Sie sind auf Seite 1von 47

Sex und das verfehlte Absolute

Slavoj Žižek
Sex und das
verfehlte Absolute
Aus dem Englischen übersetzt
von Axel Walter und Frank Born
INHALT
Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
THEOREM I: Die Parallaxe der Ontologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
Modalitäten des Absoluten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26
Die Realität und ihr transzendentales Supplement . . . . . . . . . . . . . . 39
Varianten des Transzendentalen im westlichen Marxismus . . . . . . 57
Die englische Originalausgabe erschien unter dem Titel Sex and the Failed Absolute Der Spielraum für radikale Unsicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
bei Bloomsbury Academic.
Copyright © Slavoj Žižek, 2019
FOLGERUNG 1: Intellektuelle Anschauung und intellectus
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen archetypus: Reflexivität bei Kant und Hegel . . . . . . . . . . . . . . . . 85
Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://
dnb.d-nb.de abrufbar. Intellektuelle Anschauung von Kant bis Hegel. . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt. Vom intellectus ectypus zum intellectus archetypus . . . . . . . . . . . . . . 97
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere
für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in
und Verarbeitung durch elektronische Systeme. ZUSATZ 1.1: Buddha, Kant, Husserl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
wbg Academic ist ein Imprint der wbg. ZUSATZ 1.2: Hegels Parallaxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
© 2020 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die ZUSATZ 1.3: „Der Tod der Wahrheit“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127
Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Satz: Arnold & Domnick GbR, Leipzig
Umschlaggestaltung: Jens Vogelsang, Aachen THEOREM II: Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem
Umschlagabbildung: Spiralen © PerepadiaY/adobe.stock.com;
Möbiusband © lidiia/adobe.stock.com
Absoluten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
Gedruckt auf säurefreiem und alterungsbeständigem Papier Antinomien der reinen Sexuierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
Printed in Germany
Geschlechterparallaxe und Erkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
Das geschlechtliche Subjekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 167
ISBN 978-3-534-27243-3
Pflanzen, Tiere, Menschen, Posthumane . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
E-Book (PDF): ISBN 978-3-534-74626-2
E-Book (Epub): ISBN ISBN 978-3-534-74627-9
FOLGERUNG 2: Das Mäandrieren einer sexualisierten Zeit . . . . 198 ZUSATZ 3.1: Das ethische Möbiusband . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364
Tage der lebenden Toten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 ZUSATZ 3.2: Der dunkle Turm der Naht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 369
Risse in der zirkulären Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217
ZUSATZ 3.3: Naht und Hegemonie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 372
ZUSATZ 2.1: Schematismus bei Kant, Hegel … ZUSATZ 3.4: Die Welt mit (oder ohne) Tülle . . . . . . . . . . . . . . . . . 374
und im Sexuellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 234
ZUSATZ 3.5: Überlegungen zu einem Quantenplatonismus . . . 389
ZUSATZ 2.2: Marx, Brecht und Sexualverträge . . . . . . . . . . . . . . 241
THEOREM IV: Das Beharren der Abstraktion . . . . . . . . . . . . . . . . . 400
ZUSATZ 2.3: Die hegelsche Wiederholung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252
Wahnsinn, Sex und Krieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 400
ZUSATZ 2.4: Die sieben Todsünden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
Wie Worte mit Dingen getan werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410
THEOREM III: Die drei Nichtorientierbaren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 261
Die unmenschliche Sichtweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421
Das Möbiusband oder die Windungen der Das allzu nahe Ansich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 436
konkreten Allgemeinheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269
FOLGERUNG 4: Ibi Rhodus, ibi saltus! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 451
Die „Innenacht“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
Die protestantische Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 452
Die Verdopplung der Naht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 285
Hier springen und dort springen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 460
Kreuzhaube und Klassenkampf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
Vier ethische Gesten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 471
Von der Kreuzhaube zur Klein’schen Flasche. . . . . . . . . . . . . . . . . . 300
Eine Tülle in Platons Höhle. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 310
ZUSATZ 4.1: Sprache und lalangue . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 498
FOLGERUNG 3: Der zurückgebliebene Gott der ZUSATZ 4.2: Prokofjews Reisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 512
Quantenontologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323
ZUSATZ 4.3: Beckett als Schriftsteller der Abstraktion . . . . . . 522
Die Implikationen der Quantengravitation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
Die zwei Vakuen: Von weniger als nichts zu nichts . . . . . . . . . . . . . 345 Endnoten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 546
Gleicht der Kollaps der Wellenfunktion einem Würfelwurf? . . . . 358
Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 531
Der nichtorientierbare Raum des dialektischen Materialismus 9
EINFÜHRUNG: einen Ausdruck wie ,die Frau‘ nicht aus Prinzipien herleiten kann. Was
sich nicht ableiten lässt, davon muss man erzählen.“1 Schellings Aus-
Der nichtorientierbare Raum des bruch aus der logischen Struktur der (als begriffstheoretisches System
dialektischen Materialismus darstellbaren) Realität in das Reale der Urtriebe (wo sich nichts her-
oder ableiten lässt und man nur eine Geschichte erzählen kann) – das
heißt seine Bewegung vom Logos zum Mythos – ist daher auch eine Be-
In seiner Schrift „Über unsere Revolution“ zitiert Lenin vorgeblich Na- hauptung der Weiblichkeit. Er trieb diese Überlegungen auf die Spitze:
poleon mit den Worten „On s’engage et puis … on voit“ (frei übersetzt Seiner Grundannahme (die ihm von Peter Sloterdijk zugeschrieben
in etwa: „Zuerst stürzt man sich ins Gefecht, das Weitere wird sich wurde) nach bildet der weibliche Orgasmus – dieser (wie bereits die
finden“). Auch wenn nicht verbürgt ist, dass Napoleon dies irgendwo alten Griechen wussten) rauschhafteste Moment sexueller Lust – den
gesagt oder geschrieben hätte, entspricht es fraglos seinem Selbstver- Gipfel der menschlichen Evolution. Sloterdijk sieht die orgastische Er-
ständnis. Aber können wir uns diese Haltung heute noch erlauben – in fahrung gar in der Rolle, uns einen ontologischen Gottesbeweis zu
einer Zeit, in der „sich ins Gefecht stürzen“ auch heißen kann, den liefern: Im Erleben des Orgasmus kommen wir Menschen mit dem
roten Knopf zu drücken (und damit einen nuklearen Angriff zu star- Absoluten in Berührung. Schelling suchte, aus dem geschlossenen idea-
ten)? Heute ist die Zeit zum Denken und die Devise „on se retire pour listischen Zirkel auszubrechen und Materie, den Organismus, Leben
mieux voir et puis … on attacque“ scheint viel eher angebracht als ihr und Entwicklung in ihn einzubringen. Er widmete seine Aufmerksam-
napoleonisches Gegenstück: Um besser sehen zu können, muss man keit also nicht bloß dem rein logischen Geist, sondern genauso auch
sich auf einen gewissen minimalen Abstand vom Geschehen zurück- den evolutionären Entwicklungen im Bereich des Körpers und der
ziehen. Dies gilt nicht nur für die Politik, sondern auch für den Sex – Sexualität: Glückseligkeit ist nicht einfach nur das aristotelische Den-
und zwar nicht bloß für das Denken über den Sex, sondern für den Sex ken von Gedanken selbst, sondern genauso auch ein körperliches, ins
selbst, der sich immer auf einen minimalen Rückzug stützt, auf eine fast Unerträgliche gesteigertes Genießen.2
Selbstzurücknahme, die kein Rückzug in die Passivität ist, sondern der Der weibliche Orgasmus als Neufassung des ontologischen Gottes-
vielleicht radikalste Akt überhaupt. beweises  … Anstatt diese Vorstellung als eine weitere obskurantisti-
Für den Titel dieses Buches – Sex und das verfehlte Absolute – bie- sche New-Age-Spekulation abzutun (was sie ist), sollten wir sie von
ten sich zwei (miteinander verbundene) gängige Lesarten an: 1) Wenn innen her unterlaufen: Es stimmt einfach nicht, dass sich in einem in-
der religiöse oder irgendein anderer Glaube dem Absoluten scheitert, tensiven Liebesakt die höchste und intensivste Einheit des Seins er-
drängt sich (wie bei de Sade geschehen) ein zügelloser Hedonismus leben lässt. Diese Darstellung nämlich verschleiert die Dimension des
als eine Art Ersatzabsolutes auf; 2) weil die Sexualität kein konsisten- Scheiterns, der Vermittlung, der Lücke, ja des Antagonismus, die für
tes Ganzes bildet, muss ihre Erhebung zum neuen Absoluten fehl- die menschliche Sexualität konstitutiv ist. Diese minimale Reflexivität,
schlagen. Nehmen wir den Fall der „Frauenfrage“ (um diese alte und die jedes unmittelbare orgastische Eine von innen her zerschneidet, ist
völlig ungeeignete Bezeichnung zu verwenden). Philosophisch lässt das Thema, um das sich das vorliegende Buch dreht. Wie aber kann das
sie sich weder durch eine neue (postpatriarchale) Symbolisierung der sein bei einem Buch, das sich mit den „großen“, den grundlegenden
Weiblichkeit lösen noch dadurch, dass die Frau zu einem Wesen er- Fragen der Philosophie befasst (der Frage nach der Wirklichkeit usw.)?
hoben wird, welches sich der Symbolisierung widersetzt, zum „nie auf- Wie lässt sich dieses Thema behandeln, ohne auf eine vormoderne, sex-
gehenden Rest“ des Symbolisierungsprozesses. Diesen zweiten Pfad ualisierte Auffassung vom Kosmos zurückzufallen: als Raum, in dem
hat Friedrich Wilhelm Schelling eingeschlagen, der wusste, dass „man sich das männliche und das weibliche Prinzip (Yin und Yang, Licht und
10 Einführung Der nichtorientierbare Raum des dialektischen Materialismus 11
Dunkelheit …) einen ewigen Kampf liefern? Diesem Paradox wird in Umschlägen und jähen Ausbrüchen von etwas Neuem kulminiert usw.
den Hauptkapiteln nachgegangen; an dieser Stelle genügt vorerst der Es versteht sich, dass ich nicht dieser Linie folge, um so den „rationalen
Hinweis, dass die Reflexivität, um die es hier geht, rein formal zu ver- Kern“ des dialektischen Materialismus vor seiner stalinistischen Kari-
stehen ist. In der Mathematik bezeichnet man die in sich verschlungene katur zu retten: Meine Gegenposition zum „dialektischen Materialis-
Struktur, die von einer solchen Reflexivität impliziert wird, als nicht- mus“ stalinistischer Prägung ist viel radikaler. Stalin führte vier Merk-
orientierbar: Eine nichtorientierbare Oberfläche ist eine Fläche, auf der male des dialektischen Materialismus an:
es eine so in sich geschlossene Bahn gibt, dass der Richtungsvektor sich
umkehrt, wenn diese Bahn durchlaufen wird (das Möbiusband und − Im Gegensatz zur Metaphysik betrachtet die Dialektik die Natur nicht
davon abgeleitete Gebilde wie die Kreuzhaube und die Klein’sche Fla- als zufällige Anhäufung von Dingen, von Erscheinungen, die von-
sche). Auf einer solchen Fläche lassen sich die Richtungen „rechts“ und einander losgelöst, voneinander isoliert und voneinander nicht ab-
„links“ unmöglich konsistent bestimmen, weil alles, was über die Flä- hängig wären, sondern als zusammenhängendes einheitliches Gan-
che hinweggleitet, zu seinem spiegelbildlichen Ausgangspunkt zurück- zes, wobei die Dinge, die Erscheinungen miteinander organisch
kehrt. Es ist die erste Grundannahme dieses Buches, dass der theore- verbunden sind, voneinander abhängen und einander bedingen.
tische Raum des dialektischen Materialismus genau einen solchen in − Im Gegensatz zur Metaphysik betrachtet die Dialektik die Natur
sich verschlungenen Raum darstellt und dass es diese Verschlingung, nicht als einen Zustand der Ruhe und Unbeweglichkeit, des Still-
diese selbstbezügliche Kreisbewegung des Zurückfallens auf sich stands und der Unveränderlichkeit, sondern als Zustand unaufhör-
selbst ist, die den eigentlichen dialektischen Materialismus von ande- licher Bewegung und Veränderung, unaufhörlicher Erneuerung und
ren, pseudodialektischen Materialismen unterscheidet, die bei der Be- Entwicklung, in welchem immer irgendetwas entsteht und sich ent-
hauptung stehen bleiben, die Realität sei ihrem Wesen nach ein ewiger wickelt, irgendetwas zugrunde geht und sich überlebt.
Kampf der Gegensätze. − Im Gegensatz zur Metaphysik betrachtet die Dialektik den Ent-
Doch warum sollte man sich ausgerechnet wieder dem „dialekti- wicklungsprozess nicht als einfachen Wachstumsprozess, in welchem
schen Materialismus“ zuwenden? Warum sollte man ausgerechnet die quantitative Veränderungen nicht zu qualitativen Veränderungen
wohl am meisten diskreditierte philosophische Richtung des 20. Jahr- führen, sondern als eine Entwicklung, die von unbedeutenden
hunderts zum Leben erwecken – eine Richtung, die nicht nur philo- und verborgenen quantitativen Veränderungen zu sichtbaren Ver-
sophisch ohne Wert ist, sondern die noch dazu für eine „Staatsphilo- änderungen, zu grundlegenden Veränderungen, zu qualitativen Ver-
sophie“ steht, wie man sie sich schlimmer nicht denken kann und die änderungen übergeht, in welcher die qualitativen Veränderungen
als Werkzeug abscheulicher politischer Unterdrückung diente? Dazu nicht allmählich, sondern rasch, plötzlich, in Gestalt eines sprung-
ist zunächst einmal festzuhalten, dass der Ausdruck „dialektischer haften Übergangs von dem einen Zustand zu dem anderen Zustand
Materialismus“, wenn wir seinen ideologisch-politischen Kontext un- eintreten […].
berücksichtigt lassen und ihn in seiner unmittelbaren Bedeutung ver- − Im Gegensatz zur Metaphysik geht die Dialektik davon aus, dass den
wenden, ziemlich gut die spontane Philosophie der meisten moder- Naturdingen, den Naturerscheinungen innere Widersprüche eigen
nen Wissenschaftler bezeichnet. Die große Mehrheit nämlich besteht sind, denn sie alle haben ihre negative und positive Seite, ihre Ver-
aus Materialisten, welche die Wirklichkeit auf (die im üblichen Wort- gangenheit und Zukunft, ihr Ablebendes und sich Entwickelndes,
sinn) „dialektische“ Weise begreifen. In dieser Sichtweise ist die Reali- dass der Kampf dieser Gegensätze […] den inneren Gehalt des Ent-
tät ein sich in ständiger Bewegung befindlicher dynamischer Prozess, wicklungsprozesses […] bildet.3
in dessen Verlauf der allmähliche kontingente Wandel in plötzlichen
12 Einführung Der nichtorientierbare Raum des dialektischen Materialismus 13
Wenn wir Stalins dialektischem Materialismus als neuer Version einer nach handelt es sich dabei um die augenscheinliche Verschiebung
allgemeinen Ontologie (bezeichnen wir ihn als DM1) unseren dialek- eines Gegenstands (die Verlagerung seiner Position vor einem Hinter-
tischen Materialismus einer gescheiterten Ontologie (DM2) entgegen- grund), die durch eine Veränderung in der Beobachterposition bewirkt
setzen, dann können wir auch jedem der von Stalin angeführten vier wird, mit der sich eine neue Blickperspektive ergibt. Der zusätzliche
Merkmale eines der vier Merkmale von DM2 gegenüberstellen: philosophische Kniff dabei ist natürlich, dass die beobachtete Differenz
− Im Gegensatz zu DM1, nach dem alles mit allem in einem viel- nicht lediglich „subjektiv“ ist und nicht daher rührt, dass der gleiche,
schichtigen Geflecht von Wechselbeziehungen verbunden ist, setzt DM2 „da draußen“ existierende Gegenstand von zwei unterschiedlichen
mit einer Trennung, einem Schnitt, einer Isolierung ein: Um zur Wahr- Stellen oder Blickwinkeln aus betrachtet wird. Es ist vielmehr so, dass
heit einer Totalität zu gelangen, muss man zunächst ihr Kernmerkmal Subjekt und Objekt in sich „vermittelt“ sind, wie Hegel gesagt hätte;
herausreißen und isolieren und das Ganze dann von diesem sehr spe- darum spiegelt eine „epistemologische“ Verschiebung in der Sichtweise
ziellen Standpunkt aus betrachten. Die Wahrheit ist nicht ausgewogen des Subjekts immer eine „ontologische“ Verschiebung im Gegenstand
und objektiv, sie ist subjektiv, „einseitig“. selbst wider.4 Was die Parallaxe der Ontologie betrifft, so handelt es
− Im Gegensatz zu DM1, der sprunghafte Veränderungen und gewaltsame sich dabei um eine andere Bezeichnung für das, was Heidegger onto-
„revolutionäre“ Umbrüche in den Vordergrund rückt, liegt der Fokus logische Differenz nannte: Der Ausdruck bezeichnet die Tatsache, dass
von DM2 auf der Funktion, die zeitlichen Verzögerungen und „toter sich die ontologische Dimension letztlich nicht auf die ontische redu-
Zeit“ im Heranreifungsprozess zukommt: Sprünge werden aus struktu- zieren lässt. Ontisch ist die Auffassung von der Realität als ein Ganzes,
rellen Gründen zu früh unternommen, als übereilte, gescheiterte Vor- von dem wir Menschen ein Teil sind; in diesem Sinne sind Kognitions-
stöße, oder zu spät, wenn ohnehin schon alles entschieden ist. Wie es wissenschaft und Evolutionsbiologie damit beschäftigt aufzuzeigen,
bei Hegel heißt, tritt eine Veränderung dann ein, wenn wir feststellen, wie sich der Mensch  – einschließlich seiner kognitiven Fähigkeiten,
dass sie bereits eingetreten ist. die den Aufschwung dieser Wissenschaften ermöglichten – allmählich
− Im Gegensatz zu DM1, der den Gesamtfortschritt von „niederen“ zu aus dem Tierreich heraus entwickelte. Transzendental-ontologisch
„höheren“ Stufen betont, stellt sich die Gesamtsituation für DM2 als die ließe sich gegen diese Erklärung einwenden, dass sie sich letztlich im
einer nichtorientierbaren Struktur dar: Fortschritt ist immer auf einen Kreis dreht: Sie muss voraussetzen, dass die moderne wissenschaftliche
Ort begrenzt; insgesamt ergibt sich das Bild einer zirkulären Wieder- Herangehensweise an die Wirklichkeit bereits besteht, denn erst durch
holungsbewegung, bei der das, was heute als „reaktionär“ gilt, morgen die Brille der Wissenschaft erscheint die Wirklichkeit als Gegenstand
als letztes Mittel zu radikalen Veränderungen erscheinen kann. wissenschaftlicher Erklärung. Die wissenschaftliche Weltsicht kann
− Im Gegensatz zu DM1, der den Antagonismus als Gegnerschaft inter- ihre eigene Entstehung demnach nicht wirklich erklären  – genauso
pretiert, als ewigen Kampf der Gegensätze, versteht DM2 darunter den wenig aber lässt sich aus transzendental-ontologischer Sicht das Be-
konstitutiven Widerspruch einer Entität zu sich selbst: Die Dinge ent- stehen der kontingenten äußeren Realität erklären, und somit ist die
stehen aus ihrer eigenen Unmöglichkeit heraus; der äußere Gegensatz, Lücke zwischen beiden irreduzibel. Heißt das, dass die Dualität von
der sie in ihrer Stabilität bedroht, ist dabei stets die Entäußerung ihrer ontisch und ontologisch unser letztes Wort ist, dass sie ein Faktum
immanenten Selbstblockade und Inkonsistenz. darstellt, über das wir nicht hinauskommen?
Falls diese Zeilen den Verdacht erwecken, unsere philosophischen
Eine andere Möglichkeit, DM1 und DM2 voneinander abzugrenzen, Bemühungen konzentrierten sich auf den Deutschen Idealismus,
böte sich mit Bezug auf den Begriff der ontologischen Parallaxe. Warum so sollten wir uns ungeniert schuldig bekennen. Jeder, der Hitch-
das? Was hat es mit der Parallaxe auf sich? Der üblichen Definition cocks Vertigo gesehen hat, erinnert sich an die geheimnisvolle Szene
14 Einführung Der nichtorientierbare Raum des dialektischen Materialismus 15
im Nationalpark Muir Woods, in der Madeleine zum (hochkant auf- gehört, kleinen Stücken dichten Stoffs etwa, die in der Luft schwe-
gestellten) Querschnitt eines über tausend Jahre alten Mammutbaumes ben. Heute brauchen wir einen Materialismus, der ohne Materie aus-
geht, auf zwei Jahresringe am äußeren Rand zeigt und sagt: „Hier kommt, einen rein formalen Materialismus von Wellen, Quanten oder
wurde ich geboren … Und dort bin ich gestorben.“ (Später im Film dergleichen, die sich in einem entmaterialisierten Raum bewegen. Er-
erfährt der Zuschauer, dass die erhabene Madeleine eine Fälschung innern wir uns an die Titelsequenz von Tim Burtons Batman (1989):
ist: Der mordlüsterne Gavin Elster hatte Judy, ein gewöhnliches Mäd- Die Kamera fährt langsam um kurvenförmige Gebilde aus Metall
chen, so zurechtgemacht, dass sie wie seine Frau Madeleine aussah, die herum, deren rostige Struktur auf eine nahezu greifbare Weise gezeigt
er zu töten beabsichtigte.) Ganz ähnlich könnte man sich eine philo- wird; dann zieht sie sich langsam zurück und man kann sehen, dass es
sophische Muse vorstellen, die auf einem vor ihr befindlichen Zeit- sich bei den abgefilmten Formen um das Fledermaus-Symbol von Bat-
strahl der europäischen Geschichte auf zwei nah beieinander liegende man handelte. Hierbei haben wir es mit einem der paradigmatischen
Markierungen deutet und sagt: „Hier wurde ich geboren … Und hier Verfahren des postmodernen Hyperrealismus zu tun, das darin be-
bin ich gestorben“. Die erste Markierung zeigt 1781, das Jahr der Ver- steht, uns die rohe materielle Unvollkommenheit dessen sehen (oder
öffentlichung von Kants erster Kritik, und die zweite 1831, Hegels Todes- vielmehr „fühlen“) zu lassen, was wir normalerweise nur als eine Reihe
jahr. In gewissem Sinne kann man sagen, dass sich die ganze Philo- von Formgebilden wahrnehmen. Betrachten wir ein anderes (diesmal
sophie in diesen fünfzig Jahren abspielte. Die enormen Entwicklungen, erfundenes) Beispiel: Bei Filmen, die von der Firma Universal produ-
die dem vorausgingen, waren nur eine Vorbereitung für den Aufstieg, ziert werden, beginnt die Titelsequenz damit, dass die Erdkugel ins
den der Begriff des Transzendentalen in diesem Zeitraum erlebte, und Bild kommt, um die herum sich dann der Schriftzug „Universal“ dreht.
in dem Geschehen nach Hegel dann kehrte die Philosophie in Gestalt In der postmodernen, hyperrealistischen Version dieser Einstellung
der gewöhnlichen Madeleine, das heißt des Vulgärempirismus des würde die Kamera immer näher an die Buchstaben heranzoomen, so-
19. Jahrhunderts, wieder zurück. Für Heidegger bildet Hölderlin die dass wir sie, statt als einzelne formale Elemente, in ihrer Materialität
Ausnahme im Hinblick auf die moderne Subjektivität: Obwohl er zum sehen würden, mit Verschleifungen und anderen Spuren materieller
Deutschen Idealismus zählte und (zusammen mit Schelling und Hegel) Unregelmäßigkeiten. Dies passiert in der klassischen Szene in David
Mitautor des Ältesten Systemprogramms des Deutschen Idealismus war Lynchs Blue Velvet, in der die Kamera auf eine sehr schöne Rasen-
(von 1796 bis 1797), bekundete Hölderlin in seiner Dichtung eine Dis- fläche hinabschwenkt und in extremer Nahaufnahme in sie eindringt –
tanz gegenüber der idealistischen Subjektivität und gewann eine von und plötzlich sind wir mit dem abstoßenden Leben von Insekten und
keiner Metaphysik überhöhte Einsicht in das Wesen der Geschichte Würmern konfrontiert, die sich unter der idyllischen Oberfläche ver-
und die Entfremdung unseres Daseins. Für uns hingegen haben alle bergen … Ist das Materialismus? Nein, denn eine solche Behauptung,
vier großen deutschen Idealisten – Kant, Fichte, Schelling und Hegel – die undurchdringliche Dichte der Materie würde sich als der Raum ob-
diese Distanz bekundet, das heißt, sie rangen mit der Frage, wie man szöner Vitalität erweisen, führt – wie sich jedes Mal herausstellt – nur
dem Horizont absoluter Subjektivität entfliehen könnte, ohne dabei auf zu irgendeiner Form von düsterem Spiritualismus, der diese Materie
den vortranszendentalen Realismus zurückzufallen. „durchwaltet“. Um zum wahren Materialismus zu gelangen, muss man
An welcher Stelle kommt nun aber der Materialismus ins Spiel, sei er genau andersherum verfahren. In Josef Rusnaks The 13th Floor (1999)
dialektisch oder nicht? Wir wagen die Behauptung, dass der Begriff der fährt Hall, der Held des Films, zu einem Ort in einem unbewohnten
Nichtorientierbarkeit Aufschluss über die Frage gibt, was Materialis- kalifornischen Wüstenstrich und entdeckt dort eine Stelle, an der die
mus ist. Es gilt mit der Vorstellung aufzuräumen, dass zum Materialis- Welt zu einem kruden Drahtgittermodell wird  – was beweist, dass
mus irgendeine Vorstellung von Materie in einem substanzhaften Sinn unsere Realität selbst eine Simulation ist, die nicht überall vollkommen
16 Einführung Der nichtorientierbare Raum des dialektischen Materialismus 17
verwirklicht ist, sodass wir unerwartet auf Teile oder Abschnitte sto- heranziehen – denn ließe sich über diese Zeit nicht das Gleiche sagen?
ßen können, in denen das blanke digitale Skelett ihrer Struktur wie in Mehr als ein halbes Jahrhundert lang herrschte (größtenteils) Frieden
einem unfertigen Gemälde zutage tritt. Ein wirklicher Materialismus in Europa, Produktivität und Bildung nahmen eine explosionsartige
beinhaltet immer ein solches „Verschwinden“ von Materie in einem Entwicklung, in immer mehr Ländern hielt die Demokratie Einzug
formalen Beziehungsgeflecht. und es gab das allgemeine Gefühl, die Welt bewege sich in die rich-
Warum sollte man dies also Materialismus nennen? Weil (und hier tige Richtung … Dann aber kam die brutale Ernüchterung mit Millio-
kommt die Vorstellung der Nichtorientierbarkeit ins Spiel) diese Be- nen von Toten im Ersten Weltkrieg. Sind wir nach einem halben Jahr-
wegung des „abstrakt“ Immateriellen als vollkommen kontingent, hundert (relativen) Friedens und wachsenden Wohlstands heute nicht
aleatorisch, anorganisch, ziellos und in diesem Sinne nicht geistig auf- in einer Situation, die Parallelen zu damals aufweist? Hier ist eine echte
zufassen ist. Man sollte sich nicht scheuen, sogar vom „Materialis- dialektische Analyse gefragt: Sie hilft uns die zunehmenden unter-
mus der (platonischen) Ideen“ zu sprechen, insofern diese bloß ziel- irdischen Spannungen auszumachen, die irgendwann aufbrechen und
los umherschwirren und sich in unvorhersehbaren Verbindungen die Entwicklung am Fortschreiten hindern werden.
verfangen. Ideen sind dumm; um sie zielgerichtet miteinander ver- Die Nichtorientierbarkeit bezieht sich in der Mathematik auf den Be-
knüpfen zu können, braucht es in einem „materiellen“ Lebewesen ver- reich der Flächen, und das heißt auch, dass der dialektische Materialis-
körperten Verstand. Man sollte dem Materialismus alles entziehen, was mus eine Theorie von (in sich verdrehten, gekrümmten) Flächen ist –
den Gedanken an Evolution, organische Entwicklung oder die Aus- Tiefe ist für ihn ein Effekt einer in sich verschlungenen Oberfläche. Das
richtung auf ein Höheres zulässt – der schlimmste Idealismus ist der- vorliegende Buch – eine Erörterung der Grundstrukturen nichtorien-
jenige, der sich als evolutionärer Materialismus verkleidet und mit der tierbarer Flächen – setzt sich aus vier Teilen zusammen. Jeder Teil be-
Vorstellung hausieren geht, die Realität sei ein organisches Ganzes, das ginnt mit einem Theorem, in dem eine grundlegende philosophische
sich zu immer komplexeren Formen hin entwickelt. These abgehandelt wird; diese These wird dann in einer Folgerung hin-
Die neue Riege von Evolutionsoptimisten (Sam Harris, Steven sichtlich ihrer Konsequenzen beleuchtet; den Abschluss des Teils bil-
Pinker) beruft sich gern auf positive Statistiken. Danach waren nie det eine Reihe von Zusätzen, in denen die Grundthese auf ein einzel-
zuvor so wenige Menschen in Kriege verwickelt, wie in den letzten nes (und in manchen Fällen kontingentes) Thema angewendet wird.
