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Herausgegeben

von Manfred Engel Kafka-


Handbuch
und Bernd Auerochs

Leben – Werk – Wirkung

Verlag J. B. Metzler
Stuttgart · Weimar
Die Herausgeber
Manfred Engel, geb. 1953, ist Professor für Neuere
deutsche Literaturwissenschaft an der Universität
des Saarlandes; 2006–2009 Taylor Chair an der
Universität Oxford.
Bernd Auerochs, geb. 1960, ist Privatdozent für
Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der
Universität Jena.

Bibliografische Information der Deutschen National-


bibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2010 Springer-Verlag GmbH Deutschland
Ursprü nglich erschienen bei J. B. Metzler’sche
Verlagsbuchhandlung
ISBN 978-3-476-02167-0 und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH in Stuttgart 2010
ISBN 978-3-476-05276-6 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-476-05276-6 www.metzlerverlag.de
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Für Ulrich Fülleborn
VII

Inhaltsübersicht

Inhaltsverzeichnis VIII 3.3 Das späte Werk


Vorwort XIII (ab September 1917) 281
Hinweise zur Benutzung XVII 3.3.1 Zürauer Aphorismen 281
3.3.2 <Brief an den Vater > 293
3.3.3 Das Schloss 301
1. Leben und Persönlichkeit 1 3.3.4 Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten 318
3.3.5 <Forschungen eines Hundes> 330
2. Einflüsse und Kontexte 29 3.3.6 <Der Bau> 337
3.3.7 Kleine nachgelassene Schriften
2.1 Kafkas Lektüren 29 und Fragmente 3 343
2.2 Der ›Prager Kreis‹ und die deutsche Literatur
im Prag zu Kafkas Zeit 37 3.4 Werkgruppen 371
2.3 Judentum/Zionismus 50 3.4.1 Gedichte 371
2.4 Philosophie 59 3.4.2 Die Tagebücher 378
2.5 Psychoanalyse 65 3.4.3 Das Briefwerk 390
2.6 Film und Fotografie 72 3.4.4 Amtliche Schriften 402

3. Dichtungen und Schriften 81 4. Strukturen, Schreibweisen,


Themen 411
3.0 Drei Werkphasen 81
4.1 Kafka lesen – Verstehensprobleme
3.1 Das frühe Werk (bis September 1912) 91 und Forschungsparadigmen 411
3.1.1 Beschreibung eines Kampfes 91 4.2 Schaffensprozess 428
3.1.2 Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande 102 4.3 Kafka als Erzähler 438
3.1.3 Betrachtung 111 4.4 Kleine Formen: Denkbilder, Parabeln,
3.1.4 Die Aeroplane in Brescia 127 Aphorismen 449
3.1.5 Richard und Samuel 130 4.5 Figurenkonstellationen: Väter/Söhne –
3.1.6 Literaturkritische und literaturtheoretische Alter Egos – Frauen und das Weibliche 467
Schriften 134 4.6 Zu Kafkas Kunst- und Literaturtheorie:
3.1.7 Kleine nachgelassene Schriften Kunst und Künstler im literarischen
und Fragmente 1 143 Werk 483
4.7 Kafka und die moderne Welt 498
3.2 Das mittlere Werk
(September 1912–September 1917) 152
3.2.1 Das Urteil 152 Anhang 517
3.2.2 Die Verwandlung 164
3.2.3 Der Verschollene 175 Ausgaben und Hilfsmittel 517
3.2.4 Der Process 192
Siglen und Abkürzungen 528
3.2.5 In der Strafkolonie 207
3.2.6 Ein Landarzt. Kleine Erzählungen 218 Literaturverzeichnis 532
3.2.7 <Der Gruftwächter > 240 Register 549
3.2.8 Der Kübelreiter 246
3.2.9 Beim Bau der chinesischen Mauer 250 Die Autorinnen und Autoren 561
3.2.10 Kleine nachgelassene Schriften
und Fragmente 2 260
VIII

Inhaltsverzeichnis

Vorwort XIII 2.6 Film und Fotografie (Carolin Duttlinger) 72


Hinweise zur Benutzung XVII Kafka und der Stummfilm 72 – Filmische Schreibweisen
Aufbau der Artikel XVII – Zitierweise XVII – 73 – Das Kaiserpanorama: Abwendung vom Kino 74 – Das
Registerteil XVIII Wahrnehmungsmodell der Fotografie 75 – Die Porträt-
fotografie: das uniformierte Subjekt 76 – Die Moment-
aufnahme: Ambivalenz und Manipulation 77 – Film
und Fotografie: das Modell einer Vereinigung? 78 – For-
1. Leben und Persönlichkeit 1 schung 78
(Ekkehard W. Haring)
Herkunft und Kindheit 1 – Schule und Autoritäten 3 – Die
Jahre des frühen Werkes: Studium und erste Berufsjahre;
Größere Reisen; Eine Jargonbühne in Prag 6 – Die Jahre
3. Dichtungen und Schriften 81
des mittleren Werkes: Der Durchbruch; Im Krieg 16 –
Die Jahre des späten Werkes: Krankheit und Neubeginn; 3.0 Drei Werkphasen (Manfred Engel) 81
Berlin, Kierling – die letzten Monate 21 – Forschung 26
Das frühe Werk (bis September 1912): Überblick;
Charakteristika 82 – Das mittlere Werk (September 1912
bis September 1917): Überblick; Charakteristika 85 –
Das späte Werk (ab September 1917): Überblick; Charak-
2. Einflüsse und Kontexte 29 teristika 88 – Forschung 89

2.1 Kafkas Lektüren (Dieter Lamping) 29


Vorüberlegungen 29 – Der empirische Leser: Kafkas 3.1 Das frühe Werk (bis September 1912) 91
Bibliothek; Interessen des Lesers Kafka; Lektüre-Zeiten;
Motive des Lesers Kafka 30 – Produktive Lektüren: 3.1.1 Beschreibung eines Kampfes
Produktive Rezeptionen; Zwei Vorbilder (Goethe; (Barbara Neymeyr) 91
Flaubert); Ein Beispieltext: Produktive Rezeptionen in
Der Verschollene 32 – Forschung 36 Entstehung und Veröffentlichung 91 – Textbeschreibung
92 – Forschung 93 – Deutungsaspekte: Konstruktion des
Phantastischen; Die Thematik des Kampfes vor dem
2.2 Der ›Prager Kreis‹ und die deutsche Literatur Horizont der modernen Identitätskrise; E.T.A. Hoffmanns
im Prag zu Kafkas Zeit (Andreas B. Kilcher) 37 Erzählung Die Abenteuer der Sylvester-Nacht als Modell für
Kafkas Beschreibung eines Kampfes; Fragmentierung als
Prag als narrativer Raum 37 – Literatur im Prag der moderne Erzählstrategie; Krisenhafte Interaktion 94
Jahrhundertwende: Ghettoliteratur, Concordia, Jung-Prag – Vergleich der Fassungen A und B 100
38 – Der ›Prager Kreis‹: Literatursoziologische Perspektive;
Literaturhistorische Perspektive; Ein Kapitel der deutsch-
3.1.2 Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande
jüdischen Literatur? 42 – Forschung 47
(Jutta Heinz) 102
Entstehung 102 – Textbeschreibung 102 – Forschung 103
2.3 Judentum/Zionismus (Gerhard Lauer) 50 – Deutungsaspekte: Fassung A (Lakonischer Beginn: »Es
Biographisches: Assimilation und Zionismus; Das regnete wenig«; Vollständigkeit der Beschreibung: »Alles
jiddische Theater; Hebräischstudium 50 – Lektüren 52 rund herum zu sehn«; Innerer Monolog: »Die Gestalt eines
– Jüdische Stoffe, Motive und Themen 53 – Forschung 54 großen Käfers«; Misslingende Dialoge: »Ich habe Augen
niemals schön gefunden«; Das zweite Kapitel: Totenland-
schaften und Tribunal); Fassung B (Polarität und Perso-
2.4 Philosophie (Dirk Oschmann) 59 nalisierung des Erzählens: »ohne Absicht fremd, wie durch
Friedrich Nietzsche 60 – Søren Kierkegaard 62 – Arthur ein Gesetz«; Kommunikative Sackgassen: »Nun, es ist nicht
Schopenhauer 63 – Franz Brentano 63 – Forschung 63 so wichtig«); Fassung C – Beobachterdominanz und
Monumentalisierung: »Wie jeder sehen konnte«; Fort-
gesetzte Beobachtung: Zwei Tagebucheinträge vom
2.5 Psychoanalyse (Thomas Anz) 65 26. Februar 1912 und 12. März 1912; Zusammenfassung:
Kafkas Psychoanalyse-Rezeption bis 1912 65 – Kafka und Wechselwirkungen von Stabilisierung und Destabilisie-
der Psychoanalytiker Otto Gross 67 – Forschung 70 rung 104
Inhaltsverzeichnis IX

3.1.3 Betrachtung (Barbara Neymeyr) 111 3.2 Das mittlere Werk


Entstehung und Veröffentlichung 111 – Textbeschreibung: (September 1912 – September 1917) 152
Implikationen des Werktitels; Erzählerinstanzen; Moti-
vische Korrelationen; Gattungsproblematik; Logische 3.2.1 Das Urteil (Monika Ritzer) 152
Konstruktionen und Strategien der Verfremdung; Entstehung und Veröffentlichung: Vom Tagebuch zur
Perspektivische Experimente 112 – Forschung 115 – Dichtung; Prätext: Die städtische Welt; Biographische
Deutungsaspekte: Psychologische Konstellationen; Motive; Publikation 152 – Textbeschreibung 154 – For-
Kontrastive Figurationen; Instabile Wirklichkeiten: schung 155 – Deutungsaspekte: Lebensmuster: Nachfolge
Phantastik versus Realismus; Fluchtreflexe und Ver- contra Ausbruch; Beziehungen: Interesse, Taktik, Besitz;
mittlungsversuche 116 – Exemplarische Textanalysen: Vater und Sohn: Spiegelungen – Verdrängungen; Parabel
Die Bäume; Der plötzliche Spaziergang; Entschlüsse ; menschlicher Verschuldung 156
Die Vorüberlaufenden; Kinder auf der Landstraße 118
3.2.2 Die Verwandlung (Sandra Poppe) 164
3.1.4 Die Aeroplane in Brescia
Entstehung und Veröffentlichung: Entstehungsgeschichte;
(Ronald Perlwitz) 127 Mögliche Quellen; Veröffentlichung 164 – Textbeschrei-
Entstehung und Veröffentlichung 127 – Textbeschreibung bung: Erzählsituation und fiktionale Welt; Inhaltliche
127 – Forschung 128 – Deutungsaspekte 128 Entwicklung 165 – Forschung: Anti-Märchen oder
Tragödie – Traum oder Wirklichkeit; Erkenntnislosigkeit
und Schuld; Ausbeutung und Verdrängung; Vater-Sohn-
3.1.5 Richard und Samuel (Ronald Perlwitz) 130
Konflikt; Das Rätsel als Lösung 167 – Deutungsaspekte:
Entstehung und Veröffentlichung 130 – Textbeschreibung Entfremdung und Entindividualisierung; Das Motiv des
130 – Forschung 131 – Deutungsaspekte 131 Hungerns; Das »ungeheuere Ungeziefer«; Die Verwand-
lung der Familie: Vater-Sohn- und Bruder-Schwester-Ver-
hältnis 169
3.1.6 Literaturkritische und literaturtheoretische
Schriften (Jutta Heinz) 134
3.2.3 Der Verschollene (Manfred Engel) 175
Kafka und die Theorie 134 – Die Rezensionen: Ein Damen-
brevier (Franz Blei: Die Puderquaste); Ein Roman der Entstehung und Veröffentlichung: Entstehungs- und
Jugend (Felix Sternheim: Die Geschichte des jungen Os- Druckgeschichte; Quellen und Vorlagen 175 – Textbe-
wald ); Eine entschlafene Zeitschrift; »Das ist ein Anblick« – schreibung: Aufbau und Figurenkonstellation; Erzähl-
(<Über Kleists Anekdoten>); Fazit 134 – Literatur- und perspektive 178 – Forschung 183 – Deutungsaspekte:
sprachtheoretische Beiträge: <Über ästhetische Appercep- Amerika und Europa; Karl Roßmann; Das »Teater von
tion> (»Man darf nicht sagen«); <Über kleine Litteraturen> Oklahama« 184
(Rechtfertigung der Literatenexistenz; Literatur und
nationale Identität; Verstärkende Wirkungen im Literatur- 3.2.4 Der Process (Manfred Engel) 192
system; Weiterführung und Schematisierung; Reflexion Entstehung und Veröffentlichung 192 – Textbeschreibung:
der Schreiberfahrung); Einleitungsvortrag über Jargon 137 Bauprinzipien; Die zwei Textwelten und ihre Verbin-
– Forschung und Deutungsaspekte 141 dungen; Erzählperspektive 193 – Forschung 198 –
Deutungsaspekte: Wirklichkeitsebenen des Romans
3.1.7 Kleine nachgelassene Schriften und Fragmente und Prozess/Gerichts-Metapher; Josef K.; Die Türhüter-
1 (Jutta Heinz) 143 legende 201
Überblick: Werkartige Teile im Nachlass 1–12 und in den
Tagebuchheften 1–6 143 – Fiktionalisierte Jugend: <Unter 3.2.5 In der Strafkolonie (Bernd Auerochs) 207
meinen Mitschülern>: Welteroberung durch Urteil; Der Entstehung und Veröffentlichung 207 – Quellen 208 –
kleine Ruinenbewohner: Die Unmöglichkeit von Vorwür- Textbeschreibung 209 – Forschung 211 – Deutungs-
fen (Der Erzählkern: Analytische Anklage und bildlicher aspekte 214
Gegenentwurf (I); Das Erziehungskartell: »einige Schrift-
steller, ein Schwimmeister, ein Billeteur« (II und III); 3.2.6 Ein Landarzt. Kleine Erzählungen
Dialektik des Vorwurfs: »aber zu meiner Zeit jetzt sind
(Juliane Blank) 218
nur die Vorwürfe richtig« (IV); Variation des Vorwurfs:
Körperliche Unvollkommenheit (V)); Urteil und Vorwurf: Entstehung und Veröffentlichung 218 – Textbeschreibung:
Zum Verhältnis der beiden Jugend-Fragmente; Forschung Motivliche Querverbindungen; Erzählform und Erzählver-
143 – Der Junggesellen-Komplex: Einsiedler vs. »vollen- halten; Antirealistisches Erzählen; Reihenfolge der Texte
dete Bürger«; Junggeselle und »vollendeter Bürger«: Grund 219 – Forschung 222 – Deutungsaspekte: Verantwortung?;
vs. Mittelpunkt; Das Doppelgesicht des Junggesellen: Unbestimmtheit und Verallgemeinerung; Die beunruhi-
Einsiedler oder Schmarotzer?; Eine Junggesellen-Poetik gende Frage der Identität; ›Wirklichkeit‹ und ›Täuschung‹;
148 Erkenntnis 223 – Einzelanalysen: Ein Landarzt; Schakale
und Araber ; Ein Bericht für eine Akademie 227
X Inhaltsverzeichnis

3.2.7 <Der Gruftwächter > (Bernard Dieterle) 240 hörden-Logik); Mögliche Einflüsse und Paralleltexte 303
Entstehung und Veröffentlichung 240 – Textbeschreibung – Zur Forschung: Allegorie, Parabel oder Symbol?;
240 – Forschung 242 – Deutungsaspekte: Paradoxien; Judentum; Schreiben, Subjekt und Geschlecht; Biographie,
Motive; Shakespeares Hamlet als Prätext?; Das Problem Verwaltung und Medien 308 – Deutungsaspekte: Vor-
des Dramatischen 242 bemerkung (Ambivalenz/Unbestimmtheit; Täuschung;
Akausalität, Paradoxie; Verschleppung, Verschiebung);
Der soziale Raum und seine Medien; Subjektivität
3.2.8 Der Kübelreiter (Hans Helmut Hiebel) 246
und Liebe; Schreiben und Judentum; Komik und Hu-
Entstehung und Veröffentlichung 246 – Textbeschreibung
mor 311
246 – Forschung 247 – Deutungsaspekte 248

3.2.9 Beim Bau der chinesischen Mauer 3.3.4 Ein Hungerkünstler. Vier Geschichten
(Benno Wagner) 250 (Bernd Auerochs) 318
Entstehung und Veröffentlichung 250 – Textbeschreibung Entstehung und Veröffentlichung 318 – Textbeschreibung:
250 – Forschung 252 – Deutungsaspekte: Aktualhisto- Künstlergeschichten; Motive 319 – Einzelanalysen: Ein
rische Intervention; Narrative Struktur: Kafkas Poetik des Hungerkünstler (Forschung; Deutungsaspekte); Josefine,
Unfalls; Transtextuelle Dimension: Kafkas Kulturversiche- die Sängerin oder Das Volk der Mäuse (Forschung;
rung; Selbstreferenz als Gebrauchsanweisung 253 Deutungsaspekte) 322

3.2.10 Kleine nachgelassene Schriften und Frag- 3.3.5 <Forschungen eines Hundes>
mente 2 (Bernard Dieterle) 260 (Nicolas Berg) 330
Überblick 260 – Textbeschreibung 261 – Gliederung: Entstehung und Veröffentlichung 330 – Textbeschreibung
Fragmente in Er-Form; Fragmente in Ich-Form 262 – 330 – Forschung: Vorbilder und Intertextualität; Ästhetik
Deutungsaspekte 265 – Einzelanalysen: <Ernst Liman>; und Kunsttheorie; Jüdische Existenz 331 – Deutungs-
Erinnerungen an die Kaldabahn; Der Dorfschullehrer aspekte 334
(<Der Riesenmaulwurf >); Der Unterstaatsanwalt;
<Elberfeld >-Fragment; <Blumfeld, ein älterer Junggeselle>; 3.3.6 <Der Bau> (Vivian Liska) 337
<Monderry>; <Die Brücke>; <Jäger Gracchus>-Fragmente
(Textkorpus; Deutungsaspekte); <Der Schlag ans Hoftor >; Entstehung und Veröffentlichung 337 – Textbeschreibung
Der Quälgeist; Eine Kreuzung 265 – Forschung 278 337 – Forschung 339 – Deutungsaspekte: Rationalität und
Moderne; Formale Aporien; Das Bau-Motiv; Ende und
Unendlichkeit 340
3.3 Das späte Werk (ab September 1917) 281
3.3.7 Kleine nachgelassene Schriften
3.3.1 Zürauer Aphorismen (Manfred Engel) 281 und Fragmente 3 (Manfred Engel) 343
Entstehung und Veröffentlichung: Zürauer Aphorismen;
Überblick 343 – Textbeschreibung: Vier Schreibphasen:
Die Reihe <Er > als zweites Aphorismenkonvolut? 281
(1) Zürau; (2) ›Konvolut 1920‹ (Schreibprozesse; Para-
– Textbeschreibung: Textkorpus; Aphorismen? Zur
bolisches und aphoristisches Schreiben versus ›selbstbio-
Gattungsfrage; Schreibweisen und Leseprobleme 283 –
graphische Untersuchungen‹: Zum werkgeschichtlichen
Forschung 286 – Deutungsaspekte: Die Zürauer
Aphorismen als Kryptotheologie?; Zentrale Themen Ort des ›Konvolut 1920‹); (3) Schloss-Jahr 1922; (4) Berlin
und Motive (Das ›Unzerstörbare‹; ›Sinnliche‹ und (und Prag) 344 – Einzelanalysen: Mythenkontrafakturen
›geistige Welt‹; Der Sündenfall; Die Kunst; Zusammen- im Umfeld der Zürauer Aphorismen (<Die Wahrheit über
fassung) 287 Sancho Pansa>; <Das Schweigen der Sirenen>; <Prome-
theus>); Aus dem ›Konvolut 1920‹ (<Poseidon>; <Kleine
Fabel>); Schloss-Jahr 1922 (Das Ehepaar; Ein Kommentar
3.3.2 <Brief an den Vater > (Daniel Weidner) 293 (<Gibs auf! >); <Von den Gleichnissen>) 354 – Forschung
Entstehung und Veröffentlichung 293 – Textbeschreibung 365
293 – Forschung: Biographische Interpretationen;
Psychoanalytische Interpretationen; Literarische 3.4 Werkgruppen 371
Interpretationen; Sozialgeschichtliche Interpretationen;
Dekonstruktive Interpretationen 294 – Deutungsaspekte: 3.4.1 Gedichte (Jutta Heinz) 371
Der kindliche Blick; Die Väter des <Brief>; Prozess, Kampf,
Schuld; Schwellen im Text; Der jüdische Vater; Schrift und Kafka und die Lyrik: Kafkas Gedichtlektüre: »Den Kopf
Brief 296 wie von Dampf erfüllt«; Kafkas Lieblingsgedichte: »Die
Tanne war wie lebend« 371 – Das Textkorpus: Frühe
Texte in Poesiealben, Briefen und im Nachlass; Lyrik im
3.3.3 Das Schloss (Waldemar Fromm) 301 Erzählwerk; Gedichte aus den Tagebüchern mit biogra-
Entstehung und Veröffentlichung 301 – Textbeschreibung: phischem Kontext; Sentenziöse Gedichte der Spätzeit;
Gliederung; Bildlichkeit und Erzähltechnik; Was ist das Tendenz zur Abstraktion; Funktionen der Lyrik bei Kafka
›Schloss‹? (Ankunft; Klamm; Die Dorfbewohner; Be- 372 – Forschung und Wirkung 377
Inhaltsverzeichnis XI

3.4.2 Die Tagebücher (Philipp Theisohn) 378 4.4 Kleine Formen: Denkbilder, Parabeln,
Zur Textgruppe 378 – Veröffentlichung 380 – Strukturie- Aphorismen (Rüdiger Zymner) 449
rung des Materials 380 – Deutungsaspekte: Judentum; Zum systematischen und historischen Zusammenhang
Familie; Körperlichkeit 383 – Forschung 389 von Denkbild, Parabel und Aphorismus 450 – Kafkas
Denkbilder 452 – Kafkas Parabeln 456 – Kafkas Aphoris-
3.4.3 Das Briefwerk (Ekkehard W. Haring) 390 men 460 – Forschung 462
Kafka und die Briefkultur 390 – Briefe 1900 bis 1912 391
– Briefe 1912 bis 1917 393 – Briefe 1918 bis 1924 396 – 4.5 Figurenkonstellationen: Väter/Söhne −
Editionsgeschichte und Bestände 398 – Forschung 400 Alter Egos − Frauen und das Weibliche
(Elizabeth Boa) 467
3.4.4 Amtliche Schriften (Benno Wagner) 402 Fragestellungen: Exemplarische Textanalyse: <Kleine
Überblick zum Textkorpus 402 – Deutungsaspekte: Fabel > (Charakteranalyse – Leseridentifikation; Komik
Probezeit (1908–1910); Hauptamtliche Tätigkeit – Biographie und Diskursanalyse) 467 – Väter und Söhne:
(1910–1918) (Unfallverhütung; Gefahrenklassifikation Der ewige Sohn oder der unglückliche Junggeselle?; Das
der Betriebe; Öffentlichkeitsarbeit); Schriften aus der Zeit Urteil: Die imaginäre Macht des Vaters; Die Verwandlung :
Vater und Sohn, Schwester und Bruder 469 – Alter Egos
der Tschechoslowakischen Republik (1918–1922) 403 –
und Doppelgänger: Der Process – Machtstrukturen und
Forschung 408
Männlichkeitsmuster; Das Schloss: Wie man aus Helfern
Feinde macht 472 – Frauen und das Weibliche: Der
Verschollene : Geschlechterkampf in der Neuen Welt; Der
Process : Imaginierte Weiblichkeit; Das Schloss : Die Macht
4. Strukturen, Schreibweisen, Themen 411 der Imagination; Frauen und andere weibliche Tiere 477
4.1 Kafka lesen – Verstehensprobleme und
Forschungsparadigmen (Manfred Engel) 411 4.6 Zu Kafkas Kunst- und Literaturtheorie:
Verstehensprobleme: (1) Anti-realistisches Erzählen – ab- Kunst und Künstler im literarischen Werk
solute Bildwelten; (2) Vertrackte Details – Weh denen, die (Manfred Engel) 483
Zeichen sehen?; (3) Aufhebungen und Umlenkungen – Vorüberlegungen 483 – Der ›Gerichtsmaler‹ Titorelli:
subvertierte Reflexion; (4) »Gibs auf!«? – Autoreflexivität Ambivalenzen in Kafkas Kunstauffassung 484 – Erstes Leid
und textinterne Deutungsversuche in perspektivischer und Ein Hungerkünstler: Kunst versus Leben 486 –
Begrenzung; (5) Werk oder Schrift?; (6) Meta-Texte und <Forschungen eines Hundes>: »Wahrheit« versus »Lüge«
Kontexte? 411 – Leseparadigmen/Forschungsparadigmen: 489 – Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse: Die
(1) Biographische Interpretationen; (2) Psychoanalytische Kunst aus der Sicht des Nicht-Künstlers 493 – »Versunken
Interpretationen; (3) Sozialgeschichtliche Interpretationen; in die Nacht«: Statt eines Fazits 496 – Forschung 497
(4) Poststrukturalistische/dekonstruktivistische Interpre-
tationen; (5) Religiöse/existenzialistische Interpretationen; 4.7 Kafka und die moderne Welt
(6) Jüdische Interpretationen 419 – Die Textoberfläche
(Manfred Engel) 498
und ihre Codes 424
Ästhetische versus soziale Moderne 498 – Kafkas ›west-
jüdische‹ Moderne 499 – Die Moderne und die »alten
4.2 Schaffensprozess (Waldemar Fromm) 428 großen Zeiten« – Kafkas historische Doppel- und
Kafkas Literaturbegriff 428 – Das Konzept der ›kleinen Hybrid-Welten: ›Europa‹ vs. ›Amerika‹ in Der Verschol-
Literaturen‹: Eine Sprache für die ›kleinen Literaturen‹; lene; Alte und neue Ordnung in der Strafkolonie; Gemein-
Darstellungsweisen einer ›kleinen Literatur‹ 429 – Das schaft und symbolische Ordnung in den China-Texten;
Urteil – traumhafter Durchbruch des Autors und Scheitern Spuren eines anderen Anfanges: <Das Stadtwappen> 502
der Figuren 431 – Schreiben als Existenzform (Selbstre- – Pathographien des modernen Ich: Die Angst vor dem
flexion) 431 – Erkundungen einer höheren, ästhetischen ›fremden‹ Leben und das Scheitern von Berechnung
Art der Beobachtung 432 – Selbstreflexivität der Prosa 433 und Verdrängung: <Der Bau>; Die letzte Grenze aller
– Forschung 434 Verdrängungen: <Der Jäger Gracchus> 508 – Statt eines
Fazits 512 – Forschung 514
4.3 Kafka als Erzähler (Dirk Oschmann) 438
Vorüberlegungen: ›Modernes‹ Erzählen; Erzählpoetolo-
gische Reflexionen 438 – Poetik der Reduktion 439 –
Formale Innovationen: ›Einsinniges Erzählen‹; ›Gleitendes Anhang 517
Paradox‹ 441 – Zur Entwicklung der Erzählverfahren 443
– Unanschauliche Moderne 446 – Forschung 447 Ausgaben und Hilfsmittel (Manfred Engel) 517
Werkausgaben und Editionsgeschichte: Publikationen zu
Lebzeiten und Nachlass; Postume Editionen; Exkurs zum
XII Inhaltsverzeichnis

Editionenstreit; Synopsen zwischen GW, KA und FKA; 3. Hilfsmittel: 3.1 Selbstdeutungen; 3.2. Kafkas Bibliothek;
Editionen des Briefwerkes 517 – Biographien, Bildbände, 3.3 Konkordanzen; 3.4 Kommentare; 3.5 Bibliographien
Lebenszeugnisse 523 – Hilfsmittel 524 – Institutionen der und Forschungsberichte; 3.6. Handbücher und Nach-
Kafka-Forschung – Kafka im Internet 525 schlagewerke; 3.7 Ausgewählte Einführungen 536 –
4. Forschungsliteratur: 4.1 Sammelbände; 4.2 Ausgewählte
Siglen und Abkürzungen 528 Monographien und Aufsätze 537 – 5. Zur Rezeptions- und
Wirkungsgeschichte: 5.1. Bibliographie; 5.2 Rezeption in
1. Werk- und Briefausgaben 528 – 2. Sekundärliteratur 531 Regionen und bei Autoren; 5.3 Verfilmungen; 5.4
– 3. Zeitungen und Zeitschriften 531 Illustrationen, Rezeption in der Bildenden Kunst 546

Literaturverzeichnis 532
Register 549
1. Ausgaben: 1.1 Werk- und Sammelausgaben (Auswahl in
Personen 549
chronologischer Folge), kritische Editionen; 1.2 Briefe;
Werke Kafkas 555
1.3 Werkauswahl; 1.4 Das zeichnerische Werk 532 –
2. Biographien, Bildbände, Lebenszeugnisse 535 – Die Autorinnen und Autoren 561
XIII

Vorwort

Kafka ist ohne Zweifel der heute weltweit meistgele- tere Germanisten werden sich vielleicht noch mit
sene Autor deutscher Sprache – und sicher der meist- leichtem Schaudern an Anzeigen der späten 1970er
umrätselte. Von seinem Nachruhm und seiner blei- Jahre erinnern, aus denen ihnen mit der Unterschrift
benden Aktualität zeugen zahllose Übersetzungen »Ich trinke Jägermeister, weil ich Kafkas Schloß nicht
ebenso wie Umgestaltungen seiner Erzähltexte in die geknackt habe« fröhlich zugeprostet wurde. Der Hö-
verschiedensten Genres und Medien: Hörspiel, Dra- hepunkt dieser Breitenwirkung liegt sicher darin,
ma, Film, Oper, Musik, Tanztheater, Malerei, Zeich- dass der Autor es sogar zu eponymischen Ehren ge-
nung, Comic, Zeichentrickfilm und Youtube-Video. bracht hat, indem er zum Stammvater für ein in vie-
Aus der langen Reihe von Literaten, die von Kafka len Sprachen verwendetes Adjektiv wurde: ›kafka-
zeitweise beeinflusst waren oder ihn sich intertex- esk‹ (dt. u. poln.), ›kafkaesque‹ (engl.), ›kafkaïen‹
tuell anverwandelt haben, seien hier nur einige (franz.), ›kafkiano‹ (ital., span. u. port.), ›Kafkastäm-
besonders bekannte genannt: Ilse Aichinger, Jürg ning‹ (schwed.), ›Ka-fu-ka-es-ku-su‹ (jap.).
Amann, Paul Auster, Ingeborg Bachmann, Samuel Hinter all dem steht eine stabile (und natürlich
Beckett, Saul Bellow, Thomas Bernhard, Maurice durch Kanonisierung und Schulbuchlektüre stabili-
Blanchot, Jorge Luis Borges, Bertolt Brecht, André sierte) Erfolgsgeschichte des Autors Kafka bei einer
Breton, Hermann Broch, Dino Buzzati, Albert Ca- breiten Lesergemeinde, die im angloamerikanischen
mus, Elias Canetti, Paul Celan, John M. Coetzee, und französischen Sprachraum schon in den späten
Friedrich Dürrenmatt, Peter Handke, Joseph Heller, 1930er und 1940er Jahren, in Deutschland und Ös-
Eckhard Henscheid, Eugène Ionesco, Tommaso Lan- terreich bald nach 1945, in den Staaten des Ostblocks
dolfi, Bernard Malamud, Haruki Murakami, Harold erst ab den 1980er Jahren einsetzte und seitdem
Pinter, Thomas Pynchon, Alain Robbe-Grillet, Philip nicht abgerissen ist. Sucht man nach Indizien für die
Roth, Tadeusz Rózewicz, Jerome D. Salinger, fortdauernde Aktualität Kafkas bei zeitgenössischen
Eduardo Sanguinetti, Jean-Paul Sartre, Manuel Var- Lesern, so kann man im Internet leicht fündig wer-
gas Llosa, Martin Walser, Peter Weiss und Ror Wolf. den: Google bietet bei der Eingabe von »Kafka« fast
Zudem reicht die Kafka-Rezeption längst in unser 7 Millionen Treffer an!
Alltagsleben hinein. Auch wer nie einen Text des Au- Wer sich die Mühe macht, auch nur einige dieser
tors gelesen hat, mag (in vielen Städten) durch ›Kaf- Seiten zu besuchen (oder einige Texte aus der eben-
kastraßen‹ gegangen sein, sich einen Edelfüller der falls gewaltigen Bibliothek der Kafka-Sekundärlite-
Marke ›Franz Kafka‹ oder den Krimi Die Signatur ratur zu lesen), wird allerdings bald daran zweifeln,
des Mörders. Ein Serienkiller auf Kafkas Spuren (von dass sich all seine Lektüren wirklich auf den gleichen
Krystyna Kuhn; 2008) gekauft haben, den Font »Mis- Autor beziehen. Einer der Kafkas, die er so kennen-
ter K« zu Designzwecken verwenden (der Kafkas lernt, war ein scharfsinniger Zeitkritiker, der in sei-
Handschrift nachgebildet ist), CDs mit dem Titel nem Werk die Strukturen und Übel der Seins- und
»Kafka« der japanischen Band Deadman oder des Todesvergessenheit/ des Kapitalismus/ der verwalte-
englischen Violinisten Nigel Kennedy hören, die ten Welt/ der Moderne/ der Familie/ des Kolonialis-
Homepage der schottischen Band Josef K besuchen mus/ der ›Machtapparate‹ im Allgemeinen oder der
(www.josefk.net), sich eine Suppe à la Kafka kochen ›Biopolitik‹ im Besonderen bloßgelegt – oder gar
(Mark Crick: Kafka’s Soup. A Complete History of prophetisch den Holocaust/ die totalitären Systeme/
World Literature in 14 Recipes; 2006) oder eine kriti- alle Katastrophen des 20. Jahrhunderts vorwegge-
sche Auseinandersetzung mit der Bush-Regierung nommen hat. Ein anderer Kafka scheint dagegen in
lesen, die den Titel trägt: Kafka Comes to America. völliger Weltlosigkeit immer nur mit sich selbst be-
Fighting for Justice in the War on Terror (von Stephen schäftigt gewesen zu sein: ein ›ewiger Sohn‹ im
T. Wax; 2008). Kafka ist zu einem Markenartikel der Schatten eines übermächtigen Vaters/ ein vom Ödi-
deutschsprachigen Literatur und Kultur geworden, puskomplex/ von einer schizoiden Persönlichkeits-
mit dem sich gut für alles Mögliche werben lässt; äl- struktur/ von abgrundtiefer Misogynie/ von Ess-
XIV Vorwort

und Schlafstörungen geplagter Psychotiker und ausgeber haben deswegen nach einem Mittelweg ge-
Neurotiker. Ein dritter Kafka muss ein asketischer sucht zwischen gebotener Pluralität und dem nicht
Gottessucher gewesen sein, ein heroischer Märtyrer minder gebotenen Bemühen um den Nutz- und Ge-
seines Glaubens und seiner hohen ethischen Maß- brauchswert, den der Leser eines Handbuchs mit
stäbe. Dieser Kafka lässt sich durchaus in Verbin- Recht erwarten kann.
dung bringen mit demjenigen, der die jüdische Reli- Daher wurde für den Aufbau der Werkartikel ein
gion erneuern wollte/ den Irrweg der Assimilation Schema festgelegt, das in vier Abschnitten sozusagen
kritisierte/ ein hervorragender Kenner der jiddi- vom ›Objektiveren‹ zum ›Subjektiveren‹ fortschrei-
schen Literatur, der Tora und Kabbala, des Talmud, tet: (1) Am Anfang stehen jeweils Basisinformatio-
der Haskala, Halacha, Haggada und/oder auch noch nen zu Entstehung und Veröffentlichung. (2) Es folgt
der entlegensten Schriften des Chassidismus war – ein Abschnitt Textbeschreibung, der zentralen the-
wesentlich schwerer aber mit dessen Stiefbruder, der matischen wie formalen Aspekten gewidmet ist, zu-
unter seinem Judentum in ›jüdischem Selbsthass‹ litt gleich aber auch schon die wichtigsten Deutungs-
und eben deswegen zum großen Hypochonder probleme benennt. (3) Das Kapitel Forschung soll
wurde. Vielleicht aber war der wahre Kafka auch möglichst nicht einfach ein chronologisch geordne-
Kafka Nr. 6, der sich eigentlich nur für den Schreib- tes Referat von Einzelinterpretationen bieten, son-
vorgang/ die Literatur/ das endlos ›differante‹ Spiel dern zeigen, wie bestimmte Interpretenschulen die
der Zeichen interessiert hat und vollauf damit zu- im Vorabschnitt benannten Interpretationsprobleme
frieden war, eben dieses in seinem Schreiben in end- zu lösen suchten. (4) Erst im Schlussteil Deutungsas-
loser Meta-Reflexivität immer wieder neu zu thema- pekte findet sich dann der jeweils eigene Deutungs-
tisieren. Relativ selten wird unser nun wohl schon versuch des Artikelautors.
reichlich desorientierter Kafka-Sucher allerdings auf Eine zweite Eigenheit des vorliegenden Kafka-
den Kafka stoßen, ohne dessen Existenz all die ande- Handbuches ist der Versuch, die Entstehungschro-
ren sicher zeitlebens unbekannt geblieben wären: nologie des Werkes (soweit sie sich aus den Schrift-
den Literaten, der die Formensprache der ästheti- trägern ablesen oder doch wenigstens erschließen
schen Moderne bereichert hat, den genialen Finder lässt) erstmals wirklich ernstzunehmen. Zwar
und Erfinder einprägsamer Bilder und Geschichten herrscht in der Forschung schon lange Konsens dar-
von quasi-mythischer Allgemeinheit und Sinntiefe, über, dass das in der Nacht vom 22. zum 23. Septem-
den Hochspezialisten der Literatur, der abstrakte Re- ber 1912 geschriebene Urteil einen signifikanten
flexionen nur mit literarischen Mitteln und nie in di- Einschnitt bildet, der das ›frühe‹ vom ›reifen‹ Werk
rekter Begriffssprache ausdrückte. trennt. Über weitere Werkeinschnitte gibt es aber
keine Einigkeit – und es ist allgemeiner Brauch, in-
Dass bei solch reichem Nachruhm des Autors die terpretationsleitende Parallelstellen einigermaßen
Publikation eines Kafka-Handbuches ein sinnvolles wahllos aus allen Werkabschnitten heranzuziehen.
Unterfangen darstellt, wird man wohl nicht um- So wird beispielsweise selbst die ›frühe‹ Beschreibung
ständlich begründen müssen. Wohl aber sind Zwei- eines Kampfes (Fassung A: 1904–1907) oft mit Zita-
fel erlaubt, ob es ein Kafka-Handbuch überhaupt ge- ten aus den ›späten‹ Zürauer Aphorismen (zumeist:
ben kann. Schließlich erwartet man von diesem 1917/18) erschlossen.
Genre die Präsentation solider Informationen und Trotz seiner kurzen Lebens- und Schreibzeit ist
gesicherten Wissens. Was aber könnte im Falle Kaf- Kafka aber alles andere als ein monolithischer Au-
kas und im Lichte einer notorisch zerstrittenen tor: Der angeblich so zentrale Vater-Sohn-Konflikt
Kafka-Forschung ›sicheres Wissen‹ sein – außer viel- bestimmt in Wahrheit nur die Schriften aus der ers-
leicht die Daten der Biographie und der Publikati- ten Phase des mittleren Werks; weltanschauliche
onen? Jedes Kafka-Handbuch gerät so in die Gefahr, Grundsatzreflexionen sind auf die Jahre zwischen
zu einer relativ beliebig zusammengestellten Samm- 1917 und 1920 konzentriert; nach einer Tendenz zu
lung unterschiedlichster Meinungen und Meinungs- zunehmender parabolischer Verallgemeinerung
bilder zu werden. In gewissen Grenzen ist eine sol- greifen die spätesten Texte wieder stärker auf die
che Pluralität natürlich durchaus wünschenswert – persönliche Existenz- und Künstlerproblematik zu-
und jedenfalls eindeutig besser als das gegenteilige rück, etc. Um solche formalen wie thematischen
Extrem eines monolithischen, damit aber auch not- Entwicklungen stärker als bisher zu berücksichtigen,
wendigerweise partikularen Kafka-Bildes. Die Her- wurde der Werkteil des Handbuches in drei Werk-
Vorwort XV

phasen unterteilt. Am Ende jedes dieser Abschnitte ausgewählten Einzelinterpretationen) in drei Sam-
findet sich eine zusammenfassende Abhandlung zu melartikeln zu den »kleinen nachgelassenen Schrif-
den nicht bereits in Einzelartikeln behandelten ten und Fragmenten« vorgestellt. Zur überblickswei-
Nachlasstexten, die auch die Schreibzeiten und Ent- sen Charakteristik der Werkentwicklung dient auch
wicklungstendenzen der Werkphase herauszuarbei- der vorangestellte Abriss zu den »drei Werkphasen«.
ten sucht. Den Abschluss bilden Werkgruppenartikel zu den
Textsorten, die das Gesamtwerk durchziehen: den
Der Aufbau des Handbuches folgt dem bewährten Gedichten, Tagebüchern, Briefen und den ›amtli-
Muster der Metzler Personen-Handbücher, aller- chen Schriften‹ aus Kafkas Berufstätigkeit. (4) Im
dings mit einer gewichtigen Ausnahme. Auf einen Abschnitt Themen, Strukturen, Schreibweisen wer-
eigenen Teil ›Wirkung‹, wie er im Serientitel der den zunächst die besonderen Verstehensprobleme
Reihe vorgegeben ist, wurde bewusst verzichtet. Kaf- Kafkascher Texte diskutiert und dann die wichtigs-
kas multimediale Wirkungsgeschichte ist einfach zu ten Ansätze der Forschung kritisch vorgestellt. An-
umfassend, um im Rahmen eines einbändigen schließend finden sich Artikel zum »Schaffenspro-
Handbuchs angemessen behandelt zu werden. Selbst zess« – Kafkas persönlicher Variante inspirationsori-
das zweibändige Kafka-Handbuch von 1979 (KHb entierten, ›automatischen‹ Schreibens –, zu formalen
1979), das über ein Drittel seines rund 900-seitigen Aspekten von Kafkas Erzählen und zu den ›kleinen
zweiten Bandes auf die »Wirkung« des Autors ver- Formen‹ ›Denkbild‹, ›Parabel‹ und ›Aphorismus‹.
wendet, ist dabei selten über bloßes ›name-dropping‹ Den Abschluss bilden drei thematisch orientierte
hinausgekommen. Ohne mindestens exemplarische Untersuchungen zu Figurenkonstellationen und Ge-
Einzelinterpretationen lässt sich über die Wirkung schlechterrollen, zur im literarischen Werk entfalte-
eines Autors wenig Substantielles aussagen. Außer- ten Kunst- und Literaturtheorie und zu der Kafkas
dem bringt eine Wirkungsgeschichte im Regelfall Gesamtwerk prägenden kritischen Auseinanderset-
ohnehin mehr Erkenntnisgewinne für die Ziel- als zung mit Problemen der sozialen Moderne.
für die Ursprungstexte. Daher hoffen die Herausge- Dem Leser, der eine erste Orientierung zum Au-
ber, dass ihre Entscheidung, den knappen Textraum tor sucht, wird vorgeschlagen, seine Lektüre mit den
dieses Buches ganz auf Kafka selbst zu konzentrie- Artikeln Leben und Persönlichkeit, Drei Werkphasen
ren, die Zustimmung der Benutzer finden wird. Im und Kafka lesen zu beginnen.
Literaturverzeichnis am Ende des Bandes finden sich Im Anhang werden die wichtigsten Ausgaben und
zahlreiche Einträge, die eigene weiterführende Lek- Hilfsmittel der Kafka-Forschung vorgestellt. Es folgt
türen zur Wirkungsgeschichte ermöglichen. ein Literaturverzeichnis, das – zusammen mit den
Das Handbuch ist in vier Abteilungen gegliedert: Bibliographien der Beiträge – einen repräsentativen
(1) Leben und Persönlichkeit bietet einen biographi- Überblick über Ausgaben; Biographien, Bildbände
schen Abriss und zugleich eine Vorstellung der wich- und Lebenszeugnisse; Hilfsmittel; Forschungslitera-
tigsten Bezugspersonen. (2) Einflüsse und Kontakte tur; Rezeptions- und Wirkungsgeschichte zu bieten
untersucht Kafkas Lektüren, sein literarisches Um- versucht. Die Beiträge des Handbuchs werden durch
feld in Prag, sein Verhältnis zum Judentum, seine ein Personen- und ein Werkregister erschlossen, wo-
Beziehungen zur Philosophie und Psychoanalyse so- bei Letzteres zugleich helfen soll, Kafka-Texte in der
wie zu den neuen Medien von Film und Fotografie. Kritischen Ausgabe (KA) aufzufinden.
(3) Die Abteilung Dichtungen und Schriften bildet
das Zentrum des Bandes. Die Herausgeber haben Es ist eine angenehme Pflicht, all denen zu danken,
sich bemüht, das Gesamtwerk so umfassend wie die das Erscheinen dieses Buches ermöglicht haben:
möglich vorzustellen und dabei auch längere der Unserer Lektorin Ute Hechtfischer, die den langen
Fragment gebliebenen Texte in Einzelartikeln be- Entstehungsprozess mit großer Geduld und kompe-
rücksichtigt (wobei zur Bezeichnung auf die in Re- tenter Hilfe begleitet hat; den Autoren, die ihre Arti-
zeption wie Forschung etablierten Herausgebertitel kel den Zwängen des Gesamtkonzeptes angepasst
Max Brods zurückgegriffen wurde ä XVII f.). Wie haben; Sylvester Bubel, Gesche Roy, Mareike Voigt,
bereits erwähnt, sind die Werkartikel auf drei Werk- Lisa Wagner, Kathrin Weishaar und vor allem Caro-
phasen verteilt und innerhalb dieser, soweit möglich, line Frank, die mithalfen beim Redigieren und Kor-
chronologisch angeordnet. Die zahllosen Kurztexte rigieren der Beiträge und bei der Erstellung von Lite-
und Kurzfragmente werden im Überblick (und in raturverzeichnis und Registern.
XVI Vorwort

Die Herausgeber widmen dieses Handbuch ihrem »geistige Welt«. Zu Kafkas Romanen (1980) und das
gemeinsamen Lehrer und Mentor Ulrich Fülleborn Kafka-Kapitel in seiner Studie Besitzen als besäße
zum 90. Geburtstag. Seine Aufsätze Zum Verhältnis man nicht. Besitzdenken und seine Alternativen in der
von Perspektivismus und Parabolik in der Dichtung Literatur (1995; ä 541) gehören zu den Meilenstei-
Kafkas (1969), »Veränderung«. Zu Rilkes »Malte« nen der Kafka-Forschung.
und Kafkas »Schloß« (1975), Der Einzelne und die Manfred Engel / Bernd Auerochs
XVII

Hinweise zur Benutzung

Aufbau der Artikel tate, da die Briefbände der KA bei der Drucklegung
dieses Handbuches erst bis 1917 reichen. Für später
Das Schema für Werkartikel wurde bereits im Vorwort geschriebene Briefe mussten daher die älteren Stan-
erläutert (ä XIV). Artikel zu Sammelbänden und dardausgaben herangezogen werden (Siglen: Briefe
Nachlassgruppen, Kontexten und Themen/Strukturen [/GW], BE, BM, BMB, BO[/GW]). Da die KA die ein-
folgen diesem Schema in bedarfsgemäß modifizierter zige Textgrundlage ist, konnte bei Zitatnachweisen
Form. Jedem Beitrag ist ein bibliographischer Nach- auf das Ausgabenkürzel verzichtet werden (es steht
spann angefügt, der die folgenden Rubriken (bzw., je also z. B. DzL, statt: DzL/KA); auch die Siglen ›Briefe‹
nach Artikelthema, eine Auswahl daraus) enthält: und ›BO‹ werden ohne Ausgabenkürzel verwendet.
Ausgaben: Genannt werden in der Regel der Erst- Bei Zitaten folgt das Handbuch der Kritischen
druck und Abdrucke in den Brodschen Ausgaben Ausgabe in allen Details der Schreibweise. Eine
(GS u. GW), sowie in der Kritischen Ausgabe (KA) Ausnahme bilden die Werktitel, bei denen die KA
und, soweit bereits erschienen, in den Bänden der (wie auch sonst immer im Textteil) Kafkas ss-
Historisch-Kritischen Franz Kafka-Ausgabe (FKA); Schreibung zu ss/ß normalisiert hat. Um Hybrid-
Nachweise erfolgen mit Hilfe von Siglen, die durch bildungen wie »Proceß« wenigstens hier zu ver-
das Siglenverzeichnis (ä 528–531) aufgeschlüsselt meiden, wurde die ursprüngliche ss-Schreibung
werden können. Weitere Drucke werden nur ange- wiederhergestellt (also: Process, Schloss).
führt, wenn sie editorisch oder durch Materialer- Wegen der werkgeschichtlichen Orientierung des
schließung und Kommentar besonders wichtig sind. Handbuches (ä XIV f.) sind alle Brief- und Tagebuch-
Bibliographien/ Materialien/ Quellen/ Kontexte: In zitate mit Datumsangaben versehen. Bei diesen
diesen (nur in Einzelfällen verwendeten) Abteilun- Datierungen – wie auch bei der Angabe von Entste-
gen finden sich Spezialbibliographien zum Arti- hungsdaten – folgen wir den Angaben bzw. Rekon-
kelthema, Sammlungen von Primärzitaten, von struktionsversuchen in der KA, wenn dies nicht aus-
Kafka gelesene Prätexte bzw. vom Artikelautor her- drücklich anders vermerkt ist. Bei Tagebucheinträ-
angezogenes Kontextmaterial. gen ist jedoch zu beachten, dass die exakte Datierung
Forschung: Ohne Anspruch auf Vollständigkeit eines Einzeleintrages oft nicht möglich ist. In sol-
werden wichtige Forschungsbeiträge aufgelistet und chen Fällen wurde – der Einfachheit und der Kürze
(1) entweder mit vollen bibliographischen Angaben der Nachweise wegen – das letzte gesicherte dem Zi-
(2) oder – im Falle der beiden bereits erschienen tat vorausgehende Datum genannt, wenn dieses mit
Kafka-Handbücher – mit Siglen (3) oder mit Autor/ hoher Wahrscheinlichkeit zeitnah zum Eintrag ist.
Herausgebername(n) und Erscheinungsjahr nachge- Wer an taggenauen Datierungen interessiert ist, wird
wiesen. Im letzteren Fall ist der Volltitel über das Li- sich so immer im Tagebuch-Band der KA (T) rück-
teraturverzeichnis am Ende des Bandes zu ermitteln. versichern müssen. Bei Briefdatierungen wäre zu be-
Querverweise innerhalb des Bandes erfolgen mit denken, dass es bei den nach 1918 geschriebenen
dem Zeichen ä. Kafka-Briefen in den ausstehenden Briefbänden der
KA sicher noch einige Umdatierungen geben wird
(vor allem bei den Briefen an Milena Jesenská).
Zitierweise
Ein Sonderproblem stellen die in Kafka-Editio-
Von den beiden neuen, heute allein zitierfähigen nen und Kafka-Forschung lange verwendeten Her-
Kafka-Ausgaben (ä 519–523) – der Kritischen Aus- ausgebertitel dar, die zumeist von Max Brod stam-
gabe (KA) und der Historisch-Kritischen Franz Kafka- men (ä 519). KA und FKA haben diese durchgängig
Ausgabe (FKA) – ist zurzeit nur die KA (im Wesentli- getilgt. Dafür kann man aus philologischen Grün-
chen) abgeschlossen. Daher ist sie Textgrundlage für den Verständnis haben, wird aber zugleich beklagen
alle Primärzitate in diesem Handbuch. Die einzige müssen, dass diese Entscheidung die Orientierung
Ausnahme von dieser Grundregel bilden die Briefzi- in den Ausgaben und die Verständigung über die
XVIII Hinweise zur Benutzung

Texte nicht eben erleichtert hat. Wer wird schon systematischen und möglichst einfachen Verfahren
wirklich der FKA folgen und die (im Manuskript ti- aus den unterschiedlichen Ausgaben zu zitieren.
tellose) Fassung B der Beschreibung eines Kampfes als (2) Bei Nachweis über Autorenname (bei Ver-
Gegen zwölf Uhr […] zitieren wollen – und wer wechslungsgefahr ergänzt um das Erscheinungsjahr)
würde den Text unter diesem Titel wiedererkennen? und gegebenenfalls Seitenzahl: So wird auf For-
Zum Missvergnügen editorischer Fundamentalis- schungsliteratur und auf Primärtexte, die nicht von
ten haben sich Brods ›Werk‹-Titel bei Lesern wie Kafka stammen, verwiesen. Zumeist findet sich der
Forschern inzwischen nun einmal eingebürgert. Und vollständige Nachweis zu diesen Kurzangaben in der
zumeist stellen sie ja auch ein durchaus sinnvolles Artikelbibliographie. Nur bei häufiger zitierten (For-
Kurzverfahren dar, um sich auf titellose Texte zu be- schungs-)Publikationen wird durch Autorennach-
ziehen. Daher werden die Herausgebertitel im vor- name und Erscheinungsjahr weiter verwiesen auf
liegenden Handbuch weiter verwendet, aber mit das Literaturverzeichnis am Ende des Bandes: Sam-
Spitzklammern markiert. Das gilt natürlich nicht, melbände finden sich hier im Regelfall im Abschnitt
wenn diese Herausgebertitel eindeutig falsch sind – 4.1, Monographien und Aufsätze in 4.2. Häufiger zi-
wie im Falle von <Gibs auf> (Ein Kommentar) und tierte Werke aus anderen Abteilungen der Gesamtbi-
<Der Riesenmaulwurf> (Der Dorfschullehrer). Wer bliographie wurden in Abteilung 4 ein zweites Mal
von titellosen Textfunden in der KA oder FKA aus- aufgelistet, um das Nachschlagen zu erleichtern.
geht, kann den zugehörigen Herausgebertitel leicht (3) Die Gesamtbibliographie am Ende des Bandes
über das Werkregister ermitteln. sammelt (neben Ausgaben, Hilfsmitteln und einem
Allerdings muss man zugestehen, dass in einer Abschnitt zur Rezeptions- und Wirkungsgeschichte)
Reihe von Fällen eine exakte Unterscheidung von Au- all die Sekundärliteratur, die nicht eindeutig der Bib-
tor- und Herausgebertitulierungen ohnehin nicht liographie eines einzelnen Artikels zuzuordnen ist
möglich ist. Natürlich gibt es Titel, die eindeutig von und/oder von mehreren Artikel-Autoren zitiert
Kafka und solche die eindeutig von Max Brod stam- wurde. Wer Literatur zu einem bestimmten The-
men. Dazwischen liegt aber eine weite Grauzone von menbereich sucht, sollte also zunächst in der ent-
unsicheren Problemfällen: Etwa wenn Brod sich auf – sprechenden Artikelbibliographie nachschlagen.
angeblich – ›eindeutige‹ mündliche Aussagen Kafkas
beruft (wie im Fall der Hochzeitsvorbereitungen auf
Registerteil
dem Lande), oder wenn Kafka den Titel zwar nicht
der Textniederschrift vorangestellt, aber an anderer Autoren von Sekundärliteratur werden im Personen-
Stelle genannt hat (wie bei Der Verschollene). Ein gu- register nicht nachgewiesen. Lebensdaten sind im
tes Beispiel für die dabei entstehenden Probleme ist Regelfall bei der ersten Nennung angegeben. Nähere
die titellose Fragmentenfolge, die im vorliegenden Informationen zu Personen aus Kafkas Lebensum-
Handbuch als <Der kleine Ruinenbewohner> zitiert feld findet der Leser zumeist im Beitrag Leben und
wird (T 17–28). Diesen Titel nennt Kafka aber an ganz Persönlichkeit.
anderer Stelle (T 112), und in den sechs vorliegenden Das Werkregister erschließt nicht nur das vorlie-
Fragmenten kommt die titelgebende Figur des »klei- gende Handbuch, sondern erfüllt auch zwei zusätzli-
nen Ruinenbewohners« nur zweimal vor (in Nr. 1 u. che Aufgaben: (1) Es soll dem Leser ermöglichen,
3). Letztlich beruhen so Wahl und Auszeichnung der Texte mit (zumeist Brodschen) Herausgebertiteln
Nicht-Autorentitel auf zwar begründeten, aber natür- (in Spitzklammern gesetzt) in der Kritischen Aus-
lich immer anfechtbaren Einzelentscheidungen. gabe (KA) aufzufinden. Daher sind titellose Texte im
Werkregister auch mit ihren Anfangsworten aufge-
Um die Nutzung des Handbuches zu erleichtern, führt; von dort aus wird dann auf den jeweiligen He-
seien die Grundregeln der Zitat- und Literaturnach- rausgebertitel verwiesen. (2) Da die KA für den Be-
weise noch einmal kurz zusammengefasst: nutzer sehr unübersichtlich ist (ein Gesamtregister
(1) Bei Nachweis über Siglen erfolgt die Aufschlüs- fehlt noch), wird nach den Titeln jeweils auch – mit
selung über das Verzeichnis der Siglen und Abkürzun- Hilfe der in diesem Handbuch verwendeten Bandsi-
gen (ä 528–531). Dabei weicht das Handbuch in eini- glen – die Fundstelle in der KA angegeben. Das
gen Fällen von der bisher gängigen Siglierungspraxis dürfte besonders dort hilfreich sein, wo ein Text in
ab. Das Siglenverzeichnis ist daher auch als Vorschlag der KA mehrfach abgedruckt ist.
an die Kafka-Forschung zu verstehen, nach einem Manfred Engel / Bernd Auerochs
1

1. Leben und Persönlichkeit

Herkunft und Kindheit tember 1882 geschlossen; sie bildete den vorläufigen
Höhepunkt seiner Aufstiegsbemühungen.
»Wie sich mein Leben verändert hat und wie es sich Die Kafkas dürfen als exemplarische Vertreter ei-
doch nicht verändert hat im Grunde!«, schreibt am ner jüdischen Übergangsgeneration angesehen wer-
Ende seines Lebens der Schriftsteller Kafka in seiner den; sie blieben ihrer jüdischen Herkunft auf Le-
autobiografisch grundierten Erzählung <Forschun- benszeit verbunden, fanden jedoch auch Anschluss
gen eines Hundes> (NSF II, 485). Tatsächlich scheint an die neuen liberalen Werte und Entwicklungen ih-
die Vita des Dichters von außen betrachtet wenig rer Epoche. Wie für die meisten führte bei ihnen der
spektakulär und ist in ihrem lokalen Aktionsradius Kampf um sozialen Aufstieg aus dem Ghetto in die
auffallend begrenzt. Der enge Kreis, in dem Kafka Freiheit – somit aber auch in den Zustand einer un-
von 1883 bis 1924 – abgesehen von den wenigen ge- gewissen Schwebe zwischen Observanz und Assimi-
scheiterten Fluchtversuchen – sein Leben verbrachte, lation.
heißt Prag und ist Ende des 19. und Anfang des Sowohl Hermann Kafka als auch die Löwys hatten
20. Jahrhunderts Schauplatz tiefgreifender gesell- sich Mitte der 1870er Jahre in Prag angesiedelt, in ei-
schaftlicher Umbrüche und Konflikte. Die Stadt, die ner Phase, da die Stadt noch am Anfang ihrer Ent-
noch 100 Jahre zuvor ihrem äußeren Erscheinungs- wicklung zur modernen Metropole stand. Für auf-
bild nach den Eindruck einer ›deutschen‹ Stadt er- strebende, assimilationswillige Juden boten sich hier
wecken konnte, war am Ende des Jahrhunderts zu gute Chancen, die freilich auch ihren Preis hatten.
einem Brennpunkt erbitterter nationaler Graben- Persönliche soziale oder religiöse Rücksichten muss-
kämpfe geworden. Wenn die österreichische Monar- ten zugunsten gesellschaftlich vielversprechender
chie es als ihre Regierungskunst bezeichnete, die Perspektiven zurückgestellt werden. Bei aller Gegen-
Völker in ›wohltemperierter Unzufriedenheit‹ zu re- sätzlichkeit im Wesen von Hermann und Julie ent-
gieren, so fand dies im Zusammenleben der Prager sprachen beide den Anforderungen dieser Auf-
Deutschen, Tschechen und Juden einen symptoma- bruchsära auf geradezu mustergültige Weise: Fleiß,
tischen Ausdruck. Ausdauer, Zielstreben und Beständigkeit unter den
Die Vorfahren Franz Kafkas stammen aus der Bedingungen eines rücksichtslosen Existenzkampfes,
böhmischen Provinz. Beide Elternteile sind jüdi- die Fähigkeit zur Anpassung an ein komplexes politi-
scher Herkunft, wuchsen aber unter sehr unter- sches Umfeld, genügend Pragmatismus, um lebens-
schiedlichen sozialen Bedingungen auf. Julie Kafka, notwendige Entscheidungen zu treffen – Eigenschaf-
geb. Löwy (23.3.1856–27.9.1934), wurde in Podieb- ten, die vielleicht nicht gerade die tiefere Ausbildung
rad geboren. Ihre Familie galt als wohlhabend und eines Selbstbewusstseins, wohl aber die Gewissheit
konnte auf eine ansehnliche Ahnenreihe aus Ge- eigenverantwortlichen Handelns ausprägen halfen.
lehrten, Talmudisten, Ärzten, Kaufleuten und ei- Hermann Kafka, bekannt für sein impulsives und
nigen Sonderlingen verweisen. Hermann Kafka nicht zuletzt zielstrebiges Auftreten, repräsentierte
(14.9.1852–6.6.1931) dagegen, der in dem Dorf Wos- das typische Ethos eines Aufsteigers, der aus eigener
sek in Südböhmen geboren wurde, wuchs als viertes Kraft die Bedrängnisse seiner Zeit und Herkunft
von sechs Kindern eines jüdischen Fleischhauers un- überwindet. (Noch Jahrzehnte später beruft er sich
ter ärmsten Verhältnissen auf. Als 14-jähriger ver- darauf in fortgesetzten Litaneien – freilich ohne von
ließ er das Zuhause, um als Wanderhändler sein seinem Sohn die erhoffte Anerkennung dafür zu fin-
Glück zu versuchen. Ausgestattet mit einem starken den.) Ergänzend dazu verkörperte Julie, entschlos-
»Lebens-, Geschäfts- [und] Eroberungswillen« (NSF sen zwar, aber ebenso nachgiebig und zweifellos die
II, 146) sowie den leidvollen Erfahrungen seines Gebildetere von beiden, die sozialen Tugenden und
Dorfgeher-Gewerbes hatte er es schließlich dreißig- inneren Werte.
jährig geschafft, in Prag eine eigene Existenz zu Am 3. Juli 1883 kommt Franz Kafka in Prag als
gründen. Die Ehe mit Julie Löwy wurde am 3. Sep- erstgeborener Sohn Hermann und Julie Kafkas zur
2 1. Leben und Persönlichkeit

Welt und wird nach jüdischem Brauch am darauf Kafkas zweitgeborener Bruder Georg (11.9.1885–
folgenden achten Tag beschnitten. Die Eltern, inzwi- 15.12.1886) an Masern, 1888 stirbt der drittgeborene
schen zehn Monate verheiratet, haben eine Woh- Heinrich (27.9.1887–10.4.1888) an den Folgen einer
nung am Rande des alten Ghettos in erträglicher Meningitis. Erlebnisse, die für den Knaben Kafka
Lage am Kleinen Ring bezogen. Bezeichnenderweise einschneidende Spuren hinterlassen und das Gefühl
steht das Geburtshaus an der Ecke Karpfengasse/ des Alleinseins vertiefen. Seine Schwestern Gabriele
Engegasse (Konskriptions-Nr. 1/27, das Haus wird (Elli; 22.9.1889–1942), Valerie (Valli; 25.9.1890–
um 1900 abgerissen), eine Adresse, die auf beengte 1942) und Ottilie (Ottla; 29.10.1892–1943) rücken
Wohnverhältnisse schließen lässt – zudem in unmit- erst später in die Position ebenbürtiger Vertrauens-
telbarer Nachbarschaft zu einer Reihe von Bordel- personen auf, ohne dabei seinen Erfahrungshorizont
len, welche entlang der Engegasse in die alte Juden- zu teilen.
stadt führen. Das Geschäft des Vaters, nur wenige Im Hause der Kafkas wird vor allem deutsch, aber
Meter entfernt an der Nordseite des Altstädter Rings, auch tschechisch gesprochen, ebenso im Geschäft;
ist zweifellos günstiger gelegen; seinen Eingang ziert Anklänge an die jüdisch-tschechische bzw. jüdisch-
das Emblem einer Dohle (tschechisch: kavka) auf ei- deutsche Herkunft der Eltern im Jargon werden aus
nem deutschen Eichenzweig. Prestigegründen weitestgehend vermieden, schlagen
In den ersten Jahren nach Franz Kafkas Geburt aber zuweilen in der Redediktion Hermann Kafkas
wechselt die Familie einige Male den Wohnsitz in- durch. Zur Familie gehören im Weiteren eine Amme
nerhalb des eng begrenzten Altstadt-Areals (Mai (Anna Čuchalová, *1868), eine Köchin (Františka
1885 Wenzelsplatz 56; Dezember 1885 Geistgasse Nedvědová, *1855), wechselnde Dienstmädchen
27; 1887 Niklasstraße 6; 1888 Sixt-Haus Zeltnergasse und Erzieherinnen (u. a. Marie Zemanová, *1870;
2; 1889 Haus Minutá Altstädter Ring 2; 1896 Haus Anežka Ungrová; Elvira Sterk; Anna Pouzarová),
Zu den drei Königen Zeltnergasse 3; 1907 Niklas- eine Französisch-Gouvernante aus Belgien (Louise
straße 36) – gewiss auch ein Hinweis auf die merkan- Bailly) und später noch die Wirtschafterin Marie
tilen Fähigkeiten des Vaters, der es mit seinem Ga- Wernerová (1884–1942).
lanteriewaren-Handel im Laufe weniger Jahre zu be- Die Kindheit Kafkas, so wie sie sich aus Doku-
scheidenem Wohlstand gebracht hat. Doch die menten und Erinnerungen erschließen lässt, steht
stationären Wohnsitze und temporären Geschäfts- ganz im Zeichen einer für den Prager jüdischen Mit-
niederlassungen fassen auch eine Atmosphäre der telstand typischen Sozialisation. Entsprechend den
Rastlosigkeit ins Bild. Der unruhige soziale Aufstieg beachtlichen Erfolgen des Unternehmers Hermann
des Hermann Kafka vollzieht sich in kleinen Schrit- Kafka werden Mittel bereitgestellt und vorausbli-
ten, indes die Sorge eines möglichen Rückfalls stets ckend in die Erziehung und Ausbildung des Heran-
präsent bleibt. Aus der Sicht des Kindes Franz bringt wachsenden investiert. Bereits hier zeigen sich Risse:
dieser Aufstieg nicht nur die Segnungen mittelstän- Der introvertierte, scheue Sohn, der spärlich isst,
dischen Lebenskomforts mit sich, sondern nährt wenig lacht und meist schweigt, ist ein erster Selbst-
ebenso eine Vielzahl latenter Unsicherheitsgefühle. entwurf in Reaktion auf »die dumpfe, giftreiche, kin-
Die unvorhersehbare Gereiztheit des Vaters, unge- derauszehrende Luft des schön eingerichteten Fami-
löste Spannungen, häufiger Adressenwechsel, feh- lienzimmers« (An E. Hermann, Herbst 1921; Briefe
lende engere Bezugspersonen – die Mutter ist dem 347). Bei aller Skepsis, die man den späten, oftmals
Vater tagsüber im Geschäft und abends beim Kar- belastenden Erinnerungen Kafkas entgegenhalten
tenspiel unentbehrlich –, mangelnde Außenkontakte muss, lässt sich die Atmosphäre des Elternhauses
und nicht zuletzt ein Regime wechselnder Betreue- kaum als harmonisch bezeichnen. Das ohnehin stark
rinnen führen für Kafka zu einer Isolation, die früh eingeschränkte Familienleben blieb selbstverständ-
schon seine Selbstentwürfe beherrscht. In den Au- lich den Anforderungen des Geschäfts untergeord-
genblicken der Zurückgezogenheit sucht das intro- net, und der Vater erhielt sich sehr wachsam sein
vertierte Kind Schutz vor den Wechselfällen des All- Misstrauen gegen innere und äußere Rivalen. Ange-
tags und entwickelt eigene Stärken. stellte wurden mitunter als »Vieh«, »Hund« oder
So erlebt Kafka zunächst weniger die Spannungen »bezahlte Feinde« bezeichnet (NSF II, 155 u. 173),
seiner tschechisch-deutschen Umwelt als quälend, gleichwohl sie doch Aufgaben der Buchführung wie
als vielmehr die soziale Kälte seines Elternhauses. auch der Kinderbetreuung übernahmen. Und auch
Hinzu treten familiäre Katastrophen: 1886 stirbt Familienmitglieder waren dem Diktat täglichen
1. Leben und Persönlichkeit 3

Drangsalierens unterworfen. Im Hause Kafka wurde solviert Kafka im Mai die Aufnahmeprüfungen für
nicht geschlagen, dafür aber, in Ermangelung eines das Gymnasium – mit Erfolg. Von September 1893
erzieherischen Konzepts, mit wirksamen Redemit- bis Juli 1901 besucht er das Altstädter Deutsche Gym-
teln gedroht, verspottet und beklagt. Im äußersten nasium im Kinsky-Palais. Auch diese Schule wird
Falle – Kafka erinnert sich an dieses Schlüsselerleb- von Juden gern besucht, gilt aber nebenher auch als
nis noch 1919 – wurde das störende Kind zur Beru- strengstes Prager Gymnasium mit einer Abbrecher-
higung nachts vor die Tür, auf die Pawlatsche ge- quote von 72 %. Der hier waltende Geist konservati-
sperrt (NSF II, 149). ver Bildungstradition zeigt sich in Gestalt von Ka-
thedergehorsam, Prüfungsangst und sinnloser Pau-
kerei und hätte nicht besser repräsentiert werden
Schule und Autoritäten können als durch seine steinerne Barockfassade:
Kafka durchläuft das Programm ›humanistischer‹
Der Eintritt in die Deutsche Knabenschule am Fleisch- Exerzitien, d. h. in erster Linie klassische Altspra-
markt im September 1889 stellte für Kafka eine spür- chen und Geschichte des Altertums; weniger zeitin-
bare Erweiterung seines Gesichtskreises dar. Die tensiv werden bereits das Fach Deutsch sowie die na-
Schule fand insbesondere bei Prager Juden starken turwissenschaftlichen Gegenstände und Kafkas Pro-
Zulauf und galt trotz deutscher Namengebung als blemfach Mathematik behandelt. Neben den
gemäßigt nationale, liberale Bildungsstätte. Für Haupt-Fremdsprachen Latein und Griechisch wer-
Kafka hielt bereits der Weg vom neuen Familiendo- den in geringerem Umfang jedoch auch Tschechisch
mizil Haus Minutá zur Volksschule so manche Ent- und Französisch gelernt.
deckung bereit. Das Altstädter Interieur, die augen- Unter den Lehrern ragen besonders zwei Gestal-
fälligen Details und Schauplätze der Prager Innen- ten heraus: der Klassenordinarius Emil Gschwind,
stadt, regten die Fantasie des träumerischen Kindes »ein ausgezeichneter, aber strenger Lehrer« der Alt-
zweifellos an, während die Schule als nüchtern sprachen (Wagenbach 2006, 39) und Verfechter
zweckdienliche Bildungsanstalt eher Angst und mustergültigen deutschen Ausdrucks, bei dem Kafka
Schrecken auslöste. Natürlich standen auf dem Schul- sechs Semester lang das Privileg des Vorzeigeschü-
weg auch Prügeleien zwischen den Schülern der deut- lers genießt. In den zwei letzten Gymnasialjahren
schen Knabenschule und der vis-à-vis gelegenen unterrichtet er zudem Philosophie mit interdiszipli-
tschechischen Elementarschule auf der Tagesord- när angelegten Ausflügen in Forschungsbereiche der
nung, und so bot es sich an, dass Kafka den Weg im neuesten Psychologie und Wahrnehmungstheorie.
ersten Jahr in Begleitung der Köchin zurücklegte – Gschwind, der gleichzeitig Priester und Gelehrter
eine Beschützerin, die ihm freilich als despotische im Prager Piaristenorden ist, hinterlässt bei dem
Repräsentantin der Macht erschien und immer wie- Schüler großen Eindruck, nicht zuletzt wegen seiner
der mit Drohungen und Mahnungen zu Gehorsam- arbeitsintensiven Zurückgezogenheit in einer Klos-
keit anhielt. Auch diese Eindrücke werden im Rück- terzelle. Adolf Gottwald, die zweite prägende Leh-
blick als prägend festgehalten. Angstbesetzt wie alle rerpersönlichkeit des Gymnasiums, ragt besonders
Rituale der Ordnung und Maßregelung war erst durch seinen vergleichsweise unkonventionellen Na-
recht der schulische Unterricht. Bereits das Klingel- turkundeunterricht sowie die von ihm gepflegte
zeichen löste Beklemmungen aus. Die Lehrer, ein- Methode genauer Beschreibung hervor. Ihm ver-
drucksvolle, aber insgesamt gutmütige Autoritäten, dankt Kafka auch die Heranführung an Darwins
vermochten es nicht, den Knaben aus seiner Isola- Lehren und an Ernst Haeckels Welträtsel (1899).
tion zu befreien. Die auffällige Scheu des Kindes, Der Deutschunterricht hält für den Gymnasiasten
seine »Ängstlichkeit und totenaugenhafte Ernsthaf- wenig schöpferische Beschäftigungen bereit; im We-
tigkeit« (An M. Jesenská, 21.6.1920; BM 71), wurde sentlichen wird der klassizistische Bildungskanon
als die Eigenart eines sympathischen, stillen, be- abgearbeitet – wobei nicht so sehr der Inhalt, son-
scheidenen Schülers mit überdurchschnittlichen dern das jährliche Quantum auswendig gelernter
Leistungen gedeutet (vgl. Koch 1995, 33). Dichtungen entscheidend ist. Kafka begegnet hier
Obgleich der Klassenlehrer Matthias Beck den El- einem Literaturbegriff, der vor allem normativ und
tern am Ende der Volksschulzeit nahelegt, den Sohn in politischer Hinsicht national getönt erscheint; an-
wegen Schwäche und möglicher Überforderung ein dererseits wird eine breite literarische Basis an Tex-
fünftes Jahr auf die Volksschule gehen zu lassen, ab- ten (Goethe, Schiller, Hebel, Kleist, Mörike, Eichen-
4 1. Leben und Persönlichkeit

dorff, Grillparzer, Stifter u. a.) gelegt, die auch für die Augen der meisten jedoch erscheint er als unauffäl-
Folgejahre von Bedeutung sind. So veranlassen ge- lig. »Wir alle hatten ihn sehr gern und verehrten ihn
rade die Klassiker-Lektüren der Gymnasialzeit zu auch«, erinnert sich sein Klassenkamerad Emil Utitz
späteren selbständig kritischen Auseinandersetzun- (1883–1956), »aber wir waren mit ihm nie richtig
gen mit »Goethes entsetzlichem Wesen« (31.1.1912; vertraut: eine dünne Glaswand umgab ihn« (Koch
T 367) oder dem Konzept großer und kleiner Litera- 1995, 50). Trotz gläserner Abkapselung ist Kafka
turen. Unabhängig davon bleibt die »Angst vor kein ausgesprochener Einzelgänger. Engere Bezie-
Schule und Autoritäten« (NSF II, 10) bestehen und hungen entwickeln sich im Lauf der Gymnasialzeit
löst immer wieder Blockaden aus: »Oft sah ich im zu einigen Mitschülern: Hugo Hecht (1883–1970),
Geist die schreckliche Versammlung der Professoren Karl Feigl (1882–1942), Camill Gibian (1883–1907),
[…], um diesen einzigartigen himmelschreienden Paul Kisch (1883–1944), Rudolf Illový (1881–1943),
Fall zu untersuchen, wie es mir, dem Unfähigsten später dann zu Oskar Pollak (1883–1915) und Ewald
[…] gelungen war, mich bis hinauf in diese Klasse zu Přibram (1883–1940). Mit Hugo Bergmann dispu-
schleichen« (196 f.). tiert man gern und heftig in der »talmudischen
Literarische Inspirationen holt sich Kafka zu- Weise über Gott und seine Möglichkeit« (31.12.1911;
nächst außerhalb der Schule: vorrangig sind es Thea- T 333), mit Paul Kisch werden vornehmlich literari-
terbesuche, die ihn – wie viele Gymnasiasten – be- sche und mit Rudolf Illowý soziale Fragen erörtert.
geistern und zu eigenen Darbietungen im Fami- Nicht zuletzt erweisen sich diese intellektuellen Er-
lienkreis treiben. An den Geburtstagen der Mutter kundungen als befreiender Schritt aus dem Bann-
kommen kleinere adaptierte oder selbstverfasste Stü- kreis der Familie und Schule. Gemeinsam unter-
cke wie Der Gaukler, Georg von Podiebrad und Pho- nimmt man erste Exkursionen in die politischen La-
tographien reden (alle nicht überliefert) zur Auffüh- ger Prags. In Opposition zu seinem Umfeld und im
rung. Mit etwa 14 Jahren unternimmt Kafka seine Gegensatz zu seinem Freund Hugo Bergmann, der
ersten dichterischen Versuche – Arbeiten und Ent- sich mehr und mehr für die erwachende zionistische
würfe, die später zwar seinen literarischen Ansprü- Bewegung engagiert, fühlt sich Kafka besonders von
chen nicht mehr genügen und daher vernichtet wer- der Idee des Sozialismus angezogen, deren Wahrzei-
den, die aber erste Problemkonstellationen seines chen – die rote Nelke – er zeitweise trägt. Auch ei-
Schreibens andeuten. So plant er u. a. einen Roman, nem antiklerikalen (Wagenbach 2006, 60) bzw. völ-
»in dem zwei Brüder gegeneinander kämpften, von kisch-nationalen (Binder 1979, 241) Verein Freie
denen einer nach Amerika fuhr, während der andere Schule und einer Farben tragenden, deutsch-natio-
in einem europäischen Gefängnis blieb« (19.1.1911; nalen Schülerverbindung Altstädter Kollegientag ge-
T 146). Die früheste erhaltene literarische Eintra- hört Kafka vorübergehend 1898/99 an, kann freilich
gung stammt aus dem Jahr 1897 und findet sich im zu diesen Vereinigungen keine tragfähige Bindung
Freundschaftsbuch Hugo Bergmanns (1883–1975): aufbauen.
»Es gibt ein Kommen und ein Gehn/ Ein Scheiden Die Sozialisation des jungen Kafka unter den
und oft kein – Wiedersehn« (NSF I, 7). binationalen assimilatorischen Verhältnissen in Prag
Am 13. Juni 1896 findet in der Zigeuner-Synagoge verlief widerspruchsvoll und entbehrte nicht gewis-
Kafkas Bar-Mizwa statt. Der Vater inseriert die Feier ser temporärer Tendenzen: Wechselnde Mitglied-
öffentlich als ›Confirmation‹ und deutet damit schaften, Besuche von politischen Versammlungen
gleichsam den zwiespältigen Charakter der Veran- und gelegentliche Visiten in verrufenen Etablisse-
staltung an: Kafka »mußte im Tempel ein mühselig ments zeigen lediglich seine Suche nach Orientie-
eingelerntes Stück vorbeten, oben beim Altar, dann rungen. Die ›Entdeckungen‹ Kafkas in antibürgerli-
zuhause eine kleine (auch eingelernte) Rede halten. chen Kreisen und Dimensionen entsprachen dabei
Ich bekam auch viele Geschenke« (An M. Jesenská, ganz dem intellektuellen Milieu seiner Altersgenos-
10.8.1920; BM 207). Eine tiefere Beziehung zur Reli- sen. Auf gemeinsamen Streifzügen wurde so nicht
gion der Väter konnte für den 13-jährigen ›Sohn des nur die sozialpolitische Karte Prags erkundet, son-
Gebots‹ daraus nicht entstehen. dern auch an den Grenzen einer streng behüteten
Auf seine Mitschüler wirkt Kafka zurückhaltend. Ordnung gerüttelt.
Nur zögerlich entstehen Freundschaften wie mit Kafka ist trotz Aufbegehrens ein unsicherer, ge-
Hugo Bergmann (1883–1975), mit dem er bereits hemmter Jugendlicher. Die Berührungen mit Zio-
gemeinsam in die Volksschule gegangen war. In den nismus, Sozialismus und nationalen Bewegungen
1. Leben und Persönlichkeit 5

mögen flüchtig und widersprüchlich sein, ziehen satzes heißt: Welche Vorteile erwachsen Österreich
nun jedoch erste weltanschauliche Orientierungen aus seiner Weltlage und seinen Bodenverhältnissen?
nach sich. Während Kafkas Freundschaft zu Berg- Es ist kaum anzunehmen, dass der Maturant mit sei-
mann unter den Stimmungen seiner »atheistischen nen Darlegungen die offizielle Rhetorik sprengte –
und pantheistischen Periode« (vgl. Koch, 27) ab- bescheinigte ihm doch das Abschlusszeugnis insge-
klingt, verbindet ihn seit den letzten beiden Jahren samt lobenswerte bis befriedigende Leistungen –,
des Obergymnasiums mit Oskar Pollak eine umso obgleich er bereits über Ausdrucksmöglichkeiten
engere Freundschaft. Ganz offensichtlich eine Alli- von subtiler Schärfe verfügte, wie Briefe und andere
anz zweier Non-Konformisten: Zusammen abon- Zeugnisse belegen.
niert man die von Ferdinand Avenarius (1856–1923) Der für die Zeit nach der Matura vorgeschriebene
herausgegebene Zeitschrift Kunstwart und liest die ›Einjährigfreiwilligen‹-Militärdienst bleibt Kafka er-
Schriften Darwins, Spinozas und Nietzsches, insbe- spart. Ein ärztliches Gutachten attestiert ihm
sondere Also sprach Zarathustra. Kafkas Nietzsche- »Schwäche« (Wagenbach 2006, 258) und sorgt so für
Begeisterung schlägt sich fortan in Briefen und Re- seine einstweilige Verschonung vor einer weiteren
flexionen nieder, in denen der angehende Schrift- Schule der Autoritäten. Befreit von dieser Last reist
steller an Sprache, Themen und Denkfiguren des Kafka am 27. Juli 1901 allein mit dem Zug nach Cux-
Philosophen anzuknüpfen sucht – so auch in einem haven, um die Sommerferien mit seinem Onkel aus
Poesiealbumeintrag für die 17-jährige Selma Robi- Triesch, dem Arzt Dr. Siegfried Löwy (11.3.1867–
tschek (geb. Kohn, *8.9.1883), die er in den Sommer- 20.10.1942), für einen Monat auf Helgoland und
ferien 1900 im nordböhmischen Roztok kennenlernt Norderney zu verbringen. Es ist die erste größere
und mit Lektüren des Philosophen unterhält selbständige Reise, die ihn über die Grenzen Böh-
(4.9.1900; NSF I, 8). Nietzsche, der skeptisch unzeit- mens und Mährens hinausführt, die ihm gleichzeitig
gemäße Betrachter, stiftet die Basis einer exklusiven aber auch eine Entscheidung über die Zukunftspläne
Weltanschauung. Das Vertrauen, das auf dieser Basis abverlangt. Ins Gästebuch auf Norderney trägt man
der vielseitige Freund und Ratgeber Oskar Pollak für bereits die Titulierung »stud. chem.« ein (Heintel,
einige Jahre genießt, zeigt sich nicht zuletzt in dem 20) – ein Hinweis, dass der für Kafka stets sehr maß-
Umstand, dass Kafka ihm seine Manuskripte zur Be- gebliche Onkel während der Reise an der Entschei-
urteilung vorlegt (6.9.1903; B00–12 26). Ihm erklärt dung mitgewirkt hat. Hinsichtlich des Aufschwungs
sich Kafka als Schriftsteller. Bereits in Briefform der chemischen Industrie in der näheren Umgebung
schickt er ihm im Dezember 1902 die Geschichte vom Prags und den daraus erwachsenden weltweiten Per-
schamhaften Langen und vom Unredlichen in seinem spektiven, erscheint ein Chemie-Studium tatsäch-
Herzen – die frühest überlieferte Prosa-Skizze des lich als aussichtsreiche Investition in die Zukunft
Schriftstellers Kafka (20.12.1902; B00–12 17–19). und kommt den träumerischen Berufsvorstellungen
Auch eine kleine Produktion eigener Gedichte wird Kafkas weit mehr entgegen als die ›jüdisch‹ prädesti-
vorgelegt. Zweifellos übernimmt Pollak die Rolle des nierten Fächer Jura und Medizin.
Welt-Vermittlers für den auftrittsscheuen Dichter. Dennoch zeigt sich bei der Wahl des richtigen Stu-
Doch noch etwas anderes verbindet die beiden diums sehr bald schon seine Entscheidungsschwä-
Freunde: der nüchterne, teils distanzierte, teils kon- che: Wie vorgesehen schreibt sich Kafka im Oktober
struierte Blick auf Prag als unentrinnbarer Bannkreis 1901, gemeinsam mit Oskar Pollak und Hugo Berg-
bzw. ›Mütterchen mit Krallen‹ – ein Motiv, das sich mann, an der Deutschen k.k. Carl-Ferdinand-Univer-
wie ein roter Faden durch Leben und Schreiben sität in Prag für Chemie ein. Bereits nach den ersten
Franz Kafkas zieht. zwei Wochen im Labor revidiert er seine Entschei-
dung und wechselt zu Jura. Dass diese Orientierung
pragmatische Gründe hat und beiläufig auch den Er-
Die Jahre des frühen Werkes wartungen der Familie genügt, steht außer Frage.
Die Möglichkeit, nach dem Studium einen freien Be-
Studium und erste Berufsjahre
ruf als Anwalt zu ergreifen, entspricht freilich nur
Als Kafka im Mai 1901 in Prag die schriftlichen Ma- bedingt Kafkas Lebensentwürfen. So ist es kaum ver-
turaprüfungen ablegte, schien die österreichisch-un- wunderlich, dass er im Sommersemester 1902 statt
garische Monarchie noch ein organisch intakter Be- Jura Vorlesungen in Germanistik und Kunstge-
standteil dieser Welt. Das Thema seines Deutschauf- schichte (Niederländische Malerei, Christliche Bild-
6 1. Leben und Persönlichkeit

hauerei) besucht. Die Alternative ›Germanistik‹ an senschaftlichen Kriminologie. Seine Vorlesungen


der Prager Universität erweist sich jedoch in anderer Strafrecht, Strafprozess, Rechtsphilosophie und
Hinsicht als problematisch. Geprägt durch die Per- nicht zuletzt sein mehrfach aufgelegtes Handbuch
sönlichkeit August Sauers (1855–1926) und dessen für Untersuchungsrichter, Polizeibeamte, Gendarmen
nationalistische Fixierung auf deutschstämmige Li- (1893), in dem er besonderes die psychologischen
teratur, lässt der Lehrstoff bei Kafka keine weittra- Ursachen von Verbrechen hervorhebt, haben aus-
genden Illusionen aufkommen. Statt dessen wird er- nahmsweise auch Kafkas Aufmerksamkeit gefun-
wogen, ob er nicht lieber – wie Paul Kisch – das Ger- den. Im Übrigen durchläuft der Student die acht Se-
manistikstudium in München fortsetzen sollte (An mester Jurastudium, indem er sich auf die notwen-
O. Pollak, vor oder am 24.8.1902; B00–12 14). digsten Verpflichtungen beschränkt.
Dazu allerdings kam es nicht. Kafka studierte im Die weitaus attraktiveren Angebote der Studien-
Wintersemester 1902/03 wieder regulär Jura: Römi- zeit bieten die Prager deutschen und tschechischen
sches Zivilrecht, Pandekten II, Obligationenrecht Bühnen sowie die Lese- und Redehalle deutscher Stu-
und Zwangsvollstreckung in unbeweglichen Vermö- denten. Als ein Tempel deutscher Kultur mit reich-
gen – ein trockenes Studium, dem er sich ohne in- haltig ausgestatteter Bibliothek (vor allem zeitgenös-
nere Beteiligung widmet und das lediglich verlangte, sischer Autoren und Zeitschriften) und anspruchs-
»daß ich mich in den paar Monaten vor den Prüfun- vollem Veranstaltungsprogramm findet die ›Halle‹
gen unter reichlicher Mitnahme der Nerven geistig besonders unter jüdischen Studenten hohe Beteili-
förmlich von Holzmehl nährte, das mir überdies gung. Von den Aktivitäten des zionistischen Vereins
schon von tausenden Mäulern vorgekaut war« (NSF jüdischer Hochschüler Bar-Kochba grenzt man sich
II, 198). bewusst und entschieden ab. Insbesondere die Dar-
Verpflichtender Bestandteil des Jura-Studiums im bietungen namhafter Autoren (Friedrich Adler, von
2. Semester ist u. a. auch ein halbes Jahr Philosophie. Liliencron, Wiener, Salus, Meyrink, Leppin, u. a.)
Die Übergangsprüfung ›Deskriptive und genetische machen die Halle zu einem beliebten Anlaufpunkt.
Psychologie‹ bei dem bekannten Brentano-Schüler Von ihr gehen maßgeblich Impulse auf die Aktivitä-
Anton Marty kann Kafka nicht bestehen. Allerdings ten der Mitglieder aus. Kafka ist von Studienbeginn
nimmt er gemeinsam mit Pollak, Utitz und Berg- an Mitglied und wird als Nachfolger Oskar Pollaks
mann (später auch Brod und Weltsch) an den philo- 1904 Kunst- und schließlich Literaturberichterstat-
sophischen Runden des Salons Fanta teil, die von ter. Ende Oktober 1902 lernt er hier auch den um ein
Berta Fanta (1865–1918) und Ida Freund veranstal- Jahr jüngeren Jurastudenten und Kunstberichterstat-
tet werden. Auch an den Zusammenkünften des sog. ter Max Brod (27.5.1884–20.12.1968) kennen: Der
Louvre-Zirkels, einer akademischen Filiale der Bren- 18-jährige Brod referiert in einem leidenschaftlichen
tanisten in Prag, ist Kafka vorübergehend beteiligt – Vortrag über die Vorrangstellung von Schopenhau-
zumeist als stiller Zuhörer. Sein Interesse an theore- ers Philosophie. Nach dem Vortrag verteidigt Kafka
tisch abstraktem Denken ist eher gering, wenngleich im Gespräch auf dem Heimweg umso eindringlicher
das Spiel mit Begriffen, konkrete Fragestellungen Nietzsches Positionen, den Brod kurzerhand als
und die distanzierte Sicht auf alltägliche Handlungs- »Schwindler« bezeichnet hatte (Brod 1969, 159; vgl.
abläufe auch ihm nicht fremd sind. NSF I, 9–11). Es ist der Beginn einer ambivalenten
Unter den Professoren an der Universität wecken Freundschaft, die, trotz Entfremdungen in den spä-
nur wenige Kafkas Interesse. Eine Ausnahmeerschei- teren Jahren und trotz anhaltender Missverständ-
nung ist der exzentrische Ordinarius Christian von nisse, bis ans Lebensende für beide Seiten produktiv
Ehrenfels (1859–1932), der neben seiner Vorlesung bleibt. Die bis dahin prägende Freundschaft mit Os-
in ›Praktischer Philosophie‹ auch als Autor wissen- kar Pollak verliert hingegen zunehmend an Gewicht.
schaftlicher Schriften und philosophisch inspirierter Als Pollak 1903 Prag verlässt, resümiert Kafka in ei-
Stücke und Gedichte (Die Sternenbraut; Kosmogo- nem Brief an den Freund:
nie) in Erscheinung tritt. Noch 1913 besucht Kafka Unter allen den jungen Leuten habe ich eigentlich nur
eine Seminarveranstaltung des bekannten Begrün- mit Dir gesprochen, und wenn ich schon mit andern
ders der Gestaltpsychologie. Ebenso nachhaltige sprach, so war es nur nebenbei oder Deinetwegen oder
durch Dich oder in Beziehung auf Dich. Du warst, ne-
Eindrücke nimmt er auch aus den Vorlesungen des ben vielem andern, auch etwas wie ein Fenster für mich,
Grazer Strafrechtlers Hans Gross (1847–1915) mit. durch das ich auf die Gassen sehen konnte. Allein konnte
Gross gilt als einer der Pioniere der modernen wis- ich das nicht (8.11.1903; B00–12 28).
1. Leben und Persönlichkeit 7

Mit dem agilen Max Brod, der bereits erste musikali- seinen literarischen Entwürfen, die in ihren qualita-
sche und literarische Erfolge verbuchen kann, er- tiven Ansprüchen gestiegen sind.
schließen sich Kafka neue Horizonte. Gemeinsam Das Studium der Rechte, das Kafka nebenher be-
besucht man Kaffeehäuser der Stadt und andere ein- treibt, bedeutet in den Prüfungszeiten eine Qual. Für
schlägige Adressen der Boheme und Intelligentsia die Vorbereitungen auf das Examen muss er auf
Prags. Auch der literarische Kanon wird systema- Brods Mitschriften zurückgreifen. Die nach dem
tisch erweitert: Flauberts L’ Éducation sentimentale, Promotionsrecht erforderlichen drei Rigorosa ein-
Hofmannsthals Gespräch über Gedichte und Thomas schließlich Staatsexamen legt Kafka am 7. November
Manns Tonio Kröger werden als Offenbarungen gele- 1905, am 16. März 1906 und am 13. Juni 1906 ab und
sen und diskutiert, überdies beschäftigt sich Kafka wird schließlich – mit schwächstmöglicher Note –
eingehend mit Tagebüchern (Amiel, Hebbel und am 18. Juni im Prager Carolinum von Alfred Weber
Grillparzer) Briefen (Goethe, Grabbe und du Barry), (1868–1958) feierlich zum Doktor der Rechte pro-
Biographien (Schopenhauer, Goethe und Dostojew- moviert.
ski), Eckermanns Gesprächen, Marc Aurels Selbst- Wie schon 1903, nach bestandener erster Staats-
betrachtungen und Kügelgens Lebenserinnerungen. prüfung (Rechtsgeschichte) in Lahmanns Sanato-
Die jedoch wichtigste Entwicklung zeigt sich in Kaf- rium Dresden/Weißer Hirsch, erholt sich Kafka auch
kas sozialen Kontakten: »ich bin stärker geworden, 1905 und 1906 in einer Naturheilanstalt. Augen-
ich war viel unter Menschen, ich kann mit Frauen scheinlich liegen hier die Anfänge seiner Karriere als
reden« vermeldet er stolz im Sommer 1903 nach ei- nervöser Patient wie auch die seines ausgeprägten
ner Sanatorienreise nach Dresden/Weißer Hirsch Interesses für Naturheilkunde. Am 2. August 1905
und einem Ferienaufenthalt in Salesel bei Aussig (An trägt sich »Herr Franz Kafka, cand. ingr.« aus Prag
O. Pollak 6.9.1903; B00–12 25). Ausflüge wie diese – für einen vierwöchigen Aufenthalt in die Kurliste der
weg von Prag – bestärken Kafkas Selbstvertrauen. Wasserheilanstalt Dr. Ludwig Schweinburgs in Zuck-
Allmählich durchbricht er selbständig die Isolation mantel/Schlesien ein (Kur-Liste Nr. 9). Neben der
und geht auch Beziehungen mit dem anderen Ge- Behandlung seiner nervösen Beschwerden ist es vor
schlecht ein. Seine Liebschaften sind freilich nur von allem die abgelegen behütete Atmosphäre, die ihn
kurzer Dauer und rufen die stets vorhandenen Ge- neue Kräfte sammeln lässt. Ein episodisches Erlebnis
fühle von Scham und Reue, Lust und Abscheu wach. besonderer Art, die erste Liebe zu einer Frau – »sie
So auch nach einer Liebesnacht – seiner sexuellen eine Frau und ich ein Junge« (An M. Brod,
Initiation – mit einem tschechischen Ladenmädchen 12./14.7.1916; B14–17 173) –, veranlasst den Studen-
(An M. Jesenská, 8./9.8.1920; BM 196–199). Der auf ten im Sommer 1906 für ein zweites Mal auf das ver-
diesem Gebiet weit erfahrenere Max Brod gibt Kafka traute Arrangement von Zuckmantel zurückzukom-
praktische Ratschläge und erweist sich nicht zuletzt men (Eintrag 21.7.1906, Kur-Liste Nr. 9). Kafka be-
bei gemeinsamen Bordellbesuchen als vertrauens- wahrt über diese Episode Schweigen und deutet erst
würdiger Begleiter. Jahre später im Tagebuch seine nachhaltigen Ein-
Brod ist es auch, der anlässlich einer Lesung seiner drücke an: »Ich war noch niemals außer in Zuck-
Novelle Ausflüge ins Dunkelrote die Begegnung mit mantel mit einer Frau vertraut« (6.7.1916; T 795).
dem blinden Dichter Oskar Baum (21.1.1883– Zurückgekehrt nach Prag, beendet er am 30. Sep-
1.3.1941) arrangiert. Ähnlich erfolgreich hatte er be- tember 1906 das im April begonnene Praktikum als
reits 1903 im ›Louvre‹ Kafkas Freundschaft mit dem Advocatursconcipient bei seinem Onkel Dr. Richard
Philosophiestudenten Felix Weltsch (6.10.1884– Löwy (1857–1938) am Altstädter Ring und beginnt
9.11.1964) gestiftet. Die daraus resultierenden Lese- am 1. Oktober das für den Staatsdienst obligatorisch
runden des sog. ›Prager Kreises‹ werden ab Ende vorgeschriebene Gerichtsjahr beim Prager Landes-
1905 abgehalten und in den folgenden Jahren im bzw. Strafgericht. Während dieser Zeit schließt Kafka
Quartett regelmäßig fortgesetzt. Kafka verschweigt die erste Fassung seiner Beschreibung eines Kampfes
zunächst bis 1906 seine eigenen literarischen Ambi- ab – ein Erzählfragment, das konkrete Prager Lokali-
tionen. Bei den Zusammenkünften mit Brod, täten benennt – und arbeitet an Entwürfen zu Hoch-
Weltsch und Baum rezitiert er andere Autoren. Erst zeitsvorbereitungen auf dem Lande. Gemeinsam mit
ab 1910 wird er gelegentlich Proben aus eigenen Ma- Max Brod und Bekannten unternimmt man ausge-
nuskripten lesen. Angefeuert von Brod widmet er dehnte Streifzüge durch Nachtlokale und besucht
sich jedoch in der zweiten Studienhälfte verstärkt Weinstuben, Cafés, Seancen und Variétés. Das bunte
8 1. Leben und Persönlichkeit

Treiben erscheint Kafka im Nachhinein als »Bum- Erwartungsgemäß schwierig gestalten sich die Be-
melzeit« (An F. Bauer, 3./4.1.1913; B13–14 17). Max rufspläne Kafkas. Doch wieder einmal zeigt das Netz
Brod hingegen arbeitet bereits zu diesem Zeitpunkt der Löwyschen Verwandtschaft seine soziale Funk-
darauf hin, den Freund in literarischen Kreisen pub- tion. Dank der Vermittlung des Onkels Alfred Löwy
lik zu machen. In der Zeitschrift Gegenwart erwähnt aus Madrid (1852–1923) gelingt es, Kafka aushilfs-
er Kafkas Namen in einer Reihe mit Heinrich Mann, weise bei der Triester Versicherungsgesellschaft As-
Wedekind und Meyrink (Gegenwart 71 [1906] 6, 93). sicurazioni Generali in Prag unterzubringen. Er tritt
Der auf diese Weise wohlwollend angesprochene seine erste Stellung als Aushilfskraft in der Lebens-
Dichter hat bis dahin noch keine Zeile veröffentlicht. versicherungsabteilung an, »mit winzigen 80 K Ge-
Das Gerichtsjahr ist für Kafka in mehrfacher Hin- halt und unermeßlichen 8–9 Arbeitsstunden« (An
sicht nur ein Aufschub. Mit Beginn des Jahres 1907 H. Weiler, 8.10.1907; B00–12 72). Die unnachgiebi-
stehen neue Entscheidungen an – und die Sorge, lite- gen Regelungen des Arbeitsvertrags erlegen ihm
rarisch noch »nichts fertig gebracht« zu haben (An zahlreiche Zusatzverpflichtungen auf und gestatten
M. Brod, Mitte August 1907; B00–12 52). Hinsicht- nur 14 Tage Urlaub in jedem zweiten Jahr. Für litera-
lich der beruflichen Zukunft existieren zwar vage rische Nebenbeschäftigungen bleibt keine Zeit.
Pläne – Spanisch lernen, Auswandern nach Südame- Kafka versucht anfangs die Situation mit naivem
rika –, die aber alles andere als realistisch erscheinen Zweckoptimismus zu überspielen: »Ich bin bei der
und nur den Wunsch verraten, Prag den Rücken zu Assecuracioni Generali und habe immerhin Hoff-
kehren. nung selbst auf den Sesseln sehr entfernter Länder
Die Familie hat im Juni ein neues, mondänes Do- einmal zu sitzen, aus den Bureaufenstern Zucker-
mizil im Obergeschoss der Niklasstraße 39 bezogen. rohrfelder oder mohamedanische Friedhöfe zu sehn
Bei Kafka lässt der Anblick der nahe gelegenen und das Versicherungswesen selbst interessiert mich
Svatopluk-Čech-Brücke (erbaut 1906–08) zuweilen sehr, aber meine vorläufige Arbeit ist traurig« (ebd.).
Selbstmordgedanken aufkommen. Die Wohnung Obgleich ihn mit dem Direktor der Filiale, Ernst
empfindet der störungsempfindliche Dichter als Eisner (1882–1929), ein gemeinsames literarisches
»Hauptquartier des Lärms« (DzL 441), sie wird in Interesse verbindet, bemüht sich Kafka bald schon
den folgenden Jahren zum Ausgangspunkt zahlrei- um eine neue Arbeit mit gemäßigten Zeiten. Von Fe-
cher literarischer Einfälle. bruar bis Mai 1908 besucht er einen Abendkurs der
Wie schon oft verbringt er die Sommerferien 1907 Handelsakademie über Arbeiterversicherung, um
bei seinem Lieblingsonkel in Triesch. Siegfried Löwy, sich für eine Tätigkeit in einer staatlichen Einrich-
der eingefleischte Junggeselle auf dem Lande, mit tung zu qualifizieren. Mit der persönlichen Fürspra-
Neigungen zu Vegetarismus, Naturheilkunde und che des Anstaltspräsidenten Dr. Otto Přibram (1844–
Motorsport, repräsentiert für Kafka einen Lebens- 1917), dem Vater des Schulfreundes Ewald Felix, ge-
entwurf, dem er von Kindheit an Bewunderung zollt. lingt es Kafka schließlich, eine Stelle bei der
»Ich fahre viel auf dem Motorrad, ich bade viel, ich Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das König-
liege lange nackt im Gras am Teiche«, berichtet er reich Böhmen in Prag (AUVA) zu erhalten: ein Pos-
Max Brod (Mitte Aug. 1907; B00–12 53). Die meiste ten mit hohem gesellschaftlichen Prestige in einer
Zeit verbringt er mit der aus Wien stammenden für Juden fast unzugänglichen Institution. Er kün-
Hedwig Weiler (1888–1953) und deren Freundin digt alsbald bei der Assicurazioni Generali – zur Be-
Agathe Stern – beide »sehr gescheidte Mädchen, Stu- gründung legt er ein ärztliches Attest vor über ge-
dentinnen, sehr socialdemokratisch« (ebd.). Zu sundheitliche Probleme, insbesondere Nervosität
Hedwig Weiler entsteht in den folgenden Monaten und Herzbeschwerden – und tritt, nach einem Kurz-
eine engere Beziehung, aus der u. a. literarische Mi- urlaub im Böhmerwald, am 30. Juli 1908 seinen
niaturen für das erste Buch Betrachtung (1912) und Dienst als Aushilfsbeamter der AUVA an.
einige nie veröffentlichte Gedichte hervorgehen. In Seine neuen Vorgesetzten, Dr. Robert Marschner
Briefen wird sogar der Plan entwickelt, zum Studium (1865–1934), Eugen Pfohl (1867–1919) und Dr.
an die Exportakademie nach Wien zu gehen bzw. für Siegmund Fleischmann, hatte Kafka bereits im Früh-
Hedwig eine Anstellung in Prag zu finden. Mit dem jahr 1908 im Kursus an der Prager Handelsakademie
Scheitern dieser Pläne findet auch die Beziehung im kennengelernt. Der neue Posten bringt ihm zwar zu-
Januar 1909 ihr frühzeitiges Ende (An H. Weiler, nächst keine finanzielle Verbesserung, wohl aber
7.1.1909; B00–12 95 f.). eine spürbare zeitliche Entlastung. Bei einer Dienst-
1. Leben und Persönlichkeit 9

zeit mit »einfacher Frequenz«, d. h. sechs Stunden sen jener Jahre noch nicht etablierter Begriff – be-
(8–14 Uhr) von Montag bis Samstag sowie einigen weisen ungewöhnliches Engagement für einen
Zusatzstunden, verrichtet Kafka die Arbeit eines literarisch ambitionierten AUVA-Beamten und nicht
Versicherungsbeamten: Korrespondenzen, Berichte, zuletzt auch ein geschultes realistisches Einschät-
Gutachten, Einreihungsrekurse. Darüber hinaus ver- zungsvermögen für Gefährdungen aller Art. Mit iro-
fasst er für die AUVA Artikel und übernimmt nisch gemildertem Entsetzen berichtet er Max Brod:
Dienstreisen in die nordböhmischen Verwaltungs- In meinen vier Bezirkshauptmannschaften fallen […]
bezirke Gablonz, Friedland, Reichenberg, Rumburg wie betrunken die Leute von den Gerüsten herunter, in
und andere Orte. Das Vertrauen, das er sich bei sei- die Maschinen hinein, alle Balken kippen um, alle Bö-
nen Vorgesetzten schon bald als »vorzügliche Kon- schungen lockern sich, alle Leitern rutschen aus, was
man hinauf gibt, das stürzt hinunter, was man herunter
zeptionskraft« erwirbt, zahlt sich aus (Qualifikati- gibt, darüber stürzt man selbst. Und man bekommt
onsliste 16.4.1909; Wagenbach 2006, 149). Kafka Kopfschmerzen von diesen jungen Mädchen in den
wird schon nach wenigen Monaten von der versiche- Porzellanfabriken, die unaufhörlich mit Türmen von
rungstechnischen in die Unfallabteilung versetzt, er- Geschirr sich auf die Treppen werfen (Sommer 1909;
B00–12 108).
hält mehr Eigenverantwortung und wird gelegent-
lich auch als wortgewandter Gebrauchsschriftsteller Als Anlaufstelle für die ›Verunfallten‹ hat Kafka die
und Festredner geschätzt. katastrophale Situation der Arbeiter sehr deutlich
Trotz der bald sich einstellenden Klagen über kräf- vor Augen: »Wie bescheiden diese Menschen sind«,
tezehrende dienstliche Beanspruchungen, war Kafka berichtet er Max Brod, »sie kommen zu uns bitten.
durchaus nicht unambitioniert bei seiner Arbeit. Statt die Anstalt zu stürmen und alles kurz und klein
Seine Kollegen zeichnen das Bild eines initiativrei- zu schlagen« (Wagenbach 2006, 317). Im Laufe sei-
chen Sachwalters für Unfallverhütung: »Dr. Kafka ist ner Einsätze als Versicherungsexperte überträgt man
ein eminent fleissiger Arbeiter von hervorragender ihm auch prekäre Missionen, die Diplomatie und
Begabung und hervorragender Pflichttreue«, heißt Verhandlungsgeschick erfordern. So hält er 1910 in
es in der Qualifikationsliste vom 10. September 1909 Gablonz einen Vortrag vor einer aufgebrachten Ver-
(AS:CD-ROM 860). In den Jahren seiner Tätigkeit sammlung von Unternehmern und Gewerbetreiben-
für die AUVA durchläuft Kafka eine erstaunliche den. Im täglichen Interessenkonflikt, der von den
Karriere vom Aushilfsbeamten mit einem Tagesgeld existentiellen Bedürfnissen der Arbeiter, den kosten-
von 3 Kronen zum Referatsleiter mit beamtenglei- senkenden Ansprüchen der Unternehmer und dem
chem Status und Jahresgrundgehalt von 12.900 Kro- schadensbegrenzenden Auftrag der AUVA geleitet
nen: 1909 noch Praktikant, 1910 bereits Aufstieg wird, spielt Kafka eine erstaunlich souveräne Rolle,
zum Konzipisten, 1913 Vizesekretär, 1920 Sekretär, zieht man seine persönliche Zerrissenheit zwischen
1922 Obersekretär (AS:CD-Rom 870–873). Brotberuf und Schriftstellerei in Betracht. Die Aner-
Die noch junge Versicherungsanstalt (gegründet kennung, die ihm in seiner Laufbahn als Beamter
1889) versicherte ca. ein Drittel aller gewerblichen zuteil wird, bleibt jedenfalls dem Dichter versagt.
Arbeitnehmer Österreich-Ungarns und war für Zweifellos durchkreuzten die neuen beruflichen
knapp 47 % aller Unternehmen zuständig. Für das – Verpflichtungen seine eigentlichen literarischen
oft einkalkulierte – Risiko eines Arbeitsunfalls muss- Pläne. Schon während seines kurzen Gastspiels an
ten die Unternehmer einen Beitrag an die AUVA der Assicurazioni Generali hatte Kafka sein Debüt als
entrichten, der sich nach den Gefahrenklassen der Schriftsteller in der Öffentlichkeit vollzogen. Die
jeweiligen Betriebe richtete. Da die Unternehmen in von Franz Blei (1871–1942) herausgegebene Zwei-
der Regel kein Interesse an hohen Beiträgen hatten, monatsschrift Hyperion druckte in ihrer ersten Aus-
versuchten sie auf verschiedenen, nicht immer lega- gabe im März 1908 unter dem Titel Betrachtung acht
len Wegen, die Beitragssätze zu verringern. Kafka kurze Prosastücke: Die Bäume, Kleider, Die Abwei-
hatte somit die Aufgabe, nicht nur die korrekten Ge- sung, Der Kaufmann, Zerstreutes Hinausschaun, Der
fahrenklassen und Zahlungseingänge zu überprüfen Nachhauseweg, Die Vorüberlaufenden und Der Fahr-
bzw. neu einzureihen, er musste auch die Vielzahl gast. Kafka kannte den Herausgeber über Brod, der
anfallender Klagen und Eingaben bearbeiten und an mit Blei zusammenarbeitete. Auch hatte man in den
den potentiell gefährdeten Arbeitsplätzen für ausrei- Vorjahren bereits Bleis frühere Zeitschriften abon-
chend Unfallschutz sorgen (ä 404–406). Seine Arti- niert (Amethyst 1905/06; Opale 1907). Die Kurzle-
kel zur ›Unfallverhütung‹ – ein im Versicherungswe- bigkeit dieser Zeitschriften hinderte den wendigen
10 1. Leben und Persönlichkeit

