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endlich offenbar gewordene

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PHILOSOPHIE DER OFFEIBMIIG

Entstehungsgeschichte, wörtlicher Text,

Beurtheilung und Berichtigung

der

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V. j§e]felliiisiiscben XintdecIiLiiiigeii

Üb er

Philosophie überhaupt, Mythologie und Offenbarung des dogmatischen Christenthums

im Berliner Wintercursus von 1.84:1 4:9.

'

Der allgemeinen Prüfung vorgelegt

Dr. 17. JE. €f, JRawtws,

D a r m s t a d t»

Druck und Verlag von Carl Wilhelm Leske.

18 4 3.

IT« SSchellings grosses Verspreclieu.

Der Philosophie' steht noch eiiie grosse,' aber in der

Hauptsache lezte Umänderung bevor, welche einerseits die po-

sitive Erklärung- der Wirldichkeit gewähren wird, ohne dass anderer-

seits der Vernunft das grosse Recht entzogen w^ird, im ßesiz

des absoluten Pintts, 's ^Ibsli des_;dJBr;;Gotth'eity:z;^^se^n^ "

V. Schellings beurtheilende Vorrede ku Prof.

Beckers üebersezung .des Vorworts, welches Victor

Cousin der zweiten Ausgabe seiner Fragmens Philuso-

phiques vorgesezt hatte.^CStuttg. b. Cptta. ISßfO XVIII S.

^'

Ob das, was v. Schelling nun endlich lS4l 42 zu Berlin als eine

neue, bis jeizt für üninöglich geiuiltene Wissenschaft geöffeiibärt hat, diese

positive Philosophie, oder nur eine putative sey, dies ist die Frage.

Dies werden die Selbstdenkenden sich aus dem wesentlichen Texte der Vorträge selbst, aus der Entstehungsgeschichte dieses Philosophirens

und aus meinen Bemerkungen und Gegensäzen zu ' beantworten gebeten.

Heidelberg, 1842—43.

Dr. Pawiws,

Insbesondere gewidmet

Denen, welche endlich wieder

den M^torl^elieit Cltri^tii^

historisch- ideah'sch suchen zu müssen hegrdfen,

](irchenhistörisch aber einsehen,

wie die in's TJebermenschliche phantasierende

d i a 1 e fe tisclie ^peculatlon

in AtJhanasiws > A.wgwsti'nws f A.nsh.etvn'MS

und deren Nachahmern

sich Ton dem praktisch geistigen Messiasideal der neutestament- lichen Christlichkeit im unfruchtbaren Meinungsglauben immer

weiter verlaufen habe.

Dreifaches Vorwort an die Prüfenden,

we^en dreifaclier Zwecke.

MWer Zweck gegenwärtiger Schrift ist 4 1*6 ifach:

I. Herrn von Schelling persönlich wünsche ich alles

mögliche Glück und Heil. Ich wünsche von ganzem Herzen, dass

er es in hohem Grade verdiene und erhalte.

Um so mehr hedauere ich, dass die neue, speculativ theolo-

gische, als positiv und als die wesentlich lezte gerühmte, ihm

ausschliesslich eigene Wissenschaft, durch welche er im Winter

1841 42 die Geschicke der Philosophie [und eben da-

mit auch der Theologie], von dem grossen Hörsaal zu Berlin aus,

für alle Welt zu entscheiden" unternommen hat, nach meiner

lange geprüften, jezt eben dadurch vollendeten Ueberzeugung das

auffallendste Ge gentheil hervorbringen müsste. Allzii sehr

würde sie nach ihrem blos imaginären, weder philosophisch noch

historisch erweislichen Lehr inh alt, noch mehr aber, und was

das Schlimmste ist, durch ihre sowohl im Auffinden des Wahren

als im Mittheilen äusserst unrichtige Methode eine dem Zweck

der Religiosität, Christlichkeit und vernünftiger

Pflichteinsicht entgegenwirkende Richtung bewirken

müssen.

