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I

Einführung in die PT-Orthopädie

1
Was ist Orthopädie?
• Wörtlich:
– „Lehre vom aufrechten Kind“
– „Erziehung des Aufrichtens“

• Medizinischer Fachbereich, der sich mit der


Diagnostik, Entstehung und Behandlung von
angeborenen und erworbenen Erkrankungen
sowie Risikofaktoren des Halte- und
Bewegungsapparates (HBA) beschäftigt.

2
Welche Strukturen bilden den HBA?
Passive Strukturen
• Knochen
• Knorpel
• Sehnen
• Kapsel-Band-Apparat
• Schleimbeutel (Bursae)
• Hoffascher Fettkörper
• (Haut)

Aktives System
• Muskeln/Faszien
• Peripheres Nervensystem
3
Welche Professionen und Branchen
befassen sich mit Orthopädie?
• Ärzte (Orthopädie, Neurologie, Chirurgie)
• Physiotherapie, Ergotherapie
• Alternativmedizin (darunter Osteopathie)
• Orthopädie(schuh-)technik
– auch Prothesenentwicklung
• Hilfsmittel- und Büromöbelindustrie
• Gesundheits- und Fitness(geräte-)branche
• Pharmabranche
• Nahrungsergänzungsmittelbranche
4
In welchen Gesundheits-Sektoren wird
PT in der Orthopädie angewendet?
• Primärprävention (gesunder Mensch)
– Allgemein
• Vorbeugung durch Aufklärung über allgemeine
Gesundheitsrisiken, gesunde Lebensweise, sinnvolle
körperliche Aktivitäten
• „Volksgesundheit“  Bsp.: Betriebssportgruppe
– Spezifisch
• Vorbeugung gegen spezielle Gesundheitsrisiken bei z.B.
einseitiger Belastung/Haltung, genetischer Prädisposition

• Sekundärprävention
– Frühdiagnostik und Frühtherapie einer Erkrankung mit
dem Ziel die Pathogenese am Anfang zu stoppen 5
In welchen Gesundheits-Sektoren wird
PT in der Orthopädie angewendet?
• Tertiärprävention:
– Verhinderung der Exazerbation chronischer
Erkrankungen mit bereits ausgeprägter Symptomatik
(„Schadensbegrenzung“)
– Verhinderung von weiteren Folgeerkrankungen
– Rezidivprävention

• Rehabilitation:
– Behandlung von Erkrankungen  konservativer
Behandlungsansatz/Behandeln nach Operationen des
HBA ( in Akutphase siehe PT-Chirurgie)
– Rehabilitation wird oft auch als Teil der
Tertiärprävention angesehen 6
Welche Techniken kommen in der
Orthopädie zur Anwendung?
• Manuelle Therapie
• Trainingstherapie (Stabilisation + MTT)
• PNF
• Physikalische Therapie
– Thermo/Elektro/Hydro/Ultraschall
• Massage (klassische und andere)
• Schlingentisch
• Andere spezielle Techniken (Fortbildungen)
– Z.B. MDT (Mc Kenzie), Sohier

7
Auf welcher Grundlage behandeln wir
in der Orthopädie?

1. Ärztliche Diagnose (für PT unzureichend!)


2. Systematische Anamnese des Patienten
3. Körperliche Untersuchung (nächste Folien)
4. Zusammenfassung mit vorläufigen PT-Diagnosen
5. Probebehandlung mit Soll/Ist-Vergleich
6. Eventuell erneute Diagnostik
7. Endgültige PT-Diagnose
8. Erstellung eines Behandlungsplans

8
Körperliche Untersuchung
Basisuntersuchung
IMMER in der angegebenen Reihenfolge durchführen

1. Statische Inspektion
2. Dynamische Inspektion (ggf. problematische Bewegung)
3. Allgemeine Palpation
4. Rotatorische Bewegungsuntersuchung
5. Translatorische Untersuchung
6. Beurteilung der Nachbargelenke
7. Muskeltests (Widerstandstests oder MFT + Längentests)
8. Strukturspezifische Palpation
9. Zusammenfassende Beurteilung
10. Probebehandlung
11. Formulierung endgültiger PT-Diagnosen 9
Körperliche Untersuchung
Zusatzuntersuchungen
NUR, wenn es spezielle Hinweise aus Anamnese
und/oder Basisuntersuchung gibt (keine Reihenfolge!).

• Neurologische Untersuchung
• Angiologische Untersuchung
• Sicherheitstests (HWS)
• Differenzialdiagnostik
• Spezielle orthopädische Tests
Rot: bei Verdacht direkt nach Palpation
zum Ausschluss von Konraindikationen 10
II: Der orthopädische Befund
• Im Folgenden wird dargestellt, wie der
orthopädische Befund aufgebaut ist
• Es wird thematisiert, welche diagnostischen
Elemente wann untersucht werden müssen
es muss nie alles untersucht werden!
• Der Befund hat einen großen Umfang
– Ein examinierter Physiotherapeut benutzt Kurzbefunde,
weil er die einzelnen Schritte gedanklich automatisiert
hat und folglich im Rahmen eines Clininal Reasoning-
Prozesses fokussiert individuell relevante diagnostische
Elemente selektieren kann.
11
II.1
Anamnese
• Die Überschriften der Folien sind identisch mit
der jeweiligen Position im Befund

• Es wird dargestellt, welche Informationen wie


und wann erfragt werden sowie welchen
Gewinn die jeweilige Information mit sich
bringt oder bringen könnte

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Therapeut
• An wen muss ich mich wenden, wenn ich
Rückfragen innerhalb des Teams habe?

• Wer ist verantwortlich für den durchgeführten


Befund?
 eventuell sogar rechtliche Relevanz

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Ärztl. Diagnose
Die ärztliche Diagnose wird hier notiert

Verschiedene Szenarien sind möglich:

1.) Korrekt, aber unpräzise


2.) Korrekt, sehr spezifisch (ggf. durch bildgebende Diagnostik
unterstützt), aber keine Korrelation mit Symptomatik
3.) Richtig, dennoch keine konkrete PT-Diagnose
4.) Falsch

 Im Vorfeld nicht zu stark auf ärztliche Diagnose


fokussieren!!!
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Verordnung
• Art der Verordnung
– KG, MT, KGG, ET, US, Ma, Kryo, Fango etc…

• Verordnungsmenge
– 6x, 10x, 12x, 20x

• Privat /gesetzlich versichert?


– Erstverordnung
– Folgeverordnung

Nähere Inforationen im Fach Berufskunde


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Arzt
• Rückfragen/Information zu
– Diagnose/Therapiemöglichkeit
– Kontraindikationen (relativ/absolut)

• Therapiebericht

• Besprechung weiterer Therapiemöglichkeiten


bei Stagnation/ Erfolglosigkeit der Therapie

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Größe/Gew.
• Nur bei Problemen an statisch relevanten
Gelenken erfragen:
– Fuß
– Knie
– Hüfte
– ISG
– Wirbelsäule

Ein kausaler Zusammenhang anthropometrischer


Gegebenheiten kann nie hergestellt werden
nur Vermutungen, Einschätzungen; evtl. Relevanz für
Prognose/Beratung
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ATL-Hauptproblem
• „Was ist aus Ihrer Sicht das größte Problem im
Alltag?“, z.B:
– Aktivität
– Konkrete Bewegung
– Schmerz
– Bewegungseinschränkung
– Transfer
unzählige Beispiele denkbar
wichtig für gemeinsame Zielsetzung!
Autonomie des Patienten, Arbeitsfähigkeit

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Partizipation
• „Ist Ihr Problem so relevant, dass Sie
Einschränkungen bei der Teilhabe am sozialen Leben
haben?“
– Beruf
– Hobby
– Familie
– Andere sozialgesellschaftliche Aktivitäten

Interdisziplinärer Therapieansatz nötig?


Arzt, Psychotherapeut, Ergotherapeut, Sozialberater

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Belastungsfreigabe
• Gibt es Limitationen?
– Bestimmte Belastungen in kg
– Verbot bestimmter aktiver/passiver Bewegungen
– Zeitraum?

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Cave (Achtung/Vorsicht)
• körperlich, z.B.:
– Osteoporose, Osteomalazie
– Progrediente manifeste Erkrankungen
– Krebserkrankungen
– Metallimplantate (Elektrotherapie)
– Infektiöse Krankheiten (lokal/global)
– Allergien
– Schwangerschaft (Bauchlage)
– Erkrankungen/Operationen mit direkten Kontraindikationen für PT

• psychisch, z.B.:
– Suizidgedanken, Borderline
– Depression

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Sonst. Erkrankungen
• Erkrankungen in keinem direkten
Zusammenhang zur Problematik
• Wichtig für die Belastungsfähigkeit des
Patienten (z.B. cardiovaskulär, cardiopulmonal)
• Prognose für Wundheilung (z.B. Diabetes,
angiologische Erkrankungen)
• Psyche (auch bei Cave möglich)

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Beruf
• Macht durchschnittlich 50% der Wachphase aus, daher sehr
große Relevanz
• Körperhaltung/Aktivitätsniveau
Ursachenspekulation
• Perspektive  positiver/negativer Kontextfaktor
– Körperlich aktiv/passiv?
– Haltung
– psychische Belastung (Umfang, Leistungsdruck,
wirtschaftliche Situation)
• Relevant auch für Reintegration (Wiedereingliederung) in das
Berufsleben je nach beruflichem Profil

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Hobbies
• Ausgleichaktivität?  wahrscheinlich positiv
• Zusätzlich belastendes (passives/aktives)
Hobby?  eher negativ
• Soziale Komponente
• Kein Hobby (Stress/Lustlosigkeit)
 Prognose hinsichtlich der Bereitschaft, aktiv
an der Verbesserung der persönlichen
Situation zu arbeiten

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Belast. Faktoren/Haltung
• körperlich und psychisch aus Perspektive des
Patienten erfragen
• wichtig für Prognose der Therapie/ggf.
Beratung/Hilfe!
• Starke Belastung bei Beruf/Hobby?
• zusätzliche Umstände, z.B.:
– Pflegefall in der Familie (Heben/Tragen/Stress)
– Alleinerziehender Elternteil (s.o.)
– Todesfall (eher psychisch)

 Einflussfaktor für den Verlauf der Therapie! 25


Häusl. Situation/selbstständig/
braucht Hilfe
• Treppe, Geländer, Steigungen, Etagen etc
• Nur erfragen, wenn Patient einen körperlich eingeschränkten
Eindruck macht oder beim „ATL-Hauptproblem/Partizipation“
etwas Entsprechendes geäußert hat
– Alte Menschen (multimorbide)
– Junge Menschen mit akutem Problem

• wenn Hilfe benötigt wird, notieren, wer und


wobei  eventuell Außenstehende
miteinbeziehen /Strategien entwickeln/
ggf. zusätzlich Ergotherapie, Orthopädietechnik
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Erstmalige Beschwerden/
Rezidivierende Problematik
• „Haben Sie die Problematik zum ersten mal
oder hatten Sie diese oder ähnliche Probleme
in der gleichen Körperregion schon einmal?“

Traumatische Ereignisse, chronische


Erkrankungen, entzündlich/rheumatische
Probleme, Haltungs-/Belastungsprobleme,
Aktivitätsbezug?

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Ursache
• Auslöser bekannt (mit Datum):
– Unfall, Distorsion, Sturz, spezielle Belastung etc., mit
Datum des Auslösers, gesicherte ursächliche
Erkrankungen/Infektionen/Fehlstellungen

• Unbekannt:
– degenerative Prozesse
– unbekannte Systemerkrankungen/Infektionen
– nicht erkannte traumatische Mechanismen, darunter
bspw. Osteoporose
– Maligne Prozesse

28
Dauer aktueller Beschwerden/
vorherige Episode(n)
• „Seit wann besteht Ihr aktuelles Problem, wegen
dem Sie jetzt hier sind?“
 Wundheilungsstadium, chronische
Erkrankungen, Schmerzgedächtnis
(Cave: Psyche)

• Nur bei Auswahl „rezidivierende Problematik“:


„Wann hatten Sie bereits vor der aktuellen
Problematik das gleiche oder ein ähnliches
Problem?“
29
verbessernd/verschlechternd
• „Ist das Problem seit dem Beginn der aktuellen
Problematik besser oder schlechter geworden“?
• „Wie haben Sie sich seitdem verhalten und
können Sie sich die Tendenz selbst erklären?“
Schonung (Pause)? Medikamente? Ignorierung?
Vermeidung problemverstärkender Aktivität?
von alleine besser/schlechter? (keine Erklärung)

nur in Verbindung mit dieser „Coping-Befragung“


macht die Interpretation dieser Information Sinn!