Herausgeber Blei nicht, neue literarische Wege, selbst Kafka hat zu diesem Zeitpunkt bereits ein breites
unter erheblichen finanziellen Belastungen, einzu- Programm an naturnahen Eigenaktivitäten entwi-
schlagen. So wurde Hyperion für kurze Zeit eine der ckelt, die er vor allem als Maßnahmen zur körperli-
ambitioniertesten deutschsprachigen Zeitschriften, chen Abhärtung versteht: Wandern, kalte Waschun-
die Avantgarde in bibliophilem Gewand vertrat. gen, ›Müllern‹ (eine Gymnastikmethode nach dem
Kafka steuert für die Ausgabe vom Mai 1909 zwei dänischen Arzt Jens Peder Müller), Nacktkultur, Rei-
weitere Stücke bei – Gespräch mit dem Beter und Ge- ten, Rudern, Schwimmen, Tennis. Nach 1910, unter
spräch mit dem Betrunkenen (Ausschnitte aus Be- dem wachsenden Einfluss der Naturheilbewegung,
schreibung eines Kampfes) und provoziert damit die kommen hinzu: vegetarische Ernährung, alkoholi-
von Willy Haas (1891–1973) überlieferte Bemer- sche Abstinenz, ›Fletschern‹ (Kauen nach Anleitun-
kung Franz Werfels: »Das kommt niemals über Bo- gen der Fletscher-Methode, benannt nach dem eng-
denbach hinaus« (Koch, 82). Als der exklusive Hy- lischen Ernährungsreformer Horace Fletcher, 1849–
perion nach zwei Jahren sein Erscheinen einstellen 1919).
muss, schreibt Kafka in der Prager Tageszeitung Bo- Trotz sichtlicher Bemühungen um eine gesunde
hemia einen Nachruf, in welchem er die Bedeutung Lebensweise wird Kafka immer wieder von nervö-
für randständige Autoren betont (DzL 416–418). sen Stimmungen eingeholt. So auch im Sommer
Über den Redakteur der Bohemia, Paul Wiegler 1909. Dank eines ärztlichen Gutachtens bewilligt
(1878–1949), kann Kafka einige Rezensionen und ihm die AUVA ausnahmsweise einen 8-tägigen Ur-
weitere Betrachtungen veröffentlichen. Damit ist ein laub, woraufhin Kafka die erste Septemberhälfte zu-
wichtiger Schritt getan. Wenn die Veröffentlichung sammen mit Max Brod und dessen Bruder Otto in
seiner Kurzprosa auch kein durchschlagender Erfolg Riva am Gardasee verbringt. Man wandelt auf Goe-
war, so bringt sie Kafka doch in Tuchfühlung mit an- thes Spuren, badet und trifft sich mit Carl Dallago
deren Autoren Prags. In den ersten Jahren der Berufs- (1869–1949), dem bekannten Naturphilosophen
tätigkeit besucht er mit Brod regelmäßig Caféhäuser und Vegetarier. Selbstverständlich wird auch die im
und Künstlerzirkel. Zu den neuen Bekanntschaften nahegelegenen Brescia veranstaltete Flugschau be-
gehören Otto Pick (1887–1940), Rudolf Fuchs (1890– sucht. Auf diese Weise werden Kafka und seine bei-
1942), Paul Kornfeld (1889–1942), Alfred Kubin den Begleiter am 11. September 1909 Zeugen einer
(1877–1959) und die im Café Arco residierenden ›Ar- Vorführung modernster Flugtechnik, inszeniert un-
conauten‹ Franz Werfel (1890–1945) und Willy Haas ter der Regie namhafter Piloten (Louis Blériot,
(1891–1973). Das literarische Leben dieser Kreise Henri Rougier, Glenn Curtiss, Alessandro Anzani,
zeigt seine Vielfalt in Lesungen, Diskussionen, Rezita- Mario Calderara) und anderer Prominenz (Gia-
tionen und zuweilen auch in Werfels Gesangseinlagen como Puccini, Gabriele D’Annunzio). Unter dem
oder in spiritistischen Sitzungen, die man spätabends Eindruck des Gesehenen beschließen Kafka und
im Caféhauskeller improvisiert. Zu den gern besuch- Brod eigene Reportagen zu verfassen. Der daraus
ten Attraktionen gehören aber auch große Theater- hervorgehende Artikel Kafkas Die Aeroplane in Bre-
ereignisse wie Arthur Schnitzlers Der Ruf des Lebens scia erscheint bereits am 29. September 1909 in der
sowie die von Angelo Neumann ins Leben gerufenen Prager Bohemia und ist die erste Schilderung einer
Maifestspiele, mit Auftritten der gefeierten russischen Flugschau in der deutschsprachigen Literatur (DzL
Tänzerin Jewgenja Eduardowa (1882–1960). 401–412).
Literarische Inspiration sucht man nicht zuletzt Nach seiner Rückkehr aus Riva wird Kafka – nun
durch die Flucht aus der Stadt in die ländliche Um- offiziell als Praktikant der AUVA – zurück in die ver-
gebung Prags zu erlangen. Zusammen mit Brod und sicherungstechnische Abteilung versetzt. Auf sein
Werfel bildet Kafka einen »Geheimbund froher Na- Gesuch hin bewilligt die Anstalt ihm den Besuch ei-
turanbeter«, der die bewusst physische Wahrneh- ner Vorlesung, die Prof. Karl Mikolaschek (1850–
mung von Natur zur Grundlage literarischer Aneig- 1920) im Wintersemester an der Deutschen Techni-
nung macht. Die drei Naturfreunde trafen sich, schen Hochschule über mechanische Technologie
Brods Erinnerungen zufolge, an den Flussufern der hält. Kafkas Interesse für die Innovationen seiner
Sazawa, entkleideten sich im Wald und »hörten als Epoche wird zweifellos durch seinen Beruf vertieft,
nackte Fluß- und Baumgötter die klingenden neuen einen greifbaren Ausdruck findet es aber auch in sei-
Verse des ›Weltfreunds‹ an, schwammen dann viele nen Freizeitbeschäftigungen – Motorsport und re-
Stunden in den Fluten« (Brod 1969, 23). gelmäßige Kinobesuche.
1. Leben und Persönlichkeit 11

Größere Reisen Schreibstrom reißt wieder ab mit den Vorbereitun-


gen der Hochzeit seiner Schwester: Am 27. Novem-
In den Jahren 1909 bis 1911 hat Kafka einige grö- ber 1910 heiratet Elli den aus Zürau stammenden
ßere, teilweise ausgedehnte Reisen durch Europa un- Handelsagenten Karl Hermann (1883–1939).
ternommen – vorwiegend in Begleitung Max Brods. Wenige Tage danach entschädigt Kafka sich für
Die Freundschaft erreichte hier zweifellos ihren Ze- den missglückten Paris-Aufenthalt mit sechs Tagen
nit. Brod war für Kafka nicht nur das Fenster (wie in Berlin, die vor allem dem Theaterleben gewidmet
vormals O. Pollak), sondern eine weit geöffnete Tür werden. Im Programm stehen: Heirat wider Willen
zur Welt. Ihm war es zu danken, dass Kafkas litera- (Molière), Anatol (Schnitzler), Komödie der Irrungen
rische Anlagen nicht im Glasgehäuse artifizieller (Shakespeare). Von Shakespeares Hamlet-Auffüh-
Selbstbetrachtungen steckenblieben oder in den rung ist Kafka überwältigt: Der Hauptdarsteller Al-
Schubläden des scheuen Versicherungsbeamten ver- bert Bassermann (1869–1952) ergreift ihn förmlich
schwanden. Zeitweise bekannte Kafka, »fast ganz und Gertrud Eysoldts (1870–1955) Stimme und We-
unter Maxens Einfluß« zu stehen (26.10.1911; T 198). sen beherrschen ihn nachhaltig (An F. Bauer, 16.1.
Mit Max Brod öffnete sich ihm eine Welt, die er frei- 1913; B13–14 43).
lich mit anderen Augen betrachtete als der Freund. In Prag erwarten ihn neue Aufgaben in der Versi-
1909 begann Kafka auch seiner politischen Umwelt cherungsanstalt. Ausgestattet mit der Vollmacht ei-
größere Aufmerksamkeit zu schenken: Eine – wenn nes gesetzlichen Vertreters der AUVA reist er in den
auch umstrittene – Bekanntschaft mit Michal Mareš folgenden Monaten mehrere Male in die nordböh-
(1893–1971) und dessen tschechischen Radikalen- mischen Verwaltungsbezirke Friedland, Grottau,
kreis Klub mladých führte zu Beschäftigungen mit Kratzau, Reichenberg. Während einer Dienstreise
der einschlägigen Literatur russischer Anarchisten nach Warnsdorf begegnet er dem Industriellen und
wie Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842–1921) und Naturheilkundigen Moriz Schnitzer (1861–1939),
Alexander Herzen (1812–1870). Darüber hinaus den er als Autorität bezüglich Lebensreform und Ve-
nahm Kafka an Kundgebungen tschechischer Par- getarismus und nicht zuletzt als eingeschworenen
teien mit Volksrednern wie Soukup, Klofáč und Gegner von Arznei und Impfbehandlung schätzen
Kramář teil, informierte sich in der tschechischen lernte. Begeistert berichtete er seinem Freund Max
Tageszeitung Čas und besuchte Versammlungen der Brod von dieser Begegnung, der am 4./5. Mai 1911
von Tomáš Garrigue Masaryk (1850–1937) und Jan irritiert in seinem Tagebuch vermerkt:
Herben (1857–1936) vertretenen Realistenpartei.
Am 8. Oktober 1910 tritt Kafka, abermals mit Max Kafka erzählt sehr hübsche Dinge von der Gartenstadt
und Otto Brod, eine 14-tägige Parisfahrt an. Gut prä- Warnsdorf, einem »Zauberer«, Naturheilmenschen, rei-
chen Fabrikanten, der ihn untersucht, nur den Hals im
pariert mit Französischkenntnissen, die in den Wo- Profil und von vorn, dann von Giften im Rückenmark
chen zuvor mit Konversationsstunden und Flaubert- und fast schon im Gehirn spricht, die infolge verkehrter
Lektüren aufgefrischt wurden, macht man sich auf Lebensweise entstanden seien. Als Heilmittel empfiehlt
den Weg nach Nürnberg, um anderntags weiterzu- er: bei offenem Fenster schlafen, Sonnenbad, Gartenar-
reisen. In der französischen Metropole erwartet die beit, Tätigkeit in einem Naturheil-Verein und Abonne-
ment der von diesem Verein, respektive dem Fabrikan-
drei Touristen ein dicht gedrängtes Pensum an ten selbst, herausgegebenen Zeitschrift. Spricht gegen
Unterhaltung und Sehenswürdigkeiten: Tuilerien, Ärzte, Medizinen, Impfen. Erklärt die Bibel vegetarisch:
Louvre, Montmartre, Jardin du Luxembourg, Arc de Moses führt die Juden durch die Wüste, damit sie in vier-
Triomphe, Eiffelturm, Museen, Theater, Warenhäu- zig Jahren Vegetarianer werden (Brod 1966, 97 f.).
ser, Varieté, Pferderennen, Vaudeville, Lokale, Bars
und die unvermeidlichen Rotlicht-Etablissements Trotz dieser eigenwilligen Empfehlungen und Ausle-
von Montmartre. Kafka kann an den umfangreichen gungen erhält sich die Bewunderung für den »Zau-
Vergnügungen aufgrund eines Rückenabszesses nur berer« aus Warnsdorf über lange Jahre. »Hätte ich
bedingt teilhaben und beendet den Aufenthalt vor- doch die Kraft«, heißt es im Tagebuch März 1912,
zeitig, um den Brod-Brüdern nicht zur Last zu fallen »einen Naturheilverein zu gründen« (5.3.1912;
und sich in Prag behandeln zu lassen. T 395). Nicht weniger nimmt ihn das Prager Kultur-
Wie so oft nach seinen Reisen erfährt Kafka hier leben in Anspruch: Aufführungen von Grillparzer,
neue Schreibimpulse. Unter anderem entsteht in die- Karl Schönherr und (dem inzwischen weniger ge-
sem Herbst das Stück Unglücklichsein. Doch der schätzten) Schnitzler werden besucht. Ebenso die
12 1. Leben und Persönlichkeit

Vorträge von Émile Jaques-Dalcroze (1865–1950; eines Eingangskapitels (Erste lange Eisenbahnfahrt)
Musik und Rhythmus, 7.3.1911), Karl Kraus (Heine in den Herder-Blättern im Mai 1912 (DzL 419–440),
und die Folgen u. a., 15.3.1911), Adolf Loos (Orna- unvollendet ad acta gelegt.
ment und Verbrechen, 17.3.1911), Rudolf Steiner Nachträglich sollte Erlenbach dennoch Spuren in
(Vortragszyklus zur Theosophie und Audienz, 19.– Kafkas Schreiben hinterlassen. Auf der Fahrt trifft
29.3.1911), Albert Einstein (Relativitätstheorie, der Kurgast einen jungen jüdischen Goldarbeiter aus
24.5.1911), ergänzt durch Lektüren Gerhart Haupt- Krakau, der zweieinhalb Jahre lang in Amerika war
manns, von Herbert Eulenbergs Brief eines Vaters und von seinen denkwürdigen Erlebnissen in New
unserer Zeit (1911), Goethes Tagebücher und Kleists York erzählt: Kafka skizziert ihn in seinem Reiseta-
Biographie in Selbstzeugnissen. Unter der Wirkung gebuch (ca. 14.9.1911; T 978–980) als Vorlage für
dieser vielfältigen Eindrücke entstehen im Frühjahr Karl Roßmann, den naiven Helden des Romans Der
Entwürfe wie Der kleine Ruinenbewohner und Die Verschollene (<Amerika>, erschienen 1927).
städtische Welt, die allerdings Fragment bleiben
(19.10.1910; T 17–28 u. 21.2.1911; T 151–158). Eine Jargonbühne in Prag
Am Ende des Sommers, vom 26. 8. bis 13. 9. reisen
Kafka und Brod gemeinsam nach Lugano. Auf Zwi- In den Jahren 1910 bis 1912 schürzt sich der Knoten,
schenstationen entdeckt man die Reize Münchens, der in der Folgezeit Kafkas Lebenssituation be-
Zürichs und erkundet das Spielcasino von Luzern. stimmt: Eine Zuspitzung der beruflichen Probleme
Angesichts des florierenden Tourismus wird der Ge- im Zusammenhang mit seinen literarischen Ambiti-
danke einer Reform der Reiseführer unter dem Na- onen, zunehmende Entfremdung in der Familie, die
men »Billig« erwogen (T:K 233 f.). Auch der Vor- drängende Aktualität der Junggesellenfrage, die Kon-
schlag einer gemeinsamen Reisearbeit, den man be- frontation mit grundlegend neuen Erfahrungswelten
reits in Riva in Form eines literarischen Wettbewerbs und Identitätsmustern, vertiefte Einsichten in die ei-
angeregt hatte, wird diskutiert – und 1912 mit dem gene Lebensproblematik, sowie fortgesetzte Selbst-
Romanprojekt Richard und Samuel – eine kleine Reise befragungen bilden die Voraussetzungen dafür.
durch mitteleuropäische Gegenden umgesetzt (DzL Die Engführung aller dieser Bereiche drückt sich
419–440). immer wieder in Kafkas empfindlicher Schreibver-
Zunächst aber führen beide Freunde nur Parallel- fassung aus: Schreib-Blockaden und -Öffnungen re-
tagebücher. Der Aufenthalt in Lugano, Mailand, sultieren daraus in oftmals dicht aufeinander folgen-
Stresa und am Lago Maggiore wird getrübt, als ver- den Phasen.
mehrt Meldungen einer in Norditalien grassieren- Aber auch körperliche Beschwerden sowie neur-
den Cholera-Epidemie eintreffen. Man beschließt asthenische Zustände sind die häufigen Begleiter-
daher, die verbleibende Zeit in Paris zu verbringen. scheinungen dieser Verfassung: »Ich will schreiben
Am 8. September treffen Brod und Kafka, über Mon- mit einem ständigen Zittern auf der Stirn«, proto-
treux und Dijon kommend, im Pariser Gare de Lyon kolliert Kafka in sein drittes Tagebuchheft (5./6.11.
ein. In dichter Folge absolviert man Louvre, Ver- 1911; T 225) – und fügt einige Zeilen weiter hinzu:
sailles, Opéra Comique, Metrosystem, Kino, Varieté
Würde ich einmal ein größeres Ganzes schreiben kön-
und badet in der Seine. Ein Besuch in einem von nen wohlgebildet vom Anfang bis zum Ende, dann
Brod geschätzten Bordell endet auch diesmal demü- könnte sich auch die Geschichte niemals endgiltig von
tigend für Kafka. Schließlich beobachtet man noch mir loslösen und ich dürfte ruhig und mit offenen Au-
einen Verkehrsunfall in der Rue de Louvre, dessen gen als Blutsverwandter einer gesunden Geschichte ih-
rer Vorlesung zuhören, so aber lauft jedes Stückchen der
Szenografie Kafka slapstickartig im Reisejournal Geschichte heimatlos herum und treibt mich in die ent-
festhält (11.9.1911; T 1012–1017). gegengesetzte Richtung (T 227).
Am 13. September trennen sich die Freunde.
Während Brod nach Prag zurück fährt, begibt Kafka Im Ganzen hat Kafka von Herbst 1911 bis Herbst
sich auf eine 6–tägige Kur ins Natursanatorium Fel- 1912 nur wenige kleinere Stücke fertiggebracht – ne-
lenberg in Erlenbach/Zürich, um sich bei nervenauf- benher aber entstanden rund 200 Seiten eines Ro-
bauendem Tagesprogramm dem Tagebuchroman zu manentwurfs: die erste (verlorene) Fassung des Ver-
widmen. Die literarische Ausbeute ist gering. Ri- schollenen.
chard und Samuel kommt über einige Skizzen nicht Mit den Reflexionen über das Schreiben formu-
hinaus und wird schließlich, nach Veröffentlichung liert Kafka nicht nur seine idealisierte Vorstellung,
1. Leben und Persönlichkeit 13

sondern deutet gleichsam auch sein dichterisches Fi- nisch die ostjüdischen Neigungen des Sohnes (und
nalisierungstrauma an. Das Problem Kafkas beim antizipiert damit gleichsam eine Verwandlung, die
Schreiben sind nicht die mangelnden Ideen, sondern Kafka wörtlich nimmt). Die ›Lemberger Gesell-
ihre Verarbeitung in einem abgeschlossenen ›größe- schaft‹ findet in Prag wie schon in Berlin keine wirk-
ren Ganzen‹. Statt Autorschaft, wie sie Max Brod an- liche Aufnahme. Auch Kafka überkommen zuweilen
strebt, sucht er nach Authentizität im Schreibpro- Zweifel an den eigenen Annäherungsversuchen:
zess.
Die Eindrucksfähigkeit für das Jüdische in diesen Stü-
Kafkas Überlegungen fallen zeitlich zusammen
cken verläßt mich […]. Bei den ersten Stücken konnte
mit Ereignissen, die seit Anfang Oktober des Jahres ich denken, an ein Judentum geraten zu sein, in dem die
einen neuen Akzent in seinem Leben setzen: die Be- Anfänge des meinigen ruhen und die sich zu mir hin
ziehung zum ostjüdischen Jargontheater. Vom 24. entwickeln und dadurch in meinem schwerfälligen Ju-
September 1911 bis zum 21. Januar 1912 gastiert dentum mich aufklären und weiterbringen werden, statt
dessen entfernen sie sich, je mehr ich höre, von mir weg
eine jüdische Theatertruppe aus Lemberg in Prag. (6.1.1912; T 349).
Kafka besucht ab Oktober regelmäßig die Vorstel-
lungen und lernt die Schauspieler kennen. Zu dem Löwy öffnet Kafkas Blick auf ein authentisches Ju-
Hauptakteur Jizchak Löwy (1887–1942) entsteht dentum, das in anderer Hinsicht auch der Prager
eine über Jahre währende, freundschaftliche Bezie- Kulturzionismus anstrebt. Freilich betrachten Zio-
hung, und zu der Aktrice Amalie Tschissik (auch: nisten wie Martin Buber (1878–1965) oder Hugo
Tschisik; *ca. 1881) entwickelt sich bald eine erotisch Bergmann das Judentum aus einer eher intellektuel-
gefärbte, schwärmerische Verehrung. Das Erlebnis len Perspektive. In den Vorjahren hatte man im
Jargonbühne überrollt Kafka mit einer Intensität, handverlesenen Kreis des Hochschüler-Vereins Bar-
dass seine Schilderungen den engen Rahmen des Ta- Kochba das Programm einer jüdischen Renaissance
gebuchs zu sprengen drohen. Die Jiddisch (Jargon) erörtert und damit eine brisante gesellschaftliche
sprechenden Schauspieler führen ein buntes, teil- Diskussion entfacht. Die Mehrzahl der Vorträge, die
weise bizarres Repertoire aus Rührstücken, Operet- Kafka im ersten Halbjahr 1912 besucht, stehen in
ten, Komödien, religiösen Legenden und eigenwilli- diesem Kontext: Sie sind auf die jüdische Frage ge-
gen Adaptionen der Weltliteratur auf. Mindestens richtet und beleuchten aus unterschiedlichen Blick-
12 Stücke davon sieht auch Kafka: Jakob Gordins winkeln Probleme der Assimilation, Emanzipation,
Der wilde Mensch und Gott, Mensch und Teufel, Josef Tradition und Auswanderung. So hört er den Mitini-
Lateiners Sejdernacht, Davids Geige, Die Perle von tiator der Czernowitzer Jiddischkonferenz Nathan
Warschau, Abraham Goldfadens Bar-Kochba, Sula- Birnbaum (Einleitungsvortrag zum jiddischen
mit, Abraham M. Scharkanskys Meschumed, Kol Volksliederabend), den jüdischen Arzt und Soziolo-
nidre, Moses Richters Moijsche Chajet, Herzele Meji- gen Felix Theilhaber (Untergang der deutschen Ju-
ches und Sigmund Feinmanns Der Vicekönig. Wie den), den Münchener Rabbiner Chanoch Heinrich
schon in der Berliner Hamlet-Aufführung zeigt sich Ehrentreu (Afike Jehuda), den zionistischen Heraus-
Kafka von den Darbietungen in einer Weise faszi- geber und Wirtschaftsexperten Davis Trietsch
niert, die über das bloße Theatererlebnis hinausgeht (1870–1935; Palästina als Kolonisationsland), den
und auf ein physisches Erleben zielt. tschechischen Sozialdemokraten František Soukup
Unter Löwys Einfluss liest er »gierig und glück- (1871–1940; Amerika und seine Beamtenschaft) und
lich« Heinrich Graetz’ Geschichte des Judentums den Generalsekretär des zionistischen Weltverban-
(1.11.1911; T 215), Meyer Isser Pinès’ Histoire de la des Kurt Blumenfeld (1884–1963; Die Juden im aka-
littérature judéo-allemande (1911) und Jakob Fro- demischen Leben) in jeweils eigenen Vortragsveran-
mers Der Organismus des Judentums (1909). Für den staltungen.
ostjüdischen Schauspieler organisiert er am 18. De- In diesen Monaten beginnt sich Kafka auch mit
zember 1912 einen Rezitationsabend und hält den Fragen seiner jüdischen Identität – nicht zuletzt als
Einleitungsvortrag über Jargon (NSF I, 188–193; einer Quelle seines Schreibens – zu beschäftigen –
ä 140 f.). Doch Löwy steht auch für die Unmög- eine Beschäftigung, die bis an sein Lebensende nicht
lichkeit dieses Vermittlungsversuches unter den abreißen wird. Der Zionismus, dem Kafka in Gestalt
westjüdischen Bedingungen in Prag. »Wer sich mit vieler seiner Bekannten noch begegnen und sich an-
Hunden zu Bett legt steht mit Wanzen auf« nähern wird, hält auf seine Fragen letztlich nur un-
(3./4.11.1911; T 223), kommentiert der Vater zy- zureichende Antworten bereit.
14 1. Leben und Persönlichkeit

Noch während der eindrücklichen Begegnungen schen Theater inszenierten Biberpelz, dessen Sujet
mit der ›Lemberger Gesellschaft‹ vollzogen sich in durchaus Anknüpfungsmöglichkeiten an die Stücke
der Familie Kafkas neue, folgenreiche Entwicklun- der Wanderbühne bietet, konstatiert Kafka beiläufig:
gen. Der Schwager Karl Hermann hatte die Geschäfts- »Lückenhaftes, ohne Steigerung abflauendes Stück«
idee einer – für Prag konkurrenzlosen – Asbestfab- (13.12.1911; T 289). Auch Hofmannsthal, der am
rik vorgebracht. Eine überzeugende zukunftsträch- 16. Februar 1912 (zwei Tage vor Kafkas Jargonvor-
tige Idee, die auch bei Hermann Kafka auf Resonanz trag) im Herder-Verein Gedichte vorträgt, »liest mit
stieß. Um das in Form einer beträchtlichen Mitgift falschem Klang in der Stimme« (25.11.1912; T 379).
einfließende Familienkapital gut, aber kontrolliert Und selbst der berühmte Rezitator Alexander Moissi
zu investieren, wurde Franz Kafka als stiller Teilha- (1879–1935) überzeugt bei seiner Lesung deutscher
ber der Firma eingesetzt. So wurde am 8. November Gegenwartsautoren im Rudolfinum nur mäßig.
1911 im Büro des Notars Dr. Robert Kafka (1881– Unter der Wirkungsmacht der jiddischen Litera-
1922) der Vertrag für die Prager Asbestwerke Her- tur können in diesen Monaten für Kafka nur wenige
mann & Co verlesen und unterschrieben (B00–12 deutschsprachige Autoren bestehen. So ist es be-
147–149). Das Unternehmen, eine eher bescheidene zeichnend, dass er seine Lektüren vorwiegend auf
Produktion von Asbestisoliermaterialien (vor allem den wirksamsten Exponenten – den Klassiker Goe-
Stopfbüchsenpackungen), lag im tschechischen the konzentriert. Die Tagebücher sowie Dichtung und
Stadtteil Žižkov im Hinterhof der Boriwogasse 27 Wahrheit werden Ende 1911, Goethes Gespräche (hg.
und erforderte weitaus mehr Engagement als Kafka v. W. v. Biedermann), Goethes Studentenjahre 1765–
einzubringen bereit oder fähig war. Die zu erwarten- 1771. Novellistische Schilderungen aus dem Leben des
den Vorwürfe des Vaters wurden schon Mitte Dichters und Stunden mit Goethe (hg. v. W. Bode)
Dezember laut, Kafkas Selbstvorwürfe folgten als- Anfang 1912 gelesen und teilweise im Tagebuch aus-
bald: »Die Qual, die mir die Fabrik macht. Warum gewertet. Dichtung und Wahrheit enthält für Kafka
habe ich es hingehen lassen als man mich verpflich- »eine durch keinen Zufall zu überbietende Leben-
tete, daß ich nachmittags dort arbeiten werde« digkeit« (26.12.1911; T 323). Zeitweise wähnt er sich
(28.12.1911; T 327). Als die ersten alarmierenden »ganz und gar von Goethe beeinflußt« (Jan. 1912;
Geschäftsbilanzen eintrafen, suchte er bei seinem T 358). Keineswegs jedoch entsprechen diese Lektü-
Madrider Onkel Alfred Löwy um Rat und finanzielle ren einem konventionellen Umgang mit dem Wei-
Hilfe an. Schließlich wurde Karl Hermanns Bruder marer Klassiker, wenn es heißt: »Goethe hält durch
Paul – ohne Wissen des alten Kafka – in der Funk- die Macht seiner Werke die Entwicklung der deut-
tion des Kompagnons eingesetzt, was die Lage nur schen Sprache wahrscheinlich zurück« (25.12.1911;
noch verschlimmerte. Die Gründung der Firma, der T 318). Aus diesen Bemühungen um die Wirkungen
rasche Verlust der wirtschaftlichen Kontrolle und einer durch Goethe geprägten großen Literatur im
der persönlich mitverschuldete Ruin in den ersten Vergleich zur jiddischen bzw. tschechischen Litera-
Kriegsmonaten konnten im Spannungsfeld Kafkas tur gehen auch Kafkas Skizzen zu den <Kleinen Lit-
nicht ohne Folgen bleiben. Seitens der Familie wird teraturen> vom Dezember 1911 hervor (25.-27.12.
der Druck zeitweise so stark, dass Kafka sich im 1911; T 312–326; ä 138–140).
März und Oktober 1912 mit Selbstmordgedanken Die Bannkraft der nationalen Ikone Goethe holt
trug und eine Intervention Max Brods bei der Mut- Kafka abermals ein, als er sich am 28. Juni 1912 mit
ter nötig wurde (An M. Brod, 7./8.10.1912; B00–12 Brod auf eine Urlaubsreise begibt. Bereits die Statio-
177–180). nen Leipzig – Weimar – Harz deuten die literarische
Die Faszination am Erlebnis Jargonbühne bringt Topografie des Dichterfürsten an. Kafka hatte sich
es mit sich, dass Kafka sein Theaterpensum an Pra- aufgrund eines neuen ärztlichen Attestes über seine
ger deutschen und tschechischen Bühnen seit Win- »krankhaften nervösen Zustände« bei der AUVA
ter 1911 deutlich einschränkt. Als drei der wenigen verlängerten Urlaub für vier Wochen genehmigen
Ausnahmen mögen die Aufführungen von Arthur lassen (An die AUVA, 17.6.1912; B00–12 154).
Schnitzler, Jaroslav Vrchlický und Gerhart Haupt- Auf der ersten Etappe in Leipzig bewältigen Brod
mann gelten: Zu Vrchlickýs Hippodamie heißt es: und er zunächst das obligatorische touristische Pro-
»Elendes Stück. Ein Herumirren in der griechischen gramm – Spaziergang, Auerbachskeller, Bordell, Ca-
Mythologie ohne Sinn und Grund« (18.12.1911; féhaus, Buchgewerbemuseum, Verlagsviertel. Für
T 298). Zu Gerhart Hauptmanns am Neuen deut- den zweiten Tag hat Max Brod, nach eigenen Ver-
1. Leben und Persönlichkeit 15

lagsverhandlungen, ein Treffen mit Ernst Rowohlt denn in Prag! Dieses Verlangen nach Menschen, das ich
(1887–1960), Kurt Pinthus (1886–1975), Walter Ha- habe und das sich in Angst verwandelt, wenn es erfüllt
wird, findet sich erst in den Ferien zurecht; ich bin gewiß
senclever (1890–1940) und Gerdt von Bassewitz ein wenig verwandelt (22.7.1912; B00–12 164).
(1878–1923) in Wilhelms Weinstube arrangiert. Der
junge Verlagsleiter Rowohlt kennt Kafkas Arbeiten Wie immer, wenn Kafka unterwegs ist, knüpft er eine
aus Hyperion und versucht, ihn als Autor zu gewin- Reihe von Bekanntschaften, außerdem liest er regel-
nen: »R. will ziemlich ernsthaft ein Buch von mir«, mäßig in der Bibel und in Flauberts L’ Éducation senti-
vermerkt Kafka überrascht, aber nicht ohne Stolz im mentale, beteiligt sich an geselligen Unternehmungen
Reisetagebuch (29.6.1912; T 1023). Später trifft man der Kurgäste und steht einem Hobbymaler, Dr. Fried-
im Verlag auch Kurt Wolff (1887–1963), der in den rich Schiller, nackt Modell. In Jungborn wird die Ar-
Folgejahren die Verlagsleitung übernehmen wird. beit am Manuskript des Verschollenen weitergebracht.
Nach der erfolgreichen Expedition wird die litera- Aber neue grundsätzliche Zweifel an der Qualität sei-
rische Tendenz der Reise in Weimar fortgesetzt. Die nes Schreibens holen ihn ein, so dass bald auch das
Freunde besichtigen Schillerarchiv, Goethe-Garten- geplante Buch bei Rowohlt in weite Ferne gerückt ist.
haus, Liszt-Haus, Fürstengruft, Schloss Belvedere
und treffen sich mit Kurt Hiller (1885–1972), Paul
Ernst (1866–1933) und Johannes Schlaf (1862– Die Jahre des mittleren Werkes
1941). Das für Kafka weitaus einprägsamere Ereignis
Der Durchbruch
ist jedoch die Bekanntschaft mit Margarethe Kirch-
ner (1896–1954) im Goethe-Haus. »Kafka kokettiert Die Buchveröffentlichung bei Rowohlt erweist sich
erfolgreich mit der schönen Tochter des Hausmeis- weitaus schwieriger als angenommen. Zurückge-
ters«, notiert Max Brod (RMB 226). »Grete«, wie es kehrt nach Prag beginnt Kafka zunächst mit der
bald schon vertraulicher heißt, verschafft den Prager Auswahl geeigneter Texte für die Sammlung Betrach-
Gästen Zugang zu sonst verschlossenen Orten des tung. Offenbar genügen selbst die bereits fertigen
Dichterdomizils. Gemeinsam unternimmt man mit Stücke seinen hohen Ansprüchen einer Neuveröf-
Gretes Familie einen Ausflug nach Schloss Tiefurt fentlichung nicht mehr. Resigniert erklärt er dem
und trifft sich am 3. Juli – Kafkas Geburtstag – im Freund Max Brod, dass er »das Buch nicht heraus
Garten, um ein Erinnerungsfoto aufzunehmen. Wei- geben werde« (7.8.1912; T 427). Dieser kann ihn
tere Rendezvous folgen, werden von Grete aber nicht schließlich dazu überreden, eine Auswahl von weni-
immer eingehalten. Die Erscheinung des Mädchens gen Seiten Kurzprosa vorzulegen.
und die suggestive Wirkung des Genius loci sorgen Als Kafka am 13. August 1912 in die Wohnung der
bei Kafka für anhaltende Irritationen und nehmen Familie Brod am Kohlenmarkt kommt, um mit dem
ihn noch für mehrere Wochen, in Form eines klei- Freund das endgültige Manuskript vor der Absen-
nen Briefwechsels, in Anspruch: »Wenn es wahr dung zu besprechen, begegnet er dort der 24-jähri-
wäre, daß man Mädchen mit der Schrift binden gen Felice Bauer (18.11.1887–15.10.1960) aus Ber-
kann!«, klagt er dem Freund in Prag (An M. Brod, lin, einer weitläufigen Verwandten der Brods. Ge-
13.7.1912; B00–12 160). meinsam verbringt man den Abend und legt die
Über Halberstadt, wo er das Gleimhaus besichtigt, Reihenfolge der Stücke endlich fest. Doch schon am
fährt Kafka am 7. Juli allein weiter ins Naturheilsa- folgenden Tag bittet Kafka den Freund, noch einmal
natorium bei Stapelburg im Harz. Der Leiter Adolf zu überprüfen, ob »unter dem Einfluß des Fräuleins«
Just (1859–1936) vertritt mit seiner Musteranstalt für eine »vielleicht nur im Geheimen komische Aufein-
reines Naturleben konsequent die Idee der ›heilen- anderfolge« seiner Texte entstanden sein könnte
den Kraft der Erde‹ – Nacktkultur, natürliches Son- (B00–12 166). Brod geht der Bitte nach und sendet
nenlicht, Lehmpackungen, streng überwachte ge- das Manuskript am gleichen Tag an den Rowohlt-
sunde Ernährung. Kafka findet hier eine Gesellschaft Verlag, wo es noch im selben Jahr mit Widmung
vor, die mit religiösem Eifer die Empfehlungen der »Für M. B.« erscheint. Als Kafka im Dezember 1912
Naturheilkunde umsetzt. Dem skeptischen Max die bibliophile Druckfassung seiner Betrachtung in
Brod schreibt er: den Händen hält, steht er bereits ganz unter dem
Sag nichts gegen Geselligkeit! Ich bin der Menschen we- ›Einfluss‹ des Berliner Fräuleins.
gen auch hergekommen und bin zufrieden, daß ich mich Die Motive, die Kafka bewogen haben, nach fünf
wenigstens darin nicht getäuscht habe. Wie lebe ich Wochen, am 20. September 1912 (am Vorabend des
16 1. Leben und Persönlichkeit

jüdischen Versöhnungstags Jom Kippur) einen Brief Das so gewonnene Selbstvertrauen sorgt in den fol-
an Felice Bauer zu schreiben, sind vielfältig und wi- genden Wochen für einen nie gekannten literarischen
dersprüchlich. Seinen eigenen, dem Tagebuch an- Schaffensrausch, der u. a. einen neuen Anfang des
vertrauten Eindrücken zufolge, erschien ihm Felice Romans Der Verschollene (erstes Kap. Der Heizer) so-
als eine selbstbewusste junge Frau, »lustig, lebendig, wie das Fragment <Gustav Blenkelt > (T 432, 462 f.)
sicher und gesund« (An F. Bauer, vermutl. 8. u. hervorbringt. Zeitweise hält sich Kafka gewaltsam
16.6.1913; B13–14 209). Ihre physische Gegenwart vom Schreiben zurück, um weitere eruptive Schreib-
ließ ihn freilich nüchtern bemerken: »Knochiges lee- Durchbrüche zu forcieren (T 463). »Kafka in un-
res Gesicht, das seine Leere offen trug. Freier Hals. glaublicher Ekstase« notiert Brod am 1. Oktober in
Überworfene Bluse. Sah ganz häuslich angezogen sein Tagebuch (Hermes 1999, 90). Doch nicht weni-
aus, trotzdem sie es, wie sich später zeigte, gar nicht ger nehmen ihn auch äußere Störungen – vor allem
war. […] Fast zerbrochene Nase. Blondes, etwas stei- Felicens Schweigen sowie die familiären Auseinan-
fes reizloses Haar, starkes Kinn«. – »Allerdings in dersetzungen um die Asbestfabrik – in Anspruch.
was für einem Zustand bin ich jetzt«, notiert sich Kafka reagiert zwischenzeitlich mit Selbstmordge-
Kafka mit sichtlicher Verwirrung über die junge Ber- danken und unterstreicht damit gleichsam die extrem
linerin (20.8.1912; T 432). empfindliche Balance seiner inneren Verfassung.
Felice Bauer war tatsächlich eine ungewöhnliche Bis Mitte November sind sechs Romankapitel des
Erscheinung. Als Frau ihrer Zeit weit voraus, hatte Verschollenen abgeschlossen. Auch der Briefwechsel
sie zunächst als Stenotypistin gearbeitet und war in- mit Felice Bauer lässt nun wieder deutlich Fort-
nerhalb weniger Jahre zur Prokuristin in einer Pro- schritte erkennen. Seit dem neuerlichen Zuspruch
duktionsfirma für Grammophone und Parlographen Felicens ist man rasch zum ›Du‹ übergegangen und
(Diktiergeräte) aufgestiegen – einer von Männern schreibt bereits Liebesbriefe. Der neue Kurs bricht
klar dominierten technischen Branche. Als Kafka sie sich auch im Schreiben eine Bahn. Am 17. Novem-
kennenlernte, war Felice bereits Direktrice der Carl ber wird die Arbeit am Amerika-Roman durch eine
Lindström A.G. mit eigenverantwortlichen Arbeits- »kleine Geschichte« unterbrochen, die Kafka »inner-
ressorts. Sie interessierte sich – wie Kafka – für das lichst bedrängt« und ihn, da sie sich mehr und mehr
Hebräische, sympathisierte mit der zionistischen Be- auswächst, bis zum 6. Dezember beschäftigt: Die
wegung und war belesen genug, um sich ein eigenes Verwandlung (An F. Bauer, 17. 11.1912; B00–12 241).
literarisches Urteil zu bilden. Im Gespräch mit Kafka Der Verschollene wird zwar noch im Dezember fort-
am 13. August hatte Felice ihr Interesse an Palästina gesetzt, doch nach einer Dienstreise und weiteren
erwähnt und seinem Vorschlag zugestimmt, sie im Unterbrechungen stellt Kafka die Arbeit am 24. Ja-
nächsten Jahr auf eine Reise dorthin zu begleiten. nuar 1913 vorläufig ein, in der Hoffnung, später noch
Jedenfalls hilft diese Begegnung, wie sich heraus- daran anknüpfen zu können. Neben kleineren Skiz-
stellt, dem Schriftsteller aus einer tiefen Schreibkrise zen entsteht allerdings bis Ende 1914 nur noch ein
und markiert in seiner Biographie einen Wendepunkt: letztes Kapitel – der Roman bleibt somit Fragment.
In der Nacht vom 22. zum 23. September 1912, zwei Das literarische Echo auf Kafkas Lesungen und
Tage nach seiner Brief-Initiative nach Berlin, schreibt auf das erste Buch Betrachtung ist durchaus positiv:
Kafka die Geschichte Das Urteil (T 442–460). Die in Besprechungen von Paul Wiegler (Bohemia), Hans
einem Zuge fertig gestellte Niederschrift erlebt er als Kohn (Selbstwehr), Kurt Tucholsky (Prager Tagblatt),
Durchbruch zum eigentlichen Schreiben: »Nur so Max Brod (März, Neue Rundschau), Albert Ehren-
kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zu- stein (Berliner Tageblatt) und Otto Pick (Bohemia,
sammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung Pester Lloyd, Aktion) – aus Kafkas engerem Bekann-
des Leibes und der Seele« (23.9.1912; T 461), und tenkreis – etablieren ihn als Prager Dichter.
noch Monate später umschreibt er diesen Vorgang Das Vorkriegsjahr 1913 beginnt mit zwei Hochzei-
als »eine regelrechte Geburt« (11.2.1913; T 491). ten. Am 12. Januar wird die zweitälteste Schwester
Auch die Lesungen, die Kafka nun etwas selbstbe- Valli mit Josef Pollak (1882–1942) nach jüdischer Ze-
wusster vor seinen Schwestern und Freunden remonie in der Synagoge Geistgasse getraut. Kafka
(25.9.1912) und schließlich öffentlich im Herder- hält die Begrüßungsansprache und flieht abends ins
Verein im Hotel Erzherzog Stephan (4.12.1912) hält, Caféhaus. Auch der Intimus Max Brod nimmt Ab-
bestätigen den Eindruck von der »Zweifellosigkeit schied vom Junggesellenleben. Dessen Hochzeit mit
der Geschichte« (25.9.1912; T 463). Elsa Taussig (1883–1942) am 2. Februar ruft Kafka
1. Leben und Persönlichkeit 17

schmerzlich die eigene Lebenssituation mit ihren eine Ehe in Aussicht. Der offizielle Heiratsantrag
drängenden Fragen ins Bewusstsein. Die Korrespon- Mitte Juni – »Willst Du unter der obigen leider nicht
denz mit Felice Bauer erhält daraus neue, freilich auch zu beseitigenden Voraussetzung überlegen, ob Du
selbstquälerische Impulse. So erscheint ihm die Ver- meine Frau werden willst? Willst Du das?« (vermutl.
bindung bereits als eine Fessel; einerseits spürt er eine 8. u. 16.6.1913; B13–14 208) – und dessen positive
starke literarische Abhängigkeit der Freundin gegen- Aufnahme in Berlin läutet für Kafka ein neues Sta-
über, andererseits weicht er einem realen Treffen aus. dium der Sorgen und Ängstigungen ein: »Der Coi-
Mit dem Versiegen der schöpferisch-literarischen tus als Bestrafung des Glückes des Beisammenseins.
Kräfte beginnt für Kafka im Frühjahr 1913 eine lang Möglichst asketisch leben, asketischer als ein Jung-
anhaltende Phase unbefriedigender Schreibversu- geselle, das ist die einzige Möglichkeit für mich, die
che. Im Rückblick werden die Ekstasen von 1912 im- Ehe zu ertragen«, notiert er wenig später ins Tage-
mer wieder als einmalige und verpasste Gelegenhei- buch (14.8.1913; T 574 f.).
ten betrachtet. Noch 1915 bemerkt Kafka, damals, Statt des gemeinsamen Sommerurlaubs mit Fe-
1912, hätte er Prag im Vollbesitz seiner Kräfte verlas- lice fährt der inzwischen zum Vizesekretär avan-
sen sollen, um sich eine eigene Existenz aufzubauen cierte Kafka nach Wien, um mit Eugen Pfohl und
(25.12.1915; T 776). Mittlerweile überzeugt von den Robert Marschner am II. Internationalen Kongress
Möglichkeiten seines Schreibens und der Qualität für Rettungswesen und Unfallverhütung teilzuneh-
der Arbeiten Das Urteil, Der Heizer und Die Ver- men. Nebenher trifft er mit Bekannten zusammen,
wandlung hat Kafka gegen eine Veröffentlichung u. a. mit Albert Ehrenstein (1886–1950), mit dem
nun keine größeren Einwände mehr. Das Urteil er- Arzt und Schriftsteller Ernst Weiß (1882–1940),
scheint mit einer Widmung »Für Fräulein Felice B.« den er im Juni kennengelernt hat, sowie mit Lise
in Max Brods im Mai 1913 herausgegebenen Jahr- Weltsch (1889–1974), die er auf den XI. Internatio-
buch Arkadia im neu firmierten Kurt-Wolff-Verlag. nalen Zionistenkongress begleitet. Nach den ermü-
Im selben Verlag erscheint zeitgleich im Mai Der denden Empfängen, Vorträgen und Veranstaltun-
Heizer als dritter Band der Reihe Der jüngste Tag. gen in Wien setzt Kafka die Reise allein in Richtung
Kafkas »kleine Geschichte« Die Verwandlung wird Oberitalien fort. Jedoch schon in Venedig holen ihn
1915 in den Weißen Blättern veröffentlicht. stärkste Zweifel an seinen Eheplänen ein. Ratlos
Zum ersten Wiedersehen mit Felice kommt es erst schreibt er seiner Braut: »Wir müssen Abschied
Ostern 1913 in Berlin. Kafka stößt hier auch auf eine nehmen« (16.9.1913; B13–14 282). In diesem trost-
gelegentliche »Vollversammlung« der Kurt-Wolff- losen Zustand, unerreichbar für Felicens Briefe,
Autoren Albert und Carl Ehrenstein, Paul Zech und reist er nach Riva am Nordufer des Gardasees, wo er
Else Lasker-Schüler (An K. Wolff, 24.3.1913; B13–14 vom 22.9. bis 12.10. in der bekannten Wasserheilan-
143) und fährt gemeinsam mit Otto Pick und Franti- stalt Dr. von Hartungen Nervenberuhigung sucht.
šek Khol (1877–1930) über Leipzig, wo er sich mit Das Naturheilsanatorium wird besonders von wohl-
Franz Werfel, Kurt Wolff und Jizchak Löwy trifft, zu- habenden Neurasthenikern, nicht zuletzt in Litera-
rück nach Prag. tenkreisen geschätzt und bietet seinen Gästen ein
Eine zweite Begegnung mit der Freundin und breites Spektrum an Heilbehelfen an. Hier lernt er
diesmal auch mit ihrer Familie in Berlin findet über in der 18-jährigen Schweizerin »G.W.« (Gertrud
Pfingsten statt. Kafka möchte sich erklären, da er Wasner) »zum ersten Mal ein christliches Mäd-
glaubt, das Verhältnis leide unter seiner Briefflut an chen« verstehen und geht mit ihr während der Kur
Ungleichgewicht, doch die erhoffte Aussprache miss- eine innige Beziehung ein (15.10.1913; T 582). Au-
lingt angesichts der gleichzeitig stattfindenden Ver- ßerdem wird er Zeuge des Selbstmordes seines
lobungsfeier von Felicens Bruder Ferry (Ferdinand) Tischnachbarn. Später hat Kafka diese Eindrücke in
mit Lydia Heilborn und muss der Einsicht weichen: die <Jäger-Gracchus>-Fragmente (ä 273–276) ein-
»Ohne sie kann ich nicht leben und mit ihr auch fließen lassen.
nicht« (An F. Bauer, 12./13.5.1913; B13–14 186). Nach seiner Rückkehr nach Prag schaltet Felice
Um sich »von der Selbstquälerei zu befreien« ihre Freundin Grete Bloch (1892–1944) als Vermitt-
(An F. Bauer, 7.4.1913; B13–14 158), arbeitet Kafka lerin ein. Mit der rührigen Emissärin entwickelt sich,
seit April an freien Nachmittagen in der Gärtnerei ausgehend von einem Treffen in Prag Ende Oktober,
Dvorsky in Nusle. Unter Hinweis auf seine körper- bald ein intensiver Briefwechsel. Immerhin kommt
lich labile Verfassung stellt er Felice nun erstmals es auch wieder zu einer Annäherung zwischen Kafka
18 1. Leben und Persönlichkeit

und Felice, so dass im Frühjahr 1914 erneut Hoch- Freundin, der Tänzerin, Schauspielerin und Schrift-
zeitspläne geschmiedet werden und im Mai die offi- stellerin Rahel Sanzara (i.e. Johanna Bleschke; 1894–
zielle Verlobung in Berlin gefeiert wird. 1936), im dänischen Kurbad Marielyst an der Ost-
Seit November 1913 wohnt die Familie Kafka im see. Am 26. Juli, wenige Tage nach Österreich-Un-
Oppelt-Haus am Altstädter Ring Nr. 6. Kafka trägt garns Ultimatum an Serbien, reiste er über Berlin
sich mit dem Gedanken, seine Stellung zu kündigen, zurück nach Prag.
um sich mit seinen Ersparnissen als freier Schrift-
steller in Berlin anzusiedeln. Die Stadt lockt wegen Im Krieg
des kulturellen Lebens und der erwachenden jungen
expressionistischen Bewegung, aber auch in Gestalt Im Sommer 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus.
Felicens, Ernst Weiß’, Martin Bubers, den er inzwi- Kafka bleibt wegen konstitutioneller Schwäche und
schen persönlich kennengelernt hat, und Robert Unabkömmlichkeit in einem wichtigen Staatsbetrieb
Musils (1880–1942), der ihn zur Mitarbeit an der vorläufig vom Militärdienst freigestellt. Die in Prag
Neuen Rundschau eingeladen hat. einsetzende Kriegsbegeisterung der Massen betrach-
Eine leichte Entfremdung stellt sich hingegen im tet er distanziert mit einem »bösen Blick« (6.8.1914;
Verhältnis zu Max Brod ein, dessen wachsendes zio- T 547), auch von den literarischen ›Epiphanien des
nistisches Engagement den Freund zu mehr Gemein- Kriegsgottes‹, denen Brod, Buber, Pick und Rilke in
schaftssinn drängt. Bereits in einem Aufsatz im Sam- den ersten Tagen erliegen, bleibt er unberührt. Ge-
melband Vom Judentum (1913) hatte Brod die Frage genüber seiner ehemaligen Nachbarin Anna [Feigl]
nach echter jüdischer Dichtung zur Kardinalfrage Lichtenstern bescheinigt er den kriegerischen Ge-
seiner Epoche erhoben. Kafka zeigt sich um derartige sängen dieser Tage Verlogenheit und »falsches Pa-
Identitäts-Lizenzen wenig bemüht, wenngleich auch thos« (Koch 1995, 81). Dennoch zeichnet auch Kafka
er die Vorträge Bubers (Mythos der Juden) und Berg- Kriegsanleihen und glaubt an einen Sieg der deut-
manns (Moses und die Gegenwart) besucht und Ri- schen Truppen.
chard Lichtheims Programm des Zionismus (1913) Da der Schwager Karl Hermann eingezogen
kennt. Weitaus größeres Interesse bringt er den Re- wurde, zieht die Schwester mit ihrer Familie in die
formbemühungen von Émile Jaques-Dalcroze (1868– elterliche Wohnung. Kafka entflieht der Enge: zu-
1950) entgegen, dessen ganzheitliche Schule er im nächst in die leerstehende Wohnung Vallis (Bílek-
Juni 1914 zusammen mit den Deutschen Werkstätten gasse 10), dann, von September 1914 bis Februar
in der Gartenstadt Dresden-Hellerau besucht. 1915, in Ellis Wohnung in die Nerudagasse 48 und
Die im September geplante Hochzeit mit Felice ab März 1915 findet er in der Langen Gasse 18 Asyl.
bedeutete ein Äußerstes an Kompromissen, die Auch die Asbest-Fabrik fordert nun, mit Karl Her-
Kafka zu denken fähig war. Bereits die Verlobungs- manns (und wenig später auch Paul Hermanns) Ein-
feier in Berlin empfand er als »Folterung« (An Max berufung, verstärkt Kafkas Mithilfe. Schließlich stellt
Brod, 12.7.1916; B14–17 173). Für die gemeinsame auch die AUVA ihre Arbeit auf die Erfordernisse der
Zukunft mussten die literarischen Berlin-Pläne Kriegssituation um, was für die Mitarbeiter ein-
einstweilen zurückgestellt, Trauung, Wohnungsein- schneidende Veränderungen mit sich bringt.
richtung und soziale Absicherung besprochen wer- »Unannehmlichkeiten stärken mich merkwürdi-
den. Die unvermeidlichen Zweifel Kafkas stellten ger Weise« hatte er Grete Bloch versichert (3.7.1914;
sich rasch ein und wurden vor allem in Briefen an B14–17 96). So setzt für Kafka gerade im Sommer
Grete Bloch laut. ein intensiver Schreibschub ein. Schon Ende Juli be-
Am 12. Juli 1914 kam es im Berliner Hotel Askani- gann er unter der Einwirkung der traumatischen Er-
scher Hof zu einer Aussprache der Verlobten in An- lebnisse am »askanischen Gerichtshof« mit der Nie-
wesenheit von Ernst Weiß, Grete Bloch und Felicens derschrift des Romans Der Process. Gleichzeitig ar-
Schwester Erna (1885–1978), in deren Verlauf über beitete er an dem Erzählversuch Erinnerungen an die
Kafkas vermeintlich kompromittierende Briefe an Kaldabahn (T 549–553 u. 684–694; ä 266). »Um den
Grete Bloch Gericht gehalten wurde. Die Verlobung Roman vorwärtszutreiben«, nimmt Kafka im Herbst
wurde gelöst; anstatt des gemeinsamen Sommerur- zwei Wochen Urlaub (7.10.1914; T 678). In dieser
laubs mit Felice und Grete an der Kieler Bucht, fuhr Zeit entstehen weitere Texte, nicht zuletzt In der
Kafka allein nach Lübeck/Travemünde und ver- Strafkolonie (kriegsbedingt erst 1919 gedruckt) und
brachte einige Tage mit Ernst Weiß und dessen das Naturtheater-Kapitel des Verschollenen. Das pro-
1. Leben und Persönlichkeit 19

duktive Schaffen hält – mit Unterbrechungen – an wo ich wirklich krank zu werden anfange« (An F.
bis Januar 1915 und bringt einige wesentliche Ab- Weltsch, vermutl. 26.7.1915; B14–17 138). Mögli-
schnitte des Process voran. So auch die (später noch cherweise ist Kafka aber nicht nur Patient, sondern
isoliert veröffentlichte) Türhüterlegende Vor dem auch ›Testinsasse‹ der Anstalt. Im Rahmen seiner
Gesetz, die Kafka ein außerordentliches »Zufrieden- AUVA-Tätigkeit für die Staatliche Landeszentrale zur
heits- und Glücksgefühl« vermittelt (13.12.1914; Fürsorge für heimkehrende Krieger hat er 1915 zu-
T 707), sowie eine Reihe weiterer Fragment geblie- sammen mit seinem Vorgesetzten Eugen Pfohl die
bener Erzählversuche. Schließlich stagniert im Früh- Verantwortung für das Projekt einer ›deutschen
jahr der Schreibstrom. <Blumfeld, ein älterer Jungge- Volksnervenheilanstalt‹ zur Behandlung der heim-
selle> ist der letzte literarische Versuch auf lange Zeit kehrenden ›Kriegsneurotiker‹ übernommen (AS 80).
(NSF I, 229–266). Zu diesem Zweck schreibt er eine Reihe von Zei-
Bereits im zurückliegenden Oktober hatten Grete tungsartikeln und Aufrufen und beteiligt sich an den
Bloch und kurz darauf Felice die Korrespondenz Sitzungen des Komitees zur Auswahl einer geeigne-
wieder aufgenommen und ihr Entgegenkommen si- ten Einrichtung. Nach langwieriger Suche fällt die
gnalisiert. Das Verhältnis begann sich in der Folge Wahl schließlich auf Frankenstein, und im Verlaufe
zu normalisieren, freilich ohne die grundlegenden des Weltkriegs wird aus dem privaten Sanatorium
Differenzen ausräumen und die Intensität von 1913 eine staatliche Anstalt mit ›nationalem Auftrag‹.
wieder erreichen zu können. Auch die nervösen Be- Die Realität des Krieges holt Kafka in Prag nicht
schwerden, Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen, stellten zuletzt in Begegnungen mit ostjüdischen Flüchtlin-
sich wieder ein. Kafka traf Felice im Januar in der ös- gen ein. Er nimmt Teil an Max Brods Literaturunter-
terreichischen Grenzstadt Bodenbach. Über Pfings- richt für galizische Flüchtlingskinder, unternimmt
ten fährt man bereits zu viert, mit Grete Bloch und häufige Ausflüge mit der Lemberger Schülerin Fanny
deren Freundin Erna Steinitz, in die Böhmische Reiß, die ihn als ostjüdisches Mädchen in besonde-
Schweiz, und auch seinen Geburtstag verbringt rer Weise anzieht, und besucht gemeinsam mit Brod
Kafka mit Felice in Karlsbad. Zuvor hatte Kafka seine und dem chassidischen Freund Georg Mordechai
Schwester Elli, deren Mann in Ungarn als Offizier ei- Langer (1894–1943) zum ersten Mal einen galizi-
ner Versorgungseinheit stationiert war, auf eine Zug- schen Wunderrabbi (Rabbi von Grodeck) in der Pra-
reise über Wien – Budapest in einen vorgelagerten ger Vorstadt Žižkov. Der Rabbi beeindruckt ihn we-
Frontabschnitt der ungarischen Karpaten begleitet. gen seines starken väterlichen Wesens und der äu-
Im Juni erreicht ihn die Nachricht, dass sein Ju- ßerlich exotischen Erscheinung (14.9.1915; T 751 f.).
gendfreund Oskar Pollak gefallen sei. Kafka selbst In literarischer Hinsicht erfährt Kafka nun eine
wird infolge einer Musterung für den Landsturm- breitere öffentliche Wirkung als Autor. So wird ihm
dienst mit der Waffe als geeignet befunden. Doch im Dezember – auf Empfehlung Franz Bleis – die
auf Antrag der AUVA stellt man ihn für unbe- Prämie des Fontane-Preisträgers Carl Sternheim in
stimmte Zeit zurück. Auch eine Einteilung in die III. der Höhe von 800 Reichsmark zugesprochen, was
Ersatzkompanie des 28. Infanterieregiments kann ihn nicht zuletzt im Kurt-Wolff-Verlag zu einem Au-
durch die AUVA verhindert werden, obgleich Kafka tor von Rang und Namen macht. Neben der Ver-
nun selbst mit dem Gedanken spielt, sich »freiwillig wandlung (veröffentlicht in Die weißen Blätter und
zu melden« (An F. Bauer, 4.4.1915; B14–17 127). Un- der Buchreihe Der jüngste Tag) erscheint, wieder auf
ter den angespannten Lebensverhältnissen und in Betreiben Max Brods, die vom Ostjudentum inspi-
der verbreiteten Rhetorik des Krieges als ›Stahlbad rierte Legende Vor dem Gesetz in der zionistischen
für Nervenschwächlinge‹ sieht auch er im Militär- Selbstwehr. Im Weiteren veröffentlicht er das ur-
dienst ein Heilmittel. Als sich 1916 die persönlichen sprünglich für die Zeitschrift Der Jude bestimmte
Probleme zuspitzen, fordert er nach einer neuerli- Stück Ein Traum in der Selbstwehr-Sammelschrift
chen Musterung die AUVA dazu auf, seine Zurück- Das jüdische Prag. Max Brod erwähnt in einem kon-
stellung aufzuheben – ohne Erfolg. troversen Aufsatz Unsere Literaten und die Gemein-
Vorläufig jedoch begibt sich Kafka am 20. Juli 1915 schaft Kafkas Sonderstellung unter den jüdischen
für zehn Tage in das Naturheilsanatorium Franken- Dichtern. Als Martin Buber Kafka im November zur
stein bei Rumburg in Nordböhmen. Sein Vertrauen Mitarbeit an der neuen Zeitschrift Der Jude ermu-
in die bewährten Naturheilbehelfe weicht hier der tigt, lehnt dieser wegen seiner fehlenden Veranke-
Skepsis an der Heilbarkeit seines Zustandes: »Jetzt, rung in der jüdischen Gemeinschaft ab. In München,
20 1. Leben und Persönlichkeit

begleitet von Felice, hält er am 10. November 1916 grafische Darstellung für die Zeitschrift Der Jude zu
seine zweite (und letzte) öffentliche Lesung in der schreiben. Auf der Rückfahrt begegnet Kafka im Zug
Galerie Neue Kunst Hans Goltz. Die neben einigen dem Feuilletonisten Anton Kuh (1891–1941), Mari-
Brod-Gedichten vorgetragene Erzählung In der anne (›Mizzi‹) Kuh (1894–1948) und deren Lebensge-
Strafkolonie löst unter den Zuhörern eher verstörte fährten Otto Gross (1877–1920) – dem rebellischen
Reaktionen aus. Dafür macht Kafka die Bekannt- Sohn des Strafrechtlers Hans Gross. Letzterer plant
schaft des Lyrikers Gottfried Kölwel (1889–1958) eine gesamteuropäische Zeitschrift Blätter zur Be-
und des schweizerischen Schriftstellers und Rilke- kämpfung des Machtwillens und kann nach weiteren
Protegés Max Pulver (1889–1956). Treffen in Prag auch Kafka und Franz Werfel dafür
Aufgrund seiner anhaltend schlechten Verfassung gewinnen. Es bleibt bei der Idee, die im Wesentlichen
hatte Kafka schon im April 1916 einen Nervenarzt auf Gross’ starker persönlicher Ausstrahlung beruht.
aufgesucht. Die Diagnose einer ›Herzneurose‹ wurde
im August bei einer Konsultation des Internisten
Dr. Gustav Mühlstein bestätigt. Statt des probaten Die Jahre des späten Werkes
Sanatorienaufenthaltes war Kafka im Juli in den Kur-
Krankheit und Neubeginn
ort Marienbad gefahren, um mit Felice den ersten
gemeinsamen Urlaub zu verbringen. Trotz vorher- In der Nacht vom 12./13. August 1917 und in der da-
sehbarer Spannungen entschließen sich die beiden rauf folgenden erleidet Kafka einen Blutsturz. Als
zu einer zweiten Verlobung. Man plant, nach dem nach mehreren Arztkonsultationen der Verdacht auf
Krieg zu heiraten und in Berlin eine Wohnung zu Lungentuberkulose bestätigt wird, kündigt er seine
nehmen. Bald holen Kafka aber neue Zweifel ein. Zimmer im Schönbornpalais und zieht zunächst in
Skrupulös wägt er nach seiner Konsultation bei die elterliche Wohnung am Ring. Mit dem Ausbruch
Dr. Mühlstein die Argumente ab: »Reinbleiben – der Krankheit sieht Kafka sich entbunden von allen
verheiratetsein« (20.8.1916; NSF II, 24). drängenden Fragen und Zweifeln: Unter Hinweis auf
Von Ende November 1916 bis April 1917 nutzt die ärztliche Diagnose bittet er am 6. September sei-
Kafka ein von Ottla angemietetes Häuschen in der nen Vorgesetzten Dr. Robert Marschner um Pensio-
Alchimistengasse auf dem Hradschin, um in Ruhe nierung, erreicht jedoch nur einen Erholungsurlaub
schreiben zu können. In dieser »Klosterzelle eines von der AUVA. Auf Anraten der Ärzte übersiedelt
wirklichen Dichters«, wie Max Brod nach seinem Kafka am 12. September 1917 aufs Land, ins nord-
Besuch im Tagebuch anmerkt (Hermes 1999, 141), böhmische Zürau, wo Ottla einen kleinen Bauernhof
entsteht bis weit in den Frühling 1917 hinein ein ihres Schwagers Karl Hermann bewirtschaftet. Zu-
Großteil jener Erzählungen, die Kafka 1919 unter vor, am 9. September – nach vierwöchigem Schwei-
dem Titel Ein Landarzt veröffentlicht: u. a. Ein Land- gen – weiht er Felice in die neue Situation ein und
arzt, Schakale und Araber, Ein altes Blatt, Auf der verwirft nun endgültig alle Heiratsabsichten.
Galerie, Ein Brudermord und Das nächste Dorf. Ab Abgesehen von gelegentlich notwendigen Visiten
April gelingt es ihm, zusätzlich im Schönborn-Pa- in Prag, zieht Kafka sich, umsorgt von Ottla, im
lais, unterhalb des Strahov-Klosters, Zimmer anzu- Herbst völlig zurück in die ländliche Abgeschieden-
mieten. Neben ausgedehnten Schopenhauer-Lektü- heit Züraus. Ottla trägt ihn »förmlich auf ihren Flü-
ren lernt er im Frühjahr intensiv Hebräisch und geln durch die schwierige Welt« (An M. Brod,
bringt es bis September im Lehrbuch von Moses 14.9.1917; B14–17 319). Kafka ist glücklich in der
Rath auf 45 Lektionen. Auf Martin Bubers Bitte hin ländlichen Einsamkeit und möchte als Kleinbauer
sendet er zwölf Texte für Der Jude ein, von denen auf dem Lande leben. Das Tagebuch wird für die
schließlich Schakale und Araber sowie Ein Bericht für folgenden zwei Jahre abgebrochen (10.11.1917–
eine Akademie ausgewählt werden. 27.6.1919), Freunde werden gebeten, von Besuchen
Die lang geplante Verlobung mit Felice findet im abzusehen, die Mitarbeit an Zeitschriften wird ein-
August statt. Anschließend an erste Besorgungen für gestellt. Sogar einen Rezitationsabend seiner Texte
den gemeinsamen Hausstand tritt das Paar eine Reise durch eine Frankfurter Schauspielerin lehnt Kafka
über Budapest nach Arad an, wo Felicens verheiratete ab: »Die Stücke […] bedeuten für mich wesentlich
Schwester Erna lebt. In Budapest trifft Kafka seinen gar nichts, ich respektiere nur den Augenblick, in
ostjüdischen Freund Jizchak Löwy in sichtlich schlech- dem ich sie geschrieben habe« (An M. Brod,
ter Verfassung wieder und ermutigt ihn, eine autobio- 6.11.1917; B14–17 358 f.).
1. Leben und Persönlichkeit 21

Die empfindliche, auf Wesentliches beschränkte Nicht Jüdin und nicht Nicht-Jüdin, insbesondere nicht
Zurückgezogenheit spiegelt sich in Reflexionen und Nichtjüdin, nicht Deutsche, nicht Nicht-Deutsche, ver-
liebt in das Kino, in Operetten und Lustspiele, in Puder
Notizen, die er in seinen Oktavheften einträgt. Nicht und Schleier, Besitzerin einer unerschöpflichen und un-
zuletzt entstehen hier Fragmente wie <Das Schwei- aufhaltbaren Menge der frechsten Jargonausdrücke, im
gen der Sirenen> (NSF II, 40–42) und eine Reihe von ganzen sehr unwissend, mehr lustig als traurig – so etwa
Eintragungen aphoristisch meditativen Charakters. ist sie (An M. Brod, 8.2.1919; BMB 263).
In Zürau liest Kafka vorwiegend Kierkegaard (Ent-
weder-Oder, Furcht und Zittern) und Tolstois Tage- Im Sommer 1919 verloben sich Kafka und Julie und
buch. Nach einem letzten Rettungsversuch Felicens planen die Hochzeit für November. Die Eheschlie-
in Prag wird das Verlöbnis Ende Dezember zum ßung scheitert schließlich nicht am Widerstand der
zweiten Mal gelöst. Gegenüber Max Brod heißt es: Eltern, die aufgrund von kompromittierenden Ge-
»Was ich zu tun habe, kann ich nur allein tun. Über rüchten über Julies sexuelle Freizügigkeit dem Sohn
die letzten Dinge klar werden. Der Westjude ist dar- das Abenteuer auszureden versuchen, sondern aus
über nicht klar und hat daher kein Recht zu heira- trivialem Anlass: Als dem Paar zwei Tage vor der
ten« (Brod 1966, 147). Trauung eine schon zugesicherte gemeinsame Woh-
Das Zürauer Landleben endet am 30. April 1918. nung in Wrschowitz abgesagt wird, beschließt man
Kafka hatte bereits in Briefen angedeutet, die Um- die Hochzeit auszusetzen.
risse seines Lebens nun »mit voller Entschiedenheit Wie schon bei Felice lösen die gescheiterten Ehe-
nachzuziehen« (An M. Brod, 14.11.1917 B14–17 pläne auch hier einen literarischen Produktions-
363). In Prag versucht er, in seiner Lebensführung schub aus. Aus der angstbesetzten Bindung wird eine
daran anzuknüpfen. Er arbeitet nun in den freien Befreiung, deren Impuls sich bis Anfang 1920 in den
Stunden im Institut für Pomologie, Wein- und Gar- <Er >-Aphorismen und kleineren Erzählversuchen
tenbau in Troja. Daneben lernt er Hebräisch – nach erhält. Noch im November fährt Kafka ein zweites
der Balfour-Erklärung 1917 gewinnt für ihn die Idee, Mal in die Pension Stüdl und schreibt seinen 103-sei-
nach Palästina auszuwandern, zunehmend an Be- tigen <Brief an den Vater >, eine Abrechnung in der
deutung. Beides, Hebräisch und Gartenbau, bezeich- Tradition der »selbstbiographischen Untersuchun-
net er »als die Positiva seines Lebens«, wie Brod im gen« (NSF II, 373), in der er über seine Erziehung
Tagebuch vermerkt (Hermes 1999, 155). Für den und das Scheitern seiner Lebensentwürfe unter dem
Dichter beginnt eine anderthalbjährige Phase des Einfluss eines übermächtigen Vaters berichtet. Wäh-
Schweigens. rend des Aufenthaltes schließt er Freundschaft mit
Am 2. Mai 1918 tritt Kafka seinen Dienst bei der der jungen Minze Eisner (1901–1972), die er auch in
AUVA wieder an. Vorübergehend, wie sich bald späteren Briefen bei ihren Selbständigkeitsbemü-
zeigt: Bis zu seiner definitiven Pensionierung am hungen unterstützt. Im November kehrt Kafka nach
1. Juli 1922 häufen sich die Anträge und Gesuche auf Prag zurück, um den Dienst – für diesmal vier Wo-
vorläufigen oder verlängerten Krankenurlaub, wie chen – anzutreten. Weiterhin mit Julie Wohryzek »in
auch die ärztlichen Gutachten, Entscheide und Neu- Treue und Liebe« verbunden, plant er einen gemein-
bewilligungen in fast monatlicher Frequenz. Bereits samen Erholungsurlaub in München bzw. Karlsbad
im Oktober 1918 erkrankt Kafka an der weltweit (Born 1965, 52). Doch die Beziehung lockert sich
grassierenden ›Spanischen Grippe‹ und erleidet nach und scheitert schließlich unter dem Einfluss Milena
kurzer Besserung Ende November einen fieber- Jesenskás (10.8.1896–17.5.1944).
artigen Rückfall. Die einschneidenden politischen Kafka hatte die junge Tschechin als Übersetzerin
Ereignisse – Sturz der österreichisch-ungarischen seiner Erzählungen im Frühjahr 1920 kennenge-
Monarchie, Proklamation der Tschechoslowakei als lernt. Milena, die Tochter des nationaltschechischen
Republik – vollziehen sich buchstäblich vor dem Arztes Prof. Jan Jesenský und Absolventin des Pra-
Fenster des Kranken. ger Elitegymnasiums Minerva, lebte gegen den Wil-
Zur Rekonvaleszenz verbringt Kafka einen vier- len ihres Vaters in einer Ehe mit dem Deutschjuden
monatigen Aufenthalt in der Pension Stüdl in Sche- Ernst Pollak (1886–1947) in Wien. Bereits im April
lesen bei Liboch. Hier lernt er die 27-jährige Julie erscheint ihre erste tschechische Übertragung, Der
Wohryzek (28.2.1891–26.8.1944) kennen. Julie, die Heizer, in der Zeitschrift Kmen. Als Kafka vom
Tochter eines tschechisch-jüdischen Synagogendie- 2. April bis 28. Juni auf Kur nach Meran/Südtirol
ners, fasziniert Kafka als vitale Erscheinung: fährt, entwickelt sich ein intensiver Briefwechsel, der
22 1. Leben und Persönlichkeit

bald zu einem von Leidenschaft und Offenheit ge- Da sich sein Gesundheitszustand nicht gebessert
prägten Zwiegespräch wird: »Sie ist ein lebendiges hat – der Anstaltsarzt Dr. Kodym konstatierte eine
Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe […]. Dabei Infiltration beider Lungenflügel –, reist Kafka am
äußerst zart, mutig, klug«, bekennt er Max Brod 18. Dezember ins Lungenheilsanatorium Matliary in
(Mai 1920; BMB 276). Die dreimonatige Kur in Me- die Hohe Tatra. Zum ersten Mal wird ihm hier, ange-
ran, die er im Kreise einer christlich deutschnationa- sichts der anderen Lungenpatienten, die Bedeutung
len Tischgesellschaft verbringt, bewirkt im Übrigen des eigenen Krankheitsbildes bewusst. Seine Über-
keine sichtbare Erholung. Viel mehr aber beschäftigt empfindlichkeit sorgt von Beginn an für innere Un-
ihn die Wiener Freundin. Um Milena zu sehen, ruhe und drückt sich zuzeiten größerer Störungen in
macht Kafka auf der Heimreise Zwischenstation in Hilflosigkeit aus. Auch glaubt er, »abgesehen von der
Wien und erlebt mit ihr vier glückliche Tage. In der Lunge und der Hypochondrie«, innerhalb der ersten
Folge übersendet er der neuen Geliebten seinen vier Monate »nicht zwei Tage hintereinander« voll-
<Brief an den Vater >. Obwohl Milena nun auch eine ständig gesund gewesen zu sein (An M. Brod, Ende
klärende Korrespondenz mit Julie Wohryzek auf- April 1921; BMB 341).
nimmt und Ernst Pollak über ihr Verhältnis ins Bild Wie stets auf seinen Kuraufenthalten schließt er
setzt, zeichnet sich ab, dass es für ein Zusammenle- aber auch in Matliary neue Bekanntschaften. Beson-
ben mit Kafka keine Perspektive gibt. Schon im deres Vertrauen fasst er zu dem 21-jährigen Medi-
Herbst schleicht sich die Ahnung ein, »daß wir nie- zinstudenten Robert Klopstock (1899–1972): »Bu-
mals zusammenleben werden« (An M. Jesenská, dapester Jude, sehr strebend, klug, auch sehr litera-
Sept. 1920; BM 276). Dennoch sucht man nach Lö- risch, äußerlich übrigens trotz gröberen Gesamtbildes
sungen, knüpft Kontakte mit Bekannten und nimmt Werfel ähnlich, menschenbedürftig in der Art eines
Anteil am Fall ›Reiner‹, einer ähnlich gelagerten geborenen Arztes, antizionistisch, Jesus und Dosto-
Dreiecksbeziehung aus dem engeren Freundeskreis, jewski sind seine Führer« (An M. Brod, Anf. Februar
die mit Selbstmord endet. Nach einer zweiten Zu- 1921; BMB 315). Klopstock vermittelt zwischen Kaf-
sammenkunft mit Milena im Grenzort Gmünd be- kas Rückzugsbedürfnissen und seiner Umgebung.
ginnt sich Kafka innerlich von der Geliebten zu lö- Gemeinsam liest und diskutiert man Kierkegaard
sen. Sein Vorschlag, den Briefwechsel einzustellen, und rezensiert spaßeshalber in einer Lokalzeitung
findet zwar vorerst kein Gehör, setzt aber ein klares die Tatra-Bilder eines Mitpatienten (DzL 443).
Signal. Wieder einmal folgt darauf eine größere lite- Daneben beschäftigt sich Kafka, angeregt durch
rarische Initiative, aus der Stücke wie <Das Stadt- Swifts Gullivers Reisen, eingehend mit Erziehungs-
wappen>, <Heimkehr >, <Gemeinschaft >, <Nachts> fragen und versucht, seine Schwester Elli in mehre-
oder <Die Prüfung > hervorgehen. ren Briefen davon zu überzeugen, ihren Sohn Felix
Gleichzeitig verrichtet Kafka für nahezu sechs zu- (1911–1940) auf die Hellerauer Schule zu geben.
sammenhängende Monate seinen Dienst bei der Sehr interessiert verfolgt er auch die zwischen Karl
AUVA, wo inzwischen radikale Umstrukturierun- Kraus (1874–1936) und Franz Werfel entbrannte Po-
gen eingesetzt haben. In dieser Zeit erlebt er die fa- lemik, in der es nicht zuletzt um den Vorwurf des
miliären Streitereien um Ottlas Hochzeit mit dem ›jüdischen Mauschelns‹ geht. Bezug nehmend auf
mittellosen tschechischen Juristen Josef David Kraus’ Parodie Literatur oder Man wird doch da sehn
(1891–1962), trifft sich gelegentlich mit Otto Pick, schreibt Kafka einen denkwürdigen Brief an seinen
Rudolf Fuchs, Arne Laurin (1889–1945) und dem Freund Max Brod, in dem er das Verhältnis der jun-
Gymnasiasten Gustav Janouch (1903–1968). Im No- gen jüdischen Schriftsteller zur deutschen Literatur
vember wird er in der Innenstadt Zeuge von Aus- zu skizzieren versucht und von »der schrecklichen
schreitungen tschechischer Chauvinisten gegen inneren Lage dieser Generation« meint: »Weg vom
Deutsche und Juden. An Milena schreibt er: »Die Judentum, meist mit unklarer Zustimmung der Vä-
ganzen Nachmittage bin ich jetzt auf den Gassen ter (diese Unklarheit war das Empörende), wollten
und bade im Judenhaß. ›Prašivé plemeno‹ [räudige die meisten, die deutsch zu schreiben anfiengen, sie
Rasse] habe ich jetzt einmal die Juden nennen hö- wollten es, aber mit den Hinterbeinchen klebten sie
ren. Ist es nicht das Selbstverständliche, daß man noch am Judentum des Vaters und mit den Vorder-
von dort weggeht, wo man so gehaßt wird (Zionis- beinchen fanden sie keinen neuen Boden. Die Ver-
mus oder Volksgefühl ist dafür gar nicht nötig)?« zweiflung darüber war ihre Inspiration« (Juni 1921;
(Mitte Nov. 1920; BM 288). BMB 359 f.).
1. Leben und Persönlichkeit 23

Für Unruhe sorgt auch Milena mit der Nachricht, Plan er schon in Prag gefasst hatte. In Spindlermühle
ihr Lungenleiden habe sich verschlechtert, so dass beginnt Kafka seinen letzten großen Romanversuch
der Vater ihr in einer überraschenden Versöh- Das Schloss.
nungsgeste vorgeschlagen habe, in die Hohe Tatra Am 17. Februar kehrt er zurück nach Prag, wo
zu fahren. Um eine Begegnung auszuschließen, bit- ihm die AUVA nicht nur eine weitere Urlaubsverlän-
tet Kafka Max Brod, ihn auf dem Laufenden zu hal- gerung gewährt, sondern ihn in Abwesenheit zum
ten und – »Wenn Du zu ihr über mich sprichst, Obersekretär befördert hatte. So kann er die ange-
sprich wie über einen Toten« (Anf. Mai 1921; BMB fangene literarische Arbeit am Schloss fortsetzen und
342). parallele Schreibvorhaben ausführen. Seine »selbst-
Aus der ursprünglich geplanten dreimonatigen biographischen Untersuchungen«, für die er seit ei-
Kur wird am Ende ein neunmonatiger Daueraufent- nem Jahr ein Notizheft angelegt hat, inspirieren ihn
halt in Matliary. Als Kafka am 26. August nach Prag zur Niederschrift von Erstes Leid und Ein Hunger-
zurückkehrt, versucht er, die alten Kontakte wieder- künstler (beide 1922 veröffentlicht) und weiteren Er-
zubeleben, trifft Otto Pick, Minze Eisner, Gustav Ja- zählversuchen.
nouch, Ernst Weiß und den Rezitator Ludwig Hardt Auch im ländlichen Planá an der Luschnitz, wo er
(1886–1947), der in Berlin, München und Prag Le- sich ab Ende Juni zusammen mit Ottla und deren
sungen mit Kafka-Texten veranstaltet. Nach den einjähriger Tochter Věra einlogiert, hält der litera-
Kursen in Althebräisch bei Friedrich Thieberger rische Impuls an. Bis Juli sind neun Kapitel des
(1888–1958) im Herbst 1919 nimmt Kafka jetzt ge- Romans geschrieben und es entstehen die <For-
meinsam mit Max Brod seinen Unterricht bei Georg schungen eines Hundes> – eine weitere literarische
M. Langer, der ihn mit Kabbala und Chassidismus Lebensbilanz aus der Sicht seines Judentums und
vertraut macht. Nicht zuletzt trifft er sich wieder mit Schreibens.
Milena, die jetzt zeitweilig in Prag lebt. Kafka bringt Nach neuerlichen Gutachten über die unverän-
ihr noch immer soviel Vertrauen entgegen, ihr seine derte Berufsunfähigkeit Kafkas hat die AUVA im
Tagebücher und wenig später auch das Manuskript Juni seine Pensionierung in die Wege geleitet. Zwei
des Verschollenen zu überlassen. Tage vor seinem 39. Geburtstag, am 1. Juli, tritt Kafka
Für seinen Freund Max Brod verfertigt er in dieser offiziell in den vorläufigen Ruhestand. Er kann sich
Zeit eine testamentarische Verfügung mit der Bitte, nun als freier Schriftsteller betätigen, aber schon
nach seinem Tode alle Tagebücher, Briefe und Ma- bald holen ihn neue Nervenzusammenbrüche und
nuskripte zu verbrennen (vermutl. Herbst/Winter Angstzustände ein. Im Brief an Max Brod spricht er
1921; BMB 365). von »Todesangst«. Als Schriftsteller habe er die Lust
Indes erlaubte sein Gesundheitszustand Kafka am Sterben bislang imaginativ ausgekostet: »Mein
kaum mehr, soziale Kontakte zu pflegen. Die Tuber- Leben lang bin ich gestorben und nun werde ich
kulose bestimmte den äußeren Ablauf des Lebens. wirklich sterben« (5.7.1922; Briefe 385).
Auch den beruflichen Anforderungen fühlte er sich
nur noch bedingt gewachsen. Auf Betreiben der El- Berlin, Kierling – die letzten Monate
tern wurde ihm im Dezember von der Anstalt eine
Kur in Prag zugestanden. Doch schon im Januar er- Nach seiner Rückkehr nach Prag im September ist
leidet Kafka nervöse Zustände von bislang nicht ge- Kafka gänzlich auf die Fürsorge der Familie ange-
kanntem Ausmaß. Seine über Wochen anhaltende wiesen. Nur sporadisch gelingen ihm noch verein-
Schlaflosigkeit macht eine umgehende Veränderung zelte Erzählversuche wie Das Ehepaar, <Gibs auf!>
erforderlich. oder <Von den Gleichnissen>. In einer neuen testa-
Am 27. Januar 1922 fährt Kafka, begleitet von Dr. mentarischen Verfügung vom November 1922 be-
Otto Hermann, nach Spindlermühle im Riesenge- kräftigt Kafka seinen Wunsch, den gesamten Nach-
birge. Tagsüber wandert und rodelt er, in der Nacht lass post mortem zu verbrennen (An M. Brod,
›wartet‹ er auf die Lungenentzündung: »Jedem Kran- 29.11.1922; BMB 421 f.). Jetzt, am Ende der knapp
ken sein Hausgott, dem Lungenkranken der Gott des einjährigen Schreibphase, erreicht seine Isolation ih-
Erstickens« (31.2.1922; T 899). Die Luft- und Orts- ren Höhepunkt. Gelegentliche Besuche von Freun-
veränderung bringt keine wesentliche Besserung. den und Bekannten – u. a. Alfred Wolfenstein (1883–
Immerhin gelingt es ihm trotz der Beeinträchtigun- 1945), Otto Pick, Franz Werfel und Georg Kaiser
gen, eine neue literarische Arbeit anzufangen, deren (1878–1945) – belasten ihn aufs Äußerste.
24 1. Leben und Persönlichkeit

Erst im Frühjahr 1923 erlaubt sein Zustand wie- ßige Überweisungen der stündlich sich entwerten-
der eine Öffnung nach außen. Nach einem Vortrag den Pension, Zuwendungen und Lebensmittelpakete
seines Jugendfreundes Hugo Bergmann, der seit aus Prag sind daher unverzichtbar. Nach einer ersten
1920 in Eretz Israel Aufbauarbeit leistet, erwägt Unterkunft in Steglitz (Miquelstr. 8) wechselt man
Kafka den Plan, nach Palästina auszuwandern, um aus Kostengründen im November in die Grunewald-
dort unter klimatisch günstigeren Bedingungen zu str. 13 und – als zahlungsunfähiger Ausländer – im
leben. In diesem Zusammenhang nimmt er Stunden Februar in die Zehlendorfer Heidestr. 25/26.
bei Puah Ben-Tovim (1904–1991), einer jungen Stu- Trotz der materiellen Not und gesundheitlicher
dentin aus Jerusalem, die ihm lebendiges Hebräisch Schwächung entfaltet Kafka in Berlin eine ungeahnte
vermittelt. Produktivität. So entstehen Eine kleine Frau und das
Um seine Transportfähigkeit nach den Strapazen Fragment <Der Bau>, sowie eine Geschichte über
des letzten Jahres zu prüfen, fährt Kafka im Mai ei- den Ritualmordprozess und ein umfangreiches Dra-
nige Tage nach Dobřichovice und Anfang Juli mit menkonvolut (beide Texte verloren).
seiner Schwester Elli und ihren Kindern nach Müritz Berlin ermögliche »auch einen stärkeren Ausblick
an die Ostsee. Auf der Zwischenstation in Berlin nach Palästina als Prag«, hatte Kafka 1922 behauptet
spricht er im neugegründeten Verlag Die Schmiede (An R. Klopstock, Sept. 1922; Briefe 417). Tatsäch-
wegen eines Vertragsangebotes vor und trifft mit lich besucht er im Winter häufig Kurse an der Hoch-
Max Brods Berliner Geliebter Emmy Salveter zu- schule für Wissenschaft des Judentums, benutzt ihre
sammen. Während der vier Wochen in Müritz lernt gut geheizte Bibliothek und liest mit Dora das Alte
er in der benachbarten Ferienkolonie des Berliner Testament, den Raschi-Kommentar und sogar einen
jüdischen Volksheims die 25-jährige Helferin Dora hebräischen Roman Schechól wechischalón (dt. Un-
Diamant (4.3.1898–15.8.1952) kennen. Dora, die fruchtbarkeit und Scheitern, 1920) von J. C. Brenner.
Tochter eines ostjüdischen Chassid aus Polen, ist Kafka und Dora träumen davon, später in Tel Aviv
Anhängerin einer zionistischen Vereinigung, die ein kleines Restaurant zu betreiben.
sich neben sozialem Engagement auch der Vermitt- Krankheitsbedingt engt sich Kafkas Aktionsradius
lung der hebräischen Sprache widmet. Für Kafka weiter ein, Besuche, u. a. von Emmy Salveter, Puah
verkörpert sie ein authentisch sinnliches Judentum, Ben-Tovim, Rudolf Kayser (1889–1964), Willy Haas,
das ihn anzieht. Ähnlich wie Jizchak Löwy ist auch Ernst Weiß, Max Brod, Franz Werfel, Siegmund und
sie vor dem strengen Vater geflohen, ohne ihre Her- Lise [Weltsch] Kaznelson, Ludwig Hardt und seiner
kunft zu verleugnen. Schwester Ottla, kann Kafka nur noch in seiner
Dora wird die Begleiterin Kafkas in seinem letzten Wohnung empfangen. Als im Februar 1924 der
Lebensabschnitt. Mit ihr fasst er den Plan, gemein- Triescher Onkel Siegfried Löwy auf Visite kommt
sam nach Berlin zu gehen – und verwirklicht ihn im und angesichts des schlechten Gesundheitszustan-
Herbst. Die Auswanderung nach Eretz Israel ist des Alarm schlägt, muss die Berliner Eskapade end-
durch die neu gewonnene Aussicht vorläufig in die gültig aufgegeben werden.
Ferne gerückt: »es wäre keine Palästinafahrt gewor- Am 17. März 1924 begleitet Max Brod den Freund
den«, schreibt er an Else Bergmann, »sondern im zurück nach Prag. Für die kurze Zeit seines Aufent-
geistigen Sinne etwas wie eine Amerikafahrt eines haltes in der elterlichen Wohnung betreut ihn Ro-
Kassierers, der viel Geld veruntreut hat« (Juli 1923; bert Klopstock, der inzwischen in Prag studiert. Ob-
Briefe 437 f.). Nachdem er sich bei seiner Lieblings- wohl Kafka teilweise das Bett nicht verlassen kann,
schwester Ottla in Schelesen genügend Zuspruch schreibt er an seiner Erzählung Josefine, die Sängerin
und Bestärkung in seinen Plänen geholt hat, verlässt oder Das Volk der Mäuse, die er Klopstock gegenüber
er am 22. September Prag und begibt sich auf eine als seine »Untersuchung des tierischen Piepsens« be-
Berlin-Reise, »für welche man etwas Vergleichbares zeichnet (Briefe 521) und die noch im selben Jahr in
nur finden kann, wenn man in der Geschichte zu- der Osterbeilage der Prager Presse (20.4.1924) er-
rückblättert, etwa zu dem Zug Napoleons nach Ruß- scheint.
land« (An O. Baum, 26.9.1923; Briefe 447). Nach anfänglichen Überlegungen, den Schwer-
Die Lebensumstände, unter denen Dora Diamant kranken in ein Sanatorium in Davos oder Innsbruck
und Kafka in der deutschen Reichshauptstadt leben, zu verschicken, entscheidet man sich schließlich für
sind denkbar problematisch, und werden von Wirt- die Anstalt Wiener Wald in Niederösterreich, die von
schaftskrise und Inflation noch erschwert. Regelmä- zwei jüdischen, ehemals Prager Ärzten, Hugo Kraus
1. Leben und Persönlichkeit 25

und Arthur Baer, geleitet wird. Am 5. April begleitet Kafka. Eine Biographie (1937) stehe. Den Plan, eine
Dora Kafka über Wien nach Ortmann ins Sanato- »Selbstbiographie« zu schreiben, hatte Kafka selbst
rium. Dort angelangt, wird der geschwächte Patient gefasst (17.12.1911; T 298) – und dabei ein fragmen-
bald schon wegen Verdachts auf Kehlkopftuberku- tarisches Werk hinterlassen. Mit Folgen: Das Genre
lose an die laryngologische Klinik der Wiener Uni- ›Biographie‹ – für den Leser Kafka eine Königsdiszi-
versität überstellt, wo sich die Diagnose bestätigt. plin, für den Schriftsteller ein fortgesetztes Scheitern
Um die Schmerzen durch den angeschwollenen – musste schon aufgrund dieser besonderen Affini-
Kehlkopf zu lindern, wird Menthol-Öl gespritzt. Bis tät für seine Biografen zum Problem erwachsen. In
zum 19. April bleibt Kafka in der renommierten Kli- besonderer Weise gilt dies für Max Brod, der gleich
nik des Prof. Markus Hajek, eines Schwagers Arthur mehrfach zu Lebensbeschreibungen ansetzte: Zu-
Schnitzlers. nächst, aus der Perspektive des Dichter-Freundes,
Wegen des rauen Umgangstones und der wenig auf- mit seinem Roman Zauberreich der Liebe (1928), in
bauenden Atmosphäre bringt Dora den Freund welchem er Kafka in der Gestalt von Richard Garta
schließlich ins ländlich gelegene Sanatorium Dr. Hoff- zu neuem Leben erweckte, dann, als Supplement zur
mann in Kierling bei Klosterneuburg. Hier scheint ersten Kafka-Gesamtausgabe, mit der oben genann-
sich zunächst eine Besserung einzustellen, die zu ge- ten Biographie, die tatsächlich ihre Wirkung nicht
meinsamen Ausflügen ins Grüne berechtigt. Bald verfehlte, aber ebenso unter dem Eindruck Kafkas
aber verschlechtert sich Kafkas Zustand wieder. Der stand, und später mit weiteren Versuchen.
fortschreitende tuberkulöse Prozess, der den Kehl- Der Vorwurf, dass Brod seinen privilegierten Zu-
deckel erreicht hat, macht das Sprechen, wie auch griff auf den Nachlass des Freundes in den Dienst ei-
das Schlucken und Atmen zu einer Tortur, gegen die ner eigenwilligen Hagiografie stellte, wurde mehr als
nur noch betäubende Morphiuminjektionen helfen. einmal laut und rief schon bei Walter Benjamin Pro-
Im Mai verabreicht der behandelnde Arzt Dr. Oscar test hervor. Übersehen wird dabei allerdings, dass
Beck ihm Alkoholinjektionen in den nervus laryn- Ende der 20er Jahre bereits eine Legendenbildung
geus superior. Längst haben die Ärzte den Patienten eingesetzt hatte, die nach einem Korrektiv verlangte:
aufgegeben und schätzen seine Lebenserwartung auf Kafka galt, in psychologisch-existenzialistischer Les-
maximal drei Monate. Robert Klopstock betreut art, als der große Unglückliche und Hoffnungslose,
Kafka nun an der Seite Dora Diamants, statt der Un- der sein Leben in selbstauferlegter Isolation fristete
terhaltungen werden Gesprächszettel gereicht. Kafka (Müller 2006, 28). Max Brod schuf demgegenüber
erhält in diesen Tagen den Besuch Max Brods, Ott- einen lebensbejahenden Denker und Erneuerer alt-
las, des Schwagers Karl Hermann und seines Onkels jüdischer Religiosität und schreckte auch nicht da-
Siegfried Löwy. Seine Eltern bittet er, von einem Be- vor zurück, den Freund wider besseres Wissen zum
such vorerst abzusehen. Von Doras Vater, den er in glühenden Zionisten zu machen. Dank des zweifel-
einem Brief um die Hand der Tochter gebeten hatte, losen Näheverhältnisses und flankiert von weiteren
erhält Kafka in den ersten Maitagen die Antwort, in Augenzeugenberichten des Prager Umfeldes, nicht
welcher ihm die Zustimmung verweigert wird. zuletzt den teils authentischen, teils dubiosen Erin-
Nach einer leichten Besserung seines Gesund- nerungsprotokollen Gustav Janouchs, hatte Brods
heitszustandes Ende Mai kommt es schließlich zu Darstellung auf lange Zeit das letzte Wort. Dass ihm
Komplikationen. Am 3. Juni atmet Kafka so schwer, damals zahlreiche Quellen noch nicht zur Verfügung
dass er Klopstock um Morphium bittet: »Töten Sie standen und seine intime Kenntnis sich nur auf we-
mich, sonst sind Sie ein Mörder« (Brod 1966, 185). nige Jahre Kafkas beschränkte, fiel dabei weniger ins
Gegen Mittag stirbt Kafka. Am 11. Juni 1924 wird er Gewicht.
auf dem jüdischen Friedhof in Prag Straschnitz bei- Aus Forschungssicht ist Klaus Wagenbachs 1958
gesetzt. erschienene Monographie Franz Kafka. Eine Bio-
graphie seiner Jugend (2006 neu bearbeitet und um
4 Artikel erweitert) ein seltener Glücksfall. Sie bil-
Forschung dete das Fundament einer jeden weiteren wissen-
schaftlichen Beschäftigung mit dem Prager Autor
Es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass am Anfang und setzte Maßstäbe sowohl im Umfang des recher-
der problematischen Bemühungen um Kafkas Bio- chierten Quellenmaterials als auch in der Qualität
graphie Max Brods umstrittener Versuch Franz der Aufbereitung. Nicht zuletzt bot Wagenbach ein
26 1. Leben und Persönlichkeit

überzeugendes Kafka-Bild, an das faktisch anzu- ein »Lebensprinzip« herausgearbeitet, das Kafkas
knüpfen war. künstlerische Identität ebenso wie sein Scheitern an
Zahlreiche Studien fokussierten biografische Aus- der Wirklichkeit bestimmt (Alt, 15).
schnitte und Aspekte sowie das weitere Umfeld Kaf- Den gegenwärtig umfassendsten und gleichzeitig
kas – wie z. B. Anthony Northeys Kafkas Mischpoche fundiertesten Versuch, Kafkas Biographie zu schrei-
(1988), Evelyn Torton Becks Kafka and the Jewish ben, unternimmt Reiner Stach. Instruktiv ist bereits
Theatre (1971), Alena Wagnerovás Recherchen zur sein Einführungskapitel, in welchem er auf die Prob-
Familie Kafka aus Prag (1997), Rotraut Hackermül- lematik biografischer Synthesen eingeht und die Dis-
lers Kafkas letzte Jahre (1990), Giuliano Baionis proportionen zwischen wissenschaftlichem Inter-
Kafka – Literatur und Judentum (1994) oder Joachim esse und gesamtbiografischer Abstinenz hervorhebt.
Unselds Franz Kafka. Ein Schriftstellerleben. Die Ge- Der erste Band seines als Trilogie konzipierten Wer-
schichte seiner Veröffentlichungen (1982). Marthe Ro- kes beschränkt sich auf die Zeitspanne 1910–1915:
bert rückte 1979 in Einsam wie Franz Kafka die Iden- »Die Jahre der Entscheidungen« – sicher auch weil
titätssuche Kafkas ins Zentrum und akzentuierte da- hier die Quellenlage (nicht zuletzt dank Stachs eige-
mit eine bis heute anhaltende Diskussion. ner Recherchen zum Nachlass der Felice Bauer) eine
Einen weiteren Meilenstein in der Biografik Kaf- fast lückenlose biografische Erschließung zulässt. Im
kas setzte Hartmut Binder, ebenfalls 1979, mit sei- zweiten Band »Die Jahre der Erkenntnis« werden die
nem Kafka-Handbuch (Teil 1), eine aufgrund ihrer letzten Jahre des Dichters beschrieben, insbesondere
faktischen Datendichte noch heute unverzichtbare die Berliner Zeit und die Leiden der letzten Monate
Dokumentation. Binder erschloss akribisch alle zur erhalten hier eine ausführliche Darstellung, wobei
Verfügung stehenden und teilweise auch neue Quel- Stach teilweise auch auf familieninterne Briefe zu-
len über die gesamte Lebensdauer Kafkas. Seine Dar- rückgreifen kann.
legungen sind exakt und informativ; mit seinen psy- Biografische Entdeckungen werden in den kom-
chologischen Deutungsmustern prägte er aber auch menden Jahren vorrangig der späten Lebensphase
das Bild von einem Autor, der sich lebenslang an Kafkas – u. a. mit der stärkeren Einbeziehung der
denselben frühkindlichen Verhaltensmustern auf- Amtlichen Schriften, der Aufarbeitung der Hebrä-
rieb. Bleibt zu fragen: Gab es tatsächlich keine Ent- ischstudien und des zurzeit noch nicht zugänglichen
wicklung in Kafkas Biographie? Dessen ungeachtet Nachlasses Max Brods – vorbehalten bleiben. Die
konnte Binder in weiteren Studien die Lebenswelt eingangs aufgeworfene Frage nach Wenden, Brü-
Kafkas immer wieder mit neuen Facetten erhellen, chen und Kontinua könnte dabei unverhofft neue
so zuletzt in der reich illustrierten Lebenschronik Belebung finden.
Kafkas Welt.
Berufsbiographen wie Ernst Pawel (1990), Ronald Peter-André Alt: F.K. Der ewige Sohn. München 2005. –
Hayman (1983), Pietro Citati (1987) konnten auf Mark Anderson: K. ’ s Clothes. Oxford 1992. – Thomas
diesen Fundus zurückgreifen, fügten mit ihren po- Anz: F.K. München 1989. – Detlev Arens: F.K. München
pulären Lebensdarstellungen jedoch keine neuen 2001. – Giuliano Baioni: K. Literatur und Judentum.
biografischen Details hinzu. Ähnliches gilt für die Stuttgart 1994. – E. Torton Beck (1971). – Peter U. Bei-
als Überblick angelegten Monographien von Tho- cken: F.K. Leben und Werk. Stuttgart 1995. – Walter
Benjamin: F.K. Zur zehnten Wiederkehr seines Todesta-
mas Anz (1989), Peter U. Beicken (1995), Ludwig
ges. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiede-
Dietz (1975/90) und Detlev Arens (2001). Die von
mann u. Hermann Schweppenhäuser. Bd. II/2.
Chris Bezzel 1975 zusammengestellte Kafka-Chro-
Frankfurt/M. 1977. 409–438. – Samuel Hugo Bergmann:
nik mit Lebensdaten ist inzwischen durch die von Erinnerungen an F.K. In: Universitas 27 (1972), 746 f. –
Roger Hermes u. a. herausgegebene, an der Kriti- Chris Bezzel: K.-Chronik. Daten zu Leben und Werk.
schen Ausgabe orientierte Kafka-Chronik ersetzt München 1975 (Reihe Hanser 178). – Hartmut Binder:
worden (1999). Leben und Persönlichkeit F.K.s. In: KHb (1979) I, 103–
Mit Peter-André Alts Franz Kafka. Der ewige Sohn 584. – Ders.: K. in Paris. Historische Spaziergänge mit
liegt seit 2005 eine opulente Monographie vor, die alten Photographien. München 1999. – Ders.: Mit K. in
sich nicht nur biografisch auf dem neuesten Stand den Süden. Eine historische Bilderreise in die Schweiz
der Forschung zeigt, sondern auch im Gebrauch der und zu den oberitalienischen Seen. Prag 2007. – Ders.:
interpretatorischen Methoden. In der von Peter K.s Welt. Eine Lebenschronik in Bildern. Reinbek 2008.
Handke angeregten Formel vom ›ewigen Sohn‹ wird – Jürgen Born u. a. (1965). – Ders. (Hg.): F.K. Kritik und
1. Leben und Persönlichkeit 27