Jahrzehnten, stellt erstmals in der menschlichen Geschichte die Fett- Theorem I widmet sich dem Schicksal der Ontologie in unserer Zeit.
leibigkeit ein größeres Problem dar als der Hunger, ist die durch- Mit dem neuen Jahrtausend ist im Zuge der antidekonstruktivistischen
schnittliche Lebenserwartung über die letzten Generationen enorm Wende eine ganze Reihe neuer Ontologien an die philosophische
gestiegen, geht die Armut selbst in den ärmsten afrikanischen Län- Öffentlichkeit getreten. Sie alle gehen auf das Bedürfnis zurück, der
dern zurück und so weiter und so weiter. Diese Aussagen treffen (weit- dekonstruktivistisch-selbstreflexiven Praxis des unaufhörlichen Er-
gehend) zu, doch es wird leicht ersichtlich, warum ein solches Vor- gründens zu entkommen und zu einer positiven, sprich: eindeutigen
gehen problematisch ist. Vergleicht man die gesellschaftliche Stellung, Auffassung davon zu gelangen, worin die Realität besteht. Man denke
die Juden in Westeuropa und den Vereinigten Staaten vor hundert Jah- hier etwa an deleuzesche Ontologien der Vielheiten und Assemblagen,
ren innehatten, mit ihrer heutigen Situation, so ist eindeutig ein Fort- an Badious Logik der aus der Mannigfaltigkeit des Seins hervorgehenden
schritt zu verzeichnen: Heute haben die Menschen jüdischen Glaubens Welten oder an „neue materialistische“ Ontologien eines pluralen quasi
ihren eigenen Staat, Antisemitismus ist gesetzlich verboten …  – da- animistischen Kosmos usw. Dem vorliegenden Buch zufolge gilt es, diese
zwischen aber kam es zum Holocaust. Man könnte in unserem Zu- neue ontologische Versuchung zurückzuweisen. Dabei wäre es ein Leich-
sammenhang auch die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg als Parallele tes, sich den Reizen eines neuen ontologischen Gefüges zu überlassen,
18 Einführung Der nichtorientierbare Raum des dialektischen Materialismus 19
das so voller florierender Vielheiten steckt; dennoch beharre ich zu- Kontinuität einen Schnitt, und dieser Schnitt macht aus der Beziehung
sammen mit Alenka Zupančič und anderen darauf, dass jede Ontologie zwischen den beiden Gegenteilen eine Reflexionsbeziehung. Mit der
zum Scheitern verurteilt ist – einem Scheitern, in dem die innere Durch- Kreuzhaube betritt die reine Differenz die Bühne, die Differenz zwi-
kreuztheit der Wirklichkeit selbst widerhallt. Diese Durchkreuztheit lässt schen Erscheinung und Wesen, einem Gegenstand und seinen Eigen-
sich an der irreduziblen parallaktischen Lücke zwischen ontischer und schaften, Ursache und Wirkung usw. Mit der Klein’schen Flasche kommt
transzendentaler Dimension erkennen: der Vorstellung von der Realität die Subjektivität ins Spiel: Bei dieser Figur wird der Zirkel der Reflexivität
als Seinsganzes und der Vorstellung von dem transzendentalen, unse- zum Absoluten erhoben; eine Ursache ist hier nur noch eine Wirkung
ren Zugang zur Realität immer schon vermittelnden Horizont. Können ihrer Wirkungen usw. (aus diesem Grund lässt sich die Klein’sche Fla-
wir hinter diese Lücke zu einer ursprünglicheren Dimension gelangen? sche auch nicht im dreidimensionalen Raum wiedergeben).6
Theorem II bildet das Schlüsselmoment des Buches – in gewisser Theorem IV rekapituliert den philosophischen Leitgedanken des
Hinsicht entscheidet sich darin alles, denn dieses Theorem liefert die Buches vom Beharren der Abstraktion (der radikalen Negativität, die
Antwort auf die schier ausweglose Lage, auf die das erste hinausläuft. sich nicht zu einem untergeordneten Moment einer konkreten Totali-
Ja, man kann hinter die parallaktische Lücke zurück, und zwar da- tät „aufheben“ lässt) in ihren drei Gestalten: dem Exzess des Wahn-
durch, dass man sie verdoppelt, dass man sie in das Ding an sich ver- sinns als bleibender Grund der menschlichen Vernunft, dem Exzess
setzt. Und das Gebiet, auf dem diese Verdopplung sich bei uns Men- tödlicher Leidenschaft, der eine Bedrohung für jede stabile Beziehung
schen ereignet, ist das der Sexualität  – denn die Sexualität ist unser darstellt, dem Exzess des Krieges, der die Ethik des Gemeinschafts-
privilegierter Kontakt zum Absoluten. In Anlehnung an Lacan wird die lebens begründet. Genau dieser Negativität vermag die Assembla-
Sexualität dabei als Kraft der Negativität gefasst, die jedes ontologische ge-Theorie (oder jede andere Form von realistischer Ontologie) nicht
Gefüge zerreißt, und die Geschlechterdifferenz wird als „reine“ Diffe- in vollem Umfang Rechnung zu tragen und genau sie führt in eine As-
renz verstanden, welche einen in sich verschlungenen Raum impliziert, semblage die irreduzible Dimension der Subjektivität ein.
der sich jeder binären Form entzieht. Entfaltet wird diese Vorstellung Diese vier Theoreme bilden eine eindeutige Triade (nein, ich habe
der Geschlechterdifferenz anhand einer eingehenden Deutung von mich nicht verzählt): Sie stehen für die vier Schritte der systematischen
Kants Antinomien der reinen Vernunft und der dazugehörigen Unter- Auseinandersetzung mit der ontologischen Grundfrage. Der vor-
scheidung zwischen Mathematisch-Erhabenem und Dynamisch-Er- bereitende Schritt liefert die Beschreibung des Risses in der positiven
habenem. Indem Kant die Vernunft als irreduzibel antinomisch charak- Seinsordnung und der Supplementierung dieses Risses durch die tran-
terisiert (Stichwort „Euthanasie der Vernunft“), sexualisiert er die reine szendentale Dimension. Der erste Schritt behandelt die zirkuläre Be-
Vernunft (unwissentlich) und kontaminiert sie mit der Geschlechter- wegung der Verdopplung des Risses, die unsere einzige Berührung mit
differenz. dem Absoluten darstellt; dazu wird mit Bezug auf Kants Antinomien
In Theorem III, dem längsten Abschnitt des Buches, geht es darum, der reinen Vernunft erläutert, weshalb die Urform dieser Berührung
die Konturen dieses in sich verschlungenen Raums anhand seiner drei für uns Menschen die sexuelle Erfahrung als Erfahrung des Schei-
Hauptformen zu bestimmen: jener des Möbiusbandes, der Kreuzhaube terns ist. Im zweiten Schritt geht es um die topologische Struktur die-
und der Klein’schen Flasche, die zusammen eine Triade bilden, in der ser in sich verschlungenen Verdopplung des Risses, wie sie in drei fort-
sich gleichsam die Grundtriade von Hegels Logik – Sein, Wesen, Be- laufenden Figuren nichtorientierbarer Flächen in Erscheinung tritt. Im
griff – wiederholt.5 Das Möbiusband spiegelt den kontinuierlichen Über- dritten Schritt schließlich liegt der Fokus auf der Vorstellung eines un-
gang eines Begriffs in sein Gegenteil wider (Sein geht in Nichtsein über, menschlichen Subjekts, das zu der unpersönlichen Assemblage aus Sa-
Quantität schlägt in Qualität um usw.). Die Kreuzhaube setzt in diese chen und Prozessen passt.
20 Einführung Der nichtorientierbare Raum des dialektischen Materialismus 21
An jedes Theorem schließt sich eine Folgerung an, in der dessen Hellmans Drama Children’s Hour, des dänischen Kriminalfilms Er-
spezifische Konsequenzen und Implikationen dargelegt werden. Fol- lösung, Wagners Parsifal und noch eines Kriminalfilms mit Taylor She-
gerung 1 widmet sich der Selbstreflexivität als in sich verschlungene ridans Wind River.
Subjektivitätsstruktur, und zwar anhand des Themas der intellektuellen An jedes Theorem nebst Folgerung schließt sich eine Reihe von
Anschauung im Deutschen Idealismus. Dabei geht es darum, Hegels knapp gehaltenen Zusätzen an, in denen einige bemerkenswerte Im-
Denken in seiner Besonderheit gegenüber Kants transzendentalem plikationen verdeutlicht werden. Zusatz 1.1 behandelt den Unterschied
Idealismus sowie der von Fichte und Schelling vertretenen Auffassung zwischen Kants und Husserls Transzendentalbegriff sowie den Unter-
der intellektuellen Anschauung als unmittelbare Identität von Subjekt schied zwischen phänomenologischer Epoché und der buddhistischen
und Objekt herauszuarbeiten. In Folgerung 2 liegt der Fokus auf der in Einklammerung des Glaubens an die substanzielle materielle Realität.
sich verschlungenen Struktur sexualisierter Zeit, einer Zeit, in der wir Zusatz 1.2 deckt die parallaktische Natur von Hegels philosophischem
immer wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren können. Dabei Gedankenbau auf, die sich deutlich daran erkennen lässt, dass seine
wird eine solche zirkuläre Zeitlichkeit zunächst in dem Subjektivitäts- beiden (letztlich einzigen) Bücher, Phänomenologie des Geistes und
typ erfasst, den das Universum der Videospiele impliziert, bevor ihre Wissenschaft der Logik, auf keinen Generalnenner reduziert werden
komplexeren Versionen in einigen neueren Filmen von Arrival bis Dis- können. Zusatz 1.3 legt im Zusammenhang mit dem Thema der Fake
covery herausgearbeitet werden. In Folgerung 3 geht es um die nicht- News dar, dass die transzendentale Herangehensweise keineswegs zum
orientierbare Struktur der Quantenphysik; der Fokus liegt dabei auf „Tod der Wahrheit“ und zur Relativität mehrerer Wahrheiten führt:
der Differenz, die unsere Realität für immer vom virtuellen Realen der Auf einer von empirischen Fakten unterschiedenen Ebene gibt es eine
Quantenwellen trennt und die mithin jedes ontologische Gefüge unter- Wahrheit, die in einer konkreten historischen Totalität gründet.
gräbt. Es wird eine allgemeine (anti-)ontologische Vorstellung der Nach einer Zusammenfassung von Hegels Kritik an Kants
Realität präsentiert, die sich aus dem Modell der Klein’schen Flasche Schematismus wird in Zusatz 2.1 dargelegt, dass das sexuelle Begehren
ergibt, eine Abfolge paradoxer Objekte, die einen Mangel verkörpern: selbst nur als ein schematisiertes funktionieren kann, das heißt, dass es
weniger-als-nichts (dessen erste Formulierung den ist, Demokrits Be- nur durch einen phantasmatischen Rahmen wirksam wird. Zusatz 2.2
zeichnung für das Atom),7 mehr-als-eins (aber noch nicht zwei) und deckt die möbiusbandartigen Umkehrungen auf, welche die Idee eines
der Exzess über jedes Paar, jede Form der Zwei hinaus, welcher der Sexualvertrags in den ideologischen und praktischen Zusammen-
unmöglichen Beziehung der Zwei Gestalt gibt. Folgerung 4 bildet eine hängen von „MeToo“ ereilen. Zusatz 2.3 behandelt die Tücken des Be-
theologisch-politische Reflexion über die ethischen Implikationen des griffs der Wiederholung im Denken Hegels. In Zusatz 2.4 geht es um
dialektischen Materialismus, bei der die bekannte anti-idealistische De- die sieben Todsünden und dabei speziell um die Verbindung zwischen
vise Hic Rhodus, hic saltus (die man unter anderem bei Hegel und dann Acedia und den heutigen Formen der Depression.
Marx angeführt findet) umgekehrt wird. Die wahre dialektisch-ma- Zusatz 3.1 veranschaulicht die Umkehrung, die das Möbiusband
terialistische Devise müsste Ibi Rhodus, ibi saltus lauten: Handle so, charakterisiert, anhand einer Reihe von Beispielen aus dem ethischen
dass du dich dabei nicht auf irgendeine Gestalt des großen Anderen als Bereich  – von biologisch abbaubarer Munition bis hin zu den Di-
ontologische Garantie deines Tuns stützt. Noch die „materialistischste“ lemmas, die sich aus der Tötung Reinhard Heydrichs 1942 in Prag er-
Ausrichtung stützt sich allzu oft auf einen großen Anderen, der unsere geben. Zusatz 3.2 erläutert am Beispiel von Stephen Kings Romanzyklus
Handlungen vorgeblich registriert und legitimiert. Wie würde also ein Der Dunkle Turm die Verdopplung des Möbiusbandes in der Kreuz-
Handeln aussehen, das auf keinen solchen Anderen mehr baut? Die haube und den damit einhergehenden Begriff der Vernähung. In pole-
Antwort wird in der Analyse von vier Kunstwerken entfaltet: Lilian mischer Auseinandersetzung mit Ernesto Laclaus Hegemoniebegriff
22 Einführung Der nichtorientierbare Raum des dialektischen Materialismus 23
arbeitet Zusatz 3.3 den Unterschied zwischen der Hegemonie durch Versuch unternehme, das ontologische Grundgerüst meiner gesamten
einen Herren-Signifikanten, der ein ideologisches Feld vernäht, und bisherigen Arbeit zur Verfügung zu stellen – den Versuch, so gut ich
der Idee vom „Anteil der Anteillosen“, der dem Riss in einem sozialen nur kann ein philosophisches System vorzulegen, eine Antwort auf die
Gefüge zugrunde liegt, heraus. Zusatz 3.4 stellt meine Vorstellung von „großen“ Fragen nach der Realität, der Freiheit usw.
der Welt als das Innere der Klein’schen Flasche Badious Vorstellung Schließlich und endlich bin ich mir durchaus darüber im Kla-
von der Welt als einer spezifisch phänomenalen Seinslage gegenüber. ren, dass der eine oder andere Leser den Eindruck gewinnen könnte,
In einem zugegebenermaßen riskanten Schritt versucht Zusatz 3.5 dieses Buch bleibe auf halbem Wege stecken: Während es aus dem
einen „Quanten-Platonismus“ in Umrissen darzulegen. transzendentalen Teufelskreis auszubrechen sucht, führt es zu einem
Zusatz 4.1 widmet sich Jean-Claude Milners Auffassung des lacan- letztlich negativen Resultat, das heißt, es wartet mit keiner neuen
schen Paares aus Sprache und lalangue, wobei der Asymmetrie beider positiv-realistischen Sicht des Universums auf – alles, was es im An-
Terme ein besonderes Augenmerk zukommt – behauptet wird das Pri- gebot hat, ist eine Art Leerraum zwischen den beiden (dem Transzen-
mat der Sprache über lalangue. Zusatz 4.2 schildert einen Akt, der sich dentalen und der Realität), eine Geste, die sich in ihrer Vollendung
von Badious Ereignis unterscheidet: Sergei Prokofjews „verrückten“ selbst durchkreuzt. (Ein ähnlicher Vorwurf wird übrigens häufig
Entschluss, 1936, auf dem Höhepunkt der stalinistischen Säuberun- gegen meine politischeren Schriften erhoben: Nie würde ich eine
gen, in die Sowjetunion zurückzukehren. Anhand zweier Schlüssel- konkret-positive Vorstellung vom Emanzipations- und Befreiungs-
werke Samuel Becketts – Malone stirbt und Katastrophe – arbeitet Zu- akt geben – wie etwa Multitudes, neue Graswurzelbewegungen oder
satz 4.3 die Idee der Abstraktion als einen ethischen Akt aus, der es dem was auch immer.) Was derartige Vorwürfe betrifft, kann ich mich
Subjekt erlaubt, sich aus dem opportunistischen Sumpf der „konkreten nur schuldig bekennen – mit einer Einschränkung allerdings: Diese
Umstände“ herauszuziehen. durchkreuzte, vereitelte Identität ist meine Vorstellung vom Realen,
Dem aufmerksamen Leser wird nicht entgehen, dass jeder der vier sie ist die Grundbedingung unseres Lebens. Gefangen im Horizont
Teile des Buches die hier vertretene ontologische Grundmatrix wieder- metaphysischer Erwartungen, sehen meine Kritiker nicht, dass das,
holt beziehungsweise sogar genau befolgt: Ein Theorem steht für die was sie fälschlicherweise als Übergangsstadium auffassen, bereits das
allgemeine Gattung, ein allgemeines Axiom; seine Folgerung steht für gesuchte Endresultat ist – oder, um einen mathematischen Ausdruck
deren Art (in Anlehnung an Hegel, dem zufolge jede Gattung letztlich zu benutzen, der in diesem Buch verwendet wird, sie schränken die
nur eine Art umfasst); diese eine Art befindet sich im Widerstreit mit nichtorientierbare Fläche auf den Horizont des „orientierbaren“ Fort-
ihrer Gattung; es besteht ein Ungleichgewicht zwischen der Gattung schritts ein.
und ihrer Art, weil keine zweite Art existiert, welche die erste so er- Das vorliegende Buch richtet sich jedoch nicht eigentlich gegen
gänzen würde, dass beide ein ausgewogenes Ganzes bilden. Das Feh- die neuen realistischen Sichtweisen, sondern gegen die, wenn man
len der zweiten Art wird dann durch die Vielzahl kontingenter Zusätze so will, schöne Kunst des Nichtdenkens, die den öffentlichen Raum
ausgefüllt. immer stärker durchdringt: Weisheit statt eigentliches Denken, Weis-
heit in Form von Einzeilern, die uns mit ihrer falschen „Tiefe“ fesseln
* sollen. Sie fungieren nicht mehr als artikulierte Aussagen, sondern
An dieser Stelle seien mir noch zwei Bemerkungen erlaubt: Zunächst eher wie Bilder, die eine unmittelbare geistige Befriedigung liefern.
möchte ich darauf hinweisen, dass es sich bei vielen Passagen in diesem Duane Rouselle hat einige Elemente dieser deprimierenden Situation
Buch um Paraphrasen früherer Arbeiten von mir handelt. Dies hat sei- benannt:
nen einfachen Grund darin, dass ich mit dem vorliegenden Buch den
Einführung
1. Wortkunst ist beliebt und scheint der neue Kitsch zu sein. Meiner THEOREM I:
Untersuchung zufolge nimmt sie bei Verkäufen sowohl in teureren
als auch preiswerteren Läden (Walmart) zu. Die Wortkunst kommt Die Parallaxe der Ontologie
immer mit irgendeiner Weisheit daher: „Erfreue dich an dem, was du
hast“, „Manchmal ist die Familie alles, was man im Leben braucht“ Nicht nur unsere Realitätserfahrung, sondern auch die Reali-
und so weiter. tät selbst wird von einer parallaktischen Lücke durchkreuzt:
2. McDonalds hat die Wände seiner Schnellrestaurants neuerdings dem gleichzeitigen Bestehen zweier Dimensionen, der realis-
mit diesen kleinen Weisheiten ausstaffiert. In einer der meist- tischen und der transzendentalen, die sich nicht in demselben
frequentierten Filialen in Toronto beispielsweise wurde im zweiten global-ontologischen Gefüge zusammenbringen lassen.
Stock eine ganze Wand unter der Rubrik Sometimes in Life gestaltet.
3. In den USA ist es eine beliebte Praxis in den sozialen Medien (Face- „Die Weste“ („Kamizelka“), eine von Bolesław Prus 1882 verfasste
book, Instagram etc.), Zitate zusammenzutragen und diese Samm- Kurzgeschichte, spielt zu Lebzeiten des Autors in einem der alten
lung an einer virtuellen Wand auszustellen. Das Interessanteste dabei: Mietshäuser Warschaus. Das Geschehen spielt sich in dem begrenzten
Facebook hat es in den letzten paar Jahren sogar ermöglicht, dass Raum der Wohnung der Protagonisten ab, und es ist, als säße der Er-
ein Nutzer etwas schreiben kann, indem er Symbol-, also Schrift- zähler in einem Kinosaal und berichtete über all das, was er auf einer
zeichen benutzt, und dies automatisch in ein Bildformat umgesetzt Leinwand sieht, bei der es sich genauso gut um ein Fenster in einer
wird. Diese Wiedergabe des Symbolischen als Bild ist der wesentliche Hauswand handeln könnte – kurz gesagt: Es ist Hitchcocks „Fenster
Punkt an dieser Ideologie. zum Hof “, nur mit einem anderen Verlauf. Das Paar in der Wohnung,
4. Es gibt stapelweise Erfolgsbücher, die sich der „Poesie“ verschrieben das der Erzähler beobachtet, ist jung und mittellos. Beide führen ein
haben. Sie enthalten „Lebenslektionen“ oder Weisheiten. Einer die- stilles, arbeitsames Leben, doch der Ehemann ist an Tuberkulose er-
ser beliebten Autoren heißt Rupi Kaur. Jede Seite stellt eine Lektion krankt und stirbt langsam an der Krankheit. Die titelgebende Weste
dar, die das Leben bereithält, und der Hintergrund besteht aus einem hat der Erzähler im Nachhinein für einen halben Rubel bei einem
Bild, das die Botschaft vermitteln soll. Diese Bücher sind außer- jüdischen Händler gekauft (an den die Frau sie nach dem Tod ihres
ordentlich gefragt und stehen auf den Bestsellerlisten. Mannes verkauft hat). Sie ist alt und verblichen, voller Flecken und
Ich könnte noch so weitermachen – dies alles sind meiner Meinung hat auch keine Knöpfe mehr. Der kranke Mann hat sie getragen, und
nach Beispiele für den Sieg, den das Bild über das Loch des Symboli- da er immer weiter abmagerte, ließ er eines der Westenbänder kürzen,
schen errungen hat.8 damit seine Frau sich keine Sorgen macht, und die Frau ließ das andere
Band kürzen, um ihrem Mann die Hoffnung zu erhalten. Demnach
Die ideologische Funktion solcher Wortkunstweisheiten besteht im täuschen beide sich in guter Absicht gegenseitig.1 Man kann vermuten,
Folgenden: Während sie Sicherheit suggerieren und sich als Zuflucht dass das Paar eine so tiefe Liebe verbindet, dass sie sich die jeweilige
aus dem Irrsinn kapitalistischer Hyperaktivität anbieten, bringen sie Täuschung nicht ausdrücklich eingestehen müssen: Im Stillen wissen
uns in Wirklichkeit dazu, dass wir das Spiel hervorragend mitspielen – sie es, und es gehört für sie dazu, dass sie nicht darüber sprechen.
man bringt uns bei, den inneren Frieden des Nichtdenkens zu wahren. Dieses stille Wissen ließe sich als eine Gestalt des „absoluten Wissens“
Die Aufgabe des Denkens ist es nicht, dieses Loch einfach auszufüllen, auffassen, Hegels Version des Absoluten, mit dem der Mensch in Be-
sondern, es vielmehr offenzuhalten und in all seiner beunruhigenden rührung kommt.
Kraft zur Wirkung zu bringen, egal, welche Gefahren das mit sich bringt.
130 Zusatz 1.3
diesen Zerfall ist nicht der Aufstieg des postmodernen Relativismus, THEOREM II:
sondern vielmehr der Umstand, dass die Machteliten nicht länger im-
stande sind, ihre ideologische Vorherrschaft aufrechtzuerhalten. Sex als unsere flüchtige
Jetzt verstehen wir, was diejenigen, die den Verlust der Wahrheit
beklagen, wirklich bedauern: das Auseinanderfallen der einen gro-
Berührung mit dem Absoluten
ßen Geschichte, die vom Großteil der Menschen mehr oder minder
akzeptiert wurde, woraus dann wiederum die Gesellschaft ihre ideo- Die einzige Möglichkeit für uns Menschen, aus der parallakti-
logische Stabilität bezog. Menschen, die den „historischen Relativis- schen Lücke auszubrechen, in der wir gefangen sind, besteht in
mus“ verfluchen, sehnen sich insgeheim nach der Sicherheit jener Si- der Erfahrung der Sexualität, die es uns gerade dadurch, dass
tuation zurück, als alle Welt sich an einer großen Wahrheit orientierte sie ihr Ziel verfehlt, erlaubt, mit der Dimension des Absoluten
(auch wenn es sich dabei um eine große Lüge handelte). Kurzum: Die- in Berührung zu kommen.
jenigen, die den „Tod der Wahrheit“ beklagen, haben ihn in Wahrheit
am radikalsten betrieben: Sie halten sich an das goethesche Wort „bes-
ser Unrecht als Unordnung“ – lieber eine große Lüge als eine Realität, Antinomien der reinen Sexuierung
in der sich Lügen und Wahrheiten mischen.
Heißt das, dass der postmoderne Relativismus, der von uns ver- Um unsere Behauptung aufstellen zu können, dass die transzendentale
langt, diese Mischung aus Lügen und (kleinen) Wahrheiten als unsere Dimension eng mit der Sexualität verbunden ist, müssen wir ein Viertel-
Realität zu akzeptieren, die einzig aufrichtige Position darstellt und jahrhundert zurückgehen. Alles begann, als Joan Copjec etwas Offen-
dass es sich bei jeder großen Wahrheit um eine Lüge handelt? Das ganz sichtliches feststellte, das alle lacanianischen Theoretiker übersehen
sicher nicht. Es heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass es kein Zu- hatten (und das Lacan selbst ebenso offensichtlich entgangen war):
rück zur alten Hegemonie geben wird – es gibt nur eine Möglichkeit, Lacans Formeln der Sexuierung bilden genau die Struktur von Kants
zur Wahrheit zurückzukehren, und diese besteht darin, sie aus einer Antinomien der reinen Vernunft nach, und daher gilt es, seine Formeln
Position universellen Emanzipationsstrebens wiederherzustellen. Wir der Sexuierung als Antinomien der reinen Sexuierung zu benennen.1
müssen das Paradox akzeptieren, dass universelle Wahrheit und Partei- Lacan hat die Widersprüchlichkeiten, welche die Geschlechterdifferenz
lichkeit sich nicht gegenseitig ausschließen: In unseren Gesellschaften strukturieren, in seinen „Formeln der Sexuierung“ herausgearbeitet, in
ist universelle Wahrheit nur für diejenigen erreichbar, die sich im denen sich die männliche Seite durch die allgemeine Funktion und ihre
Kampf um Befreiung engagieren, nicht für diejenigen, die „objektive“ konstitutive Ausnahme sowie die weibliche Seite durch das Paradox des
Unentschiedenheit zu wahren suchen. Zurück zu unserem Beispiel: „Nicht-Alles“ (pas-tout) definiert (es gibt keine Ausnahme und genau
Antisemitismus (aber auch jede andere Form von Rassismus) ist auch darum ist die Menge nicht alles, nicht totalisiert). Kants Auffassung der
dann absolut falsch, wenn er durch „Teil-Wahrheiten“ (genaue Daten- Antinomien der reinen Vernunft zufolge stellt die phänomenale Wirk-
angaben) gestützt wird. Es gibt nicht nur richtige und falsche Daten, es lichkeit, die uns endlichen Menschen erscheint, den einzig gültigen
gibt auch richtige und falsche subjektive Standpunkte, denn diese sind Anwendungsbereich der transzendentalen Kategorien dar  – wenden
selbst Teil der gesellschaftlichen Realität. wir sie auf die Realität an, wie sie unabhängig von uns „an sich“ ist, das
heißt, wenn wir die Wirklichkeit in ihrer Gesamtheit, als unendliches
Ganzes zu denken versuchen, dann verwickelt sich die Vernunft in eine
Reihe unauflöslicher Widersprüche, sprich Antinomien.
