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Geschichte der

deutschen Sprache

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 1
Themenverzeichnis für
Lehrveranstaltungen
 Vorlesungen

1. Theoretische Grundlagen der Sprachgeschichtsforschung.


2. Geschichte der deutschen Sprache: Gegenstand, Ziele,
Aufgaben
und Methoden.
3. Indoeuropäische Sprachen. Ausgliederung
der germanischen Sprachen aus der Großgruppe
der indoeuropäischen Sprachen. I. Lautverschiebung.
Das Wernersche Gesetz. Akzentverhältnisse.
Germanische Sprachen. Gotisch.
4. Germanische Stämme und Stammessprachen. Periodisierung
der deutschen Sprachgeschichte.
5. Althochdeutsch. Räumliche Gliederung,
historisch-sozialer Hintergrund, phonematische,
morphematische, syntagmatische und lexematische Aspekte.
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 2
6. Mittelhochdeutsch. Räumliche Gliederung, historisch-sozialer
Hintergrund, phonematische, morphematische, syntagmatische
Aspekte.
7. Mittelhochdeutsch. Lexematische Aspekte.
8. Frühneuhochdeutsch. Historisch-sozialer Hintergrund,
phonematische, morphematische, syntagmatische Aspekte.
9. Frühneuhochdeutsch. Lexematische Aspekte.
10. Neuhochdeutsch. Tendenzen und Fakten der Sprachentwicklung.

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deutschen Sprache 3
 Seminare und Übungen

1. Deutsch des 20. und 21. Jh.: Fakten und Faktoren


der Sprachentwicklung.
2. Deutscher Sprachraum im 21. Jh. Deutsche Sprache in Österreich
und in der Schweiz.
3. Übungen zur historischen Phonetik der deutschen Sprache.
4. Übungen zu Wortschatz und Wortbildung in der Geschichte der
deutschen Sprache.
5. Textanalysen (Ahd., Mhd., Fnhd.).

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deutschen Sprache 4
Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Ernst, Peter
Deutsche Sprachgeschichte: Eine Einführung in die diachrone
Sprachwissenschaft des Deutschen. ‒ UTB basics 2012
2. König, Werner
dtv-Atlas Deutsche Sprache. – Deutscher Taschenbuch Verlag 2015
3. Moskalskaja O.I.
Deutsche Sprachgeschichte: Учеб. пособие для студ. лингв. ун-тов
и фак. ин. яз. высш. пед. учеб. заведений. – М.: Издательский
центр «Академия», 2003
4. Schmidt, Wilhelm
Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische
Studium. – S. Hirzel Verlag Stuttgart 2007
5. Schmid, Hans Ulrich
Einführung in die deutsche Sprachgeschichte: Lehrbuch Germanistik. ‒ J.B.
Metzler 2009

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deutschen Sprache 5
6. Stedje, Astrid
Deutsche Sprache gestern und heute: Einführung in Sprachgeschichte und
Sprachkunde. − W. Fink 2007
7. Vogel, Petra Maria
Sprachgeschichte (Kurze Einführungen in die Germanistische Linguistik)
2013
8. Wolff, Gerhart
Deutsche Sprachgeschichte. Ein Studienbuch. – A. Francke Verlag Tübingen
und Basel 1999
9. http://andpuzik.narod.ru/sprggl.htm

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deutschen Sprache 6
Sprachgeschichte ermöglicht es,
 den heutigen Sprachzustand besser zu
verstehen,
 Gemeinsamkeiten und Unterschiede
zwischen germanischen Sprachen (z. B.
Deutsch und Englisch) sowie ihre Beziehungen
zu nichtgermanischen Sprachen zu erkennen
und zu erfassen,
 neue kulturhistorische Erkenntnisse zu
gewinnen.
Theoretische Grundlagen der
Sprachgeschichtsforschung

Sprachen wachsen nicht wie Bäume. Sie


funktionieren nicht wie Maschinen. Sprachen sind
feinstrukturierte Sozialgebilde, die ihren Ort im
Bewusstsein vieler Sprecher haben und sich nach
den wechselnden Bewusstseinszuständen dieser
Sprecher unaufhörlich verändern. Ob zum Besseren
oder Schlechteren, das hängt von vielen Umständen
ab.
Harald Weinrich