Rezeption 1912–1924. Frankfurt/M. 1979. – Max Brod 37–44. – Marek Nekula (Hg): F.K. im sprachnationalen
(Hg.): Unsere Literaten und die Gemeinschaft. In: Der Kontext seiner Zeit. Weimar, Wien 2007. – Bernd Neu-
Jude 1 (1916) 7, 457–464. – Ders.: Zauberreich der mann: F.K. Gesellschaftskrieger. Eine Biographie. Mün-
Liebe. Roman. Berlin, Wien 1928. – Ders.: F.K. Eine Bio- chen 2008. – Anthony Northey: K.s Mischpoche. Berlin
graphie. Erinnerungen und Dokumente. Prag 1937. – 1988. – Ders.: F.K.s Selbstmörder. In: Europäische Kul-
Ders.: Über F.K. [F.K. Eine Biographie; F.K.s Glauben turzeitschrift Sudetenland. Vierteljahreszeitschrift für
und Lehre; Verzweiflung und Erlösung im Werk F.K.s]. Kunst, Literatur, Wissenschaft und Volkskultur 49
Frankfurt/M., Hamburg 1966 (Fischer Bücherei 735). – (2007), 267–294. – Ulrich Ott (Hg.): K.s Fabriken. Be-
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torium & Wasserheilanstalt-A-G., Zuckmantel, österr. teils ungedruckten Briefen F.K.s. Wien 2003. – Hans
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nungen! Ausdruck der Verzweiflung? Zur K.-For- schwister. In: KHb (2008), 45–60. – Hanns Zischler:
schung. In: H.L. Arnold (2006 [1994]), 8–41. – Ders.: K. K. geht ins Kino. Reinbek 1996.
und sein Vater: Der Brief an den Vater. In: KHb (2008), Ekkehard W. Haring
29

2. Einflüsse und Kontexte

2.1 Kafkas Lektüren den Wegen in jenen inneren See gemündet waren,
aus dem dann die Geschichte entfloß« (Pasley, 107).
Deshalb hat Pasley auch bezweifelt, ob bei Kafka
»überhaupt noch im herkömmlichen Sinn von ›lite-
Vorüberlegungen rarischen Quellen‹« (107) die Rede sein könne.
Was Pasley beschreibt, ist jedoch allenfalls ein
Dass Lektüren für einen Autor besondere Bedeutung Typus literarischer Produktion bei Kafka, nicht je-
haben, versteht sich von selbst. Bei Kafka ist das doch der einzige. Auf den anderen hat Kafka selbst
nicht anders – auch wenn es auf den ersten Blick hingewiesen – wenn er etwa über seine Erzählung
vielleicht nicht den Anschein hat. Explizite Bezug- <Blumfeld, ein älterer Junggeselle> schreibt: »Ich
nahmen auf andere Schriftsteller sucht man in sei- schreibe Bouvard und Pecuchet sehr frühzeitig«
nen Erzählungen und Romanen vergebens. Dass es (9.2.1915; T 726) oder über den Heizer bemerkt:
gleichwohl solche Referenzen gibt, ja Kafka mit eini- »glatte Dickensnachahmung« (8.10.1917; T 841).
gen Autoren geradezu einen literarischen Dialog Und nachdem er in der Nacht vom 22. auf den
führte, teilweise sogar über einen längeren Zeitraum, 23. September 1912 in einem Zug Das Urteil ge-
hat die Forschung inzwischen vielfach nachgewie- schrieben hatte, notierte er sich in sein Tagebuch
sen. Durch diese Nachweise ist es gelungen, Kafkas Ähnlichkeiten u. a. mit einem Roman Max Brods
Ort in der Weltliteratur genauer zu bestimmen, über und einem Sketch Franz Werfels: »Gedanken an
die gängigen und naheliegenden Einordnungen etwa Freud natürlich, an einer Stelle an Arnold Beer, an
als Prager deutscher Schriftsteller hinaus (Lamping einer andern an Wassermann, an einer (zerschmet-
2006). tern) an Werfels Riesin« (23.9.1912; T 461). Kafka ist
Kafkas Lektüren haben schon früh das Interesse offenbar auch ein durchaus bewusst arbeitender,
von Literaturwissenschaftlern gefunden, zunächst Lektüren verarbeitender Autor gewesen, dessen
das seiner Biographen. Von Max Brod (Brod 1976 Texte in vielerlei literarischen Beziehungen stehen.
[1966]) über Hartmut Binder (Binder 1979) bis zu Auch sein Werk ist wesentlich Literatur aus Litera-
Reiner Stach (Stach 2002 u. 2008) haben sie zu er- tur.
mitteln versucht, was der Autor zu welcher Zeit gele- Allerdings hat Kafka über die Bücher und die Au-
sen hat, um so seinen Bildungsgang nachvollziehen toren, mit denen er sich beschäftigt hat, zumeist
zu können. Aber auch die Interpreten seiner Schrif- nicht viel verlauten lassen. Bedeutende literarische
ten (Politzer 1965; Anz 1989, 20–22) haben sich für Essays hat er nicht geschrieben, auch kaum Rezensi-
Kafkas Lektüren interessiert, zumindest soweit er sie onen. In seinen Notizheften gibt es zumeist bloß ver-
in seinem Werk verarbeitet hat. Dabei war ihnen da- streute, zudem oft nur kurze Äußerungen über ein-
ran gelegen, über intertextuelle Bezüge Aufschluss zelne Werke oder Autoren. Diesen Umstand darf
über die literarische Tradition zu bekommen, in die man aber nicht falsch deuten als Beleg für die ge-
er gehört. ringe Bedeutung, die er dem Lesen für sich als Autor
Der Nachweis intertextueller Bezüge in Kafkas beigemessen hätte. Denn dass Lesen für Kafka viel-
Werk hat insgesamt die Einschätzung seiner Arbeits- mehr ein Vorgang von großer existenzieller Bedeu-
weise verändert. Vor ihrem Hintergrund schwer auf- tung war, verraten viele emphatische Bemerkungen
rechtzuerhalten ist die Annahme, er habe mehr oder über Literatur und Lektüren: »ein Buch muß die Axt
weniger voraussetzungslos, ohne Vorbilder und im sein für das gefrorene Meer in uns«, schreibt er etwa
Wesentlichen ganz aus seiner Subjektivität heraus, ja in einem Brief vom 27. Januar 1904 an Oskar Pollak
unbewusst geschrieben. So hat etwa Malcolm Pasley (B00–12 36), der noch weitere prägnante Charakte-
behauptet, dass etwaige Lektüren Kafkas »schon risierungen von Lektüren enthält. »Ich habe kein lit-
längst vor dem Anfang der Werkentstehung auf den terarisches Interesse sondern bestehe aus Litteratur,
verschiedensten, gar nicht mehr genau aufzuspüren- ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein«,
30 2. Einflüsse und Kontexte

teilt er am 14. August 1913 Felice Bauer mit (B13–14 liothek, den die Wuppertaler Forschungsstelle für
261). Und im Tagebuch erwähnt er 1911, nachdem Prager deutsche Literatur 1982 von einem Münche-
er »eine ziemliche Zeit in oft über mir zusammen- ner Antiquar erworben hatte, insgesamt 274 Bände,
schlagender Litteratur gestanden« habe, sein dieses von denen sechs in der von Wagenbach publizierten
Mal fehlendes »ursprüngliches Verlangen nach Lit- Liste fehlen. Das Verzeichnis wird ergänzt durch die
teratur« (13.12.1911; T 292). insgesamt 10 Bücher-Listen, die Kafka »aus unter-
schiedlichen Anlässen« (174) zwischen 1912 und
1922 zusammengestellt hat, und um einen Index der
Der empirische Leser in Kafkas Schriften erwähnten Bücher, Almanache,
Zeitschriften und Zeitschriftenbeiträge.
Kafkas Bibliothek
Die Bedeutung dieses Indexes ist nicht schwer zu
Im Mittelpunkt der Forschung über den empirischen erkennen. Über Kafkas Lektüren geben neben den –
Leser Kafka steht die Rekonstruktion seiner Biblio- offensichtlich – gelesenen Bänden seiner kleinen Bi-
thek. Sie erlaubt manche Aufschlüsse über seine lite- bliothek auch die Erwähnungen von Autoren und
rarischen Interessen; sie sind allerdings zu verrech- Texten in seinen Briefen und Tagebüchern Auskunft.
nen mit den Lektürezeugnissen, die sich vor allem in Nur aus ihnen zu rekonstruieren sind etwa seine Be-
Kafkas Briefen und Tagebüchern finden. Das eine schäftigung mit manchen jiddischen Autoren wie
zusammen mit dem anderen gestattet erst eine Ein- Schalom Asch, Chajim Nachman Bialik, Josef Cha-
schätzung seiner literarischen Bildung. jim Brenner, David Frischmann, Abraham Goldfa-
Es gibt zwei große Versuche, Kafkas Bibliothek zu den, Jakob Gordin, Morris Rosenfeld oder Schomer
rekonstruieren, die letztlich nur geringfügig vonein- (d.i. Nahum Meir Schaikewitsch). Werke von ihnen
ander abweichen. Beide sind notwendig lückenhaft, sind in seiner Bibliothek, soweit sie erhalten ist, nicht
aufgrund des Schicksals der Bibliothek, die schon aufzufinden.
vor dem Krieg durch verschiedene Hände gegangen Reiner Stach hat Kafkas kleine, im Ganzen durch-
ist. Außerdem ist anzunehmen, dass Kafka auch aus heterogene Bibliothek prägnant so beschrieben
mehr Bücher gekannt hat, als in seiner Handbiblio- und gekennzeichnet:
thek noch aufzufinden sind. So oder so scheint seine Ein paar deutsche Klassiker standen da, Goethe, Kleist,
Bibliothek nicht groß gewesen zu sein. Wenn man zu Hebbel, Grillparzer, nichts davon vollständig, außerdem
den ungefähr 300 Büchern aus seinem Besitz, die er- Flaubert, Dostojewski und Strindberg, Tagebücher und
halten geblieben sind, die Titel hinzunimmt, die er Lebensbeschreibungen ohne erkennbare Ordnung, ei-
nige philosophische und juristische Werke aus den Stu-
in seinen Briefen und Tagebüchern erwähnt, kommt
dienjahren, natürlich Reiseführer, vielleicht auch noch
man auf nicht mehr als die doppelte Zahl. Jugendbücher und einige von ›Schaffsteins Grünen
Klaus Wagenbach hat als erster 1958 im Doku- Bändchen‹ mit Abenteuern aus exotischen Gegenden.
menten-Anhang seiner Biographie ein 297 Titel um- Und, nicht zu vergessen, vereinzelte Bücher, die Freunde
fassendes Verzeichnis der Handbibliothek Kafkas auf- verfasst hatten, Geschenkexemplare mit Widmungen
(Stach, 29–30).
genommen. Sie basiert auf einer Zusammenstellung,
die »erst ein Jahrzehnt nach Kafkas Tode« gemacht Nicht mehr lückenlos zu rekonstruieren ist die Ge-
worden und ausdrücklich als »fragmentarisch« ge- schichte der Bibliothek. Nach Kafkas Tod ist sie of-
kennzeichnet ist (Wagenbach, 251). Als ihr Verfasser fenbar im Besitz der Familie geblieben. Bei Kriegs-
gilt Karel Projsa, ein Freund der Familie von Kafkas ende gehörte sie wahrscheinlich Josef David, dem
Lieblingsschwester Ottla, den Wagenbach bei den Mann Ottlas, die nach Theresienstadt deportiert
Recherchen zu seinem Buch in Prag kennengelernt worden ist, nachdem er sich von ihr getrennt hatte.
hatte. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die Er starb 1962. »Ein Teil der Bücher muß allerdings
Liste später entstanden ist, als Wagenbach vermutet schon vor diesem Zeitpunkt in den Besitz Karel Proj-
(Born, 9). Dass sie notwendig lückenhaft ist, gilt da- sas übergegangen sein« (Born, 9). Die »Geschichte
gegen als sicher. Manche Autoren, die Kafka nach- dieser Bibliothek ist so«, wie Jürgen Born bemerkt
weislich gelesen hat, wie etwa Homer oder Charles hat, »aufs engste mit der leidvollen Geschichte der
Dickens, fehlen in ihr. Familie Kafka während des Zweiten Weltkriegs ver-
1990 hat Jürgen Born unter dem Titel Kafkas Bib- bunden« (8).
liothek ein »beschreibendes Verzeichnis« veröffent-
licht. Es erfasst den erhaltenen Teil von Kafkas Bib-
Kafkas Lektüren 31

Interessen des Lesers Kafka und Robert Musil, Upton Sinclair und Émile Verhae-
ren gekannt. Auch sein Interesse an der Literatur sei-
Anhand seines Verzeichnisses hat Jürgen Born Kafka ner Zeit ging über die deutsche und erst recht die
als Leser zu charakterisieren versucht. Dabei betont Prager deutsche Literatur hinaus.
er vor allem »die Bedeutung, die die Lektüre erzäh- Alles in allem ist W.H. Audens Behauptung: »there
lender Dichtung in deutscher Sprache für Kafka is no modern writer who stands so firmly and di-
hatte« (Born, 225); die »Vielzahl der Brief-, Tage- rectly in the European tradition« (Auden, 110), von
buch- und Memoirenbände, biographischer oder au- der Kafka-Forschung vielfach bestätigt worden. Dass
tobiographischer Schriften« (226); »Kafkas Desinte- er ein moderner Autor, vergleichbar mit Marcel
resse, zumindest seine Zurückhaltung, gegenüber Proust oder James Joyce (Gillespie) – wenn vielleicht
der literarischen Moderne« (231), zumal der expres- auch kein »radikaler Modernist« (Corngold) – ge-
sionistischen Avantgarde; schließlich seine »Vor- wesen sei, ist nicht ohne Grund oft behauptet wor-
liebe« für die »volkstümlich geschriebenen Bänd- den. Dass Kafka gleichwohl in der Tradition »des
chen« des Schaffstein Verlags, zumeist »Kriegsbe- modernen realistischen Romans, besonders des von
richte«, »Reise- und Abenteuerberichte« (228). ihm hochverehrten Flaubert« (Schillemeit, 354) ge-
Nicht alle Charakteristiken des Lesers Kafka, die schrieben hat, ist allerdings auch nicht zu übersehen.
Born versucht hat, sind jedoch überzeugend (Lam- Wie viele Autoren im ersten Drittel des 20. Jahrhun-
ping 2006, 16 f.). So hat er zwar Kafkas Lektüren derts steht er zwischen Moderne und Tradition.
»Goethes, Kleists, Grillparzers und Stifters« (Born,
226), schließlich auch Hebels betont, nicht jedoch Lektüre-Zeiten
die europäischer Autoren. Tatsächlich hat Kafka
auch viele nicht-deutsche Autoren eingehend stu- Die Geschichte des Lesers Kafka wird in der Abfolge
diert, insbesondere Charles Dickens, Fedor M. Dos- seiner Lektüren fassbar. Auch wenn er manche Auto-
tojewski, Gustave Flaubert, Knut Hamsun, August ren ungefähr gleichzeitig gelesen hat, manche auch
Strindberg und Leo Tolstoi. Inzwischen intensiv er- über Jahre hinweg oder immer wieder, so gibt es doch
forscht ist auch seine Beschäftigung mit jiddischem im Großen gewisse Schwerpunkte und bezeichnende
Theater (Beck; Baioni; Grözinger; Lamping 1998) Wechsel der Lektüren. Schon früh, als Schüler, hat
und jiddischer Literatur, schließlich sein Interesse an Kafka zuerst Goethe gelesen, wie er als Student mit
der tschechischen Literatur seiner Zeit. Die entspre- seiner Flaubert-Lektüre begonnen hat. »In den Jah-
chenden Lektüren haben sich meist über Jahre er- ren 1904 und 1905 ist die Lektüre von Tagebüchern
streckt. Hinzu kommt noch seine durchweg kürzere und Erinnerungen« nach Wagenbach »besonders
Beschäftigung mit Autoren wie Dante Alighieri oder auffallend« (Wagenbach, 118). Zeiten intensiver Dos-
mit chinesischer Lyrik. Kafkas literarischer Horizont tojewski-Lektüren sind die Jahre 1913 bis 1919 (Bin-
ging deutlich über die deutsche Literatur hinaus. der 1979, 370), Strindberg hat Kafka seit 1914 gelesen
Auch der Hinweis auf sein »Desinteresse« an der (Robertson 2006, 151–160). Wichtige Lektüren der
literarischen Moderne (Born, 231) bedarf der Diffe- späten Jahre sind Tolstoi, dem er sich besonders ab
renzierung. Aus Kafkas Distanz zum deutschen Ex- 1914 zuwendet (Schillemeit, 164–180), und Kierke-
pressionismus und besonders zu manchen Expressi- gaard, der ihn erneut 1918 beschäftigt (Anz 2006).
onisten, auf die sich diese Charakterisierung grün- Diese Lektüren sind nicht nur mit bestimmten Le-
det, lässt sich kaum folgern, dass er die moderne benssituationen Kafkas eng verbunden, etwa mit sei-
Literatur ignoriert hätte, ja ein anti-moderner nen Verlobungen und Entlobungen und dem Aus-
Schriftsteller gewesen sei. Die europäischen Auto- bruch der tödlichen Krankheit, sondern auch mit sei-
ren, die Kafka intensiv gelesen hat, sind wie Hamsun nen literarischen Arbeiten. So hat Binder etwa
und Strindberg moderne oder wie Dostojewski und zwischen Kafkas Lektüre von Octave Mirbeaus Le jar-
Tolstoi auf der Schwelle zur Moderne stehende und din des supplices (1899) und der Arbeit an In der Straf-
aus seiner Sicht, bis auf Flaubert, auch noch zeitge- kolonie eine Verbindung hergestellt (Binder 1977,
nössische Erzähler. Kafka hat darüber hinaus aber 174–175), Schillemeit etwa zwischen Kafkas später
z. B. auch Gedichtbände von Arthur Rimbaud, Paul Tolstoi-Lektüre und seinen Zürauer Aphorismen
Verlaine und Stefan George besessen, Prosabände (Schillemeit, 165), Robertson, wie andere vor ihm,
von Carl Sternheim und Peter Altenberg, er hat Gab- zwischen der Dostojewski-Lektüre der Jahre 1913 und
riele D’Annunzio und Paul Claudel, Maxim Gorki 1914 und dem Process (Robertson 1988, 124).
32 2. Einflüsse und Kontexte

Motive des Lesers Kafka oder Gerhart Hauptmanns Biberpelz (13.12.1911;


T 289 f.) gewidmet, die er mit literarischem Sachver-
Nicht nur was, sondern auch wie Kafka gelesen hat, stand und Scharfsinn analysiert und diskutiert hat.
hat die Forschung zu ermitteln versucht. So hat Born Das bekannteste Beispiel für solche literarischen
etwa »Kafkas Interesse an Selbstzeugnissen« (Born, Analysen ist sein Entwurf einer Kritik von Brods Ro-
227) hervorgehoben: »Nicht zu verkennen ist die un- man Jüdinnen: die einlässlichste Auseinanderset-
trennbare Verbindung, die für Kafka zwischen dem zung mit dem Text eines anderen Autors, die von
Buch und dem Menschen bestand, der es hervorge- Kafka überliefert ist (26.3.1911; T 159 f.).
bracht hatte« (227). Außerdem hat Born bei Kafka Allerdings haben keineswegs alle Lektüre-Zeug-
eine »Unmittelbarkeit seiner Lektüre-Erlebnisse« er- nisse Kafkas diskursiven Charakter. Durchaus ty-
kannt: »Er liest immer auf sich bezogen, stellt Ver- pisch für ihn sind, neben knappen Hinweisen, meta-
gleiche an zwischen dem geschilderten und dem ei- phorische Beschreibungen von Lektüren. So notiert
genen Leben« (229). Ein solches existenzielles, oft er etwa, nachdem er Gedichte Werfels gelesen hat:
identifikatorisches Lesen ist für Kafka tatsächlich ty- »Durch Werfels Gedichte hatte ich den ganzen ges-
pisch. Es ist vor allem in seine Lektüren der Biogra- trigen Vormittag den Kopf wie von Dampf erfüllt«
phien, Autobiographien, Briefe und Tagebücher von (23.12.1911; T 308). Goethes Tagebücher hat Kafka
Schriftstellern eingegangen. Bekannt ist seine Äuße- gleichfalls mit einem literarischen Vergleich charak-
rung in einem Brief an Felice Bauer vom 2. Septem- terisiert: »Die Klarheit aller Vorgänge macht sie ge-
ber 1913, in dem er die Autoren nennt, denen er sich heimnisvoll, so wie ein Parkgitter dem Auge Ruhe
verwandt fühlte: gibt, bei Betrachtung weiter Rasenflächen und uns
von den vier Menschen, die ich (ohne an Kraft und Um- doch in unebenbürtigen Respekt setzt« (19.12.1910;
fassung mich ihnen nahe zu stellen) als meine eigentli- T 135). Seine Strindberg-Lektüre beschreibt Kafka
chen Blutsverwandten fühle, von Grillparzer, Dostojew- am 4. Mai 1915 in einem ausgearbeiteten poetischen
ski, Kleist und Flaubert, hat nur Dostojewski geheiratet Gleichnis:
und vielleicht nur Kleist, als er sich im Gedränge äußerer
und innerer Not am Wannsee erschoß, den richtigen Besserer Zustand weil ich Strindberg (Entzweit) gelesen
Ausweg gefunden (B13–14 275). habe. Ich lese ihn nicht um ihn zu lesen sondern um an
seiner Brust zu liegen. Er hält mich wie ein Kind auf sei-
Aus einem solchen Bedürfnis nach ›Blutsverwand- nem linken Arm. Ich sitze dort wie ein Mensch auf einer
Statue. Bin zehnmal in Gefahr abzugleiten, beim elften
ten‹ heraus hat Kafka Kierkegaard 1918 erneut gele-
Versuch sitze ich aber fest, habe Sicherheit und große
sen, weil auch dessen Verlobung mit Regine Olsen Übersicht (T 742).
(1822–1904) gescheitert war, so wie eben erst seine
eigene mit Felice Bauer (Anz 2006). Solche metaphorischen Darstellungen von Lektüren
Kafkas Interesse an den Lebensumständen und zeigen, wie Kafka Lektüre in Literatur verwandelt
Krankheiten anderer Autoren war allerdings nicht hat: Das Lesen regt das Schreiben an.
nur psychologisch motiviert. Zwar suchte er immer
wieder in den Biographien großer Autoren nach
Analogien zu seinem eigenen Leben. Doch manche Produktive Lektüren
vorderhand bloß psychologisch aufschlussreichen
Produktive Rezeptionen
Lektüren von Biographien und Autobiographien
sind bei Kafka von einem poetologischen Interesse Poetische Beschreibungen von Lektüren sind von ih-
geleitet. Kennzeichnend für ihn ist, dass er »den lite- rer produktiven Rezeption innerhalb einzelner Texte
rarischen Text ganz eng an die Existenz seines Au- zu unterscheiden. Diese produktiven Rezeptionen
tors gebunden« sah (Anz 1989, 20). Insbesondere in sind jedoch in Kafkas Fall nicht immer leicht aufzu-
seinen Goethe- und Flaubert-Lektüren ist das Inter- spüren. Denn nur selten hat er Bezüge auf andere
esse am Zusammenhang zwischen Kreativität und Texte und Autoren markiert. Zu diesen wenigen
Persönlichkeit deutlich. Ausnahmen gehören seine Parabeln über Odysseus
Neben den psychologisch interessierten gibt es bei und die Sirenen (NSF II, 40 f.), der Max Brod den Ti-
Kafka durchaus auch professionelle Lektüren (zur tel <Das Schweigen der Sirenen> gegeben hat, und
Unterscheidung: Lamping 2006, 12–14). Sie sind zu- die über Don Quijote und Sancho Pansa, die Brod
meist einzelnen Werken wie Shakespeares Hamlet <Die Wahrheit über Sancho Pansa> genannt hat
(29.9.1915; T 756), Dostojewski (20.12.1914; T 711) (NSF II, 38). Ansonsten sind die Bezüge in der Regel
Kafkas Lektüren 33

unmarkiert. Kafka hat sich alles in allem auch nicht Welche Bedeutung er für Kafka erlangt hat, ist seit
oft zu seinen produktiven Lektüren geäußert (vgl. langem bekannt (vgl. etwa Nagel 1977). Seit seiner
etwa die einschlägigen Bemerkungen und Hinweise Schulzeit hat Kafka ihn immer wieder gelesen. Er
in der Sammlung der Selbstdeutungen, s. u. ›Materi- besaß verschiedene Werke Goethes, darunter drei
alien‹). Charakteristisch für ihn sind versteckte oder Bände der von Karl Goedeke bei Cotta verantworte-
verdeckte Rezeptionen, weniger Zitate oder einfache ten Sämtlichen Werke, die sechsbändige im Insel Ver-
Übernahmen als ästhetische Transformationen. lag erschienene Ausgabe Der junge Goethe, vier
Produktive Rezeptionen dieser Art zu ermitteln Bände der von Eduard von der Hellen besorgten Edi-
ist methodisch schwierig. Viele einschlägige Arbei- tion Goethes Briefe, schließlich wohl auch die vier-
ten, die ihnen gewidmet sind, sind mehr oder weni- bändige, von Biedermann herausgegebene Ausgabe
ger spekulativ, wie es etwa häufig gegen Bert Nagels Goethes Gespräche sowie Eckermanns Gespräche mit
Monographie vorgebracht worden ist (Nagel 1983). Goethe. Durch Aufzeichnungen dokumentiert sind,
Oft fehlen Beweise und Belege für angebliche inter- neben den Lektüren der Tagebücher und Briefe, ins-
textuelle Bezugnahmen. Die Behauptung solcher Be- besondere die verschiedener Gedichte und Epen wie
züge kann dann nur mehr oder weniger große Plau- Hermann und Dorothea, der Romane, zumal des
sibilität für sich beanspruchen. In einigen Fällen ist Werther, der Iphigenie, des Faust und von Dichtung
jedoch der Abgleich mit Kafkas Bibliothek und den und Wahrheit.
Erwähnungen von ihm offenbar bekannten Autoren Bedeutsam sind die Goethe-Lektüren nicht nur
und Werken hilfreich. durch ihre große Zahl und Dauer. Kafka hat bezeich-
nenderweise auch in Krisenzeiten Goethe gelesen.
Zwei Vorbilder »1911 und 1912, die Jahre seiner Selbstfindung als
Schriftsteller, waren zugleich Jahre intensiven Goe-
Die Reihe der Autoren, die Kafka produktiv rezipiert thestudiums« (Nagel 1983, 170). Das ist kein Zufall;
hat, ist insgesamt überschaubar (vgl. dazu die Aus- denn Kafka hat Goethe vor allem als Inbegriff des
wahlbibliographie von Kraus). Aus der deutschen kreativen Künstlers verehrt. In diesem Sinn zitierte
Literatur sind vor allem Johann Wolfgang Goethe, er ihn etwa am 8. November 1912 in seinem Tage-
Franz Grillparzer, E.T.A. Hoffmann und Heinrich buch: »Goethe: meine Lust am Hervorbringen war
von Kleist zu nennen, aus der französischen vor al- grenzenlos« (T 374).
lem Gustave Flaubert, aus der englischen Jonathan Ausdruck von Kafkas Goethe-Verehrung waren
Swift und Charles Dickens, aus der spanischen auch die beiden Reisen, die er auf dessen Spuren un-
Miguel de Cervantes, aus der skandinavischen Søren ternommen hat: 1909 zum Gardasee und 1912 nach
Kierkegaard, August Strindberg und Knut Hamsun, Weimar, jeweils zusammen mit Brod. Vor allem über
aus der tschechischen Božena Němcová, aus der rus- die Reise nach Weimar hat Brod ausführlich berich-
sischen Nikolai Gogol, Fedor M. Dostojewski und tet: »Kafka mit Andacht über Goethe sprechen zu
Leo Tolstoi. hören, – das war etwas ganz Besonderes; es war als
Kafkas Lektüren einzelner Autoren lassen sich an spreche ein Kind von seinem Ahnherrn, der in
zwei Beispielen verdeutlichen, denen er selbst be- glücklicheren, reineren Zeiten und in unmittelbarer
sondere Bedeutung beigemessen hat: Goethe und Berührung mit dem Göttlichen gelebt habe« (Brod,
Flaubert. Sie gehören zu seinen erklärten »Vorbil- 108).
dern«, wie Stach festgestellt hat: »Goethes univer- Bei aller Verehrung war Kafkas Verhältnis zu Goe-
selle Produktivität und Flauberts raffinierte Schlicht- the nicht unkritisch. 1912 erwähnt er im Tagebuch
heit, das war das Maß aller Dinge« (Stach, 72). einmal den »Plan eines Aufsatzes ›Goethes entsetz-
Dennoch ist sein Verhältnis zu ihnen von unter- liches Wesen‹« (31.1.1912; T 367), der allerdings
schiedlicher, dabei aber für ihn kennzeichnender nie zustande gekommen ist. Kafkas Kritik an Goethe
Art gewesen. ist aus einzelnen Aufzeichnungen zu rekonstruieren.
So hat er etwa die »offen fehlerhaften Stellen«
(16.11.1910; T 126 f.) in der Iphigenie erwähnt und
Goethe
sich am 25. Dezember 1911 notiert: »Goethe hält
Nach dem immer wieder zitierten Max Brod ist der durch die Macht seiner Werke die Entwicklung der
von Kafka am häufigsten in Briefen oder Tagebuch- deutschen Sprache wahrscheinlich zurück« (T 318).
Aufzeichnungen erwähnte Autor tatsächlich Goethe. Diese viel beachtete Bemerkung, die man auch als
34 2. Einflüsse und Kontexte

Ausdruck eines Modernitäts-Bewusstseins lesen lesen, und schenkt ihr die Éducation sentimentale. In
kann, das den Bruch mit der Tradition sucht, hat Rit- den Tagebüchern finden sich nach 1912 Aufzeich-
chie Robertson so interpretiert: nungen zu Flauberts Briefe über seine Werke, Bou-
[Kafka] hielt Goethes Bedeutung für so überragend, daß vard et Pécuchet und der Éducation sentimentale. Be-
sie die weitere Entwicklung der deutschen Literatur zum sessen hat Kafka außerdem Madame Bovary in der
Stillstand brachte. Das schließt selbstverständlich ein, Übersetzung von René Schickele. Dass er zudem die
daß Kafkas eigene literarische Arbeiten von Goethe Drei Erzählungen in der Übersetzung Ernst Hardts,
schon vorweggenommen waren und daß er sich als
Salammbô, La tentation du St. Antoine und schließ-
Schriftsteller nur in einer literarischen Tradition entwi-
ckeln konnte, in der es keinen Goethe gab (Robertson lich die Tagebücher gekannt hat, lässt sich aus ver-
1988, 40). schiedenen Briefen, etwa an Felice Bauer, schließen.
Das Interesse, das Kafka an den Lebensumständen
Mit dieser Einschätzung mag zusammenhängen, Flauberts nahm, ist immer wieder betont worden,
dass sich in seinem Werk kaum Spuren einer pro- seit Max Brod berichtet hat, dass sie beide sich »in
duktiven Rezeption Goethes finden. Die Ähnlichkei- das Studium der Werke und der Briefe Flauberts, der
ten, auf die gelegentlich hingewiesen worden ist, Memoiren seiner Nichte und alles Biographischen
etwa zwischen K. und Faust − »Beide erstreben ein vertieften, das mit dem verehrten Mann zusammen-
unerreichbares Ziel, beide lassen gefühllos die Frauen hing« (Brod 1976, 232). So hat etwa Hartmut Binder
im Stich (Frieda, Gretchen)« (Robertson 1988, 306) über René Dumesnils Flaubert-Biographie (Flau-
− sind durchweg typologischer Art. Dazu gehört bert. Son hérédité – son milieu – sa méthode. Paris
auch die oft zu findende Charakterisierung des Ver- 1906), die Kafka intensiv gelesen und später Max
schollenen als Bildungsroman in der Nachfolge von Brod geschenkt hat, gesagt, dass sie Kafkas Eigenart
Wilhelm Meisters Lehrjahre (vgl. etwa Neumann). entgegengekommen sei, »eigene und fremde Werke
Dass Kafkas lange und intensive Goethe-Lektüre stets autobiographisch« zu verstehen, »also als Aus-
nicht so viele Spuren in seinen Texten hinterlassen druck der Lebensprobleme, mit denen der jeweilige
hat, wie man annehmen könnte, mag vor allem einen Schriftsteller zu kämpfen hatte« (Binder 1984, 282).
Grund haben: So sehr Kafka Goethe verehrte, so sehr Kafka hat bei Flaubert tatsächlich einige vergleich-
war er offenbar auch bemüht, ihn aus dem eigenen bare Lebensprobleme erkannt, insbesondere die
Werk herauszulassen, aus Angst, von diesem großen Junggesellenexistenz und die damit verbundene Ein-
Vorbild gleichfalls gelähmt zu werden. stellung zur Schriftstellerei als Beruf und zur Ehe.
Nach Monika Kühne gibt es zwei Phasen intensi-
ver Flaubert-Lektüren bei Kafka. Die eine ist die Zeit
Flaubert
von Kafkas Verlobung mit Felice Bauer, der er die
Komplexer noch als Kafkas Verhältnis zu Goethe Éducation sentimentale zur Lektüre empfiehlt und
stellt sich das zu Gustave Flaubert dar, das von einer ihr bedeutet, wie sehr er sich die »ambivalente Hal-
ähnlich tiefen Verehrung bestimmt war, die auch tung des Flaubertschen Protagonisten gegenüber der
von einigen Freunden, allen voran Max Brod, bestä- Geliebten« (Kühne, 299) zu eigen gemacht habe.
tigt worden ist. Wann Kafka begonnen hat, Flaubert Später führt Felice diese Kommunikation »ambiva-
zu lesen, ist allerdings nicht mehr genau festzustel- lenter Botschaften« (313) ihrerseits mit Salammbô
len. Klaus Wagenbach hat die Anfänge dieser Be- fort, die sie Kafka im Mai 1915 schenkt. Kühne be-
schäftigung in die Studienzeit verlegt, als Teil der trachtet dabei Flauberts Korrespondenz mit Louis
französischen Lektüren, die Kafka während dieser Colet als »Modell, wenn nicht gar als Anregung für
Jahre mit Max Brod pflegte (Wagenbach, 159). In Kafkas Briefwechsel mit Felice« (313).
seinen Tagebüchern erwähnt Kafka Flaubert das Die zweite Phase einer intensiven Flaubert-Lektüre
erste Mal 1912: »Flaubert zufrieden vorgelesen« fällt in den Winter 1916/17, in dem Kafka sich selbst
(16.3.1912; T 409). Das erste Zeugnis einer Flaubert- in einer Schreibkrise sah. Bei seinem Versuch, sie zu
Lektüre ist jedoch ein Brief von 1904 an Max Brod, überwinden, orientierte er sich an Flaubert, der seine
in dem im Übrigen auch Goethes Werther Erwäh- eigene Schreibkrise dadurch bewältigt hatte, dass er
nung findet (vermutl. vor 28.8.1904; B00–12 38). sich eine Novelle statt des Romans vornahm: La lé-
Vor allem in seinen Briefen an Felice Bauer kommt gende de Saint Julien l’hospitalier. Nach Kühne folgte
Kafka immer wieder auf Flaubert zu sprechen. Er er- Kafka diesem Vorbild, indem er die Erzählungen
muntert, ja drängt sie geradezu, den Franzosen zu schrieb, die er in dem Band Ein Landarzt sammelte.
Kafkas Lektüren 35

Spuren einer produktiven Rezeption Flauberts im Ein Beispieltext: Produktive Rezeptionen


Werk Kafkas sind nicht leicht zu identifizieren, aber in Der Verschollene
gleichwohl vorhanden, wenn auch an keiner Stelle
markiert. Mit Recht ist jedoch darauf hingewiesen Dass Kafka nicht nur in seinen Erzählungen, son-
worden, dass die Junggesellen-Thematik etwa in dern auch in seinen Romanen Lektüren verarbeitet
Das Unglück des Junggesellen oder in <Blumfeld, ein hat, ist Konsens der Forschung. Allerdings gibt es
älterer Junggeselle> auch – wenngleich sicher nicht manchen Dissens darüber, welche Texte er jeweils
nur – mit Kafkas Flaubert-Lektüre in Verbindung produktiv rezipiert hat. So hat Robertson etwa Kaf-
gebracht werden kann (Schmeling, 15). Das gilt noch kas Lektüre von Dostojewskis Schuld und Sühne eine
mehr für das Fragment <Forschungen eines Hundes>, ähnliche Bedeutung für die Entstehung des Process
das einige Motiv-Parallelen zu Bouvard et Pécuchet zugeschrieben, wie sie die Beschäftigung mit Di-
aufweist und sich gleichfalls als Kritik moderner ckens für den Verschollenen gehabt hat: Kafkas »Ant-
Wissenschaftsgläubigkeit lesen lässt. wort« auf Dostojewski habe darin gelegen, »einen
Nachdem zunächst Kafkas produktive Flaubert- Roman derselben Art zu schreiben, wie er ja auch
Rezeption nur für das frühe Werk, etwa für Hoch- Dickens eine Antwort gegeben hatte, indem er einen
zeitsvorbereitungen auf dem Lande nachgewiesen ›Dickens-Roman‹ schrieb – eben Der Verschollene«
worden ist (vgl. etwa Bernheimer), hat Monika (Robertson 1988, 124).
Kühne solche Aneignungen auch im späten Werk Für Das Schloss sind gleich unterschiedliche litera-
aufgespürt. »Die entscheidende Auseinandersetzung rische Bezüge diskutiert worden. Malcolm Pasley hat
mit dem französischen Autor«, behauptet sie, »hat als ›Inspirationsquellen‹ für Kafkas »Schloß-Bild«
ihren Niederschlag in den Texten des Prosabandes Schriften u. a. von Schopenhauer, Comenius und Sa-
Ein Landarzt gefunden« (Kühne, 294), außer in der lomon Maimon, die von Micha Josef bin Gorion be-
Titelgeschichte etwa in Schakale und Araber. Dabei arbeiteten Sagen der Juden (5 Bde., Frankfurt/M.
handelt es sich zumeist um Motive wie die Wunde in 1913–27) und Heinrich von Kleists Novelle Michael
Ein Landarzt oder die Tiere in Schakale und Araber, Kohlhaas genannt (Pasley, 7–20). Peter-André Alt
die die Tötung anderer Tiere rächen wollen. Bezugs- hat auf Bezüge zur zeitgenössischen Literatur ver-
text ist dabei jeweils La légende de Saint Julien l’hos- wiesen, etwa zu Ernst Weiß’ Roman Tiere in Ketten
pitalier. oder zu Božena Němcovàs Roman Babička (Alt,
Doch nicht nur thematische und motivische, auch 591 ff.). Robertson hat auf die zahlreichen Verbin-
stilistische Übernahmen Kafkas sind von der For- dungen zur jüdischen Literatur, vom Hohenlied Salo-
schung herausgearbeitet worden. So hat Ritchie Ro- monis bis zu Joseph Lateiners Der Meschumed, auf-
bertson, eine Argumentation Malcolm Pasleys auf- merksam gemacht (Robertson 1988, 344). Dass das
greifend, darauf hingewiesen, dass Kafka das »Ideal Schloss ein prominentes Motiv der europäischen
der präzisen, genauen Beschreibung von Flaubert Schauerliteratur von Horace Walpoles The Castle of
übernommen« habe, »insbesondere von dessen frü- Otranto bis zu Bram Stokers Dracula ist, hat Michael
hen Reisebeschreibungen« (Robertson 1988, 80), Müller (Müller, 253–259) nachgewiesen.
und ihm nicht nur im Verschollenen, sondern auch Besonders aufschlussreich in ihrer Komplexität
in den Tagebüchern nachgeeifert habe. sind jedoch die produktiven Rezeptionen in Kafkas
Manfred Schmeling hat schließlich Verbindungen erstem Roman Der Verschollene. Wenn man ihn vor
zwischen der »Erzählhaltung« (Schmeling, 120) der dem Hintergrund von Kafkas Lektüren betrachtet,
beiden Autoren hergestellt: »Die Modernität Flau- erscheint er nicht nur, wie die beiden anderen Ro-
berts, die Kafkas Romane formal – und was die Lei- mane auch, als ein dichtes Gewebe intertextueller
denssituation und Ausweglosigkeit der Helden be- Bezüge. Er lässt auch unterschiedliche Arten der
trifft auch konzeptuell – fortschreiben, versteht sich Lektüre-Verarbeitung erkennen, die gleichermaßen
auch vor dem Hintergrund der Überwindung der literarischen wie nicht-literarischen Texten gelten
Auffassung, der Erzähler sei dazu aufgerufen, die er- und die in ihrer Gesamtheit typisch für die produkti-
zählte Wirklichkeit reflektierend zu überspannen« ven Rezeptionen Kafkas sind.
(123). Kafka habe diese Haltung »auf noch konse- Schon Heinz Politzer hat behauptet, dass die »Em-
quentere Weise im Process und im Schloss fortgesetzt: pirie« im Verschollenen »eine Wirklichkeit zweiter
Verengung der Perspektive, Abbildung der Außen- Hand« sei (Politzer, 185). Er hat dabei gleich meh-
welt in den Augen des Helden« (123). rere literarische Quellen benannt:
36 2. Einflüsse und Kontexte

Neben Dickens’ David Copperfield kommen Benjamin mentale Flauberts«. Von der »Handlungsführung«
Franklins Autobiography, der Anfang von Edgar Allan
Poes The Narrative of Arthur Gordon Pym und Kapitel
her sei Der Verschollene schließlich eine »Kontrafak-
aus Ferdinand Kürnbergers Der Amerikamüde als Quel- tur des klassischen Bildungsromans« (Alt, 357) nach
len in Betracht. Auch Arthur Holitschers Reiseerlebnisse dem Modell von Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre.
Amerika – heute und morgen mögen Stimmungswerte Auf diese Verbindung hat vor Alt bereits Gerhard
beigetragen haben, zumal das Buch im Jahre 1912 er- Neumann hingewiesen (Neumann 1985). Der Begriff
schienen war (185).
der Kontrafaktur ist hier allerdings nicht glücklich ge-
Diese Liste hat Ritchie Robertson als spekulativ kri- wählt; doch von einer »negativen Bildungsgeschichte«
tisiert (Robertson 1988, 66). Sicher ist lediglich, dass (Alt, 359) zu sprechen, wie Alt das an anderer Stelle
Kafka David Copperfield, und wahrscheinlich, dass tut, ist inzwischen geradezu üblich geworden.
er Arthur Holitschers Reisebericht gekannt hat, Unabhängig davon, welche Lektüre im Einzelnen
ebenso wie Franklins Jugenderinnerungen, die er nachweisbar ist, hat sich in der Forschung die An-
wohl einmal besessen hat, allerdings erst in späteren sicht durchgesetzt, Kafkas Amerika sei ein »erlese-
Jahren. Für seine Beschäftigung mit Poe und Kürn- nes Amerika« (Alt, 347; vgl. außerdem Frick). Das
berger hingegen gibt es keine Zeugnisse. mag insofern schwer zu widerlegen sein, als Kafka
Viel Aufmerksamkeit gefunden hat Kafkas Tage- die Vereinigten Staaten nie selbst kennengelernt hat.
buch-Aufzeichnung vom 8. Oktober 1917, in der es Robertson hat jedoch behauptet, dass Kafkas »Inter-
heißt: esse an Amerika« bloß »zu einem geringen Teil aus
»Der Heizer« glatte Dickensnachahmung, noch mehr der der Beschäftigung mit fiktiver Literatur« herrührte,
geplante Roman. Koffergeschichte, der Beglückende und vielmehr »im wesentlichen« zurückgehe »auf per-
Bezaubernde, die niedrigen Arbeiten, die Geliebte auf sönliche Kontakte und Sachberichte« (Robertson
dem Landgut die schmutzigen Häuser u. a. vor allem aber 1988, 67). Auch Alt hat ähnlich bemerkt, dass Kafka
die Methode. Meine Absicht war wie ich jetzt sehe einen
ebenfalls aus dem »Familienmythos« als Quelle ge-
Dickensroman zu schreiben, nur bereichert um die
schärferen Lichter, die ich der Zeit entnommen und die schöpft habe: »Mehrere Cousins der väterlichen Li-
mattern, die ich aus mir selbst aufgesteckt hätte (T 841). nie hatten um die Jahrhundertwende Europa verlas-
sen und sich in den Vereinigten Staaten etabliert«
Dies ist eine der wenigen Bemerkungen Kafkas, die (Alt, 354).
belegen, wie sehr er selbst literarischen Mustern
folgte, ohne dies allerdings in den Texten zu markie-
ren. Forschung
Die »Abhängigkeit des Verschollenen von Di-
ckens« über das Motiv des verlorenen Koffers hinaus Eine theoretisch und methodisch überzeugende Ge-
hat Binder auch noch für weitere Motive und »Er- samtdarstellung der Lektüren Kafkas steht noch aus.
zählelemente« (Binder 1977, 56) behauptet. Die Di- Bert Nagels 1983 publizierte umfangreiche Mono-
ckens-Bezüge sind nicht die einzigen, die er erkannt graphie Kafka und die Weltliteratur ist trotz zahlrei-
hat. Neben Werken von Moses Richter und Morris cher Hinweise durch ihren Hang zu insbesondere
Rosenfeld, deren »Thematik sich ebenfalls mit dem psychologischen Spekulationen grundsätzlicher Kri-
Amerika-Roman berührt« (55), hat Binder auch tik ausgesetzt. Einen neuen Versuch, Kafkas Lektü-
deutliche Parallelen zwischen dem 8. Kapitel von ren wie die Rezeption seines Werks durch andere
Kafkas Roman-Fragment und dem 8. von Madame Autoren auf der Grundlage eines stärker philologi-
Bovary, der berühmten Beschreibung der Landwirt- schen Begriffs von Intertextualität zu beschreiben,
schaftsmesse, gesehen. stellt der 2006 erschienene, von Manfred Engel und
Bedenkenswert ist dieser Hinweis auch deshalb, Dieter Lamping herausgegebene Sammelband Franz
weil die literarische Reihe, in der Der Verschollene Kafka und die Weltliteratur dar, der auch eine Aus-
steht, mit den Kafka bekannten und von ihm gelese- wahlbibliographie neuerer Forschungsarbeiten zu
nen Amerika-Büchern allein nicht vollständig ist. einzelnen Bezügen enthält.
Dass neben Dickens insbesondere Flaubert als stilisti-
sche und strukturelle Referenz auch in diesem Fall in Materialien: Franz Kafka: Der Dichter über sein Werk.
Frage kommt, hat Peter-André Alt behauptet. »Die Hg. v. Erich Heller u. Joachim Beug. München 1977. –
Erzähldiktion des Verschollenen folgt« nach Alt »dem Herbert Blank (Hg.): »In K.s Bibliothek«. Werke der
von Kafka bewunderten Modell der Éducation senti- Weltliteratur und Geschichte in der Edition, wie K. sie
Der ›Prager Kreis‹ und die deutsche Literatur in Prag zu Kafkas Zeit 37

besaß oder kannte, kommentiert mit Zitaten aus seinen


Briefen und Tagebüchern. Stuttgart 2001.
2.2 Der ›Prager Kreis‹
Bibliographie: Esther Kraus: Auswahlbibliographie. und die deutsche
In: Engel/Lamping (2006), 351–378.
Forschung allgemein: P.-A. Alt (2005). − T. Anz Literatur in Prag zu
(1989). − H.L. Arnold (1994). − W.H. Auden: The Wan-
dering Jew. In. Ders.: Prose and Travel Books in Prose Kafkas Zeit
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G. Baioni (1994). − Evelyn Torton Beck: K.s ›Durch-
bruch‹. Der Einfluß des jiddischen Theaters auf sein
Prag als narrativer Raum
Schaffen. In: Basis 1 (1970), 204–223. − H. Binder
Auch daß wir keinen Lehrer und kein Programm hatten,
(1976). – H. Binder (1977 [1975]). − Ders.: Leben und habe ich schon hervorgehoben. Es sei denn, daß man
Persönlichkeit F.K.s. In: KHb (1979) I, 103–584. − Ders.: Prag selber, die Stadt, ihre Menschen, ihre Geschichte,
Zu K.s Flaubert-Lektüre. In: Hans-Henrik Krum- ihre schöne nahe und fernere Umgebung, die Wälder die
macher/Fritz Martini/Walter Müller-Seidel (Hg.): Zeit Dörfer, die wir eifrig in Fußmärschen durchwanderten,
der Moderne. Zur deutschen Literatur von der Jahrhun- als unseren Lehrer und unser Programm ansehen will.
dertwende bis zur Gegenwart. Stuttgart 1984, 281–299. Die Stadt mit ihren Kämpfen, ihren drei Völkern, ihren
messianischen Hoffnungen in vielen Herzen (Brod 1966,
− J. Born (1990). − M. Brod (1976 [1966]). − Stanley
137).
Corngold: K.: The Radical Modernist. In: Graham Bar-
tram (Hg.): The Cambridge Companion to the Modern In Max Brods Portrait jener literarischen Gruppie-
German Novel. Cambridge u. a. 2004, 62–76. − Man- rung, die er als den ›Prager Kreis‹ bezeichnet und zu
fred Engel/Dieter Lamping (Hg.): F.K. und die Weltlite- dessen innerstem Kern er die Treffen der vier
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Ders. u. a. (Hg.): Orte der Literatur. Göttingen 2002, rechnet, wird erwähnt, was für die gesamte Prager
266–294. − Gerald Gillespie: Proust, Mann, Joyce in the deutsche Literatur der Moderne als charakteristisch
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angesehen werden kann: die Inselsituation der Drei-
ger (1987). − D. Lamping (1998). − Ders.: F.K. als Autor
völkerstadt Prag – Zentrum der böhmischen Pro-
der Weltliteratur. Einführung. In: Engel/Lamping
(2006), 9–23. − Michael Müller: Das Schloß. In: M. Mül-
vinz der alten österreichischen Donaumonarchie –
ler (1994), 253–283. − Bert Nagel: K. und die Weltlitera- im nationalen, kulturhistorischen und literaturge-
tur. Zusammenhänge und Wechselwirkungen. Mün- schichtlichen Kontext. Diese bedingte wesentlich,
chen 1983. − Gerhard Neumann: Der Wanderer und dass Prag zu einem narrativen Raum werden konnte,
der Verschollene. Zum Problem der Identität in Goe- zu einer Matrix für literarische Produktion und In-
thes Wilhelm Meister und K.s Amerika-Roman. In: teraktion zwischen den Kulturen.
Stern/White (1985), 43–65. − M. Pasley (1995). − Insular war die deutsche Literatur in Prag schon in
H. Politzer (1965). − R. Robertson (1988). − Ders.: Der soziokultureller Hinsicht. Sie wurde es im Zuge der
Prozeß. In: M. Müller (1994), 98–145. − Ders.: K. und aufkommenden tschechischen Nationalisierung seit
die skandinavische Moderne. In: Engel/Lamping (2006), der Mitte des 19. Jahrhunderts, verstärkt noch durch
144–165. − J. Schillemeit (2004). − R. Stach (2002). − die industrielle Revolution, in deren Zuge sich tsche-
R. Stach (2008). – K. Wagenbach (1958). chische Arbeiter vor allem in den Vororten Prags an-
Zu einzelnen Autoren: Flaubert: Charles Bernheimer: siedelten, während der Stadtkern deutsch bzw.
Flaubert and K. Studies in Psychopoetic Structure. New deutsch-jüdisch war. So wurde im Zentrum Prags
Haven, London 1982. – Monika Kühne: »Es geht in ei- bis zu Kafkas Jugend mehrheitlich deutsch gespro-
nen über, sei man wie man sei«. K. als Leser Flauberts.
chen, in der übrigen Stadt sowie in der böhmischen
In: Archiv 149 (1997) 234, 293–313. − Klaus Pape:
Provinz (ausgenommen die sudetendeutschen Ge-
Sprachkunst und Kunstsprache bei Flaubert und K. St.
Ingbert 1996. – Manfred Schmeling: K. und Flaubert.
biete) vorwiegend tschechisch. Diese für die Prager
Perspektive, Wirklichkeit, Welterzeugung. In: Engel/ deutsche Literatur charakteristische Inselsituation
Lamping (2006), 109–124. −− Goethe: Bert Nagel: K. wurde mit dem Durchbruch der tschechischen Nati-
und Goethe. Stufen der Wandlung von der Klassik zur onalisierungsbewegung um den Ersten Weltkrieg
Moderne. Berlin 1977. −− Kierkegaard: Thomas Anz: noch weiter radikalisiert. Aus einer überwiegend
Identifikation und Abscheu. K. liest Kierkegaard. In: deutschen Stadt (1850 betrug der Anteil der Deut-
Engel/Lamping (2006), 83–91. schen zwei Drittel) wurde eine tschechische: Nach
Dieter Lamping dem Krieg und der Gründung der tschechoslowaki-
38 2. Einflüsse und Kontexte

schen Republik 1919 bildeten die Deutschsprechen- Substitut des großen, menschenverbindenden Bau-
den eine Minderheit von etwa 32.000 Personen, wo- werks entsteht so bei Kafka eine in sich zerstrittene
von mehr als die Hälfte Juden waren. Es war dies Stadt, eine disharmonische Gemeinschaft von ge-
eine Lage, die die deutschen Schriftsteller Prags von geneinander intrigierenden ›Landsmannschaften‹.
Fritz Mauthner (1849–1923) über Rilke bis hin zu Das universale, kosmopolitische Projekt (wie es
Brod, Franz Werfel (1890–1945) und Kafka unmit- gerade auch in Prag seine Apologeten hatte, ä 40)
telbar bestimmte und die sie auch vielfach und kon- scheitert in Kafkas Text an partikularen, individuel-
trovers thematisierten. Im Spannungsfeld von natio- len Interessen. So entsteht hier eine Stadt gerade
nalen, sozialen und religiösen Beziehungen inner- auch durch das Gegeneinander-Arbeiten der einzel-
halb der Monarchie entwickelte sich in Prag eine nen Landsmannschaften. Im kollektiven literari-
deutsche bzw. vorzugsweise deutsch-jüdische Litera- schen Unterbewusstsein jedoch dämmert der
tur und Kunst von Weltgeltung. Wunsch nach einer alles bereinigenden Ver-
Ausgehend von Kafkas Charakteristik ›kleiner Li- nichtungstat:
teraturen‹ (T 312–315, 321 f., 326; ä 138–140) haben Alles was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstan-
Gilles Deleuze und Félix Guattari in ihrer wegwei- den ist, ist erfüllt von der Sehnsucht nach einem prophe-
senden Schrift Kafka. Pour une littérature mineure zeiten Tag, an welchem die Stadt von einer Riesenfaust
(1975; dt. 1976) Bedingungen für eine Literatur for- in fünf kurz aufeinander folgenden Schlägen zerschmet-
tert werden wird. Deshalb hat auch die Stadt die Faust
muliert, die in einer kleinen isolierten Sprachge-
im Wappen (NSF II, 323).
meinschaft entsteht und in der im Gegensatz zu ih-
rer Umwelt die gesprochene Sprache nicht zugleich Als eigentliche Faust hat sich im Nachhinein die Ge-
auch offizielle Landessprache ist: schichte erwiesen. Sie gibt Kafkas literarischer Ver-
Ihr enger Raum bewirkt, daß sich jede individuelle An- nichtungsvision insofern Recht, als die Besetzung
gelegenheit unmittelbar mit der Politik verknüpft. Das Prags durch die Nazis 1938 und die nachfolgende
individuelle Ereignis wird um so notwendiger und un- Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölke-
verzichtbarer, um so mehr unterm Mikroskop vergrö- rung sowie die Vertreibung der übrigen deutschen
ßert, je mehr sich in ihm eine ganze Geschichte abspielt.
So verbindet sich das ödipale Dreieck der Familie mit Bevölkerung nach dem Krieg das alte vielsprachige
anderen, mit den geschäftlichen, ökonomischen, büro- Prag der drei Völker endgültig auslöschten.
kratischen, justiziären Dreiecken, die seine Werte be-
stimmen (Deleuze/Guattari, 25).
Für diese Involvierung des literarischen Schreibens Literatur im Prag der Jahrhundert-
in den kulturpolitischen Kontext, wie ihn Prag bil- wende: Ghettoliteratur, Concordia,
det, kann die Literatur Kafkas als paradigmatisch an- Jung-Prag
gesehen werden, da seine Texte einen permanenten
subtextuellen Diskurs mit jener spezifischen Prager Die moderne Prager deutsche Literatur des späten
Matrix führen (Kilcher 2008). 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist auch in ihrem
An eine textuelle Oberfläche gebracht ist diese insularen und transkulturellen Status keineswegs ho-
auch konfliktuöse Spannung unter anderem in Kaf- mogen. Vielmehr lassen sich höchst unterschiedli-
kas kurzem Text <Das Stadtwappen> (ca. 15.9.1920; che Gruppierungen unterscheiden, die im Vor- und
NSF II, 318 f., 323). Dieser Text ist mit seinen mythi- Umfeld jener Exponenten der Moderne liegen, die
schen und biblischen Anspielungen als eine allegori- Brod als ›Prager Kreis‹ bezeichnete: namentlich die
sche Erzählung der Geschichte der Stadt Prag und sogenannte Ghettoliteratur um die Mitte des 19.
ihrer spezifischen kulturellen Disposition zur Zeit Jahrhunderts, die Schriftsteller im Kontext des Con-
Kafkas zu lesen, wobei das transkulturelle Narrativ cordia-Vereins gegen Ende des 19. Jahrhunderts so-
Prags mit anderen Narrativen wie dem des babyloni- wie die auf diese folgende jüngere Generation um
schen Turmbaus verbunden wird. In Kafkas Text, in 1900, die sich ›Jung-Prag‹ nannte. Literaturge-
dem zunächst der babylonische Turmbau verhandelt schichtlich gehen dem sogenannten ›Prager Kreis‹
wird, geht es um den großen Plan eines idealen Ge- zu Kafkas Zeit damit mehrere Gruppierungen voran,
meinwesens, in dem »jede Landsmannschaft […] die auf sehr unterschiedliche Weise der speziellen
das schönste Quartier« haben wollte, weswegen sich Prager (nämlich eben transkulturellen und zugleich
auch »Streitigkeiten [ergaben], die sich bis zu bluti- insularen) Disposition von Literatur und Kultur an-
gen Kämpfen steigerten« (NSF II, 319). Förmlich als gehören.
Der ›Prager Kreis‹ und die deutsche Literatur in Prag zu Kafkas Zeit 39

(1) Zuerst zu nennen sind die in Prag und Böh- wichtigste Ghettoautor im Prager Kontext. Insbe-
men sehr präsenten Vertreter der sogenannten Ghet- sondere mit seiner Sammlung Prager Ghettosagen
toliteratur. Dieses literarische Paradigma ist ein ent- (1876), die das alte jüdische Prag thematisiert, stellte
scheidender Indikator dafür, dass im 19. Jahrhun- sich Kapper vor eine ganze Gruppe von Prager Ghet-
dert das Deutsche zur wichtigsten Umgangs- und toschriftstellern.
Literatursprache der liberalen Juden Mittel- und Getragen wurde diese Prager Ghettoliteratur nicht
Osteuropas wurde, insbesondere (wenn auch nicht zuletzt durch zwei Verleger: Wolf Pascheles (1814–
ausschließlich) in Metropolen wie Prag. Auch eine 1857) und Jakob Brandeis (1835–1912). Nicht nur
dem Inhalt nach klar ›jüdische‹ Themen anspre- Kappers Ghettosagen erschienen in der von ihnen
chende Literatur wie die Ghettoliteratur wurde in begründeten Jüdischen Universal-Bibliothek. Die bei-
deutscher Sprache verfasst. Historisch wie poetolo- den Prager Verleger verhalfen diesem deutsch-jüdi-
gisch im literarischen Realismus zwischen ca. 1840 schen Literaturparadigma mit einer von Pascheles
und 1900 angesiedelt, ist ihr hauptsächlicher Hand- herausgegebenen zweibändigen Sammlung zu nach-
lungsort allerdings das jüdische ›Shtetl‹, also die Pro- haltiger Wirkung, die auch in Kafkas Bibliothek
vinz, und weniger die westeuropäische Stadt mit ih- stand: Sippurim. Eine Sammlung jüdischer Volkssa-
ren jüdischen Quartieren wie der Josephstadt in gen, Erzählungen, Mythen, Chroniken, Denkwürdig-
Prag, in deren unmittelbarer Nachbarschaft Kafka keiten und Biographien berühmter Juden (1854–70).
aufwuchs. In deren ›Assanation‹ (1893–1917) − ei- (2) Von dieser Gruppe von Ghettoschriftstellern
ner prägenden Erfahrung von Kafkas Generation − unterscheiden sich die Schriftsteller um den 1871
wurde das alte jüdische Ghetto, angeblich aus hygie- gegründeten Verein ›Concordia‹ − mit vollem Na-
nischen Gründen, abgerissen und durch moderne men Verein deutscher Schriftsteller und Künstler in
Geschäftshäuser und breite Straßen ersetzt. Gustav Böhmen Concordia − grundlegend. Wenn auch viel-
Janouch (1903–1968), ein junger Prager Bewunderer fach von jüdischen Schriftstellern getragen, war
Kafkas, insinuiert in einem Gesprächsbericht, dass doch diese Literatur sehr fern vom Judentum. Der
auch Kafka das alte Ghetto vor Augen hatte: Verein gehörte zum Zentralverein der Prager Deut-
In uns leben noch immer die dunklen Winkel, geheim- schen mit dem Namen Deutsches Casino (1862–
nisvollen Gänge, blinden Fenster, schmutzigen Höfe, lär- 1943). Schon diese Zugehörigkeit macht seine Stel-
menden Kneipen und verschlossenen Gasthäuser. Wir lung im böhmischen Nationalitätenkampf deutlich:
gehen durch die breiten Straßen der neuerbauten Stadt. Im Deutschen Casino trafen sich die deutsch-böh-
Doch unsere Schritte und Blicke sind unsicher. Innerlich
mischen Politiker und Intellektuellen, darunter etwa
zittern wir noch so wie in den alten Gassen des Elends.
Unser Herz weiß nichts von der durchgeführten Assa- David Kuh (1818–1879), der Verleger des Tagesboten
nierung. Die ungesunde alte Judenstadt in uns ist viel aus Böhmen, nach Fritz Mauthner, der dem Verein
wirklicher als die hygienische Stadt um uns (Janouch ebenfalls nahestand, einer der größten Verfechter
1968, 116). der ›deutschen Sache in Böhmen‹ (Mauthner, 189).
In den Texten der Ghettoliteratur wird – zwischen Der Concordia-Verein transportierte diese Haltung
realistischer Milieuschilderung, kritischer Darstel- in Literatur und Kunst. Im Zentrum stand die deut-
lung und elegischer Idealisierung – das jüdische Le- sche literarische Klassik seit Goethe und Schiller, die
ben in seiner konfliktreichen Schwellenlage zwi- zur unverrückbaren Norm wurde. Entsprechend kri-
schen Tradition und Moderne, zwischen Osteuropa tisch charakterisierte Brod diese Autoren als »Epigo-
und Westeuropa, zwischen Abgeschlossenheit und nen der Klassik«, mit Blick auf den ›Prager Kreis‹
Bildungsoptimismus durchgespielt. Böhmen bzw. aber auch als »älteren Kreis« (Brod 1966, 43).
Prag war, neben Galizien, ein Zentrum dieser Litera- Eine zentrale Gestalt dieses Vereins war Alfred
tur. Klaar (1848–1927), Organisator der Concordia von
Zu den ersten und maßgeblichen Autoren des 1871 bis 1899, Theaterkritiker der Deutschen Zeitung
Genres gehörten der böhmische Schriftsteller Leo- Bohemia und der eigentliche ›Prager Literaturpapst‹,
pold Kompert (1822–1886), der in Prag studierte, wie ihn Mauthner keineswegs ironisch nannte
und der in Prag geborene Siegfried Kapper (1821– (Mauthner, 188). 1900 charakterisierte Klaar in dem
1879), ein Vermittler zwischen jüdischer, deutscher Aufsatz Das deutsche Prag die Programmatik der
und tschechischer Literatur und − neben Salomon Concordia im kulturpolitischen Umfeld: Die jahr-
Kohn (1873–1945), Joseph Samuel Tauber (1822– hundertealte deutsche Kultur in Böhmen, die durch
1879) und Georg Leopold Weisel (1804–1873) − der den tschechischen Nationalisierungsprozess seit
40 2. Einflüsse und Kontexte

1848 bedroht und marginalisiert werde, solle durch zu seinem lyrischen Programm, das dem Jugendstil
ein weitverzweigtes Netz deutscher Institutionalisie- nahe war. Im Übrigen machte Salus auch biographi-
rungen gerettet werden, auch und gerade durch ei- sche Realien zum literarischen Gegenstand, etwa
nen Verein deutscher Schriftsteller und Künstler. seine Ehe in der Lyriksammlung Ehefrühling (1900)
Als Zweiter zu nennen ist Heinrich Teweles (1856– oder auch das auf dieses Glück folgende Warten auf
1928), Chefredaktor des Prager Tagblatts von 1900 die Geburt eines Sohnes im Trostbüchlein für Kinder-
bis 1920 und Direktor des Prager deutschen Thea- lose (1909).
ters. Den epigonalen Neoklassizismus brachte er auf An Adler und Salus wird beispielhaft deutlich, wie
Formeln wie: »Goethe bedeutet die deutsche Kultur« das Schreiben der Concordia-Schriftsteller auf die
(Teweles, 7). Von besonderer Bedeutung für die deutsch-tschechisch-jüdische Konstellation Prags
Concordia war seine Herausgabe des Prager Dichter- bezogen ist. Denn die hypertrophe Akkulturation an
buchs (1894). Es kann als repräsentativer Einblick in Paradigmen der deutschen Kultur erweist sich nicht
das Schaffen der hier vereinten Schriftsteller gelten. zuletzt als Strategie einer spezifisch jüdischen Mo-
Der Band versammelt Lyrik und Prosa u. a. von Al- derne zwischen zwei Konfliktparteien. So wurden
fred Klaar, Heinrich Teweles, Josef Willomitzer im böhmischen Nationalitätenkonflikt insbesondere
(1849–1900), Hugo Salus und Friedrich Adler. jüdische Intellektuelle zu Apologeten der deutschen
Friedrich Adler (1857–1938) war eine der prägen- Kultur in einem mehr und mehr slawisch bzw. tsche-
den Gestalten im kulturellen Leben des deutschspra- chisch dominierten Umfeld. Nicht zufällig wird
chigen Prag um 1900. Wie Kafka ein promovierter dann auch die zunehmende Infragestellung der Au-
Jurist (und mit ihm bekannt), verlegte er sein Haupt- torität der deutschen Kultur durch die jungtschechi-
interesse in Richtung romanischer und japanischer sche Bewegung für diese Gruppe zur Infragestellung
Sprache und Literatur. An seiner Tätigkeit als Lehr- des Projekts der jüdischen Moderne überhaupt. Pro-
beauftragter für romanische Studien an der Deut- grammatisch heißt es deshalb in Adlers Gedicht Der
schen Universität in Prag und als Dolmetscher für deutsche Jude: »Zu sehr an Dir mit allen Ranken,
die tschechoslowakische Nationalversammlung 1918 hängt meine Seele, deutsches Heim« (Adler, 96). Auf
zeigt sich nicht zuletzt auch ein verändertes Verhält- andere Weise stellt Salus die deutsche und die jüdi-
nis zur tschechischen Kultur. Durch zahlreiche sche Kultur unvermittelbar nebeneinander, wenn er
Übertragungen aus dem Tschechischen, darunter sein vorbehaltloses Bekenntnis zur Norm der deut-
die Werke des mit ihm befreundeten Jaroslav Vrch- schen Klassik durch ein partielles Spiel mit dem Pa-
lický (1853–1912), kam Adler die Rolle eines Litera- radigma der Ghettoliteratur konterkariert, so etwa
turvermittlers zu. Unter seinen Lyrik-Bänden ist ins- in Gedichten wie Altes Ghettoliedchen und Vom ho-
besondere Vom goldenen Kragen (1907) hervorzuhe- hen Rabbi Löw (beide in Ernte, 1903) oder in der
ben, in dem er auch in (selbst-)ironischer Form die ›Ghettogeschichte‹ Die Beschau (1920) − Texte, die
klassizistischen Ideale thematisierte und die Frage sich offenkundig von der Programmatik der Con-
der Rolle des Dichters als »Weltverbesserer« (Adler, cordia entfernten.
32) stellte. (3) Solche Texte rücken in die Nähe einer dritten
Der als Antipode Adlers wahrgenommene Arzt literarischen Gruppierung der Jahre zwischen ca.
und Dichter Hugo Salus (1866–1929) nahm im böh- 1898 und 1910: des sogenannten Jung-Prag, einer
mischen Nationalitätenkampf ebenso wie im Zionis- Gruppe, die das alte Prag – auch und gerade mit sei-
mus dagegen kompromisslos die deutsche Position nem jüdischen Ghetto und seinen vormodernen
ein. Brod zitiert im Prager Kreis ein polemisches Ge- Mythen – idealisierte. Gegen den Neoklassizismus
dicht, das Salus in einer Prager Zeitung veröffent- der Concordia-Schriftsteller stellte sie eine antibür-
lichte, nachdem die Zionisten mit einer eigenen Liste gerliche Neoromantik. Zu dieser Gruppe gehören
in die Stadtratswahlen gingen: Oskar Wiener (1873–1944) und Paul Leppin (1878–
1945), die hier die wichtigste Rolle spielten, sowie
Heute gibt es nur Deutsche!
u. a. Viktor Hadwiger (1878–1911), Leo Heller
Wer nicht deutsch wählt,
Verdient die Peitsche. (Brod 1966, 69) (1876–1949), Ottokar Winicky (1872–1943), Camill
Hoffmann (1878–1944), Oskar Schürer (1892–
Dieser hypertrophe, deutsch-assimilatorische Natio- 1949), aber auch Künstler wie Richard Teschner
nalismus ist jedoch in Salus’ Lyrik wenig prominent. (1879–1948), Hugo Steiner-Prag (1880–1945) sowie
Gerade ästhetische Norm und Einfachheit werden Alfred Kubin (1877–1959), die wiederholt auch die
Der ›Prager Kreis‹ und die deutsche Literatur in Prag zu Kafkas Zeit 41

Bücher der genannten Autoren – oft in bibliophiler Zeitschrift Wir. Deutsche Blätter der Künste folgen,
Ausfertigung – gestalteten. die er gemeinsam mit dem Künstler Richard Tesch-
Die literarischen Vorbilder der Jung-Prager waren ner herausgab. Hier publizierten nicht nur Had-
zwei etwas ältere Prager, die allerdings die Stadt wiger, Wiener, Hoffmann und Rilke, sondern bereits
schon um 1900 verlassen hatten: der junge Rilke so- der junge Brod, dessen erste Publikation Spargel
wie »der geniale Gustav Meyrink« (Brod 1966, 43). (1903) auf Vermittlung von Meyrink zustande kam.
Rilkes literarische Anfänge in Prag dokumentieren Neben diesen Zeitschriften formierten auch Sam-
sein erster Gedichtband Larenopfer (1896), der in ei- melbände das soziale und literarische Profil dieser
nem emphatischen Sinn Prager Stadt-Gedichte ent- Gruppe, die auf die Initiative Oskar Wieners zurück-
hält, sowie seine Zwei Prager Geschichten (1899), die gingen, allerdings teils schon im Rückblick und mit
Rilke nach seinem Weggang aus Prag 1897/98 in idealisierendem Gestus erschienen. 1914 edierte
Berlin verfasste und die die Prager Geschichte zu ih- Wiener gemeinsam mit Johann Pilz einen ›Alma-
rem Gegenstand machen. nach deutscher Dichtung und Kunst aus Böhmen‹
Von noch größerer Vorbildfunktion für das junge unter dem Titel Der Heimat zum Gruss sowie 1919
Prag war der in allen okkulten Wissenschaften expe- die wohl bedeutendste Anthologie dieser Art: Deut-
rimentierende Gustav Meyrink (i.e. Gustav Meyer; sche Dichter aus Prag. Beide gehen jedoch auch über
1868–1932), der Prager-Bürgerschreck des letzten die Generation der Jung-Prager hinaus und ent-
Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts, der wegen Betrugs- halten Texte sowohl der Concordia-Schriftsteller
verdachtes Prag 1902 verließ und ebenfalls nach Mauthner und Adler als auch einer seit ca. 1910 auf-
München ging. Mit seinem Kultroman Der Golem tretenden jüngeren Generation: Brod, Oskar Baum,
(1915) kanonisierte Meyrink die Mythisierung des Paul Kornfeld (1889–1942), Franz Werfel und Jo-
alten Prag und seines jüdischen Ghettos, als es schon hannes Urzidil (1896–1970). Sie vermittelten so ei-
nicht mehr bestand. Nicht nur für die Neuroman- nen übergreifenden Überblick über die deutsche
tiker, sondern noch für Kafkas Generation galt Literatur Prags der Moderne bis hin zum Ende der
Meyrink als großes Vorbild einer antibürgerlichen Donaumonarchie bzw. zur Gründung der tschecho-
Bohème-Literatur. Besonders Brod sah bei seinem slowakischen Republik. Kurz darauf fügte Wiener
›Lieblingsschriftsteller‹ Meyrink seine Anfänge, aber noch die Bände Böhmische Sagen (1919) sowie Alt-
auch in Kafkas Briefen werden dessen Texte erwähnt Prager Guckkasten (1922) hinzu, die eine späte Idea-
(so seine Sammlung von sieben Geschichten mit lisierung des alten ›romantischen Prag‹ durch einen
dem Titel Fledermäuse von 1916; An G.H. Meyer ehemaligen Jung-Prager leisten. Ähnlich generatio-
[Kurt Wolff Verlag], 10.8.1916; B14–17 199 u. An nenübergreifend und rückblickend waren auch die
den Kurt Wolff Verlag, 19.8.1916; B14–17 208). beiden 1926 und 1927 erschienenen Alt-Prager Al-
Symptomatisch für die nachhaltige Bedeutung manache von Paul Nettl (1889–1972), die ebenfalls
Meyrinks und der Jung-Prager ist nicht zuletzt auch, Texte dreier Generationen versammelten: der Con-
dass die ›Lese- und Redehalle der deutschen Studen- cordia-Gruppe, der Neuromantiker und der Brod/
ten‹ bzw. ihre literarische Sektion, deren Berichter- Werfel-Generation (Brod, Baum, Werfel, Kornfeld).
statter Kafka war, in dessen Studienjahren (1902– Dass allerdings Kafka in all diesen Sammelbänden
1906) Lesungen eben dieser Prager deutschen Auto- fehlte, zeigt, dass er kaum als ›Prager Autor‹ wahrge-
ren abhielt (darunter Texte von Meyrink, Leppin, nommen wurde.
Salus, Wiener). Das charakteristische ästhetische und intellektu-
Die Jung-Prager formierten sich als Gruppierung elle Profil der Jung-Prager war hauptsächlich durch
von Schriftstellern und Künstlern kurz vor der Jahr- eine Reihe individueller Publikationen markiert: Be-
hundertwende. Zwischen März 1900 und April 1901 stimmend waren neben Meyrinks phantastischen
erschien ihr erstes literarisches Organ: die am Ju- und satirischen Texten vor allem Schriften von Lep-
gendstil orientierten ›modernen Flugblätter‹ Früh- pin und Wiener. Leppins Romane Daniel Jesus
ling, als deren Herausgeber Paul Leppin firmierte (1905), in buchkünstlerischer Ausstattung von Ri-
und in denen Autoren wie Camill Hoffmann, Oskar chard Teschner (bzw. 1919 in neuer Ausstattung von
Wiener und Ottokar Winicky vornehmlich Lyrik pu- Alfred Kubin), sowie Severins Gang in die Finsternis
blizierten. Dabei unterstreicht eine Sondernummer (1914) mit dem Untertitel ein Prager Gespensterro-
zu Rilke dessen Bedeutung für die junge Prager Ge- man gehören zu den aufstörendsten Texten der Jung-
neration. 1906 ließ Leppin die nächste literarische Prager, mehr noch als Wieners Gedichte und seine
42 2. Einflüsse und Kontexte

das Prager Nachtleben zelebrierenden Verstiegene dung von vier Autoren, zu der dann später noch ein
Novellen (1907) oder sein Roman Im Prager Dunst- fünfter trat. Diese vier waren: Franz Kafka, Felix
kreis (1919). Weltsch, Oskar Baum und ich. Nach Kafkas Tod kam
Diese Texte machen den Willen der Jung-Prager Ludwig Winder hinzu« (Brod 1966, 39).
zum Neuanfang deutlich: Sie wollten keine Epigonen Damit wird nicht nur die vergleichsweise quanti-
von Schiller und Goethe mehr sein. Neben den Ro- tative Marginalität von Brods ›Prager Kreis‹ deutlich,
mantikern waren vor allem Nietzsche, Baudelaire sondern auch, dass mit seiner Zentralisierung noch
und Freud die Heroen dieser jungen Generation. Sie wenig Aufschluss über die tatsächlichen strukturel-
besangen nicht mehr den bürgerlichen Hafen der len, historischen und programmatischen Kompo-
Ehe, sondern thematisierten eine tabuisierte Sexua- nenten der Prager deutschen Literatur in der Zeit
lität, sie versammelten sich nicht mehr in gesell- von Kafkas Wirken gegeben ist; dieser Kontext ist
schaftlichen Vereinen, sondern in esoterischen Sub- zweifellos größer und disparater, als Brods enger Be-
kulturen, in theosophischen und spiritistischen Zir- griff des ›Prager Kreises‹ suggeriert. Aufschluss über
keln (namentlich um Meyrink und Leppin). Ihre diese Literatur ergibt sich in dreifacher Hinsicht: ers-
Texte führen in die Zone des Phantastischen, Gro- tens über die personelle und soziale Zusammenset-
tesken und Okkulten und zelebrieren Esoterik und zung einschlägiger literarischer und intellektueller
Erotik. Sie zeigen nicht mehr die schönen Prager Gruppierungen, zweitens über deren literaturhisto-
Kirchen und Burgen (wie bei Rilke), sondern verfal- rische Kontextualisierung, drittens über die kultu-
lene Hinterhöfe und modrige Gassen, und nicht relle Stellung dieser Literatur in einer spezifischen,
mehr Ärzte und Advokaten, sondern jüdische Tröd- deutsch-jüdischen Moderne.
ler, verführerische Zigeunermädchen und dekadente
Dandys. Das alte Prag wurde so zur Kulisse eines in Literatursoziologische Perspektive
Mythos und Magie verhüllten Eros. Außerdem
grenzten sich die Jung-Prager auch im Nationalitä- Für die personelle und soziale Struktur ist entschei-
tenkonflikt von ihren Vorgängern ab: Sie provozier- dend, dass der von Brod ›Prager Kreis‹ genannte
ten mit einer demonstrativen Annäherung an die Freundeszirkel keineswegs singulär war, sondern ne-
tschechischen Kollegen. ben weiteren Gruppierungen stand. Die Problematik
dieser selbstbezogenen Wahrnehmung lässt sich
auch an dem Versuch absehen, die Gruppe um Brod
Der ›Prager Kreis‹ und Kafka mit dem Namen ›Arconauten‹ zu verse-
hen − mit der Begründung, diese habe sich ab 1908
Anders als etwa bei ›Jung-Prag‹ handelt es sich bei im Café Arco getroffen, wo es gemäß einem Bonmot
der Bezeichnung ›Prager Kreis‹ um keine historische der Zeit ›brodelt und werfelt und kafkat und kischt‹.
Selbstbezeichnung einer literarischen Gruppe. Viel- In Wahrheit aber trafen sich die vier Freunde Brod,
mehr ist der Begriff wesentlich auf das retrospektive Kafka, Baum und Weltsch, die seit 1901 Studenten
Buch Der Prager Kreis (1966) von Max Brod zurück- der deutschen Universität Prags waren und sich 1902
zuführen, wo er auch den älteren Begriff der ›Prager bis 1904 nach und nach kennenlernten, in diesem
Schule‹ zurückweist. Brod entwirft dort kein unbe- Café nur selten. Vielmehr versammelten sie sich
streitbares konzentrisches Raster der Klassifizierung mehrheitlich in den Wohnungen von Baum oder
der Prager deutschen Literatur: Während ihm sämt- Brod, wo sie ihre Texte vorlasen und diskutierten,
liche vorangehenden Gruppierungen als eine Art wie Felix Weltsch in seinen Erinnerungen be-
Vorläufer erscheinen (als ›Generationen vor dem en- schreibt:
geren Prager Kreis‹), gilt ihm als ›der engere Kreis‹
Wir bildeten damals mit Oskar Baum eine kleine
nur jene Gruppe deutscher, genauer deutsch-jüdi- Gruppe, die viele Jahre hindurch mindestens alle vier-
scher Schriftsteller (die um ca. 1908 die Neuroman- zehn Tage zusammenkam, wobei Oskar Baum, Max
tiker des ›Jung-Prag‹ ablöste), in der er selbst als Brod und seltener Kafka vorlasen, was sie in dieser Zeit
Mentor eine entscheidende Funktion hatte und der geschrieben hatten. Kafka war ein wunderbarer Vorle-
ser, aber auch ein nicht minder guter Zuhörer (Weltsch,
Kafka – wenn auch nicht zu Lebzeiten, so doch ex 76).
post – geradezu weltliterarische Bedeutung verlieh.
Den Begriff ›Prager Kreis‹ verwendet Brod also ganz Weitaus öfter traf sich im Café Arco dagegen ein an-
konkret für die »innige freundschaftliche Verbin- derer, mit dem ersten verbundener Kreis von Schrift-
Der ›Prager Kreis‹ und die deutsche Literatur in Prag zu Kafkas Zeit 43

stellern, die wie Brod das Neustädter deutsche Gym- der Weggang Werfels aus Prag im Herbst 1912, zum
nasium besucht hatten − darunter Franz Werfel, Paul anderen der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Nicht
Kornfeld, Willy Haas (1891–1973), die Brüder Franz wenige Autoren gingen an die Front, kamen (wie
(1892–1917) und Hans Janowitz (1890–1954), Nor- Franz Janowitz) gar dort um, so dass die Gruppe im-
bert Eisler, Rudolf Fuchs (1890–1942), Otto Pick mer kleiner wurde und sich zuletzt im Wesentlichen
(1882–1945) und Ernst Pollak (1886–1947). Werfel auf die vier Freunde Brod, Kafka, Baum und Weltsch
war der wichtigste Kopf der Gruppe im Arco; als er beschränkte.
Prag 1912 nach Leipzig verließ, übernahm Pollak, Mit diesen ineinander verwobenen Gruppierun-
der charismatische ›Dichter ohne Werk‹, diese Posi- gen um Brod und Werfel sind aber noch nicht alle li-
tion. Auch in diesem Kreis wirkte Brod gleicherma- terarischen Kreise Prags zu Kafkas Zeit aufgezählt.
ßen als Mentor, indem er insbesondere jenen ersten Zum einen wären auch jene Schriftsteller zu nennen,
Gedichtband lancierte, mit dem Werfel 1911 zum die zwar in Prag wirkten und mit den Prager Kol-
wichtigsten Protagonisten des entstehenden Expres- legen bekannt waren, jedoch aus Mähren stamm-
sionismus avancierte: Der Weltfreund. Mit diesem ten − etwa Max Zweig (1892–1992), Walter Seidl
sowie den nachfolgenden Gedichtbänden Wir sind (1905–1937), Hermann Grab (1903–1949), Auguste
(1913) und Einander (1915) formulierte Werfel den Hauschner (1850–1924) und Ernst Weiß (1882–1940),
expressionistischen Appell für eine kulturelle und mit dem Kafka zeitweise eine Freundschaft ver-
nationale Grenzen überschreitende Menschheitsver- band.
brüderung. Zum anderen veränderte sich nach dem Ersten
Mit dieser Gruppe verbunden war auch der von Weltkrieg und der Gründung der tschechoslowaki-
Willy Haas geleitete ›Herder-Verein in Prag‹, die Ju- schen Republik die soziale Rolle der Deutschschrei-
gendabteilung der jüdischen Loge des B’nai-Brith in benden erneut, indem sie sich nun unversehens in
Prag. Der auf Haas’ Vorschlag nach Herder, dem einem Land befanden, das Tschechisch zur Natio-
Liebhaber der ›hebräischen Poesie‹, benannte Verein nalsprache erhoben hatte und das Deutsche margi-
veranstaltete Lesungen mit Autoren wie Werfel, nalisierte. Dass etwa Kafka seine Position in der Ver-
Brod, Baum und Kafka, aber auch mit Hugo von sicherung halten und gar verbessern konnte, lag we-
Hofmannsthal. Und er präsentierte sich mit den Her- sentlich auch daran, dass er das Tschechische sehr
der-Blättern (1911/12), in denen u. a. auch Brods gut beherrschte und die amtlichen Schriften recht
und Kafkas gemeinsames Romanfragment Richard mühelos in der neuen Sprache verfassen konnte.
und Samuel erschien − dies neben Beiträgen der zeit- Dennoch restituierte sich in dieser verschärften
genössischen Prager Autoren Werfel, Brod, Baum, Randlage ein Kreis deutschschreibender Schriftstel-
Hugo Bergmann, Haas, Franz und Hans Janowitz, ler, als u. a. Haas und Pick aus dem Militärdienst zu-
aber auch (über Prag hinaus) von Albert Ehrenstein rückkehrten, sowie jüngere Kollegen dazustießen −
(1886–1950), Berthold Viertel (1885–1953), Ernst namentlich Johannes Urzidil (1896–1970), Hermann
Blass (1890–1939) und Kurt Hiller (1885–1972). Ungar (1893–1923), Ludwig Winder (1889–1946)
Die Herder-Blätter sind nicht die einzige Publika- und Franz Carl Weiskopf (1900–1950).
tion geblieben, in der sich der ›Prager Kreis‹ präsen- Neben diesen literarischen Zirkeln der Prager
tierte. Von weitreichender Bedeutung war auch das deutschen Schriftsteller zur Zeit von Kafkas Wirken
von Max Brod herausgegebene ›Jahrbuch für Dicht- sind zudem noch einige nicht primär literarische
kunst‹ Arkadia, das er gemeinsam mit Kafka im Juni Kreise zu nennen, an denen dennoch viele dieser
1912 in Leipzig dem Verleger Kurt Wolff vorgeschla- deutschen und deutsch-jüdischen Intellektuellen
gen hatte. Kurz darauf begann zudem Franz Werfel partizipierten: der philosophische Louvre-Zirkel,
als Lektor bei eben diesem Verlag, was auch zur der theosophische Kreis um Berta Fanta (1865–
Folge hatte, dass dort nicht wenige Prager Autoren 1918) sowie die zionistische Studentenvereinigung
publizierten. Brods Arkadia ist die einzige Sammel- ›Bar-Kochba‹.
publikation von Prager deutschen Autoren, in der Im Louvre-Zirkel, benannt nach dem Treffpunkt
Kafka vertreten war; hier erschien der Erstdruck von im Café Louvre, trafen sich zu Kafkas Studienzeit
Das Urteil − neben Beiträgen von Werfel, Baum, ehemalige Klassenkameraden wie Hugo Bergmann
Brod, den Brüdern Janowitz und Pick. (1883–1975) und Oskar Pollak (1883–1915). In den
Zwei entscheidende Faktoren veränderten das so- Treffen, die Kafka selbst zwischen 1903 und 1906
ziale Gefüge des ›Prager Kreises‹ deutlich: zum einen nur unregelmäßig besuchte, ging es in erster Linie
44 2. Einflüsse und Kontexte

um Franz Brentano (1838–1917), der die Prager Phi- sich auf kulturellem und literarischem Weg mitkon-
losophie zu der Zeit dominierte. Als Brentano-Apo- stituieren müsse (ä 46).
logeten galten namentlich die Philosophieprofesso-
ren Anton Marty (1847–1914) und Christian von Literaturhistorische Perspektive
Ehrenfels (1859–1932), bei denen Kafka als Student
Veranstaltungen besuchte. Der Louvre-Kreis wurde In der Terminologie der deutschen und österreichi-
von Martys Assistenten Oskar Kraus (1872–1942), schen Literaturgeschichte lässt sich die Prager deut-
Alfred Kastil (1874–1950) und Josef Eisenmeier sche Literatur zur Zeit von Kafkas schriftstelleri-
(1871–1926) dominiert. Zu ihm stießen 1903 neben schem Wirken (1907–1924) mit einiger Berechti-
Kafka auch weitere junge deutsch-jüdische Intellek- gung dem Expressionismus zuordnen. Das gilt
tuelle: Bergmann, Brod, Weltsch sowie die philoso- sowohl für den Kreis um Werfel – die Brüder Jano-
phische Autodidaktin Berta Fanta (1866–1918), bei witz, Eisler, Fuchs und Pick – als auch für den Kreis
der die Treffen teils auch stattfanden. Sie begründete um Brod mit Kafka, Baum und Weltsch.
zudem einen eigenen Salon in ihrem Haus, der die Dafür spricht zunächst die historische Lokalisie-
Interessen über die Philosophie hinaus auch in Rich- rung im Vor- und Umfeld des Ersten Weltkriegs, also
tung Parapsychologie und Theosophie (Rudolf Stei- in jenem Jahrzehnt, das gemeinhin als das expressio-
ner, 1861–1925) thematisch ausweitete. Kafka, Brod, nistische bezeichnet wird. Dafür spricht im Weiteren
Weltsch, Baum und insbesondere Bergmann (der auch, dass, wie angesprochen, u. a. mit Werfels Wir
die Tochter des Hauses heiraten sollte) fanden sich sind (1913) epochemachende expressionistische Texte
auch hier ein. Der streng brentanistische Louvre- aus Prag kamen und dass Werfel auch vom Leipziger
Zirkel hingegen war weniger auf ihrer intellektuellen Kurt Wolff Verlag aus – besonders mit der Reihe Der
Wellenlänge, zumal Brod im Oktober 1905 wegen jüngste Tag (einer der wichtigsten expressionistischen
Verdachts einer Brentano-Kritik ausgeschlossen Buchreihen, in der auch Kafkas große Erzählungen
wurde. Das nahmen auch Weltsch und Kafka zum erschienen) – das intellektuelle und literarische Profil
Anlass, sich in der Folge zu absentieren. des Expressionismus wesentlich mitformte. Die Texte
Diese Gruppe fand sich dagegen nach 1910 umso dieser kleinformatigen Serie wurden von Werfel so-
mehr in dem Prager zionistischen Kreis, der zu Kaf- wie von Walter Hasenclever (1890–1940) und Kurt
kas Zeit vor allem eine Studentenbewegung war. Be- Pinthus (1886–1975) ausgewählt.
reits 1893 wurde in Prag unter dem Namen ›Ma- Für die Verbindung mit dem Expressionismus
kabäa‹ der erste jüdisch-nationale Studentenverein spricht sodann auch die inhaltliche und program-
gegründet, aus dem 1899 der Verein Bar-Kochba matische Orientierung der Prager deutschen Litera-
hervorging, die wichtigste zionistische Institution im tur zu Kafkas Zeit. Diese Literatur ist – in aller Kürze
Prag zu Kafkas Zeit. Kafkas engste Freunde spielten gefasst – gezeichnet von einer teilweise geradezu
hier die größte Rolle, allen voran sein langjähriger apokalyptischen Infragestellung des Projektes Mo-
Schulfreund Bergmann (der 1903 Präsident des Bar- derne, das konkret Phänomenen wie Großstadt, Ka-
Kochba wurde und sein führender Kopf war), Hans pitalismus, Staat, Familie und Krieg galt (die noch
Kohn (1891–1971), der Kafkas Texte rezensierte, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts meist apologe-
Friedrich Thieberger (1888–1958) (bei dem Kafka tisch verteidigt wurden). Dieser Moderne hält der
zeitweise Hebräisch lernte), sowie Siegmund Kaznel- Expressionismus – teils ausgehend von kritischen
son (1893–1959), Viktor Kellner (1887–1970) und Theorien wie Psychoanalyse, Marxismus und Zio-
Oskar Epstein (1888–1940). Diese zionistische Stu- nismus – mit idealistischer, wenn nicht utopischer
dentenbewegung war nicht bloß in politischer, son- Geste eine neue, universale Brüderlichkeit entgegen,
dern auch und vor allem in kultureller Hinsicht von eine ›Weltfreundschaft‹, um Werfels programmati-
Bedeutung; sie war wesentlich auch für die For- schen Titel aufzugreifen, jenseits der familiären, so-
mation eines Literaturbegriffs der Prager deutsch- zialen, ökonomischen und politischen Machtord-
jüdischen Schriftsteller verantwortlich. Sie folgten nungen.
darin – freilich auf sehr unterschiedliche Weise – zu Die Prager Literatur zu Kafkas Zeit, nicht zuletzt
wesentlichen Teilen Martin Bubers (1878–1965) kul- auch seine eigenen Texte, lassen sich in der Tat zu ei-
turzionistischem Programm, das dieser in drei be- nem beträchtlichen Teil, wenn auch keinesfalls aus-
rühmten Reden um 1910 in Prag vorgetragen hatte; schließlich, mit solchen expressionistischen Parame-
Buber forderte, dass eine neue jüdische Nationalität tern beschreiben. Abgesehen von Werfels Texten ist
Der ›Prager Kreis‹ und die deutsche Literatur in Prag zu Kafkas Zeit 45

dies etwa bei Kafka namentlich durch die Themati- um Brod und Kafka angesprochen hatte, zeigt sich
sierung von Familienkonstellationen sowie der Posi- daran, dass Brod, Weltsch, Kuh, Gross und Kafka
tion des Einzelnen in gesellschaftlichen Machtkon- nach dieser Bahnfahrt in Brods Wohnung zusam-
stellationen zu erkennen. Das zeigen insbesondere mentrafen, wobei Gross den Plan zu einer Zeitschrift
jene Texte Kafkas, die in der Reihe ›Der jüngste Tag‹ namens Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens
erschienen, so Der Heizer (1912), Die Verwandlung vorstellte, an der nicht nur Kuh und Werfel, sondern
(1915) und Das Urteil (1916) sowie, auch in Kurt auch Kafka mitarbeiten sollte; Letzterem erschien
Wolffs Reihe ›Neue Drugulin-Drucke‹, In der Straf- dieses Projekt sehr »verlockend« (An M. Brod,
kolonie (1919); in derselben Reihe erschienen übri- 14.11.1917; B14–17 364; vgl. auch Brod 1974, 140).
gens auch die im Schützengraben entstandenen Kurz darauf machte auch Anton Kuh in Prag Schlag-
Antikriegsgedichte von Franz Janowitz Auf der Erde zeilen, indem er 1919 in einer Reihe von höchst Auf-
(1919). Die Problemstellungen, die Kafka in diesen sehen erregenden Vorträgen mit dem Titel Juden
frühen Erzählungen entwickelte, lassen sich auf die und Deutsche Gross’ anarchistische Mutterrechts-
höchst unsichere Stellung von Söhnen in familiären vorstellung und Vaterrechtskritik auf das Judentum
wie ökonomisch-gesellschaftlichen Konstellationen übertrug und – gegen die zionistischen Vorstellun-
zusammenfassen: Vater-Mutter-Geschwister-Bezie- gen von Nation und Familie und mit anarchisti-
hungen, Freundschaften, Sexualität und Ehe, Berufs- schem Gestus – das Judentum als eine transnatio-
verhältnisse, gesellschaftliche Machtordnungen. Die- nale, genuin staatenlose und diasporische Gemein-
se Fragen haben auch eine historische Signatur, die schaft forderte. Für diese provozierende Position
den frühen Expressionismus wesentlich leitet (ohne zeigten Felix Weltsch und Max Brod, die sich in
damit Kafka dieser Strömung eindeutig zuordnen zu mehreren Artikeln zu Kuh äußerten, viel Verständ-
wollen). Zwei Titelvorschläge Kafkas für einen Band, nis (vgl. Kuh 2003).
der diese Erzählungen vereinen sollte, unterstrei- Fasst man die Prager Literatur zu Kafkas Zeit un-
chen dies: Die Söhne und Strafen. Dass es sich hier- ter dem Stichwort des Expressionismus, so erhellt
bei um Konstellationen aus der Perspektive von dies nicht zuletzt auch die Position dieser Schriftstel-
›Söhnen‹ handelt bzw. um Vater-Sohn-Konfliktla- ler im böhmischen Nationalitätenkonflikt. So ge-
gen, kann Kafkas erster Vorschlag Die Söhne bestäti- wannen etwa Werfels Appell »Dir, oh Mensch, ver-
gen. Mitte Oktober 1915 und noch im Sommer 1916 wandt zu sein« (An den Leser; Werfel 1953, 10) sowie
erwog Kafka sodann auch Das Urteil, Die Verwand- Gross’ und Kuhs anarchistische Aufrufe gegen Fami-
lung und In der Strafkolonie unter dem Titel Strafen lie und Staat und für eine universalistische Mensch-
in einem Band zusammenzufassen. Auch wenn diese heitsverbrüderung angesichts des nachhaltigen Na-
beiden Erzählbände nie zustande gekommen sind, tionalitätenkonflikts in Prag eine sehr konkrete Be-
wird doch in Kafkas Stichworten ›Söhne‹ und ›Stra- deutung als Überschreitung der Grenzen zwischen
fen‹ ein markanter thematischer und zugleich epo- Juden, Deutschen und Tschechen. In der Tat ver-
chaler Zusammenhang erkennbar. suchten einige der ›Arconauten‹ – im Gegensatz zu
Die zeitgeschichtliche expressionistische Signatur den früheren Generationen – eine Annäherung zwi-
eben dieser Stichworte ›Söhne‹, ›Strafen‹ bestätigt schen den Konfliktparteien auch literarisch umzu-
ein Fall, der wie kein anderer die expressionistische setzen, indem sie etwa als Vermittler und Förderer
Generation, auch in Prag, aufstörte: der Fall Otto der tschechischen Literatur auftraten und dabei ihr
Gross (1877–1920; ä 67–70). Kafka lernte den Psy- eigenes Schreiben in den Hintergrund stellten. Ver-
choanalytiker und sozialrevolutionären Denker mittler zwischen der deutschen und tschechischen
Gross im Sommer 1917 kennen, und zwar auf einer Literatur wurden etwa der sozialrevolutionäre ex-
Bahnfahrt zusammen mit dessen Schwager, dem pressionistische Lyriker Rudolf Fuchs oder der Re-
zwischen Prag und Wien lebenden Schriftsteller und dakteur der Prager Presse Otto Pick, der 1920 den
Journalisten (u. a. des Prager Tagblatts) Anton Kuh Band Tschechische Erzähler und 1922 die Sammlung
(1891–1941), der Gross’ sozialutopische Vorstellun- Deutsche Erzähler aus der Tschechoslowakei edierte
gen auf das Judentum übertrug (Kilcher 2006). Von (mit Beiträgen von Adler, Brod, Baum, Fuchs, Egon
Nietzsche, Bachofen und Freud her argumentierend, Erwin Kisch, Leppin, Musil, Perutz, Rilke, Ungar,
weisen Gross und mit ihm Kuh die Ehe bzw. jegliche Urzidil, Ernst Weiß, Werfel, Winder).
vaterrechtliche Moral- und Machtstrukturen zurück. Dieser literaturhistorischen Verortung des Prager
Wie sehr Gross’ Vorstellung die Prager Schriftsteller Kreises im Expressionismus muss nicht widerspre-
46 2. Einflüsse und Kontexte

chen, dass sich ihr wichtigster Mentor Max Brod relevant machte: die Fundierung der politischen auf
bald davon distanzierte; dies beruhte auch auf per- eine kulturelle, vitalistische Erneuerung des Juden-
sönlichen Gründen, da Brods Kritik des Expressio- tums. Kultur und Literatur erhalten hier eine ent-
nismus hauptsächlich gegen Paul Kornfeld gerichtet scheidende Funktion. So verstand Buber den Zionis-
war (vgl. Brod 1966, 207). mus als eine kämpferisch-schöpferische Bewegung,
Der literaturhistorischen Fokussierung auf den die gegen das seiner Meinung nach unoriginelle,
Expressionismus muss auch nicht widersprechen, unkreative, bürgerlich-assimilierte Buch-Judentum
dass zwischen dem Expressionismus und der voran- des 19. Jahrhunderts ein neues, vitales, gemein-
gehenden neuromantischen Generation um Mey- schaftliches, durch das ›Blut‹ zusammengehaltenes
rink und Leppin engere programmatische wie per- Boden-und-Schwert-Judentum hielt. Die hebräische
sönliche Beziehungen bestanden und dass die Pra- Sprache sollte die Einheit auf geistiger Ebene stiften,
ger Neuromantik durch die Expressionisten intensiv und eine neue jüdische Kunst und Literatur sollte
rezipiert wurde. Ein Beispiel dafür ist die Veröffent- dies auf ästhetischem Weg umsetzen und im Dienst
lichung von Leppins Daniel Jesus als erster Roman jener neu zu bildenden jüdischen Gemeinschaft ste-
(in Fortsetzungen) in der 1910 gegründeten Zeit- hen.
schrift Sturm – bekanntlich zusammen mit der Ak- Die elektrisierende Wirkung von Bubers Reden
tion eines der wichtigsten expressionistischen Or- auf die jungen jüdischen Intellektuellen Prags wie
gane. Der Sturm-Herausgeber Herwarth Walden (i.e. Kafka war außerordentlich. Sie ist etwa in dem vom
Georg Lewin; 1874–1941) präsentierte so einen Ro- Bar-Kochba herausgegebenen, weit über Prag hinaus
man der Prager Neuromantik als Beispiel der neuen, wichtig gewordenen Sammelband Vom Judentum er-
expressionistischen Denk- und Ausdrucksweise. kennbar, der 1913 im Kurt Wolff Verlag erschien. Im
Vorwort beschwor Hans Kohn diese Wirkung mit
Ein Kapitel der deutsch-jüdischen dem Selbstbewusstsein, in Prag am Puls der Zeit zu
sein:
Literatur?
Seit Martin Buber, der seine drei Reden über das Juden-
Als drittes strukturelles Moment ist die kulturelle tum in unserem Verein gehalten hat und von dessen Ein-
Disposition des Prager Kreises zu nennen. Denn die fluß dieses Buch so vielfach Zeugnis ablegt und dessen
werktätiger Mitarbeit es sein Zustandekommen ver-
Autoren von Kafkas Generation waren nicht nur als dankt, wissen wir, daß der Zionismus, tief verwurzelt in
Vermittler zwischen den Konfliktparteien im böh- dem urjüdischen Geisteskampfe der Wollenden wider
mischen Kulturkonflikt aufgetreten. Sie taten dies die Geschehenlassenden, die sittliche Bewegung derer
zum weitaus größten Teil auch als deutsch-jüdische ist, die es mit ihrem Judentum und ihrem Menschentum
ernst nehmen (Vom Judentum 1913, VIII).
Schriftsteller. Es waren dies meist (mit Ausnahme
von Oskar Baum, der aus einer orthodoxen Familie Freilich war die Wirkung von Bubers Reden nicht in
stammte) Söhne assimilierter jüdischer Familien, die allen deutsch-jüdischen Kreisen gleich stark. Im
just in der Zeit, in der sie sich als Schriftsteller etab- Kreis um Werfel etwa spielte sie eine deutlich klei-
lierten, also um 1910, in unterschiedlichem Maße nere Rolle als im Kreis um Brod, der als der wich-
auch gegen die assimilierte Elterngeneration, zum tigste Mentor der Prager deutschen Literatur um 1910
Judentum bzw. genauer zu einem kulturell geleiteten zum Zionismus fand und einer seiner vehementesten
Zionismus fanden. Deutsch-jüdische Söhne waren Verteidiger auch weit über Prag hinaus wurde. Brod
Brod, Baum, Weltsch und Kafka ebenso wie Werfel, folgte diesem Wechsel von einem ›Indifferentismus‹,
Kuh, Haas, Kornfeld, Fuchs, Kisch und die Brüder wie er ihn in seinem Roman Schloss Nornepygge
Janowitz. (1908) vertrat, zu einer bewusst ›jüdischen Literatur‹
Dabei war das Auftreten Martin Bubers in Prag im Dienst der ›jüdischen Gemeinschaft‹ zuerst in
wegweisend. Buber traf sich zum ersten Mal 1903 dem Roman Jüdinnen (1911). Zwar unterstellten nicht
mit Vertretern des Bar-Kochba in Prag, um dann alle deutsch-jüdischen Schriftsteller ihr Schreiben
1909/10 seine berühmten drei Prager Reden über das gleichermaßen zionistischen Zielen wie Brod. Den-
Judentum zu halten (Jan. 1909, Apr. u. Dez. 1910). noch war die Frage der jüdischen Gemeinschaft –
Sie waren aufstörende Ereignisse für die deutsch-jü- auch vor dem Horizont des böhmischen Kulturkon-
dischen Söhne assimilierter Familien. Mit ihnen ge- flikts – unvermeidlich, und zwar auch für diejenigen,
wann die junge zionistische Jugendbewegung eine die darauf nicht oder nur verhalten die Antwort des
Richtung, die sie wesentlich auch für die Literatur Zionismus gaben (wie etwa Kafka).
Der ›Prager Kreis‹ und die deutsche Literatur in Prag zu Kafkas Zeit 47