132 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 133
Die mathematischen Antinomien zur Realität: Alle Realität wird durch das immanente Ursache-Wirkung-
Erste Antinomie (Raum und Zeit betreffend) Geflecht determiniert – es gibt eine höhere Ursache, die das natürliche
Thesis: Die Welt hat einen Anfang in der Zeit und ist dem Raum nach auch Ursachengeflecht transzendiert, und diese Ursache wirkt aus Freiheit
in Grenzen geschlossen.2 (sie nimmt ihren Anfang durch sich selbst; sie ist keiner anderen Ursa-
Antithesis: Die Welt hat keinen Anfang und keine Grenze im Raume, son- che untergeordnet). Die mathematischen Antinomien behandeln die
dern ist sowohl in Ansehung der Zeit als des Raumes unendlich. immanente (Nicht-)Allheit der Realität, die dynamischen hingegen
eine zur universellen Realitätsordnung bestehende Ausnahme. Und, so
Zweite Antinomie (den Atomismus betreffend) stellte Copjec fest, das Paar aus dynamischen und mathematischen
Thesis: Eine jede zusammengesetzte Substanz in der Welt besteht aus ein- Antinomien spiegelt die beiden Seiten von Lacans „Formeln der Sexu-
fachen Teilen, und es existiert überall nichts als das Einfache oder das, was ierung“ vollkommen wider. Für Lacan ist der Status der Geschlechter-
aus diesem zusammengesetzt ist. differenz in unserem symbolischen Raum letztlich nicht durch den
Antithesis: Kein zusammengesetztes Ding in der Welt besteht aus ein- Gegensatz zweier substanzieller Entitäten – des Männlichen und des
fachen Teilen, und es existiert überall nichts Einfaches in derselben. Weiblichen – gekennzeichnet, sondern durch zwei Modi der Sackgasse,
die für die symbolische Ordnung konstitutiv ist: Soll die Ganzheit die-
Die dynamischen Antinomien ser Ordnung behauptet werden, so muss eine Ausnahme zu ihr be-
Dritte Antinomie (Freiheit und Naturkausalität betreffend) stehen, wohingegen die Ordnung nichtganz ist, wenn es keine Aus-
Thesis: Die Kausalität nach Gesetzen der Natur ist nicht die einzige, aus nahme gibt (weil nur eine Ausnahme sie totalisieren kann). Hier sind
welcher die Erscheinungen der Welt insgesamt abgeleitet werden können. Lacans Formeln der Sexuierung:
Es ist noch eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung derselben anzu-
nehmen notwendig. Ex
xA Φx Ex Φx
Φx Φx
xA
Antithese: Es ist keine Freiheit, sondern alles in der Welt geschieht ledig-
lich nach Gesetzen der Natur. S (A)
a La
Vierte Antinomie (die Existenz oder Nichtexistenz eines notwendigen
Φ
Wesens betreffend)
Thesis: Zu der Welt gehört etwas, das, entweder als ihr Teil oder ihre
Ursache, ein schlechthin notwendiges Wesen ist. Die linke Seite („männlich“) definiert sich durch die Allgemeinheit
Antithese: Es existiert überall kein schlechthin notwendiges Wesen, weder der „phallischen Funktion“ (bei der der Phallus – Phi – für den Signi-
in der Welt, noch außer der Welt, als ihre Ursache. fikanten des Begehrens bzw. der Kastration steht) und ihre konstitu-
tive Ausnahme: Alle Elemente unterliegen der phallischen Funktion;
Die beiden mathematischen Antinomien behandeln den quantitativen doch es gibt (mindestens) eines, das von ihr ausgenommen ist. Die
Umfang der Realität in beide Richtungen (nach außen und nach innen): rechte Seite („weiblich“) definiert sich durch das Nichtbestehen einer
Die Realität ist unendlich teilbar – sie setzt sich aus unteilbaren end- Ausnahme (es gibt kein Element, das der phallischen Funktion nicht
lichen Elementen zusammen; die Realität ist unendlich (es gibt nichts unterliegt), was die Menge der Elemente zum Nicht-Alles macht (nicht
Äußeres zu ihr)  – die Realität ist endlich (sie hat eine Grenze). Die alle unterliegen der phallischen Funktion). Etwas vereinfacht könnte
beiden dynamischen Antinomien behandeln die qualitative Ausnahme man diese Formeln auch als Variation des alten Mottos „Ausnahmen
134 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 135
bestätigen die Regel“ lesen. Blieben noch die Formeln im unteren Teil psychologischer Prozesse resultiert, mit einem Paar ziemlich einfacher,
zu erklären. Auf der maskulinen Seite steht dabei das männliche Sub- in sich widersprüchlicher logischer Formeln zu tun? Lacan spricht frei-
jekt dem objet a gegenüber, der Objektursache des Begehrens, wohin- lich nicht über Biologie, sondern über den Geschlechterunterschied
gegen sich das Bild auf der femininen Seite komplexer darstellt. Das ist als Tatsache unseres symbolischen Universums: Die Verbindung zwi-
allerdings nicht so zu verstehen, als sei die Frau (die es nicht gibt, wofür schen den symbolischen Paradoxien, wie sie die Formeln der Sexuie-
das durchgestrichene La steht) in dem Sinne gespalten, dass ein Teil rung ergeben, und der Biologie des Geschlechts ist natürlich kontin-
von ihr der phallischen Funktion unterliegt und der andere Teil nicht. genter und äußerlicher Art – die Formeln der Sexuierung verzeichnen
Die Frau (die es nicht gibt) unterliegt der phallischen Funktion ebenso die Ausweglosigkeit, mit der das Sprachwesen Mensch sich konfron-
vollständig wie ausnahmslos, und es ist gerade der Umstand, dass keine tiert sieht, wenn es versucht, seine Sexualität zu symbolisieren. Doch
Ausnahme besteht, der sie in die Lage versetzt, Phi – den faszinieren- hat es mit dieser Feststellung sein Bewenden und liegt darin eine Er-
den Herren-Signifikanten – als Signifikanten der Inkonsistenz bzw. des kenntnis begründet?
Mangels des großen Anderen zu erkennen. Nehmen wir ein einfaches Fangen wir mit Kants Antinomien an. Antinomien signalisieren
Beispiel: Für einen Patrioten ist der Name seiner Nation der höchste Unmöglichkeit (die Unmöglichkeit, das Ding an sich zu erfassen); und
Signifikant, dem er sich mit seinem Leben verschreibt. Wie man bei das Unmögliche lässt sich nur durch Fehlschläge umschreiben, mithin
näherer Betrachtung jedoch rasch feststellt, ist dieser Herren-Signi- auf negative Weise, was für Kant heißt: als erhaben. Es ist leicht ersicht-
fikant inhaltslos, ein leerer Signifikant, der nur die Widersprüche und lich, warum dieser Schritt von den Antinomien der reinen Vernunft
Antagonismen verzeichnet (und gleichzeitig verschleiert), die sich tief zur Thematik des Erhabenen die Verbindung der Antinomien zum Se-
in jedes Projekt einer Nation einschreiben. xuellen (dem Geschlechterunterschied) greifbar werden lässt: In sei-
Worauf läuft diese seltsame strukturelle Homologie zwischen den nem vorkritischen Aufsatz über das Schöne und das Erhabene stellt
kantischen Antinomien und Lacans Formeln der Sexuierung hinaus?3 Kant selbst eine Verbindung zwischen dem Erhabenen und der Diffe-
Diese Annäherung hat etwas Verrücktes (und grenzt vielleicht an „rei- renz der Geschlechter her (wobei er das Erhabene dem Männlichen,
nen“, im kantischen Sinne nicht pathologischen Wahnsinn): Was kann das Schöne dem Weiblichen zuordnet). Für Lacan ist das Sexuelle
Kants Festlegung der Grenzen unseres Denkens mit den Sackgassen als solches erhaben, nicht nur in seiner „sublimierten“ (kultivierten)
der menschlichen Sexualität zu tun haben? Warum sollten wir Lacans Form, sondern auch in seiner grundlegendsten menschlichen Form: Es
These il n’y a pas de rapport sexuel („es gibt kein Geschlechtsverhält- ist erhaben, weil Scheitern und die Bindung an ein unmöglich-reales
nis“) mit Kants Grundannahme verbinden, dass es keine Erkenntnis- Ding für die geschlechtliche Erfahrung des Menschen konstitutiv sind.
beziehung gibt, das heißt, dass unsere Erkenntnis nie in unmittelbarer Unsere Behauptung beschränkt sich darauf, dass Kant hier korrigiert
Beziehung zur Realität, wie sie an sich ist, stehen kann? Versuchen werden muss. Er weist der Geschlechterdifferenz einen falschen Ort zu,
wir das Rätsel dieser Verbindung zu lösen, und versuchen wir dabei die vielmehr im Innern des Erhabenen selbst, in dessen beiden Formen
noch auf einen offensichtlichen anderen Einwand einzugehen: Selbst (der „dynamisch“ männlichen und der „mathematisch“ weiblichen)
wenn wir einräumen, dass zwischen den kantischen Antinomien und angesiedelt ist. Gehen wir näher auf diesen zentralen Punkt ein. Die
Lacans Formeln der Sexuierung eine formale Homologie besteht, so beiden in der Kritik der reinen Vernunft entfalteten Formen der Anti-
stellt sich immer noch die Frage, ob diese Formeln wirklich einen an- nomie (die mathematische und die dynamische) entsprechen den bei-
gemessenen Begriff davon ergeben, wie es sich mit der Geschlechter- den in der Kritik der Urteilskraft entfalteten Formen des (mathematisch
differenz beim Menschen verhält. Was hat das Phänomen mensch- und dynamisch) Erhabenen. Kant nimmt seinen Ausgangspunkt bei
licher Sexualität, das aus der Verflechtung biologischer, sozialer und der Differenz zwischen dem Schönen und dem Erhabenen: Das Schöne
136 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 137
„betrifft die Form des Gegenstandes“, habe „Begrenzung“, wohingegen von unserer Sinneserfahrung weg zur Erkenntnis des „höheren“, er-
das Erhabene formlos und unbegrenzt sei. habenen Transzendentalvermögens der Vernunft gebracht.
Das Dynamisch-Erhabene hat mit keinem überdimensionalen
[Es] kann in keiner sinnlichen Form enthalten sein, sondern trifft nur Gegenstand zu tun, sondern mit Elementarkräften, wie etwa einem
Ideen der Vernunft: welche, obgleich keine ihnen angemessene Dar- mächtigen Sturm. Wie beim Mathematisch-Erhabenen, so erkennen
stellung möglich ist, eben durch diese Unangemessenheit, welche sich wir zunächst auch in einer solchen Gewalt, wie wenig der Mensch aus-
sinnlich darstellen läßt, rege gemacht und ins Gemüt gerufen werden. zurichten vermag: Wir sind klein und schwach, und der Sturm könnte
So kann der weite, durch Stürme empörte Ozean nicht erhaben genannt uns mit Leichtigkeit hinwegfegen und so vielleicht vernichten. Wenn
werden. Sein Anblick ist gräßlich; und man muß das Gemüt schon mit wir jedoch keiner unmittelbaren Gefahr ins Auge sehen und ein sol-
mancherlei Ideen angefüllt haben, wenn es durch eine solche Anschauung cher Sturm sich als reine Vorstellung erfahren lässt statt als unmittel-
zu einem Gefühl gestimmt werden soll, welches selbst erhaben ist, indem bare Bedrohung für Leib und Leben, dann können wir ihn in seinem
das Gemüt die Sinnlichkeit zu verlassen und sich mit Ideen, die höhere Schrecken erfassen, ohne uns dabei zu ängstigen. Und an einem sol-
Zweckmäßigkeit enthalten, zu beschäftigen angereizt wird.4 chen Punkt entdecken wir in uns „ein Vermögen zu widerstehen“, das
„von ganz anderer Art“ ist und „uns Mut macht, uns mit der schein-
Diese Erfahrung kann sich auf zweierlei Weise einstellen: auf mathe- baren Allgewalt der Natur messen zu können“.5 Dieses Vermögen, zu
matische und auf dynamische. Die Erfahrung des Mathematisch-Er- widerstehen, ist eine Kraft, „um das, wofür wir besorgt sind (Güter,
habenen wird durch einen schier unfassbar großen, formlosen Gegen- Gesundheit und Leben), als klein, und daher ihre Macht (der wir in An-
stand hervorgerufen: An einem gewissen Punkt sind wir mit unseren sehung dieser Stücke allerdings unterworfen sind) für uns und unsere
Sinnen und unserer Vorstellungskraft (der Fähigkeit des Geistes, die Persönlichkeit demungeachtet doch für keine solche Gewalt an[zu]-
Sinnenwelt zu schematisieren und in Bildern und Formen zu erfassen) sehen, unter die wir uns zu beugen hätten, wenn es auf unsre höchsten
nicht mehr in der Lage, all die unmittelbaren Wahrnehmungen eines so Grundsätze und deren Behauptung oder Verfassung ankäme.“6
riesigen und formlosen Gegenstands in einem vollständigen und ein- Obwohl wir der Natur in ihrer Macht, uns als freie und vernunft-
heitlichen Bild einer einzelnen Figur zusammenzufassen; durch sein begabte Wesen zu vernichten, physisch objektiv unterworfen sind,
schieres Ausmaß droht er unser Begriffsvermögen zu überwältigen können wir im Namen unserer höchsten und vernünftigsten Grund-
und uns damit die Fähigkeit zu nehmen, ihn mit dem geistigen Auge sätze doch auch gegen unser beschränktes Eigeninteresse handeln. Das
in seiner ganzen Dimension zu erfassen. Dies ist eine anfangs sehr un- Erhabene an dieser Erfahrung liegt demnach in der Erkenntnis, dass
angenehme und demütigende Erfahrung, aber es ist auch der Punkt, wir von unserer Ausstattung her zu Mut und Tapferkeit befähigt sind.
an dem sich die Vernunft einschaltet, denn diese hält noch eine andere Bei Kant hat das Erhabene – vor allem in seiner dynamischen, doch
Ressource bereit: die aus dem Bereich unseres übersinnlichen Seins auch in seiner mathematischen Fassung – unverkennbar eine ethische
bezogene Idee der Unendlichkeit. Obwohl es also zunächst vielleicht Stoßrichtung: Es vermittelt uns einen Sinn für die Dinge jenseits unse-
so scheint, als würde der Gegenstand unsere Fähigkeiten hoffnungslos rer eigenen Interessen, und es verschafft uns Zugang zu (und Freude
überfordern, so stellen wir doch fest, dass lediglich unser Sinnesver- an) der Art vernunftgemäßer Interesselosigkeit, die Kant zufolge die
mögen auf diese Weise bedroht ist. Unsere Vernunft verfügt über eine Grundlage ethischen und nicht eigennützigen Handelns bilden muss –
Idee, die weit über den Gegenstand hinausreicht, und daher können im Erhabenen erkennen wir unsere höchste und eigentliche Freiheit.7
wir sie so fassen, dass sie sich dem Unendlichen in seiner Erscheinung Hier nun kann ein Rekurs auf Lacan uns helfen, das Erhabene bei
bloß unzureichend annähert. In einer solchen Bewegung werden wir Kant auf neue Weise zu deuten. In seinem Aufsatz „Kant mit de Sade“
138 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 139
vertritt Lacan die Behauptung, de Sade sei die Wahrheit Kants. Natür- Lacan hält hier argumentativ dagegen, dass wir tatsächlich nicht sicher
lich wird man hier zunächst Verwunderung ernten. Ist denn in unse- sein können, wie die Antwort ausfällt: Was wäre, wenn wir auf ein Sub-
rer heutigen nachidealistisch-freudianischen Zeit nicht längst und jekt stoßen (wie es in der Psychoanalyse regelmäßig geschieht), das nur
allgemein bekannt, was das „mit“ in „Kant mit de Sade“ bedeutet? dann in den vollen Genuss einer leidenschaftlichen Nacht kommen
Steht es nicht dafür, dass die Wahrheit von Kants ethischem Rigoris- kann, wenn es ein irgendwie gearteter „Galgen“ bedroht, das heißt,
mus der Sadismus des Gesetzes ist, das heißt, dass das kantische Ge- wenn es mit dem, was es tut, irgendein Verbot verletzt? Lacan geht es
setz eine Instanz des Über-Ichs darstellt, welche die ausweglose Lage also um Folgendes: Wenn befriedigende sexuelle Leidenschaft das Aus-
des Subjekts  – die Tatsache, dass es die unerbittlichen Forderungen setzen sogar des grundlegendsten „egoistischen“ Interesses einschließt,
unmöglich erfüllen kann – sadistisch genießt wie der berühmte Leh- wenn diese Befriedigung sich eindeutig „jenseits des Lustprinzips“ an-
rer, der seine Schüler mit unausführbaren Aufgaben traktiert und ins- siedelt, dann haben wir es trotz allem gegenteiligen Anschein mit einer
geheim ihr Scheitern auskostet? Lacan allerdings macht hier das ge- ethischen Handlung zu tun, und die „Leidenschaft“ der betreffenden
naue Gegenteil geltend: Nicht Kant war ein geheimer Sadist, vielmehr Person ist strictu sensu ethisch – oder, wie es Alenka Zupančič prägnant
war de Sade ein geheimer Kantianer. Es gilt folglich zu beachten, dass formuliert: „Wenn uns nur das moralische Gesetz dazu veranlassen
Lacan immer Kant im Blick hat, nicht de Sade: Ihn interessieren die kann, all unsere pathologischen Interessen zurückzustellen und den
letztlichen Folgen und verleugneten Voraussetzungen der kantischen Tod anzunehmen, wie Kant behauptet, dann ist der Fall, dass jemand
Revolution der Ethik. Anders gesagt, vertritt Lacan nicht das übliche eine Nacht mit einer Frau verbringt, obwohl er weiß, dass er dafür mit
„reduktionistische“ Argument, wonach jede ethische Handlung, wie seinem Leben bezahlen muss, ein Fall des Moralgesetzes.“9
rein und interesselos sie auch scheinen mag, immer auf irgendeinem Das bedeutet, dass das von Lacan als jouissance bezeichnete ex-
„pathologischen“ inneren Antrieb basiert (das eigene langfristige Inte- zessive Genießen sich ebenso jenseits des Eigeninteresses und auch
resse des Handelnden, die Bewunderung seiner Kollegen oder die „ne- jenseits des Lustprinzips ansiedelt wie das Moralgesetz. Freuds Name
gative“ Befriedigung durch Leiden und Erpressung, die ethische Hand- für die Dimension jenseits des Lustprinzips ist „Todestrieb“, und folg-
lungen häufig verlangen); Lacans Interesse konzentriert sich vielmehr lich ist auch der Todestrieb nicht-pathologisch im kantischen Sinne.
auf die paradoxe Umkehr, durch die das Begehren selbst (das heißt, das Er verschafft Lust, aber Lust im Schmerz, genau wie das kantische Er-
Handeln gemäß dem eigenen Begehren, ohne Kompromiss) sich nicht habene. Wie ist das möglich? Das ist es erst, wenn man wie Lacan gegen
mehr auf ein „pathologisches“ Interesse oder einen inneren Antrieb Kant die Behauptung vertritt, dass es sich beim Begehren um ein nicht
zurückführen lässt und somit die Kriterien einer ethischen Handlung an sich „pathologisches“ Vermögen handelt. Kurz gesagt behauptet
nach Kant erfüllt, sodass man zugleich auch seine Pflicht tut, wenn Lacan, wie wir gesehen haben, die Notwendigkeit einer „Kritik des rei-
man seinem Begehren folgt. Man denke bloß an Kants eigenes bekann- nen Begehrens“: Im Gegensatz zu Kant, für den unser Begehrungsver-
tes Beispiel aus der Kritik der praktischen Vernunft: mögen durch und durch pathologisch ist, macht Lacan geltend, dass es
ein „reines Begehrungsvermögen“ gibt. Und das wiederum heißt, dass
Setzet, daß jemand von seiner wollüstigen Neigung vorgibt, sie sei, wenn Kant das Übersinnliche ein bisschen vorschnell zum Triumph über das
ihm der beliebte Gegenstand und die Gelegenheit dazu vorkämen, für ihn Sinnliche erklärt: Alles Sinnliche gilt ihm bloß als pathologische Lust,
ganz unwiderstehlich: ob, wenn ein Galgen vor dem Hause, da er diese wohingegen er das Übersinnliche und Nichtpathologische der Ver-
Gelegenheit trifft, aufgerichtet wäre, um ihn sogleich nach genossener nunft und dem Moralgesetz vorbehält. Aus diesem Grund bevorzugt
Wollust daran zu knüpfen, er alsdenn nicht seine Neigung bezwingen Kant auch eindeutig das Dynamisch-Erhabene, bei dem wir das mora-
würde. Man darf nicht lange raten, was er antworten würde.8 lische Gesetz auf negative Weise als eine Kraft erfahren, die uns gegen
140 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 141
die äußere Bedrohung durch unbändige Naturkräfte standhalten lässt. des täglichen Lebens: Eine andere Dimension dringt in unseren All-
(Es sei daran erinnert, dass wir Kant zufolge die Freiheit nur durch tag ein und sorgt dafür, dass wir unsere üblichen Interessen und Ver-
das Moralgesetz erfahren: Freiheit ist letztlich die Freiheit, der De- pflichtungen vernachlässigen. Die katholische Kirche übergeht dabei
terminierung durch die Natur zu entkommen, und die innere Nöti- freilich die offensichtliche Tatsache, dass es gerade die Tiere sind, die
gung durch das Moralgesetz verschafft uns die Möglichkeit zu einem es allein zur Fortpflanzung miteinander tun, wohingegen der Mensch
freien und gegen unsere egozentrischen Interessen gerichteten Han- im Sog der sexuellen Leidenschaft etwas isoliert (den Geschlechtsakt),
deln.)10 Die Erfahrung des Mathematisch-Erhabenen dagegen gestaltet das in der Natur der Fortpflanzung dient, und es zu einem Selbstzweck,
sich anders: Bei genauerer Betrachtung kann man erkennen, dass sie einem Akt intensiven vergeistigten Lusterlebens macht. Darum bringt
keinen Bezug auf eine andere, „höhere“ Dimension beinhaltet, die dem die Psychoanalyse auch den Sex zur Sprache – nicht weil Sex die natür-
Sinnlichen äußerlich wäre, und damit auch keine Ausnahme gegenüber liche Substanz unseres Daseins ist, die dann durch die vielschichtigen
der Ordnung des Sinnlichen – das „Übersinnliche“, mit dem sie sich Zivilisationsrituale (die ihren eigentlichen Ort in der Sprache bzw. der
verbindet, ist das über die Grenzen des menschlichen Wahrnehmungs- Arbeit haben) kultiviert wird: Der Bruch mit dem „natürlichen Leben“
vermögens hinaus ausgedehnte Sinnliche selbst. Die Lücke, auf die wir erfolgt vielmehr im Sex selbst. Das heißt – wie wir in unserer Kant-
dabei stoßen, ist dem Sinnlichen immanent, und sie entspricht der von auslegung zu zeigen versucht haben –, dass die Spannung, die das Er-
Lacan formulierten Antinomie des Nicht-Alles. Demnach gibt es keine habene charakterisiert, der Sexualität immanent ist; sie bezeichnet
Ausnahme zur Ordnung des Sinnlichen, die sich aber auch sonst nicht ihren immanenten Antagonismus und ist keine Spannung zwischen
totalisieren lässt, das heißt, diese Ordnung bleibt nicht-alles. Anders sinnlicher Sexualität und einer anderen, „höheren“ Dimension.
gesagt: Sofern das Sinnliche dabei überwunden wird, wird es nicht in Aufgrund dieser immanenten Spannung ist der sexuelle Genuss
Richtung einer anderen, höheren Dimension überwunden, sondern nicht nur letztlich zum Scheitern verurteilt, sondern er ist in gewisser
von innen her, bleibt aber in seiner eigenen Inkonsistenz gefangen – Weise der Genuss des Scheiterns selbst, des wiederholten Scheiterns,
dies ist die immanente Spannung, welche die von Lacan sogenannte der Wiederholung des Scheiterns. Stellen wir uns eine einfache Szene
jouissance feminine kennzeichnet. Damit sind wir wieder bei der Diffe- vor: Ich schüttele jemandem nachlässig die Hand, doch nachdem ich
renz zwischen der Antinomie der männlichen Sexualität und der Anti- das ein paar Mal getan habe, lasse ich sie nicht etwa wieder los, son-
nomie der weiblichen Sexualität angelangt, die wir im einleitenden Teil dern beginne sie rhythmisch zu drücken  – würde ein solches Ver-
kurz skizziert haben: Die jouissance feminine ist grenzenlos und daher halten meinerseits nicht den unangenehmen und peinlichen Eindruck
von einer immanenten Sackgasse durchzogen, einer Ausweglosigkeit, hervorrufen, ich wolle der betreffenden Person erotische Avancen ma-
die eine Frau dazu treiben kann, ihrer Lust vollständig zu entsagen. chen? Das erhabene sexuelle Ding (kantisch gesprochen, das noume-
Die männliche Geschlechtsökonomie dagegen stützt sich auf eine nicht nale sexuelle Ansich) ist nicht auf direktem Weg erreichbar; es lässt sich
geschlechtliche Ausnahme (bei Kant eine ethische), die sie in ihrer All- nur als fehlender Kristallisationspunkt der wiederholten Versuche, es
gemeinheit aufrechterhält. sich anzueignen, umschreiben. Oder, wie es bei Kant heißt, es kann nur
Aus diesem Grund neigt die katholische Kirche auch stark dazu, negativ evoziert werden durch die fortlaufend scheiternden Versuche,
die sexuelle Aktivität (wenn sie von der Fortpflanzung abkoppelt ist) es zu erreichen. Darum ist Schmerz, der Schmerz des Scheiterns, Teil
als roh und animalisch abzuwerten. Intuitiv erfasst sie nämlich sehr des intensiven sexuellen Erlebens und der Genuss stellt sich erst als
genau, dass der Sex ihr großer Konkurrent ist, denn schließlich bildet Folge der durch den Schmerz getrübten Lust ein.
er die erste und grundlegendste Erfahrung eines im eigentlichen Sinne In diesem Zusammenhang gilt es, an Lacans Definition des Er-
meta-physischen Erlebens. Sexuelle Leidenschaft unterbricht den Fluss habenen zu erinnern. Ihm zufolge handelt es sich dabei um „ein auf
142 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 143
die Ebene des Dings erhobenes Objekt“, eine gewöhnliche Sache oder (Dummes, Exzessives) an sich – man denke hier etwa daran, wie der
Handlung, durch die in einem fragilen Kurzschluss das unmögliche Earl of Chesterfield den Geschlechtsakt kurzerhand abqualifizierte:
reale Ding hervortritt. Darum reicht in einem intensiv erotischen „Das Vergnügen ist vorübergehend, die Position lächerlich, die Kosten
Wechselspiel ein falsches Wort, eine vulgäre Geste, und es kommt zu sind verheerend.“12 Wie schreibt sich also wiederum die Geschlechter-
einer heftigen Entsublimierung, in der die erotische Spannung in sich differenz in diese Struktur des Scheiterns ein, das jouissance verschafft?
zusammenfällt und die Beteiligten schlagartig auf vulgäre Weise mit- Zu berücksichtigen ist hier, dass männlich und weiblich keine positiv
einander zu kopulieren beginnen. Stellen wir uns einen Mann vor, der gegebenen Entitäten sind, sondern formale Strukturen zweier Typen
im Sog erotischer Leidenschaft einen genauen Blick auf die Vagina der von Antagonismen. Betrachten wir ein neueres Beispiel: Wenn in den
Frau wirft, mit der er schläft, und dabei bebt er vor Erregung, wenn Medien über die #MeToo-Bewegung berichtet wird, wird dabei häu-
er nur an die Freuden denkt, die ihn noch erwarten – doch dann pas- fig auch irgendein Foto von einer Frau gezeigt, die ein Plakat hochhält,
siert etwas, er verliert gleichsam den Kontakt, der erotische Sog kommt auf dem es beispielsweise heißt: „Ich werde als Frau wahrgenommen,
zum Erliegen und mit einem Mal erscheint das Fleisch vor ihm in all aber ich will mich nicht mehr darauf reduzieren lassen“. Diesem State-
seiner vulgären Wirklichkeit, nebst der Ausdünstung von Urin und ment liegt die Vorstellung zugrunde, dass die weibliche Identität (wie
Schweiß usw. (Und man kann sich leicht die entsprechende Erfahrung sie durch den vorherrschenden Diskurs bestimmt wird) eine patriar-
mit einem Penis vorstellen.) Was geschieht da? Erlebt man dabei das, chale Ideologie sei und dass Frauen, die nach Selbstbestimmung stre-
was Lacan als „Durchquerung des Phantasmas“ bezeichnet – dass die ben, diese zurückweisen sollten. Eine solche Zurückweisung ist freilich
Schutzschicht aus phantasmatischen Vorstellungen zerfällt und man die weibliche Geste par excellence, eine hysterische Widerstandsgeste
sich mit dem entsublimierten Realen des Fleisches konfrontiert sieht? gegen die „Anrufung“. Nach dieser althusserlschen Begrifflichkeit be-
Für Lacan passiert in der dargestellten Szene das genaue Gegenteil: Die steht die weibliche Subjektivität in ihrem Kern in der hysterischen In-
Vagina hört auf, „ein zur Würde eines Dings erhobenes Objekt“ zu sein, fragestellung der Identität, die die ideologische Anrufung verschafft:
und wird Teil der gewöhnlichen Realität. In diesem Sinne stellt die Su- „Du (der Herr) sagst, ich sei dies, warum aber bin ich das, von dem
blimierung nicht das Gegenteil der Sexualisierung dar, sondern viel- du sagst, dass ich es bin?“ Während Frauen also versuchen, sich von
mehr ihre Entsprechung: Das Reale ist das rätselhafte immaterielle X, dem ideologischen Panzer, der sie einengt, zu befreien, tun Männer
in dessen Sog wir von der Vagina angezogen werden.11 das Gegenteil. Männer versuchen gerade ihre phallisch-symbolische
Und darum ist es auch in der Erotik nur ein kleiner Schritt vom Identität zu erlangen, die sich ihnen jedoch für immer entzieht, und
Erhabenen zum Lächerlichen. Dabei scheinen sich der Geschlechts- darum plagen sie sich mit der Frage herum, ob sie wirklich ein Mann
akt und das Komische doch eigentlich radikal auszuschließen – denn sind. Die Differenz der Geschlechter ist, kurz gesagt, ihre eigene Meta-
steht nicht der Geschlechtsakt für den Moment äußerster Intimität und differenz: Sie ist nicht die Differenz zwischen den beiden Geschlech-
Hingabe, für den Punkt, zu dem das beteiligte Subjekt unmöglich die tern, sondern die Differenz zwischen den beiden Modi, den beiden
Haltung eines ironischen Beobachters von außen einnehmen kann? „Funktionsweisen“ der Geschlechterdifferenz: Lacans Formeln der Se-
Aus genau diesem Grund aber kann es gar nicht anders sein, als dass xuierung lassen sich auch so verstehen, dass die Geschlechterdifferenz
der Geschlechtsakt den nicht unmittelbar Beteiligten zumindest ein von der Männerseite her die Differenz zwischen dem (männlichen)
klein bisschen lächerlich erscheint; die komische Wirkung ergibt sich Universalmenschlichen und seiner (weiblichen) Ausnahme ist, wäh-
dabei gerade aus der Diskrepanz zwischen der Intensität des Akts und rend sie sich von der Frauenseite her als die Differenz zwischen dem
dem Gleichmaß des alltäglichen Lebens. Für den „nüchternen“ Blick (weiblichen) Nicht-Alles und der (männlichen) Nicht-Ausnahme dar-
von außen hat der Geschlechtsakt letztlich immer etwas Komisches stellt. Anders gesagt, ist die Geschlechterdifferenz keine Differenz
144 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 145
zwischen den zwei Arten der Universalität des Geschlechts (die sich „Ich“ der Apperzeption) in eine Metaphysik eines Selbst (als Objekt)
dann durch andere wie Transgender usw. supplementär ergänzen las- verwandelt, das sich vorgeblich allein durch die Vernunft als substan-
sen), sondern die Differenz, die diese Universalität selbst von innen ziell, einfach, identisch usw. „erkennen“ lässt. Dieses Abgleiten vom
her spaltet. „Ich“ der Apperzeption in die Konstituierung des Subjekts als Objekt
Hieraus ergibt sich – wiederum mit Blick auf Kant –, dass das Tran- (bei Kant als Seele) – was heute von der objektorientierten Ontologie
szendentale keinen stabilen Universalrahmen darstellt, der dem stö- populär vertreten wird  – beschreibt Kant als Fehlschluss der reinen
renden Einfluss der chaotischen Mannigfaltigkeit äußerer Sinnesein- Vernunft: „Was nicht anders [denn] als Subjekt gedacht werden kann,
drücke ausgesetzt ist; es ist vielmehr von innen her eingeschnitten, existiert auch nicht anders [denn] als Subjekt, und ist also Substanz.