Gegen dergleichen über meinen Lebenskreis hinaus-

reichende Folgen ist es mein Vorsaz, durch die Entstehungs-

geschichte des Irrwahns bei Zeiten zu warnen. Zu helfen ist, so-

viel ich einsehe, nicht anders, als durch Veröifentlichung der geheim gehaltenen, in ihrer Art einzigen, das Neue nach Inhalt und Me-

thode im Zusammenhang charakterlsirenden, oft sich selbst widerle-

genden Vorträge.

Von diesen hat Hr. v. Seh. vorausgesezt, dass

„jedes tiefer gedachte Wort für ganz Deutschland (!!^ ge- sprochen sey, ja selbst über die Gränzen Deutschlands

VI

V. Schellings Lehrzweck, Iiebrinhalt, Methode.

getragen werde/' Vorgelegtmüssen also diese für alle Denkende bestimmten Vorträge werden. Nur dadurch wird" das allgemeinere

Selbsturtheil darüber möglich gemacht, wenn sie nicht; wie seit

zwischen den Wänden einer akademischen

SO, 40 Jahren,

nur

Schule verhallen, von wo aus sie, wegen ihrer dialektischen Ver-

dunkelung, nicht einmal durch das Gedächtniss sicher verbreitet werden können.

Eben deswegen begleite ich auch die dargelegten Hauptmo-

mente dieser mit so vieler Zuversichtlichkeit sich aufdringenden,

die verkehrteste Behandlung ;der Philosophie tind -Theologie, dro-

henden Erfindungen im Ganzen und Einzelnen mit prüfenden Ge-

gengründen und Berichtigungen.

Meine von

Rücksichten, die den Blick berücken"

,

.

fast ganz freie Stellung mag es auch änsserlich: wahrscheinlich

machen> dass ich die Mühe, zwischen diesen verwirrenden Ver-

wickelungen mit meinen Lebenserfahrungen hineinzutreten, nur

deswegen mir auflege, weil ich es in meinem zweiund achtzigsten

Lebensjahre als eine Pflichtaufgabe betrachte, mit welcher

manche Andere, , der Sache Nähere, wegen vergänglicher Verhält-

nisse sich nicht sogleich ebenso ifreimüthig beschäftigen können. Lese ich doch in der ersten und einzigen gedruckten -Vorle-

sung (S. 8.), wie. auch Herr v. Schelling „den klaren Ge-

danken, dass er für dieses Werk (^nach S. 6. eine nicht inichts-

erklärende, das menschliche Bewusstseyn über seine gegenwärtige

Gränzen erweiternde Philosophie zu geben) eigentlich aufgespart

sey und Gott ihm so lange das Leben gefristet habe, für eine

unabweisliche, unzweifelhaft auffordernde Pflicht er-

kenne, jezt, da die Zeit gekommen, das entscheidende Wort

zu sprechen."

Wie erfüllt er diese Pflicht?

Dieses zu fragen,

ist für uns,

die wir durch ihn endlich über die höchsten Dinge gewiss

werden sollen, Pflichterfüllung.

Laut der Preussischen Staatszeitung vom 19. März 1842, also

nach einer authentischen Benachrichtigung, hatte sich v. Schelling

nach einem aussergewöhnlichen Curs von vier Monaten bei einem

glänzenden Fackelzug gegen die desr studirenden Jugend angehöri-

gen Zuhörer wegen seiner Vorlesungen über die Philosophie der

Ofl"enbarung wörtlich so erklärt: „Darf ich fragen, was mir Ihr

Wohlwollen, Ihr Vertrauen, Ihre Zuneigung gewonnen? Es ist wahr, meine Herren! Ich habe mich bestrebt, Ihnen etwas

.V.' Schelliags Lehrsiwecfc, LehriDhalt,:Meth:ode.