Zudem wurde schon von den Zeitgenossen auch fer formuliert: als antibürgerliche, revolutionäre Ab-
ein geradezu programmatischer Zusammenhang sage an das verfehlte Programm der deutsch-jüdi-
von Expressionismus und Zionismus hergestellt. Ein schen Symbiose, wie es Tramer formulierte:
solcher Zusammenhang bedeutet eine gewisse Inter- Im Grunde waren sie [die jungen jüdischen Autoren um
pretationsleistung und mag gar als bestreitbar er- 1910] in der gleichen Lage [wie die Expressionisten]: das
scheinen. Dennoch kann er auf die Verknüpfung Vater-Sohn-Problem bestand auch für sie und vielleicht
von literarischen mit kulturellen, sozialen und poli- sogar in einer doppelten und dreifachen Hinsicht. Auch
ihre Väter gehörten zu den satten Bürgern, zugleich aber
tischen Fragen hinweisen, ohne die die Prager deut-
waren sie Vertreter einer völlig entseelten, assimilato-
sche Literatur nicht angemessen verständlich wird. risch-verwässerten Religionsidee oder Anhänger einer
So sah beispielsweise Brod nicht nur in Buber einen starren Gesetzesreligion, die in vielen Fällen den Kon-
expressionistischen Zionisten, der im Zionismus flikt nur verschärfte. Daß die Umgestaltung der gesell-
eine neue Gemeinschaft und eine neue Menschheit, schaftlichen und politischen Verhältnisse auch ein Fort-
schritt für das jüdische Schicksal darstellen müßte, da-
ein neues Judentum forderte. Auch in einem so un- von waren sie überzeugt. Es liegt auf derselben Linie,
konventionellen Zeitgenossen wie Anton Kuh sah er wenn einige der jüdischen Expressionisten jener Jahre
einen jüdischen Expressionisten, der aus einer Kritik (Max Brod, Ludwig Strauss, Arnold Zweig) aus den glei-
der bürgerlich-assimilierten Elterngeneration zu ei- chen Gründen der Opposition gegen Vaterhaus, Gesell-
schaft und politische Engstirnigkeit die zionistische
nem ebenso kontroversen wie aufstörenden anar-
Konsequenz zogen (Tramer 1958, 34 f.).
chistischen Judentum fand. Der Zionismus erscheine
bei Kuh als revolutionäre, expressionistische Bewe- Demnach dokumentiert die expressionistische Ge-
gung (Brod 1921). neration, namentlich diejenige Prags, nach Tramer
Die These vom Zusammenhang zwischen Zionis- beides: Untergang und Übergang – Untergang des
mus und Expressionismus formulierte 1958 auch der deutschen Judentums und Übergang zu einem na-
Historiker der ›Dreivölkerstadt Prag‹ Hans Tramer tionaljüdischen Judentum außerhalb von Deutsch-
in einem bedeutenden Aufsatz über den Expressio- land. Sie repräsentiert die letzte Blüte und zugleich
nismus, mit dem Untertitel Bemerkungen zum Anteil das nahe Ende des kulturellen Miteinanders von Ju-
der Juden an einer Kunstepoche. Tramer sah im Ex- den und Deutschen.
pressionismus eine literarische und künstlerische Be-
wegung, die wie kaum eine andere maßgeblich von
Juden getragen war. Für dieses Phänomen gab er Forschung
auch eine strukturelle, ›morphologische‹ Begrün-
dung: das Muster des Vater-Sohn-Konflikts. In die- Die Anfänge der Forschung zur Prager deutschen
sem für den Expressionismus grundlegenden sozio- Literatur liegen bei ihren Vertretern. Es sind dies
kulturellen Dispositiv befanden sich nach Tramer die Darstellungen mit einer Innensicht, d. h. aus der Per-
jüdischen Intellektuellen einer jüngeren Moderne spektive intimer Kenntnis, die gleichermaßen histo-
seit ca. 1910. Ihre Väter waren noch geleitet vom risch wertvoll wie subjektiv ist. Die Anthologien
optimistischen, bürgerlichen Liberalismus und for- etwa von Otto Pick und Oskar Wiener in den 1920er
derten deshalb eine kompromisslose Assimilation, Jahren hatten bereits einen rückblickenden, zusam-
während sie das Beharren auf das Judentum nicht menfassenden, interpretierenden Charakter.
nur als vormodernen Rückschritt, sondern auch als Die wichtigste Arbeit in der Hinsicht ist jedoch
eine den Antisemitismus heraufbeschwörende Ge- Max Brods Monographie Der Prager Kreis (1966).
fahr sahen. Ihre Söhne aber – die expressionistische Indem er den älteren Begriff der ›Prager Schule‹ zu-
Jugend (wie Brod, Kafka, Werfel, Kuh etc.) – stellten rückwies, legte er unter dem Begriff des ›Kreises‹
sich nach Tramer gegen diese Generation assimilier- eine Geschichte der Prager deutschen Literatur der
ter, deutschtreuer Väter. Sie provozierten mit einem Moderne vor, deren subjektive Perspektive, wie an-
neuen jüdischen Selbstbewusstsein, das sich politisch gesprochen, auf den ›engeren Kreis‹ fokussiert blieb.
entweder in einem revolutionären Diaspora-Kosmo- Brod war jedoch nicht der einzige Prager Chronist
politismus, oder aber – und hierauf legt Tramer den der Prager deutschen Literatur. Das gilt namentlich
Akzent – in einem ebenso revolutionär gedachten auch für Egon Erwin Kisch (1952), Gustav Janouch
Zionismus wiedererkannte. Der Expressionismus er- (1965), Johannes Urzidil (1965), Felix Weltsch
scheint hier als jungjüdische Morgendämmerung (1956), Hans G. Adler (1976) und Willy Haas (1960),
nach den Verirrungen der Assimilation, oder schär- um nur einige Beispiele zu nennen.
48 2. Einflüsse und Kontexte

Eine Nähe zum Gegenstand hatten sodann auch hoff/Schardt, 1992), andererseits literaturgeschicht-
die ersten Arbeiten von Literaturhistorikern, die liche Darstellungen wie der Ausstellungsband des
nicht unmittelbar zum Kreis gehörten. Das gilt etwa Literaturhauses Berlin: Prager deutsche Literatur vom
für Hans Tramers Pionierarbeit Die Dreivölkerstadt Expressionismus bis zu Exil und Verfolgung (Wich-
Prag (1961), auf die sich selbst Brod stützte. Tramer ner/Wiesner 1995), der auch Bildmaterial enthält,
war in seiner Studienzeit in den 1930er Jahren in oder die Arbeiten von Kurt Krolop (zusammenge-
Prag, bevor er 1933 nach Palästina auswanderte. Die fasst in: Krolop, 2005) sowie der Sammelband von
Nähe zum Ort hatte sodann auch die historisch K.-H. Ehlers (2000).
wichtige ›Konferenz über die Prager deutsche Litera-
tur‹ im November 1965 auf dem Schloss Liblice un- Texte und Materialien zur Prager deutschsprachigen/jü-
ter der Leitung des Prager Germanisten Eduard dischen Literatur: Sammlungen: Das jüdische Prag. Eine
Goldstücker, aus der der Band Weltfreunde (1967) Sammelschrift. Hg. v. der Redaktion der Zeitschrift
hervorgegangen ist. Selbstwehr. Prag 1917; Neudruck, hg. v. Robert Weltsch.
Schon in dieser frühen Phase der Forschung zur Kronberg 1978. − Siegfried Kapper: Prager Ghetto-
Prager deutschen Literatur in den 1960er Jahren wird sagen. Prag 1876. – Paul Nettl (Hg.): Alt-Prager Alma-
deutlich, dass Franz Kafka eine leitende Perspektive nach. Prag 1926 u. 1927. − Wolf Pascheles (Hg.): Sip-
bildet. Diese Tendenz verstärkte sich in der Folge. purim. Eine Sammlung jüdischer Volkssagen, Erzäh-
lungen, Mythen, Chroniken, Denkwürdigkeiten und
Das gilt etwa für Ruediger Engerths Sammelband Im
Biographien berühmter Juden aller Jahrhunderte, be-
Schatten des Hradschin (1965), Christoph Stölzls Es-
sonders des Mittelalters. Prag 1854–70; Repr. Hildes-
say Kafkas böses Böhmen (1975), namentlich aber für
heim 1976. − Otto Pick (Hg.): Tschechische Erzähler.
die biographisch angelegten Arbeiten von Hartmut
Potsdam 1920. – Ders. (Hg.): Deutsche Erzähler aus der
Binder (1988, 1991, 1993). Unter den zahlreichen Tschechoslowakei. Ein Sammelbuch. Reichenberg
Arbeiten, die Kafka in den Prager Kontext stellen, 1922. − Dieter Sudhoff/Michael Schardt (Hg.): Prager
sind auch die beiden Sammelbände Kafka und Prag deutsche Erzählungen. Stuttgart 1992. − Heinrich Tewe-
(Krolop/Zimmermann 1994) und Prager deutsch- les (Hg.): Prager Dichterbuch. Prag 1894. − Vom Juden-
sprachige Literatur zur Zeit Kafkas (1991) zu nennen. tum. Ein Sammelbuch. Hg. v. Verein jüdischer Hoch-
Ausführliches Bildmaterial auch zu Prag bietet so- schüler Bar Kochba in Prag. Leipzig 1913. − Oskar Wie-
dann die neueste Ausgabe von Wagenbachs Franz ner/Johann Pilz (Hg.): Der Heimat zum Gruss. Ein
Kafka. Bilder aus seinem Leben (2008) Almanach deutscher Dichtung und Kunst aus Böhmen.
Eine zweite Perspektive auf die Prager deutsche Berlin 1914. − Oskar Wiener (Hg.): Deutsche Dichter
Literatur bildete die des jüdischen Prag und damit aus Prag. Wien, Leipzig 1919. −− Einzelpublikationen:
das Verständnis der Prager deutschen Literatur als Friedrich Adler: Der deutsche Jude. In: Julius Moses
ein Kapitel der deutsch-jüdischen Literatur. Vor- (Hg.): Die Lösung der Judenfrage. Eine Rundfrage. Ber-
schub auf diese Perspektive leisten schon die ge- lin, Leipzig 1907, 93–97. − Ders.: Der goldene Kragen.
nannten Arbeiten von Brod (1966), Weltsch (1956) Prag 1907. − Max Brod: Der Nietzsche-Liberale. Bemer-
und Urzidil (1967). Nach Otto Muneles’ Bibliogra- kungen zu einem Buch von Anton Kuh Juden und Deut-
phical Survey of Jewish Prague (1952), der allerdings sche. In: Selbstwehr 15 (1921) 13, 1 f. u. 14, 1–3. – Ders.:
vor der Moderne ansetzt und auch die hebräische Der Prager Kreis. Stuttgart 1966. – Ders.: Über F.K.
Frankfurt/M., Hamburg 1974 [1966]. – Martin Buber:
und jiddische Literatur verzeichnet, setzten nament-
Drei Reden über das Judentum. Frankfurt/M. 1911. –
lich die Arbeiten von Hans Tramer (1958, 1961) und
Rudolf Fuchs: K. und die Prager literarischen Kreise. In:
sodann von Margarita Pazi diesen Akzent (1978,
Hans-Gerd Koch (Hg.): »Als K. mir entgegenkam…«.
2001). Vor allem auf die Frage der Kultur- und Erinnerungen an F.K. Berlin 2005 [1995], 108–111. –
Sprachpolitik in Prag und Böhmen ausgerichtet sind Willy Haas: Die literarische Welt. Lebenserinnerungen.
sodann die Sammelbände von Nekula/Kaschmal München 1960, wieder: Frankfurt/M. 1983. – Gustav Ja-
(2006) und Nekula/Fleischmann/Greule (2007, da- nouch: F.K. und seine Welt. Eine Bildbiographie. Wien
rin speziell Kilcher 2007). 1965. – Ders.: Gespräche mit K. Aufzeichnungen und Er-
Unter den neueren, literaturbezogenen For- innerungen. Erweiterte Ausgabe. Frankfurt/M. 1968. –
schungsarbeiten ist die Bibliographie von Born/Kry- Egon Erwin Kisch: Prager Pitaval. Berlin [Ost] 1952. −
walski (1991) zu nennen. An der Seite dieser Grund- Alfred Klaar: Das deutsche Prag. In: Hermann Bach-
lagenforschung liegen einerseits Anthologien wie mann (Hg.): Deutsche Arbeit in Böhmen. Berlin 1900,
der Reclam-Band Prager deutsche Erzählungen (Sud- 447–466. − Anton Kuh: Juden und Deutsche. Ein Re-
Der ›Prager Kreis‹ und die deutsche Literatur in Prag zu Kafkas Zeit 49

sumé. Berlin 1921; Neuausgabe hg. v. Andreas B. Kil- Winder). Oldenburg 2002. – Eduard Goldstücker (Hg.):
cher. Wien 2003. – Ulrike Lehner: Anton Kuh (1890– Weltfreunde. Konferenz über die Prager deutsche Litera-
1941). In: John M. Spalek u. a. (Hg.): Deutschsprachige tur. Prag 1967. – Peter Hilsch: Böhmen in der österrei-
Exilliteratur seit 1933. Bd. 4: Bibliographien, Schriftstel- chisch-ungarischen Monarchie und den Anfängen der
ler, Publizisten und Literaturwissenschaftler in den tschechoslowakischen Republik. In: KHb (1979) I, 3–39.
USA. Bern, München 1994, 1019–1049. – Fritz Mauth- − Christian Jäger: Minoritäre Literatur. Das Konzept der
ner: Erinnerungen I: Prager Jugendjahre. München kleinen Literatur am Beispiel prager- und sudetendeut-
1918; wieder Frankfurt/M. 1969. – Hugo Salus: Ernte. scher Werke. Wiesbaden 2005. − Helena Kanyar-Becker:
München 1903. – Ders.: Die Beschau. Eine Ghettoge- Eine verhängnisvolle Liebe. Zur Pragerdeutschen Litera-
schichte. Wien 1920. – Heinrich Teweles: Goethe und tur. In: Richard Faber/Barbara Naumann (Hg.): Literatur
die Juden. Hamburg 1925. – Johannes Urzidil: Der le- der Grenze − Theorie der Grenze. Würzburg 1997, 67–
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geren Prager Kreises (Max Brod, Oskar Baum, Ludwig Andreas B. Kilcher
50 2. Einflüsse und Kontexte

2.3 Judentum/ Biographisches


Zionismus Assimilation und Zionismus
Franz Kafka wuchs in einer bürgerlichen Familie
Prags um 1900 auf. Wie in den meisten Familien die-
Franz Kafka war Schriftsteller in Zeiten ›weltan- ser Jahre meinte Verbürgerlichung auch in seiner:
schaulicher‹ Kontroversen um Judentum, Zionismus den Weg vom Land in die Stadt, Herauslösung aus
und die jiddischsprachige Welt des Ostjudentums. ständisch geprägten Lebensformen in urbane Ange-
Es ist dieser Kontext, der die Interpretation von stelltenverhältnisse und Loslösung aus tradierten
Werk und Biographie wesentlich mitbestimmt – und Mustern der Religion und Frömmigkeit.
das von Anfang an: Welches biographische Selbst- Kafkas Großvater Jakob Kafka (1814–1899) war
verständnis Kafka anleitet, wie sein Selbstbild als noch Schächter in der jüdischen Gemeinde aus dem
Autor im Feld konkurrierender Autorschaftskon- südböhmischen Wossek gewesen. Sein Vater Her-
zepte zu verstehen ist, welcher Auffassung vom mann Kafka konnte durch die Aussteuer seiner
Schreiben er folgt, welche Wirkung er der Literatur Braut Julie Löwy 1882 ein Galanteriewarengeschäft
zuschreibt und welche seine Leser ihrerseits zu er- im bürgerlichen Prag eröffnen, das sie beide mehr
warten haben, wird immer auch in diesem Zusam- als drei Jahrzehnte erfolgreich betreiben sollten. Wie
menhang gesehen. Als interpretationsrelevant wird in den meisten bürgerlichen Familien der Zeit wa-
dieser Kontext im Lauf der Lesegeschichte aber mit ren Kafkas Eltern die religiösen Traditionen ihrer ei-
unterschiedlicher Intensität herangezogen und kon- genen Elterngeneration kaum noch gegenwärtig.
kurriert mit anderen Kontexten seiner Werkbiogra- Der Vater hatte zwar noch neben dem Wenigen, was
phie. Kafka gilt daher nicht durchgängig als ein ›jü- er als früh arbeitendes Kind überhaupt lernen
discher‹ Autor, sein Werk gilt mal mehr, mal weniger durfte, etwas das Lesen des hebräischen Gebet-
als ›jüdisch‹. Biographie, Werk und Forschungs- wie buchs für die Teilnahme am Gottesdienst in der Sy-
Lesegeschichte lassen deutliche Unterschiede in nagoge beigebracht bekommen, wusste neben der
Hinsicht darauf erkennen, welche jüdischen The- Umgangssprache, dem Tschechischen, und der
men aufgegriffen werden, wie explizit das getan wird Schulsprache, dem Deutschen, auch das Jiddische
und welche Funktionen mit dieser Kontextualisie- noch etwas, hatte außerdem seine aus bürgerlicher
rung jeweils verbunden sind. Familie stammende Frau über einen traditionellen
Um hier Übersicht zu gewinnen, sind Unterschei- Heiratsvermittler kennengelernt (Alt, 68–73). Auch
dungen nützlich: Welche Themen, die im weitesten hielt man in der Familie Kafka an Festtagen wie Pes-
Sinne als jüdisch gelten können, werden in Kafkas sach, Jom Kippur und Neujahr die Koschervor-
Werkbiographie explizit wie implizit aufgegriffen? schriften ein. Aber in der Summe war die jüdische
Das umfasst Motive, Begriffe, Themen, aber auch Tradition beiden Eltern kaum von Bedeutung, so
Schreib- und Erzählweisen. Wie manifest ist dieses dass der Sohn mit den religiösen Vorstellungen des
Judentum in seiner Werkbiographie? Gemeint ist Judentums unvertraut aufwuchs und auch die Le-
damit die für eine Interpretation wesentliche Ein- benswelt der in den zaristischen Ansiedlungsrayons
schätzung, wie konturiert ein Wissen in einem Text lebenden Ghettojuden selbst nicht kannte. Auf die-
sein muss, um als Ko- und Kontext genutzt werden ses ›Fehlen‹ des Judentums wird Franz Kafka in sei-
zu können (Jannidis 2003). Und welche Funktionen nen autobiographischen Texten und in seinen Brie-
haben diese Themen, Kontexte und Schreibweisen fen immer wieder zu sprechen kommen. Als Mangel
für das Verständnis der Werkbiographie Kafkas? Mit ist es das Thema vieler seiner nicht öffentlichen Auf-
solchen Unterscheidungen sieht man sehr schnell, zeichnungen.
dass Judentum, Zionismus und das jiddischspra- Das Judentum war Kafka daher nicht als selbstver-
chige Ostjudentum unterschiedlich manifest und ständlich überlieferte religiöse Tradition gegenwär-
mit variierenden Funktionen für die Erschließung tig. Gegenwärtig war es für ihn dagegen in den ge-
der Werkbiographie Kafkas auszumachen sind. sellschaftlichen Ausgrenzungen und in der weltan-
schaulichen Radikalisierung des Nationalismus und
Antisemitismus in Prag wie in den aufkommenden
zionistischen und neureligiösen Bewegungen um die
Jahrhundertwende.
Judentum/Zionismus 51

Zum Thema wird das Judentum in Kafkas Werk- träge durch Felix Theilhaber, Adolf Böhm, Berthold
biographie zunächst in der Zeit am Altstädter Gym- Feiwel, Morris Rosenfeld und Davis Trietsch hatte
nasium. Hier, in der privilegierten, hochgebildeten Kafka besucht und die Reaktionen darauf in der Pra-
Umgebung, traf Franz Kafka auf Mitschüler wie ger Presse aufmerksam verfolgt, wie seine Aufzeich-
Hugo Bergmann (1883–1975), den späteren Grün- nungen wiederholt belegen; besonders haben ihn die
der der Hebräischen Nationalbibliothek in Jerusa- dort diskutierten politischen Ideen bis hin zu einer
lem und Gründungsrektor der Hebräischen Univer- zionistischen Familienpolitik beschäftigt (Voigts
sität. Bergmann vermittelte Kafka eine überzeu- 2007; Wagner 1998).
gende, erste Vorstellung vom Zionismus, der für
diesen zu einem lebenslangen Thema werden sollte Das jiddische Theater
(Gelber 2008, 294 f.). In seinen späteren Tagebü-
chern erinnert sich Kafka an die Diskussionen mit Der Zionismus ist der eine biographisch greifbare
dem gläubigen Hugo Bergmann, als sie in einer »ent- Kontext, andere, damit keineswegs deckungsgleiche,
weder innerlich vorgefundenen oder […] nachge- sind das jiddische Theater und die jiddische Sprache.
ahmten talmudischen Weise« über letzte Fragen wie Wiederum war es Brod, der Kafkas Interesse auf das
den Gottesbeweis oder die Schöpfung disputiert hat- jiddische Theater und damit auch auf die jiddische
ten (T 333). Das sind freilich stilisierte Rückerinne- Sprache gelenkt hatte – zunächst einfach dadurch,
rungen, die kaum erkennen lassen, wie gängig sol- dass beide bei ihren nächtlichen Streifzügen durch
che Debatten unter Gymnasiasten damals waren. die Vergnügungscafés 1910 zum ersten Mal auf eine
Andere Freundschaften, wie etwa die zu Oskar jiddische Gastspielgruppe getroffen waren (Lauer,
Pollak, brachten deutschnationale und Nietzschea- 125 f.). Ein halbes Jahr, zwischen Herbst 1911 und
nistische Themen auf, die ebenso leidenschaftlich Frühjahr 1912, war Kafka dann, wie seine Briefe und
und altklug diskutiert wurden wie dann auch sozia- Tagebücher belegen, intensiv mit dem »Jargonthea-
listische oder lebensreformerische Ideen. Auch die ter« (An F. Bauer, 3.11.1912; B00–12 210) beschäf-
Erinnerung Bergmanns, Kafka habe als Gymnasiast tigt. Mehr als 30 Aufführungen dürfte er besucht ha-
die ernsthafte Absicht geäußert, Schriftsteller wer- ben.
den zu wollen (Koch, 18), verläuft noch in den Bah- Das Interesse Kafkas war mehrfach motiviert.
nen des damals unter Gymnasiasten Üblichen. Zum einen trug er einer der verheirateten Schau-
Erst die Freundschaft mit Max Brod, beginnend spielerinnen seine Liebe an, zum anderen sah er in
am 23. Oktober 1902, hat die Auseinandersetzung dem Schauspieler Jizchak Löwy sein anderes Selbst,
mit jüdischen Themen und ästhetische Debatten zu- hatte dieser doch auch mit der Welt der Väter gebro-
sammengeführt (vgl. Shahar/Ben-Horin). Durch chen, um sich einer Kunst zu verschreiben, die keine
Brod lernte Kafka weitere Autoren wie Felix Weltsch, größere Anerkennung des Publikums fand (Stach
Oskar Baum, Franz Werfel und Paul Kornfeld ken- 2002, 59–65). Und drittens schien dieses wilde Thea-
nen, die ihre künstlerischen und intellektuellen Inte- ter in der Sprache des ›Jargons‹ alles Unbürgerliche
ressen mit dem Zionismus verbunden hatten. Durch zu vereinen, das zugleich mit der verlorenen jüdi-
Brod war Kafka auch auf die Vorträge des jüdischen schen Tradition eins zu sein schien. Auch wenn tat-
Vereins ›Bar-Kochba‹ aufmerksam geworden. Hier sächlich das jiddische Theater eine bürgerliche Er-
hatte er sehr wahrscheinlich 1910 auch zwei Vor- findung des 19. Jahrhunderts ist, das gerade gegen
träge Martin Bubers gehört (An F. Bauer, 16.1.1913; die Orthodoxie entstanden war, so glaubte Kafka,
B13–14 42), der auf Einladung Hugo Bergmanns hier jenes Judentum wiederzufinden, das ihm seine
gekommen war. Bubers Prager Vorträge, die 1911 Eltern nicht gegeben hatten. Die Jiddischisten wie
unter dem Titel Drei Reden über das Judentum er- Nathan Birnbaum (1864–1937), die das Jiddische als
scheinen sollten, verleihen den kulturzionistischen die Sprache der jüdischen Erneuerung propagierten,
Überzeugungen der Prager intellektuellen Zirkel lieferten Kafka dafür die kulturphilosophischen Be-
wortmächtigen Ausdruck, wenn sie das Ostjuden- gründungen. Eine seiner wenigen öffentlichen Re-
tum, den Chassidismus und das ›einfache‹ Leben auf den ist dann auch dem Jiddischen gewidmet (NSF I,
dem Lande dem Westjudentum, der Assimilation 188–193; ä 53).
und Großstadt entgegensetzen (ä 46 f.). Auch diese
thematische Konstellation kehrt in den Tagebüchern
und Briefen Kafkas wieder. Weitere zionistische Vor-
52 2. Einflüsse und Kontexte

Hebräischstudium Lektüren
Schließlich hatte Kafka im Spätherbst 1914 begon- Kafka las die verschiedensten und heterogensten Ju-
nen, bei dem fünf Jahre jüngeren Friedrich Thieber- daica, um sich eine Vorstellung vom Judentum zu
ger (1888–1958) Hebräischunterricht zu nehmen. verschaffen (vgl. Kilcher). Es handelt sich dabei um
Auch Thieberger war Mitglied des kulturzionisti- Bücher wie Heinrich Graetz’ Volkstümliche Ge-
schen ›Bar-Kochba‹-Kreises. 1915 lernte Kafka Ge- schichte der Juden, die Kafka 1911 »gierig und glück-
org Mordechaj Langer (1894–1943) kennen, der lich« gelesen haben will (T 215), Simon Dubnows
1913 im Bruch mit seiner Familie zum Chassidismus Neueste Geschichte des jüdischen Volkes oder auch
übergetreten war und als orthodoxer Ostjude Kafka Meyer Isser Pinès’ französische Histoire de la littéra-
mit den Grundbegriffen der chassidischen Gebräu- ture Judéo-Allemande (1911), die er »mit solcher
che und der talmudisch geprägten Lebenswelt des Gründlichkeit, Eile und Freude« studiert haben soll
orthodoxen Judentums vertraut gemacht hat. Durch wie sonst nur selten ähnliche Bücher (T 360). Den
Langer angeregt, hörte Kafka im Juni 1915 einen Talmud dürfte er in einer Übersetzung von Moses
Vortrag über die Mischna (die religionsgesetzliche Ephraim Pinner vorliegen gehabt haben. Die Lektüre
Sammlung, die im Zentrum des Talmuds steht) in von Jakob Fromers hoch umstrittener, weil radikal
der Altneusynagoge in Prag (T 774). Im September talmudkritischer Darstellung Der Organismus des
1915 besucht er zusammen mit Brod und Langer Judentums von 1909 ist ebenfalls bezeugt (ebd.).
den Hof des als Flüchtling nach Prag gelangten Gro- Literaturkritische Darstellungen wie Gustav Kro-
deker Wunderrabbis (Stach 2008, 122–124). Wie an- jankers Sammelband Juden in der deutschen Litera-
dere in seinem Kreis hatte sich auch Kafka das Heb- tur von 1922 oder auch die jüdische Themen auf-
räisch-Lehrbuch von Moses Rath gekauft und die greifende Literatur von Jakob Wassermann oder Ar-
Lektionen durchgearbeitet, war es doch Programm nold Zweig zählten zu Kafkas Lesestoffen. Brods
des Kulturzionismus, Hebräisch als Vorbereitung für erfolgreiche Romane Jüdinnen (1911) und Arnold
die Auswanderung nach Palästina zu lernen (ein Ge- Beer (1912) und seine kulturzionistischen Essays
genprogramm zu dem der Jiddischisten, ohne dass hatte Kafka ebenfalls gelesen. Die zionistische Lite-
diese Gegensätze für Kafka wesentlich geworden wä- ratur, angefangen bei Moses Hess’ Rom und Jerusa-
ren). lem und Theodor Herzls Altneuland, auch dessen
Kafka hat das Hebräisch-Lernen bis fast zu seinem Tagebücher, Hugo Bergmanns geschichtsphilosophi-
Tode weiterbetrieben, besonders intensiv im Som- sche Abhandlung Jawne und Jerusalem (1919), Sa-
mer 1923, als er ernsthaft Pläne einer Auswanderung muel Lublinskis Die Entstehung des Judentums
verfolgte. Noch als schwer Erkrankter hat er zusam- (1903), Richard Lichtheims Das Programm des Zio-
men mit seiner letzten Lebensgefährtin Dora Dia- nismus (1913), Adolf Böhms Darstellung Die zionis-
mant an der Berliner Hochschule für die Wissen- tische Bewegung (1920/21), oder Publikationen des
schaft des Judentums Hebräisch- und Talmudkurse Bar-Kochba-Kreises Vom Judentum (1913) werden
belegt, ohne jedoch in der hebräischen Sprache oder neben der Lektüre von Hans Blühers antisemitischer
in der Kenntnis der orthodoxen Welt über Anfangs- Schrift Secessio Judaica (1922) von ihm verzeichnet.
gründe hinausgekommen zu sein. Schließlich finden sich in Kafkas Bibliothek noch
An Kafkas nachhaltigem, zugleich sprunghaftem eine ganze Reihe Bücher der um die Jahrhundert-
Interesse an Judentum, Zionismus und der jiddi- wende aufblühenden jüdischen Volkskunde. Deren
schen Welt des Ostjudentums kann kein Zweifel be- Sammlungen von Erzählungen und Wunderge-
stehen. Als Thema kehrt es in seinen Briefen und schichten wie die von Micha Josef Bin Gorion, Mar-
unveröffentlichten Aufzeichnungen beständig wie- tin Buber, Alexander Eliasberg, Wolf Pascheles oder
der. Noch sein letzter Versuch, gegen den Willen Jizchak Leib Perez, dazu auch Abhandlungen wie
Dora Diamants bei deren orthodoxen Vater um ihre Fritz Mordechai Kaufmanns Essais über ostjüdische
Hand anzuhalten und sich damit die sichere Ableh- Dichtung und Kultur, stehen in Kafkas Regalen. Seit
nung einzuhandeln (Sokel, 854), zeugen von der Fas- 1911 hat Kafka die zionistische Zeitschrift Selbstwehr
zination Kafkas für ein Judentum, das für ihn gerade gelesen, sie seit 1917 sogar abonniert (Binder
keine Selbstverständlichkeit besaß. 1967a).
Schon diese keineswegs vollständige Auflistung
nur der Judaica zeigt, was auch die biographischen
Judentum/Zionismus 53

Daten belegt haben: Der Kontext von Judentum, Zi- tet sei dieser ›Jargon‹, zusammengehalten von den
onismus und ostjüdischer Welt ist nicht homogen, ihn umgebenden Sprachen, verwandt mit keiner
sondern in sich widersprüchlich. Die Schriften der Sprache so sehr wie mit der deutschen und doch
Zionisten, die für das Hebräisch-Lernen eintraten, wechselseitig nicht in sie zu übersetzen. Kafka ent-
und die der Jiddischisten, die im Jiddischen die wirft in seiner Rede eine romantische Vorstellung
wahre Sprache der Juden sahen, stehen in diametra- vom Jiddischen, das geradezu magische Kräfte ver-
lem Gegensatz zueinander. Die Verklärung des or- leihe, die den Zuhörer aus den bürgerlichen Sekuri-
thodoxen Schtetls hat ihr Widerlager in den zionis- täten freisetze:
tisch-sozialistischen Kolonieplänen. Das Lob des Wenn Sie aber einmal Jargon ergriffen hat – und Jargon
Ostjudentums ist nur das Ergebnis einer kultivierten ist alles, Wort, chassidische Melodie und das Wesen die-
und assimilierten Lebensweise und ihrer lebensre- ses ostjüdischen Schauspielers selbst, − dann werden Sie
formerischen Sehnsüchte. Ein gemeinsamer Nenner Ihre frühere Ruhe nicht mehr wiedererkennen. Dann
werden Sie die wahre Einheit des Jargon zu spüren be-
für diese widersprüchlichen Kontexte für Kafkas
kommen, so stark, daß Sie sich fürchten werden, aber
Werk kann über einen sehr allgemeinen Begriff von nicht mehr vor dem Jargon, sondern vor sich (193).
›jüdisch‹ und ›Judentum‹ hinaus nicht angegeben
werden. Auch der Prager Kulturzionismus ist mit Diese Rede ist das einzige öffentliche Bekenntnis
seiner Integration heterogener Traditionen nicht Kafkas zu einem jüdischen Thema, ohne dass ein für
ausreichend, um diese Unterschiede zu integrieren, die Zeitgenossen erkennbarer Werkanspruch für
so dass es den einen ›jüdischen‹ Kontext für das Ver- diese Rede erhoben worden wäre.
ständnis von Kafkas Werkbiographie nicht gibt. Im Unterschied zum veröffentlichten Werk sind
Kafkas Tagebücher, Briefe und autobiographische
oder scheinbar autobiographische Zeugnisse be-
Jüdische Stoffe, Motive drängend übervoll von Ausführungen über das Ju-
und Themen dentum und den behaupteten Typus ›Jude‹, den Zio-
nismus und den Chassidismus − auch über ihre Op-
Der Befund, dass Judentum, Zionismus und Jiddi- ponenten, die Antisemiten oder die Christen. Kafka
sches einen biographisch erst mühsam angeeigneten dokumentiert und stilisiert hier seine Begegnungen
und in sich heterogen Hintergrund für Kafkas Werk und Leseerfahrungen, diskutiert die poetischen
bilden, wird auch durch die Suche nach jüdischen (Un-)Möglichkeiten, in deutscher Sprache schreiben
Stoffen, Motiven und Themen im Werk nicht verän- zu müssen, führt wiederholt Religion und Sexualität
dert. eng und stellt seine eigenen Lebensentwürfe immer
Zunächst fällt deren fast vollständiges Fehlen in wieder zur Disposition. Dabei kehren typisierte
Kafkas zu Lebzeiten veröffentlichten Texten auf. We- Gegenüberstellungen aus den zionistischen und
der im Roman-Fragment Der Heizer, das 1913 als jiddischistischen Debatten wieder: hier das glau-
selbständige Erzählung bei Kurt Wolff erschienen benssichere Ostjudentum, dort das von Selbstzweifel
war, noch in den ab 1908 erscheinenden Erzählun- geplagte Westjudentum, hier Stereotypen über vor-
gen oder in den späten, 1924 publizierten Erzählun- geblich jüdisches Verhalten, dort Bilder von der kal-
gen wie Ein Hungerkünstler oder Josefine, die Sänge- ten, christlichen Mehrheit, hier Traditionsgewiss-
rin finden sich Motive oder auch nur Vokabeln, die heit, dort der Verlust jeder Gemeinschaft.
einem jüdischen Kontext sicher zuzuordnen wären. In seinem <Brief an den Vater > hat Kafka diese
Und auch die Prosa aus dem Nachlass kennt keine Typisierungen im Umgang mit dem Judentum auf-
eindeutig identifizierbaren Stoffe oder Motive. gerufen und damit zugleich für seine Werkbiogra-
Öffentlich geworden sind solche Ausführungen phie reklamiert, wenn dieser Brief denn als Teil sei-
nur an einer Stelle, in Kafkas kleiner <Rede über die nes Werkes aufzufassen ist:
jiddische Sprache>, gehalten im Festsaal des Jüdi- Du hattest aus der kleinen ghettoartigen Dorfgemeinde
schen Rathauses in Prag am 18. Februar 1912 (NSF I, wirklich noch etwas Judentum mitgebracht, es war nicht
188–193; ä 140 f.). Anlass war eine Lesung seines viel und verlor sich noch ein wenig in der Stadt und
Freundes Jizchak Löwy. In seiner einleitenden Rede beim Militär, immerhin reichten noch die Eindrücke
und Erinnerungen der Jugend knapp zu einer Art jüdi-
entwirft Kafka ein Bild des Jiddischen als einer ›un- schen Lebens aus, […] aber zum Weiter-überliefert-wer-
verregelten‹ Sprache: einem »verwirrten Jargon« den war es gegenüber dem Kind zu wenig, es vertropfte
(188), der nur aus Fremdwörtern bestehe. Missach- zur Gänze während Du es weitergabst (NSF II, 188 f.).
54 2. Einflüsse und Kontexte

Solche und verwandte Stellen finden sich in den Schakale und Araber und Ein Bericht für eine Aka-
nicht veröffentlichten Schriften Kafkas so vielfach, demie, beide 1917 in Bubers Monatsschrift Der Jude
dass sie geradezu ein Muster seiner Selbstdeutung erschienen, wären außerdem noch zu nennen − auch
bilden. Weitgehend folgen sie lebensphilosophischen sie sind an einem Ort gedruckt, der eine Auseinan-
Typisierungen, wie sie im Prag dieser Jahrzehnte al- dersetzung mit jüdischen Themen nahelegt. Zusam-
lenthalben zu finden sind, ohne dass sich Kafka mit mengezählt sind es dennoch nicht viele Texte Kaf-
ihnen auf eine der damals kurrenten Positionen ver- kas, die in einem solchen vereindeutigenden Kon-
pflichten lassen würde. In ihnen stilisieren sich die text publiziert worden sind. Und doch sind sie ein
Söhne gegen die Väter als Übergangsgeneration zu Hinweis, dass sich Kafka bei aller Distanz gegen
einem neuen, irgendwie befreiten Leben − ein Ver- weltanschauliche Festlegungen nicht strikt abseits
sprechen auf Befreiung, das nicht nur bei Kafka das eines solchen Umfeldes gehalten hat. Während also
eigene Scheitern schon mitbedenkt. »Wir kennen die biographischen Daten und autobiographischen
doch beide«, schreibt Kafka 1920 an Milena Jesenská, Texte vielfach Zeugnis von Kafkas intensiver Ausei-
seine tschechische Übersetzerin und Freundin, nandersetzung mit Judentum, Zionismus und dem
ausgiebig charakteristische Exemplare von Westjuden, Ostjudentum − und damit immer auch mit dem An-
ich bin, soviel ich weiß, der westjüdischeste von ihnen, tisemitismus und Nationalismus seiner Jahre − able-
das bedeutet, übertrieben ausgedrückt, daß mir keine gen, sind solche präzisen Kontexte für sein literari-
ruhige Sekunde geschenkt ist, nichts ist mir geschenkt, sches Werk nicht auszumachen. Sie sind mit ver-
alles muß erworben werden, nicht nur die Gegenwart
gleichsweise geringen skalierenden Varianzen nur
und Zukunft, auch noch die Vergangenheit (Nov. 1920;
BM 294). schwach manifest.

Beschreibungen der Entfremdung sind das wieder-


kehrende Thema dieser Zeugnisse, die die eigenen Forschung
Erfahrungen immer als prototypische Erfahrungen
der jüdischen Intellektuellen seiner Zeit hochrech- Das hat weder die Leser noch die Forschung abge-
nen: »Weg vom Judentum«, schreibt Kafka im Juni halten, nach stärkeren Vereindeutigungen zu su-
1921 an Max Brod, »wollten die meisten, die deutsch chen. Zu Lebzeiten Kafkas blieb der jüdische Kon-
zu schreiben anfingen, sie wollten es, aber mit den text seines Werkes allerdings auf seine näheren Leser
Hinterbeinchen klebten sie noch am Judentum des beschränkt, die ihn und seine Biographie kannten.
Vaters und mit den Vorderbeinchen fanden sie kei- Die Frage, ob Kafkas Erzählen Kleists Texten ähnele
nen neuen Boden« (Briefe 337). oder die Verwechselung mit der Prosa Robert Wal-
Die Reihe solcher und ähnlicher Formulierungen sers, die Einordnung als Vertreter der expressionisti-
ließe sich fortsetzen. Sie finden sich alle in nicht zu schen Autorengenerationen und allgemein gehaltene
Lebzeiten veröffentlichen und kaum zur Veröffentli- religiöse Grundfragen sind weit zahlreicher in der
chung vorgesehenen Texten. An der Frage, ob diese zeitgenössischen Kritik zu finden als etwa die weni-
Aufzeichnungen zu Kafkas Werk zu zählen sind, gen Bemerkungen Kasimir Edschmids zur jüdisch-
hängt allein die Entscheidung darüber, ob Judentum, intellektuellen Geistigkeit Kafkas, Karl Storcks litera-
Zionismus und ostjüdische Erneuerung Kontexte turhistorische Einordnungen der Prager deutschen
für Kafkas Werk sind oder nicht. Eben darüber aber Literatur oder Anton Kuhs literaturkritische Anmer-
schweigt sich das Werk selbst aus. kungen zur jungen Generation jüdischer Schriftstel-
Kafkas Auseinandersetzung mit dem Judentum ist ler (vgl. Born 1979). Kontextualisierungen, die auf
so ein für sein Werk nur schwach manifester Kontext. eine allgemeine religiöse Thematik in Kafkas Werk
An Prägnanz gewinnt er, wenn man die Publikations- abheben, betonen, wie etwa Benno Wiese, nicht das
orte der Texte mit einbezieht. Dass die Erzählungen Judentum, sondern eher die Widersprüchlichkeit
Vor dem Gesetz, Eine kaiserliche Botschaft und Die und Mehrdeutigkeit der religiösen Suche Kafkas
Sorge des Hausvaters in der zionistischen Wochen- (Wiese 1928).
schrift Selbstwehr zwischen 1915 und 1919 erschienen Es ist oft bemerkt worden, dass es Max Brod war,
sind, gehört zu dem Kotext, den Leser mitlesen. Hier der schon zu Lebzeiten Kafkas den Freund zu einem
bezieht, mindestens verrätselt, Kafka allein durch den religiösen Autor erhoben hat, für den der Zionismus
Ort der Veröffentlichung Position in den Debatten ein säkularer Glaube gewesen sei (Shahar/Ben Ho-
um Assimilation und kulturelle Erneuerung. rin). Aber auch Brods Deutung − wie er sie erstmals
Judentum/Zionismus 55

1921 in einer Würdigung in der Neuen Rundschau Sprachrohr einer ihn übersteigenden, rätselhaften
herausgestellt hat, dann 1937 in seiner Biographie Wahrheit ist, die durch ihn in allen seinen Äußerun-
Kafkas und in seinem Essay Franz Kafkas Glauben gen spricht. Kafka, der Autor und seine Texte, sind
und Lehre von 1948 − entfaltet erst nach Krieg und in dieser Interpretation Allegorien des modernen
Judenvernichtung ihre Wirkung, und es hat nicht Menschen – und das wirkt lange nach. Jede Äuße-
wenig Widerspruch – prominent durch Walter Ben- rung Kafkas ist dann von einem solchen Gewicht,
jamin und Gershom Scholem – erfahren, wenn Brod dass sich die Frage nach Werk und Kontext nicht ei-
schreibt: »Kafka ist als Erneuerer der altjüdischen gentlich mehr stellt. Entsprechend übergangslos
Religiosität aufzufassen, die den ganzen Menschen, zieht die Forschung Kafkas Selbstdeutungen für die
die sittliche Tat und Entscheidung des Einzelnen im Interpretation seines Werkes heran, ohne den Zwi-
Geheimsten seiner Seele verlangt« (Brod 1974, 279). schenschritt − warum Judentum, Zionismus und
Als ein solcher jüdischer Autor galt Kafka jahrzehn- Ostjudentum denn ein für das Werk bestimmender
telang gerade nicht. Das Judentum fungierte nicht Kontext seien − explizit zu diskutieren. Die Unter-
als der Kontext für sein Werk, den Brod postuliert lassung einer Unterscheidung zwischen dem Werk
hat, ja fehlt in den Besprechungen zu Lebzeiten Kaf- als Objekt und der Untersuchung eben dieses Wer-
kas. Noch zwischen 1924 und 1938 findet das Juden- kes führt denn auch dazu, in ganz unterschiedlichen
tum Kafkas nur vereinzelt Erwähnung, etwa in alle- Motiven, Schreibweisen und Figuren Anspielungen
gorischen Deutungen Kafkas als religiöser Autor und Chiffrierungen, wenn nicht sogar Allegorien für
(Born 1983). einen eigentlich ja kaum verborgenen jüdischen
Während also Kafka für die wenigen Leser, die er Kontext anzunehmen. Das Gesetz, aber auch Figu-
zu Lebzeiten über seine Prager Kreise hinaus gefun- ren wie der Hund, der Affe, die Schakale und Mäuse,
den hatte, kein Werk geschrieben hat, das einen prä- Räume wie die unterirdischen Bauten oder die Dik-
gnanteren jüdischen Kontext zum Verständnis tion werden als (zwar paradoxe) Verschiebungen aus
bräuchte, hat Brod die Möglichkeiten einer Kontex- einem sehr viel konkreteren Kontext der damaligen
tualisierung in den Grundzügen formuliert, die bei Debatten um Judentum, Zionismus und Ostjuden-
allen Unterschieden in Details und Wertungen bis tum interpretiert. Die Unbestimmtheit und damit
heute Wirkung zeitigen. So folgt Brod dem expressi- Mehrdeutigkeit, wenn nicht Unverständlichkeit ge-
onistischen Aufbruch, den Weg in die Verbürgerli- rade des jüdischen Kontextes ist damit aber weitge-
chung, wie ihn das 19. Jahrhundert gegangen ist, als hend verlorengegangen (vgl. Zimmermann 1985).
Entfremdung von einer positiv gesetzten, älteren Und das umso mehr, als die Forschung seit den
Tradition aufzufassen und Kafkas Suche nach Ge- 1980er Jahren (Grözinger/Mosès/Zimmermann)
meinschaft im Judentum als Rückkehr zu begreifen. verstärkt auf die werkbiographische Nähe von Kaf-
Selbst neuere Biographien Kafkas bleiben diesem kas Durchbruch als Schriftsteller zu seinen intensi-
Grundverständnis verpflichtet. Für sie ist Kafkas ven Auseinandersetzungen mit dem Zionismus und
Biographie Muster einer gegen die Einsargungen des dem jiddischen Theater um 1911/12 hingewiesen
säkularen bürgerlichen Lebens aufbegehrenden Ge- hat (vgl. Beck 1971). Kafka gilt daher als ein jüdi-
neration. Spiegelbildlich werden dann die jüdischen scher Autor, sein Werk als verständlich erst vor die-
Kontroversen der Zeit auf einen positiven Kollektiv- sem Hintergrund. Judentum, Zionismus und Ostju-
singular zusammengezogen, den sie zur Zeit Kafkas dentum scheinen einen zwingenden Kontext für sein
gar nicht gebildet haben. Die Opposition von quä- Werk zu bilden. Aber genau das sind sie nicht.
lender Vereinzelung, Heimatlosigkeit und Grenz- Kafka selbst hat möglicherweise diesen Interpre-
gängerei versus leidenschaftlicher Suche nach Ge- tationsansatz vorbereitet, weil er zwischen sich und
meinschaft und Heimat im realen wie übertragenen seinem Werk nicht unterschieden zu haben scheint –
Sinne, die Kafkas Werk bestimme, findet sich eben- ob aus dem Misserfolg heraus, seine Literatur als
falls schon bei Brod. Werk in der Öffentlichkeit platzieren zu können
Schließlich tut Brod das, was bis heute die Kafka- (Unseld 2008), oder aus neoromantischem Autoren-
Forschung nicht losgelassen hat (vgl. Kraus, 351– selbstverständnis, oder aus beiden Gründen. Das
354): Er versteht Kafkas private Notate als gleichwer- lässt sich heute nicht mehr abschließend klären.
tigen Teil des öffentlichen Werkes, unterstellt damit Auch unterliegt die kalkulierte Polyvalenz seiner
Kafkas Schreiben eine romantische Einheit von Le- Prosa unvermeidlich dem Funktionswandel von
ben und Werk, in der der Autor nur ohnmächtiges Kontexten, die sich mit den Lesern wandeln und die
56 2. Einflüsse und Kontexte

kein Autor regulieren kann. Waren Kafkas zeitge- tum, Judentum. Ein Bekenntnisbuch. 2 Bde. München
nössische Leser noch vor allem an den literaturkriti- 1921. – David Cassel: Lehrbuch der jüdischen Ge-
schen Debatten um die junge Literatur ihrer Zeit in- schichte und Literatur. Leipzig 1879. – Otto Eißfeldt: Is-
teressiert, so hat die Philologisierung des Umgangs raels Geschichte. Tübingen 1914 (Religionsgeschichtli-
mit Kafkas Texten ›jüdische‹ Motive, Themen und che Volksbücher für die deutsche christliche Gegen-
Schreibweisen erst identifizieren können, weil sie wart. VI. Reihe. Begr. v. Friedrich Michael Schiele. Hg.
den Kontext weniger im Werk selbst sieht als eben in v. Karl Aner. 4. Heft). – Alexander Eliasberg: Sagen pol-
den Aufzeichnungen und Briefen Kafkas. Ob Kafka nischer Juden. Ausgewählt u. übertragen v. Alexander
das mitbedacht haben sollte, wird man nicht ganz Eliasberg. München 1916. – Paul Fiebig: Das Judentum
von Jesus bis zur Gegenwart. Tübingen 1916 (Religions-
ausschließen, aber auch nicht sicher bejahen kön-
geschichtliche Volksbücher für die deutsche christliche
nen. Kafkas Werkästhetik ist hier offener, kalkuliert
Gegenwart. Begr. v. Friedrich Michael Schiele. 2. Reihe,
verrätselter und scheint auf Anderes gezielt zu ha-
21./22. Heft). – Flugschrift des Kartells zionistischer
ben, als es die gegenwärtige Forschungssituation er-
Verbindungen (K. Z. V.): Der zionistische Student. Ber-
kennen lässt. Erst in Abwägung gegenüber anderen lin 1912. – Moritz Friedländer: Die religiösen Bewegun-
Kontexten kann abgeschätzt werden, wie sehr Kafka gen innerhalb des Judentums im Zeitalter Jesu. Berlin
eine für die Moderne um 1900 nicht untypische ne- 1905. – Samuel Loeb Gordon: Halaschon [»Die Spra-
gative Kunstreligion für sich und sein Schreiben ge- che«, Hebräisch-Lehrbuch]. Warschau 1919. – Micha
sucht haben dürfte, die nicht mit dem Judentum zu- Josef bin Gorion: Die Sagen der Juden. Gesammelt u.
sammenfällt und die in der Unbedingtheit dieser bearb. v. Micha Josef bin Gorion. Frankfurt/M. 1913. –
Suchbewegung gerade ihre Besonderheit gewinnt. Ders.: Der Born Judas. Legenden, Märchen und Erzäh-
Judentum, Zionismus und das Ostjudentum sind lungen. Gesammelt u. bearb. v. Micha Josef bin Gorion.
daher ein, aber kein zwingender Kontext für ein an- Bd. 1 u. 3. Leipzig 1916 u. 1919. – Georg Hollmann:
gemessenes Verständnis von Kafkas Werk, noch gar Welche Religion hatten die Juden, als Jesus auftrat? Tü-
der allein bestimmende. Indem man andere Kon- bingen 2. Aufl. 1910 (Religionsgeschichtliche Volksbü-
texte heranzieht, ob Kafkas intensive Leseerlebnisse cher für die deutsche christliche Gegenwart. Hg. v.
(Engel/Lamping), andere weltanschauliche und äs- Friedrich Michael Schiele. 1. Reihe, 7. Heft). – Mor-
thetische Debatten seiner Zeit oder auch die im dechai Kaufmann: Vier Essais über ostjüdische Dich-
Werk manifesteren christlichen Motive und Figuren tung und Kultur. Berlin 1919. – Karl Kautzsch: Die Phi-
− in jedem Fall wird jene eigenwillige Mehrdeutig- losophie des Alten Testaments. Tübingen 1914 (Religi-
keit erkennbar, auf die Kafkas Texte zuerst angelegt onsgeschichtliche Volksbücher für die deutsche
sind und die auf einen verrätselten Sinn abzuzielen christliche Gegenwart. Begr. v. Friedrich Michael
scheint, der sich schon im Aussprechen als Unmög- Schiele, hg. v. Karl Aner, 6. Reihe, 6. Heft). – Walther
lichkeit erweisen will. Diesen Anspruch an sich Köhler: Die Gnosis. Tübingen 1911 (Religionsgeschicht-
selbst und sein Werk zu verstehen und dafür Kon- liche Volksbücher für die deutsche christliche Gegen-
texte zu finden, ist die Aufgabe einer gelingenden In- wart. Hg. v. Friedrich Michael Schiele. 4. Reihe, 16.
Heft). – Gustav Krojanker: Juden in der deutschen Lite-
terpretation.
ratur. Berlin 1922. – Friedrich Küchler: Hebräische
Judaica I − in Kafkas Bibliothek (Auswahl): [Anon.:] Volkskunde. Tübingen 1906 (Religionsgeschichtliche
Moaus zur. Ein Chanukkahbuch. Berlin 1918. – Bar Volksbücher für die deutsche christliche Gegenwart.
Kochba: Vom Judentum. Ein Sammelbuch. Hg. v. Ver- Hg. v. Friedrich Michael Schiele. 2. Reihe, 2. Heft). – Ri-
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Immanuel Benzinger: Wie wurden die Juden das Volk der Zionistischen Vereinigung für Deutschland. Berlin-
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Judentum/Zionismus 57

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58 2. Einflüsse und Kontexte

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59

2.4 Philosophie Darüber hinaus hat Kafka Anfang 1912, allerdings


in der für seine Selbstcharakteristiken typischen
Übertreibung, das existentielle Interesse an Schrei-
Kafka – um sogleich einem gelegentlich auftreten- ben und Literatur als Grund für die weitgehende
den Missverständnis vorzubeugen – war selbst kein Vernachlässigung anderer Gegenstände angeführt:
Philosoph, hat sich aber mit einigen wenigen Philo-
Als es in meinem Organismus klar geworden war, daß
sophen auseinandergesetzt, etwa mit Blaise Pascal, das Schreiben die ergiebigste Richtung meines Wesens
Søren Kierkegaard und Arthur Schopenhauer, mit sei, drängte sich alles hin und ließ alle Fähigkeiten leer
Friedrich Nietzsche und Franz Brentano. Betrachtet stehn, die sich auf die Freuden des Geschlechtes, des Es-
man umgekehrt die Bedeutung von Kafkas Werk für sens, des Trinkens, des philosophischen Nachdenkens
der Musik zu allererst richteten. Ich magerte nach allen
die Philosophie, so zeigt sich im Gegenzug seine diesen Richtungen ab (3.1.1912; T 341).
schier unendliche Ausstrahlungskraft. Fast zahllos
sind die Theoretiker und Philosophen, denen sein Zu dieser ›Abmagerung‹ kommt eine prinzipielle
Œuvre als kontinuierliche Inspirationsquelle und als Skepsis gegenüber den an der Wirklichkeit offenbar
wiederkehrender Reflexionsraum gedient hat und meist scheiternden Erkenntnisverfahren und Syste-
weiterhin dient: Adorno, Günther Anders, Benja- matisierungsansprüchen philosophischer Reflexion
min, Bloch, Camus, Deleuze, Derrida, Rorty, Sartre hinzu, wie sie zum Beispiel ein Denkbild aus dem
etc. (vgl. Kim 2004). Doch nicht davon soll hier die Jahr 1920 zu verstehen gibt:
Rede sein, sondern ausschließlich von Kafkas eige-
Ein Philosoph trieb sich immer dort herum wo Kinder
nen Lektüren philosophischer Texte.
spielten. Und sah er einen Jungen, der einen Kreisel hatte
Inwiefern diese Lektüren freilich als gesichert gel- lauerte er schon. Kaum war der Kreisel in Drehung, ver-
ten können und in einem zweiten Schritt womöglich folgte ihn der Philosoph um ihn zu fangen. Daß die Kin-
Eingang in Kafkas Texte gefunden haben, darüber der lärmten und ihn von ihrem Spielzeug abzuhalten
besteht erhebliche Unklarheit (vgl. Binder 1984). Die suchten kümmerte ihn nicht, hatte er den Kreisel, so-
lange er sich noch drehte, gefangen, war er glücklich,
Tagebücher und Briefe des Autors liefern nur selten aber nur einen Augenblick, dann warf er ihn zu Boden
explizite Anhaltspunkte für eine tatsächliche Rezep- und ging fort. Er glaubte nämlich, die Erkenntnis jeder
tion bestimmter philosophischer Positionen. Kon- Kleinigkeit, also z. B. auch eines sich drehenden Kreisels
kret dokumentierbar ist nur die Kenntnisnahme von genüge zur Erkenntnis des Allgemeinen. Darum be-
schäftigte er sich nicht mit den großen Problemen, das
Pascal und Kierkegaard. Der wahrscheinliche Bezug
schien ihm unökonomisch, war die kleinste Kleinigkeit
zu Brentano verdankt sich dem biographischen Um- wirklich erkannt, dann war alles erkannt, deshalb be-
stand, dass Kafka bis zum Jahr 1906 regelmäßig an schäftigte er sich nur mit dem sich drehenden Kreisel.
den philosophischen Diskussionsrunden im Café Und immer wenn die Vorbereitungen zum Drehen des
Louvre teilnahm, wo Brentanos Philosophie im Mit- Kreisels gemacht wurden, hatte er Hoffnung, nun werde
es gelingen und drehte sich der Kreisel, wurde ihm im
telpunkt stand (vgl. Neesen 1972, 17–35; Wagenbach atemlosen Laufen nach ihm die Hoffnung zur Gewiß-
2006, 107–118; Alt, 107–112). Doch bereits zu Kaf- heit, hielt er aber dann das dumme Holzstück in der
kas Beschäftigung mit Nietzsche existieren nur Hand, wurde ihm übel und das Geschrei der Kinder, das
Zeugnisse aus zweiter und dritter Hand sowie ein er bisher nicht gehört hatte und das ihm jetzt plötzlich in
die Ohren fuhr, jagte ihn fort, er taumelte wie ein Kreisel
scharfer Kommentar Max Brods, der jede Verbin-
unter einer ungeschickten Peitsche (<Der Kreisel >; NSF
dung in Abrede gestellt hat: II, 361 f.).
Denn Nietzsche ist ja in der Geschichte des letzten Jahr-
Der hier erkennbaren Skepsis entsprechen auch die
hunderts der fast mathematisch genaue Gegenpol Kaf-
kas. Es zeigt die Instinktlosigkeit mancher Kafka-Erklä- offenen, unsystematischen, aphoristischen Formen
rer, daß sie sich nicht scheuen, Kafka und Nietzsche […] in Kafkas Werk, mit denen sich der Autor gelegent-
auf einer Ebene zusammenzubringen, – als ob es hier ir- lich selbst auf der Grenze zwischen Philosophie und
gendwelche noch so vage Bindungen, Vergleichsmög- Literatur bewegt. Das betrifft vor allem die von Max
lichkeiten und nicht den puren Gegensatz gäbe (Brod
1966, 259). Brod zunächst so genannten Aphorismen-Konvolute
<Betrachtungen über Sünde, Leid, Hoffnung und den
Der Rekurs auf Schopenhauer schließlich stützt sich wahren Weg > (NSF II, 113–140), die in gleicherma-
auf den Nachweis, dass sich in Kafkas Handbiblio- ßen dialektischer wie bildhafter Form Grundfragen
thek neun Bände einer zwölfbändigen Schopen- menschlicher Existenz verhandeln (vgl. Gray 1987),
hauer-Ausgabe befanden (Reed, 162). aber auch Tagebuchnotate und andere, vorwiegend
60 2. Einflüsse und Kontexte

zum Nachlass gehörige Fragmente und Prosaminia- 2004, 167 f.) kann man im Falle der Beschreibung ei-
turen (NSF II, 29–112). Mit Ausnahme von Bren- nes Kampfes nicht von literarisch inszenierter
tano sind es also nicht zufällig prominente Aphoris- Sprachskepsis reden, allenfalls von »Sprachexperi-
tiker unter den Philosophen, die Kafka näher in Au- menten« (Neymeyr, 167), die bisweilen geradezu
genschein genommen hat. eine Lust an der sprachlichen Selbstermächtigung
Trotz der unabweislichen inneren Distanz zum des Subjekts zelebrieren (z. B. NSF I, 141 f.).
philosophischen Diskurs im engeren Sinne und der Der zweiten, mit Kriegsbeginn einsetzenden Phase
eher prekären Quellenlage gibt es an Kafkas produk- liegen vornehmlich Jenseits von Gut und Böse, die
tiver Aufnahme insbesondere von Nietzsches und Unzeitgemäßen Betrachtungen, Menschliches, Allzu-
Kierkegaards Schriften keinen Zweifel. Um und nach menschliches sowie Zur Genealogie der Moral zu-
1900 gerät bekanntlich nicht nur eine ganze Genera- grunde. Zwar vermag die Behauptung, dass nach
tion heute kanonischer Autoren in den Bannkreis 1914 die Welt von Nietzsches Ideen zur Gänze Kafkas
Nietzsches − darunter Thomas Mann, Gottfried Welt geworden sei (Bridgwater, 15), nicht zu über-
Benn und Hugo von Hofmannsthal −, sondern es zeugen, aber dass für Kafkas Spätwerk Zur Genealogie
setzt auch die breite Rezeption Kierkegaards im der Moral ein »›sourcebook‹ in one later work after
deutschen Sprachraum ein (Anz 1977, 4–7). Dass another« bildet (Bridgwater, 11), erscheint in mehre-
diese übergreifende Entwicklung nicht spurlos an ren, noch zu erläuternden Hinsichten plausibel.
Kafkas wachem Bewusstsein vorübergegangen sein Der Hauptgrund für Brods gegenteilige Einschät-
wird, leuchtet unmittelbar ein. Allerdings ist hier zung liegt zweifellos darin, dass Kafka sich Nietz-
Differenzierung geboten. Im Falle Kierkegaards sind sches Visionen des Dionysisch-Rauschhaften sowie
es in erster Linie biographische Parallelen und Kon- den mannigfaltigen Postulaten der Lebenssteigerung
stellationen, die Kafkas Interesse wecken (Anz 2006), verweigert, die seinerzeit eine ungeheure Wirkung
auch vereinzelte theologische Motive, im Falle Nietz- entfaltet haben. Weder teilt er die lebensphilosophi-
sches dagegen spezifische Formulierungen, Argu- schen Grundannahmen, wie sie von Nietzsche, Sim-
mentationsmuster und Sprachbilder, die sich häufig mel, Bergson und Dilthey formuliert worden sind,
nur in sehr vermittelter Form identifizieren lassen. noch lässt er sich maßgeblich von der vitalistischen
Ausrichtung der Epoche beeindrucken. Folglich
spielt für ihn Authentizität als Kunstprogramm auch
Friedrich Nietzsche keine Rolle.
Es sind vielmehr einzelne Texte, die konkrete Be-
Gleichwohl soll zunächst das »Ereignis Nietzsche« in zugnahmen auf Nietzsche erkennen lassen, so vor
den Blick genommen werden, weil es, erstens, be- allem die Erzählungen In der Strafkolonie und Ein
reits den jungen Kafka betrifft (Nagel, 301; Kurz, Landarzt, die bis in die Wort- und Metaphernwahl
17 f.; Alt, 92 f.), zweitens eine ganze Zeitströmung hinein auf Denkfiguren und Problemstellungen
charakterisiert und weil, drittens, beide Autoren lange Nietzsches aus der Genealogie der Moral und Mensch-
Zeit wesentlich als Nihilisten galten (Emrich 1958, liches, Allzumenschliches reagieren, indem sie diese
199; Ries 1973, 265–268; Lauterbach 2006, 306). narrativ entfalten. Für die Strafkolonie betrifft es so-
In Kafkas Auseinandersetzung mit Nietzsche las- wohl den Zusammenhang von Strafe und Gedächt-
sen sich zwei Phasen unterscheiden: In der ersten, nis, ebenso aber die Genealogie und suggerierte
im Umfeld der Beschreibung eines Kampfes anzusie- Ebenbürtigkeit verschiedener Moralvorstellungen,
delnden Phase stehen Also sprach Zarathustra, Die mit denen sich der Protagonist im Text konfrontiert
Geburt der Tragödie sowie der 1903 erstmals publi- sieht, während im Landarzt Nietzsches Überlegun-
zierte Aufsatz Über Wahrheit und Lüge im außermo- gen zu Arzt und Priester als modernen, aber wir-
ralischen Sinne im Mittelpunkt und hier wiederum kungslosen Inkarnationen des Heilands ebenso eine
Reflexionen auf die Potentiale und Grenzen der Rolle spielen wie das Bild einer von Würmern zer-
Sprache. Damit partizipiert Kafka an dem von Nietz- fressenen Wunde, die zwar hässlich sein mag, jedoch
sche, Fritz Mauthner und Hofmannsthal geprägten immerhin als Indiz des Lebendigen aufgefasst wer-
sprachkritischen Diskurs der Jahrhundertwende, den kann (Menschliches, Allzumenschliches; KS 2,
ohne freilich in ihm aufzugehen. Denn trotz direkter 203 f.).
und indirekter Bezugnahmen auf Nietzsches wir- Darüber hinaus lassen sich natürlich gemeinsame
kungsmächtigen Aufsatz (Trabert 1987; Neymeyr Überzeugungen oder auch Strukturanalogien entde-
Philosophie 61

cken, die sich allerdings nicht notwendig einem un- K. heißt, er sei gestorben »wie ein Hund« (P 312).
mittelbaren Rekurs Kafkas auf Nietzsche verdanken, Daneben trifft man auf Akteure, die sich tatsächlich
sondern eher dem grundsätzlich skeptischen Milieu wie Tiere verhalten, so zum Beispiel der Verurteilte
der Moderne. Darauf hat auch die neuere Forschung in der Strafkolonie. Drittens schließlich bietet das
punktuell verwiesen (Ries 2007, 13–18; Alt 2005, Werk ein Panoptikum grotesker Kreaturen, da es mit
574–576), wie sie überhaupt vorsichtigere Urteile einer Vielzahl an Mischwesen und Kreuzungen auf-
über eine mögliche Korrelation der zwei Autoren wartet. Man begegnet Kreuzungen zwischen Men-
fällt. schen und Tier (wie im Falle der mit Schwimmhäu-
Sowohl Nietzsche als auch Kafka begreifen die ten zwischen den Fingern ausgestatteten Figur Leni
Moderne in der Tradition Rousseaus als Zeitalter der im Roman Der Process), man trifft auf Kreuzungen
Vermittelmäßigung und Verkleinerung des Men- zwischen Tieren verschiedener Gattungen (etwa in
schen (vgl. etwa Der neue Advokat), beide üben ve- dem Text Eine Kreuzung, in der »ein eigentümliches
hement Erkenntniskritik, beide sind vom unhinter- Tier, halb Kätzchen, halb Lamm« im Vordergrund
gehbaren Perspektivismus des Lebens sowie von der steht; NSF I, 372), aber auch zwischen belebten We-
Welt als permanentem Auslegungsgeschehen über- sen und unbelebten Objekten − wie bei Odradek in
zeugt und beide widmen sich mit großer Intensität Die Sorge des Hausvaters: Odradek sieht aus wie eine
dem, was Nietzsche die »Stufen der Scheinbarkeit« Zwirnspule auf zwei Beinen, aber wer oder was er ist,
nennt (Jenseits von Gut und Böse; KS 5, 53), die er für bleibt völlig offen. Als Figur der kategorialen Ver-
realer hält als alle Begriffe von wahr und falsch weigerung, an der jedes Sinnbegehren scheitert, re-
(Meese 1999, 174–178). Auffällig ist schließlich auch, präsentiert er die Unbestimmbarkeit selbst. Doch
dass Kafka zunehmend die Erinnerung als Darstel- auch der Mensch weist ein hohes Maß an Unbe-
lungselement aus dem Erzählprozess ausschließt – stimmbarkeit auf, sofern er sich offenbar auf dem
als habe er sich die zweite Unzeitgemäße Betrachtung schmalen Grat zwischen Mensch und Tier bewegt.
über Nutzen und Nachtheil der Historie für das Leben Kafkas Texte erzählen ja nicht nur von Mischwesen
zueigen gemacht und in der Folge seinen Protago- und Kreuzungen aller Art, sie erkunden darüber
nisten die Last der Vergangenheit ersparen wollen hinaus die Grauzonen im Übergang von Mensch
(vgl. ä 442). und Tier, von Natur und Zivilisation – nicht zuletzt
Eine weitere, nicht minder relevante Übereinstim- indem sie von Transformationen und Substitutionen
mung besteht in der skeptischen Anthropologie, der als Veranschaulichungen fließender Übergänge be-
beide Autoren verpflichtet sind. Mit einer berühm- richten (Die Verwandlung, Ein Hungerkünstler).
ten Formulierung kennzeichnet Nietzsche den Men- Neben den Erzählungen In der Strafkolonie und
schen als das »noch nicht festgestellte Thier« (Jen- Ein Landarzt ist freilich Ein Bericht für eine Akade-
seits von Gut und Böse; KS 5, 81) und zieht damit mie derjenige von Kafkas Texten, in dem das stärkste
gleichsam die Konsequenz aus Darwins Evolutions- Echo von Nietzsches in der Genealogie der Moral und
lehre. Diese Formulierung hat Nietzsche selbst so in Menschliches, Allzumenschliches entwickelter skep-
sehr überzeugt, dass er sich fortan kontinuierlich da- tischer Anthropologie zu vernehmen ist. Nietzsche
rauf bezieht, insbesondere in der Genealogie der Mo- redet hier nämlich nicht nur allgemein vom Men-
ral, wobei seine Ausführungen keinen Zweifel lassen schen als Tier und im Verhältnis zum Tier, sondern
an der Depotenzierung des Menschen als vermeint- wiederholt in konkreter Hinsicht auf den Affen. Und
licher Krone der Schöpfung. ein Affe namens Rotpeter ist bekanntlich der Prota-
Kaum anders geht es bei Kafka zu. Auch er behan- gonist in Kafkas Erzählung. Vom »Kreislauf des
delt den Menschen im Grunde als das noch nicht Menschenthums« hatte Nietzsche behauptet:
festgestellte Tier. Sein Werk umfasst bekanntlich
Vielleicht ist das ganze Menschenthum nur eine Entwi-
eine Reihe von Tiergeschichten, zum Beispiel Scha- ckelungsphase einer bestimmten Thierart von begränz-
kale und Araber, <Der Bau>, <Forschungen eines ter Dauer: so dass der Mensch aus dem Affen geworden
Hundes> oder auch Josefine, die Sängerin oder Das ist und wieder zum Affen werden wird, während nie-
Volk der Mäuse. In all diesen Texten agieren Tiere als mand da ist, der an diesem verwunderlichen Komödien-
ausgang irgend ein Interesse nehme (Menschliches, All-
Protagonisten. Außerdem begegnet man im gesam- zumenschliches; KS 2, 205 f.).
ten Werk einer Fülle an Tiervergleichen und Tier-
metaphern, oftmals an exponierter Stelle, beispiels- Kafkas Erzählung nun spielt die reziproken Mög-
weise am Ende des Process-Romans, wo es von Josef lichkeiten zwar nicht als Komödie, wohl aber als Sa-
62 2. Einflüsse und Kontexte

tire durch, in welcher der Punkt des Umschlags prä- »Ich habe heute Kierkegaard Buch des Richters be-
zise markiert werden soll, wo Natur in Kultur über- kommen. Wie ich es ahnte, ist sein Fall trotz wesent-
geht, wo das Tier endet und der Mensch beginnt – und licher Unterschiede dem meinen sehr ähnlich zu-
umgekehrt. In mancher Hinsicht erscheint der Text mindest liegt er auf der gleichen Seite der Welt. Er
dabei so eng an Nietzsches Wort- und Bildfeldern bestätigt mich wie ein Freund« (21.8.1913; T 578). In
orientiert, dass man diese förmlich als Kern der Nar- Kierkegaards schwierigem Verhältnis zu Regine Ol-
ration begreifen kann. sen schien sich Kafkas mehrjährige, von Anziehung
und Abstoßung geprägte Beziehung zu Felice Bauer
zu spiegeln (Anz 2006, 86).
Søren Kierkegaard Über die lebensgeschichtlichen Parallelen hinaus
hat Kafka eine Reihe grundlegender Aspekte an
Nietzsches christlicher Antipode im 19. Jahrhundert Kierkegaard gefesselt, wie sie insbesondere zwei
war bekanntlich Søren Kierkegaard, dessen umfang- Briefe an Max Brod vom März 1918 artikulieren
reiche Schriften ab 1909 in einer deutschen Gesamt- (Anf. März 1918, Briefe 234–236; Ende März 1918,
ausgabe beim Eugen Diederichs Verlag erscheinen Briefe 237–240). Das betrifft zum einen die verfüh-
und damit das allgemein wachsende Interesse am rerische stilistische Leichtigkeit des Dänen, seine
dänischen Philosophen und Theologen im deut- Differenzierung zwischen Sagen und Mitteilen
schen Sprachraum dokumentieren. Wie Pascal ist (Briefe 234), also Kierkegaards Modell der »indirek-
Kierkegaard ein religiöser Denker der Innerlichkeit, ten Mitteilung« (vgl. Abschließende unwissenschaftli-
insofern besteht hier von vornherein eine grundle- che Nachschrift, 65–72), die »Macht seiner Termino-
gende Affinität des zur Selbstbeobachtung neigen- logie, seiner Begriffsentdeckungen«, denen man sich
den Kafka zu beiden Autoren (Nagel 1983, 291 f.). »nicht entziehen kann« (Briefe 238), namentlich Be-
Während aber die Bezüge zu Nietzsche der skrupu- griffen wie jenen des ›Dialektischen‹ oder der ›Be-
lösen Rekonstruktion bedürfen und jene zu Pascal wegung‹. Von letzterem heißt es an Brod: »Von die-
spärlich bleiben (6.1.1914; T 622 und 2.8.1917; sem Begriff kann man geradewegs ins Glück des
T 816), spielt Kierkegaard ab etwa Ende 1917 eine Erkennens getragen werden und noch einen Flügel-
explizite, wenngleich äußerst ambivalente Rolle (Anz schlag weiter« (ebd.).
2006). »Kierkegaard ist ein Stern, aber über einer Kafka ist beeindruckt von Kierkegaards Radikali-
mir fast unzugänglichen Gegend« (An O. Baum, tät in religiösen Fragen, erblickt in ihr aber dennoch
Ende März/Anf. April 1918; Briefe 190, dort noch eine Art »Vergewaltigung« der für diese unbedingte
falsch datiert); oder ganz ähnlich: »Aus dem Zim- Form der Religiosität nicht gemachten Welt (Briefe
mernachbar ist irgendein Stern geworden, sowohl 239). Damit geht auch eine Kritik an Kierkegaards
was meine Bewunderung, als eine gewisse Kälte mei- Deutung von Abraham in Furcht und Zittern einher,
nes Mitgefühls betrifft« (An M. Brod, Anf. März über welcher der »gewöhnliche Mensch« vergessen
1918; Briefe 235). werde (Briefe 236; NSF II, 103).
Dabei hat Kafka vor allem einzelne, theologischen Die Sympathie für Kierkegaards von Ironie, Para-
Fragen zugewandte Werke wie Furcht und Zittern doxien und dialektischen Volten getragenes Darstel-
und Der Augenblick zur Kenntnis genommen (An lungsverfahren, für die Doppelbödigkeiten und Ab-
M. Brod, Anf. 1918; Briefe 235), Auszüge aus den Ta- gründe seines Witzes, kann angesichts von Kafkas
gebüchern – das sogenannte Buch des Richters eigenen Erzähltechniken nicht überraschen (Neu-
(21.8.1913; T 578) – sowie von den pseudonymen mann 1968, 704–714; Lange 1986, 300 f.) − Techni-
ästhetischen Schriften Die Wiederholung, Stadien auf ken freilich, die sich bereits vor der Kierkegaard-
des Lebens Weg (An M. Brod, Anf. März 1918; Briefe Rezeption ausgebildet haben, in ihr jedoch eine
235) und Entweder-Oder, das er als »abscheuliches, willkommene Bestätigung erhalten. Auch das Chan-
widerwärtiges« Buch bezeichnet, geschrieben »mit gieren Kierkegaards zwischen literarischen, philoso-
allerspitzigster Feder« (An M. Brod, Mitte/Ende Ja- phischen und religiösen Formen und Perspektiven,
nuar 1918; Briefe 224 f.). seine virtuose Fähigkeit, »dieses Leben nach vor-
Solchen distanzierenden bis negativen Urteilen wärts oder rückwärts und natürlich auch nach bei-
stehen freilich auch positive, oft mit biographischen den Richtungen zugleich untersuchen« zu können
Umständen zusammenhängende Einschätzungen (Briefe 235), bewundert er und findet dies im selben
gegenüber (Nagel 1983, 280–285; Anz 2006, 83): Augenblick ein wenig unheimlich.
Philosophie 63

Kafkas Nähe zu Kierkegaard gründet demnach Jordan 1980, 335–342), lässt sich die Begrenzung auf
hauptsächlich auf einer biographischen und einer im den figuralen, allererst die Wirklichkeit konstituie-
weitesten Sinne methodisch-darstellungstechni- renden Wahrnehmungs-, Erfahrungs-, Reflexions-
schen Verwandtschaft. Versuche im Horizont von und Sprachhorizont, die Kafkas Erzähltexte aus-
Existenzphilosophie und Existenzialismus, Kafkas zeichnet, vielleicht als darstellungstechnische Kon-
Spätwerk als literarische Umsetzung oder gar Einlö- sequenz von Brentanos Lehre von der Intentionalität
sung von Kierkegaards Philosophie zu deuten, ver- des Bewusstseins verstehen.
mögen nur bedingt zu überzeugen. Das zeigt der his-
torische Abstand ebenso wie das inzwischen vielfach
detailliertere und komplexere Verständnis von Kaf- Forschung
kas Texten.
Der Gang der Forschung im Blick auf Kafkas Ver-
hältnis zur Philosophie gleicht einer Ausnüchte-
Arthur Schopenhauer rungskur. Aufgrund der stark religiösen Kafka-Deu-
tung durch Max Brod sowie aufgrund der bereits bei
Im Falle Schopenhauers ist nicht nur wie bei Nietz- Kierkegaard dominanten Verknüpfung theologi-
sche die Quellenlage dürftig, auch die Forschung hat scher und philosophischer Motive hat sich die For-
dieser Korrelation bisher nur geringen Wert beige- schung zunächst vielfach auf theologisch-philoso-
messen. Am ehesten darf in den ab 1917 entstehen- phischem Grenzgebiet bewegt, wo sie mit geradezu
den Aphorismen-Konvoluten ein Echo der ein Jahr metaphysischem Pathos in den Schriften des Autors
zuvor beginnenden intensiveren Schopenhauer- Antworten auf die letzten Fragen zu finden meint
Lektüre erblickt werden (Reed 1965, 168; Alt 2005, (vgl. Beicken, 188–193). Das gilt auch für die bis in
465 f.). Doch muss man wohl von einem fernen Echo die 1970er Jahre reichenden Interpretationen im
sprechen, wie Kafka fast stets, als Virtuose der Ver- Banne von Existenzphilosophie und Existenzialis-
mitteltheit, direkte Bezugnahmen vermeidet. Das mus, die Kafkas Werk als Veranschaulichung von
gilt auch für die Rezeption Schopenhauers: »was er Weltangst, Nihilismus, Absurdität, Entfremdung
mitnahm, war eine starke Anregung; was er über- und Isolation zu begreifen suchen (Lauterbach 2006,
nahm, waren Bilder und Terminologie« (Reed, 168). 306). Diese Analysen sind nicht nur oft durch eine
Dennoch kann der skeptische Grundzug der Apho- Neigung zur Allegorese geprägt, sondern auch durch
rismen nicht allein der Auseinandersetzung mit eine erhebliche Ferne gegenüber Kafkas Texten.
Schopenhauer zugeschrieben werden (Alt, 466), weil In der neueren Forschung dagegen sind die Frage-
Skepsis die conditio sine qua non von Kafkas Schrei- stellungen versachlicht und die Texte wesentlich prä-
ben überhaupt darstellt. ziseren, die jeweilige ästhetische Faktur integrieren-
den Lektüren unterzogen worden. Überdies lässt
sich hier eine adäquate Skepsis gegenüber Bestre-
Franz Brentano bungen beobachten, Kafkas Werk als bloße Illustra-
tion philosophischer Denkmuster und Einsichten zu
Die Beschäftigung mit der Bewusstseinstheorie verrechnen.
Franz Brentanos gehört in Kafkas Studienzeit, wäh- Ein Forschungsdesiderat bildet trotz der vorhan-
rend der er regelmäßig an philosophischen Diskussi- denen Studien weiterhin die Klärung der mehr als
onsrunden im Hause Fanta und im Café Louvre teil- nur ideengeschichtlichen Konstellation Kafka −
nimmt (Neesen 1972, 17–35; Wagenbach 2006, 174– Nietzsche, die wohl erst unter der Voraussetzung zu
176; Alt 2005, 107–112); sie liegt also zu einem leisten ist, dass man sich genauer auf die Bildwelten
Zeitpunkt, da der Autor erst zu schreiben beginnt. beider Autoren einlässt.
Inwiefern er Brentanos auf der Grenze zwischen Psy-
chologie und Philosophie angesiedelte Arbeiten ge- Philosophische Kontexte: Søren Kierkegaard: Abschlie-
lesen hat, muss offen bleiben; dessen Grundüberle- ßende unwissenschaftliche Nachschrift zu den Philoso-
gungen zur Urteilsbildung und Bewusstseinskon- phischen Brocken. Erster Teil. In: Ders.: Gesammelte
struktion dürften ihm aber vertraut gewesen sein. Werke. Hg. v. Emanuel Hirsch u. a. 16. Abteilung. Gü-
Wenngleich hier Spuren in seinen Texten kaum tersloh 1988. − Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke.
nachweisbar sind (vgl. dagegen Neesen, 157–194; Kritische Studienausgabe in 15 Einzelbänden [KS]. Hg.
64 2. Einflüsse und Kontexte

v. Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München (1980), 27–43. – Christa Meese: Wirklichkeit als Schein
1988. −− Zu Büchern in Kafkas Bibliothek vgl. Born und Deutung im Werke F.K.s und Friedrich Nietzsches.
(1990), 114–116 (Kierkegaard), 119 (Nietzsche), 128– Würzburg 1999. − Ralf R. Nicolai: Nietzschean Thought
130 (Schopenhauer). in K.’s A Report to an Academy. In: Literary Review 26
Forschung allgemein: P.-A. Alt (2005). − Thomas Anz: (1983), 551–564. − Ders.: Wahrheit und Lüge bei K. und
Literatur der Existenz. Literarische Psychopathographie Nietzsche. In: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 22
und ihre soziale Bedeutung im Frühexpressionismus. (1981), 255–271. – Wiebrecht Ries: K. und Nietzsche.
Stuttgart 1977. − P.U. Beicken (1974). – Hartmut Bin- In: Nietzsche Studien: Internationales Jahrbuch für die
der: Jugendliche Verkennung. K. und die Philosophie. Nietzsche Forschung 2 (1973), 258–275.– Ders.:
In: WW 34 (1984), 411–421. − Ders.: Der Prager Fanta- Nietzsche/K. Zur ästhetischen Wahrnehmung der Mo-
Kreis. K.s Interesse an Rudolf Steiner. In: Sudetenland derne. Freiburg, München 2007. − Lukas Trabert: Er-
38 (1996), 106–150. – Max Brod: Über F.K. Frankfurt/M. kenntnis- und Sprachproblematik in F.K.s Beschreibung
1966. − Ralph P. Crimmann: F.K. – Versuch einer kul- eines Kampfes vor dem Hintergrund von Friedrich
turphilosophischen Interpretation. Hamburg 2004. – Nietzsches Über Wahrheit und Lüge im außermorali-
Wilhelm Emrich: F.K. Bonn 1958. − A. Heidsieck schen Sinne. In: DVjs 61 (1987), 298–324.
(1994). – Richard T. Gray: Constructive Destruction. Kierkegaard: Thomas Anz: Identifikation und Ab-
K.’s Aphorisms. Literary Tradition and Literary Trans- scheu. K. liest Kierkegaard. In: Engel/Lamping (2006),
formation. Tübingen 1987. − Friedmann Harzer: »Mehr 83–91. − Claude David: Die Geschichte Abrahams. Zu
als das, was man sieht, kann ich nicht sagen«. F.K. bei K.s Auseinandersetzung mit Kierkegaard. In: Günter
Rudolf Steiner. Prag, Ende März 1911. In: Georg Braun- Schnitzler u. a. (Hg.): Bild und Gedanke. München
gart (Hg.): Bespiegelungskunst. Begegnungen auf den 1980, 79–90. − Wolfgang Lange: Über K.s Kierkegaard-
Seitenwegen der Literaturgeschichte. Tübingen 2004, Lektüre und einige damit zusammenhängende Gegen-
151–164. – Hyun Kang Kim: Ästhetik der Paradoxie. K. stände. In: DVjs 60 (1986), 286–308. − Helge Miethe:
im Kontext der Philosophie der Moderne. Würzburg Sören Kierkegaards Wirkung auf F.K. Motivische und
2004. − G. Kurz (1984). − Dorothea Lauterbach: »Unbe- sprachliche Parallelen. Marburg 2006. – Richard Shep-
waffnet ins Gefecht« – K. im Kontext der Existenzphilo- pard: K., Kierkegaard and the K.s. In: Literature and
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Assimilation. K. und der jüdische Nietzscheanismus.
In: Balke/Vogl/Wagner (2009), 201–230. – G. Kurz
65

2.5 Psychoanalyse 1912. Sie steht auf den losen Blättern seines Reisetage-
buchs, das er in diesen Wochen führte, und in einem
auch für sein Interesse an der Psychoanalyse durchaus
symptomatischen Rahmen. Denn vom 8. bis zum 27.
Kafkas Psychoanalyse-Rezeption Juli hielt sich der gerade 29 Jahre alt gewordene Autor
bis 1912 nach einer Ferienreise mit Max Brod im Naturheilsa-
natorium »Jungborn« im Harz auf, einem der damali-
Autoren und Autorinnen der literarischen Moderne gen Schauplätze jener Lebensreformbewegung, mit
zeigten sich von der Psychoanalyse fasziniert und der Kafka zeitlebens sympathisierte und in der auch
provoziert, seit es diese gab, zuerst um 1900 in Wien, die Psychoanalyse auf positive Resonanz stieß. In dem
spätestens seit 1910 in allen anderen deutschsprachi- Tagebucheintrag heißt es: »Nachmittag Spaziergang
gen Zentren des literarischen Lebens, seit den 1920er nach Ilsenburg mit einem ganz jungen Gymnasial-
Jahren in ganz Europa und in den USA. Es gibt kaum professor Lutz aus Nauheim; kommt nächstes Jahr
einen bedeutenden Autor im 20. Jahrhundert, der vielleicht nach Wickersdorf. Koedukation, Naturheil-
sich nicht mit der Psychoanalyse auseinandergesetzt kunde, Kohen, Freud« (10.7.1912; T 1042).
hat (vgl. Anz 2006). Franz Kafka ist da keine Aus- Neun Tage später antwortete Kafka aus dem Sana-
nahme. Wie die gesamte Literaturgeschichte der Mo- torium auf einen Brief des Prager Freundes Willy
derne lässt sich sein literarisches Werk ohne die zeit- Haas, der ihm offensichtlich begeistert über seine
gleichen Kontexte der Psychoanalyse kaum ange- Lektüre eines Buches von Freud berichtet hatte:
messen verstehen.
Von Freud kann man Unerhörtes lesen, das glaube ich.
Manche Autoren der Moderne waren durch ihre
Ich kenne leider wenig von ihm und viel von seinen
wissenschaftliche Ausbildung einschlägig auf die Re- Schülern und habe deshalb nur einen großen leeren Re-
zeption der Psychoanalyse vorbereitet: Robert Musil, spekt vor ihm. Wenn es sich um das Buch von Freud
Alfred Döblin und vor allem Arthur Schnitzler. Viele handelt, das Sie in Ihrer Bibliothek hatten, so verdanken
kamen als Patienten mit ihr in Berührung. Das Bei- Sie eigentlich die Lektüre mir, denn ich hatte, als ich bei
Ihnen war, die Hand schon danach ausgestreckt
spiel Rainer Maria Rilke, der im Winter 1911/12 eine (19.7.1912; B00–12 162).
psychoanalytische Behandlung erwog, doch dann
davon Abstand nahm, weil er fürchtete, mit seiner Unter den Zeitschriften, die Kafka las, hatte schon
Neurose auch seine Kreativität zu verlieren, ist kei- 1910 die Neue Rundschau mit einem Aufsatz des
neswegs typisch. Hugo von Hofmannsthal ließ sich Psychologen und Mediziners Willy Hellpach relativ
zeitweilig von Wilhelm Fließ behandeln, Hermann ausführlich über Psycho-Analyse informiert (Bd. 4,
Hesse unterzog sich 1916 bei einem Jung-Schüler, 1652–1660). Gesprächsgegenstand war sie nachweis-
nach 1920 bei C.G. Jung selbst einer Therapie. Auch lich in dem von Kafka sporadisch besuchten Prager
Arnold Zweig, Hermann Broch und sogar einer der Salon Berta Fantas, in dem vornehmlich über Philo-
heftigsten Kritiker (doch zugleich besten Kenner) sophie und Psychologie debattiert wurde, und nicht
Sigmund Freuds, Robert Musil, ließen sich psycho- zuletzt bei den regelmäßigen Treffen mit seinen
analytisch behandeln. Die meisten von ihnen litten Freunden Max Brod und Felix Weltsch. 1913 veröf-
unter schweren Arbeitsstörungen, und manche, so fentlichten diese zusammen ein Buch, das unter dem
Hesse und Broch, beschrieben ihre Analyse als Be- Titel Anschauung und Begriff eine ambitionierte
freiung zu neuer Kreativität. Wahrnehmungspsychologie menschlicher Urteils-
Für Kafka ist ähnlich wie für Thomas Mann oder bildung entwarf, die sich stellenweise auf Schriften
Rilke ein anderer, indirekterer Zugang zur Psycho- Freuds berief (vgl. Alt, 119).
analyse kennzeichnend: Er verläuft über Gespräche Zu den Schülern Freuds, von denen Kafka damals
mit Freunden oder Bekannten und über die Lektüre viel über die Psychoanalyse erfahren hatte, gehörte
von Zeitungen oder Zeitschriften. Die Wahrnehmung Wilhelm Stekel (1868–1940), der seit 1903 und noch
der Psychoanalyse ist dabei häufig vorgeprägt durch 1912 im Prager Tagblatt einige Artikel veröffentlicht
die in der literarischen Intelligenz damals intensiv be- hatte (hierzu und zum Folgenden: Binder 1966, 92–
triebene Auseinandersetzung mit Arthur Schopen- 114; Binder 1979, 410–412). Namentlich genannt
hauer und Friedrich Nietzsche (vgl. Kurz, 27–43). wird Stekel aber erst in einem Brief vom 23. Septem-
Kafkas erste, beiläufige Erwähnung Sigmund Freuds ber 1917, den Kafka an den Freund Willy Haas
(1856–1939) findet sich in einer Notiz vom 10. Juli schrieb:
66 2. Einflüsse und Kontexte

Übrigens noch eine Bitte die gut anschließt: Im 2ten Gedanken an Freud hatten später auch zahllose
Band der »krankhaften Störungen des Trieb- und Af- Kafka-Interpreten. Sie sind in ihre Interpretationen
fektlebens (Onanie und Homosexualität)« von Dr Wil- von Kafkas Werken, gerade auch in die der Erzäh-
helm Stekel oder so ähnlich (Du kennst doch diesen
Wiener, der aus Freud kleine Münze macht) stehn 5 Zei- lung Das Urteil, eingegangen. Und sie sahen sich
len über die »Verwandlung« Hast Du das Buch, dann sei durch Kafkas eigene Bemerkung gerechtfertigt.
so freundlich und schreib es mir ab (B14–17 328). Diese ist jedoch so vage, dass sie fast alle Fragen, die
man an sie stellen kann, offen lässt und wie Kafkas
Der Wortlaut der Briefpassage impliziert, dass Kafka gesamtes Werk zu immer neuen Deutungen einlädt.
schon früher Kenntnisse über Stekel hatte. Sympto- War es eine bestimmte Stelle oder Passage der Er-
matisch für die Psychoanalyse-Rezeption Kafkas zählung, bei der Kafka an Freud gedacht hat? Etwa,
und seiner literarischen Zeitgenossen ist er ansons- wie Binder (1979, 410) annimmt, bei der Verwen-
ten in zwei Aspekten: Im Vergleich zum Lehrer wer- dung des Wortes »Verkehr« im letzten Satz, mit dem
tete man Freuds Schüler häufig ab. Vor allem aber er nach einer von Max Brods biographischen Erin-
verweist der Brief auf einen typischen Sachverhalt in nerungen (Brod, 114) überlieferten Bemerkung
der Beziehung zwischen Literatur und Psychoana- »eine starke Ejakulation« assoziierte? Oder hatte er
lyse: Die Autoren der literarischen Moderne interes- bei den Gedanken an Freud die gesamte Konzeption
sierten sich nicht zuletzt deshalb für die Psychoana- des Textes, die Entfaltung der Handlung, die Kon-
lyse, weil diese sich für sie interessierte. Überhaupt stellation der Figuren, die Traumähnlichkeit des er-
hat das intensive Interesse Freuds und seiner Schüler zählten Geschehens oder auch den traumartigen
an Literatur erheblich dazu beigetragen, dass sich Zustand bei der Niederschrift im Sinn? An welche
um und nach 1900 ein publizistischer, brieflicher Bestandteile der psychoanalytischen Theorie könnte
oder zuweilen sogar mündlicher Dialog zwischen er dann gedacht haben? An die Mechanismen der
Psychoanalytikern und Schriftstellern entwickelte, Traumarbeit oder der freien Assoziation, an die Sym-
an dem auch Kafka teilhatte. boldeutung, die Theorie des ödipalen Konfliktes?
Ein an Literatur besonders interessierter Freud- Auf alle diese Fragen gibt es wohl nur eine haltbare
Schüler war Theodor Reik (1888–1969), der in der Antwort: Woran Kafka bei oder nach der Nieder-
von Kafka gelesenen Zeitschrift Pan seit dem Herbst schrift seiner Erzählung wirklich dachte, können wir
1911 etliche Artikel über Flaubert, Schnitzler und nicht wissen (vgl. Anz 2002). Die Geschichte von Ge-
Freud publizierte. 1912 erschien seine Dissertation org Bendemanns Umgang mit seinen ambivalenten
Flaubert und seine »Versuchung des heiligen Antonius«. Bindungen an den Freund, die Verlobte, die tote Mut-
Ein Beitrag zur Künstlerpsychologie, mit einer Vorrede ter und den Vater, die für diesen und für den Sohn
von Alfred Kerr, dem Reik das Buch gewidmet hatte. ein tödliches Ende hat, enthält zahlreiche Einladun-
Der Verfasser der Rezension dazu im Prager Tagblatt gen zu Vermutungen, was in ihr von der Psychoana-
vom 22. Dezember 1912 war Max Brod. Kafka hatte lyse angeregt sein könnte. Doch wie leicht man sich
seinen Freund schon Jahre vorher für Flaubert begeis- mit solchen Vermutungen täuschen kann, hatten
tert. Mit ihm zusammen las er über viele Monate hin- schon früh jene Psychoanalytiker erfahren, die sich
weg den Antonius-Roman. Ob er von Brod schon vor damals für zeitgenössische Literatur interessierten.
der Veröffentlichung der Rezension und vielleicht so- Als man in der von Freud geleiteten Wiener »Psy-
gar schon vor der Niederschrift seiner Erzählung Das chologischen Mittwoch-Gesellschaft« über Wilhelm
Urteil über Reiks Buch informiert war, ist nicht zu er- Jensens Novelle Gradiva (1903) debattierte, erklärten
mitteln. Etliches von dem, was Reik hier thematisiert sich manche die erstaunlichen Übereinstimmungen
− etwa den Hass des Sohnes auf den Vater, Schuld- dieser literarischen Krankheits- und Heilungsge-
komplexe oder mit masochistischen Lustkomponen- schichte mit den eigenen psychoanalytischen Vorstel-
ten durchsetzte Bestrafungsphantasien − gehört zu lungen durch die Annahme, der Autor habe Freuds
den zentralen Motiven in Kafkas Erzählung. In dem Traumdeutung gelesen und in seinem Text verarbei-
enthusiastischen Rückblick auf den rauschhaften tet. Sie irrten darin, wie sich schnell herausstellte (vgl.
Glückszustand der vorangegangenen Nacht, in der er Schönau). Auch wenn im Fall Kafkas Kenntnisse des
bei einer »vollständigen Öffnung des Leibes und der Autors über die Psychoanalyse zweifelsfrei belegt
Seele« Das Urteil in »einem Zug geschrieben« hatte, sind, ist mit ähnlichen Irrtümern bei spezifischeren
notierte Kafka am 23. September 1912 in sein Tage- Aussagen über diese Kenntnisse und ihre Transforma-
buch: »Gedanken an Freud natürlich« (T 460 f.). tion in seine literarischen Texte immer zu rechnen.
Psychoanalyse 67

Kafka und der Psychoanalytiker ren Übergriffen des Vaters und seiner Helfer im
Otto Gross wirklichen Fall Otto Gross gemeinsam hat: die Frag-
würdigkeit und die Undurchsichtigkeit. Einen Ein-
Etwas konkreter als bis 1912 werden die Quellen zu druck davon, wie sehr die Affäre von phantasieanre-
Kafkas Psychoanalyserezeption ab 1917, dem Jahr, in genden Ungewissheiten, dunklen Machenschaften
dem er den in den Bohemekreisen Wiens, Prags, und Gerüchten umrätselt war, vermittelt Arnold
Münchens und Berlins berühmt-berüchtigten Psy- Zweigs Beitrag dazu in der Schaubühne:
choanalytiker Otto Gross (1877–1920) kennenlernte, Warum hat die Polizei den Doktor Groß ausgewiesen?
begeistert Hans Blühers (1888–1955) psychoanaly- Nicht weil er Morphium nahm, heißt es jetzt, sondern
tisch orientierte Schrift Die Rolle der Erotik in der weil er keine Papiere besaß. In der Tat hatte Otto Groß
männlichen Gesellschaft (2 Bde., 1917/19) las und in seine Ausweispapiere nicht; sie lagen bei seinem Vater,
dem Kriminalisten Professor Hans Groß in Graz, und so
dem die mit einem Blutsturz zu Tage tretende Lun-
oft er ihrethalben an den Vater schrieb, erhielt er den Be-
gentuberkulose sein Leben veränderte. Er interpre- scheid, er brauche sie nicht, denn jederzeit könne sich
tierte sie als psychosomatisches Phänomen und die Berliner Polizei direkt an den Vater nach Graz wen-
folgte damit Wahrnehmungsmustern, in die auch den, so daß der Sohn Unannehmlichkeiten nie haben
seine Auseinandersetzungen mit der Psychoanalyse werde. Denn die Polizei aller Länder ist eine große Fami-
lie. Derselbe Vater aber hatte schon im Mai die berliner
involviert waren. Polizei gebeten, seinen Sohn zu beaufsichtigen (warum?)
Über Otto Gross dürfte Kafka schon vier Jahre – sollten ihr also von Graz keine Papiere, sondern Auf-
vorher einiges gehört und gelesen haben. ›Jemand träge, Bitten um eine kleine Gefälligkeit zugegangen
musste Otto G. verleumdet haben, denn ohne dass er sein? Sie leugnet. Sie hat nämlich, sagt sie, Otto Groß gar
nicht ausgewiesen; er habe sich selber freiwillig, sagt sie,
etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens ver-
in Begleitung eines befreundeten Arztes bis an die
haftet‹. Wie Der Process könnte eine Erzählung über Grenze und von dort aus, freiwillig, in eine Anstalt bege-
jenen aufsehenerregenden Fall beginnen, der sich im ben, damit man ihm dort das Kokain entziehe – sagt sie.
November 1913, etwa ein dreiviertel Jahr, bevor Nun, dem gegenüber gibt es Zeugen, die von der Beset-
Kafka an seinem Roman zu schreiben anfing, in Ber- zung der Wohnung durch mehrere Männer wissen
(Zweig, 125).
lin ereignete (vgl. Anz 1984). Der namhafte und ein-
flussreiche Professor für Strafrecht Hans Gross Mit der Besetzung von Josef K.s Zimmer durch
(1847–1915) ließ seinen aus der bürgerlichen Ord- fremde Männer beginnt Der Process. Und K. kann
nung ausgebrochenen Sohn Otto mit Hilfe der Poli- seine »Legitimationspapiere« (P 12) nicht finden.
zei aus Berlin in eine österreichische Irrenanstalt Doch wichtiger als vielleicht zufällige Übereinstim-
verschleppen. mungen oder oberflächliche Einflüsse sind die
Kafka muss von der Affäre gewusst haben. Meh- Analogien zwischen dem realen und dem fiktiven
rere expressionistische Zeitschriften, die hier ein re- Fall, die übereinstimmenden Konfliktkonstellatio-
ales und zugleich höchst anschauliches Beispiel für nen zwischen dem ohnmächtigen Einzelnen und
ihr literarisches Leitmotiv des Vater-Sohn-Konflikts den Repräsentanten patriarchalischer Macht, zwi-
vor Augen hatten, initiierten eine Protestkampagne schen Boheme und Bürgertum, Psychoanalyse und
(vgl. Jung/Anz). Sie fand so viel Resonanz, dass die etablierter Psychiatrie. Sie zeigen, dass Kafkas litera-
Zwangsinternierung in der Anstalt bald wieder auf- rische Straf-, Schuld- und Angstphantasien keines-
gehoben wurde. Kafka war Leser der Zeitschrift Die wegs so phantastisch und realitätsentrückt sind, wie
Aktion, die aus Anlass der Verhaftung einige Auf- uns das manche Interpreten einreden wollen − und
sätze von Otto Gross publizierte und ihm sogar eine dass die Motive und Denkformen dieses Autors kei-
Sondernummer widmete. Doch aufmerksam musste neswegs einzigartig sind, sondern weithin repräsen-
Kafka schon deshalb auf den Fall werden, weil er den tativ für die Erfahrungen in seiner Zeit und Genera-
Vater aus seinem Jurastudium kannte. Drei Semester tion.
lang hatte er in Prag, wo Hans Gross lehrte, bevor er Die Allianz von Vaterfiguren, Gerichtsbehörden
1905 nach Graz berufen wurde, dessen Vorlesungen oder Schlossherren in den fiktiven Textwelten Kaf-
belegt. kas hatte ganz ähnlich Arnold Zweig an dem realen
Hans Gross war jahrelang Untersuchungsrichter Fall Otto Gross im Blick, wenn er »die Synthese von
gewesen. Ein Untersuchungsrichter ist es auch, der Vaterschaft und Bürokratie« (Zweig, 126) anpran-
im Fall Josef K. Exponent jenes Gerichtswesens ist, gerte. Die Unzulänglichkeit und Unzugänglichkeit,
das neben anderem vor allem eines mit den autoritä- die Ignoranz oder auch banale Lächerlichkeit der
68 2. Einflüsse und Kontexte

gleichwohl mächtigen Behörden in Kafkas Textwelt Kafkas eigene Erinnerung an jenen Abend klang,
entspricht der Beschreibung Arnold Zweigs: »Ge- noch vier Monate später, weit begeisterter. An Brod
setzt den Fall, daß im österreichischen Reichsrat schrieb er:
über diesen Otto Groß geredet werden sollte, so wird
Wenn mir eine Zeitschrift längere Zeit hindurch verlo-
die Mehrzahl der Abgeordneten frühstücken, der ckend schien (augenblicksweise natürlich jede) so war es
Ministertisch wird leer sein, irgendein Ministerialrat die von Dr Gross, deshalb weil sie mir, wenigstens an je-
wird strengste und sorgfältige Prüfung zusichern« nem Abend, aus einem Feuer einer gewissen persönli-
(Zweig, 127). chen Verbundenheit hervorzugehen schien. Zeichen ei-
nes persönlich aneinander gebundenen Strebens, mehr
Josef K.s Fall ist allerdings über alle mimetischen kann vielleicht eine Zeitschrift nicht sein (14.11.1917;
Realitätsbezüge hinaus auch und vor allem Meta- B14–17 364).
pher für einen inneren Prozess, Bild eines vielschich-
tigen Schuldkomplexes, der Kafkas eigener war, den Blätter zur Bekämpfung des Machtwillens sollte sie
er jedoch nie als ein bloß individuelles Problem ge- heißen. Was da bekämpft werden sollte, war nicht
sehen und dargestellt wissen wollte, sondern litera- zuletzt der Machtwille im eigenen Ich. Das entsprach
risch mit einem allgemeineren sozialen oder anthro- jener ethischen Maxime, die Gross in der Formulie-
pologischen Geltungsanspruch darstellte. Damit ent- rung zusammenfasste: »sich selbst nicht vergewalti-
sprach er durchaus Intentionen der Psychoanalyse, gen lassen und andere nicht vergewaltigen wollen«
zumal einer solchen, wie sie Otto Gross vertrat, in- (Gross, 28).
sofern diese innere Konflikte und Machtkämpfe Die Zeitschrift ist nie erschienen; doch das »Feuer
als Spiegelung von oder Folgen aus Konflikt- und einer gewissen persönlichen Verbundenheit« (B14–
Machtstrukturen in sozialen Beziehungen begriff. 17 364) mit Gross hat in Kafkas Werken schon vor
Der »Konflikt zwischen dem Individuum und der der Begegnung mit Gross deutliche Entsprechungen,
Allgemeinheit«, schrieb Gross im November 1913 in vor allem in den dargestellten Mechanismen der
der Aktion, »verwandelte sich unter dem Druck des Verinnerlichung ichfremder Urteilsinstanzen. Gross
sozialen Zusammenlebens naturnotwendig in einen hatte den Vater-Sohn-Konflikt in der ihm eigenen
Konflikt im Individuum selbst, weil sich das Indivi- Terminologie als den »ins Innere verlegten Kampf
duum sich selbst gegenüber als der Vertreter der All- des Eigenen gegen das Fremde« (Gross, 10) beschrie-
gemeinheit zu fühlen beginnt«. Die »ins eigene In- ben. In Kafkas Beschreibungen der Machtkämpfe
nere eingedrungene Autorität« führe in der Psyche seiner Protagonisten mit dem Vater und vaterähnli-
des Einzelnen zum »Konflikt des Eigenen und Frem- chen Autoritäten entfaltet die patriarchale Macht
den«, der individuellen, insbesondere sexuellen Be- erst ihre volle, siegreiche Wirksamkeit im Prozess
dürfnisse einerseits und des »Anerzogenen und Auf- ihrer Verinnerlichung. Georg Bendemann voll-
gezwungenen« andererseits (Gross, 14). streckt das Todesurteil des Vaters an sich selbst. Josef
Während einer nächtlichen Bahnfahrt von Buda- K. und Gregor Samsa verlieren ihren Kampf und
pest nach Prag lernte Kafka im Juli 1917 Otto Gross sterben erst, nachdem sie selbst damit einverstanden
zum ersten Mal persönlich kennen. Der Wiener Li- sind.
terat Anton Kuh und dessen Tochter, eine der Ge- Im Spätwerk Kafkas hat die Verbundenheit mit
liebten von Gross, waren mit dabei. Kuh, so berich- Gross vielleicht sogar noch eindeutigere Spuren hin-
tete Kafka später in einem Brief vom 25. Juni 1920 an terlassen: vor allem in dem <Brief an den Vater > und
Milena Jesenská, »sang und lärmte die halbe Nacht« in dem Romanfragment Das Schloss, in dem Kafka
(BM 78), während Gross ihm seine Lehre darzule- wohl nicht zufällig mit dem »Herrenhof« den Na-
gen versuchte. men jenes Wiener Cafés aufgegriffen hat, in dem
Noch im selben Monat, in dem Kafka Otto Gross sich Anton Kuh, Werfel und Gross zu treffen pfleg-
kennenlernte, trafen sich die beiden in der Wohnung ten. Zwei Begriffe in dem Titel der geplanten Zeit-
von Max Brod wieder. Dieser gab darüber später in schrift gehören jedenfalls zu den ständig wiederkeh-
seiner Kafka-Biographie einen kurzen Bericht: »Der renden Schlüsselwörtern beider Texte: Kampf und
23. Juli sieht dann noch eine größere Gesellschaft bei Macht. Brief und Roman sind nicht zuletzt subtile
mir, an der außer Kafka der Musiker Adolf Schrei- Beschreibungen eines Kampfes um und gegen die
ber, Werfel, Otto Groß und dessen Frau teilnahmen. Macht, in dem der Vater, beziehungsweise die
Groß entwickelte einen Zeitschriftenplan, für den Schlossherren hoffnungslos überlegen sind. Der An-
sich Kafka sehr interessierte« (Brod, 140). tagonismus von Sexualität und Moral, Unbewusstem
Psychoanalyse 69

und Bewusstem, Körper und Geist wird damals al- Einzelfälle einengt, muss Literatur über sie hinaus-
lerdings generell in der Literatur wie in der Psycho- gehen und das Zeittypische im Besonderen sichtbar
analyse immer wieder mit Metaphern des Kampfes machen. Neben dem Protagonisten Franz Schweiger,
dramatisiert (vgl. Anz 2006, 29–38). Zusammen mit dem Werfel nicht nur mit dem gewählten Vornamen
»Unterdrückung«, »Widerstand« oder »Abwehr« ge- Merkmale von Franz Kafka zuschrieb (vgl. Stach
hört auch »Kampf« zum festen Inventar des psycho- 2008, 519 f.), dürfte vor allem eine Figur, so wie der
analytischen Vokabulars. Vom »Kampf mit dem Autor sie auftreten und reden ließ, Kafkas Empö-
mächtigen Triebe« oder »Kampf gegen die Sinnlich- rung hervorgerufen haben: der Privatdozent und
keit« spricht Freud (1940, VII, 159) etwa in seiner Anarchist Dr. Ottokar Grund. Nicht nur mit dem
1908 erschienenen Schrift Die ›kulturelle‹ Sexualmo- Namen spielte Werfel auf Otto Gross an. Dr. Grund
ral und die moderne Nervosität. wird nicht nur als ein »höchst unangenehmer
Die Verbundenheit Kafkas mit Gross hatte noch Mensch« charakterisiert, als »abgerissen und gänz-
ein dramatisches Nachspiel, das seine Einschätzung lich verwahrlost«, ja, er ist nicht nur ein gefährlicher
der Psychoanalyse unmittelbar tangierte: in Kafkas Psychopath, der sich von der Autorität befreit, in-
nachhaltiger Empörung über ein 1922 erschienenes dem er seinen Psychiater erschießt, er ist ein Unge-
Drama seines sonst so bewunderten Freundes Franz heuer, das »den grenzenlosen Haß von Millionen
Werfel. Das Stück mit dem Titel Schweiger, so Kafka Kranken« auf die wohlgeordnete Welt der Gesunden
in einem Briefentwurf an Werfel, sei »ein Verrat an predigt. Und wahrhaft ungeheuerlich sind auch die
der Generation, eine Verschleierung, eine Anekdoti- Pläne, die er andeutet: »Bazillenkulturen in die Was-
sierung, also eine Entwürdigung ihrer Leiden« (Dez. serleitungen« (Werfel, 48, 116 u. 119).
1922; Briefe 424; vgl. auch NSF II, 529). Wenn man Die Figuren in dem Stück seien »keine Men-
nach 1920 in Prager Literatenkreisen von ›der Gene- schen«, schreibt Kafka an Max Brod (Dez. 1922,
ration‹ sprach, meinte man die eigene, die etwa um Briefe 423). Otto Gross ist hier zum Unmenschen
1910 mit Nachdruck in die literarische Öffentlich- gemacht, der die Humanität als Lüge entlarven will.
keit trat und von einigen schon am Ende des Jahr- Das musste den schockieren, der ihn einmal so hoch
zehnts als abgeschlossene, historische Angelegenheit schätzte wie Kafka. Zumal er eine Eigenschaft des
betrachtet wurde. Werfels Schweiger hatte die Ideen, Dr. Grund, auch wenn sie von Werfel wieder maßlos
Aktivitäten und auch die Leiden dieser Generation verzerrt wurde, als eigene wiedererkannt haben
noch einmal in Szene gesetzt, dabei freilich entstellt dürfte: das ambivalente Verhältnis zur Macht und
zu dümmlichen Heilslehren, psychopathischen Autorität. Dr. Grund schwankt gegenüber der Auto-
Phantastereien und psychiatrischen Einzelfällen. rität seines Psychiaters, der das rassistische und nati-
Werfels Drama degradierte nach Kafkas Einschät- onalrevolutionäre Gedankengut der Zeit verkörpert,
zung die leidvolle Krankheitsgeschichte der Titelfi- zwischen hündischem Gehorsam und heroischer
gur Franz Schweiger, die früher einmal in einem un- Auflehnung. Ähnlich zerrissen von einem geradezu
vermittelten Wahnsinnsanfall einen Mord begangen masochistischen Verlangen nach Unterwerfung und
hatte, zu einem »Einzelfall« (NSF II, 528), zu einer dem Willen zum Kampf gegen fragwürdige Autori-
»psychiatrischen Geschichte« (An M. Brod, Dez. täten hat Kafka sich wiederholt in seinen literari-
1922; Briefe 424): schen Figuren dargestellt. Als individuelle und the-
Sie erfinden die Geschichte von dem Kindermord. Das rapierbare Krankheitserscheinung mochte er solche
halte ich für eine Entwürdigung der Leiden einer Gene- Dispositionen jedoch nicht akzeptieren.
ration. Wer hier nicht mehr zu sagen hat als die Psycho- In einem Brief an seine Geliebte Milena Jesenská,
analyse dürfte sich nicht einmischen. Es ist keine Freude die ebenfalls Gross kannte und 1920 in einem Feuil-
sich mit der Psychoanalyse abzugeben und ich halte
leton seinen Tod angezeigt hatte, erklärte Kafka den
mich von ihr möglichst fern, aber sie ist zumindest so
existent wie die Generation. Das Judentum bringt seit je- »terapeutischen Teil der Psychoanalyse« für »einen
her seine Leiden und Freuden fast gleichzeitig mit dem hilflosen Irrtum« (Nov. 1920; BM 292). Menschli-
zugehörigen Raschi-Kommentar hervor, so auch hier ches Leiden habe eine Bedeutung, die über jene
(NSF II, 529 f.). »Krankheitserscheinungen, welche die Psychoana-
Die Psychoanalyse ist nach Kafkas Einschätzung lyse aufgedeckt zu haben glaubt« (ebd.), hinausgeht.
selbst ein Dokument ihrer Zeit, eine Art Begleitkom- Mit Nachdruck hatte dies auch Otto Gross betont.
mentar zu den »Leiden einer Generation« (NSF II, Die Analyse der Leiden seiner Generation mit ihren
529). Soweit sie jedoch ihren Blick auf individuelle sozialen, psychischen, existentiellen oder auch religi-
70 2. Einflüsse und Kontexte

