sind daher imstande, vergleichend in Telemachs Gestalt
und ganzer A rt Odysseus wiederzuerkennen. Das über­
zeugt. Wenn Telemach zurückkehrt, hat er sich gefunden.

181
Er hat Selbstachtung und er ist erwachsen. Jetzt kann er
seinem Vater bei dessen Heim kehr der Partner sein, der er
ihm zuvor nie hätte sein können.

Der 3. und der 4. Hauptteil: Ogygia und Scheria. Die Phaiakis

Erst jetzt kann der Dichter Odysseus heim kom m en las­


sen. D och nun stellt sich ein anderes Problem (im Grunde
ist es nur eine Variante des Telemach-Problems - wie bei
diesem Them a nicht anders möglich): Odysseus w ar jah­
relang nicht nur fern seiner Heimat, er w ar zuletzt auch
gänzlich isoliert. A ufjener Insel der Kalypso, »wo der N a­
bel des Meeres ist« (1, 50), hat er - in einem Leben ohne
zielvolle Tätigkeit, allein der Liebe und Sorge der zärtli­
chen Göttin ausgelicfert, und andererseits verhärm t vor
Sehnsucht - weitgehend seine Energie und Autonom ie, ja
sein Bild von sich verloren. Daß er der Held von Troja ist,
der trium phierende Vollbringer so vieler weltbekannter
Taten - das alles hat er fast vergessen. Er muß es wieder
neu >erlernen<. Er m uß, bevor er die letzte große Bewäh­
rungsprobe bestehen kann, erst wieder in sich selbst hin­
einwachsen. D arum läßt der Dichter ihn von Kalypso
nicht geradewegs nach Ithaka kom m en, sondern schiebt
eine Zwischenstation ein: das Phaiakenland.
In der ersten Götterversam m lung, als das erste Werk­
program m durch den M und Athenes entworfen wurde,
war von den Phaiaken noch nicht die Rede gewesen. Das
geschieht erst jetzt, im 5. Gesang, unm ittelbar vor der
wirklichen Abfahrt von Ogygia. Da verkündet Zeus in
der Form einer Anweisung an Hermes (und diese Technik
der W erkstrukturierung durch Voraussagen - zukunfts­
gewisse Voraussagen, wenn sie aus G ötterm und kom ­
men - i s t aus der Ilias bereits vertraut) den weiteren Hand­
lungsplan des Dichters:

182
(5, 29)
»Hermes! (du bist ja auch in allem anderen der Bote)
Der schöngelockten Nymphe sag den unfehlbaren Ratschluß:
die Heimkehr des Odysseus, des geduldigen! A uf daß er wirklich
heimkommt!
Weder von den Göttern heimgeleitet freilich noch von Menschen,
vielmehr auf einem viel verbundenen Floße soll er, Leiden leidend,
am zwanzigsten Tag nach Scheria, dem Land mit fester Krume, kom­
men:
in der P h a i a k e n Land, die götternahem Stamm entsprossen.
Die werden ihn von Herzen wie einen Gott hochachten
und werden ihn auf einem Schiff ins Heimatland geleiten
beschenkt mit Erz und reichlich Gold und vieler Kleidung
(soviel Odysseus nicht einmal aus Troja fortgetragen hätte,
wenn er geraden Wegs mit seinem Anteil unversehrt zurückgekom­
men wäre).
S o nämlich ist es ihm bestimmt, die Lieben zu erblicken
und in sein hochgedecktes Haus im Vaterland zu kommen.«
Die Funktion des 4. großen Hauptteils der Odyssee, der
>Phaiakis<, ist hier vom Dichter klar benannt: Der Aufent­
halt bei den Phaiaken soll dem Odysseus durch die H och­
achtung, die ihm von diesen >Götternahen< (also beson­
ders Vertrauenswürdigen) erwiesen werden wird (»wie
einen G ott werden sie ihn hochachten«), und durch die
materiellen Gaben, m it denen sie ihn beschenken werden,
sein Selbstverständnis wiedergeben. So - nicht als gebro­
chener M ann und Habenichts - soll er ins Vaterland zu­
rückkehren (daß er dann doch als Bettler kom m t - ab­
sichtlich - , ist die ironische Pointe).
Wie die innere Wiederherstellung des Odysseus bei den
Phaiaken freilich im einzelnen vor sich gehen wird, läßt
der Dichter in der aus der Ilias bereits bekannten >Un-
schärfetechnik< (s. o. S. 132-134) wieder offen. Die Span­
nung ist geweckt, die Aufm erksam keit erneut geschärft.
Vor dem Wiederaufstieg steht aber noch der Fall - hin­
unter bis zum tiefsten Punkt, der denkbar ist: »Auf einem
Floße - Leiden leidend - zwanzig Tage auf dem M eere...«
U nd in der Tat: Nachdem Odysseus durch das stolze
Werk des Floßbaus in 4 Tagen (5, 228-261) neue Hoff­
nung gefaßt hatte, w ird sein wiedererwachtes Selbstver­

183
trauen auf der einsamen Floßfahrt nach Scheria ganz ver­
nichtet. Poseidons Z orn schickt ihm Sturm, Schiffbruch,
die Todesangst des an den letzten Balken sich Klam m ern­
den, fast schon Ertrunkenen. Schwim m end erreicht er
schließlich (auch hier durch Götterhilfe) doch noch das
Land. In welchem Zustand!

(s, 453)
... er knickte um mit beiden Knieen
und mit den starken Armen; denn von der Salzflut war sein liebes Herz
bezwungen;
gequollen war sein ganzer Körper, eine Flut von Wasser
drang ihm aus Mund und Nase; ohne Atem, ohne Sprache -
so lag er da, kaum noch am Leben; schreckliche Ermattung hielt
ih n ...