;vll

mitzatheileh, da5 ;länger dauere, und raushalte, als das

scjinell yorubergehende; "VerKältniss zwischen Lehrer und Zuhörer;

insbiesondere einePhilosöphie Ihnen zu .geben, die die

frische Luft des Lebens vertragey am Völlen Licht sich zeigen

könne, nicht =blos innerhalb der vier Pfähle einer engen Schule

oder in einem beschränkten Ereise von Schülern sich behaupte."

' Selbstrühmeäs genug! sollte man denken. Aber nicht

durch den Inhalt alieinf*, fuhr Er fort, ,jgewinnt man die

Herzen! Was ist es ^Iso, das Sie persönlich anmich ge-

zogen?

Es kann nur

dieses seyn,

dass Ich Sie gerade die

höchsten Dinge in ihrer ganzen Wahrheit und.Eigen- thümlichkeit habe erkennen lassen, dass Ich Ihnen

den

nicht statt des Brodes, das sie verlangten,

Stein gegeben und dabei versichert habe: Das

sey Brodü Dass ich den Abscheu nicht verhehlt vor jedem Unterricht, der nur Abrichtung zur Lüge' seyn

würde, nicht meinen Unwillen über die innere

"moralische und geistige Verkrümmung, die durch

: absichtliche Entsteilung in welchem ^Interesse immer versucht- würde ; versucht, gerade gegen

die Gemüther der Jugend, deren schönste Zierde Ehrenhaftigkeit, Geradheit und unverfälschte

Gesinnung sind.**

,yNun, meine Herren! Eben diese Aufrichtigkeit, diese

Geradsinnigkeit, diese Wahrheitsliebe, die in Ihrem Alter

am höchsten i geschäzt worden, haben Sie in mir erkannt;

eben diese werden Sie auch ferner in mir erkennen.'^ —— ^^ ^

:

Hört !

Hört Ihr !

Wer mit ; solchen Seitenbli c k e u gegen

„Abrichtung zur Lüge'*, gegen j,moralische und geistige

Verkrümmung**, gegen „äbsfchtliche irgend interessirte

Gesinnung** sich an das Gemüth akademischer Jünglinge wendet,

die zwischen Lehren und Lehrern erst parteilos durch Selbsterwä-

gen der Gründe wählen lernen sollen und deren Gesinnung nicht

zum Misstrauen gegen die Ehrenhaftigkeit anderer Lehrer ver- fälscht werden darf, dessen neu angebotene Geistesnahrung darf,

ja sie soll ohne Zweifel offenkundig, rücksichtenlos, ohne dass

man irgend unwisseuschaftliche Beschränkungen fürchten müsste,

geprüft und gesichtet werden *).

1) Im Anhang dieser Schrift ist aus der Aug. Zeit. Nr. 346. nach- gewiesen, wie V. SchelliBg, auch seit er den Universitätslehrern

: VlI I

Schellings Lehrzweck, LelirinhaU , Methode.

Wer sind denn Jene, die den Stein! boten und däss; es Brod

sey, versicherten?

Und was ist^ denn

hier wirklich der M?^in,

welcher seit 30, 40 Jahren dien Stein der Weisen allein be-

sass: und ihn erst jezt endlich, aber auch jezt abermals nicht an-

ders als in Torüberrauschenden und verhallenden Behauptung^eh

durch sein .,entscheidende8 Wort" mitgeth'eilt und über alle'andere

hinaus geltend gemacht haben will, die, meint Er, ohne ihn nichts zu denken vermochten und immer nur seine Gedanken als ihren

Polarstern anzuerkennen schuldig gewesen wären?