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Symptome (Anfang/aktuell)
• „Wie hat ihr aktuelles Problem angefangen? Was waren
die ersten Symptome?“
• „Beschreiben Sie die Symptome Ihres Problems zum
aktuellen Zeitpunkt (jetzt).“
– Schmerzen
– Verspannung
– Bewegungseinschränkung
– Sensibilitätsverlust, Missempfindung
– Kraftverlust
– Schwellung (Tumor), Atrophie
– vegetative Symptome
– ZNS-Symptome
– andere Symptome
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Lokalisation
• Wo genau befindet sich das Problem
(einzeichnen auf dem Bodychart)?
– lokal (präzise/diffus/oberflächlich/tief), ggf. mehrere
Stellen
– Ausstrahlung
 Nervenbeteiligung/referred pain/arteriell?
• eventuell verschiedene Farben verwenden für
verschiedene Arten von Symptomen (Legende
hinzufügen)

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Charakter
• „Wie können Sie Ihr Problem (Ihren Schmerz)
beschreiben?“
• Zunächst offen fragen, notfalls suggestiv
– brennend, elektrisierend, kribbelnd, „Ameisen laufen“
 wahrscheinlich neuropathisch
– alles andere (ziehend, drückend, dumpf, bohrend…)
 wahrscheinlich nozizeptiv
– Pulsierend /pochend
vermutlich entzündlich

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Intensität (Schmerz)
• NRS (narrative rating scale)
• VAS (visuelle Analogskala)
• Eruierung, wie groß das Problem subjektiv ist
• Ruhe, Bewegung, aktuell:
 erster Eindruck, ob eher entzündlich oder
mechanisch
• Interpretation nur möglich im Kontext mit
Schmerzmittelkonsum
 ggf. Vorsichtsmaßnahmen für manche
Behandlungstechniken

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Begleitphänomene
• „Gibt es ein anderes Symptom, das gemeinsam
mit dem Schmerz auftritt?“
– Schonhaltung
– Bewegungseinschränkung
– Schwäche, Sensibilitätsstörungen
– Instabilität/Kontrollverlust
– Kälte, Wärme
– vegetative Zeichen
– ZNS-Zeichen
– Trophische Veränderungen (rot/blass)

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„immer“ Schmerz
• Immer mindestens 1/10
• wahrscheinlich hochentzündlich
• sehr hohe Irritierbarkeit
• an maligne Prozesse denken im Kontext
weiterer Befragung
• Risikofaktor für Chronifizierung
– Psychosomatische Interaktion/Schmerzgedächtnis
• Ursache/Folge
– Schmerzmedikamente?
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intermitt. täglicher Schmerz
• Instabilitäten (plötzliches Derangement/
Subluxation), spontan, unvorhergesehen?

• nur in Verbindung mit bestimmter


Aktivität/Belastung?

bei intermittierend täglichen Schmerzen


dazuschreiben, ob sie spontan auftreten oder
an einen konkreten Auslöser gebunden sind
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episodischer Schmerz
• gelegentlich wiederkehrende Problematik in
regelmäßigem/unregelmäßigem Turnus
(wöchentlich bis monatlich)
dazuschreiben

• Erklärungsversuche:
– an bestimmte Aktivität gebunden?
– Basierend auf bekannter chronischer Erkrankung?
– spontan, nicht erklärbar?
dazuschreiben

38
Ruheschmerz
• Schmerz, der chemisch bei Inaktivität entsteht
• Ein echter Ruheschmerz entsteht in
verschiedenen Positionen/Haltungen
• Er ist der wichtigste subjektive Entzündungs-
indikator!
• Verringerte Blutzirkulation/geringer
Abtransport/pH sinkt/Sympathikus steigt
• Er ist positionsabhängig auch typisch für
Instabilitäten (häufiges Wechseln der Position zur
Reduktion)
39
Nachtschmerz
• Schmerz, von dem man nachts aufwacht
• Es muss präzise erfragt werden, ob der Schmerz
positionsunabhängig entsteht!
– ggf. ist es ein Kontakt/Positionsschmerz
Kein echter Nachtschmerz!

• Weiterer Entzündungsindikator (neben Ruheschmerz)


– Erklärungsansatz: HGH steigt, Cortisol sinkt
• Ein isolierter Nachtschmerz kann ein Zeichen für
eine bösartige Erkrankung sein (insbesondere,
wenn mechanisch nicht beeinflussbar)

40
Symptom-Verbesserung/-
Verschlechterung
• Coping-Strategien des Patienten
• Aktivitäten/ konkrete Bewegungen/
thermische Einflüsse/ Haltungen (Positionen)/
Lagerungen/ Selbsttraktionen/-
Mobilisationen/ Ruhigstellung
eher entzündlich/mechanisch/chronisch?

41
Konstante Bewegung
• Welche?:
– Gehen, Joggen, Treppen steigen, Radfahren, Nordic Walking,
„Heben und Tragen bei der Arbeit“, Schwimmen etc.

• Besser/gleich/schlechter
– „Wird der Schmerz weniger oder mehr, wenn sie die
problematische Bewegung dauerhaft (wiederholt) ausführen?“

• Interpretation
– Schmerz zu Beginn einer Belastung (z.B. Anlaufschmerz) hat eher
eine entzündlich/(-rheumatische) Ursache
– Zunehmender Schmerz ist eher Zeichen einer mechanischen
Ursache (degenerative Prozesse mit niedriger entzündlicher
Komponente)
• Auch arterielle Stenosen (z.B. PaVK) 42
Schlafposition/-situation
• Bei Knie/Hüfte/WS/Schulter
• „Hat sich an Ihrer Schlafsituation in der letzten
Zeit etwas geändert“  Ursachenforschung
• „Haben Sie seit Bestehen des Problems nachts
Probleme eine geeignete Schlafposition zu
finden?“
 gemeinsames Erarbeiten von Strategien
nachts gut schlafen zu können

43
Frühere Behandlungen
• Für das aktuelle Problem:
– PT (was wurde gemacht?), Arzt konservativ,
Alternativmedizin
– Gab es hierbei Erfolge?

• Allgemeine bisherige Erfahrung mit


Physiotherapie (ggf. auch wegen eines
anderes Problems)

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Ziele des Patienten
• „gemeinsam an einem Strang ziehen“
• Desillusionieren
• Ggf. bremsen/zusätzlich motivieren
• Realistische Ziele setzen
• Möglichst präzise erfragen
• Die Hierarchie der therapeutischen Ziele ist
hierdurch beeinflussbar

45
Red Flags: Cauda Equina
• Bei Problemen im Bereich Hüfte/ISG/LWS
erfragen
• Ebenfalls Bei HWS/BWS-Problemen mit
Ausstrahlungen in die Beine erfragen
(Myelopathie?)
• „Haben Sie Probleme beim Toilettengang“?
 wenn ja: „Haben Sie sensible Störungen?
Wo?  S2-S5?“
• Bei niedrigen Ausprägungen nur Symptome bei
Aufbau intraabdominalen Drucks (Husten,
Niesen, Pressen)
• Ursachen: siehe Thema LWS, Neurologie
46
Red Flags: Allg. Gesundheit/
unerwarteter Gewichtsverlust
• „Wie fühlen Sie sich in Bezug auf Ihre
allgemeine Gesundheit, abgesehen von Ihrem
aktuellen Problem?“
 gut, schwach, kraftlos?
• „Bemerken Sie in letzter Zeit einen
Gewichtsverlust?“
 Ja? haben Sie Ihren Lebensstil verändert?
 nein?  Cave! (maligne Prozesse?)
47
Operationen/Unfälle
• In Deutschland gibt es keinen First Contact!
• Bei Unfällen mit „keinem typischen klinischen
Muster“ Pat. zum Arzt schicken!
• Patienten mit Endoprothesen und akutem
hochgradigen Schmerz in der OP-Region ebenfalls
zum Arzt schicken
• Operationen können auch relative
Kontraindikationen darstellen (z.B. Metall)
• Lange zurückliegende Operationen/Unfälle
können bei der Ursachenforschung der
Problematik zusätzlich Aufschluss geben
48
Medikamente
• NSAR sind periphere Antiphlogistika mit lokal
analgetischer Wirkung, sie wirken insbesondere
bei entzündlich bedingten Schmerzen
• Corticosteroide sind hormonelle
Entzündungsblockierer, die langfristig diverse
Nebenwirkungen haben
• Opioide sind Analgetika, die durch
Neurotransmitterinhibition generalisiert wirken
• Antikoagulanten reduzieren die Blutgerinnung
Vorsichtsmaßnahmen

49
II.2 Statische Inspektion
• Man identifiziert:
– Körperachsen/Symmetrien /Körperschwerpunkt-
verlagerungen
• darunter Haltung
– Proportionen
– Längenverhältnisse
– Atrophien/Schwellungen (Topographie)
– Hautveränderungen

50
II.2.1 Körperhaltung
• Die Körperhaltung sollte zunächst global
inspiziert werden um allgemeine
Auffälligkeiten zu identifizieren
• Dann die Statik des Patienten von kaudal nach
kranial inspizieren
– Vgl. Wichtigkeit eines stabilen Fundamentes für
ein Gebäude

51
Körperhaltung
• Definition Körperhaltung (Kurzform):
– Anordnung des Haltebewegungsapparates im
Raum gegen die Schwerkraft
• Ökonomische Körperhaltung:
– Geringst möglicher (isometrischer) Kraftaufwand
in Verbindung mit optimaler Stellung der Gelenke
 geringste Belastung für den Körper
• Geringe Kraftentwicklung erzeugt geringe Kompression
gesunde Haltung

52
Körperhaltung
• Wir beurteilen die Haltung in der Frontal-/und
Sagittalebene, wenn möglich im Stand:
– Fuß- und Beinachsen
– Fußgewölbe, Rückfußstellung
– Knieachsen
– Beckenstand
– Statik der Wirbelsäule
– Schulterstand
– Kopfhaltung

53
Körperhaltung
• Einflussfaktoren:
– Konstitution des Skelettsystems (osteoligamentär)
– Muskulärer Status
• Dysbalancen von Agonisten/Antagonisten
– Schwäche/Verkürzung
– Schmerz  Schonhaltung
– Kompensationen von Fehlhaltungen in anderem
Körperabschnitt
• Bsp.: Hyperlordose der HWS als Kompensation einer
Hyperkyphose der BWS
54
Körperhaltung
– Psyche!!!:
• Selbstbewusstsein
• Selbstwahrnehmung und Körpersprache
– Subjektive Ökonomie
• Meist ≠ tatsächliche Ökonomie
• Bsp.: Beckenvorschub im Stand
– Geringere Muskelaktivität (wenig Stabilität)
Belastung des passiven Systems in nicht
physiologischer Gelenkstellung

55
Häufigste Haltungstypen

56
Körperhaltung
• Eine normale Haltung ist nicht definierbar und
es existieren unterschiedliche Ansichten
– Bsp.: Was ist eine physiologische Lordose, wann
beginnt die lumbale Hyperlordose?
• Es ist also häufig subjektiv, über
Körperhaltungen zu urteilen
– Was als gesunde Körperformation angesehen wird,
kann je nach Kulturkreis sehr unterschiedlich sein
• Bsp.: „Deutsche Hyperlordose“ wird in USA als
physiologisch angesehen
57
Formen der Körperhaltung
• Wir unterscheiden:
– Habituelle Haltung (Spontanhaltung)
• „Stellen Sie sich vor, Sie werden nicht beobachtet“
– Aufgerichtete Haltung
• Aktive Korrektur der habituellen Haltung
• Mit oder ohne zusätzliche Kommandos oder taktile
Reize
• Möglich/nicht möglich?
• Subjektiv besser/schlechter
 Ursache der Probleme/Schonhaltung?

58
Haltung: Aufrichtungsversuch
• Aufgerichtete Haltung ist über einen längeren
Zeitraum durchführbar
 die Ursache basiert wahrscheinlich nicht auf
körperlichen Faktoren
Selbstbewusstsein, Körperwahrnehmung, subjektive
Ökonomie
• Die aufgerichtete Haltung ist nur kurzfristig
durchführbar
Haltungsschwäche
Vermutlich muskuläres Defizit
Entsprechend Muskelkraft/-Längentests durchführen
um Hypothese zu bestätigen
59
Haltung: Aufrichtungsversuch
• Die aufgerichtete Haltung ist überhaupt nicht
durchführbar
Haltungsverfall/Haltungsfehler
Sehr starkes muskuläres Defizit
UND/ODER
Manifestierte, osteoligamentäre
Wirbelsäulenfehlstatik/-Erkrankung
Zur Bestätigung passive Bewegungsausmaße
testen
Insbesondere BWS-Extension, HWS-Retraktion
60
II.2.2 Spezifische Inspektion
• Auf den folgenden Seiten werden diverse häufig
anzutreffende inspektorische Auffälligkeiten
vorgestellt
• Der Aufbau geschieht von kaudal nach kranial
– Identifikation der biomechanischen Ursache↔Folge-
Kette
• Es wird nicht immer jedes Detail inspiziert
– Zeitmangel
– Selektion nach Relevanz im Kontext der Beschwerden
61
Hallux valgus
– Fehlstellung Im Metatarso-Phalangeal-Gelenk I
• Kann hier zu Arthrose durch Fehlbelastung und Reibung
führen
– Phalanx I steht in Valgusstellung
– Meist assoziiert mit Os metatarsus varus I
– Kann das Gangbild beeinflussen
• Fuß-Abroll-Verhalten + terminal stance
– Frauen > Männer

62
Hallux valgus: Ursachen
• Genetik
• Hohe, spitze Schuhe
• Pes transversus 
überdehnter Musculus
adductor hallucis
• Dysbalancen der
intrinsischen/extren-
sischen
Fußverpannungs-
Vulpiusklinik.de
systeme

63
Hallux Valgus: muskulärer Einfluss
Der m. adductor
hallucis, caput
transversum spielt
eine wichtige Rolle
bei der
Pathogenese eines
Hallux valgus

Med.umich.edu Hallux-forum.de

64
Sanivit.eu

Sanitaetshaus24.de 65
Digitus quintus varus superductus
• Phalanx V steht in Adduktion auf Phalanx IV
• Meist rein kosmetisch
• Ursachen wahrscheinlich
Schuhwerk/Genetik