Seine Kleider hatte er abstreifen müssen: Nackt, er­


schöpft, unansehnlich, ein M ann am Ende seiner physi­
schen und psychischen Existenz - so kom m t Odysseus bei
den Phaiaken an. Abfahren wird er drei Tage später er­
holt, gepflegt, gut gekleidet und - das Wichtigste —mit
neuem Selbstbewußtsein ausgerüstet - durch die Freund­
lichkeit, B ewunderung und Liebe der Phaiaken für den
Helden und - für den M ann Odysseus. Es ist ja kein Zu­
fall, daß es im m er wieder Frauen sind, die ihm Hilfe geben
und neuen M ut. Allen voran Athene, aber doch auch Ka­
lypso, dann auf der M eerfahrt die Nixe Leukothea (5,
333_ 353 )> und nun, auf Scheria: Nausikaa, die Königs­
tochter, die in der Blüte ihrer Jugend steht. Daß sie sich
von dem weitgereisten reifen Mann, der in ganz anderer
Weise M ann ist als ihre verspielten Altersgenossen, ange­
zogen fühlt, trägt nicht zum geringsten dazu bei, daß
Odysseus wieder zu sich findet. Den größten Anteil an
seinem Wiedererstarken hat jedoch seine gelungene
Selbstbcstätigung - zuerst durch den K am pf um soziale
Anerkennung im Wortgefecht m it dem Königssohn Lao-
damas und im anschließenden sportlichen Wettbewerb (8,
143-255), dann - als Steigerung - durch die Rückgewin­
nung seiner Heldenehre in der Vergegenwärtigung seiner

184
Taten und Leiden von Trojas Fall bis zur Ankunft auf
Ogygia: in den sog. >Apologen< (~ Erzählungen) der Ge­
sänge 9-12.
Die Abenteuer des Odysseus, die da in Ich-Erzählung
über 4 Gesänge hin berichtet werden, sind für den O dys­
seedichter nicht einfach Stoff, an dem er nicht Vorbeige­
hen darf, weil Tradition und Publikum es so verlangen.
Sie sollen vielmehr in seiner Version der Geschichte eine
bedeutsame Funktion erfüllen: Odysseus soll sich an ih­
nen - seinen eigenen großen Taten und Leiden der Ver­
gangenheit — wieder aufrichten. Diese Funktion der
Abenteuer-Erzählungen innerhalb der Odyssee des Odys­
seedichters fiel natürlich prinzipiell zusammen m it ihrer
Funktion in der Sage: durch Aufweis der Überlegenheit
menschlichen Geistes sollte der Glaube der H örer an sich
selbst gestärkt werden. Aber durch den neuen Zusam ­
menhang, in dem die Abenteuer in diesem Epos standen,
konnten sie ihre tiefere Bedeutung erst eigentlich offenba­
ren: D urch die Funktionalisierung der Abenteuer des
Odysseus kam ihr Sinn ans Licht.
Die Episoden hier genauer nachzuzeichnen scheint
nicht nötig; ihr Inhalt sei im m erhin kurz skizziert:

O d y s s e u s * A b f a h r t m i t 1 2 S c h i f f e n v o n T r o ja

1. Das Land der Kikonen: Zerstörung der Stadt Ismaros. Schlacht


mit den Kikonen der Umgebung. Verlust von 72 Gefährten.
Vom Sturm bei Kap Malea [= Südspitze der Argolis auf der
Peloponnes] an der Insel Kythera vorbei >neun Tage lang< ab­
getrieben: Ausfahrt aus der realen Welt, Einfahrt ins Land der
Schiffermärchen.
2. Das Land der Lotophagen [~ Lotos-Esser]: Durch Genuß der
Droge Lotos die Heimkehr fast vergessen.
3. Die Insel der Kyklopen [~ Einäug-Riesen]; der Kyklop Poly-
phem (Πολύφημος, P o l y p h e m o s , »der Vielberüchtigte«): Mit 12
Gefährten in der Höhle des Riesen eingeschlossen. 6 Gefährten
vom Kyklopen verspeist. Dem Riesen mit einem angespitzten,
glühendheiß gemachten Ölbaumpfahl das einzige Auge ausge­
bohrt. Der N i e m a n d - Trick. Unter dem Bauch je 3 zusammenge­

185
bundener Schafe aus der von Polyphem bewachten Höhlenöff­
nung entkommen. Mutwillige Reizung des blinden Riesen vom
Schiff aus. Polyphem bittet seinen Vater Poseidon um Rache.
4. Die schwimmende Insel des Herrn der Winde Aiolos: Beschen-
kung mit dem Windschlauch.
In Sichtweite der Heimat öffnen die törichten Gefährten den
Windschlauch: Wirbelwind trägt die Schiffe zurück zu Aiolos.
Fluch des Aiolos über Odysseus.
5. Das Land der Laistrygonen [= Riesen): 11 Schiffe durch Feld­
steinwürfe der Riesen im Hafen vernichtet, die schwimmenden
Gefährten aufgefischt und aufgefressen. N ur noch das Schiff des
Odysseus ist übrig.
6. Die Insel Aia mit der Zauberin Kirke [Tochter des Sonnengottes
Helios): 22 Gefährten von Kirke in Schweine verwandelt. Her­
mes schenkt Odysseus das Gegenkraut Möly (μωλυ, eine Wun­
derpflanze). Odysseus erliegt Kirkes Anziehung. Ein Jahr lang
Wohlleben bei Kirke. Bei der Abfahrt verweist Kirke den Odys­
seus an den Seher Teiresias im Totenland.
7. Die Totenbeschwörung jenseits des Ringstroms Okeanos: Pro­
phezeiung des Teiresias. Begegnung mit der Mutter, mit Aga­
memnon, Achill, Patroklos, Aias. Betrachtung des Totenrichters
Minos, der Übeltäter Tityos, Tantalos, Sisyphos; des Wohltäters
Herakles.
Rückkehr zu Kirke. Kirkes Warnung vor den Sirenen, den
Plankten, vor Skylla und Charybdis, den Herden des Helios.
8. Die Insel der Sirenen: Durch Verstopfen der Ohren mit Wachs
und durch Festbinden des Odysseus an den Mastbaum der Ver­
führung des absoluten Wissens entkommen.
9. Skylla und Charybdis [~ Meeresstrudel]: Verlust von 6 Gefähr­
ten.
10. Die Helios-Insel Thrinakia: Gefährten schlachten vor Hunger die
verbotenen Rinder des Helios. Helios fordert Rache von Zeus.
Zeus schlägt das Schiff mit seinem Blitz, alle Gefährten ertrinken.
Odysseus kommt, auf Kiel und Mastbaum reitend, als einziger
Überlebender nach Ogygia zu Kalypso.