antinomisch, von immanenten Inkonsistenzen durchzogen. Darum Nun kann ein denkendes Wesen, bloß als ein solches betrachtet, nicht
muss das kantische Transzendentale in der „Euthanasie der reinen anders [denn] als Subjekt gedacht werden. […] Also existiert es auch
Vernunft“ (A 407/B 434) enden, in der Verzweiflung der Vernunft an nur als ein solches, d. i. als Substanz.“14
ihrem eigenen Unvermögen. Als philosophische Konsequenz aus die- Die Hauptprämisse liefert die allgemeine Definition der Substanz
ser Verzweiflung verwirft Kant die Ontologie als metaphysica gene- und drückt demnach die allgemeine Regel aus, nach der es möglich ist,
ralis, „welche sich anmaßt, von Dingen überhaupt synthetische Er- Gegenstände als Substanz zu denken. Kant zufolge ist es allerdings un-
kenntnisse a priori zu geben“, sodass „der stolze Name einer [solchen] zulässig, den Substanzbegriff auf das Ich anzuwenden, weil sich dieser
Ontologie […] dem bescheidenen, einer bloßen Analytik des reinen Begriff nur auf empirische Gegenstände in der Realität anwenden lasse
Verstandes, Platz machen“ muss.13 Verhängnisvoll ist dabei, dass wir und es sich beim Ich um keinen solchen Gegenstand handele. Statt zwi-
die metaphysische Versuchung nicht einfach abschütteln können und schen apperzeptivem Ich und empirischem Selbst zu unterscheiden,
nur allzu bereit dazu sind, entsprechende Kenntnisse dann auch ein- wie Kant es hier tut, wird Lacan später zwischen dem leeren bzw. ge-
zusetzen: Unsere metaphysischen Neigungen liegen in der „Natur der barrten Subjekt des Signifikanten und dem imaginären Ego als Objekt
Vernunft selbst“ begründet, in der ihr gemäßen Vorgabe, die systema- unterscheiden.15
tische Einheit und Vollständigkeit der Erkenntnis zu sichern. Dieselbe
Forderung, von der wir uns bei unseren rationalen wissenschaftlichen
Forschungen leiten lassen und die unsere (menschliche) Vernunft de- Geschlechterparallaxe und Erkenntnis
finiert, enthält demnach auch den Irrtum, den es einzudämmen be-
ziehungsweise zu vermeiden gilt. Kurzum: Kant macht die Vernunft als Diese Klarstellungen führen uns zu der alten naiven Frage, woraus sich
den Sitz einer ganz speziellen Art von Irrtum aus, eines Irrtums, der die Realität letztlich zusammensetzt. Ist die letzte Wirklichkeit unend-
wesentlich mit der Neigung zur Metaphysik zusammenhängt und auf lich teilbar, das heißt, besteht sie aus einer Vielheit von Vielheiten,
den er sich als „transzendentalen Schein“ bezieht. Die Ideen der Ver- oder gibt es kleinste diskrete Einheiten? Oder ist die letzte Wirklich-
nunft (Seele, Welt und Gott) – die gemäß der Forderung nach einem keit eine Leere, aus der Teilchen fluktuieren, auftauchen und wieder
unbedingten Seienden gedacht werden, das den maßgeblichen Bereich verschwinden? Die Liste der Ansätze ließe sich weiter fortsetzen. Der
der Bedingungen vereinheitlichen kann – werden durch die Vernunft Ausgangspunkt aber, der sich aus unserer Sicht aufdrängt, ist ein ande-
fälschlicherweise „hypostasiert“ beziehungsweise als unabhängig vom rer: Er besteht in der Annahme einer konstitutiven Unmöglichkeit. Die
Geist bestehende „Gegenstände“ vorgestellt, die wir zum Objekt unse- Realität ist nicht-eins, was nicht einfach heißt, dass sie vieles ist: Nicht-
rer Erkenntnis machen können. Kants Auffassung zufolge wird ein eins, die Unmöglichkeit, ein Eines zu sein, ist ihr als ihre eigene in-
Kennzeichen des Selbstbewusstseins (die gleichbleibende Identität des nerste Bedingung der (Un-)Möglichkeit eingeschrieben. Das bedeutet
146 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 147
wiederum, dass in den Kern der Ontologie selbst eine deontologische Polarität zweier in ewigem Kampf gefangener Gegenkräfte entfernt sind:
Spannung eingeschrieben ist: Die Realität ist in sich durchkreuzt, sie Zwischen den beiden Polen besteht eine radikale Asymmetrie; das zwei-
kann nicht das sein, was sie unmittelbar sein soll. Hegelianischer aus- te Element füllt einfach nur die Leere der Unvollständigkeit des ersten
gedrückt, entsteht das Eine als ein Eines durch eine Beziehung auf sich auf. Doch sofern das „versperrte“ Eine bedeutet, dass jedes Eine völlig
selbst, die seine Einheit all seinen partikularen Eigenschaften, über die de-zentriert ist, dass es seinem Äußeren, welches durch seine Einheit
auch andere verfügen, entgegensetzt, und demnach muss es sich selbst hindurchschneidet, gänzlich ausgesetzt und vollständig durch es ver-
entgegen seiner Eigenschaften in eins teilen. Die Frage ist also: Was mittelt ist, könnte man leicht versucht sein, dieses Andere selbst zum
ist Selbstidentität? Halten wir uns dazu zunächst an Wittgenstein und absoluten, letzten Grund zu erheben, in dem jedes Eine und Einfache
überlegen, wann wir im täglichen Sprachgebrauch auf tautologische wie in einem komplexen Feld verwurzelt ist. Darum aber gilt es, dieser
Wendungen zurückgreifen. Wenn wir etwa gefragt werden, was eine Versuchung erst recht zu widerstehen: Es gibt kein Anderes; das Andere
Rose sei, dann sagen wir einfach: „Eine Rose ist  … eine Rose“. Das ist in sich selbst „versperrt“, es bietet keine letzte Grundlage.
sagen wir, wenn wir die Erfahrung machen, dass Prädikate scheitern: Sofern Kant kraft seiner transzendentalen Wende der philo-
Wie sehr wir uns auch bemühen – Prädikate erfassen die Sache nicht, sophische „Erstvermesser“ jener Lücke war, die auch nach unseren
und so können wir lediglich das Substantiv noch einmal wiederholen. heutigen Vorstellungen noch zwischen dem Raum der Wirklichkeit
Die Behauptung der Selbstidentität ist demnach die Behauptung der und ihrem transzendentalen Horizont verläuft, ist es offensichtlich,
Differenz selbst: nicht bloß der Differenz der Sache von allen anderen warum wir unser Augenmerk in erster Linie auf ihn richten, auf seine
Dingen (im Sinne der Differenzialität), sondern der Differenz einer Antinomien der reinen Vernunft und dann auf den Übergang von ihm
Sache in Bezug auf sich selbst, der Differenz, die durch eine Sache hin- zu Hegel. Dabei sollten wir in zwei Schritten vorgehen: Zuerst müs-
durchschneidet, die Differenz zu der Reihe ihrer Prädikate (die ihre sen wir die Verbindung zwischen Kants transzendentalem Denken und
positiven Merkmale definieren): „Eine Rose ist eine Rose“ heißt, dass dem Scheitern der Ontologie genau skizzieren. Nach vorherrschender
sich die Rose nicht auf die Reihe ihrer Prädikate reduzieren lässt. Die- Auffassung hat Kant offen eingeräumt, dass die allgemeine Ontologie
sem hübschen Fall der Verbindung zwischen Identität und Scheitern in ihrem Bemühen, das Wirklichkeitsganze zu erfassen, gescheitert
entsprechend, gründet jede Selbstidentität in einem Scheitern der Prä- sei: Strengen wir unsere geistigen Kräfte dahingehend an, verstricken
dikate. (Es ist hier nicht der Raum, sich mit dem Zusammenhang zwi- wir uns zwangsläufig in Antinomien. Hegel soll diese Lücke dann ge-
schen diesem Scheitern und dem objet a als dem ausweichenden und schlossen haben, indem er die Antinomien als Widersprüche deutete,
unbestimmbar bleibenden „Ich weiß nicht was“, welches die Identität deren dialektisches Moment es uns ermöglichen würde, die Wirklich-
einer Sache aufrechterhält, zu befassen.) In ebendiesem Sinne geht ein keit im Ganzen zu begreifen. Mit Hegel gibt es demnach eine Rück-
Gegenstand aus seiner eigenen Unmöglichkeit hervor: Ein Gegenstand kehr zur vorkritischen allgemeinen Ontologie. Doch was ist, wenn sich
kann, um zu sein, nur vor dem Hintergrund seiner eigenen Unmög- die Situation in Wahrheit ganz anders darstellt? Es stimmt: Kant lässt
lichkeit zur Existenz gelangen, und das bedeutet, dass seine Identität Antinomien gelten, jedoch nur auf epistemologischer Ebene, nicht als
konstitutiv durchkreuzt, beschnitten ist. immanente Merkmale des unerreichbaren Dings an sich. Hegel da-
Wie gelangen wir daher vom Einen zu zweien? Es gibt zwei, weil das gegen versetzt die epistemologischen Antinomien in den ontischen Be-
Eine in sich selbst versperrt, unmöglich ist. Zwei sind bzw. ist weniger reich und untergräbt damit jede Ontologie: Die „Wirklichkeit selbst“
als eins; es sind nicht zwei Eine, sondern eins und eine Leere, die in ist nicht-alles, antinomisch. Man muss aufpassen, dass einem das
das Eine als das Kennzeichen seiner Unmöglichkeit schneidet. Daran Wesentliche an Kants philosophischer Revolution nicht entgeht. Er be-
lässt sich ermessen, wie weit wir von der traditionellen Vorstellung der harrt nämlich nicht einfach auf dem unüberwindlichen Abstand, der
148 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 149
die Erscheinungen von dem Ding an sich trennt. Die Kluft, die er be- Hindernis für den Zugang zum Ding an sich darzustellen. Unsere Be-
hauptet, erstreckt sich zwischen der transzendental konstituierten Er- rührung mit dem Absoluten besteht gerade in der subjektiven „Ver-
scheinungsrealität und dem Realen, dem Ding an sich, und das impli- zerrung“, und darum verbindet sich der Schritt über Kant hinaus nicht
ziert wiederum, dass unsere Realität selbst nicht-alles, inkonsistent ist. mit irgendeiner Art „objektiver“ Dialektik, sondern mit dem Einbezug
Erst vom Blickwinkel dieses kantischen Durchbruchs aus können wir subjektiver „Verzerrungen“ in „objektive“ Prozesse – und durch diese
Hegels Vorstellung des Negativen als zerreißende Macht, die der Reali- Verdopplung der „Verzerrung“ definiert sich das Absolute. Das be-
tät selbst innewohnt, angemessen verstehen. deutet: Gerade als das Absolute, als das unmöglich-reale Ding, ist Sex
Es gilt hier folglich, sehr genau zu sein: Wenn Kant sein Bedauern nur als der immer schon verfehlte Bezugspunkt von Umwegen und
darüber ausdrückt, dass das Ding an sich außerhalb unserer Reichweite Verzerrungen zugänglich. Unmittelbar zugänglicher Sex ist bloß eine
bleibt, wirkt das gestellt und man spürt deutlich seine Erleichterung – vulgäre biologische Betätigung und nicht wirklich „sexuell“ – erst wenn
gottlob sind wir der Gefahr, ihm zu nahe zu kommen, entronnen! sich diese Betätigung im Spinnengewebe der Verschiebungen und Um-
Darum ist es wichtig festzuhalten, dass Kant nicht nur die Lücke zwi- wege verfängt, wird sie effektiv sexuell.
schen Erscheinungen und dem Ansich aufzuzeigen versucht; er ver- Doch steigen wir wieder hinab von den Höhen der Theorie des täg-
tritt eine viel stärkere Position, wenn er behauptet, die Antinomien lichen Lebens und veranschaulichen uns diesen Punkt anhand einer
der reinen Vernunft würden zeigen, dass die Erscheinungen nicht das Strategie des sexuellen Austauschs: der geschickten Manipulation des-
Gleiche sein können wie das Ansich, dass sie notwendigerweise bloß sen, was gesagt beziehungsweise nicht gesagt wird. In unserem Fall
Erscheinungen sind. (Nach der gleichen Logik bedauert Kant in der nimmt sie die Form der zweideutigen Betonung eines Teilsatzes an
Kritik der reinen Vernunft, dass wir nie Gewissheit darüber erlangen und erzeugt eine erotische Bedeutung, die zwar gleich wieder neutrali-
werden, ob unser Handeln ein wirklich freies, ethisches Handeln war siert wird, deren Effekte sich jedoch nicht wieder ganz rückgängig ma-
oder doch nur ein von pathologischen Beweggründen verunreinigtes: chen lassen. Einer meiner Philosophenfreunde erzählte mir, er sei bei
Auch hier wird unter dem Bedauern Erleichterung spürbar, dass wir einem Treffen im Anschluss an eine Tagung, auf der er einen Vortrag
dem Realen der Freiheit für immer entgehen können.) Eine hegelia- gehalten hatte, in eine hitzige Auseinandersetzung mit einer Frau ge-
nische Kritik Kants macht nicht einfach geltend, dass die Phänomene raten, bei der es um seinen Vortrag ging. Zwischen beiden begann sich
in ihrer Erscheinung dem Ansich entsprechen: Vielmehr bringt sie die eine erotische Spannung aufzubauen, die ihren Ausdruck jedoch al-
Lücke zwischen Erscheinungen und dem Ansich voll zur Geltung und lein auf mimischer und gestischer Ebene fand. An einem bestimmten
weist dem Realen seinen Ort in dieser Lücke selbst zu. Kurzum: Eben- Punkt begann er seine Erwiderung auf einen inhaltlichen Einwand von
die Lücke, die uns von dem Ding an sich für immer zu trennen scheint, ihr mit den Worten „Lassen Sie es mich vielleicht so ausdrücken“, und
ist ein charakteristisches Merkmal des Ansich selbst; sie lässt sich nicht dabei beschrieb er mit seiner Hand eine Geste, die sein Verlangen er-
auf etwas dem Bereich der Phänomene Immanentes reduzieren. kennen ließ, sie an sich zu reißen. Bevor er seinen Satz beendet hatte,
Dies bedeutet, dass sich der Übergang von Kant zu Hegel – von den unterbrach ihn die Dame mit den eindringlichen Worten „Ja, tun Sie
epistemologischen Antinomien zu den Antinomien, die in die Sache das“, um nach einer fast unmerklichen Pause mit etwas gedämpfterer
selbst eingeschrieben sind – mit keiner irgendwie gearteten Rückkehr Stimme fortzufahren: „… sagen Sie, wie Sie es formulieren würden“.
zu einer vorkritischen Metaphysik verbindet, die lediglich das Bild Der springende Punkt ist hier natürlich die doppelte Funktionsweise
einer objektiven Realität vermittelt, welche von Antinomien durch- des „Ja, tun Sie das …“: Als Teil des ganzen Satzes drückt sich darin
zogen ist. Antinomien sind nicht in dem Sinne verdoppelt, dass sub- ihre Zustimmung dazu aus, wie er die Diskussion fortzusetzen ge-
jektive Antinomien Antinomien des Dings „widerspiegeln“, statt ein denkt, doch losgelöst vom zweiten Teil des Satzes, reagiert sie damit
150 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 151
unmittelbar auf seine körperliche Geste und gestattet ihm, sie an sich macht (auf eine Weise, die sich von den postmodernen Kosmologien
zu ziehen. (Übrigens ging die Geschichte gut aus: Er deutete ihre Er- mit ihrem Kampf gegensätzlicher Prinzipien wie Yin und Yang etc.
widerung richtig und das Paar verbrachte die Nacht zusammen.) In die- radikal unterscheidet). Was aber ergibt sich aus dieser Einsicht nun
sem Sinne schreibt sich die Sexualität in die Einschnitte und Lücken im eigentlich genau? Es scheint, als bekräftige sie wiederum die agnos-
gesprochenen Wort ein, wie Lacan sagt: Es geht dabei nicht nur darum, tische Transzendentalhypothese und gebe ihr lediglich einen „freud-
dass die erotische Bedeutung aufgrund der Anstandsregeln in doppel- schen“ Grundton  – so etwas wie: Unsere Vernunft verfängt sich in
deutiger und indirekter Weise übermittelt werden muss, vielmehr hat Antinomien, sie kann sich keinen Zugang zur an sich seienden Reali-
diese Doppeldeutigkeit selbst (die beiden Bedeutungen von „Ja, tun tät verschaffen, weil sie durch die Sexualität (Geschlechterdifferenz)
Sie das“) die Situation erotisch noch weiter aufgeladen. Darum ist das schon immer (konstitutiv) „verdreht“ ist.
Absolute virtuell (der unmögliche Bezugspunkt erotischer Spiele) und Die Frage ist somit: Wie können wir diese „Euthanasie der Ver-
als solches fragil: Die gewöhnliche Realität ist das Feste und Träge, das nunft“ denken (die unvermeidliche Verstrickung der Vernunft in
auf stupide Weise da ist; das Absolute dagegen das vollkommen Fra- Antinomien, ihr Scheitern daran, die Realität in ihrer Totalität, als ein
gile und rein Flüchtige. Ganzes, zu erfassen), ohne ein ihrer Reichweite entzogenes Ansich
Doch zurück zu unserer eigentlichen Frage: Wie sollen wir nun zu setzen (oder vorauszusetzen, kurz – und hegelianisch – gesagt, als
den von Kant begründeten transzendentalen Ansatz überwinden, vorausgesetzt zu setzen)? Selbstverständlich gibt es dafür nur eine (he-
also: Wie sollen wie den Übergang von Kant zu Hegel vollziehen, ohne gelsche) Möglichkeit: den Schritt aus der epistemologischen Sackgasse
auf eine vorkritische realistische Ontologie zurückzufallen? Kants Be- zur ontologischen Unmöglichkeit, das heißt die Vorstellung eines der
schränkung des Erkennbaren auf die transzendental konstituierte Er- Realität selbst immanenten radikalen Antagonismus (parallaktischen
scheinungswirklichkeit bedeutet im Ergebnis nicht, dass die phä- Spalts). Wie es bei Hegel heißt, legte Kant „zu viel Zärtlichkeit für die
nomenale Wirklichkeit  – auch wenn sie eine Erscheinung ist  – ein Dinge“ an den Tag, als er nicht akzeptieren wollte, dass Antinomien
konsistentes Ganzes bildet, auf das wir vertrauen können, indem wir ein Merkmal der Realität selbst sind; das, worin Kant ein Hindernis für
Widersprüchlichkeiten und Inkonsistenzen gefahrlos in das noume- unsere Erkenntnis des Dings an sich erkennt, sollten wir folglich ihm
nale Jenseits verweisen. Die Antinomien der reinen Vernunft bedeuten entgegen gerade als dasjenige Merkmal begreifen, das uns in den Ab-
in der Konsequenz, dass die äußere Grenze (welche die Erscheinungs- grund im Innersten des Dings an sich stürzt. Dass wir die Realität nicht
wirklichkeit vom noumenalen Jenseits trennt) gleichzeitig innen ver- als Ganzes erfassen können, heißt nicht, dass sie sich unserem Zugriff
läuft (innerhalb der Erscheinungswirklichkeit): Die Vernunft ist von entzieht. Es bedeutet, dass die Realität an sich nichtganz, antagonis-
innen her durchkreuzt; sie kann sich nicht selbst totalisieren. Daher ist tisch, von einer konstitutiven Unmöglichkeit gekennzeichnet ist – zu-
die letzte Folgerung von Kants Transzendentalismus die Sackgasse der gespitzt formuliert, gibt es Dinge, weil sie nicht vollständig existieren
Vernunft: Wenn sie die Grenzen unserer endlichen Erfahrung zu über- können.
schreiten versucht, verfängt sich die Vernunft (der Logos, die symboli- In der Quantenphysik steht die Superposition mehrerer Versionen
sche Ordnung) notwendigerweise in Antinomien, und darin liegt der in einer Welle für die „Kastration“ und damit für die Unmöglichkeit
Beweis, dass die Realität in ihrem Ansich für sie unerreichbar bleibt. des Einen, sich selbst zu verwirklichen (in logischer Entsprechung zu
Der nächste Schritt betrifft die bereits dargelegte Homologie, die Freuds Behauptung, wonach mehrere Penisse in einem Traum die Kas-
zwischen Kants Dualität mathematischer und dynamischer Anti- tration, den Mangel des Einen, bezeichnen.) Es ist daher nicht so, dass
nomien der reinen Vernunft und Lacans Formeln der Sexuierung be- Versionen begleitende Schatten des eigentlichen Einen wären: Das Eine
steht und welche die Sexualität in ihrer ontologischen Relevanz geltend ist vielmehr einer der Schatten, der in kontingenter Weise ausgewählt
152 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 153
wurde, um die Leere zu füllen. In diesem Sinne wiederum besteht das Überwindung dieser Lücke wiederum, die das Subjekt von seinem un-
Eine aus seiner eigenen Unmöglichkeit heraus: Das Hindernis der Un- durchdringlichen Anderen trennt, besteht nicht in der Aneignung die-
möglichkeit verwehrt seine Verwirklichung und lässt es in eine Viel- ses Anderen, sondern in der Verlagerung des transzendenten Ansich
heit explodieren und aus dieser Vielheit wird das Eine in kontingenter ins Innerste des Subjekts selbst: Ich selbst bin der undurchdringliche
Weise ausgewählt. Dieser zirkuläre Prozess lässt sich in seiner reins- Kern, dem ich in der Gestalt absoluter Andersheit begegne.
ten Form beim Subjekt beobachten: Ein Subjekt ist versperrt bzw. aus- Auf eine weitere Form dieser gleichen Lücke stoßen wir in unserer
gestrichen; es scheitert daran, sich im Symbolischen zur Sprache zu sozialpolitischen Erfahrung, nämlich in Gestalt der Unvergleichbar-
bringen, und dieses Scheitern ist das Subjekt; demnach ist das Subjekt keit unterschiedlicher „Lebensweisen“: Ist eine andere Art zu leben,
ein Resultat seines eigenen Nicht-sein-Könnens. eine andere kollektive Form des Genießens, die für uns undurchdring-
Das Subjekt ist der extreme Fall einer in ihrer Unmöglichkeit grün- lich bleibt, nicht auch eine Figur der Andersheit? Wie lassen sich die
denden Entität; darum ist es durch eine Reihe von Koinzidenzen der Universalität (von politischen Rechten, des Marktes etc.) und diese An-
Gegensätze charakterisiert. Als Subjekt bin ich einmalig – eine einzig- dersheit, die sich in einer Lebensweise verkörpert, zusammenbringen?
