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Joannes Kantakuzenos - Aristokrat., Staatsmann., Kaiser und Mönch- in der Gesellschaftsentwicklung von Byzanz im 14.
Joannes Kantakuzenos
- Aristokrat., Staatsmann., Kaiser und Mönch-
in der Gesellschaftsentwicklung von Byzanz
im 14. Jahrhundert
Inaugural-Dissertation
zur Erlangung des Doktorgrades
der Philosophischen Fakultät
der Ludwig-Maximilians-Universität zu München
vorgelegt von
GüNTER WEISS
aus München
1969
OTTO HARRASSOWITZ . WIESBADEN
Diese Arbeit erscheint als Band 4 der "Schriften zur Geistesgeschichte des östlichen Europa" . Referent:
Diese Arbeit erscheint als Band 4 der
"Schriften zur Geistesgeschichte des östlichen Europa" .
Referent: Prof. H.-G. Beck
Korreferent: Prof. K. BOBI
Tag der mündlichen Prüfung: 26. 7. 1968
KOMMISSION FÜR DIE GEISTESGESCHICHTE DES ÖSTLICHEN EUROPA - Forschungsplanung - Stand Herbst 1969 - Die
KOMMISSION FÜR DIE GEISTESGESCHICHTE
DES ÖSTLICHEN EUROPA
- Forschungsplanung - Stand Herbst 1969 -
Die KO:MMISSION FüR DIE GEISTESGESCHICHTE DES ÖSTLICHEN
EUROPA an der Universität München kann auf eine nunmehr vierjährige For-
schungsarbeit zurückblicken. Sie hatte es von Anfang an als ihre vornehmliche
Aufgabe angesehen, nicht nur jüngere bewährte Wissenschaftler zur Bearbeitung
fruchtbarer Einzelthemen heranzuziehen oder anerkannte Fachgelehrte zu Zu-
sammenfassungen ihrer Forschungsergebnisse anzuregen, sondern ein eigenes, auf
bestimmte Schwerpunkte gerichtetes Forschungsprogramm zu entwickeln und
durchzuführen. DasStudium vonWesen und EigenartderKulturräumedes östlichen
Europa und der interessanten Interferenzers1cheinungen und Ausstrahlungen auf
umliegende Gebiete ist seiner Natur nach so vielschichtig und umfassend, daß nur
eine Beschränkung auf eng umschriebene Teilgebiete in absehbarer Zeit einen
wesentlichen und bereits veröffentlichungsreifen Ertrag versprach.
Aus diesen grundsätzlichen Überlegungen hat sich eine in der Sache begründete
Dreiteilung der Thematik ergeben, zu deren Bearbeitung geeignete und bewährte
Mitarbeiter gewonnen werden konnten.
1. Die orthodoxe Welt als Gesamtphänomen - als Synthese von Christentum, by-
zantinischem Kulturerbe und autochthonem Volkstum und hier insbesondere die
Erforschung der die europäische Kultur- und Geistesgeschichte prägenden Wech-
selbeziehungen zwischen einer östlich-orthodoxen und einer westlich-abendländi-
schen Welt unter Einbeziehung der Rand- und Ausstrahlungsgebiete.
Themen der Forschungsvorhaben :
Politische Metaphysik und Eschatologie in Byzanz
Byzantinisches Erbe und Orthodoxie bei Feofan Prokopovic
Die geistesgeschichtliche Stellung von Skovoroda
Der Hesychasmus bei den Südslaven
Studien zur Rezeption des byzantinischen rhetorischen Stils im mittelalterlichen
Serbien
VI Die Kiever Metropolie 1459-1589 Die Auseinandersetzung um den lateinischen Ritus bei den orthodoxen Albanern
VI
Die Kiever Metropolie 1459-1589
Die Auseinandersetzung um den lateinischen Ritus bei den orthodoxen Albanern
in Kalabrien
Orthodoxie, Autokratie und Judentum zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Ruß-
land
Orthodoxie und Katholizismus am Beispiel der russisch-spanischen Beziehungen
unter Katharina 11.
Die vermittelnde Funktion der Moldau für den Kulturaustausch zwischen dem
Balkan und dem ostslavischen Raum im Hoch- und Spätmittelalter
Die Byzanzvorstellung der russischen Slavophilen
Orthodoxe Wirtschaftsethik und die Anfänge der russischen Industrialisierung
Die christliche Bevölkerung des montenegrinisch-albanisch-epirotischen Küsten-
gebietes, die italienischen Staaten und Spanien um die Wende des 16./17. Jahr-
hunderts.
2. Enggefaßte Einzelanalysen der Schichtungen und Strukturen, auf denen die
orthodoxe Welt des östlichen Europa aufbaut, d. h. also die Beziehungen zu den
volkstümlichen Substraten und den vorchristlichen Kulturelementen, die dann in
der Orthodoxie weiterwirken.
Themen der Forschungsvorhaben :
Die karpatische Hirtenkultur
Volksreligiosität und byzantinisches Erbe in Brauchtum und Folklore der Rumä-
nen
Untersuchungen zur Sozialgeschichte der byzantinischen Häresie
Untersuchungen zu den griechisch-türkischen Sprach- und Kulturbeziehungen.
3. Vorstudien als Grundlage für spätere Einzelprojekte.
Themen der Forschungsvorhaben :
Novellenindex
Methodologische Grundprobleme der Bogomilen-Forschung
Terminologisches Wörterbuch zur Geschichte Altrußlands
Geschichte des liturgischen Gesanges der russischen Kirche
VII Bis jetzt erschienen: Band 1: VERA VON FALKENHAUSEN, Untersuchungen über die byzantinische Herrschaft in
VII
Bis jetzt erschienen:
Band 1: VERA VON FALKENHAUSEN, Untersuchungen über die byzantinische
Herrschaft in UnteritalieIi vom 9. bis ins 1l. Jahrhundert
1967. XI, 210 Seiten, broschiert DM 34,-
Band 2: VICTOR GLÖTZNER, Die strafrechtliche Terminologie des Ulozenie 1649.
Untersuchungen zur russischen Rechtsgeschichte und Gesetzessprache
1967. X, 165 Seiten, broschiert DM 32,-
Band 3: AMBROSIUS K. ESZER, Das abenteuerliche Leben des Johannes Laskaris
Kalopheros
Forschungen zur Geschichte der ost-westlichen Beziehungen im 14. Jahrhundert
1969. IX, 269 Seiten und 1 Kunstdrucktafel, broschiert DM 48,-
In Vorbereitung Bind:
Band 5: J. VON GARDNER, Geschichte des liturgischen Gesanges der russischen
Kirche
Band 6: P. P. J OANNOU, Die Vorstellung von den Dämonen in der byzantinischen
Orthodoxie
Band 7: E. HöseR, Häresie und Orthodoxie im alten Rußland
Inhaltsverzeichnis Vorwort . XI Einleitung 1 I. J oannesKantakuzenos als byzantinischerAdeliger. Exkurs: Zu den
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
.
XI
Einleitung
1
I.
J oannesKantakuzenos als byzantinischerAdeliger. Exkurs: Zu den Zahlen-
angaben des J oannes Kantakuzenos über seinen Viehbestand
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5
II.
Die Gefolgschaft des J oannes Kantakuzenos unter den Kaisern Androni-
kos II. und III.
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23
III.
Die Gefolgschaft im Bürgerkrieg in den Jahren 1341-1347
32
IV.
Die Gefolgschaft nach 1347
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44
V.
Soziale Mobilität in der Zeit des Joannes Kantakuzenos
54
VI.
Fremdländische Einflüsse in der byzantinischen Gesellschaft.
61
VII.
Joannes Kantakuzenos und das Volk
70
1. Die Fragestellung
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2. Die Terminologie
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3. Die soziale Lage und die politische Wirksamkeit des Volkes unabhängig
vom Bürgerkrieg 1341-1347
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4. Die Rolle des Volkes im Bürgerkrieg 1341-1347
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78
5. Die Beurteilung der Rolle des Volkes im Bürgerkrieg 1341-1347 .
83
VIII. Joannes Kantakuzenos und das Volk von Thessalonike
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1. Die Fragestellung
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2. Die soziale Lage und die politische Wirksamkeit des Volkes von Thessa-
lonike unabhängig vom Bürgerkrieg 1341-1347
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86
3. Die Rolle des Volkes von Thessalonike in den Jahren 1341-1350
94
4. Die Beurteilung der Rolle des Volkes von Thessalonike in den Jahren
1341-1350
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100
IX.
Die Bedeutung des palamitischen Streites bis zum Ausbruch des Bürger-
krieges .
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103
X.
Der palamitische Streit und die innenpolitische Entwicklung im Bürger-
krieg.
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113
XI.
J oannes Kantakuzenos und der Sieg der Palamiten
123
XII. Die Struktur der Gefolgschaft
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Schlußbetra.chtung
Verzeichnis der Quellen, Quellensammlungen und Abkürzungen
156
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Index der wichtigsten Personennamen, Ortsnamen und Begriffe
Sekundärliteratur
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Index der zitierten Handschriften
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172
Vorwort Diese Untersuchung wurde im Sommer 1968 von der philosophischen Fakultät der Universität München als
Vorwort
Diese Untersuchung wurde im Sommer 1968 von der philosophischen Fakultät der
Universität München als Inauguraldissertation angenommen. Es konnte nur die
Literatur eingearbeitet werden, die mir bis Anfang August 1968 zugänglich wurde.
Das Buch von D. M. NICOL über die Genealogie der Kantakuzenen war zu diesem
Zeitpunkt noch nicht in meinen Händen.
Reiche Anregung und Vergleichsmaterial verdankt die Arbeit meinem verehrten
Lehrer, Herrn Prof. Dr. KARL BOSL. Mein verehrter Lehrer, Herr Prof. Dr. HANS-
GEORG BEcK, hat durch wohlwollenden Rat, stetes Verständnis und sachkundige
Kritik mein Arbeiten auch in den letzten zwei Jahren entscheidend gefördert. Durch
seine Vermittlung wurde von der Fritz Thyssen Stiftung ein Stipendium gewährt.
So konnte ich mich ohne materielle Sorgen ganz meinen Studien widmen. Für
diese Hilfe, wie für die Aufnahme der Untersuchung in die "Schriften zur Geistes-
geschichte des Östlichen Europa" danke ich der Stiftung sehr herzlich. Zu allen
Zeiten der Geschichte werden die geistigen Nachfahren eines Erasmus auf Gedeih
und Verderb in gleicher Weise von wohlwollenden Spendern abhängig sein wie
der große Humanist des 16. Jh.!
Die verständnisvolle Menschlichkeit meiner Lehrer in München, der Herren Prof.
Dr. HANs-GEORG BEcK, Dr. KARL BOSL und Dr. PETER ACHT, hat mir Studien-
jahre ohne Trüburig und Sorgen gewährt. Meine Erfahrungen widersprechen der
Behauptung, daß man heute an deutschen Universitäten nicht mehr gewinn-
bringend studieren kann.
Durch die Fürsorge meiner Mutter wurden die vergangenen Jahre zu einer glück-
lichen Zeit. Meine Mutter hat auch die Korrekturen mitgelesen.
Einleitung Die vorliegende Untersuchung ist keine Monographie über J OANNES KANTAKU- ZENOS (1296-1383), wenn sie
Einleitung
Die vorliegende Untersuchung ist keine Monographie über J OANNES KANTAKU-
ZENOS (1296-1383), wenn sie auch viele Einzelheiten über die Jugend dieses
Mannes, seine Tätigkeit als Großdomestikos, über sein Kaisertum (1347-1354) und
die nachfolgende Zeit berührt. Seit der wegen einer Fülle von Beobachtungen
immer noch wichtigen Monographie von V. PARISOT (1845 geschrieben)1 haben
gerade nach dem zweiten Weltkrieg neue Forschungen über das Leben, die politi-
sche Tätigkeit und die Genealogie des Hauses des J OANNES KANTAKuzENOS be-
deutsame Ergänzungen und Berichtigungen gebracht. Ich nenne hier nur die Ar-
beiten von L. POLITIS 2, die Untersuchung von L. MAKSIMovro über die politische
Rolle des J OANNES KANTAKUZENOS nach seiner Abdankung und die großange-
legte Arbeit von D. M. NroOL über die Genealogie der Kantakuzenen, die leider
nicht mehr in dieser Untersuchung verwertet werden konnte. S. KOUROUSSIS hat
eine Monographie über JOANNES KANTAKUZENOS angekündigt 3. E. VOORDECKERS
(Gent) will sämtliche theologische Schriften des Exkaisers edieren, die mir bisher
in den wichtigsten Pariser Hss. vorlagen. Für das Thema dieser Untersuchung
waren nur wenige Stellen aus diesen umfangreichen Werken wichtig.
Wie der Titel dieser Untersuchung zeigt, will die Arbeit die Erscheinungen in der
byzantinischen Gesellschaft des 14. Jh. behandeln, die mit der Gestalt des
JOANNES KANTAKUZENOS in Verbindung stehen. Die Untersuchung ist also keine
vollständige Sozial- und Gesellschaftsgeschichte des 14. Jh., wenn sie auch
wesentliche Faktoren in dieser Zeit beleuchtet. Denn keine Gestalt dieser Epoche
ist so geeignet, die byzantinische Gesellschaft zu erfassen, wie J OANNES KANTA-
KUZENOS, der nicht nur von seiner Sicht aus die Geschichte seiner Zeit geschrieben
hat, sondern als leitender Staatsmann und als Kaiser führend am inneren wie am
äußeren Geschehen im byzantinischen Staat beteiligt war. Es seien nur einige
Punkte genannt, die unberücksichtigt bleiben, da von der Gestalt des J OANNES
KANTAKUZENOS her unmittelbar kein Licht auf sie fällt: die Lage der Bauern, die
sozialen Schichten im Bauernstand und ihre Mobilität, das Ehe- und Güterrecht
und die sich daraus ergebenden Folgerungen für die Sozialgeschichte, die Gesell-
schaftsverhältnisse auf der Peloponnes, vor allem der Einfluß fremdländischer
Elemente, der in diesem Bereich einer Sonderbehandlung bedarf.
Um die Arbeit möglichst zu kürzen, sind der Verlauf der byzantinischen Geschichte
und die allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse des Reiches im 14. Jh. nicht
näher beschrieben 4. DieseVerhältnisse bilden den Hintergrund für die Gesellschafts-
geschichte der Zeit.
1 Ältere Arbeiten zusammengestellt bei G. MORAVOSIK Byzantinoturcica I, Berlin 2
1958, 323; K. KRUMBAOHER Geschichte der byz. Litteratur, München ll 1897, 300.
2 Jean-Joasaph CantacuzEme fut-i! copiste? REB 14 (1956) 195-199; ders., Eine
Schreiberschule im Kloster 'U.ö'JI·O~1}Yc.ö'JI, BZ 61 (1958) 17-36; 261-287.
8 Zu der Arbeit von MAKSIMOVI6 siehe Verzeichnis der Sekundärliteratur. Zu S.
KOUROUSSIS: Bulletin d'Information et de Coordination Nr. II (1965), Athen-Paris
(Association Internationale des Etudes Byzantines), 38.
t Ich nenne die wichtigsten Gesamtdarstellungen : CH. DmHL L'empire byzantin sous
les PaIeologues, in Etudes Byzantines, Paris 1905, 217-240 (Eine geistvolle,lebendige,
2 EINLEITUNG Von 1321 bis 1357 erschüttern in einer Dauer von über fünfzehn Jahren fünfbluti-
2
EINLEITUNG
Von 1321 bis 1357 erschüttern in einer Dauer von über fünfzehn Jahren fünfbluti-
ge Bürgerkriege, ausgelöst durch die Thronnachfolgefrage, das Reich. Sie zerstö-
ren vor allem die Landwirtschaft des byzantinischen Reiches - der wesentlichste
Faktor im Wirtschaftsleben dieses Staates zu allen Zeiten seiner Geschichte 6.
Erdbeben, Überschwemmungen und Hagel fördern den Niedergang 6. Die äußeren
Feinde entreißen dem Reich Stück für Stück an Boden: Kleinasien ist nach dem
Fall von Nikomedeia (1337) fast ganz in den Händen der Türken, die bald darauf
auf das europäische Festland übergreifen. Dem großen Serbenkral STEPHAN
DUSAN gelingt es in der Mitte des Jahrhunderts, ganz Makedonien außer der
großen Hafenstadt Thessalonike unter seine Gewalt zu bekommen. Die meisten
Inseln der Ägäis stehen unter lateinischer Herrschaft. Nur das Reichsgebiet auf
der Peloponnes mit dem Mittelpunkt Mistra berechtigt zu einigen Hoffnungen,
da sich auch unter den lateinischen Baronen eine byzanzfreundliche Stimmung
bemerkbar macht. Dieses byzantinische Kleinreich ist wirtschaftlich von den
italienischen Handelsmächten, vor allem Genua und Venedig, völlig abhängig
nach einigen vergeblichen Versuchen zu Beginn des Jahrhunderts, wenigstens die
Unabhängigkeit der Versorgung der Hauptstadt einigermaßen zu sichern. Die Be-
strebungen des J OANNES KANTAKUZENOS in seiner Kaiserzeit, eine Flotte aufzu-
stellen, scheitern'. 1343 beginnt das Kaiserhaus (damals wieder in einen Bürger-
krieg verwickelt), an Venedig die Kronjuwelen zu verpfänden. Die Schulden
wachsen ständig, ohne daß Aussicht besteht, sie zurückzuzahlen. Sogar in Kleinig-
keiten macht sich die Finanzlage bemerkbar: Die byzantinische Kaiserkanzlei
spart auf offiziellen Dokumenten mit dem teueren Pergament.
Wie immer macht sich die Finanznot des Staates in erhöhtem Steuerdruck
bemerkbar. Als wäre das Unglück noch nicht voll, beginnt im vierten Jahrzehnt
des Jahrhunderts der erbitterte sogenannte Hesychastenstreit um eine be-
stimmte Form der religiösen Erfahrung und der Praxis des Mönchslebens 8 und
führt Jahrzehnte lang zu schweren kirchenpolitischen Wirren. Die große Pest, die
seit 1348 ganz Europa heimsucht, dezimiert Ende 1347 die Bevölkerung des
byzantinischen
Kleinstaates. Ein Sohn des J OANNES KANTARUZENOS fällt
der
Seuche zum Opfer. Von länger dauernden Hungersnöten, an denen im 14. Jh.
periodisch das übrige Europa zu leiden hat, erfahren wir in Byzanz nichts, aber
von einer sprunghaften Verteuerung der Dinge des täglichen Lebens und von
Nahrungsmittelknappheit 9 •
Mit einem Wort: die Zeit des J OANNES KANTARUZENOS ist in vieler Beziehung
eine Krisenzeit - typisch für dieses "tragische 14. Jahrhundert" (LE GOFF). Wie
leider sehr knappe Charakteristik der Zeit). A. A. VASILIEV History of the Byzantine
Empire, Madison 1952, 580-722. ÜSTROGORSKY Geschichte 394ff.; ders. in The Camb-
ridge Medieval History IV, 1 (1966) 331ff. Zur Wirtschaftslage: E. STEIN Untersu-
chungen. ZAKYTHINOS Crise. BRATIANU Privileges.
6 Nik. Greg. XV, 1: 747; XV, 2: 751.
8 Nik. Greg. XIV, 2: 695; XIV, 6: 71H.
7 Zu den letzten Versuchen, eine Flotte aufzubauen: H. AHRWEILER Byzance et 1&
Mer, Paris 1966, 381-8.
B Gesamtdarstellungen durch M. JUGIE DTC XI, 2 (1932) Sp. 1735-1776 (Gregoire
Palamas) und Sp. 1777-1818 (Controverae Palamite). MEYENDORll'll' Palamas. BECK
Kirche 322-332.
9 Nik. Greg. XXV, 27: Irr, 52; XV, 2: 751, 23f.
ALLG;EMEINE ZEITLAGE 3 immer in derartigen Zeiten verschärfen sich die Gegensätze zwischen den einzelnen
ALLG;EMEINE ZEITLAGE
3
immer in derartigen Zeiten verschärfen sich die Gegensätze zwischen den einzelnen
Gesellschaftsschichten. Die Unzufriedenheit macht sich in radikalen Schriften, ja
im offenen Kampf gegen Andersdenkende Luft. Es bildet sich eine Vielzahl von
Gruppen, nicht nur um irgendwelche Ziele durchzusetzen, sondern um in solchen
Notzeiten durch Zusammenschlüsse Schutz und Hilfe zu finden. Diese Erschei-
nungen lassen sich häufig in Krisenzeiten beobachten, im 13. und 14. Jh. selbst in
den vielen Aufständen und Revolten in Belgien, Frankreich und Italien, in der
Zeit der Französischen Revolution, in der Zeit, die nur einige J ahrzebnte hinter
uns liegt - die Jahre vor dem Zusammenbruch der Weimarer Republik.
In der Feststellung, daß die Zeit des J OANNES KANTAKUZENOS eine Krisenzeit ist,
liegt zugleich eine Warnung: Nicht ohne weitere Prüfung sind die Ergebnisse dieser
Arbeit über die byzantinische Gesellschaft in dieser Zeit auch auf andere Epochen
der byzantinischen Geschichte zu übertragen. Immer ist zu fragen, ob die Er-
scheinungen nur durch eine einmalige Notsituation bedingt sind oder ob gerade
durch diese Krise Tendenzen in der Gesellschaftsentwicklung zu Tage treten, die
sich zwar übersteigert bemerkbar machen, aber auch in anderen Epochen ihre
Parallelen haben und so als typisch für die byzantinische Gesellschaft anzuspre-
chen sind.
I. Joannes Kantakuzenos als byzantinischer Adeliger Eine umfassende Untersuchung über den Adel in Byzanz fehlt.
I. Joannes Kantakuzenos als byzantinischer Adeliger
Eine umfassende Untersuchung über den Adel in Byzanz fehlt. Der Grund für
diesen Mangel scheint mir vor allem in der Schwierigkeit der Beantwortung der
Frage zu liegen: Gab es in der Vorstellung des Byzantiners den "Adeligen"1
Diese Frage zu stellen heißt zugleich aufmerksam zu machen auf den Sinngehalt,
den der Begriff "Adel" im deutschen Sprachgebrauch haben kann. Versteht man
unter "Adel" einen genau abgegrenzten Stand, eine bestimmte Anzahl von Fami-
lien umfassend, mit festgelegten, vererbbaren Vorrechten innerhalb der Gesell-
schaft, dann hat es einen Adel in Byzanz nie gegeben 10. Fassen wir aber den Be-
griff "Adel" im Sinne von "Eliteschicht" in der byzantinischen Gesellschaft, als
Aristokratie, als die "Honorationen", dann wird das Wort zwar unscharf und ver-
schwommen, gibt aber m. E. den Adelsbegriff in Byzanz am besten wieder.
Der Historiker begibt sich also mit der Frage nach dem Adel in Byzanz auf das
unsichere, schwer faßbare Gebiet der öffentlichen Meinung. Das Urteil der Gesell-
schaft bestimmt, ob eine Persönlichkeit oder eine Familie zu dieser Eliteschicht
gehört.
MIOHAEL PSELLOS, der in seiner Ahnenreihe Patrizier und Konsuln hatte 11, sagt
von sich selbst: end c5s !lOt, Aafl,n(!OT:s(!oV ec58-y/(]e (]X~fI,aT:o~ uat ne(!upave(]T:s(!a~
olu{a~ 12. Er rechnet sich also nicht zum "Hochadel". Bei der Besprechung der
sozialen Mobilität (Kap. V) wird von Personen die Rede sein, die "aus unbekann-
tem Geschlecht" stammen sollen. Bei näherem Zusehen ist aber das Geschlecht
durchaus in der Vergangenheit nicht unbekannt gewesen.
Der oben zitierte Satz des PSELLOS spricht deutlich aus, daß der Grad der Vor-
nehmheit abgestuft wurde. NIKETAS CHONIATES spricht von "herabgewirtschafte-
ten" Adeligen 13. Der Adel des NIKEPHOROS BRYENNIOS und der seines Rivalen
NIKEPHOROS BOTANEIATES wurde miteinander verglichen 14. Die adelige Stellung
wird besonders erhöht durch die Abstammung von kaiserlichem Blut 15. Sie wird
weiter betont durch das "Alter" einer Familie. Es gibt in Byzanz Ansätze eines
"Uradelsdenkens". Kaiser BASILEIOS I. - ein Kaiser von dunkler Herkunft - soll
mütterlicherseits von Konstantin dem Großen abstammen, die Familie der Pho-
10 Von diesem neuzeitlichen Adelsbegriff ausgehend, hat die ältere Forschung auch den
Adelsbegriff für die Merowingerzeit abgelehnt: vgl. R. SPRANDEL Struktur u. Ge-
schichte des merowingischen Adels, HZ 193 (1961) 34.
11 CH. DIEHL Figures Byzantines I., Paris 11 1930, 293.
12 Psellos Chron. (RENAULD) II, 142: Konstantin X. Kap. VII Z. 15 u. 16.
18 Nik. Chon. 76, 18f.: JOANNES VON PUTZE nimmt yvvaixa TWV am:eetpp,evwv xai
an1]v{}1]xvtWV wyevwv.
14 Michael Attaleiates 287-288.
1& Nik. Chon.
129,20:
J
ap.neol
TO
yevoe;
xal
ßaatJ
elq>
np.1]{}evTee; aip.an (Kriegsge-
fangene); a. a. O. 238, 24f.:
xal wiJ
taTa
Tmv ex TOV yevove; TqJ ßaatJ
ei
xal TOt/TWV ole;
noJ
v
TO enta1]p.ov. Kinnamos 281,20: TWV eO yeyov6Twv ßaatJ
ei
Te xal xa{}' alp.a neOa1]X6VTWV.
So auch J o. Kant. I, 2: I, 18, 10 (über SYRGIANNES): p.1]Te68ev p.ev e~ alp.aTwv ßaat-
txwv. J
Die Mutter des Statthalters von Thessalonike (MICHEAL PALAIOLOGOS?) war
ßaatJ
ewv
e~ aip.aTOe;
(Timarion Kap. 8 S. 50 ed. ELLISSEN Analekten 4, 1860).
6 JOANNES KANTAKUZENOS ALS ADELIGER kas führte sich ebenfalls auf Konstantin den Großen, ja auf
6
JOANNES KANTAKUZENOS ALS ADELIGER
kas führte sich ebenfalls auf Konstantin den Großen, ja auf Scipio Mricanus zu-
rück 16. Die Familie des Philosophen J OSEPH rühmte sich zu Lebzeiten des J O.ANNES
KANTAKUZENOS eines Geschlechtes Tfj~ ~PWflai'Kfj~ ~8 C1cpUJtV cVycvcla~ 8'K
~ta~oxfj~ :1'u:lÄal 7te6Tceov17. Kaiser KONSTANTIN IX. stammte nach den Worten
des PSELLOS von den "alten Monomachoi" 18, ROMANos DIOGENES war TO yevo~
aexaiov19. Dieses "Uradelsdenken" war aber nie so stark, um in Byzanz den Auf-
stieg neuer Familien zu hindern. Der unten kurz zu schildernde Aufstieg der
Kantakuzenen - verglichen mit den Palaiologen - zeigt, daß der soziale Aufstieg
dieser Familien nicht richtig zur Geltung kommt, wenn man mit R. GUILLAND
von einer "vieille noblesse" spricht 20. Der Aufstieg ist erst relativ spät am Ende
des 11. Jh. greifbar. Beide Familien haben es nicht als nötig empfunden, imagi-
näre Stammbäume aufzustellen. Sehr wichtig erscheint aber bei beiden Familien
gerade in der Frühzeit des Aufstiegs die Verbindung mit dem Kaiserhaus.
Für eine Betrachtung des J OANNES KANTAKUZENOS als Adeligen kann eine Erörte-
rung der von R. GUILLAND durchgeführten Unterscheidung zwischen "noblesse de
race" und "noblesse de titres" unterbleiben. Wichtig erscheint mir nur die Fest-
stellung: hohes Amt und Würde werden neben der Geburt von den byzantinischen
Historikern betont. PSELLOS hebt von KONST.ANTIN IX. MONOMACHOS hervor:
TCp flsV ys",cl V7tSe TOV~ aAAov~ &eAafl7tcv, OV7tW ~s TWV V7tce'YJcpavwv TcTVX~'Kcl
aexwv21, NIKETAS CHONIATES spricht von C1VXVOt eTceOl TO yevo~ ael7tec7tci~ 'Kat
flcylC1Tol~ 7tcelßAc7tTOl a~uiJfla(]l(313, 2f.) und flaAlC1Ta Toi~ 'KaT'aUWC1l'P 'Kat yevov~
C1cflV6T'YJTl V7tceeXOVC1l (371, 1f.). Derselbe Sprachgebrauch findet sich auch bei Zeit-
genossen des J OANNES KANTAKUZENOS, bei NIKEPHOROS GREGORAS 22. Hoher Rang
und Würde hat aber - einzelnen Personen verliehen - auf die adelige Stellung der
ganz en Familie entscheidenden Einfluß. NIKETAS CHONIATESrühmt seinenverstor-
benen Amtskollegen THEODOROS TROCHOS: "Daher stiegen von dir aus alle, die mit
dir eines Geschlechtes sind, wie auf der Leiter Israels auf die höhere Stufe der Nam-
haftigkeit und kamen in erneuter Abfolge zu der Startsprosse, zu dir, herab, dem
letzten ihrer Reihe und dem höchsten an Glanz 23." NIKEPHOROS CHUMNOS ist stolz
auf eine Reihe von Vorfahren im Dienst des Kaisers 24.
Von der Beobachtung her, daß hohe Ämter und Würden in der Familie der Kanta-
kuzenen immer wieder bekleidet wurden und entscheidend zum Aufstieg der
18 Dieses Denken ist mit den westl. Vorstellungen von der Heilhaftigkeit des Blutes zu
vergleichen, hat aber andere Wurzeln. Spuren eines blutsmäßigen "Heilsdenkens"
finden sich auch im byz. Kaisertum, wie in den verschiedenen Ehen der Kaiserin ZOE
sichtbar wird. Daneben steht in Byzanz die "electio-Vorstellung". Vgl. KALLFELZ
Standesethos 1-18. K. HAueR Geblütsheiligkeit, in: Liber floridus, Festschr. P. Leh-
mann, St. Ottilien 1950, 187-240.
17 M. TREU Der Philosoph Joseph, BZ 8 (1899) 5 Z. 17.
18 Psellos Chron. (RENAULD) I, 124.
10 A. a. O. II, 157. Weitere Beispiele bei F. DÖLGER Rom in der Gedankenwelt der
Byzantiner, in: Byzanz u. d. europäische Staatenwelt, Darmstadt 1964, 79 A. 18.
20 La noblesse de race a Byzance, BS 9 (1948) 309 = GUILLAND Recherches I, 17.
1Il Psellos Chron. (RENAULD) I, 125.
lIS Nik. Greg. XII, 13: 619, 3-8.
18 Reden Nr. 3 in der Übersetzung von F. GRABLER S. 40 (unediert) in: Byz. Ge-
schichtsschreiber XI (1966).
114 VERPEAUX Chumnos 28.
DER; BEGRIFF ,,ADEL" 7 Familie beigetragen haben, möchte ich von einem "Dienstadel" sprechen, einer
DER; BEGRIFF ,,ADEL"
7
Familie beigetragen haben, möchte ich von einem "Dienstadel" sprechen, einer
Bezeichnung, die also durchaus nicht der "noblesse de titres" entspricht. Der
Dienstadel setzt sich nach der Definition der westlichen Mediävistik aus Schichten
zusammen, "die durch Könjgsdienst und Vasallität zu gehobener sozialer Stellung
emporgestiegen sind"26. Streicht man das Element der Vasallität, so ist m. E. das
Wort "Dienstadel" durchaus auf byzantinische Verhältnisse anwendbar.
Die Zugehörigkeit zum Adel in Byzanz war - wie oben festgestellt - von der
öffentlichen Meinung und ihren schwer festlegbaren und schwankenden Urteilen
und Definitionen abhängig. Die unscharfe Terminologie, mit der in Byzanz der
Adelige gekennzeichnet wird, ist nicht nur durch die Gewohnheit des Byzantiners
zu verstehen, eindeutige Begriffe zu vermeiden, sie ist vielmehr auch durch diese
unscharfen Gefühlsurteile bedingt. Einige der vielen Adelsprädikate tragen die
Subjektivität noch deutlich an sich. R. GUILLAND hat diese Bezeichnungen teil-
weise aufgezählt: Ot TW'V e15 yeYO'V6TW'V, a'V~(!e~ eVye'Vei~, Ot np YB'Vel eVye'Vei~, Ot
np YB'Vet bda'YJflol, ot ).afl'Jr,(!ol, TO YB'VO~, a'V~(!e~ B-X YB'VOV~ ).afl'Jr,(!oiJ, eV'Jr,aT(!l~'YJ~.
Dazu kämen Bezeichnungen wie v1p'YJ)'6~, fleTBW(!O~ (Nik. Chon. 186), YB'VOV~
e15 lxw'V (a. a. O. 125, 7), 8'Jr,lC1'tlflOV alflaTo~ (a. a. O. 697, 8f.), a'V~(!e~ oi5rOl
TW'V -xa)')'laTw'V ye'VW'V Ta 'Jr,(!WTa 26, B'Jr,upa'Vlj~ u. a. m. Die Dichtung in der Volks-
sprache bevorzugt die Wörter eVye'VIj~, eVye'Vl-x6~ und l'V~O~O~27. Das Geschichts-
werk des J OANNES KANTAKUZENOS fügt sich in diese Aufstellung im Blick auf die
Vielzahl der Ausdrücke gut ein, doch ist NIKETAs CHONIATES für die Zusammen-
stellung byzantinischer Adelsprädikate weit ergiebiger als der Exkaiser. Ich nenne
Ausdrücke wie e15 yeYO'V6Te~ 28, TW'V B'Jr,' evye'Velq. ).afl'Jr,(!v'VOflB'VW'V 'VBW'V 29, TO ytvo~
'Jr,e(!tqJa'VIj~, eVye'VBaTe(!Ol30, B'Jr,tqJa'Vei~31. Auch KANTAKUZENOS macht wie
PSELLOS und CHONIATES Unterschiede im Adelsgrad, und zwar in seiner eigenen
Gefolgschaft 32. Nach seinen Worten wird ANDRONIKOS 111. nach Chios von Män-
nern begleitet ov TW'V TvX6'VTW'V, d).).a TW'V Te eVye'VW'V -xal, fleya).a ~v'Vafltvw'V33.
Beachtlich ist, daß die edle Geburt zusammen mit der Größe der Macht hervorge-
hoben wird. In der gleichen Richtung liegt es, wenn bei KANTAKUZENOS das Wort
a(!laTOl durch den Begriff ~v'VaTol ersetzt
wird 34. Einen kleinen Hinweis auf den
26 K. BOSL in: GEBHARDT Handbuch der deutschen Geschichte Bd. I, Stuttgart B 1954
(1960), 593.
26 Psellos Chron. (RENAULD) 11, 96: Michael VI. Kap. 24 Z. 14f.
Z. B. Pulologos (ed. KRAWCZYNSKI Berliner byz. Arbeiten Bd. 22, 1960) V. 192, 607
(evyevfJc;, lvl5o~oc;). Vierfüßlergeschichte (ed. WAGNER Carmina) V. 297, 491, 878.
Belisarlied (ed. WAGNER Carmina) V. 135, 391 (wyevt'KOc;). In der Achilleis (HESSE-
LING) begegnet evyevt'KOC; (z. B. V. 25, 50, 281, 605, 611) häufiger als wyevfJc; (V. 272).
Unedle Geburt heißt l~ utpa'JIäw YO'JI€W'JI (V. 27). EvyevfJc; im Digenes Akritas - Epos
(MAVROGORDATO I, 30; IV, 292) neben evyevt'Koc; (I, 224; 11, 64) und e'JIl5o~oc; (111, 7),
unterschieden von nÄ,ovaUfJT:aTOC; (111, 7; IV, 324).
Kant. 111, 27: 11, 166, 1.
27
2B
29 Kant. 111, 13: 11, 84, 8; vgl. I, 2: I, 18, 10 f. (von SYRGIANNES): TtC; TW'JI ln' wyevelq.
Ä,apnevvopbw'JI.
30 Kant. 111, 21: 11, 132, 13. Im Gegensatz zum "gesamten Heer".
Kant. I, 32: I, 163, 9. I, 33: I, 166, 8. 111, 22: 11, 135, 8.
31
Kant. IV, 7: 111, 43, 4f. : TW'JI
aV'JIO'JITW'JI OL paÄ,taTa lmtpa'JI€aUeOt neoaeÄ,(}o'JIUC;.
82
88 Kant. 11, ll: I, 375, 17f.
3' Vgl. Kant. 11, ll: 1,379,4 mit Kant. 111,57: 11,352, 22f. In beiden Stellen ist die
Oberschicht dem l5fJpoc; gegenübergestellt und die gesamte Bevölkerung mit beiden
8 JOANNES KANTAKUZENOS ALS ADELIGER Adelsbegriff des J OANNES KANTAKUZENOS scheint mir dieser Sprachgebrauch doch
8
JOANNES KANTAKUZENOS ALS ADELIGER
Adelsbegriff des J OANNES KANTAKUZENOS scheint mir dieser Sprachgebrauch
doch zu geben: Entscheidend für die Zugehörigkeit zur Elite ist Macht und Ein-
fluß neben der "edlen" Geburt. Beachtlich ist die häufige Verwendung des klassi-
schen Ausdru?ks 8vn.a7:el~'YJ~36.
Es besteht kern Zweifel: J OANNES KANTAKUZENOS war 1\deliger Im besprochenen
Sinn des Wortes, d. h. er gehörte zur Aristokratie im Urteil der Gesellschaft seiner
\ -
Zeit 36. Im Folgenden
versuche ich nicht nur die materiellen Grundlagen dieses
Adelslebens zu bestimmen, sondern zu den Leitbildern dieses byzantinischen
Aristokraten vorzustoßen.
Die Kantakuzenen kommen - nach dem Namen zu schließen - aus dem klein-
asiatischen Raum. Sie treten erst am Anfang des 12. Jh. in Erscheinung mit
einem Feldherrn, dessen Vorname unbekannt bleibt. Kaiser ALEXIOS betraute ihn
mit der Bekämpfung des gefährlichen Bohemund und hatte offensichtlich großes
Vertrauen zu ihm 37. ANNA KOMNENA, die einzige Quelle über ihn, gibt zu wenig
Nachrichten, um Schlüsse über den sozialen Aufstieg dieses homo novus ziehen zu
können. So viel ist festzuhalten : am Anfang des Aufstiegs der Familie 38 steht der
Gruppen gekennzeichnet. Sich auf 2 Stellen bei NIKEPHOROS BRYENNIOS stützend,
will GUILLAND in den ÜetaTOL im Gegensatz zur noblesse de race die noblesse officielle
sehen (La noblesse de race a Byzance, BS 9 [1948] 313 = Recherches I, 19 u. 20). Ich
zweifle aber, ob "ÜeLaToL" bzw. "r5vvaTol" bei Jo. Kant. noch den Sinn wie in der
Novellengesetzgebung des 10. Jh. hat, nämlich als die hohen Beamten, die durch ihre
Stellung Druck ausüben können (vgl. die Definition in der N ov. H des Kaisers ROMA-
NOS LAKAPENOS vom Jahr 922: Reg. 595 = ZEPOS Jus graecoromanum I, Athen 1931,
203).
86 Kant. I, 55: I, 279, 20-22; I, 8: I, 37, 15f.; I, 35: I, 168, 17; IV, 31: IH, 230, 16.
Zum Ausdruck vgl. Nik. Chon. 186, 10; 334, 22.
86 Das Belisarlied - wohl im 14. Jh. entstanden - zählt die Kantakuzenen zu den
großen Geschlechtern (ed. WAGNER Carmina 306 V. 53). Die "edle Geburt" des Jo.
Kant. wird öfter von den Briefschreibern erwähnt: Anonymus Florentinus Br. 2, Cod.
Monac. 198 fol. 340. Nik. Greg. Br. 41 (GuILLAND) = BEZDEKI 282, 5f.; Philes (MrLLER)
I, 323 Z. 4 u. 5. In seinem Geschichtswerk hat sich Jo. Kant. nie seiner edlen Geburt
gerühmt, wie bereits P ARISOT (Cantacuzeme 28) mit Recht bemerkt hat. Ist dies auf
den Einfluß der Fürstenspiegel zurückzuführen, die das Rühmen der eigenen vor-
nehmen Geburt verbieten?
87 Alexiade XI, 9, 3 (ed. B. LEIB, Paris "Les beIles lettres" 1937-1945, IH, 41); XI, 11,
5 (LEIB III, 48); XIII, 5, 4 (LEIB IH, 105f.).
