2012©Gettinger

Perspektivenwechsel üben
(Ambivalenzen austragen)

Um für sich einen Konflikt mit einem Konfliktpartner zu klären, kann man folgende Übung machen (auch ‚Fußstapfen-Übung’ genannt)
3 Stühle werden in dieser Anordnung aufgestellt:

Neutrale Position

Position A

Konträre Position, Position B

Beschreibung: Zuerst nimmt man die Position A ( = die eigene Position) ein. Dann setzt man sich auf den gegenüberliegenden Stuhl (Position B, also die Position des Konfliktpartners). Im Stuhl A schildert man seine Sicht der Dinge. Dann wechselt man auf B und schildert die Sicht der Dinge aus B’s Perspektive. Dann wechselt man hin und her, wie man es aus den bisherigen Verläufen der Auseinandersetzung gut kennt. Dann steigt man auf den dritten Stuhl (‚neutrale Position’) und sieht auf die beiden Kontrahenten hinab. Man fragt sich: „Worum geht es den beiden da eigentlich? Worum geht der Streit? Welchen Konflikt haben sie?“ Man bleibt strikt in der neutralen Außenbeobachterposition. Aus dieser Position gibt man beiden Kontrahenten Hinweise, wie sie einander besser verstehen könnten.

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2012©Gettinger Dann begibt man sich wieder in Position A und versucht die Hinweise, die vom wohlwollend neutralen Beobachter gekommen sind, umzusetzen. Wechselt dann zu B, und tut dasselbe. Dann wieder Dialog zwischen A und B. Es folgt ein weiterer Wechsel in die neutrale Position, usw. Man kann mehrere Runden und Durchgänge hintereinander drehen. ⇒ Nach mehrmaligem Durchgang durch aller Positionen verschränken sich im Übenden die Perspektiven, das Konflikt-Muster wird immer klarer und die vorher getrennten Polaritäten zeigen ihre innere Verbundenheit. Die falschen Gegenüberstellungen lösen sich, damit die Verkrampftheit und Verbissenheit. Es kommt Bewegung in die erstarrten Fronten und damit wird Spielraum für kreative Lösungen geschaffen.

⇒ Man kann diese Übung auch zur Lösung innerer Konflikte (einander bekämpfende Teile der eigenen Psyche) gewinnbringend anwenden.
Theorie: Seelische Gesundheit bedeutet, Widersprüche zu erkennen, auszuhalten, bewusst mit ihnen zu leben. Der dialektische Kompromiss oder die Entscheidung für einen Pol heben den Widerspruch niemals auf, sondern lassen ihn weiter lebendig bestehen. Wir alle - gesunde wie 'kranke' Menschen - tendieren jedoch dazu, Spannungen aus dem Wege zu gehen und Widersprüche zu verdrängen. Die Forderung, bewusst mit Ambivalenz und Widersprüchen zu leben, sie nicht so schnell wie möglich 'lösen' oder 'auflösen' zu wollen, stellt die klassische Harmonievorstellung in Frage: Nicht das Vorhandensein stärkerer Konflikte in Individuum, Familie oder Gesellschaft zeigt einen pathologischen Zustand, sondern die Unfähigkeit, derartige Spannungen auszuhalten. Die Betonung muss von der Konfliktbewältigung oder -lösung auf die 'Konfliktfähigkeit' verlagert werden, denn eine weitgehende Konfliktfreiheit kann zu Stagnation führen. Das Individuum hofft, durch die 'Lösung' des Konflikts die Realität eindeutig wahrzunehmen und damit zukünftigem Zwiespalt aus dem Weg gehen zu können. Erhält das Streben nach Eindeutigkeit Vorrang, so wird die Entwicklung blockiert und die vielfältige Realität verfälscht. Derartige Realitätsverfälschungen lassen sich überall dort finden, wo dialogische Gegenüber um der Vereinfachung willen künstlich voneinander getrennt werden müssen.“[1] Mit zunehmenden Alter verlieren die meisten Menschen (und auch die meisten Kulturen) scheinbar fast zwangsläufig an Sensibilität - für sich und andere. Zunehmende Unachtsamkeit hat jedoch äußerst schwerwiegende Folgen: sie führt im Zusammenleben und -arbeiten von Mensch und Mensch und von Mensch und Natur zur einer sich selbst verstärkenden Zunahme von Feindlichkeit, die sich dann in Form von >unlösbaren Konflikten<, >verhärteten Fronten< und bösartigen >Abgrenzungen< äußert, zu nachhaltigen Missverständnissen und Vertrauensbrüchen, ohne dass die >Ursache< aller dieser Konflikte und Missverständnisse je in den Blick gerät. Denn ein solches >Sehen< würde ja gerade das voraussetzen, woran es in solchen Verhältnissen mangelt: Achtsamkeit und Respekt. -------------------------------------------------------------------------------[1] Ambivalenz, Geschichte und Interpretation der menschlichen Zwiespältigkeit. Elisabeth Otscheret (1988). Heidelberg: Asanger, S. 149 f Seite 2 von 2

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