Als einst der Versucher [das durch die neupositive Philoso^

-phie wieder substantielivverdende böse Princip, vulgo Dia-

bolos] zu unserm, wahren Christus, zu dem auf gottähnliche, got-

teswürdige Weise = ev ^uopy^ Osov , messianisch erschienenen Sohn der Menschheit" =:z viog xov (nicht rrjqy avd^QonKov, sprach: Wenn du des Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese

Steine (^der Sandwüste) Brod werden, so erwiederte der gott-

getreue Messiasgeist [nicht als eine Potenz, die sich, wie von

Schelling erdichtet, von Gott unabhängig gemacht hatte]

das vielseitige Wort: Nicht vom Brod allein soll der Mensch

leben, sondern von jedem Ding,, wovon zu sagen ist, dass es durch

Gottes Mund hervorkommt! (Matth. 3, 4. Deuter. 8, 3.) Unser

durch unausgeseztes Selbstrühmen sich empfehlender Philosoph,

scheint es, würde ganz anders geantwortet haben: Nur von mei- nen, von meinen lichtvollen Worten, welche die Luft des Lebens

vertragen, sollen Sie leben, da Ich, Ich allein, Sie gerade die höchst enDinge [jene unsichtbare ewige Spannung und das nunmehr ungefähr sechstausendjährige gegenseitige Ueberwin-

den der drei von mir aus dem Blindnothwendigseyenden hervor-

gezauberten allwaltenden und alles, auch das Chrlstenthum als

Thatsache, oder vielmehr die patristische und scholastische Dog-

matik als speculativ apriorische Philosophie erklärenden Potenzen]

in ihrer ganzen Wahrheit und Eigenthümlichkeit habe erkennen lassen!

Nichts Besseres nämlich ist (in der Wirklichkeit der Inhalt

dieser sich selbst preisenden, unerhört neuen Dreipotenzenphilo-

sophie. Aber verzeiht man auch dem, der allzu lange wider eine

als College eingereihet ist, im December 1842 auf ähnliche Weise

gegen die Gesinnung Andersdenkender vor den akademischen Zu-

hörern zu polemisiren sich erlaubt und dies für Pflicht eines

Freundes und Bathers der Jugend erklärt.

V. Schellings- Lehrzweck, Lehrinbalt, Methode.

IX

(dialektisch steinharte?) Gegehpotenz zq verstummen räthlich fand,

die jezt dem Ueberlebenden möglieh gewordene, desto lautere

Selbstempfehlung, so drängt sich nur um so mehr die Frage auf:

Wie unphilosöphisch,' ich will nicht sagen, wie ehreverlezend , ist

es, das Andersdenken über dergleichen , alles Denken überflie-

gende, höchste Dinge wie eine Abrichtung zur Lüge, wie

moralische Verkrümmung, wie absichtliche Entstellung

als verabscheuungswürdig in Verruf erklären zu wollen? und dies

vor Wissbegierigen, welche erst das Dafür und DavVider, zur

. üebung des so nöthigeh Selbsturtheilens, ohne Voreingenommen-

heit, ohne Parteimacherei, ohne Protectionssucht zu betrachten an-

geleitet werden sollten. Nur dafür kann akademische Lehr^

fre.iheit in allen Fächern in Anspruch genommen werden , dass

auch der vom Gewöhnlichen abweichendste Lehrer seine Ansichten

in ächter belehrender Methode, das ist, in doctrinärer

Darstellung der Gründe und Gegengrunde, ohne üebermuth und

Leidenschaftlichkeit, also auch ohne antimoralische Herabwürdi-

gung Anderer mittheile, nicht aber in den ihm Vertrauenden durch

Nebenrücksichten Vörurtheile und AflFecte errege, v. Schelling weiss

und sagt selbst das höchst wahre Wort: Das grosseste Talent

wird doch erst durch ^en

Charakter geadelt."* (j. AlJgem.

' Zeit, vom 12. Dec. 1842. S. 2706.)