88 Für die Genealogie der Kantakuzenen lag bisher nur die Untersuchung von Du
CANGE (die Abhandlung über die "Familiae Augustae Byzantinae" in der "Historia
Byzantina") und J. C. FILITTI (Notice sur les Cantacuzenes du Xle aU XVIle siecles,
Bukarest 1936) vor. Für das 15. Jh. grundlegend V. LAURENT (Alliances et Filiations
des Cantacuzenes au XVe siecle, im Aufsatz "Le Vaticanus Latinus 4789", REB 9
[1951] 64-105). Bemerkungen auch bei PAPADOPULOS Palaiologen, DÖLGER Legitimist
und AHRWEILER Smyrne. Über die Herkunft des Namens finde ich bisher in der For-
schung nur die Deutung von K. AMANTos KavTaxovC'Y}vor; - KaTaauJ.lßßar;, BZ 28
(1928) 14-16, und die Bemerkungen von ZAKYTHINOS KavTaxovC'Y}vor; - KaTaxovC'Y}vor;,
Hellenika 3 (1930) 545/6. Nach AMANTos ist der Name geographische Herkunftsbe-
zeichnung: 6 xaTa KovC'Y}vo.v. Es handelt sich um einen Berg TOV KovCwo. im Thema
Thrakesion, an dem eine Quelle entsprang (Glykas, Annalen 581, 14) und ein Kloster
der Gottesmutter lag (epistola Theodori Ducae Lascaris an den Metropoliten von
Philadelphia ed. N. FEsTA, Florenz 1898, 162, 2f.) (vgl. Kedrenos H, 610, 2lf.).
DER AUFSTJiEG DER KANTAKUZENEN 9 Militärdienst, keine Liebesheirat wie bei den Angeloi. Die Palaiologenfamilie reicht
DER AUFSTJiEG DER KANTAKUZENEN
9
Militärdienst, keine Liebesheirat wie bei den Angeloi. Die Palaiologenfamilie
reicht in ihren Anfängen nicht viel weiter zurück wie der erste Kantakuzene.
NIKEPHoRos PALAIOLOGOS nimmt unter ROMANos IV. DIOGENES und seinen
Nachfolgern hohe HofWÜTden und
Militärposten ein. V. LAURENT urteilt 39 : "Au
cours des deux premiers siecles de sa vie publique, la maison des PaIeologues se
montre assez pauvre en hommes illustres et la trame de leur ascendance apparait
tres simple." Der Aufstieg der Kantakuzenen vollzieht sich rascher. Zwei Männer
aus der nächsten (1) Generation nach dem ersten bekannten Kantakuzenen stehen
ebenfalls im Militärdienst, ohne daß ihr genauer Rang bekannt wäre. In dieser
Generation gehört die Familie ohne Zweifel schon der hohen byzantinischen
Aristokratie an. J OANNES KANTAKuzENOS ist mit einer Nichte des Kaisers MA-
NUEL verheirateVo, sein Sohn, MANUEL KANTAKUZENOS, wird von NIKETAs
CHONIATES neben "anderen vornehmen Rhomäern" genannt 41, alle bekannten
Kantakuzenen nehmen neben den Angeloi Partei gegen den adelsfeindlichen
ANDRoNlKos 1. In der folgenden Generation ist die Familie schon so mächtig, daß
der von ANDRONIKOS I. geblendete J OANNES KANTAKUZENOS (mit einer Schwester
der KAISER ISAAK 11. und ALExIOS 111. verheiratet) für seine Kinder die Kaiser-
krone erhofft, wenn wir NIKETAs CHONIATES glauben dürfen 42. Charakteristisch
für die Familie erscheint mir die Stellung der Mitglieder in hohen Staatsposten,
die nicht immer nur militärischer Natur waren: ANDRONIKOS KANTAKUZENOS
ist 1175 als ~ov~ ",at dnoyeU(pBV~ des Themas Mylasse und Melanudion bezeugt 43,
ein ANDRONIKOS KANTAKUZENOS ist um 1325 als f1iya~ xaeTOvÄaeLO~, "'BcpaÄij
von Boleros, Mosynopolis, Serrai und Strymon genannt 44. Vielleicht ist er iden-
tisch mit dem naea",olflwflBYO~ ANDRONIKOS KANTAKUZENOS 46. Der Vater des
J OANNES KANTAKUZENOS war Archon auf der Peloponnes.
Der Durchblick zeigt, daß die Bezeichnung "Provinzialadel" bei der Nähe der
Familie zum Kaiserhof und ihrer Verbundenheit mit der Hauptstadt ebensowenig
zutreffend ist wie "Militäraristokratie", "militärische Feudalaristokratie" usw.
Auch als "städtischer Adel" ist die Familie nicht zu bezeichnen. Das Geschlecht
war, wie der Besitzstand im 14. Jh. zeigt, stark mit der Provinz verbunden. Der
Ausdruck "Dienstadel" wäre m. E. nicht verfehlt. Deutlich hat sich diese Familie
durch den Dienst in Militär, Verwaltung und am Kaiserhof ihren Platz in der
byzantinischen Aristokratie erobert. Sie hat ihre Stellung auszubauen und zu
sichern gewußt durch Heiraten mit der Kaiserfamilie, mit anderen Adelsfamilien,
durch den Erwerb großer Besitzungen. Dieser Werdegang der Familie bestimmt
wesentlich das Bild des Adeligen JOANNES KANTAKUZENOS.
Dieses Bild wird vor allem durch zwei Züge gekennzeichnet: den Dienst in der
Nähe des Kaisers und die Hausmacht des Adeligen.
J OANNES KANTAKUZENOS ist wohl am Kaiserhof aufgewachsen. Er bezeichnet
V. LAURENT La genealogie des premiers PaIeologues, B 8 (1933) 125-149 hier 145.
89
Nik. Chon. 136; 240. Kinnamos IH, 9: 109.
40
41 Nik. Chon. 255, 3: nov hcl o6~1}~ <Pwpa{wv.
4.2 Nik. Chon. 661.
48 MM IV, 317.
44 Reg. 2484 und 2486. Reg. 2515 (Okt. 1324): ANDRONIKOS KANTAKUZENOS als
Protovestiar.
46 Kant. I,
2: I,
17, 18.
10 JOANNES 1 KANTAKUZENOS .ALS ADELIGER sich als Jugendfreund des ihm gleichaltrigen späteren Kaisers ANDRoNIKos
10
JOANNES 1 KANTAKUZENOS .ALS ADELIGER
sich als Jugendfreund des ihm gleichaltrigen späteren Kaisers ANDRoNIKos 111. 46 •
Die .Ämterlaufbahn ging schnell und steil bergan. Zur Zeit vor dem Ausbruch des
ersten Bürgerkriegs ist er, 25 Jahre alt, mit der Würde des piyar; 7lanlar; ausge-
zeichnet 47. Durch .Ämterkauf, den NIKEPHOROS GREGORAS als Bestechung charak-
terisiert, bekommt er neben SYRGIANNES die Verwaltung eines Teiles von Thra-
kien (um Adrianopel) übertragen 48. Er steht neben anderen mächtigen Adeligen,
wie SYNADENOS, in der Gefolgschaft des Mitkaisers MICHAEL IX., des Vaters
seines Jugendgefährten ANDRoNIKos 49 • Schon bald, wohl noch unter ANDRONI-
KOS 11., wird ihm das Amt des piyar; (jOflUITl'X6r; übertragen 50, des "Generalissi-
mus", wie F. DÖLGER interpretiert 51. Das Amt wurde mit Rücksicht auf JOANNES
KANTAKUZENOS in der Hierarchie über den Panhypersebastos gestellt, dann unter
ANDRONIKOS 111. noch weiter erhöht (hinter den Kaisar) 52. Zudem lastete auf ihm
im Bürgerkrieg noch das Amt des Kanzleichefs und des Finanzministers. Er stöhnt
über Arbeitsüberlastung 53 •
Unter ANDRoNIKos 111., an dessen Erhebung zum Kaiser er maßgebend beteiligt
ist, nimmt er an allen entscheidenden Feldzügen teil, er ist der erste Berater. Er
steht nicht allein: neben ihm stehen andere Adelige aus Familien, die teilweise
älter sind als die Kantakuzenen. Ich nenne nur den ,,71ly'XeeV'Yjr;" J OANNES ANGE-
LOS, MICHAEL MONOMACHOS, den mit der Kaiserfamilie mütterlicherseits ver-
wandten SYRGIANNES, Mitglieder aus der Familie der Tarchaneiotes, den Proto-
strator THEODOROS SYNADENOS. Machtkämpfe waren unausbleiblich. Der Dienst
gilt dem kaiserlichen Gefolgsherrn, mit dem der Adelige zu Felde zieht, mit dem er
alle Strapazen erträgt, mit dem er zur Jagd geht, den er vor Gefahren und E71lßoAal
schützt, dem er seine eigenen Machtmittel, Geld und Leute, zur Verfügung stellt,
mit dem er Rat pflegt 64. Durchaus brauchen dabei die Wünsche und Vorstellungen
48 Kant. I, 2: 1,19,14-16; vgl. Nik. Greg. VIII, 4: 301.
47 Nik. Greg. VIII, 4: 301. Im 14. Jh. ist die Amtsfunktion des f1iya~ 1lanta~ bereits
unbekannt (Ps.-Kodinos Kap. III S. 178, 7f. VERPEAUX). In der Rangliste steht er
ziemlich weit unten (22. Stelle). Zu dieser Würde siehe R. GUILLAND Fonctions et
dignites des eunuques, REB 3 (1945) hier 207f. = Recherches I, 254.
<lB Nik. Greg. a. a. O. 302. Seine Amtsfunktionen dürften sich bis Kallipolis erstreckt
haben. Dort hielt sich Kantakuzenos meist wegen der Barbareneinfälle auf (Kant. I, 4:
I, 24, 16f.).
48 Kant. I, 8: I, 38.
60 Daß J o. Kant. schon unter ANDRONIKOS 11. Großdomestikos wurde, behauptet
Ps.-Kodinos (Kap. I S. 135 VERPEAUX). Vgl. R. GUILLAND Le grand domesticat a
Byzance, EO 37 (1938) 58 = Recherches I, 412. In seinem Geschichtswerk, das 1321
einsetzt, bezeichnet sich J o. Kant. nur als Großdomestikos. Der Brief des MrOHAEL
GABRAS Nr. 345 Cod. Marc. 446 fol. 229-231 an den Großdomestikos ist an ihn als
jungen Mann gerichtet. Nik. Chumnos (Br. 129 ed. BOISSONADE Anecdota Nova 1844,
150/1) schreibt an den Großdom. als "cp{).o~", wenn das Lemma den Titel richtig an-
gibt. VERPEAUX in der Edition des Ps.-Kodinos (So 26 A. 8) setzt die Erhebung zum
Großdom. zw. 1322-1325. Erstes Auftreten des Titels bei Nik. Greg.: VIII, 12: 363.
61 LTKlI V Sp. 1046 (1960).
Ps.-Kodinos (VERPEAUX) Kap. I S. 136.
Kant. II, 5: I, 338 U. 339.
64 Vgl. die enkomiastische Schilderung bei Nik. Greg. XI, 9: 551/2. Wohl mit Recht
hebt KALLFELZ Standesethos 57 hervor, der sich für Byzanz weitgehend a.uf TREI-
TINGER Kaiseridee 94f. stützt, daß der Rat und die Mitsprache des "Umsta.ndes" des
611
68
DER ADELIqE IM DIENST DES KAISERS 11 nicht mit denen des Herrn übereinzustimmen. Die Hunde
DER ADELIqE IM DIENST DES KAISERS
11
nicht mit denen des Herrn übereinzustimmen. Die Hunde und Jagdfalken seines
verstorbenen Herrn, des Kaisers ANDRONIKOS III., hat J OANNES KANTAKUZENOS
weggegeben 1i6. Von den Äußerlichkeiten westlichen Rittertums scheint also dieser
byzantinische Adelige nicht besonders beeindruckt gewesen zu sein, vor allem aus
ganz realen finanzpolitischen Erwägungen. Auch mit der übermäßigen Bautätig-
keit des kaiserlichen Herrn war JOANNES KANTAKUZENOS nicht einverstanden 68 •
So, als getreuer Diener seines Kaisers, will der Adelige von seiner eigenen Klientel
angesprochen sein: "Du bist ein ,Kaiserlicher' und stehst dem Kaiser in allem zu
Diensten 67. "
Ganz anders urteilt KEKAUMENOS, der freiheitlich denkende Adelige an der arme-
nischen Grenze im 11. Jh. Nicht oft soll der Sohn vor dem Kaiser erscheinen; denn
die Nähe des Kaisers ist gefährlich (Kap. 220, 221). Die Phokaden und die Skleroi
haben nie versucht, in Hofränge Eingang zu finden 68. Die grundbesitzenden Fami-
lien der Nestongoi und Branas sind in der ersten Hälfte des 14. Jh. weder in der
Nähe des Kaisers noch in hohen Ämtern anzutreffen. Soviel ist sicher: Die Nähe
zum Kaiserhof, hohe Würden und Ämter, ein Merkmal der adeligen Kantakuzenen-
familie, sind nicht immer Zeichen des byzantinischen Adeligen.
Zum zweiten Merkmal, das zum Bild des Adeligen J OANNES KANTAKUZENOS ge-
hört: die Hausmacht. Sie ist nicht nur der ihm ergebene Anhang von Verwandten,
Freunden und Dienern, sondern ebenso der Reichtum an materiellen Gütern als
die Voraussetzung für die Bildung dieser Personengruppe. Diese "Gefolgschaft",
wie ich sie hier vorläufig nennen möchte, ihre Zusammensetzung, ihre Entwick-
lung und ihre Struktur soll unten ausführlich behandelt werden. Wir können
solche Personengruppen auch bei anderen Adeligen der Zeit feststellen, so bei den
Angeloi, dem Protostrator THEODOROS SYNADENOS und bei SYRGIANNES, bei
Emporkömmlingen wie ALEXIOS APOKAUKOS und J OANNES VATATZES. Wenn
auch eine solche Gefolgschaft oft in den Quellen im Zusammenhang mit byzantini-
schen Adelsfamilien nicht ausdrücklich erwähnt ist, wie z. B. bei den Asan, so ist doch
die Feststellung zu treffen: diese Personengruppe scheint wesentlich zum byzantini-
schen Adeligen zu gehören. Wie im Chrysobull von 1342 an JOANNES ANGELOS
deutlich zum Ausdruck kommt, wird eine Aaftnea cpaTela (J'vyyev(iw ",at cplAWV 69
als Ausdruck der evIJatft0vla empfunden. Die Schar der Verwandten und Freunde er-
höht, wie eine große Dienerschaft, das Sozialprestige und die reale Macht. Im Laufe
der Untersuchung wird sich zeigen, daß J OANNES KANTAKuzENos diese Gefolgschaft
systematisch zu einer treu ergebenen Elitegruppe aufzubauen suchte.
Der Besitzstand der byzantinischen Adeligen ist bisher in der Forschung bereits in
byz. Kaisers nicht ideologisch begründet ist - anders als im Westen, wo "ohne den Rat
u. die Zustimmung seiner Aristokratie - bzw. des maßgeblichen Teiles derselben - der
König im Grunde nichts verfügen kann und darf" (a. a. O. S. 56). Siehe aber den
unten S. 18 zitierten Anspruch der byz. Adeligen des 14. Jh., an der Verwaltung des
Reiches teilzuhaben.
Nik. Greg. XI, ll: 566.
66
Kant. II, 38: I, 541.
68
MIOHAEL GABRAS Br. 403 Cod. Marc. 446 fol. 268vo-270vo; hier 269 Iv t5e T1/VtUav'r'
67
Q)v ßamÄtuo~ ual ßamÄei V1'tSe TWV üÄÄwv "Otvwvwv "al avyyev6f.levo~ T~V Te üÄÄ1/v 8aVf.laaT~V
TqJ övn avvovalav "al t5ta ToilTO avv(J1/eWV av~ Te "al eÄdf/Jov~
68 Vgl. H.-G. BEOK in BZ 59 (1966) 434.
69 Kant. III,
53: II, 313, 22 u.
23.
12 JOANNES iKANTAKUZENOS ALS ADELIGER einigen Studien untersucht worden 60• Von Besitzungen der Kantakuzenen ist
12
JOANNES iKANTAKUZENOS ALS ADELIGER
einigen Studien untersucht worden 60• Von Besitzungen der Kantakuzenen ist vor
dem 14. Jh. keine Nachricht vorhanden. Der Satz von CHARANIS, "
the vast
wealth of J ohn Cantacuzenus had already been in the possession of the familiy by
the end of the thirteenth century61," ist nur in Beziehung auf die Mutter des
J OANNES zu belegen. Diese besaß landwirtschaftliche Güter und Werkstätten in
und um Serrai, von denen wir durch Schenkungen an die Klöster Vatopedi und
Kutlumus erfahren 62 • Diese Besitzungen am Strymon
sind dann auf ihren Sohn
übergegangen. Sie wurden ihm im Bürgerkrieg von GUY DE LUSIGNAN abgenom-
men 63. Weitere Besitzungen des J OANNES KANTAKUZENOS sind um Traianupolis
an der Mündung der Maritza bezeugt 64. Weiter besaß er Liegenschaften in der
Hauptstadt selbst, wie aus umfangreichen Schenkungen an das Manganakloster
1350 66 und an das Charsianitenkloster 66 hervorgeht. Im Haus des Adeligen in
Konstantinopel, in dem die Mutter THEODORA residierte, waren große Mengen an
Getreide und anderen Feldfrüchten gespeichert. Das Haus lag bezeichnender-
weise in der Nähe des Kaiserpalastes (welched). Einen weiteren Speicher besaß
die Familie in der Nähe des Gorgoepekouklosters 67, also nahe dem Alp:rJv TWV
,EAeV()eeLov, des großen Kornhafens der Hauptstadt, wenigstens in frühbyzan-
tinischer Zeit 68. Trieb die Adelsfamilie auch Export? Es ist anzunehmen, daß
diese wohl auf den Provinzgütern erzeugten Lebensmittel sowohl der Versorgung
der eigenen Gefolgschaft dienten wie zum Verkauf in der Hauptstadt. Es ist hier
ein wichtiger Beleg dafür gegeben, daß die Getreideversorgung der Hauptstadt
wenigstens teilweise im 14. Jh. in der Hand des Adels lag. JOANNES KANTAKUZE-
NOS behauptet, im Bürgerkrieg habe er 5000 Stück Weidevieh, 1000 Gespanne -
der Feldbearbeitung dienend -, 1500 Stuten, 200 Kamele, 300 Muli, 500 Esel,
50000 Schweine und 70000 Schafe verloren 69. Bei näherer Prüfung erscheinen die
Zahlen zwar sehr hoch, aber nicht unglaubwürdig. Über die Größe des Besitztums
läßt sich aus diesen Zahlen nur so viel entnehmen, daß er ungefähr 500 Einzelhöfe
besessen hat, auf denen neben Viehzucht auch Ackerbau getrieben wurde und
eine große Zahl von Landarbeitern beschäftigt war (siehe Exkurs).
80 Die Besitzverhältnisse des spätbyzantinischen Adels hat CHARANIS Aristocracy aus-
führlich dargestellt. Gute Bemerkungen vor allem für die kleinasiatischen Verhältnisse
bei AHRWEILER Smyrne passim.
61 CHARANIS 350.
69 Schenkungen an Kutlumus: Kutlumus (LEMERLE) Nr. 18. Schenkungen an Vato-
pedi: Reg. 2746 (Mai 1329). Diese Schenkung nochmals erwähnt in einer Urkunde des
MICHAEL SYNADENOS ABTRAS vom Okt. 1366 (ed. GUDAS Byz. Urkunden d. Athos-
klosters Vatopedi, EEBS 4 [1927] 246-248). STEPHAN DUSAN bestätigt im Oktober 1345
unter dem Besitz des Prodromosklosters ein CevYrJ),are'iov des Kantakuzenen mit 3
(Winter-)wassermühlen: Prodromos (GUILLOU) Nr. 39 Z. 78f.
68 Kant. III, 31: II, 192. Nik. Greg. XII, 15: 623. Das von LEMERLE herausgegebene
Praktikon bestätigt historisch 1. ehemaligen Besitz des J o. Kant. um Zichnai; 2. den
Entzug dieser Güter durch GUY DE LUBIGNAN im Jahre 1342.
U Nik. Greg. XVI, 1: 797.
86 Reg. 2963.
66 Matthaios (HUNGER) 293f.
67 Kant. III, 27: II, 165.
8B R. J ANIN La geographie ecclesia.stique de I 'Empire byzantin I, 3: Les eglises et les
monasteres,
Paris 1953, 180/1. Ders. Constantinople byzantine, Paris B 1964, 225-7.
89 Kant. III, 30: II, 185, 3.
DIE STELL-pNG DER ADELIGEN FRAU 13 JOANNES KANTAKUZENOS war stolz darauf, daß er immer wieder
DIE STELL-pNG DER ADELIGEN FRAU
13
JOANNES KANTAKUZENOS war stolz darauf, daß er immer wieder als Geldgeber
seines kaiserlichen Herrn auftreten konnte 70. Dies ist auch die Meinung des
T;S:EODOROS METOCHITES: "
der Staatsmann muß ein reicher Grandseigneur
sein, denn seine Aufgabeist es, unter Umständen dem Staatssäckel aus der Ver-
legenheit zu helfen. 71 " Der Bürgerkrieg
hat den Reichtum des JOANNES KANTA-
KUZENOS zum Schwinden gebracht. Den Feldzug nach Bulgarien 1341 soll er noch
mit eigenen Mitteln bestritten 72, das Leichenbegängnis des Kaisers ANDRONIK.OS 111.
bezahlP3 und die Flotte gegen die Türken teilweise ausgerüstet haben 74, 1347 ist er
nicht mehr in
der Lage, eigene
Mittel zur Verfügung zu stellen 76.
Dienst in der Gefolgschaft des Kaisers und Hausmacht gehören zu den äußeren
Lebensformen des Adeligen. Seine "geistige Physiognomie" ist damit noch nicht
erfaßt. Ist sie überhaupt zu erfassen 1 Bei anderen Adeligen seiner Zeit wie THEO-
DOROS SYNADENOS, SYRGIANNES, JOANNES ANGELos, bei den Mitgliedern der
Familie Asan ist diese Frage zu verneinen. So menschlich nahe wird uns auch
J OANNES KANTAKUZENOS nicht entgegentreten wie der Aristokrat KEKAuMENos
in seinem Strategikon. Der kaiserliche Apologet im Mönchsgewand nimmt in
seinem Geschichtswerk nie die Maske der Konvention vom Gesicht und urteilt
nie offen über Menschliches, Allzumenschliches. Es bleiben einige Streiflichter,
die auf den byzantinischen Adeligen ein Licht werfen.
Es fehlt weit, daß wir uns aus den Quellen ein befriedigendes Bild über die Per-
sönlichkeit der Mutter des J OANNES KANTAKUZENOS, THEODORA, machen könnten.
Einige wichtige Züge lassen sich von dieser Frau, vielleicht der Enkelin des großen
Generals ALEXIOS PHILANTHROPENOS76, doch festhalten. Zu Beginn des zweiten
Bürgerkriegs läßt ANDRONIK.OS 111. seine Gemahlin und THEODORA als seine
Stellvertreterinnen in Didymoteichos zurück 77. Die Worte, die J OANNES
KANTAKUZENOS dazu schreibt, erscheinen bezeichnend für die Stellung des
gebildeten Byzantiners zur Frau: "Sie (die Mutter des JOANNES) war auch er-
fahren in der Verwaltung der Staatsgeschäfte und besaß einen schärferen Ver-
78
stand als die weibliche Natur gewöhnlich.
" Für diese Hochachtung vor der
überragenden Einzelpersönlichkeit einer Frau bietet gerade das 14. Jh. viele
Beispiele. Ich erinnere an die Töchter des THEODOROS METOCHITES und NIKE-
PHOROS CHUMNOS, an die Tochter des JOANNES KANTAKuzENos, HELENA. Die
Verachtung der Frau, letztlich ein Erbe der Antike, tritt zurück 79 . Gerade in den
,sozial hochstehenden und gebildeten Schichten überwiegt deutlich die Hoch-
achtung und Anerkennung der Frau, wofür gerade die Stellung des J OANNES
Kant. I, 28: I, 137/8; I, 55: I, 279.
70
BECK Metochites 85.
71
Nik. Greg.
XII, 6: 595
711
Kant. III, 1: II, 16.
78
74
Kant. III, 9: II, 68.
76
Kant. IV, 1: III, 9, 3-6; IV, 6: III, 33.
76
PAPADOPULOS Palaiologen Nr. 25 und 26.
77 Dies geschieht nochmals 1327; vgl. BoscH Andronikos III. 45. Die Zeugnisse über
den Lebensgang der THEODORA sind gut zusammengestellt in Kutlumus (LEMERLE)
84/5.
78 Kant. I, 25: I, 125, 18-20. So auch Kant. über seine Frau mENE (III, 56: II, 336,
19f.): peU;ov enu5et~apb'YJ r; uanz yvvaLueiov cpe6v'YJpa.
79 Zur Geringschätzung der Frau: BECK Metochites 42-44.
14 JOANNES ~NTAKUZENOS ALS ADELIGER KANTAKUZENOS ZU seiner Gemahlin IRENE das beste Beispiel ist. Erinnert
14
JOANNES ~NTAKUZENOS ALS ADELIGER
KANTAKUZENOS ZU seiner Gemahlin IRENE das beste Beispiel ist. Erinnert sei
an die schönen Worte des Adeligen KEKAUMENOS in seinem Strategikon (Kap.
132): "Wer sein Weib zu Grabe tragen mußte, der hat die Hälfte und noch mehr
seines Lebens damit verloren, wenn es gut war." Es ist merkwürdig, daß in der
bisherigen Forschung viel zu allgemein von "der Frau" in Byzanz gesprochen
wurde. Die Unterschiede im sozialen Niveau sind bei der Betrachtung der Stellung
der Frau zu berücksichtigen80.
Wir sehen die Mutter des J OANNES KANTAKUZENOS an den Gesprächen zwischen
dem Sohn und dem Kaiser teilnehmen 81 ; nach Gregoras war sie bei den geheimsten
Beratungen des Kaisers zugegen 82 • Ihre standhafte Haltung im Gefängnis ist
bewundernswürdig 83 • Der große Einfluß, den diese kluge, einflußreiche Politikerin
auf J OANNES KANTANKuZENOS ausübte, ist aus seinen bewundernden Schilderun-
gen sicher anzunehmen, aber nicht mehr im einzelnen faßbar, höchstens in der
religiösen Haltung des Adeligen zum Palamismus (vgl. Kap. XI).
Die Gestalt des Vaters des J OANNES KANTAKUZENOS bleibt für uns ganz im
Dunkeln. Wir kennen nicht einmal seinen Vornamen. Er starb als Statthalter auf
der Peloponnes, als JOANNES 21 Jahre alt war 8 4 Es ist kein Zufall, daß wir nur
den Erzieher im Kriegshandwerk kennen, den Großstratopedarchen J OANNES
ANGELOS, als großer Feldherr vom Kantakuzenen gerühmt 8Ö • Die Erinnerung an
die große strategische Kunst der Römer ist noch in diesem spätbyzantinischen
Adel lebendig 86. Als große Vorbilder der Feldherrnkunst nennt JOANNES KANTA-
KUZENOS Scipio Mricanus, Pompeius magnus und Sulla. Den Adeligen J OANNES
ANGELOS hat J OANNES wiederum selbst im Kriegshandwerk erzogen, und der
Kantakuzene konnte in kritischer Situation auf seinen Dank rechnen87. Feldherrn-
kunst wie Klugheit in der Diplomatie, von J OANNES KANTANKUZENOS immer
wieder bewiesen, ruht nicht nur auf persönlichen Gaben. Es ist alte Tradition des
byzantinischen Adels, die vom Vater auf den Sohn (wie bei dem byzantinischen
Aristokraten KEKAUMENos) und vom erfahrenen adeligen General auf die Ver-
wandten übergeht.
Das Kriegshandwerk im Dienst eines noch mächtigeren Gefolgsherrn, hier des
Mitkaisers MIOHAEL IX., dann des Kaisers ANDRONIKOS 111., bestimmt das Bild
dieses byzantinischen Adeligen J OANNES KANTAKUZENOS. "Er verstand es, eher
80 So betrachtet ist der Satz von L. BREmER La civilisation byzantine, Paris 1950, 11
verständlich: "Sans doute on est frappe de l'allure tres !ibre des imperatrices et des
princesses du sang a toutes les epoques." Die Rolle der adeligen Frau in der byz. Ge-
sellschaft betont mit Recht eH. DIEHL La societe byzantine, in: Etudes byzantines,
1905, 140.
81 Kant. I, 28: I, 137f.
89 Nik. Greg. XII, 13: 619, 3-8.
88
Nik. Greg. XII, 13: 618. Kant. IU, 36: U, 220-222.
Kant. I, 17: I, 85, 4.
84
85 Kant. U, 4: I, 334, 5. PAPADOPULOS PalaiologenNr. 25 S. 16. BINON Prostagma 151/2.
Er ist der Gemahl der Gründerin des Klosters der hl. Jungfrau der beständigen Hoff-
nung. Vgl. H. DELEHAYE Deux typica byzantins de l'epoque des PaIeologues, Acad.
Roy. de Belgique. Classe des Lettres (Memoires) 2. sero tom. 18, fasc. 4, Brüssel 1920,
144/5.
88 Kant. IU, 59: U, 364, 13 U.
87 Kant. I, 54: I, 274, 4.
14.
D~S BILDUNGSGUT 15 als Soldat und Kamerad als in der Rolle des Feldherrn die Strapazen
D~S BILDUNGSGUT
15
als
Soldat und Kamerad als in der Rolle des Feldherrn die Strapazen mit zu
tragen 88 ." Seine Fähigkeit ist die Kriegskunst 89 . "Der Mann (JOANNES KANTA-
KUZENOS) war mit vielen Vorzügen ausgestattet, die die Natur gewährt und die
eine tiefe
Einsicht in edler Weise lenkt und schmückt. Vom ganzen Heer wurde
er geliebt 90 ." Die Tapferkeit des JOANNES
KANTAKUZENOS ist hervorragend 91.
Viele Kämpfe mutig durchstanden zu haben, ist der Stolz dieses byzantinischen
Adeligen. Nach einer unerwarteten Rettung vor einer türkischen Streifschar,
einer Rettung, die auch von seiner Klientel verherrlicht wurde, soll J OANNES
selbst gesagt haben: "Viele und große Kämpfe habe ich von früher Jugend an
91l
durchstanden, aber noch nie bin ich in eine solche Gefahr gekommen
." Den
gleichen Geist atmet das Wort des KEKAUMENOS (Kap. 127, vgl. 27): "Als Soldat
sei tapfer in der Schlacht, auch wenn es sterben heißt." Einer unerschütterlichen
Gesundheit rühmt sich der Adelige. Nur einmal war er kurz in der Jugend an
Fieber erkrankt. Erst als 53jähriger Mann holt er sich nach dem Kampf eine
Erkältung und darauf ein
einjähriges Nervenfieber 93 .
Eine literarische Bildung tritt hinter diesem kriegerischen Bild des Adeligen in
den Hintergrund. Natürlich ist anzunehmen, daß JOANNES KANTAKuzENos, am
Kaiserhofaufgewachsen, wenigstens in die Kenntnisse eingeweiht wurde, die damals
zur "ly",v"'Äto~ nat~ela" gehörten. Er tadelt an dem Thronprädententen MICHAEL
KATHAROS ausdrücklich, diesen Bildungsgang nicht durchlaufen zu haben 94. Aber
selbst das Geschichtswerk des Kantakuzenen, ein Alterswerk in mönchischer
Muse geschrieben, enthält nur wenige Reminiszenzen an die klassische antike
Literatur. Dabei ist immer zu fragen, ob er die Werke, die er zitiert, selbst ge-
lesen hat oder ob er aus Exzerptensammlungen schöpft, etwa aus den Samm-
lungen seines Zeitgenossen MAKARIOS CHRYSOKEPHALOS. So zitiert er Appian 96
und Euripides 96 , ebenso eine Nachricht aus der Solonvita Plutarchs 97
und eine
Fabel Aesops98 ohne Namensnennung. Einzig der Name Homers ist im Geschichts-
werk einmal im Zusammenhang mit einer Redewendung genannt 99. Weiter sind
dem adeligen Exkaiser und Mönch einige Mythen und Sprichwörter bekannt 100,
88 Nik. Greg. XII, 5: 586.
89 Nik. Greg. XIII, 8: 662, 18 u. 664, 2 u. 3 in der fingierten Rede an APOKAUKOS. Das
Zeugnis ist hier besonders wichtig, da Gregoras hier Ethopoiie versucht. So wollte J o.
Kant. seinen Zeitgenossen erscheinen.
80 Nik. Greg. XI, 9: 552, 10-12.
A. a. O. X, 44:
486.
81
Kant. I, 42: I, 207, 15-18.
82
Nik. Greg. XVI, 7: 835; Kant. IV, 10: III, 67. Die Datierung GUILLANDS von Br. 22
88
(1325-1330!) ist sehr fragwürdig. Hier wird von einer Krankheit des Jo. Kant. be-
richtet. Die Datierung des Briefes nach 1347 hätte weittragende Konsequenzen für die
Beurteilung des Verhältnisses zwischen beiden Männern.
84
Kant. I, 1: I, 14, 25f.
86
Kant. IV, 5: III, 33, 13 u. 14 = Appian bellum civile 4, 99.
88 Kant. I, 4: I, 24, 23 = Euripides Hekuba V. 606/7.
87 Kant. IV, 13: In, 86, 23f.: Plutarch vita Solonis Kap. 20.
88 Kant. IH, 57: II, 351, 5 = Aesop fabula Nr. 155 (ed. HAusRATH). Woher stammt
die Fabel vom weissagenden Sperling (Kant. IH, 59: H, 367) ? Ich finde sie weder bei
Aesop, noch bei Phaedrus u. Babrius.
89 Kant. I, 2: I,
18, 7: vgl. z. B. Odyssee X, 379.
100 Kant. I1, 19: I, 417, 14f.: Athene als Schiedsrichterin (kannte Jo. Kant. Aischylos
16 JOANNES KANTAKUZENOS ALS ADELIGER I außerdem wohl der Pestbericht des Thukydides 101 • Die
16
JOANNES KANTAKUZENOS ALS ADELIGER
I
außerdem wohl der Pestbericht des Thukydides 101 • Die JOANNES KANTAKUZENOS-
J OASAPH zugeschriebene Paraphrase des Heliodor zur Nikomachischen Ethik,
die aus dem Rahmen seiner theologischen Werke fallen würde, stammt gewiß
nicht vom Exkaiser. Wichtig ist, daß sich der Adelige als Mönch mit dem Werk
befaßt hat und im Jahre 1366 eine Abschrift auf eigene Kosten anfertigen
ließ 102. Die anderen bekannten Codices, die der Exkaiser an Klöster stiftete,
enthalten theologische Werke 103. Es ist wohl nicht zufällig, daß der Kopist
MANUEL TZYKANDYLES, der J OANNES KANTAKUZENOS, DEMETRIOS KYDONES
und NIKOLAOS KABASILAS nahe steht, nicht nur die theologischen Schriften des
P ALAMAS und des Mönches J OANNES-KANTAKUZENOS-JOASAPH abschreibt,
sondern u. a. auch die Parallelviten Plutarchs, die auch der Exkaiser in seinem
Geschichtswerk zitiert. Die Sprache des Geschichtswerks des Adeligen und Ex-
kaisers ist schmucklos, ohne die Kunstgriffe und die Überladenheit byzantinischer
Rhetorik, obwohl die Rede nach alter Tradition einen breiten Raum einnimmt.
Ohne Zweifel stammen die in den umfangreichen, unedierten theologischen
Werken ausgebreiteten Kenntnisse, die die "weltliche" Literatur fast nie bei-
ziehen, erst aus der Mönchszeit. Zudem ist bei vielen Väterzitaten im einzelnen
zu prüfen, inwieweit palamitische Florilegien ausgeschöpft wurden. Die Gegner
sprechen offen aus, daß JOANNES KANTAKUZENOS zwar etwas von der Feldherrn-
kunst und vom Herrschen verstünde. Von der Theologie, die er nicht gelernt hat,
soll er die Hände lassen 104.
Dieser Adelige ist aufgeschlossen für die geistigen Fragen seiner Zeit mehr als
der Aristokrat KEKAUMENos im 11. Jh., dem es bei der Lektüre, die er seinem
Sohn empfiehlt, vor allem auf praktische Lebensweisheit ankommt (Kap. 54).
J OANNES KANTAKUZENOS hat den mit westlicher Philosophie vertrauten Mönch
BARLAAM in seine Klientel aufgenommen und sich von ihm unterrichten lassen.
GREGORAS behauptet in diesem Zusammenhang, der Kantakuzene sei ein Biblio-
Eum. 68lf. 1). Kant. IV, 24: UI, 175, 22f. (Mythos vom Atlas). Kant. IU, 75: 469, 5 =
Diogenian Nr. 61 (LEUTSCH-SCHNEIDEWIN Corpus Paroemiographorum Graecorum U,
10); Gregorios Cyprios a. a. O. S. 85 (unter Nr. 98).
101 Kant. IV, 8. Vgl. J. DRÄSEKE Thukydides' Pestbericht (U, 47-53) und dessen Fort-
leben, in: Jahresber. philol. Ver., Berlin 40 (1914) 181-189. 8 Beziehungen zu Thuky-
dides bei Jo. Kant.
102 Siehe die in der praefatio zur Edition der Paraphrase Heliodors (Commentaria in
Aristotelem Graeca XIX, 2 ed. HEYLBUT pag. V u. VI) abgedruckte subscriptio des
Cod. Laur. 80, 3; sie erscheint öfter in den Hss., die alle auf das Exemplar des Ex-
kaisers zurückgehen. Dazu jetzt ausführlich D. M. NICOL A paraphrase of the Nico-
machean Ethics attributed to the emperor John VI. Cantacuzene, BS 29 (1968) 1-16.
103 Vgl. L. POLITIS in REB 14 (1956) 198/9.
104 Mahnrede an Jo. Kant. in Cod. Vat. 1111 pars IV fol. 235vo/236: el P.fw yae f]
a"bpu; :neel ßaatÄt"wv :neayp.u:r:wv 7j 0rJp.oa{wv xerJp.arwv otot,,~aew~ 7j :noeov dveveeaew~ "ai
rovrwv av~~aew~ :neov"etro 7j :noÄ8p.ov :neet "al p.aXrJ~, ö:nw~ av ra ra"it"a axo{rJ "ara rov
:neoa~"ovra rfi arearrJY{g. evOp.ov, :nee{ re :neeaßewv 7j :nep.:nop.evwv, 7j dqn"vovp.evwv, :nw~ av
ro "oLVfi avp.qJeeov rovrot~ xerJp.aitaOe{rJ, 7j [ree' ärra rotavra ep.eÄeraro, rax'äv it~ :noeew
p.ep.tpew~ EarLV aot p.ovcp ro rfj~ a"etpew~ "iieo~ :neoaavaOep.evo~, öre o-Y} roi~ rOtovrot~ 8vrJa"fjaOat
OO"OVVit. ooyp.arwv p.8vrOt aaqJ~vetav"al :naeaooaLV ovaeqJ{"rwv ovrw "alovaeep.rJvevrwv, p.-Y} ört
roi~ eaxoÄa"oatv "ara ae :neet äÄÄa, dÄÄa "al avroi~ roi~ ß{ov "at äa"rJatv ra rotavra :ne:notrJ-
P.8vot~, ovre it~ äÄÄo~ - eV taOt - rwv oeOw~ "e{veLV elOorwv Oaee~aetev äv aot :nw:nore, our' avrol
:noÄÄql p.aÄÄov f]p.ei~.
DAS SELBSfVERSTÄNDNIS DES ADELS 17 phile gewesen 105. Dieses Urteil bestätigt DEMETRIOS KYDONES für die
DAS SELBSfVERSTÄNDNIS DES ADELS
17
phile gewesen 105. Dieses Urteil bestätigt DEMETRIOS KYDONES für die Kaiserzeit
des JOANNES 106 • Von Jugend an besaß der Aristokrat Kontakt mit Männern aus
dem Westen. Der Genuese JUAN DE SPINOLA war sein cplAOC; aexaioc;107. JOANNES
hat wohl einigermaßen die italienische (lateinische?) Sprache beherrscht, vielleicht
sogar Türkisch gesprochen 108.