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 8
 Die Sprachdiskussion der letzten Jahrzehnte
ist zunehmend geprägt vom Interesse an
Phänomenen der Sprachgeschichte.
Zu Beginn der 1970er Jahre entstand
wieder eine Bereitschaft dafür, die
synchronische Untersuchung von Sprache
durch diachronische Betrachtung zu
ergänzen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 9
 Die Begriffe Synchronie („Gleichzeitigkeit“) und
Diachronie („Aufeinanderfolge“) stammen von dem
Schweizer Ferdinand de Saussure (1916), dem
Ahnherrn einer modernen, methodisch begründeten
Sprachwissenschaft.
 Der synchronische Ansatz beschreibt die simultane
Sprachbetrachtung, d. h. den bestimmten Zeitpunkt, an
dem ein bestimmter, statischer Sprachzustand
vorherrscht.
 Die diachronische Sprachbetrachtung untersucht die
Unterschiede der Sprache im Laufe der Zeit und hebt
somit den Sprachwandel hervor.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 10
 In der neueren Diskussion um diachronische
Prozesse hat sich der Begriff
„Sprachwandel“ fest etabliert. Der Begriff
„Sprachwandel“ bezeichnet die schon
geordnete „Vielfalt der ständig verlaufenden
Prozesse der Umgestaltung, des Verlusts
und der Neubildung sprachlicher Elemente“.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 11
 Obwohl immer wieder auf die Rolle des Zufalls
bei Sprachveränderungen hingewiesen wurde,
gab es doch schon relativ früh und gibt es noch
heute Versuche, geschlossene Theorien zum
Sprachwandel aufzustellen.
 Diese Theorien haben zum Ziel, die
Entstehung oder Ausdifferenzierung von
Einzelsprachen zu erklären.
Theorien zum Sprachwandel

 In der Stammbaumtheorie (August Schleicher


1863) verschmelzen die genealogischen
Auffassungen der Antike mit den
organologischen und biologistischen
Vorstellungen des 19. Jh. Danach haben sich
die indogermanischen Sprachen durch Spaltung
aus einer Ursprache entwickelt. Abhängigkeiten
und Sprachverwandtschaften lassen sich in
Form eines Stammbaums darstellen.

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deutschen Sprache 13
 Die Wellentheorie (Johannes Schmidt 1872)
erklärt den Sprachwandel wie folgt: Von
bestimmten politisch-geografischen Zentren
gehen Neuerungen aus, die sich durch
Sprachstrahlungen oder Sprachströmungen
wellenförmig ausbreiten, jedoch nicht alle
Sprachschichten bzw. Sprachebenen
gleichmäßig erfassen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 14
 Die Entfaltungstheorie (Otto Höfler 1955)
rechnet dagegen mit der allmählichen
Durchsetzung der angeborenen Eigenschaften
eines Volkes, also einer erbbiologischen
Prädisposition, die sich zeitlich-räumlich recht
unterschiedlich auswirken kann.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 15
 Die Konvergenztheorie (Nikolaj Trubetzkoy
1939) verfolgt einen anderen Grundcharakter:
Sprachen stehen im ständigen Kontakt und
beeinflussen sich gegenseitig. Durch
Sprachmischung (auch genetisch nicht
verwandter Sprachen) ergibt sich allmählich
eine strukturelle Angleichung (z. B. durch
Entlehnungsprozesse).

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 16
 Entsprechend der soziopragmatischen Theorie
(Peter von Polenz 1978) ist die Sprache
grundsätzlich variabel und im kommunikativen
Vollzug ständiger Variation unterworfen, die einen
permanenten Normwandel bedingt. Vier Faktoren
bestimmen im Sprachvollzug miteinander den
Wandel der Sprache: Ökonomie (Streben nach
Kürze), Innovation (Streben nach Neuerungen),
Variation (Streben nach Alternativen) und Evolution
(Einfluss gesellschaftlicher Kräfte).