ösen Aspekten zu einer umfassenderen Kulturana- wissenschaftler damalige oder später entwickelte
lyse ausgeweitet zu haben − darin vor allem bestand psychoanalytische Deutungsmuster zu eigen ma-
sein theoretisches Verdienst. Auch wenn Kafka nicht, chen und mit ihnen Kafkas Werke oder im Zusam-
zumindest nicht so radikal und offen wie er, den re- menhang damit auch seine Psyche beschreiben.
volutionären Kampf »gegen Vergewaltigung in ur- Einer der umfangreichsten Beiträge, die Das Urteil
sprünglichster Form, gegen den Vater und das Vater- im Rückgriff auf die Psychoanalyse deuten, trägt den
recht« (Gross, 16) propagierte, gibt es zwischen den Titel Erzählte Psychoanalyse bei Franz Kafka (Kaus
literarischen Macht-, Abhängigkeits-, Schuld- und 1998). Der Titel deutet die These an, Kafka habe sein
Ohnmachtsanalysen des einen und den theoreti- psychoanalytisches Wissen in eine Erzählung umge-
schen des anderen etliche Berührungspunkte. Affi- setzt. Die Interpretation verwendet dann jedoch psy-
nitäten zwischen Kafkas Literatur und der Psycho- choanalytische Begriffe, die Kafka noch nicht ken-
analyse seiner Zeit gibt es auch sonst in hohem Aus- nen konnte, weil Freud oder seine Schüler sie erst
maß. Eine davon ist die forcierte Selbstbeobachtung Jahre später verwendeten. Soll die Titel-These also,
und Selbstreflexion (vgl. Kurz, 44) – mit der Hoff- einer so beliebten wie problematischen Argumenta-
nung auf eine Befreiung von unbewusst wirkenden tionsweise folgend, besagen, Kafka habe spätere psy-
Zwängen. Kafka beendet im <Brief an den Vater > die choanalytische Einsichten narrativ vorweggenom-
Beschreibung seines Kampfes gegen ihn mit einer men? Oder verdeckt sie nur die häufig anzutreffende
versöhnlichen Bemerkung, die Anklänge an eine drei Praxis von Interpreten, bestimmte Erzählinhalte
Jahre vorher veröffentlichte Formulierung Freuds oder auch erzähltechnische Merkmale in die eigene
aufweist. Mit dem Brief sei, so Kafka, »doch etwas psychoanalytische Sprache zu übersetzen und di-
der Wahrheit so sehr Angenähertes erreicht, daß es verse Theorieversionen der Psychoanalyse am Bei-
uns beide ein wenig beruhigen und Leben und Ster- spiel literarischer Texte zu veranschaulichen?
ben leichter machen kann« (NSF II, 217). Freud hatte Jeder der oben unterschiedenen Aussagentypen
am Ende seiner Essays Zeitgemäßes über Krieg und ist wiederum mit spezifischen Problemen konfron-
Tod (1915) geschrieben, unsere unbewusste, sorgfäl- tiert: (1) Über die Quellen, die zu Kafkas Kenntnis-
tig unterdrückte Einstellung zum Tod bewusst zu sen der Psychoanalyse vorliegen, hat zuerst Hartmut
machen, habe »den Vorteil, der Wahrhaftigkeit mehr Binder (1966, 92–114) umfassend informiert. Seit-
Rechnung zu tragen und uns das Leben wieder er- her haben sich die Kenntnisse zu den Quellen kaum
träglicher zu machen« (Freud 1940, X, 354). verändert, nur die Meinungen über sie. Auch die
Ob die Formulierungsähnlichkeiten zufälliger Art jüngeren großen Biographien von Rainer Stach
sind und ob Kafka diese Essays überhaupt gelesen (Stach 2002, 231 f., 309; 2008, 193–196, 517–520)
hat, lässt sich jedoch kaum klären. Das ist sympto- und Peter-André Alt (Alt, 308–312, 449 f.) greifen
matisch für manche Schwierigkeiten, die die Kafka- auf die von Binder präsentierten Materialien zu Kaf-
Forschung mit Aussagen über die Beziehung des Au- kas Psychoanalyse-Rezeption zurück, interpretieren
tors und seines Werkes zur Psychoanalyse hat. sie aber zum Teil anders. Zuverlässige Indikatoren
für eine literarische Verarbeitung psychoanalyti-
schen Wissens, wie sie etwa in Franz Werfels Novelle
Forschung Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig (1920),
Hermann Hesses Demian (1919) oder Thomas
Wo die Kafka-Forschung auf psychoanalytische The- Manns Der Zauberberg (1924) vorliegen, gibt es in
orien und Begriffe zurückgreift, verstricken sich ihre Kafkas Werken nicht − etwa Zitate aus psychoanaly-
Aussagen wiederholt in ähnliche Probleme. Diese tischen Texten oder deutlich markierte Anspielun-
entstehen nicht zuletzt dadurch, dass unterschiedli- gen auf sie, die Verwendung einschlägiger psycho-
che Typen solcher Aussagen oft nicht klar unter- analytischer Termini oder Figuren, die als Therapeu-
schieden werden, sondern sich auf nicht ausreichend ten mit psychoanalytischem Profil konzipiert sind.
reflektierte Weise vermischen: (1) Aussagen über Eine Fülle von unzuverlässigen Indikatoren für
Kafkas Kenntnisse der Psychoanalyse und deren Kafkas literarische Adaption psychoanalytischen
Spuren in seinen Werken; (2) Aussagen über histori- Wissens hat die Kafka-Forschung in einem kaum
sche Ähnlichkeiten oder Differenzen zwischen Kaf- noch überschaubaren Maß dazu stimuliert, sie im
kas literarischen Texten und denen damaliger Psy- Rückgriff auf ›frames‹ und ›scripts‹ psychoanalyti-
choanalytiker; (3) Aussagen, in denen sich Literatur- scher Schemata der Informationsverarbeitung zu er-
Psychoanalyse 71

gänzen und zu konkretisieren. Wenn sie mit der turell-konventionellen Sicherheiten« (Freud 1955,
Frage verbunden sind, ob Kafka selbst diese Sche- 97). Kafka und mit ihm die spätere Kafka-Forschung
mata zur Zeit der Niederschrift eines Textes kennen partizipierten an der damaligen, die Psychoanalyse
konnte, enthalten solche Versuche die Implikation, und Literatur verbindenden Gemeinschaft von Inte-
dass Kafka sie beim Schreiben mehr oder weniger ressen an allen Äußerungsformen des Unbewussten
bewusst verwendet und deren Kenntnis zum Teil (vor allem Träume und Wahnbildungen), sexuellem
auch bei seinen Adressaten vorausgesetzt hat. Etli- Handeln und Begehren, symbolischen Verschlüsse-
chen Kafka-Interpreten sind zum Beispiel die Ana- lungen tabubesetzter Inhalte, an der Genese von
logien zwischen Freuds Versuch in Totem und Tabu Schuldkomplexen, an pathologischen Befindlichkei-
(1913), eine Urgeschichte des Vatermordes und des ten (Nervosität, Angstneurose und Hysterie), an fa-
Schuldbewusstseins zu rekonstruieren, und der Er- milialen Liebes- und Konfliktkonstellationen oder
zählung Das Urteil aufgefallen (vgl. Sokel, 64). Wenn auch an psychischen Bedingungen künstlerischer
sie darauf hinweisen, dass Teile von Freuds Buch Kreativität.
schon vor der Niederschrift der Erzählung in der Hob Freud 1907 in seinem Vortrag Der Dichter
Zeitschrift Imago veröffentlicht wurden, liegt ihnen und das Phantasieren die Affinitäten zwischen Lite-
am Nachweis der Möglichkeit, dass Kafka sie gelesen ratur und Traum hervor und bemerkte er dabei unter
haben könnte und sich von ihnen hat anregen lassen. anderem die »Neigung des modernen Dichters, sein
Fehlen solche Hinweise, dann sind Feststellungen zu Ich durch Selbstbeobachtung in Partial-Ichs zu zer-
Ähnlichkeiten zwischen Freuds Schrift und Kafkas spalten und demzufolge die Konfliktströmungen sei-
Erzählung eher dem Aussagentypus (2) zuzuordnen. nes Seelenlebens in mehreren Helden zu personifi-
(2) Historische Vergleiche zwischen Literatur und zieren« (Freud 1940, VII, 211), so ist der literaturwis-
Psychoanalyse sind auf philologische Nachweise ge- senschaftlichen Forschung an Kafkas literarischen
genseitiger Kenntnis nicht angewiesen. Sie sind im Texten vielfach Ähnliches aufgefallen. Insbesondere
Falle Kafkas schon dadurch legitimiert, dass lite- die Traumartigkeit der Erzählung Ein Landarzt hat
rarische Moderne und Psychoanalyse zeitgleiche die Forschung immer wieder zu psychoanalytisch in-
Phänomene sind und daher beide an zeittypische, spirierten Deutungen oder zu Vergleichen mit psy-
Literatur, Kunst und Wissenschaft übergreifende In- choanalytischen Theorien der Phantasiebildung und
teressen, Problemlagen, Denk- und Wahrnehmungs- des Träumens veranlasst (vgl. besonders Hiebel, 83–
muster, Normen, Werte, Mentalitäten oder Diskurs- 123; Engel, 251–253; Alt, 501–510).
ordnungen gebunden sind. Sie sind partiell differie- Relativ selten geworden sind dabei inzwischen
rende Bestandteile der gleichen Kultur. Ob und wie Forschungsbeiträge, die sich (dem Aussagentypus 3
genau Kafka vor der Niederschrift seiner literari- entsprechend) damalige oder neuere psychoanalyti-
schen Texte Freuds Traumdeutung (1899), die Psy- sche Theoreme historisch und theoretisch distanzlos
chopathologie des Alltagslebens (1904), die Drei Ab- zueigen machen und Kafkas Texte ihnen anzuglei-
handlungen zur Sexualtheorie (1905) oder Totem und chen versuchen. In jeder Hinsicht diffuse Spekulati-
Tabu (1913) kannte oder ob er zum Beispiel Anfang onen über »die Begegnung mit dem lacanschen
1913 einen Vortrag von Alfred Adler (1870–1937) in Wirklichen, die Kafkas Fiktion uns gestattet« (Suss-
Prag zu seinem Buch Über den nervösen Charakter man, 355), wie sie unlängst noch, ganz ohne konkre-
(1912) hörte (vgl. den Bericht im Prager Tagblatt tere Verweise auf das Beziehungsgeflecht zwischen
vom 4.1.1913), ist in dieser Perspektive gegenüber Psychoanalyse und literarischer Moderne, veröffent-
der vergleichenden Frage nach Ähnlichkeiten und licht wurden, fallen jedenfalls hinter den erreichten
Differenzen sekundär. Stand der Forschung weit zurück. Ihnen entgeht
In dem berühmten Brief, mit dem Freud am 14. nicht zuletzt die Eigenwilligkeit und Eigenständig-
Mai 1922 Arthur Schnitzler zum 60. Geburtstag gra- keit, mit der Autoren der Moderne wie Kafka sich
tulierte, formulierte er zusammen mit dem Einge- das Wissen der Psychoanalyse aneigneten, es kriti-
ständnis seiner »Doppelgängerscheu« vor dem Au- sierten, modifizierten und in ihre literarischen Kon-
tor zutreffend, was Psychoanalyse und literarische zepte integrierten.
Moderne verband: »die nämlichen Voraussetzun-
gen, Interessen und Ergebnisse«, das »Ergriffensein Materialien/Quellen: Thomas Anz/Christina Jung (Hg.):
von der Wahrheit des Unbewußten, von der Trieb- Der Fall Otto Gross. Eine Pressekampagne deutscher
natur des Menschen« und der »Zersetzung der kul- Intellektueller im Winter 1913/14. Marburg 2002. – Sig-
72 2. Einflüsse und Kontexte

mund Freud: Briefe an Arthur Schnitzler. In: Neue


Rundschau 66 (1955), 95–106. – Ders.: Gesammelte
2.6 Film und Fotografie
Werke. Bd. I-XVIII. London, Frankfurt/M. 1940–52. –
Otto Gross: Von geschlechtlicher Not zur sozialen Kata- Der Themenbereich Film und Fotografie verweist
strophe. Hg. von Kurt Kreiler. Frankfurt/M. 1980. –
auf zwei miteinander verbundene Fragestellungen:
Franz Werfel: Schweiger. Ein Trauerspiel in drei Akten.
Zum einen geht es hier um tatsächliche Filme und
München 1922. – Arnold Zweig: Zwischenrede über
Fotografien, mit denen Kafka in Berührung kam
Otto Gross [zuerst in: Die Schaubühne 10 (1914) 9,
und die in seinen Texten entweder explizit themati-
235–238 (26.2.1914)]. In: Anz/Jung (s.o.), 124–128.
Forschung: P.-A. Alt (2005). – Thomas Anz: Jemand siert oder implizit reflektiert werden; zum anderen
mußte Otto G. verleumdet haben… K., Werfel, Otto jedoch stellt sich die Frage nach dem allgemeineren
Gross und eine »psychiatrische Geschichte«. In: Akzente Einfluss der beiden Medien auf Kafkas Imagination
31 (1984) 2, 184–191. – Ders.: Praktiken und Probleme und literarische Produktion, d. h. nach spezifisch fil-
psychoanalytischer Literaturinterpretation – am Bei- mischen oder fotografischen Wahrnehmungs- und
spiel von K.s Erzählung Das Urteil. In: Oliver Jahraus/ Schreibweisen im Kafkaschen Werk.
Stefan Neuhaus (Hg.): K.s Urteil und die Literaturtheo-
rie. Zehn Modellanalysen. Stuttgart 2002, 126–151. –
Ders.: Psychoanalyse und literarische Moderne. Be- Kafka und der Stummfilm
schreibungen eines Kampfes. In: Ders./Oliver Pfohl-
mann (Hg.): Psychoanalyse in der literarischen Mo- Kafka war ein enthusiastischer Kinobesucher, des-
derne. Eine Dokumentation. Bd. I: Einleitung und Wie- sen Interesse am Medium Film zwischen 1910 und
ner Moderne. Marburg 2006, 11–42. – Hartmut Binder: 1913 seinen Höhepunkt erreichte, der jedoch bis in
Motiv und Gestaltung bei F.K. Bonn 1966. – Ders.: Le- sein letztes Lebensjahr die filmische Entwicklung
ben und Persönlichkeit F.K.s. In: KHb (1979) I, 103– aufmerksam begleitete (Zischler, 155). In literari-
584. – Max Brod: F.K. Eine Biographie. Frankfurt/M. scher Hinsicht schlug sich Kafkas Kinobegeisterung
1974 [1937]. – Manfred Engel: Literarische Träume und explizit nur in den autobiographischen Texten nie-
traumhaftes Schreiben bei F.K. Ein Beitrag zur Oneiro-
der, und auch dort meist nur in elliptischen Bemer-
poetik der Moderne. In: Bernhard Dieterle (Hg.): Träu-
kungen. Die einzige Ausnahme stellt der fragmenta-
mungen. Traumerzählung in Film und Literatur. St. Au-
rische Roman Richard und Samuel dar, Kafkas litera-
gustin 1998, 233–261. – Georg Guntermann: K. und
rische ›Ko-Produktion‹ mit Max Brod, die jedoch
Freud? Grenzen der Sichtbarmachung des Unbewuß-
ten. Mit einigen Illustrationen zur Verwandlung. In: Mi- wiederum aus Tagebucheinträgen hervorging. Im
chael Braun (Hg.): »Hinauf und Zurück, in die herzhelle separat veröffentlichten Kapitel »Die erste lange Ei-
Zukunft«. Deutsch-jüdische Literatur im 20. Jahrhun- senbahnfahrt« beschreibt Kafkas Erzähler Richard
dert. Bonn 2000, 189–213. – Hans Helmut Hiebel: F.K. die Begegnung mit der jungen Dora Lippert, die von
Ein Landarzt. Paderborn 1984. – Rainer J. Kaus: Er- den Protagonisten zu einer gemeinsamen Stadtrund-
zählte Psychoanalyse bei F.K. Eine Deutung von K.s Er- fahrt im Taxi genötigt wird:
zählung Das Urteil. Heidelberg 1998. – Ders.: K. und Wir steigen ein, mir ist das Ganze peinlich, es erinnert
Freud. Schuld in den Augen des Dichters und des Ana- mich auch genau an das Kinematographenstück »Die
lytikers. Heidelberg 2000. – Ders.: Literaturpsychologie weiße Sklavin«, in dem die unschuldige Heldin gleich
und literarische Hermeneutik. Sigmund Freud und F.K. am Bahnhofsausgang im Dunkel von fremden Männern
Frankfurt/M. 2004. – Gerhard Kurz: Traum-Schrecken. in ein Automobil gedrängt und weggeführt wird (DzL
428).
K.s literarische Existenzanalyse. Stuttgart 1980. – Wal-
ter Schönau: Die Bedeutung psychoanalytischen Wis- Die weiße Sklavin war ein erfolgreiches Melodrama
sens für den kreativen Prozeß literarischen Schreibens. über die Entführung einer jungen Frau, die in die
In: Thomas Anz (Hg.): Psychoanalyse in der modernen Prostitution gezwungen werden soll, in letzter Mi-
Literatur. Kooperation und Konkurrenz. Würzburg nute aber von ihrem Verlobten gerettet wird. In Kaf-
1999, 219–231. – Walter H. Sokel: F.K. Tragik und Iro- kas Erzählung werden Filmhandlung und (literari-
nie. Zur Struktur seiner Kunst. Frankfurt/M. 1976
sche) Realität durch eine textuelle Montagetechnik
[1964]. – R. Stach (2002). – R. Stach (2008). – Henry
miteinander verschränkt. Tatsächlich basiert jedoch
Sussman: K. und die Psychoanalyse. In: KHb (2008),
Kafkas Adaption auf einer Fehlerinnerung: Die bei-
353–370.
Thomas Anz
den Männer in der Filmsequenz sind harmlose Sta-
tisten, die im fraglichen Moment zufällig das Fahr-
Film und Fotografie 73

zeug passieren (Zischler, 56). Kafkas literarische An- wenn ich auch selbst nur sehr selten ins Kinematogra-
fenteater gehe, so weiß ich doch meistens fast alle Wo-
verwandlung des Filmmaterials basiert somit auf chenprogramme aller Kinematographen auswendig.
einer retrospektiven Umschreibung, die die erin- Meine Zerstreutheit, mein Vergnügungsbedürfnis sät-
nerte Sequenz in die (ebenfalls leicht melodramati- tigt sich an den Plakaten, von meinem gewöhnlichen in-
sche) Romanhandlung einfügt. Im gleichen Textab- nerlichsten Unbehagen, von diesem Gefühl des ewig
schnitt findet das Kino jedoch eine zweite, metapho- Provisorischen ruhe ich mich vor den Plakaten aus, im-
mer wenn ich von den Sommerfrischen […] in die Stadt
rische Erwähnung. Während der Stadtrundfahrt zurückkam, hatte ich eine Gier nach den Plakaten und
kommentiert Kafkas Erzähler: »Die Pneumatics rau- von der Elektrischen, mit der ich nachhause fuhr, las ich
schen auf dem nassen Asphalt wie der Apparat im im Fluge, bruchstückweise, angestrengt die Plakate ab,
Kinematographen« (DzL 429). Das Medium Film an denen wir vorbeifuhren (An F. Bauer, 13./14.3.1913;
B 13–14 132 f.).
fungiert hier nicht mehr als handlungsspezifischer
Intertext, sondern als abstrakte Geräuschkulisse. In Die filmische Fragmentierung der Wahrnehmung
dieser Funktion wird es zum Vehikel nicht nur der wird somit in der allgemeinen Technologisierung
literarischen Reisebeschreibung, sondern auch einer der modernen Lebenswelt sowohl widergespiegelt
tiefgreifenden Dynamisierung der menschlichen als auch verstärkt, wie denn auch der moderne Be-
Wahrnehmung im Zuge ihrer medientechnologi- trachter das Kinoerlebnis in die unvermittelte Wirk-
schen Modernisierung. lichkeitswahrnehmung überträgt. Entsprechend wird
Wie aus den Tagebüchern hervorgeht, besteht der in Kafkas literarischen Texten die in den persönli-
Reiz wie auch die Herausforderung des Films für chen Schriften mit einem Gefühl der Leere und Un-
Kafka in der flüchtigen Erscheinung seiner Bilder, ruhe assoziierte Kinoerfahrung für die literarische
die sich einer kontemplativen Rezeption, damit aber Produktion fruchtbar gemacht. Dabei rekurriert
auch einer detaillierten und akkuraten literarischen Kafka mit der oben erwähnten Ausnahme der Wei-
Wiedergabe entziehen. In einem Tagebucheintrag ßen Sklavin nicht auf spezifische Handlungsmuster
über den Abenteuerfilm Sklaven des Goldes aus dem oder thematische Vorlagen, sondern mobilisiert in
Jahr 1913 notiert Kafka: »Der Millionär auf dem Bild seinen Texten allgemeinere Handlungs-, Stil- und
im Kino ›Sklaven des Goldes‹. Ihn festhalten! Die Strukturmerkmale einer Stummfilm-Ästhetik.
Ruhe, die langsame zielbewußte Bewegung, wenn
notwendig rascher Schritt, Zucken des Armes« (1.7.;
T 563f.). Während hier die literarische Untergliede- Filmische Schreibweisen
rung der Filmhandlung in distinkte Einzelbilder und
Bewegungsfolgen noch gelingt, betont Kafka an an- Wenn sich also explizite Verweise auf das Medium
derer Stelle die grundsätzlichen Probleme der Film- Film mit der oben genannten Ausnahme auf die
rezeption. Im selben Jahr notiert er: nicht-literarischen Schriften beschränken, so reflek-
tieren dennoch vor allem die früheren Prosatexte
Im Kino gewesen. Geweint. »Lolotte«. Der gute Pfarrer. Kafkas Kinobegeisterung auf thematischer wie stilis-
Das kleine Fahrrad. Die Versöhnung der Eltern. Maß- tischer Ebene. Dies lässt sich vor allem in der Samm-
lose Unterhaltung. Vorher trauriger Film »Das Unglück
im Dock« nachher lustiger »Endlich allein«. Bin ganz lung Betrachtung beobachten, deren Aneinanderrei-
leer und sinnlos, die vorüberfahrende Elektrische hat hung kurzer und thematisch heterogener Erzählun-
mehr lebendigen Sinn (20.11.1913; T 595). gen an die im frühen Film verbreitete Montagetechnik
erinnert. Texten wie Der Fahrgast oder Kleider liegt
Hier wie auch in anderen Einträgen thematisiert eine quasi voyeuristische Beobachtungstechnik zu-
Kafka das Problem der sensorischen Überladung. grunde, die Anleihen an der Optik der Großauf-
Das in disparaten Stichworten skizzierte Filmerleb- nahme macht, während thematische Verweise auf
nis hat keine kathartische Wirkung, sondern resul- Pferderennen, Indianer und Amerikaner an das be-
tiert vielmehr in einem Gefühl der Leere, in dem liebte Genre des Abenteuer- und Wildwestfilms er-
sich der menschliche Betrachter der modernen innern, das auch von Kafka aktiv rezipiert wurde.
Technik – vertreten durch die ›Elektrische‹ – nicht Neben dem oben genannten Film Sklaven des Goldes
über-, sondern rational wie emotional unterlegen erwähnt er in seinem Tagebuch auch Theodor Kör-
fühlt. An anderer Stelle projiziert Kafka diese frag- ner, einen »sentimental-reißerischen Film mit deut-
mentarische Wahrnehmungsweise auch auf die lich nationalistischer Tendenz« (Zischler, 91), der
Wirklichkeit außerhalb des Kinos: die Zuschauer vor allem durch seine spektakulären
74 2. Einflüsse und Kontexte

Reitszenen bestach. In Kafkas Tagebuch folgt auf die dial geprägten – Blick gefassten Wirklichkeit. Tat-
Eintragung über diesen Film unmittelbar das erste sächlich konstituieren verbale und visuelle, dialogi-
Kapitel des Verschollenen: Kinoerlebnis und literari- sche und beschreibende Elemente Kafkascher Texte
sche Inspiration sind in Kafkas erstem Roman aufs nicht ein homogenes Sinngefüge, sondern untermi-
Engste miteinander verknüpft. Zum einen verweisen nieren sich gegenseitig, wie auch der fokussierende
das amerikanische ›Setting‹ und Handlungselemente Blick auf die Erscheinungen der Außenwelt nicht in
wie Verfolgungsjagden und andere slapstickhafte einem Gefühl der Kontrolle und Vertrautheit resul-
Episoden auf den zeitgenössischen Kinogeschmack. tiert, sondern vielmehr in einer tiefgreifenden Ent-
Zum anderen ist auch die Erzählstruktur des Ro- fremdung von dem dabei ans Licht gebrachten »Op-
mans durch filmische Einflüsse geprägt. Der häufige tisch-Unbewußten« (Benjamin 1991b, 371) der mo-
Orts-, Personal- und Stimmungswechsel erinnert an dernen Lebenswelt.
die im frühen Film verbreitete Aneinanderreihung
kontrastierender Episoden oder Kurzfilme, und die-
ses Montageprinzip strukturiert den allgemeinen Er- Das Kaiserpanorama:
zählverlauf wie auch einzelne Episoden, in denen in Abwendung vom Kino
Anlehnung an die Filmtechnik der ›Zwischenbilder‹
visuelle Tableaus in den Handlungsverlauf einge- Insgesamt also liegt die primäre Bedeutung des Me-
schaltet werden. So werden des Heizers Verhandlun- diums Film für Kafka nicht in spezifisch inhaltlichen
gen mit dem Kapitän im ersten Kapitel mehrfach Bezügen, sondern gründet neben strukturellen An-
durch Beschreibungen des Hafenpanoramas unter- leihen bei dem filmischen Montageprinzip in einer
brochen, die gleichzeitig den Gesprächsverlauf im- filmisch inspirierten Veränderung literarischer
plizit reflektieren (Jahn 1965, 55). Wahrnehmungsweisen, deren Erweiterung durch
Für Theodor W. Adorno sind solche visuellen Ele- Techniken wie Großaufnahme, Zeitlupe, Schnitt und
mente Kennzeichen von Kafkas filmischer Seh- und Standbild jedoch zugleich eine tiefgreifende Distanz
Schreibweise: von der derart sezierten Realität erzeugt. Diese Am-
Kafkas Romane sind […] die letzten, verschwindenden bivalenz wird in Kafkas Schriften nicht nur implizit
Verbindungstexte zum stummen Film (der nicht um- reflektiert, sondern auch explizit thematisiert.
sonst fast genau gleichzeitig mit Kafkas Tod ver- In seinem Reisetagebuch widmet Kafka einen län-
schwand); die Zweideutigkeit der Geste ist die zwischen geren Abschnitt dem sogenannten Kaiserpanorama,
dem Versinken in Stummheit (mit der Destruktion der
einem 1880 von August Fuhrmann erfundenen Vor-
Sprache) und dem Sicherheben aus ihr in Musik
(Adorno/Benjamin, 95). läufer des Kinos, in dem Besuchern stereoskopische
Reisefotografien und Bilder aktueller Ereignisse vor-
In Anlehnung an den Stummfilm wird die explizit geführt wurden. In Kafkas Werk kommt diesem Me-
verbale Kommunikation Kafkascher Figuren durch dium eine wichtige Funktion zu, da es eine grundle-
eine expressive, gleichzeitig zutiefst ambivalente Se- gende visuell-literarische Neuorientierung initiiert
miotik der Körpersprache nicht nur begleitet sondern (Duttlinger 2005, 237–244). Die im Vergleich mit
auch unterminiert und sogar ersetzt. So ist Josef K. dem Kino veraltete Technik des Kaiserpanoramas
im Process aus Unkenntnis des vom italienischen bietet für Kafka wesentliche Vorteile gegenüber dem
Geschäftsfreund gesprochenen Dialekts gezwungen, dynamischeren Filmerlebnis: »Die Bilder lebendiger
den Gesprächsverlauf allein aus dessen Gestik und als im Kinematographen, weil sie dem Blick die Ruhe
Mimik abzuleiten (P 274 f.). An anderer Stelle wie- der Wirklichkeit lassen. Der Kinematograph gibt
derum werden Bewegungsabläufe in einem hyper- dem Angeschauten die Unruhe ihrer Bewegung, die
realistischen Zeitlupenmodus dargestellt, wie z. B. Ruhe des Blickes scheint wichtiger« (Jan./Febr. 1911;
während Karl Roßmanns Kampf mit Delamarche T 937).
nach seinem Ausbruchsversuch (V 336–338). Wäh- Angeregt durch das Kaiserpanorama entwickelt
rend zeitgenössische Filmtheoretiker wie Béla Balázs Kafka hier eine programmatische Kritik filmischer
vor allem den sinnkonstitutiven Effekt einer solchen, Ästhetik, indem er die Fotografie als das aus wahr-
filmisch inspirierten »Wendung zum Visuellen« her- nehmungspsychologischer Perspektive dem Film
vorheben (Balázs, 16), betonen Kafkas Texte gerade überlegene Medium präsentiert. Im Gegensatz zur
den zutiefst ambivalenten und oftmals geradezu her- unruhig bewegten Filmszene, die kaum Spielraum
metischen Charakter einer solcherart in den – me- für die kreative Anverwandlung bietet, gewinnt der
Film und Fotografie 75

menschliche Blick in der Begegnung mit dem foto- nen Nase, mit dem emporgehaltenem Arm und ei-
grafischen Bild eine imaginativ animierende Funk- ner Wendung aller Finger« (29.9.1911; T 43). Kafka
tion. Damit hat der Vergleich von Film und Fotogra- appliziert hier die Ästhetik der alten Porträtfotogra-
fie auch eine literarische Dimension, da er implizit fie auf eine (nicht-fotografische) Varietévorstellung.
die Bedingungen für die gelingende literarische Ad- Ein halbes Jahr später wird dieses fotografische Be-
aption von visueller Wirklichkeit thematisiert. In der schreibungsmodell in einem ähnlichen Zusammen-
Moderne erwächst der Literatur aus den technischen hang wieder aufgegriffen: »Kabaret Lucerna. […]
Medien, vor allem aber aus der hyperrealistischen Liebesszene im Frühling in der Art der Photogra-
Optik der Filmkamera, eine Konkurrenz, die ihre phieansichtskarten. Treue, das Publikum rührende
Vorrangstellung zu unterminieren droht. Die Foto- und beschämende Darstellung« (16.3.1912; T 407 f.).
grafie hingegen, die im 19. Jahrhundert im Zusam- In beiden Beispielen verwendet Kafka die Fotografie
menhang einer ähnlichen Medienkonkurrenz disku- als literarische Metapher, die es dem Betrachter er-
tiert wurde (Plumpe, Stiegler), ermöglicht in Kafkas möglicht, die flüchtigen Eindrücke einer Cabaret-
Augen eine ertragreichere Kooperation zwischen Vorführung textuell festzuhalten und zu verarbeiten.
Text und Bild. Während Kafkas Texte also Strategien Jedoch beschränkt sich Kafkas Beschäftigung mit
und Strukturen filmischer Ästhetik mobilisieren, der Fotografie nicht auf metaphorische Anverwand-
thematisieren sie gleichzeitig die Probleme einer sol- lungen, sondern gründet in einer lebenslangen kon-
chen Schreib- und Sehweise, der in der ›Ruhe‹ des kreten Auseinandersetzung mit dem Medium (Dutt-
fotografischen Mediums eine konstruktive Alterna- linger 2007). Kafka besaß selbst keine Kamera, foto-
tive entgegengesetzt wird. grafierte aber gelegentlich mit geliehenen Apparaten;
Vor dem Hintergrund von Kafkas Überlegungen während er in praktischer Hinsicht nur als fotografi-
zum Kaiserpanorama ist es kein Zufall, dass Kafkas scher Amateur bezeichnet werden kann, war er zu-
frühe Kinobegeisterung explizit so gut wie keine gleich ein leidenschaftlicher Sammler und Betrach-
Spuren im literarischen Werk hinterlassen hat. Im ter von Fotografien, die er von Freunden und Be-
Vergleich dazu spielt die Fotografie in Kafkas Schrif- kannten erhielt und zum Teil auch aktiv einforderte.
ten eine ungleich prominentere und, über das Ge- Vor allem in den Briefwechseln mit weiblichen Kor-
samtwerk gesehen, konstantere Rolle. In autobiogra- respondenten tritt wiederholt eine veritable Foto-
phischen und literarischen Texten entwickelt Kafka Obsession zutage, die die Beziehungsdynamik auf
Schreibstrategien, die sich sowohl thematisch wie nicht unproblematische Weise beeinflusst.
stilistisch an der Fotografie orientieren. Während je- Kafkas ausführlichste Beschäftigung mit dem Me-
doch die wiederholte und detaillierte Beschäftigung dium Fotografie findet sich in den Briefen an Felice
mit der Fotografie literarisch produktiv ist, bringt Bauer. Während der fünfjährigen Korrespondenz
diese Auseinandersetzung auch Probleme und Am- werden um die vierzig Bilder ausgetauscht, die Hälfte
bivalenzen ans Licht, die wiederum in die literari- davon in den ersten sechs Monaten. Für Kafka haben
sche Auseinandersetzung miteinfließen. diese Fotos eine widersprüchliche Stellvertreterfunk-
tion: Sie kompensieren mangelnde Nähe und Ver-
trautheit, betonen jedoch gleichzeitig die Abwesen-
Das Wahrnehmungsmodell heit – und Unfassbarkeit – der Geliebten. Obwohl
der Fotografie Kafka auf die Sendung immer neuer Bilder drängt,
ist er zugleich höchst kritisch sowohl Felices wie
Das Motiv der Fotografie zieht sich als roter Faden auch den eigenen Fotografien gegenüber. So betont
durch Kafkas Schriften, von den Tagebüchern und er wiederholt die entindividualisierende Konventio-
Briefen über die Erzählungen bis hin zu den drei Ro- nalität der Porträtfotografie, deren stilisierte Ästhe-
manen. tik die gesellschaftliche Konditionierung des bürger-
Bereits in den frühen Texten fungiert die Fotogra- lichen Subjekts nicht zur Schau stellt, sondern aktiv
fie als Medium der Wirklichkeitswahrnehmung und perpetuiert. Vor diesem Hintergrund stellen denn
-darstellung. So kommentiert Kafka in einer Tage- auch die ausgetauschten Bilder nicht immer ein Ge-
buchnotiz vom September 1911 über eine Cabaret- fühl der Nähe und Vertrautheit her; vielmehr kon-
Darbietung: »Cabaret Lucerna. Lucie König stellt kurrieren Kafkas Briefe in ihrer Detailbesessenheit
Photographien mit alten Frisuren aus. […] Manch- mit dem fotografischen Blick, indem sie die erhalte-
mal gelingt ihr etwas mit der von unten her gehobe- nen Bilder in minutiöser Kleinarbeit beschreibend
76 2. Einflüsse und Kontexte

sezieren. Hierbei wird jedoch der von Kafka wieder- suchung unterzogen wird, illustriert die auch über
holt betonte Eindruck eines durch die Fotografie ge- die Verstoßung hinweg andauernde Bindung des
schaffenen Gefühls der Nähe in der Interpretation Sohnes an die Eltern, erweist jedoch gleichzeitig die
sukzessive unterminiert. Kafka unterzieht Felices tiefgreifende Entfremdung, die dieser Kafkaschen
Bilder einer fetischistischen Lektüre, in der einzelne Modellfamilie zugrundeliegt. Der in klischeehaft pa-
Details im Sinne des Barthesschen punctum (Bar- triarchalischer Pose abgebildete Vater entzieht sich
thes, 36) als Bedeutungszentrum konstruiert, in der den imaginären Annäherungsversuchen seines Soh-
Folge jedoch mit einer grundlegenden, beunruhi- nes, während das gezwungene Lächeln der Mutter
genden Ambivalenz aufgeladen und somit entwertet einen besseren Anlaufpunkt für Karls identifikatori-
werden. Der analytische Fokus auf Teilobjekte kann sche Lektüre bietet. Diese fragile Annäherung wird
letztlich nicht von der für die Fotografie konstituti- jedoch wiederum durch ein zweites Bild der kom-
ven Abwesenheit des Referenten ablenken. Somit in- pletten Kleinfamilie in Frage gestellt, in dem beide
szenieren Kafkas Briefe ein fotografisches ›Fort-Da- Eltern Karl »scharf« ansehen, »während er nach dem
Spiel‹ (Freud), das einem tiefliegenden Gefühl der Auftrag des Photographen den Apparat hatte an-
Fremdheit und des Mangels Ausdruck verleiht schauen müssen« (V 134). Im Gegensatz zum Por-
(Duttlinger 2007, 125–172). trät der Eltern, das einen Einblick in das Machtge-
Kafkas Briefwechsel mit Felice Bauer, aber auch fälle zwischen Vater und Mutter bietet, vereinigen
mit anderen Korrespondentinnen wie Milena Je- die Eltern in diesem Familienfoto ihren disziplinä-
senská und Minze Eisner, kreisen letztlich um die- ren Blick mit dem entseelten Auge der Kamera. Im
selbe Frage: um die Übersetzbarkeit der Fotografie Roman wie auch in Kafkas Texten insgesamt fun-
in den Text, um Strategien der Versprachlichung und giert das Familienfoto gleichsam als Matrize ödipa-
literarischen Anverwandlung des fotografischen Me- ler Dynamiken, die im Laufe des Textes reproduziert
diums. Obwohl Fotografien Anreiz zur Analyse ge- und variiert werden, deren Grundstruktur jedoch
ben, widersetzen sie sich gleichzeitig diesem Unter- fotografisch invariabel bleibt.
fangen. Dieser Widerstand ist jedoch letztlich kein Aber auch außerhalb der Familie erweist sich das
Hindernis, sondern verstärkt vielmehr Kafkas Faszi- Subjekt als fotografisch konditioniert. Dies zeigt ein
nation durch das Medium. So werden in seinen Tex- verbreitetes Motiv in Kafkas Texten: das Soldaten-
ten diese elementaren Widerstände, wie auch spezi- bild. So repräsentiert für Karl Roßmann das Bild ei-
fische medienimmanente Probleme der Fotografie nes unbekannten jungen Soldaten das unerreichbare
für die literarische Anverwandlung fruchtbar ge- Ideal autonomer Männlichkeit, das er in seiner An-
macht. Wie in den Briefen oszilliert denn auch die stellung als Liftboy zumindest äußerlich zu imitieren
Rolle der Fotografie in den Romanen und Erzählun- sucht. Die desillusionierende Erfahrung der engen,
gen zwischen Attraktion und Restriktion. Fotogra- schweißfeuchten Liftboy-Uniform betont jedoch
fien üben eine immense Anziehungskraft auf die nicht nur die Kluft zwischen Bild und imitativer
Kafkaschen Figuren aus, nicht zuletzt weil sie eine Wirklichkeit, sondern stellt auch grundsätzlich die
theatralisch-ostentative Zurschaustellung von Rang Authentizität der fotografischen (Selbst-)Präsenta-
und Status ermöglichen und somit Macht im visuel- tion in Frage.
len Bereich nicht nur repräsentieren, sondern erst In Die Verwandlung wird diese Fragestellung auf-
eigentlich konstituieren. Vor allem die Porträtfoto- gegriffen und verstärkt, wenn im ersten Kapitel Gre-
grafie fungiert als Medium bürgerlicher Selbstprä- gor Samsas von der Tür gerahmter Insektenkörper
sentation, erweist jedoch gleichzeitig die Brüchigkeit einer gerahmten Fotografie aus seiner Militärzeit ge-
solcher konventionell-artifizieller Identitätsmodelle. genübersteht, die den Protagonisten als »sorglos lä-
chelnden« Leutnant darstellt (DzL 135). Der Text
konstruiert hier eine Dichotomie zwischen Bild und
Die Porträtfotografie: Wirklichkeit, die er gleichzeitig auf mehreren Ebe-
das uniformierte Subjekt nen in Frage stellt. So verweisen Gregors Erinnerun-
gen an seinen Vertreterberuf auf eine alles andere als
Ein Paradebeispiel hierfür ist das Familienporträt im sorglose Existenz, und wenn der Vater im zweiten
Verschollenen, das meistdiskutierte fotografische Teil durch seine Bankdiener-Uniform eine Aura der
Motiv in Kafkas Werk. Das Bild von Karl Roßmanns Autorität gewinnt, so beruht auch diese Rolle wiede-
Eltern, das vom Protagonisten einer genauen Unter- rum auf Dienstbarkeit und Unterwerfung. Die auf
Film und Fotografie 77

den ersten Blick charismatischen Tableaus soldati- Die Momentaufnahme:


scher Männlichkeit werden somit bei Kafka implizit Ambivalenz und Manipulation
dekonstruiert, indem seine Texte die Diskrepanz
zwischen fotografischer Oberfläche und den sich da- Während die Mehrzahl Kafkascher Texte sich an der
hinter verbergenden Strukturen der Ausbeutung artifiziellen Pose der Porträtfotografie oder des cho-
und Unterdrückung ans Licht bringen. Exempla- reographierten Pressefotos abarbeitet, spielt in den
risch für die Porträtfotografie im Allgemeinen be- beiden Romanen Der Process und Das Schloss die
tont das Soldatenbild die äußerliche wie innerliche Momentaufnahme eine prominente Rolle. Mehr
Uniformierung des Subjekts und seine Konditionie- noch als die Studioaufnahme exemplifiziert der
rung durch soziale und familiale Machtstrukturen. Schnappschuss die Entstellung der Wirklichkeit
<Blumfeld, ein älterer Junggeselle> (1915) proji- durch die technischen Medien, welche der menschli-
ziert diese Problematik in den politischen Bereich. chen Wahrnehmung unzugängliche Aspekte und
Hier ist der Soldat nicht mehr Hauptmotiv, sondern Perspektiven offenlegen. Der nach einem ›Wirbel-
lediglich Kulisse. In einer französischen Zeitschrift tanz‹ aufgenommene Schnappschuss von Josef K.s
stößt Blumfeld auf die Fotografie eines Staatsbesu- Geliebter Elsa hält zwar deren Lachen fest, aber
ches; der russische Zar und der französische Präsi- »wem ihr Lachen galt, konnte man aus dem Bild
dent schütteln sich eingerahmt von salutierenden nicht erkennen« (P 144).
Matrosen die Hand (NSF I:A, 206). In der Moderne Die grundsätzliche Ambivalenz fotografischer Re-
ist politische Autorität nur abbildbar vor der Kon- präsentation, die nur einen begrenzten – und der
trastfolie einer uniformen Masse. Analyse nur bedingt zugänglichen – Wirklichkeits-
Die für Kafkas Verhältnisse ungewöhnlich spezifi- ausschnitt zeigt, wird in Kafkas späten Texten auf die
sche Beschreibung, die auf historische Personen re- Spitze getrieben. Im Schloss interpretiert K. eine Fo-
kurriert, lässt sich historisch genau verorten: Sie ver- tografie, die ihm die Wirtin des Brückenhofs zeigt,
weist auf den Staatsbesuch des französischen Präsi- als das Bild eines ruhenden Mannes, muss sich je-
denten Raymond Poincaré bei Zar Nikolaus II. von doch von der Besitzerin eines Besseren belehren las-
Russland im Juli 1914, kurz vor der österreichischen sen: »›Sehen Sie doch genauer hin‹, sagte die Wirtin
Kriegserklärung an Serbien. Kafkas 1915 entstande- ärgerlich, ›liegt er denn wirklich?‹ ›Nein‹, sagte nun
ner Text enthält somit einen Schnappschuss Europas K., ›er liegt nicht, er schwebt und nun sehe ich es, es
am Rande des Weltkriegs (Duttlinger 2007, 207– ist gar kein Brett, sondern wahrscheinlich eine
219). Gleichzeitig jedoch unterzieht Kafka seine fo- Schnur und der junge Mann macht einen Hoch-
tografische Vorlage strategischen Veränderungen. sprung‹« (S 125). Indem die Fotografie Bewegung
Im <Blumfeld>-Fragment folgen Zar und Präsident arretiert und das zeitliche Kontinuum in statische
jeweils zwei ›Begleiter‹, die die Begegnung der bei- Einzelbilder zerlegt, unterminiert sie gleichzeitig ele-
den Regierenden einrahmen und in eine trianguläre mentare Kategorien menschlicher Wahrnehmung
Doppelstruktur einschreiben, damit aber zugleich wie Bewegung und Stillstand, Wachsein und Schlaf
die charismatische Individualität der beiden Haupt- und, letztendlich, Leben und Tod. Tatsächlich ist K.s
figuren subtil in Frage stellen. Diese Struktur ver- Verwirrung angesichts der Fotografie symptoma-
netzt die politische Begegnung mit dem Rest der Er- tisch für eine grundlegende Wahrnehmungs- und
zählung: Wie die beiden Staatshäupter so sieht sich Interpretationskrise im Roman, in deren Zuge sich
auch Blumfeld im Lauf des Textes mit verschiedenen der Protagonist sowohl von seiner Umgebung wie
Doppelgänger-Paaren konfrontiert, die seine Indivi- auch von sich selbst zunehmend entfremdet.
dualität subtil unterminieren. Die Beschreibung die- Ein ähnlicher Vorgang wird auch in Ein Hunger-
ses politischen Schnappschusses wurde von Kafka künstler thematisiert, wo Fotografien des erschöpf-
im Manuskript nachträglich gestrichen (NSF I:A, ten Protagonisten an seinem 40. Fastentag vom Im-
205–207), vielleicht als Reaktion auf den für seine presario als Beweis für die natürlichen Grenzen sei-
Verhältnisse ungewöhnlich direkten, unverschlüs- nes Hungervermögens präsentiert werden. Der
selten Bezug auf zeitgenössische Ereignisse. Gleich- Hungerkünstler selbst sieht die Sache etwas anders:
zeitig jedoch repräsentiert diese Passage Kafkas kon- »Was die Folge der vorzeitigen Beendigung des Hun-
kreteste literarische Auseinandersetzung mit der gerns war, stellte man hier als die Ursache dar! Ge-
Zeit des Ersten Weltkriegs und erweist sein reges In- gen diesen Unverstand, gegen diese Welt des Unver-
teresse an der damaligen Tagespolitik. standes zu kämpfen, war unmöglich« (DzL 342). Des
78 2. Einflüsse und Kontexte

Hungerkünstlers Kampf gegen die zeitliche Begren- und verschiebbar sind. Repräsentativ für dieses Ver-
zung seiner Kunst wird somit auf das Terrain der Fo- fahren ist Kafkas häufige Verwendung des Terminus
tografie verlegt: Wie bereits im Schloss steht hier die ›Bild‹, der in vielen Fällen eine genaue Bestimmung
grundsätzliche Ambivalenz des fotografischen Bil- der medialen Form verhindert und der bei aller
des im Mittelpunkt, das nach einer supplementären medienspezifischen Reflexion auch auf universale,
– aber potentiell fehlgeleiteten – Interpretation ver- traditionellen wie technologischen Medien zugrun-
langt. Im Fall des Hungerkünstlers kommt erschwe- deliegende Charakteristika verweist. Wenn also Fo-
rend hinzu, dass das fotografische Subjekt nicht nur tografie und Film in Kafkas Texten sowohl gegenein-
durch die Auslegung der Fotografie missverstanden ander wie auch gegen vortechnische Bildgattungen
und manipuliert wird, sondern dass darüber hinaus abgegrenzt werden, so verbindet sie doch die tiefver-
sein Körper – des Hungerkünstlers Kunstwerk und wurzelte, oftmals prärationale Faszination des Visu-
Kapital – durch beliebig reproduzierbare Simulakra ellen, die eng mit dessen Widerstand gegen narrativ
ersetzt wird, die den Referenten nicht nur von sei- analytische Durchdringung gekoppelt ist. Tatsäch-
nem Publikum, sondern auch von sich selbst distan- lich arbeiten sich Kafkas Texte und seine Figuren an
zieren. Wie Walter Benjamin in seinem Kafka-Essay genau dieser Ambivalenz von Faszination und Un-
anmerkt: »Im Film erkennt der Mensch den eigenen durchdringlichkeit ab, an Bildern, die Interpretation
Gang nicht, im Grammophon nicht die eigene ebenso herausfordern wie zurückweisen. Bei aller
Stimme. Experimente beweisen das. Die Lage der Verschiedenheit verbindet diese paradoxe Anzie-
Versuchsperson in diesen Experimenten ist Kafkas hung die verschiedenen Spielarten des Visuellen in
Lage« (Benjamin 1991a, 436). Kafkas Schriften, wo sie die literarische Auseinan-
dersetzung mit Film und Fotografie sowohl er-
schwert wie auch motiviert.
Film und Fotografie: das Modell
einer Vereinigung?
Forschung
Kafkas Auseinandersetzung mit Film und Fotografie
basiert somit auf einer anhaltenden Faszination, Die Rolle von Film und Fotografie in Kafkas Werk
gleichzeitig jedoch auf einer grundlegenden Kritik wurde in der Forschung immer wieder gestreift, je-
der technischen Medien. Obwohl Fotografie und doch erst in jüngerer Zeit systematisch untersucht.
Film die Welt zugänglich und verfügbar machen, Während mehrere Studien die Rolle von Malerei und
sind sie zugleich Teil eines tiefgreifenden medienso- Bildhauerei thematisieren (Binder 1972, 1985; La-
ziologischen Wandels, der eine kritische Auseinan- dendorf), oder Kafkas allgemeine Bezüge zum Visu-
dersetzung mit der Realität weniger ermöglicht denn ellen ansprechen (Sudaka-Bénazéraf), hat Kafkas
verhindert. In dieser Hinsicht hat die zur Schau ge- Auseinandersetzung mit den technischen Bildme-
stellte Verblendung Kafkascher Figuren durch foto- dien – im Gegensatz zu den entsprechenden Schrift-
grafische Identitäts- und Bedeutungskonstruktionen medien – erst relativ spät Aufmerksamkeit erregt,
auch eine implizit subversive Funktion, indem sie ei- wenngleich dieser Aspekt schon früh von Theoreti-
ner kritischen Lesart Vorschub leistet. kern wie Adorno und Benjamin hervorgehoben
Obwohl Kafkas Texte Fotografie und Film ge- wurde. In der Forschung wurde Kafkas Bezug zum
trennt thematisieren und mitunter auch kontrastie- Kino immer wieder angesprochen (Jahn 1962; Au-
ren, gründet seine Beschäftigung mit den techni- gustin), jedoch erst von Hanns Zischler in detaillier-
schen Medien immer auch auf einer ganzheitliche- ter Archivrecherche genauer untersucht (vgl. auch
ren Vorstellung der Korrelation und Kooperation. Alt 2009). Ähnlich stellt sich die Lage im Fall der Fo-
So sinniert er im Tagebucheintrag über das Kai- tografie dar, die in der Forschung immer wieder am
serpanorama: »Warum gibt es keine Vereinigung Rande erwähnt, nach einigen kürzeren Beiträgen
von Kinema und Stereoskop in dieser Weise?« (Jan./ (Collomb, Neumann) aber erst kürzlich zum Gegen-
Febr. 1911; T 937). Wenn auch unklar bleibt, was für stand einer ausführlichen Untersuchung gemacht
eine Form der Vereinigung Kafka hier vorschwebte, wurde (Duttlinger 2007).
so zeigt dieser Kommentar, dass die Grenzen zwi-
schen verschiedenen Bildmedien in Kafkas Schriften Theodor W. Adorno: Aufzeichnungen zu K. In: Ders.:
keineswegs absolut, sondern vielmehr durchlässig Gesammelte Schriften. Hg. v. Rolf Tiedemann.
Film und Fotografie 79

Frankfurt/M. 1997. Bd. 10, 254–87. – Ders./Walter Ben- Kaiserpanorama. In: Christian Emden/David Mid-
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Über kinematographisches Erzählen. München 2009. − Photography. Oxford 2007. – Leena Eilittä: K. and Visu-
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»Die Ruhe des Blickes«. Brod, K., Benjamin and the Carolin Duttlinger
81

3. Dichtungen und Schriften

3.0 Drei Werkphasen Interpreten von einem fixen Texterklärungsmodell


ausgehen – etwa vom psychoanalytischen, das über-
all den Ödipuskomplex findet, oder vom dekon-
Die allerersten Anfänge von Kafkas Schreiben – struktivistischen, das immer nur eine selbstreferenti-
»Kindersachen« wird er sie später nennen (An elle Thematisierung der Nichtverstehbarkeit der
O. Pollak, 6.9.1903; B00–12 26) – mögen um 1896 Texte entdeckt –, desto weniger Erkenntnisgewinn
liegen (Alt, 130). Der früheste erhaltene Text ist die werden sie, ganz zu Recht, von einer werkgenetischen
in einem Brief an den Jugendfreund Oskar Pollak Betrachtung erwarten. Wer aber gerade am histo-
überlieferte Kurzprosa Geschichte vom schamhaften risch Differenten und Spezifischen interessiert ist,
Langen und vom Unredlichen in seinem Herzen wird aus werkgeschichtlichen Unterteilungen heuris-
(20.12.1902; B00–12 17–19) – aus den vorausgehen- tisch ebenso viel Nutzen ziehen wie aus literaturge-
den Jahren kennen wir nur einen unbedeutenden schichtlichen. Die kurze Zeitspanne des Kafkaschen
Zweizeiler (NSF I, 7), der 1896 in ein Poesiealbum Werkes überschneidet sich immerhin mit nicht we-
eingetragen wurde. Um den 9. März 1908 debütiert niger als drei Subepochen der Moderne – der Jahr-
Kafka in der Zeitschrift Hyperion mit acht Texten, hundertwende, dem Expressionismus und der Wei-
die später in den Sammelband Betrachtung aufge- marer Republik. Aber selbst wenn man den Autor –
nommen werden (DzL:A 15); der älteste Text der wie Kafka-Interpreten es gerne zu tun pflegen – als
Sammlung mag 1904, vielleicht auch schon 1902 literarhistorisch unzurechenbaren Solitär behandelt,
entstanden sein, die meisten aber wohl erst ab 1907. lassen sich werkbiographische Veränderungen in
Auch die Entstehungsgeschichte der Beschreibung ei- Thematik wie Form der Texte kaum übersehen. Sich
nes Kampfes dürfte bis mindestens 1904 zurückrei- auf diese Prozesse mehr einzulassen als bisher, könnte
chen. Eine halbwegs kontinuierliche Textüberliefe- der Kafka-Forschung neue Perspektiven auf das
rung setzt erst um 1907 ein und reicht dann bis zu Werk eröffnen und neue Grundlagen für formale wie
Kafkas letztem Werk Josefine, die Sängerin oder Das thematische Ausdifferenzierungen, aber auch für In-
Volk der Mäuse, das zwischen Mitte März und An- terpretationsentscheidungen im Einzelfall liefern.
fang April 1924 geschrieben wird. Das ergibt, summa Schnell würde dabei auch deutlich werden, wie sehr
summarum, eine Schreibzeit von rund 28 Jahren, unser Kafka-Bild noch immer von den Texten aus
von denen allerhöchstens 22 durch überlieferte Texte dem mittleren Werk geprägt ist – von Urteil, Ver-
belegt sind. Bei einer so knapp bemessenen Werk- wandlung, Process und vielleicht allenfalls noch der
biographie lässt sich mit Recht fragen, ob deren Un- Strafkolonie – und wie sehr diese Perspektivierung
terteilung in Werkphasen überhaupt sinnvoll und den Blick auf das frühere wie spätere Werk verzerrt.
heuristisch ertragreich sein kann. Jedenfalls sind die Voraussetzungen für werkbio-
Die bisherige Kafka-Forschung scheint hier eher graphische Betrachtungen heute so günstig wie nie
skeptisch gewesen zu sein. Zwar besteht allgemeiner zuvor. Jahrzehntelang war die Forschung auf die
Konsens darüber, dass die Niederschrift des Urteil in hochverdienstvolle Datierung sämtlicher Texte Franz
der Nacht vom 22. zum 23. September 1912 eine Kafkas angewiesen, die Malcolm Pasley und Klaus
Grenzlinie zwischen ›frühem‹ und ›reifem‹ Werk Wagenbach 1965 vorgelegt hatten (Pasley/Wagen-
markiert. Das hat aber Interpreten nie davon abge- bach 1969 [1965]). Heute bietet uns die Kritische
halten, auch frühe Texte mit Hilfe von Parallelstellen Ausgabe (KA) mit dem Gesamtwerk in einer hand-
aus dem späten Werk zu deuten oder Passagen aus schriftennahen Fassung nicht nur ein wesentlich
der Beschreibung eines Kampfes für die Interpreta- größeres Textkorpus (ä 519 f.); dank des detektivi-
tion des Gesamtwerkes in Anspruch zu nehmen. schen Scharfsinnes der Herausgeber finden sich in
Natürlich ist das Interesse an Werkgeschichte mit den Apparatbänden auch zahlreiche Vorschläge zu
einer gewissen Notwendigkeit an ein ganz allgemein Neu- und Umdatierungen im Detail, die noch kaum
historisches Erkenntnisinteresse gebunden. Je stärker je konsequent genutzt wurden.
82 3. Dichtungen und Schriften

Um zu einem werkgeschichtlichen Blick auf Kafka Korrespondenz) hat Kafka selbst vernichtet – sicher
anzuregen, ist der Werk-Teil dieses Handbuches in einer ganzen Serie von Autodafés; noch am 11.
nicht nur (soweit möglich) chronologisch geordnet, März 1912 notiert er im Tagebuch »Heute viele alte
sondern auch in drei Werkphasen untergliedert; drei widerliche Papiere verbrannt« (T 400).
Artikel zu den »Kleinen nachgelassenen Schriften Von den Werken und Werkplänen vor 1904 ist da-
und Fragmenten« (ä 3.1.7; 3.2.10; 3.3.7) versuchen her nur wenig bekannt (vgl. Alt, 130–138). Rückbli-
zudem, wenigstens erste Überblicksdarstellungen ckend berichtet Kafka von einem frühen Romanpro-
für die schwer überschaubaren Werkteile anzubie- jekt, das vermutlich in die Jahre 1898/99 zu datieren
ten, die sich in den beiden KA-Bänden mit dem Ver- ist:
legenheitstitel Nachgelassene Schriften und Frag- Einmal hatte ich einen Roman vor, in dem zwei Brüder
mente (NSF I/II) bzw. in den Tagebuch-Heften fin- gegeneinander kämpften, von denen einer nach Ame-
den. rika fuhr, während der andere in einem europäischen
Gefängnis blieb (19.1.1911; T 146).
Dabei sei allerdings gleich vorweg eingeräumt,
dass die Grobeinteilung in ausgerechnet drei Werk- Um 1903 arbeitet er an einer Prosasammlung Das
phasen sich letztlich eher der traditionsmächtigen Kind und die Stadt, was natürlich, von Titel wie
Magie der Zahl ›Drei‹ verdankt, als einer sachlich- Genre her, an ein Vorläuferprojekt zum späteren
zwingenden Notwendigkeit. Wie bei den meisten Band Betrachtung denken lässt (An O. Pollak,
stark inspirationsorientiert arbeitenden Autoren 8.11.1903; B00–12 29). In dieser Zeit hat er dem Ju-
zeigt sich auch in Kafkas Werk ein zyklischer Wech- gendfreund Oskar Pollak auch »ein Bündel« mit
sel zwischen Zeiten intensiver Produktivität und sol- »allem […], was ich bis jetzt geschrieben habe«, bis
chen, in denen wenig oder überhaupt nicht geschrie- auf die »Kindersachen« (6.9.1903; B00–12 26), ge-
ben wird. Diese von Pausen unterbrochenen Schreib- schickt und wenig später folgendermaßen kommen-
phasen (wie sie sich für das mittlere und späte Werk tiert:
klar nachweisen lassen) sind das Grundgerüst, an Unter den paar tausend Zeilen, die ich dir gebe, könnte
dem sich jede werkgeschichtliche Betrachtungsweise ich vielleicht noch zehn duldsam anhören […]. Der
orientieren muss. Deren Gruppierung zu drei Werk- größte Teil ist mir widerlich […] (z. B. »Der Morgen«
phasen bleibt dagegen eine heuristisch-hermeneuti- und anderes), es ist mir unmöglich, das ganz zu lesen
[…]. Du mußt aber daran denken, daß ich in einer Zeit
sche Konstruktion, die zwar nicht einfach willkür-
anfing, in der man »Werke schuf«, wenn man Schwulst
lich erfolgt ist, aber natürlich auch anders vorge- schrieb; es gibt keine schlimmere Zeit zum Anfang. Und
nommen werden könnte. ich war so vertollt in die großen Worte. Unter den Papie-
Als Grenzpunkte zwischen den drei Werkphasen ren ist ein Blatt, auf dem ungewöhnliche und besonders
werden im vorliegenden Handbuch angesetzt: (1) feierliche Namen aus dem Kalender ausgesucht stehn.
Ich brauchte nämlich zwei Namen für einen Roman und
die Entstehung des Urteil am 22./23. September 1912 wählte endlich die unterstrichenen: Johannes und Beate
– was sicher konsensfähig sein dürfte – und (2) Aus- (Renate war mir schon weggeschnappt) wegen ihres di-
bruch und Diagnose der Lungenkrankheit im Au- cken Glorienscheins [auch von diesem Romanprojekt
gust 1917 bzw. der am 12. September 1917 begin- fehlt jede Spur]. Das ist doch fast lustig (An O. Pollak,
vermutl. nach 6.9.1903; B 00–12 27; nur in einem Brief-
nende, fast acht Monate dauernde Erholungsaufent-
exzerpt von Max Brod überliefert).
halt im nordböhmischen Zürau, den Kafka zu einer
weltanschaulich weit ausgreifenden Grundsatzrefle- Von dem hier kritisierten ›hohen Ton‹ in Kafkas
xion nutzt. Schreibanfängen zeugen heute nur noch die frühen
Briefe (vgl. etwa B00–12 32–42), mit bereits deutli-
cher Distanzierung auch die Beschreibung eines
Das frühe Werk Kampfes.
(bis September 1912) Dass es zwischen 1903 und 1911 noch weitere
Textverluste gegeben haben muss, belegt schließlich
Überblick die verschollene Erzählung Himmel in engen Gassen,
die Kafka im Winter 1906 (erfolglos) für ein Preis-
Über Kafkas frühes Werk wissen wir nur so viel – ausschreiben der Wiener Zeitung Die Zeit einge-
oder besser gesagt: so wenig –, wie die erhaltenen reicht haben soll (Unseld, 125).
Schriften aussagen. Den überwältigenden Teil der in Das erhaltene frühe Werk besteht im Wesentlichen
dieser Zeit entstandenen Texte (einschließlich der aus zwei Projekten, die über längere Zeit verfolgt
Drei Werkphasen 83

wurden – der Beschreibung eines Kampfes (die Ar- deutlichsten den Neuansatz des mittleren Werkes
beitszeit reicht von mindestens 1904 bis zum Okt./ präludieren: die noch unsicher zwischen autobiogra-
Nov. 1910) und den Hochzeitsvorbereitungen auf dem phischer Reminiszenz und phantastischer Fiktiona-
Lande (Frühjahr 1907 bis Sommer 1909) –, sowie lisierung schwankende Fragmentenreihe Der kleine
dem erst im November 1912 erschienenen Sammel- Ruinenbewohner (ca. Sommer 1910; T 17–28; ä 145–
band Betrachtung, den Kafka durch eine Auswahl 148), das zu Recht als Vorstufe zum Urteil geltende
aus seiner bisher verfassten Kurzprosa zusammen- Bruchstück Die städtische Welt (21.2.-26.3.1911; T
gestellt hatte. Die frühesten Stücke dürften, wie be- 151–158; ä 152 f.) und eine erste Reihe von Texten
reits erwähnt, bis 1902/4 zurückreichen, die beiden und Fragmenten zum ›Junggesellen‹ (Ende 1909, T
jüngsten (Der plötzliche Spaziergang und Entschlüsse) 113–116 u. 118 f.; Anf. Nov. 1910, T 125 f.; 14.11.1911,
entstehen erst Januar/Februar 1912. Schon in die T 249 f.; Anf. Dez. 1911, T 279 f.; ä 148–151), zu de-
erste Fassung der Beschreibung eines Kampfes mögen nen auch das später in Betrachtung aufgenommene
unabhängig von ihr entstandene Prosastücke einge- Unglück des Junggesellen gehört (14.11.1911; T
gangen sein – so wie Kafka umgekehrt später wieder 249 f.).
Textelemente aus beiden Fassungen herausgelöst Das wichtigste Fragment aus der Spätphase des
und in Betrachtung übernommen hat. Schwierigkei- frühen Werks ist leider verlorengegangen: die erste,
ten mit Großprojekten und eine Neigung zu kleinen bereits recht umfangreiche Fassung des Verscholle-
Formen haben Kafkas Schreiben also von Anfang an nen, die zwischen Dezember 1911 und Juli 1912 ge-
begleitet. schrieben wurde. Dies ist umso bedauerlicher, als
Ein wesentlicher Impuls für den Neuansatz des ein Vergleich mit der zweiten Fassung eine wesent-
mittleren Werkes geht sicher vom Tagebuchschrei- lich präzisere Bestimmung von Kafkas literarischer
ben aus, das Kafka erst von August/September 1911 Entwicklung in der ›Durchbruchs‹-Phase ermögli-
an mit einiger Regelmäßigkeit betreibt (etwa ab T 37 chen würde.
bzw. 120); die vorangehenden, wohl gegen Ende Mai Angemerkt sei noch, dass sich im frühen Werk
1909 einsetzenden Einträge erfolgen nur sporadisch, auch Gattungen finden, die später keine oder nur
sind häufig noch nicht datiert und tragen zunächst noch eine marginale Rolle spielen werden: eine
eher den Charakter von Werknotizen. Selbstrefle- kleine Zahl von Rezensionen – meist vermittelt von
xion wie Tagebuch erhalten ihrerseits wiederum Max Brod, der seinen Freund so in die literarische
wichtige Impulse durch das Gastspiel einer Lember- ›Szene‹ einführen wollte –, ›literaturtheoretische‹
ger Theatergruppe in Prag vom 24. September 1911 Schriften im weiteren Sinne wie die Aufzeichnungen
bis zum 21. Januar 1912 (ä 12–14): Kafka besucht <Über kleine Litteraturen> (Anf. Dez. 1911) und der
die Vorstellungen regelmäßig, freundet sich mit dem Einleitungsvortrag über Jargon (17.2.1912) – sowie
Prinzipal und einigen Schauspielern an – und be- eine ganze Reihe von Gedichten.
richtet im Tagebuch darüber ebenso ausführlich wie Am 23. August 1912 begegnet Kafka zum ersten
über das durch den Kontakt mit dem jiddischen Mal Felice Bauer (ä 15 f.), und zwar – in fast schon
Theater in ihm neu erwachte Interesse an jüdischer schicksalhafter Koinzidenz von Autoren- und Werk-
Kultur und an seiner eigenen jüdischen Identität. biographie – an eben dem Abend, an dem er mit
Wie in der Forschung vor allem von Glinski (2004) Max Brod die letzten Entscheidungen zur Zusam-
und Rother (2008) gezeigt haben, wird das Tagebuch menstellung der Texte für Betrachtung treffen will.
in der Spätphase des frühen Werkes zum wichtigen Die krisenhafte Beziehung zu Felice wird zum wich-
›literarischen Laboratorium‹. Seine eminente Bedeu- tigsten lebensgeschichtlichen Faktor des mittleren
tung ist schon durch die bloße Quantität der Eintra- Werkes werden.
gungen belegt: Von den rund 1060 Druckseiten, die
die Tagebuchhefte in der KA einnehmen, entfällt Charakteristika
ziemlich genau die Hälfte (einschließlich fast aller
Reisetagebücher) auf das frühe Werk. Im Werk eines jungen Autors manifestieren sich
In den als Tagebuch verwendeten ›Quartheften‹ – Zeiteinflüsse meist deutlicher als in den reifen
die bei Kafka von Anfang an auch Werkstattcharak- Schriften. Das ist bei Kafka nicht anders – und wäre
ter haben – findet sich ebenfalls der Hauptteil der sicher noch auffälliger, wenn auch die Schreiban-
(erhaltenen) kleineren Fragmente des frühen Wer- fänge erhalten wären. Schon das große Gewicht der
kes. Und hier stößt man auch auf die Texte, die am Kurzprosa entspricht eben nicht nur Kafkas ganz ei-
84 3. Dichtungen und Schriften

gener Schreibpraxis, sondern auch der ungewöhnli- (für Details vgl. Engel 2010) –, so leicht lassen sich
chen Hochschätzung dieses Genres in der Jahrhun- auch für das Syndrom ontologischer Bodenlosigkeit
dertwende. zeitgenössische Parallelen finden: Thematisiert wird
Bei der brüchigen Überlieferungslage wäre es pro- hier ein Grundgefühl, das – in Jahrhundertwende
blematisch, für das frühe Werk Entwicklungsten- wie Frühexpressionismus – gleich zwei Autorenge-
denzen beschreiben zu wollen. Die ungewöhnlich nerationen geprägt hat. Schopenhauer und Nietz-
stark ins Weltanschaulich-Philosophische ausgrei- sche können als seine Cheftheoretiker gelten; nie-
fende Fassung A der Beschreibung eines Kampfes bie- dergeschlagen hat es sich in zahllosen Texten der
tet jedoch die Möglichkeit, sowohl die Grundthema- Zeit, wie etwa (um nur ganz wenige Beispiele zu nen-
tik wie auch den Zeitbezug von Kafkas literarischen nen) in Hofmannsthals Erzähl- und Reflexionstex-
Anfängen besser zu begreifen. ten Reitergeschichte (1899), Ein Brief (1902), und Die
Zentral ist hier weniger die in der Epoche vielbe- Briefe des Zurückgekehrten (1907), in Musils Die Ver-
schworene ›Sprachkrise‹ oder die der Zeit zuge- wirrungen des Zöglings Törleß (1906), Rilkes Die Auf-
schriebene Neigung zur ›Ich-Dissoziation‹, auf die zeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910) oder
sich die Forschung gerne konzentriert hat, sondern Benns Novellenzyklus Gehirne (1914–16).
eher ein Lebensgefühl, das Kafka im Text als »See- Thematisch hat sich dieses krisenhafte Lebens-
krankheit auf festem Lande« bezeichnet (NSF I, 89) gefühl in Kafkas Frühwerk vor allem in dem Symp-
– Sprachkrise und Ich-Dissoziation sind nur deren tomkomplex niedergeschlagen, den alle Protago-
Epiphänomene. Was mit dieser ›Seekrankheit‹ ge- nisten teilen: Vitalitäts- und Willensschwäche,
meint ist, erklärt sich am besten aus der Gegenposi- Entschlusslosigkeit, Selbstzweifel, Minderwertig-
tion. Veranschaulicht wird sie in der Beschreibung keitsgefühl, Lebensangst und Lebensekel, Einsam-
mit Hilfe einer Anekdote, die in einer der vielfach keit aus Beziehungsunfähigkeit bei zugleich tiefer
verschachtelten Binnenerzählungen des Textes der Sehnsucht nach Kontakten und Beziehungen (die je-
›Beter‹ dem ›Dicken‹ mitteilt (bezeichnenderweise doch, wenn sie denn überhaupt gelingen, sofort zu
handelt es sich dabei um ein Erlebnis von Kafka Macht- und Selbstbehauptungskämpfen entarten) –
selbst, das dieser etwa zeitgleich auch Max Brod be- ein Symptomenkatalog, den man in der Zeit gern
richtet): unter dem Oberbegriff der ›Décadence‹ zusammen-
als ich als Kind einmal nach einem kurzen Nachmittags- fasst.
schlaf die Augen öffnete hörte ich noch ganz im Schlaf Das formale Pendant zu diesem Lebensgefühl ist
befangen meine Mutter in natürlichem Ton vom Balkon ein verunsicherter Realismus: Dem unmittelbaren
hinunterfragen: »Was machen Sie meine Liebe. Es ist so Erleben zugänglich ist allein die ›Innenwelt‹, deren
heiß.« Eine Frau antwortete aus dem Garten: »Ich jause
Erfahrungen allerdings nicht in konventioneller Be-
im Grünen.« Sie sagten es ohne Nachdenken und nicht
allzu deutlich, als müßte es jeder erwartet haben (91 f.). griffssprache ausgedrückt werden können; die ›Au-
ßenwelt‹ ist, mindestens auf der uns vertrauten
Im Brief an Max Brod schloss die Passage, noch ex- Oberfläche der Alltagswahrnehmung, mit diesem
pliziter, mit dem Fazit »Da staunte ich über die Fes- Inneren unvermittelbar, kann es daher auch nicht
tigkeit mit der die Menschen das Leben zu tragen symbolisch repräsentieren. Die drei größeren Werk-
wissen« (28.8.1904; B00–12 40). Eine solche reflexi- projekte in Kafkas Frühwerk lassen sich vor diesem
onslos-naive Selbst- und Weltgewissheit ist den an (grob skizzierten) Hintergrund als drei ganz unter-
»Seekrankheit auf festem Lande« laborierenden Fi- schiedliche Versuche begreifen, das Grundproblem
guren des Textes ebenso abhanden gekommen wie eines Erzählens von der ›inneren Welt‹ zu lösen:
ihrem Autor. Sie beruht auf dem naiven Vertrauen in (1) Verabsolutierte Innenwelt: In der Beschreibung
die lebensermöglichenden Alltagskonventionen für eines Kampfes wird die ›innere Welt‹ im Mittelteil als
Wahrnehmen, Denken und Handeln, dem »Einver- eigener Erzählraum abgespalten und in freier Phan-
ständnis«, dank dessen wir »auf unserer Erde einge- tastik behandelt; außerdem teilt sich hier das Ich in
richtet« sind (NSF I, 109) – Rilke nannte dies in der mehrere Personen auf, um seine Innenwelt in ihren
Ersten Duineser Elegie die »gedeutete Welt«. widersprüchlichen Positionen erzählbar zu machen.
So leicht wie sich in den Binnenfiguren des Textes Der Text demonstriert freilich auch die Problematik
zeitgenössische Positionen erkennen lassen – im Di- dieser Freisetzung von der Außenwelt: Alle Figuren,
cken etwa der ›Ästhetizist‹, im ›Beter‹ ein Vertreter die sich vom ›Realitätsprinzip‹ dispensieren wollen,
der (prä-expressionistischen) grotesken Phantastik scheitern hoffnungslos.
Drei Werkphasen 85

(2) Doppelte Buchführung I: In den Hochzeitsvor- tischen Erzählkonventionen (am stärksten in Be-
bereitungen gibt es ein eigentümliches Nebeneinan- schreibung eines Kampfes, am schwächsten in den
der von ›objektiver‹ Außenweltbeschreibung und Hochzeitsvorbereitungen); (6) personales Erzählen,
›subjektivem‹ Inneren. Der in der (im Frühwerk sel- hier noch in der Ich-Form (das vor allem in Beschrei-
tenen) Er-Form erzählte Text zerfällt geradezu in Be- bung eines Kampfes bereits die für das spätere Werk
schreibungsprosa von einer in Kafkas Gesamtwerk charakteristischen Distanzierungssignale aufweist);
nie wiederkehrenden Intensität und in Innenwelt- (7) erste Ansätze zu ›parabolischem‹ Erzählen in der
Wiedergabe, die zumeist im ›inneren Monolog‹ prä- bildlich verdichteten Reflexionsprosa der Betrach-
sentiert wird (wodurch sich der Text passagenweise tung. Aus der Sicht des reifen Werkes sind all dies
der das Frühwerk prägenden Ich-Form angleicht). Bausteine, die man in den späteren Schreibgebäuden
(3) Doppelte Buchführung II: In den Texten des leicht wiedererkennen kann.
Sammelbandes Betrachtung gibt es ein ähnliches,
aber ganz anders gestaltetes Nebeneinander, das
schon die Doppelbedeutung des Titels (›Wahrneh-
mung‹/›Reflexion‹) signalisiert: Es finden sich Refle-
Das mittlere Werk (September 1912
xionstexte mit minimaler Narration und starker bis September 1917)
bildlicher Verdichtung (z. B. Entschlüsse, Wunsch, In-
Überblick
dianer zu werden) und Außenwahrnehmungstexte,
die allerdings – anders als in den Hochzeitsvorberei- Die Grenzen des mittleren Werkes sind durch die
tungen − ›symbolistisch‹ auf den ›Seelenzustand‹ Niederschrift des Urteil und durch den Ausbruch
(›état d’âme‹) des Beobachters bezogen bleiben (z. B. der Lungenkrankheit markiert. Aus dieser Epoche
Zerstreutes Hinausschaun, Der Fahrgast). Daneben stammen, bis auf den Hungerkünstler-Band, alle
gibt es einige wenige ausgeprägt narrative Texte, die, wichtigen Publikationen zu Lebzeiten (auch wenn
mehr oder minder deutlich, die ›phantastischen‹ diese teilweise erst nach 1917 erschienen sind), so
Schreibverfahren der Beschreibung eines Kampfes dass schon damals (aber auch noch in der späteren
fortführen (z. B. Kinder auf der Landstraße, Unglück- Breitenrezeption und weitgehend bis zum heutigen
lichsein). Tag) das Kafka-Bild vor allem durch das mittlere
Schon an dieser Kurzcharakteristik dürfte auffal- Werk geprägt scheint.
len, dass im (erhaltenen) Frühwerk – trotz sehr ähn- Biographisch ist die Werkphase vor allem be-
licher ›Protagonisten‹-Figuren – ganz verschiedene stimmt durch die Beziehung zu Felice Bauer, die für
Schreibweisen verwendet werden. Kafka experimen- Kafka schon bald zu einem zermürbenden Dauer-
tiert also, wie das in den Anfängen eines Œuvres ja konflikt zwischen ›Kunst‹ und ›Leben‹ gerät. Am 12.
oft geschieht, mit unterschiedlichen formalen Lö- Juli 1914 wird die Verlobung während des ›Gerichts-
sungen, probiert Verfahren aus. hofes‹ im Berliner Hotel ›Askanischer Hof‹ (ä 18)
Wie immer, wenn man von der späteren Werkent- zum ersten Mal gelöst, aber schon Ende Oktober/
wicklung auf die Anfänge eines Autors zurückblickt, Anfang November setzt der Briefwechsel wieder ein;
lassen sich auch in Kafkas Frühwerk retrospektiv die am 23./24. Januar trifft man sich im Grenzort Bo-
literarischen Themen und Verfahren erkennen, die denbach und es beginnt die zweite Phase der Bezie-
das meiste Entwicklungspotential hatten. Es sind hung, die nur deswegen als weniger krisenhaft er-
dies vor allem: (1) das Grundthema der ›Desorien- scheint, weil die Hoffnungen und Erwartungen ge-
tierung‹ durch ein Herausfallen aus bisher fraglos ringer geworden sind.
akzeptierten Alltagskonventionen; (2) der zwang- Den zeitgeschichtlichen Kontext für die zweite
hafte Selbstbehauptungskampf der verunsicherten Hälfte des mittleren Werkes bildet natürlich der
Protagonisten (vor allem in Beschreibung eines Erste Weltkrieg, der Kafka sicher mehr beschäftigt
Kampfes); (3) die ›objektive‹ Phantastik, die nicht hat, als die lakonische (vielzitierte) Tagebucheintra-
mehr, wie die ›subjektive‹, an die phantastische Erle- gung vom 2. August 1914 glauben macht: »Deutsch-
bensperspektive eines Ich gebunden ist (vor allem land hat Rußland den Krieg erklärt. – Nachmittag
im letzten Text von Betrachtung und in Beschreibung Schwimmschule« (T 543). Die aktuellen Biographien
eines Kampfes); (4) die Aufspaltung des Ich in selb- von Alt (2005) und Stach (2002 u. bes. 2008) liefern
ständige Figuren (besonders in Beschreibung eines wichtige und zum Teil neue Materialien zu den Ein-
Kampfes); (5) diverse Ansätze zum Bruch mit realis- flüssen des Krieges auf Kafkas Leben und Denken.
86 3. Dichtungen und Schriften

Verglichen mit den langen Schreibpausen im spä- Apr. 1915; NSF I, 229–266) setzt das literarische
ten Werk ist die Produktion des mittleren etwas kon- Schreiben fast völlig aus – die wenigen Ausnahmen
tinuierlicher. Es lässt sich aber auch hier schon deut- sind <Monderry> (27.5.1915; T 746–748) und ei-
lich zwischen Zeiten unterscheiden, in denen ge- nige zwischen 19. April und 30. Oktober 1916 ent-
schlossene Werke gelingen oder Großprojekte zügig standene Fragmente (T 777, 780–784, 790, 793–
vorankommen, und solchen, in denen nur stockend 801, 810). Dann brechen literarische Produktion
und kleinteilig oder gar nicht geschrieben werden und Tagebuch gleichzeitig ab.
kann. Im mittleren Werk gibt es drei Phasen intensi- (3) Im Alchimistengässchen (›Landarzt-Phase‹;
ver Produktivität, die jeweils zugleich werkbiogra- Ende November 1916 bis Mitte Mai 1917): Die letzte
phische Entwicklungsstufen markieren. Schreibphase des mittleren Werkes ist sowohl
(1) Die sogenannte ›Durchbruchs‹-Phase (22.9. an einen neuen Schreib-Ort gebunden – das Häus-
1912 bis Anf. März 1913): Fast unmittelbar nach chen in der Alchimistengasse, das Ottla angemietet
der Niederschrift des Urteil beginnt Kafka mit dem und dem Bruder von etwa 24. November 1916 bis
Heizer-Kapitel eine Neufassung des Verschollenen, Mitte Mai 1917 zur Verfügung gestellt hatte – wie
an der er zunächst bis zum 24. Januar 1913 schreibt. auch an ein neues Schreib-Medium: die kleinforma-
In einer Arbeitspause entsteht die Verwandlung tigeren, daher auch leichter transportablen ›Oktav-
(17.11.-6.12.1912). Mit dem <Ernst Liman>-Frag- hefte‹ (von denen mindestens eines verlorengegan-
ment (28.2.-3.3.1913; T 493–499) gerät die Produk- gen sein muss; DzL:A 320). In dieser überaus pro-
tion jedoch ins Stocken; auch das Tagebuch wird duktiven Zeit entstehen u. a.: <Der Gruftwächter >
für zwei Monate unterbrochen. Bis zur ersten Au- (Ende Nov. 1916 bis Anf. 1917; NSF I, 267–303), die
gusthälfte 1914 entstehen nurmehr kurze bis sehr meisten der später in den Landarzt-Band aufgenom-
kurze Fragmente; am weitesten entfaltet ist noch menen Texte (bis auf Vor dem Gesetz und Ein Traum,
die Verlockung im Dorf (Ende Juni 1914; T 643– die sicher älter sind), <Die Brücke> (Dez. 1916 u.
656). Jan. 1917; NSF I, 304 f.), die <Jäger-Gracchus>-Frag-
(2) »Process«-Umfeld (Ende Juli 1914 bis Anfang mente (Mitte Jan. bis Anf. Apr. 1917; NSF I, 305–313,
April 1915): War der erste Produktionsschub an die 378–384 u. T 810 f.), Der Kübelreiter (Monatswechsel
Euphorie der ersten Liebesmonate gebunden, so Jan./Febr. 1917; NSF I, 313–316 u. DzL 444–447),
speist sich der zweite aus der traumatisch verlaufe- Beim Bau der chinesischen Mauer (März 1917; NSF I,
nen Trennung in Berlin. Hauptprojekt ist nun der 337–357) – woraus Eine Kaiserliche Botschaft und
Process (11.8.1914–20.1.1915). In einer für Kafka Ein altes Blatt verselbständigt werden –, <Der Schlag
neuen Produktionsweise wird der Roman – inner- ans Hoftor > (März 1917; NSF I, 361–363), Der Quäl-
halb des durch Anfangs- und Schlusskapitel gesetz- geist (März 1917; 367 f.), <Der Nachbar > (März/
ten Rahmens – diskontinuierlich geschrieben, wo- April 1917; 370–372) und Eine Kreuzung (März/
bei Kafka mitunter auch an mehreren Kapiteln April 1917; 372–374). Mit dem Verlassen der Alchi-
gleichzeitig arbeitet. Mehr noch: Die Arbeit am Ro- mistengasse bricht die Produktion fast komplett ab;
man wird von der an gleich mehreren parallel ver- von Juni bis August 1917 entstehen wieder nur we-
folgten Projekten begleitet. So entstehen u. a. die nige und meist sehr kurze Fragmente.
Erinnerungen an die Kaldabahn (15.8. u. Anf. Nov. Das Tagebuch wird bis zum Ende des ›Zehnten
1914; T 549–553 u. 684–694), der Schlussteil des Heftes‹ am 27. Mai 1915 relativ kontinuierlich ge-
Verschollenen-Fragmentes um das ›Teater von Ok- führt, tritt allerdings in Zeiten intensiver literari-
lahama‹ (Aug./Okt.; V 370–419), In der Strafkolo- scher Produktion stark in den Hintergrund. Das
nie (5.-18.10.), Der Dorfschullehrer (<Der Riesen- ›Elfte Heft‹, das erst wieder am 13. September 1915
maulwurf >; 18.12.1914–6.1.1915; NSF I, 194–216), einsetzt, weist dagegen zwei große Unterbrechun-
Der Unterstaatsanwalt (Ende Dez. bis 6.1.; NSF I, gen auf (26.12.1915–18.4.1916 u. 7.4.1917–28.7.
217–224) und wohl auch noch das <Elberfeld>- 1917) und wird auch ansonsten nur sporadisch ge-
Fragment (vor 20.1.; NSF I, 225–228). Mit dem Ab- führt. Die Tagebuchhefte des mittleren Werkes ent-
bruch des Process am 20. Januar 1915 (der fast ge- halten auch einen großen Teil der literarischen Pro-
nau mit der ersten Wiederbegegnung mit Felice duktion der Zeit, haben also starken Werkstattcha-
nach der Trennung zusammenfällt) versiegt auch rakter. Erst mit den Oktavheften wird die literarische
die übrige Produktion allmählich. Nach dem Frag- Produktion stärker vom diaristischen Schreiben ab-
ment <Blumfeld, ein älterer Junggeselle> (8.2. bis getrennt.
Drei Werkphasen 87

Charakteristika der ersten Phase des späten Werkes zu ihrem formal-


logischen End- und Extrempunkt geführt werden
Entscheidend für die Beschreibung des mittleren wird). In nuce lässt sich diese Entwicklung schon an
Werkes ist natürlich die Frage nach den Innovatio- der Reihe nicht realisierter Werktitel für Sammel-
nen, die das Urteil zu einem veritablen Neuansatz band-Projekte ablesen: (1) Die Söhne – (2) Strafen –
werden ließen. Hier ist zunächst der zentrale Vater- (3) Verantwortung. (1) war gedacht für eine Sammel-
Sohn-Konflikt zu nennen, der natürlich, zum einen, publikation von Das Urteil, Der Heizer und Die Ver-
die Frucht der intensiven Selbsterforschung im Ta- wandlung (An K. Wolff, 11.4.1913, B13–14 166); (2)
gebuch ist; Kafka verlässt damit die sozusagen aus für eine Sammlung von Das Urteil, Die Verwand-
zweiter Hand übernommenen Krisenbegründungen lung, In der Strafkolonie (in genau dieser Reihen-
und -modellierungen des frühen Werkes und geht folge; An G.H. Meyer 15.10.1915, B14–17 142); (3)
nun von der Deutung eigener (individualbiographi- als ursprünglicher Titel-Einfall für den Landarzt-
scher wie ›westjüdischer‹) Erfahrungen aus. Ebenso Band (An M. Buber, 22.4.1917; B14–17 297). Der
wichtig ist aber, zum anderen, dass dieser Konflikt in erste Titel steht kürzelhaft für die Verallgemeinerung
modellhafter Allgemeinheit dargestellt wird und des Familienmodells zum Sozialmodell, das die Ent-
über nicht offen ›zugestandene‹ »Abstraktionen« wicklungslinie vom Urteil über die Verwandlung
(An F. Bauer, 10.6.1913; B13–14 205) an trans-indi- zum Verschollenen markiert. Der zweite demon-
viduelle Problemfelder wie ›Macht‹, ›Familie‹, ›Ge- striert den Übergang vom Familienmodell (und den
sellschaft‹ anschließbar ist. Gerade diese Qualitäten es fundierenden Größen ›Vater-Sohn-Konflikt‹ und
– die Verbindung von biographischer Authentizität, ›Macht-Thematik‹) zu einer allgemeineren Ebene, in
archetypischer Allgemeinheit und zeitkritischem der sich Rechtfertigungs-Thematik und ›westjüdi-
wie anthropologischem Bedeutungspotential – ma- sche‹ Zeitkritik miteinander verbinden. Dafür ste-
chen den Vater-Sohn-Konflikt ja in dieser Zeit zum hen vor allem Der Process – mit seinem ›vaterlosen‹
neuen Selbsterklärungs-Passepartout der jungen ex- Helden – und In der Strafkolonie. Der dritte Titel
pressionistischen (und häufig auch jüdischen) Auto- vollendet diese Entwicklung, indem sich, nicht zu-
rengeneration. Formal entscheidend für das Gelin- letzt unter dem Einfluss des Weltkrieges, Zeitkritik
gen des Urteil ist (1) der sparsam dosierte und ge- und ›Gemeinschafts‹-Verantwortung miteinander
schickt funktionalisierte Einsatz der Phantastik – der verbinden.
Leser wird sozusagen von seiner realistischen Er- Der so skizzierten thematischen Verschiebung
wartungshaltung abgeholt und parallel zum Helden entsprechen formale Veränderungen, die Kafka vor
desorientiert. Ebenso wohlfunktionalisiert ist (2) der allem in einem Tagebucheintrag vom 9. Februar
Gebrauch des personalen Erzählverhaltens, das nun 1915 reflektiert hat:
erstmals in der Er-Form (mit geschicktem, in der Wenn sich die beiden Elemente – am ausgepägtesten im
wenig später entstandenen Verwandlung perfektio- »Heizer« und »Strafkolonie« – nicht vereinigen, bin ich
niertem Einsatz der ›erlebten Rede‹) verwendet wird. am Ende. Ist aber für diese Vereinigung Aussicht vor-
Die so entstehende Dialektik von formal erzwunge- handen? (T 726).
ner Identifikation des Lesers mit dem Helden bei Diese »beiden Elemente« sind, wie die Textbeispiele
gleichzeitigen Distanzierungssignalen gegenüber verdeutlichen, eine noch rudimentär realistische
dessen beschränkter Welt- und Selbstwahrnehmung (Heizer) und eine parabolisch geprägte Schreibweise
ist der wohl wichtigste Positionsgewinn für das reife (Strafkolonie). Zu ihrer ›Vereinigung‹ kommt es bei-
Werk. Schließlich ist auch das neue, inspirationsori- spielweise im Zwei-Ebenen-Modell des Process, wo
entierte Schreibverfahren als Kafkas persönliche Va- die wiedererkennbar ›realistische‹ Welt von K.s All-
riante ›automatischen Schreibens‹ (ä 4.2 u. 347–350) tags- und Geschäftsleben verschränkt wird mit der
zu nennen, das sich im Urteil geradezu idealtypisch ›gleichnishaften‹ Ebene des Gerichts-Bereiches. In
bewährt: Die Geschichte wird in einer einzigen den parallel zum Process geschriebenen Schlusskapi-
Nacht in einem Zug ›durchgeschrieben‹ und rundet teln des Verschollenen-Fragments hat Kafka offen-
sich, trotz der Planlosigkeit der Niederschrift, zu ei- sichtlich versucht, seinem ersten Romanversuch mit
nem in sich geschlossenen und zugleich formal kühn dem ›Teater von Oklahama‹ eine ähnlich struktu-
innovativem Text. rierte ›zweite Ebene‹ einzuziehen (weiß man dies,
Die drei Phasen des mittleren Werkes weisen eine wird das natürlich Konsequenzen für eine Interpre-
durchgängige Entwicklungstendenz auf (die dann in tation dieser umstrittenen Textpassagen haben – ein
88 3. Dichtungen und Schriften

gutes Beispiel für den heuristischen Ertrag einer ril bis Ende 1920) und Dora Diamant (15.7.1923 bis
werkgeschichtlichen Betrachtungsweise). zum Tode). Verglichen mit der schon sehr früh in
Allerdings lief Kafkas weitere Werkentwicklung eine Dauerkrise geratenen Beziehung zu Felice be-
nicht auf die (im Tagebucheintrag erhoffte) ›Vereini- ginnen die neuen Liebeserlebnisse viel hoffnungs-
gung‹ der Elemente hinaus, sondern auf die zuneh- voller. Das dritte scheint diese Hoffnungen wohl
mende Dominanz, ja Verselbständigung der ›para- auch tatsächlich eingelöst zu haben: Mit Dora Dia-
bolischen‹ Ebene, die die Texte aus dem Alchimis- mant gelingt es Kafka, Prag und dem Elternhaus zu
tengässchen bestimmt. Hier lässt sich eine weitere entkommen und ein gemeinsames Leben in Berlin
Reduktion des Basis-Realismus beobachten, die al- zu beginnen (24.9.1923 bis 17.3.1924), das nur die
lein schon an der Ersetzung (individualisierender) drastische Verschlechterung des Gesundheitszustan-
Figurennamen durch generische (und bedeutungs- des vorzeitig beendet.
trächtige) Bezeichnungen abzulesen ist, wobei diese Geht man vom Wechsel von Schreibzeiten und
oft auch noch mit dem unbestimmten Artikel kom- Schreibpausen aus, so ergeben sich vier Teilphasen
biniert sind (etwa ›ein Landarzt‹ in der Titelge- des späten Werkes (zu Details ä 3.3.7).
schichte, ›ein Fremder‹/›ein Reisender aus dem Nor- (1) Zürau (12.9.1917 bis Anf. Mai 1918): In die
den‹ in Schakale und Araber). Dieser zunehmenden ›Oktavhefte G und H‹ trägt Kafka die Zürauer Apho-
›Parabolisierung‹ der erzählten Welten entspricht rismen ein; eingelagert sind einige wenige paraboli-
der Übergang zu kürzeren Formen (der sich also kei- sche Kurztexte (<Eine alltägliche Verwirrung >, <Die
neswegs nur aus dem Scheitern größer angelegter Wahrheit über Sancho Pansa>, <Das Schweigen der
Projekte erklärt). Sirenen>, <Prometheus>), angefügt der sozialutopi-
sche Entwurf Die besitzlose Arbeiterschaft.
(2) ›Konvolut 1920‹ (ca. 20.8. bis Mitte Dezember
1920): Aus dieser Loseblatt-Sammlung (NSF II, 223–
Das späte Werk 362) hat Max Brod zahlreiche Kurztexte herausge-
(ab September 1917) löst: <Nachts>, <Die Abweisung >, Zur Frage der
Gesetze, <Die Truppenaushebung >, <Poseidon>,
Überblick
<Gemeinschaft >, <Das Stadtwappen>, <Der Steuer-
Der Ausbruch der Lungenkrankheit im August 1917, mann>, <Die Prüfung >, <Der Geier >, <Kleine Fa-
der fast achtmonatige Erholungsaufenthalt in Zürau bel >, <Der Kreisel >.
und die Auflösung der Beziehung zu Felice Bauer (3) »Schloss«-Jahr 1922 (ca. 27.1. bis Mitte Dezem-
markieren einen unübersehbaren Einschnitt in Kaf- ber 1922): Im Zentrum der ersten, bis zum 20. Au-
kas Leben. Werkbiographisch signifikant werden gust reichenden Arbeitsphase steht Kafkas drittes
diese Ereignisse, indem sie zunächst eine Phase der und umfangreichstes Romanprojekt Das Schloss. Pa-
weltanschaulich-anthropologischen Grundsatzrefle- rallel dazu entstehen u. a. Erstes Leid (vermutl. März),
xion in aphoristischer Form, dann eine der kriti- <Fürsprecher > (Frühjahr; NSF II, 377–380) und Ein
schen Selbstreflexion einleiten, die – mit Ausnahme Hungerkünstler (um 23.5.). Nach Abbruch des
des nur halbliterarischen <Brief an den Vater > (Mitte Schloss-Romans schreibt Kafka u. a. die <Forschun-
Nov. 1919) – weitestgehend im Medium der Litera- gen eines Hundes> (ca. 18. Sept. bis Ende Okt.; NSF
tur erfolgen. Tagebuch hat Kafka im späten Werk II, 423–459, 460–482 u. 485–491), Das Ehepaar
nur noch sporadisch geführt; lediglich das zwölfte (Okt./Nov.; NSF II, 516–524 u. 534–541), Ein Kom-
der Tagebuchhefte (mit weniger als 10 Prozent des mentar (Brod: <Gibs auf! >; Nov.; NSF II, 530) und
diaristischen Gesamttextes) fällt in diese Phase. Da- <Von den Gleichnissen> (Nov.; NSF II, 531 f.).
für ist hier die Zahl der literarischen Fragmente noch (4) Berlin (und Prag; ca. 24. September 1923 bis
weit größer als in den beiden anderen Werkphasen. Anfang April 1924): In dieser Schreibphase dürfte es
Lebensgeschichtlich steht das späte Werk ganz im größere Textverluste gegeben haben (ä 517 f.). Zu
Zeichen der Krankheit: Zahlreiche Kur- und Sanato- den erhaltenen Texten zählen u. a.: <Heimkehr >
riumsaufenthalte an verschiedenen Orten wechseln (wohl Nov. 1923; NSF II, 572 f.), Eine kleine Frau
mit Wiederaufnahmen der Berufstätigkeit in Prag (zwischen Ende Nov. 1923 u. Jan. 1924; NSF II, 634–
(bis zur Frühpensionierung am 30.6.1922). An die 646, DzL 321–333), <Der Bau> (zwischen 23.11.1923
Stelle von Felice Bauer treten nun: Julie Wohryzek u. Ende Jan. 1924; NSF II, 576–632), das <Men-
(Febr. 1919 bis Ende Juli 1920), Milena Jesenská (Ap- schenfresser >-Fragment (ca. März 1924; NSF II, 646–
Drei Werkphasen 89

