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KULTUR ❚ MUSIK

Lover Boy? Der Popsänger und Songwriter mit


amerikanisch-libanesischen Wur-
zeln und einem bewegten Lebens-
gab-Magazin: So oder so wirst auf
diese Weise niemals Fragen über
deine sexuelle Orientierung aus

Toy Boy? lauf, von Beirut über Paris nach


London, bietet auch auf seinem
zweiten Album "The Boy Who
dem Weg gehen können ...
Mika: (lacht) Na und?

Mika singt über Jungs, Knew Too Much" ein buntes Feuer-
werk der Gefühle. Eingängige
gab-Magazin: Und dann deine
Thematisierung der Jugend, das
aber redet nicht Popsongs mit zuckersüßen Melo- Erwachen der Sexualität ...
dien und ziemlich düsteren Texten. Mika: Na klar, das deutet alles
über sie Groß genug, um Mika nach dem darauf hin. Als Teenager setzt du
Sensations-Debüt mit "Life In dich mit unglaublich vielen Dingen
Cartoon Motion" endgültig zum zum ersten Mal in deinem Leben
Superstar zu machen. Wir trafen auseinander. Beschäftigen mich
den 26-jährigen, der noch immer diese Themen? Jedes Mal, wenn ich
ein Geheimnis um seine sexuelle einen Song schreibe. Aber laufe ich
Identität macht. durch die Gegend und gebe irgend-
etwas über mein Privatleben preis?
gab-Magazin: Ich soll dich von Nein, da ich nicht das Gefühl habe,
Calvin Harris grüßen, er hat gerade dazu verpflichtet zu sein.
zwei Remixe deiner neuen Single
"We Are Golden" erstellt und benei- gab-Magazin: Du schreibst darüber,
det dich um dein Haar... ziehst es aber vor, nicht darüber zu
Mika: Warum? Was stimmt denn reden?
mit seinen Haaren nicht? Oh, er hat Mika: Nein, ich habe nichts dagegen,
eine Menge Komplexe. Und ist auch über Sexualität zu sprechen. Aber
viel zu schüchtern. Er sollte sich ich mag keine Label. Ich wurde
einfach darauf einlassen, dass er immer wieder abgestempelt, das
cool ist. (lacht). musste ich mein Leben lang ertragen.
Inzwischen habe ich das Gefühl, dass
gab-Magazin: Woher hast du dein ich machen kann, was ich will.
volles Haar?
Mika: Von einem Wohltätigkeits- gab-Magazin: Hast du zurzeit einen
basar. Freund?
Mika: Nein, habe ich nicht.
gab-Magazin: Ich meine, hast du
es von deiner Mutter oder deinem gab-Magazin: Noch nicht mal einen
Vater geerbt? Spielzeugfreund?
Mika: Schon klar (lacht). Ich glaube, Mika: Wie meinst du das? Etwa
dass ich es vom libanesischen Zweig einen aufblasbaren Freund aus dem
meiner Mutter habe. Mein Vater hat Laden um die Ecke? Das ist heftig,
nämlich kaum noch Haare. danke (lacht).

gab-Magazin: Deine Mutter hat dir gab-Magazin: Nein, eine Boy-Puppe


eine Menge Disziplin abverlangt wie in deinem Song "Toy Boy"...
Mika: Ja, im kreativen Bereich. Für Mika: Ach so, eine kleine Spielzeug-
alle anderen Dinge war ich sowieso puppe. Dann nehme ich an, dass
völlig untauglich. Ich wurde mit meine Antwort "ja" lauten muss
ungefähr 11 Jahren aus der Schule (lacht).
geworfen. Meine Mutter fand dann
für mich einen russischen Musik- gab-Magazin: In dem Song zeigt
lehrer. Das war echt hart, Tag für sich die Mutter besorgt, dass der
Tag drei Stunden Gesang und Junge mit zunehmendem Alter wei-
Klavier üben und dann ein paar terhin mit seinem Toy Boy schläft.
Stunden Musiktheorie. Aber nach In der Welt der Erwachsenen solle
dem Unterricht ermunterte sie mich er doch lieber zu einem Barbie-Girl
dazu, London zu erkunden. Und greifen. War das auch die Reaktion
ich erkannte, wie schön das Leben deiner eigenen Mutter?
neben den Schrecken der Schule Mika: Oh nein, dieser Teil ent-
Foto: Julian Broad

sein kann. Mein Gesang verbesserte spricht nicht der Wahrheit (lacht).
sich in einem rasanten Tempo. Nur Du fängst mit der Mutter an und
ein Jahr nachdem ich mit meinen hörst mit der Mutter auf. Aber so
Übungen begonnen hatte, stand ich leicht bin ich nicht zu kriegen, ich
in der Richard-Strauss-Oper "Die bin ja nicht blöd (lacht). (me)
Frau ohne Schatten" auf der Bühne
des Royal Opera House in London.
Das Album "The
gab-Magazin: Auf deinem neuen Boy Who Knew
Album gibt es ziemlich viel Songs Too Much"
über Jungs, "Lover Boy", "Toy Boy" erscheint am 18.
Mika fühlt sich auch mit oder "One Foot Boy"... September bei
zunehmenden Erfolg nicht Mika: Ich wollte das Album "Boy" Universal.
dazu verpflichtet, über sein nennen, aber das kann ich nicht Mehr Infos unter
Privatleben zu plaudern machen. mikasounds.com