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 17
Deutsche Sprachgeschichte:
Gegenstand, Aufgaben und Methoden
der Sprachgeschichtsschreibung
 Nach Auffassung Wilhelm Schmidts hat die
Sprachgeschichte wie die Sprachwissenschaft „die
Aufgabe, Sprache und Sprachgebrauch als
besondere Erscheinungsform des menschlichen
Lebens, als spezifische Form sozialen Handelns zu
erforschen, und zwar in all ihren funktionalen,
sozialen, arealen und situativen Varianten. Damit
wird die Sprachgeschichte auch neueren
Forderungen der Soziolinguistik und der
Sprachpragmatik gerecht“.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 18
 Olga Moskalskaja definiert die Geschichte der
deutschen Sprache als „ein Teilgebiet der
Germanistik. Sie erforscht und beschreibt aus
diachronischer Sicht das phonologische System,
den grammatischen Bau, den Wortschatz und das
System der Stile der deutschen Sprache. Ihr
Forschungsgebiet sind einerseits die konstanten
Charakteristiken des Sprachsystems, andererseits
die Dynamik und die Haupttendenzen der
Sprachveränderung.
Gegenstand der Sprachgeschichte sind außerdem
die Existenzformen der deutschen Sprache, ihr
sozialhistorisch bedingter Wandel und das Werden
der modernen deutschen Nationalsprache“.
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 19
 Sprachvariation und Sprachwandel sind (wie
alle Sprach- und Kulturphänomene) nicht
kausal, sondern final oder intentional
erklärbar. Sprachgeschichtliche Deutung
befasst sich zudem zentral mit dem
Verhältnis von Sprachstil und Zeitstil. Dafür
müssen neben den primären
Sprachdokumenten einer Epoche Zeugnisse
aus dem Alltagsleben, aus Politik und Kultur,
literarische und wissenschaftliche Texte
herangezogen werden.
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 20
 Die Sprachgeschichtsschreibung hat zur Darstellung
vergangener Sprachformen schon im 19. Jh. zwei
Methoden entwickelt:
- die komparative Methode (Vergleich zweier
Sprachzustände; Beschreibung des Wandels
einzelner distinktiver Merkmale, z. B. der
Konsonanten, der Flexionsendungen);
- die Methode der inneren Rekonstruktion
(Annahmen aus beobachteten Gesetzmäßigkeiten
innerhalb eines Paradigmas für eine frühere
Sprachperiode, z. B. Erschließen indogermanischer
Wurzeln ohne direkte historische Zeugnisse).
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 21
Indogermanische Sprachen.
Ausgliederung der germanischen
Sprachen
aus der Großgruppe der
indogermanischen Sprachen.

 „Indoeuropäisch“ und „indogermanisch“


treten als synonyme Begriffe auf.
„Indogermanisch“ ist dabei geläufiger im
deutschen Sprachraum.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 22
Indogermanische Sprachen
 Historische (nicht-lebende) Sprachen:
1. Hethitisch (Kleinasien),
2. Phrygisch (Kleinasien),
3. Lydisch (Kleinasien),
4. Tocharisch (Ostturkestan (China)),
5. Pelasgisch (Ägäis und Balkan,
Adriatischer Raum),
6. Makedonisch (Ägäis und Balkan,
Adriatischer Raum),
7. Thrakisch (Ägäis und Balkan,
Adriatischer Raum),
8. Venetisch (Ägäis und Balkan,
Adriatischer Raum);
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 23
 Indische Sprachen:
1. Altindisch (Sanskrit),
2. Neuindisch (Hindī und Urdū),
3. Bengalī (Bangladesch),
4. Nepalī (Srilanka),
5. Sinhalisch (Srilanka),
6. Sprachen der Sinti und Roma;

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 24
 Iranische Sprachen:
1. Altiranisch,
2. Soghdisch,
3. Mittelpersisch,
4. modernes Persisch,
5. Afghanisch,
6. Belutschisch,
7. Tadschikisch,
8. Ossetisch,
9. Kurdisch;
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 25
 Armenisch;
 Griechisch (Altgriechisch und
Neugriechisch);
 Albanisch;

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 26
 Romanische Sprachen:
1. Altitalische Dialekte,
2. Umbrisch,
3. Oskisch,
4. Lateinisch,
5. Italienisch,
6. Französisch,
7. Sardisch,
8. Provenzalisch,
9. Katalanisch,
10. Kastilianisch,
11. Portugiesisch,
12. Rumänisch, Moldauisch,
13. Rätoromanisch,
14. Furlanisch,
15. Ladinisch;
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 27
 Keltische Sprachen:
1. Irisch,
2. Kymrisch,
3. Gälisch,
4. Bretonisch;