Ist es denn aber des Philosophen würdig , oder vielmehr kezer-

macherisch > schwer verständliche Denkversuche einer auf Begriffe

und Ideen als mögliche Denkaufgaben zum Voraus sich beschrän-

kenden Vernunftwissenschaft deswegen als Lüge und absicht-

liche moralische Entstellung zu verschrei^Vä, weil die Haupt-

lehrer des mit dem Möglichen und Denkbaren ontologisch sich

beschäftigenden Ideismus richtig zeigten , dass auch aus der voll-

sten Möglichkeit eines Ideals sich doch dessen Wirk-

lichseyn nicht erweisen lasse, einige Andere aber diese

bedachtsame Unterscheidung doch missverstanden und daraus eine

üngewissheit , oder sogar ein Läugnen des Seyns Gottes, als höchst-

vollkommnen Geistes, folgern zu müssen meinten.

Sehr zu bedauern war es freilich schon lange, seit man von dem Absoluten im menschlichen Denken" wieder zu dem durch die

Kantische Kritik abgeschlossenen üebermenschlich -Absoluten zu

transcendiren und von dort irgend eine Identität des göttlichen

Wesens und der äussern sowohl als der Innern Natur herabzubrin-

gen versuchte dass auch die dialektisch dunkle Art der Auf-

findung und Darstellung des Wahren und Wahrscheinlichen so

ji

V. Schellings Lelirzweck, Lehrinhalt, Methode.

überscliwänglich verwickelt und statt speculativ so willkürlicli und

putativ geworden ist, dass auch subtile Denker sich leicht im Verwechslen der Begriffe selbst täuschen können.

Daher kam es, dass gewöhnlich Einer den Andern mir zu

überbieten und vergessen zu machen trachtete, dass durch Auf-

sehenraachen mancher Späterkommende sich als originell und be-

sonders für den Universitätsapplausus unentbehrlich einzudrängen

suchte- Daher kommt es, dass so viele ein neues Zeitalter eröff-

nen zu können und zu müssen versicherten, weil nur. ihnen es ge-

geben sey oder noch gegeben seyn werde , alles Wissbare und

was darüber hinaus ist,- so zu erlauschen, wie es Jupiter der Juno

.in's Ohr sage.

Zu gleicher Zeit aber kam es auch dahin,

dass

die neuen Weltüberwinder, alles 'aus sich schöpfend, von dem,

wag vorher mit Mühe entdeckt war, gar wenig kannten, noch

viel weniger also an das Vorhandene ihre Berichtigungen anzufü- gen und das Erprobte zu benuzen wussten. Um so iaehr dagegen

erkannten die Experten, dass die in's Absolute verstiegene All-

wissenheit den Zweck der Denkwisserischaft, durch Denken über das Denken das Gewisse zu verdeutlichen und für alle Kenntnisse rationelle Grundsätze vorzubereiten, ans dem Gesichtskreis ver-

liere und folglich von diesem Philosophiren erst zu verlangen sey,

dass es sich selbst in's Klare bringen und wieder die Anwendbar-

keit der Philosophie auf alle Studien thätig durch Inhalt und

Methode beweisen sollte.

Seit Jahren war sogar bekanntlich die Meinung verbreitet,

wie wenn nur eine gewisse von Staatswegen beliebte

Art von Steinen Brod gehe. Ich weiss es nicht, ob die red-

nerische Phrase von Steinen, die kein Brod seyen", nur die so

eben noch vorherrschend gewesene philosophisch - theologische

Speculatxon als einen ungeniessbaren, jezt schüzlos scheinenden

Sollte vielleicht zugleich darauf ange-

spielt werden, dass die vertrauenden Jünglinge zeitgemäss nur

Steine, welche Brod werden können, wählen sollten, dass sie also

nur an die Steine sich zu halten hätten, aus denen der alleinige

Baumeister der Philosophie ([laut seiner ersten Vorlesung S. 18)

jezt endlich eine feste Burg für dieselbe construire.