66
Krallen/-Hammerzehen
• Krallenzehen:
– DIP-G. und PIP-G. in Flexion, MP-G. in Extension
– Evtl. so stark, dass Zehen im Stand nicht Boden
berühren
• Hammerzehen:
– DIP-G- in Flexion, MP-G. neutral
• Ursachen:
– Muskuläre Dysbalancen
– Rheumatoide Zusammenhänge
– neurologisch
67
Thomas-von-rothkirch.de
68
Hallux rigidus
• Folge der Arthrose des Metatarso-Phalangeal-
Gelenks I
• Oft assoziiert mit Pes transversus
(Fehlstellung) und asymmetrischer Druck auf
die Sesamoide des m. flexor hallucis brevis
• Das Gangbild ist signifikant gestört (Terminal
Stance)
• Kein Zehenstand möglich

69
Hallux rigidus

Die Sesambeine können durch


Fehlstellung des Vorfußes (pes
transversus) an Kapsel des MP
I-Gelenkes reiben
Arthritis/Arthrose 70
Fußgewölbe

71
Senk- oder Plattfuß (Pes planus)
• Das Längsgewölbe ist abgeflacht
– Insuffizienz der aktiven und passiven plantaren
Strukturen
• In der Regel automatisch assoziiert mit pes valgus
und Innenrotation der Tibia
 Pes planovalgus
• Risikofaktoren: Übergewicht, Inaktivität als Kind
• Oft Instabilität im Stand
– Boden bremst die Plantarbewegung der Fußknochen,
nicht die Spannung des Längsgewölbe-Bogens

72
Pes planus (planovalgus)

Mass4d.com
academic.amc.edu

Flickr.com
73
Nika.rs
Spreizfuß (Pes transversus)
• Das Quergewölbe ist abgeflacht
• Der Vorfuß ist verbreitert
– Die Grundgelenke der Zehen stehen nicht optimal
• Grundlage für Zehendeformitäten (z.B. hallux valgus)
• Der Druck ist mehr auf die Metatarsal-
köpfchen II-IV verlagert
– Druckschmerzhaftigkeit, Periost- und
Hautreaktionen, entzündliche Knochenzysten

74
Pes transversus

Onmeda.de
Thieme.de

75
Hohlfuß (pes cavus)
• Verstärkung des Längsgewölbes
• Die Bodenkontaktfläche ist reduziert
Druck  Schmerz
• (Der Fuß ist statisch in einer Supination)
– Risiko für Supinations-Verletzung gesteigert
• Oft verbunden mit Krallenzehen durch muskuläre
Dysbalancen
• Oft durch spastische Lähmungen
• MET I steht in sehr steilem Winkel

76
Hohlfuß (Pes cavus)

Thion-medical.com

Thieme.de
Medmix.at

77
Knickfuß (Pes Valgus)
• Calcaneus steht in Eversion
– mediale Belastung ↑  pes planovalgus
• Begünstigt genu valgum
• Lig. deltoideum meist pathologisch elongiert
• Achillessehne wird unphysiologisch belastet
• Tendenz zu Reizungen am medialen Periost
(lange Flexoren + M. tibialis posterior)

78
Pes valgus

Encrypted-tbn0.gstatic.com Die-fussexperten.de

79
Pes varus (Klumpfuß)
• Calcaneus steht in Eversion
• Komponente des angeborenen
Pes quino-varus-congenitus (s.
KG-Orthopädie-Pädiatrie)
• Muskuläre Dysbalance
(Supinatoren>Pronatoren)
– Meist neurologisch durch Ausfall
des N. peroneus sup.
• Bei Streckspastik oft verbunden
mit Spitzfuß Bodyfitnesshocasi.com

Die Supinatoren sind auch


Plantarflexoren
80
Spitzfuß (pes equinus)
• Fuß ist in Plantarflexion manifestiert
– Keine aktive und passive Dorsalflexion möglich
• Oft durch Streckspastik der UE nach
Zerebralparese
• Sehr starke Verkürzung des M. triceps surae
– Nach Lagerung in RL ohne adäquate
Lagerung/Mobilisation

81
Spitzfuß

uksh.de

Lexikon-orthopaedie.com
Sanitaetshaus-puettmann.de

82
Hänge- oder Fallfuß
• Keine aktive Dorsalflexion möglich
– Neurologisch: L4/L5-Kompression oder N.
peroneus communis-Verletzung
• Fuß ist bei der passiven rotatorischen
Untersuchung unauffällig
• Patient kann keine physiologische Schwung-
und initiale Standbeinphase durchführen
– Nur mit Hinken (Circumduktion)

83
Hänge- oder Fallfuß

h-p-cosmos.com
Ottobock.de

Servo-med.de
Rafys.de
84
Pes Calcaneus (Fersenfuß)
• Der Fuß steht zu weit in der Dorsal-Flexion
• Postnatal durch intrauterine Zwangslage
• Wird sanft physiotherapeutisch korrigiert

Vulpiusklinik.de

85
Sichelfuß (Pes adductus)
• Vorfuß in Adduktion
• Durch intrauterine Zwangslage
• Meist konservativ behandelbar

86
Achsen der Unteren Extremität

Docplayer.org

87
Thomas-von-rothkirch.de
Mikulicz-Linie
• Linie in der Frontalebene
durch das Hüft-Zentrum und
das OSG
• Normalerweise liegt das Knie
exakt mittig auf dieser Linie

Achtung: Achsabweichungen im
Knie haben ihre Ursache meist in
Fuß oder Hüfte!

 Genau untersuchen
88
Genu valgum
• Kniezentrum befindet sich medial der Mikulicz-Linie
X-Bein
• Knie können sich beim Gehen berühren
• Außenminiskus wird vermehrt belastet
• Innenband wird überdehnt
• Q-Winkel des Kniegelenkes vergrößert sich
Veränderte retropatellare Belastung
• Meist assoziiert mit Pes planovalgus
• Hüftabduktoren und –außenrotatoren oft schwach
• Adduktoren oft kurz
• Oft Probleme des Tractus am Trochanter major
– Erhöhter Anpressdruck/Reibung  auch bursitis trochanterica
• Frauen > Männer (breiteres Becken)
89
Genu valgum

Southfloridasportsmedicine.com deximed.de
90
Genu varum
• Kniezentrum befindet sich lateral der Mikulicz-
Linie (O-Bein)
• Meist von tibialer Epiphyse ausgehend
• Innenmeniskus wird verstärkt belastet
• Außenband und TIT werden überdehnt
• Oft laterale rotatorische Instabilität
• Oft mit Fußfehlstellung assoziiert (v.a. Hohlfuß)
• Abduktoren oft funktionell schwach und hyperton
• Adduktoren oft funktionell überdehnt
• Männer > Frauen ( High Impact-Sportarten?)
91
Genu varum

Aesthetic.com.ua

92
Genu recurvatum
• Knie befindet sich im Stand in Hyperextension (>10°),
hinter Hüft- und Kniezentrum
• Posteriorer Kapsel-Band-Apparat wird überdehnt
• Starke Kompression im anterioren Gelenkspalt
• Hüft-Extension und meist Becken-Anteversion
• Meist verminderte Quadriceps- und Ischio-Kontrolle
• Meist Kraftdefizit und Überdehnung der Hüftflexoren
– Vor allem schlechte exzentrische Kontrolle
• Körperschwerpunktverlagerung nach ventral
• Oft Kompensation eines Spitzfußes
93
Genu recurvatum

94
Genu flexum
• Knie befindet sich im Stand in Flexion (>5°) vor Hüft-
und Kniezentrum
• Das Knie hat ein passives Extensionsdefizit
im Stand wird nicht die Nullstellung erreicht
• Oft Folge degenerativer Gelenkprozesse oder
postoperativer Immobilisation
• Erhöhte Quadricepsaktivität
• Problem:
Arthrose  genu flexum  erhöhte Quadriceps-
Aktivität in Stand und Gang  erhöhte
Kompression  Arthrose

95
Genu flexum
Das Tibiaplateau fällt
hier im Stand nach
vorne ab, normal ist es
umgekehrt

 funkt. Folge des


genu flexum
Femur rutscht nach
ventral
Physiologischer Slope:
Quadriceps und
Wichtig für Schlussrotation im
Gastrocnemius
Stand
müssen stabilisieren
Ausschaltung des Quadriceps
96
Genu flexum

cram.com

97
Beckenstellungen/Sagittalebene
• Beckenstellungen in der Sagittalebene werden
bezeichnet als
– Neutrales Becken, Anteversion, Retroversion
• Je nach Stellung ändert sich der
Kreuzbeinbasiswinkel und somit die
Hangabtriebskraft der Lendenwirbelsäule
Anteversion 
Hangabtriebskraft ↑

Retroversion 
Hangabtriebskraft ↓ 98
Beckenstellung (muskulärer Einfluss)

Dailyhealthpost.com

99
Beckenanteversion
– Der Kreuzbeinbasiswinkel ist vergrößert
– im Stand assoziiert mit LWS-Hyperlordose und Hüftflexum
– Oft Verkürzung der Hüftflexoren, Schwäche der
Hüftextensoren
– Aktive Insuffizienz der Rückenstrecker mit adaptiver
Verspannung
– Risikofaktor: Übergewicht (Ventralisation des
Körperschwerpunktes)
– Dorsale Konvergenz der Wirbelsäule
erhöhtes Risiko für
• Sagittale Instabilitäten (Spondylolisthesis)
• Facettengelenksarthrose
• Spinalkanalstenose
• Mehr Information beim Thema LWS
100
Beckenanteversion:
Muskulärer Einfluss
Links:

Rechts:

101
Beckenretroversion
• Der Kreuzbeinbasiswinkel ist reduziert
• im Stand assoziiert mit LWS-Hypolordose und
Hüftextension
• Oft Verkürzung der ischiocruralen Muskeln
• Ventrale Konvergenz der Wirbelsäule
erhöhtes Risiko für
• Bandscheibenprobleme
• rotatorische Instabilitäten (wenig
Facettenkontakt)

102
Beinlänge (anatomisch)
• Anatomische Beinlänge:
– Addition aller Teilsegmente von unterer Extremität
und Rumpf, die Einfluss auf die Beinlänge haben
• Distanz von Crista Iliaca bis trochanter major
• SIAS bis Epiconylus lateralis
• Tibiaplateau bis malleolus medialis
– Ursachen für pathologische Differenzen:
• Wachstumsstörungen (kongenital/erworben)
• Coxa/Genua vara/valga
• Trauma (Fehlerhafte Heilung /Verlust von Knochen)

103
Anatomische Beinlängendifferenz
• Beinlängendifferenz mit Ursache proximal der Patella

https://www.schulthess-klinik.ch 104
Beinlänge (funktionell)
• Tatsächliche, funktionell relevante Beinlänge:
– Unterliegt der anatomischen Beinlänge mit
zusätzlichem Einfluss von Gelenkstellungen, z.B:
• Spitzfuß (länger)
• Genu flexum/recurvatum, Hüftflexum (kürzer)
• Beckentorsion („Beckenverwringung“)
• Beckenschiefstand (von LWS ausgehend)
– Messung von SIAS bis Malleolus medialis
• Achtung: Bei ungleichen Füßgewölben auch Abstand bis
Boden im Stand messen!

105
Beinlänge (Übersicht)

http://www.beckenschiefstand-therapie.de

http://docplayer.org
106
Beckentorsion
• „Beckenverwringung“
• Beeinflusst die funktionelle Beinlänge
– Position der beiden Acetabuli unterschiedlich
– ISGs: einseitig Nutation/gegenseitig Kontranutation
– Variation der Beinlänge in Rückenlage/Langsitz
• Phänomen der variablen Beinlängendifferenz
• Inspektion/Palpation im Seitenvergleich:
– Einseitiger SIAS-Hochstand + SIPS-Tiefstand
• Ilium anterior Acetabulum caudal+dorsal
• Stand: längeres Bein, Sitz: kürzeres Bein
• Phänomen umgekehrt auch möglich
107
Beckentorsion

back-in-business-physiotherapy.com

Aufsitztest: Phänomen der


encrypted-tbn0.gstatic.com variablen Beinlängendifferenz 108
Wirbelsäule
• Beurteilung der Frontal- und Sagittalebene
• In BWS auch Beurteilung der Transversalebene
möglich
• Wie bereits beim Thema „Haltung“
beschrieben gibt es bei subjektive
Unterschiede in der Interpretation
– LWS-Sagittalebene  siehe auch Becken
– Auf BWS und HWS wird im Kontext konkreter
Pathologien noch näher eingegangen

109
Grobe Normwerte der
Wirbelsäulenposition im Stand
Frontalebene Normwert (Abweichung vom Lot)
Von dorsal (Lot ab Occiput) Analfalte: 0 cm
Proc. Spinosi: 0cm
Von ventral (Lot ab Augenmitte) Incisura jugularis: 0cm
Bauchnabel: 0cm
Mitte zwischen den Füßen

Sagittalebene Normwert (Abweichung vom Lot)