Der 5. Hauptteil: Heimkehr auf Ithaka

Die erste Hälfte der Odyssee hat io jah re H intergrund ge­


schaffen für eine Handlung, die 6 Tage dauert. Die H aupt­
figuren dieser Handlung haben, wenn sie aufeinandertref-
fen, für den H örer bereits alle ihre eigene Geschichte: Pe­

186
nelope, Telemachos, die Freier. Ihre Handlungsweise
muß nicht m ehr erläutert werden; die ganze erste Epos-
Hälfte w ar Erläuterung.
D em Publikum ist dam it klar, w arum Odysseus nach
dem Erwachen auf Ithaka nicht geradewegs nach Hause
gehen kann. In der alten Heimkehrernovelle w ar der Zug,
daß der Heim kehrende inkognito zurückkom m t, fest ver­
ankert. D er Odysseedichter zeigt, warum es so sein muß:
Im Grunde genom m en glaubt zu Hause niemand m ehr so
recht, daß der H ausherr noch lebt. Das ist der eigentliche
G rund dafür, daß alle - das Volk von Ithaka, das Hausge­
sinde, Telemachos, sogar Penelope — das Treiben der
Freier, wenn auch unfroh und schlechten Gewissens, tole­
rieren. Wer jetzt noch kom m t und sagt »Ich bin O dys­
seus!«, hat die Beweislast.
Die ganze zweite Epos-Hälftefiihrt den Beweis. Die alte
Novelle hatte m it Erkennungszeichen gearbeitet: die
Narbe, die selbstgepflanzten Bäume, das selbstgebaute
Bett. D em Dichter der Odyssee genügt das nicht. Ist das
so einfach? Zwanzig Jahre fort - und dann: »Hier ist die
Narbe! Schau! Ich bin Odysseus«? Wie geht es wirklich
zu, w enn Schichten des M ißtrauens, der Angst vor der
Enttäuschung, des N icht-m ehr-glauben-Könnens abge­
tragen werden müssen?
Odysseus wäre nicht der, als den ihn der D ichter in den
Apologen soeben präsentierte: der Überlegte, Weiterden­
kende (und darum wirklich Kühne), wenn er nicht wüßte,
daß er sich zunächst verstellen muß. Als er am Strand ei­
nem jungen Herrensohn begegnet, tischt er ihm eine
schaurige Geschichte auf: ein Flüchtling sei er aus Kreta
(ehemaliger Trojakämpfer aber immerhin), habe den
Sohn des dortigen Königs um gebracht, sei m it Phoini-
kern hierher abgetrieben w o rd en ... Als der vermeintliche
Hirtenbursche aus den besten Kreisen sich als Athene ent­
hüllt, kom m t es konsequenterweise zum Bündnis der bei­
den stärksten geistigen Potenzen auf göttlicher und
menschlicher Ebene:

187
( 1 3 , 2 g 1; Athene zu Odysseus)
»Schlau müßte sein und diebisch, wer dich überholen wollte
in allen Listen - und träte selbst ein Gott an gegen dich!
Du Schlimmer, Buntes Sinnender, an Listen unersättlich...
Hast also selbst im e ig n e n Land von Tricks nicht lassen wollen
und nicht von Schwindeleien, die von Grund auf d e i n sind!
Doch reden wir nicht länger davon! Kennen wir doch beide
die Kniffe - da ja du von allen S te r b l ic h e n der weitaus Beste
in Plan und Wort bist, ich indessen unter allen G ö t t e r n
durch Rat berühmt bin und durch Schliche...«

D er Plan w ird festgelegt: Zuerst soll Odysseus zum ge­


treuen Schweinehirten Eumaios auf der Außen->Ranch<
gehen und von dort aus die Lage erkunden. Athene wird
Telemachos aus Sparta holen. Zu zweit werden sie dann
den Freiern den Tod ersinnen. Odysseus muß aber um sei­
ner Sicherheit willen unerkennbar sein: Athene läßt ihn
zum alten Bettler werden, zerlum pt und häßlich.
Die Dinge schreiten nun zielgerecht voran. Am i . Tag
erfährt Odysseus beim treu ergebenen Eumaios (der ihn,
wie alle, zwar nicht erkennt, doch im m er wieder irritie­
rende Gefühle hat, wenn er m it ihm zusammen ist), wie’s
in der Stadt und im Hause des Odysseus steht. Am 3. Tage
kom m t Telemachos von Sparta an und geht, von Athene
an der Todesfälle der Freier gegen ihn vorbeigeleitet,
ebenfalls zum Eum aios-Stützpunkt. Dann gibt Odysseus
sich dem Telemachos zu erkennen, und der Sohn erkennt
ihn ohne äußere Erkennungszeichen. Am 4. Tage kom m t
Odysseus in sein eigenes Haus und hält die Bettlerrolle
durch - trotz aller Kränkungen, die er erfährt, von den
Freiern und vom eigenen Gesinde, und trotz der fast über­
menschlichen Selbstbeherrschung, die diese Rolle beim
ersten Wiedersehen nach zwanzig Jahren mit seiner Frau
ihm abverlangt. Am 5. Tage endlich deckt er seine wahre
Identität a u f - zunächst vor den treuen Knechten Eumaios
und Philoitios, dann auch vor den Freiern tötet die
Freier und kann schließlich auch die Verhärtung seiner
Frau Penelope durchbrechen. A m 6. Tage kom m t es zum
Wiedersehen mit seinem alten Vater Laertes auf dem

188
Lande und schließlich, m it Laertes zusammen (den die
Freude noch einmal w underbar erstarken läßt), zur Berei­
nigung der bedrohlichen Lage auf der Insel, die durch
O dysseus’ Strafgericht an den Söhnen der führenden
Häuser Ithakas entstanden ist. Auch dabei ist Athene wie­
der die Lenkerin. Sie hat die H andlung angestoßen, da­
mals in der Götterversam m lung, und sie hat sie geleitet bis
zum letzten Wort. Warum?