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 28
 Baltische Sprachen:
1. Altpreußisch,
2. Litauisch,
3. Lettisch;
 Slawische Sprachen;
 Germanische Sprachen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 29
Deutsch Mutter drei neu

Englisch mother three new

Latein māter trēs novus

Griechisch mētēr treĩs neos

Russisch materi tri novyj


(Gen.)
Litauisch motė trỹs naũjas
(Ehefrau)
Altindisch mātār trayas navah
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 30
 Wortschatz und Flexion weisen
Ähnlichkeiten bei verschiedenen
indogermanischen Sprachen auf. Da geht es
vor allem um
Verwandtschaftsbezeichnungen,
Körperteile, Pflanzen, Tiere, Zahlwörter,
Pronomina und manche geografische
Bezeichnungen. Laut einer Hypothese
gehen die meisten europäischen Sprachen
auf das Altindische zurück.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 31
 Laut Trubetzkoy erstreckte sich der indogermanische
Sprachraum zwischen der Nordsee und dem Kaspischen
Meer mit dem Kern im Donaugebiet.
 Indogermanische Sprache ist eine wissenschaftliche
Abstraktion, eine Rekonstruktion, die durch
historisch-vergleichende Methode zustande kam.
„Indogermanisch“ ist ein linguistischer Begriff und
entspricht keiner politisch-geografischen
Gemeinschaft.
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 32
Primäre Aufgliederung des
Indogermanischen
 Am wahrscheinlichsten gilt heute eine primäre
Aufgliederung des Indogermanischen in eine
östliche Gruppe (Indoiranisch und
Balkanindoeuropäisch) und eine westliche,
„alteuropäische“ Gruppe
 Zur östlichen Gruppe gehören als
Nachfolgesprachen Sanskrit, Avestisch,
Griechisch und Armenisch, zur westlichen
Gruppe die baltischen, italischen, keltischen und
germanischen Sprachen.
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 33
 Bis zur Entdeckung des Tocharischen und des
Hethitischen im frühen 20. Jh. gliederte man das
Indogermanische nach einer Theorie Peter von
Bradkes (1890) in Kentum- und
Satemsprachen. Die Bezeichnungen stammen
von dem altpersischen (satem) und lateinischen
(centum) Wort für hundert, das im
Indogermanischen kmtóm lautete.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 34
Merkmale der indogermanischen
Grundsprache:
 Flektierende Sprache,
 reicher Formbestand,
 synthetischer Sprachbau,
 8 Kasusformen wie im Lateinischen,
 3 Numeri wie im Griechischen (Singular, Plural, Dual),
 3 Genera Verbi (Aktiv, Passiv, Medium),
 stark ausgeprägter Ablaut (qualitativer Ablaut und
quantitativer Ablaut),
 freier Wortakzent wie im Altgriechischen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 35
 Qualitativer Ablaut (Abtönung):
lat. tego „ich bedecke“ - toga „Kleid“
 Quantitativer Ablaut (Abstufung):
lat. sědeo “ich sitze” - sēdi “ich habe gesessen”
ahd. nëman “nehmen” - nâmum “wir nahmen”
 Freier Wortakzent:
rus. я пишу - ты пишешь; профессор - профессора