artige Singularität – und gleichzeitig allgemein, allen anderen in eben Beide unmittelbaren Lösungen sind zum Scheitern verurteilt – die Be-
meiner abstrakten Einzigartigkeit gleich. Doch wie bringen (oder den- hauptung der Universalität, die uns über alle Unterschiede hinweg ver-
ken) wir das allgemeine Subjekt, die allgemeine Form, an der jedes eint, ebenso wie die Akzeptanz der unüberbrückbaren Unterschiede
einzelne Subjekt teilhat, und das Subjekt in seiner Einzigartigkeit zu- zwischen verschiedenen Lebensweisen. Die richtige Lösung besteht
sammen? Für Hegel ist das Subjekt durch eben das radikale Zusammen- wiederum in der Verdopplung des Rätsels: Das Rätsel des Anderen
fallen der Gegensätze definiert und die Lösung dieses paradoxen Zu- ist das Rätsel für den Anderen selbst, unser Scheitern, den Anderen
sammenfallens besteht darin, dass es für sich und nicht nur an sich zu verstehen, stellt ein Echo von dessen Scheitern darin, sich selbst
allgemein ist: Einzigartig macht das Subjekt, dass es in Abstraktion von zu verstehen, dar. Das Universelle, das uns mit dem Anderen vereint,
all seinen besonderen Eigenschaften sich selbst gleich ist (das heißt, es besteht nicht in irgendwelchen gemeinsamen positiven Merkmalen,
unterscheidet sich von seinen Merkmalen, es lässt sich nicht auf die sondern im Scheitern selbst. Und dasselbe gilt für die Sexualität, die
Kombination seiner Merkmale reduzieren, es bezieht sich in negativer die Grundmatrix dieser Begegnung rätselhafter Andersheit liefert. In
Weise auf sich selbst), und ebendiese Einzigartigkeit macht es wiede- seiner „Allgemeinen Verführungstheorie“ bietet Jean Laplanche die
rum allgemein. unübertroffene Formulierung der für unsere psychische Erfahrung
Diese Einheit der Gegensätze, das Zusammenfallen von Universali- elementaren Begegnung mit der unergründlichen Andersheit.16 La-
tät und Singularität, bleibt allerdings unmittelbar; sie schließt allen planche selbst beharrt hier jedoch auf der Notwendigkeit, vom „Rät-
substanziellen Inhalt aus, der ihr als ihr Anderes erscheint. Lacan fol- sel der“ zum „Rätsel in“ überzugehen – und das ist offensichtlich eine
gend, sollten wir drei Modalitäten des Anderen unterscheiden: den Variante des bereits angeführte hegelschen Diktums über die Sphinx:
imaginären Anderen  – meinen semblant, meinen Mitmenschen, der „Die Rätsel der alten Ägypter waren für die Ägypter selbst Rätsel“:
wie ich ist und gleichzeitig mein Konkurrent, derjenige, mit dem ich
im Kampf um Anerkennung gefangen bin; den symbolischen Ande- Wenn man, und ich nehme Termini Freuds wieder auf, vom Rätsel der
ren – die transsubjektive symbolische Ordnung, die den Interaktions- Weiblichkeit spricht (Was ist ein Weib?), schlage ich mit Freud vor, zur
raum zwischen mir und meinen semblants reguliert, und den realen Funktion des Rätsels in der Weiblichkeit überzugehen (Was will das
Anderen, den undurchdringlichen Abgrund des Begehrens des Ande- Weib?). Genauso (hier führt Freud den Übergang nicht durch) verweist
ren, der zur absoluten Andersheit Gottes erhoben werden kann. Die uns das, was er das Rätsel des Tabus nennt, auf die Funktion des Rätsels
154 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 155
im Tabu. Und darüber hinaus verweist das Rätsel der Trauer auf die Funk- Zusammenfassend gesagt, ist die Sexualität kein Mysterium im
tion des Rätsels in der Trauer: Was will der Tote? Was will er von mir? Was Sinne eines undurchsichtigen Rätsels für uns, vielmehr ist sie ein Rät-
hat er mir sagen wollen? Das Rätsel führt also zur Andersheit des Ande- sel für sich selbst, das Rätsel der Objektursache des Begehrens, dessen,
ren zurück: und die Andersheit des Anderen ist seine Reaktion auf sein was der andere von mir will, und durch dieses Rätsel funktioniert sie
Unbewußtes, das heißt auf die ihm eigene Andersheit.17 als Sexualität. Die symbolische Ordnung ermöglicht es uns kraft ihrer
Koordinaten, mit der ausweglosen Situation zurechtzukommen, vor
Damit nun tritt die Verbindung zwischen Sexualität und dem ver- die uns das Begehren des Anderen stellt, doch das Problem ist, dass
doppelten Rätsel deutlicher hervor. Die Urszene der menschlichen diese Ordnung letztlich immer scheitert: Wie Laplanche herausstellte,
Sexualität – und die des Unbewussten – vollzieht sich, wenn einem erzeugt die traumatische Wirkung der „Urszene“ – der rätselhaften Be-
Kleinkind nicht nur bewusst wird, dass andere Spiele mit ihm spielen, deutung der für das Begehren des Anderen stehenden Signifikanten –
dass sie etwas von ihm wollen – wobei es für sie oder ihn undurchdring- ein exzessives Moment, das sich im Prozess der Symbolisierung nie
lich bleibt, was sie wollen –, sondern dass diesen anderen selbst nicht klar vollständig „aufheben“ lässt. Der berühmt-berüchtigte „Mangel“, der
ist, was sie wollen. Die Urform der Sexualität ist in diesen Handlungen dem menschlichen Tier entspricht, ist nicht einfach negativ; er be-
anderer zu suchen, die für sie selbst undurchdringlich sind – wie etwa zeichnet kein Fehlen instinktmäßiger Koordinaten: Er ist ein Mangel
eine Mutter, die ihr Kind mit Zärtlichkeiten schier erdrückt. in Bezug auf einen Exzess, auf die exzessive Präsenz traumatischen Ge-
Das Gesagte gilt es, genauso auf den schwer fassbaren, undurch- nießens. Die Paradoxie besteht darin, dass es Signifizierung gibt, gerade
dringlichen Dieu obscur anzuwenden: Dieser Gott muss auch für sich weil es exzessive nicht signifizierbare erotische Faszination und Bin-
selbst undurchdringlich sein, er muss eine dunkle Seite haben, eine dung gibt: Die Bedingung der Möglichkeit der Signifizierung ist die Be-
Andersheit in sich selbst, etwas, das in ihm mehr ist als er selbst. Viel- dingung ihrer Unmöglichkeit. Was wäre demnach, wenn die exzessive
leicht ist dies auch eine gültige Beschreibung für den Übergang vom Entwicklung der menschlichen Intelligenz ihren letzten Fluchtpunkt in
Judentum zum Christentum: Das Judentum bleibt auf der Ebene des der Anstrengung fände, das abgründige Che vuoi? zu entschlüsseln und
Rätsels von Gott, während das Christentum den Schritt zum Rätsel somit hinter das Rätsel zu kommen, welches das Begehren des Anderen
in Gott selbst macht. Weit davon entfernt, der Vorstellung des Logos darstellt? Was, wenn dies der Grund dafür wäre, dass Menschen darauf
als Offenbarung im und durch das Wort entgegenzustehen, verhalten fixiert sind, Aufgaben zu lösen, die sich nicht lösen lassen, dass sie ver-
sich Offenbarung und das Rätsel Gottes strikt korrelativ zueinander; suchen, Fragen zu beantworten, auf die es keine Antwort gibt? Was,
es sind die beiden Aspekte ein und derselben Geste. Das heißt: Genau wenn die Verbindung zwischen Metaphysik und Sexualität (oder ge-
weil Gott auch an sich und für sich selbst ein Rätsel ist, weil er eine un- nauer, menschlicher Erotik) buchstäblich zu nehmen ist? Als der sinn-
ergründliche Andersheit in sich birgt, musste Christus erscheinen, um lose Träger des Sinns ist dieser traumatische, unverdauliche Kern letzt-
Gott nicht nur der Menschheit, sondern Gott selbst zu offenbaren – erst lich das Fundamentalphantasma selbst.
durch Christus kann sich Gott als Gott vollständig verwirklichen. An- Der ursprüngliche Schauplatz des Phantasmas ist die Situation, in
ders gesagt, sollte das Bibelwort „Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, der ein kleines Kind die Eltern zufällig beim Beischlaf belauscht und
was sie tun“, auch auf Gott selbst angewendet werden – letzten Endes sich keinen Reim darauf machen kann: Was hat das alles zu bedeuten:
weiß er nicht, was er tut. Daraus wird nun auch ersichtlich, dass dem das heftige Getuschel, die eigenartigen Geräusche im Schlafzimmer
Rassismus (zumal dem Antisemitismus) gerade die Behauptung als und so weiter? Also malt das Kind sich in seiner Fantasie eine Szene
Prämisse zugrunde liegt, dass es einen Anderen (Juden) gibt, der ganz aus, in der all diese seltsam starken und bruchstückhaften Eindrücke
genau weiß, was er tut, und im Geheimen die Fäden zieht. zu einem erklärenden Bild zusammenfinden. Erinnern wir uns an die
156 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 157
bekannteste Szene aus David Lynchs Blue Velvet, in der Kyle MacLach- das zutrifft, kann man nicht sagen, damit sei ein Geheimnis gelüftet
lan von seinem Versteck in einem Schrank aus die bizarren Gescheh- worden, weil nämlich die Ursache des Zerfalls vollkommen akziden-
nisse mitverfolgt, die sich zwischen Isabella Rossellini und Dennis tiell und ohne alle Notwendigkeit ist, das heißt, weil der Ort für den
Hopper abspielen: Was er sieht, ließe sich als phantasmatisches Sup- Zerfall nicht in unsere Idee des Römischen Reiches eingeschrieben ist;
plement zur Erklärung dessen, was er hört, deuten: Er hört das hef- es gibt dabei kein Geheimnis, wir wussten es nur nicht.
tige Atmen, das den Geschlechtsverkehr begleitet, und fantasiert, um Der seltsame Fall der kindlichen Sexualität ist hier von aus-
es sich zu erklären, wie Hopper sich eine Maske aufsetzt und durch gesprochener Wichtigkeit: In unserem Zeitalter, das sich seiner Frei-
diese schwer ein- und ausatmet. Es ist nun die grundlegende Paradoxie zügigkeit rühmt, in dem angeblich mit allen sexuellen Tabus und Re-
des Phantasmas, dass das Subjekt nie an den Punkt gelangt, an dem es pressionen aufgeräumt wurde, weshalb es auch die Psychoanalyse nicht
sagen kann: „So, jetzt habe ich es voll und ganz verstanden. Meine El- mehr bräuchte, werden Freuds grundlegende Einsichten in die Sexuali-
tern hatten Sex miteinander – ich brauche kein Phantasma mehr!“ Dies tät des Kindes seltsamerweise ignoriert:
meint Lacan unter anderem mit seiner Sentenz il n’y a pas de rapport se-
xuel. Der komische Effekt des Fantasierens ergibt sich, wenn das Wis- Das einzig verbliebene Verbot, der eine heilige Wert in unserer Gesell-
sen um die Funktion des Kopulierens sich mit kindlichen Erwartungen schaft, der offenbar weiter Gültigkeit besitzt, hat mit den Kindern zu tun.
und Vermutungen vermischt. (Ein Freund erzählte mir einmal, dass er Es ist schon verboten, ihr blondes Schöpfchen auch nur zu berühren, so
sich, nachdem er erfahren hatte, dass die körperliche Vereinigung eine als hätten Kinder jene engelhafte Reinheit wiedergefunden, die Freud uns
wichtige Rolle beim Kindermachen spielt, eine Geschichte zurecht- nach Kräften zu bezweifeln gelehrt hat. Und zweifellos verdammen wir
gelegt habe, um dieses Wissen mit seinem Glauben zu verbinden, dass heute die diabolische Gestalt Freuds. In unseren Augen war er es, der
der Storch die Babys bringt: Wenn ein Paar miteinander schläft, werde uns die Freude an den unberührten Kinderjahren schlichtweg verdorben
es heimlich von einem Storch beobachtet, und wenn dem Tier die hat, indem er den Zusammenhang zwischen Kindheit und Sexualität auf-
Tänze und Bewegungen der Körper gefallen, bringe es dem Paar ein deckte. In einer Zeit, in der an jeder Straßenecke Sexualität zur Schau
Kind zur Belohnung.) gestellt wird, ist das Bild des unschuldigen Kindes mit Macht zurück-
Jeder Sinn muss sich auf irgendeinen phantasmatischen Rahmen gekehrt.18
stützen, der selbst keinen Sinn hat: Wenn man sagt: „So, jetzt verstehe
ich es!“, bedeutet das letztlich: „Jetzt kann ich es innerhalb meines Was aber ist nun so skandalös an der infantilen Sexualität? Es ist nicht
phantasmatischen Rahmens verorten“. Die Sexualität gründet somit der bloße Umstand, dass sogar Kinder, die wir für unschuldig hielten,
an sich in einem Nichtwissen und dieses Loch, dieser Mangel an Wis- schon sexualisiert sind. Der Skandal besteht in zwei Merkmalen (die
sen, wird durch das Phantasma aufgefüllt. Es gilt daher streng zu unter- natürlich die zwei Seiten derselben Medaille sind). Erstens handelt es
scheiden zwischen unserem „objektiven“ Nichtwissen (es gibt so vieles, sich bei der kindlichen Sexualität um ein ganz sonderbares Phäno-
was wir über die Welt nicht wissen), bei dem das, was wir nicht wissen, men, das weder biologisch (begründet) noch Teil symbolischer oder
da draußen existiert, gleichgültig gegenüber unserer Erkenntnis dar- kultureller Normen ist. Zweitens wird es dennoch durch die „normale“
über, und einem Geheimnis, das ein Echo auf das Geheimnis in dem erwachsene Sexualität nicht aufgehoben, die selbst wiederum immer
Ding selbst darstellt. Manche Historiker vermuten, der Untergang des verzerrt, verschoben ist:
Römischen Reiches habe seine eigentliche Ursache in der hohen Blei-
konzentration der Töpferwaren jener Zeit gehabt, die zu Vergiftungen [D]er Mensch ist unserer Ansicht nach in seiner Sexualität dem größt-
geführt und die Zeugungsfähigkeit vermindert hätte. Doch selbst wenn möglichen Paradoxon unterworfen: Das triebhafte Erworbene geht bei
158 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 159
ihm dem instinkthaften Angeborenen voraus: sodass die instinkthafte, worin Menschenrechte bestehen, was Freiheit ausmacht: Für konserva-
anpassungsfähige Sexualität in dem Moment, in dem sie auftaucht, den tive Liberale stehen Freiheit und Gleichheit im Gegensatz zueinander,
Platz sozusagen „besetzt“ vorfindet, und zwar durch das infantile Trieb- wohingegen sie für Linke die zwei Facetten der gleichen égaliberté bil-
hafte, das schon und immer schon im Unbewussten gegenwärtig ist.19 den). Mit anderen Worten: Die Politik gestaltet sich um ein „fehlendes
Bindeglied“ herum, sie setzt eine Art ontologische Offenheit voraus,
Der Grund für diesen merkwürdigen Exzess ist die Verbindung zwi- eine Lücke oder einen Antagonismus, und dieselbe Lücke beziehungs-
schen Sexualität und Kognition. Diese Verbindung gilt es gegen die weise ontologische Offenheit ist auch bei der Sexualität wirksam: In
übliche Vorstellung geltend zu machen, die Sexualität sei eine Art beiden Fällen kann die Beziehung nicht durch einen umgreifenden,
instinkthafte Lebenskraft, die durch die Arbeit der Kultur verdrängt allgemeinen Signifikanten garantiert werden. So wie es keine politische
beziehungsweise sublimiert werde, weil sie in ihrem Rohzustand für Beziehung (zwischen Parteien, die sich im Kampf engagieren) gibt, gibt
diese eine Bedrohung darstelle. Die Verbindung zwischen Sexuali- es auch keine Geschlechtsbeziehung.
tät und Kognition wirft zudem ein neues Licht auf den Zusammen- Die Suche nach dem „fehlenden Bindeglied“ ist das Verbindende
hang von Sexualität und Politik. „Das Private ist politisch“, jener alte zwischen Sexualität und Erkenntnis beziehungsweise macht sie das
Slogan der 1980er-Jahre, hat nichts von seiner Gültigkeit eingebüßt, kognitive Ergründen zu einem irreduziblen Bestandteil menschlicher
dennoch bedarf er einer gründlichen Revision.20 Das heißt, wir sollten Sexualität. Ein solches Ergründen und Infragestellen widerstrebt der
uns nicht mehr von dem Problem leiten lassen, dass selbst der intime heute vorherrschenden Haltung, die die Sexualität entweder auf ein
Bereich sexueller Beziehungen von Macht- und Herrschaftsverhält- spezielles Problem funktioneller Befriedigung reduziert (Kann der
nissen durchdrungen ist; viel wichtiger wäre es, den Grundzug des Mann eine vollständige Erektion bekommen? Kann die Frau sich aus-
Politischen wieder in den Blick zu nehmen: Der Bereich der Politik ist reichend entspannen, um einen vollständigen Orgasmus zu haben?)
per definitionem ontologisch offen, politische Entscheidungen werden oder sie – wiederum auf reduktionistische Weise – als Ausdruck tie-
per definitionem „ohne hinreichenden Grund“ getroffen oder, um es fer liegender emotionaler oder existenzieller Probleme betrachtet
genauer zu sagen: In der Politik bewegen wir uns immer in einem klei- (das Sexualleben eines Paares ist unbefriedigend, weil beide Partner
nen Teufelskreis, in dem eine Entscheidung rückwirkend ihre eigenen ein entfremdetes Leben führen, weil sie in einem konsumgeprägten
Gründe setzt. Politische Streitigkeiten lassen sich darum auch nie durch Perfektionismus feststecken, weil verdrängte emotionale Traumata sie
vernünftige Diskussionen und den Abgleich von Argumenten bei- belasten und so weiter).
legen: Das gleiche Argument wird je nach Standpunkt unterschiedlich Ein anderer Aspekt der Verbindung zwischen Sexualität und Er-
aufgefasst und bewertet. In einer typischen politischen Auseinander- kenntnis lässt sich an einem der brutalen Srebrenica-Witze21 ver-
setzung bringt jemand ein Argument vor, das aus Sicht der Gegenseite anschaulichen, in dem es um die Bemühungen der Behörden geht, die
einen entscheidenden Fehler enthält („Sehen Sie nicht, dass das, was Opfer des Massakers zu identifizieren. Weil deren Körper stark entstellt
Sie da behaupten, bedeuten würde …?“), woraufhin die angesprochene sind, wird amtlich verfügt, die Penisse der Toten einzusammeln. Unter
Person nur erwidert: „Aber genau deshalb bin ich ja dafür!“ Politik ist den Toten befindet sich mutmaßlich auch ein gewisser Mujo (Mujo ist
nicht die Anwendung neutralen Bestandswissens, vielmehr ist jedes eine legendäre Figur in bosnischen Witzen), also bestellen die Beam-
Wissen bereits parteiisch und vom eigenen Engagement „eingefärbt“. ten seine Frau Fata ein, damit sie sich die Penisse aus der Nähe ansieht
Eine letztgültige neutrale Norm, auf die sich beide Seiten beziehen und vielleicht den ihres Mannes erkennt. Fata greift sich einen Penis
könnten („Menschenrechte“, „Freiheit“ usw.), gibt es nicht, weil es bei nach dem anderen und wiederholt nur immer wieder: „Das ist nicht
ihrem Ringen ja gerade darum geht, welches diese Norm sein soll (z. B. der von Mujo.“ Das geht so lange, bis sie schließlich einen weiteren
160 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 161
Penis in den Händen hält und mit einem Mal aufschreit: „Ha, der hier Sexualität anzuwenden. Die Sexualität ist durch die Tatsache bestimmt,
gehört ja nicht mal jemand aus Srebrenica!“ Die Schlusspointe des dass es keine Geschlechtsbeziehung gibt; das ganze polymorph-perverse
Witzes ergibt sich aus der Umkehrung dessen, wie viel Fata weiß: Im Spiel der Partialtriebe läuft vor dem Hintergrund dieser Unmöglichkeit
Verlauf der Erzählung gehen wir die ganze Zeit davon aus, dass Fata bzw. dieses Antagonismus ab. Der Geschlechtsakt (Koitus) hat dem-
den Penis ihres Mannes bis ins Einzelne kennt und ihn identifizieren nach zwei Seiten, denn die Kehrseite des orgastischen Höhepunkts der
kann. Ihr Aufschrei am Schluss aber macht deutlich, dass sie die Pe- Sexualität ist die Sackgasse der Unmöglichkeit – das Subjekt erfährt die
nisse aller Männer aus Srebrenica kennt (und vermutlich auch mit all Unmöglichkeit im Kopulationsakt selbst, wenn es dabei auf die Blo-
diesen Männern Sex hatte). Jedes Mal, wenn sie einen der Penisse in- ckade stößt, die der Sexualität von innen zusetzt. Und darum kann die
spiziert, vergleicht sie ihn nicht nur mit (ihrer Erinnerung an) Mujos Kopulation nicht für sich bestehen, sondern ist zu ihrer Unterstützung
Penis, dem einzigen, den sie (vermeintlich) kennt; sie kann in jedem auf Partialtriebe angewiesen (vom Austausch von Zärtlichkeiten und
einzelnen Fall erkennen, zu wem der Penis gehört, und erst beim letz- Küssen bis hin zu anderen „kleineren“ erotischen Praktiken wie dem
ten kennt sie seinen toten Besitzer nicht (fleischlich) – oder vielleicht Klapsen oder Kneifen) und ebenso auf das Spinnengewebe der Phan-
erkennt sie sogar diesen und weiß, dass er einem nicht in Srebreni- tasmen. Der Kopulationsakt gleicht demnach ein wenig dem Schloss
ca ansässigen Mann gehört. (Genauer gesagt gibt es noch eine dritte aus Kafkas gleichnamigem Roman: Aus der Nähe betrachtet ist es nur
Möglichkeit, wie sich Fatas abschließende Behauptung deuten lässt: eine Anhäufung schmutziger alter Hütten; daher muss man sich auf
Logisch ist es ebenfalls möglich, dass sie den Partner gar nicht so häu- eine angemessene Distanz zurückziehen, um die faszinierende Präsenz
fig gewechselt, sondern nur mit zwei Männern geschlafen hat: ihrem darin zu erkennen. Auch der Kopulationsakt ist in seiner unmittel-
Mann Mujo und dem namenlosen Liebhaber von außerhalb, dessen baren Materialität nur eine ziemlich vulgäre Aneinanderreihung sich
Penis sie wiedererkennt. Diese Geschichte aber passt nicht zu der pro- wiederholender stupider Bewegungen: Durch den Schleier der Phan-
miskuitiven Art, die Fata in anderen Witzen dieser Reihe an den Tag tasmen betrachtet, ist er jedoch der Gipfel höchster Lust. Wenn die
legt.) Aus der treuen Ehefrau Fata wird mit einem Mal eine sexuell äu- Vorderseite des Geschlechtsakts, lacanianisch ausgedrückt, S1 ist, der
ßerst freizügige Figur oder, mit Hitchcock gesprochen, eine Frau, die Herren-Signifikant, der die Reihe sexueller Betätigungen totalisiert,
zu viel weiß. Dieses Mehr-Wissen ist nicht nur deshalb unangenehm, dann ist seine Kehrseite SA/, der Signifikant des „gebarrten Anderen“,
weil es Fatas sexuelle Freizügigkeit verrät  – man könnte behaupten, des Antagonismus bzw. der Blockade der Ordnung der Sexualität.
dass genau dieses Mehr-Wissen ihre tatsächliche Freizügigkeit so be- Anders gesagt, löscht die Vielheit als ontologische Grundkategorie
drohlich macht. den Antagonismus notwendigerweise aus; sie muss irgendeine Form
Hier ist jedoch noch ein weiterer Schritt notwendig, um auch der des Einen als Behältnis des Vielen voraussetzen. Und so verwundert
letzten und vielleicht gefährlichsten Falle zu entgehen: Es reicht nicht es nicht, dass die beiden Musterphilosophen der Vielheit, Spinoza und
zu bekräftigen, dass die infantile Sexualität eine plurale Vielheit poly- Deleuze, gleichzeitig die beiden Philosophen des Einen sind: Sie sind
morph perverser Triebe ist, die dann durch die ödipal-genitale Norm beide Philosophen des abgeflachten Universums, das jeden radikalen
totalisiert werden. Die kindliche Sexualität ist keine Wahrheit oder Antagonismus und jede radikale Selbstblockade ausschließt, mithin
Grundbasis (und auch kein irgendwie gearteter produktiver Urschau- eines Universums, das der vollen Entfaltung seiner Potenziale gedeih-
platz) der Sexualität, die durch die genitale Norm nachträglich ver- lich entgegenstrebt und in dem Hindernisse rein äußerlich sind. Ist
drängt/totalisiert/reguliert wird. Anders gesagt, verbietet es sich, den das Geschlecht ein Vieles, so muss dieses Viele durch ein Eines auf-
deleuzeschen Standardtopos der produktiven molekularen Vielheit, auf rechterhalten werden, das selbst nicht von Antagonismen durchzogen
die sich dann die höhere molare Ordnung parasitär aufpfropft, auf die ist. Wenn Lacan also postuliert, il n’y a pas de rapport sexuel („es gibt
162 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 163
kein Geschlechtsverhältnis“), dann will er damit nicht auf die alte vul- Identitäten eo ipso auf sekundäre Aberrationen oder pervertierte Ab-
gäre Weisheit hinaus, dass die beiden Geschlechter nicht wie Schlüs- weichungen von der Norm. Was ist, wenn die „Abweichungen“ von
sel und Schloss zusammenpassen und in ewigem Kampf miteinander der heterosexuellen Norm darauf deuten, was in der Norm selbst „ab-
stehen. Ebenso wenig will er damit sagen, das Männliche und das gewichen“ ist? Was, wenn „Abweichungen“ die Rolle eines Symptoms
Weibliche seien zwei einander äußerliche, miteinander unvereinbare spielen, in dem die verdrängte Wahrheit der Norm selbst wiederkehrt?
Bereiche, die nicht zusammenkommen können („Männer sind vom Diese Wahrheit können wir im Anschluss an Freud das „Unbehagen“
Mars, Frauen von der Venus“). Was meint er also dann? nennen, das zu jeder Geschlechtsidentität gehört. Anders gesagt, be-
Die Geschlechterdifferenz ist nicht die Differenz zwischen zwei steht die primordiale Spannung nicht zwischen der heterosexuellen
positiven Geschlechtsentitäten, sondern die Differenz „an sich“, eine Norm und den Abweichungen von ihr; sie ist vielmehr in das Innerste
reine Differenz (eine Inkonsistenz, ein Antagonismus), die durch jede dieser Norm selbst eingeschrieben, die das unmögliche Reale der
geschlechtliche Identität hindurchschneidet. Für die Transgender- Geschlechterdifferenz nicht erfasst.
bewegung sind männlich und weiblich lediglich Teile einer langen Die Geschlechterdifferenz als Reales bedeutet, dass sie sich unmög-
Reihe von Gender-Identitäten, die im Prinzip gleichwertig sind (les- lich mit einer Reihe von Gegensatzmerkmalen symbolisieren lässt:
bisch, trigender, asexuell und so weiter). Dieser Auffassung lässt sich Konstruieren (oder erleben) wir sie als den Gegensatz zweier Entitäten,
leicht die „augenfällige“ Tatsache entgegenhalten, dass sich die Mehr- so gibt es immer etwas, das übrig bleibt, das „ausinkludiert“ ist; es gibt
zahl der Menschen als (heterosexueller) Mann oder (heterosexuelle) nie bloß zwei, sondern immer 1+1+a, und das dritte Element (für das
Frau empfindet und dass dieses Basispaar offensichtlich in der Bio- Transgender-Personen gegenwärtig am prominentesten stehen) ist die
logie verankert ist, in der Art und Weise, wie wir Menschen uns fort- Differenz als solche. Denken wir an Kierkegaards Einteilung der Men-
pflanzen. Natürlich sind die Trennlinien hier und da ein klein wenig schen in Offiziere, Dienstmädchen und Schornsteinfeger: Obwohl die
unscharf, wenn man etwa daran denkt, dass es auch unter Affen Fälle beiden ersten für das „normale“ heterosexuelle Paar stehen, brauchen
von Homosexualität gibt. Außerdem ist die Sexualität beim Menschen sie das Supplement eines Schornsteinfegers – Offizier, Dienstmädchen
nicht einfach nur ein biologisches Faktum, sondern auch und sogar in und Schornsteinfeger sind das Männliche, das Weibliche plus deren Dif-
erster Linie eines der psychischen und symbolischen Identifikation, die ferenz als solche, als ein partikulares, nicht notwendiges Objekt. „Es gibt
in Distanz zur Biologie steht: Sich als männlich oder weiblich zu identi- drei Arten von Leuten“, so erzählt ein bekannter belgischer Witz, „die,
fizieren heißt, einen psychischen bzw. symbolischen Akt zu vollziehen, die zählen können, und die, die nicht zählen können.“ Es ist klar, wie
der im Widerspruch zur eigenen biologischen Identität stehen kann der Witz funktioniert: Er spielt mit dem Umstand, dass die Person, die
(was jene Individuen unter Beweis stellen, die sich einer Geschlechts- ihn erzählt, scheinbar nicht zählen kann (und darum nicht zwei, son-
umwandlung unterziehen). Aus all dem jedoch zu schließen, männ- dern drei zählt). In vager Entsprechung hierzu ließe sich das Gleiche
lich und weiblich seien lediglich zwei soziale Geschlechter unter vie- auch über die Geschlechterdifferenz sagen: Sie bedeutet, dass es drei
len und ihre privilegierte Rolle sei irgendwie das Resultat patriarchaler Geschlechter gibt: männlich und weiblich. In dem Fall geht es selbstver-
Herrschaft und der Auferlegung heterosexueller Normativität, ist nicht ständlich nicht um Dummheit, sondern um die Geschlechterdifferenz
nur falsch in dem Sinne, dass es „zu weit“ geht  – es wird dem, wie als reale, die sich als solche den differenzierten Begriffen gegenüber
die menschliche Sexualität funktioniert, einfach nicht gerecht. Wenn im Überschuss befindet: Die drei Geschlechter sind männlich, weib-
man die Position vertritt, dass männlicher und weiblicher Identität lich und die Differenz selbst (in all ihren Gestalten wie etwa Transgen-
und ihrem heterosexuellen Beziehungsverhältnis zentrale Bedeutung der). Noch mal: Warum ist das so? Die Geschlechterdifferenz ist nicht
zukommt, dann reduziert man damit nicht andere geschlechtliche nur differenziell, sondern sie geht den Begriffen, zwischen denen sie
164 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 165
differenziert, in einer antagonistischen (Nicht-)Beziehung voraus: Eine Erscheinung und sein entsprechendes Verhalten macht dieses Sub-
Frau ist nicht nur Nicht-Mann und umgekehrt, sie ist auch das, was jekt das Kontingente der Geschlechterdifferenz, deren symbolischen
einen Mann daran hindert, ganz Mann zu sein und umgekehrt. Es ist Konstruktionscharakter sichtbar – damit stellt es eine Bedrohung für
wie mit dem Unterschied zwischen der Linken und der Rechten in der die normativ festgelegten Geschlechteridentitäten dar. Nach meiner
Politik: Der politische Raum erscheint von der linken und von der rech- Interpretation verhält es sich ein wenig (oder nicht nur ein wenig) an-
ten Warte aus gesehen jeweils anders strukturiert; es gibt keine dritte, ders: Das Transgender-Subjekt untergräbt die Geschlechterdifferenz
„objektive“ Betrachtungsmöglichkeit. (Für einen Leninisten verläuft nicht; es steht vielmehr für die auf keinen eindeutigen Gegensatz
die politische Kluft durch den ganzen Sozialkörper, für einen Rechten reduzierbare, traumatisch reale Differenz als solche; seine verstörende
dagegen ist die Gesellschaft ein hierarchisches Ganzes, das von mar- Erscheinung verwandelt eine eindeutige symbolische Differenz in das
ginalen Eindringlingen gestört wird.) Differenz „an sich“ ist demnach Unmöglich-Reale eines Antagonismus. Der Klassenkampf gestaltet sich
nicht symbolisch bzw. differenziell, sondern real-unmöglich – etwas, nicht einfach nur „kompliziert“, wenn andere Klassen in Erscheinung
das sich dem symbolischen Verständnis entzieht und widersetzt. Diese treten, die sich der klaren Einteilung in die herrschende und die unter-
Differenz ist das Allgemeine als solches – nicht allgemein als neutraler drückte Klasse nicht fügen  – dieser Überschuss ist vielmehr gerade
Rahmen, der sich über seine beiden Arten erhebt, sondern als deren das Element, das dafür sorgt, dass der Klassenantagonismus kein blo-
konstitutiver Antagonismus, und das dritte Element (Schornsteinfeger, ßer symbolischer Gegensatz ist, sondern real wird. Und ebenso lau-
Jude, objet a) steht für die Differenz als solche, für die „reine“ Diffe- tet die Formel des Geschlechterantagonismus nicht m/w (was der ein-
renz bzw. den „reinen“ Antagonimus, die den differenzierten Gliedern deutige Gegensatz zwischen männlich und weiblich wäre), sondern
vorausgeht. Wäre die Teilung des Sozialkörpers in zwei Klassen ohne mw +, wobei plus für das Element steht, das aus dem symbolischen
das exzessive Element (Jude, Pöbel usw.) vollständig, so gäbe es keinen Gegensatz das Reale eines Antagonismus macht. Der große Gegensatz,
Klassenkampf, sondern nur zwei sauber voneinander getrennte Klas- der sich heute zeigt – auf der einen Seite die gewaltsame Auferlegung
sen – das dritte Element ist nicht das Kennzeichen eines empirischen einer festen symbolischen Form der Geschlechterdifferenz, um dem
Rests, welcher der Klasseneinteilung (der sauberen Aufgliederung der gesellschaftlichen Zerfall auf diese Weise entgegenzuwirken, auf der
Gesellschaft in zwei Klassen) entgeht, sondern die Materialisierung anderen Seite die vollkommene „Verflüssigung“ des Geschlechts, die
ihrer antagonistischen Differenz selbst, insofern diese Differenz den dif- Auflösung der Geschlechterdifferenz in viele unterschiedliche Konfi-
ferenzierten Gliedern vorausgeht. Im ideologischen Raum des Anti- gurationen  –, ist folglich ein falscher Gegensatz. Beide Seiten näm-
semitismus steht der „Jude“ für den gesellschaftlichen Antagonismus lich haben eines gemeinsam: Auf beiden Seiten wird die Geschlechter-
schlechthin: ohne den jüdischen Eindringling würden die beiden Klas- differenz nicht als das Reale bzw. Unmögliche eines Antagonismus
sen in Harmonie miteinander leben. (Darum vereint die antisemitische erkannt. Deshalb sollte man der Gendertheorie auch mit folgender
Figur des „Juden“ Merkmale in sich, die mit der höheren und der nie- Frage begegnen: „Aber wo bitte ist das Geschlecht?“ Was die Gen-
deren Klasse verbunden sind: „Juden“ sind zu intellektuell, sie können dertheorie mit ihren wie auch immer veränderlichen oder konstruier-
das Leben nicht genießen, sind schmutzig oder triebgesteuert.) Das ten Identitäten verschleiert, ist einfach das Geschlecht als solches, die
dritte, eindringende Element ist nicht einfach nur eine weitere positive Spannung, welche die Sexualität kennzeichnet.