Athene zu Odysseus)
(1 3 , 3 3 1 ;
»Darum kann ich dich auch nicht verlassen, wenn du im Unglück bist:
weil du verständig bist und geistesschnell und einsichtsvoll.«
(Schadewaldt)

Das ist das neue Ideal des Menschen, dessen Preis die
Odyssee singt. D er Adel hat sich in seiner Weltauffassung
gewandelt. Das Strenge, Abwehrbereite, Ehrverbissene
und übermäßig Konsequente hat sich gelockert. Wer viel­
gewandt ist wie Odysseus, hat jetzt den Schutz der Göt­
ter. Die Götter lieben nicht m ehr so sehr den starken Arm
als den klugen Kopf.

Die Wiedererkennung von Odysseus und Penelope

Die Wiedererkennung der Gatten ist das eigentliche Ziel


des Epos, auf das die Erzählstrategie des Dichters von An­
fang an hinausläuft. Gleich zu Beginn, im (erweiterten)
Prooim ion wird es benannt:

(1, ‘3)
...(Odysseus), der sich nach Heimkehr sehnte u n d n a c h s e in e r F r a u ,

und w enn das Ziel im 23. Gesang erreicht ist, ist die O dys­
see eigentlich zu Ende (doch ist der 24. Gesang, indem er
als Ausklang die Sicherung des endlich Zurückerw orbe­
nen berichtet, trotzdem kein entbehrlicher Annex [Stößel
1975, 150]).

189
Die Sehnsucht der beiden Gatten nacheinander spannt
sich als M otivbogen, im m er wieder aufblitzend (in der
Ilias nannten wir das >rezidivierend<), über das gesamte
Werk. Für Penelope ist sie zum ersten Mal im i. Gesang
erwähnt:

( 1 , 3 4 2 ; Phemios singt von der Heimkehr der Trojakämpfer. Pene­


lope, die es von den oberen Räumen aus hört, kommt herunter)
»...doch höre auf mit diesem Liede,
dem traurigen, das mir nur ständig in der Brust die Seele
zerreibt, weil mich am meisten Leid getroffen hat, das unvergeßbar
ist:
nach einem s o lc h e n Haupt muß ich mich sehnen,
nach einem Manne, dessen Ruhm weit über Hellas reicht und übers
Mittelland von Argos.«

Odysseus’ Sehnsucht w ird dem H örer im 5. Gesang in Bil­


dern nahegebracht, die er durch den ganzen Handlungs­
gang hindurch nicht m ehr vergessen wird:

(5, 151;Kalypso stößt auf Odysseus)


...den fand sie, wie er am Gestade saß; es wurden ihm die Augen
vor Tränen nicht mehr trocken; da verrann sein liebes Leben
im Jammern nach der H eim kehr...
(156)
Die Tage über saß er immer auf den Uferklippen
und blickte ohne Unterlaß aufs Meer hinaus, das unfruchtbare, Trä­
nen weinend...

Wie in der Ilias der Groll, so klingt in der Odyssee die


Sehnsucht als ständiges G rundm otiv durch alles, was ge­
schieht, hindurch: Weil Penelope Odysseus nicht verges­
sen kann, bringt sie die Kraft nicht auf, aus dem Haus zu
gehen, hält durch ihre Unfähigkeit, den Schlußstrich zu
ziehen, den unerträglichen Schwebezustand im m er wie­
der aufrecht, treibt so den Sohn auf seine Reise - und bei­
nahe in den Tod; und weil sie sich so sehr nach dem O dys­
seus sehnt, der zwanzig Jahre vorher fortging, kann sie
den wirklichen Odysseus, der dann zwei Tage lang m it ihr
im gleichen Haus lebt —obw ohl sie eigenartige Gefühle
hat —, doch nicht erkennen. Weil andererseits Odysseus

190
Penelope nicht vergessen kann, kann ihn keine andere hal­
ten —weder G öttinnen wie Kirke und Kalypso noch auch
M enschenfrauen wie Nausikaa bei den Phaiaken.
Am Abend des ersten Tages, den Odysseus nach zwan­
zig Jahren im eigenen Haus verbracht hat - gedemütigt,
geschmäht, wie ein streunender H und von den Freiern
m it Schemeln beworfen - , trifft er m it seiner Frau zu einer
>Audienz< zusammen: Penelope will den Bettler, der so
ganz unbettelm ännisch erscheint, fragen, ob vielleicht er
etwas von Odysseus wisse. Odysseus erzählt ihr eine Ge­
schichte, wie er einst auf Kreta den Odysseus bewirtet
habe (denn eigentlich sei er der B ruder des Herrschers von
Kreta — w ir kennen die Geschichte schon...). Penelope
muß weinen:

(1 9 , 2 0 4 )
Als sie das hörte, strömten ihr die Tränen, und die Haut zerschmolz
ihr -
so wie der Schnee dahinschmilzt auf den hohen Bergen,
den der Südostwind aufgetaut (gebracht hat ihn der Westwind),
und wie vom Schmelzschnee reißend sich die Flüsse füllen —
so schmolzen ihr die schönen Wangen, tränenübergössen,
weinend um ihren Mann, der vor ihr saß. - Indes Odysseus -
im Innern zwar, da litt er mit der Frau, wie sie da schluchzte,
die Augen aber standen ihm - so fest wie Horn, wie Eisen -
ohne Bewegung in den Höhlen: hielt die Tränen klug verborgen...

