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ITALIENISCHES CEMBALO

PIERLUIGI

, LIVORNO 1579

Sammlung Beurmann, Nr.4

CEMBALO P IERLUIGI , L IVORNO 1579 Sammlung Beurmann, Nr.4 Das italienische Cembalo von 1579 Dieses

Das italienische Cembalo von 1579

Dieses Instrument ist ein klassisches Paradebeispiel für das typisch italienische Cembalo, wie es rund zweihundert Jahre lang gebaut wurde. Nach vielen Jahrhunderten besticht es immer noch mit seinem beeindruckend sonor-grundtönigen und edlen Klang, zugleich aber auch durch seine ästhetische Form. Im Hinblick auf derart meisterhafte Instrumente hat man oft den italienischen Cembalobau mit der hohen Kunst des italienischen Geigenbaus verglichen und gemeint, daß sowohl die Geigen wie auch die Cembali in ihrer Vollkommenheit keiner Änderungen bedurft hätten. Letzteres ist indes nur eine halbe Wahrheit, denn gerade der italienische Cembalobau überrascht im Laufe seiner Geschichte immer wieder mit einer Fülle innovativer Schöpfungen. Davon abgesehen vereint das hier vorgestellte frühe Instrument bildschön die charakteristischen Merkmale und Attribute eines italienischen Cembalos, wie man sie in dieser Geschlossenheit selten noch einmal findet. Dazu gehören

Geschlossenheit selten noch einmal findet. Dazu gehören 1. die lange, schlanke, harmonische Form mit abgewinkeltem

1. die lange, schlanke, harmonische Form mit abgewinkeltem Baßende

2. die äußerst leichte Bauweise (´inner-outer´), die einen separaten Schutzkasten erforderlich macht

3. die Ein-Manualigkeit

4. der Vier-Oktaven-Umfang von C/E-c 3 , häufig auch C/E-f 3 oder Varianten

5. der nur einchörige Bezug, hier 8', seltener auch zweichörig 8'+ 4' (sehr selten dreichörig 8´+8´+4´)

6. die feingegliederte Rosette mit gotischen Stilelementen

7. die Verzierung mit Elfenbeinknöpfchen

8. die geschnitzten Springerleistenträger

9. die ornamentalen Klaviaturwangen

10. der abgewinkelte Verlauf der Rechen

11. die Verwendung von Zypressenholz für die Wände,häufig auch für den Resonanzboden

und im Inneren:

12. die knappe, rationelle Berippung mit nur wenigen diagonal geführten Rippen, die knieförmigen Winkelhölzer zwischen Unterboden und Wänden zur Stabilisierung des Korpus, die hintere Tastenführung mittels Holzlamellen in einer Kanzellen-Leiste.

Weiterhin entdeckt man bei diesem Cembalo ein Merkmal, das präzis hinweist auf ein bislang viel zu wenig beachtetes Phänomen damaliger Musikausübung: die Verwendung eines Pedal-Anhangs, der das Halten von Baßtönen und die Wiedergabe von Werken vereinfachte, die für die Orgel konzipiert waren. Auch das vorliegende Instrument hatte ursprünglich einen Pedalanhang. In den Tasten der kurzen Baß-Oktave von C-H und auch darunter im Unterboden finden sich Durchbohrungen für die Applikation einer solchen Vorrichtung. Reste von Hanfschnur in den Bohrlöchern der Tasten lassen erkennen, daß die Tasten über Schnüre mit den Pedalen verbunden waren.

Ähnliche Vorrichtungen dieser Art findet man bei zahlreichen weiteren italienischen Kielinstrumenten: Schon die beiden ältesten erhaltenen Cembali - die des Vincentius von 1515/16 und des Hieronymus Bonosiensis von 1521 - zeigen Spuren eines solchen Pedalanhangs, aber auch noch ein so spätes wie das der Brüder Cresci von 1778. 1 Bedauerlicherweise scheinen nur zwei originale Cembalo-Pedalanhänge erhalten geblieben zu sein. 2

Signatur Auf dem Unterboden unterhalb der Klaviatur steht in schwarzbrauner Tinte eine mit „Pierluigi“ beginnende Signierung und die Ortsangabe mit Datierung „Livorno 1579“.

Ausstattung Das Schalloch im Resonanzboden schmückt eine dekorative Rosette im 6-Paß. Wie eine Perlenschnur schlingt sich ein Endlosband in sechs regelmäßigen, ineinander greifenden Bögen um das Zentrum, das von einem 16-adrigen Strahlenkranz ausgefüllt ist. Am Rand zum Resonanzboden wird die Rosette mit einem fein profilierten Rundrahmen eingefaßt. Der Mittelpunkt der Rosette liegt unterhalb der längeren d#-Saite.