Ab C7 (aber ab Höhe Occiput beginnen) Occiput: 0-3cm
Scheitelpunkt der HWS-Lordose: 2,5-4,5cm
TH7: 0cm
Scheitelpunkt der LWS-Lordose: 2,5-4,5cm
S2: 0cm
Ab Tragus des Ohrs Acromion: 0cm
Trochanter major: 0cm
Knie: +-0cm
Chopart-Linie:0cm 110
Beurteilung der 3D-
Wirbelsäulenposition
• Eine Wirbelsäulenabweichung in 3 Ebenen wird als Skoliose
bezeichnet
• Meist wird eine primäre Skoliose in einem anderen
Wirbelsäulenabschnitt gegenläufig kompensiert
• ACHTUNG:
– Bei der LWS ist es nicht möglich inspektorisch eine Skoliose
zu beurteilen (zu wenige Referenzpunkte)
• Die Fehlstellung kann in einer falschen Ebene interpretiert
werden, da die proc. spin. die einzige Orientierung geben
– Bei der BWS ist die Identifikation durch das zusätzliche
Vorhandensein der Rippen und des Thorax deutlich valider

111
allnatura.de

ortholutions.de www.medizinfo.de
112
Trichterbrust (pectus excavatum)
• Einziehung des Sternums
nach dorsal
• Männer häufiger betroffen
• Angeborenes
Fehlwachstum des
medialen Rippenknorpels
• Einschränkung der Lungen-
VK und Herzfunktion
• Oft kompensatorische
medizin.uni-greifswald.de
Schultergürtel-Protraktion,
Kyphose und
Abdominalatmung
113
Kielbrust (Pectus carinatum)
• Sternum steht zu weit
ventral
• Gegenteil der
Trichterbrust
• In der Regel nur ein
kosmetisches Problem

Orthokids.com.au
114
Schultergürtel und obere Extremität
• Schulter in Protraktion/Retraktion
• Identifikation eines Schulterhochstandes
– Immer im Kontext der Wirbelsäulenstatik beurteilen, da
oft relative Folge einer BWS-Abweichung in
Frontalebene
• Scapulothorakale Inspektion
– Scapula-alata Typ I, Typ 2
– Schultergürtelmuskulatur testen
• Insb. M. serratus anterior und M. trapezius
• Immer im Kontext der Wirbelsäulenstatik beurteilen, da
oft relative Konsequenz einer BWS-Hypo-/ Hyperkyphose
115
Schultergürtel und obere Extremität

116
II.2.2 Dynamische Inspektion
• Inspektion eines oder mehrerer Bewegungsabläufe
• Man achtet auf Ausweichbewegungen,
Kompensationsmechanismen, Symmetrien
• Beispiele
– Problematische Handlung (funktionelle Demonstration) des
Problems
– Gangbild (immer sinnvoll bei UEX)
– Flex/Elev. + Abd./Elev. (oft sinnvoll bei Schulter/BWS/HWS)
• Synergie vieler „Gelenk-Muskel-Systeme“
– Kann identisch sein mit aktiver rotatorischer Untersuchung
(Fokus aber mehr auf den Bewegungsablauf)
• Im Skript Teil 2 wird auf die dynamische Inspektion im
Kontext konkreter Pathologien eingegangen.
117
II.3 Allgemeine Palpation
• Grobe oberflächliche Palpation in der
problematischen Körperregion
– Temperatur (Handrücken oder Infrarotpistole)
– Hautabhebbarkeit/-verschieblichkeit
– Oberflächenbeschaffenheit
– Feuchtigkeit
– Qualitative Tumor-, Schwellungsuntersuchung)
• Konsistenz, Verschieblichkeit
– Globaler Muskeltonus

118
II.4 Neurologische Untersuchung
Wann führen wir eine neurologische Untersuchung
durch?:
• Schmerzcharakter: Brennend, elektrisierend,
scharf schneidend, „Ameisen laufen“
• Lokalisation: ausstrahlender Schmerz
• Sensibilitätsstörungen
• Kraftverlust
• Entsprechende ärztliche Diagnose
Ein Kriterium ist bereits ausreichend

119
Elemente der neurologischen
Untersuchung
• Die neurologische Untersuchung besteht aus:
1.)Nervengleittests
2.)Eigenreflexen
3.)Testung der Motorik/Kraft (Kennmuskeln)
4.)Testung der Sensibilität (Dermatome/periphere
Innervationszone)
5.)Identifikation von ZNS-Pathologien
• Nur differenzialdiagnostische Erkennung relevant
• Behandlung ist nicht Inhalt von KG-Orthopädie

120
II.4.1 Theoretischer Exkurs:
Zentrales Nervensystem
• Besteht aus Gehirn und Rückenmark
• Aufsteigende (afferente Bahnen) zum gyrus
postcentralis (Verarbeitung der Sensorik)
• Absteigende (efferente Bahnen) vom gyrus
praecentralis („Quelle“ der Willkürmotorik)
– „1. Motoneuron“ (Upper Motoneuron)
• Für weitere Informationen verweise ich auf
das Werk „Neurologie für Physiotherapeuten“
von Herrn Prof. Michel Jesel
121
122
Peripheres Nervensystem
• Umschaltung von ZNS auf PNS und umgekehrt im
Rückenmark
• Fast alle peripheren Nerven haben afferente
(periphere Sensibilität) und efferente Bahnen
(Aktionspotentiale zum Muskel)
– „2. Motoneuron“ (Lower Motoneuron)
• Viele Spinalnerven bilden trunci + fasciculi 
peripherer Nerv (mit eigenem Namen)
– z.B. C8+Th1 bilden den N. ulnaris
– An BWS verbleiben die Nerven horizontel im Thorax
123
Weg der Willkürmotorik

124
Periphere Nerven

Youtube.com 125
Zentrale Lähmung
• Läsion gyrus praecentralis oder Pyramidenbahn
• Rückenmarkkompression (Myelopathie)
– z.B. cervicale/thorakale Spinalkanalstenose
• Akut: (Bsp. Schlaganfall)
– global + schlaff  später meist dissoziiert + spastisch
• Progredient: (Bsp. Myelopathie)
– direkt dissoziiert + spastisch
• Kann periphere Lähmung vortäuschen

126
Zentrale Lähmung
• NUR Willkürmotorik betroffen
• Automatische Bewegungen vorhanden
• Eigenreflexe (monosynaptisch) gesteigert
– Teilweise sogar polykinetisch (mehrere Kontraktionen)
• Fremdreflexe (polysynaptisch) fehlen
• Betrifft ganze Extremitäten (nicht topografisch
präzise)
• Pathologische Reflexe (z.B. Babinski) positiv
• L‘hérmitte-Zeichen positiv
• Möglicherweise Cauda-Equina-Syndrom
127
Babinski-Zeichen

128
L‘hérmitte-Zeichen
• Der Patient äußert folgende Beschwerden, die
insbesondere durch HWS-Flexion ausgelöst
werden:
– Elektrisierende Sensationen in den Beinen
– „Gehen wie auf Watte“
– „Kaltes Wasser fließt über den Rücken und die
Beine“
– Ausstrahlung in die Arme ist ebenfalls möglich
• Abhängig von Höhe der Rückenmarkspathologie

129
Periphere Nervenläsion
• Ursache:
– Kompression, Verletzung, Überdehnung von Spinalnerv
oder „peripherem Nerv“
– Neurapraxie/Axontmesis/Neurotmesis
• Meist motorisch und sensibel
– Motorisch (teilweise oder vollständig)
• = Periphere Parese/Lähmung
• Betrifft peripheres A-alpha-Motoneuron
• Global (=willkürlich und unwillkürlich)
• Kennmuskeltestung: Muskelschwäche ohne Schmerz
• Fremd- und Eigenreflexe↓
• Automatische Bewegungen sind NICHT vorhanden

130
Periphere Nervenläsion
– Sensibel (teilweise oder vollständig)
• Betrifft periphere afferente Nervenbahnen
• Global (Nozizeption, Temperaturempfinden, taktile
Sensibilität, Propriozeption) reduziert
• Präzise Topographie
– Dermatom (Radiculär) (Bsp. L5)
– Sensible Zone eines periph. Nerven (Bsp. N.
Ischiadicus)
– An BWS ist radiculär/peripher identisch (keine
Plexusbildung)

131
Sensibilitätsverlust nach Ursache

132
II.4.2 Nervengleittests
• Man kann den Nervengleittest zunächst in der
Ausgangsstellung testen, in der der Patient sein
Hauptproblem angibt (vgl. Manuelle Therapie nach
Schomacher)
• Es gibt allerdings international standardisierte
Nervengleittests, die in festen Ausgangsstellungen
durchgeführt werden
– Diese bieten eine gute Messbarkeit, Verlaufs-
Kontrollmöglichkeit und Interrater-Reliabilität
• Ein pathologisch positiver Test identifiziert ein
neurodynamisches Problem. Die Ursachen hierfür können
vielfältig sein und sowohl auf radiculärer als auch auf
peripherer Ebene sein. 133
N. ischiadicus

Kenhub.com

wikimedia.org teachmeanatomy.info 134


Lasègue oder SLR (N. ischiadicus)
1.)Rückenlage
2.)Passive Hüftflexion des gestreckten Beines
3.)typischer Nervenschmerz in Rücken, Gesäß
oder Bein zwischen 35°-70° Hüft-Flexion
4.)minimale Reduktion + DF OSG
 Reproduktion der Symptome?
 Bragard-Zeichen
5.)minimale Reduktion + Flex. HWS
 Reproduktion der Symptome?
 Neri-Zeichen
6.)Der Hüftwinkel, bei dem der Test positiv ist, wird
notiert
135
Lasègue/Bragard/Neri

upload.wikimedia.org
encrypted-tbn0.gstatic.com

Wichtig: durch Kopf- und Fußbewegungen den Nerv von


Problemen der ischiocruralen Muskelgruppe differenzieren!
136
Slump-Test (N. ischiadicus)
1.) Sitz, Hände hinter Rücken verschränkt
2.) globale WS-Flexion („Einrollen“, „Nase zum
„Bauchnabel“)
3.) Dorsal-Extension OSG
4.) Progrediente Knie-Extension  Symptome
5.) isolierte HWS-Extension  Symptome↓
6.) Seitenvergleich, Notierung des Kniewinkels

ACHTUNG:
• fast immer auch physiologisch positiv
– Die Quantität im Seitenvergleich und das Auslösen des
beklagten Schmerzes sind daher entscheidend!

137
Slump-Test

3.bp.blogspot.com learnmuscles.com

138
N. femoralis

neupsykey.com blog.lecturio.de
139
Prone Knee Bending-Test (N. femoralis)
1.) Bauchlage
2.) passive unilaterale Knieflexion
Symptomprovokation?
muskulär/neurologisch?
OSG in PF  Symptome↑?neurologisch
3.) Testwiederholung in Seitenlage (unten
liegendes Bein angestellt) bis Symptom
4.) HWS-Flexion  Symptomverstärkung?

140
Prone Knee Bend Test
Klassische Ausführung

i2.wp.com/medisavvy.com

Variante in Seitenlage
(einfacher den Kopf zu
bewegen)
141
3.bp.blogspot.com
Plexus brachialis

Physio-pedia.com 142
N. medianus

Gelenke-kh.de

thumbor.kenhub.com
143
Upper Limb Tension Test 1
(N. medianus)
1.) Rückenlage
2.) Schultergürtel-Depression
2.) Schulter-Abduktion + Außenrotation
3.) Ellenbogen-Extension + Supination
4.) Hand-Extension (insb. Finger I-III)  Symptome
5.) minimale Reduktion
6.) Controlaterale HWS-Lateralflexion 
Symptomreproduktion?

Der Seitenvergleich ist entscheidend!


144
ULTT1

145
N. radialis

Medizin-kompakt.de

146
Kenhub.com
ULTT2b
1.) Rückenlage
2.) Schultergürtel-Depression, Ellenbogen-Extension
3.) Schulter-Innenrotation + Abduktion
4.) progrediente Hand- +Finger-Palmarflexion +
Pronation  Symptomprovokation
5.) minimale Reduktion
6.) controlaterale HWS-Lateralflexion
 Symptomreproduktion?

Der Seitenvergleich ist entscheidend!


147
ULTT2b

148
N. ulnaris

Kenhub.com
149
ULTT3
1.) Rückenlage
2.) Schultergürtel-Depression
3.) Schulter-Abduktion +-Außenrotation
4.) langsame Ellenbogen-Flexion + Pronation
4.) progrediente Hand-Dorsalflexion
5.) Extension der Finger 4+5
 Symptomprovokation
6.) minimale Reduktion
7.) kontrolaterale HWS-Lateralflexion
 Symptomreproduktion?

Der Seitenvergleich ist entscheidend!