Fast wäre diese übermenschliche Selbstbeherrschung um ­


sonst gewesen: Als ihm seine alte A m m e Eurykleia auf
Weisung Penelopes die Füße wäscht, erkennt sie die
Narbe! In der alten Heimkehrergeschichte w ar das w ahr­
scheinlich der Beginn der W iedererkennung. Der Dichter
unserer Odyssee macht aus dem N arbenm otiv etwas ganz
anderes: eine erneute Probe für Odysseus. Geistesgegen­
wärtig (wie damals im Hölzernen Pferd, als einer der Ge­
fährten durch einen Laut nach außen alles fast verraten
hätte) verhindert er durch einen G riff an Eurykleias Kehle
die vorzeitige Entdeckung [Erbse 1972, 96 f.]. N och ist die
Zeit nicht reif. Aber das >Fast!< m ußte sein. D er Hörer
m ußte die unerhörte Gefahr erkennen, in der Odysseus
war. Zw anzig Jahre Leiden und Hoffnungen konnten in
einer einzigen Sekunde zunichte gemacht werden. N icht
um sonst w ird die Odyssee von Anfang an durchzogen
vom Kontrastm otiv der Heim kehr Agamemnons: der war
geradezu gewesen, vertrauensselig, ohne Arg. Kam ein­
fach heim. Bedachte nicht, welche Gefahren langes Fern­
sein zeitigt. Da hatte der Freier seiner Frau, Aigisthos, zu­
geschlagen. Es w ar ihm leicht gemacht worden. Aga­
m em non hatte Troja erobert und - w ar im eigenen Bade­
raum gefallen.
Der Odysseedichter biegt die W iedererkennung ab.
Erst müssen die Freier ausgeschaltet sein. Odysseus muß
erst wieder H err im Hause werden. Den Erfolg nur nicht
durch Hast gefährden! M itwisser sind gefährlich...
Als dann die Leichen der Erschossenen, D urchbohrten
aus dem Haus geschafft sind, kom m t es zur wirklichen
Erkennung. Die Gatten sitzen einander gegenüber. Pene­
lope kann es im m er noch nicht glauben. Eine Ahnung war
da - gewiß. Wenn aber doch Betrug dahintersteckte? Pe­
nelope die Kluge ist nicht naiv genug, dem Bettler da, nur
weil er die Freier getötet hat, um den Hals zu fallen! Was
gibt es doch für feine Täuschungsmöglichkeiten! Keine
weiß das besser als sie, die sie jahrelang eine ganze H orde
erwachsener M änner an der Nase herum geführt hat. Nein
- da m uß noch stärkere Gewißheit sein! Eigentlich fühlt
sie ja, daß er es ist. Aber d arf sie - Penelope! - es sich erlau­
ben, einfach dem Gefühl nachzugeben? Wäre das ihres
Mannes, eines Mannes von der Geistesschärfe des O dys­
seus, würdig? Da stellt sie ihn zum letzten Male auf die
Probe - eine Probe, die zugleich auch ihm noch einmal
zeigt, wie einzigartig - in der Tat! - diese Frau ist:

Penelope zu Odysseus)
(2 3 , 174;
»Seltsamer du! Ich binja gar nicht eingebildet oder achte dich gering!
Doch bin ich eben auch nicht allzusehr beeindruckt. Weiß ja sehr ge­
nau noch, wie du wärest,
als du von Ithaka zu Schiffe weggingst, auf dem Ruderer. —

192
Nun also! Schlage ihm das teste Bett auf, Eurykleia!
der wohlgebauten Kammer, die er selbst gemacht hat!
a u ß e r h a lb
Dorthin tragt ihm hinaus das feste Bett, und dann hinein das Bettzeug,
Schaf-Felle, Laken und die schimmernden Bezüge!«

Das ist nun doch zuviel. N icht daß er ausquartiert werden


soll, kränkt ihn so. Aber daß das Bett offenbar nicht m ehr
fest an seinem Platze steht, das bringt ihn auf: »Hab’ ich
doch damals selbst einen Ölbaum , der an O rt und Stelle
wuchs, zu einem der vier Bettpfosten zurechtgezimmert!
Ja —hat vielleicht ein anderer M a n n ...?«

(2 3 , 2 0 5 )
Da lösten sich ihr auf der Stelle die Kniee und das Herz:
die Zeichen hatte sie erkannt, die da Odysseus aufgewiesen hatte, un­
umstößlich.
In Tränen brach sie aus, lief ihm entgegen, schlang die Arme
Odysseus um den Hals, küßte das Haupt ih m ...

A u f diesen Augenblick hat der Odysseedichter von Be­


ginn an hingearbeitet. Er hat ihn vielfältig vorbereitet, nä­
hergerückt, wieder hinausgeschoben. Das alles diente nur
dazu, ihn glaubhaft zu machen, ln dieser Zwecksetzung
liegt die innere Einheit der Odyssee. Peter Von der Mühll
hat in seinem großartigen Odyssee-Artikel einmal gesagt:
»Daß die Odyssee als Ganzes einem wohlüberlegten Plan
folgt, eine Einheit ist, liegt offen auf der Hand und braucht
nicht bewiesen zu werden.« [Von der M ühll 1940, 698].
Nein, bewiesen werden muß es wirklich nicht. Aber hin­
hören muß man. Schon die Griechen selbst haben in den
nachhomerischen Jahrhunderten nicht mehr sonderlich
gut hingehört. Das zeigt die Kunst. Kein Ereignis, das in
der Odyssee erwähnt wird, ist von den Künstlern häufiger
dargestellt w orden als die Blendung des Polyphem. Als
ob dieses Odysseus-Abenteuer, eines unter vielen, so viel
charakteristischer für Odysseus und vor allem für das,
was der Dichter m it seiner Odyssee aus dem alten O dys­
seus-M ythos machen wollte, gewesen wäre! Aber spekta­
kulär w ar es. Viel spektakulärer als der Floßbau etwa im 5.