Eine zufällig überlieferte Begebenheit offenbart einen liebenswürdigen Zug, sich
um kleine ästhetische Fragen zu kümmern: Durch ein eigenes Handschreiben
ließ er den Balkon am Zimmer des Charsianitenklosters, in das er einzuziehen
gedachte, erweitern, den Raum neu verputzen und grün anstreichen 109. Die
kleinen Streiflichter, die auf die Religiosität dieses Adeligen fallen, geben ein
undeutliches Bild. KEKAUMENOS hatte im 11. Jh. vor der Wahrsagerei gewarnt
(Kap. 141). Die Kritiklosigkeit, mit der KANTAKuzENos Prodigien llO , Träume 111
und Wahrsagungen meist als Propaganda für seine kaiserliche Legitimation
erzählt, ist auffallend. J OANNES muß sich gegen den Vorwurf seines Gegners
GREGORAS wehren, er habe auf dem Athos um eine Prophezeihung (für sein
künftiges Kaisertum) nachgesucht 112 •
K. BosL hat "körperliche Tüchtigkeit" als "selbstverständlichen Bestandteil
des adeligen Mannesideals" im westlichen hohen Mittelalter bezeichnet 113.
"Draufgängertum und ungebändigte Vitalität, aber auch die auf seelisch-geistige
Einstellung gerichtete Tapferkeit, Mut, Kühnheit, Unerschrockenheit, Ausdauer,
Beständigkeit, Vorsicht, kluges Ratfinden in Gefahr gehören dazu. Wesentlich
für das adelige Leitbild und charakteristisch zugleich ist die constantia, der Ab-
scheu vor dem Schwanken, der Schwachheit gegenüber allen Einflüssen, die
Abneigung gegen Neuerung und Wechsel". Fast alle diese westlichen Leitbilder
können wir in den vielfältigen Enkomien, ob im Gedicht, im Brief oder im neO(]-
cpw'V'YJTtUOC; A6yoc; an den byzantinischen Adeligen wiederfinden und zwar aus der
Zeit, in der er das Großdomestikat bekleidete. Die Ähnlichkeit der Leitbilder
im Westen und in Byzanz hat wohl nicht ihren Grund in einer gemeinsam antiken
Wurzel, aus der sich ein "Tugendsystem" entwickelt hat, so sehr in beiden Kultur-
kreisen heidnische wie christliche Gedanken als Erbe aufgenommen werden 114.
Nik. Greg. XIX, 1: II, 919, 20f.
106
Dem. Kyd. Apologie: MERCATI Notizie 364 Z. 49f.:
(J(p66ea yd(! 6 ßaatJ
eV~nt)v
106
ßtßJ
lwv
eewv
107 Kant. II, 30: I, 484, 15. Vgl. BoscH Andronikos III. 131.
108 Vgl. die Erörterungen, die PONTANUS in seinen Prolegomena anstellt (PG 153 Sp.
31/2 = Bonner Corpus Jo. Kant. 1. S. XXV). Die Schlüsse auf die Sprachkenntnisse
des Jo. Kant. sind sehr unsicher. Jo. Kant. (IV, 41: III, 303, 11) behauptet, er habe
gut italienisch gesprochen.
100 Matthaios (HUNGER): Kap. 8 des Testaments.
110 Das zu enge Kaisergewand: Kant. III, 27: II, 168.
111 Kant. III, 70: II, 429f. III, 90: II, 555.
112 Kant. IV, 24: III, 176, 12f.
113 K. BOSL Die Gesellschaft in der Geschichte des MA, Göttingen 1966, 37. Die Er-
forschung der Leitbilder des westlichen ma. Adels hat erst begonnen: KALLFELZ
Standesethos passim. K. BOSL Der Adelsheilige, in: "Speculum Historiale", Festschr.
J. Spörl, Mü. 1965, 167ff. W. BERGES Die Fürstenspiegel des hohen und späten MA'
Leipzig 1938 (Vor allem der erste Abschnitt: Grundlagen).
114 Gegen ein starres, aus der Antike sich herleitendes Tugendsystem hat sich R.
18 JOANNES :JrANTAKUZENOS ALS .ADELIGER Vielmehr entwickelt die Aristokratie in verschiedenen Kulturen durch ihre
18
JOANNES :JrANTAKUZENOS ALS .ADELIGER
Vielmehr entwickelt die Aristokratie in verschiedenen Kulturen durch ihre
Stellung in der Gesellschaft zwangsläufig ähnliche Lebensformen.
Nach Meinung des JOANNES KANTAKUZENOS (er legt die Worte dem Kaiser
ANDRONIKOS 111. in den Mund) sollen die E7ucpaPEaTBf20vr; flJi).}
oP
TWP apbf2wp uat
nf2om7uoPTar; ßaalAEvm "verständig und gesittet (u6aflLOr;) und zu jeder Tugend
geschickt sein und vor allem in gutem Ruf stehen, da sie den sozial niedriger
Stehenden (vnobEEaTBf20lr;) als allgemeine Beispiele und Vorbilder gesetzt sind,
auf die die Menge (Ol nOAAol) schauen und sich zum Besseren einstellen kann 116".
Nirgends ist besser das adelige Leitbild des J OANNES KANTAKUZENOS ausgespro-
chen: Der Adel, von der großen Menge deutlich unterschieden, soll lebendiges
Vorbild in der Gesellschaft sein, Lehrer und Beispiel. Voraussetzung dafür ist,
daß er selbst alle af2ETal in sich vereinigt und sich seiner Stellung als af2laTOr; als
würdig erweist. Gleichzeitig kommt hier das Standesbewußtsein des byzantini-
schen Adels, sein Bewußtsein seiner Sonderstellung und seiner Verantwortung
in der Gesellschaft deutlich zum Ausdruck. Die EvyePEir; sind freie Männer (sAev-
()Ef2ot), die eine bovAela, eine Knechtschaft durch einen ihrer Standesgenossen,
nicht dulden können. Sie haben Anrecht auf die t5tolu'Y}alr; des Reiches. Diese
Gedanken, die einen weiteren Beitrag zum Standesbewußtsein des byzantinischen
Adeligen liefern, sind nach der Darstellung des J OANNES KANTAKuzENos selbst
zu großer innenpolitischer Wirksamkeit zu Beginn des Bürgerkrieges im Jahre
1341 gelangt 116.
Von fast allen literarisch tätigen Männern seiner Zeit wurde J OANNES KANTAKU-
ZENOS angesprochen: vom ANONYMUS FLORENTINUS, von MICHAEL GABRAS,
MATTHAIOS VON EPHESOS, THEODOROS HYRTAKENOS, NIKEPHOROS CHUMNOS,
MANUEL PHILES, THOMAS MAGISTROS und NIKEPHOROS GREGORAS. DEMETRIOS
KYDONES und MANUEL RAUL haben erst an JOANNES KANTAKuzENos als Kaiser
ihre Briefe gerichtet. Diese literarischen Werke sind nicht nur als sozialgeschicht-
liche Dokumente, als Elemente des byzantinischen Gefolgschaftswesens zu be-
trachten, wie dies unten geschehen soll. Auch die so oft gerügte "Inhaltslosigkeit"
und "Leere an konkreten Nachrichten" der Briefe ist wichtig. Der Klient spricht
hier in vielfältiger Variation das gleiche Grundthema durch: das Idealbild des byzan-
tinischen Adeligen. Es ist eine überhöhte Wirklichkeit, aber es ist doch noch
Wirklichkeit, die hier verherrlicht wird. Niemals wird etwa die wissenschaftliche
Leistung und die literarische Betätigung des J OANNES KANTAKuzENos gerühmt
wie etwa bei THEODOROS METOCHITES 117. Die mangelnde wissenschaftliche Aus-
bildung wird durch einen Kunstgriff überspielt. Der Lobredner sagt, daß der
Aristokrat ja gar keiner Lehrer bedürfe 118. Er trägt die Lehren Platons und des
Aristoteles in sich, sie sind ihm angeboren. Ähnliches wird von Kaiser ANDRONIKOS
CURTIUS Europäische Literatur und Lateinisches MA, MünchenS 1961, 506-21 ge-
wandt im Exkurs: "Das ritterliche Tugendsystem" . Dagegen F. MAURER Das ritter-
liche Tugendsystem, in: Dichtung und Sprache des MA, Bern u. Mü. 1963, 23ff. S. 33:
findender Werte
11& Kant. I, 43: I, 213, 8-14.
"Aber trotz aller Freiheit hat es das ritter!. "Tugendsystem" auch als "System" ge-
geben, nicht nur dem Inhalte nach als freie Gruppierung einer Anzahl sich überall
"
116 Kant. III, 19: II, 116f.
117 Z. B. Nik. Greg. (GUILLAND) Br. 14.
118 Nik. Greg. Br. 22 (GUILLAND) = BEZDEKI 315, 34f.: a{J1:oMoa"7:o~.
I?IE ENKOMIEN 19 Ir. gesagt 119. Auch die Rednergabe ist J OANNES KANTAKUZENOS nach Meinung
I?IE ENKOMIEN
19
Ir. gesagt 119. Auch die Rednergabe ist J OANNES KANTAKUZENOS nach Meinung
der Lobredner angeboren.
Natürlich werden auch am byzantinischen Adeligen körperliche Schönheit und
Tüchtigkeit gerühmt, ein. alter Bestandteil des ßa(]f,Al'}(,o~ A6yo~120. Daneben
stehen die übrigen Eigenschaften wie Mut, Tapferkeit, taktisches Können usw.,
die den Großdomestikos zum vollendeten Feldherrn machen 121. Vielleicht gehört
es zu einem Unterscheidungsmerkmal zwischen byzantinischem und westlichem
Adelsideal, daß die constantia, die Abneigung gegen Neuerung und Wechsel, im
Leitbild nicht stark hervortritt. Gewiß, die Versicherung, daß der Aristokrat
zu seinem Wort steht, die Menschen durchschaut, nur die Wahrheit, aber keine
Lüge kennt, findet sich auch hier 122. Aber in den Enkomien an JOANNES KANTA-
KUZENOS ist dabei die constantia weniger als Lebensideal, sondern als soziales
Verhalten vor allem gegen seine cplAOl verstanden.
Dem unten noch näher zu charakterisierenden Zweck der Enkomien als Ausdruck
des Klientelverhältnisses entspricht es, daß der byzantinische Adelige immer wie-
der an sein enges Verhältnis zu seinen cplAOl, an seine Milde und Freigebigkeit,
mit einem Wort: an seine cplAav()(!())'llla erinnert wird 123 - ein Bestandteil auch
des westlichen mittelalterlichen Adelsideals l24 • Der Adelige soll also die Eigen-
schaft besitzen, die eine Kardinaltugend des Kaisers ist 126. Nicht weniger als
der Kaiser 126 wird auch der Adelige J OANNES KANTAKUZENOS wie ArOKAUKOS
und THEoDoRos METocHITEs als Förderer und Freund der Wissenschaften ge-
priesen. Durch diese hochgestellten Herren empfangen sie neues Leben 127. Wichtig
ist, daß die Größe des Reichtums nie für sich allein als Besitz des Adeligen gerühmt
wird, sondern nur die daraus entspringenden Wohltaten. Der Adelige ist - wie
der Kaiser - unentbehrlicher Schirmer und Bewahrer des Staates. Dabei wird
durchaus nicht immer betont, daß er sein Amt als Untergebener des Kaisers
ausübt 128. J OANNES KANTAKUZENOS ist - gleich dem Kaiser - v6flO~ lfl1pvxo~ für
119 BEZDEKI 366, 13-15; 371, 6.
120 BACHMANN - DÖLGER Rede 357 u. 371.
121 AnonYIIlUs Florentinus Cod. Monac. 198 fol. 340: der Vergleich mit den Marathon-
kämpfern. Nik. Greg. Br. 39 (GUILLAND) = BEZDEKI 296, 6f.: eneu5~ ae nea.~LV
OeWf.lBV änaaav
on6a1J aTeaT1Jyt'X-y] 'Xal on6a1J nOAtTt'X-Y] Tq)
A6ycp 'Xal Tfi f.leTd A6yov 'Xelaet
&~tWt; ola'XlCovTa. Das Prosphonema an den Großdomestikos des Thomas Magistros
(LENZ) passim.
122 Nik. Greg. Br. 56 (GUILLAND) = BEZDEKI 288, 2: YAWTT1Jt; dA~OBLa.
128 Vgl. den Brief des Anonymus Florentinus, in dem die f.leyaAet6T1Jt;, eVvota,
eVf.lbeta gepriesen wird. Nik. Greg. Br. 18 (GUILLAND) unediert: Cod. Monac. 10 p. 412:
dAAd av ye 0 navTat; gnAavOewnlq. Vt'Xwv. So in fast jedem Brief des Nik. Greg. und der
übrigen Briefschreiber.
124 KALLFELZ Standesethos 23 f.
126 H. HUNGER f])tAavOewnla, Österr. Akad. d. Wiss. 1963 (mir Sonderdruck vorlie-
gend).
126 Nik. Greg. an ANnRONIKOS H. Br. 2 (GUILLAND) = BEZDEKI 336f. TREITINGER
Kaiseridee 230: "Der Kaiser ist eben der große und einzige Wohltäter seines Volkes,
der auch immer und überall spendet."
127 Nik. Greg. an APOKAUKOS Br. 17 (GUILLAND); an THEODOROS METocHITEs Br. 143
(GUILLAND); an Jo. Kant. Br. 41 (GUILLAND) = BEZDEKI 282; Br. 76 (GUILLAND) =
BEZDEKI 328, 14f.
128 Nik. Greg. Br. 22 (GUILLAND) = BEZDEKI 314: wie der Nil für Ägypten, 80 ist Jo.
20 JOANNE~ KANTAKUZENOS ALS ADELIGER seine eigenes Haus und für "sämtliche Bewohner der Städte 129".
20
JOANNE~ KANTAKUZENOS ALS ADELIGER
seine eigenes Haus und für "sämtliche Bewohner der Städte 129". Das alte helle-
nistische
Prädikat für den König als Heilsbringer, (]WT1Je, wird auch JOANNES
KANTAKUZENOS als Großdomestikos verliehen. Die Soldaten sehen in ihm den
(]w-rne 130 • Auch die oft auf den byzantinischen Kaiser bezogene Lichtsymbolik
wird unbedenklich auf
den Adeligen angewendet1 31 • KANTAKUZENOS bekommt
wie der Kaiser göttliche Prädikate (Ocior;) verliehen. Freilich geschieht dies
selten 132. Selbst in diesem Punkt rückt so der Adelige in der Anrede in die Nähe
des Kaisers.
Der Grund, daß sich die Grenzen zwischen der Anrede an den Kaiser und an den
Adeligen verwischen, scheint weniger im Charakter der literarischen Genera zu
liegen 133 als in der sozialen Stellung des Adeligen. Von seinem Reichtum und
seinem Einfluß kann sich der Literat genausoviel, wenn nicht mehr erwarten wie
vom Kaiser, der dauernd in Geldschwierigkeiten ist. Der reale Einfluß des Ade-
ligen auf die Politik erscheint fast gleichbedeutend neben dem kaiserlichen
Befehl. J OANNES KANTAKUZENOS ist Geldgeber des Kaisers, Führer einer mächti-
gen Gefolgschaft. Von der Stellung des Adeligen in der Gesellschaft betrachtet,
einer Stellung, die ihren Ausdruck in der Anrede an den Aristokraten findet,
erscheint der Übergang vom Adeligen zur kaiserlichen Würde gering. Die Dar-
stellung der Entwicklung der Gefolgschaft wird zeigen, daß die Schwierigkeiten
für diese Erhebung bei J OANNES KANTAKUZENOS an anderen Punkten lagen.
Es ist durchaus möglich, etwa vom bayerischen Adel in der Barockzeit gewisse
Züge festzulegen, die auf viele Mitglieder dieses Standes zutreffen. Ob dies beim
byzantinischen Adel gelingt, ist erst zu entscheiden, wenn noch eine größere
Zahl von Einzeluntersuchungen über bestimmte Familien und Persönlichkeiten
vorliegen. Ich habe hier nur versucht, eine Einzelgestalt weniger als individuelle
Persönlichkeit, sondern als Vertreter eines Standes zu kennzeichnen.
Kant. für das Reich wic.htig. Magistros Prosphonema (LENZ) 70: fJp.iv <5e GcfJCeL~ Td~
nOAeL~.
120 Nik. Greg. Br. 22 (GUILLAND) =
Prooimion, Wien 1964, 117-122.
BEZDEKI 315, 20. Zum Gedanken vgl. H. HUNGER
180 MICHAEL GABRAS
Br. 365
Cod. Marc. 446 fol.
241: ~v <5ij vrJGTeVWV öGa <5~noTe
vrJGTeVeL~. ov yde Toiho vn6(Jef1L~ Toi~ yeap.p.aGLV, eneLTa Toi~ fJp.eTeeOL~ el~ 'l'(1~LV dTeXvw~
GWTi}eo~ eVee(Jel~ "al dAe~l"a"o~ a'ljToi~ yeyevrJp.bo~ enl TWV neayp.aTwv
Br. 382 fol.
257 wird J o. Kant. als eveeyeTrJ~ und GWT~e bezeichnet. Nik. Greg. XI, 9: 552, 19.
181 Jo. Kant. als Sonne, die alle erwärmt: Anonymus Florentinus Br. 2 fol. 341.
Philes (MILLER) I, 143f. Z. 463 u. 477: Jo. Kant. als AVXVO~, rpw~, ijALO~. Zum Sonnen-
vergleich : BACHMANN - DÖLGER Rede 381 zu Z. 21.
182 MICHAEL GABRAS Br. 403 (Cod. Marc. 446 fol. 268vO). Zum Kaiser als Abbild
Gottes: BACHMANN-DöLGER Rede 366 zu Z. 3. Im Brief des MATTHAIOS VON EpHESOS
an den Großdomestikos häufen sich die hellenistischen Königsprädikate (ed. TREU
S. 58): <5e~m <5ij TO p.eya Tovrl <5weov, rpLAan6GiOAe "al rpLAevGeße~ äv(Jewne, "al "a(J'avio
p.ev iGw~p.eya, p.aALara <5'öu e" yfj~ee~p.ov"al dßaiov naed <56~av<5e<5weOrp6erJ1:aL, Te"p.meop.evov
olp.m "al neoa"rJeVTTOV iijV eaop.brJv a'Ü(JL~ fJyep.ovlav ii}~ xwea~ "al iijV öaov ovnw aijv
ev(Ja<5' eAevaLV p.erd iOiJ p.eyaAov "al (JeLOia-rov P.OL ßaaLUw~· "al yevOtro, (Jee aWTee· "al
ybOL1:O, (JeB rpLAav(JeW1le.
188 Mit dem Prosphonema wurden sowohl Archonten wie Könige angesprochen.
BESITZVERHÄLTNISSE 21 Exkurs: Zu den Zahlenangaben des Joannes Kantakuzenos über seinen Viehbestand Von den
BESITZVERHÄLTNISSE
21
Exkurs: Zu den Zahlenangaben des Joannes Kantakuzenos
über seinen Viehbestand
Von den Besitzaufzählungen der Grundbesitzer der mittelbyzantinischen Zeit
erscheint mir bisher nur ein Beispiel zum Vergleich mit der Aufzählung des
J OANNES KANTAKUZENOS geeignet 134, denn meist sind in ihnen gerade die Stück-
zahlen für das Vieh nicht angegeben.
Im Juli 1085 erhält das neugegründete Theotokos-Eleusakloster bei Palaiokastro
500 modioi (ungefähr 20 ha) Land vom Kaiser geschenkt (Reg.1124). Diese
Ländereien liegen in einer Gegend, die nicht weit nördlich von den Besitzungen
zu suchen sind, die JOANNES KANTAKUZENOS 3 Jahrhunderte später sein eigen
nannte. Durch ein Chrysobull vom August 1106 (Reg.1231) erfahren wir, daß
diese 20 ha von 12 Paröken mit 6 Ccvyaeta bewirtschaftet wurden und 150 Schafe,
10 Zuchtpferde (cpoeßa{)a), 40 Rinder und 2 Muli ({)vo ""vAot = Mühlen 1) er-
nährten 136. Multipliziert man diese Zahlen mit 160 so nähern sie sich überraschend
dem Viehbestand des JOANNES KANTAKUZENOS (6400 Weidevieh; J. Kant.: 5000.
1600 Zuchtpferde; Jo. Kant.: 1500.960 Ccvyaeta; Jo. Kant.: 1000 CevYrJ. 320
Muli; Jo. Kant.: 300. Nur die Zahlen für Kleinvieh weisen erhebliche Differenzen
auf: 24000 Schafe; Jo. Kant. 70000). Wichtig an dieser Rechnung erscheint, daß
dadurch ungefähr die Zahl der Landarbeiter auf den Gütern der JOANNES KANTA-
KUZENOS geschätzt werden kann. Sie dürften um 1900 Mann umfaßt haben -
ein kleines Privatheer.
Die durch J OANNES KANTAKUZENOS überlieferten Zahlen sind weiter mit dem
Besitz des Großgrundbesitzers aus Paphlagonien aus der zweiten Hälfte des
8. Jh., des h1. PmLARET, zu vergleichen 136. Er besaß auf 50 (oder 48) Einzelhöfen
600 Rinder (Jo. Kant.: 5000), 100 Gespanne (Jo. Kant.: 1000), 800 Pferde und
12000 Schafe. Dabei kämen auf einen Hof zwei Gespanne, eine Zahl, die auch
für das 13. Jh. üblich isV 37 • Beim Vergleich mit dem Besitz des Heiligen möchte
man die Zahlen, die J OANNES KANTAKUZENOS angibt, als zu hoch beurteilen.
Einmal aber müssen wir für die damalige Zeit mit einem großen Viehbestand im
Norden Griechenlands rechnen: Beim Albanerfeldzug 1337 wurden 30000 Rinder,
120000 Schafe und 5000 Pferde erbeutet 138.
Zweitens sind an dieser Stelle mit Vorsicht die modernen Zahlenangaben über die
Kleinviehbestände im Norden Griechenlands heranzuziehen, also in Gebieten,
in denen der Besitz des J OANNES KANTAKUZENOS zu suchen ist. Dieses Kleinvieh,
vor allem Schafe und Ziegen, wird in freier Weidewirtschaft in den kargen, wasser-
armen Gebirgsgegenden gehalten, in denen kein Ackerbau möglich ist. Die Ver-
134 Vgl. die Zusammenstellung bei SP. VRYONIS The will of a provincial magnate
Eustathius Boilas, DOP II (1957) 263f.
136 L. PETIT Le monastere de Notre-Dame de pitie en Macedoine. Extrait du "Bulletin
de l'Institut Archeologique Russe a Constantinople" tom. VI, Sofia 1900, 1-153;
hier 29.
136 Die von VASILJEV msg. Version, Izvest. Russ. Arch. Inst. V (1900) 64 gibt 50, die
Version ed. M.-H. FOURMY - M. LEROY, B 9 (1934) 113, die Zahl 48 für die Einzel.
höfe an.
137 Vgl. die Schenkung des GEORGIOS MELISSENOS an Lembos MM IV 266/7.
138 Kant. H, 32: I, 497.
22 JOANNES KANTAKUZENOS ALB ADELIGER hältnisse dürften sich in dieser Beziehung im Laufe der Jahrhunderte
22
JOANNES KANTAKUZENOS ALB ADELIGER
hältnisse dürften sich in dieser Beziehung im Laufe der Jahrhunderte kaum
gewandelt haben. Auf diesen Böden werden z. B. in der Eparchie Drama auf
1493,3 qkm Weidefläche (mehr als 38 km im Quadrat) 82558 Schafe und 82210
Ziegen gehalten, in der Eparchie Serrai auf 423,7 qkm Weidefläche (über 21 km
im. Quadrat) 56706 Schafe und 28267 Ziegen 139. Diese Vergleichszahlen zeigen,
daß die scheinbar große Zahl von 70000 Schafen in diesen Gebieten durchaus.
möglich ist. Für die Schweinezucht lassen die modernen Verhältnisse keine Rück-
schlüsse auf das 14. Jh. zu, da die Schweinezucht seit der Türkenherrschaft in
Griechenland stark zurückgegangen ist. Leider sind auch die modernen Zahlen-
angaben über die Großviehhaltung fast nicht als Vergleichsmaterial verwertbar
und zwar aus folgendem Grund: Im modernen Griechenland wird das Großvieh
nicht auf der Weide, sondern in Ställen gehalten und mit Abfallprodukten (Baum-
wollabfälle !) und auf meliorisierten Böden erzeugtem Futter ernährt. Die oft
sehr hohen neuzeitlichen Zahlen für Großvieh auf geringer Ackerfläche stehen
also mit der im 20. Jh. stark voranschreitenden Meliorisierung des Bodens (Dün-
gung, Ent- und Bewässerung), der Intensivierung des Anbaus und der Verbesse-
rung der Fütterungsmethoden im Zusammenhang. So lassen sich auch keine
Größenrelationen zwischen Großviehhaltung und Größe des Weidelandes an-
geben, wie dies bei anders liegenden Agrarverhältnissen Bayerns zum Beispiel
durchaus möglich ist. Auch das errechnete mittelalterliche "Mustergut" im
mecklenburgischen Raum ist nicht als Vergleich heranzuziehen 140.
Ich sehe also keine Möglichkeit, aus dem Viehbesitz des J OANNES KANTAKUZENOS
wenigstens annähernd die absolute Größe seines Besitzes flächenmäßig zu errech-
nen, höchstens aus der Zahl der 1000 CeVY'YI im Besitz des Adeligen. Legt man
wieder die Verhältnisse des Theotokosklosters zugrunde, dann würden diesen
1000 Gespannen 100 qkm entsprechen, weniger als einem Zehntel der heutigen
Eparchie Serrai, ein Ergebnis, das durchaus im Bereich des Möglichen liegt.
1811 Die Zahlen vom Jahre 1961 in: Economic and Social Atlas of Greece, Athen 1964,
vor allem die Karten 319-323.
UD W. ABEL Geschichte der deutschen Landwirtschaft vom frühen Mittelalter bis
zum 19. Jh., Stuttgart 1962, 98.
ll. Die Gefolgschaft des Joannes Kantakuzenos unter den Kaisern Andronikos ll. und ill. Im vorangehenden
ll. Die Gefolgschaft des Joannes Kantakuzenos
unter den Kaisern Andronikos ll. und ill.
Im vorangehenden ::paragraphen wurde im Zusammenhang mit der Besprechung
der Hausmacht des Adeligen die Gefolgschaft vorläufig als"der J OANNES KANTA-
KUZENOS ergebene Anhang von Verwandten, Freunden und Dienern" bestimmt.
Im XII. Kapitel wird diese Definition weiter untersucht werden. Die Problematik
dieses Begriffs, die Struktur dieser Personengruppe ist erst dann näher faßbar,
wenn die geschichtliche Entwicklung dieser Gefolgschaft und der gleichzeitigen
politischen Zusammenschlüsse dargestellt wird. Dabei ist es unvermeidlich, daß
die Geschichte der Bürgerkriege und der außenpolitischen Beziehungen zum Teil
ziemlich ausführlich besprochen werden, obwohl eine derartige Darstellung nicht
im Sinne dieser Arbeit liegt.
JOANNES KANTAKuzENos gehörte in jungen Jahren zum Kreise MICHAELS IX.,
dem Sohn und Mitkaiser des Kaisers ANDRONIKOS 11. Er war Jugendfreund des
Sohnes des Mitkaisers MICHAELS IX., des späteren Kaisers ANDRONIKOS 111 141 •
Wir erfahren, daß sich während des Aufenthaltes des J OANNES KANTAKUZENOS
am Hofe MICHAELS IX. eine lC1XV(!a qJtAta mit dem jungen THEODOROS SYNADENOS
entwickelt hatte 142. Dieser Aufenthalt war offensichtlich von langer Dauer. Adrian-
opel war neben Thessalonike der Wohnsitz MICHAELS IX. Dort saßen viele obu:iol
uat cptAot MICHAELS IX. 143
J OANNES KANTAKUZENOS geriet durch diese Verbindung mit dem byzantinischen
Mitkaiser früh in die Spannungen und Streitigkeiten des Palaiologenhauses.
MICHAEL IX., ein tapferer Krieger, der mit seinem Vater immer wieder in Zwie-
spalt geriet über Fragen der Strategie 144, paßt im Wesen viel besser zu dem
jungen, kriegerischen Adeligen J OANNES KANTAKUZENOS als der zögernde, fried-
liebende Kaiser ANDRONIKOS 11.
Aus diesen Bindungen ergab sich folgerichtig, daß der junge Adelige die Partei
desANDRoNIKOS 111. ergriff, als nach dem Tod MICHAELS IX. im Oktober 1320
der Kampf um die Thronnachfolge ausbrach. Die Vorgänge zu Beginn dieses
Kampfes geben wichtige Aufschlüsse über das byzantinische Gefolgschaftswesen.
Die Erhebung des ANDRONIKOS 111. gegen seinen Großvater wurde wesentlich
ermöglicht durch die heimliche Hinwendung des SYRGIANNES an den Thron-
anwärter. Das Bild, das uns die Überlieferung bewahrt, macht uns diese Persön-
lichkeit nicht sehr anziehend. Er war ein Sohn des Großdomestikos Sire JEAN
LUSIGNAN 146 und mütterlicherseits sowohl mit dem Kaiserhaus wie mit den
Z. B. Kant. I, 2: I,
19, 13f.
141
Kant. I, 8: 1,38, 8; Nik. Greg. VIII, 4: 301, 15-21.
1411
Kant.
I,
4:
I, 23,
25 und
24,
1 f.
148
lU Vgl. Reg. 2618 und 2619; 2278.
146 BINON Prostagma 138ff. (grundlegend); R. GUILLAND Fonctions et digniMs des
eunuques, REB 3 (1945) 197-200 = Recherches I, 247-249. OSTROGORSKY History of
the Byzantine State, Oxford 1956, 445 A. 1 (nicht mehr deutsche Ausgabe) bestreitet
die Ansicht von BIN ON, SYRGIANNEB sei mongolischer Herkunft.
24 DIE GEFOLGSCHAFT UNTER ANDRONIKOS H. UND IH. Kantakuzenen verwandt und besaß in dem Großstratopedarchen
24 DIE GEFOLGSCHAFT UNTER ANDRONIKOS H. UND IH.
Kantakuzenen verwandt und besaß in dem Großstratopedarchen ANGELOS den
gleichen Erzieher wie JOANNES KANTAKUZENOS. Sein "Adel" ist also durchaus
dem des jungen Kantakuzenen ebenbürtig. Bereits im Alter von 25 Jahren hatte
er vor 1320 als "Feldherr und Verwalter" (C1rear'l}Yo~ ~al ~LOl~er'l}~)die der serbi-
schen Grenze am nächsten gelegene Eparchie inne 146. Er plant eine Ablösung
seines Gebietes vom byzantinischen Reich, nachdem andere außenpolitische
Pläne fehlgeschlagen waren. Durch List wird der Kaiser ANDRONIKOS Ir. seiner
habhaft; SYRGIANNES wird aber bald auf die Bitten seiner Mutter hin wieder
freigelassen. Es kennzeichnet das geringe politische Gespür des Kaisers ANDRONI-
KOS 11., daß er gerade diesen unsicheren politischen Emporkömmling mit der
heimlichen Überwachung des ANDRONIKOS 111. betraut. Der junge Glücksritter
wendet sich dem Thronanwärter zu, zu dem er heimlich bei Nacht kommt und
ihm seine Dienste mit den formelhaften Schlußworten anbietet: "Ich werde mich
bereitwilligst allen Befehlen beugen und willig nicht nur Gut und Vermögen zur
Verfügung stellen, sondern sogar mein Leben für deine Ehre dahingeben 147."
J OANNES KANTAKUZENOS überliefert nur das Versprechen des SYRGIANNES und
verschweigt, daß der neue Gefolgsmann auch Gegenleistungen gefordert hat.
Die Rede, die NIKEPHoRos GREGORAS dem SYRGIANNES in den Mund legt, dürfte
auf geringem Nachrichtenmaterial über die streng vertraulichen Verhandlungen
beruhen. Ein Kern Wahrheit ist aber möglicherweise doch in den Sätzen ent-
halten, daß SYRGIANNES glänzende Würden (a~lwflarw'll Äaflne67:'l}re~) und viele,
ertragreiche Ländereien ( xweta noÄÄa ~alnoÄÄ~'IIr~'IIenereLO'II naeeXeC1()at ~v'IIafle'Va
ne6C10~O'll) und die erste BeratersteIle gefordert hat 148. Darnach wurden nach
GREGORAS vom Thronanwärter schriftliche Zusicherungen und Eide gegeben.
ANDRONIKOS rechnet damit, J OANNES KANTAKUZENOS in die Verbindung -
GREGORAS sagt q;areta 149 - einzubeziehen, da dieser einmal dem SYRGIANNES
gegenüber "in ganz enger, freundschaftlichen Bindung" ( ol~elw~~UI~elralna'llv ~al
q;lÄl~W~)steht, mit ANDRONIKOS aber mit den" unzerreißbaren Ketten"
der Freund-
schaft (q;lÄta) von Jugend auf verbunden ist. SYRGIANNES stellt die Verbindung
zu J OANNES KANTAKUZENOS her, der seinerseits verspricht: "Bereitwillig stelle
ich den Gefahren um deinetwillen nicht nur Geld und Gut, Diener und Freunde,
sondern auch mich selbst zur Verfügung, so daß dir zur Verfügung steht, was du
brauchen willst 160." Sinngemäß gleicht diese Formel ganz den Worten des SYR-
GIANNES, sie ist aber erweitert um die Erwähnung der "Diener und Freunde".
Von einer Verpflichtung auf Gegenleistungen durch ANDRONIKOS ist nichts
überliefert.
JOANNES KANTAKUZENOS kann seinerseits die Verbindung zu THEODOROS SYNA-
DENOS, damals dem enlreono~ von Prilepllil, herstellen im Vertrauen auf die oben
erwähnte "starke Freundschaft", die sie vom Aufenthalt am Hofe MrCHAELS IX.
her verband. THEODOROS SYNADENOS' Mutter war die Tochter eines Bruders des
ersten Palaiologenkaisers 152. J OANNES KANTAKUZENOS rechnet THEODOROS zum
Nik. Greg. VIII, 4: 297, 5f.
146
Kant. I,
2: I,
19, 7-10.
i47
Nik. Greg. VIII, 4: 300, 12-14.
148
A. a. O.
301, 2l.
149
Kant. I, 7: I, 34, 19-2l.
160
Gute Bemerkungen über seinen Lebenslauf: Kutlumus (LEMERLE) 68/9 zu Nr. 14.
151
P APADOPULOS Palaiologen Nr. 13.
161
DIE EIDE IM JAHRE 1320 25 byzantinischen Adel im oben besprochenen Sinn (E~ dm;aTet~ä)'JI uat
DIE EIDE IM JAHRE 1320
25
byzantinischen Adel im oben besprochenen Sinn (E~ dm;aTet~ä)'JI uat TO 'Ybo~
neeUpa'/l"~)163. Einige Mitglieder der Familie sind bereits in der Komnenenzeit
bezeugtt 64 , zu geschichtlicher Bedeutung gelangt das Geschlecht aber erst in der
Palaiologenzeit. Wie die Kantakuzenen sind sie eng mit dem Kaiserhaus und
anderen Adelsfamilien verwandt und bekleiden wichtige Posten. Der Vater des
THEODOROS war ft8'Ya~ (1TeaTOne~aex'YJ~' Ebenso wie die Kantakuzenen besitzen
die Synadenoi eine· beachtliche Hausmacht. THEODOROS SYNADENOS besaß in
Bizye reiche Besitzungen. Dort saßen seine olue'iot und cpO.Ot, die die Stadt be-
herrschten 166. Weiter wissen wir von einem Besitz bei Ezova, der ihm wohl 1328
von ANDRONIKOS II!. als Gegenleistung für getreue Gefolgschaftsdienste gegeben
wurde 166. Die Zuweisung einer Wassermühle bei Zichnai durch kaiserliches Chryso-
bull 167 läßt darauf schließen, daß THEODOROS in dieser Gegend weitere Besitzun-
gen hatte. Seine Tochter vermachte vor 1351 Ländereien in der Gegend von Serrai,
in der ja auch die Besitzungen der Kantakuzenen lagen, an das Ivironkloster.
Auch ein anderes (?) Mitglied der Familie war in dieser Gegend begütert 168.
Die Verschwörung vom November 1320, die mit Recht als "Triumvirat" be-
zeichnet wurde 169 , war eine politische Verbindung von mächtigen Adeligen. Die
politisch gefährliche Lage zwang aber die Verschwörer, einen Bundesgenossen
aufzunehmen, der durchaus nicht zu dieser Schicht zählte: ALEXIOS APOKAUKOS 160.
Er stammt aus den Niederschichten, Bithynien war seine Heimatprovinz, der
Geburtsort ist unbekannt 161. Es wäre wichtig, zu erfahren, wann er dem Schwieger-
vater des J OANNESKANTAKuzENOS,ANDRONIKosAsAN,gedienthat(Eftt(1()Ocp6e'YJ(1e'/l)
und in welcher Funktion 162. Zu Beginn des Bürgerkrieges im Herbst 1341 er-
innert ApOKAUKOS den Adeligen an seine "alte Dienstbarkeit" (aexala ~ovÄda) 163.
Eine Kombination zweier Berichte des J OANNES KANTAKUZENOS macht wahr-
scheinlich, daß APOKAUKOS zuerst als untergeordneter, schlechtbezahlter Beamter
bei verschiedenen Steuereinnehmern tätig war. Einen dieser Steuereinnehmer
kennen wir mit Namen: MAKRENOS, der wohl nicht mit dem erst 1333 auftreten-
den Domestikos KONSTANTINOS MAKRENOS identisch istt 64 • Trat APOKAUKOS
daraufhin in den Dienst des ANDRONIKOS ASAN noch vor der Zeit, als ANDRONI-
Kant. I, 8: I, 37, 15f.
168
SCHLUMBERGER Sigillographie 704/5. Anna Komnena H
2,
1 (LEIB I,
66).
164
Kant. IH, 79: H, 491, 19f.
166
Reg. 2719.
168
Reg. 2804 vgl. 2811.
167
Prodromos (GUILLOU) 35, 19 u. 67; 9, 19; 10, 21. Vgl. Xeropotamu (BoMPAIRE)
168
99/100.
169 P ARISOT CantacuzEme 40. BoscH Andronikos IH. 16 geht zu wenig auf die innere
Struktur des Zusammenschlusses ein.
180 R. GUILLAND Alexios Apokaukos, in: Revue du Lyonnais 1921, 523-541; vgl. ders.
Nik. Greg. Correspondance, 299-301; ders., Les chefs de la marine byzantine
(1951) 232 = Recherches I, 550.
BZ 44
Kant. IH, 14: H, 89, 2; Nik. Greg. XH, 2: 577,20. Vgl. Kant. I, 4: I, 25, 4f.
181
Kant. IH, 14: H, 89, 5.
182
Kant.
IH,
18:
H,
112, 19 f.
188
184 Zu dem Mitarbeiterstab der Steuereinnehmer: F. DÖLGER Beiträge zur Finanzver-
waltung, Darmstadt ll 1960, 77. MAKRENOS wird von J o. Kant. als ein Mann bezeichnet,
"der von gewissen Bauern Geld eintrieb": Kant. IH, 46: H, 279, 1 f. Vielleicht ist
daraus zu schließen, daß MAKRENOS selbst nur eine untergeordnete Funktion innehatte.
26 DIE GEFOLGSOHAFT UNTER ANDRONIKOS U. UND ur. KOS (1316) Gouverneur auf der Peloponnes wurde
26 DIE GEFOLGSOHAFT UNTER ANDRONIKOS U. UND ur.
KOS (1316) Gouverneur auf der Peloponnes wurde 165 ? Jedenfalls quittierte er auch
diesen Dienst und trat "dann" bei zwei Beamten in Stellung, nach J OANNES
KANTAKUZENOS bei dem "Archon" NIKOLAOS und bei STRATEGOS, Domestikos
der westlichen Themata. Diese beiden Beamten werden mit dem ~opia7:tuor;
TW'V ~VTtuw'VOBflaTw'V STEPHANOS (Georgios?) STRATEGOS und NIKOLAOS THEOLO-
GITES gleichzusetzen sein, die 1312 und 1317 auftreten, 1317 ausdrücklich mit
der Steuerverwaltung des Themas Boleros, Mosynopolis, Serrai und Strymon
betraut 166. Durch das Versprechen, das Doppelte an Steuern als STRATEGOS
herauszuschlagen, soll APOKAUKOS den Kaiser ANDRONIKOS 11. bewogen haben,
ihm die Verwaltung der Salinen (nur dieser?) zu überlassen. Er bekommt die
Stellung eines ~ofleaTtUOr; TW'V ~VTtuw'VOBflaTW'V 167. In solcher Funktion wird er 1320
in das Triumvirat aufgenommen. J OANNES KANTAKUZENOS versucht nun, das
Zustandekommen dieser Verbindung so darzustellen, als sei die Initiative zu
diesem Schritt allein von APOKAUKOS ausgegangen aus Furcht vor drohender
Schuldhaft. APOKAUKOS war cptJ des SYRGIANNES 168, der den Emporkömmling
or;
dem JOANNES KANTAKUZENOS empfiehlt. Dieser bringt ihn dem Thronanwärter
nah (7r:(!OaOlUBlwaar; Ti(> ßaalABi) 169. Doch diese Darstellung versucht offensichtlich,
die Vorgänge zu beschönigen. Das Triumvirat hätte gewiß nicht diesen gefähr-
lichen Mitwisser eingeweiht, wenn er nicht dringend benötigt worden wäre.