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 36
 Die germanischen Sprachen beginnen schon
im 2. Jahrtausend v. Chr. sich aus der
indogermanischen Ursprache herauszulösen.
Dieser Prozess zieht sich bis in die ersten
Jahrhunderte nach Beginn unserer
Zeitrechnung hin. Frühe schriftliche
Zeugnisse davon sind skandinavische
Runeninschriften, Berichte römischer Autoren
sowie germanische Lehnwörter in
benachbarten Sprachen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 37
 Germanische Sprachen weisen schon deutliche
Unterschiede von anderen indogermanischen
Sprachen auf. Die wichtigste Besonderheit,
wodurch sich germanische Sprachen von den
restlichen indogermanischen abheben, ist die 1.
Lautverschiebung (germanische
Lautverschiebung). Diese Entwicklung hatte die
Ausgliederung der germanischen Sprachen aus
der Großgruppe der indogermanischen
Sprachen zur Folge.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 38
 Ein zweites Merkmal ist die Festlegung des
Wortakzents auf die Wurzelsilbe
(Wurzelsilbenakzent). Unbetonte Silben
verlieren allmählich ihre Funktion. Vokale in
unbetonten Silben werden reduziert. Es
kommt zur Abschwächung der vollklingenden
Endsilben.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 39
 Ein weiteres Merkmal ist die Reduzierung
der Kasusformen bei Nomina.
Indogermanische Ursprache war eine
synthetische Sprache. In germanischen
Sprachen zeichnet sich deutlich eine
Tendenz zum analytischen Sprachbau ab.
 Das vierte Merkmal ist die Herausbildung
der starken und schwachen
Adjektivflexion.
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 40
 Wichtig ist auch der Ausbau des Ablauts.
Der Ablaut wird zum produktiven Mittel der
Formbildung des Verbs.
 Zum Schluss kommen die Entstehung der
schwachen Verben und der Ausbau des
Wortschatzes durch Neubildung
germanischer Wörter und Übernahme
fremden Wortguts.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 41
1. (Germanische) Lautverschiebung

 Die 1. Lautverschiebung führte zur


Ausgliederung der germanischen
Sprachen aus der Reihe der
indogermanischen Sprachen. Die
germanische Lautverschiebung wurde
erstmals von Jacob Grimm beschrieben. Sie
hat die indogermanischen Verschlusslaute
betroffen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 42
1. Indg. Germ. Beispiele
Verschluss-
laut → Reibelaut
(un)behaucht stimmlos
stimmlos
p(h) → f lat. pater → ahd. fater
lat. tonāre → ahd. Thonar
t(h) → þ
„Donner“
lat. cutis “Haut”→ ahd. hūt
k(h) → x(ch)
“Haut”

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 43
2. Indg. Germ.
Verschluss
-laut → Verschluss-
un- laut
behaucht stimmlos
stimmhaft
lat. lābī „hingleiten“ → got. slēpan
b → p
„schlafen“
d → t lat. duo → got. twai
lat. gena “Wange”→ got. kinnus
g → k
“Kinn”

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 44
3. Indg. Germ.
Verschluss-
laut → Reibelaut
behaucht stimmhaft
stimmhaft
aind. bhrātar → got. brôþar
b(h) → ƀ (w)
“Bruder”
đ (wie in
d(h) → aind. vidhava → got. widuwō
„the“)
lat. hostis „Fremdling“ → got.
g(h) → ǥ
Gasts “Gast”

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 45
 Die indogermanischen behauchten
stimmhaften Explosivlaute werden im
Germanischen unbehaucht. Diese
Konsonanten können auch als stimmlose und
behauchte Konsonanten auftreten. Es gibt
aber zwei Ausnahmen:

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 46
1. Die Verschiebung von p, t, k findet nicht statt
bei den Lautverbindungen sp, st, sk. Sie
bleiben in alter Form erhalten.
Latein Gotisch
lat. spuere → got. speiwan „speien“
lat. stella → got. stairno „Stern“
lat. scabere → got. skaban “scheren”

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 47
2. Ebenso bleibt t nach k und p unverschoben.
Latein Gotisch / Althochdeutsch
lat. octo → got. ahtau „acht“
ahd. nift “Enkelin,
lat. neptis →
Stieftochter”

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 48
Das Wernersche Gesetz und der
grammatische Lautwechsel

 Ein weiterer wichtiger Lautwandel betraf die


stimmlosen Reibelaute f, þ, x und s . Diese
stimmlosen Reibelaute wurden inlautend immer
dann, wenn der Akzent im Indg. nicht auf dem
Vokal davor lag, stimmhaft und fielen dadurch
mit den aus indogerm. b(h), d(h), g(h)
entstandenen Reibelauten b, đ und g
zusammen. Im Falle von s entstand ein neues
Phonem, das stimmhafte [z].