193
Gesang, die Selbstbeherrschung vor der eigenen Frau, die
einer um sich weinen sieht, oder der G riff nach der Kehle
der eigenen A m m e im 19. Gesang. Die oberflächliche
Auffassung der Odyssee hat sich dann fortgesetzt, bei den
Römern, in der Renaissance, bei uns. Unzählige Bücher
sind geschrieben w orden über >die Abenteuer des O dys-
seus<, die >Irrfahrten des Odysseus<, unzählige H ypothe­
sen sind vorgetragen w orden darüber, welche Insel des
Mittelmeers oder Schwarzen Meers oder der Nordsee
usw. wohl die Kirke-Insel Aia sei, wo wohl die Lotos-Es­
ser lebten und die Laistrygonen-Riesen und wo O dysseus’
Floß zerbrach. Als ob der Dichter unserer Odyssee nicht
schon durch den genialen Griff, die ganze alte Abenteuer-
Reihe als Ich-Erzählung in den Dienst der eigenen Idee zu
nehmen, die Akzentverschiebung, um die es ihm ging,
manifest gemacht hätte! N ein - w er die Odyssee so liest,
wird ihre Einheit nicht finden können. Er hört nur die alte
Seemannssage. H om er hört er nicht.

194
ANHANG

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199
S c h a d e w a ld t 1959: W. Schadewaldt, Von Homers Welt und Werk, Stutt­
gart -'1959.
S c h a d e w a l d t 1970: W. Schadewaldt, Hellas und Hesperien. Gesammelte
Schriften zur Antike und neueren Literatur, Zürich/Stuttgart (ΐ9όο)'Ι
1970 (= Festschrift Schadewaldt zum 60. Geburtstag, hrsg. v. E.
Zinn).
S c h e fo ld 1943: K. Schefold, Die Bildnisse der antiken Dichter, Redner
und Denker, Basel 1943.
S c h e fo ld 1975: K. Schefold, Das homerische Epos in der antiken Kunst,
in: Wort und Bild. Studien zur Gegenwart der Antike, Basel 1975,
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(Handbuch der Altertumswiss. VII 1,1).
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scher Zeit, Wiesbaden 1967.
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Darmstadt 1968 (Wege der Forschung, Bd. 165).
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S t ö ß e l 1975: H.-A. Stößel, Der letzte Gesang der Odyssee. Eine unitari­
sche Gesamtinterpretation, Diss. Erlangen-Nürnberg 1975.
T h e m e l i s 1983: P. G. Themelis, Die Nekropolen von Lefkandi-Nord auf
Euböa, in: D e g e r - J a l k o t z y 1 9 8 3 ', 145-160.
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Mycenaean Archives, in: JHS 73, 1953, 84-103.
V o n d e r M ü h l l 1940: P. Von der Mühll, Odyssee, in: RE Suppl.-Bd. VII,
1940, 696-768.
W e h s te r i960: T. B. L. Webster, Von Mykene bis Homer. Anfänge grie­
chischer Literatur und Kunst im Lichte von Linear B, München und
Wien i960.
W i c k e r t - M i c k n a t 1981: G. Wickert-Micknat, Die Frau, in: A r c h a e o lo g ia
H o m e r i c a , Kap. R, Göttingen 1982.
W i l a m o w i t z 1916: U. v. Wilamowitz-Moellendorff, Die Ilias und Ho­
mer, Berlin 1916.
W i m m e l 1981: W. Wimmel, Die Kultur holt uns ein. Die Bedeutung der
Textualität für das geschichtliche Werden, Würzburg 1981.
W o l f 1795: F. A. Wolf, Prolegomena ad Homerum sive de Operum Ho-
mericorum prisca et genuina forma variisque mutationibus et proba-
bili ratione emendandi, Halle 1795.

200
L itera tu rh in w eise

Auf Arbeiten, die bereits in der Abkürzungsliste stehen, wird in der ab­
gekürzten Form verwiesen.

I. AUSGABEN

I li a s : Homeri Opera, recc. D. B. Monro et Th. W. Allen (2 Bände), Ox­


ford -'1920 und öfter (Reihe O x f o r d C la s s ic a l T e x t s ) .
O d y s s e e : Homeri Odyssea, rec. P. Von der Mühll, Basel 1946. '1962; Ed.
stereot. Stuttgart (Teubner) 1984.
E p i s c h e r K y k l o s u n d V i te n : Homeri Opera, rec. Th. W. Allen, Tom. V,
Oxford 1912 u. ö. (Reihe O x f o r d C la s s ic a l T e x t s ) .

II. ÜBERSETZUNGEN

Die klassische Homer-Übersetzung von Johann Heinrich Voss aus dem


18. Jh. sollte nicht benutzen, wer Homer erst kennenlernen will; sie ist
ein Kapitel deutscher Sprachgeschichte geworden; dem Teilhaber der
deutschen Gegenwartssprache wird das Homerverständnis durch sie er­
schwert. Vom Gesichtspunkt der Verständlichkeit her sind besonders zu
empfehlen:

F i ir d ie I lia s :
Homer, Ilias. Neue Übertragung von Wolfgang Schadewaldt. Mit anti­
ken Vasenbildern. Frankfurt/M. 1975 u. ö. (insei taschenbuch 153) [in
freien Rhythmen],
Homer, Ilias. Neue Übersetzung, Nachwort und Register von Roland
Hampe. Stuttgart 1979 u. ö. (Reclams Universal-Bibliothek Nr. 249)
[in Hexametern],
Homer, Ilias. Übertragen von Hans Rupe. Mit Urtext, Anhang, Regi­
ster und Karten. München (Heimeran) 1948 u. ö. (Tusculum-Büche-
rei) [in Hexametern],