Wozu, das sagen die Worte des SYRGIANNES ganz deutlich, die JOANNES KANTA-
KUZENOS ihm in den Mund legt: "Apokaukos ist nicht nur gut zum Eintreiben
der Steuern geeignet, sondern ist auch reich an Geldmitteln, womit er sich gerade
in Kriegszeiten als nützlich erweisen wird 170." Der adelige Dreierbund brauchte
einen finanzkräftigen Bankier und war so gezwungen, den unsympathischen
Emporkömmling aufzunehmen. Dies mag auch der Grund gewesen sein, weshalb
SYRGIANNES ihn in den Kreis seiner cplAOl aufnahm. Schienen die Mittel des JOAN-
NES KANTAKUZENOS und des SYNADENOS für den kommenden Krieg nicht aus-
reichend? APOKAUKOS wird Tafllar; TW'V ßaC1lAluw'V X(!'YJflaTw'Vl71. Die Adeligen der
politischen Verschwörung suchen den Abstand zu dem sozial tiefer Stehenden zu
wahren, indem sie ihn nicht an der ßovAf] teilnehmen lassen 172. Der Neuling muß
seine Meinung dem SYRGIANNES mitteilen. Die niedere Herkunft wird von J 0-
ANNES KANTAKUZENOS, aber auch von NIKEPHOROS GREGORAS immer wieder
abfällig betont; sie soll den Anstoß des Kaisers ANDRONIKOS 11. beim Zustande-
kommen des Vertrages von Rhegion im Juni 1321 erregt haben, als APOKAUKOS
als Gesandter auftrat1 73 •
Beim Zustandekommen des Triumvirats hat die Suche nach Geldquellen die
sozialen Vorurteile zurücktreten lassen, die bei diesen Vorgängen als Element des
sozialen Denkens in der byzantinischen Gesellschaft klar in Erscheinung treten.
186 Nik. Greg. VIII, 12: 362-363. ZAKYTHINOS Despotat 70-74.
166 Reg. 2338; 2393/4.
167 Nik.
Greg.
VIII,
4:
301.
Br.
190 des
MIOHAEL
GABRAS
ist an 'Up ~ope(]rtucp
avaroÄtuwv ()epurwv adressiert. Hier scheint ein Fehler im Lemma vorzuliegen.
188 Kant. I, 9: I, 43,
10; vgl. III,
14: II, 89, 23.
169 Kant. I, 4: I, 25, 7 f.
Kant. III, 14: II, 90, 3-5.
170
A. a. O.
90,
II f.
171
Kant. I, 9: I, 43, 9f.
1711
Kant. I, 23: I, 116, 20f. Vgl. Reg. 2660 und BOSOR Andronikos III. 24f.
178
27 DIE GEFO~GSCHAFT IM APRIL 1321 Die Gefolgschaft des J OANNES KANTAKUZENOS tritt im Rahmen
27
DIE GEFO~GSCHAFT IM APRIL 1321
Die Gefolgschaft des J OANNES KANTAKUZENOS tritt im Rahmen dieser politischen
Adelsverschwörung zum ersten Male im April 1321 als geschlossener Personenver-
band in Erscheinung. ANDRONIKOS II!. wird von seinem Großvater vor ein Ge-
richt weltlicher und geistlicher Würdenträger geforderV 74 • Von den Mitgliedern
des Triumvirats weilen nur SYNADENOS und J OANNES KANTAKUZENOS in der
Hauptstadt. Dieser nimmt unglücklicherweise am Gerichtstag am Leichenbe-
gängnis eines Verwandten teil. SYRGIANNES ist in Thrakien, die Rolle des APo-
KAUKOS bei diesen Vorgängen ist unbekannt; er war aber eingeweiht. Der Kanta-
kuzene, der endlich in der Hauptstadt eintrifft, tadelt SYNADENOS, daß er seine
Gefolgschaft und die "Diener" des jungen ANDRONIKOS (mv ßaalAüm; Ol"'STW'V
1} ",at TW'V aw'V Tl'VSC;) aus Furcht heimgeschickt hat 175. Schleunigst soll SYNADENOS
möglichst viele seiner eigenen ol",eTal und cplAOl versammeln, J OANNES KANTA-
KUZENOS wird seine eigenen Leute und die Leute des Thronfolgers zusammen-
bringen. 100 Mann waren in Kürze zur Stelle. JOANNES KANTAKUZENOS konnte
ANDRONIKOS melden, daß sich die Zahl auf 300 erhöhen werde 176. Nimmt man an,
daß der Anteil der drei Personengruppen an der Gesamtzahl dieses politischen
Stoßtrupps ungefähr gleich war, so ergibt sich, daß 1321 in der Hauptstadt rund
100, dem Adeligen J OANNES KANTAKuzENos treu ergebene Männer sich aufhiel-
ten, teilweise wohl immer dort seßhaft, die in kürzester Zeit für politische Aktionen
einsatzfähig waren. Die große Bedeutung einer numerisch relativ kleinen Gefolg-
schaft in der Hauptstadt als ein politischer Stoßtrupp, der durch sein schnelles
Auftreten politische Wendungen herbeiführen konnte, ist im April 1321 gut
greifbar.
Das weitere Schicksal des "Trimp.virats" ist in diesem Rahmen nur soweit zu be-
handeln, als der Verlauf Einblicke in politische Gruppenbildungen in Byzanz und
in das Gefolgschaftswesen gewährt.
SYNADENOS ist ANDRONIKOS 111. bis zum Tod des Kaisers treu geblieben. Er
spielte eine wichtige Rolle im Bürgerkrieg 177, nach 1328 ist er bdTeonoc; der
Hauptstadt 178, wenig später, wohl nur durch die Kriegsereignisse bedingt, fun-
giert er als "Archon" von Mesembria im Kampf gegen IVAN STRATZIMIR179. Wann
er die Verwaltung Thessalonikes und der umliegenden Gebiete übertragen erhielt,
ist unbekannt, jedenfalls noch unter ANDRONIKOS II!. Bis 1341 sind keine An-
zeichen für Machtkämpfe und Streitigkeiten zwischen den beiden Adeligen J OAN-
NES KANTAKUZENOS und THEoDoRos SYNADENOS zu erkennen.
APOKAUKOS wird nach dem Sieg des Triumvirats weiter mit der Verwaltung der
Finanzen betraut,. gegen den Willen des jungen Kaisers, wie der Großdomestikos
behauptet. JOANNES KANTAKUZENOS betont ausdrücklich, sich die wichtigeren
Entscheidungen vorbehalten zu haben. Es kommt also zu einer Teilung des Fi-
BosCH Andronikos III. 17f.
174
Kant. I, 12: I, 59.
176
176 Kant. I, 13: I, 64, 7. Der Darstellung des NIKEPHOROS GREGORAS (VIII, 6: 312-314)
ist anzumerken, daß er keine genaueren Nachrichten der damaligen Vorgänge besitzt.
Er spricht von einer Schar von Bewaffneten, die ANDRONIKOS mitbringt und ihm
wegen der Aussöhnung mit dem Großvater heftige Vorwürfe macht.
177 BOSCH Andronikos III. 45. Kant. I, 52: I, 259, 20 (als lnlTeono~ von Thrakien);
Nik. Greg. VIII, 11: 355.
178 Kant. I1,
I: I, 312, 9f. Nik. Greg. IX, 8: 432, 4f.
179 Kant. I1, 26: I, 459. BoscH Andronikos III. 78/9.
28 DIE GEFOLGSCHAFT UNTER .ANDRONIKOS rr. UND rrI. nanzressorts, sicher nicht ganz ohne eigennützige Hintergedanken.
28 DIE GEFOLGSCHAFT UNTER .ANDRONIKOS rr. UND rrI.
nanzressorts, sicher nicht ganz ohne eigennützige Hintergedanken. Wie der adelige
Kantakuzene, so stärkt auch ArOKAUKOS seine Hausmacht. Durch Heiraten ge-
winnt er Verbindung zu den sozial höher stehenden Familien: In erster Ehe ist er
mit einer Tochter eines Dishypatos verheiratet, der zum Klerus der Hagia Sophia
gehörte, in zweiter Ehe mit einer Kusine des späteren Großstratopedarchen
GEORGIOS CHUMNOS. Er konnte diese Verbindung nur eingehen, als "er bereits be- '
rühmt war und den adeligen Kreisen
ebenbürtig"
(fj~'Y) J
ap:l'l(!or;
Wp "at #~ dna~l­
oV/-lspor; n(!Or;
rwp
svyspsare(!wp)180.
Dieser
Satz
aus der Feder des adeligen
Kantakuzenen ist ein weiterer Beleg für das Standesdenken des Adels in der
byzantinischen Gesellschaft, in der es eine Art von "Ebenbürtigkeit" bereits gab.
Die Teilung der Finanzverwaltung konnte nicht verhindern, daß "viele ihm
dienten" 181. ArOKAUKOS erregt zwar öfters den Unwillen des Kaisers, aber gerade
JOANNES KANTAKUZENOS schützt ihn vor der Gefangennahme und vor der Kon-
fiskation seiner Reichtümer. Dies berichtet nicht nur der Kantakuzene selbst,
sondern sogar noch ausführlicher NIKEPHOROS GREGORAS 18 2. Der Großdomestikos
hat auch merkwürdigerweise, trotz des Drängens des Kaisers, nicht verhindert,
daß APOKAUKOS am Meer vor den Toren der Hauptstadt eine feste Burg errichtete,
die das Staunen der Zeitgenossen erregte 183. Sie war auf Belagerung eingerichtet.
Hier war der Sitz seiner Gefolgschaft, seiner avyysps'ir; und ol"storarot 184 ,. Es
liefen die wildesten Gerüchte über ArOKAUKOS um. GREGORAS berichtet, ohne
Zweifel anzumelden, der Emporkömmling habe "oft" geplant, den Kaiser und
JOANNES KANTAKuzENos zu beseitigen 186 • Die
Erklärung des NIKEPHOROS GRE-
GORAS genügt nicht, die Schonung des ALExIOS APOKAUKOS durch den mächtigen
Kantakuzenen mit dessen "Milde und Sanftmut" zu entschuldigen. Besaßen der
Großdomestikos und der Kaiser nicht mehr genügend Stärke, der Hausmacht des
APoKAUKOS entgegenzutreten 1 Es ist nicht ausgeschlossen, daß J OANNES KANTA-
KUZENOS den Emporkömmling als künftigen Parteigänger schützte. Er hat ihm
noch im Frühjahr 1340 den Oberbefehl der
Flotte gegen die Türken verschafft 186 •
Eine befriedigende Aufklärung der letzten Beweggründe der Haltung des Groß- .
domestikos wird wohl nie mehr zu erreichen sein.
Die dem Kaiser ANDRONIKOS 111. von SYRGIANNES gegebene Versprechung Ende
1320 war schnell vergessen. Er schließt sich wieder dem alten Kaiser an 187. Als
beide Kaiser durch den Vertrag von Epibatai Ende Juli 1322 Frieden schließen 188,
wird die Lage des politischen Abenteurers sehr unsicher. Es ging das Gerücht,
der junge Kaiser habe von seinem Großvater dauernde Kerkerhaft des SYRGIAN-
NES gefordert. Das Gerede, ob wahr oder nicht, kennzeichnet die unsichere Stel-
lung des Adeligen. Er bringt wohl bald nach dem Vertrag von Epibatai eine "Ver-,
180 Kant. III, 19: II, 120, 10f.
181 Kant. III, 14: II, 90, 21.
18B Nur ganz kurz, daß er APOKAUKOS vom Zorn des Kaisers bewahrt habe: Kant. IU,
14: II, 90, 23f. Nik. Greg. XII, 9: 603.
188 Nik. Greg. a. a. O. 602. Zu Epibates: S. EYICE Alexis Apocauque et l'eglise de
Selymbria, B 34 (1964) 87.
Kant. III, 10: II,
71,
3
184
Nik. Greg. XII, 2:
577, 7 f.
186
Reg. 2842.
188
BosOR Andronikos III. 26/7.
187
Reg. 2479.
188
, SYRGIANNES 29 schwörung nicht vieler Rhomaier" (av'J)wfloala äfla 'Pwflalw'J) ov nOAAoi~)189zu­
, SYRGIANNES
29
schwörung nicht vieler Rhomaier" (av'J)wfloala äfla 'Pwflalw'J) ov nOAAoi~)189zu­
sammen, um den alten Kaiser zu ermorden und dadurch offensichtlich ANDRONI-
KOS 111. zu Diensten zu sein. Leider wissen wir nichts über die Mitglieder und das
Zustandekommen dieser politischen Gruppenbildung. Inwieweit J OANNES KANTA-
KUZENOS an der Aussöhnung zwischen ANDRONIKOS 111. und SYRGIANNES wirk-
lich mitgewirkt hat, bleibt dahingestellt. Jedenfalls trägt SYRGIANNES als "kaiser-
licher Schwager" inl September 1328 und im Oktober 1330 den offiziellen Titel
"Ueq.JaA~ TCO'J) uaTa c')Vat'JJ UUaT(!w'J) uat XW(!W'J)" 190 und ist Verwalter von Thessalo-
nike 191. Die Witwe MrCHAELS IX., RITA-MARIA-XENE, als Nonne schon im Bürger-
krieg nach 1321 in die politischen Wirren hineingezogen, fühlt sich bei der testa-
mentarischen Verfügung des schwererkrankten ANDRONIKOS 111. im Jahre 1330 192
übergangen. Sie fürchtet um ihre Sicherheit und läßt Bürger von Thessalonike
(GREGORAS sagt übertreibend: "die unter SYRGIANNES stehenden Bürger von
Thessalonike") schwören, sie "als Herrin und Gebieterin zu betrachten und für sie
bis zum Tod einzutreten 193" • Weitere Bestimmungen sind für die Thronnachfolge
getroffen. Sie sammelt also eine Gruppe um sich, um in erster Linie sich selbst zu
schützen. NIKEPHoRos GREGORAS, der offensichtlich über diese Vorgänge nur
sehr wenig Nachrichten zur Verfügung hat, behauptet, daß SYRGIANNES der
Gruppe die Eide abnahm und deshalb später verdächtig wurde 194,. JOANNES KAN-
TAKUZENOS schweigt in seinem Geschichtswerk aus guten Gründen über die Rolle
der RITA-MARlA-XENE. Auch nach seiner Darstellung begann SYRGIANNES eine
eTat(!ela nach dem Bekanntwerden des politischen Testaments des Kaisers
ANDRONIKOS 111. zu Beginn des Jahres 1330 zu bilden, und zwar als Schutztruppe
und Gegengewicht gegen den Großdomestikos. Sie setzt sich zusammen aus mög-
lichst vielen q;lAot und OiUETat 196. Die Gruppenmitglieder sollten enger gebunden
werden durch Eide, die sowohl vom Führer wie von den Gliedern gegeben wur-
den 196. Als q;lAOt versprachen sie, einander nicht zu verraten und im Falle des
Todes des Kaisers die Entscheidungen des SYRGIANNES anzuerkennen.
Die Geschichte des Unterganges des SYRGIANNES 197 zeigt, daß sich der Führer
selbBt nicht auf seine Gruppe verlassen wollte. Er flieht nicht zurück nach Thessa-
lonike. JOANNES KANTAKUZENOS gibt ihn preis, nicht aber denApoKAuKos. Die
Gefolgschaft des SYRGIANNES war zu klein und zu wenig gefestigt, um in den poli-
tischen Plänen
des Großdomestikos zu zählen 198.
189 Kant. I, 35: I, 171, 13f.
190 DÖLGER Schatzkammern Nr. 39 (vgl. Reg. 2720). Reg. 2764, 2766.
191 Dies sagt ausdrücklich nur Nik. Greg. IX, 10: 440, 19:
elmr.oteiTat (sc.
MARIA-RITA) TOV Ev(!yu1.vvrJV eV()v~ Tf}V
bUT(!On~V Tij~ eeaaaÄovt'X'YJ~ T'YJvt'XaiiT:a &eCwapi:vov.
Unrichtig die Deutung von BosaR Andronikos ill. 92: "Sie (d. h. Rita-Maria-
Xene) setzt Syrgiannes als Erben ein und gibt ihm Thessalonike als eigenen Herr-
schaftsbereich." Die Darstellung von BosaR beruht auf einer Fehldeutung der
Versuche der Kaiserinwitwe, eine Schutztruppe um sich zu bilden. So ist hier auch
nicht von einem dritten Lösungsversuch der Stadt Thessalonike vom Reich die Rede.
Reg. 2755.
192
Nik. Greg. IX, 10: 440, 2lf.
198
Nik. Greg. X, 5: 488, 24f.
184
Kant. II, 22: I, 436, 18f.
196
a. a. O. 437, 9f. 439, 20f.
196
BosaR Andronikos II!. 93-96.
197
In diesem hochpolitischen Spiel J o. Kant. deshalb jede Humanität absprechen zu
108
30 DIE GEFOLGSCHAFT UNTER ANDRONIKOS II. UND III. Seit 1321 bis zum Tod des Kaisers
30 DIE GEFOLGSCHAFT UNTER ANDRONIKOS II. UND III.
Seit 1321 bis zum Tod des Kaisers ANDRoNIKos 111. im Jahre 1341 tritt die Ge-
folgschaft des J OANNES KANTAKUZENOS nicht mehr als geschlossene Personen-
gruppe in Erscheinung. Wir dürfen sie als einen Bestandteil des Heeres des
ANDRONIKOS im Bürgerkrieg vermuten und unter ihr die q;lAOt suchen, die von
der Hauptstadt aus die Absichten des kaiserlichen Großvaters nach Didymotei-
chos melden 199 • Aber über Vermutungen gehen unsere Kenntnisse nicht hinaus.
Dies hat seinen Grund im Charakter der erzählenden Quellen, die meist nur das
Außerordentliche, das Neue berichten. Der Großdomestikos konnte in der Zeit
bis 1341, in der höchsten Gunst des Kaisers stehend, ungestört und in der Stille
seine Gefolgschaft erweitern und festigen.
Es fällt auf, daß J OANNES KANTAKuzENos keine verwandtschaftlichen Bindungen
zu den Mitgliedern des Triumvirats durch Heirat seiner Kinder angestrebt hat.
Von den vor 1341 eingegangenen Ehebindungen waren in der Folgezeit nur die
vor 1321 geschlossene Ehe des Kantakuzenen mit IRENE ASAN 200, die Ehe seiner
Tochter MAmA mit dem jungen NIKEPHOROS ORSINI 20 1 und die Verlobung MA-
NUELS KANTAKUZENOS mit der Tochter GUYS von Armenien 202 von sichtbarer
politischer Bedeutung. Durch IRENE gewinnt J OANNES nicht nur eine tatkräftige
Lebensgefährtin auch in den politischen Kämpfen, sondern durch ihre Hilfe auch
ihre beiden Brüder als treue Parteigänger nach 1341. Auch NIKEPHOROS ORSINI
bleibt dem Adeligen bis 1354 treu.
In die Zeit der Regierung des Kaisers ANDRONIKOS III. sind die Bemühungen des
JOANNES KANTAKuzENos zu setzen, auf lange Sicht eine ihm ergebene Gefolg-
schaft, zugleich eine Elitegruppe mit besonderen Fähigkeiten aufzubauen.
Wir besitzen zwei Berichte:
Dem Adeligen fiel ein fl8t(2a:XtDf; namens APELMENES, der aus den Niederschichten
stammte (B'X flt'X(2oV 'Xat TOV TvX6'PTOf;), durch seine guten Anlagen auf 203 • Der
Großdomestikos ließ den Jüngling sorgfältig in Wissenschaft und Kriegswesen er-
ziehen. Er rechnet ihn zu den ol'XBTat. In der Gunst des Adeligen gelangt APEL-
MENES zu Ansehen und Reichtum. Eine weitere Nachricht über diesen Mann be-
sitzen wir, wenn der bei der Flucht der Anhänger des Großdomestikos im Oktober
1341 als Anführer auftretende APELMENES, der damals zu den Vertrautesten des
Großdomestikos zählte 204, mit dem geförderten Jüngling gleichzusetzen ist. Die
Bemühungen um APELMENES hatten keinen Erfolg: In der großen Krise im Som-
mer 1342 fällt er von J OANNES KANTAKuzENos ab. J OANNES wirft ihm vor, die Güte
(8vflB'P8ta) seines Herrn durch Treulosigkeit mit Undank vergolten zu haben.
wollen, wie BoscR a. a. O. 185 andeutet, ist sehr bedenklich. Dies rührt an die Grund-
satzfrage, ob der Historiker an die politischen Vorgänge überhaupt derartige Maßstäbe
anlegen darf.
100 Kant. I, 42: I, 208, 6; vgl. I, 51: I, 255, 4f. I, 24: I, 119, 18 und 122, 18 (über
SYRGIANNES).
zoo Kant. I, 4: I, 24, 7 spricht schon im Herbst 1321 von seiner Gattin, die er in Kalli-
polis zurückläßt.
201 Kant. III, 32: 11, 195,6. Zu seiner Vorgeschichte: OSTROGORSKY Geschichte 418f.
202 MANUEL heiratete ISABELLA nach 1348 trotz der Feindschaft GUYs gegen Jo.
Kant.: BINoN Guy 136/7.
203 Kant. III, 40: II, 247, 3f.
204 Kant. III, 22: 11, 138, 8f. Sicher ist dieser AI'ELMENES nicht identisch mit AI'EL-
MENES, der von MOMcILo gefangen wird (Kant. III, 70: II, 432, 1).
KALEKAS· UND APELMENES 31 Viel wichtiger erscheint der Aufstieg des Patriarchen JOANNES XIV. KALEKAS. Auch
KALEKAS· UND
APELMENES
31
Viel wichtiger erscheint der Aufstieg des Patriarchen JOANNES XIV. KALEKAS.
Auch er
Apros 206.
entstammt den Niederschichten (s~ Ctaf}flwv) aus der Provinzstadt
Wie APOKAUKOS kommt er also aus der Provinz. Sein Talent fällt
JOANNES KANTAKUZENOS auf und er gliedert ihn seinen olxeiol ein (evsyempe
Toi~ olxelol~). Er wird eine Art Hauskaplan
des Großdomestikos, findet dann
im Palastklerus Aufnahme und die Klugheit des J OANNES KANTAKUZENOS weiß
schließlich alle kanoIDschen Hindernisse aus dem Wege zu räumen und ihn auf den
Patriarchenstuhl zu bringen (1334). Die Bemühungen, an höchster kirchlicher
Stelle sich einen Gefolgsmann zu sichern, waren auch in diesem Fall ohne Erfolg:
Der Patriarch wird ein Hauptgegner des Adeligen nach dem Tod des Kaisers
ANDRoNIKos 111.
105 Kaut. II, 21: I, 432, 3. Vgl. J. GOUILLARD Art. CaIecas (Jean XIV) DHGE XI
Sp. 378-380 (1949).
ID. Die Gefolgschaft im Bürgerkrieg in den Jahren 1341-1347 Die den Bürgerkrieg vorbereitende Periode, vom
ID. Die Gefolgschaft im Bürgerkrieg in den Jahren 1341-1347
Die den Bürgerkrieg vorbereitende Periode, vom Tod des Kaisers ANDRONIKOS III.
am 15.6.1341 bis zum Auszug der Gefolgschaft des JOANNES KANTAKuzENos am
16. Oktober dauernd, begann mit einer politischen Demonstration: 500 Mann,
"Kaiserliche" (ßaatAluol) und OlUelOl des Großdomestikos, hielten neun Tage
lang nach dem frühen Tod des Kaisers den Palast besetzt. Leider wissen wir den
Anteil nicht, den die Gruppe des Kantakuzenen an dieser, im Vergleich zur Stärke
des politischen Stoßtrupps im Jahre 1321 sehr starken Mannschaft ausmachte 206 •
Diese "Kaiserlichen" waren Angehörige der Armee, die ANDRONIKOS 111. beson-
ders treu ergeben waren 207, die erwähnten OlUelOl waren treue olub:al des
Großdomestikos 208. Dieser zeigte so unmißverständlich, daß er durch seine Ge-
folgschaft die Macht des Staates in den Händen hatte, daß er das Heer als sein
eigenes Machtinstrument benutzte. Er beschreibt seine Gefolgschaft in der Haupt-
stadt durch eine fingierte Rede des JOANNES K.ALEKAs: Es sind die "Freunde"
(cplAOl) und eine "große Dienerschaft" (noAA~ ()eeanela) 209. Zu diesem festen
Bestand werden die Mitglieder der sozial gehobenen Schichten (evyeyeaUeOl)
durch "Geschenke und Wohltaten" (~weeal und eveeyealal) und das Heer durch
Geldspenden hinzugewonnen.
Gerade diese "Unentschiedenen" galt es in der Vorphase des Bürgerkrieges zur
Parteinahme zu bewegen. Diese Gruppe, vor allem die Gouverneure der Provinz,
bringen sich selbst in Erinnerung und verlangen vom Großdomestikos Mitsprache-
recht bei künftigen Entscheidungen. Eine endgültige Parteinahme ist dadurch
noch nicht ausgesprochen 210. Einzelne Vornehme begnügten sich damit, dem
Großdomestikos gegenüber ihre Abneigung offen zu zeigen, wie z. B. GEORGIOS
ÜHUMNOS, der leider erst im Jahre 1341 ins Licht der Geschichte tritt 211. Politisches
Gewicht gewannen erst die Aktionen des ALEXIOS APOKAUKOS und des Patriarchen
JOANNES KALEKAs. Die irateela avyuA'Yj7:tu(iw, die der Patriarch um sich sam-
melt, war nicht fähig, machtvoll gegen den Großdomestikos aufzutreten (vgl.
Kap. IX). APOKAUKOS versucht zuerst mit einem Handstreich, die Lage für sich
zu klären und das Kind J OANNES, den Sohn des verstorbenen Kaisers, als Faust-
pfand auf seiner Zwingburg Epibates zu internieren 212. Einer der Mitwisser verrät
den Plan, der dadurch mißlingt. Es wäre wichtig, zu wissen, ob die "Mittäter"
(avyeauevau6re~) an diesem Plan nur die avyyeye;;~ und oluel6rarol des
1106 Kant. III, 1: II, 14, 10f. Nik. Greg. XII, 2: 576/7 spricht nur davon, daß Jo. Kant.
eine ~oevrpoela aufgestellt hat, um den Palast nach allen Seiten hin zu schützen.
1107 Kant. II, 40: 1,560, 9f.:
of)~/-U1.Atara fjOet eVvovardrov~ np paatAei, ~al rwv ol~e.wv
rov~ :nta.o.d.ov~ .wv Mlwv
208 Vgl. die beiden Nachrichten des Jo. Kant. in A. 206 u. 207.
1109 Kant. III, 21: 11, 132, 10f.
1110 Kant. III, 11: II, 77/8. Von der Gesandtschaft der Provinzkommandeure nehmen
nur J OANNES ANGELOS und ALEXIOS TZAMrLAKON dauernd im Bürgerkrieg für J o.
Kant. Partei.
1111 Kant. III, 2: II, 20f. VERPEAUX Notes 261 Nr. 18.
1112 Karrt.III, 10: II, 71.
GRUPPENBILDUNG UM APOKAUKOS 33 APOKAUKOS waren, die auf der Zwingburg saßen 1113. Wahrscheinlich ist, daß
GRUPPENBILDUNG UM APOKAUKOS
33
APOKAUKOS waren, die auf der Zwingburg saßen 1113. Wahrscheinlich ist, daß APo-
KAUKOS diesen raschen Handstreich mit seiner engeren Gefolgschaft durchzu-
führen suchte und damals die "Unentschiedenen" noch nicht heranzog. Die starke
Position des politischen Emporkömmlings, der in seinen Burgen eine gesicherte
Ausgangsbasis besaß, wird· dadurch deutlich, daß der Großdomestikos gegen ihn
nichts Entscheidendes unternehmen kann. Erst nach dem Fehlschlag des Hand-
streichs beginnt APOKAUKOS, systematisch die "Unentschiedenen" für sich zu ge-
winnen. Die Vorgänge haben große Ähnlichkeit mit der im vorigen Abschnitt be-
schriebenen Entstehung des Adelstriumvirats im November 1320.
Das Gefolge der Kaiserinwitwe ANNA, vor allem der Sohn der Hofdame ISABELLA,
wird beigezogen, die OLx,BilfJat der Kaiserin werden für Spionagedienst besto-
chen 2u . Der Großdrungar JOANNES GABALAS, der - aus einer sozial gehobenen
Familie stammend - 1341 zum ersten Mal wie GEORGIOS CHUMNOS in Erscheinung
tritt, soll aus Furcht vor dem Zorn des Großdomestikos wegen angeblichen Ver-
rats von APOKAUKOS für seine Partei gewonnen worden sein, also aus persönlichen
Gründen. GABALAS wurde bis zum Auszug der Anhänger des Großdomestikos im
Oktober 1341 zu den qJO.Ol des Adeligen gerechnet 216. APOKAUKOS bindet ihn an
sich, indem er ihm seine Tochter eidlich als Gattin verspricht 216 • Auch der oben
erwähnte GEORGIOS CHUMNOS, mit APOKAUKOS verschwägert, soll sich ebenfalls
aus Furcht vor der Rache des Kantakuzenen seinem Verwandten angeschlossen
haben 217. Haben beide Männer nur aus persönlichen Gründen sich der Gruppe ge-
gen den Großdomestikos angeschlossen1 Beide werden durch ihre Friedensbe-
mühungen im Verlaufe des Bürgerkrieges dem Megas Dux verdächtig und kaltge-
stellt. Es ist wahrscheinlich, daß sie sich 1341 aus echtem Patriotismus und An-
hänglichkeit an das Palaiologengeschlecht der Gruppe des APOKAUKOS anschlos-
sen 218.
Der Versuch des APOKAUKOS, die drei Brüder ASAN, KONSTANTIN, ISAAK und
ANDRONIKOS für sich zu gewinnen, war für die Geschichte des Bürgerkrieges sehr
folgenreich. APOKAUKOS trägt den sozial höher stehenden Brüdern seine uneinge-
schränkte Gefolgschaft an, wie SYRGIANNES und JOANNES KANTAKUZENOS gegen-
über dem jungen ANDRONIKOS im Jahre 1320. APOKAUKOS soll eidlich versprochen
haben, "sich bereitwilligst in den Kämpfen zu zeigen, Geldmittel, Waffen und
213 Kant. UI, 15: U, 95, 11 vgl. mit Kant. IU, 10: U, 71, 3. ApOKAUKOS hatte eine
weitere Zwingburg im Manganaviertel: Kant. IU, 80: U, 495, 21 f.
214 Kant. IU, 19: U, 124/5; IU, 34: U, 208, 12f. GAY Clement 46.
1116 Kant. IU, 22: II, 138, 21.
218 Kant. IU, 19: II, 119/20. Häufige Erwähnung der GABALAS, einer Gouverneur-
familie auf Rhodos im 13. Jh.: AHRWEILER Smyrne 169. SOHLUMBERGER Sigillo-
graphie 664/5: ein EusTATHIos GABALAS als lla-,;(}l'Xto~ (12.-13. s.). Die von R.-J.
LOENERTZ vorgeschlagene Gleichsetzung des J OANNES GABALAS mit dem in 4 Athos-
urkunden belegten JOANNES RAUL scheint gesichert: OCP 23 (1957) 128/9. Vgl. ders.,
Le Chancelier imp. a Byzance au XIVe et au XIUe siecle, OCP 26 (1960) 284. R.
GUILLAND Le drongaire
BZ 43 (1950) 355 = Recherches I, 579.
lI17 Kant. IU, 19: U, 120-3.
218 Zum Schicksal des GEORGIOS CHUMNOS: Kant. IU, 55: U, 336. Vielleicht ist er
identisch mit dem im Antipalamitenverzeichnis auftretenden GERA8IMOS CHUMNOS
(Nr. 31; Nr. 32: KASIANOS Chumnos sein Sohn 1). Zum Schicksal des JOANNES GABA-
LAS: Kant. IU, 72/3: H, 437-444; IU, 80: U, 493-498.
34 DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347 Diener (olueTal) beizusteuern und nach der Vernichtung jenes Mannes alle eure
34
DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347
Diener (olueTal) beizusteuern und nach der Vernichtung jenes Mannes alle eure
Befehle auszuführen und das gesamte Leben im Gehorsamsverhältnis (sv (m;'YJu6ov
floleq.) zu bleiben und sich keiner Nachlässigkeit gegen euch zuschulden kommen
zu lassen 219." Bei ANDRONIKOS ASAN kam hinzu, daß Apokaukos vor Jahren in
einem Dienstverhältnis zu ihm stand (vgl. Kap. 11 u. V). An dieses wird erinnert;
es wird durch Eid bekräftigt und erneuert: "Er bekräftigte durch Eide, daß er nun
aufs bereitwilligste mitkämpfen werde und, wenn Andronikos zur Herrschaft ge-
langt sei, im Stand
des Dieners bleiben werde (lv vTC'YJeb:ov TeAeeJel flolf2q.) 220. "
Für das Denken des byzantinischen Adels sind die Worte aufschlußreich, die der
Adelige J OANNES KANTAKUZENOS dem APOK.AUKOS in den Mund legt, um
die
Brüder zu gewinnen: Auf den Adelsstolz des ANDRONIKOS ASAN wird angespielt.
Nicht nur durch die Kriegskunst, auch durch die "Herrlichkeit seines Geschlech-
tes" sei er der geeignete Mann, die Regierung zu übernehmen 221. Der Geschichts-
schreiber J OANNES KANTAKUZENOS weiß: Die Herrschaftsgelüste des byzantini-
schen Adeligen waren ein mächtiger Beweggrund im Denken und Handeln. Dazu
kam die Furcht, durch einen anderen Adeligen die Freiheit (SASVOSela) zu ver-
lieren und in Knechtschaft (fJOvAela) zu fallen. Auch daran soll APOKAUKOS die
Brüder ASAN erinnert haben 222.
Das Verhältnis des J OANNES KANTAKUZENOS zu seinen Verwandten war schwierig.
Die Brüder seiner Gemahlin, die an einer Verschwörung gegen den Kaiser ANDRo-
NIKOS 111. beteiligt waren und seit 1335 als gefährliche Gegner im Gefängnis
saßen 223, konnte er aus Rücksicht auf die Palaiologenpartei nicht freilassen. Dies
erbitterte wiederum seinen Schwiegervater, der zur Gegenpartei übergeht. Erst
nach dem offenen Ausbruch des Bürgerkrieges kann der Kantakuzene die beiden
Brüder seiner Gemahlin, MANUEL und J OANNES, befreien. Sie werden im Bürger-
krieg seine getreuesten Anhänger 224. Nach 1341 wird der Vater von seinen Söhnen
bekämpft, der Schwiegervater tritt gegen den Schwiegersohn an. Verwandtschaft-
liche Bindungen treten in den Hintergrund, wenn es gilt, eigene politische Ziele zu
verfolgen.
1119 Kant. III, 19: II, 118, 14-19.
220
a. a. O. 116, 12-14.
Kant. In, 18: H, 115, 17f.
221
1122 Ka,nt. IH, 18: H, 115, 8 und IH, 19: H, 117, 12.
1128 BOSCH Andronikos III. übergeht die Rolle der beiden Brüder bei einer der vielen
Revolten, die gegen ANDRONIKOS IH. ausbrechen. Auch der Despot DEMETRIOS war
daran beteiligt: Nik. Greg. XI, 3: 530-534. J o. Kant. schweigt aus verständlichen
Gründen.
1124 Kant. III, 26: H, 161, 18f. So gleicht das politische Schicksal des Schwiegervaters
des J o. Kant. einer Odyssee: Als Anhänger des ANnRONIKOS H. wurde er wohl im
Zuge der Versöhnung zwischen ANDRONIKOS H. u. UI. seines Amtes als Statthalter
auf der Peloponnes 1321 entsetzt (Nik. Greg. VIII, 12: 362-3; Aragon. Version der
Chronik von Morea ed. MOREL-FATIO, Genf 1885, §§ 641-654; franz. Version ed.
LONGNON, Paris 1911, V. 404--405; ZAKYTHINOS Despotat 70-74). Dann verrät er
SYRGIANNES. Seine weitere Rolle im Bürgerkrieg ist undurchsichtig (er ist nicht zu
verwechseln mit seinem Bruder MICHAEL, dem eifrigen Parteigänger des alten Kai-
sers). 1329 bietet er auf Veranlassung des ANDRONIKOS IH. dem Großdomestikos Jo.
Kant. den Purpur an (Kant. II, 9: I, 367, 20f.). Er stand in Geldgeschäften mit den
Venezianern (Reg. 2787: 1332). 1338 ist er militär. Berater des ANDRONIKOS IH.
neben seinem Schwiegersohn (Kant. H, 28: I, 471, 15f.). APOKAUKOS bringt ihn zum
DIE GEFOLGSCHAFT IM OKTOBER 1341 35 Die politische Gruppe, die APOKAUKOS um sich bildete, war
DIE GEFOLGSCHAFT IM OKTOBER 1341
35
Die politische Gruppe, die APOKAUKOS um sich bildete, war viel weniger gefestigt
und einheitlich als das Triumvirat im Jahre 1320. Damals bildeten drei Adelige,
mit dem Thronfolger an der Spitze einen Zusammenschluß von Mitgliedern, die -
auf sozial gleicher Ebene standen. Nur ALEXIOS APOKAUKOS war ein Außenseiter.
1341 ist das Verhältnis umgekehrt: APOKAUKOS, der Emporkömmling, wird Füh-
rer einer Gruppe, deren Glieder sozial viel höher stehen als ihr Führer. So kommt
es zu dem merkwürd,igen Umstand, daß der Gründer und politische Führer des
Zusammenschlusses dem neuen Mitglied ANDRONIKOS ASAN Unterordnung und
"Dienerschaft" schwört. APOKAUKOS war sich seiner Anhänger, die aus einer
anderen sozialen Schicht kamen als er selbst, nicht sicher. Immer war zu fürchten,
daß diese Adeligen mit dem Gegenkaiser, ihrem Standesgenossen, konspirierten.
So wird die adelsfeindliche Haltung des APOKAUKOS, die von 1341 bis 1345 immer
mehr zutage tritt, verständlich. Die Gattin M!CHAELS ASAN wandert ins Gefäng-
nis 226 • Nach dem 25. März 1342 erleben KONSTANTINOS ASAN und GEORGIOS
CHUMNOS das gleiche Schicksal, beide erst vor wenigen Monaten von APOKAUKOS
mit Mühe gewonnen 226. J OANNES GABALAS muß ins Kloster gehen, da er sich
nicht mehr sicher fühlt. THEoDoRos SYNADENOS, nach seinem Abfall im Sommer
1342
zuerst "unter die ersten CP{} des APOKAUKOS eingereiht, wird wenig später
Ol"
zusammen mit seinem Anhang (rote; äll.lI.ole; 0flotwe; cp{} unter Hausarrest
ote;)
gestellt 227. Das Verhältnis des Megas Dux ALEXlOS APOKAUKOS zum Patriarchen
war ebenfalls nicht ohne Spannungen (vgl. Kap. X), obwohl APOKAUKOS auch
hier, wie bei anderen Parteigängern, die Bindungen durch Verwandtschaftspolitik
zu festigen suchte 228. APOKAUKOS konnte am besten seine Macht behaupten, indem
er sich auf das Volk von Konstantinopel stützte und die Gruppe von 1341 aus-
einanderfallen ließ.
J OANNES KANTAKuzENos kannte die ihm feindliche Haltung des J OANNES KALE-
KAS, die Gesinnung des APOKAUKOS war nicht weniger deutlich. Der Feldzug auf
die Peloponnes war erst im Frühjahr 1342 geplant 229. Weshalb überläßt der sonst
so schlaue Großdomestikos Ende September 1341 seinem Gegner APOKAUKOS in
der Hauptstadt das Feld, ungehindert eine politische Gruppe aufzubauen? Die
Auskunft befriedigt nicht, daß er "von den Umständen getrieben wurde, Byzanz
zu verlassen" 230. Er wollte in Didymoteichos für den Feldzug nach dem Westen
Abfall von seinem Schwiegersohn, gegen den er zu Felde zieht, wirft ihn aber 1343
ins Gefängnis (Kant. III, 68: II, 421), woraus ihn Jo. Kant. erst 1347 befreit (Kant.