649) und Josefine, die Sängerin oder Das Volk der verschränkt sich mit den abstrakteren ›Rechtfer-
Mäuse (Mitte März bis Anf. April 1924, nach der tigungs‹-Überlegungen der Zürauer Aphorismen.
Rückkehr von Berlin nach Prag; NSF II, 651–678, (2) Als Gegentendenz dazu lässt sich eine neue
DzL 350–377). Wendung ins Autobiographische beobachten, die
Zwischen (1) und (2) entsteht mit dem <Brief an Kafka einmal auf den Begriff der ›selbstbiographi-
den Vater > (Mitte Nov. 1919; NSF II, 143–217) au- schen Untersuchungen‹ gebracht hat (wohl Febr.
ßerdem die (nach den Zürauer Aphorismen) zweite, 1921; NSF II, 373). Deren Anfänge zeigen sich be-
diesmal autobiographische Grundsatzreflexion des reits im ›Konvolut 1920‹; in den beiden letzten
späten Werkes. Vom 6. Januar bis zum 29. Februar Schreibphasen, in denen nun auch wieder längere
1920 schreibt Kafka die Aphorismenreihe <Er > Erzähltexte entstehen, wird sie zur dominanten Ten-
(T 847–862), die vor allem das Scheitern der Bezie- denz. Das gilt – wenn auch mit Einschränkungen,
hung zu Julie Wohryzek reflektiert. die sich nicht zuletzt aus der Großform ›Roman‹ er-
Zu Lebzeiten veröffentlicht werden aus diesem geben – sogar für Das Schloss, das nicht nur in Ich-
Textkorpus nur die vier Erzählungen des Hunger- Form begonnen worden war, sondern sich auch,
künstler-Bandes (Erstes Leid; Eine kleine Frau; Ein ganz anders als der Process, zur Verschränkung einer
Hungerkünstler; Josefine, die Sängerin). Vielzahl von Individualgeschichten gestaltet. Diese
späte Konzentration auf ›selbstbiographische Unter-
Charakteristika suchungen‹ bedeutet keine Rückkehr zur For-
mensprache der Anfänge des mittleren Werkes, da
»Jahre der Erkenntnis« hat Reiner Stach das späte deren rudimentärer sozialer Realismus im späten
Werk genannt (Stach 2008); vielleicht sollte man et- Werk keine Entsprechung findet. Und trotz einer
was vorsichtiger von ›Jahren der Erkenntnissuche‹ Dominanz der Ich-Form (seit dem ›Konvolut 1920‹)
sprechen. Zentral ist auf jeden Fall das Thema der – fehlen auch unmittelbar lebensgeschichtliche Be-
ganz persönlichen wie allgemein menschlichen – züge oder Reminiszenzen fast völlig. Stattdessen ent-
›Rechtfertigung‹. stehen parabolisch verallgemeinerte Lebensbilan-
Die vier Schreibzeiten des späten Werkes lassen zen. Die Künstlerthematik, die mindestens drei der
sich von ihren thematischen wie formalen Grund- vier Erzählungen des Hungerkünstler-Bandes be-
tendenzen in Zweiergruppen zu zwei Phasen zusam- stimmt und so ins Zentrum des veröffentlichten Spät-
menzufassen, wobei das ›Konvolut 1920‹ bereits werkes getreten ist, bildet vor dem Hintergrund der
deutliche Übergangstendenzen zur zweiten aufweist. Gesamtüberlieferung nur einen Sonderfall der allge-
Dieser Zweiteilung entsprechen zwei Schreibweisen, meinen ›Rechtfertigungs‹-Thematik.
die das späte Werk bestimmen:
(1) Mit der Neuaneignung des aphoristischen
Schreibens in Zürau erreicht die Tendenz zu zuneh- Forschung
mender formaler Parabolisierung und thematischer
Verallgemeinerung, die schon das ganze mittlere Ausgesprochen werkgeschichtlich angelegte Ge-
Werk bestimmt hatte, ihren Höhepunkt. Auch wenn samtdarstellungen von Kafkas Œuvre wird man bis
das genretheoretisch sehr seltsam anmuten mag, ist heute vergebens suchen. Sozusagen ihre ›Platzhalter‹
für Kafka der – bei ihm stark bildgeprägte und oft sind die lesenswerten Überblicksversuche von Henel
rudimentär narrative – Aphorismus sozusagen die (1979) und Schillemeit (2004 [1995]).
äußerste Verdichtungsform der Parabel. Die apho- Während Schillemeit nur die Schreibphasen cha-
ristische Schreibweise reicht von den Zürauer Apho- rakterisiert, hat Ingeborg Henel deren Gruppierung
rismen über ihre direkte selbstreflexive Anwendung zu vier Werkphasen vorgeschlagen: (a) das Früh-
in der Reihe <Er > bis ins ›Konvolut 1920‹. Vielleicht werk; (b) Vom Urteil zum Process; (c) Die Landarzt-
ließe sich in der generell zu beobachtenden Verstär- Phase; (d) Das Spätwerk (Henel 1979). Der den Er-
kung des reflexiv-diskursiven Gestus sogar eine noch zählungen gewidmete Werkteil in Binders Kafka-
weiter reichende Prägungswirkung der aphoristi- Handbuch (KHb 1979) ist gar in fünf Abschnitte
schen Phase für das gesamte späte Werk sehen. Das untergliedert: (a) Das Frühwerk (1904–1912);
Thema der ›Gemeinschaft‹, nun verstärkt über die (b) Die Phase des Durchbruchs (1912–1915); (c) Die
Opposition zwischen den »alten großen Zeiten« und Arbeit im Alchimistengässchen (1916–1917);
der ›modernen‹ Gegenwart (ä 502–508) gestaltet, (d) Das Schaffen in den ersten Jahren der Krankheit
90 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

(1917–1920); (e) Die Spätzeit (1922–1924) (KHb Forschung: P.-A. Alt (2005). – Manfred Engel: Beschrei-
1979 II, VII-IX). Vergleicht man diese Werkeinhei- bung eines Kampfes: Narrative Integration und phantas-
ten miteinander und mit den im vorliegenden Hand- tisches Erzählen. In: Engel/Robertson (2010). – Sophie
buch vorgeschlagenen, so wird man den Eingangs- von Glinski: Imaginationsprozesse. Verfahren phantas-
befund bestätigt sehen: Konsensfähig, da einigerma- tischen Erzählens in F.K.s Frühwerk. Berlin, New York
ßen eindeutig belegbar, ist zunächst einmal eine 2004. – Ingeborg Henel: Periodisierung und Entwick-
Untergliederung nach Schreibzeiten. Werkphasen lung. In: KHb (1979) II, 220–241. – Heinz Hillmann:
F.K. Dichtungstheorie und Dichtungsgestalt. Bonn 1964,
als diese Vielzahl zu heuristischen Zwecken verein-
2. Aufl. 1973. – Roy Pascal: K.’s Narrators. A Study of his
fachende Großkonstruktionen müssen dagegen um-
Stories and Sketches. Cambridge 1982. – Malcolm Pas-
stritten bleiben. Man könnte beispielsweise durch-
ley/Klaus Wagenbach: Datierung sämtlicher Texte F.K.s.
aus auch an eine Vierteilung denken, sollte dann
In: Jürgen Born u. a. (Hg.): K.-Symposion. München
aber besser die Landarzt-Zeit, die Zürauer Schreib- 1969 [zuerst 1965], 43–66. – Andrea Rother: »Hier muß
phase und vielleicht auch noch das ›Konvolut 1920‹ ich mich festhalten…«. Die Tagebücher von F.K. − Ein
zu einer dritten Einheit zusammenfassen. literarisches Laboratorium 1909–1923. Berlin 2008. –
Werkgeschichtliche Betrachtungen liegen heute Jost Schillemeit: F.K. Werk, Nachlaß, Edition. Versuch
allenfalls zu einigen Schreibphasen vor. Noch bedau- eines Überblicks. In: Margit Raders/Luisa Schilling
erlicher ist, dass es keine neueren Untersuchungen (Hg.): Studien zur deutschen Literatur. Gattungen –
zu Veränderungen in Kafkas Schreibverfahren gibt. Motive – Autoren. Madrid 1995, 73–88; wieder in: J.
Diese wären ein besonders dringendes Desiderat, da Schillemeit (2004), 348–364. – Walter H. Sokel: Das
die Arbeiten von Sokel (1967) und Pascal (1982) Verhältnis der Erzählperspektive zu Erzählgeschehen
schon allein durch die neu-edierten Nachlass-Texte und Sinngehalt in Vor dem Gesetz, Schakale und Araber
überholt sind und Hillmanns Überblick eher typolo- und Der Prozess. In: ZfdPh 86 (1967), 267–300. – R.
gisch orientiert bleibt (Hillmann 1973 [1964], 161– Stach (2002). – R. Stach (2008). – Joachim Unseld: K.s
194). Publikationen zu Lebzeiten. In: KHb (2008), 123–136.
Manfred Engel
Beschreibung eines Kampfes 91

3.1 Das frühe Werk eines Kampfes 1969 in einer von Ludwig Dietz erar-
beiteten textkritischen Parallelausgabe nach den
(bis September 1912) Handschriften erschien, die eine Synopse der Fas-
sungen A und B bietet, existierte allein die von Max
Brod 1936 herausgegebene Textversion (BeK/GS;
wieder in BeK/GW, 1954). Brod integrierte auch
3.1.1 Beschreibung Partien, die der Autor gestrichen hatte, und wollte
vor allem »eine lesbare, in sich geschlossene Fas-
eines Kampfes sung« herstellen (Brod, 157); allerdings vollzog er in
seiner Edition eine eigenmächtige, editionsphilolo-
Entstehung und Veröffentlichung gisch fragwürdige Kontamination der Fassungen
(Brod, 155 f.; vgl. dazu Dietz 1973 u. 1973a, sowie
Die Erzählung Beschreibung eines Kampfes, Kafkas NSF I:A, 45).
frühestes erhaltenes Werk, blieb zu Lebzeiten des Zwar wurde der gesamte Text dieses komplexen
Autors unpubliziert. Der Text existiert in zwei ver- Frühwerks erst postum publiziert, aber einzelne Par-
schiedenen Versionen: Die sogenannte »Fassung A« tien hatte der Autor selbst zuvor bereits separat ver-
entstand zwischen 1904 und 1907, die erhaltene öffentlicht: Die Parabel Die Bäume, die sich mit Vari-
Reinschrift (NSF I, 54–120) vermutlich zwischen anten in beiden Fassungen der Beschreibung eines
September und Dezember 1907. Ab 1909, wohl nicht Kampfes findet (NSF I, 110, 166), erschien 1912 in
vor Anfang Mai, verfasste Kafka eine zweite, titellose der Buchfassung von Kafkas Betrachtung (DzL 33).
Variante des Textes, die laut Brod (Brod, 153, 155) Zu den achtzehn Prosaminiaturen der Betrachtung
unvollendet gebliebene »Fassung B« (NSF I, 121– gehören noch drei weitere Texte (DzL 28 f., 9–14,
169). Die letzten Teile des Manuskripts dürften vor 20), die ursprünglich dem Konvolut der Beschrei-
Okt./Nov. 1910 entstanden sein (NSF I:A 55). Kafkas bung eines Kampfes entstammen: Kleider (NSF I,
Versuche, die Fassung B in Tagebuchheften fortzu- 114 f.) aus der Fassung A, sowie Kinder auf der Land-
führen, reichen mindestens bis zum 20. August 1911 straße (145–150) und Der Ausflug ins Gebirge (141 f.)
(zu den Manuskripten und ihrer Entstehungsge- aus der Fassung B. Zwei dieser Texte, nämlich Die
schichte vgl. NSF I:A, 43–56). Bäume und Kleider, hatte Kafka schon 1908, noch
In der Forschung gilt die Fassung A, auf die sich vor der Veröffentlichung seines ersten Buches Be-
auch der vorliegende Artikel primär bezieht, zu trachtung, in der Zeitschrift Hyperion publiziert. Im
Recht als die differenziertere und interessantere Ver- Jahr 1909 erschienen dort aus dem Komplex der Be-
sion der Erzählung; schon Kafkas Freund Max Brod schreibung eines Kampfes (NSF I, 84–95, 101–107)
bezeichnet sie als das »allein vollständige« Manu- auch die Texte Gespräch mit dem Beter und Gespräch
skript und hält sie auch für »wesentlich gelungener, mit dem Betrunkenen (DzL 384–394, 395–400).
farbenreicher« als die später entstandene Fassung B Aus dieser Textgeschichte sind in der Forschung
(Brod, 153). Kafkas existenzielles Ringen mit dem voreilige Schlüsse gezogen worden: So deutet Glin-
Projekt der Beschreibung eines Kampfes zeigt eine Ta- ski die Vorveröffentlichung einzelner Passagen aus
gebuchnotiz vom 15. November 1910: »Ich werde der Beschreibung eines Kampfes als Indiz für »das
mich nicht müde werden lassen. Ich werde in meine Scheitern des ursprünglichen Projekts«, das »anstelle
Novelle hineinspringen und wenn es mir das Gesicht einer Entwicklung eine Art fortgesetztes Auf-der-
zerschneiden sollte« (T 126). Zur Problematik der Stelle-Treten« hervorbringe (Glinski, 29, 87). Diese
Datierung sowie zur Text- und Druckgeschichte vgl. These radikalisiert die Spekulation Max Brods, Kafka
Dietz 1973 und NSF I:A, 46–56; zum Vergleich der habe aus der Erzählung, die er »später wohl als Gan-
beiden Fassungen vgl. den Schlussteil dieses Artikels zes verworfen haben mag«, ausgegliedert und wei-
sowie Ryan, 547–552, 564–571 und Schillemeit, 121– terverwendet, was ihm »wert blieb« (Brod, 156).
127. Zwei Argumente sind dieser Auffassung entge-
Außer der Hermetik der schwer zu erschließen- genzuhalten: Erstens veröffentlichte Kafka auch Teile
den Erzählung trug auch die problematische Editi- anderer Werke als Miniaturen separat, ohne dass da-
onsgeschichte dazu bei, dass eine hinreichend diffe- durch ein Negativurteil über den Gesamtkomplex
renzierte Analyse dieses Werkes bis vor kurzem als gerechtfertigt wäre (etwa die Parabel Eine kaiserliche
Desiderat der Forschung galt. Bis die Beschreibung Botschaft aus der Erzählung Beim Bau der chinesi-
92 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

schen Mauer und das Gleichnis Vor dem Gesetz aus hält die Beschreibung eines Kampfes für »die Erzäh-
seinem Roman Der Process). Zweitens lässt sich zei- lung Kafkas, die am deutlichsten Prager Lokalkolorit
gen, dass Kafka die Beschreibung eines Kampfes aufweist« (Brod, 158). Der in sich vielfältig differen-
kunstvoll komponiert und bis ins Detail durchdacht zierte Binnenteil entfaltet phantasmagorische Innen-
hat. Durch die Konstruktion phantastischer Imagi- welten. Kafka entwarf für seine ›Novelle‹ ein dreistu-
nationsräume entfaltet er ein psychologisch genau figes Gliederungsschema:
differenziertes Geschehen. Indem er Doppelgänger- I.
Konstellationen inszeniert, gestaltet er die spezifi- II. Belustigungen oder Beweis dessen, daß es
sche Symptomatik einer Identitätskrise. Dabei greift unmöglich ist zu leben
er auf einen romantischen Subtext sowie auf zeitge- 1. Ritt
2. Spaziergang
nössische Diskurse der Philosophie und Psychologie
3. Der Dicke
zurück (Neymeyr 2004, 9, 14–36). Von Bedeutung a. Ansprache an die Landschaft
ist Kafkas ›Novelle‹ auch insofern, als sie »in thema- b. Begonnenes Gespräch mit dem Beter
tischer und formaler Hinsicht das Gesamtwerk in c. Geschichte des Beters
nuce« enthält (Sokel 1984, 133). d. Fortgesetztes Gespräch zwischen dem
Dicken und dem Beter
4. Untergang des Dicken
III.
Textbeschreibung
Das wichtigste Strukturprinzip der Beschreibung ei-
Die frühe Erzählung Beschreibung eines Kampfes ge- nes Kampfes ist der Antagonismus. Durch die Dar-
hört zu den »rätselhaftesten« Werken Kafkas und stellung einer Persönlichkeitsspaltung reflektiert
galt bis vor kurzem sogar als »eine Crux der Kafka- Kafka psychologisch differenziert die moderne Iden-
Forschung« (Schillemeit, 102). Die besonderen her- titätsproblematik. Schon der Titel seiner ›Novelle‹
meneutischen Schwierigkeiten, mit denen sich der betont die Konfliktkonstellationen (Sokel 1964, 33–
Interpret konfrontiert sieht, lassen sich aus der editi- 45; Beicken, 230), die durch die Fragmentierung ei-
onsphilologischen Problematik allein bei weitem nes Ich in antagonistische Bestandteile entstehen.
nicht hinreichend erklären. Vielmehr sind sie vor al- Ein ›Kampf‹ um Vorherrschaft mit wechselnden
lem durch die spezifische Modernität dieses Werkes Kräfteverhältnissen bestimmt das Verhalten der Fi-
selbst bedingt: Kafka löst die Identität der Figuren guren, die Kafka im Rahmenteil und in den Binnen-
und die Konturen der fiktionalen Wirklichkeit auf geschichten miteinander konfrontiert. Dass die vier
und stellt die etablierten Begriffe von Realität, Indi- Hauptgestalten der Fassung A, der Ich-Erzähler, sein
vidualität, Bewusstsein und Sprache vor dem Hin- Bekannter, der Dicke und der Beter, namenlos blei-
tergrund zeitgenössischer Krisenerfahrungen und ben, ist im Hinblick auf die für die Beschreibung ei-
philosophischer Diskurse radikal in Frage. Span- nes Kampfes konstitutive Identitätsproblematik kon-
nungsreich verbindet er psychopathologische Symp- sequent (Neymeyr 2004, 142–148, 172–173).
tome mit modernen sprachskeptischen Reflexionen; Aus der Psychodynamik, die sich in der Figuren-
dem zeitgenössischen Problemniveau trägt er auch konstellation entfaltet, ergibt sich ein Prozess, der
formal durch das avantgardistische Erzählverfahren Selbstbehauptungsstrategien, Dominanzansprüche
Rechnung. und aggressive Überwältigungsversuche, Verdrän-
Die folgende Textbeschreibung bezieht sich auf gungsimpulse und Fluchtreflexe ebenso einschließt
die Fassung A der Beschreibung eines Kampfes (zu wie vorübergehende, durch Empathie oder Faszina-
Fassung B ä 100 f.). Kafka konzipierte sie dreiteilig tion bestimmte Annäherungen an den jeweils Ande-
und gliederte den mittleren Komplex überdies in ren. Schon geringfügige Irritationen rufen Selbst-
acht Abschnitte, die er mit Überschriften versah. zweifel, regressive Sehnsüchte, paranoide Phobien
Brod, der die Funktion dieser Struktur nicht durch- und Aggressionen hervor, die sich in der »Ritt«-Epi-
schaute, fühlte sich dadurch an den Typus »Deutsche sode bis zu gewalttätiger Okkupation des Alter Ego
Hausarbeit« erinnert (Brod, 156). Im Rahmenteil steigern. Oft sind die Figuren, die verschiedene exis-
der Erzählung begegnen sich der Ich-Erzähler und tenzielle Dimensionen repräsentieren, durch kom-
ein Bekannter zuerst bei einer Abendgesellschaft, pensatorische Bedürfnisse motiviert, die aus ihrer
um dann gemeinsam einen nächtlichen Spaziergang einseitigen Ausrichtung entspringen. Mit der Disso-
auf den Prager Laurenziberg zu unternehmen. Brod ziation des Ich geht daher eine unaufhebbare Assozi-
Beschreibung eines Kampfes 93

ation seiner Komponenten einher. Daraus ergibt sich blematik wählt, welchen Stellenwert die zahlreichen
die Komplexität der Interaktionen (Neymeyr 2004, Ambivalenzen und perspektivischen Brechungen in
43–220). diesem Zusammenhang erhalten und welche Funk-
Der erste Rahmenteil (I) der Beschreibung eines tion der Pluralität der Figuren zukommt.
Kampfes konzentriert sich auf das komplementäre
Verhältnis zwischen einem Ich-Erzähler, der zur In-
nerlichkeit tendiert, zugleich aber dem Leben ent- Forschung
fremdet, isoliert und daher unglücklich ist, und dem
›Bekannten‹, der sich als realitätsbezogen, lebenslus- Dass Kafkas anspruchsvolles Frühwerk jahrzehnte-
tig, erotisch erfolgreich und glücklich präsentiert lang im Schatten seiner späteren Werke stand und
(NSF I, 55 f.). Der zweite Rahmenteil (III) stellt diese von der Forschung in erstaunlichem Maße vernach-
Konstellation in Frage und lässt die Selbstinszenie- lässigt wurde, hängt mit der zum Topos gewordenen
rung des Bekannten als inauthentisch erscheinen Einschätzung zusammen, erst die Erzählung Das Ur-
(113–117). In dem umfangreichen Binnenkomplex teil aus dem Jahre 1912 markiere Kafkas eigentlichen
der »Belustigungen« (II) treten der Dicke und der literarischen Durchbruch. Daraus ergaben sich un-
Beter als derivierte Ich-Komponenten in Erschei- zureichend fundierte Prämissen literarischer Wer-
nung. Die Grundproblematik prägt sich in den Kon- tung: Vorschnell disqualifizierte man die vor 1912
figurationen dieses Mittelteils noch radikaler aus als entstandenen Werke Kafkas, indem man sie als Er-
in der Rahmenerzählung. gebnis eines experimentellen Stadiums betrachtete,
Der gesamte Binnenkomplex ist als projektiver in dem der junge Autor noch nach adäquaten litera-
Bewusstseinsinhalt des Ich-Erzählers zu verstehen, rischen Ausdrucksformen gesucht habe. Für seine
der aus einer frustrierenden Gegenwartssituation Prosasammlung Betrachtung galt dies ebenso wie für
»gleichsam hinter der Szene« (Schillemeit, 110) in seine ›Novelle‹ Beschreibung eines Kampfes, deren
phantasmagorische »Belustigungen« (72) flieht. Auf- hermetischer Charakter den Zugang nachhaltig er-
grund einer Abspaltung bestimmter Persönlichkeits- schwerte (Cersowsky, 58); zur Forschungssituation
komponenten erscheint ihm Eigenes wie Fremdes. vgl. die kritischen Referate bei Beicken (226–234)
Das Changieren zwischen Nähe und Distanz zum und Glinski (1–5). Auch die problematische Textsi-
jeweiligen Alter Ego führt zu einer ambivalenten In- tuation (vgl. dazu den Anfangsteil des vorliegenden
teraktion, die zum Indiz tief reichender Selbstent- Artikels) trug zur Vernachlässigung der Beschrei-
fremdung wird. Die Identitätsproblematik findet in bung eines Kampfes bei. Editionsphilologisch (nicht
empathischer Verschmelzung mit dem Gegenüber hermeneutisch) verdienstvoll sind hier die präzisen
ebenso Ausdruck wie in radikaler Abgrenzung von Aufsätze von Ludwig Dietz.
ihm. Darin liegt die Aporie der Krisensituation be- Die Ratlosigkeit vieler Interpreten angesichts der
gründet, die Kafka in seiner Beschreibung eines Beschreibung eines Kampfes kam immer wieder in
Kampfes als Antagonismus entfaltet. Ambivalenzen erstaunlichen Fehlurteilen zum Ausdruck. So hielt
sind nicht nur an den zwischen Größenwahn und es Martin Walser zwar für »bemerkenswert […],
Minderwertigkeitsempfindungen oszillierenden daß Kafka hier versucht, verschiedene Gestalten als
Selbstbildern der Figuren zu erkennen, sondern Ich-Erzähler einzuführen«; dann aber erklärte er
auch an ihrer variablen Einstellung zum jeweiligen apodiktisch: »Dieser Versuch mißglückt völlig«
Alter Ego und an der Auflösung einer stabilen (Walser, 37). Ingeborg Henel kritisierte die »un-
Grenze zwischen Ich und Welt (Neymeyr 2004). glückliche Struktur« der Erzählung, »das ungezü-
Kafkas Erzählstrategie erzeugt eine wirkungsäs- gelte Phantasieren, das Groteske und die Übertrei-
thetische Provokation: Durch die Konstruktion bungen« und meinte, der Text sei durch sich über-
phantastisch verfremdeter Imaginationsräume for- stürzende Einfälle »in Verwirrung geraten« und
dert die Beschreibung eines Kampfes dazu heraus, die »weder durch Straffung noch durch Konkretisie-
Textoberfläche zu durchdringen, sie auf einen Sinn rung zu retten« gewesen (Henel, 223–225, 228).
jenseits der fiktionalen Realität hin zu befragen und Ähnlich äußerte sich Baumgart: Durch »Wirrnis
dabei auch vordergründig Inkohärentes in einen und Flüchtigkeiten« biete die Beschreibung eines
Sinnhorizont zu integrieren. Außerdem ist zu unter- Kampfes ein Konglomerat aus heterogenen Elemen-
suchen, welche narrativen Verfahren Kafka zur Ge- ten: »die Erzähltöne und -ebenen der Einzelstücke
staltung der für den Text konstitutiven Identitätspro- passen so wenig zueinander wie die Beliebigkeit ih-
94 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

rer Phantastik zum raunenden Ernst ihrer Reflexio- Deutungsaspekte


nen« (Baumgart, 169).
Konstruktion des Phantastischen
Im Kafka-Handbuch von 1979 überbot James Rol-
leston diese negativen Urteile, indem er sogar den Kafka entwirft die phantastischen Dimensionen der
Werkstatus der frühen, seit 1904 entstandenen Texte Beschreibung eines Kampfes, indem er psychische Pro-
Kafkas, also auch der Beschreibung eines Kampfes, in zesse in physische Bewegungen transformiert (Sokel
Frage stellte. Er glaubte eine bloße »Werkstatt-Situa- 1964, 12, 17). So löst er die Grenzen zwischen Innen-
tion« konstatieren zu können und folgerte daraus, leben und Außenwelt auf und lässt eine inkohärente,
man solle »es vermeiden, das Frühwerk herabzuset- durch groteske Effekte verfremdete Welt entstehen,
zen […], indem man es als nicht realisiert bezeich- in der die Gesetze der Wahrscheinlichkeit ebenso we-
net. Kafka macht hier Versuche, experimentiert mit nig gelten wie die Kategorie der Möglichkeit und das
den Möglichkeiten der Sprache, und es ist sinnlos, Prinzip der Kausalität. Auf diese Weise gestaltet Kafka
solche Tätigkeit literarisch beurteilen zu wollen« surreale Seelenlandschaften, in denen das Fluktuie-
(Rolleston, 242). ren psychischer Befindlichkeiten auch die physischen
Judith Ryan hingegen, die eine »Zersplitterung der Verhältnisse in der Außenwelt dynamisiert. Wunsch-
Perspektive in der ersten Fassung« der Beschreibung vorstellungen und Angstprojektionen des Ich treten
eines Kampfes mit der Beschränkung auf die »Sicht durch die Konstruktion phantastischer Imaginations-
des Einzelnen« in der zweiten Fassung kontrastierte, räume konkret in Erscheinung. Mitunter verliert die
bezeichnete den Text als »erstes Stadium einer äußere Realität sogar ihre intertemporale Konstanz
konsequenten Entwicklung« und sah in Kafkas er- und Stabilität; sie erscheint dann wie eine vom Thea-
zähltechnischen Experimenten bereits wesentliche terregisseur nach Belieben arrangierbare Bühnenku-
Voraussetzungen für seine spätere Prosa (Ryan, 568– lisse (Glinski, 41 f.; Neymeyr 2004, 11 f., 80 f.).
572). Zuvor hatte schon Sokel in seiner psycho- Kafka projiziert sein eigenes Verfahren phantasti-
analytisch orientierten Kafka-Monographie von scher Konstruktion auch auf den Ich-Erzähler: In
1964 die Beschreibung eines Kampfes als Kafkas »Ur- den Kapiteln 1 und 2 »Ritt« und »Spaziergang« lässt
modell des Kampfes« betrachtet, in dem erstmals er ihn sogar in einen Größenwahn geraten, der sich
das »Grundthema seiner Dichtung« erscheine (Sokel bis zu rauschhaften, an archaische Magiekonzepte
1964, 33). Beicken sah in dieser Erzählung »die wich- erinnernden Allmachtsphantasien steigert. Mithilfe
tigsten Strukturen des Kafkaschen Werkes in thema- autosuggestiver Selbstermächtigung geriert sich der
tischer und formaler Hinsicht« vorgegeben (Bei- Ich-Erzähler als Schöpfer von Szenerien, die er nach
cken, 233); Schillemeit bezeichnete sie als »eine poe- seinen persönlichen Vorlieben gestaltet (NSF I,
tische Summe des ganz frühen Kafka« und hob die 72–78 u. 140–144). Solchen imaginativen Exzessen
neue Schreibweise hervor, die zum Szenischen, folgen radikale Ohnmachtserfahrungen. Sie bilden
Traumhaft-Phantastischen und Allegorisch-Symbo- die Kehrseite der jeweils vorangegangenen Omnipo-
lischen tendiere (Schillemeit, 103, 125). Cersowsky tenz-Anwandlung. Der Selbstgenuss des Ich, das sich
betonte die Bedeutung der Décadence für Kafka und in narzisstischer Allmachtspose über seine Leidens-
exemplifizierte deren Einflüsse an seiner »Novelle« situation erhebt, endet schockartig mit dem Absturz
(Cersowsky, 15–60). in eine desolate Verfassung.
Im Frühjahr 2004 erschien die bislang einzige Mo- In den Kapiteln 3 und 4 der Fassung A entwirft
nographie, die eine Gesamtanalyse von Kafkas Be- der an einer existenziellen Aporie leidende Ich-Er-
schreibung eines Kampfes bietet, zeitgenössische Dis- zähler kompensatorische Phantasiewelten, indem er
kurse der Philosophie und Psychologie einbezieht den Dicken und den Beter als projektive Spiege-
und so auch den kulturhistorischen Horizont er- lungsfiguren durch einen eskapistischen »Einfall«
schließt (Neymeyr 2004). Eine wenige Monate später (NSF I, 78) aus sich selbst hervorbringt. Als Kompo-
veröffentlichte Dissertation enthält sehr detaillierte, nenten des Ich repräsentieren sie seine innere Ge-
allerdings »ausschließlich immanente« Sprachunter- spaltenheit. Diese auch poetologisch relevante Me-
suchungen zu Kafkas frühen Werken (Glinski, 29): thode phantastischer Entgrenzung (Glinski, 48 f.)
Außer einigen Texten der Betrachtung und ausge- lässt an eine bekannte Tagebuchnotiz Kafkas den-
wählten Tagebuchaufzeichnungen Kafkas behandelt ken, in der er seinen literarischen Impuls als »Sinn
sie exemplarische Partien der Beschreibung eines für die Darstellung meines traumhaften innern Le-
Kampfes. bens« bezeichnet (6.8.1914; T 546).
Beschreibung eines Kampfes 95

Aus der Erkenntnis, dass der äußere Handlungs- lagerung durch Angstphantasien oder narzisstisch-
verlauf innere Vorgänge abbildet und die Figuren- magische Omnipotenz-Anwandlungen (Sokel 1984,
konstellation aus einer Projektion seelischer Dispo- 133–138, 143) zu unterscheiden. Der Beter, der als
sitionen entspringt, lässt sich ein hermeneutisches Vorstellungsinhalt des Dicken wie dieser zugleich
Verfahren ableiten. Daraus ergeben sich Möglichkei- Projektionsfigur des Ich-Erzählers ist (NSF I, 78, 86),
ten, auch disparate Textelemente auf psychologische repräsentiert ein Extremstadium, in dem die Gren-
Tiefendimensionen hin zu durchleuchten. zen zwischen Innen- und Außenwelt völlig ver-
Kafkas bildhafte Verfremdungen, die das Obses- schwimmen. Der Dicke diagnostiziert den Zustand
sive einer problematischen Psychodynamik beson- des extrem labilen Beters als »eine Seekrankheit auf
ders intensiv zum Ausdruck bringen, weisen Affini- festem Lande« (89) und bringt die Situation damit
täten zur Literatur des Expressionismus auf, die pointiert zum Ausdruck.
durch die Kombination heterogener Bildelemente
auf die moderne Dissoziation der Wahrnehmung re- Die Thematik des Kampfes vor dem
agiert. Grenzüberschreitungen ergeben sich, wenn
Horizont der modernen Identitätskrise
Objekte belebt und dynamisiert erscheinen, wäh-
rend das Subjekt in verdinglichenden Beschreibun- Die von Kafka inszenierten vielfältigen Destabilisie-
gen gleichsam erstarrt. Die literarische Strategie rungssymptome stehen im kulturhistorischen Kon-
komplementärer Verfremdung durch Personifizie- text einer Krise des Subjekts, die vom Fin de Siècle
rung von Dingen und Verdinglichung von Personen über den Expressionismus bis in die 1920er Jahre
erzeugt eine doppelte Irritation. reicht und in der zeitgenössischen Philosophie, Psy-
In der Beschreibung eines Kampfes zeigt sich die chologie und Literatur eingehend reflektiert wurde
Personifikation der Außenwelt in einer Fülle von (Neymeyr 2004, 14–29). So stellt Nietzsche die Be-
Anthropomorphismen – etwa wenn landschaftli- griffe ›Subjekt‹, ›Seele‹, ›Substanz‹ und ›Wille‹ radi-
chen oder meteorologischen Phänomenen mensch- kal in Frage; »das Ich« betrachtet er als bloße »Fik-
liche Gefühle, Eigenschaften und Intentionen zuge- tion« (KSA 6, 77, 91), die »Seele als Subjekts-Viel-
sprochen werden: So erscheint der Berg als »hin- heit« (KSA 5, 27).
terlistig« (NSF I, 79), »eitel«, »zudringlich« und Aus der Pluralität der Persönlichkeitskomponen-
»rachsüchtig« (80), der Fichtenwald als »verwirrt« ten ergeben sich Konflikte. Die antagonistischen
(76), der Wind als »unzufrieden« (113), der Mond Konstellationen, in die Kafka die unterschiedlichen
als »zürnend« (75) und »das Mondlicht« als »unge- Ich-Figurationen der Beschreibung eines Kampfes ge-
schickt« (69). Der Ich-Erzähler hingegen vergleicht raten lässt, entsprechen Nietzsches These vom »In-
sich in entfremdeter Selbstwahrnehmung mit einer dividuum selbst als Kampf der Theile« (KSA 12,
»Stange in baumelnder Bewegung auf die ein […] 304). Kafkas Prämisse, es gebe »verschiedene Sub-
Schädel ein wenig ungeschickt aufgespießt ist« (62). jekte im gleichen Menschen« (NSF II, 129), bildet
Die wechselseitige Durchdringung der Sphären, die Ausgangsbasis für den Antagonismus zwischen
die sich in der Verdinglichung von Personen und in den Ich-Komponenten in der Beschreibung eines
der Personifizierung von Dingen manifestiert, ge- Kampfes. Sie stimmt mit Nietzsches Auffassung vom
hört zu den phantastischen Entgrenzungs- und Auf- »Subjekt als Vielheit« überein, dessen »Zusammen-
lösungstendenzen, die für die surreale Gestaltung spiel und Kampf« sich in »unserem Bewußtsein«
der Identitätsproblematik in Kafkas Erzählung cha- manifestiere (KSA 11, 650).
rakteristisch sind. Wenn die Figuren eigene Struktu- Kafka realisiert dieses Konzept in seiner Beschrei-
ren auf die Wirklichkeit projizieren, verkennen sie bung eines Kampfes, indem er die Auseinanderset-
das kategoriale Anderssein der Dinge. In der ver- zung zwischen verschiedenen Ich-Komponenten als
zerrten Wahrnehmung des Beters spitzt sich die prozessuale Dynamik psychologisch transformierter
Identitätsproblematik auf groteske Weise zu. Seiner Macht-Konstellationen gestaltet. Angesichts der
irrationalen Angst vor dem Selbstverlust entspricht schon von Schopenhauer und Nietzsche exponier-
die Irrealität einer verfremdeten, sich ins Phantasti- ten Thematik des Kampfes ist es bezeichnend, dass
sche auflösenden Objektsphäre (Neymeyr 2004, Kafka, der sich nachweislich mit beiden Philosophen
163–185). Im Beter potenzieren sich die Defizite des auseinandergesetzt hat, den Begriff des ›Kampfes‹
Ich-Erzählers, der oft außerstande ist, zwischen au- nicht nur in den Titel seines Erstlingswerks auf-
thentischer Wirklichkeitserfahrung und deren Über- nimmt, sondern auch in zahlreichen Notizen Er-
96 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

scheinungsformen des Kampfes zum Thema macht schachtelte Binnenerzählungen; in ihnen wird die
(NSF II, 29 f., 288; 17.1.1920, T 851 f.; 19.10.1921, Grundkonstellation des Rahmenteils durch Projekti-
T 867; 2.12.1921, T 875; An F. Bauer, 1.12.1912, B00– onsfiguren des Ich-Erzählers ausdifferenziert und
12 287). Die existenzielle Bedeutung der Thematik variiert. Die Multiplikation der personalen Instan-
zeigt eine Tagebuchnotiz vom 31. Juli 1914, in der zen erlaubt es, die verschiedenen Komponenten ei-
Kafka das Schreiben als seinen »Kampf um die ner fragmentierten Persönlichkeit nacheinander als
Selbsterhaltung« bezeichnet (T 543). Ich-Erzähler vorzuführen und zugleich den Abspal-
Der von Philosophen und Schriftstellern reflek- tungsvorgang immer weiter fortzusetzen.
tierten Identitätsauflösung und Ich-Dissoziation Schon E.T.A. Hoffmann bringt in den Abenteuern
entspricht der zeitgenössische psychiatrische Dis- der Sylvester-Nacht die strukturbildende Identitäts-
kurs (Morton Prince, Théodule Ribot), der sich auch problematik auch durch eine Suspendierung zeitli-
mit der Symptomatik der sogenannten ›multiplen cher Kontinuität und räumlicher Kohärenz zum
Persönlichkeit‹ beschäftigt. Sie galt im Fin de Siècle Ausdruck. Entsprechendes gilt für die narrative Ge-
als pathologischer Extremfall, der die prinzipielle In- staltung der Persönlichkeitsspaltung in Kafkas Be-
stabilität des Ich bestätige. schreibung eines Kampfes. Auch hier verbinden sich
Symptome psychischer Dissoziation mit einer Auf-
E.T.A. Hoffmanns Erzählung Die Abenteuer lösung raumzeitlicher Einheit. In der Fassung A ver-
lässt der Beter bei der Begegnung mit einem Betrun-
der Sylvester-Nacht als Modell für Kafkas
kenen (NSF I, 103–107) die Prager Gegenwart und
Beschreibung eines Kampfes gerät durch einen surrealen Gedankensprung in die
Psychische Grenzphänomene und die Auflösung des Pariser Szenerie des Ancien Régime. Infolge wach-
konsistenten Selbst bis hin zur Persönlichkeitsspal- sender Desorientierung vermag er Hier und Dort,
tung sind nicht erst seit dem Fin de Siècle relevant, Jetzt und Einst nicht mehr zu unterscheiden.
sondern bereits in der Literatur der Romantiker, die Außer den zentralen konzeptionellen und kom-
mit verschiedenen Identitäten experimentierten, um positorischen Übereinstimmungen fallen analoge
seelische Konflikte intensiv zu gestalten. Durch Figurenkonstellationen auf, die bis zu polaren physi-
Phantasie-Exzesse lassen sie sogar die Grenzen zwi- schen Typisierungen reichen: Kafka kontrastiert die
schen Innenleben und Außenwelt verschwimmen. stangenartige Statur des Ich-Erzählers (NSF I, 62)
Schon der romantische Subjektivismus erhält sein mit dem gedrungenen Körperbau des sehr viel klei-
zerstörerisches Potential durch Depersonalisierung neren Bekannten (61) und stellt der abnormen Fett-
und Wirklichkeitsverlust zugleich. Die aus psycho- leibigkeit des Dicken (78 f.) die Fragilität des extrem
pathologischen Alterationen resultierende Instabili- mageren, nahezu körperlosen Beters (85, 97, 109)
tät des Ich kommt besonders markant in E.T.A. Hoff- gegenüber; E.T.A. Hoffmann entwirft in seinen Bin-
manns Werken zum Ausdruck, die durch zahlreiche nengeschichten die Figuren des Großen und des
Doppelgänger-Figuren auch die Literatur der Jahr- Kleinen als Imaginationen des Ich. Auch die auf Pro-
hundertwende beeinflussten. jektion beruhenden Phantasmagorien, die sich in
Obwohl die Forschung schon wiederholt darauf Phänomenen der Entgrenzung und Entwirklichung
hingewiesen hat, dass die Phantastik von E.T.A. manifestieren, sind sowohl für E.T.A. Hoffmanns
Hoffmanns Prosa, die den Leser durch traumhaft-ir- Abenteuer der Sylvester-Nacht als auch für Kafkas Be-
reale Szenerien irritiert, bereits ›kafkaeske‹ Erzähl- schreibung eines Kampfes konstitutiv.
verfahren antizipiert (Wöllner, 51–53; Nagel, 258– Das in den Jahrzehnten um 1900 für Schriftsteller,
277), blieb ein zentraler intertextueller Bezug bis vor Philosophen und Psychologen zentrale Thema der
kurzem unentdeckt: E.T.A. Hoffmanns Erzählung Ich-Dissoziation schrieb Kafka bei der Konzeption
Die Abenteuer der Sylvester-Nacht fungierte geradezu seiner Beschreibung eines Kampfes dem bereits seit
als literarisches Modell für Kafkas Beschreibung eines der Romantik etablierten Genre der Doppelgänger-
Kampfes, und zwar sowohl durch die Gesamtkon- geschichte ein. Dabei ließ er sich von der Doppel-
zeption als auch durch das ihr zugrunde liegende gänger-Konstellation in E.T.A. Hoffmanns Erzäh-
Kompositionsprinzip (Neymeyr 2004, 31–36; 2007, lung Die Abenteuer der Sylvester-Nacht inspirieren
112–128). und benutzte ebenfalls Formen perspektivischen Er-
Die Entsprechungen sind ausgeprägt: Eine Rah- zählens und Verfahren surrealer Entgrenzung zur li-
mengeschichte umgibt kunstvoll ineinander ver- terarischen Vermittlung einer krisenhaften Destabi-
Beschreibung eines Kampfes 97

lisierung. Dem in der Moderne intensivierten jeweiligen Ich-Erzählers wider (Neymeyr 2004, 148–
Interesse am Psychopathologischen entsprechend, 198). Indem die von Erinnerungsfetzen bestimmten
überformte Kafka das romantische Modell: Indem er und lediglich durch momentane Assoziationen mit-
die Gestaltung der Identitätsproblematik mit Nietz- einander verbundenen Episoden fragmentarisch
sches Konzeption des Willens zur Macht und mit bleiben, signalisieren sie den Vorgang der Deperso-
sprachskeptischen Reflexionen seiner Zeit verband, nalisierung.
hob er sein Werk auf das anthropologische Problem- Indem Kafka auch Handlungszusammenhänge
niveau der Epoche. zerbrechen lässt und die rationale Ordnung logisch-
semantischer Strukturen in inkohärente Bewusst-
Fragmentierung als moderne seinselemente auflöst, schafft er eine suggestive In-
tensität, die den Leser in die Konfusionen der Figur
Erzählstrategie
hineinzieht. Die fragmentarisch dargebotenen Er-
Kafka entwickelte in seiner ›Novelle‹ innovative Er- lebnisse des Dicken und des Beters bringen deren
zählverfahren, die die umfassende Desorientierung dissoziierte Persönlichkeit zum Ausdruck. Auf der
auch formal konsequent zum Ausdruck bringen. So narrativen Ebene entsprechen der Diffusion des Fi-
folgte er genau dem Postulat, das Hermann Bahr gurenbewusstseins eine Collage von Bewusstseins-
(1863–1934) in seinen Essays formuliert hatte: eine splittern und Gedankenfetzen sowie der Zerfall des
der Identitätsproblematik der Moderne angemes- Textes in immer kleiner werdende Sinneinheiten.
sene Prosa, die das dissoziierte Ich und die Vielfalt Dabei verflüchtigt sich die thematische Kohärenz
seiner heterogenen Empfindungen durch »psycho- der ›Geschichte‹ des Beters in dem Maße, wie die lo-
logische Mikroskopie« oder »psychologische Mono- gisch-semantischen Relationen ins Diffuse entglei-
logie« so gestaltet, dass dem »neuen Inhalt der Psy- ten.
chologie auch eine neue Methode« entspricht (Bahr, In diesem Zusammenhang gewinnt auch die Vor-
82 f., 56 f.). liebe des Dicken und des Beters für uneigentliche
In der Beschreibung eines Kampfes stellt Kafka die Äußerungen und für abstruse Sprachexperimente
Identitätsauflösung dar, indem er die einzelnen (NSF I, 76, 88–90, 102) ihre spezifische Bedeutung:
Komponenten einer fragmentierten Persönlichkeit Die Auflösung klarer Bezüge in vage Assoziationen
nacheinander als Ich-Erzähler auftreten lässt. Die und kühne Metaphorik bis hin zu einer Autonomie
Abfolge der in die Fassung A integrierten Binnenge- der Sprache (Glinski, 55, 80–83) erscheint als sprach-
schichten vervielfältigt nicht nur die personale Pers- liches Pendant einer psychischen Dissoziation und
pektive. Diese narrative Strategie eignet sich auch einer schwindenden Ich-Welt-Beziehung (Neymeyr
besonders gut dazu, die Ich-Dissoziation als sukzes- 2004, 143–147, 156–158, 165–170). Durch phantas-
sive fortschreitenden Zerfall der Identität zu gestal- tische Konstruktionen wird die Realität verfremdet
ten; sie erinnert an Nietzsches Konzept des Perspek- und zugleich poetisch aufgehoben. Wenn der (nur in
tivismus und an den ebenfalls von Nietzsche dia- der Fassung A vorkommende) Dicke ausdrücklich
gnostizierten Verlust der Ganzheit als ein Symptom den Wirklichkeitsbezug und Wahrheitsanspruch sei-
der Décadence (Cersowsky, 46–49, 53–60). ner Aussagen negiert (NSF I, 110), dann droht sich
Eine wichtige Gemeinsamkeit zwischen den vier die Kommunikation tendenziell sogar in spielerische
Hauptfiguren, dem Ich und seinem Bekannten sowie Autoreferentialität aufzulösen.
dem Dicken und dem Beter, besteht darin, dass sie Die narrative Darstellung spiegelt den mentalen
bei ihren Bemühungen um Selbstkonstitution auch Zersetzungsprozess so konsequent wider, dass für
die Möglichkeit nutzen, im Vollzug des Erzählens den Leser mitunter der Eindruck einer Selbstaufhe-
ihr labiles Ich zu stabilisieren. Der narrative Prozess bung des Erzählflusses in actu entsteht. Kafkas Poe-
wird mithin psychologisch funktionalisiert. Wie die tologie der Dissoziation ist adäquater Ausdruck ei-
dialogischen Textpartien scheinen auch die monolo- ner psycho(patho)logischen Konstellation. Indem er
gischen Sequenzen auf Identitätsbildung im Erzäh- den traditionellen Textbegriff aufgibt und Inkonsis-
len der eigenen Geschichte abzuzielen – im Sinne ei- tenz passagenweise zum konzeptionellen Prinzip
ner narrativen Autobiographie, die allerdings wie die macht, verabschiedet er sich aber keineswegs von
Perspektivfiguren selbst nur ausschnittartig darge- sprachlich vermittelten und hermeneutisch zugäng-
boten wird. Dabei spiegeln die bruchstückhaft prä- lichen Sinnzusammenhängen, wie dekonstruktivis-
sentierten Erlebnisse die Identitätsproblematik des tische Interpreten meinen (Lehmann, 214–221, 233–
98 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

240). Denn aus übergeordneter Perspektive ist seine Partial-Ichs zu zerspalten und demzufolge die Kon-
Erzählung durch eine Kohärenz des Inkohärenten fliktströmungen seines Seelenlebens in mehreren
bestimmt (Neymeyr 2004, 183–185). Die mit der Helden zu personifizieren« (Freud X, 177). Kafkas
Identitätsauflösung verbundene hermeneutische Tagebuch-Notiz »Gedanken an Freud natürlich«
Problematik hat Kafka sogar eigens thematisiert: (23.9.1912; T 461) dokumentiert zweifelsfrei, dass
Bisweilen vermögen die Figuren im Gespräch einen auch er mit Freuds Theorien vertraut war.
»Zusammenhang« nicht zu erkennen; ausdrücklich
artikulieren sie die Schwierigkeit des Verstehens Krisenhafte Interaktion
(NSF I, 90, 96 f.).
Kulturhistorisch relevant sind diese Konstellatio- Die kommunikativen Sequenzen, aus denen die Be-
nen insofern, als sich in der erzählerischen Desinte- schreibung eines Kampfes besteht, hat Kafka in der
gration die bereits von Ernst Mach (1838–1916) dia- Fassung A als Reigen von ›Paar‹-Konstellationen
gnostizierte Problematik des ›unrettbaren Ich‹ ab- zwischen einem Sprecher-Ich und seinem jeweiligen
zeichnet. Wenn der unter dem Fehlen unmittelbarer Alter Ego konzipiert. Im Einzelnen kommt es dabei
Existenzgewissheit und selbstverständlichen Welt- zu folgenden Begegnungen: Bekannter – Ich, Ich –
bezugs leidende Beter über Zentralthemen wie Iden- Dicker, Dicker – Beter, Beter – Betrunkener, Beter –
tität, Wirklichkeit, Wahrheit und Sprache nachdenkt Dicker, Dicker – Ich, Ich – Bekannter. Mit einem er-
(NSF I, 91, 96–98, 102), verbindet sich die psychopa- neuten Gespräch zwischen dem Ich und dem Be-
thologische Symptomatik mit philosophischer Re- kannten kehrt Kafkas Beschreibung eines Kampfes
flexion, in der ein Bedürfnis nach apriorischer Le- exakt zur Ausgangskonstellation zurück, mit der
bensorientierung zum Ausdruck kommt (Neymeyr dann die Rahmenerzählung endet. Die beteiligten
2004, 130–132, 163–165). Hier zeigt Kafkas Er- Hauptfiguren treten allesamt sowohl in der ersten
zählung Affinitäten zur Sprachskepsis Nietzsches als auch in der dritten Person in Erscheinung: Einer-
und Hofmannsthals, dessen ›Chandos-Brief‹ Kafka seits präsentieren sie sich als sprechende Subjekte,
schätzte (Brod, 152). Außerdem gibt es Indizien für andererseits werden sie aber auch zum Gedankenin-
eine kritische Auseinandersetzung Kafkas mit der halt, Reflexionsgegenstand oder Gesprächsobjekt
Psychologie Franz Brentanos (vgl. Neesen, 138, 160, anderer Figuren.
169–179, 189–194). Zwar unterscheiden sich die vier Hauptakteure
Die Suche des Beters nach einer Stabilität und schon in ihrer physischen Konstitution, und auch in
Sinnerfahrung vermittelnden Erkenntnis der Dinge ihrem Verhalten grenzen sie sich immer wieder ent-
in ihrem Ansichsein bleibt vergeblich; stattdessen lö- schieden voneinander ab. Doch inszeniert Kafka die
sen sich in seinem labyrinthischen Bewusstsein logi- Differenzen nur, um sie anschließend kunstvoll auf-
sche Zusammenhänge und semantische Korrelatio- zuheben, vor allem durch sporadisch eingestreute
nen immer weiter auf – bis zur phantastischen Über- analoge Charakterisierungen, die sich allmählich
formung der Wirklichkeit. Die mentale Diffusion, summieren und so an Bedeutung gewinnen. Trotz
die sich auch in Vergesslichkeit und Verwirrung ma- der karikaturistisch pointierten Unterschiedlichkeit
nifestiert, tritt im Zerfall von Argumentationsstruk- geraten die Figuren in analoge Krisensituationen. Sie
turen besonders markant zutage. Gedankliche Brü- leiden an auffälligen Schwankungen ihres Selbstbil-
che spiegeln die fragile Geistesverfassung des Beters des, an projektiven Verzerrungen der Perspektive auf
wider. Seine inkohärenten Äußerungen sind für die das jeweilige Gegenüber und an einem labilen Ver-
chaotische Psyche einer sich zersetzenden Persön- hältnis zur Realität.
lichkeit symptomatisch, die konfusen Impulsen und Indem Kafka den Prozess der Ich-Dissoziation mit
Phantasmagorien hilflos ausgeliefert ist. Dass die psychologischem Kalkül als Auseinandersetzung
Substanz von Welt und Ich gleichermaßen ins Dif- zwischen den Figuren inszeniert, die vergeblich um
fuse entschwindet, verrät die Angst des Beters vor Selbststabilisierung ringen, dramatisiert er die Iden-
dem eigenen Unwirklichsein (NSF I, 102). titätsproblematik. Den gesamten Erzählzusammen-
Analog zu Kafkas narrativem Verfahren charakte- hang gestaltet er als kommunikatives Mit- und Ge-
risiert Freud den modernen »psychologischen Ro- geneinander, in dem sich nicht einmal die Einzelfi-
man«: In seiner Schrift Der Dichter und das Phanta- guren selbst als homogen erweisen; denn sie
sieren von 1908 vertritt er die These, der Dichter ten- oszillieren immer wieder zwischen konträren Zu-
diere dazu, »sein Ich durch Selbstbeobachtung in ständen und Empfindungen. In der Interaktion fun-
Beschreibung eines Kampfes 99

giert Sprache auch als Mittel zum Machterwerb und Er repräsentiert eine bis zum Verlust der Selbstbe-
als Medium der Täuschung (Trabert, 303). Die Phä- stimmung reichende Labilität und Depersonalisie-
nomene surrealer Entgrenzung in der Beschreibung rung.
eines Kampfes erscheinen als Signum von Wirklich- In dem Maße, wie der von Selbstentfremdung und
keitsverlust und Identitätsauflösung. Identitätsverlust bedrohte Ich-Erzähler die Fähigkeit
Der Ich-Erzähler erlebt seine Labilität geradezu einbüßt, sich souverän in seinem Umfeld zu bewe-
als existenzgefährdend und reagiert darauf mit gen, wird seine forcierte Selbstinszenierung auf eine
Selbstheilungsversuchen: Er neigt zu eskapistischer tiefreichende Verunsicherung hin transparent. Halt-
Regression oder zu narzisstischer Ich-Aufblähung los zwischen Omnipotenz-Attitüde und ohnmächti-
bis hin zu Omnipotenz-Vorstellungen (Neymeyr ger Passivität sowie zwischen widersprüchlichen
2004, 53, 69–73, 81 f., 85 f., 94). Diese Tendenzen Selbstbildern und Alter-Ego-Imagines oszillierend,
können in Gestalt seiner Projektionsfiguren sogar verfällt er einer desaströsen Exzentrik.
als körperliche Deformation manifest werden. Wiederholt inszeniert Kafka nicht nur körperliche
Als plastischer Ausdruck einer dialektischen Psy- Deformation und Fragmentierung, sondern auch
chodynamik erscheint beispielsweise die phantasti- sprunghafte Bewegungen und Stürze als Symptome
sche Entgrenzung am Ende des Binnenteils. Hier seelischer Labilität. Da stabile Wirklichkeitserfah-
nimmt Kafka den Begriff ›Extremitäten‹ wörtlich, rung eine gefestigte Identität voraussetzt, hat die
indem er die Gliedmaßen des Ich-Erzählers ins Un- fortschreitende Ich-Dissoziation auch eine Auflö-
ermessliche expandieren lässt (NSF I, 111 f.). Szenen sung der konsistenten Wahrnehmung zur Folge, so
wie diese transponieren die psychische Dissoziation dass der krisenhaften Labilität des Subjekts eine
in die physische Dimension. Am Beispiel der grotes- Destabilisierung der Objektwelt entspricht. Diese
ken Fettleibigkeit des Dicken, der trotz seiner bud- Interdependenz von Depersonalisierung und Reali-
dhaähnlichen Selbstinszenierung letztlich im Fluss tätsverlust veranschaulichen mehrere Episoden der
untergeht, wird deutlich, dass sich die Identitätspro- Beschreibung eines Kampfes mit surrealistischer In-
blematik durch eine auf Selbstbehauptung zielende tensität. Exemplarische Bedeutung hat eine Szene, in
Ich-Expansion keineswegs beheben lässt, sondern deren Zentrum das »Standbild Karl des Vierten«
sich durch die ihr immanente Tendenz zur Maßlo- steht (NSF I, 69): Hier versucht der schwankende
sigkeit sogar noch potenziert. Sie führt zur Entgren- Ich-Erzähler zunächst, seine Position durch einen fi-
zung und trägt daher zu einer weiteren Auflösung xierenden Blick auf die Statue zu stabilisieren, dann
der Persönlichkeitsstrukturen bei, statt ihr entgegen- aber bringt seine eigene Labilität groteskerweise
zuwirken (Neymeyr 2004, 81, 97–103, 200–204). auch Karl IV. zu Fall. Die Verantwortung dafür dele-
Kulturhistorische Bezüge sind hier insofern zu er- giert er anschließend an das Mondlicht (zu dieser
kennen, als Kafka mit der markanten Opposition Episode vgl. Glinski, 34–38; Neymeyr 2004, 66–68).
von Dickem und Beter den dialektischen Zusam- Auch das auffällige Bedürfnis der Protagonisten,
menhang zwischen dem um 1900 ausgeprägten Kult sich durch Halt bietende Außenweltphänomene wie
des großen Individuums und der zur gleichen Zeit Mauern, Geländer und Banklehnen (NSF I, 59, 63,
virulenten Krise des ›unrettbaren Ich‹ reflektiert: Die 115, 117) oder sogar durch eine sinnstiftende meta-
Deformation des Dicken bildet die Bedrohung der physische Instanz (60) zu stabilisieren, verrät eine
potentatenhaft aufgeblähten ›Persönlichkeit‹ durch krisenhafte Labilität. Die Motive des Fliegens, Flie-
psychische Entgrenzung in der physischen Dimen- ßens, Schwimmens und Schwebens, die sich mit
sion ab; mit seiner abnormen Leibesfülle (NSF I, Vorstellungen von Wind, Wolken und Wasser ver-
78 f.) repräsentiert der mit orientalischen Kulturzita- binden, signalisieren eine Tendenz zur Entgrenzung
ten ausgestattete Dicke (Brod, 157; Goebel, 288 f., und Diffusion. Das zeigt beispielsweise das Bild der
293 f.) in der Fassung A die Überkompensation, mit »wolkenhaften Berge« (63 f., 70, 117). Besonders in-
welcher der Ich-Erzähler auf seine eigene Instabilität tensiv bringt die Szenerie einer nächtlichen Fluss-
reagiert. Das andere Extrem dieser Identitätskrise landschaft Konturverlust und Identitätsauflösung
bringt der nahezu körperlose, das Verschwinden des der Figuren zum Ausdruck. Als Symbol einer ent-
Subjekts veranschaulichende Beter zum Ausdruck, individualisierenden universellen Lebensströmung
dessen ›Beten‹ (NSF I, 85, 89) keineswegs religiös verweist der Fluss zugleich auf den Kontext der le-
motiviert ist, sondern allein dem Zweck dient, im bensphilosophischen Rationalitäts- und Individuali-
Spiegel fremder Blicke Selbstgewissheit zu erlangen: tätskritik, die seit Nietzsches Geburt der Tragödie das
100 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

geistige Klima bestimmte (Neymeyr 2004, 97 f., hend den beiden Episoden 1 »Ritt« und 2 »Spazier-
103). gang« im Mittelteil der A-Fassung; allerdings enthält
Insgesamt zeigen die Binnengeschichten der Be- Teil I der B-Fassung zusätzlich eine Textpartie (NSF
schreibung eines Kampfes, dass den Figuren auch im I, 141 f.), die Kafka unter dem Titel Der Ausflug ins
Medium von Sprache und Kommunikation keine Gebirge in seine Prosasammlung Betrachtung integ-
dauerhafte Selbststabilisierung gelingt. Wenn sie das riert hat (DzL 20).
Erzählen der eigenen Geschichte psychologisch Das Kapitel III der Fassung B hingegen besteht aus
funktionalisieren, um ihr labiles Ich zu festigen, einer Textpartie (NSF I, 145–150), die in der Fassung
scheitern sie ebenso wie bei der Flucht in Erinnerun- A nicht existiert: Sie ist identisch mit dem Prosa-
gen, die eine aktuelle Leidenssituation kompensie- stück Kinder auf der Landstraße (DzL 9–14), das den
ren sollen. Letztlich bleibt die Identitätskrise apore- Zyklus Betrachtung eröffnet. Anders als in der Be-
tisch. So gewinnt die Titelhypothese des gesamten trachtung wird diese Retrospektive einer Erzählerfi-
Binnenkomplexes, »daß es unmöglich ist zu leben« gur auf Kindheitserlebnisse in der Beschreibung eines
(NSF I, 72), textimmanent vollkommene Evidenz. Kampfes allerdings durch einen kurzen einleitenden
Abschnitt in einen Traumkontext gestellt (NSF I,
145).
Vergleich der Fassungen A und B Da Kafka in der Fassung B die Gestalt des Dicken
eliminiert hat, entfällt hier auch dessen komplexe In-
Hatte Max Brod 1936 bei der erstmaligen Publika- teraktion mit dem Beter. Aufgrund dieses tiefrei-
tion von Kafkas Beschreibung eines Kampfes die bei- chenden Eingriffs wird die Perspektivenvielfalt der
den Versionen der Erzählung noch auf editionsphi- früheren Textversion in der späteren deutlich redu-
lologisch unzulässige Weise kontaminiert, indem er ziert. Gestrichen hat Kafka in der Fassung B die Ka-
in die Fassung A Textvarianten und Ergänzungen pitel 3a »Ansprache an die Landschaft«, 3c »Ge-
aus der späteren Fassung B integrierte, so bot Lud- schichte des Beters«, 4 »Untergang des Dicken« so-
wig Dietz 1969 in seiner Parallelausgabe nach den wie das unbetitelte Kapitel III, den zweiten
Handschriften eine sorgfältig erstellte Synopse bei- Rahmenteil der Beschreibung eines Kampfes.
der Versionen, die dem Leser Einblick in die Textge- Zwar bleibt die Beterfigur auch in der Fassung B
nese gibt. erhalten, da Kafka den Stoff der Kapitel 3b und 3d
Festzuhalten ist Folgendes: Über weite Strecken aus der A-Fassung hier weiterverwendet und in Ka-
der Erzählung dominieren die inhaltlichen Entspre- pitel IV mit einigen Ergänzungen kombiniert, die
chungen zwischen den Fassungen A (NSF I, 54–120) den Gesamtduktus allerdings nicht wesentlich ver-
und B (NSF I, 121–169), passagenweise gibt es sogar ändern. Aber abweichend von der Fassung A wird
wörtliche Korrespondenzen. Allerdings finden sich die mehrstufige Komposition gleichsam eingeebnet:
in beiden Fassungen auch Textpassagen, die in der Nun tritt nicht mehr der Dicke als projektiver Ge-
jeweils anderen Version nicht vorhanden sind. So sprächspartner des Erzählers in Erscheinung, dem er
existieren die Episoden, die den Dicken betreffen, in der Fassung A noch selbst über seine Erlebnisse
nur in der Fassung A. Die wichtigste konzeptionelle mit dem Beter berichtet, vielmehr ist es jetzt der Ich-
Differenz besteht darin, dass Kafka das dreistufige Erzähler, dessen Begegnung mit dem Beter das Kapi-
Gliederungsprinzip der Fassung A, in deren um- tel IV der B-Fassung thematisiert.
fangreichem Mittelteil II »Belustigungen« sämtliche Aufgrund der Verflachung des kompositorischen
Kapitel (1, 2, 3a, b, c, d, 4) mit Überschriften verse- Reliefs findet in der B-Fassung auch die Rückkehr
hen sind, in der späteren Fassung B durch eine zur Rahmenerzählung nicht mehr statt, die in der
schlichtere Komposition ersetzt hat: durch eine line- früheren A-Fassung (in Gestalt von Kapitel I und III)
are Reihung von fünf titellosen Kapiteln (I, I, II, III, als ›reale‹ Szenerie die phantastischen Dimensionen
IV). der (in Kapitel II präsentierten) Binnenerzählungen
Dem ersten Abschnitt I, der (wie in Kapitel I der umschließt. Anstelle der älteren Version, in welcher
Fassung A) die Begegnung des Ich-Erzählers mit sei- der Ich-Erzähler und sein Bekannter ihr in Teil I be-
nem Bekannten darstellt, folgen in der Fassung B die gonnenes, aber durch die »Belustigungen« im Bin-
mit römischen Ziffern versehenen Kapitel I bis IV nenkomplex unterbrochenes Gespräch auf ihrem
(die Ziffer I kommt hier also zweimal vor). Teil I und nächtlichen Spaziergang in Teil III fortsetzen, hat
II der B-Fassung entsprechen inhaltlich sehr weitge- Kafka für die B-Fassung eine andere Möglichkeit zur
Beschreibung eines Kampfes 101

Abrundung gewählt: Durch den Beter an eine bereits 1905. – Théodule Ribot: Les maladies de la personna-
vergessene Abendeinladung erinnert, animiert der lité. Paris 1885; dt.: Die Persönlichkeit. Pathologisch-
Ich-Erzähler diesen dazu, ihn dorthin zu begleiten psychologische Studien. Übers. v. F.Th.F. Pabst nach der
(NSF I, 167). Mit dem Abschied der beiden Figuren 4. Aufl. Berlin 1894.
vor dem Haus der Gastgeber endet die Fassung B der Forschung: M. Anderson (1992), 36–47. – Reinhard
Beschreibung eines Kampfes. Dem Leser wird da- Baumgart: Selbstvergessenheit. Drei Wege zum Werk:
durch der Eindruck nahegelegt, hier deute sich eine Thomas Mann, F.K., Bertolt Brecht. München, Wien
zirkuläre Struktur der Erzählung an: Man könnte 1983, wieder: Frankfurt/M. 1993. – P.U. Beicken (1974),
nämlich den Schluss der B-Fassung mit der Anfangs- 226–234. – Max Brod: Nachwort zu F.K.: BeK. Die
zwei Fassungen [s.o.], 148–159. – P. Cersowsky (1983),
partie in der Weise vermittelt sehen, dass hier gegen
15–60. – Ludwig Dietz: Die Datierung von K.s BeK und
Mitternacht genau die Abendeinladung endet, deren
ihrer vollständigen Handschrift A. In: JDSG 17 (1973),
Beginn die Schlusspassage einzuleiten scheint. Zwar
490–503. – Ders.: Max Brods Hand in K.s Manuskrip-
bietet der Text keine eindeutigen Indizien für die
ten der BeK und seine Kontamination dieser Novelle.
Identität der in der Anfangs- und Schlusspartie dar- Ein Beitrag zur Textgeschichte und Textkritik. In: GRM
gestellten Abendeinladungen, aber er schließt sie 23 (1973a), 187–197. – Ders.: Editionsprobleme bei K.
auch nicht definitiv aus. Über einen kritischen Text der BeK. In: JDSG 18 (1974),
Zur Bedeutung, die Kafkas Experimente mit Mög- 549–558. – Kurt Druckenthaner: Kommunikation zwi-
lichkeiten perspektivischen Erzählens in der Be- schen Masken – K.s BeK im Lichte des symbolischen
schreibung eines Kampfes für seine spätere literari- Interaktionismus. In: Aichmayr/Buchmayr (1997),
sche Entwicklung haben, vgl. Ryan (571 f.). 19–36. – Manfred Engel: BeK: Narrative Integration
Ausgaben: Teilpublikationen in Betrachtung (ä 112) und und phantastisches Erzählen. In: Engel/Robertson
in der Zeitschrift Hyperion: Gespräch mit dem Beter, (2010). – Davide Giuriato: Kleine Randszene. Komische
Gespräch mit dem Betrunkenen. In: Hyperion. Eine Marginalien in F.K.s BeK. In: Christiane Henkes u. a.
Zweimonatsschrift. 2. Folge, Bd. 1 (1909) H. 8 [März/ (Hg.): Schrift – Text – Edition. Fs. für Hans Walter Gab-
April-Heft; erschienen zweite Junihälfte], 126–131 u. ler. Tübingen 2003, 253–264. – Sophie von Glinski: Ima-
131–133. – ED des Konvolutes in der von Max Brod er- ginationsprozesse. Verfahren phantastischen Erzählens
stellten Fassung: BeK/GS (1936), 7–66, wieder BeK/ in F.K.s Frühwerk. Berlin, New York 2004, 26–83. – Rolf
GW (1954), 7–66.− BeK. Die zwei Fassungen. Parallel- J. Goebel: Constructing China. K.’s Orientalist Dis-
ausg. nach den Handschriften. Hg. u. mit einem Nach- course. Columbia 1997, 32–51. – Ders.: Orientalismus,
wort v. Max Brod. Textedition v. Ludwig Dietz. Homoerotik und ethnographische Parodie: K.s BeK. In:
Frankfurt/M. 1969. − NSF I/KA (1993), 54–120 [Fas- Alexander Honold/Klaus R. Scherpe (Hg.): Das Fremde.
sung A], 121–169 [Fassung B]; zu Kafkas Versuchen, Reiseerfahrungen, Schreibformen und kulturelles Wis-
diese Fassung in den Tagebüchern fortzusetzen: NSF sen. Bern 1999 (Zeitschrift für Germanistik. Beiheft 2),
I:A/KA, 55. – BeK/FKA (1999). 285–302. – Ingeborg Henel: Periodisierung und Ent-
Epochenkontexte: Hermann Bahr: Die Überwindung wicklung. In: KHb (1979) II, 220–241. – Arne Höcker:
des Naturalismus [1891]. In: Ders.: Zur Überwindung Literatur durch Verfahren. BeK. In: Höcker/Simons
des Naturalismus. Theoretische Schriften 1887–1904. (2007), 235–254. – Hans-Thies Lehmann: Der buch-
Ausgew., eingel. und erl. v. Gotthart Wunberg. Stuttgart stäbliche Körper. Zur Selbstinszenierung der Literatur
1968, 33–102. – Sigmund Freud: Der Dichter und das bei F.K. In: G. Kurz (1984), 213–241. – B. Nagel (1983). –
Phantasieren. In: Ders.: Studienausgabe. Hg. v. Alexan- Peter Neesen: Vom Louvrezirkel zum Prozeß. F.K. und
der Mitscherlich, Angela Richards, James Strachey. die Psychologie Franz Brentanos. Göppingen 1972. –
Bd. X: Bildende Kunst und Literatur. Frankfurt/M. Barbara Neymeyr: Konstruktion des Phantastischen.
1982, 169–179. – Ernst Mach: Beiträge zur Analyse der Die Krise der Identität in K.s BeK. Heidelberg 2004. –
Empfindungen. Jena 1886; ab der 2. Aufl. (1900) unter Dies.: Phantastische Literatur – intertextuell. E.T.A.
dem Titel: Die Analyse der Empfindungen und das Ver- Hoffmanns Abenteuer der Sylvester-Nacht als Modell für
hältnis des Physischen zum Psychischen; Repr. der K.s BeK. In: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch 15 (2007), 112–
9. Aufl. (1916): Stuttgart 1985. – Friedrich Nietzsche: 128. – Markus Rassiler: Schreiben als unmögliche Mög-
Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bän- lichkeit. Dynamisierte und entgleitende Beobachtun-
den [=KSA]. Hg. von Giorgio Colli u. Mazzino Monti- gen in F.K.s BeK. In: N.A. Chmura (2008), 179–202. –
nari. München, Berlin, New York 1980. – Morton James Rolleston: Das Frühwerk (1904–1912). In: KHb
Prince: The Dissociation of a Personality. A Biographi- (1979) II, 242–262. – Judith Ryan: Die zwei Fassungen
cal Study in Abnormal Psychology. New York, London der BeK. Zur Entwicklung von K.s Erzähltechnik. In:
102 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

JDSG 14 (1970), 546–572. – Shimon Sandbank: The 3.1.2 Hochzeitsvorbereitungen


Unity of K.’s BeK. In: Archiv 210 (1973), 1–21. – Jost
Schillemeit: K.s BeK. Ein Beitrag zum Textverständ- auf dem Lande
nis und zur Geschichte von K.s Schreiben. In: G.
Kurz (1984), 102–132; wieder in Schillemeit (2004), Entstehung
181–211. – Hans Rainer Sepp: Verschiebungen. F.K.s
BeK. In: Ders.: Literatur als Phänomenalisierung. Phä- Die drei fragmentarischen Textversionen der Hoch-
nomenologische Deutungen literarischer Werke. Wien
zeitsvorbereitungen auf dem Lande ermöglichen ei-
2003, 98–115. – W.H. Sokel (1964), bes. 33–45. − Ders.:
nen guten Einblick in die Werkstatt des Autors Kafka
Narzißmus, Magie und die Funktion des Erzählens in
während seiner Frühzeit. Die erste und umfang-
K.s BeK. Zur Figurenkonzeption, Geschehensstruktur
reichste Fassung A (NSF I, 12–42) aus 33 losen Blät-
und Poetologie in K.s Erstlingswerk. In: G. Kurz
(1984), 133–153; engl. Fassung in: W.H. Sokel (2002), tern, überliefert in zwei Teilkonvoluten mit einigen
166–180. – Lukas Trabert: Erkenntnis- und Sprachpro- Textlücken, entstand wahrscheinlich im Frühjahr
blematik in F.K.s BeK vor dem Hintergrund von Fried- 1907 (terminus post quem: August 1906; ante quem:
rich Nietzsches Über Wahrheit und Lüge im außermora- 20. Juli 1907). Es handelt sich also um einen der ers-
lischen Sinne. In: DVjs 61 (1987), 298–324. – Benno ten erhaltenen Versuche Kafkas, eine längere Erzäh-
Wagner: Kampf mit dem Durchschnittsmenschen. Ein- lung zu schreiben. Danach wandte er sich der Wei-
führung in K.s Welt. In: Károly Csúri u. a. (Hg.): Erzähl- terarbeit an Beschreibung eines Kampfes zu, bevor er,
strukturen II. Studien zur Literatur der Jahrhundert- wohl um Anfang Juli 1909, noch einmal zu einer
wende. Szeged 1999, 134–144. – M. Walser (1961). – Überarbeitung des Hochzeitsvorbereitungen-Frag-
Günter Wöllner: E.T.A. Hoffmann und F.K. Von der mentes ansetzte. Die dabei entstandene Fassung B
»fortgeführten Metapher« zum »sinnlichen Paradox«. (NSF I, 43–50) umfasst neun Blätter mit vielen Kor-
Bern, Stuttgart 1971. rekturen; ein zweiter Neuansatz, die wohl nur wenig
Barbara Neymeyr später geschriebene Fassung C (NSF I, 51–53), bringt
es nur noch auf drei Blätter. Anschließend gibt Kafka
das Projekt endgültig auf. Er übersendet die Manu-
skripte Brod, mit dem er das Vorhaben offensicht-
lich diskutiert hatte; dieser notiert auf dem Um-
schlag: »Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande |
Franz Kafka« sowie »Anfänge | Titel von mir, nach
sicherer Erinnerung« (NSF I:A, 37). In seinem Be-
gleitschreiben von Anfang Juli 1909 erklärt Kafka
den unvollständigen Text zu einem »Fluch« für ihn;
er habe ein »Centrum«, »das ich in sehr unglückli-
chen Stunden noch irgendwo in mir spüre« (An
M. Brod; B00–12 104). Der von Brod überlieferte
Hochzeits-Titel legt dabei sehr nahe, dass dieses
Textzentrum eng mit Kafkas Ängsten vor einer ehe-
lichen Bindung verknüpft ist.

Textbeschreibung
Die erste Textfassung schildert den Aufbruch des
Protagonisten Eduard Raban von seiner Wohnung
in Prag an einem regnerischen Nachmittag zu einer
Eisenbahnfahrt; Raban will seine Verlobte Betty auf
dem Land besuchen. Detailliert werden die Stra-
ßeneindrücke auf dem Weg zum Bahnhof beschrie-
ben. In der ersten Fassung trifft Raban außerdem ei-
nen Bekannten namens Lement, führt eine Unter-
Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande 103

haltung mit ihm und fährt ein Stück mit der zulegen. Wegen der langen Entstehungszeit lässt sich
Straßenbahn, bevor er sich zum Bahnhof begibt. hier besonders gut die Entwicklung der Arbeit im
Dort erwirbt er eine Fahrkarte und setzt sich in den Einzelnen verfolgen; die Überarbeitungen könnten
Zug. Seine Mitfahrer im Abteil werden ausführlich zudem einen ersten Erklärungsansatz dafür bieten,
beschrieben, ihre Unterhaltungen teilweise wörtlich warum Kafka mit dem Text in eine Sackgasse gerät.
wiedergegeben. Das erste Kapitel endet mit dem
Einschlafen Rabans, der im zweiten Kapitel zur An-
kunft auf dem Dorfbahnhof wieder erwacht. Inzwi- Forschung
schen ist es Nacht geworden, es regnet immer noch
heftig, und Raban muss sich mühsam den Weg zum Die Forschung hat sich, von einzelnen Aufsätzen ab-
Omnibus erfragen. Dieser setzt ihn nach kurzer gesehen, noch nicht intensiv mit dem Text beschäf-
Fahrt vor einem Gasthof ab. Bevor er jedoch seiner tigt. Wagenbach hat zunächst auf die möglichen bio-
Verlobten nun wirklich gegenüber treten kann, en- graphischen Hintergründe verwiesen: Kafkas Auf-
det das Fragment mitten im Satz; Betty, der Flucht- enthalt im Sanatorium Dr. Ludwig Schweinburg in
punkt der Reise, darf den Text nicht einmal mehr Zuckmantel im Jahr 1905, während dessen er sich in
betreten. eine ältere Frau verliebte (Wagenbach 2006, 283). Alt
Die zweite Fassung nimmt die Anfangspassagen hat auf die Bedeutung der Eisenbahnfahrt hingewie-
mit nur geringen Variationen auf, führt dann aber sen, die ein »ideales Vehikel für den leidenschaft-
als neuen Dialogpartner einen älteren Herrn ein, mit lichen Beobachter Kafka« (Alt 2005, 157) gewesen
dem Raban eine nur bruchstückhaft überlieferte Un- sei. Binder hat die topographischen Details der Stra-
terhaltung führt, die ebenfalls abrupt endet. Die ßenbeschreibungen in Prag lokalisiert (Binder 1975,
dritte Fassung enthält gar nur noch die gestraffte 64–66).
Eingangspassage; schon beim ersten, nur noch indi- Einflüsse wurden geltend gemacht: Wagenbach
rekt wiedergegebenen Wortwechsel mit dem älteren sieht in der zentralen Rolle, die die Beschreibung in
Herrn endet das letzte und kürzeste Fragment. diesem Text spielt, eine Nachwirkung der Beschäfti-
Die Textsubstanz ist damit in allen Fassungen äu- gung Kafkas mit den empiriokritizistischen Lehren
ßerst handlungsarm; die im Titel genannten Hoch- Ernst Machs, vermittelt durch den Naturgeschichts-
zeitsvorbereitungen sind in den überlieferten Frag- lehrer Adolf Gottwald am Gymnasium (Wagenbach
menten kaum wiederzufinden, sondern verweisen 2006, 54). Bezüglich der formalen Gestaltung des
offenbar auf spätere Entwicklungen, die nicht mehr Textes wurde wiederholt der Einfluss von Gustave
ausformuliert wurden. Insofern hat eine Interpreta- Flaubert hervorgehoben (vgl. Binder 1975, 63).
tion zu klären, warum das Erzählprojekt scheitert, Charles Bernheimer hat einzelne Passagen aus den
und zwar in jeder Stufe einzeln und insgesamt. Zu- Hochzeitsvorbereitungen mit Textstellen aus der Édu-
dem ergibt sich die Frage, wodurch das beinahe cation sentimentale und Madame Bovary verglichen.
völlige Fehlen äußerer Handlung kompensiert Er sieht darüber hinaus zwei polare Tendenzen in der
wird. Erzählung verkörpert, die er als »self-displacement«
Das verweist auf die verwendeten Darstellungs- und »self-dissolution« bezeichnet (Bernheimer 1986,
mittel. In allen drei Fassungen nimmt die Beschrei- 9). Entsprechend kontrastiere auch der Versuch einer
bung der äußeren Wirklichkeit eine dominante Rolle sprachlichen Beschreibung als Allmachtsphantasie
ein. Sie wechselt jeweils mit Dialogpartien in direk- mit den vergeblichen Bemühungen des Protagonis-
ter wörtlicher Rede. Allein in der ersten Fassung fin- ten Raban, den Ereignissen irgendeinen Sinn zu ver-
den sich zudem eine Reihe innerer Monologe Ra- leihen. Damit liegt eine erste wichtige These zur Ver-
bans, in denen dieser seine Wahrnehmungen einer bindung von dargestellter Welt und dem Einsatz ver-
ständigen Deutung unterzieht, seine momentane Si- schiedener Darstellungstechniken vor.
tuation reflektiert und den weiteren Verlauf der Im Einzelnen unterschiedlich bewertet wird die
Reise imaginiert. Zentral für die Deutung sind damit erzählerische Gestaltung im Blick auf das Gesamt-
die Funktionen der drei unterschiedlichen Erzähl- werk. Binder kritisiert, dass äußere Details zwar ex-
weisen für sich sowie darüber hinaus ihr innerer Zu- akt beschrieben werden, aber noch keine direkten
sammenhang. Ausdrucksfunktionen für die Darstellung des Seeli-
Schließlich ist die Stellung des Textes sowohl im schen übernehmen (1975, 64). Für geglückt hinge-
Frühwerk als auch im Blick auf das Gesamtwerk dar- gen hält er die Gestaltung der Dialoge. Demgegen-
104 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

über befindet Wagenbach: »In Hochzeitsvorbereitun- Vollständigkeit der Beschreibung:


gen auf dem Lande liegen bereits die wesentlichsten »Alles rund herum zu sehn«
Elemente der späteren Dichtung Kafkas enthalten«
(Wagenbach 2006, 115). Das erzählerische Potential des Anfangssatzes wird
bereits in den ersten beschreibenden Textpassagen
breit entfaltet. Kafka zeichnet hier in großer Detail-
Deutungsaspekte fülle, gleichwohl nicht realistisch, sondern gestisch-
expressiv überhöht eine Straßenszene, die man sich
Fassung A
auch gut im bewegten Ausdrucksstil des Expressio-
nismus gemalt vorstellen könnte:
Lakonischer Beginn: »Es regnete wenig«
Auf dem Trottoir gleich vor ihm gab es viele Menschen
Man weiß, dass Anfangssätze bei Kafka eine beson- in verschiedenartigem Schritt. Manchmal trat einer vor
dere Bedeutung haben. Die Hochzeitsvorbereitungen und durchquerte die Fahrbahn. Ein kleines Mädchen
beginnen denkbar lapidar mit zwei Sätzen, die in al- hielt in den vorgestreckten Händen ein müdes Hünd-
len drei Fassungen nur wenig verändert erscheinen chen. Zwei Herren machten einander Mittheilungen, der
eine hielt die Hände mit der innern Fläche nach oben
und schon deshalb einen Handlungs- und Erzählnu- und bewegte sie gleichmäßig als halte er eine Last in
kleus enthalten müssen: Schwebe. Da erblickte man eine Dame, deren Hut viel
Als Eduard Raban durch den Flurgang kommend, in die beladen war mit Bändern, Spangen und Blumen. Und es
Öffnung des Thores trat sah er, daß es regnete. Es reg- eilte ein junger Mensch mit dünnem Stock vorüber, die
nete wenig (NSF I, 12). linke Hand als wäre sie gelähmt platt auf der Brust. Ab
und zu kamen Männer welche rauchten und kleine auf-
Dass man »Raban« wegen der Vokalfolge als Krypto- rechte längliche Wolken vor sich her trugen. Drei Her-
gramm des Namens »Kafka« lesen kann, ist häufig ren – zwei hielten leichte Überröcke auf dem geknickten
bemerkt worden, zeigt aber nur, dass diese Art der Unterarm – giengen oft von der Häusermauer zum
Autofiktionalisierung nicht erst mit dem Urteil er- Rande des Trottoirs vor, betrachteten das was sich dort
ereignete und zogen dann sprechend sich wieder zurück
funden wurde. Bezeichnender ist die beschriebene (NSF I, 12).
räumliche Situation, die sich immer wieder im Kaf-
kaschen Frühwerk findet: der Übergang vom Inne- Charakteristisch ist, erstens, die Bewegtheit der Szene,
ren des Hauses auf die Straße; eine Schwellensitua- die im häufig wiederholten Hin- und Hergehen der
tion im wörtlichen Sinn, die schon durch die Wort- Figuren nachgezeichnet wird. Dabei wird eine räum-
wahl mit der Polarität von ›Offenem‹ (Tor) und lich genau abgestufte Matrix von Hauswänden, Trot-
›Geschlossenem‹ verbunden ist. Dazu kommt eine toir und Fahrbahn entworfen, innerhalb derer sich
einfache sinnliche Wahrnehmung – es regnete –, der die Figuren beinahe abgezirkelt bewegen und in der
ihre Präzisierung auf dem Fuße folgt: »Es regnete die Fahrbahn die größte Gefahrenzone gegenüber
wenig«. Der Regen wird im gesamten Fragment und der sicheren Hauswand darstellt. Zweitens ist eine
in allen Fassungen niemals aufhören; er spielt, zeitliche Bewegung unterlegt, die von »manchmal«
könnte man überspitzt sagen, streckenweise eine et- über »ab und zu« bis hin zu »oft« variiert wird. Auf-
was größere Rolle für die Handlung als ihr Protago- fällig ist, drittens, die Gruppierung des Personals. Es
nist, der im Übrigen seinen Regenschirm ebenso we- gibt Einzelfiguren, die über ein auffälliges Klei-
nig wie seinen Reisekoffer aus der Hand gibt, die ihn dungsstück (wie die Dame mit dem Hut) oder eine
beide ikonographisch als archetypischen Reisenden besonders charakteristische Geste (wie der »junge
markieren. Mensch«) beschrieben werden. Es gibt Kleingruppen,
Die Tatsache, dass es regnet, markiert dabei auf deren Beziehung untereinander beschrieben wird:
der Inhaltsebene den ersten, äußeren Widerstand das Mädchen mit dem müden Hündchen (hier er-
gegen ein Unternehmen, dem Raban sowieso jede laubt sich Kafka eine kleine Lautmalerei), die stumm
Menge innerer Widerstände entgegensetzt. Auf der und gestisch miteinander kommunizierenden »zwei
formalen Ebene stellt die zweifache Erwähnung des Herren«, sowie die »drei Herren« mit den Überzie-
Regens einen beinahe subkutanen Übergang von ei- hern. Besonderes Gewicht wird dabei auf die Darstel-
ner allgemeinen auktorialen Wahrnehmung zu einer lung der Hände gelegt; sie allein tauchen dreimal auf.
personalen Präzisierung und Wertung dar; »es reg- Die auf den ersten Blick unsystematisch und zu-
nete wenig« ist eine Aussage in erlebter Rede aus der fällig wirkende Straßenszene wird also durch strenge
inneren Perspektive Rabans. räumliche, zeitliche und figürliche Kompositions-
Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande 105

schemata gegliedert. Die ständige Bewegung im brochen, über die nächsten Seiten und mündet in
Straßenbild verhindert allerdings, dass die Beschrei- die wahrscheinlich bekannteste Stelle des Textes, die
bung jemals an ihr Ende kommt. In einer späteren Käferphantasie. Raban erwägt, sich vor den vorge-
Textpassage wird es heißen, dass sich der Platz unter stellten Schrecken des Landaufenthalts durch ein
dem Einfluss der in den Pfützen reflektierenden surreales Mittel zu drücken, das er als Kind an-
Straßenlampen »unaufhörlich« »änderte«, während wandte: »Ich schicke meinen angekleideten Körper
Raban ständig bemüht ist, »alles rund herum zu nur« (17). Dieser vom eigentlichen inneren Selbst
sehn« (19). Gleichwohl ist diese äußerlich so sehr abgespaltene Körper leidet nun auf dem Lande, wäh-
um erzählerische Objektivität und Vollständigkeit rend das Ich in der Stadt geschützt in seinem Bett
der Beschreibung bemühte Darstellung einer Stra- liegt, »glatt zugedeckt mit gelbbrauner Decke, ausge-
ßenszene natürlich nichts weniger als das Produkt setzt der Luft, die durch das wenig geöffnete Fenster
einer auktorialen Erzählinstanz, sondern vielmehr weht«; es hat dabei »die Gestalt eines großen Käfers,
durch die personale Wahrnehmung Rabans gefiltert. eines Hirschkäfers oder eines Maikäfers glaube ich«
Das zeigt sich am stärksten in der ungewöhnlichen (18).
Auswahl der dargestellten Gesten sowie in der dabei Natürlich liegt hier die Keimzelle für die Verwand-
verwendeten Bildlichkeit. Es ist Raban, dem die äu- lung, die zudem den positiven Kern dieser Vorstel-
ßere Welt trotz sorgfältigster Beobachtung ständig in lung für Kafka klarmacht; es ist eine Fluchtphanta-
Bewegung, instabil, unsicher, rätselhaft, verschlüs- sie, die keinesfalls als bedrohlich erlebt wird, son-
selt erscheint. dern das Ich in eine gewohnte Atmosphäre, geschützt
vor allzu starken Einflüssen der Außenwelt – das
»wenig geöffnete Fenster« (18) – versetzt. In diesem
Innerer Monolog:
»Die Gestalt eines großen Käfers« Text bleibt dies jedoch ein unverbundenes Phan-
tasma, da Raban sofort wieder in zermürbende Grü-
Dass dies ebenso Rabans innerem Zustand ent- belei wegen seines Landaufenthalts verfällt. Er
spricht, macht Kafka in Fassung A noch sehr explizit nimmt dabei regelmäßig das schlechtestmögliche
deutlich. Raban wird nicht nur als »müde« beschrie- Verhalten der anderen Gäste als gesichertes Faktum
ben, sondern auch die Blässe seiner Lippen und das vorweg und gerät so letztlich in die Ausweglosigkeit
dieser korrespondierende »ausgebleichte Roth« der des Paradoxons. So stellt er sich beispielsweise vor,
Krawatte mit dem »maurischen Muster« (NSF I, 13) seine Abneigung gegen körperliche Berührung bei
symbolisieren seinen Seelenzustand, den er in einem der Begrüßung könnte gegen ihn ausgelegt werden;
daran anschließenden inneren Monolog dann selbst folglich müsse er dann versuchen, die solchermaßen
darlegt. Dieser innere Monolog entwickelt sofort Gekränkten »zu begütigen«. Das allerdings werde sie
eine starke Dynamik – »man« ist müde wegen der noch mehr »böse machen«: »Wenn ich sie durchaus
Arbeit »im Amt« (13); »man« wird trotzdem nicht böse machen könnte, beim Versuch sie zu begüti-
geliebt, sondern »ist […] allen gänzlich fremd« (14) gen« (19). Ergo: Wenn Raban er selbst ist, macht er
–, die in ihrer Konsequenz sogar zu einem unvermit- andere Menschen böse; wenn er versucht, sie wieder
telten Sprung aus der Geschichte auf die Erzählebene zu versöhnen, macht er sie noch böser; wenn er es
selbst führt: lässt, sind sie ja immer noch böse. Es gibt keinen
Ausweg – außer dem Käfer oder dem Verbleib in der
Und solange Du »man« sagst an Stelle von »ich«, ist es
Stadt.
nichts und man kann diese Geschichte aufsagen, sobald
Du aber Dir eingestehst daß Du selbst es bist, dann wirst
Du förmlich durchbohrt und bist entsetzt (ebd.).
Misslingende Dialoge:
»Ich habe Augen niemals schön gefunden«
Hier spricht also in erster Instanz Raban zu sich
selbst, und in zweiter Instanz der Erzähler zu sich Die gleichen Regeln gelten für Rabans Kommunika-
selbst. Der innere Monolog wendet sich anschlie- tionsversuche mit seinem Bekannten Lement. Die
ßend wieder Rabans momentaner Situation zu, der Unterhaltung beginnt mit Floskeln; man tauscht sich
sich nun alle wahrscheinlichen und unwahrscheinli- aus über gemeinsame Bekannte, Frauen vor allem:
chen Kränkungen des von ihm geplanten Landauf- Frau Gillemann, so Lement, habe »die schönsten
enthalts einfallsreich imaginiert. Die Reflexion zieht Augen, die ich je gesehen habe« (24). Raban aber,
sich, von Beschreibungsszenen immer wieder unter- der selbst in der trivialsten Unterhaltung von einer
106 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

Unsicherheit in die nächste fällt, insistiert plötzlich Ragte ein Stock oder die beschlagene Kante eines Koffers
auf den wörtlichen Gehalt der Redewendung: »Ich vor, dann wurde der Besitzer darauf aufmerksam ge-
macht. Er gieng dann hin und stellte die Ordnung wie-
bitte Dich, wie sehn schöne Augen aus, nicht wahr, der her. Auch Raban besann sich und schob seinen Kof-
das Auge selbst kann doch nicht schön sein. Ist es fer unter seinen Sitz (30).
der Blick? Ich habe Augen niemals schön gefunden«
(24). Damit allerdings widerruft er eine Aussage, die Im Zug wird die ständige Veränderung der Umwelt
er selbst nur wenige Absätze vorher in seinem inne- durch die Geschwindigkeit noch potenziert. Demge-
ren Monolog bei der insgesamt wenig wohlwollen- genüber wird wiederum eine vermeintliche Stabilität
den Betrachtung eines Fotos seiner Verlobten ge- einer floskelhaften Alltagskonversation der Mitrei-
macht hatte: »Aber ihre Augen sind schön, sie sind senden beschworen, die sich jedoch immer wieder
braun, wenn ich nicht irre. Alle sagen, daß ihre Au- als trügerisch herausstellt: Alle Annahmen, die Ra-
gen schön sind« (22). Gibt es nun schöne Augen ban aus den ersten Beobachtungen seiner Mitreisen-
oder nicht? Oder ist Raban – ähnlich wie sich die den ganz sicher abgeleitet hatte, erweisen sich als
Umgebung unter der Beschreibung bereits wieder falsch; sein vom Kassierer herausgegebenes Wech-
verändert – schon wenige Minuten später in einer selgeld war doch richtig abgezählt, der Handelsrei-
anderen äußeren Konstellation selbst womöglich ein sende, dem er seinen »angenehmen« (ebd.) Beruf
anderer? Wie soll man aber miteinander sprechen, zugute gehalten hatte, ist von seiner tatsächlichen
wenn doch nichts sicher ist, noch nicht einmal – beruflichen Erfahrung so frustriert, dass er ins Wei-
oder schon gar nicht – die eigene Identität? nen gerät und so fort.
Tatsächlich gelingt in der Unterhaltung mit Le-
ment nicht einmal die geringste Verständigung. In
Das zweite Kapitel:
Rabans nachträglicher Reflexion der Unterhaltung Totenlandschaften und Tribunal
im inneren Monolog tritt seine fundamentale Unsi-
cherheit gegenüber anderen Menschen offen zu- Das erste Kapitel endet mit dem Einschlafen Rabans;
tage: das zweite beginnt unvermittelt mit seiner Ankunft
Denn selbst alter Bekannter ist man gar nicht sicher. War im Dorf. In diesem Teil des Fragments wird etwas
nicht Lement heute freundlich zu mir, er hat mir doch kontinuierlicher erzählt, da Raban nun aktiver wird.
einiges erklärt und er hat alles so dargestellt wie es mir Gleichwohl bleiben bedrohliche Verwandlungsmo-
erscheinen wird (28). mente allgegenwärtig. So sieht Raban dem abfahren-
Die gesamte Kommunikation ist ständig von der den Zug nach; relativ fließend gleitet dabei die Er-
Deutung von Machtverhältnissen innerhalb der Be- zählung über ein Bild in die erlebte Rede, die nun als
ziehung, von kommunikativen Strategien, von mög- erzählerisches Mittel stärker in den Vordergrund
lichen Bedeutungsvarianten der kleinsten Äußerun- drängt:
gen überlagert. Das höchste Entgegenkommen be-
Der Zug fuhr an, verschwand wie eine lange Schiebethür
steht schon darin, dass eine Sache so dargestellt wird, und hinter den Pappeln jenseits der Geleise war die
wie sie dem Gesprächspartner »erscheinen wird«, Masse der Gegend daß es den Athem störte. War es ein
also in einer speziellen Ausrichtung der Kommuni- dunkler Durchblick oder war es ein Wald, war es ein
kation auf den Empfänger. Alles Weitere, sei es nun Teich oder ein Haus, in dem die Menschen schon schlie-
fen, war es ein Kirchthurm oder eine Schlucht zwischen
ein vermeintlich zu kurzer Abschied oder ein einfa- den Hügeln; niemand durfte sich dorthin wagen, wer
ches kommunikatives Missverständnis, ist bereits aber konnte sich zurückhalten (NSF I, 36 f.).
»Kränkung« (ebd.).
Der Wechsel von beschreibenden Szenen und in- Die nächtliche Landschaft wird von Raban als To-
neren Monologen Rabans prägt auch den zweiten tenlandschaft wahrgenommen und manifestiert sich
Teil des ersten Kapitels, die Erzählung von Rabans körperlich als Alpdruck. Sie stellt eine ungeordnete
Zugfahrt. Wiederum werden die Mitreisenden sorg- Masse dar, der verschiedene, sogar gegensätzliche
fältig in Gruppen formiert; wiederum werden vor al- Vorstellungskomplexe (Wald-Teich-Haus; Kirch-
lem die ständige Bewegung und Veränderung der Si- turm-Schlucht) untergeschoben werden können.
tuation beschrieben. Das Ziel der Beschreibung ist, Das mindert jedoch ihre bedrohliche Attraktivität
so macht ein unscheinbares Detail deutlich, die Her- nicht, die Verlockung, selbst in dieser amorphen
stellung einer zuverlässigen Ordnung im alltäglichen Masse, der Unordnung, der Veränderlichkeit unter-
Wahrnehmungschaos: zugehen.
Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande 107

In der von allen äußeren Eindrücken isolierten Si- sieht man »einmal flüchtig, dann bequem« (44); die
tuation gerät Raban dabei seine Imagination immer eiligen Geschäftsleute lassen sich von den Leuten
mehr außer Kontrolle. Schließlich gipfeln seine in- »stoßen und stießen auch« (ebd.). Zum zweiten wer-
neren Monologe in einem Tribunal: den neue Bilder verwendet: Der Hut der Dame ist
nun nicht mehr beladen mit Spangen und Bändern,
Konnte man das alles nicht als Vorwürfe gegen Raban
gebrauchen? Viele Pfützen wurden unerwartet erhellt sondern »mit unkenntlichen Dingen bis zum Rande«
von der an der Deichsel zitternden Laterne, ertrugen den (43); sie erscheint dadurch »ohne Absicht fremd, wie
Hufschlag und zertheilten sich Wellen treibend unter durch ein Gesetz« (ebd.). Und sogar seine hübsche
dem Rad. Das geschah nur deshalb, weil Raban zu seiner Lautmalerei hat sich der Erzähler verboten: Das
Braut fuhr (40).
Hündchen darf nicht mehr »müde« (12) sein, son-
Das ›Leiden‹ der brutal erleuchteten Pfützen und das dern ist nur noch »grau« (43). Insgesamt ist die Be-
Zittern der Laterne werden gegen Rabans fiktive schreibung damit noch stärker auf Vollständigkeit
»Verdienste« (40) aufgerechnet. Das Ergebnis kann des Eindrucks ausgerichtet – durch Einbeziehung al-
kein positives sein; denn sein größtes Verdienst ist es ler, selbst der gegensätzlichen Möglichkeiten –,
schon, so Raban, dass er Vorwürfe erträgt, die ihm gleichzeitig aber weiter entpersönlicht, beispiels-
allerdings niemand macht, so dass es auch hier zu weise durch die Vergleiche von Menschen mit Din-
keinem Verdienst kommen kann. Und wieder ist das gen. Schließlich wird schon frühzeitig im Gesetzes-
Ende der Sackgasse erreicht. Eine marginale Stabili- Vergleich eine moralische Ebene von Schuld und
tät kann Raban allein daraus beziehen, dass sein El- Verantwortung eingezogen.
lenbogen, als ihm seine Hand unachtsam vom Ober- Der sich in der Erstfassung an die beschreibenden
schenkel rutscht, »in dem Winkel zwischen dem Szenen anschließende innere Monolog mit dem
Bauch und dem Bein« (41) bleibt, was offensichtlich ›Sprung‹ in die Erzählebene entfällt völlig; offen-
als tröstliche Ordnungserfahrung auf Minimalni- sichtlich hat sich der Erzähler hier bereits von An-
veau gewertet werden kann. fang an das »man« untersagt. Stattdessen gleitet die
Die Ankunft vor dem Gasthaus schließlich führt Erzählung nun über die erlebte Rede direkt in einen
noch einmal zu einer sentimentalen Erinnerung an Dialog mit einer neuen Figur, einem »älteren Herrn«
Rabans vertrautes Lebensmilieu in der Stadt, wohin- (45). Dieser sieht abwechselnd Raban an und die
gegen der Aufenthalt auf dem Land nicht nur mit Umgebung:
fremden Menschen, sondern auch mit »unheimli-
Doch tat er dies nur aus dem natürlichen Bedürfnis, da
chen fetten Speisen«, »fremder Zeitung« und einer er nun einmal unbeschäftigt war alles in seiner Umge-
Lampe »für alle« verbunden wird. Nur logisch bricht bung wenigstens genau zu beobachten. Die Folge dieses
das Fragment in einem offenen Satz ab, der von der zwecklosen Hin- und Herschauens war, daß er sehr vie-
Bedrängung Bettys durch die »lüsternen Männer« les nicht bemerkte. So entgieng es ihm, daß Rabans Lip-
pen sehr bleich waren und nicht viel dem ganz ausge-
(42) auf dem Lande berichtet; hier ist offenbar das bleichten Rot seiner Kravate nachstanden, die ein ehe-
Maximum des Bedrohungspegels erreicht. mals auffallendes maurisches Muster zeigte (ebd.).