F ü r d ie O d y s s e e :
Homer. Die Odyssee. Übersetzt in deutsche Prosa von Wolfgang Scha­
dewaldt. Reinbek (Rowohlt) 1958 u. ö.
Homer, Odyssee. Übersetzt von Roland Hampe. Stuttgart 1979 u. ö.
(Reclams Universal-Bibliothek Nr. 280) [in Hexametern],

III. KOMMENTARE

Noch immer unentbehrlich sind die folgenden älteren Kommentare:


K. F. Ameis/C. Hentze/P. Cauer, Homers Ilias, für den Schulgebrauch
erklärt, (Leipzig 1894-1913) Amsterdam 1965 u. ö.

201
K. F. Ameis/C. Hentze/P. Cauer, Homers Odyssee, für den Schulge­
brauch erklärt, (Leipzig 1894-1920) Amsterdam 1964 u. ö.
W. Leaf, The Iliad, ed. with Apparatus criticus, Prolegomena, Notes,
and Appendices, Vol. I/II, (London 1900-1902) Amsterdam 1971.
Neuere Fragestellungen sind berücksichtigt bei:
Μ. M. Willcock, A Commentary on Homer’s Iliad, London 1984; K i r k
1985 [bisher nur zu den Gesängen I-IV].

Ein hervorragendes modernes Hilfsmittel (das auch schon die Erkennt­


nisse der Linear B-Forschung einbezieht) verspricht zu werden der
Gemeinschaftskommentar zur Odyssee
Omero, Odissea. Introduzione, testo e commento di/a cura di: A. Heu­
beck, Stephanie West, J. B. Hainsworth, A. Hoekstra, J. Russo, M.
Fernändez-Galiano; Traduzione di G. A. Privitera. Milano (Monda-
dori) 1981 - [6 Bände vorgesehen, 5 bisher erschienen: Gesänge 1-20].

IV. BIBLIOGRAPHIEN UND FORSCHUNGSBERICHTE

Eine Computerbibliographie für die Jahre 1930-1970 (basierend auf der


A n n e e P h ilo lo g iq u e ) stammt von
D. W. Packard/Tania Meyers, A Bibliography o f Homeric Sholarship,
Malibu, California 1974.
Regelmäßige Bibliographien (mit kurzen Inhaltsangaben), zuletzt von J.
P. Holoka, erscheinen in der amerikanischen Fachzeitschrift C la s s ic a l
W o r ld (Pittsburgh). - Eine >Spezialbibliographie zur Oral Poetry-Theo-
rie in der Homerforschung« (ca. 1750-1977) bietet L a t a c z 1 9 7 9 , 573-618.
Unentbehrlich sind die folgenden regelmäßig erscheinenden For­
schungsberichte:
A. Heubeck, Zeitschrift G y m n a s i u m (Heidelberg);
A. Lesky/E. D önt/O . Panagl/St. Hiller u. a., Zeitschrift A n z e i g e r f ü r d ie
A l t e r t u m s w i s s e n s c h a f t (Innsbruck);
H. J. Mette, Forschungsberichtsorgan L u s t r u m (Göttingen).
Seine im G y m n a s i u m seit 1951 erschienenen Forschungsberichte hat in ei­
ner erweiterten und bearbeiteten Fassung als Buch herausgegeben
A. Heubeck, Die homerische Frage. Ein Bericht über die Forschung der
letzten Jahrzehnte. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt
1974 (Erträge der Forschung, Bd. 27).

V. MONOGRAPHIEN UND AUFSÄTZE

Den besten Überblick über die gesamte Homerwissenschaft bieten


L e s k y 1 9 6 7 und L e s k y 1 9 7 1 . - Im folgenden sind nur wenige Werke ge­
nannt, die rasch und gründlich informieren und gut weiterführen:

202
ι . G e s c h ic h t li c h e r H i n t e r g r u n d
J. Chadwick, Linear B. Die Entzifferung der Mykenischen Schrift.
Übersetzt von Hugo Mühlestein, Göttingen 1959.
Webster i960.
Μ. I. Finley, Die Welt des Odysseus, *1979 (dtv 4328) [streng positivi­
stisch],
J. Chadwick, Die mykenische Welt. Übersetzt von Ingeburg v. Steu-
ben, Stuttgart 1979 (Reclam).
Gschnitzer 1981.
Murray 1982.

2 . S a n g e s tr a d it io n ( O r a l P o e t r y )
Frankel 1951.
G. S. Kirk, The Songs of Homer, Cambridge 1962.
Bowra 1964.
A. B. Lord, Der Sänger erzählt. Wie ein Epos entsteht, München 1965.
J. B. Hainsworth, Homer, Oxford 1969 (Greece & Rome. New Surveys
in the Classics No. 3).
A. Parry (Hrsg.), The Making o f Homeric Verse. The Collected Papers
o f Milman Parry, Oxford 1971.
G. S. Kirk, Homer and the Oral Tradition, Cambridge 1976.
Latacz 1979.
Kulimann 1981 [Neo-Analyse).

3. A r c h ä o l o g is c h e P a r a l l e l - Ü b e r l i e f e n i n g
Archaeologia Homerica. Die Denkmäler und das frühgriechische Epos,
hrsg. von F. Matz und H.-G. Buchholz, Göttingen 1967- [3 Bände in
26 Kapiteln vorgesehen, 20 Kapitel bereits erschienen],

4 . I li a s u n d O d y s s e e
Schadewaldt 1938.
Schadewaldt 1959.
C. M. Bowra, Homer. Edited by H. Lloyd-Jones, New York 1972.
2I 979 .
Erbse 1972.
H. Eisenberger, Studien zur Odyssee, Wiesbaden 1973 (dazu: Göttingi­
sche Gelehrte Anzeigen 232, 1980, 29-42).
B. Fenik, Studics in the Odyssey, Wiesbaden 1974 (Hermes Einzel­
schriften, Heft 30).
W. Schadewaldt, Der Aufbau der Ilias. Strukturen und Konzeptionen,
Frankfurt/M. 1975.
J. Latacz, Homer, in: Der Deutschunterricht 31, 1979, 5-23.