III, 100: II, 614). Von diesem Zeitpunkt an bleibt er seinem Schwiegersohn treu,
solange wir von ihm wissen. Zu ihm: GUILLAND Nik. Greg. Correspondance 302/3.
Philes (MARTINI) 88-90.
226 Kant. III, 50: II, 299.
228 Kant. III, 55: II, 336. Am 25. März 1342 unterzeichnen beide noch den Vertrag
mit Venedig (Reg. 2876).
227 Kant. III, 79: II, 491, 24f.
228 Siehe das Versprechen des APOKAUKOS an J OANNES GABALAS. Der Protostrator
ANDRONIKOS P ALAIOLOGOS war mit einer Tochter des APOKAUKOS verheiratet: Kant.
III, 52: II, 305, 2 u. 3 und III, 55: II, 329, 5. Der Sohn des Patriarchen sollte eine
Tochter des APOKAUKOS heiraten: Kant. III, 17: II, 108, 11. Ob dieser Heiratsplan
verwirklicht wurde, ist unbekannt.
2lID Kant. IIl, 12: II, 80, 17.
Kant.
III,
16:
II,
103, 11 f.
lI80
36 DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347 rüsten. In der bedenklichen innenpolitischen Situation des Herbstes 1341 Kon-
36
DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347
rüsten. In der bedenklichen innenpolitischen Situation des Herbstes 1341 Kon-
stantinopel zu verlassen, war ein nicht wieder gutzumachender Fehler des Groß-
domestikos.
APOKAUXOS schlägt zu: Die Mutter des J OANNES KANTAKUZENOS, THEODORA,
und die Gattin seines Sohnes MATTHAIOS werden gefangengenommen und die An-
hänger des Großdomestikos mit Hilfe des Volkes so unter Druck gesetzt, daß 42
Mann (nach GREGORAS sind es über 60 Leute) die Stadt verlassen müssen 231.
Diese relativ kleine Gruppe werden wir als die "engere Gefolgschaft" des Adeligen
bezeichnen dürfen, die als solche sofort angegriffen wurde 232. Wie der Verlauf des
Bürgerkrieges zeigt, blieben noch eine Reihe von cp{Aot, des Großdomestikos in der
-Hauptstadt trotz weiterer Verfolgung wirklicher oder vermeintlicher Anhänger 233.
Mit der Sammlung der Flüchtlinge in Didymoteichos und der Krönung des Groß-
domestikos zum Kaiseram
26. Oktober 1341 beginnt die erste Phase des Bürger-
krieges, die mit der Flucht des neuen Kaisers zum Serbenkral im Sommer 1342
endet. In dieser Zeit formieren sich die politischen Gruppen endgültig.
Die Zusammensetzung seiner Anhängerschaft zeigt, wie das Kaisertum des Adeli-
gen in der byzantinischen Gesellschaft beurteilt wurde. Nur drei Männer sind bei
der Krönung ausdrücklich genannt 234: die beiden Brüder der Gemahlin des neuen
Kaisers und der :n;ly~ee'V'YJ~ JOANNES ANGELOS. Leider ist die genaue Herkunft
dieser für die Erforschung des byzantinischen Gefolgschaftswesens wichtigen Per-
sönlichkeit bisher nicht feststellbar 236. Die Angeloi waren bedeutende Grundbe-
sitzer in dem strategisch wichtigen Rhodopegebiet 236. J OANNES ANGELOS gehört
zu den wenigen Persönlichkeiten, die bereits im Dienst des Kaisers ANDRONIKOS 111.
standen und nun an der Seite des JOANNES KANTAKUZENOS anzutreffen sind. Die
Gründe dafür lassen sich nur vermuten. Wenn der e:n;lreo:n;o~des stark befestigten
Kastoria 237 mit dem :n;ly~ee'V'YJ~J OANNES ANGELOS identisch ist, dann wurde er von
J OANNES KANTAKuzENos erzogen und in der Kriegskunst unterwiesen. Der Groß-
domestikos konnte damals, im Jahre 1328, auf die Unterstützung des e:n;lreo:n;o~
rechnen, obwohl dieser noch zur Gegenpartei gehörte und ein Schwiegersohn des
Protovestiars ANDRONIKOS PALAIOLOGOS war. Wirkten diese alten Bindungen 1341
nach~
Wie J OANNES ANGELOS, so stand auch der einflußreiche fliya~ :n;a:n;{a~ ALEXlOS
TZAMPLAKON im Dienst des Kaisers ANDRONIKOS 111. 238. Nach 1341 galt er als
treuer Anhänger des neuen Kaisers, wurde aber 1342 gefangengenommen. 1349
1181 Kant. III, 22: II, 137-9; Nik. Greg. XII, 11: 608.
B811 Kant. nennt sie einmal oi enti'Y/ljelwr;
exovur;
ii[J
p,syaÄcp
ljop,SGitui[J, einmal f{JtÄm.
1188 Vor allem Kant. III, 50: II, 298/9; III, 36: II, 219.
1184 Kant. III, 27: II, 167.
118& R. GUILLAND Fonctions et dignites des eunuques, REB 3 (1945) 201 = Recherches
I, 249. BINON Prostagma 149f.
Kant.
I,
54:
I, 274,
17 f.
B88
Kant. I, 54: I, 274, 2f. BOSCH Andronikos III. 46.
1187
BSB Vgl. A. 606. Zum curriculum vitae: GUILLAND Dignitaires 188/9 = Recherches I,
599. F. DÖLGER, BZ 31 (1931) 450-452 zum Aufsatz von N. BANEBCU Peut-on
identifier le ZamblacUB des documents ragusains? Mel. Oh. DIEHL 1 (1930) 31-35.
BIN ON Prostagma 383. LEMERLE Sire
Guy 283. Praktikon (LEMERLE) 293f. THEo-
CHARIDES Tzamplakones, Makedonika 5 (1959) 16lf. unterscheidet ALEXIOS TZAM-
PLAKON, Großtsausios, dann Großpapias (1327) mit dem Mönchsnamen Antonios von
37 PARTEIG~GER UND GEGNER treffen wir ihn als einen der Kommandanten des wichtigen Didymoteichos 239.
37
PARTEIG~GER UND GEGNER
treffen wir ihn als einen der Kommandanten des wichtigen Didymoteichos 239. 1356
ist er Mönch. In diesem Schicksal sind die Gründe der Parteinahme für JOANNES
KANTAKUZENOS noch weniger greifbar als bei JOANNES ANGELOS.
Nicht eigentlich als Gefolgsmann des Kaisers ANDRONIKOS II!. ist LEON KALo-
THETOS aus der ursprünglich aus Ephesos stammenden und auf Ohios mächtigen
Familie der Kalothetoi zu bezeichnen 24o • Sein Vater und der Vater des JOANNES
KANTAKUZENOS waren q;[AOt "at ol"siot, ein Verhältnis, das sich auf die Söhne
übertrug 241. Durch diese Beziehung tritt er auch in den Kämpfen um Ohios in
Verbindung mit dem Kaiser ANDRONIKOS 111. 242 • Im Bürgerkrieg aus Ohios ver-
trieben 243, tritt er am Ausgang des Bürgerkrieges in wichtiger Mission für J OANNES
KANTAKUZENOS in Erscheinung. Nach 1347 wird er Verwalter von Alt-Phokaia 2u .
Damit sind bereits die wichtigsten Persönlichkeiten unter den Anhängern des
Palaiologen ANDRONIKOS II!. aufgezählt, die auch dem neuen Kaiser die Treue
hielten. Vielleicht ist noch DEMETRIOS TORNIKES 246 und GEORGIOS PHARMAKES 246
zu ihnen zu rechnen. Einige ol"b:at, wie KOMITOPULOS und VATATZES, gingen
zur neuen Partei über, waren aber nicht unverdächtig 247 • Andere "Diener" des
Andronikos II!., wie HIERAX, MAGKAPHAS und PARASPONDYLOS, blieben JOANNES
KANTAKUZENOS gegenüber feindlich, was nicht ausschloß, daß sie einander ver-
rieten 248.
In der Vorbereitung und der ersten Phase des Bürgerkrieges sah es so aus, als ob
noch drei weitere unter ANDRONIKOS 111. einflußreiche Männer, GUY DE LUSIGNAN,
Verwalter von Serrai und Ohristupolis, MICHAEL MONOMACHOS, hch:eono~ von
Thessalien, und THEODOROS SYNADENOS, Archon von Thessalonike, zur neuen
Partei übergehen würden. Doch fallen sie alle früher oder später zur Palaiologen-
partei ab. Dabei ist zu fragen, ob nur egoistische Gründe sie zu diesem Schritt
ARSENIOS TZAMPLAKON, dessen Sohn, der erst 1333 in Erscheinung trat. ARSENIOS
ist der Mönchsname, der Laienname ist unbekannt. In diesem Zusammenhang ist
der Dienst bei ANDRONIKOS IH. wichtig. Weitere Einzelheiten lasse ich hier unerörtert.
28D Kant. IV, 32: IH, 237, 10. Reg. 3059 (1356).
240 AHRWEILER Smyrne 146/7. F. DÖLGER Chronologisches und Prosopographisches
zur byz. Geschichte des 13. Jh., BZ 27 (1927) 310. Ders., Schatzkammern zu Nr. 94.
1141 Kant. H, 10: I, 371, 15f.
2411 BosOH Andronikos IH. 113-115. P. ARGENTI The occupation of Chios I, Cambridge
1958, 61ff., 123. BosoH nennt ihn im Register JOHANNES KALOTHETOS.
248 Kant. IV. 12: HI, 84, 15f.
1144 Kant IH, 90: H, 553; IV, 44: IH, 320, 24. Dem. Kyd. schreibt an ihn zwei Briefe
(Nr. 26/7). Zu dem gespannten Verhältnis zu JOANNES V.: Reg. 3055; 3057.
246 Leider wissen wir nicht, wie sich der Großdrungar DEMETRIOs TORNIKEs, der kurz
nach dem Tod des Andronikos IH. für den Großdomestikos eintrat (Kant. IH, 2: H, 21)
weiter verhielt. Er tritt 1332 als eeio~ des ANnRONIKOS IH. (Reg. 2787) und 1324
(Reg.
2515) als dVB1pL6~ des ANDRONIKOS H. in Erscheinung (vgl. P APADOPULOS Palaio-
logen Nr. 3). 1558 unterschreibt er in einer Schenkung seiner Gemahlin Anua: Panto-
krator Nr. 3.
248 Ihm werden 1342 als treuen Anhänger des Kantakuzenen die Güter weggenommen
(Reg. 2884). Er tritt schon 1339 in Erscheinung unter ANDRONIKOS IH. (Chilandar
130, 17). Als äv(Jewno~ el&!J~ bei einer Grenzstreitigkeit wird er beigezogen. Wer ist in
dieser (unechten?) Urkunde der Aussteller?
Kant. IH, 46: H, 282.
1147
Kant. IH, 85: H, 526f.
248
DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347 38 veranlaßten oder Treue zu den Palaiologen und Abneigung gegen den adeligen
DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347
38
veranlaßten oder Treue zu den Palaiologen und Abneigung gegen den adeligen
Kantakuzenen.
Um alle drei Männer hatte sich der neue Kaiser durch eigene Schreiben bemüht.
Den Prinzen von Kleinarmenien hatte der Adelige noch zu Lebzeiten des Kaisers
ANDRONIKOS 111. näher an sich binden wollen durch die Verlobung seines Sohnes
mit einer Tochter des Prinzen. Doch dieser geht zur Gegenseite über aus Furcht,
künftig keine bedeutende Rolle zu spielen, wie J OANNES KANTAKUZENOS ver-
mutet 249. THEODOROS SYNADENOS hat noch im Frühjahr 1342 mit dem neuen
Kaiser paktiert, in kritischer Lage fällt er zu APOKAUKOS ab 260. MICHAEL MONo-
MACHOS nimmt die Apologie des J OANNES KANTAKUZENOS zwar nicht an, zögert
aber mit offenen Kampfhandlungen, eine Haltung, die ihm wohl den Verlust
einiger Güter eingebracht hat. Die Verstimmung war schnell vergessen:
1343
wird er Archon von Thessalonike 251.
Daß nur wenige Angehörige des Palaiologenhauses zur Partei des neuen Kaisers
übergehen, ist verständlich.
Zu nennen sind der Hofprimikerios J OANNES P ALAIO-
LOGOS, der nur beim Auszug aus Didymoteichos am 5. März 1342 erwähnt wird 262,
und ein nur bei einer Gesandtschaft zum Serbenkral im Dienst des Kantakuzenen
auftretender Protosebastos KONSTANTINOS P ALAIOLOGOS 263, der nicht zu ver-
wechseln ist mit KONSTANTINOS PALAIOLOGOS, dem Sohn des MICHAEL KUTRULEs.
Von diesem hatte sich JOANNES KANTAKuzENos im März 1342 Dienst und Gefolg-
schaft erhofft. Er fällt aber zu GUY DE LUSIGNAN ab 264. Er war später Komman-
dant von Serrai 265 und engster cpO.o~ und Vertrauter des APOKAUKOS, dessen
Tochter sein Sohn heiratete.
Auffallend wenig treten Mitglieder des Kantakuzenenhauses an der Seite des
J OANNES VI. in Erscheinung. Einzelne Mitglieder stehen sogar auf der Gegenseite
wie MANUEL KANTAKuzENos, der Schwiegervater des GEORGIOS CHUMNOS 266.
Alle sonst für den neuen Kaiser eintretenden wichtigen Persönlichkeiten wie
1149 Kant. UI, 32: U, 192, H. Zum curriculum vitae: LEMERLE Philippes 233. BINON
Guy passim.
260 LEMERLE Philippes 196 bezeichnet ihn 1342 bereits als heimlichen Parteigänger
des GUY DE LUSIGNAN.
261 Kant. IU, 31: H, 191, 16-18. Reg. 2872 (1342). OSTROGORSKY FeodaliM 122.
BOGIATZIDES Chronikon 164. SOLOVJEV Archonten 163f.
262 Kant. IU, 32: U, 195, 12f. Berechtigte Kritik an PAPADOPULOS Palaiologen
Nr. 136 bei DÖLGER Reg. 2514.
263 Kant. IU, 42: U, 256, 10f.
2640 Kant. IU, 32: U, 196, 3f. Es gibt keine Beweise, diesen KONSTANTINOS Pa!. mit
dem f.dyar; nanlar; KONSTANTINOS Pa!. zu identifizieren, der die Kaiserinmutter nach
Konstantinopel
holte. BoscH Andronikos IU. 31 A. 8 ohne Kritik an P APADOPULOS
Palaiologen Nr. 48.
266 Kant. IH, 55: H, 329, 2f.
Kant. IU, 20: Il, 126,15 u. 16. MANUEL ist schlecht in die Genealogie einzuordnen.
Der Sebastokrator NlKEPHOROS Kant. (Belar; des MATTHAIOS) tritt erst in Verbindung
mit MATTHAIOS in Erscheinung (Kant. IV, 33: IU, 242, 22f. IV, 42: IU, 310, 9).
Würde Belar; hier nicht streng "Onkel" bedeuten, so wäre eine Identifizierung mit dem
e~a&J des Jo. VI. Kant., namens NIKEPHOROS Kant. möglich (Kant. IU, 22: H,
139, 17). Ist dieser der ungetreue NlKEPHOROS Kant., dessen Güter KYR GEORGIOS
bekonunt (Reg. 2884)? So identifiziert F. DÖLGER.
266
rp6r;
PARTEIG;ÄNGER UND GEGNER 39 MANUEL TARCHANEIOTES 257 , DEMETRIOS KASANDRENOS258, GEORGIOS PHAKRA- SES 259 und
PARTEIG;ÄNGER UND GEGNER
39
MANUEL TARCHANEIOTES 257 , DEMETRIOS KASANDRENOS258, GEORGIOS PHAKRA-
SES 259 und GEORGIOS GLABAS 260 treten erst 1341 oder 1342 ins Licht der Geschichte.
Dies besagt freilich nicht, daß sie vielleicht nicht doch schon dem Palaiologen
ANDRONIKOS II!. dienten; doch haben sie vor 1341 keine große, erwähnenswerte
Bedeutung erlangt.
Aus diesem Durchblick über die Anhänger des J OANNES KANTAKUZENOS im Bür-
gerkrieg läßt sich der Schluß ziehen, daß das Kaisertum des Adeligen in der byzan-
tinischen Gesellschaft gerade bei den einflußreichen Männern auf Ablehnung stieß,
die vorher im Dienst der Palaiologen standen. J OANNES KANTAKUZENOS wurde
von einem großen Teil der gehobenen Schichten als Usurpator empfunden. Es gibt
Ausnahmen wie JOANNES ANGELos. Die übrigen Parteigänger, wie die beiden
Brüder ASAN und NIKEPHOROS METocHITES 26\ standen vor 1341 dem Palaiologen-
haus bereits feindselig oder wenigstens kühl gegenüber, teilweise sind sie "homines
novi". Gerade bei diesen Männern aber ist nur mit Vorsicht ein Urteil zu fällen,
da unsere prosopographischen Kenntnisse sehr lückenhaft sind. Der weitere Ver-
lauf des Bürgerkrieges ist in diesem Rahmen nur soweit zu schildern, als in den
Ereignissen Einzelheiten über das Gefolgschaftswesen und die politischen Gruppen-
bildungen sichtbar werden.
Die Anhängerschaft des J OANNES KANTAKUZENOS, unter der sich - wie in der
ersten Phase des Bürgerkrieges deutlich wird - noch viele unsichere Parteigänger
befanden, setzte sich einmal aus 42 (601) aus der Hauptstadt geflohenen Partei-
gängern zusammen, der "engeren Gefolgschaft." Sie hatten ihrerseits ihre ge-
treueste Dienerschaft mitgebracht. Dieselbe Gruppe tritt beim Auszug aus dem
"Hauptquartier" Didymoteichos am 5. März 1342 als "Edle und Blutsverwandte"
(TW'V eVye'VW'V uat ua()' alf-la n(]Oa'YjuO'VTW'V) 262 in Erscheinung. Ihre Zahl, die Die-
nerschaft mitgerechnet, betrug nach NIKEPHOROS GREGORAS 500 Mann. Jeder
267 Mit Jo. Kant. verwandt. Kant. III, 10: II, 71, 16f. (Sept. 1341: soll APOKAUKOS
in Epibatai belagern); Nik. Greg. XII, 16: 627; XIII, 4: 653; Kant. III, 54: II, 322;
III, 70: II, 430; IV, 26: III, 196 (1351 Trierarch gegen Genua; ohne Vornamen;
Protostrator); IV, 32: III, 237 (wieder ohne Vornamen; Protostrator; Archon von
Didymoteichos).
268 Dieser DEMETRIOS KASANDRENOS ist wohl im Gedicht des Cod. Ambros. 539 info
gemeint. Er folgte Jo. Kant. auf die PelopOIUles (beim ersten Aufenthalt?). Er stirbt
dort als Mönch DANIEL (S. LAMPROS, NE 4 [1907] 168f.). Kant. III, 16: II, 103; III,
31: II, 192 (von GUY DE LUSIGNAN gefangen). Ein ALEXIOS KASANDRENOS stand mit
Dem. Kyd. in Briefwechsel (Br. 49 und 50). Zu den Besitzungen der Familie in Kalamaria :
Reg. 3059 (1356). Vgl. auch zur Familie: DÖLGER Schatzkammern Nr. 125 (Bemer-
kungen).
269 Nik. Greg. XII, 16: 627; Kant. III, 32: II, 195. Kant. IV, 26: III, 196 (Protostrator
gegen Genua 1351). Ein Primikerios PHAKRASES hält 1372 Thessalonike gegen die
Türken (Dem. Kyd. Br. 77; DENNIS Manuel 33). Zu MATTHAIOS PHAKRASES, Bischof
von Serrai: DENNIS Manuel 75 A. 61.
260 GEORGIOS GLABAS nimmt am Auszug aus Didymoteichos teil (JO. Kant. III, 32:
II, 195). Während des Aufenthalts des Jo. Kant. in Serbien war er in Didymoteichos
stationiert (Jo. Kant. III, 65: II, 401, 20f.). Jo. Kant.lobt seine Anhänglichkeit. (III,
69: II, 426, 16-18). Er ist nicht zu verwechseln mit dem peyac; OLOlXb:'fJC; GLABAS:
LEMERLE Juge 309.
261 Zu ihm: GUILLAND Nik. Greg. Correspondance 358. BoseH Andronikos III. 40.
262 Kant. III, 32: II, 195,23; Nik. Greg. XII, 16: 628, 2f.
40 DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347 Vornehme der engeren Gefolgschaft des Kantakuzenen hatte demnach die durch- aus
40
DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347
Vornehme der engeren Gefolgschaft des Kantakuzenen hatte demnach die durch-
aus glaubwürdige Zahl von ungefähr 10 "Dienern" um sich.
Bei der Krönung nennt J OANNES KANTAKUZENOS neben dem Militär auch "Sena-
toren" (0;'
Tij~ aVYUA~TOV) 263. Gerade unter diesen avyuA'YJTluol befanden sich
Abtrünnige, die bereits im Winter 1341/2 in kritischer Lage nach dem vergeb-
lichen Versuch, Adrianopel zu erobern, das Lager wechseln 264,. Sind diese Sena-
toren unter den 42 Flüchtlingen aus der Hauptstadt zu suchen 1 Kommen sie aus
der Provinz 1 Gehören sie nicht zur "engeren", sondern nur zur "politischen" Ge-
folgschaft1 Nennt der Kantakuzene seine Anhänger so, um zu betonen, daß auch
er von Senat, Volk und Heer zum Kaiser ausgerufen wurde 1
Das Heer selbst mußte in den kommenden kriegerischen Ereignissen den Aus-
schlag geben. NIKEPHoRos GREGORAS scheint darüber keine genauen Nachrichten
zur Verfügung zu haben. Er spricht von einer gutausgebildeten Elitetruppe von
Schwerbewaffneten und 2000 Reitern, alle ihrem Herrn auf Tod und Leben erge-
ben, dann noch von einer doppelt so großen Zahl einfacher Soldaten 265. J OANNES
KANTAKUZENOS selbst behauptet, 1000 Reiter und 8000 Bogenschützen in Didymo-
teichos und Umgebung zurückgelassen zu haben 266. Die Stärke des ausziehenden
Heeres ist leider nicht angegeben. Im Heer befanden sich auch lateinische Truppen-
kontingente, deren Führer der Kantakuzene vor seiner byzantinischen Gefolg-
schaft nicht zurücksetzen durfte: Die vornehmsten lateinischen Söldner ziehen
dem neuen Kaiser den linken roten Schuh an 267.
Diese Gefolgschaft und dieses Heeresaufgebot war dem Adeligen nicht nur Stütze
und Rückhalt. Er spricht davon, daß er in Didymoteichos am 26. Oktober 1341
von seinen Anhängern zur Annahme der Kaiserwürde gedrängt wurde, und auch
später betont er seinen Anhängern gegenüber diesen Umstand. NIKEPHoRos
GREGORAS redet von handfesten Drohungen 268. Es dürfte berechtigt sein, an dieser
Stelle von einem,,Diktat der Gefolgschaft" zu reden. Hinzu kommen die materiellen
Forderungen, die der Adelige mit Schweigen übergeht. "Mit freigebiger Hand" hat
die Gemahlin des JOANNES KANTAKuzENos, IRENE, unter den Exulanten Geld ver-
teilt 269. Bei der großen Zahl der Anhänger und Soldaten mußte das bare Geld bald
ausgehen und NIKEPHoRos GREGORAS, der hier aus einer Sonderquelle zu schöpfen
scheint, sagt, daß der neue Kaiser im Sommer 1342, als vor Thessalonike THEo-
DOROS SYNADENOS zu ihm stieß, nur noch Schmuck,aber keine Geldmittel mehr zu
bieten hatte 270.
Verständlicherweise rechneten sich die Anhänger die Erfolgsaussichten des neuen
Kaisers genau aus. Diese Aussichten wurden von Monat zu Monat schlechter.
Nicht nur die Geldmittel fehlten; dazu kam ein strenger Winter, der Mißerfolg bei
Adrianopel, die Feindschaft der Städte Thrakiens. Nur Melnik wird durch die
cplAOl des JOANNES KANTAKUZENOS übergeben 271.
Kant. III, 27: II, 167, 2.
268
Kant. III, 29: II, 180, 10.
264
1165 Was heißt OL p.e7:'aln:ov~ T:an6p.EVoL Nik. Greg. XII, 12: 614, 20f. ?
266 Kant. III, 32: II, 195/6.
267 Kant. III, 27: II, 166, 7.
lI68 Nik. Greg. XII, 11: 610, 17f.
Nik. Greg. XII, 16: 625, 20f.
260
270
m
Nik. Greg. XIII, 2: 634, 20.
Kant. III, 38: II, 232.
DIE ZWEITE P;aASE DES BÜRGERKRIEGES 41 Im Winter sind es nur ungenannte "Senatoren" und Soldaten,
DIE ZWEITE P;aASE DES BÜRGERKRIEGES
41
Im Winter sind es nur ungenannte "Senatoren" und Soldaten, die am Schwarz-
fluß die Partei wechseln 272. Unter
ihnen ist der frühere dnoyempsv~ JOANNES
VATATZES, ein Emporkömmling und Glücksritter, den es bei keiner Partei lange
hält (siehe Kap. V). Bedenklich wird der Abfall der Gefolgschaft im Sommer 1342
vor Thessalonike: Nicht nur das Heer geht zur Gegenseite über, auch "Edle"
(svysvsiC;) kehren dem Kaiser den Rücken, also wohl auch Flüchtlinge, die im
Oktober 1341 aus der Hauptstadt geflohen waren, Glieder der engeren Gefolg-
schaft. War es ihnen
überhaupt möglich, zur Palaiologenpartei überzugehen 1
Hier bleiben manche wichtige Fragen aus Mangel an Nachrichten ungelöst. Auch
auf viele seiner obdTat kann sich JOANNES KANTAKUZENOS nicht mehr verlassen.
Zu ihnen gehört der oben (Kap. 11) erwähnte APELMENES. Schließlich beläuft sich
die Zahl der Soldaten, einschließlich ihrer Führer, die mit dem Kantakuzenen den
Weg nach Serbien antreten, auf 2000 Mann 273. Die wichtige Frage bleibt offen, ob
dazu schon die Vornehmen mit ihrer Dienerschaft zu zählen sind, die in Didymotei-
chos zusammenkamen. Dazu kommt ein weiterer Faktor: In keiner der bisher auf-
geführten Zahlen sind die Dienerschaft und die Landarbeiter des Adeligen als eigene
Größe genannt. Im Anhang von Kapitel I habe ich versucht, zu zeigen, daß wir
auf den Gütern des Aristokraten mit einer Zahl von rund 1900 Landarbeitern
rechnen können. Es ist wahrscheinlich, daß sie der Kantakuzene teilweise zum
Heeresdienst mit heranzog. Man muß berücksichtigen, daß die Güter des Adeligen
im Jahre 1342 von der Gegenseite konfisziert wurden, die Arbeiter also "abkömm-
lich" waren. Sie werden einen großen Anteil an dem kleinen nach Serbien ziehenden
Heerhaufen gebildet haben. Eine Tatsache steht fest: Die Anhängerschaft des
Kaisers war auf ein· Minimum zusammengeschrumpft, als mit dem Auszug nach
Serbien die zweite Phase des Bürgerkrieges begann, die mit dem Erscheinen
UMURS im Sommer 1343 endet. STEPHAN DusAN hat dem schwachen Gegenkaiser
nur deshalb Hilfe gewährt und ihn nicht ausgeliefert, um die Palaiologendynastie
weiter zu schwächen 274. Ein Erstarken des früheren Großdomestikos war ihm
äußerst unerwünscht.
Die letzten Stützpunkte gehen an die Palaiologenpartei verloren: Melnik, Rhen-
tina, Polystylos. Die Eroberung von Serrai mißlingt, in Didymoteichos, dem letz-
ten festen Sitz der Anhänger des J OANNES KANTAKuzENos, erhebt sich das Volk.
APOKAUKOS kann von der See aus schnell operieren und besetzt das wichtige
Christupolis. Nur 500 Getreue kann JOANNES KANTAKUZENOS noch zählen 275,
eine Zahl, die merkwürdig der Zahl der Edlen und ihrer Dienerschaft entspricht,
die den neuen Kaiser in Didymoteichos im März 1342 umgaben. Weitere Schlüsse
will ich nicht ziehen.
Zwei Ereignisse haben den früheren Großdomestikos vor dem Untergang gerettet:
Die Haltung Thessaliens und das Erscheinen des türkischen Emirs UMUR. Im
Herbst 1342 erklären sich die Bewohner von Thessalien - es waren wohl vor allem
die ~vvaTot - für den neuen Kaiser und vertreiben den Gouverneur MIOHAEL
MONoMAoHos 276. J OANNES KANTAKUZENOS kann seinen getreuen Gefolgsmann
272 Kant. IU, 29: U,
180, 10.
m Kant. IU, 41: U, 253, 10.
274 Über die Bemühungen der Palaiologenpartei um den Serbenkral : Reg.
2879;
2880; 2888.
Kant. IU, 49: II, 296, 2.
276
Kant. IU, 53: U, 309 f. Die Vertreibung des MICHAEL MONOMAOHOSist zu erschließen.
278
42 DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347 JOANNES ANGELOS in Thessalien einsetzen. Mit diesem Umschwung im Zusammen- hang
42
DIE GEFOLGSCHAFT 1341-1347
JOANNES ANGELOS in Thessalien einsetzen. Mit diesem Umschwung im Zusammen-
hang steht der Übertritt von Mjf-l0~ und aelarol von Berrhoia zum neuen Kaiser
im Frühjahr 1343 277 • Die Kräfte des Kantakuzenen waren trotz allem noch
schwach. Er muß bei einem Angriff auf Thessalonike vor den Truppen des MI-
CHAEL MONOMACHOS und denen des Serbenkrals zurückweichen. Wichtig ist, daß
ihm in dieser schwierigen Situation J OANNES ANGELOS mit einem thessalischen
Reiterheer Gefolgschaftsdienste leistet 278. So ist der Schluß berechtigt, daß der
Adelige, auf seine eigene byzantinische Gefolgschaft allein angewiesen, den Sieg
über die Palaiologenpartei nicht errungen hätte, wäre ihm nicht UMUR zu Hilfe
gekommen. Hatte dessen Erscheinen im Winter 1342/2 den Kantakuzenosan-
hängern in Didymoteichos vor dem bulgarischen Druck schon einige Erleichterung
gebracht, so bedeutet das zweite Erscheinen UMURS im Herbst 1343 das Ende der
zweiten Phase des Bürgerkrieges und den Beginn des stetigen Siegeszuges des
neuen Kaisers 279.
Nicht die Stärke der byzantinischen Gefolgschaft hat dem Kantakuzenen den Sieg
gebracht, sondern der rücksichtslose Einsatz türkischer Truppen nicht nur UMURS,
sondern später auch UROHANS, in dessen Harem eine Tochter des Kantakuzenen
als Gegenleistung gesandt wird. Nicht aus Wohlwollen kommt eine Stadt nach der
anderen in die Gewalt des früheren Großdomestikos, sondern die Übermacht
zwingt sie zur Übergabe. Zwei Beispiele stehen für viele: Im Winter 1344 zieht
J OANNES KANTAKUZENOS vor Bizye und verwüstet die Umgebung. Einer ersten
Aufforderung zur Übergabe, in der J OANNES KANTAKUZENOS ausdrücklich auf die
Schädigung der Äcker hinweist, kommen die Bewohner nicht nach, beim zweiten
drohenden Feldzug beschließt eine Volksversammlung die Übergabe, um weiteres
Unheil zu verhüten 280. Das kleine, immerhin mehr als 300 Häuser zählende Land-
städtchen Chora weigert dem neuen Kaiser die Übergabe. Ein Erdbeben, das die
Mauern zerstört, zwingt die Bewohner, um Gnade zu bitten. Kaum sind die
Mauern wieder aufgebaut, so vertreiben die Bewohner die Besatzung. Sie bleiben
in Opposition bis nach dem Endsieg des Kaisers 281.
Das Heer des JOANNES KANTAKUZENOS zusammen mit den türkischen Truppen
verwüstet ohne Gnade das Umland von Thessalonike und der Hauptstadt 282.
Türken versklaven Angehörige des byzantinischen Reiches. Im Winter 1344 wird
der Druck auf Konstantinopel immer größer. Noch vor der Ermordung des Megas
Dux im Juli 1345 geben dem Gegenkaiser "viele aus Byzanz Bericht" 283. Die
"cptAOl" des JOANNES KANTAKuzENos, von denen wir nur die Glieder der Gruppe
um ISIDOR VON MONEMVASIA näher greifen können (siehe Kap. X), sind offen-
sichtlich zu schwach, die Stadt in die Hände des neuen Kaisers zu spielen, auch
als nach dem Tod des ALEXIOS APOKAUKOS, über den sie genau Bericht geben,
Umur vor der Hauptstadt erscheint 284. Noch im Sommer 1346 kann JOANNES
277 Kant. III, 57-58: II, 353-355; Nik. Greg. XIII, 5: 654f.
278 Kant. III, 58: II, 355, 12.
279 Zur Chronologie: P. LEMERLE L'emirat d'Aydin
, Paris 1957, 144-179.
280 Kant. III, 79: II, 489-49l.
281 Kant. IU, 76: II, 477/8.
282 Kant. III, 64: II, 391; III, 81: II, 50l.
283 Kant. III, 84: II, 518, 15f.
284 Kant. III, 88: II, 545, 22ff.
UMUR UND DER BEGINN DES SIEGESZUGES 43 KANT.A.KUZENOS, der sich in Selymbria aufhält, "um mit
UMUR UND DER BEGINN DES SIEGESZUGES
43
KANT.A.KUZENOS, der sich in Selymbria aufhält, "um mit den cplJ in der Haupt-
ot
stadt zu verhandeln", keine Erfolge erzielen 286 • Die Lage ändert sich erst, als die
Umgebung der Kaiserin ANNA untreu wird. Der genuesische Flottenführer der
Kaiserin ANNA, FAZZOLATl, hatte seinen Landsleuten einige Schäden zugefügt,
ohne freilich den Kampf um Ohios entscheidend beeinflussen zu können 286. Die
Genuesen wollen den gefährlichen Landsmann beseitigen und ANNA gesteht ihm
eine Leibwache zu 287. Dadurch verstärkt sie ungewollt die Mannschaft des Ab-
trünnigen, der heimlich mit dem in Selymbria stehenden Gegenkaiser konspiriert.
Er dürfte auch die anderen Generäle der ANNA, vor allem KINNAMOS, mit dem er
verschwägert war, beeinflußt haben. Ihm schloß sich ein oluh:'Yjt; der ANNA,
namens TZYR.A.KEs, an 288.
Die Gefolgschaft des Genuesen (NIKEPHoRos GREGORAS spricht unter anderem
von den "vertrautesten seiner Verwandten", die mithalfen: TW'V eJVYYB'VW'V TOVt;
oluBWTaTOVt;) in einer Stärke von über 100 Mann hat dem Kantakuzenen den Zu-
gang zur Hauptstadt erzwungen 289. Wieder wird sichtbar, welche Bedeutung eine
kleine entschlossene politische Gruppe haben konnte. Wie ein hochgestellter
Byzantiner hatte der Genuese einen Familienclan um sich gesammelt, der ihm in
entscheidender Stunde dienen konnte. Nicht nur gegen den Ausländer, der die
Hauptstadt dem verhaßten Kaiser in die Hände spielte, richtet sich deshalb die
Volkswut im November 1354, sondern auch gegen die Häuser seiner Verwandten 290
(TW'V UaTa ye'Vot; 7C(}oeJ'Yju6'VTW'V).
Das Kaisertum des J OANNES KANTAKUZENOS stand, wie sich abschließend auf
Grund der Entwicklung seiner Gefolgschaft im Bürgerkrieg feststellen läßt, auf
schwacher Grundlage. Weite Kreise des Adels lehnten ihn ab, auf das Heer konnte
er sich in kritischen Situationen nicht verlassen, die Anhängerschaft vor allem in
den beiden größten Städten des Reiches war durch Verfolgung und Unterdrückung
stark geschwächt, in der engsten Gefolgschaft des Adeligen waren Abtrünnige zu
finden. Dazu kam der Haß des Volkes. Fremdstämmige "Freunde", Genuesen und
vor allem Türken, über deren Reichsfeindlichkeit damals nicht mehr der geringste
Zweifel bestehen konnte, haben dem Kantakuzenen das Kaisertum erobert.
285 Kant. III, 97: II, 598, 20; vgl. III, 95: II, 582, 14f. Die "Freunde" warnen J o.
Kant. vor einem gewissen MONoMAcHos : Kant. III, 97: II, 598, 9.
286 Kant. III, 95: II, 584. P. ARGENTI The occupation of Chios I, Cambridge 1958
95 f. Zu F AZZOLATI: R. GUILLAND Etudes de titulature et de prosopographie byzantines.
Le protostrator, REB 7 (1950) 170 = Recherches I, 486f.
287 Weder Kant. (III, 97: II, 600, H.) noch Nik. Greg. (XV, 7: 767, 8) geben die
Stärke dieser bewaffneten Mannschaft an.
288 Er tritt schon zu Beginn des Bürgerkrieges in Erscheinung: Kant. III, 24: II, 144,
2f. IU, 97: II, 598, 2H.
289 Nik. Greg. XV, 8: 774, 8f.
290 Kant. IV, 39: III, 290, 9f.
IV. Die Gefolgschaft nach 1347 Die Lage vom Mai 1328, als ANDRoNIKos 111. endgültig die
IV. Die Gefolgschaft nach 1347
Die Lage vom Mai 1328, als ANDRoNIKos 111. endgültig die Alleinherrschaft an-
tritt, wiederholt sich in auffallender Weise im Februar 1347, als JOANNES KANTA-
KUZENOS die Hauptstadt in den Händen hat. Die 19 Jahre auseinanderliegenden
Bestimmungen über geraubte Güter gleichen sich fast völlig 291. J OANNES KANTA-
KUZENOS erläßt ausdrücklich eine Amnestie für die Ereignisse im Bürgerkrieg,
eine Maßnahme, die Andronikos unterlassen hat. Aber auch dieser Kaiser hat
weitgehend Gnade walten lassen, ausgenommen bei THEODOROS METooHITEs.
Beamte des Kaisers ANDRONIKOS 11. nehmen auch unter ANDRONIKOS 111.
.wichtige Stellungen ein, so der Dikaiophylax GREGORIOS KLEIDAS 292, der im
Verlauf des Bürgerkrieges erwähnte Hyparch MICHAEL MONoMAoHos 293, der
Großstratopedarch MANUEL TAGARIS 294 . Von den Anhängern der Palaiologen-
partei stehen nach 1347 nur wenige im Dienst des Kantakuzenen: ANDRONIKOS
ASAN, der Schwiegervater des Kaisers, vielleicht der Großoikonomiastes MANuEL
KINNAMOS 296, der genuesische Flottenführer F AZZOLATI, dem der Kantakuzene
die Einnahme der Hauptstadt zu danken hatte. Der Sakelliu MICHAEL KABASILAS
stand im Bürgerkrieg auf der Seite der Palaiologen, 1351 unterschreibt er den
Tomos der Synode, 1354 vertraut ihm J OANNES KANTAKUZENOS eine wichtige
Gesandtschaft zum Patriarchen KALLrSTOS an 296. Sind die Identifizierungsversu-
che von F. DÖLGER richtig, so hat JOANNES V. seinem 1342 auftretenden Beamten
JOANNES MARGARITES 1348 Güter zuweisen können 297. In diesem Zusammenhang
gehört die Umwandlung eines Rentengutes in erblichen Besitz zu Gunsten von
GEORGIOS KATZARAS, einem treuen Anhänger (im Bürgerkrieg?), durch JOANNES
V.298. Der junge Palaiologenkaiser hatte also vor dem Ausbruch des Bürgerkrieges
im Sommer 1352 so viel Bewegungsfreiheit, durch Vergünstigungen seine eigenen
Anhänger an sich zu binden und damit seinem Schwiegervater indirekt zu schaden.
Viele Namen der Palaiologenpartei treten ab 1347 nicht mehr in Erschei-
291 Reg. 2716 (1328) und 2915/6 (1347). Kant. IH, 100: H, 614,8: näaav dp,vrw-rlav
naeexea(}at rwv neneayp,evwv.
m Kant. I, 44: I, 215, 20 (als Gesandter des ANDRONIKOS H.) und Reg. 2784 (1332)
und 2787 (1332). LEMERLE Juge 302, 308.