150
ULTT3

151
II.4.3 Eigenreflexe
• Monosynaptisch (laufen nur über Rückenmark)
• Auslösendes Organ = Effektorgan
• ZNS hat kontrollierende, hemmende Einflüsse
– wertet auch hemmende Afferenzen des Golgi-
Apparates aus (Ib-Afferenzen)
• Zusätzliche Bahnung bei geringer
Reflexaktivität durch Zähne zusammenbeißen
(OEX) oder Jendrassick‘sches Maneuver (UEX)
• Immer Seitenvergleich!
152
Jendrassick‘sches Manöver

153
Monosynaptischer Reflexbogen

154
Relevante Eigenreflexe
• C5/C6 Radius-Periost-Reflex
• C6 Bicepssehnen-Reflex
• C7 Tricepssehnen-Reflex

• L2/L3/L4 Quadricepssehnen-Reflex
• S1/S2 Achillessehnenreflex

155
Radius-Periost-Reflex (C5/C6)
• Sitz, Unterarm leicht passiv angehoben, Hand fällt leicht in
Ulnar-Abduktion
 Schlag auf distales Drittel des Radiusperiosts
 Reaktion: Radialabduktion oder Ellenbogenflexion

156
Bicepssehnenreflex (C6)
• Sitz, Arm abgelegt in ca. 90° Ellenbogenflexion, Therapeut legt
seinen Daumen auf die distale Bicepssehne
 Schlag durch den Daumen auf Bicepssehne
 Reaktion: palpierbare Anspannung des Biceps

157
Tricepssehnen-Reflex (C7)
• Stand oder Sitz, passive Schulterabduktion (90°), Ellenbogen
hängt (90°)
 Schlag auf Triceps-Sehne (Ansatz)
 Aktion: leichte Ellenbogen-Extension

158
Quadricepssehnenreflex (L2/L3/L4)
• Sitz, Unterschenkel hängt frei
 Schlag auf lig. patellae
 Reaktion: leichte Knie-Extension

159
Achillessehnenreflex (S1/S2)
• Bauchlage, Füße in Überhang, leichte manuelle Vordehnung
des triceps surae (pass. DF OSG)
fester Schlag auf Achillessehne
Reaktion: Plantarflexion gegen Hand des Therapeuten

160
Interpretation der Eigenreflexe
• Betroffene Seite: wenig/kein Reflex
Gesunde Seite: mehr Reflex
 Peripheres Nervensystem betroffen

• Betroffene Seite: wenig/kein Reflex


Gesunde Seite: wenig/kein Reflex
 keine Aussage möglich

161
Interpretation der Eigenreflexe
• Betroffene Seite: viel Reflex
Gesunde Seite: wenig Reflex
 Zentrales NS betroffen („Enthemmung“)
(evtl. auch Myoklonus/Zittern)

• Betroffene Seite: viel Reflex


Gesunde Seite: viel Reflex
 kein PNS betroffen  vielleicht ZNS?
 auf Myoklonus /Zittern achten
162
II.4.4 periphere Sensibilität:
Dermatom vs. periphere sensible Zone

Thanonivtar.hu

163
Periphere Sensibilität:
Dermatom vs. periphere sensible Zone

164
Testung der peripheren Sensibilität
• Ggf. verschiedene Arten der Sensibilität testen
(Taktilität/Schmerz/Temperatur)
– Über die Haut Streichen oder Pinsel verwenden
– Spitz/Stumpf
– Warm/Kalt, z.B. mit Schwamm und Wasser
• Betroffene Segmente sind meist „global“
hypo/asensibel außer bei Nervenentzündungen
(Hyperalgesie/Allodynie)
• Je distaler die Verletzung, desto autonomer ist die
gestörte Sensibilitätszone
– Je distaler desto präziser die Angabe des Patienten

165
Testung der peripheren Sensibilität
• Weitere spezielle Werkzeuge zur Testung
unterschiedlicher Sensibilitätsarten

https://www.medicalax.de

Strawpoll.de

166
http://www.neuro24.de
Periphere Sensibilität
• Relevante Sensibilitätszonen innerhalb von
Dermatomen (Zonen mit großer Autonomie):

– C5 ventraler Oberarm
– C6 Daumen
– C7 Mittelfinger
– C8 Kleinfinger
– Th1 ulnarer Unterarm

167
Periphere Sensibilität
– L1 Leiste
– L2 ventraler und lateraler OS
– L3 mediales Knie (eher proximal)
– L4 mediale Tibia, (Knie zentral)
– L5 med. Fußrücken
– S1 lateraler Fuß
– S2-S5 dorsaler OS, Gesäßregion
 vgl. „Reithosenanästhesie“ beim cauda
equina Syndrom
168
II.4.5 Kennmuskeltestung
• Kennmuskeln sind diejenigen, die die besten Indikatoren
für die Funktionsfähigkeit der efferenten Komponente von
Spinalnerven darstellen
• Testung erfolgt durch isometrische Widerstandstests

Obere Extremität:

• C5/(C6): M. deltoideus
• (C5)/C6: M. biceps brachii
• C7: M. triceps brachii
• C8: Palmarflexoren Handgelenk
• Th1: Finger-Ab-+Adduktoren
169
Kennmuskeltestung
M. Deltoideus (C5/C6) M. biceps brachii (C5/C6)

170
Kennmuskeltestung
M. Triceps brachii (C7) Palmarflexoren (C8)

171
Kennmuskeltestung
Fingeradduktoren (Th1) Fingerabduktoren (Th1)

172
Kennmuskeltestung
Untere Extremität:

• L1/L2: M. iliopsoas
• L2/L3/L4: M. quadriceps
• L4/L5: Fersenstand/-gang
• L5: M. extensor hallucis longus
• S1/S2: M. triceps surae
• S2-S5: Beckenbodenmuskulatur
(erfragen)
173
Kennmuskeltestung
M. iliopsoas (L1/L2) M. quadriceps (L2/L3/L4)

174
Kennmuskeltestung
Fersenstand(-gang)(L4/L5) M. ext. hall. long. (L5)

175
Kennmuskeltestung
M. triceps surae (S1/S2) Beckenboden (S2-S5) (erfragen)

176
II.5
ANGIOLOGISCHE UNTERSUCHUNG
• Wann führen wir eine angiologische
Untersuchung durch?
– Der Patient berichtet von diffusen,
belastungsabhängigen oder lagerungsabhängigen
Schmerzen in Extremitäten
– Wir identifizieren in Inspektion/Palpation
entsprechende Kriterien, die uns dazu veranlassen
– Der Patient berichtet von Wundheilungsstörungen
der Haut

177
II.5.4.1 Theoretischer Exkurs/Relevanz
• Identifikation irrtümlicher ärztlicher Diagnose
bei ausstrahlendem Schmerz (z.B.
Radiculopathie vs. arterielle
Durchblutungsstörung)
„Grobe“ Symptomatik oft ähnlich!

• Identifikation von Gefäßproblemen mit


direkten Therapieempfehlungen und/oder
Verweisung an den Arzt

178
Relevanz für die Orthopädie
• Identifikation von akuten möglicherweise
lebensgefährlichen Pathologien (absolute
Kontraindikationen)
– z.B. Thrombosen durch venöse und arterielle
Pathologien

• Identifikation von Problemen/Pathologien, die


relative Kontraindikationen darstellen (Verbot
für bestimmte Behandlungsmethoden)

179
Relevante Abschnitte der Angiologie
• Periphere Anteile des
großen Blutkreislaufs

Versorgung von:

– Armen
– Beinen
– Gehirn

180
Aufbau der Venen:
- Adventitia (auch tunica
externa) mit wenig
Elastin
- Tunica Media (dünne
glatte Muskelschicht)
- Tunica Intima
- Venenklappen
(Rückflussverhinderung)
Aufbau der Arterien:
- Tunica externa (festes Bindegewebe)
- Tunica media (dicke Schicht glatter
Muskelzellen)
 kann selbst pumpen!
- Tunica intima
(Gefäßschleimhaut) 181
II.5.4.2 arterielles System
Arteriosklerose
– „Gefäßverkalkung“, Plaquebildung
– Blutfette, Thromben, Bindegewebe,
Calciumphosphat lagern sich im Gefäß an
– Folgeerkrankungen sind häufigste Todesursache in
Industrieländern
– Ursachen: ungesunde Lebensweise, Genetik,
Feinstaub

182
Periphere arterielle
Verschlusskrankheit (PaVK)
• Aus Arteriosklerose resultierende Pathologie
(strukturelle Stenose)
• Synonym: Schaufensterkrankheit
• Gestörtere arterielle Blutversorgung der
Extremitäten
– Meist Beine, oft einseitig
• Weit von Herz entlegen
• Im Sitzen „Knick“ der Blutgefäße und somit
reduzierte Strömungsgeschwindigkeit
Gute Grundlage für „Sedimentation“
183
Puls distal der Stenose nicht tastbar –
peripherer Blutdruck zu gering

Wade: - großer Muskel (braucht viel Blut)


- weit vom Zentrum entfernt
- große Kraftentwicklung
- „Muskel/Venenpumper“
(bei PaVK kontraproduktiv)
 am frühsten bei Belastung von Ischämie
betroffen:  Schmerz, Schwäche

184
Funktionelle arterielle Stasen
• Arterie wird von außen (exogen) komprimiert
• Meist bei Thoracic Outlet Syndrom
– Kompressionspathologie der Arteria brachialis
und/oder der vena brachialis und/oder des plexus
brachialis an drei unterschiedlichen Stellen

185
Inspektion/Palpation bei arteriellen
Durchblutungsstörungen
• Anfangsstadium:
– Blasse, kühle Haut, v.a. beim Hochlagern
– Oft reaktive Nachrötung beim Hängenlassen
– Atrophische Haut (dünn)
– Turgor vermindert (hydrostatischer Oberflächendruck)
 bleibt manuell erzeugte Falte länger bestehen?
– Behaarung betroffener Seite (meist Wadenbereich)
verringert
– Distal beginnende Verhornung (Deformierte
Zehennägel)
186
Anfangsstadium arterieller
Durchblutungsstörungen

Athrophische (dünne) Haut

Lokale Blässe, distal >kranial,


Gestörte Angiomotorik
(regulatorisch aktiv) Verhornung, verdickte Nägel 187
Arterielle Durchblutungsstörungen
• Fortgeschrittenes Studium:
– Stellenweise Nekrosen peripher >zentral
• Körper öffnet Anastomosen  Verringerung distaler
Durchblutung
– Hautverhärtungen/Verklebungen (Sklerodermie)

188
Arterielle Durchblutungsstörungen
Endstadium:

- Fortschreitende, großflächige
Nekrosen
- Gangrän (ulcus cruris
arteriosum)
- Eher trockener ulcus (Folge der
Ischämie)

189
Arterielle Durchblungsstörung:
Ratschow-Test
• Durchführung:
• Rückenlage, Füße in die
Luft
2min konstante, aktive
Fußbewegungen
- Inspektion: Abblassen?
- Symptomprovokation?
Sitz, Beine hängen
Inspektion beider Beine
Normal: Rötung <5s
Venenfüllung <15s

190
Arterielle Durchbluungsstörung
Gehprobe
• Gehprobe (Der Patient soll ohne Pause gehen):

– Gehen länger als 3 Minuten möglich, aber dennoch


zeitlich limitiert
= leichte Durchblutungsstörung

– Anhaltezeit 60-180s
= mittlere Durchblutungsstörung

– Geh-Pause nach < 60s


= starke Durchblutungsstörung
191
Arterielle Durchblutungsstörung
Allen-Test
• Manuelle Kompression der A. radialis + A. ulnaris
 Hand aktiv fest öffnen und schließen bis Handfläche blass wird
 Öffnen einer der beiden Arterien ( zwei mal testen)
 Normal: Hand wird innerhalb von <10s rot
 Eine Arterie ist normalerweise ausreichend, um die Hand in Ruhe zu
durchbluten.

192
II.5.4.3 Venöses System
Rückflussmechanismen
• Sogwirkung (Unterdruck)
– Niederdrucksystem  Druckausgleich im
gesamten Kreislauf
• Muskelvenenpumpe
• Gravitation
• Gefäßwiderstand
• Verhinderung des Rückflusses durch
Venenklappen
193
Muskel-Venen-Pumpe

194
Venöse Insuffizienzen
• Ursachen:
– Inaktivität/Immobilisierung
• Keine Muskelvenenpumpe
• Kaum Sogwirkung
• Im Sitzen/Stehen zusätzlich Druck ↑ durch Gravitation
• Im Sitzen zusätzlich Venen „abgeknickt“
– Genetik
– Rechtsherzinsuffizienz (kardiales Ödem)
• Linke Herzhälfte pumpt, rechte saugt nicht ausreichend
– Oft bringt eine Kombination „das Fass zum
Überlaufen“
195
Venöse Insuffizienzen
• Folgen/Klinik:
– Gefäßdilatation (Gefäßaußendruck nimmt progredient
ab, Innendruck gleichzeitig zu) Teufelskreis
• Vergleiche Widerstand beim Aufblasen eines Ballons
Varizen („Krampfadern“)  Venenklappeninsuffizienz 
Rückfluss möglich  Schwellung Thrombosegefahr
 Lymphatische Hochvolumeninsuffizienz
• Lymphsystem ist hydrostatisch an venöses System
gekoppelt
• Filtration > Absorption
 Lymphödem
– Gestörte Wundheilung bei Bagatelltraumata
196
tiefe Beinvenenthrombose
 Entzündung zerstörte
Klappen  lebenslang
erhöhtes Rezidivrisiko
Thrombosen können
wandern
Schlaganfall/Herzinfarkt/
Lungenembolie
197
Blutstau in oberflächlichen
Venen bei akuter tiefer
Beinvenenthrombose
 Notarzt
 NICHT HOCHLAGERN
198
Inspektion

Hyperpigmentierung ab CVI Varizen


Grad 1 199
Lymphödem Ekzem: nässende Hautentzündung
(wasser- bis gelartige Konsistenz)

Dermatopathia Cyanotica

200
Spätfolgen venöser Erkrankungen
Ulcus cruris venosum (Ulzera, feucht nässende
offene Nekrose durch hypoxisches, toxisches Blut)

201
Funktionelle venöse Stasen
• Mechanismus ist äquivalent zu funktionellen
arteriellen Stasen
• Vene wird von außen komprimiert
• Meist bei Thoracic Outlet Syndrom (TOS)
– Kompressionspathologie der arteria brachialis
und/oder des plexus brachialis und/oder der vena
brachialis an 3 unterschiedlichen Stellen
– Der TOS wird im Kontext der HWS-Pathologien
noch intensiv thematisiert
202
Mögliche Engstellen beim TOS

Scalenuslücken

Costoclaviculärer
Engpass

Coracopectoraler
Engpass

203
II.6 HWS-Sicherheitstests
• Tests werden bei jedem HWS Patienten
durchgeführt (insbesondere vor Traktion)
• Ist ein Test positiv, so wird die Diagnostik an
dieser Stelle abgebrochen  Kontraindikation
 Information an den Arzt
• Wir führen drei Tests durch
– Testung der A. vertebralis (De Kleijn-Test)
– Testung der Ligg. Alaria
– Test des lig. Transversum atlantis (Sharp-Purser)
204
A. vertebralis (De Kleijn –Test)

Interpretation vgl. Unterrichtsfach Manuelle Therapie (Schomacher)


es ist nicht immer klar, ob die linke oder rechte Arterie getestet wird
Der Test ist auch im Sitz durchführbar 205
HWS-Sicherheitstest:
Ligg. alaria

Durchführung und Interpretation vgl.