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 49
Indg. über Germ.
s → z
p → f → ƀ
t → þ → đ
k → x → ǥ
→ got. fađar (stimmhaft wie
gr. pat́ēr
in engl. „brother“)
→ got. brôþar (stimmlos wie
gr. phŕātōr
in engl. „cloth“)

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 50
 Dieses Lautgesetz wurde 1875 vom dänischen
Wissenschaftler Karl Werner entdeckt. Da der
Akzent im Indg. bei Flexion und Wortbildung nicht
immer auf derselben Silbe lag, konnten sich in
grammatisch zusammengehörigen Formen
stimmhafte und stimmlose Reibe- und
Verschlusslaute gegenüberstehen. Besonders
regelmäßig war dies im Prät. der starken Verben
der Fall. Wenn man die späteren Entwicklungen
berücksichtigt, stehen im Deutschen
nebeneinander:
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 51
№ Alternanz
s – r (kombinatorischer Lautwechsel
1.
oder Rhotazismus)
Verlust – verlieren
Frost – frieren
2. f – b
be)dürfen – darben
Hefe (ein Mittel, welches hebt)

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 52
№ Alternanz
3. d – t
schneiden – geschnitten
leiden – gelitten
4. h – g
ziehen – gezogen
Höhe – Hügel

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 53
Vokalische Veränderungen

 Vokalische Übergänge, die das Germanische


vom Indogermanischen trennen, sind die von

№ Indg. Germ. Beispiel


Indg. o Germ. a lat. hostis „Fremder, Feind“→ got. gasts
1. →
(kurz) (kurz) „Gast“
2. Indg. ā → Germ. ō lat. māter → anord. môdir, as. môdar
gr.steichein “gehen, steigen” → ahd.
3. Indg. ei → Germ. ī
stīgan “steigen”

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 54
Akzentverhältnisse

 Der im Indogerm. freie Wortakzent wurde im


Germanischen auf die erste Silbe festgelegt. Das
betraf nicht nur einfache Wörter (Vater), sondern
auch nominale Präfixbildungen (Antlitz, Urlaub) und
Komposita.
 Ohne Anfangsbetonung bleiben jüngere verbale
Präfixbildungen und ihre Ableitungen (entstehen
– Entstehung, ertragen – erträglich). Auch eine
kleine Gruppe dreisilbiger Wörter entzieht sich der
Anfangsbetonung (lebendig, Forelle, Wacholder).

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 55
 Die Anfangsbetonung
(Stammsilbenakzent) führt zur
Abschwächung unbetonter Silben im In-
und Auslaut, die schließlich synkopiert
bzw. apokopiert werden. Ursprünglich
kurze Endvokale verschwinden und
Langvokale werden kurz.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 56
 Synkope ist ein Schwund reduzierter Vokale
innerhalb eines Wortes: mhd. obest → nhd. Obst
 Apokope ist ein Schwund reduzierter Vokale
am Wortende: mhd. schœne → nhd. schön

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 57
 Mit dem Stammsilbenakzent hängt die
Entstehung des typisch germanischen
Stabreims zusammen. Der Stabreim beruht
auf der Alliteration, d. h. auf dem
Gleichklang des Anlauts der betonten Silben
einzelner Wörter. Eine solche Reimbindung
ist noch sichtbar in feststehenden Formeln
wie Haus und Hof, Mann und Maus, Kind und
Kegel.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 58
Germanische Sprachen

 Nordgermanische (Skandinavische)
Sprachen:
1. Norwegisch,
2. Schwedisch,
3. Dänisch,
4. Färöisch,
5. Isländisch;

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 59
 Westgermanische Sprachen:
1. Deutsch (seit dem 8. Jh. überliefert),
2. Englisch,
3. Niederländisch,
4. Afrikaans (Sprache der nach Südafrika ausgewanderten
holländischen Buren („Bauern“)),
5. Jiddisch (entstanden im Mittelalter auf der Grundlage
deutscher Dialekte als überregionale Verkehrssprache
der aschkenasischen Juden),
6. Letzeburgisch (Umgangssprache in Luxemburg),
7. Friesisch ( Minderheitssprache im nördlichen Holland, in
Deutschland auf Inseln um Sylt, an der Küste bei Husum);