298 Nicht JOANNES MONoMAcHos wie BOSCH im Register und S. 134. Er ist Feldherr des
alten Kaisers: Kant. I, 52: I, 260, 24 (vgl. Reg. 2695). Als Hyparchos ist er enheonof;
von Thessalonike: Kant. H, 28: I, 473, 16. 1333 tritt er als needxovaa -xeq;aJ riff;
-Yj
(geaaaJ in Erscheinung: Reg. 2791. F. DÖLGER Die Mühle von Chantax, in: Byzan-
{af;
tinische Diplomatik, Ettal 1956, 199f.
294 Kant. I, 18: I,
91 und H,
6: I, 349.
206 Vgl. Reg. 2891 (1343) mit Reg. 2952 (1349). Seine Stellung im Bürgerkrieg: Kant.
IH, 36: H, 223, 21; IH, 97: H, 599, 17 f.; HI, 89: H, 549, 17.
298 Kant. IV, 37: IH, 270, 18; vgl. A. 306.
297 Vgl. Reg. 2882 mit Reg. 2938. Die Familie Margarites scheint kantakuzenosfeind-
lich gewesen zu sein: GEORGIOS MARGARITES erhält Land von Abtrünnigen (Reg. 2884:
1342). Ebenso JOANNES MARGARITES 1342: Praktikon (LEMERLE) passim.
298 Reg. 2968.
DER KURS 1347 45 ~EICHE" nung 299, SO zum Beispiel ISAAK ASAN, der noch 1346
DER
KURS 1347
45
~EICHE"
nung 299, SO zum Beispiel ISAAK ASAN, der noch 1346 zu den Generälen der Kaiserin-
mutter Anna zählt und den "Säuberungsaktionen" des ALEXIOS APOKAUKOS
nicht zum Opfer gefallen war 300. Hat der Kantakuzene die alten Anhänger der
Gegenpartei absichtlich ausgeschaltet oder stellten sie sich nicht in seinen Dienst1
Diese wichtige Frage muß nach dem Stand unserer Kenntnisse offen bleiben.
Weshalb ließ der Kantakuzene im Februar 1347 solche Milde walten und
erließ eine allgemeine Amnestie1
Das Volk in der Provinz wie in der Hauptstadt war ihm feindlich gesinnt, die
eigene Macht war begrenzt und war nicht im Stande gewesen, allein den Sieg zu
erkämpfen, die Reichtümer des Adeligen waren zusammengeschrumpft. Ein
"harter Kurs" gegen die besiegte Partei und eine Beseitigung des jungen Palaio-
logen hätten die heimliche und offene Gegnerschaft von Senatoren und Volk nur
vergrößert. MICHAEL VIII. hatte nach der Beseitigung der letzten Laskariden
vor einem Jahrhundert die Opposition nur mit Mühe niederkämpfen können.
J OANNES KANTAKUZENOS war dazu zu schwach. So sah er sich in der Zwangslage,
durch einen "weichen Kurs" seine eigenen Anhänger vor den Kopf zu stoßen und
damit die Grundlagen seiner Position zu untergraben.
Es war eine Zumutung, daß JOANNES KANTAKUZENOS von seiner, noch vor den
Toren der Hauptstadt stehenden Gefolgschaft Treueide gegenüber dem Palaiolo-
gen und seiner Mutter verlangte 301, gegen die
sie jahrelang unter großen Opfern
gekämpft hatten. Die Mehrzahl verweigerte den Eid. Wie die Opposition in den
eigenen Reihen zum Schweigen gebracht wurde, ist nicht überliefert. Später wurde
davon gesprochen, sie seien zur Eidesleistung gezwungen worden 302. Die üblichen
Rangerhöhungen 303 für treue Anhängerschaft waren ein schwacher Ersatz für die
ausgebliebene Rache. Neben den Söhnen des Kaisers selbst werden der junge
NIKEPHOROS ORSINI, die beiden Asansöhne JOANNES und MANUEL und NIKE-
PHOROS METocillTES mit neuen Würden bedacht. J OANNES ANGELOS ist nicht
mehr erwähnt und greift auch nach 1347 nicht mehr in das politische Geschehen
ein. Er war wohl damals schon verstorben 304.
Nur wenig ist von "Wohltaten" für treue Anhängerschaft im Jahre 1347 bekannt.
Mit DEMETRIOS DUKAs KABAsILAs können wir einen in der Geschichtsschreibung
ungenannten Gefolgsmann greifen, der den ganzen Bürgerkrieg hindurch mit
seinem Anhang (fip,a naull ual (]vyyevec1l ual TO'i~ olUet07:(fTol~ aVTov) (Z. 18) dem
Kantakuzenen die Treue hielt 306, und Gefangenschaft, Verbannung und Vermö-
gensentzug auf sich genommen hat. War er schon 1342 bei den 1000 Verbannten
aus Thessalonike dabei1 Mitglieder der Familie Kabasilas finden wir in beiden
Lagern im Bürgerkrieg. Der junge NIKoLAos KABASILAS aus Thessalonike hatte
für die Sache des J OANNES KANTAKUZENOS im Bürgerkrieg sein Leben aufs Spiel
299 Vgl. die Namen in Reg. 2876 (1342) und Reg. 2891 (1343) mit den nach 1347 auf-
tretenden Personen.
300 Kant. III, 89: II, 549, 15f.; III, 97: II, 599, 17f.
301 Kant. IV, 1: III, 9, 23: 7:0V~ avnp O'vv6vm~ Uw BvCav7:tov.
302 Kant. IV, 7: III, 43, 6.
303 Kant. IV, 5: III, 33; III, 90: II, 554, 15 (die "später" erfolgte Erhebung des
NlKEPHOROS METocmTE8 zum Großlogotheten).
304 Kant. IV, 20: Irr, 147, 22f. wird er in einer fingierten Rede an den Serbenkral
(1349) bereits als verstorben bezeichnet.
306 Reg. 2932/3. Zur Person: THEOCHARIDE8 Kabasilas 14f.
46 DIE GEFOLGSCHAFT NACH 1347 gesetzt und war später engster Vertrauter des Adeligen, der Sakelliu
46
DIE GEFOLGSCHAFT NACH 1347
gesetzt und war später engster Vertrauter des Adeligen, der Sakelliu MICHAEL
KABASILAS stand im Bürgerkrieg auf der Seite der Palaiologen 306.
Die nachgiebige Politik des Kantakuzenen konnte die Senatskreise nicht gewinnen.
Leider nicht näher genannte Männer bilden eine b:at(!ela, die sogar über den Kreis
der alten Palaiologenanhänger hinausging 307. Sie wollten den jungen Palaiologen
nach Galata bringen, offensichtlich um einen neuen Bürgerkrieg zu entfesseln.
Der junge J OANNES, der damals zum ersten Male Regungen zum Widerstand
gegen den Kantakuzenen zeigte, scheint sich aktiv an der Verschwörung beteiligt
zu haben 308. J OANNES KANTAKUZENOS läßt die Verschwörer zum größten Unmut
seiner Anhänger straffrei ausgehen.
Unter diesen Umständen konnten sich die alten Anhänger des J OANNES KANTA-
KUZENOS fragen, ob ein weiteres Zusammengehen mit ihm sinnvoll und gewinn-
bringend war. Es gab für sie zwei Möglichkeiten: zum Palaiologen überzugehen
oder den Sohn des J OANNES VI. KANTAKUZENOS zu der Politik aufzurufen, die sie
beim Vater vermißten. So treffen wir in der Umgebung des jungen Palaiologen
Männer, die "beim Kaiser Kantakuzenos viele Wohltaten empfangen haben und
besonders treue "Eigenleute" zu sein schienen" (oE nOAA:1]~ eVfle'Vela~ na(!a Ka'V-
Ta'KOvC'Yj'Vi[> Ti[> ßaatAe"i Tvyxa'VO'V7:8~ 'Kat 7:lß'V eV'VW'V 'Kat Ol'Kelw'V p,aAU:lTa
el'Vat) 309. Auch nach dem Schlichtungsversuch im Frühjahr 1352 310 sind vor allem
die Männer der Umgebung des Palaiologen, die "früher die Partei des Kantaku-
zenenkaisers ergriffen hatten", die Kriegstreiber 311. Diese Abtrünnigen hielt
J OANNES KANTAKUZENOS für besonders gefährlich und verlangte ihre Entfer-
nung 312 •
Es ist J OANNES KANTAKUZENOS nicht gelungen, zu verhindern, daß der nunmehr
zwanzigjährige Palaiologe eine eigene Gefolgschaft um sich aufbaute. Um ihn
dem Kreis der Senatoren in Konstantinopel zu entziehen, hat er ihn im Herbst
1350 nach Thessalonike mitgenommen, nicht wie er selbst angibt, um ihn vor
Mordanschlägen der türkischen Bundesgenossen zu schützen 313. Weshalb er ihn
dann in der kantakuzenosfeindlichen Stadt mit ANDRoNIKos ASAN zurückläßt,
bleibt ein Rätsel. Die Überwachung durch "q;lAot" genügte nichta 14 • Hier ent-
gleitet der junge Kaiser endgültig den Händen des Schwiegervaters. Der neue
Bürgerkrieg beginnt.
MATTHAIOS KANTAKUZENOS war die andere Hoffnung der Gefolgschaft des
J OANNES. Dieser verschweigt in seinem Geschichtswerk, daß einer seiner treuesten
Anhänger, JOANNES ASAN, sich MATTHAIOS zuwendet. Der Kern der Rede, die
NIKEPHOROS GREGORAS dem JOANNES ASAN in den Mund legt 316 , deckt sich mit
l50'KOV'VTe~
306 Kant. III, 73: II, 445, 3 (= Reg. 2901); III, 99: II, 609, 12f. Bereits Reg. 2743
(nach 1329)? vgl. MM I, 323f.
307 Kant. IV, 6: III, 42, 15f.: TWV yae
avy'XÄrrr:t'Xwv
Tt'ver;
€'X TWV :rt(!67:8(!OV :rtoÄep0VvTwv
ßaatÄe'i 'Xal äÄÄovr; Tijr; aVTijr; 'Xe(!apelar; :rt(!oaerat(!taa.pevot.
308 Kant. IV, 7: III, 44, 5-7.
309 Kant. IV, 27: III, 200, 18f.
310 Reg. 2989.
311
Kant. IV, 33: III, 242, 2-4 Ta KavTa'Xovt;'Yjvofi Tofi ßaatÄewr; fI(!WtEvot :rt(!6Te(!oV ••
••
Kant. IV, 34: III, 252.
312
Kant. IV, 17: III, 114.
313
Kant. IV, 27: Irr, 204, 16f.
314
Nik. Greg. XVI, 2: 798-801.
316
AUSLÄ;-NDISCHE TRUPPEN 47 den knappen Nachrichten im Geschichtswerk des Kaisers über die Stimmung seiner
AUSLÄ;-NDISCHE TRUPPEN
47
den knappen Nachrichten im Geschichtswerk des Kaisers über die Stimmung
seiner Gefolgschaft: Sie fürchtet sich vor der Rache der Palaiologenpartei, wenn
diese an die Macht kommt. In einem eigenen Herrschaftsgebiet (die Gegend um
Didymoteichos und Adrianopel ist in Aussicht genommen) suchen sie für sich,
für ihre Verwandten und Freunde Schutz und Sicherheit 316. MATTHAIOS soll an
ihrer Spitze stehen. Es sind die gleichen Forderungen, die die Gefolgschaft des
Kantakuzenen im Oktober 1341 gestellt hat: Sicherheit durch eine eindeutige
Politik.
Man wollte wissen, für wen und gegen wen man kämpfte, man erstrebte
eine "sichere Hoffnung für die Zukunft" ( 8J
nlfJa
Tlya ßeßalay fJeoy n(!of; Ta Il,8AAOYTa
na(!eXe(]()at) 317. Schon während des Bürgerkrieges wurde MATTHAIOS von Heer und
Senat die Kaiserkrone angeboten 318. In den Augen der Gefolgschaft wäre damals
die Lage eindeutig geklärt gewesen: Die Palaiologen werden beseitigt, ihre Partei
unterdrückt (dies fürchten die Kantakuzenosanhänger nun für sich selbst),
KANTAKUZENOS, Vater und Sohn, werden Kaiser als Anfang einer neuen Dynastie,
die Gefolgschaft genießt uneingeschränkt den Sieg. 1347 war dem Kaiser JOANNES
KANTAKUZENOS dieser "harte Kurs" unmöglich.
Der Vater hat trotz aller Versöhnungsversuche im Grunde die Politik des Sohnes
gebilligt, klare Fronten zu schaffen und eine eigene Herrschaft aufzubauen. Er
kommt seinem Sohn so rasch wie möglich nach Adrianopel zu Hilfe 319, als der
Kampf mit dem Palaiologen beginnt, und setzt der Erhebung seines Sohnes
MATTHAIOS zum Kaiser keinen erkennbaren Widerstand entgegen. Auffallend
ist, daß diese Erhebung nicht schon zu Beginn des Bürgerkrieges im Sommer 1352,
sondern erst nach langen Kämpfen im Frühjahr 1353 stattfindet.
J OANNES KANTAKUZENOS gibt in seinem Geschichtswerk selbst zu, daß er seinem
Sohn einen Teil des Reiches als unabhängiges Herrschaftsgebiet zugedacht hat,
freilich - wie er versichert - ohne Nachfolger 320. Es ist der gleiche Plan, der den
Anhängern des MATTHAIOS vorschwebte.
In wichtigen Punkten wiederholen sich vom Jahre 1352 an die Ereignisse des
ersten Bürgerkrieges: Die Kantakuzenen sind unbeliebt. Vom Volk ist bei der
Ausrufung des MATTHAIOS zum Kaiser nicht die Rede 321, das Volk von Adrianopel
leistet erbitterten Widerstand gegen MATTHAIOS, die übrigen Städte Thrakiens
gehen "bereitwillig" zum Palaiologen über 322. Wie im ersten Bürgerkrieg wird
der Kampf ohne jede Rücksicht auf die Bevölkerung und nationale Interessen
mit fremden Truppen auf beiden Seiten geführt. Daß diese bei dem Geldmangel
in beiden Lagern noch einigermaßen regulär besoldet werden konnten, ist undenk-
bar. Die Raubzüge dieser türkischen und serbischen Truppen haben das Letzte
geplündert, das der vergangene Bürgerkrieg noch übrig gelassen hatte. Von den
Türken wurde die Bevölkerung versklavt. Mit diesen Horden wurde rücksichts-
loser Druck ausgeübt. Zu Beginn des Krieges soll J OANNES KANTAKUZENOS der
Nik. Greg. a. a. O. 801, 23 spricht ausdrücklich von avyyeveat "al cplJ.,ou;.
316
Kant. IV, 35: IU, 257, 14.
317
Kant. UI, 92: U, 564/5.
318
Kant. IV, 33: IU, 243.
319
Kant. IV,
39: IU,
280, 21 f.
320
321 Nik. Greg. XXVIU, 43: UI, 204 macht keine näheren Angaben über den Krö-
nungsvorgang. Kant. IV, 36: IU, 260, 16f. spricht nur von aVY"ArJu"ol, evyeveareeot,
ÖClot TOV aTeauwu"ov "aTaA6yov.
822 Kant. IV, 33: IH, 242, 14.
48 DIE GEFOLGSCHAFT NACH 1347 Bevölkerung der Hauptstadt gedroht haben, er werde sie dem Wüten
48
DIE GEFOLGSCHAFT NACH 1347
Bevölkerung der Hauptstadt gedroht haben, er werde sie dem Wüten seiner türki-
schen Verbündeten preisgeben, falls sie die Hauptstadt dem Palaiologen über-
geben würden 323.
Überblickt man die Zahlenangaben der auf beiden Seiten kämpfenden Truppen,
so wird deutlich, daß der byzantinische Anteil am Heerespotential, geschweige
denn die engere Gefolgschaft des Kantakuzenen und des Palaiologen überhaupt
nicht ins Gewicht fiel. J OANNES KANTAKUZENOS war mit einem Heer von 600
byzantinischen Soldaten und 1000 Katalanen und Türken seinem Sohn im Sommer
1352 zu Hilfe geeilt 324. Wenige Monate später bittet er seinen Schwiegersohn
UROHAN um 20000 Schwerbewaffnete 325. Ist diese Zahlenangabe von NIKEPHoRos
GREGOR.AS auch wohl übertrieben, sie zeigt die Stärke der fremden Truppen aufbyzan-
tinischem Gebiet. Der Gegenseite schickt der Serbenkral 7000 Reiter 326 • Die Stärke
der vom Bulgarenzaren dem Palaiologen gesandten Mannschaft ist unbekannt 327 •
Nicht die Feldschlacht hat den Bürgerkrieg entschieden, sondern die Kühn-
heit des jungen Palaiologen und die Abneigung und Feindschaft der haupt-
städtischen Bevölkerung gegen die Kantakuzenen. Der erste Versuch des
Palaiologen, im März 1353 heimlich in die Hauptstadt zu gelangen und mit Hilfe
seiner qytAOl, die das Volk aktivieren sollten, die Macht zu übernehmen, scheiterte
am entschlossenen Vorgehen der Kaiserin IRENE. Sie setzte im rechten Moment
"die zuverlässigsten Leute unter den Verwandten und Freunden und deren engsten
Anhang" (TWY Te O'vyyeYWY ",at qytAWY TOV~ nlO'TOT(lTOV~ ",al TOV~ O'qytO't ftaAlO'Ta
neoO'eXOYTa~) ein,
die die Stadt bewachen und das Volk einschüchtern sollten 328.
Die Freunde des Palaiologen wagten keinen Widerstand. Die Mannschaft des
jungen Kaisers, die er auf einer Triere und 18 Kähnen, Einruderern und Zwei-
ruderern mitbrachte, dürfte nicht allzu groß gewesen sein 329 • Wie im Jahre 1321
klärte der rasche Einsatz der Gefolgschaft die Lage. Die Gefolgschaft des Kanta-
kuzenen war im März 1353 also noch in der Lage, sich in der Stadt zu behaupten.
Warum gelingt dies beim zweiten Erscheinen des Palaiologen im November 1354
vor der Stadt nicht mehr, als er bei Nacht mit zwei Trieren und 16 Einruderern
erscheint 330 1 War die Gefolgschaft des Kantakuzenen
in den eineinhalb Jahren
so zusammengeschmolzen, daß sie keinen Widerstand mehr bieten konnte 1 Die
Erklärung für den Erfolg des Palaiologen liegt m. E. an einem anderen Punkt:
Es gelang dem Palaiologen vollständig überraschend, mit List bei Nacht in die
Stadt zu kommen, nach DuK.AS mit der ansehnlichen Mannschaft von 500 Mann 331.
823 Reg. 2996.
824 Kant. IV, 33: III, 243, 18f. (ohne Zahlenangaben); die Zahlen bei Nik. Greg.
XXVIII, 2: III, 177.
826 Reg. 3000. Wohl identisch mit Reg. 2998.
826 Kant. IV, 34: III, 246, 2lf. Vgl. Reg. 2992.
827 Der Zar hatte seine Hilfe zugesichert: vgl. Reg. 2997.
828 Kant. IV, 35: In, 255, 14f.
829 Die Anzahl der Schiffe nur bei Nik. Greg. XXVIII, 18: IIl, 187, 22f. Die Schiffe
stammten wohl schon von FRANCESCO GATTILUSro.
830 Wieder hat Nik. Greg. die genaueren Zahlen: XXIX, 27: UI, 241, 20f. Kant. IV,
39: III, 284, 19f. spricht nur von einer Triere und einigen Einruderern.
831 Dukas XI, 4 (ed. V. GRECU, Rumän. Akademie der Wiss. 1958,69, 13). Die hübsche
Anekdote, die Dukas wohl aus einer Sonderquelle erzählt, läßt sich mit den Nach-
richten bei Jo. Kant. und Nik. Greg. vereinen.
DIE AlJDANKUNG 1354 49 Nach MATTEO VILLANI hat JOANNES "mit einigen seiner Barone" (con certi
DIE AlJDANKUNG 1354
49
Nach MATTEO VILLANI hat JOANNES "mit einigen seiner Barone" (con certi
de'suoi Baroni) vor der Einnahme der Stadt verhandelt 332 • Sie sichern ihm ihren
Gehorsam zu. Die Nachricht könnte wahr sein. Dagegen spricht, daß J OANNES
durch diese Verhandlungen, mit den "Baroni" (es sind die q;lJ von 1353) die
Ol
Aussicht auf den Überraschungserfolg vermindert hätte. Jedenfalls konnte die
Gefolgschaft
des
J OANNES
KANTAKUZENOS
nicht
mehr
rechtzeitig eingesetzt
werden.
Die Indizien sprechen dafür, daß der Kantakuzene nicht sofort aufgab. Er mobili-
sierte alle Anhänger (namentlich genannt sind sein Schwiegersohn NIKEPHOROS
ORSINI, ANDRoNIKos ASAN und sein Sohn MATTHAIOS), auch die in Thrakien
stehenden türkischen
Truppen 333. Ob er diesen Schritt nur "seiner Umgebung
willen" (rwv (J'vv6v7:wV lvc~a) getan hat, wie er behauptet, also unter Druck, ist
zweifelhaft 334. In diesem Zusammenhang erfahren wir, daß nicht nur meist wohl
seit dem genuesischen Krieg angeworbene Katalanen die Gefolgschaft des Kanta-
kuzenen verstärkten, sondern alterprobte lateinische Söldner, die seit 1342 beim
Abzug nach Serbien auf der Seite des Adeligen standen und nun die starke Be-
festigung am goldenen Tor bewachten. NIKEPHOROS GREGORAS berichtet, der
Kantakuzene habe ,,100 vornehmste Senatoren" (o/' 7:ifc; (J'vy~J n(2ovxov7:cC;)
mehr oder weniger gezwungen im Palast versammelt, um Mitstreiter zu haben 336.
Aus Nahrungsmittelknappheit war JOANNES KANTAKUZENOS nach drei Tagen
zum Nachgeben gezwungen. Nach dem Vertragstext vom 24. November 336 war
noch keineswegs an einen Rückzug ins Kloster gedacht. Die Kostenfrage der
beiden Hofhaltungen wird geregelt. Erst am 10. Dezember zieht sich der Kanta-
kuzene zurück 337. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß es dem Kaiser durch den
Druck des Volkes und der Palaiologenpartei unmöglich war, eine eigene Hofhal-
1}7:0V
tung aufzubauen.
NIKEPHOROS GREGORAS spricht von Mordandrohungen 338. Der
Eintritt ins Manganakloster war ein durch die innenpolitischen Verhältnisse
notwendiger Schritt, der J OANNES KANTAKUZENOS für seine Person einigermaßen
Sicherheit bot. Wie die Folgezeit zeigt, war für den adeligen Exkaiser das ideelle
Motiv der "Weltentsagung" nicht bestimmend 339.
Der Bürgerkrieg zwischen MATTHAIOS und dem Palaiologen ging nach einer kurzen
Pause im Winter 1354/5 unvermindert weiter. Wieder soll die Umgebung des
Palaiologen zum Krieg geschürt haben 340. Verständlicherweise gehen weitere
382 Villani VIII, 46: Muratori RIS 14 Sp. 268/9.
833 Reg. 3027.
884 Kant. IV, 39: III, 288, 8.
886 Nik. Greg. XXIX, 28: III, 242.
Reg. 3032.
386
Kurzchronik ed. LAMPROS, NE 7 (1910) Nr. 64 S. 143.
887
838 Nik. Greg. XXIX, 30: III, 243. Daß J o. Kant. mit allen Mitteln versuchte, am
Ruder zu bleiben, betont mit Recht FRANZES Volksbewegung 143. Man braucht gerade
von der Entwicklung der Gefolgschaft her J o. Kant. nicht den Vorwurf zu machen, sein
Rückzug ins Kloster sei ein "unbegreiflicher Schritt" gewesen, er habe sich die Ab-
dankung "zu schwer und zu leicht" gemacht. PARISOT Cantacuzene 298. Vgl. J.
DRÄsEKE, BZ 9 (1900) 75.
889 Gegen F. DÖLGER Kaiser und Mönch auf dem Athos, in: Le Millenaire du Mont
Athos I, 1963, 147.
340 Kant. IV, 42: III, 309, 23.
DIE GEFOLGSCHAFT NACH 1347 50 Anhänger der immer schwächer werdenden Kantakuzenenpartei zum Gegner über; so
DIE GEFOLGSCHAFT NACH 1347
50
Anhänger der immer schwächer werdenden Kantakuzenenpartei zum Gegner
über; so NIKEPHoRos ORSINI 3 41 und JO.ANNES As.AN, der von JO.ANNES V. P.AL.AIO-
LOGOS als Kommandant von Peritheorion eingesetzt wird 342. Treu
bleibt für
einige Zeit noch der Despot MANUEL AS.AN, der Bruder des JO.ANNES, als Komman-
dant von Bizye. MANUEL bittet im Frühherbst 1355 den Palaiologen - angeblich
von Geldnot geplagt - um Verzeihung und um Bestätigung seiner Kommando-
steIle in Bizye 343 • LEON K.ALOTHETOS, der alte Vertraute des JO.ANNES K.ANT.A-
KUZENOS, leistet aus der Ferne seinem alten Freund einen Dienst, indem er bei
der Herausgabe des Sohnes des Emirs URCH.AN Schwierigkeiten macht 3u .
Im Sommer 1357 ist "die eigene Macht" des M.ATTH.AIos, also wohl nicht nur die
ihm verbliebenen Soldaten, sondern auch ein Teil seiner engeren Gefolgschaft,
in der allgemeinen Notlage nicht mehr zuverlässig 345. So beschließt er, nur mit
seiner ihn umgebenden Dienerschaft (äp,a obdTat~ TOl~ O'vpovat) auszuziehen.
Diese Gruppe der engeren Gefolgschaft erscheint also noch in dieser bedrängten
Lage am zuverlässigsten. Über die türkische, immerhin 5000 Mann starke Armee
hat er keine Autorität mehr. So endet die so verheißungsvoll begonnene Expedition
in das serbische Gebiet mit seiner Gefangennahme durch CES.AR VOJN.A 346.
Der Traum eines langdauernden Kaisertums des Kantakuzenenhauses war aus-
geträumt. Nicht war der Einfluß des Adelshauses gebrochen. Wie in den Jahren
1328 und 1347 wird im November 1354 allgemeine Amnestie gewährt; ausdrück-
lich wird eine Streichung der Einkünfte und Zurücksetzung im Rang verboten 347.
Ob diese Bestimmung die Furcht derer, die "ihm (d. h. J O.ANNES K.ANT.AKUZENOS) be-
sonders treu anhingen" (TWP ~6 ns(!1, aVToP
p,aAtO'Ta Ot svpw~ uat ob,elw~ exoPTs~) 348,
nach den Tagen der schweren Verfolgungen wirklich nehmen konnte, bleibt
fraglich. JO.ANNES V. hat jedenfalls wie seine Vorgänger einen "weichen Kurs"
eingeschlagen. Warum 1 Die Gefolgschaft des Exkaisers hatte im März 1353 be-
wiesen, daß sie - richtig eingesetzt - stark genug war, die Hauptstadt zu halten.
Kantakuzenenfreundliche Söldnertruppen standen in der Stadt und draußen in
der Provinz. Von 1354-1357 war der Sohn des Exkaisers noch im unentschiedenen
Krieg mit dem Palaiologen verwickelt. Noch am Ende des Bürgerkrieges 1357
sollen von "vielen" Byzantinern aus der Hauptstadt Briefe an M.ATTH.AIOS ab-
gegangen sein, in denen sie ihre Liebe zu ihm bezeugten und seinen Widerstand
stärkten 349. Der etwas phantastische Plan des olueT'YJ~ SEJ.AN, M.ATTH.AIOS zu
befreien, bezieht auch die "eplAot" der IRENE, nach 1354 der Nonne EUGENI.A, mit
A. a. O. 310.
841
A. a. 0.314, 9f. Vgl. Nik. Greg. XIX, 38: III, 249.
842
Nik. Greg. XXXVI, 18: III, 510/1. Es scheint, daß MANUEL das Kommando seines
848
Vaters in Bizye angetreten hat. 1354 wird ANDRONIKOS von Jo. Kant. aus Bizye her-
beigerufen; vgl. Reg. 3027 und Kant. IV, 40: III, 293, 25. Im Frühjahr 1355 kommt
MATTHAlOS zu MANUEL ASAN nach Bizye: Kaut. IV, 44: III, 320, 1f.
Kant. IV, 44: III, 322; vgl. Reg. 3057.
844
Kant. IV, 44: III, 325,
2f.
.,. p~ .~v olxelav bWPEv1]V lXew ~vvaptv lvopd;ev ovx
846
UmpaA8(;
846 Zu ihm: Kutlumus (LEMERLE) 112. G. OSTROGORSKY Das serbische Gebiet nach
DusANs Tod (serbokr.), Belgrad 1965, 15-17.
847 Reg. 3032. Kant. IV, 40: III, 292, 14f.
848 Kant. IV, 42: III, 307, 13f.
849 Nik. Greg. XXXVII, 66: IU, 565.
DIE KANTAK'1ZENENPARTEI NACH 1354 51 ein. Daraus ist zu schließen, daß diese in beachtlicher Zahl
DIE KANTAK'1ZENENPARTEI NACH 1354
51
ein. Daraus ist zu schließen, daß diese in beachtlicher Zahl in der Hauptstadt
saßen, der Nonne jederzeit erreichbar. Bis 1383 gelingt es den Palaiologen nicht,
die Kantakuzenen aus der Führerstellung auf der Peloponnes zu verdrängen,
obwohl der Palaiologe schon 1352 die Söhne des alten Kantakuzenosgegners
IsAAK. ASAN nach dem Süden geschickt hatte, um MANUEL KANTAKUZENOS zu
verdrängen 360. Alle diese Überlegungen mußten J OANNES V. P AL.AIOLOGOS
zu
einem "weichen Kurs" gegenüber der unterlegenen Partei im Jahre 1354 drängen.
L. MAKSIMOVIC meint 361 , daß "John V. was not a kind of person who would insist
on Cantacuzenus' complete ejection from public life". Die politische Klugheit, die
geschickte Verhandlungskunst, das militärische Können des Exkaisers mögen
den jungen Palaiologen wichtig gewesen sein. M. E. geben aber weniger psycholo-
gische Erklärungen, für die unsere Quellen eine zu schmale Grundlage bieten, eine
Lösung als vielmehr die innenpolitischen Verhältnisse, denen sich J OANNES V.
gegenüber sah.
In einer großen, von JOANNES V. einberufenen politischen Versammlung gibt der
Exkaiser noch vor seinem Eintritt ins Kloster am 10. Dezember sein Votum.
Gerade die jüngeren Teilnehmer tadeln die Osmanenpolitik des Kantakuzenen 362.
Unter diesen "Jüngeren", die von JOANNES KANTAKUZENOS als "Unverständige"
bezeichnet werden, ist die Opposition zu suchen, die den Exkaiser zum Eintritt
ins Kloster veranlaßte. Die Regelung über die Hofhaltungskosten scheint damit
hinfällig geworden zu sein. J OANNES KANTAKUZENOS hielt sich schadlos, indem
er beim Einzug ins Manganakloster nicht nur das Lebensnotwendige mitnahm,
sondern "der ganze gerade in den kaiserlichen Schatzkammern gesammelte Reich-
tum, kurzgesagt alles, was nicht niet- und nagelfest war, folgte ihnen; und der
Palaiologe ließ
es zu aus Scheu vor seinem Schwiegervater 363".
Soweit wir das Itinerar des Exkaisers verfolgen können, wechselt sein Aufenthalt
zwischen der Hauptstadt und Mistra. Dort auf der Peloponnes war der letzte
Stützpunkt der politischen Macht des Adelshauses. In einem einjährigen Aufent-
halt wohl vom Jahr 1360 ab versucht er das Mißtrauen der beiden Brüder MAT-
TH.AIOS und MANUEL zu beseitigen 364. Vom Jahre 1369 bis 1371 ist ein zweiter
Aufenthalt dort zu erschließen. In seinem letzten Aufenthalt vom Jahre 1381 bis
1383 erlebte er den Niedergang der Herrschaft seiner Familie im Süden Griechen-
lands durch Zwistigkeiten zwischen MATTHAIOS KANTAKUZENOS und seinem Sohn,
der sich mit lokalen ~v'Va7:ol verbunden hatte, und durch den Druck der Palaio-
logen 366. J OANNES KANTAKUZENOS, dessen politische Rolle in Griechenland
leider weitgehend im Dunkeln bleibt, konnte diesen Niedergang nicht aufhalten.
850 Kant. IV, 13: III, 89. ZAKYTHINOS Despotat 99 setzt dieses Ereignis erst auf 1355,
also in die Zeit des Kampfes zwischen MATTHAIOS und J OANNES.
851 Abdication 189.
852 Kant. IV, 40: III, 295f. Vgl. BECK Volk 70.
858 Nik. Greg. XXIX, 30: IH, 243/4. Das Kloster wurde schon zu seiner Kaiserzeit
mit Schenkungen bedacht: Reg. 2963 (1350).
854 MAKSIMOvro Abdication 155/6 mit weiterer Lit.
855 Hauptquelle : MANUEL P ALAIOLOGOS Epitaphios ed. LAMPROS lIaÄawÄ6yeLa xal
lIeÄono'V'V'YJataxd III, Athen 1926, 34f. MAKSIMovro Abdication 181-186. DENNIs
Manuel 114f. R.-J. LOENERTZ Pour l'histoire du Pelopones au XIVe siecle, REB 1
(1943) 161-166.
52 DIE GEFOLGSCHAFT NACH 1347 Von DEMETRIOS KYDONES ist der Exkaiser gepriesen, daß er den
52
DIE GEFOLGSCHAFT NACH 1347
Von DEMETRIOS KYDONES ist der Exkaiser gepriesen, daß er den Sohn "die not-
wendigen Maßnahmen durchführen ließ" (ßaO'lAeW~ TOV naTeO~ ela'Y}yovp's'JIOV Ta
~eO'JITa)368.
Es bestehen Anzeichen, daß JOANNES V. PALAIOLOGOS besonders nach dem Ver-
schwinden des MATTHAIOS KANTAKUZENOS als Rivalen versuchte, die alten
Kantakuzenosanhänger immer mehr auszuschalten; doch sind unsere prosopo-
graphischen Kenntnisse zu gering, um eindeutige Schlüsse zu ziehen.
Gerade nach 1358 tauchen viele neue Namen auf, wenn man die Kaiserregesten
verfolgt. NIKEPHoRos METocHITEs signiert 1357 zum letzten Mal einen Staats-
vertrag 367, DEMETRIOS DUKAS KABASILAS, der
oben erwähnte Anhänger des
J O.ANNES KANTAKUZENOS, tritt 1369 als ~OVAO~ und ol"eio~ des Palaiologen in
der Stellung eines p'sya~ äexw'JI in Thessalonike auf 36S, vielleicht ist MANUEL
TARCHANEIOTES, der in derselben Urkunde 1369 ebenfalls als ol"eio~ des Palaio-
logen auftritt und der 1378 von ANDRoNIKos IV. Besitzrechte erhält 359 , mit dem
Protostrator, einem getreuen Anhänger des Kantakuzenen im Bürgerkrieg,
identisch. Es ist möglich, daß der "katholische Richter" MANUEL ANGELOS, der
1352 und 1354 auftritt,
nochmals 1369 als Zeuge signierta 60 • Die drei letztgenann-
ten Männer können als Anzeichen gelten, daß eine Kontinuität im Personenkreis
der Regierung des Kantakuzenen und Palaiologen bestand. Das beste Beispiel
ist DEMETRIOS KYDONES, der erste Mann im Staat zur Zeit des Kaisertums des
J O.ANNES VI. KANTAKUZENOS. Rückblickend erinnert KYDONES 361: "Da es auch
dir, mein Kaiser (JO.ANNES V.), richtig erschienen war, dem Urteil des voran-
gegangenen Kaisers (JO.ANNES VI. K.ANTAKUZENOS) zu folgen und du darauf ver-
trautest, daß meine Meinung dir zur Erledigung der Staatsaufgaben nützen werde
- ich weiß nicht, woher du zu dieser Meinung kamst - da beriefst du mich ehren-
voll
" 1355 holt sich ein junger Herrscher den erfahrenen Ratgeber seines Vor-
gängers an seine Seite - ein Vorgang, der sich noch oft in der Geschichte wieder-
holen sollte. Ein Anhänger des Kantakuzenen war aber der Minister bald nicht
mehr. Die palamitische Frage, vor allem die ungerechte Behandlung des Bruders,
PROCHOROS KYDONES, die Stellung zur römischen Kirche, bewirkten eine tiefe
Trennung.
Alte Kantakuzenosanhänger wie PmLOTHEOS KOKKINOS haben die enge Ver-
bundenheit zwischen J O.ANNES VI. KANTAKUZENOS und J OANNES V. P ALAIOLOGOS
mit hohen Tönen gepriesen 362. Zurückblickend wird man diesen Worten nur
halben Glauben schenken können. Gewiß, der Exkaiser gehörte als "ßaO'lAeV~"
zu den Honorationen, an die sich die Päpste wandten. Er wird von JOANNES V.
zum Wortführer der Diskussion mit dem Legaten P AUL bestimmt. Offiziell
spricht JOANNES KANTAKUZENOS noch 1368/9 in einem Brief an den Patriarchen
P AUL von, ,seinem Kaisertum" (~ ßaalAela ftOV) 363. Auch den Brief an den Bischof
Dem. Kyd. Br. 241, 42f.
858
Reg. 3070.
867
858 Zographu Nr. 44.
859 Reg. 3158. Zu ihm A. 257.
880 Reg. 2989 (1352); MM I, 345 (wohl 1354); Reg. 3122 (1369). LEMERLE Juge 311
vollzieht diese GleichsetzWlg nicht.
881 Rede an Joannes V. ed. LOENERTZ Dem. Cyd. Correspondance I, 11, 29f. Kap. 3.
Contra Gregoram PG 151 Sp. 1129/30.
8811
Cod. Paris. 1242 fol. 81 r.
888
DIE HALTUNG VON JOANNES V. NACH 1354 53 I von Karpasia unterschreibt J OANNES KANT.AKUZENOS
DIE HALTUNG VON JOANNES V. NACH 1354
53
I
von Karpasia unterschreibt J OANNES KANT.AKUZENOS mit der vollen Kaiser-
titulatur 364.
Aber derselbe J OANNES V. anulliert Verfügungen des Vorgängers 365, macht eine
Politik mit dem Westen, die der politischen Konzeption des Vorgängers konträr
gegenübersteht, er verhindert hartnäckig die Ehe des J OANNES LASKARIS KALO-
PHEROS mit einer Kantakuzenin, so daß sich sogar der Papst einschalten muß 366.
Hier macht sich deutlich eine Abneigung gegen die rivalisierende Adelsfamilie
bemerkbar. Eine damnatio memoriae der Familie hat es nie gegeben. THEoDoRos
KANT.AKUZENOS zum Beispiel, der Urenkel des Exkaisers, findet sich in der Um-
gebung des Kaisers MANUEL PALAIOLOGOS 1383 367 , 1423 unterzeichnet
DEMETRlos
P ALAIOLOGOS KANT.AKUZENOS als 8;a~8}.fP6r; des Kaisers den Vertrag mit Vene-
dig 368 , 1447 nimmt ANDRoNIKos PALAIOLOGOS KANTAKuzENOS als Großdomesti-
kos die gleiche Stellung ein, die einst sein Vorfahre innehatte 369. Nicht einmal auf
der Peloponnes wurden die Kantakuzenen restlos verdrängt. 1431 finden wir
einen GEORGIOS P ALAIOLOGOS KANT.AKUZENOS als Gesandten des Despoten
KONSTANTINOS PALAIOLOGOS nach Ragusa 370 •
Die Anhängerschaft des Exkaisers tritt politisch nach 1354 nicht mehr in Er-
scheinung, wenn man von einer recht unglaubwürdigen Nachricht des MATTEO
VILLANI absieht, daß die Türken den Palaiologen JOANNES V. 1360 durch An-
hänger des JOANNES VI. KANT.AKUZENOS ermorden wollten 371.
Hat sich die Gefolgschaft auf die Peloponnes zurückgezogen 1 1379 ist J OANNES
KANTAKUZENOS und seine Familie schutzlos dem Kaiser ANDRoNIKos IV. aus-
geliefert, der sie nach Pera mitnimmt und von den Genuesen gefangen halten
läßt 372. So verschwindet die noch 1353 politisch so wirksame Personengruppe
durch die Dürftigkeit der Quellen plötzlich unserem Gesichtsfeld. Gerade die
Auflösung der "engeren Gefolgschaft", die nach dem Klostereintritt des J OANNES
KANT.AKUZENOS als sicher anzunehmen ist, würde ein Licht auf diesen Personen-
kreis werfen.