Ohne Zweifel würde ein solches Rathgeben wollen das

Stein bezeichnen wollte.

wahre Ziel sehr verfehlen. Staatsregierungen verdienen gewiss

Dank« iwenn sie durch verhältnissmässige Mittel es möglich ma- chen, dass nicht nur die materiell -industriösen Erfinder, sondern

auch solche, die für abstracte, ideologische Geistesbildung Ent-

V. Schellings Lehrzweck., Lehrinhalt, Methode.

XI

deckangen ZU besizen versichern , zur allgemeinuüzlichen^Veröffent-

lichung derselben, zur Verwandlung des verborgenen Schazes in

Gemeingut, sich bewegen lassen,

Berufung in die Preussische Metropole erkläre ich mir deswegen,

auch in der Einleitung zu meinen Beurtheilungen, aus diesem des höheren Staatsverstandes würdigen Gesichtspunct. Aber dass Erfin-

dungen in der Ideenwelt ein ausschliessliches Privilegium

erhalten könnten, dies ist wohl noch weniger zu erwarten als das

Gegentheil, dass irgend einer, zur allgemeinen Prüfung sich ausstel-

lenden Ansicht zuni Voraus ein präclusives Veto entgegen- gesezt werde.

Entdeckungen in der Ideenwelt, wo über Wahrheit oder üa-

richtigkeit nicht durch Stimmenmehrheit oder die so sehr ver-

gängliche üebermacht entschieden werden kann, sind noch viel

weniger nach dem persönlichen Urtheil Einzelner, wenn auch Machthaber, für alle üebrigen zu begünstigen oder niederzudrücken.

Der Protestantismus, diese aus dem Kirchlichen, in das

v, Schellings ausgezeichnete

Kosmopolitische unaufhaltbar übergegangene Emancipatlon , diese seit mehr als drei Jahrhunderten den Verbesserungen für Wissen-

schaften und Lebenskenntnisse so förderlich gewordene Gedan-

ken?niitkeilungsf reiheit (welche nicht in eine blosse Denk-

und Gewissensfreiheit zurückgedrängt werden darf) ist 1529 aus-

drücklich bei den Regenten und Regierten aus der Einsicht her-

vorgegangen j dass . auch der damals mächtigste (spanische} Macht-

haber und die an eine iufallible Auctorität von Rom gewöhnten

Fürsten des heiligen (christlichen?) Reichs doch nur über das,

was den Staatszweck, die schüzende Förderung des erweislichen Rechts gegen Unrecht, durch amtliche Stimmenmacht zu entschei-"

den hätten , in nichtostensiblen TJeberzeugungen aber über das

. üöb ersinnliche keinen Denkfähigen an ihr persönliches Urtheil

binden dürften.

Staatsgeselischaften und Kirchen, und in deren Namen die

Staatsregierungen, treten in solchen Vereinen als lehrbegierig,

nicht als Lehrer auf. Sie gewähren denen, die sich zum Lehren

allgemeiner oder besonderer Fächer vorbereitet und auch, dem

kundbaren, wahrheitsuchenden Charakter nach, dazu .geeignet

beweisen, Gelegenheit, als mündliche oder schriftliche Belehrer

das öffentliche Urtheil auf würdige, sachgemässe Weise, für oder wider ihre individuellen eigenen, oder herkömmlichen Ansichten,

zu bestimmen. Dass man sich dadurch zu neuem Prüfen des Her-

gebrachten aufregen lasse , »ist für die Selbsterziehung der Meisten

XII V. Scliellings Lehrzweck, Lehrinhält, Methode.

Wenn man aber in Sorge ist, däss sich das allge-

meine Urtheil alizaschnell bestimmen lassen mÖGhte, so zeigt vielmehr die Erfahrung, dass das Aiiffällende, wenn dem Pro

und Contra freier Lauf gelassen wird, -keinen bleibenden Eindruck

macht, nur das Gebotene aber, weil die Mündigkeit immer zu-

nimmt, am meisten bezweifelt wird. Ueber den rechtlichen Staatszweck hinauszuschreiten und durch

Begünstigung oder Verbot des wissenschaftlich Unentschiedenen

sich selbst zur Lehrerin machen zu wollen , wird keine intelligente

sehr nöth%.