Entität; es steht vielmehr für das, was den Einklang der Zwei für immer Die Geschlechterdifferenz als Reales bedeutet nicht, dass sie sich
stört und ihn einem ständigen Neuanpassungsprozess öffnet. außerhalb des Symbolischen ansiedelt: Sie befindet sich vollkommen
Die naheliegende Interpretation eines Transgender-Subjekts wäre darin, sie ist dessen immanenter Punkt der Unmöglichkeit bzw.
eine Judith Butler gemäße: Durch seine provokative transsexuelle des Scheiterns. In der kürzesten von Balsacs Cent contes drolatiques
166 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 167
(Tolldreiste Geschichten, 1832–37, eine Version des Decamerone, obwohl bloß eine „reflexive Bestimmung“ der Unmöglichkeit des Einen, und
es sich eigentlich nur um dreißig Geschichten handelt), die bloß eine somit ist die Gestalt des Anderen lediglich die Verkörperung der Un-
Seite umfasst und eher ein Dazwischen markiert, schildert der Autor möglichkeit des Einen.22 (Das Gleiche gilt für Atome und die Leere, in
eine kurze Unterhaltung zweier kleiner Kinder darüber, wie ein Junge der sie sich bewegen: Wie Hegel in seiner Interpretation von Demo-
und ein Mädchen Stück für Stück ausgezogen werden. Am Schluss fragt krit herausstellt, ist die Leere nicht der leere Raum außerhalb von Ato-
eines der beiden Kinder: „Aber wenn sie ganz nackt sind, wie können men, in dem sie sich bewegen; sie hat ihren Ort vielmehr im Innersten
sie dann wissen, wer ein Junge und wer ein Mädchen ist?“ Der Witz an des Atoms selbst.) Oder, um es aus der Perspektive der Geschlechts-
der Sache ist natürlich, dass über das Kind die Idee transportiert wird, beziehung auszudrücken: Diese (Nicht-)Beziehung gelangt im Ande-
der Geschlechtsunterschied zwischen Jungen und Mädchen ließe sich ren (Geschlecht) zur Existenz. Ein Mann kann nicht bloß keine Be-
nur anhand dessen feststellen, wie sie angezogen sind, so als bemerke ziehung mit einer Frau aufbauen, „Frau“ ist schlichtweg der Name für
es die natürliche Tatsache von Geschlechtsorganen nicht. Was wäre je- diese Nicht-Beziehung.
doch, wenn wir es hier mit einer doppelten Ironie zu tun hätten? Was, Damit ist auch impliziert, dass zwischen den beiden Antinomien
wenn das Kind recht hat? Was, wenn – wie das alte Sprichwort sagt – eine radikale Asymmetrie besteht: Die „weibliche“, mathematische
wir unter unserer Kleidung weiter nichts als nackt sind? Von Alphonse Antinomie hat ein Primat über die „männliche“, dynamische, das
Allais, dem bekannten Schriftsteller und Humoristen aus dem späten heißt, die dynamische Antinomie ist ein sekundärer Versuch, einen
19. Jahrhundert, heißt es, er habe einmal auf einem Pariser Boulevard Ausweg aus der Sackgasse der mathematischen Antinomie zu finden,
auf eine Frau gezeigt und entsetzt ausgerufen: „Seht diese Frau! Unter sie bildet ein Ganzes, eine Allgemeinheit, aufgrund des Ausschlusses
ihren Kleidern ist sie vollkommen nackt!“ Natürlich besteht zwischen des Einen, der Ausnahme, aus dem offenen Bereich des Nicht-Alles.
den normalen Körpern von Männern und Frauen ein biologischer
Unterschied; dieser aber erhält seine Bedeutung, sogar seine libidinöse
Bedeutung, erst durch seinen symbolischen Status. Ja, ich kann den Das geschlechtliche Subjekt
Unterschied „sehen“, doch was ich sehe, ist durch das symbolische Uni-
versum vermittelt. Können wir uns eine Subjektivität vorstellen, die nicht von der
Wie gelangen wir also von derselben Differenz, die durch jede Geschlechterdifferenz durchzogen ist? Wenn ja: In welchem Sinne
Geschlechtsidentität hindurchschneidet, zu der Differenz zwischen wird dies dann noch eine Subjektivität sein? Zwar bekräftigen wir den
den beiden Geschlechtern, dem männlichen und dem weiblichen? Hier Übergang von Kant zu Hegel, doch Hegels Auffassung vom Subjekt ist
müssen wir auf Kant zurückkommen, der die Antinomie in eine mathe- definitiv nicht geschlechtlich, selbst wenn man Sexualisierung in unse-
matische und eine dynamische verdoppelte: Reine Differenz als Anti- rem formalen Sinne der beiden Typen kantischer Antinomien versteht.
nomie ist unmöglich, was bedeutet, dass sie sich nur als unmittelbar Damit ergibt sich aus hegelscher Sicht ein ziemlich grundlegendes
verdoppelte artikulieren kann, als zwei Versionen der Antinomie. Die Gegenargument gegen unsere Interpretation von Kants Antinomien:
Differenz der Formeln der Sexuierung ist die Differenz zwischen zwei Selbst wenn wir Kants Antinomien auf hegelsche Weise neu inter-
Antagonismen oder „Widersprüchen“ (die alle in der Ausnahme und pretieren und entsprechend so auffassen, dass sie die „Dinge selbst“
im Nicht-Alles ohne Ausnahme gründen, einer verdoppelten Ausweg- betreffen, wie können wir sie dann zu einem apriorischen Merkmal des
losigkeit, die biologischen Geschlechtern kontingenterweise anhaftet). Menschseins, der menschlichen Subjektivität erheben? Sind sie aus he-
Doch warum nun tritt die Antinomie in zwei Versionen auf? Weil zwei gelscher Sicht nicht bloß eines der Momente in der Gesamtentwicklung
kein irgendwie geartetes ontologisches Paar darstellen: Der Andere ist des Geistes? Und geht das nicht deutlich aus dem Umstand hervor,
168 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 169
dass zwischen Kants Dualität mathematischer und dynamischer Anti- nichts außer dem, was das Subjekt selbst dort hingelegt hat. Doch dass
nomien und Hegels Dualität der Logik des Seins und der Logik des hinter dem Schleier der Erscheinungen nichts ist, heißt nicht, dass wir
Wesens, der beiden Teile seiner „objektiven Logik“, eine eindeutige wieder auf der Ebene des Seins angelangt wären: Was wir bei diesem
Parallele besteht? „Die Logik des Seins scheint den kantischen Kate- Durchgang durch die Reflexion, durch den Gegensatz zwischen (über-
gorien der Qualität und Quantität, die Kant als die mathematischen sinnlichem) Wesen und Erscheinung erlangt haben, ist selbst genau
und konstitutiven Kategorien bezeichnete, eindeutig zu entsprechen, nichts – da ist nichts hinter den Erscheinungen, und dieses Nichts (das
und die Logik des Wesens scheint den Kategorien der Relation und aus ihnen Erscheinungen macht) ist ein positives Nichts, die Leere,
Modalität oder den dynamischen und regulativen Kategorien ein- die das Subjekt selbst ist. Da ist nichts jenseits des Schleiers der Phä-
deutig zu entsprechen.“23 nomene, kein substanzielles Wesen, bloß dieses Nichts selbst, das die
Es erscheint offensichtlich, dass mathematische Antinomien das Leere der Subjektivität ist. Hegel und Lacan liefern exakt die gleiche
charakterisieren, was Hegel den Bereich des Seins nennt (Quantität, Formel der „Wahrheit“ der platonischen übersinnlichen Idee:
Qualität), und dass dynamische Kategorien den Bereich des Wesens (der
Reflexion, der Spannung zwischen Wesen und Erscheinung) charakte- [Das Übersinnliche] kommt aus der Erscheinung her, und sie ist seine
risieren: Mathematische Antinomien betreffen eine exzessive Quantität Vermittlung; oder die Erscheinung ist sein Wesen und in der Tat seine
(etwas, das unser Vermögen zur Synthetisierung von Sinnesdaten über- Erfüllung. Das Übersinnliche ist das Sinnliche und Wahrgenommene,
steigt), dynamische Antinomien hingegen die Spannung zwischen der gesetzt, wie es in Wahrheit ist; die Wahrheit des Sinnlichen und Wahr-
Existenz (von Erscheinungen) und ihrem nicht sinnlichen Wesen bzw. genommenen aber ist, Erscheinung zu sein. Das Übersinnliche ist also die
Grund („Gibt es eine nicht sinnliche Ursache unserer Erscheinungs- Erscheinung als Erscheinung. […] Es pflegt gesagt zu werden, das Über-
wirklichkeit?“ usw.). (In diesem Sinne übrigens – das heißt vor dem sinnliche sei nicht die Erscheinung; dabei wird aber unter der Erscheinung
Hintergrund der Tatsache, dass „mathematisch“ und „dynamisch“ ein nicht die Erscheinung verstanden, sondern vielmehr die sinnliche Welt als
Echo auf Lacans Gegensatz von „weiblich“ und „männlich“ darstellen – selbst reelle Wirklichkeit.24
können wir Lacans Behauptung la femme n’exist pas [„die Frau existiert
nicht“] verstehen: Die Existenz wird in der Erscheinung eines Wesens Lacan greift die Geschichte des Malers Parrhasios auf, der, um seinen
„aufgehoben“ und eine Frau ist noch nicht in der Spannung zwischen Konkurrenten Zeuxis auszustechen, ein so täuschend echtes Bild eines
Wesen und Erscheinung gefangen.) Die objektive Logik wird bei Hegel Vorhangs anfertigte, dass dieser ihn bat, er möge doch den Vorhang
jedoch von der subjektiven Logik gefolgt, der Logik des Begriffs, die die beiseiteschieben und ihm zeigen, was er gemalt habe. Lacans Inter-
Dimension eigentlicher Subjektivität erst zur Sprache bringt. Wenn also pretation dieser Episode liest sich wie eine Erläuterung der eben zitier-
die Subjektivität aus unserer Sicht als solche geschlechtlich ist, durch- ten Hegel-Stelle.
zogen vom Antagonismus des Mathematischen und Dynamischen, wo
ist dann hier der Raum für eine subjektive Logik? [Parrhasios’ Malerei] erscheint in diesem Moment als etwas anderes, als
Zur Erwiderung auf diesen Vorwurf sollte man sich daran erinnern, sie sich ausgab, oder vielmehr, sie gibt sich jetzt als dieses andere. Das Bild
wie Hegel in seiner Phänomenologie des Geistes den Übergang von der rivalisiert nicht mit dem Schein, es rivalisiert mit dem, was Platon jenseits
Substanz zum Subjekt (vom Bewusstsein zum Selbstbewusstsein) for- des Scheins uns als Idee vorstellt. Weil das Bild jener Schein ist, der be-
muliert: Das Bewusstsein sucht hinter dem Schleier der Erscheinungen hauptet, er sei das, was den Schein gibt, steht Platon auf gegen die Male-
nach einem verborgenen substanziellen Wesen und es geht zum Selbst- rei als eine Aktivität, die mit der seinen rivalisiert.25
bewusstsein über, wenn es erkennt, dass hinter dem Schleier nichts ist,
170 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 171
Die implizite Lehre Platons ist nicht, dass alles Schein ist, dass sich den Beweis dafür erbringt, dass sie das zu leisten vermag, wozu sie ihm
zwischen Schein und Wirklichkeit keine klare Trennlinie ziehen lässt zufolge nicht imstande sei. Hegel sieht sich dazu veranlasst, genau die
(womit die Sophisten gesiegt hätten), sondern dass das Wesen die „Er- ihm üblicherweise zugeschriebene Auffassung zurückzuweisen, dass
scheinung als Erscheinung“ ist, dass es im Kontrast zur Erscheinung in „das mathematische Unendliche […] das relative Unendliche, das ge-
der Erscheinung erscheint und dass die Unterscheidung zwischen Er- wöhnliche metaphysische dagegen, worunter das abstrakte schlechte
scheinung und Wesen in die Erscheinung selbst eingeschrieben sein muss. Unendliche verstanden wird, das absolute genannt“27 wird:
Insofern die Lücke zwischen Wesen und Erscheinung der Erscheinung
innewohnt, insofern also das Wesen bloß die in sich selbst reflektierte In der Tat ist vielmehr dieses metaphysische nur das relative, weil die Ne-
Erscheinung ist, erscheint die Erscheinung vor dem Hintergrund des gation, die es ausdrückt, nur so im Gegensatze einer Grenze ist, daß diese
Nichts – alles, was erscheint, erscheint letztlich aus dem Nichts (oder, außer ihm bestehen bleibt und von ihm nicht aufgehoben wird; das ma-
um es im Sinne der Quantenphysik auszudrücken: Alle Entitäten gehen thematische Unendliche hingegen hat die endliche Grenze wahrhaft in
aus den Quantenschwankungen der Leere hervor). Damit erhalten wir sich aufgehoben, weil das Jenseits derselben mit ihr vereinigt ist.28
eine unerwartete Triade: die flache Seinsordnung, die Verdopplung des
Seins mit seinem verborgenen Wesen, welche das Sein rückwirkend Der gewöhnlichen metaphysischen Auffassung des Unendlichen nach
in eine Erscheinung (des Wesens) verwandelt, und die Einsicht, dass ist dieses ein Absolutes, das an sich jenseits des Endlichen bestehen
hinter dem Schleier der Erscheinungen nichts ist außer diesem Nichts bleibt: Die Grenze, die es vom Endlichen trennt, verläuft außerhalb von
selbst, das es uns ermöglicht, den Übergang von der Substanz (S) zum ihm, weil die Negation kein Teil der Identität des Absoluten ist. Das
Subjekt (S/) zu vollziehen. mathematische Unendliche dagegen liegt nicht außerhalb der Reihe
In Hegels großer Logik gibt es einen einzigartigen Punkt sympto- der endlichen Zahlen, sondern ist das Unendliche dieser Reihe selbst.
maler Torsion (wie Badiou sagen würde), der den Begriff der Leere Die Grenze, die das Unendliche vom Endlichen trennt, ist dem End-
als Medium des Wechselspiels zwischen inkonsistenten Erscheinungen lichen immanent – man kann sogar sagen, dass das mathematische Un-
sowie den Begriff der Subjektivität, die unmittelbar aus den mathema- endliche nichts als diese Grenze ist. In der Differentialrechnung wird
tischen Antinomien entspringen kann, bereits ankündigt, und bei die- diese Grenze als solche autonomisiert, unabhängig gemacht: Wenn wir
sem Punkt handelt es sich um seine Beschäftigung mit der Differential- die Steigung der Gerade berechnen, die an einem bestimmten Punkt
rechnung. Der Hauptantrieb für die Untersuchung sogenannter tangential zu der Kurve verläuft, dann berechnen wir im Endeffekt die
Differentiationen beziehungsweise Ableitungen war das Tangenten- Steigung (Raumrichtung) eines bestimmten Punktes der Kurve und
problem: Wie lässt sich zu einer gegebenen Kurve die Steigung einer damit die Raumrichtung von etwas, dessen räumlicher Umfang auf das
Geraden ermitteln, die an einem bestimmten Punkt tangential zu der unendlich Kleine, auf null reduziert ist. Das bedeutet, dass das Ergebnis
Kurve verläuft? Wenn wir die Steigung einer Geraden zu bestimmen der Differentialrechnung ein quantitatives Verhältnis zwischen zwei
versuchen, die eine gegebene Kurve an einem bestimmten Punkt „be- Gliedern ausdrückt (einer Geraden und einer Kurve), deren Quanti-
rührt“, versuchen wir dann nicht eigentlich, die Raumrichtung dieses tät auf null (einen Punkt) reduziert ist; anders gesagt, haben wir ein
Punktes zu bestimmen? Es wundert nicht, dass Hegel in der Wissen- quantitatives Verhältnis, das weiter besteht, nachdem die Quantität
schaft der Logik im Kapitel über das „Quantum“ die Differential- der beiden Verhältnisgrößen entfernt worden ist; wenn wir jedoch die
rechnung auf gleich Dutzenden von Seiten erörtert;26 in diesem lächer- Quantität von einer Entität abziehen, besteht die Qualität weiter; die
lich überzogenen und dicht geschriebenen Unterkapitel muss er sich Paradoxie der Differentialrechnung besteht folglich darin, dass das
der Tatsache stellen, dass die Mathematik mit der Differentialrechnung quantitative Verhältnis, das in ihrem Ergebnis zum Ausdruck kommt,
172 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 173
als eine Qualität wirkt: „[D]ie sogenannten unendlichen Differenzen Wie es bei Lacan heißt, fehlt einer der beiden Ursignifikanten, er ist
[drücken] das Verschwinden der Seiten des Verhältnisses als Quanto- „urverdrängt“ (seine Verdrängung ist demnach für das gesamte Feld
ren [aus] und […] das, was übrigbleibt, [ist] ihr Quantitätsverhältnis der Geschlechterdifferenz konstitutiv): Der einzige Signifikant der
[…], rein insofern es auf qualitative Weise bestimmt ist.“29 Geschlechterdifferenz ist der männliche („phallische“) Signifikant –
Ein „Quantitätsverhältnis, rein auf qualitative Weise bestimmt“, von Lacan als Herren-Signifikant, S1, bezeichnet  –, der kein positi-
stellt eine der kostbarsten Bestimmungen des Raums der Subjektivi- ves weibliches Gegenstück (S2) hat. Aus diesem „Fehlen des binären
tät dar: Das Subjekt ist eine rein tangentiale Qualität, deren materiel- Signifikanten“ folgt, dass nur die männliche Position über eine Identi-
ler Träger eine Leere des Punktuellen ist, das heißt, die durch das Ver- tät verfügt, wohingegen die weibliche Position durch einen Mangel
schwinden (die Selbstaufhebung) der quantitativen Elemente ihres bzw. Exzess gekennzeichnet ist … Man kann sich den Aufschrei unter
materiellen Trägers entsteht. Subjektivität kommt auf das Sein zurück, den Feministinnen schon vorstellen: Es existiert also nur der Mann,
allerdings auf ein Sein, das in der Infinitesimalrechnung aufgehoben die Frau existiert nicht (wie Lacan sagt), somit gibt Lacan sich ganz
wird. Wir können die Beziehung zwischen substanziellem Wesen und offen als phallozentrischer Chauvinist, der die Frau auf ein zweit-
Leere der Subjektivität demnach auch umgekehrt deuten: Die auf die rangiges Halbwesen reduziert, einen Mangel bzw. Exzess in Bezug
Spitze getriebene Logik des Seins öffnet sich der Leere der Subjektivi- auf die vollkommen selbstidentische männliche Existenz, und darum
tät, und die Logik des Wesens füllt dann diese Leere mit einer anderen müsste (wie Alenka Zupančič vorgeschlagen hat) die Geschlechter-
Gestalt eines substanziellen bzw. essenziellen Jenseits. Auf diese Weise differenz richtigerweise nicht m/w, sondern einfach m + geschrieben
gelangen wir zur verdoppelten Subjektivität: Das „weibliche“ Subjekt werden. Wir sollten hier einmal mehr Beckett zitieren: „Alles teilt
ist die Leere, die durch die Selbstaufhebung des „mathematischen“ Be- sich in sich selbst, nehme ich an.“31 Die grundlegende Teilung besteht
reichs des Seins entsteht, und das „männliche“ Subjekt entsteht durch nicht darin, dass sich ein Eines in zwei teilt, wie Mao behauptet; sie
die Selbstaufhebung der „dynamischen“ Spannungen des Bereichs des ist die Teilung eines unbestimmten Dings in eins und dessen Rest, Ex-
Wesens. zess oder Überschuss. So funktioniert die Geschlechterdifferenz: Die
Wie wird das Subjekt also geschlechtlich? Fassen wir zunächst ein- menschliche Spezies teilt sich nicht in zwei (männlich und weiblich),
mal unser Ergebnis zusammen: Die Geschlechterdifferenz ist nicht in sie teilt sich in eins (männlich) und dessen Exzess, und darum lautet
erster Linie die Differenz zwischen zwei Geschlechtern, sondern eine die Formel m +.
Differenz (eine Inkonsistenz, ein Antagonismus), die von innen in Hier nun allerdings verkompliziert Lacan die Dinge auf unerwartete
jedes der beiden schneidet: Jedes Geschlecht ist nicht in erster Linie und paradoxe Weise: In der „transzendentalen (nicht empirischen) Ge-
durch seine Differenz vom anderen Geschlecht definiert, sondern nese“ der Geschlechterdifferenz ist + (der Exzess oder Überschuss) zu-
durch seine Differenz von sich selbst, seinen eigenen inneren „Wider- erst da, es geht dem voraus, in Bezug auf dass es ein Überschuss bzw.
spruch“.30 Und wenn wir von dieser allgemeinen Differenz, die durch Exzess ist. (Das Gleiche gilt für das Mehr-Genießen, das nicht auf eine
beide Geschlechter hindurchschneidet, aus weitergehen, dann handelt Art „normalen Genießens“ folgt: Genießen ist schlechthin ein Surplus,
es sich nicht um die alte Geschichte vom ewigen Kampf zwischen den ein Überschuss über den „normalen“ Lauf der Dinge.) Am (logischen)
beiden Geschlechtern (oder auf kosmologischer Ebene zwischen den Anfang steht ein Exzess, der „aus dem Nichts“ hervorgeht (vielleicht
entgegengesetzten kosmologischen Prinzipien: dem Männlichen und auf eine Weise, die dem Auftauchen von etwas aus dem Nichts – aus der
dem Weiblichen [Yin und Yang], Licht und Dunkelheit) oder, struk- Leere – in der Quantenmechanik entspricht), und erst in einem zwei-
turalistisch gesprochen, um die Differenz zwischen den beiden ent- ten Schritt setzt das + (mit Bezug auf Nichts) rückwirkend ein selbst-
gegengesetzten Signifikanten, dem männlichen und dem weiblichen. identisches Etwas, in Bezug auf das es ein Exzess ist. Dieses Setzen,
174 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 175
diese Verwandlung oder Überführung von + in Eins muss jedoch letzt- Differenz zusammenfällt beziehungsweise in dem die Gattung als eine
lich scheitern; der Exzess besteht weiter, und damit erhalten wir das ihrer Arten erscheinen muss. Um den entscheidenden Punkt noch
Eine mit einem Exzess. In einer weiteren rückwirkenden Bewegung einmal zu wiederholen: Die Differenz der Geschlechter ist nicht die
wird die Dualität von Eins und Exzess in das Paar aus m und w als die einer Gattung (Mensch), die sich in zwei (oder mehr) Arten teilt, son-
beiden positiven Terme substanzialisiert, doch auch hier besteht ein dern die Differenz, welche die Gattung selbst definiert (konstituiert),
Exzess fort, sodass wir m/w+ erhalten, das Paar plus seinen Exzess (wie und als solche ist sie eine zerfallene Differenz, bei der ein Term fehlt.
männlich, weiblich und transgender). Spekulativ formuliert, ergeben Dieser Mangel eines allgemeinen Terms wird durch die Vielheit des
sich diese verwickelten Verhältnisse, weil wir es nicht mit einer Diffe- Besonderen aufgefüllt. Demnach ist das Problem, wie wir vom All-
renz zwischen zwei selbstidentischen Termen zu tun haben, sondern gemeinen zur Vielheit des Besonderen übergehen, auf der Ebene des
mit Identität und Differenz: Der zweite Term differiert nicht von dem Allgemeinen bereits gelöst: Wir erhalten einen in sich verdrehten (oder
ersten (oder der Leere), er ist Differenz schlechthin. Der primordiale vielmehr gekrümmten) Raum, in dem sich die Vielheit des Besonderen
Exzess ist eine reine Differenz, die die Leere stört; eine Frau ist die reine auf derselben Ebene wie das Allgemeine ansiedelt und in dem sie des-
Differenz in Bezug auf den Mann (m +); transgender ist die reine Diffe- sen Mangel auffüllt; die allgemeine Differenz besteht somit aus einer
renz, die sich gegenüber den differenzierten Termen (m, w) im Über- Gattung und ihren mannigfachen besonderen Arten.
schuss befindet.32 (Eine der Konsequenzen aus all dem ist, dass es sich Männlich und weiblich bilden folglich zwar ein Paar, aber nicht
beim Mann um das einzige Geschlecht senso strictu handelt und dass als zwei sich ergänzende Prinzipien; man sollte männlich-weiblich
eine Frau die erste Transgender-Gestalt ist.) Zusammenfassend ist es genauso auffassen, wie man auch den Begriff „Marxismus-Leninismus“
also nicht richtig zu sagen, dass es zwei Geschlechter gibt: Es gibt nur anders und neu auffassen sollte: Nach Anbruch eines neuen Zeitalters
ein Geschlecht und seinen Rest, der das Nicht-eins-sein-Können des des Imperialismus funktionierte der ursprüngliche Marxismus, der
Einen positiviert  – gäbe es zwei Geschlechter, von denen jedes eine Marxismus „als solcher“, nicht mehr; er musste durch einen „Leninis-
eigene substanzielle Identität hätte, dann wäre das zweite mit dem ers- mus“ ergänzt werden, der als eine neue besondere Bestimmung seinen
ten identisch, sodass es auch nur eins gäbe. Eine Frau ist demnach nicht Mangel auffüllte. Es handelt sich dabei also nicht bloß um eine Frage
einfach nur mehr als der Mann, eine Frau als ein +, ist dieses „Mehr“ der Kontinuität der Lehre (der Leninismus ist der Marxismus im neuen
selbst, das Lacan encore nannte (so der Titel seines Seminars über die Zeitalter des Imperialismus), sondern um ein Problem der Lücke, des
weibliche Sexualität). Schnitts, der Unwirksamkeit: Der Marxismus „als solcher“ funktio-
Vormoderne Kosmologien nehmen ihren Ausgangspunkt in dem nierte nicht mehr, er fiel im Schock über den Ausbruch des Ersten Welt-
vergeschlechtlichten Grundgegensatz (Yin und Yang), der im Fortgang kriegs in sich zusammen, und der „Leninismus“ ist nicht einfach seine
in immer komplexere Kombinationen der entgegengesetzten Grund- Fortsetzung (oder „Anpassung an die neuen Bedingungen“), sondern
prinzipien aufgefächert wird – das Modell dieses Verfahrens bildet das der reflexive Akt, mit dem die Lücke wieder aufgefüllt wird, die die-
I Ging, das alte chinesische „Buch der Wandlungen“, in dem die beiden ses Scheitern hinterlassen hat. Dieser Übergang in ein neues Stadium
Prinzipien systematisch miteinander kombiniert werden. Bei Lacan ist ist nicht das Resultat einer „organischen Entwicklung“; er stellt viel-
es anders, da bei ihm bereits das Ausgangspaar zerfallen ist: Es fehlt mehr einen gewaltsamen und letztlich kontingenten Einschnitt dar –
das binäre Gegenstück. Darum ist das ganze Netz von einem Ungleich- es hätte sich genauso gut auch eine andere besondere Bestimmung
gewicht und einer Asymmetrie geprägt, von einem Kurzschluss zwi- ergeben können, um den Mangel aufzufüllen. (Mit „Leninismus“ ist
schen dem Allgemeinen und dem Besonderen, in dem die äußere Dif- nicht Lenins Werk gemeint, sondern dessen Kodifizierung durch Sta-
ferenz (zwischen einer Gattung und ihrem Anderen) mit der inneren lin  – vergessen wir nicht, dass das „klassische“ Werk Stalins Fragen
176 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 177
des Leninismus war; außerdem ist „Marxismus-Leninismus“ ein Be- verriet, wie Licht sich wirklich ausbreitet, bis hin zu Marx’ „asiatischer
griff im Geiste Stalins). Das Gleiche gilt für Freud und Lacan: Lacan Produktionsweise“ (die eine Art negatives Behältnis darstellt: Das Ein-
interveniert, um die Lücken und Fehlstellen bei Freud aufzufüllen, zige, was dieser Begriff tatsächlich beinhaltet, sind „all die Produktions-
seine Intervention erfolgt von außen, von der strukturellen Linguis- weisen, die nicht zu Marx’ Standardeinteilung der Produktionsweisen
tik her, und sie ist letztlich kontingent, denn es gibt keinen linearen passen“) und nicht zuletzt dem heute so gern verwendeten Wort von
Fortschritt in der Bewegung von Freud zu Lacan. Man sollte hier noch der „postindustriellen Gesellschaft“ – Vorstellungen und Begriffe die-
einen Schritt weitergehen und betonen, dass Lenin und Lacan nicht ser Art sind scheinbar mit Inhalt gefüllt, in Wahrheit aber lassen sie nur
nur den Spalt auffüllen, der sich im Originalgebäude aufgetan hat  – unser Unwissen erkennen.
in gewisser Weise nämlich vertiefen sie den Spalt, den sie auffüllen, In der ersten Version der beschriebenen Genese ist der binäre Signi-
sogar noch; sie machen ihn als solchen sichtbar, als eine strukturelle fikant, das symmetrische Gegenstück von S1, „urverdrängt“, und die
Leerstelle, die eine Totalrekonstruktion des ganzen Gebäudes erforder- Kette der S2 erscheint, um die Leere dieser Verdrängung zu supplemen-
lich macht. Darin besteht die Spannung zwischen dem Allgemeinen tieren. Die ursprüngliche Tatsache ist demnach das Paar von S1 und der
und dem Besonderen: Ein besonderes Element exemplifiziert das All- Leere an der Stelle seines Gegenstücks, und die Kette der S2 ist nach-
gemeine nicht einfach nur; es füllt die Lücke bzw. den Mangel in die- geordnet. In der zweiten Version der Genese – der Darstellung des Er-
ser Allgemeinheit auf. Und für die Geschlechterdifferenz gilt dasselbe: scheinens von S1 als „rätselhafter Term“, als leerer Signifikant – ist die
Sie ist nicht die Differenz zwischen zwei Arten der menschlichen Gat- primordiale Tatsache hingegen S2, die Signifikationskette in ihrer Un-
tung, sondern die Differenz zwischen der Gattung und ihren Arten, vollständigkeit, und S1 interveniert, um die Leere dieser Unvollständig-
zwischen (männlicher) Allgemeinheit und der (weiblichen) Besonder- keit zu füllen. Wie aber können die beiden Versionen miteinander ko-
heit, die den ins Innerste des Allgemeinen eingeschriebenen Mangel ordiniert werden? Ist die allerletzte Tatsache der Teufelskreis ihrer
auffüllt. gegenseitigen Implikation?