REB 17 (1959) 21.
864
Reg. 3048. Matthaio8 (HUNGER) Kap. 7 S. 298.
866
HALECKI Empereur 93. In Dem. Kyd. Br. 73, 46 sind die Kantakuzenen als TCOV
866
'Z'fj~ dexfj~ bu(Jv/-lovv'Z'wv bezeichnet.
367 Dem. Kyd. Br. 254.
368 Reg. 3408.
869 Reg. 3516.
370 MM IV, S. XI, XII. ZAKYTHINOS Despotat 221.
371 VILLANI in: Muratori RIS 14 Sp. 649/50.
872 DENNIS Manuel 41 mit Belegen. Vor allem Dem. Kyd. Br. 222, 92-125.
v. Soziale Mobilität in der Zeit des Joannes Kantakuzenos Die Betrachtung der sozialen Mobilität in
v. Soziale Mobilität in der Zeit des Joannes Kantakuzenos
Die Betrachtung der sozialen Mobilität in der spätbyzantinischen Gesellschaft
kann einen schwierigen Fragenkomplex ausklammern, der bei der Erörterung
der sozialen Mobilität im westlichen Mittelalter im Vordergrund stehen muß: das
Problem der persönlichen Freiheit in ihren verschiedenen Abstufungen 373. Alle
Personen, bei denen der steile Aufstieg von "niederen" zu "höheren" Schichten
im 14. Jh. überliefert ist (dieses Phänomen soll hier in erster Linie als "soziale
Mobilität" verstanden werden), waren in ihrer Freiheit, sowohl in ihrer Frei-
zügigkeit wie in ihrer Rechtsfähigkeit, nicht eingeschränkt 874. Bei der Betrachtung
der sozialen Mobilität in der spätbyzantinischen Gesellschaft geht es also nicht
um eine Entwicklung der persönlichen Freiheitsrechte, auch nicht um eine Be-
trachtungsweise, die erst der neuzeitliche Historiker einführt. Das Phänomen
der sozialen Mobilität hat der Byzantiner immer wieder selbst beobachtet und
darauf hingewiesen.
Die Terminologie, mit der der Byzantiner die Bevölkerungsschichten beschreibt,
die nach seinem Gesellschaftsdenken "niedrig" sind, ist ebenso unscharf und
verschwommen und bietet die gleichen Schwierigkeiten wie der Adelsbegriff.
Der Kaiser BASlLEIOS I., aus ärmlichen Verhältnissen hervorgegangen, stammte
nach den Worten des ZONARAS be na7:s(!w'V Ua17ftW'V 376. PSELLOS nennt den aus
bäuerlichen Kreisen Paphlagoniens stammenden einfiußreichen Eunuchen
J OANNES ÜRPHANOTROPHOS 7:-fJ'V 7:VX'f}'V gyavAoc; "at "a7:anBn7:W"WC; 376, ein Empor-
kömmling zur Zeit KONSTANTINS IX. wird von demselben Geschichtsschreiber
als
7:0 YS'VOC;
aa'f}ftoc;,
uYB'Vsa7:a7:oc; und
gyavA67:a7:oc; disqualifiziert 377. THoMAs,
ein Vertrauensmann des Kaisers JOANNES 11. KOMNENos stammte nach der An-
gabe des J OANNES KINNAMOS e~ ualjftw'V; er hatte sich in der Kanzlei des Kaisers
"von Jugend an" hochgedient 378. Auffallend ähnlich ist der Aufstieg des BASI-
LEIOS, aus "unbedeutender Familie" stammend (ol"lac; ugya'Vovc; YBYO'VWC;) 379.
878 Vgl. BOSL Über soziale Mobilität in der mittelalterl. Gesellsch. in: Frühformen d.
Gesellsch. im ma. Europa, München 1964, 156-179. Ders. Soziale Mobilität in der ma.
Gesellsch. in: D. Gesellsch. in d. Gesch. d. MA, Göttingen 1966, 44-60.
874 Es fragt sich, ob es Unfreiheit im späten Byzanz überhaupt gab. D. Sklaverei ver-
schwindet weitgehend (vgl. Kap. XII). Auch OSTROGORSKY FeodaliM 328, der die
Bindung an die Scholle bei den Paröken für "indiscutable" hält, gibt für die Spätzeit
zu, daß die Bauern sich "das Recht herausgenommen haben", den Grundherrn zu
wechseln. Es wird nicht abzustreiten sein, daß die Söhne der Paröken das Recht hatten,
in der Stadt sich anzusiedeln. Die Frage verdient erneut auf breiter Basis verhandelt
zu werden. Auf soziale Verschiebungen im Bauernstand zur Palaiologenzeit gehe ich
im Rahmen dieser Arbeit nicht näher ein (siehe Einleitung).
875 V gl. BEcK
Gefolgschaft 6. Keine andere erzählende Quelle charakterisiert die nied-
rige Herkunft des Kaisers so scharf wie Zonaras III, 407, 16.
I, 44 (RENAULD) (Romanos !II. Kap. XVIII).
878
II, 36.
877
Kinnamos I, 8: 19, 13.
878
Kinnamos III, 19: 132, 4.
878
DIE .,NIEDEREN" ,SOmOHTEN: TERMINOLOGIE 55 Auch er war Kanzleibeamter und wurde von Kaiser MANUEL KOMNENOS
DIE .,NIEDEREN" ,SOmOHTEN: TERMINOLOGIE
55
Auch er war Kanzleibeamter und wurde von Kaiser MANUEL KOMNENOS mit wich-
tigen militärischen Missionen betraut. Nach NIKETAs ÜHONIATES war der Kypriote
SPYRIDAN.AKES ein Handwerker aus "niedrigem Stand" (T~'V TVxr;'V X(J6'Vto~)380,
ein Diener des Kaisers ALEnos 111. (vnr;e8TOVfl8'VO~); unter anderem ist dieser
Mann ein Beispiel für soziale Mobilität in Byzanz am Ende des 12. Jh. In allen
diesen Fällen läßt sich' meist nicht nachweisen, welche Schichten und Familien
als "niedrig" disqualifiziert werden. Bei J OANNES ÜRPHANOTROPHOS ist die bäuer-
liche Herkunft aus der Provinz so gekennzeichnet, bei dem Kyprioten SPYRI-
DAN.AKES wohl das Handwerk, vielleicht auch die Herkunft aus Zypern.
Schwierig wird der Begriff der "Niedrigkeit" bei GEORGIOS MUZALON, dem ersten
Ratgeber des Kaisers THEODOROS II. LASKARIS. Nach der Aussage der byzanti-
nischen Historiker war GEORGIOS niederer Herkunft 381 und nur seine Geistes-
gaben und sein gutes Benehmen haben ihm Eingang zum Kaiserhof verschafft,
wo er mit den kaiserlichen Prinzen erzogen wurde. In diesem Fall ist der Name
der Familie durchaus nicht unbekannt: Ein Mann mit diesem Familiennamen
saß um
die Mitte des 12. Jh. auf dem Patriarchenstuhl 382 •
Ebenso trugen den Namen "Apokaukos" einige bekannte Persönlichkeiten wie
der Protospatharios und Strategos LEON APOKAUKOS, dessen Siegel aus dem 10.
oder 11. Jh. erhalten ist 383 , weiter der Metropolit von Naupaktos JOANNES APo-
KAUKOS im 13. Jh. Ein Sebastopanhypertatos J OANNES APOKAUKOS unterschreibt
den Vertrag mit Venedig im Jahre 1277 384 • Trotzdem nennt JOANNES KANTA-
KUZENOS ALEXIOS APOKAUKOS a(]r;flO~, b, qJaVAQ)'JI qJV~, a'V~ea 'Ye'Vov~ aqJa'Vov~;
ähnlich sagt NIKEPHOROS GREGORAS, ALEXIOS stamme 'Ye'Vov~ TW'V a~6~w'V385.
JOANNES VATATzEswird von NIKEPHoRos GREGORAS am7flov 'Ye'Vov~ vnaexw'V
bezeichnet 386. Ein J OANNES VATATZES ist bereits Mitstreiter des GEORGIOS
MANIAKES gegen KONSTANTIN IX. MONOMACHOS 387. Seitdem treten verschiedene
Mitglieder der Familie in der Komnenenzeit in hohen MilitärsteIlen in Erschei-
nung 388. Mit dem Kaiserhaus verwandt, gehören die Vatatzes schon zu dieser Zeit
zum "Adel", bis ein Mitglied des Hauses, JOANNES DUKAs VATATZES, in Nikaia
über 30 Jahre lang den Kaiserthron einnimmt.
Es gibt eine Erklärung dafür, daß die Abstammung des ALEXIOS APOKAUKOS,
GEORGIOS MUZALON und J OANNES VATATZES von den byzantinischen Historikern
als "niedrig" bezeichnet wird, obwohl Träger dieser Familiennamen in der Ver-
gangenheit zu hohem Ansehen gelangt sind: Wie in unserer modernen Namen-
gebung deutet im Denken des Byzantiners Namengleichheit durchaus nicht auf
Verwandtschaft hin. Beginnt der Byzantiner an diesem Punkte, das Sippen-
denken zu überwinden, bedingt durch die immer stärker differenzierte Namen-
880 Nik. Chon. 708, 10.
881 Nik. Greg. III, 3: 62, 4f.: "bov~ WV ov Aap,neov. Akropolites Kap. 60: 124, 10
(HEISENBERG) nennt GEORGIOS MUZALON, seinen Bruder ANnRONIKOS und JOANNES
AlmELos dvc5edeta f.l'YJc5evo~ 1j retWV oßoAwv ä~ta.
882 NIKOLAOS IV. MUZALON 1147-115l.
38S SOHLUMBERGER Sigillographie 363.
Reg. 2026.
384
Kant. I, 4: I, 25, 4; I, 23: I, 117, 24f.; III, 14: II, 89, 2. Nik. Greg. XII, 2: 577,20.
886
Nik. Greg. XIV, 11: 741, 6f.
386
Psellos Chron. II, 28 (RENAULD).
387
Du CANGE Historia 222 f.
888
56 SOZIALE MOBILITÄT gebung ~ Dieses Sippendenken ist andererseits aber noch so stark, daß die
56
SOZIALE MOBILITÄT
gebung ~ Dieses Sippendenken ist andererseits aber noch so stark, daß die Glieder
der Adelsfamilien in ihre Namen oft die ganze Reihe aller der Geschlechter ein-
fügen, mit denen sie irgendwie verwandt sind. Offensichtlich erhöht eine solche
Aufzählung das
Die Bezeichnung der Niederschichten durch den Geschichtsschreiber J OANNES
KANT.AK.uZENOS unterscheidet sich nicht von seinen Zeitgenossen und Vorgängern
(er gebraucht vor allem die Adjektiva äarJ/J,or;, cpavÄor;, acpavr]r;). Bemerkenswert
ist die Wendung be fJ,l'KeOV 'Kat Tvx6vTOr;, die er in Bezug auf seinen "Diener"
MENES gebraucht 389. Hier klingt die Vorstellung einer "Größenordnung"
APEL-
in der
Gesellschaft an. Auch der Volksdichtung des 14. Jh. ist dieser Gedanke geläufig.
So spricht das Belisarlied von zwei Mitgliedern der Familie der Petraliphai, daß
"sie von kleinem Geschlecht aus Didymoteichos abstammten" (Uno fl,l'Ker] TB YBVBa
i]ToV L1lfl,OTBlx'iTal) 390. Schwierig ist wieder an dieser Stelle die Benennung der vor
allem in Epirus im 13. Jh. häufig hervortretenden Familie als "klein".
Eine Beobachtung läßt sich aus der Terminologie machen, mit der J OANNES
KANT.AK.UZENOS wie sein Zeitgenosse NIKEPHOROS GREGORAS und die Geschichts-
schreiber vor ihnen die Niederschichten bezeichnen: Wie die Adelsprädikate
tragen die Bezeichnungen der Unterschichten das Merkmal der Subjektivität
noch deutlich an sich. Die Zugehörigkeit zu diesen Bevölkerungsschichten ist
wie die Zugehörigkeit zum Adel von der öffentlichen Meinung und ihren schwer
festlegbaren und schwankenden Urteilen und Definitionen abhängig. Diese un-
scharfen, gefühlsbetonten Meinungen waren aber kein Hinderungsgrund, daß
sich ein Standesdenken ausbilden konnte, wofür die oben S. 28 angeführte Be-
merkung des J OANNES KANT.AK.uZENOS über die Heirat des ALEXIos APOKAUKOS
mit der Kusine des Großstratopedarchen CHUMNOS der beste Beweis ist. Er konnte
diese Verbindung nur eingehen, als "er bereits berühmt war und den adeligen
Kreisen ebenbürtig". Die Ehe des MANuEL TAGARIS mit THEoDoRA ASANINA
gehört hierher (siehe unten). Erst nach sozialem Aufstieg zum ersten Kanzlei-
beamten des Kaisers kann MANUEL HOLOBOLOS - inzwischen reich und angesehen - .
daran denken, "eine adelige Dame" (TWV BvnaTel~WV p,{av) zu heiraten 391.
Gerade dieses Standesdenken erscheint neben den wirtschaftlichen Schwierig-
keiten der größte Hinderungsgrund für den sozialen Aufstieg. Mit dieser Ein-
schränkung gilt auch für die spätbyzantinische Zeit wie für das 9. Jh. der Satz,
daß "eine völlig offene byzantinische Gesellschaft" dem rückschauenden Histo-
riker entgegentritt, "in der es keine durch Herkunft bestimmte abgeschlossene
Klüngel gibt 392" •
Gerade in der Umgebung des Adeligen J OANNES KANT.AK.uZENOS sind mehrere
teilweise schon behandelte Beispiele für sozialen Aufstieg einzelner Personen
greifbar, deren Emporkommen einiges Licht auf die wirkenden Kräfte in der
byzantinischen Gesellschaft des 14. Jh. werfen.
889 Kant. IU, 40: U, 247, 3f.
800 WAGNER Carrnina S. 310 Z. 214. Statt ÖfJp07:vx'irat im Cod. ist nach HEISENBERG
(Belisar und Ptocholeon, in: Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1903 Nr. 268 [24. Nov.]
S. 372) LJtpoutx'irat zu lesen.
801 Fahrt des Mazaris in die Unterwelt, ed. A. ELLISSEN, Analekten der mittel- u.
neugriech. Literatur IV, Leipzig 1860, 195.
8911 BEOK Gefolgschaft 10.
AUFSTIEG DURCH VE~wALTUNGS- UND MILITÄRDIENST 57 Wenn in der früh- und mittelbyzantinischen Zeit das Kaisertum
AUFSTIEG DURCH VE~wALTUNGS- UND MILITÄRDIENST
57
Wenn in der früh- und mittelbyzantinischen Zeit das Kaisertum "die Ursache
der ständigen Unruhe in den horizontalen Schichten" war, so fällt dieser Grund
im 14. Jh. weitgehend weg, da die Kaiser aus politischen Gründen einen "weichen
Kurs" gegenüber den Anhängern des Vorgängers einschlagen mußten (siehe
Kap. 111 u. IV) 393. Dies bedeutet nicht, daß die unruhigen Zeiten der zahlreichen
Bürgerkriege nicht für tüchtige und zugleich skrupellose Elemente willkommene
Gelegenheit boten, zu' Macht und Einfluß zu gelangen. ALEXIOS APOKAUKOS ver-
dankte der politischen Notlage vor dem ersten Bürgerkrieg zwischen ANDRONIKOS
11. und 111., daß er in das Adelstriumvirat aufgenommen wurde. Der Empor-
kömmling J OANNES VATATZES konnte im Bürgerkrieg nach 1341 - von beiden
Seiten umworben - seine gesellschaftliche Stellung bedeutend verbessern. Die
Heirat seines Sohnes mit der Tochter des Patriarchen KALEKAS und die Ver-
bindung seiner Tochter mit einem Sohn des ALEXIOS APOKAUKOS 394 zeigte, daß
er den höchsten Kreisen der Partei der Kß,iserin ANNA "ebenbürtig" war; durch
die Wendung zu J OANNES KANTAKuzENos verschaffte er seinem Familienclan,
dessen Größe ausdrücklich hervorgehoben wird 395, Ehrenstellungen und jährliche
Einkünfte (r:tp,ar;
:neo0'6f5ovr; b:'YJO'lovr;). Freilich bedeuten die Bürgerkriege
für APOKAUKOS und VATATZES nur die Krönung ihres Aufstieges. Mir ist kein
Schicksal bekannt, für das die Bürgerkriege der erste Anstoß für den sozialen
Aufstieg gewesen wären. Auch bei APOKAUKOS und VATATZES liegen die Anfänge
ihres Emporkommens viel weiter zurück. Beide Männer verdanken ihren Aufstieg
dem Dienst in der byzantinischen Verwaltung, vorzüglich in der Finanzverwaltung.
In dieser Tätigkeit konnte ein tüchtiger und zugleich verschlagener Mann aus
niederem Stand im 14. Jh. verhältnismäßig leicht zu Macht und Ansehen gelangen.
Diese Tatsache wirft kein gutes Licht auf die byzantinische Beamtenschaft der
Spätzeit, da der Reichtum nicht auf legalem Wege in die Hände der Beamten
kam. "Das Merkwürdigste aber an diesen Dingen ist," bemerkt F. DÖLGER, "daß
die byzantinische Öffentlichkeit an solchem Treiben der :neaxTOeer; offenbar keinen
Anstoß genommen, sondern sie als eine Art erlaubter Spekulation betrachtet haben
muß 396". P ATRIKIOTES, der lange Zeit als Apographeus tätig war, konnte J OANNES
KANTAKUZENOS 100000 Hyperpyra (xeVO'la) und einen Schatz im Wert von
40000 Hyperpyra zur Verfügung stellen 397. Dies ist zusammen fast fünfmal soviel
wie die jährliche Zolleinnahme in der Hauptstadt, die sich auf 30000 Hyperpyra
belief 398 • Gleich einem Adeligen zeigte
sich PATRIKIOTES als Gönner von Literaten
(vgl. S. 149). ALEXIOS MAKREMBOLITEs bezeichnete sich als sein (}eea:nwv.
Wie PATRIKIOTES ist JOANNES VATATZES nach den Worten des NIKEPHOROS
GREGORAS durch die Apographeustätigkeit reich geworden (:nAOVO'Wr; s~ d:no-
yeacplXWV syey6vel sp,:noelWV) 399. Wie die Urkunden beweisen 400, war VATATZES noch
393 H.-G. BECK Konstantinopel. Zur Sozialgeschichte einer frühmittelalterlichen
Hauptstadt, BZ 58 (1965) 14.
Kant. IIl, 76: Il, 475, 22f.
394
A. a. O. 475,
3.
896
896 F. DÖLGER Beiträge zur Geschichte der byzantinischen Finanzverwaltung, Darm-
stadt 2 1960, 76.
Kant. III, 8: Il, 62, 20f.
397
Nik. Greg. XVII, 1: 842,4. Weitere Vergleichszahlen bei ZAKYTHINOS Crise 83.
398
Nik. Greg. XIV, 11: 741, 7 u. 8.
899
400 Vor allem das Praktikonfür Iviron vom April 1341 : DÖLGER Schatzkammern Nr. 72/3.
58 SOZIALE MOBILITÄT bis kurz vor dem Tode des Kaisers ANDRONIKOS 111. als Apographeus tätig
58
SOZIALE MOBILITÄT
bis kurz vor dem Tode des Kaisers ANDRONIKOS 111. als Apographeus tätig im
Rang eines neWTO"'V'V1'Jyo~401. Da er 1341 zu Beginn des Bürgerkrieges in die
militärischen Operationen verstrickt ist (er ist Führer der Truppenabteilung der
'Axveai:r:oL) 4O'J., dürfte
er in dieser Zeit keine Verwaltungsfunktion mehr inne-
gehabt haben 403.
Von untergeordneten Stellungen in der Finanzverwaltung hatte sich ALEXIOS
APOKAUKOS durch List und Verschlagenheit bis zum Verwalter der Salinen und
zum ~op,e(]Tt"'o~ TW'V ~VTt"'w'V ()8p,aTw'V emporgearbeitet.
Nicht immer waren üble Eigenschaften der Grund für den Aufstieg in der Beam-
tenlaufbahn. Mannhaftigkeit und Wagemut in den Türkenkämpfen und militäri-
sche Erfahrung sollen nach den Worten des J OANNES KANTAKUZENOS 404 den
Grund gelegt haben für den Aufstieg des MANUEL TAGARIS noch in der Zeit des
Kaisers ANDRONIKOS 11. Er stammte aus "niederem und unbekanntem Ge-
schlecht" (e", ye'Vov~ <pavÄov ",at a<pa'Vofj~). Er hatte es fertiggebracht, "daß er
deshalb bewundert wurde und eine Ehe mit hohen Kreisen (yap,ov TVX8i'V b"lt<pa-
'Vofj~) eingehen konnte". Es war THEODORA ASANINA, eine Kusine des Kaisers
ANDRONIKOS 11. 406 • Wie bei
ALExIOS APOKAUKOS ist die "Berühmtheit", d. h.
die schwer faßbare, gefühlsbetonte Meinung der Gesellschaft, der Grund, daß ein
Mann aus niedrigen Schichten dem Adel ebenbürtig wird. Die Familie der Tagaris
erscheint nach MANUEL TAGARIS im 14. Jh. in hohen Stellungen: Der Großstrato-
pedarch GEORGIOS TAGARIS ist Gesandter der Kaiserin ANNA 1346 406 • Der Mönch
PAULOS TAGARIS, dessen Verwandtschaftsverhältnis zu MANuEL TAGARIS nicht
feststellbar ist, bezeichnet um 1395 seine Eltern bereits als 8VY8'Vei~e", neoyo'Vw'V 407.
Er ist mit den Palaiologen verwandt.
Unwillkürlich muß man beim Aufstieg des MANUEL TAGARIS an den Aufstieg
des Bauernsohnes ROMANos LAKAl'ENOS denken, der im Militärdienst emporstieg
und die Adelsgeschlechter überspielte. Er gelangte zur Kaiserwürde (920-944).
Auch an JusTIN I. (518-527), LEo 111. (717-741) und MIOHAEL 11. (820-829) ist
zu erinnern. Der Militärdienst erscheint gerade in mittelbyzantinischer Zeit als.
der entscheidende Faktor für den Aufstieg einzelner Familien. Die Phokas, die
Dukas und die halbarmenische Familie der Skleroi gehören hierher.
Die Laufbahn des ALEXIOS APOKAUKOS zeigt, daß nicht nur Stellungen im Staats-
dienst seinen Lebensweg bestimmten, sondern ebenso der Dienst bei einem Adeli-
gen, ANDRONIKOS ASAN. War er Ol",eT1'J~ und gehörte er zur engeren Gefolgschaft,
401 Gute Zusammenstellung der
Urkunden und Lebensdaten :
GUILLAND Dignitaires
194/5 =
Recherches 1, 602/3.
Kant. III, 29: II, 180, 13.
402
Deshalb datiert F. DÖLGER Die Urkunden d. J ohannes-Prodromosldosters bei
408
Serrai, SB Bayer. Akad. Wisse phil.-hist. Kl. 1935, 9, S. 30, d. Prodromosurk. Nr. 36
(GUILLOU) auf 1327 und nicht auf 1342, wie dies GUILLOU, GUILLAND u. OSTROGORSKY
FeodaliM 107 A. 1 tun. In dieser Urkunde ist VATATZES als ",eya~ xae'l"OV).deLO~ be-
zeichnet.
404 Kant. I,
18: I,
91,
Iff.
405 Vgl. PAPADOPULOS Palaiologen Nr. 44 S. 28.
406 Reg. 2912; Papst Innozenz VI. schreibt an ihn 1356 (Acta 92a).
407 MM II, 225. Alle Dokumente des abenteuerl. Lebens dieses Hochstaplers hat R.-J.
LOENERTZ zusammengestellt: Cardinale Morosini et Paul Paleologue Tagaris
24 (1966) vor allem S. 228-230.
REB
DIE ROLLE DE,S GEFOLGSCHAFTSWESENS 59 worauf der Ausdruck Bp,UJ(JOcp6e'YJuev hindeutet, den J oannes Kantakuzenos
DIE ROLLE DE,S GEFOLGSCHAFTSWESENS
59
worauf der Ausdruck Bp,UJ(JOcp6e'YJuev hindeutet, den J oannes Kantakuzenos ge-
braucht 408 1 Hat ihm gerade dieses Dienstverhältnis den weiteren Aufstieg im
Dienst bei STEPHANOS STRATEGOS und NIKOLAOS THEOLOGITES ermöglicht 1
Bei ALEXIOS APOKAUKOS bleibt die Rolle des byzantinischen Gefolgschaftswesens
für seinen sozialen Aufstieg undeutlich, anders beim Emporkommen des APEL-
MENES, des ol')(,b:'YJc; des Adeligen J OANNES KANTAKUZENOS, und von J OANNES
KALEKAS, des späteren Patriarchen. Ihre Lebenswege wurden bereits beschrieben
(Kap. 11). Sie verdanken allein ihren Aufstieg dem adeligen Kantakuzenen, der sie
in seine engere Gefolgschaft aufnimmt und fördert. J OANNES KANTAKUZENOS hat
sich für KALEKAS, als kanonische Hindernisse für sein Patriarchat auftraten,
mit seiner ganzen Beredsamkeit und Verschlagenheit eingesetzt. Wie in mittel-
byzantinischer Zeit 4D9 ist im 14. Jh. die Gefolgschaft, genauer die engere Gefolg-
schaft, der Boden für soziale Mobilität. Es sind nur wenige Personen, deren Auf-
stieg im Dienst eines großen Herren oder einer Herrin wir durch besondere Um-
stände genauer kennen. In Wirklichkeit verdankt eine ungezählte Schar ihren
Aufstieg oder wenigstens ihre wirtschaftliche Sicherung der Zugehörigkeit zu
einer (Jeeaneta. NIKEPHoRos GREGORAS preist in einem Brief zuerst allgemein die
Freigebigkeit der ßaulÄtc;, die sowohl die Kaiserin ANNA wie die Gemahlin des
J OANNES KANTAKUZENOS, IRENE, sein kann, von deren Tätigkeit zum Nutzen
der Gefolgschaft ihres Gemahls wir einige Kenntnis besitzen. Wörtlich fährt
GREGORAS fort: "Du sammelst nicht Männer um dich mit Ehre und Reichtum
und bildest dir so eine (Jeeaneta - ganz im Gegenteil bist du nämlich der Meinung,
das sei Sklaverei (~ovÄeLa) und eine Art Ehrengefangenschaft -, sondern die
Kinder der Kriegsgefangenen und Armen bringst du in Scharen zusammen und
spendest ihnen mit freigebiger Hand das Notwendigste. Du ziehst sie vor aller
Augen zur Freiheit auf und machst nicht aus geachteten Männern Ehrlose und
Sklaven (~ovÄovC;),sondern im Gegenteil aus Ehrlosen geachtete Männer und aus
nicht Vornehmen VornehmeuD." Der Dienerschaft am Kaiserhof wie im Adels-
haus ist also eine soziale Aufgabe zugewiesen, wie vor allem in der Andeutung
des GREGORAS zum Ausdruck kommt, daß Kinder von Kriegsgefangenen, also
unversorgte Waisen, in die (Jeeaneta aufgenommen werden. In dieser (JeeaneLa
vollzieht sich der Aufstieg von ov')(, evyeveic; zu evyeveic;.
Wie die Fürsorge einer adeligen Dame für einen minderbemittelten Schützling
aussah, zeigt ein Synodalakt aus den Jahren zwischen 1315 bis 1319 411 : Vor der
"Endemusa" wurde der Fall der Adeligen (evyeveuT(J:r'Yj) EUDoKIA NESTONGO-
NISSA entschieden. Sie hatte ein siebenjähriges Mädchen wie ihr eigenes Kind
aufgenommen und sorgfältig erzogen, ihr nicht geringe Mittel hinterlegt, teilweise
als Mitgift im Falle der Heirat. Nun hat das Mädchen gegen den Willen der hohen
Dame einen Mann genommen und diese verlangt ihr Geld zurück. Wie der Adelige
J OANNES KANTAKUZ.ENOS seinen Diener ApELMENEs vor allem durch eine gedie-
gene Erziehung und reichliche finanzielle Zuwendungen gefördert hat, so beruht
408 Kant. IH,
14: II,
89, 5.
409 Siehe BECK Gefolgschaft passim.
4010 Br. 161 (GUILLAND) = BEZDEKI N r. XIII S. 347 Z. 17 f. Der am klassischen Grie-
chisch gebildete Humanist gebraucht hier <5ovÄo~ durchaus abwertend im Sinne von
" Sklave".
411 MM I, 17/18.
SOZIALE MOBILITÄT 60 die Hilfeleistung der Adeligen für das junge Mädchen auf den gleichen Faktoren.
SOZIALE MOBILITÄT
60
die Hilfeleistung der Adeligen für das junge Mädchen auf den gleichen Faktoren.
In beiden Fällen wird für die Förderung eine Gegenleistung verlangt: Dienst und
Gehorsam.
Der
Patriarch
Pm::r
OTHEOS
war geringer, vielleicht jüdischer Abstammung.
DEMETRIOS KYDONES nennt ihn verächtlich "einen Sklaven, in schlimmsten
Verhältnissen lebend, dem jeder ein Feind ist, der an seine Eltern erinnert",
(av(jeano(jov uat TVxn (]vftßeßuJ)uw~ fPaVAoTO.-rn uat cl> n{i~ Tt~ BxOeO~ TWV yovswv
vnofttftvrjO'uwv) 412. KYDONES spielt hier wohl auf die besondere RechtsteIlung der
Juden an 413. Im vorausgehenden Satz hebt er ausdrücklich seine eigene Freiheit
(BAevOeela) hervor. Bei dem berühmten Philologen und Rhetoren THOMAS MAGI-
STROS hat PmLOTHEOS seine Ausbildung genossen, die Grundlage für seinen späte-
ren Aufstieg, der ihn bis zur höchsten kirchlichen Würde brachte. Als Gegenlei-
stung versah der sicher gänzlich Inittellose junge Mann die Dienste eines Kochs.
Er war ein OlUST'YJ~seines Lehrmeisters 414. Diese "Privatschulen" bei einem großen
Gelehrten, die im 14. Jh. die höhere Bildung verInitteln 416 , schaffen die Voraus-
setzung für den weiteren Aufstieg. Der Großlogothet THEODOROS METocIDTEs ist
für den aus der Provinz stammenden NIKEPHoRos GREGORAS, der aus einer viel
angeseheneren Familie kommt als Philotheos, nicht nur Lehrer, sondern auch
Protektor. Er ebnet ihm den Weg zum Kaiser (vgl. S. 151). In vielen Fällen kann
ein Bittbrief, aus dem sich ein Schutzverhältnis entwickelte, den Grund für sozia-
len Aufstieg gegeben haben. Aber die Schicksale der Schützlinge, für die die Bitt-
briefe eintreten, bleiben im dunkeln der Vergangenheit.
Neben den Möglichkeiten, die eine Laufbahn als Staatsbeamter im Finanz- und
Militärdienst bot, eröffneten also die vielfältigen personalen Bindungen, die die
byzantinische Gesellschaft des 14. Jh. durchziehen, vor allem die "engere" Ge-
folgschaft, den Weg zum sozialen Aufstieg. Darin liegt neben der kulturellen und
politischen Bedeutung das Gewicht dieser Bindungen für die byzantinische Ge-
schichte.
412 MERCATI Notizie 328 Z. 24/5 (editio) vgl. 248/9. Vgl. V. LAURENT Art. Philothee
Kokkinos, in: DTC XII, 2 Sp. 1498-1509.
4113 Vgl. P. CHARANIS The J ews in the Byzantine Empire under the first Paleologi,
Speculum 22 (1947) 75-77. J. STARR The Jewries of the Levant after the fourth crusade,
Paris 1949, vor allem S. 25ff.
414 MERCATI Notizie 302 Z. 205.
416 Vgl. F. FUCHS Die höheren Schulen von Konstantinopel im MA, Byz. Archiv 9
(1926) 62.
VI. Fremdländische Einflüsse in der byzantinischen Gesellschaft Es ist m. W. jn der bisherigen Forschung
VI. Fremdländische Einflüsse in der byzantinischen Gesellschaft
Es ist m. W. jn der bisherigen Forschung noch nicht betont worden, daß das Ge-
schichtswerk des J OANNES KANTAKUZENOS nicht nur eine Apologie seines Kaiser-
tums und seiner Türkenpolitik darstellt. Es ist an einigen Punkten ein Manifest
der alten großbyzantinischen Reichsidee, die über ein national-griechisches Den-
ken hinausgeht 416 • Nicht zu entscheiden ist dabei die Frage, ob sich hinter den
Äußerungen des Mönches und Exkaisers ein echtes Leitbild verbirgt, das der by-
zantinische Adelige trotz der Ausweglosigkeit der damaligen Lage mit über-
zeugung bewahrt, oder eine leere politische Propaganda. Glaubte er an eine wenig-
stens bescheidene Verwirklichung seines Leitbildes?
"Da wir glauben, die Nachkommen der alten Römer zu sein, so laßt uns ihre
Tugend nachahmen", heißt es in einem
Aufruf an die Soldaten 417. Die Römer
haben "fast" einst den Erdkreis erobert 418 ! Arta ist seit Caesars Zeiten römisches
Gebiet, deshalb gehört es unter byzantinische Oberhoheit 419 ! JOANNES KANTAKU-
ZENOS hofft, "wie in alten Zeiten von der Peloponnes bis nach Byzanz" die byzan-
tinische Herrschaft auszudehnen 420. Römische Feldherrn sind die Vorbilder des
byzantinischen Adeligen (vgl. S. 14). Auch NIKEPHoRos GREGORAS macht sich
über die schwindende Größe von Byzanz Gedanken und kommt zu dem verstie-
genen Schluß, daß Byzanz auch noch in der Gegenwart eine ähnliche weltumspan-
nende Macht wie das alte Römerreich behaupten könne, würden nicht die Bürger-
kriege alle Kräfte lähmen 421.
Von diesen universal-römischen Gedanken her erscheint die Stellung des byzanti-
nischen Adeligen zum Westen in einem neuen Licht. Bei einer Kritik an der Über-
lieferung ergibt sich, daß es nicht sicher ist, ob JOANNES KANTAKUZENOS wirklich
den Papstprimat anerkannt hat. Die lateinische Zusammenfassung des Gesprächs
des Kaisers J OANNES KANTAKUZENOS mit BARTHOLMÄus DE ROMA nach dem
1. September 1347 gibt den Inhalt eines Kaiserbriefs mit Goldbulle wieder in
einer Formulierung, die durchaus im Rahmen byzantinischen Staatsdenkens ver-
ständlich ist, an der Kurie freilich einen anderen Klang bekommt: '" reeognos-
eens primatum et universalitatem Romane eeelesie, et sie profitetur et intendit semper
et in perpetuum profiteri et seribere 422 • Es stimmt gegenüber dem Wert dieses Be-
richtes bedenklich, daß der lateinisch erhaltene Kaiserbrief eine solche Inhalts-
angabe keineswegs rechtfertigt 423. Nicht nachprüfbar ist die Angabe, JOANNES
416 Die Gedankengänge in K. LECHNERS Diss. Hellenen und Barbaren im Weltbild der
Byzantiner, München 1954, 64f. sind an diesem Punkt zu erweitern und zu ergänzen.
m Kant. III, 41: II, 251, 18f.
416 Kant. III, 40: II, 244, 19.
m Kant. II, 36: I, 520, 1ff.
420 Kant. III, 12: 11, 80, 8f.
421 Nik. Greg. XII, 7: 598/9.
ua LOENERTZ Ambassadeurs 181 Z. 35/6. Reg. 2930.
428 Höchstens der Nachsatz (a. a. O. 184 Z. 10f.) erwähnt den Universalitätsa,nspruch:
predecessores vestri quos opijex omnium deus ad curam universi gregis dominici in
pastores elegit.
62 FREMDLÄNDISCHE EINFLÜSSE KANTAKUZENOS habe sich zu einem freiwilligen Gehorsam dem Papst gegenüber verpflichtet,
62
FREMDLÄNDISCHE EINFLÜSSE
KANTAKUZENOS habe sich zu einem freiwilligen Gehorsam dem Papst gegenüber
verpflichtet, wie ihn der König von Frankreich dem Papst gegenüber entgegen-
bringe 424. Der Brief des Papstes INNozENZ VI. vom 27. Oktober 1353 behauptet,
JOANNES KANTAKUZENOS habe sich bereit erklärt, "nach Beseitigung des schänd-
lichen Schismas" (inveterati scismatis purgata rubigine) mit dem ihm untergebenen
Volk
zur
katholischen Kirche zurückzukehren 426. Der Zusatz über die "Beseiti-
gung des Schismas" ist ein Hinweis auf die Bedingungen, die der Kantakuzene
für die Rückkehr zur röm.-kath. Kirche gestellt hat, die aber der Brief übergeht.
Nach dem Brief des Papstes GREGORS XI. vom 28.1. 1375 habe der Exkaiser in
einer Disputation im Oktober 1374 bekannt: contessU8 es te credere et tenere sanc-
tam Romanam ecclesiam, quae mater est omnium fidelium et magistra, super omnes
orbis ecclesias obtinere primatum 426 • Es ist sehr zweifelhaft, ob der Papstbrief die
ganze Meinung des Mönches J OASAPH getreu wiedergibt. Von seiner gesamtrömisch-
byzantinischen Anschauung her lag J OANNES KANTAKUZENOS die Anerkennung
der Universalität der Kirche nahe, vielleicht auch verbunden mit der Anerken-
nung des Papstprimates in einer nicht näher bestimmbaren Form 427. Jedenfalls
sind die durchweg westlichen Nachrichten über die Anerkennung des Primats
durch J OANNES KANTAKUZENOS mit großer Vorsicht zu betrachten.
Eingeschränkt hat der Adelige seine Anerkennung des Primats sicher durch drei
Forderungen, die sich durch seine gesamten Äußerungen ziehen: Voraussetzung
für eine Kircheneinigung ist ein allgemeines Konzil, das in Konstantinopel, aber
vielleicht auch auf Rhodos oder Euboia stattfinden könnte, jedenfalls in der öst-
lichen Hemisphäre des Mittelmeerraumes 428 • Zweite Voraussetzung ist eine genaue
Prüfung der Streitpunkte in gegenseitiger brüderlicher Anerkennung. Der Adelige
tadelt heftig die Versuche, die orthodoxe Kirche nicht als gleichberechtigt neben
der römischen anzuerkennen. Die Union ist zu vollziehen ohne Zwang 429. Drit-
tens: J OANNES KANTAKUZENOS trennt in offenem Gegensatz zum Papsttum die
Kreuzzugspläne von Unionsplänen.
Deutlich mischen sich in diesen drei Forderungen universalistische Ideen mit
partikular-orthodoxen Gedanken, die in der Überzeugung gipfeln, daß "unsere
Kirche recht glaubt" (w~ ij ijp,eTS(!a b,,,J.:rJC1la O(!(jw~ cp(!o'Ve'i) 430. Wie konnte der
Kantakuzene annehmen, daß bei einer solchen GrundeinsteIlung dogmatische
Gespräche Aussicht auf Erfolg haben würden 1 War es J OANNES KANTAKUZENOS
4.24 A. a. O. 181/2 Z. 37-44.
425 Reg. 3010.
428 RAYNALDUS Annales ecclesiastici tom. 26 (Ausg. Luccae 1738) ad annum 1375
lI/lII; ohne Kritik HALEOKI Empereur 309 f.
4117 Nicht alle späteren Byzantiner haben den Primat grundsätzlich abgelehnt. So er-
kennt z. B. MAXIMOS PLANUDES eine Vorrangstellung des Papstes an. BEcK Kirche 34;
M. JUGIE Theologia dogmatica Christianorum orientalium IV, Paris 1931, 325ff. Auch
das unten zitierte Gespräch des Mönches ATHANASIOS befürwortet die Vorrangstellung
des Papstes.
4.28 Instruktion an die Gesandten vom Sept. 1347: LOENERTZ Ambassadeurs 182 Z.
55ff. Das Memoriale vom 5.3. 1348 a.a. O. 187 Z. 37ff. besonders deutlich: coniunctio
predicti ecclesie corpori8
ni8i per 80lam synodum. Kant. IV, 9: IlI, 59, 20f. (vgl. Reg.
2937) (erst 13501). MEYENDORFF Projets (1367) § 10.
m Kant. IV, 9: III, 59, 12f. MEYENDORFF Projets 172 Z. 106f. ( § 8); § 11; 13; 25.