Unterrichtsfach Manuelle Therapie
(Schomacher)
Stichwort: Steuerradphänomen 206
Lig. Transversum atlantis
(mod. Sharp Purser Test)

Durchführung und Interpretation


vgl. Unterrichtsfach Manuelle
Therapie (Schomacher)
Der Test ist positiv bei REDUKTION
der Symptome durch Manipulation
207
II.7 Differenzialdiagnostik ISG/LWS
• Patienten können Schmerzen in der
Lenden/Becken/Gesäßregion meist nicht präzise
lokalisieren. Gründe hierfür sind
– Viele passive, aktive und neurologische Strukturen
– Geringe Repräsentation auf dem Homunculus
– Viel neuronale Konvergenz aus der Peripherie
• Gehirn kann Schmerz nicht präzise lokalisieren
• Daher führen wir in diesem Fall zunächst eine
Testbatterie durch, um das schmerzhafte Gelenk
zu identifizieren
– 5 ISG-Schmerzprovokationstests

208
Distractionstest

209
Thigh Thrust

210
Gaenslen‘s Test

211
Compression Test

212
Sacral Thrust

213
ISG-Test Cluster

• Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass dieses Testverfahren


sehr gut geeignet ist, das ISG als schmerzhafte Struktur zu
identifizieren, wenn mindestens 3 von 5 ISG-Tests positiv
sind.
• Es ist aber auch möglich, dass der Patient zusätzliche
Schmerzquellen aus anderen Körperregionen (z.B. in der
LWS) hat 214
Differenzialdiagnostik
HWS/Schultergürtel/Schultergelenk
• Problemfeld äquivalent zu ISG/LWS
• Die 3 „Gelenksysteme“ sind oft gleichzeitig
aktiv, v.a. bei Flexion/Elevation und
Abduktion/Elevation

215
Durchführung der schmerzhaften
Bewegung

216
Wiederholung mit Fixation des
Schultergürtels

217
Wiederholung mit
Schultergürtelelevation

218
Wiederholung mit HWS-Bewegungen

219
II.8 Rotatorische Untersuchung
• Man identifiziert
– Bewegungswiderstand (Befund: „Ω“)
– Endgefühl
– Schmerz (aktiv/passiv) während und am Ende der
Bewegung mit Befragung nach Lokalisation
– Osteokinematisches Bewegungsausmaß durch
Goniometrie an Extremitäten-Gelenken oder
durch diverse Messtechniken mit Maßband (z.B.
Schober/Ott) an der Wirbelsäule

220
Bewegungswiderstand (Befund: „Ω“)
• Das Gelenk wird passiv durchbewegt
• Der Therapeut registriert den Widerstand

– Erhöht (↑): - Muskelverspannung


- arthrokinematische Probleme
(Reibung/Dezentrierung)
 auf Krepitation achten
- spastische Gegenreaktion
(geschwindigkeitsabhängig)
- ANGST!
- Reduziert (↓): schlaffe Lähmung (peripher/zentral)
221
Endgefühl
• Physiologisch oder unphysiologisch?
 wie in MT nach Kaltenborn oder verändert?
• Erreichbar mit Schmerz  End Range Pain (ERP)
• gleichseitige Konvergenz von Gelenkstrukturen
– Auch Einklemmungen
• Gegenüberliegende, gedehnte Muskulatur oder passive
Strukturen
 immer nach Schmerzlokalisation fragen!
• Nicht erreichbar wegen Schmerz  leer

222
Endgefühl
• Weich-elastisch:
1.)Weichteilhemmung auf gleicher Seite der
Bewegung
2.)Dehnungslimit des antagonistischen Muskels
- in diesem Fall identisch mit
Muskellängentest
- Fragen: „Wo zieht es?“ + Palpieren
3.)Intraartikuläre Schwellung (Hydrops)

223
Endgefühl
• Fest-elastisch:
• Kapsel-Band-Apparat
– Mit oder ohne Schmerz (ERP)
– Pathologisch oft durch Arthrosen mit
Kapselschrumpfung (Bsp. Kapselmuster)

• Hart:
• Knöcherne Konvergenz
– Mit oder ohne Schmerz (ERP)
– Pathologisch oft durch Arthrosen mit Osteophyten
– Inkongruente Gelenkpartner (angeboren/erworben)

224
Schmerz am Bewegungsende
• Aktiv + passiv auf gleicher Seite der Bewegung
(Bsp. anteriorer Schmerz bei Hüftflexion):

 vermutlich artikuläre Struktur


- Gelenk selbst tut weh (Knochen/Knorpel, etc.)
- an WS auch Bandscheibe, Nervenwurzel, etc.

225
Schmerz am Bewegungsende
• NUR AKTIV auf gleicher Seite der Bewegung :
 kontrahierender (agonistischer) Muskel verursacht
meist den Schmerz
 auch Muskellängentest für diesen Muskel
durchführen (vgl. muskuläre Untersuchung)
 ebenfalls Stress auf Muskel  gleicher Schmerz ?
 Muskel ebenfalls auf Schmerz/Tonus palpieren

ACHTUNG:
• je nach ASTE arbeiten auch die Antagonisten exzentrisch
und nicht die Agonisten konzentrisch!
• Bsp.: LWS-Flexion im Stand 226
Schmerz am Bewegungsende
• aktiv/(+passiv) auf gegenüberliegender
Seite der Bewegung
 eine divergierende Weichteilstruktur ist
vermutlich verantwortlich
– Muskel/Sehne, Kapsel, Ligament
Meist verspannter/verkürzter Antagonist
Ebenfalls Endgefühl registrieren (w-e/leer?)
Muskelpalpation am Ende der Bewegung
(Schmerz/Tonus)
ebenfalls Widerstandtest für diesen Muskel
durchführen (Schmerz/schwach?)

227
Schmerz NUR während Bewegung
• Schmerz in bestimmten Bewegungsabschnitt
(Gelenkwinkel)
• Das Endgefühl ist physiologisch und
schmerzfrei erreichbar
• Ursache:
– Wahrscheinlich lokales Problem der Gelenkfläche
(z.B. lokaler Knorpeldefekt)
Mit/ohne Belastung testen
Mit Traktion/Kompression wiederholen

228
ROM der LWS/BWS (Sagittalebene)
Schober/Ott und FBA

http://www.jerosch.de/kompendium/allgemein/03/Wirbels_ule__Mu000259805.gif

229
ROM der LWS/BWS
• Lateralflexion
– Schulterbreiter Stand  Abstand Finger/Boden

• Rotation
– Sitz  Abstand Acromion/controlaterale SIAS
– Der Schultergürtel muss neutral bleiben!
– Nicht mit Flexion/Extension kombinieren!

230
ROM der HWS
• Flexion/Extension
– Abstand Incisura jugularis/Kinn
• Norm Flexion: ca. 20cm
• Norm Extension: 0cm
• Lateralflexion
– Abstand Ohr/Acromion
• Auf Ausweichbewegungen des Schultergürtels achten
• Rotation
– Abstand Kinn/Acromion

231
Zusatzuntersuchung bei
Scharniergelenken
• Varus/Valgus-Stress-Test:
– Quantität  gesteigert
• Kapsuloligamentäre Insuffizienz
• Partial-/Totalruptur
– Endgefühl  fest-elastisch?
– Schmerzen  im Bereich des getesteten
Ligamentes oder auf Gegenseite?
 Ipsilaterale Traktion (Ligament macht Schmerz)
 Kontrolaterale Kompression (Gelenk macht Schmerz)

232
II.9 Translatorische Untersuchung
• Besteht aus:
– Traktion (senkrecht zur Behandlungsebene)
– Kompression (senkrecht zur Behandlungsebene)
– Gleiten in verschiedene Richtungen (parallel zur
Behandlungsebene
• Durchführung aus Ruhestellung des Gelenks
• Man identifiziert:
– Schmerz-Provokation/und –Reduktion
– Quantität („Gelenkspiel“) bei Traktion und Gleiten
– Endgefühl (nicht immer bei Traktion)
233
Traktion
– Limitation: Kapsel-Band-Apparat
physiologisches Endgefühl: fest-elastisch
– Schmerzreduktion: Schmerz von Gelenkfläche
– Schmerzprovokation: Schmerz von Kapsel-Band
– Quantität:
• Hyper  Laxizität/Instabilität, Partial-/Total-Ruptur
• Hypo  Kapsuläre Schrumpfung/Adhäsion
• Quantität ist nicht bei allen Gelenken feststellbar
– Oft andere/mehrere Gelenkverbindungen
dazwischen
– Oft Fixation auf Weichteilen/Haut
234
Traktion
– Partialruptur:
• Erhöhte Quantität
• Meist mit Schmerz
• Physiologisches Endgefühl (fest-elastisch)

– Totalruptur:
• Stark erhöhte Quantität, fast ohne Widerstand
• Meist ohne Schmerzveränderung (kein Stress auf
Kapsel-Band mehr)
• Endgefühl weich (durch umliegende Weichteile)

235
Kompression
– Limitation: Knochen-Knorpel
physiologisches Endgefühl: hart
ggf. weicher durch Hydrops
– Schmerzprovokation: Gelenkfläche
Erst in höheren Arthrose-Stadien, da Knorpel keine
Nozizeptoren besitzt!
Für viele Gelenke gibt es bessere, „spezielle
Provokationstests“  Skript Teil 2
– Vergrößerte Quantität  oft intraartikuläre
Schwellung (Hydrops)

236
Gleiten
– Limitation: Kapsel-Band-Apparat
physiologisches Endgefühl: fest-elastisch
– Schmerzprovokation: Gelenkfläche und Kapsel-
Band sind möglich
– Erhöhte Quantität:
• gleiche Szenarien wie bei Traktion

237
II.10 Spezielle orthopädische Tests
• Tests, die, basierend auf einer gewissen
wissenschaftlichen Evidenz, versuchen eine
spezielle Pathologie zu identifizieren
• nur durchführen, wenn es spezielle klinische
Zeichen gibt (Anamnese, bisherige Untersuchung)
– Beispiele: Meniscuspathologien, Schulterimpingement
• Tests haben unterschiedliche Evidenz
– Es gibt aussagekräftige und weniger aussagekräftige
Tests (bspw. ablesbar an Parametern wie Spezifität und
Sensivität)
238
Spezielle orthopädische Tests
Wenn ein einzelner Test keine gute Aussagekraft
hat, führen wir eine Test-Batterie durch, um das
diagnostische Resultat zu untermauern
• Bsp.: 5 ISG-Tests  mind. 3 positiv = ISG ist
Schmerzursache
• Mehrere positive Impingementtests = sicherere
Identifikation des Impingements als
Schmerzursache

239
II.11 Beurteilung der Nachbargelenke
• Die Überprüfung besteht aus einer kurzen,
aktiven/passiven rotatorischen Untersuchung
• Die Untersuchung ist aus mehreren Gründen
wichtig
– Schmerzursache kann in einem anderen Gelenk liegen
(referred pain/Nervenkompression/ weiterlaufende
Bewegung )
– Ein benachbartes Gelenk kann ebenfalls pathologisch
verändert sein (Ursache ↔ Folge/Kompensation bei
komplexen Bewegungsabläufen)
• z.B. Gangbild
• Scapula/Art. humeri bei schmerzhafter
Abduktion/Elevation
240
Beurteilung der Nachbargelenke
– Mehrgelenkige Muskeln können eine
Bewegungseinschränkung verursachen
– Je nach Lagerung und Position des Patienten kann
die Bewegungseinschränkung in einem falschen
Gelenk interpretiert werden
• Bsp. Hüft-Extension vs. Knie-Extension in
Rückenlage

241
II.12 Muskeltests
• Wir unterscheiden:
– Muskelkrafttests (MFT oder Schnelltest, auch
Widerstandstest genannt)
• In der Orthopädie werden meist Widerstandstests
durchgeführt um Kraft (0-5) und Schmerz zu
identifizieren
– Muskellängentests
• Diagnostische Muskeldehnung (Entfernung von
Ursprung und Ansatz) um Elastizität und Schmerz
des Muskel-Sehnen-Periost-Systems zu identifizieren
242
II.12.1 Kraft-Diagnostik
• Interpretation der Widerstandstests nach Dr.
James Cyriax:
• Szenario 1:
– Kraft normal mit Schmerz:
• Kleinere Läsion, meist der Sehne
• Szenario 2:
– Kraftverlust mit Schmerz:
• Größere Läsion /Partialruptur von Sehne/Muskel
• Problem außerhalb des Muskels:
– Arthritis/-ose, Tumor, Nervenkompression, (Fraktur)
243
Kraft-Diagnostik
• Szenario 3:
– Kraftverlust ohne Schmerz
• Gestörte Innervation (zentral/peripher)
• Totalruptur Muskel/Sehne (sehr großer Kraftverlust)
• Kognitive Probleme/Angst (nicht offiziell nach Cyriax)
• Atrophie
• Szenario 4:
– Kraftverlust/Schmerz bei wdh. Kontraktion
• Vermutlich arterielle Durchblutungsstörung
– (z.B.. PaVK/TOS)