Staatsverwaltung sich bewegen lassen. Denn ist ihr gleich ein encjklopädischer Ueberblick auch der zu beaufsichtigenden

Lehrfächer zuzumuthen, so sind doch Philosophie und Theologie

wenigstens ebenso schwierige Fächer, als Medicin und Jurispru-

denz, so dass der Dilettant sich daraus zwar- das einleuchtend Ge-

wordene auswählen kann, aber wie es verarbeitet werden solle, jenen so wenig als diesen vorschreiben darf. Nur was durch andere

Mittel, nicht durch Sachgrunde, sich aufnöthigen mö.chte, oder was

durch gemeinschädliche Aufregungen das ruhige, gewissenhafte

Urtheil Änderer zu stören wagte, wird sie gesezlich beschränken und

alsdann, indem sie Recht und Macht zugleich für sich hat, nach

Sie wird dabei auch

Pflicht unfehlbar ihren' Zweck erreichen.

nicht etwa gesezlich und juridisch richtig zu verfahren meinen,

wenn sie zu Lehrmeinungsverboten ältere Staats- oder- Kirchen- verorduungen vor sich hat , da vielmehr nicht immer das einst

gesezlich Gewordene, sondern nur das durch fortdauernde Sach- gründe Gesezte, bleibend wirken soll. Ohnehin wird sie sich nie in den, zu allen Zeiten möglichen,

Fall sezen wollen, dass eine Lehrmeinung, welche etwa (Matth.

21, 42.) die Bauleute aus Nebenrücksichten verwarfen, doch durch

innere Wahrheitskraft zu einem Eckstein (zum Vereinigungs- mittel der verschiedensten Ansichten) werde, wie dies bekannt- lich bei dem Urchristenthura selbst und auch bei unserer anti- hierarchischen Kirchenreformation geschichtlich wahr und unläug-

bar geworden ist.

Besonders ist in unsern, auch durch das Evangelium (^Galat.

5, 1.) zum Freibleiben vom Meinungsjoch aufgeforderten und

vorgerückten Staaten und Zeiten undenkbar, dass etwa jedesmal unter einem andern Minister des Cultus und der Cultur nur aus

Steinen anderer Art Brod zu erwarten seyn sollte. Am aller-

wenigsten wäre solche Abhängigkeit vom Personenwechsel bei den

Denkaufgaben der Religionsphilosophie und der kirchlichen Lei-

V. Scliellings Lehrzweck, LehrinhaU^ Methode.

xill

tung der Gewissen denkbar. Denn nur was im Gemüth auf un-

geheucheltenUeberzeügungen beruht, ist stabil. Zeigen uns doch

die Folgen solcher Wechselfälle, wo mit den Personen jedesmal auch die protegirte Meinungsrichtung umgetauscht oder die amt-

liche Stellung verloren werden soll, sogar aus der mobileren Nachbärnation die Wirkung, dass es bald in der Wirklichkeit nicht

mehr um ein Regieren für das Staatswohl, sondern allein um den

schnelleren Stellenwechsel, um das Besezen der Behörden durch

Parteianhänger, zu thun ist. Es zeigt sich aber auch, dass alsdann selbst die Protectoren auf die Gesinnung der Begünstigten, deren Anhänglichkeit nur Parteisache und heuchlender Eigennuz ist,

nicht mehr ein haltbares Vertrauen sezen können, während von der

andern Seite her die Gefahr steigt, dass die weggeworfenen Steine

umgewendet baldmöglichst den Nachfolgern auf den Eopf fallen.

Was ist es denn aber nun, fragt man wohl nach diesen in's

Allgemeinere ausgelaufenen Zwischenbetrachtungen, was ist es

denn Besseres, das der Retter der Philosophie dem allem ent-

gegenzusezen hat, was er als Liige, als absichtliche Ent-

stellung mitten in Berlin