480 A. a. O. 172 Z. 93.
LATEINERFREUNDLIOHE KREISE 63 I mit seinen Konzilsplänen nicht ernst 43 Q Auch die ablehnende Haltung
LATEINERFREUNDLIOHE KREISE
63
I
mit seinen Konzilsplänen nicht
ernst 43 Q Auch die ablehnende Haltung des Papst-
tums gegenüber Konzilsplänen mußte ihm bekannt sein 432.
Die kirchenpolitische Konzeption des J OANNES KANTAKUZENOS vor allem in der
Forderung eines ökumenischen Konzils stand im Einklang Init N EILOS K.AB.ASIL.AS
und NIKEPHOROS GREGOR.AS, fand aber sonst kaum Anhänger in der byzantini-
schen Gesellschaft. Sein früherer "qJtAo~" B.ARLAAM trat für ein Konzil ein, war
aber dogmatischen Streitgesprächen gegenüber viel skeptischer wie sein Gefolgs-
herr 433 • War er der Lehrmeister des Adeligen auch in Konzilsfragen ~
Die lateinerfreundlichen Kreise sind durchwegs in den Laienkreisen der gehobenen
Schichten zu suchen. H.ALECKIS Meinung 434, daß die Unionsfreundlichkeit in allen
Bevölkerungsschichten zu finden gewesen sei, findet in den Quellen keine Bestäti-
gung. Wieder wie im palaInitischen Streit beteiligen sich nur wenige politisch
aktive Männer an Unionsfragen. Die Adressatenliste der päpstlichen Kanzlei kann
nur wenige lateinerfreundliche Personen aus dem byzantinischen Adel nennen.
Aus den Adressen der Papstbriefe ist die Lateinerfreundlichkeit der drei Metochi-
tessöhne ALEXIOS, NIKEPHOROS und DEMETRIOs vielleicht zu erschließen. Zu
diesem Kreis zählt auch der Großstratopedarch GEORGIOS T.AG.ARIS und die Brü-
der J O.ANNES
und M.AXIMOS K.ALOPHERos. 1350 sind auch ANDRoNIKos AS.AN und
seine beiden Söhne MANUEL und J OANNES vom Papst CLEMENS VI. angespro-
chen 436 • Nach der Meinung des Palaiologenkaisers soll sich der Papst durch Ver-
leihung von Auszeichnungen gerade um die Großen des Reiches bemühen 436.
1357 hat PETER THOM.AS sehr viele "baronum Graecorum" bekehrt 437 • Der Bericht-
erstatter PHILIPPE DE MEZI:ERES muß aber in seiner Lebensbeschreibung gleich
darauf hinzusetzen: "Quidam male loquebantur et alii bene." In der Umgebung des
Palaiologen machte sich also Widerstand gegen seine religiöse Haltung bemerkbar.
Leider sind von der röInisch-katholischen Umgebung der Kaiserin ANN.A VON
S.AVOYEN nur die Hofdame IS.ABELL.A DE L.A ROCHETTE und ihr Sohn durch einige
Papstbriefe als aktive Fürsprecherin für den katholischen Glauben bekannt. Der
Einfluß dieser Hofkreise auf J O.ANNES V. ist sicher anzunehmen. Er vollzieht 1355
seine erstaunliche Wendung zum Katholizismus. Sein "cancellarius" GEORGIOS
M.ANlKAITES ist katholisch 438. Die Gemahlin des Palaiologenkaisers, HELEN.A, die
431 So fragt mit Recht GAY Clement 111. Auch W. DE VRIES Rom und die Patriarchate
des Ostens, München 1963 (Orbis Akademicus III/4), 55 läßt die Frage offen.
482 DE VRIES a. a. O. 52-64 gibt einen ausgezeichnet klaren und historisch objek-
tiven Überblick über die Unionsversuche im 14. Jh.
483 M. VILLER L'union des eglises entre Grecs et Latins, RHE 18 (1922) 23ff. BARLA AM
will in seinem avpßovÄ,evn"or; Ä,6yor; durch ein Gesetz den dogmat. Streit überhaupt
verbieten. Denn niemand wird die Gegenpartei überzeugen können. Die Zeit hat die
verschiedenen Meinungen glaubwürdig gemacht (ed. GIANNELLI 188 u. 193 in:
Miscellanea G. Mercat,i Irr, Studi e Testi 123) (1946).
484 Empereur 156.
485 Vgl. die Adressen bei E. DEPREz - G. MOLLAT Clement VI (1342-1352). Lettres
cioses, patentes et curiales interessant les pays autres que la France. Paris 1960/1,
Reg. 2233 (28. 6. 1350); Acta Innocentii VI. Nr. 92a (18. 8. 1356); Acta Urbani V.
Nr. 125-131 (6. 11. 1367).
Reg. 3052 =
Acta Innocentii VI. Nr. 84.
488
The life of Saint Peter Thomas by Philippe de Mezieres ed. J. SMET, Rom 1954, 75.
487
Er tritt vor allem 1366 in Erscheinung: Rag. 3107; HALEOKI Empereur 113 A. 2.
488
64 FREMDLÄNDISCHE EINFLÜSSE Tochter des J OANNES KANTAKUZENOS, wird vom eifers, d. h. ihrer Lateinerfreundlichkeit,
64
FREMDLÄNDISCHE EINFLÜSSE
Tochter des J OANNES KANTAKUZENOS, wird vom
eifers, d. h. ihrer Lateinerfreundlichkeit, gelobt 439.
Papst wegen ihres Glaubens-
DEMETRIOS KYDONES bildete
um sich eine Gruppe bildungsbefiissener Italiener. Vor allem Dominikaner zählten
zu diesem Kreis, ein Orden, der sich damals eifrig der Inquisition widmete, auch
in Pera. "Für letztere (die Italiener) wurde mein Haus zum täglich überfüllten
Stelldichein, besonders für die Ordensleute des Thomas
"440. Die Gruppe ist
geprägt vom Geist des religiösen Wahrheitssuchers und hat weder politischen
noch sozialen, aber einen ausgesprochen übernationalen Charakter. Der Kreis be-
leuchtet die gesellschaftlich verworrene Lage: Der Kanzler des orthodoxen
byzantinischen Kaisers J OANNES VI. KANTAKUZENOS schart um sich Angehörige
eines Ordens, denen es unter anderem zur Aufgabe gestellt ist, mit den Mitteln
der Inquisition die Orthodoxie zu unterdrücken und damit auch Byzantiner den
lateinischen weltlichen Behörden auszuliefern; der Kaiser selbst nennt die Domi-
nikaner (unter dem Einfluß des DEMETRIOs KYDONEs1) cpl) (siehe unten)44!.
ol
Ein entscheidender Einfluß ist von den katholisch gesinnten Kreisen nicht ausge-
gangen, auch wenn der Palaiologenkaiser selbst zu ihnen gehörte. Weder 1355
noch 1371 wird der Versuch gemacht, die Union allgemein durchzuführen. Die
Opposition war zu mächtig.
Zwei von T. KAEPPELI zum ersten Mal veröffentlichte Stellen aus dem Werk "de
oboedientia Ecclesiae Romanae debita" (geschrieben 1358/9) des Dominikaner-
inquisitors PHIT.IPP DE BINDO INCONTRI, also eines Kenners der Verhältnisse,
zeigen, woher der Widerstand kam 442. PHILIPP sagt, er habe in seiner Missions-
praxis viele heimliche Katholiken getroffen. Offen haben sie aber ihre Meinung
nicht bekannt: timebant enim plebem. Der Metropolit von Dyrrhachion hält nach
der Mitteilung PHILIPPS eine Union nur für möglich "
nisi
talis violentia sit, quod
non timeamus plebem, aut quod imperator sua potentia hoc faciat, vel ecclesia Romana
mittat exercitum contra civitatem, quo timore non audeat populus consurgere".
Der Verfasser des Prologs der 1365 geschriebenen "Vierfüßlergeschichte" inter-
pretiert das Werk vom grundsätzlichen Mißtrauen her gegen "die Völker, die mit
uns trügerische Freundschaft schließen und es wagen, uns mit aller Kraft gänz-
lich zu vernichten 443". Vielleicht will das Gedicht in der Tat nicht nur die sozialen
Unterschiede aufdecken. Ob das Mißtrauen sich allgemein gegen einen Bund mit
den Lateinern oder gegen Kreuzzugspläne und Unionsversuche richtet, geht aus
dem weitschweifigen Elaborat nicht hervor.
439 Acta Urbani V. Nr. 124 (6. 11. 1367 )= RAYNALDUS 1367, VIII.
440 Dem. Kyd. Apologie ed. MERCATI Notizie 364 Z. 33; übs. H.-G. BEcK in: OstkirchI.
Studien I (1952) 212.
441 Wie die Inquisition arbeitete, zeigt das Schicksal des Arztes und "Philosophen"
GEORGIOS, eines Freundes und Landsmannes (1) des DEMETRIOS KYDONES. Zuerst
Antipalamit, schloß er sich der lateinischen Kirche an, machte aber während seines
Aufenthaltes auf Zypern eine Kehrtwendung. Tatsache ist, daß er gefangengesetzt
wurde. DEMETRIOS KYDONES warnt in einem Brief, GEORGIOS solle sich vor dem Feuer-
tod hüten (Br. 31 Z. 50f.). Ist der Passus wirklich mit R.-J. LOENERTz, Arch. Praed. 18
(1948) 278 zu verharmlosen, der interpretiert: "Ce dernier danger, a vrai dire, ne semble
pas tres serieux, car Demetrius en parle sur un ton de plaisanterie."
442 Th. KAEpPELI Deux nouveaux ouvrages de fr. Philippe Incontri de Pera O. P.,
Arch. Praed. 23 (1953) hier S. 174.
448 WAGNER Carmina 141 Z. 7/8 öTav Ta eOvrJ ",sO' ~"'WV nOWV(JLV tpsv~aydnrJv/vnsr}ßaeeOVV7:er;
DIE HALTUNG DES VOLKES UND DER MÖNCHE 65 Schließlich sei an die Mahnungen BARLAAMs, eines
DIE HALTUNG DES VOLKES UND DER MÖNCHE
65
Schließlich sei an die Mahnungen BARLAAMs, eines Kenners der Spannungen
zwischen Ost und West, erinnert. Er schreibt 1339 an Papst BENEDIKT XII.:
Scitote etiam hoc vere, quia non tantum differentia dogmatum separat corda Graeco-
rum a vobis, quantum odi1J,m, quod intravit in animas eorum contra Latinos, ex
multis et magnis malis, quae per diversa tempora passi sunt Graeci a Latinis et
adhuc patiuntur per
poterit unio fieri 444 •.
singulos dies; quod odium, nisi prius abiciatur ab eis, non
Die Belege gehören zu den wenigen Zeugnissen, die ein Bindeglied darstellen von
der Zeit MICHAELS VIII. bis zum Florentiner Konzil. Sie lassen erkennen, daß
sich die unionsfeindliche Stimmung des byzantinischen Volkes im Laufe von zwei
Jahrhunderten nicht gewandelt hat. Die Unionsfeindschaft läßt sich weitgehend
mit Lateinerfeindschaft gleichsetzen.
L. HALPHEN ist in seinem wichtigen Aufsatz über die Rolle der Lateiner am Ende
des 12. Jh. leider der Frage nicht weiter nachgegangen, inwieweit diese Ausländer
mdie unteren Schichten der hauptstädtischen Bevölkerung eingedrungen sind 446.
Aus der allgemeinen Überlegung, daß die ungeheure wirtschaftliche überlegen-
heit der italienischen Seestädte vor allem die niederen Schichten bedrücken mußte,
ebenso wie aus den Zeugnissen über die Unionsfeindlichkeit des Volkes ist der
Schluß zu ziehen, daß der westliche Einfluß auf die niederen Schichten gering
geblieben ist. Gerade die niederen Schichten des Volkes stellen 1348 die Armee
gegen die Genuesen 446.
Bestärkt wurde das Volk in seiner Haltung durch weite Kreise des Mönchtums.
Die unnachgiebige Stellung der antilateinischen Schriften des Mönches GREGORIOS
P ALAMAS sind dafür Beweis, ebenso die Werke des Mönches MATTHAIOS BLAsTAREs.
Noch aufschlußreicher ist das Gespräch, das im Jahre 1357 der Legat des Papstes
INNozENz VI. mit dem Diakon ATHANAsIOs des Pantokratorklosters führte 447.
Volk (Aa6~) und einige Senatoren waren zugegen.
reat'Xol werden nicht nur die
orthodoxen Griechen, sondern die Byzantiner als Staatsvolk bezeichnet 448,
'Pwp,aiof, sind die römischen Katholiken, in hergebrachter, fester Verbindung kön-
nen auch immer noch die Byzantiner so heißen 449. Die "Nationalisierung" des
byzantinischen Staatsbegriffs ist verbunden mit dem Bewußtsein von der Größe
der byzantinischen Geschichte in der Vergangenheit, vor allem dem Kampf gegen
Araber und Türken, aber auch gegen die Franken. Der Zusammenhalt mit dem
Westen ist keine Gewähr für die Rettung vor den Barbaren!
Die Schwäche des Papsttums im 14. Jh. ist klar empfunden: "Wir können heute
beobachten, daß viele Inseln, die dem Papst unterstehen, doch von ihm
keine Hilfe bekommen, sondern von den Feinden des Kreuzes Christi versklavt
el~ laxvv äer5rJV f}flä~ dUaat.
Die Geschichte von den Vierfüßlern ist bestimmt keine
"Kindergeschichte" (vgl. K. KRUMBACHER Geschichte der byz. Litteratur, Münchens
1897,877-9). Das Datum gibt einen deutlichen Anhaltspunkt für die Absicht des Ge-
dichts: 1364 beginnt J OANNES P ALAlOLOGOS wieder Verhandlungen mit dem Papsttum,
diesmal freilich viel zurückhaltender als 1355 (vgl. HALECKI Empereur 86).
444 Acta Benedicti XII S. 90 = PG 151 Sp. 1336 C.
446 Mel. Diehl I (1930) 141-5.
·446 SEVCENKO Supposed colony 614 mit Belegen.
447 Ed. J. DARROUZES, REB 19 (1961) 86-109.
·448 Besonders deutlich S. 90 Kap. 6 (Anfang).
449 S. 86 Kap. 1: 'Iwavvov TOU IIaJ
T~V ßaatJ
elav
'Pwflalwv lf)vvoVTO~.
66 FREMDLÄNDISOHE EINFLÜSSE werden " 450. Dem Papst wird höchstens der Ehrenprimat vor den anderen
66
FREMDLÄNDISOHE EINFLÜSSE
werden
" 450. Dem Papst wird höchstens der Ehrenprimat vor den anderen Patri-
archen zugestanden 451.
Allgemein von einer Lateinerfeindlichkeit des Mönchtums zur Zeit des J OANNES
KANTAKUZENOS zu sprechen, wäre voreilig. Im Blick auf die UnionsbemühWlgen
MrCH.A.ELS VIII. hat H. EVERT-KAPPESOVA mit Recht darauf hingewiesen, wie
schlecht der Einfluß und die Stellung dieses sozial Wleinheitlichen Standes zu
fassen sei 462. Unter den sozial hochstehenden antipalamitischen Mönchen dürfte
sich mancher "latinophron" befWlden haben.
Die Haltung des hohen Klerus in der Zeit des J OANNES KANTAKUZENOS ist durch-
aus unions- und lateinerfeindlich. Die Patriarchen von Konstantinopel bean-
spruchen für sich den Primat 463 und suchen die BeziehWlgen zu den Patriarchen
von Antiochien und Alexandrien zur Stärkung der orthodoxen Partei zu festigen.
Kein Vertreter des byzantinischen Klerus begleitete den Kaiser J OANNES V. 1369
nach Rom. Bei UnionsverhandlWlgen ist der hohe Klerus überzeugt, daß sich die
orthodoxe MeinWlg durchsetzen werde (64.
Prüft man in den Patriarchalakten die Reihe der Personen, die dem lateinischen
Glauben abschwören, so ergibt sich, daß die meisten and rw'V Aart'V(()'JI kommen,
d. h. aus dem Westen 466. Wichtig an diesem Personenkreis ist, daß sie sich durch
dieses offizielle Bekenntnis stärker an die byzantinische Gesellschaft assimilieren
wollen, zu der sie offensichtlich als "Lateiner" schlecht Zugang finden.
In welchen Schichten der byzantinischen Gesellschaft des 14. Jh. macht sich
der westliche Einfluß geltend 1 Die "Lateiner" dringen im 14. Jh. in die gleichen
Gesellschaftsschichten ein wie im 12. Jh.: Es sind die höchsten Kreise der byzanti-
nischen Gesellschaft, angefangen vom Kaiserhaus, und das Heerwesen, in dem
westliche Kontingente in der gesamten byzantinischen Geschichte eine wesentliche
Rolle gespielt haben 456.
1321 würdigt das "Triumvirat" keinen Byzantiner der Mitwisserschaft an den
Plänen des ANDRONIKOS 111., wohl aber drei vornehme und reiche Genuesen,
RAFFO DORIA, RAFFO DE MARI und FREDERIGO SPINOLA als cptAOt 457. Im Zusam-
menhang mit einer Papstgesandtschaft, die J OANNES KANTAKUZENOS in seinem
Geschichtswerk zeitlich falsch ansetzt, spricht er von seinen in Galata lebenden
"Freunden" (rw'V s'V raAai{j. &aif2tß6'ViO)'JI cptAW'V) 458. BeziehWlgen gehen von den
4.50 S. 90 Kap. 6 (Ende).
451 S. 106 (Kap. 25).
452 La societe byzantine et l'Union de Lyon, BS 10 (1949) 29 u. 30.
458 BEOK Kirche 35.
454 MM I, 491-3. HALEOKI Empereur 152, der den Klerus "en principe
favorables"
für eine Union bezeichnet, vergißt die starre GrundeinsteIlung, die gerade aus diesem
Dokument spricht.
455 Eindeutig in MM H, 8f., 84, 159, 192, 200, 344, 449, 454, 488, 490. Auch MM I,
50lf., 550f. (aus türk. Gebiet). Herkunft unbekannt: MM I, 365/6, 506/7; H, 343; nur
ein byz. Adelsname befindet sich unter den Namen der Konvertiten: ALEXIOS PALAIo.
LOGOS (zusammen mit ANTONIUS LOMBARDUS), über dessen Schicksal aber nichts Näheres
bekannt ist (MM H, 266) (PAPADOPULOS Palaiologen Nr. 161; Zuweisung berechtigt?).
456 Vgl. R. JANIN Les Francs au service des Byzantines, EO 29 (1930) 61-72 (für die
Spätzeit unergiebig).
457 Kant. I, 8: I, 38, 20f. Vgl. BOSOR Andronikos III. 16.
m Kant. IV, 9: IH, 62, 12; vgl. zur Chronologie LOENERTZ Ambassadeurs 178 A. 3.
EINDRINGEN LATEINISCHER ELEMENTE 67 Dominikanern in Pera zur Kaiserin ANNA VON SAVOYEN. Der Guardian der
EINDRINGEN LATEINISCHER ELEMENTE
67
Dominikanern in Pera zur Kaiserin ANNA VON SAVOYEN. Der Guardian der Fran-
ziskaner in Pera, HEINRICH, stammte wie die Kaiserin selbst aus Savoyen 469 • Von
dem "lateinischen" Kreis des DEMETRIOs KYDONES wurde bereits gesprochen.
Ritter aus dem Westen stehen im Dienst des Kaisers. Der 'XaßaAAaetO~ O've MANUEL
MESOPOTAMITES erscheint im März 1343 (Reg. 2887) als treuer Anhänger der
Palaiologenpartei. Aus dem Namen läßt sich eine Latinisierung der alten byzan-
tinischen Familie erschließen. FRANQOIS "DE PERTUXO" aus der Diözese Saint-
Flour in der Auvergne "hatte bereits dem Kaiser lange Zeit gedient" (JtOAVV 1jt51]
xeovov t5et50VAeV'XoTa ßaO'LAe'i) 460. JOANNES KANTAKUZENOS spricht davon im Zu-
sammenhang mit dem Jahre 1348, und so ist es wahrscheinlich, daß der Ritter im
Bürgerkrieg als treuer Anhänger des Kantakuzenen auf dessen Seite stand und
der engeren Gefolgschaft angehörte. Der Philosoph BARLAAM, ebenfalls zur enge-
ren Gefolgschaft des Kantakuzenen zählend, stammte aus Süditalien. Auf die aus-
ländischen Elemente in der Dienerschaft des J OANNES KANTAKUZENOS wird noch
hinzuweisen sein (vgl. S. 147). Der ol'XiT1]~des ALEXlOS APOKAUKOS, TCecpei, trägt
einen französischen Namen (GEOFFROY) 461. Das lateinische Truppenkontingent
im Heer des Adeligen und Gegenkaisers war bedeutend. Die vornehmen lateini-
schen Söldnerführer stehen nicht hinter der byzantinischen Gefolgschaft des Ade-
ligen zurück: Sie dürfen 1341 dem neuen Kaiser den linken roten Schuh anziehen
(vgl. S. 40). Alterprobte lateinische Söldner nehmen am Rückzug des JOANNES
KANTAKUZENOS nach Serbien teil und bewachen später wichtige Stützpunkte in
der Hauptstadt.
Der Genuese FAZZOLATI wird Flottengeneral der Kaiserin ANNA. An dieser Ge-
stalt wird die Bedeutung fremdländischer Elemente in der byzantinischen Gesell-
schaft besonders deutlich: Der Genuese sammelt um sich eine Gefolgschaft wie
ein byzantinischer Adeliger und führt die Wendung im Bürgerkrieg herbei (vgl.
Kap. III). Sieben Jahre später ist es wieder ein Genuese, der Korsar FRANCESCO
GATTILUSIO, der dem Palaiologen JOANNES V. zum Sieg über den Kantakuzenen
verhilft. Der Kaiser verspricht ihm die Hand seiner Schwester.
Bis in die engere Adelsgefolgschaft dringen also fremdländische Elemente in die
byzantinische Gesellschaft, wobei es auffällt, wie wenig Venezianer dabei in Er-
scheinung treten. Leider geben unsere Quellen zu wenig Aufschluß, inwieweit
diese Ausländer auch durch Heiraten sich an die byzantinische Gesellschaft assi-
miliert haben.
Noch eine zweite Beobachtung ist erstaunlich: Die "Freundschaft" des J OANNES
KANTAKUZENOS mit dem türkischen Emir UMUR, den der Adelige selbst als seinen
besten Freund (cptAo~ wv e~ Ta p,aAtO'Ta KavTa'XovC1]vi[» 462 bezeichnet, hat dem
Bürgerkrieg eine entscheidende Wende gegeben. Der türkische Emir URCHAN wird
Ist dieser JOANNES mit JOANNES DE FONTffiUS gleichzusetzen? Vgl. R.-J.
LOENERTZ
J oannis de Fontibus ord. Praedicatorum epistula ad abbatem et conventum monasterii
nescio cuius constantinopolitani, Arch. Praed. 30 (1960) hier S. 164.
m Kant. Ill, 82: II, 503, 8f. Vgl. B. ALTANER Die Kenntnisse des Griechischen in den
Missionsorden
ZKG 53 (1934) 459.
<160 Kant. IV, 9: In, 53, 6. Acta Clementis V. Nr. 162. GAY Clement 102 A. 2; 109 A. 2.
<161 Kurzchronik 1352 Nr. 45 u. d. Bemerkungen von P. SOHREINER OCP 31 (1965) 360
A.
1. Kant. In, 88: II, 544, 22.
<1611 Kant. III, 56: II, 344, 13.
68 FREMDLÄNDISCHE EINFLÜSSE der Ehre gewürdigt, die Tochter des JOANNES KANTAKUZENOS zu heiraten. Auf beiden
68
FREMDLÄNDISCHE EINFLÜSSE
der Ehre gewürdigt, die Tochter des JOANNES KANTAKUZENOS zu heiraten. Auf
beiden Seiten stehen im Bürgerkrieg starke türkische Truppenkontingente 463 •
Ein Eindringen türkischer Elemente in die byzantinische Gesellschaft, das dem Ein-
dringen westlicher Elemente vergleichbar wäre, ist trotz allem in einem Staat nicht
nachzuweisen, der immerhin schon nach 1371 den Türken tributpflichtig wird 464.
Auch J OANNES KANTAKUZENOS ist nie so weit gegangen, wie E. WERNER richtig
bemerkt, daß er "seinem Freund Umur eine Stadt oder einen Landstrich als
Äquivalent für dessen Hilfe angeboten hätte 465". Gerade die byzantinische Ober-
schicht wie THEODOROS METOCHITES, NIKEPHoRos GREGORAS, DEMETRIOS Ky-
DONES und - zu spät - auch J OANNES KANTAKUZENOS selbst erkennt die türkische
Gefahr. Einen Verrat des "Feudaladels" hat es nicht gegeben, wohl aber eine
unheilvolle Nachwirkung der byzantinischen Tradition, daß bei innerem Zwist
die Parteien ausländische Hilfe herbeiriefen ohne Rücksicht auf die Zukunft des
byzantinischen Staates 466.
Es gibt nur wenige Anzeichen, daß sich türkisches Blut in der ersten Hälfte des
14. Jh. im Bereich des byzantinischen Staates 467 mit griechischem Volkstum
mischt. Die Assimilierung des seldschukisch-türkischen Elementes an die byzan-
tinische Gesellschaft macht sich seit dem 12. Jh. nicht nur in der hohen Stellung
von Einzelpersonen (z. B. der Großdomestikos AxucH unter Kaiser MANUEL I.),
sondern auch im Aufkommen byzantinischer Personennamen türkischer Herkunft
wie lleOC1OVx und l:aflovx'YJ~bemerkbar. Auffallend ist das Auftauchen des Namens
Karaman 1333 im Kasandriagebiet entweder als Familien- oder Flurnamen 468.
Die türkische Familie der Melikes hat sich im 14. Jh. mit dem alten byzantini-
schen Geschlecht der Raul, dann sogar mit einer mit den Asan verwandten Palaio-
login verbunden 469. T've6.",'YJ~,der ol",eT'YJ~der Kaiserin ANNA, der 1347 mithalf, die
Hauptstadt J OANNES KANTAKUZENOS in die Hände zu spielen und offenbar großen
Einfluß besaß,
war vielleicht türkischer Herkunft 470 •
Hier wäre das Eindringen des türkischen Elements in eine byzantinische engere
Gefolgschaft greifbar.
So unruhige und entwurzelte Gruppen wie die zahlenmäßig nicht bedeutenden
"Turkopuli" wurden auf die Dauer nicht auf byzantinischem Boden seßhaft 471.
488 Seit der Zeit des Kaisers NlKEPHOROS BOTANEIATES (1078-1081) sind türkische
(vor allem seldschukische) Söldnertruppen im byz. Heer eine immer wiederkehrende
Erscheinung.
464 Vgl. G. OSTROGORSKY Byzance, etat tributaire da l'empire turc, ZRVI 5 (1958) 49ff.
465 WERNER Umur 261.
466 Es übersteigt den Rahmen dieser Untersuchung, die Abhandlung von E. FRANCES
La feodaliM byzantine et la conquete turque, Studia et acta orientalia 4, Bukarest
1962, 69-90 im einzelnen zu widerlegen.
467 Dies ist natürlich grundlegend anders in Gebieten, die von den Türken erobert sind.
Hier kommt es bald zur Völkervermischung; vgl. G. G. ARN.AKES Die ersten Os-
manen (ngr.), Athen 1947, 124/5.
468 Xenophon Nr. 9 vgl. Reg. 2789.
469 V. LAURE NT Une familIe turque au service de Byzance, BZ 49 (1956) vor allem
S.360-367.
470 G. MORAVCSIK Byzantinoturcica II, Berlin 2 1958, 315.
m P. MUTAFCIEV Die angebliche Einwanderung von Seldschuktürken in die Do-
brudscha im XIII. Jh., Bulgar. Akad. Wiss. 66, I, 2, Sofia 1943 hier S. 84-89.
EINDRINGEN TÜRKISCHER ELEMENTE 69 Sie waren zeitweise dem byzantinischen Heer eingegliedert. Wann entstand die
EINDRINGEN TÜRKISCHER ELEMENTE
69
Sie waren zeitweise dem byzantinischen Heer eingegliedert. Wann entstand die
Palastgarde der flover6:r:Ol, die sich wohl aus türkischen christianisierten Gefange-
nen rekrutierte und bei Pseudo-Kodin in der Mitte des 14. Jh. zuerst näher be-
schrieben wird 472~ Nach einem nicht ganz sicheren Zeugnis stammte SIMON
ATUMANOS von einem türkischen Vater und einer griechischen, aber nicht ortho-
doxen Mutter 473. Ist nur der Charakter der erzählenden Quellen und Urkunden
dafür verantwortlich, daß wir über diese türkischen Elemente so wenig wissen,
oder wehrte sich die byzantinische Gesellschaft bewußt gegen diese Eindringlinge,
die kulturell viel tiefer standen als die "Lateiner" und in ihrem Glauben nach dem
Urteil der Byzantiner Heiden waren ~
472 Vgl. STEIN Untersuchungen 55. V. LAURE NT in: Hellenika 5 (1932) 142.
m G. FEDALTO Per una biografia di Simone Atumano, in: Aevum 40 (1966) 445f. hier
S. 446 A. 5: "ipse de Oonstantinopoli ortus est paterque fuit turcus et mater eius cismati-
ca
" nach RUBIO I LLUCH Diplomatari de l'orient Catala, Barcelona 1947, 492.
VB. Joannes Kantakuzenos und das Volk 1. Die Fragestellung Die Haltung des Volkes hat weitgehend
VB. Joannes Kantakuzenos und das Volk
1. Die Fragestellung
Die Haltung des Volkes hat weitgehend das politische Schicksal des J OANNES
KANTAKUZENOS nach dem Tode des Kaisers ANDRONIKOS 111. bestimmt. Es wäre
zu erwarten, daß der reiche Aristokrat in seinem Geschichtswerk, d. h. der Apolo-
gie seines Wirkens, mit Haß und Verachtung vom Volk spricht und etwa wie
NIKETAS CHONIATES eine "Pathologie der Volksseele" vor dem Leser entrollt.
Zu solchen Gefühlsausbrüchen läßt sich der Adelige niemals hinreißen, abgesehen
von gelegentlichen negativen Bemerkungen. Die wenigen Stellen, an denen er
über das Verhalten des Volkes reflektiert, berühren sich wie die gelehrten Aus-
führungen des Gregoras mit antiken politischen Lehrmeinungen.
J OANNES KANTAKUZENOS versucht die Haltung des Volkes zu erklären und zu ent-
schuldigen einmal durch den Einfluß von Demagogen, in Thessalonike von den
"Zeloten", zum anderen durch den immer wiederkehrenden Hinweis auf den
sozialen Gegensatz zwischen Volk und "Mächtigen" in den Städten.
Diese Darstellung gilt es im Folgenden kritisch zu betrachten. War das Volk nur
durch einzelne wenige Männer verführt, oder stieß J OANNES KANTAKUZENOS auf
Ablehnung in weiten Bevölkerungskreisen ~Wie groß war die Macht dieser Männer
wirklich ~ Ist das Verhalten des Volkes nicht auch durch andere Faktoren als nur
durch den sozialen Gegensatz bedingt, vor allem durch einen Kampf um politische
Rechte und Einflußnahme und durch die Situation des Bürgerkriegs, ausgelöst
durch die Thronnachfolgefrage ~ Zu schnell scheint mir die Forschung mit so ge-
wichtigen Begriffen wie "Volkskommune", "Volksaufstand", "Revolution" ge-
arbeitet zu haben.
2. Die Terminologie
Die vielfältige Bedeutung des Wortes ,,~ijflo~" im klassischen
Sprachgebrauch 474
wirkt auch im Geschichtswerk des J OANNES KANTAKUZENOS noch nach 476. Aus
474 RE V, 1 "Demos" (v. SCHOEFFER) (1903) Sp. 153-161 vor allem Sp. 154. ARNOLD
A. T. EHRHARDT Politische Metaphysik von Solon bis Augustin I, Tübingen 1959
106f. (die verschiedenen Bedeutungen von "Mjp.o~").
m LJfjp.o~als die in einer Stadt lebenden Bewohner: Kant. 1I, 36: I, 518, 20 1eal 0 ofjp.o~
EVOetq. 1eLVOVVeVeL UnoAeaOat. Kant. IV, 38: IH, 277, 16f.: Ol oe Ofjp.ot TWV n6,lewv, öaoL p.~
oLerp0ele1Jaav. Als Steuergemeinde
(hier Chios) : Kant. H, 11: I, 379, 11 f.: Tav ofjp.ovoe
TWV o1Jp.oalwv avfj1eev elarpoewv. Eine Stelle könnte geradezu als eine Übersetzung des klas-
sischen Ausdrucks "senatus populusque Romanus" aufgefaßt werden: Kant. 1I, 29:
I, 476, 20: die Genuesen haben gehandelt naea Ta avyxetp.eva ·Pwp.aloL~ 1eal aVTwv Tfi
ßov,lfi 1eal Tip o"p.cp.
ANSÄTZE S~ÄNDISCHEN DENKENS 71 dem Zusammenhang ist meist der Sinn mit einiger Sicherheit zu erschließen,
ANSÄTZE S~ÄNDISCHEN DENKENS
71
dem Zusammenhang ist meist der Sinn mit einiger Sicherheit zu erschließen, so
daß die Unschärfe der Terminologie dem Historiker keine Schwierigkeiten macht.
Schwer hingegen ist die Frage zu beantworten: Wer gehörte zum ~fjf'0;'76 nach
der Meinung des kaiserlichen Geschichtsschreibers1
;BRANOS (mv &7f'0v el;), der später in Adrianopel Volksführer ist, war Erdarbei-
ter 477. Der Beruf seiner beiden Mitstreiter ist leider nicht genannt. In der ,,0/'vT]
E""Ä'YJC1la, die J OANNES KANTAKUZENOS 1347 als Kaiser einberuft, werden zuerst
als Teilnehmer die Kaufleute, Soldaten und Handwerker aufgezählt. Erst dann
sind "auch nicht wenige aus dem Volk" ("at TOV ~~f'0vov" oÄlyo/') und die Kloster-
vorsteher erwähnt 478. Rechnet der kaiserliche Geschichtsschreiber die Kaufleute
und Handwerker nicht zum "Volk"1 Die an der Küste wohnenden Matrosen in
Thessalonike und die Seeleute von Konstantinopel sind eindeutig dem ~fjf'0; zu-
gezählt '79.
Deutlich unterscheidet J OANNES KANTAKUZENOS auch die f'ÜlO/, 'so vom ~fjf'O;,ohne
daß an einer Stelle sichtbar würde, wen er konkret mit dieser Mittelschicht meint.
EusTATHIos umschreibt im 12. Jh. die ganze Bevölkerung (n6:VTa;) , die sich
ANDRONIKOS 1. zuwendet, als oE f'syaÄOt, oE f'/',,(!ol, oE f'ÜJO/,'Sl. Der Gesprächs-
partner (nÄovO'lO;) des "Armen" im Dialog des ALEXIOS MAKREMBOLITES rechnet
sich der "Mittelschicht" (f'e0'6T'YJ;) zu 'S2. Der Herausgeber stellt mit Recht fest:
"It is important to realize that Makrembolites' Rich do not belong to the very
highest strata of Byzantine society." Der Reiche gehört also durch sein Vermögen
noch nicht dem "Adel" an. THoMAs MAGISTROS spricht an keiner Stelle von den
"Mittleren", auch nicht NIKEPHOROS GREGORAS. PHILOTHEOS redet an einer Stelle
von der f'sO''YJ f'o'i(!a 'S3. Zweifellos sind also die "Mittleren" ein Bestandteil des
gesellschaftlichen Denkens der Byzantiner, wenigstens der Spätzeit, doch ent-
steht der Eindruck, als lege J OANNES KANTAKUZENOS auf diesen Begriff besonderen
Wert, um den Eindruck abzuschwächen, daß das ihm feindliche Volk einen weiten
Kreis der Bevölkerung umfaßte.
m Wenn Jo. Kant. die Unbildung und Kritiklosigkeit des Volkes besonders hervor-
heben will, verwendet er ÖXAO~ undnAfj(Jo~. Kant. III, 1: II, 16, 3f.: ovc5e yd~ äf1T}p,6~'l't~e~T}­
~oveTo (Jeov~, olov note;;v cptAe;; TO nAfj(Jo~. Kant. III, 1: II, 12, 22: öf1a rj ÖXAO~ <5
c5T}p,(MT}~ c5te(JeVAAet Ti 'l't'Jle~ freeoL dn~yyeAAov. Merkwürdigerweise wird das Wort Aa6~
von Jo. Kant. nicht verwendet, das von allen Termini für "Volk" am meisten neu-
tral ist. Vgl. aber J o. Kant. Contra Mahomet PG 154 Sp. 460 B.
'77 Kant. III, 28: II, 176, lOf.:
m,andvn neOf1exwv.
Kant. IV, 5: III, 34, 7f.
478
Kant. III, 94: Il, 576, 8f. Kant. IIl, 88: II, 545, 2f.
470
480 Gute Zusammenstellung der Stellen über die p,eaOL bei J o. Kant. bei SEVÖENKO in
Einleitung zu MAKREMBOLlTES Dialog 200/201. Es sind vor allem vier Stellen: Kant.
III, 29: II, 179, 5f. (die Stellung der "Mittleren"; allgemeine Betrachtung des Jo.
Kaut.); Kant. III, 38: Il, 235, 5-8 (die Zeloten zwingen die "Mittleren", gegen J o.
Kant. Stellung zu nehmen); Kant. III, 55: II, 334 (die schlimme Lage der "Mittleren"
in Didymoteichos); Kant. III, 64: II, 393/4 (das Schicksal des GABALAS, eines "Mitt-
leren"). Zu den "Mittleren" auch stark hypothetisch TAFRALI Thessalonique 27-30.
m EUSTATHIOS Eroberung von Thessalonike (Bonner Ausg. 393, 1) (ed. KYRIAKIDES
32,8).
482 Dialog 210, 17-20.
483 Vita SABAE Kap. 2 S. 193.
72 KANTAKUZENOS UND DAS VOLK Wir dürfen annehmen, daß auch die Handwerker, Soldaten und Kaufleute
72
KANTAKUZENOS UND DAS VOLK
Wir dürfen annehmen, daß auch die Handwerker, Soldaten und Kaufleute die
Sprecher und Gesandten des ,,~ijflO<;" als ihr e Vertretung betrachteten. Im Bürger-
krieg ist immer wieder vom Gegensatz zwischen ~v1Ja7:ol und ~ijflo<; die Rede.
Weitere Bevölkerungsgruppen sind meist nicht genannt. Dies weist darauf hin,
daß ,,~ijfl0<;" eine breite Bevölkerungsschicht umgreift. Sie umfaßt, von den ärm-
sten Gliedern der Bevölkerung beginnend, Matrosen, Bauern, Handwerker,
Kaufleute und Literaten. Allen, die dem Volk angehören, ist nicht ein bestimmter
Beruf gemeinsam, sondern eine bestimmte Höhe des Einkommens und Ver-
mögens 484 • Die Frage nach der Abgrenzung der fleC10t vom ~ijflo<; bleibt. JOANNES
KANTAKUZENOS scheint nämlich auch die "Mittleren" nach dem Beruf vom Volk
zu trennen. In Didymoteichos hätten das Heer durch seine Raubzüge und "die
Handwerker und alle, die mit der Hände Arbeit ihr Leben fristen" 486 im Gegensatz
zu den fleC10t keinen Mangel gelitten - so berichtet er. Gehörte der Bürger den
"Mittleren" an, wenn der Besitz eine gewisse Größe überschritten hatte~ Es ist
bedauerlich, daß wir hier die Grenze nicht feststellen können. Zählten die fleC10t
zum ~ijfl0<;' wenn er als politisch wirksame Gruppe in Erscheinung trat~ Diese
Frage läßt sich bei den unten zu erörternden Gesandtschaften der ~v1Ja7:ol, des
Klerus und des ~ijflO<; stellen.
3. Die soziale Lage und die politische Wirksamkeit des Volkes
unabhängig vom Bürgerkrieg 1341-1347
Die oben versuchte Begriffsbestimmung von ,,~ijflo<;" mußte notwendig von dem
soziologischen Aspekt ausgehen, den das Wort seit der Antike hat. Dieser Blick-
winkel wird deutlich in der Gegenüberstellung ~v1Ja7:ol,bzw. a(!tC17:ot zu ~ijflO<;. Das
Volk wird also der besitzenden, fest abgegrenzten Oberschicht einer Stadt gegen-
übergestellt, die zugleich eine Stadt führen kann wie die Gefolgschaft des SYNA-
DENOS in Bizye 486 • Mit ~ijflO<;und ~v1Ja7:olbzw. a(!tC17:ot kann die gesamte Bevölke-
rung einer Stadt und einer Insel umschrieben werden 487. Da