Die Tatsache, dass „es kein Geschlechtsverhältnis gibt“, bedeutet Was wäre, wenn diese beiden Versionen einmal mehr auf die Logik
daher, dass der sekundäre Signifikant (derjenige der Frau) „urver- von Lacans Formeln der Sexuierung verweisen würden? Anders als
drängt“ ist, und was an die Stelle der Verdrängung tritt, was die Lücke man erwarten würde, ist die erste Version – die Vielfalt erscheint, um
füllt, ist die vielgestaltige „Wiederkehr des Verdrängten“, die Reihe der die Leerstelle des binären Signifikanten aufzufüllen – die „weibliche“,
„gewöhnlichen“ Signifikanten. Dabei ergibt sich nun allerdings eine das heißt diejenige, welche die Explosion der inkonsistenten Viel-
Komplikation. Diese transzendentale Genese der Vielfalt, die den falt des weiblichen Nicht-Alles erklärt, und die zweite Version ist die
Mangel des binären Signifikanten auffüllt, wird nämlich von der ent- „männliche“, das heißt diejenige, die erklärt, wie eine Vielfalt durch
gegengesetzten Genese supplementiert, bei der die Vielfalt der Signi- die Ausnahme, die deren Leerstelle auffüllt, zu einem Alles totalisiert
fikanten(-reihen) den Ausgangspunkt bildet und der Herren-Signi- wird. Zwischen den beiden Versionen besteht nun allerdings keine
fikant als reflexiver Signifikant in Erscheinung tritt, der die Lücken in vollständige Symmetrie: Wie im Fall von Kants Antinomien, bei denen
den Reihen der Signifikanten schließt. Das höchste Exempel, das Spi- die mathematischen den dynamischen logisch vorausgehen, kommt
noza von „Gott“ gibt, ist hier sehr wichtig: Fasst man ihn als eine mäch- die „weibliche“ Version (die Vielfalt füllt den Mangel des binären Signi-
tige Person auf, so verkörpert Gott lediglich unsere Unkenntnis der fikanten auf) zuerst; sie erklärt gerade das Erscheinen der Vielfalt, der
wahren Zusammenhänge und Kausalitäten. Beispiele aus der Wissen- nicht totalisierbaren Reihen, deren Mangel dann durch den reflexiven
schaftsgeschichte gibt es zuhauf: von Phlogiston, einem Pseudo- Herren-Signifikanten, den Signifikanten des Fehlens des Signifikanten,
konzept, das einfach nur die Unkenntnis seines Entwicklers darüber aufgefüllt wird. Kurzum: „Alles beginnt“ nicht einfach mit der Vielheit
178 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 179
von Vielheiten, welche die Leere „ist“, sondern vielmehr mit dem un- gegeben hat, dass es sich dabei von Anfang an um einen für ihn auf-
möglichen bzw. gebarrten Einen, das nichts als seine eigene Unmög- geführten Schwindel handelte …). Dieser radikale Verlust eines Ver-
lichkeit ist. lusts definiert die Subjektivität einer Frau (die die schlechthin grund-
Darum wäre es falsch zu schließen, dass man es nur im „männ- legende Subjektivität ist): Der Verlust wird hier von einem transitiven
lichen“ Raum des Alles und seiner Ausnahme mit einem Antagonis- zu einem intransitiven, das heißt, eine Frau ist nicht ohne das Ob-
mus zweier Terme (einem „Binär“-Gegensatz) zu tun haben kann, das jekt, sie ist einfach nur ohne, und die Bezeichnung dieses „einfach nur
heißt, dass binäre Oppositionen im „weiblichen“ Raum des Nicht-Alles ohne“ lautet S/, das (versperrte bzw. ausgestrichene) Subjekt.
unmöglich sind. Der zweite Modus besitzt gegenüber dem ersten logi- Aber ist Lacans eigentliche Definition des Signifikanten – als das,
schen Vorrang: Zuerst geht aus einem reinen Antagonismus die Vielheit was das Subjekt für einen anderen Signifikanten (andere Signifikanten)
hervor (und füllt die durch den fehlenden Binärsignifikanten geöffnete repräsentiert – nicht eindeutig in der Logik des Alles und seiner Aus-
Lücke) und dann wird diese Vielheit durch die Ausnahme des Einen nahme angesiedelt? Ist nicht der Signifikant, der das Subjekt (S1) reprä-
totalisiert. Dieses „Binäre“ zwischen den beiden Logiken (Nicht-Alles sentiert, die Ausnahme, die es für die Reihe anderer Signifikanten (S2) re-
und Alles-mit-Ausnahme) folgt nicht der Logik des männlichen Alles- präsentiert? Hier kommt eine weitere, subtilere Unterscheidung hinzu:
mit-Ausnahme; es ist die eine Seite des weiblichen Nicht-Alles. Wie gehen wir vom geteilten Subjekt zur Teilung zweier Subjekte über,
Darum, so sagt es Lacan sehr präzise, besteht in der Geschlechter- zweier Modi der Subjektivität, männlicher und weiblicher? Warum ist
differenz eine Asymmetrie: Der Mann ist Nicht-Frau (die Identität des das Subjekt immer verdoppelt, „vergeschlechtlicht“, warum erscheint
Mannes ist differenziell, sie konstituiert sich im Gegensatz zur Frau), es a priori in zwei Versionen, als männlich und weiblich, warum gibt
doch eine Frau ist nicht Nicht-Mann. Man muss hier sehr vorsichtig es kein geschlechtsneutrales Allgemeinsubjekt? Weil, wie wir gesehen
sein: Das heißt nicht, dass eine Frau ihren Ort irgendwo außerhalb des haben, seine beiden Versionen den beiden Antinomien der Sexuie-
Raums der Differenzen hat – die Negativität einer Frau ist radikaler als rung Gestalt geben. Das männliche Subjekt ist die vorherrschende Auf-
die des Mannes. „Frau ist nicht Nicht-Mann“ lässt das „nicht“ nicht in fassung des Subjekts: Die Ausnahme siedelt sich irgendwie außerhalb
einer positiven Selbstidentität verschwinden: Das „nicht“ bleibt nicht der „objektiven“ Realität an und deren Subtraktion konstituiert den
nur bestehen, es tritt vielmehr in seiner Reinheit hervor, als radikale Bereich „objektiver“ Realität. Das männliche Subjekt ist der Akteur,
Negativität und nicht als eine bloße bestimmte Negation ihres diffe- der der Realität gegenübersteht, mit ihr interagiert und in sie eingreift.
renziellen Gegenteils. „Frau ist nicht Nicht-Mann“ bedeutet kurz ge- Das weibliche Subjekt ist etwas, das dem männlichen Subjekt (logisch)
sagt, dass eine Frau „nicht“ tout court ist, mit keinem Prädikat zu negie- vorausgeht: Es ist dessen Konstituierungsbewegung. Das weibliche
ren. Wenn ein Subjekt einen schrecklichen Verlust wie den Tod eines Subjekt ist in der Realität nicht organisch als ein Teil von ihr enthalten;
geliebten Menschen zu erleiden hat, dann definiert es dieser Verlust es ist vielmehr das, was die Realität zum Nicht-Alles macht, es ist der
auf positive Weise; sein gesamtes Leben wird zu einem Leben ohne Operator ihrer Unvollständigkeit – die negative Geste eines Entzugs.
den geliebten Menschen – was aber, wenn das Subjekt nach dem Ver- Das Subjekt als männliches, in seinem männlichen Modus, vervoll-
lust dieser Person feststellt, dass diese nie diejenige war, die sie zu sein ständigt die Realität durch seine eigene Ausnahme von ihr; das Subjekt
schien, sondern ein Schwindel, sodass das Subjekt nach dem Verlust in seinem weiblichen Modus hingegen verunvollständigt die Realität,
auch noch des Verlusts selbst als strukturierendes Moment seines Le- es ist „weniger als nichts“, und macht sie inkonsistent, indem es zu ihr
bens beraubt wird und sich in der Leere wiederfindet? (Etwas Ähnli- addiert, in sie eingeschlossen wird.
ches passiert in Hitchcocks Vertigo: Nachdem er Madeleine verloren
hat, entdeckt Scottie, dass es das, was er verloren hat – Madeleine – nie
180 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 181
Pflanzen, Tiere, Menschen, Posthumane Allerdings – und hier verdoppelt sich die Paradoxie selbst – drückt
sich in absolutem Wissen, obwohl es subjektiv ist, nicht die innere
Wenn wir behaupten, dass Sex unsere Berührung mit dem Absoluten Wahrheit des Subjekts aus; es gleicht keinem Wissen, das objektive Tat-
ist, verharren wir dann nicht trotzdem innerhalb des transzendentalen sachen adäquat wiedergibt. In absolutem Wissen bekundet sich nicht
Zirkels, indem wir die sexuelle Erfahrung zum privilegierten Rahmen das innere Genie, die unbewusste Kreativität des Subjekts. In seinem
unserer Kontaktaufnahme mit dem Realen erheben? Es sollte nunmehr kurzen Text „Über den Unterschied zwischen einem Genie und einem
klar sein, wie die Antwort auf diesen Einwand lauten muss: Ebenjener Apostel“ bestimmt Kierkegaard das Genie als einen Menschen, der
Zirkel, der unsere Annäherung an die Realität in einem bestimmten das zum Ausdruck oder zur Sprache zu bringen vermag, „was in ihm
Punkt verankert, ist als ihr konstitutives Merkmal in die „Realität“ mehr ist als er selbst“, seine geistige Substanz. Dagegen komme es auf
selbst eingeschrieben (was eine andere Art ist zu sagen, dass die Reali- den Apostel „an sich“ überhaupt nicht an: Ein Apostel fungiert als je-
tät in sich selbst gebrochen oder durchkreuzt ist). „Absolutes Wissen“ mand, der sich mit seinem Leben der Bezeugung einer Wahrheit ver-
ist folglich eine Bezeichnung für ein verdoppeltes Nichtwissen: Es schrieben hat, die ihn übersteigt; er ist ein Bote, der (durch Gnade) er-
bietet nicht irgendwelches neues Wissen, sondern verlagert lediglich wählt wurde, er verfügt über keine inneren Eigenschaften, die ihn für
unser Nichtwissen in den Gegenstand des Wissens selbst. Wir haben diese Rolle qualifizieren. Lacan wiederum erwähnt in dem Zusammen-
es dabei also nicht lediglich mit einer generalisierten Relativierung hang einen Diplomaten, der offiziell sein Land vertritt: Seine Eigen-
unseres Wissens oder dem Ausdruck der letzten Ungewissheit über heiten sind völlig nebensächlich; alles was er tut, wird als Botschaft sei-
die wirkliche Beschaffenheit der Dinge zu tun; diese Ungewissheit wird nes Landes an das Land, in das er entsandt wurde, aufgefasst – wenn
vielmehr in die Realität verlagert, die in sich selbst unvollständig, onto- er auf einer diplomatischen Konferenz hustet, dann wird das so inter-
logisch durchkreuzt, unbeständig ist. pretiert, als deute er damit sachte an, dass sein Land an den zur De-
Die Paradoxie besteht hier darin, dass das absolute Wissen (oder, batte stehenden Maßnahmen Zweifel hege usw. Und daraus zieht Lacan
mit Lacan gesprochen, das Wissen im Sinne der Wahrheit) subjektiv den paradoxen Schluss, dass das freudsche „Subjekt des Unbewussten“
ist, subjektiv vermittelt. Denken wir nochmals an Lacans ungeheuer- (beziehungsweise das, was Lacan als „Subjekt des Signifikanten“ be-
liche Feststellung, die Eifersucht eines Ehemanns sei auch dann patho- zeichnet) in seiner Struktur dem kierkegaardschen Apostel gleicht: Es
logisch, wenn all seine Verdächtigungen zuträfen (und seine Frau wirk- bezeugt eine „unpersönliche“ Wahrheit. Darin liegt eine Verbindung
lich mit anderen Männern schliefe); im gleichen Sinne könnte man zur Hysterie, bei der wir, präzise gesagt, auf einen „Wahrheitskörper“
sagen, dass der Antisemitismus der Nazis auch dann pathologisch ist stoßen: In den körperlichen Symptomen, die aus der „Bekehrung zur
(und war), wenn das meiste von dem, was sie über Juden behaupten Hysterie“ resultieren, wird der unmittelbar organische Körper von einer
(dass sie Deutsche ausnutzen und deutsche Mädchen verführen), zu- Wahrheit befallen, gekidnappt, in einen Wahrheitsträger verwandelt,
trifft – weil dabei verdrängt bleibt, warum die Nazis den Antisemitis- in einen Raum oder eine Fläche, in die sich die Wahrheiten (des Un-
mus brauch(t)en, um ihre ideologische Position aufrechtzuerhalten. Im bewussten) einschreiben – die Hysterie ist die ultimative Bestätigung
Falle des Antisemitismus ist das Wissen darüber, was die „Juden sind“, von Lacans Diktum c’est moi, la vérité, qui parle. Die Struktur ist dabei
letztendlich irrelevant; dagegen ist das einzige Wissen, das sich an der wieder die eines kierkegaardschen Apostels: Der Körper wird als in
Stelle der Wahrheit befindet, das Wissen darüber, warum ein Nazi eine seiner unmittelbaren Realität indifferent aufgekündigt oder suspen-
Figur des Juden zur Aufrechterhaltung seines ideologischen Gebäudes diert und damit als ein Wahrheitsmedium übernommen. Gedanken
braucht; diese Wahrheit ist auch in dem Sinne „absolut“, dass sie von ohne Denkenden, Träume ohne Träumenden, Glaubensvorstellungen
der Tatsachenwahrheit entbunden ist. ohne Glaubenden  … Das genau ist das freudsche Unbewusste: kein
182 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 183
Ausdruck der Untiefe des Subjekts, sondern eine Voraussetzung, deren Zweitens und wichtiger noch konzentriert sich diese Geschlechtlich-
Status rein virtuell ist. Obwohl sie nicht subjektiviert ist (nicht das keit in der Blüte, einem ablösbaren und überflüssigen Pflanzenteil, einem
Seelenleben des Subjekts ausdrückt), besteht diese Voraussetzung nur „abgeschiedene[n] Teil“. „Die verschiedenen Individuen“, schreibt Hegel,
in Bezug auf ihr Subjekt, das leer bleibt, also auf S/, das „Subjekt des „können also nicht als verschiedene Geschlechter angesehen werden, weil
Unbewussten“ (bei dem es sich Lacan zufolge um das cartesische co- sie nicht in das Prinzip ihrer Entgegensetzung ganz eingetaucht sind, –
gito handelt). Das Subjekt des Unbewussten ist kein von unbewusstem weil es sie nicht ganz durchdringt, nicht allgemeines Merkmal des gan-
Wissensreichtum ausgefülltes Subjekt, sondern ein leeres Subjekt, das zen Individuums […] ist“. Bei Pflanzen äußert sich diese Unbestimmtheit
radikal geschieden ist von seinem Unbewussten, von dem es in Besitz in der Unentschiedenheit zwischen geschlechtlichen und ungeschlecht-
genommen und als sein Apostel benutzt wird. lichen Daseinsformen sowie innerhalb der Geschlechtlichkeit zwischen
Und das bringt uns wieder zum Ausgangspunkt dieses Buches zu- den männlichen und den weiblichen Seiten. Der vegetabile Geschlechts-
rück: zu der Nichtorientierbarkeit. Wenn wir uns die Vorstellung der unterschied pendelt zwischen der Trennung und der Verbindung der von
durchkreuzten Realität zu eigen machen, dann schließt das auch die ihm in Beziehung gesetzten Polaritäten einerseits und deren Beseitigung
vollständige Absage an jede Form von Fortschrittsoptimismus ein: in der ungeschlechtlichen Vermehrung anderseits. Die Verfeinerung und
„Fortschritt“ – oder jede Form der Entwicklung auf höhere Stufen – weitere Bestimmung der geschlechtlichen Differenz wird einen Übergang
ist immer ein lokales Ereignis und nie ein Merkmal des kosmischen zum tierischen Dasein notwendig machen, bei dem das ganze Fleisch von
Gesamtprozesses. Wenn es etwas gibt, das dem dialektischen Materialis- Geschlechtlichkeit überflutet wird, in entgegengesetzten Gestaltungen
mus vollkommen fremd ist, dann die Auffassung der Realität als eine zu des Männlichen und des Weiblichen, des wir gegen sie, angeordnet wird.
immer höheren Existenzformen fortschreitende Entwicklung, die von Hegel postuliert demnach die Animalisierung des Geschlechtsunter-
bloßer Materie zu pflanzlichem Leben, tierischem Leben, menschlichem schieds durch das „Prinzip der Entgegensetzung“, verstanden als ein
Geistesleben und dann vielleicht sogar noch weiter in Richtung eines Kennzeichen der Bindung und Neigung sowie der Nichtindifferenz des
unbekannten Omegapunkts führt (oder zur Singularität, wie manche Tiers an sich und seines Anderen. Und er interpretiert die prekäre Situ-
heute dazu sagen würden) – sogar Quentin Meillassoux pflichtet dieser ation der Pflanze als eine der indifferenten Differenz: […] die Pflanze ist
Sicht unerwartet bei. Aber ist nicht gerade Hegels Darstellung der Ab- nicht gegen den anderen, aber sie ist auch nicht sie selbst. Versunken in
folge von Mineralen, Pflanzen, Tieren und menschlichem Geist die äu- die Unmittelbarkeit einer Affirmation gegenüber dem Außen, das sich
ßerste Form solcher fortschreitenden Entwicklung? Bevor wir einen so vom Innen oft gar nicht unterscheiden lässt, ist die Pflanze nicht durch-
naheliegenden Schluss ziehen, sollten wir uns Hegels Naturphilosophie tränkt oder gesättigt vom Geschlechtsunterschied als dem Prinzip der
genauer anschauen; beginnen wir dabei mit Michael Marders konziser Entgegensetzung. Bei der geschlechtlichen Individuation muss „[d]er
Darlegung der Logik, nach der sich bei Hegel der Übergang von der ganze Habitus des Individuums […] mit seinem Geschlecht verbunden
geschlechtlichen Vermehrung von Pflanzen zu der von Tieren vollzieht; sein“, das heißt mit dem Prinzip der Gegensätzlichkeit, welches die dialek-
dabei handelt es sich um einen zumeist vernachlässigten Gegenstand, tische Geschlechtsontologie und die Dialektik als solche definiert und das
der jedoch voller Überraschungen steckt: selbst ein Ausdruck des gegensätzlich organisierten Geschlechtsunter-
schieds im Denken ist.33
Wie es in seinen Vorlesungen über die Philosophie der Natur heißt, be-
steht der geschlechtliche Unterschied im Pflanzenreich „so nur ganz Pflanzen sind demnach hinsichtlich ihrer (geschlechtlichen) Ver-
partiell“, und das aus zwei Gründen: Erstens sind Pflanzen geschlecht- mehrung durch zwei miteinander verbundene Merkmale charakte-
lich unbestimmt und „während ihres Wachstums oft sehr wandelbar“. risiert: Ihre geschlechtliche Identität ist unbestimmt (die einzelnen
184 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 185
Pflanzen gehören weder dem einen noch dem anderen Geschlecht an) Ausnahme als solche. Es ist, als sei die Logik der konstitutiven Aus-
und außerdem partiell (die Blüte, in der sich die Fortpflanzung kon- nahme hier in einer anderen Version wirksam, der des „Anteils der An-
zentriert, ist bloß ein ablösbarer Teil der einzelnen Pflanze); bei der teilslosen“: Gerade in ihrer Eigenschaft als Störung der Natur verleiht
tierischen Geschlechtlichkeit dagegen durchdringt der Geschlechts- die Menschheit der Natur als solcher, in ihrer Allgemeinheit, Gestalt.
unterschied das gesamte Dasein des Individuums. Während also der An dieser entscheidenden Stelle sind wir mit der größten Ver-
Geschlechtsunterschied bei Pflanzen an sich bereits da ist und eine suchung konfrontiert, die es zu vermeiden gilt: der Versuchung, die
„indifferente Differenz“ bleibt, ist im Gegensatz dazu beim Tier des- ontologische Negativität, den Bruch, den die Sexualität herbeiführt,
sen ganzer Habitus „mit dem Geschlecht verbunden“. Auch wenn vom Gegensatz zwischen tierischer und menschlicher Sexualität her zu
dieser Gedankengang nur naiv unwissenschaftlich erscheinen kann, erklären. Lacan selbst ist gegen diesen Standardtopos nicht immun: Im
verbergen sich darin doch einige interessante Beobachtungen. Hegels Laufe seines Werks variiert er immer wieder das Motiv der Negativi-
Interpretation des Blühens als weibliches Sich-dem-Außen-Aussetzen tät und des Bruchs, der mit der menschlichen Sexualität in die Welt
der Pflanze lässt unmittelbar an die Rolle der Bienen bei der pflanz- der natürlichen Paarung gekommenen sei. Auch die Unterscheidung
lichen Befruchtung denken  – als ob Pflanzen bei der Befruchtung zwischen Instinkt und Trieb lässt sich auf diese Weise deuten: Tiere
Hilfestellung von außen brauchen und Bienen als kleine, losgelöste besitzen ein instinktives Wissen, das ihnen sagt, wann und wie sie
Penis-Maschinen fungieren. Man kann Hegel leicht vorwerfen, dass er sich paaren sollen, die Paarung gehört für sie einfach zum natürlichen
die pflanzliche Vermehrung aus der Perspektive der geschlechtlichen Lebenskreislauf; uns Menschen dagegen fehlt die grundlegende Orien-
Fortpflanzung bei Tieren interpretierte, als ihre „niedere“ Ebene, doch tierung, wir verfügen nicht über die instinktmäßigen Koordinaten für
worauf es dabei eigentlich ankommt, ist Hegels Haupterkenntnis, die unser Geschlechtsleben, und darum müssen wir lernen, „wie man es
diesem Gedankengang zugrunde liegt: Die geschlechtliche Aktivität ist macht“, und uns dabei auf kulturelle Muster stützen: „[In] der Natur
nicht erst in der menschlichen Kultur „entgleist“, von Sackgassen und gibt es einen Sexualinstinkt, aber nicht im Menschen (der in Bezug auf
Unmöglichkeiten durchzogen; die sexuelle Aktivität schließt von An- die Natur den Ausnahmepunkt darstellt). Auf der elementarsten Ebene
fang an eine Sackgasse ein, nicht erst bei geschlechtlichen Tieren, son- ist die Menschheit eine Abweichung von der Natur.“34 In diesem Sinne
dern bereits im Pflanzenreich, sodass jeder Schritt bei der geschlecht- erklärt Gérard Wajcman, warum wir ein solches Vergnügen daran fin-
lichen Vermehrung den Versuch darstellt, die Blockade des vorherigen den, uns Tierdokumentationen im Fernsehen anzuschauen: Sie lassen
zu lösen. Anders gesagt, ist der Mensch nicht die Ausnahme, die uns Einblick nehmen in eine utopische Welt, in der man weder Sprache
Krümmung des Triebs, die aus dem tierischen Instinktgleichgewicht noch Anleitung braucht, eine „harmonische Gesellschaft“ (wie man
ausbricht. Und darum dürfen wir bei dem Exzess bzw. Störfaktor, der heute in China sagen würde), in der jeder von selbst weiß, welches
die Transformation bzw. Denaturalisierung des Instinkts in den Trieb seine Rolle ist:
bewirkt, nicht stehen bleiben. Vielmehr müssen wir über den üblichen
Gegensatz von Natur und menschlichem Exzess hinaus einen Schritt Der Mensch ist ein denaturiertes Tier. Wir sind Tiere, die an Sprache er-
weitergehen: Die vormenschliche Realität ist selbst „exzeptionell“, un- krankt sind. Und dabei sehnen wir uns manchmal so nach Heilung. Aber
vollständig, aus dem Gleichgewicht, und diese ontologische Lücke oder es wird nicht reichen, wenn wir einfach nur den Mund halten. Man kann
Unvollständigkeit tritt „als solche“ mit der Menschheit hervor. (Die- sich nicht einfach in die Tiernatur hineinwünschen. Und so schauen wir
ser Weg wurde von Schelling, Benjamin und der Quantenphysik skiz- uns zum Trost eben die Tiersendungen an und staunen über eine Welt,
ziert.) Der Mensch ist also im buchstäblicheren Sinne die Ausnahme die nicht durch die Sprache gezähmt wurde. Die Tiere lassen uns eine
der Natur: In der Menschheit erscheint die für die Natur konstitutive Stimme vernehmen, die aus reiner Stille besteht. Sehnsucht nach dem
186 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 187
Leben der Fische. Die Menschheit scheint vom Cousteau-Syndrom be- registrieren ihr Nichtwissen und sind auf der Suche nach Wissen (um
fallen zu sein.35 diese Suche geht es bei der „infantilen Sexualität“). Hegelianisch aus-
gedrückt könnte man sagen, dass das Nichtwissen beim Übergang vom
Die Dislokation der Sexualität lässt sich jedoch noch auf andere, radi- geschlechtlichen Tier zum Menschen vom Ansich zum Fürsich über-
kalere und wahrhaft hegelianische Weise verstehen: Was wäre, wenn geht, zu seiner reflexiven Registrierung; wir reden hier nun aber eben
die ausgewogene, „natürliche“ Sexualität nur ein menschlicher Mythos nicht vom Bewusstsein, von einem „Sich-Bewusstwerden“ des eigenen
ist, eine bloße Rückprojektion? Was, wenn dieses Bild einer Natur, die Nichtwissens. Die Registrierung vollzieht sich vielmehr gerade un-
weiß, der menschliche Mythos schlechthin ist, der ultimative Fall einer bewusst: „Was das menschliche Tier unterscheidet, ist nicht, dass es
„erfundenen Tradition“? Lacan ist hier selbst gespalten. Manchmal be- weiß (dass es nicht weiß), dass es sich also dieses natürlichen Mangels
hauptet er, dass „Tiere wissen“, dass sie über ein instinktives Wissen an sexuellem Wissen in der Natur bewusst ist, sondern dass es sich
über die Sexualität verfügen; dann wieder schreibt er (zum Beispiel in ,dessen unbewusst‘ ist.“38 Diese Formulierung gilt es in ihrer genauen
Bezug auf die Lamelle), dass bereits bei der natürlichen Geschlechter- Bedeutung des „wie eine Sprache strukturierten Unbewussten“ (Lacan)
differenz ein Mangel besteht: Die Lamelle „ist das, was den Lebewesen zu verstehen: Sich etwas „unbewusst“ zu sein ist das, was Hegel eine
entzogen ist, weil sie dem Kreislauf der geschlechtlichen Reproduktion „bestimmte Negation“ genannt hätte, und als solche eine positive Tat-
unterworfen sind“;36 demnach gibt es also schon beim natürlichen Sex sache an sich.