Die Oberkanten der Wände und des Vorsatzbretts sind mit Profilleisten und runden Elfenbein-Knöpfchen verziert. Schmale geschwärzte Zierleisten rahmen den Resonanzboden und den Stimmstock ein. Der Schmuck des Vorsatzbretts besteht aus schlichter Elfenbein- und Ebenholz-Einlegearbeit. Die Klaviaturwangen sind in schwungvollen Bögen gerundet. Der Springerleistenträger ist in italienischer Manier in Form eines eingerollten Blatts geschnitzt.

Manier in Form eines eingerollten Blatts geschnitzt. Der geschnitzte Springerleistenträger Die feingliedrige
Manier in Form eines eingerollten Blatts geschnitzt. Der geschnitzte Springerleistenträger Die feingliedrige

Der geschnitzte Springerleistenträger

Die feingliedrige Rosette im 6-Paßmuster

1 Einige weitere Instrumente mit ehemals angehängtem Pedal seien hier genannt: das mit dem hier vorliegenden fast zeitgleiche Trasuntini-Cembalo von 1574 (Sammlung Dr. Mirrey, London), das Celestini-Virginal von 1594 (Kunst- und Gewerbemuseum, Hamburg), das Cembalo des Vincentius Pratensis (Leipzig Nr.69), unser römisches Cembalo von 1661 (Nr.16), das Cembalo des Aelpidio Gregori von 1697, drei anonyme italienische Cembali des 17. Jhs. (Stuttgart, Leipzig und Isola Bella im Lago Maggiore). Zu letzterem siehe EM, Nov.1990,618-620. - Beim Gregori-Cembalo von 1697 waren die Pedale per Eisendraht mit den Tasten verbunden. Auch Lederschnüre wurden verwendet (van der Meer 1991,20). – Im Traktat Flores musicae omnis cantus Gregoriani (nach 1467) ist

ein Clavichord mit zwölf Stummelpedalen des Umfangs C/E-f abgebildet (Brauchli 1998,41).

2 So am Cembalo des Nicolo Fontana von 1571 (Magyar Nemzeti Museum, Budapest) und an einem anonymen Cembalo der Sammlung Valdrighi in Modena. - Die italienische Orgel von 1574 (Nr.576, Castello Sforzesco, Mailand) verfügt über ein angehängtes Pedal für die Oktave C/E-c. Schließlich hat sogar noch ein Tafelklavier von 1804 ein angehängtes Kurzpedal.

Aufbau Der Resonanzboden ist aus Fichte, die Faser verläuft parallel zu den Saiten. Der Rechen-Schacht zeigt eine geringe Abwinkelung. Der Stimmstock ist aus Eiche. Im Inneren führen zwei in der Mitte bogenförmig ausgeschnittene Bodenleisten von Rückwand zu Hohlwand. Vier Rippen verlaufen schräg im Winkel von 45° von Rückwand zu Hohlwand und zwei weitere Rippen vom Damm zur Hohlwand.

Mechanik

Vier Bereiche der Mechanik sind garniert (das Material ist) :

1. die vordere Tastenfall-Begrenzungsauflage (Vorderdruckgarnierung, belegt mit rotem Flanell, vermutlich original)

2. die hintere Tastenfall-Auflage (Hinterdruckgarnierung, belegt mit rotem Flanell, vermutlich original)

3. die Unterseite der Dockenleiste (belegt mit mehrfach umgelegtem roten Flanell, vermutlich original)

4. die hintere Tastenauflage für die Springer (belegt mit weißem Filz)

5. die Unterleg-Plättchen auf dem Waagebalken (aus diversen Materialien)

Klaviatur C/E-c 3 (45 Töne). Der Untertasten-Belag aus Ebenholz hat zwei eingeritzte Zierrillen. Die Stirnseiten sind mit Arkadenrelief-Plättchen belegt. Der OT-Belag ist aus Elfenbein. - Die Tastenführung erfolgt durch Waagebalkenstifte und hintere Holzlamellen in einer Kanzellenleiste. Die Maserung der Tastenhebel bestätigt sehr anschaulich die bekannte Herstellungsweise von Klaviaturen: Die Tasten wurden Naht an Naht aus einer vorbereiteten Holzplatte ausgesägt, deutlich erkennbar durch den fortlaufenden Maserungs-Spiegel. Die Tastenhebel sind aus Kastanienholz, dessen Maserung dem Eichenholz ähnelt, das aber ein geringeres Gewicht hat.

dem Eichenholz ähnelt, das aber ein geringeres Gewicht hat. Die Klaviatur mit kurzer Oktave wurde aus

Die Klaviatur mit kurzer Oktave wurde aus einer Holzplatte gesägt. Hintere Tastenführung mit Holzlamellen.

Mensuren und Anzupfpunkte

 

C

F

c

f

c

1

f

1

c

2

2

f

c

3

L

1422

1426

1074

793

540

401

276

209

140

pp

155

152

1308

115

97

85

71

61

50

%

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25.7

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10.7 12.1 14.5 18.0 21.2 25.7 29.2 35.7 Autor: Andreas E. Beurmann. Verwendet mit freundlicher

Autor: Andreas E. Beurmann. Verwendet mit freundlicher Genehmigung von Herrn Prof. Beurmann.