244
Kraft-Diagnostik
• Schmerz während Kontraktion kann also folglich
entstehen im:

1.) Kontraktilen System selbst:


– Muskel-Sehne-Periost
Stress durch Zug/Kontraktion

2.) Gelenkraum/kompressionssensible Strukturen:


– Gelenkfläche, Meniscen, Bursae, Bandscheibe,
Nerven(-wurzel)
Stress durch resultierende(s) Kompression/Gleiten

245
Kraft-Diagnostik: Schmerzursache
• Schmerz vom Kontraktilen System oder vom
Gelenkraum?
– In schmerzhafter Position Gelenk auf Kompression/
Gleiten testen  Schmerzreproduktion  Schmerz
vom Gelenkraum
– Muskellängentest  Schmerzreproduktion  Schmerz
von kontraktilem System
– Strukturspezifische Palpation muskulärer und
periartikulärer Strukturen zur Schmerzprovokation
– Ebenfalls Nervengleittests bei Ausstrahlungen
durchführen

246
Kraft-Diagnostik: Interpretation
WICHTIG:
• Bei einer reduzierten Muskelkraft mit Schmerz
(Bsp. MFT 3 für den Quadriceps mit Schmerz im
Muskel/Knie) kann man NICHT DIE KRAFT-
LEISTUNG DES MUSKELS BEURTEILEN, da der
Schmerz die Kraft reduziert bzw. zumindest
reduzieren könnte
Es muss erst der Schmerz reduziert werden
Erst bei Schmerzfreiheit kann man die Kraft erneut
testen um eine Aussage über das Kraftniveau zu
treffen
247
II.12.2 Muskellängentests
• Wir unterscheiden zwei Kriterien:
1.) Maximal tolerable Muskellänge (Quantität der
Dehnung)
• Im Seitenvergleich
• Resultat beider Seiten im Vergleich zu anderen
Menschen
• Wir notieren je nach Defizit „ob/↓/↓↓“
– Evaluierung basiert auch auf therapeutischer
Erfahrung, denn zu „guter“ Muskellänge gibt es
verschiedene Meinungen
2.) Schmerz während der Dehnung
248
Muskellängentests
• Eingelenkige Muskeln:
– Der Muskellängentest ist hier meist IDENTISCH MIT DER
ROTATORISCHEN UNTERSUCHUNG in die
entgegengesetzte Richtung der Muskelfunktion, wenn
der Muskel diese Bewegung limitiert
• Bsp.: Muskellängentest M. gluteus maximus:
- passive Hüftflexion
- weich-elastisches Endgefühl noch vor ventraler
Weichteilhemmung
- Patient gibt ziehendes Gefühl in Glutealregion an
- Palpation des M. glut. max. in maximaler
Hüftflexion:  fester Tonus/evtl. Schmerz 249
Muskellängentests
• Mehrgelenkige Muskeln:
– Hier muss man IN JEDEM BETEILIGTEN GELENK
passiv das Gegenteil der Muskelfunktion einstellen
– Es gibt teilweise spezielle, etablierte
Ausgangsstellungen für Muskellängentests:
• Bsp.: Thomas-Handgriff für iliopsoas /rectus femoris
– Auch hier ist das Endgefühl weich-elastisch
– Der Patient äußert ein ziehendes Gefühl im
Muskel

250
Ursachen für reduzierte maximale
Muskellänge
1.) Muskelverspannung
2.) Muskelverkürzung
ACHTUNG:
Zum Thema Muskelverkürzung/-Verspannung gibt es viele
Theorien, insbesondere zur Rolle
 des Filaments Titin
 der Adaptationsfähigkeit neuromuskulärer Gegenspannung
 der Anzahl und Adaptierbarkeit in Serie geschalteter
Filamente
 des intra- und extramuskulären Bindegewebes

251
Vereinfachtes Schema: Ursachen für
reduzierte Muskellänge
Verspannung Verkürzung
Palpation Tonus ↑, Schmerz unauffällig
Bewegungs-Ω bei Hoher Ω bereits am Anfang Erst am Ende der
Verlängerung/Dehnung der Verlängerung Verlängerung hoher Ω
Endgefühl Theorie: weich-weich- Theorie: fest-weich-
elastisch, evtl. mit Schmerz elastisch, ohne Schmerz
Messbare effektive reduziert reduziert
Muskellänge
Limitierender Faktor der Tonus (keine vollständige Intra- und extramuskuläres
Muskellänge sarkomerale Relaxation) Bindegewebe (faszial)
Hold-Relax Muskellänge ↑ Muskellänge =
(Tonusreduktion) (kein Tonusproblem)
Therapie Detonisierung: THE, WTT, Passive Dehnung:
Hold Relax 3x > 60s, täglich
252
253
Ursachen von Verspannungen
– Dauerhaft erhöhte isometrische Kontraktion gegen die
Gravitation durch Kompensation einer Fehlhaltung
schlechte Durchblutung, Überbelastung
– Muskuläre Dysbalancen der Agonisten/Antagonisten
– Reaktion auf lokalen Entzündungsprozess/Schmerzen
oder Gelenk-Instabilität
körpereigene Immobilisation/ Stabilisation
– Global: Negativer Stress, ungesunde Lebensweise,
Mineralstoff-Defizite, Dehydratation etc.

254
Ursachen von Verkürzungen
– Haltungsmängel/-fehler
• Meist in Verbindung mit Schwäche der Antagonisten
– Immobilisation (global/lokal)
– Dauerhafte Verspannung
• Muskel erreicht über längeren Zeitraum nicht mehr
seine maximale Länge
• Ebenfalls strukturelle Folge neurologisch pathologischer
Verspannungen (Hypertonus durch Spastik)

255
II.13 Strukturspezifische Palpation
• Durch die bisherige Untersuchung haben sich
Hypothesen ergeben, welche Strukturen
pathologisch verändert/schmerzhaft sein
könnten, z.B.:
– Muskelpunkte
– Nerven
– Sehnen(-ansätze)
– Knochen/-Gelenkspalte
– Gefäße
• Auffälligkeiten werden an dieser Stelle palpiert und
entsprechend vermerkt

256
II.14 Ergebnisse ärztlicher
Zusatzuntersuchungen

• „Haben Sie Dokumente vom Arzt zur


Verfügung?“
– Röntgenbild, MRT, CT, Szintigraphie etc. mit
schriftlicher Beurteilung
• Erst am Ende der physiotherapeutischen
Diagnostik begutachten
zunächst objektiv/unvoreingenommen bleiben
die PT-Diagnose mit den ärztlichen Dokumenten
abgleichen
257
II.15 Zusammenfassung mit
vorläufigen PT-Diagnosen
• Zusammenfassung des bisherigen Befundes
– vereinfacht mit Hilfe einer Tabelle
• Diese Tabelle stellt die vorläufigen
Arbeitshypothesen dar
– Die Hypothese wird nachfolgend durch die
Probebehandlung empirisch „auf die Probe
gestellt“

258
II.16 Probebehandlung
• Empirische Überprüfung der vorläufigen
Diagnosen
• NUR Therapieelemente anwenden, die innerhalb
einer kurzen Applikationszeit (3-5 Minuten) zu
einem effektiv messbaren (subjektiv/objektiv)
Ergebnis führen können
– Pre- und Post-Test sind identisch!
• Objektiv z.B.: ROM, Tonus, Neurodynamik
• Subjektiv z.B.: Schmerz, Wohlbefinden (Ruhe,
Bewegung), Symptomreduktion
– KEINE: Kräftigung, aktive Stabilisation, THE
– Wir testen mindestens 2, maximal 4 Therapieelemente
259
Szenarien nach Probebehandlung
• Gewünschter Effekt: Verifizierung der Hypothese
• Kein Effekt: Therapie an falscher Struktur?
optional: noch einmal intensiver versuchen
Andere Technik für gleiches Ziel ausprobieren
Wenn noch immer kein Effekt:
Erneute, erweiterte, sorgfältigere Diagnostik

• Gegenteil vom gewünschten Effekt


richtige Struktur, aber falsche Technik
richtige Technik an richtiger Struktur mit zu hoher
Dosierung

260
Beispiele (kein Zusammenhang)
Struktur Ziel Pre-Test Maßnahme Post-Test

Hüftgelenk Analgesie Schmerz beim intermitt. Traktion Stufe Schmerz beim


Gehen 3/10 II aus Ruhestellung Gehen 1/10
Gleiten Stufe III nach
Kniegelenk ROM Flex ↑ Goniometrie: 90° posterior aus Goniometrie: 92°
Vorposition

N. ischiadicus Neurodynamik ↑ Lasègue 30° Nervengleiten über Lasègue 40°


Kopf/Fuß

M. erector spinae Detonisierung Palpation: Quermassage Palpation:


Hoher Tonus Tonus etwas ↓

Mm. ischiocrurales Muskellänge ↑ Muskellängentest: Hold Relax Muskellängentest:


↓ =

II II II Passive Dehnung Muskellängentest



261
II.17 Endgültige PT-Diagnosen
• Die endgültigen PT Diagnosen stellen das
Ergebnis der physiotherpeutischen
Untersuchung dar
• Wenn die Probebehandlung das erwünschte
Ergebnis hervorgebracht hat, sind sie identisch
mit den vorläufigen Diagnosen

262
III Behandlung/Verlauf
III.1 Behandlungsplan
• Auf Basis des Befundes werden kurzfristige
Behandlungsziele formuliert (linke Spalte)
– Kurzfristig = 6 - 10 Behandlungen
• Die zur Erreichung der jeweiligen Ziele entsprechenden
Behandlungsmaßnahmen werden in der rechten Spalte
notiert
• Die Systematik sollte der Relevanz nach in absteigendem
Schema erfolgen
– Die Ziele werden mit dem Patienten besprochen und sollten
eine Mischung aus Patienten- und Therapeutenzielen
darstellen
• Es wird außerdem mindestens ein langfristiges Ziel
notiert, um eine generelle Richtungsweisung der
therapeutischen Strategie aufzuzeigen.
263
III.2 Dokumentation
• Jeder Termin wird dokumentiert
• Die einzelnen Maßnahmen werden in Kurzform
notiert
• In den Bereichen Pre- und Post-Test sollte
mindestens ein subjektives und/oder objektives
Assessment vor und nach der Therapie notiert
werden, um die Effektivität der Therapie zu
überprüfen
– Schmerzskala, Wohlbefinden, Befragung zu ADL
Bewegungsausmaß, Nervengleittest, Palpation,
Inspektion etc.
264
III.3 Abschlussuntersuchung
• Hier wird abschließend ein Vergleich der Situation
des Patienten beim 1. Termin (Befund) und beim
letzten Termin angestellt
• Verglichen werden die auffälligsten
pathologischen Parameter
• Ziel ist die Bilanzierung des Therapieerfolges, um
weiterführende Schritte einzuleiten,
Empfehlungen für das weitere Prozedere zu
geben oder sich mit dem behandelnden Arzt zur
Besprechung in Verbindung zu setzen
265
IV Behandlungstechniken
• Im Folgenden wird allgemein beschrieben,
welche Behandlungstechniken in der Orthopädie
zum Erreichen verschiedener Behandlungsziele
zum Einsatz kommen (IV.1)
• Techniken der PNF finden hier auch Anwendung,
werden aber nicht thematisiert, da diese Inhalte
in anderen Unterrichten separat gelehrt werden
• Danach werden einzelne Therapiemaßnahmen im
Detail vorgestellt (IV.2)
266
IV.1 Übersicht
Behandlungsziel: Analgesie
• Muskulär (meist Verspannung mit Schmerz):
– Detonisierende Techniken:
• Quermassage
• Funktionsmassage
• Klassische Massage
• Hold Relax
• Thermo, Hydro, Elektro
• Bei Verletzungen in Entzündungsphase:
– Lagerung/Immobilisation in angenäherter Position

267
Behandlungsziel: Analgesie
• Sehne/Ligament:
– Entzündung (Tendinitis):
• Immobilisation, ggf. Kryotherapie
• Rezidive: moderate Querfriktion
– Chronisch degenerativ (Tendinose):
• Exzentrisches Training (Parameter siehe MTT)
• Querfriktion mit hoher Intensität

– Die Querfriktion wird im nächsten Kapitel


vorgestellt

268
Behandlungsziel: Analgesie
• Artikulär (Gelenkfläche/Kapsel):
– Intermittierende Traktion Stufe I/II aus
Ruhestellung (optional: mit Vibration/Oszillation)
• Effekt: mechanische Separation / Gate Control
– Dosiertes, hubfreies Bewegen
– Thermo, Hydro, Elektro
– Bei Verletzungen in Entzündungsphase:
• Lagerung/Immobilisation in angenäherter Position