Fassung B In dieser Passage ist im Vergleich mit der Erstfassung


sehr gut der Wechsel in der Erzählperspektive zu be-
Polarität und Personalisierung des Erzählens: obachten. Zum einen wird dem älteren Herrn das
»ohne Absicht fremd, wie durch ein Gesetz« »natürliche Bedürfnis« (natürlich) von Raban unter-
Auch in der zweiten Fassung bleibt der Anfangssatz stellt; aber eben durch das »natürlich« wird diese per-
bis auf eine winzige syntaktische Ergänzung unver- sonale Wahrnehmung vordergründig als vermeint-
ändert, die stärker die Perspektive Rabans berück- lich objektive und überhaupt nicht zu bezweifelnde
sichtigt: »da konnte er sehn, wie es regnete« (NSF I, Tatsache insinuiert. Zum zweiten wird die Aussage
43). Die anschließenden beschreibenden Passagen direkt in ein Paradox überführt: Gerade dadurch,
werden etwas gekürzt bei ungefährer Beibehaltung dass der Herr alles sehen will, entgeht ihm vieles –
der Personengruppen, aber unter Einführung neuer nämlich ausgerechnet das sprechende Farbverhältnis
Beschreibungselemente. Deren erstes ist eine stär- zwischen Rabans Lippen und seiner Krawatte, das
kere Strukturierung durch Polaritäten: Auf dem nun nicht mehr einfach als »Müdigkeit« (vgl. 13) ti-
Trottoir gingen »nicht höher, nicht tiefer« (ebd.) Pas- tuliert, sondern in eine komplexe Selbstwahrneh-
santen; die Lücken zwischen den Vorübergehenden mung Rabans überführt wird: Wie kann einem Be-
108 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

obachter nur entgehen, dass er so unendlich müde ist die Zweideutigkeit ruhig beim Wort nehmen – »be-
wie die Farbe seiner ehemals zweifellos durch Farbe rührt« durch alles, was ein Gesprächspartner sagt.
und Muster geradezu Exzentrizität signalisierenden Zwar fehlen im weiteren Dialogverlauf mehrfach
Krawatte? Und selbst wenn er es bemerkt hätte – so Blätter im Text, aber der Dialog endet im offenen
der Text weiter in sicherer Zielrichtung auf die Sack- Machtstreit, bei dem Raban sinnigerweise gleich
gasse –, hätte er »sicherlich« doch nur die falschen beide Positionen selbst führt: »Sie würden mir Vor-
Schlüsse daraus gezogen, »denn Raban war immer würfe machen daß ich Sie jetzt nicht besser widerlegt
bleich« (45). Daraus folgt: Egal, ob der ältere Herr die habe« (50). Bis zu diesem Punkt ist im Übrigen von
Krawatte und die Lippen wahrnimmt, egal, welche Betty niemals, von den Reiseabsichten Rabans nur
Schlüsse er daraus zieht – er wird der komplexen, sehr kurz und andeutungsweise die Rede gewesen.
veränderlichen und widersprüchlichen innerlichen
Realität Rabans sowieso nie gerecht. Fassung C – Beobachterdominanz
und Monumentalisierung:
Kommunikative Sackgassen: »Wie jeder sehen konnte«
»Nun, es ist nicht so wichtig«
Die dritte Fassung strafft die beschreibenden An-
Die Fruchtlosigkeit des sich anschließenden Dialogs fangspassagen noch weiter und verstärkt die Ten-
hat sich gegenüber der Erstfassung eher noch ver- denz zur Vollständigkeit der Beschreibung. Ein
schärft. Diesmal beginnt sie gar mit einer Floskel neues Beschreibungselement gleich im zweiten Ab-
über das Wetter, droht nach den ersten beiden Wort- satz ist der Blick Rabans auf einen Kirchturm, der
wechseln ganz zu versiegen und führt anschließend zum einen die Zeitknappheit schon zu Beginn des
zu immer längeren monologischen Ausführungen Textes stärker in den Fokus rückt. Zum zweiten wird
Rabans, der ständig bemüht ist, eingebildete Miss- hier die erste der endlosen Reihe von Polaritäten er-
verständnisse auszuräumen. Besonders deutlich öffnet, die den kurzen Text nun beinahe manisch
wird das Nicht-Gelingen dieser Kommunikation prägen: Der »ziemlich hohe Turm« steht in einer
durch die Häufung von defensiven Redewendungen »tiefer gelegenen Gasse« (NSF I, 51); die vorbeiflie-
wie »Nichts meine ich damit« (46), »nun es ist nicht genden Vögel sind gleichzeitig »fest aneinander ge-
so wichtig« (48) oder einfach »bitte, bitte« (48). Da- schlossen und auseinander gespannt« (ebd.); Raban
bei gibt ein kurzer Passus noch einmal eine rückge- denkt »das Gesicht bald gesenkt, bald gehoben«
wendete Innensicht, die auch wegen ihres beinahe (ebd.) an gar nichts. Die Reihe ließe sich fortsetzen
kausal erklärenden Charakters aus dem personalen, bis zum letzten Satz, in dem der alte Herr über Ju-
gegenwartsorientierten Erzählmuster herausfällt: gend und Alter reflektiert (53).
Nun glaubte Raban, seit einiger Zeit könne ihn nichts Bei der Beschreibung der Passanten wird in dieser
berühren, was andere über seine Fähigkeiten oder Mei- Fassung jeder beschriebenen Gruppe ein eigener
nungen sagten; vielmehr habe er eben förmlich jene Absatz zugeteilt. Dadurch entsteht eine beinahe sta-
Stelle verlassen, wo er ganz hingegeben auf alles gehorcht tuarische Aneinanderreihung von gegeneinander
hatte, so daß Leute jetzt doch nur ins Leere redeten, ob
abgeschlossenen Einzelbildern, die mit der darge-
sie nun gegen oder für ihn waren (47).
stellten Bewegung kontrastiert. Zudem wird Raban
Diese Stelle ist in mehrfacher Hinsicht verräterisch. als souveräner eingeführt: Das befriedigte Stellen der
Sie demonstriert, dass Raban geradezu manichäisch Uhr, seine Freude darüber, dass er noch Zeit für den
zwei Kategorien von Menschen unterscheidet, näm- Weg zum Bahnhof hat, das Grüßen vorbeieilender
lich solche, die für, und solche, die gegen ihn sind. Bekannter zeigen ihn gleichzeitig stärker eingebun-
Dabei ist es gleichgültig, welcher Kategorie sein Ge- den in die Straßenszene und distanziert in deren Be-
sprächspartner zuzuordnen ist; sein verzweifeltes trachtung. Schließlich kommt es sogar zu einem La-
Bemühen, sich selbst als unabhängiges Ich von bei- chen, das keinem der Rabans der zwei vorigen Fas-
den Gruppen abzugrenzen, war ganz offensichtlich sungen vergönnt war. Es geht aus von einer
erfolglos. Nicht nur, dass er auch in diesem Gespräch Miniaturskizze, die in den ersten Fassungen nur an-
(das Wort ist ein spezieller Verräter) »gehorcht« hat gedeutet war, nun aber breiter gezeichnet wird:
im doppelten Sinn und jederzeit bereit ist, beim ge- Von der Gouvernante gezogen lief mit kurzen Schritten
ringsten Widerspruch seine Stelle zu verlassen; er den freien Arm ausgebreitet ein Kind vorüber, dessen
wird auch immer noch – hier kann man wiederum Hut, wie jeder sehen konnte, aus rotgefärbtem Stroh ge-
Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande 109

flochten auf dem gewellten Rande ein grünes Kränzchen jedoch beinahe choreographisch aufeinander abge-
trug. stimmt: So bewegen sich beispielsweise die Mädchen
Raban zeigte ihn mit beiden Händen einem alten
Herrn […]. nach einer »in ihren Kehlen unterdrückten Melodie«
Raban lachte. Kindern passe alles, er habe Kinder und »im Tanzschritt ihrer Beine« (380 f.); Familien
gerne. (53) halten trotz Zerstreuungsgefahr »gut zusammen«
Auch diese Szene ist geprägt von den allgegenwärti- (381). Ausgenommen von dieser allseitigen Harmo-
gen Polaritäten – einmal fällt der Regen »gesam- nie sind lediglich die »allein gelassenen Männer«.
melt«, dann »unsicher« (53); die Analogie zu mögli- Von ihnen distanziert sich das Ich folgerichtig in er-
chen menschlichen Verhaltensweisen ist im Übrigen lebter Rede: »Das war kleinliche Narrheit« (ebd.).
naheliegend. Als Gegenpol zur diffusen Anfangsfar- Als Reaktion darauf verstärkt es seine Beobachter-
bigkeit von Rabans Überzieher werden die starken position und sucht sogar physischen Kontakt mit
Komplementärfarben rot und grün eingeführt. Das den Vorübergehenden, indem er die Mädchen an-
Kind bewegt sich »frei«, obzwar von der Gouver- fasst. Das wird ihm jedoch von einem Passanten ver-
nante gezogen; das entspricht der Ausnahmestellung, wehrt, worauf das Ich beginnt, aus der – bezeichnen-
die Kindern im Frühwerk, am stärksten in den Kin- derweise wortlosen – Bestrafung des Passanten her-
dern auf der Landstraße in Betrachtung, zugespro- aus eine Allmachtsphantasie zu entwickeln: »Von
chen wird. Am bemerkenswertesten ist schließlich jetzt an rief ich natürlich öfters Leute zu mir her, ein
wiederum die untergeschobene Personalisierung: Winken mit dem Finger genügte oder ein rascher,
Warum muss eigentlich erwähnt werden, dass jeder nirgends zögernder Blick« (381). Darauf folgt das
den bunten Hut sehen konnte? Doch offensichtlich abrupte Ende und ein vernichtender Eintrag: »In ei-
nur, weil die starke Farbigkeit und der hervorgeho- ner wie mühelosen Schläfrigkeit ich dieses Unnütze,
bene Schmuckcharakter in Rabans Kopf in einem Unfertige geschrieben habe« (ebd.).
solch provozierenden Kontrast zur grauen verregne- Unter dem 12. März 1912 steht ein zweiter Ein-
ten Geschäftswelt der Erwachsenen stehen, dass sie trag, der nun die Hochzeitsthematik wieder auf-
eigentlich verheimlicht werden müssten. Sie symbo- nimmt. Erzählt wird diesmal in Er-Form: Ein »jun-
lisieren die »Begeisterung« der Jugend, die der alte ger Mann in offenem um ihn sich aufbauschendem
Herr dann in einer Floskel aufgreift, um sie sogleich Überzieher«, gerade verlobt, macht eine Fahrt mit
abzuwerten: »und es hat, wie man im Alter sieht kei- der Elektrischen und erlebt ebenfalls, »gut aufgeho-
nen Gewinn gebracht, darum ist man sogar« (ebd.) – ben im Zustand eines Bräutigams« (T 406), eine
und wieder endet der Text abrupt mitten im Satz. rauschhafte Einigkeit mit sich und seiner Umge-
bung, in der ihm alles gelingt. Gleichwohl folgt der
Fortgesetzte Beobachtung: Widerruf diesmal bereits auf den ersten Absatz:
»Nur der sich aufbauschende Überzieher bleibt be-
Zwei Tagebucheinträge vom 26. Februar
stehn, alles andere ist erdacht« (407).
1912 und 12. März 1912 Das Interessante an diesen ›Fortsetzungen‹ ist,
Im Februar und März des Jahres 1912 notiert Kafka dass der Protagonist in beiden Einträgen das Ge-
zwei Tagebucheinträge, die aufgrund vielfältiger the- schehen um ihn herum nicht nur passiv wahrnimmt,
matischer, inhaltlicher und darstellungstechnischer sondern selbst gestaltet; dadurch fällt der Übergang
Parallelen als Wiederaufnahme des Hochzeitsvorbe- ins Surreale, der in beiden Texten am Ende angedeu-
reitungen-Komplexes gelesen werden können. An tet wird, sehr viel fließender aus. Gleichwohl passie-
ihnen wird besonders deutlich, wie lange Kafka be- ren beide Texte die nun sehr viel stärkere innere
stimmte Situationen und Erzählkerne innerlich be- Selbstzensur nicht.
arbeitet; sie können offensichtlich nicht abgeschlos-
sen werden, bevor sie nicht eine befriedigende Er- Zusammenfassung: Wechselwirkungen
zählform gefunden haben.
von Stabilisierung und Destabilisierung
Der erste Eintrag vom 26. Februar 1912 beginnt
damit, dass das erzählende Ich seine Haustür öffnet Insgesamt kann man mit einer Formel von Gunter-
und prüft, »ob das Wetter zu einem Spaziergang ver- mann auch in Bezug auf die Hochzeitsvorbereitungen
locke« (T 380); daran schließt sich wiederum die de- von der »Erzählung einer Verwandlung« sprechen
taillierte Beschreibung einer Straßenszene an. Auch (Guntermann, 307). Kafka greift das ihn in dieser
die bekannten Figurengruppen tauchen auf, diesmal Zeit bereits umtreibende Hochzeits-Thema auf und
110 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

imaginiert sich in der Figur Eduard Rabans die sich Die späteren Fassungen vollziehen einige nicht
daraus ergebenden konkreten Entwicklungen. Die unwesentliche Veränderungen: Die Beschreibung
resultierende fundamentale Verunsicherung über wird erheblich gestrafft und sowohl von der verwen-
seine Stellung in der Welt und zur Welt findet ihre deten Bildlichkeit her wie auch von der dargestellten
erzählerische Umsetzung in verschiedenen Stabili- Welt selbst stärker auf die Innenwelt des Protagonis-
sierungsversuchen und -techniken. ten bezogen; der Text gewinnt dadurch an Geschlos-
So soll die äußere Welt zunächst durch intensivste senheit, er verliert aber an lebendiger impressionisti-
Beschreibung gleichsam stillgestellt und gezähmt scher Detailfülle. Gleichzeitig werden die Dialoge
werden. Ihre detaillierte Darstellung, die auf Voll- noch floskelhafter und missverständlicher, ja gehen
ständigkeit und Lückenlosigkeit der Eindrücke bis beinahe nur noch auf die Etablierung und Darstel-
zur Einbeziehung aller möglichen Polaritäten aus- lung von Machtstrukturen aus. Kafka erreicht da-
geht und eine exakte Vermessung von einzelnen Si- durch das, was seine späteren Texte so besonders
tuationen sowohl in räumlicher wie auch zeitlicher auszeichnet: eine engere Verzahnung von Innen und
Hinsicht vornimmt, soll gleichermaßen die ständige Außen durch die strikte Anwendung des personalen
Dynamik beispielsweise einer bewegten Straßen- Erzählprinzips, in dem vermeintlich objektive Beob-
szene zeigen und die Stabilität ihrer sprachlichen achtungen subjektive Ausdrucksqualitäten gewin-
Umsetzung verbürgen. Gleiches gilt für den Dialog, nen und vermeintlich subjektive Dialoge für objek-
in dem zwar die Beweglichkeit und unendliche po- tive Machtverhältnisse stehen − eine subtile Ver-
tentielle Bedeutungsfülle eines mündlichen, situativ wechslung, der der Leser genauso ausgeliefert ist wie
verhafteten Gesprächs eingefangen werden, aber die Figur.
gleichzeitig die Beziehung der Gesprächspartner in Auffällig ist schließlich, dass Raban in den Fassun-
einem Machtverhältnis stabilisiert werden soll. gen von 1909 etwas gestärkt und seiner Umwelt nicht
Das führt letztendlich jedoch dazu, dass die er- mehr ganz so ausgeliefert erscheint; eine Entwick-
sehnte Stabilisierung niemals gelingen kann. Das Ich lung, die die ›Fortsetzungen‹ fortschreiben und die
findet keinen Raum mehr für sich selbst: Im voll- darauf zurückgeführt werden könnte, dass Kafka die
ständigen Beschreiben der äußeren Welt bleibt es Notwendigkeit einer stärkeren fiktionalen Ablösung
ebenso ausgespart wie im vollständigen Deuten der Figur von sich selbst erkannt hatte. Das wiede-
kommunikativer Äußerungen anderer. Je mehr es rum würde auch das Scheitern der weiteren Versuche
deutet, desto mehr gelangt es ins Subjektiv-Unge- erklären: Denn wenn es Kafka wirklich gelungen
wisse und in die Veränderlichkeit der eigenen Psy- wäre, die fiktiven Hochzeitsvorbereitungen bis zu ei-
che; je mehr es beschreibt, desto stärker wird ihm die nem Punkt zu beschreiben, wo eine Hochzeit tat-
von ihm unabhängige Veränderlichkeit der Außen- sächlich stattgefunden hätte – hätte er genauso gut
welt deutlich. Die vermeintliche Allmacht der (ob- gleich heiraten können. Das zeigt nicht zuletzt dieje-
jektiven) Beschreibung wird mit dem Verlust der nige Figur Kafkas, die als nächste dieses Stadium er-
persönlichen Identität bezahlt; die vermeintliche reicht: Noch vor der Verwirklichung der Käferphan-
Allmacht der (subjektiven) Deutung im Dialog mit tasie wird Georg Bendemann im Urteil – nicht nur,
dem Entzug der Gegenstände. aber auch – an seiner Verlobung zugrundegehen wie
Die fundamentale Unsicherheit des Ich zeigen in die Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande an ihrem
der ersten Fassung noch die inneren Monologe, die aussichtslosen Unterfangen einer Stabilisierung der
eine Art Offenlegung des Erzählerbewusstseins dar- inneren und äußeren Welt durch vollständige Be-
stellen – und eben deshalb in den weiteren Fassun- schreibung und vollständige Deutung.
gen verschwinden müssen. Der Leser soll in der glei-
Ausgaben: ED: Fassung A und B in: Neue Rundschau
chen Unsicherheit bezüglich der Bewertung äußerer 62 (1951), 1–20 [19 f. Auszug aus C]; − Ausgaben:
Wahrnehmungen wie kommunikativer Situationen Hzv/GW (1953), 7–38. – Fassung A: NSF I/KA (1993),
schweben; nur so ist gewährleistet, dass er die glei- 12–42; Fassung B: 43–50; Fassung C: 51–53.
chen Stabilisierungsprozesse vollziehen muss wie Forschung: P.-A. Alt (2005), 155–160. − P.U. Beicken
der Protagonist, dass er selbst einer fundamentalen (1974), 234–237. − Charles Bernheimer: Psychopoetik.
Verunsicherung der Perspektive ausgeliefert ist, aus Flaubert und K.s HadL. In: G. Kurz (1984), 154–183. −
der er sich entweder in einem distanzierenden Akt Ders.: The Splitting of the »I« and the Dilemma of
befreien kann – oder wie Raban in ausweglosen Pa- Narration: K.’s HadL. In: Struc/Yardley (1986), 7–24. −
radoxien enden wird. H. Binder (1975) II, 62–67. − W. Emrich (1958),
Betrachtung 111

115–118. − S. v. Glinski (2004). − G. Guntermann 3.1.3 Betrachtung


(1991). − Herbert Kraft: HadL als Alltagsgeschichte ge-
lesen. In: Dirk Jürgens (Hg.): Mutual Exchanges. Shef-
field-Münster Colloquium II. Frankfurt/M. u. a. 1999, Entstehung und Veröffentlichung
230–235. − Judith Ryan: K. before K.: The Early Stories.
In: J. Rolleston (2002), 61–84. − K. Wagenbach (2006 Die Prosasammlung Betrachtung, Kafkas erste Buch-
[1958]). publikation, erschien um den 10. Dezember 1912
Jutta Heinz
(mit der Jahreszahl 1913) im Verlag Ernst Rowohlt
(DzL:A 16, 33). Unter demselben Titel hatte Kafka
bereits im März 1908 acht der insgesamt achtzehn
Prosaminiaturen mit römischen Ziffern, aber noch
ohne Überschriften in der von Franz Blei und Carl
Sternheim herausgegebenen Zeitschrift Hyperion
veröffentlicht (DzL:A 15).
In der Buchfassung von 1912 finden sich die fol-
genden Texte:
(1) Kinder auf der Landstraße [zuerst NSF I, 145–150,
zwischen 14.3. u. 11.6.1910; ED: Betrachtung];
(2) Entlarvung eines Bauernfängers [zwischen Oktober
1910 u. 8.8.1912 (Endredaktion, vgl. T 427); ED:
Betrachtung]
(3) Der plötzliche Spaziergang [zuerst T 347 f., 5.1.1912;
ED: Betrachtung];
(4) Entschlüsse [zuerst T 371 f., zwischen 5. u. 7.2.1912;
ED: Betrachtung];
(5) Der Ausflug ins Gebirge [zuerst NSF I, 141 f., wohl
kurz vor 14.3.1910; ED: Betrachtung];
(6) Das Unglück des Junggesellen [zuerst T 249 f.,
14.11.1911; vgl. auch T 279, 3./8.12.1911; ED: Be-
trachtung];
(7) Der Kaufmann [vermutl. zwischen Juni u. Ende
1907; ED März 1908];
(8) Zerstreutes Hinausschaun [Datum der Niederschrift
unbekannt, jedenfalls vor Ende 1907; Binder da-
tiert auf Frühjahr 1907; ED März 1908];
(9) Der Nachhauseweg [Datum der Niederschrift un-
bekannt, jedenfalls vor Ende 1907; Binder datiert
auf zweite Jahreshälfte 1907; ED März 1908];
(10) Die Vorüberlaufenden [Datum der Niederschrift un-
bekannt, jedenfalls vor Ende 1907; ED März 1908];
(11) Der Fahrgast [Datum der Niederschrift unbekannt,
jedenfalls vor Ende 1907; ED März 1908];
(12) Kleider [zuerst NSF I, 114 f., Sept./Dez. 1907; ED
März 1908];
(13) Die Abweisung [ca. Ende 1906, vgl. An H. Weiler,
nach 9.10.1907, B00–12 74; ED März 1908];
(14) Zum Nachdenken für Herrenreiter [vermutl. zwi-
schen Ende 1907 u. Anf. 1910; Binder datiert auf
Winter 1909/10; ED 27.3.1910];
(15) Das Gassenfenster [vermutl. zwischen Okt. 1910 u.
Anf. Aug. 1912, DzL:A 71; ED: Betrachtung];
(16) Wunsch, Indianer zu werden [Datum der Nieder-
schrift unbekannt; ED: Betrachtung];
(17) Die Bäume [zuerst NSF I, 110, Sept./Dez. 1907;
wieder NSF I, 166; ED: März 1908];
(18) Unglücklichsein [T 107–112, entstanden über einen
längeren Zeitraum, wohl Nov. 1909 bis Ende Febr./
Anf. März 1911; ED: Betrachtung].
112 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

Kurzverweise auf die Einzeltexte erfolgen im Artikel 168 u. DzL:A 33). So nähert sich das Druckbild die-
durch Angabe der Textnummer nach obiger Durch- ser Miniaturprosa der graphischen Gestaltung von
zählung mit vorangestelltem B. Lyrik an (Kurz 1994, 50). Die Auflage des Buches be-
trug 800 Exemplare; der Verkaufserfolg war gering
Nur bei wenigen, dem Tagebuch entstammenden (DzL:A 33 f.; Binder, 120, 122).
und dort datierten Texten ist es möglich, den Zeit- Die ersten Rezensenten reagierten positiv auf Kaf-
punkt der Niederschrift genau zu bestimmen (B 3, 4, kas erstes Buch und verglichen die in ihm versam-
6; 1911/12). Kleider und Die Bäume gehören wie melten Texte mit Impressionen von Robert Walser
Kinder auf der Landstraße und Der Ausflug ins Ge- oder Peter Altenberg. Otto Pick würdigte Kafka als
birge ursprünglich zum Konvolut der Beschreibung eine »neue Art von Betrachter«, der »die Welt als et-
eines Kampfes. Das schließt allerdings nicht aus, dass was unendlich Rätselhaftes« präsentiere (Born, 22).
sie bereits deutlich früher entstanden sind. Die oben Kurt Tucholsky sah in der »Melodie« von Kafkas
angegebenen Datierungen beziehen sich mit Sicher- »singender Prosa« zwar »noch Einflüsse«, zugleich
heit nur auf die Niederschrift im Manuskript der Be- aber auch »schon sehr viel Neues« (Born, 19 f.). Ro-
schreibung eines Kampfes (die Reinschrift der Fas- bert Musil betonte in einer Sammelrezension Analo-
sung A, deren Anfänge bis 1904 zurückreichen, er- gien und Differenzen zwischen Kafka und Walser;
folgt Sept./Dez. 1907). Für B 9, 10, 11, 16 gibt es im Hinblick auf die Betrachtung attestierte er Kafka
keinerlei Datierungshinweise. »sehr große künstlerische Herrschaft über sich«
Im Begleitbrief zum Widmungsexemplar der Be- (Born, 34). Kafka selbst distanzierte sich später von
trachtung an Felice Bauer vom 10./11. Dezember seinem ersten Buch (vgl. die Belege in: Binder, 122).
1912 schreibt Kafka, dass »sich die einzelnen Stück-
chen im Alter von einander unterscheiden. Eines ist
z. B. darunter, das ist gewiß 8–10 Jahre alt« (B00–12 Textbeschreibung
319). Demzufolge wäre der älteste Text der Samm-
Implikationen des Werktitels
lung noch vor 1902/4 entstanden. Der älteste datier-
bare Text (B 13) stammt jedenfalls aus dem Jahre Trotz der Unterschiedlichkeit der Einzeltexte legte
1906. Zur Druckgeschichte der Betrachtung vgl. Kafka Wert auf den singularischen Titel Betrachtung;
DzL:A 35–47. auf die Pluralform Betrachtungen, die im März 1910
Kafkas Widmung »Für M. B.« in der Buchversion in der Prager Zeitung Bohemia von einem Redakteur
der Betrachtung gilt seinem Freund Max Brod als Titel für fünf seiner Prosaminiaturen verwendet
(DzL:A 33), der ihm den Verlagskontakt vermittelt wurde, reagierte Kafka verärgert (Brod, 149 f.). Für
hatte. Nach Vorgesprächen schickte Kafka das Ma- Max Brod lag die Einheit der Betrachtung in »einer
nuskript am 14. August 1912 an den Verleger Ro- innig zusammenhängenden Stimmungswolke, von
wohlt und offerierte ihm seine »kleine Prosa« im Be- individuellstem Blickpunkt aus gesehen« (ebd.).
gleitbrief mit dem wenig pragmatischen Hinweis, Zu fragen ist, ob der Titel Betrachtung (gemäß der
»auch bei größter Übung und größtem Verständnis« vom Verlag produzierten Banderole des Buches:
sei »das Schlechte in den Sachen nicht auf den ersten DzL:A 34) eine »innere Einheit« des Differenten be-
Blick zu sehn« (14.8.1912; T 429 u. An E. Rowohlt; tonen oder – ganz im Gegenteil – deren Zerfall in-
B00–12 167). Bereits sechs Tage später scheint Kafka szenieren soll. Fungiert der Titel als Konvergenz-
seine Entscheidung zur Veröffentlichung zu bereuen; punkt heterogener literarischer Entwürfe, oder ent-
im Tagebuch formuliert er den Wunsch: »Wenn spricht er einem Prisma, das die unterschiedlichen
Rohwolt [sic] es zurückschickte und ich alles wieder Perspektiven bündelt, um sie zu brechen und diffun-
einsperren und ungeschehen machen könnte, so daß dieren zu lassen?
ich bloß so unglücklich wäre, wie früher« (20.8.1912; Die Diskontinuität von Kafkas Frühwerk Betrach-
T 431). Nachdem Max Brod ihn gleichwohl zur Pub- tung entspricht der zeitgenössischen Krise der Iden-
likation überredet hatte (DzL:A 37), wurde die Be- tität. Ähnlich wie bei der Multiplikation des Ich in
trachtung, deren Texte in der KA nur 32 Seiten um- der Beschreibung eines Kampfes scheint Kafka auch
fassen (DzL 9–40), auf Kafkas Wunsch hin durch ei- hier an Nietzsches These vom Ich als bloßer Fiktion
nen außergewöhnlich großen Schriftgrad (Tertia) und an Ernst Machs Diktum anzuschließen, das Ich
auf 99 Seiten gestreckt und mit breitem Rand publi- sei »unrettbar« (Neymeyr, 14–24). So könnte man
ziert (An den E. Rowohlt Verlag, 7.9.1912; B00–12 im Verzicht auf Kohärenz geradezu ein einheitsstif-
Betrachtung 113

tendes Metaprinzip von Kafkas Betrachtung erbli- raus. Kafka selbst scheint darauf anzuspielen, wenn
cken. Indem der singularische Titel Homogenität in- er die Texte 1912 in einem Brief als »Lichtblicke in
szeniert, weist er zugleich auf den Zerfall traditionel- eine unendliche Verwirrung« bezeichnet und die
ler Einheitskonzepte hin. Lektürestrategie formuliert: »man muß schon sehr
Der Begriff ›Betrachtung‹ hat zwei Bedeutungs- nahe herantreten, um etwas zu sehn« (An F. Bauer,
komponenten. Einerseits bezieht er sich konkret auf 29./30.12.1912; B00–12 372).
die optische Wahrnehmung von Außenwelt, ande- Einige Grundkonstellationen bestimmen die Be-
rerseits zielt er auf abstrakte Reflexion oder kontem- trachtung durch leitmotivische Wiederholung und
plative Verinnerlichung (Kurz 1994, 58 f.). Auch in Variation. Schauplätze des Geschehens ergeben sich
den Texten selbst finden sich wiederholt Wörter aus zu Hause (B 4, 6, 8, 15, 18), in der Situation des Auf-
dem Bereich des Sehens und der Beobachtung, aber bruchs (B 3, 5, 18), auf nächtlichen Straßen (B 2, 9,
auch aus der Sphäre des Nachdenkens. Das gilt schon 10) und bei der Heimkehr (B 7, 9). Mehrfach wird
für die Überschriften der Texte Zerstreutes Hinaus- die Stadt-Land-Relation zum Thema (bes. in B 1).
schaun und Zum Nachdenken für Herrenreiter. Ver- Auch die Motive des Indianers (B 1, 13, 16), des Rei-
mutet wurde bereits, Kafka habe den Titel Betrach- tens und des Pferdes (B 7, 14, 15, 16, 18) kommen in
tung »programmatisch« mit dem der früher entstan- der Betrachtung wiederholt vor. Das Erscheinen des
denen Beschreibung eines Kampfes kontrastieren Mädchens (B 8, 11, 12) ist mit dem Motiv der Klei-
wollen (Dietz, 40). der (B 7, 11, 12, 13) und dadurch – wie in Beschrei-
bung eines Kampfes – auch mit gesellschaftlicher
Erzählerinstanzen Konvention sowie mit Rollenspiel und Maskerade
verbunden. Nicht zufällig bezeichnet der Ich-Erzäh-
Indem Kafka die beiden semantischen Hauptas- ler in der Miniatur Kleider das menschliche Gesicht
pekte des Begriffs ›Betrachtung‹ realisiert, kann er als »einen natürlichen Maskenanzug« (DzL 28 f.).
in seinem Werk spannungsreiche Konstellationen Spannungsverhältnisse zwischen gesteigerter Ak-
von Innenleben und Außenwelt gestalten. Den tivität und einem Versinken in Lethargie werden in
Standpunkt der Erzählerinstanz variiert er dadurch, mehreren Varianten durchgespielt (vgl. B 2, 3, 4, 10).
dass er das als Perspektivfigur auftretende Ich zum Als Figurationen des Übergangs vermitteln Fenster
Wir erweitert oder in ein diffuses Man auflöst. Aber (B 1, 7, 8, 9, 15, 18), Türen und Tore (B 3, 6, 7, 18)
selbst der Ich-Erzähler ist als Figur kaum konkret zu zwischen Innen und Außen; der einsamen Perspek-
fassen, weil er in der Anonymität verharrt. Sogar als tivfigur, die zwischen Hoffnung (B 15) und Resigna-
er sich in Unglücklichsein im Gespräch selbst vor- tion (B 18) schwankt, eröffnen sie die Aussicht auf
stellt, vermeidet er auf artifizielle Weise die konkrete Integration in eine Gemeinschaft. Das Spiegelmotiv
Angabe seiner Identität: »Ich heiße Soundso« (DzL (B 7, 12, 18) markiert Chancen und Abgründe der
35). In Entschlüsse sind andere Individuen proviso- Selbstbegegnung.
risch durch die Initialen A., B., C. repräsentiert (19). Immer wieder treten Momente einer Destabilisie-
Ausdrücklich negiert wird die individuelle Persona- rung hervor (B 4, 5, 6, 7, 11, 15, 18). Sie zeigt sich in
lität, wenn in Der Ausflug ins Gebirge sogar eine Verfremdungen der Wahrnehmung (etwa wenn der
»Gesellschaft von lauter Niemand« erscheint (20). Erzähler bei der Beobachtung auffliegender Vögel
In der Beschreibung eines Kampfes macht Kafka die »nicht mehr glaubte, daß sie stiegen, sondern daß
Namensproblematik zum Indikator einer tiefrei- ich falle«; DzL 9), im irritierenden Körpergefühl,
chenden Identitätskrise (vgl. Neymeyr, 142–148, »die Beine schiefgeweht« (11), »selbst fortgeblasen«
172–173). zu werden (19), oder in der traumatischen Empfin-
dung fehlender Existenzgewissheit und Daseinslegi-
Motivische Korrelationen timation (B 11, 18). Wenn das durch Einsamkeit ver-
unsicherte Ich die Realität projektiv überformt, kann
Trotz der Unterschiedlichkeit der Einzeltexte ist eine die Sehnsucht nach Kommunikation sogar gespens-
Vielzahl von thematischen Elementen und Motiven terhafte Phänomene generieren (B 18). Mit dem Mo-
festzustellen, die auf eine zyklische Komposition der tiv des Kindes, das in Unglücklichsein als Gespenst
Betrachtung verweisen (Kurz 1994, 53 f.). Durch ihre erscheint, verbinden sich Angstgefühle, Abwehrre-
Strukturdichte fordern die Prosaminiaturen der Be- flexe und Erinnerungen an die verdrängte Vergan-
trachtung zu intensiver mikroskopischer Lektüre he- genheit (»Ihre Natur ist meine«; DzL 37).
114 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

Über die vielfältigen Vernetzungen einzelner Mo- Allerdings lassen solche lyrisierenden Partien kein
tive hinaus bildet sich durch das Motiv des Kindes (B poetisches Naturgefühl entstehen (Kurz 1994, 52).
1, 6, 7, 8, 18) sowie der Müdigkeit und des Schlafes Den Charakteristika des Prosagedichts entspricht
(B 1, 2, 10, 15, 18) auch eine Rahmenstruktur: Der Kafkas Betrachtung schließlich auch durch eine lako-
erste Text Kinder auf der Landstraße, der in der Be- nische Sprache, die kaleidoskopische Konfiguratio-
trachtung als Realität erscheint (DzL 9–14), im Kon- nen schafft (Kemp, 55).
text der Beschreibung eines Kampfes jedoch in einen
Traumkontext gestellt wird (NSF I, 145), ist dadurch Logische Konstruktionen und Strategien
mit dem letzten Text Unglücklichsein verbunden.
der Verfremdung
Abgesehen von Angaben zur Tageszeit bleiben die
Raum-Zeit-Koordinaten in der Betrachtung weitge- Im Unterschied zum Typus des Prosagedichts ist die
hend unbestimmt. Obwohl die Korrelation zwischen Syntax einiger Texte der Betrachtung von logischen
Dorf und Stadt in den Texten Kinder auf der Land- Strukturen bestimmt. Mit der markanten wenn-
straße und Entlarvung eines Bauernfängers hervor- dann-Korrelation in Der plötzliche Spaziergang anti-
tritt, verweisen zahlreiche Textelemente auf techni- zipiert Kafka die konditionale Grundstruktur seiner
sche Errungenschaften der Moderne: Eisenbahnzug, Parabel Auf der Galerie.
Grammophon, Lift, Panzerschiff, Automobil und In anderen Texten der Betrachtung wählt er Ver-
Straßenbahn (DzL 13, 15, 22, 23, 24, 27, 29). fremdungsstrategien, die einen bloßen Schein von
Selbstverständlichkeit inszenieren, um ihn durch
Gattungsproblematik auffällige Leerstellen zugleich ad absurdum zu füh-
ren. Das gilt etwa für die Aussage in der Miniatur
Schon Kafkas eigene Begriffswahl zeigt, wie schwie- Der Ausflug ins Gebirge, es verstehe sich von selbst,
rig eine präzise Gattungsbestimmung ist: So bezeich- dass »alle in Frack sind« (DzL 20). Hermetische Ele-
net er die Texte der Betrachtung als »kleine Prosa«, mente finden sich auch in der Parabel Die Bäume,
»Stückchen«, »Sachen« (7.8.1912; T 427 u. 14.8.1912; die mit einem rätselhaften kausalen Rückbezug ein-
T 429) und »meine kleinen Winkelzüge« (An F. setzt: »Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee«
Bauer, 8.11.1912; B00–12 222). Legitim sind die Be- (DzL 33). Indem Kafka Leerstellen inszeniert, ver-
griffe ›Prosaminiaturen‹, ›Skizzen‹ oder ›Studien‹, fremdet er die Wirklichkeit. So eröffnet er neue, un-
die Distanz zu einem Werkbegriff traditionellen Zu- erwartete Perspektiven, die sich rational nicht ein-
schnitts signalisieren und dem Aspekt des Subjektiv- deutig fassen lassen. Wenn logische Korrelationen
Impressionistischen oder Vorläufigen in der Betrach- ins Leere laufen, entsteht ein Sinnvakuum.
tung ebenso Rechnung tragen wie der reflexiven
Komponente. Perspektivische Experimente
Für einige der Texte erscheint auch der Begriff
›Prosagedicht‹ (›poème en prose‹) adäquat, der seit Durch unterschiedliche Gestaltungsprinzipien er-
1900 auf Texte von Baudelaire, Rimbaud, Wilde, scheint Kafkas Betrachtung als facettenreiches Experi-
Nietzsche, Brecht, Trakl, George, Hofmannsthal, mentierfeld (Kurz 1994, 51). Lyrisch-evokative Ele-
Rilke, Walser, Polgar, Altenberg und Kafka bezogen mente (wie in Zerstreutes Hinausschaun) wechseln
wurde. Zu den Charakteristika des Genres gehören mit narrativen Sequenzen, dialogischen Szenen und
Kürze und eine elaborierte stilistische Gestaltung monologischen Partien (z. B. in Kinder auf der Land-
mithilfe von Wiederholungen, Allusionen, musikali- straße, Entlarvung eines Bauernfängers sowie Der Aus-
scher Rhythmisierung und evokativer Metaphorik flug ins Gebirge). Während einige Texte der Betrach-
(Kurz 1994, 50 f.). tung monoperspektivisch gestaltet sind (z. B. Der
Das Kriterium der Kürze erfüllen die Texte in Kaf- plötzliche Spaziergang), kontrastiert Kafka in anderen
kas Betrachtung, da die meisten von ihnen in der KA mehrere Standpunkte, z. B. in Kinder auf der Land-
maximal 1,5 Seiten umfassen. Nicht alle der Prosa- straße. Der Status des Selbstgesprächs kann aber selbst
miniaturen sind allerdings gleichermaßen kunstvoll dort erhalten bleiben, wo sich der Monolog zum Dia-
komponiert. Den Spezifika eines Prosagedichts ent- log zu erweitern scheint: etwa wenn dieser als bloße
spricht vor allem Zerstreutes Hinausschaun; hier fällt Imagination der Perspektivfigur fiktiven Charakter
im zweiten Absatz sogar ein rhythmisierter, zum hat (wie in Die Abweisung) oder einer projektiven
Daktylus tendierender Sprachduktus auf (DzL 24). Phantasie entspringt (wie in Unglücklichsein).
Betrachtung 115

Zur Pluralität epischer Verfahren, die Kafka in Diese auffällige Forschungslücke lässt sich damit
seiner Betrachtung experimentell erprobt, gehört erklären, dass Kafkas erste Schaffensphase über
auch ein Wechsel zwischen sinnlich-konkreter Le- lange Zeit im Schatten seiner späteren Werke stand.
bendigkeit und abstrakteren Gedankengängen. So In der ansonsten oft kontroversen Kafka-Forschung
folgen auf anschaulich gestaltete Handlungssequen- ist die Einschätzung weit verbreitet, die Erzählung
zen mitunter Reflexionen von eher kontemplativem Das Urteil aus dem Jahre 1912 markiere seinen ei-
Charakter. Und mit realistischer Darstellung kon- gentlichen literarischen Durchbruch. Infolgedessen
trastiert Kafka Verfremdungsstrategien, die surreale galt die Aufmerksamkeit zumeist primär den nach
Sonderwelten entstehen lassen. Ihnen entspringen dieser Zäsur entstandenen Texten. Kafkas Frühwerk
projektive Phantasien der Perspektivfigur, die sich – hingegen wurde weitgehend vernachlässigt und in
wie in der Beschreibung eines Kampfes – sogar zu Einzelfällen sogar künstlerisch nicht einmal ernst
konkreten Gestalten verdichten können (etwa zur genommen. Die Ursache dafür liegt in unzureichend
gespensterhaften Erscheinung des Kindes in Un- fundierten Prämissen literarischer Wertung. Vor-
glücklichsein). In Der Ausflug ins Gebirge steigert schnell wurde behauptet, Kafkas erste Produktions-
sich die surreale Phantastik bis zu einer grotesken phase sei lediglich als Stadium einer »verzweifelten
Totalität. Suche« nach adäquaten literarischen Formen zu
klassifizieren (so Politzer, 45). Daher betrachtete
man die Werke aus dieser Phase noch als bloße Ex-
Forschung perimente, mithin als unvollkommen oder unreif
(vgl. Glinskis kritisches Referat zur Forschungssitua-
Die Unterschiedlichkeit der in Kafkas Betrachtung tion, 1–25, besonders 1–3).
versammelten Einzeltexte und die Variabilität der in Extremurteile finden sich in dem von Hartmut
ihnen inszenierten Perspektiven haben in der For- Binder herausgegebenen Kafka-Handbuch von 1979:
schung zu konträren Einschätzungen geführt. Ab- Hier reduziert James Rolleston das gesamte »Früh-
hängig davon, auf welche Aspekte sich der Interpret werk (1904–1912)« auf eine rein experimentelle,
jeweils konzentriert, ändert sich auch die Gesamt- künstlerisch jedoch irrelevante »Werkstatt-Situa-
einschätzung. So findet sich in der einschlägigen Se- tion«, der kein eigentlicher Werkstatus zukomme; er
kundärliteratur einerseits die These, die Themen- vertritt explizit die These, es sei »sinnlos, solche Tä-
komplexe und Motive in Kafkas Betrachtung seien tigkeit literarisch beurteilen zu wollen« (Rolleston
lediglich »loosely connected« (White, 86), anderer- 1979, 242). Und Ingeborg Henel meint, die vor dem
seits wird ein dichtes, sorgfältig komponiertes Mo- Urteil entstandenen Werke Kafkas seien, »als Kunst-
tivgeflecht festgestellt, durch das Kafka die Prosami- werke betrachtet, bloße Versuche und nicht einmal
niaturen intensiv miteinander vernetzt habe (Binder, besonders geglückte«; sie konzediert ihnen lediglich,
118 f. u. Kurz 1994, 58). Positivistische Detailinfor- dass sie »entwicklungsgeschichtlich […] auf die fol-
mationen zur Entstehungsgeschichte der Betrach- genden Werke« vorbereiten (Henel, 221).
tung in der Buchfassung von 1912, zu ihren Vorstu- Reinhard Baumgart hingegen betont in einer 1989
fen sowie zu einzelnen Motiven und ihrem biogra- erschienenen Monographie über Thomas Mann,
phischen Kontext bietet Binders Kafka-Kommentar Kafka und Brecht mit Nachdruck das künstlerische
(Binder, 57–62, 67–75, 84–88, 108–122). Potential des jungen Kafka und verwendet den Be-
Trotz der Vielzahl von Publikationen, die sich seit griff ›Meisterschaft‹ auch für seine frühen Werke.
Jahrzehnten mit Kafkas facettenreichem Œuvre aus- Deren spezifischen Charakter umschreibt er mit
einandersetzen, ist sein anspruchsvolles Frühwerk dem Oxymoron »vorsichtige Kühnheit« (Baumgart,
bislang erstaunlicherweise nur selten zum Gegen- 170). Schon in der Betrachtung habe Kafka ein »meis-
stand wissenschaftlicher Analysen geworden. Das terhaft beherrschtes Erzählmodell« entwickelt; mit
gilt für die Beschreibung eines Kampfes ebenso wie ihm führe er »in immer neuer Variation […] die un-
für die Betrachtung. So konstatiert bereits Gerhard endliche, doch in sich abgeschlossene Bewegung«
Kurz, die Forschungsliteratur zur Betrachtung sei im Spannungsfeld von »aufschwellender Sprach-
»auffallend schmal« (Kurz 1994, 64). Und noch im phantastik und trostloser Alltagsernüchterung« vor
Jahr 2004 kann Sophie von Glinski in ihrer Disserta- (Baumgart, 173, 175). Zuvor hatte bereits Gerhard
tion feststellen, die Anzahl der Arbeiten zu Kafkas Kurz mit einem 1984 publizierten Sammelband das
Frühwerk sei »gering« (von Glinski, 2). von der Forschung vernachlässigte Frühwerk Kafkas
116 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

stärker in den Fokus des Interesses zu rücken ver- (20), zeigt eine andere Dissertation, die sich weitge-
sucht. Kurz beschreibt die »Jahre zwischen 1909 und hend darauf beschränkt, Textparaphrasen zur Be-
1912« als eine für Kafka »literarisch produktive trachtung mit Ergebnissen der bisherigen Forschung
Phase« (Kurz 1984, 7) und betont die Kontinuität in zu korrelieren, passagenweise auch Affinitäten zum
seinem Werk, die man an der Weiterführung früher Expressionismus auf (Kübler-Jung, 47–61).
Motive und Erzählmuster in der späteren Prosa er- Das Gesamtkorpus der Betrachtung ist Gegen-
kenne (Kurz 1984, 8). Die in Kafkas Betrachtung zen- stand eines Sammelbandes mit dekonstruktivisti-
tralen Erfahrungen von Entfremdung und Verloren- scher Tendenz, der 2003 aus einem Münsteraner
heit korreliert er mit Paradigmen des expressionisti- Oberseminar hervorgegangen ist. Die Aufsätze re-
schen Jahrzehnts (Kurz 1984, 24). flektieren die innere Dynamik der in den Texten re-
Auch die literarische Selbstreflexion reicht bis in präsentierten Imaginationsprozesse unter drei Prä-
Kafkas früheste Werke zurück. Hans-Thies Leh- missen: Sie gehen von einer »Intensivierung der
mann formuliert die dekonstruktivistische These, Wahrnehmung« sowie von der »Monumentalisie-
»Kafkas Schreiben« ziele auf den »Entzug der Refe- rung der Schrift« und von der Auflösung einer sujet-
renz« und konzentriere sich dabei so sehr »auf die bezogenen Schreibweise bei Kafka aus (H.-J. Scheuer
Sprachbewegung«, dass sich »der dem Leser sugge- u. a., XIII).
rierte Gegenstand« sukzessive auflöse (Lehmann,
214). Exemplarisch erprobt Lehmann seine These,
die sich allerdings schwerlich generalisieren und auf Deutungsaspekte
Kafkas gesamtes Œuvre beziehen lässt, u. a. an den
Psychologische Konstellationen
Texten Wunsch, Indianer zu werden und Der Ausflug
ins Gebirge. Die hier vorgestellte »Gesellschaft von Der formalen Heterogenität von Kafkas Betrachtung
lauter Niemand« (DzL 20) deutet er als Schriftsym- steht eine weitreichende Homogenität auf der In-
bolik: als »eine kaum verhüllte Allegorie der Buch- haltsebene gegenüber. Immer wieder wird das span-
staben«, die auf eine Autoreferentialität der Zeichen nungsvolle Verhältnis des Individuums zu seinem
verweise (Lehmann, 216, 236). sozialen Umfeld evident. Die jeweilige Perspektivfi-
Bernhard Böschenstein vergleicht Kafkas Betrach- gur, die sich direkt als Ich artikuliert, sich in eine
tung mit Robert Walsers Berliner Skizzen, sieht Ana- Wir-Gruppe einreiht oder hinter einem diffusen
logien in einer »Rollenparadigmatik«, die das Er- Man verschwindet, erscheint zumeist als einsames
zählkontinuum aufhebe, betont zugleich aber Kafkas Wesen, unglücklich, haltlos, »vollständig unsicher«
größere Radikalität bei der Darstellung maskenhaf- (DzL 27), von Angst, Scham oder Reue gequält und
ter Inszenierungen (Böschenstein, 203, 209 f.). von Sehnsucht nach Integration in eine Gemein-
Sophie von Glinski konzentriert sich in ihrer 2004 schaft erfüllt. Mehrfach erhellt diese negative Be-
erschienenen Dissertation auf die spezifischen Ver- findlichkeit bereits aus den Überschriften: In dem
schränkungen von Traum und Realität, die das Text Das Unglück des Junggesellen beschreibt die Per-
Phantastische in Kafkas Frühwerk sowie in seinen spektivfigur ihre eigene Isolation als demütigende
experimentellen Tagebuch-Skizzen kennzeichnet. und entwürdigende Erfahrung, die sich in Unglück-
Ausgehend von der These, das Phantastische sei »ein lichsein sogar bis zu klaustrophobischen Anwand-
Rezeptionseffekt, der durch Kafkas Schreibweise be- lungen steigert. Wenn ein anonymes Man mit An-
wirkt« werde, analysiert sie präzise die »Mikrostruk- spruch auf Allgemeingültigkeit inszeniert wird (wie
turen einzelner Sätze«, um die Erzähltechniken zu in Der plötzliche Spaziergang), erhält der Text exem-
erschließen, durch die Kafka »Irrealisierungseffekte« plarischen Charakter und legt den Lesern Reflexio-
entstehen lasse (von Glinski, 14, 18, 15). Durch die nen über die conditio humana nahe.
Entscheidung für eine »mikrologische Lektüre« (21) Die psychologische Dynamik von Kafkas Betrach-
ist es bedingt, dass von Glinski von den achtzehn tung ähnelt in mancherlei Hinsicht dem Duktus sei-
Texten der Betrachtung lediglich vier analysiert: Klei- ner Beschreibung eines Kampfes. Auch hier ringt ein
der, Der Kaufmann, Der Fahrgast und Die Vorüber- labiles Ich um Selbststabilisierung – mit manischen
laufenden (von Glinski, 92–161). Größenphantasien, die in Unsicherheit und Resi-
Während von Glinski Kafkas Texte auf Kosten der gnation umschlagen. Mitunter lässt Kafka die Ambi-
für ihre moderne Signatur wesentlichen kulturhisto- tionen seiner Perspektivfigur noch innerhalb dessel-
rischen Horizonte »ausschließlich immanent« liest ben Textes scheitern (so in Entschlüsse) oder auf ver-
Betrachtung 117

borgene Unsicherheiten hin transparent werden (wie Ähnlich wie in Entschlüsse scheitert der Versuch
in Der Nachhauseweg). Wenn das forcierte Selbstbe- hybrider Selbstermächtigung in Der Nachhauseweg.
wusstsein des Ich kollabiert, wird deutlich, dass Ge- Auch hier gerät das Ich schließlich in eine passiv-
fühle von Hybris und Inferiorität auf dieselbe resignative Haltung. In Der Fahrgast erlebt die Er-
Grundproblematik verweisen: auf eine labile Identi- zählerfigur einen radikalen Absturz in das Gefühl
tät. Indem die Figuren Kontakt zu ihrem sozialen eigener Nichtigkeit. Nur die Beobachtung eines
Umfeld aufnehmen, entstehen abwechslungsreiche Mädchens in der Straßenbahn ermöglicht eine vor-
Konstellationen; fiktionale und reflexive Textpartien übergehende Ablenkung vom Leiden an der eigenen
erhalten hier ihre spezifische Funktion. Unsicherheit.
Wiederholt schwankt die Perspektivfigur zwischen Wie Kafkas Zyklus Betrachtung ist auch seine Er-
energischer Aufbruchsbereitschaft und Rückzugs- zählung Beschreibung eines Kampfes durch ambiva-
tendenzen. Kafka lotet diese Ambivalenzen durch lente Grundstrukturen gekennzeichnet. Der psychi-
Spannungsfelder zwischen Dynamik und Statik, schen Dynamik der zwischen Aufbruchsimpulsen
Energie und Lethargie, Bewegung und Ruhe oder und Rückzugstendenzen changierenden Perspektiv-
Erstarrung aus. Dem labilen und ängstlichen Ich er- figuren entsprechen physische Aktionen in der Au-
scheint mitunter sogar Vertrautes als fremd und irri- ßenwelt. Kafka exponiert sie in der Beschreibung ei-
tierend. Motive des Fallens, Schaukelns, Schwebens nes Kampfes schon durch die Kapitelüberschriften
und Fliegens (DzL 9–12, 16, 23 f., 29, 32, 34) signali- »Ritt« und »Spaziergang« (NSF I, 72 u. 74), in der
sieren eine fundamentale Instabilität, die bis zur Auf- Betrachtung durch Titel wie Der plötzliche Spazier-
lösung des Raum-Zeit-Kontinuums reichen kann: gang, Der Ausflug ins Gebirge und Der Nachhause-
etwa dann, wenn sich während eines imaginierten weg.
Ritts das Umfeld des Reiters sukzessive zu verflüchti-
gen scheint (DzL 32 f.), oder wenn es heißt: »Es gab Instabile Wirklichkeiten:
keine Tages- und keine Nachtzeit« (10 f.). Der Text
Phantastik versus Realismus
Zum Nachdenken für Herrenreiter zeigt, wie sich so-
gar die positiv konnotierte Vorstellung eines Sieges Surreale Inszenierungen bestimmen Kafkas Minia-
beim Reitturnier allmählich in die Imagination einer turtexte Der Ausflug ins Gebirge und Wunsch, India-
Niederlage verwandeln kann (30 f.). ner zu werden. Hier nutzt er Ausdrucksformen des
Phantastischen: für »einen Ausflug mit einer Gesell-
Kontrastive Figurationen schaft von lauter Niemand« (DzL 20). Ein Parado-
xon inszeniert Kafka im Gestus der Negativität: Weil
Immer wieder korreliert Kafka die Einzeltexte seiner er mathematische Gesetzmäßigkeiten der Addition
Betrachtung, indem er unterschiedliche Sichtweisen (0+0=0) auf kurios-provokante Weise aufhebt, ent-
experimentell erprobt und alternative Lebensent- steht eine phantastische Gruppenformation von
würfe miteinander konfrontiert. So wird der positive »lauter Niemand«. Dass sie eine universelle Bezie-
Impuls zum Aufbruch in Der plötzliche Spaziergang hungslosigkeit signalisiert, erhellt daraus, dass schon
im folgenden Text Entschlüsse mit vergeblichen An- am Anfang des Textes ein isoliertes Ich ratlos in
strengungen kontrastiert, eine Leidenssituation mit- Szene gesetzt wird.
hilfe purer Willensenergie zu überwinden. Weil dar- Dieser Grundstruktur von Negativität entspricht
aus eine inauthentische Inszenierung entspringt, en- im Wunsch, Indianer zu werden ein umfassender
det der Text mit einem resignativen Gestus: Hinter Gestus der Annihilation: Die projektive Vorstellung
der Fassade forcierten Selbstbewusstseins lauert die eines befreienden Ritts, die sich mit kindlicher Sehn-
Leere. sucht nach Freiheit und Abenteuer in der Lebens-
Wenn die Perspektivfigur ihr Leben sogar als ge- welt der Indianer verbindet, löst sich buchstäblich
spensterhaft unwirklich empfindet, werden Affinitä- ins Nichts auf. Diese Konstellation gestaltet Kafka
ten zum Gespenstermotiv in Unglücklichsein, dem genau invers zur Ritt-Episode in seiner Beschreibung
letzten und längsten Text des Zyklus, evident: Hier eines Kampfes: Hier lässt er den Ich-Erzähler »in das
evoziert ein Verzweiflungsanfall die Erscheinung ei- Innere einer großen, aber noch unfertigen Gegend«
ner nostalgischen Projektionsfigur; als fremd-ver- reiten (NSF I, 73), die er in einer phantastischen
trautes »Gespenst« wird das Kind zum Symbol ver- creatio ex nihilo erschafft und seinen spontanen
fehlten Lebens. Wünschen gemäß modifiziert.
118 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

Parabolische Verdichtung kennzeichnet die Pro- dem als »Bauernfänger« (15, 17) bezeichneten Mann
saminiatur Die Bäume (DzL 33), in der Kafka zwei gelingt.
gegenläufige Deutungen der Wirklichkeit so korre- Wie in anderen Texten Kafkas ist hier eine enge
liert, dass sie einander dementieren – bis zur herme- Korrelation zwischen Eigenem und Fremdem fest-
neutischen Aporie. zustellen, zumal sich die Grenzen zwischen Ich und
Welt aufzulösen scheinen: Mehrmals lässt der Ich-
Fluchtreflexe und Vermittlungsversuche Erzähler eine untergründige Identifikation mit dem
von ihm verabscheuten Bauernfänger erkennen,
Das für die gesamte Betrachtung zentrale Spannungs- etwa dort, wo er ihn als »meinen Begleiter« (15) oder
feld von Individuum und Gesellschaft konkretisiert sogar als »meinen Mann« (17) bezeichnet und von
sich in unterschiedlichen Konfigurationen von seinen »ersten städtischen Bekannten«, den Bauern-
Innenleben und Außenwelt. Zumeist entsprechen fängern, spricht (16). Nachdem er den Fremden end-
räumliche Verhältnisse von Enge und Weite der je- lich abgeschüttelt hat, erlebt der Ich-Erzähler gerade
weiligen psychischen Befindlichkeit. In Innenräu- den Eintritt in Innenräume als Akt seelischer Befrei-
men kann sich das Unglück des Ich bis zum Extrem ung – eine für Kafkas Texte eher untypische Konstel-
steigern (so mit gewissen Differenzen in den Texten lation. Anders als bei den für seine Werke so typi-
Entschlüsse, Das Unglück des Junggesellen, Der Kauf- schen Junggesellenszenerien handelt es sich hier al-
mann, Das Gassenfenster und Unglücklichsein). lerdings nicht um die Rückkehr in die Tristesse der
Der Blick aus dem Fenster, den Kafka in der Be- eigenen Wohnung, sondern um die Einladung zur
trachtung immer wieder inszeniert, erhält im Text Abendgesellschaft in ein herrschaftliches Haus.
Das Gassenfenster nahezu therapeutischen Charak-
ter: Hier wird dem Ich eine Aussicht auf Integration
in die Gemeinschaft eröffnet. Dabei fungiert das Exemplarische Textanalysen
Fenster als Medium der Vermittlung zwischen In-
Die Bäume
nen- und Außenwelt. Am Ende von Der Nachhause-
weg lässt sich der Kollaps eines hybriden Selbstbe- Die spezifische Raffinesse dieses Gleichnisses, das
wusstseins allerdings selbst durch das Öffnen des auch dem Textkonvolut der Beschreibung eines
Fensters nicht verhindern. Auch in Unglücklichsein Kampfes angehört und sich dort mit einigen Abwei-
verhilft das Fenster nicht zur Bewältigung einer apo- chungen von der Version der Betrachtung (DzL 33)
retischen Situation. sowohl in der Fassung A (NSF I, 110) als auch (er-
Während die Enge von Innenräumen klaustro- neut variiert) in der Fassung B (166) findet, liegt in
phobische Anwandlungen begünstigt, schafft die der Doppelbödigkeit, mit der Kafka eine Konfusion
unermessliche Weite der Außenwelt im ersten Text der Beziehung zwischen Schein und Sein inszeniert.
Kinder auf der Landstraße immerhin Gelegenheiten, Durch seinen parabolischen Charakter bietet sich
Schranken des Gewohnten spontan zu durchbre- dieser Text in besonderer Weise an, um paradigma-
chen und authentische Vitalität zu erfahren (Kurz tische Strukturen der Betrachtung aufzuweisen.
1994, 54 f. u. Geulen, 5–15). In dem Text Der plötzli- Kafka spielt hier zwei konträre Deutungsmöglich-
che Spaziergang führt das Verlassen der Wohnung keiten durch, die er anschließend jedoch beide revi-
dazu, dass die Lethargie des Individuums in eine diert, so dass sich die dargestellte Realität vollends
Freiheitseuphorie umschlägt; mit ihr ist das singu- ins Diffuse verflüchtigt. Der äußere Schein täuscht
läre Erlebnis ›eigentlicher‹ Identität verbunden. über die tatsächliche Beschaffenheit der Dinge hin-
Invers gestaltet Kafka die Innen-Außen-Korrela- weg. Allerdings führt die Diagnose des Irrtums selbst
tion allerdings in Entlarvung eines Bauernfängers noch keineswegs via negationis zur Wahrheit. Denn
(DzL 14–17). Hier sehnt sich der Ich-Erzähler nachts auch die zweite, gegenläufige Hypothese wird
auf der Straße nach Befreiung von einem aufdringli- schließlich verworfen, so dass sich die von ihr be-
chen Fremden, den er als lebendiges Hindernis auf hauptete Faktizität überraschenderweise nachträg-
dem Weg zu einer Abendgesellschaft empfindet. Mit lich ebenfalls als bloß scheinbar erweist.
der Weite der nächtlichen Szenerie korrespondiert Durch die Rätselhaftigkeit der in der Parabel in-
das Gefühl seelischer Beengung hier gerade nicht; szenierten Situation mündet der hermeneutische
seine Scham und Beklemmung vermag der Ich-Er- Prozess in eine für den Leser irritierende Entwirkli-
zähler erst zu überwinden, als ihm die Ablösung von chung: Die Perspektiven auf die »Baumstämme im
Betrachtung 119

Schnee«, die zwischen einer stabilen Lage und einer Kampfes durch das nachgestellte »nämlich« weniger
labilen Position zu changieren scheinen, lösen sich markant zum Ausdruck kommt, scheint ins Leere zu
letztlich in vage Unverbindlichkeit auf. Nicht zufällig laufen. Jedenfalls sucht man vergeblich nach einer
endet die nur aus viereinhalb Zeilen bestehende Mi- hermeneutisch ergiebigen Beziehung zum vorange-
niatur mit dem Modaladverb »scheinbar«, das den gangenen Text Wunsch, Indianer zu werden. Nur der
Realitätsstatus des Ganzen summarisch negiert. In Naturkontext und die Tendenz zur Entwirklichung
dieser Hinsicht sind Affinitäten zu einer program- lassen eine gewisse Affinität entstehen. Indem Kafka
matischen Partie in Nietzsches Götzen-Dämmerung hier eine Kausalität suggeriert, deren Bezug opak
zu erkennen: »Wie die ›wahre Welt‹ endlich zur Fa- bleibt, inszeniert er eine Leerstelle.
bel wurde«; hier wird die Dichotomie von Schein
und Sein auf analoge Weise aufgelöst: »Die wahre Der plötzliche Spaziergang
Welt haben wir abgeschafft: welche Welt blieb übrig?
die scheinbare vielleicht? … Aber nein! mit der wah- Schon die syntaktische Struktur dieses Textes (DzL
ren Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft!« 17 f.) ist auffällig: Disproportionalität entsteht durch
(KSA 6, 81; vgl. Baker, 188 f.). zwei invers gestaltete Konditionalsätze unterschied-
Der Uneindeutigkeit des Gegenstandes entspricht lichen Umfangs. Die erste Satzperiode beginnt mit
der hypothetisch-indefinite Duktus der Darstellung einer hypertrophen, in einem Gestus kunstvoller
selbst. Sie führt mit subversiver Konsequenz in einen Selbstüberbietung immer wieder neu ansetzenden
logischen Zirkel, der sich auch in der Rahmenstruk- Nebensatzkonstruktion, durch die das Satzende bis
tur abbildet: Die Explikation der Anfangsthese be- kurz vor dem Abschluss des Textes retardiert wird.
ginnt und endet mit »scheinbar«. Indem sich die Erst jetzt folgt doch noch der mit »dann« eingeleitete
Grenzen zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit Hauptsatz. Der zweite, überraschend kurze Satz hin-
auflösen, gerät das Verhältnis zwischen Schein und gegen fängt mit dem Hauptsatz an, der durch einen
Sein in eine symptomatische Diffusion. Sie zeigt, ebenfalls konditionalen Nebensatz fortgeführt wird.
dass diese Parabel als Paradox konzipiert ist (Kobs, Indem die konditionale Struktur den Rahmen des
12). gesamten Textes bildet, wird das Moment des Hypo-
Hinzu kommt noch ein weiterer wesentlicher As- thetischen betont. Allerdings gerät die hier angelegte
pekt: Schon im ersten Satz wird die Position der Symmetrie schon durch das quantitative Ungleich-
»Baumstämme im Schnee« durch das Personalpro- gewicht der beiden Sätze aus der Balance.
nomen »wir« mit der conditio humana analogisiert. Mit dem im Titel angekündigten »plötzlichen Spa-
Dieser Vergleich überträgt die zwischen Labilität ziergang« verbindet sich die Konnotation des Ab-
und Stabilität changierende Lage der Bäume auf die rupten und Unerwarteten. Ihr entspricht die dem
Situation des Menschen, so dass die Auflösung der Text eingeschriebene markante Zäsur. Der Stagna-
Perspektiven in bloßen Schein dazu Anlass gibt, das tion in häuslicher Enge steht der vorgestellte Auf-
Gleichnis auch als Konzentrat einer Identitätspro- bruch in eine verheißungsvolle Freiheit diametral
blematik zu lesen (Neymeyr, 195–197). In besonde- gegenüber. Die im familiären Kontext etablierten
rem Maße gilt dies für die Funktion des Textstücks Verhaltensrituale verraten Adverbien wie »gewohn-
innerhalb der Beschreibung eines Kampfes: In der heitsgemäß« und »selbstverständlich« (17). Sie wer-
Fassung A lässt es sich nicht eindeutig der Figur des den mit »einem plötzlichen Unbehagen« (18) kon-
Dicken oder der Gestalt des Beters zuordnen; in der trastiert, aus dem sich dann die Motivation zum Auf-
Fassung B macht Kafka es zur Äußerung des extrem bruch ergibt.
labilen, an einer fundamentalen Identitätsproblema- Trotz dieser Opposition gerät der gesamte Text in
tik leidenden Beters. einen eigentümlichen Schwebezustand. Schon die
Von der in den Kontext der Beschreibung eines insgesamt zehnmal vorkommende Konjunktion
Kampfes integrierten Miniatur unterscheidet sich die »wenn« betont den rein hypothetischen Charakter
in das Corpus der Betrachtung eingeordnete Version der Szenerie. Hier zeigt die Prosaminiatur Analo-
durch eine Intensivierung der lapidaren Aussage. gien zu Kafkas später entstandener Parabel Auf der
Das gilt auch für die Gestaltung des Anfangs: In der Galerie (262 f.), die in zwei extrem ausgedehnten
Sammlung beginnt der Text – anders als in der Er- Satzgebilden widersprüchliche Perspektiven auf die
zählung – mit einem prononcierten »Denn«. Dieser Realität einer Zirkusvorstellung entwirft und die
kausale Rückbezug, der in der Beschreibung eines vorgeführte Wirklichkeit durch diese kunstvolle
120 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

Konfrontation zusehends ins Diffuse geraten lässt. ums, das sich im Erleben seiner Willensenergie der
Während dieser Text aber durch eine genau in der eigenen Möglichkeiten erst bewusst wird, neue Di-
Mitte platzierte Zäsur in zwei gleichgroße Komplexe mensionen an sich entdeckt und auf diese Weise
unterteilt ist, erzeugt der Einschnitt in Der plötzliche echte Identität gewinnt. Man mag sich hier an Kleists
Spaziergang Irritationen, weil semantischer Gehalt Novelle Die Marquise von O… erinnert fühlen, in der
und syntaktische Gestaltung divergieren. die Protagonistin durch ein wahrhaft unerhörtes Er-
Obwohl eigentlich erst am Ende der ausladenden eignis und dessen prekäre Konsequenzen dazu ver-
Konditionalperiode der Entschluss zum Aufbruch anlasst wird, sich von konventionellen Verhaltens-
zu erwarten wäre, beginnt die innere Entwicklung normen der Familie entschieden zu emanzipieren.
schon vorher umzuschlagen, nämlich bereits nach Kleist, dessen Werke zu Kafkas Lektüre zählten, lei-
dem vierten »wenn«: Schon hier leitet eine summa- tet diese biographische Zäsur für die Marquise mit
rische Retrospektive auf die geschilderten Verhält- der Formulierung ein: »Durch diese schöne An-
nisse die Zäsur ein: »und wenn man nun trotz alle- strengung mit sich selbst bekannt gemacht, hob sie
dem in einem plötzlichen Unbehagen aufsteht« sich plötzlich, wie an ihrer eigenen Hand, aus der
(17 f.). Von dieser Stelle an wird das monotone ganzen Tiefe, in welche das Schicksal sie herabge-
Gleichmaß des Satzrhythmus innerhalb der parallel stürzt hatte, empor« (Kleist, 167).
geschalteten konditionalen Syntax durch Dynami- In Kafkas Text Der plötzliche Spaziergang bleiben
sierung aufgehoben. Hatte »man« die eigene Lethar- trotz der markanten Zäsur allerdings Unklarheiten
gie zunächst durch eine mehrgliedrige Argumenta- und offene Fragen. Ob der Begriff der ›Freiheit‹ hier
tion zu legitimieren versucht, so ergibt sich nun uneingeschränkt im Sinne von voluntativer Selbst-
»trotz alledem« (18) ein Impuls zum Aufbruch. bestimmung zu verstehen ist, kann bezweifelt wer-
Die Vorstellung, den Entschluss »sofort« in die Tat den. Auffälligerweise erscheint ›Freiheit‹ nämlich
umzusetzen, hat erstaunliche Auswirkungen auf die nur ex negativo und wird zudem auf die physische
eigene Befindlichkeit. Denn die Imagination der Dimension reduziert: So ist nicht etwa von der Auto-
konkreten Entscheidung stimuliert einen plötzlichen nomie der Person die Rede, sondern bloß von der
Energieüberschuss, der mit einer grotesk anmuten- »Beweglichkeit« ihres Körpers (DzL 18).
den Übertreibung beschrieben wird: »wenn man Das in der Prosaminiatur 14mal auftretende Inde-
durch diesen einen Entschluß alle Entschlußfähig- finitpronomen ›man‹ legt überdies die Frage nahe,
keit in sich gesammelt fühlt« (18). Das anonyme warum hinter dem neugewonnenen emphatischen
Man geriert sich also geradezu als Energiekonzentrat Selbstgefühl des anonymen Sprechers – trotz der Er-
oder als Instanz zur Maximierung von Willenskraft. hebung »zu seiner wahren Gestalt« – kein Ich her-
Indem der zum Aufbruch Entschlossene in seiner vortritt und sich selbstbewusst in Szene setzt. So
mehrgliedrigen Argumentation die der Aktivität bleibt auch der Subjektstatus der Erzählerinstanz in
entgegenstehenden Hindernisse, nämlich Verhal- der Schwebe. An dieser Stelle bietet sich ein Seiten-
tensrituale, schlechte Witterungsverhältnisse und blick auf Kafkas Parabel Die Sorge des Hausvaters
die zu erwartende Verärgerung auf Seiten der Fami- (DzL 282–284) an, in der eine ambivalente Doppel-
lie, gedanklich beiseite räumt, scheint ihm die Kraft strategie des Zeigens und Verbergens dominiert: Der
zur »schnellsten Veränderung« zuzuwachsen. Da- Hausvater, der seine persönliche Betroffenheit und
durch steigert sich das Selbstgefühl bis zur Grandio- Verunsicherung angesichts der Konfrontation mit
sität: »gänzlich aus seiner Familie ausgetreten«, sieht der eigenen Endlichkeit zunächst zu kaschieren
»man« die Verwandten und damit implizit auch die suchte, indem er sich hinter einem diffusen Man ver-
eigene Zugehörigkeit zu ihnen »ins Wesenlose« ent- schanzte, tritt erst ganz am Ende als besorgtes Ich
gleiten. So verschafft sich der anonyme Erzähler ei- ungeschützt hervor.
nen im Wortsinn ab-soluten Status. Während der Kafkas Text Der plötzliche Spaziergang unterläuft
Familienverband aus seiner Perspektive ins Diffuse die Erwartungshaltung des Lesers dadurch, dass er
entschwindet, heißt es über den Aufbrechenden, ein konkretes Individuum als Erzählerfigur verwei-
dass er »selbst, ganz fest, schwarz vor Umrissenheit, gert und für das fiktional Dargestellte nicht einmal
[…] sich zu seiner wahren Gestalt erhebt« (18). einen textimmanenten Faktizitätsanspruch erhebt.
Auf den ersten Blick scheint hier geradezu ein op- Was bleibt, ist lediglich das Hypothetische eines kon-
timistisches Autonomiekonzept wirksam zu sein: in ditionalen wenn-dann-Gefüges. Auch die Formulie-
der Vorstellung einer Selbstfindung des Individu- rung »schwarz vor Umrissenheit« (18) erscheint be-
Betrachtung 121

fremdlich, weil sie eher an eine zweidimensionale hafte Bewegung ohne Anspruch auf umfassende
Fläche als an einen stabilen Körper denken lässt. Be- »Veränderung« (DzL 18). Da dem Spaziergang die
zeichnenderweise wird die extrem labile, fortwäh- Heimkehr folgen wird, tendiert das gesamte Unter-
rend um Selbststabilisierung ringende Betergestalt nehmen ohnehin zur Zirkularität. Durch diese Kreis-
in Kafkas Beschreibung eines Kampfes durch eine an- bewegung gerät die »Entschlußfähigkeit« (18) und
dere Figur folgendermaßen charakterisiert: »Sie sind Energie der Man-Instanz in einen teleologischen
Ihrer ganzen Länge nach aus Seidenpapier herausge- Leerlauf. In diesem Sinne scheint der Text bereits die
schnitten […], so silhuettenartig [sic]« und »müssen resignative Quintessenz der unmittelbar folgenden
sich nach dem Luftzug biegen, der gerade im Zim- Miniatur Entschlüsse vorwegzunehmen: »ich werde
mer ist« (NSF I, 97). mich im Kreise zurückdrehen müssen« (19). Gleich-
Noch weitere Irritationen geben Anlass, die Ober- sam interaktiv aufeinander bezogen, entfalten Kaf-
flächenstruktur von Kafkas Text Der plötzliche Spa- kas Texte Der plötzliche Spaziergang und Entschlüsse
ziergang zu hinterfragen. So wird der anfängliche das Spannungsverhältnis zwischen Lethargie und
Eindruck einer Idylle von häuslicher Gemütlichkeit Willensenergie mit jeweils unterschiedlichem Ak-
in Frage gestellt: durch die Erwartung, »das Haustor zent: als Alternativen, die letztlich aber auf eine ähn-
gesperrt« vorzufinden, und durch die spürbare Un- liche Grunddisposition verweisen.
geduld dessen, der »schon so lange […] stillgehalten
hat« (DzL 17). Problematisch erscheint der globale Entschlüsse
Rückbezug, mit dem der zweite Satz die im Vorange-
gangenen beschriebene Konstellation aufnimmt: In mehrfacher Hinsicht lässt die vierte Prosaminia-
»Verstärkt wird alles noch, wenn man zu dieser spä- tur (DzL 19) Analogien und Differenzen zum voran-
ten Abendzeit einen Freund aufsucht, um nachzuse- gegangenen Text Der plötzliche Spaziergang (17 f.)
hen, wie es ihm geht« (18). Das Pronomen »alles« er- erkennen. Hier wie dort steht die Erhebung über
zeugt einen logischen Bruch (Willer, 42). Denn sein eine negative Befindlichkeit im Zentrum. Dem
Totalitätsanspruch bezieht sich auf die Gesamtheit »plötzlichen Unbehagen« (18) im dritten Text der
des zuvor Dargestellten, also auf die Opposition von Betrachtung entspricht der Status quo, den der An-
Lethargie und Entschlusskraft. Demzufolge umfasst fangssatz der Entschlüsse als »elenden Zustand« be-
es die Reflexion über die Hinderungsgründe ebenso schreibt (19), mit der zuvor betonten »Entschlußfä-
wie die Entscheidung zum Aufbruch »trotz alle- higkeit« (18) korrespondiert der Einsatz »gewollter
dem«. Durch den Besuch bei einem Freund kann Energie« (19). Auch die Plötzlichkeit des mentalen
sich aber nicht »alles« potenzieren, sondern allen- Aufschwungs, die physische Beweglichkeit und die
falls der euphorische Aufschwung. hypothetische Grundstruktur sind in beiden Texten
Durch diese Paradoxie unterläuft der Text seine ei- relevant.
gene Grundstruktur und beginnt zu oszillieren, bis Die Prämisse, die der erste Satz formuliert, besteht
seine semantischen Bezüge implodieren: Und dies um in der Annahme, durch Willensenergie und ratio-
so mehr, als die Man-Instanz ohnehin »mehr Kraft als nale Selbstformierung lasse sich ein Leidenszustand
Bedürfnis« (18) zur Veränderung in sich verspürt. leicht beseitigen. Die beschriebene Strategie ähnelt
Der Impuls zum Aufbruch entsteht also via negatio- den vom Postulat der Selbstbeherrschung ausgehen-
nis: Die Flucht vor dem eigenen »Unbehagen« (18) den stoischen Rezepten zur Leidensbewältigung und
dominiert über positive Handlungsmotive. Diese Affektabwehr: »Arbeite jedem Gefühl entgegen«
Konstellation wird auch durch die im zweiten Satz hy- (19). Die Entscheidung, daraus praktische Konse-
pothetisch formulierte Zielrichtung nicht in Frage ge- quenzen abzuleiten, mündet allerdings sofort in den
stellt, lässt sie doch an die Imago des fernen Freundes Leerlauf einer grotesken Inszenierung: Der inneren
in Petersburg denken, dessen Existenz in Kafkas Er- Misere steht ein kraftstrotzender Aktionismus dia-
zählung Das Urteil bis zum Schluss ungesichert bleibt. metral gegenüber, so dass die forcierte Selbstdarstel-
Bezeichnenderweise betont Kafka in der ursprüngli- lung des Leidenden als inauthentisches Theater er-
chen Fassung seines Textes Der plötzliche Spaziergang scheint.
das »Erlebnis« der »äussersten Einsamkeit«, das man Obwohl Kafka in Entschlüsse zweimal eine perso-
»nur russisch nennen kann« (DzL:A 56). nale Sprecherinstanz exponiert, bleibt dieses Ich
Die bloß hypothetische Zielangabe kaschiert, dass ebenso gesichtslos wie die von ihm imaginierten Ge-
ein Spaziergang eigentlich ziellos ist: als selbstzweck- sprächspartner. Bloß durch die Initialen A., B. und
122 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

C. voneinander unterschieden, lassen sie an das ano- grabmäßige Ruhe« bis zur Totalität zu steigern (19).
nyme Man in Der plötzliche Spaziergang und an die Diese melancholische Aussage lässt an den Euphe-
»Gesellschaft von lauter Niemand« denken, die Der mismus ›Hand an sich legen‹ denken, mithin an den
Ausflug ins Gebirge inszeniert (20). Suizid (über die autobiographische Relevanz dieses
Sobald der Ich-Erzähler in Entschlüsse die Künst- Themas für Kafka selbst gibt ein Brief vom 12. März
lichkeit seines theatralischen Gebarens erkennt, stellt 1910 an Max Brod Aufschluss; B00–12 118 f.). In der
er sein Verhaltenskonzept auch selbst in Frage. Das Vorstellung des Todes ist das bipolare Spannungsfeld
emphatische Selbstgefühl wird ad absurdum geführt, zwischen manischem Aufschwung und depressiver
wenn schon der bloße Gedanke an mögliche »Feh- Erstarrung aufgehoben.
ler« die innere Dynamik »stocken« lässt und eine Kafka hat die Entschlüsse anders strukturiert als
aporetische Situation zur Folge hat: »ich werde mich den vorangegangenen Text Der plötzliche Spazier-
im Kreise zurückdrehen müssen« (19). Die Zäsur in gang. Optisch gegliedert und rhythmisiert ist die
der Textmitte resultiert aus dieser Zirkularität und Prosaminiatur dadurch, dass den längeren Abschnit-
führt zur Revision der anfänglichen Entscheidung ten 1 und 3 die deutlich kürzeren Absätze 2 und 4
für energische Aktivität. An ihre Stelle tritt der Ent- folgen. Dabei ist die Syntax unterschiedlich gestaltet:
schluss, in einer lethargischen Haltung zu verharren, Während drei Sätze den ersten Abschnitt bilden, be-
in einer resignativen Apathie ohne Reue. Die Hand- stehen die folgenden drei Absätze aus jeweils einem
lungsblockade scheint aus einer kritischen Selbstbe- Satz; von ihnen erweist sich der vorletzte als beson-
obachtung zu resultieren, die mit der Problematik ders komplex. Nachdem ein adversatives »Aber« (19)
der Hyperreflexivität verbunden ist. Wiederholt hat den eingangs geschilderten autotherapeutischen
Kafka über die ambivalenten Implikationen intensi- Versuch des Ich in Frage gestellt hat, sich mithilfe
ver Selbstbeobachtung nachgedacht (vgl. z. B. von Willenskraft selbst zu stabilisieren, zieht der mit
7.11.1921 u. 16.1.1922, T 874 u. 877; NSF II, 32, 42). »Deshalb« (19) eingeleitete dritte Absatz das Fazit
Dem ersten Entschluss, der alle Energien stimu- aus dem plötzlichen Einbruch einer Skepsis, die jede
lieren sollte, folgt als dessen Negation der zweite Ent- Schwungkraft lähmt.
schluss, der das vorherige Handlungsprinzip gleich- Die allein durch Skepsis erzeugte mentale Aporie
sam durchstreicht. Der Versuch, einen emphatischen in dieser kontrastiv gestalteten Prosaminiatur wird
Aufschwung »mit gewollter Energie« (DzL 19) zu im letzten Satz mit einer »charakteristischen« (19)
vollziehen, wird schon durch die gedankliche Anti- Bewegung korreliert, die angesichts der zuvor be-
zipation möglicher Stagnation gelähmt und mündet schriebenen extremen Turbulenzen durch ihre De-
in eine imaginative Kreisbewegung. Hier zeichnet zenz geradezu provozierend unauffällig wirkt. Der
sich eine Analogie zu den inkompatiblen Perspekti- Kontrast zur Ausgangskonstellation ist evident: Nach
ven auf die Baumstämme im Schnee ab, die Kafka in der anfangs beschriebenen Divergenz von Sein und
der Parabel Die Bäume entwirft (33). Schein, von psychischer Leidenssituation und thea-
Die mit »Deshalb« (19) einsetzende Conclusio der tralisch überanstrengter Gebärdensprache, scheinen
Entschlüsse blendet das zunächst vorgestellte Modell Innen und Außen am Ende zu konvergieren: Der ge-
voluntativer Leidensbewältigung, emphatischer radezu letalen Erstarrung entspricht die reduzierte
Selbstdarstellung und souveräner Interaktion in Geste.
kompromissloser Entschiedenheit aus. Die Radikali-
tät des zweiten Entschlusses zeigt sich in seiner Ver- Die Vorüberlaufenden
absolutierung zum angeblich »besten Rat« (19). Mit
rigorosem Allgemeingültigkeitsanspruch wird nun Der zehnte Text der Betrachtung trägt den Titel Die
die totale Lethargie empfohlen, der Rückzug in eine Vorüberlaufenden (DzL 26 f.). Er greift auf die bereits
Resignation, die von allen vitalen Vollzügen so weit in Der plötzliche Spaziergang realisierte wenn-dann-
entfernt ist, dass der künstlich inszenierte Energie- Konstellation zurück und ließe sich sogar als narra-
fluss jäh abreißt. tive Weiterführung des dort beschriebenen abrupten
Der im ersten Absatz geschilderten hektischen Be- Aufbruchs lesen. Hier wie dort besteht der ganze
triebsamkeit folgt nun eine unheimliche Erstarrung. erste Absatz aus einem ausladenden syntaktischen
Der vermeintlich »beste Rat« zielt nämlich darauf, Gefüge. Der Anfang ist auffälligerweise sogar iden-
»das, was vom Leben als Gespenst noch übrig ist, mit tisch gestaltet: »Wenn man« (26). Obwohl der Text
eigener Hand nieder[zu]drücken« und »die letzte durch die Konjunktion ›wenn‹ den Status des Hypo-
Betrachtung 123

thetischen erhält, suggeriert er dem Leser eine Fakti- Entscheidungsphase ändert an der passiven Haltung
zität des Erlebnisses. Während das Indefinitprono- der Wir-Instanz ebenso wenig wie die Vorstellung,
men ›man‹ in Der plötzliche Spaziergang bis zum dass der Verfolger des zerlumpten Fliehenden im
Ende dominiert, ist in Die Vorüberlaufenden ein ra- Recht sein könnte.
scher Wechsel der Erzählerinstanz vom anonymen Durch Überschlagungseffekte von subversiver
»man« zu einem personalen »wir« festzustellen, das Komik lässt Kafka die intendierte Logik der Argu-
vielleicht sogar den impliziten Leser selbst mit ein- mentation aus der Balance geraten. Wenn der zweite
schließen könnte (von Glinski, 145). Absatz mit der schlichten Feststellung der Tageszeit
In einer mehrgliedrigen Argumentation entwirft »Denn es ist Nacht« (26) beginnt, bietet er eine zu-
der Text Strategien zur Selbstexkulpierung. Zwar nächst trivial anmutende Wiederholung der Rah-
wird durch die Bezugnahme auf objektive Gegeben- menbedingungen. Diese semantische Oberflächen-
heiten ein Anspruch auf Plausibilität erhoben, aber ebene wird allerdings auf die hilflosen Bemühungen
zugleich lassen bereits auffällige Inkonsequenzen die der Wir-Instanz hin transparent, sich durch das In-
apologetischen Absichten des Sprechers erkennen. sistieren auf unbezweifelbaren Tatsachen wie den lo-
Die einzelnen Argumente ergänzen und überbieten kalen und temporalen Gegebenheiten, die tatsäch-
einander nicht nur, sondern erweisen sich mitunter lich außerhalb seiner Verantwortung liegen, einem
auch als inkompatibel. Indem Kafka den tendenziö- Impuls zum Engagement zu entziehen. Die Ernst-
sen Gesamtduktus durch groteske Zuspitzungen ad haftigkeit dieser Pseudo-Argumentation führt Kafka
absurdum führt, markiert er den Primat subjektiver durch eine geradezu subversive Komik kunstvoll ad
Interessen. absurdum. Angestrengt ringt der Sprecher darum,
Zu vermuten ist, dass sich hier ein ängstliches Ich die ihn durch einen impliziten Handlungsappell her-
hinter einem Stabilität gewährleistenden Gruppen- ausfordernde Situation aus dem Bewusstsein zu ver-
Wir versteckt oder sogar eine Allianz mit dem Leser bannen. Dabei treibt er seine Versuche, die eigene
eingeht, um sich der individuellen Verantwortung Passivität zu rechtfertigen, bis ins Groteske. So gene-
für das eigene Handeln zu entziehen. Offensichtlich riert er immer neue Deutungen für das unerklärliche
zielt die Intention darauf, sich selbst eine akzeptable Geschehen auf der nächtlichen Straße, das als Leer-
Begründung für das Verharren in reiner Passivität zu stelle des Textes ein Sinnvakuum entstehen lässt. Sie-
verschaffen. Verräterisch erscheint am Schluss die ben Spekulationen, die jeweils mit »vielleicht« einge-
unverhohlene Erleichterung darüber, dass die Zeit leitet sind, bieten extrem unterschiedliche Erklärun-
zur Intervention endlich verstrichen ist und nun gen für das Rätselhafte: Sie reichen von der Annahme
keine Gelegenheit mehr besteht, in das beobachtete einer harmlosen Koinzidenz, die nur zufällig einer
Geschehen, eine letztlich mysteriös bleibende Ver- Verfolgungsjagd ähnelt, bis zur Vermutung krimi-
folgungsjagd, doch noch einzugreifen. So erübrigt neller Machenschaften, durch die eine Intervention
sich auch jeder weitere Versuch, über Strategien zur geradezu lebensgefährlich werden könnte.
Selbstexkulpierung nachzudenken. Da alle Deutungen ins Leere laufen und das Ereig-
Der Rückzug in die Lethargie hat in der Miniatur nis letztlich unerklärlich bleibt, suspendiert die Wir-
Die Vorüberlaufenden also eine ganz andere Bedeu- Instanz im dritten Absatz sogar jedweden Versuch
tung als am Ende der Entschlüsse. Dominierte dort hermeneutischer Erschließung, indem sie sich nun
eine melancholische Resignation mit suizidaler Ten- in das zur Passivität berechtigende Refugium der ei-
denz, so wird hier der Verlust jeder Möglichkeit zum genen Müdigkeit zurückzieht. Da aber selbst diese
Engagement »froh« zur Kenntnis genommen (DzL apologetische Deutung als unzulänglich empfunden
27). Trotz des untergründig spürbaren Eindrucks, wird, soll schließlich auch noch der zur Trägheit dis-
dass gerade hier eine Intervention gerechtfertigt, ja ponierende Alkoholkonsum als Argument dienen,
geboten sein könnte, wurde sie unterlassen. Bis zum um die eigene Lethargie zu rechtfertigen. Ähnliche
Schluss bleibt diese Ambivalenz so präsent, dass ein Strategien finden sich übrigens in Kafkas Beschrei-
zweifach gestufter konzessiver Einschub förmlich in bung eines Kampfes: Hier versucht sich der Dicke im
die konditionale Satzperiode einbricht und den lapi- Gespräch mit dem Beter von der Verantwortung für
daren Nachdruck des Satzes stört (»selbst wenn […], seine Äußerungen zu dispensieren, indem er fest-
selbst wenn«). Die durch äußere Rahmenbedingun- stellt: »Es ist Nacht und niemand wird mir morgen
gen, das Straßengefälle und die Vollmond-Beleuch- vorhalten, was ich jetzt sagen könnte, denn es kann
tung, verlängerte, ja geradezu optimierte Dauer der ja im Schlaf gesprochen sein« (NSF I, 110).
124 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

In der Miniatur Die Vorüberlaufenden erweist sich vor. Deutlich ist zu erkennen, dass er sich Kontakt-
die Problematik der Verantwortung letztlich als ent- angeboten notorisch entzieht und sich auch auf den
scheidendes Stimulans der Reflexion und damit zu- späteren Handlungsimpuls von Seiten der Spielka-
gleich als Kristallisationszentrum der gesamten Ar- meraden eher widerstrebend einlässt (DzL 10). Das
gumentation. Während der hybride Ich-Erzähler in Kind, das im elterlichen Garten ein Refugium für
Der Nachhauseweg sein Gefühl von Verantwortlich- träumerischen Müßiggang findet, integriert sich nur
keit in grotesker Weise expandieren lässt (DzL 25 f.), zögernd und unter Vorbehalt in die Gruppe.
wird die Thematik der Verantwortung in Die Vor- In auffälligem Maße ist die kurze Erzählung von
überlaufenden bezeichnenderweise nur im Medium Spannungsfeldern bestimmt: Besonders markant er-
psychischer Verschiebung zugelassen und erscheint scheint die Polarität zwischen Bewegung und Ruhe,
durch Umadressierung bis zur Unkenntlichkeit ver- Erlebnisoffenheit und Lethargie, Isolation und Kom-
fremdet: in der Spekulation »vielleicht wissen die munikation; ergänzt wird sie durch den Kontrast
zwei nichts von einander, und es läuft nur jeder auf zwischen Beschränkung und Entgrenzung, Gewohn-
eigene Verantwortung in sein Bett« (26). Müdigkeit heit und Abenteuer.
als Disposition zum Schlaf, die den Menschen aus Schon der Wechsel der Personalpronomina ist im
allen Verpflichtungen entlässt, ihn von den Anstren- Hinblick auf die dem Text inhärenten Gegensätze
gungen des Wachbewusstseins entbindet und ihm aufschlussreich: Die Korrelation von Ich und Du, Ihr
die Hoffnung auf Entlastung von jeder Verantwor- und Wir bestimmt nicht nur die spontanen Wort-
tung im Traum eröffnet, wird auch in anderen Tex- wechsel zwischen den Kindern, sondern prägt sich
ten aus Kafkas Betrachtung zum Thema: Auffälliger- auch im Sozialverhalten des Ich-Erzählers aus, der
weise enden die beiden atmosphärisch sehr unter- im Verlauf des Textes mehrmals zwischen Rückzugs-
schiedlichen Rahmentexte Kinder auf der Landstraße bedürfnis und Gemeinschaftssinn changiert. Das in
und Unglücklichsein mit dem Motiv des Schlafes. auffälliger Weise wiederholte »man« (11 f.) repräsen-
tiert eine Teilgruppe, der offensichtlich auch der Ich-
Kinder auf der Landstraße Erzähler angehört.
Schon zu Beginn inszeniert er sich im Refugium
Dieser Text, mit dem Kafka seine Betrachtung eröff- seiner Gartenidylle als Individuum: durch die pro-
net (DzL 9–14), bildet zusammen mit Unglücklich- noncierte Anfangsstellung des Personalpronomens
sein (33–40) einen Rahmen um die übrigen sech- »Ich«, mit dem sowohl der erste als auch der zweite
zehn Prosaminiaturen, die deutlich kürzer sind. Absatz einsetzt (9). Mit ähnlichem Nachdruck insze-
Während sich die Szenerie in Unglücklichsein auf die niert Kafka später das »Wir« am Anfang von Absatz
klaustrophobische Enge von Innenräumen be- 9, 11 und 16. Mit dem »Ich« des ersten und zweiten
schränkt, entwirft Kinder auf der Landstraße einen Absatzes korrespondieren zwei mit »Ich« begin-
alternativen Schauplatz: ein weiträumiges Aktions- nende Sätze am Ende des Textes, als der kindliche
feld in dörflichem Ambiente, das vielfältige Unter- Erzähler seinem Impuls folgt, die dörfliche Szenerie
nehmungen unter freiem Himmel ermöglicht. The- zu verlassen und eine durch das unkonventionelle
matische Korrelationen entstehen durch das Motiv Verhalten ihrer Einwohner rätselhaft-verlockende
des Kindes, des Abends und des Schlafes. Verglichen »Stadt im Süden« (13) aufzusuchen. Das normwid-
mit der aporetischen Situation des an seiner Einsam- rige Verhalten der Städter, die nicht schlafen, »weil
keit verzweifelnden Ich-Erzählers, die Kafka in Un- sie Narren sind« (14), wird gerade für das Kind zum
glücklichsein präsentiert, scheint der Text Kinder auf Faszinosum, das die Nacht nicht verschlafen will
der Landstraße durch die lebendige Schilderung von und daher sogar die Zeitlichkeit negiert: »Es gab
Gemeinschaftsaktivitäten geradezu eine paradiesi- keine Tages- und keine Nachtzeit« (10 f.).
sche Idylle zu bieten. Durch die ihm immanente Dy- Im Gesamtduktus des Textes sind zwei Tendenzen
namik steht er der Konstellation in Unglücklichsein festzustellen. Unter sozialem Aspekt dominiert eine
diametral gegenüber. dialektische Struktur: Das Ich, das sich zunächst le-
Eine genauere Betrachtung gibt jedoch Anlass, thargisch und beziehungslos im Garten aufhält, lässt
diese Einschätzung etwas zu relativieren: Obwohl sich anschließend zu gemeinschaftlichen Unterneh-
der kindliche Ich-Erzähler phasenweise durchaus im mungen überreden, nach deren Ende es sich wieder
Wir der Gruppe aufgeht, tritt schon in der Anfangs- auf sich selbst zurückzieht. In der räumlichen Di-
partie des Textes seine einzelgängerische Natur her- mension wird dieses Konzept unterlaufen und er-
Betrachtung 125

gänzt durch die Tendenz zu allmählicher Erweite- Der Zenit eines kollektiven Identitätsgefühls indes
rung des Horizonts: vom beschränkten Raum des el- kaschiert nur vorübergehend, dass sich der Ich-Er-
terlichen Gartens über die Aktivitäten im dörflichen zähler bloß oberflächlich in die Gemeinschaft inte-
Umland bis hin zur Durchbrechung des vertrauten griert hat; tatsächlich bleibt er weiterhin seiner ein-
Ambientes durch den Aufbruch in unbekanntes Ter- zelgängerischen Mentalität verhaftet. Der Abschied
rain. von der Gruppe markiert dann die eigentliche Zä-
Diese Gesamtdynamik des Textes weist intern ei- sur: Statt der erwarteten Heimkehr folgt nun ein er-
nige Modifikationen auf. Das anfangs zurückgezo- neuter Aufbruch, der zugleich den Aktionsradius
gen hinter dem Gartengitter verharrende Kind ver- beträchtlich erweitert. Die Normen der Erwachse-
mag das Geschehen in seiner Umgebung zunächst nen, ihre Abendrituale und ihre Vorbehalte gegen-
nur phasenweise und ausschnitthaft wahrzunehmen: über den nonkonformistischen Städtern missach-
»durch die schwach bewegten Lücken im Laub« tend, folgt der Ich-Erzähler einem untergründigen
(DzL 9). Den beschränkten akustischen und opti- Impuls, der ihn »zu der Stadt im Süden hin« (13)
schen Sinneseindrücken, aus denen sich schließen zieht, motiviert von Vorstellungen, die jede realisti-
lässt, dass die Dorfbewohner gerade eine Getreide- sche Erwartung sprengen: Der offene Schluss schil-
ernte einbringen, folgen Erfahrungen innerer Desta- dert den Aufbruch in das Phantasma einer märchen-
bilisierung: Der in einer Position labiler Balance von haft verfremdeten Gutenachtgeschichte (Geulen,
der Schaukel aus den Vogelflug beobachtende Ich- 12), die jetzt – gegen die Intention der sie erzählen-
Erzähler glaubt selbst zu fallen, während er die Vögel den Erwachsenen im Dorf – plötzlich eine utopische
aufsteigen sieht, und ist durch diese verfremdete Aura entfaltet.
Wahrnehmung offensichtlich irritiert.
In die gemeinschaftlichen Aktivitäten Lauf, Spiel Ausgaben: Einzelpublikationen vor Erstdruck der
und Kampf, die der zweite Teil des Textes beschreibt, Sammlung: Betrachtung. In: Hyperion. Eine Zweimo-
finden in auffälliger Weise Elemente des Exotischen natsschrift Folge 1, Bd. 1 ([ca. 9. März] 1908), 91–94
und Archaisch-Kriegerischen Eingang, die vielleicht [enthält B 7, 8, 9, 10, 12, 11, 13, 17]; Betrachtungen. In:
von Lektüreeindrücken stimuliert sind. Sie schaffen Bohemia 83 ([27. März] 1910) Nr. 86, Osterbeilage, 39
eine Atmosphäre, die von den Kindern als abenteu- [enthält: B 8 (Titel: Am Fenster), 10 (Titel: In der Nacht),
erliche Sonderwelt inszeniert und genossen wird: Sie 12, 11, 14]; Betrachtung. In: Bohemia 85 ([25. Dez.]
glauben zu laufen »wie Tiere in den Tropen. Wie Kü- 1912) Nr. 356, Weihnachtsbeilage, 12 (unpag.) [enthält:
rassiere in alten Kriegen« (11). B 1]; spätere Einzelpublikationen 1913–24: DzL:A 35. –
Dabei entstehen variable Wir-Konstellationen: So ED der Sammlung: Franz Kafka: Betrachtung. Leipzig:
zerfällt das Kollektiv vorübergehend in gegnerische Ernst Rowohlt Verlag 1913 [erschienen ca. 10.12.1912];
Gruppen, die einander spielerisch bekämpfen; eine der Band trug eine Banderole, auf deren Vorderseite ge-
Reihe von Kindern macht den Angriff offenbar nur, druckt war: »Der durchaus neuartige Ton dieses Bu-
um sich anschließend besiegt ins warme »Gras des ches, eine von Heiterkeit gebändigte Schwermut, verleiht
Straßengrabens« legen zu können: »fallend und frei- dem Werke, das Leben und Sehnsucht eines jungen
willig« (11). Aus Lethargie und Müdigkeit entspringt Mannes unserer Tage zum Thema hat, einen außerge-
der Wunsch, immer tiefer zu fallen – eine Assozia- wöhnlichen Reiz. Die seltene Verbindung von Liebens-
würdigkeit und tiefem Ernst erhebt die sich durch ihre
tion, die außer einem latenten Schlafbedürfnis viel-
innere Einheit zu einer einzigen ›Betrachtung‹ zusam-
leicht sogar Todeskonnotationen einschließt (Kurz
menschließenden klangschönen Prosastücke zu einer
1994, 55). Von einem »indianischen Kriegsruf« ani-
großen Hymne, die für Viele symbolische Geltung er-
miert, findet sich die Gruppe wieder zusammen langen dürfte« (DzL:A 33 f.). – Franz Kafka: Betrach-
(DzL 12). In der geschlossenen Formation des ge- tung. Leipzig: Kurt Wolff [Herbst] 1915 [Restauflage
meinsamen Galopps stellt sich ein Gemeinschaftser- der Erstausgabe mit neugedrucktem Titelblatt]. – Erz/
lebnis ein, das sich wenig später im kollektiven Ge- GS (1935), 25–49. – Erz/GW (1952), 23–50. − DzL/KA
sang noch intensiviert. Der Gassenhauer, den die (1994), 7–40.
Kinder beim Anblick eines vorüberfahrenden Zuges Kontexte: Heinrich von Kleist: Die Marquise von O…
singen, gilt in einer diffusen, möglicherweise zwi- In: Ders.: Sämtliche Werke und Briefe in vier Bänden.
schen Abwehr und Faszination oszillierenden Ge- Bd. 3: Erzählungen, Anekdoten, Gedichte, Schriften.
fühlslage »den fernen Reisenden« hinter den er- Hg. von Klaus Müller-Salget. Frankfurt/M. 1990, 143–
leuchteten Fenstern (13). 186. – Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische
126 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

Studienausgabe in 15 Bänden [=KSA]. Hg. v. Giorgio Zu einzelnen Texten: Der plötzliche Spaziergang: John
Colli u. Mazzino Montinari. München, Berlin, New M. Grandin: K.’s DpS. In: MLN 89 (1974), 866–872. –
York 1980. Stefan Willer: Der Lauf der Schrift und das Gefälle des
Forschung allgemein: P.-A. Alt (2005), bes. 237–261. – Satzes. In: H.-J. Scheuer u. a. (s.o.), 34–43. –– Die
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Selbstvergessenheit. Drei Wege zum Werk: Thomas K.s DB. In: H.-J. Scheuer u. a. (s.o.), 184–194. – László
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Frankfurt/M. 1993. – Hartmut Binder: K.-Kommentar u. a. (Hg.): Die Unzulänglichkeit aller Engel. Fs. f. Zsu-
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Landschaften der Doppelgänger. In: G. Kurz (1984),
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Krallen« – F.K. und das alte Prag. Betrachtendes Den-
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J. Rolleston (2002), 61–83. – Shimon Sandbank: Uncer-
tainty as Style. K.’s Betrachtung. In: GLL 34 (1981), 385–
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tina Salmen/Georg Höfner (Hg.): K.s Betrachtung. Lek-
türen. Frankfurt/M. 2003. – John J. White: The Cyclical
Aspect of K.’s Short Story Collections. In: Stern/White
(1985), 80–97.
127

3.1.4 Die Aeroplane in Brescia tel gekürzten Fassung. Die ungekürzte Fassung sollte,
mit einem Vorwort von Max Brod versehen, in des-
sen Buch Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Va-
Entstehung und Veröffentlichung demecum für Romantiker unserer Zeit erscheinen
(Leipzig: Kurt Wolff 1913). Zwar wurden die Aero-
Kafkas Artikel über die Flugschau, die vom 8. bis plane-Artikel später für die Publikation bei Rowohlt
zum 20. September 1909 in Brescia stattfand, er- wieder entfernt, eine Typoskriptabschrift der unge-
schien am 29. September in der Morgenausgabe der kürzten Fassung belegt jedoch die Arbeit an diesem
Prager Tageszeitung Bohemia. Zusammen mit den Projekt. Die bedeutendste vorgenommene Kürzung
Brüdern Max und Otto Brod hatte Kafka für das betraf den Anfang des Berichts, in dem Kafka zu-
Ende des Sommers 1909 eine Reise in den Süden ge- nächst einige Klischees über Italien bedient
plant, obwohl ihm nach gerade mal einem Jahr bei (schlechte Organisation von Großereignissen, ver-
der Arbeiter-Unfall-Versicherungsanstalt noch kein spätete Züge, schmutzige Hotels) − die er dann je-
Urlaub zustand. Mit Hilfe des Attestes eines befreun- doch zum Teil widerlegt −, um dann die schwierige
deten Arztes war er dann in der Lage, am 4. Septem- Anfahrt zum Flugplatz zu beschreiben. Der sehr ef-
ber seine beiden Freunde nach Riva ans nördliche fektive Einsatz des publizierten Textes (»Wir sind
Ufer des Gardasees zu begleiten. Durch eine Zei- angekommen«; DzL 401) ist also der Kürzung zu
tungsnotiz vom 9. September wurde die Gruppe, wie verdanken.
von Kafka selbst erwähnt (vgl. DzL:A 515 f.), auf die
Veranstaltung einer Flugwoche im nahe gelegenen
Brescia aufmerksam. Max Brod erinnert sich, dass Textbeschreibung
die Freunde besonders auf Betreiben Kafkas be-
schlossen, ihren Badeurlaub zu unterbrechen, um in Die Flugschau, dies sei vorab gesagt, wurde ein be-
Brescia zum ersten Mal in ihrem Leben Aeroplane deutendes Ereignis, selbst für die reiche Stadt Bre-
zu bewundern (Brod 1966, 92). Am 10. September scia. Wahre Menschenmengen strömten zu dem öst-
trafen sie in Brescia ein und besuchten am 11. das in- lich der Stadt eigens für den Wettbewerb eingerich-
ternationale Flugmeeting. teten Flugplatz. Der italienische König, Vittorio
Dabei beschloss Max Brod, Kafka, der zu diesem Emmanuele III. wohnte dem Ereignis ebenso bei wie
Zeitpunkt über seine Unfähigkeit zu schreiben klagte die gesamte Hautevolée Italiens. Die zunächst wegen
(vgl. T 12 f.), durch einen Wettkampf zu neuer Pro- ihrer Automobilrennen berühmte Stadt hatte es ver-
duktion anzuregen: Beide sollten ihre Eindrücke mocht, auch für ihre Flugschau einige der größten
über die Ereignisse niederschreiben und dann die Fliegernamen der Zeit zu gewinnen: Prominente Pi-
Ergebnisse vergleichen. Brod, der bereits einige Wo- loten wie die Franzosen Louis Blériot (1872–1936)
chen zuvor über Blériots Querung des Ärmelkanals und Henri Rougier (1876–1956) und der Amerika-
geschrieben hatte, verfasste einen eher lyrischen Text ner Glenn H. Curtiss (1878–1930) waren ebenso am
über die glamoureusen Seiten des gesellschaftlichen Start wie die italienischen Lokalmatadoren Mario
Ereignisses, den die Münchner Halbmonatsschrift Calderara (1879–1944) und Guido Moncher (1873–
März druckte. Später verarbeitete er in seinem Ro- 1945). Alle werden von Kafka erwähnt, wobei der
man Arnold Beer (1912) die Eindrücke des Brescia- Umstand, dass er dem Fliegen nur an einem Tag bei-
Meetings erneut. wohnen konnte, die Anzahl der beschriebenen Flüge
Kafkas präziserer, im distanzierten Reportagestil reduziert. So fokussiert Kafka seine etwas über zehn
verfasster Text, in dem nicht nur auf das anwesende Seiten umfassende Reportage, die auch nach der
Publikum und auf die Damenbekleidung (»Das Mie- Kürzung zunächst mit einer Beschreibung der
der liegt tief, kaum noch zu fassen; die Taille scheint schwierigen Ankunft im Aerodrom und mit einem
breiter, als gewöhnlich, weil alles schmal ist; diese unfreundlichen Kutscher beginnt, vor allem auf drei
Frauen wollen tiefer umarmt sein«; DzL 408), son- Hauptfiguren: Blériot, Rougier und Curtiss.
dern auch auf technische Details geachtet wird (»Der Blériot wird fast theatralisch in Szene gesetzt: Be-
Motor wird von allen Seiten geölt; verborgene geistert gehen die Freunde von einem Hangar zum
Schrauben werden gelockert und zugeschnürt«; anderen und suchen doch nur einen: »Und Blériot?
406), erschien zunächst in einer von Paul Wiegler, fragen wir. Blériot, an den wir die ganze Zeit über
dem Feuilletonredakteur der Bohemia, um ein Fünf- dachten, wo ist Blériot?« (DzL 403). Ihm kommt
128 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

dann auch die Ehre zu, dass er − nach zahlreichen Dennoch wurde das Werk bisher eher als Gele-
Fehlversuchen − als Erster fliegt. Bei Kafka eignet genheitsarbeit gesehen, die lediglich als »erste ästhe-
ihm jedoch nichts Übermenschliches – seine junge tisch ambitionierte Schilderung eines Flugmeetings,
Frau hat Angst um ihn (406) –, was ihn auszeich- welche die deutschsprachige Literatur kennt« (Alt
net, ist sein Verständnis für Technik, ja seine Fähig- 2005, 196), zu würdigen sei. Als müsste Kafkas ab-
keit, mit der Maschine eins zu werden: »Blériot ist schätziges Urteil über seinen Bericht den Blick auch
in der Luft, man sieht seinen geraden Oberkörper weiterhin verstellen (»Er [M. Brod] will in das Buch
über den Flügeln, seine Beine stecken tief als Teil auch mein Brescia aufnehmen. Alles Gute in mir
der Maschinerie« (408). Auch die anderen beiden wehrt sich dagegen«; T 242, 11.11.1911), spricht so-
sind nur Menschen; Rougier, der an diesem Tag gar noch die heutige Forschung vom »untergeordne-
einen neuen Höhenrekord aufstellte, ist für Kafka ten Status der Texte« (von Glinski 2004, 208).
nur »ein kleiner Mensch mit auffallender Nase, in Bedeutende Ausnahmen sind in dieser Hinsicht
Hemdärmeln« (403), und Curtiss, dessen »Sieges- Felix Philipp Ingold, der die am Himmel kleiner wer-
flug« Kafka eingehend beschreibt, wirkt auf ihn wie denden Aeroplane als ambivalente Metapher des
ein einsamer Mensch, dem das Zeitunglesen schwer Verschwindens liest (Ingold 1978, 24 f.), Hartmut
fällt (404). Binder, der wichtige Informationen zum Flugtag des
Überhaupt beharrt Kafka in seiner Beschreibung 11. September liefert (Binder 1982, 75–81), und vor
durchgehend auf der Inkongruenz zwischen Lust am allem Peter Demetz, dessen umfangreiche Doku-
Fliegen und menschlicher Schwäche. So vermag mentation nicht nur das historische Ereignis der
auch die Zuschauer-Prominenz nur wenig zu beein- Flugschau detailgetreu beleuchtet, sondern auch
drucken. Zwar beschreibt Kafka eingehend »die Ge- Kafkas Bericht in einen intertextuellen Zusammen-
sellschaft des italienischen Adels« (407) auf den Tri- hang stellt und dabei den Akt der Levitation und des
bünen und zählt gleich mehrere wohlklingende Na- Fliegens als »literarische Angelegenheit« des um
men auf, doch weder bei dem gesellschaftlichen Ausdruck ringenden frühen Kafka ausmacht. Mehr
Heros Gabriele d’Annunzio (1863–1938) – »klein noch: Das Fliegen oder besser seine langfristige Un-
und schwach, tanzt [er] scheinbar schüchtern vor möglichkeit ist für ihn eine zentrale Metapher des
dem Conte Oldofredi« (407) – noch bei dem damals Kafkaschen Œuvres: »Kafkas Charaktere (er selbst
bereits vergötterten Giacomo Puccini (1858–1924) – inbegriffen) erheben sich nie frei in die Lüfte, immer
»mit einer Nase, die man eine Trinkernase nennen blockiert jemand oder etwas ihren Weg, sei es der
könnte« (408) – macht Kafkas scharfer, die Hinfäl- Schnee auf dem Weg zum Schloß, der hermeneuti-
ligkeiten der Außenwelt schonungslos aufdeckender sche Türhüter oder die gesamte Hierarchie, die das
Blick eine Ausnahme. Einzig die Flüge der Piloten Gesetz verteidigt« (Demetz 2002, 126).
lösen seine wahre Bewunderung aus: Als Curtiss,
Rougier und Blériot am späten Nachmittag fliegen,
würdigt er ihre »vollkommenen Leistungen« (409), Deutungsaspekte
und noch beim Verlassen des Flugfelds blicken die
Freunde sehnsüchtig in den Himmel empor. Demetz’ Bemerkung deutet bereits an, dass Kafkas
Bericht allein aufgrund seines metaphorischen
Reichtums gesteigerte Aufmerksamkeit verdient.
Forschung Entscheidend ist hierbei das Oszillieren im Artikel
zwischen dem neutralen Scharfblick für physiogno-
Trotz der Veröffentlichung des kurzen Textes noch mische, technische und gestische Details und der vi-
zu Lebzeiten Kafkas hat die Forschung bisher nur sionären Macht einiger Bilder. Immer wieder wird
wenig Notiz von ihm genommen. Dabei liegt den die Ereignisoberfläche, die der fast unbeteiligte Be-
Aeroplanen, wie bereits erwähnt, ein gedankliches obachter präzise schildert, von Bildern durchbro-
Muster zugrunde, das in der Gegenüberstellung von chen, die nicht nur aufgrund ihrer metaphorischen
menschlicher, materieller Unzulänglichkeit und dem Tiefe das Genre der schlichten Reportage überstei-
Willen nach Höherem durchaus einer Grundkon- gen: »Ungeheure in ihren Wägelchen fettgewordene
stellation von Kafkas Frühwerk entspricht (zu dieser Bettler strecken uns ihre Arme in den Weg« (DzL
Konstellation beim frühen Kafka vgl. z. B.: Wagen- 401) − und dabei wie die Verkörperung jener
bach 2006 [1958], 48 f.). menschlichen Schwere und Schwäche wirken, die
Die Aeroplane in Brescia 129

selbst das ganze Flugspektakel mit seinem Höhen- Forschung: P.-A. Alt (2005), 195–197. – H. Binder
rausch nie wird überwinden oder negieren können. (1982 [1975]), 75–81. – Max Brod: Über F.K. Frank-
Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang auch, furt/M, Hamburg 1966, 92–95. − Peter Demetz: The Air
dass die Aeroplane noch nie in die Nähe jenes Textes Show at Brescia, 1909. New York 2002; dt.: Die Flug-
gerückt wurden, den sie am ehesten ankündigen und schau von Brescia. K., d’Annunzio und die Männer, die
erklären: die als Fortsetzungsstück für den Verschol- vom Himmel fielen. Übers. v. Andrea Marenzeller.
lenen konzipierte Passage vom Teater von Oklahama. Wien 2002. – S. v. Glinski (2004). – Felix Philipp Ingold:
Literatur und Aviatik: Europäische Flugdichtung 1909–
Fast chiastisch sind beide Texte aufeinander bezo-
1927. Basel 1978. – Reinhard Lettau: Nachwort. In: F.K.:
gen, da das als Rennbahn konzipierte Flugfeld auch
Die Aeroplane in Brescia und andere Texte. Hg. v. Kurt
von seinen Ausmaßen her auf den »Rennplatz in
Beck. Frankfurt/M. 1977, 135–143. – James Rolleston:
Clayton« vorausweist (V 387), während dessen thea-
Das Frühwerk. In: KHb (1979) II, 242–262, bes. 248 f. –
tralischer Charakter (»Es ist das größte Teater der K. Wagenbach (2006 [1958]). – Robert Wohl: A Passion
Welt«; V 394) wiederum Kafkas frühen Theater-Ver- for Wings. Aviation and the Western Imagination. New
gleich in ein ganz anderes Licht rückt: »Wir kom- Haven 1994.
men an den Hangars vorüber, die mit ihren zusam- Ronald Perlwitz
mengezogenen Vorhängen dastehen, wie geschlos-
sene Bühnen wandernder Komödianten« (DzL 403).
Rennplatz und Theater gehen in beiden Texten in-
einander über; dabei zeigt sich, dass auch in der frü-
hen Reportage jener Grundton vom Absturz der
Hoffnung in die Desillusion vorherrscht, der auch
das spätere Verschollenen-Kapitel bestimmt. Wird
dort die Attrappe eines mystischen Welttheaters auf-
gebaut und mit pathetischen Plakaten eine zukünf-
tige Herrlichkeit angekündigt, die für Karl Roßmann
nur im endgültigen Selbstverlust mündet, so kann
sich auch in Aeroplane der neutrale Berichterstatter
am Ende nicht der Vergeblichkeit der Flug-Illusion
entziehen und den tiefen Rückfall ins Irdische ver-
meiden: »Wir hören nicht auf, uns umzudrehen; ge-
rade steigt noch Rougier, mit uns aber geht es end-
gültig tiefer in die Campagna« (412). Bis ins kleinste
Detail, von der Übernahme der Engelsgestalt auf
dem Brescia-Plakat, bis zur An- und Abfahrt mit Zü-
gen vom Flugplatz reichen die Parallelen, deren ge-
naue Untersuchung im Besonderen und ihrer Impli-
kationen im Allgemeinen ein Desiderat der Kafka-
Forschung bleibt.
Ausgaben: Bohemia 82 (1909) Nr. 269, Morgenausgabe
[29. September], 1–3 [ED in stark gekürzter Form]. −
Max Brod: F.K. Erinnerungen und Dokumente. Prag
1937, 269–280 [ED des ungekürzten Textes]. – Ders.:
F.K. Eine Biographie. 2. Aufl. 1946, 269–280. − Max
Brod: Über F.K. Frankfurt/M, Hamburg 1966, 359–
367. − Max Brod/Franz Kafka. Eine Freundschaft. Bd. 1:
Reiseaufzeichnungen. Frankfurt/M. 1987, 17–26. –
DzL/KA (1994), 401–412; DzL:A/KA (1994), 515–518
[im Erstdruck unterdrückter Textanfang]. −− Brods
Paralleltext: Max Brod: Flugwoche in Brescia. In: März
3 ([Okt./Dez.] 1909) 4, 219–226; wieder in: Max Brod/
Franz Kafka. Eine Freundschaft. Bd. 1 (s.o.), 9–16.
130 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