203
G r ie c h is c h e N a m e n u n d B e g riffe (A u ss p ra c h e )

Aufgeführt sind nur Wörter, bei denen die Aussprache in irgendeiner Weise
von den deutschen Aussprachegewohnheiten abweicht oder sonst Schwie­
rigkeiten machen könnte (zweisilbige W örter mit Betonung auf der ersten
Silbe - wie T h e tis , K i r k e - sind daher nicht aufgenommen). - Bei der Über­
nahme griechischer Namen und Begriffe ins Deutsche ist im Laufe der Jahr­
hunderte nicht konsequent verfahren worden, daher werden gleichgebildete
Wörter heute oft verschieden ausgesprochen. - Vokale ohne Längezeichen
(ä, e ...) werden in der Regel kurz und offen ausgesprochen. Bei den Diph-
thongen gilt: ai, a u , o i wie im Deutschen ( H a in , H a u s , B o ile r ) ; e i nicht wie
in dt. E i , sondern etwa wie in engl. J a m e s ; e u wie in dt. E u l e (traditionelle
Falsch-Aussprache im Deutschen; richtig wäre Aussprache ähnlich wie
in engl. h o m e ) .

Achaier Amorgös Boioti'en


Achillei's Amphidamas Bolissös
Achilleus, Achill Amphitryon Briseis
Agamemnon Amyklai
Chariten
Agora Andromache
Charybdis
Aia Antilochos
Chrysei's
Aias Antimachos
Aigisthos Antino’os Danaer
(auch Aigisth) Aoiden Dardaner
Aineias Aphrodite Deiphobos
Aioler Apollon Demiurgen
(auch Aiolier) Apolog Demödokos
Aiolos Apone Didymos
Aischylos Archilochos D'iomedes
Aithiopen Argeier Di'omedie
Aithiopis Argolis DodekäpoHs
Aitöler Argonaüten Dolome
(auch Aitoler) Ariadne Dorier
Akropolis Aristärch (auch Dorer)
Akrotiri Aristie
Aktorione Aristophanes Eetiön
Alexandreia Aristoteles Epeios
auch Alexandria, Artemis Epeisödi'a
Alexandria Äs'ios Ephesos
Alkaios Astyanax Ephor
Alkätho’os Athene Epiphanie
Alkidamas Atrei'de, Atride Epipolesis
Alkino’os Eretria
Alkman Bakchylides Erythrai
Alkmene Batrachomyomachie (auch Erythrai)

204
Eüboia Ioner Machäön
(auch Euböa) (auch Jonier) Mäander (Maiandr
Eumaios los Magnesia
Eumelos IräkÜon (~ Heräkleion) Malea (Kap)
Euryalos Ismaros Margites
Eurybates Ithaka Medea
Eurykleia Megaron
Eurypylos Kallinos Melänöpos
Eustathi'os Kalydön Meleager
Exodos (die) (auch Kalydon) Melesigenes
Kalypsö Menelaos
Gerönten Kassandra Meri'ones
Kephallen'ia (auch Meriönes)
Hekabe Kerostasie Messenien
(auch: Hekabe) Kikonen Milet
Hekamede Kimmerier Minoer
Hekatömpedos (der) Klazömenai Minotaüros
Hektoros lysis Kleopatre, Kleopatra Molione
Helena Klytaimestra Museion
Helenos Knossos Mykäle
Helikon Koine Mykene
Helikonios Kolophon Myrmidonen
Helios (auch Kölophön) Mytilene
Hellespönt Korinth Myus
Hephaistos Krater, Kratere
(auch Hephaistos, Krethei's Nausika’a
Hephaist) Kroniön
Odyssee
Heraion Kyklop
Odysseus
Herakles Kypr'ia
Ogygiä
Herodöt Kythera
Oinochöe
Herodotea (auch Kythera)
Okeanos
Hesiodos, Hesiod
Olympos, Olymp
Hethiter Laertes
Orchömenos
Homeriden Laertiade
Orest
Homilie Laistrygonen
Hyperion Lakonien Panathenäen
(auch Hyperiön) Laodamas Pändaros
Laoko’on Panion'ion
Iäones Lebedos Paris (besser Paris)
Iasos Lefkändi Patroklie
Idomeneus (auch Lefkändi) Pätroklos
(auch Idomeneus) Leukäs Peisistratos
ili'os Leukotheä Peleide, Pelide
Il'iupersis Litai Peloponnesos,
Iolkos Lötophagen Peloponnes (die)

20J
Penelope S’chenä (auch S’cheria) Thebais
Phaiaken S’choh'en Theomachie
Phaiakis Semonides Thersites
Phemi'os Simonides Thestorides
Philoitios Sinope Thrinäki'a
Philoktet Sirenen (besser Thrinak'iä)
Phönizier, Phoiniker Sisyphos Thukydides
Phoinix Skämandros, Tityos
Phökaia Skamander Tlepolemos
Pithekussai Sophokles T rachinierinnen
Polydamas Symposion Trieren
(auch Pülydamas) Troas
Polyphemos, Polyphem Talthybi'os Troer
Polypoites Täntalos Tychi'os
Poseidon Teichomachie Tydide
Priamos Teichoskopie Tyrtaios
Priene Teiresi'as
Prooimion Telamoniade (Ugarit)
Telegome
Rhapsoden Telemachie
Telemachos, Telemach Xenophanes
Salamis Tenedos
Samothrake Terpänder Zäkynthos
Sarpedon Terpios (auch Zäkynthos)