16 SEPTEMBER 2009
Recht erwachsen

Foto: Crackerfarm
Der US-Songwriter Jay Brannan live
Nun ja, wer so aussieht wie Jay Brannan, hat schon mal
alle Sympathien auf seiner Seite, und hätte auch als
Mitglied einer Boyband für feuchte Schlüpfer gesorgt.
Stattdessen aber hat sich der 27-jährige bekennende
Misanthrop, exzellente Musiker und Gelegenheitsschau-
spieler (u.a. in John Cameron Mitchells "Shortbus") auf
das recht erwachsene Singer/Songwriter-Genre kapri-
ziert. "Die Unterhaltungsindustrie hasst mich. Deshalb
nutze ich das Internet um mein Ding zu machen", ließ
Brannan die Welt wissen. Und tatsächlich gibt es kaum
ein Medium von Facebook über Justin.tv bis Twitter,
das er nicht nutzen würde, um seine Musik in die Welt zu
tragen. Mit Erfolg. Nach seinem gefeierten, auch bei uns
veröffentlichten Album "Goddamned" mit smarten Balla-
den über Selbsthass, unerwiderte Liebe, anonymen Sex
und die ganz privaten Dämonen, hat er sich nun beim
Nachfolgewerk "In Living Cover" weitgehend auf Coverver-
sionen beschränkt. Doch so wie bei diesem schwulen Sänger
mit der melancholischen Tenorstimme hat man weder Bob
Dylans "Blowin' in the Wind" noch Cranberries "Zombie"
gehört. Im September kommt der Wahl-New Yorker im
Rahmen seiner Europatour auch nach Frankfurt. (as)

Di, 8.9., 20 Uhr, Nachtleben, Kurt-Schuma-


cherstr. 45, Frankfurt. Wir verlosen Tickets
- schnell auf Aktion/Leser geblättert!
jaybrannan.com

CD-Tipps
Pop
No Angels: Welcome To The Dance (Polydor)
Erst die Schlappe beim Eurovision Song Contest, dann der Medien- international so en vogue war. Ein bisschen R'n'B, ordentlich Electro-
skandal um Nadja Benaissas HIV-Infektion: die No Angels hatten in Beats und reichlich Up-Tempo-Dancefloor-Grundrauschen, das die
jüngster Zeit einigen Grund, um ihre berufliche Zukunft zu bangen. Stimmen zur Nebensache macht. Ein hochwertig produziertes, im
Jetzt soll mit "Welcome To The Dance" nochmal durchgestartet Grunde aber strunzlangweiliges Album. Anbiedernd massenkompa-
werden. Zu hören ist, was in den vergangenen Monaten eben tibel und deshalb eben auch konturlos. (as)

Balkan-Pop/
Dance
Shantel: Planet Paprika (Essay Rec./Indigo)
"My style is egocentric", singt Stefan "Shantel" Hantel auf seinem Paprika" aus seinem Raumschiff, um uns Erdlingen Liebe und
neuen Album. Wer den kunterbunten Balkan-Dance-Pop des Vor- Freude zu bescheren. Klappt gut, der wilde Stil-Mix aus Club-
gängers "Disko Partizani" verfolgt oder gar einen Live-Auftritt mit Sounds und Ethno-Einflüssen aus allen Teilen der vorwiegend
seinem "Bucovina Club Orkestar" genossen hat, wird dem Frankfur- (süd-)osteuropäischen Welt klingt vielleicht nicht mehr gar so
ter gerne zustimmen. Jetzt steigt er als "Alien Elvis" vom "Planet originell, doch nach wie vor höchst unterhaltsam. (to)

Indie-Pop
Jamie T: Kings & Queens (EMI)
Indie-Pop muss nicht immer gleichförmig klingen und eindeutigen dort. Manchmal kommt der Mix etwas eklektisch daher, und der
Vorbildern zuzuordnen sein. War schon Jamie Ts erstes Album ein Song hinterlässt mehr den Eindruck einer Collage, aber als Ganzes
schöner Genre-Mix, so ist sein Zweitling noch konsequenter funktioniert das Album. Dafür sorgen alleine schon die fast durch-
Inkonsequent: ein kinderchoriger Refrain hier, ein bisschen weg starken Melodien und die vielen kleinen, verrückten Sound-
The-Streets-artiger Rap da, ein bisschen schräger Singer/Songwriter Ideen. So bunt sollte Indie-Pop immer klingen. (VÖ: 04.09.) (burn)

Pop
Paloma Faith: Do you want the Truth or something Beautiful? (Sony)
Eigentlich ist es kein Kompliment für eine/n Künstler/in, wenn man Und ihre Songs müssen sich nicht verstecken. Der soulige Pop, der
ihm/ihr nachsagt, dass die Performance interessanter ist als die den Geist der Sechziger atmet und etwas Düsteres in sich trägt,
Musik. Im Falle von Paloma Faith ist das aber nur beinahe beleidi- schwimmt auf der Retro-Welle; die Songs der Londonerin sind aber
gend. Als ehemalige Assistentin eines Magiers und Tänzerin in gut geschrieben und taugen durchaus zu mehr als nur zur Hinter-
Burlesque-Shows hat sie einfach mehr zu bieten als die meisten. grundmusik ihrer Performances. (VÖ: 18.09.) (burn)

SEPTEMBER 2009 17