3.1.5 Richard und Samuel richtig zehn Tage später, »aus ›Robert und Samuel‹
könne nichts werden« (T 211). Dennoch wird die
Zusammenarbeit in den nächsten zwei Monaten auf
Entstehung und Veröffentlichung Drängen Brods, der bereits mehrere Gemeinschafts-
vorhaben unternommen hatte (Übersetzung von Ju-
Wie Die Aeroplane in Brescia ist auch der Fragment les Laforgues Pierrot mit Franz Blei; Arbeit mit Felix
gebliebene gemeinsame Roman Richard und Samuel Weltsch an der philosophischen Studie Anschauung
ein literarisches Produkt der von 1909 bis 1912 re- und Begriff), aber nur »mit einer widerwilligen Kon-
gelmäßig mit Max Brod unternommenen Ferienrei- cession« (19.11.1911; T 258) von Kafkas Seite fortge-
sen. Und wiederum handelt es sich um ein Gemein- führt. Zwar wird Robert aus nicht ersichtlichen
schaftsprojekt: Max Brod erinnert sich, dass Kafka Gründen in Richard umgetauft, die Abneigung ge-
bereits am 26. August, also gleich zu Anfang der gen die literarische Aufarbeitung des jeweils anderen
1911 unternommenen vierwöchigen Reise über Zü- bleibt jedoch bestehen.
rich und Luzern nach Lugano, Mailand, Stresa und Besonders schwierig, gar unmöglich, erweist sich
Paris, den Vorschlag einer »gemeinsamen Reisear- die Zusammenarbeit, da es darum ging, wie Max
beit« gemacht habe, einer »gleichzeitigen Beschrei- Brod später berichtet, »daß das Ganze nicht aus Tei-
bung der Reise, indem man die Stellung des andern len besteht, die A oder B ausgearbeitet hat, sondern
zu den Dingen beschreibt« (26.8.1911; Max Brod/ an der ganzen Arbeit sind beide, A und B, ununter-
Franz Kafka: Eine Freundschaft, Bd. 1, 73). Angeregt scheidbar beteiligt« (Brod 1962, VIII). Beide Schrift-
wurde dies möglicherweise durch die von Gustave steller mögen sich gegenseitig noch so sehr bewun-
Flaubert und Maxime Du Camp gemeinsam ver- dert haben (vgl. 19.11.1911; T 258) – der Versuch
fasste Reisebeschreibung Par les champs et par les des gemeinsamen Schreibens endet leider im Fiasko.
grèves (Erstdruck 1910). Das einzige je fertiggestellte Kapitel erschien im Juni
Die Reiseaufzeichnungen Kafkas und Brods zeu- 1912 im Vereinsorgan der Jugendvereinigung der
gen von der anfänglichen Entschlossenheit, das Pro- Prager Loge des jüdischen Ordens B’nai Brith, den
jekt in die Tat umzusetzen. Kafka hatte bereits wäh- Herder-Blättern, die vom Brod-Freund Willy Haas
rend der beiden Dienstreisen nach Reichenberg und herausgegeben wurden. Das für den Druck verwen-
Friedland Anfang 1911 begonnen, systematisch Ta- dete 8-seitige Manuskript stammt, dem Projekt ent-
gebuch zu führen. Zusätzlich zu seinen Reiseauf- sprechend, zum Teil aus Kafkas, zum Teil aus Brods
zeichnungen entstehen also zahlreiche Bemerkun- Hand.
gen und ausformulierte Notizen, die, im Hinblick
auf das gemeinsame Vorhaben verfasst, gleichzeitig
Kafkas Detailgenauigkeit und Beobachtungsgabe Textbeschreibung
zeigen. So bemerkt der Herausgeber der Reisetage-
bücher Hans-Gerd Koch sehr zutreffend: »Während Dem einzigen vollendeten Kapitel des Richard und
im Tagebuch die Innenschau des Schreibenden vor- Samuel-Romans ist eine kurze Einleitung aus der Fe-
herrschend ist, richtet sich in den Reisetagebüchern der beider Autoren vorgeschaltet, die das Werk als
der Blick auf die jenseits des Gewohnten liegende »parallele Reisetagebücher zweier Freunde verschie-
Außenwelt. Auf Reisen tritt deutlich Kafkas Gabe denartigen Charakters« vorstellt und eine kurze Be-
hervor, sich in der Darstellung des Beobachteten auf schreibung jener so unterschiedlichen Persönlich-
das Besondere zu konzentrieren und es in literari- keiten liefert. Der kunstinteressierte, »weltläufige
scher Ausformung nachvollziehbar zu machen« junge Mann« Samuel trägt die Züge Brods, während
(Koch 1994, 249). der eher schüchterne Richard mit seiner »naiven
In den Monaten nach der Rückkehr belegen Kaf- Selbständigkeit« an Kafka erinnert (DzL 419).
kas Tagebücher die Beschäftigung mit dem gemein- Auch wenn die Tendenz zur Literarisierung eine
samen Projekt, aber auch seine zunehmende Ableh- genaue Zuschreibung verbietet, bleibt das gemein-
nung des fragwürdigen, da einengenden Verfahrens. same Romanprojekt sehr nahe am Reiseerlebnis der
Am 20. Oktober 1911 räumt er ein, er habe »schlecht beiden Freunde und an den Materialien aus den Ta-
geschrieben, ohne eigentlich in das Freie der eigent- gebüchern. Literarisch interessant ist das Wechsel-
lichen Beschreibung zu kommen, die einem den Fuß spiel der Perspektiven, das jede Situation im Spiegel
vom Erlebnis löst« (T 87), und eröffnet Brod folge- der jeweils individuellen Sichtweise schildert. So bil-
Richard und Samuel 131

den die fiktiven Tagebücher von Richard und Samuel Forschung


auch die stilistischen und atmosphärischen Unter-
schiede in den Aufzeichnungen Kafkas und Brods Der fragmentarische Charakter, die relative Banali-
ab: »Wo […] Max Brod bemüht ist, ein getreues Bild tät des überlieferten Romanfragments und die unge-
des Wahrgenommenen und Erlebten zu liefern, ver- nau definierte Überlappung zweier sehr unterschied-
mag Kafka eine Stimmung wiederzugeben, die im licher Sicht- und Schreibweisen sind genug Gründe
Zusammenhang mit wenigen, präzise beschriebenen dafür, dass Richard und Samuel auch heute noch
Details ein Bild entstehen läßt und es ermöglicht, kaum Beachtung gefunden hat. Nicht ganz zu Un-
sich in die Szenerie hineinzuversetzen« (Koch 1994, recht weist Peter-André Alt darauf hin, dass »Kafkas
249). spätere Zweifel« an der literarischen Qualität des
Fast wie eine literarische Übung mutet bereits der gemeinsamen Erzeugnisses »fraglos ihre Berech-
Anfang des Kapitels an, der sinngemäß mit einer tigung« hatten (Alt 2005, 239). Vor allem die schwie-
›mise en abîme‹ einsetzt: Gerade ist der Zug abge- rige Genese des Werks wird als Grund für seinen
fahren, da schlägt Richard seinem Freund vor, ein untergeordneten Rang in Kafkas Gesamtwerk ange-
Paralleltagebuch zu schreiben. Der mit diesem Ent- führt: »Dieses Unternehmen scheiterte deshalb, weil
schluss verbundene Verlust an Reisekomfort wird für Kafka die Vorstellung unerträglich war, dass der
gerne hingenommen, und das »sehr große, quadrati- Fortgang seines Schreibens davon abhängig sein
sche« Notizbuch (DzL 420) deutet bereits die Alteri- sollte, wie weit sein Freund in seinem Schreibprozess
tät des Tagebuch-führenden Reisenden an, der sich vorangekommen war« (Jahraus 2006, 44).
jedoch unmöglich dem Zwang, den fremden Alltag Allgemein gilt, dass das Fragment bisher meist aus
bis ins kleinste Detail schriftlich festzuhalten, entzie- dokumentarischer Sicht wahrgenommen wurde, da
hen kann: »Unverantwortlich ohne Notizen zu rei- es Informationen zur Reise der beiden Freunde lie-
sen, selbst zu leben« (5.9.1911; T 970). fert (Wagenbach, Dietz). Eine der wenigen Ausnah-
Die dünne Handlung des kurzen Kapitels ist men bildet hier Sophie von Glinski, die in Richard
schnell erzählt: Zentrales Ereignis ist die Begegnung und Samuel eine entscheidende Etappe auf Kafkas li-
im Zug mit einer hübschen Wagnerianerin, Dora terarischem Weg von der Beschreibung zur Selbstre-
Lippert genannt [i.e. Alice Rehberger], die beide flexion und zum eigenständigen Erschaffen von Ge-
Männer in ihren Bann zieht. Die gemeinsame, zu schichten sieht: »Erst mit dem seit Herbst 1911 ver-
Verführungszwecken erdachte Stadtrundfahrt folgten Plan zu einem Reise-Aufzeichnungs-Roman
durchs nächtliche München verschreckt aber die […] wird Beschreibung schließlich zum eigenen lite-
junge Dame, die kurz darauf in einen anderen Zug rarischen Projekt« (von Glinski 2004, 208).
steigt und beide Männer unverrichteter Dinge auf
dem Bahnsteig zurücklässt.
Während Samuel seine Aufzeichnungen immer Deutungsaspekte
wieder mit literarischen Anspielungen versieht –
beim Anblick der Schweizer Häuser fühlt er sich z. B. So zutreffend die Bemerkung ist, dass der schwierige
an Robert Walsers Roman Der Gehülfe (1908) erin- Entstehungsprozess des Werkes sicherlich auch im
nert (DzL 434) –, herrschen bei Richard eher Innen- Endprodukt durchschimmert und dass Richard und
sicht und perspektivische Beobachtung vor, die dann Samuel zweifelsohne keinen bedeutenden literari-
bei der Weiterfahrt von München nach Zürich in schen Rang beanspruchen kann, so falsch erscheint
eine Erzählung seines Halbschlafs münden. Am es jedoch, das Fragment zu unterschätzen.
Ende des Kapitels stehen beide am Zugfenster und Beeindruckend ist es vor allem deswegen, weil es
blicken hinaus in die vorbeiziehende Schweizer mit einer entwaffnenden Naivität das in Kafkas spä-
Landschaft. Dabei taucht in Richard das Bild Doras terem Werk vorherrschende Thema aggressiv erleb-
wieder auf, deren zarte, teilweise mütterlich, teil- ter weiblicher Sexualität sowie das hiermit zusam-
weise erotisch gefärbte Nähe er herbeisehnt. Sogar menhängende Leiden an der sexuellen Schizophre-
die engste männliche Beziehung vermag den Reisen- nie der Zeit behandelt. Die bürgerliche Doppelmoral,
den hier nicht mehr über das Fehlen einer weibli- die vom Manne einerseits erwartete, dass er sich als
chen Präsenz hinwegzutrösten. honoriger Familienvater verhielt, ihn aber gleichzei-
tig dazu anhielt, seine Männlichkeit durch zahlrei-
che Affären unter Beweis zu stellen, wird von Kafka
132 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

auch in den großen Romanen immer wieder aufge- sich aber auch dazu, sich anhand ihres Beispiels aus-
griffen und als eine der Hauptursachen für die ei- zumalen, wie Frauenkörper unter der täglichen
gene, ambivalente Haltung dem anderen Geschlecht Büro-Arbeit zu leiden haben: »Und so werden diese
gegenüber ausgewiesen. runden Popos gedrückt, und zugleich die Brust an
Kafkas Tagebücher von der Reise belegen zur Ge- der Schreibtischkante« (DzL 427). Bei der Fahrt
nüge, dass es den beiden Männern auf ihrer Reise durch Berlin fühlt sich Richard dann sogar an den
auch darum ging, erotische Abenteuer zu erleben. Film Die Weiße Sklavin (Dänemark, 1910) erinnert,
Bordelle wurden regelmäßig besucht, wobei sich den Kafka 1910 im Kino gesehen hatte (An Max
Kafkas Haltung darin äußert, dass er sowohl in Mai- Brod, 25.2.1911; B00–12 134; vgl. Zischler, 47–60).
land als auch in Paris beim Anblick der posierenden Hier wird die unschuldige Protagonistin von frem-
Prostituierten die Flucht ergreift. Bezeichnender- den Männern entführt und dann zur Prostitution
weise winkt gleich zu Beginn von Richard und angehalten. Doras Verklärung durch Richard in der
Samuel eine von zwei Bäuerinnen aus einem gegen- melancholisch-sinnlichen Schlussszene ist jedoch
überstehenden Zugwaggon den beiden Männern zu. weniger ein Zeichen für sein Verliebtsein als für Kaf-
Doch während Samuel das Gefühl hat, »als verspotte kas Tendenz zur konsequenten Literarisierung des
sie uns, weil wir nicht hinüberkönnen«, ärgert sich Geschehenen. Dora wird lediglich deswegen zum
Richard über des Freundes »liebedienerischen Brennpunkt der poetischen Reflexion des Dichters,
Gruß« an die Mädchen (DzL 421). weil sie das »nächste Mädchen meiner Erinnerung«
Fast holzschnittartig entwirft der Text die charak- ist (DzL 439). Im Vordergrund steht nicht die
terlichen Unterschiede der beiden vor dem Hinter- konkrete Reisebekanntschaft, sondern der poeto-
grund des sexuellen Verhaltens. Auf der einen Seite logische Aspekt, denn das abschließende Tableau
steht Samuel, dem es – man erstaunt fast, dass sich gewinnt erst dadurch an Bedeutung, dass es den
Brod so eindimensional hat zeichnen lassen – ganz Übergang von der Betrachtung der Wirklichkeit –
einfach darum geht, erotische Abenteuer zu haben. zusammen mit Samuel – zur subjektiven Verarbei-
Den Bäuerinnen, die neben den Bediensteten und tung dieser Wahrnehmung inszeniert. Das Leiden
den Prostituierten für beide Männer zu jener Ziel- an Liebessehnsucht wird erst dadurch interessant,
gruppe gehören, die ihnen das Beweisen ihrer Virili- dass sich an ihm die Trennung von Ich und Welt ab-
tät ermöglicht, winkt er gerne zurück. Und die Wag- lesen lässt.
nerianerin Dora Lippert ist für ihn nur so lange von Besonders eindrücklich ist die Thematisierung
Interesse, als sie für eine Affäre in Frage kommt. Er des Bezugs, den das Dichter-Ich zu der ihm unge-
beschreibt sie schlicht als »hübsch, dicknasig, kleiner wohnten Umgebung herstellt, in den Landschaftsbe-
Halsausschnitt in weißer Spitzenbluse« (DzL 422); schreibungen, die Richard im Halbschlaf liefert:
als sich herausstellt, dass sie sich dann doch entzieht,
Samuel weckt mich angeblich beim Anblick einer se-
bemerkt er nur noch lakonisch: »ich hatte gar keine henswerten Brücke, die aber schon vorbei ist, ehe ich
Lust auf das fade Frauenzimmer« (DzL 430). Bei Ri- aufschaue, und verschafft sich durch diesen Griff viel-
chard hingegen erscheint sie als ›femme fragile‹, de- leicht den ersten starken Eindruck von der Schweiz. Ich
ren künstlerische Neigung mit einer schwachen sehe sie zuerst, viel zu lange Zeit, aus innerer in äußerer
Dämmerung an (DzL 435).
Konstitution einhergeht, wodurch sie der berühm-
ten Wagnerianerin Gabriele Klöterjahn aus Thomas Die syntaktische Konstruktion des Satzes ist so ange-
Manns Tristan (1903) zum Verwechseln ähnlich legt, dass das Verschwinden der Brücke in die Bewe-
wird: gung des Satzes hinein verlegt wird. Langsam, im
grammatikalischen Aufbau, geht die Außenwelt un-
Dora L. hat runde Wangen mit viel blondem Flaum; sie
sind aber so blutleer, daß man sehr lange die Hände in ter, zieht am Fenster vorbei; übrig bleibt nur die in-
sie drücken müßte, ehe sich eine Röthung zeigte. Das nere Bewegung, die diffuse Auferstehung der Land-
Mieder ist schlecht, über seinem Rande auf der Brust schaft als inneres Bild. Wie sooft auch in seinen Ta-
zerknittert sich die Bluse; davon muß man absehn (DzL gebüchern aus dem Jahre 1911 (vgl. von Glinski,
424).
225 ff.), sondiert Kafka die literarischen Möglichkei-
Bezeichnend ist auch die weitere Beschreibung des ten der Vertauschung von Innen und Außen, prüft
Mädchens, die zwischen erotischer Faszination und die Mittel, nicht nur der künstlerischen Fixierung
intellektueller Bewunderung oszilliert: Richard be- von Wirklichkeit, sondern auch der Verwandlung
wundert sie, weil sie »so musikalisch« ist, versteigt von Wirklichkeit aus der Perspektive des Ich heraus.
Richard und Samuel 133

Richard und Samuel darf also auch in den Kontext Ludwig Dietz: F.K. Stuttgart 1990. – Sophie von Glinski:
jener frühen Schriften Kafkas gestellt werden, die Imaginationsprozesse. Verfahren phantastischen Er-
der systematischen Erforschung der literarischen zählens in F.K.s Frühwerk. Berlin, New York 2004. –
Arbeit und der thematischen Konturierung der ima- O. Jahraus (2006), 43 f. – Hans-Gerd Koch: Nachbemer-
ginierten Welt gewidmet sind. In den Tagebüchern kung. In: F.K.: Reisetagebücher (KA/Tb 12, 1994), 246–
entzündet sich die Reflexion über die Beschreibung 250. – Ders.: Brods erlesener K. In: Engel/Lamping
der Wirklichkeit an Goethes Reise in die Schweiz (2006), 169–178. – Hannelore Rodlauer-Wenko: Die Pa-
ralleltagebücher K.-Brod und das Modell Flaubert. In:
(29.9.1911; T 42 f.); seit 1909 beschäftigt sich Kafka
Arcadia 20 (1985), 47–60. – James Rolleston: Die erste
intensiv mit Flaubert, dessen anachoretisches Rin-
lange Eisenbahnfahrt. In: KHb (1979) II, 405–407. −
gen um Kunst ihn restlos fasziniert. Biographisches
Klaus Wagenbach: F.K. Eine Biographie seiner Jugend.
und Autobiographisches laufen in dieser Zeit paral-
Berlin 2006 [1958], bes. 169–172. – John Zilcosky:
lel, und es steht außer Zweifel, dass auch Richard und Transcending the Exotic. Nostalgia, Exoticism, and K.’s
Samuel diesem Bemühen geschuldet ist, auch wenn Early Travel Novel Richard und Samuel. In: J. Zilcosky
hier ansatzweise eine Fabel um die vielschichtige (2003), 19–40. – Hans Dieter Zimmermann: K. für
Freundschaft zweier Männer gesponnen wird. Die Fortgeschrittene. München 2004, bes. 9–15. – Hanns
Wahrnehmung der Außenwelt – vorzugsweise einer Zischler: K. geht ins Kino. Reinbek 1996, bes. 47–60.
fremdartigen Außenwelt – wird zum Anlass genom- Ronald Perlwitz
men, über das beobachtende Ich und sein Ringen
um Ausdruck nachzudenken. Weniger die Unfähig-
keit zur produktiven Zusammenarbeit mit dem
Freund, als die Zentrierung der autobiographischen
Arbeit auf die Konstitution des Dichter-Ich und sei-
nes subjektiven Bezugs zur Wirklichkeit dürfte also
der Grund für das Scheitern des Gemeinschaftspro-
jekts gewesen sein. Gleichwohl darf aber angemerkt
werden, dass einige charakteristische Züge von Kaf-
kas künstlerischer Persönlichkeit wohl selten so klar
zum Vorschein gekommen sind wie in dem kurzen
Kapitel um die Zugfahrt von Prag nach Zürich.

Ausgaben: ED: Erstes Kapitel des geplanten Buches Ri-


chard und Samuel von Max Brod und Franz Kafka: Die
erste lange Eisenbahnfahrt. In: Herderblätter 1 ([Juni]
1912) 3, 15–25. – Erz/GS (1935), 264–278 [Anhang]. –
Erz/GW (1952), 296–312 [Anhang]. – Max Brod/F.K.:
Eine Freundschaft. Bd. 1: Reiseaufzeichnungen. Hg. v.
Malcolm Pasley u. Hannelore Rodlauer. Frankfurt/M.
1987, 143–188 (Reise Lugano-Mailand-Paris-Erlen-
bach), 193–208 (Erstes Kapitel des Buches Richard und
Samuel), 278–292 (Erl. u. Komm. des Hgs.) u. 303–305
(Itinerarium zur Reise 1911). – DzL/KA (1994), 419–
440; vgl. auch: NSF I/KA (1993), 183–186 (Skizze zur
Einleitung für Richard und Samuel); NSF I:A/KA
(1993), 64 f. (Brods Skizze zur Einleitung); T/KA (1990),
941–1017 (Reisetagebuch zur Reise August/September
1911). − Texte Max Brods: Max Brod/F.K.: Eine Freund-
schaft (s.o.), Bd. 1, 73–142 (Reise Lugano-Mailand-Pa-
ris).
Forschung: P.-A. Alt (2005), 199–204, 237–239. – Max
Brod: Zusammenarbeit mit F.K. In: Herder-Blätter. Fak-
simile-Ausgabe zum 70. Geburtstag von Willy Haas.
Hamburg 1962; wieder in: Tribüne 2 (1963), 527–529. –
134 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

3.1.6 Literaturkritische und Die Rezensionen


literaturtheoretische Kafkas literaturkritische Tätigkeit beginnt im Um-
Schriften feld der vielfältigen Aktivitäten seines Freundes Max
Brod und dessen Freundes Franz Blei (1871–1942).
Blei und Brod hatten zusammen Werke des französi-
Kafka und die Theorie schen Symbolisten Jules Laforgue (1860–1887) ins
Deutsche übertragen; Blei hatte Brods erste Buch-
Kafka hat sich nur selten zu literaturtheoretischen veröffentlichung rezensiert und gab eine erotische
Fragen geäußert. Aus den Jahren zwischen 1908 und Zeitschrift mit dem Titel Der Amethyst heraus, in der
1911, also der Phase, in der sich Kafka wohl am in- auch Brod veröffentlichte. 1908 kam das erste Heft
tensivsten und am umfangreichsten mit dem litera- einer neuen Zeitschrift von Blei mit dem Titel Hy-
rischen Leben in Prag und mit zeitgenössischer Lite- perion auf den Markt; in diesem »luxurierenden,
ratur auseinandersetzte, datieren einige Rezensio- überformatigen, zweimonatlich erscheinenden Or-
nen, die meisten davon Auftragsarbeiten im Kreis gan des literarischen Ästhetizismus« (Stach, 6) er-
um Max Brod und Franz Blei. Eine eigene Stelle schien auch die erste literarische Veröffentlichung
nimmt der Einleitungsvortrag über Jargon ein, ein Kafkas, die acht Prosastücke der Betrachtung. Kafka
Vortrag über die jiddische Sprache, den Kafka an- wiederum rezensierte dafür Bleis Puderquaste sowie
lässlich einer Gedichtlesung 1912 hielt. Von beson- einen Roman Felix Sternheims, eines Protegés von
derem Interesse sind darüber hinaus die relativ weit Blei, und er schrieb nach nur drei Jahren den Abge-
ausformulierten Überlegungen zu den sogenannten sang auf den Hyperion. Reiner Stach resümiert lako-
»kleinen Literaturen« im Tagebuch aus dem Jahr nisch: »es deuten sich da die zarten Umrisse einer li-
1911. terarischen Seilschaft an« (ebd.).
Es ist jedoch müßig, aus diesen wenigen, verstreu- Gleichwohl kann man im Blick auf Kafkas Rezen-
ten Zeugnissen eine Kafkasche Literaturtheorie im sionen nicht von Gefälligkeitsrezensionen im eigent-
strengen Sinn herauspräparieren zu wollen. Man lichen Sinn sprechen; zu eigenwillig ist ihr sprachli-
sollte allerdings auch nicht sofort Kafkas Äußerun- cher Duktus, zu wenig argumentativ ihr kritischer
gen auf den Leim gehen, in denen er sich selbst als Zugriff. Es handelt sich streckenweise eher um Lese-
schwachen Denker und als zur Theorie von Grund assoziationen denn um Literaturkritik, und der Le-
auf unfähig darstellt (so Binder 1982, 12). Natürlich ser weiß am Schluss wohl kaum, ob ihm das Buch
hat Kafka, wie sollte es bei seiner Fixierung auf die nun eigentlich empfohlen wurde oder nicht. Ande-
Literatur und seiner intensiven Lektüre der Weltlite- rerseits sind die Texte auch als äußerlich nicht-fikti-
ratur auch anders möglich sein, bestimmte Auffas- onale literarische Werke Kafkas von Interesse. Wie
sungen vom Schreiben, von literarischer Qualität, für die Selbstzeugnisse gilt auch hier, dass eine
von poetischen Techniken, Verfahren, Wirkungs- kategoriale Trennung zwischen fiktionalem und
weisen, die er wohl kaum nur seinem halbjährigen nicht-fiktionalem, pragmatischem und poetischem
germanistischen Studium im Sommersemester 1902 Schreiben kaum existiert, sondern jegliche Texte
verdankte. Sie haben unverkennbare Spuren in den Kafkas mehr oder weniger literarische Äußerungen –
genannten Zeugnissen hinterlassen, die zumindest mit einem mal größeren, mal kleineren Fiktionali-
ansatzweise Aufschluss über seine Haltung zu litera- sierungsanteil – sind.
turtheoretischen Fragen geben können. Dabei be-
schränkt sich der Aussagewert jedoch vor allem auf Ein Damenbrevier
die Frühzeit seines literarischen Schaffens; späterhin
(Franz Blei: Die Puderquaste)
verzichtet Kafka vollständig auf eine Tätigkeit als Li-
teraturkritiker, und auch in den Tagebüchern finden Als erstes bespricht Kafka Franz Bleis Buch Die Pu-
sich ›nur‹ noch Äußerungen über die Lebensnot- derquaste. Ein Damenbrevier. Aus den Papieren des
wendigkeit des Schreibens für ihn ganz persönlich. Prinzen Hippolyt, das Ende 1908 im Münchner Ver-
lag Hans von Weber erschienen war; die Rezension
wird in der von Herwarth Walden herausgegebenen
Zeitschrift Der neue Weg am 6. Februar 1909 veröf-
fentlicht. Bleis Buch enthält eine lockere Folge von
Literaturkritische und literaturtheoretische Schriften 135

Erzählungen, Skizzen und Betrachtungen über Liebe telt also keine diskursiv begründete Kritik, sondern
und Leben im Allgemeinen, auf die der Rezensent ein vergleichbar verwirrendes Lektüreerlebnis.
mit keinem Wort eingeht. Vielmehr springt der eif-
rige Schwimmer Kafka sozusagen mit einem Kopf- Ein Roman der Jugend (Felix Sternheim:
sprung in die Rezension:
Die Geschichte des jungen Oswald )
Wenn man sich in die Welt aufatmend entläßt, wie vom
hohen Gerüst der Schwimmer in den Fluß, gleich und Auch Kafkas zweite Rezension beginnt gleich mit
später manchmal von Gegenstößen wie ein liebes Kind dem Bezug auf die Leser. Es handelt sich um Felix
verwirrt, aber immer mit schönen Wellen zur Seite in Sternheims Die Geschichte des jungen Oswald. Ein
die Luft der Ferne treibt, dann mag man wie in diesem Roman in Briefen, veröffentlicht Weihnachten 1909
Buch ziellos mit geheimem Ziel die Blicke über das Was-
ser richten (DzL 381).
wiederum im Verlag Hans von Weber; die Rezension
erscheint in der deutschsprachigen Prager Zeitung
Der lange Satz, der in seiner Syntax die dargestellte Bohemia vom 16. Januar 1910. Kafka schreibt:
Wellenbewegung simuliert, fasst eine mögliche Vielleicht muß der Leser, während er diesen Roman in
Lektürehaltung in ein bewegtes, ziemlich überlade- Briefform zu lesen beginnt, aus Not ein wenig einfältig
nes Bild. Der unmittelbar daran anschließende Ab- werden, denn ein Leser kann nicht gedeihen, beugt man
satz skizziert demgegenüber eine zweite, gegensätz- seinen Kopf sogleich mit dem ersten Ruck über den un-
veränderlichen Strom eines Gefühls (DzL 413).
liche Lesehaltung, nämlich eine auf »Erkenntnis«
und »Überzeugung« ausgerichtete, die nur derje- Seine daran anschließenden Reflexionen über die
nige gewinnt, der sich nicht vom Text willenlos Gattungsform, den Briefroman, entbehren allerdings
überwältigen lässt und in seinem Sog mitschwimmt. nicht nur jeglicher Naivität, sondern sind diesmal
Diesem nun offenbaren sich zum einen die »förm- ungewohnt theoretisch. Die Briefform, so Kafka,
lich ungestillte Energie« des Verfassers, zum ande- überwältige den Autor in gewisser Weise dadurch,
ren die »Kanten zum Erschrecken« (ebd.) im Text dass sie ihre eigenen Gesetze mit sich brächte; diese
selbst. bestimmt er als ein dialektisch zu fassendes Verhält-
Doch kaum sind die damit angedeuteten Bildkon- nis von »raschem Wechsel« im Erleben selbst und
traste verarbeitet, wechselt Kafka schon wieder die distanzierter »Dauer« in der Niederschrift. Wie ein
Bildfelder: Die »Materie« des Buches vergleicht er vorweggenommenes Selbstporträt wirkt an dieser
mit den »Versuchungen« (381) der Einsiedler in der Stelle die Beschreibung des nächtlichen Briefschrei-
Wüste – ein Reflex der Lektüre von Flauberts Tenta- bers, der »bei Ruhigsein des ganzen Körpers«
tion du Saint Antoine (Wagenbach 2006, 159) –, im »gleichmäßig seine Hand über das Briefpapier«
nächsten Schritt jedoch schon mit einem »kleinen schiebt (414). Auf weitere biographische Bezüge der
Ballettcorps« (DzL 381). Nicht nur der Autor des Hauptgestalt zu Kafka hat im übrigen Binder hinge-
Buches ist offenbar in seinen Text »verstrickt« (382), wiesen (Binder 1982, 378).
sondern auch der Rezensent verstrickt den Leser in Von den Briefen aus nähert Kafka sich nun dem
ein Gewirr von Bildern, die sich gegenseitig aufzu- Schwerpunkt seiner Rezension an, und das ist nicht
heben scheinen und schließlich in eine ebenso un- etwa die kunstvolle, wenn auch ein wenig allzu sehr
vermittelte Gattungsreflexion münden: Um einen an Goethes Werther gemahnende Machart, sondern
»Beichtspiegel« für Damen handele es sich nämlich. die weibliche Hauptfigur: ein Gretchen, das für
Gekonnt spielt Kafka dabei mit der Gattungstraves- Kafka in ihrer Einfachheit und Natürlichkeit die
tie des ›Beichtspiegels‹ wie auch des ›Breviers‹ durch »tiefste Stelle des Romans« (DzL 415) markiert. Der
die erotische Literatur, indem er den Text unvermit- Roman entfernt sich zwar wieder von dieser Gestalt,
telt wiederum in einer Lektüresituation, »in der ge- in Richtung auf eben jenen Oswald und dessen durch
wohnten mitternächtlichen Beleuchtung während Werther vorgezeichneten unvermeidlichen Selbst-
eines leisen Gespräches (leise, weil es heiß ist) nahe mord; der Rezensent jedoch bleibt bei Gretchen, ent-
beim Bett!« (382 f.) enden lässt. scheidet sich eben nicht für »den Ruhm, die Dicht-
Werner Hofmann geht wohl zu Recht davon aus, kunst, die Musik« (414), sondern für die »Liebe« und
dass hier ein Ansteckungsphänomen vorliegt, indem die »Treue« und »alle guten Dinge«, die das Buch
sich der lockere Aufbau und die improvisierte Form durch seine oberflächliche Dichtkunst »geradewegs
der Gedankenführung von Bleis Buch auf Kafkas Be- totschlägt« (415). Am Ende siegt damit das einfache,
sprechung überträgt (Hofmann, 472). Kafka vermit- weibliche, unreflektierte Leben über die kunstvolle,
136 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

männliche, reflexiv gebrochene Dichtkunst – und 1950), erschien zu Kleists 100. Todestag am 21. No-
letztendlich die Rezension über das damit doch recht vember 1911 im Ernst Rowohlt Verlag (Leipzig);
grundlegend verurteilte Epigonen-Werk. vorausgegangen war im Jahr 1910 eine fünfbändige
Kleist-Ausgabe im Leipziger Tempel-Verlag (Hg. Ar-
Eine entschlafene Zeitschrift thur Eloesser, 1870–1938), die Kafka wohl besaß und
auf die er sich im Text auch bezieht. Kafkas Rezen-
Zwiespältig ist auch der Eindruck, den Kafkas Nach- sion ist vermutlich kurz nach dem Erscheinungsda-
ruf auf den Bleischen Hyperion unter dem Titel Eine tum des Anekdoten-Bandes entstanden.
entschlafene Zeitschrift (abgedruckt wiederum in der Kleist war bekanntlich einer von Kafkas Lieblings-
Bohemia, Ausgabe vom 19. März 1911) vermittelt. autoren (ä 32); er war dazu, ebenso wie beispiels-
Der erste Absatz nimmt die Beerdigungsmetaphorik weise Flaubert, nicht nur durch sein Werk, sondern
auf, indem er die »großen, weißen Hefte« der über- zudem durch die Parallelen zu Kafkas Lebensproble-
dimensionierten Publikation mit zwölf Steinplatten matik qualifiziert. Dazu kommt Kafkas besonderes
assoziiert und die Almanache der Jahre 1910 und Interesse an autobiographischen Schriften insge-
1911 mit »unterhaltenden Reliquien eines unbeque- samt, das sich allenthalben in seinen Tagebüchern
men Toten« (DzL 416). Danach wird, weiter im Ton äußert. Beides zusammen erklärt die enorme Bedeu-
der Totenrede, die Genealogie des Blattes aufgerollt; tung und die hohe Wertschätzung, die Kafka in die-
als Vorfahren werden der Pan und die Insel genannt. ser kurzen Rezension einem kleinen Anekdoten-
Beide hätten jedoch, und nun nimmt der Text eine Band zuschreibt. Nicht wenig pathetisch hebt die
Kafkasche Wendung, in ihrer Existenz eine zwar un- Rezension an:
terschiedliche, aber immerhin vorhandene »Not-
Das ist ein Anblick, wenn die großen Werke, selbst bei
wendigkeit« (417) für das kulturelle Leben ihrer Zeit
willkürlicher Zerteilung, aus ihrem unzerteilbaren In-
gehabt, jedoch: »Der ›Hyperion‹ hatte keine« (ebd.). nern immer wieder leben, dann vielleicht ganz beson-
Der Grund dafür ist letztendlich, um einen bekann- ders in unsere trüben Augen schlagend (NSF I, 187).
ten Ausspruch von Groucho Marx über die Mitglied-
schaft in Clubs zu variieren, dass eine Zeitschrift, die Das gestische Bild steht für ein hermeneutisches Ar-
Autoren wie Kafka publiziert, keinen Lebenszweck gument: Es geht davon aus, dass »großen Werken«
haben kann; im Hyperion waren bekanntermaßen eine organische Ganzheit innewohnt, die sich durch
seine Betrachtung (ä 125) sowie das Gespräch mit die Isolation einzelner Teile nicht aufheben lässt; im
dem Beter und das Gespräch mit dem Betrunkenen Gegenteil, gerade die »Einzelausgabe« (ebd.) – und
(ä 101) erschienen. Denn der Autortypus, den Kafka sei es nur eine von vielleicht sogar schon bekannten
im Folgenden als repräsentativ für den Hyperion un- Anekdoten – verweist in ihrer Begrenzung unver-
terstellt, trägt deutlich seine eigenen Züge: Der Hy- meidlich auf das Ganze, dem sie angehört, ja steigert
perion habe »denen, die an den Grenzen der Litera- den Eindruck von dessen unzerstörbarer Lebendig-
tur wohnen, eine große lebendige Repräsentation« keit noch. Offensichtlich ist Kafkas Werkideal, zu-
(DzL 417) geben wollen; solche Autoren aber, »die mindest in dieser Zeit, klassizistisch geprägt. Das
ihre Natur von der Gemeinschaft fernhält« (ebd.), ›große Werk‹ übersteigt damit aber letztendlich die
würden eine solche Vertretung weder benötigen, Möglichkeiten des Lesers. Hier zeigt sich einmal
noch würde sie ihnen gerecht. Der Autor als prototy- mehr Kafkas Grundüberzeugung, dass die Qualität
pischer Junggeselle kann auch in der Zeitschrift die von Büchern sich danach bemisst, wie stark ihre Ge-
Nachbarschaft anderer Arbeiten nicht ertragen. wissheiten verstörende, ja geradezu körperlich ver-
letzende Wirkung ist; diese Wirkung formuliert
»Das ist ein Anblick« Kafka durch die aggressive Metapher »in unsere trü-
ben Augen schlagend« (ebd.).
(<Über Kleists Anekdoten >)
In einer Art Anti-Klimax preist Kafka danach vor
Noch näher an Kafkas Überzeugungen über den allem die Ausstattung; Alt hat darauf hingewiesen,
Wert literarischer Werke führt eine in einem Einzel- dass Kafka den Band als Druckvorlage für seine erste
konvolut überlieferte, nach Hofmann vielleicht für eigene Veröffentlichung, die Betrachtung, verwendet
das Prager Tagblatt bestimmte Rezension über einen hat (Alt, 144).
Anekdoten-Band (Hofmann, 473). Heinrich von Kleist’s
Anekdoten, herausgegeben von Julius Bab (1880–
Literaturkritische und literaturtheoretische Schriften 137

Fazit schied zwischen ästhetischen und wissenschaftli-


chen Menschen« (10).
Insgesamt kann über die Rezensionen gesagt wer- Zum zweiten diskutiert Kafka das Kriterium der
den, dass sie weniger an einer Bewertung der Texte physiologischen »Thatsache« der »Ermüdung« (9)
in Begriffen von ästhetischer Qualität als vielmehr beim Kunstgenuss. Abgesehen davon, so Kafka, dass
an der Herstellung einer den Werken adäquaten Le- eine solche Ermüdung auch beim Genuss vom Kalb-
sehaltung arbeiten. Die Rezension schafft sozusagen fleisch beim Mittagessen eintreten könne, sei Brods
das Milieu, in dem die besprochenen Werke ihr ide- Begriff der Neuheit insgesamt so weit gefasst, dass er
ales Rezeptionspotential – zumindest für Kafka – sich schließlich selbst aufhebe:
entfalten. Dieses ist jedoch unabhängig von ihrer denn da alle Gegenstände in immer wechselnder Zeit
Größe, ihrem Bedeutungsanspruch, ihrer Gattungs- und Beleuchtung stehn und wir Zuschauer nicht anders,
form und liegt wesentlich in dem Kriterium der Le- so müssen wir ihnen immer an einem andern Orte be-
benswahrheit und der von ihnen ausgelösten pro- gegnen (10).
duktiven Verstörung des Lesenden begründet. Das Argument ist vor allem deshalb interessant, weil
es darauf hinweist, dass Kafka vom Empiriokritizis-
mus seiner Zeit beeinflusst war (vgl. Wagenbach
Literatur- und sprachtheoretische 2006, 54). Kafka verwendet das Argument jedoch
Beiträge nicht weiter, sondern überführt die Diskussion über
die Müdigkeit schließlich von einer begrifflichen in
<Über ästhetische Apperception> eine bildliche: Der Gegenstand »schwebe« in der äs-
(»Man darf nicht sagen«) thetischen Apperzeption »über der ästhetischen
Kante und Müdigkeit«; er habe »das Gleichgewicht
Kafkas erste überlieferte literaturtheoretische Schrift verloren und zwar im üblen Sinn« (NSF I, 10). Das
in engerem Sinne ist ein Konvolut aus dem Jahr 1906, Gleichgewicht muss jedoch, das zeigen die folgen-
das sich mit Max Brods Artikel Zur Ästhetik, erschie- den Zeilen, auf jeden Fall wieder hergestellt werden.
nen in der Wochenschrift Die Gegenwart in zwei Tei- Die »ästhetische Apperzeption« sei nämlich kein
len am 17. und 24. Februar 1906, auseinandersetzt; »Zustand«, sondern »eine Bewegung«; aber eben
Kafka bezieht sich in seinen Ausführungen nur auf deshalb »muß sie sich vollenden« (10). Diese Vollen-
den ersten Teil des Brod-Textes (vgl. NSF I:A, 36). dung beschreibt Kafka in einem zwischen Beängsti-
Die dreiseitige, mit Bleistift notierte Schrift zeigt gung und Befriedigung schwebenden Bild: »Es ent-
akademische Züge im verwendeten philosophischen steht ein wenig Lärm, dazwischen dieses bedrängte
Begriffsarsenal – Kafka reflektiert im Wesentlichen Lustgefühl, aber bald muß alles in seinen gehöhlten
über die »ästhetische Apperzeption« – ebenso wie in Lagern ruhen« (ebd.). Der ästhetischen Erfahrung
der Nummerierung der Paragraphen von a bis e. bleibt damit ein sehr schmaler Zwischenraum zwi-
Gleichwohl ist der Text vor allem im Frageduktus schen verunsichernder Destabilisierung und Wie-
formuliert und richtet sich zeitweilig direkt an Brod derherstellung des geschützten Ruhezustandes vor-
als »Du«. behalten.
Kafka geht es bei der Auseinandersetzung mit Kafkas abschließendes Alltagsbeispiel für eine
dem seit Leibniz etablierten Terminus der ›Apper- nicht-ästhetische Apperzeption – nämlich das tat-
zeption‹ – die Ergänzung der sinnlichen Wahrneh- sächliche Finden eines nur beschriebenen Wegs in
mung, der ›Perzeption‹, durch die bewusste Durch- Prag – ist ein schlechtes Beispiel, und das Interessan-
dringung des Wahrgenommenen – vor allem um teste daran ist, dass es in einem Kaffeehaus und mit
verschiedene Abgrenzungen. Zum einen soll geklärt der Aufgabe des ganzen Versuchs endet. Der Artikel
werden, welche Vorstellungen eine spezifisch ästhe- selbst endet mit dem Vorwurf rhetorischer »Kunst-
tische Lust, die »ästhetische Apperception« (NSF I, stückchen« und unzulässiger apriorischer Unterstel-
9) erwecken. Als Unterscheidungskriterium fungiert lungen an Brod: Das argumentative Sprechen zwinge
bei Brod die Neuheit; dies allein ist für Kafka jedoch den Leser von vornherein, sich an Begriffe zu halten
nicht hinreichend, da zum Beispiel auch wissen- »wie an ein Geländer« (11). Dem versucht Kafka
schaftliche Entdeckungen neu sein können, ohne nicht zuletzt durch seine alltagsweltlichen Beispiele
ästhetisch rezipiert werden zu müssen. In Absatz d und seine bildliche Beschreibung von Erfahrungszu-
heißt es deshalb kategorisch: »giebt es einen Unter- ständen zu entkommen. Hier zeigt sich tatsächlich
138 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

ein bildhaftes Denken direkt am Werk, das den Be- einer verstärkten »Bewegung der Geister« (T 312)
griff selbst zwar eher verunklart, aber bei der Be- als einem allgemeinen Vorteil literarischer Arbeit
schreibung von Zwischenzuständen wie der ästheti- aus, der zu einer »detaillierten Vergeistichung [sic]
schen Erfahrung eine größere Plausibilität eben des großflächigen öffentlichen Lebens« (313) führen
durch Verunsicherung der gewohnten diskursiven müsse; damit verbunden sei eine erhöhte »Achtung
Sichtweise erreicht. vor litterarisch tätigen Personen« und die »nachwir-
kende Erweckung höheren Strebens unter den Her-
<Über kleine Litteraturen> anwachsenden« (ebd.). Hier skizziert Kafka sich eine
Jugend und ein Lebensumfeld, in dem er sein er-
Die zwei umfangreichsten literaturtheoretischen Äu- träumtes Leben in der Literatur nicht nur hätte
ßerungen Kafkas stehen zeitlich im direkten Zu- verwirklichen können, sondern in dem gerade dies
sammenhang seiner intensiven Auseinandersetzung sogar ein besonderes Verdienst gewesen wäre. Un-
mit ostjüdischer Kultur und jiddischer Sprache, die übersehbar wird der lebenspraktische Charakter
durch die Begegnung mit dem jiddischen Theater schließlich, als Kafka der kleinen Literatur auch die
Jizchak Löwys 1911 ausgelöst wurde. Die Einleitung »Veredlung und Besprechungsmöglichkeit des Ge-
zu seinen Überlegungen über die »kleinen Litteratu- gensatzes zwischen Vätern und Söhnen« zugute hält;
ren« im dritten Tagebuchheft vom 25. Dezember im gleichen Atemzug folgen »die Darbietung der na-
1911 (T 312–315) nimmt Bezug sowohl auf den tionalen Fehler« sowie die Rechtfertigung der »Gier
durch Löwy vermittelten Kontakt mit der jiddischen nach Büchern« (ebd.). All dies bildet offenbar einen
Literatur sowie die eigenen Erfahrungen mit der relativ geschlossenen Vorstellungskomplex, bei dem
tschechischen Literatur. Der negative Bezugspunkt, ursprünglich schuldbeladene Eigenschaften – der
das Exempel einer »großen« Literatur ist, wie ein Vaterkonflikt, dessen Einbindung in einen mentali-
kurz darauf folgender Eintrag zeigt, die deutsche, tätsgeschichtlichen und soziokulturellen Hinter-
insbesondere der Einfluss Goethes, mit dem sich grund und die Gegenreaktion des aufbegehrenden
Kafka in den Tagebüchern häufig auseinandersetzt. Sohnes – nun positiv gewendet werden können; eine
Das Problem kleiner Literaturen ist also eng mit Möglichkeit, die gleichzeitig als »besonders schmerz-
dem kleiner Sprachräume und dem Verhältnis ver- lich, aber verzeihungswürdig und befreiend« emp-
schiedener Literatursprachen verbunden; Wagen- funden wird (ebd.).
bach hat wiederholt auf die Abhängigkeit Kafkas Schließlich, und das ist wohl das ultimative Argu-
vom Prager Deutsch und dessen Mängeln und Ein- ment, ist bei kleinen Literaturen das Weiterleben im
schränkungen hingewiesen (2006, 83 ff.). Bei Kafkas Andenken der Nachwelt ungleich stärker gesichert.
Behandlung der »kleinen Litteraturen« jedoch ste- Dabei erlangt nicht der Dichter als Person Unsterb-
hen vor allem allgemeine politische und kulturelle lichkeit, sondern er wird immer stärker mit seinen
Phänomene im Vordergrund. Geradezu akribisch Werken »vertauscht« (315), bis Leben und Werk
sammelt Kafka in einer Art Brainstorming hier mög- endlich zur Ununterscheidbarkeit verschmelzen.
liche Vorteile »kleiner Litteraturen« zusammen; er Wenigstens im Tod ist damit erreicht, was Kafka im
spricht gar explizit von der »schöpferischen und be- Leben vergeblich erstrebte: das vollständige Aufge-
glückenden Kraft einer im einzelnen schlechten Lit- hen im Werk, das nun als »unveränderlicher vertrau-
teratur« (T 314). Dabei verbindet er drei verschie- enswürdiger Block« (ebd.) ein Monument für die
dene Argumentationslinien: (1) eine allgemeine Ewigkeit bildet.
Rechtfertigung der Intellektuellen- und Literaten-
existenz – und damit seiner eigenen ersehnten Le-
Literatur und nationale Identität
bensform −, (2) eine engere Beziehung zwischen Li-
teratur und nationaler Identität sowie (3) eine Reihe Damit eng verbunden ist die starke Bindung des Li-
diskursinterner Vorteile für das Literatursystem terarischen an die nationale Identität bei den kleinen
selbst. Literaturen. Kafka geht davon aus, dass das »Natio-
nalbewußtsein« (T 315) des Einzelnen sozusagen
umgekehrt proportional zur Größe der politischen
Rechtfertigung der Literatenexistenz
Nation ist; in kleinen Nationen, die sich ungleich
Der erste ist naturgemäß der persönlichste Punkt. stärker auf ihre Geschlossenheit besinnen und gegen
Kafka geht gleich zu Beginn der Ausführungen von alles Fremde abgrenzen müssen als große, trage je-
Literaturkritische und literaturtheoretische Schriften 139

der Einzelne deshalb eine größere Verantwortung Weiterführung und Schematisierung


für das Ganze. Für die Nationalliteratur bedeutet
das: Kafka führt seine Überlegungen zu den »kleinen Lit-
Es werden zwar weniger Litteraturgeschichtskundige be- teraturen« am folgenden zweiten Weihnachtstag
schäftigt, aber die Litteratur ist weniger eine Angelegen- weiter; der Eintrag ist explizit als »Fortsetzung«
heit der Litteraturgeschichte als Angelegenheit des Vol- (T 321) markiert. Zunächst wird der reihende Duk-
kes und darum ist sie wenn auch nicht rein so doch si- tus äußerlich beibehalten; einige Argumente – Deu-
cher aufgehoben (315).
tungsvielfalt im kulturellen Gedächtnis, unschädli-
Im »nicht rein« macht Kafka natürlich ein Zuge- che Verbindung der Literatur mit »politischen
ständnis; ein ideales Volk der Leser müsste den »auf Schlagworten« (322), Streitwert »kleiner Themen«
ihn entfallenden Teil der Litteratur« nicht nur »je- (322) – werden aufgenommen und weitergeführt.
denfalls […] verfechten«, sondern ihn auch »ken- Dabei verliert sich Kafka aber zunehmend in Einzel-
nen« und »tragen« (ebd.). Gleichwohl hat die kleine überlegungen und Zweifeln, bis hin zu dem Punkt,
Nationalliteratur als permanentes Reflexionsme- wo er direkt im Anschluss an einen Satz in Klam-
dium, als »Tagebuchführen einer Nation« (313), so- mern »Falsch« (321) notiert. An anderer Stelle geht
wohl sozialhygienische als auch ökonomische und die begriffliche Argumentation wieder unvermittelt
politische Vorteile. Sie lenkt die Aufmerksamkeit der in eine bildliche über. So heißt es im Anschluss an
Nation auf sich selbst und erlaubt eine »Aufnahme die Überlegungen zum literarischen Streit in kleinen
des Fremden nur in der Spiegelung« (313); sie bindet und großen Literaturen:
dabei »unzufriedene Elemente« und führt zu einer
Was innerhalb großer Litteraturen unten sich abspielt
»Gliederung des Volkes« vor allem durch die Entste- und einen nicht unentbehrlichen Keller des Gebäudes
hung einer ausdifferenzierten Zeitschriftenland- bildet, geschieht hier im vollen Licht, was dort einen au-
schaft (ebd.). Dass Kafka hier ebenfalls ein Idealbild genblicksweisen Zusammenlauf entstehen läßt, führt
zeichnet, ist wohl offensichtlich; interessant daran ist hier nichts weniger als die Entscheidung über Leben und
Tod aller herbei (322).
vor allem das damit verbundene Gesellschaftsbild,
das auch eine Reihe tendenziell nationalistischer Die freie Diskursgemeinschaft im lebendigen Streit
und autoritärer Züge aufweist. aus dem ersten Eintrag ist hier zu einer Schicksalsge-
meinschaft auf Leben und Tod geworden. Bezeich-
nenderweise endet der Text an dieser Stelle.
Verstärkende Wirkungen im Literatursystem
Zum Themenkomplex gehört noch eine weitere
Die dritte Argumentationslinie arbeitet eine Reihe Aufzeichnung vom 27. Dezember, in der Kafka nach-
systeminterner Effekte heraus, die besonders be- träglich versucht, seine Gedanken in ein »Schema
zeichnend für Kafkas Literaturauffassung sind. So zur Charakteristik kleiner Litteraturen« (326) zu sys-
geht er davon aus, dass in einer »kleinen Litteratur« tematisieren. Er stellt dabei auf die Hauptpunkte
das literarische Talent gleichmäßiger verteilt ist als »Lebhaftigkeit«, »Entlastung« und »Popularität«
in einer großen und »talentreichen« (314): »Die von (ebd.) ab, also eher psychologische Gesichtspunkte.
keiner Begabung durchbrochene Literatur zeigt des- Neu erscheint nur der letzte Punkt unter »Populari-
halb auch keine Lücken, durch die sich Gleichgültige tät«: »c Glaube an die Litteratur, ihre Gesetzgebung
drücken können« (ebd.). Es gibt also weder Genies wird ihr überlassen« (326). Die Formulierung kann
noch Dilettanten – die ja von großen Vorbildern als eine Variante des Autonomiepostulats gelesen
zehren –, sondern eine Reihe gleich begabter, gleich werden; sie wird aber bezeichnenderweise mit dem
ambitionierter, relativ selbständiger Autoren; es gibt »Glauben« zusammengebracht, ist also eher ein Er-
eben deshalb mehr »Lebhaftigkeit« (ebd.) und mehr gebnis persönlicher Überzeugungen oder psycholo-
»litterarischen Streit«. Die Literatur, so wird hier gischer Notwendigkeiten denn einer stringent ästhe-
suggeriert, erhält auch dadurch mehr Bedeutung im tisch-philosophischen Argumentation.
gesamten Lebenszusammenhang, dass sie Gegen-
stand einer öffentlichen Auseinandersetzung wird,
Reflexion der Schreiberfahrung
die nicht auf den ersten Blick durch Machtstruktu-
ren bestimmt wird, sondern eine Art freier Diskurs Dies gilt schlussendlich für Kafkas Aufzeichnungen
unter Gleichen ist. zu den »kleinen Litteraturen« insgesamt. Ihre sachli-
che ›Richtigkeit‹ oder ihre argumentative Stringenz
140 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

sind im Einzelnen zweifelhaft; ihr apologetischer ihn erstmals 1953 unter dem Titel »Rede über die
Wert für den Verfasser ist demgegenüber relativ klar. jiddische Sprache« (Hzv/GW).
Darüber hinaus scheint allein die Niederschrift eine Kafka hatte sich auf seine Rede durch die Lektüre
Art therapeutische Wirkung auf ihn gehabt zu ha- von Heinrich Graetz’ Volkstümliche Geschichte der
ben; das Schema schließt mit dem Satz: »Es ist Juden (Leipzig 1888) und Meyer Isser Pinès’ Histoire
schwer sich umzustimmen, wenn man dieses nützli- de la littérature judéo-allemande (Paris 1911) vorbe-
che fröhliche Leben in allen Gliedern gefühlt hat« (T reitet (vgl. Neumann 1992, 49). In seinem Einlei-
326). Noch am 29. Dezember treibt ihn diese Erfah- tungsvortrag versucht er, das Publikum – das des
rung um. Nun reflektiert er das Problem des Endes Jiddischen, zeitgenössisch auch als ›Jargon‹ bezeich-
eines theoretischen Textes, den Übergang vom net, ebenso wenig mächtig war wie Kafka – auf die
Schreiben zur »Luft des gewöhnlichen Tages« (328). Rezitation dreier jiddischer Gedichte durch Löwy
Der Schlusspunkt wird hier mit einem Zwangsakt einzustimmen. Dabei zeigt er sich als durchaus ge-
gleichgesetzt: Es kommt nicht von sich aus zu einer wandter Rhetoriker. Die Rede wird mit einer ge-
runden Geschlossenheit, sondern zu einer aktiven, schickt kalkulierten captatio benevolentiae eingelei-
gewaltsamen Beendigung mit Händen, »die nicht tet, die zunächst unterstellt, dass trotz der Fremdheit
nur arbeiten sondern sich auch festhalten müssen« des westeuropäischen Judentums im Umgang mit
(329). Kafka ist nach seinem Ausflug in die Theorie dieser ostjüdischen Sprachform ein Verständnis
endgültig wieder bei sich selbst und seinen bekann- nicht nur möglich, sondern sogar bereits gewiss sei.
ten Schreibproblemen angekommen. Zur Illustration bedient Kafka sich zunächst einer
schroffen Antithese von West- vs. Ostjudentum in
Einleitungsvortrag über Jargon den Termini von Ordnung vs. Chaos, Deutlichkeit vs.
Verwirrung. Demgegenüber wird der Jargon im Fol-
Einige Wochen später beschäftigt sich Kafka erneut genden rehabilitiert, indem Kafka ihn in einem wis-
im Kontext der Auseinandersetzung mit dem jiddi- senschaftlichen Exkurs als zwar »jüngste europäische
schen Theater mit einem theoretischen Thema. Max Sprache« (NSF I, 189), aber trotzdem historisch ge-
Brod hatte unter dem Patronat des zionistischen Stu- wachsene Form etabliert. Diese wird vor allem nega-
dentenvereins Bar-Kochba einen Rezitationsabend tiv charakterisiert: Der Jargon habe keine Gramma-
zur Förderung Jizchak Löwys organisiert, der am 18. tik; er bestehe nur aus fremden, eingebürgerten Wor-
Februar 1912 im Festsaal des Jüdischen Rathauses ten, sei gleichsam das Ergebnis einer sprachlichen
stattfand. Der Vortrag jiddischer Gedichte sollte zu- »Völkerwanderung« (189); er habe zwar seine An-
nächst von Oskar Baum moderiert werden; als die- fänge im Mittelhochdeutschen, werde danach aber
ser absagte, sprang Franz Kafka ein. Zwei Wochen nicht zum Neuhochdeutschen weiterentwickelt, son-
quälte er sich, einer Eintragung im Tagebuch vom dern verbleibe im »Ghetto« (190). All dies habe zu
25. Februar zufolge, mit Skrupeln und Zweifeln, ent- seiner Missachtung ebenso beigetragen wie seine
wickelte kompensatorisch ungeahnte organisatori- Nähe zur »Gaunersprache« (189). Kurz: Das Jiddi-
sche Talente und war kurz davor, das Ganze abzusa- sche spiegelt in seinen sprachlichen Eigenheiten letzt-
gen, bis ihm am Abend vor dem Ereignis der Vortrag lich das Schicksal des ewigen Juden in der Sprache.
plötzlich gelang (vgl. T 377). All dies verzeichnet das An dieser Stelle unterbricht Kafka die Argumenta-
Tagebuch neben schlaflosen Nächten unter dem tion, um kurz den Inhalt der Gedichte zu skizzieren,
Stichwort »Aufregungen«, um anschließend jedoch die Löwy nun vortragen werde, und die sich mit den
den »Nutzen« entgegenzuhalten: »Freude an L. und Themen der jüdischen Emigration nach Amerika,
Vertrauen zu ihm, stolzes, überirdisches Bewußtsein der biblischen Verheißung der Vertreibung und ei-
während meines Vortrages« (378). Die persönliche ner Liebesgeschichte befassen. Damit, so Kafka, sei
Bilanz ist offensichtlich positiv; die finanzielle war, jedoch wenig zu ihrem eigentlichen Verständnis ge-
so Kafka in einem Brief an Felice vom 6. November sagt, das sich unabhängig vom Inhalt erst durch ihre
1912, trotz erfreulich vielzähligem Besuch »nicht sprachliche Ausdrucksform erschließe. Die Texte
entsprechend unzählig« (B00–12 215). könnten nämlich nicht, und zwar gerade wegen der
Der Text ist nur in einer titellosen Abschrift durch Nähe des Jiddischen zum Deutschen, einfach über-
Max Brods Frau Elsa überliefert (NSF I, 188–193); setzt werden, da der Bedeutungsgehalt jiddischer
im Tagebuch spricht Kafka selbst vom »Einleitungs- Worte durch die phonetische Nähe zu den entspre-
vortrag über Jargon« (T 376). Brod veröffentlichte chenden deutschen Wörtern überlagert und ver-
Literaturkritische und literaturtheoretische Schriften 141

drängt werde. Die Verwandtschaft beider Sprachen setzung mit dem jiddischen Theater und der jiddi-
muss also vergessen werden, um den Jargon wirklich schen Literatur im Vorfeld des Einleitungsvortrags.
als eigene Ausdrucksform erleben zu können. Dort sind auch die Gedichte in transkribierter Fas-
Damit ist Kafka bei seinem eigentlichen Argu- sung abgedruckt, auf die sich Kafka bezieht (Binder
ment angelangt, nämlich der Forderung, den Jargon 1976, 400–403), sowie die entsprechenden Stellen in
nicht diskursiv, beispielsweise durch Übersetzung Pinès’ Historie de la littérature judéo-allemande nach-
oder Erläuterung, begreifen zu wollen, sondern ihn gewiesen, die Kafka verwendet.
»fühlend zu verstehen« (193). Das sich dabei einstel- Bezüglich des Einleitungsvortrag sowie des Frag-
lende Sprach-Erlebnis beschreibt Kafka analog zu ei- ments zu den »kleinen Litteraturen« wurde zu Recht
ner Epiphanie-Erfahrung: Sie setzt zunächst Ab- der Projektionscharakter der Texte betont. Das Ver-
schalten des bewussten Denkens, der »Klage« über hältnis von Ost- und Westjudentum sowie die Be-
das Unverständnis, und »Stille« (ebd.) voraus; man deutung der damit verbundenen Frage nach der Prä-
wird dann vom Erlebnis, dem Jargon selbst, »plötz- ferenz des Hebräischen oder Jiddischen für die neue
lich« »ergriffen«; es ist ein Erlebnis einer überwälti- zionistische Identität skizziert Haring in einem in-
genden »wahren Einheit«, das begleitet wird von formativen Beitrag. Der Jargon sei für Kafka in die-
»Furcht«, aber auch von »Selbstvertrauen«, das »über sem Zusammenhang eine »Antithese auf die westeu-
Sie käme« (193). ropäische Kultur« schlechthin (Haring, 2). Auch
Wie alle Epiphanien kann auch diese leider nicht Lauer sieht hier vor allem eine regressive neoroman-
andauern; aber selbst dafür hält der Conferencier ei- tische Sprachauffassung verkörpert; das Jiddische
nen Trost bereit: werde stilisiert zu »einer Sprache des Ganz Anderen,
die allen Kategorien romantischer Poesie entspricht«
Genießen Sie es, so gut Sie können! Wenn es sich dann
(Lauer, 141). Neumann hingegen akzentuiert den
verliert, morgen und später […] dann wünsche ich Ih-
nen aber, daß Sie auch die Furcht vergessen haben möch- utopisch-projektiven Charakter des Entwurfs; es
ten. Denn strafen wollen wir Sie nicht (193). handele sich um das »Konzept einer neuen, erst zu
erfindenden poetischen Sprache« (Neumann 2002,
Dieses Ende kommt sehr unvermittelt. Es setzt einen 54).
verunsichernden Kontrapunkt zu einer Rede, deren Auch das Konzept der »kleinen Litteraturen« hat
apologetischer Charakter bis zu genau diesem Punkt einige Aufmerksamkeit in der Forschung gefunden.
ungebrochen und erfolgreich schien. Dass sie doch Deleuze/Guattari stellen in der gleichnamigen Pub-
wieder in eine Strafphantasie mündet, hängt wohl likation ihre gesamte Kafka-Deutung unter dieses
letztlich mit dem mangelnden Selbstvertrauen des Motto. Sie isolieren drei »charakteristische Merk-
Redners zusammen, der zum »Genuß« zwanghaft male« einer kleinen Literatur: »Deterritorialisierung
die folgende Bestrafung assoziieren muss; nur so der Sprache, Koppelung des Individuellen ans un-
kann seine eigene »wahre Einheit« (193) gewahrt mittelbar Politische, kollektive Aussageverkettung«
bleiben. (Deleuze/Guattari, 27). Dies jedoch seien nicht nur
»revolutionäre Bedingungen jeder Literatur« (ebd.),
sondern Merkmale, die durchgängig in Kafkas poe-
Forschung und Deutungsaspekte tischem Werk nachweisbar seien. Demgegenüber
betont Lauer auch hier die romantischen Wurzeln
Die Forschung ist auf die Rezensionen Kafkas außer- der Literaturauffassung Kafkas; es handele sich um
halb ihres biographischen Entstehungskontextes das »Wunschbild einer Literatur«, das sich Kafka aus
kaum eingegangen; mögliche Gründe dafür nennt genuin persönlichen Erwägungen zurechtgezimmert
Binder (1976, 11), der jedoch ebenfalls hervorhebt, habe und mit dem er sich als »Stratege der Autor-
dass die Texte »die einzige direkte und sogar reich- schaft« erweise (Lauer, 143).
lich fließende Quelle für die Erkenntnis seiner poeti- Zweifellos sind die hier behandelten literaturkriti-
schen Verfahrensweise« (12) bieten. In seinem Kom- schen und literaturtheoretischen Texte für Kafka un-
mentar finden sich ausführlichere Inhaltsangaben mittelbar identitätsrelevant, vielleicht auch von stra-
der besprochenen Werke sowie weitere Angaben tegischer Bedeutung. Seine Sehnsucht nach einer en-
zum Veröffentlichungskontext. geren Verbindung zwischen Literatur und nationaler
Ebenfalls in Binders Kommentar enthalten sind kultureller Identität, geistigem Schöpfertum und so-
ausführliche Informationen zu Kafkas Auseinander- zialer Anerkennung sowie nach Eingemeindung des
142 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

Autors ins Volk seiner Leser teilt er darüber hinaus mut Binder: K.s literarische Urteile. Ein Beitrag zu
mit zeitgenössischen Autoren wie Rilke – der sich seiner Typologie und Ästhetik. In: ZfdPh 86 (1967),
Vergleichbares in Russland imaginierte. 211–249. − Ders.: K.-Kommentar zu den Romanen, Re-
Die Texte enthalten zudem einige ästhetische Über- zensionen, Aphorismen und zum Brief an den Vater.
legungen Kafkas, die das Bild einer im Grunde klassi- München 2. Aufl. 1982 [1976], 375–386. − Werner Hof-
zistisch orientierten Ästhetik zeichnen. Dazu gehören mann: Rezensionen. In: KHb (1979) II, 470–474. − Paul
die Überzeugung von der organischen Geschlossen- Raabe: F.K. u. Franz Blei. Samt einer wiederentdeckten
Buchbesprechung K.s. In: J. Born (1965), 7–20. −− Ein-
heit des »großen Werks« und von seinem Überdauern
leitungsvortrag über Jargon [<Rede über die jiddische
über die Zeit hinweg, seine Verschmelzung mit der
Sprache>]: G. Baioni (1994), 49–53. – Hartmut Binder:
Figur des Autors im kulturellen Gedächtnis, ja die Un-
Rede über die jiddische Sprache. In: KHb (1979) II,
terscheidung zwischen ›großen‹ und ›kleinen‹ Litera-
503–505. − H. Binder (1976, s.o.), 387–403. − Ekkehard
turen überhaupt. Die Vorstellung einer poetischen W. Haring: »alle Sprachen kann ich…«. Evidenzen
Ursprache und einer sprachlich vermittelten Epipha- des Jargon in der Prager deutschen Literatur. In:
nie-Erfahrung hat zwar ebenso wie die Idee einer Ver- TRANS. Internet-Zeitschrift für Kulturwissenschaften
wurzelung der Literatur in der politischen und kultu- 16 (2005), www.inst.at/trans/16Nr/06_6/haring16.htm
rellen Identität des Volkes romantische Züge; aber (17.7.2008). − Gerhard Neumann: »Eine höhere Art der
beide Aspekte lassen sich relativ mühelos in ein klassi- Beobachtung«. Wahrnehmung und Medialität in K.s
zistisches Paradigma integrieren, indem man stärker Tagebüchern. In: Sandberg/Lothe (2002), 33–58. −
ihre rationalen denn ihre irrationalen Potentiale be- Bernhard Siegert: Kartographien der Zerstreuung.
tont. Zudem versucht sich Kafka ja selbst nicht etwa Jargon und die Schrift der jüdischen Tradierungsbewe-
in jiddischer Volksdichtung, sondern bemüht sich im gung bei K. In: Kittler/Neumann (1990), 222–247. −
Gegenteil in der klassischen deutschen Hochsprache Claudia Vitale: F.K.s Rede über die jiddische Sprache.
zu einer maximalen Sprachreinheit zu gelangen, ar- Nomadismus und Vitalität der Sprache. In: Brücken.
beitet sich also am Vorbild Goethes oder Kleists ab. Germanistisches Jb. Tschechien-Slowakei 16 (2008),
Die Kafka-Rezeption hat ihm darin schließlich recht 209–218. − Vgl. auch ä 57 f. −− <Über kleine Litteratu-
gegeben: Zweifellos gilt Kafkas Werk der Nachwelt ren>: Réda Bensmaïa: On the Concept of Minor Litera-
nicht als ›kleine‹, sondern als ›große‹ Literatur in dem ture from K. to Kateb Yacine. In: Constantin Boundas/
von ihm selbst definierten Sinn. Dorothea Olkowski (Hg.): Gilles Deleuze and the The-
ater of Philosophy. New York 1994, 213–20. − Stanley
Corngold: K. and the Dialect of Minor Literature. In:
Ausgaben: Rezensionen: Ein Damenbrevier [Franz Blei:
Collège Littérature 21 (1994), 89–101. − Gilles Deleuze/
Die Puderquaste]: ED: Der neue Weg 38 ([6. 2.] 1909),
Félix Guattari: K. Pour une littérature mineure. Paris
62. − J. Born (1965), 11 f. − DzL (1966), 381–383. −− Ein
1975; dt.: Für eine kleine Literatur. Frankfurt/M. 1976.
Roman der Jugend [Felix Sternheim: Die Geschichte des
− Gerhard Lauer: Die Erfindung einer kleinen Literatur.
jungen Oswald]: ED: Bohemia 83 ([16. 1.]1910) Nr. 16,
K. und die jiddische Literatur. In: Engel/Lamping
33. − Erz/GS2 (1946), 279–281. − Erz/GW (1952), 313–
(2006), 125–143. − M. Nekula (2003), 216–219. − Ger-
315. – DzL/KA (1996), 413–415. −− Eine entschlafene
hard Neumann: Hungerkünstler und singende Maus.
Zeitschrift [Max Brods Titel: Hyperion]: ED: Bohemia 84
F.K.s Konzept der »kleinen Literaturen«. In: Gunter E.
([19. 3.]1911) Nr. 78, 33. − Erz/GS2 (1946), 282–284. −
Grimm (Hg.): Metamorphosen des Dichters. Das
Erz/GW (1952), 316–318. − DzL/KA (1996), 416–418.
Rollenverständnis deutscher Schriftsteller von der
−− »Das ist ein Anblick« <Über Kleists Anekdoten>: ED:
Aufklärung bis zur Gegenwart. Frankfurt/M. 1992,
Erz/GS2 (1946), 281. − Erz/GW (1952), 315 f. − NSF I/
227–247. − Walter H. Sokel: Two Views of Minority
KA (1993), 187. −− <Über ästhetische Apperception>
Language. K., and the German Enclave of Prague. In:
(»Man darf nicht sagen«): ED: NSF I/KA (1993), 9–11.
Quarterly World Report 1 (1983), 5–8.
−− Schriften: <Über kleine Litteraturen>: ED: T/GW
Jutta Heinz
(1951), 206–210. − T/KA (1990), 312–315, 321 f., 326
[Schema zur Charakteristik kleiner Litteraturen]. −−
Einleitungsvortrag über Jargon: vorgetragen am
18.2.1912; ED unter dem Titel Rede über die jiddische
Sprache in: Hzv/GW (1953), 421–426. − NSF I/KA
(1993), 188–193.
Forschung allgemein: P.-A. Alt (2005). − Stach (2002). –
Wagenbach 2006 [1958]. –– Zu den Rezensionen: Hart-
Kleine nachgelassene Schriften und Fragmente 1 143

3.1.7 Kleine nachgelassene 1–6. In den ersten beiden Heften versucht Kafka
noch, Tagebucheinträge und kleine literarische Ent-
Schriften und würfe in zwei verschiedenen Heften getrennt zu no-
Fragmente 1 tieren, weshalb die größtenteils undatierten Einträge
in den Heften 1 und 2 der Tagebücher teilweise zeit-
lich parallel verlaufen (ä 379 f.). In den weiteren Hef-
Überblick: Werkartige Teile ten 3 bis 6, also bis zum ›Durchbruch‹ mit dem Ur-
im Nachlass 1–12 und in den teil, das in Heft 6 niedergeschrieben wird, sind dann
Tagebuchheften 1–6 wiederum Erstfassungen seiner frühen Publikatio-
nen neben autobiographischen Eintragungen zu fin-
Dass Kafka selbst seine ersten Tagebuchaufzeich- den: Teile von Beschreibung eines Kampfes und von
nungen samt seinen ersten literarischen Versuchen Richard und Samuel; die Niederschrift des Heizer-
vernichtet hat, gilt als sicher (vgl. Binder 1976, 41 f.). Kapitels, das später in den Verschollenen einging, so-
Überliefert sind aus der frühesten Zeit ab 1897 bis wie einige der Kurztexte aus der Betrachtung (Un-
hin zur Niederschrift des Urteils lediglich Konvolute glücklichsein, Das Unglück des Junggesellen, Der
von unterschiedlichem Umfang, die im Nachlass- plötzliche Spaziergang, Entschlüsse) und Großer Lärm
band der Kritischen Ausgabe unter den Nummern (vgl. DzL 441 f.).
1–12 abgedruckt wurden (vgl. NSF I:A, 35–67), so- Daneben gibt es in den frühen Tagebüchern nur
wie die Tagebuchhefte 1 bis 6, die wohl im Jahr 1909 wenige selbständige Erzählanfänge. Dazu gehören
einsetzen, aber erst seit August/September 1911 die vor allem sechs Fragmente im ersten Heft, die um
Form regelmäßiger, datierter Tageseinträge anneh- die Figur des »kleinen Ruinenbewohners« kreisen
men (vgl. T:A 33–41). und eine Art fiktionale Erziehungskritik Kafkas auf
In den Nachlasskonvoluten sind vor allem ver- autobiographischer Basis bilden. Sie werden im Fol-
schiedene Fassungen von Kafkas frühesten Werken genden gemeinsam mit dem Nachlasskonvolut 6
enthalten: die drei Fassungen der Hochzeitsvorberei- (<Unter meinen Mitschülern>) ausführlich behan-
tungen auf dem Lande (Nr. 4; ä 3.1.2), die zwei Fas- delt. Weitere Einträge in verschiedenen Heften krei-
sungen der Beschreibung eines Kampfes (Nr. 5; sen um den Komplex des Junggesellentums, der da-
ä 3.1.1) sowie eine Skizze für ein Einleitungskapitel nach untersucht werden soll.
zu Richard und Samuel (Nr. 10; ä 3.1.5). Es gibt zwei
Gedichte: ein Zweizeiler für ein Poesiealbum (Nr. 1;
NSF I, 7; ä 372 f.) und das Gedicht Kleine Seele (Nr. 8; Fiktionalisierte Jugend
ä 374 f.). Ebenso finden sich hier einige literatur-
<Unter meinen Mitschülern >:
kritische und literaturtheoretische Texte: eine Notiz
zu einem Artikel von Max Brod über Ästhetik Welteroberung durch Urteil
(<Über ästhetische Apperception>, Nr. 3; ä 137 f.), Wohl um die Jahresmitte 1909 entstand ein Konvo-
eine Rezension zu Kleists Anekdoten (Das ist ein lut von sechs Blättern (NSF I, 172–176), in dem ein
Anblick, Nr. 11; ä 136), ein Rezensionsfragment Ich-Erzähler seine Schulzeit reflektiert. Nicht nur in
anlässlich eines Besuchs des Kabaretts »Lucerna« der Art der Niederschrift im Manuskript (vgl. NSF
(Nr. 9) sowie der Einleitungsvortrag über Jargon I:A, 57 f.), sondern auch in der Erzählweise teilt es
(Nr. 12; ä 140 f.). Das Konvolut Nr. 7, eine Laudatio charakteristische Züge mit den ungefähr gleichzeitig
zur Wahl eines neuen Vorstandes in der Arbeiter- entstandenen späteren Fassungen B und C der Hoch-
Unfall-Versicherungs-Anstalt (Diese Wahl ist sehr zeitsvorbereitungen auf dem Lande (ä 102 f.).
begrüßenswert) gehört zu den Amtlichen Schriften Der Text beginnt mit einer abwertenden Selbst-
(ä 3.4.4). Als eigenständiges Erzählfragment außer- einschätzung des Ich-Erzählers – er sei unter seinen
halb anderer Werkkontexte verbleibt damit aus dem Mitschülern »dumm, doch nicht der dümmste« ge-
Nachlasskonvolut 1–12 einzig eine Skizze über wesen (NSF I, 172) –, die gleich darauf mit den noch
Schulzeit und Jugend (Unter meinen Mitschülern, negativeren Aussagen der Lehrer und Eltern vergli-
Nr. 6). chen wird, um schließlich in eine allgemeine Aus-
Weitere Entwürfe sowohl zu veröffentlichten wie sage über Urteile schlechthin überzugehen: Das ver-
unveröffentlichten literarischen Texten Kafkas aus nichtende Urteil der anderen über seine Schulzeit
seiner Frühzeit finden sich in den Tagebuchheften entspringe »dem Wahne vieler Leute«, »welche glau-
144 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

ben, sie hätten die halbe Welt erobert, wenn sie ein Dieser Gesellschaft entzieht sich das Kind durch
so äußerstes Urteil wagen« (ebd.). Rückzug in seinen »natürlichen Zustand« (174): Am
Damit ist das zentrale Thema des Fragments ge- liebsten bleibt es passiv, wartet, legt sich ins Bett.
nannt, um das alle folgenden Textpassagen kreisen, Kinder, so der Erzähler, hätten es sowieso nicht nö-
die vordergründig einzelne Kindheitserfahrungen tig, durch äußere Urteile in ihrem Wesen bestätigt zu
erzählen: Es geht um die kommunikative Macht- werden:
struktur des Urteilens, die exemplarisch an dem Ver-
Denn entweder noch völlig in sich ruhend oder doch
hältnis von Kindern und Erwachsenen dargestellt immerfort in sich zurückgeworfen fühlen sie ihr Wesen
wird. Beurteilt wird das Kind von »fremden Leuten« laut und stark, wie eine Regimentsmusik (176).
(173), die es anstarren, und von einem einzelnen Be-
sucher im Elternhaus, mit dem es versucht hatte, ei- Der Vergleich mit der »Regimentsmusik« ist nur ei-
nen direkten Blickkontakt aufzunehmen. Beurteilt nes der vielfältigen Bilder, die beinahe jeden Absatz
wird es zudem, noch mit 17 Jahren, von seinem Va- des kurzen Textes schließen und jeweils, nahezu
ter. Die Beschwörung, gerade dieses Urteil habe schematisch, eine diskursive Aussage ins Bildliche
»nicht im kleinsten« Eindruck auf ihn gemacht, wird übersetzen. Das Verhältnis des Kindes gegenüber
dadurch widerrufen, dass es sich »die Worte« (175) der Außenwelt wird mit einem Schauspieler vergli-
im Einzelnen gemerkt hat. Noch im <Brief an den chen, der in seinem Auftreten »Unsicherheit« und
Vater > wird Kafka einzelne wörtliche Äußerungen »Leidenschaft« (173) vereinigt; das Scheitern des
seines Vaters zitieren, die ihn traumatisch geprägt Blickkontakts mit dem fremden Mann mit dem Aus-
haben. gleiten »ungeschickter Schlittschuhläufer« (175).
Dabei wird das Urteil der Erwachsenen mit einer Das Fragment schließt mit einem Vergleich, der die
oberflächlichen Art von Alltagskommunikation ver- allgemeine Urteilskritik des Anfangs aufnimmt:
bunden, in der »lächerliche Behauptungen«, »statis-
Das allgemeine Urteil aber hat ihnen [den Kindern] un-
tische Lügen, geographische Irrthümer« ebenso wie bekannte Voraussetzungen, unbekannte Absichten, wo-
»tüchtige politische Ansichten, achtbare Meinungen durch es von allen Seiten unzugänglich ist; es gibt sich
über actuelle Ereignisse, lobenswerte Einfälle« (173) als Spaziergänger auf der Insel im Teich, wo nicht Boote
vorgebracht werden − eine Aneinanderreihung, de- noch Brücken sind, hört die Musik, wird aber nicht ge-
hört (176).
ren ironischer Charakter offensichtlich ist und die
auch die spätere Einschätzung des Vaters (»ein be- Die verwendeten Vergleiche sind nicht gerade nahe-
sonders in der politischen Welt meines Vaterlandes liegend und eben deshalb vielschichtig; sie haben
sehr angesehener und erfolgreicher Mann«, 175) eine Tendenz, sich zu verselbständigen und den dis-
zweifelhaft erscheinen lässt. All diese vermeintlichen kursiven Gehalt der Aussagen, die sie doch eigent-
Machtsprüche der Erwachsenen werden zudem, so lich »beweisen« sollen – das Wort findet sich immer
der Erzähler, allein durch eine entsprechende Kör- wieder im Text –, zu verflüssigen, teilweise ihnen so-
persprache, durch physische Gesten der Machtaus- gar zu widersprechen. Untereinander werden die
übung, »bewiesen« (173), während gleichzeitig ihr Vergleiche nur vage durch ihre Herkunft aus dem
»Blick« von den Kindern »abgleitet«, »wie ein erho- Bereich der künstlerischen Unterhaltung und Frei-
bener Arm niederfällt« (174). zeitgestaltung verbunden. Letztlich läuft der Text al-
Der Versuch des Kindes, mit dem fremden Mann lerdings durch den Kontrast des immer wieder ange-
einen Blickkontakt aufzubauen, scheitert: Es hatte schlagenen reflexiven Tons mit seiner ausgeprägten
»länger in seine guten blauen Augen zu schauen ver- Bildlichkeit ein wenig in zwei Richtungen wie der
sucht«, damit jedoch »förmlich die Gesellschaft« »ungeschickte Schlittschuhläufer« (175). Er bildet
(175) – als Gesprächs- und Urteilsgemeinschaft der jedoch eine wichtige frühe Quelle zum Komplex des
Erwachsenen – verlassen. Der nicht-sprachliche ›Urteils‹, das hier vor allem in seinen gesellschaftli-
Blickkontakt wird damit als Merkmal einer ur- chen und sozialen Kontexten thematisiert wird, so-
sprünglich menschlichen, nicht durch Herrschafts- wie zur Verarbeitung von Kindheitserfahrungen in
strukturen überlagerten Beziehung beschrieben; er Kafkas Werk überhaupt.
steht im Gegensatz zu der erregten Körpersprache
und dem durch vermeintliches Faktenwissen unter-
mauerten Machtanspruch der urteilenden Erwach-
senen.
Kleine nachgelassene Schriften und Fragmente 1 145

Der kleine Ruinenbewohner: Direkt nach dem analytischen Beginn führt Kafka
Die Unmöglichkeit von Vorwürfen also ein eindrucksvolles Bild ein. Die Vorstellung ei-
ner quasi-rousseauistischen, unentfremdeten Kind-
Ein zweiter Textkomplex, der sich mit Kindheit und heit wird in einem stark rhythmisierten Satz mit lyri-
Jugend beschäftigt, entsteht 1910, wahrscheinlich schen Bildqualitäten entfaltet. Im vollständigen Ein-
während eines Sommeraufenthalts auf dem Land. klang mit der nicht-menschlichen Natur entwickelt
Es handelt sich um sechs Textfragmente im Tage- sich ein Wesen, dessen Gattungszugehörigkeit – ob
buchheft 1 (T 17–28; zwischen datierten Einträgen Mensch, ob Tier – nicht ganz klar ist, das jedoch
vom 19.6.1910 und vom 19.2.1911). Die ersten bei- seine offensichtlich von Natur aus »guten Eigen-
den umfassen nur jeweils einen Absatz, das dritte, schaften« nur unbehindert von jeglichen äußeren er-
vierte und fünfte erweitern diesen Anfangsabsatz zieherischen Einflüssen hätte entwickeln können.
und führen teilweise neue Erzählelemente ein, das In Fassung III ergänzt Kafka das Bild noch um ei-
sechste ist wiederum sehr kurz (diese Fragmente nen weiteren Bestandteil: Der kleine Ruinenbewoh-
werden im Folgenden römisch durchnummeriert). ner lebt »horchend ins Geschrei der Dohlen, von ih-
Die Überschrift »Der kleine Ruinenbewohner« no- ren Schatten überflogen, auskühlend unter dem
tiert Kafka getrennt davon in Heft 2 der Tagebücher Mond, abgebrannt von der Sonne« (19 f.). Kafka
(T 112). spielt dabei mit dem Bezug der Dohlen (tschechisch:
kavka) zu seinem Namen. Das anfangs noch stati-
sche Bild gerät hier stärker in Bewegung bzw. wird
Der Erzählkern: Analytische Anklage
und bildlicher Gegenentwurf (I) vervollständigt: Im natürlichen Wechsel von Sonne
und Mond, »Ausbrennen« und »Auskühlen« voll-
Ähnlich wie bei den Hochzeitsvorbereitungen auf zieht sich auch das Leben des kleinen Ruinenbewoh-
dem Lande erprobt Kafka hier wiederum die Trag- ners.
kraft eines Anfangssatzes, der in allen sechs Fassun-
gen mit nur wenigen Variationen wiederkehrt. Seine
Das Erziehungs-Kartell: »einige Schriftsteller,
ursprüngliche Formulierung ist: ein Schwimmeister, ein Billeteur« (II und III)
Wenn ich es bedenke, so muß ich sagen, daß mir meine
Das Bild vom kleinen Ruinenbewohner und der ana-
Erziehung in mancher Richtung sehr geschadet hat
(T 17). lytische Eingangssatz bilden in ihrem scharfen Kon-
trast den Nukleus, um den sich die Ergänzungen der
In weiteren Fassungen wird dann der Aspekt des anderen Fassungen anordnen. Den rational formu-
»Bedenkens« noch verstärkt: »Oft überlege ich es lierbaren Teil der Erziehungskritik verdeutlicht auch
und immer muß ich dann sagen«, heißt es in III (18); eine längere Eintragung in einem späteren Notizheft
»Oft überlege ich es und lasse den Gedanken ihren (NSF II, 7–13, vermutl. Sommer 1916), die wie eine
Lauf ohne mich einzumischen und immer, wie ich es Art verspäteter Kommentar zum Kleinen Ruinenbe-
auch wende, komme ich zum Schluß« in IV (20). wohner wirkt:
Der Text beginnt also wie Unter meinen Mitschülern Jeder Mensch ist eigentümlich und kraft seiner Eigen-
mit einem Urteil des Ich-Erzählers. Dabei wird ver- tümlichkeit berufen zu wirken, er muß aber an seiner Ei-
sucht, dieses Urteil als ein sehr wohl abgewogenes, gentümlichkeit Geschmack finden. Soweit ich es erfah-
vielfach bedachtes, quasi-objektives darzustellen: Je- ren habe, arbeitete man sowohl in der Schule als auch
zuhause darauf hin die Eigentümlichkeit zu verwischen
der vernünftige Mensch müsste bei genauer Betrach-
(NSF II, 7).
tung zu diesem Schluss kommen.
Explizit ist damit die »Erziehung« als Thema be- Was Kafka hier geltend macht, ist ein klassisches
nannt. Bereits im zweiten Absatz aber wird ihr Ge- Konzept von Individualität; ebenso klassisch ist die
genteil etabliert, die Nicht-Erziehung nämlich: Anklage gegen die beiden großen Erziehungsinstan-
gerne und am liebsten wäre ich jener kleine Ruinenbe- zen, Schule und Eltern, alles getan zu haben, um
wohner gewesen, abgebrannt von der Sonne, die da zwi- diese Individualität zu unterdrücken.
schen den Trümmern von allen Seiten auf den lauen Im Kleinen Ruinenbewohner wird dieser leitmoti-
Epheu mir geschienen hätte, wenn ich auch im Anfang
schwach gewesen wäre unter dem Druck meiner guten vische ›Vorwurf‹ in den Fragmenten II bis V auf eine
Eigenschaften, die mit der Macht des Unkrauts in mir ganze Reihe weiterer Schuldiger ausgedehnt, die teil-
emporgewachsen wären (17). weise biographisch identifiziert werden können. Sie
146 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

beginnt im häuslichen und familiären Umfeld mit haupt an die ihnen vorgeworfenen Missetaten erin-
den »Eltern« und »einigen Verwandten«; es folgen nern könnten. Seien die Betroffenen inzwischen gar
»einzelne Besucher unseres Hauses«, »verschiedene tot, zeige sich sofort die Unsinnigkeit des ganzen
Schriftsteller«, »eine ganz bestimmte Köchin«. Erst Unterfangens:
danach kommt die Schule mit »einem Haufen Leh-
Denn solche Vorwürfe sind schon von Mensch zu
rer« und »einem Schulinspektor« (T 18). Die Fas-
Mensch unbeweisbar. Weder das Dasein von vergange-
sungen III und IV nennen weitere Angeklagte aus nen Fehlern in der Erziehung ist zu beweisen wie erst die
immer weiter gezogenen Kreisen: »einige Mädchen Urheberschaft (22).
aus Tanzstunden«, »ein Schwimmeister, ein Bille-
teur« (19); »Eingeborene der Sommerfrischen, ei- Da die Herstellung kausaler Wirkungszusammen-
nige Damen im Stadtpark denen man es gar nicht hänge also schon in der gegenwärtigen menschli-
ansehn würde, ein Friseur eine Bettlerin, ein Steuer- chen Beziehung kategorisch ausgeschlossen wird,
mann der Hausarzt« (20). Schließlich wird der Vor- muss ein anderer Weg gefunden werden, um zumin-
wurf gar universalisiert: »langsam gehende Passan- dest die Haltung des Vorwurfs aufrechterhalten zu
ten kurz dieser Vorwurf windet sich wie ein Dolch können. Deshalb wendet der Erzähler nun in einer
durch die Gesellschaft« (18). wahrhaft sophistischen Volte den Inhalt des Vor-
Schuldig geworden am Erzähler, so wird damit wurfs selbst. Er klagt seine Erzieher nämlich nicht
unterstellt, ist jeder, der ihn in irgendeiner Art und mehr an, dass sie aus ihm einen anderen Menschen
Weise daran gehindert hat, er selbst zu sein; jeder, gemacht hätten, als er von Natur aus gewesen wäre
der ein bestimmtes gesellschaftlich angepasstes Ver- (nämlich einen »kleinen Ruinenbewohner«, der hier
halten in einer bestimmten Situation erwartet hat; aber gar nicht mehr auftaucht), sondern dass sie
jeder, der in seinem eigenen Verhalten die Anpas- nicht einmal den sich selbst entfremdeten Menschen
sung an soziale Normen vorführte; jeder, der über aus ihm gemacht haben, den sie aus ihm doch hätten
seinen Geist oder seinen Körper geurteilt hat. Kafka machen wollen. Anschließend jedoch gesteht er
übt hier, im weitesten Sinne und bildlich verkleidet, selbst den taktischen Charakter des Manövers: Der
tatsächlich einmal Gesellschaftskritik. ursprüngliche »große« Vorwurf – »daß sie mir doch
ein Stück von mir verdorben haben ein gutes schö-
nes Stück verdorben haben« – soll als »ehrlicher
Dialektik des Vorwurfs: »aber zu meiner Zeit
jetzt sind nur die Vorwürfe richtig« (IV) Vorwurf« dadurch gerechtfertigt werden, dass er den
»Kleinen« – das Versagen der Erzieher gemessen an
Dabei erkennt der Erzähler jedoch schnell selbst die ihren eigenen Zielen – »bei der Hand« nimmt
Absurdität eines solchen ins Unendliche ausgeweite- (22 f.):
ten Vorwurfs. Er entwickelt verschiedene, sowohl geht der große hüpft der Kleine, ist aber der kleine ein-
bildliche als auch logische Strategien, um ihn trotz- mal drüben, zeichnet er sich noch aus, wir haben es im-
dem aufrechterhalten zu können. In II und III ver- mer erwartet und bläst zur Trommel die Trompete. (23)
bittet er sich die »Widerrede« (18 u. 19) der Beschul-
digten, indem er auf die unendliche Regression Beide Vorwürfe sind damit unabhängig von ihrem
hinweist, die sich durch Widerreden, erneute Wider- real unerweisbaren Gehalt ins Bildliche gerettet. Es
reden gegen diese Widerreden und so fort ergibt, ist, als habe die ganze dialektische Herleitung eigent-
und bezieht deshalb gleich die Widerreden als neuen lich nur dazu gedient, dieses seltsam anrührende
Bestandteil des fortgesetzten Erziehungs- und Be- Bild heraufzubeschwören – mit dem das Fragment
einflussungsprozesses in den Vorwurf ein. Dabei IV dann auch unvermittelt endet.
entsteht eine paradoxe Figur, in der Anklage und
Gegenanklage zusammenfallen: Der Erzähler erklärt
Variation des Vorwurfs:
nun, »meine Erziehung und diese Widerlegung ha- Körperliche Unvollkommenheit (V)
ben mir in mancherlei Richtung sehr geschadet«
(18). In Fassung V wird der Inhalt des Vorwurfs noch ein-
In Fassung IV hingegen beweist er die Unmög- mal in eine neue Richtung präzisiert, indem der Er-
lichkeit eines solchen Vorwurfs schlechthin in einer zähler zwischen seinem »gewöhnlichen« Körper und
Art vollständiger Induktion: Zum ersten sei es kaum der dazugehörigen, ebenso gewöhnlichen »körperli-
möglich, dass sich die von ihm Angeklagten über- chen Erziehung« und seiner »innern Unvollkom-
Kleine nachgelassene Schriften und Fragmente 1 147

menheit« (23) unterscheidet. Diese sei weder »ange- Schulglocken und die nicht-vergröberte Naturszene-
boren« (23) noch »verdient« (24). Vielmehr habe je- rie des »kleinen Ruinenbewohners« hinzudenkt.
der Mensch »von Geburt aus [einen] Schwerpunkt« Schließlich ist der Polizist als Höllenwächter bereits
in sich, »den auch die närrischste Erziehung nicht ganz und gar eine Ausgeburt der durchgängig perso-
verrücken konnte« (23 f.). In diesem Satz versteckt nalen Perspektive des Erzählerbewusstseins, das den
sich nun der Erzählkern des Kleinen Ruinenbewoh- Polizisten als Vertreter der Urteilsgemeinschaft von
ners: Das ursprüngliche Ich konnte durch Erziehung Staat und Gesellschaft zwangsläufig mit auf die An-
nicht ganz vernichtet werden; es lebt im Zwiespalt klagebank setzen muss.
mit seinem hinreichend abgerichteten Körper, der An diese Passage schließt sich deshalb nur logisch
jedoch gerade durch seine Durchschnittlichkeit in die bereits bekannte Aufzählung derer an, die dem
besonderem Kontrast zum ursprünglichen »guten Ich in seiner Erziehung geschadet haben. Damit en-
Schwerpunkt« des nicht bzw. falsch ausgebildeten det jedoch auch das fünfte Fragment; das sechste
Inneren steht. nimmt nur noch einen kurzen Anlauf, um sogleich
Aus diesem Widerspruch heraus jedoch bezieht abzubrechen.
das Erzähler-Ich seine »Kräfte« (24), er allein ver-
schafft ihm noch Zugang zu dem verschütteten in- Urteil und Vorwurf: Zum Verhältnis
neren Schwerpunkt: »Was ich jetzt noch bin, wird
der beiden Jugend-Fragmente
mir am deutlichsten in der Kraft mit der die Vor-
würfe aus mir herauswollen« (25). Andererseits setzt Nimmt man den Kleinen Ruinenbewohner zusam-
an diesem Punkt erneut eine fatale Dialektik der men mit dem davor besprochenen Nachlasskonvolut
Vorwürfe ein: Das Ich wird nämlich »die beste Hilfs- 6 über die Schulzeit in den Blick, so ergeben sich
kraft meiner Angreifer« (26), indem es versucht, vielfache Parallelen und Ergänzungen. Während das
diese unbequemen Vorwürfe zu verdrängen, da sie Nachlasskonvolut 6 vor allem die äußerlichen Ur-
doch nicht sinnvoll begründet werden können. Es teile anderer über den Erzähler behandelt, wehrt sich
flieht dazu in eine von Kafkas Lieblingstätigkeiten, der Erzähler im Kleinen Ruinenbewohner aktiv und
nämlich die Beobachtung aus der sicheren Distanz von seinem Inneren ausgehend, indem er Vorwürfe
des Fensters: gegen die Außenwelt erhebt; ›Urteil‹ und ›Vorwurf‹
Wer leugnet es, daß dort in ihren Booten die Angler sit- stehen also in einem Korrespondenzverhältnis von
zen, wie Schüler, die man aus der Schule auf den Fluß ge- außen und innen. Beide werden jedoch im Verlauf
tragen hat; gut, ihr Stillehalten ist oft unverständlich wie der jeweiligen Texte als analytische Formen zuneh-
jenes der Fliegen auf der Fensterscheiben. Und über die mend in Frage gestellt; beide erheben letztlich im
Brücke fahren natürlich die Elektrischen wie immer mit
Menschlichen unbegründbare Machtansprüche, da
vergröbertem Windesrauschen und läuten wie verdor-
bene Uhren, kein Zweifel, daß der Polizeimann schwarz die Außenwelt und ihre Beobachterperspektive mit
von unten bis hinauf mit dem gelben Licht der Medaille der Innenwelt und ihrer Darstellungsperspektive
auf der Brust an nichts anderes als an die Hölle erinnert nicht vereinbar ist.
(26). Beide Texte arbeiten deshalb kontrastierend zu ih-
Der hier dargestellte Flussausschnitt deutet in vielem rem analytischen Gehalt mit einer Vielzahl von Ver-
bereits auf das Urteil hin, vor allem in seiner Ambi- gleichen, die die diskursiven Aussagen illustrieren
valenz. Zwar wird anfangs noch an die Selbstver- und vertiefen, aber auch demontieren und widerle-
ständlichkeit einer quasi objektiven Beobachtung gen können. Dabei werden die verwendeten Bilder
appelliert – »Wer leugnet es«? –, doch schon die Be- in beiden Texten noch eher willkürlich gereiht. Eine
schreibung der Angler gerät zu einer ganz persönli- Ausnahme bildet die relativ konsistente Phantasie
chen Angelegenheit des Erzählers. Er imaginiert die vom »kleinen Ruinenbewohner« – die aber bereits in
Angler zunächst als »Schüler«, die zum Stillsitzen der vierten Fassung verschwindet, weil sie durch ihre
gezwungen werden müssen – was sich allein aus dem Geschlossenheit und Andersartigkeit dem Text rela-
Kontext der Erziehungskritik erklärt. Dem gleichen tiv eigenständig gegenübersteht. Demgegenüber
Muster folgt die Einführung der Elektrischen mit ei- kann die Beschreibung des Flusses am Ende der
nem verräterisch appellativen »natürlich«; denn dass fünften Fassung fließend in den Text integriert wer-
ihr Geräusch ein »vergröbertes Windesrauschen« ist den, weil sie konsequent die personale Perspektive
und ihr Geläut an »verdorbene Uhren« erinnert, aufrecht erhält und die scheinbar objektive Beobach-
macht nur Sinn, wenn man das verhasste Läuten der tung nun in das innere Geschehen einbezieht: Der
148 3. Dichtungen und Schriften – Das frühe Werk

Blick aus dem Fenster ist zwar als Therapie gegen die ben Deleuze/Guattari seine poetologische Relevanz
»Lust zu Vorwürfen« (T 26) eingesetzt, führt ihre behauptet: »Niemand ist weniger Ästhet als der
Logik aber letztlich konsequent weiter. Junggeselle in seiner Mittelmäßigkeit, und doch ist
niemand mehr Künstler als er« (Deleuze/Guattari,
Forschung 98). Schließlich hat Gerhard Kurz darauf hingewie-
sen, dass das Thema des Junggesellen in der Litera-
Neumann hat bereits auf den Mischcharakter des tur der Jahrhundertwende generell weit verbreitet ist
Komplexes hingewiesen, der erstmals die »Kontami- (Kurz 1979, 116).
nation von autobiographischer Diagnose und litera-
rischer Fiktion« erprobe (Neumann, 45). Dabei Junggeselle und »vollendeter Bürger«:
werde die Sozialisationserfahrung des Stadtkindes
Grund vs. Mittelpunkt
zu einem rousseauistisch geprägten Naturbild in Be-
ziehung gesetzt. Auf die wiederkehrende Präsenz des Die ersten Einträge zur Junggesellen-Thematik fin-
Stadt-Land-Gegensatzes in Kafkas frühen Erzählun- den sich in Heft 2 (T 113–116; 118 f.), geschrieben
gen verweist Kurz (1984, 94). vermutlich Ende 1909, nach der Niederschrift von
Guntermann, der die Fragmente in seiner Mono- Unglücklichsein, das später als letztes Stück die Be-
graphie zu den Tagebüchern ausführlich behandelt, trachtung abschließen wird. Hier wird von einem
gibt eine detaillierte und instruktive Analyse ihres »Ich« erzählt, das mit dem »Junggesellen«, von dem
Aufbaus und ihrer Entwicklung. Ausgehend vom der Text spricht, nicht identisch ist. Vielmehr befin-
ersten Satz als »archimedischem Punkt« und der im det sich das Ich in einer Phase, in der es um Orien-
zweiten Satz entworfenen Utopie einer anderen Exis- tierung noch ringt; das demonstriert der Anfangs-
tenz (Guntermann, 198 f.) schreibe sich der Text in satz:
einem ständigen Verwandlungs- und Selbstreflexi- Ich will ja weg, will die Treppe hinauf, wenn es sein muß
onsstrom fort. Grundfiguren dieser Entwicklung unter Purzelbäumen. Von der Gesellschaft verspreche
seien die Sofortkorrektur des Geschriebenen im ich mir alles was mir fehlt, die Organisierung meiner
nächsten Satz (Guntermann, 215), die Verselbstän- Kräfte vor allem (T 113).
digung der Details (219), die Entstehung von Anti- Als Gegenmodell zu einer solchen gesellschaftlich
thesen (237), die durch die aporetische Bewegung nützlichen »Organisierung« individueller Kräfte
des Widersprechens schließlich zum Paradoxon zu- wird nun der Junggeselle vorgestellt. Gekennzeich-
gespitzt werden (239). Dieses Verfahren der ständi- net ist er durch einige Äußerlichkeiten, die, mehr
gen »Verwandlung« im Schreiben selbst sieht Gun- oder weniger variiert