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 60
 Ostgermanische Sprachen:
Gotisch (4. – 6. Jh.)
Gotisch ist die früheste alphabetschriftlich
überlieferte ausgestorbene germanische
Sprache aus der Epoche der
„Völkerwanderung“. Das ist die Sprache des
germanischen Stammes der Goten, die seit
200 Reiche auf dem Balkan, in Italien und
Spanien gründen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 61
Fast alle überlieferten Sprachdenkmäler der Goten stammen
aus Italien, wo die Ostgoten unter Theoderich um und nach
500 ein mächtiges Reich errichteten. Wichtigste Quelle ist der
Codex Argenteus, eine Prachthandschrift auf
purpurgefärbtem Pergament mit silbernen bzw. goldenen
Buchstaben. Er enthält die vier Evangelien.Gotische
Sprachreste sind auch erhalten in vielen Eigennamen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 62
Das Gotische (genauer: das Wulfilanische
Gotisch, zurückzuführen auf die
Bibelübersetzung durch Missionsbischof Wulfila
(311 – 382)) ist der älteste überlieferte
germanische Dialekt überhaupt. Im Got. haben
u. a. folgende grammatische Kategorien in der
Morphologie ihren formalen Ausdruck: das
Nomen besitzt fünf Kasus (Nom., Gen., Dat.,
Akk., Vok.), das Verb zwei Tempora
(Vergangenheit und Nich-Vergangenheit), drei
Numeri (Sg., Pl., Dual zum Ausdruck der
Paarigkeit des Subjekts).

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 63
 Das Gotische ist eine wesentliche Stütze
bei der Rekonstruktion früher Stufen des
Germanischen, bei der etymologischen
Erforschung des Deutschen, des
Englischen und der anderen
germanischen Sprachen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 64
 Die urgermanische Sprache stellte seit Anfang ihres
Bestehens kein einheitliches System dar. Einzelne
Stämme der Germanen sprachen ihre eigenen
Stammessprachen.
 Diese Differenzierung vertiefte sich noch, als im 2. bzw.
3. Jh. n. Chr. germanische Stämme begannen in andere
Gebiete abzuwandern. Das erfolgte noch vor der
eigentlichen Völkerwanderung, die in Europa erst später,
mit dem Einfall der Hunnen, Ende des 4. Jh. einsetzte.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 65
Germanische Stämme und ihre
Wanderungen
 Ostgermanen: die Goten, die Westgoten, die
Ostgoten, die Burgunder, die Wandalen;
 Nordseegermanen: die Angeln, die Sachsen, die
Jüten, die Friesen;
 Südgermanen:
1. Weser-Rhein-Germanen (Istwäonen): die Franken,
die Chatten;
2. Elbgermanen (Irminonen): die Sweben
(Schwaben), die Alamanen, die Hermunduren,
die Langobarden, die Baiern.
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 66
 Im 2. Jh. begannen die Goten nach Süden abzuwandern
und hatten auf die spätere Entwicklung des Deutschen
keinen Einfluss.
 Im 3. Jh. zogen die Burgunder von ihren Wohnsitzen an
der Weichsel und Oder an den Rhein, an ihre Stelle
traten später slawische Stämme.
 Im Norden wanderten im 5. Jh. die Angeln nach
Großbritannien ab und trugen mit ihrer Stammessprache
zur Entstehung der englischen Sprache bei.
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 67
 Isoglossen sind sprachliche
Gemeinsamkeiten zwischen den
Sprachgruppen, Einzelsprachen und
Dialekten. Innerhalb der germanischen
Sprachgruppen gibt es nord-
ostgermanische, nord-westgermanische,
westgermanische und gotisch-
hochdeutsche Isoglossen.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 68
Einfluss des Lateins auf germanische
Sprachen
 Durch Kontakte der Germanen mit den Römern wurden in die
germanischen Sprachen viele lateinische Wörter übernommen. Aus
lateinischer Sprache stammen u. a. Wörter aus den Bereichen der
Religion (lat. offere → as. offrōn → nhd. opfern), des
Handelsverkehrs (lat. cauponāri, „schachern“ → got. kaupōn →
nhd. kaufen; lat. pondo → nhd. Pfund; lat. monēta → as. munita →
nhd. Münze), der Handelswaren (lat. pīper → nhd. Pfeffer; lat. vīnum
→ nhd. Wein), des Bauwesens (lat. mūrus → nhd. Mauer; lat. tēgula
→ nhd. Ziegel), Gartenbaus (lat. caulis → nhd. Kohl; lat. curcurbita
→ nhd. Kürbis), Weinbaus (lat. calix → nhd. Kelch; lat. calcatūra →
nhd. Kelter) und der Küche (lat. coquina → nhd. Küche; lat. catinus
→ nhd. Kessel).