einen Verlust oder eine Blockade, und es ist bereits in der Natur selbst, Man denke hier an Kants klassische Unterscheidung zwischen ne-
im Kern der geschlechtlichen Fortpflanzung, eine Art Dislokation oder gativem Urteil (der Negation eines Prädikats) und unendlichem Urteil
Negativität wirksam: (der Bestätigung eines Nichtprädikats): „Es ist sich dessen unbewusst“
ist nicht dasselbe wie „es ist sich dessen nicht bewusst“ – so bin ich
Irgendetwas in der Natur selbst scheint an diesem Punkt dramatisch falsch mir etwa der neuronalen und anderer Prozesse in mir, die mein Den-
zu sein. Das Problem ist nicht, dass die Natur „immer schon kulturell ist“, ken aufrechterhalten, nicht bewusst, doch ich kann nicht sagen, ich sei
sondern vielmehr, dass ihr etwas fehlt, um überhaupt Natur (unser An- „ihrer unbewusst“, weil dies implizieren würde, dass diese Prozesse be-
derer) sein zu können. Eine Möglichkeit, dies auszudrücken, ist zu sagen, reits im Modus eines Unbewussten subjektiviert wären (genauso wie
dass es keinen Sexualinstinkt, will heißen: kein Wissen („Gesetz“) gibt, „ich bin untot“ bedeutet, dass ich als „lebender Toter“ am Leben bin).
das der Sexualität inhärent wäre und sie verlässlich steuern könnte.37 Wie ist diese unbewusste Existenz nun in die symbolische Ordnung
eingeschrieben? Lacan liefert hier eine präzise Antwort: in der Gestalt
Die menschliche Sexualität ist folglich keine Ausnahme in Bezug auf des plus-de-jouir, des Exzesses des Genießens, der nicht einfach nur ein
die Natur, keine pathologische Dislokation der natürlichen, instink- Exzess über jede bestimmte Form des Objekts des Genießens ist, son-
tiven Sexualität, sondern vielmehr der Punkt, an dem die Dislokation dern ein Objekt, das diesen Exzess der Negativität positiviert. Anders
bzw. die Unmöglichkeit, die zur geschlechtlichen Paarung gehört, als ausgedrückt: Während es sowohl bei Tieren als auch bei Menschen
solche erscheint. In welcher Form genau geschieht das? Für Menschen keine Geschlechtsbeziehung gibt, können nur Menschen das unend-
gilt genau wie für geschlechtliche Tiere: Sie „wissen nicht“, das heißt, liche Urteil vollziehen, in dem der Exzess zu einem Objekt wird, das
beiden mangelt es an einer festen und stabilen Instinktgrundlage ihrer heißt, in dem die Nichtbeziehung als solche zur Existenz gelangt:
Sexualität; Tiere allerdings wissen schlechthin nicht, das heißt, sie wis-
sen nicht, dass sie nicht wissen, sie sind schlicht ohne Orientierung, [W]ährend das tierische Dasein einfach inkonsistent ist (und dies teilt
ahnungslos, wohingegen Menschen wissen, dass sie nicht wissen – sie es mit der menschlichen Sexualität), gleicht das Genießen quasi einer
188 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 189
Menge, die diese Inkonsistenz als ihr einziges Element enthält. […] Dieser auf der „Natur-Ebene“ selbst verändert; der Exzess der Sexualität, die
innere Spalt des Lebens erlangt eine eigene materielle, objektive Existenz Sexualität als bedingungslose Leidenschaft, die alle „zivilisierten“ Fes-
in der Form dessen, was Lacan jouissance nennt […]. Es kommt zur ent- seln zu sprengen droht, ist selbst das Resultat der Kultur. Die Kultur
scheidenden Verschiebung, wenn die immanente Negativität (der Tod als setzt bzw. transformiert rückwirkend ihre eigene natürliche Voraus-
zum Leben gehörig) materielle Existenz im Mehr-Genießen erlangt (das setzung: Sie „denaturalisiert“ rückwirkend die Natur – dies ist es, was
zu ihrer Gestalt oder ihrem Vertreter wird), bezogen auf verschiedene Freud das Es, die Libido, nannte.
Partialtriebe und ihre Befriedigung. Erst mit dieser Verschiebung be- Hieraus ergibt sich noch ein anderer paradoxer Schluss: Die
wegen wir uns von der Sexuierung zur Sexualität im eigentlichen Sinne menschliche Sexualität lässt sich auch als eine seltsame „Synthese“
(der Sexualität sprechender Wesen).39 aus Pflanzen- und Tiersexualität begreifen. Genau wie geschlechtliche
Tiere sind Menschen „vom Geschlechtsunterschied als dem Prinzip
Der Übergang ist folglich der Übergang von der Inkonsistenz eines der Entgegensetzung durchtränkt, gesättigt“, doch von den Pflan-
Prozesses oder Objekts zu einem Objekt, das diese Inkonsistenz ist – zen übernehmen sie deren Verankerung. Diesen Punkt müssen wir
ihr Gestalt gibt  –, von der Nichtexistenz der Geschlechtsbeziehung uns anhand der Technologie klarmachen. Die Herausforderung der
zur Existenz einer Nichtbeziehung, von einem Überschuss über die Technologie ist nicht, (wieder) zu entdecken, dass unser ganzes Tun
Objektivität zu einem Objekt, das diesem Überschuss Gestalt verleiht. von unserer unhintergehbaren Verankerung in der Lebenswelt ab-
Jouissance ist nie ein reiner Produktivitätsüberschuss über jegliches hängt, sondern – im Gegenteil – dass wir uns aus dieser Verankerung
Objekt hinaus, jouissance ist immer ein Objekt; Inkonsistenz ist nie nur lösen und den radikalen Abgrund der eigenen Existenz akzeptieren
Inkonsistenz zwischen Objekten, sie ist immer ein Objekt – in diesem müssen. Allerdings wagte nicht einmal Heidegger, diesem Schre-
„unendlichen Urteil“ schlechthin besteht das hegelsche Zusammen- cken ins Auge zu schauen. Sind wir  – um einen etwas problemati-
fallen der Gegensätze, welches das Mehr-Genießen definiert. Vor die- schen Vergleich anzustellen – als Menschen, die in einer präreflexiven
sem Hintergrund sollte man die Zeilen lesen, in denen Marder Hegels Lebenswelt verankert bleiben, nicht so etwas wie „symbolische Pflan-
Limitierung lokalisiert: zen“? Hegel sagt an einer Stelle seiner Naturphilosophie, die Wurzeln
einer Pflanze seien ihre Eingeweide, die sich, anders als beim Tier,
Was wäre passiert, hätte Hegels „Philosophie der Natur“ nicht nur den außen befinden, in der Erde, was die Pflanze daran hindere, sie abzu-
Übergang vom pflanzlichen zum tierischen Dasein vollzogen, sondern schneiden und frei herumzustreifen – das Abschneiden der Wurzeln
auch den vom Dasein des Tieres (vom „tierischen Organismus“, in dem es wäre für sie gleichbedeutend mit dem Tod. Ist unsere symbolische
kulminiert) zu dem des Menschen, und zwar gerade als eine Philosophie Lebenswelt, in der wir immer schon präreflexiv verankert sind, nicht
der Natur und nicht als eine Phänomenologie des Geistes: Wie hätten sich folglich so etwas wie unsere symbolischen Eingeweide außerhalb von
die mannigfachen Differenzen in der Geschlechterdifferenz gezeigt? In uns? Und besteht die eigentliche Herausforderung durch die Tech-
welchem Licht wären sie beleuchtet worden?40 nik nicht darin, dass wir den Übergang von der Pflanze zum Tier
auch auf der symbolischen Ebene wiederholen, unsere symbolischen
Die menschliche Sexualität ist also nicht einfach die animalische Subs- Wurzeln kappen und den Abgrund der Freiheit akzeptieren sollten?
tanz, die dann in zivilisierten Formen und Ritualen lediglich „auf- In genau diesem Sinne kann man der Formel zustimmen, dass die
gehoben“, gentrifiziert, diszipliniert wird usw.  – ihre Substanz selbst Menschheit zur Posthumanität übergehen wird bzw. sollte – die Ver-
wird radikal transformiert. Die Natur (die natürliche Substanz der ankerung in einer symbolischen Welt ist eine Definition des Mensch-
Sexualität) erhält nicht nur eine „zivilisierte“ Form, vielmehr wird sie seins. Und in diesem Sinne stellt die Technik auch ein Versprechen auf
190 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 191
Befreiung durch Schrecken dar. Das Subjekt, das in dieser Schreckens- Obwohl Leben bisher nur auf der Erde nachgewiesen werden konnte,
erfahrung und durch sie hervortritt, ist letztlich das cogito selbst, der lässt sich daraus folgern, dass die Existenz außerirdischen Lebens nicht
Abgrund selbstbezüglicher Reflexivität, der den Kern transzendenta- nur plausibel, sondern wahrscheinlich oder sogar absolut wahrschein-
ler Subjektivität bildet, das azephale Subjekt des (Todes-)Triebs. Es ist lich ist. Sind wir damit wieder bei einer Form von Theologie angelangt,
das eigentlich unmenschliche Subjekt. mit einem Gott, der „Spermien“ in die Welt setzte, die dann untätig
Diese Negativität ist von Anfang an wirksam – aber wo? Pflanzliche umherwanderten und nach der geeigneten Materie Ausschau hielten,
Befruchtung und die Geschlechtsfortpflanzung bei Tieren teilen ein in der sie sich realisieren konnten? Es gibt freilich eine materialisti-
gemeinsames Merkmal, das aus der Ferne betrachtet überraschend, ja sche Erklärung: Die Chemie, die das Leben hervorbrachte, könnte
sogar rätselhaft erscheinen muss: Warum muss sich der Prozess der Be- bald nach dem Urknall vor 13,8 Milliarden Jahren während eines
fruchtung auf das kontingente Zusammentreffen der beiden einander habitablen Zeitalters begonnen haben, als das Universum erst 10  bis
äußerlichen Entitäten (eines männlichen und eines weiblichen Part- 17 Millionen Jahre alt war; die präbiotischen organischen Bausteine des
ners oder sogar auf Bienen) stützen? Warum ist der Prozess nicht in ein Lebens entstanden ursprünglich im Weltraum und wurden dann in
und demselben Lebewesen integriert? Warum diese kontingente Ge- den Solarnebel hineingetragen, aus der sich die Planeten verdichteten,
fahr einer verpassten Begegnung? Den Schlüssel zu diesem Rätsel lie- und immer noch weiter – und kontinuierlich – auf den Planetenober-
fert auf der abstrakten Ebene vielleicht ein anderes Rätsel: Warum er- flächen verteilt, wo sich schließlich Leben entwickelte (Abiogenese).
scheint die Geschlechterdifferenz – der reine Antagonismus, der durch Wenn wir also unseren religiösen Glauben behalten wollen, dann müs-
das ganze Feld hindurchschneidet – als zwei (Geschlechter)? Warum sen wir diese „kosmische Spermien“ wohl als den Erguss eines mas-
sind es nicht drei, vier, eine unendliche Reihe, bei der jedes Element turbierenden Gottes betrachten:43 Dabei ist hier keine Teleologie am
durch den gleichen Antagonismus zerschnitten wird? Wie gehen wir Werk; Billionen von „Spermien“ treiben einfach nur umher, offen für
vom (immanenten) Antagonismus zu den (äußerlichen) zwei über? zufällige Begegnungen, bei denen sie lebende Organismen bilden.
Lacans Antwort lautet, dass eben zwei niemals zwei sind, sondern das Doch werfen wir einen Blick in die andere Richtung des Ge-
Eine und seine Leere, die von einer inkonsistenten Vielheit aufgefüllt schehens und fragen: Ist dieser ganze Prozess auch offen in Bezug
wird. „Zwei“ (im Sinne eines Paars komplementärer Gegensätze) ist ein auf sein Resultat? Würde Hegel sein System heute noch einmal ver-
Traum der Geschlechterbeziehung. fassen, hießen dessen drei Hauptteile nicht mehr: Logik, Natur, Geist,
Diese Kontingenz ist in den Kern des Prozesses selbst eingeschrieben. sondern: Quantum-Reales (der präontologische virtuelle Raum der
Die aktuelle Forschung zu Viren hat die Panspermie-Hypothese auf Quantenwellen), Realität, Geist. Dabei ist zu beachten, dass der
den neuesten Stand gebracht:41 Übergang von jeder Ebene zur nächsten nicht nur eine Art „Fort-
schritt“ darstellt, sondern auch ein Scheitern (einen Verlust, eine Be-
[Wissenschaftler] haben kürzlich einen sehr alten Virus identifiziert, der schränkung) beinhaltet: Unsere normale Realität entsteht durch den
seine DNA in das Genom von Tieren integrierte, bei denen es sich um Zusammenbruch der Wellenfunktion und mithin durch das Löschen
Vorfahren des Menschen handelte. Dieser kleine Abschnitt des Gencodes, virtueller Möglichkeiten; die Realität entwickelt sich durch das Leben
der als ARC bezeichnet wird, ist Teil des Nervensystems moderner Men- hindurch allmählich zur Explosion des Denkens/Geistes/Subjekts  –
schen und spielt beim menschlichen Bewusstsein eine Rolle  – bei der diese Explosion des Geistes aber führt auch in eine Sackgasse des tie-
Nervenkommunikation, der Gedächtnisbildung und höheren Denkvor- rischen Lebens. Der Mensch ist ein gescheitertes Tier, das mensch-
gängen. Zwischen 40 und 80 Prozent des menschlichen Genoms könnten liche Bewusstsein ist in allererster Linie das Wissen um Begrenzung
mit Vireninvasionen aus alter Zeit zusammenhängen.42 und Endlichkeit.
192 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 193
Dies bringt uns zu der nächsten großen Frage: Wenn wir die Vor- dass diese „höhere“ Ebene ohne das Hindernis, ohne das, was ihre voll-
stellung ernst nehmen sollen, dass die Menschheit ein fehlgeschlagener ständige Verwirklichung verhindert, weiterbestehen kann, eine Illu-
Übergang auf eine höhere Stufe ist, ein vereitelter Fortschritt, und dass sion, die sich anhand der Paradoxie des objet a erklären lässt – einem
das, worin wir für gewöhnlich Anzeichen menschlicher Großartigkeit die Perfektion beeinträchtigenden Hindernis, das gerade die Vor-
und Schöpferkraft erkennen, gerade Reaktionen auf diesen fundamen- stellung der Perfektion erzeugt, für die es als Hindernis dient. Daher
talen Fehlschlag sind (all das lässt sich natürlich auch als die nietz- verlieren wir, wenn wir das Hindernis beseitigen, zugleich das, was es
scheanische Auffassung des Menschen als Übergang vom Tier zum beeinträchtigt. Dieses Paradox ist auf mehreren Ebenen wirksam, bis
Übermenschen verstehen), können wir uns dann eine vierte Stufe nach hin zur weiblichen Schönheit. Eine etwas üppigere Frau aus Portugal
dem Quantum-Realen, der Realität und der menschlichen Geistigkeit erzählte mir einmal eine wunderbare Anekdote: Als ihr letzter Lieb-
vorstellen – die Stufe, die von einer Menschheit ohne Geschlechtlich- haber sie zum ersten Mal nackt gesehen hatte, sagte er zu ihr, dass sie
keit und Sterblichkeit gebildet würde? nur ein oder zwei Kilo abnehmen bräuchte, damit ihr Körper perfekt
Der offensichtliche Kandidat für diese nächste Stufe ist sicher- wäre. Die Wahrheit war natürlich, dass sie vermutlich durchschnitt-
lich das Versprechen der sogenannten Singularität, einer neuen licher ausgesehen hätte, wenn sie zwei Kilo abgenommen hätte – ge-
Form eines individuenübergreifenden Bewusstseins (oder Geistes), rade das Element, das die Perfektion zu beeinträchtigen scheint, schafft
die aus der weiteren Digitalisierung unseres Geistes im Zusammen- selbst die Illusion, die es beeinträchtigt: Wird das überschüssige Ele-
spiel mit der Biogenetik hervorgehen soll. Wenn die unmittelbare ment entfernt, geht die Perfektion selbst verloren.
Verbindung unseres Gehirns mit dem digitalen Netzwerk eine be- Nathaniel Hawthornes Kurzgeschichte „The Birth-Mark“ (1843)44
stimmte Schwelle überschreitet (was eine ziemlich realistische Pers- liefert eine andere, verhängnisvollere Darstellung dessen, was pas-
pektive darstellt), dann wird die Lücke, die unser Selbstgefühl von der siert, wenn wir den uns beeinträchtigenden Überschuss beseitigen.
äußeren Wirklichkeit trennt, in sich zusammenfallen (weil wir mit Aymer, ein brillanter Wissenschaftler, heiratet die schöne Georgiana,
unseren Gedanken die äußere Wirklichkeit unmittelbar beeinflussen deren Erscheinung vollkommen makellos wäre, gäbe es da nicht auf
können – und umgekehrt – und außerdem mit dem Geist anderer in ihrer Wange ein kleines rötliches Muttermal in der Form einer Hand.
unmittelbarem Kontakt sein werden). Man muss sich nicht den Mut- Aymer entwickelt eine regelrechte Obsession in Bezug auf das Mal und
maßungen Ray Kurzweils oder New-Age-Fantasien anschließen (man eines Nachts träumt er davon, wie er es seiner Frau aus der Wange
denke etwa an die letzte Szene von Stanley Kubricks 2001), um zu er- schneidet und das Messer dabei immer weiter bis zu ihrem Herz glei-
kennen, dass hier etwas Neues im Entstehen ist. Wir können unmög- ten lässt. Georgiana erkennt, was mit ihrem Mann vorgeht. Schließ-
lich voraussagen, wie dieses Neue genau aussehen wird, eines aber ist lich erklärt sie, sie würde eher ihr Leben riskieren, um sich das Mal
klar: Wir werden keine singulären sterblichen und geschlechtlichen entfernen zu lassen, als weiter zu ertragen, wie er sich quält und bei
Subjekte mehr sein. Wir werden unsere singuläre Einzigartigkeit ver- ihrem Anblick immer wieder aufs Neue entsetzt wird. Am nächsten
lieren (und mit ihr unsere Subjektivität) ebenso wie unseren Abstand Tag nimmt Aymer sie mit in sein Labor, wo er zunächst ein Porträt von
zur „äußeren“ Wirklichkeit. ihr zeichnet. Das Bild aber bleibt konturlos, nur das Muttermal tritt
Der Haken dabei ist natürlich folgender: Weil die „höchsten“ Er- deutlich hervor und verrät den Ekel, den er davor hat. Georgiana wil-
rungenschaften der Menschheit ihren Ursprung in unseren ultimativen ligt dann ein, etwas zu trinken, das Aymer für sie zusammengebraut
Beschränkungen selbst haben (Scheitern, Sterblichkeit und die damit hat, obwohl er sie gleichzeitig warnt, dies könnte gefährlich sein und
einhergehende Sexualität), also in dem, was wir nur als Hindernis für unerwartete Nebenwirkungen haben. Kaum dass sie das Gebräu ge-
unsere „höhere“ geistige Existenz erfahren können, ist die Vorstellung, trunken hat, fällt sie in den Schlaf und Aymer kann beobachten, wie
194 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 195
das Mal allmählich verblasst. Als es fast verschwunden ist, erwacht Marx-Kritik könnte an der zweifelhaften Überschneidung zwischen
Georgiana und beide freuen sich über das Ergebnis. Das Gebräu hat Mehrwert und Mehr-Genießen ansetzen.) Daher hatten die Kriti-
allerdings tatsächlich Nebenwirkungen und bald schon teilt Georgiana ker des Kommunismus in gewisser Weise recht, wenn sie den marx-
ihrem Mann mit, dass sie dabei sei zu sterben: Als das Muttermal ganz schen Kommunismus als unmögliche Fantasie hinstellten. Dabei ent-
verblasst, stirbt sie mit ihm … In diesem Fall ist das Ergebnis der Tod ging ihnen allerdings, dass der marxsche Kommunismus – diese Idee
und nicht bloß der Verlust der Perfektion: Das Muttermal, das störende einer Gesellschaft der entfesselten reinen Produktivität außerhalb des
Detail, steht mit dem Herzen in Verbindung, das Georgiana am Leben Rahmens des Kapitals – eine im Kapitalismus selbst angelegte Fantasie
erhält, solange es schlägt. Auch wenn die Geschichte vielleicht tragi- war, das kapitalistische Überschreitungsphantasma in Reinform: die
scher erscheint als die Anekdote meiner Begegnung mit der Frau aus rein ideologische Vorstellung, man könnte die vom Kapitalismus aus-
Portugal, so ist sie in Wahrheit eigentlich weniger erschreckend, weil gelöste Schubkraft der Produktivität erhalten und sich parallel dazu der
die Schönheit die Beseitigung des störenden Details überlebt: Die tote „Hemmnisse“ und Antagonismen entledigen, die – wie die traurige Er-
Georgiana bewahrt ihre Schönheit nicht nur – sie erlangt sie vielmehr fahrung des „real existierenden Kapitalismus“ zeigt – den einzig mög-
überhaupt erst mit ihrem Tod. Die beiden Geschichten (meine Anek- lichen Rahmen für die tatsächliche materielle Existenz einer Gesell-
dote und Hawthornes Erzählung) konfrontieren uns mit einer Wahl: schaft der sich stetig selbst steigernden Produktivität bildeten.
Entweder man entscheidet sich, das Hindernis zu beseitigen, dann er- Aber trifft nicht genau das gleiche Paradox auch auf die Vision von
reicht man zwar die Schönheit, verliert aber sein Leben, oder man ver- einer posthumanen Singularität zu? Insofern die Posthumanität aus
abschiedet sich von dem Versprechen auf Vollkommenheit, dann aber unserer endlichen Perspektive sterblicher Menschen in gewissem Sinne
bleibt einem nur das Leben als gewöhnlicher Mensch. der Punkt des Absoluten ist, dem wir entgegenstreben, der Nullpunkt,
Das entscheidende gesellschaftspolitische Beispiel für diese Para- an dem die Lücke zwischen Denken und Handeln verschwindet, der
doxie liefert Marx. Dessen grundlegender Fehler bestand darin, aus all Punkt, an dem der Mensch zum homo deus würde, stoßen wir hier auf
diesen Einsichten zu schließen, dass eine neue, höhere Gesellschafts- die Paradoxie unserer flüchtigen Berührung mit dem Absoluten: Das
ordnung (der Kommunismus) möglich sei, eine Ordnung, mit der das Absolute bleibt als der virtuelle Punkt der Vollkommenheit in unserer
Potenzial der sich selbst steigernden Produktivitätsspirale, welches im Endlichkeit bestehen; es beharrt als das X, das wir immer verfehlen,
Kapitalismus aufgrund seines inhärenten Hindernisses bzw. Wider- doch wenn wir die Schranke unserer Endlichkeit überwinden, ver-
spruchs immer wieder von sozial destruktiven Wirtschaftskrisen ge- lieren wir das Absolute selbst. Es wird etwas Neues erscheinen, die-
schwächt wird, nicht nur bewahrt, sondern sogar noch erhöht und ses Neue aber wird keine von der Sterblichkeit und der Sexualität ent-
voll entfaltet werden könnte. Was Marx nicht sah, war, kurz gesagt, lastete schöpferische Singularität sein – in diesem Übergang zu dem
dass das inhärente Hindernis bzw. der inhärente Antagonimus als „Be- Neuen werden wir definitiv beides verlieren.
dingung der Unmöglichkeit“ der vollen Entfaltung der Produktivkräfte In einem neueren Beitrag des Magazins Der Spiegel über Steve Ban-
gleichzeitig deren „Bedingung der Möglichkeit“ ist: Beseitigt man das non heißt es:
Hindernis  – den inneren Widerspruch des Kapitalismus  –, erreicht
man damit nicht etwa die vollständige Entfaltung des Produktivitäts- [Er] nimmt ein Buch in die Hand, eine Biografie des Philosophen Martin
triebs, sondern verliert genau die Produktivität, die vom Kapitalis- Heidegger. „Das ist mein Mann.“ Heidegger habe schlaue Ideen zum Be-
mus erzeugt und zugleich behindert zu werden scheint. Wenn wir das griff Sein, der ihn fasziniere. […] Was unterscheidet uns von Tieren oder
Hindernis beseitigen, verflüchtigt sich genau das Potenzial, dem die- Steinen?, fragt Bannon. Was heißt es, Mensch zu sein? Wie weit darf Fort-
ses Hindernis scheinbar entgegenwirkte. (Eine mögliche lacanianische schritt gehen? Anschließend springt Bannon zur Politik und beschwört
196 Theorem II Sex als unsere flüchtige Berührung mit dem Absoluten 197
die Gefahren der „Digitalisierung“, wenn die „Eliten“, gegen die er mit sei- ungeschlechtliche symbolische Identifikationen bedroht wird (wobei
nem Populismus ankämpfe, die Macht darüber hätten. „Wenn wir“, sagt zu fragen ist, ob solche Identifikationen dann noch symbolisch sein
Bannon, „den Eliten in London, Paris, New York und im Silicon Valley die werden).
Macht überlassen, werden sie in 25 Jahren den Homo sapiens völlig neu
definieren. „Die ultimative Zerstörung der menschlichen Rasse!“, ruft er.45
Obwohl sofort ins Auge springt, wie unzulänglich das Verständnis ist,
das Bannon von Heidegger hat (Heidegger hätte die mit der modernen
Technologie verbundene Gefahr nie auf die Macht der Eliten reduziert),
sieht Bannon in den Leistungen der Kognitionswissenschaften und in
der Digitalisierung unseres Universums zu Recht eine „Bedrohung für
das Menschenwesen“ (für das, was wir bisher unter dem „Menschsein“
verstanden haben). Er sieht dabei allerdings nicht, dass seine popu-
listische Eigenmarke sich genauso der digitalen Manipulation bedient
(denken wir nur daran, welche Rolle das Datenanalyse-Unternehmen
„Cambridge Analytica“ bei Trumps Wahlsieg spielte) und lässt zudem
außer Acht, dass dieser Populismus sich der „Bedrohung“ durch die
neuen Technologien nicht wirklich stellt, sondern lediglich auf die alt-
hergebrachte Vorstellung vom Menschsein zurückgreift, mit der gegen
diese Bedrohung nichts auszurichten ist. Die einzige Lösung besteht
darin, die Tatsache zu akzeptieren, dass die menschliche Natur heute in
Veränderung begriffen ist, und uns den Gefahren und neuen Möglich-
keiten dieses Wandels zu öffnen.
Zusammengefasst gibt es fünf Schritte in der Entwicklung der
Sexualität: Zunächst gibt es die ungeschlechtliche Vermehrung
(Parthenogenese); bei den Pflanzen dann wird die Geschlechter-
differenz an sich gesetzt (aber noch nicht vollständig „für sich“ ver-
wirklicht); bei den Säugetieren wird die Geschlechterdifferenz „für
sich“ gesetzt, in zwei Geschlechtern vollständig verwirklicht; beim
Menschen ist die natürliche Sexualität nicht mehr nur biologisch,
sondern als eine Tatsache der symbolischen Ordnung verdoppelt,
was die Möglichkeit ihrer Instabilität eröffnet (ein biologischer Mann
kann seiner symbolischen Identität nach eine Frau sein usw.); mit
der Aussicht auf die Posthumanität schließlich fallen beide Ebenen
auseinander – die wissenschaftlich geplante ungeschlechtliche Fort-
pflanzung hebt die Sexualität auf, die zudem durch die Aussicht auf