269
Behandlungsziel: Analgesie
• Spinalnerv/Peripherer Nerv:
– Akute Entzündung: Immobilisation, Schonung ,
Lagerung in schmerzfreier Position
– Nervengleiten (nicht in Entzündungsphase)
• Die Technik ist ebenfalls geeignet um das
Bewegungsausmaß zu verbessern, wenn der Nerv für
die Einschränkung verantwortlich ist
– Je nach Identifizierter Ursache (Wurzel/peripher):
• Mechanische Entlastung (z.B. Traktion/Gleiten)
• Detonisierung der umgebenden Muskulatur
– MDT (Mc Kenzie) separates Unterrichtsfach
270
Behandlungsziel: Analgesie
• Haut/Narbe:
– Je nach Wundheilungsphase
• Passive Dehnung
• Narbenmassage (verschiede Techniken)
• Thermo, Hydro, Elektro

271
Behandlungsziel:
Bewegungsverbesserung (ROM↑)
• Muskulär:
• Bei weich-elastischem Endgefühl durch
Limitierung des antagonistischen Muskels
– Muskelverspannungen:
• Therapie identisch mit den detonisierenden/
schmerzlindernden Techniken
Ein entspannter Muskel lässt sich weiter dehnen
– Muskelverkürzungen: passive Dehnung
vergleiche Seite_____Verspannung vs. Verkürzung

272
Behandlungsziel:
Bewegungserweiterung (ROM↑)
• Artikulär (Gelenkfläche/Kapsel)
• Bei fest-elastischem Endgefühl mit/ohne Schmerz
– Traktion/Gleiten Stufe III aus Ruhestellung (ca. 3x60s)
– Traktion/Gleiten Stufe III aus Vorposition (mehrere
Minuten)
• Kein Schmerz: Endgefühl = Vorposition
• Bei ERP: max. schmerzfreie Position vor Endgefühl
– Beachtung der Arthrokinematik (konvex/konkav),
Position der Behandlungsfläche

273
Nerv Bewegungseinschränkung EG: leer Ursache
finden
EG: hart
- Nervengleiten
- Entlastung je nach EG: fest-elastisch
Knochenanschlag:
Ursache (mit/ohne ERP im
Keine PT-Möglichkeiten
Gelenk)
- Nur Analgesie
EG: weich-elastisch
(mit/ohne ERP) Postoperativ unspezifisch
Kapsel-Band-Apparat (Schwellung, Schmerz,
Antagonistischer Muskel? Verspannung, Angst)
- „Wo zieht es?“
- Palpation am Bewegungs- MT Stufe III (Traktion/Gleiten) ASM:
ende hohe Spannung? 3x60s aus RS - Patient hat Kontrolle
- Kurzer Hebel
Mehrere Minuten aus VP - Reziproke Hemmung
Verspannung: (eingeschränkte Bewegung) - Unterstützung der
Detonisierung: Arthrokinematik
Weichteiltechniken, THE kein Schmerz: - Wegnahme der
Hold Relax VP = max. ROM Schwerkraft
Contract Relax Intensität
- Gelenkdrainage-Effekt
Verkürzung: Schmerz: - Gate/Control
Passive Dehnung (3x>60s) VP = max. ROM vor Schmerz
274
Behandlungsziel
Stabilisation/Kräftigung
• Indikationen:
– Vergrößertes Gelenkspiel (Hyperlaxizität)
– Instabilität
– rehabilitativ nach Trauma/Luxation/Operation
– Verletzungsprävention
– Minimierung des Rezidivrisikos auskurierter
Erkrankungen (Sekundärprävention)

Grundsätzlich macht ein Gelenk stabilisierendes


Training immer Sinn, außer in Entzündungsphasen

275
Stabilisation/Kräftigung
Allgemeines
• Die Arthokinematik wird koordiniert und limitiert durch
passive und aktive Stabilisatoren
 Stabilisation der „Neutralen Zone“ des Gelenks
• Koordinatives Training sollte ab der Proliferationsphase
nach den Parametern der MTT durchgeführt werden
– Ansteuerung lokaler Stabilisatoren, Feedback
– bei degenerativen Erkrankungen nach Gefühl
(Abschätzung der koordinativen Leistungsfähigkeit)
• Isometrisches kann früher angewendet als
dynamisches Krafttraining
– Weniger Scherkräfte im Gelenk
– Nur Gleiten, kein Rollen
276
Kräftigung
• Dynamisches Krafttraining in
Proliferationsphase nicht maximal ermüdend
durchführen (Laktat greift Kollagen Typ III an +
Kollagen Typ III ist mechanisch instabil)
– Mischformtraining (3x15Wdh., 2-0-2)
– In Remodellierungsphase nach den Parametern der
MTT (z.B. Hypertrophie/Kraftausdauer, auch
maximal ermüdend)
– Generell gilt:
• Funktionelles Training ist immer ATL-orientierter als
nicht funktionelles Training

277
Kräftigung
– Was ist funktionelles Training?
Dem Bewegungsprofil des Patienten
entsprechendes Training
 Die meisten Menschen haben folgendes Bewegungsprofil:
• Obere Extremität:
– 90% in offener Kette, 10% in geschlossener Kette
• Untere Extremität:
– 40% in offener Kette, 60% in geschossener Kette
– ABER: Der Beginn in offener Kette ist meist einfacher
• Kaum/keine intermuskuläre Koordination nötig
• Fokussierung auf Zielmuskel
• Oft wird nur ein Gelenk bewegt
• Geringeres Verletzungs-/Sturzrisiko (Rumpf ist punctum fixum)
278
Behandlungsziel:
Stabilisation
• Großer Schmerz/starke Instabilität:
– Passive Stabilisierung (geeignet für Probebehandlung)
• Korsette/Verbände/Orthesen/ISG-Gurt/LWS-Gurt

– Aktive Stabilisierung
• Beginn: Ansteuerung lokaler Stabilisatoren
(isometrisch)
• Fortgeschritten: Integration in komplexe
Bewegungsmuster, dynamisches Training, Reaktivkraft
• Ausführliche Informationen im Fach MTT

279
Kurzüberblick Muskeltypen
• Lokale Stabilisatoren
– Tief, mono- oder disegmental
– Nah am Drehpunkt (kurzer Kraftarm)
– Kraftvektorenparallelogramm:
• Mehr Kompression als Bewegung
(stabilisierend/zentralisieren)
– Geringe strukturelle Leistung (kurz+dünn)
– Tonischer Muskeltyp (rot/Slow Twitch)
– Wichtige propriozeptive Bedeutung
– Sind antizipatorisch aktiv (wenn physiologisch!)
280
Kurzüberblick Muskeltypen
• Globale Mobilisatoren:
– Ursprünge und Ansätze nicht an
Gelenkverbindungen, die sie bewegen
 indirekte Bewegungen , keine segmentale
Stabilität
– Entfernt vom Drehpunkt großer Kraftarm
– Kraftvektorenparallelogramm:
• Mehr Bewegung als Kompression
– Hohe strukturelle Leistung (dick + breit)
– Sind erst nach lokalen Stabilisatoren aktiv
281
dtb-online.de
282
physiosense.de

283
IV.2 ausgewählte
Behandlungstechniken
• Im Folgenden werden nur konkrete
Behandlungstechniken vorgestellt, die in
anderen Unterrichtsfächern noch nicht oder
nicht intensiv behandelt wurden
• Manuelle Therapie, PNF, klassische Massage,
THE und große Teile der MTT
(Koordination/Stabilisation/Kräftigung)
werden daher als bekannt vorausgesetzt

284
Weichteiltechniken (allgemein)
• Manipulative Maßnahmen an Muskeln,
Sehnen, Bändern
• Indikationen:
– Werden je nach Technik individuell im Folgenden
vorgestellt
• Kontraindikationen:
– Siehe Unterrichtskripte „Klassische Massage,
Elektro-/Hydrotherapie, BGM“

285
Querfriktion
Exkurs: Tendinitis/Tendinose
Tendinitis Tendinose
Struktureller Zustand Entzündlich, strukturell Chronisch degenerativ
physiologisch, (Zelltrümmer, Fette,
Wassereinlagerungen Neovaskularisation,
zerstörte Kollagenfasern)
Prävalenz Selten häufig
Wiederherstellung 4-6 Wochen 3-6 Monate
Temperatur Erhöht Normal
Palpation Schwellung (homogen), Schwellung (unregelmäßig),
Druckdolenz Druckdolenz
Schmerzpräsenz Ruhe, Dauer, Nacht, Anlauf, Belastung (progredient),
Druckdolenz Druckdolenz
Therapie Entsprechend Exzentrisches Training
Entzündungsphase, (vgl. MTT), Querfriktion
bei Rezidiven: Querfriktion Schmerz: 4-5/10, >15-
Schmerz: 1-2/10, <5min 20min 286
Ursachen Tendinitis/Tendinose
• Überbelastung (zu starke Progression beim Sport)
• Muskuläre Dysbalancen (v.a. A-/Antagonisten)
• Hypomobilität (artikulär/muskulär)
• Achsfehler/Haltungsfehler
• Fehlbelastung
– Falsche Schuhe
– Falsche Haltung/Technik beim Sport
• Tendinose: hohes Alter
• Tendinitis: rheumatische Ursachen, Infektionen
hier erst mit Arzt Therapiemöglichkeiten abklären!

287
Quermassage/Querfriktion
Quermassage Querfriktion
Indikation Muskelverspannung rez. Tendinitis/Tendinose
Ziel Detonisierung Hyperämie/Entzündung,
Steigerung der
Kollagensynthese
Anwendungsgebiet Auf dem Muskel Auf Sehne/Ligament
Vorposition Annäherung Leichte Vordehnung
Grifftechnik Quer zur Faser, Quer zur Faser, lokaler
großflächig, repetitiver Druck/Zug, mit
gleichmäßiger Druck, Fingerbeeren
parallel/reziprok
Schmerz Kein 1-2 Tendinitis/ 4-5
Tendinose, danach kein
Ruhe-/Nacht-schmerz!,
erhöhte Druckdolenz normal
288
Dauer Je nach Erfolg <5min / >5min
Funktionsmassage
• Ziel:
– Muskuläre Analgesie
– Detonisierung, auch muskulärer ROM↑
– Bildung längsgerichteter Fasern
– Vorbereitung auf eine intensivere Muskel-
verlängerungstechnik (z.B. Hold/Relax, Dehnung)
• Feedback:
– Kein Schmerz, angenehm
• Dauer:
– Solange eine Detonisierung stattfindet
• Spezielle Kontraindikation:
– Spastizität
289
Funktionsmassage
• Durchführung:
1.) Muskel annähern
2.) - flacher Muskel: flächiger Druck auf Muskel Richtung
punctum fixum (meist Ursprung)
- abhebbarer Muskel: Pinzettengriff mit Schub
Richtung puctum fixum (meist Ursprung)
3.) passive oder assistiv/aktive Verlängerung des Muskels
(Patient darf durch Konzentrik des Antagonisten den
massierten Muskel selbst verlängern  rez. Hemmung)
4.) passive Rückbewegung ohne Druck, Wiederholung
• Druck alternierend auf verschiedenen Anteilen des
Muskels, nicht auf der Sehne
• Dauer: so lange es die gewünschten Effekte bringt
290
Hold/Relax
• Ziel:
– Detonisierung (auch muskulärer ROM ↑) basierend auf
zwei neuromuskulären Prinzipien
• Postisometrische Relaxation
• Reziproke Hemmung
– Diagnostische Differenzierung Verspannung vs.
Verkürzung
• CAVE:
– Technik ist recht intensiv und kann sowohl hohe
muskulär/tendinöse als auch artikuläre Belastungen
verursachen
– Noch intensiver ist die Technik Contract/Relax
291
Hold/Relax: Durchführung
1.) Muskel bis vor Schmerzgrenze(=Vorpos.) dehnen, 10s
2.) Kontraktion des gedehnten Muskels gegen den
Widerstand des Therapeuten, 10s ( 5s 5s )
3.) Frage: „zieht es noch?“
„JA“: gleiche Vorposition
„NEIN“: neue Vorposition weiter in Dehnung
4.) Wiederholung der Punkte 1-3, insgesamt 5 mal
5.) Reziproke Hemmung des gedehnten Muskels durch
Kontraktion des Antagonisten (isometrisch 10s oder
konzentrisch durch das neue volle Bewegungsausmaß)

292
Nervengleiten
• Indikation:
– Nervenschmerz
– Eingeschränkte Nervenmobilität durch
• Kompression von Nervenwurzel an der Wirbelsäule
• Kompressionen an anderen mechanischen Interfaces im
Verlauf des peripheren Nerves
– Muskulär (Bsp. M. piriformis)
– Osteoligamentär (Bsp. Carpaltunnel)
– Ossär (Bsp: Costoclaviculär)
• Adhäsion eines Nerven mit den umliegenden Weichteilen
– Posttraumatisch (Bsp. Nervus peroneus superficialis
nach Inversionstrauma)
– Postoperativ (Bsp. N. ischiadicus nach Hüft-TEP) 293
Nervengleiten: Durchführung
1.)Nerv bis kurz vor Schmerz verlängern
2.)durch alternierende Bewegungen von Kopf
und Fuß (oder Hand) wird der Nerv bei
gleichbleibender Spannung (isotonisch) hin-
und her bewegt
• Der Patient sollte ein gleichbleibendes kribbelndes Gefühl
verspüren, aber keinen Schmerz
• Die Effektkontrolle erfolgt über das neu erworbene
Bewegungsausmaß
• Dauer je nach Erfolg

Die Technik ist auch über andere Gelenke im Nervenverlauf


anwendbar
294
Nervengleiten

295