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 69
 Kriege, die Römer und Germanen führten, und die Tatsache, dass viele
Germanen im römischen Heer als Soldaten dienten, führten zu der
Übernahme vieler Wörter aus dem Bereich Heerwesen (lat. pīlum
„Wurfspieß“→ nhd. Pfeil; lat. pālus „Palisade“→ nhd. Pfahl).
 Im 3. bis 5. Jh. übernahmen die Germanen unter römischem und
griechischem Einfluss auch die Siebentagewoche. Die germanischen
Namen für Wochentage waren zumeist Lehnübersetzungen der lateinischen
Bezeichnungen, die von den Namen der Planetengötter stammen: Montag
← lat. diēs Lūnae „Tag des Mondes“; Dienstag ← lat. diēs Martis „Tag des
Mars Thingsus“ (germanischer Gott Tyr, Beschützer des Thing); Donnerstag
← lat. diēs Jovis (Jupiter wurde dem germanischen Gott Donar
gleichgesetzt); Freitag ← lat. diēs Veneris „Tag der Venus“ (mit der die
germanische Göttin Fria identifiziert wurde); Sonntag ← lat. diēs Sōlis „Tag
der Sonne“.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 70
 Das inschriftliche Deutsch
(6. - 7. Jh.)
Zur Herausbildung des Deutschen haben vor allem die folgenden
Stammessprachen beigetragen: Fränkisch, Bairisch, Thüringisch,
Alemannisch, Sächsisch und Friesisch. Eine besondere Rolle bei
der Entstehung der deutschen Sprachgemeinschaft spielte das
Frankenreich. Das früheste Deutsch ist nur inschriftlich überliefert.
Es geht um insgesamt 60 Runeninschriften des 5. - 7. Jh.,
vereinzelte Wörter in ursprünglicher oder latinisierter Form.
 Das handschriftliche Deutsch (8. - 11. Jh.)
Der Beginn der schriftlichen Fixierung der deutschen Sprache geht
auf das 8. Jh. zurück.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 71
Periodisierung der deutschen
Sprachgeschichte
 Bei der Periodisierung der deutschen
Sprachgeschichte sind folgende Kriterien zu
berücksichtigen: 1) Sprachliche Kriterien;
2) soziolinguistische Kriterien (Varietäten und ihr
Verhältnis zueinander, die Rolle fremder Sprachen
und ihr Einfluss auf das Deutsche, Vorbildwirkung
einzelner Sprachräume, sozialer Gruppen und
bestimmter Persönlichkeiten); 3) außersprachliche
(extralinguistische) Kriterien (historische,
sozialgeschichtliche, ökonomische, kulturelle
Faktoren); 4) pragmatische Kriterien;
5) mediengeschichtliche Kriterien.

D. Koroljow Geschichte der


deutschen Sprache 72
 Die Geschichte des Hochdeutschen lässt
sich in folgende Zeiträume untergliedern:
Hochdeutsch
1. Vorliterarische Zeit (ca. 500 – ca. 770)
2. Althochdeutsch (ca. 770 – ca. 1050),
3. Mittelhochdeutsch (ca. 1050 – ca. 1350),
4. Frühneuhochdeutsch (ca. 1350 – ca. 1650),
5. Neuhochdeutsch (ca. 1650 – ca.1950)
6. Gegenwärtiges Hochdeutsch (seit 1950)
D. Koroljow Geschichte der
deutschen Sprache 73
Niederdeutsch
1. Frühaltsächsisch (ca. 5. Jh. – ca. 8. Jh.),
2. Altsächsisch / Altniederdeutsch (ca. 800 – ca.
1150 / 1200),
3. Mittelniederdeutsch (ca. 1150 / 1200 – ca.
1600 / 1650),
4. Neuniederdeutsch (ca. 1600 / 1650 –
Gegenwart).

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